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14 WOZ DIE WOCHENZEITUNG NR. 5 4.

FEBRUAR 2010

DIESSEITS UND JENSEITS


LESERiNNENBRIEFE DURCH DEN MONAT MIT Azem Maksutaj (1)

Echt glaubhaft
WOZ allgemein
Sind Sie ein Krieger?
Ich lese die WOZ gerne, wenn auch Woz: Azem Maksutaj, im Vorfeld Probleme, prügelte mich nie neben
nicht immer sooo gründlich. Sie bleibt von Kickboxkämpfen werden Sie dem Ring.
aber die einzige für mich meist glaub- regelmässig als «The Warrior», «der Eine andere Karriere kam für Sie
hafte Zeitung. Danke. Krieger» angekündigt. Entspricht gar nie in Frage?
Susi Hulst Baumann, per E-Mail das Ihrer Persönlichkeit? Das kann man so nicht sagen. Ich
Azem Maksutaj: Ganz und gar nicht. begann eine Lehre im Verkauf, aber
Der «Krieger» wurde mir irgendwann ich war im Sport sehr schnell an dem
Wirklich recherchiert von einem Veranstalter angedichtet Punkt, an dem ich mich entscheiden
und blieb seither hängen. Ich glaube musste, ob ich das professionell ver-
WOZ allgemein nicht, dass ich es nötig habe, den folgen wollte oder einfach als Hobby.
Es ist schon erstaunlich, wie viele Zei- Leuten vorzumachen, dass ich ein Ich trainierte wie ein Wahnsinniger,
tungen einfach abdrucken, ohne nach- toller Kerl sei. Es gibt einen zweiten da blieb zu wenig Zeit für die Lehre.
zufragen! Ich kenne das aus persön- Übernamen, den ich bevorzuge, «The Und ich wusste, dass ich weit kommen
licher Erfahrung. Umso schöner, dass Black Eagle», der schwarze Adler. konnte. Ich wollte unbedingt Weltmeis-
ich bei der WOZ immer wieder merke, Das begannen in Las Vegas ein paar ter werden.
dass hier wirklich Recherche gemacht Fans zu rufen, als sie den albanischen Eine riskante Entscheidung.
wird und nicht einfach irgendetwas ab- Doppeladler auf meiner Hose sahen. Was hätten Sie gemacht, wenn Sie
gedruckt wird. Danke! Der Name sagt etwas über mich aus, keinen Erfolg gehabt hätten?
Markus Bürki, per E-Mail zu dem ich auch stehen kann. Die Frage stellte sich nie für mich.
Ist das wichtig für Sie? Natürlich, das ist sicher einfach, das
Sicher. Ich trage beide Nationen in heute zu beurteilen, aber ich hätte
mir, den Kosovo und die Schweiz. Und es mein Leben lang bereut, wenn
Politisch kurzsichtig wenn ich vor Tausenden von Menschen ich mich anders entschieden hätte.
«Die Angst der SP vor der Theorie», in den Ring steige, dann vertrete ich Ich kam in der ganzen Welt herum,
WOZ Nr. 4/10 beide Länder. Und zwar mit Stolz. Das kämpfte in Dubai, Tokio, Thailand,
Stefan Howald bringt mit seinem «Me- macht es manchmal auch schwieriger; Las Vegas. Das war fantastisch.
dientagebuch» die Sache auf den Punkt: wenn ich verliere, dann enttäusche ich Offensichtlich hatte ich mich richtig Azem Maksutaj: «Ich bevorzuge den Übernamen ‹The Black Eagle›».
In der schweizerischen Sozialdemokra- auch beide. Ich bin stolz auf das, was entschieden. Foto: Florian Bachmann
tie ist der Glaube weit verbreitet, auf eine ich bin und was ich erreicht habe. Ich Sie haben einen zweijährigen
theoretische Durchdringung der gesell- habe vierzehn Weltmeistertitel gewon- Sohn. Was tun Sie, wenn er eines Ta-
schaftlichen Widersprüche zugunsten nen und bin so weit gekommen wie ges die gleiche Entscheidung trifft? Sie haben angekündigt, dass Was tun Sie danach?
