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FoR sozrArwrssEf,scHAFrEN

\/, v('rl,tti lilr i,o/talwissenschaften rilr',t,il1{l{'n Irl llogrnn des Jahres 2004 aus den beiden Häusern

l ' .'.1, ' . I lril( 1il|lt und WestdeUtSCher Verlag.

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/\l||, ltr'( ltlo Vorbehalten

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Gabriele Klein

Electronic

Vibration

Pop Kultur Theorie

Das Alter ist dabei das wirksanxte Distinktionskriterium; die entscheidenden

Medien, über die sich diese altersspezifischen Distinktionen herstellen lassen, sind vor allem Musik und Tanz, daneben auch die Mode.

Die Konstruktion dieser Szene-internen Altersklassen ließ sich auch gut bei der räumlichen Organisation der ,Mayday' beobachten: Während die jüngeren Raver sich aufden verschiedenen Dancefloors, aber vor allem in der übergroßen Halle I der Dortmunder Westfalenhalle zu Zigtausenden bei schlechter Luft und Schweiß an Schweiß wiegen, hat die ,upper class', und

das sind zumeist die ,Alteren', sich eine Reihe von Pubs in der zweiten Etage

reservieren lassen. Hier drückt sich .Hochkultur' noch räumlich aus: Man

sitzt zusammen mit kleinen geladenen Gnippchen und schaut durch eine

Glasscheibe auf das Geschehen der Masse. Bei Bedarf läßt sich die Scheibe

vorziehen und ein bißchen ,Mayday'-Luft schnuppem, aber man kann auf diesen sinnlichen Reiz auch verzichten und, allein den Blick auf das Gesche-

hen gerichtet, mit eigenen-r DJ und eigener Bar

Die 'l'rennung zwischen Elite und Masse ist oliensichtlich ein zentraler Be-

seine Privatparty abziehen.

standteil des Pop-Geschäft s.

Techno - eine Gegenktrltur'?

In den.r bedrohlichen Bild, das die Medien von Techno zeichnen. nehmen Musik und Tanz eine zentrale Stelle ein; Die Musikanlage erscheint nicht selten als Maschine, die Musik als eintönig und aggressiv, als industriell pro-

duzierter mechanischer Beat. t.lnd da sich die außenstehenden Beobachter nicht vorstellen können, daß sich dies jemand fieirvillig antut, glauben sie, die

,Hammersounds' würden in die Körper der wehrlosen Konsumopfer hinein-

gepeitscht, so, als hätte die Kulturindustrie einen weitcren anti-

individualistischen Gleichschaltungsversuch

gestartet und mtt der dem Tech-

no eigenen MachfRhythntik eine amorphe Masse produziert. Techno, so

ließe sich diese Lesart überspitzt zusammenfassen, ist dic N,larschrnusik cler postindustriellen Gesellschaft; ihr Beat zerschlägt dic Hirne, terrorisiert die

Körper und fördert mitunter auch faschistoide Tendenzcn. Von Widerstands-

potential oder gar einer Gegenkultur kann dieser Sichtr.veisc zufolge bei

Teclno nicht im mindesten die Rede sein.

Wie stark diese Lesart durch einen intergenerativen Diskurs geprägt ist,

hat I'Iolger Hermarr5 in rvünschenswerter Deutlichl<eit herausgearbeitet. Sei-

135 Dcr Vortrag Ilcrntas rvar'Icil

cines Gcnrcinschalisrelcratcs.

zwischcn l-okalko]orit

Its ist vcröfJtntlicht in: Iler und Univcrsalstruktur, hrsg

mann Artmaier/u.a. (Hg.):

vom llaus der.lugcndarbeit Miinchcn, Miinchcn l 99T, S. Sl,ll, insb. s. 38fl-.

'lechno

68

ner Meinung nach findet hier ein Wirkhchkettslrooell Arlwcrruutrö, uoJ rrLrr vor allem der 78er Generation, den zwischen 1953 und 1966 Geborenen,

zuordnen läßt und nach folgenden N4ustern strukfuriert ist: Authentizität, In-

nerlichkcit, Subjektivität und Reflexivität werden als Säulen einer antikon- formistischen Haltung gewertet. Die Bewahrung des ,Authentischen' und ,Natiirlichen' als eigentliches Ziel dieses Antikonforrnismus soll vor allem

durch alternative Lebensentwürfe gewährleistet werden und die alternattve Gestaltung der Lebenswelt zugleich als Barrikade gegen die Eingriffe durch

zerstörerische Systeme wie beispielslveise die Kulturindustrie dienen.

