Sie sind auf Seite 1von 317

Reihe

Germanistische

Linguistik

287

Herausgegeben von Armin Burkhardt, Heiko Hausendorf, Damaris N bling und Sigurd Wichter

VIII
VIII

Tilo Weber

Lexikon und Grammatik in Interaktion

Lexikalische Kategorisierungsprozesse im Deutschen

De Gruyter

Reihe Germanistische Linguistik Begr ndet und fortgef hrt von Helmut Henne, Horst Sitta und Herbert Ernst Wiegand

978-3-11-023153-3

e-ISBN 978-3-11-023154-0

ISSN

1867-8203

ISBN

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet ber http:// dnb.d-nb.de abrufbar.

2010 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/New York

Druck und buchbinderische Verarbeitung: Huber & Co, GmbH & Co. KG, Gçttingen

¥ Gedruckt auf s urefreiem Papier

Printed in Germany

www.degruyter.com

Inhalt

Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . .
Abbildungsverzeichnis
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
IX
1
Einleitung: Individualität, Dynamik und Prototypikalität lexikalischer
Kategorisierung
91
2
Wortarten – Redeteile – lexikalische Kategorien –
lexikalische Kategorisierung
97
2.1
Allgemeine Bemerkungen zur Forschungslage
97
2.2
Wortarten
910
2.3
Redeteile
912
2.4
Lexikalische Kategorien
913
2.5
Sprache als Lexikon und Grammatik
914
2.6
Lexikon einer Sprache – Lexikon eines Sprechers
918
2.7
Gibt es lexikalische Kategorien?
921
2.8
Fragen
922
3
Lexikalische Kategorisierung im Wechselspiel zwischen Diskurs und
Konzeptualisierung
927
3.1
Grundlegendes
928
3.1.1
Wie sich die Theorien lexikalischer Kategorisierung voneinander
unterscheiden.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
928
3.1.2
Welche Bedingungen Theorien lexikalischer Kategorisierung
erfüllen müssen
930
3.1.3
In welcherlei Hinsicht lexikalische Kategorien voneinander
unterschieden sein könnten
933
3.2
Kategorien, Onomata und Rhemata – die aristotelischen Grundlagen
des Kategoriendiskurses
935
3.2.1
Ontische Kategorien und lexikalische Kategorien
939
3.2.2
Onomata, Rhemata und lexikalische Kategorien
945
3.2.3
Das Problem lexikalischer Kategorisierung im Licht
der aristotelischen Schriften
949
3.3
Grammatische Auffassungen lexikalischer Kategorisierung
953
3.3.1
Morphologische Klassi zierungen auf der Basis von
Flexionseigenschaften
954
3.3.2
Syntaktische Klassi zierungen auf der Basis von
Distributionseigenschaften
956
3.3.2.1
Lexikalische Kategorien aus strukturalistischer Perspektive
956
3.3.2.2
Lexikalische Kategorisierung aus der Perspektive
der Generativen Grammatik
966
3.3.2.2.1
Mentalismus und Nativismus
967
3.3.2.2.2
Die vereinfachte generative Konzeption
969
3.3.2.2.3
Von lexikalischen Kategorien zu Merkmalmengen
974
3.3.2.2.4
Merkmalmengen und Positionen in einem mehrdimensionalen
kategorialen Raum
976

VI

3.3.2.3

Zur Auflösung des Konzepts lexikalische Kategorie

 

980

3.3.3

Die diskursfunktionale Konzeption lexikalischer Kategorisierung

 

984

3.3.3.1

Kategorialität als prototypikalische Eigenschaft

 

990

3.3.3.2

Morphosyntax zwischen Nominalität und Verbalität

 

997

3.3.3.3

Zum Verhältnis von Lexikon und Diskurs

 

100

3.3.3.4

Kontinua und Spektren auf unterschiedlichen Ebenen

 

102

3.3.3.5

Funktionalität im Lexikon (Semantik) und im Diskurs (Pragmatik)

 

107

3.3.3.6

Primat der Funktion? Probleme einer synchronisch- sprachvergleichenden Beweisführung

 

110

3.3.3.7

Dennoch: der Primat der Funktion

 

113

3.3.3.8

Funktionalität, Dynamik, Prototypikalität

 

118

3.3.4

Grammatische Ansätze lexikalischer Kategorisierung. Ein Fazit

 

119

3.4

Konzeptualistische Auffassungen lexikalischer Kategorisierung

127

3.4.1

Begriffsbedeutung und Beziehungsbedeutung

 

129

3.4.1.1

Autosemantie und Synsemantie (Anton

 

131

3.4.1.2

Begriffsbedeutung und Beziehungsbedeutung (Ernst Otto)

 

137

3.4.1.3

Kategorisierung und Individualsprache (Hans Pollak)

 

146

3.4.1.4

Konzeptualistisch-semantische Auffassungen lexikalischer

 

Kategorisierung von Marty bis

Pollak

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

150

3.4.2

Lexikalische Kategorisierung als Konzeptualisierung. Ein konstruktionsgrammatischer

 

153

3.4.2.1

Cognitive Grammar – Ronald W. Langackers konzeptualistisch- semantische Sprachauffassung

 

155

3.4.2.2

Die Cognitive Grammar als Konstruktionsgrammatik

 

157

3.4.2.3

Lexikon einer Sprache – Lexikon der Sprecher einer

 

166

3.4.2.4

Ein gebrauchsbasierter konzeptualistischer Ansatz

 

171

3.4.2.5

Lexikalische Kategorien als Verbindungen von Prototypen

 

und

Schemata.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

175

3.4.2.6

Eine Beispielanalyse: /yellow/

 

181

3.4.2.7

Zur Frage der Vereinbarkeit von Prototypikalität und Schematizität

 

184

3.4.2.8

Kategoriale Schemata vs. kategorial implikative Schemata

 

190

3.4.3

Konzeptualistische Auffassungen lexikalischer Kategorisierung

 

193

3.5

Fazit: Lexikalische Kategorisierung im Spannungsfeld zwischen Konzeptualität und

 

196

4

Lexikalische Kategorisierung aus der Perspektive der Netzwerkmetapher

 

207

4.1

Konnektionistische Netzwerke und lexikalische Kategorisierung

 

209

4.2

Vorbemerkung zur Rolle der Netzwerkmetapher und anderer struk- turellen Metaphern in den Sprach- und Kognitionswissenschaften

 

209

4.3

Konnektionistische Netzwerke zur Modellierung sprachlicher Phänomene

 

213

4.3.1

Ein einfaches PDP-Netzwerk

 

214

4.3.2

Vom Netzwerk zum Modell

 

220

4.4

Lexikalische Kategorisierung und die Dynamik der Gewichte

 

in einem

konnektionistischen

Netzwerk

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

222

4.4.1

PDP und

funktional-kognitive

 

222

VII

4.4.2

Lexikalische Kategorisierung und die Adaptation der Verknüpfungs- muster in einem konnektionistischen Netz. Eine

 

224

4.5

Lexikalische Kategorisierung und die Netzwerkmetapher

 

236

5

Lexikalische Kategorisierung im Spiegel der Schreibung

239

5.1

Wie der kategoriale Status lexikalischer Einheiten in deren Instanziierungen zum Ausdruck kommen kann

 

239

5.1.1

Die Segmentierung sprachlicher Einheiten und ihre Relevanz für die lexikalische Kategorisierung

 

240

5.1.2

Die Markierung der Funktion sprachlicher Einheiten im gesprochenen und im geschriebenen

 

246

5.2

Kategorialität und Schreibung: Beispielanalysen

 

253

5.2.1

<Getrennt- und Zusammenschreibung> oder <Getrennt-und- zusammen-Schreibung>? Eine

 

254

5.2.2

Getrennt- und Zusammenschreibung

 

258

5.3

Lexikalische Kategorisierung und deutsche Schriftsprache

 

264

6

Schluss

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

267

7

Literatur

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

273

VIII
VIII

Abbildungsverzeichnis

Abb. 3.1:

Die beiden möglichen Ansätze zur Definition

Widerfahrnisse“/Entitäten

lexikalischer

34

Abb. 3.2:

Das Verhältnis Sprechen–Denken–Sein bei Aristoteles

(Herm, Kat): einfache vs. komplexe Ausdrücke/„seelische

38

Abb. 3.3:

Aristotelische Kategorien vs. „Begriffe der Sprache“

auf der Basis des Altgriechischen (nach Benveniste 1974:

43

Abb. 3.4:

Grundannahmen kognitiver Ansätze einer Theorie lexikalischer

Kategorisierung

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

45

Abb. 3.5:

Wortklassen des Deutschen nach Flexionseigenschaften

54

Abb. 3.6:

Die syntaktische Struktur von (1) Nancy will

70

Abb. 3.7:

Erweiterter Strukturbaum für (1) Nancy will return

74

Abb. 3.8:

Merkmalspezifikationen für acht lexikalische Kategorien

Abb. 3.9:

. Nominalität–Verbalität als Dimension

(Radford

.

1998:

64) .

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

75

lexikalischer

98

Abb. 3.10:

Die morphosyntaktische Dimension Nominalität-Verbalität

am Beispiel der Varianten von /kanzler/ und /sich zurücklehn_/

(nach Seiler

1988).

99

Abb. 3.11:

Morphosyntax und Funktionalität sprachlicher Einheiten

in den Domänen Lexikon und Diskurs

101

Abb. 3.12:

Die Ikonizität der Dimensionen Funktionalität

und Morphosyntax

102

Abb. 3.13:

Die (nominalen) Determinantien des Deutschen

103

Abb. 3.14:

. Die Wechselwirkung zwischen Lexikon (Prädispositionen) und Diskurs (Realisationen) auf den Ebenen Diskursfunktion

und

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

Morphosyntax

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

113

Abb. 3.15:

. Eine Typologie der Theorien lexikalischer Kategorisierung

125

Abb. 3.16:

Struktur des Wortschatzes natürlicher Sprachen nach Otto (1965)

139

Abb. 3.17:

Ottos aristotelische Sprachauffassung (vgl. Abb. 3.2)

140

Abb. 3.18.

Die beiden lexikalischen Klassen und ihre jeweiligen Bedeutungen

 

Abb. 3.19:

. Konzeptualitäts- und Grammatikalitätskontinuum

nach Marty und Otto

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

142

Abb. 3.20:

. Bedeutsamkeit und Konzeptualität der „Sprachmittel“ aus der

in Anlehnung an

.

Otto.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

143

Perspektive dreier kognitiv-semantischer Ansätze lexikalischer

Kategorisierung

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

157

Abb. 3.21:

Sprache als Verbindung von Lexikon und Grammatik

aus der CG-Perspektive

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

162

Abb.

3.22

Zwei

Verwendungsweisen des Terminus Lexikon

165

Abb.

Abb. 3.24:

3.23:

. Lexikalische Kategorisierung als Schema-Elaboration am Beispiel

Zwei

Dimensionen des lexikalischen Raums

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

166

des semantischen Pols von /yellow/ (Langacker 2000: 11)

182

X

Abb. 3.25:

Das englische yellow als Instanziierung der lexikalischen Einheit

 

/yellow/ im Substantiv-Schema (vgl. Langacker 2000: 8

 

182

Abb. 3.26:

Kognitive Ebenen, ebenenspezifische Strukturen

 

und

deren

Dynamik

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

186

Abb. 3.27:

Die N-Kategorialität deutscher Pluralschemata

 

Abb. 3.28:

. Die beiden möglichen Ansätze zur Definition

(in Anlehung an Köpcke 1993:

85)

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

190

lexikalischer Kategorien (s. Abb. 3.1)

 

198

Abb.

4.1:

Ein einfaches zweilagiges Netzwerk

215

Abb. 4.2:

Runde 1: Die Eingabe-Einheiten α und δ sowie die davon

 

ausgehenden Verknüpfungen sind aktiviert

 

218

Abb.

4.3:

Runde 1: Zustände am Ende der

219

Abb. 4.4

Das Netzwerk nach Abschluss der Rückkopplungsphase

 

am

Ende

von

Runde

1

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

220

4.5:

Abb. 4.6:

Abb.

. Grammatik als Konnektivitätsmuster aus Einheiten, Verknüpfungen und Gewichten am Beispiel der deutschen Pluralbildung (a) vor,

Das L-P-Netzwerk

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

225

Abb. 4.7:

(b) nach der Aktivierung des Pluralschemas Zwei Dimensionen des lexikalischen kategorialen Raums:

 

226

Thematizität-Prädikativität und minimale/ maximale Konzeptualität

 

232

Abb. 5.1:

Die lexikalische Motivierung der Schreibung <Vater

249

1

Einleitung: Individualität, Dynamik und Prototypikalität lexikalischer Kategorisierung

Gehen wir von dem unbestreitbar richtigen Satze aus, dass jedes Individuum seine eigene Sprache und jede dieser Sprachen ihre eigene Geschichte hat. (Paul 1995 [1920]: 39)

Geben ist seliger als Nehmen. Oder als nehmen? Oder als zu nehmen? Auf- grund von Beispielen wie diesen – oder auf Grund von solchen Beispielen oder aufgrund/auf Grund solcher Beispiele? – sind wir geneigt, an der deutschen Rechtschreibung, ob nach alter oder nach neuer Norm, zu (ver)zweifeln. Aber sind wir hier tatsächlich nur mit Problemen der Orthografieregelung konfron-

tiert? „Namenwörter schreibt man groß“, heißt es in einem Sprachbuch für die

vierte Klasse (Dörr 2004: 85), aber auch: „Manchmal ist es [

Namenwörter zu erkennen“ (ebd.). Die Verwirrung, die „sprachliche Zweifelsfälle“ (Antos 2003; Klein 2003) wie die gerade angeführten hervorrufen, ist nicht primär die Folge von Proble- men der Orthografie. In der (Recht-)Schreibung treten vielmehr Strukturen der Unschärfe, Prototypikalität und Mehrdeutigkeit zu Tage, die sowohl die Grenzen und die Struktur sprachlicher Einheiten betreffen als auch deren Zugehörigkeit zu bestimmten Wortarten oder lexikalischen Kategorien. Diese Phänomene bilden den Anlass für die folgende Untersuchung. Woran man „Namenwörter“ erkennt, wie sich Verben, Adjektive, Präposi- tionen usw. voneinander unterscheiden und warum eine Klassifizierung des Wortschatzes einer Sprache überhaupt notwendig ist, sind alte und von Sprach- wissenschaftlern immer wieder gestellte Fragen. Die Wortarten, die Redeteile oder – wie ich fortan weniger voraussetzungsreich sagen werde – die lexikali- schen Kategorien stehen seit der Antike kontinuierlich im Zentrum linguistischer Reflexion. Die aktuelle Forschungslage ist dabei geprägt durch die fortwährende Geltung der schulgrammatischen Wortartenklassifikation einerseits und ein Ne- beneinander miteinander nicht zu vereinbarender Konzeptionen andererseits. Vor diesem Hintergrund besteht das erste Anliegen dieser Untersuchung darin nachzuweisen, dass alle Theorien lexikalischer Kategorisierung eine für die Sprachwissenschaft zentrale Frage beantworten: Wie verhalten sich die Einheiten des Lexikons, die „Bausteine“ der Sprache, zu den Elementen von Sätzen oder Äußerungen, die gemäß bestimmter Regeln, Prinzipien oder Beschränkungen miteinander verknüpft sind? Keine Sprachauffassung kann auf Begriffe wie Wortart, Redeteil oder lexikalische Kategorisierung verzichten, weil sie der

] nicht so einfach,

2

Klärung dieser Frage dienen und damit die Beziehung zwischen den beiden sprachlichen Grundkomponenten, Lexikon und Grammatik, bestimmen. Aller- dings sind die bislang gegebenen Antworten hierauf wenig befriedigend. Mit der Herausarbeitung des skizzierten sprachwissenschaftlichen Grund- problems wird auch der Ausgangspunkt für die hier vorgelegte Untersuchung definiert und eine Reihe begrifflicher Probleme geklärt. Anschließend kann die Aufgabe in Angriff genommen werden, unterschiedliche in der Literatur unter- breitete Vorschläge bezüglich einer Theorie lexikalischer Kategorisierung zu prüfen und als Schlussfolgerung daraus eine eigenständige Position herzuleiten, die die bisher aufgetretenen Probleme vermeidet. Das Ziel dieser Argumenta- tionskette ist eine im Kern funktional-kognitivistische Konzeption, die sich in der Form von vier Thesen vorwegnehmen lässt:

– Lexikalische Kategorisierung ist der Prozess, in dessen Verlauf sich die funktional-formalen Verwendungsprädispositionen lexikalischer Einheiten herausbilden.

– Lexikalische Kategorisierung ist ein kognitiver und daher individueller Vorgang.

– Lexikalische Kategorisierung erfolgt auf der Basis universeller und allgemein kognitiver Fähigkeiten als Teil eines permanenten Wechselspiels zwischen dem lexikalischem Wissen und den aktuellen Diskurserfahrungen eines In- dividuums im „jedesmaligen Sprechen” (Humboldt 1988c [1830–1835]).

– Die Verwendungsprädispositionen lexikalischer Einheiten sind prototypi- kalischer Struktur.

Der Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich nun damit, das Programm auszufüh- ren, das mit diesen Thesen verbunden ist. Dies geschieht in vier Kapiteln, die von dieser Einleitung sowie einer resümierenden und Ausblicke formulierenden Schlussbemerkung gerahmt werden. Die Kapitel im Hauptteil der Untersuchung stehen zueinander in einem Abfolgeverhältnis von vorbereitenden Überlegungen (2), Entwicklung des theoretischen Argumentationsfadens (3) sowie Veranschau- lichung durch den Bezug auf ein Modell (4) und Konkretisierung anhand von Beispielen (5). Die Grundlagen, aus denen alle weiteren Aufgaben abgeleitet werden, legt also das Kapitel 2 und zwar in der Form einer Kritik des Konzepts die Wortar- ten des Deutschen. Zunächst wird dabei herausgearbeitet, dass die theoretische Beschäftigung mit lexikalischen Kategorien das Abrücken von einer Perspektive rechtfertigt, die die Forschung im Umfeld der Wortarten seit ihren Anfängen und über die zwischen den unterschiedlichen Positionen bestehenden Unterschiede hinweg bestimmt: Wer es unternimmt, (die) Wortarten zu betrachten, sucht sie entweder in der Sprache als einer universellen menschlichen Fähigkeit oder in einer Einzelsprache bzw. mehreren. So selbstverständlich, ja notwendig diese das sprachliche Ganze umfassen wollende Sichtweise auf den ersten Blick erschei-

3

nen mag, beruht sie doch auf Voraussetzungen und zieht Konsequenzen nach sich, die ihre Selbstverständlichkeit in dem Moment verlieren, in dem man sie explizit formuliert. Im Verlauf des Kapitels werden diese Annahmen schrittweise in Frage gestellt und fürs Erste in ihrer Geltung eingeklammert, so dass keine weiteren Schlussfolgerungen aus ihnen gezogen werden können. Im Zuge dieses für das theoretische Nachdenken notwendigen Rückschreitens hinter nur scheinbar verlässliche Gewissheiten treten als begrifflich fassbare Gegenstände die Einheiten individueller mentaler Lexika hervor und die Pro- zesse der Kategorisierung, denen sie unterliegen. Das Konzept von Kategorien, die das Lexikon des Deutschen strukturieren, löst sich dabei mehr und mehr auf, um den Blick freizugeben auf die Dynamik des sprachlichen Wissens von Einzelnen, die der deutschen Sprechgemeinschaft angehören. Indem man anstelle der Wortarten den Prozess lexikalischer Kategorisierung in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, vermeidet man zum einen viele der oft beklagten Schwierigkeiten, die mit dem Versuch einhergehen zu definieren, was ein Wort ist. Zum anderen weitet sich der Blickwinkel, so dass nun auch Phänomene jenseits der – wenn auch immer nur unscharf definierten – Wort- grenze im Hinblick auf ihre Kategorialität befragt werden können. Folgenreicher noch als diese Festlegung, ist die Hinwendung zu mentalen Lexika. Mit dieser Ausrichtung wird nun tatsächlich ein gegenüber der For- schungstradition gravierender Perspektivwechsel von der Betrachtung der Sprache als Totalität hin zur Untersuchung des sprachlichen Wissens Einzelner vollzogen (vgl. jedoch schon Paul 1920). Dies kommt jedoch keineswegs einem absoluten Bruch gleich. In beiden Fällen stehen die Struktur des Lexikons (einer Sprache/eines Sprechers) und die kategoriale Bestimmtheit seiner Elemente infrage. Und auch für diejenigen, die Sprache/eine bestimmte Sprache als legitimen Untersuchungsgegenstand betrachten, muss dessen Verhältnis zum individuellen Sprecher als Sprecher von Sprache/von dieser Sprache und zur einzelnen Äußerung als deutsch- oder anderssprachige Äußerung, wenn nicht expliziert werden, so doch prinzipiell explizierbar sein. Daher lässt sich die hier vollzogene Hinwendung zum individuellen lexikali- schen Wissen im Verhältnis zur sprachwissenschaftlichen Tradition wohl besser noch als Umkehrung der Betrachtungsweise charakterisieren; ich nähere mich dem Thema gewissermaßen vom entgegengesetzten Ende. Dabei wird nicht die Totalität der Sprache als gegeben vorausgesetzt und untersucht, in welcher Weise die Einzeläußerung und das sprachliche Wissen des Einzelnen daraus abzuleiten sind, daran teilhaben, ihre Realisation darstellen usw. Vielmehr gehe ich von Einzeläußerungen als von beobachtbaren Phänomenen aus, um dann zu fragen, ob sich auf dieser Basis ein Begriff von lexikalischer Kategorisierung als Form der Strukturierung gewinnen lässt, die das Lexikon des Deutschen auszeichnet. Damit ist klar, dass in dieser Arbeit nicht etwa die Sprache des Einzelnen ab- solut gesetzt und der soziale Aspekt von Sprache geleugnet wird. Im Gegenteil

