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Kampagnenbündnis
Entschlossen OFFEN!
Offene Arbeit mit Kindern, Jugendlichen
und ihren Familien in Hamburg

Stellungnahme zu den Anforderungen des Landesrechnungshofes


(Bezug: Jahresberichte 2007 und 2008 des Hamburgischen Rechnungshofes, Teil
Zuwendungen für die bezirkliche Kinder- und Jugendarbeit)

Im Bericht des Landesrechnungshofes werden Steuerungsanforderungen im


Zuwendungsverfahren gestellt, zu denen wir im Folgenden Stellung beziehen.

Zu den Bestandsermittlungen und Bedarfsanalysen

Die Aufforderung des Landesrechnungshofes, Bestandsermittlungen und Bedarfsanalysen


durchzuführen halten wir aus der Sicht der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) dem
Grund nach für sinnvoll und betrachten dafür folgende Voraussetzungen als notwendig:
¾ Regelmäßige und konsequente Durchführung der Analysen.
¾ Berücksichtigung und Würdigung der unterschiedlichen Lebenslagen,
Aufwachsensbedingungen und Lebensperspektiven bzw. Lebensentwürfe junger
Menschen.
¾ Gewährleistung regelmäßiger und auch qualitativer Befragungen von Zielgruppen bzw.
potentieller Zielgruppen bzw. der QuartiersbewohnerInnen.
¾ Beteiligung der AdressatInnen von Angeboten der Jugendarbeit an laufenden
Planungsprozessen.
¾ Regelhafte und konsequente Berücksichtigung der Beobachtungen und des
Fachwissens von Einrichtungen aus dem Lebensumfeld der Familien, Kinder und
Jugendlichen (es braucht dazu Vermittlungs- und Austauschstrukturen zwischen
Einrichtungen und bezirklicher Jugendhilfeplanung bzw. Sozialraummanagement).
¾ Bereitstellung finanzieller, personeller und fachlicher Ressourcen für die
Bedarfserhebungen seitens der Einrichtungen im Lebensumfeld von Familien, Kindern
und Jugendlichen.
¾ Zeitnahe Reaktion auf die Erkenntnisse, d.h. unmittelbare Umsetzung
bedarfsangemessener Angebote bei Bereitstellung der dazu notwendigen Mittel.

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Tel.: 040/43 42 72. Mail: Info@vkjhh.de
Die Bedarfsermittlung und die entsprechende Anpassung der Angebote gehören zum
Arbeitsalltag der OKJA. Hierbei werden Kenntnisse über Lebenslage, Lebenssituation,
Erfahrungen, und Bedürfnisse der im Umkreis der Einrichtungen lebenden Familien, Kinder und
Jugendlichen einbezogen. Es erfolgt eine Bedarfsermittlung aus verschiedenen Perspektiven im
Stadtteil, die stärker als bisher gefördert und deutlicher in die bezirklichen Planungsprozesse
einfließen müssen.

Wir weisen darauf hin, dass die aus den Analysen abzuleitenden Konsequenzen nicht an ein
bezirkliches Zuwendungsvolumen (Budget der Bezirke) gebunden sein dürfen, wie es der
Landesrechnungshof vorsieht (Jahresbericht 2008, Seite 110). Eine inhaltlich-fachliche
Bedarfsermittlung und Bestandserhebung kann zu Erkenntnissen und zu
Handlungsempfehlungen führen, die über ein zur Verfügung stehendes Budget hinausgehen,
hier sind dann politische Entscheidungen gefordert. Wie im 11.Jugendbericht der
Bundesregierung empfohlen, „haben die Ausgaben den Aufgaben zu folgen und nicht
umgekehrt“ (BMSFJ, 11. Kinder- und Jugendbericht, 2002, Seite 261)
Seit vielen Jahren ist aber das Gegenteil der Fall. Die Angebote der Kinder- und Jugendarbeit
sind im Hinblick auf die in der Praxis festgestellten Bedarfe bereits seit vielen Jahren eher
defizitär; die Budgets in den meisten Bezirken sind schon lange nicht mehr ausreichend, um auf
alle ermittelten Bedarfe angemessen reagieren zu können.

