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ROMAN

Hafen in Jakarta: Hier erlebt der Held in Adrian Witschis Novelle

Zwei Visionäre im
Höhenrausch
Der Bildhauer Frédéric Bartholdi und der Ingenieur
Gustave Eiffel waren im 19. Jahrhundert unerbittliche
Rivalen. Zumindest gemäss dem neuen Roman
«Giganten» des Basler Schriftstellers Claude Cueni.

eine wilde Nacht

NOVELLE

Ein Träumer auf Abwegen
In Adrian Witschis
Novelle «Hoffentlich ist
niemand verletzt» reist
ein angehender Journalist nach Indonesien und
stellt dabei sein ganzes
Leben auf den Kopf.

Vinzent steht neben der Kaffeemaschine und schneidet einen Truffes-Cake an, als ihn
Iwan vom People-Ressort fragt,
ob er heute Geburtstag habe.
«Nein, nein. Ist mein letzter
Tag hier. (…) Mein Praktikum
läuft aus», antwortet Vinz.
Ein paar vage Pläne hat er
bereits: Er will mit seiner
Freundin Ava zusammenziehen und vorher nach Indonesien reisen. Doch als sie für die
gemeinsame Wohnung einkaufen gehen, ist der 30-jährige Träumer nicht ganz bei
der Sache. «Ich will nicht immer alles entscheiden müssen.
Scheisse, jetzt sag doch einfach, welchen der beiden Teller
du willst!», schreit die temperamentvolle Freundin. Und
auch, als sie ihn fragt, wann er
abfliegt, ist Vinz unsicher.
Die Schwierigkeiten sind
vorprogammiert. Das erste

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Hindernis wartet bereits am
Flughafen von Jakarta: Sein
Pass ist nicht mehr so lange
gültig wie nötig. Und er verpasst den Anschlussflug nach
Bali. In Jakarta macht Vinz
eine abenteuerliche Hafenrundfahrt, lernt den Australier
Mick kennen und erlebt eine
Nacht, an die er sich sein ganzes Leben lang erinnern wird.
Und am nächsten Tag erzählt
ihm Ava am Telefon etwas völlig Unerwartetes.
Adrian Witschis erste Novelle reisst die Leser mit. Durch
die schnellen, detaillierten Szenenwechsel wirkt sie kurzweilig. Witschi hat Germanistik,
Philosophie und Geschichte
studiert und lebt in Zürich.
Seit sechs Jahren arbeitet er als
freier Autor und Journalist und
unternimmt immer wieder
Reisen nach Indonesien.
Melanie Riedi

Buch
Adrian Witschi
«Hoffentlich ist
niemand verletzt»
117 Seiten
(Salis 2015).

Der eine war der feinfühlige
Künstler, der andere der kalte
Rechner – Visionäre waren beide: Gustave Eiffel mit dem nach
ihm benannten Turm für die
Weltausstellung von 1889 in Paris, Frédéric Bartholdi mit der
Freiheitsstatue im Hafen von
New York, die drei Jahre zuvor
auf Liberty Island eingeweiht
wurde. Sie sind die Helden im
neuen Buch des Basler Autors
Claude Cueni, der bereits historische Romane wie «Cäsars
Druide» oder «Das grosse Spiel»
über den Finanzjongleur John
Law im 18. Jahrhundert geschrieben hat. Letztes Jahr konnte der 59-jährige Schriftsteller
mit dem teilweise autobiografischen Roman «Script Avenue»
einen Auflageerfolg feiern, an
einer Fortsetzung dieses Werks
arbeitet er gegenwärtig.

Heftige Emotionen
Mit «Giganten» erzählt er die Geschichte einer angeblichen Rivalität zwischen Eiffel (1832–1923)
und Bartholdi (1834–1904), die
er mit ereignisgeschichtlichen
Episoden aus der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts schmückt.
In Cuenis Worten ist der Roman
eine «Fiktion aus historisch gesicherten Fakten und teilweise erfundenen Ereignissen». So entzündet sich der Konflikt zwischen den beiden Pionieren –

nach jugendlicher Freundschaft –
im Kampf um die Gunst einer
fiktiven Angélique. Der flamboyante Eiffel kann ihr materielle Sicherheit bieten, Bartholdi viel
Liebe – sie will beides.
Wie in allen seinen Büchern
setzt der Autor auf heftige Emotionen, etwa als die beiden Kontrahenten sich bei einem Zwist
um die begehrte Geliebte gegenüberstehen: «Frédéric fixierte
Gustave, lauerte auf eine Reaktion, doch Gustaves Gesicht zeigte
keine Reaktion.» Die beiden
Männer «erkannten, dass sie
Rivalen geworden waren».