4

soll hier ein Beitrag dazu geleistet werden, das Verhältnis von Individuellem und Sozialem zu bestimmen, indem die Frage erörtert wird, wie Äußerungen und Interpretationen individueller Diskursteilnehmer zur inter-individuellen Verständigung beitragen können. Im Anschluss an diese vorbereitenden, vor allem der Begriffsklärung dienen- den Überlegungen entwickle ich in Kapitel 3 die oben thesenhaft skizzierte Kon- zeption lexikalischer Kategorisierung. Angesichts eines Gegenstandsbereichs, der seit zwei Jahrtausenden als eine „Grundlage unseres ganzen Gebäudes der Grammatik“ (Schmidt 1973b: 39) gilt, muss dies unter Berücksichtigung der in der Forschungsliteratur vertretenen Positionen erfolgen. Dabei kann auch dank der bereits geleisteten Arbeit anderer (vgl. u. a. Brøndal 1948; Robins 1966; Arens 1969; Kaltz 1983; Borsche 1989; Splett 2002) auf einen chronologisch vorgehenden Abriss verzichtet werden. Die Tatsache jedoch, dass auch nach einer mehr als zwei Jahrtausende währenden Forschungsgeschichte konkurrierende Grundpositionen einander im Prinzip unverändert gegenüberstehen, macht deutlich, dass hier eine syste- matische Rekonstruktion der Debatte nötig ist. Die allmähliche Herausbildung einer eigenständigen theoretischen Position in Auseinandersetzung mit der Tradition und dem aktuellen Forschungsstand erfolgt in vier Schritten. Zunächst (3.1) wird gezeigt, dass bezüglich einer Kon- zeption lexikalischer Kategorisierung ungeachtet möglicher Unterschiede im Detail nur zwei Grundansätze sowie Mischformen daraus überhaupt denkbar sind. Lexikalische Kategorisierung kann demnach entweder mit außersprach- lichen Kategorien des Denkens bzw. des Seins korrelieren (konzeptualistische Ansätze) oder aber mit innersprachlichen grammatischen (morphologischen, syntaktischen, Diskurs-)Kategorien, die sich auf die Elemente von komplexen sprachlichen Verknüpfungen beziehen (grammatische Ansätze). In Abschnitt 3.2 werden die Hermeneutik (Herm) und die Kategorienschrift (Kat) des Aristoteles als zwei Werke vorgestellt, die in der Folgezeit für die Sprachwissenschaft vor allem deshalb so einflussreich geworden sind, weil sie die beiden genannten Grundpositionen unabhängig voneinander vorbereiten. Es folgt die Analyse grammatischer (3.3) und konzeptualistischer (3.4) Auffassungen lexikalischer Kategorisierung. Dabei zeigt sich, dass sich die verschiedenen untersuchten Ansätze tatsächlich zwanglos eine dieser beiden Sichtweisen zuordnen lassen. Es wird der Nachweis geführt, dass die tradi- tionellen Wortartenbegriffe und vergleichbare Konzepte mit fortschreitender Theorieentwicklung sowohl aus der grammatischen (Radford 1998; Rauh 2000; Hopper/Thompson 1984) als auch aus der konzeptualistischen (Langacker 1987a,b, 2000a) Perspektive zunehmend problematisch werden. Dies mündet letztlich in Ansichten von Kategorialität (i. S. der funktional-formalen bzw. der syntaktischen Verwendungsprädispositionen lexikalischer Einheiten), die darin übereinstimmen, dass sie das Konzept eigenständiger statischer und diskreter Kategorien aufgeben.

5

Darüber hinaus wird demonstriert, dass und warum die grammatische und die konzeptualistische Sichtweise – in ihren diskursfunktionalistischen bzw. kognitivistischen Ausprägungen – auf eine gemeinsame Position hin konvergieren. Aus der Diskursperspektive ist dabei zu konstatieren, dass die kommunikativen Funktionen sprachlicher Formen im jedesmaligen Sprechen, und damit deren Kategorialität, auf universellen kognitiven Prinzipien und Fä- higkeiten beruhen, die auch der Konzeptualisierung zugrunde liegen (Langacker 1987a, 2000a). Vom kognitivistischen Standpunkt aus ist anzuerkennen, dass konzeptuelle Gehalte und damit der kategoriale Status von Einheiten mentaler Lexika gebrauchsbasiert (usage-based) sind. Sie werden im Diskurs durch die Wahrnehmung und die Interpretation grammatischer Formen erworben, deren morphosyntaktische Merkmale ihre Funktion und damit ihre Kategorialität anzeigen (Hopper/Thompson 1984, 1985). Entscheidend für diese Auffassung, die die Verwendungsprädispositionen lexikalischer Einheiten auf deren Funktionalität und Konzeptualität zurückführt, ist die Annahme, dass das Verhältnis zwischen morphosyntaktischer Form und konzeptuellem Gehalt nicht (völlig) arbiträr ist. Deshalb muss plausibel gemacht werden, dass die Form im engen Rahmen dessen, was durch sprachliche Variation innerhalb einer Sprechgemeinschaft möglich ist, der Funktion folgt, d. h. sich am Streben von Sprechern orientiert, die von ihnen gemeinten Funktionen in optimaler Weise zum Ausdruck zu bringen. Nur unter dieser Voraussetzung lässt sich die funktional-konzeptualistische Position gegenüber Auffassungen halten, die von der Arbitrarität der Zeichenbeziehung, der Modularität von Kognition im Allgemeinen und von Sprache im Besonderen und damit von der ausschließlich morphosyntaktisch-formalen Basis lexikalischer Kategorisierung ausgehen. Kapitel 3 leistet also die schrittweise Herleitung einer abstrakten theoreti- schen Konzeption, die Überzeugungskraft aus ihrer Vereinbarkeit mit von allen Diskussionsteilnehmern akzeptierten Prämissen, aus ihrer Kohärenz und ihrer Widerspruchsfreiheit schöpft. Solange die Forschungslage dadurch geprägt ist, dass z. B. zwischen Vertretern des Diskursfunktionalismus (etwa Paul Hopper oder Talmy Givón) und Generativen Grammatikern kein Konsens darüber her- zustellen ist, mit welchem Gegenstand es die Sprachwissenschaft zu tun habe, welche Phänomene ihre eigentlichen Data darstellen und was als empirischer Beleg für oder gegen eine theoretische Hypothese zu gelten hat, kann empiri- schen Datenanalysen nur eine beschränkte Beweiskraft zukommen. 1

1 Vgl. Plank (1984: 490), der lakonisch feststellt:

einem Gutteil der notorischen Kontroversen um WAen [Wortarten; T.W.]

hat man nicht unbedingt den Eindruck, sie ließen sich einer Lösung zuführen, indem man einfach die empirische Datenlage klärt.

B]ei [

6

Vor diesem Hintergrund soll Kapitel 4 die gewonnene theoretische Position zunächst veranschaulichen, indem es diese durch die Entfaltung der Netzwerk- metapher in ein plausibles Bild übersetzt, das sich an konnektionistischen Mo- dellen (Rumelhart/McClelland/PDP Research Group 1986a,b) orientiert (4.1). Eine Metaphernanalyse mag an dieser Stelle überraschen; sie bezieht jedoch ihre Berechtigung aus der Tatsache, dass eine andere strukturelle Metapher (Lakoff/Johnson 1980: 4 f.), nämlich die den Geist/das Gehirn (mind/brain) als seriellen und modularen Computer auffasst, (nicht nur) in der Sprachwissenschaft eine enorme Wirkungsmacht entfaltet hat. Hier werden dann auch lexikalische Kategorisierung keineswegs mit Prozessen in einem konnektionistischen Netz- werk gleichgesetzt. Es soll aber deutlich werden, dass die von Funktionalisten vielfach beschriebenen abstrakten und sich direkter Beobachtung entziehenden mentalen Strukturen und Prozesse so große Ähnlichkeiten mit den PDP-Mo- dellen der Konnektionisten aufweisen, dass sich diese Modelle als Mittel der Veranschaulichung in ähnlicher Weise anbieten, wie es dies der serielle Computer für die Generative Grammatik geleistet hat. In Kapitel 5 wird anhand eines kleinen Ausschnitts der sprachlichen Wirklich- keit, der Schriftsprache und der Orthografie, illustriert, wie sich die in früheren Kapiteln vorgestellten Strukturen und Kategorisierungsprozesse ganz konkret im Schreiben niederschlagen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei Probleme der Normierung einerseits und Schwierigkeiten einzelner Sprecher andererseits, sich für die eine oder die andere von mehreren Schreibvarianten zu entscheiden. Die deutsche Schriftsprache verdient hier besondere Beachtung, weil ihre Eigentümlichkeiten Schreiber anders als die gesprochene Sprache zu differenzierten grammatischen Analysen zwingt und damit indirekt zu Entschei- dungen über die Grenzen sprachlicher Einheiten und deren kategorialen Status. Dabei interagieren weitgehend unreflektiert erworbene sprachliche Intuitionen von Schreibern mit einem Orthografiewissen, das überwiegend auf expliziten Regelformulierungen und eingeübten Prozeduren basiert. Es wird gezeigt, dass unreflektierte sprachliche Analyse und Regelwissen unter Bedingungen, die im Einzelnen herauszuarbeiten sind, genau in der Form miteinander konfligieren, wie es die zuvor angestellten theoretischen Überlegungen erwarten lassen.

2

Wortarten – Redeteile – lexikalische Kategorien – lexikalische Kategorisierung

Die Sprache, in ihrem wirklichen Wesen auf- gefasst, ist etwas beständig und in jedem Au-

genblicke Vorübergehendes. [

kein Werk (Ergon), sondern eine Thätigkeit (Energeia). Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische seyn. Sie ist nemlich die

sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den articulirten Laut zum Ausdruck des Ge- danken fähig zu machen. Unmittelbar und streng genommen, ist dies die Definition des jedesmaligen Sprechens; aber im wahren und wesentlichen Sinn kann man auch nur gleich- sam die Totalität dieses Sprechens als die Sprache ansehen. (Humboldt 1988c: 418)

] Sie selbst ist

Welche Wortarten gibt es im Deutschen? – In welcher Weise ist das mentale Lexikon von Sprechern des Deutschen durch lexikalische Kategorien strukturiert und in welcher Weise sind lexikalische Einheiten hinsichtlich ihrer Kategori- alität bestimmt? In diesem Kapitel geht es darum zu zeigen, dass die erste dieser Fragen nicht beantwortet werden kann und der Versuch, sie überhaupt nur zu verstehen, in die zweite Frage einmündet. Dabei werden die begrifflichen Grundlagen geschaffen, die die Untersuchung von Prozessen lexikalischer Kategorisierung im Folgenden erlauben sollen. Vor dem Hintergrund klarer Begriffe lassen sich dann auch die Forschungsfragen mit größerer Klarheit stellen. Die ersten Schritte auf diesem Weg bestehen darin, die nicht trivialen, wenn auch im linguistischen wie im Alltagsgebrauch ebenso wenig wahrgenommenen wie vermeidbaren Vorannahmen herauszuarbeiten, die mit der Rede von den Wortarten des Deutschen verbunden sind.

2.1 Allgemeine Bemerkungen zur Forschungslage

Was sind Wortarten, welche sind die Wortarten des Deutschen, des Englischen, des Chinesischen, von Sprache überhaupt, und wie sind sie definiert? Diese und eine ganze Reihe sich daran anschließender Aufgabenstellungen stehen von

8

Beginn an im Zentrum der Reflexion über Sprache. Ein Blick auch nur in die Inhaltsübersichten deutscher Grammatiken (z. B. Zifonun et al. 1997; Duden 1998; Admoni 1970; Erben 1972; Schmidt 1973 1 ) und erst recht in die von L1- Sprachlehrbüchern beliebiger Klassenstufen der Grund- und der Sekundarschule (z. B. Rübel 2003; Anspieler et al. 1997; Menzel 1997; Ernst 1998; Schwengler 1994; Ulrich 1998) zeigt, dass die Wortarten nach wie vor 2 als Kern der (deut- schen) Grammatik betrachtet werden, um den herum oder auf dessen Grundlage die anderen Bereiche zu behandeln sind. Ein zweiter Eindruck besagt dann, dass die kanonisch gewordene Lehre des Dionysios Thrax mit einigen einzelsprach- spezifischen Modifikationen (vgl. hierzu z. B. Glinz 1970: 35) auch heute noch vielfach als gültige Antwort auf die Wortartenfrage akzeptiert, zumindest aber aus praktischen Erwägungen 3 und entgegen offensichtlichen Bedenken (vgl. bereits Paul 1958 [1919]: 93) als Basis von sprachlichen Gesamtbeschreibungen vorausgesetzt wird. Die unerschütterte Langlebigkeit des klassischen Wortartensystems erscheint unbeeinträchtigt von einer Kritik daran, die seine Mängel zuletzt im Zuge ei- nes „neue[n] Interesse[s] an den alten Wortarten“ (Ivo/Schlieben-Lange 1989) vor allem im Kontext der kognitiven Linguistik (z. B. Croft/Cruse 2004) und der typologischen Universalienforschung (z. B. Vogel/Comrie 2000) hervor- gehoben hat. So wenig kontrovers diese Schwächen sind – hier seien nur die Heterogenität der Unterscheidungskriterien, deren inkonsequente Anwendung auf unterschiedliche lexikalische Einheiten und die einseitige Orientierung an Sprachen des indoeuropäischen Sprachtyps genannt –, ein neuer, mit dem bis ins 19. Jahrhundert herrschenden vergleichbarer Konsens zeichnet sich über theoretische Ausrichtungen hinweg weder in Bezug auf eine Einzelsprache wie das Deutsche noch aus sprachvergleichender und universalistischer Sicht ab. Die alte Wortartenklassifizierung gilt also weiterhin als brauchbares Instrument, ohne jedoch theoretisch konsistent begründbar zu sein, so dass Ivo und Schlie- ben-Lange feststellen können:

1 Die hervorgehobene Stellung der Wortarten in diesen Werken wird bereits daraus ersichtlich, dass sie wie sonst kein anderer Aspekt von Lexikon und Grammatik entweder in den einleitenden Kapiteln behandelt werden und dann für den weiteren Gang der Darstellung grundlegend wirken (z.B. Zifonun et al. 1997) und/oder aber im Zentrum eines oder mehrerer der jeweiligen Hauptkapitel stehen (z.B. Duden 1998 und Schmidt 1973).

2 Dies gilt bereits für die im gesamten Mittelalter maßgebliche Grammatik des Donatus (Borsche 1989: 18).

3 Exemplarisch hierfür ist Eisenbergs Vorgehen und dessen implizite Begründung: „Wir werden in der Grammatik mehrfach auf diese suggestive und vielfach nützliche, so aber nicht haltbare Einteilung der Wortarten zurückkommen“ (Eisenberg 1994: 34). Für Paul (1958 [1919]: 93ff.) gilt Ähnliches.

9

Man ist sich darüber einig, daß das System der Wortarten heterogen begründet und schwer anwendbar ist – nur: sowohl in der Sprachtheorie als auch in der Sprachbe- schreibung kommt man nicht aus ohne dieses System. (Ivo/Schlieben-Lange 1989: 10; vgl. auch Rauh 1988b: 47, 50)

Demgegenüber stehen viele neuere Vorschläge so inkommensurabel neben- einander, wie es die theoretischen Gesamtentwürfe sind, innerhalb deren sie entwickelt wurden und deren Komponenten sie sind. So ist kaum erkennbar, auf welcher Basis Wortartenkonzeptionen etwa der Generativen Grammatik (z. B. Emonds 1987; Radford 1998: 37ff.), der typologischen Universalienforschung (z. B. Vogel/Comrie 2000) und der IDS-Grammatik (Zifonun et al. 1997) mitein- ander verglichen oder gar relativ zueinander bewertet werden könnten. Zifonun et al. bringen dies indirekt und doch deutlich zum Ausdruck:

Jede grammatische Klassifizierung des Wortbestands einer Sprache ist theorieab- hängig, es sind nicht die Sprachen, die diese Unterscheidungen machen. (Zifonun et al. 1997: 23; vgl. auch Bergenholtz/Schaeder 1977: 12)

In jüngerer Zeit haben die Wortarten in besonderem Maße das Interesse von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Forschungsdomänen auf sich gezogen. Sie bieten offenbar einen idealen Anlass, das allgemeine Problem menschlicher Kategorisierung zu erforschen. Dabei führen sie Forscher an einem Kreuzungs- punkt zusammen, um den herum sich Überlegungen und Beobachtungen aus dem Umfeld der Linguistik zu Sprachdidaktik, Sprachbeschreibung, Spracher- werb, Sprachverarbeitung und Sprachvergleich und, darüber hinausgehend, zu kognitionswissenschaftlichen Problemen der Kategorienbildung, zur Erkennt- nistheorie und zur Ontologie anknüpfen lassen. Während die Wortarten damit den Idealfall eines transdisziplinär zu bearbeitenden Forschungsgebiets bilden könnten, mag das oben erwähnte Nebeneinander der Ansätze jedoch auch als Indiz dafür gelten, dass die verschiedenen wissenschaftlichen „Laborgemein- schaften“ (Latour/Woolgar 1979) jeweils hinreichend groß sind, um sich im internen Dialog selbst zu genügen. In diesem Sinne konstatiert Rauh für die Diskussion innerhalb der Linguistik:

Die Liste der Schriften zum Problem der Wortarten ist lang. Dennoch entsteht nicht der Eindruck, daß die Fundamente für dessen Lösung gelegt seien. (Rauh 2000: 485)

Rauhs Einschätzung ist sicher zu teilen, insbesondere der Hinweis darauf, dass die zu lösenden Probleme fundamentaler Natur sind. Dies wird später (s.u. Ka- pitel 3) noch im Detail deutlich werden. Wenn Rauh im Anschluss an die eben zitierte Bemerkung fragt „warum das so ist“ (ebd.), dann könnte eine Teilantwort auf der Beobachtung gründen, dass die allgemeine Verwendung des Terminus Wortarten den, wie sich zeigen wird, trügerischen Eindruck erwecken kann, er stehe für ein homogenes Forschungsfeld und für einen Forschungsgegenstand,

10

der immerhin so weit bekannt ist, dass er weitergehenden Analysen zugänglich ist.

Weil dies jedoch nicht der Fall ist, ist es für diese Untersuchung unerlässlich, ihren Ausgangspunkt und ihre Vorannahmen möglichst explizit offen zu legen. Zu definieren ist eine Basis, die im Feld der Wortartenforschung den sich wi- dersprechenden, meist aber unausgesprochen theoretischen Vorentscheidungen vorausliegt und die damit als unumstritten gelten kann. Diese Absicht ist als eine Variante des von René Descartes in seiner ersten Meditation verfolgten Ziels zu erkennen, alles aus dem Kreis der Forschungs- prämissen zu verbannen, „woran man zweifeln kann“ (Descartes 1972 [1641]:

11ff.). Es ist charakteristisch für die rationalistische Auffassung von Wissenschaft insgesamt, für die Descartes in besonderer Weise steht, dass sie nicht nur solche Annahmen von den Überlegungen ausklammert, die erwiesenermaßen falsch sind, sondern gerade auch diejenigen, die (noch) als ungewiss, unbewiesen und aus guten Gründen umstritten gelten müssen, selbst wenn wir persönlich dazu neigen, sie für wahr zu halten. Das Besondere an Descartes’ Vorgehen ist die Radikalität, mit der auch scheinbar unumstößliche Gewissheiten in Frage gestellt und im Zweifelsfall suspendiert werden. Dabei reicht ein „aus triftigen und wohlerwogenen Gründen“ (ebd.: 15) vorgetragener Zweifel anderer aus, um den eigenen, Zweifel zu wecken und zu rechtfertigen. Für den vorliegenden Fall bedeutet dies, dass zunächst vor allem diejenigen Präsuppositionen auf den Prüfstand gestellt werden, die kaum je reflektiert, durch unser Reden über die Wortarten des Deutschen aber immer mitgedacht, und damit dem Nachdenken über die Wortarten zu Grunde gelegt werden. Dabei ist die von Descartes für notwendig befundene Strenge nicht ganz zu verwirklichen. Die Geschichte des in der ersten Meditation schließlich gewonnenen cogito sum ist das prominenteste Beispiel dafür, dass ein cartesischer Optimismus, der glaubt, zu Gewissheiten zurückschreiten zu können, „an denen zu zweifeln schlechterdings unmöglich ist“, die menschliche Zweifelsfähigkeit unterschätzt (Brands 1982). So muss es im Folgenden ausreichen, diejenigen Annahmen von den Grundlagen auszuschließen, die bereits mit guten Gründen angefochten worden sind. Nicht das Unbezweifelbare kann als die Basis alles Weiteren herausgearbeitet werden, aber doch das Unbezweifelte.

