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Ludwig Wittgenstein: Tagebücher und Briefe

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Past Masters Preface


The letters include exchanges with Ludwig von Ficker, Ludwig Hänsel, Rudolf Koder and Stanislaus and Adele
Jolles. The correspondence has been edited with commentary by the Brenner-Archiv and includes many letters
which have never been published previously in any form. The correspondence between Wittgenstein and Hänsel has
been published in print as Ludwig Hänsel-Ludwig Wittgenstein: eine Freundschaft (Haymon Verlag, 1994). Some
of the Ficker-Wittgenstein letters have appeared in 'Ludwig von Ficker: Briefwechsel 1909-1967' (4 volumes,
1988-1996).These exchanges form part of the ongoing Brenner-Archiv project to edit the complete correspondence
of Wittgenstein with detailed commentary on each letter identifying all names, places, literature and events
mentioned in it. Collections of letters between Wittgenstein and various correspondents will appear in Past Masters
databases as they are finished until the Gesamtbriefwechsel is available in the series some years from now.

Ludwig Wittgenstein : Tagebücher


Vorapparat
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Herausgegeben im Auftrag des
Forschungsinstituts Brenner-Archiv, Innsbruck, und in Zusammenarbeit mit dem
Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen
Unterstützt durch den
Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung
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Titelblatt
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Ludwig Wittgenstein

Denkbewegungen

Tagebücher
1930-1932, 1936-1937

(MS 183)

Herausgegeben von Ilse Somavilla


Teil 1: Normalisierte Fassung

HAYMON

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Urheberrecht
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Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme
Wittgenstein, Ludwig:
Denkbewegungen : Tagebücher 1930-1932, 1936-1937 / Ludwig Wittgenstein. Hrsg. von Ilse Somavilla. - Innsbruck :
Haymon-Verl., 1997
ISBN 3-85218-225-5
Umschlag: Benno Peter
© Haymon-Verlag, Innsbruck 1997
Alle Rechte vorbehalten / Printed in Austria
Satz: Haymon-Verlag
Druck und Bindearbeit: Wiener Verlag, Himberg
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Inhalt
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Inhalt
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Page 7
Vorwort 7
Editorische Notiz 10
Ludwig Wittgenstein: Tagebücher
Normalisierte Fassung 19
Kommentar 107
Literaturverzeichnis 154
Personenregister 157
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Vorwort
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Der in dieser Ausgabe veröffentlichte Text ist die Wiedergabe eines Tagebuchs von Ludwig Wittgenstein, das
er in den Jahren 1930 bis 1932 und 1936 bis 1937 geführt hat und von dessen Vorhandensein man erst seit kurzem
weiß. Auch in dem von Georg Henrik von Wright herausgegebenen „Wittgenstein-Katalog“ ist dieser Band unter
keiner Nummer angeführt bzw. als „verschollen“ vermerkt.†1 Wie jetzt bekannt wurde, befand er sich neben einem
Typoskript der Logisch-Philosophischen Abhandlung, einem Manuskript der „Lecture on Ethics“ und einem
Manuskript der Philosophischen Untersuchungen – dem als verschollen gegoltenen MS 142 – im Besitz von
Wittgensteins Schwester Margarete Stonborough in Gmunden. Nach dem leben ihres Bruders übergab Margarete
die genannten Dokumente Rudolf und Elisabeth Koder als Erinnerungsstücke.
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Rudolf Koder war Lehrer im niederösterreichischen Dorf Puchberg und hatte Wittgenstein dort 1923
kennengelernt. Durch das gemeinsame Interesse an der Musik entwickelte sich zwischen den beiden eine herzliche
Freundschaft, die bis zu Wittgensteins Tod im Jahre 1951 währte.
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Ende 1993 kam es zu Kontakten zwischen Rudolf Koders Sohn, Univ.- Prof. Dr. Johannes Koder, sowie
dessen Schwester, Dr. Margarete Bieder-Koder – den nunmehrigen Eigentümern des sogenannten
„Koder-Nachlasses“ – und dem Brenner-Archiv der Universität Innsbruck.
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In der Folge beauftragte Prof. Koder das Brenner-Archiv, das Tagebuch aus dem Nachlaß seiner Eltern zu
veröffentlichen.

***
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Wittgenstein hatte die Angewohnheit, seine philosophischen Gedankengänge oft gleichzeitig in mehrere
Manuskriptbände einzutragen, zuweilen vermischt mit Reflexionen persönlichen Charakters oder
kulturgeschichtlichen
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Inhalts, die über kürzere oder längere Abschnitte hinweg auch in Geheimschrift abgefaßt sind.
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Dabei kommen zeitweise dieselben Gedanken an verschiedenen Stellen vor, manchmal sogar im selben
Wortlaut. Bemerkungen, die sich über den ganzen Nachlaß verstreut in seinen Manuskripten finden lassen, kommen
auch im vorliegenden Tagebuch in ähnlicher Form vor.
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Insofern ist das Tagebuch vor allem für Wittgenstein-Forscher von Bedeutung, die Bezüge zu seinem
gesamten Werk herstellen möchten. Durch Eintragungen sehr persönlichen Charakters wird aber auch Einblick in
den „Menschen“ Wittgenstein vermittelt und der – erst in jüngster Zeit in der Forschung systematisch
berücksichtigte – enge Zusammenhang seiner Lebensprobleme mit seiner philosophischen Denkweise sichtbar
gemacht. Darüberhinaus wird eine Kontinuität von wesentlichen Gedanken Wittgensteins deutlich: Probleme, die
ihn bereits zur Zeit des Ersten Weltkrieges beschäftigten und uns durch die publizierten Tagebücher 1914-1916 wie
auch durch die Geheimen Tagebücher bekannt sind, treten hier – nach mehr als 20 Jahren – wieder auf. Doch nicht
nur für den wissenschaftlich orientierten Leser ist der Manuskriptband interessant, sondern auch für jenen, der mit
Wittgensteins Schriften bisher wenig oder gar nicht vertraut ist; über die in ihrer Thematik breit gefächerten
Bemerkungen Wittgensteins kann er einen ersten Zugang zu dessen Denken und Persönlichkeit gewinnen.

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Wittgensteins Reflexionen, die trotz Einfachheit des Stils durch Klarheit des Ausdrucks und Tiefe des
Denkens bestechen, erstrecken sich über Kunst und Kultur – insbesondere über Musik – bis hin zu ethischen und
religiösen Fragen.
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Dies geschieht oft verhüllt. Wittgenstein schreibt in bildhaften Gleichnissen, deutet an, „zeigt“ und
demonstriert damit seine Auffassung von den Grenzen des Sagbaren, die er zeitlebens beibehielt.
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Sein Ringen mit Sprache offenbart sich als ethisch begründet, seine Suche nach philosophischer Klarheit als
eine Suche nach Klarheit über sich selbst.
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Das Tagebuch kann daher auch im Hinblick auf Wittgensteins Äußerung „Ethik und Ästhetik sind Eins“
(Tractatus, 6.421) gelesen werden. Es gibt lebendigen Aufschluß über die große Bedeutung des „Bereichs des
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Unaussprechlichen“, dem im Sinne Wittgensteins Fragen der Kunst, Ethik und Religion zuzuordnen sind.
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Wittgensteins Auseinandersetzung mit dem Bereich „außerhalb der Welt der Tatsachen“ bzw. mit dem „Sinn
der Welt“ – Wittgensteins religiöses Denken – zeigt zwar stellenweise Parallelen zu den bisher publizierten
Geheimen Tagebüchern und zu den Vermischten Bemerkungen; sein „Leiden des Geistes“ – so nannte er religiöse
Erfahrung – seine innere Not an den Grenzen des Sagbaren und wissenschaftlich Erklärbaren kommt aber in keiner
anderen seiner Schriften wie in der vorliegenden in vergleichbarer Intensität und Glaubwürdigkeit zum Ausdruck.
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Trotz der im Tagebuch veranschaulichten inneren Kontinuität von Wittgensteins wesentlichen Gedanken
kann man jedoch keineswegs von einer Starre oder Stagnation in seinem Philosophieren sprechen: im Gegenteil, die
Auseinandersetzung mit Problemen der Philosophie erweist sich als ein dynamischer Prozeß: sein Denken kennt
keinen Stillstand, keine „Ruhepause“, sondern ist immer in „Bewegung“ und Neuerung – aus sich selbst schöpfend.
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Selbst im Prozeß des Schreibens manifestiert sich diese Dynamik: in steten und unermüdlichen Änderungen
und Überarbeitungen wird seine – persönliche wie auch philosophische – Rastlosigkeit spürbar. Die Eigenart, jedes
Wort, jeden Satz sorgsamst abzuwägen und zu überprüfen und jeden Gedankengang oder jede Situation von
verschiedenen Blickwinkeln aus zu betrachten, resultierte in einer Vielfalt von „Varianten“ und Versionen in der
Abfassung seiner Texte.
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Diese sprachliche Dimension, der erst seit wenigen Jahren, zumeist nur in Ansätzen, Aufmerksamkeit
geschenkt wird, ist in der vorliegenden Edition berücksichtigt: durch eine, im Wittgenstein-Archiv der Universtität
Bergen entwickelte Transkriptionsmethode, werden hier die Texte Wittgensteins originalgetreu wiedergegeben.
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Durch die Darstellung seines Stils und Schreibens einschließlich seiner „Varianten“ bzw. Alternativen soll es
dem Leser ermöglicht werden, Wittgensteins Gedankengänge – die „Denkbewegung“ in seinem Philosophieren – in
ihrer ganzen Lebendigkeit nachzuvollziehen.
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Editorische Notiz
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Das vorliegende Tagebuch wurde – wie im Vorwort erwähnt – im Nachlaß von Rudolf und Elisabeth Koder
aufgefunden. Es handelt sich dabei um einen in Halbleinen gebundenen Manuskriptband von 244 Seiten bzw. 122
Blatt linierten Papiers im Format 22,5 x 17,5 cm. Wittgenstein schrieb teils mit Bleistift (von S.1-S.157), S. 146f. und
157 teilweise mit Tinte, S. 158-243 mit Tinte.†1
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S. 1-142 des Tagebuches wurden in Cambridge geführt (dies war die Zeit vom 26. April 1930 bis zum 28.
Jänner 1932). S.142 - 242 wurden in Skjolden geschrieben (19. November 1936 bis 30. April 1937). S. 242- 243 bzw.
die Eintragungen vom 24. September 1937 erfolgten gleichfalls in Skjolden.†2
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Die in Skjolden geschriebenen Teile sind teilweise in Geheimschrift abgefaßt. Während in den Tagebüchern
1914-1916 eine formale Gliederung zu beobachten ist (– in der Regel schrieb Wittgenstein auf der linken Seite in
Geheimschrift, auf der rechten Seite in Normalschrift†3 –), fehlt hier diese Aufteilung; Wittgenstein schreibt, kleinere
oder größere Abschnitte abwechselnd, in Normal- und in Geheimschrift.
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Oftmals hat es den Anschein, daß Wittgenstein Teile sehr persönlichen Inhalts, die er für sich behalten
wollte, in Geheimschrift abfaßte, doch ist dies keineswegs als Kriterium für alle Geheimschriftstellen zu betrachten.
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Völlig belanglose Aussagen einerseits wie auch philosophische Bemerkungen andererseits sind manchmal in Code
geschrieben.
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In den meisten Fällen jedoch steckte Intention dahinter: Wittgenstein scheint ihm besonders kostbare
Gedanken damit vor schnellen Blicken eiliger, oberflächlicher Leser schützen, abdecken gewollt zu haben. Hinweis
auf diese Vermutung könnte eine Stelle aus dem Manuskript 157a geben: „Es ist ein großer Unterschied zwischen
den Wirkungen einer Schrift die man leicht & fließend lesen kann & einer die man schreiben aber nicht leicht
entziffern [lesen] kann. Man schließt, in ihr die Gedanken ein, wie in einer Schattulle.“

***
Page 11
Die Transkription der vorliegenden Texte erfolgte nach dem im Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen
entwickelten Computer-System MECS-WIT, das eine maschinenlesbare Fassung des gesamten Nachlasses anstrebt.
MECS-WIT ist dafür konzipiert, Wittgensteins charakteristische Art des Schreibens – mit seinen zahlreichen
Änderungen, Streichungen, Einfügungen, Überarbeitungen und dergl. originalgetreu wiederzugeben.†1
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In dieser Ausgabe wird, um den unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen der Leserschaft entgegen zu
kommen, der Text in zwei Transkriptionsformen, einer „normalisierten“ †2 und einer „diplomatischen“ Fassung,
vorgelegt.
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Die sogenannte normalisierte oder Lesefassung soll das Lesen von ansonsten manchmal schwer
verständlichen bzw. schwer lesbaren Textstellen erleichtern.
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Im fortlaufenden Text wird die letzte von Wittgensteins Varianten wiedergegeben, die zuerst geschriebenen
sind in Fußnoten der Reihenfolge nach festgehalten. Wenn Wittgenstein, um sich nicht zu wiederholen,
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Teile eines Satzes desselben Wortlauts durch Punkte ersetzte, so wird anstelle der Punkte im Haupttext die
betreffende Stelle in vollem Wortlaut und in Fettschrift als Kennzeichnung eines editorischen Eingriffs
wiedergegeben. Die eckigen Klammern oder doppelten Schrägstriche, die Wittgenstein als Markierungen späterer
Varianten setzte, entfallen in der normalisierten Fassung, um den Lesevorgang nicht zu behindern.
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In der diplomatischen Fassung hingegen bleiben sie erhalten, ebenso wie die Punkte als Ersatz von Teilen
eines Satzes bzw. Textes. Hier wird der tatsächliche Fortgang des Niederschreibens festgehalten, mit der zuerst
geschriebenen Version im sogenannten Haupttext, den hinzugefügten und darübergeschriebenen Varianten an den
Stellen, wo sie im Original gesetzt wurden.
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Im Gegensatz zu der in Norwegen gehandhabten Methode, Wittgensteins Schriften in der normalisierten
Fassung in Angleichung an den neuesten Stand des Deutschen Duden zu korrigieren, werden in der vorliegenden
Edition Wittgensteins Schreibfehler – die u.a. teils aus Versehen in der Geschwindigkeit des Schreibens etc.
entstanden sind –, wie auch für ihn typische Schreibgewohnheiten wie „in’s“ anstatt „ins“ (wie bei ins Reine
kommen) oder „wol“ statt „wohl“ und ähnliche, originalgetreu wiedergegeben. Wittgensteins eigenartige
Handhabung der Groß- und Kleinschreibung – wie „der Beste Zustand“, „zum umschnappen“, „des guten und des
rechten“ u.ä. – wurde respektiert, da es schwierig ist zu eruieren, wann dies mit Absicht, wann aus Flüchtigkeit oder
mangelnder Rechtschreibkenntnisse geschah. Auch das von Wittgenstein verwendete Kürzel „&“ für „und“ wurde
belassen.
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Zur Jahrhundertwende fand eine Reform der deutschen Rechtschreibung statt: daß die Anpassung an die
Neuerungen nur langsam erfolgte, zeigt sich darin, daß Wittgenstein viele Schreibarten aus der Zeit vor der Reform
beibehielt. Häufig finden wir bei ihm ein „c“, wo nach der Reform ein „k“ oder „z“ geschrieben werden sollte, wie
bei „Conzert“, „Correlat“, „Concentrieren“, „Scene“ und dergleichen.
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Seine Schreibung von „seelig“ mit zwei „e“, so wie „Waare“ anstatt „Ware“ muß ebenfalls als ein „Relikt“
der früheren Rechtschreibung gesehen
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werden, ebenso wie „y“ anstelle von „i“ wie in „Nymbus“, und „th“ anstelle von „t“ wie in „Thaler“.
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Weniger bekannte oder nur im österreichischen bzw. Wiener Dialekt dieser Zeit verwendete Ausdrücke wie
„Übligkeiten“ anstatt „Übelkeit“ und „derfangen“ anstelle von „sich fangen“ wurden im Text belassen, jedoch im
Kommentar erläutert.
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Nur wenn gröbere Fehler wie das fehlende „h“ bei dem Komponisten „Mahler“ vorkommen oder wo
Wittgenstein im Fluß des Schreibens „sei“ anstatt „seit“ schrieb oder anstelle eines Wortes wie „schwerer“
„schwerere“ setzte, wurde korrigiert; dies ist jedoch durch Fettdruck angezeigt und im Kommentar erörtert.
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Bei schwer leserlichen Stellen, wo sich die Herausgeberin für ihr adäquat erscheinende Buchstaben oder
Wörter entschied, wird ebenfalls im Kommentar darauf hingewiesen.
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Geheimschrift-Stellen:
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Mehrere Stellen des vorliegenden Manuskriptbandes wurden von Wittgenstein in Geheimschrift abgefaßt.
Sein „Code“ ist an sich einfach zu entziffern, er stellt lediglich eine Umkehrung des Alphabets dar: ein „a“ bedeutet
folglich ein „z“, ein „b“ steht für „y“ usw. Als Ausnahmen sind das „r“ zu nennen, das sowohl „i“ als auch „j“
bedeuten kann, und das „n“, das ein „n“ bleibt.
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Da Wittgenstein jedoch in der Durchführung des Codes nicht immer konsequent war, entstanden Fehler, die
das Verständnis einzelner Wörter und Sätze manchmal erheblich beeinträchtigen würden. Aus diesem Grunde
wurden solche Fehler korrigiert.
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Das heißt, wenn Wittgenstein versehentlich Buchstaben der Normalschrift an Geheimschriftstellen
anwendete, wenn er zum Beispiel anstelle eines „h“ (das in der Geheimschrift ein „s“ darstellen soll) ein „s“ schrieb,
so wurden diese Buchstaben gemäß dem Code wiedergegeben bzw. korrigiert. Diese editorischen Eingriffe sind
jedoch durch Fettschrift angemerkt. Die „ss“ anstatt „ß“ wurden belassen, da Wittgenstein in der Geheimschrift
dafür jeweils „hh“ setzte.
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Um die in Geheimschrift abgefaßten Texte von denen in Normalschrift abzuheben, wurden sie kursiv
gedruckt.
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Umlaute:
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Im Fluß des Schreibens scheint Wittgenstein häufig die ü-, ä- und ö-Striche vergessen zu haben. Diese
wurden in der normalisierten Fassung korrigiert, in der diplomatischen dem Original entsprechend wiedergegeben.
Die Umlaute bei Geheimschrift-Stellen – über f, m und z (für ü, ö und ä) sind in der diplomatischen Umschrift nicht
wiedergegeben.
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Interpunktion:
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Wittgensteins Handhabung der Interpunktion ist in vielen Fällen ungewöhnlich, oft geschah dies mit
Absicht.†1
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Dementsprechend wurde in dieser Edition auch nicht korrigiert, selbst wenn es sich manchmal nur um
Flüchtigkeitsfehler zu handeln schien.
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Anführungszeichen:
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Wittgenstein setzte die Anführungszeichen teilweise unten, teilweise oben: diese wurden in der
diplomatischen Fassung dem Original entsprechend wiedergegeben, in der normalisierten aber standardisiert. Die
Unterscheidung zwischen einfachen und doppelten An- und Ausführungszeichen wurde jedoch in beiden
Fassungen beibehalten.
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Unterstreichung:
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Im Gegensatz zu den bisher publizierten Werken Wittgensteins, in denen die Unterstreichungen zumeist
nach der in der Suhrkamp-Ausgabe gehandhabten Methode wiedergegeben wurden (einfache Unterstreichung i.O.
in Kursiv, zweifache Unterstreichung in kleinen Großbuchstaben und dreifache Unterstreichung in großen
Großbuchstaben, mehr als dreifache mit großen Großbuchstaben und einer zusätzlichen Unterstreichung) werden in
dieser Ausgabe Wittgensteins Unterstreichungen originalgetreu beibehalten. In der elektronischen Fassung Intelex
werden Einfach- und Doppelt-Unterstreichungen als solche wiedergegeben, Dreifach-Unterstreichungen aber als
Doppelt-Unterstreichungen in Fettschrift gekennzeichnet.
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Nur im Kommentar, wo auf publizierte Stellen der Werkausgabe und der Vermischten Bemerkungen
hingewiesen wird, wird entsprechend der Vorlage nach der dort verwendeten Vorgangsweise zitiert.
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Unterstreichungen mit Wellenlinien i.O., die häufig für Zweifel im Ausdruck stehen, werden strichliert
wiedergegeben.
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Sektionen:
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Wittgenstein hatte die Angewohnheit, zumeist in zwei- und mehrzeiligen Abschnitten zu schreiben, die er im
allgemeinen durch eine, in selteneren Fällen durch zwei oder mehr Zeilen, voneinander trennte. Diese Abschnitte
bzw. Sektionen wurden hier entsprechend wiedergegeben. In einigen Fällen fehlt in diesem Tagebuch eine Leerzeile
zwischen zwei Abschnitten, selbst vor Beginn eines neuen Datums, welches manchmal vermutlich erst hinterher in
die Zeile eingefügt wurde.
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Einrückung:
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Häufig rückte Wittgenstein zu Beginn, oder auch innerhalb eines Abschnittes, ein. Diese kleineren oder
größeren Einrückungen werden in der diplomatischen Umschrift dem Original entsprechend wiedergegeben, in der
normalisierten Fassung wird einheitlich eingerückt.
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Numerierung:
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Wittgensteins Numerierung der Seiten in seinen Manuskripten verlief unterschiedlich: manchmal trug er die
Seitenzahlen mehr oder weniger regelmäßig durchlaufend ein, häufig aber kommen Seiten vor, wo die Numerierung
fehlt. Im vorliegenden Tagebuch trug er – von zwei Ausnahmen abgesehen, wo im oberen Rand durch eingefügten
Text keine Pagina zu erkennen ist – jeweils auf der rechten Seite des Tagebuchs – oben in der Mitte der Seite – die
Seitenzahl ein, auf der linken fehlt sie.
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Wittgensteins Numerierung ist in der diplomatischen Fassung, entsprechend dem Original, jeweils oben in
der Mitte der rechten Seite angegeben. Auf den linken bzw. Verso-Seiten, wo die Numerierung im Original fehlt, ist
in der diplomatischen Fassung die Seitenzahl mit „Verso Page 2, Verso Page 4“ etc. angegeben; für die rechte Seite
mit „Recto Page 3, Recto Page 5“ etc.
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In der normalisierten Fassung stehen die Seitenzahlen jeweils am äußeren Rand des Satzspiegels. Zusätzlich
ist der Beginn einer neuen Seite im fortlaufenden Text in eckiger Klammer gekennzeichnet.
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Graphik:
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Wittgenstein trug zur Erläuterung eines Traumes an zwei Stellen Zeichnungen ein (S. 126 und S. 128). Diese
sind hier durch Faksimiles wiedergegeben, ebenso wie seine Darstellungen des Buchstaben „f“ (Seite 236).

Dank
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An dieser Stelle möchte ich all denen meinen Dank aussprechen, die am Zustandekommen dieser Edition
beteiligt waren:
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In erster Linie sei Herrn Univ.-Prof. Dr. Johannes Koder und seiner Schwester, Frau Dr. Margarete
Bieder-Koder, gedankt, die dem Brenner-Archiv ihr großes Vertrauen damit bekundet haben, daß sie uns den
kostbaren Manuskriptband aus dem Nachlaß ihrer verstorbenen Eltern zur wissenschaftlichen Bearbeitung zur
Verfügung stellten.
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Univ.-Prof. Dr. Walter Methlagl und Univ.-Prof. Dr. Allan Janik danke ich dafür, daß sie mich mit der Arbeit
an der vorliegenden Edition beauftragt haben und mir jederzeit für das Tagebuch betreffende Diskussionen ihr
Interesse zeigten.
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Großer Dank gebührt dem Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen und seinem Leiter, Claus Huitfeldt,
mit dessen Erlaubnis die von ihm entwickelte Transkriptionsmethode MECS-WIT hier angewendet werden konnte.
Den Mitarbeitern des Wittgenstein-Archivs –Angela Requate und Peter Cripps, Wilhelm Krueger, Franz Hespe und
Maria Sollohub – sei
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für Korrekturlesen und stets bereitwillige Auskunft und Hilfe gedankt. Weiters danke ich Andrzej Orzechowski,
Wroclaw (Polen) und Monika Seekircher, Innsbruck.
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Frau Marguerite de Chambrier geb. Respinger danke ich für ihre ausführlichen Informationen und für die
Bereitstellung von Briefen Wittgensteins an sie.
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Für Fragen, den Kommentar betreffend, sei Herrn Major John Stonborough, Jonathan Smith (Trinity
College), Dr. Othmar Costa (Innsbruck), Univ.-Prof. Dr. Friedrich Heller (Wien) und Knut Olav Amas (Bergen)
gedankt.
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Herrn Dr. Benno Peter vom Haymon-Verlag danke ich für die engagierte und sorgfältige Durchführung der
Satzarbeiten.
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Den Nachlaßverwaltern Univ.-Prof. Georg Henrik von Wright, Univ.-Prof. Elizabeth Anscombe, Univ.-Prof.
Peter Winch und Univ.-Prof. Sir Anthony Kenny danken wir dafür, daß sie die Zustimmung zur Publikation gegeben
haben.
Page 17
Dem Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung sei für maßgebliche finanzielle Unterstützung
des Projekts gedankt.
Page 17
Innsbruck, Jänner 1997 Ilse Somavilla
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Page Break 19

