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*Gemäß CIPA-Standard 12/2014.

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FOTOS: GUIDO OHLENBOSTEL / DER SPIEGEL (O.); FREDERIC NOY / COSMOS / FOCUS / DER SPIEGEL (M.)

(O.); FREDERIC NOY / COSMOS / FOCUS / DER SPIEGEL (M.) Das deutsche Nachrichten-Magazin Das deutsche

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung

Betr.: Titel, Serengeti, SPIEGEL GESCHICHTE, KULTUR SPIEGEL

Gezer, Knobbe, Schmid
Gezer, Knobbe, Schmid

B eim Absturz von Flug 4U9525 am Dienstag in Südfrankreich kamen

150 Menschen ums Leben, 75 Deutsche starben, unter ihnen 16 Schüler und 2 Lehrerinnen aus der nordrhein-westfäli- schen Stadt Haltern. Verantwortlich für den Absturz ist nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft in Marseille der Ko-

pilot des Airbus A320, ein Deutscher. Wie es zu der Katastrophe kam, was an Bord geschah, welche Folgen der Unfall für die Lufthansa haben wird und wie die Stadt Haltern versucht, mit dem Verlust umzugehen, beschreibt ein SPIEGEL-Team im Titelkomplex. Der erste Text analysiert eine unglaubliche Tat, die in die deutsche Geschichte eingehen wird, der zweite beschreibt die Stimmung in Haltern, wo Özlem Gezer, Martin Knobbe und Fidelius Schmid unterwegs waren, und der letzte Teil des Themenblocks liefert Antworten auf die Frage, welche Folgen die Katastrophe für das Sanierungskonzept der Luft- hansa haben wird. Zur Situation in Haltern sagt Gezer: „Die Menschen nennen es das größte Unglück, das ihrer Stadt je widerfahren ist.“ Seiten 20, 28, 30

P hilip Bethge war 19 Jahre alt und hatte gerade beschlossen, Biologie

zu studieren, als Bernhard Grzimek starb, im Jahr 1987. Grzimek begeister- te mit seiner Fernsehserie „Ein Platz für Tiere“ damals ein Millionenpubli- kum. Auch Bethge war von den Berich- ten fasziniert, die im Kinofilm „Seren- geti darf nicht sterben“ gipfelten. So ging für Bethge ein Lebenstraum in Er- füllung, als er anlässlich eines neuen

Spielfilms über Grzimek selbst in die Serengeti fuhr, um zu erkunden, was aus Grzimeks Vermächtnis geworden ist. Bethge fand einen Nationalpark vor, dem die Wilderei und das Bevölkerungswachstum im Umland zusetzen, der aber immer noch vor Leben strotzt. „Gnu-Herden in der Serengeti zu sehen ist

atemberaubend“, schwärmt er.

Seite 122

Bethge mit Wildhüter
Bethge mit Wildhüter

E s war ein Freitagnachmittag im Mai 1948, als David Ben-Gurion eine Erklä- rung verlas, die die Welt verändern sollte: die Gründung Israels. Noch in

der Nacht begann der erste Krieg mit den arabischen Nachbarn, aber das hinderte die Einwanderer aus aller Welt nicht, eine prosperierende Nation aufzubauen.

aus aller Welt nicht, eine prosperierende Nation aufzubauen. Die neue Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE „Israel, Land

Die neue Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE

„Israel, Land der Hoffnung, Land des Leids“ erzählt die einzigartige Geschichte des jüdischen Staates – und beschreibt die Ursachen des bis heute ungelösten Konflikts mit den Palästinensern. Zu Wort kommen unter anderen der ehemalige Präsident Shimon Peres und der palästinensische Unterhändler Saeb Erekat. Das Heft ist ab Dienstag im Handel, die digi- tale Version kann bereits ab Montag, 18 Uhr, herun- tergeladen werden. Außerdem liegt der Inlandsauf-

lage des SPIEGEL der neue KULTUR SPIEGEL bei,

der sich mit der Frage beschäftigt: Bestimmt das vir- tuelle Sein unser Bewusstsein?

DER SPIEGEL 14 / 2015 5

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KO SASAKI / DER SPIEGEL (M.); ADAM PRETTY / GETTY IMAGES (U.)

S. 7: PRIVAT / EPD (O.);

Archivbild der abgestürzten Maschine Sinkflug in den Tod Amok Der Kopilot der in Südfrankreich zerschellten
Archivbild der abgestürzten Maschine
Sinkflug in den Tod
Amok Der Kopilot der in Südfrankreich zerschellten German-
wings-Maschine zählte zunächst zu den 150 Opfern eines
tragischen Unfalls. Dann förderten die Aufnahmen des Voice-
Recorders der Maschine eine ganz andere, fürchterliche
Version des Unglücks zutage: Nach Auffassung der Ermittler
spricht alles dafür, dass der junge Pilot, allein im Cockpit,
den Airbus absichtlich zum Absturz brachte. Seite 20

Rebellen

ohne Plan

Finanzpolitik Einen ganzen

Abend lang verhandelten Kanz- lerin Merkel und Griechenlands Premier Tsipras in Berlin, um die verhärteten Fronten im Schuldenstreit aufzulösen. Noch hofft die Eurozone, die Athener Regierung zum Einlen- ken zu bewegen, doch die Zeit wird knapp. Schon in wenigen Wochen könnte Griechenland das Geld ausgehen. Seite 34

Griechenland das Geld ausgehen. S e i t e 3 4 Schröders Vorbild Außenpolitik Bismarck sei
Griechenland das Geld ausgehen. S e i t e 3 4 Schröders Vorbild Außenpolitik Bismarck sei

Schröders Vorbild

Außenpolitik Bismarck sei eine „vorbildliche Figur“, urteilt Exkanzler Gerhard Schröder im SPIEGEL-Gespräch. Der Reichs- gründer, der vor 200 Jahren geboren wurde, habe auch „So- zialdemokratisches“ bewirkt, vor allem Frieden mit dem Za- renreich gehalten. Kritisch steht Schröder zur aktuellen Russland-Politik der Europäer:

„Man kann so ein Land nicht ausgrenzen.“ Seite 44

so ein Land nicht ausgrenzen.“ S e i t e 4 4 Kein Blick zurück im

Kein Blick zurück im Zorn

Zeitgeist Berlin war noch geteilt, aber auf beiden Seiten der Mauer blühte der Punk-Underground. Der Ostberliner Rammstein- Musiker Flake erzählt in seiner Autobiografie von den wilden Tagen, und auch der Regisseur Oskar Roehler widmet seiner West- berliner Jugend einen Roman sowie einen Film. Seiten 140, 142

Titel

20

Amok Der Todesflug der Germanwings

4U9525

28

Schicksale Wie Haltern am See trauert

30

Lufthansa Das Unglück trifft den Konzern in einem höchst kritischen Moment

Deutschland

14

Leitartikel Der Mythos von der sicheren Lufthansa ist beendet

16

Kinderärzte fordern Verbot von Energy- drinks / Neues Love-Parade-Gutachten erschüttert Anklage / Steinbrück über- denkt Ukraine-Engagement / Kolumne:

Im Zweifel links

34

Finanzpolitik Das Ringen mit Alexis Tsipras wird zum Erziehungsprojekt

38

Regierung Die Energiewende sorgt für Streit zwischen Kanzlerin und Ministerpräsidenten

40

Verteidigung Wegen schlechter Verträge geht dem Ministerium viel Geld verloren

42

Prostitution Der Kampf der Liebesdamen- lobby um das neue Gesetz

44

Außenpolitik Altkanzler Gerhard Schröder lobt im SPIEGEL-Gespräch den Reichskanzler Otto von Bismarck und dessen Russland-Politik

51

Rechtspolitik Minister Maas will alte Strafurteile gegen Homosexuelle aufheben, doch er stößt auf Hindernisse

52

Islam Die deutsch-afghanische Lehrerin Fereshta Ludin, „die mit dem Kopftuch“, schreibt über ihr Leben

62

Strafjustiz Ist Sicherungsverwahrung gegen den Mörder der kleinen Vanessa rechtens?

63

Sozialpolitik Der Pflege-TÜV ist eine Farce

65

Justiz Muslime wollen am Karfreitag feiern

Serie

54

Zukunft (Teil III) Sechs Rezepte gegen die Landflucht

60

Demografie SPIEGEL-Redakteur Markus Deggerich beschreibt den Überlebenskampf seines Heimatdorfs

Gesellschaft

66

Sechserpack: Gurken-Madl und Gurken- Bub / Ohne Rasen wäre die Welt nicht nichts, aber weniger und weniger

67

Eine Meldung und ihre Geschichte

Das deutsche Heckrind sorgt im Süden Englands für böses Blut

68

Monty Python Der Komiker John Cleese erzählt im SPIEGEL-Gespräch, dass sein Vater die deutschen Bomben für einen Anfall von Humor hielt

73

Homestory Warum es besser ist, zu Herbert Grönemeyer auf Abstand zu gehen

Wirtschaft

74

EEG-Rabatt für Großindustrie / Ungleiche Prämien in der Autobranche / Samstags- frage: Ist der Privatkunde nur noch Ballast?

76

Elektronik Wie der Samsung-Konzern mit an Leukämie erkrankten Mitarbeitern umgeht

80

Soziales Die Große Koalition lässt das Projekt Flexi-Rente schleifen

82

Tourismus Berliner Beamte kämpfen gegen Ferienwohnungsportale wie Airbnb

84

Gesundheit Beim CDU-Mitglied Josef Hecken bündelt sich die Macht über die Medizinbranche

86

Kryptowährungen Digitales Geld soll die Art verändern, wie wir Verträge schließen

88

Konsum Was Jugendliche über unfaire Modeherstellung wissen, ändert kaum etwas an ihrem Kaufverhalten

Medien

91

USA verweigern Hilfe gegen Google / Sky-Deutschland-Chef Brian Sullivan über seinen Abgang

92

Medienwandel SPIEGEL-Leser schreiben, welchen Journalismus sie sich wünschen

95

Pressefreiheit Chinesische Mitarbeiter westlicher Medien leben gefährlich

Ausland

98

Erhöhte Terrorgefahr in Italien / Massenentführung durch Boko Haram beeinflusst die Wahlen in Nigeria

100

Nahost Eine Annäherung zwischen den USA und Iran könnte die Region verändern

102

Jemen Warum die saudische Intervention gegen die schiitischen Rebellen riskant ist

104

Essay Russland wird zur nationalistischen Festung

106

Usbekistan Der Diktator und seine glamouröse Tochter

108

Japan Der Premier will die Frauen befreien, seine Gattin befreit sich selbst

112

Global Village Ein Familienbetrieb in Portugal macht den besten Wein der Welt

Sport

115

HSV-Trainer Peter Knäbel über seine riskante Retter-Mission / Deutscher Surfer für Biggest-Wave-Award nominiert

116 Fußball Die bedingungslose Liebe der Bayern-Fans zu ihrem Idol Franck Ribéry

Wissenschaft

120

Ganzjahresqual für Allergiker / Blick ins Innere der Erde / Ladendiebe in der App

122

Ökologie Ein Film feiert die Naturschutz- Ikone Bernhard Grzimek – wie steht es um seinen Sehnsuchtsort, die Serengeti?

128

Lifestyle Fans nehmen idiotische Diät- und Pflegetipps von Stars viel zu ernst

130

Bautechnik Mauerrisse, lose Steine – viele Erdbeben schwächen die Hagia Sophia

131

Automobile Das Elektroauto, das den Strom per Induktion aus der Fahrbahn zieht

Kultur

132

Die US-Fotojournalistin Heidi Levine über ihre Arbeit in Kriegsgebieten / Hilary Mantels Autobiografie einer Außenseiterin / Kolumne: Besser weiß ich es nicht

134

Menschenrechte Die Texte des saudischen Bloggers Raif Badawi, der in seiner Heimat inhaftiert ist und ausgepeitscht wurde

140

Zeitgeist I Filmregisseur Leander Haußmann über die Punk-Vergangenheit des Ostberliner Rammstein-Musikers Flake

142

Zeitgeist II Regisseur Roehler verfilmt seine Jugend in der Westberliner Punkszene

144

Literatur Dave Eggers („Der Circle“) fordert eine Bill of Rights für die digitale Welt

148

Filmkritik „Fast & Furious 7“ – Tribut an den verunglückten Schauspieler Paul Walker

10

Briefe

139

Bestseller

150

Impressum

Wegweiser für

Informanten:

151

Nachrufe

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Personalien

www.spiegel.de/

154

Hohlspiegel / Rückspiegel

briefkasten

In diesem Heft

Hohlspiegel / Rückspiegel briefkasten In diesem Heft Raif Badawi, Blogger aus Saudi-Arabien, wurde wegen

Raif Badawi,

Blogger aus Saudi-Arabien, wurde wegen „Beleidigung des Islam“ zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhie- ben verurteilt. In einem Brief aus dem Gefängnis begründet er seinen Kampf für Freiheit und Aufklärung. Seite 134

er seinen Kampf für Freiheit und Aufklärung. Seite 134 Akie Abe, Ehefrau des japanischen Premiers, bezeichnet

Akie Abe,

Ehefrau des japanischen Premiers, bezeichnet sich als „häusliche Opposition“ und sorgt für Aufsehen, weil sie in Tokio eine Kneipe eröff- nete – die ihr Mann noch nie besucht hat. Seite 108

- nete – die ihr Mann noch nie besucht hat. Seite 108 Franck Ribéry, Profi beim

Franck Ribéry,

Profi beim FC Bayern, spielt seit acht Jahren für den Verein. Er schwärmt von den Fans, die ihn, anders als in seiner Heimat, verehren. „Ich will nicht mehr weg.“ Ein Franzose, der Deutschland schätzt. Wirklich? Seite 116

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Briefe „Deutsche Schulmeisterei und Besserwisserei haben die unerfreulichen Symptome in Südeuropa hervorgerufen.“

Briefe

„Deutsche Schulmeisterei und Besserwisserei haben die unerfreulichen Symptome in Südeuropa hervorgerufen.“

Rolf Müller, Bensheim (Hessen)

Zutiefst beschämend

Nr. 13/2015 The German Übermacht – Wie Europäer auf die Deutschen blicken

Das Titelbild ist indiskutabel und bedient auf widerliche Art und Weise die Ressenti- ments gegenüber Deutschland.

Dr. Ralph Detzel, Ehingen (Bad.-Württ.)

Ich bin entsetzt und empört (und Sozial- demokrat). Frau Merkel ist eine der be- sonnensten, friedlichsten, am meisten den Frieden und Ausgleich fördernden Politi- kerinnen in Europa. Dieses Titelbild ist die bei Weitem schlimmste Entgleisung, die sich der SPIEGEL seit Jahren geleistet hat.

Dr. Peter Müller-Rockstroh, Stuttgart

Ein überwältigendes Titelbild.

Dr. Matthias Graf, Lenzburg (Schweiz)

Das unmöglichste Titelbild, das ich je im SPIEGEL sah: unangemessen, unangebracht und peinlich – shame on you!

Peter Röhl, Hamburg

Gratulation zu dem Titelbild. Viel besser kann man den Wandel der deutschen Poli- tik unter Merkel nicht darstellen.

Bodo Sinn, Waldbronn (Bad.-Württ.)

Es ist schon klar, was sich die Redaktion bei diesem Titelbild gedacht hat. Trotzdem ist es unhistorisch, verzerrend, geschmack- los und bedient antideutsche Reflexe.

Chris Dasch, Eglfing (Bayern)

Beobachten Sie mal, wie viele Nachdrucke Ihr Cover in Europas Süden haben wird. Ihre typisch deutsche und etwas stumpf- sinnige Ironie versteht man dort nicht.

Erhard Bost, Frankfurt am Main

Respekt – in diesem Titel kommt wieder einmal die ganze geniale Analysekraft des SPIEGEL zum Ausdruck. Aber was können wir tun? Selbst eine großzügige Geste gegenüber Griechenland würde im Zweifel falsch verstanden. Egal was Deutschland tut: Es ist verkehrt.

Hans-Jürgen Goldkamp, Wallenhorst (Nieders.)

Die von Deutschen verübten Gräueltaten werden wohl für immer in den Köpfen der Menschen gegenwärtig sein. Dass die Überlebenden und die Familien der Opfer die ungeheuerlichen Verbrechen nicht vergessen wollen oder können, liegt doch auf der Hand. Selbstverständlich sollte Deutschland alle ausstehenden, berechtig-

ten Reparations- und Entschädigungsfor- derungen bezahlen. Dass an die Über- lebenden von Distomo noch immer keine Entschuldigung gerichtet wurde, ist völlig unverständlich und zutiefst beschämend.

Martina Weitendorf, Berlin

Es ist doch eine Ansicht aus dem vergan- genen Jahrtausend, dass Europa eine star- ke Führungsmacht brauche. Die übrigen Europäer – das ist die Mehrheit – wollen gleichberechtigt an den Entscheidungspro- zessen beteiligt werden. In einem moder- nen Europa empfinde ich es als Zumutung, von einer anderen Nation geführt zu wer- den. Als Europäer möchte ich, dass die Zukunft endlich beginnt und wir durch von allen EU-Bürgern demokratisch legiti- mierte Persönlichkeiten und gesamteuro- päische Institutionen vertreten werden.

Willibald Knoll, Braunau (Österreich)

Wenn sich heute die Griechen so beneh- men, als wäre die Wehrmacht gerade ges- tern abgezogen, und einige Journalisten wieder anfangen, über eine angebliche deutsche Frage zu schwadronieren, haben wir das fast ausschließlich dem Euro und damit den ökonomischen Gesetzmäßig- keiten und Notwendigkeiten einer gemein- samen Währung zu verdanken. Insofern sollte man sich endlich durchringen, diese Währung ernsthaft infrage zu stellen.

Wolfgang Flügel, Seeheim-Jugenheim (Hessen)

Die Menschen werden in Europa nicht abgeholt. Man hört ihnen nicht zu. Ohne Menschen ist Europa nicht zu machen, und Geld ist eben nicht alles.

Mark Hengel, Richterswil (Schweiz)

„Hat Deutschland geglaubt, es werde für die Untaten, die sein Vorsprung in der Barbarei ihm gestattete, niemals zu zahlen haben?“ Diese Worte von Thomas Mann aus seiner BBC-Radiosendung „Deutsche Hörer“ vom April 1942 kamen mir in den Sinn beim Lesen Ihres Titels. Deutschland ist heute eine starke Demokratie, aber die- se Worte scheinen nach 73 Jahren immer noch prophetischen Charakter zu haben!