Obwohl gerade die 78er Generation den Körper als Ort des Natürlichen und Authentischen (wieder)entdeckt hat und sich über Techniken leiblicher Selbsterfahrung diesem reflexiv zu nähern versucht, liegt es auf der Hand'

daß nach ihrem Wirklichkeitsmodell Sinnstiftung vor allem diskursiv, das

heißt über Auseinandersetzungen, Problematisierungen und Kontroversen ertblgen und damit im Sinne kognitiver Selbstreflexion - nur über erne

Distanz zu sich selbst und zur Lebenswelt hergestellt u'erden kann. Die Tech-

no-Kulttrr zeichnet aus dieser Sicht ein Gegenbild: Sie erscheint als ein sinn- loses, weil entpolitisiertes Fest, als ein diskursfernes Untemehmen, als erne

eruptive Feier kultureller Entfremdung. tlier findet in den Augen der 78er

keine ,rvirkliche' Begegnung mehr statt; weder politische Veränderung noch Selbstlindung sind die Ziele - es geht allein um die Party im Flier und Jetzt. Tatsächlich erfiillt die Rave-Szene keines der Kriterien einer Gegenkul-

tur. Sie versteht sich nicht als eine bewußte, diskursiv hergestellte Alternative

zu dem Bestehenden. dazu ist sie zu kommerziell und auch zu cliskursf-ern.

Und sie hat keinen Gegner: Während Gegenkulturen ilue ldentität gerade aus der Negation der ,Normalität' gewinnen, ist der llezugspunkt der Raver kei- neswegs eine ,Offlzialkultur' im Sinne einer einheitlichen Kultur der Gesamt-

gesellschaft, der sie die Utopie einer besseren Welt entgegensetzen würden.

Dabei scheint der Drang, ein besseres gesellschaftliches Modell zu denken,

ur.rd der Wille. es auch durchzusetzen. nicht in erster Linie an Desinteresse oder bloßer Partylaune zu scheitern, sondern eher an der pessimistischen Ein-

schätzung objcktiver Veränderungsmöglichkeiten. So meint Kai, einer der befragten Raver: >Mal im Emst, ich rvill nichts verändcrn. Es kann so blei- ben, wie es ist. Solche Fragen sind illusorisch, und insofern mache ich mir auch keine Gedanken darüber.< Auch das. was noch den neurotischen Cha-

rakter auszeichnete, nämlich fiir langfristige Gratifikationen au{'unmittelbare

vcrzichten zu können, scheint bei den eher narzißtisch

Bedürfnisbefriedigung

kein zentrales 'lhema. [Jnd so u,'ird das Desinteresse, Zu-

geprägten Ravern

kunft gestalten zu wollen, mit einer prirnären Orientierung an Gegenwart

becründet. Bea: >Ich mach' rnir da auch nicht so die Gedanken damm, was in

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rlt r /.rrkrrrrli ist.< [Jnd Yvonne: >Nö, ich würde nichts verändern

Ich wcrlj

rrrt lrl. r'u'as rrror.sen passiert: Vielleicht fahr' ich morgen vor 'nen Baum

Ir'lr' rrrclrt unbcdingt liir die Zukunft.<

Iclr

Arrch das politische Tagesgeschehen trifft anscheinend nicht auf großes

Irrtt rt'sse. lts rufi nicht einmal mehr Erregung hervor, sondern wirkt auf dic

I t't'lrrr.itlcn eher abturnend. Claudio: >Was hier in Deutschland politisch P:rssrcrt. interessicrt mich eigentlich nicht. Also, ich denke mal, jeder hat so ';r'rrre Mcinung, und das weiß jeder und dann ist es damit auch in Ordnung. Es

rrrrtl rriclrt nrchr so viel diskutiert, so wie fniher, oder wie in anderen Szenen

rr:rlrrsclrcinlich. Das muß man so sagen.( Und Florian, 24 Jahre, pflichtet ihm

l)( r. \\'cr. cr auf die Frage, ob denn Gespräche über Politik im Freundeskreis

,'rrrt llolle spielen, antwortet: >Eigentlich w,eniger. Mir geht es zwar nicht am