[Denkbewegungen]
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26.4.30[1]
Page 19
Ohne etwas Mut kann man nicht einmal eine vernünftige Bemerkung über sich selbst schreiben.
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Ich glaube manchmal
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Ich leide unter einer Art geistiger Verstopfung. Oder ist das nur eine Einbildung ähnlich der wenn man fühlt
man möchte erbrechen wenn tatsächlich nichts mehr drin ist?
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Ich bin sehr oft oder beinahe immer voller Angst.
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Mein Gehirn ist sehr reizbar. Habe heute von der Marguerite Taschentücher zum Geburtstag bekommen. Sie
haben mich gefreut, wenn mir auch jedes Wort noch lieber gewesen wäre & ein Kuss noch viel lieber.
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Von allen Menschen die[2] jetzt leben würde mich ihr Verlust am schwersten treffen, das will ich nicht frivol
sagen, denn ich liebe sie oder hoffe daß ich sie liebe.
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Ich bin müde & Ideenlos das ist freilich immer so in den ersten Tagen nach meiner Ankunft bis ich mich an
das Klima gewöhnt habe. Aber freilich ist nicht gesagt daß ich nicht überhaupt vor einer leeren Periode stehe.
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Es ist mir immer fürchterlich wenn ich denke wie ganz mein Beruf von einer Gabe abhängt die mir jeden
Moment entzogen werden kann. Ich denke sehr oft, immer wieder, hieran & überhaupt daran wie einem alles
entzogen werden kann & man gar nicht weiß was man alles hat & das aller Wesentlichste eben erst[3] dann gewahr
wird wenn man es plötzlich verliert. Und man merkt es nicht eben weil es so wesentlich, daher so gewöhnlich ist.
Wie man auch nicht merkt daß man fortwährend atmet als bis man Bronchitis hat & sieht daß was man für
selbstverständlich gehalten hat gar nicht so selbstverständlich ist. Und es gibt noch viel mehr Arten geistiger
Bronchitis.
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Oft fühle ich daß etwas in mir ist wie ein Klumpen der wenn er schmelzen würde mich weinen ließe oder ich
fände dann die richtigen Worte (oder vielleicht sogar eine Melodie) . Aber dieses Etwas (ist es das Herz?) fühlt sich
bei mir an wie Leder &[4] kann nicht schmelzen. Oder ist es daß ich nur zu feig bin die Temperatur genügend
steigen zu lassen?
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Es gibt Menschen die zu schwach zum Brechen sind. Zu denen gehöre auch ich.
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Das Einzige was vielleicht einmal an mir brechen wird & davor fürchte ich mich manchmal ist mein Verstand.
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Ich glaube manchmal daß mein Gehirn die Beanspruchung einmal nicht aushalten & nachgeben wird. Denn
es ist furchtbar beansprucht für seine Stärke – so scheint es mir wenigstens oft.
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27.
Bis etwa zu meinem 23ten Lebensjahr wäre[5] es mir unmöglich gewesen in einem freistehenden Bett zu
schlafen & auch sonst nur mit dem Gesicht zur Wand. Ich weiß nicht wann mich diese Furcht verlassen hat. War es
erst im Krieg?
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Vor einigen Tagen träumte ich folgendes:
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Ich führte ein Maultier dessen Wärter ich zu sein schien. Zuerst auf einer Straße – ich glaube in einer
orientalischen Stadt; dann in ein Büro wo ich in einem großen Zimmer warten mußte. Vor diesem war noch ein
kleineres mit vielen Leuten. Das Maultier war unruhig & störrisch. Ich hielt es an einem kurzen Strick & dachte ich
möchte daß es sich den Kopf an die Wand anrennt – an der ich saß – dann wird es ruhiger werden. Ich sprach[6]
immer zu ihm & nannte es dabei „Inspektor“. Und zwar schien mir dies die gebräuchliche Benennung für ein
Maultier etwa wie man ein Pferd „Brauner“ oder ein Schwein „Wuz“ nennt. Und ich dachte „wenn ich jetzt zu
Pferden komme, werde ich sie†1 auch Inspektor nennen“ (d.h. so gewöhnt bin ich das Wort Inspektor vom Verkehr
mit den Maultieren). Als ich darauf aufwachte fiel mir erst auf, daß man ja Maultiere gar nicht „Inspektor“ nennt.
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Ramseys Geist war mir sehr zuwider. Als ich vor 15 Monaten nach Cambridge kam da glaubte ich, ich würde
nicht mit ihm verkehren können denn ich hatte ihn von unserer letzten Begegnung vor etwa 4 Jahren bei[7] Keynes
in Sussex in so schlechter Erinnerung. Keynes dem ich dies sagte sagte mir aber er glaube ich sollte sehr wohl mit
ihm reden können & nicht blos über Logik. Und ich fand Keynes’s Meinung bestätigt. Denn ich
Page Break 21
konnte mich über manches ganz gut mit R. verständigen. Aber auf die Dauer ging es doch nicht wirklich gut. Die
Unfähigkeit R’s zu wirklichem Enthusiasmus oder zu wirklicher Verehrung was das selbe ist widerte mich endlich
mehr & mehr an. Andererseits hatte ich eine gewisse Scheu vor R.. Er war ein sehr rascher & geschickter Kritiker
wenn man ihm Ideen vorlegte. Aber seine Kritik half nicht weiter sondern hielt auf & ernüchterte. Der kurze
Zeitraum wie Schopenhauer ihn nennt zwischen den beiden langen[8] in denen eine Wahrheit den Menschen, zuerst
paradox, & dann trivial erscheint war bei R. zu einem Punkt geworden. Und so plagte man sich zuerst lange
vergebens ihm etwas klar zu machen bis er plötzlich die Achsel darüber zuckte & sagte es sei ja selbstverständlich.
Dabei war er aber nicht unaufrichtig. Er hatte einen häßlichen Geist. Aber keine häßliche Seele. Er genoß Musik
wirklich & mit Verständnis. Und man sah ihm an welche Wirkung sie auf ihn ausübte. Von dem letzten Satz eines
der letzten Beethovenschen Quartette den er mehr als vielleicht alles andere liebte sagte er mir er fühle dabei die
Himmel seien offen. Und das bedeutete etwas wenn er es sagte.†1
Page 21
[9] Freud irrt sich gewiss sehr oft & was seinen Charakter betrifft so ist er wohl ein Schwein oder etwas
ähnliches aber an dem was er sagt ist ungeheuer viel. Und dasselbe ist von mir wahr. There is a lot in what I say.
Page 21
Ich trödle gerne. Vielleicht jetzt nicht mehr so sehr wie in früherer Zeit.
Page 21
28.
Ich denke oft das Höchste was ich erreichen möchte wäre eine Melodie zu komponieren. Oder es wundert
mich daß mir bei dem Verlangen danach nie eine eingefallen ist. Dann aber muß ich mir sagen daß es wol unmöglich
ist daß mir je eine einfallen wird, weil mir dazu eben etwas wesentliches oder das Wesentliche fehlt. Darum[10]
schwebt es mir ja als ein so hohes Ideal vor weil ich dann mein Leben quasi zusammenfassen könnte; und es
krystallisiert hinstellen könnte. Und wenn es auch nur ein kleines schäbiges Krystall wäre, aber doch eins.
Page 21
29.
Page Break 22
Mir ist nur dann wohl wenn ich, in einem gewissen Sinn, begeistert bin. Und dann habe ich wieder Angst vor dem
Zusammenbruch dieser Begeisterung.
Page 22
Heute zeigte mir Mrs. Moore eine dumme Kritik einer Aufführung der 4ten Symphonie von Bruckner wo der
Kritiker über Bruckner schimpft & auch von Brahms & Wagner respectlos redet. Es machte mir zuerst keinen
Eindruck da es das Natürliche ist daß alles[11] – großes & kleines – von Hunden angebellt wird. Dann schmerzte es
mich doch. In gewissem Sinne fühle ich mich berührt (seltsamerweise) wenn ich denke daß der Geist nie verstanden
wird.
Page 22
30.
Unfruchtbar & träg. Zu dem Gestrigen: Ich denke mir dann immer: haben diese Großen dazu so unerhört viel
gelitten, daß heute ein Arschgesicht kommt & seine Meinung über sie abgibt. Dieser Gedanke erfüllt mich oft mit
einer Art von Hoffnungslosigkeit. – Gestern saß ich eine Zeit lang im Garten von Trinity & da dachte ich merkwürdig
wie die gute körperliche Entwicklung aller dieser Leute mit völliger Geistlosigkeit zusammengeht (Ich meine nicht
Verstand[12]losigkeit) Und wie andererseits ein Thema, von Brahms voll von Kraft, Grazie, & Schwung ist & er
selbst einen Bauch hatte. Dagegen hat der Geist der Heutigen keine Sprungfedern unter den Füßen.
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Ich möchte den ganzen Tag nur essen & schlafen. Es ist als wäre mein Geist müde. Aber wovon? Ich habe in
allen diesen Tagen nichts wirkliches gearbeitet. Fühle mich blöd & feig.
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1.5.
Bis mir etwas klar ist†1 dauert es außerordentlich lang. – Das ist wahr auf den verschiedensten Gebieten.
Mein Verhältnis zu den anderen Menschen z.B. wird mir immer erst nach langer Zeit klar. Es ist als brauchte es
kolossal lang bis sich der große Nebelballen ver[13]zieht & der Gegenstand selbst sichtbar wird. Während dieser Zeit
aber bin ich mir meiner Unklarheit nicht einmal ganz klar bewußt. Und auf einmal sehe ich dann wie die Sache
wirklich ist oder war. Darum bin†2 ich wohl überall unbrauchbar
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wo halbwegs schnelle Entscheidungen zu treffen sind. Ich bin sozusagen einige Zeit verblendet & erst dann fallen
mir die Schuppen von den Augen.
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2.5
In meinen Vorlesungen trachte ich oft die Gunst meiner Zuhörer durch eine etwas komische Wendung zu
gewinnen; sie zu unterhalten damit sie mir willig Gehör schenken. Das ist gewiß etwas Schlechtes.
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Ich leide oft unter dem[14] Gedanken wie sehr der Erfolg oder der Wert dessen was ich tue von meiner
Disposition abhängt. Mehr als bei einem Conzertsänger. Nichts ist gleichsam in mir aufgespeichert; beinahe Alles
muß im Moment produziert werden. Das ist – glaube ich – eine sehr ungewöhnliche Art der Tätigkeit oder des
Lebens.
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Da ich sehr schwach bin, bin ich ungemein abhängig von der Meinung Anderer. Wenigstens im Moment des
Handelns. Es sei denn daß ich lange Zeit habe mich zu terfangen.
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Ein gutes Wort das mir jemand sagt oder ein freundliches Lächeln wirken lange angenehm ermunternd &
versichernd auf mich nach & ein unangenehmes d.h.[15] unfreundliches Wort ebenso lange bedrückend.
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Am wohltätigsten ist dann das Alleinsein in meinem Zimmer dort stelle ich das Gleichgewicht wieder her.
Zum mindesten das geistige wenn auch die Nerven den Eindruck noch behalten.
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Der Beste Zustand bei mir ist der der Begeisterung weil der die lächerlichen Gedanken wenigstens teilweise
aufzehrt & unschädlich macht.
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Alles oder beinahe alles was ich tue auch diese Eintragungen sind von Eitelkeit gefärbt & das beste was ich
tun kann ist gleichsam die Eitelkeit abzutrennen, zu isolieren & trotz ihr das Richtige zu tun obwohl sie immer
zuschaut. Verjagen kann ich sie nicht. Nur manchmal[16] ist sie nicht anwesend.
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Ich liebe die Marguerite sehr & habe große Angst sie möchte nicht gesund sein da ich schon über eine
Woche keinen Brief von ihr habe. Ich denke wenn ich allein bin wieder & wieder an sie aber auch sonst. Wäre ich
anständiger so wäre auch meine Liebe zu ihr anständiger. Und dabei liebe ich
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sie jetzt so innig als ich kann. An Innigkeit fehlt es mir vielleicht auch nicht. Aber an Anständigkeit.
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6.5.
Lese Spengler Untergang etc. & finde trotz des vielen Unverantwortlichen im Einzelnen, viele wirkliche,
bedeutende Gedanken. Vieles, vielleicht das Meiste be[17]rührt sich ganz mit dem was ich selbst oft gedacht habe.
Die Möglichkeit einer Mehrzahl abgeschlossener Systeme welche wenn man sie einmal hat ausschauen als sei das
eine die Fortsetzung des Anderen.
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Und das hängt alles auch mit dem Gedanken zusammen, daß wir gar nicht wissen (bedenken) wieviel dem
Menschen genommen – oder auch gegeben – werden kann.
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Neulich las ich zufällig in den Budenbrooks vom Typhus & wie Hanno B. in seiner letzten Krankheit
niemand mehr erkannte außer einem Freund. Und da fiel mir auf daß man das gemeinhin als selbstverständlich
ansieht & denkt,[18] natürlich, wenn das Gehirn einmal so zerrüttet ist so ist das nur natürlich. Aber in Wirklichkeit
ist es zwar nicht das Gewöhnliche daß wir Menschen sehen & sie nicht erkennen aber das was wir „Erkennen“
nennen ist nur eine spezielle Fähigkeit die uns sehr wohl abhanden kommen könnte ohne daß wir als minderwertig
zu betrachten wären. Ich meine: Es erscheint uns als selbstverständlich daß wir Menschen „erkennen“ & als totale
Zerrüttung wenn jemand sie nicht erkennt. Aber es kann dieser Stein sehr wohl in dem Gebäude fehlen & von
Zerrüttung nicht die Rede sein. (Dieser Gedanke ist wieder mit den Freud’schen nahe[19] verwant, mit dem, über die
Fehlleistungen)
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D.h. wir halten alles was wir haben für selbstverständlich & wissen gar nicht daß wir complett sein können
auch ohne dem & dem was wir gar nicht als besondere Fähigkeit erkennen weil es uns zur Vollständigkeit unseres
Verstandes zu gehören scheint.
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Es ist schade daß Spengler nicht bei seinen Guten Gedanken geblieben ist & weiter gegangen ist als er
verantworten kann. Allerdings wäre durch die größere Reinlichkeit sein Gedanke schwerer zu verstehen gewesen
aber auch dadurch erst wirklich nachhaltig wirksam. So ist der Gedanke daß die[20] Streichinstrumente zwischen
15–1600 ihre Endgültige Gestalt angenommen
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haben von ungeheurer Tragweite (& Symbolik). Nur sehen die meisten Menschen wenn man ihnen so einen
Gedanken ohne viel drumherum gibt nichts in ihm. Es ist wie wenn einer glaubte daß ein Mensch sich immer
unbegrenzt weiter entwickelt & man sagte ihm: schau, die Kopfnähte eines Kindes schließen sich mit ... Jahren &
das zeigt dir schon daß die Entwicklung überall zu einem Ende kommt was sich da entwickelt ein geschlossenes
Ganzes ist das einmal vollständig da sein wird & nicht eine Wurst die beliebig lang weiterlaufen kann.
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[21] Als ich vor 16 Jahren den Gedanken hatte, daß das Gesetz der Kausalität an sich bedeutungslos sei & es eine
Betrachtung der Welt gibt die es nicht im Auge hat da hatte ich das Gefühl vom Anbrechen einer Neuen Epoche.
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In einer Beziehung muß ich ein sehr moderner Mensch sein weil das Kino so außerordentlich wohltätig auf
mich wirkt. Ich kann mir kein Ausruhen des Geistes denken was mir adäquater wäre als ein amerikanischer Film.
Was ich sehe & die Musik geben mir eine seelige Empfindung vielleicht†1 in einem infantilen Sinne aber darum
natürlich nicht weniger stark. Überhaupt ist wie ich oft gedacht & gesagt habe[22] der Film etwas sehr Ähnliches wie
der Traum & die Freudschen Gedanken†2 lassen sich unmittelbar auf ihn anwenden
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Eine Entdeckung ist weder groß noch klein; es kommt darauf an was sie uns bedeutet.
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Wir sehen in der Kopernicanischen Entdeckung etwas Großes – weil wir wissen daß sie ihrer Zeit etwas
Großes bedeutete & vielleicht auch weil noch ein Ausklang dieser Bedeutung zu uns herüber kommt – & nun
schließen wir per analogiam daß die Entdeckungen Einsteins etc. zum mindesten etwas ebenso Großes sind. Aber
sie sind – wenn auch von noch so großem praktischem Wert, vielseitigem Inter[23]esse etc – doch nur so
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groß als sie bedeutend (symbolisch) sind. Es verhält sich damit natürlich wie – z.B. – mit dem Heldentum. Eine
Waffentat früherer Zeiten wird – mit Recht – als Heldentat gerühmt. Aber es ist ganz wohl möglich daß eine ebenso
schwierige oder noch schwierigere Waffentat heute eine reine Sportsache ist und zu Unrecht den Namen Heldentat
erhält. Die Schwierigkeit, die praktische Bedeutung alles das kann man, gleichsam, von außen beurteilen; die Größe
das Heldentum wird von der Bedeutung bestimmt die die Handlung hat. Von dem Pathos das mit der
Handlungsweise verbunden ist.
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Weil aber ein bestimmter Zeitabschnitt eine bestimmte Rasse ihr Patos mit ganz bestimmten
Handlungsweisen verbindet so werden die Menschen irrege[24]führt & glauben, die Größe, die Bedeutung liege
notwendig in jener Handlungsweise. Und dieser Glaube wird immer erst dann ad absurdum geführt, wenn durch
einen Umschwung eine umwertung der Werte eintritt d.h. das wahre Pathos nun sich auf andere Handlungsweise
legt. Dann bleiben – wahrscheinlich immer – die alten jetzt wertlosen Scheine noch einige Zeit im Umlauf & werden
von nicht ganz ehrlichen Leuten für das Große & Bedeutende ausgegeben, bis man die neue Einsicht wieder trivial
findet & sagt „natürlich gelten diese alten Scheine nichts“.
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Das Trinken, zu einer Zeit symbolisch ist zu einer anderen Zeit Suff.
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D.h. der Nymbus, nämlich der echte[25] Nymbus haftet nicht an der äußern Tatsache d.h. nicht an der
Tatsache.
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Beim Lehren der Philosophie kann man oft sagen „Spitzbuben selbst, die uns zu Schelmen machen!“
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8.
Ich habe nie einen Streich gemacht & werde wohl nie einen machen. Es ist meiner Natur nicht gemäß. (Ich
halte das, wie alles Natürliche weder für einen Fehler noch einen Vorzug)
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9
Ich bin sehr verliebt in die R. freilich schon seit langem aber jetzt besonders stark. Dabei weiß ich aber daß
die Sache aller Wahrscheinlichkeit nach hoffnungslos ist. D.h. ich muß gefaßt sein, daß sie jeden Moment
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sich[26] verloben & heiraten kann. Und ich weiß daß das sehr schmerzlich für mich sein wird. Ich weiß also daß ich
mich nicht mit meinem ganzen Gewicht an diesen Strick hängen soll weil ich weiß daß er einmal nachgeben wird.
Das heißt ich soll mit beiden Füßen auf dem festen Boden stehen bleiben & den Strick nur halten, aber nicht mich an
ihn hängen. Aber das ist schwer. Es ist schwer so uneigennutzig zu lieben daß man die Liebe hält & von ihr nicht
gehalten werden will. – Es ist schwer die Liebe so zu halten daß man, wenn es schief geht sie nicht als ein verlorenes
Spiel ansehen muß sondern sagen kann: darauf war ich vorbereitet & es ist auch so in Ordnung. Man könnte sagen
„wenn Du Dich nicht aufs Pferd setzt Dich ihm also ganz anvertraust so[27] kannst Du freilich nie abgeworfen
werden aber auch nie hoffen je zu reiten. Und man kann darauf nur sagen: Du mußt Dich dem Pferd ganz widmen &
doch gefaßt sein daß Du jederzeit abgeworfen werden kannst.
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Man glaubt oft – und ich selber verfalle oft in diesen Fehler – daß alles aufgeschrieben werden kann was man
denkt. In Wirklichkeit kann man nur das aufschreiben – d.h. ohne etwas blödes & unpassendes zu tun – was in der
Schreibform in uns entsteht. Alles andere wirkt komisch & gleichsam wie Dreck†1. D.h. etwas was weggewischt
gehörte.
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Vischer sagte „eine Rede ist keine Schreibe“ und eine Denke ist schon erst recht keine.
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[28] (Ich bin immer froh eine neue Seite anfangen zu können.)
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Ich denke: Werde ich die R. je wieder in den Armen halten & küssen können? Und muß auch darauf gefaßt
sein & mich damit aussöhnen können daß es nicht geschehen wird.
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Stil ist der Ausdruck einer allgemein menschlichen Notwendigkeit. Das gilt vom Schreibstil wie vom Baustil
(und jedem anderen).
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Stil ist die allgemeine Notwendigkeit sub specie eterni gesehen.
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Gretl machte einmal über Klara Schumann eine sehr gute Bemerkung: wir sprachen darüber daß es ihr – wie es uns
scheint – an irgend etwas Menschlichem gefehlt haben muß, über ihre Prüderie etc. Da sagte Gretl[29] „sie war eben
nicht was die Ebner Eschenbach war“ und das sagt alles.
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Loos, Spengler, Freud & ich gehören alle in dieselbe Klasse die für diese Zeit charakteristisch ist.
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12.
Ich habe immer Angst vor meinen Vorlesungen obwohl es bis jetzt immer ziemlich gut gegangen ist. Diese
Angst besitzt mich dann wie eine Krankheit. Es ist übrigens nichts anderes als Prüfungsangst.
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Die Vorlesung war mäßig. Ich bin eben schon müde. Keiner meiner Hörer ahnt wie mein Gehirn arbeiten
muß um das zu leisten, was es leistet. Wenn meine Leistung nicht erstklassig ist, so ist sie doch das Äußerste was ich
leisten kann.
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16.
[30] Ich glaube es gehört heute Heroismus dazu die Dinge nicht als Symbole im Krausschen Sinn zu sehen. Das
heißt sich freizumachen von einer Symbolik, die zur Routine werden kann. Das heißt freilich nicht versuchen sie
wieder flach zu sehen sondern die Wolken des, sozusagen, billigen Symbolismus in einer höheren Sphäre wieder zu
verdampfen (so daß die Luft wieder durchsichtig wird)
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Es ist schwer sich diesem Symbolismus heute nicht hinzugeben.
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Mein Buch die log.phil. Abhandlung enthält neben gutem & echtem auch Kitsch d.h. Stellen mit denen ich
Lücken ausgefüllt habe und sozu[31]sagen in meinem eigenen Stil. Wie viel von dem Buch solche Stellen sind weiß
ich nicht & es ist schwer es jetzt gerecht zu schätzen.
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26.5.
Ein Mann mit mehr Talent als ich ist der, der dann†1 wacht, wenn†2 ich schlafe. Und ich schlafe viel, darum
ist es leicht mehr Talent zu haben als ich.
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2.10.
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Page 29
In Cambridge angekommen. Fuhr von Wien am 26ten ab & zu Tante Clara in Thumersbach & wenn es auch
nicht so rein herrlich dort bei ihr war wie sonst in Laxenburg so war es doch schön & ich schied mit guten Gefühlen.
Am 27ten abend kam ich in Gottlieben an & da war es erst gespannt da so viel[32] unaufgeklärtes in der Luft lag &
wir saßen im Auto in dem sie mich abholte & beim Abendessen still oder von gleichgültigen Dingen redend. Und
stockend, oder gezwungen fließend wie man es tut wenn eigentlich schwere Sachen im Innern drücken. Nach dem
Nachtmal fing ich an über ihren letzten Brief zu reden. Ich sagte daß mir ein gewisser Ton von Triumph an ihm als
unrichtig aufgefallen sei. Daß sie wenn alles in Ordnung wäre nicht in triumphalem Ton geschrieben hätte weil sie
dann auch die Schwierigkeiten gesehen hätte & das Angenehme als eine Gnade des Himmels angenommen hätte.
Ich bat sie so bald als möglich nach[33] Wien zu kommen & dort zu arbeiten. Erst als wir (besonders ich) schon
ziemlich viel geredet hatten sah ich daß sie sehr unglücklich sei. Im Grunde war der Gedanke an das Heiraten in ihr
obenauf. Das schien für sie doch die einzige wirkliche Lösung. Das brauche sie & sonst nichts. Ich bat sie Geduld zu
haben. es werde sich das Richtige – ihr angemessene – für sie finden. Sie solle jetzt vor allem einmal wieder
anständig arbeiten & das weitere abwarten. Erst bei einer anständigen Arbeit werde ihr alles klarer & leichter
erträglich werden. – Sie war bei diesem Gespräch wieder recht fremd gegen mich wich meinen Küssen eher aus
&[34] sah oft geradezu finster drein & blickte dabei zur Seite was ich an ihr nie gesehen hatte & mich gleichsam
erschreckte. Sie schien kalt gegen mich, bitter, & unglücklich & beinahe abweisend. Am nächsten Morgen war es
etwas besser. Wir gingen spazieren & plauderten einiges & sie war zugänglicher & herzlicher. Sie war jetzt
entschieden dafür nach Wien zu gehen & schien im Allgemeinen ruhiger. Am Abend aber nach einem weiteren
ernsten Gespräch fing sie an zu weinen. Ich hielt sie in meinen Armen & sie weinte an meiner Schulter. Es war aber
ein gutes Weinen & sie war darauf weicher & etwas erleichtert. Am nächsten Morgen entschied ich mich noch einen
Tag zu bleiben[35] gegen meinen ursprünglichen Plan. Ich hatte das Gefühl es werde für sie (& überhaupt) gut sein
Auch sie war – glaube ich – froh darüber. Am Nachmittag gingen wir nach Konstanz um ein Paket mit zwei
Sweatern aufzugeben die sie für Talla gestrickt hatte. Ich mußte eine
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gewisse Eifersucht oder doch ein ähnliches Gefühl unterdrücken. War es deshalb oder vielleicht eine Reaktion auf
die früheren Aufregungen (denn alles war ungeheuer anstrengend für mich) ich fühlte eine lebhafte Verstimmung
auf dem Nachhauseweg & es kam mir immer etwas zum Weinen. Ich bat M. vorauszugehen & kam später nach. Es
erleichterte mich allein sein zu können. Zuhause hatte[36] ich noch immer Herzklopfen & zog mich in mein Zimmer
zurück wo ich mich etwas elend fühlte. Dann kam ich, noch immer aufgeregt zu M. in den Salon wo wir gewöhnlich
beisammen saßen. Sie war über meinen Zustand etwas bestürzt (ängstlich) aber er wurde bald besser vielleicht auch
weil ich ihre Teilnahme fühlte. Am Abend dieses Tages war unser Verhältnis so gut & innig wie in früheren Tagen.
Ich hielt sie in den Armen & wir küßten uns lange & ich war froh geblieben zu sein. Am nächsten Tag aber kam ein
Brief von Talla & der erzeugte einen Umschwung, oder Rückschlag in der Stimmung. Am Nachmittag[37] ruderte
ich sie auf den Rhein zu einer kleinen Insel wo viel Schilf wächst wie dort überall & ruderte ins Schilf hinein was ich
sehr liebe. Und dort saßen wir im Boot & redeten lange über unser Verhältnis zu einander. Sie sagte wie wenig ich
ihr bedeute wenn ich abwesend sei. Und daß sie überhaupt ihr Verhältnis zu mir nicht begriffe. Daß sie sich z.B. von
mir küssen lasse & mich küsse, wovor sie bei jedem anderen zurückscheuen würde, & nicht versteht warum sie es
bei mir kann. Ich erklärte ihr manches so gut ich konnte. Wir fuhren mit einander nach Basel wo sie zu tun hat & mit
mir am Bahnhof wartete bis mein Zug nach[38] Boulogne abging. Während dieser Fahrt nach Basel nun
verschlechterte sich ihre Stimmung immer mehr. Sie wurde wieder finster & traurig. Ob durch den Inhalt von Tallas
Brief oder nur dadurch daß er überhaupt gekommen war & sie an ihre vergeblichen Wünsche mahnte, weiß ich
nicht. Ich hielt ununterbrochen ihre Hand & sprach von Zeit zu Zeit in sie ein nur um ihr – wenn auch†1 unbewußt –
eine geringe Stütze zu geben. Beim letzten Abschied küssten wir uns aber ich fuhr mit schwerem Herzen fort & mit
dem Gefühl sie in keinem guten Zustand zurückzulassen. Ich kam gestern nachmittag in London an & fuhr gleich zu
Murakami dessen[39] gute & herzliche Art mir half. Dann brachte ich den Abend mit Gilbert zu
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& wir waren eigentlich lustig wenn mich auch mein schweres Gefühl nie verließ wie es natürlich ist. Heute vormittag
schrieb ich einen langen Brief an Gretl worin ich so gut ich konnte das Ergebnis meines Aufenthalts bei M. & den
Aufenthalt selbst beschrieb. Dann nach Cambridge wo ich bei Lettice wohne die sehr freundlich & gut mit mir ist.
Ich erzählte ihr von Marguerite & unseren Schwierigkeiten. – Ich bin mir über die Bedeutung aller meiner Erlebnisse
mit M. sehr im Unklaren. Ich weiß nicht wohin das führen soll, noch was ich tun soll um es in der besten Weise zu
beeinflussen und auch mein Egoismus spielt[40] in meine Gedanken hinein & verwirrt vielleicht alles am meisten
obwohl ich das nicht klar sehe.
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3.
An M. geschrieben. Ich halte ihr – in Gedanken – die Hand, wie ich es auf der Fahrt nach Basel tat, obwohl
ich wußte daß sie nicht an mich dachte, nur damit sie unbewußt eine Stütze oder Hilfe hat. Oder sich vielleicht
einmal mit guten Gefühlen daran erinnert.
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4.
Bin traurig in dem Gedanken M. nicht helfen zu können. Ich bin sehr schwach & wetterwendisch. Wenn ich
stark bleibe d G.H. werde ich ihr vielleicht dadurch helfen können. – Es ist möglich, daß, was sie braucht, vor allem
ein starker & fester Pflock ist der stehen[41] bleibt, wie sie auch flattert. Ob ich die Kraft dazu haben werde? Und die
nötige Treue? Möge mir Gott das Nötige geben.
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Ich sollte mich nicht wundern wenn die Musik der Zukunft einstimmig wäre. Oder ist das nur, weil ich mir
mehrere Stimmen nicht klar vorstellen kann? Jedenfalls kann ich mir nicht denken daß die alten großen Formen
(Streichquartett, Symphonie, Oratorium etc) irgend eine Rolle werden spielen können. Wenn etwas kommt so wird
es – glaube ich – einfach sein müssen, durchsichtig.
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In gewissem Sinne nackt.
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Oder wird das nur für eine gewisse Rasse, nur für eine Art der Musik gelten?
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7.10.
[42] Suche nach Wohnung & fühle mich elend & unruhig. Unfähig mich zu sammeln. Habe keinen Brief von M.
bekommen & auch das beunruhigt mich. Schrecklich daß es keine Möglichkeit gibt ihr zu helfen oder daß ich
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doch nicht weiß wie ihr zu helfen ist.†1 Ich weiß nicht welches Wort von mir ihr gut tun würde oder ob es das Beste
für sie wäre nichts von mir zu hören. Welches Wort wird sie nicht mißverstehen? Auf welches wird sie hören? Man
kann beinahe immer auf beide Arten antworten & muß es endlich Gott überlassen.
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Ich habe manchmal über mein seltsames Verhältnis zu Moore nachgedacht. Ich achte ihn hoch[43] & habe
eine gewisse nicht geringe Zuneigung zu ihm. Er dagegen? Er schätzt meinen Verstand, mein philosophisches Talent
hoch, d.h. er glaubt daß ich sehr gescheidt bin aber seine Zuneigung zu mir ist wahrscheinlich recht gering. Und ich
konstruiere dies mehr als ich es fühle, denn er ist freundlich zu mir, wie zu jedem & wenn er hierin mit
verschiedenen Leuten verschieden ist so merke ich doch den Unterschied nicht weil ich gerade diese Nuance nicht
verstehe. Ich bin aktiv oder aggressiv er aber passiv & darum merke ich während unseres Verkehrs gar nicht wie
fremd ich ihm bin. Ich erinnere mich darin an meine Schwester Helene der es mit Menschen geradeso geht. Es
kommt dann die peinliche[44] Situation heraus daß man fühlt man habe sich den Menschen aufgedrängt ohne daß
man es wollte oder wußte. Plötzlich kommt man darauf daß man mit ihnen nicht so steht wie man annahm weil sie
die Gefühle nicht erwidern die man ihnen entgegenträgt†2; man hat es aber nicht bemerkt da die Verschiedenheit der
Rollen in diesem Verkehr auf jeden Fall so groß ist daß sich dahinter Nuancen von Zuneigung & Abneigung leicht
verstecken können. Ich fragte Moore heute, ob er sich freue wenn ich zu ihm regelmäßig (wie im vorigen Jahr)
komme & sagte ich werde nicht gekränkt sein wie immer die Antwort ausfalle. Er sagte es sei ihm selbst nicht klar &
ich: er solle sich’s überlegen & mir mitteilen; was er versprach. Ich sagte[45] ich könne nicht versprechen daß mich
die Antwort nicht traurig machen, wohl aber daß sie mich nicht kränken werde. – Und ich glaube daß es Gottes
Wille mit mir ist, daß ich das hören & es tragen soll.
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Page 33
Immer wieder glaube ich daß ich eine Art†1 Peter Schlemihl bin, oder sein soll & wenn dieser Name soviel
wie Pechvogel heißt, so bedeutet das, daß er durch das äußere Unglück glücklich werden soll.†2
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8.10.
In der neuen Wohnung, sie paßt mir noch nicht, wie ein neuer Anzug. Ich fühle mich kalt & ungemütlich.
Schreibe das nur um etwas zu schreiben & mit mir selbst zu reden. Ich könnte sagen: jetzt bin ich endlich mit[46]
mir allein & muß nach & nach mit mir ins Gespräch kommen.
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In der großstädtischen Zivilisation†3 kann sich der Geist nur in einen Winkel drücken. Dabei ist er aber nicht
etwa atavistisch & überflüssig sondern er schwebt über der Asche der Kultur als (ewiger) Zeuge – – quasi als Rächer
der Gottheit.†4
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Als erwarte er eine†5 neue Verkörperung (in einer neuen Kultur)
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Wie müßte der große Satiriker dieser Zeit ausschauen?
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Es ist 3 Wochen seit ich an Philosophie gedacht habe aber jeder Gedanke an sie ist mir so fremd als hätte ich
durch Jahre nichts solches[47] mehr gedacht. Ich will in meiner ersten Vorlesung über die spezifischen
Schwierigkeiten der Philosophie sprechen & habe das Gefühl: wie kann ich darüber etwas sagen, ich kenne sie ja gar
nicht mehr.
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9.
Obwohl ich bei recht freundlichen Leuten bin (oder gerade deshalb?) fühle ich mich andauernd gestört –
obwohl sie mich nicht tätlich stören – & kann nicht zu mir kommen. Das ist ein scheußlicher Zustand. Jedes Wort
das ich sie sprechen höre stört mich. Ich fühle mich umgeben & verhindert zum Arbeiten†6 zu kommen.
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Ich fühle mich in meinem Zimmer nicht allein sondern exiliert.
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16.
[48] Fühle mich im allgemeinen etwas besser. Für mich arbeiten kann ich noch nicht, & das macht zum Teil der
Zwiespalt in mir der englischen & deutschen Ausdrucksweise. Ich kann nur dann wirklich arbeiten, wenn ich mich
andauernd deutsch mit mir unterhalten kann. Nun muß ich aber für meine Vorlesungen die Sachen englisch
zusammenstellen & so bin ich in meinem deutschen Denken gestört; wenigstens bis sich ein Friedenszustand
zwischen den beiden gebildet hat & das dauert einige Zeit, vielleicht sehr lang.
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Ich bin im Stande es mir in allen Lagen einzurichten. Wenn ich in eine neue Wohnung komme unter andere
Umstände so trachte ich mir so[49]bald als möglich eine Technik zurechtzulegen um die verschiedenen
Unbequemlichkeiten zu ertragen & Reibungen zu vermeiden: Ich richte es mir in den gegebenen Umständen ein.
Und so richte ich es mir nach & nach auch mit dem Denken ein nur daß das nicht einfach durch einen gewissen
Grad von Selbstüberwindung & Verstand†1 geht. Sondern es muß sich von selbst herausbilden & zurechtlegen. Wie
man endlich doch in dieser gezwungenen Lage einschläft. Und arbeiten können ähnelt in so vieler Beziehung dem
einschlafen können. Wenn man an Freuds Definition des Schlafs denkt so könnte man sagen daß es sich in beiden
Dingen um eine Truppenverschiebung des Interesses handelt. (Im einen Fall um ein bloßes[50] Abziehen im andern
um ein Abziehen, & Conzentrieren an einer Stelle)
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Moore hat meine Frage später dahin†2 beantwortet, daß er mich zwar nicht eigentlich gern habe, daß mein
Umgang ihm aber so gut tut daß er glaubt ihn fortsetzen zu sollen. Das ist ein eigentümlicher Fall.
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Ich werde überhaupt mehr geachtet als geliebt. (Und das erstere natürlich nicht mit recht) während einiger
Grund bestünde mich gern zu haben.
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Page 35
Ich glaube daß mein Denkapparat außergewöhnlich kompliziert & fein gebaut ist & darum mehr als
gewöhn[51]lich empfindlich. Vieles stört ihn, setzt ihn außer Aktion was einen gröberen Mechanismus nicht stört.
Wie ein Stäubchen ein feines Instrument zum Stillstand bringen kann aber ein gröberes nicht beeinflußt
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Es ist merkwürdig, seltsam, wie sehr es mich beglückt wieder irgend etwas über Logik schreiben zu können
obwohl meine Bemerkung gar nicht besonders inspiriert ist. Aber das bloße mit ihr allein beisammen sein zu können
gibt mir das Glücksgefühl. Wieder geborgen, wieder zu Hause, wieder in der Wärme sein zu können ist es wonach
mein Herz sich sehnt & was ihm so wohl tut.
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18.
Die Manier im Schreiben ist eine Art Maske hinter der das Herz seine Gesichter schneidet wie es will.
Page 35
[52] Echte Bescheidenheit ist eine religiöse Angelegenheit.
Page 35
19.
Wenn man mit Leuten redet die einen nicht wirklich verstehen, fühlt man immer das man has made a fool of
oneself†1, wenigstens ich. Und das geschieht mir hier immer wieder. Man hat die Wahl zwischen völliger Fremdheit
& dieser unangenehmen Erfahrung. Und ich könnte ja sagen: Ich habe doch den einen oder den anderen Menschen
auch hier mit denen ich reden kann ohne in diese Gefahr zu kommen; & warum ziehe ich mich von den anderen
nicht ganz zurück? Aber das ist schwer & mir unnatürlich. Die Schwierigkeit ist mit einem Menschen freundlich zu
sprechen ohne Punkte[53] zu berühren in denen man sich nicht verstehen kann. Ernst zu sprechen & so daß keine
unwesentliche Sache die zu Mißverständnissen führen muß berührt wird. Es ist mir beinahe unmöglich.
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22.
Unsere Zeit ist wirklich eine Zeit der Umwertung aller Werte. (Die Prozession der Menschheit biegt um eine
Ecke & was früher die Richtung nach oben war ist jetzt die Richtung nach unten etc.) Hat Nietzsche das
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im Sinne gehabt was jetzt geschieht & besteht sein Verdienst darin es vorausgeahnt & ein Wort dafür gefunden zu
haben?
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Es gibt auch in der Kunst Menschen die glauben ihr ewiges Leben durch gute Werke erzwingen zu können &
solche die sich der[54] Gnade in die Arme werfen.
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Wenn mir etwas fehlt etwa eine Halsentzündung wie heute so werde ich gleich sehr ängstlich, denke, was
wird werden wenn es schlimmer wird & ich einen Doktor brauche & die Doktoren hier sind nichts wert & ich muß
vielleicht auf lange meine Vorlesungen einstellen etc – als ob der liebe Gott mit mir einen Kontrakt abgeschlossen
hätte daß er mich ungestört hier läßt. Wenn ich solche Angst bei Anderen sehe, so sage ich „das muß man eben
hinnehmen“; es fällt mir aber selbst sehr schwer mich auf’s Hinnehmen einzustellen statt auf’s Genießen.
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Man sieht gerne den Helden im Anderen als Schauspiel (das uns geboten wird) aber selbst einer zu sein auch
nur[55] im Geringsten schmeckt anders.
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Im durchscheinenden Licht hat das Heldentum eine andere Farbe als im auffallenden. (schlecht)
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Der Unterschied ist eher der zwischen einer gesehenen & einer gegessenen Speise. Weil hier das Erlebnis
wirklich ein gänzlich anderes ist.
Page 36
1.11.
Was mich im Schlafen stört stört mich auch im Arbeiten. Pfeifen & Sprechen aber nicht das Geräusch von
Maschinen oder doch viel weniger.
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9.
Patriotismus ist die Liebe zu einer Idee.
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16.
Der Schlaf & die geistige Arbeit entsprechen einander in vieler Beziehung. Offenbar dadurch daß beide ein
Ab[56]ziehen der Aufmerksamkeit von gewissen Dingen enthalten.
Page 36
26,
Ein Wesen, das mit Gott in Verbindung steht, ist stark
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16.1.31.
Page Break 37
Page 37
Es ist in meinem Leben eine Tendenz dieses Leben zu basieren auf der Tatsache daß ich viel gescheiter bin
als die Anderen†1 Wenn aber diese Annahme zusammenzubrechen droht wenn ich sehe um wie wenig gescheiter
ich bin als andere Menschen dann werde ich erst gewahr wie falsch diese Grundlage überhaupt ist auch wenn die
Annahme richtig ist oder wäre. Wenn ich mir sage: ich muß mir erst[57] einmal vorstellen daß alle anderen
Menschen ebenso gescheit sind wie ich – womit ich mich gleichsam des Vorteils der Geburt, des ererbten
Reichtums begebe. – und dann wollen wir sehen wie weit ich durch die Güte allein komme, wenn ich mir dies sage
so werde ich mir meiner Kleinheit bewußt.
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Oder soll ich so sagen: Wieviel von dem was ich geneigt bin an mir für das Abzeichen eines Charakters zu
halten ist blos das Resultat eines schäbigen Talents!
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Es ist beinahe ähnlich als sähe man sich die Tapferkeits[58]medaillen an seinem Kriegsrock an & sagte sich:
„ich bin doch ein ganzer Kerl“ Bis man dieselben Medaillen an vielen Leuten bemerkt & sich sagen muß daß sie gar
nicht der Lohn der Tapferkeit waren sondern die Anerkennung eines bestimmten Geschicks.
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Immer wieder, wo ich mich gern als Meister fühlen möchte, komme ich mir wie ein Schuljunge vor.
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Wie ein Schuljunge der geglaubt hat viel zu wissen & draufkommt daß er im Verhältnis zu Anderen gar
nichts weiß.
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Samstag 17.
Es fällt mir schwer zu[59] arbeiten d.h. meine Vorlesung vorzubereiten – obwohl es höchste Zeit ist – weil
meine Gedanken bei meinem Verhältnis zur Marguerite sind. Einem Verhältnis bei dem ich beinahe nur aus dem
was ich gebe Befriedigung schöpfen kann. Ich muß Gott bitten daß er mich arbeiten läßt.
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27.
Page Break 38
Page 38
Die Musik der vergangenen†1 Zeiten entspricht immer gewissen Maximen des guten & rechten der selben
Zeit. So erkennen wir in Brahms die Grundsätze Kellers etc etc. Und darum muß gute†2 Musik die heute oder vor
kurzem gefunden wurde, die also modern ist, absurd erscheinen, denn wenn sie irgend einer der heute
ausgesprochenen Maximen[60] entspricht so muß sie Dreck sein. Dieser Satz ist nicht leicht verständlich aber es ist
so: Das Rechte heute zu formulieren dazu ist so gut wie niemand gescheit genug & alle Formeln, Maximen die
ausgesprochen werden sind Unsinn. Die Wahrheit würde allen Menschen ganz paradox klingen. Und der Komponist
der sie in sich fühlt muß mit seinem Gefühl im Gegensatz stehen zu allem jetzt Ausgesprochenen & muß also nach
den gegenwärtigen Maßstäben absurd, blödsinnig, erscheinen. Aber nicht anziehend absurd (denn das ist das was
doch im Grunde der heutigen Auffassung entspricht) sondern nichtssagend. Labor ist dafür ein Beispiel dort wo er
wirklich[61] bedeutendes geschaffen hat wie in einigen, wenigen, Stücken.
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Man könnte sich eine Welt denken in der die religiösen sich von den irreligiösen Menschen nur dadurch
unterschieden daß jene den Blick beim Gehen gegen oben gerichtet hätten während diese gradaus sähen. Und hier ist
das Hinaufschauen tatsächlich mit einer unserer religiösen Gesten verwandt, das ist aber nicht wesentlich & es
könnten auch umgekehrt die religiösen Menschen gradaus sehen etc. Ich meine daß Religiosität in diesem Fall gar
nicht durch Worte ausgedrückt erschiene & jene Gesten doch ebenso viel & so wenig sagten wie die Worte unserer
religiösen Schriften.
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1.2.
[62] Meine Schwester Gretl machte einmal eine ausgezeichnete Bemerkung über Clara Schumann Wir sprachen
von einem Zug von Prüderie in ihrer Persönlichkeit & daß ihr irgend etwas fehle & Gretl sagte : „sie hat das nicht
was die Ebner Eschenbach hat“. Und das faßt alles zusammen.
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Kann man sagen: es fehlte ihr Genie? – Labor erzählte mir einmal sie habe in seiner Gegenwart einen Zweifel
darüber geäußert daß ein Blinder das &
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das in der Musik könne. Ich weiß nicht mehr was es war. Labor war offenbar entrüstet darüber & sagte mir „er kann
es aber doch“. Und ich dachte: wie charakteristisch[63] bei allem Takt den sie gehabt haben muß eine halb
bedauernde halb geringschätzige Bemerkung über einen blinden Musiker zu machen. – Das ist schlechtes
neunzehntes Jahrhundert, die Ebner Eschenbach hätte das nie getan.
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5.
Wir sind in unserer Haut gefangen.
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7.
Ich brauche außerordentlich viel Energie um meinen Unterricht geben zu können. Dies sehe ich, wenn ich im
Geringsten schlaff bin & gleich unfähig mich für die Vorlesung vorzubereiten.
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Die drei Variationen vor dem Eintritt des Chors in der[64] 9ten Symphonie könnte man den Vorfrühling der
Freude, ihren Frühling und ihren Sommer nennen.
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Wenn mein Name fortleben wird dann nur als der Terminus ad quem der großen abendländischen
Philosophie. Gleichsam wie der Name dessen der die Alexandrinische Bibliothek verbrannt†1 hat.
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8.
Ich neige etwas zur Sentimentalität. Und nur keine sentimentalen Beziehungen. – Auch nicht zur Sprache.
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Nichts scheint mir dem Gedächtnis eines Menschen für immer abträglicher als Selbstgerechtigkeit. Auch
dann wenn sie im Gewand der Bescheidenheit auftritt.
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[65] Ich werde mit†2 steigendem Alter mehr & mehr logisch kurzsichtig.
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Meine Kraft zum Zusammensehen schwindet. Und mein Gedanke wird kurzatmiger.
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Die Aufgabe der Philosophie ist, den Geist über bedeutungslose Fragen zu
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beruhigen. Wer nicht zu solchen Fragen neigt der braucht die Philosophie nicht.
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9.
Meine Gedanken sind so vergänglich, verflüchtigen sich so geschwind, wie Träume, die unmittelbar nach
dem Erwachen aufgezeichnet werden müssen, wenn sie nicht gleich vergessen werden sollen.
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10
Der Mathematikprofessor Rothe[66] sagte mir einmal daß durch die Wirksamkeit Wagners Schumann um
einen großen Teil seiner rechtmäßigen Wirkung gekommen sei. – Es ist viel wahres in diesem Gedanken.
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13.
Lesen betäubt meine Seele.
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Brot & Spiele, aber auch Spiele in dem Sinn in dem die Mathematik ja auch die Physik ein Spiel ist. Es sind
immer Spiele worauf ihr Geist aus ist in den Künsten, im Laboratorium wie auf dem Fußballplatz.
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14.
Man kann den Magen an wenig Nahrung gewöhnen aber nicht den Körper; der leidet an der Unternahrung
selbst wenn der Magen keinen Einspruch mehr erhebt, ja sogar schon[67] mehr Nahrung von sich weisen würde.
Ähnlich nun geht es mit dem Ausdruck der Gemütsbewegung: Zuneigung, Dankbarkeit etc. Man kann diese
Äußerungen künstlich eindämmen bis man vor dem was früher natürlich war zurückscheut aber der übrige seelische
Organismus leidet durch die Unternährung.
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19.
Jede mögliche kleinste & größte Erbärmlichkeit kenne ich weil ich selbst sie begangen habe.
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20.
Die meisten Menschen folgen in ihrer Handlungsweise der Linie des geringsten Widerstandes; und so auch
ich.
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22
Hamann sieht Gott wie einen Teil der Natur an & zugleich wie die Natur.
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Und ist damit nicht das religiöse[68] Paradox ausgedrückt: „Wie kann die Natur ein Teil der Natur sein?“
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Es ist merkwürdig: Moses Mendelsohn erscheint in seinen Briefen an Hamann schon wie ein Journalist.
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Der Verkehr mit Autoren wie Hamann, Kierkegaard, macht ihre Herausgeber anmaßend. Diese Versuchung
würde der Herausgeber des Cherubinischen Wandersmannes nie fühlen noch auch der Confessionen des Augustin
oder einer Schrift Luthers.
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Es ist wohl das, daß die Ironie eines Autors den Leser anmaßend zu machen geneigt ist.
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Es ist dann etwa so: sie sagen sie wissen daß sie nichts wissen bilden sich aber auf diese Erkenntnis enorm
viel ein.
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Ein natürliches Sittengesetz interessiert mich nicht; oder doch nicht mehr als jedes andere Naturgesetz &
nicht mehr als dasjenige wonach ein Mensch das Sittengesetz übertritt. Wenn das Sittengesetz natürlich ist so bin ich
geneigt den Übertreter in Schutz zu nehmen.
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25.
Die Idee daß jemand heute vom Katholizismus zum Protestantismus oder vom Protestantismus zum
Katholizismus übertritt ist mir peinlich (wie vielen Andern). (In jedem der beiden Fälle in anderer Art). Es wird eine
Sache die (jetzt) nur als Tradition Sinn haben kann gewechselt wie eine Überzeugung. Es ist als wollte einer die
Bestattungsgebräuche unseres†1 Landes mit denen eines andern†2 vertauschen. – Wer vom Protestantismus zum
Katholizismus übertritt erscheint mir wie ein geistiges Monstrum. Kein guter katholischer Pfarrer hätte das[70] getan
wenn er als Nicht-Katholik geboren worden wäre. Und der entgegengesetzte Übertritt zeigt von einer abgründigen
Dummheit.
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Vielleicht beweist der erste eine tiefere, der andere eine seichtere Dummheit.
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1.3.
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Habe jetzt Grund, anzunehmen daß Marguerite sich nicht besonders viel aus mir macht. Und da geht es mir
sehr seltsam. Eine Stimme in mir sagt: Dann ist es aus, & Du must verzagen. – Und eine andre sagt: Das darf Dich
nicht unterkriegen, darauf mußtest Du rechnen, & Dein Leben kann sich nicht darauf aufbauen, daß ein, wenn auch
sehr gewünschter Fall, eintritt.
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Und die letztere Stimme hat recht, nur ist es eben dann der Fall eines Menschen der lebt & von[71]
Schmerzen gepeinigt ist. Er muß kämpfen, damit ihm die Schmerzen das Leben nicht verleiden. Und dann hat man
Angst vor den Zeiten der Schwäche.
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Diese Angst ist freilich selbst nur eine Schwäche, oder Feigheit.
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Man will eben immer gerne ruhen, aber nicht kämpfen müssen. G.m.i.!
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Wer nicht das Liebste am Schluß in die Hände der Götter legen kann sondern†1 immer selbst daran
herumbasteln will, der hat doch nicht die richtige Liebe dazu. Das nämlich ist die Härte die in der Liebe sein soll. (Ich
denke an die „Hermannschlacht“ & warum Hermann nur einen Boten zu seinem Verbündeten schicken will.)
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Gewisse Vorsichtsmaßregeln nicht zu ergreifen ist nicht bequem,[72] sondern das Unbequemste von der
Welt.
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Beethoven ist ganz & gar Realist; ich meine, seine Musik ist ganz wahr, ich will sagen: er sieht das Leben
ganz wie es ist & dann erhebt er es. Es ist ganz Religion & gar nicht religiöse Dichtung. Drum kann er in wirklichen
Schmerzen trösten wenn die Andern versagen & man sich bei ihnen sagen muß: aber so ist es ja nicht. Er wiegt in
keinen schönen Traum ein sondern erlöst die Welt dadurch daß er sie als Held sieht, wie sie ist.
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Luther war kein Protestant.
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2.
Ich bin außerordentlich feig, & ich benehme mich im Leben, wie der Feige in der Schlacht.
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7.
[73] Bin von der Arbeit der letzten Monate ermüdet & von der peinigenden Angelegenheit mit Marguerite ganz
geschlagen. Ich sehe hier eine Tragödie voraus. Und doch gibt es nur eines: sein Bestes tun & weiter arbeiten.
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11.3.
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Eine ausgezeichnete Bemerkung Engelmanns die mir oft wieder einfällt: Während des Baues in der Zeit als
wir noch zusammen arbeiteten sagte er mir nach einer Unterredung mit dem Bauunternehmer: „Sie können mit
diesem Menschen nicht Logik reden!“ – Ich: „Ich werde ihm Logik beibringen“ – Er: „Und er wird Ihnen
Psychologie beibringen.“
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6.5.
Ein Apostel sein ist ein Leben. Es äußert sich wohl zum Teil in dem was er sagt, aber[74] nicht darin daß es
wahr ist, sondern darin daß er es sagt. Für die Idee leiden macht ihn aus, aber auch hier gilt es, daß der Sinn des
Satzes „dieser†1 ist ein Apostel“ die Art seiner Verification ist. Einen Apostel beschreiben heißt ein Leben
beschreiben. Der Eindruck den diese Beschreibung auf Andere macht muß man Diesen überlassen. An einen
Apostel glauben heißt, sich zu ihm so & so zu verhalten – tätig zu verhalten.
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Wenn man sich nicht mehr ärgern will, muß auch die Freude eine andre werden, sie darf nicht mehr das sein
was das Correlat[75] zum Ärger ist.
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Zu Kierkegaard: Ich stelle Dir ein Leben dar & nun sieh, wie Du Dich dazu verhältst, ob es Dich reizt (drängt)
auch so zu leben, oder welches andere Verhältnis Du dazu gewinnst. Ich möchte gleichsam†2 durch diese
Darstellung dein Leben auflockern.
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In wieweit mein Denken ein Flug ist, ist gleichgültig (d.h. ich weiß es nicht & räsoniere darüber nicht). Es ist
ein Schwung. –
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„Es ist gut, weil es Gott so befohlen hat“ ist der richtige Ausdruck für die Grundlosigkeit
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[76] Ein ethischer Satz lautet „Du sollst das tun!“ oder „Das ist gut!“ aber nicht „Diese Menschen sagen das sei
gut“. Ein ethischer Satz ist aber eine persönliche Handlung. Keine Konstatierung einer Tatsache. Wie ein†3 Ausruf
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der Bewunderung. Bedenke doch daß die Begründung des „ethischen Satzes“ nur versucht den Satz auf andere
zurückzuführen die Dir einen Eindruck machen. Hast Du am Schluß keinen Abscheu vor diesem & keine
Bewunderung für jenes so gibt es keine Begründung die diesen Namen verdiente.
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Kompositionen die am Klavier, auf dem Klavier, komponiert[77] sind, solche, die mit der Feder denkend &
solche die mit dem inneren Ohr allein komponiert sind, müssen einen ganz verschiedenen Charakter tragen, & einen
Eindruck ganz verschiedener Art erzeugen.
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Ich glaube bestimmt, daß Bruckner mit dem inneren Ohr & einer Vorstellung vom spielenden Orchester,
Brahms mit der Feder komponiert hat. Das ist natürlich viel einfacher dargestellt, als es ist. Eine Charakteristik aber
ist damit getroffen.
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Aus der Notenschrift der Komponisten müßte man sich hierüber Aufschluß holen können. Und wirklich war,
glaube ich, die Noten[78]schrift Bruckners ungeschickt & schwerfällig.
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Bei Brahms die Farben des Orchesterklanges Farben von Wegmarkierungen.
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Eine Tragödie könnte doch immer anfangen mit den Worten: „Es wäre gar nichts geschehen, wenn nicht ...“.
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(Wenn er nicht mit einem Zipfel seines Kleides in die Maschine geraten wäre?)
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Aber ist das nicht eine einseitige Betrachtung der Tragödie, die sie nur zeigen läßt, daß eine Begegnung unser
ganzes Leben bestimmen kann.†1
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Ich glaube, daß es heute ein Theater geben könnte, wo mit Masken gespielt würde. Die Figuren wären eben
stilisierte Menschen-Typen. In den Schriften
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Kraus’s ist das deutlich zu sehen. Seine Stücke könnten, oder müßten, in Masken aufgeführt werden. Dies entspricht
natürlich einer gewissen Abstraktheit dieser Produkte. Und das Maskentheater ist, wie ich es meine, überhaupt der
Ausdruck eines spiritualistischen Charakters. Es werden daher (auch) vielleicht nur Juden zu diesem Theater neigen.
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Der Gegensatz zwischen Komö[80]die & Tragödie wurde seinerzeit immer wie ein den dramatischen
Raumbegriff†1 a priori teilender herausgearbeitet. Und es konnten einen dann gewisse Bemerkungen wundern, daß
etwa die Komödie es mit Typen die Tragödie mit Individualitäten zu tun habe. In Wirklichkeit ist†2 Komödie &
Tragödie kein Gegensatz so daß die eine das von der andern ausgeschlossene Stück des dramatischen Raumes wäre.
(So wenig wie Moll & Dur solche Gegensätze sind.) Sondern sie†3 sind zwei von vielen möglichen Arten des
Dramas, die nur einer bestimmten – vergangenen – Kultur als die einzigen erschienen sind†4. Der richtige Vergleich
ist†5 der mit den modernen Tonarten.
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[81] Es war charakteristisch für die Theoretiker der vergangenen Kulturperiode, das A-priori†6 finden zu wollen,
wo es nicht war.
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Oder, soll ich sagen, es war charakteristisch für die verg. Kulturperiode, den Begriff, des ‚a priori‘ zu
schaffen†7.
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Denn nie hätte sie diesen Begriff geschaffen wenn sie von vornherein die Sachlage†8 so gesehen hätte wie wir
sie sehen. (Dann wäre der Welt ein großer – ich meine, bedeutender – Irrtum verloren gegangen.) Aber in
Wirklichkeit kann man so gar nicht räsonieren, denn dieser Begriff war in der ganzen Kultur†9 begründet.
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Daß einer den Andern verachtet,[82] wenn schon unbewußt (Paul Ernst) heißt, es kann dem Verachtenden
klargemacht werden, wenn man ihm eine bestimmte Situation, die in Wirklichkeit nie eingetreten ist (& wohl nie
eintreten wird) vor die Augen stellt, & er zugeben muß, daß er dann so & so handeln – & dadurch der Verachtung
Ausdruck geben – würde.†1
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Wenn man Wunder Christi etwa das Wunder auf der Hochzeit zu Kana so verstehen will wie Dostojewski es
tat†2, dann muß man sie als Symbole auffassen. Die Verwandlung von Wasser in Wein ist höchstens erstaun[83]lich
& wer es könnte den würden wir anstaunen aber mehr nicht. Es kann also nicht das das Herrliche sein. – Auch das
ist nicht das Herrliche daß Jesus den Leuten auf der Hochzeit Wein verschafft & auch das nicht daß er den Wein
ihnen†3 auf eine so unerhörte Weise zukommen läßt†4. Es muß das Wunderbare sein das dieser Handlung ihren
Inhalt & ihre Bedeutung gibt. Und damit meine ich nicht das Außergewöhnliche, oder noch nie Dagewesene,
sondern den†5 Geist in dem es getan†6 wird und für den die Verwandlung von Wasser in Wein nur ein Symbol ist
(gleichsam) eine Geste. Eine Geste die (freilich) nur der machen kann der dieses Außerordentliche kann. Als[84]
Geste, als Ausdruck muß das Wunder verstanden werden, wenn es zu uns reden soll. Ich könnte auch sagen: Nur
wenn er es tut der es in einem wunderbaren Geist tut ist es ein Wunder. Ohne diesen Geist ist es nur eine
außerordentlich seltsame Tatsache.†7 Ich muß gleichsam den Menschen schon kennen um sagen zu können, daß es
ein Wunder ist. Ich muß das Ganze schon in dem richtigen Geiste lesen, um das Wunder darin zu empfinden†8.
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Wenn ich im Märchen lese, daß eine Hexe einen Menschen in ein wildes Tier verwandelt, so ist es doch auch
der Geist dieser Handlung, der auf mich†1 den Eindruck[85] macht.
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(Man sagt von einem Menschen, wenn er könnte, er würde den Gegner†2 durch seinen Blick töten.)
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Wenn die späten unter den großen Komponisten einmal in einfachen†3 harmonischen Fortgängen†4
schreiben, dann bekennen sie sich zu ihrer Stammutter.†5
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Mahler scheint mir gerade in diesen Momenten ( wenn die Andern am stärksten ergreifen) besonders
unerträglich & ich möchte dann immer sagen: aber das hast Du ja nur von den Anderen gehört, das gehört ja nicht
(wirklich) Dir.
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Beschmutze alles mit meiner Eitelkeit.
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Den Einen†6 bringt die Erziehung (das Erwerben der Bildung) nur in sein eigenes Gut. Er lernt damit quasi
das väterliche Erbe kennen†7. Während der Andere dadurch ihm wesensfremde†8 Formen aufnimmt. Und da wäre
es besser er bliebe ungebildet wenn auch noch so garstig & ungeschliffen†9.
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Glücklich der, der nicht aus Feigheit gerecht sein will, sondern aus Gerechtigkeitsgefühl, oder aus Rücksicht
für den Andern. – Meine Gerechtigkeit, wenn ich gerecht bin, entspringt meistens der Feigheit.†10
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Übrigens verurteile ich die Gerechtigkeit nicht in mir, die sich etwa auf einer religiösen Ebene abspielt auf[87]
die ich mich aus den schmutzigen Niederungen meiner Lust & Unlust flüchte. Diese Flucht ist recht wenn sie aus
Furcht†1 vor dem Schmutz geschieht.
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D.h., ich tue recht daran, wenn ich mich auf eine geistigere Ebene begebe auf der†2 ich ein Mensch sein kann
– während Andere es auch auf einer ungeistigeren sein können.
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Ich habe eben kein Recht in dem Stockwerk†3 wie sie & fühle auf ihrer Ebene mit Recht meine Inferiorität.
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Ich muß in einer more raryfied atmosphere leben, gehöre dort hin; & sollte der Versuchung widerstehn mit
Andern die es dürfen in der dichteren Luftschicht leben zu wollen.
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Wie in der Philosophie verleiten uns†4 auch im Leben scheinbare Analogien (zu dem was der Andere tut
oder tun darf). Und auch hier gibt es nur ein Mittel gegen diese Verführung: auf die leisen Stimmen horchen die uns
sagen, daß es sich hier doch nicht so verhält wie dort.
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Den letzten Grund (ich meine die letzte Tiefe) meiner Eitelkeit decke ich hier doch nicht auf.
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Wenn ich von einer Tragödie (im Kino z.B.) ergriffen werde, dann sage ich mir immer: nein, so werde ich’s
nicht tun! oder: nein, so soll es nicht sein. Ich möchte den Helden & alle trösten. Aber das heißt doch[89] nicht die
Begebenheit als Tragödie verstehn. Drum versteh ich auch nur den guten Ausgang (im primitiven Sinn) Den
Untergang des Helden verstehe ich – ich meine, mit dem Herzen – nicht. Ich will also eigentlich immer ein Märchen
hören. (Darum auch meine Freude am Film) Und dort werde ich wirklich ergriffen & von Gedanken bewegt. D.h., er
liefert mir wenn er
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nicht zu fürchterlich schlecht ist immer Material für Gedanken & Gefühle.
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Die Photographien meines Bruders Rudi haben etwas Oberländerisches, oder richtiger etwas vom Stil der
guten Zeichner der alten ‚Fliegenden Blätter‘.
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Ein englischer Architekt oder Musiker (vielleicht überhaupt ein Künstler),[90] man kann beinahe sicher sein,
daß er ein Humbug ist!
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Ich kann die Qualität eines Malpinsels nicht beurteilen, ich verstehe nichts von Pinseln & weiß, wenn ich
einen sehe, nicht ob er gut, schlecht oder mittelmäßig ist; aber ich bin überzeugt daß englische Malpinsel
hervorragend gut sind. Und ebenso überzeugt, daß die Engländer nichts von Malerei verstehen.
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Die Rohstoffe sind hier immer ausgezeichnet aber die Fähigkeit fehlt sie zu formen. D.h.: Die Menschen
haben Gewissenhaftigkeit, Kenntnisse & Geschick aber nicht Kunst, noch feine Empfindung.†1
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Meine Selbsterkenntnis steht[91] so: Wenn eine gewisse Anzahl von Schleiern auf mir gelassen werden, sehe
ich noch klar, nämlich die Schleier. Werden sie aber entfernt, so daß mein Blick meinem Ich näher dringen könnte,
so beginnt mein Bild sich mir zu verwischen.†2
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Ich spreche†3 viel zu leicht. – Man kann mich durch eine Frage, einen Einwand zu einem Fluß von Reden
verführen. Während ich rede sehe ich manchmal, daß ich in einem häßlichen Fahrwasser bin: mehr sage als ich
meine, rede um den Andern zu amüsieren, Irrelevantes hineinziehe um zu impressionieren u.s.w.. Ich trachte dann
das Gespräch[92] zu korrigieren
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es wieder in eine anständigere†1 Bahn zurückzulenken. Biege es aber nur etwas und nicht genügend aus Furcht –
mangelndem Mut – & behalte einen schlechten Geschmack.
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Besonders in England geschieht mir das leicht da die Schwierigkeit der Verständigung (wegen des
Charakters, nicht wegen der Sprache) von vornherein enorme sind. So daß man seine übungen auf einem
schwankenden Floß statt auf festem Boden ausführen muß. Denn man weiß nie ob einen der Andere ganz
verstanden hat; & der Andere hat Einen nie ganz verstanden.
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12.10.31.
Heute nacht erwachte ich aus einem Traum mit Entsetzen & ich sah plötzlich, daß ein solches Entsetzen
ja[93] etwas bedeute†2, daß ich darüber nachdenken solle was es bedeutet.
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Der Traum hatte sozusagen zwei Teile (die aber unmittelbar auf einander folgten) Im ersten war jemand
gestorben, es war traurig & ich schien mich gut aufgeführt zu haben & dann quasi beim Nachhausekommen sagte
jemand & zwar eine starke, alte ländliche Person (von der Art unserer Rosalie (ich denke auch an die Kumäische
Sybille) zu mir ein Wort des Lobes & etwas wie: „Du bist doch jemand“. Dann verschwand dieses Bild & ich war
allein im Dunklen & sagte zu mir – ironisch „Du bist doch jemand“ & Stimmen riefen laut um mich her (aber ich
sah niemand der rief) „die Schuld muß doch gezahlt werden“ oder „die Schuld ist doch nicht gezahlt“ oder so
etwas. Ich erwachte wie aus einem[94] entsetzlichen Traum. (Versteckte meinen Kopf – wie ich es seit der Kindheit
in diesem Falle immer tue – unter die Decke & wagte erst nach einigen Minuten ihn frei zu machen & die Augen zu