Albert Augustin, Gelterkinden (Schweiz)

Wenn vom deutschen Kapital gesprochen wird, das Europa dominiert, dann muss doch gesagt werden, dass Kapital im Zeit- alter der Globalisierung nicht mehr an Ländergrenzen haltmacht. Der politische Einfluss wird immer mehr durch Wirt- schaftsinteressen und Bankenmacht ein-

geengt. Vor diesem Hintergrund muss die Frage gestellt sein, was Deutschlands Poli- tik machen soll oder noch kann. Versucht Deutschland den europäischen Tanker wieder in Fahrt zu bringen, wird von Ex- pansionswillen gesprochen; hält es sich militärisch zurück, verweigert es sich.

Rainer Szymanski, Grünheide (Brandenb.)

Viele Menschen durchleben gerade jetzt im Alter die Gräuel dieser Zeit in ihren Träumen und Depressionen. Der deutsche Wunsch, das Kapitel abzuschließen, die Überheblichkeit gegenüber den anderen europäischen Staaten, das permanente „Wir sind Weltmeister“-Getue und das großmäulige Abwehren von Reparations- diskussionen sind beschämend.

Oliver Rommel, Ettlingen (Bad.-Württ.)

Als sich Deutschland jahrzehntelang aus allem heraushielt, hieß es, wir seien feige und wollten keine Verantwortung überneh- men. Jetzt übernehmen wir partiell Ver- antwortung, und es ist wieder nicht recht. Wie heißt es: „Ein großer Baum fängt viel Wind.“ Damit müssen wir wohl leben.

Karin Krempel-Haglund, Mannheim

Ich kann all diese Vergleiche mit Nazi- Deutschland nicht verstehen. Gibt es hier noch politische Verfolgung? Kontrolliert der Staat die Medien? Schießen deutsche Truppen auf andere Länder? Natürlich nicht. Schäuble hat doch recht: Wenn Län- der wie Griechenland lange über ihre Mög- lichkeiten hinaus Geld ausgeben, müssen sie auch mit den Konsequenzen rechnen. Irgendjemand muss dann eben den Buh- mann spielen. Und wir sind nun mal die größte Volkswirtschaft Europas.

Paul Knizewski, Herford

Verdrängte oder für erledigt erklärte Fragen kommen irgendwann wieder an die Ober- fläche. Weil sich die deutsche Position ju- ristisch auf dünnem Eis bewegt, täte die Bundesregierung gut daran, sich einer politischen Lösung nicht zu verschließen. Diese sollte zumindest die Rückzahlung der Zwangsanleihe betreffen sowie eine Ent- schädigung für die Opfer von Massakern und deren Nachkommen beinhalten. Grie- chenland wird durch Reparationsgelder sei- ne Probleme nicht in den Griff bekommen. Dazu bedarf es eines tief greifenden Um- baus in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Darum geht es aber auch gar nicht, sondern vielmehr um unsere Glaubwürdigkeit.

Andreas Striegnitz, Brüssel

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Briefe

Alte Traumtänzer

Nr. 12/2015 Die unberechenbare Seite des Parteichefs Sigmar Gabriel

Gabriel ist das Fleisch gewordene Symbol einer SPD, die ihre Bodenhaftung verloren hat und von der keiner mehr weiß, wo sie politisch steht und wen sie vertritt.

Arno Malburg, Spiesen-Elversberg (Saarl.)

Die hervorragend dokumentierte innere Zerrissenheit Gabriels entspricht der Be- obachtung, dass die Mehrheit der SPD- Wähler zum Pragmatismus neigt, während die Mitglieder eher die alten Traumtänzer aus Herbert Wehners Zeiten sind. Helmut Schmidt und Gerhard Schröder war es gelungen, mit ihren Erfolgen die ewigen Linken zu zähmen. Gabriel dagegen muss fürchten, dass diese zu Gysi abwandern.

Gebhart Müller-König, Moisburg (Nieders.)

Was hat Gabriel denn so richtig gemacht? Den im Wahlkampf geforderten Macht- wechsel schnell vergessend, hat er sich nach der Wahl auf die Regierungsbank der CDU/CSU gesetzt. Anstelle der avisierten Reichensteuer und der Bereinigung pre- kärer Arbeitsverhältnisse engagiert er sich jetzt für das Freihandelsabkommen TTIP, unterschreibt Rüstungsexporte und bittet um Verständnis für den Sklavenhalterstaat Katar. Ganz nebenbei hat er auch noch Peer Steinbrück verheizt.

Dietmar Sobottka, Chemnitz

Wenn die SPIEGEL-Redaktion es so deutet, dass Gabriel sich mit den Pegida-An- hängern „gemeinmacht“ und somit „… die dunkle Seite des SPD-Chefs zum Vor- schein kommt“, so ist das doch wohl ein etwas bizarres Demokratieverständnis. Zeigt man bereits seine dunkle Seite, wenn man Leuten anderer politischer Gesinnung lediglich mal zuhört?

Hans Wolfgang Schumacher, Düsseldorf

An die eigene Jugend erinnert

Nr. 12/2015 Der Versuch eines Vaters, den Selbstmord seines Sohnes zu verstehen

Warum musste ein junges Leben enden, bevor es richtig begonnen hatte? Da ist sie wieder, die altbekannte Geschichte: Über- vater, Elitegymnasium, ein durchschnitt- lich begabter Sonderling, ein stringentes

Reglement zu Hause. Der Junge versuchte verzweifelt daraus auszubrechen. Der Va- ter im Clinch mit Schule, Schulaufsicht, Jugendamt hatte keine Ahnung, was wirk- lich in seinem Sohn vorging, und dem Jun- gen fehlte die verständnisvolle Mutter, bei der er sich hätte ausweinen können.

Jakobus Bergner, Rektor a.D., Neuss (NRW)

In dem Artikel werden Fragen an den Vater vermieden, obwohl die Familien- geschichte solche nahelegt. Die Wunde wird sich vielleicht erst schließen, wenn er sich als Vater und Mensch offenbart hat.

Dr. med. Peter Ulian, Königswinter (NRW)

Es kommen viele zu Wort, nur nicht die wichtigste Bezugsperson. „Die Mutter war umgezogen“, heißt es über sie nur. Der zitierte Psychologe betont doch im Zusam- menhang mit Jugendlichen-Suiziden sogar, dass nicht schlechte Schulnoten, sondern „Spannungen in der Familie“ für Heran- wachsende eine „enorme Belastung“ seien.

Birgitta vom Lehn, Lilienthal (Nieders.)

Ihr Artikel hat mich sehr bewegt, da er mich an meine eigene Jugend erinnert hat. Ich besuchte das Lilienthal-Gymnasium in Berlin. Am 20. März 1957 habe ich einen Selbstmordversuch gemacht. Als Reaktion schmiss man mich von der Schule. Und meine Eltern schleppten mich zum Pfarrer. Natürlich habe ich das bis heute überwun- den. Aber vor Wochen schrieb ich dem Rektor des Gymnasiums eine Mail, in der ich anbot, über meinen damaligen Selbst- mordversuch zu sprechen und über die heutigen Probleme junger Menschen. Bis- her habe ich noch keine Antwort erhalten.

Prof. Joachim Kellner, Hamburg

Warum hat diesem armen Mann niemand geraten, eine psychiatrische Betreuung zu suchen? Schule kann nicht alles auffangen.

Gisela Skirl, Düsseldorf

Lehrkräfte und auch Schulleitung sind als Hobbypsychologen oft überfordert. Die Lösung kann deshalb nur sein, dass quali- fizierte Kräfte zur Verfügung stehen.

Norbert Rehner, Oberstudiendirektor i.R., Frankfurt am Main

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe ge- kürzt und auch elektronisch zu veröffentlichen:

leserbriefe@spiegel.de

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Aus der SPIEGEL-Redaktion

England gilt als älteste Monarchie Europas – und als Hort des Parlamen- tarismus. SPIEGEL-Autoren und Historiker liefern einen Einblick in die Geschichte der englischen Krone, von den Angelsachsen bis zu Königin Elizabeth II. In Kooperation mit der DVA erscheint am 30. März das SPIEGEL-Buch „Englands Krone. Die britische Monarchie im Wandel der Zeit“, herausgegeben von Bettina Musall und Eva-Maria Schnurr. Es kostet 19,99 Euro (E-Book: 15,99 Euro) und hat 304 Seiten.

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Das deutsche Nachrichten-Magazin Leitartikel Ohne festen Boden Das Flugzeugunglück beendet den Mythos von deutscher

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Leitartikel

Ohne festen Boden

Das Flugzeugunglück beendet den Mythos von deutscher Sicherheit.

W aren nicht große Unglücke das, was anderen passiert? Erdbeben, Kriege, Stadionkatastrophen, Terroranschläge oder Flugzeugabstürze mit über

hundert Toten, all das traf Menschen in fernen Regionen und nicht die Bundesrepublik. Die Deutschen waren die mit- leidenden Zuschauer, nicht die Verantwortlichen und nur in kleinerer Zahl die Betroffenen. Seit Dienstag dieser Woche ist das anders. Die Maschine einer Tochter der Lufthansa raste gegen einen Berg, 150 Menschen starben. Das große Unglück hat seine traurige Exotik verloren, und damit endet eine Illusion. Dass wir sicherer als andere seien, solange wir uns auf das verlassen, was Deutsche angeblich ausmacht. Das ist eine Hybris, die sich lange gehalten hat. Leben ist immer Ausgeliefertsein. Es geht nicht ohne blin- des Vertrauen. Jeden Tag ist das so. Auf der Landstraße ver- trauen wir darauf, dass der Fahrer des entgegenkommenden Autos nicht schläfrig ist, dass er keine SMS schreibt und nicht plant, sich mittels einer Karambolage ums Leben zu bringen. Wir vertrauen dem Heizungs- monteur, dem Arzt, dem Piloten. Unser Leben liegt oft in den Händen von Menschen, die wir nicht kennen, von Fremden, die Wahnsinnige sein könnten. Wir halten das aus. Aber ging es uns nicht ein bisschen besser mit diesem Ausgeliefertsein, wenn wir wussten, dass wir es mit Deutschen zu tun haben, mit unseren Fir- men, unseren Produkten? Wegen der Gründlichkeit, der Ordnungsliebe, der Zu- verlässigkeit, die wir den Ingenieuren oder den Piloten un- terstellen. Andere tun das auch. Die Autos von BMW, Audi oder Mercedes haben weltweit einen guten Ruf, wie bislang die Lufthansa. Von Mercedes gibt es einen Werbespot, der genau damit spielt und dabei chauvinistisch wirkt. Eine orientalisch an- mutende Stadt, Gedränge, Hektik, Lärm. Ein europäisch an- mutender Mann ist dem ausgeliefert, bis er seinen Mercedes erreicht. Dann sitzt er drin: Stille, Geborgenheit, Sicherheit. Interessant ist auch ein Werbespot der Lufthansa. Eine Maschine ist gelandet, ein Junge beobachtet, wer aussteigt, und zuerst sieht er deutsche Fußballstars. Sie lassen ihn kalt. Begeistert ist er von einem Kapitän der Lufthansa, der wie ein Held auftritt, wie ein Mann, dem man sich ausliefern kann, glühend seriös. Alles deutet darauf hin, dass der Kopilot von Flug 4U9525 die Maschine absichtlich in den Sinkflug steuerte und die, die ihm blind vertrauten, mit in den Tod riss. Der Mensch

ist das Risiko technischer Geräte, ob als irrender Ingenieur oder als Pilot mit bösen Absichten. Ein Flugzeug ist das Versprechen, dass alle Beteiligten einen hervorragenden Job machen. Die Lufthansa konnte dieses Versprechen am Diens- tag nicht halten. Nach einem Unglück stellt sich die Frage der Schuld. Nicht unbedingt, um andere zu beschuldigen, sondern um zu lernen. So will man künftige Katastrophen verhinden. Gab es Lücken in der Überwachung, fehlte Betreuung? Es ist richtig, das zu tun. Es sollte nur nicht die nächste Illusion nähren: dass totale Sicherheit möglich wäre. Manch- mal kommt die Gefahr sogar aus dem, was Gefahren unter- binden soll. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 sind die Cockpittüren gesichert, damit kein Entführer an die Steuerknüppel vordringen kann. Dieses Schloss verhinderte,

dass der Kapitän ins Cockpit zurückkehren konnte, nachdem er offenbar zur Toilette gegangen war. Vielleicht hätte er das Unglück unterbunden. Si- cherheit gibt es immer nur bis zu dem Moment, in dem es schiefläuft. Insgesamt sind die Ge- fahren des Fliegens gesun- ken, aber es bleibt ein Aus- geliefertsein, das einen be- sonders nervös machen kann: ohne festen Boden, auf die Integrität und das Können von Fremden ver- trauend. Nun fehlt auch noch die Illusion, dass den Passagieren der Lufthansa nichts passieren wird. Das ist die Zäsur dieser Kata- strophe. Zwar stürzten auch früher Maschinen der

Lufthansa ab, aber diese Unglücke forderten weniger Opfer und konnten dem Mythos der Sicherheit nichts anhaben. Ein einzelner Fall spricht kein Urteil über ein ganzes Un- ternehmen oder gar ein Land. Ein einzelner Fall zeigt nur, was möglich ist. Und in Deutschland ist das möglich, was anderswo schon geschehen ist, übrigens auch in Einzelfällen. Nun, nach der großen Katastrophe, wird sofort klar, wie ver- messen es war anzunehmen, dass einem deutschen Unter- nehmen eine große Katastrophe nicht passieren könne. Sie passiert da, wo Menschen handeln. „Die Hölle, das sind die anderen“, hat Jean-Paul Sartre geschrieben. Manchmal sind sie die Hölle, manchmal das Paradies, und fast immer ist es schlicht in Ordnung, ihnen ausgeliefert zu sein. Es lässt sich ohnehin nicht vermeiden. Nach der Katastrophe kommt zuerst das Innehalten im Schock, dann die Trauer, und dann leben die nicht unmittelbar Betroffenen weiter wie bisher. Anders geht es nicht.

die Trauer, und dann leben die nicht unmittelbar Betroffenen weiter wie bisher. Anders geht es nicht.

Dirk Kurbjuweit

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REIFE TRAUBEN UND EINE FACHGERECHTE VERARBEITUNG:

DAS MACHT GUTEN WEIN AUS

O b Weißwein zum Fisch oder Rotwein zum Braten: Guten Wein erkennt man daran, dass er schmeckt. Und für einen guten Geschmack ist die Auswahl der Trauben genauso wichtig wie

deren fachgerechte Verarbeitung sowie die richtige Lagerung des Weins. Lidl setzt dafür auf Know-how: Mit den meisten seiner Liefe- ranten arbeitet das Unternehmen bereits seit vielen Jahren zusammen.

das Unternehmen bereits seit vielen Jahren zusammen. Für Orientierung beim Wein- kauf sorgen die Bewertungen
das Unternehmen bereits seit vielen Jahren zusammen. Für Orientierung beim Wein- kauf sorgen die Bewertungen
Für Orientierung beim Wein- kauf sorgen die Bewertungen von Richard Bampfield. auch der Boden, auf
Für Orientierung beim Wein-
kauf sorgen die Bewertungen
von Richard Bampfield.
auch der Boden, auf
Bampfield gehört zu den
wenigen internationalen
Titelträgern des renommierten
Institute of Masters of Wine.
kontrolliert. Amtliche
Er testet eine Auswahl
der Lidl-Weine und
bewertet sie nach
einem 100-Punkte-
System. Die jeweili-
ge Punktzahl ist in
den Filialen direkt
neben den Weinen
angegeben.
im Regal von hinten
Die
Ausgewogenheit
ist es, die einen
guten Wein
ausmacht.

Mit Expertise das Beste aus den Trauben herausholen

Wein ist ein Naturprodukt mit vielen Facetten. Dabei spielt nicht

nur die Rebsorte eine wichtige Rolle, sondern

dem die Reben wachsen, und die Ausbaumethode. Ob in Deutsch- land, Frankreich oder Südafrika: In jeder Weinregion arbeitet Lidl eng mit Spezialisten vor Ort zusammen. Denn sie kennen die lokalen Gegebenheiten und wissen, wie sie das Beste aus den jeweiligen Traubensorten herausholen können. Gemeinsam mit diesen Experten definiert Lidl die Anforderungen für jeden einzelnen Wein. Diese An-

forderungen werden während der Herstellung

Prüfstellen überwachsen zudem den Prozess vom Weinberg bis in die Flasche.

Fertig zum Genießen

Die Weine in den Lidl-Filialen sind zum direkten Genuss geeig- net. Einige Weine können auch noch weiter gelagert werden.

Um den Kunden stets die richtigen Produkte zum richtigen Moment anbieten zu können, arbeitet Lidl mit Wälzrhythmen. Das heißt:

In fest definierten Abständen werden Flaschen

nach vorne gestellt. Ware, die nach einem vereinbarten Stichdatum nicht verkauft ist, wird aus der Filiale entfernt. „Alte“ Ware gibt es

hier also nicht.