2.2

Wortarten

So vertraut uns der Ausdruck Wortarten aus dem alltäglichen Sprachgebrauch, dem schulischen Deutschunterricht und aus der jüngeren deutschsprachigen linguistischen Fachliteratur heute auch ist, so hat er doch erst in der zweiten

11

Hälfte des 20. Jahrhunderts den in Analogie zu dem μέρη λόγου der hellenisti- schen und dem partes orationis der lateinischen Grammatiktradition gebildeten Terminus Redeteile weitgehend abgelöst. In Sütterlins (1918: 97) Kapitelüber- schrift B. Arten des Wortes (Redeteile) mag man bereits eine terminologische Übergangsform sehen, während noch Hermann Paul in seinem Spätwerk, der Deutschen Grammatik Teil III, von der „Funktion der Redeteile“ handelt (Paul 1958 [1919]: 93). Admoni (1970) schließlich ist sicher einer der vorerst letzten germanistischen Sprachwissenschaftler, die systematisch den Ausdruck Rede- teile gebrauchen. Dieser terminologische Wandel ist nicht nur bemerkenswert, weil es sich um eine Besonderheit des deutschsprachigen Grammatikdiskurses handelt. Vielmehr kommt darin auch eine Sicht zum Ausdruck, die explizit in Wörtern, als Elementen des Wortschatzes einer Sprache, die zu kategorisieren- den Einheiten erblickt. Dass die Vertrautheit des Wortes Wort für den wissenschaftlichen Gebrauch trügerisch ist, erlebt jedoch jeder, der versucht, seine Bedeutung und mögliche Referenten explizit zu bestimmen und letztere von Nicht-Wörtern abzugrenzen. Ein Konsens besteht hier nicht, und Klagen über diese Lage, wie die von Ulrich Engel, gehören ebenso zu den Allgemeinplätzen der sprachwissenschaftlichen Literatur, wie die anschließend zitierte apodiktische Feststellung Sobottas:

Die Situation, wie sie sich auf Grund der bisherigen erfolglosen Definitionsversuche [im Hinblick auf den Begriff Wort; TW] darstellt, ist deprimierend. Auch die vor- liegende [d. h. Engels eigene; TW] Grammatik kann diesem fundamentalen Mangel

(Engel 1988: 16)

nicht abhelfen.

Bis heute entzieht sich das Wort einer exakten sprachwissenschaftlichen Definition. Das bedeutet, dass das Wort für die Linguistik nicht als feste Größe fassbar wird. (Sobotta 2002: 84).

Im Hinblick auf die Wortarten stellen sich damit gleich eine ganze Reihe von Problemen: Sind es Lexeme, Wortformen oder Worttoken, die bestimmten Wortkategorien angehören? Sind komplexe Bildungen, wie Besorgnis erregend, aufgrund, in Bezug (auf), eine Rolle spielen, bereits als Wörter oder doch noch als Gruppen mehrerer Wörter anzusehen? 4 Wenn jedoch nicht einmal als geklärt

4 Dieses Problem tritt, wie auch eben hier, vor allem im Medium der Schrift zu Tage bzw. zutage. Die neue Orthografieregelung erlaubt beide Varianten (zu Tage/zutage), und dies scheint für dieses Beispiel, wie für viele ähnliche, durchaus angemessen. Handelt es sich dabei doch nicht um eine Frage der konsequenten grafischen Reprä- sentation einer eindeutigen sprachlichen Struktur, sondern um einen Fall, in dem ein Grammatikalisierungsprozess noch mitten im Gang ist. Es verwundert daher nicht, wenn Einzelne in ihrer durch die Schreibung widergespiegelten (vgl. hierzu Bredel/ Günther 109) intuitiven Analyse von [tsu tage] schwanken zwischen der als – Verbpartikel (<zutagetreten>, <zutagefördern>; nicht zulässig nach der Neurege- lung der Rechtschreibung, aber im Online-Korpus des IDS (COSMAS II) durch

12

gelten kann und es gar zu klären unmöglich sein könnte, was Wörter sind, basiert auch eine Untersuchung von Wortarten als den Kategorien, die die Gesamtheit der Wörter des Deutschen strukturieren, auf unsicherem begrifflichen Grund. Diese Unsicherheit, die sich, wenn sie gleich anfangs auftritt und unbeachtet bleibt, 5 bis in die eventuellen Ergebnisse der in dieser Weise begonnen Unter- suchung fortpflanzt, kann (hier) nicht aufgelöst, wohl aber umgangen werden. Es ist nämlich möglich und sinnvoll, auf Wort und Wortarten als Termini zu verzichten und sich doch der Betrachtung derjenigen Aspekte des Themas zuzu- wenden, die sich unbeeinträchtigt von der Unbestimmbarkeit des Wortbegriffs mit Klarheit identifizieren lassen.

2.3

Redeteile

Die nächstliegende Alternative zu diesem Zweck bietet eine Rückkehr zu dem Terminus Redeteile und damit ein Wiederanknüpfen an die westliche Tradition der Grammatikschreibung, die in dieser Hinsicht außerhalb der deutschspra- chigen Grammatikforschung weitgehend ungebrochen ist. Tatsächlich lassen sich die Termini Wortart und Redeteil in den zahlreichen Arbeiten immer dann ohne Einfluss auf die zentralen Aussagen austauschen, wenn sie primär zur Bezeichnung von Wortklassen verwendet werden, also der Klassifizierung der Wörter einer Sprache dienen. 6 Allerdings ist hier Vorsicht geboten. Wer Redeteile statt Wortarten sagt, ver- meidet zwar die oben genannten und die unten noch im Zusammenhang mit dem Begriff die deutsche Sprache zu nennenden problematischen Präsuppositionen, die mit dem Gebrauch des Letzteren verbunden sind. In einer Arbeitsphase je-

14 Wortformen und 50 Worttoken vertreten)

– Adverb (<zutage treten>) und

– adverbialer Präpositionalphrase (<zu Tage treten>).

Die gleiche Art der Variation, die sich in Bezug auf Einzelne feststellen lässt, findet sich auch beim Vergleich der Schreibweisen unterschiedlicher Schreiber.

5 Und bleiben kann, weil wir alle ein alltagssprachliches Verständnis von Wort (und vielen anderen metasprachlich verwendbaren Ausdrücken) besitzen und deshalb leicht der Eindruck entsteht, die gemeinten Begriffe wären bereits hinreichend bestimmt. Erst bei näherem Hinsehen stellt sich das dann oft als Irrtum heraus.

6 In diesem Sinne verwendet Admoni (1970: 58ff.) den Terminus Redeteile. Die Auffassung, die Funktion der Wortarten bestehe vor allem in der Klassifikation des Wortbestands einer Sprache, kann als allgemein verbreitet gelten (vgl. u. a. Helbig 1977a,b; Bergenholtz/Schaeder 1977; Zifonun et al. 1997: 23 ff.; Duden 1998). Ge- legentlich findet dies auch einen terminologischen Ausdruck wie etwa bei Heidolph et al. (1981), die im selben Zusammenhang explizit von Wortklassen sprechen.

13

doch, in der die Konturen des zu untersuchenden Gegenstandes noch unscharf erscheinen, tut man gut daran, die Hinweise zu beachten, die eine Bildung wie Rede-Teile möglicherweise auf ihre eigene Bedeutung gibt. Für Coseriu etwa „sind die[se] Kategorien partes orationis, d. h. sie treten konkret als Seinsweise der Wörter in der Rede“ (Coseriu 1987c: 26), also auf der „Ebene der individu- ellen und okkasionellen Verwirklichung der Sprache“ (Coseriu 1987b: 15), in Erscheinung. Als Seinsweisen an sich und losgelöst von konkreten Äußerun- gen betrachtet gehen sie der Rede voraus. Sie stellen nicht einzelsprachliche Wortklassen dar, sondern werden aufgefasst als „Gußformen, in denen sich der lexikalische Inhalt im Sprechen organisiert“, als „,universelle‘ Bedeutungswei- sen, die in der tatsächlichen Sprechtätigkeit festgestellt und ohne notwendigen Bezug auf eine bestimmte Sprache definiert werden“ (Coseriu 1987c: 28, 33). Es ist wohl eine ähnlich Sichtweise, die Ivo/Schlieben-Lange (1989: 9) finden lässt, dass der Terminus Wortarten eine Verengung der Perspektive ausdrücke. Um eine Verschiebung des Interesses handelt es sich in jedem Fall, wenn in syntagmatischen Beziehungen stehende Teile konkreter Äußerungen als Kon- kretisierungen universeller Kategorien betrachtet und nicht abstrakte isolierte Einheiten eines einzelsprachlichen Wortschatzes sprachspezifischen Klassen zugeordnet werden.

2.4 Lexikalische Kategorien

Der Einfluss von Coserius Reflexion Über die Wortkategorien scheint weitge- hend auf die romanistische Sprachwissenschaft begrenzt geblieben zu sein; 7 ihr Anspruch jedoch geht selbstverständlich darüber hinaus. Dieser kann hier nicht übergangen werden, da die Identität des Gegenstandsbereichs, der eingangs als die Wortarten des Deutschen bezeichnet wurde, immer noch nicht hinreichend bestimmt ist und es darum geht, diesen Mangel durch eine Analyse der Weisen, wie über ihn gesprochen wird, zu beheben. Coserius These, der zufolge die Wort- kategorien „Kategorien des Sprechens, ,universelle‘ Bedeutungsweisen, die in der tatsächlichen Sprechtätigkeit festgestellt und ohne notwendigen Bezug auf eine bestimmte Sprache“ (Coseriu 1987c: 33) darstellen, macht deutlich, dass es hier um mehr geht als um eine bloß terminologische Festlegung. 8

7 Unabhängig von Coseriu vertritt allerdings Croft (2000) eine in Bezug auf die Über- einzelsprachlichkeit der Redeteile (parts of speech) ähnliche Position.

8 Vgl. hierzu auch Peter Hartmanns Überlegungen zum Verhältnis zwischen Termi- nologie und Gegenstandskonstitution, das einen Aspekt des Verhältnisses zwischen

14

Vielmehr wird man hier anlässlich der Terminologie auf zwei Aspekte verwiesen, durch die jede Kategorisierung bestimmt sein muss: Den ersten bilden die zu kategorisierenden Elemente, den zweiten eine Domäne, also der Bereich, innerhalb dessen die Kategorien Anwendung finden. Im vorliegenden Fall bedeutet dies, dass nicht nur eine Entscheidung darüber zu treffen ist, ob nun Wörter – wie immer man diese Einheiten auch definiert – oder Teile von Äußerungen Elemente bzw. Realisierungen bestimmter Kategorien sind. Man muss sich auch darauf festlegen, ob es der Wortschatz einer Einzelsprache oder die Rede ist, d. h. die an je einmalige Kontexte gebundenen Äußerungen, inner- halb deren diese Elemente Kategorien zuzuordnen sind. Ich habe bereits begründet, warum der Terminus Wortarten für die Zwecke dieser Arbeit ungeeignet ist. Doch auch das Konzept Redeteile geht offensichtlich mit weitreichenden theoretischen Implikationen einher, die an dieser Stelle nur hingenommen, nicht aber überprüft werden könnten. Daher erscheint es im Sinne eines Verfahrens, das von einfachen und für gesichert befundenen Annahmen Schritt für Schritt vorzurücken sucht, sinnvoll, weder von Wortarten noch von Redeteilen zu sprechen, sondern allgemeiner von lexikalischen Kategorien. Der folgende Abschnitt wird zeigen, dass diese Redeweise nicht nur den Vorteil mit sich bringt, gegenüber einer Reihe möglicherweise problematischer Vorannah- men neutral zu sein. Es wird dort auch deutlich werden, dass die Charakterisie- rung der gesuchten Kategorien als lexikalische mit gutem Grund erfolgt.

2.5 Sprache als Lexikon und Grammatik

Wie oben dargelegt, müsste es möglich sein, die berechtigten sprachwissen- schaftlichen Interessen, die der Suche nach den so genannten Wortarten zu Grunde liegen, weiter zu verfolgen, ohne diesen Begriff zu verwenden und sich dabei der Gefahr auszusetzen, damit implizit eine Reihe von problematischen Vorannahmen zu übernehmen. Herauszuarbeiten, welches diese Interessen sind, steht immer noch an. Als Ausgangspunkt für eine Rekonstruktion des dem Wortartenbegriff zugrunde liegenden Interesses bieten sich Versuche an, den Begriff Wort für wissenschaftliche Zwecke zu definieren. So bestimmt Lewandowski (1985:

1186 ff.) stellvertretend für viele andere das Wort als „Baustein des Satzes“,

dem Wissenschaftler als Forschungssubjekt und der ihm „zum Objekt werdende[n] Erscheinung“ (Hartmann 1956: 13) darstellt:

Das Subjekt erweist sich als die abstraktiv arbeitende (gelten lassende) Ausgangs-

(ebd.)

basis aller Termini (auch im weiteren Sinne: aller Worte).

15

„Atom der Syntax“, „,kleinste[r] selbständige[r] sprachliche[r] Bedeutungs- träger‘ (W. Schmidt) und als Einheit des Wortschatzes oder Lexikons“ (ebd.:

1187). Hervorzuheben ist, dass diese Definition sich sowohl auf grammatische als auch auf lexikalische Eigenschaften bezieht: Zum einen sind Wörter als die einfachsten bedeutungstragenden sprachlichen Elemente charakterisiert, die in ihrer Gesamtheit das Lexikon einer Sprache ausmachen, und zum anderen als Komponenten komplexer sprachlicher Einheiten. Trotz der mit dieser Doppelbestimmung verbundenen und von Lewandowski (ebd.) durchaus gesehenen grundsätzlichen Probleme, die die Begriffe Wort und Wortart für die Zwecke dieser Untersuchung ungeeignet haben erscheinen lassen, drückt sich in dem Artikel doch in mehrfacher Hinsicht ein weithin ge- teilter Minimalkonsens aus: Wenn, erstens, vom Lexikon und seiner Struktur gesprochen wird, ist damit das Lexikon einer Sprache, wie z. B. das Deutsche, gemeint. Zweitens gibt es elementare Einheiten, die in ihrer Gesamtheit das Lexikon einer Sprache ausmachen und die, drittens, Bedeutungsträger sind, d. h. bilaterale Form-Inhalt-Paare und sprachliche Zeichen im de Saussure’schen Sin- ne. Um die mit der Definition von Wort einhergehenden Probleme zu vermeiden, nenne ich solche Elemente im Folgenden lexikalische Einheiten. Schließlich besteht Einigkeit darüber, dass diese Einheiten – nach universalen und einzel- sprachlichen Regeln (Chomsky 1965), Prinzipien (Chomsky 1981, 1995) oder Beschränkungen (Prince/Smolensky 1993) oder im Rahmen schematischer Konstruktionen (Fillmore/Kay/O’Connor 1988; Croft/Cruse 2004) – zu kom- plexen Gebilden gefügt werden können. Entsprechend steht dem Lexikon als Gesamtheit der einfachen Elemente einer Sprache die Grammatik als Gesamtheit der Verknüpfungsmechanismen gegenüber. 9 Die Einheiten des Lexikons müssen bereits im Lexikon so weit spezifiziert sein, dass ihre situationsangemessene Einbindung in größere grammatische Zusammenhänge möglich ist. Die gerade skizzierte Sichtweise impliziert einen weiten Grammatikbegriff. Zum einen sind demnach Wortbildung und Flexion, soweit die so genannten „regelmäßigen“ Formen betroffen sind, auch dann von der Lexik abzugrenzen und der Grammatik zuzurechnen, wenn man der Auffassung ist, dass diese sprachlichen Bereiche anderen Gesetzmäßigkeiten folgen als die (Satz-)Syntax oder gar einem der Syntax gegenüber autonomen Modul angehören (vgl. Wie- se 1996; Maibauer 2003: 153–155). Eine solche umfassende Sichtweise von Grammatik begründet auch Coseriu, wenn er festhält,

9 In ähnlich allgemeiner Weise bestimmt Langacker, um eine theorieneutrale Formu- lierung bemüht, die Grammatik als „Strukturmuster, gemäß denen Morpheme [ge- nauer wäre: lexikalische Einheiten; T.W.] zu zunehmend größeren Konfigurationen verbunden werden können“ (patterns for grouping morphemes into progressively larger configurations; Langacker 1997a: 12).

16

] [

von sog. „Formen“) und „Syntax“ (Beschreibung von materiellen Kombinationen

immer Kombinationen

von „Formen“, d. h. materielle Strukturen, und zugleich die Funktionen dieser

Strukturen betrifft.

(Coseriu 1987d: 87) 10

bzw. von grammatischen Funktionen) zerfällt, da sie [

daß die Grammatik [als Metasprache] nicht in „Morphologie“ (Beschreibung

]

Eine zusätzliche Erweiterung erfährt der Grammatikbegriff hier dadurch, dass die Domäne der Verknüpfung sprachlicher Einheiten nicht als auf Morphologie und Syntax beschränkt gesehen wird. Wenn man nämlich danach fragt, welche Faktoren die Verknüpfung bzw. die Verknüpfbarkeit lexikalischer Einheiten beim Sprechen bestimmen, dann sind auch solche zu nennen, die die Situati- onsangemessenheit von Äußerungen als sprachlichen Handlungen betreffen und traditionell dem Bereich der Pragmatik zugewiesen werden. 11

Die Terminus lexikalische Einheit ist nun insofern allgemein und unvollständig bestimmt, als er lediglich eine Komplexitätsuntergrenze für Elemente des Lexi- kons festlegt. Demnach kann auf einer gedachten Skala, auf der die sprachlichen Einheiten ansteigend von den einfachsten bis zu den komplexesten angeordnet sind, keine Einheit unterhalb des Morphems, d. h. von Zeichen des strukturell einfachsten Typs, ein Element des Lexikons darstellen. Umgekehrt bedeutet dies, dass Morpheme einschließlich Flexions- und Derivationsmorphemen lexikalische Einheiten sein können. Auf diese Weise ist weder in morphologischer noch in syntaktischer Hin- sicht eine obere Komplexitätsgrenze definiert, wie dies bei Herbermann (2002) anklingt, wenn er formuliert:

10 Vgl. bereits Behagel, der kategorisch feststellt: „Auch die Flexionslehre ist Syntax“ (zitiert nach Otto 1965: 42). Wunderlich, ein Vertreter der Generativen Grammatik, sieht weitreichende Gemeinsamkeiten von Morphologie und Syntax:

Whether the distinction between free and bound items makes morphology and

or justifies the assumption of autonomous

In any case, the set of free

items and the set of bound items have many common properties related both to distinctions in the categorial inventory and the main grammatical relations. (Wunderlich 1996: 2)

11 Vgl. Zifonun et al. (1997: 3): „Grammatik betrachten wir als Systematik der Formen

und Mittel sprachlichen Handelns.“ Einen in der angedeuteten Weise weiten Gram- matikbegriff vertritt bereits Marty (1950a [1908]: 532), wenn er von einer „S y n t a x e im natürlichsten Sinn des Wortes“ spricht:

verstehen darunter ganz allgemein den Umstand, daß in der Sprache

Kombinationen von Zeichen gebildet werden und wurden, die als Ganzes eine Bedeutung oder Mitbedeutung, kurz eine Funktion haben, welche den einzelnen Elementen für sich nicht zukommt.

syntax only gradually distinct [

]

modules of the grammar, is a matter of debate [

].

W]ir [

17

ausdrucksstrukturell die Form von Simplizia,

Derivata, Komposita, Phrasen, „clauses“/Klauseln u. a.m. aufweisen, und sie bzw. speziell die komplexen unter ihnen unterscheiden sich in dieser Hinsicht somit nicht von entsprechenden grammatischen, d. h. nach allgemeinen bedeutungsdeter-

minierenden Regeln im Zuge eines Kommunikationsprozesses ad hoc gebildeten

Lexikalische Einheiten können [

]

Einheiten.