öffnen) Mir kam wie ich sagte zum Bewußtsein, daß dieses Entsetzen eine tiefere Bedeutung hat (obwohl es auf eine
Weise vom Magen kam, denn das wurde†3 mir bald klar) d.h., daß die Fähigkeit so entsetzt zu sein etwas für mich†4
zu bedeuten habe.†5 Unmittelbar nach
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dem Erwachen, im Entsetzen, dachte ich: ob Traum oder nicht Traum, dieses Entsetzen hat etwas zu bedeuten. Ich
habe doch etwas getan, etwas gefühlt, was immer mein Körper daweil getan hat.
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D.h., dieses Entsetzens ist der Mensch fähig. – Und das hat etwas zu bedeuten.
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Wenn der Mensch die Hölle auch[95] in einem Traum erlebte & danach erwachte, so gäbe es sie doch.
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Ich habe eine schlecht erzogene (oder unerzogene) Sprache. D.h. es fehlt ihr eine gute sprachliche
Kinderstube. – Wie ja wohl der Sprache der allermeisten Menschen.
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Las einmal in Claudius ein Zitat aus Spinoza wo er über sich selbst schreibt konnte dieser†1 Betrachtung aber
nicht ganz froh werden. Und jetzt fällt mir ein daß ich ihr in einer Beziehung mißtraute ohne sagen zu können worin
eigentlich. Ich glaube aber jetzt daß mein Gefühl ist, daß Spinoza sich selbst nicht erkannt hat†2. Also das, was ich
von mir selbst sagen mu߆3.
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[96] schwätz nicht!
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Er schien nicht zu erkennen daß er ein armer Sünder war. Ich kann nun natürlich schreiben ich sei einer.
Aber ich erkenne es nicht sonst würde ich anders.
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Das Wort erkennen ist eben irreleitend, denn es handelt sich um eine Tat die Mut erfordert.
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Man könnte von einer Selbstbiographie sagen: dies schreibt ein Verdammter aus der Hölle.
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In einem Satz steckt so viel als dahinter steht.
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Jetzt verstehe ich etwas das Gefühl in meinem Traum.
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Ich denke in jenem Zitat aus†1 Spinoza an das Wort „Weisheit“[97] welches mir ein im letzten Grunde
hohles Ding zu sein schien (& scheint ) hinter dem sich der eigentliche Mensch, wie er wirklich ist, versteckt. (Ich
meine: vor sich selbst versteckt)
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Decke auf, was Du bist.
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Ich bin z.B. ein kleinlicher, lügnerischer Wicht & kann doch über die größten Dinge reden.
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Undwährend ich es tue, scheine ich mir von meiner Kleinlichkeit vollkommen detachiert zu sein. Bin es aber
doch nicht.
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Selbsterkenntnis & Demut ist Eins. (Das sind billige Bemerkungen.)
Page 52
13.
Ich möchte nicht, daß mit mir geschieht, was mit man[98]cher Waare†2 geschieht. Sie liegen auf dem
Ladentisch, die Käufer sehen sie, die Farbe, oder der Glanz, sticht ihnen in die Augen & sie nehmen den Gegenstand
einen Augenblick in die Hand & lassen ihn dann als unerwünscht auf den Tisch zurückfallen.†3
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Meine Gedanken kommen beinahe nie unverstümmelt in die†4 Welt.
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Entweder es wird ein Teil bei der Geburt verrenkt oder abgebrochen. Oder der Gedanke ist überhaupt eine
Frühgeburt & in der Wortsprache noch nicht[99] lebensfähig. Dann kommt ein kleiner Satz-Fötus zur Welt, dem
noch die wichtigsten Glieder fehlen.
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Die Melodien der frühen Beethovenschen Werke haben (schon) ein anderes Rassegesicht als z.B. die
Melodien Mozarts. Man könnte den Gesichtstypus zeichnen der den†1 Rassen entspräche. Und zwar ist die Rasse
Beethovens gedrungener, grobgliedriger, mit runderem oder viereckigerem Gesicht, die Rasse Mozarts mit feineren
schlankeren & doch rundlichen Formen & die Haydens groß & schlank von der Art mancher österreichischer
Aristokraten. Oder lasse ich mich da von dem Bild verführen das ich von den Gestalten dieser Männer habe. Ich
glaube nicht.
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[100] Merkwürdig zu sehen, wie ein Stoff sich einer Form widersetzt. Wie der Nibelungenstoff sich der
dramatischen Form widersetzt. Er will kein Drama werden & wird kein’s & nur dort ergibt er sich wo der Dichter
oder Komponist sich entschließt episch zu werden So sind die einzigen bleibenden & echten Stellen im „Ring“ die
epischen, in denen Text oder Musik erzählen. Und darum sind die eindrucksvollsten Worte des „Rings“ die der
Bühnenweisungen.
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Ich bin in meine Art der Gedankenbewegung beim Philosophieren etwas verliebt. (Und vielleicht sollte ich
das Wort „etwas“ weglassen.)
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Übrigens heißt das nicht, daß ich in meinen Stil verliebt bin. Das bin ich nicht.
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[101] Etwas ist nur so ernst, als es wirklich ernst ist†2
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Vielleicht, wie sich mancher gern reden hört, höre ich mich gerne schreiben?
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Daß Dir etwas einfällt ist ein Geschenk des Himmels, aber es kommt drauf an, was Du damit machst.
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Natürlich sind auch solche gute Lehren billig eine Tat durch die Du nach ihnen handelst. (Ich dachte bei dem
vorigen Satz an Kraus.)
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[102] Erkenne Dich selbst & Du wirst sehen, daß Du in jeder Weise immer wieder ein armer Sünder bist. Aber ich
will kein armer Sünder sein & suche auf alle Weise zu entschlüpfen (benütze alles als Tür um diesem Urteil zu
entschlüpfen).
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Meine Aufrichtigkeit bleibt immer an†1 einem bestimmten Punkt stecken!
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Wie man sich in einem hohlen Zahn gut auszukennen scheint, wenn der Zahnarzt in ihm herumbohrt, so
lernt man während des bohrenden Denkens†2 jede Räumlichkeit jeden Schluff eines Gedankens kennen &
wiedererkennen.
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Was ich, quasi, auf dem Theater (Kierkegaard)[103] in meiner Seele aufführe macht ihren Zustand nicht
schöner sondern (eher) verabscheuenswürdiger. Und doch glaube ich immer wieder diesen Zustand durch eine
schöne Scene auf dem Theater schöner zu machen.
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Denn ich sitze im Zuschauerraum derselben statt das Ganze von außen zu betrachten. Denn ich stehe nicht
gern auf der nüchternen, alltäglichen, unfreundlichen Straße sondern sitze gern im warmen, angenehmen
Zuschauerraum.
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Ja, nur für wenige Momente gehe ich hinaus in’s Freie†3 & dann vielleicht auch nur mit dem Gefühl immer
wieder in’s Warme schlüpfen zu können.†4
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Die Zuneigung der Andern zu[104] entbehren wäre mir überhaupt unmöglich, weil ich in diesem Sinne viel
zu wenig (oder kein) Selbst habe.
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Vielleicht habe ich nur insoweit ein Selbst als ich mich tatsächlich verworfen fühle.
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Und wenn ich sage daß ich mich verworfen fühle so ist das kein Ausdruck (oder nur: beinahe nie ein
Ausdruck?) dieses Gefühls
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Ich habe mir oft den Kopf darüber zerbrochen daß ich nicht besser bin als Kraus & verwandte Geister & es
mir mit Schmerzen vorgehalten. Welche Unsumme von Eitelkeit liegt aber in diesem Gedanken.
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24.10.
Das Geheimnis der Dimensionierung eines Sessels oder eines Hauses ist, daß sie die Auffassung des
Gegenstandes ändert. Mache das kürzer & es sieht aus wie eine Fortsetzung dieses Teiles, mache es länger & es sieht
aus wie ein ganz unabhängiger Teil. Mache es stärker & das Andere scheint sich darauf zu stützen, mache es
schwächer und es scheint am Andern zu hängen. etc.
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Nicht der graduelle Unterschied der Länge ist es eigentlich, worauf es ankommt, sondern der qualitative der
Auffassung.
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Wenn der Brahmsschen Instrumentierung Mangel an Farbensinn vorgeworfen wird, so muß[106] man sagen
daß die Farblosigkeit schon in der Brahmsschen Thematik liegt. Die Themen schon sind schwarz-weiß, wie die
Brucknerschen schon färbig; auch wenn Bruckner†1 sie tatsächlich aus irgendeinem Grund auf nur einem System
niedergeschrieben hätte, so daß wir von einer Brucknerschen Instrumentierung nichts wüßten.
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Nun könnte man sagen: dann ist ja alles in Ordnung, denn zu schwarz-weißen Themen gehört auch eine
schwarzweiße (farblose) Instrumentation. Ich glaube nur daß gerade hier die Schwäche der Brahmsschen
Instrumentation liegt, indem sie nämlich vielfach doch nicht ausgesprochen schwarz-weiß ist.
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Dadurch entsteht dann der Eindruck der uns oft glauben macht, wir vermissten Farben,[107] weil die Farben,
die da sind, nicht erfreulich wirken. In Wirklichkeit vermissen wir, glaube ich, Farblosigkeit. Das zeigt sich auch oft
deutlich z.B. im letzten Satz des Violinkonzerts wo es sehr merkwürdige Klangeffekte gibt (einmal als blätterten die
Töne wie dürre Blätter von den Violinen ab) & wo man das doch als einen einzelnen
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Klangeffekt empfindet, während man die Klänge bei Bruckner als die selbstverständliche Umkleidung der†1
Knochen dieser†2 Themen empfindet. (Ganz anders ist es beim Brahmsschen Chorklang der der Thematik ebenso
angewachsen ist wie der Brucknersche Orchesterklang der Brucknerschen Thematik.) (Die Harfe am Schluß des
ersten Teils des Deutschen Requiems.)
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[108] Zum „Geheimnis der Dimensionierung“: der eigentliche Sinn der Dimensionierung zeigt sich darin, daß man
dem Gegenstand je nachdem sich seine Maßverhältnisse ändern andere Namen geben kann. (Ganz so, natürlich, wie
dem Ausdruck des Gesichtes dessen Proportionen man änderte; ‚traurig‘, ‚frech‘, ‚wild‘ etc., etc..)
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Die Freude an meinen Gedanken (philosophischen Gedanken) ist die Freude an meinem eigenen seltsamen
Leben. Ist das Lebensfreude?
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Es ist sehr schwer nichts von sich zu halten & jeden Beweis daß man doch ein Recht habe etwas von sich zu
halten (Beweis nach Analogien) von vornherein, auch ehe man den Fehler durchschaut hat†3 daß er irgendwo nicht
stimmt[109] (ja auch wenn man nie auf den Fehler kommen sollte) als Trug zu erklären†4.
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31.10.
Zum Studium der Philosophie sind heute am besten noch Studenten der Physik vorbereitet. Ihr Verständnis
ist durch die offenbare Unklarheit in ihrer Wissenschaft aufgelockerter als das der Mathematiker die in einer
selbstsichern Tradition festgefahren sind.
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Ich könnte mich beinahe als einen amoralischen Nucleus sehen, an dem die Moralbegriffe anderer Menschen
leicht kleben†5 bleiben.
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So daß, was ich redete eo ipso nie mein Eigenes wäre da ja dieser Nukleus (ich sehe ihn wie einen[110]
weißen toten Ballen) nicht reden kann. Es bleiben vielmehr an ihm bedruckte Blätter hängen. Diese reden dann;
freilich, nicht wie in ihrem ursprünglichen Zustand sondern durcheinander mit andern Blättern & beeinflußt durch
die Lage in die sie der Nucleus bringt. – Aber wenn das auch mein Schicksal sein sollte, so wäre ich doch der
Verantwortung nicht enthoben & es wäre Sünde oder Unsinn dieses Schicksal etwa zu beklagen.
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Man könnte sagen: Du verachtest die natürlichen Tugenden, weil Du sie nicht hast! – Aber ist es nicht noch
viel wunderbarer – oder ebenso wunderbar – daß ein Mensch ohne alle diese Gaben Mensch sein kann!
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„Du machst aus der Not eine Tugend“. Gewiß, aber ist es nicht wunderbar, daß man aus der Not eine
Tugend machen kann.
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Man könnte es so sagen: Das Wunderbare ist, daß das Tote nicht sündigen kann. Und das Lebende zwar
sündigen kann aber auch der Sünde entsagen:
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Ich kann nur in soweit schlecht sein, als ich auch gut sein kann.
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Ich stelle mir die Menschen manchmal als Kugeln vor: die eine aus echtem Gold durch & durch, die andere
eine Schichte wertloses Material, darunter Gold; die dritte eine täuschende aber falsche Vergoldung darunter – Gold.
Wieder eine wo unter der Vergoldung Dreck ist & eine wo in diesem Dreck wieder ein Körnchen echtes Gold ist.
U.sw., u.s.w..
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Ich glaube die letztere bin vielleicht ich.
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Aber wie schwer ist so ein Mensch zu beurteilen. Man kommt ihm drauf, daß die erste Schichte falsch ist &
sagt: „also ist er nichts Wert“, denn daß es falsch vergoldetes echtes Gold geben soll, glaubt niemand. Oder man
findet unter der falschen Vergoldung den Mist & sagt: „Natürlich! das war zu erwarten.“ Aber daß dann in diesem
Mist noch wirkliches Gold versteckt sein soll, das ist schwer zu vermuten.
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Wenn eine Kanone zum Schutz gegen Fliegerangriffe so bemalt ist, daß sie von oben aussieht wie Bäume
oder Steine, daß ihre wahren Konturen unkenntlich &[113] falsche an ihre Stelle getreten sind, wie schwer zu
beurteilen ist dieses Ding. Man könnte sich Einen denken der sagt: „das sind also alles falsche Konturen, also hat das
Ding gar keine wirkliche Gestalt†1“ Und doch hat es eine wirkliche feste Gestalt aber sie ist mit den gewöhnlichen
Mitteln gar nicht zu beurteilen.
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Meine Schwester Gretl las einmal eine Stelle aus einem Essay von Emerson vor, worin er seinen Freund
einen Philosophen (den Namen habe ich vergessen) beschreibt; aus dieser Beschreibung glaubte sie zu entnehmen,
daß dieser Mann mir ähnlich gewesen sein müsse. Ich dachte bei mir: Welches Naturspiel! – Welches Naturspiel,
wenn ein Käfer ausschaut wie ein Blatt, aber dann ein wirklicher Käfer ist, & nicht ein Kunstblumenblatt.
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[114] Im richtig geschriebenen Satz löst sich ein Partikel vom Herzen oder Gehirn ab & kommt als Satz aufs
Papier.
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Ich glaube meine Sätze sind meistens Beschreibungen visueller Bilder die mir einfallen.
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Der Witz Lichtenbergs ist die Flamme die nur auf einer reinen Kerze brennt.
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„Ich kann so lügen, – oder auch so, – oder vielleicht am besten, indem ich die Wahrheit ganz aufrichtig
sage.“ So sage ich oft zu mir selbst.
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2.11.
Dostojewskij sagt einmal der Teufel nähme jetzt die Gestalt[115] der Furcht vor der Lächerlichkeit an. Und
das muß wahr sein. Denn vor nichts fürchte ich mich so; nichts möchte ich so unbedingt vermeiden als die
Lächerlichkeit. Dabei weiß, ich daß es eine Feigheit ist wie jede andere, & daß die Feigheit überall hinausgetrieben,
da ihre letzte uneinnehmbare Festung hat. So daß sie nur zum Schein besiegt ist, wenn sie den einen oder
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andern Platz preisgibt, da sie sich endlich ruhig in diese Festung zurückzieht & dort sicher ist.†1
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Wenn ich den Leuten von mir sagte[116] was ich ihnen sagen sollte, würde ich mich der Verachtung & dem
Hohn beinahe Aller die mich kennen preisgeben.
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„Vaterlandsloses Gesindel“ (auf die Juden angewandt) steht auf der gleichen Stufe mit „krummnasiges
Gesindel“, denn, sich ein Vaterland zu geben, steht ebensowenig in eines Menschen Belieben wie, sich eine gerade
Nase geben.
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Das Schuld beladene Gewissen könnte leicht beichten; der eitle Mensch kann nicht beichten.
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Ich will†2 mich keinem Entschluß von mir gefangen geben, es sei denn, daß der Entschluß mich gefangen
hält.
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[117] Umarme einen Menschen für ihn & nicht für Dich.
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7.
Bin jetzt durchaus beunruhigt, durch Gewissen & Gedanken
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Es ist seltsam wenn in zwei Zimmern untereinander zwei Welten wohnen können. Das geschieht wenn ich
unter den zwei Studenten wohne die über mir Lärm machen. Es sind wirklich zwei Welten & es ist keine
Verständigung möglich.
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Ich habe jetzt das Gefühl, als müßte ich in’s Kloster gehn (innerlich), wenn ich die Marguerite verlöre.
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Der Gedanke an eine bürgerliche Verlobung der Marguerite erregt mir Übligkeiten. Nein in diesem[118] Fall
könnte ich nichts für sie tun & müßte sie behandeln wie ich sie behandeln würde, wenn sie sich betrunken hätte,
nämlich: nicht mit ihr reden bis sie den Rausch ausgeschlafen hat.
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Es ist wahr daß man auch auf dem Trümmerfeld der Häuser soll leben können in denen man zu leben
gewohnt war. Aber es ist schwer. Man hat seine Freude eben doch von der Wärme & Behaglichkeit der Zimmer
genommen, auch wenn man es nicht†1 wußte. Aber jetzt, wo man auf den Trümmern umherirrt, weiß man es.
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Man weiß daß jetzt nur der Geist wärmen kann & daß man gar nicht gewohnt ist sich vom[119] Geist
erwärmen zu lassen.
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(Wenn man verkühlt ist tut das Waschen weh & wenn man im geist krank ist, das Denken.
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Ich kann (d.h. ich will) den Genuß nicht aufgeben. Ich will das Genießen nicht aufgeben & will kein Held
sein. Daher leide ich den durchdringenden & beschämenden Schmerz der Verlassenheit.
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Die Verzweiflung hat kein Ende & der Selbstmord endet sie nicht, es sei denn, daß man ihr ein Ende macht
indem man sich aufrafft.
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Der Verzweifelte ist wie ein eigensinniges Kind das den Apfel haben will. Aber man weiß für gewöhnlich
nicht, was es heißt, den Eigen[120]sinn zu brechen. Es heißt einen Knochen im Leibe brechen (und ein Gelenk
machen, wo früher keins war).
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Alte Gedankenbrocken die einen schon vor langer Zeit hoch oben im Darm gedrückt haben kommen später
bei einer Gelegenheit heraus. Dann
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bemerkt man einen Teil eines Satzes & sieht: das war es, was ich vor einigen Tagen immer habe sagen wollen.†1
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Der bürgerliche Geruch des Verhältnisses Marguerite – Talla ist mir so grausig, unerträglich daß ich vor ihm
aus der Welt fliehen könnte.
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Jede Beschmutzung kann[121] ich ertragen, nur die bürgerliche nicht. Ist das nicht seltsam?
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Ich weiß nicht ob mein Geist in mir krank ist oder ob es der Körper ist. Ich mache den Versuch & stelle mir
vor daß manches anders wäre als es ist, & ich fühle, daß mein Befinden dann gleich normal würde. Also ist es der
Geist; & wenn ich lustlos & trübe, meine Gedanken wie in einem dicken Nebel, dasitze & eine Art schwachen
Kopfschmerz spüre, so soll das daher kommen, daß ich vielleicht – oder wahrscheinlich – die Liebe der Marguerite
verlieren werde!
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Wenn man im Kot steckt, gibt es nur Eins: Marschieren. Es ist besser vor Anstrengung tot umzufallen, als
jammernd[122] zu krepieren.
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Geist, verlaß mich nicht! D.h., das schwache Spiritusflämmchen meines Geistes möge nicht verlöschen!
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Kierkegaards Schriften haben etwas Neckendes & das ist natürlich beabsichtigt, wenn ich auch nicht sicher
weiß; ob genau diese Wirkung beabsichtigt ist, die sie auf mich haben. Es ist auch kein Zweifel daß der, der mich
neckt mich zwingt, mich mit seiner Sache auseinanderzusetzen & ist diese Sache wichtig so ist das gut. – Und
dennoch gibt es etwas was dieses Necken in mir verurteilt. Und ist dies nur mein Resentiment? Ich wei߆2 auch sehr
wohl daß Kierkegaard das Aesthetische mit seiner Meisterschaft darin ad absurdum führt & daß er das
natür[123]lich auch will. Aber es ist
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als wäre in seinem Aesthetischen bereits der Tropfen Wehrmuths drin, so daß es eben an & für sich schon nicht so
schmeckt wie das Werk eines Dichters. Er ahmt dem Dichter gleichsam mit unglaublicher Meisterschaft nach, ohne
aber ein Dichter zu sein & daß er keiner ist merkt man doch in der Nachahmung
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Die Idee daß jemand einen Trick verwendet um mich zu etwas zu veranlassen ist unangenehm. Es ist sicher
daß dazu (diesen Trick zu gebrauchen) großer Mut gehört & daß ich diesen Mut nicht – nicht im entferntesten –
hätte; aber es frägt sich, ob, wenn ich ihn hätte, es recht†1 wäre ihn zu gebrauchen. Ich glaube, dazu gehörte dann
außer dem Mut auch ein Mangel an Liebe zum Nächsten. Man könnte sagen: Was Du Liebe des Nächsten nennst ist
Eigen[124]nutz. Nun, dann kenne ich keine Liebe ohne Eigennutz, denn in die ewige Seeligkeit des Andern kann ich
nicht eingreifen. Ich kann nur sagen: Ich will ihn so lieben, wie ich – der um meine Seele besorgt ist – wünsche, daß
er mich liebte.
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Mein ewiges Bestes kann er in gewissem Sinne nicht wollen; er kann mir nur im irdischen Sinne gut sein &
für alles das Respekt haben, was in mir ein Streben zum Höchsten zu verraten scheint.
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Wenn ich an meine Beichte denke, so verstehe ich das Wort „... & hätte der Liebe nicht u.s.w.“. Denn auch
diese Beichte nützte mich nichts wenn sie gleichsam wie ein ethisches Kunststück gemacht würde. Ich will aber
nicht sagen, daß ich sie darum unterlassen habe, weil mir das bloße Kunststück nicht[125] genug war: ich bin zu feig
dazu.
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(Ethisches Kunststück ist etwas was ich den Andern, oder auch nur mir (selbst), vorführe um zu zeigen was
ich kann.)
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Ich verstehe den Geisteszustand meines Bruders Kurt vollkommen. Er war nur noch um einen Grad
verschlafener als der meine.
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Die Denkbewegung in meinem Philosophieren müßte sich in der Geschichte meines Geistes, seiner
Moralbegriffe & dem Verständnis meiner Lage wiederfinden lassen.
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Wer gegen Mücken(schwärme) (an)kämpfen muß findet es eine wichtige Sache einige verscheucht zu haben.
Aber das ist für den ganz unwichtig der mit Moskitos nichts[126] zu tun hat. Wenn ich philosophische Fragen löse
habe ich das Gefühl als hätte ich etwas äußerst Wichtiges für die ganze Menschheit getan & denke nicht, daß die
Dinge mir so ungeheuer wichtig scheinen (oder soll ich sagen: mir so wichtig sind), weil ich von ihnen geplagt
werde.
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15.
Ein Traum heute nacht: Ich kam in ein Bureau um eine Rechnung – ich glaube – einzukassieren.
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So etwa sah das Zimmer aus a, b, c sind Tische d die Tür (c nicht ganz sicher); vor a & b je ein Stuhl auf dem
Stuhl vor a saß ein Beamter zu seiner linken stand ich. Außer mir war im Zimmer noch eine sehr lärmende
Gesellschaft einer von ihnen saß vor b & sie alle sprachen zu dem Beamten lärmend & lustig & der Mann vor[127] b
nahm dabei eine besondere Stellung ein, etwa indem er spaßhaft alles was die Andern (die bei c standen) dem
Beamten verdolmetschte. Der Beamte sagte er könne sich mit ihnen nicht abgeben & wandte sich mir zu. Ich gab
ihm die Rechnung & er fragte von wem sie wäre. Ich hätte gerne gesagt, es stehe ohnehin darauf & er solle selbst
nachsehen (er hielt die Rechnung nämlich so daß er den Kopf nicht sehen konnte) traute mich aber nicht es zu
sagen, sondern gab den Namen an: Laval, oder ... de Laval. Darauf überprüfte der Beamte die Rechnung in dem er
sie in einem elektrischen Apparat untersuchte (ich dachte er photographiert sie mit Röntgenstrahlen). Sie war in einer
Art Kasten der mit einem schwarzen Tuch um[128] wickelt war. Die Szene hatte sich verändert & der Raum war
jetzt wie ein kleines Laboratorium. Auf einem großen Tisch stand der Kasten von ihm gingen Drähte aus. Ich saß
auf einem Stuhl beinahe wie ein Verbrecher auf dem elektrischen Stuhl. Die Drähte gingen zu mir & dann zur Wand.
Ich schien von ihnen & Stricken umwunden zu sein. Ich konnte nicht verstehen warum ich hier so sitzen müsse.
Und†1 sagte zu dem Beamten: „the circuit doesn’t pass through my body“. Er: „of course not“. Ich (unwillig): „But
you have fettered me“. Er sagte darauf es sei ja nur mein kleiner Finger gefesselt & „we
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do this to everybody“. Und jetzt sah ich, daß ich gar nicht gefesselt war, denn die Stricke[129] & Drähte hingen zwar
in Schleifen um mich waren aber nirgends sonst angemacht & nur mein kleiner Finger war durch einen Spagat an
einem Haken (am Tisch?) angebunden. Ich stand auf um meine Freiheit zu erproben & sagte etwas verlegen zum
Beamten „I’m sorry“ ich hätte nicht bemerkt, daß ich (ganz) frei sei. Dann wachte ich auf.
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Gleich nach dem Aufwachen deutete ich den Traum als ein Gleichnis, welches ich für mein Verhältnis zur
Marguerite brauchte. Nämlich: es schaut nur so aus als wäre ich an sie mit 1000 Stricken gebunden; in Wirklichkeit
hängen†1 diese Stricke nur um mich, binden mich aber an niemand & nur der kleine Spagat ist das Band zwischen
uns.
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[130] Was Du geleistet hast, kann andern nicht mehr sein†2 als Du selbst.
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Soviel es Dich gekostet hat, so viel werden sie zahlen.
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Das Christentum sagt eigentlich: laß alle Klugheit fahren.
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Wenn ich sage, ich möchte†3 die Eitelkeit ablegen, so ist es fraglich, ob ich das nicht wieder nur aus einer
Eitelkeit heraus will. Ich bin eitel & soweit ich eitel bin, sind auch meine Besserungswünsche eitel. Ich möchte dann
gern wie der & der sein der nicht eitel war & der mir gefällt, & ich überschlage schon im Geiste den Nutzen, den ich
vom „Ablegen“ der Eitelkeit haben würde. Solange man auf der Bühne ist, ist man eben Schau­[131] spieler, was
immer man auch macht.
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Ich höre im Geist schon die Nachwelt über mich reden, statt mich selbst zu hören, der, da er mich kennt,
freilich ein viel undankbareres Publikum ist.
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Und das muß ich tun: nicht den Andern in der Phantasie hören sondern mich selbst. D.h nicht dem Andern
zusehn, wie er mir zusieht – denn so
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mache ich’s – sondern mir selbst zusehen. Was für ein Trick, & wie unendlich immer wieder die Versuchung auf
den Andern, & von mir weg, zu schaun.
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Von dem religiösen Ärgernis konnte man auch sagen: tu te fache, donc tu as tort. Denn Eines ist sicher: Du
hast unrecht Dich zu ärgern, Dein Ärger [132] soll gewiß überwunden werden†1. Und es frägt sich dann nur ob am
Schluß der Andre mit dem was er gesagt hat Recht behält. Wenn Paulus sagt, der gekreuzigte Christus ist den Juden
ein Ärgernis so ist das gewiß, & auch, daß das Ärgernis im Unrecht ist. Aber die Frage ist: Was ist die rechte Lösung
dieses Ärgernisses?
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Gott als Geschichtliches Ereignis in der Welt ist so paradox, ebenso paradox, wie, daß eine bestimmte
Handlung in meinem Leben dort & dann sündlich war. Das heißt daß ein Augenblick meiner Geschichte ewige
Bedeutung hat ist nicht mehr noch weniger paradox, als daß ein Augenblick oder eine Zeitspanne der
Weltgeschichte ewige[133] Bedeutung hat. Ich darf nur sofern an Christus zweifeln, als ich auch an meiner Geburt
zweifeln darf. – Denn in derselben Zeit in der meine Sünden geschehen sind (nur weiter zurück) hat Christus gelebt.
Und so muß man sagen: Wenn das Gute & Böse überhaupt etwas Geschichtliches ist dann ist auch die göttliche
Weltordnung & ihr Zeitlicher Anfang & Mittelpunkt denkbar.
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Wenn ich aber nun an meine Sünden denke & daß ich diese Handlungen getan habe, ist nur eine Hypothese,
warum bereue ich sie als ob kein Zweifel über sie möglich wäre? Daß ich mich jetzt an sie erinnere ist meine Evidenz
& die Grundlage meiner Reue & des Vorwurfs, daß ich zu feig bin, sie zu gestehen.
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[134] Sah die Photographien der Gesichter Corsischer Briganten & dachte: diese Gesichter sind zu hart, & meines
zu weich als daß das Christentum darauf schreiben könnte. Die Gesichter dieser Briganten sind schrecklich
anzusehen, herzlos, in gewisser Weise kalt & verhärtet; & doch sind sie wohl
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nicht weiter vom rechten Leben entfernt als ich, stehen nur auf einer andern Seite abseits vom Rechten†1.
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Schwäche ist ein furchtbares Laster.
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11.1.32.
Wieder in Cambridge zurück, nachdem ich viel erlebt habe:
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Marguerite, die mich heiraten will(!), Streit in der Familie, etc.. – Ich bin aber im Geist schon so alt,[135] daß
ich nichts unreifes mehr tun darf & die Marguerite ahnt nicht wie alt ich bin.
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Ich erscheine mir selbst wie ein alter Mann.
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Meine philosophische Arbeit kommt mir jetzt vor wie eine Ablenkung von dem Schweren, wie eine
Zerstreuung ein Vergnügen dem ich mich nicht mit ganz gutem Gewissen hingebe. Als ginge ich in’s Kino statt
einen Kranken zu pflegen.
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Man könnte sich einen Menschen vorstellen, der von seiner Geburt bis zu seinem Tod immer entweder
schliefe oder in einer Art Halbschlaf oder Dusel lebte. So verhält sich mein Leben zu dem wirklich lebendigen[136]
Menschen (ich denke gerade an Kierkegaard). Wacht so ein im Halbschlaf lebender je für eine Minute auf so dünkt
es ihn wunder was zu sein & er wäre nicht abgeneigt sich unter die Genies zu zählen.
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Kaum eine der mich tadelnden unter meinen Bemerkungen ist ganz ohne das Gefühl geschrieben, daß es
doch immerhin schön ist daß ich meine Fehler sehe†2.
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28.1.32
Wie wenig Achtung ich im Grunde für meine eigene Leistung habe zeigt sich mir darin, daß ich einen
Menschen von dem ich Grund hatte zu glauben, er entsprechein einem andern Fach dem[137] was ich in der
Philosophie bin, daß ich so einen Menschen nur mit großem Vorbehalt gelten lassen oder schätzen würde.
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Ich träumte heute folgenden sonderbaren Traum: Jemand (war es Lettice?) sagte mir von einem Menschen,
er heiße Hobbson „with mixed b“; welches hieß, daß man ihn „Hobpson“ ausspricht. – Ich erwachte & erinnerte
mich daran,†1 daß mir Gilbert einmal bezüglich der Aussprache eines Wortes†2 gesagt hatte „pronounced with
mixed b“, daß ich verstanden hatte „... mixed beef“ & nicht wußte was er meine, daß es so geklungen hatte als
meinte er man müsse eine Speise welche „mixed beef“ heißt beim Aussprechen des Wortes im[138] Munde haben
& daß ich, als ich Gilbert verstanden hatte, das als Witz sagte. An alles das erinnerte ich mich sofort beim
Aufwachen. Dann kam es mir immer weniger & weniger plausibel vor & erst am morgen als ich schon angekleidet
war schien es mir offenbarer Unsinn. (Geht man übrigens diesem Traum nach so führt er auf Gedanken über
Rassenmischung und was, im Zusammenhang damit für mich von Bedeutung ist.)
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Eine Seele die nackter als die andern vom Nichts durch die Welt zur Hölle geht, macht einen größeren
Eindruck auf die Welt als die bekleideten bürgerlichen Seelen.
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Nur als ihrer Zuflucht kann[139] mir die Marguerite treu bleiben. Das kann & soll sie auch, wenn sie sich
einmal in einen andern Mann verliebt. Es würde dann klar werden, worauf ich bei ihr ein Recht habe. Ich kann ihr
dazu zureden mir als ihrer Zuflucht treu zu bleiben; alles andere wäre Ausnützung ihrer gegenwärtigen Notlage.
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Ich habe eine nacktere Seele als die meisten Menschen & darin besteht sozusagen mein Genius.
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Verstümmle einen Menschen ganz & gar schneide ihm Arme & Beine Nase & Ohren ab & dann sieh was
von seinem Selbstrespekt & von seiner Würde übrig bleibt & wieweit seine Begriffe von[140] solchen Dingen dann
noch die selben sind. Wir ahnen gar nicht, wie diese Begriffe von
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dem Gewöhnlichen, normalen, Zustand unseres Körpers abhängen. Was wird aus ihnen wenn wir mit einem Ring
durch unsere Zungen & gefesselt an einer Leine geführt werden? Wie viel bleibt dann noch von einem Menschen in
ihm übrig? In welchen Zustand versinkt so ein Mensch? Wir wissen nicht, daß wir auf einem hohen schmalen Felsen
stehen, & um uns Abgründe, in denen alles ganz anders ausschaut.
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Die Adoption altväterischer Münzbezeichnungen „Groschen“, „Thaler“, charakteristisch für, was heute
Österreich ist, & auch für den Zustand in den Europä[141]ischen Ländern überhaupt.
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Damit hängt zusammen das neubeleben von Volkstänzen & Trachten & eine Art der Vertrottelung.
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Meine Hauptdenkbewegung ist heute eine ganz andere†1 als vor 15–20 Jahren.
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Und das ist ähnlich, wie wenn ein Maler von einer Richtung zu einer andern übergeht.
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– Das Judentum ist hochproblematisch, aber nicht gemütlich. Und wehe wenn ein Schreiber die gemütvolle
Seite betont. Ich dachte an Freud, wenn er vom jüdischen Witz redet.
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M. braucht mich als Korrektiv, aber nicht als ihren[142] Alleinbesitzer.
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Ich habe manchmal das Gefühl, wie wenn mein Verstand ein Glasstab wäre der belastet ist & jeden Moment
brechen kann.
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Mein Geist scheint dann außerordentlich fragil zu sein.
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Es gibt einen Gedankenraum in dem†2 man beim Einschlafen weiter oder weniger weit reisen kann & beim
Erwachen gibt es eine Rückkunft aus größerer oder geringerer Entfernung†3.
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Skjolden 19.11.36.
Ich habe vor ca 12 Tagen an Hänsel ein Geständnis meiner Lüge bezüglich meiner Abstammung
geschrieben. Seit der Zeit denke ich wieder & wieder da[143]rüber nach, wie ich ein volles Geständnis allen mir
bekannten Menschen machen kann & soll. Ich hoffe & fürchte! Heute fühle ich mich etwas krank, verkühlt. Ich
dachte: „Will Gott mit mir Schluß machen, ehe ich das Schwere tun konnte?“ Möge es gut werden!
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20.11.
Matt & arbeitsunlustig, oder eigentlich unfähig. Aber das wäre ja kein schreckliches Übel. Ich könnte ja
sitzen & ruhen. Aber dann verfinstert sich meine Seele. Wie leicht vergesse ich die Wohltaten des Himmels!!
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Nachdem ich nun das eine Geständnis gemacht habe, ist es als könne ich den ganzen Lügenbau nicht länger
halten, als müsse er ganz niederstürzen. Wäre er nur schon ganz eingestürzt! So daß die Sonne auf Gras & auf die
Trümmer scheinen könnte.
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Am schwersten wird mir der Gedan[144]ke an ein Geständnis gegen Francis, weil ich mich für ihn fürchte &
vor der fürchterlichen Verantwortung die ich dann tragen muß. Nur die Liebe kann dies tragen. Möge Gott mir
helfen.
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21.
Ich habe von Hänsel auf meinen Brief eine schöne & rührende Antwort erhalten. Er schreibt, er bewundre
mich. Welcher Fallstrick! Er weigert sich den Brief den andern Freunden & Verwandten zu zeigen. Ich habe daher
heute ein längeres & umfassenderes Geständnis an Mining geschrieben. Bin versucht, darüber leichtfertig zu denken!
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Die Schraubenmuttern, kaum angezogen, werden gleich wieder locker, weil, was sie zusammenpressen
sollen,[145] wieder nachgibt.
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Ich habe immer Freude an meinen eigenen guten Gleichnissen; möchte sie nicht eine so eitle Freude sein.
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Du kannst Christus nicht den Erlöser nennen, ohne ihn Gott zu nennen. Denn ein Mensch kann Dich nicht
erlösen.
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23.
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Es fehlt auch meiner Arbeit (meiner philosophischen Arbeit) an Ernst & Wahrheitsliebe. – Wie ich auch in
den Vorlesungen oft geschwindelt habe indem ich vorgab etwas schon zu verstehen, während ich noch hoffte es
werde mir klar werden.
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24.
Ich habe heute den Brief mit einem Geständnis an Mining abgeschickt. Obwohl das Geständnis
offenherzig ist, so fehlt mir doch noch immer der Ernst, der der Lage entspricht.
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25.
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[146] Heute liess Gott mir einfallen – denn anders kann ich’s nicht sagen – dass ich den Leuten hier im Ort ein
Geständnis meiner Missetaten machen sollte. Und ich sagte, ich könne nicht! Ich will nicht obwohl ich soll. Ich
traue mich nicht einmal der Anna Rebni & dem Arne Draegni zu gestehen. So ist mir gezeigt worden dass ich ein
Wicht bin. Nicht lange ehe mir das einfiel sagte ich mir ich wäre bereit mich kreuzigen zu lassen.
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Ich hätte doch so gern, daß alle Menschen eine gute Meinung von mir haben! Wenn es auch eine falsche ist;
& ich es weiß daß sie falsch ist! –
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Es ist mir gegeben worden, – & ich möchte Lob dafür haben! Lehre doch mich – !
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30.11.
Es bläst ein Sturm und ich kann[147] meine Gedanken nicht sammeln. –
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1.12.
Ein Satz kann absurd erscheinen & die Absurdität seiner Oberfläche von der Tiefe, die gleichsam hinter ihm
liegt verschlungen werden.
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Das kann man auf den Gedanken von der Auferstehung der Toten & auf andere mit ihm verknüpfte
anwenden. – Was ihm aber Tiefe gibt ist die Anwendung: das Leben das der führt der ihn glaubt.
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Denn dieser Satz z.B. kann der Ausdruck der höchsten Verantwortung sein. Denn denke doch Du würdest
vor den Richter gestellt! Wie sähe Dein Leben aus, wie erschiene es Dir selbst, wenn Du vor ihm stündest. Ganz
abgesehen davon, wie es etwa ihm erscheint & ob er einsichtig, oder nicht einsichtig, gnädig, oder nicht gnädig ist.
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„Weiß ist auch eine Art Schwarz.“
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27.1.37
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[148] Auf der Rückkehr von Wien & England, auf der Reise von Bergen nach Skjolden. Mein Gewissen zeigt mir
mich selbst als einen elenden Menschen; schwach d.h. unwillig zu leiden, feig: in Furcht Anderen einen
ungünstigen Eindruck
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zu machen z.B. dem Portier im Hotell, dem Diener, etc.. Unkeusch. Am schwersten aber fühle ich den Vorwurf der
Feigheit. Hinter ihm aber steht die Lieblosigkeit (& die Überhebung). Aber die Scham die ich jetzt empfinde ist
auch nichts Gutes insofern ich meine äussere Niederlage stärker empfinde als die Niederlage der Wahrheit. Mein
Stolz & meine Eitelkeit sind verletzt.
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In der Bibel habe ich nichts als ein Buch vor mir. Aber warum sage ich „nichts als ein Buch“? ich habe
ein Buch vor mir,[149] ein Dokument, das wenn es allein bleibt, nicht mehr Wert haben kann, als irgend ein
anderes Dokument.
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(Das hat Lessing gemeint.) Dieses Dokument an sich kann mich zu keinem Glauben an die Lehren die es
enthält ‚verbinden‘, – so wenig wie irgend ein anderes Dokument, das mir hätte in die Hände fallen können. Soll
ich die Lehren glauben so nicht deshalb weil mir dies & nicht etwas anderes berichtet worden ist. Sie müssen mir
vielmehr einleuchten: & damit meine ich nicht nur Lehren der Ethik, sondern historische Lehren. Nicht die
Schrift, nur das Gewissen kann mir befehlen – an Auferstehung, Gericht etc zu glauben. Zu glauben, nicht als an
etwas wahrscheinliches, sondern in anderem Sinne. Und mein Unglaube kann mir nur in sofern zum Vorwurf
gemacht werden, als ent[150]weder mein Gewissen den Glauben befiehlt – wenn es so etwas gibt –, oder als es
mir Niedrigkeiten vorwirft; die mich in einer Weise, die ich aber nicht kenne, nicht zum Glauben kommen lassen.
Das heißt, so scheint es mir, ich soll sagen: Du kannst jetzt über einen solchen Glauben gar nichts wissen, er
muss ein Geisteszustand sein von dem du gar nichts weisst und der Dich solange nichts angeht als dein Gewissen
ihn Dir nicht offenbart; dagegen hast du jetzt deinem Gewissen in dem zu Folgen was es dir sagt. Einen Streit
über den Glauben kann es für Dich nicht geben da Du nicht weisst, (nicht das kennst) worüber gestritten wird.
Die Predigt kann die Vorbedingung des Glaubens sein, aber sie, durch das was in ihr vorgeht †1, kann den
Glauben[151] nicht bewegen wollen. (Könnten diese Worte zum Glauben verbinden, so könnten andere Worte
auch zum Glauben verbinden.) Das Glauben fängt mit dem Glauben an. Man muss mit dem Glauben anfangen;
aus Worten folgt kein Glaube. Genug.
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– – – Aber gibt es nicht vielerlei Weisen sich für Tinte & Papier zu interessieren? Interessiere ich mich nicht
für Tinte & Papier wenn ich einen
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Brief aufmerksam lese? Denn jedenfalls schaue ich dabei aufmerksam auf Tintenstriche. – „Aber die sind ja hier nur
Mittel zum Zweck!“ – Aber doch ein sehr wichtiges Mittel zum Zweck! – Ja freilich können wir uns andere
Untersuchungen über Tinte & Papier vorstellen, die uns gar nicht interessieren, die uns für unsern Zweck ganz
unwesentlich zu sein scheinen würden. Aber was uns also interessiert wird[152] die Art unserer†1 Untersuchung
zeigen. Unser Gegenstand ist, so scheint es, sublim, & so sollte er, möchte man glauben†2, nicht von trivialen & in
gewissem Sinne unsicheren Gegenständen handeln, sondern von Unzerstörbarem
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[Ein für mich ungemein charakteristisches Phänomen kann ich auf der Reise beobachten: Ich schätze die
Menschen, es sei denn daß sie mir durch ihre Erscheinung oder durch ihr Auftreten einen besonderen Eindruck
machen, für minder ein als mich selbst: das heißt ich wäre geneigt das Wort „gewöhnlich“ von ihnen zu gebrauchen,
‘einer aus der Masse’ & dergleichen. Ich würde dies vielleicht nicht sagen, aber der Blick mit dem ich ihn zuerst
ansehe sagt es. Es ist schon ein Urteil in diesem Blick. Ein ganz unbegründetes, & unberechtigtes. Und auch dann
natürlich unberechtigtes, wenn[153] sich der Mensch bei genauerer Bekanntschaft wirklich als sehr gewöhnlich, d.h.
oberflächlich, herausstellen sollte. Ich bin freilich in Vielem ungewöhnlich & daher viele Menschen gegen mich
gehalten gewöhnlich; aber worin besteht denn meine Ungewöhnlichkeit?]
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Wenn unsere Betrachtungen von Wort & Satz handeln so sollten sie doch in einem idealeren Sinn von ihnen
handeln, als in dem, in welchem ein Wort verwischt, schwer leserlich, sein kann u.dergl.. – So werden wir dazu
geführt statt dem Wort die ‘Vorstellung’des Wortes betrachten zu wollen. Wir wollen zu Reinerem, Klarerem, zu
Nicht-hypothetischem. [Darauf bezieht sich die Bemerkg im Band XI.]
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28.1.
Noch auf der Reise im Schiff. Wir legten an einem Landungsplatz an & ich sah auf das Drahtseil, mit dem
das Schiff angehängt war,[154] & der Gedanke kam mir: gehe auf dem Seil; Du wirst natürlich nach wenigen
Schritten ins Wasser fallen – aber das Wasser war nicht tief & ich wäre nur
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naß geworden aber nicht ertrunken; & vor allem wäre ich natürlich ausgelacht oder für ein wenig verrückt gehalten
worden. Ich schreckte sofort vor dem Gedanken zurück, das zu tun & mußte mir gleich sagen, daß ich kein freier
Mann†1, sondern ein Sklave bin. Freilich wäre es ‘unvernünftig’ gewesen dem Impuls zu folgen; aber was sagt das?!
Ich verstand, was es heißt, daß der Glaube den Menschen selig macht, d.h. von der Furcht vor Menschen frei macht,
indem er ihn unmittelbar unter Gott stellt. Er wird sozusagen reichsunmittelbar. Eine Schwäche ist, kein Held zu
sein, aber eine noch viel schwächere†2 Schwäche den Helden zu spielen, also nicht einmal die Kraft haben, das
Deficit[155] klar & ohne Zweideutigkeit in der Bilanz zu bekennen. Und das heißt: bescheiden werden: nicht in ein
paar Worten, die man einmal sagt, sondern im Leben.
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Ein Ideal haben ist recht. Aber wie schwer, sein Ideal nicht spielen zu wollen! Sondern es in dem Abstand
von sich zu sehen, in dem es ist! Ja, ist das auch nur möglich, – oder müßte man darüber entweder gut oder
wahnsinnig werden? Müßte diese Spannung, wenn sie ganz erfaßt würde, den Menschen nicht entweder zu Allem
bringen, oder ihn zerstören.
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Ist es hier ein Ausweg, sich in die Arme der Gnade zu werfen?
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Heute nacht folgenden Traum: Ich stand mit Paul & Mining, es war, wie auf einer vorderen Plattform eines
Wagen der Elektrischen aber daß es das war, war nicht klar. Paul berichtete der Mining davon, wie begeistert mein
Schwager Jérome von[156] meiner unglaublichen musikalischen Begabung gewesen sei; ich hatte am Tag vorher so
wunderbar bei einem Werk von Mendelsohn, „die Bachanten“ (oder so ähnlich) hieß es, mitgesungen†3; es war als
hätten wir in diesem Werk unter uns zu Hause musiziert & ich hätte außerordentlich ausdrucksvoll mitgesungen &
auch mit besonders ausdrucksvollen Gesten. Paul & Mining schienen mit dem Lob Jeromes vollkommen
übereinzustimmen. Jerome habe ein über das andre mal gesagt: „Welches
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Talent!“ (oder etwas Ähnliches; ich erinnere mich daran nicht sicher) Ich hielt eine abgeblühte Pflanze in der Hand
mit schwärzlichen Samenkörnern in den schon offenen Schötchen & dachte: wenn sie mir sagen sollten, wie schade
es doch um mein ungenutztes musikalisches Talent sei, werde ich ihnen die Pflanze zeigen & sagen, daß die Natur
mit ihrem Samen auch nicht sparsam[157] ist & daß man nicht ängstlich sein & einen Samen ruhig hinwerfen soll†1.
Das ganze war von Selbstgefälligkeit getragen. – Ich wachte auf & ärgerte, oder schämte, mich wegen meiner
Eitelkeit. – Es war das nicht ein Traum der Art wie ich ihn in den letzten 2 Monaten (etwa) sehr oft gehabt habe: wo
ich nämlich im Traum verächtlich handle, z.B. lüge, & mit dem Gefühl aufwache: Gott sei dank, daß es ein Traum
war; & den Traum auch als eine Art Warnung nehme. Möge ich nicht ganz gemein und auch nicht wahnsinnig
werden! Möge Gott Erbarmen mit mir haben.
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30.1.
Fühle mich körperlich krank; ich bin ausserordentlich schwach & habe ein gewisses Schwindelgefühl.
Wenn ich mich nur richtig zu meinem körperlichen Zustand stellen würde! Ich bin noch heute, wie als kleiner Bub
beim Zahnarzt, wo ich auch immer die wirklichen Schmerzen mit der Furcht vor[158] Schmerzen vermengt habe
& nicht eigentlich wusste wo das eine aufhörte & das andere anfing.
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Unser Gegenstand ist doch sublim, – wie kann er dann von gesprochenen oder geschriebenen Zeichen
handeln?
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Nun wir reden von dem Gebrauch der Zeichen als Zeichen (& natürlich ist der Gebrauch des Zeichens nicht
ein Gegenstand; der als das eigentliche & interessante†2 dem Zeichen als seinem bloßen Vertreter gegenübersteht.)
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Aber was ist am Gebrauch der Zeichen Tiefes†3? Da erinnere ich mich, erstens, daran, daß Namen oft eine
magische Rolle zugekommen ist, & zweitens daran, daß die Probleme, die durch ein Mißdenken der Formen unserer
Sprache†4 entstehen, immer den Charakter des profunden haben.
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[159] Erinnere Dich!
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31.1.
Denk wie uns das Substantiv „Zeit“ ein Medium vorspiegeln kann; wie es
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uns in die Irre führen kann, daß wir einem Phantom (auf & ab) nachjagen.
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Adam benennt die Tiere – – –
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Gott lass mich fromm sein aber nicht überspannt!
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Ich fühle mich als wäre mein Verstand in einem sehr labilen Gleichgewichtszustand; so als würde ein
verhältnismäßig geringer Stoß ihn zum umschnappen bringen. Es ist so wie man sich manchmal dem Weinen nahe
fühlt, den herannahenden Weinkrampf fühlt. Man soll dann recht ruhig, gleichmäßig & tief zu atmen versuchen, bis
der Krampf sich löst. Und so Gott will wird es mir gelingen.
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2.2.
Erinnere Dich beim Philosophieren zur rechten Zeit daran, mit welcher Befriedigung Kinder( &[160] auch
einfache Leute) hören das sei die größte Brücke, der höchste Turm, die größte Geschwindigkeit ... etc.. (Kinder
fragen: „was ist die größte Zahl?“) Es ist nicht anders möglich als daß ein solcher Trieb allerlei philosophische
Vorurteile & daher philosophische Verwicklungen erzeugen muß.
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3.2.
Du sollst die Annehmlichkeiten des Lebens nicht wie ein Dieb davontragen. (Oder wie der Hund der einen
Knochen gestolen hat & mit ihm davonrennt.)
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Aber was bedeutet das nicht fürs Leben!!
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4.2.
Ich kann wohl die christliche Lösung des Problems des Lebens (Erlösung, Auferstehung, Gericht, Himmel,
Hölle) ablehnen†1, aber damit ist ja das Problem meines Lebens nicht gelöst, denn ich bin nicht gut & nicht
glücklich. Ich bin[161] nicht erlöst. Und wie kann ich also wissen, was mir, wenn ich anders lebte, ganz anders lebte,
als einzig akzeptables Bild der Weltordnung vorschweben würde. Ich kann das nicht beurteilen. Ein anderes Leben
rückt ja ganz andere Bilder in den Vordergrund, macht ganz andere Bilder notwendig. Wie Not beten lehrt. Das heißt
nicht, daß man durch das andere Leben notwendig seine Meinungen ändert. Aber lebt man anders, so spricht man
anders. Mit einem neuen Leben lernt man neue Sprachspiele.
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Denk z.B. mehr an den Tod, – & es wäre doch sonderbar, wenn Du nicht dadurch neue Vorstellungen, neue
Gebiete der Sprache, kennen lernen solltest.
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5.2.
Kann aus irgend einem Grunde nicht arbeiten. Meine Gedanken kommen nicht[162] vom Fleck & ich bin
ratlos, weiß nicht was ich in dieser Lage anfangen soll. Ich scheine hier die Zeit in unnützer Weise zu vergeuden.
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6.2.
Im guten Sinne „schwerverständlich“ ist ein Künstler, wenn uns das Verständnis Geheimnisse offenbart,
nicht, einen Trick, den wir nicht verstanden hatten.
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7.2.
Es fehlt meinem Schreiben wieder an Frömmigkeit & Ergebenheit. So sorge ich mich darum daß, was ich
jetzt hervorbringe Bachtin schlechter erscheinen könnte, als was ich ihm gegeben habe. Wie kann bei solcher
Dummheit, Gutes herauskommen. –
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8.2.
Der ideale Name ist ein Ideal; d.i., ein Bild, eine Form der Darstellung, der wir zuneigen. Wir wollen die
Zerstörung & Veränderung darstellen als Trennung & [163] Umgruppierung von Elementen. Diese Idee nun könnte
man in gewissem Sinne erhaben nennen; sie wird es dadurch, daß wir die ganze Welt durch sie betrachten. Aber es
ist nun nichts wichtiger, als daß wir uns klar werden, welche Erscheinungen, welche einfachen, hausbackenen, Fälle
das Urbild zu dieser Idee sind. Das heißt: Frage Dich, wenn Du versucht bist, allgemeine metaphysische Aussagen
zu machen (immer): An welche Fälle denke ich denn eigentlich? – Was für ein Fall, welche Vorstellung, schwebt mir
denn da vor? Dieser Frage widersetzt sich nun etwas in uns, denn wir scheinen damit das Ideal zu gefärden:
Während†1 wir es doch nur†2 tun als es an den Ort zu stellen wohin es gehört. Denn es soll das Bild sein womit wir
die Wirklichkeit vergleichen, wodurch†3 wir darstellen, wie es sich verhält. Nicht,†4 ein Bild wonach wir die
Wirklichkeit[164] umfälschen.
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Wir werden daher immer wieder fragen: „Woher nimmt sich, dieses Bild?!“ dem wir eine so allgemeine
Bedeutung†1 vindizieren wollen.
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Die „sublime Auffassung“ zwingt mich von dem konkreten Fall wegzugehen, da, was ich sage, ja auf ihn
nicht paßt. Ich begebe mich nun in eine ätherische Region, rede vom eigentlichen Zeichen, von Regeln die es geben
muß (obwohl ich nicht sagen kann wo & wie), – & gerate ‘aufs Glatteis’.
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9.2.
Ein Traum: Ich fahre im Eisenbahnzug & sehe durchs Fenster eine Landschaft: eine Ortschaft & ziemlich im
Hintergrund sehe ich etwas, was wie zwei große Montgolfieren aussieht. Ich freue mich über den Anblick. Nun
steigen sie auf, aber es zeigt sich, daß es nur eine [165] Montgolfiere ist mit einem fallschirmartigen Gebilde darüber.
Beides braunrot. Wo es sich vom Boden hebt, sieht der Boden schwarz aus, wie vom Feuer. Nun aber fliege auch
ich in einem Ballon.
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Die Gondel ist wie ein Koupé & ich sehe durchs Fenster, daß die Montgolfiere, wie vom Wind getrieben,
sich uns nähert. Es ist gefährlich, denn unser Ballon kann Feuer fangen. Nun ist die Montgolfiere ganz nah. Ich
nehme an, daß unsere Mannschaft, die ich mir über meinem Koupé vorstelle, versucht, die Montgolfiere von uns
wegzustoßen. Ich glaube aber, sie hat uns vielleicht schon berührt. Ich liege nun auf dem Rücken in dem Koupé; &
denke: jeden Moment kann eine furchtbare Explosion erfolgen & alles aus sein.
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Ich denke jetzt oft an den Tod, & daran, wie ich in der Todesnot bestehen werde; & der Traum hängt[166]
damit zusamen.
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13.2.
Mein Gewissen plagt mich & läßt mich nicht arbeiten. Ich habe in Schriften Kierkegaards gelesen & das hat
mich noch mehr beunruhigt, als ich es schon war.. Ich will nicht leiden; das ist es was mich beunruhigt. Ich will nicht
auf irgendwelche Bequemlichkeit verzichten, oder auf einen Genuß. (Ich würde z.B. nicht fasten, oder mir auch nur
im Essen Abbruch tun.) Aber ich will auch nicht gegen irgend jemand auftreten & mir Unfriede
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schaffen. Wenigstens nicht, wenn der Fall nicht unmittelbar unter meine Augen gerückt wird. Aber selbst dann
fürchte ich, ich möchte mich drücken. Dazu lebt in mir eine unausrottbare Unbescheidenheit. Ich möchte mich bei
aller Jämmerlichkeit†1 immer mit den Bedeu[167]tendsten vergleichen. Es ist als könnte ich, nur Trost finden in der
Erkenntnis meiner Jämmerlichkeit.
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Laß mich daran festhalten, daß ich mich nicht selbst betrügen will. D.h. ich will eine Forderung, die ich als
solche anerkenne, mir selbst immer wieder als Forderung eingestehen. Das verträgt sich völlig mit meinem Glauben.
Mit meinem Glauben, wie er ist. Daraus folgt, daß ich entweder die Forderung erfüllen werde, oder darunter leiden
werde, sie nicht zu erfüllen, denn ich kann sie mir nicht vorhalten & nicht darunter leiden, daß ich ihr nicht genüge.
Ferner aber: Die Forderung ist hoch†2. Das heißt: was immer am Neuen Testament wahr oder falsch sein mag, eines
kann nicht bezweifelt werden: daß ich, um richtig zu leben, ganz anders leben müßte, als es mir behagt. Daß das
Leben viel ernster ist, als es an der Oberfläche ausschaut. Das Leben ist ein furchtbarer Ernst.
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Das Höchste aber, das ich zu erfüllen[168] bereit bin, ist: „fröhlich zu sein in meiner Arbeit“. D.h.: nicht
unbescheiden, gutmütig, nicht direkt lügnerisch, im Unglück nicht ungeduldig. Nicht, daß ich diese Forderungen
erfülle! aber ich kann es anstreben. Was aber höher liegt kann, oder will, ich nicht anstreben, ich kann es nur
anerkennen & bitten, dass der Druck dieser Anerkennung nicht zu fürchterlich wird, d.h., daß er mich leben läßt,
daß er also meinen Geist nicht verdunkle.
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Es muss dazu, gleichsam, durch die Decke, den Plafond, unter dem ich arbeite, über den ich nicht steigen
will, ein Licht durchschimmern.
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15.2.
Wie das Insekt das Licht umschwirrt so ich ums Neue Testament.
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Ich hatte gestern diesen Gedanken: Wenn ich ganz von Strafen im Jenseits[169] absehe: Finde ich es richtig,
daß ein Mensch sein Leben lang für die Gerechtigkeit leidet dann vielleicht einen schrecklichen Tod stirbt, – & nun
keinerlei Lohn für dieses Leben hat? Ich bewundere doch einen solchen,
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stelle ihn hoch über mich, & warum sage ich nicht, er war ein Esel, daß er sein Leben so benützt hat. Warum ist er
nicht dumm? Oder auch: warum ist er nicht der „elendeste Mensch“? Sollte er das nicht sein, wenn nun das alles ist,
daß er ein schreckliches Leben hatte bis an sein Ende? Denke nun aber ich antwortete: „Nein er ist nicht dumm
gewesen, denn nach seinem Tode geht es ihm nun gut.“ Das ist auch nicht befriedigend. Er scheint mir nicht dumm,
ja, im Gegenteil, er scheint mir das Richtige zu tun. Ferner scheine ich sagen zu können: er tut das Rechte, denn er
empfängt den rechten Lohn, und doch kann[170] ich mir den Lohn nicht als Belohnung nach seinem Tode denken.
„Dieser Mensch muß heimkommen“ möchte ich von einem solchen sagen.
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Man stellt sich die Ewigkeit (des Lohnes oder der Strafe) für gewöhnlich als eine endlose Zeitdauer vor. Aber
man könnte sie sich geradesogut als einen Augenblick vorstellen. Denn in einem Augenblick kann man ­alle
Schrecken erfahren & alle Glückseligkeit. Wenn Du Dir die Hölle vorstellen willst so brauchst Du nicht an nie
endende Qualen zu denken. Vielmehr würde ich sagen: Weißt Du welches unsagbaren Grauens ein Mensch fähig
ist? Denk daran & Du weißt was die Hölle ist, obwohl es sich da gar nicht um Dauer handelt.
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Und ferner, wer weiß welches Grauens er fähig ist, der weiß daß das noch immer[171] nichts ist gegen etwas
noch viel Schrecklicheres, was, solange wir noch von Äußerem abgelenkt werden können, noch gleichsam verdeckt
liegt. (Die letzte Rede des Mephisto im Lenauschen Faust.) Der Abgrund der Hoffnungslosigkeit kann sich im Leben
nicht zeigen. Wir können nur bis zu gewisser Tiefe in ihn hineinschauen, denn „wo Leben ist, da ist Hoffnung“. Im
Peer Gynt heißt es: „Zu teuer erkauft man das Bißchen Leben mit solch einer Stunde verzehrendem Beben.“ –
Wenn man Schmerzen hat, so sagt man etwa: „Jetzt dauern diese Schmerzen schon 3 Stunden, wann werden sie
denn endlich aufhören“, in der Hoffnungslosigkeit aber denkt man nicht: „es dauert schon so lange!“, denn da
vergeht die Zeit in gewissem Sinne gar nicht.
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Kann man nun nicht jemandem, & ich mir, sagen: „Du tust†1 recht Dich vor der Hoffnungslosigkeit zu
fürch[172]ten! Du mußt so leben, daß sich
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Dein Leben nicht am Ende zuspitzen kann zur Hoffnungslosigkeit. Zu dem Gefühl: Nun ist’s zu spät.“ Und es
scheint mir, als könne es sich zu verschiedenem zuspitzen.
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Aber kannst Du Dir denken, daß das Leben des wahrhaft Gerechten sich auch nur so zuspitzt? Muß er nicht
die „Krone des Lebens“ erhalten? Fordre ich für ihn nichts Anderes? Fordre ich für ihn nicht Verherrlichung?! Ja!
Aber wie kann ich mir seine†1 Verherrlichung denken? Ich könnte meinem Gefühle nach sagen: er muß nicht nur
das Licht schauen, sondern unmittelbar an das Licht heran, mit ihm nun eines Wesens werden, – und dergleichen.
Ich könnte also, scheint es, alle Ausdrücke brauchen, die die Religion hier tatsächlich gebraucht.
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Es drängen sich mir also diese Bilder auf. Und doch scheue ich mich diese[173] Bilder & Ausdrücke zu
gebrauchen. Vor allem sind es natürlich nicht Gleichnisse.
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Denn was sich durch ein Gleichnis sagen läßt, das auch ohne Gleichnis.
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Diese Bilder & Ausdrücke haben ihr Leben vielmehr nur in einer hohen Sphäre des Lebens nur in dieser
Sphäre können sie mit Recht gebraucht werden. Ich könnte eigentlich nur eine Geste machen, die etwas Ähnliches
heißt wie „unsagbar“, & nichts sagen. – Oder ist diese unbedingte Abneigung dagegen hier Worte zu gebrauchen
eine Art Flucht? Eine Flucht vor einer Realität? Ich glaube nicht; aber†2 ich ich weiß es nicht. Lass mich zwar vor
keinem Schluss zurückscheuen, aber auch unbedingt nicht abergläubisch sein!! Ich will nicht unreinlich denken!
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16.2.37
Gott! lass mich zu dir in ein Verhältnis kommen, in dem ich „fröhlich sein kann in meiner Arbeit! [174]
Glaube daran dass Gott von dir in jedem Moment alles fordern kann! Sei dir dessen wirklich bewusst! Dann bitte
dass er dir das Geschenk des Lebens gibt! Denn Du kannst jederzeit in Wahnsinn verfallen oder ganz & gar
unglücklich werden, wenn Du etwas nicht tust was von dir verlangt wird!
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Es ist ein Ding zu Gott zu reden & ein anderes, von Gott zu Anderen zu reden.
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Erhalte mir meinen Verstand rein & unbefleckt! –
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Ich möchte gern tief sein; – & doch scheue ich vor dem Abgrund im Menschenherzen zurück!! –
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Ich winde mich unter der Qual, nicht arbeiten zu können, mich matt zu fühlen, nicht von Anfechtungen
ungestört leben zu können. Und wenn ich nun bedenke,[175] was Andere, – die wirklich etwas waren –, zu leiden
hatten, so ist, was ich erlebe, nichts im Vergleich. Und doch winde ich mich unter dem im Vergleich winzigen
Druck.
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Meine Erkenntnis ist eigentlich: wie fürchterlich unglücklich der Mensch werden kann. Die Erkenntnis eines
Abgrundes; & ich möchte sagen: Gott gebe, daß diese Erkenntnis nicht klarer wird.
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Und ich kann wirklich jetzt nicht arbeiten. Der Quell ist mir versiegt & ich weiss ihn nicht zu finden.
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17.2.
Immer wieder finde†1
ich mich auf gemeinen Gedanken, ja auf den gemeinsten Gedanken. Heuchelei der
lächerlichsten Sorte & wo es das Höchste be-trifft.
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Wie man auf dünnem Eis über einem tiefen Wasser mit Angst geht, so arbeite ich heute ein wenig, soweit †2
es mir gegeben ist. [176]
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Der furchtbare Augenblick im unseligen Sterben muß doch der Gedanke sein: „Oh hätte ich doch nur ... Jetzt
ist’s zu spät.“ Oh hätte ich doch nur richtig gelebt! Und der seelige Augenblick muß sein: „Jetzt ist’s vollbracht!“ –
Aber wie muß man gelebt haben, um sich das sagen zu können! Ich denke, es muß auch hier Grade geben. Aber ich
selbst, wo bin ich? Wie weit vom Guten & wie nah am untern Ende!
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18.2.
Habe grosse Sehnsucht nach Francis. Fürchte für ihn. Möge ich das Richtige tun.
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Wenig fällt mir so schwer, wie Bescheidenheit. Dies merke ich jetzt wieder, da ich in Kierkegaard lese. Nichts
ist mir so schwer als mich unterlegen zu fühlen; obwohl es sich[177] nur darum handelt die Wirklichkeit zu sehen,
so wie sie ist.
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Wäre ich im Stande meine Schrift G.z.o.?
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Es wäre mir viel lieber zu hören: „Wenn Du das nicht tust, wirst
Du Dein Leben verspielen.“, als: „Wenn Du das nicht tust, wirst Du bestraft“.
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Das Erste heißt eigentlich: Wenn Du das nicht tust, ist Dein Leben ein Schein, es hat nicht Wahrheit & Tiefe.
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19.2.