Genaue Vorgaben für ein gutes Ergebnis

Die meisten Trauben erreichen ihre optimale Reife im Herbst. Wann ge- nau geerntet wird, und wie – also ob maschinell oder per Hand – sowie ob die Trauben in Körben oder größeren Behältern transportiert werden, hängt von der jeweiligen Sorte ab. Alle diese Faktoren werden in den An- forderungen für den jeweiligen Wein berücksichtigt. Um ein gutes Produkt zu erzielen, macht Lidl seinen Lieferanten genaue Vorgaben. So auch für die Verarbeitung und Gärung: Denn wie lange ein Wein gärt, wel- che Hefe eingesetzt wird, wie hoch der Zuckergehalt des Mosts ist und wie hoch die Temperatur während der Gärung ist, entscheidet über die Qualität des Weines. Nach der Gärung werden manche Weine veredelt – ausgewählte Rotweine werden dafür beispielsweise in Holzfässer umgelagert. Auch hier spielt die Art und Qualität des Holzes eine entscheidende Rolle.

die Art und Qualität des Holzes eine entscheidende Rolle. Weitere Informationen über das Weinsortiment bei Lidl

Weitere Informationen über das Weinsortiment bei Lidl sowie die Herkunft der Weine erhalten Sie unter www. lidl-lohnt-sich.de/wein bei Lidl sowie die Herkunft der Weine erhalten Sie unter www.lidl-lohnt-sich.de/wein

über das Weinsortiment bei Lidl sowie die Herkunft der Weine erhalten Sie unter www. lidl-lohnt-sich.de/wein
NPD-Verbot „Ein steiles Timing“ Christoph Möllers, 46, ist Staats- rechtler an der Humboldt-Univer- sität
NPD-Verbot
„Ein steiles Timing“
Christoph Möllers,
46, ist Staats-
rechtler an der
Humboldt-Univer-
sität Berlin und
vertritt den Bun-
desrat, der vom
Bundesverfassungsgericht die
NPD verbieten lassen will. 2003
scheiterte ein solcher Verbots-
antrag, weil die NPD bis in die
Spitze mit V-Leuten durchsetzt
war. Karlsruhe verlangt nun Be-
lege unter anderem dafür, dass
diese nicht mehr tätig sind.
Energydrinks
SPIEGEL: Das Bundesverfas-
sungsgericht will Auskunft
darüber, wie die Bundes-
länder die Zusammenarbeit
mit V-Leuten in der NPD
beendet haben. Wie wollen
Sie antworten, ohne altge-
diente Zuträger zu verraten?
Möllers: Wir werden eine
Darstellungsform wählen, die
möglichst konkret und plausi-
bel sein wird, ohne Gefahr zu
laufen, dass die betreffenden
Personen enttarnt werden
können. Also etwa Protokol-
le oder andere Aktenauszüge,
in denen die Angaben zur
Person zwar geschwärzt sind,
mit denen sich die Vorgänge
aber nachvollziehen lassen.
SPIEGEL: Und wie beweisen
Sie, dass Ihre Angaben voll-
ständig sind?
Möllers: Das lässt sich im
strengen Sinne natürlich
nicht beweisen. Aber je mehr
wir anbieten, desto schwerer
wird es für die NPD. Da
müsste dann schon mehr
kommen als die bloße Unter-
stellung, unsere Angaben
seien unvollständig.
SPIEGEL: Die Verfassungsrich-
ter wollen zudem wissen, ob
V-Leute im Staatsauftrag am
NPD-Parteiprogramm sowie
einem Positionspapier von
1997 mitgeschrieben haben.
Möllers: Natürlich sind beide
Dokumente älter als die Ver-
botsanträge …
SPIEGEL: … also waren in der
Zeit V-Leute noch in der Par-
teispitze aktiv und könnten
daran mitgewirkt haben.
Möllers: Richtig. Klar ist aber
auch: Parteien dürfen vom
Kinderärzte fordern EU-weites Verbot
Die Gesellschaft der Europäischen Kinder-
kardiologen drängt auf ein europaweites
Verkaufsverbot von Energydrinks an Min-
derjährige. „In unserer täglichen Arbeit
sehen wir uns mit einer steigenden Zahl
von Patienten konfrontiert, die nach dem
übermäßigen Konsum von Energydrinks
im Krankenhaus landen“, schreiben die
Vertreter von mehr als tausend europäi-
schen Kinderkardiologen an den EU-Ge-
sundheitskommissar Vytenis Andriukaitis.
Sie verweisen auf akute und chronische
Herz-Kreislauf-Risiken sowie ein mögliches
Nierenversagen durch den hohen Koffein-
gehalt der Getränke und die damit verbun-
dene potenzielle Lebensgefahr.
Laut der Europäischen Behörde für
Lebensmittelsicherheit trinken selbst unter
Zehnjährige regelmäßig Energydrinks,
rund zwölf Prozent aller konsumierenden
Jugendlichen im Monat durchschnittlich
sieben Liter. In Tschechien trinken 40 Pro-
zent der Kinder zwischen drei und zehn
Jahren bereits Energydrinks. Ein Liter ent-
hält etwa so viel Koffein wie vier Tassen
starker Kaffee. Die Kinderkardiologen
hoffen, bei Andriukaitis Gehör zu finden:
In seiner Amtszeit als Gesundheitsminister
von Litauen hat er dort den Verkauf der
Getränke an Minderjährige verboten. In
Deutschland müssen die Produkte seit
vergangenem Dezember infolge einer EU-
Regelung nur mit einem Hinweis versehen
werden, dass sie unter anderem für Kinder
nicht geeignet sind.
Weiteren Handlungsbedarf sieht die Bun-
desregierung derzeit offenbar nicht, wie aus
einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der
Grünen von Anfang März hervorgeht: Ener-
gydrinks hätten „so gut wie keine statisti-
sche Bedeutung für die tägliche Koffeinauf-
nahme“ von Kindern und Jugendlichen. Al-
lein in Deutschland wurden 2014 rund 290
Millionen Liter Energydrinks verkauft. win
Verfassungsschutz beobachtet
werden. Und es kann nicht
infrage stehen, dass das Pro-
gramm der Partei zuzurech-
nen ist – unabhängig davon,
wer daran im Einzelnen mit-
geschrieben hat.
SPIEGEL: Und wenn es so wäre?
NPD-Demonstration
Möllers: Selbst wenn ein
V-Mann am NPD-Programm
mitgewirkt hätte, würde das
damit nicht zu einem Pro-
dukt des Verfassungsschut-
zes, da andere dieses Pro-
gramm ja angenommen, es
sich also zu eigen gemacht
haben. Zudem ist das Pro-
gramm im Vergleich zu ande-
ren Aussagen aus der Partei
ziemlich weichgespült. Dass
wir damit das Verfahren
kaputt machen könnten, sehe
ich nicht.
SPIEGEL: Die Fragen der Ver-
fassungsrichter müssen Sie
bis zum 15. Mai beantworten.
Reicht die Zeit?
Möllers: Das ist schon ein
steiles Timing. Aber wir
werden uns bereits kommen-
de Woche mit den Verfas-
sungsschützern und Vertre-
tern der Innenbehörden zu-
sammensetzen. Wir schaffen
das.
SPIEGEL: Und wenn Sie am
Ende doch gezwungen wären,
V-Leute zu verraten, um das
Verfahren zu retten?
Möllers: Das wäre eine politi-
sche Entscheidung, keine der
Prozessvertreter. Unsere Auf-
gabe ist es, durch einen guten
Aktenvortrag dafür zu sor-
gen, dass sich diese Frage gar
nicht stellt. hip
FOTOS: FRISO GENTSCH / PICTURE ALLIANCE / DPA (O. L.); ULLSTEIN BILD (O. R.); MARTIN MEISSNER / AP (U.)
 

Deutschland

 

Parteien

„klare Änderungen in der Prioritätensetzung bei der grünen Wirtschaftspolitik“. Man könne nicht mit ein paar Rußfiltern mehr in den Schornsteinen oder ein paar Elektroautos auf den Straßen zufrieden sein, man müsse die Wirtschaft um- bauen. Die Partei müsse „wieder den Mut haben, vorerst unpopuläre Vorschlä- ge zu unterbreiten“, und den Energiekonzernen und umweltverschmutzenden Unternehmen „den Kampf ansagen“. bs

Jakob Augstein Im Zweifel links

Grüne Jugend

Kämpft doch!

 

begehrt auf

Die Jugendorganisation der Grünen wehrt sich gegen den Kurs der Partei. „Plau- schen mit der Wirtschaft – wie es bei manchen Grünen üblich ist – rettet das Klima nicht“, heißt es in einem Schreiben, das die Sprecherin der Grünen Jugend Theresa Kalmer und der Sprecher der Europäischen Grünen Jugend Michael Bloss verfasst haben. Darin fordern sie

Viele Sozialdemokraten haben einen heimlichen Wunsch: Mitglied der CDU zu sein. Es nervt auf Dauer

Viele Sozialdemokraten haben einen heimlichen Wunsch: Mitglied der CDU zu sein. Es nervt auf Dauer unheimlich, zu wissen, wie es geht, und dennoch nicht gewählt zu werden. Sigmar Gabriel sagt zwar: „Wir füh- ren dieses Land. Alle ent- scheidenden Projekte dieser Regierung stammen von uns.“ Das stimmt und gilt mehr noch für die Großstädte und die Länder, in denen die SPD Macht ausübt. Doch in Berlin, sagt Gabriel, könne es „sehr lange dauern, bis wir wieder den Kanzler stellen“. Zwei Jahre im Voraus gibt der SPD-Chef und wahr- scheinliche Kanzlerkandidat die Wahl verloren. Nicht sehr geschickt. Warum nur haben SPD-Kandidaten so oft zwei linke Hände anstatt einer glücklichen für linke Politik? Nun will Gabriel, so hört man, die SPD in die „Mitte“ führen, an jenen Nicht-Ort der Politik, an dem alle Kon- turen verschwimmen. Wenn das wahr ist, muss man in Abwandlung eines alten Achternbusch-Titels sagen: Die SPD hat keine Chance – aber sie nutzt sie auch nicht. Gabriel hat ja schon im letzten Wahlkampf eine sonder- bare These vertreten: „Es geht nicht darum, gegen andere zu kämpfen, sondern für ein besseres Deutschland.“ Das war zwar ganz lieb vom Sigmar, bestätigte aber die alte Schulweisheit, dass gute Jungs auf die Ersatzbank kommen, böse Mädchen aber ins Kanzleramt. Woran ist die SPD gescheitert? Nicht an ihren Themen, sondern an ihrem Kandidaten. Die Schwächen der Kanz- lerin sollten die Stärken der SPD sein. Das deutsche Steuersystem ist immer noch widersinnig und ungerecht. Die Mehrzahl der Deutschen gehört nicht zu den Couponschneidern, die davon profitieren, dass Ka- pitalerträge viel niedriger besteuert werden als Einkom- men aus Arbeit. Die SPD sollte sich zum Ankläger einer zunehmenden Ungleichheit und Ungerechtigkeit machen, anstatt ins bürgerliche Uns-ging-es-nie-so-gut-wie-jetzt- Lied einzustimmen. Noch einfacher lässt sich die Kanzlerin in der Europa- politik treffen. Sie spaltet die EU und schadet dem An- sehen, das sich Deutschland in Jahrzehnten erarbeitet hat. Und gegenüber den USA ist Angela Merkel von einer schwer auszuhaltenden Nachgiebigkeit, erklärbar viel- leicht aus ihrer ostdeutschen Herkunft. Martin Schulz, So- zialdemokrat und Präsident des Europäischen Parlaments, hat vor Kurzem ausgesprochen, was vermutlich die Mehr- zahl der Deutschen denkt: dass die Politik der USA die Europäer geradezu zwinge, „eigene politische Wege anzu- denken“. Sich aus amerikanischer Abhängigkeit zu lösen, die in Deutschland viel mehr Menschen ein Dorn im Auge ist, als Politik und Medien zugeben wollen, wäre ein großes sozialdemokratisches Projekt. Immer wird vergessen: Das Ergebnis der letzten Bun- destagswahl war eine Mehrheit links der Mitte. Noch war sie zu klein und politisch zu instabil. Das zu ändern ist Gabriels eigentliche Aufgabe.

 
 

Ukraine

an Reformplänen, sondern an deren Umsetzung“, sagte Steinbrück, der mit weiteren prominenten Ex-Politikern als „Senior Adviser“ bei der von einem ukrainischen Oli- garchen initiierten Agentur tätig sein soll. Zunächst war vorgesehen, binnen 200 Ta- gen ein umfassendes Pro- gramm für wirtschaftliche und politische Reformen des Landes zu erarbeiten. Stein- brück plant für kommende Woche einen Besuch in Kiew. Dabei will er auch klären, ob die Organisation tatsächlich auf die Unterstützung der ukrainischen Regierung zäh- len kann. „Die Arbeit der Agentur bedarf des Rückhalts der gewählten Führung und der politischen Kräfte, die sich für eine demokratische und moderne Ukraine ein- setzen“, so Steinbrück. nik

Steinbrück über- denkt Engagement

Ex-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (SPD) hält die Pläne der „Agentur für die Modernisierung der Ukraine“ für noch nicht ausgegoren. Sein weiteres Engagement will er offenbar von Korrek- turen abhängig machen. „An- ders als ursprünglich gedacht, hat die Ukraine kein Defizit

als ursprünglich gedacht, hat die Ukraine kein Defizit FOTO: WERNER SCHÜRING / DER SPIEGEL; ILLUSTRATION: PETRA

FOTO: WERNER SCHÜRING / DER SPIEGEL; ILLUSTRATION: PETRA DUFKOVA / DIE ILLUSTRATOREN / DER SPIEGEL

 
 

Euro-Gruppe

gierungen wollen de Guindos verhindern, sie sehen zudem den parteipolitischen Proporz bei der Besetzung der wich- tigsten europäischen Posten in Gefahr. Da demnächst auch der sozialdemokratische EU- Parlamentspräsident Martin Schulz turnusgemäß einem Konservativen Platz macht, wären dann – de Guindos ein- geschlossen – vier von fünf Chefposten mit Politikern der Europäischen Volkspartei be- setzt. Am wahrscheinlichsten sei daher, heißt es in Brüssel, dass Dijsselbloem als Chef der Euro-Gruppe eine zweite Amtszeit bekomme. csc

Dijsselbloem vor zweiter Amtszeit

Der Favorit von Bundeskanz- lerin Angela Merkel für den Chefposten der Euro-Gruppe, Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos, hat kaum noch Chancen, im Herbst Nachfolger des Niederländers Jeroen Dijsselbloem zu wer- den. In vielen Hauptstädten verliert de Guindos an Rück- halt, weil er sich bei den Treffen der Eurominister als haushaltspolitischer Hardliner positioniert hat. Vor allem so- zialdemokratisch geführte Re-

An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein und Jan Fleischhauer im Wechsel.

FOTO: HERMANN J. KNIPPERTZ / DAPD

Deutschland

Katastrophen

Neues Gutachten für Love-Parade-Prozess

Seit Monaten warten die An- gehörigen der Love-Parade- Opfer darauf, dass die An- klage zugelassen wird – jetzt könnte sich die Prüfung des Landgerichts Duisburg noch weiter hinauszögern. Die Richter warten nämlich nicht nur auf die Beantwortung von rund 75 Nachfragen, die sie kürzlich dem englischen Hauptgutachter Keith Still zu seiner umstrittenen Expertise gestellt haben. Nun liegt ein weiteres, 139-seitiges Gutach- ten vor, das die Anklage er- schüttern könnte. Eingereicht hat es der Wuppertaler Straf-

rechtler Michael Kaps, der einen Bauamtmitarbeiter der Duisburger Stadtverwaltung vertritt. Gleichzeitig mit der Vorlage des Gutachtens bean- tragt er, das Hauptverfahren gegen seinen Mandanten gar nicht erst zu eröffnen. Die Expertise selbst stammt von Bernd Schulte, bis zu seiner Pensionierung Vorsitzender Richter am Oberverwaltungs- gericht Nordrhein-Westfalen und Mitverfasser mehrerer Fachbücher zum Bauverwal- tungsrecht, aus denen die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage pikanterweise selbst zitiert. Verteidiger Kaps zieht aus dem Schulte-Gutachten den Schluss, dass Mitarbeiter des Bauamts schon deshalb

Fliehende Love-Parade- Besucher 2010
Fliehende Love-Parade-
Besucher 2010

nicht auf die Anklagebank ge- hörten, weil die Straßen und vor allem die Rampe, auf der es zu einem Gedränge mit 21 Toten kam, nicht zum Fest- gelände gehört hätten. Die Nutzungsänderung, die das Bauamt für die Love Parade

genehmigt hatte, gelte, so Gutachter Schulte, nicht für die Unglücksstelle, sondern allein für das Festgelände am Kopf der Rampe. Eine Ver- antwortung der Mitarbeiter für die Todesfälle scheidet damit nach Auffassung von Kaps aus. Gleichzeitig weist Schulte der Polizei offenbar eine größere Rolle zu als die Staatsanwaltschaft. Während die Strafverfolger davon aus- gehen, dass mit Beginn der Veranstaltung das Unglück nicht mehr aufzuhalten gewe- sen sei, sieht Schulte durch- aus eine Verantwortung der Polizei. Diese sei „bei Auftre- ten konkreter Gefahren (…) zuständig“ gewesen, heißt es im Gutachten. amp, srö