,,\rst'lr vorbci, ich gehe auch wählen, auf jeden Fall, aber ich unterhalte mtch

\\'('ilrscr tiber Politik.<< Das heißt aber nicht, daß generell nicht geredet wird. | )rt' 2.1jährige Yvonne : ,'Über politische Dinge nicht unbedingt, die interes- :'r(r('n uns eigentlich nicht so wahnsinnig. Aber über alle möglichen anderen S;rt he rr, übcr Pl'erde, über Autos, über alle möglichen Sachen halt, über die

r,rt lr urrtlcre auch unterhalten.<

l)rc Raver scheinen also in Hinblick auf ihr Desinteresse am politischen

I :rllcsrcschehen durchaus mit dem so oft beschrvorenen Trend einer .Politik- r t rtlrossenheit' der Bundesdeutschen konfonn zu gehen. Ganz entsprechend r'le rclre n, zumindest bei den Interviewpartner/ innenr16, ihre persönlichen

/rrkLrnliswünsche den wünschen der Durchschnittsdeutschen. claudio: >Ich

lrrrlli', tlaß ich einen Beruf ausübe, der mich ausfiillt. der mir nicht zu vielZett

r:rrrbl. und wenn er sie mir raubt, daß es sinnvoll ist, und daß ich eine Familie

Irrlrt' uncl daß ich mich kohlemäßig über wasser halten kann. Das ist eigent- Irth lllcs. Ja, daß ich zufrieden bin.< Und Andrea,28 Jahre: >Geld haben. lie ich lreiraten, eigentlich, nee: glücklich. Glücklich sein möchte ich. Glück-

lrch lcbcn, 'n glücklichen Partner haben, wo das finanziell auch stimmt, daß

rrrirn sich darüber nicht die Gedanken machen muß. Ich würd' gern auch Fa-

rrrilic haben, ein Kind oder zwei Kinder.

'n lläuschen im Grünen, muß nicht hier sein, auch in einem anderen Land. lrirr .cttcs, ausgeglichenes Privatleben. wenig Streß oder Anspannung durch

rr rit'ntlrve lche Sorgen, die man haben muß, wie zum Beispiel: Wie und wovon

Ich nürd'gern Flaustiere haben und

zirlrl' ich jetzt das und das.< Oder Kai: >Also, ein schöner Traum von mir

r'rrre sicherlich, in Lübeck ein Häuschen zu besitzen und meiner Arbeit nach- r'.clrcrr zu können. Nebenbei, wenn man denn will, abends schön am Strand zu

Irt'1qr'n orlcr einfach seine Ruhe im Haus genießen zu können

Es sind ja von

I l('

ltl

\'gl Annt. 2

l iibcck nach Ilamburg nur 1960 Kilometer, um eine schöne Party zu feiem.<

Auch wenn diese Aussagen die Interpretation einer politisch völlig naiv-

konservativen, individualisierlen,lost generation' nahelegen, wäre diese

vorschnell - und zwar nicht nur, weil es sich um spontane,

Schlußfolgerung

handelt. Zum einen scheinen

clie politischen Richtungen von rechts bis links für die eigene Einordnung

durchaus die Maßstäbe zu liefem, auch wenn dies zum Teil wie eine veritrner-

lichte Norm - im Sinne einer Orientierung an dem Wirklichkeitsmodell der

- klingt. So Bea: >oh je, ja auf keinen Fall rechts, also ich

,nuorbereltet

getroffene lnterview-statements

Elterngeneration

würde schon

links? Ich bin nicht politisch aktiv, mach' nicht bei irgendwelchen Geschich-

sagen, daß ich eher links eingestellt bin. Aber was heißt das:

