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DER ERHOBENE FINGER

Hermann Hesse

Meister Djü-dschi war, wie man uns berichtet, Von stiller, sanfter Art und so bescheiden, Daß er auf Wort und Lehre ganz verzichtet, Denn Wort ist Schein, und jeden Schein zu meiden War er gewissenhaft bedacht. Wo manche Schüler, Mönche und Novizen Vom Sinn der Welt, vom höchsten Gut In edler Rede und in Geistesblitzen Gern sich ergingen, hielt er schweigend Wacht, Vor jedem Überschwange auf der Hut. Und wenn sie ihm mit ihren Fragen kamen, Den eitlen wie den ernsten, nach dem Sinn Der alten Schriften, nach den Buddha-Namen, Nach der Erleuchtung, nach der Welt Beginn Und Untergang, verblieb er schweigend, Nur leise mit dem Finger aufwärts zeigend. Und dieses Fingers stumm-beredtes Zeigen Ward immer inniger und mahnender: es sprach, Es lehrte, lobte, strafte, wies so eigen Ins Herz der Welt und Wahrheit, daß hernach So mancher Jünger dieses Fingers sachte Hebung verstand, erbebte und erwachte.