Heute nacht gegen morgen fiel mir ein, daß ich heute den alten Sweater herschenken sollte, den ich mir
schon lange vorgenommen hatte, zu verschenken. Dabei aber kam mir auch, gleichsam als Befehl, der Gedanke, ich
solle zugleich auch den neuen herschenken den ich mir - übrigens ohne eigentliches Bedürfnis - neulich in Bergen
gekauft habe (er gefällt mir sehr). Ich war nun über diesen 'Befehl'[178] sogleich in einer Art Bestürzung &
Empörung, wie so oft in diesen letzten 10 Tagen. Es ist aber nicht, daß ich so sehr an diesem Sweater hänge (obwohl
das irgendwie mitspielt), sondern was mich 'empört' ist, daß so etwas, & also alles von mir verlangt werden kann; &
zwar verlangt, - nicht, daß es als gut oder erstrebenswert empfohlen wird. Die Idee, daß ich verloren sein kann, wenn
ich es nicht tue. - Nun könnte man einfach sagen: „Nun, gib ihn nicht her! was weiter?“- Aber wenn ich nun
dadurch unglücklich werde? Was heißt denn aber die Empörung? Ist sie nicht eine Empörung gegen Tatsachen? -
Du sagst: „Es kann sein, daß von mir das furchtbar Schwerste verlangt wird.“ Was heißt das? Es heißt doch: Es kann
sein, daß ich morgen fühle, daß ich meine[179] Manuscripte (z.B.) verbrennen muß; d.h., daß, wenn ich sie nicht
verbrenne, mein Leben (dadurch) zu einer Flucht wird. Daß ich damit von dem Guten, von der Quelle des Lebens
abgeschnitten bin. Und mich eventuell durch allerlei Possen über die Erkenntnis betäube, daß ich es bin. Und wenn
ich sterbe, dann würde diese Selbstbeschwindelung ein Ende nehmen.
Es ist nun ferners das wahr, daß ich nicht durch Überlegungen etwas zu etwas Rechtem machen kann, was mir in
meinem Herzen als Possen erscheint. Keine Gründe der Welt könnten z.B. beweisen, daß meine Arbeit wichtig &
etwas ist, was ich tun darf & soll, wenn mein Herz – ohne einen Grund – sagt, ich habe sie zu lassen. Man könnte
sagen: „Was Possen sind, entscheidet der liebe Gott.“ Aber ich will diesen[180] Ausdruck jetzt nicht gebrauchen.
Vielmehr: Ich kann mich, & soll mich, durch keine Gründe überzeugen, daß die Arbeit, z.B., etwas Rechtes ist. (Die
Gründe
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die Menschen mir sagen†1 würden, – Nutzen, etc – sind lächerlich). – Heißt das nun, oder heißt es nicht, daß meine
Arbeit & Alles, was ich sonst genieße, ein Geschenk ist? D.h., daß ich nicht darauf ruhen kann, als auf etwas Festem,
auch abgesehen davon, daß es mir durch Unfall, Krankheit, etc. genommen werden kann. Oder vielleicht richtiger:
Wenn ich nun darauf geruht habe & es für mich etwas Festes war, & es nun nicht mehr fest für mich ist, da ich eine
Abhängigkeit fühle, die ich früher nicht gefühlt habe (ich sage nicht einmal: ich erkennte jetzt eine Abhängigkeit, die
ich früher nicht erkannt hatte), so[181] habe ich das als Tatsache hinzunehmen. Das was mir fest war, scheint jetzt
zu schwimmen & untergehen zu können. Wenn ich sage, ich muß es als Tatsache hinnehmen, so meine ich
eigentlich: ich muß mich damit auseinandersetzen. Ich soll nicht darauf mit Entsetzen stieren, sondern glücklich sein
dennoch. Und was bedeutet†2 das für mich? – Man könnte ja sagen: „Nimm eine Medizin, damit diese Idee dieser
Abhängigkeit vergeht (oder such nach so einer).“ Und ich könnte mir natürlich denken, daß sie vorübergehen wird.
Auch etwa durch einen Wechsel der Umgebung. Und wenn man mir sagte, ich sei jetzt krank, so ist†3 das vielleicht
auch wahr. Aber was sagt das? – Das heißt doch: „Flieh diesen Zustand!“ Und angenommen, er hörte jetzt sogleich
auf, mein Herz hört auf in den Abgrund zu sehen, es kann seine Aufmerk[182]samkeit wieder auf die Welt richten, –
aber damit ist ja die Frage nicht beantwortet, was ich tun soll, wenn mir das nicht geschieht (denn dadurch, daß ich
es wünsche geschieht es nicht). Ich könnte also freilich nach einem Mittel gegen diesen Zustand suchen, aber
solange ich das tue, bin ich ja noch in dem Zustand (weiß auch nicht, ob & wann er aufhören wird) & soll†4 also das
Rechte, meine Pflicht, tun, wie sie es in meinem gegenwärtigen Zustand ist. (Da ich ja nicht einmal weiß, ob es einen
zukünftigen geben wird.) Ich kann also zwar hoffen, daß er sich ändern wird, muß mich aber in ihm jetzt einrichten.
Und wie tue ich das? Was habe ich zu tun damit er, so wie er ist, erträglich wird? Welche Attitude†5 nehme ich zu
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ihm ein? Die der Empörung? Das ist der Tod! In der Empörung schlage[183] ich nur auf mich selbst los. Das ist ja
klar! wen soll ich denn damit schlagen? Ich muß mich also ergeben. Jeder Kampf dabei ist ein Kampf mit mir selbst;
& je stärker ich schlage, desto stärker werde ich geschlagen. Ergeben müßte sich aber mein Herz, nicht einfach
meine Hand. Hätte ich Glauben, d.h., würde ich unverzagt tun wozu die innere Stimme mich auffordert, so wäre
dieses Leiden geendet.
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Nicht das Knien hilft beim Beten, aber man kniet.
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Nenn es alles Krankheit! Was hast Du damit gesagt? Nichts.
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Nicht erklären! – Beschreiben! Unterwirf dein Herz & sei nicht bös, dass du so leiden musst! Das ist der
Rat, den ich mir geben soll. Wenn du krank bist, dann richte dich in dieser Krankheit ein; sei nicht[184] bös dass
du krank bist.
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Das aber ist wahr, daß, sobald ich auch nur aufathmen kann, sich bei mir die Eitelkeit regt.
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Lass mich dieses gestehen: Nach einem für mich schweren Tag kniete ich heute beim Abendessen & betete
& sagte plötzlich kniend & in die Höhe blickend: „Es ist niemand hier.“ Dabei wurde mir wohl zu Mute als wäre
ich in etwas Wichtigem aufgeklärt worden.
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Was es aber eigentlich bedeutet, das weiss ich noch nicht. Ich fühle mich leichter. Aber das heisst nicht
etwa: ich sei früher in einem Irrtum gewesen. Denn war es ein Irrtum, was beschützt mich davor, daß ich in ihn
zurückfalle?! Also kann hier von Irrtum & einem Überwinden des Irrtums nicht die Rede sein. Und nennt man es
Krankheit so kann wieder von einem Überwinden nicht die Rede[185] sein; denn die Krankheit kann mich ja
jederzeit wieder überwinden. Denn ich sagte ja auch dieses Wort nicht als ich gerade wollte, sondern es kam. Und
wie es kam so kann etwas anderes kommen. – „Lebe so, dass du gut sterben kannst!“
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20.2.
Du sollst so leben, daß Du vor dem Wahnsinn bestehen kannst, wenn er kommt. Und den Wahnsinn sollst
du nicht fliehen. Es ist ein Glück, wenn er nicht da ist, aber fliehen sollst Du ihn nicht, so glaube ich mir sagen zu
müssen. Denn er ist der strengste Richter (das strengste Gericht) darüber ob mein Leben recht oder unrecht ist; er ist
fürchterlich, aber Du sollst ihn dennoch nicht fliehen. Denn Du weißt ja doch nicht, wie Du ihm entkommen kannst;
& während Du vor ihm fliehst, benimmst Du[186] Dich ja unwürdig.
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Ich lese im N.T. & verstehe Vieles & Wesentliches nicht, aber Vieles doch. Ich fühle mich heute viel wohler
als Gestern. Möge es bleiben.
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Man könnte mir sagen: „Du sollst Dich nicht so viel mit dem N.T. einlassen, es kann Dich noch verrückt
machen.“ – Aber warum ‘soll’ ich nicht, – es sei denn, daß ich selbst fühlte, ich soll nicht. Wenn ich glaube, in
einem Raum das Wichtige, die Wahrheit, sehen zu können – oder sie finden zu können, dadurch, daß ich
hineingehe, so kann ich doch fühlen, ich soll hineingehen, was immer mir drin geschieht & ich soll nicht aus Furcht
es vermeiden, hineinzugehen. Drinnen sieht es vielleicht schaurig aus, und man möchte gleich wieder
hinaus[187]laufen; aber soll ich nicht versuchen standhaft zu bleiben? Ich möchte in so einem Fall, dass mir
jemand auf die Schulter klopft & mir sagt: “Fürchte dich nicht! denn das ist recht.”
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Ich danke Gott, dass ich in die Einsamkeit nach Norwegen gekommen bin!
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Wie kommt es, daß die Psalmen (die Bußpsalmen), die ich heute gelesen habe eine Speise für mich sind &
das N. T. eigentlich bis jetzt noch keine Speise? Ist es bloß zu ernst für mich?
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Der Unschuldige muß anders sprechen, als der Schuldige, & andere Anforderungen stellen. Bei David kann
nicht stehen: „Seid vollkommen“, es heißt nicht, daß man sein Leben zum Opfer bringen soll & es wird nicht eine
ewige Seeligkeit versprochen. Und das Annehmen dieser Lehre – so scheint es mir – erfordert, daß man sagt:[188]
„Dieses Leben mit allerlei Lust & Schmerz ist doch nichts! Dazu kann es doch nicht da sein! Es muß doch etwas viel
Absoluteres sein. Es muß zum Absoluten streben. Und das einzig Absolute ist, wie ein kämpfender, ein stürmender
Soldat das Leben durchzufechten auf den Tod los. Alles Andere ist Zaudern, Feigheit, Bequemlichkeit also†1
Erbärmlichkeit.“ Das ist natürlich nicht Christentum, denn hier ist z.B. von ewigem Leben & ewiger Strafe keine
Rede. Aber ich verstünde auch, wenn Einer sagte: Das Glück in einem ewigen Verstande ist nur so zu erreichen; &
kann nicht erreicht werden, dadurch daß man sich hier bei allerlei kleinem Glück aufhält. Aber hier ist noch immer
nicht von einer ewigen Verdammnis die Rede.
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Dieses Streben nach dem Absoluten, welches alles irdische Glück zu[189] kleinlich erscheinen läßt, den Blick
hinaufwendet & nicht eben,
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auf die Dinge, sieht, erscheint mir als etwas Herrliches, Erhabenes, aber ich selbst richte meinen Blick auf die
irdischen Dinge; es sei denn, daß mich „Gott heimsucht“ & der Zustand über mich kommt, in dem das nicht
möglich ist. Ich glaube: Ich soll das & das tun, & das & das nicht tun; & das kann ich in jener matteren Beleuchtung
von oben tun; das ist nicht jener Zustand. Warum soll ich heute meine Schriften verbrennen?! Ich denke nicht dran!
– Aber ich denke schon dran, wenn die Finsternis auf mich herabgestiegen ist & droht auf mir zu bleiben. Es ist
dann als hätte ich meine Hand auf einem Gegenstand & er würde heiß & ich hätte die Wahl zwischen Fahrenlassen
& Verbrennen. In dieser Lage will man die Worte der Bußpsalmen gebrauchen. [190]
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(Den eigentlichen Christenglauben – nicht den Glauben – verstehe ich noch gar nicht.)
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aber ihn suchen das wäre Verwegenheit.
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Denk, jemand in einem furchtbaren Schmerz, wenn etwa etwas Bestimmtes in seinem Körper vorgeht,
schriee „Fort, fort!“, obwohl nichts ist, was er fort wünscht, – könnte man nun sagen: „Diese Worte sind falsch
angewendet“?? So etwas würde man doch nicht sagen. Ebensowenig, wenn er z.B. in diesem Zustand eine
‘abwehrende’ Geste macht, oder aber auf die Knie fällt & die Hände faltet könnte man das vernünftigerweise als
falsche Gebärden erklären. Er tut eben das in so einer Lage. Hier kann von ‘falsch’ nicht die Rede sein. Welche
Anwendung sollte richtig sein, wenn eine notwendige falsch ist? Anderseits könn[191]te man nicht sagen, es sei eine
richtige Anwendung der Gebärde gewesen & deshalb sei hier jemand gewesen, vor dem er gekniet hat†1. Es sei denn
daß diese beiden Aussagen identischen Sinn haben sollen, & dann ist auch das „daher“ falsch. Wende das aufs
Gebet an. Wer die Hände ringen & flehen muß, wie könnte man von dem sagen er sei im Irrtum, oder in einer
Einbildung.
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21.2.
Die Leiden des Geistes los werden, das heißt die Religion los werden.
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Hast Du nicht in deinem ganzen Leben irgendwie gelitten (nur nicht auf diese Art), & willst du jetzt lieber
zurück zu diesen Leiden?!
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Ich bin gutmütig aber ich bin ausserordentlich feige & darum schlecht. Ich möchte Leuten helfen, wo es
keine grössere Anstrengung, aber vor allem, keinen
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Mut kostet. [192] Komme ich selbst dabei in die geringste Gefahr, so scheue ich zurück. Und unter Gefahr meine
ich z.B. die etwas von der guten Meinung der Menschen zu verlieren.
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Ich könnte die feindliche Linie immer nur stürmen, wenn von hinten auf mich geschossen wird.
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Wenn ich leiden muss so ist es doch besser durch den Kampf des Guten mit dem Schlechten in mir, als
durch den Kampf im Bösen.†1
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Was ich jetzt glaube: Ich glaube, dass ich mich nicht vor den Menschen oder ihrer Meinung fürchten sollte
wenn ich tun will, was ich für recht halte.
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Ich glaube, dass ich nicht lügen soll; dass ich den Menschen gut sein soll; dass ichmich sehen[193] soll wie
ich wirklich bin; dass ich meine Bequemlichkeit opfern soll, wenn es etwas Höheres gillt; dass ich in guter Weise
fröhlich sein soll, wenn es mir gegeben ist, aber wenn nicht, dass ich dann mit Geduld & Standhaftigkeit die
Trübseligkeit ertrage; dass der Zustand welcher alles von mir fordert durch das Wort „Krankheit“, oder
„Wahnsinn“, nicht erledigt ist, d.h.: dass ich in diesem Zustand ebenso verantwortlich bin, wie ausserhalb, dass
er zu meinem Leben gehört wie jeder andere und ihm die also volle Aufmerksamkeit gebührt. Einen Glauben an
eine Erlösung durch den Tod Christi habe ich nicht; oder aber noch nicht. Ich fühle auch nicht etwa, dass ich auf
dem Wege zu so einem Glauben sei, aber ich halte es für möglich, dass ich einmal hier etwas verstehen werde,
wovon ich jetzt[194] nichts verstehe, was mir jetzt nichts sagt, & dass ich dann einen Glauben haben werde, den
ich jetzt nicht habe. – Ich glaube, dass ich nicht abergläubisch sein soll†2, d.h., dass ich nicht für mich mit
Worten, die ich etwa lese, Magie treiben soll, d.h., mich nicht in eine Art Glauben, eine Art Unvernunft
hineinreden soll & darf. Ich soll meine Vernunft nicht verunreinigen. (Der Wahnsinn aber verunreinigt die
Vernunft nicht. Auch wenn er†3 nicht ihr Wächter ist)
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Ich glaube, dass der Mensch sein Leben ganz in allen seinen Handlungen von Eingebungen leiten lassen
kann, und ich muss jetzt glauben, dass dies das höchste Leben ist. Ich weiss, dass ich so leben könnte, wenn ich
wollte, wenn ich
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dazu den Mut hätte. Ich habe ihn aber nicht und muss hoffen dass mich[195] das nicht zu Tode, das heisst ewig,
unglücklich machen wird.
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Möge die Trübsal, das Elendgefühl, während ich das alles schreibe irgendwie reinigen!
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Ich lese immer wieder in den Briefen des Apostel Paulus & ich lese nicht gern in ihnen. Und ich weiss
nicht, ob der Widerstand & Widerwille den ich da empfinde, nicht, zum Teil wenigstens, von der Sprache herrührt,
nämlich vom Deutschen, Germanischen, also von der Übersetzung. Ich weiss es aber nicht. Es ist mir, als wäre es
nicht bloss die Lehre, die mich durch ihre Schwere, Grösse, durch ihren Ernst, abstösst, sondern auch
(irgendwie) die Persönlichkeit des Lehrenden.†1 Es scheint mir, als wäre mir, ausser allem jenem, irgend etwas
fremd, & dadurch abstossend, in der Lehre. Wenn er, z.B., sagt „Das sei ferne!“, so ist mir etwas
unan[196]genehm an der blossen Art des Raisonnements. Aber es ist möglich dass dies sich ganz abstossen
würde, wenn ich mehr vom Geist des Briefes ergriffen würde. Ich halte es aber für möglich, dass die nicht
unwichtig ist.
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Ich hoffe dass die jetzige Traurigkeit & Qual die Eitelkeit in mir verbrennen möchten. Aber wird sie nicht
sehr bald wiederkommen wenn die Qual aufhört? Und soll die darum nie aufhören?? Das möge Gott verhüten.
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In meiner Seele ist (jetzt) Winter, wie rings um mich her. Es ist alles verschneit, es grünt & blüht nichts.
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Ich sollte also geduldig warten, ob es mir beschieden ist, einen Frühling zu sehen.
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22.2.
Habe Mut & Geduld auch zum Tod, dann wird dir vielleicht das Leben geschenkt! Möchte doch der
Schnee[197] um mich beginnen wieder Schönheit zu gewinnen & nicht bloss Traurigkeit zu haben!
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Ich träumte heute morgen: Ich stehe am Klavier (undeutlich gesehen) & sehe auf einen Text eines
Schubert-Liedes. Ich weiß, daß er im Ganzen sehr dumm ist, bis auf eine schöne Stelle am Ende, die heißt:
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„Betrittst Du wissend
meine Vorgebirge,
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Ward Dirs in einem Augenblicke
klar,“
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Dann weiß ich nicht, was kommt & es schließt:
„Wenn†1 ich vielleicht schon in der Grube
modre.“
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Gemeint ist: Wenn Du in Deinen (philosophischen) Gedanken an die Stelle kommst, wo ich war, dann (soll
es heißen) fühle Achtung für mein Denken, wenn ich vielleicht etc..
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Gott sei es gedankt, dass ich mich[198] heute etwas ruhiger & wohler fühle. Wenn immer aber ich mich
wohler fühle, ist mir die Eitelkeit sehr nahe.
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Ich sage mir jetzt oft, in zweifelhaften Zeiten: „Es ist niemand hier.“ und schaue um mich. Möge aber das
in mir nichts Gemeines werden!
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Ich glaube ich soll mir sagen: „Sei nicht knechtisch in deiner Religion!“ Oder, versuche, es nicht zu sein!
Denn das ist in der Richtung zum Aberglauben.
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Der Mensch lebt sein gewöhnliches Leben mit dem†2 Scheine eines Lichts dessen er sich nicht bewusst
wird, als bis es auslöscht. Löscht es aus so ist das Leben plötzlich alles Wertes, Sinnes, oder wie man sagen will,
beraubt. Man wird plötzlich inne, dass die blosse Existenz –[199] wie man sagen möchte – an sich noch ganz leer,
öde ist. Es ist wie wenn der Glanz von allen Dingen weggewischt wäre, alles ist tot. Das geschieht z.B. manchmal
nach einer Krankheit – ist aber darum natürlich nicht unwirklicher oder unwichtiger, d.h. nicht mit einem
Achselzucken zu erledigen. Man ist dann lebendig gestorben. Oder vielmehr: das ist der eigentliche Tod, den man
fürchten kann, denn das blosse ‘Ende des Lebens’ erlebt man ja nicht (wie ich ganz richtig geschrieben habe).
Aber was ich hier jetzt geschrieben habe, ist auch nicht die volle Wahrheit.
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In meinen dummen Gedanken vergleiche ich mich mit den höchsten Menschen!
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Das Fürchterliche was ich beschreiben wollte ist eigentlich, dass man „auf nichts mehr ein Recht hat“.
[200] „Der Segen ist mit nichts.“ D.h.: Es ist mir als hätte jemand von dessen freundlichem Zusehen alles
abhängt †3, gesagt: „Tu, was du willst, aber meine Zustimmung hast du nicht!“ Warum heisst es: „Der Herr
zürnt“. – Er kann dich verderben. Man kann dann sagen man fahre zur†4
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Hölle. Aber das ist eigentlich kein ‘Bild’, denn wenn ich wirklich in einen Abgrund fahren würde so müsste das
nicht furchtbar sein. Ein Abgrund ist ja nichts Schreckliches; & was ist denn die Hölle: dass man ich meine,
durch dieses Bild erklären könnte? Vielmehr muss man diesen Zustand „eine Ahnung von der Hölle“ nennen –
denn man möchte in ihm auch sagen: Es kann noch furchtbarer werden: denn noch ist nicht jede Hoffnung ganz
ausgelöscht. Kann man sagen, dass man deshalb so leben muss, dass,[201] wenn man nicht mehr hoffen kann, man
etwas hat, um sich daran zu erinnern?
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Lebe so, dass du vor jenem Zustand bestehen kannst: denn all dein Witz, all dein Verstand werden dir dann
nichts helfen. Du bist mit ihnen verloren, als wenn du sie gar nicht hättest. (Du könntest ebensogut deine guten
Beine brauchen wollen, wenn du durch die Luft fällst.) Dein ganzes Leben ist (ja) untergraben, also du mit allem
was du hast. Du hängst zitternd, mit allem was du hast, über dem Abgrund. Es ist furchtbar, dass es so etwas
geben kann. Diese Gedanken habe ich vielleicht, weil ich hier jetzt so wenig Licht sehe; aber es ist hier nun so
wenig Licht und ich habe sie. Wäre es nicht komisch jeman[202]dem zu sagen: Mach dir nichts draus, du stirbst
ja jetzt nur, weil du einige Minuten keine Luft kriegst. Mit allem Stolz, aller deiner Einbildung auf das & jenes,
bist du dann verloren, sie halten dich nicht, denn sie sind mit untergraben und alles was du hast. Du sollst Dich
aber vor diesem Zustand, obwohl er fürchterlich ist, nicht fürchten. Du sollst ihn nicht frivol vergessen & ihn doch
nicht fürchten. Er wird deinem Leben dann Ernst geben & nicht Grauen. (Ich glaube so.)
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23.2.
Man kniet & schaut nach oben & faltet die Hände & spricht, & sagt man spricht mit Gott, man sagt Gott
sieht alles was ich tue; man sagt Gott spricht zu mir in meinem Herzen; man spricht von den Augen, der Hand, dem
Mund Gottes, aber nicht von andern Teilen[203] des Körpers: Lerne†1 daraus die Grammatik des Wortes „Gott“!
[Ich habe irgendwo gelesen, Luther hätte geschrieben, die Theologie sei die „Grammatik des Wortes Gottes“, der
heiligen Schrift.]
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Respekt vor dem Wahnsinn – das ist eigentlich alles, was ich sage.
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Ich bleibe immer wieder in der Komödie sitzen, statt hinaus auf die Strasse zu gehen.
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Eine religiöse Frage ist nur entweder Lebensfrage oder sie ist (leeres) Geschwätz. Dieses Sprachspiel –
könnte man sagen – wird nur mit Lebensfragen gespielt. Ganz ähnlich, wie das Wort „Au-weh“ keine Bedeutung
hat – ausser als Schmerzensschrei.
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Ich will sagen: Wenn eine ewige Seeligkeit nicht für mein Leben, meine Lebensweise, etwas bedeutet, dann
habe ich mir über sie nicht den Kopf zu zerbrechen; kann ich [204] mit Recht darüber denken, so muß, was ich
denke, in genauer Beziehung zu meinem Leben stehen, sonst ist, was ich denke, Quatsch, oder mein Leben in
Gefahr. – Eine Obrigkeit, die nicht wirkt, nach der ich mich nicht zu richten habe, ist keine Obrigkeit. Wenn ich mit
Recht von einer Obrigkeit rede, muß ich selbst auch von ihr abhängen.
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24.2.
Nur wenn ich kein (gemeiner) Egoist bin, kann ich auf einen sanften Tod hoffen.
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Der Reine hat eine Härte, die schwer zu ertragen ist. Darum nimmt man die Ermahnungen eines
Dostojevski leichter an, als eines Kierkegaard. Der eine druckt noch, während der andere schon schneidet.
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Wenn du nicht bereit bist, deine Arbeit für etwas noch höheres zu opfern, so wird kein[205] Segen mit ihr
sein. Denn ihre Höhe erhält sie, dadurch dass du sie in die wahre Höhenlage†1 im Verhältnis zum Ideal stellst.†2
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Darum vernichtet Eitelkeit den Wert der Arbeit. So ist die Arbeit des Kraus, z.B., zur ‘klingenden Schelle’
geworden. (Kraus war ein, ausserordentlich begabter, Satzarchitekt.)
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Es scheint, ich erhalte wieder nach & nach Arbeitskraft. Denn in den letzten 2–3 Tagen konnte ich wieder
mehr & mehr, obwohl doch noch wenig, über Philosophie denken & Bemerkungen schreiben. Anderseits habe ich
in meiner Brust das Gefühl, als ob mir das Arbeiten vielleicht trotzdem nicht gestattet†3 sei. D.h., ich fühle mich nur
mäßig, oder nur halb, glücklich beim Arbeiten & habe eine gewisse Furcht es möchte mir untersagt
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werden. D.h., ein Unglücksgefühl möchte über mich[206] hereinbrechen, welches mir das Weiterarbeiten in
Sinnlosigkeit verwandelt & mich zwingt, die Arbeit niederzulegen. Möge das aber nicht geschehen!! – Dies aber
hängt zusammen, mit dem Gefühl, daß ich zu wenig liebevoll bin, d.h. zu egoistisch. Daß ich zu wenig um das sorge,
was Andern wohltut. Und wie kann ich ruhig leben, wenn ich nicht dabei hoffen kann, sanft zu sterben. Gott besser
es!!
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„Es ist niemand hier“, – aber ich kann auch allein wahnsinnig werden.
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Es ist merkwürdig, daß man sagt, Gott habe die Welt erschaffen, & nicht: Gott erschaffe, fortwährend, die
Welt. Denn warum soll es ein größeres Wunder sein, daß sie zu sein begonnen hat, als daß sie fortfuhr zu sein. [207]
Man wird von dem Gleichnis des Handwerkers verleitet. Daß Einer einen Schuh macht, ist eine Leistung, aber
einmal (aus Vorhandenem) gemacht, bleibt er von selbst einige Zeit bestehen. Denkt man sich aber Gott als
Schöpfer, muß die Erhaltung des Universums nicht ein ebensogroßes Wunder sein als seine Schöpfung, – ja, sind
die beiden nicht eins? Warum†1 soll ich einen einmaligen Akt der Schöpfung postulieren†2 & nicht einen dauernden
Akt des Erhaltens – der einmal angefangen hat, der einen zeitlichen Anfang hatte oder, was aufs Gleiche hinausläuft,
ein dauerndes Erschaffen?
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27.2.
War 2 Tage weg mit Joh. Bolstad, auf der Suche nach einem Dienstmädchen für Frk. Rebni; ohne Erfolg.
(Es war schön & angenehm.) Nun bin ich etwas unernst; aber – Gott sei Dank – nicht unglücklich.
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Das Christentum sagt: Du sollst hier (in dieser Welt) – sozusagen – nicht sitzen, sondern gehen. [208] Du
musst hier weg; & sollst nicht plötzlich weggerissen werden, sondern tod sein, wenn dein Körper stirbt.
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Die Frage ist: Wie gehst du durch dies Leben†3? – (Oder: Das sei deine Frage!) – Denn meine Arbeit, z.B.,
ist ja nur ein Sitzen in der Welt. Ich aber soll gehen & nicht bloss sitzen.
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28.2.37
Es ist doch möglich daß ich nach etlichen zusammenhängenden Kapiteln
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in meiner Arbeit bloß lose Bemerkungen schreiben kann & soll. Ich bin doch ein Mensch, & abhängig von dem, wie
es geht! Aber es ist mir schwer das wirklich einzusehen.
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1.3.
Ich möchte immer von der Wahrheit, die ich weiß & wenn sie unangenehm ist, etwas abhandeln & [209]
habe immer wieder Gedanken, mit denen ich mich selbst betrügen will.
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Wird es mir gegeben sein, weiter zu arbeiten? Ich arbeite, denke & schreibe, jetzt täglich einiges, das meiste
davon nur mäßig gut. Ist das aber nun das Versiegen dieser Arbeit, oder wird der Bach weiter rinnen, & wachsen?
Wird die Arbeit sozusagen ihren Sinn verlieren? Ich wünsche es nicht; aber es ist möglich! – Denn erst muß man
leben, – dann kann man auch philosophieren.
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Ich denke die ganze Zeit an’s Essen. Da meine Gedanken wie in einer Sackgasse angelangt sind, kommen sie
immer wieder auf’s Essen zurück als auf das, was die Zeit vertreibt.
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In einem abscheulichen Geisteszustand: Ohne Gedanken, stier, meine Arbeit sagt mir gar nichts & ich bin
hier in der Öde ohne Sinn & Zweck [210] Als hätte sich jemand einen Witz mit mir erlaubt, mich hier her gebracht
& hier sitzen lassen.
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2.3.
Heute ging es mir besser beim Arbeiten; Gott sei Dank. Es schien wieder etwas Sinn in der Arbeit zu sein.
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3.3.
Wieviel leichter ist es doch noch, zu arbeiten, als der Arbeit den rechten Platz anzuweisen!
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Das Knien bedeutet, dass man ein Sklave ist. (Darin†1 könnte die Religion bestehen.)
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4.3.
Herr, wenn ich nur wüsste, dass ich ein Sklave bin!
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Die Sonne kommt jetzt sehr nahe zu meinem Haus & ich fühle mich froher! Es geht mir unverdient gut. –
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6.3
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Ich schreibe öfters Philosophische Bemerkungen die[211] ich einst gemacht habe an der falschen†1 Stelle ab:
dort arbeiten sie nicht! Sie müssen dort stehen, wo sie ihre volle Arbeit leisten!†2
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Es ist interessant, wie falsch Spengler, der sonst viel Urteil hat, Kierkegaard einschätzt. Hier ist einer der zu
groß für ihn ist & zu nahe steht, er sieht nur ‘die Stiefel des Riesen’. –
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Ich weiss, ich bin gemein, & doch fühle ich mich jetzt so viel wohler als vor einigen Tagen & Wochen. Fast
fürchte ich mich vor diesem Wohlsein, da es so unverdient ist. Und doch bin ich froh. Möchte ich nicht zu gemein
sein!
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8.3.
Ich habe jetzt eine große Sehnsucht danach, die Sonne von meinem Haus zu sehen & stelle täglich
Schätzungen an wieviele Tage sie noch wegbleiben[212] wird. Ich glaube sie kann nicht vor 10 Tagen von mir zu
sehen sein & vielleicht nicht vor 2 Wochen, obwohl ich mir gesagt habe, ich werde sie schon in 4 Tagen sehen. Aber
werde ich noch 2 Wochen leben?? Ich muß mir immer wieder sagen, daß es auch herrlich genug ist, wenn ich den
starken Schein sehe, den ich jetzt schon sehe & daß ich damit ganz zufrieden sein kann. Auch das ist unverdient! &
ich soll nur dankbar sein!
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10.3.
Es geht mir unverdient gut.
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12.3.
Ich bin ein Mensch von geringem Talent; möge ich dennoch etwas Rechtes leisten. Denn das ist möglich!
glaube ich. – Möchte ich unbestechlich sein! Darin würde das Wertvolle liegen.
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13.3
Wie schwer ist es sich selbst[213] zu kennen, sich ehrlich einzugestehen, was man ist!
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Es ist eine ungeheuere Gnade, wenn auch noch so ungeschickt, über die Sätze in meiner Arbeit nachdenken
zu dürfen.
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14.3.
Ich glaube, daß heute die Sonne in mein Fenster hereinscheinen wird. Bin wieder enttäuscht worden.
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15.3.
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Sich selbst zu erkennen ist furchtbar, weil man zugleich die lebendige†1 Forderung erkennt, &, daß man ihr
nicht genügt. Es gibt aber kein besseres Mittel sich selbst kennen zu lernen, als den Vollkommenen zu sehen. Daher
muß der Vollkommene einen Sturm der Empörung in den Menschen wecken; wenn sie sich nicht ganz & gar
demütigen wollen. Ich glaube, die Worte: „Seelig, wer sich nicht an mir ärgert“, meinen:[214] Seelig, wer den
Anblick des Vollkommenen aushält. Denn Du mußt vor ihm in Staub fallen, & das tust Du nicht gern. Wie willst Du
nun den Vollkommenen nennen? Ist er Mensch? – Ja, in einem Sinne ist er natürlich Mensch. Aber in anderem
Sinne ist er doch etwas ganz anderes. Wie willst Du ihn nennen? mußt Du ihn nicht „Gott“ nennen? Denn was
entspräche dieser Idee, wenn nicht das? Aber früher hast Du vielleicht Gott in der Schöpfung gesehen, d.h. in der
Welt; & nun siehst Du ihn, in anderem Sinn, in einem Menschen.
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Einmal sagst Du nun: „Gott hat die Welt erschaffen“ & einmal: „Dieser Mensch ist – Gott“. Aber Du meinst
nicht, daß dieser Mensch die Welt erschaffen hat, & doch ist hier eine Einheit.
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Wir haben zwei verschiedene Vorstellungen von Gott: oder, wir haben zwei[215] verschiedene Vorstellungen
& gebrauchen für beide das Wort Gott.
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Wenn Du nun aber an eine Vorsehung glaubst: d.h., wenn Du glaubst, daß nichts, was geschieht, anders
geschieht, als durch den Willen Gottes; dann mußt Du also auch glauben, daß dies Größte, daß ein Mensch zur Welt
kam, der Gott ist, durch Gottes Willen geschehen ist. Muß dann aber dies Faktum nicht für Dich ‘entscheidende
Bedeutung’ haben? Ich meine: muß das dann nicht für Dein Leben Konsequenzen haben, Dich zu etwas
verpflichten? Ich meine: mußt Du nicht in ethische Beziehungen zu ihm treten? Denn Du hast doch z.B. dadurch
Pflichten, daß Du einen Vater & eine Mutter hast & nicht z.B. ohne sie auf die Welt gesetzt worden bist. Hast Du
also[216] nicht auch Pflichten durch & gegen jenes Factum?
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Empfinde ich nun aber solche Pflichten? Mein Glaube ist zu schwach.
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Ich meine, mein Glaube an die Vorsehung, mein Gefühl: „es geschieht
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alles durch Gottes Willen“. Und dies ist nicht eine Meinung – auch nicht eine Überzeugung, sondern eine Attitude
den Dingen & dem Geschehen gegenüber. Möge ich nicht frivol werden!
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16.3.
Hast Du eine wertvolle Bemerkung gefunden; & sei es auch nur ein Halbedelstein, so mußt Du ihn jetzt
richtig fassen.
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Ich dachte heute: „Arrangiere ich nicht meine Gedanken, wie meine Schwester Gretl die Möbel in einem
Zimmer?“ Und dieser Gedanke war mir zuerst nicht angenehm.
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Ich dachte gestern an den Ausdruck: „ein reines Herz“; warum [217] habe ich keines? Das heißt doch:
warum sind meine Gedanken so unrein! Eitelkeit, Schwindel, Mißgunst ist immer wieder in meinen Gedanken.
Möge Gott mein Leben so lenken, daß es anders wird.
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17.3.
Es ist wegen der Wolken unmöglich zu sehen, ob die Sonne schon über dem Berg steht oder noch nicht &
ich bin vor Sehnsucht sie endlich zu sehen fast krank. (Ich möchte mit Gott rechten.)
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18.3.
Die Sonne dürfte jetzt über dem Berg stehen, aber sie ist des Wetters wegen nicht zu sehen. Wenn Du mit
Gott rechten willst, so heißt das, Du hast einen falschen Begriff von Gott, Du bist in einem Aberglauben.†1 Du hast
einen unrichtigen Begriff, wenn Du auf das Schicksal erzürnt bist. Du sollst [218] Deine Begriffe umstellen.
Zufriedenheit mit Deinem Schicksal müßte†2 das erste Gebot der Weisheit sein.
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Ich habe heute die Sonne von meinem Fenster gesehen in dem Augenblick, als sie anfing hinter dem
westlichen Berg aufzugehen. Gott sei Dank. Aber ich glaube nun, zu meiner Schande, daß mir dieses Wort nicht
genug vom Herzen gekommen ist. Denn ich war wohl froh, als ich die Sonne nun wirklich erblickte, aber meine
Freude war doch zu wenig tief, zu lustig, nicht wahrhaft religiös. Oh, wäre ich doch tiefer!
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19.3.
Ca 20 Min. nach 12 kommt jetzt der Rand der Sonne über den Berg zum Vorschein. Sie bewegt sich an der
Bergschneide entlang, so daß sie nur zu
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einem Teil zu sehen ist, zur Hälfte oder weniger, oder mehr. Nur auf wenige Augenblicke war sie beinahe ganz zu
sehen. [219] Und das zeigt, daß sie doch nur gestern erst über den Horizont gekommen ist; wenn nicht gar heute
zum ersten Mal. Um 1h war sie schon untergegangen. Und sie kommt nun noch einmal gerade vor dem Untergehen.
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20.3.
Ich glaube: ich verstehe, daß der Geisteszustand des Glaubens den Menschen seelig machen kann. Denn
wenn der Mensch glaubt, von ganzem Herzen glaubt, daß der Vollkommene sich für ihn hingegeben, sein Leben
geopfert, hat, daß er ihn damit – von Anfang – mit Gott ausgesöhnt hat, so daß Du nun nur noch dieses Opfers
würdig weiter leben sollst, – so muß dies den ganzen Menschen veredeln, sozusagen, in den Adelstand erheben. Ich
verstehe – will ich sagen – daß dies eine Bewegung der Seele zur Seeligkeit ist. [220]
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Es heißt – glaube ich –: „Glaubt daran, daß ihr nun ausgesöhnt seid, & sündiget ‘hinfort nicht mehr’!“ –
Aber es ist auch klar, daß dieser Glauben eine Gnade ist. Und, ich glaube, die Bedingung für ihn ist, daß wir unser
Äußerstes tun & sehen, daß es uns zu nichts führt, daß, soviel wir uns auch plagen, wir unversöhnt bleiben. Dann
kommt die Versöhnung zu Recht†1.
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Ist nun aber der verloren, der dieses Glaubens nicht ist? Das kann ich nicht glauben; oder aber noch nicht
glauben. Denn vielleicht werde ich’s glauben. Wenn hier vom ‘Geheimnis’ jenes Opfers gesprochen wird: so
müßtest Du die Grammatik des Wortes „Geheimnis“ hier verstehen!
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Es ist niemand hier: & doch spreche ich & danke & bitte. Aber ist darum dies Sprechen [221] & Danken &
Bitten ein Irrtum?!
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Eher könnte ich sagen: „Das ist das Merkwürdige!“
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Bin im Zweifel, was ich in der nächsten Zukunft tun soll. Eine Stimme in mir sagt mir, daß ich jetzt von hier
weg soll, & nach Dublin. Aber anderseits hoffe ich wieder, daß ich das jetzt nicht tun muß. Ich möchte sagen:
Möchte es mir vergönnt sein, noch hier einige Zeit zu arbeiten! – Ich bin aber, sozusagen, am Schluß eines
Abschnittes meiner Arbeit angelangt.
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Gott, welche Gnade ist es, ohne furchtbare Probleme leben zu können! Möchte sie bei mir bleiben!
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21.3.
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Bin gemein & niedrig & es geht mir nur zu gut. Und doch bin ich froh dass es mir nicht schlechter geht!
Lieben Brief von Max.
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22.3.
[222] Heute geht die Sonne hier um 12h auf & erscheint nun ganz.
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Die Bäume waren heute früh dick mit Schnee beladen, nun schmilzt er aller. – Ich bin immer wieder zur
Eitelkeit geneigt auch über meine Eintragungen hier & ihren Stil. Möge Gott es bessern. – Die erste Fliege aussen
an meinem Fenster, wo es die Sonne bescheint. Um 1h geht die Sonne wieder unter & kommt aber noch einmal
zum Vorschein. Vor dem Untergehen ist die Sonne noch einmal für etwa 10 Minuten zu sehen.
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Es ist niemand hier: Aber es ist eine herrliche Sonne hier, & ein schlechter Mensch. –
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23.3.
Ich bin wie ein Bettler, der manchmal reluctantly†1 zugibt, daß er kein König ist.
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Heute kam die Sonne von ca. ¾12 bis[223] ¼ 2, dann einen Augenblick um ¾ 4 über dem Berg zum
Vorschein & ehe sie untergeht scheint sie wieder herein.
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Hilf & Erleuchte! Aber wenn ich morgen etwas glauben sollte was ich heute nicht glaube, so war ich darum
heute nicht in einem Irrtum. Denn dieses ‘glauben’ heißt ja nicht meinen. Aber mein Glaube morgen kann lichter
(oder dunkler) sein als mein Glaube heute. Hilf & Erleuchte! & möge kein Dunkel über mich kommen!
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24.3.
Ich bitte, & ich hab’s schon so, wie ich’s haben will: nämlich halb Himmel, halb Hölle!
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Die Sonne geht um ca ½ 2 unter geht aber dann dem Rand des Berges so entlang daß man noch längere Zeit
ihren äußersten Rand wahrnimmt. Es ist herrlich! Sie ist also doch nicht eigentlich untergegangen. –
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[224] Ich hatte heute diesen Gedanken: Als ich meine Beichte seinerzeit niedergeschrieben hatte da dachte ich ein
paar mal auch an meine Mama & dachte ich könne sie in irgend einem Sinne nachträglich durch mein Geständnis
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erlösen; auch sie nämlich habe, in irgend einem Sinn, ein solches Geständnis auf dem Herzen gehabt & sei es in
ihrem Leben nicht losgeworden, denn sie sei verschlossen geblieben. Und mein Geständnis, kam es mir vor, spreche
nun endlich auch in ihrem Namen; & sie könne sich nun irgendwie nachträglich damit identifizieren. (Es wäre, als
habe ich eine Schuld gezahlt die sie schon gedrückt hat & als könnte ihr Geist mir sagen: „Gott sei Dank, daß Du sie
jetzt abgetragen hast.“) – Heute nun dachte ich im Freien über den Sinn der Lehre vom Erlösungstod nach & ich
dachte: Könnte die Er-
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25.3.
[225] lösung durch das Opfer, darin bestehen, daß er das getan hat, was wir Alle zwar wollen, aber nicht können.
Im Glauben aber identifiziert man sich mit ihm, d.h. man entrichtet die Schuld nun in der Form von demütiger
Anerkennung; man soll also ganz niedrig werden, weil man nicht gut werden kann.
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Mir kam der Gedanke, ich solle morgen (am Charfreitag) fasten & ich dachte: das will ich tun. Aber gleich
drauf schien es mir wie ein Gebot, ich habe es zu tun & dagegen sträubte ich mich. Ich sagte: „Ich will es tun, wenn
es mir von Herzen kommt & nicht weil es mir befohlen wird.“ Aber dies ist doch kein Gehorsam! Es ist doch nicht
Ertötung zu tun, was einem vom Herzen kommt (auch wenn es freundlich oder in gewissem Sinne fromm ist).
Dabei[226] stirbst Du doch nicht. Dagegen stirbst Du gerade beim Gehorsam gegen einen Befehl, aus bloßem
Gehorsam. Das ist eine Agonie, kann, soll, aber eine fromme Agonie sein. Wenigstens, so versteh’ ich’s. Aber ich
selbst! – Ich gestehe, daß ich nicht absterben will, obwohl ich verstehe, daß es das Höhere ist. Das ist furchtbar; &
möge diese Furchtbarkeit durch einen Lichtschein erleuchtet werden!
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Habe ein paar Nächte ziemlich schlecht geschlafen & fühle mich wie tot, kann nicht arbeiten; meine
Gedanken sind trübe & ich bin deprimiert aber in einer finstern weise. (D.h., ich fürchte mich vor gewissen
religiösen Gedanken.)
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26.3.
Kritisiere nicht, was Ernste Ernstes geschrieben haben, denn Du weißt nicht, was Du kritisierst. Warum sollst
Du über Alles [227] Dir eine Meinung bilden. Aber das heißt nicht: stimme mit allem diesem überein.
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Ich bin so erleuchtet als ich bin; ich meine: meine Religion ist so erleuchtet, als sie ist. Ich habe mich gestern
nicht weniger erleuchtet & heute
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nicht mehr. Denn, hätte ich’s gestern so ansehen können, so hätte ich’s bestimmt so angesehen.
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Man verwundert sich darüber, daß eine Zeit nicht an Hexen glaubte & eine spätere an Hexen glaubt & daß
dies & Ähnliches geht & wiederkehrt, etc.; aber Du brauchst nur anzusehen, was Dir selbst geschieht um Dich nicht
mehr zu verwundern. – An einem Tag kannst Du beten aber an einem andern vielleicht nicht, & an einem mußt Du
beten, & an einem andern nicht.
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Es geht mir aus Gnade heute viel besser als gestern.
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27.3.
[228] Nun kommt die Sonne kurz nach 11h herauf & heute ist sie strahlend. Es fällt mir schwer nicht immer wieder
in sie hinein zu sehen, d.h., ich möchte immer wieder in sie schauen obwohl ich weiß daß es für die Augen schlecht
ist.
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30.3.
Hüte Dich vor einem billigen Pathos wenn Du über Philosophie schreibst! Das ist immer meine Gefahr,
wenn mir wenig einfällt. Und so ist es jetzt. Ich bin zu einem seltsamen Stillstand gekommen & weiß nicht recht,
was ich machen soll.
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Die Sonne scheint nun von heute an von 1¼2 11 bis 1¼2 6 ununterbrochen zu mir herein, & es ist herrliches
Wetter.
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Ich hatte gehofft meine Arbeitskraft werde sich erholen, wenn ich mehr von der Sonne sehen würde, aber es
ist nicht so gekommen.
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2.4.
Mein Gehirn macht[229] nur recht träge Bewegungen. Leider.
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4.4.
Ich bin jetzt leicht durch meine Arbeit ermüdbar; oder bin ich träge? – Manchmal denke ich daran ob ich von
hier jetzt schon abreisen sollte. Etwa: zuerst nach Wien für einen Monat, dann nach England für einen Monat – oder
länger – dann nach Russland. Und dann wieder hierher zurück? – Oder nach Irland? Das Klügste scheint mir jetzt
daß ich in etwa 3 Wochen hier abreise. –
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5.4.
Möge ich doch das Leben sehen, wie es ist. D.h. es mehr als Ganzes sehen, & nicht bloß einen kleinen,
winzigen, Ausschnitt, ich meine z.B.:
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meine Arbeit. Es ist dann als ob alles andere durch eine dunkle Blende abgeblendet wäre & nur dieses Stück
sichtbar. Dadurch erscheint alles falsch. Ich[230] sehe, fühle den Wert der Dinge falsch.
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Ich weiß gar nicht, was ich in Zukunft tun soll. Soll ich hierher, nach Skjolden, zurückkehren? Und was hier,
wenn ich hier nicht werde arbeiten können? Soll ich hier auch ohne die Arbeit leben? Und ohne eine geregelte
Arbeit, – das kann ich nicht. Oder soll ich unbedingt zu arbeiten versuchen? Wenn das, so muß ich es auch jetzt tun!
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Ich bin überzeugt, ich sehe alles falsch an, wenn ich so spekuliere.
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Hat mein norwegischer Aufenthalt seine Schuldigkeit getan? Denn, daß er in eine Art halb gemütlich, halb
ungemütliches Einsiedlerleben ausartet, das kann nicht recht sein. Er muß Frucht bringen! – Es gäbe ja nun die
Möglichkeit hier jetzt viel länger zu bleiben, mein Kommen nach[231] Wien & England zu verschieben. Und die
Frage ist: Könnte ich mich dazu entschließen, etwa noch zwei Monate hier zu bleiben? Gott, ich glaube ja! Nur sorge
ich mich um meinen Freund & ich will nicht meine Leute in Wien enttäuschen. Ich glaube, ich kann es wohl auf
mich nehmen, hier zu bleiben, wenn ich mit ganzem Herzen hier sein kann; wenn es einfach meine Aufgabe ist, hier
zu bleiben; & zu warten, ob ich werde gut arbeiten können.
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Anderseits ist wahr, daß mich jetzt etwas von hier wegtreibt. Ich fühle mich stumpf, möchte weg & nach
einiger Zeit frisch zurückkommen. – Eines ist sicher ich ermüde jetzt sehr rasch durch meine Arbeit, & dies ist nicht
meine Schuld. Nach wenigen Stunden nicht sehr intensiver Arbeit kann ich nicht mehr denken. Es ist so, als wäre ich
jetzt müde. Fehlt[232] die richtige Nahrung? Es wäre möglich.
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6.4.
Eine Auslegung der Christlichen Lehre: Wach vollkommen auf! Wenn Du das tust, erkennst Du, daß Du
nicht taugst; & damit hört die Freude an dieser Welt für Dich auf. Und sie kann auch nicht wiederkommen, wenn Du
wach bleibst. Du brauchst aber nun Erlösung, – sonst bist Du verloren. Du mußt aber am Leben bleiben (und diese
Welt ist für Dich tot) so brauchst Du ein neues Licht anderswoher. In diesem Licht kann keine Klugheit, oder
Weisheit, sein; denn für diese Welt bist Du tot. (Denn sie ist das Paradies, in dem Du aber Deiner Sündigkeit wegen
nichts anfangen kannst.) Du mußt[233] Dich also als tot anerkennen, & ein anderes Leben
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in Empfang nehmen (denn ohne das ist es unmöglich, Dich, ohne Verzweiflung, als tot anzuerkennen). Dieses
Leben muß Dich, gleichsam, schwebend über dieser Erde erhalten; d.h, wenn Du auf der Erde gehst, so ruhst Du
doch nicht mehr auf der Erde, sondern hängst im Himmel; Du wirst von oben gehalten, nicht von unten gestützt. –
Dieses Leben aber ist die Liebe, die menschliche Liebe, zum Vollkommenen. Und diese ist der Glaube.
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‘Alles andere findet sich.’
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Gott sei gelobt dass ich heute klarer bin & mir besser ist.
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Habe heute wieder gemerkt, wie ich gleich deprimiert werde, wenn Leute, aus irgend einem Grund, nicht
sehr, nicht besonders freundlich zu mir sind. Ich fragte mich: warum bin ich so mißmutig darüber?[234] &
antwortete mir: „Weil ich ganz ungefestigt bin“. Dann fiel mir der Vergleich ein, daß ich mich ganz so fühle, wie ein
schlechter Reiter auf dem Pferd: ist das Pferd gut aufgelegt, so geht es gut, kaum aber wird das Pferd unruhig, so
wird er unsicher, so merkt er seine Unsicherheit & daß er ganz vom Pferd abhängig ist. So geht es, glaube ich, auch
meiner Schwester Helene mit den Leuten. So Einer ist geneigt, einmal gut, einmal schlecht von den Leuten zu
denken, jenachdem sie gerade mehr oder weniger freundlich mit ihm sind.
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9.4.
„Du mußt den Vollkommenen lieben über alles, so bist Du selig.“ Das scheint mir die Summe der
christlichen Lehre zu sein.
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11.4
[235] Das Eis ist nun schon schlecht & ich muß mit dem Boot über den Fluß fahren. Das bringt
Unbequemlichkeiten & (geringe) Gefahren mit sich. Ich bin leicht verzagt & geängstet.
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Ich habe jetzt vor in den ersten Tagen des Mai nach Wien zu reisen. Ende Mai nach England.
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Heute gegen Morgen träumte mir, ich hätte eine lange philosophische Diskussion mit mehreren Andern.
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Ich kam dabei zu dem Satz, den ich beim Aufwachen noch ungefähr wußte:
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„Laß uns doch unsre Muttersprache reden, & nicht glauben wir müßten uns an unserm eigenen Schopf aus
dem Sumpf ziehen; das war ja – Gott sei Dank – nur ein Traum. Wir sollen ja nur Mißverständnisse beseitigen.“ Ich
glaube, das ist ein guter Satz.
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Gott allein sei Lob!
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Die Kürze des Ausdrucks: die Kürze des Ausdrucks ist nicht mit der Elle zu messen. Mancher Ausdruck ist
kürzer, der auf dem Papier länger ist. Wie es leichter ist, ein ‘f’ so zu schreiben: , als so: . Man fühlt oft, ein Satz
sei zu lang & dann will man ihn kürzen, indem man Wörter abstreicht; dadurch kriegt er eine gezwungene &
unbefriedigende Kürze. Vielleicht aber fehlen ihm Worte zur richtigen Kürze.
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16.4.
Seit gestern haben die Birken kleine grüne Spitzen. – Ich fühle mich schon einige Tage etwas unwohl, auch
sehr matt. Ich arbeite schlecht, obwohl ich mir Mühe gebe. Bin nicht klar, wie viel Sinn [237] es hat, noch 14 Tage
hier zu bleiben. Eine Stimme sagt mir: ‘reise doch früher!’ & eine sagt: wart & bleib da! – Wenn ich doch wüßte was
richtig ist!
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In den letzten Tagen oft in „Keiser & Galiläer“ gelesen, & mit großem Eindruck. –
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Für das Fortreisen spricht manches; aber auch die Feigheit. Und für das Dableiben auch etwas – aber auch
Pedantrie, Furcht vor dem Urteil Andrer, & dergl.. – Es ist nicht recht davonzulaufen, der Ungeduld & Feigheit
nachzugeben, & anderseits erscheint es unvernünftig, & auch wieder feig, hier zu bleiben.
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Wenn ich hier bleibe, so fürchte ich krank zu werden & dann nicht nach Hause & nach England zu kommen:
als ob ich nicht auch[238] in Wien krank werden oder verunglücken könnte etc.!
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Schwerer ist es hier zu bleiben, als wegzufahren.
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17.4.
Ist das Alleinsein mit sich selbst – oder mit Gott, nicht wie das Alleinsein mit einem Raubtier? Es kann Dich
jeden Moment anfallen. – Aber ist es nicht eben darum, daß Du nicht fortlaufen sollst?! Ist dies nicht, sozusagen,
das herrliche?! Heißt es nicht: gewinne dieses Raubtier lieb! – Und doch muß man bitten: Führe uns nicht in
Versuchung!
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19.4
Ich glaube: es ist durch das Wort „glauben“ in der Religion furchtbar viel Unheil angerichtet worden. Alle die
verzwickten Gedanken über[239] das ‘Paradox’, die ewige Bedeutung einer historischen Tatsache u. dergl.
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Sagst Du aber statt „Glaube an Christus“: „Liebe zu Christus“, so verschwindet das Paradox, d.i., die Reizung des
Verstandes. Was hat die Religion mit so einem Kitzeln des Verstandes zu tun. (Auch das kann für den oder den zu
seiner Religion gehören)
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Nicht daß man nun sagen könnte: Ja jetzt ist alles einfach – oder verständlich. Es ist gar nichts verständlich,
es ist nur nicht unverständlich. –
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20.4.
Heute nacht & in der Früh wurde beinahe das ganze Eis am See gegen den Fluß hinunter getrieben, so daß
der See plötzlich beinahe ganz frei ist.
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Seit ein paar Monaten schon blute ich wieder beim Stuhlgang & habe auch etwas Schmerzen. – [240] Denke
oft daran, daß ich vielleicht an Mastdarmkrebs sterben werde. Wie auch immer – möge ich gut sterben!
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Fühle mich etwas krank & meine Gedanken kommen nicht in Schwung. Trotz Wärme & gutem Wetter.
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Ich tue heute etwas Falsches & Schlechtes: nämlich ich vegetiere. Ich kann, scheints, nichts rechtes tun & bin
dazu in einer Art dumpfen Angst. – Ich sollte vielleicht unter solchen Umständen fasten & beten; – aber ich bin
geneigt zu essen & esse – denn ich fürchte mich an so einem Tage auf mich zu schauen.
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Habe mich bestimmt am 1. Mai hier wegzureisen – so Gott will.
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23.4
Heute heult der [241] Wind ums Haus, was mir immer sehr arg ist. Es beängstigt & stört mich.
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Ich bemühe mich gegen meine traurigen & bösen Gefühle zu streiten; aber meine Kraft erlahmt so schnell.
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26.4
Herrliches Wetter. Die Birken schon belaubt. Gestern nacht sah ich das erste große Nordlicht. Ich habe es
ungefähr 3 Stunden lang angesehen; ein unbeschreibliches Schauspiel.
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Ich ertappe mich oft auf Schäbigkeit & Geiz!!
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27.4.
Die Wahrheit solltest du liebhaben: aber Du liebst immer andere Dinge & die Wahrheit nur nebenbei!
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29.4.
Page 104
Irgendwie gerinnen mir jetzt [242] meine Gedanken, wenn ich über Philosophie
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denken will. – Ob das das Ende meiner philosophischen Laufbahn ist?
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30.4.
Ich bin im höchsten Grade übelnehmerisch. Ein böses Zeichen.
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24.9.37
Juden! ihr habt der Welt schon lange nichts mehr gegeben, wofür sie Euch dankt. Und das nicht, weil sie
undankbar ist. Denn man fühlt nicht Dank für jede Gabe, bloß weil sie für uns nützlich ist.
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Drum gebt ihr wieder etwas, wofür Euch nicht kalte Anerkennung, sondern warmer Dank gebührt.
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Aber das Einzige, was sie von Euch braucht, ist Eure Unter[243]werfung unter das Schicksal.
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Ihr könnt ihr Rosen geben, die blühen werden, nie verwelken.
Page 105
Man hat Recht, sich vor den Geistern auch großer Männer zu fürchten. Und auch vor denen guter Menschen.
Denn was bei ihm Heil gewirkt hat, kann bei mir Unheil wirken. Denn der Geist ohne den Menschen ist nicht gut –†1
noch schlecht. In mir aber kann er ein übler Geist sein.
Page Break 106
Page Break 107