ten mit, von wegen

Rote FlorarrT und so. lch bin auch in keiner Partei, in wel-

Brit,21 Jahre: >Also links auf jeden Fall' Kann mich im

also, mit keiner großartig identifizie-

ren.< Ray: >Ich würd' mal sagen, linkslastig über den Dingen schwebend,

Moment aber mit den ganzen Parteren

cher auch'?< Und

hmm, schwer zu sagen, eher linkslastig, ja, aber zu keiner Partei.< Und Mar-

kus, 28 Jahre: >lch bin totaler Linker nahirlich, so'n Großteil der Szene,

glaub' ich, ist das auch. Ich mein" früher, war ich ein Autonomer, hab' mal

Steine geschmissen

Also mein politisches Engagement, das hat nachgelas-

sen. Aber jetzt zum Beispiel organisier' ich 'ne Parly, 'ne Benefizparty für die

Rote Flora.<

Auf der anderen Seite wird die Abwehr gegen eine politische Selbstzu-

ordnung mit dem Interesse an universellen Themen wie ökologischen oder humanitären Fragen begründet. So Yvonne: >ob ich nun unbedingt rechts

oder links bin'l Ich denk' mal: die goldene Mitte. Andererseits wiird' ich sa-

gen, bin ich sehr naturverbunden.<

Und Rüdiger, 23 Jahre: >Also' ich halte

viel von Menschlichkeit, und das ist keine politische Gruppierung irgendwie Ich denke, weffr man eine gewisse Moral hat und Menschlichkeit besitzt,

dann ist die Politik in dem Moment unwichtig, denn wer Moral hat, der ist

auch sozial und guckt aufden anderen. Dann würdejederjeden angucken und

jeder würde für den anderen was tun, wenn's dem schlecht geht. Also insofenl

auf jeden Fall tendiere ich in die

bln l.h keiner Gruppierung zugehörig

linke Richtung.( Der Konservatismus in der alltäglichen Lebenshaltung mün- det also nicht unbedingt in eine bewußte Entscheidung für eine politisch kon- servative Partei. Ganz in-r Gegenteil: Links sein ist offensichtlich hip.

Als Felder, auf denen ein politisches Engagement überhaupt fiir wichtig erachtet wird, erscheinen auffallend häufig Frieden und Umweltschutz. Jan, 28 Jahre: >Also ich würd' mal sagen: Keine Atomtests und Frieden auf der

137 Die .Rotc I "rra' ist ein autonomes Kulturzentrum in Ilamburg-St Pauli

11

hd

Erdc ist das Idcar, das dic meiste' jtingeren l-eute so

vcrtrcten. I)alJ ailcs rrr

poritisch'r

orga

dcs

ord,ung ist, Umweltschutz und so.< Eine Mitarbeit in einer

nisation ist

zwar kein Thema, aber dar,i.ir findet eine Art politisieruirs

p.vaten Raumes

statt. und auch hier gibt es eine verinnerlichte rnsta'2, clic

anmahnt. So Florian: >Ich trinke nicht aus Dosen, icrr

achte daraui, was für sachen ich kaufb. Kann ich

versuche schon, so ein paar sachen ernzuhar-

n.rir darüber noch nicht so viele Gedankerr

das riir clas Intervier.l,relevant rst

cra

'reinreite n, jetzl muß man aufpassen.

.political correctness'

ten

sortiere meinen Müil. Ich

gar nicht so speziell sagen, ich

Also wie du nrerkst, habe ich

gemacht. lch wußte auch nicht, craß

kann man sich jetzt auch so richtig mit

was man sagt. Wer weiß, wer das alles liest.<

So scheinen die Raver insgesanrt der eigenen

Eltemgeneration kerne an-

noch ihren El_

Nachfrage

dere,

radikalere wertanschauung entgegenzJsetzen wie diese

tern' vielmehr

scheinen sie e her gängige ökorogische Themen auf

sondcrn auch mit erner rerativ großen Selbstverständ_

lichkeit zu bcfolgen. obwohl

schen Moral die Rede sein ka*, scheint

Gegnerschaft zu provozieren, so.dem eher Desinteresse hervorzurulbn:

>wenn .ietzL da Kanzler Kohr sitzt und rvas Neues

nicht nur zu bedienen.