(ebd.: 24)

Insbesondere bleibt noch offen, aus welcher Perspektive und anhand welcher Kriterien zu entscheiden ist, ob eine gegebene sprachliche Einheit (gramma- tisch) einfach und selbständig ist, wie es Lewandowski für Wörter fordert, und damit als lexikalische Einheit gelten kann. Hier sei schon einmal auf Phraseo- logismen (Burger 2003; Dobrovol‘skij 1995), Phrasenkomposita (Meibauer 2003), morphologische Schemata (Köpcke 1993), Konstruktionen im Sinne der Konstruktionsgrammatik (Fillmore 1989; Kay/Fillmore 1999; Croft 2002), Funktionsverbgefüge und verfestigte Fügungen anderer Art (Stubbs 1995) hingewiesen, die als plausible Kandidaten für eine Mitgliedschaft im Lexikon gelten können. Neben den von Herbermann genannten ausdrucksstrukturell komplexen Formen kommen damit auch abstraktere Schemata in Betracht, die als verfestigte formale Fügungen charakterisiert werden können. Auch diachrone Prozesse wie Lexikalisierung und Grammatikalisierung sind in diesem Zusam- menhang einzubeziehen, weil sie Veränderungsprozesse innerhalb des Lexikons einer Sprache mit sich bringen. Die getroffene Unterscheidung zwischen Lexikon und Grammatik, so unbe- stimmt sie in mancherlei Hinsicht noch sein mag, reicht aus, um lexikalische von grammatischen Einheiten ab- und damit die Domäne lexikalischer Kate- gorien einzugrenzen. Lexikalische Einheiten können nun nämlich als insofern unabhängig von der Grammatik aufgefasst werden, als sie als Elemente des Lexikons ihrer Verknüpfung in komplexen Syntagmen vorausgehen. Sie stel- len, um mit Humboldt (1988c: 477) zu sprechen, die „endlichen Mittel“ dar, von denen die Sprache „einen unendlichen Gebrauch machen [muß]“. Damit ist auch das Verhältnis zwischen Lexikon und Grammatik angedeutet: Als Ele- mente des Lexikons weisen lexikalische Einheiten Eigenschaften auf, die sie auf bestimmte Gebrauchsweisen in syntaktischen und diskurs-pragmatischen Kontexten prädestinieren. Damit ist auch klar, dass die lexikalischen Kategorien, denen hier das Inte- resse gilt, nicht mit Coserius Redeteilen gleichzusetzen sind. Wenn es sie gibt, wofür bisher noch keine Belege angeführt worden sind, dann umfassen sie primär Einheiten des Lexikons, nicht der Grammatik und daher auch nicht der grammatisch strukturierten Rede. Coseriu hatte geschlossen, dass die Redeteile universelle Kategorien und einzelsprachlich nicht definiert seien. Die Domäne lexikalischer Kategorien scheint hingegen das Lexikon der Einzelsprache zu sein. Diese durch die zuletzt vorgetragenen Überlegungen nahe gelegte Vermutung ist in einem nächsten Schritt zu überprüfen.

18

2.6 Lexikon einer Sprache – Lexikon eines Sprechers

Nachdem der Begriff der Wortarten kritisch beleuchtet und für diese Unter- suchung als ungeeignet bewertet wurde, stellt sich der ins Auge zu fassende Gegenstand neu dar: Nicht Wortarten, sondern die lexikalischen Kategorien der deutschen Sprache sind näher zu bestimmen. Doch auch in dieser Form erscheint das Untersuchungsobjekt noch unscharf. Denn wenngleich uns die Begriffe die deutsche Sprache und das Deutsche in noch höherem Maße als Elemente der Alltagssprache und des sprachwissen- schaftlichen Grundwortschatzes vertraut sind, als dies bereits mit Wortarten der Fall war, stoßen wir auch jetzt auf Schwierigkeiten, die in dem Begriff selbst liegen. Wenn es nämlich die deutsche Sprache bzw. ihr Lexikon ist, das durch lexikalische Kategorien strukturiert wird und dessen Elemente aufgrund ihrer Mitgliedschaft in bestimmten lexikalischen Kategorien bestimmte Eigenschaf- ten aufweisen, dann setzt das voraus, dass die deutsche Sprache, wie andere Einzelsprachen auch, ihr eigenes Sein besitzt, eine eigenständige Entität ist, ein System, das einen potenziellen Untersuchungsgegenstand darstellt und einer Analyse zugänglich ist. Tatsächlich ist diese Annahme eine der Gemeinsamkeiten, die zumindest in impliziter Form die meisten sprachwissenschaftlichen Forschungsansätze übergreifen, und eine Komponente des Fundaments, auf dem auch im Hinblick auf lexikalische Kategorien, Wortarten oder Redeteile die unterschiedlichsten Vorschläge gründen. Ihre Angemessenheit wird, wenn überhaupt, entweder ontologisch – Sprache ist ein System 12 –, oder methodologisch – um Sprache überhaupt untersuchen zu können, müssen wir sie (für einen Augenblick) als statisches System betrachten – begründet. Jedoch verlieren Sprache und die deutsche Sprache ihre Vertrautheit und Selbstverständlichkeit, sobald man die „Gegenstände“, auf die mit diesen Termi- ni referiert wird, hinsichtlich ihrer Grenzen, ihres Orts etc. zu bestimmen sucht. Ein ähnlich problematisierender Effekt stellt sich angesichts der folgenden von Sybille Krämer und Ekkehard König gestellten Frage ein: Gibt es eine Sprache hinter dem Sprechen (Krämer/König 2002)? Die gegensätzlichen Positionen die Krämer und König in ihrem Band hierzu versammeln und die unterschiedlichen Begründungen dafür machen deutlich, dass die Antwort und damit der ontolo- gische und erkenntnistheoretische Status von Sprache umstritten ist. Als Warnung vor einer voreiligen „Verdinglichung von Sprache“ ist auch Kellers (1994) Bemerkung zu verstehen:

12 «Une langue est un système ou tout se tient.» Auf diesem Diktum de Saussures (1916) gründet ein ganzes, den größten Teil des 20. Jahrhunderts bestimmendes sprachwis- senschaftliches Paradigma.

19

Die Frage „Warum ändert sich die Sprache?“ präsupponiert „Die Sprache ändert sich“. Das Besondere an dieser Hypostasierung ist, daß auch die Fachleute nicht über eine Auflösung verfügen, die wörtlich genommen werden darf. (ebd.: 24)

Blickt man noch weiter zurück in die Geschichte der Sprachwissenschaft, findet sich mit derjenigen Hermann Pauls eine prominente Position, die dem sprachlichen Wissen einzelner Sprecher, bei Paul die „einzelnen psychischen Organismen“ bzw. „einzelnen Sprachorganismen“, unmissverständlich Priorität gegenüber „der Sprache“ als Gesamtheit dieser Organismen einräumt. Dass es

sich bei letzterer lediglich um eine Abstraktion, einen „Durchschnitt“ handeln

kann, folgt bei Paul aus der Tatsache, dass „es [

einer Seele auf die andere gibt“ (Paul 1995 [1920]: 28f.]). Oben hatte ich betont, dass Kategorien immer vor dem Hintergrund einer Domäne zu sehen sind, die sie strukturieren. Lexikalische Kategorien nicht als solche des Deutschen (oder einer anderen Einzelsprache) aufzufassen, ist daher nur möglich, wenn ihre Domäne plausibel neu bestimmt werden kann. Einen Hinweis auf eine mögliche Lösung des Problems, das durch Krämers und Königs Frage als solches erkennbar wurde, trägt diese Frage selbst in sich: Ob es eine Sprache hinter dem Sprechen gibt, kann offenbar mit guten Gründen bezweifelt werden; das Sprechen jedoch, „hinter“ dem eine Sprache zu suchen ist, wird durch die Formulierung als gegeben gesetzt. Dass der ontologische Status des konkreten Sprechens (Knobloch 2000a: 6) so viel sicherer erscheint als der von (einer bestimmten) Sprache, ist auf seine Wahrnehmbarkeit zurückzuführen. Anders als (die) Sprache erleben wir das Sprechen als Sprecher und teilnehmende Hörer unmittelbar, tritt es uns in der Rolle der Beobachter von Sprechern, die sich in konkreten Situationen sprachlich äußern, als Phänomen sinnlich und unabhängig von Schlüssen und theoretischen Raisonnements 13 entgegegen. Eben deshalb sind sprachliche, in einem Äußerungskontext wahrgenommene Äußerungen – im Vergleich zu Sprache oder dem Deutschen – in direkterer Weise als Untersuchungsgegenstände greifbar. Sprachliche Äußerungen sind also beobachtbare Phänomene. Doch sind dies auch die Entitäten, deren Elemente auf einer unteren Ebene der syntaktischen Strukturierung lexikalischen Kategorien zugeordnet sind? Zunächst einmal wäre zu bestimmen, welche Äußerungen hier konkret in Betracht zu ziehen sind. Doch selbst wenn man die mit dieser Aufgabe verbundenen Schwierigkeiten z. B. theoretisch und mit den Mitteln der Korpuslinguistik beherrschen könnte, muss die Antwort nach dem, was oben zur Unterscheidung zwischen Lexikon und Grammatik gesagt wurde, nein lauten. Sprachliche Äußerungen sind (auch) syntaktische Gebilde, in denen nicht lexikalische Grundelemente aneinander-

keine direkte Einwirkung

]

13 Dies gilt ungeachtet der Tatsache, dass sich im Einzelfall lautlicher oder grafischer Gebilde nicht immer – aber doch sicher sehr häufig – ein Konsens darüber erzielen lassen wird, ob es sich um eine Äußerung in deutscher Sprache handelt.

20

gereiht, sondern grammatische Einheiten gelegentlich einzeln auftreten (z. B. „Gerne“, im Anschluss an eine Bitte), meist aber morphologisch und syntaktisch mit anderen verbunden sind. Das schließt nicht aus, dass aus einer Analyse der grammatischen Struktur Rückschlüsse auf die lexikalischen Eigenschaften gezogen werden können (s.u. 5 Lexikalische Kategorisierung im Spiegel der Schreibung), macht aber deutlich, dass den Äußerungen, dem potenziell „un- endlichen“ und praktisch unübersehbaren Gebrauch, die „endlichen Mittel“, also die Elemente eines Lexikons, gegenüberstehen müssen. Allerdings kann hier, aus den genannten Gründen, nicht das Lexikon einer (bestimmten) Sprache, also etwa des Deutschen, als Domäne der zu untersu- chenden lexikalischen Kategorien in Betracht gezogen werden. Es muss also ein anderes Forum geben, auf dem Lexikon und Grammatik interagieren. Wel- ches dies ist, lässt sich aus dem ableiten, was bis hierher als gesichert gelten kann: Ein möglicher Gegenstand sprachwissenschaftlicher Untersuchungen sind sprachliche Äußerungen. Äußerungen sind immer die Äußerungen von Sprechern. Äußerungen als grammatische Gebilde setzen ein Lexikon voraus. Dieses Lexikon, so der daraus zu ziehende Schluss, ist nicht eine Komponente der jeweils gesprochenen Sprache, sondern Teil des Wissens jener Sprecher, deren Äußerungen betrachtet werden. Damit ist klar: Die im Zusammenhang einer Untersuchung lexikalischer Kategorien relevante Domäne ist das mentale Lexikon des Individuums als Teil seines Wissens und Könnens, das ihn in die Lage versetzt, situationsangemessen zu sprechen. 14 Natürlich ist diese Auffassung des Lexikons, die zu den Grund-

14 Mit dieser in einem Chomsky’schen (1965: 4) Sinne mentalistischen Schlussfolge- rung wird deutlich, dass ich wohl bereits an einem viel früheren Punkt den Grund des Unbezweifelten verlassen habe. So verneint Hans Julius Schneider (2002), sich dabei auf Wittgenstein (1984 [1953]) berufend, die selbst gestellte Frage, ob „[ ] das Sprechenkönnen auf einem Sprachwissen“ beruhe, und führt aus:

Wissen ist eine besondere Art des Könnens; Repräsentationen oder Darstellungen sind Produkte dieses Könnens, nicht ihre Ermöglichungsgründe. Sie sind keine inneren Gegenstände, die wir im Geiste handhaben müssen, wenn wir die äußerliche Tätigkeit des Sprechens vollziehen, sondern sie sind besondere, von uns hergestellte Dinge, die in Museen und Bibliotheken verwahrt werden. (ebd.: 136) Bei aller Kritik am Wissensbegriff geht jedoch auch Schneider offenbar von einer Unterscheidung zwischen (aktuellem) Sprechen, sprachlichem Wissen und Sprechen- können aus. Wenn Wissen das Produkt des Könnens ist, so ist wohl das Können der Ermöglichungsgrund von Wissen. Diese Position scheint nicht im Widerspruch mit der Annahme zu stehen, Sprechen beruhe auf Sprechenkönnen und nun wäre zu klären, worin dieses Können besteht. Entscheidend für die im Folgenden zu entwickelnde Argumentation ist die Prämisse, dass Sprechen eine kognitive Basis besitzt. Diese ermöglicht es u.a., aktuelles Sprechen und Verstehen mit vergangenem Sprechen und Verstehen in eine Beziehung zu setzen, die das Erlebnis der Zeitlichkeit von Sprechen

21

elementen kognitiv-linguistischer Ansätze zählt, nicht neu. Im Sinne des hier verfolgten Anliegens, verlässliche Grundlagen für das Folgende zu schaffen, ist jedoch die Art und Weise ihrer Herleitung von Bedeutung. Die Verschiebung des Interesses vom Lexikon einer Sprache zum Lexikon von Sprechern ist das Ergebnis von Überlegungen, deren Ausgangspunkt der Versuch darstellte, den Begriff die Wortarten des Deutschen zu definieren, und in deren Verlauf damit verbundene und sich als problematisch erweisende Annahmen Schritt um Schritt zurückgenommen wurden. Mit diesem Zwischenergebnis ist ein Begriff lexikalischer Kategorien ge- wonnen, der – anders als Wortart – auf geprüften Vorannahmen beruht und umstrittene ausklammert und der in zweierlei Hinsicht bestimmt ist: Als das Kategorisierte werden lexikalische Einheiten in den Blick genommen, als die Do- mäne, innerhalb deren diese Einheiten kategoriell spezifiziert sind, das mentale Lexikon individueller Sprecher. Mit dieser Begriffsbestimmung ist jedoch nur ein erster Schritt auf dem Weg zum Ziel dieser Arbeit vollzogen. Immerhin hat sich erwiesen, dass die Wortarten des Deutschen keine möglichen Gegenstände einer Untersuchung sind, weil sich nicht einmal der Begriff schlüssig definieren lässt. Andererseits jedoch ist noch zu überprüfen, ob lexikalische Kategorien im Gegensatz dazu eben solche Gegenstände sind, ob also die Frage Gibt es lexikalische Kategorien hinter dem Sprechen? positiv zu beantworten ist.

2.7 Gibt es lexikalische Kategorien?

Der Versuch, den ontologischen Status lexikalischer Kategorien zu klären, führt direkt zu einem erkenntnistheoretischen Problem: Wer wissen möchte, ob es lexikalische Kategorien gibt, muss wissen, wie er dies herausfinden kann, muss also ein Kriterium kennen, um mögliche Antworten auf die Frage nach ihrem Sein zu bewerten. Ein solches Kriterium ist das so genannte Ockham’sche Rasiermesser, das Prinzip der Parsimonie, das in der einen oder anderen Form

und Verstehen überhaupt erst ermöglicht und damit sprachliches Lernen ebenso wie das Verstehen spezifischer, sich in der Zeit ausdehnender Äußerungen. Mit diesen Anmerkungen muss die Erörterung dieses Dissenses innerhalb der Phi- losophie des Geistes und der Sprache im Rahmen dieser Arbeit abgebrochen werden. Abschießend sei noch festgestellt, dass die in der Sprachwissenschaft vertretenen Auffassungen (s. Kapitel 3), soweit für sie das Konzept einer kognitiven Basis des Sprechens überhaupt eine Rolle spielt, mit der Ansicht vereinbar sind, dass ein men- tales Lexikon eine Komponente dieser Basis ist. Letzteres gilt insbesondere auch für die sprachwissenschaftlichen Ansätze, die sich auf Autoren wie Austin (1962), Grice (1989) und eben auch Wittgenstein berufen.

22

nicht erst seit den Zeiten seines Namensgebers zum Grundbestand westlich- wissenschaftlichen Denkens gehört und das in einer bekannten Formulierung lautet: Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem. Vom erkenntnisthe- oretischen Standpunkt bedeutet dies, dass Fragen der Form „Gibt es X?“ zu verneinen sind, es sei denn, dies ist unmöglich. Unmöglich ist dies im Rahmen rationalen Denkens dann, wenn man dadurch entweder gezwungen wird, eine andere als gesichert geltende Überzeugung aufzugeben oder aber aufwändige Zusatzannahmen zu machen und damit in noch gravierenderer Weise gegen das Parsimonieprinzip zu verstoßen. 15 Die abstrakte Frage nach dem Sein lexikalischer Kategorien stellt sich damit neu: Gibt es unstrittige Tatsachen, die sich nur unter der Voraussetzung erklä- ren lassen, dass es lexikalische Kategorien gibt? Von den Annahmen, die der Terminus Wortart nahe legte, hielten die folgenden der oben durchgeführten Überprüfung stand: Menschen sprechen in vielerlei Situationen und zu vieler- lei Anlässen. Das „jedesmalige Sprechen“ setzt ein Sprechen-Können voraus. Dieses entwickelt sich in der Regel über die unterschiedlichen Sprechanlässe hinweg langsam und kontinuierlich, so dass es keinen völligen Bruch zwischen aufeinander folgenden Phasen des Spracherwerbs bzw. der Entwicklung des Sprechen-Könnens gibt. 16 Zu diesem Können gehört das mentale Lexikon, d. h. ein Wissen, das die strukturierte Menge der vom Sprecher erworbenen lexika- lischen Einheiten umfasst. Jede dieser Einheiten ist dabei hinsichtlich derjeni- gen Aspekte spezifiziert, die ihre Verwendung im Zusammenhang grammatisch komplexer Äußerungen erlaubt.

2.8

Fragen

An dieser Stelle schließt sich der Kreis der in diesem Kapitel dargelegten vorbereitenden Überlegungen, an deren Anfang das bekannte Humboldt-Zitat und die sich bald als unbeantwortbar erweisende Frage nach den Wortarten des Deutschen stand. Nun, an ihrem Ende, stellt sich eine neue oder, eher noch, die

15 Streng genommen, handelt es sich hier um eine (Ver-)Schärfung des Ockham’schen Rasiermessers, weil hier nicht nur die Vermehrung der Entitäten selbst, sondern auch weitere Annahmen bezüglich dieser Entitäten und ihrer Eigenschaften nur dann zu- gelassen werden, wenn dies notwendig ist.

16 Dem widerspricht auch die Tatsache nicht, dass es gerade in den ersten Jahren des Spracherwerbs partielle Sprünge gibt, wie z.B. die so genannte „Wortschatz-Explo- sion“ (Klann-Delius 1999: 36) etwa ab dem 18. Lebensmonat und das plötzliche „Verlernen“ unregelmäßiger Flexions- und Komparationsformen in der Phase der Übergeneralisierung im dritten oder vierten Lebensjahr.

23

ursprüngliche, von problematischen Präsuppositionen befreite Frage in neuer Form: Lässt sich aus unserem Wissen darum, dass Menschen in unterschiedli- chen Situationen und zu unterschiedlichen Anlässen sprechen und Gesprochenes verstehen, schließen, dass es lexikalische Kategorien der oben umrissenen Art gibt? Im folgenden Kapitel wird hierauf mit der Feststellung geantwortet, dass lexikalische Kategorisierung ein Teilprozess der Gesamtdynamik mentaler Lexi- ka ist, durch den lexikalische Einheiten hinsichtlich ihrer Kategorialität geprägt werden. Um diese These zu belegen, soll zunächst gezeigt werden, dass sie mit den oben formulierten und als unbezweifelt charakterisierten Annahmen über das Sprechen nicht nur übereinstimmen, sondern aus ihnen folgen. Diese erste und grundlegende Aufgabenstellung zieht eine Reihe weiterer nach sich. Schon der Nachweis, dass lexikalische Kategorisierung ein Merkmal des mentalen Lexikons ist, kann nicht geführt werden, ohne dass Genaueres über die Art der Kategorisierung gesagt wird. Auch hierbei sollen überflüssige Annahmen vermieden und nur solche formuliert werden, die sich auf der Basis des bisher Festgestellten schlechterdings nicht verneinen lassen. Für die Bestimmung le- xikalischer Kategorien bedeutet dies, dass sie auf die Funktion Bezug nehmen muss, die lexikalische Kategorien für das Sprechen besitzt. Damit ergeben sich die folgenden Fragen:

– Welche lexikalischen Kategorien gibt es? Lassen sich lexikalische Kategorien überhaupt strikt voneinander abgrenzen? Ein Blick in die germanistische und in die sprachvergleichende Literatur zu Wortarten, Redeteilen und lexikali- schen Kategorien lässt gravierende Unterschiede zwischen den Vorschlägen verschiedener Autoren hervortreten. Dies betrifft sowohl die Anzahl als auch den Charakter der jeweils angenommenen Kategorien.