Gefährliche Expedition
Reizvoll für den Leser ist die Begegnung mit historisch verbürgten Figuren. Da gibt es einen Besuch im Atelier des legendären
Fotografen Gaspard-Félix Tournachon, genannt Nadar. Oder
auf einer Reise der Protagonisten
nach Ägypten tritt Ferdinand de
Lesseps auf, der Erbauer des
Suezkanals.
Abenteuerlich ist die erzählerische Exkursion, auf die Cueni
die halbfiktionale Figur Charles
Bartholdi schickt, den älteren
Bruder von Frédéric. Der historisch verbürgte Mann ist in der
Version Cuenis der Typ Gambler, dem das Leben nicht risikoreich genug sein kann. So trampt
der Unglückliche in einen ent-

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TIPPS

ANDRI POL

Unterhaltsame Lektüre

Claude Cueni: Die Freiheitsstatue taucht in seinem Roman auf

legenen Winkel Alaskas, wo
Gold gefunden wurde. Cueni
schildert seinen vergeblichen
Kampf gegen die Unbilden der
Natur im Stil einer fiebrigen
Horrorgeschichte. Mit dieser
Expedition ebenso wie mit der
Nilfahrt zu den Pyramiden illustriert er, wie gefährlich das
Leben in jener Zeit für Reiselustige war – nicht nur wegen

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des fehlenden Komforts. Cueni
schildert ausführlich die Folgen
kolonialer Sexabenteuer der
Europäer im Orient – fast alle
Männer kehrten mit einer Syphilis-Infektion heim.
Der Roman «Giganten» enthält schweizerisches Lokalkolorit. Eiffel wie Bartholdi waren
mit der Stadt Basel verbunden.
Bartholdis Strassburger Denk-

Eine tragische Dimension dagegen hat die Verbindung von
Gustave Eiffel zu Basel. Eine
von ihm konstruierte Eisenbahnbrücke stürzte am 14. Juni
1891 über dem Flüsschen Birs
bei Münchenstein zusammen,
als ein Personenzug darüberfuhr. Der Unfall kostete 73 Passagieren das Leben – es ist das
bis heute schwerste Eisenbahnunglück der Schweiz. Die Katastrophe war auf Konstruktionsmängel zurückzuführen, die
dem Nachruhm Eiffels indes
nichts anhaben konnten. Der
Glanz des Pariser Turms war zu
gross.
«Giganten» ist ein unterhaltender Sommerlesestoff, der zu
einer fantasievollen Reise einlädt. Die Leserinnen und Leser
können in all den Intrigen und
Abenteuern mitschwelgen –
und erfahren dabei Überraschendes vom Leben im 19.
Jahrhundert.
Rolf Hürzeler

Buch
Claude Cueni
«Giganten»
398 Seiten
(Wörterseh-Verlag
2015).

Do, 6.8., 20.00
Zeughaus Lenzburg AG

Lesung:
Christoph Poschenrieder u.a.
Im Musikdorf Ernen wird nicht
nur der Musik gefrönt, sondern auch der Literatur: Am
Literaturwochenende «Querlesen» sind der deutsche Autor
Christoph Poschenrieder (Bild),

der Basler Alain Claude Sulzer
und der Hamburger Friedrich
Dönhoff zu Gast. Die aus dem
WDR bekannte Bettina Böttinger moderiert die Lesungen.
Sa, 25.7., 20.00
(Alain Claude Sulzer)
So, 26.7., 11.00
(Friedrich Dönhoff)
So, 26.7., 14.00
(Christoph Poschenrieder)
Tellenhaus Ernen VS
www.musikdorf.ch

Lesung: Hans Jürg Müller
Post aus Hawaii: Schauspieler
Hans Jürg Müller liest aus Rei seberichten von Mark Twain
von 1866. Mit Humor und
Schwung berichtete der Autor
als junger Reporter von Walfängern, übereifrigen Missionaren und schönen hawaiiani schen Frauen. Er erweist sich
dabei mit seinem spöttischen
Blick weniger als Ethnologe,
aber als guter Beobachter.
Fr, 7.8., 21.00 Tiki Bar Basel

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DANIELA AGOSTINI/ © DIOGENES VERLAG

mal beim Bahnhof SBB lockt
seit Ende des 19. Jahrhunderts
den Besucher mit imperialer
Geste in die Stadt.

Diskussion: Ariadne von
Schirach und Marco Salvi
Der Ökonom Marco Salvi und
die Philosophin Ariadne von
Schirach wetzen in der Ausstellung «Geld – Jenseits von
Gut und Böse» die Klingen: Ist
der Mensch ein Homo oeconomicus oder beutet er sich da mit selbst aus? Die Redner
haben je 10 Minuten Zeit, ihre
Positionen zu vertreten. Es
folgt eine Diskussion mit Einbezug des Publikums.