keineswegs von der Abwesenheit einer politi-

das politiscrre

bringt,

Establisr,nent

keine

crann schalt rch um,

weil ich den schon

nicht mel.rr sehen kann.< Kern wunder, daß es claudia so

16jährigcn Amtszeit von Helmut Kohr kon'te die

einen anderen Kanzler erinnenr.

denr politischen Estabrishnrent keinen Gegner

Jugendkurturen clas Fei'dbild.

ob Mods und

punks fiühere Juge'dkulturen bil_

machte: Am Ende der

23jährige sich wohl kaunt an

wie die 'l'echno-Szene in

hat, fehlt ihr auch innerharb crer

1'eds, Ilippies ,nd yuppies, popper und

deten sich immer auch über Popkultur scheint keincsrvegs

nen sich die bislang vorhandenen

rung aufzulösen. Ein Effekt, der

Globalisierung und Medialisierung

oppositionen. Das heutige Ferdäcr1ug.ndti.',.n

nrehr binär konstruiert zu sein. viermehr begin_

Antagonismen in Richtung einer pluralisie_

'icht

vo'

zulerzt durch jringere prozesse der

Kultur ausgelöst wurde. Im Feld ju-

1990ern ein greichzeitiges Ne-

im wesentliche' an den Mu_

wie

.r-echno,

gendlicher Musikkulturen findet sich in den

beneinander vieler Ausprägungen und criese sind

sikstilen orientiert: So habcn die neucn Richtun_ecn

Jazz. HipIIoo, Grunge, Raggamuifi', JLrngle,

neue Jugend-Szenen geschaffe,,

drängt, die sich um punk,_Heavy

rlouse, Acrd

.friptlop, Drum,n,Bass zwar

abcr keineswegs die älteren Szenen ver_

Metal, Reggae, Funk, Soul, Rock, Folk_

Rock, Gothic oder Independent ranken.

Dementsprechend

findet auch Tecrrno

kein feindliches Gege'über mehr,

begn-indet liegel, daß in cren

selbst im tiiplJop nicht. Dies mag auch darin

computergenerierten

Tracks im unterschied zum Rap und z-u fiüherer poo_

72

rrrusik -- der Text keine Rolle spielt und von daher die Möglichkeit, über Text

Wcltanschauungen zu transportieren, sich gegen Bestehendes abzusetzen oder

aul2ulehnen, gegen Null geht. In der Rave-Szene befiirdern nicht mehr wie noch zu Zeiten der 78er-Kultband ,Ton Steine Scherben' Botschaften wre .Macht kaputt, was Euch kaputtmacht' Tanzekstasen, sondern einfach nur der sprachlose Soundtrack. Entsprechend bestimmt auch nicht mehr die Treue und Hingabe an die Ideologie das Maß an exzessiver Körperlust. Selbst die

wenigen ideologischen Parolen, die über dem Tanzgeschehen schweben, sol-

len nicht polarisieren oder Feindbilder provozieren. Nein, hier geht es um

Liebe, Toleranz, Frieden und Einheit , dies haben die Techno-Fans als Ge- meinschaftsideologie verimerlicht, auch wenn sie glauben, daß diese ldeale nur noch in den Randbereichen der Szene, den kleinen Clubs und halböffent- lichen Parties, gelebt würden und ihre Utopien ansonsten durch die Kommer- zialisierung und Verjüngung der Szene zu Makulafur geworden seien. Ebensowenig wie die Cllub- und Ravc-Kultur sich in Gegnerschaft zu

dem kulturellen und politischen Establishment versteht, ist sie in einer den

Standards der 78er Generation entsprechenden Weise subversiv, indent sre

auf originalität bedacht wäre oder nach dern Authentischen und Natrirlichen suchte. Auch diese Merkmale von Gegenkulturen sind der Techno-Szene fremd. Ganz im Gegenteil: Wie die Musik im wesentlichen eine Art postmo-

derner Zitaten- und Stilmix ist, wird in der Mode nicht auf die Natürlichkeit

der Sto{Ie oder auf das Echtheits-Cütesiegel der Accessoircs geachtet. Auch

hier besteht die Originalität in einem wilden ,Cut'n'Mix' verschiedener Ele-

mente, die, ob schrille Farben, überdimensionaler Plastik-Schrnuck. Plateau- Schuhe, Gummiröcke, Gummi-Bustiers oder Kunstlederhosen cher Künst- lichkeit ästhetisieren als sie vernreiden. E,ine gehörige Portion Markenbe- wußtsein gibt dabei dcr modischen originalität das entscheidende distinktrv wirkende Flair. Techno ist keine politisch fundierte Gegenkultur, deren Zusamnenhalt diskursiv erzeugt wird. lhre sinnstiftenderl Bestandteile liegcn nicht in einer

bewußten Gegnerschaft oder in einer ideologisch untermaucrten Antihaltung.