– Anhand welcher Kriterien sind lexikalische Kategorien voneinander zu unterscheiden? Aufgrund welcher Merkmale sind lexikalische Einheiten bestimmten Kategorien zugeordnet? In Frage kommen hier u. a. morpho- logische, syntaktische, semantische und diskurs-funktionale Kriterien und unterschiedliche Mischkategorisierungen.

– Wie ist die interne Struktur der Kategorien beschaffen und wie verlaufen die Grenzen zwischen ihnen? Im Wesentlichen stehen aristotelische Auf- fassungen, die Kategorien über notwendige und hinreichende Bedingungen der Zugehörigkeit zu ihnen definieren, solchen Ansätzen gegenüber, die le- xikalische Kategorien als prototypikalische Kategorien mit radialer Struktur (Lakoff 1987) betrachten.

– Sind alle lexikalischen Kategorien von der gleichen Art und Struktur? Dies betrifft vor allem den Unterschied zwischen den so genannten offenen und geschlossenen lexikalischen Klassen.

– In welchem Verhältnis stehen die lexikalischen Kategorien zueinander? Zahl- reiche Beispiele wie Zauber, zaubern und bezaubernd legen die Annahme nahe, dass es systematische Beziehungen zwischen bestimmten lexikalischen Kategorien gibt.

24

– Wie kommt es zur Zuordnung lexikalischer Einheiten zu bestimmten Kate- gorien? Lexikalische Einheiten werden erlernt. Auf welche Weise erfolgt ihre kategoriale Bestimmung im Zuge des Spracherwerbs? Ist dieser Prozess der Bestimmung, und das heißt der Veränderung, an einem bestimmten Punkt abgeschlossen? Diese Frage weist darauf hin, dass zwischen Struktur und Dynamik des mentalen Lexikons ein enger Zusammenhang besteht.

Indem die zuletzt formulierten Fragen zunächst auf der Basis der reichen For- schungliteratur erörtert werden, wird ein doppelter Zweck verfolgt: Zum einen sollen die Leistungen anderer Autoren für das hier verfolgte Anliegen nutzbar gemacht werden. Zum anderen soll jedoch deutlich werden, dass der hier ge- wählte Ansatz, die theoretischen Probleme lexikalischer Kategorisierung von der Seite des sprachlichen Wissens individueller Sprecher her zu lösen, auch einer Auseinandersetzung mit alternativen Konzeptionen Stand hält und sich dabei als plausibel erweist. Um dieses Ziel erreichen zu können, reicht die bis hierhin skizzierte Un- tersuchung mentaler Lexika jedoch nicht aus. Selbst wenn sich der Begriff die deutsche Sprache oben als problematisch erwiesen hat, gehört es doch zu unseren unmittelbaren Erfahrungen, dass sprechen meist auch bedeutet, mit-

einander oder doch zu jemand anderem zu sprechen. Auch wenn lexikalische Kategorisierung zunächst ein Aspekt je individueller mentaler Lexika ist, kann das nicht bedeuten, dass lexikalische Kategorisierung von Grund auf individuell oder gar idiosynkratisch ist. Damit stellt sich die Frage nach überindividuellen Aspekten lexikalischer Kategorisierung und nach dem Verhältnis zwischen dem sprachlichen Wissen und Können Einzelner und dem anderer Mitglieder ihrer Sprachgemeinschaft. Wilhelm von Humboldts eingangs zitierte Worte (sowie andere Stellen aus der Einleitung zum Kawi-Werk) thematisieren diesen Problemkreis, indem sie das Verhältnis zwischen Einzeläußerung und Sprache an sich ansprechen. „Unmittelbar und streng genommen“, so Humboldt, sei Sprache als das „jedes-

Sprechen“ zu definieren, „aber im wahren und wesentlichen Sinn

kann man auch nur gleichsam die Totalität dieses Sprechens als die Sprache ansehen“; und hier meint er nicht das Deutsche, das Chinesische oder das Kawi, sondern die universelle „Sprache im allgemeinen“ (Coseriu 1987b: 5). Das konkrete, beobachtbare Faktum des jedesmaligen Sprechens, der einzelnen im Kontext vollzogenen Äußerung eines Sprechers auf der einen und die abstrakte Totalität des Sprechens auf der anderen Seite werden hier als zwei Seinsarten von Sprache oder auch als Ansichten von Sprache charakterisiert, die je nach Standpunkt wahrgenommen werden können. Das Einzelne und das Ganze, das Individuelle und das Universelle – ange- sichts dieser Gegenüberstellung fragt sich, welcher Status hier einer einzelnen Sprache, wie dem Deutschen, zukommt. Die in dieser Arbeit aus den oben dargelegten Gründen eingenommene Perspektive geht vom Pol des Einzelnen

malige[

]

25

aus und wendet den Blick dann von der Einzeläußerung zu deren Sprecher und seinem lexikalischen Wissen. Macht vor diesem Hintergrund die Rede von der deutschen Sprache und ihren lexikalischen Kategorien, unabhängig davon, dass diese Begriffe für unseren Alltag weiterhin selbstverständlich und unverzichtbar sind, aus sprachwissenschaftlicher Sicht noch Sinn? Wie ist dieses Problem angesichts der Erfahrungen zu werten, dass wir ohne weiteres angeben können, was es bedeutet, Deutsch sprechen und verstehen zu können, möglicherweise aber nicht Englisch, Türkisch, Chinesisch oder Kawi, dass wir im Normalfall eine Äußerung in deutscher Sprache problemlos von einer englisch- oder an- derssprachigen Äußerung unterscheiden können, ja, dass wir sogar in der Lage sind, isolierte deutsche Ausdrücke als solche gegenüber nicht-deutschen zu identifizieren? Humboldt stellt den konkreten Fällen „jedesmaligen Sprechens“ die Sprache im Allgemeinen als „Totalität des Sprechens“ gegenüber. Dieses Konzept ist abstrakt und nicht im gleichen Maße evident wie sein Widerpart. Hier liegt, wie oben bereits im Zusammenhang mit der Frage nach der Sprache hinter dem Sprechen ausgeführt, der Grund dafür, dass der sprachliche Pol des individuellen Sprechens als der Ausgangspunkt dieser Untersuchung gewählt wurde und dass über Sprache im Allgemeinen zunächst nichts gesagt wird. Es ist allerdings zu betonen, dass auch dieser Verzicht, wie in den früheren Fällen, ein noch vorläu- figer ist und dass ganz im Sinne der Ausführungen zu Ockhams Rasiermesser zu überprüfen sein wird, ob seine Einführung letztlich nicht doch notwendig ist.

Das hier angewandte hermeneutische Verfahren hat eine Reihe von Begriffen als für diese Untersuchung unbrauchbar erwiesen, es hat zur Herausbildung alternativer Konzepte geführt und zuletzt eine Reihe konkreter Fragen aufge- worfen. Darüber hinaus wurde begründet, warum lexikalische Kategorisierung zunächst als Aspekt des Lexikons von individuellen Sprechern zu betrachten ist und nicht als Strukturkomponente des Lexikons einer Sprache bzw. von Sprache. Dies bedeutet nun aber nicht, dass das oben skizzierte Forschungsprogramm in allen seinen Teilen neu und zum ersten Mal abzuarbeiten ist. Denn obwohl sich der Gegenstandsbereich aus der zuletzt entwickelten Perspektive in neuer Form darbietet, sind die oben formulierten Fragen doch schon häufig gestellt und in unterschiedlicher Weise beantwortet worden. Es liegt also nahe, diese Antworten zu überprüfen und im Lichte der bis hierher entwickelten Prämissen zu bewerten und auszuwerten.

26
26

3

Lexikalische Kategorisierung im Wechselspiel zwischen Diskurs und Konzeptualisierung

„Der Komiker (Terenz) sagt: ,Nichts ist gesagt worden, das nicht schon zuvor gesagt worden ist.‘ Wenn mein Lehrer Donat diesen Vers im Unterricht erklärte, fügte er hinzu: ,Zum Teufel mit denen, die schon vor uns unsere Ideen aus- gesprochen haben‘ (Hieronymus, Kommentar zu Ecclesiastes 1, 9–10).“ (zitiert nach Reichert 1999)

Es bleibt uns aber immer die Möglichkeit, in einer terminologisch anders arbeitenden, anders bestimmten Betrachtungsart – die immer im Austausch mit der bewährten Sprachwissen- schaft bleibt – eine neue Schnittebene durch das uns interessierende Objekt ,Sprache‘ zu legen, welches mit unseren Akten so verzahnt ist und dennoch eine gewisse Eigenständigkeit besitzt. Die Sprache würde dadurch gezwungen, andere Seiten als bisher zu zeigen, die dann ,entdeckt‘ (d.i. neu benannt) werden könnten. (Hartmann 1956: 13)

Als Konsequenz einer kritischen Analyse des Wortartenbegriffs habe ich im ers- ten Haupteil dieser Studie das Konzept lexikalische Kategorisierung entwickelt. Ich habe gezeigt, dass eine Untersuchung der Prozesse Antworten auf Fragen nach dem Verhältnis zwischen Lexikon und Grammatik einer Sprache geben kann, die schon seit der Antike mit Bezug auf die Wortarten erörtert worden sind. Am Ende des Kapitels ergaben sich dann eine Reihe von Forschungsfragen zur Abgrenzung lexikalischer Kategorien voneinander, zu ihrer internen Struktur, zu den Kriterien, die ihre Unterscheidung begründen etc. In diesem zweiten Hauptteil prüfe ich, ob sich Antworten auf diese Fragen bereits in der umfang- und facettenreichen Literatur zum Thema lexikalische Kategorien 1 finden lassen. Dabei ist nicht in erster Linie chronologisch, sondern

1 Lexikalische Kategorie wird hier wie im Folgenden als Oberbegriff verwendet, der auch Wortart und Redeteil immer dann mit einschließt, wenn zwischen den Begriffen nicht explizit differenziert werden muss. Letzteres ist, wie oben ausgeführt wurde (s. 2.5), vor allem immer dort nötig, wo es für die Argumentation entscheidend ist, ob die Kategorien der Ebene des Lexikons (lexikalische Kategorien im engeren Sinne) oder der Grammatik (Redeteile im engeren Sinne) zugeordnet sind.

28

systematisch vorzugehen. Es wird nämlich deutlich werden, dass sich innerhalb des mehr als 2000-jährigen Forschungsdiskurses unterschiedliche theoretische Traditionen gegeneinander abgegrenzt haben, die durch je eigene Fragestel- lungen, Ziele und Methoden gekennzeichnet und deshalb nur eingeschränkt miteinander vergleichbar oder gar relativ zueinander bewertbar sind. Vor diesem Hintergrund ist dann zu entscheiden, welche der referierten Forschungsergebnisse überhaupt einen Beitrag zur Lösung der hier gestellten Probleme leisten wollen und können. Später wird sich dann zeigen, dass weniges von dem wirklich neu ist, was über lexikalische Kategorien und lexikalische Kategorisierung als Aspekte von Struktur und Dynamik des mentalen Lexikons von Sprechern des Deutschen zu sagen ist. Im Gegenteil macht die Durchsicht der Literatur deutlich, dass Fortschritt im hier untersuchten Bereich linguis- tischer Theorie nicht so sehr darin besteht, neue Fakten und Aspekte zutage zu fördern. Vielmehr scheint es so, dass im Verlauf der Forschungsgeschichte eine Reihe zentraler Gedanken und Motive jeweils von neuen Standpunkten aus betrachtet und im Kontext von Problemen variiert und aktualisiert wurden, die zuvor als für die Untersuchung lexikalischer Kategorien gar nicht erst in Betracht gezogen worden waren. Während sich auf diese Weise Ansätze zur Bestimmung lexikalischer Ka- tegorien unterscheiden lassen, die in ihren Grundzügen voneinander abwei- chen, tritt in einer Hinsicht doch eine Gemeinsamkeit hervor: Lexikalische Kategorien werden als Kategorien auf der Ebene von Einzelsprachen oder von Sprache überhaupt behandelt. In Kapitel 2 wurde dargelegt, dass und warum diese Auffassung im Rahmen der gegenwärtigen Untersuchung problematisch ist und stattdessen mentale Lexika individueller Sprecher als die Domänen le- xikalischer Kategorisierung zu betrachten sind. Im Anschluss daran ist nun zu erörtern, welche in der Literatur vorgetragenen Beobachtungen und Befunde in welcher Weise in die hier zu entwickelnde, das mentale Lexikon von Individuen als Ausgangspunkt nehmende Auffassung zu integrieren sind.

3.1

Grundlegendes

3.1.1 Wie sich die Theorien lexikalischer Kategorisierung voneinander unterscheiden

Die Geschichte der wissenschaftlichen Beschäftigung mit lexikalischen Ka- tegorien ist auf vielen Ebenen durch Kontinuität geprägt. So sind vor allem die modernen Termini Redeteile, parts of speech, partis du discours etc. Lehnübersetzung aus dem Griechischen bzw. dem Lateinischen (μέρη λόγου,

28

systematisch vorzugehen. Es wird nämlich deutlich werden, dass sich innerhalb des mehr als 2000-jährigen Forschungsdiskurses unterschiedliche theoretische Traditionen gegeneinander abgegrenzt haben, die durch je eigene Fragestel- lungen, Ziele und Methoden gekennzeichnet und deshalb nur eingeschränkt miteinander vergleichbar oder gar relativ zueinander bewertbar sind. Vor diesem Hintergrund ist dann zu entscheiden, welche der referierten Forschungsergebnisse überhaupt einen Beitrag zur Lösung der hier gestellten Probleme leisten wollen und können. Später wird sich dann zeigen, dass weniges von dem wirklich neu ist, was über lexikalische Kategorien und lexikalische Kategorisierung als Aspekte von Struktur und Dynamik des mentalen Lexikons von Sprechern des Deutschen zu sagen ist. Im Gegenteil macht die Durchsicht der Literatur deutlich, dass Fortschritt im hier untersuchten Bereich linguis- tischer Theorie nicht so sehr darin besteht, neue Fakten und Aspekte zutage zu fördern. Vielmehr scheint es so, dass im Verlauf der Forschungsgeschichte eine Reihe zentraler Gedanken und Motive jeweils von neuen Standpunkten aus betrachtet und im Kontext von Problemen variiert und aktualisiert wurden, die zuvor als für die Untersuchung lexikalischer Kategorien gar nicht erst in Betracht gezogen worden waren. Während sich auf diese Weise Ansätze zur Bestimmung lexikalischer Ka- tegorien unterscheiden lassen, die in ihren Grundzügen voneinander abwei- chen, tritt in einer Hinsicht doch eine Gemeinsamkeit hervor: Lexikalische Kategorien werden als Kategorien auf der Ebene von Einzelsprachen oder von Sprache überhaupt behandelt. In Kapitel 2 wurde dargelegt, dass und warum diese Auffassung im Rahmen der gegenwärtigen Untersuchung problematisch ist und stattdessen mentale Lexika individueller Sprecher als die Domänen le- xikalischer Kategorisierung zu betrachten sind. Im Anschluss daran ist nun zu erörtern, welche in der Literatur vorgetragenen Beobachtungen und Befunde in welcher Weise in die hier zu entwickelnde, das mentale Lexikon von Individuen als Ausgangspunkt nehmende Auffassung zu integrieren sind.

3.1

Grundlegendes

3.1.1 Wie sich die Theorien lexikalischer Kategorisierung voneinander unterscheiden

Die Geschichte der wissenschaftlichen Beschäftigung mit lexikalischen Ka- tegorien ist auf vielen Ebenen durch Kontinuität geprägt. So sind vor allem die modernen Termini Redeteile, parts of speech, partis du discours etc. Lehnübersetzung aus dem Griechischen bzw. dem Lateinischen (μέρη λόγου,

29

partes orationis). Die Mischklassifikation, die auf der von Dionysios Thrax im ersten vorchristlichen Jahrhundert zum ersten Mal formulierten Lehre beruht, ist auch heute die Standardauffassung der Sprachdidaktik und die Basis vieler Sprachbeschreibungen. Schließlich teilen die allermeisten Autoren das Anlie- gen, entweder die Struktur des Wortschatzes einer bestimmten Sprache oder einen Strukturaspekt von Sprache überhaupt darstellen zu wollen. In wenigen anderen Bereichen der Sprachforschung dürfte die lebendige Tradition so weit zurückreichen. Dies spiegelt sich auch darin wider, dass in kaum einer größeren zeitgenössischen Arbeit zum Thema ein Verweis auf die „großen Alten“ wie Platon, Aristoteles, Dionysios und Donatus fehlt. Die Geschichte der Erforschung lexikalischer Kategorien ist – auch dies ein Beleg für die Prominenz des Themas für die Sprachforschung – in ihrem chronologischen Verlauf wiederholt aufgearbeitet worden (u. a. von Brøndal 1948; Robins 1966; umfangreiche Abschnitte in Arens 1969; Kaltz 1983; Kno- bloch 1988b,c,d; Borsche 1989; Splett 2002), so dass dies nicht erneut geleistet werden muss. Stattdessen folgt an dieser Stelle eine systematische Erörterung der wichtigs- ten Beiträge zur Wortartenforschung. Dies ist deshalb nötig, weil terminologi- sche Kontinuitäten Auffassungsunterschiede, die über Fragen nach Definition, Zahl und Abgrenzung der lexikalischen Kategorien hinausgehen, dem ersten Blick möglicherweise entziehen, nicht jedoch aufheben. Schon in den für die nachfolgende Forschung so wichtigen Schriften des Aristoteles sind mit der Lehre von den Kategorien einerseits und der Unterscheidung von Onoma und Rhema andererseits die Themen angelegt, die in der Folgezeit zu den beiden Grundauffassungen von lexikalischen Kategorisierung Anlass gegeben haben. Diese Auffassungen werde ich als die ontologisch-konzeptualistische einerseits und die grammatische andererseits voneinander unterscheiden. Auf diese Weise ist das Feld der Erforschung lexikalischer Kategorien je- doch nur auf einer allerersten Ebene gegliedert. So treten sowohl ontologisch- konzeptualistische als auch grammatische Ansätze in einer Reihe von Varianten auf, die jeweils durch die Wahl des Kategorisierungskriteriums definiert sind. Vom grammatischen Standpunkt aus lassen sich morphologische von syntakti- schen und diese wiederum von diskursfunktionalen Wortartenklassifikationen unterscheiden. Hinzu treten Mischklassifikationen, wie die schulgrammatische, die teilweise nicht nur mehrere grammatische Kriterien in Anschlag bringen, sondern diese auch mit ontologischen oder konzeptualistischen verbinden. Im Folgenden wird zu prüfen sein, wie plausibel und konsistent die Auswahl der Kriterien jeweils explizit oder implizit begründet ist oder begründet werden kann. Und dies führt dann zu der Frage, welchen theoretischen oder praktischen Anliegen die verschiedenen Auffassungen dienen. Hier möchte ich hervorheben, dass Versuche, die Elemente des Wortschatzes einer (Einzel-)Sprache beschrei- bend zu klassifizieren, nur bedingt mit Ansätzen vergleichbar sind, die den

30

Begriff der lexikalischen Kategorien im Rahmen einer umfassenden Theorie als Elemente der Sprache selbst herleiten. Während die Vorschläge zu Anzahl und Wesen lexikalischer Kategorien in gravierender Weise voneinander abweichen, scheint seit jeher weitgehende Einigkeit darüber zu bestehen, dass Kategorien wie Substantiv und Verb (sogl. „Inhaltswörter“) von grundsätzlich anderer Art sind als die, zu denen etwa die Konjunktionen oder die Adpositionen (sog. „Funktionswörter“) gerechnet wer- den. Wie diese Unterscheidung jedoch im Einzelnen getroffen wird, wie sich die beiden Kategorietypen zueinander verhalten und wie die Grenze zwischen ihnen verläuft, darüber herrscht kein vollständiger Konsens. Eine Literaturübersicht, die ja der Vorbereitung einer Gesamtbetrachtung des mentalen Lexikons dient, muss also auch die in dieser Hinsicht vertretenen Positionen darstellen und schließlich vom Standpunkt des hier verfolgten Anliegens bewerten. Das bis hierhin skizzierte Forschungsprogramm stellt das Problem der Unterscheidung lexikalischer Kategorien und der Wahl geeigneter Kriterien ins Zentrum, die einer solchen Unterscheidung zugrunde zu legen sind. Neben diese Frage nach den externen Kategoriengrenzen tritt nun diejenige nach der internen Struktur der Kategorien. Dabei sind zwei gegensätzliche Antworten auf ihre Plausibilität zu überprüfen: die aristotelische Sichtweise, der gemäß Kategorienzugehörigkeit über notwendige und hinreichende Bedingungen de- finiert ist, und der Ansatz der Prototypentheorie.