Anhang
Kommentar
Page 107
Der Kommentar enthält – soweit ermittelbar – alle Informationen biographischer, bibliographischer, zeit- und
kulturgeschichtlicher Art und soll als Hilfestellung für Textstellen dienen, die dem gehobenen Durchschnittsleser
unklar oder unverständlich sein könnten. Zum anderen enthält der Kommentar Hinweise auf weitere, ähnliche
Textstellen im Nachlaß Wittgensteins, zu denen ein gedanklicher Zusammenhang naheliegt.
Page 107
Weiters wird auf schwer leserliche oder vom Sinn her unklare Stellen im Original hingewiesen, ebenso wie
auf orthographische und grammatische Fehler, soweit sie nicht im Vorwort erklärt sind.
Page 107
Die Seitenzahlen der Erläuterungen beziehen sich auf die Paginierung des Originaltextes; diese ist bei der
normalisierten Fassung jeweils am äußeren Rand des Satzspiegels angegeben, bei der diplomatischen Fassung oben
links und rechts; wenn Wittgenstein selbst numerierte, zusätzlich in der Mitte oben.

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Page 108
[1] Ich glaube manchmal: Vermutlich hat Wittgenstein diesen unvollständigen Satz als Zusatz zum
nachfolgenden hinterher in die vorhin noch leerstehende Zeile eingefügt. Allerdings unterließ er es, das „Ich“ auf
„ich“ zu korrigieren und so ist es schwer, seine wirkliche Absicht nachzuvollziehen. Es wäre auch möglich, daß er
den zitierten Satz nicht zu Ende führte und einen neuen begann, ohne den vorigen durchzustreichen.
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Marguerite: Marguerite de Chambrier geb. Respinger: Geb. 18.4.1904, Bern. Tochter eines vermögenden
Schweizer Geschäftsmannes, die, als eine Bekannte von Thomas Stonborough, im Jahre 1926 von Margarete
Stonborough nach Gmunden und Wien eingeladen wurde. Bald nach ihrer Ankunft in Wien lernte Marguerite
Ludwig Wittgenstein kennen: dieser hatte sich den Fuß verstaucht und beanspruchte das Gästezimmer von
Marguerite, da er im Haus seiner Schwester verpflegt wurde. (Mitteilung von Marguerite de Chambrier in einem
Brief vom 14.VI.1996 an die Herausgeberin.) Marguerite besuchte in Wien eine Akademie für Frauen, die
Graphikerinnen ausbildete. Später besuchte sie für sechs Monate einen Kurs im Krankenhaus in Wien und
anschließend in Bern die Rotkreuz-Schule. 1933 heiratete Marguerite Talla Sjögren, mit dem sie später nach Chile
ging. Nach dessen Tod im Jahre 1945 heiratete Marguerite 1949 Benoît de Chambrier und lebte nach 1952 auf einem
Landsitz bei Neuchâtel. 1978 schrieb sie für ihre Familie und Freunde ihre Memoiren, „Granny et son temps“, im
Privatdruck erschienen. Seit 1982 lebt Frau de Chambrier in Genf.
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[2] in den ersten Tagen nach meiner Ankunft: Wittgenstein hatte die Osterferien in Wien verbracht und kehrte
am 25.4. wieder nach Cambridge zurück. Vgl. dazu eine Eintragung Wittgensteins vom 25.4.1930 im MS 108, S. 133,
Code: „Nach den Osterferien wieder in Cambridge angekommen. In Wien oft mit der Marguerite. Ostersonntag mit
ihr in Neuwaldegg. Wir haben uns viel geküsst drei Stunden lang und es war sehr schön.“
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[6] Ramsey: Frank Plumpton Ramsey: Geb. 22.2.1903, Cambridge; gest. 19.1.1930, Cambridge. Logiker und
Mathematiker, der im Anschluß an Russells und Whiteheads Principia mathematica, und beeinflußt von
Wittgensteins Analyse der Tautologien, eine Grundlegung der Mathematik auf der Basis der Logistik durchzuführen
versuchte, wobei er unter anderem zwischen syntaktischen und semantischen Antinomien unterschied. Ramsey
leistete einen wichtigen Beitrag zum logischen Entscheidungsproblem und beschäftigte sich auch mit Fragen der
Nationalökonomie. Er war an der englischen Übersetzung des Tractatus wesentlich beteiligt. Damals noch Student
im Trinity College, besuchte er im September 1923 Wittgenstein für ca. zwei Wochen in Puchberg. Er las mit ihm
täglich den Tractatus und Wittgenstein nahm im Laufe seiner Gespräche mit Ramsey Änderungen an der
englischen Übersetzung vor, die in der zweiten Auflage von 1933 berücksichtigt wurden. Im Oktober 1923 schrieb
Ramsey eine Rezension über den Tractatus in der philosophischen Zeitschrift Mind. Ramsey starb kurz vor seinem
27. Geburtstag an Gelbsucht.
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[7] Keynes: John Maynard Keynes: Geb. 5.6.1883, Cambridge; gest. 21.4.1946, Firle (Sussex). Brit.
Nationalökonom. Ab 1920 Professor in Cambridge. Neben seiner politischen Tätigkeit für die Liberale Partei, deren
Programm er stark beeinflußte, konzentrierte sich Keynes vor allem auf Fragen der Geldtheorie und das
zunehmende Problem der Arbeitslosigkeit. Werke: Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages (1919); Vom
Gelde (2Bde, 1930); Das Ende des Laissez-faire (1926); Allgem. Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des
Geldes (1936). Durch das letztgenannte Werk wurde Keynes zum Begründer einer eigenen Richtung der
Nationalökonomie – des „Keynesianismus“.
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Wittgenstein hatte Keynes im Jahre 1912 während seines Studien-Aufenthaltes bei Russell in England
kennengelernt. Beide waren Mitglieder der „Apostles“, zu denen auch Wittgenstein als Mitglied aufgenommen
wurde: allerdings fühlte er sich dabei nicht wohl und wollte bereits wenige Tage nach seiner Wahl seinen Rücktritt
einreichen.
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Obwohl zwischen Wittgenstein und Keynes keine enge Freundschaft bestand, konnte Wittgenstein stets auf
dessen Hilfe rechnen: Keynes war ihm z. B. bei seinen Plänen behilflich, im Jahre 1935 in Rußland eine Stelle zu
finden, d.h. er wandte sich direkt an Ivan Maisky, den russischen Botschafter in London. Als Wittgenstein 1938 die
britische Staatsbürgerschaft wie auch die Stelle des Lehrstuhls für Philosophie anstrebte, wandte er sich wieder an
Keynes.
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widerte: „te“ am Rand der Seite nicht klar leserlich.
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Der kurze Zeitraum: In der Vorrede zur ersten Auflage seines Werkes Die Welt als Wille und Vorstellung
schreibt Schopenhauer, er sei „gelassen darin ergeben“, daß auch seinem Buch „das Schicksal werde, welches in
jeder Erkenntniß, also um so mehr in der wichtigsten, allezeit der Wahrheit zu Theil ward, der nur ein kurzes
Siegesfest beschieden ist, zwischen den beiden langen Zeiträumen, wo sie als paradox verdammt und als trivial
geringgeschätzt wird.“ (Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. In: Arthur Schopenhauers Werke
in fünf Bänden. Nach den Ausgaben letzter Hand herausgegeben von Ludger Lütkehaus. Zürich: Haffmanns Verlag
1938, Band 1, S. 13.
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[8] eines der letzten Beethovenschen Quartette: Die letzten Quartette Beethovens sind: Streichquartett Nr. 12 in
Es-dur, op. 127, entstanden 1824. Streichquartett Nr. 13 in B-dur, op. 130, entstanden 1826. Streichquartett Nr. 14 in
cis-moll, op. 131, (1826). Streichquartett Nr. 15 in a-moll, op. 132, (1825). Streichquartett Nr. 16 in F-dur, op. 135
(1825/28). Große Fuge in B-dur, op. 133, (ursprünglich als letzter Satz zu op. 130 komponiert), (1824).
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[9] Freud: Sigmund Freud (1856-1939): Wie Rush Rhees schreibt, war Wittgensteins Einstellung gegenüber
Freud sehr kritisch, doch er stellte auch heraus, daß vieles von dem, was Freud gesagt hat, beachtenswert wäre, wie
zum Beispiel seine Bemerkung über den Begriff des Traumsymbolismus oder sein Hinweis darauf, daß man im
Traum – in gewissem Sinne – etwas sage. Wittgenstein hatte zur Zeit
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seines Aufenthalts in Cambridge vor 1914 die Psychologie für Zeitverschwendung gehalten, doch einige Jahre später
etwas über Freud gelesen, das ihn beeindruckte. Zum Zeitpunkt seiner Diskussionen mit Rush Rhees über Freud
(zwischen 1942 und 1946) sprach er von sich als einem Schüler und Anhänger Freuds. Freud war für ihn einer der
wenigen Autoren, die er für lesenswert hielt. Er bewunderte Freud wegen der Beobachtungen und Anregungen in
seinen Schriften; auf der anderen Seite hielt er den enormen Einfluß der Psychoanalyse in Europa und Amerika für
schädlich: „Die Analyse richtet wahrscheinlich Schaden an. Denn obwohl man in ihrem Verlauf einige Dinge über
sich selbst entdeckt, muß man einen sehr starken, scharfen und beharrlichen, kritischen Verstand haben, um die
Mythologie, die angeboten und aufgezwungen wird, zu erkennen und zu durchschauen. Man ist verleitet zu sagen
‘Ja, natürlich, so muß es sein. Eine mächtige Mythologie.’“ (Vgl. Wittgensteins „Gespräche über Freud“ in Ludwig
Wittgenstein, Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychoanalyse und religiösen Glauben. Zus. gestellt und
hrsg. aus Notizen von Yorick Smythies, Rush Rhees und James Taylor von Cyril Barrett. Deutsche Übersetzung von
Ralf Funke. Düsseldorf und Bonn: Parerga 1994, S. 63-76).
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Wittgenstein kritisierte Freud auch, daß dieser fortwährend behauptete, wissenschaftlich zu sein, obwohl er
nur Spekulationen lieferte. (Vorlesungen und Gespräche, S. 67).
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wol: richtig: wohl
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[10] Mrs. Moore: Dorothy Mildred Moore geb. Ely: Geb. 31.8.1892, Helensburgh, Scotland; gest. 11.11.1977,
(wahrscheinlich) Cambridge. Von 1912 bis 1915 besuchte Dorothy das Newnham College, 1915 die Vorlesungen
von George Edward Moore, mit dem sie sich am 27.11. desselben Jahres verehelichte. 1931 erhielt sie ihr MA.
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der 4ten Symphonie von Bruckner: Symphonie in Es-dur, die „Romantische“(1874).
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Bruckner: Anton Bruckner (1824-1896).
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Vgl. Wittgensteins Bemerkungen über Bruckner vom 19.2.1938 im MS 120, S. 142, zit. nach Vermischte
Bemerkungen2, S. 75: „Von einer Brucknerschen Symphonie kann man sagen, sie habe zwei Anfänge: den Anfang
des ersten & den Anfang des zweiten Gedankens. Diese beiden Gedanken verhalten sich nicht wie Blutsverwandte
zu einander sondern [sind miteinander nicht blutsverwandt sondern verhalten sich zu einander] wie Mann & Weib.
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Die Brucknersche Neunte ist gleichsam ein Protest gegen die Beethovensche, & dadurch [gegen die
Beethovensche geschrieben & dadurch] wird sie erträglich, was sie, als eine Art Nachahmung nicht wäre. Sie verhält
sich zur Beethovenschen sehr ähnlich wie der Lenausche Faust zum Goetheschen, nämlich der Katholische Faust
zum aufgeklärten. etc. etc.“
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Vgl. auch Wittgensteins Ausführungen über Brahms in Zusammenhang mit Bruckner: „In den Zeiten der
stummen Filme hat man alle Klassiker zu den Filmen gespielt aber nicht Brahms & Wagner.
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Brahms nicht weil er zu abstrakt ist. Ich kann mir eine aufregende Stelle in einem Film mit Beethovenscher
oder Schubertscher Musik begleitet denken & könnte eine Art Verständnis für die Musik durch den Film
bekommen. Aber nicht ein Verständnis Brahmsscher Musik. Dagegen geht Bruckner zu einem Film.“
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(MS 157a 44v: 1934 oder 1937, zit. nach VB, S. 60).
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Brahms: Johannes Brahms (1833-1897) lebte nach 1875 als freischaffender Künstler in Wien und Umgebung.
Er war mit dem Geiger Joseph Joachim (einem Schüler Mendelssohns und Vetter von Wittgensteins Großmutter
Fanny geb. Figdor) und mit Robert und Clara Schumann befreundet.
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Brahms war ein guter Bekannter der Familie Wittgenstein, die die Musik über alles schätzte. Er war häufig zu
Besuch im Hause Wittgenstein in der Alleegasse. Bei den musikalischen Aufführungen spielten der junge Casals,
das Rosé-Quartett oder Josef Labor. Brahms’ Lieblingsgeigerin, Marie Soldat-Röger und die Pianistin Marie
Baumayer hatten eine Vorzugsstellung bei den Wittgensteins und waren mit Clara Wittgenstein befreundet.
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Wittgenstein äußerte sich in seinen Schriften mehrmals über Brahms, so schrieb er: „Die musikalische
Gedankenstärke bei Brahms“ (MS 156b 14v: ca. 1932-1934, zit. nach Vermischte Bemerkungen, S. 56). Vgl. weiters:
„Das überwältigende Können bei Brahms“ (MS 147 22r 1934, zit. nach VB, S. 59).
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Wagner: Richard Wagner (1813-1883).
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Drury gegenüber bemerkte Wittgenstein einmal, daß Wagner der erste der großen Komponisten war, die
einen unangenehmen Charakter hatten. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 160).
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[11] zu dem Gestrigen: nicht klar leserlich; könnte auch „zu dem Geistigen“ heißen.
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Trinity: Am 19. Juni 1929 hatte Wittgenstein durch Vermittlung von Moore, Russell und Ramsey ein
Stipendium des Trinity College zur Fortsetzung seiner Forschungsarbeiten erhalten. Am 5.12.1930 wurde er vom
Council des Trinity College für fünf Jahre zum Research Fellow gewählt. Er bezog die selben Räume im Whewell’s
Court im Trinity College, die er schon vor dem Krieg als Student bewohnt hatte. (Vgl. Nedo, S. 356). Als er im Jahre
1939 zum Professor für Philosophie ernannt wurde und den Lehrstuhl in Cambridge erhielt, bezog er wieder die
alten Räume im Whewell’s Court, Trinity College. (Vgl. Nedo, S. 359).
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völliger: im Original: völlliger, da Wittgenstein das Wort nach „völl-“ trennte, in der nächsten Zeile aber noch
ein „l“ schrieb.
Page 111
[14] ungemein abhängig von der Meinung Anderer: Vgl. dazu
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eine Tagebucheintragung Wittgensteins im MS 107, S.76, Code : „Was die anderen von mir halten beschäftigt mich
immer ausserordentlich viel. Es ist mir sehr oft darum zu tun einen guten Eindruck zu machen. D. h. ich denke sehr
häu(f)ig über den Eindruck den ich auf andere mache und es ist mir angenehm wenn ich denke dass er gut ist und
unangenehm im anderen Fall.“
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terfangen: richtig: derfangen: Österr. Dialekt. Im Wiener Dialekt gibt es das Wort „derfanga“, das „sich
fangen“, „sich erholen“ bedeutet. (auch: sich im Sturze festhalten). (Vgl. Wörterbuch des Wiener Dialektes mit einer
kurzgefaßten Grammatik von Julius Jakob. Wien und Leipzig: Gerlach & Wiedling 1929).
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[15] das Richtige: im Original: daß Richtige.
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[16] Spengler: Oswald Spengler (1880-1936).
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Im MS 154 nennt Wittgenstein Spengler neben Boltzmann, Hertz, Schopenhauer, Frege, Russell, Kraus,
Loos, Weininger und Sraffa als einen von denen, die ihn beeinflußt hätten. (MS 154 15v: 1931, zit. nach VB, S. 41).
Page 112
In „Wittgenstein und seine Zeit“ befaßte sich Georg Henrik von Wright mit den Parallelen zwischen
Wittgenstein und Spengler bzw. dem, was man an Wittgensteins Einstellung zu seiner Zeit als typisch Spenglerisch
bezeichnen könnte. Laut von Wright habe Wittgenstein den „Untergang des Abendlandes“ gelebt – „nicht nur mit
seiner Verachtung der abendländischen Zivilisation seiner Zeit, sondern auch in seiner tiefen, verständnisvollen
Ehrfurcht vor der großen Vergangenheit der Zivilisation“. Spengler habe zwar nicht Wittgensteins Lebensauffassung
beeinflußt, doch wohl den Gedanken der „Familienähnlichkeiten“ in seiner Spätphilosophie. (Vgl. G. H. von Wright:
„Wittgenstein und seine Zeit“. In Wittgenstein. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986,
S. 214-219).
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Vgl. auch Rudolf Haller: „War Wittgenstein von Spengler beeinflußt?“ In: Fragen zu Wittgenstein und
Aufsätze zur österreichischen Philosophie. = Band 10 der Studien zur österreichischen Philosophie. Hrsg. von
Rudolf Haller. Amsterdam: Rodopi 1986. Vgl. auch Monk über die Parallelen zwischen Wittgenstein und Spengler
(S. 302f.).
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Untergang: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte.
Kulturphilosophisches Werk von Oswald Spengler, erschienen 1918-1922. Zwei Bände.
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Im MS 111 schreibt Wittgenstein: „So könnte Spengler besser verstanden werden wenn er sagte: ich
vergleiche verschiedene Kulturperioden dem Leben von Familien; innerhalb der Familie gibt es eine
Familienähnlichkeit, während es auch zwischen Mitgliedern verschiedener Familien eine Ähnlichkeit gibt; die
Familienähnlichkeit unterscheidet sich von der andern Ähnlichkeit so & so etc.. Ich meine: Das Vergleichsobject, der
Gegenstand von welchem diese Betrachtungsweise abgezogen ist, muß uns angegeben werden, damit nicht in die
Discussion immer Ungerechtigkeiten einfließen. Denn da wird dann alles, was für das Urbild
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der Betrachtung [des Vergleichs] wahr ist [stimmt]nolens volens auch von dem Object worauf wir die Betrachtung
anwenden behauptet; & behauptet ‘es müsse immer....’.[...]“
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(MS 111 119: 19.8.1931, zit. nach VB, S. 48).
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[17] Budenbrooks: richtig: Buddenbrooks. Verfall einer Familie: Roman von Thomas Mann (1875-1955),
entstanden 1897-1900, erschienen 1901. 1929 erhielt Thomas Mann für sein Werk den Nobelpreis.
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Typhus: In die Erzählung von Thomas Manns Roman eingefügt sind fast essayistische Stücke,
„Gedankenprotokolle“ und wissenschaftliche Abschnitte wie die medizinische Darstellung des Typhus, aus der der
Tod Hannos nur mittelbar zu entnehmen ist.
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Hanno B.: Hanno Buddenbrook, der der dritten Generation der Lübecker Kaufmannsdynastie angehört,
repräsentiert das letzte Stadium eines Prozesses, in dessen Verlauf die Buddenbrooks den Gewinn an Sensibilität
und Bewußtsein mit dem Verlust ihrer Vitalität und zuletzt auch ihrer gesellschaftlichen Stellung bezahlen. Hanno ist
der Inbegriff lebensfremder Zartheit und sensiblen Künstlertums, in dessen musikalischen Neigungen der Prozeß der
Entbürgerlichung sich vollendet.
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[19] verwant: richtig: verwandt.
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complett: im Original: compett. Richtig: komplett.
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schwerer : im Original: schwerere.
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[21] vor 16 Jahren/das Gesetz der Kausalität: Vgl. Tagebücher, 29.3.15: „Das Kausalitätsgesetz ist kein Gesetz,
sondern die Form eines Gesetzes.
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‘Kausalitätsgesetz’, das ist ein Gattungsname. Und wie es in der Mechanik – sagen wir – Minimumgesetze
gibt – etwa der kleinsten Wirkung – so gibt es in der Physik EIN Kausalitätsgesetz, ein Gesetz von der
Kausalitätsform.“
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Vgl. auch Tractatus, 6.32: „Das Kausalitätsgesetz ist kein Gesetz, sondern die Form eines Gesetzes.“
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Vgl. Tractatus, 6.321: „ ‘Kausalitätsgesetz’, das ist ein Gattungsname. Und wie es in der Mechanik, sagen
wir, Minimum-Gesetze gibt – etwa der kleinsten Wirkung – , so gibt es in der Physik Kausalitätsgesetze, Gesetze von
der Kausalitätsform.“
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Vgl. weiters Tractatus, 6.36: „Wenn es ein Kausalitätsgesetz gäbe, so könnte es lauten: ‘Es gibt
Naturgesetze’. Aber freilich kann man das nicht sagen: es zeigt sich.“
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Vgl. 6.362: „Was sich beschreiben läßt, das kann auch geschehen, und was das Kausalitätsgesetz
ausschließen soll, das läßt sich auch nicht beschreiben.“
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[22] Kopernicanischen Entdeckung: richtig: kopernikanische Entdeckung.
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Vgl. dazu: „Das eigentliche Verdienst eines Copernicus oder Darwin war nicht die Entdeckung einer wahren
Theorie, sondern eines fruchtbaren neuen Aspekts.“ (MS 112 233: 22.11.1931, zit. nach VB, S. 55).
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Entdeckungen: Wittgenstein nahm hier eine Trennung vor, im normalisierten Text daher mit
„Entdeckungen“ korrigiert.
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Einstein: Albert Einstein: 1879-1955
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von praktischem Wert: im Original: von praktischer Wert: offensichtlich hat hier Wittgenstein sich auf eine
frühere Korrektur bezogen, d.h. er wollte zuerst „von praktischer Wichtigkeit“ schreiben, strich dann aber
„Wichtigkeit“ durch und ließ nur „Interesse, Wert“ stehen; die Endung „-er“ vergaß er jedoch zu korrigieren.
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[23] Patos: richtig: Pathos.
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[24] das Große & Bedeutende: „Große“ nicht klar leserlich.
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[26] das heißt: im Original: daß heißt.
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[27] Vischer: Wahrscheinlich spielte Wittgenstein auf Friedrich Theodor Vischer an, doch es ist nicht
auszuschließen, daß es sich auch um dessen Sohn Robert Vischer handeln könnte.
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Vischer, Friedrich Theodor von (seit 1870): 1807-1887. Deutscher Schriftsteller und Philosoph. Mit Eduard
Mörike und D.F. Strauß befreundet. 1837 Professor für Ästhetik und Literatur in Tübingen, 1855 Prof. am Zürcher,
1866-77 am Stuttgarter Polytechnikum. Werke u.a: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen, Auch Einer (grotesker
Roman), „Lyrische Gänge“(Gedichte), Über das Erhabene und Komische, ein Beitrag zur Philosophie des
Schönen, Über das Verhältnis von Inhalt und Form in der Kunst. Die Parodie „Faust. Der Tragödie 3. Theil“.
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Vischer, Robert: 1847-1933: Sohn F. Th. Vischers. Kunsthistoriker. 1882 a.o. Prof. an der Kunstgeschichte
Breslau, 1885 ord. Prof. in Aachen, 1893-1911 in Göttingen. Über das optische Formgefühl, Lpz. 1872; Drei
Schriften zum ästhet. Formproblem, Halle 1927.
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„eine Rede ist keine Schreibe“: nicht ermittelt.
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[28] Stil ist der Ausdruck [...]: Vgl. dazu eine Bemerkung Wittgensteins vom 10.4.1947 im MS 134, S. 133, zit.
nach VB, S. 118f.: „Man kann einen alten Stil gleichsam in einer neuen [neueren] Sprache wiedergeben; ihn
sozusagen neuaufführen in einer Weise [Auffassung], die [in einem Tempo, das] unsrer Zeit gemäß ist. Man ist dann
eigentlich nur [in Wirklichkeit nur] reproduktiv. Das habe ich beim Bauen getan.
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Was ich meine, ist aber nicht ein neues Zurechtstutzen eines alten Stils. Man
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nimmt nicht die alten Formen & richtet sie dem neuen Geschmack entsprechend her. Sondern man spricht, vielleicht
unbewußt, wirklich [in Wirklichkeit] die alte Sprache, spricht sie aber in einer Art & Weise, die der neuern Welt,
darum aber nicht notwendigerweise ihrem Geschmacke, angehört.“
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sub specie eterni: richtig: „sub specie aeterni“ oder „sub specie aeternitatis“ (gesehen unter dem
Gesichtspunkt des Ewigen, Unendlichen): Im zweiten Buch der Ethica schreibt Baruch de Spinoza über die zweite
Erkenntnisstufe (der „ratio“), die die Erkenntnis in die Beziehung zu Gott stellt und daher die Dinge adäquat erkennt:
d.h. die Dinge werden „sub quadam specie aeternitatis“ („in einer gewissen Art von Ewigkeit“) betrachtet und so in
eine ewige Ordnung gestellt. Diese Erkenntnis unterscheidet sich von der inadäquaten, verworrenen, falschen
Erkenntnis, in die der Mensch gefangen ist, solange er im Bereich der bloßen Vorstellung („imaginatio“) zu
erkennen glaubt, die auf Erfahrung, Erinnerung oder Meinung beruht. Diese Erkenntnis bleibt im Zeitlichen
verhaftet, die vorgeblich erkannte Ordnung der Dinge ist eine zufällige.
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Wittgenstein nahm den von Spinoza geprägten Begriff bereits in den Tagebüchern auf – in Zusammenhang
mit seinen Äußerungen über Ethik und über die Kunst: vgl. seine Eintragung vom 7.10.16. (Tagebücher 1914-1916):
„Das Kunstwerk ist der Gegenstand sub specie aeternitatis gesehen; und das gute Leben ist die Welt sub specie
aeternitatis gesehen. Dies ist der Zusammenhang zwischen Kunst und Ethik.
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Die gewöhnliche Betrachtungsweise sieht die Gegenstände gleichsam aus ihrer Mitte, die Betrachtung sub
specie aeternitatis von außerhalb.[...]“
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Vgl. auch Tractatus, 6.45: „Die Anschauung der Welt sub specie aeterni ist ihre Anschauung als – begrenztes
– Ganzes.
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Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische.“
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Viele Jahre später heißt es: „Nun scheint mir aber, gibt es außer der Arbeit ­[Tätigkeit | Funktion] des
Künstlers noch eine andere, die Welt sub specie äterni einzufangen. Es ist – glaube ich – der Weg des Gedankens
der gleichsam über die Welt hinfliegt & sie so läßt wie sie ist, – sie von oben im [vom] Fluge betrachtend [sie vom
Fluge betrachtend. | sie von oben vom Fluge betrachtend].“
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(MS 109 28: 22.8.1930, zit. nach VB, S. 27).
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Gretl: Margarete Stonborough geb. Wittgenstein: Geb. 19.9.1882, Wien; gest. 27.9.1958, Wien. Drittälteste
Schwester von Ludwig Wittgenstein. Margarete heiratete 1905 den Amerikaner Jerome Stonborough und hatte mit
ihm zwei Söhne, Thomas und John.
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Klara Schumann: richtig: Clara Schumann geb. Wieck: Geb. 13.9.1819, Leipzig; gest. 20.5.1896, Frankfurt a.
Main. Deutsche Pianistin. Trat auch als Komponistin hervor. 1840 Heirat mit Robert Schumann. Hervorragende
Interpretin der Werke ihres Mannes, Beethovens, Chopins und Brahms’. Sie war mit Brahms befreundet und hatte
häufig Kontakt mit der Familie Wittgenstein.
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[29] Ebner-Eschenbach: Marie von Ebner-Eschenbach: Freifrau von, geb. Gräfin Dubsky. Geb. 13.9.1830, Schloß
Zdislavice bei Kromeríz in Mähren; gest. 12.3.1916, Wien. Österr. Erzählerin. Schrieb über die ständische
Gesellschaft ihrer Zeit Erzählwerke, die von menschlicher Anteilnahme und sozialem Engagement zeugen. Werke:
Bozena (1876), Dorf- und Schloßgeschichten (1883; darin „Krambambuli“), Neue Dorf- und Schloßgeschichten
(1886; darin: „Er läßt die Hand küssen“), Das Gemeindekind (E., 1887), Aus Spätherbsttagen, Meine Kinderjahre
(1906), Aphorismen.
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Vgl. auch S. 62, wo Wittgenstein fast dieselbe Bemerkung über Clara Schumann und M. von
Ebner-Eschenbach macht.
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Loos: Adolf Loos: Geb. 10.12.1870, Brünn; gest. 23.8.1933, Kalksburg bei Wien. Architekt. Die
Bekanntschaft mit Wittgenstein kam während Fickers Besuch bei Wittgenstein in Wien am 23. und 24. Juli 1914
zustande (vgl. Ludwig von Ficker: Briefwechsel 1909-1914. Salzburg, Otto Müller 1986, S. 375). „Wir trafen uns im
Café Imperial, wo es zwischen ihm und dem schwerhörigen Erbauer des damals noch heftig umstrittenen Hauses
am Michaelerplatz zu einer wohl etwas mühselig, doch sachlich ungemein anregend geführten Aussprache über
Fragen der modernen Baukunst kam, für die sich Wittgenstein zu interessieren schien.“(Ludwig Ficker: Rilke und
der unbekannte Freund. In: Der Brenner, 18. Folge, 1954, S. 237).
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Später hatte Wittgenstein von Loos einen unangenehmen Eindruck. So schrieb er am 2.9.1919 an den
ehemaligen Loos-Schüler Paul Engelmann: „Vor ein paar Tagen besuchte ich Loos. Ich war entsetzt und angeekelt.
Er ist bis zur Unmöglichkeit verschmockt! Er gab mir eine Broschüre über ein geplantes ‘Kunstamt’, wo er über die
Sünde wider den Heiligen Geist spricht. Da hört sich alles auf! Ich kam in sehr gedrückter Stimmung zu ihm und das
hatte mir gerade noch gefehlt.“ (Briefe, S. 92). Allerdings widmete Adolf Loos Wittgenstein noch im September
1924 sein Buch In’s Leere gesprochen mit folgenden Zeilen: „Für Ludwig Wittgenstein dankbar und
freundschaftlichst, dankbar für seine Anregungen, freundschaftlichst in der Hoffnung das er dieses Gefühl
erwiedert.“ (Faksimile in Nedo, S. 204).
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[30] Kraus: Karl Kraus: Geb. 28.4.1874, Jicin/Böhmen; gest. 12.6.1936, Wien. Schriftsteller, Herausgeber der
Fackel (1899-1936). Schon vor dem Ersten Weltkrieg war Wittgenstein ein Bewunderer von Karl Kraus, dessen
Schriften er sehr schätzte. Während seines ersten längeren Aufenthaltes in Norwegen von Oktober 1913 bis Juni
1914 ließ er sich Die Fackel nachschicken. (Vgl. Engelmann, S. 102). Durch Kraus’ Äußerung über den Brenner in
der Fackel, Nr. 368/369, 5.2.1913, S. 32 („Daß die einzige ehrliche Revue Österreichs in Innsbruck erscheint, sollte
man, wenn schon nicht in Österreich, so doch in Deutschland wissen, dessen einzige ehrliche Revue gleichfalls in
Innsbruck erscheint.“), kam es zu Wittgensteins Spende an den Herausgeber des Brenner, Ludwig von Ficker.
Später wurdeWittgensteins Haltung gegenüber Kraus zunehmend kritisch. In einem Brief an Ludwig Hänsel sprach
er von der Gefahr negativen Einflusses der aphoristischen Schreibweise und wie sehr er selbst davon beeinflußt
worden wäre. (Vgl. Hänsel, S. 143).
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Vgl. auch eine Bemerkung vom 11.1.1948, MS 136, S. 91b, zit. nach VB, S. 129:
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„Rosinen mögen das Beste an einem Kuchen sein; aber ein Sack Rosinen ist nicht besser als ein Kuchen; & wer im
Stande ist uns einen Sack voll Rosinen zu geben kann damit noch keinen Kuchen backen, geschweige daß er etwas
besseres kann.
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Ich denke an Kraus & seine Aphorismen, aber auch an mich selbst & meine philosophischen Bemerkungen.
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Ein Kuchen das ist nicht gleichsam: verdünnte Rosinen.“
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[31] Tante Clara: Clara Wittgenstein: Geb. 9.4.1850, Leipzig; gest. 29.5.1935, Laxenburg. Eine der Schwestern
von Karl Wittgenstein. Sie blieb unverheiratet und lebte den Großteil des Jahres auf Schloß Laxenburg bei Wien. Die
Kinder von Karl Wittgenstein verbrachten häufig die Ferientage bei ihr, wovon ihnen bleibende Erinnerungen an
eine schöne Zeit voller Fürsorge von seiten ihrer Tante blieben. (Vgl. Hermine Wittgenstein: Familienerinnerungen,
S. 219-230).
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Thumersbach: Ortsgemeinde in Salzburg, nahe Zell am See.