ANGELA

MERKEL

es im Gutachten. a m p , s r ö ANGELA MERKEL JOACHIM GAUCK FRANK- WOLFGANG

JOACHIM

GAUCK

a m p , s r ö ANGELA MERKEL JOACHIM GAUCK FRANK- WOLFGANG WALTER SCHÄUBLE STEINMEIER

FRANK-

WOLFGANG

WALTER

SCHÄUBLE

STEINMEIER

GAUCK FRANK- WOLFGANG WALTER SCHÄUBLE STEINMEIER URSULA VON DER LEYEN HANNELORE KRAFT SIGMAR GABRIEL THOMAS

URSULA

VON DER

LEYEN

HANNELORE

KRAFT

SIGMAR

GABRIEL

THOMAS DE MAIZIÈRE HORST SEEHOFER GREGOR 77 72 70 70 +5 –4 59 57 54
THOMAS
DE MAIZIÈRE
HORST
SEEHOFER
GREGOR
77
72
70
70
+5
–4
59
57
54
+5
+6
49
TNS Forschung nannte die Namen von Politikern.
BELIEBTHEIT Anteil der Befragten,
die angaben, dass der genannte Politiker
künftig „eine wichtige Rolle“ spielen solle
Veränderungen zur letzten Umfrage
im Januar, in
Prozentpunkten
Im Januar nicht auf der Liste
Angaben
in Prozent; Veränderungen von bis zu drei Prozentpunkten
liegen im Zufallsbereich, sie werden deshalb nicht ausgewiesen.
TNS Forschung für den SPIEGEL vom 23. bis 25. März;
1016 Befragte ab 18 Jahren
„Dieser Politiker ist mir unbekannt.“
4
13
9
5
34
21
GYSI WINFRIED KRETSCH- PETER MANN ALTMAIER ANDREA NAHLES 43 42 35 33 32 19
GYSI
WINFRIED
KRETSCH-
PETER
MANN
ALTMAIER
ANDREA
NAHLES
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42
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19
AfD Kriminalität Stiftung mit Finanzproblemen „Wahlalternative 2013“ und dem „Bündnis Bürgerwille“.
AfD
Kriminalität
Stiftung mit
Finanzproblemen
„Wahlalternative 2013“ und
dem „Bündnis Bürgerwille“.
„Diese Vereine haben durch
Koalition
der Unwilligen
Die geplante Stiftung der
Anti-Euro-Partei Alternative
für Deutschland (AfD) steht
finanziell auf wackeliger
Basis: Nach Angaben aus
Parteikreisen stehen für die
Startphase der Desiderius-
Erasmus-Stiftung maximal
35000 Euro zur Verfügung.
Auch diese kleine Summe ist
aber nicht gesichert,
denn die Partei kann
das Kapital nicht
selbst aufbringen, son-
dern will es aus den
Kassen von zwei Vor-
gänger-Vereinen der
AfD bestreiten: der
Polizist am Tatort
Adam
die Gründung der AfD ihren
Daseinszweck verloren“, er-
klärt der geplante Stiftungs-
vorsitzende und AfD-Bundes-
sprecher Konrad Adam. Aller-
dings weigert sich die Wahl-
alternative 2013, die 15000
Euro aus ihrer Vereinskasse
abzugeben. „Es handelt sich
um Spenden von Bürgern,
die sich gegen die Euroret-
tung engagiert haben“,
sagt ihr Geschäftsfüh-
rer Norbert Stenzel.
„Wir können sie kei-
ner Stiftung übertra-
gen, ohne die Zustim-
mung der Mitglieder
einzuholen.“ ama
Klare Kante kommt an
Im Streit mit Griechenland hat Bundesfinanzminister
Wolfgang Schäuble klar Position bezogen. Das honorieren
die Wähler offenbar: Auf der Politikertreppe liegt Schäuble
jetzt nur noch knapp hinter Bundespräsident Joachim
Gauck. Angela Merkel verteidigt souverän die Spitze.
Bundesbehörden sollen nach
dem Willen von Innenminis-
ter Thomas de Maizière
(CDU) künftig Kriminalitäts-
formen bekämpfen, durch
die viele Deutsche zu Opfern
werden: Einbruch, Trick-
betrug und Diebstahl. „Das
Beispiel Wohnungseinbruch
zeigt, dass unser traditionel-
les Verständnis von organi-
sierter Kriminalität an seine
Grenzen stößt“, sagt de Mai-
zière. Anders als früher steck-
ten heute oft straff organisier-
te Banden aus dem Ausland
dahinter. Im föderalen
Deutschland sind aber für die
Bekämpfung solcher Delikte
bislang die Länder zuständig.
Das gilt sowohl für die Poli-
zei als auch für die Staatsan-
waltschaft. Beide Institutio-
nen sind vielerorts allerdings
überlastet, in manchen Groß-
städten liegt die Aufklärungs-
quote bei Wohnungseinbrü-
chen unter zehn Prozent.
Dennoch stößt der Bundes-
innenminister mit seinem
Vorschlag auf breiten Wider-
stand. „Es sind gerade die
großen Länder, die eher we-
niger Kooperationsbereit-
schaft zeigen“, sagt de Mai-
zière. „Jeder fragt erst ein-
mal, ob er zuständig ist, und
nicht, wie er das Problem lö-
sen kann“, klagt der Minister.
Selbst im Bundeskabinett
kann sich de Maizière nicht
durchsetzen. Seinen Vor-
schlag, dem Generalbundes-
anwalt die Zuständigkeit für
grenzüberschreitende organi-
sierte Kriminalität zu übertra-
gen, blockt das Bundesjustiz-
ministerium ab. Ausnahmen
könne es nach einer Entschei-
dung des Bundesgerichtshofs
nur bei Straftaten geben,
„die das staatliche Gefüge in
länderübergreifender Weise
betreffen und ihre Ahndung
durch die Landesjustiz der
Bedeutung des Angriffs nicht
gerecht würde“. Organisierte
Kriminalität gehöre nicht
dazu. aul
MANUELA
NS-Entschädigung
SCHWESIG
ALEXANDER
SAHRA
DOBRINDT
WAGEN-
KATRIN
Schlechtes
KNECHT
GÖRING-
BODO
Gedächtnis
ECKARDT
RAMELOW
HEIKO
MAAS
HERMANN
GRÖHE
30
27
26
+6
24
23
+5
21
17
+4
37
21
18
32
27
47
46
SPD und Grüne setzen auf
die Vergesslichkeit der Öf-
fentlichkeit: Gesine Schwan,
Vorsitzende der SPD-Grund-
wertekommission, hat kürz-
lich eine Stiftung zur Ent-
schädigung von NS-Opfern in
Griechenland vorgeschlagen,
führende Grünen-Politiker
stimmten sofort zu – dabei
hatten SPD und Grüne vor
15 Jahren ein solches Projekt
verhindert. Die Idee stammte
von der SPD-Linken Sigrid
Skarpelis-Sperk und der da-
maligen Justizministerin Her-
ta Däubler-Gmelin. Sie woll-
ten griechische NS-Opfer aus
einem „deutsch-griechischen
Zukunftsfonds“ entschädigen.
Zwar hatte die Bundesrepu-
blik bereits nach 1960 zu
diesem Zweck 115 Millionen
D-Mark an Athen überwie-
sen, doch der Betrag war bei
Weitem nicht ausreichend.
Manche Opfer gingen leer
aus, andere erhielten weniger
als 20 Mark. Dennoch lehn-
ten das Auswärtige Amt von
Joschka Fischer (Grüne) und
das Kanzleramt von Gerhard
Schröder (SPD) den Vor-
schlag ab. Kurioserweise gibt
es bereits seit vergangenem
September einen „deutsch-
griechischen Zukunftsfonds“,
den das Auswärtige Amt
finanziert. Er soll allerdings
nur „wissenschaftliche und
gesellschaftliche Aktivitäten
zur historischen Aufarbeitung
der Weltkriegsereignisse för-
dern“. Für die letzten Über-
lebenden ist kein Geld vorge-
sehen. klw, wow
FOTOS: INGO WAGNER / DPA (L.); JOCHEN TACK / DAS FOTOARCHIV (R.)

Der Amokflug

Flug 4U9525 Der Mann, der 149 Menschen mit sich in den Tod riss, tötete mit den Mitteln der Attentäter des 11. September 2001. Er hatte offenkundig kein Programm und keine Botschaft – was seine Tat schier unerträglich macht.

FOTOS: LAURENT CIPRIANI / AP / DPA (L.); MICHAEL MÜLLER / FOTO-TEAM-MUELLER (O.)

Hubschrauber nahe der Absturzstelle bei Seyne-les-Alpes

Titel

nahe der Absturzstelle bei Seyne-les-Alpes Titel Pilot Lubitz beim Lufthansa-Halbmarathon 2010 D ie
Pilot Lubitz beim Lufthansa-Halbmarathon 2010

Pilot Lubitz beim

Pilot Lubitz beim Lufthansa-Halbmarathon 2010
Lufthansa-Halbmarathon 2010
Lufthansa-Halbmarathon 2010

Lufthansa-Halbmarathon 2010

D ie drängende Frage in den Tagen danach war zunächst nicht das „Warum?“, das in Haltern am See

auf einem gemalten Schild inmitten vieler Kerzen stand. Die drängende Frage hieß ganz am Anfang, als es gerade passiert war, ob die Passagiere des Germanwings- Fluges 4U9525 leiden mussten in den letzten Augenblicken ihres Lebens. Ob sie ahnen konnten oder schon wussten, volle acht Minuten lang, dass dieser Sinkflug über den Alpen keine gewöhnliche Kurs- korrektur war, sondern zum Plan eines Massenmords gehörte, der an ihnen allen gerade verübt wurde. Ob geweint wurde, geschrien, gebetet. Ob Panik herrschte an Bord. Am Donnerstag wurden die trauri- gen Antworten auf diese Fragen zur Ge- wissheit. Und die Frage nach dem Warum kehrte in alle Köpfe zurück. Der ermittelnde Staatsanwalt in Mar- seille sprach es als Erster aus: Es war kein Unfall, es war eine Tat. Der Lufthansa- Chef schloss sich dem an. Am Ende auch

die deutsche Bundesregierung. Warum bringt einer auf einen Schlag 149 Menschen und sich selbst ums Leben? Warum konnte einer Pilot werden, mit so viel Verantwortung, der den Keim solchen Wahnsinns in sich trug? Warum wurde Andreas Lubitz aus Montabaur, ein junger Pilot bei Germanwings, 27 Jahre alt, erst seit anderthalb Jahren im Dienst der Air- line, offenkundig zu einem der kältesten, entsetzlichsten Amokläufer, die die Welt gesehen hat? Es klingt zynisch zu sagen, dass ein technischer Unfall auf lange Sicht leichter zu verarbeiten gewesen wäre; und doch stimmt es. Die Suche nach handfesten Ur- sachen, nach Materialfehlern, Haarrissen, die Analyse von Trümmerteilen und War- tungsplänen, die juristische und journalis- tische Jagd nach Verantwortlichen hätte der Trauer wenigstens rationale Anker ge- geben. Der Trubel der Aufklärungsarbeit

Titel

hätte als Geländer gedient, an dem entlang sich die Hinterbliebenen der Toten und die mitfühlende
hätte als Geländer gedient, an dem entlang
sich die Hinterbliebenen der Toten und
die mitfühlende Gesellschaft nach und
nach hätten weiterbewegen können, fort
von der Katastrophe. Aber so?
Andreas Lubitz hat offenkundig eine
Tragödie angerichtet, deren letzte Ursache
sehr wahrscheinlich im Dunkeln bleiben
wird. Der verrückte Pilot, der Hüter, der
zum Täter wird, hat, wie es bis Donners-
tagabend aussah, keine offenen Spuren
hinterlassen, die in die Welt seiner Gedan-
ken führen. Er scheint ein Mann ohne
Agenda zu sein, ohne Motiv, ohne Pro-
gramm. Am Donnerstag durchsuchten
Polizisten stundenlang seine Wohnung und
fanden Hinweise auf eine psychische Er-
krankung, welche genau, blieb zunächst
unklar.
Lubitz nutzte die Mittel der Attentäter
des 11. September 2001, aber anders als sie
hatte er offenbar keine Botschaft. Er ähnelt
noch mehr dem norwegischen Irren An-
ders Breivik, aber anders als dieser hat er,
soweit bislang bekannt, keine wirren Pam-
phlete hinterlassen. Er tötete, per Knopf-
druck, vielleicht nur, weil er es in seiner
Position und in diesen Minuten nach 10.30
Uhr am Dienstag, dem 24. März 2015, im
Luftraum über Frankreich einfach konnte;
ein größenwahnsinniger Narzisst und
Nihilist.
Er ist der Kopilot des Airbus A320
mit dem Kennzeichen D-AIPX, der
seine Reise von Barcelona nach Düssel-
dorf am Dienstag um 10 Uhr beginnt. An
Bord sind Andreas Lubitz, neben ihm Ka-
pitän Patrick Sondenheimer, 34 Jahre alt,
in der Kabine 144 Passagiere und 4 Flug-
begleiter. Die Maschine schwenkt kurz
nach dem Start nordöstlich ein auf die
angemeldete Flugroute und steigt über
dem Mittelmeer auf die Reiseflughöhe von
11500 Metern.
Es ist ein Routineflug, wie ihn die Flotte
des Lufthansa-Konzerns 2000-mal am Tag
absolviert, unfallfrei seit 22 Jahren. Aber
um genau 10.31 Uhr beginnt das Flugzeug
gen Boden zu sinken, mit einer gleichmä-
ßigen Rate von 1000 Metern in der Minute,
als setzte sie zu einer geordneten Landung
an. Doch unter ihr ist weit und breit keine
Landebahn. Unter ihr liegen die Alpen.
Die französische Flugüberwachung ist
sofort alarmiert. Nichts stimmt mehr mit
der Höhe von 4U9525, die die Lotsen auf
ihren Bildschirmen verfolgen. Sie funken
alle Flugzeuge ständig auf Empfang ge-
schaltet haben müssen. Nichts.
Um 10.36 Uhr versuchen es die Lotsen
zum letzten Mal. Wieder vergebens, und
es beginnt eine andere Routine: die der
Notfallpläne. Am Stützpunkt in Orange
steigt ein Mirage-Kampfjäger auf, um das
deutsche Flugzeug auf Abwegen zu su-
chen, und die Zivilschutzverbände am Bo-
den werden in Alarmbereitschaft versetzt.
Um 10 Uhr und 40 Minuten verschwindet
der Airbus von den Radarschirmen.
150 Menschen sind tot, die Nachricht
verbreitet sich um die Welt, die Routine
der Aufarbeitung beginnt, in Frankreich,
Spanien, Deutschland rücken die Reporter
BEGINN DES
LETZTER FUNKKONTAKT
2
SINKFLUGS,
3
MIT DEN PILOTEN
DIE PILOTEN
ANTWORTEN
11460 m
NICHT
11580 m
880 km/h
MEHR
828 km/h
die Crew über die normale Sprach-
frequenz an, aber bleiben ohne Ant-
wort. Sie versuchen es über die Not-
frequenz von 121,5 Megahertz, die
4
NOTRUF DER FLUG-
ÜBERWACHUNG
7350 m
904 km/h
5
LETZTER
KONTAKT-
VERSUCH
S
Flughöhe
Fluggeschwindigkeit
N
Saint-Tropez
3470 m
772 km/h
ABBRUCH DES
ABBRUCH DES
RADARKONTAKTS
RADARKONTAKTS
6
Digne-les-BainsDigne-les-Bains
Düsseldorf
Deutsch-
land
9
Einsatzzentrum in
8
Seyne-les-Alpes
Frankreich
Blickrichtung
Spanien
Barcelona
GOOGLE EARTH / DIGITAL GLOBE
aus, bald werden hingeschluderte ARD- „Brennpunkte“ gesendet, kühne Titel- seiten konzipiert, und zunächst weiß
aus, bald werden hingeschluderte ARD-
„Brennpunkte“ gesendet, kühne Titel-
seiten konzipiert, und zunächst weiß nie-
mand, was Andreas Lubitz wusste in
seinen letzten Lebensminuten und wofür
es 149 Zeugen gab, die alle sterben muss-
ten: dass es kein Unfall war, sondern eine
Tat.
Fachleuten kommt dieser unheimliche
Verdacht schnell, dafür genügt ihnen die
Analyse des Flugverlaufs. Wäre wirklich
über einen kontrollierten Sinkflug zu re-
den, etwa als Reaktion auf einen Druck-
verlust in der Maschine, hätten die Piloten
eine andere, sichere Höhe vorgewählt.
Solange die Hypothesen auf den Ver-
dacht eines technischen Versagens zielen,
spekulieren die Experten darüber, dass die
Piloten ohnmächtig geworden sein könn-
ten oder dass sie ihr Flugzeug nicht mehr
rechtzeitig hätten abfangen können. Dass
ein Pilot bewusst auf Kollisionskurs gehen
wollte, blieb das Undenkbare.
Das ändert sich in der Nacht von Mitt-
woch auf Donnerstag. Die „New York
Times“ berichtet zuerst über Erkenntnisse
der Unfallermittler, die die Aufzeichnun-
gen aus dem Cockpit analysiert haben. Es
ist zu hören, berichtet die US-Zeitung, dass
der Kapitän die Kanzel verlässt und weni-
ge Minuten später offensichtlich wieder
vor der verschlossenen Tür steht. Ein Klop-
fen an der Tür ist zu hören, die Stimme
des Kapitäns, der Kollege möge ihm die
Tür öffnen. Lauter, immer lauter klopft
der Kapitän an die Tür, am Ende wirkt es,
als wolle er die Tür eintreten.
Drinnen im Cockpit ist es nicht still, je-
denfalls nicht völlig. Auf den Mitschnitten
ist ruhiges Atmen zu hören, das Ein- und
Ausatmen von Andreas Lubitz, der sich
zum Herrn über Leben und Tod macht.
Und weil der Lärm vor der Tür immer
lauter wird, weil die Versuche, mit aller
daran bestehen, dass alle Passagiere sahen
und hörten, was vorging. Und dass sie je-
denfalls zuletzt einen Begriff davon hatten,
dass ihre Lage aussichtslos war.
Wer verstehen will, warum Andreas Lu-
bitz nicht zu stoppen war, muss den Tür-
mechanismus verstehen, wie er in allen
Verkehrsflugzeugen seit den Anschlägen
des 11. September 2001 Vorschrift ist. Der
Mechanismus, der die Piloten vor Angrif-
fen schützen soll, wurde diesmal zur Falle
für die Passagiere, die ihrem Piloten aus-
geliefert waren.
Hinein ins Cockpit gelangt die Crew im
Normalfall durch Eintippen eines Codes,
den Piloten und Stewardessen kennen. Um
zu verhindern, dass Entführer ein Mitglied
des Kabinenpersonals als Geisel nehmen
und die Geisel dann zwingen, den Code
zu drücken, muss der im Cockpit verblie-
bene Pilot einen Kippschalter auf der Mit-
telkonsole bedienen. Schalter nach vorn
bedeutet: Tür springt auf. Schalter nach
Gewalt ins Cockpit zu kommen, so deutlich
hörbar sind, kann wohl kaum ein Zweifel
hinten: Tür bleibt dicht.
Für den Fall, dass in der Abwesenheit
des einen Piloten der andere bewusstlos
9140 m
874 km/h
wird oder aus anderen Gründen nicht
mehr reagiert, gibt es einen Notfall-Code.
Wird er draußen eingegeben, springt die
Tür nach 30 Sekunden auf – es sei denn,
START
1
Barcelona
SPANIEN
S
Mittelmeer
Perpignan
Marseille
Tower der Flugüber-
wachung in Marseille
FRANKREICH
N
7
Montpellier
Montpellier
1 2 3
1
2
3

Geplanter Absturz

10:00 Uhr Start von Germanwings- Flug 4U 9525 in Barcelona. An Bord sind 144 Passagiere und 6 Besatzungsmitglieder.

10:30 „Germanwings Eins Acht Golf“ (das Funkrufzeichen von Flug 4U 9525) bestätigt die letzte von der französischen Flugsicherung (DSNA) erhaltene Anweisung. Etwa zu diesem Zeitpunkt verlässt der Pilot das Cockpit, der Kopilot ist nun allein am Steuer.

10:31 Die Maschine verlässt nach einer Kurskorrektur nach Nordosten ohne Freigabe der Flugsicherung ih- re Reiseflughöhe und beginnt einen Sinkflug. Das Bodenradar meldet eine Sinkrate von knapp 18 Metern

Das Bodenradar meldet eine Sinkrate von knapp 18 Metern Avignon Avignon Die letzten Minuten von Germanwings-Flug

Avignon

Avignon

Die letzten Minuten von Germanwings-Flug 4U 9525*

pro Sekunde. Versuche der DSNA, auf der Arbeitsfrequenz eine Funk- verbindung herzustellen, werden durch Germanwings 4U 9525 nicht beantwortet. Etwa zu diesem Zeit-

punkt scheint der Pilot ins Cockpit zurückkehren zu wollen. Auf dem Stimmenrekorder sind Klopfge- räusche an der Tür zu hören, der Kopilot antwortet nicht und ver- hindert möglicherweise den Zutritt.

4
4

10:35 Sämtliche Versuche der DSNA, auf der internationalen Notfrequenz

Funkkontakt herzustellen, werden ebenfalls nicht beantwortet. Es wird die international normierte „Notstufe“ (DETRESFA: Distress Phase) erklärt und die nationale Leitstelle des französischen Such- und Rettungs-

dienstes informiert. Zu die- ser Zeit durchfliegt German- wings 4U 9525 die Höhe von etwa 7600 Metern.

10:36 Letzter Versuch, die Maschine auf der inter- nationalen Notfrequenz zu erreichen – ohne Erfolg.

10:40 Das Radarziel des Airbus A320 verschwindet

vom Bildschirm. Die letzte angezeigte Flughöhe betrug rund 1890 Meter. Auf dem Stimmenrekorder hört man bis zum Schluss normale Atemgeräusche des Kopiloten.

7
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10:42 Die DSNA informiert die nationale Leitstelle des franzö- sischen Such- und Rettungs- dienstes über den Verlust des Radarziels.

