Ludwig Wittgenstein: Tagebücher und Briefe

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Past Masters Preface
The letters include exchanges with Ludwig von Ficker, Ludwig Hänsel, Rudolf Koder and Stanislaus and Adele Jolles. The correspondence has been edited with commentary by the Brenner-Archiv and includes many letters which have never been published previously in any form. The correspondence between Wittgenstein and Hänsel has been published in print as Ludwig Hänsel-Ludwig Wittgenstein: eine Freundschaft (Haymon Verlag, 1994). Some of the Ficker-Wittgenstein letters have appeared in 'Ludwig von Ficker: Briefwechsel 1909-1967' (4 volumes, 1988-1996).These exchanges form part of the ongoing Brenner-Archiv project to edit the complete correspondence of Wittgenstein with detailed commentary on each letter identifying all names, places, literature and events mentioned in it. Collections of letters between Wittgenstein and various correspondents will appear in Past Masters databases as they are finished until the Gesamtbriefwechsel is available in the series some years from now.

Ludwig Wittgenstein : Tagebücher
Vorapparat
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Herausgegeben im Auftrag des Forschungsinstituts Brenner-Archiv, Innsbruck, und in Zusammenarbeit mit dem Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen Unterstützt durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung
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Titelblatt
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Ludwig Wittgenstein

Denkbewegungen
Tagebücher 1930-1932, 1936-1937
(MS 183) Herausgegeben von Ilse Somavilla

Teil 1: Normalisierte Fassung HAYMON
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Urheberrecht
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Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Wittgenstein, Ludwig: Denkbewegungen : Tagebücher 1930-1932, 1936-1937 / Ludwig Wittgenstein. Hrsg. von Ilse Somavilla. - Innsbruck : Haymon-Verl., 1997 ISBN 3-85218-225-5 Umschlag: Benno Peter © Haymon-Verlag, Innsbruck 1997 Alle Rechte vorbehalten / Printed in Austria Satz: Haymon-Verlag Druck und Bindearbeit: Wiener Verlag, Himberg
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Inhalt
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Inhalt
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Vorwort 7 Editorische Notiz 10 Ludwig Wittgenstein: Tagebücher Normalisierte Fassung 19 Kommentar 107 Literaturverzeichnis 154 Personenregister 157
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Vorwort
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Der in dieser Ausgabe veröffentlichte Text ist die Wiedergabe eines Tagebuchs von Ludwig Wittgenstein, das er in den Jahren 1930 bis 1932 und 1936 bis 1937 geführt hat und von dessen Vorhandensein man erst seit kurzem weiß. Auch in dem von Georg Henrik von Wright herausgegebenen „Wittgenstein-Katalog“ ist dieser Band unter keiner Nummer angeführt bzw. als „verschollen“ vermerkt.†1 Wie jetzt bekannt wurde, befand er sich neben einem Typoskript der Logisch-Philosophischen Abhandlung, einem Manuskript der „Lecture on Ethics“ und einem Manuskript der Philosophischen Untersuchungen – dem als verschollen gegoltenen MS 142 – im Besitz von Wittgensteins Schwester Margarete Stonborough in Gmunden. Nach dem leben ihres Bruders übergab Margarete die genannten Dokumente Rudolf und Elisabeth Koder als Erinnerungsstücke.
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Rudolf Koder war Lehrer im niederösterreichischen Dorf Puchberg und hatte Wittgenstein dort 1923 kennengelernt. Durch das gemeinsame Interesse an der Musik entwickelte sich zwischen den beiden eine herzliche Freundschaft, die bis zu Wittgensteins Tod im Jahre 1951 währte.
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Ende 1993 kam es zu Kontakten zwischen Rudolf Koders Sohn, Univ.- Prof. Dr. Johannes Koder, sowie dessen Schwester, Dr. Margarete Bieder-Koder – den nunmehrigen Eigentümern des sogenannten „Koder-Nachlasses“ – und dem Brenner-Archiv der Universität Innsbruck.
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In der Folge beauftragte Prof. Koder das Brenner-Archiv, das Tagebuch aus dem Nachlaß seiner Eltern zu

veröffentlichen. ***
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Wittgenstein hatte die Angewohnheit, seine philosophischen Gedankengänge oft gleichzeitig in mehrere Manuskriptbände einzutragen, zuweilen vermischt mit Reflexionen persönlichen Charakters oder kulturgeschichtlichen
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Inhalts, die über kürzere oder längere Abschnitte hinweg auch in Geheimschrift abgefaßt sind.
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Dabei kommen zeitweise dieselben Gedanken an verschiedenen Stellen vor, manchmal sogar im selben Wortlaut. Bemerkungen, die sich über den ganzen Nachlaß verstreut in seinen Manuskripten finden lassen, kommen auch im vorliegenden Tagebuch in ähnlicher Form vor.
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Insofern ist das Tagebuch vor allem für Wittgenstein-Forscher von Bedeutung, die Bezüge zu seinem gesamten Werk herstellen möchten. Durch Eintragungen sehr persönlichen Charakters wird aber auch Einblick in den „Menschen“ Wittgenstein vermittelt und der – erst in jüngster Zeit in der Forschung systematisch berücksichtigte – enge Zusammenhang seiner Lebensprobleme mit seiner philosophischen Denkweise sichtbar gemacht. Darüberhinaus wird eine Kontinuität von wesentlichen Gedanken Wittgensteins deutlich: Probleme, die ihn bereits zur Zeit des Ersten Weltkrieges beschäftigten und uns durch die publizierten Tagebücher 1914-1916 wie auch durch die Geheimen Tagebücher bekannt sind, treten hier – nach mehr als 20 Jahren – wieder auf. Doch nicht nur für den wissenschaftlich orientierten Leser ist der Manuskriptband interessant, sondern auch für jenen, der mit Wittgensteins Schriften bisher wenig oder gar nicht vertraut ist; über die in ihrer Thematik breit gefächerten Bemerkungen Wittgensteins kann er einen ersten Zugang zu dessen Denken und Persönlichkeit gewinnen.
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Wittgensteins Reflexionen, die trotz Einfachheit des Stils durch Klarheit des Ausdrucks und Tiefe des Denkens bestechen, erstrecken sich über Kunst und Kultur – insbesondere über Musik – bis hin zu ethischen und religiösen Fragen.
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Dies geschieht oft verhüllt. Wittgenstein schreibt in bildhaften Gleichnissen, deutet an, „zeigt“ und demonstriert damit seine Auffassung von den Grenzen des Sagbaren, die er zeitlebens beibehielt.
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Sein Ringen mit Sprache offenbart sich als ethisch begründet, seine Suche nach philosophischer Klarheit als eine Suche nach Klarheit über sich selbst.
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Das Tagebuch kann daher auch im Hinblick auf Wittgensteins Äußerung „Ethik und Ästhetik sind Eins“ (Tractatus, 6.421) gelesen werden. Es gibt lebendigen Aufschluß über die große Bedeutung des „Bereichs des
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Unaussprechlichen“, dem im Sinne Wittgensteins Fragen der Kunst, Ethik und Religion zuzuordnen sind.
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Wittgensteins Auseinandersetzung mit dem Bereich „außerhalb der Welt der Tatsachen“ bzw. mit dem „Sinn der Welt“ – Wittgensteins religiöses Denken – zeigt zwar stellenweise Parallelen zu den bisher publizierten Geheimen Tagebüchern und zu den Vermischten Bemerkungen; sein „Leiden des Geistes“ – so nannte er religiöse Erfahrung – seine innere Not an den Grenzen des Sagbaren und wissenschaftlich Erklärbaren kommt aber in keiner anderen seiner Schriften wie in der vorliegenden in vergleichbarer Intensität und Glaubwürdigkeit zum Ausdruck.
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Trotz der im Tagebuch veranschaulichten inneren Kontinuität von Wittgensteins wesentlichen Gedanken kann man jedoch keineswegs von einer Starre oder Stagnation in seinem Philosophieren sprechen: im Gegenteil, die Auseinandersetzung mit Problemen der Philosophie erweist sich als ein dynamischer Prozeß: sein Denken kennt keinen Stillstand, keine „Ruhepause“, sondern ist immer in „Bewegung“ und Neuerung – aus sich selbst schöpfend.
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Selbst im Prozeß des Schreibens manifestiert sich diese Dynamik: in steten und unermüdlichen Änderungen und Überarbeitungen wird seine – persönliche wie auch philosophische – Rastlosigkeit spürbar. Die Eigenart, jedes Wort, jeden Satz sorgsamst abzuwägen und zu überprüfen und jeden Gedankengang oder jede Situation von verschiedenen Blickwinkeln aus zu betrachten, resultierte in einer Vielfalt von „Varianten“ und Versionen in der Abfassung seiner Texte.

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Diese sprachliche Dimension, der erst seit wenigen Jahren, zumeist nur in Ansätzen, Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist in der vorliegenden Edition berücksichtigt: durch eine, im Wittgenstein-Archiv der Universtität Bergen entwickelte Transkriptionsmethode, werden hier die Texte Wittgensteins originalgetreu wiedergegeben.
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Durch die Darstellung seines Stils und Schreibens einschließlich seiner „Varianten“ bzw. Alternativen soll es dem Leser ermöglicht werden, Wittgensteins Gedankengänge – die „Denkbewegung“ in seinem Philosophieren – in ihrer ganzen Lebendigkeit nachzuvollziehen.
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Editorische Notiz
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Das vorliegende Tagebuch wurde – wie im Vorwort erwähnt – im Nachlaß von Rudolf und Elisabeth Koder aufgefunden. Es handelt sich dabei um einen in Halbleinen gebundenen Manuskriptband von 244 Seiten bzw. 122 Blatt linierten Papiers im Format 22,5 x 17,5 cm. Wittgenstein schrieb teils mit Bleistift (von S.1-S.157), S. 146f. und 157 teilweise mit Tinte, S. 158-243 mit Tinte.†1
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S. 1-142 des Tagebuches wurden in Cambridge geführt (dies war die Zeit vom 26. April 1930 bis zum 28. Jänner 1932). S.142 - 242 wurden in Skjolden geschrieben (19. November 1936 bis 30. April 1937). S. 242- 243 bzw. die Eintragungen vom 24. September 1937 erfolgten gleichfalls in Skjolden.†2
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Die in Skjolden geschriebenen Teile sind teilweise in Geheimschrift abgefaßt. Während in den Tagebüchern 1914-1916 eine formale Gliederung zu beobachten ist (– in der Regel schrieb Wittgenstein auf der linken Seite in Geheimschrift, auf der rechten Seite in Normalschrift†3 –), fehlt hier diese Aufteilung; Wittgenstein schreibt, kleinere oder größere Abschnitte abwechselnd, in Normal- und in Geheimschrift.
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Oftmals hat es den Anschein, daß Wittgenstein Teile sehr persönlichen Inhalts, die er für sich behalten wollte, in Geheimschrift abfaßte, doch ist dies keineswegs als Kriterium für alle Geheimschriftstellen zu betrachten.
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Völlig belanglose Aussagen einerseits wie auch philosophische Bemerkungen andererseits sind manchmal in Code geschrieben.
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In den meisten Fällen jedoch steckte Intention dahinter: Wittgenstein scheint ihm besonders kostbare Gedanken damit vor schnellen Blicken eiliger, oberflächlicher Leser schützen, abdecken gewollt zu haben. Hinweis auf diese Vermutung könnte eine Stelle aus dem Manuskript 157a geben: „Es ist ein großer Unterschied zwischen den Wirkungen einer Schrift die man leicht & fließend lesen kann & einer die man schreiben aber nicht leicht entziffern [lesen] kann. Man schließt, in ihr die Gedanken ein, wie in einer Schattulle.“ ***
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Die Transkription der vorliegenden Texte erfolgte nach dem im Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen entwickelten Computer-System MECS-WIT, das eine maschinenlesbare Fassung des gesamten Nachlasses anstrebt. MECS-WIT ist dafür konzipiert, Wittgensteins charakteristische Art des Schreibens – mit seinen zahlreichen Änderungen, Streichungen, Einfügungen, Überarbeitungen und dergl. originalgetreu wiederzugeben.†1
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In dieser Ausgabe wird, um den unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen der Leserschaft entgegen zu kommen, der Text in zwei Transkriptionsformen, einer „normalisierten“ †2 und einer „diplomatischen“ Fassung, vorgelegt.
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Die sogenannte normalisierte oder Lesefassung soll das Lesen von ansonsten manchmal schwer verständlichen bzw. schwer lesbaren Textstellen erleichtern.
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Im fortlaufenden Text wird die letzte von Wittgensteins Varianten wiedergegeben, die zuerst geschriebenen sind in Fußnoten der Reihenfolge nach festgehalten. Wenn Wittgenstein, um sich nicht zu wiederholen,
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Teile eines Satzes desselben Wortlauts durch Punkte ersetzte, so wird anstelle der Punkte im Haupttext die betreffende Stelle in vollem Wortlaut und in Fettschrift als Kennzeichnung eines editorischen Eingriffs

wiedergegeben. Die eckigen Klammern oder doppelten Schrägstriche, die Wittgenstein als Markierungen späterer Varianten setzte, entfallen in der normalisierten Fassung, um den Lesevorgang nicht zu behindern.
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In der diplomatischen Fassung hingegen bleiben sie erhalten, ebenso wie die Punkte als Ersatz von Teilen eines Satzes bzw. Textes. Hier wird der tatsächliche Fortgang des Niederschreibens festgehalten, mit der zuerst geschriebenen Version im sogenannten Haupttext, den hinzugefügten und darübergeschriebenen Varianten an den Stellen, wo sie im Original gesetzt wurden.
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Im Gegensatz zu der in Norwegen gehandhabten Methode, Wittgensteins Schriften in der normalisierten Fassung in Angleichung an den neuesten Stand des Deutschen Duden zu korrigieren, werden in der vorliegenden Edition Wittgensteins Schreibfehler – die u.a. teils aus Versehen in der Geschwindigkeit des Schreibens etc. entstanden sind –, wie auch für ihn typische Schreibgewohnheiten wie „in’s“ anstatt „ins“ (wie bei ins Reine kommen) oder „wol“ statt „wohl“ und ähnliche, originalgetreu wiedergegeben. Wittgensteins eigenartige Handhabung der Groß- und Kleinschreibung – wie „der Beste Zustand“, „zum umschnappen“, „des guten und des rechten“ u.ä. – wurde respektiert, da es schwierig ist zu eruieren, wann dies mit Absicht, wann aus Flüchtigkeit oder mangelnder Rechtschreibkenntnisse geschah. Auch das von Wittgenstein verwendete Kürzel „&“ für „und“ wurde belassen.
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Zur Jahrhundertwende fand eine Reform der deutschen Rechtschreibung statt: daß die Anpassung an die Neuerungen nur langsam erfolgte, zeigt sich darin, daß Wittgenstein viele Schreibarten aus der Zeit vor der Reform beibehielt. Häufig finden wir bei ihm ein „c“, wo nach der Reform ein „k“ oder „z“ geschrieben werden sollte, wie bei „Conzert“, „Correlat“, „Concentrieren“, „Scene“ und dergleichen.
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Seine Schreibung von „seelig“ mit zwei „e“, so wie „Waare“ anstatt „Ware“ muß ebenfalls als ein „Relikt“ der früheren Rechtschreibung gesehen
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werden, ebenso wie „y“ anstelle von „i“ wie in „Nymbus“, und „th“ anstelle von „t“ wie in „Thaler“.
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Weniger bekannte oder nur im österreichischen bzw. Wiener Dialekt dieser Zeit verwendete Ausdrücke wie „Übligkeiten“ anstatt „Übelkeit“ und „derfangen“ anstelle von „sich fangen“ wurden im Text belassen, jedoch im Kommentar erläutert.
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Nur wenn gröbere Fehler wie das fehlende „h“ bei dem Komponisten „Mahler“ vorkommen oder wo Wittgenstein im Fluß des Schreibens „sei“ anstatt „seit“ schrieb oder anstelle eines Wortes wie „schwerer“ „schwerere“ setzte, wurde korrigiert; dies ist jedoch durch Fettdruck angezeigt und im Kommentar erörtert.
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Bei schwer leserlichen Stellen, wo sich die Herausgeberin für ihr adäquat erscheinende Buchstaben oder Wörter entschied, wird ebenfalls im Kommentar darauf hingewiesen.
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Geheimschrift-Stellen:
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Mehrere Stellen des vorliegenden Manuskriptbandes wurden von Wittgenstein in Geheimschrift abgefaßt. Sein „Code“ ist an sich einfach zu entziffern, er stellt lediglich eine Umkehrung des Alphabets dar: ein „a“ bedeutet folglich ein „z“, ein „b“ steht für „y“ usw. Als Ausnahmen sind das „r“ zu nennen, das sowohl „i“ als auch „j“ bedeuten kann, und das „n“, das ein „n“ bleibt.
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Da Wittgenstein jedoch in der Durchführung des Codes nicht immer konsequent war, entstanden Fehler, die das Verständnis einzelner Wörter und Sätze manchmal erheblich beeinträchtigen würden. Aus diesem Grunde wurden solche Fehler korrigiert.
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Das heißt, wenn Wittgenstein versehentlich Buchstaben der Normalschrift an Geheimschriftstellen anwendete, wenn er zum Beispiel anstelle eines „h“ (das in der Geheimschrift ein „s“ darstellen soll) ein „s“ schrieb, so wurden diese Buchstaben gemäß dem Code wiedergegeben bzw. korrigiert. Diese editorischen Eingriffe sind jedoch durch Fettschrift angemerkt. Die „ss“ anstatt „ß“ wurden belassen, da Wittgenstein in der Geheimschrift dafür jeweils „hh“ setzte.
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Um die in Geheimschrift abgefaßten Texte von denen in Normalschrift abzuheben, wurden sie kursiv

gedruckt.
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Umlaute:
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Im Fluß des Schreibens scheint Wittgenstein häufig die ü-, ä- und ö-Striche vergessen zu haben. Diese wurden in der normalisierten Fassung korrigiert, in der diplomatischen dem Original entsprechend wiedergegeben. Die Umlaute bei Geheimschrift-Stellen – über f, m und z (für ü, ö und ä) sind in der diplomatischen Umschrift nicht wiedergegeben.
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Interpunktion:
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Wittgensteins Handhabung der Interpunktion ist in vielen Fällen ungewöhnlich, oft geschah dies mit Absicht.†1
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Dementsprechend wurde in dieser Edition auch nicht korrigiert, selbst wenn es sich manchmal nur um Flüchtigkeitsfehler zu handeln schien.
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Anführungszeichen:
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Wittgenstein setzte die Anführungszeichen teilweise unten, teilweise oben: diese wurden in der diplomatischen Fassung dem Original entsprechend wiedergegeben, in der normalisierten aber standardisiert. Die Unterscheidung zwischen einfachen und doppelten An- und Ausführungszeichen wurde jedoch in beiden Fassungen beibehalten.
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Unterstreichung:
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Im Gegensatz zu den bisher publizierten Werken Wittgensteins, in denen die Unterstreichungen zumeist nach der in der Suhrkamp-Ausgabe gehandhabten Methode wiedergegeben wurden (einfache Unterstreichung i.O. in Kursiv, zweifache Unterstreichung in kleinen Großbuchstaben und dreifache Unterstreichung in großen Großbuchstaben, mehr als dreifache mit großen Großbuchstaben und einer zusätzlichen Unterstreichung) werden in dieser Ausgabe Wittgensteins Unterstreichungen originalgetreu beibehalten. In der elektronischen Fassung Intelex werden Einfach- und Doppelt-Unterstreichungen als solche wiedergegeben, Dreifach-Unterstreichungen aber als Doppelt-Unterstreichungen in Fettschrift gekennzeichnet.
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Nur im Kommentar, wo auf publizierte Stellen der Werkausgabe und der Vermischten Bemerkungen hingewiesen wird, wird entsprechend der Vorlage nach der dort verwendeten Vorgangsweise zitiert.
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Unterstreichungen mit Wellenlinien i.O., die häufig für Zweifel im Ausdruck stehen, werden strichliert wiedergegeben.
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Sektionen:
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Wittgenstein hatte die Angewohnheit, zumeist in zwei- und mehrzeiligen Abschnitten zu schreiben, die er im allgemeinen durch eine, in selteneren Fällen durch zwei oder mehr Zeilen, voneinander trennte. Diese Abschnitte bzw. Sektionen wurden hier entsprechend wiedergegeben. In einigen Fällen fehlt in diesem Tagebuch eine Leerzeile zwischen zwei Abschnitten, selbst vor Beginn eines neuen Datums, welches manchmal vermutlich erst hinterher in die Zeile eingefügt wurde.
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Einrückung:
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Häufig rückte Wittgenstein zu Beginn, oder auch innerhalb eines Abschnittes, ein. Diese kleineren oder größeren Einrückungen werden in der diplomatischen Umschrift dem Original entsprechend wiedergegeben, in der normalisierten Fassung wird einheitlich eingerückt.

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Numerierung:
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Wittgensteins Numerierung der Seiten in seinen Manuskripten verlief unterschiedlich: manchmal trug er die Seitenzahlen mehr oder weniger regelmäßig durchlaufend ein, häufig aber kommen Seiten vor, wo die Numerierung fehlt. Im vorliegenden Tagebuch trug er – von zwei Ausnahmen abgesehen, wo im oberen Rand durch eingefügten Text keine Pagina zu erkennen ist – jeweils auf der rechten Seite des Tagebuchs – oben in der Mitte der Seite – die Seitenzahl ein, auf der linken fehlt sie.
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Wittgensteins Numerierung ist in der diplomatischen Fassung, entsprechend dem Original, jeweils oben in der Mitte der rechten Seite angegeben. Auf den linken bzw. Verso-Seiten, wo die Numerierung im Original fehlt, ist in der diplomatischen Fassung die Seitenzahl mit „Verso Page 2, Verso Page 4“ etc. angegeben; für die rechte Seite mit „Recto Page 3, Recto Page 5“ etc.
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In der normalisierten Fassung stehen die Seitenzahlen jeweils am äußeren Rand des Satzspiegels. Zusätzlich ist der Beginn einer neuen Seite im fortlaufenden Text in eckiger Klammer gekennzeichnet.
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Graphik:
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Wittgenstein trug zur Erläuterung eines Traumes an zwei Stellen Zeichnungen ein (S. 126 und S. 128). Diese sind hier durch Faksimiles wiedergegeben, ebenso wie seine Darstellungen des Buchstaben „f“ (Seite 236).

Dank
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An dieser Stelle möchte ich all denen meinen Dank aussprechen, die am Zustandekommen dieser Edition beteiligt waren:
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In erster Linie sei Herrn Univ.-Prof. Dr. Johannes Koder und seiner Schwester, Frau Dr. Margarete Bieder-Koder, gedankt, die dem Brenner-Archiv ihr großes Vertrauen damit bekundet haben, daß sie uns den kostbaren Manuskriptband aus dem Nachlaß ihrer verstorbenen Eltern zur wissenschaftlichen Bearbeitung zur Verfügung stellten.
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Univ.-Prof. Dr. Walter Methlagl und Univ.-Prof. Dr. Allan Janik danke ich dafür, daß sie mich mit der Arbeit an der vorliegenden Edition beauftragt haben und mir jederzeit für das Tagebuch betreffende Diskussionen ihr Interesse zeigten.
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Großer Dank gebührt dem Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen und seinem Leiter, Claus Huitfeldt, mit dessen Erlaubnis die von ihm entwickelte Transkriptionsmethode MECS-WIT hier angewendet werden konnte. Den Mitarbeitern des Wittgenstein-Archivs –Angela Requate und Peter Cripps, Wilhelm Krueger, Franz Hespe und Maria Sollohub – sei
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für Korrekturlesen und stets bereitwillige Auskunft und Hilfe gedankt. Weiters danke ich Andrzej Orzechowski, Wroclaw (Polen) und Monika Seekircher, Innsbruck.
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Frau Marguerite de Chambrier geb. Respinger danke ich für ihre ausführlichen Informationen und für die Bereitstellung von Briefen Wittgensteins an sie.
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Für Fragen, den Kommentar betreffend, sei Herrn Major John Stonborough, Jonathan Smith (Trinity College), Dr. Othmar Costa (Innsbruck), Univ.-Prof. Dr. Friedrich Heller (Wien) und Knut Olav Amas (Bergen) gedankt.
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Herrn Dr. Benno Peter vom Haymon-Verlag danke ich für die engagierte und sorgfältige Durchführung der Satzarbeiten.
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Den Nachlaßverwaltern Univ.-Prof. Georg Henrik von Wright, Univ.-Prof. Elizabeth Anscombe, Univ.-Prof. Peter Winch und Univ.-Prof. Sir Anthony Kenny danken wir dafür, daß sie die Zustimmung zur Publikation gegeben haben.
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Dem Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung sei für maßgebliche finanzielle Unterstützung des Projekts gedankt.
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Innsbruck, Jänner 1997 Ilse Somavilla
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[Denkbewegungen]
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26.4.30[1]
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Ohne etwas Mut kann man nicht einmal eine vernünftige Bemerkung über sich selbst schreiben.
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Ich glaube manchmal
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Ich leide unter einer Art geistiger Verstopfung. Oder ist das nur eine Einbildung ähnlich der wenn man fühlt man möchte erbrechen wenn tatsächlich nichts mehr drin ist?
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Ich bin sehr oft oder beinahe immer voller Angst.
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Mein Gehirn ist sehr reizbar. Habe heute von der Marguerite Taschentücher zum Geburtstag bekommen. Sie haben mich gefreut, wenn mir auch jedes Wort noch lieber gewesen wäre & ein Kuss noch viel lieber.
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Von allen Menschen die[2] jetzt leben würde mich ihr Verlust am schwersten treffen, das will ich nicht frivol sagen, denn ich liebe sie oder hoffe daß ich sie liebe.
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Ich bin müde & Ideenlos das ist freilich immer so in den ersten Tagen nach meiner Ankunft bis ich mich an das Klima gewöhnt habe. Aber freilich ist nicht gesagt daß ich nicht überhaupt vor einer leeren Periode stehe.
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Es ist mir immer fürchterlich wenn ich denke wie ganz mein Beruf von einer Gabe abhängt die mir jeden Moment entzogen werden kann. Ich denke sehr oft, immer wieder, hieran & überhaupt daran wie einem alles entzogen werden kann & man gar nicht weiß was man alles hat & das aller Wesentlichste eben erst[3] dann gewahr wird wenn man es plötzlich verliert. Und man merkt es nicht eben weil es so wesentlich, daher so gewöhnlich ist. Wie man auch nicht merkt daß man fortwährend atmet als bis man Bronchitis hat & sieht daß was man für selbstverständlich gehalten hat gar nicht so selbstverständlich ist. Und es gibt noch viel mehr Arten geistiger Bronchitis.
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Oft fühle ich daß etwas in mir ist wie ein Klumpen der wenn er schmelzen würde mich weinen ließe oder ich fände dann die richtigen Worte (oder vielleicht sogar eine Melodie) . Aber dieses Etwas (ist es das Herz?) fühlt sich bei mir an wie Leder &[4] kann nicht schmelzen. Oder ist es daß ich nur zu feig bin die Temperatur genügend steigen zu lassen?
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Es gibt Menschen die zu schwach zum Brechen sind. Zu denen gehöre auch ich.
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Das Einzige was vielleicht einmal an mir brechen wird & davor fürchte ich mich manchmal ist mein Verstand.
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Ich glaube manchmal daß mein Gehirn die Beanspruchung einmal nicht aushalten & nachgeben wird. Denn es ist furchtbar beansprucht für seine Stärke – so scheint es mir wenigstens oft.
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27. Bis etwa zu meinem 23ten Lebensjahr wäre[5] es mir unmöglich gewesen in einem freistehenden Bett zu schlafen & auch sonst nur mit dem Gesicht zur Wand. Ich weiß nicht wann mich diese Furcht verlassen hat. War es erst im Krieg?

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Vor einigen Tagen träumte ich folgendes:
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Ich führte ein Maultier dessen Wärter ich zu sein schien. Zuerst auf einer Straße – ich glaube in einer orientalischen Stadt; dann in ein Büro wo ich in einem großen Zimmer warten mußte. Vor diesem war noch ein kleineres mit vielen Leuten. Das Maultier war unruhig & störrisch. Ich hielt es an einem kurzen Strick & dachte ich möchte daß es sich den Kopf an die Wand anrennt – an der ich saß – dann wird es ruhiger werden. Ich sprach[6] immer zu ihm & nannte es dabei „Inspektor“. Und zwar schien mir dies die gebräuchliche Benennung für ein Maultier etwa wie man ein Pferd „Brauner“ oder ein Schwein „Wuz“ nennt. Und ich dachte „wenn ich jetzt zu Pferden komme, werde ich sie†1 auch Inspektor nennen“ (d.h. so gewöhnt bin ich das Wort Inspektor vom Verkehr mit den Maultieren). Als ich darauf aufwachte fiel mir erst auf, daß man ja Maultiere gar nicht „Inspektor“ nennt.
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Ramseys Geist war mir sehr zuwider. Als ich vor 15 Monaten nach Cambridge kam da glaubte ich, ich würde nicht mit ihm verkehren können denn ich hatte ihn von unserer letzten Begegnung vor etwa 4 Jahren bei[7] Keynes in Sussex in so schlechter Erinnerung. Keynes dem ich dies sagte sagte mir aber er glaube ich sollte sehr wohl mit ihm reden können & nicht blos über Logik. Und ich fand Keynes’s Meinung bestätigt. Denn ich
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konnte mich über manches ganz gut mit R. verständigen. Aber auf die Dauer ging es doch nicht wirklich gut. Die Unfähigkeit R’s zu wirklichem Enthusiasmus oder zu wirklicher Verehrung was das selbe ist widerte mich endlich mehr & mehr an. Andererseits hatte ich eine gewisse Scheu vor R.. Er war ein sehr rascher & geschickter Kritiker wenn man ihm Ideen vorlegte. Aber seine Kritik half nicht weiter sondern hielt auf & ernüchterte. Der kurze Zeitraum wie Schopenhauer ihn nennt zwischen den beiden langen[8] in denen eine Wahrheit den Menschen, zuerst paradox, & dann trivial erscheint war bei R. zu einem Punkt geworden. Und so plagte man sich zuerst lange vergebens ihm etwas klar zu machen bis er plötzlich die Achsel darüber zuckte & sagte es sei ja selbstverständlich. Dabei war er aber nicht unaufrichtig. Er hatte einen häßlichen Geist. Aber keine häßliche Seele. Er genoß Musik wirklich & mit Verständnis. Und man sah ihm an welche Wirkung sie auf ihn ausübte. Von dem letzten Satz eines der letzten Beethovenschen Quartette den er mehr als vielleicht alles andere liebte sagte er mir er fühle dabei die Himmel seien offen. Und das bedeutete etwas wenn er es sagte.†1
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[9] Freud irrt sich gewiss sehr oft & was seinen Charakter betrifft so ist er wohl ein Schwein oder etwas ähnliches aber an dem was er sagt ist ungeheuer viel. Und dasselbe ist von mir wahr. There is a lot in what I say.
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Ich trödle gerne. Vielleicht jetzt nicht mehr so sehr wie in früherer Zeit.
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28. Ich denke oft das Höchste was ich erreichen möchte wäre eine Melodie zu komponieren. Oder es wundert mich daß mir bei dem Verlangen danach nie eine eingefallen ist. Dann aber muß ich mir sagen daß es wol unmöglich ist daß mir je eine einfallen wird, weil mir dazu eben etwas wesentliches oder das Wesentliche fehlt. Darum[10] schwebt es mir ja als ein so hohes Ideal vor weil ich dann mein Leben quasi zusammenfassen könnte; und es krystallisiert hinstellen könnte. Und wenn es auch nur ein kleines schäbiges Krystall wäre, aber doch eins.
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29.
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Mir ist nur dann wohl wenn ich, in einem gewissen Sinn, begeistert bin. Und dann habe ich wieder Angst vor dem Zusammenbruch dieser Begeisterung.
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Heute zeigte mir Mrs. Moore eine dumme Kritik einer Aufführung der 4ten Symphonie von Bruckner wo der Kritiker über Bruckner schimpft & auch von Brahms & Wagner respectlos redet. Es machte mir zuerst keinen Eindruck da es das Natürliche ist daß alles[11] – großes & kleines – von Hunden angebellt wird. Dann schmerzte es mich doch. In gewissem Sinne fühle ich mich berührt (seltsamerweise) wenn ich denke daß der Geist nie verstanden wird.
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30. Unfruchtbar & träg. Zu dem Gestrigen: Ich denke mir dann immer: haben diese Großen dazu so unerhört viel gelitten, daß heute ein Arschgesicht kommt & seine Meinung über sie abgibt. Dieser Gedanke erfüllt mich oft mit einer Art von Hoffnungslosigkeit. – Gestern saß ich eine Zeit lang im Garten von Trinity & da dachte ich merkwürdig wie die gute körperliche Entwicklung aller dieser Leute mit völliger Geistlosigkeit zusammengeht (Ich meine nicht

Verstand[12]losigkeit) Und wie andererseits ein Thema, von Brahms voll von Kraft, Grazie, & Schwung ist & er selbst einen Bauch hatte. Dagegen hat der Geist der Heutigen keine Sprungfedern unter den Füßen.
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Ich möchte den ganzen Tag nur essen & schlafen. Es ist als wäre mein Geist müde. Aber wovon? Ich habe in allen diesen Tagen nichts wirkliches gearbeitet. Fühle mich blöd & feig.
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1.5. Bis mir etwas klar ist†1 dauert es außerordentlich lang. – Das ist wahr auf den verschiedensten Gebieten. Mein Verhältnis zu den anderen Menschen z.B. wird mir immer erst nach langer Zeit klar. Es ist als brauchte es kolossal lang bis sich der große Nebelballen ver[13]zieht & der Gegenstand selbst sichtbar wird. Während dieser Zeit aber bin ich mir meiner Unklarheit nicht einmal ganz klar bewußt. Und auf einmal sehe ich dann wie die Sache wirklich ist oder war. Darum bin†2 ich wohl überall unbrauchbar
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wo halbwegs schnelle Entscheidungen zu treffen sind. Ich bin sozusagen einige Zeit verblendet & erst dann fallen mir die Schuppen von den Augen.
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2.5 In meinen Vorlesungen trachte ich oft die Gunst meiner Zuhörer durch eine etwas komische Wendung zu gewinnen; sie zu unterhalten damit sie mir willig Gehör schenken. Das ist gewiß etwas Schlechtes.
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Ich leide oft unter dem[14] Gedanken wie sehr der Erfolg oder der Wert dessen was ich tue von meiner Disposition abhängt. Mehr als bei einem Conzertsänger. Nichts ist gleichsam in mir aufgespeichert; beinahe Alles muß im Moment produziert werden. Das ist – glaube ich – eine sehr ungewöhnliche Art der Tätigkeit oder des Lebens.
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Da ich sehr schwach bin, bin ich ungemein abhängig von der Meinung Anderer. Wenigstens im Moment des Handelns. Es sei denn daß ich lange Zeit habe mich zu terfangen.
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Ein gutes Wort das mir jemand sagt oder ein freundliches Lächeln wirken lange angenehm ermunternd & versichernd auf mich nach & ein unangenehmes d.h.[15] unfreundliches Wort ebenso lange bedrückend.
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Am wohltätigsten ist dann das Alleinsein in meinem Zimmer dort stelle ich das Gleichgewicht wieder her. Zum mindesten das geistige wenn auch die Nerven den Eindruck noch behalten.
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Der Beste Zustand bei mir ist der der Begeisterung weil der die lächerlichen Gedanken wenigstens teilweise aufzehrt & unschädlich macht.
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Alles oder beinahe alles was ich tue auch diese Eintragungen sind von Eitelkeit gefärbt & das beste was ich tun kann ist gleichsam die Eitelkeit abzutrennen, zu isolieren & trotz ihr das Richtige zu tun obwohl sie immer zuschaut. Verjagen kann ich sie nicht. Nur manchmal[16] ist sie nicht anwesend.
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Ich liebe die Marguerite sehr & habe große Angst sie möchte nicht gesund sein da ich schon über eine Woche keinen Brief von ihr habe. Ich denke wenn ich allein bin wieder & wieder an sie aber auch sonst. Wäre ich anständiger so wäre auch meine Liebe zu ihr anständiger. Und dabei liebe ich
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sie jetzt so innig als ich kann. An Innigkeit fehlt es mir vielleicht auch nicht. Aber an Anständigkeit.
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6.5. Lese Spengler Untergang etc. & finde trotz des vielen Unverantwortlichen im Einzelnen, viele wirkliche, bedeutende Gedanken. Vieles, vielleicht das Meiste be[17]rührt sich ganz mit dem was ich selbst oft gedacht habe. Die Möglichkeit einer Mehrzahl abgeschlossener Systeme welche wenn man sie einmal hat ausschauen als sei das eine die Fortsetzung des Anderen.
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Und das hängt alles auch mit dem Gedanken zusammen, daß wir gar nicht wissen (bedenken) wieviel dem Menschen genommen – oder auch gegeben – werden kann.
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Neulich las ich zufällig in den Budenbrooks vom Typhus & wie Hanno B. in seiner letzten Krankheit

niemand mehr erkannte außer einem Freund. Und da fiel mir auf daß man das gemeinhin als selbstverständlich ansieht & denkt,[18] natürlich, wenn das Gehirn einmal so zerrüttet ist so ist das nur natürlich. Aber in Wirklichkeit ist es zwar nicht das Gewöhnliche daß wir Menschen sehen & sie nicht erkennen aber das was wir „Erkennen“ nennen ist nur eine spezielle Fähigkeit die uns sehr wohl abhanden kommen könnte ohne daß wir als minderwertig zu betrachten wären. Ich meine: Es erscheint uns als selbstverständlich daß wir Menschen „erkennen“ & als totale Zerrüttung wenn jemand sie nicht erkennt. Aber es kann dieser Stein sehr wohl in dem Gebäude fehlen & von Zerrüttung nicht die Rede sein. (Dieser Gedanke ist wieder mit den Freud’schen nahe[19] verwant, mit dem, über die Fehlleistungen)
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D.h. wir halten alles was wir haben für selbstverständlich & wissen gar nicht daß wir complett sein können auch ohne dem & dem was wir gar nicht als besondere Fähigkeit erkennen weil es uns zur Vollständigkeit unseres Verstandes zu gehören scheint.
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Es ist schade daß Spengler nicht bei seinen Guten Gedanken geblieben ist & weiter gegangen ist als er verantworten kann. Allerdings wäre durch die größere Reinlichkeit sein Gedanke schwerer zu verstehen gewesen aber auch dadurch erst wirklich nachhaltig wirksam. So ist der Gedanke daß die[20] Streichinstrumente zwischen 15–1600 ihre Endgültige Gestalt angenommen
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haben von ungeheurer Tragweite (& Symbolik). Nur sehen die meisten Menschen wenn man ihnen so einen Gedanken ohne viel drumherum gibt nichts in ihm. Es ist wie wenn einer glaubte daß ein Mensch sich immer unbegrenzt weiter entwickelt & man sagte ihm: schau, die Kopfnähte eines Kindes schließen sich mit ... Jahren & das zeigt dir schon daß die Entwicklung überall zu einem Ende kommt was sich da entwickelt ein geschlossenes Ganzes ist das einmal vollständig da sein wird & nicht eine Wurst die beliebig lang weiterlaufen kann.
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[21] Als ich vor 16 Jahren den Gedanken hatte, daß das Gesetz der Kausalität an sich bedeutungslos sei & es eine Betrachtung der Welt gibt die es nicht im Auge hat da hatte ich das Gefühl vom Anbrechen einer Neuen Epoche.
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In einer Beziehung muß ich ein sehr moderner Mensch sein weil das Kino so außerordentlich wohltätig auf mich wirkt. Ich kann mir kein Ausruhen des Geistes denken was mir adäquater wäre als ein amerikanischer Film. Was ich sehe & die Musik geben mir eine seelige Empfindung vielleicht†1 in einem infantilen Sinne aber darum natürlich nicht weniger stark. Überhaupt ist wie ich oft gedacht & gesagt habe[22] der Film etwas sehr Ähnliches wie der Traum & die Freudschen Gedanken†2 lassen sich unmittelbar auf ihn anwenden
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Eine Entdeckung ist weder groß noch klein; es kommt darauf an was sie uns bedeutet.
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Wir sehen in der Kopernicanischen Entdeckung etwas Großes – weil wir wissen daß sie ihrer Zeit etwas Großes bedeutete & vielleicht auch weil noch ein Ausklang dieser Bedeutung zu uns herüber kommt – & nun schließen wir per analogiam daß die Entdeckungen Einsteins etc. zum mindesten etwas ebenso Großes sind. Aber sie sind – wenn auch von noch so großem praktischem Wert, vielseitigem Inter[23]esse etc – doch nur so
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groß als sie bedeutend (symbolisch) sind. Es verhält sich damit natürlich wie – z.B. – mit dem Heldentum. Eine Waffentat früherer Zeiten wird – mit Recht – als Heldentat gerühmt. Aber es ist ganz wohl möglich daß eine ebenso schwierige oder noch schwierigere Waffentat heute eine reine Sportsache ist und zu Unrecht den Namen Heldentat erhält. Die Schwierigkeit, die praktische Bedeutung alles das kann man, gleichsam, von außen beurteilen; die Größe das Heldentum wird von der Bedeutung bestimmt die die Handlung hat. Von dem Pathos das mit der Handlungsweise verbunden ist.
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Weil aber ein bestimmter Zeitabschnitt eine bestimmte Rasse ihr Patos mit ganz bestimmten Handlungsweisen verbindet so werden die Menschen irrege[24]führt & glauben, die Größe, die Bedeutung liege notwendig in jener Handlungsweise. Und dieser Glaube wird immer erst dann ad absurdum geführt, wenn durch einen Umschwung eine umwertung der Werte eintritt d.h. das wahre Pathos nun sich auf andere Handlungsweise legt. Dann bleiben – wahrscheinlich immer – die alten jetzt wertlosen Scheine noch einige Zeit im Umlauf & werden von nicht ganz ehrlichen Leuten für das Große & Bedeutende ausgegeben, bis man die neue Einsicht wieder trivial findet & sagt „natürlich gelten diese alten Scheine nichts“.
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Das Trinken, zu einer Zeit symbolisch ist zu einer anderen Zeit Suff.
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D.h. der Nymbus, nämlich der echte[25] Nymbus haftet nicht an der äußern Tatsache d.h. nicht an der Tatsache.
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Beim Lehren der Philosophie kann man oft sagen „Spitzbuben selbst, die uns zu Schelmen machen!“
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8. Ich habe nie einen Streich gemacht & werde wohl nie einen machen. Es ist meiner Natur nicht gemäß. (Ich halte das, wie alles Natürliche weder für einen Fehler noch einen Vorzug)
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9 Ich bin sehr verliebt in die R. freilich schon seit langem aber jetzt besonders stark. Dabei weiß ich aber daß die Sache aller Wahrscheinlichkeit nach hoffnungslos ist. D.h. ich muß gefaßt sein, daß sie jeden Moment
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sich[26] verloben & heiraten kann. Und ich weiß daß das sehr schmerzlich für mich sein wird. Ich weiß also daß ich mich nicht mit meinem ganzen Gewicht an diesen Strick hängen soll weil ich weiß daß er einmal nachgeben wird. Das heißt ich soll mit beiden Füßen auf dem festen Boden stehen bleiben & den Strick nur halten, aber nicht mich an ihn hängen. Aber das ist schwer. Es ist schwer so uneigennutzig zu lieben daß man die Liebe hält & von ihr nicht gehalten werden will. – Es ist schwer die Liebe so zu halten daß man, wenn es schief geht sie nicht als ein verlorenes Spiel ansehen muß sondern sagen kann: darauf war ich vorbereitet & es ist auch so in Ordnung. Man könnte sagen „wenn Du Dich nicht aufs Pferd setzt Dich ihm also ganz anvertraust so[27] kannst Du freilich nie abgeworfen werden aber auch nie hoffen je zu reiten. Und man kann darauf nur sagen: Du mußt Dich dem Pferd ganz widmen & doch gefaßt sein daß Du jederzeit abgeworfen werden kannst.
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Man glaubt oft – und ich selber verfalle oft in diesen Fehler – daß alles aufgeschrieben werden kann was man denkt. In Wirklichkeit kann man nur das aufschreiben – d.h. ohne etwas blödes & unpassendes zu tun – was in der Schreibform in uns entsteht. Alles andere wirkt komisch & gleichsam wie Dreck†1. D.h. etwas was weggewischt gehörte.
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Vischer sagte „eine Rede ist keine Schreibe“ und eine Denke ist schon erst recht keine.
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[28]
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(Ich bin immer froh eine neue Seite anfangen zu können.)

Ich denke: Werde ich die R. je wieder in den Armen halten & küssen können? Und muß auch darauf gefaßt sein & mich damit aussöhnen können daß es nicht geschehen wird.
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Stil ist der Ausdruck einer allgemein menschlichen Notwendigkeit. Das gilt vom Schreibstil wie vom Baustil (und jedem anderen).
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Stil ist die allgemeine Notwendigkeit sub specie eterni gesehen.
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Gretl machte einmal über Klara Schumann eine sehr gute Bemerkung: wir sprachen darüber daß es ihr – wie es uns scheint – an irgend etwas Menschlichem gefehlt haben muß, über ihre Prüderie etc. Da sagte Gretl[29] „sie war eben nicht was die Ebner Eschenbach war“ und das sagt alles.
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Loos, Spengler, Freud & ich gehören alle in dieselbe Klasse die für diese Zeit charakteristisch ist.
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12. Ich habe immer Angst vor meinen Vorlesungen obwohl es bis jetzt immer ziemlich gut gegangen ist. Diese Angst besitzt mich dann wie eine Krankheit. Es ist übrigens nichts anderes als Prüfungsangst.
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Die Vorlesung war mäßig. Ich bin eben schon müde. Keiner meiner Hörer ahnt wie mein Gehirn arbeiten muß um das zu leisten, was es leistet. Wenn meine Leistung nicht erstklassig ist, so ist sie doch das Äußerste was ich leisten kann.
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16. [30] Ich glaube es gehört heute Heroismus dazu die Dinge nicht als Symbole im Krausschen Sinn zu sehen. Das heißt sich freizumachen von einer Symbolik, die zur Routine werden kann. Das heißt freilich nicht versuchen sie

wieder flach zu sehen sondern die Wolken des, sozusagen, billigen Symbolismus in einer höheren Sphäre wieder zu verdampfen (so daß die Luft wieder durchsichtig wird)
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Es ist schwer sich diesem Symbolismus heute nicht hinzugeben.
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Mein Buch die log.phil. Abhandlung enthält neben gutem & echtem auch Kitsch d.h. Stellen mit denen ich Lücken ausgefüllt habe und sozu[31]sagen in meinem eigenen Stil. Wie viel von dem Buch solche Stellen sind weiß ich nicht & es ist schwer es jetzt gerecht zu schätzen.
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Ein Mann mit mehr Talent als ich ist ist es leicht mehr Talent zu haben als ich.
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der, der dann†1

wacht, wenn†2

26.5. ich schlafe. Und ich schlafe viel, darum

2.10.
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In Cambridge angekommen. Fuhr von Wien am 26ten ab & zu Tante Clara in Thumersbach & wenn es auch nicht so rein herrlich dort bei ihr war wie sonst in Laxenburg so war es doch schön & ich schied mit guten Gefühlen. Am 27ten abend kam ich in Gottlieben an & da war es erst gespannt da so viel[32] unaufgeklärtes in der Luft lag & wir saßen im Auto in dem sie mich abholte & beim Abendessen still oder von gleichgültigen Dingen redend. Und stockend, oder gezwungen fließend wie man es tut wenn eigentlich schwere Sachen im Innern drücken. Nach dem Nachtmal fing ich an über ihren letzten Brief zu reden. Ich sagte daß mir ein gewisser Ton von Triumph an ihm als unrichtig aufgefallen sei. Daß sie wenn alles in Ordnung wäre nicht in triumphalem Ton geschrieben hätte weil sie dann auch die Schwierigkeiten gesehen hätte & das Angenehme als eine Gnade des Himmels angenommen hätte. Ich bat sie so bald als möglich nach[33] Wien zu kommen & dort zu arbeiten. Erst als wir (besonders ich) schon ziemlich viel geredet hatten sah ich daß sie sehr unglücklich sei. Im Grunde war der Gedanke an das Heiraten in ihr obenauf. Das schien für sie doch die einzige wirkliche Lösung. Das brauche sie & sonst nichts. Ich bat sie Geduld zu haben. es werde sich das Richtige – ihr angemessene – für sie finden. Sie solle jetzt vor allem einmal wieder anständig arbeiten & das weitere abwarten. Erst bei einer anständigen Arbeit werde ihr alles klarer & leichter erträglich werden. – Sie war bei diesem Gespräch wieder recht fremd gegen mich wich meinen Küssen eher aus &[34] sah oft geradezu finster drein & blickte dabei zur Seite was ich an ihr nie gesehen hatte & mich gleichsam erschreckte. Sie schien kalt gegen mich, bitter, & unglücklich & beinahe abweisend. Am nächsten Morgen war es etwas besser. Wir gingen spazieren & plauderten einiges & sie war zugänglicher & herzlicher. Sie war jetzt entschieden dafür nach Wien zu gehen & schien im Allgemeinen ruhiger. Am Abend aber nach einem weiteren ernsten Gespräch fing sie an zu weinen. Ich hielt sie in meinen Armen & sie weinte an meiner Schulter. Es war aber ein gutes Weinen & sie war darauf weicher & etwas erleichtert. Am nächsten Morgen entschied ich mich noch einen Tag zu bleiben[35] gegen meinen ursprünglichen Plan. Ich hatte das Gefühl es werde für sie (& überhaupt) gut sein Auch sie war – glaube ich – froh darüber. Am Nachmittag gingen wir nach Konstanz um ein Paket mit zwei Sweatern aufzugeben die sie für Talla gestrickt hatte. Ich mußte eine
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gewisse Eifersucht oder doch ein ähnliches Gefühl unterdrücken. War es deshalb oder vielleicht eine Reaktion auf die früheren Aufregungen (denn alles war ungeheuer anstrengend für mich) ich fühlte eine lebhafte Verstimmung auf dem Nachhauseweg & es kam mir immer etwas zum Weinen. Ich bat M. vorauszugehen & kam später nach. Es erleichterte mich allein sein zu können. Zuhause hatte[36] ich noch immer Herzklopfen & zog mich in mein Zimmer zurück wo ich mich etwas elend fühlte. Dann kam ich, noch immer aufgeregt zu M. in den Salon wo wir gewöhnlich beisammen saßen. Sie war über meinen Zustand etwas bestürzt (ängstlich) aber er wurde bald besser vielleicht auch weil ich ihre Teilnahme fühlte. Am Abend dieses Tages war unser Verhältnis so gut & innig wie in früheren Tagen. Ich hielt sie in den Armen & wir küßten uns lange & ich war froh geblieben zu sein. Am nächsten Tag aber kam ein Brief von Talla & der erzeugte einen Umschwung, oder Rückschlag in der Stimmung. Am Nachmittag[37] ruderte ich sie auf den Rhein zu einer kleinen Insel wo viel Schilf wächst wie dort überall & ruderte ins Schilf hinein was ich sehr liebe. Und dort saßen wir im Boot & redeten lange über unser Verhältnis zu einander. Sie sagte wie wenig ich ihr bedeute wenn ich abwesend sei. Und daß sie überhaupt ihr Verhältnis zu mir nicht begriffe. Daß sie sich z.B. von mir küssen lasse & mich küsse, wovor sie bei jedem anderen zurückscheuen würde, & nicht versteht warum sie es bei mir kann. Ich erklärte ihr manches so gut ich konnte. Wir fuhren mit einander nach Basel wo sie zu tun hat & mit mir am Bahnhof wartete bis mein Zug nach[38] Boulogne abging. Während dieser Fahrt nach Basel nun verschlechterte sich ihre Stimmung immer mehr. Sie wurde wieder finster & traurig. Ob durch den Inhalt von Tallas

Brief oder nur dadurch daß er überhaupt gekommen war & sie an ihre vergeblichen Wünsche mahnte, weiß ich nicht. Ich hielt ununterbrochen ihre Hand & sprach von Zeit zu Zeit in sie ein nur um ihr – wenn auch†1 unbewußt – eine geringe Stütze zu geben. Beim letzten Abschied küssten wir uns aber ich fuhr mit schwerem Herzen fort & mit dem Gefühl sie in keinem guten Zustand zurückzulassen. Ich kam gestern nachmittag in London an & fuhr gleich zu Murakami dessen[39] gute & herzliche Art mir half. Dann brachte ich den Abend mit Gilbert zu
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& wir waren eigentlich lustig wenn mich auch mein schweres Gefühl nie verließ wie es natürlich ist. Heute vormittag schrieb ich einen langen Brief an Gretl worin ich so gut ich konnte das Ergebnis meines Aufenthalts bei M. & den Aufenthalt selbst beschrieb. Dann nach Cambridge wo ich bei Lettice wohne die sehr freundlich & gut mit mir ist. Ich erzählte ihr von Marguerite & unseren Schwierigkeiten. – Ich bin mir über die Bedeutung aller meiner Erlebnisse mit M. sehr im Unklaren. Ich weiß nicht wohin das führen soll, noch was ich tun soll um es in der besten Weise zu beeinflussen und auch mein Egoismus spielt[40] in meine Gedanken hinein & verwirrt vielleicht alles am meisten obwohl ich das nicht klar sehe.
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3. An M. geschrieben. Ich halte ihr – in Gedanken – die Hand, wie ich es auf der Fahrt nach Basel tat, obwohl ich wußte daß sie nicht an mich dachte, nur damit sie unbewußt eine Stütze oder Hilfe hat. Oder sich vielleicht einmal mit guten Gefühlen daran erinnert.
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4. Bin traurig in dem Gedanken M. nicht helfen zu können. Ich bin sehr schwach & wetterwendisch. Wenn ich stark bleibe d G.H. werde ich ihr vielleicht dadurch helfen können. – Es ist möglich, daß, was sie braucht, vor allem ein starker & fester Pflock ist der stehen[41] bleibt, wie sie auch flattert. Ob ich die Kraft dazu haben werde? Und die nötige Treue? Möge mir Gott das Nötige geben.
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Ich sollte mich nicht wundern wenn die Musik der Zukunft einstimmig wäre. Oder ist das nur, weil ich mir mehrere Stimmen nicht klar vorstellen kann? Jedenfalls kann ich mir nicht denken daß die alten großen Formen (Streichquartett, Symphonie, Oratorium etc) irgend eine Rolle werden spielen können. Wenn etwas kommt so wird es – glaube ich – einfach sein müssen, durchsichtig.
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In gewissem Sinne nackt.
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Oder wird das nur für eine gewisse Rasse, nur für eine Art der Musik gelten?
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7.10. [42] Suche nach Wohnung & fühle mich elend & unruhig. Unfähig mich zu sammeln. Habe keinen Brief von M. bekommen & auch das beunruhigt mich. Schrecklich daß es keine Möglichkeit gibt ihr zu helfen oder daß ich
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doch nicht weiß wie ihr zu helfen ist.†1 Ich weiß nicht welches Wort von mir ihr gut tun würde oder ob es das Beste für sie wäre nichts von mir zu hören. Welches Wort wird sie nicht mißverstehen? Auf welches wird sie hören? Man kann beinahe immer auf beide Arten antworten & muß es endlich Gott überlassen.
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Ich habe manchmal über mein seltsames Verhältnis zu Moore nachgedacht. Ich achte ihn hoch[43] & habe eine gewisse nicht geringe Zuneigung zu ihm. Er dagegen? Er schätzt meinen Verstand, mein philosophisches Talent hoch, d.h. er glaubt daß ich sehr gescheidt bin aber seine Zuneigung zu mir ist wahrscheinlich recht gering. Und ich konstruiere dies mehr als ich es fühle, denn er ist freundlich zu mir, wie zu jedem & wenn er hierin mit verschiedenen Leuten verschieden ist so merke ich doch den Unterschied nicht weil ich gerade diese Nuance nicht verstehe. Ich bin aktiv oder aggressiv er aber passiv & darum merke ich während unseres Verkehrs gar nicht wie fremd ich ihm bin. Ich erinnere mich darin an meine Schwester Helene der es mit Menschen geradeso geht. Es kommt dann die peinliche[44] Situation heraus daß man fühlt man habe sich den Menschen aufgedrängt ohne daß man es wollte oder wußte. Plötzlich kommt man darauf daß man mit ihnen nicht so steht wie man annahm weil sie die Gefühle nicht erwidern die man ihnen entgegenträgt†2; man hat es aber nicht bemerkt da die Verschiedenheit der Rollen in diesem Verkehr auf jeden Fall so groß ist daß sich dahinter Nuancen von Zuneigung & Abneigung leicht verstecken können. Ich fragte Moore heute, ob er sich freue wenn ich zu ihm regelmäßig (wie im vorigen Jahr) komme & sagte ich werde nicht gekränkt sein wie immer die Antwort ausfalle. Er sagte es sei ihm selbst nicht klar & ich: er solle sich’s überlegen & mir mitteilen; was er versprach. Ich sagte[45] ich könne nicht versprechen daß mich die Antwort nicht traurig machen, wohl aber daß sie mich nicht kränken werde. – Und ich glaube daß es Gottes

Wille mit mir ist, daß ich das hören & es tragen soll.
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Immer wieder glaube ich daß ich eine Art†1 Peter Schlemihl bin, oder sein soll & wenn dieser Name soviel wie Pechvogel heißt, so bedeutet das, daß er durch das äußere Unglück glücklich werden soll.†2
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8.10. In der neuen Wohnung, sie paßt mir noch nicht, wie ein neuer Anzug. Ich fühle mich kalt & ungemütlich. Schreibe das nur um etwas zu schreiben & mit mir selbst zu reden. Ich könnte sagen: jetzt bin ich endlich mit[46] mir allein & muß nach & nach mit mir ins Gespräch kommen.
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In der großstädtischen Zivilisation†3 kann sich der Geist nur in einen Winkel drücken. Dabei ist er aber nicht etwa atavistisch & überflüssig sondern er schwebt über der Asche der Kultur als (ewiger) Zeuge – – quasi als Rächer der Gottheit.†4
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Als erwarte er eine†5 neue Verkörperung (in einer neuen Kultur)
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Wie müßte der große Satiriker dieser Zeit ausschauen?
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Es ist 3 Wochen seit ich an Philosophie gedacht habe aber jeder Gedanke an sie ist mir so fremd als hätte ich durch Jahre nichts solches[47] mehr gedacht. Ich will in meiner ersten Vorlesung über die spezifischen Schwierigkeiten der Philosophie sprechen & habe das Gefühl: wie kann ich darüber etwas sagen, ich kenne sie ja gar nicht mehr.
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9. Obwohl ich bei recht freundlichen Leuten bin (oder gerade deshalb?) fühle ich mich andauernd gestört – obwohl sie mich nicht tätlich stören – & kann nicht zu mir kommen. Das ist ein scheußlicher Zustand. Jedes Wort das ich sie sprechen höre stört mich. Ich fühle mich umgeben & verhindert zum Arbeiten†6 zu kommen.
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Ich fühle mich in meinem Zimmer nicht allein sondern exiliert.
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16. [48] Fühle mich im allgemeinen etwas besser. Für mich arbeiten kann ich noch nicht, & das macht zum Teil der Zwiespalt in mir der englischen & deutschen Ausdrucksweise. Ich kann nur dann wirklich arbeiten, wenn ich mich andauernd deutsch mit mir unterhalten kann. Nun muß ich aber für meine Vorlesungen die Sachen englisch zusammenstellen & so bin ich in meinem deutschen Denken gestört; wenigstens bis sich ein Friedenszustand zwischen den beiden gebildet hat & das dauert einige Zeit, vielleicht sehr lang.
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Ich bin im Stande es mir in allen Lagen einzurichten. Wenn ich in eine neue Wohnung komme unter andere Umstände so trachte ich mir so[49]bald als möglich eine Technik zurechtzulegen um die verschiedenen Unbequemlichkeiten zu ertragen & Reibungen zu vermeiden: Ich richte es mir in den gegebenen Umständen ein. Und so richte ich es mir nach & nach auch mit dem Denken ein nur daß das nicht einfach durch einen gewissen Grad von Selbstüberwindung & Verstand†1 geht. Sondern es muß sich von selbst herausbilden & zurechtlegen. Wie man endlich doch in dieser gezwungenen Lage einschläft. Und arbeiten können ähnelt in so vieler Beziehung dem einschlafen können. Wenn man an Freuds Definition des Schlafs denkt so könnte man sagen daß es sich in beiden Dingen um eine Truppenverschiebung des Interesses handelt. (Im einen Fall um ein bloßes[50] Abziehen im andern um ein Abziehen, & Conzentrieren an einer Stelle)
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Moore hat meine Frage später dahin†2 beantwortet, daß er mich zwar nicht eigentlich gern habe, daß mein Umgang ihm aber so gut tut daß er glaubt ihn fortsetzen zu sollen. Das ist ein eigentümlicher Fall.
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Ich werde überhaupt mehr geachtet als geliebt. (Und das erstere natürlich nicht mit recht) während einiger Grund bestünde mich gern zu haben.
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Ich glaube daß mein Denkapparat außergewöhnlich kompliziert & fein gebaut ist & darum mehr als gewöhn[51]lich empfindlich. Vieles stört ihn, setzt ihn außer Aktion was einen gröberen Mechanismus nicht stört. Wie ein Stäubchen ein feines Instrument zum Stillstand bringen kann aber ein gröberes nicht beeinflußt
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Es ist merkwürdig, seltsam, wie sehr es mich beglückt wieder irgend etwas über Logik schreiben zu können obwohl meine Bemerkung gar nicht besonders inspiriert ist. Aber das bloße mit ihr allein beisammen sein zu können gibt mir das Glücksgefühl. Wieder geborgen, wieder zu Hause, wieder in der Wärme sein zu können ist es wonach mein Herz sich sehnt & was ihm so wohl tut.
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18. Die Manier im Schreiben ist eine Art Maske hinter der das Herz seine Gesichter schneidet wie es will.
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[52]
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Echte Bescheidenheit ist eine religiöse Angelegenheit.

19. Wenn man mit Leuten redet die einen nicht wirklich verstehen, fühlt man immer das man has made a fool of oneself†1, wenigstens ich. Und das geschieht mir hier immer wieder. Man hat die Wahl zwischen völliger Fremdheit & dieser unangenehmen Erfahrung. Und ich könnte ja sagen: Ich habe doch den einen oder den anderen Menschen auch hier mit denen ich reden kann ohne in diese Gefahr zu kommen; & warum ziehe ich mich von den anderen nicht ganz zurück? Aber das ist schwer & mir unnatürlich. Die Schwierigkeit ist mit einem Menschen freundlich zu sprechen ohne Punkte[53] zu berühren in denen man sich nicht verstehen kann. Ernst zu sprechen & so daß keine unwesentliche Sache die zu Mißverständnissen führen muß berührt wird. Es ist mir beinahe unmöglich.
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22. Unsere Zeit ist wirklich eine Zeit der Umwertung aller Werte. (Die Prozession der Menschheit biegt um eine Ecke & was früher die Richtung nach oben war ist jetzt die Richtung nach unten etc.) Hat Nietzsche das
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im Sinne gehabt was jetzt geschieht & besteht sein Verdienst darin es vorausgeahnt & ein Wort dafür gefunden zu haben?
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Es gibt auch in der Kunst Menschen die glauben ihr ewiges Leben durch gute Werke erzwingen zu können & solche die sich der[54] Gnade in die Arme werfen.
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Wenn mir etwas fehlt etwa eine Halsentzündung wie heute so werde ich gleich sehr ängstlich, denke, was wird werden wenn es schlimmer wird & ich einen Doktor brauche & die Doktoren hier sind nichts wert & ich muß vielleicht auf lange meine Vorlesungen einstellen etc – als ob der liebe Gott mit mir einen Kontrakt abgeschlossen hätte daß er mich ungestört hier läßt. Wenn ich solche Angst bei Anderen sehe, so sage ich „das muß man eben hinnehmen“; es fällt mir aber selbst sehr schwer mich auf’s Hinnehmen einzustellen statt auf’s Genießen.
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Man sieht gerne den Helden im Anderen als Schauspiel (das uns geboten wird) aber selbst einer zu sein auch nur[55] im Geringsten schmeckt anders.
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Im durchscheinenden Licht hat das Heldentum eine andere Farbe als im auffallenden. (schlecht)
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Der Unterschied ist eher der zwischen einer gesehenen & einer gegessenen Speise. Weil hier das Erlebnis wirklich ein gänzlich anderes ist.
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1.11. Was mich im Schlafen stört stört mich auch im Arbeiten. Pfeifen & Sprechen aber nicht das Geräusch von Maschinen oder doch viel weniger.
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9. Patriotismus ist die Liebe zu einer Idee.
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16. Der Schlaf & die geistige Arbeit entsprechen einander in vieler Beziehung. Offenbar dadurch daß beide ein

Ab[56]ziehen der Aufmerksamkeit von gewissen Dingen enthalten.
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26, Ein Wesen, das mit Gott in Verbindung steht, ist stark
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16.1.31.
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Es ist in meinem Leben eine Tendenz dieses Leben zu basieren auf der Tatsache daß ich viel gescheiter bin als die Anderen†1 Wenn aber diese Annahme zusammenzubrechen droht wenn ich sehe um wie wenig gescheiter ich bin als andere Menschen dann werde ich erst gewahr wie falsch diese Grundlage überhaupt ist auch wenn die Annahme richtig ist oder wäre. Wenn ich mir sage: ich muß mir erst[57] einmal vorstellen daß alle anderen Menschen ebenso gescheit sind wie ich – womit ich mich gleichsam des Vorteils der Geburt, des ererbten Reichtums begebe. – und dann wollen wir sehen wie weit ich durch die Güte allein komme, wenn ich mir dies sage so werde ich mir meiner Kleinheit bewußt.
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Oder soll ich so sagen: Wieviel von dem was ich geneigt bin an mir für das Abzeichen eines Charakters zu halten ist blos das Resultat eines schäbigen Talents!
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Es ist beinahe ähnlich als sähe man sich die Tapferkeits[58]medaillen an seinem Kriegsrock an & sagte sich: „ich bin doch ein ganzer Kerl“ Bis man dieselben Medaillen an vielen Leuten bemerkt & sich sagen muß daß sie gar nicht der Lohn der Tapferkeit waren sondern die Anerkennung eines bestimmten Geschicks.
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Immer wieder, wo ich mich gern als Meister fühlen möchte, komme ich mir wie ein Schuljunge vor.
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Wie ein Schuljunge der geglaubt hat viel zu wissen & draufkommt daß er im Verhältnis zu Anderen gar nichts weiß.
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Samstag 17. Es fällt mir schwer zu[59] arbeiten d.h. meine Vorlesung vorzubereiten – obwohl es höchste Zeit ist – weil meine Gedanken bei meinem Verhältnis zur Marguerite sind. Einem Verhältnis bei dem ich beinahe nur aus dem was ich gebe Befriedigung schöpfen kann. Ich muß Gott bitten daß er mich arbeiten läßt.
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27.
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Die Musik der vergangenen†1 Zeiten entspricht immer gewissen Maximen des guten & rechten der selben Zeit. So erkennen wir in Brahms die Grundsätze Kellers etc etc. Und darum muß gute†2 Musik die heute oder vor kurzem gefunden wurde, die also modern ist, absurd erscheinen, denn wenn sie irgend einer der heute ausgesprochenen Maximen[60] entspricht so muß sie Dreck sein. Dieser Satz ist nicht leicht verständlich aber es ist so: Das Rechte heute zu formulieren dazu ist so gut wie niemand gescheit genug & alle Formeln, Maximen die ausgesprochen werden sind Unsinn. Die Wahrheit würde allen Menschen ganz paradox klingen. Und der Komponist der sie in sich fühlt muß mit seinem Gefühl im Gegensatz stehen zu allem jetzt Ausgesprochenen & muß also nach den gegenwärtigen Maßstäben absurd, blödsinnig, erscheinen. Aber nicht anziehend absurd (denn das ist das was doch im Grunde der heutigen Auffassung entspricht) sondern nichtssagend. Labor ist dafür ein Beispiel dort wo er wirklich[61] bedeutendes geschaffen hat wie in einigen, wenigen, Stücken.
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Man könnte sich eine Welt denken in der die religiösen sich von den irreligiösen Menschen nur dadurch unterschieden daß jene den Blick beim Gehen gegen oben gerichtet hätten während diese gradaus sähen. Und hier ist das Hinaufschauen tatsächlich mit einer unserer religiösen Gesten verwandt, das ist aber nicht wesentlich & es könnten auch umgekehrt die religiösen Menschen gradaus sehen etc. Ich meine daß Religiosität in diesem Fall gar nicht durch Worte ausgedrückt erschiene & jene Gesten doch ebenso viel & so wenig sagten wie die Worte unserer religiösen Schriften.
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1.2. [62] Meine Schwester Gretl machte einmal eine ausgezeichnete Bemerkung über Clara Schumann Wir sprachen von einem Zug von Prüderie in ihrer Persönlichkeit & daß ihr irgend etwas fehle & Gretl sagte : „sie hat das nicht

was die Ebner Eschenbach hat“. Und das faßt alles zusammen.
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Kann man sagen: es fehlte ihr Genie? – Labor erzählte mir einmal sie habe in seiner Gegenwart einen Zweifel darüber geäußert daß ein Blinder das &
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das in der Musik könne. Ich weiß nicht mehr was es war. Labor war offenbar entrüstet darüber & sagte mir „er kann es aber doch“. Und ich dachte: wie charakteristisch[63] bei allem Takt den sie gehabt haben muß eine halb bedauernde halb geringschätzige Bemerkung über einen blinden Musiker zu machen. – Das ist schlechtes neunzehntes Jahrhundert, die Ebner Eschenbach hätte das nie getan.
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5. Wir sind in unserer Haut gefangen.
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7. Ich brauche außerordentlich viel Energie um meinen Unterricht geben zu können. Dies sehe ich, wenn ich im Geringsten schlaff bin & gleich unfähig mich für die Vorlesung vorzubereiten.
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Die drei Variationen vor dem Eintritt des Chors in der[64] 9ten Symphonie könnte man den Vorfrühling der Freude, ihren Frühling und ihren Sommer nennen.
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Wenn mein Name fortleben wird dann nur als der Terminus ad quem der großen abendländischen Philosophie. Gleichsam wie der Name dessen der die Alexandrinische Bibliothek verbrannt†1 hat.
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8. Ich neige etwas zur Sentimentalität. Und nur keine sentimentalen Beziehungen. – Auch nicht zur Sprache.
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Nichts scheint mir dem Gedächtnis eines Menschen für immer abträglicher als Selbstgerechtigkeit. Auch dann wenn sie im Gewand der Bescheidenheit auftritt.
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[65]
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Ich werde mit†2 steigendem Alter mehr & mehr logisch kurzsichtig. Meine Kraft zum Zusammensehen schwindet. Und mein Gedanke wird kurzatmiger.

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Die Aufgabe der Philosophie ist, den Geist über bedeutungslose Fragen zu
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beruhigen. Wer nicht zu solchen Fragen neigt der braucht die Philosophie nicht.
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9. Meine Gedanken sind so vergänglich, verflüchtigen sich so geschwind, wie Träume, die unmittelbar nach dem Erwachen aufgezeichnet werden müssen, wenn sie nicht gleich vergessen werden sollen.
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10 Der Mathematikprofessor Rothe[66] sagte mir einmal daß durch die Wirksamkeit Wagners Schumann um einen großen Teil seiner rechtmäßigen Wirkung gekommen sei. – Es ist viel wahres in diesem Gedanken.
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13. Lesen betäubt meine Seele.
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Brot & Spiele, aber auch Spiele in dem Sinn in dem die Mathematik ja auch die Physik ein Spiel ist. Es sind immer Spiele worauf ihr Geist aus ist in den Künsten, im Laboratorium wie auf dem Fußballplatz.
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14. Man kann den Magen an wenig Nahrung gewöhnen aber nicht den Körper; der leidet an der Unternahrung selbst wenn der Magen keinen Einspruch mehr erhebt, ja sogar schon[67] mehr Nahrung von sich weisen würde. Ähnlich nun geht es mit dem Ausdruck der Gemütsbewegung: Zuneigung, Dankbarkeit etc. Man kann diese Äußerungen künstlich eindämmen bis man vor dem was früher natürlich war zurückscheut aber der übrige seelische Organismus leidet durch die Unternährung.

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19. Jede mögliche kleinste & größte Erbärmlichkeit kenne ich weil ich selbst sie begangen habe.
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20. Die meisten Menschen folgen in ihrer Handlungsweise der Linie des geringsten Widerstandes; und so auch ich.
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22 Hamann sieht Gott wie einen Teil der Natur an & zugleich wie die Natur.
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Und ist damit nicht das religiöse[68] Paradox ausgedrückt: „Wie kann die Natur ein Teil der Natur sein?“
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Es ist merkwürdig: Moses Mendelsohn erscheint in seinen Briefen an Hamann schon wie ein Journalist.
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Der Verkehr mit Autoren wie Hamann, Kierkegaard, macht ihre Herausgeber anmaßend. Diese Versuchung würde der Herausgeber des Cherubinischen Wandersmannes nie fühlen noch auch der Confessionen des Augustin oder einer Schrift Luthers.
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Es ist wohl das, daß die Ironie eines Autors den Leser anmaßend zu machen geneigt ist.
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Es ist dann etwa so: sie sagen sie wissen daß sie nichts wissen bilden sich aber auf diese Erkenntnis enorm viel ein.
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Ein natürliches Sittengesetz interessiert mich nicht; oder doch nicht mehr als jedes andere Naturgesetz & nicht mehr als dasjenige wonach ein Mensch das Sittengesetz übertritt. Wenn das Sittengesetz natürlich ist so bin ich geneigt den Übertreter in Schutz zu nehmen.
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25. Die Idee daß jemand heute vom Katholizismus zum Protestantismus oder vom Protestantismus zum Katholizismus übertritt ist mir peinlich (wie vielen Andern). (In jedem der beiden Fälle in anderer Art). Es wird eine Sache die (jetzt) nur als Tradition Sinn haben kann gewechselt wie eine Überzeugung. Es ist als wollte einer die Bestattungsgebräuche unseres†1 Landes mit denen eines andern†2 vertauschen. – Wer vom Protestantismus zum Katholizismus übertritt erscheint mir wie ein geistiges Monstrum. Kein guter katholischer Pfarrer hätte das[70] getan wenn er als Nicht-Katholik geboren worden wäre. Und der entgegengesetzte Übertritt zeigt von einer abgründigen Dummheit.
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Vielleicht beweist der erste eine tiefere, der andere eine seichtere Dummheit.
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1.3.
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Habe jetzt Grund, anzunehmen daß Marguerite sich nicht besonders viel aus mir macht. Und da geht es mir sehr seltsam. Eine Stimme in mir sagt: Dann ist es aus, & Du must verzagen. – Und eine andre sagt: Das darf Dich nicht unterkriegen, darauf mußtest Du rechnen, & Dein Leben kann sich nicht darauf aufbauen, daß ein, wenn auch sehr gewünschter Fall, eintritt.
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Und die letztere Stimme hat recht, nur ist es eben dann der Fall eines Menschen der lebt & von[71] Schmerzen gepeinigt ist. Er muß kämpfen, damit ihm die Schmerzen das Leben nicht verleiden. Und dann hat man Angst vor den Zeiten der Schwäche.
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Diese Angst ist freilich selbst nur eine Schwäche, oder Feigheit.
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Man will eben immer gerne ruhen, aber nicht kämpfen müssen. G.m.i.!
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Wer nicht das Liebste am Schluß in die Hände der Götter legen kann sondern†1 immer selbst daran

herumbasteln will, der hat doch nicht die richtige Liebe dazu. Das nämlich ist die Härte die in der Liebe sein soll. (Ich denke an die „Hermannschlacht“ & warum Hermann nur einen Boten zu seinem Verbündeten schicken will.)
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Gewisse Vorsichtsmaßregeln nicht zu ergreifen ist nicht bequem,[72] sondern das Unbequemste von der Welt.
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Beethoven ist ganz & gar Realist; ich meine, seine Musik ist ganz wahr, ich will sagen: er sieht das Leben ganz wie es ist & dann erhebt er es. Es ist ganz Religion & gar nicht religiöse Dichtung. Drum kann er in wirklichen Schmerzen trösten wenn die Andern versagen & man sich bei ihnen sagen muß: aber so ist es ja nicht. Er wiegt in keinen schönen Traum ein sondern erlöst die Welt dadurch daß er sie als Held sieht, wie sie ist.
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Luther war kein Protestant.
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2. Ich bin außerordentlich feig, & ich benehme mich im Leben, wie der Feige in der Schlacht.
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7. [73] Bin von der Arbeit der letzten Monate ermüdet & von der peinigenden Angelegenheit mit Marguerite ganz geschlagen. Ich sehe hier eine Tragödie voraus. Und doch gibt es nur eines: sein Bestes tun & weiter arbeiten.
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11.3.
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Eine ausgezeichnete Bemerkung Engelmanns die mir oft wieder einfällt: Während des Baues in der Zeit als wir noch zusammen arbeiteten sagte er mir nach einer Unterredung mit dem Bauunternehmer: „Sie können mit diesem Menschen nicht Logik reden!“ – Ich: „Ich werde ihm Logik beibringen“ – Er: „Und er wird Ihnen Psychologie beibringen.“
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6.5. Ein Apostel sein ist ein Leben. Es äußert sich wohl zum Teil in dem was er sagt, aber[74] nicht darin daß es wahr ist, sondern darin daß er es sagt. Für die Idee leiden macht ihn aus, aber auch hier gilt es, daß der Sinn des Satzes „dieser†1 ist ein Apostel“ die Art seiner Verification ist. Einen Apostel beschreiben heißt ein Leben beschreiben. Der Eindruck den diese Beschreibung auf Andere macht muß man Diesen überlassen. An einen Apostel glauben heißt, sich zu ihm so & so zu verhalten – tätig zu verhalten.
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Wenn man sich nicht mehr ärgern will, muß auch die Freude eine andre werden, sie darf nicht mehr das sein was das Correlat[75] zum Ärger ist.
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Zu Kierkegaard: Ich stelle Dir ein Leben dar & nun sieh, wie Du Dich dazu verhältst, ob es Dich reizt (drängt) auch so zu leben, oder welches andere Verhältnis Du dazu gewinnst. Ich möchte gleichsam†2 durch diese Darstellung dein Leben auflockern.
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In wieweit mein Denken ein Flug ist, ist gleichgültig (d.h. ich weiß es nicht & räsoniere darüber nicht). Es ist ein Schwung. –
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„Es ist gut, weil es Gott so befohlen hat“ ist der richtige Ausdruck für die Grundlosigkeit
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[76] Ein ethischer Satz lautet „Du sollst das tun!“ oder „Das ist gut!“ aber nicht „Diese Menschen sagen das sei gut“. Ein ethischer Satz ist aber eine persönliche Handlung. Keine Konstatierung einer Tatsache. Wie ein†3 Ausruf
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der Bewunderung. Bedenke doch daß die Begründung des „ethischen Satzes“ nur versucht den Satz auf andere zurückzuführen die Dir einen Eindruck machen. Hast Du am Schluß keinen Abscheu vor diesem & keine Bewunderung für jenes so gibt es keine Begründung die diesen Namen verdiente.
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Kompositionen die am Klavier, auf dem Klavier, komponiert[77] sind, solche, die mit der Feder denkend & solche die mit dem inneren Ohr allein komponiert sind, müssen einen ganz verschiedenen Charakter tragen, & einen Eindruck ganz verschiedener Art erzeugen.
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Ich glaube bestimmt, daß Bruckner mit dem inneren Ohr & einer Vorstellung vom spielenden Orchester, Brahms mit der Feder komponiert hat. Das ist natürlich viel einfacher dargestellt, als es ist. Eine Charakteristik aber ist damit getroffen.
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Aus der Notenschrift der Komponisten müßte man sich hierüber Aufschluß holen können. Und wirklich war, glaube ich, die Noten[78]schrift Bruckners ungeschickt & schwerfällig.
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Bei Brahms die Farben des Orchesterklanges Farben von Wegmarkierungen.
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Eine Tragödie könnte doch immer anfangen mit den Worten: „Es wäre gar nichts geschehen, wenn nicht ...“.
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(Wenn er nicht mit einem Zipfel seines Kleides in die Maschine geraten wäre?)
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Aber ist das nicht eine einseitige Betrachtung der Tragödie, die sie nur zeigen läßt, daß eine Begegnung unser ganzes Leben bestimmen kann.†1
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Ich glaube, daß es heute ein Theater geben könnte, wo mit Masken gespielt würde. Die Figuren wären eben stilisierte Menschen-Typen. In den Schriften
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Kraus’s ist das deutlich zu sehen. Seine Stücke könnten, oder müßten, in Masken aufgeführt werden. Dies entspricht natürlich einer gewissen Abstraktheit dieser Produkte. Und das Maskentheater ist, wie ich es meine, überhaupt der Ausdruck eines spiritualistischen Charakters. Es werden daher (auch) vielleicht nur Juden zu diesem Theater neigen.
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Der Gegensatz zwischen Komö[80]die & Tragödie wurde seinerzeit immer wie ein den dramatischen Raumbegriff†1 a priori teilender herausgearbeitet. Und es konnten einen dann gewisse Bemerkungen wundern, daß etwa die Komödie es mit Typen die Tragödie mit Individualitäten zu tun habe. In Wirklichkeit ist†2 Komödie & Tragödie kein Gegensatz so daß die eine das von der andern ausgeschlossene Stück des dramatischen Raumes wäre. (So wenig wie Moll & Dur solche Gegensätze sind.) Sondern sie†3 sind zwei von vielen möglichen Arten des Dramas, die nur einer bestimmten – vergangenen – Kultur als die einzigen erschienen sind†4. Der richtige Vergleich ist†5 der mit den modernen Tonarten.
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[81] Es war charakteristisch für die Theoretiker der vergangenen Kulturperiode, das A-priori†6 finden zu wollen, wo es nicht war.
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Oder, soll ich sagen, es war charakteristisch für die verg. Kulturperiode, den Begriff, des ‚a priori‘ zu schaffen†7.
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Denn nie hätte sie diesen Begriff geschaffen wenn sie von vornherein die Sachlage†8 so gesehen hätte wie wir sie sehen. (Dann wäre der Welt ein großer – ich meine, bedeutender – Irrtum verloren gegangen.) Aber in Wirklichkeit kann man so gar nicht räsonieren, denn dieser Begriff war in der ganzen Kultur†9 begründet.
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Daß einer den Andern verachtet,[82] wenn schon unbewußt (Paul Ernst) heißt, es kann dem Verachtenden klargemacht werden, wenn man ihm eine bestimmte Situation, die in Wirklichkeit nie eingetreten ist (& wohl nie eintreten wird) vor die Augen stellt, & er zugeben muß, daß er dann so & so handeln – & dadurch der Verachtung Ausdruck geben – würde.†1
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Wenn man Wunder Christi etwa das Wunder auf der Hochzeit zu Kana so verstehen will wie Dostojewski es tat†2, dann muß man sie als Symbole auffassen. Die Verwandlung von Wasser in Wein ist höchstens erstaun[83]lich & wer es könnte den würden wir anstaunen aber mehr nicht. Es kann also nicht das das Herrliche sein. – Auch das ist nicht das Herrliche daß Jesus den Leuten auf der Hochzeit Wein verschafft & auch das nicht daß er den Wein ihnen†3 auf eine so unerhörte Weise zukommen läßt†4. Es muß das Wunderbare sein das dieser Handlung ihren Inhalt & ihre Bedeutung gibt. Und damit meine ich nicht das Außergewöhnliche, oder noch nie Dagewesene, sondern den†5 Geist in dem es getan†6 wird und für den die Verwandlung von Wasser in Wein nur ein Symbol ist (gleichsam) eine Geste. Eine Geste die (freilich) nur der machen kann der dieses Außerordentliche kann. Als[84] Geste, als Ausdruck muß das Wunder verstanden werden, wenn es zu uns reden soll. Ich könnte auch sagen: Nur

wenn er es tut der es in einem wunderbaren Geist tut ist es ein Wunder. Ohne diesen Geist ist es nur eine außerordentlich seltsame Tatsache.†7 Ich muß gleichsam den Menschen schon kennen um sagen zu können, daß es ein Wunder ist. Ich muß das Ganze schon in dem richtigen Geiste lesen, um das Wunder darin zu empfinden†8.
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Wenn ich im Märchen lese, daß eine Hexe einen Menschen in ein wildes Tier verwandelt, so ist es doch auch der Geist dieser Handlung, der auf mich†1 den Eindruck[85] macht.
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(Man sagt von einem Menschen, wenn er könnte, er würde den Gegner†2 durch seinen Blick töten.)
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Wenn die späten unter den großen Komponisten einmal in einfachen†3 harmonischen Fortgängen†4 schreiben, dann bekennen sie sich zu ihrer Stammutter.†5
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Mahler scheint mir gerade in diesen Momenten ( wenn die Andern am stärksten ergreifen) besonders unerträglich & ich möchte dann immer sagen: aber das hast Du ja nur von den Anderen gehört, das gehört ja nicht (wirklich) Dir.
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Beschmutze alles mit meiner Eitelkeit.
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Den Einen†6 bringt die Erziehung (das Erwerben der Bildung) nur in sein eigenes Gut. Er lernt damit quasi das väterliche Erbe kennen†7. Während der Andere dadurch ihm wesensfremde†8 Formen aufnimmt. Und da wäre es besser er bliebe ungebildet wenn auch noch so garstig & ungeschliffen†9.
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Glücklich der, der nicht aus Feigheit gerecht sein will, sondern aus Gerechtigkeitsgefühl, oder aus Rücksicht für den Andern. – Meine Gerechtigkeit, wenn ich gerecht bin, entspringt meistens der Feigheit.†10
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Übrigens verurteile ich die Gerechtigkeit nicht in mir, die sich etwa auf einer religiösen Ebene abspielt auf[87] die ich mich aus den schmutzigen Niederungen meiner Lust & Unlust flüchte. Diese Flucht ist recht wenn sie aus Furcht†1 vor dem Schmutz geschieht.
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D.h., ich tue recht daran, wenn ich mich auf eine geistigere Ebene begebe auf der†2 ich ein Mensch sein kann – während Andere es auch auf einer ungeistigeren sein können.
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Ich habe eben kein Recht in dem Stockwerk†3 wie sie & fühle auf ihrer Ebene mit Recht meine Inferiorität.
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Ich muß in einer more raryfied atmosphere leben, gehöre dort hin; & sollte der Versuchung widerstehn mit Andern die es dürfen in der dichteren Luftschicht leben zu wollen.
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Wie in der Philosophie verleiten uns†4 auch im Leben scheinbare Analogien (zu dem was der Andere tut oder tun darf). Und auch hier gibt es nur ein Mittel gegen diese Verführung: auf die leisen Stimmen horchen die uns sagen, daß es sich hier doch nicht so verhält wie dort.
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Den letzten Grund (ich meine die letzte Tiefe) meiner Eitelkeit decke ich hier doch nicht auf.
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Wenn ich von einer Tragödie (im Kino z.B.) ergriffen werde, dann sage ich mir immer: nein, so werde ich’s nicht tun! oder: nein, so soll es nicht sein. Ich möchte den Helden & alle trösten. Aber das heißt doch[89] nicht die Begebenheit als Tragödie verstehn. Drum versteh ich auch nur den guten Ausgang (im primitiven Sinn) Den Untergang des Helden verstehe ich – ich meine, mit dem Herzen – nicht. Ich will also eigentlich immer ein Märchen hören. (Darum auch meine Freude am Film) Und dort werde ich wirklich ergriffen & von Gedanken bewegt. D.h., er liefert mir wenn er
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nicht zu fürchterlich schlecht ist immer Material für Gedanken & Gefühle.
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Die Photographien meines Bruders Rudi haben etwas Oberländerisches, oder richtiger etwas vom Stil der

guten Zeichner der alten ‚Fliegenden Blätter‘.
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Ein englischer Architekt oder Musiker (vielleicht überhaupt ein Künstler),[90] man kann beinahe sicher sein, daß er ein Humbug ist!
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Ich kann die Qualität eines Malpinsels nicht beurteilen, ich verstehe nichts von Pinseln & weiß, wenn ich einen sehe, nicht ob er gut, schlecht oder mittelmäßig ist; aber ich bin überzeugt daß englische Malpinsel hervorragend gut sind. Und ebenso überzeugt, daß die Engländer nichts von Malerei verstehen.
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Die Rohstoffe sind hier immer ausgezeichnet aber die Fähigkeit fehlt sie zu formen. D.h.: Die Menschen haben Gewissenhaftigkeit, Kenntnisse & Geschick aber nicht Kunst, noch feine Empfindung.†1
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Meine Selbsterkenntnis steht[91] so: Wenn eine gewisse Anzahl von Schleiern auf mir gelassen werden, sehe ich noch klar, nämlich die Schleier. Werden sie aber entfernt, so daß mein Blick meinem Ich näher dringen könnte, so beginnt mein Bild sich mir zu verwischen.†2
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Ich spreche†3 viel zu leicht. – Man kann mich durch eine Frage, einen Einwand zu einem Fluß von Reden verführen. Während ich rede sehe ich manchmal, daß ich in einem häßlichen Fahrwasser bin: mehr sage als ich meine, rede um den Andern zu amüsieren, Irrelevantes hineinziehe um zu impressionieren u.s.w.. Ich trachte dann das Gespräch[92] zu korrigieren
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es wieder in eine anständigere†1 Bahn zurückzulenken. Biege es aber nur etwas und nicht genügend aus Furcht – mangelndem Mut – & behalte einen schlechten Geschmack.
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Besonders in England geschieht mir das leicht da die Schwierigkeit der Verständigung (wegen des Charakters, nicht wegen der Sprache) von vornherein enorme sind. So daß man seine übungen auf einem schwankenden Floß statt auf festem Boden ausführen muß. Denn man weiß nie ob einen der Andere ganz verstanden hat; & der Andere hat Einen nie ganz verstanden.
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12.10.31. Heute nacht erwachte ich aus einem Traum mit Entsetzen & ich sah plötzlich, daß ein solches Entsetzen ja[93] etwas bedeute†2, daß ich darüber nachdenken solle was es bedeutet.
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Der Traum hatte sozusagen zwei Teile (die aber unmittelbar auf einander folgten) Im ersten war jemand gestorben, es war traurig & ich schien mich gut aufgeführt zu haben & dann quasi beim Nachhausekommen sagte jemand & zwar eine starke, alte ländliche Person (von der Art unserer Rosalie (ich denke auch an die Kumäische Sybille) zu mir ein Wort des Lobes & etwas wie: „Du bist doch jemand“. Dann verschwand dieses Bild & ich war allein im Dunklen & sagte zu mir – ironisch „Du bist doch jemand“ & Stimmen riefen laut um mich her (aber ich sah niemand der rief) „die Schuld muß doch gezahlt werden“ oder „die Schuld ist doch nicht gezahlt“ oder so etwas. Ich erwachte wie aus einem[94] entsetzlichen Traum. (Versteckte meinen Kopf – wie ich es seit der Kindheit in diesem Falle immer tue – unter die Decke & wagte erst nach einigen Minuten ihn frei zu machen & die Augen zu öffnen) Mir kam wie ich sagte zum Bewußtsein, daß dieses Entsetzen eine tiefere Bedeutung hat (obwohl es auf eine Weise vom Magen kam, denn das wurde†3 mir bald klar) d.h., daß die Fähigkeit so entsetzt zu sein etwas für mich†4 zu bedeuten habe.†5 Unmittelbar nach
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dem Erwachen, im Entsetzen, dachte ich: ob Traum oder nicht Traum, dieses Entsetzen hat etwas zu bedeuten. Ich habe doch etwas getan, etwas gefühlt, was immer mein Körper daweil getan hat.
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D.h., dieses Entsetzens ist der Mensch fähig. – Und das hat etwas zu bedeuten.
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Wenn der Mensch die Hölle auch[95] in einem Traum erlebte & danach erwachte, so gäbe es sie doch.
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Ich habe eine schlecht erzogene (oder unerzogene) Sprache. D.h. es fehlt ihr eine gute sprachliche Kinderstube. – Wie ja wohl der Sprache der allermeisten Menschen.
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Las einmal in Claudius ein Zitat aus Spinoza wo er über sich selbst schreibt konnte dieser†1 Betrachtung aber nicht ganz froh werden. Und jetzt fällt mir ein daß ich ihr in einer Beziehung mißtraute ohne sagen zu können worin

eigentlich. Ich glaube aber jetzt daß mein Gefühl ist, daß Spinoza sich selbst nicht erkannt hat†2. Also das, was ich von mir selbst sagen mu߆3.
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[96]
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schwätz nicht!

Er schien nicht zu erkennen daß er ein armer Sünder war. Ich kann nun natürlich schreiben ich sei einer. Aber ich erkenne es nicht sonst würde ich anders.
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Das Wort erkennen ist eben irreleitend, denn es handelt sich um eine Tat die Mut erfordert.
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Man könnte von einer Selbstbiographie sagen: dies schreibt ein Verdammter aus der Hölle.
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In einem Satz steckt so viel als dahinter steht.
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Jetzt verstehe ich etwas das Gefühl in meinem Traum.
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Ich denke in jenem Zitat aus†1 Spinoza an das Wort „Weisheit“[97] welches mir ein im letzten Grunde hohles Ding zu sein schien (& scheint ) hinter dem sich der eigentliche Mensch, wie er wirklich ist, versteckt. (Ich meine: vor sich selbst versteckt)
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Decke auf, was Du bist.
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Ich bin z.B. ein kleinlicher, lügnerischer Wicht & kann doch über die größten Dinge reden.
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Undwährend ich es tue, scheine ich mir von meiner Kleinlichkeit vollkommen detachiert zu sein. Bin es aber doch nicht.
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Selbsterkenntnis & Demut ist Eins. (Das sind billige Bemerkungen.)
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13. Ich möchte nicht, daß mit mir geschieht, was mit man[98]cher Waare†2 geschieht. Sie liegen auf dem Ladentisch, die Käufer sehen sie, die Farbe, oder der Glanz, sticht ihnen in die Augen & sie nehmen den Gegenstand einen Augenblick in die Hand & lassen ihn dann als unerwünscht auf den Tisch zurückfallen.†3
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Meine Gedanken kommen beinahe nie unverstümmelt in die†4 Welt.
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Entweder es wird ein Teil bei der Geburt verrenkt oder abgebrochen. Oder der Gedanke ist überhaupt eine Frühgeburt & in der Wortsprache noch nicht[99] lebensfähig. Dann kommt ein kleiner Satz-Fötus zur Welt, dem noch die wichtigsten Glieder fehlen.
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Die Melodien der frühen Beethovenschen Werke haben (schon) ein anderes Rassegesicht als z.B. die Melodien Mozarts. Man könnte den Gesichtstypus zeichnen der den†1 Rassen entspräche. Und zwar ist die Rasse Beethovens gedrungener, grobgliedriger, mit runderem oder viereckigerem Gesicht, die Rasse Mozarts mit feineren schlankeren & doch rundlichen Formen & die Haydens groß & schlank von der Art mancher österreichischer Aristokraten. Oder lasse ich mich da von dem Bild verführen das ich von den Gestalten dieser Männer habe. Ich glaube nicht.
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[100] Merkwürdig zu sehen, wie ein Stoff sich einer Form widersetzt. Wie der Nibelungenstoff sich der dramatischen Form widersetzt. Er will kein Drama werden & wird kein’s & nur dort ergibt er sich wo der Dichter oder Komponist sich entschließt episch zu werden So sind die einzigen bleibenden & echten Stellen im „Ring“ die epischen, in denen Text oder Musik erzählen. Und darum sind die eindrucksvollsten Worte des „Rings“ die der Bühnenweisungen.
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Ich bin in meine Art der Gedankenbewegung beim Philosophieren etwas verliebt. (Und vielleicht sollte ich das Wort „etwas“ weglassen.)
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Übrigens heißt das nicht, daß ich in meinen Stil verliebt bin. Das bin ich nicht.
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[101] Etwas ist nur so ernst, als es wirklich ernst ist†2
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Vielleicht, wie sich mancher gern reden hört, höre ich mich gerne schreiben?
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Daß Dir etwas einfällt ist ein Geschenk des Himmels, aber es kommt drauf an, was Du damit machst.
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Natürlich sind auch solche gute Lehren billig eine Tat durch die Du nach ihnen handelst. (Ich dachte bei dem vorigen Satz an Kraus.)
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[102] Erkenne Dich selbst & Du wirst sehen, daß Du in jeder Weise immer wieder ein armer Sünder bist. Aber ich will kein armer Sünder sein & suche auf alle Weise zu entschlüpfen (benütze alles als Tür um diesem Urteil zu entschlüpfen).
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Meine Aufrichtigkeit bleibt immer an†1 einem bestimmten Punkt stecken!
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Wie man sich in einem hohlen Zahn gut auszukennen scheint, wenn der Zahnarzt in ihm herumbohrt, so lernt man während des bohrenden Denkens†2 jede Räumlichkeit jeden Schluff eines Gedankens kennen & wiedererkennen.
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Was ich, quasi, auf dem Theater (Kierkegaard)[103] in meiner Seele aufführe macht ihren Zustand nicht schöner sondern (eher) verabscheuenswürdiger. Und doch glaube ich immer wieder diesen Zustand durch eine schöne Scene auf dem Theater schöner zu machen.
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Denn ich sitze im Zuschauerraum derselben statt das Ganze von außen zu betrachten. Denn ich stehe nicht gern auf der nüchternen, alltäglichen, unfreundlichen Straße sondern sitze gern im warmen, angenehmen Zuschauerraum.
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Ja, nur für wenige Momente gehe ich hinaus in’s Freie†3 & dann vielleicht auch nur mit dem Gefühl immer wieder in’s Warme schlüpfen zu können.†4
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Die Zuneigung der Andern zu[104] entbehren wäre mir überhaupt unmöglich, weil ich in diesem Sinne viel zu wenig (oder kein) Selbst habe.
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Vielleicht habe ich nur insoweit ein Selbst als ich mich tatsächlich verworfen fühle.
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Und wenn ich sage daß ich mich verworfen fühle so ist das kein Ausdruck (oder nur: beinahe nie ein Ausdruck?) dieses Gefühls
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Ich habe mir oft den Kopf darüber zerbrochen daß ich nicht besser bin als Kraus & verwandte Geister & es mir mit Schmerzen vorgehalten. Welche Unsumme von Eitelkeit liegt aber in diesem Gedanken.
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24.10. Das Geheimnis der Dimensionierung eines Sessels oder eines Hauses ist, daß sie die Auffassung des Gegenstandes ändert. Mache das kürzer & es sieht aus wie eine Fortsetzung dieses Teiles, mache es länger & es sieht aus wie ein ganz unabhängiger Teil. Mache es stärker & das Andere scheint sich darauf zu stützen, mache es schwächer und es scheint am Andern zu hängen. etc.
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Nicht der graduelle Unterschied der Länge ist es eigentlich, worauf es ankommt, sondern der qualitative der

Auffassung.
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Wenn der Brahmsschen Instrumentierung Mangel an Farbensinn vorgeworfen wird, so muß[106] man sagen daß die Farblosigkeit schon in der Brahmsschen Thematik liegt. Die Themen schon sind schwarz-weiß, wie die Brucknerschen schon färbig; auch wenn Bruckner†1 sie tatsächlich aus irgendeinem Grund auf nur einem System niedergeschrieben hätte, so daß wir von einer Brucknerschen Instrumentierung nichts wüßten.
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Nun könnte man sagen: dann ist ja alles in Ordnung, denn zu schwarz-weißen Themen gehört auch eine schwarzweiße (farblose) Instrumentation. Ich glaube nur daß gerade hier die Schwäche der Brahmsschen Instrumentation liegt, indem sie nämlich vielfach doch nicht ausgesprochen schwarz-weiß ist.
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Dadurch entsteht dann der Eindruck der uns oft glauben macht, wir vermissten Farben,[107] weil die Farben, die da sind, nicht erfreulich wirken. In Wirklichkeit vermissen wir, glaube ich, Farblosigkeit. Das zeigt sich auch oft deutlich z.B. im letzten Satz des Violinkonzerts wo es sehr merkwürdige Klangeffekte gibt (einmal als blätterten die Töne wie dürre Blätter von den Violinen ab) & wo man das doch als einen einzelnen
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Klangeffekt empfindet, während man die Klänge bei Bruckner als die selbstverständliche Umkleidung der†1 Knochen dieser†2 Themen empfindet. (Ganz anders ist es beim Brahmsschen Chorklang der der Thematik ebenso angewachsen ist wie der Brucknersche Orchesterklang der Brucknerschen Thematik.) (Die Harfe am Schluß des ersten Teils des Deutschen Requiems.)
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[108] Zum „Geheimnis der Dimensionierung“: der eigentliche Sinn der Dimensionierung zeigt sich darin, daß man dem Gegenstand je nachdem sich seine Maßverhältnisse ändern andere Namen geben kann. (Ganz so, natürlich, wie dem Ausdruck des Gesichtes dessen Proportionen man änderte; ‚traurig‘, ‚frech‘, ‚wild‘ etc., etc..)
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Die Freude an meinen Gedanken (philosophischen Gedanken) ist die Freude an meinem eigenen seltsamen Leben. Ist das Lebensfreude?
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Es ist sehr schwer nichts von sich zu halten & jeden Beweis daß man doch ein Recht habe etwas von sich zu halten (Beweis nach Analogien) von vornherein, auch ehe man den Fehler durchschaut hat†3 daß er irgendwo nicht stimmt[109] (ja auch wenn man nie auf den Fehler kommen sollte) als Trug zu erklären†4.
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31.10. Zum Studium der Philosophie sind heute am besten noch Studenten der Physik vorbereitet. Ihr Verständnis ist durch die offenbare Unklarheit in ihrer Wissenschaft aufgelockerter als das der Mathematiker die in einer selbstsichern Tradition festgefahren sind.
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Ich könnte mich beinahe als einen amoralischen Nucleus sehen, an dem die Moralbegriffe anderer Menschen leicht kleben†5 bleiben.
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So daß, was ich redete eo ipso nie mein Eigenes wäre da ja dieser Nukleus (ich sehe ihn wie einen[110] weißen toten Ballen) nicht reden kann. Es bleiben vielmehr an ihm bedruckte Blätter hängen. Diese reden dann; freilich, nicht wie in ihrem ursprünglichen Zustand sondern durcheinander mit andern Blättern & beeinflußt durch die Lage in die sie der Nucleus bringt. – Aber wenn das auch mein Schicksal sein sollte, so wäre ich doch der Verantwortung nicht enthoben & es wäre Sünde oder Unsinn dieses Schicksal etwa zu beklagen.
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Man könnte sagen: Du verachtest die natürlichen Tugenden, weil Du sie nicht hast! – Aber ist es nicht noch viel wunderbarer – oder ebenso wunderbar – daß ein Mensch ohne alle diese Gaben Mensch sein kann!
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„Du machst aus der Not eine Tugend“. Gewiß, aber ist es nicht wunderbar, daß man aus der Not eine Tugend machen kann.
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Man könnte es so sagen: Das Wunderbare ist, daß das Tote nicht sündigen kann. Und das Lebende zwar sündigen kann aber auch der Sünde entsagen:
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Ich kann nur in soweit schlecht sein, als ich auch gut sein kann.
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Ich stelle mir die Menschen manchmal als Kugeln vor: die eine aus echtem Gold durch & durch, die andere eine Schichte wertloses Material, darunter Gold; die dritte eine täuschende aber falsche Vergoldung darunter – Gold. Wieder eine wo unter der Vergoldung Dreck ist & eine wo in diesem Dreck wieder ein Körnchen echtes Gold ist. U.sw., u.s.w..
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Ich glaube die letztere bin vielleicht ich.
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Aber wie schwer ist so ein Mensch zu beurteilen. Man kommt ihm drauf, daß die erste Schichte falsch ist & sagt: „also ist er nichts Wert“, denn daß es falsch vergoldetes echtes Gold geben soll, glaubt niemand. Oder man findet unter der falschen Vergoldung den Mist & sagt: „Natürlich! das war zu erwarten.“ Aber daß dann in diesem Mist noch wirkliches Gold versteckt sein soll, das ist schwer zu vermuten.
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Wenn eine Kanone zum Schutz gegen Fliegerangriffe so bemalt ist, daß sie von oben aussieht wie Bäume oder Steine, daß ihre wahren Konturen unkenntlich &[113] falsche an ihre Stelle getreten sind, wie schwer zu beurteilen ist dieses Ding. Man könnte sich Einen denken der sagt: „das sind also alles falsche Konturen, also hat das Ding gar keine wirkliche Gestalt†1“ Und doch hat es eine wirkliche feste Gestalt aber sie ist mit den gewöhnlichen Mitteln gar nicht zu beurteilen.
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Meine Schwester Gretl las einmal eine Stelle aus einem Essay von Emerson vor, worin er seinen Freund einen Philosophen (den Namen habe ich vergessen) beschreibt; aus dieser Beschreibung glaubte sie zu entnehmen, daß dieser Mann mir ähnlich gewesen sein müsse. Ich dachte bei mir: Welches Naturspiel! – Welches Naturspiel, wenn ein Käfer ausschaut wie ein Blatt, aber dann ein wirklicher Käfer ist, & nicht ein Kunstblumenblatt.
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[114] Im richtig geschriebenen Satz löst sich ein Partikel vom Herzen oder Gehirn ab & kommt als Satz aufs Papier.
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Ich glaube meine Sätze sind meistens Beschreibungen visueller Bilder die mir einfallen.
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Der Witz Lichtenbergs ist die Flamme die nur auf einer reinen Kerze brennt.
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„Ich kann so lügen, – oder auch so, – oder vielleicht am besten, indem ich die Wahrheit ganz aufrichtig sage.“ So sage ich oft zu mir selbst.
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2.11. Dostojewskij sagt einmal der Teufel nähme jetzt die Gestalt[115] der Furcht vor der Lächerlichkeit an. Und das muß wahr sein. Denn vor nichts fürchte ich mich so; nichts möchte ich so unbedingt vermeiden als die Lächerlichkeit. Dabei weiß, ich daß es eine Feigheit ist wie jede andere, & daß die Feigheit überall hinausgetrieben, da ihre letzte uneinnehmbare Festung hat. So daß sie nur zum Schein besiegt ist, wenn sie den einen oder
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andern Platz preisgibt, da sie sich endlich ruhig in diese Festung zurückzieht & dort sicher ist.†1
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Wenn ich den Leuten von mir sagte[116] was ich ihnen sagen sollte, würde ich mich der Verachtung & dem Hohn beinahe Aller die mich kennen preisgeben.
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„Vaterlandsloses Gesindel“ (auf die Juden angewandt) steht auf der gleichen Stufe mit „krummnasiges Gesindel“, denn, sich ein Vaterland zu geben, steht ebensowenig in eines Menschen Belieben wie, sich eine gerade Nase geben.
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Das Schuld beladene Gewissen könnte leicht beichten; der eitle Mensch kann nicht beichten.
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Ich will†2 mich keinem Entschluß von mir gefangen geben, es sei denn, daß der Entschluß mich gefangen hält.
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[117] Umarme einen Menschen für ihn & nicht für Dich.

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7. Bin jetzt durchaus beunruhigt, durch Gewissen & Gedanken
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Es ist seltsam wenn in zwei Zimmern untereinander zwei Welten wohnen können. Das geschieht wenn ich unter den zwei Studenten wohne die über mir Lärm machen. Es sind wirklich zwei Welten & es ist keine Verständigung möglich.
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Ich habe jetzt das Gefühl, als müßte ich in’s Kloster gehn (innerlich), wenn ich die Marguerite verlöre.
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Der Gedanke an eine bürgerliche Verlobung der Marguerite erregt mir Übligkeiten. Nein in diesem[118] Fall könnte ich nichts für sie tun & müßte sie behandeln wie ich sie behandeln würde, wenn sie sich betrunken hätte, nämlich: nicht mit ihr reden bis sie den Rausch ausgeschlafen hat.
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Es ist wahr daß man auch auf dem Trümmerfeld der Häuser soll leben können in denen man zu leben gewohnt war. Aber es ist schwer. Man hat seine Freude eben doch von der Wärme & Behaglichkeit der Zimmer genommen, auch wenn man es nicht†1 wußte. Aber jetzt, wo man auf den Trümmern umherirrt, weiß man es.
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Man weiß daß jetzt nur der Geist wärmen kann & daß man gar nicht gewohnt ist sich vom[119] Geist erwärmen zu lassen.
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(Wenn man verkühlt ist tut das Waschen weh & wenn man im geist krank ist, das Denken.
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Ich kann (d.h. ich will) den Genuß nicht aufgeben. Ich will das Genießen nicht aufgeben & will kein Held sein. Daher leide ich den durchdringenden & beschämenden Schmerz der Verlassenheit.
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Die Verzweiflung hat kein Ende & der Selbstmord endet sie nicht, es sei denn, daß man ihr ein Ende macht indem man sich aufrafft.
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Der Verzweifelte ist wie ein eigensinniges Kind das den Apfel haben will. Aber man weiß für gewöhnlich nicht, was es heißt, den Eigen[120]sinn zu brechen. Es heißt einen Knochen im Leibe brechen (und ein Gelenk machen, wo früher keins war).
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Alte Gedankenbrocken die einen schon vor langer Zeit hoch oben im Darm gedrückt haben kommen später bei einer Gelegenheit heraus. Dann
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bemerkt man einen Teil eines Satzes & sieht: das war es, was ich vor einigen Tagen immer habe sagen wollen.†1
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Der bürgerliche Geruch des Verhältnisses Marguerite – Talla ist mir so grausig, unerträglich daß ich vor ihm aus der Welt fliehen könnte.
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Jede Beschmutzung kann[121] ich ertragen, nur die bürgerliche nicht. Ist das nicht seltsam?
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Ich weiß nicht ob mein Geist in mir krank ist oder ob es der Körper ist. Ich mache den Versuch & stelle mir vor daß manches anders wäre als es ist, & ich fühle, daß mein Befinden dann gleich normal würde. Also ist es der Geist; & wenn ich lustlos & trübe, meine Gedanken wie in einem dicken Nebel, dasitze & eine Art schwachen Kopfschmerz spüre, so soll das daher kommen, daß ich vielleicht – oder wahrscheinlich – die Liebe der Marguerite verlieren werde!
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Wenn man im Kot steckt, gibt es nur Eins: Marschieren. Es ist besser vor Anstrengung tot umzufallen, als jammernd[122] zu krepieren.
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Geist, verlaß mich nicht! D.h., das schwache Spiritusflämmchen meines Geistes möge nicht verlöschen!
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Kierkegaards Schriften haben etwas Neckendes & das ist natürlich beabsichtigt, wenn ich auch nicht sicher

weiß; ob genau diese Wirkung beabsichtigt ist, die sie auf mich haben. Es ist auch kein Zweifel daß der, der mich neckt mich zwingt, mich mit seiner Sache auseinanderzusetzen & ist diese Sache wichtig so ist das gut. – Und dennoch gibt es etwas was dieses Necken in mir verurteilt. Und ist dies nur mein Resentiment? Ich wei߆2 auch sehr wohl daß Kierkegaard das Aesthetische mit seiner Meisterschaft darin ad absurdum führt & daß er das natür[123]lich auch will. Aber es ist
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als wäre in seinem Aesthetischen bereits der Tropfen Wehrmuths drin, so daß es eben an & für sich schon nicht so schmeckt wie das Werk eines Dichters. Er ahmt dem Dichter gleichsam mit unglaublicher Meisterschaft nach, ohne aber ein Dichter zu sein & daß er keiner ist merkt man doch in der Nachahmung
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Die Idee daß jemand einen Trick verwendet um mich zu etwas zu veranlassen ist unangenehm. Es ist sicher daß dazu (diesen Trick zu gebrauchen) großer Mut gehört & daß ich diesen Mut nicht – nicht im entferntesten – hätte; aber es frägt sich, ob, wenn ich ihn hätte, es recht†1 wäre ihn zu gebrauchen. Ich glaube, dazu gehörte dann außer dem Mut auch ein Mangel an Liebe zum Nächsten. Man könnte sagen: Was Du Liebe des Nächsten nennst ist Eigen[124]nutz. Nun, dann kenne ich keine Liebe ohne Eigennutz, denn in die ewige Seeligkeit des Andern kann ich nicht eingreifen. Ich kann nur sagen: Ich will ihn so lieben, wie ich – der um meine Seele besorgt ist – wünsche, daß er mich liebte.
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Mein ewiges Bestes kann er in gewissem Sinne nicht wollen; er kann mir nur im irdischen Sinne gut sein & für alles das Respekt haben, was in mir ein Streben zum Höchsten zu verraten scheint.
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Wenn ich an meine Beichte denke, so verstehe ich das Wort „... & hätte der Liebe nicht u.s.w.“. Denn auch diese Beichte nützte mich nichts wenn sie gleichsam wie ein ethisches Kunststück gemacht würde. Ich will aber nicht sagen, daß ich sie darum unterlassen habe, weil mir das bloße Kunststück nicht[125] genug war: ich bin zu feig dazu.
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(Ethisches Kunststück ist etwas was ich den Andern, oder auch nur mir (selbst), vorführe um zu zeigen was ich kann.)
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Ich verstehe den Geisteszustand meines Bruders Kurt vollkommen. Er war nur noch um einen Grad verschlafener als der meine.
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Die Denkbewegung in meinem Philosophieren müßte sich in der Geschichte meines Geistes, seiner Moralbegriffe & dem Verständnis meiner Lage wiederfinden lassen.
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Wer gegen Mücken(schwärme) (an)kämpfen muß findet es eine wichtige Sache einige verscheucht zu haben. Aber das ist für den ganz unwichtig der mit Moskitos nichts[126] zu tun hat. Wenn ich philosophische Fragen löse habe ich das Gefühl als hätte ich etwas äußerst Wichtiges für die ganze Menschheit getan & denke nicht, daß die Dinge mir so ungeheuer wichtig scheinen (oder soll ich sagen: mir so wichtig sind), weil ich von ihnen geplagt werde.
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15. Ein Traum heute nacht: Ich kam in ein Bureau um eine Rechnung – ich glaube – einzukassieren.
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So etwa sah das Zimmer aus a, b, c sind Tische d die Tür (c nicht ganz sicher); vor a & b je ein Stuhl auf dem Stuhl vor a saß ein Beamter zu seiner linken stand ich. Außer mir war im Zimmer noch eine sehr lärmende Gesellschaft einer von ihnen saß vor b & sie alle sprachen zu dem Beamten lärmend & lustig & der Mann vor[127] b nahm dabei eine besondere Stellung ein, etwa indem er spaßhaft alles was die Andern (die bei c standen) dem Beamten verdolmetschte. Der Beamte sagte er könne sich mit ihnen nicht abgeben & wandte sich mir zu. Ich gab ihm die Rechnung & er fragte von wem sie wäre. Ich hätte gerne gesagt, es stehe ohnehin darauf & er solle selbst nachsehen (er hielt die Rechnung nämlich so daß er den Kopf nicht sehen konnte) traute mich aber nicht es zu sagen, sondern gab den Namen an: Laval, oder ... de Laval. Darauf überprüfte der Beamte die Rechnung in dem er sie in einem elektrischen Apparat untersuchte (ich dachte er photographiert sie mit Röntgenstrahlen). Sie war in einer Art Kasten der mit einem schwarzen Tuch um[128] wickelt war. Die Szene hatte sich verändert & der Raum war jetzt wie ein kleines Laboratorium. Auf einem großen Tisch stand der Kasten von ihm gingen Drähte aus. Ich saß

auf einem Stuhl beinahe wie ein Verbrecher auf dem elektrischen Stuhl. Die Drähte gingen zu mir & dann zur Wand. Ich schien von ihnen & Stricken umwunden zu sein. Ich konnte nicht verstehen warum ich hier so sitzen müsse. Und†1 sagte zu dem Beamten: „the circuit doesn’t pass through my body“. Er: „of course not“. Ich (unwillig): „But you have fettered me“. Er sagte darauf es sei ja nur mein kleiner Finger gefesselt & „we
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do this to everybody“. Und jetzt sah ich, daß ich gar nicht gefesselt war, denn die Stricke[129] & Drähte hingen zwar in Schleifen um mich waren aber nirgends sonst angemacht & nur mein kleiner Finger war durch einen Spagat an einem Haken (am Tisch?) angebunden. Ich stand auf um meine Freiheit zu erproben & sagte etwas verlegen zum Beamten „I’m sorry“ ich hätte nicht bemerkt, daß ich (ganz) frei sei. Dann wachte ich auf.
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Gleich nach dem Aufwachen deutete ich den Traum als ein Gleichnis, welches ich für mein Verhältnis zur Marguerite brauchte. Nämlich: es schaut nur so aus als wäre ich an sie mit 1000 Stricken gebunden; in Wirklichkeit hängen†1 diese Stricke nur um mich, binden mich aber an niemand & nur der kleine Spagat ist das Band zwischen uns.
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[130] Was Du geleistet hast, kann andern nicht mehr sein†2 als Du selbst.
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Soviel es Dich gekostet hat, so viel werden sie zahlen.
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Das Christentum sagt eigentlich: laß alle Klugheit fahren.
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Wenn ich sage, ich möchte†3 die Eitelkeit ablegen, so ist es fraglich, ob ich das nicht wieder nur aus einer Eitelkeit heraus will. Ich bin eitel & soweit ich eitel bin, sind auch meine Besserungswünsche eitel. Ich möchte dann gern wie der & der sein der nicht eitel war & der mir gefällt, & ich überschlage schon im Geiste den Nutzen, den ich vom „Ablegen“ der Eitelkeit haben würde. Solange man auf der Bühne ist, ist man eben Schau­[131] spieler, was immer man auch macht.
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Ich höre im Geist schon die Nachwelt über mich reden, statt mich selbst zu hören, der, da er mich kennt, freilich ein viel undankbareres Publikum ist.
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Und das muß ich tun: nicht den Andern in der Phantasie hören sondern mich selbst. D.h nicht dem Andern zusehn, wie er mir zusieht – denn so
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mache ich’s – sondern mir selbst zusehen. Was für ein Trick, & wie unendlich immer wieder die Versuchung auf den Andern, & von mir weg, zu schaun.
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Von dem religiösen Ärgernis konnte man auch sagen: tu te fache, donc tu as tort. Denn Eines ist sicher: Du hast unrecht Dich zu ärgern, Dein Ärger [132] soll gewiß überwunden werden†1. Und es frägt sich dann nur ob am Schluß der Andre mit dem was er gesagt hat Recht behält. Wenn Paulus sagt, der gekreuzigte Christus ist den Juden ein Ärgernis so ist das gewiß, & auch, daß das Ärgernis im Unrecht ist. Aber die Frage ist: Was ist die rechte Lösung dieses Ärgernisses?
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Gott als Geschichtliches Ereignis in der Welt ist so paradox, ebenso paradox, wie, daß eine bestimmte Handlung in meinem Leben dort & dann sündlich war. Das heißt daß ein Augenblick meiner Geschichte ewige Bedeutung hat ist nicht mehr noch weniger paradox, als daß ein Augenblick oder eine Zeitspanne der Weltgeschichte ewige[133] Bedeutung hat. Ich darf nur sofern an Christus zweifeln, als ich auch an meiner Geburt zweifeln darf. – Denn in derselben Zeit in der meine Sünden geschehen sind (nur weiter zurück) hat Christus gelebt. Und so muß man sagen: Wenn das Gute & Böse überhaupt etwas Geschichtliches ist dann ist auch die göttliche Weltordnung & ihr Zeitlicher Anfang & Mittelpunkt denkbar.
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Wenn ich aber nun an meine Sünden denke & daß ich diese Handlungen getan habe, ist nur eine Hypothese, warum bereue ich sie als ob kein Zweifel über sie möglich wäre? Daß ich mich jetzt an sie erinnere ist meine Evidenz & die Grundlage meiner Reue & des Vorwurfs, daß ich zu feig bin, sie zu gestehen.
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[134] Sah die Photographien der Gesichter Corsischer Briganten & dachte: diese Gesichter sind zu hart, & meines zu weich als daß das Christentum darauf schreiben könnte. Die Gesichter dieser Briganten sind schrecklich anzusehen, herzlos, in gewisser Weise kalt & verhärtet; & doch sind sie wohl

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nicht weiter vom rechten Leben entfernt als ich, stehen nur auf einer andern Seite abseits vom Rechten†1.
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Schwäche ist ein furchtbares Laster.
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11.1.32. Wieder in Cambridge zurück, nachdem ich viel erlebt habe:
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Marguerite, die mich heiraten will(!), Streit in der Familie, etc.. – Ich bin aber im Geist schon so alt,[135] daß ich nichts unreifes mehr tun darf & die Marguerite ahnt nicht wie alt ich bin.
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Ich erscheine mir selbst wie ein alter Mann.
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Meine philosophische Arbeit kommt mir jetzt vor wie eine Ablenkung von dem Schweren, wie eine Zerstreuung ein Vergnügen dem ich mich nicht mit ganz gutem Gewissen hingebe. Als ginge ich in’s Kino statt einen Kranken zu pflegen.
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Man könnte sich einen Menschen vorstellen, der von seiner Geburt bis zu seinem Tod immer entweder schliefe oder in einer Art Halbschlaf oder Dusel lebte. So verhält sich mein Leben zu dem wirklich lebendigen[136] Menschen (ich denke gerade an Kierkegaard). Wacht so ein im Halbschlaf lebender je für eine Minute auf so dünkt es ihn wunder was zu sein & er wäre nicht abgeneigt sich unter die Genies zu zählen.
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Kaum eine der mich tadelnden unter meinen Bemerkungen ist ganz ohne das Gefühl geschrieben, daß es doch immerhin schön ist daß ich meine Fehler sehe†2.
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28.1.32 Wie wenig Achtung ich im Grunde für meine eigene Leistung habe zeigt sich mir darin, daß ich einen Menschen von dem ich Grund hatte zu glauben, er entsprechein einem andern Fach dem[137] was ich in der Philosophie bin, daß ich so einen Menschen nur mit großem Vorbehalt gelten lassen oder schätzen würde.
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Ich träumte heute folgenden sonderbaren Traum: Jemand (war es Lettice?) sagte mir von einem Menschen, er heiße Hobbson „with mixed b“; welches hieß, daß man ihn „Hobpson“ ausspricht. – Ich erwachte & erinnerte mich daran,†1 daß mir Gilbert einmal bezüglich der Aussprache eines Wortes†2 gesagt hatte „pronounced with mixed b“, daß ich verstanden hatte „... mixed beef“ & nicht wußte was er meine, daß es so geklungen hatte als meinte er man müsse eine Speise welche „mixed beef“ heißt beim Aussprechen des Wortes im[138] Munde haben & daß ich, als ich Gilbert verstanden hatte, das als Witz sagte. An alles das erinnerte ich mich sofort beim Aufwachen. Dann kam es mir immer weniger & weniger plausibel vor & erst am morgen als ich schon angekleidet war schien es mir offenbarer Unsinn. (Geht man übrigens diesem Traum nach so führt er auf Gedanken über Rassenmischung und was, im Zusammenhang damit für mich von Bedeutung ist.)
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Eine Seele die nackter als die andern vom Nichts durch die Welt zur Hölle geht, macht einen größeren Eindruck auf die Welt als die bekleideten bürgerlichen Seelen.
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Nur als ihrer Zuflucht kann[139] mir die Marguerite treu bleiben. Das kann & soll sie auch, wenn sie sich einmal in einen andern Mann verliebt. Es würde dann klar werden, worauf ich bei ihr ein Recht habe. Ich kann ihr dazu zureden mir als ihrer Zuflucht treu zu bleiben; alles andere wäre Ausnützung ihrer gegenwärtigen Notlage.
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Ich habe eine nacktere Seele als die meisten Menschen & darin besteht sozusagen mein Genius.
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Verstümmle einen Menschen ganz & gar schneide ihm Arme & Beine Nase & Ohren ab & dann sieh was von seinem Selbstrespekt & von seiner Würde übrig bleibt & wieweit seine Begriffe von[140] solchen Dingen dann noch die selben sind. Wir ahnen gar nicht, wie diese Begriffe von
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dem Gewöhnlichen, normalen, Zustand unseres Körpers abhängen. Was wird aus ihnen wenn wir mit einem Ring durch unsere Zungen & gefesselt an einer Leine geführt werden? Wie viel bleibt dann noch von einem Menschen in

ihm übrig? In welchen Zustand versinkt so ein Mensch? Wir wissen nicht, daß wir auf einem hohen schmalen Felsen stehen, & um uns Abgründe, in denen alles ganz anders ausschaut.
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Die Adoption altväterischer Münzbezeichnungen „Groschen“, „Thaler“, charakteristisch für, was heute Österreich ist, & auch für den Zustand in den Europä[141]ischen Ländern überhaupt.
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Damit hängt zusammen das neubeleben von Volkstänzen & Trachten & eine Art der Vertrottelung.
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Meine Hauptdenkbewegung ist heute eine ganz andere†1 als vor 15–20 Jahren.
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Und das ist ähnlich, wie wenn ein Maler von einer Richtung zu einer andern übergeht.
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– Das Judentum ist hochproblematisch, aber nicht gemütlich. Und wehe wenn ein Schreiber die gemütvolle Seite betont. Ich dachte an Freud, wenn er vom jüdischen Witz redet.
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M. braucht mich als Korrektiv, aber nicht als ihren[142] Alleinbesitzer.
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Ich habe manchmal das Gefühl, wie wenn mein Verstand ein Glasstab wäre der belastet ist & jeden Moment brechen kann.
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Mein Geist scheint dann außerordentlich fragil zu sein.
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Es gibt einen Gedankenraum in dem†2 man beim Einschlafen weiter oder weniger weit reisen kann & beim Erwachen gibt es eine Rückkunft aus größerer oder geringerer Entfernung†3.
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Skjolden 19.11.36. Ich habe vor ca 12 Tagen an Hänsel ein Geständnis meiner Lüge bezüglich meiner Abstammung geschrieben. Seit der Zeit denke ich wieder & wieder da[143]rüber nach, wie ich ein volles Geständnis allen mir bekannten Menschen machen kann & soll. Ich hoffe & fürchte! Heute fühle ich mich etwas krank, verkühlt. Ich dachte: „Will Gott mit mir Schluß machen, ehe ich das Schwere tun konnte?“ Möge es gut werden!
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20.11. Matt & arbeitsunlustig, oder eigentlich unfähig. Aber das wäre ja kein schreckliches Übel. Ich könnte ja sitzen & ruhen. Aber dann verfinstert sich meine Seele. Wie leicht vergesse ich die Wohltaten des Himmels!!
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Nachdem ich nun das eine Geständnis gemacht habe, ist es als könne ich den ganzen Lügenbau nicht länger halten, als müsse er ganz niederstürzen. Wäre er nur schon ganz eingestürzt! So daß die Sonne auf Gras & auf die Trümmer scheinen könnte.
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Am schwersten wird mir der Gedan[144]ke an ein Geständnis gegen Francis, weil ich mich für ihn fürchte & vor der fürchterlichen Verantwortung die ich dann tragen muß. Nur die Liebe kann dies tragen. Möge Gott mir helfen.
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21. Ich habe von Hänsel auf meinen Brief eine schöne & rührende Antwort erhalten. Er schreibt, er bewundre mich. Welcher Fallstrick! Er weigert sich den Brief den andern Freunden & Verwandten zu zeigen. Ich habe daher heute ein längeres & umfassenderes Geständnis an Mining geschrieben. Bin versucht, darüber leichtfertig zu denken!
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Die Schraubenmuttern, kaum angezogen, werden gleich wieder locker, weil, was sie zusammenpressen sollen,[145] wieder nachgibt.
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Ich habe immer Freude an meinen eigenen guten Gleichnissen; möchte sie nicht eine so eitle Freude sein.
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Du kannst Christus nicht den Erlöser nennen, ohne ihn Gott zu nennen. Denn ein Mensch kann Dich nicht erlösen.