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Laxenburg: In Laxenburg südlich von Wien besaßen die Wittgensteins ein altes Kaunitzsches Schloß, das
vorwiegend von Karl Wittgensteins Geschwistern Paul und Clara bewohnt wurde. (Vgl. Familienerinnerungen, S.
227).
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Gottlieben: Gemeinde im Schweizerischen Kanton Thurgau, am Bodensee, nahe Konstanz.
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[32] Nachtmal: richtig: Nachtmahl.
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[35] Talla: Talla Sjögren: Geb. 22.7.1902, Donawitz (Böhmen); gest. 15.4.1945, Chile. Einer der drei Söhne von
Carl und Mima Sjögren und Bruder von Wittgensteins Freund Arvid. Lebte nach dem frühen Tod seines Vaters mit
seiner Mutter und seinen zwei Brüdern in Wien, wo er auch studierte. Talla Sjögren war diplomierter Forst- und
Zivilingeneur und spezialisierte sich in den USA auf Industrial Engineering. Er erwarb eine Farm in Chile und wurde
dort 1945 von einem Wilddieb erschossen.
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[37] Rhein: im Original: Rein.
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zu einer kleinen Insel: im Original: zu einer klein Insel.
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[38] Murakami: Schwer leserlich; könnte auch „Nurekami“, „Nurekamd“ oder „Unrekami“ heißen. Händler
japanischer Kunstgegenstände in London. (Vgl. einen Brief von Hermine Wittgenstein an Ludwig, vermutlich im
Oktober 1932 abgefaßt und in den Familienbriefen ediert.) Näheres nicht ermittelt.
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[39] Gilbert: Gilbert Pattisson: Geb. 22.8.1908, Kensington; gest. 22.10.1994, Tollesbury, Essex. Nach dem
Besuch der Schule in Kent und Rugby, bereiste Pattisson nach 1926 ein Jahr lang Europa, um dann in Versailles und
Bonn seine Französisch- und Deutsch-Kenntnisse zu verbessern. Im Sommer 1927 erkrankte er an Kinderlähmung,
die für den Rest seines Lebens schwere Spuren hinterließ. Im Herbst 1928 kam er ans Emmanuel College in
Cambridge, um einen Abschluß in modernen Sprachen zu erlangen. Pattisson und Wittgenstein lernten einander im
Zug von Wien kennen, als sie nach den Osterferien 1929 beide nach Cambridge reisten. Sie blieben enge Freunde
während der gemeinsamen Zeit in Cambridge. Pattisson graduierte 1931 und wurde Buchhalter bei Kemp Chatteris
(später Touche Ross) – bis zu seiner frühen Pensionierung im Jahre 1962, da er nun an den Rollstuhl gefesselt war.
Während der Dreißigerjahre blieben Wittgenstein und Pattisson Freunde, letzterer verbrachte häufig die
Wochenenden in Cambridge. Nach Pattissons Heirat im Jahre 1939 sahen sich die beiden wenig, da Wittgenstein für
das nun sehr „häuslich“ gewordene Leben seines Freundes wenig Sympathie zeigte.