8
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10:49 Zwei militärische Hub-

schrauber starten und begeben sich in Richtung der letzten Position des Radarziels von Germanwings 4U 9525. Signale des selbstständigen Notsenders

in dem vermissten Airbus (Emergency Locator Transmitter) werden nicht gemeldet.

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11:10 Das Wrack des Airbus A320 wird durch die Hubschrauber identifiziert.

* Rekonstruierter Flugverlauf; Quellen: flightaware.com, DSNA

FOTO: ROBERT PRATTA / REUTERS

FOTO: ROBERT PRATTA / REUTERS Gedenkzeremonie für die Opfer im Bergdorf Le Vernet der Kollege im

Gedenkzeremonie für die Opfer im Bergdorf Le Vernet

der Kollege im Innern der Flugkanzel zieht den Kippschalter und verhindert so das Öffnen der Tür. Dass es am Dienstag im Himmel über Frankreich genauso war, da- von zeigten sich am Donnerstag die fran- zösischen Ermittler überzeugt. Sie nennen keine Namen, aber es ist klar: Sie reden über Andreas Lubitz. Den Mann im Cock- pit, der 149 Menschen mit in seinen Selbst- mord nimmt. Um 10.30 Uhr und 55 Sekunden pro- grammiert Lubitz den Autopiloten um. Den eingegebenen Kurs behält er bei – nicht aber die Flughöhe: Er wechselt von 38000 Fuß auf 96 Fuß. Knapp 30 Meter. Rasch sinkt die Maschine mit 1000 Me- tern pro Minute. Lubitz sitzt in seinem Stuhl rechts und ignoriert das Hämmern an der Tür, die Rufe seines Kapitäns, die Flugsicherung, die ihn anfunkt, weil er die Flughöhe eigenmächtig verlassen hat. Er ignoriert die Signale der Maschine, er ignoriert die Computerstimme, die ertönt, weil er dem Boden viel zu nahe kommt:

„Pull up! Pull up!“ Er atmet normal. Ansonsten tut er nichts. Er spricht kein Wort. Vielleicht hat er zum Fenster hinausgeschaut, wie die Al- pen näher kommen, näher und näher, auf dem Voice-Recorder sind jetzt, ganz am Ende, Schreie von draußen, aus der Kabine zu hören. Lubitz kommt aus einem biederen Ein- familienhaus am Stadtrand von Montabaur. Als am Donnerstagmorgen die Berichte über den Streit an der Cockpit-Tür bekannt

werden, schließt ein mittelgroßer Mann mit schütterem Haupthaar noch schnell die Tür der Gartenhütte ab, bevor er ins Haus flüchtet. Gleich darauf sagt er über die Sprechanlage des Hauses nur zwei kur- ze Sätze: „Wir sind unendlich betroffen“ und: Er bitte um Verständnis darum, dass er ansonsten keinen Kommentar abgeben könne. Der Sohn Andreas Lubitz war 14, als er mit dem Fliegen anfing. An fast jedem Wochenende im Sommer fuhr er auf eine nahe gelegene Hügelkuppe, wo die Rasen- piste des Segelflugvereins LSC Westerwald angelegt war. Dort startete er zunächst im Zweisitzer mit Fluglehrer, bald auch allein. „Er liebte das Fliegen“, sagt Klaus Radke, 66, der Vereinsvorsitzende. Häufig ließ sich Andi, wie sie ihn im Ver- ein nannten, acht- oder zehnmal am Tag von einer Seilwinde in die Lüfte ziehen, um über den sanften Hügeln des waldrei- chen Mittelgebirges im nördlichen Rhein- land-Pfalz zu kreisen. Nach etwa zwei Jah- ren hatte er seinen Segelflugschein bestan- den. Schon damals, sagt Radke, habe der Andi unbedingt Berufspilot werden wollen. Lubitz schaffte es, so wie einige andere auch, die mit ihm zusammen als Jugend- liche im Klub das Fliegen gelernt hatten. Es sei eine Gruppe von zehn, zwölf flug- begeisterten jungen Leuten gewesen, Jun- gen und Mädchen, die sich regelmäßig auf dem Vereinsflugplatz getroffen hätten. „Die haben auch zusammen gefeiert, ge- grillt, und die haben zusammen fürs Abi gelernt, während sie auf den nächsten Start

gewartet haben“, sagt Peter Rücker, der sich im Verein um die Technik kümmert. „Der Andi war ein liebenswerter Kerl, wir haben viel gelacht“, sagt Rücker. 2007 macht Lubitz in Montabaur Abitur, und bald darauf schafft er es, seinen Be- rufstraum wahr zu machen: Er wird an der Flugschule der Lufthansa in Bremen ange- nommen, im Verein feiern sie das Ereignis. Später erzählt er seinen Freunden, dass er einen Job als Kopilot bei Germanwings an- geboten bekommen habe, leider nicht bei der renommierteren Hauptmarke Lufthan- sa, die ihren jungen Piloten bessere Bedin- gungen bietet. Der Vereinsvorsitzende Radke sagt, Lu- bitz habe trotzdem Glück gehabt. Die jun- gen Leute, die jetzt erst mit der Flugaus- bildung bei der Lufthansa fertig werden, haben wenig Aussichten auf Stellen, man- cher wird vertröstet, wieder und wieder. Zum letzten Mal, sagt Radke, habe er Andreas Lubitz im vergangenen Herbst im Verein getroffen. Zusammen mit anderen aus seiner Clique hätten sie ihren Segel- flug-Wiederholungsschein gemacht, dafür trafen sie sich mehrere Wochenenden hin- tereinander an dem kleinen Hangar im Westerwald, um eine Reihe von Starts und Landungen nachweisen zu können. Der Andi, sagt Radke, habe damals „ganz nor- mal“ auf ihn gewirkt, in keiner Weise auf- fällig oder unglücklich. „Die haben nach dem Fliegen fröhlich zusammengesessen und gegrillt, wie früher“, sagt Radke. Früher, da war Andreas Lubitz offen- sichtlich ein unauffälliger, netter Durch-

schnittsmensch, auch die Fotos aus der Abi- turzeitung zeigen ihn so. Mit kurzen Haa- ren, er sieht gut gelaunt aus auf seinem Schülerbild, keine besonderen Merkmale. Über ihn und seine Zukunft steht in der Zeitung: „Wird Berufspilot, um seine Cock- tails in der ganzen Welt zu verkaufen … Nimmt nach jahrelangem Training am Iron-Man-Hawaii teil.“ Auf dem Rücken der Abi-Zeitung wirbt die Lufthansa mit „faszinierenden Aussichten“. Es ist eine Anzeige des „Karriereportals“ des Kon- zerns, und geworben wird für die „Ausbil- dung zum Piloten“. Es sind Fundstücke und Bilder der Ver- gangenheit, die zur Gegenwart nicht pas- sen. Nichts beantwortet die Frage nach dem Warum. Kein Fundstück könnte be- friedigend erklären, warum sich ein junger Pilot zu solcher Untat aufmacht. Möglicher- weise werden sich auf keinem Bild Spuren finden lassen, die in die Gedankenwelt die- ses Täters führen, weil er sich vielleicht gar keine Gedanken machte. Noch nicht ein- mal dann, als die Berge und Täler des Mas- sif Trois Évêchés vor den Cockpit-Fenstern rasend riesengroß wurden. Mit den Folgen müssen nun andere leben. Am Donnerstag, zwei Tage nach dem Unglück, stand Max Tranchard auf der struppigen Wiese neben dem Camping- platz von Le Vernet. Neben ihm duckten sich flache Holzhäuser in den Hang, vor ihm standen ein blauer Kastenwagen der Gendarmerie und zwei rote Geländewagen der Feuerwehr. Ringsum Berge, Tranchards Berge, er kennt die Gegend wie kein Zwei- ter, ein Bergführer seit Jahrzehnten. Unzählige Male ist er das Plateau zum Col de Mariaud hinaufgestapft, dahinter beginnt das zerklüftete Terrain der Trois

dahinter beginnt das zerklüftete Terrain der Trois Bergführer Tranchard, der Gendarmen zur Absturzstelle
Bergführer Tranchard, der Gendarmen
Bergführer Tranchard, der Gendarmen

Bergführer Tranchard, der Gendarmen

Bergführer Tranchard, der Gendarmen zur Absturzstelle geleitete

zur Absturzstelle geleitete

Bergführer Tranchard, der Gendarmen zur Absturzstelle geleitete

Évêchés. Graue Schluchten aus Mergel, Sandstein und Kalk; viel Geröll, ab und zu ein paar Tannen. Im Dialekt der Alten hier bedeutet Mariaud „mauvais pays“, schlechtes Land. Unwegsam ist das Gelän- de, zerklüftet, der Boden zu karg selbst für Schafe und Ziegen. Hier zerschellte der Airbus in Tausende kleine Trümmer, auf mehr als vier Hektar Bergland vertei- len sich die Reste dessen, was einst ein gut besetztes Flugzeug war. 150 Tote sind zu bergen, oder was von ihnen übrig blieb. 150 Menschen, genauso viele Einwohner, wie Le Vernet zählt. Am Unglückstag hatte der 63 Jahre alte Max Tranchard seinen Freund François am Telefon, seit drei Jahrzehnten Bürger- meister von Le Vernet, er klang heiser. Ein deutsches Flugzeug sei abgestürzt, sagte der Bürgermeister, und ob er, Max, eine Gruppe von 20 Gendarmen dorthin führen könne, wo man die Absturzstelle vermute.

Titel

Anderthalb Stunden später fuhren vier Geländewagen 40 Minuten lang über Feld- wege. Danach ging es eine knappe Stunde weiter zu Fuß, durch unbefestigtes Terrain, nicht einmal mehr Trampelpfade gibt es hier, aber Steilwände und zerklüftete Hän- ge, dann erreichten sie den Ort. Nicht einmal die Trümmer hätten noch an ein Flugzeug erinnert, sagt Tranchard. Es habe ausgesehen, als hätte der Berg die Maschine verschluckt und nur ein paar Krümel übrig gelassen. Karosseriefetzen, Schrottteile, viele davon zu Klumpen ver- schmolzen. Die Gendarmen sicherten das Gelände, in dem es Geier und Wölfe gibt. Eine schmale, gewundene Straße ver- bindet Tranchards Dorf Le Vernet mit Seyne-les-Alpes, 1400 Einwohner, ein Ort aus verwitterten Steinhäusern mit bunten Fensterläden, dazwischen gepflasterte Gässchen. Seyne ist durch den Unfall zu einer Art Logistikzentrum geworden. Auf dem Acker zwischen Supermarkt und Sä- gewerk, auf dem sonst allenfalls Segelflug- zeuge starten, landete der Hubschrauber mit dem französischen Präsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin. Gemein- sam mit dem spanischen Premier Mariano Rajoy inszenierten sie bald, inmitten von Trauernden, Helfern, Offiziellen und Dorf- bewohnern, einen schönen europäischen Moment. Sie wussten noch nichts von einer Tat, nur von einem Unfall war die Rede, aber die Solidarität und Betroffen- heit der Politiker wirkte echt und spürbar, und dieser Geist regiert Seyne-les-Alpes. Im Jugendhaus werden Angehörige der Opfer empfangen, die Turnhalle ist zur Ka- pelle umfunktioniert. Unter einem Basket- ballkorb liegen Blumenbouquets und Trau- ergestecke, in einer Ecke steht die deutsche

Verhängnisvoll sicher Funktionsweise der Ver- und Entriegelung einer Cockpit-Tür Normale Zutrittsprozedur
Verhängnisvoll sicher
Funktionsweise der Ver- und Entriegelung einer Cockpit-Tür
Normale Zutrittsprozedur
Notfallprozedur
Ein Crewmitglied bittet von der Kabine
Reagiert das Cockpit weder auf einen
aus zunächst per Bordtelefon um Zutritt zum
Cockpit. Der Pilot kann die Situation vor der
Cockpit-Tür per Videoüberwachung beobachten.
Das Crewmitglied drückt danach einen
Tastatur an der
Cockpit-Tür
Schalter im Cockpit
zur Ver- und
Entriegelung
der Tür
Code auf der Tastatur neben der Tür.
Im Cockpit ertönt ein Signal. Der Pilot stellt,
wenn ihm die Situation unverdächtig er-
scheint, einen Wippschalter neben dem
Pilotensitz auf die Position „Unlock“. Die
Tür kann jetzt von außen geöffnet werden.
Anruf noch auf den normalen Code, kann
das Crewmitglied einen Notfall-Code in
die Tastatur eingeben. Im Cockpit ertönt nun
ein Warnton, der die Notöffnung ankündigt,
und die „Open“-Anzeige blinkt.
Nach einer von der jeweiligen Fluggesellschaft
vorgegebenen Zeit wird die Tür dann für fünf
Sekunden entriegelt.
Die Notöffnung von außen kann jederzeit
Sicherheitsverriegelung
Wenn der Pilot einen unbefugten Zutritt
befürchtet, kippt er den Wippschalter auf
die Position „Lock“. Jetzt ist die Tastatur
vor der Cockpit-Tür für mehrere Minuten
blockiert. Der Pilot selbst kann in dieser
Zeit die Blockade aufheben, indem er den
Schalter auf „Unlock“ stellt.
aus dem Cockpit unterbunden werden, um
z.B. das Eindringen eines Passagiers zu
verhindern. Dazu verriegelt der Pilot die Tür
über den Schalter „Lock“. So hat der Pilot
im Cockpit immer „das letzte Wort“.
Da die Nummerntastatur so für mehrere
Minuten außer Betrieb gesetzt ist, könnte
der Pilot des Germanwings-Flugs auf diese
Weise seinen Kollegen ausgesperrt haben.
FOTO: GWENN DUBOURTHOUMIEU / DER SPIEGEL (O.)
YOUTUBE

FOTOS: ANNE-CHRISTINE POUJOULAT / AFP (U.); REUTERS (O.)

FOTOS: ANNE-CHRISTINE POUJOULAT / AFP (U.); REUTERS (O.) Politiker Merkel, Hollande und Rajoy setzen vor Ort

Politiker Merkel, Hollande und Rajoy setzen vor Ort ein Zeichen europäischer Solidarität

Rajoy setzen vor Ort ein Zeichen europäischer Solidarität Einsatzkraft bei Bergung eines Opfers aus der Schlucht

Einsatzkraft bei Bergung eines Opfers aus der Schlucht am Unglücksort

Flagge. Als am Mittwoch die erste deut- sche Familie eines Opfers anreist, küm- mern sich Dolmetscher und Psychologen samt Übersetzer um sie. Das Rathaus in der Grande Rue, ein schlichtes Steinhaus mit Trikolore über dem Eingang, ist zur Kommandozentrale geworden. Und Michel Astier, 66, der Vize- bürgermeister, hat das Büro seines Chefs bezogen, weil der ständig unterwegs ist. Er habe so etwas noch nie erlebt, sagt As- tier, er schüttelt den Kopf: „Und ich möch- te so etwas auch nie mehr erleben.“ Den Eingang bewachen jetzt zwei Sol- daten, eine breite Steintreppe mit Holz-

geländer führt in den ersten Stock. Durch lang gezogene Fenster schaut Astier über die Dächer von Seyne bis zum Jugend- haus. Seine Sekretärin und er haben die Schreibtische zusammengeschoben und Karten ausgelegt, das Büro ist zugleich Hauptquartier der Einsatzkräfte, der Ge- birgs-Gendarmerie, die hier die Bergung koordiniert. Ein roter Stern markiert die Stelle, an der das Flugzeug aufgeschlagen sein soll. Ein Bergkamm mit einer Höhe von etwa 2100 Metern. Zwei Gebirgsjäger in Funktionskleidung beugen sich über die Karte, zeichnen mit den Fingern ihren Weg nach.

Die Überreste der Toten werden zum Ortseingang von Seyne gebracht, nur gut 200 Meter davon werden die Angehörigen der Opfer empfangen. Kriminaltechniker kümmern sich um die angelieferten Lei- chenteile. Auf einem Bauhof, abgeschirmt zwischen Gebäuden, wurden weiße Zelte aufgestellt, die mit Generatoren gekühlt werden. Kriminaltechniker im weißen Overall und mit Mundschutz tragen tech- nisches Gerät in die Zelte, das Gelände wird von gut einem Dutzend Gendarmen bewacht, die jeden weiterwinken, der dem Gelände zu nahe kommt. Bis Mittwoch galten die Opfer hier als Opfer eines tragi- schen, extrem seltenen Unfalls. Seit Don- nerstag sind sie nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft zu Opfern eines Man- nes geworden, den im Himmel über Frank- reich an einem ganz normalen Dienstag alle Menschlichkeit verließ. Es sterben, im Gebirge, die aus Düssel- dorf stammende Altistin Maria Radner, 33, und der in Kasachstan geborene Bassba- riton Oleg Bryjak, 54. Es stirbt Manfred Jockheck aus Dortmund, Ehemann, Vater, Lokalpolitiker, Künstler, Hochschuldozent mit zig Ehrenämtern; mit ihm seine Frau Sabine. Es stirbt Ramón de Santiago, ge- nannt Don Ramón, ein 60-jähriger Unter- nehmer aus Mataró bei Barcelona, er reiste mit seinem gleichnamigen Sohn, einem Nef- fen und dem Produktionschef seines Unter- nehmens. Josep Borrell stirbt, 66 Jahre alt, ein Maschinenbauer aus Angles, ein arbeit- samer, gewissenhafter Mann. Es stirbt Mo- hamed Tahrioui, 24, ein gebürtiger Marok- kaner aus La Llagosta bei Barcelona, der eine Arbeitsstelle in Duisburg gefunden hat- te, und es stirbt seine Frau Asmae Ouah- houd, sie haben erst Tage zuvor geheiratet. Marina Bandrés, eine 38-Jährige Frau aus Jaca, stirbt, mit ihrem Baby Julian auf dem Weg nach Manchester. Laura Altimira Barri stirbt, Managerin bei der Modefirma Desi- gual, die sich ein Ladenlokal in der Nähe von Düsseldorf anschauen wollte. Es sterben Sonja Cercek und Stefanie Tegethoff, Lehrerinnen am Joseph-König- Gymnasium in Haltern am See, und 16 ih- rer Schülerinnen und Schüler. Yvonne und Emily Selke aus den USA sterben, Mutter und Tochter, sie waren auf einer Europa- tour. Gabriela Maumus und ihr Freund Se- bastián Greco aus Buenos Aires sterben, die beiden Argentinier waren im Urlaub in Spanien. Paul Bramley stirbt, ein 28-jäh- riger Hotelfachschüler aus Kingston upon Hull in England. Milad Hojjatoleslami stirbt, ein iranischer Journalist der Nach- richtenagentur Tasnim, und seine Kollegin Hossein Javadi von der Tageszeitung „Va- tan Emruz“, die beiden berichteten in Bar- celona über das Spiel des FC gegen Real Madrid. Japaner sterben, Kolumbianer, Briten, Deutsche, Amerikaner, Spanier – weil Andreas Lubitz es so wollte. So unge-

heuerlich und einzigartig seine Tat wirkt:

