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der landbote      MITTWOCH, 3. FEBRUAR 2010    STADTKULTUR    17 l


Schönes und Grausames aus der Kindheit
Der Tod ist die grosse Obsession des Schriftstellers Josef tor am Mon­tag­abend, auf Einladung holt und in eine Gegenwart einge­ Sätze zuweilen selbst aufzuheben oder
Winkler. Das schliesst Humor nicht aus. Der Büchner- der Literarischen Vereinigung Win­ flochten. Winklers zentrale Obsession zumindest die gewohnte Verweisfunk­
terthur, in der Coalmine las, kamen ist der Tod. Nicht nur der gewaltsame tion der Alltagssprache abzulegen. Die
Preisträger aus Klagenfurt las am Montag in der Coalmine die melodischen Bögen seiner zum eines überfahrenen Kindes verfolgt Musikalität der Sätze im Vortrag so­
und gab Auskunft über die Motivation seines Schreibens. Teil schier endlos gespannten Sätze ihn: Als er drei Jahre alt war, zeigte wie ihr Bedeutungsüberschuss liessen
eindrücklich zur Geltung. man ihm das tote Antlitz seiner auf­ zudem keinen Zweifel daran, dass hier
Schriftsteller sind Menschen, denen innerungsbildern, vor allem aus der Der Stoff des 1953 in Kamering, gebahrten Grossmutter. Davon habe eine dichterische Weltschöpfung statt­
das Schreiben schwerer fällt als an­ Kindheit stammend, und Spuren von einem kleinen Bauerndorf in Kärn­ er jahrzehntelang Alpträume gehabt, findet, die eigenen Regeln folgt. Ent­
deren. Josef Winkler, ein Vertreter Lektüreerlebnissen. ten geborenen Josef Winkler ist ty­ sagte er in der Coalmine. Doch muss gegen dem ersten Anschein, hervorge­
der doch eher dünn gesäten Gattung Winklers Bücher entziehen sich da­ pisch österreichisch: Ähnlich wie etwa man sich Josef Winkler nicht wie einen rufen durch manche drastischen Epi­
der Sprachartisten, erstellt von seinen her der flüchtigen Lektüre und erfor­ Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek gehetzten Menschen vorstellen. Viel­ soden, sind Winklers Schilderungen
Texten zehn bis zwanzig Fassungen. dern ein hohes Mass an Konzentra­ und Gerhard Roth geht er von seiner mehr wirkt er freundlich und offen kein naturalistisches Abbild der realen
Entsprechend dicht ist am Ende das tion. Da kann es leicht geschehen, dass Herkunft aus. Das Ausgangsmateri­ und wie einer, der sich selbst nicht all­ Welt, sondern höchst artifiziell wie bei
Resultat, ein Netz aus Bezügen auf einem die wunderbare Sprachmusik al, seine Kindheitserinnerungen, wird zu wichtig nimmt: «Ich habe in Inter­ seinem Vorbild Jean Genet.
­Eigenes und Angeeignetes, aus Er­ entgeht, die sie auch sind. Als der Au­ in immer neuen Variationen wieder­ views schon so viel Blödsinn erzählt.» Noch stärker zum Ausdruck kommt
dies im 2008 erschienenen Erzählband
Gewalt wie im Märchen «Ich reiss mir eine Wimper aus und
Im 2007 erschienenen Buch «Roppon­ stech dich damit tot», aus dem Wink­
gi. Requiem für einen Vater», aus dem ler zwei Texte las. Sie sind noch kom­
Winkler drei Passagen las, berichtet pakter als «Roppongi», fast so etwas
der Ich-Erzähler vom Tod seines 99- wie Prosagedichte, auch mit Gebet
jährigen Vaters. Er erfährt davon, als und Litanei haben sie etwas gemein­
er sich mit seiner Familie auf einer sam. Sie erzählen auch etwas – es ist
Lesereise im Tokioter Stadtteil Rop­ aber nicht leicht zu sagen, was.
pongi aufhält. Der Vater hatte nicht
gewollt, dass der Sohn an sein Begräb­ Angst und Lust des Schreibens
nis kommt. Und so zündet dieser «zur Sichtlich entspannt antwortete Wink­
Stunde der tatsächlichen Beerdigung ler danach auf Fragen aus dem zahl­
meines Vaters» im Hotelzimmer in reich erschienenen Publikum. Als Mo­
Tokio eine Kerze an und erzählt sei­ tivation seines Schreibens kristallisier­
nen neun- und zweijährigen Kindern te sich zum einen die Lust an der Spra­
«Schönheiten und Grausamkeiten aus che heraus: «Beim Schreiben muss ich
meiner Kindheit». Wenige Tage später auch eine Riesenlust kriegen, weshalb
antwortet dem Abschied vom Vater sollte ich das sonst machen», sagte er.
wie ein Echo der Abschiedsdialog von Die Artistik der Sprache habe ihn von
Scarlett Johansson und Bill Murray im frühester Jugend an fasziniert.