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langen Brief an Gretl: nicht ermittelt.
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Lettice: Lettice Cautley Ramsey geb. Baker: geb. 2.8.1898, Gomshall, Surrey; gest. 12.7.1985,
(wahrscheinlich) Cambridge. Nach dem Besuch des Newnham Colleges in Cambridge von 1918-1921, erhielt sie
1925 ihr MA. 1925 Heirat mit Frank Plumpton Ramsey. Lettice war eine bekannte Photographin; 1932 wurde sie
Direktorin von Ramsey and Muspratt, den „Cambridge photographers“. Sie war eine der wenigen Frauen, in deren
Gesellschaft sich Wittgenstein wohl fühlte. Als er Anfang 1929 nach England zurückkehrte, wohnte er die ersten 14
Tage bei Lettice und F. P. Ramsey in der Mortimer Road in Cambridge. (Vgl. einen Brief von Keynes an seine Frau
vom 25.2.1929, in Nedo, S. 225).
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[40] wetterwendisch: launisch, wechselnden Gemütsstimmungen unterworfen. Nicht klar leserlich, ob klein- oder
großgeschrieben.
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d G.H.: nach Mutmaßung der Herausgeberin „durch Gottes Hilfe“.

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starker & fester Pflock: Kurz vor Weihnachten 1932 schrieb Marguerite an Margarete Stonborough einen
Brief, in dem sie ihre Absicht mitteilte, Talla Sjögren zu heiraten. Bereits zu Silvester fand die Hochzeit statt. In Talla
Sjögren fand Marguerite nach eigenen Aussagen den Partner, der ihrer „Lebensweise entsprach und Ruhe
bedeutete“. (Mitteilung von Marguerite
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de Chambrier in einem Brief vom 25.9.1995 an die Herausgeberin).
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Am Sonntagmorgen, eine Stunde vor der Hochzeit, suchte Wittgenstein Marguerite auf und beschwor sie:
„Du machst eine Schiffsreise, und das Meer wird rauh sein. Bleibe mir immer verbunden, so wirst Du nicht
untergehen.“ (Vgl. Monk, deutsche Ausgabe in der Übersetzung von H.G. Holl und E. Rathgeb, S. 362. Vgl. auch
den Zeitungsartikel von Alice Villon-Lechner über ein Interview mit Marguerite de Chambrier in Die Weltwoche Nr.
24, 15. Juni 1989). Die endgültige Lösung von Wittgenstein erfolgte laut Marguerite jedoch erst 1946, als sie einen
Brief von Wittgenstein erhielt, der sie nach eigenen Worten tief verletzte. In diesem Brief (mit dem 13.8.46. datiert)
äußerte Wittgenstein den Wunsch, Marguerite möge einmal eine Arbeit finden, die sie „mit Menschen in
menschlicher Weise“ zusammenbrächte und „nicht als Dame“. „Solltest Du einmal einen anständigen Beruf haben,
oder einen suchen, so würde ich Dich gerne wieder sehen! Nur nicht als durchreisende Dame. Wir würden einander
nur deprimieren.“ Nach diesem Brief gibt es allerdings noch einen Brief Wittgensteins an Marguerite vom 9.9.48, in
dem er sich für eine „liebe Sendung“ (laut Frau de Chambrier ging es wahrscheinlich um eine Sendung von
Schokolade) von ihr bedankt.
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[42] Moore: George Edward Moore: Geb. 4.11.1873, London; gest. 24.10.1958, Cambridge. 1925-1939 Professor
in Cambridge, 1940-1944 Gastprofessor in den USA. Herausgeber der philosophischen Zeitschrift Mind. Mit seiner
Abhandlung Refutation of Idealism (in Mind, 1903) gilt Moore als einer der Begründer des englischen
Neurealismus. Werke u.a.: Principia Ethica, 1903; Ethics, 1912; Commonplace Book of G.E.M., 1912-1953; Philos.
Studies, 1922; A Defence of Common Sense, 1924.
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Zu Wittgensteins Äußerungen über Moore vgl. Hänsel, S. 143f. Vgl. auch Norman Malcolm: Ludwig
Wittgenstein. A Memoir. With a Biographical Sketch by G.H. von Wright. Oxford, New York: Oxford University
Press 1984, S. 116.
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[43] Helene: Helene Salzer geb. Wittgenstein: Geb. 23.8.1879, Wien; gest. 1956, Wien. Von der Familie Lenka
genannt. Zweitälteste Schwester von Ludwig Wittgenstein, deren Humor und Musikalität er vor allem schätzte.
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[45] Peter Schlemihl: „Peter Schlemihl’s wundersame Geschichte“: Erzählung von Adelbert von Chamisso
(1781-1838), erschienen 1814. Märchen des Manns ohne Schatten, der mit dem Teufel zu tun hat. Eine Art „Faust“
des Biedermeier. Von Thomas Mann als „phantastische Novelle“ bezeichnet.
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Vgl. Wittgensteins Bemerkung über Peter Schlemihl im MS 111:
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„Die Geschichte des Peter Schlemihl sollte, wie mir scheint, so gehen [lauten]: Er verschreibt seine Seele um
Geld dem Teufel. Dann reut es ihn & und nun verlangt der Teufel den Schatten als Lösegeld. Peter Schlemihl aber
bleibt die Wahl seine Seele dem Teufel zu schenken, oder mit dem Schatten auf das Gemeinschaftsleben der
Menschen zu verzichten.“
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(MS 111 77: 11.8.1931, zit. nach VB, S. 48).
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in der neuen Wohnung: Die Frage, wo Wittgenstein zu dieser Zeit wohnte, ist schwer zu beantworten. 1930
veröffentlichte der Cambridge University Reporter dreimal im Jahr im Anhang eine Liste mit den Adressen der in
Cambridge wohnhaften Mitglieder der Universität. Im Oktober 1930 fehlt die Angabe einer Adresse Wittgensteins,
erst im Januar 1931 wird seine Adresse mit „6, Grantchester Road“ angegeben; im April 1931 wird sein Wohnsitz
mit „C1 Bishop’s Hostel,
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Trinity College“ angeführt. (Zu dieser Zeit wurde an ihn bereits das Forschungsstipendium des College vergeben).
Da manchmal die Informationen über Wohnungsaufenthalte erst mit Verspätung gedruckt wurden, ist es nicht
auszuschließen, daß Wittgenstein bereits im Oktober 1930 in der Grantchester Road wohnte. Die dortigen Besitzer
waren George und Alison Quiggin, die vermutlich ein oder zwei Zimmer an Wittgenstein vermieteten. (Auskunft von
Jonathan Smith, Trinity College Library, Cambridge CB 2 1 TQ, in einem Schreiben vom 27.10.1995 an die
Herausgeberin).
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[46] über der Asche der Kultur: Vgl. dazu Wittgensteins Eintragung im MS 107: „Ich habe einmal, & vielleicht
mit Recht, gesagt: Aus der früheren Kultur wird ein Trümmerhaufen & am Schluß ein Aschenhaufen werden; aber
es werden Geister über der Asche schweben.“ (MS 107 229: 10.-11.1.1930, zit. nach VB, S. 25).
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[47] in meiner ersten Vorlesung: Als Wittgenstein im Herbst 1930 nach Cambridge zurückkehrte, begann er seine
Vorlesungen im Michaelmas Term am 13. Oktober über die Rolle und die Schwierigkeiten der Philosophie mit
folgenden Worten: „The nimbus of philosophy has been lost. For we now have a method of doing philosophy, and
can speak of skilful philosophers. Compare the difference between alchemy and chemistry; chemistry has a method
and we can speak of skilful chemists. But once a method has been found the opportunities for the expression of
personality are correspondingly restricted. The tendency of our age is to restrict such opportunities; this is
characteristic of an age of declining culture or without culture. A great man need be no less great in such periods, but
philosophy is now being reduced to a matter of skill and the philosopher’s nimbus is disappearing.
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What is philosophy? An enquiry into the essence of the world? We want a final answer, or some description
of the world, whether verifiable or not. We certaninly can give a description of the world, including psychical states,
and discover laws governing it. But we would still have left out much; e.g. we would have left out mathematics.
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What we are in fact doing is to tidy up our notions, to make clear what can be said about the world. We are
in a muddle about what can be said, and are trying to clear up that muddle.
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This activity of clearing up is philosophy. We will therefore follow this instinct to clarify, and leave aside our
initial question, What is philosophy? [...]“
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Weitere Punkte von Wittgensteins erster Vorlesung im Michaelmas Term waren „What is a proposition?“,
„But what is it to have sense and meaning? And what is negation?“, „Take the colour-word green as an example“,
„It may be said, A proposition is an expression of thought“ und schließlich: „In science you can compare what you
are doing with, say, building a house. You must first lay a firm foundation; once it is laid it must not again be
touched or moved. In philosophy we are not laying foundations but tidying up a room, in the process of which we
have to touch everything a dozen times.
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The only way to do philosophy is to do everything twice.“
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(Vgl. Wittgenstein’s Lectures. Cambridge 1930-1932. From the Notes of John King and Desmond Lee.
Edited by Desmond Lee. Oxford: Basil Blackwell, 1980; Paperback edition 1982, S. 21-24).
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bei recht freundlichen Leuten: Vgl. den Kommentar zu „in der neuen Wohnung“, S. 45.
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[48] der englischen [...]: im Original nicht klar leserlich, ob „englichchen“ oder „englischchen“.
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[49] Freuds Definition des Schlafs: In seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse kommt Freud in
Zusammenhang mit seinen Untersuchungen über das „Wesentliche des Traumes“ auf den Schlaf zu sprechen und
beantwortet die Frage, was der Schlaf sei, folgendermaßen: „Das ist ein physiologisches oder biologisches Problem,
an dem noch vieles strittig ist. Wir können da nichts entscheiden, aber ich meine, wir dürfen eine psychologische
Charakteristik des Schlafes versuchen. Der Schlaf ist ein Zustand, in welchem ich nichts von der äußeren Welt
wissen will, mein Interesse von ihr abgezogen habe. Ich versetze mich in den Schlaf, indem ich mich von ihr
zurückziehe und ihre Reize von mir abhalte. Ich schlafe auch ein, wenn ich von ihr ermüdet bin. Beim Einschlafen
sage ich also zur Außenwelt: Laß mich in Ruhe, denn ich will schlafen. Umgekehrt sagt das Kind: Ich geh’ noch
nicht schlafen, ich bin nicht müde, will noch etwas erleben. Die biologische Tendenz des Schlafes scheint also die
Erholung zu sein, sein psychologischer Charakter das Aussetzen des Interesses an der Welt. [...]“ Nach dieser
Definition wäre der Traum, so Freud, beim Schlaf überflüssig. Da er aber doch existiere, müßte es etwas geben, das
der Seele keine Ruhe läßt. „Es wirken Reize auf sie ein, und sie muß darauf reagieren. Der Traum ist also die Art, wie
die Seele auf die im Schlafzustand einwirkenden Reize reagiert. [...]“ (Vgl. Sigmund Freud. Gesammelte Werke.
Band XI. Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. London: Imago Publishing Co., Ltd. 1948: V.
Vorlesung: „Schwierigkeiten und erste Annäherungen“, S. 84ff. Vgl. auch die XXVI. Vorlesung: „Die Libidotheorie
und der Narzißmus“, S. 432).
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[51] ist eine Art Maske: im Original: „ist ist eine Art Maske“.
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[52] echte Bescheidenheit ist eine religiöse Angelegen-heit: Vgl. dazu Wittgensteins Bemerkung im MS 128 46
(ca. 1944): „Menschen sind in dem Maße religiös, als sie sich nicht so sehr unvollkommen, als krank glauben.
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Jeder halbwegs anständige Mensch glaubt sich höchst unvollkommen, aber der religiöse glaubt sich elend.
(Zit. nach VB, S. 92f.)
Page 121
one always makes a fool of oneself:
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engl.: sich lächerlich machen, sich blamieren, sich zum Narren machen.
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[53] Nietzsche: im Original: Nietsche. Richtig: Friedrich Nietzsche (1844-1900).
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[55] [...]Liebe zu einer Idee: nicht klar leserlich, ob „einer“.
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Abziehen der Aufmerksamkeit: vgl. S. 49f.
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[56] 26 , : Datierung mit Beistrich anstelle eines Punktes.
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[57] blos: richtig: „bloß“.
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[59] Keller: Gottfried Keller: Geb. 19.7.1819, Zürich; gest. 15.7.1890, Zürich. Schweizer Dichter. Beteiligte sich an
den polit. Kämpfen während der sog. Regeneration. Knüpfte enge Kontakte mit Ludwig Feuerbach, der seine
Weltanschauung entscheidend prägte. Keller fand seinen eigenen poet.- realist. Stil in der Auseinandersetzung mit
der Spätromantik. Bekannt sind sein Bildungsroman Der grüne Heinrich (1. Fassung 1854/55, 2. Fassung 1879/80)
und die Novellenzyklen: Die Leute von Seldwyla (1856-74), die Sieben Legenden (1872); die Zürcher Novellen
(1878), Das Sinngedicht (1882). Roman: Martin Salander (1886);
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Gesammelte Gedichte (1883).
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Engelmann berichtet, daß Gottfried Keller einer der wenigen großen Dichter war, die Wittgenstein „innig, ja
leidenschaftlich verehrt hat“; er habe jene „Wahrhaftigkeit“, die „völlige Angemessenheit des Ausdrucks an das
Empfinden“ besessen, die dieser in der Kunst suchte.(Vgl. Engelmann, S. 66). Von Keller hatte Wittgenstein auch
z.T. die Gewohnheit übernommen, Tagebücher zu schreiben – aus einem „Nachahmungstrieb“ heraus, wie er selbst
bemerkte. (Vgl. McGuinness, S. 103f.)
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Ludwig Hänsel schrieb, daß Wittgenstein Kellers Novellen, insbesondere die Episode mit Figura Leu im
„Landvogt von Greifensee“ schätzte. (Vgl. Hänsel, S. 245).
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Bei Keller fand Wittgenstein eine „Weisheit“, die er „nie von Freud erwarten würde“. (Vgl. Vorlesungen und
Gespräche, S. 64).
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eine/gute Musik: nicht klar, ob Wittgenstein „eine gute Musik“ oder die Alternative „gute Musik“ zu „eine
Musik“ schreiben wollte.
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[60] Labor: Josef Labor: Geb. 29.6.1842, Horowitz (Böhmen); gest. 26.4.1924, Wien. Komponist, der früh
erblindete und im Wiener Blindeninstitut und am Wiener Konservatorium ausgebildet wurde. Bei seinem ersten
Auftreten als Pianist im Jahre 1863 fand er allgemeine Anerkennung und wurde in Hannover zum Königlichen
Kammerpianisten ernannt. Von 1866 an bildete er sich in Wien auch zum Orgelspiel aus und begann 1879 als
Orgelvirtuose aufzutreten. Bald genoß er den Ruf des besten Organisten in Österreich. Werke u.a.: Violinkonzert,
Konzertstück H-moll für Klavier und Orchester, Kammermusik mit Klavier, Vokalkompositionen und Klavierstücke.
Unter seinen Schülern sind R. Braun, J. Bittner und A. Schönberg zu nennen.
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(Vgl. Hugo Riemann: Musik-Lexikon, Mainz: B. Schott’s Söhne 1961).
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Labor verkehrte viel im Hause Wittgenstein und wurde vor allem von Hermine
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protegiert. 1923 wurde ein „Labor-Bund“ gegründet, um die „Wirksamkeit des Orgelvirtuosen und Tonkünstlers
Josef Labor zu erleichtern“ und die „Drucklegung zahlreicher unveröffentlichter Tondichtungen zu ermöglichen“.
(Vgl. ­Hänsel, S. 287).
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McGuinness schrieb, daß Labors Kammermusik die einzige zeitgenössische Musik war, die Wittgenstein
gelten ließ. (Vgl. McGuinness, S. 206).
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[62] faßt: Nicht klar leserlich, ob „faßt“ oder „paßt“, doch scheint es eher, daß Wittgenstein zuerst „paßt“ schrieb,
dies dann mit „faßt“ überschrieb.
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[63] die drei Variationen vor dem Eintritt des Chors in der 9ten Symphonie: Mit den „drei Variationen vor dem
Eintritt des Chors in der 9ten Symphonie“ meint Wittgenstein offenbar die Zitate der Satzanfänge (erster bis dritter
Satz), die Beethoven im Verlauf der langen Einleitung des Finalsatzes seiner Neunten Symphonie anbringt. Man
könnte dann den Eintritt des Chors als Beginn des Hauptteils dieses Finalsatzes ansehen. Die Bezeichnung
„Variationen“ sei allerdings nicht richtig.
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Wittgenstein spielt wohl auf die im Schlußsatz vorkommenden Reminiszenzen an die Sätze I, II, III über das
„Freudenthema“ an. Es handelt sich um die 2. Chaosstelle, gefolgt vom Baritonsolo „O Freunde, nicht diese
Töne...“; dann beginnt der Chor. (Mitteilungen von Dr. Othmar Costa, Innsbruck und Univ. Prof. Dr. Friedrich
Heller, Wien).
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[64] Alexandrinische Bibliothek: Name der beiden von Ptolemaios II Philadelphos (283-246 v. Chr.) gegründeten
Bibliotheken in Alexandria. Die große Alexandrinische Bibliothek, dem Museion eingegliedert, im Bezirk Brucheion,
umfaßte an die 700 000 Buchrollen. 47 v. Chr. vernichtete ein Brand im Alexandrinischen Krieg die Bibliothek zum
größten Teil. –
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Museion und Brucheion wurden 272 n. Chr. zerstört. Die kleine Alexandrinische Bibliothek im Serapeion
zählte über 40 000 Buchrollen und ging 391 n. Chr. – durch einen von christlichen Patriarchen gerührten Aufstand –
zugrunde.
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[65] Die Aufgabe der Philosophie ist, den Geist über bedeutungslose Fragen zu beruhigen: W er nicht zu solchen
Fragen neigt, der braucht die Philosophie nicht:
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Vgl. dazu PU, § 133: „[...] Denn die Klarheit, die wir anstreben, ist allerdings eine vollkommene. Aber das
heißt nur, daß die philosophischen Probleme vollkommen verschwinden sollen.
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Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, das Philosophieren abzubrechen, wann ich will. –
Die die Philosophie zur Ruhe bringt, so daß sie nicht mehr von Fragen gepeitscht wird, die sie selbst in Frage stellen.
[...]“
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Rothe: vermutlich R. Rothe (gest. 1942), Verfasser eines Lehrbuchs Höhere Mathematik für Mathematiker,
Physiker und Ingenieure, Leipzig: Teubner-Verlag.
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[66] Schumann: Robert Schumann (1810-1856)