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23.
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Es fehlt auch meiner Arbeit (meiner philosophischen Arbeit) an Ernst & Wahrheitsliebe. – Wie ich auch in den Vorlesungen oft geschwindelt habe indem ich vorgab etwas schon zu verstehen, während ich noch hoffte es werde mir klar werden.
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24. Ich habe heute den Brief mit einem Geständnis an Mining abgeschickt. Obwohl das Geständnis offenherzig ist, so fehlt mir doch noch immer der Ernst, der der Lage entspricht.
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25.
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[146] Heute liess Gott mir einfallen – denn anders kann ich’s nicht sagen – dass ich den Leuten hier im Ort ein Geständnis meiner Missetaten machen sollte. Und ich sagte, ich könne nicht! Ich will nicht obwohl ich soll. Ich traue mich nicht einmal der Anna Rebni & dem Arne Draegni zu gestehen. So ist mir gezeigt worden dass ich ein Wicht bin. Nicht lange ehe mir das einfiel sagte ich mir ich wäre bereit mich kreuzigen zu lassen.
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Ich hätte doch so gern, daß alle Menschen eine gute Meinung von mir haben! Wenn es auch eine falsche ist; & ich es weiß daß sie falsch ist! –
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Es ist mir gegeben worden, – & ich möchte Lob dafür haben! Lehre doch mich – !
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30.11. Es bläst ein Sturm und ich kann[147] meine Gedanken nicht sammeln. –
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1.12. Ein Satz kann absurd erscheinen & die Absurdität seiner Oberfläche von der Tiefe, die gleichsam hinter ihm liegt verschlungen werden.
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Das kann man auf den Gedanken von der Auferstehung der Toten & auf andere mit ihm verknüpfte anwenden. – Was ihm aber Tiefe gibt ist die Anwendung: das Leben das der führt der ihn glaubt.
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Denn dieser Satz z.B. kann der Ausdruck der höchsten Verantwortung sein. Denn denke doch Du würdest vor den Richter gestellt! Wie sähe Dein Leben aus, wie erschiene es Dir selbst, wenn Du vor ihm stündest. Ganz abgesehen davon, wie es etwa ihm erscheint & ob er einsichtig, oder nicht einsichtig, gnädig, oder nicht gnädig ist.
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„Weiß ist auch eine Art Schwarz.“
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27.1.37
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[148] Auf der Rückkehr von Wien & England, auf der Reise von Bergen nach Skjolden. Mein Gewissen zeigt mir mich selbst als einen elenden Menschen; schwach d.h. unwillig zu leiden, feig: in Furcht Anderen einen ungünstigen Eindruck
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zu machen z.B. dem Portier im Hotell, dem Diener, etc.. Unkeusch. Am schwersten aber fühle ich den Vorwurf der Feigheit. Hinter ihm aber steht die Lieblosigkeit (& die Überhebung). Aber die Scham die ich jetzt empfinde ist auch nichts Gutes insofern ich meine äussere Niederlage stärker empfinde als die Niederlage der Wahrheit. Mein Stolz & meine Eitelkeit sind verletzt.
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In der Bibel habe ich nichts als ein Buch vor mir. Aber warum sage ich „nichts als ein Buch“? ich habe ein Buch vor mir,[149] ein Dokument, das wenn es allein bleibt, nicht mehr Wert haben kann, als irgend ein anderes Dokument.
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(Das hat Lessing gemeint.) Dieses Dokument an sich kann mich zu keinem Glauben an die Lehren die es

enthält ‚verbinden‘, – so wenig wie irgend ein anderes Dokument, das mir hätte in die Hände fallen können. Soll ich die Lehren glauben so nicht deshalb weil mir dies & nicht etwas anderes berichtet worden ist. Sie müssen mir vielmehr einleuchten: & damit meine ich nicht nur Lehren der Ethik, sondern historische Lehren. Nicht die Schrift, nur das Gewissen kann mir befehlen – an Auferstehung, Gericht etc zu glauben. Zu glauben, nicht als an etwas wahrscheinliches, sondern in anderem Sinne. Und mein Unglaube kann mir nur in sofern zum Vorwurf gemacht werden, als ent[150]weder mein Gewissen den Glauben befiehlt – wenn es so etwas gibt –, oder als es mir Niedrigkeiten vorwirft; die mich in einer Weise, die ich aber nicht kenne, nicht zum Glauben kommen lassen. Das heißt, so scheint es mir, ich soll sagen: Du kannst jetzt über einen solchen Glauben gar nichts wissen, er muss ein Geisteszustand sein von dem du gar nichts weisst und der Dich solange nichts angeht als dein Gewissen ihn Dir nicht offenbart; dagegen hast du jetzt deinem Gewissen in dem zu Folgen was es dir sagt. Einen Streit über den Glauben kann es für Dich nicht geben da Du nicht weisst, (nicht das kennst) worüber gestritten wird. Die Predigt kann die Vorbedingung des Glaubens sein, aber sie, durch das was in ihr vorgeht †1, kann den Glauben[151] nicht bewegen wollen. (Könnten diese Worte zum Glauben verbinden, so könnten andere Worte auch zum Glauben verbinden.) Das Glauben fängt mit dem Glauben an. Man muss mit dem Glauben anfangen; aus Worten folgt kein Glaube. Genug.
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– – – Aber gibt es nicht vielerlei Weisen sich für Tinte & Papier zu interessieren? Interessiere ich mich nicht für Tinte & Papier wenn ich einen
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Brief aufmerksam lese? Denn jedenfalls schaue ich dabei aufmerksam auf Tintenstriche. – „Aber die sind ja hier nur Mittel zum Zweck!“ – Aber doch ein sehr wichtiges Mittel zum Zweck! – Ja freilich können wir uns andere Untersuchungen über Tinte & Papier vorstellen, die uns gar nicht interessieren, die uns für unsern Zweck ganz unwesentlich zu sein scheinen würden. Aber was uns also interessiert wird[152] die Art unserer†1 Untersuchung zeigen. Unser Gegenstand ist, so scheint es, sublim, & so sollte er, möchte man glauben†2, nicht von trivialen & in gewissem Sinne unsicheren Gegenständen handeln, sondern von Unzerstörbarem
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[Ein für mich ungemein charakteristisches Phänomen kann ich auf der Reise beobachten: Ich schätze die Menschen, es sei denn daß sie mir durch ihre Erscheinung oder durch ihr Auftreten einen besonderen Eindruck machen, für minder ein als mich selbst: das heißt ich wäre geneigt das Wort „gewöhnlich“ von ihnen zu gebrauchen, ‘einer aus der Masse’ & dergleichen. Ich würde dies vielleicht nicht sagen, aber der Blick mit dem ich ihn zuerst ansehe sagt es. Es ist schon ein Urteil in diesem Blick. Ein ganz unbegründetes, & unberechtigtes. Und auch dann natürlich unberechtigtes, wenn[153] sich der Mensch bei genauerer Bekanntschaft wirklich als sehr gewöhnlich, d.h. oberflächlich, herausstellen sollte. Ich bin freilich in Vielem ungewöhnlich & daher viele Menschen gegen mich gehalten gewöhnlich; aber worin besteht denn meine Ungewöhnlichkeit?]
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Wenn unsere Betrachtungen von Wort & Satz handeln so sollten sie doch in einem idealeren Sinn von ihnen handeln, als in dem, in welchem ein Wort verwischt, schwer leserlich, sein kann u.dergl.. – So werden wir dazu geführt statt dem Wort die ‘Vorstellung’des Wortes betrachten zu wollen. Wir wollen zu Reinerem, Klarerem, zu Nicht-hypothetischem. [Darauf bezieht sich die Bemerkg im Band XI.]
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28.1. Noch auf der Reise im Schiff. Wir legten an einem Landungsplatz an & ich sah auf das Drahtseil, mit dem das Schiff angehängt war,[154] & der Gedanke kam mir: gehe auf dem Seil; Du wirst natürlich nach wenigen Schritten ins Wasser fallen – aber das Wasser war nicht tief & ich wäre nur
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naß geworden aber nicht ertrunken; & vor allem wäre ich natürlich ausgelacht oder für ein wenig verrückt gehalten worden. Ich schreckte sofort vor dem Gedanken zurück, das zu tun & mußte mir gleich sagen, daß ich kein freier Mann†1, sondern ein Sklave bin. Freilich wäre es ‘unvernünftig’ gewesen dem Impuls zu folgen; aber was sagt das?! Ich verstand, was es heißt, daß der Glaube den Menschen selig macht, d.h. von der Furcht vor Menschen frei macht, indem er ihn unmittelbar unter Gott stellt. Er wird sozusagen reichsunmittelbar. Eine Schwäche ist, kein Held zu sein, aber eine noch viel schwächere†2 Schwäche den Helden zu spielen, also nicht einmal die Kraft haben, das Deficit[155] klar & ohne Zweideutigkeit in der Bilanz zu bekennen. Und das heißt: bescheiden werden: nicht in ein paar Worten, die man einmal sagt, sondern im Leben.
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Ein Ideal haben ist recht. Aber wie schwer, sein Ideal nicht spielen zu wollen! Sondern es in dem Abstand von sich zu sehen, in dem es ist! Ja, ist das auch nur möglich, – oder müßte man darüber entweder gut oder wahnsinnig werden? Müßte diese Spannung, wenn sie ganz erfaßt würde, den Menschen nicht entweder zu Allem

bringen, oder ihn zerstören.
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Ist es hier ein Ausweg, sich in die Arme der Gnade zu werfen?
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Heute nacht folgenden Traum: Ich stand mit Paul & Mining, es war, wie auf einer vorderen Plattform eines Wagen der Elektrischen aber daß es das war, war nicht klar. Paul berichtete der Mining davon, wie begeistert mein Schwager Jérome von[156] meiner unglaublichen musikalischen Begabung gewesen sei; ich hatte am Tag vorher so wunderbar bei einem Werk von Mendelsohn, „die Bachanten“ (oder so ähnlich) hieß es, mitgesungen†3; es war als hätten wir in diesem Werk unter uns zu Hause musiziert & ich hätte außerordentlich ausdrucksvoll mitgesungen & auch mit besonders ausdrucksvollen Gesten. Paul & Mining schienen mit dem Lob Jeromes vollkommen übereinzustimmen. Jerome habe ein über das andre mal gesagt: „Welches
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Talent!“ (oder etwas Ähnliches; ich erinnere mich daran nicht sicher) Ich hielt eine abgeblühte Pflanze in der Hand mit schwärzlichen Samenkörnern in den schon offenen Schötchen & dachte: wenn sie mir sagen sollten, wie schade es doch um mein ungenutztes musikalisches Talent sei, werde ich ihnen die Pflanze zeigen & sagen, daß die Natur mit ihrem Samen auch nicht sparsam[157] ist & daß man nicht ängstlich sein & einen Samen ruhig hinwerfen soll†1. Das ganze war von Selbstgefälligkeit getragen. – Ich wachte auf & ärgerte, oder schämte, mich wegen meiner Eitelkeit. – Es war das nicht ein Traum der Art wie ich ihn in den letzten 2 Monaten (etwa) sehr oft gehabt habe: wo ich nämlich im Traum verächtlich handle, z.B. lüge, & mit dem Gefühl aufwache: Gott sei dank, daß es ein Traum war; & den Traum auch als eine Art Warnung nehme. Möge ich nicht ganz gemein und auch nicht wahnsinnig werden! Möge Gott Erbarmen mit mir haben.
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30.1. Fühle mich körperlich krank; ich bin ausserordentlich schwach & habe ein gewisses Schwindelgefühl. Wenn ich mich nur richtig zu meinem körperlichen Zustand stellen würde! Ich bin noch heute, wie als kleiner Bub beim Zahnarzt, wo ich auch immer die wirklichen Schmerzen mit der Furcht vor[158] Schmerzen vermengt habe & nicht eigentlich wusste wo das eine aufhörte & das andere anfing.
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Unser Gegenstand ist doch sublim, – wie kann er dann von gesprochenen oder geschriebenen Zeichen handeln?
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Nun wir reden von dem Gebrauch der Zeichen als Zeichen (& natürlich ist der Gebrauch des Zeichens nicht ein Gegenstand; der als das eigentliche & interessante†2 dem Zeichen als seinem bloßen Vertreter gegenübersteht.)
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Aber was ist am Gebrauch der Zeichen Tiefes†3? Da erinnere ich mich, erstens, daran, daß Namen oft eine magische Rolle zugekommen ist, & zweitens daran, daß die Probleme, die durch ein Mißdenken der Formen unserer Sprache†4 entstehen, immer den Charakter des profunden haben.
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[159] Erinnere Dich!
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31.1. Denk wie uns das Substantiv „Zeit“ ein Medium vorspiegeln kann; wie es
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uns in die Irre führen kann, daß wir einem Phantom (auf & ab) nachjagen.
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Adam benennt die Tiere – – –
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Gott lass mich fromm sein aber nicht überspannt!
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Ich fühle mich als wäre mein Verstand in einem sehr labilen Gleichgewichtszustand; so als würde ein verhältnismäßig geringer Stoß ihn zum umschnappen bringen. Es ist so wie man sich manchmal dem Weinen nahe fühlt, den herannahenden Weinkrampf fühlt. Man soll dann recht ruhig, gleichmäßig & tief zu atmen versuchen, bis der Krampf sich löst. Und so Gott will wird es mir gelingen.
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2.2. Erinnere Dich beim Philosophieren zur rechten Zeit daran, mit welcher Befriedigung Kinder( &[160] auch einfache Leute) hören das sei die größte Brücke, der höchste Turm, die größte Geschwindigkeit ... etc.. (Kinder

fragen: „was ist die größte Zahl?“) Es ist nicht anders möglich als daß ein solcher Trieb allerlei philosophische Vorurteile & daher philosophische Verwicklungen erzeugen muß.
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3.2. Du sollst die Annehmlichkeiten des Lebens nicht wie ein Dieb davontragen. (Oder wie der Hund der einen Knochen gestolen hat & mit ihm davonrennt.)
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Aber was bedeutet das nicht fürs Leben!!
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4.2. Ich kann wohl die christliche Lösung des Problems des Lebens (Erlösung, Auferstehung, Gericht, Himmel, Hölle) ablehnen†1, aber damit ist ja das Problem meines Lebens nicht gelöst, denn ich bin nicht gut & nicht glücklich. Ich bin[161] nicht erlöst. Und wie kann ich also wissen, was mir, wenn ich anders lebte, ganz anders lebte, als einzig akzeptables Bild der Weltordnung vorschweben würde. Ich kann das nicht beurteilen. Ein anderes Leben rückt ja ganz andere Bilder in den Vordergrund, macht ganz andere Bilder notwendig. Wie Not beten lehrt. Das heißt nicht, daß man durch das andere Leben notwendig seine Meinungen ändert. Aber lebt man anders, so spricht man anders. Mit einem neuen Leben lernt man neue Sprachspiele.
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Denk z.B. mehr an den Tod, – & es wäre doch sonderbar, wenn Du nicht dadurch neue Vorstellungen, neue Gebiete der Sprache, kennen lernen solltest.
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5.2. Kann aus irgend einem Grunde nicht arbeiten. Meine Gedanken kommen nicht[162] vom Fleck & ich bin ratlos, weiß nicht was ich in dieser Lage anfangen soll. Ich scheine hier die Zeit in unnützer Weise zu vergeuden.
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6.2. Im guten Sinne „schwerverständlich“ ist ein Künstler, wenn uns das Verständnis Geheimnisse offenbart, nicht, einen Trick, den wir nicht verstanden hatten.
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7.2. Es fehlt meinem Schreiben wieder an Frömmigkeit & Ergebenheit. So sorge ich mich darum daß, was ich jetzt hervorbringe Bachtin schlechter erscheinen könnte, als was ich ihm gegeben habe. Wie kann bei solcher Dummheit, Gutes herauskommen. –
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8.2. Der ideale Name ist ein Ideal; d.i., ein Bild, eine Form der Darstellung, der wir zuneigen. Wir wollen die Zerstörung & Veränderung darstellen als Trennung & [163] Umgruppierung von Elementen. Diese Idee nun könnte man in gewissem Sinne erhaben nennen; sie wird es dadurch, daß wir die ganze Welt durch sie betrachten. Aber es ist nun nichts wichtiger, als daß wir uns klar werden, welche Erscheinungen, welche einfachen, hausbackenen, Fälle das Urbild zu dieser Idee sind. Das heißt: Frage Dich, wenn Du versucht bist, allgemeine metaphysische Aussagen zu machen (immer): An welche Fälle denke ich denn eigentlich? – Was für ein Fall, welche Vorstellung, schwebt mir denn da vor? Dieser Frage widersetzt sich nun etwas in uns, denn wir scheinen damit das Ideal zu gefärden: Während†1 wir es doch nur†2 tun als es an den Ort zu stellen wohin es gehört. Denn es soll das Bild sein womit wir die Wirklichkeit vergleichen, wodurch†3 wir darstellen, wie es sich verhält. Nicht,†4 ein Bild wonach wir die Wirklichkeit[164] umfälschen.
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Wir werden daher immer wieder fragen: „Woher nimmt sich, dieses Bild?!“ dem wir eine so allgemeine Bedeutung†1 vindizieren wollen.
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Die „sublime Auffassung“ zwingt mich von dem konkreten Fall wegzugehen, da, was ich sage, ja auf ihn nicht paßt. Ich begebe mich nun in eine ätherische Region, rede vom eigentlichen Zeichen, von Regeln die es geben muß (obwohl ich nicht sagen kann wo & wie), – & gerate ‘aufs Glatteis’.
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9.2. Ein Traum: Ich fahre im Eisenbahnzug & sehe durchs Fenster eine Landschaft: eine Ortschaft & ziemlich im Hintergrund sehe ich etwas, was wie zwei große Montgolfieren aussieht. Ich freue mich über den Anblick. Nun steigen sie auf, aber es zeigt sich, daß es nur eine [165] Montgolfiere ist mit einem fallschirmartigen Gebilde darüber. Beides braunrot. Wo es sich vom Boden hebt, sieht der Boden schwarz aus, wie vom Feuer. Nun aber fliege auch ich in einem Ballon.
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Die Gondel ist wie ein Koupé & ich sehe durchs Fenster, daß die Montgolfiere, wie vom Wind getrieben, sich uns nähert. Es ist gefährlich, denn unser Ballon kann Feuer fangen. Nun ist die Montgolfiere ganz nah. Ich nehme an, daß unsere Mannschaft, die ich mir über meinem Koupé vorstelle, versucht, die Montgolfiere von uns wegzustoßen. Ich glaube aber, sie hat uns vielleicht schon berührt. Ich liege nun auf dem Rücken in dem Koupé; & denke: jeden Moment kann eine furchtbare Explosion erfolgen & alles aus sein.
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Ich denke jetzt oft an den Tod, & daran, wie ich in der Todesnot bestehen werde; & der Traum hängt[166] damit zusamen.
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13.2. Mein Gewissen plagt mich & läßt mich nicht arbeiten. Ich habe in Schriften Kierkegaards gelesen & das hat mich noch mehr beunruhigt, als ich es schon war.. Ich will nicht leiden; das ist es was mich beunruhigt. Ich will nicht auf irgendwelche Bequemlichkeit verzichten, oder auf einen Genuß. (Ich würde z.B. nicht fasten, oder mir auch nur im Essen Abbruch tun.) Aber ich will auch nicht gegen irgend jemand auftreten & mir Unfriede
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schaffen. Wenigstens nicht, wenn der Fall nicht unmittelbar unter meine Augen gerückt wird. Aber selbst dann fürchte ich, ich möchte mich drücken. Dazu lebt in mir eine unausrottbare Unbescheidenheit. Ich möchte mich bei aller Jämmerlichkeit†1 immer mit den Bedeu[167]tendsten vergleichen. Es ist als könnte ich, nur Trost finden in der Erkenntnis meiner Jämmerlichkeit.
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Laß mich daran festhalten, daß ich mich nicht selbst betrügen will. D.h. ich will eine Forderung, die ich als solche anerkenne, mir selbst immer wieder als Forderung eingestehen. Das verträgt sich völlig mit meinem Glauben. Mit meinem Glauben, wie er ist. Daraus folgt, daß ich entweder die Forderung erfüllen werde, oder darunter leiden werde, sie nicht zu erfüllen, denn ich kann sie mir nicht vorhalten & nicht darunter leiden, daß ich ihr nicht genüge. Ferner aber: Die Forderung ist hoch†2. Das heißt: was immer am Neuen Testament wahr oder falsch sein mag, eines kann nicht bezweifelt werden: daß ich, um richtig zu leben, ganz anders leben müßte, als es mir behagt. Daß das Leben viel ernster ist, als es an der Oberfläche ausschaut. Das Leben ist ein furchtbarer Ernst.
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Das Höchste aber, das ich zu erfüllen[168] bereit bin, ist: „fröhlich zu sein in meiner Arbeit“. D.h.: nicht unbescheiden, gutmütig, nicht direkt lügnerisch, im Unglück nicht ungeduldig. Nicht, daß ich diese Forderungen erfülle! aber ich kann es anstreben. Was aber höher liegt kann, oder will, ich nicht anstreben, ich kann es nur anerkennen & bitten, dass der Druck dieser Anerkennung nicht zu fürchterlich wird, d.h., daß er mich leben läßt, daß er also meinen Geist nicht verdunkle.
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Es muss dazu, gleichsam, durch die Decke, den Plafond, unter dem ich arbeite, über den ich nicht steigen will, ein Licht durchschimmern.
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15.2. Wie das Insekt das Licht umschwirrt so ich ums Neue Testament.
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Ich hatte gestern diesen Gedanken: Wenn ich ganz von Strafen im Jenseits[169] absehe: Finde ich es richtig, daß ein Mensch sein Leben lang für die Gerechtigkeit leidet dann vielleicht einen schrecklichen Tod stirbt, – & nun keinerlei Lohn für dieses Leben hat? Ich bewundere doch einen solchen,
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stelle ihn hoch über mich, & warum sage ich nicht, er war ein Esel, daß er sein Leben so benützt hat. Warum ist er nicht dumm? Oder auch: warum ist er nicht der „elendeste Mensch“? Sollte er das nicht sein, wenn nun das alles ist, daß er ein schreckliches Leben hatte bis an sein Ende? Denke nun aber ich antwortete: „Nein er ist nicht dumm gewesen, denn nach seinem Tode geht es ihm nun gut.“ Das ist auch nicht befriedigend. Er scheint mir nicht dumm, ja, im Gegenteil, er scheint mir das Richtige zu tun. Ferner scheine ich sagen zu können: er tut das Rechte, denn er empfängt den rechten Lohn, und doch kann[170] ich mir den Lohn nicht als Belohnung nach seinem Tode denken.

„Dieser Mensch muß heimkommen“ möchte ich von einem solchen sagen.
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Man stellt sich die Ewigkeit (des Lohnes oder der Strafe) für gewöhnlich als eine endlose Zeitdauer vor. Aber man könnte sie sich geradesogut als einen Augenblick vorstellen. Denn in einem Augenblick kann man ­alle Schrecken erfahren & alle Glückseligkeit. Wenn Du Dir die Hölle vorstellen willst so brauchst Du nicht an nie endende Qualen zu denken. Vielmehr würde ich sagen: Weißt Du welches unsagbaren Grauens ein Mensch fähig ist? Denk daran & Du weißt was die Hölle ist, obwohl es sich da gar nicht um Dauer handelt.
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Und ferner, wer weiß welches Grauens er fähig ist, der weiß daß das noch immer[171] nichts ist gegen etwas noch viel Schrecklicheres, was, solange wir noch von Äußerem abgelenkt werden können, noch gleichsam verdeckt liegt. (Die letzte Rede des Mephisto im Lenauschen Faust.) Der Abgrund der Hoffnungslosigkeit kann sich im Leben nicht zeigen. Wir können nur bis zu gewisser Tiefe in ihn hineinschauen, denn „wo Leben ist, da ist Hoffnung“. Im Peer Gynt heißt es: „Zu teuer erkauft man das Bißchen Leben mit solch einer Stunde verzehrendem Beben.“ – Wenn man Schmerzen hat, so sagt man etwa: „Jetzt dauern diese Schmerzen schon 3 Stunden, wann werden sie denn endlich aufhören“, in der Hoffnungslosigkeit aber denkt man nicht: „es dauert schon so lange!“, denn da vergeht die Zeit in gewissem Sinne gar nicht.
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Kann man nun nicht jemandem, & ich mir, sagen: „Du tust†1 recht Dich vor der Hoffnungslosigkeit zu fürch[172]ten! Du mußt so leben, daß sich
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Dein Leben nicht am Ende zuspitzen kann zur Hoffnungslosigkeit. Zu dem Gefühl: Nun ist’s zu spät.“ Und es scheint mir, als könne es sich zu verschiedenem zuspitzen.
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Aber kannst Du Dir denken, daß das Leben des wahrhaft Gerechten sich auch nur so zuspitzt? Muß er nicht die „Krone des Lebens“ erhalten? Fordre ich für ihn nichts Anderes? Fordre ich für ihn nicht Verherrlichung?! Ja! Aber wie kann ich mir seine†1 Verherrlichung denken? Ich könnte meinem Gefühle nach sagen: er muß nicht nur das Licht schauen, sondern unmittelbar an das Licht heran, mit ihm nun eines Wesens werden, – und dergleichen. Ich könnte also, scheint es, alle Ausdrücke brauchen, die die Religion hier tatsächlich gebraucht.
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Es drängen sich mir also diese Bilder auf. Und doch scheue ich mich diese[173] Bilder & Ausdrücke zu gebrauchen. Vor allem sind es natürlich nicht Gleichnisse.
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Denn was sich durch ein Gleichnis sagen läßt, das auch ohne Gleichnis.
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Diese Bilder & Ausdrücke haben ihr Leben vielmehr nur in einer hohen Sphäre des Lebens nur in dieser Sphäre können sie mit Recht gebraucht werden. Ich könnte eigentlich nur eine Geste machen, die etwas Ähnliches heißt wie „unsagbar“, & nichts sagen. – Oder ist diese unbedingte Abneigung dagegen hier Worte zu gebrauchen eine Art Flucht? Eine Flucht vor einer Realität? Ich glaube nicht; aber†2 ich ich weiß es nicht. Lass mich zwar vor keinem Schluss zurückscheuen, aber auch unbedingt nicht abergläubisch sein!! Ich will nicht unreinlich denken!
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16.2.37 Gott! lass mich zu dir in ein Verhältnis kommen, in dem ich „fröhlich sein kann in meiner Arbeit! [174] Glaube daran dass Gott von dir in jedem Moment alles fordern kann! Sei dir dessen wirklich bewusst! Dann bitte dass er dir das Geschenk des Lebens gibt! Denn Du kannst jederzeit in Wahnsinn verfallen oder ganz & gar unglücklich werden, wenn Du etwas nicht tust was von dir verlangt wird!
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Es ist ein Ding zu Gott zu reden & ein anderes, von Gott zu Anderen zu reden.
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Erhalte mir meinen Verstand rein & unbefleckt! –
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Ich möchte gern tief sein; – & doch scheue ich vor dem Abgrund im Menschenherzen zurück!! –
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Ich winde mich unter der Qual, nicht arbeiten zu können, mich matt zu fühlen, nicht von Anfechtungen ungestört leben zu können. Und wenn ich nun bedenke,[175] was Andere, – die wirklich etwas waren –, zu leiden hatten, so ist, was ich erlebe, nichts im Vergleich. Und doch winde ich mich unter dem im Vergleich winzigen

Druck.
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Meine Erkenntnis ist eigentlich: wie fürchterlich unglücklich der Mensch werden kann. Die Erkenntnis eines Abgrundes; & ich möchte sagen: Gott gebe, daß diese Erkenntnis nicht klarer wird.
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Und ich kann wirklich jetzt nicht arbeiten. Der Quell ist mir versiegt & ich weiss ihn nicht zu finden.
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17.2. Immer wieder ich mich auf gemeinen Gedanken, ja auf den gemeinsten Gedanken. Heuchelei der lächerlichsten Sorte & wo es das Höchste be-trifft. finde†1
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Wie man auf dünnem Eis über einem tiefen Wasser mit Angst geht, so arbeite ich heute ein wenig, soweit †2 es mir gegeben ist. [176]
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Der furchtbare Augenblick im unseligen Sterben muß doch der Gedanke sein: „Oh hätte ich doch nur ... Jetzt ist’s zu spät.“ Oh hätte ich doch nur richtig gelebt! Und der seelige Augenblick muß sein: „Jetzt ist’s vollbracht!“ – Aber wie muß man gelebt haben, um sich das sagen zu können! Ich denke, es muß auch hier Grade geben. Aber ich selbst, wo bin ich? Wie weit vom Guten & wie nah am untern Ende!
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18.2. Habe grosse Sehnsucht nach Francis. Fürchte für ihn. Möge ich das Richtige tun.
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Wenig fällt mir so schwer, wie Bescheidenheit. Dies merke ich jetzt wieder, da ich in Kierkegaard lese. Nichts ist mir so schwer als mich unterlegen zu fühlen; obwohl es sich[177] nur darum handelt die Wirklichkeit zu sehen, so wie sie ist.
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Wäre ich im Stande meine Schrift G.z.o.?
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Es wäre mir viel lieber zu hören: „Wenn Du das nicht tust, wirst Du Dein Leben verspielen.“, als: „Wenn Du das nicht tust, wirst Du bestraft“.
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Das Erste heißt eigentlich: Wenn Du das nicht tust, ist Dein Leben ein Schein, es hat nicht Wahrheit & Tiefe.
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19.2.

Heute nacht gegen morgen fiel mir ein, daß ich heute den alten Sweater herschenken sollte, den ich mir schon lange vorgenommen hatte, zu verschenken. Dabei aber kam mir auch, gleichsam als Befehl, der Gedanke, ich solle zugleich auch den neuen herschenken den ich mir - übrigens ohne eigentliches Bedürfnis - neulich in Bergen gekauft habe (er gefällt mir sehr). Ich war nun über diesen 'Befehl'[178] sogleich in einer Art Bestürzung & Empörung, wie so oft in diesen letzten 10 Tagen. Es ist aber nicht, daß ich so sehr an diesem Sweater hänge (obwohl das irgendwie mitspielt), sondern was mich 'empört' ist, daß so etwas, & also alles von mir verlangt werden kann; & zwar verlangt, - nicht, daß es als gut oder erstrebenswert empfohlen wird. Die Idee, daß ich verloren sein kann, wenn ich es nicht tue. - Nun könnte man einfach sagen: „Nun, gib ihn nicht her! was weiter?“- Aber wenn ich nun dadurch unglücklich werde? Was heißt denn aber die Empörung? Ist sie nicht eine Empörung gegen Tatsachen? Du sagst: „Es kann sein, daß von mir das furchtbar Schwerste verlangt wird.“ Was heißt das? Es heißt doch: Es kann sein, daß ich morgen fühle, daß ich meine[179] Manuscripte (z.B.) verbrennen muß; d.h., daß, wenn ich sie nicht verbrenne, mein Leben (dadurch) zu einer Flucht wird. Daß ich damit von dem Guten, von der Quelle des Lebens abgeschnitten bin. Und mich eventuell durch allerlei Possen über die Erkenntnis betäube, daß ich es bin. Und wenn ich sterbe, dann würde diese Selbstbeschwindelung ein Ende nehmen. Es ist nun ferners das wahr, daß ich nicht durch Überlegungen etwas zu etwas Rechtem machen kann, was mir in meinem Herzen als Possen erscheint. Keine Gründe der Welt könnten z.B. beweisen, daß meine Arbeit wichtig & etwas ist, was ich tun darf & soll, wenn mein Herz – ohne einen Grund – sagt, ich habe sie zu lassen. Man könnte sagen: „Was Possen sind, entscheidet der liebe Gott.“ Aber ich will diesen[180] Ausdruck jetzt nicht gebrauchen. Vielmehr: Ich kann mich, & soll mich, durch keine Gründe überzeugen, daß die Arbeit, z.B., etwas Rechtes ist. (Die

Gründe
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die Menschen mir sagen†1 würden, – Nutzen, etc – sind lächerlich). – Heißt das nun, oder heißt es nicht, daß meine Arbeit & Alles, was ich sonst genieße, ein Geschenk ist? D.h., daß ich nicht darauf ruhen kann, als auf etwas Festem, auch abgesehen davon, daß es mir durch Unfall, Krankheit, etc. genommen werden kann. Oder vielleicht richtiger: Wenn ich nun darauf geruht habe & es für mich etwas Festes war, & es nun nicht mehr fest für mich ist, da ich eine Abhängigkeit fühle, die ich früher nicht gefühlt habe (ich sage nicht einmal: ich erkennte jetzt eine Abhängigkeit, die ich früher nicht erkannt hatte), so[181] habe ich das als Tatsache hinzunehmen. Das was mir fest war, scheint jetzt zu schwimmen & untergehen zu können. Wenn ich sage, ich muß es als Tatsache hinnehmen, so meine ich eigentlich: ich muß mich damit auseinandersetzen. Ich soll nicht darauf mit Entsetzen stieren, sondern glücklich sein dennoch. Und was bedeutet†2 das für mich? – Man könnte ja sagen: „Nimm eine Medizin, damit diese Idee dieser Abhängigkeit vergeht (oder such nach so einer).“ Und ich könnte mir natürlich denken, daß sie vorübergehen wird. Auch etwa durch einen Wechsel der Umgebung. Und wenn man mir sagte, ich sei jetzt krank, so ist†3 das vielleicht auch wahr. Aber was sagt das? – Das heißt doch: „Flieh diesen Zustand!“ Und angenommen, er hörte jetzt sogleich auf, mein Herz hört auf in den Abgrund zu sehen, es kann seine Aufmerk[182]samkeit wieder auf die Welt richten, – aber damit ist ja die Frage nicht beantwortet, was ich tun soll, wenn mir das nicht geschieht (denn dadurch, daß ich es wünsche geschieht es nicht). Ich könnte also freilich nach einem Mittel gegen diesen Zustand suchen, aber solange ich das tue, bin ich ja noch in dem Zustand (weiß auch nicht, ob & wann er aufhören wird) & soll†4 also das Rechte, meine Pflicht, tun, wie sie es in meinem gegenwärtigen Zustand ist. (Da ich ja nicht einmal weiß, ob es einen zukünftigen geben wird.) Ich kann also zwar hoffen, daß er sich ändern wird, muß mich aber in ihm jetzt einrichten. Und wie tue ich das? Was habe ich zu tun damit er, so wie er ist, erträglich wird? Welche Attitude†5 nehme ich zu
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ihm ein? Die der Empörung? Das ist der Tod! In der Empörung schlage[183] ich nur auf mich selbst los. Das ist ja klar! wen soll ich denn damit schlagen? Ich muß mich also ergeben. Jeder Kampf dabei ist ein Kampf mit mir selbst; & je stärker ich schlage, desto stärker werde ich geschlagen. Ergeben müßte sich aber mein Herz, nicht einfach meine Hand. Hätte ich Glauben, d.h., würde ich unverzagt tun wozu die innere Stimme mich auffordert, so wäre dieses Leiden geendet.
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Nicht das Knien hilft beim Beten, aber man kniet.
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Nenn es alles Krankheit! Was hast Du damit gesagt? Nichts.
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Nicht erklären! – Beschreiben! Unterwirf dein Herz & sei nicht bös, dass du so leiden musst! Das ist der Rat, den ich mir geben soll. Wenn du krank bist, dann richte dich in dieser Krankheit ein; sei nicht[184] bös dass du krank bist.
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Das aber ist wahr, daß, sobald ich auch nur aufathmen kann, sich bei mir die Eitelkeit regt.
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Lass mich dieses gestehen: Nach einem für mich schweren Tag kniete ich heute beim Abendessen & betete & sagte plötzlich kniend & in die Höhe blickend: „Es ist niemand hier.“ Dabei wurde mir wohl zu Mute als wäre ich in etwas Wichtigem aufgeklärt worden.
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Was es aber eigentlich bedeutet, das weiss ich noch nicht. Ich fühle mich leichter. Aber das heisst nicht etwa: ich sei früher in einem Irrtum gewesen. Denn war es ein Irrtum, was beschützt mich davor, daß ich in ihn zurückfalle?! Also kann hier von Irrtum & einem Überwinden des Irrtums nicht die Rede sein. Und nennt man es Krankheit so kann wieder von einem Überwinden nicht die Rede[185] sein; denn die Krankheit kann mich ja jederzeit wieder überwinden. Denn ich sagte ja auch dieses Wort nicht als ich gerade wollte, sondern es kam. Und wie es kam so kann etwas anderes kommen. – „Lebe so, dass du gut sterben kannst!“
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20.2. Du sollst so leben, daß Du vor dem Wahnsinn bestehen kannst, wenn er kommt. Und den Wahnsinn sollst du nicht fliehen. Es ist ein Glück, wenn er nicht da ist, aber fliehen sollst Du ihn nicht, so glaube ich mir sagen zu müssen. Denn er ist der strengste Richter (das strengste Gericht) darüber ob mein Leben recht oder unrecht ist; er ist fürchterlich, aber Du sollst ihn dennoch nicht fliehen. Denn Du weißt ja doch nicht, wie Du ihm entkommen kannst; & während Du vor ihm fliehst, benimmst Du[186] Dich ja unwürdig.
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Ich lese im N.T. & verstehe Vieles & Wesentliches nicht, aber Vieles doch. Ich fühle mich heute viel wohler als Gestern. Möge es bleiben.
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Man könnte mir sagen: „Du sollst Dich nicht so viel mit dem N.T. einlassen, es kann Dich noch verrückt machen.“ – Aber warum ‘soll’ ich nicht, – es sei denn, daß ich selbst fühlte, ich soll nicht. Wenn ich glaube, in einem Raum das Wichtige, die Wahrheit, sehen zu können – oder sie finden zu können, dadurch, daß ich hineingehe, so kann ich doch fühlen, ich soll hineingehen, was immer mir drin geschieht & ich soll nicht aus Furcht es vermeiden, hineinzugehen. Drinnen sieht es vielleicht schaurig aus, und man möchte gleich wieder hinaus[187]laufen; aber soll ich nicht versuchen standhaft zu bleiben? Ich möchte in so einem Fall, dass mir jemand auf die Schulter klopft & mir sagt: “Fürchte dich nicht! denn das ist recht.”
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Ich danke Gott, dass ich in die Einsamkeit nach Norwegen gekommen bin!
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Wie kommt es, daß die Psalmen (die Bußpsalmen), die ich heute gelesen habe eine Speise für mich sind & das N. T. eigentlich bis jetzt noch keine Speise? Ist es bloß zu ernst für mich?
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Der Unschuldige muß anders sprechen, als der Schuldige, & andere Anforderungen stellen. Bei David kann nicht stehen: „Seid vollkommen“, es heißt nicht, daß man sein Leben zum Opfer bringen soll & es wird nicht eine ewige Seeligkeit versprochen. Und das Annehmen dieser Lehre – so scheint es mir – erfordert, daß man sagt:[188] „Dieses Leben mit allerlei Lust & Schmerz ist doch nichts! Dazu kann es doch nicht da sein! Es muß doch etwas viel Absoluteres sein. Es muß zum Absoluten streben. Und das einzig Absolute ist, wie ein kämpfender, ein stürmender Soldat das Leben durchzufechten auf den Tod los. Alles Andere ist Zaudern, Feigheit, Bequemlichkeit also†1 Erbärmlichkeit.“ Das ist natürlich nicht Christentum, denn hier ist z.B. von ewigem Leben & ewiger Strafe keine Rede. Aber ich verstünde auch, wenn Einer sagte: Das Glück in einem ewigen Verstande ist nur so zu erreichen; & kann nicht erreicht werden, dadurch daß man sich hier bei allerlei kleinem Glück aufhält. Aber hier ist noch immer nicht von einer ewigen Verdammnis die Rede.
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Dieses Streben nach dem Absoluten, welches alles irdische Glück zu[189] kleinlich erscheinen läßt, den Blick hinaufwendet & nicht eben,
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auf die Dinge, sieht, erscheint mir als etwas Herrliches, Erhabenes, aber ich selbst richte meinen Blick auf die irdischen Dinge; es sei denn, daß mich „Gott heimsucht“ & der Zustand über mich kommt, in dem das nicht möglich ist. Ich glaube: Ich soll das & das tun, & das & das nicht tun; & das kann ich in jener matteren Beleuchtung von oben tun; das ist nicht jener Zustand. Warum soll ich heute meine Schriften verbrennen?! Ich denke nicht dran! – Aber ich denke schon dran, wenn die Finsternis auf mich herabgestiegen ist & droht auf mir zu bleiben. Es ist dann als hätte ich meine Hand auf einem Gegenstand & er würde heiß & ich hätte die Wahl zwischen Fahrenlassen & Verbrennen. In dieser Lage will man die Worte der Bußpsalmen gebrauchen. [190]
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(Den eigentlichen Christenglauben – nicht den Glauben – verstehe ich noch gar nicht.)
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aber ihn suchen das wäre Verwegenheit.
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Denk, jemand in einem furchtbaren Schmerz, wenn etwa etwas Bestimmtes in seinem Körper vorgeht, schriee „Fort, fort!“, obwohl nichts ist, was er fort wünscht, – könnte man nun sagen: „Diese Worte sind falsch angewendet“?? So etwas würde man doch nicht sagen. Ebensowenig, wenn er z.B. in diesem Zustand eine ‘abwehrende’ Geste macht, oder aber auf die Knie fällt & die Hände faltet könnte man das vernünftigerweise als falsche Gebärden erklären. Er tut eben das in so einer Lage. Hier kann von ‘falsch’ nicht die Rede sein. Welche Anwendung sollte richtig sein, wenn eine notwendige falsch ist? Anderseits könn[191]te man nicht sagen, es sei eine richtige Anwendung der Gebärde gewesen & deshalb sei hier jemand gewesen, vor dem er gekniet hat†1. Es sei denn daß diese beiden Aussagen identischen Sinn haben sollen, & dann ist auch das „daher“ falsch. Wende das aufs Gebet an. Wer die Hände ringen & flehen muß, wie könnte man von dem sagen er sei im Irrtum, oder in einer Einbildung.
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21.2. Die Leiden des Geistes los werden, das heißt die Religion los werden.
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Hast Du nicht in deinem ganzen Leben irgendwie gelitten (nur nicht auf diese Art), & willst du jetzt lieber zurück zu diesen Leiden?!
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Ich bin gutmütig aber ich bin ausserordentlich feige & darum schlecht. Ich möchte Leuten helfen, wo es keine grössere Anstrengung, aber vor allem, keinen
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Mut kostet. [192] Komme ich selbst dabei in die geringste Gefahr, so scheue ich zurück. Und unter Gefahr meine ich z.B. die etwas von der guten Meinung der Menschen zu verlieren.
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Ich könnte die feindliche Linie immer nur stürmen, wenn von hinten auf mich geschossen wird.
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Wenn ich leiden muss so ist es doch besser durch den Kampf des Guten mit dem Schlechten in mir, als durch den Kampf im Bösen.†1
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Was ich jetzt glaube: Ich glaube, dass ich mich nicht vor den Menschen oder ihrer Meinung fürchten sollte wenn ich tun will, was ich für recht halte.
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Ich glaube, dass ich nicht lügen soll; dass ich den Menschen gut sein soll; dass ichmich sehen[193] soll wie ich wirklich bin; dass ich meine Bequemlichkeit opfern soll, wenn es etwas Höheres gillt; dass ich in guter Weise fröhlich sein soll, wenn es mir gegeben ist, aber wenn nicht, dass ich dann mit Geduld & Standhaftigkeit die Trübseligkeit ertrage; dass der Zustand welcher alles von mir fordert durch das Wort „Krankheit“, oder „Wahnsinn“, nicht erledigt ist, d.h.: dass ich in diesem Zustand ebenso verantwortlich bin, wie ausserhalb, dass er zu meinem Leben gehört wie jeder andere und ihm die also volle Aufmerksamkeit gebührt. Einen Glauben an eine Erlösung durch den Tod Christi habe ich nicht; oder aber noch nicht. Ich fühle auch nicht etwa, dass ich auf dem Wege zu so einem Glauben sei, aber ich halte es für möglich, dass ich einmal hier etwas verstehen werde, wovon ich jetzt[194] nichts verstehe, was mir jetzt nichts sagt, & dass ich dann einen Glauben haben werde, den ich jetzt nicht habe. – Ich glaube, dass ich nicht abergläubisch sein soll†2, d.h., dass ich nicht für mich mit Worten, die ich etwa lese, Magie treiben soll, d.h., mich nicht in eine Art Glauben, eine Art Unvernunft hineinreden soll & darf. Ich soll meine Vernunft nicht verunreinigen. (Der Wahnsinn aber verunreinigt die Vernunft nicht. Auch wenn er†3 nicht ihr Wächter ist)
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Ich glaube, dass der Mensch sein Leben ganz in allen seinen Handlungen von Eingebungen leiten lassen kann, und ich muss jetzt glauben, dass dies das höchste Leben ist. Ich weiss, dass ich so leben könnte, wenn ich wollte, wenn ich
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dazu den Mut hätte. Ich habe ihn aber nicht und muss hoffen dass mich[195] das nicht zu Tode, das heisst ewig, unglücklich machen wird.
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Möge die Trübsal, das Elendgefühl, während ich das alles schreibe irgendwie reinigen!
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Ich lese immer wieder in den Briefen des Apostel Paulus & ich lese nicht gern in ihnen. Und ich weiss nicht, ob der Widerstand & Widerwille den ich da empfinde, nicht, zum Teil wenigstens, von der Sprache herrührt, nämlich vom Deutschen, Germanischen, also von der Übersetzung. Ich weiss es aber nicht. Es ist mir, als wäre es nicht bloss die Lehre, die mich durch ihre Schwere, Grösse, durch ihren Ernst, abstösst, sondern auch (irgendwie) die Persönlichkeit des Lehrenden.†1 Es scheint mir, als wäre mir, ausser allem jenem, irgend etwas fremd, & dadurch abstossend, in der Lehre. Wenn er, z.B., sagt „Das sei ferne!“, so ist mir etwas unan[196]genehm an der blossen Art des Raisonnements. Aber es ist möglich dass dies sich ganz abstossen würde, wenn ich mehr vom Geist des Briefes ergriffen würde. Ich halte es aber für möglich, dass die nicht unwichtig ist.
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Ich hoffe dass die jetzige Traurigkeit & Qual die Eitelkeit in mir verbrennen möchten. Aber wird sie nicht sehr bald wiederkommen wenn die Qual aufhört? Und soll die darum nie aufhören?? Das möge Gott verhüten.
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In meiner Seele ist (jetzt) Winter, wie rings um mich her. Es ist alles verschneit, es grünt & blüht nichts.
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Ich sollte also geduldig warten, ob es mir beschieden ist, einen Frühling zu sehen.
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22.2. Habe Mut & Geduld auch zum Tod, dann wird dir vielleicht das Leben geschenkt! Möchte doch der Schnee[197] um mich beginnen wieder Schönheit zu gewinnen & nicht bloss Traurigkeit zu haben!
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Ich träumte heute morgen: Ich stehe am Klavier (undeutlich gesehen) & sehe auf einen Text eines Schubert-Liedes. Ich weiß, daß er im Ganzen sehr dumm ist, bis auf eine schöne Stelle am Ende, die heißt:
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„Betrittst Du wissend meine Vorgebirge,
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Ward Dirs in einem Augenblicke klar,“
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Dann weiß ich nicht, was kommt & es schließt: „Wenn†1 ich vielleicht schon in der Grube modre.“
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Gemeint ist: Wenn Du in Deinen (philosophischen) Gedanken an die Stelle kommst, wo ich war, dann (soll es heißen) fühle Achtung für mein Denken, wenn ich vielleicht etc..
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Gott sei es gedankt, dass ich mich[198] heute etwas ruhiger & wohler fühle. Wenn immer aber ich mich wohler fühle, ist mir die Eitelkeit sehr nahe.
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Ich sage mir jetzt oft, in zweifelhaften Zeiten: „Es ist niemand hier.“ und schaue um mich. Möge aber das in mir nichts Gemeines werden!
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Ich glaube ich soll mir sagen: „Sei nicht knechtisch in deiner Religion!“ Oder, versuche, es nicht zu sein! Denn das ist in der Richtung zum Aberglauben.
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Der Mensch lebt sein gewöhnliches Leben mit dem†2 Scheine eines Lichts dessen er sich nicht bewusst wird, als bis es auslöscht. Löscht es aus so ist das Leben plötzlich alles Wertes, Sinnes, oder wie man sagen will, beraubt. Man wird plötzlich inne, dass die blosse Existenz –[199] wie man sagen möchte – an sich noch ganz leer, öde ist. Es ist wie wenn der Glanz von allen Dingen weggewischt wäre, alles ist tot. Das geschieht z.B. manchmal nach einer Krankheit – ist aber darum natürlich nicht unwirklicher oder unwichtiger, d.h. nicht mit einem Achselzucken zu erledigen. Man ist dann lebendig gestorben. Oder vielmehr: das ist der eigentliche Tod, den man fürchten kann, denn das blosse ‘Ende des Lebens’ erlebt man ja nicht (wie ich ganz richtig geschrieben habe). Aber was ich hier jetzt geschrieben habe, ist auch nicht die volle Wahrheit.
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In meinen dummen Gedanken vergleiche ich mich mit den höchsten Menschen!
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Das Fürchterliche was ich beschreiben wollte ist eigentlich, dass man „auf nichts mehr ein Recht hat“. [200] „Der Segen ist mit nichts.“ D.h.: Es ist mir als hätte jemand von dessen freundlichem Zusehen alles abhängt †3, gesagt: „Tu, was du willst, aber meine Zustimmung hast du nicht!“ Warum heisst es: „Der Herr zürnt“. – Er kann dich verderben. Man kann dann sagen man fahre zur†4
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Hölle. Aber das ist eigentlich kein ‘Bild’, denn wenn ich wirklich in einen Abgrund fahren würde so müsste das nicht furchtbar sein. Ein Abgrund ist ja nichts Schreckliches; & was ist denn die Hölle: dass man ich meine, durch dieses Bild erklären könnte? Vielmehr muss man diesen Zustand „eine Ahnung von der Hölle“ nennen – denn man möchte in ihm auch sagen: Es kann noch furchtbarer werden: denn noch ist nicht jede Hoffnung ganz ausgelöscht. Kann man sagen, dass man deshalb so leben muss, dass,[201] wenn man nicht mehr hoffen kann, man etwas hat, um sich daran zu erinnern?
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Lebe so, dass du vor jenem Zustand bestehen kannst: denn all dein Witz, all dein Verstand werden dir dann nichts helfen. Du bist mit ihnen verloren, als wenn du sie gar nicht hättest. (Du könntest ebensogut deine guten Beine brauchen wollen, wenn du durch die Luft fällst.) Dein ganzes Leben ist (ja) untergraben, also du mit allem

was du hast. Du hängst zitternd, mit allem was du hast, über dem Abgrund. Es ist furchtbar, dass es so etwas geben kann. Diese Gedanken habe ich vielleicht, weil ich hier jetzt so wenig Licht sehe; aber es ist hier nun so wenig Licht und ich habe sie. Wäre es nicht komisch jeman[202]dem zu sagen: Mach dir nichts draus, du stirbst ja jetzt nur, weil du einige Minuten keine Luft kriegst. Mit allem Stolz, aller deiner Einbildung auf das & jenes, bist du dann verloren, sie halten dich nicht, denn sie sind mit untergraben und alles was du hast. Du sollst Dich aber vor diesem Zustand, obwohl er fürchterlich ist, nicht fürchten. Du sollst ihn nicht frivol vergessen & ihn doch nicht fürchten. Er wird deinem Leben dann Ernst geben & nicht Grauen. (Ich glaube so.)
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23.2. Man kniet & schaut nach oben & faltet die Hände & spricht, & sagt man spricht mit Gott, man sagt Gott sieht alles was ich tue; man sagt Gott spricht zu mir in meinem Herzen; man spricht von den Augen, der Hand, dem Mund Gottes, aber nicht von andern Teilen[203] des Körpers: Lerne†1 daraus die Grammatik des Wortes „Gott“! [Ich habe irgendwo gelesen, Luther hätte geschrieben, die Theologie sei die „Grammatik des Wortes Gottes“, der heiligen Schrift.]
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Respekt vor dem Wahnsinn – das ist eigentlich alles, was ich sage.
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Ich bleibe immer wieder in der Komödie sitzen, statt hinaus auf die Strasse zu gehen.
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Eine religiöse Frage ist nur entweder Lebensfrage oder sie ist (leeres) Geschwätz. Dieses Sprachspiel – könnte man sagen – wird nur mit Lebensfragen gespielt. Ganz ähnlich, wie das Wort „Au-weh“ keine Bedeutung hat – ausser als Schmerzensschrei.
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Ich will sagen: Wenn eine ewige Seeligkeit nicht für mein Leben, meine Lebensweise, etwas bedeutet, dann habe ich mir über sie nicht den Kopf zu zerbrechen; kann ich [204] mit Recht darüber denken, so muß, was ich denke, in genauer Beziehung zu meinem Leben stehen, sonst ist, was ich denke, Quatsch, oder mein Leben in Gefahr. – Eine Obrigkeit, die nicht wirkt, nach der ich mich nicht zu richten habe, ist keine Obrigkeit. Wenn ich mit Recht von einer Obrigkeit rede, muß ich selbst auch von ihr abhängen.
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24.2. Nur wenn ich kein (gemeiner) Egoist bin, kann ich auf einen sanften Tod hoffen.
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Der Reine hat eine Härte, die schwer zu ertragen ist. Darum nimmt man die Ermahnungen eines Dostojevski leichter an, als eines Kierkegaard. Der eine druckt noch, während der andere schon schneidet.
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Wenn du nicht bereit bist, deine Arbeit für etwas noch höheres zu opfern, so wird kein[205] Segen mit ihr sein. Denn ihre Höhe erhält sie, dadurch dass du sie in die wahre Höhenlage†1 im Verhältnis zum Ideal stellst.†2
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Darum vernichtet Eitelkeit den Wert der Arbeit. So ist die Arbeit des Kraus, z.B., zur ‘klingenden Schelle’ geworden. (Kraus war ein, ausserordentlich begabter, Satzarchitekt.)
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Es scheint, ich erhalte wieder nach & nach Arbeitskraft. Denn in den letzten 2–3 Tagen konnte ich wieder mehr & mehr, obwohl doch noch wenig, über Philosophie denken & Bemerkungen schreiben. Anderseits habe ich in meiner Brust das Gefühl, als ob mir das Arbeiten vielleicht trotzdem nicht gestattet†3 sei. D.h., ich fühle mich nur mäßig, oder nur halb, glücklich beim Arbeiten & habe eine gewisse Furcht es möchte mir untersagt
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werden. D.h., ein Unglücksgefühl möchte über mich[206] hereinbrechen, welches mir das Weiterarbeiten in Sinnlosigkeit verwandelt & mich zwingt, die Arbeit niederzulegen. Möge das aber nicht geschehen!! – Dies aber hängt zusammen, mit dem Gefühl, daß ich zu wenig liebevoll bin, d.h. zu egoistisch. Daß ich zu wenig um das sorge, was Andern wohltut. Und wie kann ich ruhig leben, wenn ich nicht dabei hoffen kann, sanft zu sterben. Gott besser es!!
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„Es ist niemand hier“, – aber ich kann auch allein wahnsinnig werden.
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Es ist merkwürdig, daß man sagt, Gott habe die Welt erschaffen, & nicht: Gott erschaffe, fortwährend, die

Welt. Denn warum soll es ein größeres Wunder sein, daß sie zu sein begonnen hat, als daß sie fortfuhr zu sein. [207] Man wird von dem Gleichnis des Handwerkers verleitet. Daß Einer einen Schuh macht, ist eine Leistung, aber einmal (aus Vorhandenem) gemacht, bleibt er von selbst einige Zeit bestehen. Denkt man sich aber Gott als Schöpfer, muß die Erhaltung des Universums nicht ein ebensogroßes Wunder sein als seine Schöpfung, – ja, sind die beiden nicht eins? Warum†1 soll ich einen einmaligen Akt der Schöpfung postulieren†2 & nicht einen dauernden Akt des Erhaltens – der einmal angefangen hat, der einen zeitlichen Anfang hatte oder, was aufs Gleiche hinausläuft, ein dauerndes Erschaffen?
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27.2. War 2 Tage weg mit Joh. Bolstad, auf der Suche nach einem Dienstmädchen für Frk. Rebni; ohne Erfolg. (Es war schön & angenehm.) Nun bin ich etwas unernst; aber – Gott sei Dank – nicht unglücklich.
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Das Christentum sagt: Du sollst hier (in dieser Welt) – sozusagen – nicht sitzen, sondern gehen. [208] Du musst hier weg; & sollst nicht plötzlich weggerissen werden, sondern tod sein, wenn dein Körper stirbt.
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Die Frage ist: Wie gehst du durch dies Leben†3? – (Oder: Das sei deine Frage!) – Denn meine Arbeit, z.B., ist ja nur ein Sitzen in der Welt. Ich aber soll gehen & nicht bloss sitzen.
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28.2.37 Es ist doch möglich daß ich nach etlichen zusammenhängenden Kapiteln
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in meiner Arbeit bloß lose Bemerkungen schreiben kann & soll. Ich bin doch ein Mensch, & abhängig von dem, wie es geht! Aber es ist mir schwer das wirklich einzusehen.
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1.3. Ich möchte immer von der Wahrheit, die ich weiß & wenn sie unangenehm ist, etwas abhandeln & [209] habe immer wieder Gedanken, mit denen ich mich selbst betrügen will.
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Wird es mir gegeben sein, weiter zu arbeiten? Ich arbeite, denke & schreibe, jetzt täglich einiges, das meiste davon nur mäßig gut. Ist das aber nun das Versiegen dieser Arbeit, oder wird der Bach weiter rinnen, & wachsen? Wird die Arbeit sozusagen ihren Sinn verlieren? Ich wünsche es nicht; aber es ist möglich! – Denn erst muß man leben, – dann kann man auch philosophieren.
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Ich denke die ganze Zeit an’s Essen. Da meine Gedanken wie in einer Sackgasse angelangt sind, kommen sie immer wieder auf’s Essen zurück als auf das, was die Zeit vertreibt.
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In einem abscheulichen Geisteszustand: Ohne Gedanken, stier, meine Arbeit sagt mir gar nichts & ich bin hier in der Öde ohne Sinn & Zweck [210] Als hätte sich jemand einen Witz mit mir erlaubt, mich hier her gebracht & hier sitzen lassen.
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2.3. Heute ging es mir besser beim Arbeiten; Gott sei Dank. Es schien wieder etwas Sinn in der Arbeit zu sein.
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3.3. Wieviel leichter ist es doch noch, zu arbeiten, als der Arbeit den rechten Platz anzuweisen!
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Das Knien bedeutet, dass man ein Sklave ist. (Darin†1 könnte die Religion bestehen.)
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4.3. Herr, wenn ich nur wüsste, dass ich ein Sklave bin!
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Die Sonne kommt jetzt sehr nahe zu meinem Haus & ich fühle mich froher! Es geht mir unverdient gut. –
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6.3
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Ich schreibe öfters Philosophische Bemerkungen die[211] ich einst gemacht habe an der falschen†1 Stelle ab: dort arbeiten sie nicht! Sie müssen dort stehen, wo sie ihre volle Arbeit leisten!†2

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Es ist interessant, wie falsch Spengler, der sonst viel Urteil hat, Kierkegaard einschätzt. Hier ist einer der zu groß für ihn ist & zu nahe steht, er sieht nur ‘die Stiefel des Riesen’. –
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Ich weiss, ich bin gemein, & doch fühle ich mich jetzt so viel wohler als vor einigen Tagen & Wochen. Fast fürchte ich mich vor diesem Wohlsein, da es so unverdient ist. Und doch bin ich froh. Möchte ich nicht zu gemein sein!
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8.3. Ich habe jetzt eine große Sehnsucht danach, die Sonne von meinem Haus zu sehen & stelle täglich Schätzungen an wieviele Tage sie noch wegbleiben[212] wird. Ich glaube sie kann nicht vor 10 Tagen von mir zu sehen sein & vielleicht nicht vor 2 Wochen, obwohl ich mir gesagt habe, ich werde sie schon in 4 Tagen sehen. Aber werde ich noch 2 Wochen leben?? Ich muß mir immer wieder sagen, daß es auch herrlich genug ist, wenn ich den starken Schein sehe, den ich jetzt schon sehe & daß ich damit ganz zufrieden sein kann. Auch das ist unverdient! & ich soll nur dankbar sein!
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10.3. Es geht mir unverdient gut.
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12.3. Ich bin ein Mensch von geringem Talent; möge ich dennoch etwas Rechtes leisten. Denn das ist möglich! glaube ich. – Möchte ich unbestechlich sein! Darin würde das Wertvolle liegen.
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13.3 Wie schwer ist es sich selbst[213] zu kennen, sich ehrlich einzugestehen, was man ist!
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Es ist eine ungeheuere Gnade, wenn auch noch so ungeschickt, über die Sätze in meiner Arbeit nachdenken zu dürfen.
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14.3. Ich glaube, daß heute die Sonne in mein Fenster hereinscheinen wird. Bin wieder enttäuscht worden.
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15.3.
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Sich selbst zu erkennen ist furchtbar, weil man zugleich die lebendige†1 Forderung erkennt, &, daß man ihr nicht genügt. Es gibt aber kein besseres Mittel sich selbst kennen zu lernen, als den Vollkommenen zu sehen. Daher muß der Vollkommene einen Sturm der Empörung in den Menschen wecken; wenn sie sich nicht ganz & gar demütigen wollen. Ich glaube, die Worte: „Seelig, wer sich nicht an mir ärgert“, meinen:[214] Seelig, wer den Anblick des Vollkommenen aushält. Denn Du mußt vor ihm in Staub fallen, & das tust Du nicht gern. Wie willst Du nun den Vollkommenen nennen? Ist er Mensch? – Ja, in einem Sinne ist er natürlich Mensch. Aber in anderem Sinne ist er doch etwas ganz anderes. Wie willst Du ihn nennen? mußt Du ihn nicht „Gott“ nennen? Denn was entspräche dieser Idee, wenn nicht das? Aber früher hast Du vielleicht Gott in der Schöpfung gesehen, d.h. in der Welt; & nun siehst Du ihn, in anderem Sinn, in einem Menschen.
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Einmal sagst Du nun: „Gott hat die Welt erschaffen“ & einmal: „Dieser Mensch ist – Gott“. Aber Du meinst nicht, daß dieser Mensch die Welt erschaffen hat, & doch ist hier eine Einheit.
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Wir haben zwei verschiedene Vorstellungen von Gott: oder, wir haben zwei[215] verschiedene Vorstellungen & gebrauchen für beide das Wort Gott.
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Wenn Du nun aber an eine Vorsehung glaubst: d.h., wenn Du glaubst, daß nichts, was geschieht, anders geschieht, als durch den Willen Gottes; dann mußt Du also auch glauben, daß dies Größte, daß ein Mensch zur Welt kam, der Gott ist, durch Gottes Willen geschehen ist. Muß dann aber dies Faktum nicht für Dich ‘entscheidende Bedeutung’ haben? Ich meine: muß das dann nicht für Dein Leben Konsequenzen haben, Dich zu etwas verpflichten? Ich meine: mußt Du nicht in ethische Beziehungen zu ihm treten? Denn Du hast doch z.B. dadurch Pflichten, daß Du einen Vater & eine Mutter hast & nicht z.B. ohne sie auf die Welt gesetzt worden bist. Hast Du also[216] nicht auch Pflichten durch & gegen jenes Factum?

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Empfinde ich nun aber solche Pflichten? Mein Glaube ist zu schwach.
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Ich meine, mein Glaube an die Vorsehung, mein Gefühl: „es geschieht
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alles durch Gottes Willen“. Und dies ist nicht eine Meinung – auch nicht eine Überzeugung, sondern eine Attitude den Dingen & dem Geschehen gegenüber. Möge ich nicht frivol werden!
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16.3. Hast Du eine wertvolle Bemerkung gefunden; & sei es auch nur ein Halbedelstein, so mußt Du ihn jetzt richtig fassen.
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Ich dachte heute: „Arrangiere ich nicht meine Gedanken, wie meine Schwester Gretl die Möbel in einem Zimmer?“ Und dieser Gedanke war mir zuerst nicht angenehm.
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Ich dachte gestern an den Ausdruck: „ein reines Herz“; warum [217] habe ich keines? Das heißt doch: warum sind meine Gedanken so unrein! Eitelkeit, Schwindel, Mißgunst ist immer wieder in meinen Gedanken. Möge Gott mein Leben so lenken, daß es anders wird.
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17.3. Es ist wegen der Wolken unmöglich zu sehen, ob die Sonne schon über dem Berg steht oder noch nicht & ich bin vor Sehnsucht sie endlich zu sehen fast krank. (Ich möchte mit Gott rechten.)
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18.3. Die Sonne dürfte jetzt über dem Berg stehen, aber sie ist des Wetters wegen nicht zu sehen. Wenn Du mit Gott rechten willst, so heißt das, Du hast einen falschen Begriff von Gott, Du bist in einem Aberglauben.†1 Du hast einen unrichtigen Begriff, wenn Du auf das Schicksal erzürnt bist. Du sollst [218] Deine Begriffe umstellen. Zufriedenheit mit Deinem Schicksal müßte†2 das erste Gebot der Weisheit sein.
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Ich habe heute die Sonne von meinem Fenster gesehen in dem Augenblick, als sie anfing hinter dem westlichen Berg aufzugehen. Gott sei Dank. Aber ich glaube nun, zu meiner Schande, daß mir dieses Wort nicht genug vom Herzen gekommen ist. Denn ich war wohl froh, als ich die Sonne nun wirklich erblickte, aber meine Freude war doch zu wenig tief, zu lustig, nicht wahrhaft religiös. Oh, wäre ich doch tiefer!
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19.3. Ca 20 Min. nach 12 kommt jetzt der Rand der Sonne über den Berg zum Vorschein. Sie bewegt sich an der Bergschneide entlang, so daß sie nur zu
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einem Teil zu sehen ist, zur Hälfte oder weniger, oder mehr. Nur auf wenige Augenblicke war sie beinahe ganz zu sehen. [219] Und das zeigt, daß sie doch nur gestern erst über den Horizont gekommen ist; wenn nicht gar heute zum ersten Mal. Um 1h war sie schon untergegangen. Und sie kommt nun noch einmal gerade vor dem Untergehen.
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20.3. Ich glaube: ich verstehe, daß der Geisteszustand des Glaubens den Menschen seelig machen kann. Denn wenn der Mensch glaubt, von ganzem Herzen glaubt, daß der Vollkommene sich für ihn hingegeben, sein Leben geopfert, hat, daß er ihn damit – von Anfang – mit Gott ausgesöhnt hat, so daß Du nun nur noch dieses Opfers würdig weiter leben sollst, – so muß dies den ganzen Menschen veredeln, sozusagen, in den Adelstand erheben. Ich verstehe – will ich sagen – daß dies eine Bewegung der Seele zur Seeligkeit ist. [220]
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Es heißt – glaube ich –: „Glaubt daran, daß ihr nun ausgesöhnt seid, & sündiget ‘hinfort nicht mehr’!“ – Aber es ist auch klar, daß dieser Glauben eine Gnade ist. Und, ich glaube, die Bedingung für ihn ist, daß wir unser Äußerstes tun & sehen, daß es uns zu nichts führt, daß, soviel wir uns auch plagen, wir unversöhnt bleiben. Dann kommt die Versöhnung zu Recht†1.
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Ist nun aber der verloren, der dieses Glaubens nicht ist? Das kann ich nicht glauben; oder aber noch nicht glauben. Denn vielleicht werde ich’s glauben. Wenn hier vom ‘Geheimnis’ jenes Opfers gesprochen wird: so müßtest Du die Grammatik des Wortes „Geheimnis“ hier verstehen!

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Es ist niemand hier: & doch spreche ich & danke & bitte. Aber ist darum dies Sprechen [221] & Danken & Bitten ein Irrtum?!
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Eher könnte ich sagen: „Das ist das Merkwürdige!“
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Bin im Zweifel, was ich in der nächsten Zukunft tun soll. Eine Stimme in mir sagt mir, daß ich jetzt von hier weg soll, & nach Dublin. Aber anderseits hoffe ich wieder, daß ich das jetzt nicht tun muß. Ich möchte sagen: Möchte es mir vergönnt sein, noch hier einige Zeit zu arbeiten! – Ich bin aber, sozusagen, am Schluß eines Abschnittes meiner Arbeit angelangt.
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Gott, welche Gnade ist es, ohne furchtbare Probleme leben zu können! Möchte sie bei mir bleiben!
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21.3.
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Bin gemein & niedrig & es geht mir nur zu gut. Und doch bin ich froh dass es mir nicht schlechter geht! Lieben Brief von Max.
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22.3. [222] Heute geht die Sonne hier um 12h auf & erscheint nun ganz.
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Die Bäume waren heute früh dick mit Schnee beladen, nun schmilzt er aller. – Ich bin immer wieder zur Eitelkeit geneigt auch über meine Eintragungen hier & ihren Stil. Möge Gott es bessern. – Die erste Fliege aussen an meinem Fenster, wo es die Sonne bescheint. Um 1h geht die Sonne wieder unter & kommt aber noch einmal zum Vorschein. Vor dem Untergehen ist die Sonne noch einmal für etwa 10 Minuten zu sehen.
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Es ist niemand hier: Aber es ist eine herrliche Sonne hier, & ein schlechter Mensch. –
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23.3. Ich bin wie ein
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Bettler, der manchmal reluctantly†1

zugibt, daß er kein König ist.

Heute kam die Sonne von ca. ¾12 bis[223] ¼ 2, dann einen Augenblick um ¾ 4 über dem Berg zum Vorschein & ehe sie untergeht scheint sie wieder herein.
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Hilf & Erleuchte! Aber wenn ich morgen etwas glauben sollte was ich heute nicht glaube, so war ich darum heute nicht in einem Irrtum. Denn dieses ‘glauben’ heißt ja nicht meinen. Aber mein Glaube morgen kann lichter (oder dunkler) sein als mein Glaube heute. Hilf & Erleuchte! & möge kein Dunkel über mich kommen!
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24.3. Ich bitte, & ich hab’s schon so, wie ich’s haben will: nämlich halb Himmel, halb Hölle!
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Die Sonne geht um ca ½ 2 unter geht aber dann dem Rand des Berges so entlang daß man noch längere Zeit ihren äußersten Rand wahrnimmt. Es ist herrlich! Sie ist also doch nicht eigentlich untergegangen. –
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[224] Ich hatte heute diesen Gedanken: Als ich meine Beichte seinerzeit niedergeschrieben hatte da dachte ich ein paar mal auch an meine Mama & dachte ich könne sie in irgend einem Sinne nachträglich durch mein Geständnis
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erlösen; auch sie nämlich habe, in irgend einem Sinn, ein solches Geständnis auf dem Herzen gehabt & sei es in ihrem Leben nicht losgeworden, denn sie sei verschlossen geblieben. Und mein Geständnis, kam es mir vor, spreche nun endlich auch in ihrem Namen; & sie könne sich nun irgendwie nachträglich damit identifizieren. (Es wäre, als habe ich eine Schuld gezahlt die sie schon gedrückt hat & als könnte ihr Geist mir sagen: „Gott sei Dank, daß Du sie jetzt abgetragen hast.“) – Heute nun dachte ich im Freien über den Sinn der Lehre vom Erlösungstod nach & ich dachte: Könnte die ErPage 99

25.3. [225] lösung durch das Opfer, darin bestehen, daß er das getan hat, was wir Alle zwar wollen, aber nicht können. Im Glauben aber identifiziert man sich mit ihm, d.h. man entrichtet die Schuld nun in der Form von demütiger

Anerkennung; man soll also ganz niedrig werden, weil man nicht gut werden kann.
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Mir kam der Gedanke, ich solle morgen (am Charfreitag) fasten & ich dachte: das will ich tun. Aber gleich drauf schien es mir wie ein Gebot, ich habe es zu tun & dagegen sträubte ich mich. Ich sagte: „Ich will es tun, wenn es mir von Herzen kommt & nicht weil es mir befohlen wird.“ Aber dies ist doch kein Gehorsam! Es ist doch nicht Ertötung zu tun, was einem vom Herzen kommt (auch wenn es freundlich oder in gewissem Sinne fromm ist). Dabei[226] stirbst Du doch nicht. Dagegen stirbst Du gerade beim Gehorsam gegen einen Befehl, aus bloßem Gehorsam. Das ist eine Agonie, kann, soll, aber eine fromme Agonie sein. Wenigstens, so versteh’ ich’s. Aber ich selbst! – Ich gestehe, daß ich nicht absterben will, obwohl ich verstehe, daß es das Höhere ist. Das ist furchtbar; & möge diese Furchtbarkeit durch einen Lichtschein erleuchtet werden!
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Habe ein paar Nächte ziemlich schlecht geschlafen & fühle mich wie tot, kann nicht arbeiten; meine Gedanken sind trübe & ich bin deprimiert aber in einer finstern weise. (D.h., ich fürchte mich vor gewissen religiösen Gedanken.)
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26.3. Kritisiere nicht, was Ernste Ernstes geschrieben haben, denn Du weißt nicht, was Du kritisierst. Warum sollst Du über Alles [227] Dir eine Meinung bilden. Aber das heißt nicht: stimme mit allem diesem überein.
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Ich bin so erleuchtet als ich bin; ich meine: meine Religion ist so erleuchtet, als sie ist. Ich habe mich gestern nicht weniger erleuchtet & heute
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nicht mehr. Denn, hätte ich’s gestern so ansehen können, so hätte ich’s bestimmt so angesehen.
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Man verwundert sich darüber, daß eine Zeit nicht an Hexen glaubte & eine spätere an Hexen glaubt & daß dies & Ähnliches geht & wiederkehrt, etc.; aber Du brauchst nur anzusehen, was Dir selbst geschieht um Dich nicht mehr zu verwundern. – An einem Tag kannst Du beten aber an einem andern vielleicht nicht, & an einem mußt Du beten, & an einem andern nicht.
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Es geht mir aus Gnade heute viel besser als gestern.
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27.3. [228] Nun kommt die Sonne kurz nach 11h herauf & heute ist sie strahlend. Es fällt mir schwer nicht immer wieder in sie hinein zu sehen, d.h., ich möchte immer wieder in sie schauen obwohl ich weiß daß es für die Augen schlecht ist.
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30.3. Hüte Dich vor einem billigen Pathos wenn Du über Philosophie schreibst! Das ist immer meine Gefahr, wenn mir wenig einfällt. Und so ist es jetzt. Ich bin zu einem seltsamen Stillstand gekommen & weiß nicht recht, was ich machen soll.
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Die Sonne scheint nun von heute an von 1¼2 11 bis 1¼2 6 ununterbrochen zu mir herein, & es ist herrliches Wetter.
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Ich hatte gehofft meine Arbeitskraft werde sich erholen, wenn ich mehr von der Sonne sehen würde, aber es ist nicht so gekommen.
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2.4. Mein Gehirn macht[229] nur recht träge Bewegungen. Leider.
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4.4. Ich bin jetzt leicht durch meine Arbeit ermüdbar; oder bin ich träge? – Manchmal denke ich daran ob ich von hier jetzt schon abreisen sollte. Etwa: zuerst nach Wien für einen Monat, dann nach England für einen Monat – oder länger – dann nach Russland. Und dann wieder hierher zurück? – Oder nach Irland? Das Klügste scheint mir jetzt daß ich in etwa 3 Wochen hier abreise. –
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5.4.

Möge ich doch das Leben sehen, wie es ist. D.h. es mehr als Ganzes sehen, & nicht bloß einen kleinen, winzigen, Ausschnitt, ich meine z.B.:
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meine Arbeit. Es ist dann als ob alles andere durch eine dunkle Blende abgeblendet wäre & nur dieses Stück sichtbar. Dadurch erscheint alles falsch. Ich[230] sehe, fühle den Wert der Dinge falsch.
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Ich weiß gar nicht, was ich in Zukunft tun soll. Soll ich hierher, nach Skjolden, zurückkehren? Und was hier, wenn ich hier nicht werde arbeiten können? Soll ich hier auch ohne die Arbeit leben? Und ohne eine geregelte Arbeit, – das kann ich nicht. Oder soll ich unbedingt zu arbeiten versuchen? Wenn das, so muß ich es auch jetzt tun!
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Ich bin überzeugt, ich sehe alles falsch an, wenn ich so spekuliere.
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Hat mein norwegischer Aufenthalt seine Schuldigkeit getan? Denn, daß er in eine Art halb gemütlich, halb ungemütliches Einsiedlerleben ausartet, das kann nicht recht sein. Er muß Frucht bringen! – Es gäbe ja nun die Möglichkeit hier jetzt viel länger zu bleiben, mein Kommen nach[231] Wien & England zu verschieben. Und die Frage ist: Könnte ich mich dazu entschließen, etwa noch zwei Monate hier zu bleiben? Gott, ich glaube ja! Nur sorge ich mich um meinen Freund & ich will nicht meine Leute in Wien enttäuschen. Ich glaube, ich kann es wohl auf mich nehmen, hier zu bleiben, wenn ich mit ganzem Herzen hier sein kann; wenn es einfach meine Aufgabe ist, hier zu bleiben; & zu warten, ob ich werde gut arbeiten können.
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Anderseits ist wahr, daß mich jetzt etwas von hier wegtreibt. Ich fühle mich stumpf, möchte weg & nach einiger Zeit frisch zurückkommen. – Eines ist sicher ich ermüde jetzt sehr rasch durch meine Arbeit, & dies ist nicht meine Schuld. Nach wenigen Stunden nicht sehr intensiver Arbeit kann ich nicht mehr denken. Es ist so, als wäre ich jetzt müde. Fehlt[232] die richtige Nahrung? Es wäre möglich.
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6.4. Eine Auslegung der Christlichen Lehre: Wach vollkommen auf! Wenn Du das tust, erkennst Du, daß Du nicht taugst; & damit hört die Freude an dieser Welt für Dich auf. Und sie kann auch nicht wiederkommen, wenn Du wach bleibst. Du brauchst aber nun Erlösung, – sonst bist Du verloren. Du mußt aber am Leben bleiben (und diese Welt ist für Dich tot) so brauchst Du ein neues Licht anderswoher. In diesem Licht kann keine Klugheit, oder Weisheit, sein; denn für diese Welt bist Du tot. (Denn sie ist das Paradies, in dem Du aber Deiner Sündigkeit wegen nichts anfangen kannst.) Du mußt[233] Dich also als tot anerkennen, & ein anderes Leben
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in Empfang nehmen (denn ohne das ist es unmöglich, Dich, ohne Verzweiflung, als tot anzuerkennen). Dieses Leben muß Dich, gleichsam, schwebend über dieser Erde erhalten; d.h, wenn Du auf der Erde gehst, so ruhst Du doch nicht mehr auf der Erde, sondern hängst im Himmel; Du wirst von oben gehalten, nicht von unten gestützt. – Dieses Leben aber ist die Liebe, die menschliche Liebe, zum Vollkommenen. Und diese ist der Glaube.
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‘Alles andere findet sich.’
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Gott sei gelobt dass ich heute klarer bin & mir besser ist.
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Habe heute wieder gemerkt, wie ich gleich deprimiert werde, wenn Leute, aus irgend einem Grund, nicht sehr, nicht besonders freundlich zu mir sind. Ich fragte mich: warum bin ich so mißmutig darüber?[234] & antwortete mir: „Weil ich ganz ungefestigt bin“. Dann fiel mir der Vergleich ein, daß ich mich ganz so fühle, wie ein schlechter Reiter auf dem Pferd: ist das Pferd gut aufgelegt, so geht es gut, kaum aber wird das Pferd unruhig, so wird er unsicher, so merkt er seine Unsicherheit & daß er ganz vom Pferd abhängig ist. So geht es, glaube ich, auch meiner Schwester Helene mit den Leuten. So Einer ist geneigt, einmal gut, einmal schlecht von den Leuten zu denken, jenachdem sie gerade mehr oder weniger freundlich mit ihm sind.
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9.4. „Du mußt den Vollkommenen lieben über alles, so bist Du selig.“ Das scheint mir die Summe der christlichen Lehre zu sein.
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11.4 [235] Das Eis ist nun schon schlecht & ich muß mit dem Boot über den Fluß fahren. Das bringt Unbequemlichkeiten & (geringe) Gefahren mit sich. Ich bin leicht verzagt & geängstet.

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Ich habe jetzt vor in den ersten Tagen des Mai nach Wien zu reisen. Ende Mai nach England.
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Heute gegen Morgen träumte mir, ich hätte eine lange philosophische Diskussion mit mehreren Andern.
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Ich kam dabei zu dem Satz, den ich beim Aufwachen noch ungefähr wußte:
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„Laß uns doch unsre Muttersprache reden, & nicht glauben wir müßten uns an unserm eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen; das war ja – Gott sei Dank – nur ein Traum. Wir sollen ja nur Mißverständnisse beseitigen.“ Ich glaube, das ist ein guter Satz.
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Gott allein sei Lob!
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Die Kürze des Ausdrucks: die Kürze des Ausdrucks ist nicht mit der Elle zu messen. Mancher Ausdruck ist kürzer, der auf dem Papier länger ist. Wie es leichter ist, ein ‘f’ so zu schreiben: , als so: . Man fühlt oft, ein Satz sei zu lang & dann will man ihn kürzen, indem man Wörter abstreicht; dadurch kriegt er eine gezwungene & unbefriedigende Kürze. Vielleicht aber fehlen ihm Worte zur richtigen Kürze.
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16.4. Seit gestern haben die Birken kleine grüne Spitzen. – Ich fühle mich schon einige Tage etwas unwohl, auch sehr matt. Ich arbeite schlecht, obwohl ich mir Mühe gebe. Bin nicht klar, wie viel Sinn [237] es hat, noch 14 Tage hier zu bleiben. Eine Stimme sagt mir: ‘reise doch früher!’ & eine sagt: wart & bleib da! – Wenn ich doch wüßte was richtig ist!
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In den letzten Tagen oft in „Keiser & Galiläer“ gelesen, & mit großem Eindruck. –
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Für das Fortreisen spricht manches; aber auch die Feigheit. Und für das Dableiben auch etwas – aber auch Pedantrie, Furcht vor dem Urteil Andrer, & dergl.. – Es ist nicht recht davonzulaufen, der Ungeduld & Feigheit nachzugeben, & anderseits erscheint es unvernünftig, & auch wieder feig, hier zu bleiben.
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Wenn ich hier bleibe, so fürchte ich krank zu werden & dann nicht nach Hause & nach England zu kommen: als ob ich nicht auch[238] in Wien krank werden oder verunglücken könnte etc.!
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Schwerer ist es hier zu bleiben, als wegzufahren.
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17.4. Ist das Alleinsein mit sich selbst – oder mit Gott, nicht wie das Alleinsein mit einem Raubtier? Es kann Dich jeden Moment anfallen. – Aber ist es nicht eben darum, daß Du nicht fortlaufen sollst?! Ist dies nicht, sozusagen, das herrliche?! Heißt es nicht: gewinne dieses Raubtier lieb! – Und doch muß man bitten: Führe uns nicht in Versuchung!
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19.4 Ich glaube: es ist durch das Wort „glauben“ in der Religion furchtbar viel Unheil angerichtet worden. Alle die verzwickten Gedanken über[239] das ‘Paradox’, die ewige Bedeutung einer historischen Tatsache u. dergl.
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Sagst Du aber statt „Glaube an Christus“: „Liebe zu Christus“, so verschwindet das Paradox, d.i., die Reizung des Verstandes. Was hat die Religion mit so einem Kitzeln des Verstandes zu tun. (Auch das kann für den oder den zu seiner Religion gehören)
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Nicht daß man nun sagen könnte: Ja jetzt ist alles einfach – oder verständlich. Es ist gar nichts verständlich, es ist nur nicht unverständlich. –
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20.4. Heute nacht & in der Früh wurde beinahe das ganze Eis am See gegen den Fluß hinunter getrieben, so daß der See plötzlich beinahe ganz frei ist.
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Seit ein paar Monaten schon blute ich wieder beim Stuhlgang & habe auch etwas Schmerzen. – [240] Denke oft daran, daß ich vielleicht an Mastdarmkrebs sterben werde. Wie auch immer – möge ich gut sterben!
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Fühle mich etwas krank & meine Gedanken kommen nicht in Schwung. Trotz Wärme & gutem Wetter.
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Ich tue heute etwas Falsches & Schlechtes: nämlich ich vegetiere. Ich kann, scheints, nichts rechtes tun & bin dazu in einer Art dumpfen Angst. – Ich sollte vielleicht unter solchen Umständen fasten & beten; – aber ich bin geneigt zu essen & esse – denn ich fürchte mich an so einem Tage auf mich zu schauen.
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Habe mich bestimmt am 1. Mai hier wegzureisen – so Gott will.
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23.4 Heute heult der [241] Wind ums Haus, was mir immer sehr arg ist. Es beängstigt & stört mich.
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Ich bemühe mich gegen meine traurigen & bösen Gefühle zu streiten; aber meine Kraft erlahmt so schnell.
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26.4 Herrliches Wetter. Die Birken schon belaubt. Gestern nacht sah ich das erste große Nordlicht. Ich habe es ungefähr 3 Stunden lang angesehen; ein unbeschreibliches Schauspiel.
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Ich ertappe mich oft auf Schäbigkeit & Geiz!!
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27.4. Die Wahrheit solltest du liebhaben: aber Du liebst immer andere Dinge & die Wahrheit nur nebenbei!
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29.4.
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Irgendwie gerinnen mir jetzt [242] meine Gedanken, wenn ich über Philosophie
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denken will. – Ob das das Ende meiner philosophischen Laufbahn ist?
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30.4. Ich bin im höchsten Grade übelnehmerisch. Ein böses Zeichen.
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24.9.37 Juden! ihr habt der Welt schon lange nichts mehr gegeben, wofür sie Euch dankt. Und das nicht, weil sie undankbar ist. Denn man fühlt nicht Dank für jede Gabe, bloß weil sie für uns nützlich ist.
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Drum gebt ihr wieder etwas, wofür Euch nicht kalte Anerkennung, sondern warmer Dank gebührt.
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Aber das Einzige, was sie von Euch braucht, ist Eure Unter[243]werfung unter das Schicksal.
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Ihr könnt ihr Rosen geben, die blühen werden, nie verwelken.
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Man hat Recht, sich vor den Geistern auch großer Männer zu fürchten. Und auch vor denen guter Menschen. Denn was bei ihm Heil gewirkt hat, kann bei mir Unheil wirken. Denn der Geist ohne den Menschen ist nicht gut –†1 noch schlecht. In mir aber kann er ein übler Geist sein.
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Anhang
Kommentar
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Der Kommentar enthält – soweit ermittelbar – alle Informationen biographischer, bibliographischer, zeit- und kulturgeschichtlicher Art und soll als Hilfestellung für Textstellen dienen, die dem gehobenen Durchschnittsleser unklar oder unverständlich sein könnten. Zum anderen enthält der Kommentar Hinweise auf weitere, ähnliche Textstellen im Nachlaß Wittgensteins, zu denen ein gedanklicher Zusammenhang naheliegt.

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Weiters wird auf schwer leserliche oder vom Sinn her unklare Stellen im Original hingewiesen, ebenso wie auf orthographische und grammatische Fehler, soweit sie nicht im Vorwort erklärt sind.
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Die Seitenzahlen der Erläuterungen beziehen sich auf die Paginierung des Originaltextes; diese ist bei der normalisierten Fassung jeweils am äußeren Rand des Satzspiegels angegeben, bei der diplomatischen Fassung oben links und rechts; wenn Wittgenstein selbst numerierte, zusätzlich in der Mitte oben.
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[1] Ich glaube manchmal: Vermutlich hat Wittgenstein diesen unvollständigen Satz als Zusatz zum nachfolgenden hinterher in die vorhin noch leerstehende Zeile eingefügt. Allerdings unterließ er es, das „Ich“ auf „ich“ zu korrigieren und so ist es schwer, seine wirkliche Absicht nachzuvollziehen. Es wäre auch möglich, daß er den zitierten Satz nicht zu Ende führte und einen neuen begann, ohne den vorigen durchzustreichen.
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Marguerite: Marguerite de Chambrier geb. Respinger: Geb. 18.4.1904, Bern. Tochter eines vermögenden Schweizer Geschäftsmannes, die, als eine Bekannte von Thomas Stonborough, im Jahre 1926 von Margarete Stonborough nach Gmunden und Wien eingeladen wurde. Bald nach ihrer Ankunft in Wien lernte Marguerite Ludwig Wittgenstein kennen: dieser hatte sich den Fuß verstaucht und beanspruchte das Gästezimmer von Marguerite, da er im Haus seiner Schwester verpflegt wurde. (Mitteilung von Marguerite de Chambrier in einem Brief vom 14.VI.1996 an die Herausgeberin.) Marguerite besuchte in Wien eine Akademie für Frauen, die Graphikerinnen ausbildete. Später besuchte sie für sechs Monate einen Kurs im Krankenhaus in Wien und anschließend in Bern die Rotkreuz-Schule. 1933 heiratete Marguerite Talla Sjögren, mit dem sie später nach Chile ging. Nach dessen Tod im Jahre 1945 heiratete Marguerite 1949 Benoît de Chambrier und lebte nach 1952 auf einem Landsitz bei Neuchâtel. 1978 schrieb sie für ihre Familie und Freunde ihre Memoiren, „Granny et son temps“, im Privatdruck erschienen. Seit 1982 lebt Frau de Chambrier in Genf.
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[2] in den ersten Tagen nach meiner Ankunft: Wittgenstein hatte die Osterferien in Wien verbracht und kehrte am 25.4. wieder nach Cambridge zurück. Vgl. dazu eine Eintragung Wittgensteins vom 25.4.1930 im MS 108, S. 133, Code: „Nach den Osterferien wieder in Cambridge angekommen. In Wien oft mit der Marguerite. Ostersonntag mit ihr in Neuwaldegg. Wir haben uns viel geküsst drei Stunden lang und es war sehr schön.“
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[6] Ramsey: Frank Plumpton Ramsey: Geb. 22.2.1903, Cambridge; gest. 19.1.1930, Cambridge. Logiker und Mathematiker, der im Anschluß an Russells und Whiteheads Principia mathematica, und beeinflußt von Wittgensteins Analyse der Tautologien, eine Grundlegung der Mathematik auf der Basis der Logistik durchzuführen versuchte, wobei er unter anderem zwischen syntaktischen und semantischen Antinomien unterschied. Ramsey leistete einen wichtigen Beitrag zum logischen Entscheidungsproblem und beschäftigte sich auch mit Fragen der Nationalökonomie. Er war an der englischen Übersetzung des Tractatus wesentlich beteiligt. Damals noch Student im Trinity College, besuchte er im September 1923 Wittgenstein für ca. zwei Wochen in Puchberg. Er las mit ihm täglich den Tractatus und Wittgenstein nahm im Laufe seiner Gespräche mit Ramsey Änderungen an der englischen Übersetzung vor, die in der zweiten Auflage von 1933 berücksichtigt wurden. Im Oktober 1923 schrieb Ramsey eine Rezension über den Tractatus in der philosophischen Zeitschrift Mind. Ramsey starb kurz vor seinem 27. Geburtstag an Gelbsucht.
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[7] Keynes: John Maynard Keynes: Geb. 5.6.1883, Cambridge; gest. 21.4.1946, Firle (Sussex). Brit. Nationalökonom. Ab 1920 Professor in Cambridge. Neben seiner politischen Tätigkeit für die Liberale Partei, deren Programm er stark beeinflußte, konzentrierte sich Keynes vor allem auf Fragen der Geldtheorie und das zunehmende Problem der Arbeitslosigkeit. Werke: Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages (1919); Vom Gelde (2Bde, 1930); Das Ende des Laissez-faire (1926); Allgem. Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (1936). Durch das letztgenannte Werk wurde Keynes zum Begründer einer eigenen Richtung der Nationalökonomie – des „Keynesianismus“.
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Wittgenstein hatte Keynes im Jahre 1912 während seines Studien-Aufenthaltes bei Russell in England kennengelernt. Beide waren Mitglieder der „Apostles“, zu denen auch Wittgenstein als Mitglied aufgenommen

wurde: allerdings fühlte er sich dabei nicht wohl und wollte bereits wenige Tage nach seiner Wahl seinen Rücktritt einreichen.
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Obwohl zwischen Wittgenstein und Keynes keine enge Freundschaft bestand, konnte Wittgenstein stets auf dessen Hilfe rechnen: Keynes war ihm z. B. bei seinen Plänen behilflich, im Jahre 1935 in Rußland eine Stelle zu finden, d.h. er wandte sich direkt an Ivan Maisky, den russischen Botschafter in London. Als Wittgenstein 1938 die britische Staatsbürgerschaft wie auch die Stelle des Lehrstuhls für Philosophie anstrebte, wandte er sich wieder an Keynes.
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widerte: „te“ am Rand der Seite nicht klar leserlich.
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Der kurze Zeitraum: In der Vorrede zur ersten Auflage seines Werkes Die Welt als Wille und Vorstellung schreibt Schopenhauer, er sei „gelassen darin ergeben“, daß auch seinem Buch „das Schicksal werde, welches in jeder Erkenntniß, also um so mehr in der wichtigsten, allezeit der Wahrheit zu Theil ward, der nur ein kurzes Siegesfest beschieden ist, zwischen den beiden langen Zeiträumen, wo sie als paradox verdammt und als trivial geringgeschätzt wird.“ (Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. In: Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden. Nach den Ausgaben letzter Hand herausgegeben von Ludger Lütkehaus. Zürich: Haffmanns Verlag 1938, Band 1, S. 13.
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[8] eines der letzten Beethovenschen Quartette: Die letzten Quartette Beethovens sind: Streichquartett Nr. 12 in Es-dur, op. 127, entstanden 1824. Streichquartett Nr. 13 in B-dur, op. 130, entstanden 1826. Streichquartett Nr. 14 in cis-moll, op. 131, (1826). Streichquartett Nr. 15 in a-moll, op. 132, (1825). Streichquartett Nr. 16 in F-dur, op. 135 (1825/28). Große Fuge in B-dur, op. 133, (ursprünglich als letzter Satz zu op. 130 komponiert), (1824).
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[9] Freud: Sigmund Freud (1856-1939): Wie Rush Rhees schreibt, war Wittgensteins Einstellung gegenüber Freud sehr kritisch, doch er stellte auch heraus, daß vieles von dem, was Freud gesagt hat, beachtenswert wäre, wie zum Beispiel seine Bemerkung über den Begriff des Traumsymbolismus oder sein Hinweis darauf, daß man im Traum – in gewissem Sinne – etwas sage. Wittgenstein hatte zur Zeit
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seines Aufenthalts in Cambridge vor 1914 die Psychologie für Zeitverschwendung gehalten, doch einige Jahre später etwas über Freud gelesen, das ihn beeindruckte. Zum Zeitpunkt seiner Diskussionen mit Rush Rhees über Freud (zwischen 1942 und 1946) sprach er von sich als einem Schüler und Anhänger Freuds. Freud war für ihn einer der wenigen Autoren, die er für lesenswert hielt. Er bewunderte Freud wegen der Beobachtungen und Anregungen in seinen Schriften; auf der anderen Seite hielt er den enormen Einfluß der Psychoanalyse in Europa und Amerika für schädlich: „Die Analyse richtet wahrscheinlich Schaden an. Denn obwohl man in ihrem Verlauf einige Dinge über sich selbst entdeckt, muß man einen sehr starken, scharfen und beharrlichen, kritischen Verstand haben, um die Mythologie, die angeboten und aufgezwungen wird, zu erkennen und zu durchschauen. Man ist verleitet zu sagen ‘Ja, natürlich, so muß es sein. Eine mächtige Mythologie.’“ (Vgl. Wittgensteins „Gespräche über Freud“ in Ludwig Wittgenstein, Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychoanalyse und religiösen Glauben. Zus. gestellt und hrsg. aus Notizen von Yorick Smythies, Rush Rhees und James Taylor von Cyril Barrett. Deutsche Übersetzung von Ralf Funke. Düsseldorf und Bonn: Parerga 1994, S. 63-76).
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Wittgenstein kritisierte Freud auch, daß dieser fortwährend behauptete, wissenschaftlich zu sein, obwohl er nur Spekulationen lieferte. (Vorlesungen und Gespräche, S. 67).
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wol: richtig: wohl
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[10] Mrs. Moore: Dorothy Mildred Moore geb. Ely: Geb. 31.8.1892, Helensburgh, Scotland; gest. 11.11.1977, (wahrscheinlich) Cambridge. Von 1912 bis 1915 besuchte Dorothy das Newnham College, 1915 die Vorlesungen von George Edward Moore, mit dem sie sich am 27.11. desselben Jahres verehelichte. 1931 erhielt sie ihr MA.
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der 4ten Symphonie von Bruckner: Symphonie in Es-dur, die „Romantische“(1874).
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Bruckner: Anton Bruckner (1824-1896).
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Vgl. Wittgensteins Bemerkungen über Bruckner vom 19.2.1938 im MS 120, S. 142, zit. nach Vermischte Bemerkungen2, S. 75: „Von einer Brucknerschen Symphonie kann man sagen, sie habe zwei Anfänge: den Anfang

des ersten & den Anfang des zweiten Gedankens. Diese beiden Gedanken verhalten sich nicht wie Blutsverwandte zu einander sondern [sind miteinander nicht blutsverwandt sondern verhalten sich zu einander] wie Mann & Weib.
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Die Brucknersche Neunte ist gleichsam ein Protest gegen die Beethovensche, & dadurch [gegen die Beethovensche geschrieben & dadurch] wird sie erträglich, was sie, als eine Art Nachahmung nicht wäre. Sie verhält sich zur Beethovenschen sehr ähnlich wie der Lenausche Faust zum Goetheschen, nämlich der Katholische Faust zum aufgeklärten. etc. etc.“
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Vgl. auch Wittgensteins Ausführungen über Brahms in Zusammenhang mit Bruckner: „In den Zeiten der stummen Filme hat man alle Klassiker zu den Filmen gespielt aber nicht Brahms & Wagner.
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Brahms nicht weil er zu abstrakt ist. Ich kann mir eine aufregende Stelle in einem Film mit Beethovenscher oder Schubertscher Musik begleitet denken & könnte eine Art Verständnis für die Musik durch den Film bekommen. Aber nicht ein Verständnis Brahmsscher Musik. Dagegen geht Bruckner zu einem Film.“
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(MS 157a 44v: 1934 oder 1937, zit. nach VB, S. 60).
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Brahms: Johannes Brahms (1833-1897) lebte nach 1875 als freischaffender Künstler in Wien und Umgebung. Er war mit dem Geiger Joseph Joachim (einem Schüler Mendelssohns und Vetter von Wittgensteins Großmutter Fanny geb. Figdor) und mit Robert und Clara Schumann befreundet.
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Brahms war ein guter Bekannter der Familie Wittgenstein, die die Musik über alles schätzte. Er war häufig zu Besuch im Hause Wittgenstein in der Alleegasse. Bei den musikalischen Aufführungen spielten der junge Casals, das Rosé-Quartett oder Josef Labor. Brahms’ Lieblingsgeigerin, Marie Soldat-Röger und die Pianistin Marie Baumayer hatten eine Vorzugsstellung bei den Wittgensteins und waren mit Clara Wittgenstein befreundet.
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Wittgenstein äußerte sich in seinen Schriften mehrmals über Brahms, so schrieb er: „Die musikalische Gedankenstärke bei Brahms“ (MS 156b 14v: ca. 1932-1934, zit. nach Vermischte Bemerkungen, S. 56). Vgl. weiters: „Das überwältigende Können bei Brahms“ (MS 147 22r 1934, zit. nach VB, S. 59).
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Wagner: Richard Wagner (1813-1883).
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Drury gegenüber bemerkte Wittgenstein einmal, daß Wagner der erste der großen Komponisten war, die einen unangenehmen Charakter hatten. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 160).
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[11]
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zu dem Gestrigen: nicht klar leserlich; könnte auch „zu dem Geistigen“ heißen.

Trinity: Am 19. Juni 1929 hatte Wittgenstein durch Vermittlung von Moore, Russell und Ramsey ein Stipendium des Trinity College zur Fortsetzung seiner Forschungsarbeiten erhalten. Am 5.12.1930 wurde er vom Council des Trinity College für fünf Jahre zum Research Fellow gewählt. Er bezog die selben Räume im Whewell’s Court im Trinity College, die er schon vor dem Krieg als Student bewohnt hatte. (Vgl. Nedo, S. 356). Als er im Jahre 1939 zum Professor für Philosophie ernannt wurde und den Lehrstuhl in Cambridge erhielt, bezog er wieder die alten Räume im Whewell’s Court, Trinity College. (Vgl. Nedo, S. 359).
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völliger: im Original: völlliger, da Wittgenstein das Wort nach „völl-“ trennte, in der nächsten Zeile aber noch ein „l“ schrieb.
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[14]

ungemein abhängig von der Meinung Anderer: Vgl. dazu

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eine Tagebucheintragung Wittgensteins im MS 107, S.76, Code : „Was die anderen von mir halten beschäftigt mich immer ausserordentlich viel. Es ist mir sehr oft darum zu tun einen guten Eindruck zu machen. D. h. ich denke sehr häu(f)ig über den Eindruck den ich auf andere mache und es ist mir angenehm wenn ich denke dass er gut ist und unangenehm im anderen Fall.“
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terfangen: richtig: derfangen: Österr. Dialekt. Im Wiener Dialekt gibt es das Wort „derfanga“, das „sich

fangen“, „sich erholen“ bedeutet. (auch: sich im Sturze festhalten). (Vgl. Wörterbuch des Wiener Dialektes mit einer kurzgefaßten Grammatik von Julius Jakob. Wien und Leipzig: Gerlach & Wiedling 1929).
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[15]
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das Richtige: im Original: daß Richtige. Spengler: Oswald Spengler (1880-1936).

[16]
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Im MS 154 nennt Wittgenstein Spengler neben Boltzmann, Hertz, Schopenhauer, Frege, Russell, Kraus, Loos, Weininger und Sraffa als einen von denen, die ihn beeinflußt hätten. (MS 154 15v: 1931, zit. nach VB, S. 41).
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In „Wittgenstein und seine Zeit“ befaßte sich Georg Henrik von Wright mit den Parallelen zwischen Wittgenstein und Spengler bzw. dem, was man an Wittgensteins Einstellung zu seiner Zeit als typisch Spenglerisch bezeichnen könnte. Laut von Wright habe Wittgenstein den „Untergang des Abendlandes“ gelebt – „nicht nur mit seiner Verachtung der abendländischen Zivilisation seiner Zeit, sondern auch in seiner tiefen, verständnisvollen Ehrfurcht vor der großen Vergangenheit der Zivilisation“. Spengler habe zwar nicht Wittgensteins Lebensauffassung beeinflußt, doch wohl den Gedanken der „Familienähnlichkeiten“ in seiner Spätphilosophie. (Vgl. G. H. von Wright: „Wittgenstein und seine Zeit“. In Wittgenstein. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 214-219).
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Vgl. auch Rudolf Haller: „War Wittgenstein von Spengler beeinflußt?“ In: Fragen zu Wittgenstein und Aufsätze zur österreichischen Philosophie. = Band 10 der Studien zur österreichischen Philosophie. Hrsg. von Rudolf Haller. Amsterdam: Rodopi 1986. Vgl. auch Monk über die Parallelen zwischen Wittgenstein und Spengler (S. 302f.).
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Untergang: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Kulturphilosophisches Werk von Oswald Spengler, erschienen 1918-1922. Zwei Bände.
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Im MS 111 schreibt Wittgenstein: „So könnte Spengler besser verstanden werden wenn er sagte: ich vergleiche verschiedene Kulturperioden dem Leben von Familien; innerhalb der Familie gibt es eine Familienähnlichkeit, während es auch zwischen Mitgliedern verschiedener Familien eine Ähnlichkeit gibt; die Familienähnlichkeit unterscheidet sich von der andern Ähnlichkeit so & so etc.. Ich meine: Das Vergleichsobject, der Gegenstand von welchem diese Betrachtungsweise abgezogen ist, muß uns angegeben werden, damit nicht in die Discussion immer Ungerechtigkeiten einfließen. Denn da wird dann alles, was für das Urbild
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der Betrachtung [des Vergleichs] wahr ist [stimmt]nolens volens auch von dem Object worauf wir die Betrachtung anwenden behauptet; & behauptet ‘es müsse immer....’.[...]“
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(MS 111 119: 19.8.1931, zit. nach VB, S. 48).
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[17] Budenbrooks: richtig: Buddenbrooks. Verfall einer Familie: Roman von Thomas Mann (1875-1955), entstanden 1897-1900, erschienen 1901. 1929 erhielt Thomas Mann für sein Werk den Nobelpreis.
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Typhus: In die Erzählung von Thomas Manns Roman eingefügt sind fast essayistische Stücke, „Gedankenprotokolle“ und wissenschaftliche Abschnitte wie die medizinische Darstellung des Typhus, aus der der Tod Hannos nur mittelbar zu entnehmen ist.
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Hanno B.: Hanno Buddenbrook, der der dritten Generation der Lübecker Kaufmannsdynastie angehört, repräsentiert das letzte Stadium eines Prozesses, in dessen Verlauf die Buddenbrooks den Gewinn an Sensibilität und Bewußtsein mit dem Verlust ihrer Vitalität und zuletzt auch ihrer gesellschaftlichen Stellung bezahlen. Hanno ist der Inbegriff lebensfremder Zartheit und sensiblen Künstlertums, in dessen musikalischen Neigungen der Prozeß der Entbürgerlichung sich vollendet.
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[19]
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verwant: richtig: verwandt. complett: im Original: compett. Richtig: komplett.

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schwerer : im Original: schwerere.

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[21] vor 16 Jahren/das Gesetz der Kausalität: Vgl. Tagebücher, 29.3.15: „Das Kausalitätsgesetz ist kein Gesetz, sondern die Form eines Gesetzes.
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‘Kausalitätsgesetz’, das ist ein Gattungsname. Und wie es in der Mechanik – sagen wir – Minimumgesetze gibt – etwa der kleinsten Wirkung – so gibt es in der Physik EIN Kausalitätsgesetz, ein Gesetz von der Kausalitätsform.“
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Vgl. auch Tractatus, 6.32: „Das Kausalitätsgesetz ist kein Gesetz, sondern die Form eines Gesetzes.“
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Vgl. Tractatus, 6.321: „ ‘Kausalitätsgesetz’, das ist ein Gattungsname. Und wie es in der Mechanik, sagen wir, Minimum-Gesetze gibt – etwa der kleinsten Wirkung – , so gibt es in der Physik Kausalitätsgesetze, Gesetze von der Kausalitätsform.“
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Vgl. weiters Tractatus, 6.36: „Wenn es ein Kausalitätsgesetz gäbe, so könnte es lauten: ‘Es gibt Naturgesetze’. Aber freilich kann man das nicht sagen: es zeigt sich.“
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Vgl. 6.362: „Was sich beschreiben läßt, das kann auch geschehen, und was das Kausalitätsgesetz ausschließen soll, das läßt sich auch nicht beschreiben.“
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[22]

Kopernicanischen Entdeckung: richtig: kopernikanische Entdeckung.

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Vgl. dazu: „Das eigentliche Verdienst eines Copernicus oder Darwin war nicht die Entdeckung einer wahren Theorie, sondern eines fruchtbaren neuen Aspekts.“ (MS 112 233: 22.11.1931, zit. nach VB, S. 55).
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Entdeckungen: Wittgenstein nahm hier eine Trennung vor, im normalisierten Text daher mit „Entdeckungen“ korrigiert.
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Einstein: Albert Einstein: 1879-1955
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von praktischem Wert: im Original: von praktischer Wert: offensichtlich hat hier Wittgenstein sich auf eine frühere Korrektur bezogen, d.h. er wollte zuerst „von praktischer Wichtigkeit“ schreiben, strich dann aber „Wichtigkeit“ durch und ließ nur „Interesse, Wert“ stehen; die Endung „-er“ vergaß er jedoch zu korrigieren.
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[23]
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Patos: richtig: Pathos. das Große & Bedeutende: „Große“ nicht klar leserlich. das heißt: im Original: daß heißt.

[24]
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[26]
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[27] Vischer: Wahrscheinlich spielte Wittgenstein auf Friedrich Theodor Vischer an, doch es ist nicht auszuschließen, daß es sich auch um dessen Sohn Robert Vischer handeln könnte.
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Vischer, Friedrich Theodor von (seit 1870): 1807-1887. Deutscher Schriftsteller und Philosoph. Mit Eduard Mörike und D.F. Strauß befreundet. 1837 Professor für Ästhetik und Literatur in Tübingen, 1855 Prof. am Zürcher, 1866-77 am Stuttgarter Polytechnikum. Werke u.a: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen, Auch Einer (grotesker Roman), „Lyrische Gänge“(Gedichte), Über das Erhabene und Komische, ein Beitrag zur Philosophie des Schönen, Über das Verhältnis von Inhalt und Form in der Kunst. Die Parodie „Faust. Der Tragödie 3. Theil“.
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Vischer, Robert: 1847-1933: Sohn F. Th. Vischers. Kunsthistoriker. 1882 a.o. Prof. an der Kunstgeschichte Breslau, 1885 ord. Prof. in Aachen, 1893-1911 in Göttingen. Über das optische Formgefühl, Lpz. 1872; Drei Schriften zum ästhet. Formproblem, Halle 1927.
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„eine Rede ist keine Schreibe“: nicht ermittelt.
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[28] Stil ist der Ausdruck [...]: Vgl. dazu eine Bemerkung Wittgensteins vom 10.4.1947 im MS 134, S. 133, zit. nach VB, S. 118f.: „Man kann einen alten Stil gleichsam in einer neuen [neueren] Sprache wiedergeben; ihn sozusagen neuaufführen in einer Weise [Auffassung], die [in einem Tempo, das] unsrer Zeit gemäß ist. Man ist dann eigentlich nur [in Wirklichkeit nur] reproduktiv. Das habe ich beim Bauen getan.
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Was ich meine, ist aber nicht ein neues Zurechtstutzen eines alten Stils. Man
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nimmt nicht die alten Formen & richtet sie dem neuen Geschmack entsprechend her. Sondern man spricht, vielleicht unbewußt, wirklich [in Wirklichkeit] die alte Sprache, spricht sie aber in einer Art & Weise, die der neuern Welt, darum aber nicht notwendigerweise ihrem Geschmacke, angehört.“
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sub specie eterni: richtig: „sub specie aeterni“ oder „sub specie aeternitatis“ (gesehen unter dem Gesichtspunkt des Ewigen, Unendlichen): Im zweiten Buch der Ethica schreibt Baruch de Spinoza über die zweite Erkenntnisstufe (der „ratio“), die die Erkenntnis in die Beziehung zu Gott stellt und daher die Dinge adäquat erkennt: d.h. die Dinge werden „sub quadam specie aeternitatis“ („in einer gewissen Art von Ewigkeit“) betrachtet und so in eine ewige Ordnung gestellt. Diese Erkenntnis unterscheidet sich von der inadäquaten, verworrenen, falschen Erkenntnis, in die der Mensch gefangen ist, solange er im Bereich der bloßen Vorstellung („imaginatio“) zu erkennen glaubt, die auf Erfahrung, Erinnerung oder Meinung beruht. Diese Erkenntnis bleibt im Zeitlichen verhaftet, die vorgeblich erkannte Ordnung der Dinge ist eine zufällige.
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Wittgenstein nahm den von Spinoza geprägten Begriff bereits in den Tagebüchern auf – in Zusammenhang mit seinen Äußerungen über Ethik und über die Kunst: vgl. seine Eintragung vom 7.10.16. (Tagebücher 1914-1916): „Das Kunstwerk ist der Gegenstand sub specie aeternitatis gesehen; und das gute Leben ist die Welt sub specie aeternitatis gesehen. Dies ist der Zusammenhang zwischen Kunst und Ethik.
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Die gewöhnliche Betrachtungsweise sieht die Gegenstände gleichsam aus ihrer Mitte, die Betrachtung sub specie aeternitatis von außerhalb.[...]“
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Vgl. auch Tractatus, 6.45: „Die Anschauung der Welt sub specie aeterni ist ihre Anschauung als – begrenztes – Ganzes.
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Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische.“
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Viele Jahre später heißt es: „Nun scheint mir aber, gibt es außer der Arbeit ­[Tätigkeit | Funktion] des Künstlers noch eine andere, die Welt sub specie äterni einzufangen. Es ist – glaube ich – der Weg des Gedankens der gleichsam über die Welt hinfliegt & sie so läßt wie sie ist, – sie von oben im [vom] Fluge betrachtend [sie vom Fluge betrachtend. | sie von oben vom Fluge betrachtend].“
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(MS 109 28: 22.8.1930, zit. nach VB, S. 27).
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Gretl: Margarete Stonborough geb. Wittgenstein: Geb. 19.9.1882, Wien; gest. 27.9.1958, Wien. Drittälteste Schwester von Ludwig Wittgenstein. Margarete heiratete 1905 den Amerikaner Jerome Stonborough und hatte mit ihm zwei Söhne, Thomas und John.
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Klara Schumann: richtig: Clara Schumann geb. Wieck: Geb. 13.9.1819, Leipzig; gest. 20.5.1896, Frankfurt a. Main. Deutsche Pianistin. Trat auch als Komponistin hervor. 1840 Heirat mit Robert Schumann. Hervorragende Interpretin der Werke ihres Mannes, Beethovens, Chopins und Brahms’. Sie war mit Brahms befreundet und hatte häufig Kontakt mit der Familie Wittgenstein.
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[29] Ebner-Eschenbach: Marie von Ebner-Eschenbach: Freifrau von, geb. Gräfin Dubsky. Geb. 13.9.1830, Schloß Zdislavice bei Kromeríz in Mähren; gest. 12.3.1916, Wien. Österr. Erzählerin. Schrieb über die ständische Gesellschaft ihrer Zeit Erzählwerke, die von menschlicher Anteilnahme und sozialem Engagement zeugen. Werke: Bozena (1876), Dorf- und Schloßgeschichten (1883; darin „Krambambuli“), Neue Dorf- und Schloßgeschichten (1886; darin: „Er läßt die Hand küssen“), Das Gemeindekind (E., 1887), Aus Spätherbsttagen, Meine Kinderjahre (1906), Aphorismen.

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Vgl. auch S. 62, wo Wittgenstein fast dieselbe Bemerkung über Clara Schumann und M. von Ebner-Eschenbach macht.
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Loos: Adolf Loos: Geb. 10.12.1870, Brünn; gest. 23.8.1933, Kalksburg bei Wien. Architekt. Die Bekanntschaft mit Wittgenstein kam während Fickers Besuch bei Wittgenstein in Wien am 23. und 24. Juli 1914 zustande (vgl. Ludwig von Ficker: Briefwechsel 1909-1914. Salzburg, Otto Müller 1986, S. 375). „Wir trafen uns im Café Imperial, wo es zwischen ihm und dem schwerhörigen Erbauer des damals noch heftig umstrittenen Hauses am Michaelerplatz zu einer wohl etwas mühselig, doch sachlich ungemein anregend geführten Aussprache über Fragen der modernen Baukunst kam, für die sich Wittgenstein zu interessieren schien.“(Ludwig Ficker: Rilke und der unbekannte Freund. In: Der Brenner, 18. Folge, 1954, S. 237).
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Später hatte Wittgenstein von Loos einen unangenehmen Eindruck. So schrieb er am 2.9.1919 an den ehemaligen Loos-Schüler Paul Engelmann: „Vor ein paar Tagen besuchte ich Loos. Ich war entsetzt und angeekelt. Er ist bis zur Unmöglichkeit verschmockt! Er gab mir eine Broschüre über ein geplantes ‘Kunstamt’, wo er über die Sünde wider den Heiligen Geist spricht. Da hört sich alles auf! Ich kam in sehr gedrückter Stimmung zu ihm und das hatte mir gerade noch gefehlt.“ (Briefe, S. 92). Allerdings widmete Adolf Loos Wittgenstein noch im September 1924 sein Buch In’s Leere gesprochen mit folgenden Zeilen: „Für Ludwig Wittgenstein dankbar und freundschaftlichst, dankbar für seine Anregungen, freundschaftlichst in der Hoffnung das er dieses Gefühl erwiedert.“ (Faksimile in Nedo, S. 204).
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[30] Kraus: Karl Kraus: Geb. 28.4.1874, Jicin/Böhmen; gest. 12.6.1936, Wien. Schriftsteller, Herausgeber der Fackel (1899-1936). Schon vor dem Ersten Weltkrieg war Wittgenstein ein Bewunderer von Karl Kraus, dessen Schriften er sehr schätzte. Während seines ersten längeren Aufenthaltes in Norwegen von Oktober 1913 bis Juni 1914 ließ er sich Die Fackel nachschicken. (Vgl. Engelmann, S. 102). Durch Kraus’ Äußerung über den Brenner in der Fackel, Nr. 368/369, 5.2.1913, S. 32 („Daß die einzige ehrliche Revue Österreichs in Innsbruck erscheint, sollte man, wenn schon nicht in Österreich, so doch in Deutschland wissen, dessen einzige ehrliche Revue gleichfalls in Innsbruck erscheint.“), kam es zu Wittgensteins Spende an den Herausgeber des Brenner, Ludwig von Ficker. Später wurdeWittgensteins Haltung gegenüber Kraus zunehmend kritisch. In einem Brief an Ludwig Hänsel sprach er von der Gefahr negativen Einflusses der aphoristischen Schreibweise und wie sehr er selbst davon beeinflußt worden wäre. (Vgl. Hänsel, S. 143).
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Vgl. auch eine Bemerkung vom 11.1.1948, MS 136, S. 91b, zit. nach VB, S. 129:
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„Rosinen mögen das Beste an einem Kuchen sein; aber ein Sack Rosinen ist nicht besser als ein Kuchen; & wer im Stande ist uns einen Sack voll Rosinen zu geben kann damit noch keinen Kuchen backen, geschweige daß er etwas besseres kann.
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Ich denke an Kraus & seine Aphorismen, aber auch an mich selbst & meine philosophischen Bemerkungen.
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Ein Kuchen das ist nicht gleichsam: verdünnte Rosinen.“
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[31] Tante Clara: Clara Wittgenstein: Geb. 9.4.1850, Leipzig; gest. 29.5.1935, Laxenburg. Eine der Schwestern von Karl Wittgenstein. Sie blieb unverheiratet und lebte den Großteil des Jahres auf Schloß Laxenburg bei Wien. Die Kinder von Karl Wittgenstein verbrachten häufig die Ferientage bei ihr, wovon ihnen bleibende Erinnerungen an eine schöne Zeit voller Fürsorge von seiten ihrer Tante blieben. (Vgl. Hermine Wittgenstein: Familienerinnerungen, S. 219-230).
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Thumersbach: Ortsgemeinde in Salzburg, nahe Zell am See.
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Laxenburg: In Laxenburg südlich von Wien besaßen die Wittgensteins ein altes Kaunitzsches Schloß, das vorwiegend von Karl Wittgensteins Geschwistern Paul und Clara bewohnt wurde. (Vgl. Familienerinnerungen, S. 227).
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Gottlieben: Gemeinde im Schweizerischen Kanton Thurgau, am Bodensee, nahe Konstanz.
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[32]
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Nachtmal: richtig: Nachtmahl.

[35] Talla: Talla Sjögren: Geb. 22.7.1902, Donawitz (Böhmen); gest. 15.4.1945, Chile. Einer der drei Söhne von Carl und Mima Sjögren und Bruder von Wittgensteins Freund Arvid. Lebte nach dem frühen Tod seines Vaters mit seiner Mutter und seinen zwei Brüdern in Wien, wo er auch studierte. Talla Sjögren war diplomierter Forst- und Zivilingeneur und spezialisierte sich in den USA auf Industrial Engineering. Er erwarb eine Farm in Chile und wurde dort 1945 von einem Wilddieb erschossen.
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[37]
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Rhein: im Original: Rein. zu einer kleinen Insel: im Original: zu einer klein Insel.

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[38] Murakami: Schwer leserlich; könnte auch „Nurekami“, „Nurekamd“ oder „Unrekami“ heißen. Händler japanischer Kunstgegenstände in London. (Vgl. einen Brief von Hermine Wittgenstein an Ludwig, vermutlich im Oktober 1932 abgefaßt und in den Familienbriefen ediert.) Näheres nicht ermittelt.
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[39] Gilbert: Gilbert Pattisson: Geb. 22.8.1908, Kensington; gest. 22.10.1994, Tollesbury, Essex. Nach dem Besuch der Schule in Kent und Rugby, bereiste Pattisson nach 1926 ein Jahr lang Europa, um dann in Versailles und Bonn seine Französisch- und Deutsch-Kenntnisse zu verbessern. Im Sommer 1927 erkrankte er an Kinderlähmung, die für den Rest seines Lebens schwere Spuren hinterließ. Im Herbst 1928 kam er ans Emmanuel College in Cambridge, um einen Abschluß in modernen Sprachen zu erlangen. Pattisson und Wittgenstein lernten einander im Zug von Wien kennen, als sie nach den Osterferien 1929 beide nach Cambridge reisten. Sie blieben enge Freunde während der gemeinsamen Zeit in Cambridge. Pattisson graduierte 1931 und wurde Buchhalter bei Kemp Chatteris (später Touche Ross) – bis zu seiner frühen Pensionierung im Jahre 1962, da er nun an den Rollstuhl gefesselt war. Während der Dreißigerjahre blieben Wittgenstein und Pattisson Freunde, letzterer verbrachte häufig die Wochenenden in Cambridge. Nach Pattissons Heirat im Jahre 1939 sahen sich die beiden wenig, da Wittgenstein für das nun sehr „häuslich“ gewordene Leben seines Freundes wenig Sympathie zeigte.
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langen Brief an Gretl: nicht ermittelt.
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Lettice: Lettice Cautley Ramsey geb. Baker: geb. 2.8.1898, Gomshall, Surrey; gest. 12.7.1985, (wahrscheinlich) Cambridge. Nach dem Besuch des Newnham Colleges in Cambridge von 1918-1921, erhielt sie 1925 ihr MA. 1925 Heirat mit Frank Plumpton Ramsey. Lettice war eine bekannte Photographin; 1932 wurde sie Direktorin von Ramsey and Muspratt, den „Cambridge photographers“. Sie war eine der wenigen Frauen, in deren Gesellschaft sich Wittgenstein wohl fühlte. Als er Anfang 1929 nach England zurückkehrte, wohnte er die ersten 14 Tage bei Lettice und F. P. Ramsey in der Mortimer Road in Cambridge. (Vgl. einen Brief von Keynes an seine Frau vom 25.2.1929, in Nedo, S. 225).
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[40] wetterwendisch: launisch, wechselnden Gemütsstimmungen unterworfen. Nicht klar leserlich, ob klein- oder großgeschrieben.
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d G.H.: nach Mutmaßung der Herausgeberin „durch Gottes Hilfe“.
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starker & fester Pflock: Kurz vor Weihnachten 1932 schrieb Marguerite an Margarete Stonborough einen Brief, in dem sie ihre Absicht mitteilte, Talla Sjögren zu heiraten. Bereits zu Silvester fand die Hochzeit statt. In Talla Sjögren fand Marguerite nach eigenen Aussagen den Partner, der ihrer „Lebensweise entsprach und Ruhe bedeutete“. (Mitteilung von Marguerite
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de Chambrier in einem Brief vom 25.9.1995 an die Herausgeberin).
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Am Sonntagmorgen, eine Stunde vor der Hochzeit, suchte Wittgenstein Marguerite auf und beschwor sie: „Du machst eine Schiffsreise, und das Meer wird rauh sein. Bleibe mir immer verbunden, so wirst Du nicht untergehen.“ (Vgl. Monk, deutsche Ausgabe in der Übersetzung von H.G. Holl und E. Rathgeb, S. 362. Vgl. auch

den Zeitungsartikel von Alice Villon-Lechner über ein Interview mit Marguerite de Chambrier in Die Weltwoche Nr. 24, 15. Juni 1989). Die endgültige Lösung von Wittgenstein erfolgte laut Marguerite jedoch erst 1946, als sie einen Brief von Wittgenstein erhielt, der sie nach eigenen Worten tief verletzte. In diesem Brief (mit dem 13.8.46. datiert) äußerte Wittgenstein den Wunsch, Marguerite möge einmal eine Arbeit finden, die sie „mit Menschen in menschlicher Weise“ zusammenbrächte und „nicht als Dame“. „Solltest Du einmal einen anständigen Beruf haben, oder einen suchen, so würde ich Dich gerne wieder sehen! Nur nicht als durchreisende Dame. Wir würden einander nur deprimieren.“ Nach diesem Brief gibt es allerdings noch einen Brief Wittgensteins an Marguerite vom 9.9.48, in dem er sich für eine „liebe Sendung“ (laut Frau de Chambrier ging es wahrscheinlich um eine Sendung von Schokolade) von ihr bedankt.
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[42] Moore: George Edward Moore: Geb. 4.11.1873, London; gest. 24.10.1958, Cambridge. 1925-1939 Professor in Cambridge, 1940-1944 Gastprofessor in den USA. Herausgeber der philosophischen Zeitschrift Mind. Mit seiner Abhandlung Refutation of Idealism (in Mind, 1903) gilt Moore als einer der Begründer des englischen Neurealismus. Werke u.a.: Principia Ethica, 1903; Ethics, 1912; Commonplace Book of G.E.M., 1912-1953; Philos. Studies, 1922; A Defence of Common Sense, 1924.
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Zu Wittgensteins Äußerungen über Moore vgl. Hänsel, S. 143f. Vgl. auch Norman Malcolm: Ludwig Wittgenstein. A Memoir. With a Biographical Sketch by G.H. von Wright. Oxford, New York: Oxford University Press 1984, S. 116.
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[43] Helene: Helene Salzer geb. Wittgenstein: Geb. 23.8.1879, Wien; gest. 1956, Wien. Von der Familie Lenka genannt. Zweitälteste Schwester von Ludwig Wittgenstein, deren Humor und Musikalität er vor allem schätzte.
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[45] Peter Schlemihl: „Peter Schlemihl’s wundersame Geschichte“: Erzählung von Adelbert von Chamisso (1781-1838), erschienen 1814. Märchen des Manns ohne Schatten, der mit dem Teufel zu tun hat. Eine Art „Faust“ des Biedermeier. Von Thomas Mann als „phantastische Novelle“ bezeichnet.
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Vgl. Wittgensteins Bemerkung über Peter Schlemihl im MS 111:
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„Die Geschichte des Peter Schlemihl sollte, wie mir scheint, so gehen [lauten]: Er verschreibt seine Seele um Geld dem Teufel. Dann reut es ihn & und nun verlangt der Teufel den Schatten als Lösegeld. Peter Schlemihl aber bleibt die Wahl seine Seele dem Teufel zu schenken, oder mit dem Schatten auf das Gemeinschaftsleben der Menschen zu verzichten.“
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(MS 111 77: 11.8.1931, zit. nach VB, S. 48).
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in der neuen Wohnung: Die Frage, wo Wittgenstein zu dieser Zeit wohnte, ist schwer zu beantworten. 1930 veröffentlichte der Cambridge University Reporter dreimal im Jahr im Anhang eine Liste mit den Adressen der in Cambridge wohnhaften Mitglieder der Universität. Im Oktober 1930 fehlt die Angabe einer Adresse Wittgensteins, erst im Januar 1931 wird seine Adresse mit „6, Grantchester Road“ angegeben; im April 1931 wird sein Wohnsitz mit „C1 Bishop’s Hostel,
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Trinity College“ angeführt. (Zu dieser Zeit wurde an ihn bereits das Forschungsstipendium des College vergeben). Da manchmal die Informationen über Wohnungsaufenthalte erst mit Verspätung gedruckt wurden, ist es nicht auszuschließen, daß Wittgenstein bereits im Oktober 1930 in der Grantchester Road wohnte. Die dortigen Besitzer waren George und Alison Quiggin, die vermutlich ein oder zwei Zimmer an Wittgenstein vermieteten. (Auskunft von Jonathan Smith, Trinity College Library, Cambridge CB 2 1 TQ, in einem Schreiben vom 27.10.1995 an die Herausgeberin).
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[46] über der Asche der Kultur: Vgl. dazu Wittgensteins Eintragung im MS 107: „Ich habe einmal, & vielleicht mit Recht, gesagt: Aus der früheren Kultur wird ein Trümmerhaufen & am Schluß ein Aschenhaufen werden; aber es werden Geister über der Asche schweben.“ (MS 107 229: 10.-11.1.1930, zit. nach VB, S. 25).
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[47] in meiner ersten Vorlesung: Als Wittgenstein im Herbst 1930 nach Cambridge zurückkehrte, begann er seine Vorlesungen im Michaelmas Term am 13. Oktober über die Rolle und die Schwierigkeiten der Philosophie mit folgenden Worten: „The nimbus of philosophy has been lost. For we now have a method of doing philosophy, and can speak of skilful philosophers. Compare the difference between alchemy and chemistry; chemistry has a method

and we can speak of skilful chemists. But once a method has been found the opportunities for the expression of personality are correspondingly restricted. The tendency of our age is to restrict such opportunities; this is characteristic of an age of declining culture or without culture. A great man need be no less great in such periods, but philosophy is now being reduced to a matter of skill and the philosopher’s nimbus is disappearing.
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What is philosophy? An enquiry into the essence of the world? We want a final answer, or some description of the world, whether verifiable or not. We certaninly can give a description of the world, including psychical states, and discover laws governing it. But we would still have left out much; e.g. we would have left out mathematics.
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What we are in fact doing is to tidy up our notions, to make clear what can be said about the world. We are in a muddle about what can be said, and are trying to clear up that muddle.
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This activity of clearing up is philosophy. We will therefore follow this instinct to clarify, and leave aside our initial question, What is philosophy? [...]“
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Weitere Punkte von Wittgensteins erster Vorlesung im Michaelmas Term waren „What is a proposition?“, „But what is it to have sense and meaning? And what is negation?“, „Take the colour-word green as an example“, „It may be said, A proposition is an expression of thought“ und schließlich: „In science you can compare what you are doing with, say, building a house. You must first lay a firm foundation; once it is laid it must not again be touched or moved. In philosophy we are not laying foundations but tidying up a room, in the process of which we have to touch everything a dozen times.
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The only way to do philosophy is to do everything twice.“
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(Vgl. Wittgenstein’s Lectures. Cambridge 1930-1932. From the Notes of John King and Desmond Lee. Edited by Desmond Lee. Oxford: Basil Blackwell, 1980; Paperback edition 1982, S. 21-24).
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bei recht freundlichen Leuten: Vgl. den Kommentar zu „in der neuen Wohnung“, S. 45.
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[48]
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der englischen [...]: im Original nicht klar leserlich, ob „englichchen“ oder „englischchen“.