3.1.2 Welche Bedingungen Theorien lexikalischer Kategorisierung erfüllen müssen

Unabhängig davon, in welcher Weise lexikalische Kategorien auf der Ebene der Beschreibung und der Theorie konkret definiert und voneinander unterschieden werden, müssten sich allgemeine Kriterien benennen lassen, die es erlauben, die Angemessenheit solcher Definitionen und Unterscheidungen zu bewerten und konkurrierende Ansätze miteinander zu vergleichen. Angemessenheit ist aber auch im Feld der Erforschung lexikalischer Kategorien eine Eigenschaft, die relativ zu dem Zweck bewertet werden muss, dem die jeweilige Konzeption als Mittel dient. Die unterschiedlichen Auffassungen scheinen mir in dieser Hin- sicht vier Hauptanliegen zuordenbar zu sein, die sich in der Form von Fragen fassen lassen:

– Was sind lexikalische Kategorien? Welche sind die lexikalischen Kategorien des Deutschen? Aufgrund welcher Eigenschaften sind lexikalische Einheiten des Deutschen lexikalischen Kategorien zugeordnet?

– Wie lässt sich das Lexikon des Deutschen, aufgefasst als eine zwar offene, aber beschreibbare Menge lexikalischer Einheiten, in lexikalische Katego-

31

rien unterteilen? Nach welchen Kriterien lassen sich einzelne lexikalische Einheiten des Deutschen Kategorien zuordnen?

– Auf welche Weise lassen sich Texte angemessen interpretieren? Auf welche Weise lässt sich Schülern eine Sprache möglichst gut vermitteln?

– Welche Sprachtheorie erlaubt es, ein bestimmtes praktisches Problem (z. B. die Heilung eines Aphasiepatienten oder die Konstruktion einer Sprach- erkennungssoftware) optimal zu lösen?

Die vier Arten der Motivation, sich für Sprache und für lexikalische Kategori- sierung als Aspekt von Sprache zu interessieren, unterscheiden sich hinsichtlich der Bedeutung, der sie der Frage zuschreiben, ob es lexikalische Kategorien als Kategorien der Sprache bzw. einer Sprache selbst gibt. Vertreter von Ansatz (1) – ich nenne ihn den theoretischen – bejahen diese Frage oder halten es zumindest für möglich, dass sie bejaht werden muss. Von Position (2) aus, der deskriptiven, „sind [es] nicht die Sprachen, die diese Unterscheidungen machen“ (Zifonun et al. 1997: 23). Lexikalische Kategorien werden also als Beschreibungsraster von „außen“ an das Lexikon eine Sprache herangetragen, weil sie von innen heraus nicht begründbar sind. Für Didaktiker und Philologen (3) und Problemlöser (4) ist es im Grunde ohne Belang, welcher ontologische Status lexikalischen Kategorien zukommt. Hier bemisst sich die Relevanz und die Angemessenheit einer Konzeption lexikalischer Kategorisierung daran, in welchem Umfang sie dazu beitragen kann, das jeweilige Anliegen didaktischer, philologischer oder praktischer Art zu realisieren. Die Ansprüche, die in diesen Zusammenhängen zu erfüllen sind, sind nur in begrenztem Maße von linguistischer Natur. Stattdessen sind Faktoren zu berücksichtigen wie die Auffassungsgabe von Schülern eines bestimmten Alters, Vorgaben der Computertechnik etc. Dies bedeutet natürlich nicht, dass die Beobachtung von Sprachlernern, Aphasiepatienten, Computern etc. keinen Wert für die Erforschung lexikalischer Kategorien im Sinne von (1) haben können. Allerdings sind sprachdidaktische Werke, Computersprachen oder Sprachverarbeitungssoftware nicht in dieser Absicht geschrieben. Für Theorien lexikalischer Kategorisierung scheint der Adäquatheitsmaßstab evident zu sein: Sie müssen ihrem Gegenstand angemessen sein. Theorien le- xikalischer Kategorisierung unterscheiden sich von Beschreibungen dadurch, dass sie davon ausgehen, ihren Gegenstand nicht nur von außen mittels Krite- rien erfassen zu können, die unabhängig von ihm definiert wurden. Vielmehr erheben sie den Anspruch, dass ihre Darstellung des Untersuchungsobjekts, die begrifflichen Unterscheidungen, die bezüglich seiner getroffen werden, in ihm selbst angelegt sind. Im Fall der lexikalischen Kategorien wäre demnach zu zeigen, dass eine bestimmte Klassifizierung lexikalischer Einheiten durch einen Beobachter nicht nur möglich ist und allgemeinen Prinzipien der wissen- schaftlichen Beschreibung genügt, sondern dass sie einen Strukturaspekt der Sprache selbst wiedergibt.

32

So plausibel die Forderung nach Gegenstandsangemessenheit erscheint, so problematisch ist jeder Versuch sie einzulösen. Theorien als Systeme von Sätzen können nämlich nicht unmittelbar mit ihren Gegenständen abgeglichen werden. Festzustellen, dass eine Behauptung ihrem Gegenstand angemessen oder gar wahr ist, bedeutet nichts anderes und kann nichts anderes bedeuten als festzu- stellen, dass sie mit allen anderen Behauptungen, die für wahr gehalten werden, im Einklang steht oder gar aus ihnen folgt. Was für einzelne Feststellungen gilt, gilt umso mehr für ganze Theorien. Daher lässt sich der Angemessenheitsanspruch an Theorien zurückführen auf die Forderung nach Kohärenz und Widerspruchsfreiheit des Für-wahr- Gehaltenen. Dies gilt allerdings in gewisser Weise auch für die anderen drei Betrachtungsweisen: Unterschiedliche Auffassungen z. B. von lexikalischer Kategorisierung lassen sich nicht direkt an noch so genauen Beobachtungen messen, sondern nur an für wahr gehaltenen Sätzen, die mit Bezug auf diese Beobachtungen begründet werden. Der entscheidende Unterschied zwischen den Ansätzen (1)–(4) besteht darin, dass die Domänen der Sätze, mit denen sie jeweils in Übereinstimmung zu bringen sein müssen, unterschiedlich und unterschiedlich umfassend sind. Der theoretische Anspruch ist nun insofern der am weitesten reichende, als er prinzipiell alle mit Gründen für wahr gehaltenen Sätze als mögliche Prüfsteine für Hypothesen in Betracht ziehen muss und keine Domäne im Vorhinein als für den eigenen Geltungsanspruch irrelevant ausgrenzen kann. 2 Dieses Problem stellt sich beim Theoretisieren über Sprache bereits in einem sehr frühen Stadium. Sprache ist nämlich kein prototypischer Gegenstand, zu- mindest aber keiner, der mehreren Beobachtern in gleicher Weise vor die Sinne treten könnte. Man muss also zunächst darlegen, welche Phänomene, Strukturen etc. man als Sprache bezeichnet. In Kapitel 2.8 habe ich einen Weg skizziert, der zu einer Lösung dieser Aufgabe führt. Demnach wäre im Sinne des zuletzt Ausgeführten diejenige Sprachkonzeption anderen vorzuziehen, die mit mög- lichst vielen unbestrittenen Annahmen vereinbar ist und aus der sich möglichst viele interessante Schlussfolgerungen ableiten lassen. Eine wissenschaftliche Debatte besteht dann in einer Reihe von aufeinander bezogenen Versuchen zu zeigen, dass die jeweils formulierte Position die genannten Anforderungen in höherem Maße erfüllt als die der Opponenten.

2 Aus praktischen Gründen wird auch der Theoretiker sich nicht mit jedem beliebigen Einwand auseinandersetzen wollen und können. Wenn er jedoch einen solchen Versuch der Entkräftung ablehnt, erfolgt dies in der Annahme, dass ein solcher mit mehr oder weniger großem argumentativem Aufwand gelingen würde. Welche Einwände in dieser Weise aufgrund ihrer prima facie-Unplausibilität außer Acht gelassen werden können, hängt im konkreten Fall wesentlich von den Diskussionspartnern und den von diesen vertretenen Standpunkten ab.

33

Die zuletzt vorgetragenen wissenschaftstheoretischen Überlegungen bilden den Hintergrund sowohl für Erörterungen unterschiedlicher grammatischer Auffassungen von lexikalischer Kategorisierung (3.3) als auch für die Unter- suchungen kognitivistischer Ansätze (3.4).

3.1.3 In welcherlei Hinsicht lexikalische Kategorien voneinander unterschieden sein könnten

Zwar erweckt ein erster Blick in Grammatiken der deutschen Sprache den Ein- druck, dass die Anzahl unterschiedlicher Konzeptionen zu den lexikalischen Kategorien beinahe so groß ist wie die der Autoren, die sich mit dem Thema beschäftigen. Schaut man jedoch genauer hin, so lassen sich alle Ansätze einer von zwei prinzipiellen Vorgehensweisen oder Mischformen daraus zuordnen. So können zum einen die häufig auch als „semantisch“ charakterisierten Vorschläge zusammengefasst werden. Diese begreifen lexikalische Kategorien (d. h. Typen lexikalischer Einheiten) als Korrelate außersprachlicher Kategorien (d. h. Typen außersprachlicher Einheiten). Sie postulieren einen Zusammenhang zwischen Sprache einerseits sowie Kognition und/oder Sein andererseits. Die aus dem Schulunterricht vertrauten Termini wie Ding-, Tu- oder Eigenschaftswort 3 z. B. bringen eine Sichtweise zum Ausdruck, der zu Folge die so bezeichneten Wort- klassen dadurch definiert sind, dass sich ihre Elemente auf Dinge, Handlungen und Eigenschaften in der außersprachlichen Welt beziehen. Diesen hier als ontologisch-konzeptualistisch bezeichneten Ansätzen sind solche gegenüberzustellen, für die lexikalische Kategorisierungen nicht durch das Verhältnis von Sprache zu Nicht-Sprache, sondern durch die Beziehung zwischen den beiden sprachlichen Grundkomponenten, Lexikon und Grammatik im oben (2.5) bestimmten weiten Sinn, definiert ist. Die lexikalischen Struktu- ren reflektieren demzufolge Strukturen auf unterschiedlichen grammatischen Ebenen von der Morphologie bis zur Pragmatik. Dass lexikalische Einheiten einer bestimmten Kategorie angehören, bedeutet dann, dass sie in bestimmten grammatischen Kontexten mit anderen sprachlichen Einheiten verknüpft werden können oder müssen. Jede mögliche Auffassung von lexikalischer Kategorisierung ist entweder unter eine der beiden skizzierten Grundansätze zu subsumieren oder sie muss eine Synthese beider bilden, die mehr ist als eine bloße Addition disparater Kriterien. Die Schwierigkeiten, die mit dem Entwurf einer solchen übergreifen- den Konzeption einhergehen, lassen sich am Beispiel der schulgrammatischen Wortartenlehre beobachten, deren Mischklassifikation keine befriedigende Lösung darstellt.

3 Bezeichnungen dieser Art treten in einer Reihe von Varianten auf: Namenwörter, Zeit-, Tun- oder Tätigkeitswörter, Wiewörter etc. (z. B. Dörr 2004; Jensen 1982).

34

Abbildung 3.1 illustriert die beiden Auffassungen von lexikalischer Kategorisierung:

ⓐ` ⓐ`` ⓐ``` Lexikon Grammatik ontologisch- konzeptuelle ⓑ grammatische Ansätze Ansätze
ⓐ` ⓐ``
ⓐ```
Lexikon
Grammatik
ontologisch-
konzeptuelle
grammatische Ansätze
Ansätze

Ontologisch- konzeptuelle Ansätze nehmen Bezug auf das Verhältnis Sprache–Denken–Sein.

Grammatische Ansätze nehmen Bezug auf das Verhältnis

Lexikon–Grammatik (in einem weiten Sinn).

Abb. 3.1

Die beiden möglichen Ansätze zur Definition lexikalischer Kategorien

Die Pfeile in dem Diagramm symbolisieren die jeweilige Bedingungsrichtung und stehen für unterschiedliche Antworten auf die Frage, welche Faktoren Einfluss auf die lexikalische Kategorisierung nehmen:

(a´ + a´´´)

Die aristotelische Sicht: Lexikalische Kategorien spiegeln Denk- kategorien wider, die wiederum Seinskategorien abbilden.

(a´´)

Lexikalische Kategorien bilden – ohneVermittlung über das Denken – Seinskategorien direkt ab.

(a´´´)

Lexikalische Kategorien bilden Denkkategorien ab, während ihr Verhältnis und dasjenige der Denkkategorien zum Sein unbestimmt sind.

(b)

Lexikalische Kategorien bilden grammatische Kategorien ab.

Dass die Pfeile hier nur in Richtung des Sprechens bzw. des Lexikons zeigen, impliziert nicht, dass nicht auch umgekehrt das Lexikon auf die Grammatik bzw. das Sprechen auf das Denken einwirken könnte. Dies wird unten noch deutlich werden, wenn es um Statik und Dynamik im Lexikon geht. Die Pfeile, die das Verhältnis zwischen Sein, Sprechen und Denken bezeichnen, deuten unterschiedliche Varianten ontologisch-konzeptualistischer Ansätze an. Den in Abbildung 3.1 illustrierten Ansätzen liegt die Annahme zugrunde, dass die Struktur des Lexikons von Faktoren motiviert ist, die außerhalb seiner liegen. Diese Annahme scheint mir von allen geteilt zu werden, ja geteilt werden zu müssen, die überhaupt nach Kriterien lexikalischer Kategorisierung fragen. Dies ist auch dann der Fall, wenn „nur“ ein deskriptives Anliegen verfolgt und damit die festgestellte Struktur als Aspekt der Beschreibung und nicht

35

des Beschriebenen betrachtet wird. Wenn also die Kriterien zur Definition der Kategorien nicht im Lexikon selbst begründet sein können, dann kommen als Herkunftsbereiche entweder außersprachliche oder sprachinterne, aber nicht- lexikalische Domänen in Frage. Was letztere betrifft, ist die Grammatik der komplementäre Gegenpart zum Lexikon (s. o. 2.5), auf den sich grammatische Kategorisierungsansätze dann auch in unterschiedlichen Weisen beziehen. Mögliche außersprachliche Korrelate lexikalischer Kategorien sind hingegen Denken/Kognition und Sein. Damit scheinen mir auf einer ersten Ebene, die Differenzierungsmöglichkei- ten erschöpft. Dieser Feststellung widerspricht weder die Tatsache, dass jede der beiden Grundauffassungen in einer Reihe von nicht immer miteinander zu vereinbarenden und weiter unten noch zu diskutierenden Varianten vertreten wird, noch die Existenz von Mischformen, wie z. B. des schulgrammatischen Ansatzes, der Elemente beider Grundauffassungen verbindet. Es ist allerdings offensichtlich, dass bei Mischklassifikationen die Konsistenz und die Stringenz der Kategorisierung zu überprüfen ist, in welcher Hinsicht die klassische Wort- artenlehre ja auch tatsächlich häufig kritisiert worden ist. Stellt man ontologisch-konzeptualistische und grammatische Ansätze einan- der in dieser Form gegenüber und sucht dann nach ihren jeweiligen theoretischen Wurzeln, so stößt man in beiden Fällen auf die frühesten Werke, die in der westlichen Tradition der Sprachwissenschaft für die Erforschung lexikalischer Kategorien überhaupt von Bedeutung geworden sind, nämlich die Platonischen Dialoge und vor allem die Schriften Aristoteles’. Bevor also im Folgenden gram- matische (3.3) und ontologisch-konzeptualistische (3.4) Konzeptionen (2.2.3) im Einzelnen erörtert werden, soll gezeigt werden, dass wesentliche und bis in die Gegenwart kontrovers diskutierten Fragen bereits in den einschlägigen, der Beschäftigung mit lexikalischen Kategorien vorausliegenden Werken des Aristoteles angelegt sind (3.2).

3.2 Kategorien, Onomata und Rhemata – die aristotelischen Grundlagen des Kategoriendiskurses

Bereits in der Antike und erneut seit der Wiedergewinnung der aristotelischen Schriften für das europäische Denken ab dem 12. Jahrhundert haben die auf Platon (s. vor allem Kratylos 424a ff. und Sophistes 261c ff.) zurückgehende Analyse des Aussagesatzes und die Kategorienlehre den Diskurs über die lexikalischen Kategorien entscheidend mitgeprägt. Dies ist der Fall, obwohl sprachliche Strukturen in beiden Zusammenhängen bestenfalls indirekt und noch sehr unbestimmt thematisiert werden. Satzstruktur ebenso wie Seins- bzw.

35

des Beschriebenen betrachtet wird. Wenn also die Kriterien zur Definition der Kategorien nicht im Lexikon selbst begründet sein können, dann kommen als Herkunftsbereiche entweder außersprachliche oder sprachinterne, aber nicht- lexikalische Domänen in Frage. Was letztere betrifft, ist die Grammatik der komplementäre Gegenpart zum Lexikon (s. o. 2.5), auf den sich grammatische Kategorisierungsansätze dann auch in unterschiedlichen Weisen beziehen. Mögliche außersprachliche Korrelate lexikalischer Kategorien sind hingegen Denken/Kognition und Sein. Damit scheinen mir auf einer ersten Ebene, die Differenzierungsmöglichkei- ten erschöpft. Dieser Feststellung widerspricht weder die Tatsache, dass jede der beiden Grundauffassungen in einer Reihe von nicht immer miteinander zu vereinbarenden und weiter unten noch zu diskutierenden Varianten vertreten wird, noch die Existenz von Mischformen, wie z. B. des schulgrammatischen Ansatzes, der Elemente beider Grundauffassungen verbindet. Es ist allerdings offensichtlich, dass bei Mischklassifikationen die Konsistenz und die Stringenz der Kategorisierung zu überprüfen ist, in welcher Hinsicht die klassische Wort- artenlehre ja auch tatsächlich häufig kritisiert worden ist. Stellt man ontologisch-konzeptualistische und grammatische Ansätze einan- der in dieser Form gegenüber und sucht dann nach ihren jeweiligen theoretischen Wurzeln, so stößt man in beiden Fällen auf die frühesten Werke, die in der westlichen Tradition der Sprachwissenschaft für die Erforschung lexikalischer Kategorien überhaupt von Bedeutung geworden sind, nämlich die Platonischen Dialoge und vor allem die Schriften Aristoteles’. Bevor also im Folgenden gram- matische (3.3) und ontologisch-konzeptualistische (3.4) Konzeptionen (2.2.3) im Einzelnen erörtert werden, soll gezeigt werden, dass wesentliche und bis in die Gegenwart kontrovers diskutierten Fragen bereits in den einschlägigen, der Beschäftigung mit lexikalischen Kategorien vorausliegenden Werken des Aristoteles angelegt sind (3.2).

3.2 Kategorien, Onomata und Rhemata – die aristotelischen Grundlagen des Kategoriendiskurses

Bereits in der Antike und erneut seit der Wiedergewinnung der aristotelischen Schriften für das europäische Denken ab dem 12. Jahrhundert haben die auf Platon (s. vor allem Kratylos 424a ff. und Sophistes 261c ff.) zurückgehende Analyse des Aussagesatzes und die Kategorienlehre den Diskurs über die lexikalischen Kategorien entscheidend mitgeprägt. Dies ist der Fall, obwohl sprachliche Strukturen in beiden Zusammenhängen bestenfalls indirekt und noch sehr unbestimmt thematisiert werden. Satzstruktur ebenso wie Seins- bzw.

36

Denkstruktur geraten bei Aristoteles ins Blickfeld als Aspekte des Verhältnisses zwischen Sprechen, Denken und Sein, das Aristoteles am Anfang der Herme- neutik als Abhängigkeitsverhältnis bestimmt:

Nun sind die (sprachlichen) Äußerungen unserer Stimme Symbole für das, was (beim Sprechen) unserer Seele widerfährt, und unsere schriftlichen Äußerungen sind wiederum Symbole für die (sprachlichen) Äußerungen unserer Stimme. Und wie nicht alle Menschen mit denselben Buchstaben schreiben, so sprechen sie auch nicht alle dieselbe Sprache. Die seelischen Widerfahrnisse aber, für welche dieses (Gesprochene und Geschriebene) an erster Stelle ein Zeichen ist, sind bei allen Menschen dieselben; und überdies sind auch schon die Dinge, von denen diese (see- lischen Widerfahrnisse) Abbildungen sind, für alle dieselben. (Herm 1, 16 a 3 ff.)