Film «Lost in Translation», der in ei­ Zum andern treibe ihn die Über­
ner Hotelbar läuft. windung jener uranfänglichen Sprach­
«Schönheiten und Grausam­ losigkeit an, die immer wieder von
keiten aus meiner Kindheit»: Die Ge­ Neuem zu leisten sei. Oft packe ihn
schichten, mit denen der Ich-Erzähler die Angst vor dem Schreiben, berich­
seinen Kindern die Zeit verkürzt, mu­ tete Winkler. Dann gehe er wochen­
ten wie Sagen und Legenden an – «Ge­ lang im Kreis, drücke sich herum und
schichten» nennt auch Winkler seine fühle sich wie ein Analphabet, bis die
Texte. Und wie in den Märchen wer­ ersten Sätze kommen.
den auch hier gewaltsame Ereignisse Sei der Stoff aber einmal da, leide
nicht ausgespart. Schon im Titel seiner er nicht mehr. «So makaber es ist, was
Trilogie «Das wilde Kärnten» spielt ich erzähle, es ist ja auch lustig», mein­
Winkler ironisch auf das Archaische te er. Doch würden die Leute sehr ver­
der bäuerischen Welt an, in der er sei­ schieden dar­auf reagieren. An man­
ne Kindheit verbracht hat. chen Orten in Deutschland lache nie­
Genau lesen muss man, um den mand. Kürzlich in Tirol dagegen habe
subtilen Humor zu entdecken, den er fast nicht mehr weiterlesen können,
der Autor da und dort in seine Texte weil er sich von den Lachern habe an­
Schöpfer dicht gewobener Sprachteppiche: der österreichische Schriftsteller Josef Winkler in der Coalmine. Bild: Marc Dahinden eingebaut hat. Auch scheinen sich die stecken lassen.lHELMUT DWORSCHAK

Szenen aus dem Kampf und Leben eines


vierzehnfachen Thai-Box-Weltmeisters
Vergesst Rocky. Bald kommt die Szene so: «Azem Maksutaj steht schichten gäbe es auch zu erzählen:
«Being Azem» ins Kino. Ni­ vor den wichtigsten Minuten seines über Maksutajs ersten Lehrer in Ko­
Lebens. Es geht um alles oder nichts! sovo, über die Philosophie des Kampfs
colò Settegrana und Tomislav Gewinnt er den Kampf, ist er als erster und das Alleinsein im Ring, auch über
Mestrovic machten aus Schweizer seit Andy Hug beim K-1 Fi­ die vielen Freunde, die ein Sieger hat.
dem Leben des Thaiboxers nale in Tokio mit dabei, dem grössten Die erste Schnittfassung für «Being
Kampfsportanlass der Welt. Er steht Azem» war daher mehr als acht Stun­
Azem Maksutaj einen Film. nun ganz oben» – Pünktchen, Pünkt­ den lang. Zu wenig für das Leben, zu
chen, Pünktchen. Was der Hintergrund viel aber für das Kino. Jetzt ist die Ge­
Welche Farbe hat Azem Maksutaj, dieser Worte, dieses Bildes ist, zeigt schichte eines Profis 86 Minuten lang.
der vierzehnmalige Worldchampi­ die Dokumentation von ganz verschie­ Ab 25. Februar ist der Film zu se­hen.
on aus Winterthur? Was zeigen seine denen Seiten, in der Innen- und auch Auch in der Kurzform lernen wir den
96 Kämpfe, 73 Siege, 56 davon durch Aussenschau, Punkt für Punkt. Menschen hinter dem Weltmeister
K.o.? Rot, gelb und blau sind die Zet­ Die Dreharbeiten für «Being kennen.
tel der Filmemacher Nicolò Settegra­ Azem» dauerten von Mai 2006 bis Au­ Rocky ist anders. Mit Kampfsport
na und Tomislav Mestrovic, mit de­ hatten Nicolò Settegrana und Tomis­
nen sie die ganz verschiedenen Mo­
mentaufnahmen aus dem Leben eines
Thai-Boxers bezeichnen: in der Arena
«alsDernurFilm zeigt mehr
Kampfsport.