des politischen Aktivismus verzichten kein Schweizer vor mir ausser Andy Ich hoffe, dass er das nie muss. Schau- Sie Ihre Aktivkarriere dieses Jahr Ich gehe davon aus, dass ich weiterhin
zu können. Dabei sind Praxis und Theo- Hug. en Sie: Ich wuchs in einem kleinen beenden wollen ... meine Schule betreiben werde. Viel-
rie dringend aufeinander angewiesen! Wollten Sie eigentlich schon Dorf im Kosovo auf, ohne meinen Ich mache sicher noch vier Kämp- leicht werde ich aber auch noch Sport-
Ich war schon sehr verwundert, dass immer Kickboxer werden? Vater, der als Gastarbeiter in der fe dieses Jahr, einen in der Schweiz lehrer. Die Arbeit mit Jugendlichen
der Ankündigung im Frühjahr 2009, Ich habe mit dem Sport begonnen, als Schweiz war. Als er uns 1991 in die gegen Flying Knee Bunjovsky, einen hat mir immer Spass gemacht, ganz
die Zeitschrift «Rote Revue» werde auf ich fünfzehn war und gerade frisch in Schweiz holte, war das sehr schwierig der stärksten Kickboxer der Welt. besonders mit solchen, die sonst als
Ende Jahr eingestellt, keinerlei Wider- die Schweiz gekommen. Ich konnte für mich und meine Familie. Verste- Die weiteren Kämpfe werden dann in schwierig gelten.
spruch oder gar Protest folgte. Die Par- kein Wort Deutsch und machte ein hen Sie mich nicht falsch, ich liebe Pristina, Japan und Las Vegas statt- Interview: Etrit Hasler
teizeitschrift «links» hielt es überhaupt Jahr in der Integrationsklasse, als Aus- meinen Vater, aber ich will meinem finden. Vielleicht folgen nächstes Jahr
nicht für nötig, über den Einstellungs- gleich tat mir das harte Training gut. Sohn mehr bieten: Er wächst ganz noch einer oder zwei, aber darüber AZEM MAKSUTAJ (34) betreibt in Winterthur
beschluss der Parteileitung zu informie- Später arbeitete ich als Sicherheits- anders auf, zweisprachig, mit bei- mache ich mir noch keine Gedanken. eine Kampfsportschule, das Wing Thai
ren. Ein Leserbrief, den ich im Sommer kraft im Winterthurer Club «Planet den Eltern. Meine Frau arbeitet als Ich muss niemandem mehr etwas be- Gym, und gilt als der erfolgreichste
2009 in dieser Sache geschrieben hatte, Max». Das war nicht leicht: Ich war Investmentbankerin bei einer Privat- weisen ... Schweizer Kickboxer.
wurde von «links» nicht abgedruckt. ein schmächtiger Junge, brachte kaum bank. Ihm werden alle Möglichkeiten ... und mit 35 Jahren beginnt man Ende Februar kommt der biografische
Wie steht es mit der Bereitschaft zur siebzig Kilo auf die Waage. Da musste offen stehen. Natürlich wünsche ich auch, das Alter zu spüren? Dokumentarfilm «Being Azem», eine
inhaltlichen Auseinandersetzung in ich einiges einstecken, wenn ich Leu- mir, dass er auch einmal einen Sport Sicher. Kickboxen ist ein harter Sport, Koproduktion von Pi-Filme, Schweizer
der Sozialdemokratischen Partei? Die te rauswerfen musste, die doppelt so betreibt, aber nicht etwas so Hartes. vielleicht der härteste der Welt. Das Fernsehen und Teleclub, in die Schweizer
führenden Genossen und Genossinnen gross waren wie ich. Aber ich hatte nie Vielleicht Fussball. macht man nicht bis vierzig. Kinos.
mögen antworten, das Interesse daran
sei gar nicht so gross – das zeige zum
Beispiel die magere Debatte über das
neue Parteiprogramm. Aus Diskussi- HOWARD ZINN (1922 – 2010) Der letzte Woche verstorbene linke US-amerikanische Historiker
onen an der Parteibasis habe ich eine
etwas andere Erfahrung gewonnen: arbeitete ein Leben lang an der Geschichte des amerikanischen Volkes von unten.
Die Bereitschaft, sich mit den grund-
legenden Werten und Zielen der SP zu
befassen, ist durchaus vorhanden. Es
fehlt aber an den notwendigen perso-

Im Zickzack vorwärts
nellen und materiellen Ressourcen, um
diese Auseinandersetzung ernsthaft
führen zu können. In einer solchen Si-
tuation auch noch auf die Theoriezeit-
schrift zu verzichten, zeugt von poli-
tischer Kurzsichtigkeit.