[49] Freuds Definition des Schlafs: In seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse kommt Freud in Zusammenhang mit seinen Untersuchungen über das „Wesentliche des Traumes“ auf den Schlaf zu sprechen und beantwortet die Frage, was der Schlaf sei, folgendermaßen: „Das ist ein physiologisches oder biologisches Problem, an dem noch vieles strittig ist. Wir können da nichts entscheiden, aber ich meine, wir dürfen eine psychologische Charakteristik des Schlafes versuchen. Der Schlaf ist ein Zustand, in welchem ich nichts von der äußeren Welt wissen will, mein Interesse von ihr abgezogen habe. Ich versetze mich in den Schlaf, indem ich mich von ihr zurückziehe und ihre Reize von mir abhalte. Ich schlafe auch ein, wenn ich von ihr ermüdet bin. Beim Einschlafen sage ich also zur Außenwelt: Laß mich in Ruhe, denn ich will schlafen. Umgekehrt sagt das Kind: Ich geh’ noch nicht schlafen, ich bin nicht müde, will noch etwas erleben. Die biologische Tendenz des Schlafes scheint also die Erholung zu sein, sein psychologischer Charakter das Aussetzen des Interesses an der Welt. [...]“ Nach dieser Definition wäre der Traum, so Freud, beim Schlaf überflüssig. Da er aber doch existiere, müßte es etwas geben, das der Seele keine Ruhe läßt. „Es wirken Reize auf sie ein, und sie muß darauf reagieren. Der Traum ist also die Art, wie die Seele auf die im Schlafzustand einwirkenden Reize reagiert. [...]“ (Vgl. Sigmund Freud. Gesammelte Werke. Band XI. Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. London: Imago Publishing Co., Ltd. 1948: V. Vorlesung: „Schwierigkeiten und erste Annäherungen“, S. 84ff. Vgl. auch die XXVI. Vorlesung: „Die Libidotheorie und der Narzißmus“, S. 432).
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[51]
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ist eine Art Maske: im Original: „ist ist eine Art Maske“.

[52] echte Bescheidenheit ist eine religiöse Angelegen-heit: Vgl. dazu Wittgensteins Bemerkung im MS 128 46 (ca. 1944): „Menschen sind in dem Maße religiös, als sie sich nicht so sehr unvollkommen, als krank glauben.
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Jeder halbwegs anständige Mensch glaubt sich höchst unvollkommen, aber der religiöse glaubt sich elend. (Zit. nach VB, S. 92f.)

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one always makes a fool of oneself:
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engl.: sich lächerlich machen, sich blamieren, sich zum Narren machen.
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[53]
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Nietzsche: im Original: Nietsche. Richtig: Friedrich Nietzsche (1844-1900). [...]Liebe zu einer Idee: nicht klar leserlich, ob „einer“. Abziehen der Aufmerksamkeit: vgl. S. 49f.

[55]
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[56]
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26 , : Datierung mit Beistrich anstelle eines Punktes. blos: richtig: „bloß“.

[57]
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[59] Keller: Gottfried Keller: Geb. 19.7.1819, Zürich; gest. 15.7.1890, Zürich. Schweizer Dichter. Beteiligte sich an den polit. Kämpfen während der sog. Regeneration. Knüpfte enge Kontakte mit Ludwig Feuerbach, der seine Weltanschauung entscheidend prägte. Keller fand seinen eigenen poet.- realist. Stil in der Auseinandersetzung mit der Spätromantik. Bekannt sind sein Bildungsroman Der grüne Heinrich (1. Fassung 1854/55, 2. Fassung 1879/80) und die Novellenzyklen: Die Leute von Seldwyla (1856-74), die Sieben Legenden (1872); die Zürcher Novellen (1878), Das Sinngedicht (1882). Roman: Martin Salander (1886);
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Gesammelte Gedichte (1883).
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Engelmann berichtet, daß Gottfried Keller einer der wenigen großen Dichter war, die Wittgenstein „innig, ja leidenschaftlich verehrt hat“; er habe jene „Wahrhaftigkeit“, die „völlige Angemessenheit des Ausdrucks an das Empfinden“ besessen, die dieser in der Kunst suchte.(Vgl. Engelmann, S. 66). Von Keller hatte Wittgenstein auch z.T. die Gewohnheit übernommen, Tagebücher zu schreiben – aus einem „Nachahmungstrieb“ heraus, wie er selbst bemerkte. (Vgl. McGuinness, S. 103f.)
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Ludwig Hänsel schrieb, daß Wittgenstein Kellers Novellen, insbesondere die Episode mit Figura Leu im „Landvogt von Greifensee“ schätzte. (Vgl. Hänsel, S. 245).
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Bei Keller fand Wittgenstein eine „Weisheit“, die er „nie von Freud erwarten würde“. (Vgl. Vorlesungen und Gespräche, S. 64).
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eine/gute Musik: nicht klar, ob Wittgenstein „eine gute Musik“ oder die Alternative „gute Musik“ zu „eine Musik“ schreiben wollte.
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[60] Labor: Josef Labor: Geb. 29.6.1842, Horowitz (Böhmen); gest. 26.4.1924, Wien. Komponist, der früh erblindete und im Wiener Blindeninstitut und am Wiener Konservatorium ausgebildet wurde. Bei seinem ersten Auftreten als Pianist im Jahre 1863 fand er allgemeine Anerkennung und wurde in Hannover zum Königlichen Kammerpianisten ernannt. Von 1866 an bildete er sich in Wien auch zum Orgelspiel aus und begann 1879 als Orgelvirtuose aufzutreten. Bald genoß er den Ruf des besten Organisten in Österreich. Werke u.a.: Violinkonzert, Konzertstück H-moll für Klavier und Orchester, Kammermusik mit Klavier, Vokalkompositionen und Klavierstücke. Unter seinen Schülern sind R. Braun, J. Bittner und A. Schönberg zu nennen.
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(Vgl. Hugo Riemann: Musik-Lexikon, Mainz: B. Schott’s Söhne 1961).
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Labor verkehrte viel im Hause Wittgenstein und wurde vor allem von Hermine
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protegiert. 1923 wurde ein „Labor-Bund“ gegründet, um die „Wirksamkeit des Orgelvirtuosen und Tonkünstlers Josef Labor zu erleichtern“ und die „Drucklegung zahlreicher unveröffentlichter Tondichtungen zu ermöglichen“. (Vgl. ­Hänsel, S. 287).
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McGuinness schrieb, daß Labors Kammermusik die einzige zeitgenössische Musik war, die Wittgenstein gelten ließ. (Vgl. McGuinness, S. 206).
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[62] faßt: Nicht klar leserlich, ob „faßt“ oder „paßt“, doch scheint es eher, daß Wittgenstein zuerst „paßt“ schrieb, dies dann mit „faßt“ überschrieb.
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[63] die drei Variationen vor dem Eintritt des Chors in der 9ten Symphonie: Mit den „drei Variationen vor dem Eintritt des Chors in der 9ten Symphonie“ meint Wittgenstein offenbar die Zitate der Satzanfänge (erster bis dritter Satz), die Beethoven im Verlauf der langen Einleitung des Finalsatzes seiner Neunten Symphonie anbringt. Man könnte dann den Eintritt des Chors als Beginn des Hauptteils dieses Finalsatzes ansehen. Die Bezeichnung „Variationen“ sei allerdings nicht richtig.
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Wittgenstein spielt wohl auf die im Schlußsatz vorkommenden Reminiszenzen an die Sätze I, II, III über das „Freudenthema“ an. Es handelt sich um die 2. Chaosstelle, gefolgt vom Baritonsolo „O Freunde, nicht diese Töne...“; dann beginnt der Chor. (Mitteilungen von Dr. Othmar Costa, Innsbruck und Univ. Prof. Dr. Friedrich Heller, Wien).
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[64] Alexandrinische Bibliothek: Name der beiden von Ptolemaios II Philadelphos (283-246 v. Chr.) gegründeten Bibliotheken in Alexandria. Die große Alexandrinische Bibliothek, dem Museion eingegliedert, im Bezirk Brucheion, umfaßte an die 700 000 Buchrollen. 47 v. Chr. vernichtete ein Brand im Alexandrinischen Krieg die Bibliothek zum größten Teil. –
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Museion und Brucheion wurden 272 n. Chr. zerstört. Die kleine Alexandrinische Bibliothek im Serapeion zählte über 40 000 Buchrollen und ging 391 n. Chr. – durch einen von christlichen Patriarchen gerührten Aufstand – zugrunde.
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[65] Die Aufgabe der Philosophie ist, den Geist über bedeutungslose Fragen zu beruhigen: W er nicht zu solchen Fragen neigt, der braucht die Philosophie nicht:
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Vgl. dazu PU, § 133: „[...] Denn die Klarheit, die wir anstreben, ist allerdings eine vollkommene. Aber das heißt nur, daß die philosophischen Probleme vollkommen verschwinden sollen.
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Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, das Philosophieren abzubrechen, wann ich will. – Die die Philosophie zur Ruhe bringt, so daß sie nicht mehr von Fragen gepeitscht wird, die sie selbst in Frage stellen. [...]“
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Rothe: vermutlich R. Rothe (gest. 1942), Verfasser eines Lehrbuchs Höhere Mathematik für Mathematiker, Physiker und Ingenieure, Leipzig: Teubner-Verlag.
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[66]

Schumann: Robert Schumann (1810-1856)

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Unternahrung: richtig: Unterernährung. Hier hat Wittgenstein die Umlaut a-Striche vergessen, während er sie kurz darauf setzte, wiederum aber das „er“ vergaß: Unternährung (S. 67).
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[67] Hamann: Johann Georg Hamann: Geb. 27.8.1730, Königsberg; gest. 21.6.1788, Münster. Dt. Philosoph. Eng befreundet mit Jacobi, Kant und Herder. Wandte sich gegen den die Geschichtlichkeit des Menschen nicht berücksichtigenden aufklärerischen Rationalismus. Nach Hamann ist die Vernunft nicht zu trennen von Intuition, Verstehen und historischer Erfahrung, das Wissen von Gott nicht unabhängig von historischer Erfahrung zu erklären; Denken ohne Sprache, die von der Sinneserfahrung abhängt, ist unmöglich. Hamann beeinflußte den Sturm und Drang, vor allem Herder und Goethe, aber auch Hegel und Schelling sowie die existentialistische Philosophie (bes. Kierkegaard). Werke: Sokratische Denkwürdigkeiten, Aesthetica in nuce, Golgatha und Scheblimini, Metakritik über den Purismus der reinen Vernunft.
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Über die Parallelen zwischen Wittgensteins und Hamanns Philologie vgl. Hans Rochelt: „Das Creditiv der

Sprache“. In: Literatur und Kritik. Österreichische Monatsschrift. 33. April 1969. Salzburg: Otto Müller-Verlag: 1969, S. 169-176.
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[68] Moses Mendelsohn: richtig: Moses Mendelssohn: Geb. 6.9.1729, Dessau; gest. 4.1.1786, Berlin. Jüdischer Philosoph der Aufklärung. Bemühte sich um Verbesserungen der rechtlichen Lage von Juden und um das Verhältnis zwischen ihnen und Nichtjuden. Als Philosoph steht er in der Tradition des kritischen Rationalismus des 17./18. Jhdts. und identifiziert als Philosoph der Aufklärung das Judentum mit der Vernunftreligion der Aufklärung. Er trug entscheidend dazu bei, die Juden aus dem geistigen Ghetto herauszuführen. Wurde von großer Bedeutung für die jüdische Geistes-, Religions- und Sozialgeschichte durch seine Interpretation der jüdischen Religion mittels philosophischer Kategorien.
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in seinen Briefen an Hamann: Im Briefwechsel von Moses Mendelssohn findet sich nur ein Brief an Hamann, dieser ist vom 2. März 1762. Allerdings finden sich im Briefwechsel von Johann Georg Hamann mehrere Briefe von Hamann an Mendelssohn. (Vgl. Johann Georg Hamann. Briefwechsel. Zweiter Band. 1760-1769. Herausgegeben von Walther Ziesemer und Arthur Henkel. Wiesbaden: Insel Verlag 1956, S. 134f.)
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Es ist jedoch möglich, daß Wittgenstein sich auf Mendelssohns „Antheil an den Briefen, die neueste Litteratur betreffend“ bezog, wo Mendelssohn in kritisch-lästernder Weise über Hamann schreibt: Vgl. Moses Mendelssohn. Gesammelte Schriften. In sieben Bänden. Hrsg. von G.B. Mendelssohn. Leipzig: Brockhaus, 1844. 4. Band, 2. Abtheilung: „Socratische Denkwürdigkeiten für die lange Weile des Publicums.“ XXV. Den 19. Juni 1760. 113ter Brief, S. 99-105. Vgl. weiters: „Die dunkle Schreibart mancher Schriftsteller.“ XI. Den 9. Sept. 1762. 254ster Brief, S. 403-405. XII. Den 16. Sept. 1762. Fortsetzung des 254sten Briefes, S. 405-412. Vgl. auch den 192sten Brief aus dem XII. Theil, vom 22. Oct. 1761, S. 311-316, wo Mendelssohn Hamann erwähnt.
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Cherubinischen Wandersmannes: Cherubinischer Wandersmann. Geistreiche Sinn- und Schlußreime zur Göttlichen beschauligkeit anleitende. Von Angelus Silesius (d.i. Johannes Scheffler, 1624-1677), erschienen 1674. Die endgültige Ausgabe enthält sechs Bücher. Die Sammlung umfaßt 1665 brillant formulierte Aphorismen, die nach dem Vorbild von Daniel Czepkos Sexcenta monodisticha sapientium in meist zweizeiligen, aber auch vierzeiligen, antithetisch gebauten Alexandrinern abgefaßt sind.
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Silesius verarbeitet mystisches Gedankengut, das bei ihm z.T. eine pantheistische Färbung einnimmt. Er entwickelt kein geschlossenes philosophisches System, sondern formuliert seine Gedanken über das Verhältnis des Menschen zu Gott und zur Ewigkeit als „Erkenntnissplitter“ (W. Fleming).
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Confessionen: Diese Schrift Augustinus’ lernte Wittgenstein laut Aussagen von Ludwig Hänsel in der Zeit seiner Kriegsgefangenschaft bei Monte Cassino kennen und lieben. (Vgl. Hänsel, S. 245f.) In einem Brief vom 2.12.1953 schrieb Ludwig Hänsel an Ludwig von Ficker: „Dort [im Gefangenenlager bei Cassino] haben wir uns kennen gelernt, dort hat er mich in die Logistik eingeführt und mich seinen Tractatus Logico-Philosopicus im Manuskript lesen lassen, dort haben wir mitsammen Dostojewski und die Confessiones des Augustinus gelesen – eine wunderbare Zeit für mich.“(vgl. Hänsel, S. 251).
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Drury gegenüber bemerkte Wittgenstein, die Bekenntnisse des Augustinus seien womöglich das „ernsteste Buch, das je geschrieben wurde“. (Porträts, S. 16).
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In seinen philosophischen Schriften bezog sich Wittgenstein häufig auf Augustinus. (Vgl. PU, § 1-4, 32, 89-90, 436, 618).
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[70] zeigt von ùé einer [...]: unklar, ob „zeigt“ oder „zeugt“. Vor „einer“ hat Wittgenstein ein Einfügungszeichen gesetzt, aber keinen Text eingefügt. (siehe diplomatische Fassung).
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Du must: richtig: „Du mußt“.
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G.m.i.!: könnte „Gott mit ihr“ bedeuten
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[71]

Hermannschlacht: richtig: Hermannsschlacht.

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Schlacht im Teutoburger Wald, 9 n. Chr. Sieger Arminius = Herrmann der Cherusker über den römischen Feldherrn Varus. Dramatisierung durch Kleist, Grabbe und Klopstock. Die Herrmannsschlacht. Drama von Heinrich von Kleist (1777-1811), entstanden 1808, erschienen 1821 in den von Ludwig Tieck herausgegebenen Hinterlassenen Schriften Kleists; Uraufführung: Breslau, 18.10.1880.
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warum Hermann nur einen Boten zu seinem Verbündeten schicken will: Wittgenstein bezieht sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf die Herrmannsschlacht von Kleist, auf den 10. Auftritt im 2. Akt: Herrmann will Luitgar (zusammen mit seinen zwei Söhnen) als einzigen Boten zu Marbod schicken, obwohl Luitgar ihn bittet, noch zwei Freunde mitnehmen zu dürfen – für den Fall, daß ihn ein Unfall träfe. Herrmann jedoch verneint – mit dem Hinweis
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auf die Gewalt der Götter, ohne die das große Werk nicht zu vollziehen wäre. Ihr Blitz würde drei Boten ebenso wie einen treffen, und ihnen nicht zu vertrauen, hieße, sie versuchen. Herrmann legt also alles in die Hände der Götter, selbst auf die Gefahr hin, dabei zu verlieren.
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Vgl. seine Rede zu Luitgar:
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„[...] Wer wollte die gewalt’gen Götter
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Also versuchen?! Meinst Du, es ließe
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Das große Werk sich ohne sie vollziehn?
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Als ob ihr Blitz drei Boten minder,
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Als einen einzelnen, zerschmettern könnte!
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Du gehst allein; und triffst Du mit der Botschaft
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Zu spät bei Marbod, oder gar nicht, ein:
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Sei’s! mein Geschick’ ist’s, das ich tragen werde.“
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(Vgl. Heinrich von Kleist. Dramen 1808-1811. Die Herrmannsschlacht. 2. Akt, 10. Auftritt. In: Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Hrsg. von Ilse-Marie Barth, Klaus Müller-Salget, Walter Müller-Seidel und Hinrich C. Seeba. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker-Verlag, 1987).
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[72] Beethoven: In seinen Gesprächen mit Drury über Musik antwortete Wittgenstein auf Drurys Äußerung, daß der langsame Satz des vierten Klavierkonzerts von Beethoven eines der größten musikalischen Werke sei: „Was Beethoven hier schreibt, ist nicht nur für seine eigene Zeit oder Kultur bestimmt, sondern für das ganze Menschengeschlecht.“ (Vgl. Porträts, S. 164). Ein anderes Mal bemerkte er: „Ich habe einmal geschrieben, Mozart habe sowohl an den Himmel als auch an die Hölle geglaubt, während Beethoven nur an den Himmel und das Nichts geglaubt habe.“ (Porträts, S. 160).
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Es ist ganz Religion: Unklar, ob „Es“ oder „Er“.
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in wirklichen Schmerzen: im Original: in wirkliche Schmerzen.
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Protestant: im Original: Potestant.
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[73] Engelmann: Paul Engelmann: Geb. Juni 1891, Olmütz; gest. 5.2.1965, Tel Aviv. Architekt und Philosoph. Studierte Architektur bei Adolf Loos in Wien und war ein Jahr lang freiwilliger Privatsekretär von Karl Kraus. Wittgenstein lernte Engelmann anläßlich einer militärischen Ausbildung an der Artillerie-Offiziersschule im Herbst 1916 in Olmütz kennen. Es kam zu allabendlichen Treffen im Hause Engelmann, an denen u.a. Engelmanns Mutter Ernestine, der Jusstudent Heinrich Groag, der Musikstudent Fritz Zweig und dessen Cousin, der spätere Dramatiker Max Zweig, teilnahmen. 1934 emigrierte Engelmann nach Tel Aviv, wo er als Möbelzeichner arbeitete. Seine

Erinnerungen an Wittgenstein wurden zusammen mit den Briefen Wittgensteins an Engelmann posthum veröffentlicht: Ludwig Wittgenstein. Briefe und Begegnungen. Hrsg. von Brian McGuinness. Wien und München: Oldenbourg 1970.
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Viele Werke Engelmanns sind noch unveröffentlicht, u.a. Orpheus und Eurydike, Psychologie graphisch dargestellt, Die urproduzierende Großstadt und eine von ihm zusammengestellte Lyrikanthologie.
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Werke u.a.: In: Gedanken, 1944; in: Im Nebel, 1945; Adolf Loos, 1946; Dem Andenken an Karl Kraus, 1949. In der Fackel Nr. 317/318 vom 18.2.1911 publizierte Engelmann ein Gedicht auf das von Loos erbaute Haus am Michaelerplatz, in dem er dieses „als erstes Zeichen einer neuen Zeit“ bezeichnete.
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während des Baues: Bezieht sich auf den Bau des Hauses für Margarete Stonborough im III. Bezirk Wiens – auf einem zwischen Kundmanngasse, Geusaugasse und Parkgasse gelegenen Grundstück. Paul Engelmann wurde von Margarete als Architekt beauftragt und begann 1926 mit der Arbeit. Wittgenstein engagierte sich im Laufe der Zeit derart, daß er schließlich sozusagen die Führung übernahm und nach seinem Austritt als Volksschullehrer im April 1926 sich ganz der Architektur widmete. Das Haus war im Herbst 1928 fertiggestellt.
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Bauunternehmer: Es handelt sich dabei wahrscheinlich um den Baumeister namens Friedl; Näheres nicht ermittelt.
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Menschen: nicht klar leserlich, ob „Mensch“ oder „Menschen“.
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[75]
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verhältst: im Original: verhälst.

„Es ist gut, weil es Gott so befohlen hat“ ist der richtige Ausdruck für die Grundlosigkeit: Vgl. dazu Wittgensteins Bemerkungen gegenüber Schlick über das Wesen des Guten in WWK, S. 115, wo er sagt: „Wenn es einen Satz gibt, der gerade das ausdrückt, was ich meine, so ist es der Satz: Gut ist, was Gott befiehlt.“ Schlick hatte nämlich bezüglich der zwei Auffassungen vom Wesen des Guten in der theologischen Ethik diejenige Deutung als die tiefere befunden, derzufolge Gott das Gute deshalb wolle, weil es gut sei. Wittgenstein hingegen fand diejenige Deutung des Wesen des Guten als die tiefere, derzufolge das Gute gut sei, weil Gott es wolle. „Ich meine, daß die erste Auffassung die tiefere ist: gut ist, was Gott befiehlt. Denn sie schneidet den Weg einer jeden Erklärung, ‘warum’ es gut ist, ab, während gerade die zweite Auffassung die flache, die rationalistische ist, die so tut, ‘als ob’ das, was gut ist, noch begründet werden könnte.“
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[76] Ein ethischer Satz [...]: Vgl. dazu TLP, 6.422: „Der erste Gedanke bei der Aufstellung eines ethischen Gesetzes von der Form ‘Du sollst ....’ ist: Und was dann, wenn ich es nicht tue? Es ist aber klar, daß die Ethik nichts mit Strafe und Lohn im gewöhnlichen Sinne zu tun hat. Also muß diese Frage nach den Folgen einer Handlung belanglos sein. – Zum Mindesten dürfen diese Folgen nicht Ereignisse sein. Denn etwas muß doch an jener Fragestellung richtig sein. Es muß zwar eine Art von ethischem Lohn und ethischer Strafe geben, aber diese müssen in der Handlung selbst liegen.
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(Und das ist auch klar, daß der Lohn etwas Angenehmes, die Strafe etwas Unangenehmes sein muß.)“
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[77] mit dem inneren Ohr: Vgl. dazu MS 153a 127v: 1931, zit. nach VB, S. 38: „Ich glaube bestimmt daß Bruckner nur mit dem inneren Ohr & einer Vorstellung vom spielenden Orchester, Brahms mit der Feder komponiert hat. Das ist natürlich einfacher dargestellt als es ist. Eine Charakteristik aber ist damit getroffen.“
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[80] ùé Gegensätze: Hier hat Wittgenstein ein mit Wellenlinien unterstrichenes Einfügungszeichen gesetzt, aber keinen Text eingefügt.
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(siehe diplomatische Fassung).
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[81]

a priori: Vgl. MS 157b, 27.2.37, S. 2f.:

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„Die ‘Ordnung der Dinge’, die Idee der Form(en) der Vorstellung, also des a priori ist selber eine grammatische Täuschung.“
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[82] Paul Ernst: Geb. 7.3.1866, Elbingerode, Harz; gest. 13.5.1933, St. Georgen an der Stiefing, Steiermark. Deutscher Schriftsteller. Einer der Hauptvertreter der Neuklassik. Kunst- und kulturkritische Theorien (u.a. „Der Weg zur Form“). Erneuerte die Novelle nach dem Vorbild der formstrengen Renaissancenovelle (konzentrierte Handlung, Verzicht auf psychologische Begründung, Geschlossenheit der Form).
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Werke u.a.: Der Tod des Cosimo (Novellen, 1912), Komödiantengeschichten (1920), Der Schatz im Morgenbrotstal (Roman, 1926), Das Glück von Lautenthal (Roman, 1933).
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McGuinness schreibt, daß in dem sog. Olmützerkreis (in der Zeit von 1916/17) häufig über Paul Ernst gesprochen wurde. Wittgenstein schätzte besonders das von Ernst verfaßte Nachwort zu seiner Ausgabe der Grimmschen Märchen, worin darauf hingewiesen wird, wie uns die Sprache durch wörtlich genommene anschauliche Ausdrucksweisen und Sinnbilder in die Irre führt. Dieser Text habe Wittgenstein nach eigenem Bekunden stark beeinflußt. Rhees gegenüber soll er geäußert haben, daß er in künftigen Ausgaben des Tractatus deshalb gern im Vorwort auf Paul Ernst hinweisen würde. (Vgl. McGuinness, S. 388f.)
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wie Dostojewski es getan hat (Wunder auf der Hochzeit zu Kana): Höchstwahrscheinlich spielt Wittgenstein dabei auf Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasoff an (auf das IV. Kapitel, „Die Hochzeit zu Kana in Galiläa“, im Siebenten Buch: „Aljoscha“): Neben dem Sarg von Staretz Sossima liest Pater Paissij aus den Evangelien über die Hochzeit von Kana vor. Die Wirkung dieser Geschichte wird uns über Aljoscha vermittelt, der, vor Müdigkeit teilweise eingeschlummert und halb im Traum, den tieferen Sinn des Wunders zu Kana erfährt: mit seiner Verwandlung von Wasser in Wein wollte Jesus den Menschen vor allem Freude schenken, denn nicht das Leid, sondern die Freude der Menschen sei ihm am Herzen gelegen. „Wer die Menschen liebt, der liebt auch ihre Freude“ – so
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hatte der Staretz immer wieder gesagt. Er erscheint Aljoscha im Traum und erzählt ihm, daß auch er nun zur Hochzeit geladen sei und Jesus immer neue Gäste erwarte, für die er Wasser in Wein verwandle, damit die Freude nicht aufhöre. Nach diesem Traum hat Aljoscha in Einklang und in Liebe mit der Erde und den Menschen ein mystisches Erlebnis, ähnlich dem des Steinklopferhanns aus dem Stück „Die Kreuzelschreiber“von Ludwig Anzengruber, das auf Wittgenstein einen ähnlich tiefen Eindruck hinterlassen hatte. –
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Die Verwandlung von Wasser in Wein ist also ein Symbol für die Liebe Christi zu den Menschen.
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Vgl. auch Wittgensteins Vortrag über Ethik, in dem er über den Sinn des Wunders bzw. unser Staunen über ein Wunder spricht: auch hier gibt es einen Unterschied zwischen der wissenschaftlichen Betrachtung einer Tatsache und der Betrachtung einer Tatsache als Wunder bzw. dem Staunen im relativen und im absoluten Sinn: unser Staunen im relativen Sinn wäre das Staunen über etwas noch nie Dagewesenes und käme der Tatsache der Verwandlung von Wasser in Wein gleich. Unser Staunen im ethischen Sinn jedoch bedeutet ein Staunen anderer Art – wie das Staunen über die Existenz der Welt, die, obwohl uns täglich gegenwärtig, als ein Wunder betrachtet werden sollte, über das jeder sprachliche Ausdruck jedoch in Unsinn münden würde.
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[85] Mahler: im Original: Maler: Gustav Mahler (1860-1911): Wittgensteins Haltung gegenüber Mahler war sehr kritisch: vgl. dazu eine seiner Bemerkungen: „Wenn es wahr ist, wie ich glaube, daß Mahlers Musik nichts wert ist, dann ist die Frage, was er, meines Erachtens, mit seinem Talent hätte tun sollen. Denn ganz offensichtlich gehörten doch eine Reihe sehr seltener Talente dazu, diese schlechte Musik zu machen. Hätte er z.B. seine Symphonien schreiben & verbrennen sollen? Oder hätte er sich Gewalt antun, & sie nicht schreiben sollen? Hätte er sie schreiben, & einsehen sollen daß sie nichts wert seien? Aber wie hätte er das einsehen können? Ich sehe es, weil ich seine Musik mit der der großen Komponisten vergleichen kann. [...]“ (MS 136 110b: 14.1.1948, zit. nach VB, S. 130f.).
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John King gegenüber bemerkte Wittgenstein jedoch, daß man viel von Musik, ihrer Geschichte und ihrer Entwicklung verstehen müsse, um Mahler zu begreifen. (Porträts, S. 111).
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[87] raryfied: richtig: rarefied. (Von „rarify“ = verdünnen, verfeinern). In diesem Zusammenhang soviel wie „in einer höheren, einer geistigeren Sphäre“.

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mit Andern: im Original: mit Adern.
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[89] meines Bruders Rudi: Rudolf Wittgenstein: Geb. 27.6.1881, Wien; gest. 1904, Berlin. Student der Chemie. Viertes Kind und drittältester Sohn von Karl und Leopoldine Wittgenstein. Er wird als verängstigtes, nervöses Kind beschrieben und als derjenige, der am meisten Sinn für die Literatur hatte. Sein Selbstmord – er vergiftete sich im Alter von 23 Jahren in Berlin – wird auf seine vermeintliche Homosexualität zurückgeführt, doch sollen auch die Schwierigkeiten
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mitgespielt haben, auf die er als erwachsener Mann in Berlin nach einem behaglichen Leben im Elternhaus gestoßen war. (Vgl. McGuinness, S. 59).
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etwas Oberländerisches: wahrscheinlich Anspielung auf Adolf Oberländer, einen Karikaturisten der „Fliegenden Blätter“.
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Fliegende Blätter: Fliegende Blätter: Illustrierte humoristische Zeitschrift des Verlags Braun & Schneider, München. Erschien 1844 bis 1944. Bedeutende Mitarbeiter wie Wilhelm Busch, Adolf Oberländer, Moritz von Schwind, Carl Spitzweg, Felix Dahn, Ferdinand Freiligrath, Emanuel Geibel und Joseph Victor von Scheffel lieferten Texte und Graphiken für Karikaturen zeittypischer Verhaltensformen des deutschen Bürgertums.
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[93] Rosalie: Rosalie Herrmann: Daten nicht ermittelt, allem Anschein nach eine Haushälterin der Wittgensteins. Es finden sich Photos von ihr im Album der Familie Wittgenstein. In einem Brief vom 26.II.1916 schreibt Hermine Wittgenstein an Ludwig von der „guten alten Rosalie“, die sehr krank sei, vermutlich zu der Zeit im Sterben lag.
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Kumäische Sybille: richtig: Cumaeische Sibylle: legendäre griech. Prophetin orientalischen Ursprungs, die in einer Quellgrotte in Eretria ihre Orakel verkündete (wahrscheinlich im 5. Jhdt. v. Chr.) Bei der Besiedlung Unteritaliens durch die Eretrier gelangten diese Orakel nach Cumae, woraus die Vorstellung einer eigenen Sybille von Cumae entstand, der man die 83 v. Chr. verbrannten ­Sibyllinischen Bücher zuschrieb, die unter der etruskischen Dynastie der Tarquinier nach Rom kamen.
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[94]
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seit: im Original: sei.

daweil: Wiener Dialekt. Bedeutet dasselbe wie „derweil“, „indessen“, „unterdessen“, „während“, „währenddessen“, „einstweilen“. (Vgl. Wörterbuch des Wiener Dialektes von Julius Jakob, 1929).
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[95] Claudius: Matthias Claudius (Pseudonym: Asmus): Geb. 15.8.1740, Reinfeld bei Lübeck (Holstein); gest. 21.1.1815, Hamburg. Studierte Theologie und Jura. Herausgeber des Wandsbecker Boten. Wandte sich nach anakreontischen Gedichten religiös-moralischen Themen zu. Seine volksliedhafte, schlichte Lyrik erlangte in ihrer Frömmigkeit, kindlichen Gläubigkeit und persönlichen Färbung zeitlose Gültigkeit. Bekannt sind vor allem Claudius’ Gedichte „Der Mond ist aufgegangen“, „Stimmt an mit hellem Klang“, „Der Tod und das Mädchen“. Die Verbreitung des Claudius wurde vor allem durch Karl Kraus bewirkt.
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Zitat aus Spinoza: Wahrscheinlich bezieht sich Wittgenstein dabei auf eine Stelle im Fünften Theil des Zweiten Bandes aus den Sämmtlichen Werken des Wandsbecker Boten, in der Zugabe zu „Gespräche[n], die Freiheit betreffend“,
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S. 42ff.: A. und B. diskutieren über das Finden der Wahrheit und kommen dabei auf Johann Huß, Mendelssohn und Spinoza zu sprechen. A. sagt: „[ ...] Wenn aber Spinoza mit seinem Kopf und mit seinem Ernst anstieß; so lerne daraus: daß es nicht leicht sey, die Wahrheit zu finden. Spinoza sagt aber so: No. databases: 1873
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‘Nachdem die Erfahrung mich gelehret hat, daß alles, wovon im Leben gewöhnlich die Rede ist, leer und eitel sey; da ich einsahe, daß alles, wofür und was ich fürchtete, weder Gutes noch Böses in sich habe, als in so weit das Gemüth davon in Bewegung gesetzt wurde; so beschloß ich endlich, zu forschen: ob es etwas gäbe, das ein wahrhaftiges Gut sey, und das sich mittheile, und von dem, wenn ich allem übrigen entsagte, das Gemüth allein reactionirt würde; ja, ob es etwas gäbe, dadurch ich, wenn ich es fände und mir verschafte, eine immerwährende und höchste Freude in Ewigkeit genösse. Ich sage, daß ich endlich beschloß; denn beym ersten Anblick schien es mir ungerahten, um eine damals ungewisse Sache eine gewisse verliehren zu wollen. Ich sahe nämlich die Vortheile, die

Ehre und Reichthümer bringen, und daß ich diese nicht weiter suchen müßte, wenn ich mit Ernst einer andern neuen Sache nachtrachten wollte; und es leuchtete mir ein: daß, wenn die höchste Glückseligkeit in diesen Dingen etwa bestehen sollte, ich solcher Glückseligkeit entbehren müsse; bestehe sie aber nicht darinn, und ich trachtete nur ihnen nach, so würde ich denn auch der höchsten Glückseligkeit entbehren.
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Ich sann also in mir nach, ob es nicht möglich seyn sollte, zu meinem Werk, oder wenigstens zur Gewißheit darüber zu gelangen, ohne daß meine bisherige Lebensordnung und Weise verändert würde. Das aber habe ich oft umsonst versucht. Denn wovon im Leben gewöhnlich die Rede ist, und was bey den Menschen, nach ihren Werken zu urtheilen, als das höchste Gut geachtet wird, läuft auf diese drey Stücke hinaus, nämlich: Reichtum, Ehre und Wollust. Durch diese drey Dinge wird aber das Gemüth so zerstreuet, daß es auf keine Weise an ein anderes Gut denken kann. – Da ich also einsahe, daß alles dieses so sehr im Wege sey, einem neuen Vornehmen nachzugehen, ja daß es damit in einem solchen Widerspruch stehe, daß ich nothwendig von einem von beyden abstehen müsse; so mußte ich entscheiden, welches von beyden mir nützlicher wäre. – Ich habe nicht ohne Ursache die Worte gebraucht: wenn ich nur ernsthaft bedenken könnte. Denn ob ich gleich dies alles im Gemüth ganz klar einsahe; so konnte ich doch deswegen nicht allen Geiz, Wollust und Ehrsucht ablegen.*) ‘“
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*) Siehe in Spinoza’s Werken das Fragment: de Intellectus emendatione, et de via, qua optime in veram rerum cognitionem dirigitur.
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(Vgl. Matthias Claudius. Werke. ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Erster und zweiter Theil. Wandsbeck, 1774. Beym Verfasser. Hamburg: Bei Perthes und Besser 1819).
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[96] schwätz nicht! Am Rand oben links eingefügt, als Kommentar zu den ersten beiden Sätzen, die mit Wellenlinie durchgestrichen sind.
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[97]

Keine Pagina sichtbar, da Wittgenstein im oberen Rand der Seite Text einfügte.

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[99] Gesichtstypus zeichnen: im Original als ein Wort, durch einen Querstrich voneinander getrennt.(siehe diplomatische Fassung).
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Haydens: richtig: Haydns: Joseph Haydn (1732-1809).
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[100] "Ring": „Der Ring des Nibelungen“: Bühnenfestspiel in vier Teilen von Richard Wagner. „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“.
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Bühnenweisungen: richtig: Bühnenanweisungen.
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[101] [Etwas ist nur so ernst [...]: Variante in eckiger Klammer, aber als eigener Absatz.
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Übrigens [...]: Mit einem Pfeil hat Wittgenstein angedeutet, daß er den Absatz „Übrigens heißt das nicht, daß [...]“ früher, auf Seite 100, nach dem Absatz „Ich bin in meine Art der Gedankenbewegung [...]“ einordnen wollte.
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[102] auf dem Theater (Kierkegaard) in meiner Seele: Wahrscheinlich bezieht sich Wittgenstein dabei auf Kierkegaards Bemerkungen über das Theaterpublikum in Die Wiederholung.
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Vgl. Sören Kierkegaard: Gesammelte Werke. In 12 Bänden unverkürzt herausgegeben von Hermann Gottsched und Christoph Schrempf. Bd. 3: Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Dritte, umgearbeitete Auflage. Übersetzt von H.C. Ketels, H. Gottsched und Chr. Schrempf, Nachwort von Chr. Schrempf. Jena: Eugen Diederichs Verlag, 1923.
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[107] im letzten Satz des Violinkonzerts: Konzert für Violine und Orchester D-dur op. 77 von Johannes Brahms.
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– Allegro non troppo – Kadenz. Adagio. Allegro giocoso, ma non troppo vivace – Poco pin presto.
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die Harfe am Schluß des ersten Teils des Deutschen Requiems: Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem (nach Worten der Heiligen Schrift) für Soli, Chor, Orchester und Orgel, Opus 45, 7 Sätze, entstanden 1868. – Wahrscheinlich spielt Wittgenstein mit seiner Äußerung auf den zweiten Satz des Deutschen Requiems an.
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[108] Die Freude an meinen Gedanken:
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Vgl. dazu MS 155 46r: 1931 (zit. nach VB, S. 46): „Die Freude an meinen Gedanken ist die Freude an meinem eigenen seltsamen Leben. Ist das Lebensfreude?“
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[113] Essay von Emerson: Ralph Waldo Emerson: Geb. 25.5.1803, Boston; gest. 27.4.1882, Concord, (Mass.). Emerson legte sein geistliches Amt aus Gewissensgründen nieder. Suchte durch seine vom deutschen Idealismus und der
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englischen Romantik beeinflußte Philosophie des „Transzendentalismus“ einen dogmenfreien, dem Pantheismus nahestehenden Glauben zu begründen. Werke: Essays (1841 und 1844), Representative Men (1850), English Traits (1856).
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Am 15.11.1914 schrieb Wittgenstein in sein Tagebuch: „Lese jetzt in Emersons ‘Essays’. Vielleicht werden sie einen guten Einfluß auf mich haben.“ (Vgl. Baum, Geheime Tagebücher, S. 42).
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seinen Freund einen Philosophen: Höchstwahrscheinlich ist damit Henry David Thoreau gemeint.
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Henry David Thoreau: Geb. 12.7.1817, Concord, (Mass.); gest. 6.5.1862, Concord. Amerikan. Schriftsteller und Mitglied der Transzendentalisten. Radikaler Nonkonformist und Individualist. Lebte für ca. zwei Jahre in einer selbstgebauten Blockhütte am Walden Pond bei Concord. Werke: Walden (1854), Civil Disobedience. Tagebücher.
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[114] im richtig geschriebenen: im Original: im richtig geschriebene.
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Lichtenbergs: Georg Christoph Lichtenberg: Geb. 1.7.1742, Ober-Ramstadt bei Darmstadt; gest. 24.2.1799, Göttingen. Deutscher Physiker und Schriftsteller. Vielseitiger Naturwissenschaftler und einer der führenden Experimentalphysiker seiner Zeit. Als Schriftsteller trat er vor allem durch seine naturwiss. und philosophisch-psychologischen Aufsätze, besonders aber durch seine ironisch-geistvollen „Aphorismen“, hervor.
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Auf die Ähnlichkeiten zwischen Wittgenstein und Lichtenberg hat von Wright in seinem Artikel „Georg Christoph Lichtenberg als Philosoph“ in Theoria 8, 1942, S. 201-217, hingewiesen. McGuinness schreibt über Gemeinsamkeiten zwischen Lichtenberg und Wittgenstein in Wittgensteins frühe Jahre, S. 74f.: Auch bei Lichtenberg spiele das Thema der Irrtümer und Fehler, die sich aus dem Mißbrauch oder Mißverständnis der Sprache ergeben, eine hervorstechende Rolle.
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J. P. Stern diskutierte Parallelen zwischen Lichtenberg und Wittgenstein in „Comparing Wittgenstein and Lichtenberg“ in Lichtenberg: A Doctrine of Scattered Occasions. Bloomington (Indiana): Indiana Univ. Press, 1959.
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J.P. Stern schreibt, daß Lichtenberg in einer seiner letzten Eintragungen die wichtigsten Einsichten des jungen Wittgenstein – über das, was sich bloß „zeigt“ – vorweggenommen habe. (Vgl.: Joseph Peter Stern: „Lichtenbergs Sprachspiele“. In: Aufklärung über Lichtenberg. Kleine Vandenhoeck-Reihe. Mit Beiträgen von Helmut Heißenbüttel, Armin Hermann, Wolfgang Promies, Joseph Peter Stern, Rudolf Vierhaus. Göttingen: Vandenhoeck 1974, S. 60-75, S. 66).
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Vgl. auch Helmut Heißenbüttel: „Georg Christoph Lichtenberg – der erste Autor des 20. Jahrhunderts“ (in: Aufklärung über Lichtenberg, S. 76-92), und Johannes Roggenhofer: Zum Sprachdenken Georg Christoph Lichtenbergs. Linguistische Arbeiten 275. Hrsg. von Hans Altmann, Peter Blumenthal, Herbert E. Brekle, Gerhard Helbig, Hans Jürgen Heringer, Heinz Vater und Richard Wiese. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1992.
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lügen: nicht klar leserlich.

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die Gestalt der Furcht vor der Lächerlichkeit: nicht ermittelt.
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[115] Dabei weiß, ich daß: richtig: dabei weiß ich, daß.
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[116] Entschluß: im Original: Enschluß.
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[117] wenn: im Original als „wem“ zu lesen.
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Übligkeiten: veraltet für Übelkeit. Im Handwörterbuch der Deutschen Sprache, hrsg. von Joh. Christ. Aug. Heyse (Hildesheim: Georg Olms Verlagsbuchhandlung, Reprografischer Nachdruck der Ausgabe Magdeburg 1849) wird „Übligkeit“ als gem. unr. für Übelkeit angeführt. Auch in anderen alten deutschen Wörterbüchern findet sich der Ausdruck „Üblichkeit“ für „Übelkeit“ (Handwörterbuch der deutschen Sprache von Dr. Daniel Sanders. Leipzig: Verlag Otto Wigand 1888). Vgl. auch das Wörterbuch des Wiener Dialektes von Julius Jakob, wo „Üblichkeit“ für „Übelkeit“, „Unwohlsein“ angegeben ist.
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[119] im geist: Zuerst schrieb Wittgenstein „geistig“, entschied sich dann für die Variante „im geist“ und vergaß offensichtlich, das „g“ zu korrigieren. Richtig: im Geist.
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Selbstmord: Mit einem Pfeil hat Wittgenstein angedeutet, daß die in einer Schlinge eingefügten Worte „& der Selbstmord endet sie nicht“ an „Die Verzweiflung hat kein Ende“ anschließen sollte.
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[122] Resentiment: richtig: Ressentiment.
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[123] Wehrmuth: richtig: Wermut.
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er ahmt dem Dichter: richtig: er ahmt den Dichter .... nach.
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zu etwas: im Original: zu etwa.
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[124] meine Beichte: Ob Wittgenstein zu dieser Zeit bereits eine Beichte abgelegt hatte oder nur daran dachte, dies zu tun, kann nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden. Drury schreibt zwar von einer Beichte Wittgensteins im Jahre 1931, ist sich aber des angegebenen Jahres nicht ganz sicher. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 171).
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Bekannt ist jedoch, daß Wittgenstein Ende 1936 und Anfang 1937 eine Beichte gegenüber mehreren seiner Freunde und seiner Familie ablegte. (Vgl. Kommentar zu Seite 142).
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„& hätte der Liebe nicht u.s.w.“: Vgl. den ersten Brief Paulus’ an die Korinther, Kapitel 13, in der Übersetzung von Martin Luther: „Wenn ich mit Menschen= und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.“
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(Vgl. Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers. Berlin: Trowitzsch & Sohn, 1919).
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[125] meines Bruders Kurt: Kurt bzw. Konrad Wittgenstein: Geb. 1.5.1878, Wien; gest. 9.9.1918, Italien, Kriegsschauplatz. Kurt war der zweitälteste von Wittgensteins Brüdern. Er erschien „harmlos heiter veranlagt“ (vgl. Familienerinnerungen, S. 102f.) und übernahm eine der Firmen seines Vaters. Als ihm im Ersten Weltkrieg seine Truppe den Gehorsam verweigerte und desertierte, nahm er sich das Leben.
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[126] Traum: Vgl. die Zeichnung des Traumes in der diplomatischen Fassung.
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[128]
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„but you have fettered me“: aber Sie haben mich gefesselt.

[130] Was Du geleistet hast,[...]:
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Mit einem Pfeil hat Wittgenstein angedeutet, daß der Absatz „Was Du geleistet hast, [...]“ vor den vorhergehenden Absatz „Soviel es Dich gekostet hat, [...]“ gehören sollte.
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[131] tu te fache, donc tu as tort:
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richtig: tu te fâche = „Du ärgerst Dich, folglich hast Du Unrecht.“
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[132] sündlich: veraltet: in der Weise der Sünde oder des Sündhaften, einer Sünde ähnlich. In älteren Ausgaben der Bibel wird „sündlich“ auch für sündig, mit Sünde behaftet, gebraucht.
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(Vgl. Deutsches Wörterbuch von Moriz Heyne. Leipzig: Hirzel Verlag 1895; Vgl. auch: Wörterbuch der Deutschen Sprache. Hrsg. von Joachim Heinrich Campe. Hildesheim-New York: Olms 1969/70, Nachdruck der Ausgabe Braunschweig, 1810.) Vgl. die bereits zitierte Bibel-Ausgabe nach der Übersetzung von M. Luther (Berlin, 1919): „der sündliche Leib“ (Römer 6, 6); „die sündlichen Lüste“ (Römer 7, 5), „in der Gestalt des sündlichen Fleisches“ (Römer 8, 3).
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daß ein Augenblick: im Original: das ein Augenblick [...].
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[134] Corsischer Briganten: Briganten: (ital.) Bezeichnung für Aufwiegler, Unruhestifter, auch für Straßenräuber und Freibeuter. Vgl. dazu Wittgensteins Äußerung im MS 153b 39v: 1931, zit. nach VB, S. 40.
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„Sehe die Photographien von Corsischen Briganten und denke mir: die Gesichter sind zu hart & meines zu weich als daß das Christentum darauf schreiben könnte. Die Gesichter der Briganten sind schrecklich anzusehen & doch sind sie gewiß
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nicht weiter von einem guten Leben entfernt & nur auf einer andern Seite desselben gelegen als ich“
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[138] als ihrer Zuflucht: nicht klar leserlich, ob „ihrer“ oder „ihren“.
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[[139] Verstümmle: Vgl. dazu Wittgensteins Bemerkungen über Frazers The Golden Bough im MS 143, S. 681: „[...] Aber es kann sehr wohl sein daß der völlig enthaarte Leib uns in irgend einem Sinne den Selbstrespekt zu verlieren verleitet. (Brüder Karamasoff) Es ist gar kein Zweifel daß eine Verstümmelung die uns in unseren Augen unwürdig, lächerlich, aussehen macht uns allen Willen rauben kann uns zu verteidigen. Wie verlegen werden wir manchmal – oder doch viele Menschen (ich) – durch unsere physische oder aesthetische Inferiorität.“ (Diese Stelle ist nicht in allen Ausgaben über Wittgenstein’s Remarks on Frazer’s Golden Bough publiziert: sie findet sich – wenn auch in nicht ganz originalgetreuer, da teils korrigierter, Wiedergabe – in Ludwig Wittgenstein. Philosophical Occasions 1912-1951. Ed. by James C. Klagge and Alfred Nordmann. Indianapolis & Cambridge: Hackett Publishing Company 1993, S. 154. Weiters in der von Rush Rhees edierten Ausgabe von 1967: Bemerkungen über Frazers THE GOLDEN BOUGH. In: Synthese, ed. bei Jaakko Hintikka. Dordrecht, Holland: D. Reidel Publishing Company, P.O. Box 17, pp. 233-253).
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[142] an Hänsel: Ludwig Hänsel. Geb: 8.12.1886, Hallein (Salzburg); gest. 8.9.1959, Wien. Mittelschulprofessor für Latein und Französisch. Wittgenstein lernte Hänsel in der Zeit seiner Kriegsgefangenschaft bei Monte Cassino im Jahre 1919 kennen und war mit ihm bis an sein Lebensende befreundet. (Vgl. Ludwig Hänsel – Ludwig Wittgenstein. Eine Freundschaft. Briefe. Aufsätze. Kommentare. Brenner-Studien Bd. XIV. Innsbruck: Haymon Verlag, 1994).
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ein Geständnis: Am 7. November 1936 legte Wittgenstein in einem Brief an Ludwig Hänsel ein Geständnis seiner angeblichen Lüge bezüglich seiner Abstammung ab, d.h. er gestand, nur zu einem Viertel von „Ariern“ und zu drei Vierteln von Juden abzustammen und nicht umgekehrt, wie er immer behauptet hätte. Er bat Hänsel, seinen Brief auch dessen Familie sowie Wittgensteins Geschwistern mit Kindern und seinen Freunden zu zeigen. In einem weiteren Brief an Hänsel sprach er von seinem Vorhaben, anläßlich seines Besuches zu Weihnachten in Österreich allen Freunden und Verwandten ein umfassenderes Geständnis abzulegen. (Vgl. Hänsel, S. 136-138). Laut Auskunft von John Stonborough an die Herausgeberin ließ Wittgenstein ein schriftliches Geständnis zu Weihnachten in der Alleegasse aufliegen, als sich die Familie zum Essen traf. Auf Margarete Stonboroughs Äußerung „Ehrenleute lesen anderer Leute Beichten nicht“ rührte keiner der Familie – mit einer Ausnahme – das Geständnis an. Wittgenstein

schrieb auch an Engelmann, und Anfang 1937 suchte er in England G.E. Moore, Fania Pascal und Rush Rhees auf, um ihnen seine „Sünden“ zu gestehen. Laut Fania Pascal habe Wittgenstein aber nie etwas Falsches über seine rassische Herkunft gesagt und es könne nur auf eine bewußte oder unbewußte Unterlassung
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seinerseits zurückgeführt werden, wenn man ihn für etwas Anderes hielt, als was er wirklich war. Sie habe nie jemanden getroffen, der weniger imstande war zu lügen als er. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 67). Auch Rush Rhees schreibt, er habe noch nie gehört, daß jemand behauptet habe, Wittgenstein habe seine Herkunft verheimlichen wollen. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 241).
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Vgl. Wittgensteins Eintragung im MS 154 1r (1931): „Eine Beichte muß ein Teil des neuen Lebens sein.“ (Zit. nach VB, S. 40).
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[144] Francis: Sidney George Francis Skinner: Geb. 9.6.1912, South Kensington; gest. 11.10.1941, Cambridge. Skinner kam 1930 als Mathematikstudent nach Cambridge, wo er Wittgenstein kennenlernte. Trotz seiner hohen Begabung – er erhielt 1931 ein „first class“ im ersten Teil der „Mathematics Tripos“ und 1933 ein weiteres „first class“ im zweiten Teil – verzichtete er auf eine akademische Laufbahn, um in Wittgensteins Sinn ein Handwerk zu erlernen. Zur Bestürzung seiner Familie nahm Francis eine Lehrstelle in der Cambridge Scientific Instrument Company an und wechselte später auf die Firma Pye über. Von 1933 bis 1941 (dem Jahr, in dem Francis an Poliomyelitis starb) war er der engste Freund Wittgensteins und bewohnte mit ihm eine Zeitlang eine Wohnung in der East Road in Cambridge. Die beiden unternahmen des öfteren gemeinsame Reisen, Skinner besuchte im Herbst 1937 (vom 18.9.-1.10.) Wittgenstein in Norwegen. In ihrer Beziehung spielte Wittgensteins philosophische Arbeit eine große Rolle: 1934/35 diktierte Wittgenstein Skinner das „Braune Buch“, doch es ist anzunehmen, daß sich die Niederschrift auch aus den gemeinsamen Dialogen der Freunde entwickelte. (Vgl. Fania Pascal, in Porträts und Gespräche, S. 49-54). Skinner war von stillem, bescheidenem Wesen und fügte sich Wittgenstein fast „blindlings“. Sein Tod löste in diesem Schuldgefühle aus: vgl. folgende Eintragung Wittgensteins vom 28.12.1941 im MS 125: „Denke viel an Francis, aber immer nur mit Reue wegen meiner Lieblosigkeit; nicht mit Dankbarkeit. Sein Leben und Tod scheint mich nur anzuklagen, denn ich war in den letzten 2 Jahren seines Lebens sehr oft lieblos und im Herzen untreu gegen ihn. Wäre er nicht so unendlich sanftmütig und treu gewesen, so wäre ich gänzlich lieblos gegen ihn geworden.“ (Zit. nach Monk, S. 625).
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eine schöne & rührende Antwort:
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Vgl. Hänsels Brief vom 15. Nov. 1936 an Wittgenstein in Hänsel, S. 136f.
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Mining: Hermine Wittgenstein: Geb. 1.12.1874, Eichwald bei Teplitz, Böhmen; gest. 11.2.1950, Wien. Älteste Schwester von Ludwig Wittgenstein, die nach einer Figur von Fritz Reuters Roman Ut mine Stromtid („Das Leben auf dem Lande“, 3 Teile. Wismar: Hinstorrf’sche Hofbuchhandlung 1863-64) „Mining“ genannt wurde. Sie blieb unverheiratet und wurde nach dem Tod von Karl Wittgenstein faktisch zum Familienoberhaupt. Sie sorgte sich in mütterlicher Weise um ihre jüngeren Geschwister, insbesondere um Ludwig, dessen Wohl ihr sehr am Herzen lag. Dieser bemerkte gegenüber Rush Rhees einmal, daß Hermine unter seinen Geschwistern „bei weitem die tiefste“ sei. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 7).
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[146] Anna Rebni: (1869-1970). Bauersfrau in Skjolden, mit Wittgenstein befreundet. Sie war Lehrerin in Oslo, kehrte aber 1921 wieder nach Skjolden zurück, wo sie einen Bauernhof – den „Eide-Hof“ – bewirtschaftete und ab 1925 die dortige Jugendherberge übernahm. Als Wittgenstein im Sommer 1937 von Cambridge nach Skjolden zurückkehrte, wohnte er eine Zeitlang – vom 16. bis zum 24. August – im Haus von Anna Rebni. Wittgenstein war Anna Rebni herzlich zugetan, und als durch ein Mißverständnis die gute Beziehung der beiden getrübt war, machte er über seinen Kummer Aufzeichnungen in seinen Tagebüchern. (Vgl. seine Eintragungen vom 15. und 16. Nov. 1937 (MS 119), vom 20. und 27. Nov. wie auch vom 7. und 9. Dez. 1937 (MS 120).
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Arne Draegni: Arne Thomasson Draegni: Geb. 21.9.1871, Skjolden; gest. 4.1.1946, Skjolden. Bauer auf einem der Bolstad-Höfe. Zur Ortschaft Bolstad gehörten mehrere, verstreut liegende Bauernhöfe. Arne Draegni war der Bruder von Halvard Draegni und Inga Sofia Thomasdotter Draegni, die Hans Klingenberg heiratete und unter dem Namen Sofia Klingenberg bekannt ist. Arne Draegni war einer der Menschen in Skjolden, mit denen Wittgenstein nach seinem norwegischen Aufenthalt von 1936/37 engen brieflichen Kontakt pflegte. (Vgl.

Wittgenstein and Norway, letters Nr. 43, 44, 46, 48).
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In einem Brief vom 18.7.1946 an Anna Rebni zeigt sich Wittgenstein bestürzt über den Tod von Arne Draegni und schreibt: „I was extremely sorry to hear of Arne Draegni’s death. He was the best friend I had in Skjolden.“(Vgl. Wittgenstein and Norway, Brief Nr. 49).
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[148] Bergen: Wittgenstein kam bereits im September 1913 – gemeinsam mit seinem Freund David Pinsent – nach Bergen, wo er für zwei Nächte im Hotel Norge übernachtete, bevor er nach Öistesö aufbrach. (Vgl. A Portrait of Wittgenstein As A Young Man. From the Diary of David Hume Pinsent 1912-1914. Edited by G. H. von Wright. Oxford: Basil Blackwell, 1990).
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Skjolden: Nach seinem ersten Aufenthalt in Norwegen im September 1913 entschloß sich Wittgenstein im Oktober desselben Jahres zu einem längeren Aufenthalt, um in der Einsamkeit über Fragen der Logik nachzudenken. Mitte Oktober ließ er sich in Skjolden, einer kleinen Ortschaft am Sogne-Fjord, nordöstlich von Bergen, nieder. Zunächst wohnte er in einem Gasthof, später bei dem Postmeister Hans Klingenberg, dessen Frau Sofia und deren Tochter Kari. Weiters fand er Freunde in Anna Rebni, Halvard Draegni und dem damals 13 Jahre alten Schüler Arne Bolstad. Am 26. März kam George Edward Moore für ca. zwei Wochen (Ende März bis Mitte April) nach Norwegen und Wittgenstein diktierte ihm die Ergebnisse seiner Arbeit über Logik, die als Notes dictated to Moore veröffentlicht sind. Im Frühjahr 1914 begann Wittgenstein mit dem Bau einer Hütte oberhalb des Eidsvatnet Sees, die er im Sommer 1921, anläßlich seiner nächsten Reise nach Norwegen mit Arvid Sjögren, zum ersten Mal bezog. (Vgl. Monk, S. 85ff., S. 93ff. und Nedo, S. 353. Vgl. auch Wittgenstein and Norway, S. 84ff.)
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Im Sommer 1931 verbrachte Wittgenstein wiederum ein paar Wochen in Skjolden,
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eine Zeitlang davon in Gesellschaft von Marguerite Respinger. Im August 1936 entschloß er sich für einen längeren Aufenthalt, der bis zum Dezember 1937 dauern sollte. Dort schrieb er die erste Version der Philosophischen Untersuchungen. Zu Weihnachten 1936 reiste Wittgenstein nach Wien, anschließend nach Cambridge, wo er bis Ende Jänner blieb und dann nach Norwegen zurückkehrte. Im Mai 1937 fuhr er wieder nach Österreich, danach nach England und kehrte um den 9. August nach Norwegen zurück.
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Hotell: richtig: Hotel.
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Bibel: Es ist anzunehmen, daß Wittgensteins Interesse an der Bibel durch seine Lektüre von Tolstois Büchlein Kurze Darlegung des Evangelium geweckt wurde. Diese Schrift hatte er während des Ersten Weltkrieges auf einer Dienstreise nach der galizischen Stadt Tarnow in einem Buchladen gekauft und sie wurde ihm zum unentbehrlichen Begleiter während der Kriegsjahre. Als er später zu einer Artillerie-Ausbildung in Olmütz stationiert war und es zu abendlichen Treffen im Hause Engelmann kam, wurde auch in der Bibel, vor allem im Neuen Testament, gelesen. Dabei soll Wittgenstein darauf bestanden haben, dies auf lateinisch zu tun. (Vgl. McGuinness, S. 394). Aus seinen Zitaten im vorliegenden Tagebuch geht hervor, daß er sich des öfteren auf eine Übersetzung nach Martin Luther bezog. (Vgl. Kommentar zu S. 124 und S. 220).
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[149] Lessing: Gotthold Ephraim Lessing: Geb. 22.1.1729, Kamenz (Bezirk Dresden); gest. 15.2.1781, Braunschweig.
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Wittgenstein spielte mit seiner Äußerung wahrscheinlich auf Lessings Erziehung des Menschengeschlechts an, wo Lessing sich mit der Bibel auseinandersetzt. Vgl. eine andere Eintragung Wittgensteins, wo er auf Lessings Auseinandersetzung mit der Bibel Bezug nimmt:
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„Ich lese in Lessing: (über die Bibel) ‚Setzt hierzu noch die Einkleidung und den Stil ......, durchaus voll Tautologien, aber solchen, die den Scharfsinn üben, indem sie bald etwasanderes zu sagen scheinen, und doch das nämliche sagen, bald das nämliche zu sagen scheinen, und im Grunde etwas anderes bedeuten oder bedeuten können: ...‘“
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(Vgl. dazu Lessing, Die Erziehung des Menschengeschlechts, § 48-49.)
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(MS 110 5: 12.12.1930, zit. nach VB, S. 33).
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[153] [Bemerkg im Band XI.]:
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Im Band XI bzw. MS 115 konnte zwar keine eindeutig entsprechende Stelle gefunden werden, doch in den PU finden sich Bemerkungen ähnlicher Art: vgl. § 105-109.
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[155] Paul: Paul Wittgenstein: Geb. 5.11.1887, Wien; gest. 3.3.1961, Manhasset (New York); Pianist. Viertältester Bruder von Ludwig Wittgenstein. Von großer musikalischer Begabung; nachdem er im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren hatte, spielte er weiterhin, mit nur einer Hand, Klavier und trat sogar in
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Konzerten auf. Er ließ mehrere Komponisten wie Maurice Ravel, Franz Schmidt, Richard Strauss, Sergej Prokofieff und Josef Labor Klavierkonzerte schreiben, von denen Ravels Klavierkonzert in d-Moll für die linke Hand wohl das bekannteste sein dürfte. In der Zeit der Judenverfolgung emigrierte Paul in die Vereinigten Staaten. No. databases: 1873
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der Elektrischen: = der Straßenbahn. Umgangssprachlich, veraltet, vor allem im Wiener Dialekt. Nicht klar leserlich, ob klein- oder großgeschrieben.
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Jérome: Jerome Stonborough: Geb. 7.12.1873, New York; gest. 15.6.1938, Wien. Dr. der Chemie. Gatte von Margarete Wittgenstein (vgl. Kommentar zu S. 28).
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[156] Mendelsohn: richtig: Mendelssohn: Felix Mendelssohn-Bartholdy: Geb. 3.2.1809, Hamburg; gest. 4.11.1847, Leipzig. Enkel von Moses Mendelssohn. Deutscher Komponist. – Wittgensteins Bemerkungen über Mendelssohn sind vielfältig: im MS 107, S. 72, (1929) schreibt er, daß Mendelssohn „wohl der untragischste Komponist“ sei – in Zusammenhang damit, daß die Tragödie „etwas unjüdisches“ sei. (zit. nach VB, S. 22). Brahms tue „das mit ganzer Strenge was Mendelssohn mit halber getan hat“. Brahms sei oft „fehlerfreier Mendelssohn“. (Vgl. MS 154 21v: 1931, zit. nach VB, S. 44f.) Im MS 156b 24v (ca. 1932-1934) schrieb Wittgenstein: „Wenn man das Wesen der Mendelssohnschen Musik charakterisieren wollte, so könnte man es dadurch tun daß man sagte es gäbe vielleicht keine schwer verständliche Mendelssohnsche Musik.“ (Zit. nach VB, S. 56).
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Drury gegenüber bemerkte Wittgenstein allerdings, daß Mendelssohns Violinkonzert das letzte große Violinkonzert sei, das je geschrieben wurde. Im zweiten Satz gebe es eine Stelle, die zu den großartigsten Momenten der Musik gehöre. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 160).
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Die Bachanten: richtig: Bacchánten: Teilnehmer an den Bacchusfesten; im Mittelalter die fahrenden Schüler, deren jüngere zum „Schießen“ (Stibitzen) benutzte Gefährten Schützen hießen.
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Da sich bei Mendelssohn kein Werk mit dem Titel „Die Bacchanten“ finden läßt, ist anzunehmen, daß Wittgenstein sich träumend geirrt hat.
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[158] Unser Gegenstand ist doch sublim:
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Vgl. PU, § 94: „ ‘Der Satz, ein merkwürdiges Ding!’: darin liegt schon die Sublimierung der ganzen Darstellung. Die Tendenz, ein reines Mittelwesen anzunehmen zwischen dem Satzzeichen und den Tatsachen. Oder auch, das Satzzeichen selber reinigen, sublimieren, zu wollen. – Denn, daß es mit gewöhnlichen Dingen zugeht, das zu sehen, verhindern uns auf mannigfache Weise unsere Ausdrucksformen, indem sie uns auf die Jagd nach Chimären schicken.“
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Vgl. weiters PU, § 38, 89. Vgl. auch MS 157a, S. 130f, 9.2.1937: ‘Der Satz ein merkwürdiges Ding.’: darin liegt irgendwie schon die Sublimierung der ganzen Darstellung [Betrachtung| Betrachtungsweise], die Tendenz entweder ein reines,
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sublimes, Mittelwesen zwischen dem groben Satzzeichen & den Tatsachen anzunehmen, oder auch das Satzzeichen selber quasi reinigen, sublimieren, zu wollen.
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Denn, daß es ganz hausbacken zugeht, – das zu sehen, verhindert uns unsere Ausdrucksweise. || verhindert uns auf mannigfache Weise unsere Sprechweise || || das zu sehen, verhindern auf mannigfache Weise unsre Sprachformen [Ausdrucksformen] indem sie uns auf die Jagd nach Fabelwesen [Chimairen]schicken.“

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des profunden: richtig: des Profunden.
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Seiten 158/159: Zwischen diesen zwei Seiten hat Wittgenstein vermutlich ein Blatt herausgerissen. Allerdings gibt es im Text keinen Hinweis auf eine fehlende Stelle.
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[159] Erinnere Dich!: diese zwei Worte in Geheimschrift hat Wittgenstein oben in der linken Ecke eingefügt.
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Adam benennt die Tiere: Vgl. die Bibel: Das erste Buch Mosis. Genesis 2, 19 und 20: „Also bildete Gott der Herr aus Erde alle Tiere des Feldes und alles Geflügel des Himmels, und er führte sie zu Adam, daß er sähe, wie er sie nennte; denn wie Adam jedes lebende Wesen nannte, so ist sein Name. Und Adam nannte mit gehörigen Namen alles zahme Vieh und alles Geflügel des Himmels und alle wilden Tiere der Erde; [...]“. (Vgl. Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes. Aus der Vulgata mit Bezug auf den Grundtext übersetzt von Dr. Joseph Franz von Allioli. München: Druck von R. Oldenbourg, 1923).
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fromm: Geheimschrift nicht klar leserlich.
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[160] gestolen: richtig: gestohlen.
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[162] Bachtin: Nicholas Bachtin, Philologe, war ein Bruder des bekannten Literaturwissenschaftlers Michail M. Bachtin (1895-1975). Nicholas arbeitete in den frühen Dreißigerjahren an seiner Dissertation in Cambridge und war einer von Wittgensteins Freunden, der neben Piero Sraffa, George Thomson und Maurice Dobb einer Gruppe von Kommunisten/Marxisten angehörte. (Vgl. Monk, S. 343, 347). Nicholas Bachtin lehrte später alte Sprachen in Southampton und dann in Birmingham, wo er schließlich Dozent der Sprachwissenschaft wurde. Wittgensteins Wunsch, die Logisch-Philosophische Abhandlung zusammen mit den Philosophischen Untersuchungen zu veröffentlichen, entstand, als er Bachtin im Jahre 1943 die Gedanken seines ersten Werkes erklärte. (Vgl. Nedo, S. 359). Bachtin starb ein Jahr vor Wittgenstein. Bachtins Witwe Constance bemerkte gegenüber Fania Pascal, daß Wittgenstein „an Bachtin hing“. In seiner Gegenwart soll er ungewöhnlich fröhlich und glücklich gewirkt haben, obwohl die beiden in ihrer Einstellung und ihrem Charakter voneinander gänzlich verschieden waren. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 37f.).
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Ideal: Vgl. VB, S. 61f. Vgl. auch PU, § 101, 103, 105ff.
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Vgl. auch MS 157a, S. 122: „Warum wird denn diese Idee in uns zum Ideal?
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(Oder ist diese Frage nicht in gewissem Sinne unberechtigt: weil wir uns eben an eine Idee festhängen?)
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Warum sage ich, der Satz muß so & so gebaut sein?
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Warum wird denn bei Plato immer geschlossen: also „muß“ es sich auch dort so & so verhalten.“
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[163] das Urbild zu dieser Idee: Vgl. dazu MS 157a und b, wo Wittgenstein sich in ähnlich kritischer Weise mit dem Begriff des Urbilds (der Platonischen Ideenlehre) bzw. mit dem Begriff der „Idee“ und des „Ideals“ auseinandersetzte. Dort finden sich mehrere Stellen, z. B.: „(Der ideale Name); | Was war es, was an dieser Idee falsch war? Was, worauf sich unmittelbar zeigen läßt? [...]“ (MS 157a, S. 115).
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Und weiters: „Die Idee das Ideal ‘müsse’ sich in der Realität finden. Während man noch nicht sieht, wie es sich darin findet; & nicht das Wesen dieses „Muß“ versteht.“ [...] „Das ‘Ideal’ muß jetzt schon seine volle Anwendung ||Anwendbarkeit|| haben. Und außerhalb dieser ist es Ideal nur sofern es eine Form der Darstellung ist.
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| Woher hast Du dieses ‘Ideal’? Was ist sein Urbild? Denn das ist es ja, was ihm Leben gibt.“ (Vgl. MS 157a, S. 115f., Eintragungen vom 9.2.1937).
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Vgl. weiters MS 157b, (nach dem 27.2.1937):

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„Zu „Idealer Name“ & Ursprung des Ideals gehört die Bemerkung daß wir die Wörter die der Philosoph in Metaphysischer Weise verwendet ihrer gewöhnliche<n> Verwendung wieder zuführen Siehe Typescript.“
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In diesem Zusammenhang sei aber auch auf den Tractatus verwiesen, wo Wittgenstein noch von einem logischen Urbild sprach: vgl. TLP, 3.315, TLP, 3.24.
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hausbacken: Wittgenstein verwendet häufig das Wort „hausbacken“, um auf das Konkrete, Alltägliche im Gegensatz zu der Vorstellung einer Idee hinzuweisen. Vgl. Phil. Gram., S. 108: „Der Gedanke kann nur etwas ganz hausbackenes, gewöhnliches, sein. (Man pflegt sich ihn als etwas Ätherisches, Unerforschtes, zu denken; als handle es sich um Etwas, dessen Außenseite bloß wir kennen, dessen Inneres noch nicht bekannt ist, etwa wie unser Gehirn.) Man möchte sagen: ‘Der Gedanke, welch ein seltsames Wesen.’ [...]“
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Vgl. auch Phil. Gram., S. 121, Zeile 15: „Wir können leicht, beim Nachdenken über Sprache und Bedeutung, dahin kommen, zu denken, man redete in der Philosophie eigentlich nicht von Wörtern und Sätzen im ganz hausbackenen Sinn, sondern in einem sublimierten, abstrakten Sinn. – So als wäre ein bestimmter Satz nicht eigentlich das, was irgend ein Mensch ausspricht, sondern ein Idealwesen (die ‘Klasse aller gleichbedeutenden Sätze’, oder dergleichen). Aber ist auch der Schachkönig von dem die Schachregeln handeln ein solches Idealding, ein abstraktes Wesen? (Über unsre Sprache sind nicht mehr Skrupel gerechtfertigt, als ein Schachspieler über das Schachspiel hat, nämlich keine.)“
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Vgl. auch Bem. über die Grundlagen der Mathem., S. 266, Zeile 3; S. 291, Zeile 7.
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[164] vom eigentlichen Zeichen:
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Vgl. PU, § 105: „Wenn wir glauben, jene Ordnung, das Ideal, in der wirklichen Sprache finden zu müssen, werden wir nun mit dem unzufrieden, was man im gewöhnlichen Leben ‘Satz’, ‘Wort’, ‘Zeichen’, nennt.
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Der Satz, das Wort, von dem die Logik handelt, soll etwas Reines und Scharfgeschnittenes sein. Und wir zerbrechen uns nun über das Wesen des eigentlichen Zeichens den Kopf. – Ist es etwa die Vorstellung vom Zeichen? oder die Vorstellung im gegenwärtigen Augenblick?“
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Vgl. auch MS 157b, 27.2.37: „Das Mißverständnis, welches zu der Idee führt, der Satz, der eigentliche Satz, müsse ein reineres Wesen sein, als, was wir für gewöhnlich das „Satzzeichen“ nennen, ist ein sehr zusammengesetztes.“
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Vgl. auch PU, § 106, 107, 108.
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Glatteis: Vgl. PU, § 107: „[...] Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt, also die Bedingungen in gewissem Sinne ideal sind, aber wir eben deshalb auch nicht gehen können. Wir wollen gehen; dann brauchen wir die Reibung. Zurück auf den rauhen Boden!“
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Montgolfieren: durch erwärmte Luft gehobene Luftballons. Erfinder: Étienne Jacques de Montgolfier (1745-1799) und sein Bruder Michel Joseph de Montgolfier (1740-1810), der auch den Fallschirm, den Stoßheber und einen Verdampfapparat erfand.
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[165] fallschirmartigen: nicht klar leserlich, ob Groß- oder Kleinschreibung des „f“.
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Koupé: richtig: Coupé. Hier hat Wittgenstein offensichtlich die nach der Rechtschreibreform erfolgten Änderungen der „c“ vieler Fremdwörter auf „k“ an der falschen Stelle angewandt oder die skandinavische Schreibweise für „Coupé“ übernommen.
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[166] in Schriften Kierkegaards: „in“ nicht klar leserlich; nur ein Querstrich und ein Punkt sichtbar.
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[167] was immer: nicht klar leserlich, ob Groß- oder Kleinschreibung des „w“.
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[170] der weiß daß das: im Original: „der weiß das ...“
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[171] Die letzte Rede des Mephisto im Lenauschen Faust:
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Nikolaus Lenau (eigentlich Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau): Geb. 13.8.1802, Csatád (Ungarn; = Lenauheim, Rumänien); gest. 22.8.1850, Oberdöbling ( = Wien). Österr. Dichter. Studierte u.a. in Wien, wo er mit F. Grillparzer, J.C. Zedlitz, F. Raimund und A. Grün verkehrte. Persönliche Enttäuschung steigerte seine Schwermut bis zum geistigen Zusammenbruch; ab 1844 war er in einer Heilstätte. Neben Naturlyrik schuf Lenau auch episch-dramatische
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Dichtungen um monumentale Stoffe der Weltliteratur, u.a. „Die Albigenser“ (1842), sowie Fragmente: „Faust“(1836) und „Don Juan“ (im Nachlaß). No. databases: 1873
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Wittgenstein äußerte sich mehrmals über Lenau, vgl. dazu:
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„Ich fürchte mich oft vor dem Wahnsinn. Hab ich irgend einen Grund anzunehmen, daß diese Furcht nicht sozusagen einer optischen Täuschung entspringt: ich halte irgend etwas für einen nahen Abgrund, was keiner ist? Die einzige Erfahrung von der ich weiß, die dafür spricht, daß dies keine Täuschung ist, ist der Fall Lenaus. In seinem „Faust“ nämlich finden sich Gedanken der Art, wie ich sie auch kenne. Lenau legt sie in den Mund Fausts, aber es sind gewiß seine eigenen über sich selbst. Das Wichtigte ist, was Faust über seine Einsamkeit, oder Vereinsamung sagt.
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Auch sein Talent kommt mir dem meinen ähnlich vor: Viel Spreu – aber einige schöne Gedanken. Die Erzählungen im Faust sind alle schlecht, aber die Betrachtungen oft wahr & groß.“
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(MS 132 197: 19.10.1946, zit. nach VB, S. 107)
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Am 20. 10. 1946, im MS 132 202, heißt es: „Lenaus Faust ist in sofern merkwürdig, als es der Mensch hier nur mit dem Teufel zu tun hat. Gott rührt sich nicht. (Zit. nach VB, S. 107).
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Vgl. auch VB, S. 24, 75.
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Peer Gynt: Dramatisches Gedicht von Henrik Ibsen (1828-1906).
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Zu teuer erkauft man das Bißchen Leben mit solch einer Stunde verzehrendem Beben: richtig: „Zu teuer erkauft man das bißchen Leben / Mit solch einer Stunde verzehrendem Beben.“ Peer Gynt. Ein dramatisches Gedicht von Henrik Ibsen. Übersetzt von L. Passarge. Zweite umgearbeitete Ausgabe. Leipzig: Reclam jun. Verlag 1887. Zweiter Aufzug. S. 52.
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[173] Gleichnis: Vgl. Wittgensteins Äußerungen über Religion in WWK, S. 117: „Ist das Reden wesentlich für die Religion? Ich kann mir ganz gut eine Religion denken, in der es keine Lehrsätze gibt, in der also nicht gesprochen wird. Das Wesen der Religion kann offenbar nicht damit etwas zu tun haben, daß geredet wird, oder vielmehr: wenn geredet wird, so ist das selbst ein Bestandteil der religiösen Handlung und keine Theorie. Es kommt also auch gar nicht darauf an, ob die Worte wahr oder falsch oder unsinnig sind.
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Die Reden der Religion sind auch kein Gleichnis; denn sonst müßte man es auch in Prosa sagen könnnen. Anrennen gegen die Grenze der Sprache? Die Sprache ist ja kein Käfig.“
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fröhlich: Geheimschrift nicht korrekt und nicht klar leserlich; vermutlich wollte Wittgenstein „fröhlich“ schreiben.
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[175] Heuchelei: Geheimschrift wiederum nicht korrekt und nicht klar leserlich; wahrscheinlich „Heuchelei“.
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[176] Grade: unklar, ob Wittgenstein „Grade“ oder „Gnade“ meinte.
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V.: (siehe diplomatische Fassung). Möglicherweise V. in Geheimschrift für E. (Ende), könnte aber auch ein leeres Einfügungszeichen bedeuten.
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[177] meine Schrift: In Geheimschrift, nur „Schrif“ lesbar. Wahrscheinlich „Schrift“ oder „Schriften“, doch die letzte Silbe (am Rand der Seite) fehlt.
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G.z.o.: könnte nach Meinung der Herausgeberin „Gott zu opfern“ bedeuten.
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[183] Nicht erklären!- Beschreiben!:
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Vgl. dazu PU, § 109: „Richtig war, daß unsere Betrachtungen nicht wissenschaftliche Betrachtungen sein durften. Die Erfahrung, ‘daß sich das oder das denken lasse, entgegen unserm Vorurteil’ – was immer das heißen mag – konnte uns nicht interessieren. (Die pneumatische Auffassung des Denkens.) Und wir dürfen keinerlei Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches in unsern Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten. Und diese Beschreibung empfängt ihr Licht, d.i. ihren Zweck, von den philosophischen Problemen. Diese sind freilich keine empirischen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das Arbeiten unserer Sprache gelöst, und zwar so, daß dieses erkannt wird: entgegen einem Trieb, es mißzuverstehen. Diese Probleme werden gelöst, nicht durch Beibringen neuer Erfahrung, sondern durch Zusammenstellung des längst Bekannten. Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.“
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Vgl. auch PU, § 124: „Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben.
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Denn sie kann ihn auch nicht begründen.
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Sie läßt alles, wie es ist.
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Sie läßt auch die Mathematik, wie sie ist, und keine mathematische Entdeckung kann sie weiterbringen. Ein “führendes Problem der mathematischen Logik” ist für uns ein Problem der Mathematik, wie jedes andere.“
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Vgl. weiters PU, § 126: „Die Philosophie stellt eben alles bloß hin, und erklärt und folgert nichts. – Da alles offen daliegt, ist auch nichts zu erklären. Denn, was etwa verborgen ist, interessiert uns nicht.
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„Philosophie“ könnte man auch das nennen, was vor allen neuen Entdeckungen und Erfindungen möglich ist.“
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Unterwirf dein Herz & sei nicht bös, dass du so leiden musst! Das ist der Rat,den ich mir geben soll: Vgl. dazu Tolstois Interpretation des ersten Briefes des Johannes, in Kurze Darlegung des Evangelium, „Erste Epistel Johannis des Theologen“, Kap. III, Vers 19: „Und wer so liebt, dessen Herz ist ruhig, darum, daß er eins geworden ist mit dem Vater.“ Vers 20: „Wenn sein Herze kämpft, dann unterwirft er sein Herze Gott.“ Vers 21: „Darum, daß Gott wichtiger ist, als die Wünsche des Herzens. Wenn aber sein Herze nicht kämpft, dann ist er selig.“
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[[185] Wahnsinn: Wittgenstein schrieb häufig über den Wahnsinn und seine Angst davor. Vgl. seine vorhin zitierte Äußerung in Zusammenhang mit Lenau (zu S.171). Vgl. auch MS 127 77v: 1944, zit. nach VB, S. 91: „Wenn wir im Leben vom Tod umgeben sind, so auch in der Gesundheit des Verstands vom Wahnsinn.“ [so auch im täglichen Verstand vom Wahnsinn.]
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Diese Bemerkung ging folgenden Worten voran: „Der Philosoph ist der, der in sich viele Krankheiten des Verstandes heilen muß, ehe er zu den Notionen des gesunden Menschenverstandes kommen kann.“ (Vgl. dazu: Bemerk. über die Grundlagen der Mathem., S. 302). Vgl. auch: „Den Wahnsinn muß man nicht als Krankheit ansehen. Warum nicht als eine plötzliche – mehr oder weniger plötzliche – Charakteränderung? (MS 133 2:

23.10.1946, zit. nach VB, S. 108).
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[187] Bußpsalmen: Unter Psalmen versteht man eine Sammlung von Liedern, inhaltsverschiedenen Gebeten, Weisheitsgedichten, die den verschiedenen Zeiten der israelitischen Geschichte, verschiedenen Verfassern und mannigfachen Gelegenheiten ihren Ursprung verdanken. Unter den 150 Psalmen, die in fünf Bücher geteilt sind, finden sich sieben Bußpsalmen, fünf davon sind von David.
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Möglicherweise bezog sich Wittgenstein auf Martin Luther. Vgl.: „Die sieben Bußpsalmen. Erste Bearbeitung 1517.“ In: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. 1. Band. Weimar: Hermann Böhlau, 1883, S. 154-220.
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[188] durchzufechten: „f“ und „zu“ übereinander geschrieben; nicht klar leserlich, ob das „zu“ als Einfügung oder als Überschreibung von „f“ gedacht, daher unklar, ob Wittgenstein „durchfechten“ oder „durchzufechten“ gemeint hat.
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von von: im Original zweimal hintereinander „von“. (siehe diplomatische Fassung).
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[190] aber ihn suchen das wäre Verwegenheit: Vor diesem Satz schrieb Wittgenstein in Geheimschrift folgende Worte, die er aber durchstrich: „Lass mich ja nicht vor jenem ‘Wahnsinn’ fliehen!“
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[195] Briefen des Apostel Paulus: Vgl. dazu eine Bemerkung Wittgensteins vom 4.10.1937 im MS 119, S. 71 (zit. nach VB, S. 69):
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„Die Quelle, die in den Evangelien ruhig & klar [durchsichtig] fließt, scheint in den Briefen des Paulus zu schäumen. Oder, so scheint es mir. Vielleicht ist es eben bloß meine eigene Unreinheit die hier die Trübung hineinsieht; denn warum sollte diese Unreinheit nicht das klare verunreinigen können? Aber mir ist es, als sähe ich hier menschliche Leidenschaft, etwas wie Stolz oder Zorn, was sich nicht mit der Demut der Evangelien reimt. Als wäre hier doch ein Betonen der eigenen Person, & zwar als religiöser Akt, was dem Evangelium fremd ist. Ich möchte fragen – & möge dies keine Blasphemie sein – : ‘Was hätte wohl Christus zu Paulus gesagt?’
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Aber man könnte mit Recht darauf antworten: Was geht Dich das an? Schau, daß Du anständiger wirst! Wie Du bist, kannst Du überhaupt nicht verstehen, was hier die Wahrheit sein mag.
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In den Evangelien – so scheint mir – ist alles schlichter, demütiger, einfacher. Dort sind Hütten; – bei Paulus eine Kirche. Dort sind alle Menschen gleich & Gott selbst ein Mensch; bei Paulus gibt es schon etwas wie eine Hierarchie; Würden, & Ämter. – So sagt quasi mein GERUCHSSINN.“
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(Vgl. auch VB, S. 72).
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[196] Habe Mut & Geduld auch zum Tod, dann wird dir vielleicht das Leben geschenkt: Vgl. dazu eine Eintragung Wittgensteins vom 4.5.1916, zit. nach Geheime Tagebücher, S. 70:
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„[...] Dann wird für mich erst der Krieg anfangen. Und kann sein – auch das Leben! Vielleicht bringt mir die Nähe des Todes das Licht des Lebens. [...]“
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[197] Schubert-Lied: Betrittst du wissend meine Vorgebir-ge[...]: nicht ermittelt.
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„Will ich vielleicht [...]“: vermutlich meinte Wittgenstein „Weil ich ...“
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[199] alles ist tot: ab hier bis einschließlich „die volle Wahrheit“ mit langen Linien kreuz und quer gestrichen. (siehe diplomatische Fassung).
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das blosse ‘Ende des Lebens’erlebt man ja nicht...: Vgl. Tractatus, 6.4311: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.“
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[202] diesem Zustand: im Original: „driesem Zuhganw“: offensichtlich setzte Wittgenstein irrtümlicherweise zuerst das „r“ aus der Geheimschrift für ein „i“, wie er auch bei „Zustand“ anstelle von „st“ „hg“ und anstelle von „d“ ein „w“ schrieb.(siehe diplomatische Fassung).
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[203] Luther hätte geschrieben, die Theologie sei die "Grammatik des Wortes Gottes", der heiligen Schrift:
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Vgl. dazu Wittgenstein in den PU, § 373: „Welche Art von Gegenstand etwas ist, sagt die Grammatik. (Theologie als Grammatik.)“
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ausser als: bis zum Rand der Seite nur „ausse“ lesbar.
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Ich will sagen [...]: In Geheimschrift, darüber aber von Wittgensteins Hand die Entzifferung in Normalschrift.
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[205] zur ‘klingenden Schelle‘ geworden: Vgl. die Bibel, Korinther 1, 13.
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[206] Gott besser es: nicht klar leserlich, bis zum Rand der Seite nur „besser“ zu lesen.
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[207] Joh. Bolstad: Johannes Johannesson Bolstad: Geb. 7.11.1888, Skjolden; gest. 16.6.1961, Skjolden. Zweitältester Sohn von Johannes Johannesson Bolstad (1843-1930), auf dessen Land Wittgenstein seine Hütte gebaut hatte. Der Sohn, gleichen Namens, war zuerst Seefahrer und emigrierte 1907 in die USA. Dort arbeitete er mehrere Jahre auf einer Farm in Wisconsin und kehrte 1929 zurück nach Norwegen – nach Luster. Er übernahm den Rest des bäuerlichen Anwesens der Bolstads, d.h. den Teil, der 1919 von seinem Bruder Halvard nicht übernommen worden war. Johannes Bolstad war einer der Brüder von Arne Bolstad, dem Wittgenstein bereits 1921 seine Hütte vermacht hatte.
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Frk: norweg. Abkürzung für „Froeken“ bzw. „Fräulein“.
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tod sein: richtig: tot sein.
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[209] erst muß man leben, - dann kann man auch philosophieren: Vgl. Aristoteles: „primum vivere deinde philosophari“.
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[210] hier her: im Original als ein Wort, dann aber durch einen Querstrich getrennt.
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Wieviel leichter ist es doch noch, [...]: nicht klar leserlich, ob „noch“ oder „auch“.
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[212] den ich jetzt schon sehe: im Original: denn ich jetzt schon sehe.
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[214] Einmal sagst Du nun: "Gott hat die Welt erschaffen": Vgl. dazu Wittgensteins Gespräche mit dem Wiener Kreis: auf die Frage Waismanns, ob das Dasein der Welt mit dem Ethischen zusammenhänge, antwortete Wittgenstein: „Daß hier ein Zusammenhang besteht, haben die Menschen gefühlt und das so ausgedrückt: Gottvater hat die Welt erschaffen, Gott-Sohn (oder das Wort, das von Gott ausgeht) ist das Ethische. Daß man sich die Gottheit gespalten und wieder als eines denkt, das deutet an, daß hier ein Zusammenhang besteht.“
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(Mittwoch, 17.Dezember 1930, Neuwaldegg. Zit. nach Wittgenstein und der Wiener Kreis, S. 118).
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[215] Factum: nicht klar leserlich, ob „Factum“ oder „Faktum“.
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[216] „ein reines Herz“: Vgl. Matthäus 5, 8: „Selig sind, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott anschauen.“(Vgl. Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes. München: R. Oldenbourg, 1923).
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[218] dieses Wort: damit ist „Gott“ in der oberen Zeile gemeint. Mit einem Pfeil hat Wittgenstein darauf hingewiesen.
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[220] „Glaubt daran, daß ihr nun ausgesöhnt seid, & sündiget
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‘hinfort nicht mehr’!“: Wahrscheinlich bezog sich Wittgenstein auf die Heilung eines Kranken am Sabbat in Johannes, Kapitel 5, 14 oder die Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin in Johannes, Kapitel 8, 11 in der Übersetzung von Martin Luther: vgl. Johannes 5, 14: „Danach fand ihn [den Geheilten] Jesus im Tempel und sprach zu ihm. Siehe zu, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, daß dir nicht etwas Ärgeres widerfahre.“ Vgl. auch Johannes, Kapitel 8, 11: „[...] Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“
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Vielleicht spielte Wittgenstein aber auch auf das Kapitel „In der Zuversicht der Heilsgnade“ (Römer, 5 und 6) an, wo von der Versöhnung die Rede ist, die wir durch Christus erlangt haben und von der Gnade, die uns von der Sünde befreit hat.
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[221] Max: Dr. Max Salzer: Geb. 3.3.1868, Wien; gest. 28.4.1941, Wien. Sektionschef. Gatte von Wittgensteins Schwester Helene, mit der er vier Kinder hatte: Felix, Fritz, Marie und Clara.
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[222] reluctantly: engl.: widerstrebend, widerwillig, zögernd.
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[224] meine Mama: Leopoldine (Poldy) Wittgenstein, geb. Kallmus: Geb. 14.3.1850, Wien; gest. 3.6.1926, Wien. Leopoldine war eine feinsinnige Frau, deren Liebe vor allem der Musik galt. Sie spielte ausgezeichnet Klavier und Orgel und galt dabei als strenge Kritikerin. Rudolf Koder behauptete, daß sie besser Klavier spielte als alle anderen Mitglieder der Familie, selbst als ihr Sohn Paul, der Pianist (Mitteilung von John Stonborough an die Herausgeberin, 2.4.1993). Hermine Wittgenstein schrieb in ihren Familienerinnerungen: „Wenn ich aus eigener Anschauung über meine Mutter sprechen soll, so leuchten mir als die hervorstechendsten Züge ihres Wesens ihre Selbstlosigkeit, ihr hohes Pflichtgefühl, ihre Bescheidenheit, die sie fast sich auslöschen liess, ihre Fähigkeit des Mit-Leidens und ihre große musikalische Begabung entgegen. [...] Die Musik war gewiss auch das schönste Bindeglied zwischen ihr und ihren Kindern, später auch ihren Enkeln. [...] Ich sah oder fühlte aber doch deutlich, daß meine Mutter geradlinig tat, was sie als recht und gut erkannt hatte, und dass sie dabei nie ihre eigenen Wünsche im Auge hatte, ja gar keine zu haben schien. [...] Sie schonte sich nie, ja sie war sehr hart gegen sich selbst und verheimlichte besonders vor ihrem Mann und vor ihrer Mutter jeden Schmerz.[...]“ (Familienerinnerungen, S. 90-92).
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[225] Charfreitag: veraltetete Schreibweise für Karfreitag.
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[227] Keine Pagina von Wittgenstein, da Text im oberen Rand der Seite eingefügt.
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[228] Oben rechts in der Ecke Datum vom „27.3.“ eingefügt, durch Markierung vom Text abgehoben.
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[229] nach Russland: richtig: Rußland. Im September 1935 war Wittgenstein nach Rußland gereist – in der Absicht, sich dort eine Arbeitsstelle zu beschaffen und für längere Zeit zu bleiben. Als ihm jedoch nur eine akademische Stelle an einer Universität geboten wurde, während er sich eine einfache Arbeit in einer Kolchose vorgestellt hatte, verließ er Rußland bereits Anfang Oktober. Über die Gründe seiner Rußlandreise vgl. Monk, S. 342f., S. 347f., S. 354.
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Vgl. auch Wittgensteins Brief an Keynes vom 6.Juli 1935:
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„ [...] Ich bin sicher, daß Du meine Gründe für den Wunsch, nach Rußland zu gehen, zum Teil verstehst, und ich gebe zu, daß es teilweise schlechte und sogar kindische Gründe sind, aber es stimmt auch, daß hinter all dem tiefe und sogar gute Gründe stehen.“(Vgl. Briefe, S. 191f.).
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Der Wunsch, nach Rußland zurückzukehren, schien Wittgenstein auch später noch beschäftigt zu haben. Vgl. seinen Brief vom 21. Juni 1937 an Paul Engelmann: [...] „Ich bin jetzt auf kurze Zeit in England; fahre vielleicht nach Rußland.“ [...] (Vgl. Briefe, S. 206).

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nach Irland: Im August 1936 hatte Wittgenstein für einige Tage seinen Freund Maurice O’ Connor Drury in Dublin besucht. Er hegte zu der Zeit den Gedanken, Medizin zu studieren und dann gemeinsam mit Drury eine Praxis zu eröffnen. Später reiste er noch des öfteren nach Irland (in den Jahren 1947, 1948 und 1949), wo er entweder in Dublin im Ross’s Hotel wohnte oder, 1948, in einem Bauernhaus in Red Cross in der Grafschaft Wicklow und anschließend in Drury’s einsamer Ferien-Cottage in Rosro an der Westküste von Connemara. Dort schrieb er am MS 137, „Band R“, dessen zweiter Teil, zusammen mit dem MS 138, zum größten Teil in den Letzten Schriften über die Philosophie der Psychologie, veröffentlicht ist. (Vgl. Nedo, S. 358, 360).
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[230] mein norwegischer Aufenthalt:
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Vgl. dazu eine Eintragung Wittgensteins vom 19.8.1937 im MS 118, S. 5f.:
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„Ich fühle mich sehr seltsam; ich weiß nicht ob ich ein Recht oder einen guten Grund habe, jetzt hier zu leben. Ich habe kein wirkliches Bedürfnis nach Einsamkeit, noch einen überwältigenden Trieb zu arbeiten. Eine Stimme sagt: warte noch, dann wird es sich zeigen. – Eine Stimme sagt: Du wirst es hier unmöglich aushalten können; Du gehörst nicht mehr hierher! – Aber was soll ich machen? Nach Cambridge? Dort werde ich nicht schreiben können. [...] Eines ist klar: ich bin jetzt hier – wie und warum immer ich hierher gekommen bin. So laß mich mein Hiersein benützen, soweit es geht. [...] D.h. ich kann etwa 6 Wochen dableiben, wie immer meine Arbeit gehen sollte, habe ich aber nach dieser Zeit keinen klaren Grund anzunehmen, daß ich hier besser arbeite als anderswo, dann wird es Zeit zu gehen. Möge Gott geben, daß ich die Zeit, welche ich hier bin, gut benütze!“
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[231] meinen Freund: damit ist wohl Francis Skinner gemeint.
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[232] Du brauchst aber nun Erlösung: Vgl. dazu eine Eintragung Wittgensteins vom 12.12.1937 im MS 120, S. 108 (Code): „[...] Wenn ich aber
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WIRKLICH erlöst werden soll, – so brauche ich Gewißheit – nicht Weisheit, Träume, Spekulation – und diese Gewißheit ist der Glaube. Und der Glaube ist Glaube an das, was mein Herz, meine Seele braucht, nicht mein spekulierender Verstand. Denn meine Seele, mit ihren Leidenschaften, gleichsam mit ihrem Fleisch & Blut muß erlöst werden, nicht mein abstrakter Geist. Man kann vielleicht sagen: Nur die Liebe kann die Auferstehung glauben. Oder: Es ist die Liebe, was die Auferstehung glaubt.[...]“ (Zit. nach VB, S. 74f.)
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[233] hängst im Himmel: Vgl. die Fortsetzung der vorhin zitierten Stelle: „[...] Was den Zweifel bekämpft, ist gleichsam die Erlösung. Das Festhalten an ihr muß das Festhalten an diesem Glauben sein. Das heißt also: sei erst erlöst & halte an Deiner Erlösung (halte Deine Erlösung) fest – dann wirst Du sehen, daß du an diesem Glauben festhältst. Das kann also nur geschehen, wenn Du dich nicht mehr auf diese [die] Erde stützst, sondern am Himmel hängst. [...]“
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(MS 120 108 c: 12.12.1937, zit. nach VB, S. 74f.)
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[234] „Du mußt den Vollkommenen lieben über alles,[...]“: Vgl. dazu das „größte“ bzw. „erste Gebot“ der Bibel: vgl. Matthäus, 22, 37: „Jesus sprach zu ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, und aus deiner ganzen Seele, und aus deinem ganzen Gemüte.“ Vgl. auch Lukas, 10, 27 und Markus, 12, 30. (Vgl. auch Deuteronomium 6, 5).
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[235] geängstet: im Original: geängtet. Richtig: geängstet, geängstigt. (von: ängstig, sich oder jem. ängsten, ängstigen).
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nach Wien zu reisen:
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Wittgenstein reiste Anfang Mai nach Wien, von wo er am 2. Juni nach Cambridge aufbrach und bis zum 9. August blieb. Er diktierte dort eine Überarbeitung der Philosophischen Untersuchungen, das „Typoskript TS 220“. Am 10. August fuhr er wieder – über London, Bergen, Mjömna – nach Skjolden, wo er am 16. August ankam und bis Mitte Dezember blieb. (Vgl. Nedo, S. 358).
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beim Aufwachen: im Original: beim Auffwachen.
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Wir sollen ja nur Mißverständnisse beseitigen: Vgl. PU, § 91: „[...] Man kann das auch so sagen: Wir beseitigen Mißverständnisse, indem wir unsern Ausdruck exakter machen: aber es kann nun so scheinen, als ob wir einem bestimmten Zustand, der vollkommenen Exaktheit, zustreben; und als wäre das das eigentliche Ziel unserer Untersuchung.“
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Vgl. auch PU, § 87, 90, 93, 109, 111, 120.
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das ist ein guter Satz: im Original: daß ist ein guter Satz
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[237] Keiser & Galiläer: Kejser og Galilaeer (norweg.: Übersetzung: Kaiser und Galiläer). „Welthistorisches Schauspiel“ von Henrik Ibsen (1828-1906), erschienen
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Das Werk besteht aus zwei Schauspielen in je fünf Akten. Caesars frafald (Cäsars Abfall) und Kejser Julian (Kaiser Julian).
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[238] Pedantrie: richtig: Pedanterie.
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verunglücken: im Original wegen Trennung „verunglükken“.
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[239] historischen Tatsache:
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Vgl. dazu: „Das Christentum gründet sich nicht auf eine historische Wahrheit, sondern es gibt uns eine (historische) Nachricht & sagt: jetzt glaube! Aber nicht glaube diese Nachricht mit dem Glauben, der†1 zu einer geschichtlichen Nachricht gehört, – sondern: glaube, durch dick & dünn & das kannst Du nur als Resultat eines Lebens. Hier hast Du eine Nachricht! – verhalte Dich zu ihr nicht, wie zu einer andern historischen Nachricht! Laß sie eine ganz andere Stelle in Deinem Leben einnehmen. – Daran ist nichts Paradoxes!“
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(MS 120 83 c: 8.- 9.12.1937, zit. nach VB, S. 72).
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Nicht daß man...: im Original: Nicht das man ...
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[...] & in der Früh: & nicht klar leserlich.
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[240] ich vegetiere: Vgl. dazu Wittgensteins Eintragungen in seinem Tagebuch zur Zeit des Krieges, wo er sich in ähnlicher Weise Vorwürfe wegen seiner „primitiven“ Bedürfnisse machte:
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„Ich werde von Zeit zu Zeit zum Tier. Dann kann ich an nichts denken als an Essen, Trinken, Schlafen. Furchtbar! Und dann leide ich auch wie ein Tier, ohne die Möglichkeit innerer Rettung. Ich bin dann meinen Gelüsten und meinen Abneigungen preisgegeben. Dann ist an ein wahres Leben nicht zu denken.“(29.7.16, Geheime Tagebücher, S. 74.)
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[241] beängstigt: nicht klar leserlich, ob „beänztigt“ oder „beängtigt“.
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29.4.: 9 und 8 übereinandergeschrieben; nicht klar leserlich, welche Zahl Wittgenstein schließlich lassen wollte.
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Literaturverzeichnis:
Primärliteratur:
Page 154

Ludwig Wittgenstein. Werkausgabe in 8 Bänden. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990.
Page 154

Tractatus-logico-philosophicus. Werkausgabe Bd. 1. (= TLP)
Page 154

Philosophische Untersuchungen. Werkausgabe Bd. 1. (= PU)
Page 154

Tagebücher 1914-1916. Werkausgabe Bd. 1 (= Tagebücher)
Page 154

Philosophische Bemerkungen. Werkausgabe Bd. 2. (= Phil. Bem.)
Page 154

Wittgenstein und der Wiener Kreis. Werkausgabe Bd. 3. (= WWK)
Page 154

Philosophische Grammatik. Werkausgabe Bd. 4. (= Phil. Gram.)
Page 154

Das Blaue Buch. Werkausgabe Bd. 5
Page 154

Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik. Werkausgabe Bd. 6 (= Bem. über die Grundlagen der Mathem.)
Page 154

Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie. (= Bem. Phil. Psych.)
Page 154

Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie. (= LS)
Page 154

Über Gewißheit. (= ÜG)
Page 154

Zettel. (= Zettel)
Page 154

Ludwig Wittgenstein. Geheime Tagebücher 1914-1916. Herausgegeben und dokumentiert von Wilhelm Baum. Vorwort von Hans Albert. Wien: Turia & Kant 1991.(= Geh.TB)
Page 154

Ludwig Wittgenstein. Vermischte Bemerkungen. Eine Auswahl aus dem Nachlaß. Herausgegeben von Georg Henrik von Wright unter Mitarbeit von Heikki Nyman. Neubearbeitung des Textes durch Alois Pichler. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994. (= VB)
Page 154

Ludwig Wittgenstein. Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften. Hrsg. von Joachim Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989.
Page 154

Ludwig Wittgenstein. Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychoanalyse und religiösen Glauben. Zusammengestellt und herausgegeben aus Notizen von Yorick Smythies, Rush Rhees und James Taylor von Cyril Barrett. Deutsche Übersetzung von Ralf Funke. Düsseldorf und Bonn: Parerga, 1994.
Page 154

Wittgenstein’s Lectures. Cambridge 1930-1932. Edited by Desmond Lee. Oxford: Basil Blackwell, 1980. Paperback edition 1982.
Page Break 155

Briefe:
Page 155

Ludwig Wittgenstein. Briefe an Ludwig von Ficker. Herausgegeben von Georg Henrik von Wright unter Mitarbeit von Walter Methlagl. Salzburg: Otto Müller Verlag 1969.
Page 155

Ludwig Wittgenstein. Briefe. Briefwechsel mit B. Russell, G.E. Moore, J.M. Keynes, F.P. Ramsey, W. Eccles, P. Engelmann und L. von Ficker. Frankfurt am Main: Wissenschaftliche Sonderausgabe Suhrkamp Verlag 1980. (= Briefe)
Page 155

Engelmann, Paul: Ludwig Wittgenstein. Briefe und Begegnungen. Herausgegeben von Brian McGuinness. Wien und München: R. Oldenbourg 1970. (= Engelmann)
Page 155

Ludwig Hänsel – Ludwig Wittgenstein. Eine Freundschaft. Briefe. Aufsätze. Kommentare. Herausgegeben von Ilse Somavilla, Anton Unterkircher und Christian Paul Berger. Innsbruck: Haymon Verlag 1994. (= Hänsel)

Page 155

Malcolm, Norman: Ludwig Wittgenstein. A Memoir. With a Biographical Sketch by G.H. von Wright. Second edition with Wittgenstein’s letters to Malcolm. Oxford, New York: Oxford University Press 1984. (= Malcolm)
Page 155

Pinsent, David Hume: Reise mit Wittgenstein in den Norden. Tagebuchauszüge. Briefe. Hrsg. von G.H. von Wright mit einer Einführung von Anne Pinsent Keynes sowie einem Nachwort von Allan Janik. Aus dem Englischen von Wolfgang Sebastian Baur. Wien, Bozen: Folio Verlag 1994. (= Pinsent)
Page 155

Wittgenstein. Familienbriefe. Herausgegeben von Brian McGuinness, Maria Concetta Ascher, Otto Pfersmann. Schriftenreihe der Wittgenstein-Gesellschaft. Band 23. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1996
Page Break 156

Sekundärliteratur:
Page 156

McGuinness, Brian: Wittgensteins frühe Jahre. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988. (=McGuinness)
Page 156

Huitfeldt, Claus: „Das Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen. Hintergrund und erster Arbeitsbericht“. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr. 10/1991, S. 93-106.
Page 156

Koder, Johannes: „Verzeichnis der Schriften Ludwig Wittgensteins aus dem Nachlaß Rudolf und Elisabeth Koder“. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr.12/1993, S. 52-54.
Page 156

Monk, Ray: Ludwig Wittgenstein. The Duty of Genius. New York: Penguin Books, 1990. (= Monk)
Page 156

Ludwig Wittgenstein. Sein Leben in Texten und Bildern. Hrsg. von Michael Nedo und Michele Ranchetti. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983. (=Nedo)
Page 156

Wittgenstein and Norway. Hrsg. von Kjell S. Johannessen, Rolf Larsen, Knut Olav Amas. Oslo: Solum Verlag 1994.
Page 156

Ludwig Wittgenstein: Porträts und Gespräche. Hrsg. von Rush Rhees.
Page 156

Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1992. (=Porträts)
Page 156

Von Wright, Georg Henrik: Wittgenstein. Oxford: Basil Blackwell 1982.
Page 156

Wittgenstein, Hermine: Familienerinnerungen. Wien, Hochreit, Gmunden 1944-1947. Typoskript. (= Familienerinnerungen)
Page Break 157

Personenregister
Page 157

Das Personenregister bezieht sich auf die im Tagebuch und im Kommentar genannten Personen. Verfasser von im Kommentar erwähnter Sekundärliteratur sind nicht berücksichtigt. Die Zahlen bedeuten die Seitenzahlen des Bandes der normalisierten Fassung.
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Adam: 75, 141
Page 157

Anzengruber, Ludwig: 129
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Augustinus: 41, 125
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Bachtin, Constance: 141
Page 157

Bachtin, Michail M.: 141

Page 157

Bachtin, Nicholas: 76, 141
Page 157

Baumayer, Marie: 111
Page 157

Beethoven, Ludwig von: 21, 39, 42, 53, 109, 110, 115, 123, 126
Page 157

Bolstad, Arne: 138, 148
Page 157

Bolstad, Halvard: 148
Page 157

Bolstad, Johannes: 92, 148
Page 157

Boltzmann, Ludwig: 112
Page 157

Brahms, Johannes: 22, 38, 44, 55f., 111, 115, 132, 140
Page 157

Bruckner, Anton: 22, 44, 55f., 110f., 128
Page 157

Busch, Wilhelm: 130
Page 157

Casals, Pablo: 111
Page 157

Chambrier, Benoît de: 108
Page 157

Chamisso, Adelbert von: 33, 119
Page 157

Chopin, Frédèric: 115
Page 157

Claudius, Matthias: 51, 130
Page 157

Cumae, Sybille von: 50, 130
Page 157

Dahn, Felix: 130
Page 157

Darwin, Charles: 114
Page 157

David: 85, 146
Page 157

Dobb, Maurice: 141
Page 157

Dostojewski, Fjodor: 46, 58, 91, 125, 128f.
Page 157

Draegni, Arne: 70, 138
Page 157

Draegni, Halvard: 138
Page 157

Drury, Maurice O’Connor: 125, 126, 134, 140, 150
Page 157

Ebner-Eschenbach, Marie von: 28, 38f., 116
Page 157

Einstein, Albert: 25, 114
Page 157

Emerson, Ralph Waldo: 58, 132f.
Page 157

Engelmann, Ernestine: 126
Page 157

Engelmann, Paul: 43, 116, 122, 126f., 136, 150
Page 157

Ernst, Paul: 46, 128
Page 157

Ficker, Ludwig von: 116, 125
Page 157

Frazer, James George, Sir: 136
Page 157

Frege, Gottlob: 112
Page 157

Freiligrath, Ferdinand: 130
Page 157

Freud, Sigmund: 21, 24f., 28, 34, 68, 109f., 121
Page 157

Geibel, Emanuel: 130
Page 157

Goethe, Johann Wolfgang: 110
Page 157

Grimm, Gebrüder: 128
Page 157

Groag, Heinrich: 126
Page Break 158 Page 158

Hamann, Johann Georg: 40f., 124
Page 158

Hänsel, Ludwig: 69, 116, 122, 125, 136, 137
Page 158

Haydn, Josef: 53, 132
Page 158

Herrmann, Rosalie: 50, 130
Page 158

Hertz, Heinrich: 112
Page 158

Ibsen, Henrik: 79, 103, 144
Page 158

Joachim, Joseph: 111
Page 158

Johannes: 145, 149
Page 158

Keller, Gottfried: 38, 122
Page 158

Keynes, John Maynard: 20, 109, 150
Page 158

Kierkegaard, Sören: 41, 43, 54, 61, 66, 77, 81, 91, 94, 132
Page 158

King, John: 129
Page 158

Kleist, Heinrich von: 42, 125f.
Page 158

Klingenberg, Hans: 138
Page 158

Klingenberg, Inga Sofia: 138
Page 158

Klingenberg, Kari: 138
Page 158

Koder, Rudolf: 149

Page 158

Kopernikus: 25, 113f.
Page 158

Kraus, Karl: 28, 45, 53, 55, 91, 112, 116f., 126
Page 158

Labor, Josef: 38f., 111, 122f., 140
Page 158

Lenau, Nikolaus: 79, 110, 143f., 146
Page 158

Lessing, Gotthold Ephraim: 71, 139
Page 158

Lichtenberg, Georg Christoph: 58, 133
Page 158

Loos, Adolf: 28, 112, 116, 126
Page 158

Lukas: 151
Page 158

Luther, Martin: 41f., 90, 135, 139, 146, 147, 149
Page 158

Mahler, Gustav: 47, 129
Page 158

Maisky, Ivan: 109
Page 158

Mann, Thomas: 24, 113
Page 158

Markus: 151
Page 158

Matthäus: 148, 151
Page 158

Mendelssohn-Bartholdy, Felix: 73, 140
Page 158

Mendelssohn, Moses: 41, 124, 140
Page 158

Montgolfier, Étienne Jacques de: 143
Page 158

Montgolfier, Michel Joseph de: 143
Page 158

Moore, Dorothy Mildred: 22, 110
Page 158

Moore, George Edward: 32, 34, 110, 111, 119, 136, 138
Page 158

Mozart, Wolfgang Amadeus: 53, 126
Page 158

Murakami: 30, 117
Page 158

Nietzsche, Friedrich: 35, 122
Page 158

Oberländer, Adolf: 49, 130
Page 158

Pascal, Fania: 136f., 141
Page 158

Pattisson, Gilbert: 30f., 67, 118
Page 158

Paulus: 88, 135, 146f.
Page 158

Pinsent, David: 138
Page 158

Plato: 142
Page 158

Prokofieff, Sergej: 140
Page 158

Quiggin, Alison: 33, 120
Page 158

Quiggin, George: 33, 120
Page 158

Ramsey, Frank Plumpton: 20f., 108, 111
Page 158

Ramsey, Lettice: 31, 67, 118
Page 158

Ravel, Maurice: 140
Page 158

Rebni, Anna: 70, 92, 138
Page Break 159 Page 159

Respinger, Marguerite: 19, 23f., 26f., 29-32, 37, 41f., 59ff., 64, 66ff., 108, 118f., 139
Page 159

Reuter, Fritz: 137
Page 159

Rhees, Rush: 109f. 136f.
Page 159

Rothe: 40, 123
Page 159

Russell, Bertrand: 108, 109, 111, 112
Page 159

Salzer, Felix: 149
Page 159

Salzer, Fritz: 149
Page 159

Salzer, Max: 98, 149
Page 159

Scheffel, Joseph Victor von: 130
Page 159

Schlick, Moritz: 127
Page 159

Schmidt, Franz: 140
Page 159

Schönberg, Arnold: 122
Page 159

Schopenhauer, Arthur: 21, 109, 112
Page 159

Schubert, Franz: 88, 111
Page 159

Schumann, Clara: 28, 38, 111, 115
Page 159

Schumann, Robert: 40, 111, 115
Page 159

Schwind, Moritz von: 130
Page 159

Silesius, Angelus: 41, 125
Page 159

Sjögren, Arvid: 117, 138
Page 159

Sjögren, Carl: 117

Page 159

Sjögren, Clara geb. Salzer: 149
Page 159

Sjögren, Hermine (Mima): 117
Page 159

Sjögren, Talla: 29f., 61, 108, 117, 118
Page 159

Skinner, Francis: 69, 81, 101, 137, 150
Page 159

Soldat-Röger, Marie: 111
Page 159

Spengler, Oswald: 24, 28, 94, 112
Page 159

Spinoza, Baruch de: 51f., 130f., 115
Page 159

Spitzweg, Carl: 130
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Sraffa, Piero: 112, 141
Page 159

Stockert, Marie von geb. Salzer: 149
Page 159

Stonborough, Jerome: 73, 115, 140
Page 159

Stonborough, John: 115, 136, 149
Page 159

Stonborough, Thomas: 108, 115
Page 159

Strauss, Richard: 140
Page 159

Thomson, George: 141
Page 159

Thoreau, Henry David: 58, 133
Page 159

Tolstoi, Leo: 139
Page 159

Vischer, Robert: 27, 114
Page 159

Vischer, Friedrich Theodor: 27, 114
Page 159

Wagner, Richard: 22, 53, 111, 132
Page 159

Waismann, Friedrich: 148
Page 159

Weininger, Otto: 112
Page 159

Whitehead, Alfred North: 108
Page 159

Wittgenstein, Clara: 29, 111, 117
Page 159

Wittgenstein, Fanny geb. Figdor: 111
Page 159

Wittgenstein, Hermine (Mining): 69f., 73, 130, 137, 149
Page 159

Wittgenstein, Karl: 117
Page 159

Wittgenstein, Kurt: 62, 135
Page 159

Wittgenstein, Leopoldine: 98f., 149
Page 159

Wittgenstein, Paul (Bruder): 73, 139, 149
Page 159

Wittgenstein, Paul (Onkel): 117
Page 159

Wittgenstein, Rudolf: 49, 129f.
Page 159

Wittgenstein-Salzer, Helene: 32, 102, 119, 149
Page 159

Wittgenstein-Stonborough, Margarete (Gretl): 28, 31, 38, 58, 96, 108, 115, 118, 127, 136
Page 159

Wright, Georg Henrik von: 112
Page 159

Zweig, Fritz: 126
Page 159

Zweig, Max: 126

Anmerkungen
Page 8

Seit Frühjahr 1996 ist das Tagebuch von G.H. von Wright in die Reihe von Wittgensteins philosophischen Manuskripten aufgenommen worden und als MS 183 definiert.
Page 10

†1

Vgl. Johannes Koder: „Verzeichnis der Schriften Ludwig Wittgensteins im Nachlaß Rudolf und Elisabeth Koder“. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr. 12/1993, S. 52-54.
Page 10

†1

In diesem Punkt stimme ich nicht mit Johannes Koder überein, der – mit Berufung auf G. H. von Wright – den Ort der Eintragungen Wittgensteins vom 24. September mit Cambridge vermutet. Da Wittgenstein im MS 118 am 18.9. davon schreibt, von Skjolden nach Bergen zu reisen, um Francis Skinner abzuholen, am 22. September dann notiert, Francis in Bergen abgeholt zu haben und am 1. Oktober ihn wieder zurückbringt, muß er während dieser Zeit in Norwegen gewesen sein.
Page 10

†2

Die in Normalschrift abgefaßten Tagebücher sind als Tagebücher 1914-1916 publiziert, die in Geheimschrift in den sogenannten Geheimen Tagebüchern, die von Wilhelm Baum ediert wurden. Vgl. dazu Wilhelm Baum, ed. Ludwig Wittgenstein. Geheime Tagebücher 1914-1916. Wien, Turia & Kant: 1991, S. 171.
Page 11

†3

Vgl. Claus Huitfeldt: „Das Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen. Hintergrund und erster Arbeitsbericht“. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr. 10/1991, S. 93-106.
Page 11

†1

Bezeichnung nach MECS-WIT, wo zwischen „normalized version“ und „diplomatic version“ unterschieden wird.
Page 14

†2

Vgl. MS 136 128b: 18.1.1948, zit. nach VB, S. 131: „Ich möchte eigentlich durch fortwährende [meine häufigen] Interpunktionszeichen das Tempo des Lesens verzögern. Denn ich möchte langsam gelesen werden. (Wie ich selbst lese.)“
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†1

[zu Pferden kommen werde, so werde ich sie | zu Pferden komme, werde ich sie] [von ihm. | wenn er es sagte.] [wird | ist] [wäre | bin] [etwa | vielleicht] [Methoden | Gedanken]

†1 Page 28 †1 Page 28 †2 Page 30 †1 Page 32 †1 Page 32 †2 Page 33 †1 Page 33 †2 Page 33 †3 Page 33 †4 Page 33 †5 Page 33 †6 Page 34 †1 Page 34 †2 Page 35 †1 Page 37 †1 Page 38 †1 Page 38 †2 Page 39 †1 Page 39 †2 Page 41 †1 Page 41 †2 Page 42 †1 Page 43 †1 Page 43 †2 Page 43 †3 Page 44 †1

[Schmutz | Dreck] [dort | dann] [wo | wenn] [beinahe | wenn auch] [wäre.| ist.] [entgegenbringt | entgegenträgt] [ähnlich dem | eine Art] [muß.| soll.] [Großstadt-Zivilisation | großstädtischen Zivilisation] [Gottes.| der Gottheit.] [seine | eine] [zur Ruhe | zum Arbeiten] [Klugheit | Verstand] [so | dahin] [one always makes a fool of oneself | fühlt man immer das man has made a fool of oneself] [als meine Mitmenschen | als die Anderen] [aller | der vergangenen] [eine | gute] [angezündet | verbrannt] [in | mit] [seines | unseres] [der Türken | eines andern] [& | sondern] [dies | dieser] [quasi | gleichsam] [der | ein]

[unser ganzes Leben entscheiden kann.| über unser ganzes Leben entscheiden kann.| unser ganzes Leben bestimmen kann.]
Page 45 †1 Page 45

[Raum | Raumbegriff]

†2 Page 45 †3 Page 45 †4 Page 45 †5 Page 45 †6 Page 45 †7 Page 45 †8 Page 45 †9 Page 46 †1

[sind | ist] [es | sie] [erschienen | erschienen sind] [wäre | ist] [a priori | A-priori] [formen | schaffen] [Dinge | Sachlage] [ in der Kultur selbst | in der ganzen Kultur]

[daß er dann so & so handeln würde.| daß er dann so & so handeln – & dadurch der Verachtung Ausdruck geben – würde.]
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[getan hat | tat] [daß er ihnen den Wein | daß er den Wein ihnen] [verschafft | gibt | zukommen läßt] [einen | den] [vollbracht | getan] [Tat.| Tatsache.] [um das Wunderbare darin zu empfinden | um das Wunder darin zu sehen | empfinden] [mir | auf mich] [Andern | Gegner] [klaren | einfachen] [Verhältnissen | Fortgängen]

[dann ist es [als bekennten sie sich zu ihrer Stammutter. | als wollten sie sich zu ihrer Stammutter bekennen.] | dann bekennen sie sich zu ihrer Stammutter.]
Page 47 †6 Page 47 †7 Page 47 †8 Page 47 †9 Page 47 †10

[Manchen | Den Einen] [begeht damit quasi das väterliche Erbe | lernt damit quasi das väterliche Erbe kennen] [fremde | wesensfremde] [& ohne jeden Schliff | & ungeschliffen]

[Ich bin beinahe immer aus Feigheit gerecht.| Meine Gerechtigkeit, wenn ich gerecht bin, entspringt [beinahe immer | meistens] der Feigheit.]
Page 48 †1 Page 48

[Abscheu | Furcht]

†2 Page 48 †3 Page 48 †4 Page 49 †1 Page 49 †2

[wo | auf der] [so zu leben | in dem Stockwerk] [Einen | uns] [aber keine Kunst. | aber nicht Kunst, noch feine Empfindung.]

[so beginnt mein Bild vor meinen Augen zu verschwimmen. | so beginnt [sich mein Bild | mein Bild sich mir] zu verwischen]
Page 49 †3 Page 50 †1 Page 50 †2

[rede | spreche] [anständige | anständigere] [merkte, daß ein solches Entsetzen etwas bedeute | sah plötzlich, daß ein solches Entsetzen ja etwas

bedeute]
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[war | wurde] [in mir | für mich] [hat.| habe.] [der | dieser] [erkennt | erkannt hat] [weiß | sagen muß] [von | aus] [manchen Waaren | mancher Waare]

[die Käufer sehn sie & da ihnen die Farbe [oder | oder der Glanz] in die Augen sticht so nimmt jeder die Sache [auf | in die Hand] sieht sie einen Augenblick an, & läßt sie dann als [unerwünscht | nicht erwünscht] auf den Ladentisch zurückfallen. | die Käufer sehen sie, die Farbe, oder der Glanz, sticht ihnen in die Augen & sie nehmen den Gegenstand einen Augenblick in die Hand & lassen ihn dann als unerwünscht auf den Tisch zurückfallen.]
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[zur | in die] [diesen | den] [Etwas ist nur so ernst, als es ernst ist. | Etwas ist nur so ernst, als es wirklich ernst ist] [bei | an] [durch das Bohren des Denkens | während des bohrenden Denkens] [auf die Straße | in’s Freie] [dürfen.| können.] [er | Bruckner] [das selbstverständliche Fleisch zu den | die selbstverständliche Umkleidung der]

†2 Page 56 †3 Page 56 †4 Page 56 †5 Page 58 †1 Page 59 †1

[seiner | dieser] [verstanden hat | den Fehler durchschaut hat] [für Trug zu halten | als Trug zu erklären] [hängen | kleben] [wirklichen Konturen | wirkliche Gestalt]

[So daß sie nur zum Schein besiegt ist wenn sie sich [an manchen Stellen | von manchen Plätzen] zurückgezogen hat da sie sich ruhig in diese Festung begibt & dort sicher ist (& von dort das ganze Land wieder einnehmen wird). Der ganze Sieg war nur Komödie.| So daß sie nur zum Schein besiegt ist, wenn sie den einen oder andern Platz preisgibt, da sie sich endlich ruhig in diese Festung zurückzieht & dort sicher ist.]
Page 59 †2 Page 60 †1 Page 61 †1

[werde | will] [kaum | nicht]

[Dann sieht man einen Teil eines Satzes & merkt: das war es was ich vor ein paar Tagen oder Wochen immer habe sagen wollen.| Dann bemerkt man einen Teil eines Satzes & sieht: das war es, was ich vor einigen Tagen immer habe sagen wollen.]
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[sehe | weiß] [gut | recht] [Ich | Und] [gehen | hängen] [bedeuten | sein] [will | möchte] [ist gewiß zu überwinden | soll gewiß überwunden werden] [, nur auf einer andern Seite|, stehen nur auf einer andern Seite abseits vom Rechten] [daß ich mich tadle | daß ich meine Fehler sehe] [:|,] [Namens | Wortes] [ganz anders | eine ganz andere] [den | dem] [Weite | Entfernung] [in sich | durch das was in ihr vorgeht] [der | unsrer | unserer] [scheint es | möchte man glauben]

†1 Page 73 †2 Page 73 †3 Page 74 †1 Page 74 †2 Page 74 †3 Page 74 †4 Page 75 †1 Page 76 †1 Page 76 †2 Page 76 †3 Page 76 †4 Page 77 †1 Page 78 †1 Page 78 †2 Page 79 †1 Page 80 †1 Page 80 †2 Page 81 †1 Page 81 †2 Page 83 †1 Page 83 †2 Page 83 †3 Page 83 †4 Page 83 †5 Page 85 †1 Page 86 †1 Page 87 †1

[Mensch | Mann] [größere | schwächere] [mitgewirkt | mitgesungen] [umkommen lassen soll | hinwerfen soll] [Eigentliche, Interessante | eigentliche & interessante] [Sublimes | Tiefes] [unserer Sprachformen | der Formen unserer Sprache] [zurückweisen | ablehnen] [, während | : Während] [doch nichts | es doch nur] [mit [dessen Hilfe | Hilfe dessen] | wodurch ] [wie sie ist; nicht | wie es sich verhält. Nicht,] [Anwendbarkeit | Bedeutung] [Elendigkeit | Jämmerlichkeit] [furchtbar | hoch] [hast | tust] [die | seine] [. Aber | ; aber] [ertappe | finde] [da | soweit] [angeben | sagen] [heißt | bedeutet] [wäre | ist] [muß | soll] [Stellung | Attitude] [, | also] [hätte | hat]

[Leid haben muss, so [ist | wäre] es doch besser [solches | das], was aus dem Kampf des Guten gegen das Schlechte entsteht, als [solches | das], [das | was] aus dem Kampf des Schlechten mit sich selbst wird. | leiden muss so ist es doch besser durch den Kampf des Guten mit dem Schlechten in mir, als durch den Kampf im

Bösen.]
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[darf | soll] [Wenn er auch | Auch wenn er] [Vortragenden.| Lehrenden.] [Will | Wenn] [beim | mit dem] [von dessen Anerkennung alles abhängt | von dessen freundlichem Zusehen alles abhängt] [in die | zur] [lerne | Lerne] [an die richtige Stelle | in die wahre Höhenlage] [setzst.| stellst.] [erlaubt | gestattet] [Wozu | Warum] [annehmen | postulieren] [diese Welt | dies Leben] [Und darin | Darin] [unrichtigen | falschen] [An der richtigen Stelle nur leisten sie ihre volle Arbeit! | Sie müssen dort stehen, wo sie ihre volle Arbeit

leisten!]
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[wesentliche | lebendige] [ Es ist ein Aberglaube | Du bist in einem Aberglauben.] [muß | müßte] [nach Wunsch | zu Recht] [nicht ohne Widerstreben | reluctantly] [, | –] I.O. „mit dem, Glauben, der“.

Ficker-Wittgenstein
Engführung. Ludwig von Ficker, Ludwig Wittgenstein, Rainer Maria Rilke und Georg Trakl im Briefwechsel. Mit Ludwig von Fickers Essay „Rilke und der unbekannte Freund“.

Herausgegeben und kommentiert von Anton Unterkircher Im Auftrag des Forschungsinstituts Brenner-Archiv der Universität Innsbruck. Innsbruck, Herbst 2001

Die Briefe
1 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 14.7.1914
Klicken Sie hier für Seite 1 und Seite 2 des Briefes. Hochreit Post Hohenberg N. Ö. 14. 7. 14. Sehr geehrter Herr! Verzeihen Sie, daß ich Sie mit einer großen Bitte belästige. Ich möchte Ihnen eine Summe von 100,000. Kronen überweisen und Sie bitten, dieselbe an unbemittelte österreichische Künstler nach Ihrem Gutdünken zu verteilen. Ich wende mich in dieser Sache an Sie, da ich annehme, daß Sie viele unserer besten Talente kennen, und wissen, welche von ihnen der Unterstützung am bedürftigsten sind. Sollten Sie geneigt sein mir meine Bitte zu erfüllen, so bitte ich Sie, mir an die obige Adresse zu schreiben, in jedem Falle aber die Sache bis auf weiteres geheim halten zu wollen. In vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener Ludwig Wittgenstein jun.

