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invidéa - In Eslarn steht ein unentdecktes Medieningenieurbüro

Eine kurze Geschichte aus Eslarn über einen riskanten Gang in die Selbständigkeit und die Entwicklung des Geschäftserfolgs nach drei Jahren fernab vom Zielmarkt

Großstadt. Die Geschichte von invidéa.

von Franz Kappa

Im Jahr 2006 - inmitten von Reden über verschiedene Krisen und Abwärtstrends in der Wirtschaft - fasst ein Diplominformatiker (FH) den Entschluss sich aus dem sicheren Dasein als Arbeitnehmer in die Selbständigkeit zu begeben.

Nichts Besonderes, obgleich von vielen Freunden und Bekannten aus dem Umfeld Bedenken geäußert wurden: "In dieser Zeit? Du musst doch froh sein, wenn du einen sicheren Job hast." Trotzdem gab Manuel Ziegler seinen Arbeitsplatz als Softwareentwickler bei einem Logistikdienstleister zu Gunsten der Selbständigkeit auf.

"Im Nachhinein glaube ich, ich hätte mich nach dem Hochschulabschluss erstmal auf dem Arbeitsmarkt orientieren sollen. Informatik ist ein breites Feld und die Softwareentwicklung für Logistiklösungen war das, was mir in unserer Region nördlich von Regensburg am ehesten ins Auge fiel. Auf der anderen Seite hätte ich mich vielleicht dann nicht selbständig gemacht. Somit hatte es auch was Gutes."

Was Ziegler bei der Suche nach einem Arbeitgeber ausblendete war seine zu diesem Zeitpunkt bereits zehnjährige Tätigkeit als Medientechniker und Filmemacher. Wie auch heute viele Jugendliche erste Gehversuche im Amateurfilmbereich machen, so auch Manuel Ziegler. Mit der von ihm gegründeten Videogruppe seines Heimatortes Eslarn hat er von 1995 bis 2005 an Wettbewerben für Nachwuchsfilmer teilgenommen. 1998 wurde man nach Kiel zum Bundesjugend-Filmfestival eingeladen, 2001 wurde ein Kurzfilm der Eslarner in München auf dem Bavaria-Filmgelände gezeigt.

Erste geschäftliche Tätigkeiten kamen dann mit Aufzeichnungen von regionalen Theaterstücken und Musikvideos - teilweise noch neben der Tätigkeit als Vollzeit- Softwareentwickler. "Zu diesem Zeitpunkt habe ich gemerkt, dass in unserer Region durchaus die Nachfrage nach hochwertigen Medienlösungen vorhanden ist, aber noch kaum Unternehmen im mittleren Budgetbereich (von etwa 1.000 bis 10.000 Euro) tätig waren."

Nach nicht mal einem Jahr war der Entschluss für Ziegler klar: Als Informatiker in den Medienbereich wechseln und die Medienproduktion invidéa gründen. Aus familiären Gründen blieb der örtliche Schwerpunkt in Eslarn. Dies betrachtet er aus heutiger Sicht immer noch als richtige Entscheidung: "Die Oberpfalz hat einen Nachteil und einen Vorteil für Unternehmen dieser Branche: Der Nachteil ist der praktisch nicht vorhandene Markt für hochwertige und damit kostenintensive Medienprodukte. Meist wird am falschen Ende gespart, worauf man sich wundert, dass die Investition sich nicht gelohnt hat. Der Vorteil der Oberpfalz ist, dass man im Medienbereich ohne Konkurrenzdruck in Ruhe seinen Laden aufbauen kann, während man in den Städten nach den lukrativen Aufträgen sucht."

Bis Ende 2009 wussten die meisten Nachbarn gar nicht, dass im Haus nebenan eine Medienproduktion ihren Sitz hat. Das sei auch gar nicht nötig gewesen, meint Ziegler, da aus dem eigenen Ort sowieso die wenigsten Kunden kommen. Gerade einmal fünf Kunden kämen aus Eslarn, drei davon Privatleute.

Von 2007 bis 2009 gab es allerdings viele geschäftliche Erfolge, die im Heimatort kaum bis gar nicht wahrgenommen wurden. Im Sommer 2007 konnte der Auftrag für eine Live- Konzertaufzeichnung mit vier Kameras und anschließender DVD-Produktion nach Eslarn geholt werden. Die Technik war exakt auf die Zielsetzungen abgestimmt und kam aus Berlin und München. Ebenfalls 2007 bewarb man sich erfolgreich beim Nachbarort Moosbach für den Etat Mediendienstleistungen zum dortigen Heimatfest.