Kurt Seifert, SP-Mitglied seit 1990, Von Lotta Suter lebens mehr wollte als «Objektivität», zieht Bilanz über Obamas erstes Regie-
Winterthur nämlich eine grösstmögliche Annä- rungsjahr. «Ich glaube, die Leute lassen
Der unermüdliche Kämpfer für Gerech- herung an die Wahrheit, und zwar die sich von Obamas Redekunst blenden»,
tigkeit Howard Zinn bricht auch nach ganze Wahrheit. Im Vorwort zum 2004 schrieb er Mitte Januar im Linksma-
Seriös genug? seinem Ableben noch mit den Tradi- erschienenen Quellenband «Voices of gazin «The Nation». «Obama wird ein
tionen der Geschichtsschreibung. De a People’s History» schreibt Howard mittelmässiger Präsident werden – und
«Afghanistan: Klingt das vertraut?», mortuis nil nisi bene, heisst die unge- Zinn: «Durch meine Geschichtsschrei- das heisst, in unserer Zeit, ein gefähr-
WOZ Nr. 52/09 schriebene Regel für Nachrufe, über bung von unten wollte ich das Bewusst- licher Präsident –, ausser es entsteht
Der Vergleich mit dem Einmarsch der die Toten sagt man nur Gutes. Das gilt sein wecken für Klassenkonflikte, Ras- eine nationale Bewegung, die ihn in die
Sowjetarmee hinkt ein wenig. So schritt offenbar nicht für einen streitbaren senprobleme, sexuelle Diskriminierung Howard Zinn. richtige Richtung stösst.»
die Sowjetunion erst nach langem Bit- Linksintellektuellen. und nationalistische Arroganz. Aber ich Howard Zinn ist nie davon ausgegan-
ten der sehr populären säkularen Re- In der «New York Times» wurde ein wollte auch den verborgenen Wider- seiner Vorgesetzten mit den Studen- gen, dass das Geschick der USA – oder
gierung Tarakis ein, wobei damals die erster kontroverser Nachruf zurückgezo- stand des Volkes gegen etablierte Mäch- tinnen zusammen, unter anderem mit eines andern Landes – letztlich von sei-
Stärke der Mudschaheddin wohl eher gen, worin es hiess, sogar liberale Histo- te an den Tag bringen.» der Schriftstellerin Alice Walker, im Ci- nem Präsidenten geleitet oder gar ge-
auf der finanziellen Unterstützung der rikerInnen hätten Zinn wenig geschätzt. vil Rights Movement aktiv war. Darauf rettet werden kann. Es komme nicht so
CIA und Saudi-Arabiens beruhte. Als Beispiel wurde Arthur Schlesinger jr. Er selbst kam auch von unten beteiligte sich der Geschichtsprofessor sehr darauf an, wer im Weissen Haus,
Viel interessanter wäre es, sich mal zitiert: «Ich nehme ihn [Howard Zinn] Dieses Programm vertrat Howard zehn Jahre lang am Protest gegen den als vielmehr, wer auf der Strasse sitze,
auf seriöse Weise historisch mit der US- nicht sehr ernst. Er war ein Polemiker, Zinn in vielen Büchern, Artikeln, per- Vietnamkrieg. Als der Whistleblower pflegte er zu sagen.