2 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 16.7.1914
Schriftleitung "Der Brenner" Innsbruck-Mühlau 16. VII. 1914 Sehr geehrter Herr! Nein, ehe ich Ihnen danken will, gestatten Sie mir die möglicherweise unziemlich erscheinende Frage: Darf ich die Gewißheit haben, daß Ihr Angebot auch wirklich ernst gemeint ist? Diese Frage darf Sie nicht verletzen. Ich möchte so gerne ohne weiteres vertrauen; Ihre Zeilen athmen einen so edlen und geraden Geist, daß mir jeder Zweifel an dem Ernst Ihrer Gesinnung wie eine Ungehörigkeit erscheinen will. Aber Ihre Anfrage kommt so überraschend, sie stellt etwas so Ungewöhnliches und in ihrer Art menschlich so Erhebendes dar - etwas, das so außerhalb aller Erfahrungen liegt, die meine persönliche Stellungnahme zu Welt und Menschen fixierten -, daß ich, der ich mich im wesentlichen doch stets gerecht zu sein bemühe, zittere vor dem Gedanken, es könnte jemand sein Spiel mit mir treiben. Nicht, weil sich mein Stolz, der fern allem Hochmut ist, verletzt fühlen könnte, befürchte ich dies, sondern im Gegenteil: weil ich eine klare und, wie ich glaube, gerechte Einsicht in die Grenzen meines Verdienstes habe. Ich frage mich nämlich: Wieso kann dieses Verdienst ausreichen, das beispiellose Vertrauen zu rechtfertigen, das in einem so hochherzigen Anerbieten wie dem Ihren beschlossen liegt! Glauben Sie mir, nur dieses Empfinden ist es, was mich in Gefahr bringt, dem Entschluß eines reinen Herzens, als den ich Ihre Mitteilung weiß Gott wie gerne ansehen möchte, mit einem Zweifel nahe zu treten. Dies und noch etwas, was mir wie eine Schicksalsfügung erscheinen muß, nämlich der Umstand: daß ich zwar nicht viele Talente kenne, aber ein paar schöpferische Begabungen (für deren Genialität ich vor der Nachwelt die Verantwortung übernehme), die in so dürftigen, zum Teil prekären Verhältnissen leben, daß ihnen eine Zuwendung in der Höhe, wie sie das von Ihnen

angebotene Kapital ermöglichen würde, wie ein Gnadenakt der Vorsehung erscheinen müßte, der sie mit einem Schlag aller Misère entreißt. Für die volle Würdigkeit der Wenigen, die hier in Betracht kämen, würde ich ebenso die Verantwortung übernehmen wie dafür, daß es sich um Begabungen handelt, deren außerordentliche Bedeutung erst die Nachwelt voll erkennen wird. Um so herzlicher und ernster muß ich Sie daher bitten, in einem so ernsten und bedeutenden Augenblick (der - wenn er sich bewähren sollte - Ihnen in den Herzen einiger Berufener ein Denkmal der Erkenntlichkeit stiften kann, das über ihr Zeitliches hinausragt) meine letzten Zweifel dadurch zu bannen, daß Sie mir freimütig mitteilen, was Sie bewogen hat, mich zum Anwalt eines Entschlusses auszuersehen, dessen kaum faßliche Hochherzigkeit mich gleicherweise beunruhigt wie beglückt. Ich glaube nicht erst betonen zu müssen, daß Sie meiner Diskretion in jedem Falle und - sollte der Ernst Ihrer Entschließung seine Begründung erfahren - meiner unbegrenzten Verehrung für einen in unseren Tagen wohl einzig dastehenden Edelmut versichert sein dürfen. Es begrüßt Sie, hochgeehrter Herr, in Ergebenheit lhr Ludwig v. Ficker

3 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 19.7.1914
Hochreit Post Hohenberg N. Ö. 19. 7. 14. Sehr geehrter Herr! Um Sie davon zu überzeugen, daß ich mein Angebot ehrlich meine, kann ich wol nichts besseres tun, als Ihnen die bewußte Summe tatsächlich anzuweisen; und dies wird geschehen, wenn ich das nächste mal - im Laufe der nächsten 2 Wochen - nach Wien komme. Ich will Ihnen nun kurz mitteilen, was mich zu meinem Vorhaben bewogen hat. Durch meines Vaters Tod erbte ich vor 1 1/2 Jahren ein großes Vermögen. Es ist in solchen Fällen Sitte eine Summe für woltätige Zwecke herzugeben. Soviel über den äußeren Anlass. Als Anwalt meiner Sache wählte ich Sie, auf die Worte hin, die Kraus in der Fackel über Sie & Ihre Zeitschrift geschrieben hat; & auf die Worte hin, die Sie über Kraus schrieben. Ihr freundlicher Brief hat mein Vertrauen in Sie noch vermehrt. Ich möchte jetzt schließen, vielleicht darf ich Sie einmal treffen & mit Ihnen reden. Dies wünschte ich sehr! Nehmen Sie meinen wärmsten Dank für Ihre Bereitwilligkeit entgegen. Ihr hochachtungsvoll ergebener Ludw Wittgenstein jun

4 GEORG TRAKL AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [23.7.1914]
Schriftleitung "Der Brenner" Innsbruck-Mühlau [23.7.1914] Sehr geehrter Herr! Herr L. v. Ficker überwies mir gestern in Ihrem Namen 20.000 Kronen. Erlauben Sie mir, Ihnen für Ihre Hochherzigkeit ergebenst zu danken. Seit Jahren jeglichem Zufall des Lebens preisgegeben, bedeutet es mir alles der eigenen Stille nun ungestört nachgehen zu können. Möge was davon zum Gedicht wird des edlen Menschen würdig sein, dem ich so vieles schulde. Nehmen Sie, hochverehrter Herr, die Ausdrücke respektvollster Hochachtung entgegen Ihres sehr ergebenen Georg Trakl

5 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 27.7.1914
Klicken Sie hier für Seite 1 und Seite 2 des Briefes. Schriftleitung "Der Brenner" Innsbruck-Mühlau 27. VII. 1914 Verehrter Herr Wittgenstein!

Nehmen Sie nochmals meinen verbindlichsten Dank für Ihre Gastfreundschaft entgegen. Ich hoffte, Ihnen mit diesen Zeilen bereits auch eine Auskunft über Rilke geben zu können, da ich nach meiner Rückkehr hieher daran erinnert wurde, daß ein Innsbrucker Universitäts-Professor, der in dem benachbarten Städtchen Hall wohnt, mit Rilke gut bekannt sei. Ich fuhr gestern nach Hall, um bei dem Mann persönlich vorzusprechen, er befand sich aber mit seiner Familie in der Sommerfrische. Darauf schrieb ich ihm und hoffe in den nächsten Tagen eine Antwort zu erhalten. Einstweilen erlaube ich mir, ein paar Zeilen Dallagos an mich beizuschließen, die den ersten Eindruck kennzeichnen, den meine Verständigung auf ihn ausübte. Ihrem Wunsche entsprechend habe ich keinen Namen genannt. So richtet sich Dallagos Dankbarkeit zunächst an die falsche Adresse, nämlich an mich, was ich mit Rücksicht darauf, daß ich dem Beschenkten noch nicht jene näheren Aufklärungen geben konnte, die ihm die seltene Hochherzigkeit Ihres Entschlusses erst voll zu Gemüte führen mußten, gütigst nachzusehen bitte. Mir selbst aber wollen Sie gestatten, Ihnen auf persönlich besonders tiefempfundene Art nochmals für die so munifizente Unterstützung zu danken, die Sie meiner Zeitschrift in einem Augenblick, da ihr Bestand in Frage stand, bereitwilligst zuteil werden ließen. Sie haben mir damit eine Sorge vom Herzen genommen, die mich in letzter Zeit oft schwer beunruhigt hat. Ich hoffe Ihnen in absehbarer Zeit über jene Daten, die für die Verteilung der restlichen Summe in Frage kommen, Bescheid geben zu können, und begrüße Sie für heute mit dem Ausdrucke meiner aufrichtigen Verehrung als Ihr ergebener Ludwig v. Ficker

6 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 1.8.1914
Wien XVII. Neuwaldeggerstr 38 1. 8. 14. Sehr geehrter Herr v. Ficker! Vielen Dank für Ihren freundlichen Brief & den beigelegten Dalagos. (Ich weiß nicht, ob Sie für diesen noch eine Verwendung haben, schließe ihn aber für alle Fälle bei). Nochmals besten Dank für lhren lieben Besuch, wie dafür, daß Sie mich mit Loos bekannt machten. Es freut mich sehr, ihn einmal getroffen zu haben. Meine Adresse ist vorläufig die obige, da wir des Krieges wegen nach Wien gezogen sind. Mit den besten Grüßen Ihr sehr ergebener Ludw Wittgenstein

7 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [14.8.1914]
Herrn Ludwig v. Ficker Innsbruck-Mühlau Tirol [Poststempel: Krakow, 14. VIII. 14] Sehr geehrter Herr v. Ficker! Verzeihen Sie daß ich Ihnen mit Bleistift schreibe; ich habe keine Tinte in der Nähe. Ich möchte Ihnen nur mitteilen, daß ich freiwillig auf Kriegsdauer zum Militär gegangen bin und daß meine Adresse für eventuelle Mitteilungen jetzt ist: Festungsartillerie Regiment N° 2, 2. Kader Krakau Mit den aller besten Grüßen Ihr sehr ergebener L. Wittgenstein

8 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 21.8.1914

Innsbruck-Mühlau 102 21. VIIl.1914 Sehr geehrter Herr Wittgenstein! Nehmen Sie meinen besten Dank für Ihren freundlichen Kartengruß! Im ersten Moment schwankte ich zwischen Freude und Bestürzung, als ich sah, daß auch Sie in den Krieg gezogen seien. Dann aber ging mir wahrhaftig das Herz auf vor freudigem Mitgefühl für Sie und Ihren herrlichen Entschluß. Und ich möchte Sie beglückwünschen dürfen, daß es Ihnen vergönnt ist, als Freiwilliger mitzukämpfen. Ist es doch kaum zu ertragen und fast beschämend, als ein wenn auch nur leidlich junger Mensch beiseite stehen zu müssen in einer Zeit, die über alles, was uns zutiefst berührt, entscheidet. Sie müssen nämlich wissen: auch ich hatte mich gestellt - gleich am ersten Tag -, obwohl ich nicht gedient habe. Aber man hat mich zurückgestellt. Und ich warte vorläufig noch immer auf die in Aussicht gestellte weitere Weisung und zweifle, ob sie überhaupt noch erfolgen wird, nachdem bereits ein neues Aufgebot erlassen wurde. Zum ersten Mal in meinem Leben fällt es mir schwer, eine Zurücksetzung zu ertragen - umso schwerer, als meine liebsten Freunde und Mitarbeiter (auch Trakl, der als Medikamenten-Akzessist zu einem Feldspital nach Galizien kommt) einberufen sind. Und nun also auch Sie! Nein, weiß Gott, es macht mich doch traurig. Aber genug davon. Es dürfte geziemender sein, von jener Sache zu sprechen, deren Durchführung Sie mir anzuvertrauen so gütig waren. Ich hätte Ihnen darüber bereits Weiteres berichtet, wenn nicht die Information über Rilke noch ausständig wäre. Wie Sie wissen, hatte ich mich seinetwegen an einen hiesigen Univ.-Professor gewandt, der früher einmal mit ihm bekannt war, und ich habe mit diesem Herrn auch persönlich über die Angelegenheit konferiert. Von ihm erfuhr ich, daß Rilke wenigstens früher einmal eine Zeit gehabt habe, wo es ihm sehr schlecht gegangen sei; um zu erfahren, wie seine Verhältnisse jetzt seien - glänzend seien sie keinesfalls - erbot sich mein Gewährsmann, sich an Professor Sauer in Prag zu wenden, der mit Rilke auch jetzt noch in engerer Fühlung stehe und daher zuverlässig Bescheid wisse. Leider steht die Verständigung von Professor Sauer noch aus, obwohl ihn der betreffende Herr bereits einmal gemahnt hat. Sobald ich die Antwort in Händen habe, werde ich sie Ihnen sofort zugehen lassen. Hingegen gelang es mir, über Stoessl Sicheres in Erfahrung zu bringen, und zwar von Kraus, der vor ungefähr 10 Tagen hier durchkam, und dann von Herrn und Frau Dr Schwarzwald aus Wien, die mich vorgestern besuchten und die mit Stoessl gut bekannt sind. Nach ihren übereinstimmenden Aussagen lebt Stoessl zwar nicht in glänzenden, aber doch guten und gesicherten Verhältnissen. Er ist Ministerialbeamter in der VII. Rangsklasse und besitzt sogar ein eigenes kleines Haus in Wien, ist also jedenfalls nicht in dem Maße bedürftig, daß er (nach Ansicht meiner Gewährsleute) in diesem Falle, wo nicht nur das Verdienst, sondern auch die Bedürftigkeit entscheiden soll, noch weiter in Betracht kommen könnte. Auch wurde mir angedeutet, daß er selbst wahrscheinlich sich weigern würde, etwas anzunehmen, wenn er erführe, daß hauptsächlich bedürftige Künstler beteilt werden sollen. Über Kokoschkas Lage zuverlässigen Aufschluß zu erhalten, stößt auf Schwierigkeiten. Auch Leute, die ihn gut kennen, sind sich darüber nicht im Klaren. Schwarzwalds z. B. meinten, daß ihm nichts abgehe. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob diesem Urteil nicht am Ende irgend eine kleine persönliche Verstimmung mit einverwoben ist. Jedenfalls halte ich es für angezeigt, die Entscheidung darüber noch offen zu lassen. Eminent bedürftig jedoch ist, wie ich zur Beruhigung meines Gewissens nicht nachdrücklich genug betonen kann, die Lasker-Schüler. Sie ist lediglich auf ihren geringen schriftstellerischen Erwerb und gelegentliche Unterstützungen mildtätiger Freunde angewiesen und hat dabei für einen dreizehnjährigen Sohn zu sorgen, für den sie von ihrem geschiedenen Gatten, der selbst nicht viel erübrigen kann, nur einen Unterhaltsbeitrag von monatlich 50 Mark erhält. Hier also glaube ich wäre vor allem ein gutes Werk zu tun. Sehr schlecht geht es auch Karl Hauer. Er hat die Buchhandlung, die er in München übernommen hatte, wieder aufgeben müssen, und zwar ohne den geringsten Gewinn. Auch vertrug er das Klima nicht, und seine Gesundheit ist so angegriffen, daß er wenn irgend möglich wieder nach Davos oder sonst an einen geschützten Ort soll. Ich denke, mit einer Summe von etwa 5000 Kronen wäre ihm wohl sehr gedient. Sehr hart müssen sich auch L. E. Tesar und Richard Weiß (die beide verheiratet, bzw. geschieden sind) durchschlagen. Sie sind beide Mittelschulprofessoren und müssen außerdem noch Stunden geben, um ihr Auskommen zu finden. Wenn man vielleicht jedem von ihnen 2000 Kronen geben könnte, so könnten sie sich wohl einmal jene gründliche Erholung gönnen, deren sie - wie mir auch Herr und Frau Dr Schwarzwald bestätigen dringend bedürftig wären. Und damit bin ich an dem Punkte angelangt, wo es mir angezeigt erscheint, Ihnen eine Übersicht meiner Verteilungsvorschläge zur Begutachtung, bzw. zur Genehmigung zu unterbreiten, wobei ich wohl nicht erst vorauszuschicken brauche, daß ich jede von Ihnen gewünschte Änderung gewissenhaft berücksichtigen werde. Mein Vorschlag geht also dahin: Zunächst 30000 Kronen zu reservieren zur Aufteilung zwischen Rilke, Lasker-Schüler, Kokoschka. Und zwar wäre Rilke, falls seine Bedürftigkeit feststeht, mit einem Mindestteilbetrag

von 15000 Kronen zu bedenken, während der übrige Betrag in der gleichen Höhe zwischen Frau Lasker-Schüler und Kokoschka entsprechend dem Grad ihrer Bedürftigkeit zu verteilen wäre. Bei den nun folgenden Vorschlägen zur Verteilung der restlichen 20000 Kronen gehe ich - soweit sie Ihnen nicht schon bekannt sind - von der Voraussetzung aus, daß Sie mir, nachdem Sie mich schon durch Ihr Vertrauen in so seltener Weise auszeichneten, jenes Maß von Urteilskraft und Gewissenhaftigkeit zutrauen, um Ihrerseits versichert sein zu dürfen, daß ich für die volle Würdigkeit der zu Beteilenden in künstlerischer wie ökonomischer Hinsicht mit meinem ganzen Verantwortlichkeitsgefühl einstehe. Ich muß dies betonen, weil sich Namen darunter befinden, die Ihnen möglicherweise - obwohl sie schon durchwegs an die Öffentlichkeit getreten sind - noch gar nicht bekannt sind. Es handelt sich dabei um dichterische - oder wie im Falle Theodor Haecker - um denkerische Existenzen, die schon Hervorragendes (einer von ihnen: der Triestiner Theodor Däubler mit seinem dreibändigen epischen Werk "Das Nordlicht" sogar Monumentales) geleistet haben und denen sämtlich mit einer Ehrengabe von 1000 bis 2000 Kronen aus ihrer gegenwärtigen Notlage geholfen wäre. Ich glaube Ihnen wirklich keine besseren Vorschläge nach reiflicher Überlegung machen zu können und nenne also noch: Theodor Haecker (2000 K.) Theodor Däubler, Hauptwerk "Das Nordlicht", dessen einzigartige Bedeutung in der deutschen Literatur durch Mombert, Johannes Schlaf und durch den "Brenner" wiederholt hervorgehoben wurde (2000 K.) Franz Kranewitter, der tirolische Dramatiker, dessen Tragödie aus den Bauernkriegen "Michel Geißmayr" (bei S. Fischer, Berlin), vor Hauptmanns "Florian Geyer" entstanden, dieses Werk an dramatischer Verve fast überragt, wenn es auch dichterisch in manchem hinter ihm zurücksteht. (2000 K.) Carl Borromäus Heinrich ( 1000 K. ) Hermann Wagner, Deutschböhme, Romancier, dessen Erzählung "Die rote Flamme" als ein novellistisches Meisterwerk gelten darf (1000 K.) Hugo Neugebauer, dessen Gedichte im "Brenner" vielfach Aufsehen erregt haben; lebt als Konzipist im lnnsbrucker Statthalterei-Archiv. (1000 K) Jos. Georg Oberkofler, ein sehr vielversprechender Lyriker, ebenfalls durch den "Brenner" bekannt geworden, lebt als Student in entsetzlicher Armut. (1000 K). Ich schließe diesem Briefe eine Gesamtaufstellung bei, die noch einen unberücksichtigten Rest von [1]000 Kronen ergibt, die man ja vorläufig mit den früher erwähnten 30000 K. noch zurückstellen kann. Und nun wünsche ich Ihnen alles Gute im Feldzug - hoffentlich kehren Sie heil zurück - und begrüße Sie wärmstens in dankbarer Ergebenheit Ihr Ludwig v. Ficker P.S. Darf ich Sie um baldigen Bescheid bitten?

9 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 15.9.1914
Innsbruck-Mühlau 102 15. IX. 1914 Sehr geehrter Herr Wittgenstein! Hoffentlich ist mein Ietzter Brief, den ich Ihnen vor ungefähr drei Wochen sandte und der meine Vorschläge zur Verteilung der restlichen Summe enthielt, in Ihre Hände gelangt. Mittlerweile ist nun auch die Auskunft über Rilke eingelangt, der nach den Angaben des Professors Sauer in Prag gegenwärtig in sehr beengten, fast drückenden Verhältnissen leben soll, so daß es mir wohl angezeigt schiene, auch den auf ihn entfallenden Betrag mit 20.000 festzusetzen. Vielleicht darf ich Sie bitten, mir mitzuteilen, ob Sie meinen letzten Brief erhalten haben, da ich bis heute ohne Nachricht bin. Ich besorge schon, daß die von Ihnen zuletzt mitgeteilte Adresse inzwischen sich geändert haben könne oder daß sie am Ende nicht genügend vollständig war. Aber Sie haben jetzt wohl einen anstrengenden Dienst und wohl kaum die nötige Muße, sich mit der Angelegenheit zu befassen. Das scheint mir wahrscheinlicher. Trotzdem - wenn es Ihnen nur irgend möglich sein sollte, Zeit für ein paar Zeilen zu erübrigen, so bitte ich Sie, wie gesagt, recht bald um eine kurze Verständigung. Einstweilen wünsche ich Ihnen alles Gute und verbleibe mit herzlichen Grüßen in aufrichtiger Ergebenheit Ihr Ludwig v. Ficker

10 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [22.9.1914]
Ludwig Wittgenstein

Militär Kommando Krakau Feldpost N° 186 [22. 9. 1914] Herrn Ludwig von Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Tirol Sehr geehrter Herr v. Ficker! Erst heute erhielt ich Ihre beiden freundlichen Briefe. Vielen Dank! Ich war seit 4 Wochen auf einem Weichsel-Schiff in Russland und bin erst heute nach Krakau zurückgekehrt. Mit Ihrem letzten Vorschlag bezüglich Rilkes bin ich selbstverständlich höchst einverstanden. Bitte veranlassen Sie daß er das Seine so rasch als möglich erhält. Meine Adresse auf der Rückseite. Herzlichsten Dank für Ihre Freundlichkeit und herzlichste Grüße. Ihr ganz ergebener Ludwig Wittgenstein

11 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [22.9.1914]
Ludwig Wittgenstein Militär Kommando Krakau Feldpost N° 186 [22. 9. 1914] Herrn Ludwig von Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Tirol Sehr geehrter Herr v. Ficker! Dies ist nur eine Nachschrift zu einer Karte die ich heute früh an Sie geschickt habe. Ich vergas zu sagen daß ich überhaupt mit allen Ihren Vorschlägen einverstanden bin. - Also Trackl ist auch im Krieg! Es ist vielleicht lächerlich zu denken daß wir uns treffen könnten; aber lieb wäre es mir. Ich wünsche Ihnen das aller Beste. Ihr ganz ergebener Ludwig Wittgenstein

12 AN RAINER MARIA RILKE, 25.9.1914
Schriftleitung "Der Brenner" Innsbruck-Mühlau 25. IX. 1914 Sehr geehrter Herr! Ein junger oesterreichischer Mäzen, der als Freiwilliger ins Feld gezogen ist, hat mir kurz vor Kriegsausbruch eine beträchtliche Summe mit dem Ersuchen überwiesen, sie an oesterreichische Dichter nach Maßgabe ihrer Bedeutung und ihrer Bedürftigkeit zu verteilen. Auf Grund meiner Vorschläge, die die Billigung des edlen Gönners fanden, erlaube ich mir die Anfrage zu stellen, ob und wohin ich Ihnen den auf Sie entfallenden Teilbetrag von 20000 (zwanzigtausend) Kronen überweisen darf. In hochachtungsvoller Ergebenheit Ludwig v. Ficker Herrn Rainer Maria Rilke

13 VON RAINER MARIA RILKE, 30.9.1914
Z. Zt. München, Finkenstr. 2, Pension Pfanner. am 30. September 1914 Sehr geehrter Herr, Sie haben, in Ihrem Briefe, für eine außerordentliche Nachricht einen so selbstverständlichen Ausdruck gefunden, dass ich versuchen darf, Ihnen meinen Dank und meine unmittelbare Freude in wenig Zeilen einfach und offen mitzutheilen. Wenn ich sie - Dank und Freude - groß nenne, so ist das nur ein höchst vorläufiger Überschlag; erst wenn ich wieder in der Arbeit stehe, werde ich ganz die Bedeutung der Hülfe einsehn, die mir da in der wunderbarsten Weise widerfährt.

Die ungeheuere Ausnahme des Krieges hat ja jeden von uns in seinem eigentlichsten Wirken und Wissen unterbrochen, - und nun geht mir, mitten aus ihr, diese Fügung hervor, in der eine menschlich-große Vorsehung sich meiner künftigen Arbeit annimmt -, sagen Sie selbst, ob mir Erstaunlicheres begegnen konnte! Es liegt mir viel daran, dass irgend ein Gerücht wenigstens meines zuversichtlichen, fast bestürzten Dankes den großmüthigen Verfüger im Felde erreiche; Sie werden sicher die Möglichkeit haben, dafür zu sorgen. Sie selbst aber bitte ich, bei dieser Weitergabe, einen bedeutenden Theil meiner gegenwärtigen Verfassung für Ihre eigene Person in Anspruch zu nehmen; sind es doch Ihre Vorschläge, die mir jene unvermuthliche Zuwendung eingetragen haben. Es ergreift mich, dass meine Bücher im Stillen mir solche Freunde aneignen; dass das einmal Hervorgebrachte aus überzeugten Menschen heraus, auf den, der sich darin versuchte, bis ins Greifbarste zurückwirkt und ihm Schicksal und Zukunft befreundet. Was den praktischen Vollzug angeht, so wäre es mir am Angenehmsten, wenn jener Betrag an die hiesige Filiale der Deutschen Bank für mich könnte überwiesen werden. Empfangen Sie, sehr geehrter Herr, den Ausdruck meiner wirklichen Ergebenheit: Rainer Maria Rilke

14 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 4.10.1914
Schriftleitung "Der Brenner" Mühlau, 4. Okt.1914 Sehr geehrter Herr Wittgenstein! Verbindlichsten Dank für Ihre beiden Karten, Ihre Zustimmung! Durch Vermittlung des Insel-Verlags ist es mir endlich gelungen, Rilkes gegenwärtige Adresse aufzuspüren und ihn von der Sache zu verständigen. Soeben habe ich seine Antwort erhalten, die hier beiliegt. Ich werde nicht verfehlen, Rilke - der mir ein Verdienst an der Sache zuschreibt, dessen ich mich, wie Sie wissen, nicht rühmen kann - dahin aufzuklären, daß diese Zuwendung ganz besonders Ihnen selbst am Herzen lag. Ich brauche Ihnen aber wohl nicht zu versichern, wie glücklich auch ich darüber bin, daß durch Ihren hochherzigen Entschluß diesem zweifellos hervorragenden Dichter eine Hilfe zuteil werden konnte, die - wie es scheint - zur rechten Zeit gekommen ist, und die er mit Recht als eine verdiente Auszeichnung empfindet. Sonst konnte ich bis heute nur noch Else Lasker-Schüler verständigen, daß sie einige Tausend Kronen zu erwarten hat. Ihr Dank-Telegramm (sie unterzeichnet immer als "Prinz von Theben") lege ich ebenfalls bei. Möge es Ihnen recht, recht gut gehen. Ich hoffe, daß Sie alle Gefahren Ihres jetzigen Daseins heil überstehen, und ich freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen, sobald Sie zurückgekehrt sind. In aufrichtiger Ergebenheit Ihr Ludwig v. Ficker

15 AN RAINER MARIA RILKE, 5.10.1914
Schriftleitung "Der Brenner" Innsbruck-Mühlau 5. Okt. 1914 Sehr geehrter Herr! Nehmen Sie meinen besten Dank für Ihre freundlichen Zeilen! Ich habe unter heutigem die Überweisung des bewußten Betrags durch die hiesige Filiale der oesterreichischen Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe an die Münchener Filiale der Deutschen Bank veranlaßt. Die warmempfundenen Worte und Gefühle, die Sie in Ihrer Zuschrift äußerten, ermächtigen, ja verpflichten mich zu dem Geständnis, daß jene Verfügung, die Sie und Ihr Werk betraf, auf einem Vorschlag beruht, der nicht nur meinem eigenen Empfinden und Gewissen, sondern überdies auch einem offenkundigen Herzenswunsch des Spenders entsprach. Und ich möchte dies nicht ohne Innigkeit betonen; war es mir doch vergönnt, in diesem Fünfundzwanzigjährigen eine geistige Existenz von so edler und reifer Selbstbesonnenheit kennen zu lernen, dass die kargen Worte hellster Bewunderung, die er gesprächsweise über Ihren "Brigge" aus sich und seiner Einsamkeit herauszuholen vermochte, zugleich die Tiefe und Lauterkeit eines in unseren Tagen unsäglich ergreifenden Menschentums enthüllten. Und da es ihm eine große Freude sein wird, habe ich mir erlaubt, die schöne Kundgebung, die Sie an mich richteten, ihm ins Feld nachzusenden.

Es begrüßt Sie, sehr geehrter Herr, in Ergebenheit Ihr Ludwig v. Ficker P. S. Sollten Sie einmal dem Brenner - der seine Mitarbeiter leider nie entschädigen konnte und der des Krieges halber vorläufig nicht als periodische Druckschrift, sondern im März als Jahrbuch erscheint - einen kleinen Beitrag zur Verfügung stellen können, so empfände ich es als eine Auszeichnung und Genugtuung. D. O.

16 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [Oktober? 1914]
Ludwig Wittgenstein Militär Komando Krakau S.M.S. Goplana [Oktober? 1914] Herrn Ludwig von Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Tirol Nur einen Gruß damit Sie mich nicht vergessen! Ludwig Wittgenstein

17 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 17.10.1914
Ludwig v. Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Herrn Ludwig Wittgenstein Militär-Kommando, S. M. S. Goplana Krakau Innsbruck-Mühlau, 17. X. 1914 Lieber Herr Wittgenstein! Es scheint, daß Sie meinen Brief mit dem inliegenden Schreiben Rilkes - den ich vor ungefähr zwei Wochen sandte - nicht erhalten haben. Bitte, recherchieren Sie, es wäre schade, wenn Sie Rilkes Dankzeilen nicht zu Gesicht bekämen. Und noch eins für heute: Im Garnisonsspital 15, Abteilung 5, zu Krakau ist gegenwärtig Georg Trakl untergebracht, der an schweren Gemütsdepressionen zu leiden scheint. Bitte, machen Sie ihm die Freude und besuchen Sie ihn! Ich muß anfangs der nächsten Woche nach Wien reisen, und bei dieser Gelegenheit werde ich trachten, einen Abstecher nach Krakau machen zu können. Es wäre ein schönes Zusammentreffen. Also auf recht baldiges Wiedersehen hoffend herzlichst Ihr Ludwig v. Ficker

18 VON RAINER MARIA RILKE, 18.10.1914
München, Pension Pfanner, Finkenstr. 2. am 18. Okt. 1914 Sehr geehrter Herr, die hiesige Filiale der Deutschen Bank hat mir schon vor ein paar Tagen das Eintreffen der Zwanzigtausend Kronen angezeigt, ich bin etwas verspätet mit meiner Bestätigung an Sie; aber es lag mir daran, Ihnen in einer ruhigeren Stunde für den guten Brief zu danken, durch den Sie mich Ihre eigene Geneigtheit und die Gestalt meines nur geahnten Gebers etwas deutlicher gewahren ließen. Ich kann Ihnen versichern, dass der Eindruck und Eingriff jenes Ereignisses mir heute noch ebenso wunderbar und unbegreiflich im Gefühle wirkt, wie in dem Augenblick, da ich Ihre erste sachliche Mittheilung las und wiederlas. Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie meinen Brief in's Feld weitergegeben haben, - ich bedenke seither immer, was ich wohl sonst noch hinausschicken könnte, um mit einer wirklichen Gegenwart den verwandten Geist zu erfreuen, der doch wahrhaftig das unbeschreiblichste Anrecht hat, dass ich ihm Freude bereite. Wenn ich die ungeheueren Umstände in Rechnung stelle, unter denen sein junges Leben jetzt vor sich geht, so bin ich freilich recht rathlos - und überlasse es Ihnen, sehr werther Herr v. Ficker, zu entscheiden, ob der Ausweg, den ich da zu finden glaubte, thatsächlich gangbar sei. Ich habe nämlich ein paar von

den wichtigsten Arbeiten meiner letzten Jahre für den unbekannten Freund abgeschrieben und bitte Sie nun, die einliegenden Blätter zu lesen und sie, wenn es Ihrem Ermessen entspricht, weiterzusenden; ich meine nicht zu irren, wenn ich vermuthe, dass gerade diese Gedichte, selbst unter jenen ausgeschalteten Verhältnissen, draußen, im Feld, ihre Stimme nicht ganz verlieren, und es hat insofern Sinn, sie in besonderer Weise zugänglich zu machen, als ich, wahrscheinlich, jede Veröffentlichung der "Elegien" weit hinausschieben werde. So bitte ich Sie denn auch, meine Sendung ganz vertraulich zu behandeln, umsomehr, als das ursprüngliche Manuskript im Besitz einer mir befreundeten Dame ist, als deren völliges Eigenthum ich meine Arbeit betrachtet wissen möchte. Schließlich noch Eines: sollte der Fall eintreten, dass Sie irgend eine schicksalsvolle Nachricht aus dem Felde erhalten, so wäre ich Ihnen überaus dankbar, wenn Sie sie mir nicht vorenthielten; ich weiß nicht, wie Sie denken -, aber meinem Impuls entspräche es unbedingt, den unbekannten Helfer in jeder ernsten oder bedrohten Lage aufzusuchen; das würde seiner Anonÿmität kaum Eintrag thun: denn unsere Berührung wäre doch eine von denen, in der Namen keine Rolle spielen. Ihr aufrichtig ergebener R M Rilke P. S. In Hinblick auf das im März erscheinende Jahrbuch des "Brenner" wäre es mir sehr angenehm, gelegentlich zu erfahren, welche Art Beitrag Ihnen dafür am passendsten wäre. D. O. BEILAGE Elegieen I Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich. Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht, und die findigen Thiere merken es schon, dass wir nicht sehr verlässlich zuhaus sind in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht irgend ein Baum an dem Abhang, dass wir ihn täglich wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern und das verzogene Treusein einer Gewohnheit, der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht. O und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraum uns am Angesicht zehrt -, wem bliebe sie nicht, die ersehnte, sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter? Ach, sie verdecken sich nur miteinander ihr Loos. Weißt du's noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere zu den Räumen hinzu, die wir athmen; vielleicht dass die Vögel die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug. * Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es mutheten manche Sterne dir zu, dass du sie spürtest. Es hob sich eine Woge heran im Vergangenen, oder, da du vorübergingst am geöffneten Fenster,

gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag. Aber bewältigtest du s? Warst du nicht immer noch von Erwartung zerstreut, als kündigte alles eine Geliebte dir an? (Wo willst du sie bergen, da doch die großen fremden Gedanken bei dir aus- und eingehn und öfters bleiben bei Nacht.) Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden, lange noch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl. Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du so viel liebender fandst als die Gestillten. Beginn immer von Neuem die nie zu erreichende Preisung; denk: es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihm nur ein Vorwand zu sein: seine letzte Geburt. Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur in sich zurück, als wären nicht zweimal die Kräfte dieses zu leisten. Hast du der Gaspara Stampa denn genügend gedacht, dass irgend ein Mädchen, dem der Geliebte entging, am gesteigerten Beispiel dieser Liebenden fühlt: dass ich würde wie sie? Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, dass wir liebend uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn: wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends. * Stimmen. Stimmen. Höre mein Herz, wie sonst nur Heilige hörten: dass sie der riesige Ruf aufhob vom Boden; sie aber knieten, Unmögliche, weiter und achtetens nicht: so waren sie hörend. Nicht dass du Gottes ertrügest die Stimme, bei Weitem. Aber das Wehende höre, die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet. Es rauscht jetzt von jenen jungen Toten zu dir. Wo immer du eintratst, redete nicht in Kirchen zu Rom und Neapel ruhig ihr Schicksal dich an, oder es trug eine Inschrift sich erhaben dir auf wie neulich die Tafel in Santa Maria Formosa. Was sie mir wollen? Leise soll ich des Unrechts Anschein abthun, der ihrer Geister reine Bewegung manchmal ein wenig behindert. Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen, kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben, Rosen und andern eigens versprechenden Dingen nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben. Das, was man war in unendlich ängstlichen Händen, nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug. Seltsam die Wünsche nicht weiterzuwünschen. Seltsam, alles, was sich bezog, so lose im Raume flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam und voller Nachholn, dass man allmählich ein wenig Ewigkeit spürt. - Aber Lebendige machen alle den Fehler, dass sie zu stark unterscheiden. Engel (sagt man) wüssten oft nicht, ob sie unter

Lebenden gehn oder Toten. Die ewige Strömung reißt durch beide Bereiche alle Alter immer mit sich und übertönt sie in beiden. Schließlich brauchen sie uns nicht mehr, die Früheentrückten, man entwöhnt sich des Irdischen sanft, wie man der Brüste nicht mehr der Mutter entbehrt. Aber wir, die so große Geheimnisse brauchen, denen aus Trauer sooft seeliger Fortschritt entspringt: könnten wir sein ohne sie? Ist die Sage umsonst, dass einst in der Klage um Linos wagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang, dass erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah göttlicher Jüngling plötzlich für immer enttrat, das Leere in jene Schwingung gerieth, die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft. * II Jeder Engel ist schrecklich. Und dennoch, weh mir, ansing ich euch fast tötliche Vögel der Seele, wissend um euch. Wohin sind die Tage Tobiae, da der Strahlendsten einer stand an der einfachen Hausthür, zur Reise ein wenig verkleidet und schon nicht mehr furchtbar, (Jüngling dem Jüngling, wie er neugierig hinaus sah). Träte der Erzengel jetzt, der Gefährliche, hinter den Sternen eines Schrittes nur nieder und herwärts: hochaufschlagend erschlüg uns das eigene Herz. Wer seid ihr? Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung, Höhenzüge, morgenröthliche Grate aller Erschaffung, Pollen der blühenden Gottheit, Gelenke des Lichtes, Gänge Treppen Troh Throne Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln, Spiegel: die die entströmte eigene Schönheit wiederschöpfen zurück ins eigene Antlitz. * Denn wir, wo wir fühlen, verflüchtigen. Ach wir athmen uns aus und dahin; von Holzgluth zu Holzgluth geben wir schwächern Geruch. Da sagt uns wohl einer: Ja, du gehst mir ins Blut, dieses Zimmer, der Frühling füllt sich mit dir. Was hilfts, er kann uns nicht halten, wir schwinden in ihm und um ihn. Und jene, die schön sind, o wer hält sie zurück? Unaufhörlich steht Anschein auf in ihrem Gesicht und geht fort. Wie Thau von dem Frühgras hebt sich das Unsre von uns, wie die Hitze von einem heißen Gericht. O Lächeln, wohin? O Aufschaun: neue warme entgehende Welle des Herzens -, weh mir: wir sinds doch. Schmeckt denn der Weltraum, in den wir uns lösen, nach uns? Fangen die Engel wirklich nur Ihriges auf, ihnen Entströmtes, oder ist manchmal, wie aus Versehen, ein wenig unseres Wesens dabei? Sind wir in ihre Züge soviel nur gemischt wie das Vague in die Gesichter *

schwangerer Frauen? Sie merken es nicht in dem Wirbel ihrer Rückkehr zu sich. (Wie sollten sie's merken.) Liebende könnten, verstünden sie's, in der Nachtluft wunderlich reden. Denn es scheint, dass uns alles verheimlicht. Siehe die Bäume sind, die Häuser, die wir bewohnen, bestehn noch. Wir nur ziehen allem vorbei wie ein luftiger Austausch. Und alles ist einig, uns zu verschweigen, halb als Schande vielleicht und halb als unsägliche Hoffnung. Liebende, euch, ihr ineinander Genügten frag ich nach uns. Ihr greift euch. Habt ihr Beweise? Seht, mir geschiehts, dass meine Hände einander inne werden, oder dass mein gebrauchtes Gesicht in ihnen sich schont. Das giebt mir ein wenig Empfindung. Doch wer wagte darum schon zu sein? Ihr aber, die ihr im Entzücken des Andern zunehmt, bis er euch überwaltigt anfleht: nicht mehr -; die ihr unter den Händen euch reichlicher werdet wie Traubenjahre, die ihr manchmal vergeht, nur weil der Andre ganz überhand nimmt: euch frag ich nach uns. Ich weiß, ihr berührt euch so seelig, weil die Liebkosung verhält, weil die Stelle nicht schwindet, die ihr, Zärtliche, zudeckt; weil ihr darunter das reine Dauern verspürt. So versprecht ihr euch Ewigkeit fast von der Umarmung. Und doch, wenn ihr der ersten Blicke Schrecken besteht und die Sehnsucht am Fenster und den ersten gemeinsamen Gang, ein Mal durch den Garten: Liebende, seid ihrs dann noch? Wenn ihr einer dem Andern euch an den Mund hebt und ansetzt -: Getränk an Getränk: o wie entgeht dann der Trinkende seltsam der Handlung. Erstaunte euch nicht auf attischen Stelen die Vorsicht menschlicher Geste? War nicht Liebe und Abschied so leicht auf die Schultern gelegt, als wär es aus anderm Stoffe gemacht, als bei uns? Gedenkt euch der Hände, wie sie drucklos beruhen, obwohl in den Torsen die Kraft steht. Diese Beherrschten wussten damit: so weit sind wirs, dieses ist unser uns so zu berühren; stärker stemmen die Götter uns an. Doch dies ist Sache der Götter. Fänden auch wir ein reines verhaltenes schmales Menschliche, einen unseren Streifen Fruchtlands zwischen Strom und Gestein. Denn das eigene Herz übersteigt uns noch immer wie jene. Und wir können ihm nicht mehr nachschaun in Bilder, die es besänftigen, noch in göttliche Körper, in denen es größer sich mäßigt. * *

Fragmente aus folgenden Elegieen /

Feigenbaum, seit wie lange schon ists mir bedeutend, wie du die Blüthe beinah ganz überschlägst und hinein in die zeitig entschlossene Frucht

ungerühmt drängst dein reines Geheimnis. Wie der Fontäne Rohr treibt dein gebognes Gezweig abwärts den Saft und hinan: und er springt aus dem Schlaf, fast nicht erwachend, ins Glück seiner süßesten Leistung. Sieh, wie der Gott in den Schwan . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wir aber verweilen, ach uns rühmt es zu blühn, und ins verspätete Innre unserer endlichen Frucht gehn wir verrathen hinein. Wenigen steigt so stark der Andrang des Handelns, dass sie schon anstehn und glühn in der Fülle des Herzens wenn die Verführung zum Blühn wie gelinderte Nachtluft ihnen die Jugend des Munds, ihnen die Lider berührt. Helden vielleicht und die frühe Hinüberbestimmten, denen der gärtnernde Tod anders die Adern verbiegt. Diese stürzen dahin: dem eigenen Lächeln sind sie voran wie das Rossegespann in den milden muldigen Bildern von Karnak dem siegenden König. Wunderlich nah ist der Held doch den jugendlich Toten. Dauern ficht ihn nicht an. Sein Aufgang ist Dasein. Beständig nimmt er sich fort und tritt ins veränderte Sternbild seiner steten Gefahr. Dort fänden ihn wenige. Aber, das uns finster verschweigt, das plötzlich begeisterte Schicksal singt ihn hinein in den Sturm seiner aufrauschenden Welt. Hör ich doch keinen wie ihn. Auf einmal durchgeht mich mit der strömenden Luft sein verdunkelter Ton ... Dann, wie verbärg ich mich gern vor der Sehnsucht: 0 wär ich wär ich ein Knabe und dürft es noch werden und säße in die künftigen Arme gestützt und läse von Simson, wie seine Mutter erst nichts und dann alles gebar. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wie hinstürmte der Held durch Aufenthalte der Liebe, jeder hob ihn hinaus, jeder ihn meinende Herzschlag, abgewendet, schon schon, stand er am Ende der Lächeln, - anders * *

Eines ist, die Geliebte zu singen. Ein anderes, wehe, jenen verborgenen schuldigen Fluss-Gott des Bluts. Den sie von weitem erkennt, ihren Jüngling, was weiß er selbst von dem Herren der Lust, der aus dem Einsamen oft ehe das Mädchen noch linderte, oft auch als wäre sie nicht, ach, von welchem Unkenntlichen triefend, das Gotthaupt aufhob, aufrufend die Nacht zu unendlichem Aufruhr. 0 des Blutes Neptun, o sein furchtbarer Dreizack, o der dunkele Wind seiner Brust aus gewundener Muschel. Horch, wie die Nacht sich muldet und höhlt. Ihr Sterne, stammt nicht von euch des Liebenden Lust zu dem Antlitz seiner Geliebten? Hat er die innige Einsicht in ihr reines Gesicht nicht aus dem reinen Gestirn? Du nicht hast ihn, wehe, nicht seine Mutter hat ihm die Bogen der Braun so zur Erwartung gespannt. Nicht an dir, ihn fühlendes Mädchen, an dir nicht bog seine Lippe sich zum fruchtbarern Ausdruck.

Meinst du wirklich, ihn hätte dein leichter Auftritt also erschüttert, du, die wandelt wie Frühwind? Zwar, du erschrakst ihm das Herz; doch ältere Schrecken stürzten in ihn bei dem berührenden Anstoß. Ruf ihn. Du rufst ihn nicht ganz aus dunkelem Umgang. Freilich er will und entspringt; erleichtert gewöhnt er sich in dein heimliches Herz und nimmt und beginnt sich. Aber begann er sich je? Mutter, du machtest ihn klein, du warsts, die ihn anfing; dir war er neu, du beugtest über die neuen Augen die freundliche Welt und wehrtest der fremden. Wo, ach, hin sind die Jahre, da du ihm einfach mit der schlanken Gestalt wallendes Chaos vertratst? Vieles verbargst du ihm so. Da nächtlich-verdächtige Zimmer machtest du harmlos; aus deinem Herzen voll Zuflucht mischtest du menschlichern Raum seinem Nachtraum hinzu. Nicht in die Finsternis, nein, in dein näheres Dasein hast du das Nachtlicht gestellt, und es schien wie aus Freundschaft. Nirgends ein Knistern, das du nicht lächelnd erklärtest, so als wüsstest du längst, wann sich die Diele benimmt. Und er horchte und linderte sich. So vieles vermochte zärtlich dein Aufstehn; hinter den Schrank trat hoch im Mantel sein Schicksal und in die Falten des Vorhangs passte, die leicht sich verschob, seine unruhige Zukunft. Und er selbst, wie er lag, der Erleichterte, unter schläfernden Lidern deiner leichten Gestaltung Süße lösend in den gekosteten Vorschlaf: schien ein Gehüteter. Aber innen: wer wehrte, hinderte innen in ihm die Fluthen der Herkunft? Ach da war keine Vorsicht im Schlafenden; schlafend, aber träumend, aber in Fiebern: wie er sich einließ. Er, der Neue, Scheuende, wie er verstrickt war, mit des innern Geschehens weiterschlagenden Ranken schon zu Mustern verschlungen, zu würgendem Wachsthum, zu thierhaft jagenden Formen. Wie er sich hingab. Liebte. Liebte sein Inneres, seines Inneren Wildnis diesen Urwald in ihm, auf dessen stummem Gestürztsein lichtgrün sein Herz stand. Liebte. Verließ es, ging die eigenen Wurzeln hinaus in gewaltigen Ursprung, wo seine kleine Geburt schon überlebt war. Liebend stieg er hinab in das ältere Blut, in die Schluchten wo das Furchtbare lag, noch satt von den Vätern. Und jedes Schreckliche kannte ihn, blinzelte, war wie verständigt. Ja das Entsetzliche lächelte. Selten hast du so zärtlich gelächelt, Mutter. Wie sollte er es nicht lieben, da es ihm lächelte. Vor dir hat ers geliebt, denn da du ihn trugst schon war es im Wasser gelöst, dass den Keimenden leicht macht Siehe, wir lieben nicht, wie die Blumen, aus einem einzigen Jahr. Uns steigt, wo wir lieben, unvordenklicher Saft in die Arme. 0 Mädchen, dies, dass wir liebten in uns, nicht eines, ein Künftiges, sondern das zahllos Brauende, nicht ein einzelnes Kind, sondern die Wörter, die wie Trümmer Gebirgs uns im Grunde beruhn, sondern das trockene Flussbett einstiger Mütter, sondern die ganze

lautlose Landschaft unter dem wolkigen oder reinen Verhängnis -: dies kam dir, Mädchen, zuvor - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - * *

Dass ich dereinst an dem Ausgang der grimmigen Einsicht Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln. Dass von den klar geschlagenen Hämmern des Herzens keiner versage an weichen, zweifelnden oder jähzornigen Saiten. Dass mich mein strömendes Antlitz glänzender mache; dass das unscheinbare Weinen blühe. 0 wie werdet ihr dann, Nächte, mir lieb sein, gehärmte. Dass ich euch knieender nicht, untröstliche Schwestern hinnahm, nicht in euer gelöstes Haar mich gelöster ergab. Wir Vergeuder der Schmerzen. Wie wir sie absehn voraus in die traurige Dauer ob sie nicht enden vielleicht. Sind aber sind ja Zeiten von uns, unser winterwähriges Laubwerk, Wiesen Teiche angeborene Landschaft, von Geschöpfen im Schilf und von Vögeln bewohnt. Oben, der hohen, steht nicht die Hälfte der Himmel über der Wehmuth in uns der bemühten Natur? Denk, du beträtest nicht mehr dein verwildertes Leidthum, sähest die Sterne nicht mehr durch das herbere Blättern schwärzlichen Schmerzlaubs, und die Trümmer von Schicksal böte dir höher nicht mehr der vergrößernde Mondschein, dass du an ihnen dich fühlst wie ein einstiges Volk? Lächeln auch wäre nicht mehr, das zehrende derer, die du hinüberverlorest: so wenig gewaltsam, eben an dir nur vorbei traten sie rein in dein Leid. (Fast wie das Mädchen, das grade dem Freier sich zusprach, der sie seit Wochen bedrängt, und sie bringt ihn erschrocken an das Gitter des Gartens, den Mann, der frohlockt und ungern fortgeht: da stört sie ein Schritt in dem neueren Abschied, und sie wartet und steht, und da trifft ihr vollzähliges Aufschaun ganz in das Aufschaun des Fremden, das Aufschaun der Jungfrau, die ihn unendlich begreift: den draußen, der ihr bestimmt war, draußen den wandernden Andern, der ihr ewig bestimmt war. Hallend geht er vorbei..) So immer verlorst du; als ein Besitzender nicht: wie sterbend einer, vorgebeugt in die feucht herwehende Märznacht, ach, den Frühling verliert in die Kehlen der Vögel. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - * *

Unwissend vor dem Himmel meines Lebens anstaunend steh ich. 0 die großen Sterne. Aufgehendes und Niederstieg. Wie still. Als wär ich nicht. Nehm ich denn Theil? Entrieth ich dem reinen Einfluss? Wechselt Fluth und Ebbe in meinem Blut nach dieser Ordnung? - Abthun will ich die Wünsche, jeden andern Anschluss,

mein Herz gewöhnen an sein Fernstes. Besser es lebt im Schrecken seiner Sterne, als zum Schein beschützt, von einer Näh beschwichtigt - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - * * *

19 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 26.10.1914
Krakau (Hôtel Royal) 26. X. 1914 Lieber Herr Wittgenstein! Wie gerne hätte ich Sie hier wiedergesehen und gesprochen! Ich kam vorgestern hier an und fahre nun wieder nach Wien und Innsbruck zurück. Georg Trakl liegt hier krank im Garnisonsspital 15 (Abteilung 5); er leidet an schweren psychischen Erschütterungen. Er hätte Sie auch so gerne kennen gelernt und hofft, daß Sie vielleicht doch diese oder nächste Woche nach Krakau zurückkommen; besuchen Sie ihn dann bitte, er dürfte so lange noch im Spital bleiben, wo er sich sehr vereinsamt fühlt. Er hat hier sonst keinen Menschen, der ihn kennt und besucht. Zu meiner immerhin nicht geringen Freude war es mir jedoch vergönnt, Ihren früheren Kommandanten Leutnant Molé (wenn ich nicht irre, jedenfalls so ähnlich) - kennen zu lernen, als ich mich beim Militär-Kommando nach Ihnen erkundigte. Er sprach in der wärmsten und herzlichsten Weise von Ihnen, war voll Anerkennung Ihres Diensteifers und erzählte mir, wie Sie beide oft nachts auf dem Schiffe - während Sie den Scheinwerfer bedienten zusammen philosophierten. Also immerhin konnte ich erfahren, daß es Ihnen gut geht und Sie anregende Tage verbringen. Rilkes Brief, der meinem letzten Schreiben beilag, ist inzwischen wohl in Ihre Hände gelangt. Und nun weiterhin alles Gute und herzlichste Grüße Ihres Ludwig v. Ficker

20 RUDOLF MOLÈ AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 26.10.1914
Lieber Wittgenstein! Hoffentlich haben Sie die Briefe; die ich Ihnen nachgeschickt habe, bekommen. Gestern (Sonntag) war bei mir der Herr v. Ficker und erkundigte sich über Sie. Leider konnte ich ihm nur die Mitteilung machen, daß Sie sich in Szczucin befänden und Ihnen die Briefe nachgeschickt werden. Wie geht es Ihnen? Mir ziemlich gut. Grüssen Sie mir recht schön den wackeren Szybínski und sagen Sie ihm, er möge mir sobald als möglich genaue Daten über sein Assentjahr, Avancement, Auszeichnungen u.s.w. nachschicken. Es grüßt Sie herzlichst ergebenster [D ?] R Molè Krakau, 26/ 10. 1914.

21 GEORG TRAKL AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [wahrsch. 26.10.1914]
Georg Trakl, Medik. Akz. Garnisons Spital Nr. 15 Krakau V. Abt. [wahrsch. 26. 10. 1914] Herrn Ludwig Wittgenstein Krakau Militär Kommando S. M. S. Goplana Sehr verehrter Herr!

Sie würden mich zu großem Dank verpflichten, wenn Sie mir die Ehre Ihres Besuches geben würden. Ich bin seit beiläufig 14 Tagen im hiesigen Garnis. Spit. auf der fünften Abteilung für Geistes und Nervenkranke. Möglicherweise werde ich das Spital in den nächsten Tagen verlassen können um wieder ins Feld zurückzukehren. Bevor darüber eine Entscheidung fällt, möchte ich herzlich gerne mit Ihnen sprechen. Mit den besten Grüßen Ihr ergebener Georg Trakl

22 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [wahrsch. 28.10.1914]
Ludwig Wittgenstein Militär Komando Krakau S.M.S. Goplana [wahrsch. 28. 10. 1914] Herrn Ludwig von Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Tirol Sehr geehrter Herr v. Ficker! Besten Dank für lhre liebe Karte und den beigelegten Brief Rilkes. Er schreibt daß der Krieg die Menschen aus ihrer Arbeit herausreisse - und, denken Sie, ich arbeite gerade in den letzten 6 Wochen so gut wie selten! Möge es vielen gehen wie mir! Auch ich freue mich auf ein, hoffentlich baldiges, Wiedersehen. Ihr aufrichtig ergebener Ludwig Wittgenstein

23 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [wahrsch. 30.10.1914]
Ludwig Wittgenstein Militär Komando Krakau S.M.S. Goplana [wahrsch. 30. 10. 1914] Herrn Ludwig von Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Tirol Lieber Herr v. Ficker! Besten Dank für Ihre Karte. Zugleich kam ein Brief von Ltnd. Molé, der mir schrieb, Sie hätten sich bei ihm nach mir erkundigt. Wie schade, daß wir einander nicht treffen konnten!! - Den armen Trackl bedaure ich sehr, vielleicht kann ich ihn doch noch sehen, wenn ich wieder nach Krakau komme. Herzlichsten Gruß! Ihr Ludwig Wittgenstein

24 AN RAINER MARIA RILKE, 3.11.1914
Schriftleitung "Der Brenner" Innsbruck-Mühlau 3. XI. 1914 Hochverehrter Herr! Gestatten Sie mir, Ihnen aus tiefstem Herzen Dank zu sagen für Ihre freundlichen Zeilen sowohl wie für die herrliche Gabe, die den edlen Jüngling, dem sie zugedacht ist, aufs innigste beglücken wird. Ich konnte sie ihm noch nicht zugehen lassen, da ich erst gestern aus Krakau zurückgekehrt bin, wohin ich einem traurigen Ruf eines Freundes, des Dichters Georg Trakl, gefolgt war, der aufs tiefste verstört von dem Furchtbaren, das er im Feld erlitten, dort im Garnisonsspital darniederliegt. Meine Hoffnung, dort auch unseren jungen Freund, der der Festungsartillerie in Krakau zugeteilt ist, anzutreffen, ging leider nicht in Erfüllung; denn er verrichtet auf einem Schiff der Weichselflottille Dienst, das bis auf weiteres in der Nähe von Sandomierz stationiert ist. Doch hatte ich das Glück, mit seinem bisherigen Kommandanten zu sprechen, der des Lobes über ihn voll war und mir erzählte, wie gern er sich der schönen Nächte erinnere, die sie beide zusammen auf Deckwacht verbrachten, und wie sie dabei oft tief ins Gespräch gekommen seien, während der junge Mann, der jede, auch die geringste und die schwerste Arbeit gewissenhaft verrichtete, Kartoffeln schälte oder den Scheinwerfer bediente.

Aus dieser Andeutung bitte ich Sie zu entnehmen, dass trotz der ungewöhnlichen Umstände, in denen er sich befindet, es ihm gar wohl vergönnt sein wird, den Anruf Ihrer Stimme so in sich aufzunehmen, dass er aufs tiefste davon erfüllt sein wird. Zugleich aber möchte ich annehmen, dass sein Leben nicht so unmittelbar bedroht ist wie das vieler anderwärts im Felde Stehenden. Sollte sich, was die Vorsehung verhüten möge, dennoch etwas Unerwartetes ereignen, das sein Schicksal bedroht, so sollen Sie sich darauf verlassen, dass ich Ihnen unverzüglich davon Mitteilung machen werde. Selbstverständlich werde ich keinem Menschen Einblick in Ihre Elegien gewähren außer ihm, für den sie bestimmt sind und dem ich sie morgen zugehen lassen werde. Ihren Brief beizulegen gestatten Sie mir ja wohl ohne weiteres. Zum Schlusse danke ich Ihnen noch im Besonderen für Ihre Bereitwilligkeit, mein Brenner-Jahrbuch durch einen Beitrag auszuzeichnen. Welcher Art er sei - am liebsten freilich ein rein dichterischer, Prosa oder Verse - dies zu bestimmen möchte ich, verehrter Herr, vorerst ganz Ihrer Neigung überlassen. Es begrüßt Sie in Ergebenheit Ihr Ludwig v. Ficker

25 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [6.11.1914]
Ludwig Wittgenstein Militär Komando Krakau S.M.S. Goplana [6. 11. 1914] Herrn Ludwig von Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Tirol Lieber Herr v. Ficker! Gestern nachts kam ich hier an, und erhielt heute früh im Garnisons Spital die Nachricht vom Tode Trakls. Ich bin erschüttert; obwohl ich ihn nicht kannte! Möchte es mir vergönnt sein Sie doch noch einmal hier zu sehen! Ihr ergebener Ludwig Wittgenstein

26 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [9.11.1914]
Ludwig v. Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Herrn Ludwig Wittgenstein S. M. S. Goplana Krakau Militär-Kommando Lieber, verehrter Freund! Bin fassungslos über Ihre Nachricht. Bitte teilen Sie mir umgehend Näheres über Trakls erschütterndes Hinscheiden mit. Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden könnte. Und haben Sie tausendmal Dank, auch für die letzte Wohltat, die Sie dem Armen erweisen wollten. Herzlichst und tief ergeben Ihr Ludwig v. Ficker 9. XI. 1914

27 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 16.11.1914
[Krakau] 16. 11. 14. Lieber Herr v. Ficker! Ich danke Ihnen für Ihre Karte vom 9.ten. Alles was ich über das Ende des armen Trakl erfahren habe ist dies: Er ist drei Tage vor meiner Ankunft an Herzlähmung gestorben. -

Es widerstrebte mir, mich auf diese Nachricht hin noch weiter nach Umständen zu erkundigen, wo doch das einzig Wichtige schon gesagt war. Am 30ten October hatte ich von Trakl eine Karte erhalten mit der Bitte ihn zu besuchen. Ich antwortete umgehend: ich hoffte in den nächsten Tagen in Krakau einzutreffen und würde dann sofort zu ihm kommen. Möchte Sie der gute Geist nicht verlassen! Und auch nicht Ihren ergebenen Ludwig Wittgenstein

28 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [28.11.1914]
Ludwig Wittgenstein Militär Kommando Krakau S.M.S. Goplana [Poststempel: 28. XI. 14] Herrn Ludwig von Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Tirol Lieber Herr v. Ficker! Ich danke Ihnen für die Zusendung der Gedichte Trakls Ich verstehe sie nicht; aber ihr Ton beglückt mich. Es ist der Ton der wahrhaft genialen Menschen. Wie gerne möchte ich Sie sehen und mich über manches aussprechen! Sein Sie herzlichst gegrüßt von Ihrem Ludwig Wittgenstein

29 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [Mitte Dezember 1914]
Ludwig Wittgenstein K u k Werkstätte der Festung Krakau Art. Autodetachement [Mitte Dezember 1914] Herrn Ludwig von Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Tirol Lieber Herr v. Ficker! Vor kurzer Zeit bin ich von dem Weichsel-Schiff "Goplana" abkommandiert worden und bin jetzt als Techn. Beamter beim Artillerie Autodetachement (genaue Adresse auf der anderen Seite) Ich grüße Sie herzlichst. Ihr ergebener Ludwig Wittgenstein

30 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 29.12.1914
Innsbruck-Mühlau 102, am 29. Dezember 1914 Lieber Herr Wittgenstein! Bisher wagte ich es nicht, Ihnen die weiteren Belege für die Verteilung des Kapitals zuzusenden, da die Unsicherheit der Lage um Krakau zur Vorsicht riet - wer weiß, ob ein Brief nicht verloren gegangen wäre! Ein Schaden, der nicht mehr gut zu machen gewesen wäre; denn es befindet sich darunter eine handschriftliche Widmung Rilke's an Sie, die Ihnen die tiefste Freude bereiten dürfte. Um so froher war ich, als ich heute soeben Ihre Karte mit der neuen Adresse erhielt; denn nun glaube ich die Sendung unbesorgt der Post anvertrauen zu können. Wie Sie sehen, habe ich bei Realisierung der von Ihnen gebilligten Vorschläge nachträglich Albert Ehrenstein mit 1000 Kronen und auf einen Wink dieses letzteren den augenscheinlich momentan etwas bedrängten Adolf Loos mit 2000 Kronen einbezogen. Durch die Zuwendung an Loos, die unter den gegebenen Umständen ohne weiteres geboten schien (ich bin überzeugt, Sie selbst stimmen ihr rückhaltlos zu), mußte ich die Beträge für Richard Weiß und L. E. Tesar, die ursprünglich auf je 2000 Kronen angesetzt waren, um je 1000 Kronen mindern, was sich noch machen ließ, da diese Zuwendungen noch nicht gemacht werden konnten; Tesar befindet sich nämlich im Feld und Weiß, der zuletzt in England war, ist vorderhand nicht zu ermitteln.

Das Kapital, das Trakl aus Ihrer Stiftung besaß, ist auf Grund einer letztwilligen Verfügung an seine in großer Armut lebende Schwester gefallen, an der er mit großer Zärtlichkeit hing. Der Brief an mich, in dem er diese Verfügung traf, - sein letzter - lautet: "Krakau, am 27. Okt. 1914. Lieber, verehrter Freund! Anbei übersende ich Ihnen die Abschriften der beiden Gedichte, die ich Ihnen versprochen. Seit Ihrem Besuch im Spital ist mir doppelt traurig zu Mute. Ich fühle mich fast schon jenseits der Welt. - Zum Schlusse will ich noch beifügen, daß im Fall meines Ablebens es mein Wunsch und Wille ist, daß meine liebe Schwester Grete alles, was ich an Geld und sonstigen Gegenständen besitze, zu eigen haben soll. Es umarmt Sie, lieber Freund, innigst Ihr G. T." Darf ich bei dieser Gelegenheit eine Bitte, vielmehr nur eine Anfrage an Sie richten? Wäre es Ihnen möglich nachsehen zu lassen, ob Trakls Grab in einer Weise kenntlich gemacht ist, daß ein Irrtum bei einer späteren Exhumierung ausgeschlossen ist? Mir und der Schwester des Dichters läge nämlich alles daran, seine Gebeine nach Friedensschluß nach Tirol überführen und sie hier im herrlich gelegenen neuen Friedhof von Mühlau beisetzen zu lassen. Denn hier sind seine bedeutendsten Dichtungen entstanden, von hier - vom "Brenner" - aus drang seine Bedeutung durch und hier, wo er durch ein Jahr mein Hausgenosse war, hatte er vor dem Krieg, in den er mit Begeisterung zog, die letzte Zuflucht gefunden. Auch habe ich persönlich so sehr an ihm gehangen, daß mir dieser letzte Liebesdienst zu seinen Ehren als eine besondere Freundespflicht erscheint. Ich selbst werde nun auch in absehbarer Zeit zur Kriegsdienstleistung einberufen werden, nachdem ich bei der Stellung für das erste Landsturm-Aufgebot für waffentauglich befunden wurde. Möglich also, daß ich Sie doch noch dort oben wiedersehen werde. Einstweilen grüßt Sie herzlichst in Ergebenheit Ihr Ludwig v. Ficker

31 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 10.1.1915
Abs. Ludwig von Ficker, Innsbruck-Mühlau 102 Herrn Ludwig Wittgenstein k. u. k. Werkstätte der Festung Krakau Artillerie-Autodetachement Schriftleitung "Der Brenner" / Innsbruck-Mühlau 102 10. 1. 1915 Lieber Herr Wittgenstein! Ich hatte Ihnen Ende Dezember ein ausführliches Schreiben und als Beilage eine größere Anzahl von Dankbriefen der bedachten Autoren an Ihre neue Adresse gesandt. Diese Sendung erhielt ich zu meiner Überraschung heute als unbestellbar mit dem Vermerk zurück, daß der Adressat dort unbekannt sei. Es ist Ihnen doch hoffentlich nichts zugestoßen. Oder sind Sie inzwischen wieder einem anderen Dienstzweig zugeteilt worden? Falls diese Karte, die ich nochmals an die zuletzt mitgeteilte Adresse sende, in Ihre Hände gelangt, dann schreiben Sie mir bitte freundlichst, an welche sichere Adresse ich Ihnen die retournierte Sendung überweisen kann. Inzwischen grüßt Sie in herzlicher Ergebenheit Ihr Ludwig v. Ficker

32 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [17.1.1915]
Ludwig Wittgenstein Art. Autodetachement "Oblt Gürth" Feldpost N° 186 [Poststempel: 17. I. 15] Herrn Ludwig von Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Tirol Lieber Herr v. Ficker! Ich erhielt heute Ihre Karte vom 10.1.. Sie ist ganz richtig adressiert und die Rücksendung jenes Briefes nur dem Betriebe unserer Post zuzuschreiben. Am sichersten ist jedoch die Adresse auf der Rückseite dieser Karte. Herzlichste Grüße von Ihrem ergebenen Ludwig Wittgenstein

33 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [1.2.1915]
Ludwig Wittgenstein K. u. k. Art. Werkstätte der Festung Krakau. FELDPOST Nr. 186. [Poststempel: 1. II. 15] Herrn Ludwig von Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Tirol Lieber Herr v. Ficker! Den angekündigten Brief habe ich leider noch nicht erhalten. Man ist wirklich "von der Mitwelt durch die Feldpost abgeschnitten". Wie schön wäre es wenn Sie einmal hierher kommen könnten! Versuchen Sie bitte in jedem Falle eine Nachricht durchzudrücken. Herzlichste Grüße von Ihrem ergebenen Ludw Wittgenstein

34 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 3.2.1915
Ludwig von Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. k. Artillerie-Werkstätte der Festung Krakau Art. Autodetachement "Oblt. Gürth" 3. II. 1915 Lieber Herr Wittgenstein! Ich sende Ihnen mit gleicher Post die Briefbelege, die vor einigen Wochen an mich zurückkamen. Ich muß am 15. ds. einrücken, und zwar werde ich zur Abrichtung voraussichtlich nach Brixen zum 2. Tiroler Kaiserjäger-Regiment kommen. Vor ich dann ins Feld muß, hoffe ich noch mein Brenner-Jahrbuch erscheinen lassen zu können. Es wird Ihnen dann das erste Exemplar zugehen; für heute sende ich Trakls eben erschienenes nachgelassenes Gedichtbuch. Herzlich ergeben grüßt Sie Ihr Ludwig v. Ficker

35 AN RAINER MARIA RILKE, 4.2.1915
DER BRENNER Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102 4. II. 1915 Sehr geehrter Herr! Sie waren so freundlich, auf meine seinerzeitige Einladung hin mir einen Beitrag für das im Frühjahr erscheinende Brenner-Jahrbuch in Aussicht zu stellen. Da ich am 15. dieses Monats einrücken muß (zum 2. Tiroler Kaiserjäger-Regiment nach Brixen) und dieser Umstand mich nötigt, die Herausgabe des Jahrbuchs zu beschleunigen, so gestatte ich mir die höfliche Anfrage, ob ich auf Ihr Entgegenkommen nach wie vor rechnen darf, rückhaltloser gesagt: ob ich einen Beitrag - am liebsten wären mir Verse - möglichst im Verlauf der nächsten vierzehn Tage erwarten darf. Für genaueste Korrektur verbürge ich mich. Das Jahrbuch wird im ungefähren Umfang von 200 Seiten erscheinen, wobei folgende Beiträge (in nachstehend geplanter Anordnung) in Aussicht genommen sind : Georg Trakl: Die letzten Gedichte Sören Kierkegaard: Vom Tode (Rede) (Erste deutsche Übertragung von Theodor Haecker) Georg Trakl: Offenbarung und Untergang

(Prosastück) Rainer Maria Rilke: (Verse) Carl Dallago: Der Anschluss an das Gesetz (Versuch einer vollständigen Wiedergabe des Taoteking auf Grund einer vergleichenden Kritik der bisher erschienenen, völlig von einander abweichenden und verworrenen Übertragungen) Theodor Haecker: Der Krieg und die führenden Geister (Essay) Ein Bildnis Georg Trakls († am 3. Nov. 1914 in Krakau) Zur Orientierung über Format und beiläufige Ausstattung des Jahrbuchs lasse ich Ihnen eine Publikationsprobe und einen privaten Sonderdruck unseres Verlags zugehen. Unser Freund im Feld konnte bisher nur in ein paar einfachen Dankeszeilen seiner Freude über die Überreichung Ihrer Verse Ausdruck geben. Es begrüßt Sie, sehr geehrter Herr, Ihres gütigen Bescheids gewärtig in ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebener Ludwig v. Ficker

36 VON RAINER MARIA RILKE, 8.2.1915
z. Zt. Irschenhausen bei Ebenhausen (Isarthal) Pension Landhaus "Schönblick". am 8. Febr. 1915 Sehr geehrter Herr v. Ficker, längst würde ich Ihnen geschrieben haben, wenn nicht das Gewicht der Zeit auf der mindesten Mittheilung und Aussprache läge, so dass ich kein Wort schreiben kann, ohne unverhältnismäßige Anstrengung: vor der würde ich nicht zurückscheuen, wenn ich nicht fürchten müsste, dass dieses Anstreben gegen unfassliche und unübersehliche Widerstände, den Inhalt selbst des Geschriebenen gleichsam aufhebt und überwiegt; da doch ein innerer eindeutiger Impuls nicht da ist, der die mühsam durchgesetzte Bewegung in einen reinen Ausdruck triebe, sondern das bloße Schreibenkönnen schon Phänomen genug ist. So schwieg ich denn. Aber ich bin Ihnen dankbar, dass Sie das Schweigen aufgegeben haben, um mich an meinen versprochenen Beitrag für den "Brenner" zu erinnern. Ich könnte Ihnen sofort etwas aus meinen Papieren schicken, ein paar Verse, da indessen noch etwa zehn Tage, oder wenigstens acht, mir zugestanden sind, lasse ich es darauf ankommen, ob nicht vielleicht irgend ein Gedicht entsteht, ein neues, jetziges, - sei es auch nicht mehr, als das Geräusch, mit dem ein Stück Schweigens abbröckelt von der großen Masse Stummseins in mir: denn wie ich den Inhalt des Brenner-Heftes, den Sie mir, dem Namen nach, vorstellen, betrachte, vermuthe ich, dass ein solcher Beitrag Ihnen willkommener und dem Zusammenhang durchaus angepasster wäre. Was mich angeht, so hatte ich innerlich und von Außen her unruhige Wochen; eine Zeit lang war ich in Berlin, bin aber dann doch wieder nach München zurückgegangen, von wo ich jetzt, nur für ein paar Tage, die reine Jahreszeit aufgesucht habe, die hier verschneite Thäler und dunkle Waldstreifen unter ausgedehnte Himmel zusammenfasst. Längstens gegen Mitte der Woche bin ich wieder in München (Finkenstr. 2IV). Auf Ihrigen letzten Brief hätte ich Ihnen gerne berichtet, wie ich im Julÿ in Paris, mit Georg Trakl's Gedichten gerade sehr viel, sehr ergriffen umgegangen war; inzwischen hat sich sein Schicksal um ihn geschlossen, und nun ist freilich noch deutlicher zu erkennen, wie weit sein Werk schon aus dem schicksalhaft Untergänglichen ausgetreten und ausgeworfen war. (Ich erwarte dieser Tage den "Sebastian", den ich mir gleich, da ich ihn angezeigt las, bestellt habe.) Die kleine Zeile in der Sie seiner Erwähnung thun, nehme ich als Zeugnis für das Wohlergehen des unbekannten Freundes draußen recht herzlich in Anspruch. Bis zum nächsten Mal Ihr aufrichtig ergebener R. M. Rilke Dienstag früh. (Nachschrift) Gestern abend erst fand ich in dem Umschlag, aus dem ich mir den Kierkegaard entnommen hatte, Trakl's Helian -, und danke Ihnen nun ganz besonders für die Sendung. Jedes Anheben und Hingehen in diesem schönen Gedicht ist von einer unsäglichen Süßigkeit, ganz ergreifend ward es mir durch seine inneren Abstände, es ist gleichsam auf seine Pausen aufgebaut, ein paar Einfriedigungen um das grenzenlos Wortlose: so stehen die Zeilen da. Wie Zäune in einem flachen Land, über die hin das Eingezäunte fortwährend zu einer unbesitzbaren großen Ebene zusammenschlägt. Wann ist der Helian geschrieben? Vielleicht haben Sie irgendwo ein paar Daten und Erinnerungen über den

Dichter zusammengestellt?; sollten Sie Derartiges an die Öffentlichkeit geben, so bitte ich um einen Hinweis, wo es zu lesen ist. Trakl's Gestalt gehört zu den linoshaft Mÿthischen; instinktiv fass ich sie in den fünf Erscheinungen des Helian. Greifbarer hat sie wohl nicht zu sein, war sie es wohl nicht aus ihm selbst. Trotzdem erwünscht ich mir für manche Zeile einen Hinweis auf ihn, nicht um wörtlich zu "verstehn", sondern nur um im Instinkt da und dort bestärkt zu sein. (Die Nachrichten über T. in den "Weißen Blättern" und in der "Neuen Rundschau" hab ich gelesen.) Seien Sie mir herzlich, dankbar, gegrüßt. Ihr R. M. R.

37 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 9.2.1915
Ludwig Wittgenstein K.u.k. Art. Werkstätte der Festung Krakau. FELDPOST Nr. 186 Herrn Ludwig von Ficker Innsbruck-Mühlau 102 Tirol 9. 2. 15. Lieber Herr v. Ficker! Ich erhielt soeben Trakl's Buch. Vielen Dank! Ich bin jetzt in einer sterilen Zeit und habe keine Lust fremde Gedanken aufzunehmen. Diese habe ich nur während des Abfalls der Produktivität, nicht wenn sie schon ganz aufgehört hat. Aber - leider - fühle ich mich jetzt ganz ausgebrannt! Man muß eben Geduld haben. Wie gern würde ich Sie jetzt sehen! Ihr ergebener Ludwig Wittgenstein P.S. Den angekündigten Brief habe ich noch nicht erhalten

38 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 13.2.1915
K. u. k. Art. Werkstätte der Festung Krakau. FELDPOST Nr. 186. 13. 2. 15 Lieber Herr von Ficker! Vielen Dank für Ihren lieben Brief vom 21.12.14.! Anbei schicke ich die Belege zurück, mit Ausnahme der an mich gerichteten Zeilen Hauers und von Rilkes liebem, edlem Brief. Die anderen Briefe hätte ich als Belege nicht gebrau[ch]t; als Dank waren sie mir - offen gestanden - größtenteils höchst unsympathisch. Ein gewisser unedler fast schwindelhafter Ton - etc. Rilkes Schreiben an Sie hat mich gerührt und tief erfreut. Die Zuneigung jedes edlen Menschen ist ein Halt in dem labilen Gleichgewicht meines Lebens. Ganz unwürdig bin ich des herrlichen Geschenkes, das ich als Zeichen und Andenken dieser Zuneigung am Herzen trage. Könnten Sie Rilke meinen tiefsten Dank und meine treue Ergebenheit übermitteln! Trakls Grab hat die Exhibit Nummer 3570 und die Bezeichnung: Gruppe XXIII. Reihe 13 Grab N° 45. Möchte Ihnen Ihre militärische Tätigkeit Freude bereiten! Wie schön wäre es wenn sie uns zusammen brächte! Herzlichst grüßt Sie Ihr ergebener Ludwig Wittgenstein

39 VON RAINER MARIA RILKE, 15.2.1915
München, Finkenstr. 2IV am 15. Februar 1915. Sehr geehrter Herr v. Ficker,

es ist nun doch nichts Neues -, ich bin unergiebiger als ich dachte, - sondern im Blättern durch mein Taschenbuch fanden sich die beiliegenden Verse; es will mir scheinen, als könnten sie Ihnen recht sein. Ist dies nicht der Fall, so lassen Sie michs wissen, ich suche dann rasch noch etwas anderes. Ich zögerte, über diese Abschrift einen Titel zu setzen und unterließ es schließlich. Vielleicht stimmen wir auch darin gefühlsmäßig überein. Was den Druck angeht, so wäre es mir lieb, wenn man meinem Manuscript genau folgte, die Unterscheidungszeichen beibehielte, ebenso wie die kleingeschriebenen Zeilenanfänge. Wollen Sie gütigst den Corrector in diesem Sinne beauftragen. Inzwischen habe ich den "Sebastian im Traum" bekommen und viel darin gelesen: ergriffen, staunend, ahnend und rathlos; denn man begreift bald, dass die Bedingungen dieses Auftönens und Hinklingens unwiderbringlich einzige waren, wie die Umstände, aus denen eben ein Traum kommen mag. Ich denke mir, dass selbst der Nahstehende immer noch wie an Scheiben gepresst diese Aussichten und Einblicke erfährt, als ein Ausgeschlossener: denn Trakl's Erleben geht wie in Spiegelbildern und füllt seinen ganzen Raum, der unbetretbar ist, wie der Raum im Spiegel. (Wer mag er gewesen sein?) Alles Gute für Sie, lieber Herr von Ficker, und die Grüße eines stetigen Gedenkens. Ihr R M Rilke BEILAGE So angestrengt wider die starke Nacht werfen sie ihre Stimmen ins Gelächter, das schlecht verbrennt. O aufgelehnte Welt voll Weigerung. Und athmet doch den Raum, in dem die Sterne gehen. Siehe, dies bedürfte nicht und könnte, der Entfernung fremd hingegeben, in dem Übermaß von Fernen sich ergehen, fort von uns. Und nun geruhts und reicht uns ans Gesicht wie der Geliebten Aufblick; schlägt sich auf uns gegenüber und zerstreut vielleicht an uns sein Dasein. Und wir sinds nicht werth. Vielleicht entziehts den Engeln etwas Kraft, dass nach uns her der Sternenhimmel nachgiebt und uns hereinhängt ins getrübte Schicksal. Umsonst. Denn wer gewahrts? Und wo es einer gewärtig wird: wer darf noch an den Nachtraum die Stirne lehnen wie ans eigne Fenster? Wer hat dies nicht verleugnet? Wer hat nicht in dieses eingeborne Element gefälschte schlechte nachgemachte Nächte hereingeschleppt und sich daran begnügt? Wir lassen Götter stehn um gohren Abfall; denn Götter locken nicht. Sie haben Dasein und nichts als Dasein, Überfluss von Dasein, doch nicht Geruch, nicht Wink. Nichts ist so stumm wie eines Gottes Mund. Schön wie ein Schwan auf seiner Ewigkeit grundlosen Fläche: so zieht der Gott und taucht und schont sein Weiß Alles verführt. Der kleine Vogel selbst thut Zwang an uns aus seinem reinen Laubwerk die Blume hat nicht Raum und drängt herüber -, was will der Wind nicht alles? Nur der Gott, wie eine Säule, lässt vorbei, vertheilend, hoch oben, wo er trägt, nach beiden Seiten die leichte Wölbung seines Gleichmuths. ----

Rainer Maria Rilke.

40 AN RAINER MARIA RILKE, 20.2.1915
Herrn Rainer Maria Rilke Pension Pfanner München Finkenstr. 2 Brixen, am 20. Feber 1915 Verehrter Herr Rilke! Gestatten Sie mir einstweilen - ehe ich mich in das völlig Neue und Fremde meines gegenwärtigen Lebens gefunden - Ihnen mit diesen wenigen Worten Gruß und Dank zu entbieten für Ihre freundlichen Briefe sowohl wie für die Verse, die veröffentlichen zu dürfen mir eine Ehre sein wird. Leider läßt die äußere Anordnung des Jahrbuchs keine Nichtbetitelung zu. Würde "Verse" genügen? Tief ergeben grüßt Sie Ihr Ludwig v. Ficker Landsturm Einj. Freiw. im 2. Tiroler Kaiserjäger-Regiment

41 AN RAINER MARIA RILKE, [17.3.1915]
rainer maria rilke finkenstr 2 pension kanner muenchen Brixen [17.3.1915] darf ich wegen betittelung der pferde um kuerzesten beschejd bitten ergebenste gruesse ludwig von ficker hotel tirol brixen

42 VON RAINER MARIA RILKE,18.3.[1915]
Herrn Ludwig von Ficker Hotel Tirol BRIXEN München, 18 / III [1915] Bezeichnung Verse durchaus recht herzliche Gute grüse Rilke

43 VON LEOPOLDINE WITTGENSTEIN, 8.7.[1915]
Poldy Wittgenstein Wien XVII Neuwaldeggerstr. 38 H. Ludwig von Ficker dz. Einj. Freiw. Unterjäger im II. Regim. d. Tiroler Kaiserjäger III Ersatzcompagnie Beneschau Böhmen Wien Neuwaldegg d. 8. Juli [1915] Sehr geehrter Herr! Im Besitze Ihrer geehrten Zeilen danke ich Ihnen für Ihre freundliche Erkundigung nach dem Ergehen meines Sohnes Ludwig. Ich habe häufige und bisher glücklicherweise immer gute Nachricht von ihm. Er ist gesund und in seiner Tätigkeit sehr zufrieden. Seine Adresse lautet: Landsturm Ingenieur L. W. K. u. K. Artillerie Werkstätten der Festung Krakau Hoffendlich erhält er dahin Ihr nächstes Schreiben. Ihre sehr ergebene Poldy Wittgenstein

44 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 11.7.1915

Beneschau, 11. VII. 1915 Lieber Herr Wittgenstein! Ihre Frau Mutter hatte die Freundlichkeit, mir Ihre Adresse und zugleich beruhigende Auskunft über Sie zu geben. Ich hatte Ihnen vor mehr als vier Monaten von Brixen aus geschrieben, blieb aber solange ohne weitere Nachricht, daß ich nachgerade unruhig zu werden begann und mit der Möglichkeit rechnete, es sei Ihnen etwas zugestoßen. Zumindest dachte ich, Sie seien von Krakau weggekommen und möglicherweise an der Front. Nun aber will mir scheinen, als habe Sie mein Brief (der allerdings nichts wesentlich Beantwortenswertes enthielt) nicht erreicht, obwohl ich ihn auch nicht zurückerhielt. So will ich neuerdings versuchen, Ihnen über mein bisheriges Schicksal beim Militär einiges Wenige mitzuteilen. Die Zeit der Abrichtung in Brixen (Februar - Mai) ist mir, obwohl mir meine Situation oft ganz unfaßlich vorkam (ich hatte mit einigen wenigen älteren Landstürmern unter einer überlauten Horde von kaum Zwanzigjährigen einen genug schweren Stand), in freundlichster Erinnerung geblieben. Die mitunter ausgedehnten und auch anstrengenden Marschübungen in das Berggelände des Eisacktals waren herrlich, ich ertrug alle Strapazen in einer Weise, über die ich mich selbst oft wundern mußte, so frei und leicht fühlte ich mich körperlich bei aller Müdigkeit. Ich versäumte auch, seit ich beim Militär bin, nie eine Ausrückung und meldete mich nie marod. Bisweilen allerdings litt und leide ich noch an Schlaflosigkeit. Allerdings war und bin ich geistig ganz benommen und betäubt, so daß ich kaum lesen, geschweige denn zu schreiben vermag. Ich kann auch nicht sagen, ob und wie lange ich diesen Ausnahmszustand seelisch ertrage; denn ich weiß noch immer nicht, wie ich mir das alles zurecht legen soll. Ich fühle mich so aus mir selbst herausgerissen, daß ich mir über nichts Rechenschaft zu geben vermag. Ich versehe meinen Dienst, so gut es eben geht, ohne besondere Ambition, aber so gewissenhaft, wie es mir 35jährigem, der stets fern diesem Milieu gelebt hat, möglich ist. Täglich kostet es mich Überwindung, aber täglich tue ich meine Pflicht, so daß ich bisher nie einen Anstand hatte, obschon ich immer deutlicher empfinde, wie wenig ich mich im Grunde zum Feldsoldaten eigne. Von Brixen kam ich nach Innsbruck auf die Chargenschule, wo es mir schon weniger behagte. Denn bei aller Willigkeit wollte sich mein anders geschulter Kopf in dem Studium des Reglements und bei den taktischen Übungen nicht prompt genug zurecht finden. Ich bekam Angst, selbständige Entschlüsse fassen zu müssen in einem Wirkungskreis, der meiner Natur noch immer fremd und verschlossen ist, ich fürchte die Verantwortung, je mehr die Kommando-Befugnis wächst, und seit ich von Innsbruck hieher nach Beneschau zur Kompagnie kam, lebe ich förmlich unter einem Alpdruck, obwohl der Dienst im allgemeinen weniger anstrengend ist. Dazu kommt noch, daß wir Einjährigen-Chargen hier in der Kaserne schlafen müssen - 36 Mann in einem Zimmer Strohsack an Strohsack auf dem Boden - ohne Möglichkeit, sich ordentlich zu waschen, immer in Gemeinschaft also, ohne eine Stunde des Alleinseins, weder bei Tag noch bei Nacht - es ist fürchterlich. Manchmal heißt es, daß wir von hier weg kommen, zurück nach Tirol. Aber keiner glaubt mehr daran. Und so werde ich wohl hier in dieser qualvollen Verlorenheit aushalten müssen, bis ich ins Feld komme, was auch kaum vor September zu erwarten ist. Manchmal ist mir, lieber Freund, als sei mein Dasein schon erledigt. Kaum an Frau und Kinder vermag ich mehr ein Lebenszeichen zu geben. So sehr haben diese Verhältnisse nachgerade meiner Widerstandskraft zugesetzt. Verzeihen Sie diese Anwandlung von Schwäche! Ich bin sonst nicht sehr mitteilsam - heute weniger denn je - und ich hoffe mich schon wieder zusammennehmen zu können. Schreiben Sie mir ein paar Zeilen, wie es Ihnen geht. Es grüßt Sie in herzlicher Ergebenheit Ihr Ludwig v Ficker dz. Einj. Freiw. Unterjäger im II. Rgt. der Tir. Kaiserjäger, I. Ersatz-Komp. Beneschau (Böhmen)

45 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [24.7.1915]
[Poststempel: K. U. K. FELDPOSTAMT 186, 24. VII. 15] Lieber Herr v. Ficker! Vor einer Woche erhielt ich Ihren Brief vom 11ten. Am selben Tag erlitt ich durch eine Explosion in der Werkstätte einen Nervenshock und ein paar leichte Verletzungen, konnte also nicht gleich antworten. Dies schreibe ich im Spital. Ihren Brief aus Brixen habe ich nicht erhalten. Ihre traurigen Nachrichten verstehe ich nur zu gut. Sie leben sozusagen im Dunkel dahin und haben das erlösende Wort nicht gefunden. Und wenn ich, der so Grund verschieden von Ihnen bin, etwas raten will, so scheint das vielleicht eine Eselei. Ich wage es aber trotzdem. Kennen

Sie die "Kurze Erläuterung des Evangeliums" von Tolstoi? Dieses Buch hat mich seinerzeit geradezu am Leben erhalten. Würden Sie sich dieses Buch kaufen und es lesen?! Wenn Sie es nicht kennen, so können Sie sich auch nicht denken, wie es auf den Menschen wirken kann. Wären Sie jetzt hier so möchte ich vieles sagen. In einer Woche werde ich vielleicht auf etwa 14 Tage nach Wien fahren. Wenn wir uns dort treffen könnten! Schreiben Sie mir wieder. Ihr ergebener L Wittgenstein

46 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [Ende August 1915]
L Wittgenstein K. u k. Art. Werkstättenzug 1 Feldpost N° 12 [Ende August 1915] Herrn Ludwig von Ficker Einj. Freiw. Unterjäger im II. Regt. der Tiroler Kaiserjäger I Ersatz Komp Böhmen Beneschau Lieber Herr v. Ficker! Meine Adresse ist jetzt: K. u. k. Art. Werkstättenzug I. Feldpost N° 12 Wie geht es Ihnen?? Möchte es mir vergönnt sein Sie wiederzusehen. Ihr ergebener Wittgenstein

47 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [12.9.1915]
Wittgenstein K u k. A. W. Z. 1. Feldpost N° 12 [Poststempel: 12. IX. 15] Herrn Ludwig von Ficker Einj. Freiw. Unterjäger im Tiroler Kaiserjäger Reg N° 2 2. Ersatz Komp. Böhmen Beneschau Lieber Herr v. Ficker! Ich weiß nicht ob ich Ihnen schon meine neue Adresse mitgeteilt habe: K u k. Artillerie Werkstätten Zug 1 Feldpost N° 12 Bitte schreiben Sie mir bald wie es Ihnen geht. Gott mit Ihnen! Ihr ergebener L Wittgenstein

48 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 2.11.1915
Wittgenstein K.u k. Art. Werkstätten Zug 1 Feldpost 12 Herrn Ludwig von Ficker Einj. Freiw. Unterjäger im II. Regt. der Tiroler Kaiserjäger I. Ersatz Komp.

Beneschau Böhmen 2. 11. 15. Lieber Herr v. Ficker! Es ist schon viele Monate her seit ich das letzte Mal von Ihnen hörte! Wie geht es Ihnen. Wenn man nichts von seinen Freunden hört, so scheint diese schreckliche Zeit endlos zu dauern. Oft wird man von Ekel fast überwältigt. Gott mit Ihnen. Ihr treu ergebener L Wittgenstein

49 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 14.11.1915
Beneschau, am 14. November 1915 Lieber, verehrter Freund! Dank, Dank für Ihre wiederholten Grüße! Ich fühlte mich nicht mehr imstande, Ihnen auch nur andeutungsweise zu sagen, was in mir vorgeht - ich kann es ja selbst kaum begreifen und weiß nur, daß Sie ein Wort zu mir gesprochen haben, das mich im Tiefsten zu Recht getroffen hat - das nämlich, daß ich im Dunkel lebe. Und es ist eine Schuld, gewiß - ich fühle es nur zu gut und ich weiß, daß nichts außer mir anzuklagen ist. Aber ich stehe manchmal wie außer mir vor dem Furchtbaren der Erwartung: Erweckung zu diesem oder Erwachen in jenem Leben? Was wird mir vergönnt, was wird mir verhängt sein? Wie oft habe ich Sie mir in der letzten Zeit herbeigesehnt, denn niemand, niemand hat das Wort für mich gehabt: Gott schütze Sie! Das einzige Wort, das einem not tut und das kein Mensch mehr heute findet, keiner, dem das Herz dabei hinüberschlüge zu des anderen Bedrängnis. Nur Sie, der Sie mir ferne und ach so seltsam entrückt sind, daß mir oft bange ist, ob Sie es, wirklich Sie es sind, zu dem mein Schweigen wandert - Sie plötzlich fühle ich zu mir geneigt, so nahe, daß mir ist, als spürte ich Ihren Herzschlag über mir, und Sie sagen so, daß ich es nie vergessen werde: Gott schütze Sie! Wie ist das alles rätselhaft und tief erschütternd! Möge es Ihnen gut gehen, hören Sie - möge Gott auch mit Ihnen sein! Vielleicht hat auch mein Wunsch in diesem Augenblick die Kraft, erhört zu werden. Ich bin in dieses Marschbataillon eingeteilt, das in einer Woche von hier abgeht. Meine Adresse für die nächsten drei Wochen ist: II Rgt. d. Tiroler Kaiserjäger, 17. Marschbataillon, 1. Kompagnie, Zirl in Tirol. So um Weihnachten herum dürfte ich dann in unsere Stellung an der Südwestfront kommen. Möge es mir gegönnt sein, Sie wiederzusehen! Es grüßt Sie innigst Ihr Ludwig v. Ficker

50 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 4.10.1919
DER BRENNER Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102 4. X. 1919 Lieber Herr Wittgenstein! Durch Herrn Professor Brücke, der in meiner Nachbarschaft wohnt, erfuhr ich soeben zu meiner großen Freude, daß Sie aus der Gefangenschaft zurückgekehrt sind, wodurch mir Gelegenheit geboten ist, endlich - nach so langer Zeit! - wieder mit Ihnen in Verbindung zu treten. Weiß Gott, ich habe in diesen bewegten Jahren oft an Sie gedacht und wie es lhnen wohl gehen möge, aber ich war selber im Feld und an der Front bald da-, bald dorthin und von einer Unsicherheit in die andere geworfen, auch fand ich mich in all dem Ungewohnten, Fremden und Betäubenden nur schwer zurecht, sodaß ich es vorzog, Sie mit keiner Mitteilung von meiner Seite zu belasten, solange ich Sie in der Prüfung eines ähnlichen Geschicks befangen wußte. Denn niemals, habe ich gefunden, war man so auf sich selbst und auf die Tragweite seiner Innerlichkeit zurückverwiesen wie in jenen bangen Tagen eines außerweltlichen Verhängnisses, da einem die Möglichkeit, heut' oder morgen tot zu sein, als Erlebnis näher stand als das Bewußtsein, das gesteigerte Bewußtsein, in diesem Augenblick und seiner Grenzenlosigkeit noch am Leben zu sein. In diesem Sinne glaube ich an Ernst und Reife der geistigen Empfindung, an innerer Haltung, durch den Krieg gewonnen zu haben; und so, wie ich Sie kenne, wie mir manches Ihrer schwerbedachten Worte in Erinnerung steht, glaube ich nicht nur - nein, ist es mir gewiß, daß auch Sie diese Prüfung mit einem ähnlichen Erfolg bestanden haben. Dabei verhehle ich mir keinen Augenblick - denn ich weiß es leider (aus Mitteilungen, die mir Professor Brücke machte) - daß für Sie diese Prüfung noch ungleich schwerer war als für mich. Aber, ich weiß nicht, mir sagt ein Gefühl: daß möglicherweise auch der innere Gewinn für Sie noch größer war als für mich. Erhielte ich über

nichts, als nur über dieses Eine, von Ihnen - wenn auch flüchtigen - Bescheid, so wäre mir dies eine Beruhigung jene letzte Beruhigung, die mir noch fehlt, nachdem ich Sie nun, Gott sei Dank und endlich!, heimgekehrt weiß. Wissen Sie, damals als ich erfuhr, daß Sie in Gefangenschaft geraten seien, und erfuhr, daß es Ihnen schlecht ergehe, damals habe ich es einen Augenblick, einen sicher nur mit Rücksicht auf Frau und Kinder unseligen Augenblick lang bedauert, beim Zusammenbruch nicht an der Front, sondern in Galizien gewesen zu sein. Denn ich sagte mir, am Ende wäre ich als Mitgefangener in Italien mit Ihnen zusammengetroffen, und wer weiß, hätten wir uns das gemeinsame Los nicht gegenseitig erleichtern können. Aber auch so, denke ich, ist es gut und ist es eine Wohltat für mich, Ihnen dies schreiben zu dürfen. Möchten Sie selbst es nicht als eine Belästigung empfinden! Wie Sie aus einem Prospekt, den ich diesen Zeilen beilege, ersehen, gebe ich in allernächster Zeit den Brenner wieder heraus: nicht nur äußerlich, auch innerlich ein Wagnis in diesen haltlosen Tagen. Aber ich bin so sehr davon überzeugt, daß die Zeitschrift erst jetzt zu ihrer eigentlichen Bedeutung gelangen wird, daß mir das künftige Verdienst ihrer Sendung nicht in Frage steht, auch wenn die Ungunst der äußeren Verhältnisse sich noch so sehr gegen sie verschworen haben sollte. Sie gestatten mir doch, daß ich Ihnen die Hefte zusende? Und wenn Sie mir durch Bekanntgabe von Adressen, an die ich den Prospekt mit Aussicht auf Erfolg schicken könnte, an die Hand gehen wollten, wäre ich Ihnen noch besonders dankbar. Denn - warum sollte ich es verschweigen? - : es handelt sich bei diesem Versuch auch um die Sicherung meiner Existenz. Und nun lassen Sie mich nochmals meiner Freude über Ihre Rückkehr Ausdruck geben und seien Sie herzlichst und in aufrichtiger Ergebenheit begrüßt von Ihrem Ludwig Ficker

51 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [ca. 7.10.1919]
[Wien, ca. 7. 10. 1919] Lieber Herr v. Ficker! Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß ich heute Ihr Schreiben erhalte wie ich eben zu Herrn Loos gehen will, um mich nach Ihrer Adresse zu erkundigen, da ich Ihnen schreiben wollte. Ich habe mich nämlich entschlossen, Sie um etwas zu bitten und ich will gleich damit herausrücken; nur muß ich Sie vor allem bitten, über die ganze Angelegenheit und alles was mit ihr zusammenhängt gegen jedermann vollkommenes Stillschweigen zu bewahren. Und noch ein's: ich habe keine Ahnung ob meine Bitte nicht vielleicht ganz unausführbar ist; ist sie das, so glauben Sie jedenfalls nicht, daß ich unverschämt bin und antworten Sie einfach mit einem runden Nein. - Und nun: Ich habe vor etwa einem Jahr kurz vor meiner Gefangennahme ein philosophisches Werk abgeschlossen, an welchem ich in den vorhergehenden 7 Jahren gearbeitet hatte. Es handelt sich, ganz eigentlich, um die Darstellung eines Systems. Und zwar ist die Darstellung äußerst gedrängt, da ich nur das darin festgehalten habe, was mir - und wie es mir wirklich eingefallen ist. Gleich nach Abschluß der Arbeit, als ich auf Urlaub in Wien war, wollte ich einen Verleger suchen. Aber damit hat es eine große Schwierigkeit: Die Arbeit ist von sehr geringem Umfang, etwa 60 Seiten stark. Wer schreibt 60 Seiten starke Broschüren über philosophische Dinge? Die Werke der großen Philosophen sind alle rund 1000 Seiten stark und die Werke der Philosophieprofessoren haben auch ungefähr diesen Umfang: die Einzigen, die philosophische Werke von 50-100 Seiten schreiben sind die gewissen ganz hoffnungslosen Schmierer, die weder den Geist der großen Herren noch die Erudition der Professoren haben und doch um jeden Preis einmal etwas gedruckt haben möchten. Solche Produkte erscheinen daher auch meistens im Selbstverlag. Aber ich kann doch nicht mein Lebenswerk - denn das ist es - unter diese Schriften mischen. Also dachte ich an einen ganz isolierten Verleger an Jahoda & Siegel. Der hat aber die Sache, angeblich wegen technischer Schwierigkeiten, abgelehnt. Aus der Gefangenschaft zurückgekehrt und schon etwas mürber geworden wandte ich mich an den Verlag Braumüller. (Ich verfiel auf ihn, weil er den Weininger verlegt). Der ist schon so gnädig und meint - nachdem ich ihm eine sehr heiße Empfehlung meines Freundes des Prof. Russell aus Cambridge verschafft habe - er wäre eventuell geneigt, den Verlag zu übernehmen, wenn ich Druck und Papier selber zahlen wollte. (Ich habe ihm selbstverständlich ganz offen gesagt, daß er mit meinem Buch kein Geschäft machen werde, da es niemand lesen wird und noch weniger es verstehen werden) Zu diesem Fall muß ich noch eine Bemerkung machen: Erstens habe ich nicht das Geld, um den Verlag meiner Arbeit selbst zu zahlen, weil ich mich meines gesammten Vermögens entledigt habe (wie, das werde ich Ihnen einmal erzählen. Die Sache ist übrigens streng geheim!). Zweitens aber könnte ich mir zwar das Geld dazu verschaffen, will es aber nicht; denn ich halte es für bürgerlich unanständig ein Werk der Welt - zu welcher der Verleger gehört - in dieser Weise aufzudrängen: Das Schreiben war meine Sache; annehmen muß es aber die Welt auf die normale Art & Weise. Nun wandte ich mich endlich noch an einen Professor in Deutschland, der den Verleger einer Art philosophischen Zeitschrift kennt. Von diesem erhielt ich die Zusage die Arbeit zu übernehmen, wenn ich sie vom

Anfang bis zum Ende verstümmeln, und mit einem Wort eine andere Arbeit daraus machen, wollte. Da fiel mir endlich ein ob Sie nicht geneigt sein könnten, das arme Wesen in Ihren Schutz zu nehmen. Und darum möchte ich Sie eben bitten: Das Manuscript würde ich Ihnen erst schicken wenn Sie glauben daß überhaupt an eine Aufnahme in den Brenner zu denken ist. Bis dahin möchte ich nur soviel darüber sagen: Die Arbeit ist streng philosophisch und zugleich literarisch, es wird aber doch nicht darin geschwefelt. Und nun bitte überlegen Sie Sich die Sache und schreiben Sie mir möglichst bald. Meine Adresse ist: Wien III. Untere Viaduktgasse 9, bei Frau Wanicek. Ich gehe jetzt in die Lehrerbildungsanstalt, da ich Lehrer werden will. Ob ich die für mich ungemein großen Schwierigkeiten der Abrichtungszeit werde übertauchen können, wird sich noch zeigen. Ich habe viel zu tun und kann nicht einmal daran denken Wien zu verlassen. Vielleicht aber kommen Sie einmal hierher und dann könnte ich Ihnen viel erzählen. Sein Sie vorläufig bestens gegrüßt von Ihrem ergebenen Ludwig Wittgenstein

52 AN LUDWIG WITTGENSTEIN. 14.10.1914
DER BRENNER Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102 14. X. 1919 Lieber Herr Wittgenstein! Wollen Sie bitte mir das Manuskript Ihrer Arbeit umgehend senden! Warum haben Sie nicht gleich an mich gedacht? Denn Sie können sich wohl denken, daß ich, der ich Sie kenne, von vorneherein ein ganz anderes, d.h. tiefer gegründetes Interesse an Ihrer Arbeit nehmen werde als ein Verleger, der nur sein Geschäftsinteresse im Auge hat. Sie wissen, das bin ich nie gewesen und brauchte es früher auch nicht zu sein, solange mir die Verhältnisse gestatteten, das ganze Brenner-Unternehmen mehr oder weniger im Charakter einer Liebhaberei zu führen. Heute ist das ja anders. Heute bin ich mit Rücksicht auf Frau und Kinder gezwungen, den Verlag womöglich so auszugestalten, daß er mir künftig die Existenz sichern hilft. Die Aussichten sind derzeit freilich trübe genug. Aber über den Anfang sehe ich mich wohl hinaus, zumal mir ein vermögender Freund, Kurt Lechner (wir haben uns im Felde kennengelernt) finanziellen Beistand leistet, indem er als Mitinhaber in den Verlag eintritt und mir das Risiko tragen hilft. Er ist vorgestern hier eingetroffen, und wir haben die Agenden so geteilt, daß er die Leitung des Buchverlags übernimmt, während mir nach wie vor die Leitung der Zeitschrift ganz allein überlassen bleibt. Selbstverständlich bleibt aber auch meine Ingerenz auf den Buchverlag insoweit aufrecht, als da nichts erscheinen darf, was sich mit dem Geist und der Richtung des Brenner nicht verträgt. Nur versteht sich ebenso von selbst, daß die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung eines Werkes, das ich in Vorschlag bringe, letzten Endes von Lechners Entschluß abhängt, da ich ohne seine Zustimmung das Unternehmen nicht mit einem Risiko belasten darf, das ihn eventuell zum Austritt aus dem Verlag bestimmen könnte. Nun ist aber Lechner selbst ein Mensch, der nicht ausschließlich den geschäftlichen Erfolg im Auge hat und sehr viel Sinn und Willigkeit besitzt, im Rahmen der gemeinsamen Sache meinen Intentionen zu folgen und meine Vorschläge zu respektieren, daß ich von seiner Seite kaum unerwünschten Widerstand zu befürchten brauche. Ich habe ihm auch gleich (ohne zunächst Ihren Namen zu nennen) Ihre Sache vorgetragen und nichts von alledem verschwiegen, was Ihr Angebot für den Brenner eben so besonders beherzigenswert macht, trotzdem Sie mit keiner Absatzmöglichkeit Ihres Buches rechnen und es für den Verlag somit geschäftlich ein verlorener Posten wäre. Das Ergebnis unserer Unterredung ist also, daß ich Sie nun bitte, uns unverzüglich Ihre Arbeit zur Einsicht zu senden. Ist sie so beschaffen, daß sie im Rahmen unserer Bestrebungen Geltung beanspruchen kann (und dies möchte ich nach Ihren Ausführungen nicht von vorneherein bezweifeln, obwohl streng wissenschaftliche Arbeiten nicht eigentlich unser Gebiet sind), so glaube ich Ihnen keine ungünstige Vorhersage geben zu können, es wäre denn, daß die momentan phantastischen Herstellungskosten eine Publikation im gegenwärtigen Augenblick unmöglich machen würden und wir zuwarten müßten, bis wieder geregeltere und gesichertere Verhältnisse eintreten. Augenblicklich konnten wir ja die Publikation überhaupt nur in Betracht ziehen, weil sie von verhältnismäßig geringem Umfang ist. Also seien Sie überzeugt, lieber Herr Wittgenstein, daß ich mein Möglichstes tun werde, um Ihrem Wunsche entgegenzukommen. Werde ich doch stets Ihres eigenen hochherzigen Entgegenkommens aufs dankbarste eingedenk bleiben, das Sie dem Brenner und seinen führenden Mitarbeitern in besseren Zeiten bewiesen haben. Und liegt mir doch alles daran, Ihnen gerade jetzt, da Sie sich selbst aller äußeren Vorteile einer gesicherten Lebenshaltung begeben haben, ein Zeichen dieser meiner tiefen und dauernden Erkenntlichkeit geben zu können. Und nun seien Sie bis auf weiteres herzlich gegrüßt und meines Stillschweigens hinsichtlich Ihrer

vertraulichen Nachrichten versichert! In Erwartung Ihres Manuskripts, in Ergebenheit Ihr Ludwig Ficker

53 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [nach dem 20.10.1919]
[Wien, um den 20. 10. 1919] Lieber Herr Ficker! Zugleich mit diesem Brief geht das Manuscript an Sie ab. Warum ich nicht gleich an Sie dachte? Ja, denken Sie, ich habe gleich an Sie gedacht; allerdings zu einer Zeit, wo das Buch noch gar nicht verlegt werden konnte, weil es noch nicht fertig war. Wie es aber dann so weit war, da hatten wir ja Krieg und da war wieder an Ihre Hilfe nicht zu denken. Jetzt aber hoffe ich auf Sie. Und da ist es Ihnen vielleicht eine Hilfe, wenn ich Ihnen ein paar Worte über mein Buch schreibe: Von seiner Lektüre werden Sie nämlich - wie ich bestimmt glaube - nicht allzuviel haben. Denn Sie werden es nicht verstehen; der Stoff wird Ihnen ganz fremd erscheinen. In Wirklichkeit ist er Ihnen nicht fremd, denn der Sinn des Buches ist ein Ethischer. Ich wollte einmal in das Vorwort einen Satz geben, der nun tatsächlich nicht darin steht, den ich Ihnen aber jetzt schreibe, weil er Ihnen vielleicht ein Schlüssel sein wird: Ich wollte nämlich schreiben, mein Werk bestehe aus zwei Teilen: aus dem, der hier vorliegt, und aus alledem, was ich nicht geschrieben habe. Und gerade dieser zweite Teil ist der Wichtige. Es wird nämlich das Ethische durch mein Buch gleichsam von Innen her begrenzt; und ich bin überzeugt, daß es, streng, nur so zu begrenzen ist. Kurz, ich glaube: Alles das, was viele heute schwefeln, habe ich in meinem Buch festgelegt, indem ich darüber schweige. Und darum wird das Buch, wenn ich mich nicht sehr irre, vieles sagen, was Sie selbst sagen wollen, aber Sie werden vielleicht nicht sehen, daß es darin gesagt ist. Ich würde Ihnen nun empfehlen das Vorwort und den Schluß zu lesen, da diese den Sinn am Unmittelbarsten zum Ausdruck bringen. Das M. S., das ich Ihnen jetzt sende, ist nicht das eigentliche Druckmanuscript, sondern eine von mir nur flüchtig durchgesehene Kopie, die aber zu Ihrer Orientierung genügen wird. Das Druck M. S. ist genau durchgesehen; es befindet sich aber augenblicklich in England bei meinem Freund Russell, dem ich es aus der Gefangenschaft geschickt habe. Er wird es mir aber in der nächsten Zeit zurückschicken. Und so wünsche ich mir einstweilen viel Glück. Sein Sie herzlichst gegrüßt von Ihrem ergebenen Ludwig Wittgenstein Meine Adresse ist jetzt: XIII. St. Veitgasse 17 bei Frau Sjögren

54 AN RAINER MARIA RILKE, 2.11.1919
DER BRENNER Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102 2. Nov. 1919 Sehr verehrter Herr! Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen - nun, da nach mehr als vierjähriger Unterbrechung unsere Zeitschrift wieder erscheint - das soeben hinausgehende erste Heft mit gleicher Post zur Einsicht vorlege. Ich weiß nicht, ob es mir geglückt ist, in der Zusammenstellung des Heftes jenen Ernst zur geistigen Wahrhaftigkeit, der mir und meinen Freunden vorschwebt, über eine bloße Andeutung hinaus zur Geltung zu bringen. Jedenfalls war ich bemüht, dem was uns bewegt ein möglichst eindeutiges und unmißverständliches Relief zu geben. Sollte also - was ich immerhin zu hoffen wage - von der Bewegung, die uns trägt, im Ausdruck Wesentliches wahrgeworden und wahrzunehmen sein: würden Sie dann dem Brenner die Ehre erweisen, wieder einmal einen Beitrag von Ihnen bringen zu dürfen? Seien es nun Verse oder ein Stück Prosa, eine geistige Betrachtung oder eine Übersetzung (wie herrlich war z. B. das Gedicht der Comtesse de Noailles im letzten Insel-Almanach!). Im übrigen wage ich Sie um Berücksichtigung dieser Bitte natürlich nur in der Voraussetzung zu ersuchen, daß sie Ihnen nicht in irgend einer Hinsicht lästig fällt. Vielleicht interessiert es Sie zu wissen, daß jener geistig so ungemein bewegte junge Mann, dessen Edelsinn es mir ermöglicht hat, der Ehre Ihrer brieflichen Bekanntschaft teilhaftig zu werden, erst kürzlich aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt ist, sein ganzes beträchtliches Vermögen bis auf einen kleinen, notdürftigen Rest unter ein paar arme Familien verteilt hat und - solchermaßen einen Ernst der Lebensauffassung bekundend, der mir

über seine individuelle Besonderheit hinweg als ein Zeichen der Zeit erscheint - sich gegenwärtig auf den Lehrberuf vorbereitet. Er hat mir eine "Logisch-Philosophische Abhandlung", die ich bedeutend finde - einen Extrakt letzter Erkenntnisse, fußend auf den Forschungen seines Freundes, des englischen Philosophen Bertrand Russell - mit dem Ersuchen gesendet, sie wenn irgend möglich (sie umfaßt im Manuskript kaum sechzig Seiten) in meinem Verlag zu publizieren. Nun sind aber der Bewegungsfreiheit meines Unternehmens äußerlich so enge und innerlich so bestimmte Grenzen gezogen, daß ich bei aller persönlichen Bereitschaft, jede andere Erwägung in diesem Falle hinter die rein menschliche zurückzustellen, unter den gegenwärtigen, so drückenden Verhältnissen das Risiko nicht werde auf mich nehmen können. (Diesem Risiko aus Eigenem zu begegnen, ist der Autor in seiner jetzigen Lage außerstande - ganz abgesehen davon, daß mir dergleichen widerstrebt). Darum möchte ich Sie fragen: hielten Sie es für möglich, daß irgend ein angesehener Verlag in Deutschland, für den das Risiko von vorneherein ein ungleich geringeres wäre und dem es jedenfalls nicht schwer fiele, dieses im Umsatz seiner anderen Publikationen auszugleichen, sich der Sache annehmen wollte? Und könnten Sie mir da einen Rat geben? Verzeihen Sie, bitte, diese allzu unvermittelte Belästigung! Derjenige, um dessentwillen ich mich an Sie wende, weiß nichts davon; wahrscheinlich würde er mir gram sein, wenn er es erführe. Aber mir geht das nahe, es ist mir eine Herzenssache, und ich weiß nicht, wie ich ihr gerecht werden soll. Es grüßt Sie in Verehrung Ihr Ludwig Ficker

55 VON RAINER MARIA RILKE, 12.11.1919
Bellevue Palace Berne, am 12. November 1919 Mein lieber Herr von Ficker, das freundlichste Zusammentreffen: lassen Sie sich erzählen. Gestern bin ich hier in eine Buchhandlung eingetreten, in deren Schaufenster ich einige Stunden vorher ein "Brenner"-Heft bemerkt hatte (es war nicht mehr da, leider) -, am selben Abend kam Ihr guter Brief. Mit meiner Antwort eine Verbindung wieder aufzunehmen, die durch die unnatürlichsten Verhältnisse in ihren Anfängen unterbrochen worden war, gehört für mich nun - glauben Sie es mir - zu jenen Wiederherstellungen, die man stark und zuversichtlich empfindet, weil mit jeder von ihnen, über das Thatsächliche hinaus, ein Bewusstsein arglosen und vollzähligen Daseins Recht bekommt. Sie schreiben nichts über sich selbst, aber ich sehe Sie thätig im ursprünglichen Bestreben, und so mag ich gerne annehmen, dass Ihr persönliches Schicksal, nach allen Missbräuchen der letzten Jahre, Sie wieder am vertrauten Ufer der eigenen Aufgaben abgesetzt hat: mögen Sie dort nun recht fest sich ansiedeln dürfen. Diesem zunächst wäre eine besorgteste Frage aufgekommen, die Sie, mir vorfühlend, schon beantwortet haben. Die Handlungsweise des (aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten) unbekannten Helfers und Freundes ist mir umso ergreifender, als sie, über soviel Wirrnis und Unterbrechung hinüber, als die stille, reine Vollendung dessen erscheint, was mit jenen großmüthigen Entschlüssen des Jahres Vierzehn begonnen war. Wieviele Menschen haben wir aus leichteren Bahnen geworfen gesehen, wie viele erschüttert in ihren innersten Absichten -; dieser ist von allem Anfang an in seinen schweren Weg eingesetzt worden -, man kann es nicht ohne Ehrfürchtigkeit einsehen. Lassen Sie es, bitte, still zwischen uns bleiben, dass ich von jenem Manuscript weiß; welche Freude wäre es für mich, ganz im Verborgenen an seiner Veröffentlichung mitzuwirken, obwohl mir ja da nur der bescheidenste und zufälligste Antheil eingeräumt wäre. Sie kennen die Arbeit Ihres Freundes, Sie schätzen sie; schiene Ihnen ihre Einreichung beim Insel-Verlag angemessen zu sein? Philosophische Schriften sind dort nicht recht einheimisch, wenn man nicht etwa die Bücher Kassners anführen will. Bei der Insel würde ich selbstverständlich mit einigem Gewicht mich einsetzen können, bei Verlagen wissenschaftlicher Art bliebe ich ohne Einfluss. Eine gewisse Beziehung hat sich während des vergangenen Sommers ergeben zu einem Verleger Otto Reichl in Darmstadt, dadurch, dass er die Schriften des Grafen Hermann Keyserling übernahm; es fällt mir eben ein, dass die "Logisch-Philosophische Abhandlung" vielleicht an dieser Stelle einen passenden Verlagsboden fände. Wenn Sie die Bücher Keyserling's bedenken (zuletzt das bedeutende große "Reisetagebuch eines Philosophen") werden Sie diese Frage mit mir erwägen können. Nennen Sie mir überhaupt, nach Ihrem Ermessen, andere deutsche Verlage, - ich will Ihnen dann schreiben, wie weit ich bei dem oder jenem meine, mich geltend machen zu dürfen. Am Geiste des "Brenner" wünsche ich nach wie vor betheiligt zu bleiben, auch ehe ich das neue Heft durchgesehen habe; leider aber muss ichs zunächst offen lassen, wie bald ich diese sÿmpathische Zugehörigkeit beitragend zu beweisen vermöchte. Noch hab ich die eindringliche Erstarrung der Kriegsjahre in mir nicht überwunden, - ein paar Sommermonate im Bündner'schen waren ein Anfang dazu. Von den äußeren Umständen, die mich nächstens in einer tessiner Gastfreundschaft erwarten, wird es zu einem Theile abhängen, ob ich den Weg

der Besinnung und Einkehr so still verfolgen darf, wie ich mir's erhoffe. Im herzlichsten Einverständnis, Ihr R M Rilke. P.S.: Briefe über den "Lesezirkel Hottingen", Gemeindestraße Zürich, oder auch über das Hôtel Bellevue, Bern.

56 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 18.11.1919
DER BRENNER Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102 18. XI. 1919 Lieber Herr Wittgenstein! Bitte, wollen Sie sich, bis ich Ihnen einen bindenden Bescheid geben kann, noch ein bischen gedulden! Ich habe mich für den Fall, daß wir das Buch in unserem Verlag nicht bringen könnten (da wir uns über die Diskrepanz zwischen Herstellungskosten und Absatzmöglichkeit momentan, wo unser Unternehmen noch nach allen Seiten der Stütze und der Sicherung bedarf, kaum hinaussehen) - ich habe mich mit Rilke in Verbindung gesetzt und ihn, der da vielleicht Bescheid weiß, um Rat und Auskunft gebeten, wo etwa Ihre Arbeit untergebracht werden könnte, und erwarte nun jeden Tag seinen Bescheid. Ich habe ihm die Gedankenabfolge und den geistigen Charakter Ihres Werkes nach bestem Vermögen kurz skizziert und ihn, auf die Schwierigkeiten, die der Publizierung in einem verlagstechnisch noch so gut wie gar nicht fundierten Unternehmen wie dem Brenner-Verlag, der noch keine laufenden Einnahmen mangels umzusetzender Bücher hat, entgegenstehen, hingewiesen. Ich denke, Rilke wird mir in dieser Sache zuverlässig an die Hand gehen. In jedem Falle bitte ich Sie überzeugt zu sein, daß ich mein Möglichstes tun werde, um die Publizierung Ihrer Arbeit zu fördern. Gegenwärtig ist das Manuskript bei meinem Freund und Mitarbeiter, dem - wie Sie wissen - die letzte Entscheidung über Annahme und Ablehnung von Werken für den Buchverlag zusteht. Er hat nur bedauert, daß Ihre Arbeit eben doch eine spezielle Vertrautheit mit einem gewissen wissenschaftlichen Forschungsgebiet voraussetzt, wodurch sie an sich schon, wie er meint, aus dem Rahmen unserer Publikationsabsichten fällt. Dennoch möchte ich annehmen, daß auch von seiner Seite das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Übrigens möchte ich Sie fragen, ob ich das Manuskript nicht auch einem Philosophieprofessor an der hiesigen Universität zur Einsicht geben dürfte, dem ich kürzlich davon sprach und der sich sehr dafür interessiert. Er ist nämlich mit den Forschungen Russells vertraut und schätzt ihn außerordentlich. Vielleicht könnte auch er mir einen Fingerzeig betreffs der Publikation geben. Für heute also bitte ich Sie noch um ein bischen Geduld und grüße Sie aufs herzlichste als Ihr ergebener Ludwig Ficker

57 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 22.11.1919
22. 11. 19. Lieber Herr Ficker! Ihr Brief hat mich natürlich nicht angenehm berührt, obwohl ich mir ja Ihre Antwort ungefähr denken konnte. Ja, wo meine Arbeit untergebracht werden kann, das weiß ich selbst nicht! Wenn ich nur selbst schon wo anders untergebracht wäre als auf dieser beschissenen Welt. Von mir aus können Sie das Manuscript dem Philosophieprofessor zeigen (wenn auch eine philosophische Arbeit einem Philosophieprofessor vorzulegen heißt, Perlen ... .) Verstehen wird er übrigens kein Wort. Und jetzt nur noch eine Bitte: Machen Sie's kurz mit mir und schmerzlos. Sagen Sie mir lieber ein rasches Nein als ein gar so langsames; das ist österreichisches Zartgefühl, welches auszuhalten meine Nerven momentan nicht ganz stark genug sind. Ihr ergebener Ludwig Wittgenstein

58 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [28.11.1919]

ludwig wittgenstein st vejtgasze 17, - win rm 13, = [28. 11. 1919] sejen sye unbesorgt abhandlung erscheint unter allen umstaenden brief folgt inzwischn herzlychn gruss = ficker

59 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 29.11.1919
DER BRENNER Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102 29. XI. 1919 Lieber Herr Wittgenstein! Kurz nachdem ich das Telegramm an Sie aufgegeben hatte, erhielt ich den beiliegenden Brief Rainer Maria Rilkes. Er hat die Bestürzung, in die mich Ihre Mitteilung versetzte, einigermaßen gemildert und beschwichtigt. Denn ich sagte mir, wenn Sie schon etwas davon überzeugen kann, daß Ihre Auffassung, als wollte ich Ihnen mit einem österreichischen Nein begegnen, unbegründet sei, dann ist es dieser Brief, aus dem doch wahrlich das Eine hervorgeht, daß mir die Förderung Ihrer Angelegenheit eine Herzenssache ist. Ich muß gestehen, daß ich mich zu Unrecht getroffen fühlte und tief unglücklich war, als ich Ihre Zeilen erhielt und das Unheil zu ermessen begann, das mein vorerst notgedrungen unentschiedener Bescheid - ganz gegen meine Absicht und Erwartung - angestiftet hatte. Ich sah Ihr Herz von Bitternis erfüllt, die auf mich übergriff, und da ich plötzlich spürte, was auf dem Spiele stand, war mein Entschluß gefaßt: Lieber alles Risiko, das meine äußeren Existenzverhältnisse betrifft, auf mich zu nehmen als das Vertrauen zu enttäuschen, das Sie mir entgegenbrachten. Sollte also selbst Rilkes Bemühung nicht das gewünschte Ergebnis zeitigen, so mögen Sie sich darauf verlassen, daß ich alles daran setzen werde (und so viel Einfluß glaube ich mir noch zusprechen zu dürfen, obwohl die Entscheidung darüber nicht mehr von mir allein abhängt), die Publikation Ihrer Arbeit im Rahmen unseres Verlags sicherzustellen. (Bei dieser Gelegenheit möchte ich Sie gleich fragen, ob Sie sich eventuell dazu entschließen könnten, die Dezimal-Numerierung, die das logische Gewicht Ihrer Sätze bezeichnet, für den Buchdruck preiszugeben?) Den Brief Rilkes erbitte ich mir umgehend zurück, damit ich zunächst seiner Anregung folgen und mich diesbezüglich weiter mit ihm ins Einvernehmen setzen kann. Und nun seien Sie für heute in herzlicher Ergebenheit gegrüßt von Ihrem Ludwig Ficker

60 KARL RÖCK AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 2.12.1919
Innsbruck, den 2. Dezember 1919. Geehrter Herr Wittgenstein! Durch Herrn von Ficker zum Leser Ihrer "logisch-philosophischen Abhandlung" erkoren, möge mir nun auch erlaubt sein, Ihnen mein Urteil über dieselbe kundzutun. Ihre Sätze erläuterten mir Manches, vor allem: wie sich in einem mathematischen Gehirne der Begriff von Philosophie zu einer beinah endlosen, doch aber witzig bezifferten Tauto-logik reduzieren könne, zu einer Art Hypnotisiermaschine. Und Ihre Sätze erläuterten mir dies dadurch, dass ich sie, der ich Sie verstehe, als unsinnig erkannte; hoffentlich ganz im Sinne Ihrer Zahl 6.54; wenn auch nicht erst am Ende, sondern schon im Anfang Ihrer Lektüre und trotz Ihres fast verführerischen Vorworts. Ich erkannte den Unsinn Ihrer Sätze gewissermaßen nach den ersten 3 "Worten" und bestätigte mir durch Weiterlesen nur noch, dass Sie in der Tat in den ersten 3 Weis-sagungen 1, 1.1, 1.11 schon alles sagen, was Sie zu sagen wissen. Alles übrige empfand ich dann im Wesentlichen nur noch als bloßes Geräusch, welches Sie wohl deshalb erzeugten, weil Sie brausen, nein rasseln, bzw. russelln gehört haben. (Ich für meine Person hatte bei Ihren Russell-Echo-Geräuschen den akustischen Eindruck, als ob ich niemand anderen als eine tollgewordene Schreibmaschine tippen und klappern hörte, eine Type Underwood, die, sich selbst betippend, sozusagen ihr Selbstbestimmungsrecht geltend macht. Und hiermit werf ich denn, Ihrer Schlussaufforderung gehorchend, die von Ihnen dargebotene logologische Leiter weg, überwinde Ihre Sätze und sehe u. höre nun die Welt wieder richtig. Und zuguterletzt: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Solcherweise das α und Ω Ihrer philosophischen Abhandelung ehrlich und internest beherzigend, zeichne und verbleibe ich als Ihr aufrichtiger

Karl Röck Rechnungsbeamter, im Übrigen längst schon durch Ihresgleichen, mehr aber noch an Ihresgleichen erstickter, seitdem mit Gleichmut sich verewigender Student der Philosophie P. S. Nachträglich befällt mich noch die Befürchtung, dass mein Schreiben Ihnen leicht den Glauben erwecken könnte, Ihre Abhandlung habe mir, der ich sie augenscheinlich mit Verständnis las, auch Vergnügen bereitet. Doch solcher Glaube wäre der Aberglaube. P.S2: Durch die nochmalige Lektüre Ihrer Sätze 6.4 bis 6.54 etwas milder gestimmt, muss ich nun doch noch Folgendes meinem Schreiben hinzufügen: Der Sinn der genannten Sätze ist, wenn man sie als fernhingeworfenen Schatten des Münsterberg'schen Münsterbaus ("Prinzipien der Psychologie", und "Philosophie der Werte", welches gleichsam die Kritiken der reinen und der praktischen Vernunft für unsere Zeit sind), auffasst, immerhin ganz richtig. Ihre diesbezüglichen Sätze wieder lesend, war mir, als begegne ich dem mathematisierten (mithin macerierten) Skelette eines Abortusses der Münsterbergischen Sophia, während diese selbst, wenn auch unerkannt in deutschen Landen, noch blut- und lebensvoll unter uns wandelt. Und schließlich muss ich für Sie nun auch noch hinzufügen, dass ein besonderer Umstand mir eine gewissen Kompetenz, über Ihre Abhandlung zu urteilen verleihen dürfte. Der besteht darin, dass ich selbst bereits seit 3 Jahren den Gedanken einer Begründung der Logik auf die Syntax, bzw. der Syntax auf die Logik im Sinne hege und heuer, vor wenig Monaten, (übrigens ohne von Russell oder andern jemals auch nur ein Wort vernommen zu haben,) eine Bilderschrift, d.h. Begriffszeichenschrift zu erfinden anfieng, mittels welcher ich eben die Syntax durch die Logik und die Logik durch eine bilderschriftlich dargestellte Syntax zu erläutern die Absicht habe. Doch dies ist eine Arbeit, deren Ausführung bei mir noch ihre gute Weile haben mag.

61 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [4.12.1919]
Lieber Herr Ficker! Es war sehr schön von Ihnen, daß Sie mir auf meinen Brandbrief mit einem so freundlichen Telegramm geantwortet haben. Freilich, lieber wäre es mir Sie nähmen mein Buch, weil Sie etwas darauf halten als, um mir einen Gefallen zu tun. Und wie kann ich Ihnen mein eigenes Werk anempfehlen? - Ich glaube, es verhält sich damit in allen solchen Fällen so: Ein Buch, auch wenn es ganz und gar ehrlich geschrieben ist, ist immer von einem Standpunkte aus wertlos: denn eigentlich brauchte niemand ein Buch schreiben, weil es auf der Welt ganz andere Dinge zu tun giebt. Andererseits glaube ich sagen zu können: Wenn Sie den Dalago, den Hecker, u.s.w. drucken, dann können Sie auch mein Buch drucken. Und das ist auch alles, was ich zur Rechtfertigung meines Wunsches sagen kann, denn, wenn man mein Buch mit einem absoluten Maßstab mißt, dann weiß Gott wo es zu stehen kommt. Mit vielen Grüßen bin ich Ihr ergebener Ludwig Wittgenstein 4. 12. 19.