Es hat in der Geschichte der Luftfahrt be- reits ähnliche Fälle gegeben. Im November 2013 startete in Mosambik eine Embraer 190 der Fluggesellschaft LAM zu einem Flug nach Angola. Die Ma- schine war ein Jahr alt und funktionierte fehlerfrei, doch auf halbem Weg bohrte sie sich in Namibia in die Erde, 33 Men- schen starben. Die Ermittler haben den damaligen Her- gang zweifelsfrei rekonstruieren können. Die Maschine flog auf Reiseflughöhe in 38000 Fuß, als der Kopilot eine Pinkelpause einlegte und das Cockpit verließ. Der Ka- pitän blieb zurück, ein Mann, von dem es später hieß, er habe Eheprobleme und ei- nen Sohn verloren. Dreimal programmierte er neue Flughöhen, tiefer und tiefer. Die Aufzeichnungen des Cockpit-Voice- Recorders waren eindeutig. Minutenlang hämmerte der ausgesperrte Kopilot gegen die Tür. Der Kapitän reagierte auch nicht auf die Versuche der Flugsicherung, ihn zu kontaktieren. Er fuhr die Bremsklappen an den Flügeln aus, wodurch das Flugzeug noch schneller sank. Im mosambikani- schen Fall konnte sich der Kopilot ganz am Ende Zugang verschaffen, aber es war zu spät, die Maschine zerschellte. Es gibt noch mehr Beispiele für „erwei- terte Selbstmorde“ dieser Art. Im Dezem- ber 1999 hob Flug 990 der EgyptAir in New York ab mit Kurs nach Kairo, und es kam bald darauf zu einem Kampf auf Leben und Tod. Der Kopilot drückte das Steuerhorn plötzlich stark nach vorn, während der Kapitän das seine mit aller Macht zu sich heranzog, um einen Ab- sturz zu verhindern, aber der Kopilot, of- fensichtlich verwirrt, gewann den Kampf. Unter „Ich vertraue auf Gott“-Rufen jagte er die Maschine Richtung Erde, sie zer- brach, und alle 217 Menschen an Bord starben. Die US-Ermittler hielten damals den erweiterten Selbstmord des Piloten für belegt, Ägypten hat diesen Befund nie akzeptiert. Eine 737 der Silk Air aus Singapur war ein Jahr alt und funktionierte tadellos, als sie im Dezember 1997 aus 10600 Me- tern absackte. Nur eine Minute später schlug sie auf dem Boden auf, 104 Men- schen starben. Die Untersuchung ergab, dass Kapitän Tsu Way Ming die Maschine senkrecht nach unten zwang, sie erreichte Überschallgeschwindigkeit und zerbarst. Und dann ist da noch immer das Rätsel von MH370. Bisher weiß niemand, wo die Boeing 777 der Malaysia Airlines im März 2014 geblieben ist. Und niemand weiß, was wirklich geschah an Bord der Maschine. Ein technischer Defekt ist nach wie vor mög- lich – aber die Ermittler gehen auch dem Szenario eines Piloten-Selbstmordes nach. Piloten mit psychischen Leiden haben gute Gründe, sie zu verschleiern. Sobald

Titel

haben gute Gründe, sie zu verschleiern. Sobald Titel Darstellung von Lubitz in seiner Abiturzeitung sie ihren

Darstellung von Lubitz in seiner Abiturzeitung

sie ihren Arbeitgeber informieren, verlie- ren sie ihre Flugtauglichkeit und damit ih- ren Job. Im Fall von Andreas Lubitz gibt es Hinweise, dass er wegen Depressionen seine Pilotenausbildung kurzzeitig unter- brechen musste, von den Ärzten der Luft- hansa später aber dennoch als „fit to fly“ eingestuft wurde. Dem wird nachzugehen sein, die Lufthansa wird sich Fragen dazu gefallen lassen müssen, eine befriedigende Erklärung wäre allerdings auch eine de- pressive Erkrankung nicht. Zu monströs ist diese Tat, die zwei Urängste des mo- dernen Menschen vereint: den Amoklauf und den Flugzeugabsturz. Und schließlich sagen alle, die Lubitz schon als „den Andi“ kannten, seine Mitschüler, seine Lehrer, dass sie keinerlei Erklärung für sein Verhalten hätten. Lu- bitz’ ehemaliger Klassenlehrer vom Mons- Tabor-Gymnasium hat noch keinen der alten Mitschüler gesprochen, der von de- pressiven oder anderen Verhaltensproble- men oder gar Selbstmordgedanken gehört hätte. Das muss nicht viel heißen, und das Le- ben eines Menschen kann von heute auf morgen aus dem Gleis springen. Aber für den Moment gilt noch, dass sich niemand einen Reim auf die Ereignisse machen kann. „Alle haben unheimlich gute Erin- nerungen an ihn“, sagt der Klassenlehrer, Erinnerungen an einen jungen Mann, der ein unbeschriebenes Blatt war. Er hatte keine Vorstrafen, seine Person verbindet sich nicht mit Treffern in den polizeilichen Datenbanken Nadis und Inpol, die Landes- kriminalämter wissen ebenso wenig über ihn wie die Verfassungsschutzämter. Es gibt keinerlei Hinweis auf radikale Ten- denzen, auf Extremismus. Wenn überhaupt eine Lehre aus diesem Unglück gezogen werden kann, betrifft sie die Organisation der Arbeit in den Cock- pits. Viele US-Fluggesellschaften schreiben ihren Besatzungen vor, dass niemals nur ein Pilot allein in der Flugkanzel verblei- ben darf. Möchte einer von beiden zur Toilette, muss ein Mitglied der Kabinen- besatzung seinen Platz einnehmen, offen- sichtlich als Aufpasser. Die Lufthansa hat bisher auf eine solche Dienstanweisung verzichtet. Man darf sich die Leute im Cockpit nicht als Teams oder Partner vorstellen, die sich

gut und lange kennen. Die Piloten von gro- ßen Fluggesellschaften kennen einander, im Gegenteil, meist kaum oder gar nicht. Sie werden jedes Mal neu zusammenge- würfelt für ihre Einsätze, haben dann ein paar Tage frei und fliegen als Nächstes wie- der mit einem anderen Kollegen. Die Fremdheit ist gewollt. Sie soll ver- hindern, dass zu viel Vertrautheit entsteht. Jeder soll so arbeiten, wie es die Vorschrif- ten verlangen, nicht wie ein altes Paar, das sich eigene Regeln gibt. Die Fremdheit gilt als der Sicherheit zuträglich – aber ist sie das? Wäre ein Mann wie Lubitz früher auf- geflogen, wenn jemand intensiver mit ihm Umgang gehabt hätte? Wer sich auf Spurensuche im Leben von Andreas Lubitz macht, kommt der Lösung des Rätsels womöglich nicht näher, das ist noch beunruhigender, als wenn sich ein schlüssiges Motiv fände. Immer wieder stellt sich beim Nachdenken über die Le- benszeugnisse des Hüters, der zum Mörder wurde, der Eindruck der Durchschnitt- lichkeit ein, keine Abgründe scheinen zu lauern. Lubitz machte zeit seines Lebens durchschnittliche Witze, er hörte durch- schnittliche Musik, er schrieb durchschnitt- liche Dinge. Ein Jedermann. Sein Wahnsinn blieb wohl so tief versteckt in seinem Kopf, dass möglicher- weise nicht einmal seine Freundin etwas davon ahnte. Die beiden wohnten in Düsseldorf, es heißt, sie wollten heiraten. Die Frau arbeitet als Mathematiklehrerin an einer Gesamtschule, und sie soll schon auf dem Weg zur Absturzstelle in Süd- frankreich gewesen sein, als sie erfuhr, dass ihr Lebensgefährte kein Opfer war. Sondern ein Täter, der 149 Menschen um- brachte.

Laura Backes, Matthias Bartsch, Maik Baumgärtner, Sven Becker, Jürgen Dahlkamp, Jörg Diehl, Marko Evers, Ullrich Fichtner, Özlem Gezer, Hubert Gude, Amalia Hayer, Christiane Hoffmann, Julia Jüttner, Martin Knobbe, Joachim Kronsbein, Juan Moreno, Martin U. Müller, Gordon Repinski, Simone Salden, Christoph Scheuermann, Barbara Schmid, Fidelius Schmid, Christoph Seidler, Gerald Traufetter, Peter Wensierski

Christoph Seidler, Gerald Traufetter, Peter Wensierski Video: Am Unglücksberg Col de Mariaud

Video: Am Unglücksberg Col de Mariaud

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FOTOS: GUIDO OHLENBOSTEL / DER SPIEGEL

Titel

Auf dem Weg

Schicksale Der Tod kam nach Haltern. Wie soll die Stadt leben mit dem Verlust, wie weiterleben nach der Tragödie? Die Halterner haben ihre Geborgenheit verloren, ihre Geschlossenheit nicht.

H altern am See ist nun also die Stadt, die der Trauer ein Gesicht gibt. Vie- le Gesichter. Es sind die fassungs-

losen Gesichter der Menschen, die vor dem Joseph-König-Gymnasium stehen oder in der St.-Sixtus-Kirche sitzen. Fassungslos nach einer unfassbaren Tragödie. 16 Schü- ler sind tot, 2 Lehrerinnen. Warum gerade hier? Warum gerade sie? Für 18 Menschen aus dem Städtchen am Nordrand des Ruhrgebiets ist das Le- ben am Dienstag um 10.40 Uhr zu Ende gegangen, für die anderen ist es im selben Moment stehen geblieben. Es liegt eine Totenstille über dem Ort, die Halterner weinen, umarmen sich, aber vor allem schweigen sie. Eine ganze Stadt fühlt, wie sich der Tod anfühlt. Dass er, aus dem Alltag verdrängt, immer in der Nähe ist und in seiner Wahllosigkeit brutal, un- barmherzig, gnadenlos. Ohne Rücksicht auf Alter, auf Lebenslust, auf Zukunfts- versprechen. Die Hoffnungen, die mit den Jugend- lichen gestorben sind, lebten vergangene Woche nur noch auf ihrer Instagram-Seite weiter. Dort, bei Instagram, wo sich Teen- ager den Spaß am Leben gegenseitig in Bildern erzählen, war auch noch das Foto zu sehen, das eine Schülerin kurz vor dem Abflug nach Spanien mit dem Handy auf- genommen haben muss. Es zeigt das Heck einer Germanwings-Maschine, die offene Tür mit der Gangway, den Himmel, wol- kenlos blau. „On my way!“ – „Auf dem Weg“, schrieb sie dazu. Und eine ihrer Freundinnen wünschte „viel Spaß“. Die Schülerin freute sich auf den Aus- tausch, eine Woche Barcelona und Um- gebung mit 15 anderen Zehntklässlern und ihren beiden Lehrerinnen. Ein paar Tage später postete sie noch ein Bild, eines die- ser gestellten Fotos, die Jugendliche ver- schicken, um ihren Freunden zu Hause ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Sie: selbst- bewusst, mit Sonnenbrille, langen Haaren, und auf einer Treppe vor ihr: ein Junge, kniend, die rechte Hand theatralisch auf die Brust gelegt. Es ist eine Geste der Anbetung. „In Spanien werde ich vergöt- tert“, scherzte die Schülerin, ein hübsches Mädchen, das ganze Leben vor sich. On her way. Am Montag schickte sie das letzte Bild. Vier Mädchen, sie lachen. „Best girls“, schrieb die Schülerin und markierte das Bild mit Hashtags. #spain, #friends, #love, #holiday, #sad, #bye, #lastday. Der letzte Tag in Barcelona. Der vorletzte ihres Le-

Der letzte Tag in Barcelona. Der vorletzte ihres Le- Bürgermeister Klimpel nach einer Pressekonferenz zum
Bürgermeister Klimpel nach einer Pressekonferenz zum Flugzeugabsturz

Bürgermeister Klimpel nach einer

Bürgermeister Klimpel nach einer Pressekonferenz zum Flugzeugabsturz
Pressekonferenz zum Flugzeugabsturz
Pressekonferenz zum Flugzeugabsturz

Pressekonferenz zum Flugzeugabsturz

Klimpel nach einer Pressekonferenz zum Flugzeugabsturz Exfußballprofi Metzelder beim Training des TuS Haltern
Exfußballprofi Metzelder beim
Exfußballprofi Metzelder beim

Exfußballprofi Metzelder beim

Exfußballprofi Metzelder beim Training des TuS Haltern

Training des TuS Haltern

Exfußballprofi Metzelder beim Training des TuS Haltern

bens. Einen Tag später sollte es zurück nach Düsseldorf gehen. Und von dort in das Elternhaus mit der Klinkerfassade in Haltern. Last day. Sie kam nie an. So wie der Junge, Einserkandidat in Ma- thematik, der als Läufer für SuS Concordia startete, 23 Minuten und 41 Sekunden für fünf Kilometer brauchte. Oder die Klas- senkameradin, die auf ihren letzten Bil- dern im Netz Siegerurkunden und einen Badmintonschläger in der Hand hält. Sie

war 16 und spielte beim ATV Haltern. Im Januar kämpfte sie um die Westdeutsche Meisterschaft. Sie alle hat der Tod mitten aus dem Le- ben gerissen. Und für die Halterner heißt das: aus ihrer Mitte. Denn Haltern, das ist ja keine anonyme Großstadt, das ist Nähe, Zusammenhalt, ist das Westfalen jenseits des raueren Ruhrgebiets: das Wissen von- einander, das Sorgen füreinander. In Hal- tern liege kein Müll auf der Straße, sagen die einen. „Unschuld im Wilden Westen von NRW“, sagen die anderen. Und Chris- toph Metzelder sagt: „Haltern war im ewi- gen Dornröschenschlaf, aber nun hat es seine Unschuld verloren.“ Metzelder steht am Mittwoch um halb neun abends im Flutlicht und scheucht als Trainer seine U19 über den Platz. „Mannnn, nicht einschlafen, noch zwei Minuten!“ Er trägt eine rote Trainingsjacke und schwarze Hosen, mit seinen Initialen und dem Schriftzug des TuS Haltern. Es ist der Verein, in dem er das Fußballspielen gelernt hat. Bevor er zu Borussia Dort- mund ging, zu Real Madrid, zu Schalke 04, bevor er Nationalspieler wurde. Haltern ist der Ort, in dem Christoph Metzelder groß wurde, bevor ihn andere Orte groß machten. Und der Ort, an den er zurückgekehrt ist, um wieder klein zu werden. Bei sich zu sein. Bei denen, die so sind, wie er auch all die Jahre in der großen Fußball-Glitzerwelt immer bleiben wollte. Er wohnt nun wieder im Haus seiner Eltern. „Nach Haltern“, sagt Metzelder, „kommen fast alle wieder zurück.“ Umso trostloser auch für ihn, dass 18 Menschen nie mehr zurückkommen werden. Vom schwärzesten Tag in der Geschichte der Stadt spricht Bürgermeister Bodo Klimpel. Am Mittwochmorgen stand Metzelder am Joseph-König-Gymnasium. Er hat dort selbst seinen Abschluss gemacht, Abi 2000, Leistungskurse Englisch und Geschichte. Später am Tag zündete Metzelder eine Kerze in der St.-Sixtus-Kirche an. „Ich bin gläubig“, sagt er. „Wie so viele hier.“ Er war auch mal Messdiener. Am Altar hängt Jesus am Kreuz. Es ist ein besonderes Kreuz, die Halterner stellen es nur in der Osterwoche auf. Der Pastor sagt: „Für uns ist schon heute Karfreitag.“ Es leuchten Kerzen, sie stehen auf dem Boden bis zu den ersten Sitzreihen, dort knien Menschen und beten. Sie haben die Geborgenheit verloren, ihr Glaube wurde herausgefordert, aber geblieben ist ihnen

Gedenkstätte auf den Stufen vor dem Halterner Joseph-König-Gymnasium die Geschlossenheit, die sie nun zeigen. Diese

Gedenkstätte auf den Stufen vor dem Halterner Joseph-König-Gymnasium

die Geschlossenheit, die sie nun zeigen. Diese Geschlossenheit, die auch erklärt, warum die meisten Halterner schweigen, wenn sie von Journalisten gefragt werden. Die Journalisten gehören für sie nicht dazu, nicht hierher, die trauern nicht, wie sie trauern. Die Halterner sind in die Sixtus- Kirche gekommen, um unter sich Abschied zu nehmen. Am Altar liegen schwarze Kondolenz- bücher, man liest Zeilen der Trauer, der Verzweiflung: „Liebe Frau T., mit Ihnen hat Mathe immer so Spaß gemacht. Sie hatten uns letzte Woche die Matheaufga- ben gegeben, sie wollten uns beim nächs- ten Mal die richtigen Antworten geben, und wir wollten ihnen ein Foto von unse- rem Kurs schenken, morgen hätten wir wieder Unterricht bei Ihnen gehabt …“ Oder: „Es ist so schwer, meine beste Freun- din zu verlieren, aber ich weiß, wir haben jetzt einen Schutzengel mehr im Himmel. Du hast uns so viel bedeutet.“ Es sind junge Mädchen, die jene Zeilen schreiben. Sie umarmen sich, sagen, dass ihre Freundinnen doch nur eine Woche fahren, Spaß haben wollten. Sie fragen, wie sollen wir das verstehen? Wenn es doch nicht mal der Kaplan erklären kann. Kaplan Thorsten Brügge- mann steht vor den voll besetzten Bänken,

er sagt Sätze wie: „Gott, wir sind starr vor Schrecken.“ Oder: „Hörst du dieses Schwei- gen, hörst du auch das zornige Schweigen?“ Über allem Zorn aber liegt der Schmerz. „Wir wollten noch viele tolle Sachen mit ihnen erleben“, sagt Brüggemann. „Hof- fentlich geht es euch gut da oben.“ Das andere Epizentrum einer Er- schütterung, die nun durchs ganze Land geht, ist das Joseph-König-Gymnasium. Kerzen lassen die Treppenstufen davor zum Altar werden, junge Mädchen halten Bilder ihrer toten Freundinnen in der Hand. Bilder aus Spanien. „Ein Austausch kann doch nicht so enden“, sagen sie. Schweigen. Irgendwann sagt eine von ih- nen: „Glaubst du, sie konnten sich noch umarmen, bevor sie abstürzten?“ Hier, an der Schule, hört man nun Geschichten, die dafür stehen, wie will- kürlich das Schicksal über Leben und Tod entscheidet: Manche sagen, es sei gelost worden, wer nach Barcelona fliegen durfte, 40 Schüler hätten mitgewollt, nur 16 einen Austauschplatz bekommen. Zufälle des Lebens, Zufälle des Todes. On my way. Last day. Auch Sonja C. ging bis zum Dienstag auf ihrem Weg, als Pädagogin, die mehr von sich und ihren Schülern erwartete als das Absitzen ihrer Schulstunden. Die

Spanischlehrerin trieb das Austauschpro- gramm mit dem Institut Giola in Llinars del Vallès voran, eine halbe Stunde von Barcelona entfernt. Sie sei eine Frau ge- wesen, die ihre Schüler begeistern konnte, bei der sie sich aufgehoben fühlten, sagt Sabine Ruttert-Bonk, die ehemalige Vor- sitzende der Schulpflegschaft am Gymna- sium. Sonja C. aus der Nachbargemeinde Dülmen – auch so ein Biotop des westfä- lischen Miteinanders – kam ihren Schülern nahe, auch im Ton. 2012 hielt sie eine Rede auf den Abiturjahrgang und spickte die Ansprache als Fan des spanischen Klubs FC Valencia mit Wortspielen aus der Fußballsprache. „Ihr müsst jetzt die Köpfe hochkrempeln und die Ärmel auch“, gab sie den 112 Abi- turienten mit auf den Weg. „Nicht jeder von euch konnte an der Tabellenspitze spielen, manche kämpften auch gegen den Abstieg, aber heute, nach dem Abpfiff, haben alle das Spiel gewonnen.“ Diese Worte werden bleiben, nach dem Absturz werden sie unvergesslich werden für alle, die sie gehört haben. Denn ihr Leben hat Sonja C. verloren. Aber alles, was Sonja C. bis dahin getan hat, hat an Bedeutung gewonnen.