Zu den Zielerreichungs- und Wirkungskontrollen sowie den Kennzahlen

Eine Weiterentwicklung der Reflexion von Zielerreichung und Wirkung der Maßnahmen und
Projekte ist zu begrüßen. An der Entwicklung geeigneter – das sind vor allem qualitative –
Instrumente muss die OKJA beteiligt sein.

Zu den geforderten Kennzahlen nehmen wir eine kritische Haltung ein. Die im wirtschaftlichen
Bereich üblichen Kennzahlen lassen sich in ihrer Festlegung und auch Aussagekraft nur ganz
bedingt auf Bereiche der Sozialen Arbeit übertragen, hier herrschen in der Regel
mehrdimensionale Gesetzmäßigkeiten und Rahmenbedingungen vor, die sich nur schwer unter
gemeinsame Indikatoren zur Zielerreichung fassen lassen. Die Anwendung von Kennzahlen
kann schnell dazu führen, dass Aspekte miteinander verglichen werden, die nicht vergleichbar
sind. Denn für sich genommen sind Zahlen ohne Bedeutung und gewinnen erst in einem
definierten Kontext Deutungs- und Aussagekraft.

Ein Beispiel aus dem Alltag zeigt, dass selbst eine vermeintlich objektive Kennzahl wie die
Geschwindigkeit, die nichts mit mehrdimensionaler Sozialer Arbeit zu tun hat, erst in einem
Zusammenhang ihren Sinn gewinnt: Die Angabe „15 km/h“ als objektiver Wert hat für sich
gesehen keinerlei Steuerungsrelevanz. Erst wenn man ihn mit seiner Umgebung in Beziehung
setzt, gewinnt der Wert einen Sinn. Diese Geschwindigkeit hat für einen Läufer (sehr schnell,
gesundheitlich betrachtet aber gefährlich schnell) für einen Radfahrer (im dichten
Straßenverkehr zu schnell, für die Landpartie eine gute Geschwindigkeit) oder für einen
Autofahrer (sehr langsam, als Geschwindigkeitsüberschreitung aber bußgeldrelevant) ganz
unterschiedliche Bedeutungen.

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Zur grundsätzlichen Befristung von Projekten und Maßnahmen

Der Landesrechnungshof hat die Bezirke aufgefordert, Zuwendungen für Projekte und
Maßnahmen grundsätzlich zu befristen. Diese Forderung lehnen wir ab. Denn um die
Angebotsformen der OKJA zu gewährleisten, sinnvoll abzusichern und verlässlich zu gestalten
bedarf es der verlässlichen und längerfristigen Absicherung der Einrichtungen. Werden
Maßnahmen auf drei oder vier Jahre befristet, werden zahlreiche Wirkeffekte und Möglichkeiten
der OKJA, die von den Einrichtungen in teilweise mehrjähriger Arbeit und entwickelt werden
mussten, auf einen Schlag zerstört.

