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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 11.02.2010

Reportage Porträt eines Kämpfers


Kultur
Music Der Schaffhauser Tomislav Mestrovic hat einen Film über den
Boiler Thaiboxer Azem maksutaj gemacht.
Letzte
Mehrere Dutzend glänzende Trophäen begrüssen einen, wenn man das
Kino
Wing Thai Gym in Winterthur betritt. Die älteste Thaiboxschule der Schweiz
Kinoprogramm
nennt sich auch «Die Schule des Meisters». Der Meister ist der 34-jährige
Agenda Azem Maksutaj. Vor 18 Jahren betrat er das erste Mal das Wing Thai Gym
und fühlte sich in der ihm damals fremden Schweiz erstmals zu Hause.
Redaktion Heute gehört die Schule ihm, rund 100 Schüler trainieren Woche für Woche
Impressum bei ihrem Vorbild Azem.
Auch an diesem Montag hört man bei der lautstarken Musik, wie motivierte
Männer und Jungs sich mit Seilspringen aufwärmen. Den Ton gibt Azem
an, Verschnaufpausen gibt es keine. Azem fordert von seinen Schülern
Ehrgeiz, Disziplin und hartes Training. Ohne diese Dinge wäre er heute
nicht da, wo er ist. 14-mal hat er den Weltmeistertitel im Thaiboxen geholt.
Nicht nur die vielen Trophäen und Titel sind der Lohn für seinen Schweiss,
sondern auch der in den Schweizer Kinos bald anlaufende Film, der seinen
Namen trägt.

Die Anfänge [ zurück ]


«Being Azem» zeigt den Schwergewichtskämpfer mit dem «Tigerauge» in
den wichtigsten Momenten seiner fast 20-jährigen Karriere. Begleitet wird
er von den Filmemachern Tomislav Mestrovic und Nicolò Settegrana.
Ersterer lebt in Schaffhausen, ist Sportlehrer und dank dem für seine
Maturaarbeit gedrehten Hip-Hop-Dokumentarfilm «Styles» auf den
Geschmack des Filmemachens gekommen. Damals lernte sich das
Dreamteam Tomislav und Nicolò kennen und gründete im Jahr 2006 die
Filmproduktionsfirma Pi-Filme in Zürich.
Am Dokumentarfilm «Being Azem» haben sie alles zusammen gemacht.
Was dem kreativen Tomislav an Fachwissen fehlte, brachte der diplomierte
Filmemacher Nicolò ein. Auch die Idee zum Film war den leidenschaftlichen
Filmemachern zusammen gekommen: Während sie an einem anderen
Projekt arbeiteten, gönnten sie sich eine kurze Pause vor dem Fernseher.
Sie sahen den talentierten Azem, wie er in Las Vegas gegen Ruslan Karaev
kämpfte und mit welchem Kämpferherz und welcher Ausstrahlung er das
tat. Zu dem Zeitpunkt kannten sie den in der Schweiz lebenden Kosovaren
nur vom Hörensagen, wussten aber sofort, dass man mit einem solch
authentischen Kämpfer einen erfolgreichen Dokumentarfilm würde drehen
können.
Nach genaueren Besprechungen der Filmidee ging alles ganz schnell: Azem
war begeistert von dem Angebot, und die ehrgeizigen Filmemacher hatten
keine Mühe, die Förderinstitutionen von ihrem Filmprojekt zu überzeugen.
Die Dreharbeiten begannen nur ein paar Monate später, im Mai 2006.
Azem stand zu der Zeit auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Einen Film
über ihn machen zu können, kam Tomislav und Nicolò wie ein Märchen vor.

Die Kämpfe
Im Wing Thai Gym geht das Aufwärmtraining zu Ende. Azem beginnt mit
dem Schattenboxen und dem Auflockern, die Schüler tun es ihrem Meister
gleich. Der Schwergewichtskämpfer hat eine ruhige Zeit hinter sich. Fast
zwanzig Jahre im Ring hinterlassen Spuren am Körper. Um sich von den
Strapazen zu erholen, gönnte sich Azem eine einjährige Pause. Doch nun
befindet sich die Kämpfernatur im Aufbautraining für sein nächstes grosses
Ziel: Im Mai wird er nach 20 Jahren seinen letzten Kampf bestreiten. Sollte
er diesen Abschlusskampf gewinnen, damit also zum 15. Mal Weltmeister
werden, wird der Winterthurer im Guinnessbuch der Rekorde verewigt.
Wie sich Azem auf seine Kämpfe vorbereitet, kann man bald in den
Schweizer Kinos mitverfolgen. Die Regisseure begleiteten Azem mit einer
Kamera zu seinen wichtigsten Kämpfen. Auf der Reiseroute lagen Thailand,
Las Vegas, Stockholm, Istanbul und das Kosovo. Oft war Azem schon im
Fernsehen zu sehen. Die Zuschauer sahen einen aufregenden Kampf, einen
ehrgeizigen Kämpfer, aber mehr auch nicht. Den Menschen hinter den
Boxhandschuhen können die Medien nicht erfassen, nicht zeigen, wie es in
dem 96 kg schweren Mann kurz vor einem Kampf aussieht oder welche
Menschen im Backstagebereich mitfiebern. Diese verborgenen Seiten
sichtbar zu machen, sei einer ihrer Antriebe für den Film gewesen, meint
Tomislav Mestrovic.
Der Kernpunkt des Filmes und von Azems Karriere ist der Kampf in Las
Vegas, bei dem es um alles geht: Nur ein Kampf trennt den mehrfachen