2008 stand der erste Auftrag an, der Softwaredienstleistungen für Internet und Videoaufzeichnung verband. Die Universität Regensburg benötigte für den Fachbereich Psychologie eine Testumgebung im Internet, in der interaktive Videos eingebaut sein sollten. Obwohl vorerst nur die Softwareentwicklung an invidéa gehen sollte, setzte sich die Eslarner Firma - inzwischen mit drei freien Mitarbeitern - auch für die Videoproduktion durch.

Ebenfalls 2008 sollte das bis dahin größte Filmprojekt in Angriff genommen werden. Die damals noch nicht für den Verkehr freigegebene Autobahn A6 von Amberg nach Nabburg wurde Schauplatz für zwei Musikvideos. An einem einzigen Wochenende mit insgesamt über 200 Beteiligten organisierte invidéa als hauptverantwortliche Produktion zwei Drehs:

Einen mit einer Standard-Digitalkamera, einen weiteren mit der weltweit ersten digitalen 4k-Filmkamera. Zu diesem Zeitpunkt testeten Hollywoodregisseure mit diesem Kamerasystem.

Ziegler: "Klar, ich kann mich für diese Technik absolut begeistern, weil das mein Arbeitsbereich ist. Ich verstehe auch, warum das hier in der Region nicht ganz so intensiv wahrgenommen wird. Aber vielleicht wird meine damalige Aufregung verständlicher, wenn ich sage, dass wir teilweise mit Equipment im Wert von einer halben Million Euro durch die Oberpfalz getingelt sind. Für mich war das im zweiten Jahr meiner Selbständigkeit ein längst erhoffter Traum."

Man merkt, dass Ziegler sich an dieses Projekt gerne zurückerinnert. Es war immerhin eine europäische Koproduktion mit einem Dienstleister aus Paris und in Zusammenarbeit mit der Postproduktion UPP aus Prag. Der Kameramann kam aus München und der Großteil der freien Mitarbeiter waren aus der Oberpfalz.

Ein europäisches Filmprojekt mit Produktionsleitung aus Eslarn - und keiner bekommt etwas mit. Für Ziegler ist dies der Normalfall: "Ich denke, da sollte man sich nicht beschweren. Immerhin gibt es auch aus anderen Branchen genügend nationale oder europaweite Aufträge und Erfolge. Da schließe ich nicht aus, dass auch mir der ein oder andere Eslarner Erfolgsmensch unbekannt ist. Das ist zwar schade, aber in dieser schnelllebigen Zeit wohl nicht zu ändern."

Auch als Ziegler und sein Filmemacherkollege aus Prag, Jonas Rejman, für die weiteren filmischen Projekte dann zu Weihnachten 2008 in Eslarn und Weiden die neue Version der Filmkamera testeten, blieb das in der Heimat unbemerkt. Ziegler wollte das auch gar nicht an die große Glocke hängen: "Ich glaube kaum, dass es jemanden interessiert, dass wir einen Kältetest mit einer Filmkamera aus Prag durchführen und dabei das damals schon im wirtschaftlichen Wanken befindliche Kaufhaus Hertie filmen." - Das klingt fast

nach ein wenig Ironie, allerdings scheint dies tatsächlich ein ernst gemeintes Understatement des Eslarner Medieninformatikers zu sein.

Ab 2009 wurden zahlreiche weitere Projekte aus dem Internet- und Bewegtbildbereich in Eslarn mit freien Mitarbeitern aus der Region abgewickelt. Nachdem Ziegler wusste, dass 2010 in seinem Heimatort Eslarn das traditionelle Heimatfest stattfinden würde, stellte er ein Portfolio von Dienstleistungen zusammen, die er mit seinen damaligen Mitarbeitern anbieten konnte.

"Es war für mich keine leichte Entscheidung, diese Bewerbung abzusenden.", so Ziegler. "Mir war schon bewusst, dass gerade der Heimatort immer sehr kritisch auf die eigenen Arbeiten schaut. Außerdem sitzt mein Vater im Gemeinderat, was bei einer Beauftragung durch eben diese Marktgemeinde vielleicht für Gesprächsstoff sorgen könnte. Allerdings habe ich mich sehr bemüht, weitere Eslarner Medienschaffenden ins Boot zu holen. Das nutzte aber nichts."