Sprachliche Äußerungen symbolisieren demnach also Gedanken, die wiederum die „Dinge“ abbilden, die der menschlichen Seele „widerfahren“. Damit ist klar, dass die ontische Ebene als die bestimmende gedacht ist, die durch die Gedanken abgebildet wird. In einem linguistischen Kontext entscheidender ist wohl noch, dass auch im Verhältnis zwischen Denken und Sprechen ersteres als primär betrachtet wird. Damit treten in der zitierten Stelle zwei für Aristoteles charakteristische Züge zutage: eine vom Sein her konzipierte Korrespondenztheorie einerseits und ein Universalismus andererseits, auf den sich bis heute Vertreter unterschiedlichster linguistischer Schulen von der Generativen Grammatik bis zur diskursfunktio- nalen Linguistik berufen. Für die Beschäftigung mit lexikalischen Kategorien wird später noch zu prüfen sein, ob die Kategorien im aristotelischen Sinne universalsprachlicher oder einzelsprachlicher Natur sind, ob sie der Ebene der Sprache oder derjenigen je einer (Einzel-)Sprache angehören. Da er in einem direkten Zusammenhang mit der gerade erwähnten Korre- spondenzauffassung steht, sind bereits hier einige kurze Bemerkungen zum aristotelischen Universalismus angebracht. Für alle Menschen sind dem- nach – im Prinzip und wenn man davon absieht, dass je zwei Menschen auf- grund ihrer Lebensumstände niemals identische Wahrnehmungen haben wer- den – dieselben Dinge gegeben. Durch die Sinne „widerfahren“ diese Dinge der menschlichen Seele, die sie in Form von Gedanken abbildet. Auch dies erfolgt bei allen Menschen prinzipiell in der gleichen Weise. Die Gedanken wiederum werden durch das Sprechen symbolisiert. Nun hebt aber Aristoteles die offensichtliche Tatsache hervor, dass nicht alle Menschen in gleicher Weise, d. h. die gleiche Einzelsprache, sprechen (und schreiben). Das bedeutet, dass die Gedanken in unterschiedlicher Weise, in unterschiedlichen Sprachen eben, zum Ausdruck gebracht werden können, wenngleich die seelischen Widerfahrnisse als Abbilder der Gegenstände für alle die gleichen sind. Damit wird aber eine zweite, an der zitierten Stelle implizit bleibende Unterscheidung wichtig: die zwischen wahrem und falschem oder den Dingen unangemessenem Sprechen. Wenn Aristoteles also ausführt, dass

37

die sprachlichen Äußerungen die Gedanken symbolisieren, die wiederum das Seiende abbilden, so meint er hier ausschließlich und unausgesprochen die wahren bzw. die den Dingen angemessenen Äußerungen und keineswegs etwa Behauptungen wie Der Kreis ist eckig oder Nomina wie weißer Rappe. Auf der Basis dieser Annahmen, stellt Aristoteles eingangs der Kategorien- schrift eine fundamentale Zweiteilung innerhalb der Domäne des Sprachlichen fest:

Die sprachlichen Ausdrücke werden teils in Verbindung, teils ohne Verbindung ge- äußert. Beispiele für solche in Verbindung sind „Mensch läuft“, „Mensch siegt“; für

solche ohne Verbindung „Mensch“, „Rind“, „läuft“, „siegt“.

(Kat 2, 1 a 17 ff.)

Sprachliche Ausdrücke 4 werden also einer von zwei verschiedenen strukturel- len Arten zugeordnet: Zu den ersteren gehören die komplexen Ausdrücke, vor allem, aber nicht nur, Aussagesätze mit den syntagmatisch aufeinander bezoge- nen Komponenten Onoma und Rhema. Zu den „ohne Verbindung geäußerten“ Ausdrücken zählt ausschließlich das,

was genau einer Kategorie angehört. Jeder einfache Ausdruck läßt sich nach Aristoteles also genau einer Kategorie zuordnen, während die zusammengesetzten Ausdrücke mehreren Kategorien zugeordnet werden können. (Oehler 1997: 215)

Hier wird deutlich, dass für das Parallelverhältnis Sprache–Denken–Sein nicht die sprachliche, sondern die ontische Struktur als das grundlegende Moment be- trachtet wird. Denn welche Ausdrücke als „ohne Verbindung“ (einfach) oder als „in Verbindung“ (komplex) geäußert gelten, hängt nicht von ihrer grammatischen Struktur ab, sondern von der Struktur des Seienden, das sie bezeichnen. 5 Ebenso wie Mensch und Pferd gehören somit die phrasalen deutschen Übersetzungen zwei Ellen lang und des Lesens und Schreibens fähig 6 der altgriechischen Ein- Wort-Formen zu den einfachen Ausdrücken, da sie ja die gleichen Signifikate haben (sollen) wie ihre Bezugswörter. Abbildung 3.2 veranschaulicht die von Aristoteles gemeinten Verhältnisse: 7

4 Ich folge, was die beiden im gegenwärtigen Zusammenhang zentralen Texte angeht, bei der nicht überall unproblematischen (vgl. Oehler 1997: 215) Übersetzung der aristotelischen Termini grundsätzlich der in der Akademieausgabe geübten Redewei- se (Aristoteles Kategorien; Oehler 1997a,b; Aristoteles Hermeneutik; Wiedemann 2002a,b). Dies gilt, wie gesagt, im Grundsatz, von dem in den Fällen explizit abge- wichen werden muss, wo terminologische Entscheidungen unmittelbare Folgen für die Sicht auf die hier verhandelten Probleme lexikalischer Kategorisierung haben.

5 Zu Aristoteles’ Zeichenmodell vgl. Oehler 1997b: 250 ff.

6 Die Beispiele entstammen der Kategorienschrift (Kat 4, 1 b 25 ff.).

7 Vgl. Oehler 1997b: 254 für eine an das semiotische Dreieck von Ogden/Richards (1923) angelehnte Darstellung der Verhältnisse.

38

bilden absymbolisieren

bilden absymbolisieren

Entitäten, Entitäten, die die kategorial Verbindungen kategorial einfacher („Dinge“) Entitäten sind

Entitäten,

Entitäten, die

die kategorial

Verbindungen

kategorial einfacher

(„Dinge“)

Entitäten sind

einfach sind kategorial einfacher („Dinge“) Entitäten sind fahrnisse“ fahrnisse“ „seelische Wider-

fahrnisse“ fahrnisse“
fahrnisse“
fahrnisse“

„seelische Wider-

„seelische Wider-

kategorial ein-

kategorial kom-

plexer Entitäten

facher Entitäten kategorial ein- kategorial kom- plexer Entitäten einfache Aus- die „ohne Verbindung“ komplexe Aus-

einfache Aus- die „ohne Verbindung“
einfache Aus-
die „ohne
Verbindung“

komplexe Aus- drücke, die „ohne Verbindung“ geäußert werden

drücke,

geäußert werden

Abb. 3.2:

Das Verhältnis Sprechen–Denken–Sein bei Aristoteles (Herm, Kat): einfache vs. komplexe Ausdrücke – „seelische Wiederfahrnisse“ – Entitäten)

Die Kategorienschrift und die Hermeneutik stehen nun insofern in einem kom- plementären Verhältnis zueinander (s. auch Oehler 1997: 245), als erstere die Beziehung sprachlicher Ausdrücke zu kategorial einfachen Entitäten behandelt (vgl. Abb. 3.2, linke Spalte), während es in letzterer um das Verhältnis zwischen Aussagesätzen, als den Ausdrücken, die wahr oder falsch sein können, und kate- gorial komplexen Seienden geht, auf die sie bezogen sind (vgl. Abb. 3.2, rechte Spalte). Onomata und Rhemata finden innerhalb dieses Rahmens als aufeinander bezogene Komponenten komplexer Ausdrücke vom Typ des Aussagesatzes ihren Platz; sie stellen also selbst Typen von Ausdrücken dar. Die Unterscheidung zwischen einfachen und komplexen Einheiten und die darauf beruhende Zweiteilung der Betrachtung sprachlicher Ausdrücke, die Aristoteles auf der Ebene des Seienden begründet sieht, weist eine gewisse Ähnlichkeit zu derjenigen auf, die in Kapitel 2 mit Bezug auf Sprache getrof- fen wurde. Dort wurde dem Lexikon als Domäne der – in einem noch näher zu bestimmenden Sinne – einfachen sprachlichen Elemente die Grammatik gegen- übergestellt als Domäne der Regeln, Prinzipien, Beschränkungen und/oder Kon- struktionen, gemäß deren diese einfachen Elemente miteinander zu Komplexen zu verknüpfen sind. Eine Parallele ist besonders darin zu sehen, dass Aristoteles den (kategorial) einfachen Ausdrücken die (kategorial) komplexen Ausdrücke in ihrer Gesamtheit gegenüberstellt, innerhalb deren er dann drei unterschiedliche Subtypen unterscheidet: Wörter, wie Schimmel (= weißes Pferd), Wortgruppen,

39

wie weißer Mensch, und Sätze, wie Jeder Mensch ist weiß. Allerdings ist schon hier zu betonen, dass nur ein oberflächliches Verständnis des aristotelischen Be- griffs der Einfachheit einige Autoren vorschnell dazu veranlasst haben könnte, Aristoteles’ „ohne Verbindung geäußerte“ Ausdrücke mit den Wörtern bzw. den lexikalischen Einheiten zu identifizieren (vgl. 3.2.1.1). Die Parallele zwischen der Unterscheidung zwischen „in Verbindung“ und „ohne Verbindung“ geäußerten Ausdrücken und meiner oben getroffenen Ge- genüberstellung von Lexikon und Grammatik besteht darin, dass sowohl für die „ohne Verbindung“ geäußerten Ausdrücke als auch für die lexikalischen Einheiten gilt, dass sie – allerdings in unterschiedlichem Sinne – einfach sind. Zu den „in Verbindung“ geäußerten Ausdrücken gilt ebenso wie für die grammatischen Einheiten, dass hierzu alle – wiederum im je spezifischen Sinn – komplexen Ausdrücke gehören, von der einfachen Wortgruppe bis hin zum Text oder Diskurs. (Vgl. hierzu Oehler 1997b: 214 f.) Die aristotelische Kategorienlehre ist ebenso als Bezugspunkt und Quelle für Konzeptionen der lexikalischen Kategorisierung herangezogen worden wie die Aussagenanalyse der Hermeneutik und insbesondere deren Begriffe Onoma und Rhema. Zunächst wird deshalb im Folgenden die Bedeutung der Kategorienlehre einerseits und der Aussagenanalyse andererseits für unterschiedliche Ansätze zur Definition lexikalischer Kategorisierung herausgearbeitet. Anschließend wird die Frage gestellt, ob diese beiden Elemente des aristotelischen Denkens für den Zweck der Begründung einer Theorie lexikalischer Kategorisierung miteinander vereinbar sind.

3.2.1 Ontische Kategorien und lexikalische Kategorien

Nachdem er den Ausdrücken, die „in Verbindung“ geäußert werden, diejenigen gegenüber gestellt hat, die „ohne Verbindung“ geäußert werden (Kat 2, 1 a 17 ff.), unterteilt Aristoteles die letzteren in zehn Klassen, die wiederum (s. o. Abb. 3.2) die Typen der durch die Ausdrücke bezeichneten Entitäten widerspiegeln:

Von dem, was ohne Verbindung geäußert wird, bezeichnet jedes entweder eine Substanz oder ein Quantitatives oder ein Qualitatives oder ein Relatives oder ein Wo oder ein Wann oder ein Liegen oder ein Haben oder ein Tun oder ein Erleiden. Um es im Umriß zu sagen, Beispiele für Substanz sind Mensch, Pferd; für Quantitatives: zwei Ellen lang, drei Ellen lang; für Qualitatives: weiß, des Lesens und Schreibens kundig; für Relatives: doppelt, halb, größer; für Wo: im Lyzeum, auf dem Marktplatz, für Wann: gestern, voriges Jahr; für Lage: es ist aufgestellt, sitzt; für Haben: hat Schuhe an, ist bewaffnet; für Tun: schneiden, brennen; für Erleiden:

geschnitten werden, gebrannt werden. Nichts von dem Genannten wird für sich in einer Aussage gesagt, sondern durch die Verbindung von diesem untereinander entsteht eine Aussage. (Kat 4, 1 b 25 ff.)

40

Aristoteles betrachtet also einfache sprachliche Elemente als solche, die außer- halb komplexer Verbindungen stehen und eine Bedeutung haben. Anders als noch in der Topik (Kap. 9), in der die Kategorien unmissverständlich als Arten der Prädikation aufgefasst sind, 8 werden sie in der Kategorienschrift „in einer Weise präsentiert, daß sie sowohl Subjekte wie Prädikate umfassen“ (Oehler 1997b: 248). Es sind diese einfachen Ausdrücke, die aufgrund ihrer Beziehung zu den durch sie (indirekt 9 ) bezeichneten Gegenständen einer von zehn Kate- gorien zugeordnet werden können:

Hinreichend deutlich belegt durch den Text ist, daß die Kategorienunterscheidung in der K ategorienschrift verstanden ist als eine Einteilung der ὄντα (vgl. 2. 1 a 20), d. h. der Dinge. (Oehler 1997b: 249; Hervorhebung des Autors)

Die Kategorienlehre definiert Klassen einfacher Ausdrücke, die außerhalb jedes syntaktischen Kontexts stehen, mit Bezug auf Klassen von Seienden. Diese Beschreibung legt es nahe, das Potenzial dieser Auffassung vom Verhältnis Spra- che und Sein für eine Lösung des Problems der lexikalischen Kategorisierung ernsthaft zu prüfen. 10 Denn dieses stellt sich ja, wie oben ausgeführt, in Form der Aufgabe, die Struktur des Lexikons und dessen Unterteilung in Klassen le- xikalischer Einheiten als durch Kriterien bestimmt zu betrachten, die außerhalb des Lexikons liegen. Tatsächlich gibt es bereits seit dem 12. Jahrhundert in der Scholastik ent- sprechende Versuche,

Von allen

Teilen der Grammatik eigneten sich aber am meisten die sogenannten partes orati-

] Wenn die

von Aristoteles, d e m philosophus, aufgestellten zehn allgemeinsten Denkbegriffe

stimmten, und das stand fest, dann mußten sie sich in deren Wortklassen aus-

prägen, wie sie die andere Autorität – Priscianus – überlieferte (Arens 1969: 42 f.;

[

]

der Grammatik mit Hilfe der aristotelischen Logik beizukommen. [

]

onis, die Redeteile oder Wortarten, für eine logische Untersuchung [

] [

Hervorhebungen des Autors).

8 Oehler führt hierzu aus:

Der Ausdruck κατεγορἱαι hat hier [d. h. in der Topik] noch nicht seine technische Bedeutung. κατεγορεἷν hat die Bedeutung von „etwas aussagen = prädizieren“, entsprechend heißt κατεγορἱα hier noch Prädikat beziehungsweise Prädizierung, hat also noch „die gewöhnliche, auf den Satz oder das Urteil bezogene Bedeutung“ (Kapp 1968: 240, zitiert nach Oehler 1997b: 245).

9 Wie oben in Abb. 3.2 und den Erläuterungen dazu verdeutlicht, beziehen sich sprachli- che Ausdrücke für Aristoteles nicht direkt auf Gegenstände, sondern sie symbolisieren Gedanken, die wiederum als „seelische Widerfahrnisse“ Gegenstände abbilden.

10 Für die Kategorienlehre in ihrer ursprünglichen Form gilt dies nicht im gleichen Maße. Solange die Kategorien, wie noch in der Topik, als Arten von Prädikaten, d. h. also als Weisen, in denen von Dingen Eigenschaften ausgesagt werden können, begriffen werden, sind sie gerade nicht „ohne Verbindung geäußerte“, einfache Ausdrücke, sondern syntaktisch als Satzteile definiert. (Zu den Stadien der aristotelischen Kate- gorienlehre vgl. Oehler 1997a; 96 ff. und 1997b: 248 f.).

41

Für die Scholastiker stellt sich also nicht die Aufgabe, Arten des Seienden und Arten sprachlicher Ausdrücke jeweils (neu) zu definieren oder auch nur über- kommende Ansätze in ihrer Geltung zu überprüfen. Als Denker des vorkritischen Mittelalters muss es für sie darum gehen, die Korrespondenz zwischen den für sie autoritativ von Priscian beschriebenen Redeteilen und den ebenso autoritativ von Aristoteles unterschiedenen Denkbegriffen (die, wie dargestellt, Arten von Entitäten abbilden) aufzudecken und zu explizieren. Dieser Aufgabe hatten sich aus guten Gründen weder Aristoteles noch Priscian gewidmet. Aristoteles war an linguistischen Fragen der Klassifikation von Ausdrücken unter rein sprachlichen Gesichtspunkten nicht interessiert. Für den Alexand- riner Philologen Dionysios, dessen Klassifikation in Priscians Werk tradiert wird, bedurften die Grundzüge der aristotelischen Ontologie keiner weiteren Begründung. Überhaupt war sein Anliegen wie das seiner Nachfolger primär didaktischer, nicht theoretischer Art, und schließlich diente ihm das ontologische Unterscheidungskriterium nur als eines von mehreren neben dem Bezug auf die Syntax und die Morphologie. So folgen die Scholastiker dann Aristoteles, wenn sie von einem Primat des Denkens ausgehen und danach fragen, in welcher Weise die Redeteile die Kategorien widerspiegeln. Bis in die neuere Zeit wurden die lexikalischen mit den aristotelischen Ka- tegorien in Verbindung gebracht. Zunächst Trendelenburg (1846) und später Benveniste (1974) unterstellen Aristoteles jedoch, dass seine Kategorienunter- scheidung primär Strukturen seiner eigenen (griechischen) Sprache reflektiere, die er dann intuitiv und zwangsläufig auf seine Auffassung von Denk- und Seinsstrukturen übertragen habe. Die ausdrückliche Ableitung des umgekehrten Bedingungsverhältnisses stelle demgegenüber einen sekundären Schritt dar, einen Rück-Schritt gewissermaßen:

Aristoteles legt so die Gesamtheit der Prädikate fest, die man dem Sein zusprechen

kann, und sein Ziel ist es, den logischen Status eines jeden zu definieren. Es scheint

daß diese Unterscheidungen in erster Linie Kategorien der Sprache

sind und daß Aristoteles faktisch, in absoluten Maßstäben denkend, einfach be- stimmte Grundkategorien der Sprache, in der er denkt, wiederfindet. (Benveniste 1974: 80).

An dieser Stelle, deren Anliegen ja nicht eine fundierte Aristoteles-Exegese ist, muss nicht darüber entschieden werden, ob Benvenistes kritische Interpretation zu rechtfertigen ist. 11 Es lässt sich jedoch danach fragen, ob die Kategorien der Kategorienschrift überhaupt in eine plausible Beziehung zu lexikalischen Kategorien zu setzen sind, auch wenn dies Aristoteles selbst, wie gesagt, nicht tut. Nur dann wäre eine ontologische Motivation lexikalischer Strukturen im

uns jedoch [

],

11 Für Oehler (1997a: 94 f.), der diese Frage kurz erörtert, ist sie es nicht. Zum gleichen Ergebnis kommt Bonitz (1967) mit Bezug auf Trendelenburg (1946), der rund ein Jahrhundert vor Benveniste einen ähnlichen Vorschlag wie dieser gemacht hat.

42

aristotelischen Sinne eines Parallelverhältnisses zwischen Sein, Denken und Sprechen auf dieser Basis denkbar. Einen ersten Hinweis geben die von Aristoteles angeführten Beispiele, die er zur Konkretion der zehn Klassen „ohne Verbindung geäußerter“ Ausdrücke anführt, wenn man sie ins Deutsche überträgt. 12 In der Übersetzung findet man dann Wörter wie Mensch und Pferd, die sich auf Substanzen beziehen, die Fügung zwei Ellen lang als Beispiel für einen Quantitatives bezeichnenden einfachen Ausdruck. Des Lesens und Schreibens mächtig bezeichnet demnach eine Eigenschaft (Qualität). Als oben (2.5) erörtert wurde, was Einheiten des Lexikons als solche auszeichne, erschienen sie u. a. als „einfache“ sprachliche Elemente. Worin genau diese Einfachheit besteht, musste dort noch offen gelassen werden. In der Kategorienschrift begegnen wir nun erneut als „einfach“ charakterisierten Ausdrücken, und so ist es nicht abwegig zu fragen, ob diese etwa mit den hier zu untersuchenden lexikalischen Einheiten zusammenfallen könnten und auf diese Weise die im Zusammenhang mit ihrer Definition noch ausstehende Ex- plikation des Begriffs Einfachheit zu leisten wäre. Für Aristoteles, das legen bereits seine Beispiele nahe, ist der Maßstab, an dem sich Einfachheit bemisst, kein sprachlicher, sondern ein ontologischer. Die entsprechende Stelle der Ka- tegorienschrift (Kat 4, 1 b 25 ff.) ist demnach so zu lesen, dass etwa des Lesens und Schreibens mächtig zwar syntaktisch komplex, jedoch insofern einfach ist, als sich der Gesamtausdruck auf eine kategorial einfache Entität bezieht. Die sprachlichen Einheiten, die demgemäß Kategorien zugeordnet werden können, sind also nicht die Wörter einer Sprache, sondern alle Ausdrücke, mittels deren, ungeachtet ihrer grammatischen Zusammensetzung, Entitäten bezeich- net werden, die einer einzigen Kategorie angehören. Wenngleich die Frage, welche sprachlichen Einheiten als Elemente des Lexikons zu betrachten sind, unter Linguisten durchaus strittig ist, dürfte doch weitgehende Einigkeit darü- ber herrschen, dass Wortgruppen wie die oben zitierten im Allgemeinen keine lexikalischen Einheiten darstellen und damit auch nicht als Ganze lexikalischen Kategorien zuzuordnen sind. Dies dürfte generell für diejenigen grammatisch komplexen Ausdrücke gelten, die nicht den Phraseologismen oder anderen Ty- pen verfestigter Fügungen angehören, sondern okkasionell gebildet sind, und deren Gesamtbedeutung kompositional, d. h. nach syntaktischen Regeln aus der Bedeutung der Teile, ableitbar ist. Während also nicht alle „ohne Verbindung geäußerten“ Ausdrücke, auch in lexikalischer Hinsicht einfach sind, weist Oehler umgekehrt darauf hin, dass nicht

12 Da für Aristoteles die Dinge ebenso universell gegeben sind wie ihre „seelischen Widerspiegelungen“ und da die einfachen Ausdrücke als solche nicht sprachstruk- turell, sondern über ihren Bezug auf kategorial einfache Dinge bestimmt sind, ist es für den aristotelischen Gedankengang im Grunde unerheblich, welcher Sprache die Beispiele entnommen werden.