62 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [6.12.1919]
Lieber Herr Ficker! Kaum hatte ich gestern meine Antwort auf Ihr Telegramm abgeschickt, als Ihr lieber Brief vom 28./11. eintraf. Das Opfer, das Sie mir, wenn alle Stricke reißen, bringen wollen, kann ich natürlich nicht annehmen. Ich könnte es nicht vor mir verantworten, wenn die Existenz eines Menschen (wessen immer) durch die Herausgabe meines Buches in Frage gestellt würde. So ganz verstehe ich es freilich nicht. Denn es haben ja schon oft Menschen Bücher geschrieben, die mit dem allgemeinen Jargon nicht zusammenfielen, und diese Bücher sind verlegt worden und die Verleger sind nicht an ihnen zu Grunde gegangen. (Im Gegenteil.) - Mein Vertrauen täuschen Sie durchaus nicht, denn mein Vertrauen, oder vielmehr, blos meine Hoffnung, bezog sich doch nur darauf, es möchte Ihnen vielleicht Ihr Spürsinn sagen, daß die Abhandlung kein Mist sei - wenn ich mich hierin nicht vielleicht selbst täusche - aber doch nicht darauf, Sie möchten sie, ohne etwas von ihr zu halten, aus Güte gegen mich und gegen Ihr lnteresse annehmen! - Kurz, ich bin Ihnen sehr dankbar, wenn Sie in meiner Sache durch Rilke etwas erreichen können; geht das aber nicht, so lassen wir Gras darüber wachsen. - (Nebenbei bemerkt, müßten die Dezimalnummern meiner Sätze unbedingt mitgedruckt werden, weil sie allein dem Buch Übersichtlichkeit und

Klarheit geben und es ohne diese Numerierung ein unverständlicher Wust wäre.) Und nun leben Sie wohl und machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen. Es wird schon alles in Ordnung kommen. Ihr ergebener Ludwig Wittgenstein 6. 12. 19. à propos: giebt es auch einen Krampus, der die schlimmen Verleger holt?

63 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 28.12.1919
28. 12. 19. Lieber Herr Ficker! Vorgestern bin ich aus Holland zurückgekommen, wo ich Prof. Russell traf und mit ihm über mein Buch sprach. Falls ich es nicht in Österreich oder Deutschland verlegen kann, so wird Russell es in England drucken lassen (Er will es übersetzen.) Dies würde ich natürlich als die ultima ratio ansehen. Nun steht die Sache aber so: Russell will zu meiner Abhandlung eine Einleitung schreiben und damit habe ich mich einverstanden erklärt. Diese Einleitung soll ungefähr den halben Umfang der Abhandlung selbst haben und die schwierigsten Punkte der Arbeit erläutern. Mit dieser Einleitung nun ist das Buch für einen Verleger ein viel geringeres Risico, oder vielleicht gar keines mehr, da Russells Name sehr bekannt ist und dem Buch einen ganz bestimmten Leserkreis sichert. Damit will ich natürlich nicht sagen, daß es so in die rechten Hände kommt; aber immerhin ist dadurch ein günstiger Zufall weniger ausgeschloßen. Schreiben Sie mir bitte so bald als irgend möglich, was sie von der Sache halten, da ich Russell Bescheid geben muß. Besten Gruß Ihr Ludwig Wittgenstein XIII. St. Veitgasse 17 Wien bei Frau Sjögren

64 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 16.1.[1920]
Innsbruck-Mühlau 102, am 16. I. 1919 Lieber Herr Wittgenstein! Ich bin kaum imstande, Ihnen zu schreiben, nicht weil ich gerade Rekonvaleszent nach Grippe und noch ziemlich schwach bin - nein: die Widerwärtigkeiten, die sich mir jetzt überall entgegenstellen, setzen meinen Nerven derart zu, daß ich mir oft keinen Rath mehr weiß und über allem, was mich angeht, die Augen schließen möchte. Noch vor etlichen Wochen glaubte ich Ihnen versprechen zu dürfen, Ihre Arbeit werde unter allen Umständen gedruckt werden. Heute kann davon keine Rede mehr sein. Heute liege ich mit dem Brenner selbst schon unter den Rädern und kann mich, wenn kein Wunder geschieht, nicht mehr erheben. Den Abonnenten habe ich mich auf eine Folge von 10 Heften verpflichtet, und diese Folge muß ich auch sonst unter allen Umständen durchsetzen, denn ich weiß - ja, vorderhand nur ich allein! -, welche Bedeutung ihr im geistigen Schicksal dieser Zeit zufällt. Binnen kurzem wird aber der Herstellungspreis des Heftes bereits das Doppelte - und späterhin vielleicht das Dreifache - des Verkaufspreises betragen, ohne daß ich die Möglichkeit habe, Nachtragsforderungen zu stellen; somit wird jeder neue Abonnent in Oesterreich das Defizit vermehren. Dazu kommt noch, daß die Druckerei gegen die Vereinbarung mir nur noch für zwei Hefte das Papier zur Verfügung hält, da sie es vorzieht, mit dem Rest des Papieres Schiebergeschäfte nach Italien zu machen. So sieht heute die Geschäftswelt aus und meine Situation in ihr als "Verleger". Eigenes Papier zu bekommen, ist bei dem Stillstand der Fabriken wegen Kohlenmangel bei aller Protektion in absehbarer Zeit nicht möglich. Mein Freund Lechner will ja nun unter allen Umständen noch versuchen, den Buchverlag zu retten (da wir doch einige Bücher in Vorbereitung hätten, die auch äußeren Erfolg haben dürften), und zwar auf einer Basis, die mir - noch ehe der bescheidene Rest meines Vermögens ganz aufgezehrt ist - sozusagen eine Anstellung im Verlag sichern würde. Aber die Verhältnisse haben mich schon etwas kopfscheu gemacht und ich überlege, ob es nicht besser wäre, mich gleich um einen anderen Verdienst umzusehen, um eine Anstellung abseits der ganzen Sphäre, in der ich mich geistig zu bewegen gewohnt bin und innerhalb deren ich jener Aufgabe gerecht zu werden versuchte, die mir, wie ich immer unerschütterlicher glaube, von der Vorsehung bestimmt war. Aber die Rücksicht auf Frau und Kinder hat eben, weiß Gott, mehr Gewicht, und keine Sorge wiegt so schwer wie diese. Lieber Herr Wittgenstein, ich weiß, Sie hören diese Dinge nicht gerne: lassen Sie es sich nicht verdrießen! Sie fragten ja selbst, ob es keinen Krampus gibt, der die "schlimmen" Verleger holt. Diesen Krampus gibt es - leider! -,

aber es sind nicht die schlimmsten Verleger - nicht immer! -, die er holt. Was hilft es mir, daß ich Sie nicht überzeugen kann, daß ich Ihnen kleinmütig erscheinen muß? Nichts! Mit oder ohne Russell: die Drucklegung Ihrer Abhandlung ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein Wagnis, das in Oesterreich heute kein Verleger auf sich nehmen kann. Am wenigsten ich, der ich mir schon mit meiner Zeitschrift keinen Rath mehr weiß. Übrigens, wenn Sie schon die Gelegenheit dazu haben: wie wäre es, wenn Sie Ihre Arbeit im Sinne der Russell'schen Anregung zunächst englisch erscheinen ließen und dann erst - sobald es die Verhältnisse erlauben - im Deutschen? Es grüßt Sie in Ergebenheit Ihr Ludwig Ficker

65 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 19.1.1920
19. 1. 20. Wien XIII. St. Veitgasse 17 bei Frau Sjögren Lieber Herr Ficker! Bitte sein Sie so, gut mir umgehend mein Manuscript zu schicken, da ich es an Reklam in Leipzig senden muß, der aller Wahrscheinlichkeit nach gewillt sein dürfte, mein Buch zu verlegen. Ich bin neugierig, wieviele Jahre es noch dauern wird, bis es erscheint. Hoffentlich geht es noch vor meinem Tod. Ihr Ludwig Wittgenstein

66 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 26.1.1920
26. 1. 20. Lieber Herr Ficker! Es ist traurig zu hören, daß es Ihnen mit dem Brenner so schlecht geht. Ich bin davon überzeugt, daß es nicht Kleinmut Ihrerseits ist, daß Sie mein Buch nicht nehmen. Ich schrieb Ihnen vor einigen Tagen und bat Sie um umgehende Rücksendung meines Manuskripts, da ich es an Reklam schicken muß, der die Arbeit wahrscheinlich übernehmen wird. Welche Art von Beruf werden Sie denn ergreifen? Es würde mich freuen, wenn er uns irgendwie wiederum zusammenführte. Benachrichtigen Sie mich bitte davon, was Sie zu tun gedenken. Ihr Ludwig Wittgenstein P.S. Auch ich kämpfe jetzt mit großen Widerwärtigkeiten.

Kommentar
1 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 14.7.1914
Brief, Kuvert adressiert an: "Herrn / Ludwig von Ficker / Brenner-Verlag / Innsbruck". Von fremder Hand wurde "Innsbruck" durchgestrichen und durch "Mühlau" ersetzt. Hochreit : des öfteren auch Hochreith geschrieben, Bauernanwesen im Mittelgebirge südlich von Wien, das Karl Wittgenstein 1894 erworben hatte. Herr : Ludwig von Ficker: geb. 13.4.1880, München; gest. 20.3.1967, Innsbruck/Mühlau. Ältester Sohn des Rechtshistorikers Julius von Ficker, wächst in München auf. 1896 Übersiedlung nach Innsbruck, wo er erste schriftstellerische Versuche unternimmt. Juristische, germanistische und kunsthistorische Studien in Innsbruck, Berlin, Wien und Rom kamen nicht zum Abschluß. Am 1. Juni 1910 erscheint das erste Heft des Brenner, der, neben seiner umfangreichen Korrespondenz, sein Lebenswerk werden sollte. Carl Dallago war lange Zeit der Hauptmitarbeiter. Schon bald wurde die Zeitschrift zur Stimme der Avantgarde in Österreich. Im Mai 1912 brachte der Brenner erstmals ein Gedicht von Georg Trakl, der von da an in fast jedem Heft der Vorkriegsjahrgänge vertreten war. Kritische und essayistische Beiträge erschienen u.a. von Max von Esterle, Adolf Loos und vor allem von Theodor Haecker, der in seinen Übersetzungen und Interpretationen nachdrücklich auf Sören Kierkegaard hinwies. Nach dem Krieg, an dem Ficker als Kaiserjäger an der Südfront teilnahm, kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Dallago, Haecker und dem neu hinzugekommenen Ferdinand Ebner um Christentum und Kirche, die schließlich zum Ausscheiden Dallagos führte. Die lyrische Tradition setzten Anton Santer, Friedrich Punt, Josef Leitgeb und die Schriften aus dem Nachlaß von Franz Janowitz fort.

In der Phase der Beruhigung, die etwa 1926 auf die heftigen weltanschaulichen Auseinandersetzungen folgte, gewann der Brenner durch Beiträge von Gertrud von Le Fort, Paula Schlier und Hildegard Jone eine neue Identität innerhalb kirchlich vermittelter Glaubenswahrheit. Mit Paula Schliers Betrachtungen zum Wesen der Kirche und Ignaz Zangerles Analyse ihrer Situation, sowie mit Übersetzungen Haeckers aus dem Werk von Kardinal Newman äußerte sich die Zeitschrift in den dreißiger Jahren als Sprecherin für eine damals noch ungewohnte, dem Laien zugewandte Katholizität. Seit dem Ersten Weltkrieg war die Herausgabe des Brenner und der Betrieb des damit verbundenen Brenner-Verlags durch die prekäre ökonomische Lage Fickers beeinträchtigt. Er mußte den Verlag an den Innsbrucker Universitätsverlag Wagner verkaufen und wurde selbst Angestellter dieser Firma. 1928 verlor er diese Stelle und war dann Korrektor bei den Innsbrucker Nachrichten und beim Deutschen Alpenverlag in Innsbruck. Nach zwölfjähriger durch Krieg und Verbot bedingter Pause erschien der Brenner wieder 1946, 1948 und 1954, jeweils als Jahrbuch. In der letzten Folge gab ihm Ficker mit seinen Erinnerungen an die hervorragendsten Mitarbeiter, sowie an Rainer Maria Rilke und an Ludwig Wittgenstein sein "Abschiedsgesicht". Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Ficker bis zu seinem Tod in engsten Kontakt mit der jungen und jüngsten Künstlergeneration, u.a. Paul Celan, Christine Busta, Christine Lavant, Thomas Bernhard und H. C. Artmann. Ludwig Wittgenstein : Geb. 26.4.1889, Wien; gest. 29.4.1951, Cambridge. Achtes Kind von Karl und Leopoldine Wittgenstein. Nach anfänglicher Privaterziehung im Hause Wittgenstein kam Ludwig im Herbst 1903 an die Oberrealschule in Linz, wo er 1906 maturierte. Von 1906-1908 studierte er an Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg und ging dann nach England. Nach aeronautischen Experimenten bei Glossop/Derbyshire war er Research Student an der Universität Manchester. 1912 Immatrikulation im Trinity College in Cambridge und Freundschaft mit Bertrand Russell, George Edward Moore und John Maynard Keynes. Von Ende Oktober 1913 bis Ende Juni 1914 Aufenthalt in Skjolden in Norwegen.

2 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 16.7.1914
Brief, mit vorgedrucktem Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau".

3 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 19.7.1914
Brief, Kuvert adressiert an: "Herrn / Ludwig von Ficker / Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau". meines Vaters Tod : Karl Wittgenstein: Geb. 8.4.1847, Gohlis bei Leipzig; gest. 20.1.1913, Wien. Großindustrieller. "Schöpfer" der österr. Stahlindustrie, die bis zum Jahre 1879 zum großen Teil aus unrentablen Einzelunternehmungen bestand, die von ihm zusammengefaßt, ausgebaut und rationalisiert wurden. Karl Wittgenstein war auch ein sehr kunstsinniger Mensch. "Wie bereits gesagt, war das Verhältnis Wittgensteins zur bildenden Kunst das des durchaus modernen Menschen. Er kam zur Kunst nicht auf dem Wege über die Kunstgeschichte und nicht durch die Achtung vor staatlich oder akademisch geeichten Autoritäten. Er verstand das Leben und Wirken als einen Kampf, und so war ihm auch in der Kunst nichts sympathischer, als die Auseinandersetzung zwischen künstlerischen Energien. So läßt es sich vielleicht erklären, daß Karl Wittgenstein der vornehmste Mäzen jener jungen Künstlergeneration wurde, die im Jahre 1897 daranging, nach dem Muster der anderen europäischen Kunststädte eine Sezession zu gründen. Als es sich darum handelte, den neuen Kunstbestrebungen ein eigenes Haus zu erbauen und die maßgebenden Faktoren des Stadterweiterungsfonds und der Wiener Gemeinde die Ueberlassung eines Bauplatzes vom Vorhandensein eines entsprechend hohen Garantiefonds abhängig machten, war es Karl Wittgenstein, der mit großzügiger Gebärde fast den größten Teil der nötigen Summe allein zeichnete. Bis dahin hatte er die wenigsten der jungen Künstler persönlich gekannt, und was ihn bewog, ihnen zu helfen, war nichts anderes als die Freude an ihrem Elan und die Erkenntnis ihrer äußerlichen Gedrücktheit. Von dieser Zeit an trat er mit den Künstlern selbst in ein intimeres Verhältnis und wußte sie sowohl in seinem Palais in der Alleegasse wie auch in seinem Blockhaus am Hochreith zu heiter verbrachten Tagen und Abenden zu vereinen, die manchem Teilnehmer dieser fröhlichen Zusammenkünfte unvergeßlich bleiben dürften. [...] Am meisten schätzte er aus diesem Kreis Gustav Klimt, der ein Bildnis seiner Tochter, der Frau Stonborough-Wittgenstein schuf, das zu den anmutigsten des Künstlers gehört, und dem Wittgenstein auch die Treue hielt, als es zu jener von Wittgenstein tief bedauerten Spaltung innerhalb der Sezession kam, die zum Ausscheiden der Klimt-Gruppe führte. Er besaß von Klimt neben den besten Landschaften bezeichnenderweise auch das schöne Bild „Das Leben ein Kampf“. Von auswärtigen Künstlern schätzte er Max Klinger besonders, von dem er auf der Klinger-Ausstellung in der Sezession im Jahre 1900 die berühmte Plastik des Meisters „Kauerndes Mädchen“ erwarb." "Bekannt ist seine Intervention anläßlich des Streites, um die im Auftrage der Regierung von Klimt für das Universitätsgebäude verfertigten großen Gemälde „Medizin“, „Philosophie“ und „Jurisprudenz“. Die Sezessionsbewegung stand damals in ihren ersten Anfängen und hatte in Klimt ihren bedeutendsten Repräsentanten in Oesterreich. Den Professorenkreisen und der Unterrichtsverwaltung erschien die Auffassung Klimts zu naturalistisch, und sie erhoben Bedenken gegen die Widmung der Gemälde für die Universität. Die Anhänger der Sezession entwickelten eine Ieidenschaftliche Agitation für Klimt, und der Streit entbrannte in beiden Lagern sehr heftig. Inmitten dieser Bewegung entschloß sich Wittgenstein zum Ankauf der Gemälde." (Neue Freie Presse, 21. 1.

1913). Im Hause Wittgenstein verkehrten aber auch mehrere Musiker - die Frau des Hauses, Leopoldine Wittgenstein, war selbst eine gute Pianistin - darunter Johannes Brahms, Hanslick, Max Kalbeck, Gustav Mahler, Robert Fuchs, Bruno Walter, Ferdinand Löwe. "Karl Wittgenstein besaß in Wien das Palais in der Alleegasse, dessen Festräume mit erlesenen Kunstwerken und namentlich mit Bildern, welche der modernen Richtung angehören, geschmückt waren und namentlich in früheren Zeiten den Schauplatz hervorragender musikalischer Produktionen bildeten. Joachim [sic] Brahms und Hanslick waren dort häufige Gäste. In Neuwaldegg hatte Wittgenstein eine große Villa mit einem ausgedehnten Garten und Waldbesitz. Noch vor seinem Rücktritt von seinen Stellungen hatte er sich am Hochreith [1894] angekauft. Dieser Besitz ist in Niederösterreich an der Bahn von St. Pölten nach Egyd, unweit von Hohenberg, gelegen und enthält ein enormes Waldterritorium, ein altes Blockhaus, das früher den Wohnsitz bildete und ein daneben von Karl Wittgenstein aufgeführtes schönes Jagdschloß. Er selbst war in jedem Jahre durch viele Monate im Sommer und Winter auf dem Hochreith und lag dort als passionierter Jäger dem Weidwerk ob. Er hat die Kultur außerordentlich gehoben, den Besitz durch Zukauf von Bauerngütern arrondiert, Straßen und Wege gebaut und zur Wohlhabenheit der Bevölkerung beigetragen. Gewöhnlich hatte er seine Wohnung in dem gemütlichen Blockhause, wo er auch die Freunde, die ihn besuchten, empfing. Die Räume dieses Hauses waren einfach, aber geschmackvoll eingerichtet und ein sehr angenehmer, gemütlicher Aufenthalt. Im Sommer öffnete dann das Schloß seine Tore. Dann zogen seine Kinder und ihre Angehörigen, zahlreiche Freunde und Bekannte zu ihm, das Schloß war der Schauplatz eines lebhaften Treibens und einer von ihm mit Vorliebe gepflegten großzügigen Gastfreundschaft. Auch dieses Haus ist mit zahlreichen Kunstwerken erfüllt, namentlich hängt dort das bekannte Bild Hohenbergers, die allegorische Darstellung der Huldigung, welche die Freunde Wittgensteins ihrem Haupte darbringen, und das seinerzeit den Anlaß zu einem Aufsehen erregenden Prozesse gebildet hatte, da die auf dem Bilde Dargestellten die Ausstellung des Kunstwerkes in der Sezession verhindern wollten." (Neue Freie Presse, 21. 1. 1913). Zu Karl Wittgenstein vgl.: Nachrufe in der Neuen Freien Presse vom 21. und 22. Jänner 1913; Karl Wittgenstein: Politico-Economic Writings. An onnotated reprint of "Zeitungsartikel und Vorträge", edited by J. C. Nyíri with an introduction by J. C. Nyíri und Brian F. McGuinness, and an Englisch summary by J. Barry Smith. Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins Publishing Company 1984. (Viennese heritage = Wiener Erbe, vol. I.) Kraus in der Fackel : Wahrscheinlich Anspielung auf den Aphorismus über den Brenner in der Fackel, Nr. 368/369, 5.2.1913, S. 32: "Daß die einzige ehrliche Revue Österreichs in Innsbruck erscheint, sollte man, wenn schon nicht in Österreich, so doch in Deutschland wissen, dessen einzige ehrliche Revue gleichfalls in Innsbruck erscheint." Vgl. auch: Ludwig von Ficker: Karl Kraus (B I, Heft 2, 15.6.1910, S. 46-48), Vorlesung Karl Kraus (B II, Heft 16, 15.1.1912, S. 563-569; Nachdruck in der Fackel, Nr. 341/342, 27.1.1912, S. 44-48). Anfang 1913 brachte Ficker im Brenner-Verlag eine Broschüre Studien über Karl Kraus heraus, die neben Fickers Essay Vorlesung über Karl Kraus die ebenfalls im Brenner veröffentlichten Aufsätze von Carl Dallago: Karl Kraus, der Mensch und Karl Borromäus Heinrich: Karl Kraus als Erzieher enhielt. In drei Folgen veranstaltete Ludwig von Ficker in Jg. III, Heft 18 bis Heft 20, 15.6.-15.7.1913, S. 835-852, S. 898-900, S. 934f. eine Rundfrage über Karl Kraus. Vgl. dazu Gerald Stieg: Der Brenner und Die Fackel. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte von Karl Kraus. Salzburg: Otto Müller 1976 (Brenner-Studien 3). - Karl Kraus: Geb. 28.4.1874, Jicin/Böhmen; gest. 12.6.1936, Wien. Schriftsteller, Herausgeber der Fackel (1899-1936). Schon vor dem Ersten Weltkrieg war Wittgenstein ein Bewunderer von Karl Kraus, dessen Schriften er sehr schätzte. Während seines ersten Aufenthaltes in Norwegen von Oktober 1913 bis Juni 1914 ließ er sich Die Fackel nachschicken. (Vgl. Paul Engelmann: Ludwig Wittgenstein. Briefe und Begegnungen. Wien, München: Oldenbourg 1970, S. 102).

4 GEORG TRAKL AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [23.7.1914]
Brief, undatiert, Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau". Zur Datierung dieses Briefes gibt es schon eine Reihe von Versuchen: Reinhard Merkel datiert ihn auf "Juli 1914" (Die Zeit, 14.8.1989); Christian Paul Berger auf den Zeitraum "zwischen dem 1. und ca. dem 23.8." (Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr. 8/1989, S. 68); Sigurd Paul Scheichl legt den Entstehungszeitraum "zwischen dem 28. und dem 30. Juli" fest (Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, 9/1990, S. 23); Eberhard Sauermann nimmt an, daß der Brief "wahrscheinlich am 30.7.1914 abgefaßt" worden ist (editio 4/1990, S. 222f.) Ich schlage eine andere Datierung vor, muß dazu allerdings etwas weiter ausholen: Als Ficker von Wittgenstein den ersten Brief erhalten hatte, informierte er sich bei seinem Freund Max von Esterle über die Familie Wittgenstein. Esterle antwortete am 21.7: "es war mir gleich klar, daß der Antrag, den Sie erhielten, aufrichtig gemeint war". Zugleich nennt er Dallago und Trakl als besonders unterstützungswürdig. „Schließlich kommt auch, was geistigen Rang und Bedürftigkeit anlangt, niemand von den bild. Künstlern Dall. u. Trakl nahe. Ich schreibe Ihnen dies nur, damit Sie sich in Ihren Plänen bestärkt fühlen u. sie envent. Herrn W. gegenüber vertreten.“ (Bd. 1, Nr. 262, S. 236). Schon am nächsten Tag muß Esterle weitere Post von Ficker erhalten haben, denn am 22.7. schreibt Esterle an Ficker: "Sie können sich denken, wie mich Ihr Brief freut! In dieser Form ist es wirklich Ihr ausschließliches Verdienst, und ich finde es ganz selbstverständlich, dass Sie auch an Ihr Defizit denken - umsomehr, als ja die beiden Anderen durch diesen

geringfügigen Abstrich eine ganz unfühlbare Einbusse erleiden. (Man brauchte ja nur für den Betrag österreichische Reale zu kaufen, um es wettzumachen). Übrigens ist es ja möglich, daß Herr W. auch sonst etwas für den „Brenner“ als solchen tut. Jedenfalls schüttle ich Ihnen voll Freude die Hand wegen der persönlichen Genugtuung, die Sie so reichlich verdient haben und jetzt fühlen müssen. Ich sehe in der ganzen Sache weit mehr, als einen günstigen Zufall. Dallago schreibe ich auf jeden Fall sofort, aber nur ganz im Allgemeinen, dass es sich um eine bedeutende Summe handelt, die im Stande sein könnte, seine Existenz sicher zu stellen. Ich gönne auch ihm diesen Erfolg, den er seiner Familie gegenüber nötig braucht. Trakl sagen sie bitte von mir meinen herzlichen Glückwunsch u. dass ich mich freue, dass er alle überseeischen Pläne jetzt aufgeben kann und seine Freizügigkeit zurückerlangt. Gleichzeitig hoffe ich aber, dass er jetzt erst recht in Innsbruck bleibt. Auf Ihren Weg nach Hohenberg meinen intensivsten Segen. Bleiben Sie um Gotteswillen bei Ihrem Plan Trakl-Dallago! Lassen Sie das Glück nicht atomisieren! Sie haben vollkommen recht in allem! Dallago wird es sicher für unumgänglich halten, mit Ihnen zu sprechen. Kommen Sie also jedenfalls sobald mit W. alles geregelt ist - wenigstens auf kurz - hierher (wenn Sie halbwegs können). Herzliche Grüße Ihnen allen!" (Dieser Brief liegt unveröffentlicht im Brenner-Archiv). Dieses Schreiben belegt, daß Ficker - wahrscheinlich telefonisch - Kontakt mit Wittgenstein aufgenommen und seinen Wien-Besuch fixiert hatte. Außerdem wurde bei diesem Kontakt bereits die Hälfte der Spende verteilt: Trakl, Dallago, „Brenner“. Und Ficker hat wahrscheinlich auch angedeutet, warum Trakl so dringend eine finanzielle Aufmunterung braucht. Trakl wollte, da er offensichtlich nicht einmal mehr in Innsbruck eine Perspektive sah, auswandern. Alle Versuche, eine für ihn angemessene Anstellung zu finden, waren gescheitert. Am 8.6.1914 hatte sich Trakl sogar beim Königlich Niederländischen Kolonialamt nach einer Anstellungsmöglichkeit im Kolonialdienst erkundigt, am 18.6. aber einen ablehnenden Bescheid erhalten. Diese offensichtliche Dringlichkeit muß eine sofortige Anweisung der Spende zur Folge gehabt haben oder zumindest die Abmachung, daß Ficker die Summe für Trakl vorerst vorstrecken sollte. Da Trakls Dankbrief in der Korrespondenz Ficker-Wittgenstein nirgends erwähnt wird, obwohl in der Spendenabwicklung keine Lücke zu erkennen ist, muß angenommen werden, daß die Spendenangelegenheit Trakls als erste und persönlich abgewickelt worden ist. Damit gewinnt auch die Formulierung „gestern“ in Trakls Brief eine ganz präzise Bedeutung. Ficker hat die Überweisung am 22.7. vorgenommen und Trakl hat den Dankbrief am 23.7., möglicherweise sogar mit Ficker zusammen verfaßt und Ficker hat ihn Wittgenstein persönlich überbracht. Vgl. Anton Unterkircher: Der Briefwechsel Ludwig von Fickers mit Ludwig Wittgenstein und was ein Trakl-Brief damit zu tun hat. In: "Ich an Dich". Edition, Rezeption und Kommentierung von Briefen. Hg. von Werner M. Bauer, Johannes John und Wolfgang Wiesmüller. Innsbruck: Institut für deutsche Sprache, Literatur und Literaturkritik, 2001, S. 205-216. Georg Trakl : Geb. 3.2.1886, Salzburg; gest. 3.11.1914, Krakau. Lyriker. Im Herbst 1908 begann Trakl mit dem viersemestrigen Studium der Pharmazie in Wien, das er am 25.7.1910 mit der Sponsion zum Magister der Pharmazie beendete. Nach Beendigung des Präsenzdienstes als Einjährig Freiwilliger bei der k. k. Sanitätsabteilung Nr. 2 in Wien, einer kurzzeitigen Beschäftigung in einer Apotheke in Salzburg, trat Trakl einen sechsmonatigen Probedienst als k. u. k. Medikamentenbeamter im Garnisonsspital Nr. 10 in Innsbruck an. Im Mai 1912 machte er die persönliche Bekanntschaft mit Ludwig von Ficker, von da an erschienen seine Gedichte fast in jedem Heft des Brenner. Trakl hielt sich 1913/14 den größten Teil in Innsbruck bei Ludwig von Ficker und auf der Hohenburg in Igls bei Fickers Bruder Rudolf auf. Im Juli 1913 erschien die Sammlung Gedichte bei Kurt Wolff. Im Juli 1914 wurden die Korrekturarbeiten am zweiten Gedichtband Sebastian im Traum (ebenfalls bei Kurt Wolff) abgeschlossen.

5 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 27.7.1914
Brief, mit vorgedrucktem Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau". Ihre Gastfreundschaft : Ficker hatte Wittgenstein entgegen seinem Bericht schon am 23./24.7.1914 in Wien besucht. Dies geht aus einem Brief Fickers an Hugo Neugebauer vom 27.7.1914 (Bd. 1, Nr. 263, S. 238) hervor: "[...] ich war Donnerstag und Freitag in Wien, und zwar in einer völlig unerwarteten privaten Angelegenheit, die mir so nahe ging, daß ihrem Eindruck jede andere Besinnung meinerseits erlag und ich schließlich froh war, aus dieser persönlichen Bedrücktheit durch die Spannung, die die alarmierenden Kriegsnachrichten auf mich übertrugen, herausgerissen zu werden." ein Innsbrucker Universitäts-Professor : Alfred Kastil: geb. 12.5.1874, Graz; gest. 20.7.1950, Schönbühel/NÖ. Philosophieprofessor. Habilitierte sich 1902 in Prag bei Anton Matty, einem Schüler Franz Brentanos; von seiner Prager Zeit dürfte auch die Bekanntschaft mit Rilke herrühren. 1909 wurde er a. o. Prof. für Philosophie in Innsbruck, 1912 Ordinarius. Kastil widmete praktisch sein ganzes Lebenswerk der Verteidigung von Brentanos Philosophie. Nach Brentanos Tod 1917 übernahm er gemeinsam mit Oskar Kraus in Prag die Edition des Brentano-Nachlasses. Verließ Innsbruck 1934, offiziell aus gesundheitlichen Gründen, de facto aber aus Protest gegen das Anwachsen des NS-Einflusses an der Universität Innsbruck. Über Vermittlung von Kastil publizierte Ficker 1919 im ersten Nachkriegs-Brenner den Sonnengesang des heiligen Franziskus (in freier Übertragung des

Franz Brentano, B VI, Heft 1, S. 5f.). Vgl. die Postkarte Kastils an Ficker vom 11.8.1919, wo dieser die Zustimmung von Frau Brentano für die Publikation im Brenner übermittelt. Kastil war auch in den Skandal um die Kraus-Lesung vom 4.2.1920 verwickelt. An der Universität Innsbruck ist der "Fall Kastil" aktenkundig geworden, da sich der Ordinarius für Philosophie im Verlauf der Vorlesung durch demonstrativen Beifall mit Kraus solidarisiert hatte. Wegen dieses Verhaltens wurde er sowohl von der Innsbrucker Studentenschaft als auch von der lokalen Presse scharf angegriffen. Am 12.2.1920 meldete er sich im Allgemeinen Tiroler Anzeiger auch öffentlich zu Wort: "Es ist mir nicht eingefallen, Karl Kraus einen „großen Gelehrten“ zu nennen, wohl aber trat ich für ihn als Künstler, Ethiker und Menschen ein, fand seine lauteren Absichten schwer mißverstanden und verurteilte die terroristische Methode, in der sich der Widerspruch gegen ihn geäußert hat, als durchaus unpassend, unstudentisch und dem Geist unserer Stadt höchst gefährlich." (Vgl. Gerhard Oberkofler: Der "Fall Kastil". Akademischer Antisemitismus und die Innsbrucker Krausvorlesungen. In: Kraus Hefte, Heft 21, Januar 1982, S. 2-6) Rilke : Rainer Maria Rilke: geb. 4.12.1875, Prag; gest. 29.12.1926, Val-Mont bei Montreux. Rilke verließ am 19. Juli 1914 Paris, besuchte vom 23.7. bis 1.8. seinen Verleger Kippenberg in Leipzig und reiste am 1.8. nach München. Wolfgang Leppmann schreibt in seiner Rilke-Biographie (Rilke. Sein Leben, seine Welt, sein Werk. 3. Aufl. Bern, München 1982), S. 350: "Während einer hektischen, aber nur nach Tagen bemessenen Phase der Begeisterung stimmt auch er in den Jubel ein, mit dem das Ereignis in ganz Europa begrüßt wird. In der ersten Kriegswoche entstehen die Fünf Gesänge / August 1914 [...]." S. 352: "Rilke hingegen bringt es fertig, fünf Gesänge zu schreiben, in denen das Deutsche nicht verherrlicht und das Fremde nicht angefeindet, wohl aber der Krieg als elementare, mythische Macht gefeiert wird, die die Menschen aus dem gleichgültigen Alltag emporreißt [...] und - dies dürfte für ihn den Ausschlag gegeben haben - den Einzelnen aus seiner Vereinsamung erlöst." Rilke wurde erst Ende 1915 gemustert und rückte am 4.1.1916 beim Landwehrschützenregiment Nr. 1 in Wien ein, wo er zuerst die Ausbildung mitmachen mußte, dann aber auf Intervention seiner Freunde im Kriegsarchiv beschäftigt wurde. Anfang Juni 1916 wurde er vom Heeresdienst wieder entlassen. Zeilen Dallagos : Dallago dürfte sich in dem verschollenen Brief für die ihm zugedachte Spende von 20.000 Kronen bedankt haben. Am 30.7. nimmt Dallago in einem Brief an Ficker noch einmal auf die Spende Bezug: "Nochmals von Herzen Dank für die Überweisung der K 20000.- (Zwanzigtausend Kronen), die ich also dankbarst annehme. Das Bestimmende hierfür ist mir, daß wenigstens ein Teilbetrag auch Dir verblieb als einigermaßen Vergütung für die Führung u. Unkosten des Brenners. Gerade über diesen Punkt wollte ich mit Dir reden, denn ich kann schließlich auch schaffen, ohne daß ich Geld habe; aber der Brenner kann ohne Geld nicht geführt werden. Außerdem ist meine Lage so, daß ich wirklich froh bin zu etwas zu kommen; freilich so hoch hätte der Betrag nicht auszufallen brauchen, das hätte ich nie gehofft. [...] Meinen Dank dem Spender des Geldes zu übermitteln, überlasse ich also Dir, Deinen Mitteilungen nach. Daß ich höchst erfreut bin über einen solchen Menschen, daß ich ihm auch meinen innigen Dank u. die besten Wünsche ausdrücken möchte, ist natürlich. Was Du mir über ihn als Menschen noch mitteilst, ist geeignet in mir den Wunsch auszulösen, ich möchte ihm einmal begegnen können. Doch das sei ganz dem Walten des Lebens überlassen!" Vgl. auch die dem Brief beigelegte Quittung vom 30.7.1914. - Carl Dallago: geb. 14.1.1869, Bozen; gest. 18.1.1949, Innsbruck. Philosoph, Schriftsteller. Ficker gründete den Brenner mit und für Carl Dallago, der vor dem Ersten Weltkrieg Hauptmitarbeiter der Zeitschrift war. meiner Zeitschrift : In B XVIII, 1954, S. 237 schreibt Ficker, daß ihm Wittgenstein bei seinem Besuch in Wien "eine Abzweigung von zehntausend Kronen als Zuschuß für den Brenner nahegelegt" habe. Aus Esterles Brief vom 22.7. kann man entnehmen, daß schon vor Fickers Besuch bei Wittgenstein, wahrscheinlich telefonisch oder telegrafisch die Zuteilung dieses Betrags für den Brenner festgelegt wurde.

6 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 1.8.1914
Brief. Neuwaldeggerstr : In der Neuwaldeggerstraße 38 im XVII Bezirk von Wien besaßen die Wittgensteins eine Sommervilla, die in den Siebzigerjahren abgerissen wurde. Ansonsten hatten sie einen Wohnsitz in der Alleegasse 16 im IV. Bezirk in einem von Karl Wittgenstein adaptierten Stadtpalais, in der Nähe der Karlskirche. Später wurde die Alleegasse in "Argentinierstraße" umbenannt; das Palais Wittgenstein wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und ist mittlerweile abgerissen. Loos : Adolf Loos: geb. 10.12.1870, Brünn; gest. 23.8.1933, Kalksburg bei Wien. Architekt. Ficker hatte während seines Besuches bei Wittgenstein diesen am Nachmittag des 24.7. im Café Imperial mit Adolf Loos bekannt gemacht.

7 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [14.8.1914]
Postkarte, undatiert. zum Militär : Wittgenstein meldete sich als Kriegsfreiwilliger, obwohl er wegen eines doppelseitigen Leistenbruchs vom Militärdienst freigestellt worden war. Am 9. August schrieb er in sein Tagebuch: "Vorgestern bei der Assentierung genommen worden und dem 2ten Festungsartillerie-Regiment in Krakau zugeteilt. Gestern vormittag von Wien ab. Komme heute vormittag in Krakau an." Wittgenstein wurde am 14.8.1914 zur Bedienung eines

Scheinwerfers auf das gekaperte Wachschiff Goplana zugeteilt, das ständig auf der Weichsel, dem Grenzfluß, patrouillierte. Am 21.9. kam es wieder nach Krakau zurück. (Geheime Tagebücher).

8 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 21.8.1914
Brief. Professor Sauer : August Sauer: geb. 12.10.1855, Wiener Neustadt; gest. 17.9.1926, Prag. Seit 1886 Literarhistoriker an der deutschen Universität Prag: Rilke war dort 1895 sein Schüler. In der Folge war Sauer Mäzen und Freund Rilkes und hat ihm öfters Darlehen und "Ehrengaben" vermittelt. Stoessl : Otto Stoessl: geb. 2.5.1875, Wien; gest. 15.9.1936, Wien. Dramatiker, Erzähler, Essayist. 1906-1911 Mitarbeiter der Fackel, 1913 am Brenner (allerdings nur mit 2 Beiträgen: Dem Beitrag zur Rundfrage über Karl Kraus (B IV, Heft 18, 15.6.1913, S. 841 und dem Aufsatz Lebensform und Dichtungsform, B IV, 15.11.1913, S. 179-185). Herrn und Frau D r Schwarzwald : Hermann Schwarzwald (1871-1938), Mathematiker, Jurist, Sektionschef im Handelsministerium; Eugenia Schwarzwald (1873-1940), Pädagogin, Schulreformerin, Begründerin der gleichnamigen Schule in Wien. Das Ehepaar Schwarzwald führte ein großes Haus, in dem u.a. Kraus, Schönberg, Kokoschka und Adolf Loos verkehrten. Kokoschkas Lage : Oskar Kokoschka: geb. 1.3.1886, Pöchlarn/NÖ; gest. 22.2.1980, Montreux. Maler, Dramatiker. Im Brenner nur mit seinem Beitrag zur Rundfrage über Karl Kraus vertreten (B III, Heft 20, 15.7.1913, S. 935). Kokoschka bedankte sich am 6. November 1914 bei Ficker: "Ich kann es mir nicht versagen, trotz Ihrer Ablehnung, Ihnen recht herzlich zu danken: Sie können es kaum erdenken, was diese große Hilfe mir für Befreiung von Sorgen verschafft, was ich seit Jahren mühsam erreichen wollte, und nie möglich wurde, tritt ein. Ich kann arbeiten und meine Kräfte werden nicht im Existenzkampf vergeudet. Kommt jetzt für mich die Einberufung, so werde ich meine Pläne ein gutes Stück vorwärts gebracht haben. Dem braven Mann, den ich nicht kenne, werde ich versuchen, eine Freude zu machen." Vgl. den beigelegten Überweisungsschein von 5.000 Kronen der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe in Innsbruck, datiert vom 4. November 1914, adressiert an "Herrn Oskar Kokoschka, Maler, Wien 19, Hardtgasse 29" und von diesem am 6.11. gegengezeichnet, womit er den Erhalt bestätigt. Im Februar 1915 Kokoschka war bereits beim Militär - war das Geld schon verbraucht: "Aber wirklich eine dringende Calamität ist, das ich keine Zeit zum Malen habe und also meinen Unterhalt und die mancherlei Zuwendungen, die man als Einjähriger zu leisten genötigt ist nicht verdienen kann. Durch den Betrag, den Sie Ihren Freund für mich aussetzen ließen, ist mir wohl ein Jahr die Sorge um meine Eltern abgenommen, aber ich würde keinen Moment daran denken können, davon zu leben, denn dann würde die Zeit kommen, wo ich nicht mehr aus noch ein wüßte. Einen Teil, der über die für meine Eltern benötigte Summe reichte, habe ich leider nicht aufgehoben, ohne Ahnung daß ich so schnell zum Militär käme und daß ich jetzt in einer solchen hilflosen Lage sein würde. Wenn Sie denken, daß Sie unserem Gönner keine sehr unangenehme Stunde bereiten, in dem Sie nochmals sein Interesse für mich erwecken, hätte ich eine fröhliche Hoffnung aus diesen Strapatzen mit dem Gewinn hervorzugehen, daß ich mich körperlich gekräftigt habe und mit mehr Energie meine alten Ziele wieder verfolgen werde, weil ich dann vielleicht doch einmal meine Energie ein Jahr mit der Sorge um die Herbeischaffung des so dummen und doch so wichtigen Geldes nicht schwächen müßte". (Kokoschka an Ficker, 6.2.1915; Bd. 2, Nr. 361, S. 84f.) Am 21.2.1915 schrieb Kokoschka an Ficker (unveröff., Brenner-Archiv): "Ich erhielt neulich Ihr freundliches [sic] telegraphische Ankündigung, daß Sie mir noch 700 Kr. aus der Stiftung senden könnten. Ich telegraphierte sofort zurück, daß ich sehr glücklich darüber wäre und Loos schrieb Ihnen auf meine Bitte auch, daß Sie mir den Betrag möglichst telegraphisch anweisen lassen möchten, weil ich schon sehr Not habe. [...] Ich werde Alles selbstverständlich und mit Freuden zurückgeben, bis ich wieder zur [sic] meiner Arbeit zurückkehren kann, an die jetzt gar nicht zu denken ist." Möglicherweise hat Ficker diese Summe von den 10.000 Kronen für den Brenner Verlag abgezweigt. Ob die Anweisung tatsächlich erfolgt ist und ob es dann von Kokoschka wieder zurückgegeben wurde, konnte nicht ermittelt werden. Lasker-Schüler: Else Lasker-Schüler: geb. 11.2.1869, Wuppertal-Elberfeld; gest. 22.1.1945, Jerusalem. Lyrikerin, Erzählerin. Ihr Sohn Paul Schüler (1899-1927) war ein begabter Zeichner und schon mit 14 Jahren Mitarbeiter am Simplicissimus. Else Lasker-Schüler war 1909-1911 Mitarbeiterin an der Fackel, 1913-1914 am Brenner. Karl Hauer: geb. 29.10.1875, Gmunden/OÖ; gest. 17.8.1919, Salzburg. Volksschullehrer, Buchhändler, Schriftsteller. Mit Karl Kraus befreundet, 1905-1909 Mitarbeiter an der Fackel. 1913 erwarb er mit Unterstützung von Karl Kraus die Buchhandlung K. Tscheschlog in München, die er kurz darauf wieder verkaufen mußte. Hauer war im Brenner nur mit dem Beitrag zur Rundfrage über Karl Kraus vertreten (B III, Heft. 18, 15.6.1913, S. 845). In B III, Heft 7, 1.1.1913, S. 306-316 war von Ludwig Erik Tesar eine ausführliche Besprechung von Hauers Essayband Von den fröhlichen und unfröhlichen Menschen (Wien: Jahoda & Siegel 1911) erschienen. Offenbar sollte Hauer aber für das Brenner-Jahrbuch 1915 einen Beitrag verfassen. Am 26.1.1915 schrieb Hauer aus Bozen an Ludwig von Ficker: "Ich bringe nichts Rechtes für das Jahrbuch zusammen: der Krieg ist zu gegenwärtig u. nahe, daß man darüber ohne Hemmungen mannigfacher Art schreiben könnte, u. über etwas Anderes zu schreiben, hat jetzt erst recht keinen

Wert." Zur Überweisung der Spende ist nichts näheres bekannt. L.E. Tesar: Ludwig Erik Tesar: geb. 6.7.1879, Brünn; gest. 8.10.1968, Schwaz/Tirol. Mittelschullehrer, Pädagoge, Schriftsteller. 1910-1911 Mitarbeiter an der Fackel, 1912-1914 Mitarbeiter am Brenner. Richard Weiß: Geb. 31.5.1884, Wien; 1938 nach Holland verzogen. Lehrer, Schriftsteller. 1911 Mitarbeiter der Fackel. Trat im Herbst 1912 in brieflichen Kontakt zu Ludwig von Ficker und schickte ihm Gedichte. Im Brenner erschienen von ihm: Vergangener Zug, B III, 1.10.1912, S. 17; Stein und Der gelbe Stein, B III, 15.12.1912, S. 249. Auch Weiß erhielt von Ficker die Aufforderung, einen Beitrag zur Rundfrage über Karl Kraus zu liefern. Er schrieb darüber am 21.6.[1913]: "Ich bemühe mich seit mehreren Wochen, Ihrer Aufforderung nachzukommen, meine Ansicht über Karl Kraus auszusprechen. Das Brennerheft, das ich gestern bekommen habe, enthält nun schon die Antworten auf die Rundfrage und die Sätze, dich ich bis jetzt geschrieben habe, kommen zu spät und es ist wohl recht so. In meinem inneren Leben vollzieht sich eine Wandlung und Neuordnung, die meine Kraft ganz braucht, soweit sie nicht durch langdauernde äußere Kämpfe verzehrt wird, und so bin ich dem Werke Karl Kraus' gegenwärtig entfremdet. Im Lichte meiner neuen Erkenntnis finde ich mich unwissend, über Karl Kraus richtig zu urteilen. Denn ich muß in vielem neu anfangen." Am 12. Juli [1913] schrieb er an Ficker: "ich fahre heute auf unbestimmte Zeit nach England, ich habe hier gegenwärtig keine Stellung. In meinem Leben ist jetzt in vielfacher Weise ein Einschnitt." Damit bricht der Kontakt zu Ficker ab. Ob Weiß die Spende jemals erhalten hat, konnte nicht ermittelt werden. Theodor Haecker: geb. 4.6.1879, Eberbach; gest. 9.4.1945, Usterbach bei Augsburg. Schriftsteller, Übersetzer, Philosoph, Theologe. Seit dem 1. Mai 1914 erschienen im Brenner Haeckers Kierkegaardübertragungen, u.a. Kritik der Gegenwart und Der Pfahl im Fleisch (beide auch broschiert als Einzelpublikationen im Brenner-Verlag). Haecker reagierte auf Fickers Benachrichtigung vom 25.9.1914 (Bd. 2, Nr. 277, S. 19) zunächst ablehnend: "So sehr mich Ihr Anerbieten als Ausdruck Ihrer Schätzung erfreut hat, muß ich es doch ablehnen und zwar aus Gründen, die ich Ihnen sofort darlegen will. Nach nochmaligem Durchlesen Ihres Briefes und nach reiflicher Überlegung bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß es dem Geber darum zu tun war, nicht etwa bloß bedeutende Schriftsteller sondern eben auch bedürftige zu unterstützen. Wiewohl ich z. Zt nicht völlig meinen Ideen leben kann und nicht wie es nötig wäre, um die Bücher zu schreiben, die ich im Kopfe habe, jeden ganzen Tag zur Verfügung habe, so kann es sich bei mir doch unter keinen Umständen um Bedürftigkeit handeln, da ich einen festen Gehalt beziehe und außerdem von dem Verlagsinhaber, mit dem ich durch jahrzehntelange Freundschaft verbunden bin, wohl nie im Stiche gelassen werde. Gerade weil ich die Meinung habe, daß ein würdiger Schriftsteller oder Mensch überhaupt, wenn er bedürftig ist, eine Unterstützung ohne Scham annehmen kann, muß ich sie in meinem Fall, wo die Bedingung eben nicht zutrifft, ablehnen." Ficker antwortete am 11.12.1914: "Zunächst muß ich nachtragen, dass dem Spender jener Ehrengaben es in erster Linie darum zu tun war, das schriftstellerische Verdienst zu ehren, allderdings unter Berücksichtigung und nach Maßgabe der ökonomischen Lage des Einzelnen. (Nur ausgesprochen Wohlhabende sollten außer Betracht fallen). Im Sinne dieser beiden Richtlinien habe ich denn auch meine eingehenden Vorschläge erstattet - und zwar nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich, so dass ich über Absicht und Einverständnis des Spenders ebenso zuverlässig orientiert bin wie er über die Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit meines Referats. Wie Sie wissen, war es mir bekannt - ich hatte es ja seinerzeit in München von Ihnen selbst erfahren -, dass Sie eine berufliche Stellung innehaben, durch die Ihre materielle Existenz geschützt und gesichert erscheint. Ich habe daraus in meinem Vorschlag auch kein Hehl gemacht und diesen Umstand bei Bemessung der Höhe des für Sie zu bestimmenden Betrags in Rechnung gezogen. Sie dürfen vor allem die beruhigende Gewißheit haben, dass die Zuwendung an Sie unter gewissenhafter Berücksichtigung aller hiebei in Betracht kommenden Umstände erfolgte, wobei ich noch besonders betonen möchte, dass sie auch nach keiner Richtung eine Schmälerung der gerechten Ansprüche Bedürftiger bedeutet. Denn ich habe z.B. Trakl und Dallago, die in der letzten Zeit ganz mittellos geworden waren, mit entsprechend höheren Beträgen bedenken können. [...] Auch möchte ich nicht vergessen hinzuzufügen, dass durch diese Schenkung es auch ermöglicht wurde, dem Brenner als Unternehmen etwas aufzuhelfen, sodass ich die bisherigen Defizite einigermaßen ausgleichen konnte. Es würde mich nun sehr bedrücken, selbst eine Hilfe angenommen zu haben, während ein Hauptmitarbeiter, dessen selbstlosem Wirken der Brenner so Außerordentliches zu danken hat, es ablehnt, eine Ehrengabe anzunehmen, die zu seinem Verdienst und der Unschätzbarkeit seines Entgegenkommens zwar in keinem Verhältnis steht, aber jedenfalls reinen Herzens und in der würdigsten Absicht dargeboten wird." (Bd. 2, Nr. 335, S. 60f.) Haecker stimmte am 16.12.1914 zu: "Nach Ihren klaren Ausführungen über die Spende von 2.000 Kr. kann ich allerdings kein Hindernis mehr sehen, das der Annahme im Wege stände. Ich nehme sie an und spreche zugleich meinen Dank aus, Ihnen und dem Spender. Was die Überweisung betrifft, nach der Sie mich im ersten Briefe gefragt haben, so halte ich es für das einfachste, wenn Sie den Betrag auf das Postsparkassenkonto in Wien N° 14508 J. F. Schreiber, München einzahlen. Dieser Verlag wird dann mit mir abrechnen. (ein Erlagschein liegt hier bei!)" (Bd. 2, Nr. 341, S. 66f.) Am 1. Jänner 1915 bedankte sich Haecker für den Erhalt des Geldes (Bd. 2, Nr. 349, S. 75). Theodor Däubler: geb. 17.8.1876, Triest; gest. 13.6.1934, St. Blasien/Schwarzwald. Schriftsteller. Unter dem Titel Ein

sybillinisches Buch besprach Hugo Neugebauer Däublers Nordlicht (3 Bde., München, Leipzig: Georg Müller 1910) am 1.12.1910 im Brenner. Ficker stand mit ihm seit 1912 in brieflichem Kontakt und publizierte seit Ende 1912 Däublers Gedichte im Brenner. Däubler schrieb am 27.11.1914 aus Dresden: "Ihr Brief war eine große Überraschung! Vor allem herzlichsten Dank, dass sie an mich gedacht haben. Sie können Sich wol denken, wie nötig ich grade zu Kriegszeiten eine Ermuntrung auch in klingender Gestalt habe. Man weiss ja oft nicht wie ein und aus. Solang der Krieg dauert heissts fristen und fasten. Wer hätte das nicht gern getragen. Immerhin: die 2000 Kronen kommen hereingeschneit: Ein guter Winteranfang! Lieber Herr von Ficker, ich bitte Sie halten Sie vorläufig noch die Summe, ich werde Sie um Weihnachten dann selber abheben, oder sonstwie in Östreich in Empfang nehmen. Zu viel möchte man nicht beim Eintausch verlieren. Schicken Sie mir nur freundl. sogleich 300 Mark. Damit komm ich aus und herunter Ende Jahres. Falls der generöse Spender nicht erreichbar sein sollte oder wollte, so bitte, Herr v. Ficker danken Sie ihm innigst, jetzt oder wann möglich." (Bd. 2, Nr. 328, S. 53) Am 12.12.1914 bedankte sich Däubler für die Zusendung der 300 Mark (Bd. 2, Nr. 337, S. 64) Den Rest wollte sich Däubler nach Weihnachten 1914 in Innsbruck persönlich abholen. Er war aber verhindert und bat Ficker die restliche Summe an Erhard Buschbeck in Salzburg zu schicken (vgl. Brief an Ficker vom 29.12.1914 aus Berchtesgaden, unveröff. Brenner-Archiv). Am 7.1.1915 übernahm Däubler dort Fickers Geldsendung (vgl. Postkarte vom 7.1.1915, unveröff. Brenner-Archiv). Am 8.1.1914 bedankte er sich noch einmal: "Gestern konnte ich Ihnen nur einen kurzen Gruss senden, heute danke ich Ihnen noch einmal für Ihre grosse Güte: Könnte ich nicht irgendwie dem Spender für den Kriegs- und Winterunterstand danken. Demnächst erscheinen Dinge von mir; Sie bekommen sie natürlicherweise sogleich, ich möchte sie aber auch dem ungenannten Herrn sofort nach Erscheinen zukommen lassen." (Bd. 2, Nr. 352, S. 77) Mombert : Alfred Mombert: geb. 6.2.1872, Karlsruhe; gest. 8.4.1942, Winterthur. Lyriker, Dramatiker. Eine Stellungnahme Momberts zu Däubler ist nicht bekannt. Hingegen hat Johannes Schlaf im Zeitgeist vom 17.6.1912 ausführlich über Däubler geschrieben (Nachdruck in B III, Heft 3, 1.11.1912, S. 120-127). Franz Kranewitter: geb. 18.12.1860, Nassereith; gest. 4.1.1938, ebenda. Dramatiker. Sein Drama Michel Gaißmayr war 1899 erschienen, drei Jahre nach Gerhart Hauptmanns Drama Florian Geyer, das im selben Verlag erschien. Fickers Behauptung, Kranewitters Drama sei vor Hauptmanns Florian Geyer entstanden, wird allerdings auch von Karl Schoßleitner unterstützt, der behauptet, die Entstehung reiche bis in die früheste Jugend zurück und vier Akte seien 1895 schon fertig vorgelegen. (Karl Schoßleitner: Michel Gaißmayr in Wien. In: Innsbrucker Nachrichten, 3.6.1914). Kranewitter war damals nicht sehr produktiv und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Kranewitter hat von der Wittgenstein-Spende einen Betrag von 2.000 Kronen erhalten. Im Nachlaß Ludwig von Fickers findet sich in Fickers Scheckbuch der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe in Innsbruck ein Abriß, datiert mit 26.IX.1914, der die Überweisung der 2.000 Kronen an Franz Kranewitter belegt. Am 29.12.1914 schrieb Kranewitter an Ficker: "Ich kann die letzten Tage dieses Jahres nicht vorübergehen lassen ohne Dich zum Antritte des neuen auf das wärmste zu beglückwünschen und dem edlen Menschen welcher mir das große Geschenk gestiftet, sowie Dir, der es mir zugewendet nochmals auf das herzlichste zu danken. Aus wie vollem Herzen dieser Dank aber kommt, weiß nur der, welcher Einblick hat in mein Leben und fühlt wie schwer mir dasselbe bis jetzt geworden ist. Jedes Kleinste, was ich erreicht mußte erkämpft und unter harter Not erstritten werden. Daß dabei meine Nerven heruntergekommen sind ist klaar und ich zweifelte oft ob ich noch im Stande sein werde etwas nach meinem Sinn Großes zu wirken. Und nun durch Dich diese Freude, eine Freude, für die ich schon deßhalb umso dankbarer bin, als sie nicht erstritten werden mußte sondern einmals eine solche war, welche wie das Glück plötzlich vom Himmel fällt. Wenn Du dem edlen Stifter dessen Name ich ja - hoffentlicht nicht für immer - nicht kenne einmal schreibst so sage ihm um zu wissen, was er mir getan, hätte er die Thränen sehen müssen, die mir im Freudesturme aus den Augen schossen. Wenn ich das Werk, das ich vorhabe, so vollende, wie ich es plane, war seine Tat des Himmels Segen, der es zur Reife brachte." (Bd. 2, Nr. 348, S. 74) Carl Borromäus Heinrich: geb. 22.7.1884, Hangenham/Bayern; gest. 25.10.1938, Einsiedeln. Romancier, Essayist. 1908-1910 Mitarbeiter an der Fackel, seit Anfang 1913 am Brenner. Heinrich befand sich damals in ständigen Geldschwierigkeiten und hatte bei Ficker 900 Kronen geliehen, die er in einem Brief an Ficker vom 22.7.1914 (unveröff., Brenner-Archiv) bald zurückzugeben versprach. Korrespondenz zwischen Ficker und Heinrich in Sachen der Wittgenstein-Spende hat sich nicht erhalten. Hermann Wagner: geb. 22.4.1880, Tannendorf bei Georgenthal; gest. 7.7.1927, Groß-Schönau/Sachsen. Erzähler. 1911-1913 Mitarbeiter am Brenner, nahm auch an der Rundfrage über Karl Kraus (B III, Heft 18, S. 848f.) teil. Die rote Flamme und andere Novellen waren 1908 bei Georg Müller (München, Leipzig) erschienen. In einem Brief vom 20.10.1914 (unveröff., Brenner-Archiv) erklärte Hermann Wagner ausführlich, warum es ihm aufgrund der Ablehnung seiner Bücher und Feuilletons bis jetzt nicht möglich war, von Ficker offenbar geliehenes Geld zurückzuzahlen (Summe wird keine genannt). Dann bedankte er sich für Fickers "neuesten lieben Brief" (verschollen), in dem ihm dieser von der Wittgenstein-Spende berichtete: "Wie soll ich Ihnen danken? Erlassen Sie mir Worte, ich schäme mich zu sehr! Natürlich wollen wir die Sache in der vorgeschlagenen Art ordnen! Ich atme

geradezu auf, durch Sie selbst von meinen Gewissensbissen befreit zu werden! Wie gut und edel Sie sind! Wie soll ich es Ihnen nur begreiflich machen, daß ich es, trotz allem!, verdiene?! Eine Quittung lege ich bei. Sie ist doch recht so? Und eine große Bitte habe ich an Sie! Der Weg von Innsbruck nach Gross-Schönau ist endlos. Schicken Sie mir das Geld also auf meine Kosten telegraphisch und zwar an meine Adresse nach: Warnsdorf in Böhmen, bahnpostlagernd Postamt 2.": Die beigelegte Quittung hat sich erhalten: "Quittung / über den Betrag von 1000 Kronen (Tausend Kronen), die ich unterfertigter Hermann Wagner in Gross-Schönau in Sachsen von Herrn Ludwig von Ficker in Innsbruck am heutigen Tage baar und richtig ausgezahlt erhalten habe. / Gross-Schönau in Sachsen, / 22. Oktober 1914 / Hermann Wagner". Am 22.10.1914 schrieb Wagner noch einen Brief an Ficker (unveröff., Brenner-Archiv): "Erst gestern fiel mir ein, daß ich dem edlen Spender der tausend Kronen selbst noch gar nicht gedankt habe. Die Nachricht traf mich nämlich so überraschend und sie schien mir nach dem, was ich in den letzten Monaten an Schlimmem und Entäuschungen erfahren habe, so unwirklich, daß es, damit ich mich sammelte, einiger Zeit bedurfte! Und so hole ichs also jetzt nach und bitte Sie, dem gütigen Geber des Geldes, das ich noch nie so nötig gebraucht habe wie gerade jetzt, meinen tiefen Dank zu sagen! Gott möge es Ihm vergelten, viele Male! Meine Depesche, worin ich Sie bat, mir das Geld telegraphisch nach Warnsdorf in Böhmen bahnpostlagernd Postamt 2 zu senden, werden Sie wohl erhalten haben. Ich wiederhole meine Bitte heute nochmals brieflich. Die Situation hier bei mir ist nämlich die, daß ich mich kaum mehr auf die Straße wagen kann, der Gläubiger wegen. Ich bekomme absolut keinen Pfennig Honorar herein, die letzte Sendung, allerdings von 80 Mark, kam vor 5 Wochen von der Jugend, aber sie war, nach Bezahlung des Allerdringendsten, nach 3 Tagen ausgegeben. Seit dieser Zeit leben wir sehr schlimm. Haben Sie also die Güte, mir das Geld, oder doch wenigstens einen Teil, telegraphisch zu senden! Und damit danke ich auch Ihnen nochmals vom ganzen Herzen! Es scheint, daß trotz allem doch ein gutes Schicksal über mir waltet - warum hätte ich sonst gerade in der jetzigen kritischen Situation dieses Geld erhalten?" Hugo Neugebauer: geb. 7.10.1877, Michelsdorf/Böhmen; gest. 18.7.1953, Innsbruck. Beamter, Schriftsteller. 1910-1913 Mitarbeiter am Brenner. Auf Fickers Verständigung vom 17.10.1914 (vgl. Bd. 2, Nr. 287, S. 26) antwortete Neugebauer am 22.10.1914 (Bd. 2, Nr. 290, S. 28): "das Geschenk von tausend Kronen, das ein unbekannter Gönner mir zugedacht, hat mich in große Verlegenheit gesetzt. Ich schwankte lange, ob ich es denn annehmen dürfte, und entschloß mich erst dazu, als Sie mich davon überzeugt hatten, daß ich es nicht ablehnen könnte, ohne den hochherzigen Spender zu kränken. Ich nehme es also an und bestimme den ganzen Betrag für eine Buchausgabe meiner Gedichte, eine Widmung, der Sie lebhaft zugestimmt haben. Da ich jedoch, wie Sie wissen, bei einem Versuche, meine Dichtung „Das Diadem der Melitta“ in Buchform zu veröffentlichen, betrogen wurde, und ich mich nachgerade zu der etwas absonderlichen Ansicht bekehrt habe, daß der Anstoß zu solchen Unternehmungen nicht von den Dichtern, sondern von den Lesern oder Verlegern ausgehen sollte, kann ich den Fall nicht unbedacht lassen, daß es (wenigstens zu meinen Lebzeiten) zu keiner Buchausgabe kommt. Tritt dieser Fall ein, so soll die Gabe des Unbekannten einen rein menschenfreundlichen Zweck erfüllen: sie soll nämlich der Grundstock eines Vermächtnisses sein, dessen Zinsen ich armen Mädchen der Stadtgemeinde P.[Pola in Istrien] als Beitrag zu Ihrer Aussteuer zuwenden möchte." Am 14. Dezember 1914 kündigte Neugebauer in einem Brief Ficker (unveröff., Brenner-Archiv) die Freundschaft auf und wies zugleich die Wittgenstein-Spende zurück: "Noch eines: Das Ehrengeschenk - sonderbares Ehrengeschenk an einen, den man verachtet - das Ehrengeschenk werde ich auf Ihr Einlagenblatt zurücküberschreiben lassen. Sie wissen ja, wie lange ich gezögert habe, es anzunehmen, und daß ich das schließlich nur tat, um den ahnungslosen Geber nicht zu kränken. Es wird Ihnen nicht schwer sein, ihn davon zu überzeugen, daß ich unter solchen Umständen darauf verzichten muß." Zugleich legte er die Briefe Fickers bei und forderte seine eigenen sowie alle Manuskripte zurück. Am 16.12.1914 schickte Neugebauer eine Postkarte an Ficker (unveröff, Brenner-Archiv): "Nachdem ich den Brief aufgegeben hatte, begab ich mich auf die Bank, wo man mir sagte, daß ich bis zum Eintreffen des Papieres (Kriegsanleihe), in dem ich den Betrag angelegt habe, warten müßte. Daher die Verzögerung." Ob die Rücküberweisung tatsächlich erfolgte, konnte nicht nachgewiesen werden. Die Freundschaft ging aber nicht endgültig in die Brüche, denn nach einer einjährigen Pause des brieflichen Kontakts redete Neugebauer Ficker wieder mit "Lieber Freund" an. Jos. Georg Oberkofler: geb. 17.4.1889, St. Johann/Ahrn, Südtirol; gest. 12.11.1962, Innsbruck. Lyriker, Epiker. Besuchte in Innsbruck medizinische, philosophische und theologische Vorlesungen (ohne Abschluß; promovierte aber 1922 zum Dr. jur.) 1911-1913 (und noch einmal 1922) Mitarbeiter am Brenner. Zur Wittgenstein-Spende sind keine Dokumente bekannt. Ein Brief von Oberkofler an Arthur von Wallpach vom 12.5.1914 bestätigt allerdings seine damalige Notlage: obwohl er von Ficker verköstigt wurde, konnte er aus dem spärlichen Erlös seiner schriftstellerischen Arbeiten seit 3 Monaten sein Zimmer nicht bezahlen und bat daher Wallpach um 150 Kronen: „Ich habe Herrn von Ficker nichts gesagt von meiner trostlosen Lage, weil ich sonst so viel Wohltaten genieße und weil er mir schon vor zwei Jahren einmal ausgeholfen hat.“ (Der Brief liegt im Nachlaß Arthur von Wallpachs im

Brenner-Archiv). [1]000 Kronen : Die Zahl ist nicht eindeutig lesbar, doch wenn man die im Brief angeführten Beträge addiert, bleibt ein Rest von 1000 Kronen übrig.

9 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 15.9.1914
Brief.

10 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [22.9.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, ohne Poststempel. Datierung nach einer Notiz in den Geheimen Tagebüchern vom 22.9.: "Erhielt eine Menge Karten und Briefe u.a. von Ficker und Jolles."

11 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [22.9.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, ohne Poststempel. Trackl : Aus Trakls Brief Nr. 128 an Maria Trakl (ca. 7.-10.9.1914, HKA I, 620) geht hervor, daß Trakls Einheit nicht sofort zum Einsatz gelangte, wahrscheinlich erst im Zeitraum vom 8.-11. September bei der großen Offensive zur Rückeroberung Lembergs. Kurt Rawski-Conroy ist in diesen Tagen Georg Trakl begegnet (Georg Trakl. Ein Gedenkblatt zum vierzigsten Todestag von einem Kriegskameraden. In: Österreichische Apothekerzeitung 8, 1954, S. 665, Zit. nach. Erinnerung an Georg Trakl, 3. Aufl. Salzburg 1966, S. 201): "Ich sah, wie Trakl mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen an der Bretterwand der Scheune lehnte. Die Kappe war seinen Händen entglitten. Er merkte es nicht und ohne auf Zuspruch zu hören, keuchte er: „Was kann ich tun? Wie soll ich helfen? Es ist unerträglich.“ - An der Uniform hatte ich erkannt, daß es ein engerer Kamerad war, der da in heller Verzweiflung zusammenzubrechen drohte. Ich wollte zu helfen suchen, hatte aber das Empfinden, daß der Bedauernswerte kaum auf meinen Zuspruch achtete, obwohl er seinen Namen murmelte, als ich den meinen nannte. Ich mußte weiter und hatte die beste Absicht, meinem Versprechen gemäß ärztliche Hilfe nach Möglichkeit herbeizuschaffen. Es gelang leider nicht." In der Erinnerung an Georg Trakl (3. Aufl.), S. 200f. hat Ficker die mündlichen Mitteilungen Trakls festgehalten: "In der Schlacht von Grodek, kurz vor der Entscheidung und schon im Rückschlag einer an der Front ausbrechenden Panik, war die Sanitätskolonne, der er angehörte, zum ersten Male eingesetzt worden. In einer Scheune, nahe dem Hauptplatz des Ortes, hatte er ohne ärztliche Assistenz die Betreuung von neunzig Schwerverwundeten zu übernehmen und machtlos, selber hilflos, diese Marter durch zwei Tage ausstehen müssen. Noch habe er das Stöhnen der Gepeinigten im Ohr und ihre Bitten, ihrer Qual ein Ende zu machen. Pötzlich, kaum hörbar in dem Jammer, sei eine schwache Detonation erfolgt: Einer mit einem Blasenschuß hatte sich eine Kugel durch den Kopf gejagt, und unversehens klebten blutige Gehirnpartikel an der Wand. Da hatte er hinaus müssen. Aber so oft er in das Freie trat, immer habe ihn ein anderes Bild des Grauens angezogen und erstarren gemacht. Da standen nämlich auf dem Platz, der wirr belebt und dann wieder wie ausgekehrt schien, Bäume. Eine Gruppe unheimlich regungslos beisammenstehender Bäume, an deren jedem ein Gehenkter baumelte. Ruthenen, justifizierte Ortsansässige. Einer von ihnen, der zuletzt Aufgeknüpfte, hatte sich, wie Trakl erfuhr (oder hat er's noch miterlebt?), die Schlinge selbst um den Hals gelegt. Tief habe er sich den Anblick eingeprägt: der Menschheit ganzer Jammer, hier habe er einen angefaßt! Nie könne er das vergessen, und auch den Rückzug nicht; nichts nämlich sei so schrecklich als ein Rückzug in Verwirrung."

12 AN RAINER MARIA RILKE, 25.9.1914
Brief mit vorgedrucktem Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau".

13 VON RAINER MARIA RILKE, 30.9.1914
Brief. Original im Wiener Brieffund von 1988, jetzt im Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek. München : Nach einem einmonatigen Aufenthalt in Irschenhausen kehrte Rilke nach München zurück und wohnte bis Ende November in der Penison Pfanner in der Finkenstraße. Bedeutung der Hülfe : Anton Kippenberg, der von Rilke über die Spende informiert wurde, schrieb Rilke am 2.10., er wolle die 20.000 Kronen mündelsicher anlegen: "Ich möchte unter allen Umständen, daß diese Summe Ihnen ungeschmälert verbleibt und daß wir nur die Zinsen in die Aktion einbeziehen, die Ihnen nun für eine Reihe von Jahren hinaus alle Freiheit der Arbeit sichern soll." (Zit. nach Ingeborg Schnack: Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und seines Werkes. Bd. 1. Frankfurt/M.: Insel 1975, S. 483). Bereits im Juni 1914 hatte Fürstin Mechtilde Lichnowsky einen Aufruf ergehen lassen, man solle Rilke "den Grad materieller Unabhängigkeit, der für ungehemmtes Arbeiten nötig ist", verschaffen. "Dreißig bis vierzig Menschen, die bereit wären, jährlich einen Beitrag nicht unter 100.- Mark zu leisten, würden diese Hilfe schaffen können." (Ebenda, S. 473) Am 6.10. bat Rilke Kippenberg um ein paar tausend Mark zur Begleichung aller seiner Schulden, war aber einverstanden, daß 17.000 Kronen fest angelegt wurden. (Ebenda, S. 483) Bereits Anfang 1915 war die Aktion der Lichnowsky ins Stocken geraten und Rilke griff gegen den Widerstand von Kippenberg das Kapital der Spende an. Anfang November 1915 war die Schenkung bereits zur Gänze aufgebraucht. (Vgl. ebenda, S. 516) 1916 hat Rilke über Vermittlung von Karl Kraus und Adolf Loos noch einmal eine Spende von Wittgenstein erhalten. Karl Kraus erwähnt in einem Brief an

Sidonie Nádherný vom 27./28.10.1916 die schlechte finanzielle Lage Rilkes und eine von Freunden initiierte Sammlung: "Ich habe empfohlen, sich an den hilfsbereiten Mann zu wenden, von dem schon einmal eine größere Gabe gekommen ist." (Karl Kraus: Briefe an Sidonie Náderný von Borutin 1913-1936. Bd. 1. München: Kösel 1974, S. 374). Nähere Auskünfte zur Sammlung für Rilke gibt Kraus in einem Brief an Sidonie Nádherný vom 18./19.11.1916: "Die Sammlung geht weiter, der gewisse Mäzen hat 1000 Kr. zugesagt und ich will den Ertrag des 4. Dez. zwischen E. L. Sch. und R.[ilke] vertheilen (ohne daß er's weiß), aber noch einen Rest einem andern wohlthätigen Zweck geben. Man wird sich also auch betheiligen? Ich will das Geld vor dem 1. Dez. abführen, denn bis dahin soll die Sammlung abgeschlossen sein und das Ergebnis wird durch einen Freiherrn v. Schey via Berlin an R. gesandt, ohne daß er erfahren wird, woher das Geld kommt." (Ebenda, S. 392f.). Daß es sich bei dem Mäzen um Wittgenstein handelt, bestätigt ein Schreiben von Adolf Loos an Ludwig Wittgenstein vom 19.11.1916: "Lieber Herr Wittgenstein, ich danke Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit dem guten Rilke in so grosszügiger Weise Hilfe zu bringen. An so viel habe ich nicht gedacht." (Österreichische Nationalbibliothek)

14 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 4.10.1914
Briefkarte mit Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“". Wittgenstein hielt sich zu der Zeit gerade in Krakau auf. Wie aus den Geheimen Tagebüchern hervorgeht, versuchte er vergeblich zu arbeiten. In der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober war Wittgenstein wieder auf dem Schiff "Goplana" unterwegs. 7.10.1914: "Die Nacht durch nach Rußland gefahren; fast gar nicht geschlafen, Dienst beim Scheinwerfer etc. Wir sollen bald ins Feuer kommen. Der Geist mit mir. [...] Es ist mir eisig kalt - von innen. Ich habe jenes gewisse Gefühl: wenn ich mich nur noch einmal ausschlafen könnte, ehe die Geschichte anfängt. ----! Besseres Befinden. Wenig gearbeitet. Ich verstehe es noch immer nicht meine Pflicht nur zu tun weil es meine Pflicht ist und meinen ganzen Menschen für das geistige Leben zu reservieren. Ich kann in einer Stunde sterben, ich kann in zwei Stunden sterben, ich kann in einem Monat sterben oder erst in ein paar Jahren; ich kann es nicht wissen und nichts dafür oder dagegen tun: So ist dies Leben. Wie muß ich also leben um in jenem Augenblick zu bestehen? Im Guten und Schönen zu leben,bis das Leben von selbst aufhört." Am 28.10. vermerkt Wittgenstein, daß er Nachricht von Ficker erhalten habe. Lasker-Schüler : Fickers Verständigung und Else Lasker-Schülers Dank-Telegramm sind verschollen. Es gibt aber einen Brief von Else Lasker-Schüler an Ludwig von Ficker von [Ende September 1914] (Bd. 2, Nr. 280, S. 22), in dem sie u.a. schreibt: "Gerade war mein Kriegsgedicht beendet darin ich auch sprach vom Landvogt aus Mühlau und Georg Trakl aus Salzburg - ohne Lüge auf Ehrenwort - als Ihr Brief kam der mein Herz beruhigte, das krank danieder lag - auch einsam auf dem Schlachtfeld oder in einem Graben eigentlich schon tausend Jahr. Ich denke nun bei Eurem landvogtlichen, edlen Sinn - Ihr habt die Geschichte erfunden für mich, den Prinzen von Theben, der Kaiser wird im Buch. Wie soll ich Wort finden!!! Wenn Ihr soviel opfern würdet, wie weh täte mir das! Wenn Georg Trakl auch wie ich beschenkt ist, wie würde ich aufatmen - also zweimal. Ich möchte nur nicht, daß der Landvogt etwa sich beteiligt hätte - oder wenn die Geschichte wirklich mit dem Gutsbesitzer bestimmt [...]. Ich denke (wenn ich nehmen soll?) dann Scheck den ich einlöse. Das erfährt niemand und ich leg es fort wo es sicher ist. Im äußersten Fall nehm ich dann davon wenn es nicht anders geht für Aufrechterhaltung." Am 13.10.1914 bestätigte die Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe in Innsbruck Ludwig von Ficker die "beorderte Überweisung an die Deutsche Bank, Berlin, zu Gunsten der Frau Else Lasker-Schüler, Berlin W," in der Höhe von 5.000 Kronen. Am 21. Oktober richtete Else Lasker-Schüler einen weiteren Dankbrief an Ficker (Bd. 2, Nr. 289, S. 27f.): "Nun denke ich, Sie haben selbst einen Gutsbesitzer erfunden und Sie gaben mir das große Geschenk. Ich möcht sagen, ich glaub es mit Bestimmtheit und wie soll ich Ihnen danken, Ihnen? und Ihrer Frau Gemahlin? Sie haben mir ermöglicht eine kleine Wohnung zu mieten darin ich am 1. einzieh, eine kleine Palastwohnung, die Sachen dafür liegen schon lange wo auf einer Kammer. [...] Ich werde nun sehn, daß ich fast das ganze Geld aufbewahren kann. Ich habe es in die Filiale gelegt im Kaufhaus des Westens (der Deutschen Bank.) Ich fühle mich fast verpflichtet Ihnen das alles zu sagen. Ich bin ja ein Vogel und könnte mal stürzen wo von einem Steinbruch in die Tiefe. Auch bin ich traurig und atme nur manchmal auf, daß meinem Paul geholfen ist durch Sie und Ihrer Frau der goldgelben Tulpe [...]".

15 AN RAINER MARIA RILKE, 5.10.1914
Brief mit vorgedrucktem Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau". "Brigge" : Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. 2 Bde. Leipzig: Insel 1910.

16 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [Oktober? 1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, ohne Poststempel. Recto oben in fremder Handschrift: "[Coelbar] Franz". Zur Datierung: Die Absenderadresse enthält zum ersten Mal den Namen des Wachschiffes "Goplana". In Fickers Briefkarte vom 17.10.1914 wird die von Wittgenstein angeführte Adresse verwendet. Die Karte ist mit Sicherheit zwischen dem 15.8. und 9.12.1914 - dem Zeitraum des Aufenthaltes Wittgesteins auf der "Goplana" - entstanden.

17 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 17.10.1914

Feldpostkorrespondenzkarte, Poststempel: "INNSBRUCK 2, 17.X.14", mit dem Vermerk "ZENSURIERT." gestempelt.

18 VON RAINER MARIA RILKE, 18.10.1914
Brief. Beiliegend die Abschrift der Duineser Elegien. Brief und Abschrift lagen im Wiener Brieffund von 1988; sie sind jetzt im Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek. Das Postskript des Rilke-Briefes hat Ficker seinerzeit nicht an Wittgenstein weitergesandt. Es liegt daher heute im Nachlaß Ludwig von Fickers. Die Abschrift besteht aus 5 Doppelblättern und einem Deckblatt. Auf der Vorderseite des Deckblattes oben notierte Rilke: „Aus den Elegieen /“, rechts unten: „(5 Doppelblätter)“. Auf die Rückseite findet sich die Notiz Ludwig Wittgensteins: „Vom Verfasser Rainer Maria Rilke mir zugeeignet Februar 1915 Ludwig Wittgenstein“. Der Reihenfolge nach handelt es sich bei der Abschrift um folgende Elegien: 1. Elegie (vollständig), 2. Elegie (vollständig), 6. Elegie (unvollständig: Vers 33-42 fehlen, sie entstanden erst 1922), 3. Elegie (unvollständig, die letzten 10 Verse fehlen; die Arbeit an der 3. Elegie war aber schon Ende 1913 abgeschlossen), 10. Elegie (ursprüngliche Fassung der 10. Elegie, aber ohne die letzten 9 Verse, 1922 schrieb Rilke diese Elegie ab Vers 13 neu), am Schluß findet sich noch ein Fragment, entstanden im Frühjahr 1913, das aus der endgültigen Fassung der Elegien wieder ausgeschieden worden ist. Zur damaligen Zeit bestanden noch mehrere solcher Fragmente, außerdem die Verse 1-6a und 77-79 der 9. Elegie. Vgl. dazu Materialien zu Rainer Maria Rilkes 'Duineser Elegien'. Bd. 1. Hrsg. von Ulrich Fülleborn und Manfred Engel. Frankfurt: Suhrkamp 1980. Die an Wittgenstein übersandte Abschrift enthält eine ganze Menge von Abweichungen von der Druckfassung der Elegien. Die handschriftliche Abschrift hat einerseits Flüchtigkeitsfehler begünstigt, andererseits enthält sie für die damalige Zeit typische Schreibweisen, etwa die oftmalige Verwendung des stummen h (z.B. Thiere usw.), dann die konsequente Verwendung der ss- und ß-Schreibung nach der Österreichischen Rechtschreibung von 1879 bis 1901/02. Die Zeichensetzung ist inkonsequent gehandhabt: vielfach ergibt sich aber durch Weglassen (Vergessen?) oder Hinzufügen eine Sinnänderung. Auffällig ist, daß Rilke in vielen Fällen auf die Hervorhebung durch Unterstreichung verzichtet, wohl kaum immer vergessen hat. Es gibt aber auch einige bedeutsamere Varianten: 1. Elegie, V 29: "vorübergingst" "vorüberkamst", V 87-88: "[...] wie man der Brüste / der Mutter nicht mehr entbehrt." - "[...] wie man den Brüsten / milde der Mutter entwächst." 2. Elegie, V 2: "tötliche" - "tödliche". 6. Elegie, V 16: "die frühe Hinüberbestimmten" "den frühe Hinüberbestimmten", V 43: "Denn hinstürmte" - "Wie hinstürmte". 10. Elegie, V 5: "jähzornigen" "reißenden".

19 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 26.10.1914
Brief. Krakau : Über seinen Besuch berichtete Ficker in der Erinnerung an Georg Trakl (Salzburg: Otto Müller 1966), S. 197-209 u.a.: "Auf dem Korridor im Erdgeschoß der Psychiatrischen Klinik hielt ich einen Wärter an, der eben vorbeikam, und fragte ihn nach Trakl. Er trat auf die nächstgelegene, eine schwarz gestrichene Tür zu und öffnete ein Guckloch: „Meinen Sie den da?“ - Ich warf einen Blick hinein: „... danke - ja!“ Trakl saß, die Bluse lose zugeknöpft, auf dem Bettrand, rauchte eine Zigarette und schien sich eben ruhig mit einem (mir im Augenblick nicht sichtbaren) Gegenüber zu unterhalten. Die Zelle, schmal und hoch, war von feinem Tabaksrauch wie eingenebelt; aber durch ein hochgelegenes, kreuzweis starkvergittertes Fenster fiel ein voller Strahl der frühen Vormittagssonne, der die Rauchwölkchen wie leichtbewegten Morgennebel goldig durchleuchtete. Plötzlich wandte Trakl, die Zigarette weglegend, kaum merklich den Kopf, sah gespannt zur Tür her, als begegne er meinem Blick. Da hatte ich auch schon geöffnet - und nun geschah es, daß der Freund, der sich erhoben hatte, mich groß anblickend ruhig auf mich zukam und, ohne ein Wort zu sagen, mich in die Arme schloß. Sein Wesen schien in nichts alteriert und durchaus gefaßt. Auf meine Frage, wie er sich befinde, erwiderte er: leidlich. Übrigens sei es ein Zufall, daß ich ihn hier noch träfe. Er sei nämlich schon nahe daran gewesen, das Spital zu verlassen - zugleich nahm er eine Feldpostkarte vom Nachtkästchen und wies sie mir vor: „Sehen Sie, hier hatte ich es Ihnen mitgeteilt!“ Aber er hatte die Karte, (die ich flüchtig überlas und ihm zurückstellte) nicht abgeschickt. Denn eine leichte Angina, die er sich kürzlich zugezogen, habe ihn genötigt, vorläufig noch hier zu bleiben. Doch sei er schon fieberfrei und wieder hergestellt, er müsse sich nur wundern, daß von dem Entschluß, ihn aus dieser Situation zu entlassen, nun bei den Ärzten, wie es scheine, keine Rede mehr sei. Er habe den Eindruck, man wolle ihn mit Ausflüchten hinhalten. Ich suchte seine Bedenken zu zerstreuen. Mir war aber dabei selbst etwas beklommen zumute. Denn aus der Unterredung mit dem Arzt, dem bei der Briefzensur auch einige Gedichte Trakls zu Gesicht gekommen waren, war mir haften geblieben, daß er diesen Fall zum Kapitel „Genie und Wahnsinn“ rechne, womit er anzudeuten schien, daß weitere Vorsicht und Beobachtung geboten sei." (198-200). Am Nachmittag des ersten Tages waren Ficker und Trakl im Spitalsgarten. Dort erzählte Trakl von seinen

Kriegserlebnissen und von seinen Ängsten, wegen seines Selbstmordversuchs vor Gericht gestellt zu werden. Ficker konnte ihn anscheinend nur schwer beruhigen. "Ein Leutnant von den Windischgrätz-Dragonern, der an delirium tremens litt, doch in den nächsten Tagen schon von seinem Vater, einem Gutsbesitzer in der Slovakei, auf Erholungsurlaub nachhause gebracht werden sollte, teilte das Zimmer mit ihm. Die anspruchsvolle Kameradschaft dieses Menschen, doppelt beschwerlich in so engem Raum, von Trakl jedoch mit rührender Geduld und Nachsicht für den Unglücklichen ertragen, seine Wutausbrüche, die von Schlaf zu Schlaf mit Anwandlungen eines in seiner Aufgeräumtheit völlig sinnlos anmutenden Mitteilungsbedürfnisses wechselten, die unflätigen Beschimpfungen, die er in Ermangelung eines eigenen über Trakls Diener, der ihm zur Verfügung stand und ihm nichts recht machen konnte, ausgoß, Beschimpfungen, welche den Burschen einmal, in meiner Gegenwart, so in Harnisch brachten, daß er, am ganzen Leib bebend, gepeinigt aufschrie und auf Trakl weisend die Worte hervorstieß: „Der da ist mein Herr, nicht Sie!“ Worauf Trakl, sich mühsam beherrschend, den rabiaten Kameraden mit den Worten zurechtwies: „Ich bitt' Dich, schau - laß doch den armen Menschen, Du siehst, er tut ja, was er kann!“. Dazu die Unruhe, das stete Kommen und Gehen draußen auf dem Gang, die Roheit der Wärter, gelegentliches Gepolter und Geschrei der Irren im oberen Stockwerk, im übrigen der Eindruck einer Gefängniszelle, der sich bei einbrechender Dunkelheit ins Trostlose verdichtete. Und schließlich, sobald es Nacht geworden war: die Ausgesetztheit aller demütigen Kreatur in dieser Welt der sinnlosen Gewalt zu unvergeßlichem Eindruck gesteigert, wenn Trakls Diener, ein blasser, kränklich aussehender Mensch, Zeltblatt und Decke über ein Häuflein Holzwolle auf dem Boden ausbreitete, um in dem Winkel zwischen Fensterwand und Eisenbett zu Häupten seines Herrn sich schlafen zu legen: Dies also war das Milieu, in welchem meine letzte Begegnung mit dem Freunde stattfand." (203f.). Am Nachmittag des nächsten Tages, so erzählt Ficker weiter, las ihm Trakl die Gedichte Klage und Grodek vor. Neben sich auf dem Nachtkästchen hatte er die Reclamausgabe der Gedichte von Johann Christian Günther liegen, die er gerade zu lesen begonnen hatte und aus der er Ficker mehrere Stellen vorlas (205-207). Auf Fickers Frage, ob er noch immer Drogen besitze, antwortete er: " „No freilich, als Apotheker, ich bitt' Sie“, gab er fast aufgeräumt und gutmütig lächelnd zur Antwort: „wär ich denn sonst noch am Leben? ... Nur erfahren, versteht sich, darf's hier niemand - sonst, da käm' ich schön an!“ - Bald darauf steckte der Arzt den Kopf zur Tür herein: „Geht's gut?“ Es war die Abendvisite. Ich folgte ihm auf den Gang und beschwor ihn nochmals, für die baldige Entlassung Trakls und die Erwirkung eines Erholungsurlaubs besorgt zu sein, was er, da er es eilig hatte, leichthin, doch immerhin ganz herzlich versprach. Ich kehrte mit dieser günstigen Botschaft zu Trakl zurück. Der aber, seufzend und in sich gekehrt, wollte von Ärzten und ihren Sprüchen nicht mehr viel wissen. Und als dann sein Diener das Essen holen ging - es war inzwischen dunkel geworden -, hielt ich den Augenblick für gekommen, mich von dem Freund zu verabschieden. Ich trat an sein Bett, nahm mich zusammen und versprach, auch noch in Wien, auf der Rückreise, alles aufzubieten, damit seine Entlassung aus dem Spital auch von dort aus betrieben und beschleunigt werde; dann würden wir uns in Innsbruck ja bald wiedertreffen. „Glauben Sie?“, sagte er fremd und leise. „Ich - hoffe es“, erwiderte ich, momentan bestürzt. Trakl drückte mir kurz die Hand, dankte für den Besuch und bat, die Freunde zu grüßen. Dann legte er sich zurück, wie einer, der vor dem Einschlafen noch eine Weile in das Dunkel sinnen will, und zog die Decke an sich hoch. Kaum konnte ich sein Gesicht noch ausnehmen, so finster war es schon im Raum, als ich mich an der Tür umwandte. Ich nickte ihm noch einmal zu, unwillkürlich nochmals ein paar Schritte näher tretend, und - „Leben Sie wohl, lieber Freund! Auf baldiges Wiedersehen!“ sagte ich wie im Traum. Trakl lag regungslos, entgegnete kein Wort. Sah mich nur an. Sah mir noch nach... Nie werde ich diesen Blick vergessen." (208f.). Leutnant Molé : Mit größter Wahrscheinlichkeit handelt es sich um Rudolf Molè. Vgl. Walter Methlagl: Leutnant Molè. In: Pannonia 5/1990/91, in dem dieser Leutnant irrtümlich als Vojeslav Molé identifiziert wurde. In den Geheimen Tagebüchern Wittgensteins wird er öfters erwähnt: 21.8.1914: "Der Leutnant und ich haben schon oft über alles Mögliche gesprochen; ein sehr netter Mensch. Er kann mit den größten Halunken umgehen und freundlich sein, ohne sich etwas zu vergeben." 15.9.1914: "Am besten kann ich jetzt arbeiten während ich Kartoffeln schäle. Melde mich immer freiwillig dazu. Es ist für mich dasselbe was das Linsenschleifen für Spinoza war. Mit dem Leutnant stehe ich viel kühler als früher." 21.9.1914: "Abends erhielt ich die niederschlagende Nachricht daß der Leutnant der unser Kommandant war transferiert worden ist. Diese Nachricht hat mich tief deprimiert."

20 VON RUDOLF MOLÉ, 26.10.1914
Brief. Szczucin : Ort an der Weichsel östlich von Krakau. Szybínski : Nicht ermittelt.

21 GEORG TRAKL AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [wahrsch. 26.10.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert ohne Poststempel mit den übereinandergestempelten Vermerken: "ZENSURIERT" und "MILITÄR-AMTLICH / censuriert". Zur Datierung siehe die Geheimen Tagebücher, 30.10.1914: "(Abends) Erhielt soeben liebe Post. Eine sehr liebe Karte von Frege! Eine von Trakl und Ficker! Mama, Klara, Frau Klingenberg. Dies hat mich sehr gefreut. Sehr viel gearbeitet. ---" Da Wittgenstein Fickers und Trakls Schreiben zur gleichen Zeit erhalten hat, ist anzunehmen, daß auch Trakl seine Karte während Fickers Besuch oder unmittelbar nach Fickers Abschied, also wohl am 26.10. verfaßt hat. Vgl. Eberhard Sauermann: Die Chronologie der Briefe Georg Trakls. In: editio 4, 1990, S. 223f. Vgl. auch Wittgensteins Tagebucheintragung vom 1.11.1914: "Vormittag weiter gegen Krakau. Während des Wachdienstes heute nacht gearbeitet, auch heute sehr viel und noch immer erfolglos. Bin aber nicht mutlos weil ich das Hauptproblem immer im Auge habe. ---. Trakl liegt im Garnisonsspital in Krakau und bittet mich ihn zu besuchen. Wie gerne möchte ich ihn kennenlernen! Hoffentlich treffe ich ihn wenn ich nach Krakau komme! Vielleicht wäre es mir eine große Stärkung. --- ."

22 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [wahrsch. 28.10.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, ohne Poststempel. Datierung nach einer Eintragung in den Geheimen Tagebüchern vom 28.10.1914: "Erhielt heute viel Post [...]. Auch von Ficker und Jolles liebe Nachricht." Ihre liebe Karte: Die Karte Fickers vom 17.10.1914 und den Brief vom 4.10.1914 mit dem beiliegenden Brief Rilkes vom 25.9.1914. Zu Wittgensteins Situation vgl. seine Eintragungen in die Geheimen Tagebücher: 24.10.1914: "Schlecht geschlafen. (Zu wenig Bewegung!). Unser Kommandant ist sehr mäßig, hochmütig unfreundlich und behandelt jeden als seinen Diener. Nachmittag nach Tarnobrzeg wo wir diese Nacht bleiben. Sehr viel gearbeitet zwar noch ohne Erfolg aber mit viel Zuversicht. Ich belagere jetzt mein Problem. --- ." 25.10.1914: "Früh nach Sandomierz. Gestern abends kam uns die unsinnige Nachricht zu Paris sei gefallen. Auch ich war übrigens zuerst erfreut bis ich die Unmöglichkeit der Nachricht einsah. Solche unmöglichen Nachrichten sind immer ein sehr schlechtes Zeichen. Wenn wirklich etwas für uns Günstiges vorfällt dann wird das berichtet und niemand verfällt auf solche Absurditäten. Fühle darum heute mehr als je die furchtbare Traurigkeit unserer - der deutschen Rasse - Lage!! Denn daß wir gegen England nicht aufkommen können scheint mir so gut wie gewiß: Die Engländer - die beste Rasse der Welt - können nicht verlieren! Wir aber können verlieren und werden verlieren, wenn nicht in diesem Jahr so im nächsten! Der Gedanke daß unsere Rasse geschlagen werden soll deprimiert mich furchtbar denn ich bin ganz und gar deutsch! Werden plötzlich durch Gewehrfeuer von den Russen Gott mit mir! --- Es war nichts als ein russischer Aeroplan. --- --- Sehr viel gearbeitet. Stehen die Nacht über in Tarnobrzeg und fahren morgen früh gegen Szczucin. Gegen Mittag wich meine Depression."

23 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [wahrsch. 30.10.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, ohne Poststempel.

24 AN RAINER MARIA RILKE, 3.11.1914
Brief mit Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau".

25 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [6.11.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, eingeschrieben ("Krakau 1 / N° 4412") und mit dem Vermerk "ZENSURIERT" versehen. Der Originalpoststempel ist unlesbar, der Poststempel des Einlauftages in Mühlau datiert mit "9.XI.14". die Nachricht vom Tode Trakls : Vgl. Eintragung in die Geheimen Tagebücher vom 5.11.1914: "Früh weiter nach Krakau wo wir spät abends ankommen sollen. Bin sehr gespannt ob ich Trakl treffen werde. Ich hoffe es sehr. Ich vermisse sehr einen Menschen mit dem ich mich ein wenig ausreden kann. Es wird auch ohne einen solchen gehen müssen. Aber es würde mich sehr stärken. Den ganzen Tag etwas müde und zur Depression geneigt. Nicht sehr viel gearbeitet. In Krakau. Es ist schon zu spät Trakl heute noch zu besuchen. --- . Möge der Geist mir Kraft geben. --- " 6.11.1914: "Früh in die Stadt zum Garnisonsspital. Erfuhr dort daß Trakl vor wenigen Tagen gestorben ist. Dies traf mich sehr stark. Wie traurig, wie traurig!!! Ich schrieb darüber sofort an Ficker. Besorgungen gemacht und dann gegen 6 Uhr aufs Schiff gekommen. Nicht gearbeitet. Der arme Trakl! ---! Dein Wille geschehe. --- "

26 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 9.11.1914
Feldpostkorrespondenzkarte, Poststempel: "INNSBRUCK 2, 9.XI.14", mit dem Vermerk "ZENSURIERT." gestempelt.

27 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 16.11.1914
Brief. für Ihre Karte : Vgl. Tagebucheintragung vom 16.11.1914: "Es wird Winter. - Gestern erhielt ich von Ficker eine

freundliche Karte. Es ist dann die Rede daß die Schiffsmannschaft von hier wegkommt da die Schiffe über Winter nicht zu verwenden sind. Was wird dann mit mir werden?? Wir hören starken Geschützdonner von den Werken. Nicht viel gearbeitet. Abends in der Stadt. Wieder keine Klarheit des Sehens obwohl ich ganz offenbar vor der Lösung der tiefsten Fragen stehe daß ich mir fast die Nase daran stoße!!! Mein Geist ist eben jetzt dafür einfach blind! Ich fühle, daß ich an dem Tor daran stehe kann es aber nicht klar genug sehen um es öffnen zu können. Dies ist ein ungemein merkwürdiger Zustand den ich noch nie so klar empfunden habe als jetzt. --- ! --- !"

28 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [28.11.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, Poststempel: "K.u.K. FELDPOS[T] 186". Zusendung der Gedichte Trakls : Am 24.11. schrieb Wittgenstein im Geheimen Tagebuch: "Ficker sandte mir heute Gedichte des armen Trakl die ich für genial halte ohne sie zu verstehen. Sie taten mir wohl. Gott mit mir!" Es handelte sich um Sonderdrucke des Helian ( ) und des Kaspar Hauser Lieds ( ). Wittgenstein war in diesen Tagen dabei, seine Versetzung zu betreiben, wollte sogar in die Ballonabteilung versetzt werden (Tagebuchnotiz vom 20.11.1914).

29 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [Mitte Dezember 1914]
Felpostkorrespondenzkarte, undatiert, mit einem Stempel der Werkstätte: "K. U. K. ART. AUTODETACHEMENT", weiters mit dem Zensurvermerk "Überprüft!" versehen. abkommandiert worden : Wittgenstein begann am 10.12.1914 seine Arbeit in der Kanzlei der Artillerie-Werkstätte in Krakau.

30 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 29.12.1914
Brief. Albert Ehrenstein : Geb. 23.12.1886, Wien; gest. 8.4.1950, New York. Lyriker, Erzähler. Von 1910-1911 Mitarbeiter der Fackel, 1913-1914 am Brenner (mit Gedichten und einem Beitrag zur Rundfrage über Karl Kraus, B III, Heft 18, 15.6.1913, S. 846). Als sich Albert Ehrenstein bei Ficker am 23.11.1914 über die näheren Umstände von Trakls Tod erkundigte, muß Ficker ihm von der Spende berichtet und Ehrenstein einen Betrag angeboten haben (Fickers Briefe an Ehrenstein sind verschollen). Denn Ehrenstein schrieb Ficker am 29.11. u.a. (Bd. 2, Nr. 331, S. 54f.): "Es tut mir unsäglich leid, daß nicht auch Trakl durch jenen Mäzen vor dem bürgerlichen Leben zu schützen war. Ich danke Ihnen vielmals, daß Sie ihm meinen Namen nannten, seine Zusendung schützt mich vielleicht ein halbes Jahr lang vor öder journalistischer Arbeit. Und diese Sicherung war seit Kriegsausbruch, da mich mein Verleger im Stiche ließ, mein einziger Wunsch. Nun weiß ich sehr wohl, daß ich weder Ihnen noch dem unverhofften Schutzengel danken kann. Ich weiß nicht, ob er meine Novellen alle kennt - ich möchte ihm aber, wenn Sie so gütig sein wollen die Zusendung zu übernehmen, diese 2 Bände und mein einziges Exemplar des noch nicht erschienenen Versbandes „Die weiße Zeit“ mit einer Widmung schicken. Ein neues Exemplar vermag ich nicht zu beschaffen, da ich mit meinem Verleger nicht mehr so stehe, aber vielleicht ist einem im Felde Stehenden auch mein Handexemplar nicht ganz unerwünscht?" Eine von Ficker veranlaßte Zusendung der von Ehrenstein angesprochenen Bände Tubutsch (Wien, Leipzig: Jahoda und Siegel 1911), Der Selbstmord eines Katers (München: Georg Müller 1912, Die weiße Zeit (München: Georg Müller 1914) kann nicht nachgewiesen werden. Im März 1917 langte hingegen eine Büchersendung samt Begleitbrief (verschollen) von Ehrenstein aus Zürich bei Leopoldine Wittgenstein ein, adressiert an Ludwig Wittgenstein, die neben Tubutsch die 1916 bei Kurt Wolff erschienenen Bände Nicht da nicht dort und Der Mensch schreit enthielt. Leopoldine Wittgenstein sandte die Bücher einzeln an Ludwig Wittgenstein ab (vgl. Leopoldine Wittgenstein an Ludwig Wittgenstein, 17. und 26.3.1917). Am 31. März 1917 schrieb Wittgenstein darüber an Paul Engelmann (Briefe, Nr. 80, S. 77): "Ich erhielt heute aus Zürich zwei Bücher jenes Albert Ehrenstein, der seinerzeit in Die Fackel schrieb (Ich habe ihn einmal ohne es eigentlich zu wollen unterstützt) und zum Dank schickt er mir jetzt den Tubutsch und Der Mensch schreit. Ein Hundedreck; wenn ich mich nicht irre. Und so etwas bekomme ich hier heraus! Bitte schicken Sie mir - als Gegengift - Goethes Gedichte, zweiter Band, wo die venetianischen Epigramme, die Elegien und Episteln stehen! Und auch noch die Gedichte von Mörike (Reclam)!" Das dritte Buch von Ehrenstein hatte Wittgenstein offentbar noch nicht erhalten. Aus den im Brenner-Archiv liegenden Gegenbriefen Paul Engelmanns geht nicht hervor, wie Ehrenstein zu Wittgensteins Namen gelangt ist. Engelmann ging in seinem Antwortschreiben vom 4.4.1917 nur kurz auf Ehrenstein ein: "Ihre Meinung über den „Dichter“ Ehrenstein teile ich ganz, er ist aber ein äußerst anständiger Mensch, und ich habe schon vor zwei Jahren meine Meinung über ihn in den Schüttelvers zusammengefaßt: Sehr gerne hab' ich Ehrensteinen, / Nur seine Werke steeren einen." Loos : Vgl. Ehrenstein an Ficker, 29.11.1914 (Bd. 2, Nr. 331, S. 54f.): "Falls Ihnen noch ein größerer Betrag zur Verfügung steht, so erlaube ich mir Ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß es Loos - wie den meisten Architekten - höchstwahrscheinlich nicht sehr gut geht. Ich bitte Sie aber selbstverständlich meiner, wenn Sie bei ihm anklopfen, nicht Erwähnung zu tun." Ficker bat Ehrenstein daraufhin offenbar um nähere Auskünfte. Am 13.12. berichtete Ehrenstein (Bd. 2, Nr. 338, S. 64): "Sehr geehrter Herr von Ficker, in der Loosangelegenheit besprach ich

mich mit Kokoschka, und der meint, Sie könnten Loos ganz ruhig 2000 K. anbieten, umsomehr als Loos in letzter Zeit leider genötigt war, weit geringere Beträge in Anspruch zu nehmen." Am 19.12.1914 bedankte sich Loos bei Ficker (Bd. 2, Nr. 343, S. 69): "Ihr liebes Schreiben hat mich wirklich tief gerührt und dankbar nehme ich die Spende bei diesen verfluchten Zeiten an, immer daran denkend, dass sich einmal alles ändern muss und ich in der Lage sein werde, diese Summe einmal wieder der ursprünglichen Bestimmung zurückzugeben." Am 2.1.1915 bestätigte Loos auf einer Postkarte den Erhalt des Geldes. Schwester : Margarethe Langen-Trakl: Geb. 8.8.1892, Salzburg; gest. 21.9.1917, Berlin. Am 19.11.1914 schrieb ihr Mann Arthur Langen an Ficker (Bd. 2, Nr. 322, S. 48f.): "Sehr geehrter Herr, empfangen Sie besten Dank für Ihre ausführlichen Mitteilungen vom 13. d. Mts. über die letzten Stunden Georgs, sowie über seine letztwillige Verfügung zugunsten seiner Schwester. Die augenblickliche Notlage zwingt sie, sofort über das Legat zu verfügen, um so mehr, als sie ehestens nach Hause zu reisen wünscht und die nötigsten Vorkehrungen treffen möchte für Georgs Überführung und Bestattung in heimatlicher Erde. [...] Um nun die Reisen meiner Frau ohne Zeitverlust vorbereiten zu können, bittet Sie dieselbe, freundlichst von der Lagatsumme ihr, bei Empfang dieser Zeilen, etwa fünfhundert Mark telegrafisch und den Rest brieflich zu übermachen." Abschriften der beiden Gedichte : Klage und Grodek. nach Tirol überführen : Die Gebeine Trakls wurden erst 1925 nach Tirol überführt und am 7. Oktober auf dem Mühlauer Friedhof beigesetzt.

31 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 10.1.1915
Postkarte, Poststempel: "INNSBRUCK 2, 11.I.15", überstempelt mit dem Vermerk: "Zensuriert. / Hauptp[ostamt]", verso mit Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau 102".

32 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [17.1.1915]
Felpostkorrespondenzkarte, undatiert, mit einem Stempel der Werkstätte: "K.U.K. ART. AUTODETACHEMENT", weiters mit dem Zensurvermerk "Überprüft!" und mit dem Poststempel: "K.u.k. FELDPOSTAMT 186" versehen.

33 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [1.2.1915]
Felpostkorrespondenzkarte, undatiert. Poststempel: "K. U. K. FELDPOSTAMT 1[86]", überstempelt mit dem Zensurvermerk "Überprüft!", Absenderadresse bis auf den Namen gestempelt.

34 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 3.2.1915
Feldpostkorrespondenzkarte, Poststempel: "INNSBRUCK 2, 5.II.15", darüber von fremder Hand: "Feldpost N° 186". Brenner-Jahrbuch : Als fünfter Jahrgang des Brenners erschien im Juli 1915 das Brenner Jahrbuch 1915. nachgelassenes Gedichtbuch : Georg Trakl: Sebastian im Traum. Leipzig: Kurt Wolff Verlag 1915. Vgl. Eintragung Wittgensteins in den Geheimen Tagebüchern, 8.2.1915: "Von Ficker ein nachgelassenes Werk Trakls erhalten. Wahrscheinlich sehr gut."

35 AN RAINER MARIA RILKE, 4.2.1915
Brief mit Briefkopf: "DER BRENNER / Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102". eine Publikationsprobe : Wahrscheinlich Fahnen von: Sören Kierkegaard: Vom Tode. privaten Sonderdruck : Sonderdruck von Trakls Gedicht Helian. in ein paar einfachen Dankeszeilen : Diese Angabe kann nicht stimmen, denn Wittgenstein bedankt sich erst am 13.2.1915 für Rilkes Geschenk.

36 VON RAINER MARIA RILKE, 8.2.1915
Brief. "Sebastian" : Georg Trakl: Sebastian im Traum. Leipzig: Kurt Wolff 1915. Trakl hatte im Juli 1914 noch selbst die letzten Korrekturen gelesen. Ausgeliefert wurde das Buch allerdings erst im Dezember 1914. Nachrichten über T. : Albert Ehrenstein: Georg Trakl. In: Die weißen Blätter 2, 1. Quartal-Heft, Januar-März 1915, S. 132f.; Felix Braun: Zum Gedächtnis Georg Trakls. In: Die neue Rundschau 26, 1915, Heft 1, S. 140f.

37 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 9.2.1915
Faltbrief mit der Aufschrift, recto "FELDPOST", Poststempel: "K.U.K. FELDPOSTAMT [186]", überstempelt mit dem Zensurvermerk "Überprüft!" Absenderadresse bis auf den Namen sowohl recto als auch verso gestempelt.

38 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 13.2.1915
Brief, mit aufgestempelter Adresse und dem Zensurvermerk: "Überprüft!"; Kuvert adressiert an: "Herrn / Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau 102 / Tirol" . Brief vom 21.12.14.: Wittgenstein kann damit nur Fickers Brief vom 29.12.1914 meinen. Vgl. Wittgensteins Eintragung vom 10.2.1914: "Netten Brief von Ficker. Widmung von Rilke." (Geheime Tagebücher)

Zeilen Hauers : "Ich bestätige mit dem innigsten Dank an den mir unbekannten edlen Spender den Empfang von fünftausend Kronen durch Herrn Ludwig v. Ficker. Es war dies für mich wie ein Geschenk des Himmels, denn ich war durch verschiedene Schicksalsschläge ganz mittellos und überdies infolge eines Lungenleidens sehr erholungsbedürftig. Innsbruck, den 9. November 1914 Karl Hauer" (Österreichische Nationalbibliothek) Rilkes liebem, edlem Brief : Rilke an Ficker, 18.10.1914. Ihre militärische Tätigkeit : Vgl. Eintragung in die Geheimen Tagebücher vom 31.3.1915: "Denke daran, zu den Kaiserjägern zu gehen, da auch Ficker dort ist."

39 VON RAINER MARIA RILKE, 15.2.1915
Brief, dem Rilke die handschriftlichen Verse beilegte. nichts Neues : Rilkes Verse ( ) waren schon Ende Februar 1913 in Paris entstanden. Vgl. Ingeborg Schnack: Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und seines Werkes. Bd. 1. Frankfurt/M.: Insel 1975, S. 493. Im Brenner Jahrbuch 1915 (S. 60f.) hat Ficker die Doppel-s-Schreibung, die mehrmals vorkommende th-Schreibung, "nachgiebt" zu "nachgibt" korrigiert und in zwei Fällen Interpunktionszeichen hinzugefügt. In Vers 12 ist ihm außerdem ein Druckfehler unterlaufen: "sind" statt "sinds".

40 AN RAINER MARIA RILKE, 20.2.1915
Ansichtskarte. Die Vorderseite zeigt Schloß Pallaus in Sarns, südlich von Brixen. Der Poststempel ist bis auf "BRIXEN" unleserlich. Der Einlaufstempel lautet: "MÜNCHEN, 24.2.15", die Adresse wurde bis auf den Namen durchgestrichen und von fremder Hand auf "Irschenhausen Post Ebenhausen / Isarthal / Pension Schönblick" korrigiert.

41 AN RAINER MARIA RILKE , [17.3.1915]
Telegramm, das Aufgabedatum ist nicht mehr eindeutig lesbar. kanner : sic! betittelung der pferde : sic!

42 VON RAINER MARIA RILKE, 18.3.[1915]
Telegramm.

43 VON LEOPOLDINE WITTGENSTEIN, [8.7.1915]
Feldpostkorrespondenzkarte, Poststempel: "WIEN, 8.7.15". In der Anschrift wurde der Name des Adressaten von fremder Hand rot unterstrichen, "III Ersatzcompagnie" durchgestrichen und durch "I Ers. Komp." ersetzt. Poldy Wittgenstein : Leopoldine Wittgenstein geb. Kalmus: Geb. 14.3.1850, Wien; gest. 3.6.1926, Wien. Briefe Wittgensteins an seine Mutter sind bis jetzt nicht bekannt, hingegen allein für den Zeitraum 1914-1918 rund 80 Briefe Leopoldine Wittgensteins an ihn. Ihrer geehrten Zeilen : Fickers Schreiben ist verschollen.

44 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 11.7.1915
Brief. von Brixen aus geschrieben : Der Brief ist verschollen. Ende Juni war Fickers Einheit nach Beneschau/Böhmen verlegt worden.

45 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [24.7.1915]
Brief, undatiert, Kuvert recto adressiert an: "Herrn / Ludwig von Ficker / Einj. Freiw. Unterjäger im / II. Reg der Tiroler Kaiserjäger / I. Ersatz Komp. / Böhmen Beneschau", weiters Stempel: "Postkanzlei" und "K.u.k. Garnisons-Spital No. 15. Krakau"; Absenderadresse recto: "Ludwig Wittgenstein / Ing. Asp / K u k. Art. Werkstätte der / Festung Krakau / Feldpost N° 186". Nervenshock : Vgl. aber einen Brief David Pinsents an Wittgenstein vom 2. September 1914: "Thank you so much for your letter dated July 10th. I am so sorry about your nervous shock - still it must be nice to get a short furlough." (A Portrait of Wittgenstein as a Young Man. Ed. by G. H. von Wright. Oxford: Basil Blackwell 1990, S. 103) Da aber der Poststempel auf dem Kuvert von Wittgensteins Brief an Ficker eindeutig lesbar ist, muß sich wohl Pinsent bei der Datumsangabe des Briefes von Wittgenstein geirrt haben. Ihre traurigen Nachrichten : Zwischen "Nachricht" und "verstehe" wurde folgendes durchgestrichen: "in Ihrem letzten Brief". vielleicht eine Eselei : Zwischen "eine" und "Eselei" wurde "Dummheit" durchgestrichen. "Kurze Erläuterung des Evangeliums" : Leo Tolstoj: Kurze Darlegung des Evangelium. Aus dem Russ. von Paul Lauterbach. Leipzig: Reclam o. J. Am 2.9.1914 schrieb Wittgenstein in sein Tagebuch: "Gestern fing ich an,in Tolstois Erläuterungen zu den Evangelien zu lesen. Ein herrliches Werk." In den folgenden Aufzeichnungen kommt er immer wieder auf dieses Werk zu sprechen. Vgl. auch die Eintragung vom 11.10.1914: "Trage die „Darlegungen

des Evangeliums“ von Tolstoi immer mit mir herum, wie einen Talisman." so möchte ich vieles sagen : Zwischen "so" und "möchte" wurde "könnte" durchgestrichen.

46 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [Ende August 1915]
Felpostkorrespondenzkarte, undatiert ohne Poststempel. Anstelle des Poststempels findet sich folgender Stempel: "K. u. k. Art. Werkstättenzug I." Wann Wittgenstein beim Artillerie-Werkstättenzug I in Sokal, einem nördlich von Lemberg gelegenen Ausladebahnhof eingesetzt worden ist, kann nicht mehr genau eruiert werden, wahrscheinlich aber Ende August 1915. Auf einer Postkarte von Adele Jolles vom 28.7. wurde vermerkt, daß sich Wittgenstein derzeit in Wien befinde. Am 12. 8. erwähnt Adele Jolles einen dreiwöchigen Urlaub, der offenbar noch nicht zur Gänze abgelaufen ist. Demnach dürfte Wittgenstein erst gegen Ende August in Sokal eingetroffen sein. Auf einer (verschollenen) Postkarte vom 25.8.1915 teilt Wittgenstein Gottlob Frege ebenfalls seine neue Adresse mit (vgl. Gottlob Frege: Wissenschaftlicher Briefwechsel. Hamburg 1976, S. 266).

47 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 12.9.1915
Felpostkorrespondenzkarte, undatiert, Poststempel: "K. U. K. FELDPOSTAMT 12a", daneben gestempelt mit: "K. u. k. Art. Werkstättenzug I."

48 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 2.11.1915
Felpostkorrespondenzkarte, Poststempel: "[K. U. K.] FELDPOSTAMT 1[3]", daneben gestempelt mit: "K. u. k. Art. Werkstättenzug I."

49 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 14.11.1915
Brief, Rückseite an den Faltungen beschädigt, mit Bleistiftnotizen Wittgensteins: "Z[...?] / (Bufi?] / Nagg / [Lazer?] / Mart[...?] / Neumann / Pfannhauser / Hampel / Steidel / Forster", weiters Zahlennotate mit Tintenstift: "S51 [...], 284 / 38 / S14· 25, 14 9 / S[...?]· 8, 120".

50 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 4.10.1919
Brief mit Briefkopf: "DER BRENNER / Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102". Auf der Rückseite mit einer Zeichnung, vermutlich von Wittgensteins Hand, versehen. Ludwig von Ficker wurde Anfang 1916 an der Dolomitenfront (Col di Lana) erstmals eingesetzt und nahm als Zugskommandant an der Frühjahrsoffensive, im Herbst an den Kämpfen an der Fleimstalfront teil. Anfang Jänner 1917 kam er wieder nach Beneschau, im Juli 1917 wurde Ficker am Kreuzbergsattel verwundet und ab Oktober wieder in Beneschau eingesetzt, ab Juni 1918 bis zum Zusammenbruch im Heimkehrlager Bukaczowce (Galizien). Ende 1918 kehrte er auf Umwegen über Tarnopol und Ungarn nach Innsbruck zurück. Wittgenstein war zu Beginn des Jahres 1916 zu einem Haubitzenregiment nach Sanok in Galizien versetzt worden, wo er als Artillerie-Beobachter an der Front eingesetzt wurde. Am 1.9.1916 wurde er zum Korporal befördert und auf die Offiziersschule nach Olmütz abkommandiert. Im Jänner 1917 kehrte er zu seinem alten Regiment zurück, wo er bis zum Zusammenbruch der russischen Front (Ende November) blieb. Im März 1918 kam er - inzwischen mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet und zum Leutnant befördert - an die italienische Front nach Asiago. Im Sommer 1918 schrieb er in Hallein im Hause seines Onkels die Logisch-Philosophische Abhandlung endgültig nieder. Am 3. November 1918 geriet er in italienische Gefangenschaft, kam zuerst in ein Lager in Como, dann im Januar 1919 in ein Offiziersgefangenenlager in Monte Cassino. Am 25.8.1919 traf Wittgenstein wieder in Wien ein. Sein ganzes Vermögen verschenkte er an seine Geschwister und besuchte ab Mitte September die Lehrerbildungsanstalt. Zur Geschichte des Tractatus vgl. Georg Henrik von Wright: Die Entstehung des Tractatus-logico-philosophicus. In: Ludwig Wittgenstein: Briefe an Ludwig von Ficker. Salzburg: Otto Müller 1969, S. 73-110. v o n : Am 3. April 1919 hatte die Österr. Nationalversammlung die Aufhebung des Adelsstandes beschlossen. Ludwig von Ficker hat daraufhin auf seinem Briefpapier - mit wenigen Ausnahmen - das "von" durchgestrichen. Professor Brücke : Ernst Theodor Brücke: Geb. 8.10.1880, Wien; gest. 12.6.1941, Boston. 1916-1938 Prof. für Physiologie an der Universität Innsbruck. Brücke war ein Cousin von Wittgenstein, Sohn von Emilie Wittgenstein, einer Schwester von Karl Wittgenstein. den Prospekt:  12-seitig mit Urteilen über den Brenner und Anzeigen aller bisherigen Veröffentlichungen des Brenner-Verlags. Darin schreibt Ficker unter dem Titelt Rückblick und Voraussicht: "Als ein abschließendes Dokument seiner Entwicklung, das kaum mehr eine Spur des Beiläufigen aufwies, enthielt das Jahrbuch des Brenner zugleich die volle Andeutung seiner künftigen (der einzig möglichen, somit notwendigen) inneren Gestalt. Denn nicht von ungefähr war es erfüllt vom Widerschein der beiden großen Geistesrichtungen, die nur im tiefsten und bedeutungsvollsten Sinne eines Zufalls, im Sinne einer Fügung, die Schicksalspole unserer geistigen Bewegung werden konnten: der hohen Weisheit Chinas, die aus des Laotse Entrücktheit durch zweieinhalb Jahrtausende zu uns herüberschimmert, und der leidenschaftlichen Denk- und Glaubensinbrunst Sören Kierkegaards, die unheimlich unverrückt, ein ewig flammendes Gewitter, den stürzenden Horizont des Abendlandes überragt. Im Bannkreis dieser beiden Geistausstrahlungen, die dort, wo sie sich scheinbar durchkreuzen, die Tiefe ihres göttlichen Ursprungs oft am innigsten erhellen, im Brennpunkt also ihrer gegenseitigen

Durchleuchtung hat vielleicht eine Entscheidung zu fallen, die für die geistige Orientierung dieser Zeit, soweit sie ihrer religiösen Bestimmung habhaft werden will, von allergrößter Wichtigkeit ist. Denn daß die christliche Welt, die diesen Weltkrieg auf dem Gewissen hat: die christlich-jüdische Welt, in das letzte Stadium ihrer irdischen Vermessenheit getreten ist, das ihr Geschick für alle Zeit besiegelt, das haben nicht erst heute Menschen unter uns, das hat, zum Beispiel, schon vor nahezu vierzig Jahren Dostojewski in einer erschütternden Voraussicht der heutigen Ereignisse aufs deutlichste erkannt. Und wenn - den Spuren dieser sehenden Geister, den großen Dichtern und Künstlern folgend, die (nach einem Ausspruch Theodor Haeckers) die Apologeten unserer Zeit sind und nicht Gelehrte und weltfremde Theologieprofessoren - der Brenner nun vor allem das Christentum in den Mittelpunkt seiner Betrachtung rückt, so soll es mit jener letzten Bereitschaft zur Verantwortung vor einem höchsten Richter geschehen, die seinen führenden Männern gemäß ist und jede, auch die tiefste Gegensätzlichkeit, die in den Divergenzen ihrer geistigen Abschlußrichtungen zutage treten mag, in ihrer fraglosen Berufenheit zur Aussage, in der Rückhaltlosigkeit ihres Bekenntnisses und in der Lauterkeit ihrer Gesinnung bedingterweise ausgleicht und versöhnt. " Ficker setzt unter dem Titel Umriß der Bewegung fort: "Im Rahmen dieses lebendigen Kampfes um das Christentum - denn nicht um totes Für und Wider geht hier die Entscheidung - darf zunächst eine Kapitelfolge Carl Dallagos, die den zweiten Teil und Abschluß seines Werks „Der große Unwissende“ bildet, Anspruch und Beachtung erheben. Enthielt der erste Teil das Beispiel einer Lebensführung, die von dem Standpunkt ihrer geistigen Verbundenheit mit einer ursprünglicheren Ordnung der Dinge die Tragweite ihrer eigenen Gesetzlichkeit und deren Bedeutung für den Begriff der reinen Menschennatur ausmißt, so darf dieser zweite Teil, der die Auseinandersetzung mit dem Christentum bringt, in seinem Endergebnis kurz als der Versuch einer Wiederherstellung des Menschen bezeichnet werden. [...] Was hier, bei Dallago, wie ein Schimmer Morgenland, wie ein Stück Selbstbesinnung eines Unverloren-Heimatlichen, in das zerklüftete Massiv der abendländischen Geisteslandschaft versprengt erscheint, ist sprachlich notdürftig begrenzter, aber in sich ausgeweiteter und immer reiner ausgeweiteter Ausdruck eines Ursprünglich-Bewegten, das sich in Gottes offenkundigstes Geheimnis, in das ewige Wundergleichmaß der Natur im Bild der Schöpfung, wie in das letzte Richtmaß seiner eigensten Verwegenheit versenkt. Wohl: daß ein solcher Mensch lebt und sichtbar wird, ist an sich wichtiger vielleicht, als daß er innerhalb der Literatur in Erscheinung tritt. Aber einer literaturgewitzigten Epoche, die sich selbst so wenig als ein Zeitverhängnis begriffen hat, daß sie kaum spürt, wie sehr sie in allen ihren Voraussetzungen und Aeußerungen (auch in den urlautlich versiertesten und kosmisch verstiegensten) im Spielraum des Mondänen, d.h. des Zerrweltlichen, befangen bleibt, ihr sei hier mit Bedacht die Vollfigur einer Fragwürdigkeit gegenübergestellt, die freilich nicht nur welt-, sondern auch geistläufigem Begriffe vorerst widersteht. Aber so unverkennbar bei diesem späten Nachbildner des Laotse noch manches Vorlaut und Fragezeichen der Erregtheit ist, was bei dem großen Vorfahren Nachlaut und letztes Rufzeichen der Gestilltheit ist, so ist der eigentümliche und etwas weitschweifig in seine Eintönigkeit vertiefte Weltwidersinn des heute fünfzigjährigen Abendländers doch zweifellos von einer ähnlichen Witterung im Geiste bewegt; einer Witterung, die ihr Bedeutendes darin offenbart, daß sie als Ausdruck einer Existenz, die sich ursprünglicherem Daseinssinn verbunden weiß, sich erst neu zusammenreimen muß, was allzu flach- und allzu tiefgereimt den Sinn der Welt gespalten und in Frage gestellt hat. " Es folgt eine Anmerkung im Besonderen: "Zurückgezogen also auf die Wahrnehmung der wenigen führenden Mitarbeiter, die das Schicksal des Brenner als das einer Bekenntnisschrift von Grund auf gestalten, entgegen dem Vielerlei von Beiträgen, Namen und Ideen, das die vielfach bemerkenswerte, aber geistig seltsam zerstreute Physiognomie der meisten heutigen Revuen von einigem Wert bestimmt, und abseits insbesondere von jener tristen Revolution der Geister, die eine hingerissene Kopie der in der Außenwelt im Fluß befindlichen ist und deren mitgerissene „Führer“ ersichtlich keinem anderen Ziel zustreben, als auch noch, wenn's schon sein muß, auf der Fahrt ins Chaos wie der Schnittlauch auf der Suppe obenauf zu schwimmen: unberührt und ungerührt also von allem diesem, was sich heute so vielvortäuschend als „Freiheit des Geistes“ deklariert und seine Grenzen überspringt, und somit ganz nur aus der scheinbaren Beschränktheit seiner Innenweltichkeit heraus will der Brenner das Beispiel einer geistigen Erhebung bieten, die nichts anderes bezweckt als den Ausdruck der Bewegtheit im großen Unbewegten, das uns umgibt, den Anschluß an ein Urheimatliches, das der Welt verloren ging, eindeutig gegen alle Zweideutigkeiten einer aus den Fugen ihrer Selbstherrlichkeit geratenen Außenwelt zu verteidigen und zu vertiefen. Damit ist unsere Stellung zur Zeit und deren unterschiedlichen Verwesern auch schon wesentlich fixiert. Wem aber, wie uns, Weltgeschichte schließlich nichts anderes bedeutet als das ewige Nachsehen, das eine verblendete Menschheit der Vorsehung gegenüber hat, und wer sich, dieser Auffassung entsprechend, allenfalls noch zur Einsicht verstehen könnte, daß der wahre, der einzige Weltkrieg, für den Feuer und Flamme zu sein dem Geiste heute noch geziemen mochte, seit zwei Jahrzehnten im roten Heft der „Fackel“ von einem einzigen geführt und entschieden wurde, der wird nicht erwarten, daß wir dem verstörten Antlitz der Zeit noch mit Glossen und

satirischen Spitzfindigkeiten unter die Augen treten, die auch im besten Fall nur eine leichte Nachgeburt der schweren Wehen und immer eine Nachäffung des beispiellosen Nahkampfs wären, in dem ein Karl Kraus sein ganzes Leben eingesetzt hat. " Schließlich gibt es noch einen Ausblick: "So ist denn unsere Bestimmung im letzten: Wegbereiter zu sein; der Erkenntnis der Kommenden, der Tieferberufenen, Herz und Verstand der Gegenwart zu weiten; dieser selbst vorläufig im wahrsten Sinn des Wortes heimzuleuchten aus dem ungeheuerlichen Angst-Dickicht, in dem sich der Irrsinn der Zeit verfangen hat und darin er sich vom Auge des Ewigen, das er zu blenden wähnte, nun wie von etwas Furchtbarem fixiert fühlt. Und so zu verhindern, daß auch nur einer von denen, die eines guten Willens sind, an der Gerechtigkeit der Weltordnung verzweifle. [...]"