Sinnfindung stellt sich in der Techno-Szene vor allem im lJmgang mit Musik und Tanz her; sie sind die sinnstil-tenden Medien. Musik und Tanz, das bringt Spaß, und der kann sich bis zur körperlichen Ekstase steigem. Denn Techno ist keine intellektuelle Musik, die höchstens rudimentäre Fußbervcgungen hervorzulocken vermag, sondern im wesentlichen Tanzn.rusik. Sie wird fiir den Dancef'loor produziert, ist also im rvescntlichen dazu da, auf partics

Tanzrevolten auszulösen. Erst über den Tanz erlangt die DJ-Musik ihren

Sinn. Claudio: >Ohne tanzen wäre Techno öde. Du kannst auch zu l{ause Techno eigentlich nicht hören, um zuzuhören. Das geht schon in erstcr I-inie

l-)

um das Tanzen.< Techno ist, das legt dieses Zitat nahe, eine Körper-Kultur,

deren Revolte auf dem Tanzparkett stattflndet. und dieses Tanzparkett ist nicht selten der öffentliche Raum, der, untenrralt mit einem mager wirkenden

politischen Programm, als politischer ort in Szene gesetzt wird. und es ist eben diese vereinnahmung des Demonstrationsrechts 1iir die Freiheit der

Tanzekstasen, die dem herkömmlichen Links / Rechts-Diskurs widerstrebt und

den widerwillen der diskursgeschulten

ration entl'acht.

und drskursverwaltenden

E,lterncene-

Betrachtet man Techno als eine ästhetische, das heißt auf Sinnenhaftig-

keit beruhende Kulturpraxis, ließe sich vielleicht doch ein subversives und

widerständiges Potential ausmachen: []berführt sie nicht mit ihren allgemei- nen und nichtssagenden Parolen die Bekenntniskultur in ihrer Beliebigkeit'i

Leistet sie nicht widerstand, wenn sie die verbale Sinnvermjttlung aufgibt,

sich dem elaborierten Kode der Elterngeneration verweigert uncl Sinn rn an-

dere, ästhetische Meclien verschiebt'? Schafl sie sich nicht ,Freiräume', wenn

sie sich über ihre Diskursindilferenz dem alles verstehenden und dennoch

alles moralisierenden Zugrifrdel aufgeklärten Elterngeneration entzieht'/ und zulelzt'. Entgeht die Tecluro-Szene rricht auf diese weise dem lückenlos ge-

wordenen Legitimationsdiskurs, der selbst fiir'-fanz akzeptable Grüncle, mora-

lische Absichten, sittliches Verhalten uncl politische Bekenntnisse erwartet

und einfordert'J

Kurzum: Die Kritik an der Techno-Szene, sie sei eine kommerzialisierte

und politisch anspmchslose Jugendkultur, verliert nur zu leicht aus den Au-

gen, daß diese Kulturyraxis im Bereich des Asthetischen innovativ ist. Liest n.ran die club- und Rave-Kultur als eine ästhetische Kultur, die den Körper ins Zentrum gerückt hat, dann komn.rt in ihr nicht nur ein wandel des Begriff.s des Politischen zum Ausdruck, sie erscheint auch ars kulturelles Feld. in dem

sich eine umfassendere Veränderung der Kommunikationsformen abzeichnet,

die dcrn Körperlichen und Si.nenhaflen eine größere Iledeutung beimißt.

Club- untl Rave-Szene - eine ästhatisc'he Kultur!