43

einmal alle Ausdrücke, die intuitiv als Wörter und typische Fälle lexikalischer Einheiten charakterisierbar sind, im Rahmen der aristotelischen Konzeption als einfach gelten können:

In diesem [aristotelischen; T.W.] Sinne sind auch Wörter zusammengesetzt, deren sprachliche Form zwar einfach, deren Bedeutung aber auf mehrere Kategorien ver- teilt sind: Schimmel: = weißes Pferd, Heu: = getrocknetes Gras etc. (Oehler 1997b: 214)

Aus diesen Feststellungen folgt bereits, dass Aristoteles’ einfache Ausdrücke nicht mit den lexikalischen Einheiten einer Sprache identisch sein können. Damit kommen aber für uns auch die zehn Kategorien der Kategorienschrift nicht als ontische Korrelate lexikalischer Kategorien in Betracht. Dieser Schluss wird auch bestätigt, wenn man den Versuch unternimmt, die aristotelischen mit ent- sprechenden lexikalischen Kategorien zu korrelieren, wie dies etwa Benveniste tut (Abb. 3.3): 13

aristotelische

sprachliche Kategorien des Altgriechischen

Kategorien

(nach Benveniste)

Substanz

Substantiv

Quantität

von Pronomen abgeleitete Adjektive

Qualität

von Pronomen abgeleite- tee Adjektive

Relation

Adjektive des Vergleichs

Ort

Adverbien des Orts

Zeit

Adverbien der Zeit

Sich-in-einer-Lage-

Medium

Befinden

In-einem-Zustand-Sein

Perfekt

Tun

Aktiv

Erleiden

Passiv

Abb. 3.3:

Aristotelische Kategorien vs. „Begriffe der Sprache“ auf der Basis des Alt- griechischen (nach Benveniste 1974: 85)

Mehrere Aspekte sind im Lichte dieser Gegenüberstellung auch unabhängig davon hervorzuheben, in welcher Richtung man ein Motivationsverhältnis zwischen den beiden Domänen sehen möchte:

13 Benvenistes, in Abbildung 3.3 wiedergegebene Sicht entspricht weitestgehend der Darstellung Trendelenburgs (1846; zitiert nach Oehler 1997a: 66).

44

Erstens wird nach Benveniste nicht jede lexikalische Kategorie durch genau eine aristotelische Kategorie widergespiegelt. Vielmehr „verteilt“ er die zehn Kategorien über die vier Haupt-Redeteile Substantiv, Verb, Adjektiv und Adverb, indem er diese mit Ausnahme der Substantive mal nach semantischen, mal nach grammatischen Kriterien in mehrere Unterarten ausdifferenziert. Diese Analyse sprachlicher Kategorien erscheint gezwungen, und man mag kaum glauben, dass jemand, und schon gar nicht Aristoteles, zum gleichen Ergebnis gekommen wäre, dem es nicht ausdrücklich um eine Parallele zu den Seinsarten der Kategorien- schrift gegangen wäre. Doch auch wenn man Benvenistes Gegenüberstellung als Versuch liest, das Verhältnis zwischen den aristotelischen Kategorien und den (Haupt-)Wortarten – etwa im Sinne der Scholastiker – so gut es geht zu explizieren, dann tritt dabei in aller Deutlichkeit hervor, dass dieses Unterfangen nicht zu einem plausiblen Ergebnis führen kann. Zweitens wird durch Benvenistes Ausführungen deutlich, dass die aris- totelischen Kategorien, wenn überhaupt, nur mit so genannten offenen oder lexikalischen Wortklassen in Verbindung gebracht werden können. Während sich darüber hinaus vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt sehr wohl die Frage stellt, aufgrund welcher Kriterien sich der geschlossene Teil des Lexikons Kategorien zuordnen lässt, ist dies für Aristoteles im Zusammenhang der Ka- tegorienlehre völlig unerheblich. Konjunktionen und andere Partikel etwa, die er im 20. Kapitel der Poetik behandelt, besitzen für Aristoteles keinen Bezug zu Seiendem und daher auch keinen kategorialen Status. Am Ende dieser Ausführungen zur Kategorienlehre des Aristoteles und zu ihrer Relevanz für die Bestimmung lexikalischer Kategorien, lässt sich folgen- des Fazit ziehen:

Der Versuch, die Differenzierung des Lexikons als Widerspiegelung onti- scher Strukturen aufzufassen, ist im Prinzip plausibel. Dies sollte oben durch Abbildung 3.1 und die folgenden, darauf bezogenen Ausführungen deutlich gemacht werden. Aristoteles’ Kategorienlehre, z. B. in von Benveniste vorgeschlagenen Form, eignet sich jedoch nicht für die Grundlegung einer Definition lexikalischer Ka- tegorien. Dies war im Übrigen auch gar kein Anliegen des griechischen Philo- sophen. Eine ontologische Begründung müsste also in anderer Weise erfolgen, um Aussicht auf Erfolg zu haben. In Hinsicht auf die Klassifikation sprachlicher Ausdrücke (einfache vs. kom- plexe) ist der Ansatz der Kategorienschrift ein ontologischer, der von einer Korrespondenz zwischen Sein, Denken und Sprechen ausgeht. Das Verhältnis von Sprechen und Sein ist bei Aristoteles als indirektes, d. h. über das Denken vermitteltes, gedacht (Herm 1, 16 a 4 ff.; s. o. Abb. 3.2). Damit zeichnet sich für eine Begründung sprachlicher Strukturen im Allgemeinen und der hier im Zentrum stehenden lexikalischen Strukturen im Besonderen die Möglichkeit eines alternativen Vorgehens ab, das einerseits auf der Linie der aristotelischen

45

Konzeption liegt, indem es Sprache ins Verhältnis zu Nicht-Sprache setzt. Wenn man jedoch in diesem Rahmen die Annahme der Korrespondenz zwischen Sein und Denken aufgibt und das Verhältnis zwischen diesen beiden Domänen zumindest als ungeklärt betrachtet, treten Kategorien des Denkens, kognitive Kategorien, als mögliche Korrelate für Strukturelemente des Lexikons hervor, wie es in Abbildung 3.4 skizziert ist:

ontische Kategorien

ontische Kategorien

kognitive/semantische Kategorien

kognitive/semantische Kategorien

lexikalische Kategorien

lexikalische Kategorien

?

?

? reflektieren
reflektieren

reflektieren

Abb. 3.4:

Grundannahmen kognitiver Ansätze einer Theorie lexikalischer Kategorisierung

Während in der neueren Literatur ontologisch begründete Konzeptionen lexi- kalischer Kategorisierung nur in Rudimenten zu finden sind 14 – etwa wenn im Schulunterricht von Ding-, Tu- und Eigenschaftswörtern die Rede ist –, sind kognitive bzw. semantische Ansätze in unterschiedlichen Varianten und z. T in Verbindung mit anderen Unterscheidungskriterien vorgelegt worden. Bevor diese Vorschläge einer näheren Betrachtung unterzogen werden, ist hier aber noch auf einen zweiten Themenkreis aus dem Werk des Aristoteles einzugehen, der für die Erforschung lexikalischer Kategorien mindestens ebenso wichtig ist wie die Kategorienlehre: die Satzanalyse der Hermeneutik.

3.2.2 Onomata, Rhemata und lexikalische Kategorien

In der Kategorienschrift betrachtet Aristoteles einzelne kategorial einfache Ausdrücke, die sich auf einzelne kategorial einfache Entitäten beziehen. Die- ses domänenübergreifende Verhältnis der isolierten sprachlichen Einheiten zu ihren ontischen Signifikaten ist gänzlich unabhängig gedacht von ihren syntagmatischen oder paradigmatischen Beziehungen zu anderen sprachlichen

14 Noch im 18. Jahrhundert stellt Gottscheds ontologische Unterscheidung der Redeteile eine etablierte Auffassung dar (Gottsched 1978; zitiert nach Gardt 1999: 182).

46

Einheiten. In der Hermeneutik kommen nun Einzelausdrücke, die sich innerhalb des Rahmens der gegenwärtigen Untersuchung als potenzielle Elemente lexi- kalischer Kategorien darstellen, aus einer anderen, nämlich der syntaktischen Perspektive ins Blickfeld. Das Thema der Schrift ist die „teils grammatikalisch-syntaktische und teils logisch-semantische“ (Weidemann 2002a: 39) Analyse des Aussage- oder Be- hauptungssatzes. Ein Behauptungssatz ist ein solcher „in Verbindung geäußerter“ Ausdruck, der wahr oder falsch ist (Herm 4, 17 a 3 f.). Er kann in der Form des einfachen Satzes oder des Satzgefüges auftreten. Ein einfacher Aussagesatz ist ein Wortgefüge, dessen Grundbestandteile das Onoma und das Rhema sind, die hier im Kontext der Frage nach möglichen Korrelaten lexikalischer Kategorien von besonderem Interesse sind. Dass dies so ist, liegt in einer besonderen Uneindeutigkeit dieser Termini begründet, die Arens – mit Bezug auf Platon, auf den die Unterscheidung zu- rückgeht – dazu veranlasst

diese Ausdrücke nicht zu übersetzen, da sie durch Übersetzung sogleich einen ge- nauen Sinn bekommen, den sie aber noch nicht haben: Onoma ist sowohl Nomen wie Subjekt, Rhema ist bald mehr Verbum, bald mehr Prädikat. (Arens 1969: 9, FN b) 15

Wenn man die Hermeneutik als eine Schrift betrachtet, die für die darauf folgende Geschichte der Auseinandersetzung mit lexikalischen Kategorien grundlegend geworden ist, kommt man tatsächlich nicht umhin, an dieser Stelle das Überset- zungsproblem zu reflektieren und eine möglichst gut begründete Lösung dafür zu finden. Ich schließe mich im Folgenden dem Sprachgebrauch von Arens an, weil die Übersetzung von Onoma und Rhema durch Nennwort und Aussagewort (z. B. Herm 2, 16 a 19; 3, 16 b 6 nach Weidemann) bzw. durch Benennung oder Hauptwort und Zeitwort (z. B. Sophistes 262 a nach Schleiermacher) nahelegen, Aristoteles und Platon gehe es um die Klassifikation einzelner Wörter im Gegen- satz zu Wortgruppen. 16 In struktureller (jedoch nicht in funktionaler) Hinsicht erscheinen Onomata und Rhemata in der Hermeneutik jedoch als Einheiten, die, ähnlich wie die „ohne Verbindung geäußerten“ Ausdrücke der Kategorienschrift, nicht primär sprachlich, sondern mit Bezug auf ihre Signifikate definiert sind. Insgesamt ist es kaum möglich, eindeutig zu entscheiden, ob der Charakter der Onomata und der Rhemata ein lexikalischer oder ein syntaktischer ist. Wenn

15 In der kanonischen Schleiermacherübersetzung lautet z. B. die zentrale Stelle 261 e/ 262 a im Sophistes:

Es gibt nämlich für uns eine zweifache Art von Kundmachung des

Seienden durch die Stimme. / Theaitetos: Wie das? / Fremder: Das eine sind die Benennungen oder Hauptwörter, das andere die Zeitwörter.

Fremder: [

]

16 Allerdings betont Weidemann (2002b: 158), dass die Wiedergabe dieser Begriffe durch Nomen und Verb der aristotelischen Verwendungsweise nicht gerecht wird.

47

man sie mit einem Oberbegriff als Redeteile bezeichnet, wird dies ihrem Dop- pelcharakter durchaus gerecht. Denn Redeteil wird, zumindest im Deutschen, einerseits als Synonym für Wortart verwendet, ist aber andererseits aufgrund seiner durchsichtigen Struktur auch als „Teil der Rede“ verstehbar und lässt so den syntaktischen Aspekt des so bezeichneten sprachlichen Elements anklin- gen. Entsprechend neutrale Termini lassen sich im Deutschen für Onoma und Rhema nicht finden. In der Hermeneutik finden sich weitere Hinweise sowohl auf die lexikalische wie auf die syntaktische Natur der beiden Satzteile. Wenn Aristoteles etwa konkrete Beispiele anführt, wie das Onoma Pferd, oder wenn er das Onoma Gesundung dem Rhema gesundet gegenüberstellt, dann lassen sich die Termini treffend im lexikalischen Sinne als Nennwort und Aussagewort wiedergeben. Auch ist ein Onoma ebenso wie ein Rhema als Ausdruck beschrieben, „der [ ] etwas sagt“, d. h. wohl, eine Bedeutung hat, „wenn man ein solches Wort [isoliert; T.W.] ausspricht“ (Herm 5, 17 a 17 ff.), was wiederum einer nicht-syntaktischen Betrachtungsweise entspricht. Schließlich weist Weidemann im Hinblick auf „diese beiden Arten von Wörtern“ (Weidemann 2002: 158) darauf hin,

daß Ar. zur Bezeichnung der beiden Bestandteile eines Satzes, die in ihm die Rollen des Subjekts und des Prädikats spielen, gerade nicht die beiden Wörter verwendet, von deren lateinischen Übersetzungen die Wörter „Subjekt“ und „Prädikat“ abge-

leitet sind, nämlich ὑποκεμεἱνον und κατηγορούμενον [ und ῥῆμα.

], sondern eben ὄνομα (ebd.: 158 f.)

Die Rede von den Nennwörtern und Aussagewörtern erscheint hingegen eher verwirrend, wenn Aristoteles nominale Ausdrücke in obliquen Kasus (Philons (gen.) oder dem Philon) den Charakter von Onomata abspricht und sie als bloße „Abwandlungen eines Nennworts“ bezeichnet (Herm 2, 16 b 1). Der syntaktische Charakter dieser Ausdrucksklasse tritt zudem deutlich hervor, wenn Aristoteles fortfährt:

Für einen solchen Ausdruck [d. h. die Abwandlung eines Nennworts; T.W.] gilt in al- len Punkten dasselbe (wie für ein Nennwort), außer daß er zusammen mit dem Wort „ist“, dem Wort „war“ oder dem Ausdruck „wird sein“ nicht etwas Wahres oder et- was Falsches ausdrückt, was ein Nennwort hingegen stets tut. (Herm 2, 16 b 3 ff.)

Hier werden Onomata indirekt durch Abgrenzung zu Nicht-Onomata eines bestimmten Typs als Subjekte einfacher Aussagesätze und damit auch als grammatische Einheiten einer bestimmten Art bestimmt. Wenn man diese Ei- genschaft als sechste zu den fünf von Weidemann (2002b: 159) genannten und von Aristoteles zu Beginn des 2. Kapitels aufgeführten Definitionsmerkmalen der Onomata hinzuzählt, dann ergibt sich auch nicht die Notwendigkeit, die nicht-nominativischen Substantive mit Hilfe von durch den Text kaum belegten Zusatzannahmen doch noch als Nennwörter, wenn auch als solche in einem weiteren Sinne, zu fassen. Dies tut Weidemann, wenn er feststellt, dass

48

] [

gentlichen Sinne [ist]. ([

wie „Philons“ oder „dem Philon“ kein Nennwort ist [

daß ein solcher Ausdruck kein Nennwort im engeren und eigentlichen Sinne dieses

ein Substantiv für Ar. nur in der Form des Nominativs ein Nennwort im ei-

dürfte auch mit der Behauptung, daß ein Ausdruck

lediglich gemeint sein,

S]o

]

Terminus ist.)

(Weidemann 2002b: 171)

Die betreffende Stelle der Hermeneutik lässt sich auch so lesen, dass Onomata bei Aristoteles nicht primär als isolierte nominativische Nomina definiert sind, was dann nämlich die Frage aufwürfe, warum diese Flexionsform gegenüber den anderen privilegiert sein sollte. Onomata scheinen dagegen zunächst als Ausdrücke verstanden, die im einfachen Behauptungssatz in einer der beiden Hauptfunktionen, der des Subjekts, auftreten, und auf Grund dieser besonderen Position einen bestimmten Kasus erfordern. Auch die Rhemata betrachtet Aristoteles offensichtlich als syntaktisch de- finiert, wofür spricht, dass er – dabei ähnlich vorgehend wie bei den Onomata – nicht alle flektierten verbalen Formen zu ihnen rechnet, sondern nur die im Präsens. Die Zeitformen des Präteritums und des Futurs bezeichnet er dem- gegenüber analog zu den „Abwandlungen eines Nennworts“ als „(temporale) Abwandlungen eines Aussageworts“ (Herm 3, 16 b 17 ff.). Wenn er das Rhema als „ein[en] die Zeit mit hinzubedeutende[n] Ausdruck“ einführt, und wenig später feststellt, dass Rhemata, „[w]erden sie für sich allein ausgesprochen“, Onomata sind 17 (Herm 3, 16 b 6 und 19 f.), ist daraus der Schluss zu ziehen, dass es Rhemata für ihn außerhalb des Satzzusammenhangs nicht gibt. Die Mitgliedschaft in den Ausdrucksklassen der Onomata bzw. der Rhemata stellt keine Eigenschaft dar, die sprachliche Ausdrücke unter Absehung ihrer syntaktischen Einbindung aufweisen. Mensch ist eben nur insofern Onoma, als es z. B. in der Form Ein Mensch Subjekt eines einfachen Satzes wie Ein Mensch ist weiß ist; und ist weiß ist Rhema nur als Prädikat dieses oder eines ähnlichen Satzes. Die vorangehenden Ausführungen zur aristotelischen Hermeneutik lassen sich also in den folgenden zentralen Folgerungen zusammenfassen: Auf der Basis der Textlektüre sind Onomata und Rhemata nicht eindeutig mit bestimmten lexika- lischen Klassen, etwa mit den Nomina und den Verben gleichzusetzen. Ebenso wenig scheint es jedoch angebracht, die beiden Ausdrucksarten einseitig mit den syntaktischen Kategorien Subjekt und Prädikat bzw. den diese Kategorien bezeichnenden Subjekt- und Objektausdruck zu identifizieren. Stattdessen scheint es hier Aristoteles einerseits um Klassen von Ausdrücken zu gehen, deren Mitglieder andererseits durch ihre syntaktischen Eigenschaften

17 Angesichts dessen, was er kurz zuvor über den Status der obliquen Kasus sagt, muss angenommen werden, dass Aristoteles an Formen im Zusammenhang von Sätzen wie „Ist wahr ist ein Prädikat“ bzw. „Wahr sein ist ein Infinitiv“ (s. Weidemann 2002b:

178 f.) denkt.

49

in konkreten Satzzusammenhängen definiert sind. Da jedoch einzelne Wörter wie Mensch oder Philon in unterschiedlichen syntaktischen Funktionen verwendet werden, ergeben sich Schwierigkeiten, etwa wenn die nicht-nominativischen Formen von Nomina aus dem Kreis der Onomata ausgeschlossen werden. Wei- demanns oben zitierte Interpretation dieser Einschränkung weist auf ein Problem oder zumindest auf eine Unklarheit bei Aristoteles hin; ob Wiedemann diese jedoch als nur scheinbare durch eine Zusatzannahme beseitigt, kann bezweifelt werden. Die Schwierigkeit, die bei Aristoteles zum ersten Mal hervortritt, ist eine prinzipielle und wird sich bei späteren Versuchen, lexikalische Kategorien auf die grammatischen Eigenschaften ihrer Elemente zurückzuführen, immer wieder ergeben.

3.2.3 Das Problem lexikalischer Kategorisierung im Licht der aristotelischen Schriften