51 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [ca. 7.10.1919]
Brief, undatiert. Jahoda & Siegel : Druckerei und Verlag, geleitet von Georg Jahoda und Emil Siegel. Seit 1901 wurden alle Hefte der Fackel bei Jahoda & Siegel gedruckt. Zu dem Versuch, den Tractatus bei Jahoda & Siegel unterzubringen, gibt es keine direkten Belege. Vgl. aber Wittgensteins Briefe an Paul Engelmann, 9.10.1918: "Jahoda hat noch immer nicht geruht mir sein Urteil zu schreiben. Ich bin schon sehr gespannt." (Briefe, Nr. 91, S. 83). Oder am 22.10.1918: "Noch immer habe ich keine Antwort vom Verleger erhalten! Und ich habe eine unüberwindliche Abneigung dagegen, ihm zu schreiben und anzufragen. Weiß der Teufel, was er mit meinem Manuskript treibt. Vielleicht untersucht er es chemisch auf seine Tauglichkeit." (Briefe, Nr. 92, S. 83). Und am 25.10.1918: "Heute erhielt ich von Jahoda die Mitteilung, daß er meine Arbeit nicht drucken kann. Angeblich aus technischen Gründen. Ich wüßte gar zu gern, was Kraus zu ihr gesagt hat. Wenn Sie Gelegenheit hätten es zu erfahren, so würde ich mich sehr freuen. Vielleicht weiß Loos etwas." (Briefe, Nr. 93, S. 83) Braumüller : Wilhelm Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung. Einen der größten Verlagserfolge brachte das 1903 herausgebrachte Werk Otto Weinigers: Geschlecht und Charakter, das in alle Weltsprachen übersetzt wurde. 1918 brachte der Verlag Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes heraus. Vgl. Wittgenstein an Russell, 30.8.1919: "Verzeih', daß ich Dich mit einer dummen Bitte belästige: Ich bin jetzt mit einer Kopie meines M.S.s zu einem Verleger gegangen, um den Druck endlich in die Wege zu leiten. Der Verleger, der natürlich weder meinen Namen kennt, noch etwas von Philosophie versteht, verlangt das Urteil irgend eines Fachmanns, um sicher zu sein, daß das Buch wirklich wert ist, gedruckt zu werden. Er wollte sich deshalb an einen seiner Vertrauensmänner hier wenden (wahrscheinlich an einen Philosophie-Professor). Ich sagte ihm, nun, daß hier niemand das Buch beurteilen könne, daß Du aber vielleicht so gut sein würdest, ihm ein kurzes Urteil über den Wert der Arbeit zu schreiben; was, wenn es günstig ausfällt, ihm genügen wird um den Verlag zu übernehmen. Die Adresse des Verleger ist: Wilhelm Braumüller XI. Servitengasse 5 Wien. Ich bitte Dich nun, dorthin ein paar Worte, so viel Du vor Deinem Gewissen verantworten kannst, zu schreiben." (Briefe, Nr. 102, S. 91) Am 12.9.1919 antwortete Russell (Original im Brenner-Archiv): "I have written to your publisher, praising your book in the highest terms. I hope the letter will reach him." Wittgenstein antwortete am 6.10.1919: "Auch mein Verleger hat schon längst Dein Empfehlungsschreiben bekommen, hat mir aber noch immer nicht geschrieben, ob, und unter welchen Bedingungen, er mein Buch nimmt (der Hund!)." (Briefe, Nr. 105, S. 93) Russells Empfehlungsschreiben ist verschollen. Prof. Russell : Bertrand Russell: Geb. 18.5.1872, Chepstow (Monmouthshire); gest. 2.2.1970, Penrhyhndendreath (Wales). Stand seit 1911 in freundschaftlicher Verbindung mit Wittgenstein, der ihn in Cambrigde kennengelernt hatte. Am 13.3.1919 schrieb Wittgenstein an Russell: "Ich habe ein Buch mit dem Titel „Logisch-philosophische Abhandlung“ geschrieben, das meine gesamte Arbeit der letzten sechs Jahre enthält. Ich glaube, ich habe unsere Probleme endgültig gelöst. Dies klingt vielleicht hochmütig, aber ich kann nicht umhin, es zu glauben." (Briefe, Nr. 96, S. 85) Über Keynes Vermittlung sandte Wittgenstein sein Manuskript im Juni 1919 an Russell. Am 13.8.1919 nahm Russell erstmals zur Abhandlung Stellung: "I have now read your book twice carefully - There are still points I don't understand - some of them important ones - I send you some queries on separate sheets. [...] I am sure you ar right in thinking the book of first-class importance. But in places it is obscure through brevity." Wittgenstein antwortete am 19.8.1919: "Was Deine Fragen angeht, so kann ich sie jetzt nicht beantworten. Denn erstens weiß ich nicht immer, worauf sich die Zahlen beziehen, da ich kein Exemplar des M.S. hier habe. Zweitens bedürfen einige Deiner Fragen einer sehr ausführlichen Antwort, und Du weißt, wie schwer es mir fällt, über Logik zu schreiben. Das ist auch der Grund, weshalb mein Buch so kurz und folglich so dunkel ist. Daran kann ich aber nichts ändern. - Nun habe ich die Befürchtung, daß Du meine wesentliche Behauptung, zu der die ganze Sache mit den logischen Sätzen nur ein Zusatz ist, nicht erfaßt hast. Die Hauptsache ist die Theorie über das, was durch Sätze - d. h. durch Sprache gesagt (und, was auf dasselbe hinausläuft, gedacht) und was nicht durch Sätze ausgedrückt, sondern nur gezeigt werden kann. Dies ist, glaube ich, das Hauptproblem der Philosophie." (Briefe, Nr. 100, S. 88) Professor in Deutschland : Gottlob Frege: Geb. 8.11.1848, Wismar; gest. 26.7.1925, Bad Kleinen. Philosoph,

Mathematiker und Logiker. Wann Wittgenstein mit Frege in Kontakt gekommen ist, läßt sich nicht mit Sicherheit beantworten, vermutlich aber schon 1911. Am 24.12.1918 schrieb Hermine Wittgenstein an Frege, daß eine Abschrift von Wittgensteins "Arbeit" an ihn abgeschickt worden sei. (Gottlob Frege: Wissenschaftlicher Briefwechsel. Hamburg: Meiner Verlag 1976, XLV/11, S. 266). Am 10.4.1919 erbat Wittgenstein von Frege ein "Urteil über die Arbeit" (ebenda, XLV/15, S. 267). Frege antwortete am 28.6.1919 u.a.: "Ich bin in der letzten Zeit sehr mit langwierigen geschäftlichen Angelegenheiten belastet gewesen, die mir viel Zeit weggenommen haben, weil ich in der Erledigung solcher Sachen aus Mangel an Uebung ungewandt bin. Dadurch bin ich verhindert worden, mich mit Ihrer Abhandlung eingehender zu beschäftigen und kann daher leider Ihnen kein begründetes Urteil darüber abgeben. Ich finde sie schwer verständlich. Sie setzen Ihre Sätze nebeneinander meistens, ohne sie zu begründen oder wenigstens ohne sie ausführlich genug zu begründen. So weiss ich oft nicht, ob ich zustimmen soll, weil mir der Sinn nicht deutlich genug ist. Aus einer eingehenden Begründung würde auch der Sinn klarer hervorgehen. Der Sprachgebrauch des Lebens ist im Allgemeinen zu schwankend, um ohne Weiteres für schwierige logische und erkenntnistheoretische Zwecke brauchbar zu sein. Es sind, wie mir scheint, Erläuterungen nötig, um den Sinn schärfer auszuprägen. Sie gebrauchen gleich am Anfange ziemlich viele Wörter, auf deren Sinn offenbar viel ankommt." (Die Originale der Briefe Freges an Wittgenstein liegen im Brenner-Archiv). Über diesen Brief berichtete Wittgenstein an Russell: "Ich habe mein M.S. auch an Frege geschickt. Er hat mir vor einer Woche geschrieben und ich entnehme daraus, daß er von dem Ganzen kein Wort versteht." (Briefe, Nr. 100, S. 88). Vgl. auch einem weiteren Brief Freges an Wittgenstein vom 16.9.1919, in dem es u.a. heißt: "Was Sie mir über den Zweck Ihres Buches schreiben, ist mir befremdlich. Danach kann er nur erreicht werden, wenn Andere die darin ausgedrückten Gedanken schon gedacht haben. Die Freude beim Lesen Ihres Buches kann also nicht mehr durch den schon bekannten Inhalt, sondern nur durch die Form erregt werden, in der sich etwa die Eigenart des Verfassers ausprägt. Dadurch wird das Buch eher eine künstlerische als eine wissenschaftliche Leistung; das, was darin gesagt wird, tritt zurück hinter das, wie es gesagt wird. Ich ging bei meinen Bemerkungen von der Annahme aus, Sie wollten einen neuen Inhalt mitteilen. Und dann wäre allerdings grösste Deutlichkeit grösste Schönheit. Ob ich zu denen gehöre, die Ihr Buch verstehen werden? Ohne Ihre Beihülfe schwerlich." Ebenfalls am 16.9. bat Wittgenstein Frege, sich für den Druck der Abhandlung in den Beiträgen zur Philosophie des deutschen Idealismus zu verwenden. (Wissenschaftlicher Briefwechsel, XLV/22, S. 268). In dieser Zeitschrift war beispielsweise Freges Aufsatz Der Gedanke erschienen (Jg. 1, Heft 2, 1918, S. 58-77). Frege antwortete am 30.9.1919: "Ihre Bitte, Ihnen zum Drucke Ihrer Abhandlung in den Beiträgen z. Ph. d. D. I. behilflich zu sein, habe ich mir durch den Kopf gehen lassen. Ich kenne von den Herren persönlich nur Prof. Bauch in Jena. Ueber die Aufnahme eines Beitrages entscheidet, wie mir scheint, meist Herr Hoffmann in Erfurt allein. Für diesen würde aber, wie ich glaube, eine Empfehlung von Prof. Bauch von entscheidendem Einflusse sein. Soll ich mich an diesen wenden? Ich könnte ihm schreiben, dass ich sie als durchaus ernst zu nehmenden Denker kennen gelernt habe. Ueber die Abhandlung selbst kann ich kein Urteil abgeben, nicht, weil ich mit dem Inhalte nicht einverstanden bin, sondern, weil mir der Inhalt zu wenig klar ist. Vielleicht würden wir, nachdem wir uns erst einmal über den Wortgebrauch verständigt hätten, finden, dass wir garnicht sehr voneinander abweichen. Ich könnte bei Prof. Bauch anfragen, ob er das Mscrpt zu sehen wünsche. Ich glaube aber kaum, dass dies einen Erfolg haben würde. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, würde Ihr Mscrpt etwa 50 Seiten der Beiträge füllen, also vielleicht in einem Hefte der Beiträge grade Platz finden. Es scheint mir aussichtslos, dass der Herausgeber ein ganzes Heft einem einzigen, noch dazu unbekannten Schriftsteller einräume. Wenn an eine Veröffentlichung in einer Zeitschrift gedacht werden soll, dürfte eine Zerteilung der Abhandlung nötig sein. Sie schreiben in Ihrem Vorworte, dass Ihnen die Wahrheit der mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv scheine. Könnte nun nicht einer dieser Gedanken, in dem die Lösung eines philosoph. Problems enthalten ist, zum Gegenstande einer Abhandlung genommen werden und so das Ganze in soviele Teile zerlegt werden, als philosoph. Probleme behandelt werden? Es ist auch gut, den Leser nicht durch die Länge der Abhandlung kopfscheu zu machen. Wenn die erste Abhandlung, die das Grundlegende enthalten müsste, Anklang fände, wäre es leichter auch die übrigen Abhandlungen in der Zeitschrift unterzubringen. Dabei könnte vielleicht noch ein Uebelstand vermieden werden. Nachdem man Ihr Vorwort gelesen hat, weiss man nicht recht, was man mit Ihren ersten Sätzen anfangen soll. Man erwartet eine Frage, ein Problem gestellt zu sehen und nun liest man etwas, was den Eindruck von Behauptungen macht, die ohne Begründungen gegeben werden, deren sie doch dringend bedürftig erscheinen. Wie kommen Sie zu diesen Behauptungen? Mit welchem Probleme hängen sie zusammen? Ich möchte eine Frage an die Spitze gestellt sehen, ein Rätsel, dessen Lösung kennen zu lernen, erfreuen könnte. Man muss gleich anfangs Mut schöpfen, sich mit dem Folgenden zu befassen. Doch sind das im Grunde Fragen, die Sie nur selbst beantworten können. Es fehlt mir eine eigentliche Einleitung, in der ein Ziel gesteckt wird." Verleger einer Art philosophischen Zeitschrift: Bruno Bauch: Geb. 19.1.1877, Groß-Nossen (Schlesien); gest. 27.2.1942, Jena. Seit 1911 Philosophieprofessor in Jena. In den Scholzlisten ist ein Brief von Bauch an Frege vom 31.10.1919 belegt, in dem es um Wittgensteins Arbeit gegangen ist. (Wissenschaftlicher Briefwechsel, III/4, S. 9).

Ebenso ein Brief von Arthur Hoffmann (1889-1964, Professor an der pädagogischen Akademie in Erfurt), datiert mit 23.1.1920, der sich auf den Druck der Wittgensteinschen Abhandlung bezieht. (Ebenda, XVI/3, S. 81) geschwefelt : Schwefeln (österr. Ausdruck): viel und gedankenlos reden. Sie Sich : sic! Wanicek : Diese Adresse wird erstmals am 25.9.1919 in einem Brief Wittgensteins an Paul Engelmann erwähnt. (Briefe, Nr. 104, S. 93)

52 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 14.10.1919
Brief mit Briefkopf: "DER BRENNER / Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102". Kurt Lechner : Lebensdaten nicht ermittelt. Ficker hatte ihn während seiner Ausbildung in Brixen kennengelernt. Lechners Vater, Besitzer einer Holzindustrie in Prag, investierte eine größere Summe in den Brenner-Verlag. Aber schon im März 1920 schied Kurt Lechner wieder aus dem Verlag aus, weil er neben der geschäftlichen Leitung auch Einfluß auf die Richtung des Verlags nehmen wollte, während Ficker die geistige Leitung allein für sich beanspruchte (vgl. Bd. 2, Nr. 511, S. 250f.)

53 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [nach dem 20. Oktober 1919]
Brief, undatiert. Datierung aufgrund eines Briefes von Hermine Sjögren an Wittgenstein vom 14.10.1919, in dem Frau Sjögren ankündigt, das das Zimmer bei ihr am 20.10. für Ludwig Wittgenstein bereitsteht. D a s M. S. : Zumindest vier Typoskripte oder auch Durchschläge müssen damals im Umlauf gewesen sein. Eines, mit handschriftlichen Korrekturen, hatte damals Bertrand Russell, ein zweites Manuskript hatte Wittgenstein Paul Engelmann geschenkt (vgl. Engelmann an Wittgenstein, 18.9.1918, unveröff. im Brenner-Archiv), ein drittes lag bei Frege in Jena. Ficker hat wahrscheinlich jenes Typoskript (oder Durchschlag) erhalten, das Wittgenstein zuvor dem Verlag Braumüller angeboten hatte. Frau Sjögren : Hermine (Mima) Sjögren (geb. Bacher, 1871 - 1965) war die Witwe eines schwedischen Ingenieurs, der als Direktor an einem von Karl Wittgensteins Walzwerken tätig gewesen war. Mima war mit Ludwigs Schwestern befreundet und Ludwig selbst freundete sich mit Arvid, dem Ältesten ihrer drei Söhne an. Wittgenstein wohnte bei Frau Sjögren bis zum März 1920.

54 AN RAINER MARIA RILKE, 2.11.1919
Brief mit Briefkopf: "DER BRENNER / Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102". erste Heft : Der Brenner, 6. Folge, Heft 1 mit folgendem Inhalt: Ludwig Ficker: Vorwort zum Wiederbeginn, Der Sonnengesang des hl. Franziskus (In freier Übertragung des Franz Brentano), Carl Dallago: Weltkrieg und Zivilisation, Anton Santer: Stationen (Türkei 1918), Ferdinand Ebner: Fragment über Weininger, Sören Kierkegaard: Eine Möglichkeit, Lorenz Luguber: Rückblick auf Galizien, Erik Peterson: Der Himmel des Garnisonspfarrers, Kanso Utschimura: Wahre und falsche Propheten, Theodor Haecker: Ausblick in die Zeit. Gedicht der Comtesse de Noailles : Les vivants et les morts (übertragen von Rainer Maria Rilke). In: Insel-Almanach auf das Jahr 1919. Leipzig: Insel, S. 150-153. unter ein paar arme Familien : Hier war Ficker nicht richtig informiert. Wittgenstein hat sein ganzes Vermögen unter seinen Geschwistern - mit Ausnahme von Margarete Stonborough - verteilt.

55 VON RAINER MARIA RILKE, 12.11.1919
Brief mit vorgedrucktem Briefkopf: "Bellevue Palace / Berne". Rilke befand sich damals auf einer Vortragsreise durch die Schweiz. an seiner Veröffentlichung mitzuwirken : Es gibt keine Belege dafür, daß Rilke etwas in dieser Richtung unternommen hätte. Bücher Kassners : Rudolf Kassner: Geb. 9.11.1873, Groß-Pawlowitz/Mähren; gest. 1.4.1959, Sider/Kt. Wallis. Kulturphilosoph, Essayist, Aphorist, Erzähler, Übersetzer. 1919 ist im Insel Verlag Rudolf Kassners Buch Zahl und Gesicht erschienen. Hermann Keyserling : Geb. 20.7.1880, Könno/Livland; gest. 26.4.1946, Innsbruck. Philosoph, Schriftsteller. Sein Reisetagebuch eines Philosophen ist noch bei Duncker und Humblot (München, Leipzig) erschienen, seine folgenden Bücher beim Verleger Otto Reichl.

56 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 18.11.1919
Brief mit Briefkopf: "DER BRENNER / Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102". Philosophieprofessor : Alfred Kastil.

57 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 22.11.1919
Brief.

58 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [28.11.1919]
Telegramm, aufgenommen am 28.11.[1919].

59 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 29.11.1914

Brief mit Briefkopf: "DER BRENNER / Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102".

60 KARL RÖCK AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 2.12.1919
Brief, allerdings nie abgeschickt. Vgl. dazu Karl Röck an Ludwig von Ficker, [8.12.1919]: "Lieber Herr Ficker, mir hat heute abends Sander - über eine darauf gerichtete Frage - gesagt, dass Dich mein „Brief“ an Wittgenstein gewissermaßen erschüttert hat." Vgl. auch Röcks Eintragung in sein Tagebuch vom 1.12.1919: "Von Ficker Wittgensteins logische Abhandlung zu lesen bekommen" und vom 2.12.: "unmutigen Hohnbrief als Antwort dem Ficker übergeben lassen durch Lechleitner; ich muß rasch in Dr. Neugebauers Vortrag über Platon". Karl Röck : geb. 20.3.1883, Imst; gest. 9.6.1954, Innsbruck. Sprachforscher und Dichter. Studierte 1902-1908 in Innsbruck, teilweise in München Medizin, Zoologie und Psychologie (ohne Abschluß). 1909/10 Supplentenstelle als Präfekt am Kufsteiner Gymnasium. 1910-13 ohne feste Anstellung. Von 1913 bis 1926 Magistratsbeamter in Innsbruck. Röck gehört zu den frühesten Mitarbeitern des Brenner, wo er unter seinem Namen, aber auch unter dem Pseudonym Guido Höld publizierte. Im Mai 1912 lernte er am Brenner-Tisch Georg Trakl kennen und war in der Folgezeit eng mit ihm befreundet. Seine Tagebücher, die er von 1891-1946 fast lückenlos geführt hat, bilden ein Schlüsseldokument für die Brenner- und die Trakl-Forschung. Vgl. Karl Röck: Tagebuch 1891-1946. 3 Bde. Hrsg. u. erläutert von Christine Kofler. Salzburg 1976 (Brenner-Studien, Sonderband 2-4). Münsterberg'schen Münsterbaus : Hugo Münsterberg: Geb. 1.6.1863, Danzig; gest. 16.12.1916, Cambridge (Mass.). Psychologe und Philosoph. Prof. in Freiburg im Breisgau und an der Harvard University in Cambridge (Mass.) Röck spielt auf folgende Werke an: Gründzüge der Psychologie. Bd. 1. Allgemeiner Teil: Die Prinzipien der Psychologie. Leipzig: Barth 1908 (mehr nicht erschienen). In diesem Buch vertritt Münsterberg die Ansicht, daß die Wirklichkeit nur durch unser Erkennen und nicht außer ihm bestehe. Philosophie der Werte. Grundzüge einer Weltanschauung. Leipzig: Barth 1900. Darin gibt Münsterberg ein geschlossenes System, das alle Gebiete der Philosophie umfaßt und sie in eine Theorie der Werte auflöst. Röck hat sich - dies geht aus seinem Tagebuch hervor - mit diesem Buch seit 1910 immer wieder auseinandergesetzt. Begriffszeichenschrift : Vgl. Röcks Eintragung in sein Tagebuch vom 19./20.9.1919: "Bilderzeichenschrift für grammatikalische Begriffe". Und in einer zusammenfassenden Notiz unter dem gleichen Datum: "Begriffszeichenschrift erfunden." Vgl. auch eine Eintragung vom 12.12.1919: "Philologie als Logologik". Näheres über Röcks Begriffsschrift war nicht zu ermitteln, doch betrieb er zeitlebens intensive Sprachstudien (liegen unveröffentlicht in seinem Nachlaß im Brenner-Archiv).

61 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 4.12.1919
Brief, rechts oben Briefkopf: "WIEN / IV., WOHLLEBENGASSE 1 b", überstempelt mit: "IV., ALLEEGASSE 16.", links: "TEL. 10065."; der gesamte Briefkopf wurde von Wittgenstein durchgestrichen.

62 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 6.12.1919
Brief. Krampus : Anspielung auf den 6. Dezember, dem Tag des heiligen Nikolaus, der vom Krampus (= Teufel) begleitet wird.

63 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 28.12.1919
Brief. Holland : Wittgenstein hielt sich vom 13. bis zum 20. Dezember in Den Haag auf um mit Russell das Buch zu besprechen. Er wurde von Arvid Sjögren begleitet. Zu diesem Treffen vgl. Russells Brief an Lady Ottoline vom 20.12.1919 (Briefe, S. 100f.).

64 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 16.1.[1920]
Brief. 1 6. I. 1 9 1 9 : Wegen des Jahresbeginns irrte sich Ficker ganz offensichtlich, der Brief ist sicher mit 1920 zu datieren. Zu diesem Brief vgl. Wittgenstein an Paul Engelmann, 26.1.1920: "P.S. Soeben erhalte ich einen Brief von Ficker (aber noch kein Manuskript) worin er schreibt er müsse das Erscheinen des Brenner einstellen wenn er nicht sein ganzes Hab und Gut verlieren will. Kann man ihm helfen??" jeder neue Abonnent : Im 5. Heft des Brenner, Mitte Juni 1920, sah sich Ficker allerdings wegen der "enorme[n] Steigerung der Herstellungskosten" gezwungen, für neu eintretende Abonnenten neue Bezugsbedingungen festzusetzen: die ganze 6. Folge kostete jetzt 60 Kronen (bisher 40), ein Einzelheft 6.50 Kronen (bisher 5). Ende Juni 1921 kostete die gesamte Folge bereits 340 Kronen! einige Bücher in Vorbereitung : Zwei Schriften von Carl Dallago: Laotse. Der Anschluß an das Gesetz oder Der große Anschluß. Versuch einer Wiedergabe des Taoteking. (Innsbruck: Brenner Verlag 1921), Der Christ Kiekegaards. (Innsbruck: Brenner Verlag 1922); Anton Santer: Nachruf (Innsbruck: Brenner Verlag 1921); Ferdinand Ebner: Das Wort und die geistigen Realitäten. (Innsbruck: Brenner Verlag 1921). Das Buch von Ebner von Theodor Haecker im Juli 1919 für den Brenner Verlag empfohlen - war, ebenso wie der Tractatus, zuvor vom

Braumüller Verlag abgelehnt worden. Auch Ficker argumentierte Ebner gegenüber mit seiner schwierigen wirtschaftlichen Situation, versprach aber in ähnlichen Worten, wie er sie in den Briefen an Wittgenstein verwendet, alle seine Kräfte aufzubieten, damit das Buch in seinem Verlag erscheinen könne. Walter Methlagl versuchte in seinem Aufsatz Erläuterungen zur Beziehung zwischen Ludwig Wittgenstein und Ludwig von Ficker (in: Ludwig Wittgenstein: Briefe an Ludwig von Ficker, S. 45-69) zu erklären, warum Ficker sich zur Aufnahme von Ebners Buch entschloß und warum er Wittgensteins Arbeit ablehnte. Vgl. auch Allan Janik: Wittgenstein: Ein österreichisches Rätsel. In: Das Fenster, Heft. 38, S. 3714-3719).

65 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 19.1.1920
Brief, mit aufgedrucktem schwarzen Adler in einem Kreis. Sie so, gut : sic! Reklam : sic! Wittgenstein hatte am 29.12.1919 an Paul Engelmann geschrieben: "Bin vorgestern aus Holland zurückgekommen. Mein Zusammensein mit Russell war sehr genußreich. Er will eine Einleitung zu meinem Buch schreiben und ich habe mich damit einverstanden erklärt. Ich möchte nun noch einmal versuchen einen Verleger dafür zu gewinnen. Mit einer Einleitung von Russell ist das Buch für einen Verleger gewiß ein sehr geringes Risiko da Russell sehr bekannt ist. Vielleicht schreiben Sie dem Herrn der mich Reklam empfehlen soll in diesem Sinne. Falls ich keinen deutschen Verleger finden kann so wird Russell das Buch in England drucken lassen. Da er in diesem Falle alle möglichen Schritte zu unternehmen hätte so bitte ich Sie mir so bald als irgend möglich Bescheid zu geben ob Ihre Bemühungen irgendwelchen Erfolg versprechen." (Briefe, Nr. 118, S. 105) Engelmann antwortete am 31.12.1919: "Eben kommt Ihr Express-Brief. Einen ausführlichen Brief über Ihr Buch sende ich heute, längstens morgen Dr Heller in Kiel, mit der Bitte um sofortige Antwort, die ich Ihnen dann gleich mitteile." In einem weiteren Brief vom 17.1.1920 schrieb Paul Engelmann: "Eben erhielt ich den beiliegenden Brief von Dr Heller (die Fettflecke darauf sind von mir) Ich hoffe, daß dem Erscheinen des Buches bei Reclam jetzt nichts mehr im Wege steht. In dem Satz des Briefes, der das Honorar betrifft, ist offenbar ein „nicht“ ausgelassen, u. es soll meiner Meinung nach heißen: „.....da es auf ein größeres Honorar oder überhaupt ein solches nicht ankommen dürfte.“ Bitte schreiben Sie vielleicht gleich in Ihrem Begleitbrief an Reclam, daß Sie kein Honorar verlangen; ebenso, daß die Seitenziffern, wenn Ihre Anbringung am Rand den Druck verteuert, in den Text eingerückt werden dürfen." Am 19.1. berichtete Wittgenstein an Russell, daß Reclam wahrscheinlich sein Buch drucken würde und bat um die versprochene Einleitung. (Briefe, Nr. 122, S. 107) Erst am 29.3. sandte Russell die Einleitung, mit der Wittgenstein nicht sehr zufrieden war. Er schrieb an Russell: "Besten Dank für Dein Manuscript. Ich bin mit so manchem darin nicht ganz einverstanden; sowohl dort, wo Du mich kritisierst, als auch dort, wo Du bloß meine Ansicht klarlegen willst. Das macht aber nichts. Die Zukunft wird über uns urteilen. Oder auch nicht - und wenn sie schweigen wird, so wird das auch ein Urteil sein. - Die Einleitung wird jetzt übersetzt und geht dann mit der Abhandlung zum Verleger. Hoffentlich nimmt er sie!" (Briefe, Nr. 127, S. 109f.) Am 6.5.1920 schrieb er an Russell: "Deine Einleitung wird nicht gedruckt und infolgedessen wahrscheinlich auch mein Buch nicht. - Als ich nämlich die deutsche Übersetzung der Einleitung vor mir hatte, da konnte ich mich doch nicht entschließen sie mit meiner Arbeit drucken zu lassen. Die Feinheit Deines englischen Stils war nämlich in der Übersetzung - selbstverständlich - verloren gegangen und was übrig blieb war Oberflächlichkeit und Mißverständnis. Ich schickte nun die Abhandlung und Deine Einleitung an Reclam und schrieb ihm, ich wünschte nicht daß die Einleitung gedruckt würde, sondern sie solle ihm nur zur Orientierung über meine Arbeit dienen. Es ist nun höchst wahrscheinlich, daß Reclam meine Arbeit daraufhin nicht nimmt (obwohl ich noch keine Antwort von ihm habe)." (Briefe, Nr. 129, S. 110f.) Am 30.5.1920 war die Publikation bei Reclam endgültig geplatzt: "Reclam nimmt mein Buch nicht. Mir ist es jetzt Wurst, und das ist gut." (Brief an Paul Engelmann vom 30.5.1920, Briefe, Nr. 131, S. 112) Paul Engelmann war übrigens der einzige Mensch, der damals ein positives Urteil über den Tractatus abgab. Am 3.4.1919 hatte er nach der Lektüre des Manuskripts an Wittgenstein geschrieben: "Ich glaube es jetzt im Ganzen zu verstehn und wenigstens bei mir haben Sie den Zweck, jemandem durch das Buch Vergnügen zu bereiten, vollständig erfüllt; ich bin von der Wahrheit seiner Gedanken überzeugt und erkenne ihre Bedeutung." - Erstmals gedruckt wurde die Logisch-philosophische Abhandlung zusammen mit einer Übersetzung der Einleitung von Russell in der letzten Nummer von Wilhelm Ostwalds Annalen der Naturphilosophie (Bd. 14, 3. und 4. Heft, 184-262) Leipzig 1921.

66 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 26.1.1920
Brief. Welche Art von Beruf : Schon am 23.2.1919 hatte Ficker in einem Brief an Martina Wied davon gesprochen, daß er sich um einen Brotberuf werde umsehen müssen. Erst im Oktober 1921 kam es allerdings wirklich dazu. Der Brenner Verlag wurde als selbständige Abteilung dem Universitäts-Verlag Wagner in Innsbruck angegliedert. Ficker blieb zwar weiterhin Leiter des Brenner Verlags, war aber nun Angestellter des Wagner Verlags und mußte seine Dienste auch dem Gesamtunternehmen zur Verfügung stellen.

großen Widerwärtigkeiten : Vgl. Wittgenstein an Paul Engelmann, 26.1.1920: "Es ist merkwürdig, daß ich wirklich in den letzten Tagen in einem mir schrecklichen Zustand war und auch jetzt ist die Sache noch nicht vorüber. Was mir so viele Qualen verursacht will ich Ihnen noch nicht sagen. Aber schon das Gefühl, daß jemand der den Menschen versteht, an mich denkt, ist gut." (Briefe, Nr. 123, S. 107)

Übersicht über die Verteilung der Spende
Georg Trakl Redaktion Der Brenner Carl Dallago Rainer Maria Rilke Oskar Kokoschka Else Lasker-Schüler Karl Hauer Ludwig Erik Tesar Richard Weiß Theodor Haecker Theodor Däubler Franz Kranewitter Karl Borromäus Heinrich Hermann Wagner Hugo Neugebauer Joseph Georg Oberkofler Albert Ehrenstein Adolf Loos 20.000 10.000 20.000 20.000 5.000 (+ 700) 5.000 5.000 1.000 1.000 2.000 2.000 2.000 1.000 1.000 1.000 1.000 1.000 2.000 In memoriam Ludwig Wittgenstein Château de Muzot sur Sierre (Valais), Schweiz, am 12. Februar 1923 Werther und lieber Herr von Ficker, diesen Morgen, einige Zeitungen durchsehend, die sich angesammelt hatten, stieß ich in der "Neuen Züricher" auf eine sehr zustimmende Würdigung von "der Brenner" (Siebente Folge, zweiter Band). So geht also Ihr schönes Unternehmen weiter und Sie leiten es nach wie vor, im eigenen und im Sinne der dazu verständigten Freunde! Darf ich, unmittelbar wie er mir aufkommt, den Wunsch vor Sie bringen, wieder mal einen Band des Jahrbuchs zu besitzen? Nicht allein, daß ich mir von den aus diesem Bande angeführten Beiträgen (Kierkegaard, Josef Leitgeb) mich nahe Angehendes verspreche, ich hätte auch, bei meiner Bewunderung für Georg Trakl, das Bedürfnis, jenen "Aufruf" zu kennen, den Sie, in Bezug auf das Grabmal des Dichters, erlassen haben. Machen Sie mir also die Freude, die ich, wie früher, gelegentlich solcher Zuwendung, aufrichtig schätzen werde. Mit allen guten Wünschen für Sie und Ihre Freunde, bin ich in alter Ergebenheit Ihr R M Rilke

Ludwig von Ficker: Rilke und der unbekannte Freund1(1) 

Château de Muzot sur Sierre (Valais), Schweiz, am 26. Februar 1923 Sehr werther Herr von Ficker, in kurzem Abstande nach Ihrem Brief, ist gestern auch Ihre Sendung bei mir eingelangt. Sie haben, wie es mir Ihre Zeilen schon andeuten wollten, durch die aufmerksamste Erfüllung meine Bitte übertroffen; ich freue mich nun darauf, bei nächster passender Stunde, das "Jahrbuch" und, nach und nach, die übrigen Beilagen vorzunehmen. Daß Sie sich so sehr anklagen, einen früheren Brief einmal unerwidert gelassen zu haben, hat mich beinah beschämt: wie oft mußte ich mir, in den letzten Jahren, Ähnliches zu schulden kommen lassen; der Hemmungen,

die uns durch das allgemeine Verhängnis bereitet werden, sind immer noch so viele, daß man schon froh sein darf, wenn man ihr Zudringen, wenigstens in den mittleren Bezirken der wesentlichen eigenen Leistung ab und zu überwindet. Nur dieses für heute: meinen Dank, meine Grüße und die gern wiederholte Versicherung meiner alten Gesinnung. Ihr ergebener R M Rilke Diese Letztbekundungen seiner Zugeneigtheit mögen hier als Nachtrag zu den beiden Briefen des Dichters stehen, die mir im Februar 1915 seine staunende Ergriffenheit über Trakls "Helian" und "Sebastian im Traum" zur Kenntnis brachten. Auszugsweise in unserem Trakl-Gedenkbuch 1926 erstmals veröffentlicht, wurden sie später ungekürzt in den Sammelband der Briefe Rainer Maria Rilkes aus den Jahren 1914 bis 1921 aufgenommen, der 1938 im Insel-Verlag erschien. Unauffällig schloß da einer dieser Briefe an mich mit dem Satz: "Die kleine Zeile, in der Sie seiner Erwähnung tun, nehme ich als Zeugnis für das Wohlergehen des unbekannten Freundes draußen recht herzlich in Anspruch." Wer war dieser Freund? Heute, da er tot ist und sein Name in Philosophenkreisen hohes Ansehen genießt, sei auch hier des nie genannt sein Wollenden gedacht, sowie der seltsamen Begebenheit, die mich ihm zugeführt und gleichsam über ihn hinweg in schriftliche Berührung mit Rilke gebracht hat. Mitte Juli 1914, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, erhielt ich aus Hochreit in Niederösterreich die Mitteilung eines mir bis dahin Unbekannten, er erlaube sich mir demnächst einen Betrag von hunderttausend Kronen zu übermitteln mit der Bitte, ihn an würdige bedürftige Dichter und Künstler Österreichs nach meinem Gutdünken zu verteilen. Unterzeichnet war diese großzügig hingeschriebene Verständigung mit Ludwig Wittgenstein jun. - Meiner erstaunten Rückfrage begegnete die Erklärung des Genannten, er habe nach seines Vaters Tod ein großes Vermögen geerbt, und da sei es Sitte, eine Summe für wohltätige Zwecke herzugeben. "Als Anwalt meiner Sache wählte ich Sie, auf die Worte hin, die Kraus in der Fackel über Sie und Ihre Zeitschrift geschrieben hat; und auf die Worte hin, die Sie über Kraus schrieben", hieß es in diesem Bescheid, der mit der Bemerkung schloß: "Ihr freundlicher Brief hat mein Vertrauen in Sie noch vermehrt. Vielleicht darf ich Sie einmal treffen und mit Ihnen reden. Dies wünschte ich sehr." Das wünschte natürlich auch ich, und so war das Nötige rasch vereinbart: Wittgenstein wollte aus der Sommerfrische zu kurzem Aufenthalt nach Wien kommen. Dort sollte ich ihn am Abend des 26. Juli2(2) im Stadtdomizil der Familie treffen und zum Wochenende sein Gast sein. Der Reisetag war heiß gewesen, und es dunkelte bereits, als das Taxi vor dem geöffneten Gartentor eines Herrschaftssitzes im Neuwaldegger Parkgelände hielt. Das Gebäude selbst, nur noch undeutlich auszunehmen, lag tiefer garteneinwärts, aber die Aufgangsterrasse war hell beleuchtet, und da stand auch schon, mich erwartend, die schlichte Gestalt des jungen Mäzens: ein Bild ergreifender Einsamkeit auf den ersten Blick (an Aljoscha etwa oder Fürst Myschkin bei Dostojewski erinnernd). Kaum hatte er mich bemerkt, als er die paar Stufen herabstieg, auf dem breiten Kiesweg mir entgegenkam und nach herzlicher Begrüßung mich ins Haus geleitete. Auch beim Nachtmahl, das ein Diener auftrug, schien er aufgeräumt und trotz etwas gehemmter Sprechweise von einem sehr zu Herzen gehenden Mitteilungsdrang bewegt. Bald war mir klar, daß nicht allein ein Freund der schönen Künste mir gegenübersaß, sondern ein Denker, dessen Bemühung, Fragen der Logik im Forschungsbereiche positivistisch orientierter Wissenschaft auf ihren Sinngehalt zu prüfen, offenbar bereits in England wie vorher schon unter Philosophen des sogenannten Wiener Kreises3(3) Aufmerksamkeit erregt hatte. Als ein Schüler Bertrand Russells in Cambridge und Gottlob Freges in Jena hatte er sich schon früh mit den logischen Grundlagen der Mathematik vertraut gemacht und, offenbar eigener Neigung wie innerster Berufung folgend, darauf weitergebaut. Und nun lebe er, wie er lächelnd bemerkte, von Bauersleuten verpflegt für gewöhnlich in einem Blockhaus4(4) über dem Sognefjord in Norwegen, das sein Eigentum sei. Dort hoffe er, in völliger Zurückgezogenheit die vorläufigen Ergebnisse seiner Gedankengänge entsprechend sichten und ihre Formulierung ins Reine bringen zu können. Denn gedruckt lag von dem damals Fünfundzwanzigjährigen noch nichts vor. Den Anlaß unserer Begegnung schien er in jener späten Abendstunde ganz vergessen zu haben, und erst am nächsten Morgen, einem schönen Sonntag-Vormittag, konnte ich ihm während eines Rundgangs durch den Park meine Vorschläge zur Verteilung seiner Spende nahebringen. Die Zuwendung von je zwanzigtausend Kronen an Rilke5(5) und Trakl, die mir zuvörderst angebracht schien, fand sofort seine Billigung. Zwar schrieb er mir später über Trakls Gedichte: "Ich verstehe sie nicht; aber ihr Ton beglückt mich. Es ist der Ton der wahrhaft genialen Menschen." Die Berücksichtigung Rilkes hingegen war ihm gleich einleuchtend und ein Gegenstand freudiger Zustimmung. Nachdem er mir noch von sich aus, auf seine besorgte Anfrage hin, eine Abzweigung von zehntausend Kronen als Zuschuß für den Brenner nahegelegt, erklärte er ohne weiteres sein Einverständnis mit meinen restlichen Vorschlägen, über die er sich kein eigenes Urteil zusprach. Nachmittags machte ich ihn noch mit

dem Architekten Adolf Loos bekannt. Wir trafen uns im Café Imperial, wo es zwischen ihm und dem schwerhörigen Erbauer des damals noch heftig umstrittenen Hauses am Michaeler Platz zu einer wohl etwas mühselig, doch sachlich ungemein anregend geführten Aussprache über Fragen der modernen Baukunst kam, für die sich Wittgenstein zu interessieren schien. Abends reiste ich wieder heim, und am Morgen bei meiner Ankunft war die Kriegserklärung Österreichs an Serbien erfolgt - Grund genug, die Überweisung der Geldbeträge an die damit zu Beteilenden beschleunigt vorzunehmen. Kaum zwei Wochen später erreichte mich eine Nachricht Wittgensteins, er sei auf Kriegsdauer freiwillig eingerückt und bis auf weiteres dem Ausbildungsbereich des Militärkommandos Krakau zur Dienstleistung zugeteilt. Leider war er, als ich Ende Oktober Trakl im dortigen Garnisonsspital besuchte, in der Stadt nicht anwesend. Er befand sich mit dem Weichselschiff "Goplana", auf dem er Dienst tat, seit Wochen unterwegs, doch sollte diese Erkundungsfahrt schon demnächst ihren Abschluß finden. Die Auskunft erhielt ich von einem Offizier der Dienststelle, der nicht zu erwähnen vergaß, welch schöne Sommernacht er einmal, bald nach Kriegsbeginn, auf Deck des Schiffes in anregendem philosophischen Gespräch mit Wittgenstein verbracht habe, während dieser mit Kartoffelschälen für die Schiffsküche beschäftigt war. Ich hinterließ dem Abwesenden ein paar Zeilen, er möge sich nach seiner Ankunft doch unverzüglich Trakls annehmen, dessen Lage prekär sei. Aber als Wittgenstein, zurückgekehrt, im Spital vorsprach, war Trakl schon tot und begraben. "Ich bin erschüttert, obwohl ich ihn nicht kannte", war des zu spät Gekommenen erste Mitteilung an mich. Auf Ersuchen um Bekanntgabe näherer Einzelheiten erhielt ich folgenden Bescheid: 16. 11. 14 Lieber Herr von Ficker! Ich danke Ihnen für Ihre Karte vom 9ten. Alles was ich über das Ende des armen Trakl erfahren habe, ist dies: Er ist drei Tage vor meiner Ankunft an Herzlähmung gestorben. Es widerstrebte mir, mich auf diese Nachricht hin noch weiter nach Umständen zu erkundigen, wo doch das einzig Wichtige schon gesagt war. Am 30ten Oktober hatte ich von Trakl eine Karte erhalten mit der Bitte ihn zu besuchen. Ich antwortete umgehend: ich hoffte in den nächsten Tagen in Krakau einzutreffen und würde dann sofort zu ihm kommen. Möchte Sie der gute Geist nicht verlassen. Und auch nicht Ihren ergebenen Ludwig Wittgenstein (Daß Trakl, obwohl er Wittgenstein durch mich verständigt wußte, an diesen selbst noch eine Bitte um Besuch gerichtet hat, scheint mir beachtenswert. Es spricht dafür, daß er als Patient einer Zwangspsychiatrierung, die seine Schwermut, aber auch die Ungewißheit über sein Los bei den gegebenen Ausnahmezuständen ins Unermeßliche steigern mußte, einer zweiten Versuchung zum Selbstmord - die erste hatte ihn auf dem Rückzug von Grodek befallen - nicht zu erliegen wünschte. Wohl war, als ich in Krakau von ihm schied, seine Niedergeschlagenheit groß; deutlich aber auch und ergreifend die Ergebenheit in ein Schicksal, das ihn zwang, den eigentümlichen Wahrsinn seines Lebens samt allem Bedenklichen, das er einschloß, dem potenzierten Wahnsinn einer Welt im aufkommenden Weltkriegszustand zur Begutachtung anvertraut zu sehen. Und nichts konnte die Rücksicht, die er in so auswegloser Situation einem letzten Ausgleich seines Selbstabtötungs- wie seines Selbstbewahrungsdranges schuldig zu sein glaubte, rührender bezeugen als dieses großherzig entgegenkommende Vertrauen in die Wirksamkeit vereinter Freundeshilfe in einem Augenblick, da ihm der Tod schon näher stehen mußte als noch irgend eine Möglichkeit zu leben.) Abgesehen also von dieser einen Ausnahme konnte in allen übrigen Fällen dem Wunsch Wittgensteins nach Geheimhaltung seines Namens entsprochen werden. Auch Rilke gegenüber. Dieser erwies sich für die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil geworden, dadurch erkenntlich, daß er mir nebst Versen für den Brenner eine eigenhändige Abschrift ebenfalls noch unveröffentlichter Gedichte zur Weitergabe an den ihm unbekannten Gönner zugehen ließ. Den Begleitbrief Rilkes übermittelte ich Wittgenstein als Geschenk, und in einem Feldpostbrief aus der K. u. K. Artillerie-Werkstätte der Festung Krakau, datiert vom 13.2.15, nahm dieser darauf Bezug: "... Rilkes Schreiben an Sie hat mich gerührt und tief erfreut. Die Zuneigung jedes edlen Menschen ist ein Halt in dem labilen Gleichgewicht meines Lebens. Ganz unwürdig bin ich des herrlichen Geschenkes, das ich als Zeichen und Andenken dieser Zuneigung am Herzen trage. Könnten Sie Rilke meinen tiefsten Dank und meine treue Ergebenheit übermitteln? Trakls Grab hat die Exhibit Nr. 3570 und die Bezeichnung Gruppe XXXIII Reihe 13, Grab No. 45. Möchte Ihnen Ihre militärische Tätigkeit Freude bereiten! Wie schön wäre es, wenn sie uns

zusammenbrächte!" Es sollte nicht sein. Schon "klopfte" ich selbst Gewehrgriffe bei den Kaiserjägern, und nach Erscheinen des Brenner-Jahrbuchs 1915, das ich gerade noch vor Zuteilung zu einem Marschbataillon herausbringen konnte, ging auf Kriegsdauer der Kontakt mit Rilke wie mit Wittgenstein verloren. Dieser war zuletzt in italienische Gefangenschaft geraten. Im August 1919 kam er frei, und noch im Herbst desselben Jahres6(6) tauchte eines schönen Nachmittags an der Gartentür vor meiner Wohnung in Mühlau, vom Hund des Hausherrn heftig verbellt, ein scheinbar Fremder auf. Es war Wittgenstein, kaum mehr zu kennen, barhaupt, in abgetragener Feldmontur (als hätte er noch nicht aus ihr herausgefunden) und sichtlich aufgebracht über die unfreundliche Begrüßung durch den Wächter des Hauses. Erstaunt über die Verwandlung, die mit ihm vorgegangen war, und leicht beunruhigt von dem Überfallscharakter dieses Wiedersehens nach fünf Jahren, bat ich ihn ins Haus. Er blieb zu Abend, zog aber einem Nachtquartier bei mir eine bescheidene Unterkunft in der Nachbarschaft vor. In dem kleinen Anwesen unserer Milchbäuerin ließ er sich eine mehr als dürftige Kammer aufsperren, die er herrlich fand. Von dort verabschiedete er sich frühmorgens mit Dank für die gute Aufnahme und mit Grüßen an mich. Mir aber wollte nachher scheinen, als habe mich da nicht ein Heimkehrer zu anderen besucht und verlassen, sondern eher ein Friedensucher in der Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner schwierigen Veranlagung. Denn Wittgensteins ungewöhnlicher Lebensernst, hingabefähig und doch gründlich in sich gekehrt, hatte inzwischen Züge eines Verantwortungsbewußtseins angenommen, das leicht überspannt scheinen konnte und seinem früh schon entschiedenen Absonderungsbedürfnis gegenüber allem, was vor den Augen der Welt zu glänzen oder sich sonst ein Ansehen zu geben wünschte, das Siegel einer fast schmerzhaften Deutlichkeit aufdrückte. So hatte er gleich nach Kriegsende auf sein Millionenerbe zu Gunsten seiner Geschwister verzichtet (ein noch lebender Bruder, berühmter Pianist, hatte, wie ich später hörte, im Krieg den rechten Arm verloren, ein anderer sich erschossen, als der ungarische Truppenteil, den er befehligte, noch vor Abschluß des Waffenstillstands 1918 den ihm zugewiesenen Frontabschnitt am Piave verließ). Fast noch wunderlicher schien, daß der heil Zurückgekehrte, auf den im Krieg Tolstois Volkserzählungen7(7) großen Eindruck gemacht hatten, als ein Mensch von überhöhter Bildung, der freilich auch die Kindesseele gut verstand, 1920 Dorfschullehrer in einer entlegenen Gebirgsgegend des Semmeringgebietes wurde. Vorerst aber hatte er eine Begegnung mit Russell8(8) auf einer Reise gehabt, die ihn nach Holland und, als ihm in Deutschland das Geld ausgegangen war, auch durch Nachtasyle des Hamburger Hafenviertels geführt hatte. Den Rückweg über Innsbruck hatte er gewählt, um mir einen Durchschlag jener Arbeit anzuvertrauen, die ihn so lange in Anspruch genommen und ihren Abschluß gegen Kriegsende in einer ihm nun offenbar entsprechenden Form der philosophischen Aussage gefunden hatte. Es ergab sich aber, daß das nicht allzu umfangreiche Werk, das sich zur Verdeutlichung seiner Gedankengänge auch Formeln der höheren Mathematik bediente und einen Exkurs über die Grundlagen der Arithmetik enthielt, einen Laienverstand wie den meinen vor kaum behebbare Schwierigkeiten stellte. Was es an eigentümlichen Ausblicken und Einsichten einem Forschungsgebiet erschloß, das den konsequenten Logiker von vornherein in eine Zwangsjacke stecken mußte, das hatte der Verfasser zudem einer Art perspektivisch verkürzter Darstellung anvertraut, die - in zahlreichen numerierten Absätzen das jeweils Greifbare ihres behutsam vorfühlenden Thesenaufwands demonstrierend - seinem Versuch wohl die Physiognomie einer ungewöhnlichen intellektuellen Leistung zu sichern schien, dem Uneingeweihten aber auch den Eindruck einer angestrengt verlorenen Liebesmühe hinterlassen konnte. Immerhin: die klaren Satzgefüge, die den Stufenbau dieser kühnen, bis zur Andeutung ihrer notwendigen Selbstaufhebung sich versteigenden Erkenntnispyramide trugen, gaben hinreichend zu verstehen, welch ein Konzentrat gewissenhaft durchdachter Überlegungen hier seine Ausprägung in adäquat durchlichteter lapidarer Sprachgestalt gefunden hatte. Als solches stellte es an das Fassungsvermögen des Lesers allerdings Anforderungen, denen ein zur Würdigung von logisch exakten Spitzenleistungen auf dem Versuchsfeld philosopischer Tiefenbohrung nicht eigentlich Berufener kaum oder nur notdürftig gerecht werden konnte. Doch war zu begreifen, daß ein so eigen hinsinnender Geist, wollte er nicht von vornherein alle Sicherheit in Verfolgung des ihm vorschwebenden, doch nur schrittweise zu erschließenden Erkenntniszieles verlieren, sich streng an die Orientierungsbehelfe einer Forschungsmethode halten mußte, deren diszipliniertem Vorgehen in der Unterscheidung von logisch Sagbarem und Unsagbarem von frühauf seine Aufmerksamkeit wie die Zuneigung seiner eigenen Begabung gehört hatte. Gleichwohl ließ sich nicht verkennen, daß Wittgensteins "Logisch-philosophische Abhandlung" bei aller Konsequenz ihres Aufgehens in eine rein wissenschaftliche Bemühung im Grunde doch auf eine höhere Bewegungsfreiheit des Geistes im Spielraum letztverbindlicher Wahrheitsaufschlüsse abzielte, als die Eigensinnbezirke neopositivistischen Forschungsdranges in ihren Grenzen zulassen konnten. Ja, bei aller Deutlichkeit einer fast zwangsläufig sich vollziehenden Gegenbewegung im Sicht- und Wirkraum seiner intellektuellen Gebundenheit schien Wittgensteins personaler Einsatz als Denker wie als sehender Mensch doch eher auf Wiederwahrnehmung als auf Verleugnung der Heilsbedeutung jener Armut im Geiste bedacht zu sein, zu der sich einst in der Fülle der Zeit - ein offenbar Überforderter in seinem Streben nach Vollkommenheit - der reiche

Jüngling der Bibel zu seinem eigenen Leidwesen nicht hatte aufraffen können. Kurz, ich konnte den beklemmenden Eindruck, den das Werk in seiner rigoros ausreflektierten, förmlich in sich selbst hineinverstummenden Gestalt auf mich machte, nicht loslösen von dem tief fundierten Eindruck des Menschenbeispiels, das mir - ein seltsames Rufund Fragezeichen - in Ludwig Wittgenstein lebendig vor Augen stand. Einst schon, als ich ihn kennen lernte. Nun erst recht. Und später, da ich ihn nie mehr zu Gesicht bekommen sollte, im Bilde einer unverblichenen Erinnerung fast noch mehr. "Nur einen Gruß, damit Sie mich nicht vergessen!" hatte er mir einst auf einer Feldpostkarte aus Galizien geschrieben (als ob dies möglich gewesen wäre!). Um so mehr traf es mich jetzt, daß der "gute Geist", dessen Fortbestand er uns beiden seinerzeit gewünscht hatte, in mir nun nicht imstande war, die Bedeutung von Wittgensteins gewichtigem Elaborat mir so zu Bewußtsein zu bringen, wie dieser es sich, Gott weiß warum, erhofft haben mochte. Mitschuld an diesem meinem peinlichen Versagen trug wohl auch der Umstand, daß ich unter den fortwährenden Krisenerscheinungen nach der ersten Weltkriegskatastrophe alle Mühe hatte, der eigenen Existenzerschütterung Herr zu werden. Es gelang mir nur zeitweilig, nur notdürftig, und so konnte ich mich auch leider nicht als geeigneten Verleger für Wittgensteins subtiles Werk in Vorschlag bringen. Das ging mir nahe. Vielleicht auch ihm. Jedenfalls drängte es mich, einen Ersatz für diesen meinen Ausfall zu finden. Im Vertrauen auf voraussichtlich bewahrte Sympathien wandte ich mich mit meinem Anliegen an Rilke - und unverzüglich schrieb mir der Dichter zurück: Bellevue-Palace Berne, am 12. November 1919 Mein lieber Herr von Ficker, das freundliche Zusammentreffen: lassen Sie sich erzählen. Gestern bin ich hier in eine Buchhandlung eingetreten, in deren Schaufenster ich einige Stunden vorher ein Brenner-Heft bemerkt hatte (es war nicht mehr da, leider) - am selben Abend kam Ihr guter Brief. Mit meiner Antwort eine Verbindung wieder aufzunehmen, die durch die unnatürlichsten Verhältnisse in ihren Anfängen unterbrochen worden war, gehört für mich nun - glauben Sie es mir - zu jenen Wiederherstellungen, die man stark und zuversichtlich empfindet, weil mit jeder von ihnen, über das Tatsächliche hinaus, ein Bewußtsein arglosen und vollzähligen Daseins Recht bekommt. Sie schreiben nichts über sich selbst, aber ich sehe sie thätig im ursprünglichen Bestreben, und so mag ich gerne annehmen, daß Ihr persönliches Schicksal, nach allen Mißbräuchen der letzten Jahre, Sie wieder am vertrauten Ufer der eigenen Aufgaben abgesetzt hat: mögen Sie dort nun recht fest sich ansiedeln dürfen. Diesem zunächst wäre eine besorgteste Frage aufgekommen, die Sie, mir vorfühlend, schon beantwortet haben. Die Handlungsweise des (aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten) unbekannten Helfers und Freundes ist mir um so ergreifender, als sie, über so viel Wirrnis und Unterbrechung hinüber, als die stille, reine Vollendung dessen erscheint, was mit jenen großmüthigen Entschlüssen des Jahres Vierzehn begonnen war. Wieviele Menschen haben wir aus leichteren Bahnen geworfen gesehen, wie viele erschüttert in ihren innersten Absichten -; dieser ist von allem Anfang an in seinen schweren Weg eingesetzt worden -, man kann es nicht ohne Ehrfürchtigkeit einsehen. Lassen Sie es, bitte, still zwischen uns bleiben, daß ich von jenem Manuskript weiß; welche Freude wäre es für mich, ganz im Verborgenen an seiner Veröffentlichung mitzuwirken, obwohl mir ja da nur der bescheidenste und zufälligste Anteil eingeräumt wäre. Sie kennen die Arbeit Ihres Freundes, Sie schätzen sie; schiene Ihnen ihre Einreichung beim Insel-Verlag angemessen zu sein? Philosophische Schriften sind dort nicht recht einheimisch, wenn man nicht etwa die Bücher Kassners anführen will. Bei der Insel würde ich selbstverständlich mit einigem Gewicht mich einsetzen können, bei Verlagen wissenschaftlicher Art bliebe ich ohne Einfluß. Eine gewisse Beziehung hat sich während des vergangenen Sommers ergeben zu einem Verleger Otto Reichl in Darmstadt, dadurch, daß er die Schriften des Grafen Hermann Keyserling übernahm; es fällt mir eben ein, daß die "Logisch-philosophische Abhandlung" vielleicht an dieser Stelle einen passenden Verlagsboden fände. Wenn Sie die Bücher Keyserlings bedenken (zuletzt das bedeutende große "Reisetagebuch eines Philosophen") werden Sie diese Frage mit mir erwägen können. Nennen Sie mir überhaupt, nach Ihrem Ermessen, andere deutsche Verlage, - ich will Ihnen dann schreiben, wie weit ich bei dem oder jenem meine, mich geltend machen zu dürfen. Am Geist des "Brenner" wünsche ich nach wie vor betheiligt zu bleiben, auch ehe ich das neue Heft durchgesehen habe; leider aber muß ich's zunächst offen lassen, wie bald ich diese sympathische Zugehörigkeit beitragend zu beweisen vermöchte. Noch hab ich die eindringliche Erstarrung der Kriegsjahre in mir nicht überwunden, - ein paar Sommermonate im Bündner'schen waren ein Anfang dazu. Von den äußeren Umständen, die mich nächstens in einer Tessiner Gastfreundschaft erwarten, wird es zu einem Theile abhängen, ob ich den

Weg der Besinnung und Einkehr so still verfolgen darf, wie ich mir's erhoffe. Im herzlichsten Einverständnis Ihr R M Rilke P.S. Briefe über den "Lesezirkel Hottingen", Gemeindestraße, Zürich, oder auch über das Hotel Bellevue, Bern. Es erübrigte sich jedoch, diese Fährte weiter zu verfolgen. Schon hatte Bertrand Russell die Veröffentlichung von Wittgensteins Schrift in die Wege geleitet. Er gab ihr eine Einführung mit und ließ sie so 1921 im Abschlußheft von Ostwalds "Annalen der Naturphilosophie" und bald darauf unter dem Titel "Tractatus Logico-Philosophicus" 1922 als deutsch-englische Buchausgabe in London erscheinen. Die ungewöhnliche Beachtung, die sie im Kreis der Wiener Positivisten wie unter Fachgelehrten vornehmlich der englischen und amerikanischen Universitäten fand, konnte den Verfasser indes auch jetzt nicht bewegen, aus seiner Zurückhaltung herauszutreten. Die Ansicht aller immanenten Logistiker, der Klarstellung wahrer philosophischer Einsicht sei nur durch Absehen von aller Transzendenz und durch Abdichtung gegen jede Art von Metaphysik gedient, begegnete vermutlich in Wittgensteins Person und geistiger Veranlagung einer latenten Gegenströmung von Zweifeln und Vorbehalten, die ihren Ursprung für ihn in einer unkontrollierbaren Wirklichkeit jenseits alles Ersinnbaren, Berechenbaren, Diskutierbaren haben mochte und somit bereits der Zone eines absolut zu Beschweigenden angehörte. Stimmt das, dann befand er sich von der Logistik und ihrem zuständigen Fragenkomplex her - also nach entgegengesetzter Richtung vordringend dem Absoluten gegenüber wohl in einer ähnlichen Situation wie heute Martin Heidegger, dieser deutlich anders Geprüfte in seinem beharrlich revidierenden Existenzdenken von all dem tieferhin vor ihm und seiner eigenen Ausgesetztheit bis hin zur Seinsgrundfrage phänomenal in Frage Stehenden her: Antipoden beide, aber angezogen und angenähert noch in ihrer äußersten Divergenz von jenem Machtmagneten heimlich zentrierender Offenbarung im Wort, von dem keine Gegenanstrengung im konstanten Fluchtlinienraum der Welt und deren einsehbaren Ordnungen mehr loskommen wird. Entgeht doch keinem von uns, in welch beängstigendem und doch zugleich erhebendem Schwebezustand des Abkommens von geläufigen Anschauungen und Denkweisen wir uns heute befinden: eine Erfahrung, von der getragen das ehrwürdig Festgeglaubte, ja das unverrückt Anbetungswürdige in den Varianten unseres Heimgesuchtseins einem bereits höchst fragwürdig Daseienden zu weichen, aber in einemhin - und noch im Zwielicht dieses anbrechenden Tages aller Zwiespältigkeit sich entwindend - wie noch nie zu gleichen beginnt. In so anschaulich aufgehobene Ungereimtheiten, in so beherzte Analogiekurzschlüsse geht nun einmal die Logik der Welt samt aller Dialektik und Monologik des Lebens auf, soweit sie dem Geist der Sprache, der ja, wo er einleuchten soll, ein Geist der Wortwerdung durch Selbstbesinnung in uns ist, in Wahrheit verbunden bleiben will. Für die Tragweite dieser Erkenntnis dürften Dichter, in denen das Seherische noch mächtig ist, und in Berührung damit Denker, die im Morgengrauen ihrer innerweltlichen Orientierungsbedürfnisse - von abendländischer Eingeschlafenheit wie heilloser Aufgewecktheit gleich weit entfernt - sich unverdrossen um Erhellungen, um Vorfeldlichtungen ihres prüfend in den Augenblick versenkten Wagemuts bemühen, keine geringe Witterung besitzen. Eine, die, richtig eingesetzt und eingeschätzt, am Ende noch uns allen frommen mag. Besteht doch immer wieder Aussicht, daß dieser oder jener ehrfürchtig seinem Spürsinn Folgende dabei unversehens in den Ausstrahlungsbereich einer Transzendenz gerät, die noch den Traumwandler im Geiste das offene Geheimnis im Rätselblick einer Wirklichkeit ahnen läßt, die ihren verborgenen Seinsgrund wie ihren unerforschlichen Ratschluß ungescheut dem Quellgrund ihrer vielfältig zu Tage tretenden und gleichwohl zu gewaltiger Einfalt sich zusammenfindenden Erscheinungsformen anvertraut hat. Der Sprache des Glaubens zurückgegeben aber heißt das: anvertraut der unversieglichen Schöpfermacht des Wortes, das im Anfang und bei Gott war, in leidender Heilandsgestalt sich einmal auf uns zubewegt und als Geistleib noch des Auferstandenen zwischen Vorhölle und Himmelfahrt sich dem Gedächtnis jäh entbrannter Herzen eingeprägt und feurigen Zungen mitgeteilt hat. Auch läßt ja die Zeit in ihren offenkundigen Wandelaspekten wie im Undurchschaubaren ihrer Wesenheit uns nicht übersehen, daß in dem unabsehbaren Ineinander von Stillstand und Vorübergang, als das sie sich unserem beschränkten Verstand zu erkennen gibt, Verwirktes und Vergangenes in den Augenblick unserer jeweiligen Gegenwartsbesinnung nicht minder bedeutungsvoll aufzusteigen wie das, was wir Zukunft nennen, unheimlich einzudringen scheint. Durchzogen aber ist dies alles von einem Lethestrom der Todesvergegenwärtigung, der zur Genüge erhellt, daß in dem sogenannten Schicksalsablauf der Welt, mag vorläufig auch alles einem säkularen Irrlauf verfallen scheinen, sich nichts verleugnen und auch nichts ausklammern läßt, was in der Sehweite des Worts als Abglanz göttlicher Wahrheit zu Recht besteht und für den, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, als Zeugnis erleuchteten Weistums von Tag zu Tag an Glaubwürdigkeit gewinnt. "Wenn das gute oder böse Wollen die Welt ändert", heißt es einmal, entsprechend modifiziert, bei Wittgenstein, "so kann es nur die Grenzen der Welt ändern,

nicht die Tatsachen; nicht das, was durch die Sprache ausgedrückt werden kann." Berücksichtigt man, was hier - abschweifend scheinbar und doch unerläßlich - angedeutet ist, dann läßt sich leichter verstehen, daß und warum wohl Wittgenstein, als er nach sechs Jahren Lehrerdasein auf dem Lande 1926 diesen Beruf aufgab und nach Wien zurückkehrte, mit einer einzigen Ausnahme (im Lehr- und Lernbereich Professor Schlicks) keine Neigung verspürte, sich näherhin zu seinem Traktat zu äußern. Und auch, daß die allzu unbesorgte Freidenkerhaltung seines Freundes Russell seinem an sich kritisch veranlagten Geist und Gemüt mehr und mehr mißfiel. Das hinderte nicht, daß die Engländer, deren Sprache er beherrschte wie seine Muttersprache, seinem unbehaglichen Talent, verborgen zu leben und nichts aus sich zu machen, ein Ende zu bereiten wünschten und ihn, den schließlich Willfährigen, 1929 in ihr Land zurückholten, das er als Zwanzigjähriger einst betreten hatte, um in Manchester Maschinenbau zu studieren. Vom Trinity-College honoris causa zum Fellow ernannt, begann er in Cambridge zu unterrichten, wurde 1938 britischer Untertan und 1939 nach dem Tode des von ihm geschätzten G. E. Moore9(9) auf dessen Lehrstuhl für Philosophie berufen. Wie er sich mit dieser Lehrverpflichtung abfand, seine Schüler siebend und je nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten zu selbständigen Nachprüfern seiner Diktate und Unterweisungen heranbildend, das ist uns von den Wenigen, die seinen Ansprüchen genügen und seinem Wesen Verständnis engegenbringen konnten, überliefert. Auch soll er nach wie vor in größter Bedürfnislosigkeit gelebt haben - ein Strohlager und ein Stuhl bildeten angeblich die ganze Einrichtung seiner dürftigen Unterkunft -, und diesem seinem Hang zu exemplarischer Selbstzucht und Genügsamkeit entsprach die selbstverständliche Bereitschaft, mit der er im zweiten Weltkrieg drüben seinen Verpflichtungen zunächst als Krankenträger10(10) in Spitalsdiensten und späterhin als Helfer in medizinischen Laboratorien nachkam. Und doch dürfte eine tief verankerte Gewissensunruhe mit der Grund gewesen sein, daß er 1948 seine nach Kriegsende wieder aufgenommene Lehrtätigkeit zu Gunsten einer problematischen Freizügigkeit aufgab, die er als Reservat einer so ungewöhnlichen Lebensführung allein noch sein nennen wollte, doch bald schon nicht mehr konnte angesichts des nahen Todes, den er dank der erbetenen Offenheit seines Arztes auf ein Jahr genau vorauswußte. All das ist inzwischen auch bei uns über die Kenntnis fachwissenschaftlich interessierter Kreise hinausgedrungen. Es hat seinen Niederschlag in vorerst noch spärlichen, aber aufschlußreichen publizistischen Würdigungen seiner Bedeutung als Denker wie als Mensch gefunden. So von Ludwig Hänsel (dem Mitbetreuer und Vorbereiter der Ferdinand-Ebner-Gesamtausgabe), der mit Wittgenstein als ein verständnisvoll ihm zugeneigter Freund die Kriegsgefangenschaft geteilt hat ("Wissenschaft und Weltbild", Wien, Oktober 1951); von Ewald Wasmuth, dem Pascal-Forscher, der ihn den berühmtesten, zugleich unbekanntesten Philosophen unserer Epoche nennt und in einer wohldurchdachten Analyse seiner Gedankenwelt auch auf das Mystische darin zu sprechen kommt ("Das Schweigen Ludwig Wittgensteins" in "Wort und Wahrheit", Wien, November 1952); von dem spanischen Philosophen José Ferrater Mora und dem englischen Schriftsteller Maurice Cranston ("Der Monat", Berlin-Frankfurt-München, Februar 1952), und von Ingeborg Bachmann, Wien, in einer einleuchtenden Skizzierung alles Denkwürdigen an ihm ("Frankfurter Hefte", Juli 1953). Was aus diesen Reminiszenzen und vorläufigen Überlegungen hervorgeht, mutet heute schon wie die Legende einer paradox vollendeten Selbstkasteiung vor den Ansprüchen einer Wirklichkeit an, die unseren Annäherungsversuchen unzugänglich ("Gott offenbart sich nicht in der Welt") nach Ansicht dieses unerbittlichen Verwerfers alles leichtfertigen Meditierens in dem zufälligen Gestaltwandel der in ihre Begrenztheit aufgehenden Welt und in der analog begrenzten Denk- und Aussagekapazität unseres an den äußersten Rand dieser (zwar variablen, aber unaufhebbaren) Begrenztheit verwiesenen Ichs keine sinnvolle Mitteilungsmöglichkeit besitzt: eine Theorie von einem Fertigkeitsgrad, wie man sieht, daß sie über sich und ihren eigentümlichen Endzeitaspekt innerhalb der Philosophiegeschichte unserer Tage, ob sie will oder nicht (aber will sie denn nicht?), schon wieder hinausweist. Bemerkenswert jedenfalls ist, daß sie in dem seltsamen Negativbild, das sie von den ausschweifenden Positivismen unserer Wissenschaftsfortschritte entwirft, Züge hervortreten läßt, die wiederum und nun erst richtig "neopositiv" zu wirken berufen sein mögen. Denn schon öffnet sich im Rückblick darauf ein Raum der Besinnung vor uns, der, an der Tiefsicht dieses sich selbst und sein zähes Wurzel- und Wachstumsgeflecht sorgfältig aushebenden Logikerverstandes gemessen, vielleicht nur noch einer letzten Aufhellung und Ausweitung ins Unmißverständliche seiner Beweggründe bedarf, um uns mit einiger Sicherheit beurteilen zu lassen, ob beispielsweise ein Satz wie dieser: "Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist", dem Horizont einer Zustimmung anzugleichen ist, wie sie unsereinem im Blick auf das Wort, das selber Mensch geworden ist, um uns sehend und noch als Verstummende mündig zu machen, ohne weiteres zu Gebote steht. Werden Wittgensteins "Philosophische Untersuchungen" - die nachgelassenen Schriften, deren Erscheinen eben angekündigt wird - uns in dieser Hinsicht klarer sehen lassen? Es wäre zu wünschen, so ungewiß es vorderhand ist. Denn die Ansichten derer, die Wittgenstein in seiner letzten Lebenszeit nahestanden - er starb, 62 Jahre alt, am 29. April 1951 zu Cambridge - und Einblick in diese seine Aufzeichnungen nehmen konnten, scheinen diesbezüglich noch auseinanderzugehen. Immerhin darf wohl beachtet und nicht bloß belächelt werden, was Hänsel als einen charakteristischen Zug neben anderen, glaubwürdig überlieferten, berichtet: daß Wittgenstein (den Mora wohl zu Unrecht ein Genie der Destruktion nennt) ernstlich besorgt war, seine Philosophie könnte - gegen

seinen Willen - zersetzend wirken; und daß er in einer Nacht, während seiner Lehrerzeit in Niederösterreich, das Gefühl hatte, gerufen worden zu sein und sich versagt zu haben.

Editorischer Bericht
Als erster Band der Brenner-Studien erschienen 1969 im Otto Müller Verlag Ludwig Wittgenstein: Briefe an Ludwig von Ficker, herausgegeben von Georg Henrik von Wright unter Mitarbeit von Walter Methlagl. Dieses Büchlein, das neben den kommentierten Briefen noch Walter Methlagls Erläuterungen zur Beziehung zwischen Ludwig Wittgenstein und Ludwig von Ficker und Georg Henrik von Wrights gewichtigen Aufsatz über Die Entstehung des Tractatus Logico-Philosophicus enthält, hat seither große Beachtung in der Wittgenstein-Forschung gefunden. 1988 sind die Gegenbriefe Ludwig von Fickers in Wien gefunden und sogleich vollständig in den zweiten Band des Briefwechsels Ludwig von Fickers eingearbeitet worden, der noch 1988 erschienen ist. Band 1 und Band 2 dieses Briefwechsels enthalten - da es sich um eine Auswahlausgabe handelt hingegen nicht alle Briefe Wittgensteins an Ficker. Die neueren Arbeiten über Wittgenstein haben großteils die Briefe Fickers an Wittgenstein entweder nicht registriert, oder die zusätzlichen Erkenntnisse, etwa in Bezug auf die Spendenverteilung, nicht berücksichtigt. Dies liegt einerseit sicher darin begründet, daß man in einer Auswahlausgabe des Briefwechsels Ludwig von Fickers keine neuen Quellen für die Wittgenstein-Forschung vermutet, andererseits im Charakter dieser Ausgabe selbst, wo eben die Ficker-Wittgenstein-Korrespondenz zwischen vielen anderen Briefen zu liegen kommt. Nur Wilhelm Baum hat sich eingehend - leider nicht immer ganz sachlich - mit dem Verhältnis Ficker - Wittgenstein auseinandergesetzt: Wilhelm Baum: Wittgenstein über Ficker. Ludwig Wittgensteins Beziehungen zu Ludwig von Ficker und dem Brenner-Kreis. In: Inn (Innsbruck), Nr. 30, Mai 1993, S. 53-59. Vgl. dazu die Replik: Anton Unterkircher: Rufmord oder Selbstmord? In: Inn, Nr. 31, November 1993, S. 53-60 und Wilhelm Baums erweiterte, selbständige Publikation: Wittgenstein, Rilke und Ludwig von Ficker. Über die Schwierigkeit, einen Verleger für den „Tractatus logico-philosophicus“ zu finden. Wien: Turia & Kant 1993. Es lag daher nahe, alle bis jetzt bekannten Quellen zur Beziehung Fickers mit Wittgenstein eigens zusammenzustellen. Diese Arbeit ist zudem als Teilergebnis des am Brenner-Archiv laufenden und vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung geförderten Projekts des Gesamtbriefwechsels Ludwig Wittgensteins anzusehen. Sowohl die Text- als auch die Kommentargestaltung orientieren sich an die in diesem Projekt entwickelten Editionsrichtlinien. Obwohl also in den Kommentaren immer wieder auf Bd. 1 und 2 des Briefwechsels Ludwig von Fickers verwiesen wird, wird nach den neuen editorischen Richtlinien zitiert (im Ficker-Briefwechsel wurden einige Normierungen vorgenommen, z.B. ss wird zu ß, jetzt gibt es keine Normierung mehr). Der Kommentar wurde insgesamt überarbeitet und durch die neuen Erkenntnisse, die aus dem Wittgenstein-Briefprojekt gewonnen werden konnten, ergänzt. Weit über alle diese pragmatischen Überlegungen hinaus gewinnt diese Zusammenstellung aber mit der „Engführung“ von so bedeutenden Persönlichkeiten wie Rilke, Trakl, Wittgenstein und Ficker ein starkes Eigengewicht. Nicht zuletzt hat das Auftauchen der Abschrift der Duineser Elegien die Zusammenstellung und Gestaltung dieser Zusammenstellung mitbestimmt. Diese Abschrift wurde von Anton Unterkircher und Walter Methlagl in dem Aufsatz Rainer Maria Rilke und Ludwig Wittgenstein: Abschrift „Aus den Elegieen“ war das „herrliche Geschenk“ an den „unbekannten Freund“ erstveröffentlicht (Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr. 14, 1995, S. 9-35). Dort wurde in Ansätzen auch das „substantiell Verbindende“ dieser „Begegnung“ von Trakl, Rilke und Wittgenstein zu erklären versucht. Diese Zusammenstellung enthält 66 Briefe: 29 Briefe von Wittgenstein an Ficker, 19 Briefe von Ficker an Wittgenstein, 7 Briefe von Rainer Maria Rilke an Ficker, 6 Briefe von Ficker an Rilke, 2 Briefe von Georg Trakl an Wittgenstein, 1 Brief von Rudolf Molè an Ficker, 1 Brief von Karl Röck an Wittgenstein, 1 Brief von Leopoldine Wittgenstein an Ficker.

Textgestaltung
Die äußere Form eines Briefes ist wesentlich mit der inhaltlichen Mitteilung verbunden. Die Papierwahl, ein vorgedruckter Briefkopf, bei handschriftlichen Briefen die Wahl des Schreibmaterials, die Schriftzüge und die Sorgfalt oder Nachlässigkeit bei der Abfassung liefern wesentliche Informationen über den Briefschreiber, die Art der Mitteilung und das Verhältnis der beiden Briefpartner mit. Bei der elektronischen Erfassung eines Briefes gehen daher wesentliche Informationen verloren und können durch formale Beschreibungen kaum, nicht einmal mit einem Faksimile vollständig wiedergegeben werden. Die "originalgetreue" Wiedergabe kann sich deshalb im wesentlichen nur auf den Brieftext beziehen, nicht aber auf die Form, die den Herausgebern selber überlassen bleibt, die aber nichtsdestoweniger konsequent gehandhabt werden muß. Jeder Brief wird mit einer Briefüberschrift (versal) begonnen, die den Namen des Adressaten (bei Briefen Wittgensteins) oder Verfassers und das Abfassungsdatum enthält. Aus Gründen der Übersichtlichkeit stehen vorgedruckte Briefköpfe (Absender, Telefon usw.) am Satzspiegel links

oben, das in Briefköpfe integrierte Datum rechts oben. Sie werden im Kommentar als solche gekennzeichnet. Druckgraphiken werden nur im Kommentar angegeben und nach Möglichkeit beschrieben. Handschriftliche Briefköpfe werden an dem Ort und in der Reihenfolge angeführt, wie im Original. Die Adressenangabe folgt, nach einer Leerzeile, ebenfalls am linken Rand des Satzspiegels. Bei vorgedruckten Adressen- und Absenderschablonen, werden diese vorgedruckten Textteile als zum Text gehörig betrachtet, wenn sie in die Formulierung eingebunden werden. Einen Sonderfall stellen die Absender- und Adressenangaben bei Postkarten dar, die ja zumeist handschriftlich vorliegen und somit als zum Brieftext gehörig betrachtet werden. Hier erfolgt die formale Darstellung, wie oben angeführt. Adressen- und Absenderangaben auf Kuverts werden nur im Kommentar vermerkt. Nach einer Leerzeile folgt der eigentliche Brieftext, wo versucht wird, sich so weit wie möglich an das Original zu halten: Orts- und Datumsangaben stehen ungefähr an der vom Original vorgegebenen Stelle, es gibt in der Wiedergabe nur links- oder rechtsbündig (im Zweifelsfall rechtsbündig). Der Poststempel wird immer in folgender Form wiedergegeben: [Poststempel: Ort, Tag.Monat.Jahr]. Die Schrift des Poststempels (z.B. Versalien oder römische Zahlen für die Monatsangabe) wird möglichst originalgetreu wiedergegeben. Unleserliche oder unsichere Teile werden mit „?“ gekennzeichnet. Im Kommentar wird der Poststempel als Zitat unter Anführungszeichen wiedergegeben, hier werden dementsprechend nur fragliche Stellen in eckiger Klammer angeführt. Datumsverschreibungen werden nicht korrigiert, da die Briefüberschrift das berichtigte Datum enthält. Anredeformeln , die im Original vom übrigen Text durch entsprechend größeren Zwischenraum oder Zeilenabstand abgehoben sind, werden, wie jeder Absatz eingerückt, danach folgt eine Leerzeile. Ist die Anrede nicht abgehoben, wird sie in den Brieftext intergriert. Absätze werden durch Einrückung gekennzeichnet, größere Abstände zusätzlich durch eine Leerzeile. Durchstreichungen werden nur dann (im Kommentar) erwähnt, wenn eine deutliche Änderung der Autorintention erkennbar ist. Alle Fehler und Verschreibungen werden ohne das im Text oft störende [sic!] wiedergegeben. Bei schweren oder sinnstörenden Schreibfehlern erfolgt, damit nicht der Eindruck eines Tippfehlers entsteht, ein Verweis im Kommentar. Bei den für Wittgenstein typischen Fehlern, z.B. "wol" statt wohl wird ein solcher Verweis nicht für nötig erachtet. Schwer leserliche Stellen und Ergänzungen durch die Herausgeber werden mit eckiger Klammer gekennzeichnet. Das bei Wittgenstein regelmäßig verwendete Symbol für "und" wird mit "&" wiedergegeben. Beim Erscheinungsbild dieses Kürzels im Original kann man an das mathematische Zeichen für die Addition, das "+" denken. Dem widerspricht die Tatsache, daß in den meisten Fällen eine andere Art von Kopula herauszulesen ist und daß auch die Geschwister Wittgensteins dasselbe Kürzel verwendet haben. Das Zeichen muß unter allen Umständen von seiner Pragmatik her gelesen werden, die nicht - wie es der Gebrauch des "+" zwingend nahelegt - den Duktus der Argumentation optisch zerteilt; vielmehr soll das Zeichen als Verkürzung der Kopula "und" Teile der Argumentation in einem gespannten Bogen zusammenführen. Die Grußformel steht immer am linken -Rand des Satzspiegels, unabhängig von der Vorlage. Die Unterschrift immer am rechten Rand des Satzspiegels, unabhängig von der Vorlage. Postskripte u.ä. folgen immer nach einem Zeilenabstand. Beilagen folgen immer - abgehoben durch einen Zeilenabstand - am Schluß des Brieftextes, vorausgesetzt sie stehen mit dem Brieftext in engem Zusammenhang, oder stammen vom Schreiber (z.B. eine Gedichtabschrift u.ä.). Selbständige Beilagen, z.B. Zeitungsausschnitte, Sonderdrucke, Flügblätter, Bücher u.ä. werden im Kommentar beschrieben. Für alle oben angeführten Punkte gilt: - Wenn keine eindeutige Reihenfolge von Texteilen erkennbar ist, etwa durch Überschreibungen, Notizen an den Rändern usw., dann wird nach dem normierten Schema vorgegangen. - Die verschiedensten graphischen Gestaltungen, Einrückungen, Zentrierungen u.ä. werden bei Adressenangaben, Grußformel u.ä. einheitlich nur durch Absätze angedeutet. - Für alle Besonderheiten, die formal nicht eindeutig oder ungenau dargestellt werden können, finden sich Hinweise im Kommentar.

Kommentar

Der allgemeine Kommentar beginnt mit der Bezeichnung der Textgattung. Gegebenenfalls folgt die Beschreibung der Papierart, von Beilagen und handschriftlichen Zusätze von anderen Personen. In diesen allgemeinen Teil fallen auch Bemerkungen zur Datierung. Fehlende Angaben, z.B. der Poststempel auf einer Postkarte, werden nicht eigens vermerkt. Der Einzelstellenkommentar versucht alle im Brief vorkommenden Personen, Orte, Ereignisse und Anspielungen zu klären.Nicht jeder Zusammenhang und jede Einzelanspielung kann geklärt werden. Dies hängt einerseits vom Wissen und den Recherche-Möglichkeiten ab, andererseits von der Quellenlage, die eine Klärung derzeit nicht zuläßt. In diesen Fällen wird die Formel "nicht ermittelt" verwendet.

Verzeichnis der abgekürzt zitierten Literatur
Der Brenner. Hg. von Ludwig von Ficker. Innsbruck 1910 - 1954 = B Ludwig von Ficker: Briefwechsel Bd. 1: 1909 - 1914. Salzburg: Otto Müller 1986 (Brenner-Studien 6) = Bd. 1 Ludwig von Ficker: Briefwechsel Bd. 2: 1914 - 1925. Innsbruck: Haymon 1988 (Brenner-Studien 8) = Bd. 2 Georg Trakl: Historisch-kritische Ausgabe. Bd. 1, 2. 2. Aufl. Salzburg: Otto Müller 1987 = HKA I, II Hermine Wittgenstein: Familienerinnerungen. Wien, Hochreit, Gmunden 1944 - 1947 (Typoskript) = Familienerinnerungen. Ludwig Wittgenstein: Briefwechsel. Briefwechsel mit B. Russell, G. E. Moore, J. M. Keynes, F. P. Ramsey, W. Eccles, P. Engelmann und L. von Ficker. Hrsg. von B. F. McGuinness und G. H. von Wright. 1 Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1980 = Briefe. Ludwig Wittgenstein: Geheime Tagebücher 1914-1916. [Die Namengebung stammt von der allerdings sehr fehlerhaften Edition von Wilhelm Baum. 2. Aufl. Wien: Turia & Kant 1991; zitiert wird nach der normalisierten Fassung von Wittgenstein's Nachlass. The Bergen Electronic Edition, 1998]. = Geheime Tagebücher.

Verzeichnis der Bilder
Im Text sind die Bilder über das Symbol  verknüpft. Alle Originale befinden sich im Brenner-Archiv, Universität Innsbruck, Josef-Hirn-Str. 5, 6020 Innsbruck Ludwig Wittgenstein an Ludwig von Ficker, 14.7.1914, Seite 1, Seite 2 Ludwig von Ficker an Ludwig Wittgenstein, 27.7.1914, Seite 1, Seite 2 Rainer Maria Rilke: Verse. (Veröffentlicht in: Brenner-Jahrbuch 1915, S. 60-61), Seite 1, Seite 2 Georg Trakl: Helian (Sonderdruck), Seite 1, Seite 2 Georg Trakl: Kaspar Hauser Lied (Sonderdruck), Seite 1, Seite 2 Prospekt der Zeitschrift „Der Brenner“, 1919. Der Brenner, 18. Folge, 1954 (Umschlag)

Namenregister des Brieftextes
Barnett-Lasker, Jonathan Bertold Bauch, Bruno Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus Braumüller Verlag Brenner Verlag Brücke, Ernst Theodor Dallago, Carl Däubler, Theodor Der Brenner Die Fackel Ehrenstein, Albert Ficker, Ludwig von Frege, Gottlob Haecker, Theodor Hauer, Karl Hauptmann, Gerhart Heinrich, Karl Borromäus Insel Verlag Jahoda & Siegel

Kassner, Rudolf Kastil, Alfred Keyserling, Hermann Kierkegaard, Sören Kokoschka, Oskar Kranewitter, Franz Kraus, Karl Langen-Trakl, Margarethe Lasker-Schüler, Else Lasker-Schüler, Paul Lechner, Kurt Loos, Adolf Molè, Rudolf Mombert, Alfred Münsterberg, Hugo Neugebauer, Hugo Noaille, Comtesse de Oberkofler, Joseph Georg Otto Reichl Verlag Reclam Verlag Rilke, Rainer Maria Röck, Karl Russell, Bertrand Sauer, August Schlaf, Johannes Schwarzwald, Eugenia Schwarzwald, Hermann Sjögren, Hermine Stoessl, Otto Szybínsiki, ? Tesar, Ludwig Erik Thurn und Taxis, Marie von Tolstoi, Leo Tractatus Trakl, Georg Wagner, Hermann Wanicek, ? Weininger, Otto Weiß, Richard Wittgenstein, Karl Wittgenstein, Leopoldine

Schokoladenbriefe. Die Briefe von Stanislaus und Adele Jolles an Ludwig Wittgenstein. Herausgegeben von Anton Unterkircher Im Auftrag des Forschungsinstituts Brenner-Archiv der Universität Innsbruck. Innsbruck, Herbst 2001
Die Briefe
VON STANISLAUS JOLLES, 17.7.1914
Berlin-Halensee, d. 17/VII 14

Sehr werter Herr Wittgenstein, Eben krame ich in einem lange nicht durchgesehenen Fache und finde Ihr Manuskript. Nun wollten Sie es zwar früher nicht zurück haben, ich sollte es vernichten! Jetzt werden Sie wohl über Ihr Kleines milder denken und so sende ich es Ihnen zu. - Bei uns geht's nicht ganz gut, da meine Frau das Bett hüten muß. Ich denke aber Sie wird sich in einigen Tagen besser fühlen. Mit besten Wünschen für Ihre Ferien und herzlichem Händedruck Ihr alter Moralprediger Professor Dr Stanislaus Jolles

VON STANISLAUS JOLLES, 25.9.1914
Stanislaus Jolles, Berlin Halensee, Kurfürstendamm Nr. 130 Oesterreich-Galizien Krakau Feldpost Nº 186 An den Kriegsfreiwilligen Herrn Ludwig Wittgenstein Militärkommando K. K. Oesterr.-Ungar. Festungsartillerie Regiment Nr. 2 2. Kader Berlin-Halensee, d. 25. IX. 14 Kurfürstendamm 130III Lieber Herr Wittgenstein, Bitte schreiben Sie doch ein Datum auf Ihre Postkarten, da dieses und d. Poststempel auf Ihrer soeben eingetroffenen Karte fehlt, wissen wir garnicht, wann Sie geschrieben u. mit von der "Goplana" nach Krakau zurückgekehrt sind. Ich habe nie so oft und noch dazu mit einer solchen Herzensfreude an Sie gedacht, wie jetzt. So Gott will geht es Ihnen weiter gut! Lassen Sie recht oft und bald von sich wieder hören. Gestern traf die definitive Bestätigung der Freudenbotschaft ein, daß unser Unterseeboot U. 9 drei große Engl. Kreuzer bei Hoek van Holland in den Grund durch Torpedos gebohrt hat und heute lese ich aus Engl. Quelle, daß unsere Emden die Oeltanks in Madras zerstört hat u. im Indischen Ozean Engl. Handelsdampfer im Werte von 18 Millionen Mark versenkt hat. Nur so fort! Herzlichst Ihr alter Stanislaus Jolles

VON ADELE JOLLES, 2.12.1914
Prof. Jolles Kurfürstendamm 130 Herrn Ludwig Wittgenstein Armeekommando Krakau Feldpost 186 S. M. S. "Goplana" Oesterr. Galizien 2. 12. 14 Berlin-Halensee Kurfürstendamm 135 Lieber Herr Wittgenstein besten Dank für Ihre Karte. Wenn Sie nur statt des Telegrammstyls einige Zeilen mehr schrieben! Oder tun Sie dies nur dann, wenn Sie unangenehm werden?! (Datum fehlt leider wieder!) Bitte erkundigen Sie sich, ob ich Ihnen ein gewöhnliches, - nicht Feldpostpaket - schicken kann, denn sonst sind nur 1/2 £pakete zugelassen, ausnahmsweise 500 Gr. Ein solches Pfundpaket sende ich Ihnen mit - Brodware, da Sie ja solch ein Brodesser sind u ich nicht weiss, ob Sie ausser Kommisbrot etwas bekommen können. Sie werden sicher von Ihrer Frau Mutter gut versorgt, aber in Conserven haben wir hier wohl mehr Auswahl. Schreiben Sie mir was Sie gern mögen - aber bald. Und der Weihnachtsbesuch!? Viele Grüsse A.J.

VON ADELE JOLLES, 7.12.1914

Prof. Dr. Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130III Feldpost Nº 186 An den Kriegsfreiwilligen Ludwig Wittgenstein S. M. S. "Goplana" Armeekommando Krakau Oesterr. Galizien 7. 12. 14. Lieber Herr Wittgenstein, ich habe Ihnen vor etwa einer Woche etwas Mundmunition gesandt u heute einen Stollen u bitte Sie mir mitzuteilen, ob Sie die Sachen erreichen. Wenn Sie auch von Wien aus sicher gut versorgt sind, so werden Sie ebenso sicher viele Compagnons finden. Wenn die Sachen ankämen, so bekäme man Mut mehr zu schicken. Sollten Sie etwas haben wollen, so schreiben Sie. Besten Gruss A.J. Prof. Dr. Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130III

VON ADELE JOLLES, 9.12.1914
Prof. Dr. Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130III Feldpost N° 186 An Herrn Ludwig Wittgenstein K. K. Militärkommando Krakau Oesterr. Galizien S. M. S. "Goplana" 9. 12. 14. Danke für Nachfrage. Es geht mir wenig gut. Freue mich, dass Sie sogar zum Arbeiten kommen. Haben Sie 2 Karten u 2 Paketchen erhalten? Gruss A.J. Frl. Kammerer sehe ich nicht, da ich sie noch nicht habe in der neuen Villa besuchen können. Was für Nachrichten haben Sie von Ihrem Bruder? Fragen beantworten Sie weniger als je - d.h. gar nicht

VON STANISLAUS JOLLES, 21.12.1914
Jolles-Berlin-Halensee Kurfürstendamm Nr. 130 Oesterreich-Ungarn! K. u. K. Feldpostamt 186 An Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Werkstätte der Festung Krakau Art. Autodetachement. Berlin-Halensee, d. 21/XII 14 Lieber Herr Wittgenstein, Nochmals alles gute zu Weihnachten und viele Wünsche zum Jahreswechsel, vor allem bleiben Sie gesund. Gleichzeitig geht ein kleines Paket Schokolade an Sie ab, hoffentlich kommt es auch an. Mit herzlichem Händedruck Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 28.12.1914
Jolles, Berlin-Halensee Kurfürstendamm Nr. 130. Feldpostkarte nach Oesterreich-Galizien An den Kriegsfreiwilligen Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art Autodetachement "Oberleut. Gürth" Feldpost 186 Krakau Berlin-Halensee, d. 28. XII. 14. Lieber Herr Wittgenstein Eben trifft Ihre Karte v. 24. d. Ms. ein, Sie sehen, es geht jetzt mit der Post recht schnell. Daß Sie viel zu tun haben, kann ich mir in einem Auto-Detachement vorstellen. Besonders bei den schlechten Polnischen und Galizischen Wegen muß die Abnutzung der Autos eine sehr starke sein. Wie finden Sie nur dabei noch Lust und Kraft zu Ihrer Arbeit? Uebernehmen Sie sich nur nicht, und vergessen Sie nicht, sich nach der Tagesmühe ordentlich zu erholen. Mich freut's zu hören, der Stollen meiner Frau hatte Sie erreicht, und Sie verzehrten ihn mit Andacht. Möglicherweise erreicht Sie auch mein letzthin abgesandtes kleines Schokoladenpaket, und Sie können dann Ihre Andacht auch diesem Gebiete widmen. Haben Sie sich in Krakau schon umgesehen? Insbesondere werden Sie die Veit Stoßeschen Arbeiten und die Czartoryski'sche Gemäldesammlung interessieren! Mit herzl. Händedruck und besten Wünschen Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 1.1.1915
Jolles, Berlin-Halensee Kurfürstendamm 130III Feldpostkarte nach Oesterreich-Galizien An den Kriegsfreiwilligen Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art. Auto-Detachement "Oblt. Gürth[“] Feldpost 186 Krakau Berlin-Halensee, d. 1. I. 1[5] Lieber Herr Wittgenstein, Es freut mich sehr, daß Sie den "Schokoladenbrief" erhalten haben; merkwürdigerweise gehen die Briefe an Sie ungleich schneller, als die an unsere Krieger! Vor kurzem stand hier der Bericht eines Deutschen Berichterstatters über d. Oesterr. Ung. Autodetachement, alle Hochachtung vor Ihren Leistungen! So Gott will tragen "Ihre Reparaturen" ordentlich dazu bei den Russen endgültig das Fell zu vergerben! Nochmals alles gute zum neuen Jahre, möge bald ein ehrenvoller Friede kommen, mögen Sie weiter gesund und munter bleiben und möge sich "der Geist des Datums" auf Sie herabsenken, auf daß Sie eine solche Angabe nicht nur alle Jahr einmal machen! Herzlichst Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 2.1.1915
Prof. Dr. Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130III Feldpost 186 An den Herrn Ludwig Wittgenstein Art. Auto Detachement der Werkstätte der Festung

Krakau Oesterr. Galizien Berlin-Halensee 130 Kurfürstendamm 2. 1. 15. L .H. W. Sie haben den Stollen erhalten u ihn sogar gegessen, u haben ihn nicht den Petrefakten zugewiesen. Da hört die Weltgeschichte auf! - Bekommen Sie denn in der Stadt alles was Sie brauchen? Ich höre, die Postverbindung mit Wien wäre schlechter als mit Berlin - also schreiben Sie doch ob u was man Ihnen schicken kann. - Der Artikel in der Ihnen zugeschickten Zeitung, betrifft sicher die Werkstätte der Sie zugeteilt sind, denn leider ist die Auswahl an Städten wo sie sich befinden könnte arg beschränkt. Nun habe ich doch auch eine Ahnung was Sie zu tun haben! Und Sie wissen, ich habe blindes Vertrauen in Ihre Reparaturfähigkeiten für Näh u alle anderen Maschinen! Herzlichst A.J.

VON ADELE JOLLES, 20.1.1915
Prof. Dr. Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130III Feldpost N° 186 Herrn Ludwig Wittgenstein Werkstätte des Art. Auto Detachements Festung Krakau Oesterr. Galizien Berlin-Halensee 130 Kurfürstendamm [Poststempel: 20. 1. 15] Lieber Herr Wittgenstein, nach dem wir eine zeitlang öfters, wenn auch immer gleich bleibende lakonische, Nachrichten von Ihnen hatten, hören wir jetzt schon eine ganze Weile wieder gar nichts. Wie geht es Ihnen? Haben Sie unsere Karten erhalten? Auch die mit Antwortformular? Viele Grüsse A.J.

VON STANISLAUS JOLLES, 25.1.1915
Jolles, Berlin-Halensee Kurfürstendamm 130III Feldpostkarte nach Oesterreich-Galizien An den Kriegsfreiwilligen Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art. Autodetachement "Oblt. Gürth["] Feldpostamt 186 Krakau Berlin-Halensee, d. 25. I. 15. Lieber Herr Wittgenstein, Sie sind ein "Obersakramenter"! Wenn ich den Namen Ihres Vorgesetzten kennen würde, so würde ich ihn veranlassen Ihnen auf dienstlichem Wege beizubringen, Sie müssten Ihre Postkarten mit dem Datum versehen. Zum Glück ist wenigstens eine der 3 heute von Ihnen eintreffenden Karten gestempelt, und somit kann ich als Mathematiker berechnen, daß Ihre Nachrichten von Krakau bis hierher 10 Tage, mein "Cakesbrief" aber nach Krakau 3 Wochen unterwegs war. Wir waren, da wohl in diesem Jahre noch kein Lebenszeichen von Ihnen eingetroffen war, Ihrethalben in Sorge. Immer wieder freue ich mich Sie bei einer technischen Abteilung beschäftigt zu sehen, Sie werden da recht von Nutzen sein! Kürzlich stand hier in den Zeitungen ein langer lobender Aufsatz

über die K. u. K. Autoreparaturwerkstätte in Galizien. Meine Frau hat Ihnen denselben eingeschickt, habe[n] Sie ihn erhalten? Hier will's immer noch nicht Winter werden, wenig helle Tage, sonst wolkig und regnerisch, das richtige Influenzawetter; sie ist auch bei uns dreien "in die Erscheinung getreten", wir sind aber secundum ordinem nun wieder aus dem Bett. Bleiben Sie originell, und machen Sie uns so etwas nicht nach! Sobald wieder Caker oder Schokoladenbriefe angenommen werden, lasse ich sowas wieder an Sie abgehen, damit Sie die Autos ordentlich flicken können. "Sodawasser und Himbeerbriefe" gehen noch nicht ab, Schade! Alles Gute Herzlichst Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 10.2.1915
Jolles, Berlin-Halensee Kurfürstendamm 130 Feldpostkarte nach Krakau (Oesterr.=Galizien) An den Kriegsfreiwilligen Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art. Autodetachement "Oberleutnant Gürth" Feldpostamt 186 Berlin-Halensee, d. 10. II. 15. Lieber Herr Wittgenstein, Nach 12tägiger Fahrt trifft eben Ihre Karte vom 29. Januar ein. Schade, daß einer meiner Schokoladenbriefe nicht angekommen ist, wie Sie mitteilen, hoffentlich erreicht Sie aber einer, den ich gestern an Sie absendete. Als was dienen Sie eigentlich? Sind Sie nach unsern Deutschen Begriffen ein Gefreiter, Unteroffizier, Feldmarschall-Leutnant, u.s.w.? Bisher habe ich das aus Ihren 6 Adressenangaben nicht ersehen können, obgleich diese insofern interessant sind, als jede von der andern verschieden ist! Aber jedesmal freue ich mich doch über Ihre Karten, umsomehr als meine Freude eigentlich mit Neid gemischt ist. Sie junges Menschenkind helfen da draußen tapfer mit, während ein so alter Kerl wie ich zu nichts mehr nutz ist. Alter ist eben ein zweifelhafter Vorzug! Lassen Sie sich's weiter gut gehen! Mit freundlichen Grüßen Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 12.2.1915
Kurfürstendamm 130 Berlin-Halensee 12. 2. 15 Lieber Herr Wittgenstein ein Brief ist des andern wert - u so schreibe ich Ihnen auch mal einen Brief statt einer "Feldpostkorrespondenzkarte." Hoffentlich hat Ihnen die übergrosse Anstrengung nicht geschadet! Eines ist sicher: als Kriegscorrespondent können Sie der K. u K. Armee nicht zubeordert werden. Eher als Telegraphist. Wenn ich die langen Berichte aus Antwerpen, Madrid etc. ansehe die uns zukommen u daneben Ihre Karten! Nachdem ich nun weiss, dass Sie der militärischen Disciplin unterworfen sind - putziger Gedanke! - werde ich mich nächstens an einen Vorgesetzten von Ihnen wenden, er möchte Ihnen befehlen richtiggehende Briefe mit anständigem Inhalt, - dass man von Ihnen weiss wie u wo u wann, - zu schreiben. Also besten Dank zuförderst für den heutigen, mit dem zugleich Ihre Karte v. 3/2 ankam. Beide mit Datum versehen! Wenn Ihnen das nur gut bekommt. Ich hätte Ihnen natürlich schon längst einen Stollen geschickt, nachdem Ihnen der erste gut geschmeckt hat, wenn ich nur wieder in die Stadt gekommen wäre - wo er besorgt war. Aber ich bin diesen Winter solch armseliger Wurm, der beinahe immer invalide ist u kaum vor die Thüre kommt. Ueberdies giebt es jetzt strenge Backmassregeln. Nächstens bekommt man Brod nur noch nach Vorzeigen und Abgeben von Brodmarken u wenn man Gäste hat, kann man ihnen kein Brod vorsetzen, es wäre denn man knopst es sich vom Munde - wörtlich - ab. Uh weh, was wird dann mit solchem Brodesser wie "der kleine Wittgenstein." 2 Kilo Brot incl. Semmeln, Wecken etc. kommt auf die Person pro Woche. Wenn Sie uns also nächstens besuchen, dann vergessen Sie Ihre Brotkarte nicht; ach nein, ich habe noch Knäkebrod für Sie aufbewahrt im Kriegsvorrat, also riskiren Sie es immerhin. Wer ist Herr Oberleutnant Gürth? Wohnen Sie mit ihm? Es freut mich, dass Sie bessere Nachrichten von Ihrem Bruder haben. Ist er denn noch in Gefangenschaft? Wenn Sie Zeit zum Lesen haben, holen Sie sich Berlioz "Erinnerungen". Ich würde Ihnen mein Exemplar schicken,

ich fürchte aber es könnte nicht ankommen. Es wird Sie sicher interessieren. Der "Cornet" wird jetzt mit Musik verzapft. Das Clarinettenquintett ist fabelhaft womit ich Sie herzlich grüsse A.J. Was sagen Sie zu den Italienern? wenn ich schriebe, was ich darüber denke, würde der Brief womöglich bei der "Überprüfung" schlecht wegkommen. Möge es ihnen vergolten werden, Amen, Amen, Amen. Solch ein Pack. 30 Jahre haben sie alle Vorteile des Dreibundes eingeheimst, sind, gestützt u beschützt durch ihn zu einer Blüte gelangt von der Niemand geahnt hat u jetzt Dass Sie sich freiwillig gestellt haben, freut mich immer aufs neue.

VON ADELE JOLLES, 19.2.1915
Frau Prof. Jolles 130 Kurfürstendamm 130 Feldpost N° 186 An den Herrn Ludwig Wittgenstein Art. Werkstätte der Festung Krakau Oesterr. Galizien 19. 2. 1915 Berlin-Halensee Kurfürstendamm 130 Lieber Herr Wittgenstein, ich habe versucht Ihnen hier draussen einen Stollen zu bestellen - schnell noch vor Torschluss, denn von Morgen ab geht es nicht mehr. Das wäre also der 2te Stollen, nun müsste der Abgesang folgen! Ob er ankommt u Ihnen ebenso gut schmeckt, steht allerdings dahin. Er ist eben fortgeschickt. Chokolade u Cakespakete stammten nicht von mir - das ist das Rayon meines Mannes. So fertige Ladenpakete mag ich nicht. Soeben teilt mir die Conditorei mit, dass sie mir doch noch einen Abgesang-Stollen backen wollen. Ich werde Ihnen also ev. morgen den Abgesang schicken. Dem heutigen Pakete lag auch eine Tube Honig bei Nächstens darf man auch grössere Pakete schicken - die gehen aber ewig lang. Viele Grüsse AJ. Wohnen Sie in der Stadt, od. ausserhalb? Haben Sie m. Brief erhalten?

VON STANISLAUS JOLLES, 20.2.1915
Jolles, Berlin-Halensee Kurfürstendamm Nr 130 Feldpostkarte nach Oesterreich-Galizien An den Landsturm-Ingenieur Herrn Ludwig Wittgenstein. K. u. K. Art. Werkstätte der Festung Krakau Feldpost Nr. 186 Berlin-Halensee, d. 20. II. 15. Lieber Herr Wittgenstein, Also Landsturm-Ingenieur sind Sie, das hätte ich nicht vermutet, da ich mir darunter einen Mann in 40ergn vorgestellt hatte. Jedenfalls sind Sie aber bei Ihrer Geschicklichkeit am rechten Fleck und bei den schlechten Galizischen Wegen wird's genug Autos zum Ausbessern geben! Es freut mich herzlich aus Ihrem Briefe an meine Frau zu entnehmen, daß Sie Gelegenheit haben gute Musik zu hören. Das kann Sie wenigstens trösten, wenn mein Schokoladenbrief verspätet ankommt oder gar ausbleibt. Vor einigen Tagen erhielt ich von der [...] ein Dankbrief für Zigarren, die ich am 21.XI.14 abgesendet und dort sage und schreibe am 12.II.15 angekommen waren. Ich kann mir das nur dadurch erklären, daß der Postbote d. Paket zu Fuß hingebracht hat und bei d. Marsche seine Gesundheit durch größere Pausen kräftigte. Im Heutigen sende ich mit dieser Karte einen Cakesbrief an Sie ab, als Belohnung für die Beantwortung einer Frage, sonst sind Sie ja darin der reine Lohengrin. Mit herzlichen Grüßen Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 5.3.1915
Feldpostkarte Oesterreich-Galizien

An den Landsturm-Ingenieur Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art. Werkstätte der Festung Krakau Feldpost 186. Berlin-Halensee d. 5. März 15. Lieber Wittgenstein, Also meine Cakessendung war eine Belohnung für Ihr Verschlafen! Da sieht man, was eine solche Sendung für einen pädagogischen Zweck hat. Aber für einen nüchternen Magen, noch dazu nach Werkstättearbeit, waren die paar Cakes doch zu wenig! Was treiben Sie denn jetzt in d. Werkstätte, flicken Sie noch Autos? Herzlichst Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 9.3.1915
Stanislaus Jolles Berlin-Halensee Kurfürstendamm 130III Feldpostkarte nach Oesterreich-Galizien An den Landsturm-Ingenieur Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art. Werkstätte der Festung: Krakau Feldpost Nr. 186 Berlin-Halensee, d. 9. III. 15. Lieber Herr Wittgenstein, Cakes sind augenblicklich bei meinem Lieferanten ausgegangen, somit sende ich zur Abwechslung einen Schokoladenbrief. Kürzlich las ich, eine Sächs. Firma liefert Kaffeetabletten für unsere Krieger an die Front. Ihnen solche Tabletten zu senden, habe ich aber nicht über's Herz bringen können, da ich mir die Folgen, welche ein Sächs. Kaffee auf Ihren Oesterreichischen Magen ausüben könnte, als katastrofal vorstelle. Sollten Sie aber wieder einmal zu lange schlafen, so muß ich doch zu Ihrer Besserung zu einer solchen Tablettensendung schreiten. Herzlichst Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 16.3.1915
Jolles, Berlin-Halensee Kurfürstendamm Nr. 130III Feldpostkarte nach Oesterreich-Galizien. An den Landsturmingenieur Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art. Werkstätte der Festung Krakau Feldpost Nr. 186. Berlin-Halensee, d. 16. III. 15 Lieber Herr Wittgenstein, Also Sie wollen wieder an die Front, glauben Sie nicht bei Ihren technischen Fähigkeiten mehr in der Werkstätte nützen zu können? Hoffentlich ist vor der Ausführung dieses Entschlusses der schon angekündigte Schokoladenbrief bei Ihnen eingetroffen, so daß Sie gegen Verhungern geschützt sind! Jedenfalls bitte ich gleich um Mitteilung, wann Sie Krakau verlassen und wie Ihre neue Adresse lauten wird. Mit den besten Wünschen u. Grüßen Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 20.3.1915
Prof. Jolles - Berlin Halensee Kurfürstendamm Nr. 130 Feldpost Nº 186 An den Herrn Ludwig Wittgenstein Art. Werkstätte der Festung Krakau Oesterr. Galizien Berlin-Halensee 130 Kurfürstendamm 20. 3. 15. Sie hüllen sich in Schweigen; d.h. bis auf die Karte an m. Mann. Den Abgesang konnte ich nicht fortschicken; er war gewogen u zu schwer befunden. Wir mussten ihn also selbst verzehren u dabei stellte ich fest, dass er recht schlecht schmeckte. Ich kann nur hoffen, dass der zweite Stollen besser war (der erste stammte noch aus der seligen Weizenmehlzeit) als der Abgesang. In folge dessen zögere ich Ihnen diesen kulinarischen Genuss zukommen zu lassen. Oder soll ich quand même? - Hoffentlich führen Sie Ihren Entschluss zur Front zu gehen nicht aus; dort sind Sie einer unter sehr Vielen, u keiner der Kräftigsten, hier füllen Sie Ihren Platz sicherlich mehr als aus. Besten Gruss AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 25.3.1915
Jolles, Berlin-Halensee Kurfürstendamm 130III Feldpostkarte nach Oesterreich-Galizien An den Landsturm-Ingenieur Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art. Werkstätte der Festung Krakau Feldpost Nr. 186 Berlin-Halensee, d. 25 /III 15 Lieber Herr Wittgenstein, Packete über 250gr. werden an das Oesterr. Feldheer nicht angenommen, also bleibt's bei den alten kleinen Sendungen. Ein Pfundpaket meiner Frau, welches heute an Sie abgehen sollte, wurde aus diesem Grunde zurückgewiesen. - Nun ist Przemysl nach tapferer Gegenwehr auch gefallen, für meine Frau, die in P. an einer Fabrik beteiligt ist, ist das ein schwerer Schlag, den sie aber mit Fassung hinnimmt. Hoffentlich gelingt es den verbündeten Truppen das arme geplagte Galizien im Laufe des Frühlings zu befreien. Ihnen alles gute wünschend Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 6.4.1915
Jolles, Berlin-Halensee Kurfürstendamm Nr. 130III Feldpostkarte nach Oesterreich-Galizien An den Landsturmingenieur Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art. Werkstätte der Festung Krakau Feldpost Nr 186 Berlin-Halensee, d. 6. 4. 15. Kurfürstendamm 130III. Lieber Herr Wittgenstein, Wie ich aus Ihrer soeben eingetroffenen Karte an meine Frau vom 28.3. ersehe, werden Sie also weiter in Krakau bleiben. Sind Sie weiter mit der Ausbesserung von Automobilen beschäftigt? Leider habe ich in letzter Zeit

keinen Schokoladenbrief an Sie absenden können, hoffe aber nächstens wieder meine "Fettkur" bei Ihnen fortsetzen zu dürfen. Ich hätte nie vermutet, welch' geringe Mengen genügen, um einen stabförmigen Körper in die Idealgestalt einer Kugel zu verwandeln. Meine Frau hatte bessere Tage, und konnte mehr gehen, ich finde sie auch besser aussehend. - Das Wetter ist hier seit 2 Tagen wärmer, und auch in den Karpathen wird der Schnee bald weichen, somit werden dort bald entscheidende Kämpfe eintreten. Herzlichst Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 8.4.1915
Prof. Dr. Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130III Feldpost N° 186 An Herrn Ludwig Wittgenstein Landsturmingénieur Art. Werkstätte der Festung Krakau Oesterr. Galizien 8. 4. 15 Berlin-Halensee 130 Kurfürstendamm Lieber Herr Wittgenstein, vorgestern bekam ich eine Karte v. 28/3 in der Sie mir für die meine danken u gestern eine Karte v. 4/4 in der Sie sich über mein wochenlanges Schweigen beklagen. Also wie geht dies zu? - Ich bin so ärgerlich; man nimmt mir meine Pfundpaketchen an Sie nicht mehr an, weil plötzlich seit einiger Zeit nur noch 1/2 .£. P. nach Oesterr. zulässig sind. - Ich schreibe selten, weil Sie selten u stereotyp die wenigen gleichen Worte ung. schreiben - man hat dann das Gefühl, dass Sie sich für das was man schreiben könnte, kaum interessiren. - Ueberdies giebt es so viel Schweres. - Haben Sie über Ihren Bruder Nachrichten? - Es freut mich, dass Sie nicht an die Front gehen, sondern an dem Platz bleiben, den Sie so gut auszufüllen vermögen. Auch Ihrer Frau Mutter wegen. - Wird Ihnen die Disciplin nicht schwer? od. merken Sie nicht viel von ihr? - Hören Sie noch manchesmal Musik? - Lebensmittel sollen schwer erlangbar sein in Krak. - Ich nehme an, Sie bekommen vom Hause regelmässige Sendungen? Viele Grüsse u Alles Gute AJ. Brauchen Sie etwas?

VON STANISLAUS JOLLES, 16.4.1915
Jolles, Berlin-Halensee Kurfürstendamm Nr. 130III Feldpostkarte nach Oesterreich-Galizien An den Landsturm-Ingenieur Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art. Werkstätte d. Festung Krakau Feldpost Nr. 186. Berlin-Halensee, d. 16. 4. 15. Lieber Herr Wittgenstein, Sie sind doch ein Sakramenter, im Schweiße meines Angesichts habe ich Sie endlich dazu gebracht, das Datum auf Ihren Postkarten zu vermerken, und nun setzen Sie sich schon wieder über den Zeitbegriff hinweg! - Als was sollen Sie denn in der Nähe oder an der Front "in die Erscheinung treten". Gibt's da auch Automobile auszubessern, oder sollen bisher verborgene strategische Fähigkeiten entwickelt werden? - Es scheint so, als ob die Russische Karpathenoffensive im Zusammenbrechen ist, vielleicht gelingt's dann auch noch die besetzten Teile Galiziens zu befreien! - Meiner Frau gehts's in der letzten Zeit besser, sie hat Ihnen kürzlich ausführlich geschrieben. Herzlichst Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 1.5.1915
Prof. Dr. Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130III Oesterreichische Feldpost N° 186 Ueber Oderberg Herrn Landsturmingénier Ludwig Wittgenstein Art. Werkstätte der Festung Krakau Oesterr. Galizien Berlin-Halensee 130 Kurfürstendamm 1/5 15 Weshalb hört man nichts von Ihnen? Ihre letzte Karte hatte ich gleich beantwortet u gebeten mir meine Fragen dito zu beantworten. Konserven sind in Oesterreich, wie man sagt, nicht so gut zu haben wie hier - brauchen Sie etwas? Man schrieb mir aus Krakau es soll schwer sein alle Nahrungsmittel zu bekommen. Stimmt das? Nehmen Sie nicht auch einmal Urlaub? Viele Grüsse AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 4.5.1915
Jolles, Berlin-Halensee Kurfürstendamm Nr. 130 Feldpostkarte nach Oesterreich-Galizien An den Landsturm-Ingenieur Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art. Werkstätte der Festung Krakau Feldpost Nr. 186. Berlin-Halensee d. 4/5 15. Lieber Herr Wittgenstein, 14 Tage war Ihre soeben eingetroffene am 22/4 abgesandte Karte unterwegs! Es ist mir sehr leid, daß Sie Unannehmlichkeiten durchmachen müßen, aber man ist halt in das Leben geschickt, damit man sich in das Leben schickt! Um Ihnen die Gegenwart zu versüßen, werde ich gleichzeitig wieder einen Schokoladenbrief an Sie abgehen lassen. Gestern leuteten hier die Glocken und Fahnen wurden herausgehängt, ein großer Sieg in den Karpathen soll durch Mackensen erfochten worden sein. Möge das arme Galizien bald von den Russen befreit sein! Mögen bei Eintreffen dieser Karte alle Unannehmlichkeiten für Sie verschwunden sein Herzlichst Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 17.5.1915
Jolles, Berlin-Halensee Kurfürstendamm 130 Feldpostkarte nach Galizien An den Landsturm-Ingenieur Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Artillerie-Werkstätte der Festung Krakau

Feldpost 186. Berlin-Halensee d. 17. V. 15. Lieber Herr Wittgenstein, Daß es Sie an die Front drängt, kann ich nur zugut verstehen, ebensogut verstehe ich aber, daß man einen technisch versierten Mann - so sagt man wohl bei Ihnen - in der Reparaturwerkstätte festhält. - Mackensens Durchbruch und das Nachdrängen der übrigen Heere halten noch immer die Russen "im Laufenden". Will's Gott kommen Sie auch nicht so bald zur Ruhe! Was sagen Sie zu den "Gemütsmenschen" in Italien, ist da das ganze Volk geistig und moralisch korrumpiert? Das Italienische Heer hat ja seit Custozza mit rührender Konstanz eigentlich stets Prügel bezogen, so daß Ihnen verhauen zu werden mit der Zeit zur Gewohnheit werden müßte. Ich hoffe zu Gott, wir werden sie in dieser Gewohnheit nicht stören. Amen. Herzlichst Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 25.5.1915
Prof. Dr. Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130III K. K. Feldpost N° 186 An den Herrn Landwehringénieur Ludwig Wittgenstein Art. Werkstätte der Festung Krakau Oesterr. Galizien Berlin-Halensee 130 Kurfürstendamm 25. 5. 15. Lieber Herr Wittgenstein, vor ung. einer Woche hat ein freundlicher Postbeamte meine Ausdauer belohnt u das seiner Verpackung entblöste um es zu erleichtern 4 Mal refüsirte Paketchen angenommen. Allerdings in Eile u ohne es näher anzusehen u ohne es zu wiegen. Da aber in Oesterr. immer noch nur 1/2 £ Pakete zugelassen sind, wird es Sie wohl nicht erreichen. - Es freut mich sehr, dass Sie von Ihrem Bruder gute Nachrichten haben. Frau Morgenrot-Scheid sagte seinerzeit, er wäre in Russl. operirt worden. War das wahr? Darum fragte ich immer wieder nach ihm. Andererseits sagte sie, er würde bald zurückkehren. Frau Scheid hat ihren Mann aus Krakau krank abgeholt. Es geht ihm aber wieder gut. Bekommen Sie Besuch aus Wien? Viele Grüsse u alles Gute AJ.

VON ADELE JOLLES, 16.6.1915
Prof. Dr. Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130III Oesterr. Feldpost 186 An den Landsturm Ingénieur Herrn Ludwig Wittgenstein Art. Werkstätte der Festung Krakau Oesterr.-Galizien 16. 6. 15. Lieber Herr Wittgenstein, und weshalb hört man nichts von Ihnen? es ist sehr lange her, dass wir Nachrichten hatten. Mein Jampot ist augenscheinlich nicht zu Ihnen gelangt; möge er alle Qualen der Hölle im Magen des ehrlichen Stehlers verursachen. Amen. Und meine Karte? Viele Grüsse

AJ.

VON ADELE JOLLES, 19.6.1915
Prof. Dr. Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130III Feldpost Nº 186 An den Herrn Ludwig Wittgenstein Landsturm Ingénieur Art. Werkstätte der Festung Krakau Oesterr. Galizien Berlin-Halensee 19. 6. 15. LHW. unsere letzten Karten haben sich gekreuzt, od. wie ein witzig sein wollender Vetter schreibt, gekreuzigt. Ich hatte die gleiche Frage an Sie gerichtet, weshalb man gar nichts seit unvordenklichen Zeiten von Ihnen gehört hat. Sowohl die Kirschmarmelade, wie die sie begleitende Postkarte haben Sie demnach nicht erreicht. Möge der Dieb an ihr "dersticken". - Welcher Art Unannehmlichkeiten haben Sie denn? Dass Sie sie haben tut mir leid, dass Sie aber so tapfer ausharren ist famos, u freut mich aufrichtig. Bekommen Sie keinen Urlaub? Herzlichst AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 19.6.1915
Jolles, Berlin-Halensee Kurfürstendamm Nr. 130III An den Landsturm-Ingenieur Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Artillerie-Werkstätte der Festung Krakau Oesterreich-Galizien Feldpost Nr. 186. Berlin-Halensee, d. 19. VI. 15 Lieber Herr Wittgenstein, Nun wenn Sie an eigenen Arbeiten weiter schaffen können, wird ja das unangenehme was Sie durchzumachen haben nicht all zu schlimm sein. Und Unannehmlichkeiten bietet leider das Leben immer, und je älter man wird, um so mehr empfindet man sie! Damit Ihnen das Leben "versüßt" wird, soll dieser Karte gleich ein Schokoladenbrief folgen, dessen Inhalt, von Ihnen in guter Laune empfangen und verzehrt werden möge! An der Hochschule wird der Betrieb noch immer aufrecht erhalten, aber fast jede Woche müssen Hörer dem Rufe zur Waffe folgen. - Bei uns geht's ganz leidlich, jedenfalls macht meine Frau mit Gottes Hülfe jetzt bessere Zeiten durch. Ihnen alles gute Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 28.7.1915
Prof. Dr. Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130III Feldpost N° 186 Art. Werkstätte der Festung Krakau An den Landsturmingénieur Herrn Ludwig Wittgenstein Festung Krakau

Oesterr. Galizien 28. 7. 15. Lieber Herr Wittgenstein wir haben seit sehr langem nichts mehr von Ihnen gehört; unsere letzten Karten haben Sie gar nicht mehr beantwortet; das jam wahrscheinlich nicht erhalten. Bitte, schreiben Sie gleich nach Erhalt dieser Zeilen wie es Ihnen geht. Frl. Kammerer dankt für Ihre Grüsse u erwiedert sie bestens. Herzliche Grüsse AJ.

VON ADELE JOLLES, 12.8.1915
Berlin-Halensee 130 Kurfürstendamm 12. 8. 15 Lieber Herr Wittgenstein, endlich nach sehr vielen Wochen ein Lebenszeichen von Ihnen, das leider meine Befürchtung bestätigt. Von Herzen hoffen wir, dass der Unfall, der Ihnen zugestossen völlig ohne böse Folgen bleiben wird. 3 Wochen Urlaub, nach über einem Jahr Dienst u dazu nach einer Verwundung u Erkrankung ist wirklich etwas wenig. Übrigens: gerade als Ihr Brief eintraf war ich im Begriff mich nach Ihrem Befinden telegraphisch in Krakau zu erkundigen. Ich hätte es schon neulich getan, nur wusste ich nicht, ob für Sie Feldposttelegramm das man nur in d. Franz. Str. aufgeben kann oder gewöhnliches Telgr. galt. - Unsere Mühle ist leider stark in Mitleidenschaft gezogen. Maschinen z.T. zerstört, Treibrieben entfernt -, vielleicht als Goulasch gegessen - In den Magazinen eine Sintflut von Schmutz - es waren Lazarette drin - Dafür hat der [...] bei uns gewohnt! Nach seiner Abreise ist bis auf die herausgerissenen Parkettfussböden alles - die unseren Compagnon gehörige sehr schöne Einrichtung vor allem mitgenommen worden. - Wir reisen in einigen Tagen irgendwohin schwanken noch zwischen Marienbad, Bayern u. Johannisbad in Böhmen. Hoffentlich ist die Erkrankung Ihrer Frau Mutter schon behoben u Sie können noch etwas aufs Land. Wahrscheinlich kommen wir demnächst auch nach Wien, dann werden Sie wohl aber schon fort sein. Herzliche Grüsse u alles Gute AJ. Briefe richten Sie vorläufig hierher u lassen Sie recht bald wieder hören wie es Ihnen geht.

VON STANISLAUS JOLLES, 12.8.1915
Prof. Dr. Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130III Herrn Ludwig Wittgenstein Landsturm Ingenieur Wien XVII Neuwaldegger Str. 38 Berlin-Halensee, d. 12. VIII. 15. Lieber Herr Wittgenstein, Man soll nie Hypothesen aufstellen, tut man's fällt man hinein. Also als von Ihnen trotz unserer Nachrichten jede Antwort ausblieb, beruhigte ich meine Frau mit dem Orakelspruch. "W. ist eingelocht, Du weißt d. junge Mann kann heftig werden, und da das beim Militär untersagt, haben sie ihn doch zur Beruhigung in's Arrest gesteckt. Er hat mir in letzter Zeit häufig von Unannehmlichkeiten geschrieben, die ihm zugestoßen sind, u. Du wirst sehen, ich rate richtig." Nun haben Sie meinen Ruf als zukünftige Pythia durch Ihren heutigen Brief völlig zu nichte gemacht! Lieber wäre mir auch jetzt noch, ich hätte recht, und Sie säßen wohl und munter im Arrest, statt an einem Nervenshock und an einem geplatzten Trommelfell zu laborieren. Mensch, was machen Sie für Sachen, lassen Sie von nun an die Finger von stabförmigen Dingen im Schmiedefeuer! Ob ich was von Mathematik verstehe, weiß ich nicht, die Zweifel darüber häufen sich je älter man wird, aber was das Gehör betrifft, so wissen Sie ja, habe ich leider viele langjährige Erfahrung, und vor Schwerhörigkeit müssen Sie sich bewahren. Gehen Sie zu einem erfahrenen Ohrenspezialisten, und fragen Sie, ob Ihr kaputtes Trommelfell in Ordnung gebracht werden kann, Sie sind ja noch ein Embrio von Jahren, da kann ev. Heilung eintreten. Daß Sie personifiziertes Nervenbündel dabei noch einen Nervenshock davon tragen mußten, ist rechtes Pech! Und nun finden Sie während Ihres Erholungsurlaubes in Wien Ihre Frau Mutter krank! Sie sind in den letzten Jahren zu meiner Freude nerven kräftiger geworden, somit hoffe ich über Ihr Befinden bald gutes von Ihnen zu erfahren. Ihrer Frau Mutter wünsche ich von Herzen baldige

Wiederherstellung! Herzlichst Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 28.9.1915
Frau Geheimrat Jolles 130 Kurfürstendamm Oesterreichische Feldpost N° 12 Herrn Landsturm Ingénieur Ludwig Wittgenstein Art. Werkstättenzug N° 1 Berlin-Halensee Kurfürstendamm 130 28. 9. 15 L. H. W. Wo Sie wohl stecken mögen? Wo es auch sei, hoffe ich herzlich, dass es Ihnen gut geht. Hier haben wir leider eine grosse Erbitterung auf meine Landsleute - ich meine nicht die Polen - vorgefunden. Die schlimmsten dabei sind solche, die selbst früher zu ihnen zählten. Ich muss in zwei Tagen wieder fort, zu meiner armen Schwägerin, die leider sehr schwer krank ist. Schreiben Sie bald. Herzlichst AJ. Die [...] haben wir auf d. Durchreise besucht - vielen Dank. Wie geht es Ihrer Frau Mutter?

VON STANISLAUS JOLLES, 29.9.1915
Jolles. Berlin-Halensee, Kurfürstendamm 130III Feldpostkarte nach Oesterreich! An Herrn Landsturmingenieur Wittgenstein K. u. k. Art. Werkstättenzug I. Feldpost Nº 12 Berlin-Halensee, Kurfürstendamm 130III d. 29. Sept. 15 Lieber Herr Wittgenstein, Also mein viel besseres Ich hatte recht, als es mir abriet, [...] Ihre Adresse zu senden. Mir hat sein Brief auch nicht gefallen, aber es ist nun halt in dieser Welt so, daß die Menschen "sich dankbar und gern an einen erinnern", wenn man für sie gerade brauchbar ist. Um so mehr freut man sich mit denen, die einem von Herzen zugetan sind! Ich habe übrigens [.]. in meiner Antwort darauf aufmerksamgemacht, daß er als Reichsdeutscher doch unmöglich in Oesterreich dienen könnte. Wir sind seit 3 Tagen wieder zu Haus und da trifft eine Hiobspost nach der andern ein, und es heißt ruhigen, kalten Kopf bewahren, besonders in dieser gewaltigen Zeit. Sind Sie Ihrem neusten Grundsatz treu geblieben nicht zu schimpfen und räsonnieren? Daß es bei Ihnen "in die Erscheinung treten würde", wäre mir nicht im Traume eingefallen, um so mehr habe ich mich darüber gefreut. Aber ihn einzuhalten, das werden Sie schon merken, ist gar schwer, ich merk's an mir! So Gott will können Sie uns recht bald gutes von sich schreiben, Schokoladenbriefe sind augenblicklich inhibirt mit Ihrer Mastkur muß ich also warten. Herzlichst Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 5.11.1915
Stanislaus Jolles Berlin-Halensee, Kurfürstendamm 130III Feldpostkarte nach Oesterreich! An den Landsturmingenieur Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art. Werkstättenzug: 1 Feldpost: 12. Berlin-Halensee, d. 5. XI. 15

Lieber Herr Wittgenstein, Endlich ein Lebenszeichen, wir waren schon Ihrethalben ganz unruhig! Leider trifft Ihre Karte meine Frau nicht in Berlin an, sie weilt schon seit beinahe 5 Wochen in Ebenhausen b. München, Sanatorium, wohin sie meine kürzlich entschlafene letzte Schwester gleich nach unserer Rückkehr berufen hat. Nun hilft sie noch einige Tage der ledigen Tochter über die schwerste Zeit weg. - Warum haben Sie solange gar nichts von sich verlauten lassen, das ist garnicht nett von Ihnen! Lassen Sie doch mal hören, wo Sie stecken u. wie es Ihnen geht; damit [Sie] zu einem längeren Erguß mehr Mut bekommen, sende ich gleichzeitig zur Hebung Ihrer Körperkräfte den früher üblichen Schokoladenbrief! Herzlich Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 6.12.1915
Frau Geheimrat Jolles Berlin-Kurfürstendamm 130 Feldpost N° 12 An Herrn Landsturmingénieur Ludwig Wittgenstein Art. Werkstättenzug N° 1 Feldpost Nº 12 6. 12. 15 Berlin-Halensee 130 Kurfürstendam Lieber Herr Wittgenstein, ich habe keine Ahnung ob Sie meine Nachrichten aus Bayern erhalten haben - Ihre letzte Karte, in der Sie sich über das Fehlen von Nachrichten beklagten ist uns dorthin nachgesandt worden. Nach langer Zeit das erste Lebenszeichen von Ihnen dem bislang kein neues gefolgt ist. Ich habe Ihnen wiederholt geschrieben. Schreiben Sie sofort nach Erhalt dieser Zeilen, damit ich weiss ob Sie erreichbar sind, dann kann ich Ihnen auch mal wieder etwas "schwedisches Brot" schicken - oder haben Sie sonst etwas nötig? Alles Gute u herzliche Grüsse AJ. Das Klavierquintett habe ich neulich gehört - schlechthin fabelhaft! Dass Sie nicht dabei sein konnten! Von Sch[...] gespielt. Ich schicke diese Karte via Wien. vielleicht hat sie mehr Chance. Um Ihre Fragen im Voraus zu beantworten: Uns geht es nicht schlecht u Frl. Kammerer ist in München.