Jürgen Dahlkamp, Jörg Diehl, Özlem Gezer, Martin Knobbe, Fidelius Schmid

FOTO: DAVID RAMOS / GETTY IMAGES

FOTO: DAVID RAMOS / GETTY IMAGES Germanwings-Chef Winkelmann und Lufthansa-Chef Spohr am vergangenen Mittwoch in Barcelona

Germanwings-Chef Winkelmann und Lufthansa-Chef Spohr am vergangenen Mittwoch in Barcelona

Gefährliche Schwindsucht

Lufthansa Der Absturz, der wohl in Selbstmordabsicht geschah, trifft den Konzern in einem kritischen Moment seiner Geschichte: Vorstandschef Carsten Spohr will große Teile des Geschäfts in einen Billigableger ausgliedern.

F ür den Dienstag, den Tag des Un- glücks, hatte sich Carsten Spohr, 48, ein strammes Programm vorgenom-

men. Nach Besprechungen mit engen Ver- trauten wollte der Lufthansa-Chef zur Mit- tagszeit in Frankfurt mit seinem obersten Führungskreis zusammentreffen, dem so- genannten Group Executive Committee. Das Gremium wurde vor einem Jahr neu eingerichtet, in ihm sind neben der obers- ten Unternehmensführung auch die Kolle- gen von Tochterfirmen wie Swiss, Austrian Airlines oder Ablegern wie der Fracht- und Techniksparte vertreten. Am Dienstagnachmittag wollte Spohr sich dann mit seinen Vorstandskollegen zusammensetzen, um das weitere Vorge- hen nach dem jüngsten Streik der Kon- zernpiloten zu besprechen. Der Ausstand hatte diesmal gleich vier volle Tage gedau- ert und die Firmenkasse erneut mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag belas-

tet. Die Piloten wehren sich gegen Spohrs Umbaupläne, sie drohen mit immer neuen Streiks, notfalls jahrelang. Gegen elf Uhr am Dienstag trafen die ersten Berichte ein, dass über Frankreich eine Germanwings-Maschine vermisst wer- de, Flug 4U 9525. Statt mit seinen Kollegen weitere Details zur geplanten Neuausrich- tung des Konzerns zu erörtern, flog Spohr nachmittags sofort nach Marseille und von dort aus zusammen mit Bundesaußen- minister Frank-Walter Steinmeier und Ver- kehrsminister Alexander Dobrindt per Hubschrauber weiter zur Absturzstelle in den französischen Seealpen. Was Spohr dort zu sehen bekam, wird er wohl sein Leben lang nicht vergessen. Tausende Wrackteile, wie Geröll über die Flanken enger Alpentäler verstreut, dazwi- schen die Reste menschlicher Körper; auf einem der wenigen größeren Trümmer- stücke waren die Farben der deutschen

Flagge zu sehen, neben der Kennung der zerstörten Maschine: D-AIPX. Auf dem Twitter-Account des Konzerns schrieb Spohr tags darauf: „Was uns bei Luft- hansa gestern noch wichtig erschien, ist auf einmal unwichtig geworden.“ Da konnte er noch nicht ahnen, dass nicht die Technik, sondern ein Mensch mit einem wahnsinni- gen Plan für die Katastrophe verantwortlich war. Und auch die Öffentlichkeit debattierte noch über ganz andere, viel naheliegendere Themen: Sind Billigfluglinien ein Problem? Halten sie es weniger genau mit den Sicher- heitsstandards? Werden unerfahrene Piloten in überalterte Maschinen gesetzt? Diese Fragen werden wegen der drama- tischen Wende der Nachrichtenlage am Donnerstag nun eine Zeit lang in den Hin- tergrund treten, aber sie werden mit Macht wiederkehren. Und mit ihnen der Streit darüber, ob der Vorstandschef auf dem richtigen Weg ist.

FOTO: FREDRIK VON ERICHSEN / DPA

Steigender Umsatz

Angaben in Milliarden Euro 30,0 30 26,5 18,1 20 10 0 2005 2010 2014
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In der Welt der Luftfahrt gilt die Linie mit dem Kranich-Symbol als Synonym für deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit, Zu- verlässigkeit und Sorgfalt im Umgang mit technischen Herausforderungen, aber auch den eigenen Mitarbeitern. Die Lufthansa steht im Ruf, eines der bestgeführten Un- ternehmen im Lande zu sein. In den vergangenen Monaten bekam das Bild vom deutschen Vorzeigekonzern je- doch hässliche Risse, und das hat nicht nur mit dem widrigen Umfeld zu tun, in dem sich die Traditionsfluglinie bewegt. Aggres- sive arabische Airlines wie Emirates oder Etihad machen der Lufthansa auf Lang- strecken Passagiere abspenstig. Genau da aber verdiente sie bislang das meiste Geld. Auf kürzeren und mittellangen Strecken dominieren in vielen Regionen der Welt schon jetzt Billigspezialisten wie Ryanair oder Easyjet. Zwar rechnet der Lufthansa-Konzern in diesem Jahr mit einem operativen Gewinn von rund eineinhalb Milliarden Euro. Aber das reicht kaum aus, um die vielen neuen Flugzeuge zu finanzieren, die das Unternehmen bestellt hat. Unter anderem deshalb hat die Konzernführung kürzlich die maximal mögliche Investi- tionssumme gedeckelt. Auch den Aktio- nären wurde die Dividende für das ab- gelaufene Geschäftsjahr gestrichen. In frü- heren Zeiten wurde stets versucht, das zu vermeiden.

wachsende Verluste

Gewinn/ Verlust in Millionen Euro 1123 1200 800 455 483 400 2014 0 2005 2010
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Einen Teil der georderten Jets abzube- stellen kann keine Lösung sein. Schließlich ist die Flotte des deutschen Marktführers in Teilen ohnehin überaltert und zuweilen mehr als 20 Jahre alt – wie die abgestürzte Germanwings-Maschine. Auch das Eigenkapital, eine Kennzahl für die Finanzstärke eines Unternehmens, leidet an gefährlicher Schwindsucht. Da- für steigen die Schulden, was wiederum die Kosten für neue Kredite in die Höhe treibt. Manche Aufsichtsräte plädieren deshalb für eine eher defensive Strategie. Sie fin- den es gar nicht so schlimm, dass das klas- sische Transportgeschäft der Lufthansa schrumpft. Das Unternehmen, empfehlen sie, solle sich stattdessen auf rentablere Geschäftszweige wie die Technik oder das Catering konzentrieren. Doch das wäre gefährlich, nicht nur für die Lufthansa selbst und ihre Beschäftigten, sondern für den Export- und Technologie- standort Deutschland. Bislang profitieren deutsche Konzerne wie Siemens oder BMW noch vom welt- umspannenden Netz der Airline. Schrumpft die Lufthansa und zieht sie sich von immer mehr Routen zurück, müssen hoch spezia- lisierte Techniker künftig womöglich erst einen Zwischenstopp in Istanbul, Abu Dha- bi oder Dubai einlegen, bevor sie weiter- fliegen und im hintersten Winkel Chinas ein von Siemens geliefertes Kraftwerk war-

ten oder reparieren können. Auch Unter- nehmen, die ihre Produkte oder Waren von Deutschland aus in alle Welt liefern, hätten ein Problem. Ein Großteil der Fracht wird noch immer im Bauch von Pas- sagiermaschinen der Lufthansa transpor- tiert. Bleiben die Jets am Boden oder werden sie verkauft, muss die Ware wo- möglich auf Umwegen ans Ziel befördert werden. Vorstandschef Spohr will die Lufthansa deshalb unter allen Umständen zukunfts- fähig machen. Dafür möchte er den Kon- zern drastisch um- und Kosten abbauen, so schnell und so weit wie möglich. Das ehemalige Staatsunternehmen hatte seine Mitarbeiter in der Vergangenheit mit üppigen Gehältern und Privilegien belohnt und ihnen zudem als Betriebsrente feste Beträge zugesichert. Wegen der niedrigen Zinsen müssen für diese Pensionen immer höhere Beträge in der Bilanz zurückge- stellt werden – zulasten des ohnehin nicht gerade üppigen Gewinns. Aktuell summie- ren sich die Pensionszusagen brutto auf fast 19 Milliarden Euro, das ist das Drei- fache des aktuellen Börsenwerts der Luft- hansa. Spohr, selbst gelernter Pilot, kündigte seinen Kollegen in den Cockpits vor knapp einem Jahr einschneidende Veränderun- gen an. Mit Eurowings soll ein Parallel- universum entstehen, in dem alle ange- stammten Privilegien wie automatische

FOTO: THOMAS LOHNES / GETTY IMAGES

Titel

FOTO: THOMAS LOHNES / GETTY IMAGES Titel Streikende Lufthansa-Piloten im April 2014 in Frankfurt am Main

Streikende Lufthansa-Piloten im April 2014 in Frankfurt am Main

Beförderung oder üppige Vorruhestands- regelungen nicht mehr gelten. Seither liefern sich Spohr und seine Cockpit-Kollegen einen Schlagabtausch, wie ihn Branchenkenner nie für möglich gehalten hätten. Und das breite Publikum erlebt eine Lufthansa, die mit dem Ideal- bild der sympathischen Kranich-Linie nur noch wenig zu tun hat. Der Ausstand wurde zeitweise fast zum Normalzustand. Statt ihre Tarifgespräche wie in der Vergangenheit hinter verschlos- senen Türen zu führen und sich damit Kompromissspielräume zu erarbeiten, überzogen beide Seiten einander mit An- würfen, Vorwürfen und gezielten Indiskre- tionen. Immer mehr Kunden wenden sich deshalb entnervt ab und neuen Konkur- renten zu wie Emirates oder Etihad. Deren Maschinen sind nicht nur neuer, sondern oft auch komfortabler. Auch wenn es zynisch klingt: Ausgerech- net der furchtbare Absturz des etwas an- gejahrten Germanwings-Jets in der Nähe des französischen Örtchens Seyne-les- Alpes könnte nun einen Wendepunkt mar- kieren und die Kontrahenten zum Inne- halten bewegen, womöglich sogar zum Ein- lenken. Denn im Vergleich zu dem Leid, das die Opfer und ihre Angehörigen er- dulden mussten und müssen, wirken Streitigkeiten um das durchschnittliche Ausscheidealter in die Frührente oder die Interpretation von Formulierungen in Ta- rifverträgen wie eine Verhöhnung der Opfer. In der Öffentlichkeit dürften solche Auseinandersetzungen kaum noch ver- mittelbar sein. Und dann ist da das weite Feld der Si- cherheit, der realen wie der gefühlten, wo- bei Letztere in der Luftfahrt fast die wich- tigere Größe ist, jedenfalls aufseiten der Passagiere. Dieses Gefühl wird in Zukunft

ein anderes sein, und deshalb werden Spohrs Pläne möglicherweise mit anderen Augen betrachtet werden. Sie sehen vor, dass die bisherige Regio- naltochter Eurowings, die nun den Nukleus der neuen Billighansa bildet, kleinere Ma- schinen abgibt und dafür erstmals größere Maschinen vom Typ A320 bekommt. Die bisherigen Regionalpiloten müssen deshalb auf die größeren Flugzeuge umgeschult werden, sodass es in den Airbus-Cockpits bald sehr viele Anfänger auf diesem Ma- schinentyp geben wird. Der Konzern ver- sichert, das sei kein Problem, die Sicher- heitsstandards bei der Lufthansa seien un- verändert hoch. Vertreter der Pilotengewerkschaft Ver- einigung Cockpit (VC) haben daran Zwei- fel. Besonders verwegen erscheint ihnen Spohrs Plan, Piloten des innerdeutschen und -europäischen Städtezubringers City- line künftig nach einem Schnellkurs auf Langstreckenverbindungen einzusetzen. „Gerade in Afrika oder Teilen Südameri- kas können Sie die Flugsicherung oft ver- gessen“, warnt ein langjähriger Lufthansa- Kapitän, und häufig fehle ein Radarsystem. Neulinge, meint der Experte, wären da komplett aufgeschmissen.

Billigflieger

Anteil der verfügbaren Sitzplätze am gesamten europäischen Flugverkehr

20% 2004
20%
2004
45% 2014
45%
2014

Quelle: ICAO, Airbus

An Spohrs Idee, die Firma Sun Express im Auftrag von Eurowings zu Ticketprei- sen ab 99 Euro von Köln nach Dubai flie- gen zu lassen, üben altgediente Piloten und VC-Funktionäre ebenfalls heftige Kri- tik. Die Gemeinschaftsfirma von Lufthansa und Turkish Airlines bedient bislang nur sogenannte Warmwasserziele, also touris- tische Strecken rund ums Mittelmeer. Heikel sind für die Lufthansa auch jeg- liche Zweifel an einem geordneten War- tungsbetrieb. Germanwings lässt die In- standhaltung der Maschinen von der Luft- hansa Technik Maintenance International besorgen. Das ist eine hundertprozentige Tochter von Lufthansa Technik. Dort wer- den mehr Zeitarbeiter eingesetzt, als das bei Lufthansa Technik üblich ist. Zudem gibt es bei der Lufthansa eine Ten- denz, die Reparatur von defekten Flugzeug- teilen auszulagern. Ist einer der hoch kom- plizierten Sensoren kaputt, holt man sich von einem der zahlreichen Fremdanbieter von Reparaturdiensten ein Angebot ein. Ist er billiger als die eigenen Lufthansa-Mecha- niker, wird die defekte Flugzeugkomponen- te verschickt, etwa in die USA, aber auch nach Südeuropa oder Asien. Vor Kurzem hat die Lufthansa eine Aus- schreibung initiiert: Gesucht wird ein Ver- mittlungsunternehmen, das den jeweils günstigsten Reparaturbetrieb aufspürt und den Transport des kaputten Flugzeugteils organisiert. Das hat Konsequenzen für die Belegschaft in den Stammorten von Luft- hansa Technik. Insgesamt baute die Luft- hansa-Tochter im vergangenen Jahr 650 Ar- beitsplätze ab, davon allein 400 in Hamburg. Wie geht es nun weiter mit all diesen Sparplänen? Wird das Unglück das Unter- nehmen zum Umdenken zwingen, weil die Öffentlichkeit die Lufthansa nach dieser traumatischen Woche kritischer sieht? Oder bleibt es bei Spohrs Strategie, weil nicht das System, sondern ein einzelner Mensch versagte? Am Donnerstag wich der Lufthansa-Chef auf einer Pressekonferenz mit German- wings-Chef Thomas Winkelmann solchen Fragen aus. Alle müssten erst einmal damit klarkommen, was hier passiert sei, sagte Spohr. „Dann werden wir zu gegebener Zeit darüber nachdenken, welche strategi- schen Planungen die Lufthansa umsetzt.“ Nichtstrategische Konsequenzen könnte es schon schneller geben, zumindest for- dert das Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU), der zuvor lange Jahre Luft- fahrtkoordinator der Bundesregierung war. „Künftig sollte es auch in den Kabinen Not- rufvorrichtungen geben, sodass man Alarm geben kann, auch wenn man nicht im Cockpit ist“, sagt Hintze. Zudem soll- ten künftig immer zwei Besatzungsmitglie- der im Cockpit anwesend sein.

Dinah Deckstein, Armin Mahler, Martin U. Müller, Peter Müller, Gerald Traufetter

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FOTO: CARSTEN KOALL / GETTY IMAGES

Premier Tsipras, Kanzlerin Merkel
Premier Tsipras, Kanzlerin Merkel

Akt der Dressur

Finanzpolitik Um die Athener Regierung zu den geforderten Reformen zu zwingen, setzen die Euroländer auf eine Kombination aus Diplomatie und Geldentzug. So wollen sie Griechenland in der Währungsunion halten – doch die Zeit wird knapp.