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Weltmeister vom K-1-Grand-Prix-Finale in Tokio. Diesen höchsten Titel des


Kampfsports, bei dem Kampfsportler aus verschiedensten Disziplinen
gegeneinander antreten, holte bisher nur ein Schweizer: Azems ehemaliger
Trainer und Freund Andy Hug.
Kurz vor dem Kampf können die Zuschauer hautnah miterleben, welche
Emotionen Azem durchlebt, so nah und intim gab sich der Winterthurer vor
der Kamera. «Der Film erzählt seine Geschichte vor allem über Bilder und
Gefühle, nicht in erster Linie über Informationen», sagt Filmemacher
Tomislav. Von Anfang an war er begeistert vom authentischen Auftreten
Azems, des Gefühlsmenschen, wie er sagt. Von Beginn an war Azem offen
für das Projekt, liess die Filmemacher ganz nah an sich ran, fast schon zu
nah. Schnell entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den
Filmemachern und ihrem Hauptdarsteller. Oft war genau das die
Schwierigkeit beim Drehen. «Manchmal muss man die Freundschaft bei der
Arbeit ausklammern, anders geht es nicht», sagt Tomislav.
Schnell wird den Zuschauern klar, dass der Dokumentarfilm nicht nur ein
Kampfsportfilm ist und Kampfsportler begeistern soll. «Es geht um das
Leben mit all seinen Schwierigkeiten und Herausforderungen und um die
Suche nach Liebe und Zugehörigkeit», erzählt Tomislav.

Als Fremder in der Schweiz


Azems Kämpfe, wenn er allein in den Ring steigt, sich einem vom Gewicht
her schwereren Gegner stellt und vor allem, wie er wieder aufsteht,
nachdem er zu Boden gegangen ist, stehen symbolisch für ein hartes
Leben mit Integrationsschwierigkeiten. Ein Leben, in dem Azem auch
immer allein kämpfen musste und sich, genau wie im Ring, nie
unterkriegen liess. «Jeder Mensch wird sich in Azem wiederfinden»,
versichert Tomislav. Jeder kenne Schmerz und Rückschläge. Und sehr viele
würden vom Wiederaufstehmännchen lernen können. Auch von dem in
Europa als Randsportart bekannte Thaiboxen gibt es viele spannende Bilder
zu sehen. Nicht nur der Kampf an sich wird die Zuschauer seinen den Bann
ziehen, sondern vor allem auch die Zeit vor und nach dem Kampf, eine Zeit
voller Freude und Trauer. «Wir leben in einer Siegergesellschaft», sagt
Tomislav, deshalb ist es den Filmemachern umso wichtiger, dem Zuschauer
zu zeigen, dass Sieg und Niederlage ganz nah beieinanderliegen oder
manchmal sogar ein- und dasselbe sind. Doch vor allem möchten sie mit
den Bildern und Azems Geschichte zeigen, dass der Sieger der ist, der
wieder aufstehen kann.
Im Wing Thai Gym verfolgen die Schüler dieselbe Philosophie. Beim
Sparring geht es hart zu und her, doch liegen bleibt keiner. Während die
Schüler gegen Pratzen oder Gegner kämpfen, tollt der
Schwergewichtskämpfer Azem liebevoll mit seinem kleinen Sohn herum.
Das «Tigerauge» scheint vererbt zu sein, wie ein kleiner Profi schlägt sich
der Kleine durch Papas Hände. An Liebe und Zuneigung fehlt es dem
34-Jährigen heute nicht mehr. Mit seiner 23-jährigen Frau und seinem
kleinen Sohn hat der Mann mit der harten Schale und dem weichen Kern
sein Glück gefunden. Auf den Film ist er stolz, genauso wie seine Frau,
welche anfangs jedoch Mühe hatte, mit der ständig auf sie und ihren Mann
gerichteten Kamera umzugehen. Doch die harte Arbeit habe sich gelohnt
und sei sehenswert, sagt sie.

Arbeit am Film
Von harter Arbeit können die Regisseure Tomislav und Nicolò ein Lied
singen. Trotz dem anfänglichen Glück für die Umsetzung ihrer Idee, lief
nicht alles glatt während der Dreharbeiten. Im Gegensatz zu einem
Spielfilm, bei dem alles sorgfältig vorbereitet werden kann und der Text
auswendig gelernt wird, bevor man anfängt zu drehen, ist bei einem
Dokumentarfilm das Drehbuch offen. Wann und wo muss das Filmteam
drehbereit sein? Was, wenn eine für den Film wichtige Szene verpasst
wird? Doch nicht nur der Druck, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort
zu sein, macht den Filmpartnern zu schaffen. Bei den Dreharbeiten in
Istanbul verschwanden plötzlich zwei kleine Kameras, zwei Tapes mit
Filmmaterial und der Laptop samt wichtigem Inhalt.
Eine nervenaufreibende Zeit war die Arbeit an ihrem Projekt. Ein Projekt,
welches einen auffrisst, wie Tomislav sagt. Denn allein mit dem Filme-
machen konnten sich die beiden Vollblutregisseure noch keine Brötchen
verdienen. Tomislav zum Beispiel jobbte noch nebenbei als Sportlehrer.
Doch nach über einem Jahr Drehzeit, zwei Jahren Arbeit für die
Transkription, die Dramaturgie und den Schnitt freuen sich Tomislav und
Nicolò, ihren
Film in der ganzen Schweiz, am 27. Februar erstmals in Schaffhausen im
Kinepolis, präsentieren
zu dürfen.

Von Sanja Zdravkov

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