VON ADELE JOLLES, 27.12.1915
Frau Geheimrat Jolles Kurfürstendamm 130 Oesterr. Feldpost N° 12 An Herrn Landsturmingénieur Ludwig Wittgenstein Art. Werkstättenzug N° 1 Berlin-Halensee 27. 12. 15. LHW. endlich haben Sie die über Wien gesandte Karte erhalten; u die mit Frl. Kammerer gemeinsam geschriebene die sie von München wegschicken wollte? - Einen Versuch mit schwedischem Brod werde ich machen, so wie die augenblicklich nicht zugelassenen Feldpakete wieder angenommen werden. - Wo u Wie haben Sie Weihnachten verbracht? u Wann werden Sie Ihre Vierundzwanzigstundenundnichtlängerbesuche wieder aufnehmen können. Ja wann! - Meine Tochter hat mir - in Vertretung - die Tragische Ouverture geschenkt. Das Klavier gibt leider den Bläserklang nicht wieder, der so besonders charakteristisch u schwermütig ist. Uebrigens manchesmal reiner "Manfred" u manchesmal sogar Wagneranklänge - eine Seltenheit bei Brahms. Aber schön! u Wassagensie dazu. - Wer weiss, wie Sie Musikbetrachtungen anmuten! u wo sie Sie treffen. Hoffentlich gesund u guten Mutes. Herzlich AJ.

VON ADELE JOLLES, 8.1.1916
LHW. früher konnte man sich zum mindesten über Sie weidlich ärgern wenn keine Nachrichten kamen -

Jetzt weiss man nie was ankommt u was verloren oder nicht ausgeliefert wird. Ich versuche es mal wieder mit Ihrem geliebten schwedischen Brod - ohne Butter schmeckt es nicht u wer weiss, ob Sie die haben. Gern würde ich das Brot mit Butter - trotz der Butternot! - bestreichen - aber wer weiss wann Sie es kriegen u dann würde sie schlecht werden. Können Sie denn nicht ein mal ein paar vernünftige Worte schreiben, wie wo u was? man weiss so gar nichts über Sie. Hoffentlich geht es Ihnen gut. Haben Sie Frl. Kammerers Karte erhalten? Die einzige Nachricht die Ihnen von mir zugekommen, war die Karte über Wien. Bekommen Sie das Brot u ich Ihre Bestätigung - Ihre Karten scheinen ja anzukommen - so sollen Sie auch wieder etwas Besseres geschickt bekommen. Haben Sie alles was Sie brauchen? Alles Gute herzlichst AJ. 8. I. 16

VON ADELE JOLLES, 2.2.1916
Frau Geheimrat Jolles 130 Kurfürstendamm Berlin Österreichische Feldpost N° 12 An Herrn Landsturmingénieur Ludwig Wittgenstein Art. Werkstättenzug N° 1 2/2 16 L.H.W. es scheint, dass Sie meine letzte, vor ung. 4 Wochen geschriebene, Antwort auf Ihre Karte nicht erreicht hat; desgleichen nicht das versprochene schwedische Brot. Es ist ein Kreuz mit der Correspondenz m. Oesterreich in diesem letzten Halbjahr. Ich wollte Ihnen so gern wieder einen Stollen schicken - da aber das Brot nicht angekommen, hat ja leider das Schicken keinen Zweck. Sollte Sie diese Karte doch erreichen, so antworten Sie wenigstens gleich; etwas Autobiographie könnte nicht schaden dabei, ausser dem Gruss an Frl. K! Frl. Kamm. Karte an Sie ist zurückgekommen. Viele Grüsse AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 8.2.1916
Stanislaus Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130. An den Landsturmingenieur Herrn L. Wittgenstein K. u. K. Art. Werkstättenzug "Oblt. Gürth" Feldpost N° 12 Berlin-Halensee, d. 8.II.16 Lieber Herr Wittgenstein, Nach wochenlangem Schweigen trifft endlich von Ihnen Nachricht ein, wir waren Ihrethalben schon unruhig geworden. Fräulein Kammerer hatte Ihnen geschrieben, ihr Lebenszeichen wurde ihr aber als unbestellbar wieder zugestellt! Sie hat Berlin endgültig verlassen, und wohnt in München zusammen mit ihrer Schwester Karla. - Das es Ihnen gesundheitlich nicht sehr gut geht, ist mir herzlich leid, hoffentlich ist das Ungemach bald vorüber! Mit herzlichem Händedruck Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 24.2.1916
Stanislaus Jolles Berlin-Halensee Kurfürstendamm 130III An den Landsturmingenieur

Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Artillerie Werkstättenzug "Oblt. Gürth" Feldpost 12 Berlin-Halensee, d. 24. II. 16. Lieber Herr Wittgenstein, Eben trifft Ihre Karte vom 20. l. Ms. ein; Menschenkind, was fehlt Ihnen eigentlich, Sie schreiben immer nur, es geht nicht gut. Jedenfalls wünsche ich Ihnen baldiges Genesen, und wenn Wünsche helfen könnten müßten Sie längst gesund sein! Kann ich Ihnen denn mit irgend etwas von Nutzen sein, Sie machen uns doch nur eine Freude, wenn wir Ihnen etwas senden können. Sei es für den körperlichen oder geistigen Magen! Also, kurz, schreiben Sie bald einige "vernünftige" Worte. Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 6.3.1916
Stanislaus Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130. Feldpostkarte nach Oesterreich! An den Landsturmingenieur Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Art. Werkstättenzug "Oblt. Gürth" Feldpostamt 12 Bln-Halensee, d. 6. III. 16. Lieber Herr Wittgenstein, Ihre an uns gerichteten Karten v. 1. III sind soeben eingetroffen. Daß Sie Ihr altes Darmleiden wieder plagt, ist mir sehr schmerzlich. Hoffentlich geht Ihre Erwartung in Erfüllung, daß ein Ortswechsel heilend einwirkt. Nun weiß ich garnicht, was ich Ihnen eventuell senden könnte. Dürfen Sie Schokolade oder leichtes Gebäck essen? Jedenfalls erbitte recht bald wieder einige Zeilen, aus denen ich ersehen kann, wie Sie sich befinden. Mit besten Wünschen für Ihre Gesundheit Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 21.8.1916
Frau Adele Jolles Berlin-Halensee Kurfürstendamm 130 K. u. K. Oesterreichische Feldpost N° 12 An Herrn Kriegsfreiwilligen Ludwig Wittgenstein früher Feldkanonenzug, N° 2 Feldhaubitzen-Regiment Nr. 5 4. Batterie 21. 8. 16 L. H. W. Meine letzte Karte u ein kleiner Karton m. Bretzeln scheinen Sie nicht erreicht zu haben. Es sollte ein ballon d'essai sein um etwas besseres folgen zu lassen. - Wie mag es Ihnen gehen? u wo soll man Sie in Gedanken suchen? - Von allen unsern Bekannten wissen wir es ungefähr - von Ihnen leider so gut wie gar nichts. Jedenfalls - wo Sie auch sein mögen, begleiten Sie unsere herzlichen Wünsche. Wie geht es Ihrer Frau Mutter? Haben Sie seit vergang. Jahre noch nicht wieder Urlaub gehabt?! Während ich dies schreibe, begleitet mich das Klarinettenquintett u will Ihnen auch schöne Grüsse bringen.

VON ADELE JOLLES, 27.8.1916
Frau Adele Jolles Berlin-Halensee

Kurfürstendamm 130 K. u. K. oesterreichische Feldpost Nº 72 An Herrn Kriegsfreiwilligen Ludwig Wittgenstein (früher Feldkanonen Regmt. N° 2) Feldhaubitzen-Regiment Nr. 5 Batt. 4. Berlin-Halensee 27. 8. 16. L. H. W. nach Ihren letzten l. Zeilen, haben Sie wieder von allen meinen Karten nichts erhalten! ebensowenig das Paketchen. Es ist scheusslich, - u ich kann Ihnen deshalb nichts schicken. Erhalten Sie denn was Ihnen von zu Hause geschickt wird? Menschenskind, haben Sie denn seit vergangenem August noch nicht wieder Urlaub gehabt? Ich habe schon so oft darnach gefragt. - Ach Gott, was wollen wir nur alles spielen, wenn Sie erst wieder her kommen - notabene wenn ich bis dahin noch Noten lesen u Finger bewegen kann. Und verstehe ich Sie recht - Sie wollen die "dritte, siebente u neunte" haben - Beethoven??!! haben Sie sich so gemausert? Alles Gute mit Ihnen herzlichst AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 21.2.1917
Stanislaus Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130. An den Fähnrich Herrn Ludwig Wittgenstein K. u. K. Feldhaubitzenregiment Nr. 5/4 Feldpost Nº 286 Bln-Halensee, d. 21. II. 17 Lieber Herr Wittgenstein, Endlich eben trifft nach mehrmonatlichem Schweigen von Ihnen Nachricht ein. Gott sei Dank, daß man endlich von Ihnen ein Lebenszeichen erhält, aber nun bitte, an Ihre alten Freunde mehr als "Herzlichste Grüße", wir möchten doch gern auch wissen, wie es Ihnen geht. An welcher Front sind Sie, und wie ist es Ihnen in den letzten Monaten ergangen? Bei uns geht es ganz gut. Herzlichst Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 5.3.1917
Berlin-Halensee 130 Kurfürstendamm 5/3 17. Lieber Herr Wittgenstein, nach monatelangem Schweigen sandten Sie uns kürzlich eine Karte; ich habe mich nicht veranlasst gesehen sie durch eine Epistel, die Sie nicht erreichte - ob Sie sie auch erhielten - zu beantworten. Heute kommt Ihr "Brief" - u auch der gäbe keinen Anlass zum Schreiben; in ihm lag jedoch ein kleines Bildchen. Nun, ich weiss bis heute nicht, ob Sie die Ihnen seinerzeit gesandten kleinen Photographien auch nur erhalten haben - also auch kleine Photographien sind kein dringender Grund für Briefanworten. Aber dieses Bildchen zeigt einen Ausdruck, der mir so zu Herzen ging, dass ich in Gedanken Ihnen über das etwas zerzauste Haar fuhr u "armer Junge" sagen musste. Sind es nur die Strapazen u Entbehrungen die Sie so verhärmt erscheinen lassen, oder ist es inneres Erlebnis - ich weiss es nicht u frage keine unbeantworteten Fragen mehr. Aber einige Zeilen musste ich Ihnen doch senden u "herzlichste Grüsse" dito AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 31.3.1918
Stanislaus Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130.

An Herrn Leutnant Ludwig Wittgenstein K. und k. Gebirgsartillerie Regiment Nr. 11 Kanonen-Batterie Nº 1 K. u. k. Feldpostamt 424 Bln.-Halensee, d. 31. III. 18. Lieber Herr Wittgenstein, Nach vielen Monaten erhalten wir soeben Ihre Karte v. 23. l. Ms.; ich freue mich von Herzen, daß Sie laut diesem lakonischen Lebenszeichen sich noch hinnieden befinden und überlasse Ihnen das Amt, sich tüchtig abzukanzeln; Man läßt Freunde nicht solange in Sorge, zumal es an diesen nicht mangelt. Meine Frau ist aber bös und wird wohl nicht antworten! Jetzt sieht's bei uns wieder ganz gut aus, aber kurz nach Jahresanfang waren wir Lazarett. Erst lag meine Tochter an einer leichteren und dann meine Frau an einer schweren Lungenentzündung darnieder. Das Fieber, und was eben so schlimm ist, der Arzt oder die Ärzte wollten 6 Wochen nicht weichen. Alle solche Krankheiten werden bei den jetzigen Ernährungsverhältnissen eben bösartiger als früher! Mir geht's, wie's einem sechziger - das bin ich letztes Jahr geworden - gehen kann. Um sich von der gewaltigen Zeit nicht erdrücken zu lassen, schaffe ich mit Volldampf eine Arbeit nach der andern, aber die geistige Entbindung ist nicht mehr die alte. Aber Ihr alter Freund bleibe ich, trotzdem auch ich Ihres Schweigens halber auch endlich böse sein müßte! Herzlichst Ihr Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 1.6.1918
Berlin-Halensee 130 Kurfürstendam 1/6 18 Also: Sehr werter Herr Wittgenstein obwohl es verkehrt ist jemandem zu schreiben, der Briefe so geringschätzt u auch den oberflächlichsten Briefwechsel offenbar ablehnt tue ich es heute, nach fast einjähriger Pause, wieder: zur Richtigstellung. Ich habe erst nachträglich erfahren, dass m. Mann Ihnen geschrieben ich wäre "böse". Sonst hätte ich ihn gebeten meiner nicht zu erwähnen. Wozu auch. Ueberdies, ich bin nicht böse, nicht einmal verwundert. - Ich begreife uebrigens wohl, dass dieser Krieg manch einem die Rede verschlagen kann; aber, um doch auch einmal eine berliner Redeweise anzuwenden: Alles mit Unterschied. Ihre Voraussetzung aber, es dürfte mir bekannt sein, dass es jetzt gar mancherlei Ursachen gibt, die einen ganz vom Schreiben abhalten können, - also dauernd wie Sie - trifft nicht zu. Im Gegenteil. Leute die draussen stehen u früher nie geschrieben, tuen es jetzt unter oft rührenden Umständen u Sie sind, wie so oft, ein Einzelfall. Es wäre nur zu wünschen, dass manche verantwortungsvollere Stellen gleich verschwiegen wären wie Sie! u manche wichtige Operation in ebenso absolutes Dunkel hüllten, wie Sie Ihre Person. Im uebrigen hoffe ich herzlich, dass es Ihnen gut geht. - Vielleicht wird es Sie interessiren, dass die armen Herkners den einzigen Sohn im Westen verloren haben. Er soll ein matematisches Genie gewesen sein Mit freundlichen Grüssen Adele Jolles Ich lege ein Feuilleton bei, dass in Manchem ganz treffend, stellenweise aber nicht recht verständlich ist. Vielleicht interessirt es Sie. -

VON ADELE JOLLES, 4.8.1918
Abs. Jolles Villa Hertha Bad Landeck Schlesien Oesterreichische Feldpost N° 386 Herrn Leutnant Ludwig Wittgenstein Kanonenb. N° 1 K. u. k. Gebirgsart.reg. 11 Berlin-Halensee 130 Kurfürstendamm 4/8 19

Ich hatte Ihnen im Mai geschrieben u Ihnen ein Feuilleton beigelegt u hätte gern gewusst, ob mein Brief Sie erreicht hat und wie es Ihnen geht. Im September werden wir wahrscheinlich in Wien sein (um den 15ten) Unsere Adresse dort ist immer bei Herrn von Loewenstein in Fichteg. 5 zu erfragen. Tel. In der Hoffnung, dass Sie gesund sind grüsst Sie AJ. Frl. Kammerer hat sich neulich nach Ihnen erkundigt; ich konnte ihr aber Nichts sagen. Ich kann nicht besser schreiben, einer Gelenkentzündung wegen. Bad Landeck Schlesien. Villa Hertha. Ich bin hier ganz allein. 1/9 18

VON STANISLAUS JOLLES, 16.12.1920
Berlin-Halensee, d. 16. XII. 20. Sehr werter Herr Wittgenstein, Als wir voriges Jahr aus Wien zurückkehrten, hatte ich schon die Absicht Ihnen den Rodin zu senden. Die schweren Zeiten haben mich bisher verhindert diese Absicht auszuführen und dann auch das auf den deutschen Buchhandel lastende Ausfuhrverbot. Ein kürzlich bei mir eingetretener Schüler, Herr Schleffer, hat die Liebenswürdigkeit das Buch für Sie mitzunehmen. Ihr ergebener.

VON STANISLAUS UND ADELE JOLLES, 2.2.1921
Berlin-Halensee, d. 2. Febr. 1921 Kurfürstendamm 130III Lieber Herr Wittgenstein, Mich freut's, daß Ihnen der "Rodin" gefällt, ich war seinerzeit durch meine Tochter auf ihn aufmerksam geworden, und vieles, was er ausspricht, ist mir aus dem Herzen gesprochen. Je älter ich werde um so mehr packen mich Ewigkeitsgedanken; man sucht halt nach den Bädeckern zu seiner letzten Reise. Ich war Ihnen übrigens seit längerem gram. Wenn ich aufsah und mein Blick fiel auf die mir einst so liebevoll geschenkten Bilder, da ging mir immer bitter durch's Gemüt; auch der ist untreu geworden. Da habe ich mich denn Weihnachten noch einmal an Sie gewandt und erlebe heute die Freude, daß Sie Ihres sehr alt gewordenen Freundes noch gedenken. An Jahren nicht, aber am Leben! Und wenn ich Ihnen schon heute antworte, wo ich morgen meine sonnige Tochter begrabe, so werden Sie fühlen, wie wohl mir Ihre treuen Zeilen getan haben. Sie hatte Sonntag vor 8 Tagen in einem Stücke Kuchen einen Glassplitter verschluckt und starb trotz Operation und ärztlicher Kunst, nach unsäglich überstandenen Qualen am letzten Sonntag. Immer wieder rufe ich mir zu: Gott gibt's, Gott nimmt's er sei gesegnet, aber es ist bitter schwer nicht zu murren, wo wir nur noch den kranken Sohn haben. Wenn nur mein Wille noch ausreicht in der noch bleibenden Wegstrecke den meinen und meiner Wissenschaft treulich zu dienen. Ihren Entschluß Volksschullehrer zu werden, kann ich verstehen. Treibt Sie die göttliche Stimme in Ihrem Innern dazu, so ist das eben Ihr Beruf. Sie wissen ja selbst, wie ich an meinem Lehrberuf hänge, und zu einem Berufe muß man durch sein inneres Fühlen und Denken berufen sein, sonst hat man seinen Lohn dahin. Also meinen Segen zu Ihrem Entschlusse, mögen Sie dankbare Schüler haben! Es ist herrlich, wenn einer einem dankbar die Hand schüttelt und sagt: das habe ich seinerzeit von Ihnen gelernt, was mich innerlich vorwärts bringt. Ich werde fast neidisch, wenn ich mir vorstelle, wie Sie an einem schönen einsamen Orte sich selbst leben können. Hätte der Krieg nicht so vieles, was man für sicher hielt, vernichtet, wer weiß, ob Sie uns nicht, eher als Sie vermuteten, in Ihrer Nähe finden könnten. Aber so heißt's: alter Gaul aushalten, Du mußt die Karre weiter ziehen, so lang es halt geht! Besuchen möchte Sie aber mal, auf kurze Zeit meinen wehen Geist ausruhen. Also lassen Sie hören, wie es mit Wohnung und Nahrung da bei Ihnen ausschaut. Auch möchte ich Sie von Herzen gerne unterrichten sehen. Haben Sie nervöses Menschenkind dazu die nötige Geduld? Warum schieben Sie das Veröffentlichen Ihres Buches heraus? Strafen Sie mit Lügen, der da immer gedacht hat: am Ende laßt er's doch wieder liegen. Meine Frau will auch noch anschreiben! Herzlichst Ihr alter Freund Stanislaus Jolles. Lieber Herr Wittgenstein ich hatte nicht gedacht, dass ich Ihnen noch schreiben würde u "lieber Herr W." schreiben würde - mein Kind nannte dies "Mamas Hausorden." Und dass ich Ihnen in diesem Augenblicke schreibe, wird Ihnen sagen, wie sehr ich mich über Ihren Brief gefreut habe. Und ich hätte gewünscht, dass mein Kind ihn noch gelesen hätte, denn sie wusste wie tief verletzt u erbittert ich durch Ihr Abwenden von uns geworden war. Die Torte, die dem Kinde diese Qualen aller Höllen gebracht hat, habe ich selbst in beispielloser Fahrlässigkeit gebacken u trage die Schuld, dass meinem Manne die Sonne seines Alters geraubt ist. In ihren letzten Augenblicken sang sie mit ihrem armen, zerschnittenen Halse u lachte uns an u nahm die Ringe von den Fingern, damit ich sie in Verwahrung nehme. Sie

hatte eine grosse, schöne Stimme bekommen u wollte Opernsängerin werden u hing an diesem Gedanken mit innigster Inbrunst. In den letzten Monaten soll sie oft geäussert haben, sie würde nicht mehr lange leben. Ich glaube auch nicht, dass ich noch lange lebe. Ich hatte immer das Gefühl, mein armer Junge wird uns alle überleben. Werde ich Sie wiedersehen? Wenn es solch ein Wiedersehen, wie das letzte in Wien sein sollte, wünschte ich es nicht. - Ich möchte wohl mehr von Ihnen wissen, aber seit langem würdigen Sie mich Ihres Vertrauens nicht mehr. Bitte schreiben Sie mir keinen officiellen Condolencbrief - dann lieber gar keinen. In steter Freundschaft AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 25.2.1921
Berlin-Halensee, d. 25. II. 21 Kurfürstendamm 130 Lieber Herr Wittgenstein, Haben Sie Dank für Ihre lieben Zeilen! Sie haben recht, in schweren Stunden kann man nur Trost in sich selbst finden. So Gott will entrinnt mir bis zu meinem letzten Augenblick keine Klage und kein Murren gegen die göttliche Vorsehung. Immer wieder sage ich mir; es war doch ein großes Glück ein solches Kind so viele Jahre gehabt zu haben. Ich besonders verdanke dem Kinde ausnehmend viel; es war mir ein Trost in den Kämpfen der letzten Jahre. Es tut mir leid, daß ich Ihnen mit meiner Absicht mal einige Wochen in Ihrer Nähe zu verbringen einen solchen Schrecken eingejagt habe. Beruhigen Sie sich nur, so bald kann das gar nicht geschehen, dagegen sprechen nämlich gewichtige Gründe. Mir liegt noch mein Amtskummet auf dem Halse. Der Krieg hat so verwüstend auf mein Hab und Gut gewirkt, daß ich gar nicht daran denken darf, der Ruhe zu pflegen, und, wenn man freie Zeit hat, ist Reisen jetzt ein teures Vergnügen. Immer wieder freue ich mich Ihres Entschlusses Lehrer zu werden; es ist für mich ein neuer Beweis meines oft ausgesprochenen Satzes, daß unsere Zeit gegen den übertriebenen Intellektualismus der letzten Jahrzehnte reagiert. Es regen sich menschliche Urgefühle! Außerdem bin ich noch heute ein leidenschaftlicher Lehrer, dem jeder dankbare Blick eines Schülers ein Gottesgeschenk ist. - Und wie freut man sich an einem Liebeszeichen eines alten Schülers, alle Undankbarkeit der vielen anderen ist dann vergessen. Diese Freuden, die ich so manches Mal erfahren, wünsche ich Ihnen von Herzen. - Ich hätte gern manches darüber gehört, wie Sie Ihren Lehrberuf ausüben. Haben Sie auch einen so unbändigen Schüler wie ich seinerzeit an Ludwig Wittgenstein. Es hat mir seinerzeit doch innerlich weh getan, als Sie mich hier im Stiche ließen, wenn Sie auch den Menschen in mir nicht vergessen haben. Mit herzlichem Händedruck, Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 23.6.1921
Stanislaus Jolles Halensee bei Berlin Kurfürstendamm 130. Herrn Lehrer Ludwig Wittgenstein Trattenbach bei Kirchberg am Wechsel Nieder-Oesterreich. Donnerstag, d. 23/VI 21, Bln-Halensee. Lieber Herr Wittgenstein, Trotz aller Sorgen und Mühen der Zeit weilen doch meine Gedanken seit Ihren letzten Briefen öfters bei Ihnen, als in den letzten Jahren. Und so bin ich auch heute bei Ihnen, um Sie zu mahnen mal wieder etwas von sich hören zu lassen. Wie geht's im Lehrberufe, ich hoffe immer noch Sie werden trotz Ihrer bisherigen Inkonstanz bei ihm aushalten. Mir macht's noch heute dieselbe oder gar noch größere Freude jemanden vorwärts zu bringen, als vor Jahrzehnten und darin merke ich meine 63 Jahre nicht. Freilich, jetzt muß Lehren noch tiefer als früher aufgefaßt werden; nicht Wissen sondern Leben ist nach dem Zusammenbruch des Intellektes zu lehren. Was in den Büchern steht, hole man daher, aber aus den Petrefakten kommt wenig lebendes, das geht von der Person aus! - Seit meinen letzten Nachrichten ist Frau Sorge eigentlich nicht von uns gewichen, da mußte meine Frau kurz nach den schweren Januartagen drei Wochen infolge einer Blutvergiftung das Bett hüten, da machte mir mein kranker Sohn dauernde Sorge u.s.f., aber meinen alten Kopf habe ich trotzdem noch oben u Gott gebe, daß ich ihn oben behalte und vor allem meine Schaffenskraft nicht versagt. Opus 33 u 34 ist im Druck; letzeres soll dem Andenken meines dahingegangenen Kindes gewidmet sein, sie hat es noch entstehen sehen. So, Kollege, da fällt grade mein Blick auf

die Andenken an Sie vor Jahren und manches andern anhänglichen Schülers; immer wieder freut's mich. Haben Sie auch anhängliche Seelen, wenn nicht, dann sind Sie auch kein rechter Lehrer, das ist der Prüfstein! Noch einen herzlichen Händedruck [...] von Ihrem alten Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 20.9.1930
Berlin-Halensee 130 Kurfürstendamm 20/9 30 Sehr geehrter Herr Wittgenstein Wie lange, ach wie lange ist es her, dass ich Ihnen geschrieben habe. Zuletzt wohl nach meinem grossen Unglück - Und ich weiss - Sie werden beim Anblick meines Briefes durchaus nicht entzückt sein - nein, wirklich nicht. Sehe ich doch Ihr verlegenes Gesicht in Wien - "Was fang ich nur mit diesen fremden Menschen - oder war es "Statisten"? - an - wie komm ich nur los." Seit einigen Wochen bekämpfe ich nun eine riesige Lust Ihnen zu schreiben - Wie? soll ich mich jemandem in Erinnerung bringen, der unzweideutig u. endgiltig uns alte Freunde fallen gelassen hat! Es ist natürlich sehr verkehrt, dass ich es nun doch tue. Aber mein Gott - Sie haben Ihre Art u. dies ist Ihre Sache. Weshalb soll ich mich nach der Ihren richten und nicht nach meiner eigenen - wenn ich mich auch dabei für einen kleinen Augenblick vordrängen muss aus der mir freundlichst zugewiesen[en] "Nichts mehr davon" Versenkung! und meinem Stolz schon mal einen Puff versetzen muss. Wie lange noch, u. es heisst definitiv Nichts mehr davon u. man ist jenseits von Schreiben oder Nichtschreiben u. den Stolz benagen die Würmer. Genug der Einleitung. - Also. Nach sehr vielen Jahren waren wir wieder bei einer Naturforscherversammlung (Königsberg) Da habe ich verschiedene Wiener Herren von der Zunft kennen gelernt und erfuhr so, dass aus unserm frühern Freunde - "verflossenen" ist ein unfeines Wort, aber eigentlich bezeichnender - dem "kleinen Wittgenstein" doch noch etwas anderes "geworden ist" als der "Dorfschullehrer" und dass man dort sehr viel von Ihnen hält. Ob Ihnen dies nun gleichgiltig oder gar unerwünscht ist, muss ich Ihnen doch sagen, wie ausserordentlich, aber ausserordentlich ich mich darüber gefreut habe! Habe ich doch an Sie geglaubt, als es bei Ihnen - nun, wie soll ich mich ausdrücken - nun, sehr bunt aussah u. es gar nicht so klar war, wohin Sie Ihre "Leitern" führen würden. Eigentlich könnte ich Ihnen einen Wechsel präsentieren, demzufolge Sie mir 1 Mal - in Worten Ein Mal - pro Anno schreiben und berichten wollten, wie es Ihnen ginge auch, oder gerade unter den von mir vorausgesagten, von Ihnen bestrittenen "Nichts mehr davon" Umständen. Aber - ich tue es nicht. Ich habe es mir geleistet Ihren Wechsel längst zu verbrennen u. die Asche in alle Winde zu streuen. Amen. Meinem Mann, der, wie Sie wissen, väterlich an Ihnen hing, waren Sie eine herbe Enttäuschung - mir nicht. Sie werden sogar stets zu meinen wenigen hellen u. lieben Erinnerungen gehören, d.h. nicht Sie, sondern der "kleine Wittgenstein" u. liebe Mensch, von dem Sie kaum noch wissen mögen. Den jetzigen kenne ich nicht. - Treue ist wol Mangel an Beweglichkeit, Festkleben an Gewesenem, Abgestorbenen, Stagnation, Hindernis beim Vorwärtsschreiten, Übersichhinauswachsen - das sehe ich alles ein aber ich leide an der Krankheit - Bin auch nicht vorwärts gekommen, im Hintertreffen stecken geblieben! - Nun, das ist vorbei u. nicht zu ändern. Im Nebenzimmer spielt meine Cousine Margarete J. - bekannte Pianistin, die bei uns wohnt - das Brahmssche B moll Concert. Ach Gott, wie waren damals andere Zeiten. - (Wissen Sie noch, wie wir es 3händig spielten.) Schwer ist das Leben.

AN ADELE JOLLES, nach dem 20.9.19130
Trinity College Cambridge [nach dem 20. 9. 1930] Hochgeehrte gnädige Frau! Ich habe heute Ihren Brief erhalten. Er war mir wohl /naturlich/ eine Überraschung, wenn auch nicht von der unangenehmen Art die Sie meinten. Im Gegenteil empfinde ich es als ein Glück daß Sie mir /das Schicksal/ diese Gelegenheit gegeben hat mich mit Ihnen noch einmal in Verbindung zu setzen. Wenn ich Ihnen nun aber schreiben will so stehe ich vor der Wahl etwas mir selbst nicht ganz Natürliches zu schreiben nur um ihnen überhaupt zu antworten oder das zu schreiben was ich meine was Ihnen aber möglicherweise ganz unverständlich sein wird. Ich glaube es ist besser ich schreibe wie es mir natürlich ist & mache Ihnen so ein Verstandnis möglich (wenn auch schwer) besser als ich schreibe etwas was halbwegs plausibel klingt aber nicht eigentlich verstanden werden kann weil es nicht wahr ist. Zunächst Sie haben Recht es ist mir gleichgültig ob man in Königsberg etwas von mir hält oder nicht. Ich kann - bei dem /trotz des/ besten Willen, selbst nicht viel von mir halten & die gute Meinung von Professoren der Philosophie & Mathematik - Ausnahmen ausgenommen - bestärkt mich eher in meinem ungünstigen Urteil als daß sie mich ermutigte. (Die gute Meinung der wenigen Ausnahmen wird mich zwar - wie ich hoffe - in meinem Urteil

über mich oder meine Arbeit auch nicht irre machen ich nehme sie aber als persönliche Freundlichkeit dankbar an). Als ich nun las Sie seien auf einem Naturforscher Kongress gewesen da überkam mich wieder der heftige Widerwille & davor daß die Fraun der Professoren an Kongressen teilnehmen & mit "Zunftgenossen" /Herren von der Zunft/ reden. Das aber schreibe ich Ihnen nur weil es ein Symptom aller jener Eigenschaften /Dinge/ ist die mir so fremd geworden sind Als ich in Berlin war & auch noch später empfand ich diesen Widerwillen nicht. Später wurde er in mir stark & machte mir eine Verständigung oder überhaupt eine Verbindung mit Ihnen unmöglich. Ja als ich Ihren vorletzten Brief erhielt der mir Ihr großes Unglück mitteilte da verursachte mir Ihre unnaturliche Ausdrucksweise /die Unnatur verzeihen sie mir das Wort journalistische/ solchen Widerwillen & das Gefühl einer solchen Fremdheit daß ich jeden Versuch einer Verständigung als unsinnig beiseite schob. - Ich erkenne aber heute (& erkannte schon damals unklarer /undeutlicher/) daß es ein Unrecht von mir war mich von solchen Gefühlen beherrschen zu lassen wo den Gefühlen der Dankbarkeit & Treue der erste Platz gebührte. Darum ist also Ihr Vorwurf der Untreue leider nicht ganz ungerechtfertigt /unberechtigt/ wenn es sich auch damit nicht ganz so verhält wie sie - naturlicherweise -, glauben. Daß ich Ihrem Herrn Gemahl eine Enttäuschung bereiten mußte habe ich gewußt & bedauert aber darin lag mein Fehler nicht denn ich mußte manchen eine Enttauschung bereiten gerade dadurch daß ich tat was richtig war. Ich will sagen: Mein Fehler lag nicht darin daß ich eine Verständigung von /für/ ausgeschlossen hielt denn sie war (& ist vielleicht noch immer) ausgeschlossen wohl aber lag es darin daß ich die Wichtigkeit von Dankbarkeit & Treue hinter die der Verständigung stellte während in Wirklichkeit diese im Vergleich zu jenen ganz gleichgültig /belanglos/ ist. Ich habe mich also doch unanstandig benommen & bitte Sie & Ihren Herrn Gemahl mir das zu verzeihen wenn Sie es vom Herzen können. Ich will noch sagen daß mich 3 Stellen Ihres Briefes in guter Weise beruhrt haben: Die in der Sie schreiben, ich hätte meine Art & das sei meine Sache, Sie aber mußten sich nach der Ihrigen richten. Das ist wahr & ich denke oft dasselbe. Dann die Stelle in der Sie Ihre Freude über mein Erfolg in Königsberg ausdrücken & diese Stelle hat mich gefreut obwohl sie auf einer falschen Einschätzung des Urteils der "Herren von der Zunft" beruht. Und endlich die Worte "Schwer ist das Leben". Das war ein Ton, den ich verstehe. Nehmen Sie nocheinmal meinen Dank dafür daß Sie mir diese Gelegenheit gegeben haben Ihnen zu schreiben. Ich bin Ihr ergebener Wittgenstein

VON ADELE JOLLES, 8.10.1930
Berlin-Halensee 130 Kurfürstendamm 8/10 30 Lieber Herr Wittgenstein ich danke Ihnen Ihre Offenheit. - Ich kann jetzt wieder ohne jede Bitterkeit an Sie zurückdenken, wenn es mir auch sehr schmerzlich ist. Meinem Mann kann ich Ihre Botschaft nicht ausrichten - Ich hatte ihm von meiner Absicht Ihnen zu schreiben vorläufig nichts gesagt und augenblicklich fällt es mir schwer darüber zu sprechen. Vielleicht später einmal. Ueberdies, - mein Mann ist 73 alt und seine einzige Freude ist die Anhänglichkeit seiner alten Schüler. Jetzt freut er sich über Ihre Anerkennung - d.h. die Ihnen zuteil wird - Nur - eines hätten Sie mir nicht sagen dürfen - dies, was Sie mir über meinen vorletzten Brief schreiben. Aber vielleicht haben Sie Recht - Ich habe ja selbst nur zu oft einen Widerwillen gegen mich. Alles Gute und Schöne. Adele Jolles. Meine Bemerkungen über Treue bezogen sich auf mich - und gerade tags darauf las ich im Hamsum: "Treue ist eine Art Schwerfälligkeit." Beharrungsvermögen. Ihnen wollte ich keinen Vorwurf machen.

VON ADELE JOLLES, 21.8.1939
21/8 39 Lieber Freund, heute früh habe ich Ihren l. Brief erhalten u. schon schreibe ich Ihnen. Denn es heisst nicht immer vant mieux tard que jamaés, es kommt auch zuweilen vor vant mieux tôut que jamaés. Und bekanntlich weiss kein Mensch wie lange er noch auf dieser ach, so schönen u. ach, noch grausameren als schönen Erde wandelt. Klar? - Wir waren durch einen günstigen Zufall 4 Wochen auf dem Lande, auf dem Gute eines Bekannten. Es war eine Wonne diese herrlich duftende Luft zu atmen in einem alten, grossen Schlosspark - wie überhaupt frisch duftende Luft zum schönsten gehört, was einem noch beschert sein kann - Andererseits war die Nebenumstände sehr traurig u. versti[mmter?] Schwanengesang. - Der Mann gestorben, die Kinder weit, weit verstreut, das Haus voller Sorgen - aber letzteres ist man gewohnt. Man kennt nichts anderes mehr. - Ich danke Ihnen für Ihr freundliches Mitgefühl für meinen Reissmatismus. Ich wusste gar nicht, dass ich Ihnen von diesem treuen Genossen

berichtet hatte - vielleicht, weil ich ihn mit Heilbädern nicht zu vertreiben vermochte u. dies bemerkte? - Es gibt aber so viel Schlimmeres, dass es mich beinahe amüsirt. - Sehr leid tut es mir, dass Sie erfolglos in einer unangenehmen Angelegenheit Laufereien hatten u. besonders, weil es Sie hinderte Ihre liebe Absicht, uns zu besuchen, auszuführen. Ich möchte aber auf meine Frage Antwort haben, wie es mit Ihren Lehrplänen geworden ist - ich frage doch nicht aus Neugier u. nicht, wie man how do you do sagt. Ihren Schwestern geht es gut "bis dato" - dies freut mich. Und wo ist Ihr Musikbruder? Und haben Sie noch Ihr Alleegasse-Heim? - Ein früherer Schüler meines Mannes, Historiker, hat drei für mich wertvolle Familienerinnerungen noch bei sich. Es wäre mir lieber, sie kämen zu Ihnen. Er heisst Henry Weinreh und seine Adresse ist S W 1 Belgrave Rd. 82 London. Kommen Sie mal hin? dann wäre es lieb, wenn Sie sich mit ihm in Verbindung setzten. In dem Fall, würde ich ihn instruiren. Und kommen Sie auch einmal nach Paris? Auch mein Neffe hat interessante alte Familienbriefe u. Dokumente, die bei Ihnen vielleicht besser aufgehoben wären u. die er vor Jahren mitgenommen hat, weil sie ihm vom bibliographischen Standpunkt er ist ein grosser Bibliophile! - interessirten. Wiewohl ich all dies kaum literarisch je wieder werde verwerten können! - Ich besitze auch noch - irgendwo; augenblicklich wüsste ich nicht zu sagen in welchem Schranke, aber ich werde ihn hoffentlich finden - einen Brief vom engl. Maler Lawrence. Würde es Sie interessiren? dann schicke ich den Ihnen. Ich grüsse Sie sehr herzlich und wünsche Ihnen sehr viel Schönes u. Gutes u. wenn ich gestorben worden sein werden sollte, dann gedenken Sie mein in Freundschaft, und schimpfen Sie nicht zu sehr. Was Sie manchesmal abstiess war - vielleicht - unwillkürlich gekünstelt, oder auch willkürlich. A J. Müller ist ganz blind. Wir kommen gar nicht mehr zusammen. Ich bemerke soeben, dass ich auf 2 Bogen geschrieben habe. Erschrecken Sie nicht - ich schliesse trotzdem. Den Brief lasse ich einschreiben Wenn ich ihn schon geschrieben habe, will ich auch wissen, dass er ankommt u. in Ihre Hände gelangt, u. es gehen jetzt viele verloren. Ueberdies, weiss ich nicht, wo Sie jetzt weilen mögen. Leben Sie recht wohl Ihre ergebene Adele Jolles. 29/8 Ich konnte mich nicht entschliessen den Brief wirklich fortzuschicken - nun aber tue ich es, denn:

Der Kommentar
VON STANISLAUS JOLLES, 17.7.1914
Visitenkarte mit vorgedruckter Unterschrift: "Professor Dr Stanislaus Jolles". Stanislaus Jolles: Geb. 25.7.1857, Berlin; gest. 1939, Berlin (vgl. Adele Jolles an Wittgenstein, 21.8.1939: "Mann gestorben"; im J. C. Poggendorf, Biographisch-literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften (Bd. VIIa, 1958) ist als Todesdatum hingegen der 14.2.1942 verzeichnet). Studierte 1875-1878 in Dresden, 1878-1880 in Breslau, ab 1880 in Straßburg. 1882 Promotion mit der Dissertation Die Raumkurve IV. Ordnung II. Species synthetisch behandelt (Dresden: Buchdruckerei von Carl Engelmann 1883). 1886 Habilitation an der Technischen Hochschule in Aachen mit der Arbeit Die Theorie der Osculanten und das Sehnensystem der Raumcurve IV. Ordnung, II. Spezies. Ein Beitrag zur Theorie der rationalen Ebenenbüschel (Aachen: J. A. Mayer 1886). 1885-1892 Asistent für darstellende Geometrie und graphische Darstellung an der technischen Hochschule zu Aachen. Seit 1886 Privatdozent in Aachen, ab 1893 Privatdozent an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg. Seit 1896 Dozent und ab 1907 ordentlicher Professor an der Technischen Hochschule in Berlin. Er unterrichtete in der Abteilung für allgemeine Wissenschaften die Fächer Darstellende Geometrie und Graphische Statik. 1925 wurde Jolles emeritiert. Wittgenstein studierte laut Matrikelbuch des TU-Hochschularchivs vom 23.10.1906 bis 5.5.1908 Maschinenbau an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg. Wittgenstein wohnte in dieser Zeit im Haus der Familie Jolles am Kurfürstendamm. Jolles publizierte zahlreiche Aufsätze in einschlägigen Fachzeitschriften, u.a. in: Archiv der Mathematik und Physik, Mathematische Zeitschrift, Jahresbericht der Dt. Mathematikervereinigung, Journal für die reine und angewandte Mathematik. - Laut Auskunft von Brian McGuinness gab es im Jahre 1939 Bestrebungen - unterstützt von Einstein und Wittgenstein Jolles für wissenschaftliche Arbeiten nach England zu bringen. Ihr Manuskript: Jolles Formulierung läßt den Schluß zu, daß Wittgenstein in Berlin eine kleine Abhandlung verfaßt hat. Bisher war lediglich bekannt, daß Wittgenstein in Berlin mit seinen Tagebuchaufzeichnungen begonnen hat. In einer Bemerkung von 1929 oder 1930 schrieb Wittgenstein: "Es ist merkwürdig daß ich seit so vielen Jahren fast nie mehr das Bedürfnis empfunden habe Tagebuchaufzeichnungen zu machen. In der allerersten Zeit in Berlin als ich damit anfing auf Zettel Gedanken über mich aufzuschreiben, da war es ein Bedürfnis. Es war ein für mich wichtiger Schritt." (Zit. nach Brian McGuinness: Wittgensteins frühe Jahre.Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S. 103) meine Frau: Adele Jolles, Lebensdaten nicht ermittelt.

VON STANISLAUS JOLLES, 25.9.1914
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 25.9.14" mit dem Vermerk "ZENSURIERT" gestempelt. Von fremder Hand wurde die Adresse ergänzt: "Weichselschiff „Goplana“". nach Krakau zurückgekehrt: Wittgenstein kam am 21.9. mit der "Goplana" in Krakau an und notierte am 22.9. in sein Tagebuch: "Erhielt eine Menge Karten und Briefe u.a. von Ficker und Jolles." Und am 28.10: "Auch von Ficker und der Jolles liebe Nachricht." (Zit. nach der normalisierten Fassung von Wittgenstein's Nachlass. The Bergen Electronic Edition, 1998). Diese Zuschriften von Stanislaus und Adele Jolles sind verschollen. Unterseeboot U. 9: Das Unterseebot U 9 versenkte am 22.9.1914 die britischen Panzerkreuzer Aboukir, Hogue und Cressey. unsere Emden: Der Kleine Kreuzer SMS Emden war der erfolgreichste deutsche Auslandskreuzer. Am 22.9. schoß die Emden mindestens 2.000 Tonnen Öl im Hafen von Madras in Brand. Am 28.10. beschoß sie die Hafenanlagen von Penang und zerstörte einen russischen Kreuzer und einen französischen Zerstörer. Insgesamt brachte die Emden 19 Schiffe mit insgesamt 82.938 Bruttoregistertonnen auf. Am 9.11.1914 wurde die Emden von einem australischen Kreuzer zerstört.

VON ADELE JOLLES, 2.12.1914
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 2.12.14", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt. Mutter: Leopoldine Wittgenstein, geb. Kalmus: Geb. 14.3.1850, Wien; gest. 3.6.1926, Wien.

VON ADELE JOLLES, 7.12.1914
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 8.12.14", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt. Auch die Absenderadresse ist gestempelt, einmal in der dafür auf der Karte vorgesehenen Spalte, zusätzlich noch am Schluß des Textes.

VON ADELE JOLLES, 9.12.1914
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 9.12.14", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt; auch die Absenderadresse ist gestempelt. Frl. Kammerer: Möglischerweise Tochter von Otto Kammerer, der 1893 erstmals als Prof. für Mathematik an der TH erwähnt wird. 2 Paketchenerhalten?: Vgl. Wittgensteins Eintragung in sein Tagebuch vom 14.12.1914: "Liebe Sendung von der Jolles." (Zit. nach der normalisierten Fassung von Wittgenstein's Nachlass. The Bergen Electronic Edition, 1998). Bruder: Paul Wittgenstein: Geb. 5.11.1887, Wien; gest. 3.3.1961, Manhasset (New York). Pianist. Paul Wittgenstein hatte an der russischen Front seinen rechten Arm verloren. Wittgenstein hatte bereits am 28.10. davon Nachricht erhalten (vgl. Eintragung in sein Tagebuch).

VON STANISLAUS JOLLES, 21.12.1914
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 21.12.14", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt. Autodetachement: Seit 9.12.1914 arbeitete Wittgenstein in der Kanzlei der Werkstätte der Festung Krakau.

VON STANISLAUS JOLLES, 28.12.1914
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 28.12.14", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt. "Oberleut. Gürth": Oberleutnant Oskar Gürth war Wittgensteins Vorgesetzter im Auto-Detachement. Aus vielen Eintragungen Wittgensteins in seine Tagebücher geht hervor, daß er seinen Vorgesetzten sehr geschätzt hat. Veit Stoßeschen Arbeiten: Veit Stoß (1448?-1533), deutscher Bildhauer und Maler, errichtete 1477-1489 den spätgotischen Hochaltar in der Marienkirche in Krakau. Weitere Werke von Stoß befinden sich u.a. in der Schloßkirche, in der Florianskirche und in der Dominikanerkirche. Czartoryski'sche Gemäldesammlung: Die Sammlung des litauisch-polnischen Adelsgeschlechtes Czartoryski, eine Abteilung des Krakauer Nationalmuseums, enthält u.a. eine Galerie der italienischen (Leonardo da Vinci: Dame mit dem Wiesel), deutschen und niederländischen Malerei (Rembrandt: Landschaft mit dem barmherzigen Samariter).

VON STANISLAUS JOLLES, 1.1.191[5]
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 1.1.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt. 1. I.14: Irrtümlich schrieb Jolles "14"; mit einem Blaustift wurde die Zahl 5 - möglicherweise von fremder Hand darübergeschrieben. der Bericht: Nicht ermittelt.

VON ADELE JOLLES, 2.1.15
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 2.1.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."

gestempelt; auch die Absenderadresse ist gestempelt.

VON ADELE JOLLES, [20.1.1915]
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 20.1.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt; auch die Absenderadresse ist gestempelt. Am unteren Ende der Karte befindet sich eine Skizze Wittgensteins und dazu seine handschriftliche Notiz: "Blechplatte mit / ART WERKSTÄTTE / DER FESTUNG KRAKAU". Antwortformular: Es gab Feldpost-Doppelkarten mit einem Antwortteil, in den der Absender seine Adresse eintragen mußte und die der Empfänger dann nur mehr abreißen und zurücksenden konnte.

VON STANISLAUS JOLLES, 25.1.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 25.1.15", mit dem Vermerk "Zensuriert" gestempelt. secundum ordinem: ordnungsgemäß.

VON STANISLAUS JOLLES, 10.2.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 10.2.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt. Als was dienen Sie eigentlich?: In der Werkstätte wurde Wittgenstein anfangs in der Kanzlei beschäftigt. Bereits am 24.12.1914 trug Wittgenstein in sein Tagebuch ein: "Wurde heute zu meiner größten Überraschung zum Militärbeamten - ohne Sterne - befördert." Am 27.12.: "Bin zum Adjutanten des Oberleutnant Gürth ernannt." Am 3.2.1915 notierte er: "Soll jetzt die Aufsicht über unsere Schmiede übernehmen." und am 22.4.1915: "Soll jetzt die Oberaufsicht über die ganze Werkstätte kriegen." (Zit. nach der normalisierten Fassung von Wittgenstein's Nachlass. The Bergen Electronic Edition, 1998). Durch seine unausgesprochene Stellung, er bekleidete ja keinen offiziellen Dienstgrad, kam es immer wieder zu größeren Reibereien mit seinen "Untergebenen". Vgl. dazu Oberleutnant Gürths "Bericht über den Kriegsfreiwilligen Kanonier Ludwig Wittgenstein" an das k.u.k. Kriegsministerium, September 1915 (Wien, Kriegsarchiv): "W. lebte zu Ausbruch des Krieges, nach Absolvierung der Hochschulen in Charlottenburg, Oxford [sic] und Cambridge, woselbst er nach den dort geltenden Bestimmungen auch zur Ausübung der Dozentur berechtigt wäre, als Privatgelehrter (Philosophie und Mathematik) in Norwegen. Gleich zu Ausbruch des Krieges eilte er nach Wien und ließ sich, obwohl in Folge eines zweimaligen doppelten Leistenbruches vollkommen untauglich, zum Fs. Art. Reg. Nr. 1 als Kanonier assentieren. Aus Gründen idealer Natur unterließ er es, irgendwie sein Freiwilligenrecht geltend zu machen oder aus seiner civilen Stellung oder seinen Geldmitteln sich irgendwelche Vorteile zu verschaffen, so daß er bei der Weichselflotille - wie dies mit schwächlichen Mannschaftspersonen öfters geschieht, - fast ausschließlich zum Abortreinigen und ähnlichen Arbeiten verwendet wurde, welche Dienste er durch drei Monate verrichtete, bis er zu der Art. Werkstätte der Fest. Krakau als Kanonier kommandiert wurde. Hier wurde ich durch einen Zufall auf ihn aufmerksam und teilte ihn zunächst als Aufsichtscharge ein. Als ich dann erfuhr, daß er Ing. sei, verwendete ich ihn als solchen im Betrieb. Da er in seiner Bescheidenheit nie etwas von seiner Stellung erwähnt hatte, sah die Mannschaft darin eine ungerechtfertigte Bevorzugung, weshalb eiserne Strenge notwendig war, die fortwährenden Disziplinwiedrigkeiten zu bekämpfen. Da sich W. in das Gebiet der Art. Technik sehr rasch einarbeitete, somit für mich eine wertvolle Stütze war, durchsuchte ich alle einschlägigen Vorschriften und Erlässe um W. im Interesse des Dienstes eine geeignete Stellung zu verschaffen. Die im Oktober 1914 erschienen[en] Erlässe über Landsturming. ließen eine für Wittgenstein günstige Deutung zu. Selbst der Referent im k. k. Ministerium für Landesvert., den ich bei Gelegenheit über den Fall befragte, teilte meine Ansicht, daß W., da er tatsächlich als Ing. verwendet werde, berechtigt sei, die Uniform eines solchen zu tragen. Da er nun Offizierscharakter bekam, war die Frage seiner Stellung der Mannschaft gegenüber geregelt und W. arbeitete in den folgenden Monaten mit bestem Erfolg als Artillerieing. in der der Werkstätte. [...]". Eine Ernennung Wittgensteins zum Landsturmingenieur wurde vom Kriegsministerium ebenso abgelehnt, wie Gürths Bitte um "ausnahmsweise Verleihung einer Charge - eventuell nur Titularcharge - im Range eines Akzessisten" (2.9.1915, Kriegsarchiv, Wien). In einem Schreiben vom 8.11.1915 an Hauptmann E. Haechst im Kriegsministerium, in dem sich Gürth nach dem Stand der Ernennung Wittgensteins erkundigte, schildert er auch den Umfang der anfallenden Reparaturen: "Von der Taschenuhr angefangen bis zur Eisenbahnbrücke haben wir so ziemlich alles "dazwischen liegende" bereits repariert!"

VON ADELE JOLLES, 12.2.1915
Brief, an sieben verschiedenen Stellen mit "Überprüft!" gestempelt. Berlioz: Hektor Berlioz: Lebenserinnerungen. Ins Deutsche übertragen und hrsg. von Hans Scholz. München: C. H. Beck'sche Verlagshandlung 1914. "Cornet": Gemeint ist Rainer Maria Rilkes Werk Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke (1906), von dem damals bereits mehrere Vertonungen vorlagen. Im Februar 1915 führte die mit Rilke befreundete Pianistin Magda von Hattingberg die Vertonung des ungarischen Komponisten Casimir von Pászthorý in Leipzig auf. Clarinettenquintett: Wahrscheinlich op. 115 H moll von Johannes Brahms.

Italienern: Bei Kriegsausbruch gab es für Italien zwei gegensätzliche vertragliche Bindungen: einerseits die Zugehörigkeit zum Dreibund, andererseits ein französisch-italienisches Neutralitätsabkommen aus dem Jahre 1902. Bei Kriegsausbruch erklärte Italien am 3.8.1914 seine Neutralität und erkannte die Bündnispflicht aus dem Dreibund nicht an. Dies hinderte Italien aber in den folgenden Monaten nicht, aufgrund des Art. 7 des Dreibundvertrages Kompensation für die österreichischen Balkanansprüche zu fordern. Am 23.5.1915 erklärte Italien Österreich-Ungarn den Krieg.

VON ADELE JOLLES, 19.2.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 20.2.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt. Abgesang-Stollen: Anspielung auf die Versform im Minne- und Meistersang: auf Stollen und Gegenstollen folgt der Abgesang.

VON STANISLAUS JOLLES, 20.2.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 20.2.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt. "Art. Werkstätte der Festung" in der Adresse wurde (von fremder Hand ?) mit Rotstift unterstrichen. [...]: Unleserlicher Name.

VON STANISLAUS JOLLES, 5.3.1915
Ansichtskarte, Poststempel: "[BERLIN-]HALENSEE, 5.3.15", mit "Zensuriert" gestempelt. Recto Zeichnung "Stift Neuburg bei Heidelberg" von Michael Trübner, verso der gedruckte Vermerk: "Verein für das Deutschtum im / Ausland E. B. / Wilhelm Trübner-Karte 1".

VON STANISLAUS JOLLES, 9.3.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 10.3.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt.

VON STANISLAUS JOLLES, 16.3.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 16.3.15", mit dem Vermerk "Zensurier[t] / Hauptpostamt." gestempelt. wieder an die Front: Aus mehreren Eintragungen in sein Tagebuch ist ersichtlich, daß er öfter größere Probleme wegen seiner ungeklärten dienstlichen Stellung hatte. Am 5.3. notierte er: "Sprach heute mit Gürth über meine unwürdige Stellung. Noch keine Entscheidung. Vielleicht gehe ich als Infanterist an die Front."

VON ADELE JOLLES, 20.3.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 19.3.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt, weiters mit: "Prof. Dr. Jolles / Halensee bei Berlin / Kurfürstendamm 130III".

VON STANISLAUS JOLLES, 25.3.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 25.3.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt. Przemysl: Przemysl war am 18.3.1915 von den Russen erobert worden.

VON STANISLAUS JOLLES, 6.4.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 6.4.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptp[ostamt.]" gestempelt.

VON ADELE JOLLES, 8.4.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 8.4.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt." gestempelt. Gestempelt ist auch die Absenderadresse.

VON STANISLAUS JOLLES, 16.4.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 17.4.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU 1." gestempelt.

VON ADELE JOLLES, 1.5.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 1.5.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensu[r]" gestempelt. Gestempelt ist auch die Absenderadresse.

VON STANISLAUS JOLLES, 4.5.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 4.5.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / [KRAKAU]" gestempelt. Mackensen: In der Durchbruchsschlacht von Gorlice-Tárnow (1.-3.5.) wurde die Front der Russen unter der Führung von Generaloberst Mackensen durchbrochen. Am 3.6.1915 konnte Przemysl zurückerobert werden. Die deutsch-österreichische Offensive kam erst in der Schlacht von Tarnopol (6.-19. September) in Ostgalizien zum Stehen.

VON STANISLAUS JOLLES, 17.5.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 17.5.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU 1." gestempelt. Italien: Im Geheimvertrag von London (26.4.1915) zwischen England, Frankreich, Rußland und Italien, verpflichtete sich Italien zum Kriegseintritt gegen die Mittelmächte, wofür ihm seine Territorialforderungen u.a. in Istrien, Dalmatien und Welschtirol zugesichert wurden. Im Mai gab es in Italien heftige Auseinandersetzungen zwischen Kriegsanhängern und Kriegsgegnern. Am 23.5. erklärte Italien Österreich-Ungarn den Krieg.

VON ADELE JOLLES, 25.5.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 17.5.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU 1." gestempelt. Gestempelt ist auch die Absenderadresse. Sowohl recto als auch verso finden sich in Bleistift, wahrscheinlich von Wittgensteins Hand, Skizzen von nicht näher zu identifizierenden Gegenständen (Möbel?). Frau Morgenrot-Scheid: Nicht ermittelt.

VON ADELE JOLLES, 16.6.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 17.6.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU 1." gestempelt. Gestempelt ist auch die Absenderadresse. Neben der Adresse finden sich Bleistiftskizzen von Wittgensteins (?) Hand. Jampot: Kirschmarmelade.

VON ADELE JOLLES, 19.6.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 19.6.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU 1." gestempelt. Gestempelt ist auch die Absenderadresse.

VON STANISLAUS JOLLES, 19.6.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, [1]9.6.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU 1." gestempelt.

VON ADELE JOLLES, 28.7.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 28.7.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU 1." gestempelt. Gestempelt ist auch die Absenderadresse. Die Adresse wurde von fremder Hand durchgestrichen und durch folgende Angabe ersetzt: "derzeit / Wien. / XVII. Neuwaldeggerstrasse 38".

VON ADELE JOLLES, 12.8.1915
Brief. Unfall: Laut Wittgensteins Aussage in einem Brief an Ludwig von Ficker, Poststempel 24.7.1915, erlitt er um den 17. Juli durch eine Explosion in der Werkstätte einen Nervenschock und einige leichtere Verletzungen. Treibrieben: Möglicherweise eine Verschreibung; es könnten die Treibriemen gemeint sein. [...] : Unleserlicher Name.

VON STANISLAUS JOLLES, 12.8.1915
Postkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 12.8.15", mit gestempelter Absenderadresse. Pythia: Prophetin des Orakels von Delphi.

VON ADELE JOLLES, 28.9.15
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 29.9.15". grosse Erbitterung: nicht ermittelt. [...] : Unleserlicher Name. Schwägerin: Leopoldine Wittgenstein erwähnt in einem Brief an Ludwig Wittgenstein vom 7.11.1915: "Jolles schickten Dir dieser Tage die Todesanzeige seiner Schwester Baronin Menschote[?]". Leider ist der Name nicht eindeutig lesbar.

VON STANISLAUS JOLLES, 29.9.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 29.9.15". [...] : Unleserlicher Name; die zweite unlesbare Stelle in diesem Brief bezieht sich auf den gleichen Namen, diesmal allerdings abgekürzt.

VON STANISLAUS JOLLES, 5.11.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 5.11.15", verso mit Bleistiftskizzen.

VON ADELE JOLLES, 6.12.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "WIEN, 9.XII.15". Sch[...]: Unleserlicher Name.

VON ADELE JOLLES, 27.12.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "WIEN, 31.XII.15". In der Absenderadresse Zusatz von fremder Hand mit Bleistift: ",

Berlin" und unter der Anschrift nicht definierbare Bleistiftskizzen. meine Tochter: gest. 30.1.1921, Berlin (vgl. Jolles an Wittgenstein, 2.2.1921), näheres nicht ermittelt. "Manfred": Wohl Anspielung auf Robert Schumanns Ouvertüre Manfred nach Lord Byrons Gedicht Manfred, op. 115 (1848/49). Es gibt aber auch von Tschaikowsky eine Manfred-Sinfonie: vier Suiten (1879-1887). Brahms: Op. 81 D moll (1881).

VON ADELE JOLLES, 8.1.1916
Brief, verso mit Bleistift von Wittgensteins Hand (?) Schreibversuche mit kyrillischen Zeichen.

VON ADELE JOLLES, 2.2.1916
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 2.2.16".

VON STANISLAUS JOLLES, 8.2.1916
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 9.2.16" mit gestempelter Absenderadresse. Schwester Karla: nicht ermittelt.

VON STANISLAUS JOLLES, 24.2.1916
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 24.2.16".

VON STANISLAUS JOLLES, 6.3.1916
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 6.3.16". Ortswechsel: Am 22.2.1916 war Oberleutnant Gürths Bitte um ausnahmsweise Verleihung einer Charge an Ludwig Wittgenstein endgültig abgelehnt worden. "Wenn es aus disziplinären Gründen unmöglich ist, Wittgenstein in seiner dermaligen Charge in seiner Kommandierung zu belassen, so ist beim 1. Armee-EtpKmdo. um dessen Transferierung zu bitten." (Wien, Kriegsarchiv) Wittgenstein wurde am 21.3.1916 der 4. Batterie des 5. Feldhaubitzenregiments zugeteilt. Schon am 29. und 30.4. wurde er erstmals, auf Wittgensteins Ansuchen ab dem 5.5. ständig als Aufklärer eingesetzt.

VON ADELE JOLLES, 21.8.1916
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 21.8.16". Von fremder Hand wurde die Feldpostnummer mit violettem Stift durchgestrichen und unten die neue Adresse dazugeschrieben: "Olmütz / F.H.Rgt 5.-Ers.Bt / Galgenberg 3[?]“. Mit blauem Stift wurde danach die Feldpostnummer mit "189" überschrieben, die schwer leserliche Nr. "3" nach Galgenberg mit "72". Wittgensteins Eintragungen in sein Tagebuch enden am 19.8.1916 mit der Eintragung: "Soll in absehbarer Zeit zum Kader ins Hinterland abgehen." Wittgenstein wurde demnach kurz darauf nach Olmütz zur Offiziersausbildung abkommandiert. Am 1.9. wurde er zum Korporal befördert.

VON ADELE JOLLES, 27.8.1916
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 28.8.16".

VON STANISLAUS JOLLES, 21.2.1917
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 21.2.17" mit gestempelter Absenderadresse. Fähnrich: Am 1.12.1916 war Wittgenstein zum Fähnrich der Reserve ernannt worden und war nach abgeschlossener Offiziersausbildung am 9.1.1917 zu seiner Batterie zurückgekehrt, die zwischen den Karpathen und dem Dnjestr stationiert war.

VON ADELE JOLLES, 5.3.1917
Brief.

VON STANISLAUS JOLLES, 31.3.1918
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 1.4.18" mit gestempelter Absenderadresse. Gebirgsartillerie Regiment Nr.11: Am 1.2.1918 war Wittgenstein zum Leutnant in der Reserve befördert worden und am 10.3. als Aufklärungsoffizier an die Südfront nach Asiago gekommen.

VON ADELE JOLLES, 1.6.1918
Brief. Herkners: Nicht ermittelt. Feuilleton: Nicht ermittelt.

VON ADELE JOLLES, 4.8.[1918]
Feldpostkarte, Poststempel nur teilweise lesbar: "LAN[...] (SCHLESIEN), [...].18". Die Feldpostnummer wurde mit Rotstift durchgestrichen und durch "379" ersetzt. Sowohl Absender- als auch Empfängeradresse wurden mit violettem Stift durchgestrichen, und schräg darüber mit blauem Stift vermerkt: "nicht mehr / im [...] / Retour". Darunter mit violettem Stift: "nach Berlin-Halensee" und anstelle der durchgestrichenen Absenderadresse: "Abgereist nach Berlin / z Z Bl. Schöneberg [...] / Eisenacherstr b Prof Müll[...] 13/9". 4 / 8 19 : Eindeutige Verschreibung, es handelt sich um das Jahr 1918, was sowohl durch den Poststempel als auch durch die zweite Datumsangabe am Schluß des Briefes bestätigt wird.

VON STANISLAUS JOLLES, 16.12.1920
Visitenkarte, verso mit Aufdruck: "Professor Dr. Stanislaus Jolles / Geheimer Regierungsrat". Rodin: Auguste Rodin: Die Kunst. Gespräche des Meisters gesammelt von Paul Gsell. Übersetzt von Paul Prina. Leipzig: Kurt Wolff 1912 (4. Aufl. 1916). Schleffer: Nicht ermittelt.

VON STANISLAUS UND ADELE JOLLES, 2.2.1921
Brief. Bädekern: Anspielung auf die von Karl Bädeker herausgegebenen und nach ihm benannten Reiseführer. Sohn: nicht ermittelt. Volksschullehrer: Wittgenstein hatte nach Kriegsende in Wien die Abschlußklasse der Lehrerbildungsanstalt besucht und war seit Herbst 1920 Volksschullehrer in Trattenbach bei Kirchberg am Wechsel in Niederösterreich. Veröffentlichen Ihres Buches: Zu diesem Zeitpunkt waren schon mehrere Versuche gescheitert, den Tractatus zu publizieren: bei Jahoda & Siegel, beim Braumüller Verlag, in den Beiträgen zur Philosophie des deutschen Idealismus, im Brenner Verlag und zuletzt bei Reclam. Nach diesen Mißerfolgen hatte Wittgenstein die Publikation in die Hände von Betrand Russell gelegt, der die Abwicklung Dorothy Wrinch übergab. Am 21.2.1921 erhielt sie von Wilhelm Ostwald die Zusage, die Arbeit in den Annalen der Naturphilosophie zu veröffentlichen (vgl. Brian McGuinness: Wittgensteins frühe Jahre. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S. 456). Dort ist der Tractatus Ende 1921 in Bd. 14, 3. und 4. Heft, S. 184-262 erschienen.

VON STANISLAUS JOLLES, 25.2.1921
Brief.

VON STANISLAUS JOLLES, 23.6.1921
Postkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 23.6.21" mit gestempelter Absenderadresse. Opus 33 u 34: Möglicherweise die Abhandlungen Allgemeine Kollineationen und ihre Umkehrungen und Partiell inverse und partiell involutor. Kollineationen und Inzidenzien in 2 kollokalen korrelativen Feldern die beide 1921 in der Mathematischen Zeitschrift erschienen sind. [...] : Unleserliches Wort.

VON ADELE JOLLES, 20.9.1930
Brief, abgedruckt in Brian McGuinness: Wittgensteins frühe Jahre. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S. 105f. grossen Unglück: Tod der Tochter im Jahre 1921. Naturforscher Versammlung: Gemeint ist die 91. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte (7.-11.9.1930), verbunden mit dem 6. Deutschen Physiker- und Mathematikertag (4.-6.9.) in Köngisberg, dem die 2. Tagung für Erkenntnislehre der exakten Wissenschaften organisatorisch angegliedert war. Dort fanden folgende Veranstaltungen statt: 5.9.: Rudolf Carnap: Die Grundgedanken des Logizismus (veröff. unter dem Titel Die logizistische Grundlegung der Mathematik, in: Erkenntnis, Bd. 2, 1931, S. 91-105), Arend Heyting: Die intuitionistische Begründung der Mathematik (veröff. unter dem Titel Die intuitionistische Grundlegung der Mathematik, ebenda, S. 106-115), Johann von Neumann: Die axiomatische Begründung der Mathematik (veröff. unter dem Titel Die formalistische Grundlegung der Mathematik, ebenda, S. 116-121), 6.9.: Hans Reichenbach: Der physikalische Wahrheitsbegriff (ebenda, S. 156-171), Werner Heisenberg: Kausalität und Quantenmechanik (veröff. unter dem Titel Kausalgesetz und Quantenmechanik (ebenda, S. 172-182, Otto Neugebauer: Die Geschichte der vorgriechischen Mathematik (veröff. unter dem Titel Zur vorgriechischen Mathematik (ebenda, S. 122-134), K. Gödel: Über die Vollständigkeit des Logik-Kalküls, A. Scholz: Über den Gebrauch des Begriffs Gesamtheit in der Axiomatik, W. Dubislav: Über den sogenannten Gegenstand der Mathematik, 7.9.: Diskussion über die Grundlagen der Mathematik im Anschluß an die Vorträge von Carnap, Heyting, Neumann und Wortmeldungen von H. Härlen, R. Carnap und H. Hahn. Vgl. dazu Bd. 1 der Erkenntnis, 1930/31, S. 80. Vgl. auch Bd. 1, S. 414 über die Tagung: "Die enge Verflechtung mathematischen, physikalischen und philosophischen Denkens erweckte reges Interesse, besonders auch bei den gleichzeitig tagenden Fachwissenschaftlern. Die an die Vorträge angeschlossenen Diskussionen konnten zur Klärung der Probleme Wesentliches beitragen." Vgl. Bd. 2 der Erkenntnis, 1931, der einen Bericht über die 2. Tagung für Erkenntnislehre der exakten Wissenschaften enthält. In der Vorbemerkung (S. 88) heißt es u.a.: "Im folgenden geben wir die dort gehaltenen Vorträge wieder, mit Ausnahme der Vorträge von K. Gödel und A. Scholz, die wegen ihres vorwiegend mathematischen Inhalts an anderer Stelle veröffentlicht wurden, und des (im Programm noch nicht angekündigten) Vortrages von F. Waismann über den Standpunkt Wittgensteins, dessen Niederschrift der Autor leider bisher nicht fertigstellen konnte und den wir in einem späteren Heft zu bringen hoffen." Waismanns Vortrag ist nie veröffentlicht worden. In der Diskussion zur Grundlegung der Mathematik (S. 135-151) gibt es jedoch mehrere, z.T. kritische Stellungnahmen zu Wittgensteins Standpunkt, u.a. von Hahn und Carnap.

Margarete J.: nicht ermittelt.

AN ADELE JOLLES, [nach dem 20.9.1930]
Briefentwurf, fast zur Gänze abgedruckt in Brian McGuinness: Wittgensteins frühe Jahre. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S. 106-108. Am Ende des letzten Blattes finden sich folgende Notizen von Wittgensteins Hand: "achemy & chemistery operation steady hand to plant a read Galileo & modern science"

VON ADELE JOLLES, 8.10.30
Brief. Hamsum: sic! Gemeint ist offensichtlich Knut Hamsun; die Stelle konnte nicht ermittelt werden.

VON ADELE JOLLES, 21.8.1939
Brief, erwähnt in Brian McGuinness: Wittgensteins frühe Jahre. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S. 108. Mann gestorben: Todesdatum nicht ermittelt. unangenehmen Angelegenheit: Wittgenstein war im Juni 1939 nach Wien gereist und bemühte sich, für seine Geschwister Abstammungsbescheide zu erhalten, um sie vor den Judenverfolgungen zu schützen. Im Anschluß daran fuhr er am 5. Juli nach Berlin und am 12. Juli über England nach New York, wo er mit den zuständigen Regierungsstellen bzw. den Direktoren der Familienholding Vermögensverhandlungen führte. Schließlich stellte die Reichsstelle für Sippenforschung neue Abstammungsbescheide aus, in denen der Großvater Hermann Christian Wittgenstein (geb. am 12.9.1802 in Korbach) zum "deutschblütigen Vorfahren" erklärt wurde. Schwestern: Hermine, Margarete und Helene Wittgenstein Musikbruder: Paul Wittgenstein. Henry Weinreh: Nicht ermittelt. Neffe: Nicht ermittelt. Lawrence: Vielleicht Thomas Lawrence (1769-1830), bedeutender Porträtist des engl. Hofes und des Hochadels. Müller: Wahrscheinlich Gottfried Karl Richard Müller (geb. 19.1.1862, Berlin), Kollege an der TH in Berlin-Charlotenburg (Differential- und Integralrechnung).

Editorischer Bericht
Im Wiener Brieffund, der 1988 dem Brenner-Archiv übergeben wurde, befinden sich 25 Briefe und Postkarten von Adele Jolles, 29 von Stanislaus Jolles an Ludwig Wittgenstein aus der Zeit von 1914-1921. Zusätzlich wurden drei Briefe von Adele Jolles an Wittgenstein und ein Briefentwurf Wittgensteins an Adele Jolles berücksichtigt, die Brian McGuinness in seiner Wittgenstein-Biographie ganz oder teilweise abdruckte oder auch nur paraphrasierte und von denen McGuinness freundlicherweise Kopien zur Verfügung stellte. Die Originale dieser drei Briefe sowie die Briefe Wittgensteins an Stanislaus und Adele Jolles sind verschollen. Einige von den hier publizierten Briefen wurden bereits in dem Buch Ludwig Wittgenstein: Geheime Tagebücher 1914-1916. Hg. von Wilhelm Baum. 2. Aufl. Wien: Turia & Kant 1991 erstveröffentlicht, allerdings ist die Transkription so schlecht, daß darauf nicht eigens hingewiesen wird.

Textgestaltung
Die äußere Form eines Briefes ist wesentlich mit der inhaltlichen Mitteilung verbunden. Die Papierwahl, ein vorgedruckter Briefkopf, bei handschriftlichen Briefen die Wahl des Schreibmaterials, die Schriftzüge und die Sorgfalt oder Nachlässigkeit bei der Abfassung liefern wesentliche Informationen über den Briefschreiber, die Art der Mitteilung und das Verhältnis der beiden Briefpartner mit. Bei der elektronischen Erfassung eines Briefes gehen daher wesentliche Informationen verloren und können durch formale Beschreibungen kaum, nicht einmal mit einem Faksimile vollständig wiedergegeben werden. Die "originalgetreue" Wiedergabe kann sich deshalb im wesentlichen nur auf den Brieftext beziehen, nicht aber auf die Form, die den Herausgebern selber überlassen bleibt, die aber nichtsdestoweniger konsequent gehandhabt werden muß. Jeder Brief wird mit einer Briefüberschrift (versal) begonnen, die den Namen des Adressaten (bei Briefen Wittgensteins) oder Verfassers und das Abfassungsdatum enthält. Aus Gründen der Übersichtlichkeit stehen vorgedruckte Briefköpfe (Absender, Telefon usw.) am Satzspiegel links oben, das in Briefköpfe integrierte Datum rechts oben. Sie werden im Kommentar als solche gekennzeichnet. Druckgraphiken werden nur im Kommentar angegeben und nach Möglichkeit beschrieben. Handschriftliche Briefköpfe werden an dem Ort und in der Reihenfolge angeführt, wie im Original.

Die Adressenangabe folgt, nach einer Leerzeile, ebenfalls am linken Rand des Satzspiegels. Bei vorgedruckten Adressen- und Absenderschablonen, werden diese vorgedruckten Textteile als zum Text gehörig betrachtet, wenn sie in die Formulierung eingebunden werden. Einen Sonderfall stellen die Absender- und Adressenangaben bei Postkarten dar, die ja zumeist handschriftlich vorliegen und somit als zum Brieftext gehörig betrachtet werden. Hier erfolgt die formale Darstellung, wie oben angeführt. Adressen- und Absenderangaben auf Kuverts werden nur im Kommentar vermerkt. Nach einer Leerzeile folgt der eigentliche Brieftext, wo versucht wird, sich so weit wie möglich an das Original zu halten: Orts- und Datumsangaben stehen ungefähr an der vom Original vorgegebenen Stelle, es gibt in der Wiedergabe nur links- oder rechtsbündig (im Zweifelsfall rechtsbündig). Der Poststempel wird immer in folgender Form wiedergegeben: [Poststempel: Ort, Tag.Monat.Jahr]. Die Schrift des Poststempels (z.B. Versalien oder römische Zahlen für die Monatsangabe) wird möglichst originalgetreu wiedergegeben. Unleserliche oder unsichere Teile werden mit „?“ gekennzeichnet. Im Kommentar wird der Poststempel als Zitat unter Anführungszeichen wiedergegeben, hier werden dementsprechend nur fragliche Stellen in eckiger Klammer angeführt. Datumsverschreibungen werden nicht korrigiert, da die Briefüberschrift das berichtigte Datum enthält. Anredeformeln , die im Original vom übrigen Text durch entsprechend größeren Zwischenraum oder Zeilenabstand abgehoben sind, werden, wie jeder Absatz eingerückt, danach folgt eine Leerzeile. Ist die Anrede nicht abgehoben, wird sie in den Brieftext intergriert. Absätze werden durch Einrückung gekennzeichnet, größere Abstände zusätzlich durch eine Leerzeile. Überschreibungen werden im Textteil zwischen zwei Schrägstrichen eingefügt. Durchstreichungen werden nur dann (im Kommentar) erwähnt, wenn eine deutliche Änderung der Autorintention erkennbar ist. Alle Fehler und Verschreibungen werden ohne das im Text oft störende [sic!] wiedergegeben. Bei schweren oder sinnstörenden Schreibfehlern erfolgt, damit nicht der Eindruck eines Tippfehlers entsteht, ein Verweis im Kommentar. Bei den für Wittgenstein typischen Fehlern, z.B. "wol" statt wohl wird ein solcher Verweis nicht für nötig erachtet. Schwer leserliche Stellen und Ergänzungen durch die Herausgeber werden mit eckiger Klammer gekennzeichnet. Die Grußformel steht immer am linken -Rand des Satzspiegels, unabhängig von der Vorlage. Die Unterschrift immer am rechten Rand des Satzspiegels, unabhängig von der Vorlage. Postskripte u.ä. folgen immer nach einem Zeilenabstand. Beilagen folgen immer - abgehoben durch einen Zeilenabstand - am Schluß des Brieftextes, vorausgesetzt sie stehen mit dem Brieftext in engem Zusammenhang, oder stammen vom Schreiber (z.B. eine Gedichtabschrift u.ä.). Selbständige Beilagen, z.B. Zeitungsausschnitte, Sonderdrucke, Flügblätter, Bücher u.ä. werden im Kommentar beschrieben. Für alle oben angeführten Punkte gilt: - Wenn keine eindeutige Reihenfolge von Texteilen erkennbar ist, etwa durch Überschreibungen, Notizen an den Rändern usw., dann wird nach dem normierten Schema vorgegangen. - Die verschiedensten graphischen Gestaltungen, Einrückungen, Zentrierungen u.ä. werden bei Adressenangaben, Grußformel u.ä. einheitlich nur durch Absätze angedeutet. - Für alle Besonderheiten, die formal nicht eindeutig oder ungenau dargestellt werden können, finden sich Hinweise im Kommentar.

Kommentar
Der allgemeine Kommentar beginnt mit der Bezeichnung der Textgattung. Gegebenenfalls folgt die Beschreibung der Papierart, von Beilagen und handschriftlichen Zusätze von anderen Personen. In diesen allgemeinen Teil fallen auch Bemerkungen zur Datierung. Fehlende Angaben, z.B. der Poststempel auf einer Postkarte, werden nicht eigens vermerkt. Der Einzelstellenkommentar versucht alle im Brief vorkommenden Personen, Orte, Ereignisse und Anspielungen zu klären.Nicht jeder Zusammenhang und jede Einzelanspielung kann geklärt werden. Dies hängt einerseits vom Wissen und den Recherche-Möglichkeiten ab, andererseits von der Quellenlage, die eine Klärung derzeit nicht zuläßt. In diesen Fällen wird die Formel "nicht ermittelt" verwendet.

Hänsel--Wittgenstein: Eine Freundschaft
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BRENNER-STUDIEN Band XIV
Begründet von Ignaz Zangerle und Eugen Thurnher In Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Brenner-Archiv hrsg. von Walter Methlagl und Allan Janik
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Vorapparat
Titelblatt
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Ludwig Hänsel--Ludwig Wittgenstein Eine Freundschaft
Briefe. Aufsätze. Kommentare
Herausgegeben von Ilse Somavilla, Anton Unterkircher und Christian Paul Berger unter Leitung von Walter Methlagl und Allan Janik

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Urheberrecht
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Herausgabe und Druck wurden gefördert von der Österreichischen Forschungsgemeinschaft und dem Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung Die Deutsche Bibliothek--CIP-Einheitsaufnahme Ludwig Hänsel--Ludwig Wittgenstein: eine Freundschaft; Briefe. Aufsätze. Kommentare / hrsg. von Ilse Somavilla...--Innsbruck: Haymon-Verl., 1994 (Brenner-Studien; Bd. 14) ISBN 3-85218-170-4 NE: Somavilla, Ilse [Hrsg.]; Hänsel, Ludwig; Wittgenstein, Ludwig; GT Umschlagbilder: vorne links: Ludwig Wittgenstein (ca. 1947) vorne rechts: Ludwig Hänsel (ca. 1952) hinten links: Ludwig Hänsel (ca. 1913) hinten rechts: Ludwig Wittgenstein (ca. 1920) © Haymon-Verlag, Innsbruck 1994 Alle Rechte vorbehalten / Printed in Austria Umschlaggestaltung: Helmut Benko Satz: Typomedia, Neunkirchen Lithos: Gramont, Innsbruck Druck- und Bindearbeit: Wiener Verlag, Himberg bei Wien
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Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ludwig Hänsel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ludwig Hänsel: Gefangenenlager bei Cassino . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Briefwechsel Hänsel--Wittgenstein und ausgewählte Briefe von Leopoldine, . Clara, Hermine und Paul Wittgenstein, Margarete und John Stonborough, Michael Drobil und Ernst Geiger an Hänsel Aufsätze von Ludwig Hänsel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . --Alexius von Meinong. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . --Das Relative und das Absolute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . --Newton--Goethe--Pascal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . --Karl Kraus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . --Eine Fackel christlichen Geistes. Jubiläum um den »Brenner«. . . . . . --Ferdinand Ebner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . --Ludwig Wittgenstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . A) Erläuterungen zu den Briefen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . B) Übersichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . --Ilse Somavilla: Der rechte Ton: Gedanken zur Freundschaft . . . . . . . Ludwig Hänsel--Ludwig Wittgenstein --Christian Paul Berger: Ludwig Wittgensteins Kritik an . . . . . . . . . . . . Hänsels Aufsatz Wertgefühl und Wert --Allan Janik: Hänsels pädagogischer Eros: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erinnerung an den Philosophieprofessor --Walter Methlagl: Hänsels Beziehungen zum Brenner . . . . . . . . . . . . . Anhang. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verzeichnis der abgekürzt zitierten Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Editorischer Bericht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachweis der nachgedruckten Aufsätze Hänsels . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliographie der Schriften Hänsels. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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[Hänsel--Wittgenstein: Eine Freundschaft]
Vorwort
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Ludwig Hänsel ist heute einer größeren Öffentlichkeit nahezu unbekannt, auch in der Wittgenstein-Forschung wird er nur in Nebensätzen behandelt, obwohl er über 30 Jahre lang mit Wittgenstein eng befreundet war. Daß bei so verschieden gearteten Persönlichkeiten in der persönlichen Beziehung eine gewisse Unterordnung erfolgte, beweist nur, wie feinfühlig und aufmerksam Hänsel gegenüber dem oft schwierigen und verschlossenen Wesen Wittgensteins war. Was Literatur und Philosophie betrifft, hat Wittgenstein jedenfalls auch von Hänsel gelernt oder zumindest entscheidende Anregungen erhalten. Obwohl Hänsel nur drei Jahre älter als Wittgenstein war, wurde er ihm--zumindest in der Volksschullehrerzeit--so etwas wie ein umsorgender Freund, ging er doch während Wittgensteins Ausbildung an der Lehrerbildungsanstalt an seiner Stelle in die Sprechstunde, besorgte ihm später alle möglichen Lehrbehelfe für die Schule und besuchte ihn regelmäßig an den verschiedenen Schulorten. Vielfach verbrachte Wittgenstein seine Ferien bei der Familie Hänsel, auch noch später, während seiner Cambridger Zeit.
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Das ist Anlaß genug, in diesem Buch nachdrücklich auf die eigenständige Persönlichkeit und Bedeutung Ludwig Hänsels hinzuweisen. Dies geschieht mit dem Nachdruck einiger seiner Aufsätze, mit der Publikation des bis jetzt bekannten Briefwechsels, also auch der Gegenbriefe Hänsels, sowie ausgewählter Briefe der Familie

Wittgenstein und von Freunden an Hänsel, mit Übersichtsdarstellungen, die einerseits den Einzelstellenkommentar ergänzen, andererseits aber auch auf die Lebensleistung und Bedeutung von Ludwig Hänsel eingehen, und schließlich mit einer Bibliographie der gesamten Schriften und Aufsätze von Hänsel. Es zeigt sich, daß Ludwig Hänsel eine der bedeutendsten Integrationsfiguren im österreichischen Geistesleben der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war.
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An dieser Stelle möchten wir allen Personen und Institutionen danken, die am Zustandekommen dieser Edition beteiligt waren.
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Überhaupt möglich wurde dieses Buch erst durch das freundliche Entgegenkommen von Herrn Univ.-Prof. Hermann Hänsel und dessen Frau Dr. Ingrid, die uns die Briefe Wittgensteins und die umliegenden Korrespondenzen für die Edition zur Verfügung gestellt und unsere vielen schriftlichen und telefonischen Anfragen zu Kommentarproblemen immer freundlich und gewissenhaft beantwortet haben.
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Besonderer Dank gilt Herrn Major John Stonborough und dessen Frau Veronica für ihre große Hilfsbereitschaft; sie haben uns viele wertvolle Informationen über die Familie Wittgenstein übermittelt. Primarius Dr. Andreas Sjögren, Dipl.-Ing. Ludwig von Stockert und Mrs. Joan Ripley danken wir ebenfalls für die Unterstützung unserer Forschungsarbeit.
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Dank schulden wir auch Frau Maria Dal Bianco-Hänsel für ihre freundlichen Auskünfte (sie ist inzwischen verstorben) und deren Tochter Frau Elisabeth Windischer, die uns neben vielen Informationen über ihre Mutter und ihre Großmutter auch wertvolles Bildmaterial zur Verfügung gestellt hat.
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Herrn Univ.-Doz. Dr. Peter Dal-Bianco danken wir dafür, uns in entgegenkommender Weise Brief-, Manuskript- und Bildmaterial zugänglich gemacht zu haben. Prof. Brian McGuinness hat uns freundlicherweise Abschriften von Briefen Hänsels an Wittgenstein zur Verfügung gestellt, Henk L. Mulder Kopien der Wittgenstein-Schlick-Korrespondenz. Wichtige Informationen verdanken wir der Tochter von Ernst Geiger, Frau Mag. Susanne Geiger-Bahr, weiters Frau Beck vom Wittgenstein Dokumentationszentrum in Kirchberg, verschiedenen Gemeindeämtern, vor allem dem Meldeamt der Stadt Wien und der Wiener Urania. Bei der Transkription und Kollationierung haben Frau Elisabeth Usenik, Mag. Monika Seekircher und Mag. Michaela Pechlaner geholfen. Herrn Günter Kresser danken wir für die sorgfältige Arbeit bei der Herstellung des Bildmaterials.
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Besonders danken wir der Österreichischen Forschungsgemeinschaft, die ein Jahr lang die Finanzierung der Personalkosten für Mag. Ilse Somavilla übernommen hat. Im Rahmen eines Projekts des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, »Ludwig Wittgenstein: Briefwechsel«, konnten die zwei anderen Herausgeber, Dr. Anton Unterkircher und Dr. Christian Paul Berger, an dieser Ausgabe mitwirken.
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Die Nachlaßverwalter Wittgensteins, Georg Henrik von Wright, Elizabeth Anscombe, Peter Winch und Anthony Kenny haben die Zustimmung zur Publikation der Wittgenstein-Korrespondenz gegeben.
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Dem Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen in Norwegen danken wir für die Möglichkeit, Einsicht in die Originalmanuskripte Wittgensteins zu nehmen.
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Ludwig Hänsel
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In einem von ihm selbst verfaßten Lebenslauf führt Ludwig Hänsel folgende geistige Interessen an: Philosophie, Religiöse Probleme, Psychologie, Literatur, Pädagogik, Kulturfragen, und nennt als besondere Arbeitsgebiete: Moderne Fragen um Christentum und Kirche, Wertphilosophie, Erkenntnistheorie (Meinong-Wittgenstein), Pascal, Goethe (Naturphilosophie), grundsätzliche Fragen um Erziehung und Bildung (Schulprobleme). Sein Leben ist bestimmt von einer Reihe von wichtigen Begegnungen und Auseinandersetzungen mit Denkern und Dichtern der Neuzeit (- so der Titel seiner Aufsatzsammlung, Wien 1957). Im Nachwort zu diesem Buch (S. 351) beschreibt Hänsel die näheren Beweggründe für seine vielseitigen Interessen:

»Seit meiner Jugend haben vier Bedürfnisse meine Haltung stark bestimmt: das kritische Bedürfnis nach Klarheit und damit nach Eindeutigkeit und Widerspruchslosigkeit meiner Begriffe und Gedankengänge; das (in gewissem Sinn) universale Bedürfnis nach lückenloser, wenigstens nach den wesentlichen Richtungen lückenloser Übersicht über die bestehenden, besser noch, die möglichen Denkweisen; das Gewissens-Bedürfnis nach Unbefangenheit, nach Offenheit allen diesen Denkmöglichkeiten gegenüber, den positivistischen, realistischen, idealistischen, objektivistischen, aber auch metaphysischen und mystischen (im Wertbereich wie im Erkenntnisbereich); und schließlich auch das Willensbedürfnis nach letzten Entscheidungen, das heißt die Bereitschaft, ›zu Ende zu denken‹, auch auf die Gefahr von Widersprüchen hin.«
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In Anmerkungen zu den Aufsätzen der Sammlung (Nachwort, S. 355-358) geht Hänsel auf die für ihn wichtigsten »Begegnungen und Auseinandersetzungen« im einzelnen ein. Sein bedeutendster Lehrer an der Universität war Alexius Meinong: »Meinong war der Philosophieprofessor an der Grazer Universität, der dem suchenden jungen Studenten die Denkgrundlagen gab, die ihm für Jahrzehnte Halt waren: Hume und Locke, Kant und Schopenhauer gegenüber. Wenn ich mich in manchen Dingen auch anders entschieden habe, entscheiden mußte, als mein Lehrer--ich verehre ihn wie ehemals, als Person wie als Denker.«
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Drei Persönlichkeiten nennt er seine »geistigen Erzieher«: »Karl Muth war, wie ich sehr früh schon bekannt habe, mein erster geistiger Erzieher, Karl Kraus war mein zweiter: auch ein Gegensatz, möchte ich meinen.« »Er [Wittgenstein] war, wenn auch um ein paar Jahre jünger, mein dritter geistiger, ein sehr strenger Erzieher. Er hat mich damals, während der Gefangenschaft, mit dem Manuskript seines seither so berühmt gewordenen ›Tractatus logico-philosophicus‹ bekannt gemacht. Ich konnte ihm freilich schon damals in sehr
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wesentlichen Dingen nicht folgen.--Mein kurzer Nachruf bescheidet sich mit persönlichen Erinnerungen, die festzuhalten doch wohl nicht ohne Wert war. Sein persönliches Wesen war ebenso eigenartig und bedeutend wie das, was er geschrieben hat. Ich habe keinen Menschen gekannt, bei dem Leben und Schreiben so eng miteinander zusammenhingen. In diesem Sinn erinnerte er an Kierkegaard und an Nietzsche, mit denen er sich auch, noch in seinen Träumen, auseinandersetzte.«
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Über Ludwig von Ficker und dessen Zeitschrift der Brenner kam Hänsel zu Ferdinand Ebner: »Ich habe Ferdinand Ebner nicht persönlich kennengelernt. Seinen Gedanken war ich offen, seit Teile der Fragmente in Ludwig Fickers Zeitschrift ›Der Brenner‹, VI. Folge, 1919/20, erschienen waren. Und schließlich wurde ich ja, mit Michael Pfliegler, der Herausgeber seiner Werke.«
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Ludwig Hänsel wurde am 8. Dezember 1886 in Hallein (Salzburg) geboren. 1905 maturierte er am Gymnasium in Salzburg und studierte anschließend in Graz Germanistik, Romanistik, Philosophie und besuchte auch Vorlesungen aus Kunstgeschichte, Geschichte und Indogermanistik. Anfang 1910 schloß er sein Studium als Dr. phil. ab. 1910/11 leistete er als Einjährig Freiwilliger seinen Militärdienst in Bozen und Trient. Ende 1910 legte er die Lehramtsprüfungen aus Deutsch und Französisch ab und begann ab Herbst 1911 als Supplent an verschiedenen Wiener Gymnasien. 1913 wurde er zum wirkl. Lehrer an der Staats-Realschule Wien X ernannt. Am 6. September 1913 heiratete er Anna Sandner. 1914-1918 leistete er Kriegsdienst als Fähnrich, Leutnant und Oberleutnant in Russisch Polen, Galizien und Italien. 1918/19 war er in Kriegsgefangenschaft in Monte Cassino. Von 1920-1929 war Hänsel Professor an der Realschule Wien X, von 1929-1936 provisorischer Direktor am Privat Mädchen-Realgymnasium des Schulvereins für Beamtentöchter, Wien VIII, von 1936-1938 Direktor an der Bundeserziehungsanstalt für Mädchen, Wien III. Vom 14. 3. 1938 bis 10.9.1939 wurde Hänsel aus politischen Gründen beurlaubt, dann als Oberstudiendirektor in Verwendung eines Studienrates am Realgymnasium für Jungen, Wien XVII, wieder eingestellt. 1941-1945 wurde er als Oberleutnant, Hauptmann und Major d. R. bei der Luftwaffe in Wiener Neustadt und Wien eingesetzt, ab Herbst 1944 bei einer Fallschirmdivision in Italien, wo er 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Ab Herbst 1946 bis Ende 1951 war er wieder als Direktor an der Realschule in Wien X tätig. 1950 wurde ihm der Titel Hofrat verliehen. Nach seiner Pensionierung Ende 1951 übernahm Hänsel einen Lehrauftrag an der Universität Wien mit dem Titel Besondere Unterrichtslehre,

Philosophie.
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Ludwig Hänsel war Mitglied von zahlreichen Organisationen und Vereinen, u.a. der Wiener Katholischen Akademie, der Wiener Philosophischen Gesellschaft, des Pädagogischen Rats der Mittelschullehrer Österreichs, des Österr. NeuphilologenVerbands, der Vereinigung christlicher Mittelschullehrer, Vizepräsident der Österreichischen UNESCO-Kommission, Leiter des Österreichischen Komitees für
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Geschichtsunterricht und des Österreichischen Komitees für Philosophie und Geisteswissenschaft, längere Zeit Obmann und Obmann-Stellvertreter des Wiener Goethevereins, Vorstandsmitglied der Goethegesellschaft in Weimar und Vorsitzender der Ferdinand-Ebner-Gesellschaft.
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Seit 1920 hielt Hänsel zahlreiche Vorträge in Wien, Innsbruck, Salzburg (Salzburger Hochschulwochen), Linz, Gmunden, Mödling, Baden, Bruck/M., Graz, Klagenfurt. 1952 nahm er in Paris an der Generalversammlung der UNESCO und am Pädagogischen Kongreß Erziehung und seelische Gesundheit teil, 1955 in Venedig am Kongreß Erziehung zur internationalen Gesinnung (Sens international), veranstaltet vom Bureau international catholique de l'Enfance, 1956 in Paris an der UNESCO-Expertentagung Asiatische Kulturen in den westlichen Schulen.
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Ludwig Hänsel ist am 8.9.1959 in Wien verstorben.
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Ludwig Hänsel: Gefangenenlager bei Cassino
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In der Nacht auf den 18. November 1918 in Cassino ausgeladen aus den Viehwägen, in Marsch gesetzt, bei strömendem Regen in den freien Massenbaracken des großen Lagers untergebracht. Auf guten Feldbetten, zwei reine Leintücher, zwei Decken.
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Nach der fatalen Gefangennahme unserer Division, hinter dem Tagliamento, der ganzen österreichischen Armee in Italien, die 24 Stunden vor dem Waffenstillstand die Feindseligkeiten eingestellt hat; nach den trauervollen und entbehrungsreichen Märschen durch das haß- und siegestrunkene, befreite Land und den hungrigen Tagen und kalten Nächten im Sammellager von Capella; nach der langen Fahrt im Viehwagen; nach der ganzen Erbärmlichkeit, die Ehrlosigkeit und Elend aufgedeckt hatten: wieder geordnete Zustände, wie wir bald merkten; sogar wieder etwas militärische Zucht: ein Major von den alten Prigis übernahm an einem der nächsten Tage das Regimentskommando.
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Und zwei große Menagen gab es, eine deutsche und eine ungarische, in der Mitte die Küche, zu beiden Seiten der großen Baracke die »Speisesäle«, etwas dumpfig und düster bis zum Dachgerüst hinauf, aber vom ersten Tag an gab's zu essen, anfangs mit Schwierigkeiten,--auch die Feigen beim italienischen Kantineur, dem »Domani«, wie er seines ständigen Wortes wegen hieß, waren schwer zu erstehen und zu erkämpfen, anfangs auch für den, der noch ein paar Lire in der Tasche hatte. Aber bald war die erste Not behoben. Die Massenabfütterung (1700 Offiziere waren im Lager, anfangs auch noch einige höhere Stabsoffiziere) wickelte sich regelmäßig ab, dreimal hintereinander füllten und leerten sich die beiden Säle, die Teller klapperten, mit Sicherheit auf die Tische verteilt von den raschen Ordonnanzen. Und es gab reichlich zu essen. Trotz mancher wirklicher und eingebildeter »Panamas«, trotz mancher Einschränkungen, die zeitweilig schon aus Rücksicht auf die Bevölkerung unseren Proviantoffizieren auferlegt wurden. Ein gut Stück reichlicher, als zur gleichen Zeit bei unseren Leuten zu Hause, in Österreich, in Wien. Und welche Genüsse bot das Büffett dem, der das Geld hatte! Was haben wir Feigen im Winter und Orangen im Sommer verzehrt! (Feigen in Fett gebraten!) Und zu rauchen gab es immerhin auch, »Popolari« wenigstens. Und schließlich kam man auch mit den Zündhölzern aus. Einer in der Baracke »loderte« sicher, an dem konnten sich die anderen anzünden.
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Auch mit der Behausung konnte man sich's, wenn man Glück und Verbindungen hatte, richten. Es gab viele Kammern zu viert oder fünft. Mit weißen Wänden. Ohne Decke freilich. Hoch oben blieb immer das Dach sichtbar in diesen dünnen und doch soliden, gut italienischen Ziegelbauten, denen man bis ins Innerste sehen konnte, denen man die Rippen zählen konnte, und sie waren nicht zu viel und nicht zu wenig, erstaunlich schmal und doch fest genug, in klarer Ordnung und Fügung. Die Wände etwas über zwei Meter hoch, ließen oben die Luft und die Gespräche über sich weg durch die ganze Baracke streichen. Unten der Raum aber gestaltete sich, mehr oder

weniger geschmacklos, in jedem Zimmer anders. Dort hingen Akte an den Wänden, dort ein Beuroner Bild, fast überall ein paar Photographien, fast
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überall ein paar Mädchenköpfe. Und in den Massenbaracken, die nur vier große Räume boten,--die Betten standen in kurzen Zwischenräumen von den Längswänden her gegen den Mittelgang,--gab es zwischen manchem Streit, mancher Bosheit, manchem Eigensinn, auch ein übermütiges und wechselreiches Leben, von der edelsten Musik bis zum wildesten Gegröhle, von dem geistvollsten Gespräch bis zum derbsten Geblödel.
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Man konnte in diesem Massenlager herrlich allein sein. Und ging es einmal nicht im Zimmer, so im Freien zwischen den Baracken oder vor den Baracken auf dem großen Platz. Und man konnte sich zusammenfinden.
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Es gab Kammermusiken und Turnvereine, Fußballklubs und Gemäldeausstellungen, es gab Feste aller Art mit erstaunlichen Dekorationsleistungen, Männerchöre und Varietéaufführungen, Revuen und humoristische Vorträge. Vorträge z. B. über den Satanismus in der Literatur (matt) und über Andersens Märchen (anmutig). Überhaupt Vorträge und Vorlesungen in Menge. Jeder fand sein Publikum. Das größte und dankbarste die Vorlesung über deutsche Literatur. Man konnte darstellende Geometrie und Logik, Kant und holländische Malerei, Psychoanalyse und Hebräisch, Französisch und Paulusbriefe (griechisch!) und was weiß ich noch alles hören. Und es gab engere Diskussionszirkel, religiöse und politische. Und es gab Versammlungen, sehr aufgeregte, um Magenund Rassenfragen. Es gab natürlich auch genug, meist aber ziemlich friedliche Ehrenangelegenheiten. Und es gab Bücher in Menge. Bei den einzelnen und in der großen, gut geführten Lagerbibliothek.
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Im kalten Winter haben wir zu Zeiten tüchtig gefroren. Zumal nach der Decken-Razzia, durch die uns das italienische Kommando aller Decken bis auf eine beraubte. Vielleicht brauchte man sie für andere, frierende Kameraden, (vielleicht auch nicht). Wer konnte, half sich mit den kleinen Kohlenöfchen, die man sich abends auf den Steinboden zwischen die Füße stellte. Wenn die Nacht kam, wurden sie entzündet, zwischen den Baracken geschwungen, bis sie zu glühen anfingen, leuchtende Kreise im blauen Dunkel.--Im Sommer war es gründlich heiß. Wir wanderten herum oder lagen in der Sonne in Schwimm- oder Unterhosen, und gingen unter die Dusche und lagen wieder in der Sonne.
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Und hatten alles mögliche zu tun, die einen; und wollten und konnten nichts tun, die anderen. Und warteten. Manche schon seit Jahren.
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Aber auch die, die erst mit Kriegsende in die Gefangenschaft gegangen waren, mit Ungeduld. Ein paar Monate, sagte man zuerst, (ein paar Wochen, das hatte man doch bald aufgeben müssen, sonst wäre man doch nicht soweit nach Süden geschoben worden, zwischen Rom und Neapel, in die Abruzzen), bis Weihnachten, dann bis Ostern. Und man beging beide Feste in der Gefangenschaft mit ergebener Wehmut oder verzweifeltem Übermut. Aber auch den Frühling und den Sommer in den Abruzzen haben wir auskosten müssen. Und auskosten dürfen. Die einsame, große Berglandschaft.
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Aus dem Tagebuch, im Juli: »In einem Zeitungsartikel über eine Gottfried-Keller-Feier: »Als ich am Sonntag nachmittags durch wogende Ährenfelder und Buschholz zum Dorf Glattfelden hinunterstieg...« Die Tränen stiegen mir auf, als ich es las. Heimweh nach unserem Sommer: »Wogende Ährenfelder und Buschholz.«--Sonst aber Freude an dem weiten edlen Kreis der stillen, kahlen Berge im Mittagsblau und in der Abendreinheit ... manchmal am Rand des Fußballplatzes
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und unter den Ulmen- und Weinlaubschatten mit aufatmendem Blick über die weiße Lagermauer weg auf die hohen, mannigfaltigen, dunkelgrünen Baumgruppen und auf die Berge dahinter im tiefen Blau.«--Oh, ich habe Glück gehabt! Ich halte die Zeit meiner Gefangenschaft für die beste und für die glücklichste meines Lebens. Ich war lebendig und frei wie kaum je zuvor und nachher. Aber viele haben schwer gelitten und ihre Wut hat oft sehr sonderbare Formen angenommen.
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Nach außen frei waren wir ja wahrhaftig nicht. Wir kamen, wer wollte, je hundert Mann, nach Monte Cassino, (in Viererreihen durch den Ort am Fuße des Klosterberges), oben von den Mönchen freundlichst empfangen und bewirtet und geführt, durch den barocken Prunk der Arkaden und Höfe und Oberkirche, durch den Beuronerprunk der Krypta und des Benediktusturmes. Wir kamen einmal, durch Wiesen und Felder, in ein altes

Bergnest. Aber wir wurden ängstlich bewacht, bei Tag und Nacht. Die armen Neapolitaner oder noch südlicheren Italiener mit ihrem erbärmlichen Cambio-Rufen, wenn sie in den kalten Winternächten Posten stehen mußten! Einmal hat auch einer vor Angst ins Lager hineingeschossen. Man hat sie auch geschreckt. Die Italiener fürchteten einen Aufstand. Sie verschlossen uns bald darauf das anstoßende Mannschaftslager. Im Lande selbst war es ja auch unruhig. Wir konnten daher unseren Leuten, unter denen Typhus ausgebrochen war, nur wenig helfen. Wir selbst blieben von Seuchen verschont. Wurden auch energisch zur Reinlichkeit verhalten, (Bart und Scheitel mußten daran glauben). Und unsere Baracken wurden wöchentlich neu mit Kalk ausgespritzt. Daher jeden Samstag bunter Jahrmarkt zwischen den Baracken, wenn alle Buden geräumt werden mußten. Die Räumung hatten wir eigenhändig zu besorgen. Eigenhändig besorgten wir auch unsere Wäsche, unsere Schuhe und Kleider und die kleineren oder größeren Flickund Stopparbeiten. Ordonnanzen sahen wir immer weniger. Aber eine viel beanspruchte Schneiderei hielt sich, für die Anspruchsvollen.
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Die Ärzte kamen früher los. Wir vermißten sie anfangs. Krank wollte man dann nicht mehr gerne werden. Dann gingen die Tschechen. Und einige Kranke oder Begünstigte. Und endlich nach hundert Latrinengerüchten, am 4. August, die offizielle Mitteilung: Die Züge für die Deutsch-Österreicher sind im Anrollen. Und man hörte sie anrollen, die Nacht hindurch und noch vierzehn Nächte hindurch. Die Möbel waren schon abgeliefert, als die Abfahrt wieder verschoben wurde.
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Aus dem Tagebuch: »Abfahrtsnervosität und Verzagtheit ... alles ist voll Reisevorräte und Ärger. Versammlung. V.s kräftig witzige Rede gegen die offiziellen Latrineure... Überdies Ordonnanzennot. Offiziere bedienen auch bei Tisch und schälen Kartoffel... Nur Abortordonnanz gesichert...«
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Von der Rückschau auf die neun Monate Gefangenschaft und dem Ausblick in die österreichische Zukunft im leeren Zimmer, in der »letzten Nacht«, zu berichten, hat hier keinen Sinn, wäre zu persönlich.
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Es war auch nicht die letzte Nacht, erst um den 20. August herum fuhren wir ab, zweiter Klasse, reichlich bepackt, drei schöne Tage durch Italien, durch die gelbe Campagna, durch die grüne Poebene in unser Alpenland.
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Bei einer Abschiedsfeier in der Menagebaracke sagte der Redner, daß wir »Prigi« noch an diese Zeit dankbar zurückdenken und vielleicht sogar finden würden, auch sie sei schön gewesen. Das nahmen ihm damals viele übel. Heute würden wohl nur wenige mehr darüber den Kopf schütteln.
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»Ich habe einen jungen (30 jährigen) Logiker kennen gelernt, der gedanklich bedeutender ist als alle etwa Gleichaltrigen vielleicht überhaupt als alle Menschen, die ich bis jetzt kennen gelernt habe--ernst, von edler Selbstverständlichkeit, nervös, von einer kindlichen Fähigkeit, sich zu freuen. Er heißt Wittgenstein.«
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Aus einem Brief Ludwig Hänsels an seine Frau Anna (Cassino, 20. 2. 1919)
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Briefwechsel Ludwig Hänsel--Ludwig Wittgenstein und ausgewählte Briefe von Leopoldine, Clara, Hermine und Paul Wittgenstein, Margarete und John Stonborough, Michael Drobil und Ernst Geiger an Ludwig Hänsel
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1 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Dr. L Hänsel Wien V. Kriehuberg. 25/III Herrn Ludwig Wittgenstein IV Alleegasse 16 12. 9. 19 Lieber Wittgenstein!
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Ich bin seit einigen Tagen wieder hier.--Falls bis 16. von Dir kein Widerruf kommt, gehe ich an dem Tage wieder in die L.B.Anstalt.--Drobil möchte uns einmal das Modellieren vorführen. Schreib' mir, bitte, wann Du kämest. Herzlich Hänsel 2 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, um den 20. 9. 1919] Lieber Hänsel!
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War bei Dir, aber umsonst. Hätte mit Dir Wichtiges zu besprechen kann ich morgen vormittag zu Dir kommen. Wenn ich keine Verständigung erhalte nehme ich an daß es Dir recht ist. Wittgenstein 3 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, um den 20. 9. 1919] L. H.!
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War bei Dir um Dir zu sagen daß ich schon seit 4 Tagen in die L.B.A. aufgenommen bin. Mein Leben spielt sich nicht ohne Schwierigkeiten ab. Heute fragte mich ein Lehrer ob ich mit dem reichen Wittgenstein verwant sei. Ich sagte »Ja«; ob nah verwant, da log ich und sagte »nein weit«. Das ist ein Punkt der villeicht noch verhängnisvoll werden kann. Es tut mir leid Dich nicht getroffen zu haben.
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Besten Gruß. L Wittgenstein
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4 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien, vor dem 24. 9. 1919] Lieber Wittgenstein!
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Schade, daß ich Dich gestern versäumt, und heute wieder nicht getroffen habe.--Heute nachm. bin ich nicht frei. Aber von morgen an. Vorm. nie.--Für Sonntag nachm. lade ich Dich u. Drobil zum »bürgerl. Kaffee« ein: 4h. Stimmung Nebensache. Wir werden ziemlich unbehelligt sein (soweit das bürgerlich möglich ist)-Herzlich Dein Hänsel 5 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Herrn Ludwig Hänsel IV. Kriehubergasse 25 Wien [Wien] 24. 9. 19. Lieber Hänsel!
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Sonntag kann ich leider nicht zu Dir kommen, da ich jeden Sonntag-Nachmittag bei meiner Mutter in Neuwaldegg bin. Samstag Nachmittag werde ich zu Dir kommen. Wenn Du nicht zu hause sein solltest, ist es auch kein Unglück. Einmal werden wir uns schon sehen.
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Dein ergebener Ludwig Wittgenstein 6 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, vor dem 13. 10. 1919] Lieber Hänsel!
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Ich schreibe Dir, weil ich keine Zeit habe, Dich zu besuchen. Wenn Du den Drobil siehst, so sage ihm, bitte, er möchte die zweite Zeichnung, die er von meinem Antlitz gemacht hat, meiner Schwester schicken (Fräulein Hermine Wittgenstein XVII Neuwaldeggerstr. 38). Er soll den Preis angeben. Wenn nicht, so wird meine Schwester das Bild selbst schätzen. In der Schule geht es mir so ziemlich gut, sonst aber recht minder. Ich habe sehr viel zu tun. Von Frege erhielt ich in meiner Verlagsangelegenheit einen höchst sonderbaren Brief. Wenn ich zu Dir komme wirst
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Du ihn sehen. Es wird wahrscheinlich nicht möglich sein, die Arbeit in den Heften erscheinen zu lassen. Kurz, man hat sein Kreuz! Dein Wittgenstein 7 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Hänsel V. Kriehubergasse 25/III Herrn Ludwig Wittgenstein III Untere Viaduktgasse 9 13. [10]. 19. Lieber Wittgenstein!
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Herzlichen Dank für Deinen Brief. Hast Du Zeit für einen Besuch von mir? Wann? Meine Nachmittage sind leider immer noch frei. Und hast Du Zeit für Donnerstag 4h zum Kaffee bei mir mit Drobil? Kommt keine Absage, so rechne ich auf Dich. Drobil habe ich des Bildes wegen verständigt. Mit Zettel, denn er war schon wieder nicht in der Werkstatt. Herzlich Dein Hänsel im V. Bezirk) 8 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 24. 10. 19. Lieber Wittgenstein!
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Der Anlaß meines Schreibens ist Janko, der lächelnde Oberleutnant, guter Kerl, an den Du Dich aus Cassino erinnern wirst. Er hat mich gebeten, Dich anzugehen, Du möchtest Dich für ihn bei Deiner Familie verwenden, daß er, der Stellenlose, irgendeine Beschäftigung bekäme. Er denkt an Kanzleitätigkeit in einer Fabrik. Hat aber keine speziell kaufmännische Vorbildung (außer Maschinschreiben). In der Gefangenschaft hatte er noch mit einem Posten beim Magistrat gerechnet, der ihm bei Kriegsbeginn in Aussicht stand, hat sich aber getäuscht. Und sucht nun vergeblich (Realschulmatura).--Ich machte ihm wenig Hoffnung, komme aber seiner Bitte nach.
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Auch ich suche eifrig nach der unerwünschten »Beschäftigung«--und fange an, Erfolg zu haben. Für November habe ich Aussicht auf 5 Wochenstunden. Und dann habe ich mich--der Urania angeboten zu Vorträgen. Sie hat 6 Stunden Einführung in die Kritik d. r. Vernunft und 3 Stunden über R. Dehmel angenommen, doch die Termine auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben.-Page 22

Drobil habe ich ein paarmal aufgesucht, er arbeitet mit Anteil an einer sitzenden Gruppe: Mutter und Kind, muß aber unterbrechen, da ihm die Holzvorräte ausgegangen sind. Dein Bild will er mir übergeben, daß ich es schicke, da er keinen Pappendeckel dazu fand. Doch hat er mirs noch nicht gegeben. Das letzte Mal freilich habe ich vergessen, ihn zu mahnen.
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Sonst alles beim Alten. Ja leider. Und wie fühlst Du Dich in der neuen Umgebung? Schreib wieder einmal, oder besser: komm wieder einmal, oder laß mich kommen.
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Ich bin Dein Hänsel 9 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, nach dem 24. 10. 1919] Lieber Hänsel!
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Dank für Deinen Brief. Dem Janko werde ich wol nicht helfen können. Ich kenne niemand, der ihm eine Stelle verschaffen könnte. Wenn ich aber von etwas passendem höre, so werde ich Dir's mitteilen. Bitte sage dem Drobil, daß er ein Hund ist! Ich würde jetzt auf die Zeichnung ganz verzichten, wenn ich sie nicht meiner Schwester versprochen hätte. Bitte presse ihn, daß er Dir die Zeichnung giebt und schick' sie dann gleich. Ich werde Dich, wenn irgend möglich, in der nächsten Woche besuchen. Es geht mir mittelmäßig. Dein Ludwig Wittgenstein
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P.S. Werde Dir dann auch ein Heft des Brenner mitbringen, das Dich interessieren wird.
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10 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 3. 11. 19. Lieber Wittgenstein!
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Ich bitte Dich, bete täglich das Vaterunser. Bete für Dich selber. Ich bete für Dich, aber mein Gebet versetzt keine Berge.
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Auf der anderen Seite schreibe ich Dirs auf. Dein Hänsel Pater noster, qui es in coelis, Sanctificetur nomen tuum, Adveniat regnum tuum, Fiat voluntas tua sicut in coelo et in terra. Panem nostrum quotidianum da nobis hodie Et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris, Et ne nos inducas in tentationem, Sed libera nos a malo. Amen.

11 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, Ende 1919/Anfang 1920?] Sehr geehrter Herr Professor
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Im Vertrauen auf die Freundschaft die Sie meinem Bruder Ludwig entgegenbringen erlaube ich mir Ihren Kindern eine Kleinigkeit zu schicken!
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Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung HERMINE WITTGENSTEIN 12 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien] 16. 1. 20. Lieber Hänsel!
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Sei nicht bös, daß ich so lange nicht bei Dir war. Ich habe sehr viel zu tun. Im Inneren geht es mir nicht besonders gut, da die Verhältnisse zu meinen Mitmenschen
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mich immer wieder in unangenehmer Weise beschäftigen. So wälze ich den Gedanken, ob ich hier bleiben oder wegziehen soll immer noch ohne Resultat im Kopf herum. Bitte grüße Drobil herzlich. So bald ich kann werde ich Euch besuchen und dann um Rat, ja vielleicht um Hilfe, angehen. Dein Wittgenstein 13 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 17. 1. 20. Lieber Wittgenstein!
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Ich habe über Deinen Brief Freude, weil ich wieder weiß, daß Du noch zu mir kommen willst, dessen ich nie sicher bin; am wenigsten war ich es das letzte Mal, wo ich mich mehr als sonst passiver Zuhörer fühlte, nichts zu geben, nicht einmal was anzuregen hatte.
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Wenn Du Zeit hast, wähle den Donnerstag. Da bin ich jetzt wieder frei. Zu tun habe auch ich sehr viel und ich habe nicht mehr die Freude dazu, die mich anfangs stolz machte. Ich bin froh, daß die Kant-Vorträge zu Ende gehen. Mein Atem reicht gerade noch aus, sie zu füllen. In den Faustvorträgen drückt immer mehr das Bewußtsein, meine (nicht allzu bedeutenden) Interessen nicht übertragen zu können, also wirkungslos zu bleiben. Ich habe die Zuhörer und mich überschätzt. Die allmähliche Entleerung der Säle ist das beschämende Zeichen dafür.
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Mein Selbstgefühl, das eine Zeitlang hochgegangen war, ist wieder einmal recht gedrückt. Und was ich dagegen habe, ist nicht Ergebung, sondern nur bittere Schadenfreude. Oder die Ausrede: »keine Zeit« zu haben, gehetzt zu sein.
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Ich bin ins Klagen geraten. Und soll zu »Hilfe« bereit sein. Ich weiß nicht, wie ich Dir helfen könnte, denn Deine Not fängt dort an, wohin ich vor kleiner Nöte gar nicht zu schauen komme. Deine Not ist wohl die Distanz. Daß es eine Distanz gibt, und daß Du die Distanz des Gleichgewichtes nicht findest. Zwischen Dir und Deinen Mitmenschen ist keine Mauer, so fallen sie bald in Dich hinein, bald Du in sie. Ich habe mehr Kruste um mich.
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Wie stehts mit dem Manuskript?
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Mit Drobil war ich ein paarmal zusammen. Einmal haben wir uns an einem Heringssalat (von meiner Frau zubereitet) ergötzt und über die schlechten Zeiten geklagt. Er leidet vor allem unter dem Holzmangel.-Page 24

Wenn Du ihn gelesen hast (oder nicht lesen magst), bringe mir den Laokoon-Aufsatz wieder. Ich habe bemerkt, daß ich sonst kein Exemplar besitze und das Manuskript habe ich in einem Anfall von Großmut der Küche zum Anheizen gewidmet.