Politik in Afghanistan auseinanderzu- kein Geschichtswissenschaftler.» sönlichen Auftritten und letztes Jahr in Daniel Ellsberg 1968 einen Ort suchte, Kurz vor seinem Tod erteilte uns
setzen. Bei diesem Thema könnte man Und im lokalen Public Radio, das einem Film mit bissigem Humor. Ich um die hochbrisanten Pentagonpapiere der 87-jährige Professor Zinn noch ei-
auch auf externe SchreiberInnen zu- stets ängstlich um politische Ausgewo- selber war 1980 von der Erstauflage von zu verstecken, wandte er sich ebenfalls ne letzte Geschichtslektion: «Unsere
rückgreifen. Zum Beispiel auf diesen: genheit besorgt ist, durfte sich neben «A People’s History» begeistert. Meine an seinen radikalen Historikerfreund politische Geschichte zeigt, dass bloss
www.tinyurl.com/n9ratt. Noam Chomsky, der seinem Freund und und dessen Frau. starke soziale Bewegungen und mu-
Adrian Oertli, per E-Mail Gesinnungsgenossen einen würdigen Zinn hatte sich mit der orthodoxen tige Aktionen, die wie in den dreissiger
Tribut zollte, ausgerechnet der rechts- Die letzte Vorlesung Geschichtsschreibung, welche die Ver- und den sechziger Jahren die Nation
konservative David Horowitz zu Howard soll Zinn vorzeitig einigten Staaten als eine grosse Fami- aufweckten und das Establishment be-
Zinn äussern. Der politische Konvertit, lie oder Nation darstellte, nie identifi- drängten, bisher fähig waren, die Pyra-
Philosoph Jean-Paul Sartre. der selber in den sechziger Jahren noch beendet haben, zieren können. Das sei die geschönte mide der wirtschaftlichen und militä-
grafie. Ihr Lebenspartner war der am Bertrand-Russell-Friedensinstitut um an einem Streik Geschichte des weissen Mannes. Er rischen Macht zu erschüttern und zu-
sechs Bücher umfassenden Autobio- studiert hatte, verunglimpfte Howard selber wurde als ArbeiterInnen- und mindest zeitweilig den Lauf der Dinge
gutem Hause» ist der erste Teil einer Zinns Hauptwerk «A People’s History teilzunehmen. Immigrantenkind und dann als Ha- zu ändern.»
«Die Memoiren einer Tochter aus of the United States» als Travestie und fenarbeiter in New York von allem Revolutionäre Änderungen gesche-
geboren, man wird dazu gemacht». sagte wörtlich: «Absolut nichts, was Anfang an mit Klassen- und Rassen- hen nicht in einem alles umwälzenden
suchung: «Man wird nicht als Frau Howard Zinn produzierte, verdient den unterschieden konfrontiert. Auch sein Moment, sondern als endlose Abfol-
den Weg. Das Fazit dieser Unter- geringsten Respekt. Zinn verkörpert ei- Einsatz als Bombenschütze im Zweiten ge von Überraschungen, die uns im
Geschlecht» die Gender Studies auf ne randständige Geisteshaltung, die bis Weltkrieg schärfte seinen Sinn für Hi- Zickzack in Richtung Fortschritt bewe-
erschienenen Studie «Das andere heute leider Millionen von Menschen Kinder lesen das Buch heute noch mit erarchien und Machtverhältnisse – und gen. Davon war der alte Aktivist über-
derts und brachte mit der 1949 verführt hat. Er hat tatsächlich das Be- derselben Begeisterung – obwohl es von machte ihn zu einem entschlossenen zeugt. Er sei sich überhaupt nicht si-
Theoretikerin des 20. Jahrhun- wusstsein von Millionen von jungen fortschrittlichen LehrerInnen mittler- Kriegsgegner. cher, dass die Welt besser werde, sagte
war die bedeutendste feministische Menschen verändert – zum Schlechten weile auf die offizielle Leseliste gesetzt er, aber er wisse bestimmt, dass wir die
mone de Beauvoir (1908–1986). Sie hin.» worden ist. Ein Optimist der Ungewissheit Chance zur Verbesserung nicht verspie-
Schriftstellerin und Publizistin Si- Als Howard Zinn seine «Geschich- Howard Zinn blieb sein Leben lang len dürften. Howard Zinn war ein Op-
nach der französischen Philosophin, Die ganze Wahrheit te des amerikanischen Volkes» schrieb, kämpferisch und radikal. Als er sich timist der Ungewissheit: Jetzt schon
Auf der Wiese (Seite 24) fragten wir Offenbar müssen sogar politisch An- hatte er bereits zwanzig Jahre als Histo- 1988 pensionieren liess, soll er seine menschenwürdig zu leben, im Wider-
dersdenkende den grossen Einfluss des riker unterrichtet; die Hälfte davon am letzte Vorlesung vorzeitig beendet ha- stand gegen alle menschenverachten-
AUFLÖSUNG PERSONENRÄTSEL engagierten Historikers anerkennen, Spelman College für schwarze Frauen ben, um an einem Streik teilnehmen den Kräfte, das sei an sich schon ein
der von der Geschichtsschreibung zeit- im Süden der USA, wo er zum Ärger zu können. Einer seiner jüngsten Texte grossartiger Sieg. ◊