Eine Abstimmung im Gemeinderat fand nicht statt, da bereits zuvor das Gesamtportfolio abgelehnt wurde. Die finanziellen Mittel fehlten und erst nach einem weiteren Gespräch mit Bürgermeister, Festleitung und Geschäftsführer über die sinnvolle Höhe des Budgets und dem Vergleich mit weiteren Anbietern kam es zur Beauftragung für eine Interseite zum Heimatfest in Eslarn. "Es war die richtige Entscheidung, nicht alles in Auftrag zu geben", so Ziegler. Er habe aber zuvor die finanziellen Spielräume nicht gekannt und deshalb mit der Bewerbung einfach mal ins Blaue geschossen.

Neben der eigentlich in Auftrag gegebenen Leistungen bot Ziegler noch zusätzliche ehrenamtliche Tätigkeiten an: Videoproduktionen aus dem Archiv von invidéa, Recherchearbeiten und zukünftige Erweiterungen der Webseite werden nicht mehr in Rechnung gestellt.

Die Frage, ob sich ein junger Selbständiger das überhaupt leisten kann, nebenbei noch kostenlose Leistungen aus früheren Projekten weiterzuführen, beantwortet er so: "Ich bin jemand, der sein Umfeld, in dem er lebt, gerne aktiv mitgestaltet. Bisher konnte ich mich wegen meiner Ausbildung und der Gründung meiner Firma fast gar nicht in Eslarn einbringen. Ich glaube, das haben mir schon einige hier übel genommen. Dies möchte ich nun zumindest durch diese Tätigkeiten ändern."

Inzwischen ist die Webseite online und man erkennt die Mischung aus Internet und Bewegtbildinhalten schon auf der Begrüßungsseite. Fast ausschließlich positive Rückmeldungen bestärken die Entscheidung für die Durchführung eines Projektes im Heimatort: "Obwohl ich zu Beginn wirklich gezweifelt habe, ob ich das machen soll, ich würde es jetzt wieder machen. Von Diskussionen wegen der Gemeinderatszugehörigkeit meines Vaters zum Beispiel habe ich - bis auf das übliche politische Geplänkel - persönlich nichts mitbekommen."

Nach all diesen Erzählungen, scheint invidéa damit wohl eine eher untypische Mediengründung zu sein. Viele jungen Unternehmen sind mehr im Internet tätig als in der Realwelt. Und wenn man erfolgreich in der realen Wirtschaft mitmischen möchte, geht das oft nicht mehr in der Provinz, sondern nur noch innerhalb der städtischen Märkte. invidéa wächst auf dem Boden der Provinz, allerdings kommen die großen Aufträge aus der Stadt.

Im Prinzip war das genauso bei Zieglers erstem Arbeitgeber, dem Logistikdienstleister.

"Das ist eine Gemeinsamkeit, ja. Und vielleicht habe ich mir diese Vision damals auch abgeschaut. Aber der Vergleich hinkt trotzdem: Nach drei Jahren waren die damals schon um einiges größer als meine kleine Firma jetzt."

Und wohin führt die Reise? "Momentan merke ich gesteigertes Interesse in unserer Region im Medienbereich. Dies ist auf die Medien-Studiengänge in Amberg / Weiden und auch z.B. in Deggendorf zurückzuführen. Das ist gut, weil der Markt sich dadurch öffnet und viele fähige Mitstreiter nachkommen. Für mich gibt es viele Wege: Internet, Firmenvideos, Multimediaprojekte. Irgendwann auch wieder mal was Großes."

Jetzt soll der Ausdruck "Medienproduktion" erst einmal in "Medieningenieurbüro" abgeändert werden. Dadurch möchte Ziegler betonen, dass invidéa zuerst aus einem einzigen Dienstleister besteht. "Das Zusammenstellen von Projektteams ist ja erst nachgelagert, wenn die Ziele klar sind. Medienproduktion hört sich nach zehn Leuten an, die fest angestellt sind. Das ist es aber nicht und soll es auch nicht sein."

Ein optimistischer Jungunternehmer. Und kein einziges Mal das Wort Krise. Weiter so!

Kontakt invidéa:

MEDIENingenieurBÜRO invidéa Dipl.-Inf. (FH) Manuel Ziegler Eulenweg 2 92693 Eslarn

Tel: 09653 / 9299747 Email: manuel@invidea-media.de