Rock'n'Roll, Beat, Pop, Punk - all das waren ästhetische Bewegungen, die

weit nrell' umfaßten als die Musik. Mit den Musikstilen gingen bestinrmte

Moden und ränze einher, sie produzierten eine bestirnmtc kulturelle praxis

und wurden von dieser wieder hervorgebracl.rt. f)ieses ständige

wechselspiel

auf dem Feld der Kultur war aber den Jugendforschern der 50er und der

l960er Jahre nicht der akademischen Rede wert. Erst in den l970ern kristalli-

sierte sich eine Perspcktive heraus, die ihren Blick zunehmend auf diese kul-

'7Ä

turcllen Praktiken richtete. Jugendliche, die zuvor vor allem dann von wlssen- schaftlichem Interesse waren, wenn ihr Verhalten als abweichend, delinquent

runcl kriminell oder als Protest galt, interessierten plötzlich aufgrund ihrer

kulturellen Leistungen und Produktionen. Mit diesem Perspektivenwechsel

vollzog sich nicht nur die Trennung von politischen und ästhetischen Perspek-

tiven auf ,Jugend', er entfachte auch eine interne wissenschaftliche Diskussi- on um die Frage, ob durch die Fokussierung auf das Feld der Kultr-rr nicht >die realen Lebensprobleme der Jugendlichen eher in den Hintergrund ge-

um Ethik contra Asthetik nahm

drängt werden<rr8. Die Auseinandersetzung

hier ihren Anfang.

In die Diskussion gebracht wurde der Topos von der Jugend als einer kul-

turproduzierenden Kraft durch die Arbeiten des Center for Conten.rporary

Cultural Studies in Birmingham. Forscher wie John Clarke, Dick I{ebdige, Paul Willis, Angela McRobbie hatten sich schon Ende der l970er Jahre der Stilbildung und der alltagskulturellen Praktiken von Jugendlichen zugewandt.

ln Anlehnung an Ldvi-Strauss'Begriff dcr,bricolage'verstanden

sie die Ju-

gendlichen als ,Ilastler', die ihre Stile selbständig bildeten. Im Gegensatz zu

der von kulturkritischer Seite gem vertretenen Vorstellung von Jugendlichen

als ,Modedummies' und Retortenprodukte aus der Maschine der Konsumgü- terindustrie verfochten sie die 'I'hese, daß subkulturelle Stile das Selbstbild der Gruppe spiegeln, ihre Fundamente in den alltäglichen Erfahrungen der

Jugendlichen haben - und von daher immer auch ein widerspenstiges Potentr-

al s)rmbolisieren. Allerdings gingen die Forscher der Cultural Studies davon aus, dal} sich die subkulturellen Stile ur-rmittelbar in Anlehnung an die soziale Herkunft bilden. Mit dem Begriff ,Subkultur' wollten sie zum Ausclruck brin-

gen, daß ihrer Meinung nach die jugendlichen Stile klassenspezifisch diffe-

renziert sind und sowohl in Opposition zur hegemonialen Kultur als auch zur Kultur der Erwachsenen derselben Klasse entstehen. Die Subkulturen der

Rocker oder der Punks identifizierten sie als proletarische Klassenkulturen.

Mit dieser Forschungsperspektive

nahmen die britischen Wissenschatt-

ler/inncn den Begriff der Sub-Kultur vor allem unter dem Aspekt des Kultu-

rellen ernst und erfüllten damit bereits in den 1970er Jahren eine Forderung, die Jürgen Zinnecker Anfang der 8Oer auch an die deutschsprachige Jugend-

forschung richtete: >Sozialwissenschaftler haben zwar kulturanthropologi- schen Wissenschaftstraditionen die Begriffe ,Kultur', ,Teilkultur', ,Subkul- tur' entlehnt: die Debatten, die in der Vergangenheit unter solchen Etiketten

138 So afgunrenticrt beispielsrvcrsc Waltcr Ilornstein: Auf dcl Suchc nach Ncuoricnticrung:

.lugcndfbrschung zrvischen Asthetisierung untl neuen Iiornren politischer'l-lrernatisierung

der .lugcnd, in: Zcitschrill liir I'ädagogik,

3-5. Jg., Nr. l,

1 9U9, S. 1 07

1 25 (hicr: S. 1 08).

75