lav Mestrovic eigentlich nichts am
Hut. Vom Thaiboxer, der vierzehn­
mal Weltmeister war, hatten die bei­
und auch beiseit, unterwegs von Land den per Zufall gehört. «Was, der ist
Es ist ein Film über
»
zu Land und auch zu Haus. Aber alle Schweizer?» Heute sind die beiden
Farben zusammen meinen Action, Ac­ das Leben allgemein Azem Maksutajs grösste Fans. Reisen In Kampfpose: Nicolò Settegrana, Azem Maksutaj, Tomislav Mestrovic (v. l.). Bild: pd
tion, Action. Denn auch wenn Azem Tomislav Mestrovic über «Being Azem»
verbindet. Und auch die Filmemacher
Maksutaj nicht im Ring steht, kämpft
er immer weiter: für sich selbst, für sei­
haben hart gearbeitet, um ihren gros­
sen Traum zu leben. Kino machen ist
Der Riesendampfer und Das Ruderboot
ne Umgebung, für eine Haltung. Über gust 2007. Die eineinhalb Jahre bedeu­ eben ein biss­chen wie Boxen. Auch «Being Azem» sieht aus wie ein Riesen­ Pi-Filme in Zürich. «Being Azem» ist das
diesen ganz speziellen Kampfsportler teten eine halbe Weltreise. Tomislav hier muss man sich immer mit den dampfer: professionell für das Kino ge­ erste gemeinsame Projekt, es soll auch
haben sich Settegrana und Mestrovic Mestrovic und Nicolò Settegrana ha­ Grossen messen. macht, ein Vehikel für grosse Gefühle. Modell sein für eine (selbst-)bestimmte
ein eigenes Bild gemacht. Entstan­ ben den Kampfsportler Maksutaj zu Unbeirrt sind Settegrana und «Wir sind eigentlich nur ein Ruderbötli Arbeitsweise: «Die Montage des Films
den ist, wie die beiden sagen: ein Film Kämpfen u. a. nach Bangkok, Stock­ Mestrovic selber in den Ring gestie­ in der Schweizer Filmlandschaft», sa­ kann man sich als einen organischen
«über das Leben allgemein. Und das holm, Las Vegas, Istanbul begleitet gen. Sportfilm in der Schweiz? Wir gen Tomislav Mestrovic, 1979 in Kroa­ Prozess vorstellen, wie kreieren ei­
ist häufig spannender als jede erfunde­ (und manche sahen dort in ihnen auch machen ihn! Ein biss­chen märchenhaft tien geboren, zwei Jahre später in die nen Inhalt, schauen ihn an, und dann
ne Geschichte». Es geht um Respekt. seine Manager). Sie waren auch mit kommt es ihnen heute auch vor, dass Schweiz gekommen, und Nicolò Setti­ reden wir darüber.» Zwei Jahre dauer­
Auf einem farbigen Zettel mit Co­ dem Privatmann Maksutaj in Koso­ alles (auch mit der Finanzierung) ganz grana, Jahrgang 1973. Kennen gelernt te es auch, bis das ganze Material ge­
dewort CiaoCiao, sto_hdv_03 17.36.12 vo, back to the roots, und, natürlich, gut klappte. Alle grossen Förderinsti­ haben sich die beiden bei der Arbeit für sichtet, ausgewählt, geschnitten war.
steht: Rony: «Auf Morgen. Auf ein KO daheim in der Schweiz. Mit dem Ma­ tute haben den Film unterstützt – und den Dokumentarfilm «Styles» über die «Being Azem» kommt am 25. Februar in
in der ersten Runde.» Carolle: «Spä­ terial, das Mestrovic und Settegra­ die Stadt Winterthur ist auch dabei. Schweizer Hip-Hop-Szene. Mestrovics die Schweizer Kinos, Weltpremiere ist
testens in der dritten.» Rony: «Dass na von diesen Reisen zurückbrachten Die schönste Farbe ist aber Rot. führte Regie, Settigrana war für Kame­ in Winterthur. (bu)
wir gleich wieder zusammenpacken (es waren mehr als 150 Stunden Auf­ Zur Premiere von «Being Azem» wird ra und Schnitt zuständig. 2006 gründe­
können.» Azem: «Das wäre gut. Sind nahmen), hätten die beiden hundert am 24. Februar vor dem Kiwi der rote ten sie die Filmproduktionsgesellschaft www.beingazem.ch
ja nur drei Runden.» Im Film liest sich Filme machen können. So viele Ge­ Teppich ausgelegt.  lSTEFAN BUSZ