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Auf balde! Dein Hänsel.
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14 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Dr. L Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25/III Herrn Ludwig Wittgenstein b. Fr. Sjögren Wien XIII. St. Veitgasse 17 [Poststempel: Wien, 11. II. 20] L. W.
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Auch diesen Donnerstag (und überhaupt die folgenden) habe ich nicht mehr ganz frei. (Ich habe eine neue, einträgliche Stunde übernommen.) Ich bin nur mehr von 3/4 2 - 1/2 5h nachm. daheim.
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Wie gehts Dir? Herzlich Dein Hänsel 15 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Herrn Ludw. Wittgenstein (b. F. Sjögren) Wien XIII St. Veitgasse 17 [Wien, 20. 2. 1920?]
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Verzeihe: Donnerstag (diesen D.) habe ich von 4-5h zu tun. Die übrige Zeit bin ich frei. Dein Hänsel
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16 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Herrn Prof. Dr. Ludwig Hänsel V. Kriehubergasse 25 Wien [Poststempel: Wien, 2. III. 20]
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Lieber Hänsel! Als ich Dich heute auf dem Gang sah, war ich in solcher Eile (ich hatte nämlich Lehrversuch) daß ich Dir nicht einmal für Deine große Güte dankte!
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Wie ist es mit den Masern, kann ich da nicht zu Dir kommen? Wenn nicht, so sei so gut & schreib mir, was Du über mich erfahren hast. Und auch wer bei Dir krank ist und ob sich etwas machen läßt.
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Dein dankbarer Ludwig Wittgenstein

17 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 5. 3. 20. Lieber Wittgenstein!
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Deine Karte habe ich zwar schon Mittwoch bekommen, ich wollte aber erst abwarten, ob Du Donnerstag nicht doch kämest--denn rechtzeitig verständigen konnte ich Dich nicht mehr.
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Der Direktor Dr. Latzke hat in gemessener Würde »ausgeführt«, daß das ganze Professorenkollegium einstimmig sein Lob über Dich ausgesprochen habe: ernst... weiß, was er tut... weißer Rabe unter den Abiturienten... alle Achtung... auch bei den Lehrauftritten. Da sogar mehr Sicherheit, als bei Fragen während des Unterrichtes... wünscht nur, daß er in dem Beruf die Befriedigung finde, die er darin sucht... Sprechtag sei nicht, aber in der Pause könne ich beim Klassenvorstand Einblick in den Katalog nehmen. Bis dorthin lud er mich ein, in seinem Zimmer zu bleiben. Ich las im Dostojewski-Aufsatz des Brenners, während er mit peinlich-ruhiger Silbengenauigkeit Parteien am Telephon abfertigte -jeder Zoll ein Direktor.
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Der Klassenvorstand war auch sehr zufrieden. Noten: meistens lobensw. Befried. in Pädagogik, Naturgesch. Kalligr. und noch einem Gegenst. glaube ich (oder auch nicht) genügend in Violine. Lehrauftritte waren noch nicht eingetragen. Der Psychol. Professor meinte sehr selbstzufrieden, daß er sehr zufrieden sei mit dem Herrn v. Wittgenstein.-Page 26

Die Masern hat das mittlere der drei Kinder--gehabt. Sie ist im Gesundwerden. Der Bub wird sie aber wahrscheinlich übernehmen. Und zuletzt wohl auch die Ältere. Ich bin isoliert, im Zimmer, in das Du aufgenommen wurdest. Halte Schule, gebe Stunden. Nur eine Mutter hat mir ihren Buben auf diese Zeit entzogen. Ich meine, Du könntest (ohne Gefahr für Deine Schulkinder) nächsten Donnerstag
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kommen, wenn Du magst.--Auch daß Du bei mir übernachtest und einige Tage bleibst, ist bei Deiner Anspruchslosigkeit, noch immer durchführbar. Du müßtest halt im selben Zimmer wie ich schlafen.--Doch wünsche ich Dir (nicht mir!) Geduld.
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Ob sich das machen läßt? Ich bin schamlos genug, Dich zu fragen, ob Du etwas Milch für die Kinder beschaffen könntest. Sie bekommen jetzt die holländ. Jause nicht. Meine Frau läßt Dich grüßen. Herzlich Dein Hänsel 18 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Dr. L Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25/III Herrn Ludwig Wittgenstein bei Frau Sjögren in Wien XIII St. Veitgasse 17 16. 3. 20 L. W.
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Am Donnerstag bin ich nur bis 3h daheim. Ich muß in die Schulgeldbefreiungskonferenz. Verzeihe. Meine Kinder gesunden ordnungsmäßig. Und wie gehts Dir?
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Herzlichen Gruß! Dein Hänsel 19 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[April 1920?] Sehr geehrter Herr Professor

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Vor einigen Tagen schrieb ich meinem Bruder Ludwig dass ich Lebensmittel aus Amerika bekommen hätte und ihn bäte etwas Condensmilch etc. für Sie mitzunehmen. Seither haben Sie uns unendlich zu Dank verpflichtet durch die rührend freundschaftliche Art mit der Sie Ludwig bei sich aufgenommen haben. Diese Dankes-Schuld kann aber gar nicht abgetragen werden am Wenigsten durch Condensmilch, denken Sie also bitte um Gotteswillen nicht an einen Zusammenhang, sondern nur dass Ihnen eine kleine Freude machen wollte
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Ihre aufrichtig ergebene Hermine Wittgenstein
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20 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien] d. 26. IV 1920 Sehr geehrter Herr Professor
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Sonntag d. 2. Mai verteilt eine mir bekannte Dame Lebensmittel, die sie aus Amerika zur Verteilung bekommen hat. ich lege meine Karte bei und bitte sich mit dieser Karte am 2. V zwischen 10 u. 11 Uhr im physikalischen Institut IX Währingerstraße (Eingang Strudelhofgasse) einzufinden und nach Frau Hofrat Lecher zu fragen. Bitte ein Sackerl für 5-6 kg Mehl und Papier für circa 2 kg Speck mitzunehmen. Ich würde mich herzlich freuen wenn Sie die Sachen holten und bin mit besten Grüssen sehr geehrter Herr Professor
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Ihre sehr ergebene Hermine Wittgenstein 21 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, Frühjahr 1920?] Lieber Hänsel!
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Heute spät abends möchte ich zu Dir kommen. In die philos. Ges. kann ich nicht kommen. Mein Abendessen nehme ich ein, ehe ich Dich besuche. Wenn Du nicht zu Hause bist, ist es auch kein großes Unglück. Dein Wittgenstein 22 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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L. Wittgenstein bei Obergärtner Boldrino, Stift Klosterneuburg. Herrn Dr. Ludwig Hänsel Salzburg Fürstenallee 1 [Poststempel: Klosterneuburg, Tag unleserlich. VII. 20] L. H.!
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Es geht mir hier recht gut. Arbeit von 7h v. m. bis 6h n. m. Essen ziemlich gut und reichlich. Leute nett. Abends bin ich sehr müde kann darum nicht viel schreiben. Dein Wittgenstein
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23 MICHAEL DROBIL AN HÄNSEL
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Wien am 3. 8. 20. Lieber Hänsel!
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Von hier ist nichts Besonderes zu melden. Unsere Angelegenheit geht anstandslos vorsich. Wittgenstein hat mir dieser Tage geschrieben, dass er bis jetzt zufrieden und sehr fleissig ist. Der Glückliche!
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Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Ich habe alle Lust zum arbeiten verloren. Das kommt davon wenn mann darüber nachdenkt zu was das Ganze sein soll. Bin ich vielleicht gar ein Bolschewik geworden, oder hat mich die allgemeine Streiklust erfasst? Wenn es noch lange so weiter geht kannst Du noch beim Giessen zusehen Mit Wittgensteins Porträt ist's vorläufig natürlich nichts. Er meint wenn er dazukommt anfangs September werden wir es machen, doch zweifle ich daran, dass er dann Zeit hat. Die Bildhauerei ist halt eine recht überflüssige Beschäftigung. Dumm wenn mann nichts anderes gelernt hat. Es grüßt Dich herzl Dein Drobil
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Grüsse mir ebenso Deine Frau und die Kinder! 24 MICHAEL DROBIL AN HÄNSEL
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Wien am 7. 8. 20. Lieber Hänsel!
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Bei der heutigen Ausgabe wurde mir eine Karte übergeben und Folgendes mitgeteilt. »Diese Karte ist auszufüllen und bis längstens 14 August an die »Zegani« einzuschicken, von dort wird sie an das Gesundheitsamt geleitet, von wo wieder nach einiger Zeit die Aufforderung die Kinder untersuchen zu lassen, an Dich ergehen wird.« Ich werde nun die Karte ausfüllen und einschicken, so dass Du Dich noch entschliessen kannst ob Du die Kinder dazu herschicken willst. Wann diese Aufforderung an Dich ergehen wird ist noch unbestimmt. Schreibe Deiner Hausbesorgerin dass sie dieselbe sofort an Dich abschickt, oder vielleicht gar mir übergibt. Ich könnte dann evt., telegrafieren im Falle es dringend wäre.
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Bitte schreibe mir jedenfalls gleich Deinen Entschluss damit ich darnach handeln kann.
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es grüsst Dich und die Deinen herzl Dein Drobil
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Am 21. findet noch eine Ausgabe statt dann wird geschlossen. Wiedereröffnung nach der Untersuchung 25 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL [Klosterneuburg] Ich glaube der 10. 8. [1920] Lieber Hänsel!
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Dank' Dir für Deine liebe Karte.--Dieser Brief hat zwei Beilagen: 1. den Zettel aus der Hofbibliotek 2. einen Zeitungsausschnitt. Ad 1.: Ich bin nicht dazugekommen, viel im Wund zu lesen und noch weniger konnte ich über Psychologie spekulieren. Es kommt mir ganz sicher vor, daß ich so lange ich lebe geistig gänzlich unfruchtbar sein werde,--es sei denn, daß ich mein Leben radikal zum Guten wenden sollte,--was ich nicht glaube. Ad 2: Der Zeitungsausschnitt enthält das Unglaublichste, was ich je gesehen habe. Ließ ihn und sag mir, ob es dafür ein Wort gibt. Hebe Dir ihn dann auf, oder schicke ihn mir zurück.
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Hier geht es mir körperlich nicht schlecht. Ich arbeite viel und angestrengt; aber das Essen ist reichlich und

die Oberköchin, die mich aus einem mir unbekannten Grund in's Herz geschlossen hat, (sie ist eine nette Person) giebt mir öfters Mehlspeise von der Herrenmenage, ja sogar hie und da Fleisch.--Auf meine Gesuche habe ich bisher noch keine Antwort. Ist das ein Grund zur Beunruhigung? Wann erhält man denn für gewöhnlich die Verständigung, wohin man kommt?
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Es freut mich, daß Du guten Umgang hast. Wenn Dein Freund so nett ist, wie er auf dem Bild ausschaut, so ist alles in Ordnung.
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Empfiel mich gehorsamst Deiner lieben Frau Gemahlin und grüße Deine Kinder herzlichst und zum Schluß kannst Du Dich auch noch grüßen von
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Deinem, ziemlich treuen, Ludwig Wittgenstein 26 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Salzburg] 30. Aug. 20. Lieber Wittgenstein!
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Vielleicht freut es Dich, wieder einmal altes Latein zu lesen. Den Dialog, den ich Dir (mit wenig Lücken) schicke, fand ich in einem sehr ehrwürdigen alten Folianten in der Stiftsbibliothek, mit dickem Holzdeckel und schönem Druck. Bohrwürmer durchs Holz bis tief in den Band hinein. Den Anfang und den Schluß des Dialogs fand ich prächtig. Und auch in der Mitte ist Grund hinter den Gründen. Ich meine, er gefällt Dir auch. Nicolaus von Kues ist Bischof von Brixen gewesen.
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Mathematiker (auch zwei geometrische Abhandlungen sind in dem Volumen), genießt bei den Modernen Ruf als frühzeitiger Ahner der neuen Astronomie. /Hat die doppelte Umdrehung der Erde gelehrt/. Ende des 14. Jh. glaube ich. Epistolae ad Bohemos gegen die Hussitenlehre sind auch in dem Band. Also vielleicht schon gutes 15. Jh. /1401-1464/--Behalt ihn mir auf.
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Unendlicher Regen seit zwei Wochen. Die Kinder freuen sich auf die Überschwemmung wie die Leute auf die Bolschewiken. Sie möchten Schifferlfahren. (In dem Teil Salzburgs, wo wir wohnen, in Nonntal, sind nämlich kleine Hochwasser nichts so Seltenes.)--Ich aber möchte noch auf zwei Berge: auf den kleinen Barmstein und auf den Hochkönig. Den ersteren kennst Du wohl von der Fischervilla aus. Bist Du schon berufen?
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Herzliche Grüße von uns allen! Dein Ludwig Hänsel
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Wir bleiben bis 13. September.
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Nicolaus de Cusa Cardinalis St. Petri ad Vincula
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Dialogus de deo abscondito duorum interlocutorum: quorum unus Gentilis alter Christianus.
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Gentilis Video te devotissime prostratum / et fundere amoris lachrymas / non quidem falsas / sed cordialis: quaero quis es? Christianus: Christianus sum G. Quid adoras? Chr. Deum G Quis est deus quem adoras? Chr. Ignoro G. Quomodo tam serio adoras quod ignoras? Chr. Quia ignoro: adoro. G. Mirum. video hominem affici ad id: quod ignorat. Chr. Mirabilius est hominem affici: ad id quod scire putat. G. Cur hoc? Chr Quia minus scit hoc quod se scire putat: quam id quod se scit scire (?) ignorare. G. Declara quaeso Chr. Quicumque putat se aliquid scire quum nihil sciri possit: amens mihi videtur G. Videris mihi / penitus ratione carere: qui dicis nihil sciri posse. Chr. Ego per scientiam: intelligo appraehensionem veritatis. qui dicit se scire veritatem se dicit apprehendisse G. Et idem ego credo Chr. Quomodo igitur potest veritas apprehendi: nisi per se ipsam? Neque tunc apprehenditur: quum esset apprehendens prius / et post apprehensum G. ........ Chr ... nam extra veritatem non est veritas, extra circularitatem non est circulus, extra humanitatem non est homo ...... Chr. ... affirmabis quod ipsam veritatem hominis [quidditatem] aut lapidis / exprimere non poteris. Sed quod scis hominem non esse lapidem: hoc non evenit ex scientia qua scis hominem / et lapidem / et differentiam / sed evenit ex accidenti, ex diversitate operationum et

figurarum; quae dum discernis: diversa nomina imponis. Motus enim in ratione discretiva: nomina imponit. G. Est ne una an plures veritates? Chr Non est nisi una: nam non est nisi una unitas, et coincidit veritas quum unitate: quum verum sit unam esse unitatem. Sicut igitur in numero non reperitur nisi unitas una: ita in multis nisi veritas una ......... Et quamquis putat se vere scire: tamen verius sciri ipsum quod se scire putat / de facili experitur .... Sed quum omne id quod scitur non ea scientia qua sciri potest sciatur: non scitur in veritate sed aliter / et alio modo. Aliter autem et alio modo a modo quo est ipsa veritas: non scitur veritas ...... Nonne amens judicaretur ille caecus: qui se putaret scire differentias
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colorum quando colorem ignoraret? G. Quis hominum igitur est sciens: si nihil sciri potest? Chr. Hic censendus est sciens: qui scit se ignorantem. et hic veneratur veritatem: qui scit sine illa se nihil apprehendere posse / sive esse / sive vivere / sive intelligere. G. Hoc forte est quod te in adorationem attraxit / desiderium scilicet essendi in veritate. Chr. Hoc ipsum quod dicis. Colo enim deum: non quem tua gentilitas falso se scire putat / et nominat / sed ipsum deum qui est ipsa veritas ineffabilis ........ Chr... quoniam incommunicabilis est veritas (quae deus est) alteri ..... Chr. Scio / omne id quod scio / non esse deum / et omne id quod concipio: non esse simile ei / sed quia ipse ex[s]uperat G. Igitur: nihil est deus Chr. Nihil non est: quia hoc ipsum nihil / nomen habet nihili. G. Si non est nihil: est ergo aliquid Chr. Nec aliquid est: nam aliquid non est omne, deus autem non est potius aliquid quam omne. G. Mira affirmas deum quem adoras / nec esse nihil / nec esse aliquid, quae nulla ratio capit. Chr. Deus est supra nihil / et aliquid. quia ipsi obedit nihil: ut fiat aliquid. et hoc: est omnipotentia eius, qua quidem potentia: omne id quod est / aut non est / excedit, ut ita ei obediat id quod non est: sicut id quod est. Facit enim / non esse: ire in esse, et esse: ire in non esse. Nihil igitur est eorum quae sunt sub eo: et quae praevenit omnipotentia eius, et ob hoc non potest potius dici hoc quam illud: quum ab ipso sint omnia. G. Potest ne nominari? Chr. Parvum est: quod nominatur. cuius magnitudo concipi nequit: ineffabilis remanet. G. Est ergo ineffabilis Chr. Non est ineffabilis: sed supra omnia effabilis / quum sit omnium nominabilium causa. Qui igitur aliis nomen dat: quomodo ipse sine nomine? G. Est igitur effabilis et non effabilis Chr. Neque hoc. Nam non est radix contradictionis deus: sed est ipsa simplicitas ante omnem radicem. Hinc neque hoc dici debet: quia sit effabilis et ineffabilis. G. Quid igitur dicis de eo? Chr. Quia neque nominatur neque non nominatur / neque nominatur et non nominatur: sed omnia quae dici possunt disjunctive et copulative per consensum velcontradictionem / illi non conveniunt propter excellentiam inifinitatis eius / ut sit unum principium ante omnem cogitationem de eo formabilem ...... Chr. Non est nihil neque non est. sed est fons et origo omnium principiorem essendi et non essendi G. Est deus fons principiorum essendi et non essendi? Chr. Non. G. Iam statim hoc dixisti Chr. Verum dixi: quando dixi, et nunc verum dico quando nego. quoniam si sunt quaecumque principia essendi et non essendi: deus illa praevenit. sed non esse: non habet principium non essendi / sed essendi, indiget enim non esse / principio: ut sit. ita igitur est principium non essendi: quia non esse / sine ipso non est. G. Est ne deus veritas? Chr. Non: sed omnem praevenit veritatem G. Est aliud a veritate? Chr. Non: quoniam alterietas ei convenire nequit. sed est ante omne id quod veritas per nos concipitur et nominatur: in infinitum exellenter. G. Nonne nominatis deum: deum? Chr. Nominamus. G. Vel verum dicitis, vel falsum? Chr. Neque alterum neque ambo. Non enim dicimus verum quia hoc sit nomen eius, nec dicimus falsum: quia hoc non est falsum quia sit nomen eius. Neque dicimus verum et falsum: quum eius simplicitas / omnia tam nominabilia quam non nominabilia antecedat G. Cur nominatis ipsum / deum: cuius nomen ignoratis Chr. Ob similitudinem perfectionis G. Declara quaeso Chr. Deus dicitur a Theoro / id est video. Nam ipse deus est in nostra regione: ut visus in regione coloris. Color enim non aliter attingitur quam visu, et ad hoc ut omnem colorem libere attingere possit: centrum visus sine colore est. In regione igitur coloris / non reperitur visus: quia sine colore est. Unde secundum regionem coloris: potius visus est
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nihil quam aliquid. nam regio coloris / extra suam regionem non attingit esse: sed affirmat omne quod est / in sua regione esse. ibi non reperit visum. Visus igitur sine colore existens: innominabilis est in regione colorum / quum nullum nomen colorum illi respondeat. Visus autem: omni colori nomen dedit per discretionem. unde a visu: dependet omnis nominatio in regione coloris sed eius nomen a quo omne nomen: in regione coloris potius nihil esse quam aliquid depraehenditur. eo igitur modo: deus se habet ad omnia / sicut visus ad visibilia. Gentilis Placet mihi id quod dixisti, et plane intelligo: in regione omnium creaturarum non reperiri deum / nec nomen eius, et quia deus potius effugiat omnem conceptum, quam affirmetur aliquid. quum in regione creaturarum: non habens conditionem creaturae / non reperiatur, et in regione compositorum: non reperiatur nisi compositum: et omnia nomina quae nominantur: sunt compositorum. compositum autem ex se non est: sed ab eo quod antecedit omne compositum. Et licet regio compositorum / et omnia composita / per ipsum sint id quod sunt: tamen quum non sit compositum: in regione compositorum est incognitum. Sit igitur deus qui est ab oculis omnium sapientium mundi / absconditus: in saecula benedictus. Amen.

27 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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20. 9. 20. Lieber Hänsel!
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Lange habe ich Dir nicht geschrieben: Erst wollte ich warten bis ich eine Stelle hätte und dann hatte ich alle Hände voll zu tun. Meine Lehrtätigkeit hat begonnen und der Anfang hätte schlechter sein können. Die Kinder gefallen mir recht gut. Freilich sind sie sehr beschränkt und geben einem eine Riesenarbeit. Meine Collegen sind nicht übel. Einen besonders netten Menschen habe ich leider noch nicht kennen gelernt; mit der Bevölkerung hier werde ich nur mäßig gut auskommen. Wenn Du einmal heraus kommen könntest, wäre das sehr schön. Du müßtest es mich aber reichlich vorher wissen lassen, damit ich Dir eventuell abschreiben könnte, wenn ich verhindert wäre.
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Drobil war so rührend und hat mich hier herausgebracht. Du hast ihn gewiß schon gesehen und auch mich schon! Grüße Deine liebe Frau & die Kinder herzlichst
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Dein treuer Ludwig Wittgenstein Lehrer Trattenbach bei Kirchberg am Wechsel N. Ö.
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28 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 27. 9. 20. L. W.
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Hoffentlich sind sie nicht allzu schlecht, die Klingen.--Deine Briefe sind besorgt.
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Ich bin um 3/4 Stunden zu früh--und noch vor dem bescheidenen Regen nach Gloggnitz gekommen. Es war sehr schön. Und daß ich Dich verhältnismäßig gefaßt angetroffen habe, war eine große Freude für mich. Ich wünsche Dir Kraft und Besinnung. Es bleibt Dir--bei Deinen Qualitäten--ja doch nichts übrig, als ein Heiliger zu werden (wenn Du einmal die Sentimentalität: das Selbstmitleid, losgeworden bist). Aber ich darf das alles gar nicht sagen. Dein Hänsel.
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Von meiner Frau, den Kindern und Drobil viele Grüße! 29 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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WIEN XVII. NEUWALDEGGERSTRASSE 38. d. 29. IX 1920 Sehr geehrter Herr Professor
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Sie haben mir einmal, im Frühjahr glaube ich, sehr lieb geschrieben und ich wollte Ihnen damals auch antworten, verschob es aber immer und zum Schluss schien es mir ganz unmöglich. Nun muss ich wegen eines Katarrhs einige Tage das Bett hüten, da hat man Zeit und da möchte ich Ihnen doch für Ihre Zeilen danken und Sie fragen wie es Ihnen geht? Sie sind immer so lieb zu meinem Bruder, kann man Ihnen nicht eine kleine Freude mit etwas Lebensmitteln machen? Wie alt sind denn Ihre Kinder und wie viele sind es? Hoffentlich hatten Sie einen guten Sommer in jeder Beziehung.
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Es wünscht Ihnen jedenfalls das Allerbeste
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Ihre sehr ergebene Hermine Wittgenstein
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30 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien] d. 6. X 1920 Sehr geehrter Herr Professor
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Ich danke Ihnen sehr für Ihren freundlichen Brief und möchte Sie nur bitten, sagen Sie mir doch in welchen Fächern Sie Unterricht erteilen und an welcher Anstalt Sie lehren. Es kann doch sein, dass ich in meiner Verwandtschaft etwas höre, dass ein Lehrer gesucht wird gerade jetzt nach Schulanfang wäre es möglich und ich wüsste dann gleich, ob es Ihr Fach ist oder nicht. Leider muss ich für einige Zeit verreisen, ich bitte Sie aber, antworten Sie mir rasch und adressieren Sie den Brief, der ja nur die Daten zu enthalten braucht, an Frl. Marie Salzer IV Brahmsplatz 4.
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Ihren Rat bezüglich meines Bruders hätte ich gewiss befolgt, leider aber kann ich nicht zu ihm hinausfahren. Ich habe mir durch grossen Leichtsinn einen bösen Katarrh eingewirtschaftet, der nicht weichen will, obgleich ich jetzt 10 Tage im Bett gelegen bin. Daher schickt mich der Arzt zur Luftveränderung ins Gebirge und ich werde wohl ein paar Wochen damit zu tun haben. Ja sogar das Schreiben wird mir verboten, wie Sie sehen und ich muß diesen Brief von anderer Hand fertig schreiben lassen. Übrigens habe ich ja auch nichts hinzu zu fügen als beste Grüße von Ihrer sehr ergebenen Hermine Wittgenstein 31 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach] 9. 10. 20. L. H.!
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Herzlichen Dank für die Rasierklingen. Hast Du Dich schon des Hebel wegen erkundigt. Wenn ja, so schreib mir, bitte, eine Zeile. Die Hebelausgabe die Du mir geschenkt hast leistet mir glänzende Dienste. Ich bin ganz entzückt von ihm†*. Bei mir war wieder eine kleine Katastrophe, vielleicht errätst Du, welche. Aber sie hat mir merkwürdigerweise gut getan und ich bin jetzt zwar nicht hoffnungsvoller aber etwas ergebener als früher.--Heute sollte meine Schwester kommen aber sie ist krank, wird mich also wol am nächsten Sonntag besuchen; am übernächsten kommt dann Frau Sjögren und am überübernächsten hoffe ich auf die Freude Dich wiederzusehen. Laß Dir's gut gehen und grüße Deine liebe Frau und die Kinder von mir.
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Dein treuer Ludwig Wittgenstein
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Bitte erkundige Dich auch wieviel die kleinen Schoberkarten von Nieder-Österreich kosten und schreib es mir. Dein frierender L. W. 32 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien, vor dem 18. 10. 1920] Lieber Wittgenstein!
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Es ist abscheulich von mir. Damals, als ich von Dir kam (voll von Dir, dem Mond und dem Wald), habe ich mich damit beruhigt, Dir so rasch als möglich die Rasierklingen zu schicken. An Deinen anderen Auftrag dachte ich

nicht mehr. Ich hatte ihn mit der Karte, auf der er stand, verlegt. Nicht einmal ein Gefühl der Versäumnis hat mich beunruhigt. Sehr gemein. Und Du hast gewartet, anstatt zu schimpfen.
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Die 50 Grimm-Märchen, ebenso wie das Schatzkästlein, kosten jetzt je 18 K (eine Reclam Nummer = 9 K)
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Die Schoberkarten (meine Frau hat sie erfragt), kosten 3 K 30. (Gestern noch 3 K)
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Wenn Du bestellen willst, schicke mir, bitte, die Aufträge. Ich werde nicht mehr schlampig sein. Wie sind die Klingen? Der Händler hat sie mir sehr anempfohlen.
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Der überübernächste Sonntag, der für mich frei wäre in Deinem Kalender, ist der 31. Oktober. Da wirst Du doch selber kommen, hoffen wir: Drobil, meine Frau, Dein Lehmbild und auch ich. Sonst wäre mir der Tag recht: Es ist wieder um Vollmond.
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Unterdessen ist mein Brief nach Klosterneuburg zurückgekommen. Ich schicke ihn Dir, da er schon einmal Dir gehört, und Du--glaube ich--gern Briefe liest. Du hast augenscheinlich dem Gärtner Deine neue Adresse zu schreiben vergessen.-Page 36

Ich bin mit den Lyrik-Vorträgen an der Urania schwer belastet. Es geht mir zu schnell: jede Woche zwei Menschen /Dichter/. Und dazu habe ich das Bewußtsein, daß die Uraniabesucher eigentlich was anderes möchten--weniger Material und mehr Schwung, keine Analyse sondern ein Bild, und ein leicht faßliches obendrein. Das kann ich nicht. Sie wären auch mit einem schlechten zufrieden, wenns glänzt. Das mag ich nicht. Und könnte es wahrscheinlich auch nicht. So bohre ich mich auf meine Art weiter durch--ohnehin durch die Eile schlampig genug--und nun mit umsoweniger Behagen; weils zu den Neueren geht: zu Dehmel gerade jetzt, dessen »Verwandlungen der Venus« ich eben wieder über mich habe ergehen lassen.--Ich beneide Dich und möchte gern statt Deiner oder mit Dir frieren. (Du mußt Dir einen Sweater und wollene Unterhosen verschaffen!! Das ist kein Stadtklima.) Du hast wenigstens Zeit, zu Dir zu kommen. Und Du kommst zu Dir. Das Wort Katastrophe kann auch guten Sinn haben: es heißt ja bloß Wendung (man muß in das Κατα(11) den Sinn nach abwärts nicht unbedingt legen). Na und sonst wünsche ich Dir
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halt bald wieder eine Anastrophe. Verzeih, daß ich mit dem Wort spiele. Ich meine es doch ernst.--Mareile und Hermann sind krank, sie: an einer Drüsenschwellung hinterm Ohr, er: an einem Mittelohrkatarrh--sind aber schon wieder besser.
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Dein Fräulein Schwester hat sich sehr lieb nach meinen Umständen erkundigt und uns einen Magenfesttag verschafft mit einem Stück Hirschbraten von der Hochreit. Oder heißt sie Hochreut? Ich möchte gerne danken: schreib' mir, bitte, ihre jetzige Adresse. Mit »Hochreit am Schneeberg« traue ich mir den Brief doch nicht »aufzugeben«.
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Also das schreib' mir und, wie es mit Allerheiligen steht.
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Wir grüßen Dich herzlich und wünschen Dir Wärme, meine Frau, die Kinder und Dein Hänsel. 33 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach] 18. 10. 20. Lieber Hänsel!
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Vielen Dank für Deinen Brief, die Auskünfte & die Abschrift. (Du hast recht, ich lese gerne Briefe) Bitte schicke mir so bald & rasch als möglich ein Exemplar vom Schatzkästlein, denn ich muß mir doch erst die Auswahl ansehen, ehe ich das Buch für die Schüler bestelle. Meine gesamten Schulden werde ich Dir zahlen, wenn ich zu Allerheiligen nach Wien komme. Ich freue mich darauf, Dich wiederzusehen.
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Die Adresse meiner Schwester ist: Hochreit Post Hohenberg. N Ö. Jetzt sehe ich erst, daß ich verkehrt schreibe, aber das ändert an der Wahrheit des Inhalts nichts.

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Grüße Deine liebe Frau & die Kinder & Drobil & Dich selber herzlichst von Deinem Ludwig Wittgenstein 34 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach] 21. 10. 20. L. H.!
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Bitte bestelle für mich 30 Stück Schoberkarten von Nieder-Österreich. Das Geld schicke ich Dir per Postanweisung. Auf Wiedersehen zu Allerheiligen! Dein Ludwig Wittgenstein
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35 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 6. 11. 20. Lieber W.
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Wenn die Reclam-Bestellung nicht geht:
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vielleicht kannst Du die Konegen-Ausgabe brauchen, auf die ich heute gestoßen bin. Die Auswahl ist allerdings sehr bescheiden und die Bilder dafür unbescheiden--ich wollte sie Dir aber doch zeigen. 7 K 50, die Zulagen mit inbegriffen. Bei einer direkten Bestellung, vom Verlag wahrscheinlich noch etwas billiger zu haben.
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Ich war noch nicht wieder beim Drobil. Wie gehts mit dem Magen? In einer Woche komme ich mit dem Frege.
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Herzlich Dein Hänsel 36 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, um den 17. 11. 1920] Sehr geehrter Herr Professor
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Nehmen Sie meinen und unser Aller herzlichsten Dank für alle Liebe und Freundlichkeit die Sie meinem Bruder Ludwig zuwenden. Wir fühlen uns Alle als Ihre Schuldner. Ich kann ja leider meinen Bruder nicht besuchen, denn erstens war und bin ich noch immer sehr erkältet und zweitens hat er mich selbst gebeten nicht zu kommen, wegen dieses unglückseligen Bekanntwerdens seiner Familie u. Vergangenheit. Der gute Mensch hat doch wahrhaftig nichts zu verbergen und könnte mit Stolz auf sein Leben zurückblicken! Das Verstecken und Aufgehen im Volk ist aber für ihn eine gänzliche Unmöglichkeit, denn erstens wird er sofort als etwas Besonderes auffallen, noch ehe Jemand weiss wer er ist und zweitens ist unser Name in so weiten Kreisen bekannt, dass sich überall irgend Jemand finden wird, der in irgend einem Zusammenhang ihn nennen gehört hat. Ich hoffe nur, dass das berechtigte Aufsehen sich bald legen wird und Ludwig doch nach und nach ein harmloseres Verhältnis zu den Ortsbewohnern finden wird. Könnte man nur auf ihn einwirken dass er die Sache mehr mit Humor betrachtete!
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Nochmals herzlichen Dank sehr geehrter Herr Professor von
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Ihrer sehr ergebenen Hermine Wittgenstein
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37 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL

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[Trattenbach] 30. 11. 20. Lieber Hänsel!
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Ich Schuft komme Dir schon wieder mit allen möglichen großen und kleinen Bitten. Ich habe mich jetzt doch dazu entschlossen, Bücher aus der Kinderbücherei von Konegen zu bestellen und bitte Dich vielmals die Bestellung für mich zu machen. Dabei müßtest Du aber sagen, daß sie für eine Schule ist, da man dann, wenn man 100 St. bestellt, die Nummern zu 5 K bekommt. Ich bestelle 100 Stück und zwar:
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16 St. »30 deutsche Sagen von Grimm 16 St. »Gullivers Reise nach Lilliput« 16 St. »Reisen Münchhausens zu Lande« 16 St. »Auswahl aus dem Schatzkästlein« 16 St. »Der Kalif Storch« & »Der kleine Muck« 16 St. »Fabeln von Lessing, Gellert, & & Hebel« 4 St. »2 Legenden von Tolstoij« ______________________________________________________________________________ 100 St
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Das Geld, 500 K, schicke ich Dir per Postanweisung. Was sagst Du zu meinem Geschäftsstil, zu meinem Geschäftsgeist und zu meiner Unternehmungslust! Sie stehen ganz im Gegensatz zu den Zuständen in meinem Inneren. Kommst Du am Sonntag? Ich hoffe bestimmt! Ich habe manches zu erzählen. Am 27ten war ich nicht in Wien. Also liegt der Frege noch bei Zimmermanns, wenn Du ihn dort hin gebracht hast.
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Auf Wiedersehen
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Herzliche Grüße Dein Ludwig Wittgenstein
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Grüße auch Drobil & Deine Frau & Kinder. Bitte bringe 2 Kerzen mit wenn Du kommst.
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38 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Wien d. 13. XII 1920 Sehr geehrter Herr Professor
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Ich bin Ihnen wirklich herzlich dankbar für Ihren lieben Brief. Erstens beruhigt er mich doch über die Qualen, die Ludwig durch die Trattenbacher und ihre Neugierde auszustehen hatte; seine Briefe enthielten damals sehr aufgeregte Ausdrücke und bei seiner lakonischen Schreibweise wirkt das doppelt beunruhigend. Zweitens freut mich natürlich Alles sehr, was Sie über meinen Bruder sagen, obwohl es ja nichts Anderes ist, als was ich auch denke. Freilich ist es bei aller Wahrheit dessen was Sie sagen, doch nicht leicht einen Heiligen zum Bruder zu haben und nach dem englischen Spruchwort: »I had rather be a live dog than a dead philosopher« möchte ich sagen »Ich hätte (oft) lieber einen glücklichen Menschen zum Bruder, als einen unglücklichen Heiligen! Denn bei einem Heiligen weiss man nie wie es weiter geht! Und ich und die Familie, wir sind doch nur Menschen und können die Sache nur menschlich auffassen, und es ist eben eine menschliche Freude den Andern heiter und glücklich zu wissen. Diesen Wunsch müssen wir uns leider abgewöhnen, soweit Ludwig in Betracht kommt!
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Nun noch etwas sehr geehrter Herr Professor; ich erhielt gestern von Frau Hofrat Lecher etwas Schiffszwieback für Kinder oder Kranke. Man kann ihn in irgend etwas einkochen, da er allein zu öde schmeckt z. B. in eine Suppe. Ich erlaube mir Ihnen davon zu schicken, hoffe dass Sie ihn brauchen können.
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Mit besten Grüssen bin ich
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Ihre sehr ergebene Hermine Wittgenstein 39 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 24. 1. 21 L. W.
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Auf dem Heimweg ist mir eingefallen, was Du brauchst. Hoffentlich ist sie dir nicht zu klein. (Ich schätze, daß Dein Kopf etwas kleiner ist als mein Schädel.)†*) Und hoffentlich ist nicht Herr Sjögren auf den gleichen Gedanken gekommen. (Das Hoffentlich bezieht sich auf die Überflüssigkeit von zwei Kappen. Aber dieser Überfluß sollte Dir auch Freude machen. Also: ist zu hoffen, daß er daraufgekommen ist.) Dein Hänsel
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40 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach, nach dem 24. 1. 1921] L. H.!
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Du bist auch ein verfluchtes Aaß! Was machst Du denn für Witze und schickst mir eine Luxuskappe?!! Sie paßt natürlich tadellos. (ist aber ganz überflüssig).--Arvid ist nicht auf diese Idee gekommen, sondern auf die ebenso überflüssige, mir Salbe & Verbandzeug zu schicken, welche zugleich mit der Kappe angekommen sind, so daß ich von Geschenken umringt bin. Allerdings muß man sagen, daß dieser Überfluß daher rührt, daß ich die nettesten Freunde habe, die es überhaupt gibt. Eine höchst sonderbare Tatsache.-Page 41

Also sei herzlichst bedankt!-Dein L Wittgenstein
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P.S. Den Brief an Mining habe ich nicht abgeschickt sondern einen viel gutmütigern. L. W. 41 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Ende Jänner 1921?] Sehr geehrter Herr Professor!
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Ich hoffe Sie finden es nicht unverschämt von mir, oder hinterrücks gegen meinen Bruder, wenn ich Sie bitte mir mitzuteilen wie Sie ihn fanden. Ich selbst darf ihn nicht besuchen und er hätte auch nichts von mir, denn über das was ich ihm geben kann, ist er längst hinaus, aber natürlich möchte ich immer wissen wie es ihm geht und wie er sich fühlt Ich glaube Sie sind jetzt von allen Menschen am Meisten im Contact mit ihm!
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Ich danke Ihnen im Voraus herzlich für jede Mitteilung sehr geehrter Herr Professor u. bin Ihre sehr ergebene Hermine Wittgenstein
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42 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 1. 2. 21. Lieber Wittgenstein!
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Dein Brief hat mich sehr gefreut.--Das heißt, billig zum Lob der Nettigkeit kommen, wie ich, auf eine solche Weise. Netter war es, daß Du den Brief an Deine Schwester geändert hast. Sehr nett wäre es, wenn Du den

brüderlichen Humor aufbrächtest, sie einzuladen und ihr Freude zu machen, wenn sie kommt. Ich kann mir denken, wie sehr Dir die Konzession, soweit sie unfruchtbare Duldsamkeit ist, wider den Strich geht, aber sie ist nicht nur das, und ich halte die bewußte Tragwilligkeit, den Humor des Kameels, doch für was Gutes. Und sie könnte auch Güte sein, zu der von der »Gutmütigkeit« schon zu kommen wäre. Die Güte ginge aber noch über allen Humor hinaus, weil sie Achtung hat.--Das weißt Du alles viel besser, verzeih--es ist ein Satz aus dem andern herausgekommen.
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Was anderes: Ist die Gestalt zweier gleich großer Würfel A und B die gleiche oder dieselbe? Kann so geantwortet werden?: Der Komplex von Relationen, der die Gestalt an sich ausmacht ist derselbe, nur die Glieder der Relationen (die Punkte im Raume u.s.w.) sind örtlich verschieden. Oder muß man sagen: die Gestalt kommt zweimal vor, bei A und B?--Durch eine Arbeit von Meinong (Hume-Studien) komme ich darauf. Er neigt (scheint mir--ich habe noch nicht zu Ende gelesen) zur Gleichheit und ich auch, wenn mir nicht bei Größe die Identität richtig(er) erschiene (dank Dir und Frege). Größe und Gestalt, das ist aber hier doch gleichgiltig. Oder kann man auch sagen: die Größe kommt zweimal vor? Der Fehler muß, wenn einer da ist, in diesem »Vorkommen« liegen. Hilf mir!
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Herzliche Grüße von uns! Dein Hänsel 43 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach] 6. 2. 21 L. H.!
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Ich bin dummerweise wieder krank gewesen (Grippe), und fühle mich äußerst schwach & entkräftet. Verzeih darum, wenn ich nicht im Stande bin auf Deine Fragen schriftlich zu antworten. Wenn Du kommst, wollen wir alles klären. Es kommt mir--vielleicht mit Unrecht so vor, als wären in dieser Sache bei Dir noch ein paar erratische Blöcke wegzuräumen.--Auch der mildere Brief an Minig hat noch eine sehr starke--und keine gute--Wirkung gehabt. Ich kann aber nichts machen. Vielleicht ist der Endeffekt doch gut!
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Freue mich auf unser Wiedersehen. Dein Wittgenstein
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44 LEOPOLDINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Februar 1921?] FRAU LEOPOLDINE WITTGENSTEIN
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bittet Sie sehr geehrter Professor die Güte zu haben ihrem Sohne das Packet zu übergeben und dankt von ganzem Herzen für die Gefälligkeit, die Sie ihr dadurch erweisen. 45 LEOPOLDINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Wien d. 21. II. [1921] Sehr geehrter Herr Professor,
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ich danke Ihnen herzlichst für Ihre liebenswürdigen Zeilen und bitte dringendst den Inhalt des Packets, wenn er nicht am Ende schon gelitten hat so rasch als möglich zu verspeisen.
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Hoffendlich hat sich das Befinden Ihrer geehrten Patientin gebessert. Wollen Sie so gütig sein mich ihr mit diesem Wunsche zu empfehlen. Ich würde mich natürlich unendlich freuen, wenn Sie diesen Sonntag beruhigten Herzens meinen Ludwig beglücken könnten. Erhalte ich keine Gegenpost so nehme ich mir abermals die Freiheit Ihnen, auf Ihre Güte sündigend ein Packet mitzugeben.
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Bestens empfiehlt sich Ihnen
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Ihre sehr ergebene und dankbare Leopoldine Wittgenstein 46 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Dr. L Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25/III Herrn Ludwig Wittgenstein Trattenbach b. Kirchberg a. Wechsel N. Ö. 22. 2. 21.
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L. W.
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Meine Frau kann (erfreulicher Weise) als wiederhergestellt betrachtet werden. Hoffentlich kommt bis zum Samstag nicht wieder ein tückisches Objekt in die Quere.
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Noch wegen etwas muß ich Dich um Verzeihung bitten: daß ich nicht telegraphiert habe. Ich dachte, das ginge am langsamsten. Dein Telegramm erst hat mich vom Gegenteil überzeugt (10h ab Trattenb.- 1h bei mir). Wahrscheinlich habe ich gerade mit der Expreßpost die schlechteste Wahl getroffen. C.c.s.e.i. Herzlich Dein Hänsel 47 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 28. 2. 21. L. W.
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Da sind die Gedichte. Mein Rückweg war sehr schön. Oben bei Raach. Sehr schöner, reiner Abend. Die Rückfahrt weniger, weil ich stehen mußte.
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Wie gehts mit Deiner Fistel? Frag den Doktor noch einmal, daß Du Dich nicht selbst vergiftest!! Die Zahnstocher brauchst Du hoffentlich nicht alle.--Polier aus Parlier auch bei Weigand, Deutsch. Wörterb.
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Drobil habe ich noch nicht getroffen. Er hat, scheints, heute blau gemacht.
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Herzlich Dein Hänsel
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Belsazer. Die Mitternacht zog näher schon; In stummer Ruh' lag Babylon. Nur oben in des Königs Schloß, Da flackerts, da lärmt des Königs Troß. Dort oben in dem Königssaal, Belsazer hält sein Königsmahl. Die Knechte saßen in schimmernden Reihn, Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht'; So klang es dem störrigen Könige recht.
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Des Königs Wangen leuchten Glut; Im Wein erwuchs ihm kecker Mut. Und blindlings reißt der Mut ihn fort; Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort. Und er brüstet sich frech, und lästert wild! Die Knechtenschar im Beifall brüllt. Der König rief mit stolzem Blick; Der Diener eilt und kehrt zurück. Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt; Das war aus dem Tempel Jehovahs geraubt. Und der König ergriff mit frevler Hand Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand. Und er leert ihn hastig bis auf den Grund. Und rufet laut mit schäumendem Mund: »Jehovah! Dir künd ich auf ewig Hohn,-Ich bin der König von Babylon!« Doch kaum das grause Wort verklang, Dem König wards heimlich im Busen bang, Das gellende Lachen verstummte zumal: Es wurde leichenstill im Saal. Und sieh! und sieh! an weißer Wand Da kams hervor, wie Menschenhand; Und schrieb, und schrieb an weißer Wand Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand. Der König stieren Blicks dasaß, Mit schlotternden Knien und totenblaß. Die Knechtenschar saß kalt durchgraut, Und saß gar still, gab keinen Laut. Die Magier kamen, doch keiner verstand Zu deuten die Flammenschrift an der Wand. Belsazer ward aber in selbiger Nacht Von seinen Knechten umgebracht.
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Die wandelnde Glocke. Es war ein Kind, das wollte nie Zur Kirche sich bequemen,

Und Sonntags fand es stets ein Wie, Den Weg ins Feld zu nehmen. Die Mutter sprach: Die Glocke tönt, Und so ist dir's befohlen, Und hast Du Dich nicht hingewöhnt, Sie kommt und wird Dich holen. Das Kind, es denkt; die Glocke hängt Da droben auf dem Stuhle. Schon hat's den Weg in's Feld gelenkt, als lief' es aus der Schule. Die Glocke, Glocke tönt nicht mehr, Die Mutter hat gefackelt. Doch welch ein Schrecken hinterher! Die Glocke kommt gewackelt. Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum; Das arme Kind im Schrecken, Es lauft, es kommt als wie im Traum; Die Glocke wird es decken. Doch nimmt es richtig seinen Husch, Und mit gewandter Schnelle Eilt es durch Anger, Feld und Busch Zur Kirche, zur Kapelle. Und jeden Sonn- und Feiertag Gedenkt es an den Schaden, Läßt durch den ersten Glockenschlag, Nicht in Person sich laden. 48 LEOPOLDINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Wien d. 2. III [1921] Sehr geehrter Herr Professor!
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ich bin dankbar und glücklich zu wissen, daß mein lieber Ludwig nun wieder die
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Freude haben wird einige Stunden mit Ihnen verbringen zu können. Möchten Sie ihn gesund finden! Eine unschätzbare Wohltat erweisen Sie mir verehrter Herr Professor indem Sie so gütig sind ein Packet von mir mitzunehmen. Verzeihen Sie mir, wenn ich mir die Freiheit nehme ein kleines Stückchen in Ihrer Küche niederlegen zu lassen. Sie erweisen mir durch diesen Freundschaftsbeweis eine Ehre für die Ihnen innigst dankt
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Ihre sehr ergebene Leopoldine Wittgenstein
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Beste Empfehlung der Frau Professor! 49 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien] d. 9. III 1921 Sehr geehrter Herr Professor
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Ich danke Ihnen herzlichst für Ihren freundlichen, ausführlichen Brief. Sie können sich denken wie mich

Alles interessiert. Dass Ludwig so eine böse Zeit hinter sich hat betrübt mich sehr! Noch viel leider aber tut mir, ich muss es gestehen, dass er augenscheinlich Äusserungen oder Handlungen von mir als »Besserungsversuche« und Störungen aufgefasst hat; es zeigt freilich nur die absolute Contactlosigkeit, die mir schon zu Weihnachten auffiel und an die ich mich nun schon gewöhnt haben sollte. Noch vor einem Jahr hätte Ludwig das bestimmt nicht gesagt, damals verstand er noch mich und meine Sprache und hatte sogar etwas für mich übrig! Er wusste, dass Alles was ich sagte liebevoll gemeint war und nahm mich so humoristisch wie ich ja genommen sein wollte. Wie weit scheint mir das schon zurückzuliegen!
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Für den Rat bezüglich der Lebensmittel sind wir sehr dankbar und meine Mutter wird jetzt öfters welche schicken; hoffentlich kommt nicht bald ein kategorisches Verbot, was ich nicht für ausgeschlossen halte. Man muss es mit viel Takt anfangen.
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Nochmals herzlichen Dank sehr geehrter Herr Professor und beste Empfehlungen von Ihrer
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sehr ergebenen Hermine Wittgenstein
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Hoffentlich sind Sie ganz ausser Sorge in Ihrer Familie!
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Gerade ruft mich Arvid Sjögren telefonisch auf um mir zu sagen dass Ludwig mich aufforderte ihn am Samstag zu besuchen, ich bin unendlich froh darüber
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50 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Dr. L Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25/III Herrn Ludwig Wittgenstein Trattenbach b. Kirchberg a. Wechsel N. Ö.
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10. 3. 21. L. W.
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1.) Drobil hat nicht blau gemacht, sondern hat sich an seinem Ofen mächtig den Arm verbrannt, es nicht beachtet, weiter gearbeitet und Fieber bekommen. Die Wunde heilt langsam und eiternd.
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2.) Der Karfreitag vorm. und wahrscheinlich auch der Nachmittag sind mir verstellt worden (Verhandlung im Mietamt und Urania-Organisation). Ist Dir der Karsamstag möglich? Vormittag? Nachmittag? Schreib auch, wann Du zu Drobil--gehst.
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3.) Optime fecisti, bene facias (sororem i[n]vitatam esse novi, wörüber sich der alte Cato, der Mordsphilister, freut).
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4.) Ich grüße Dich herzlich. Dein Hänsel 51 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[April 1921?] Sehr geehrter Herr Professor
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Ich wäre Ihnen sehr dankbar wenn Sie mir mit einer Zeile mitteilen wollten wie Sie meinen Bruder gefunden haben; nur in ganz groben Umrissen, selbstverständlich. Gleichzeitig benütze ich die Gelegenheit um Ihnen für alle

Ihre freundlichen Briefe zu danken, wozu ich mich sonst nie aufraffen kann. Was Sie über das Conzert meines Bruders schrieben war auch ganz meiner Empfindung gemäss.
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Hoffentlich ist Ludwig gesund und nicht zu sehr von den Trattenbachern geärgert. Schade um den kostbaren Samen den er dort gewiss ganz umsonst ausstreut!
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Bestens grüssend bin ich sehr geehrter Herr Professor
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Ihre sehr ergebene Hermine Wittgenstein
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Hoffentlich ist bei Ihnen alles wohl!
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52 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Wien d. 29. IV 1921 Sehr geehrter Herr Professor!
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Ich muss mich heute wegen einer Sache sehr bei Ihnen entschuldigen: als ich das letzte Mal auf die Hochreit fuhr, nahm ich aus Ludwig's Bücherkasten einige Bücher mit, darunter 4 Hefte des »Brenner«. Ich dachte sie gehörten ihm und er würde sie mir gewiss leihen. Unglückseliger Weise hatte ich eine capute Thermosflasche in der Handtasche und die Hefte erlitten Cacaoflecke. Auf der Hochreit erhielt ich nun einen Brief von Ludwig mit der Weisung, die »Brennerhefte«, die in seinem Kasten sich befänden, an Sie, Herr Professor, zu senden und ich liess gleich in der Buchhandlung Braumüller den Auftrag geben, mir die Hefte zu besorgen, damit Sie tadellose Exemplare bekämen. Es hiess in 8 Tagen würde ich die Hefte bekommen; seither sind Wochen vergangen und auf mein heutiges Urgieren wurde geantwortet, es würde wohl 8 Tage dauern bis die Hefte kämen, d.h. also vermutlich noch einige Wochen! Mir ist die Sache natürlich äußerst peinlich und ich habe mir geschworen in Hinkunft solche Zwangsanleihen gewiss zu unterlassen, was ist aber jetzt zu tun? Soll ich Ihnen die befleckten Hefte schicken oder wollen Sie auf die Neuen warten? Bekommen werde ich sie ja gewiss, aber wann?! (ist es nicht traurig dass wenn in Österreich eine Zeitschrift herausgegeben wird, man sie nicht bekommen kann? Ich liess mich gleichzeitig auch abonnieren, habe aber auch nichts weiter gehört oder gesehen.) Bitte schreiben Sie mir was ich tun soll, ich fürchte jetzt sehr, die Hefte haben Ihnen gehört und ich habe sie mir statt von Ludwig, von Ihnen ausgeliehen! Jedenfalls ist die Sache sehr peinlich
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Ihrer sehr ergebenen Hermine Wittgenstein 53 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Dr. L Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25/III Herrn Ludwig Wittgenstein Trattenbach b. Kirchberg a. Wechsel N. Ö. [vor dem 2. 5. 1921]
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L. W. Schade. Ich wieder habe Dich am Sonntag zweimal gesucht und nicht getroffen. Um 1/2 9 war ich in der Rasumovskygasse, von 1/2 10-1050 auf dem Südbahnhof. Ich hätte Dir Zucker, Zitronen, Bücher (ParzivalD) und Bilder bringen wollen.
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Vielleicht bist Du froh, der Belastung entgangen zu sein. Du kannst sie zu Pfingsten übernehmen.--Die Melodien zum grün. Kranz und zu schw. Walfisch sind tatsächlich »Volksweisen«, der schw. Wal geht nach: »War einst ein

jung, jung Zimmergesell«, (zu welchem Vers) wozu allerdings die Melodie sehr gut zu passen scheint.--Külpe, in dem Buch »Die Realisierung« unterscheidet drei »Hauptarten von Objekten: die wirklichen, die idealen und die realen Obj. Die erste Klasse umfaßt die Bewußtseinstatsachen (dazu gehörten die »Sinnesdaten«), deren Daseinsart das Gegebensein oder Gegenwärtigsein ist. Die 2. Kl., die durch Abstr. Kombination oder Modifikation entstandenen u. der Erfahrung gegenüber verselbständigten ... a priori gesetzten Gegenstände, deren Grundlage mehr oder weniger durchsichtig in den Wirklichkeiten des Bewußtseins zu finden ist ... Mathem ... Ethik, Ästhetik.. (Das hat Meinong besser verstanden). Die 3. Kl ... die Objekte (von denen sein Buch handelt). »Auch sie werden auf Grund des «Gegebenen» angenommen, mit dem sie jedoch in dauernder Abhängigkeitsbeziehung bleiben und können darum als a post. gesetzt bezeichnet werden..
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»Mit den «wirklichen» Objekten.. mit den Bewußtseinstatsachen beschäftigt sich die deskriptive Psychologie auch Phänomenologie genannt. Hier wird zwischen Phänomenalem und Realem nicht geschieden, während die erklärende Psych. gerade darauf ausgeht, diesen Unterschied zu berücksichtigen und ein psychophysisch oder physisch (könnte dazusetzen «oder psychisch») Reales herauszuarbeiten und somit zu den Realwissensch. gehört«
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Wann kommst Du zu Pfingsten? Dein H. 54 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach] 2. 5. 21. L. H.!
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Vielen Dank für Deine liebe Karte! Es war wirklich schön von Dir, daß Du mich aufgesucht hast und noch dazu mit Gaben!! Du hast's nötig mir Zucker & Zitronen zu kaufen und was weiß ich!!! Aber Du konntest mich nicht treffen, denn ich habe--da ich doch nur so kurz in Wien war--in der Alleegasse geschlaften und bin auf die Bitte meines Bruders erst mit dem Zug um 2h20 zurückgefahren.--Jetzt bin ich da!--Dummerweise laboriere ich immerfort an einem Unwohlsein, Influenza oder so etwas; bin aber auf. Zu Pfingsten werden wir uns bei Dir sehen.
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Auf Wiedersehen! Dein Wittgenstein
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55 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Dr. L Hänsel Wien V. Kriehuberg 25/III Herrn Ludwig Wittgenstein Trattenbach b. Kirchberg a. Wechsel N. Ö [Poststempel: Wien, 9. V.? 21]
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L. W. Ich danke Dir für Dein Bild und Deine beiden Briefe!
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Ich bin zu Hause: Samstag 1/2 12h - 5h nm.
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Sonntag: vormittag, wenn es regnet auch nachm.
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Montag: nachmittag (nur ist Gefahr /Möglichkeit/), daß ein anderer Besuch dazwischen käme).
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Ich grüße Dich herzlich und meine Frau auch. Dein Hänsel

56 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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WIEN XVII. NEUWALDEGGERSTRASSE 38. [Ende Mai/Anfang Juni 1921?] Sehr geehrter Herr Professor
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Leider war ich in der vergangenen Woche verreist und Ihre freundliche Karte kam zu spät in meine Hände, als dass wir noch etwas für Ludwig hätten mitgeben können. Meine Mutter war ganz unglücklich über dieses Zusammentreffen, sie hat nun an Ludwig direct etwas geschickt--er wird es hoffentlich gut aufnehmen--und sie bittet auch Sie dieses Päckchen als Ersatz freundlich annehmen zu wollen Als Ludwig das vorletzte Mal in Wien war (zu Pfingsten konnte ich ihn leider nicht sehen) fand ich ihn sehr erfreulich heiter und nahe gerückt und Alle die ihn seither sahen, haben es bestätigt; hoffentlich hatten Sie auch diesmal diesen Eindruck. Wissen Sie vielleicht wann er herzukommen gedenkt?
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Bestens grüsst Sie sehr geehrter Herr Professor
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Ihre ergebene Hermine Wittgenstein
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57 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach] 7. 6. 21. L. H.!
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Bitte sei so gut und bringe mir die »Memoiren aus einem Totenhaus« & die Volkserzählungen von Tolstoi mit, wenn Du sie hast. Leider wirst Du diesesmal nicht wieder bei den netten Leuten wohnen können; komm aber zu allererst zu mir; ich werde schon etwas wissen! Ich freue mich auf Dein Kommen. Dein L Wittgenstein 58 LEOPOLDINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Neuwaldegg d. 14./VI [1921] Hochgeehrter Herr Professor
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Bitte verzeihen Sie, daß ich, auf Ihre mir so wertvolle Freundschaft mit meinem Sohn bauend, mir die Freiheit nehme, Beifolgendes zu senden. Sie erweisen mir eine Ehre und ich bin Ihnen unendlich dankbar, wenn Sie es freundlich annehmen. Mit besten Empfehlungen für Sie sehr geehrter Herr Professor und Ihre Frau Gemahlin bin ich
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Ihre sehr ergebene Leopoldine Wittgenstein 59 LEOPOLDINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Neuwaldegg 25. Juni 1921 Sehr geehrter Herr Professor!
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Bitte entschuldigen Sie gütigst den so sehr verspäteten Dank für Ihre freundlichen Zeilen.
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Dankbarst und mit Freuden werde ich von Ihrer gütigen Erlaubniß Gebrauch machend am 1. Juli ein größeres für meinen Sohn bestimmtes Packet an Sie geehrter Herr schicken. Was das größere Quantum anbelangt so schicke ich das auf Ihre Verantwortung weil Ludwig es mir übelnehmen wird.

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Ich danke Ihnen sehr geehrter Herr von ganzer Seele für Ihre Güte und bin mit den herzlichsten Grüßen für Sie und Ihre Frau Gemahlin
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Ihre aufrichtig ergebene Leopoldine Wittgenstein
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60 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Wittgenstein Trattenbach bei Kirchberg a. Wechsel. N. Ö. Herrn Prof. Dr. Ludwig Hänsel Wien V Kriehubergasse 25 [vor dem 3. 7. 1921]
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L. H.! Bitte komme erst am 9. Juli, weil ich am 3. in Wien sein werde. Allerdings werden wir uns nicht sehen können, denn ich komme mit ein paar Kindern um ihnen etwas in den Museen etc. etc. zu zeigen und es wird sehr wenig Zeit sein. Am 9. aber dann sicher! Viele Grüße Dein Wittgenstein 61 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Wittgenstein Trattenbach N. Ö. Herrn Prof Dr. Ludwig Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25 5. 7. 21.
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L. H.! Bitte komme Samstag 9.. Ich werde Dich dann auch wegen einer mir wichtigen Angelegenheit interpellieren: Ich möchte nämlich einen meiner Schüler an die Mittelschule bringen. In der Staatserziehungsanstalt nimmt man ihn nicht, weil er die Altersgrenze überschritten hat. Nun möchte ich wissen, ob man für ihn an einer anderen Mittelschule einen freien oder billigen Platz finden kann. Es wäre nach meiner Meinung sehr schade um den Buben, wenn er sich nicht weiterbilden könnte. Nun, vielleicht kannst Du mir ein vernünftiges Wort darüber sagen.
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Auf Wiedersehen! Dein Wittgenstein
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62 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Salzburg] 14. Juli 21. Lieber Wittgenstein!
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Ich kann Dir--wie zu erwarten war--weder ja noch nein sagen. P. Bruno findet zwar, daß die Aufnahme des Gruberls schon zu machen wäre, daß also gerade das Pekuniäre und die Platzfrage, wie ich mit Erstaunen sehen konnte, ihn von vorneherein nicht bedenklich machte, aber er mißtraut dem Geist und der Leitung des Institutes. Es

sei nicht in den rechten Händen, der Pater hat nicht die rechte Zucht, die bravsten Buben schwenken ab, wenn sie ins Obergymnasium kommen. Und die, die fromm bleiben, und auch Klosterfreude haben, gehen von St. Peter fort in andere Benediktinerstifte (Er selbst meint ja auch, es wäre vielleicht für ihn besser gewesen, wenn er anderswohin gegangen wäre). Nun hat er darin recht, daß nach links abschwenkende Klosterzöglinge eine fatalere Gattung bilden als frisch im Liberalismus Aufgewachsene. Er hat auch schon einem Vater (der zahlen wollte) abgeraten. Der hat seinen Buben dann nach Feldkirch zu den Jesuiten gesteckt, auf deren Erziehung P. Bruno was hält.
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Immerhin kann sich übers Jahr die Leitung ändern.
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Wenn Du kommst und Zeit hast, möchte ich Euch gerne bekannt machen.
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Zwei andere Möglichkeiten sind mir unterdessen noch eingefallen: 1.) Es gibt in Wien den kathol. Calasanzverein (Calasanz ist, glaube ich, ein span. Heiliger und Kinderfreund). Der nimmt sich armer Studenten an. Wenn ich wieder in Wien bin, werde ich nachfragen.
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2.) Sollte es nicht möglich sein, den Buben, der nach Deinem Vorbereitungsjahr um 2 oder 3 Jahre jünger geworden ist, nachträglich in eine Staatserziehungsanstalt einzuschieben? Ich kenne von der Anstalt in Traiskirchen einen Mathematikprofessor, den ich darüber befragen könnte, und ich kann auch mit dem Direktor Rommel von der Breitenseeer-Anstalt (wohin Ihr das Gesuch gerichtet habt) im Herbst deswegen reden.
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Und dann bleibt noch--in freilich unsicherer Ferne der Schlögl.
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Ich freue mich, Dich bald zu sehen. Schreib rechtzeitig! Grüße von meiner Frau. Herzlich Dein Hänsel
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63 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Herrn Dr. Ludwig Hänsel Salzburg Fürstenallee 1 [Poststempel: Ort unleserlich, 21. VII. 21]
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L. H.! Ich komme Samstag 23. mit dem Zug um 9h10 früh von Hallein nach Salzburg. Möchtest Du mich am Bahnhof erwarten? Dein L Wittgenstein 64 MICHAEL DROBIL AN HÄNSEL
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[Wien] 5. 8. 1921 Lieber Hänsl!
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Hier gibts nichts Neues, somit ist alles in Ordnung. nur dass ich so lange auf Antwort warten lies ist nicht in der Ordnung, doch ist dies's ja auch nichts Neues. Ich hoffe Du wirst dies's wie schon öfters auch jetzt verzeih'n. Schuld ist natürlich die übergrosse Hitze, die den Verstand lähmt. und den Körper mit Faulheit erfüllet. Seit gestern ist's etwas besser, /nämlich mit dem Wetter/, es hat geregnet und ist kühler geworden. Briefe sind im Kasterl keine vorhanden, auch sonst kann ich dir leider nichts übersenden, hoffentlich hast Du es von anderer Seite erhalten? (Geld!) Ich hoffe auch in Deinem Interesse dass es dort so billig ist dass Du von dem mitgenohmenen noch ersparst, damit Du bei Deiner Rückkehr genügend hast, den die Preise haben sich in der enormen Hitze schrecklich ausgedehnt.
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Dich und Deine Familie herzl grüssend

Dein Drobil 65 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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23. 8. 21. Skjölden i Sogn Norwegen bei H. Draegni L. H.!
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Verzeih, daß ich Dir erst heute schreibe. Schon oft wollte ich es tun. Aber auch heute kann ich Dir gar nichts rechtes mitteilen, denn alles was halbwegs interessant
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wäre, läßt sich tatsächlich nicht schreiben und alles Tatsächliche ist nicht interessant.--Ich arbeite von Früh bis Abends in einer Art Tischlerwerkstätte und mache zusammen mit Arvid Kisten. Dabei verdiene ich mir einen Haufen Geld. In mir aber sieht es ziemlich unsicher aus, oder vielmehr ganz unsicher. Ich glaube, daß es sehr gut war, daß ich diese Reise gemacht habe. Sie wird manches ausreifen. (Hoffentlich nicht lauter Geschwüre.) Um den 7. herum komme ich nach Wien zurück. Es wird mir gewiß nicht möglich sein, Dir vorher etwas halbwegs Klares mitzuteilen. Hoffentlich geht es Dir recht gut. Grüße Deine liebe Frau Gemahlin und die Kinder herzlichst und auch Dich selbst von Deinem Ludwig Wittgenstein 66 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach, Ende September 1921]
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L. H.! Am nächsten Sonntag d. 2./10. kannst Du mich nicht besuchen weil Arvid dann bei mir ist. Dafür freue ich mich herzlichst auf den übernächsten. Inzwischen werde ich Dir noch einmal schreiben aber heute kann ich nicht mehr! Dein Wittgenstein 67 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 14. Okt. [1921] Lieber Wittgenstein!
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Da sind die Bücher und der Lehrplan. Einen Wallenstein zu kaufen, habe ich vergessen. Damit Du nicht länger warten mußt, schicke ich Dir eine meiner Schulausgaben. Die Geographie (in unserer Schülerlade überflüssig) kannst Du mit gutem Gewissen benutzen. Sie ist für die I. Kl. Bis Allerheiligen werde ich für den nächsten Band sorgen. Eine deutsche Grammatik lege ich Dir auch bei.--Die Einübung im Christentum ist nicht sofort zu haben. Ich war in vier Buchhandlungen. Soll ich sie bestellen?
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Herzliche Grüße! Auch dem Herrn Pfarrer meinen Gruß! Dein Hänsel.
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68 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach, Anfang November 1921?]
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L. H.! Bitte schicke mir so bald und so schnell als nur möglich irgend ein französisches Übungs & ein kleines Wörterbuch. Geld werde ich Dir später schicken. Bitte lege es einstweilen für mich aus. Ich bin gut angekommen & wieder im alten Geleise was immer etwas gutes ist. Sei nochmals herzlichst für Deine Gastfreundschaft bedankt & ebenso Deine liebe Frau.--Im Tagore habe ich wieder gelesen und diesmal mit viel mehr Vergnügen! Ich glaube jetzt doch daß er etwas großartiges ist.

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Dein müder Wittgenstein 69 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Dr. L Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25/13 Herrn Ludwig Wittgenstein Trattenbach b. Kirchberg a. Wechsel N. Ö. Sonntag, 4. Dez. 21. L. W.
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Ich kann auch am nächsten Sonntag nicht loskommen, werde also am Mittwoch zu Dir wandern. Sei nicht böse, daß es sich so dumm trifft. Hoffentlich bist Du am Donnerstag frei.
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Herzlich Dein Ludwig Hänsel
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70 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Herrn Ludwig Wittgenstein Trattenbach b. Kirchberg a. W. N. Ö. [Wien] 9. 12. 21. L. W.
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Es ist nicht bestimmt worden: 1. Ob ich Dir die Einladungen der Phil. Ges. zuschicken lassen soll, 2. Ob ich die Chokolade für Dich aufbewahren oder auch schicken soll. (Fast meine ich, Du hättest doch »aufbewahren« gesagt)
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Herzlich Dein Hänsel 71 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien, zw. dem 9. u. 23. 12. 1921] L. W.
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Antwort ist keine zu erwarten. Ich schicke also die Bücher (sonst kommt noch früher Weihnachten.) und behalte Dir die Chokolade (4 Tafeln 2285 K) auf. Die Volkslieder der Sammlung Göschen bring, bitte, zu Weihnachten wieder mit. »Zu Straßburg auf der Schanz« ist im großen Buch nicht enthalten (zu jung) Und im Göschenheft ist wieder nicht die herkömmliche Form.
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Von Deinem Geld sind noch 6297 K übrig.
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Herzlichen Gruß! Dein

Hänsel 72 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien, 23. 12. 1921] L. W.
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Damit Du nicht einen Gang umsonst tust:
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Morgen, 24., bin ich vormittag 9-1h nicht zu Hause. Dafür nachmittag
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Am 25. wollen wir--die ganze Gesellschaft--nachm. ins Marionettentheater gehen.
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Vormittag bin ich daheim. Da wäre es gewissermaßen Deine Aufgabe, den Christbaum zu bewundern.
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Über Montag bin ich in Graz, alte Bekannte aus der Univ. Zeit aufzusuchen.
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Dienstag vorm.: 10-12h Birger.
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Nachm frei bis 1/2 8h.
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Bis dorthin haben wir uns hoffentlich schon gesehen. Die Chokolade--vergiß nicht--liegt bei mir.
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Hoffentlich sehe ich Dich schon morgen nachm. und brauche Dir nicht auf dem Zettel Fröhliche Weihnachten wünschen. Dein Ludwig Hänsel 73 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach, Anfang Jänner 1922] L. H.!
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Es hat mir sehr leid getan, daß ich Dich nicht mehr besuchen konnte. Schreib mir gleich, wann Du mich besuchen wirst. Und jetzt, wie gewöhnlich, ein Dutzend Bitten:
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1) Bitte kaufe 50 Stück Häkchen zum Aufhängen kleiner Bilder. In die Mauer zu schlagen; ungefähr 2 cm lang. Sie kosten 5 K per Stück. Diese schicke mir bitte gleich her, außer Du kommst noch früher selber.
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2.) Durch Russell erfahre ich daß mein Zeug schon erschienen sein dürfte. Kannst Du dich in einer Buchhandlung um die letzte Nummer der »Annalen der Naturphilosophie« erkundigen in der müßte es enthalten sein.
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Ich wünsche Dir verspätet ein gutes neues Jahr. Sei vielmals gegrüßt von Deinem L. W.
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P.S. Die beiliegenden Zeilen gieb dem Drobil 74 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien, vor dem 21. 1. 1922] Lieber Wittgenstein!
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Hoffentlich kommen die Nägel nicht zu spät. Ich gebe sie Drobil mit. Durch die
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Post wären sie nicht viel früher gekommen. Nach den »Annalen der Naturphilosophie« habe ich eine Reihe von Buchhandlungen und dann auch Hof.- und Univ. Bibliothek vergeblich abgefragt. In den Buchhandlungen liegen solche Hefte nicht auf. Der Kustos der Hofbibliothek hätte geglaubt, die Annalen wären schon eingegangen, aber er wolle sie bestellen, in 14 Tagen solle ich nachfragen. Im »kleinen Lesesaal« der Univ. Bibliothek fand ich nur den für die Zeitschrift reservierten Platz vor. Die Zeitschrift, meinte der Diener, habe wahrscheinlich der Referent noch bei sich und der sei krank. Also habe ich schließlich in einer Buchhandlung das Heft bestellt, das Deine Arbeit enthält. Du müßtest übrigens 6 oder 12 Sonderdrucke bekommen--als Verfasser. Schreib Russell, er möge das bei der Zeitschrift veranlassen, wenn sie schon selber nicht den Drang in sich fühlt, sich bei ihm nach Deiner Adresse zu erkundigen.
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Ich komme am 21ten.
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Herzlichen Gruß! Dein Hänsel
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Meine Kinder spielen jetzt hie und da: dem Herrn Wittgenstein Blumen bringen, ohne daß ich von einer Anregung dazu wußte. 75 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach, vor dem 21. 1. 1922 ?] L. H.!
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Wieder eine Bitte: Schau ob Du von dem Geld was Du noch von mir hast mir einen (eventuell antiquarischen) Mittel Schulatlas kaufen kannst. Wenn ein Mittelschullehrbuch der Geographie auch noch herausgeht solls mich freuen. Wenn nicht so macht es auch nichts. Gib alles Geld aus! (nämlich das meinige)
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Ich bin jetzt schrecklich beschäftigt, so daß meine Nerven manchmal fast versagen. Wenn Du kommst werde ich Dir Manches sagen, was ich lieber doch nicht schreibe. Herzliche Grüße Wittgenstein 76 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Wien, 1. 2. [22.] Lieber Wittgenstein!
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1.) Die Stiefel hat »schon am Freitag der lange Herr geholt, der immer (!) gekommen ist und sie reklamiert hat«. Du hast also dem Manne unrecht getan. Und
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ich mußte meine angestaute Energie langsam verpuffen lassen. Was soll ich mit dem Geld machen?
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2.) Weniger schnell geht es mit den Schulnachrichten. Sie müssen erst gedruckt werden. Ich habe im Voraus bezahlen müssen. Die Rechnung liegt bei. Die Schulnachrichten werden in 14 Tagen vom Verlag selbst »zuverlässig« nach Trattenbach geschickt.
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3.) Die Liturgik u. den Homer werde ich Dir Freitag schicken mit der Auskunft des Religionsprofessors, die ich erst einholen muß.
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Was werden die armen Trattenbacher Kinder machen, wenn die Schule keine Zeugnisse hat?--Die Schule meiner zwei Mädel sperrt auf 14 Tage.-Page 61

Herzliche Grüße! Dein Hänsel

77 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien, 3. 2. 1922]
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L. W. Gleichzeitig geht die Liturgik u. der Homer an Dich ab.
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Die Liturgik habe ich Dir zu früh gekauft. Unser Religionsprofessor sagt: Für die 3. Klasse werden nur die wichtigeren Antworten aus dem großen Katechismus und aus der Liturgik nur eine Übersicht über das Kirchenjahr (seine Festkreise und die wichtigsten Feste darin) und höchstens noch einige Kenntnis über die Teile der Messe verlangt.--Werdet Ihr Semesterferien haben? Ich komme, wenn es Dir recht ist, am 4. März wieder.
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Herzlich Dein Hänsel 78 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach] 16. 2. 22. L. H.!
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In Eile eine Bitte: Sei so gut und kaufe von dem Geld welches Du von mir hast 240 Deutsch-Mark (Ich glaube sie werden jetzt ev. 8000 K kosten) Diese 240 M. schicke, bitte an Philipp Reclam Leipzig Inselstraße in meinem Namen & unter Angabe meiner Adresse: Trattenbach etc. Ich kriege nämlich von ihm Bücher für meine Schule.
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Heute hatte ich ein Gespräch mit Gruber der zu mir kam um Bücher zurückzubringen. Es ergab sich, daß er keine Lust mehr zum Lernen habe, aber daß auch meine auffahrende Art Schuld am Zusammenbruch ist. Er hat natürlich keinen
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Begriff davon, wohin er jetzt geht d.h. er weiß nicht wie schlecht sein Schritt ist. Aber wie sollte er das auch wissen. Traurig! traurig!
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Auf Wiedersehen Dein L. Wittgenstein 79 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach, zwischen 25. u. 28. 3. 1922]
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L. H.! Dieses Papier ist die Hälfte von der Hälfte eines Briefes den ich heuter erhalten habe. Was es doch für gute Menschen gibt! Verzeih mir, bitte, daß ich Dich während meiner Ferien (25. März) nicht besucht habe. Ich hatte es bestimmt vor durch eine unglückselige Verkettung der Umstände und durch die Kürze der Zeit war es aber nicht möglich was mir sehr leid getan hat. Kommst Du an diesem Sonntag? Das wäre brav! Wenn ja so bitte bringe mir das Manuskript von meiner Geschichte mit. Mining wird es Dir schicken. Wenn nicht so macht es auch nichts. Ich brauche es um danach die englische Übersetzung zu korrigieren die ich heute zur Korrektur aus England erhalten habe. Sie ist voller Fehler. Bitte schreibe mir womöglich noch einmal wann Du kommst. Hoffentlich bald (d.h. an diesem Samstag) Dein L. Wittgenstein 80 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 5. 4. 22. Lieber Wittgenstein!
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Lexikon und Butter-Margarine sind gestern und vorgestern schon abgegangen.

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Die Butter hat meine Frau besorgt und verpackt. Es ist »Unikum«, aber offen, weil meine Frau überzeugt ist, daß die offene mehr Gewähr bietet, gut zu sein, als die oft lange lagernden Pakete.
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Auf dem Hauptzollamt hat mir ein Angestellter, nachdem er (aus Gefälligkeit) die ihm gerade zur Hand liegenden Bücherpakete durchgemustert hatte, den Bescheid gegeben: zu warten bis ich (Du) eine Anweisung von der Post bekäme(st). Früher könne nicht gesucht werden, da man erst die Postnummer des Paketes wissen müßte.
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Aber auch eine Beschwerde, zuerst eine Anfrage, an das Postamt wäre möglich, und wahrscheinlich schon das Gescheitere, da die Sendung schon zu lange ausbleibt.
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Herzlich grüßt Dich Dein Hänsel
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81 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach, vor dem 10. 5. 1922]
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L. H.! Wie gewöhnlich eine Bitte!: Ich weiß nicht, ob ich Dir neulich gesagt habe, daß ich für meine Kinder eine Klassenlektüre brauche und mir dazu u.a. ein Geschichtsbuch für Bürgerschulen wünsche. Wie ich nun neulich in Wien war, habe ich so viel Zeit verbandelt, daß ich nichts mehr kriegen konnte. Mir wurde überall gesagt, daß man nur bei Tempski, der sich jetzt mit Hölder und noch einem verbunden hat, etwas bekommen kann. Der Verlag ist Johann Straußgasse 6. Für mich war es aber schon zu spät, da sie dort sehr früh schließen. Was ich brauche ist nun folgendes: Eine Weltgeschichte für Bürgerschulen in einem Bändchen. So etwas gibt es! Z.B. von einem gewissen Pennersdorfer und noch anderen. Sollte alles derartige vergriffen sein, so täte es eventuell auch ein sogenanntes Geschichtslesebuch, wenn es nicht teurer als 300-400 K ist. Erst dann, wenn auch das nicht zu haben ist kommt der 2. oder 3. Band eines dreibändigen Geschichtsbuches für Bürgerschulen in Betracht. Den obigen Preis darf es nicht überschreiten. Sollte etwas antiquarisch zu haben sein umso besser. Ich brauche 18 Stück. Bitte lasse mich wissen, was man kriegen kann, was es kostet und wie es ausschaut (Abbildungen?).
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Ich freue mich sehr auf Dein Kommen.
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Gesprächsstoff wird genug sein. Dein L. Wittgenstein
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P.S. Wenn Du etwas halbwegs geeignetes findest und es ist Gefahr vorhanden, daß es weggeschnappt wird, so kaufe bitte sofort 18 Exemplare. Das Geld werde ich Dir gleich schicken. Der Stil ist übrigens mehr oder weniger wurst. Übrigens denke ich jetzt: Wenn es auch 400-500 K kostet macht es auch nicht viel. Jetzt aber schließe ich, sonst geht es in die Millionen. L. W. 82 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Trattenbach, vor dem 10. 5. 1922]
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L. H.! Soeben erfahre ich von meiner Schwester Mining, der ich denselben Auftrag gab, den mein gestriger Brief an Dich enthielt (ich glaubte aber aus gewissen Gründen, daß sie die Sache nicht richtig verstanden habe) also, soeben erfahre ich von meiner Schwester Mining, daß alle einbändigen Bürgerschul-Weltgeschichten vergriffen seien und für mich nur die dreibändige Geschichte von Krautmann in Betracht komme. Wenn das wahr ist, so, bitte, sei so lieb und kaufe je 18 Exemplare des I. und II. Teiles und schicke sie mir. Geld 20.000 K wirst Du in 2 Tagen erhalten. Ich freue mich auf Dein Kommen Dein L. Wittgenstein

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83 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 10. 5. 22. L. W.
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Diese Bücher (auf der Kehrseite) habe ich bei Tempski gefunden. Einbändige Geschichte f. Bürgerschulen ist keine in ihrem Verlagen. Vielleicht hat Linke, der den Geschichtsunterricht jetzt reformiert, schon ein gesch. Lesebuch (im Haase-Schulbücher-Verlag?) herausgegeben. Über diese neuen Bücher gibt die Lehrerzeitschrift »Schulreform« Auskunft, die die Schulleitung Trattenbach sicher abonniert hat: Vielleicht finde ich auch noch etwas bis Samstag. Jetzt nur das in Eile in der Elektrischen. Sie fährt so langsam, daß man ganz gut schreiben kann.
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Ich freue mich auch unser Wiedersehen. Dein Hänsel
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1.) Rusch-Herdegen-Tiechl Gesch. Lesebuch 4. Aufl. Pichler 1918 528 K 42 Abbildgn A Bürgerkunde (histor.) B. Österr. u. allg. Gesch. (Germanen, Christentum, Islam österr. Staatenentw.)
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2. Gindely-John Lehrb. d. Gesch. f. Bürgersch. Tempsky
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Teil II. (63 Abbildgn) ab Rud. v. Habsb.-Karl VI. Bürgerkundl. Anhang
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528 K

Teil III. bis zur Okkup. v. Bosnien. Großmächte. (59 Bilder)

462 K

84 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL [Trattenbach, nach dem 10. 5. 1922?]
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L. H. Danke Dir für die Bilderbücher. Aber Du hättest ja nicht für mich kaufen sollen, sondern für Dich, Du A.-G. (das heißt nicht Aktiengesellschaft) Übrigens, wenn die Bücher für Dich von irgendwelchem Wert sind, dann ist es gut. Mir ist natürlich alles solches sehr willkommen. Drobil wird Dir die anderen Bilder wieder bringen. Für die Lesebücher herzlichen Dank. Sie sind also doch billiger als ich dachte. Wenn die Kinder sie nur abkaufen so werde ich sie für mich noch einmal besorgen. Dein Wittgenstein
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85 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien] d. 15. Mai 1922 Sehr geehrter Herr Professor
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Es war sehr lieb von Ihnen mir das Bild Ihrer Kinder zu schicken und sehr wenig nett von mir Ihnen bis heute nicht dafür zu danken! Ich hatte eine grosse Freude mit dem Bild und habe mir die herzigen Gesichter oft angesehen. Ist die Ähnlichkeit zwischen den Mädchen so gross als sie auf der Fotografie scheint? sie schauen wie Zwillinge aus!
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Wie gut dass die Beiden gut untergebracht sind aber wie traurig auch dass es so weit sein muss. Es ist Ihnen gewiss oft bange.
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Bestens grüsst Sie sehr geehrter Herr Professor Ihre ergebene Hermine Wittgenstein 86 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien] d. 19. Mai [1922] Sehr geehrter Herr Professor
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Ich wurde vor einiger Zeit von Frau Hofrat Lecher antelefoniert, ich möge ihr rasch einige Kinder unter 14 Jahren von Professoren oder Künstlern nennen, es käme eine amerikanische Kinder Kleiderverteilung. Ich nahm mir nicht einmal Zeit zu Ihnen um nähere Daten zu schicken, sondern gab Ihre Kinder an wie ich sie mir vorstelle.
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Nun kommt am Freitag d. 26 wirklich diese Verteilung und Sie sind wie ich höre auch schon verständigt worden, aber Ihre Mäderln sind ja nicht in Wien. Hoffentlich kann ich es erreichen, dass ich das, was für die Mäderln bestimmt ist, zur Aufbewahrung bekomme wenn nicht, so kriegen Sie von mir etwas bis sie zurückkommen. Jedenfalls bitte ich Sie mit dem Buben und allen Zetteln u. Belegen die Ihnen zugeschickt oder von Ihnen verlangt wurden, zur Verteilung zu kommen. Ich werde selbst dort sein und kann mein Möglichstes tun. Vielleicht ist es auch gut wenn Sie mich vorher sprechen z.B. Samstag (morgen) 1/2 7 Abends oder Montag um dieselbe Zeit. Vielleicht könnte auch Ihre Frau Gemahlin kommen wenn Sie nicht Zeit haben, nur möchte ich die amerikanischen Zettel sehen und ausmachen wo wir uns treffen.
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Beste Grüsse sehr geehrter Herr Professor Hermine Wittgenstein
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87 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, nach dem 26. 5. 1922] Sehr geehrter Herr Professor
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Es tut mir sehr leid und ist mir sehr unangenehm dass diese Bescherung so schlecht organisiert war, ich bin ganz unschuldig daran und ebenso Frau Hofrat Lecher, da wir nur Kinder vorschlagen und bei der Beteilung mithelfen durften. Nun hoffe ich dass die Sache heute besser klappt, ich selbst aber kann unmöglich mithelfen und bitte Sie daher nicht mich im Belvedere zu suchen, sondern Frau Hofrat Lecher selbst. Sie ist eine grosse sehr schlanke Dame in Schwesterntracht, ich denke sie wird sich auch irgendwie kenntlich gemacht haben. Sollte durch irgend einen Zufall etwas nicht klappen und nicht alle Kinder etwas bekommen so bitte mir es nur gleich zu schreiben, ich kann bestimmt etwas machen.
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Bestens grüssend Ihre ergebene Hermine Wittgenstein 88 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Hänsel, Wien V. Kriehuberg. 25/13 Herrn Ludwig Wittgenstein Trattenbach b. Kirchberg a. W. N. Ö. [Poststempel: Wien, 7. VI. 22]

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L. W. Mit »unwirsch« hast Du wieder recht gehabt. Es wird von unwirdesch mhd. (= unwert) abgeleitet.
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Das Wort »wirsch« (aufgebracht, wild von wirr (?)) hat sich damit aber vermengt. unwirdesch hat aber auch schon die Bedeutung »zonig« neben »verächtlich«.
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Und das wirs mhd Komparativ, zu übele gesetzt, (Gegensatz baz) gibt es auch. Hat aber, scheint es, mit »unwirsch« nichts zu tun. Zu ihm gehört, glaube ich worse (engl.) eher als »wirsch«. Vielleicht aber ist auch »wirsch« von wirs eher als von einem wirrisch abzuleiten, wenn auch eine solche Form bei Goethe und 1621 belegt ist. Worauf wirs selbst zurückgeht, weiß ich nicht und finde ich in meinen Büchern nicht.
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Hoffentlich hast Du an dem Reigenvortrag nichts versäumt. Dein Hänsel
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Abends habe ich entdeckt, daß von der Lehrerinnenzeit meiner Frau der Schwaighofer unter meinen Büchern steht. Meine Frau bittet Dich, ihn zu benutzen, solang Du ihn brauchst 89 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien?] Montag d 15. VI 1922 Sehr geehrter Herr Professor
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Es tut mir fast leid dass die Bescherung so gut geklappt hat, denn ich bin dadurch um das Vergnügen gekommen den Kindern selbst etwas geben zu können. Nun habe ich mir aber etwas anderes ausgedacht, ich möchte heuer eine Summe für Sommeraufenthalte f. Kinder verwenden und einen Teil davon dem kleinen Herrmann widmen, (es ist aber damit nicht gesagt dass sie nicht zu etwas anderem verwendet werden darf) und diese Summe werde ich per Postsparkasse an Sie schicken. Sie selbst brauchen wohl auch eine Erholung, ich hoffe dass die Ferien Ihnen diese bringen werden!
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Beste Grüsse sehr geehrter Herr Professor von Hermine Wittgenstein 90 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, vor dem 24. 7. 1922?] L. H.!
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Am 24. d. M. komme ich nach Aigen zu meinem Onkel Paul. Ich wünsche dringend Dich dann zu sehen. Es geht mir nicht gut. Ich arbeite nichts & bin gänzlich ratlos.
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Auf Wiedersehen! Dein L. W.
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91 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Hassbach] 21. 9. 22. L. H.!
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Jetzt hat also das Leben hier angefangen. Es gefällt mir nicht.--Wie einsam ist doch ein Mensch, wenn er

unter Menschen ist! In der Einsamkeit fühlt man sich wohl und behaglich, und unter diesen Menschen ist man so verlassen und allein, daß es mir höchst unangenehm zu mute ist.--Ob ich es auf die Dauer aushalte, weiß Gott! Lange schon habe ich mich nicht mehr so sonderbar niedergedrückt gefühlt wie jetzt.
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Schreib, wann Du mich besuchen willst. Die Verhältnisse sind hier nicht so günstig wie in Trattenbach, da ich keine Matraze habe und auch niemanden kenne, der mir etwas leihen würde. Du mußt also wenigstens vorläufig im Gasthaus wohnen und ça coute les yeux de la tête.
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Auf Wiedersehen! Dein Wittgenstein
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Grüße Drobil und erkläre ihm, bitte, warum ich ihn nicht gebeten habe mich hier abzuliefern. Grüße Deine liebe Frau und die Kinder. 92 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Herrn Professor Dr. Ludwig Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25 [Puchberg, nach dem 10. 10. 1922]
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L. H.! Habe schon am Dienstag Wohnung in Puchberg gekriegt. Sie ist sehr teuer und ebenso kalt, aber doch besser als beim Krummböck. Die Klasse, die ich hier habe, ist furchtbar zurückgeblieben. Die Ursachen kannst Du Dir denken. Wie es weitergehen wird, weiß Gott! Grüße Deine liebe Frau! Ich zehre noch immer an Ihrem Riesenlaib.
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Herzliche Grüße. Dein L Wittgenstein bei Herrn Cafetier Zwinz
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93 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien] d. 13. X 1922 Sehr geehrter Herr Professor
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Ich danke Ihnen herzlich für Ihren freundlichen Brief und bitte gleichzeitig um Entschuldigung für all die Male da ich es unterlassen habe, ich schreibe so entsetzlich schwer. Für den wahren Freundschaftsdienst den Sie meinem Bruder erweisen, indem Sie alle seine Übersiedlungen mitmachen, kann ich leider nicht danken, denn das ist über Worte weit erhaben!
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Mein Bruder war Sonntag ganz kurz bei uns, ich fand ihn viel weniger ruhig (»normal« möchte ich sagen,) als im Sommer. Worauf es zurückzuführen ist, oder was eigentlich in ihm vorgeht, entzieht sich mir selbstverständlich vollständig, ich hoffe nur er geht keiner psychisch bösen Zeit entgegen!
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Nun wünsche ich Ihnen noch recht viel Freude an Ihren herzigen Kindern sehr geehrter Herr Professor und bleibe mit besten Grüssen
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Ihre sehr ergebene Hermine Wittgenstein 94 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Herrn Prof.

Dr. Ludwig Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25 [Poststempel: Puchberg, 25. 10. 22]
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L. H.! Verzeih mir, daß ich Dich so lange auf Antwort habe warten lassen. Ich hatte in der letzten Zeit viel zu tun.
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Zu Allerheiligen komme ich nach Wien und will Dich wo irgend möglich besuchen. Am 6. ist dann schon meine Prüfung und dann werden wir uns bestimmt sehen. Aber, wie gesagt, ich hoffe Dich schon zu Allerheiligen sehen zu können.
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Auf Wiedersehen Dein Wittgenstein
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95 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Puchberg] 29. 11. 22. Lieber Hänsel!
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Dank Dir für Deine schmeichelhafte Äußerung. So etwas höre ich immer mit Vergnügen und lasse es mir gern öfter sagen, obwohl ich so gut weiß, daß jedes solche Lob auch im Munde des ehrlichsten und gescheitesten Menschen gänzlich unmaßgeblich und daher wertlos wäre. (In 500 Jahren werden wir vielleicht sehen, was an dem Buch war.)
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Am 3./12. erwarte ich Dich. Ich habe Dir manches zu erzählen, denn ich habe manches traurige erlebt!
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Auf Wiedersehen. Dein Wittgenstein 96 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Herrn Prof. Dr. Ludwig Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25 [Poststempel: Puchberg, 28. I. 23]
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L. H. Ja, komm bestimmt am 1./2.! Dein L. Wittgenstein 97 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Wittgenstein Puchberg a/S. N. Ö. Herrn Prof. Dr. Ludwig Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25 [vordem 17. 2. 1923]
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L. H. Vielen Dank für die Bücher & Tafeln. Verzeih, daß ich Dir nicht früher geschrieben habe. Denk' Dir, das bewußte Bild ist nach der übereinstimmenden

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Aussage der beiden maßgebenden Personen immer an dem Platz über Deinem Bett gehangen und ich hätte wirklich geschworen, daß ich es nie gesehen habe. So ist der Mensch! Am Samstag 17./2. komme ich wahrscheinlich nach Wien; vielleicht kann ich Dich auf ein paar Minuten sehen. Dein Wittgenstein 98 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Herrn Prof. Dr. Ludwig Hänsel Kriehubergasse 25 Wien V. [Poststempel: Puchberg, 19. II. 23]
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L. H.! Wann kommst Du? Bitte schreibe eine Zeile! Ich habe vergessen was wir ausgemacht haben. Dein Wittgenstein 99 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, vor dem 8. 3. 1923 ?] Sehr geehrter Herr Professor
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Ich sage jetzt gleich in Einem Dank für mehrere von Ihren freundlichen Zeilen, denn Sie waren immer so lieb uns Nachricht über Ludwig zu geben und ich habe nie gedankt. Hoffentlich finden Sie ihn wohl und auch seelisch in Ruhe. Sehr leid tut es mir dass er den einzigen Menschen aus Puchberg verlieren soll mit dem er einen Contact hat, es ist sehr bitter und ich glaube es wird auf ihn nicht ohne Einwirkung bleiben, denn gerade mit Koder hat er, wenn ich nicht irre, diesen harmlosen Unsinn reden können der ihm manchmal Bedürfnis ist, abgesehen davon dass er dann auch gar keine Musik mehr treiben wird!--Weil ich schon beim Schreiben bin möchte ich noch folgendes sagen: ich habe mir jetzt ein bischen etwas zusammengerichtet, das ich unter Personen, die ich besonders schätze, verteilen möchte und ich bitte Sie also wenn in nächster Zeit etwas an Sie gelangt, es freundlich von mir anzunehmen als ein kleines Zeichen meiner Dankbarkeit.
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Mit herzlichen Grüssen bin ich sehr geehrter Herr Professor
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Ihre sehr ergebene Hermine Wittgenstein
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100 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, um den 8. 3. 1923 ?] Sehr geehrter Herr Professor
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Besten Dank für Ihre freundlichen Zeilen. Ich bin froh dass Koder noch einige Zeit in Puchberg bleibt und will auch nicht weiter denken. Hoffentlich können Sie beifolgende Sachen brauchen. Die Conserven habe ich gekostet und fand sie gut, man kann sie natürlich auch jahrelang aufheben. Ich tausche sie aber auch sehr gerne gegen etwas anderes um†* und bin nur froh wenn Jeder bekommt was er gut brauchen kann. Bitte es nur wirklich aufrichtig zu sagen! Mit besten Grüssen bin ich sehr geehrter Herr Professor Ihre ergebene Hermine Wittgenstein 101 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Wittgenstein Puchberg a. Schneeberg N Ö.

Herrn Prof. Dr. Ludwig Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25 [Poststempel: Puchberg, 17. IV. 23]
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L. H.! Ich glaube, es war Deine Absicht den kommenden Sonntag d 7. mich zu besuchen. Bitte verschiebe Deinen Besuch, weil ich wahrscheinlich an diesem Sonntag nach Wien komme, um ein Stück anzuhören, das mein Bruder im Konzert spielt. Ich glaube ich werde Dich am Sonntag zu Mittag besuchen, wenn es Dir nichts macht. Vielleicht kannst Du dann am 13ten hierher kommen. Dein Wittgenstein
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102 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Wittgenstein [Puchberg] a. Schneeberg N[. Ö.] Herrn Prof. Dr. Ludwig Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25 [Poststempel: Puchberg, 26. IV. 23]
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L. H. Was fällt Dir ein zu glauben, ich hätte »bestimmt[«], daß Du am 13. Mai kommen sollst?!!! Ich habe Dich gebeten, Du möchtest den kommenden Samstag d. 29. April kommen. Wenn das nicht mehr möglich ist so komm wenigstens am 6. Mai. Verstanden?! Oder schreibe ich schon so schlecht daß Du es nicht mehr lesen kannst? Es wäre kein Wunder. Hier hat sich manches Interessante zugetragen.
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Es war mir unmöglich Dich in Wien zu besuchen. Im Konzert war ich, habe Dich aber nicht gesehen! Auf baldiges Wiedersehen. Dein L Wittgenstein
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Besten Gruß von Koder 103 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Puchberg] 27. 5. 23. L. H.!
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Vielen Dank für die Sendung. Sie ist unglaublich rasch gegangen. Jetzt bitte ich Dich aber noch etwas: Schick mir noch ein Englisches Wörterbuch (ein kleines) für meine Schülerin. Geld habe ich Dir keines geschickt, weil ich glaube, die Bücher sind von Dir: Gestern erhielt ich einen sehr netten und gut geschriebenen Brief von einem meiner Trattenbacher Schüler, Fuchs; von demselben, der das gute Theaterstück geschrieben hat, das ich Dir zu lesen gab. Ich habe mich sehr gefreut. Bitte schreib mir noch eine Zeile, wann Du kommst.
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Viele Grüße Dein Wittgenstein
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Wien d. 7. VI 1923

Sehr geehrter Herr Professor
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Ich habe auch heuer wieder eine Summe für Sommerurlauber zurechtgelegt und bitte Sie herzlich Ihren Teil davon freundlich anzunehmen, hoffentlich können Sie Ihren Urlaub ordentlich geniessen, er tut Ihnen gewiss schon sehr not! Ludwig würde ihn auch schon dringend brauchen, ich fand ihn recht angegriffen als er das letzte Mal hier war. Er hat das Zeug sich aufzureiben. Welches Glück dass er Sie hat, und dass auch Ihre liebe Frau so gut gegen ihn ist, das könnte schliesslich auch ganz anders sein! Jetzt will ich Ihnen noch für Ihre verschiedenen Benachrichtigungen danken die sie oft so freundlich waren mir zu schreiben und für die ich nie danke!
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Mit besten Grüssen sehr geehrter Herr Professor
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Ihre sehr ergebene Hermine Wittgenstein 105 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Puchberg, vor dem 30. 6. 1923] L. H.!
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Ich komme Samstag ca. 9 1/2h abends zu Dir. Engelmann der jetzt in Wien ist und schon Sonntag früh wieder fortfahren muß möchte mich vielleicht noch sehen und wird in diesem Falle noch um 9h herum zu Dir kommen & mich erwarten. Ich hoffe Du bist nicht ungehalten darüber. Dein Wittgenstein
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Beiliegend das fragliche Gedicht das in einem Deiner Bücher gelegen ist. 106 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien] 9. 7. 23. L. H.!
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Beiliegend schicke ich Dir Wahlzettel die Du und Deine liebe Frau ordnungsgemäß auszufüllen haben. Kraus haben wir nicht getroffen und auch Loos nicht.
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Engelmann ist am Sonntag wieder abgereist. Mit Vergnügen denke ich an seinen Aufenthalt bei uns und an unser Gastmahl. Ich war in den letzten Tagen nicht fleißig. Für Dich sind mir einige Bücher übergeben worden, die Du hast binden lassen. Post ist keine gekommen. Vor ein paar Tagen haben Drobil und Nähr mir zusammen die Photographien gebracht. Sie sind gut geworden.
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Es tut mir leid, daß ich Dich vor meiner Abfahrt von Wien nicht mehr sehen kann, ich hoffe aber Du wirst mich bald nach Deiner Rückkunft besuchen.
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Grüße Deine lb. Frau und die Kinder. Dein Wittgenstein 107 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien] 13. 7. 23.
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L. H.! Leider muß ich Dir absagen. Ich bin am Sonntag in Puchberg: Koder hält nämlich seine Liedertafel ab und hat mich gebeten bei der letzten Probe und bei der Aufführung zu sein und ich will ihm das nicht abschlagen; obwohl ich selbst viel lieber in Wien bliebe. Könntest Du nicht am Montag kommen? Wenn ja, so, bitte, schick mir eine Expresskarte.
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Verzeih meinen Wankelmut. Dein Wittgenstein 108 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Herrn Prof Dr. Ludwig Hänsel Staatliche Kranken und Badeanstalt Baden bei Wien Vöslauergasse [Poststempel: Oberalm, 24. VII. 23]
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L. H.! Soeben wollte ich Deiner lieben Frau schreiben um mich bei Ihr anzusagen; ja ich habe auch wirklich geschrieben, aber wie ich die Adresse schreiben wollte fand ich, daß ich Deinen Zettel irgendwie verschustert habe. Ich weiß, daß es Gieshamgut heißt und bei Gnigl ist. Nun ich bin neugierig!--Hier ist es bis jetzt ganz gemütlich. Ich komme zum Arbeiten und habe alle Ruhe. Das Leben ist nirgends leicht.
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Auf Wiedersehen! Dein Wittgenstein
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109 LUDWIG WITTGENSTEIN AN ANNA HÄNSEL
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Frau Prof. Anna Hänsel Gieshamgut in Hallwang Post Kasern bei Salzburg [Poststempel: Wien, 4. VIII. 23]
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Herzliche Grüße von Ihrem häuslichen Herd, an dem ich gerade ein Diner von 2 Gängen für Hänsel & mich zubereitet habe. Es geht mir viel zu gut bei Ihnen. Ihr dankbarer L. Wittgenstein
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Herzliche Grüße! Herr W. führt eine ausgezeichnete Küche! D. Ludwig.
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Grüße an die Kinder von uns beiden. 110 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien] 23. 8. 23. L. H.!
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Dank Dir für Deinen Brief und die Wahlzettel. Es war ganz richtig, sie mir zu schicken. Wenn Du am Samstag Früh kommst, so werden wir uns vielleicht noch sehen, was mir auch das liebste wäre; sonst wird alles geschehen wie Du willst. Daß Dir Engelmann nicht einen so guten Eindruck gemacht hat wie mir, rührt wohl davon her, daß Du seinen Wert nicht ganz verstehst. Und das, weil seine Welt zu sehr außer Deiner liegt. Nicht so sehr Deine Welt außer seiner, denn Du warst ihm sehr sympatisch. Was das Rivalisieren betrifft bist Du--glaube ich--ganz im Irrtum. Ich habe gewiss nicht eine Sekunde lang mit Dir vor ihm rivalisiert. Ja, unserer Natur nach kann ich mit Dir nie rivalisieren und--ich bin überzeugt--auch er nie mit Dir; eher noch ich mit ihm vor jemand anderem. Das letztere ist sogar schon vorgekommen, wenn auch nur für sehr kurze Zeit. Übrigens bin ich natürlich mit dem Wesen des Rivalisierens wohl vertraut, da ich schon oft und in unanständiger Weise rivalisiert habe. Aber, wie gesagt, nie mit Dir; so wenig, wie ein Pferd mit einem Seehund wettschwimmen oder der Seehund mit dem Pferd wettrennen kann.
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Vorgestern war ich in Puchberg und habe nach langem und mühevollem Suchen ein Kabinett für ein paar

Wochen gefunden. Später werde ich dann in der Schule wohnen, Aller Wahrscheinlichkeit nach muß ein Lehrer von Puchberg weg. Wenn es Koder wäre, so müßte mir das sehr leid tun. Deine Wohnung wird ehe Du kommst in Stand gesetzt werden, damit Du nicht sagst, daß ich alles verschweinert
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habe. Vor einigen Tagen waren Leute vom Elektrizitätswerk hier und haben Dir einen Zähler gebracht, da die Frist der Pauschalierung für Dich abgelaufen ist. Grüße Deine liebe Frau herzlichst und die Kinder. Auf Wiedersehen Dein Wittgenstein 111 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, Oktober 1923] Montag Sehr geehrter Herr Professor
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Ich danke Ihnen herzlichst für ihre freundlichen Zeilen es ist mir eine grosse Wohltat dass Sie mir über Ludwig berichten und diesmal ist auch das was sehr erfreulich, nämlich dass Ludwig in einer menschlich netten Umgebung wohnt. Das bedeutet viel für ihn! Dass Ramsay ihn furchtbar anstrengen würde wusste ich wohl und bin nur froh dass sein Besuch doch offenbar auch anregend und wertvoll war. Was haben denn die Puchberger dazu gesagt?, steigt Ludwig dadurch in ihrer Achtung oder wird er ihnen dadurch nur verdächtiger als Fremdkörper, den sie nicht assimilieren können?
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Ich habe mich sehr gefreut zu hören dass Sie einen guten Sommer hatten und dass Ihre Frau sich gut erholt hat, wie Ihnen selbst Baden getan hat darüber schreiben Sie nichts, hoffentlich hat es Ihnen genützt!
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Jetzt muss ich ein Commentar zu den beiden Karten liefern die ich beilege: Sie wissen vielleicht dass wir alle einen blinden Componisten sehr verehren, den Professor Labor. Wir sind aber gänzlich unschuldig daran, dass sich ein Labor-Bund gegründet hat, der heute Abend im grossen Musikvereinssaal!! ein Compositionsconzert gibt, nur mein Bruder Paul wirkt aus Freundschaft mit, nachdem ihm sein heftiger Protest gegen die Veranstaltung nichts genützt hat. Und ebenso wirke ich gewissermassen mit, indem ich liebe Leute bitte, »geht hinein oder sendet wenigstens jemand hinein damit der Saal nicht ganz leer bleibt.« Ich persönlich bewundere viele Labor-Compositionen sehr, ich weiss aber genau dass sie in grosser Menge ertötend wirken und dass sie überhaupt sehr gut gekannt sein müssen. Wenn Sie also diese beiden Sitze irgendwie benützen könnten wäre mir ein grosser Gefallen geschehen!.
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Mit vielen freundlichen Grüssen bin ich sehr geehrter Herr Professor
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Ihre sehr ergebene Hermine Wittgenstein
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112 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Puchberg] 20. 10. 23. L. H.!
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Dank' Dir für die Stoppel und Deine 1. Zeilen etc.. Bitte sei so lieb und schreib mir eine Zeile was die Stoppel gekostet haben. Ich möchte sie nämlich der Schule verkaufen und brauche darum eine Art Rechnung. Zu Allerheiligen komme ich nach Wien und bleibe bis Sonntag wenn es Euch recht ist. Über unsere Gespräche bei Tisch etc habe ich nachgedacht und muß Dir ehrlich sagen daß ich glaube daß sie ganz in Ordnung sind--d.h., wenn sie nicht etwa an und für sich nichts wert sind. Die Tugend derer die bei einem guten Gespräch--wenn es eines ist--nicht mitreden können, besteht darin, daß sie nicht mitreden.--Und möchten nur auch wir das Maul dort halten wo nichts gescheites herauskommt. Gewäsch ist nichts gutes; und ein Gespräch ist besser als Gewäsch. Das halte ich für die Wahrheit.
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Auf Wiedersehen! Dein Wittgenstein 113 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Puchberg, vor dem 12. 11. 1923 ?]
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L. H.! Mein Bruder wird Dir 2 Konzertkarten schicken. Sie gehören für uns beide am Samstag Abend um 7h. Halte Dich frei! Es werden sehr schöne Sachen aufgeführt! Ich komme vor dem Konzert zu Dir. Dein W. 114 PAUL WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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WIEN, IV. ALLEEGASSE 16. 12. NOV. 1923. Sehr verehrter Herr Professor!
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Haben Sie vielen herzlichen Dank für Ihr freundliches Geschenk! Es freut mich sehr, als einen Liebhaber alter Bücher, aber ganz besonders wegen Ihrer freundlichen Absicht & deren äußeren Veranlassung. Lassen Sie mich hoffen, daß es nicht das letzte Mal war, daß wir einander im Leben getroffen haben!
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In herzlicher
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Ergebenheit Ihr Paul Wittgenstein.
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115 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Puchberg, vor dem 1. 12. 1923] L. H.!
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Kann Dir nicht viel schreiben da ich mit Bronchitis im Bett liege. Wenn Du am Samstag kommen willst wird es mich sehr freuen. Ich habe (wie gewöhnlich) einige Bitten: Bitte schau in die Alleegasse und frag ob von mir noch ein oder zwei Nachthemden dort sind, ich brauche welche. Auch ein Frottierhandtuch wird dort sein; bitte nimm es mit. Könntest Du mir von Drobil etwas Bildhauerton mitbringen? 1-2 kg? Sonst weiß ich nichts.
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Hoffentlich bin ich, wenn Du kommst schon außer Bett. Koder pflegt mich rührend.
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Auf Wiedersehen Dein Wittgenstein 116 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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Expr[ess] Herrn Prof. Dr. Ludwig Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25 [Puchberg, vor dem 7. 12. 1923]
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L. H! Es war allerdings sehr dumm, Daß Du der Mining ganz unnötigerweise von meiner Krankheit erzählt hast; aber jetzt kann man nichts mehr machen. Ich bin schon am Dienstag in die Schule gegangen. Allerdings mit

großer Anstrengung. Am Nachmittag lege ich mich immer hin, weil ich noch sehr schwach bin und husten muß. Hoffentlich wird es bald besser. Komme diesen Samstag nicht heraus, sonst wird meine Wirtin eifersüchtig; weil sie mich gerne allein kurieren möchte!
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Auf Wiedersehen zu Weihnachten. Dein Wittgenstein
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117 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, nach dem 7. 12. 1923] Donnerstag Sehr geehrter Herr Professor
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Ich habe Ihnen noch gar nicht für die Nachricht über Ludwig gedankt! Sie war nicht besonders erfreulich und sehr leid war mir's dass er sich Ihr Kommen nicht verlangte; da hätte ich wieder genauen Bericht bekommen und vielleicht wollte er gerade das verhindern. Sie haben seither wohl keinen Brief bekommen? Ich studiere wie ich zu einer Nachricht gelangen könnte und will jetzt direct an Ludwig schreiben wenn die Post geht. Hoffentlich hat ihm das frühe Dienstmachen nicht geschadet, zu Verhindern war es gewiss nicht.
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Mit freundlichem Gruss bin ich sehr geehrter Herr Professor
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Ihre sehr ergebene Hermine Wittgenstein 118 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, vor Weihnachten 1923 ?] Sehr geehrter Herr Professor
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Ich hatte mir im vergangenen Jahr eine grössere Menge Kartoffel vom Land kommen lassen und sie dann unter meine Bekannten und Freunde verteilt, heuer habe ich das nicht getan, denn die Zeiten da man nur auf Schleichwegen etwas bekam sind ja vorüber; trotzdem möchte ich nicht auf das Vergnügen Kartoffel zu schenken verzichten. Nehmen Sie es mir übel wenn ich Sie bitte für den beigelegten Betrag Kartoffel zu kaufen? Ich glaube es nicht d.h. ich hoffe es nicht. Es ist nämlich so viel praktischer, ich müsste alles in die Alleegasse kommen lassen und von dort wieder verschicken, während doch Jeder in der Nähe seiner Wohnung nach Wunsch Kartoffeln bekommen kann. Und noch etwas: ich wollte Ihren Kindern gerne etwas zu Weihnachten schenken und habe Stoffe zu Hause, aber ich weiss die Grösse nicht und auch nicht welches Kleidungsstück erwünscht wäre. Da möchte ich Ihnen den Stoff für die drei schicken--und tue es auch--und Sie bitten: lassen Sie für mich†* das Gewünschte daraus machen. Mir wird dadurch eine Arbeit abgenommen die ich viel unvollkommener machen könnte weil mir die nötigen Unterlagen fehlen.
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Somit hoffe ich mit Hilfe Ihrer freundschaftlichen Gesinnung alles in Richtigkeit gebracht zu haben und bin mit den besten Grüssen sehr geehrter Herr Professor
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Ihre aufrichtig ergebene Hermine Wittgenstein
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119 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Herrn Ludwig Wittgenstein Puchberg a. Schn. N. Ö. Volksschule 14. 1. 24.

Lieber Wittgenstein!
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Die Bahn wird jetzt hoffentlich schon frei sein. Du könntest mir also--und ich bitte Dich darum--schreiben, wie es Dir auf der Schlittenfahrt gegangen ist und wie es Dir geht. Wenn ich auch daraus, daß ich nichts von Dir erfahre, schließen kann, daß Du lebst und Schule hältst.--Ich werde, wie wir ausgemacht haben, am Samstag, den 26. dM. kommen, wenn es Dir recht ist.
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Herzliche Grüße, auch von meiner Frau. Dein Hänsel 120 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Puchberg, nach dem 14. 1. 1924]
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L. H.! Dank' Dir für die Karte. Die Schlittenfahrt ist sehr gut in 2 1/2 St. gegangen. Alles hat geklappt. Auch zu Fuß wäre es nicht ganz unmöglich gewesen. Jetzt bin ich ganz gesund! vor ein paar Tagen bin ich beim Eislaufen im Teich eingebrochen aber ohne besondere Folgen. Bitte besorge mir bei Freitag & Bärens oder sonst wo Schulhandkarten der Republik Österreich (48 Stück). verzeih die ewige Belästigung. Dein Wittgenstein 121 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, nach dem 14. 1. 1924 ?] Sehr geehrter Herr Professor
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Allerherzlichsten Dank für Ihre freundlichen Nachrichten die ich gestern beim Zurückkommen von Hochreit vorfand Gottlob dass Ludwig so weit hergestellt ist, ich freue mich unbeschreiblich auf ihn. Beifolgend praktische Grüsse von der Hochreit nächstens gibt es auch wieder Würste wenn Sie für solche Verwendung
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haben! Gewiss wissen Sie es schon ich schreibe es aber doch noch einmal dass das Conzert meines Bruders Samstag um 4 Uhr Nachmittag stattfindet.
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Mit besten Grüssen Ihre ergebene Hermine Wittgenstein 122 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Puchberg, um den 10. 2. 1924] L. H.!
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Hier der Schlüssel verzeih ihm, daß er sich verspätet hat. Danke bestens für Zahnbürste etc. Schlüssel & Geld 100.000 K schicke ich Dir in dieser schönen Schachtel, die Du der Noblesse Koders verdankst. Nun wieder eine Bitte: Mein Schüler Fuchs aus Trattenbach hat mir geschrieben, er möchte ein Geschichts- & ein Naturgeschichtsbuch (Zoologie) lesen. Bitte kaufe gelegentlich eine kleine Zoologie von Scholze-Schmeil und irgend ein anständig illustrier[t]es Geschichtsbuch für Obergymnasien Altertum & schicke sie mir. Wenn Du im Fasching kommst, gehen wir auf den hiesigen Feuerwehrball.
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Grüße Deine liebe Frau Gemahlin & die Kinder. Dein Wittgenstein 123 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Puchberg, Mitte/Ende Februar 1924]

L. H.!
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Vielen Dank für den Mörike. Fuchs hat die Bücher bekommen & sich sehr gefreut, wie aus einem sehr netten Brief von ihm hervorgeht.
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Bitte gib beiliegendes Billet dem Drobil; ich habe seine Hausnummer vergessen.
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Bitte besorge mir gelegentlich, wenn Du beim Schulbuchverlag vorbeikommst, das Lesebuch von Wiesenberger für Volksschulen (5klassig) alle Teile. Geld liegt bei. Ferners bitte ich Dich nun doch, mir einen Band der Geschichte von Mayer (oder wie er heißt) zu schicken, den welcher von Assyrern Babyloniern, Juden, & Aegyptern handelt. Ich will mich bilden, wie es einem Lehrer geziemt. Ich bin jetzt immer sehr nervös & reizbar. Der Teufel soll diesen Zustand holen.
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Leb' wohl und verzeih mir die vielen Bitten! Dein L. Wittgenstein
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124 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, Ende März 1924] Sehr geehrter Herr Professor
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Ich frage mich nur an was mit den Mänteln ist, ob Sie sie machen liessen und was sie kosteten?--Von meinem Bruder habe ich brieflich schon eine Ewigkeit nichts gehört, doch erzählte mir Mr. Ramsay, der ihn Sonntag besuchte, dass er sehr müde und abgespannt sei. Und dabei ist das Schuljahr noch lang! Ich bin neugierig wie er zu Ostern sein wird, kann es kaum erwarten!--Hoffentlich ist bei Ihnen alles gesund! Beste Grüsse von Hermine Wittgenstein 125 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, nach dem 26. 4. 1924] Lieber Herr Professor Hänsel
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Seit Tagen drückt mich eine Frage die sehr ungeschickt zu stellen ist, aber ich weiss Sie sind so nett und mit Ihnen kann man so gut reden dass ich sie doch stelle. Ich habe nämlich bis zu seinem Tod dem Professor Labor unter anderem wöchentlich 2 kg Braten geschickt und dafür suche ich einen Nachfolger; nun verlange ich von Ihnen nicht nur dass Sie der Nachfolger werden, sondern sogar dass Sie mir helfen nachdenken wie man das am einfachsten ausführt. Soll Ihre Frau sich das Fleisch wie sie es am liebsten hat bei ihrem bekannten Fleischhauer nehmen und mir wöchentlich oder monatlich die Rechnung zukommen lassen? das wäre mir eigentlich das liebste, aber wenn Sie eine andere Idee haben so ist mir's auch recht. Hoffentlich geht es Ihrer Frau wieder gut, dass das eine Mäderl gut versorgt ist erleichtert sie doch auch etwas, denke ich. Ich lasse sie herzlich grüssen und erwarte Ihre freundliche Antwort.
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Ihre aufrichtig ergebene Hermine Wittgenstein 126 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, nach dem 26. 4. 1924] Sehr geehrter Herr Professor
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Besten Dank für Ihren lieben Brief natürlich ist es mir recht wie Sie's machen und ich hoffe Sie haben auch gleich schon angefangen mit dem Fleisch, es läuft
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vom 15 an. Es freut mich auch sehr dass Sie an mich gedacht bezüglich der Mutter Ihres Schülers für die ich sehr gerne etwas tun will. Vielleicht wäre es das Beste wenn Sie mir die Adresse gäben, ich würde die Frau aufsuchen und könnte mit ihr besprechen womit ihr am besten geholfen wäre. Ich muss auch noch etwas mir Wichtiges sagen: wie Sie vielleicht wissen hat Ludwig seinerzeit sein Vermögen unter seine Geschwister verteilt, daran denke ich immer seinen Freunden gegenüber und finde diese haben ein Recht auf einen Teil dieses Geldes, und eigentlich bin ich's nicht die schenkt sondern Ludwig.
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Es grüsst Sie freundlichst sehr geehrter Herr Professor
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Ihre ergebene Hermine Wittgenstein 127 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Dr. L Hänsel Wien V Kriehuberg. 25/13 Herrn Ludwig Wittgenstein Puchberg a. Schn. Volksschule (N. Ö.) 20. 5. 24. L. W.
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Ich kann am kommenden Sonntag wieder nicht zu Dir hinausfahren: Der Malermeister hat sich gerade Donnerstag bis Samstag ausgesucht. Ich bin also Samstag und Sonntag zum Einräumen unentbehrlich. Am Himmelfahrtstag geht es wegen meiner Privatstunden nicht. Also muß ichs bleiben lassen. Es ist mir leid um den Tag. Herzlichen Gruß! Auch an Koder. Dein H.
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Ich hätte Dich fragen wollen: Wie ein Klassenausflug auf den Schneeberg (Ende Juni) am besten zu machen wäre. Wo übernachten? Oben im Hotel, oder in einem anderen Haus? Kannst Du über die Preise (für Schüler!) etwas erfahren? Letzten Samstag war ich in der Wachau mit der Klasse. Herzlich der Nämliche.
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128 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Hänsel Wien V. Kriehubergasse 25/13 Herrn Ludwig Wittgenstein Volksschule Puchberg a. Schn. N. Ö. [Poststempel: Wien, 20. VI. 24] L. W.
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Freitag, den 27. dM. käme meine Klasse bei annehmbarem Wetter mit dem Mittagzug nach Puchberg (ca 3h).--Ich bitte Dich uns die Nächtigung im Baumgartnerhaus zu sichern: für 20-25 Leute. Ich habe den Schülern 3000 K als Nächtigungskosten angegeben. Sollten sie höher sein, so schreib mir bitte. Schreib mir lieber auf jeden Fall, damit ich gewiß bin, daß ich aufgenommen werde.--Vielleicht fährst Du übrigens zu der Zeit gerade nach Wien.-Page 85

Herzliche Grüße! D.H.

129 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, Anfang August 1924] L. H.!
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Ich habe lange nichts von mir hören lassen und tue es auch heute nur nach langem Herumziehen. Der Grund ist hauptsächlich meine sonderbare unbestimmte Stimmung, die mir die Mitteilung erschwert, weil ich sie--wenigsten[s] schriftlich--doch nicht erklären kann. Äußerlich geht es mir hier ganz gut. An der Psychologie arbeite ich nicht und werde ich wohl auch nie mehr arbeiten, denn das geht mir doch nicht vom Herzen. (Diese Arbeit ist mit meinem Wesen nicht mehr verkuppelt). An der »Biographie« schreibe ich; sie ist scheußlich aber es ist die einzige Arbeit, die ich überhaupt machen kann und es ist gut, daß sie geschrieben wird oder wäre zum mindesten gut, wenn es im rechten Geist geschähe. Eine äußere Unannehmlichkeit ist jetzt für mich die Unsicherheit, ob ich hier bleiben oder zu meinem Onkel fahren werde. Als ich ihn vor ca 4 Wochen in Wien besuchte lud er mich definitiv ein zu ihm zu kommen, sagte aber, er werde mir das genauere Datum, welches er aus verschiedenen Gründen noch nicht wußte, mir brieflich mitteilen. Bis jetzt habe ich aber keine Nachricht und weiß also nicht ob vielleicht sein oder seiner Freundin Befinden ihn zurückhalten mich einzuladen oder sonst etwas. Ich denke nun an folgendes: Könntest Du mir in Eurer Nähe ein billiges (nicht
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verwanztes) Zimmer auftreiben, so möchte ich gerne etwa anfangs der nächsten Woche dorthin kommen und 8-10 Tage bleiben. Um den 20.ten muß ich vielleicht schon wieder in Wien sein um einen Schüler zur Aufnahmeprüfung an die Mittelschule vorzubereiten. Ich weiß übrigens, daß das Wohnungfinden wahrscheinlich nicht möglich sein wird und in dem Fall ist es auch kein großes Unglück. Solltest Du etwas für mich wissen, so verständige mich bitte gleich davon, sonst bleibt keine Zeit mehr Dein Wissen praktisch zu verwerten. Deine Post habe ich regelmäßig nachgeschickt, bis auf die beiden beiliegenden Karten, die etwas verspätet in Deine Hände kommen. Der geometrische Satz aus dem Spinoza ist mir unverständlich, wenn nicht--wie ich glaube--unter den sich im Kreise schneidenden Geraden die Durchmesser gemeint sind. Freilich wäre dann die Zeichnung falsch, aber das ist nicht unmöglich. Grüße Deine Frau und die Kinder herzlich und Dich selbst von Deinem Ludwig Wittgenstein 130 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Otterthal] 6. 9. 24. L. H.!
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Ich bin in Otterthal! Wie es hier gehen wird, weiß Gott allein. Ich lebe in Angst und Bangen! Auf meiner Brust liegt es schwer und ich schleppe mich herum, wie ein gefolterter. Ich hoffe, Du besuchst mich bald nach Deiner Rückkunft. Ich habe Deine Wohnung in ziemlicher Ordnung hinterlassen und die Schlüssel Drobil gegeben, der sie Dir schicken wird. Grüße Deine Frau und die Kinder. Dein Wittgenstein 131 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, Anfang September 1924] Sehr geehrter Herr Professor
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Ich mache mir Vorwürfe dass ich Ihnen nicht gleich schrieb, Sie sollten wieder das Fleisch auf meine Rechnung nehmen ohne zu sparen; bitte tun Sie es gleich! Hoffentlich haben Sie sich alle im Sommer recht erholt wenn auch das Wetter nicht gerade günstig war. Werden Sie einmal zu meinem Bruder nach Otterthal gehen? das ist jetzt wieder eine grosse Tour, beinahe so weit wie Trattenbach, aber ich wäre natürlich sehr glücklich wenn Jemand mir sagen könnte, wie Ludwig sich dort fühlt, ich meine wie die Schulverhältnisse sind. Ohne Reibung kann es ja, glaube
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ich, nicht abgehen, sein Lehrprogramm ist zu sehr verschieden von dem der andern Lehrer, aber wenigstens zu

Zerreibungen soll es nicht kommen. Wenn Sie fahren sollten, so bitte ich herzlich es mir möglichst früh zu sagen damit ich Lebensmittel mitgeben kann, ich bin den ganzen Tag vom Hause abwesend, finde die Post immer erst am Abend.
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Mit freundlichen Grüssen an Ihre liebe Frau und Sie, sehr geehrter Herr Professor
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Ihre sehr ergebene Hermine Wittgenstein 132 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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SCHULLEITUNG OTTERTHAL Post: Kirchberg a. W. Bezirk: Neunkirchen, N. Ö. [Mitte September 1924] L. H.!
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Danke für die Karte. Ich weiß, daß ich einiges bei Euch gelassen habe möchte aber auch einiges weiter bei Euch lassen. Ein Päckchen in braunem Papier liegt in Deinem Zimmer worin 2 Deckenkappen sind. diese gehören meiner Nichte Frau Marie von Stockert Opernring N° ich weiß nicht wieviel. Es ist ein Haus auf der Seite der Oper zwischen Operngasse und Goethedenkmal. Im Parterre ist ein großes Geschäft »Olso«. Da zwischen Operngasse und Goethedenkmal nur 4 oder 5 Häuser sind, so ist es nicht zu verfehlen. Solltest Du einmal da vorüberkommen, so bitte gieb das Zeug ab. Wenn Du willst beim Hausmeister. Hübsch wäre es aber, wenn Du meine Nichte besuchen wolltest--sie ist sehr nett. Du könntest ihr dann auch etwas ausrichten. Ich habe ihr nämlich vor ein paar Tagen einen sehr konfusen Brief geschrieben, worin ich ihr die Adresse einer Person mitteilte, die Breitenseerstraße N° 47 Tür 9 wohnt. Ich schrieb aber nur die Straße und vergaß die Nummer einzusetzen. Wenn Du meine Nichte siehst, könntest Du ihr die Nummer sagen. Mein Schreibebuch behalte bei Dir, wenn es geht. Ich kann jetzt nicht daran denken, weiter zu schreiben. Meine Kräfte reichen kaum hin um meine Schularbeit notdürftig zu verrichten. Ja ich bin so müde & matt und mein Gehirn ist so krank, daß ich nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Noch eine Bitte: Besorge mir beim Schulbücherverlag 10 Stück »Träumereien an Französischen Kaminen« von Volkmann-Leander. Sie sind dort in einer billigen Ausgabe zu haben. Wenn Du zu mir kommst, werden wir abrechnen. Von Büchern die ich bei Dir gelassen habe brauchte ich die »Landwirtschaftslehre« I & II. Sie liegt auf Deinem niedrigen Kasten bei den anderen Büchern. Ferners, wenn Du beim Schulbücherverlag bist, so bitte erkundige Dich nach dem Preis des Rechtschreibewörterbuches (große Ausgabe). Ich möchte es hier einführen. Grüße mir Deine Frau & die Kinder Ich freue mich auf Dein Kommen Dein Wittgenstein
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133 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Otterthal, Anfang Oktober 1924] L. H.!
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Dank' Dir vielmals für die Leander Märchen und die Tafeln. Ausständig ist noch der Preis der großen Wörterbücher des Schulbücherverlags. Bitte laß mich ihn bald wissen. Ich bin neulich ganz gut hier angekommen und der Schwächezustand in den Beinen ist jetzt vorbei. Ich war beim Arzt der sagt, es seien alles nervöse Zustände. Er gab mir eine Medizin die mir vielleicht eher hilft als schadet. Ehrlich gesagt fühle ich mich recht miserabel. Es ist ein verfluchter Zustand und erschwert die Schularbeit riesig. Für Deinen lieben Besuch und die Hilfe bin ich Dir viel Dank schuldig. Es war eine außerordentliche Wohltat. Mir stehen noch schwere Kämpfe bevor. Möchte ich nicht unterliegen! Dein Wittgenstein 134 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, Anfang Oktober 1924]

Sehr geehrter Herr Professor
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Herzlichen Dank für Ihren freundlichen Brief! Das war wirklich ein strapaziöser Besuch und ich bewundere Sie! Ich hätte mich nur geärgert und mich beschimpft weil ich meinen Freund verfehlt habe und wäre unverrichteter Dinge am nächsten Tag nach Hause gegangen um den Besuch später zu wiederholen. Sie müssen ja auch ganz tot nach Hause gekommen sein, denn ein Tag mit Ludwig ist auch nicht un-anstrengend wenigstens für mich! Sehr betrübt es mich dass Ludwig körperlich nicht wohl ist, sein Leben in den Ferien war ja nicht das Richtige und vielleicht isst er jetzt nicht genug oder nicht gut? Ich bin aber am wenigstens geeignet da irgendwie einzugreifen, schon ein paarmal habe ich es unrichtig angefangen und bin dadurch ganz unsicher geworden, ein Zustand in dem man erst recht danebenhaut! Wissen Sie was man tun könnte? Was die Deckenkappen anbelangt so hat sie meine Nichte nicht, doch lässt sie Sie bitten nur ja nichts an Ludwig davon zu schreiben! die Sache hat gar keine Eile und wird sich entweder in nächster Zeit aufklären, da meine Nichte nachforschen will wo die Kappen etwa sonst sein können, oder Ludwig kann gefragt werden wenn er zu Allerheiligen nach Wien kommt, mündlich ist das so viel leichter! Jedenfalls soll auch Ihre Frau nicht länger danach suchen, wo sollten sie sich denn in Ihrer Wohnung verschloffen haben?
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Sie lieber Herr Professor und Ihre liebe Frau herzlich grüssend
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Ihre sehr ergebene Hermine Wittgenstein
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135 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Otterthal, vordem 15. 10. 1924] L. H!
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Dank' Dir für Deine 1. Karte. Ich hatte nicht gedacht daß die Wörterbücher so furchtbar teuer seien. Ich glaube wenn ich lang genug lebe werde ich ein kleines Wörterbuch für Volksschulen herausgeben. Es scheint mir ein dringendes Bedürfnis zu sein. Leider muß ich Dich bitten Deinen Besuch zu verschieben. Koder hatte sich nämlich schon früher für diesen Sonntag (d. 19./10) angesagt und ich schrieb ihm, er möchte lieber schon am 12./10. kommen, aber er konnte nicht, und so hat er den Vortritt. Hier geht es nicht gut und vielleicht geht es jetzt mit meiner Lehrerei zu Ende. Es ist zu schwer für mich. Nicht eine sondern ein Dutzend Kräfte wirken gegen mich, und was bin ich! Dein Wittgenstein 136 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Hänsel, Wien V. Kriehubergasse 25/13 Herrn Lehrer Ludwig Wittgenstein Otterthal N. Ö. b. Kirchberg a. W. [Wien] 15. 10. 24. L. W.
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Nun bin ich in einer ähnlichen Lage wie Du. Ich habe für übernächsten Sonntag (26. Okt.) den jungen Russen zu uns geladen, er war schon einmal umsonst da, an dem Wandertag meiner Schule, ist dann wieder gekommen, auf meine Bitte, und soll nun den 26. mit uns essen und spazieren gehen. Ich möchte ihm nicht wieder absagen. Zudem ist dann gleich Allerheiligen. Da wirst Du ja nach Wien und zu uns kommen. Also komme ich vorher nicht mehr hinaus.--Das Geld habe ich dem Russen gegeben, er spricht aber wieder von einer Deckenkappe, die bei uns sein soll, und wir finden nichts. Ich bekomme noch den Deckenkappenverfolgungswahnsinn.--Er ist sehr nett. (Der Russe, nicht der Wahnsinn)-Page 89

Sei stark! Tu in dem Kräftefeld, in dem du stehst, das Mögliche u. mit Verzichtsbereitschaft.

Dein H.
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137 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Otterthal, Ende Oktober 1924]
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L. H.! Ich bin ein Schwein daß ich Dir noch nicht auf Deine liebe Karte geantwortet habe. Nein, wie Du fort warst war ich überzeugt, daß der Unterschied unseres Blutes und unserer ganzen Anlage keine Ursache einer Entfremdung zwischen uns sein kann. Ich habe ein großes Vertrauen zu Dir. Wir haben eben verschiedene Aufgaben erhalten und die Aufgaben sind an sich weder schlecht noch gut; es kommt nur auf die Lösung an. Das sage ich nicht nur sondern ich fühle es immer. Meine Aufgabe scheint mir sehr interessant, aber sie ist mir viel zu schwer d.h ich bin für sie viel zu schlecht und ich werde ein klägliches Ende nehmen.--Vielleicht komme ich schon Freitag abends zu Dir. Ich weiß es noch nicht.
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Auf Wiedersehen Dein Wittgenstein
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Besten Gruß von Koder. 138 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Otterthal, vor dem 30. 11. 1924] Lieber Hänsel!
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Mehrere Angelegenheiten: 1.) Der Verlag Tempsky hat mir geschrieben, er wolle mein Wörterbuch annehmen. Ich habe darauf gleich begonnen eines zu verfassen. (Ich bin gerade beim G) Nun ist es mir aber darum zu tun, daß mir niemand zuvorkommt, denn sonst habe ich die ganze Arbeit umsonst gemacht. Soll ich nun darüber mit dem Verlag einen Vertrag abschließen? Ich habe dem Tempsky geschrieben, daß ich schon mit der Abfassung begonnen habe. Das wird vielleicht genügen.
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2.) Ob ich am 8. nach Wien komme weiß ich noch nicht. Ich habe nämlich einen sehr unangenehmen Bronchialkatarrh und traue mich nicht recht damit Witze zu machen, weil ich fürchte, er möchte werden wie im vorigen Jahr. Ich werde Dir wohl noch schreiben, aber falls ich nicht schreibe, komme ich nicht. Wenn nun in diesem Falle Du zu mir kommst, so bitte sei 3.) so gut und bring mir die Klarinette mit und das Paket Glasröhren, welches ich bei Euch gelassen habe. Könntest Du mir 4.) ohne große Mühe den ersten--aber wirklich den allerersten--Band der Geschichte des Altertums von Meyer ausleihen, so wäre ich sehr dankbar.
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Jetzt auf Wiedersehen. Hier oder in Wien Dein Wittgenstein
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139 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Dr. L Hänsel Wien V. Kriehuberg. 25/13 Herrn Ludwig Wittgenstein Volksschule Ottertal b. Kirchberg a. W. N. Ö. 30. 11. 24
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L. W. Herzlichen Dank für Deinen Brief. Da der Verlag Dir mit seiner Zuschrift, er wolle annehmen, doch

auch den Auftrag gegeben hat, so ist, meine ich, ein Vertrag nicht mehr nötig. Ich würde ihn für mich nicht verlangen. Meyer I werde ich Dir besorgen (enthält Prinzipielles über Methode der Geschichtschreibung, glaube ich). Glasröhre und Klarinette, die ich noch nicht abgeholt habe, bringe ich mit.--Ich will hoffen, daß Du bis zum nächsten Sonntag die Krankheit schon überstanden hast. Schone Dich aber! Es ist jetzt nicht die rechte Luft für Dich zum Wandern.--Paul Seidl war heute wieder bei mir. Er war krank, auch Mutter und Schwester, an einer Grippe wahrscheinlich. Er ist immer gleich lerneifrig, aber in den drei Wochen nicht viel weiter gekommen. Er möchte für die Mathematik immer wieder mechanische Handgriffe, wie zur Bedienung einer Maschine.
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Ich freue mich, Dich wieder zu sehen. Wir grüßen Dich alle herzlich! Dein Hänsel
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Ich komme Samstag abends. 140 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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SCHULLEITUNG OTTERTHAL Post: Kirchberg am Wechsel, Bezirk: Neunkirchen, N. Ö. [zw. dem 30. 11. u. 6. 12. 1924 ?] Lieber Hänsel!
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Ich freue mich auf Dein Kommen.
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Bitte: Besorge mir einige Bücher, die ich für Schüler brauche, die in die Bürgerschule kommen sollen. Es sind die Bücher, welche im beiliegenden Verzeichnis mit Bleistift angezeichnet sind und soviel Stück von jedem, als dabei steht. Wenn es irgend möglich ist, so besorge sie antiquarisch, denn die Hauptsache ist, daß sie billig sind, nicht die Schönheit. Natürlich dürfen keine Seiten fehlen. Ich erfahre, daß Du sie wahrscheinlich am besten in der Wollzeile N° 6 bei Meistrik bekommen wirst. Du mußt Dich aber als Lehrer vorstellen und außerdem noch sagen, daß die
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Bücher für arme Schüler gehören, weil man dann vielleicht noch einen Preisnachlaß gibt.
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Ich schicke Dir hier 500000 K. Es wird natürlich reichlich sein.
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Bitte bring die Bücher mit, da ich sie dringend brauche & verzeih die Belästigung.
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Auf Wiedersehen! Dein Wittgenstein
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P.S. Bitte bring auch das Verzeichnis wieder mit! 141 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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Hänsel Wien V. Kriehuberg. 25/13 Herrn Lehrer Ludwig Wittgenstein Otterthal b. Kirchberg a. Wechsel N. Ö. 10. 1. 25. L. W.
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Tinte und Zange gehen gleichzeitig ab. Das Heft der Ostwaldschen Annalen mit Deinem Werk werde ich (nicht ganz gern) am Donnerstag, wenn er zum Abend der philos. Gesellschaft kommt, dem Prof. Schlick

übergeben, sonst werde ich dort wenigstens seine Adresse erfahren. Das erste Paket hast Du--hoffe ich--schon bekommen.--Ich werde am 31. Jänner zu Dir fahren. (Erstes Mond-Viertel). Herzlich Dein Hänsel 142 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Otterthal, Ende Jänner 1925 ?] L. H.!
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Schon vor einigen Wochen schrieb ich Dir einen Dank- & Bittbrief, er ist mir aber abhanden gekommen und ich konnte ihn nicht mehr finden. Ich habe darin Deine liebe Frau & Dich samt Kindern & Kindeskindern wegen Eurer Sendung verflucht. Ferners hab ich folgende Bitten:
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1.) Du wirst Dich erinnern, daß ich in der Werkzeughandlung Weiß in der Margaretenstraße zu Weihnachten eine Rechnung über die gekauften Werkzeuge verlangt habe. Habe ich sie damals im Geschäft vergessen, oder dann bei Dir in der Wohnung gelassen, jedenfalls habe ich sie nicht und kann das Geld vom Ortschulrat nicht zurückkriegen. Falls Du sie nicht zufällig bei Dir gefunden hast, so bitte geh gelegentlich in das Geschäft & verlange eine Rechnung über zwei Zangen, zwei Bohrer & eine Säge, wie sie der beiliegende Zettel zeigt.
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2.) Bitte erkundige Dich ob man ein Co