Eine solche zeitliche Befristung und ggf. damit verbunden die Neuausschreibung von
Maßnahmen geht zu Lasten wichtiger Ressourcen der OKJA:
¾ Die Kontinuität und Verlässlichkeit der Angebote und Leistungen im Stadtteil wird
verhindert. Neue Träger bzw. neue Projekte haben immer auch neue oder andere
Schwerpunkte, Arbeitsweisen, Stile, vor allem andere Personen. Auf all diese
Veränderungen müssen sich Betroffene, aber auch KooperationspartnerInnen immer
wieder neu einstellen. Veränderte Anforderungen können auch mit bestehenden Trägern
ausgehandelt und neu bestimmt werden.
¾ Die Beziehungsarbeit und die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Familien, Kindern
und Jugendlichen wird zerstört, damit fallen unverzichtbare Wirkungen und auch
Möglichkeiten der Arbeit weg (z.B. langjährige und gewachsene Zugänge zu Familien,
Kindern und Jugendlichen, die Einbindung ehemaliger BesucherInnen in den Ablauf und
die Gestaltung der Arbeit, mehrjährige Begleitung junger Menschen, etwa von der
Schule in die Ausbildung o.ä.).
¾ Die Synergieeffekte wie Bekanntheit im Stadtteil, Kooperationsbezüge, Arbeitsteilung,
kooperative Raum- und Materialnutzungsmodelle im Stadtteil, Kontakte zu Politik und
Verwaltung etc. werden außer Kraft gesetzt und müssen mit einem neuen Träger ganz
neu gebildet werden. Gut möglich, dass auch der Grad der Einlassung auf das Neue
seitens der KooperationspartnerInnen bei befristeten Projekten weniger groß sein wird.
¾ Die Trägervielfalt wird gefährdet, da es sich kleine und kaum mit Intendanz
ausgestattete (ehrenamtlich organisierte) Träger mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht
leisten können werden, sich an einem Ausschreibungsverfahren zu beteiligen.
Regelmäßige Ausschreibungen begünstigen, dass große Träger zu (regionalen)
„Funktionären“ der OKJA werden.
¾ Weiterentwicklung und Innovation wird gebremst, denn ein Träger, der eine befristete
Maßnahme durchführt, wird eher darauf hinarbeiten, diese Maßnahme im Rahmen der
vereinbarten Ziele möglichst gut zu bewältigen. Weiterentwicklung hat da, wo eine
zunächst übersichtliche Perspektive besteht, für gewöhnlich wenig Platz.
¾ Langfristig steht auch zu befürchten, dass die Qualität der Angebote sinkt. Wenn
Maßnahmen immer neu ausgeschrieben werden, wird mit Sicherheit auch der möglichst
niedrige Finanzrahmen eine Rolle bei der Entscheidung über die Trägerschaft spielen.
Vereinheitlichte und standardisierte Angebote sind leichter zu organisieren und damit
auch kostengünstiger, dafür aber auch sehr schwerfällig, was die Anpassung an aktuelle
Bedarfe betrifft.
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Nicht nur, dass die zeitliche Befristung von Projekten Ressourcen verschlingt und zu Lasten von
Innovation und Qualität geht, es steht auch zu befürchten, dass diese Steuerungsmaßnahme
als Instrument missbraucht werden kann, sich auf einfachem Wege unliebsamer Träger zu
entledigen, womit dann auch die Meinungsvielfalt gefährdet wird.

Kein Qualitätsabbau in der offenen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien!

Unstrittig ist, dass es ein berechtigtes Interesse des Zuwendungsgebers an der Kontrolle der
Verwendung öffentlicher Ressourcen gibt. Dies darf aber nicht zu einer Beeinträchtigung der
fachlichen, sowohl qualitativen als auch quantitativen, Standards führen, indem bspw.
¾ pädagogisches Handeln zukünftig durch allgemeine Festlegungen unflexibel wird und
Bedarfen oder partizipativen Aushandlungen administrative Zielvorgaben
entgegengehalten werden,
¾ Beziehungskontinuität – das wesentliche Element pädagogischer Praxis – strukturell
behindert wird, weil Jugendhilfe den „Gesetzen des Marktes“ unterworfen wird und sich
im permanenten Ausschreibungsverfahren befindet,
¾ die Einrichtungen sich zukünftig vorrangig formal und „taktisch“ an der Erreichung von
Sollvorgaben orientieren, unabhängig vom komplizierten Geschehen und den
pädagogischen Situationen vor Ort (z.B. Diskos zur Erreichung hoher Besucherzahlen
statt unspektakulärer Beratung im Krisenfall).

Unter Hinweis auf den § 4 SGB VIII „Die öffentliche Jugendhilfe soll mit der freien Jugendhilfe
zum Wohl junger Menschen und ihrer Familien partnerschaftlich zusammenarbeiten. Sie hat
dabei die Selbstständigkeit der freien Jugendhilfe in Zielsetzung und Durchführung ihrer
Aufgaben (...) zu achten.“ plädieren wir für einen konstruktiven Dialog mit dem Ziel der
Verbesserung der Standards und der Qualität der OKJA.

Hamburg, 17. Juni 2009

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