R ebellen haben einen besonderen Charme, niemand weiß das besser als Alexis Tsipras, der strahlende

Aufrührer aus Athen. Offenes blütenwei- ßes Hemd, siegesgewisses Dauerlächeln:

Dem griechischen Premier fällt es nicht

schwer, seine Gesprächspartner für sich einzunehmen. Auch die deutsche Politikprominenz, die er diese Woche bei seinem Berlin- Besuch im Halbstundentakt zur Audienz

empfing, war ganz hin und weg. Außen- minister Frank-Walter Steinmeier pries eine „verbesserte Tonlage“ im deutsch- griechischen Verhältnis, Grünen-Chef Cem Özdemir sprach von „gewonnenem Vertrauen“. Und sogar die Kanzlerin rang sich während ihres fast fünfstündigen Treffens in der Regierungszentrale freund- liche Worte ab, warnte vor „nationalen Stereotypen“ und beschwor den „Geist der Kooperation“. Von „Entspannung im

Schuldenstreit“ schrieben tags drauf die Zeitungen. Schön wär’s, in Wahrheit ist das Verhält- nis zum Zerreißen gespannt. Drei Monate nach seinem Wahlsieg steht Tsipras allein gegen die Regierungen aller 18 Euroländer, die den Linkspolitiker zwingen wollen, ei- nen Großteil seiner Wahlversprechen zu kassieren. Die Euro-Gruppe verlangt, dass in Griechenland weiter gespart, Staats- besitz verkauft und der öffentliche Dienst

zurückgeschnitten wird. Die griechische Regierung dagegen will mehr Geld ausge- ben, weniger privatisieren und entlassene Beamte wieder einstellen. Auch die heißlaufende Krisendiplomatie der vergangenen Wochen hat den Konflikt nicht entschärft. In Athen werfen sie den Geldgebern aus Berlin, Madrid oder Paris „Erpressung“ vor. Im Gegenzug klagen in- zwischen selbst wohlmeinende Rettungs- politiker in Brüssel über Obstruktion, Tricksereien und Dilettantismus im Tsi- pras-Kabinett. Nun erhöhen die Euroländer den Druck. Sie bearbeiten Tsipras in Gruppen- und Einzelgesprächen, beschneiden seine finan- ziellen Spielräume und rechnen ihm vor, dass ein Ausscheiden des Landes aus der Währungsunion für die übrigen Mitglieder sogar Vorteile haben könnte. Ein beispiel- loser Akt von politischer Dressur ist zu be- sichtigen, der weniger nach Demokratie als nach Pädagogik für Schwererziehbare aussieht – und beträchtliche Risiken birgt. Lenkt Tsipras nicht ein, könnte am Ende stehen, was alle vermeiden wollen: Das Ausscheiden des Landes aus der Wäh- rungsunion, eine Staatspleite und fortge- setztes politisches Chaos. Vielleicht auch alles zusammen. Die Kosten trägt die griechische Bevöl- kerung. Kaum ein Unternehmer mag noch investieren, die Bürger plündern ihre Bank- konten, die Modernisierung der grie- chischen Wirtschaft stockt. Dabei hatte die Athener Vorgänger- regierung den internationalen Geldgebern einst zugesagt, auf insgesamt 15 Politik- feldern Fortschritte zu erzielen. Tatsächlich aber herrscht auf mehr als der Hälfte seit Monaten Stillstand. So kommen die Grie- chen zum Beispiel nicht voran bei der Ren- tenreform, einen Großteil der Privatisie- rungen haben sie gestoppt, und auch die angekündigte Neuordnung des Arbeits- markts kommt nicht voran. Das belastet die Finanzlage des Landes zusätzlich. Die Abgesandten der Gläubi- ger-Institutionen (vormals Troika) rech- nen nach ersten Schätzungen nicht mehr damit, dass die laufenden Einnahmen Griechenlands in diesem Jahr die Ausga- ben übersteigen. Ursprünglich sollte der sogenannte Primärüberschuss 2015 eine Größenordnung von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. „Davon dürfte nichts übrig bleiben“, heißt es in Troika-Kreisen. Schon machen erste Kalkulationen die Runde, wie viel die Reformverweigerung der neuen Regierung das Land kosten wird, weil die Bürger kaum noch Steuern zahlen und die Konjunktur einbricht. Experten rechnen für die nächsten zwölf Monate mit einer zusätzlichen Finanzierungslücke von 10 bis 20 Milliarden Euro. Diese Sum- me müsste im Rahmen eines weiteren grie-

Deutschland

chischen Rettungspakets ausgeglichen wer- den. Dessen Umfang könnte damit auf ein Volumen von rund 30 Milliarden Euro und mehr steigen. Bislang war von 20 Milliar- den Euro die Rede gewesen. Zudem dreht die Europäische Zentral- bank Tsipras den Geldhahn zu. Grie- chische Banken dürfen seit dieser Woche keine Staatsanleihen kurzer Laufzeit mehr annehmen; das macht es der Regierung schwerer, ihre Papiere zu Geld zu machen. Um Löhne, Pensionen oder Rechnungen zu bezahlen, versucht sie die nötigen Mit- tel nun beim öffentlichen Gesundheits- dienst oder den staatlichen Wasserwerken zusammenzukratzen. Doch viel zu holen ist da nicht, und so balanciert das Land am Abgrund: Wenn die Eurozone nicht bald zusätzliche Mittel freigibt, geht Grie- chenland das Geld aus. Reformen oder Staatspleite – so setzen die Mächtigen der Eurozone Tsipras unter Druck, um ihm Zugeständnisse abzutrot- zen. Auch das Brüsseler Treffen der EU- Spitzen mit Tsipras vergangene Woche war ein solch mühsames Therapiegespräch. Am Tisch saßen Angela Merkel, Frank- reichs Präsident François

Hollande, die Chefs weite- rer EU-Institutionen sowie der Vorsitzende der Euro- Gruppe, der Niederländer Jeroen Dijsselbloem. Vor allem gegen dessen Anwesenheit richtete sich der Zorn des Griechen. „Es begann ziemlich ag- gressiv“, hieß es unter den Teilnehmern hinter- her. Dazu trug auch EZB- Chef Mario Draghi bei, der sich darüber beschwer- te, wie seine Troika-Beam- ten in Athen behandelt würden. „So geht das nicht“, habe der Italiener geschimpft, aber Tsipras hielt dagegen. Am Ende ei- nigte sich die Runde im- merhin auf ein neues Oberprinzip für Griechen- lands Regierung: Jede po- litische Entscheidung, die Geld kostet, muss durch eine Sparmaßnahme an anderer Stelle ausgegli- chen werden. Es war ein mageres Er- gebnis, gemessen am Auf- wand. Doch Europas Ret- tungspolitiker sind inzwi- schen schon froh, wenn es überhaupt vorangeht – wie bei dem langen Ge- spräch zwischen Merkel und Tsipras am vorigen Montag. Die beiden saßen

im sogenannten Kleinen Kabinettssaal des Kanzleramts, Auge in Auge an einer lan- gen Tafel, flankiert von zwei Dolmet- schern und einigen wenigen Vertrauten. Kellner trugen gebratene Entenbrust auf, und Tsipras hatte als Zeichen guten Wil- lens eine Liste mit 18 Reformvorhaben mit- gebracht. Sie beschränkten sich, das merk- ten Merkel und ihre Zuarbeiter schnell, auf Maßnahmen, um die Steuereinnahmen zu steigern. So plant Athen, den Mehrwert- steuersatz auf Ferieninseln zu erhöhen, Rückstände von Steuersündern schneller einzutreiben und höhere Abgaben für Su- perreiche zu erheben. Auf diese Weise, so erklärte Tsipras der Kanzlerin, wolle seine Regierung rund drei Milliarden Euro jährlich aufbringen; ange- sichts der neuen Finanzierungslücke ein geringer Betrag. Merkel nahm das wohl- wollend zur Kenntnis, doch forderte sie

auch weitere Reformschritte in anderen Politikfeldern ein, zu denen sich Griechen- land im Rahmen früherer Rettungspro- gramme bereits verpflichtet hatte. Am ausgiebigsten stritten die beiden über die Experten der Troika, die Tsipras für kaltherzige Technokra-

ten, Merkel dagegen für wichtige Reformratgeber hält. Gegen Mitternacht schließlich, das Gedeck war bereits abgeräumt, zeigte sich Tsipras zu ei- nem weiteren Zugeständ- nis bereit. Die Experten der Gläubiger-Institutio- nen, so versicherte er, dürften künftig wieder un- gestört ihrer Arbeit in Athen nachgehen, Zu- gang zu den Ministerien inklusive. Das war noch das konkreteste Ergebnis ei- nes langen Treffens. Die Frage ist nur, ob Tsipras seine Zusage auch einhält. Zwei Tage nach seinem Deutschlandbesuch durf- ten die Troika-Gesandten die Athener Ministerien noch immer nicht be- treten. Es ist vor allem diese Kakofonie, die die Mäch- tigen in Brüssel, Paris oder Berlin zur Verzweif- lung bringt. Mal senden Tsipras und seine Leute das Signal, dass sie die Auflagen der Euroländer erfüllen wollen. Dann wieder verbreiten sie das genaue Gegenteil. Erst tönen sie, ihr Land sei pleite, dann sprechen

SPIEGEL-UMFRAGE

Deutsche Vormacht

84%

der Befragten stimmen der Aussage zu, dass Deutschland heute mehr als früher die politische und ökonomische Vormacht in der EU ist. 14% stimmen dem nicht zu.

66%

der Befragten meinen, die Bundesregierung bringe die politische und ökonomische Stärke Deutschlands in der EU angemessen zum Ausdruck. 27% finden sie zu auftrumpfend.

26%

der Befragten finden, die Bundesregierung sollte generell zurückhaltender in der EU auftreten, als sie es derzeit tut. 71% finden das nicht.

TNS Forschung vom 24. und 25. März; 1000 Befragte; an 100 fehlende Prozent: „weiß nicht“/ keine Angabe

Deutschland

sie von „einem kleinen Liquiditätspro- blem“. Kein Wunder, dass sich die Euroländer inzwischen auf den Fall der Fälle vorbe- reiten. EU-Kommissionspräsident Jean- Claude Juncker schließt ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro inzwischen nicht mehr aus. Hatte er sich Anfang März noch mit dem Satz zitieren lassen: „Es wird niemals einen Grexit geben“, räumte er vergangene Woche intern ein, dass man sich auf ein solches Szenario durchaus vor- bereiten müsse. Für überzeugte Europäer wie Juncker wäre das zwar eine Niederlage, aber der Luxemburger lässt gleichwohl bereits Plä- ne für den Tag danach schmieden. Kern der Überlegungen: Für den Rest der Wäh-

nen, ist ungewiss. Das Land hat andere Probleme. So kündigte die griechische Regierung in Brüssel schon einmal vorsorg- lich an, dass sie ihre finanziellen Verpflich- tungen womöglich bald nicht mehr erfül- len kann. „Die Zeit wird knapp“, sagte Tsi- pras kürzlich seinen Gesprächspartnern in der Euro-Gruppe. Die Beamten in Brüssel blicken zuneh- mend kritisch auf die Regierung in Athen, und niemandem gefällt das mehr als Mer- kel. Der Kanzlerin passte es überhaupt nicht ins Konzept, wie sich Griechenlands neuerliche Finanzkrise in den vergangenen Wochen zu einem Showdown zwischen Athen und Berlin entwickelt hat. Darauf hatte es die griechische Linksregierung mindestens zeitweilig angelegt – und damit

Linksregierung mindestens zeitweilig angelegt – und damit rungsunion könnte ein Ausscheiden Grie- chenlands sogar

rungsunion könnte ein Ausscheiden Grie- chenlands sogar Chancen bieten. So gehen Junckers Leute davon aus, dass der Klub der Euroländer nach der Katastrophe eines Griechenausstiegs zu einer echten Wirtschaftsregierung ausge- baut werden müsse. Um den internationa- len Finanzmärkten deutlich zu machen, dass kein weiterer Staat dem Beispiel Athens folgen werde, müssten sich die üb- rigen Mitglieder umso enger zusammen- schließen. Wichtige haushaltspolitische Entschei- dungen müssten künftig auf EU-Ebene fal- len. Der Rettungsschirm ESM würde zu einem Europäischen Währungsfonds aus- gebaut, das EU-Parlament an den finanz- politischen Beschlüssen der Mitgliedstaa- ten beteiligt. Doch ob sich Athen davon beeindru- cken lässt, dass die EU-Beamten einem Grexit neuerdings einiges abgewinnen kön-

der schwelenden Kritik am ökonomischen und (vermeintlich) auch politischen Über- gewicht der Deutschen in Europa Nahrung gegeben. Die Debatte ist nicht unbedingt neu, aber sie zeigte neue Wirkung, nachdem sie der SPIEGEL vergangene Woche zum Thema einer Titelgeschichte gemacht hat- te: „Weder ein erhobener Zeigefinger noch ein erhobener Mittelfinger“ werde gebraucht, sagte SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi am Montag und spielte da- mit auf die harschen Ermahnungen von Finanzminister Wolfgang Schäuble ge- gen die Griechen ebenso an wie auf die sogenannte Stinkefinger-Affäre seines griechischen Amtskollegen Gianis Varou- fakis. Auch die Bundesbürger teilen das Bild von einer gewachsenen deutschen Domi- nanz, wie eine Umfrage des Meinungs- forschungsinstituts TNS Forschung für den

SPIEGEL ergab. So sagen 84 Prozent der Bundesbürger, dass Deutschland „heute mehr als früher die politische und öko- nomische Vormacht in der EU ist“. Al- lerdings ist nur ein gutes Viertel der Be- fragten der Meinung, dass die Bundes- regierung in Europa „zu auftrumpfend“ agiere. Zwei Drittel dagegen finden, dass sie ihre Stärke „angemessen zum Aus- druck“ bringe. Damit das so bleibt, versucht die Kanz- lerin, alles zu vermeiden, was nach deut- scher Überheblichkeit aussehen könnte. Die Entscheidungen über Griechenlands Reformpaket fielen ausschließlich in der Euro-Gruppe, also im Kreis der Euro- finanzminister, betonte Merkel am Montag noch einmal.

Sie haben Benzin im Blut?

Merkel am Montag noch einmal. Sie haben Benzin im Blut? Sie machte sich selbst damit kleiner,

Sie machte sich selbst damit kleiner, als sie in Wahrheit ist. Denn am Ende werden nicht die Fachminister, sondern die Staats- und Regierungschefs über das Schicksal Griechenlands entscheiden. Und dass es dabei vor allem von Merkels Votum abhängen wird, ob sie den Re- formzusagen der Athener Regierung den Segen erteilen, darf ebenfalls als gesichert gelten. Die Kanzlerin dagegen möchte diesem Eindruck entgegenwirken, schließlich würde er die Vormachtstellung der Deutschen in Europa erneut doku- mentieren – und damit politisch zemen- tieren. Ein Nein der Deutschen, das Griechen- land aus dem Euro stößt und ihn in Gefahr bringt? Es wäre, was Angela Merkel viel mehr fürchtet als deutsche Vormacht – deutsche Schuld.

Nikolaus Blome, Christian Reiermann, Michael Sauga, Christoph Schult

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FOTO: ULLSTEIN BILD

Tagebau Garzweiler
Tagebau Garzweiler

Die Kohle-Koalition

Regierung Der Plan einer Klimaabgabe auf alte Kraftwerke stößt auf Widerstand. Ministerpräsidenten von Union und SPD verbünden sich gegen Kanzlerin Merkel und Wirtschaftsminister Gabriel.

D as CDU-Präsidium ist schon lange kein Ort mehr, an dem Parteichefin Angela Merkel mit ernsthaftem Wi-

derspruch rechnen muss. Die Bundes- minister der Union unterstehen der Kabi- nettsdisziplin, und die wenigen Minister- präsidenten, die die CDU noch aufbieten kann, sind effiziente Verwalter ihrer Län- der und nicht auf Rabatz in Berlin aus. Doch am vergangenen Montag kratzten sie ihren Mut zusammen. Anlass war ein Konzept mit dem sperrigen Titel „Eck- punkte-Papier Strommarkt“, es stammt aus dem Hause von Bundeswirtschafts- minister Sigmar Gabriel (SPD). Darin schlägt Staatssekretär Rainer Baake eine

Klimaabgabe für alte fossile Kraftwerke vor. Baake ist vielen in der Union ohnehin nicht geheuer, denn er diente schon dem grünen Umweltminister Jürgen Trit- tin. Nun hat er ein Konzept formuliert, das aus Sicht der Ministerpräsidenten vor allem den Braunkohle-Kraftwerken in Deutschland den Todesstoß versetzt. „Mit den Plänen droht eine Deindustria- lisierung der Lausitz“, schimpfte Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich. „Das wäre das K.o. für die Kohle“, unterstützte ihn Reiner Haseloff, Ministerpräsident von

Sachsen-Anhalt. Und CDU-Vize Armin La- schet, der im Frühjahr 2017 Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen ablösen will, klagte über Zehntausende Arbeitsplätze, die auf dem Spiel stünden. Merkel hörte sich die Beschwerden ihrer Länderchefs zwei Stunden lang geduldig an. Einerseits ist die Kanzlerin nicht glück- lich darüber, dass die SPD so tut, als wäre das Papier bereits bis ins kleinste Detail mit ihr abgesprochen. Andererseits steht im Juni der G-7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern bevor, und bei dem Treffen der Staats- und Regierungschefs ist auch der Klimaschutz ein wichtiger Programm- punkt. Merkel will sich nicht vorwerfen lassen, sie sei untätig gewesen. Daher will sie einer Art Klimaabgabe nicht von vorn- herein eine Absage erteilen. „Man muss Wege finden, die Klimaschutzziele einzu- halten“, hielt sie ihren Ministerpräsidenten entgegen. Es ist erst wenige Jahre her, da ließ Mer- kel sich als Klimakanzlerin feiern. Als Ga- briel noch Umweltminister war, besuchten beide gemeinsam Grönland und sorgten sich um das Abschmelzen der Eisberge. Das war 2007 – und seitdem ist wenig ge- schehen. Nun aber will sie sich nicht nach-

sagen lassen, dass sie die Versuche ihres Vizekanzlers untergräbt, die Erderwär- mung zu bremsen: „Wir können schlecht von Ländern wie China oder Brasilien mehr Klimaschutz verlangen, wenn wir unsere eigenen Ziele nicht ernsthaft ver- folgen“, heißt es im Kanzleramt. Deutschland hat sich verpflichtet, bis zum Jahr 2020 den Ausstoß von Treibhaus- gasen um mindestens 40 Prozent im Ver- gleich zu 1990 zu senken. So steht es im Koalitionsvertrag. Doch dieses Ziel ist nur zu erreichen, wenn etwa zehn Gigawatt Kraftwerksleistung vom Netz genommen werden. Das entspricht mindestens 20 je- ner Stein- und Braunkohlekraftwerke, die zu den größten CO ² -Schleudern zählen. Geht es nach Gabriel, sollen die älteren Schmutzkraftwerke künftig mit einer zu- sätzlichen Klimaabgabe belegt und so aus dem Markt gedrängt werden. Das „Eck- punkte-Papier“ gibt der Energiewende ein Preisschild. Erstmals macht die Bundes- regierung klar, wer neben der Atomkraft der große Verlierer sein wird: die Kohle. Vor allem für den Stromkonzern RWE ist das eine schlechte Nachricht. Er betreibt neben vier Atommeilern auch vier große Braunkohlekraftwerke. Als Baakes Papier

FOTO: MICHAEL KAPPELER / AP

am Donnerstag vor einer Woche bekannt wurde, sprachen die Manager schon nach kurzer Analyse von einem Frontalangriff. RWE-Chef Peter Terium rief umgehend Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und den Chef der Berg- bau- und Energiegewerkschaft IG BCE, Mi- chael Vassiliadis an, um sie gegen die Pläne in Stellung zu bringen. Terium wies seine Controller an, das Papier aus dem Wirtschaftsministerium ge- nau durchzurechnen. Das Ergebnis: Sollte die Bundesregierung über 20 Jahre alte Meiler mit einer zusätzlichen Abgabe von 18 bis 20 Euro pro Tonne CO ² belasten, würden sich auch einige neuere RWE- Kraftwerke, die im Verbund mit den Uralt- meilern arbeiten, nicht mehr rechnen. Al- lein im rheinischen Braunkohlerevier zwischen Aachen und Köln stünden 20000 Arbeitsplätze auf dem Spiel.