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Unternahrung: richtig: Unterernährung. Hier hat Wittgenstein die Umlaut a-Striche vergessen, während er sie
kurz darauf setzte, wiederum aber das „er“ vergaß: Unternährung (S. 67).
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[67] Hamann: Johann Georg Hamann: Geb. 27.8.1730, Königsberg; gest. 21.6.1788, Münster. Dt. Philosoph. Eng
befreundet mit Jacobi, Kant und Herder. Wandte sich gegen den die Geschichtlichkeit des Menschen nicht
berücksichtigenden aufklärerischen Rationalismus. Nach Hamann ist die Vernunft nicht zu trennen von Intuition,
Verstehen und historischer Erfahrung, das Wissen von Gott nicht unabhängig von historischer Erfahrung zu
erklären; Denken ohne Sprache, die von der Sinneserfahrung abhängt, ist unmöglich. Hamann beeinflußte den
Sturm und Drang, vor allem Herder und Goethe, aber auch Hegel und Schelling sowie die existentialistische
Philosophie (bes. Kierkegaard). Werke: Sokratische Denkwürdigkeiten, Aesthetica in nuce, Golgatha und
Scheblimini, Metakritik über den Purismus der reinen Vernunft.
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Über die Parallelen zwischen Wittgensteins und Hamanns Philologie vgl. Hans Rochelt: „Das Creditiv der
Sprache“. In: Literatur und Kritik. Österreichische Monatsschrift. 33. April 1969. Salzburg: Otto Müller-Verlag:
1969, S. 169-176.
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[68] Moses Mendelsohn: richtig: Moses Mendelssohn: Geb. 6.9.1729, Dessau; gest. 4.1.1786, Berlin. Jüdischer
Philosoph der Aufklärung. Bemühte sich um Verbesserungen der rechtlichen Lage von Juden und um das
Verhältnis zwischen ihnen und Nichtjuden. Als Philosoph steht er in der Tradition des kritischen Rationalismus des
17./18. Jhdts. und identifiziert als Philosoph der Aufklärung das Judentum mit der Vernunftreligion der Aufklärung.
Er trug entscheidend dazu bei, die Juden aus dem geistigen Ghetto herauszuführen. Wurde von großer Bedeutung
für die jüdische Geistes-, Religions- und Sozialgeschichte durch seine Interpretation der jüdischen Religion mittels
philosophischer Kategorien.
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in seinen Briefen an Hamann: Im Briefwechsel von Moses Mendelssohn findet sich nur ein Brief an Hamann,
dieser ist vom 2. März 1762. Allerdings finden sich im Briefwechsel von Johann Georg Hamann mehrere Briefe von
Hamann an Mendelssohn. (Vgl. Johann Georg Hamann. Briefwechsel. Zweiter Band. 1760-1769. Herausgegeben
von Walther Ziesemer und Arthur Henkel. Wiesbaden: Insel Verlag 1956, S. 134f.)
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Es ist jedoch möglich, daß Wittgenstein sich auf Mendelssohns „Antheil an den Briefen, die neueste
Litteratur betreffend“ bezog, wo Mendelssohn in kritisch-lästernder Weise über Hamann schreibt: Vgl. Moses
Mendelssohn. Gesammelte Schriften. In sieben Bänden. Hrsg. von G.B. Mendelssohn. Leipzig: Brockhaus, 1844. 4.
Band, 2. Abtheilung: „Socratische Denkwürdigkeiten für die lange Weile des Publicums.“ XXV. Den 19. Juni 1760.
113ter Brief, S. 99-105. Vgl. weiters: „Die dunkle Schreibart mancher Schriftsteller.“ XI. Den 9. Sept. 1762. 254ster
Brief, S. 403-405. XII. Den 16. Sept. 1762. Fortsetzung des 254sten Briefes, S. 405-412. Vgl. auch den 192sten Brief
aus dem XII. Theil, vom 22. Oct. 1761, S. 311-316, wo Mendelssohn Hamann erwähnt.
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Cherubinischen Wandersmannes: Cherubinischer Wandersmann. Geistreiche Sinn- und Schlußreime zur
Göttlichen beschauligkeit anleitende. Von Angelus Silesius (d.i. Johannes Scheffler, 1624-1677), erschienen 1674.
Die endgültige Ausgabe enthält sechs Bücher. Die Sammlung umfaßt 1665 brillant formulierte Aphorismen, die nach
dem Vorbild von Daniel Czepkos Sexcenta monodisticha sapientium in meist zweizeiligen, aber auch vierzeiligen,
antithetisch gebauten Alexandrinern abgefaßt sind.
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Silesius verarbeitet mystisches Gedankengut, das bei ihm z.T. eine pantheistische Färbung einnimmt. Er
entwickelt kein geschlossenes philosophisches System, sondern formuliert seine Gedanken über das Verhältnis des
Menschen zu Gott und zur Ewigkeit als „Erkenntnissplitter“ (W. Fleming).
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Confessionen: Diese Schrift Augustinus’ lernte Wittgenstein laut Aussagen von Ludwig Hänsel in der Zeit
seiner Kriegsgefangenschaft bei Monte Cassino kennen und lieben. (Vgl. Hänsel, S. 245f.) In einem Brief vom
2.12.1953 schrieb Ludwig Hänsel an Ludwig von Ficker: „Dort [im Gefangenenlager bei Cassino] haben wir uns
kennen gelernt, dort hat er mich in die Logistik eingeführt und mich seinen Tractatus Logico-Philosopicus im
Manuskript lesen lassen, dort haben wir mitsammen Dostojewski und die Confessiones des Augustinus gelesen –
eine wunderbare Zeit für mich.“(vgl. Hänsel, S. 251).
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Drury gegenüber bemerkte Wittgenstein, die Bekenntnisse des Augustinus seien womöglich das „ernsteste
Buch, das je geschrieben wurde“. (Porträts, S. 16).
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In seinen philosophischen Schriften bezog sich Wittgenstein häufig auf Augustinus. (Vgl. PU, § 1-4, 32,
89-90, 436, 618).
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[70] zeigt von ùé einer [...]: unklar, ob „zeigt“ oder „zeugt“. Vor „einer“ hat Wittgenstein ein Einfügungszeichen
gesetzt, aber keinen Text eingefügt. (siehe diplomatische Fassung).
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Du must: richtig: „Du mußt“.
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G.m.i.!: könnte „Gott mit ihr“ bedeuten
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[71] Hermannschlacht: richtig: Hermannsschlacht.
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Schlacht im Teutoburger Wald, 9 n. Chr. Sieger Arminius = Herrmann der Cherusker über den römischen
Feldherrn Varus. Dramatisierung durch Kleist, Grabbe und Klopstock. Die Herrmannsschlacht. Drama von
Heinrich von Kleist (1777-1811), entstanden 1808, erschienen 1821 in den von Ludwig Tieck herausgegebenen
Hinterlassenen Schriften Kleists; Uraufführung: Breslau, 18.10.1880.
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warum Hermann nur einen Boten zu seinem Verbündeten schicken will: Wittgenstein bezieht sich aller
Wahrscheinlichkeit nach auf die Herrmannsschlacht von Kleist, auf den 10. Auftritt im 2. Akt: Herrmann will
Luitgar (zusammen mit seinen zwei Söhnen) als einzigen Boten zu Marbod schicken, obwohl Luitgar ihn bittet,
noch zwei Freunde mitnehmen zu dürfen – für den Fall, daß ihn ein Unfall träfe. Herrmann jedoch verneint – mit
dem Hinweis
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auf die Gewalt der Götter, ohne die das große Werk nicht zu vollziehen wäre. Ihr Blitz würde drei Boten ebenso wie
einen treffen, und ihnen nicht zu vertrauen, hieße, sie versuchen. Herrmann legt also alles in die Hände der Götter,
selbst auf die Gefahr hin, dabei zu verlieren.
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Vgl. seine Rede zu Luitgar:
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„[...] Wer wollte die gewalt’gen Götter
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Also versuchen?! Meinst Du, es ließe
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Das große Werk sich ohne sie vollziehn?
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Als ob ihr Blitz drei Boten minder,
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Als einen einzelnen, zerschmettern könnte!
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Du gehst allein; und triffst Du mit der Botschaft
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Zu spät bei Marbod, oder gar nicht, ein:
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Sei’s! mein Geschick’ ist’s, das ich tragen werde.“
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(Vgl. Heinrich von Kleist. Dramen 1808-1811. Die Herrmannsschlacht. 2. Akt, 10. Auftritt. In: Heinrich
von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Hrsg. von Ilse-Marie Barth, Klaus Müller-Salget, Walter
Müller-Seidel und Hinrich C. Seeba. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker-Verlag, 1987).
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[72] Beethoven: In seinen Gesprächen mit Drury über Musik antwortete Wittgenstein auf Drurys Äußerung, daß
der langsame Satz des vierten Klavierkonzerts von Beethoven eines der größten musikalischen Werke sei: „Was
Beethoven hier schreibt, ist nicht nur für seine eigene Zeit oder Kultur bestimmt, sondern für das ganze
Menschengeschlecht.“ (Vgl. Porträts, S. 164). Ein anderes Mal bemerkte er: „Ich habe einmal geschrieben, Mozart
habe sowohl an den Himmel als auch an die Hölle geglaubt, während Beethoven nur an den Himmel und das Nichts
geglaubt habe.“ (Porträts, S. 160).
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Es ist ganz Religion: Unklar, ob „Es“ oder „Er“.
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in wirklichen Schmerzen: im Original: in wirkliche Schmerzen.
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Protestant: im Original: Potestant.
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[73] Engelmann: Paul Engelmann: Geb. Juni 1891, Olmütz; gest. 5.2.1965, Tel Aviv. Architekt und Philosoph.
Studierte Architektur bei Adolf Loos in Wien und war ein Jahr lang freiwilliger Privatsekretär von Karl Kraus.
Wittgenstein lernte Engelmann anläßlich einer militärischen Ausbildung an der Artillerie-Offiziersschule im Herbst
1916 in Olmütz kennen. Es kam zu allabendlichen Treffen im Hause Engelmann, an denen u.a. Engelmanns Mutter
Ernestine, der Jusstudent Heinrich Groag, der Musikstudent Fritz Zweig und dessen Cousin, der spätere Dramatiker
Max Zweig, teilnahmen. 1934 emigrierte Engelmann nach Tel Aviv, wo er als Möbelzeichner arbeitete. Seine
Erinnerungen an Wittgenstein wurden zusammen mit den Briefen Wittgensteins an Engelmann posthum
veröffentlicht: Ludwig Wittgenstein. Briefe und Begegnungen. Hrsg. von Brian McGuinness. Wien und München:
Oldenbourg 1970.
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Viele Werke Engelmanns sind noch unveröffentlicht, u.a. Orpheus und Eurydike, Psychologie graphisch
dargestellt, Die urproduzierende Großstadt und eine von ihm zusammengestellte Lyrikanthologie.
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Werke u.a.: In: Gedanken, 1944; in: Im Nebel, 1945; Adolf Loos, 1946; Dem Andenken an Karl Kraus, 1949.
In der Fackel Nr. 317/318 vom 18.2.1911 publizierte Engelmann ein Gedicht auf das von Loos erbaute Haus am
Michaelerplatz, in dem er dieses „als erstes Zeichen einer neuen Zeit“ bezeichnete.
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während des Baues: Bezieht sich auf den Bau des Hauses für Margarete Stonborough im III. Bezirk Wiens –
auf einem zwischen Kundmanngasse, Geusaugasse und Parkgasse gelegenen Grundstück. Paul Engelmann wurde
von Margarete als Architekt beauftragt und begann 1926 mit der Arbeit. Wittgenstein engagierte sich im Laufe der
Zeit derart, daß er schließlich sozusagen die Führung übernahm und nach seinem Austritt als Volksschullehrer im
April 1926 sich ganz der Architektur widmete. Das Haus war im Herbst 1928 fertiggestellt.
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Bauunternehmer: Es handelt sich dabei wahrscheinlich um den Baumeister namens Friedl; Näheres nicht
ermittelt.
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Menschen: nicht klar leserlich, ob „Mensch“ oder „Menschen“.
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[75] verhältst: im Original: verhälst.
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„Es ist gut, weil es Gott so befohlen hat“ ist der richtige Ausdruck für die Grundlosigkeit: Vgl. dazu
Wittgensteins Bemerkungen gegenüber Schlick über das Wesen des Guten in WWK, S. 115, wo er sagt: „Wenn es
einen Satz gibt, der gerade das ausdrückt, was ich meine, so ist es der Satz: Gut ist, was Gott befiehlt.“ Schlick hatte
nämlich bezüglich der zwei Auffassungen vom Wesen des Guten in der theologischen Ethik diejenige Deutung als
die tiefere befunden, derzufolge Gott das Gute deshalb wolle, weil es gut sei. Wittgenstein hingegen fand diejenige
Deutung des Wesen des Guten als die tiefere, derzufolge das Gute gut sei, weil Gott es wolle. „Ich meine, daß die
erste Auffassung die tiefere ist: gut ist, was Gott befiehlt. Denn sie schneidet den Weg einer jeden Erklärung,
‘warum’ es gut ist, ab, während gerade die zweite Auffassung die flache, die rationalistische ist, die so tut, ‘als ob’
das, was gut ist, noch begründet werden könnte.“
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[76] Ein ethischer Satz [...]: Vgl. dazu TLP, 6.422: „Der erste Gedanke bei der Aufstellung eines ethischen
Gesetzes von der Form ‘Du sollst ....’ ist: Und was dann, wenn ich es nicht tue? Es ist aber klar, daß die Ethik nichts
mit Strafe und Lohn im gewöhnlichen Sinne zu tun hat. Also muß diese Frage nach den Folgen einer Handlung
belanglos sein. – Zum Mindesten dürfen diese Folgen nicht Ereignisse sein. Denn etwas muß doch an jener
Fragestellung richtig sein. Es muß zwar eine Art von ethischem Lohn und ethischer Strafe geben, aber diese müssen
in der Handlung selbst liegen.
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(Und das ist auch klar, daß der Lohn etwas Angenehmes, die Strafe etwas Unangenehmes sein muß.)“
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[77] mit dem inneren Ohr: Vgl. dazu MS 153a 127v: 1931, zit. nach VB, S. 38: „Ich glaube bestimmt daß
Bruckner nur mit dem inneren Ohr & einer Vorstellung vom spielenden Orchester, Brahms mit der Feder
komponiert hat. Das ist natürlich einfacher dargestellt als es ist. Eine Charakteristik aber ist damit getroffen.“
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[80] ùé Gegensätze: Hier hat Wittgenstein ein mit Wellenlinien unterstrichenes Einfügungszeichen gesetzt, aber
keinen Text eingefügt.
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(siehe diplomatische Fassung).
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[81] a priori: Vgl. MS 157b, 27.2.37, S. 2f.:
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„Die ‘Ordnung der Dinge’, die Idee der Form(en) der Vorstellung, also des a priori ist selber eine
grammatische Täuschung.“
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[82] Paul Ernst: Geb. 7.3.1866, Elbingerode, Harz; gest. 13.5.1933, St. Georgen an der Stiefing, Steiermark.
Deutscher Schriftsteller. Einer der Hauptvertreter der Neuklassik. Kunst- und kulturkritische Theorien (u.a. „Der
Weg zur Form“). Erneuerte die Novelle nach dem Vorbild der formstrengen Renaissancenovelle (konzentrierte
Handlung, Verzicht auf psychologische Begründung, Geschlossenheit der Form).
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Werke u.a.: Der Tod des Cosimo (Novellen, 1912), Komödiantengeschichten (1920), Der Schatz im
Morgenbrotstal (Roman, 1926), Das Glück von Lautenthal (Roman, 1933).
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McGuinness schreibt, daß in dem sog. Olmützerkreis (in der Zeit von 1916/17) häufig über Paul Ernst
gesprochen wurde. Wittgenstein schätzte besonders das von Ernst verfaßte Nachwort zu seiner Ausgabe der
Grimmschen Märchen, worin darauf hingewiesen wird, wie uns die Sprache durch wörtlich genommene
anschauliche Ausdrucksweisen und Sinnbilder in die Irre führt. Dieser Text habe Wittgenstein nach eigenem
Bekunden stark beeinflußt. Rhees gegenüber soll er geäußert haben, daß er in künftigen Ausgaben des Tractatus
deshalb gern im Vorwort auf Paul Ernst hinweisen würde. (Vgl. McGuinness, S. 388f.)
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wie Dostojewski es getan hat (Wunder auf der Hochzeit zu Kana): Höchstwahrscheinlich spielt Wittgenstein
dabei auf Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasoff an (auf das IV. Kapitel, „Die Hochzeit zu Kana in Galiläa“,
im Siebenten Buch: „Aljoscha“): Neben dem Sarg von Staretz Sossima liest Pater Paissij aus den Evangelien über
die Hochzeit von Kana vor. Die Wirkung dieser Geschichte wird uns über Aljoscha vermittelt, der, vor Müdigkeit
teilweise eingeschlummert und halb im Traum, den tieferen Sinn des Wunders zu Kana erfährt: mit seiner
Verwandlung von Wasser in Wein wollte Jesus den Menschen vor allem Freude schenken, denn nicht das Leid,
sondern die Freude der Menschen sei ihm am Herzen gelegen. „Wer die Menschen liebt, der liebt auch ihre Freude“
– so
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hatte der Staretz immer wieder gesagt. Er erscheint Aljoscha im Traum und erzählt ihm, daß auch er nun zur
Hochzeit geladen sei und Jesus immer neue Gäste erwarte, für die er Wasser in Wein verwandle, damit die Freude
nicht aufhöre. Nach diesem Traum hat Aljoscha in Einklang und in Liebe mit der Erde und den Menschen ein
mystisches Erlebnis, ähnlich dem des Steinklopferhanns aus dem Stück „Die Kreuzelschreiber“von Ludwig
Anzengruber, das auf Wittgenstein einen ähnlich tiefen Eindruck hinterlassen hatte. –
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Die Verwandlung von Wasser in Wein ist also ein Symbol für die Liebe Christi zu den Menschen.
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Vgl. auch Wittgensteins Vortrag über Ethik, in dem er über den Sinn des Wunders bzw. unser Staunen über
ein Wunder spricht: auch hier gibt es einen Unterschied zwischen der wissenschaftlichen Betrachtung einer Tatsache
und der Betrachtung einer Tatsache als Wunder bzw. dem Staunen im relativen und im absoluten Sinn: unser
Staunen im relativen Sinn wäre das Staunen über etwas noch nie Dagewesenes und käme der Tatsache der
Verwandlung von Wasser in Wein gleich. Unser Staunen im ethischen Sinn jedoch bedeutet ein Staunen anderer Art
– wie das Staunen über die Existenz der Welt, die, obwohl uns täglich gegenwärtig, als ein Wunder betrachtet
werden sollte, über das jeder sprachliche Ausdruck jedoch in Unsinn münden würde.
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[85] Mahler: im Original: Maler: Gustav Mahler (1860-1911): Wittgensteins Haltung gegenüber Mahler war sehr
kritisch: vgl. dazu eine seiner Bemerkungen: „Wenn es wahr ist, wie ich glaube, daß Mahlers Musik nichts wert ist,
dann ist die Frage, was er, meines Erachtens, mit seinem Talent hätte tun sollen. Denn ganz offensichtlich gehörten
doch eine Reihe sehr seltener Talente dazu, diese schlechte Musik zu machen. Hätte er z.B. seine Symphonien
schreiben & verbrennen sollen? Oder hätte er sich Gewalt antun, & sie nicht schreiben sollen? Hätte er sie schreiben,
& einsehen sollen daß sie nichts wert seien? Aber wie hätte er das einsehen können? Ich sehe es, weil ich seine
Musik mit der der großen Komponisten vergleichen kann. [...]“ (MS 136 110b: 14.1.1948, zit. nach VB, S. 130f.).
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John King gegenüber bemerkte Wittgenstein jedoch, daß man viel von Musik, ihrer Geschichte und ihrer
Entwicklung verstehen müsse, um Mahler zu begreifen. (Porträts, S. 111).
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[87] raryfied: richtig: rarefied. (Von „rarify“ = verdünnen, verfeinern). In diesem Zusammenhang soviel wie „in
einer höheren, einer geistigeren Sphäre“.
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mit Andern: im Original: mit Adern.
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[89] meines Bruders Rudi: Rudolf Wittgenstein: Geb. 27.6.1881, Wien; gest. 1904, Berlin. Student der Chemie.
Viertes Kind und drittältester Sohn von Karl und Leopoldine Wittgenstein. Er wird als verängstigtes, nervöses Kind
beschrieben und als derjenige, der am meisten Sinn für die Literatur hatte. Sein Selbstmord – er vergiftete sich im
Alter von 23 Jahren in Berlin – wird auf seine vermeintliche Homosexualität zurückgeführt, doch sollen auch die
Schwierigkeiten
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mitgespielt haben, auf die er als erwachsener Mann in Berlin nach einem behaglichen Leben im Elternhaus gestoßen
war. (Vgl. McGuinness, S. 59).
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etwas Oberländerisches: wahrscheinlich Anspielung auf Adolf Oberländer, einen Karikaturisten der
„Fliegenden Blätter“.
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Fliegende Blätter: Fliegende Blätter: Illustrierte humoristische Zeitschrift des Verlags Braun & Schneider,
München. Erschien 1844 bis 1944. Bedeutende Mitarbeiter wie Wilhelm Busch, Adolf Oberländer, Moritz von
Schwind, Carl Spitzweg, Felix Dahn, Ferdinand Freiligrath, Emanuel Geibel und Joseph Victor von Scheffel lieferten
Texte und Graphiken für Karikaturen zeittypischer Verhaltensformen des deutschen Bürgertums.
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[93] Rosalie: Rosalie Herrmann: Daten nicht ermittelt, allem Anschein nach eine Haushälterin der Wittgensteins.
Es finden sich Photos von ihr im Album der Familie Wittgenstein. In einem Brief vom 26.II.1916 schreibt Hermine
Wittgenstein an Ludwig von der „guten alten Rosalie“, die sehr krank sei, vermutlich zu der Zeit im Sterben lag.
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Kumäische Sybille: richtig: Cumaeische Sibylle: legendäre griech. Prophetin orientalischen Ursprungs, die in
einer Quellgrotte in Eretria ihre Orakel verkündete (wahrscheinlich im 5. Jhdt. v. Chr.) Bei der Besiedlung
Unteritaliens durch die Eretrier gelangten diese Orakel nach Cumae, woraus die Vorstellung einer eigenen Sybille
von Cumae entstand, der man die 83 v. Chr. verbrannten ­Sibyllinischen Bücher zuschrieb, die unter der
etruskischen Dynastie der Tarquinier nach Rom kamen.
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[94] seit: im Original: sei.
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daweil: Wiener Dialekt. Bedeutet dasselbe wie „derweil“, „indessen“, „unterdessen“, „während“,
„währenddessen“, „einstweilen“. (Vgl. Wörterbuch des Wiener Dialektes von Julius Jakob, 1929).
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[95] Claudius: Matthias Claudius (Pseudonym: Asmus): Geb. 15.8.1740, Reinfeld bei Lübeck (Holstein); gest.
21.1.1815, Hamburg. Studierte Theologie und Jura. Herausgeber des Wandsbecker Boten. Wandte sich nach
anakreontischen Gedichten religiös-moralischen Themen zu. Seine volksliedhafte, schlichte Lyrik erlangte in ihrer
Frömmigkeit, kindlichen Gläubigkeit und persönlichen Färbung zeitlose Gültigkeit. Bekannt sind vor allem Claudius’
Gedichte „Der Mond ist aufgegangen“, „Stimmt an mit hellem Klang“, „Der Tod und das Mädchen“. Die
Verbreitung des Claudius wurde vor allem durch Karl Kraus bewirkt.
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Zitat aus Spinoza: Wahrscheinlich bezieht sich Wittgenstein dabei auf eine Stelle im Fünften Theil des
Zweiten Bandes aus den Sämmtlichen Werken des Wandsbecker Boten, in der Zugabe zu „Gespräche[n], die Freiheit
betreffend“,
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S. 42ff.: A. und B. diskutieren über das Finden der Wahrheit und kommen dabei auf Johann Huß, Mendelssohn und
Spinoza zu sprechen. A. sagt: „[ ...] Wenn aber Spinoza mit seinem Kopf und mit seinem Ernst anstieß; so lerne
daraus: daß es nicht leicht sey, die Wahrheit zu finden. Spinoza sagt aber so: No. databases: 1873
Page 131
‘Nachdem die Erfahrung mich gelehret hat, daß alles, wovon im Leben gewöhnlich die Rede ist, leer und
eitel sey; da ich einsahe, daß alles, wofür und was ich fürchtete, weder Gutes noch Böses in sich habe, als in so weit
das Gemüth davon in Bewegung gesetzt wurde; so beschloß ich endlich, zu forschen: ob es etwas gäbe, das ein
wahrhaftiges Gut sey, und das sich mittheile, und von dem, wenn ich allem übrigen entsagte, das Gemüth allein
reactionirt würde; ja, ob es etwas gäbe, dadurch ich, wenn ich es fände und mir verschafte, eine immerwährende und
höchste Freude in Ewigkeit genösse. Ich sage, daß ich endlich beschloß; denn beym ersten Anblick schien es mir
ungerahten, um eine damals ungewisse Sache eine gewisse verliehren zu wollen. Ich sahe nämlich die Vortheile, die
Ehre und Reichthümer bringen, und daß ich diese nicht weiter suchen müßte, wenn ich mit Ernst einer andern neuen
Sache nachtrachten wollte; und es leuchtete mir ein: daß, wenn die höchste Glückseligkeit in diesen Dingen etwa
bestehen sollte, ich solcher Glückseligkeit entbehren müsse; bestehe sie aber nicht darinn, und ich trachtete nur
ihnen nach, so würde ich denn auch der höchsten Glückseligkeit entbehren.
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Ich sann also in mir nach, ob es nicht möglich seyn sollte, zu meinem Werk, oder wenigstens zur Gewißheit
darüber zu gelangen, ohne daß meine bisherige Lebensordnung und Weise verändert würde. Das aber habe ich oft
umsonst versucht. Denn wovon im Leben gewöhnlich die Rede ist, und was bey den Menschen, nach ihren Werken
zu urtheilen, als das höchste Gut geachtet wird, läuft auf diese drey Stücke hinaus, nämlich: Reichtum, Ehre und
Wollust. Durch diese drey Dinge wird aber das Gemüth so zerstreuet, daß es auf keine Weise an ein anderes Gut
denken kann. – Da ich also einsahe, daß alles dieses so sehr im Wege sey, einem neuen Vornehmen nachzugehen, ja
daß es damit in einem solchen Widerspruch stehe, daß ich nothwendig von einem von beyden abstehen müsse; so
mußte ich entscheiden, welches von beyden mir nützlicher wäre. – Ich habe nicht ohne Ursache die Worte
gebraucht: wenn ich nur ernsthaft bedenken könnte. Denn ob ich gleich dies alles im Gemüth ganz klar einsahe; so
konnte ich doch deswegen nicht allen Geiz, Wollust und Ehrsucht ablegen.*) ‘“
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*) Siehe in Spinoza’s Werken das Fragment: de Intellectus emendatione, et de via, qua optime in veram
rerum cognitionem dirigitur.
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(Vgl. Matthias Claudius. Werke. ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des
Wandsbecker Bothen, Erster und zweiter Theil. Wandsbeck, 1774. Beym Verfasser. Hamburg: Bei Perthes und
Besser 1819).
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[96] schwätz nicht! Am Rand oben links eingefügt, als Kommentar zu den ersten beiden Sätzen, die mit
Wellenlinie durchgestrichen sind.
Page 131
[97] Keine Pagina sichtbar, da Wittgenstein im oberen Rand der Seite Text einfügte.
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[99] Gesichtstypus zeichnen: im Original als ein Wort, durch einen Querstrich voneinander getrennt.(siehe
diplomatische Fassung).
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Haydens: richtig: Haydns: Joseph Haydn (1732-1809).
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[100] "Ring": „Der Ring des Nibelungen“: Bühnenfestspiel in vier Teilen von Richard Wagner. „Das Rheingold“,
„Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“.
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Bühnenweisungen: richtig: Bühnenanweisungen.
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[101] [Etwas ist nur so ernst [...]: Variante in eckiger Klammer, aber als eigener Absatz.
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Übrigens [...]: Mit einem Pfeil hat Wittgenstein angedeutet, daß er den Absatz „Übrigens heißt das nicht, daß
[...]“ früher, auf Seite 100, nach dem Absatz „Ich bin in meine Art der Gedankenbewegung [...]“ einordnen wollte.
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[102] auf dem Theater (Kierkegaard) in meiner Seele: Wahrscheinlich bezieht sich Wittgenstein dabei auf
Kierkegaards Bemerkungen über das Theaterpublikum in Die Wiederholung.
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Vgl. Sören Kierkegaard: Gesammelte Werke. In 12 Bänden unverkürzt herausgegeben von Hermann
Gottsched und Christoph Schrempf. Bd. 3: Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Dritte, umgearbeitete Auflage.
Übersetzt von H.C. Ketels, H. Gottsched und Chr. Schrempf, Nachwort von Chr. Schrempf. Jena: Eugen Diederichs
Verlag, 1923.
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[107] im letzten Satz des Violinkonzerts: Konzert für Violine und Orchester D-dur op. 77 von Johannes Brahms.
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– Allegro non troppo – Kadenz. Adagio. Allegro giocoso, ma non troppo vivace – Poco pin presto.
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die Harfe am Schluß des ersten Teils des Deutschen Requiems: Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem
(nach Worten der Heiligen Schrift) für Soli, Chor, Orchester und Orgel, Opus 45, 7 Sätze, entstanden 1868. –
Wahrscheinlich spielt Wittgenstein mit seiner Äußerung auf den zweiten Satz des Deutschen Requiems an.
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[108] Die Freude an meinen Gedanken:
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Vgl. dazu MS 155 46r: 1931 (zit. nach VB, S. 46): „Die Freude an meinen Gedanken ist die Freude an
meinem eigenen seltsamen Leben. Ist das Lebensfreude?“
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[113] Essay von Emerson: Ralph Waldo Emerson: Geb. 25.5.1803, Boston; gest. 27.4.1882, Concord, (Mass.).
Emerson legte sein geistliches Amt aus Gewissensgründen nieder. Suchte durch seine vom deutschen Idealismus
und der
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englischen Romantik beeinflußte Philosophie des „Transzendentalismus“ einen dogmenfreien, dem Pantheismus
nahestehenden Glauben zu begründen. Werke: Essays (1841 und 1844), Representative Men (1850), English Traits
(1856).
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Am 15.11.1914 schrieb Wittgenstein in sein Tagebuch: „Lese jetzt in Emersons ‘Essays’. Vielleicht werden
sie einen guten Einfluß auf mich haben.“ (Vgl. Baum, Geheime Tagebücher, S. 42).
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seinen Freund einen Philosophen: Höchstwahrscheinlich ist damit Henry David Thoreau gemeint.
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Henry David Thoreau: Geb. 12.7.1817, Concord, (Mass.); gest. 6.5.1862, Concord. Amerikan. Schriftsteller
und Mitglied der Transzendentalisten. Radikaler Nonkonformist und Individualist. Lebte für ca. zwei Jahre in einer
selbstgebauten Blockhütte am Walden Pond bei Concord. Werke: Walden (1854), Civil Disobedience. Tagebücher.
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[114] im richtig geschriebenen: im Original: im richtig geschriebene.
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Lichtenbergs: Georg Christoph Lichtenberg: Geb. 1.7.1742, Ober-Ramstadt bei Darmstadt; gest. 24.2.1799,
Göttingen. Deutscher Physiker und Schriftsteller. Vielseitiger Naturwissenschaftler und einer der führenden
Experimentalphysiker seiner Zeit. Als Schriftsteller trat er vor allem durch seine naturwiss. und
philosophisch-psychologischen Aufsätze, besonders aber durch seine ironisch-geistvollen „Aphorismen“, hervor.
Page 133
Auf die Ähnlichkeiten zwischen Wittgenstein und Lichtenberg hat von Wright in seinem Artikel „Georg
Christoph Lichtenberg als Philosoph“ in Theoria 8, 1942, S. 201-217, hingewiesen. McGuinness schreibt über
Gemeinsamkeiten zwischen Lichtenberg und Wittgenstein in Wittgensteins frühe Jahre, S. 74f.: Auch bei
Lichtenberg spiele das Thema der Irrtümer und Fehler, die sich aus dem Mißbrauch oder Mißverständnis der
Sprache ergeben, eine hervorstechende Rolle.
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J. P. Stern diskutierte Parallelen zwischen Lichtenberg und Wittgenstein in „Comparing Wittgenstein and
Lichtenberg“ in Lichtenberg: A Doctrine of Scattered Occasions. Bloomington (Indiana): Indiana Univ. Press,
1959.
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J.P. Stern schreibt, daß Lichtenberg in einer seiner letzten Eintragungen die wichtigsten Einsichten des
jungen Wittgenstein – über das, was sich bloß „zeigt“ – vorweggenommen habe. (Vgl.: Joseph Peter Stern:
„Lichtenbergs Sprachspiele“. In: Aufklärung über Lichtenberg. Kleine Vandenhoeck-Reihe. Mit Beiträgen von
Helmut Heißenbüttel, Armin Hermann, Wolfgang Promies, Joseph Peter Stern, Rudolf Vierhaus. Göttingen:
Vandenhoeck 1974, S. 60-75, S. 66).
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Vgl. auch Helmut Heißenbüttel: „Georg Christoph Lichtenberg – der erste Autor des 20. Jahrhunderts“ (in:
Aufklärung über Lichtenberg, S. 76-92), und Johannes Roggenhofer: Zum Sprachdenken Georg Christoph
Lichtenbergs. Linguistische Arbeiten 275. Hrsg. von Hans Altmann, Peter Blumenthal, Herbert E. Brekle, Gerhard
Helbig, Hans Jürgen Heringer, Heinz Vater und Richard Wiese. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1992.
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lügen: nicht klar leserlich.
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die Gestalt der Furcht vor der Lächerlichkeit: nicht ermittelt.
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[115] Dabei weiß, ich daß: richtig: dabei weiß ich, daß.
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[116] Entschluß: im Original: Enschluß.
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[117] wenn: im Original als „wem“ zu lesen.
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Übligkeiten: veraltet für Übelkeit. Im Handwörterbuch der Deutschen Sprache, hrsg. von Joh. Christ. Aug.
Heyse (Hildesheim: Georg Olms Verlagsbuchhandlung, Reprografischer Nachdruck der Ausgabe Magdeburg 1849)
wird „Übligkeit“ als gem. unr. für Übelkeit angeführt. Auch in anderen alten deutschen Wörterbüchern findet sich
der Ausdruck „Üblichkeit“ für „Übelkeit“ (Handwörterbuch der deutschen Sprache von Dr. Daniel Sanders. Leipzig:
Verlag Otto Wigand 1888). Vgl. auch das Wörterbuch des Wiener Dialektes von Julius Jakob, wo „Üblichkeit“ für
„Übelkeit“, „Unwohlsein“ angegeben ist.
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[119] im geist: Zuerst schrieb Wittgenstein „geistig“, entschied sich dann für die Variante „im geist“ und vergaß
offensichtlich, das „g“ zu korrigieren. Richtig: im Geist.
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Selbstmord: Mit einem Pfeil hat Wittgenstein angedeutet, daß die in einer Schlinge eingefügten Worte „& der
Selbstmord endet sie nicht“ an „Die Verzweiflung hat kein Ende“ anschließen sollte.
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[122] Resentiment: richtig: Ressentiment.
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[123] Wehrmuth: richtig: Wermut.
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er ahmt dem Dichter: richtig: er ahmt den Dichter .... nach.
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zu etwas: im Original: zu etwa.
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[124] meine Beichte: Ob Wittgenstein zu dieser Zeit bereits eine Beichte abgelegt hatte oder nur daran dachte, dies
zu tun, kann nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden. Drury schreibt zwar von einer Beichte Wittgensteins im
Jahre 1931, ist sich aber des angegebenen Jahres nicht ganz sicher. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 171).
Page 134
Bekannt ist jedoch, daß Wittgenstein Ende 1936 und Anfang 1937 eine Beichte gegenüber mehreren seiner
Freunde und seiner Familie ablegte. (Vgl. Kommentar zu Seite 142).
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Page 135
„& hätte der Liebe nicht u.s.w.“: Vgl. den ersten Brief Paulus’ an die Korinther, Kapitel 13, in der
Übersetzung von Martin Luther: „Wenn ich mit Menschen= und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht,
so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.“
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(Vgl. Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der deutschen
Übersetzung D. Martin Luthers. Berlin: Trowitzsch & Sohn, 1919).
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[125] meines Bruders Kurt: Kurt bzw. Konrad Wittgenstein: Geb. 1.5.1878, Wien; gest. 9.9.1918, Italien,
Kriegsschauplatz. Kurt war der zweitälteste von Wittgensteins Brüdern. Er erschien „harmlos heiter veranlagt“ (vgl.
Familienerinnerungen, S. 102f.) und übernahm eine der Firmen seines Vaters. Als ihm im Ersten Weltkrieg seine
Truppe den Gehorsam verweigerte und desertierte, nahm er sich das Leben.
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[126] Traum: Vgl. die Zeichnung des Traumes in der diplomatischen Fassung.
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[128] „but you have fettered me“: aber Sie haben mich gefesselt.
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[130] Was Du geleistet hast,[...]:
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Mit einem Pfeil hat Wittgenstein angedeutet, daß der Absatz „Was Du geleistet hast, [...]“ vor den
vorhergehenden Absatz „Soviel es Dich gekostet hat, [...]“ gehören sollte.
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[131] tu te fache, donc tu as tort:
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richtig: tu te fâche = „Du ärgerst Dich, folglich hast Du Unrecht.“

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[132] sündlich: veraltet: in der Weise der Sünde oder des Sündhaften, einer Sünde ähnlich. In älteren Ausgaben der
Bibel wird „sündlich“ auch für sündig, mit Sünde behaftet, gebraucht.
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(Vgl. Deutsches Wörterbuch von Moriz Heyne. Leipzig: Hirzel Verlag 1895; Vgl. auch: Wörterbuch der
Deutschen Sprache. Hrsg. von Joachim Heinrich Campe. Hildesheim-New York: Olms 1969/70, Nachdruck der
Ausgabe Braunschweig, 1810.) Vgl. die bereits zitierte Bibel-Ausgabe nach der Übersetzung von M. Luther (Berlin,
1919): „der sündliche Leib“ (Römer 6, 6); „die sündlichen Lüste“ (Römer 7, 5), „in der Gestalt des sündlichen
Fleisches“ (Römer 8, 3).
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daß ein Augenblick: im Original: das ein Augenblick [...].
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[134] Corsischer Briganten: Briganten: (ital.) Bezeichnung für Aufwiegler, Unruhestifter, auch für Straßenräuber
und Freibeuter. Vgl. dazu Wittgensteins Äußerung im MS 153b 39v: 1931, zit. nach VB, S. 40.
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„Sehe die Photographien von Corsischen Briganten und denke mir: die Gesichter sind zu hart & meines zu
weich als daß das Christentum darauf schreiben könnte. Die Gesichter der Briganten sind schrecklich anzusehen &
doch sind sie gewiß
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nicht weiter von einem guten Leben entfernt & nur auf einer andern Seite desselben gelegen als ich“
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[138] als ihrer Zuflucht: nicht klar leserlich, ob „ihrer“ oder „ihren“.
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[[139] Verstümmle: Vgl. dazu Wittgensteins Bemerkungen über Frazers The Golden Bough im MS 143, S. 681:
„[...] Aber es kann sehr wohl sein daß der völlig enthaarte Leib uns in irgend einem Sinne den Selbstrespekt zu
verlieren verleitet. (Brüder Karamasoff) Es ist gar kein Zweifel daß eine Verstümmelung die uns in unseren Augen
unwürdig, lächerlich, aussehen macht uns allen Willen rauben kann uns zu verteidigen. Wie verlegen werden wir
manchmal – oder doch viele Menschen (ich) – durch unsere physische oder aesthetische Inferiorität.“ (Diese Stelle
ist nicht in allen Ausgaben über Wittgenstein’s Remarks on Frazer’s Golden Bough publiziert: sie findet sich –
wenn auch in nicht ganz originalgetreuer, da teils korrigierter, Wiedergabe – in Ludwig Wittgenstein. Philosophical
Occasions 1912-1951. Ed. by James C. Klagge and Alfred Nordmann. Indianapolis & Cambridge: Hackett
Publishing Company 1993, S. 154. Weiters in der von Rush Rhees edierten Ausgabe von 1967: Bemerkungen über
Frazers THE GOLDEN BOUGH. In: Synthese, ed. bei Jaakko Hintikka. Dordrecht, Holland: D. Reidel Publishing
Company, P.O. Box 17, pp. 233-253).
Page 136
[142] an Hänsel: Ludwig Hänsel. Geb: 8.12.1886, Hallein (Salzburg); gest. 8.9.1959, Wien. Mittelschulprofessor für
Latein und Französisch. Wittgenstein lernte Hänsel in der Zeit seiner Kriegsgefangenschaft bei Monte Cassino im
Jahre 1919 kennen und war mit ihm bis an sein Lebensende befreundet. (Vgl. Ludwig Hänsel – Ludwig
Wittgenstein. Eine Freundschaft. Briefe. Aufsätze. Kommentare. Brenner-Studien Bd. XIV. Innsbruck: Haymon
Verlag, 1994).
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ein Geständnis: Am 7. November 1936 legte Wittgenstein in einem Brief an Ludwig Hänsel ein Geständnis
seiner angeblichen Lüge bezüglich seiner Abstammung ab, d.h. er gestand, nur zu einem Viertel von „Ariern“ und
zu drei Vierteln von Juden abzustammen und nicht umgekehrt, wie er immer behauptet hätte. Er bat Hänsel, seinen
Brief auch dessen Familie sowie Wittgensteins Geschwistern mit Kindern und seinen Freunden zu zeigen. In einem
weiteren Brief an Hänsel sprach er von seinem Vorhaben, anläßlich seines Besuches zu Weihnachten in Österreich
allen Freunden und Verwandten ein umfassenderes Geständnis abzulegen. (Vgl. Hänsel, S. 136-138). Laut Auskunft
von John Stonborough an die Herausgeberin ließ Wittgenstein ein schriftliches Geständnis zu Weihnachten in der
Alleegasse aufliegen, als sich die Familie zum Essen traf. Auf Margarete Stonboroughs Äußerung „Ehrenleute lesen
anderer Leute Beichten nicht“ rührte keiner der Familie – mit einer Ausnahme – das Geständnis an. Wittgenstein
schrieb auch an Engelmann, und Anfang 1937 suchte er in England G.E. Moore, Fania Pascal und Rush Rhees auf,
um ihnen seine „Sünden“ zu gestehen. Laut Fania Pascal habe Wittgenstein aber nie etwas Falsches über seine
rassische Herkunft gesagt und es könne nur auf eine bewußte oder unbewußte Unterlassung
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seinerseits zurückgeführt werden, wenn man ihn für etwas Anderes hielt, als was er wirklich war. Sie habe nie
jemanden getroffen, der weniger imstande war zu lügen als er. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 67). Auch Rush
Rhees schreibt, er habe noch nie gehört, daß jemand behauptet habe, Wittgenstein habe seine Herkunft
verheimlichen wollen. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 241).
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Vgl. Wittgensteins Eintragung im MS 154 1r (1931): „Eine Beichte muß ein Teil des neuen Lebens sein.“ (Zit.
nach VB, S. 40).
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[144] Francis: Sidney George Francis Skinner: Geb. 9.6.1912, South Kensington; gest. 11.10.1941, Cambridge.
Skinner kam 1930 als Mathematikstudent nach Cambridge, wo er Wittgenstein kennenlernte. Trotz seiner hohen
Begabung – er erhielt 1931 ein „first class“ im ersten Teil der „Mathematics Tripos“ und 1933 ein weiteres „first
class“ im zweiten Teil – verzichtete er auf eine akademische Laufbahn, um in Wittgensteins Sinn ein Handwerk zu
erlernen. Zur Bestürzung seiner Familie nahm Francis eine Lehrstelle in der Cambridge Scientific Instrument
Company an und wechselte später auf die Firma Pye über. Von 1933 bis 1941 (dem Jahr, in dem Francis an
Poliomyelitis starb) war er der engste Freund Wittgensteins und bewohnte mit ihm eine Zeitlang eine Wohnung in
der East Road in Cambridge. Die beiden unternahmen des öfteren gemeinsame Reisen, Skinner besuchte im Herbst
1937 (vom 18.9.-1.10.) Wittgenstein in Norwegen. In ihrer Beziehung spielte Wittgensteins philosophische Arbeit
eine große Rolle: 1934/35 diktierte Wittgenstein Skinner das „Braune Buch“, doch es ist anzunehmen, daß sich die
Niederschrift auch aus den gemeinsamen Dialogen der Freunde entwickelte. (Vgl. Fania Pascal, in Porträts und
Gespräche, S. 49-54). Skinner war von stillem, bescheidenem Wesen und fügte sich Wittgenstein fast „blindlings“.
Sein Tod löste in diesem Schuldgefühle aus: vgl. folgende Eintragung Wittgensteins vom 28.12.1941 im MS 125:
„Denke viel an Francis, aber immer nur mit Reue wegen meiner Lieblosigkeit; nicht mit Dankbarkeit. Sein Leben
und Tod scheint mich nur anzuklagen, denn ich war in den letzten 2 Jahren seines Lebens sehr oft lieblos und im
Herzen untreu gegen ihn. Wäre er nicht so unendlich sanftmütig und treu gewesen, so wäre ich gänzlich lieblos
gegen ihn geworden.“ (Zit. nach Monk, S. 625).
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eine schöne & rührende Antwort:
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Vgl. Hänsels Brief vom 15. Nov. 1936 an Wittgenstein in Hänsel, S. 136f.
Page 137
Mining: Hermine Wittgenstein: Geb. 1.12.1874, Eichwald bei Teplitz, Böhmen; gest. 11.2.1950, Wien.
Älteste Schwester von Ludwig Wittgenstein, die nach einer Figur von Fritz Reuters Roman Ut mine Stromtid („Das
Leben auf dem Lande“, 3 Teile. Wismar: Hinstorrf’sche Hofbuchhandlung 1863-64) „Mining“ genannt wurde. Sie
blieb unverheiratet und wurde nach dem Tod von Karl Wittgenstein faktisch zum Familienoberhaupt. Sie sorgte sich
in mütterlicher Weise um ihre jüngeren Geschwister, insbesondere um Ludwig, dessen Wohl ihr sehr am Herzen lag.
Dieser bemerkte gegenüber Rush Rhees einmal, daß Hermine unter seinen Geschwistern „bei weitem die tiefste“
sei. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 7).
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[146] Anna Rebni: (1869-1970). Bauersfrau in Skjolden, mit Wittgenstein befreundet. Sie war Lehrerin in Oslo,
kehrte aber 1921 wieder nach Skjolden zurück, wo sie einen Bauernhof – den „Eide-Hof“ – bewirtschaftete und ab
1925 die dortige Jugendherberge übernahm. Als Wittgenstein im Sommer 1937 von Cambridge nach Skjolden
zurückkehrte, wohnte er eine Zeitlang – vom 16. bis zum 24. August – im Haus von Anna Rebni. Wittgenstein war
Anna Rebni herzlich zugetan, und als durch ein Mißverständnis die gute Beziehung der beiden getrübt war, machte
er über seinen Kummer Aufzeichnungen in seinen Tagebüchern. (Vgl. seine Eintragungen vom 15. und 16. Nov.
1937 (MS 119), vom 20. und 27. Nov. wie auch vom 7. und 9. Dez. 1937 (MS 120).
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Arne Draegni: Arne Thomasson Draegni: Geb. 21.9.1871, Skjolden; gest. 4.1.1946, Skjolden. Bauer auf
einem der Bolstad-Höfe. Zur Ortschaft Bolstad gehörten mehrere, verstreut liegende Bauernhöfe. Arne Draegni war
der Bruder von Halvard Draegni und Inga Sofia Thomasdotter Draegni, die Hans Klingenberg heiratete und unter
dem Namen Sofia Klingenberg bekannt ist. Arne Draegni war einer der Menschen in Skjolden, mit denen
Wittgenstein nach seinem norwegischen Aufenthalt von 1936/37 engen brieflichen Kontakt pflegte. (Vgl.
Wittgenstein and Norway, letters Nr. 43, 44, 46, 48).
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In einem Brief vom 18.7.1946 an Anna Rebni zeigt sich Wittgenstein bestürzt über den Tod von Arne
Draegni und schreibt: „I was extremely sorry to hear of Arne Draegni’s death. He was the best friend I had in
Skjolden.“(Vgl. Wittgenstein and Norway, Brief Nr. 49).
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[148] Bergen: Wittgenstein kam bereits im September 1913 – gemeinsam mit seinem Freund David Pinsent – nach
Bergen, wo er für zwei Nächte im Hotel Norge übernachtete, bevor er nach Öistesö aufbrach. (Vgl. A Portrait of
Wittgenstein As A Young Man. From the Diary of David Hume Pinsent 1912-1914. Edited by G. H. von Wright.
Oxford: Basil Blackwell, 1990).
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Skjolden: Nach seinem ersten Aufenthalt in Norwegen im September 1913 entschloß sich Wittgenstein im
Oktober desselben Jahres zu einem längeren Aufenthalt, um in der Einsamkeit über Fragen der Logik nachzudenken.
Mitte Oktober ließ er sich in Skjolden, einer kleinen Ortschaft am Sogne-Fjord, nordöstlich von Bergen, nieder.
Zunächst wohnte er in einem Gasthof, später bei dem Postmeister Hans Klingenberg, dessen Frau Sofia und deren
Tochter Kari. Weiters fand er Freunde in Anna Rebni, Halvard Draegni und dem damals 13 Jahre alten Schüler Arne
Bolstad. Am 26. März kam George Edward Moore für ca. zwei Wochen (Ende März bis Mitte April) nach Norwegen
und Wittgenstein diktierte ihm die Ergebnisse seiner Arbeit über Logik, die als Notes dictated to Moore
veröffentlicht sind. Im Frühjahr 1914 begann Wittgenstein mit dem Bau einer Hütte oberhalb des Eidsvatnet Sees,
die er im Sommer 1921, anläßlich seiner nächsten Reise nach Norwegen mit Arvid Sjögren, zum ersten Mal bezog.
(Vgl. Monk, S. 85ff., S. 93ff. und Nedo, S. 353. Vgl. auch Wittgenstein and Norway, S. 84ff.)
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Im Sommer 1931 verbrachte Wittgenstein wiederum ein paar Wochen in Skjolden,
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eine Zeitlang davon in Gesellschaft von Marguerite Respinger. Im August 1936 entschloß er sich für einen längeren
Aufenthalt, der bis zum Dezember 1937 dauern sollte. Dort schrieb er die erste Version der Philosophischen
Untersuchungen. Zu Weihnachten 1936 reiste Wittgenstein nach Wien, anschließend nach Cambridge, wo er bis
Ende Jänner blieb und dann nach Norwegen zurückkehrte. Im Mai 1937 fuhr er wieder nach Österreich, danach nach
England und kehrte um den 9. August nach Norwegen zurück.
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Hotell: richtig: Hotel.
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Bibel: Es ist anzunehmen, daß Wittgensteins Interesse an der Bibel durch seine Lektüre von Tolstois
Büchlein Kurze Darlegung des Evangelium geweckt wurde. Diese Schrift hatte er während des Ersten Weltkrieges
auf einer Dienstreise nach der galizischen Stadt Tarnow in einem Buchladen gekauft und sie wurde ihm zum
unentbehrlichen Begleiter während der Kriegsjahre. Als er später zu einer Artillerie-Ausbildung in Olmütz stationiert
war und es zu abendlichen Treffen im Hause Engelmann kam, wurde auch in der Bibel, vor allem im Neuen
Testament, gelesen. Dabei soll Wittgenstein darauf bestanden haben, dies auf lateinisch zu tun. (Vgl. McGuinness,
S. 394). Aus seinen Zitaten im vorliegenden Tagebuch geht hervor, daß er sich des öfteren auf eine Übersetzung
nach Martin Luther bezog. (Vgl. Kommentar zu S. 124 und S. 220).
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[149] Lessing: Gotthold Ephraim Lessing: Geb. 22.1.1729, Kamenz (Bezirk Dresden); gest. 15.2.1781,
Braunschweig.
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Wittgenstein spielte mit seiner Äußerung wahrscheinlich auf Lessings Erziehung des Menschengeschlechts
an, wo Lessing sich mit der Bibel auseinandersetzt. Vgl. eine andere Eintragung Wittgensteins, wo er auf Lessings
Auseinandersetzung mit der Bibel Bezug nimmt:
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„Ich lese in Lessing: (über die Bibel) ‚Setzt hierzu noch die Einkleidung und den Stil ......, durchaus voll
Tautologien, aber solchen, die den Scharfsinn üben, indem sie bald etwasanderes zu sagen scheinen, und doch das
nämliche sagen, bald das nämliche zu sagen scheinen, und im Grunde etwas anderes bedeuten oder bedeuten
können: ...‘“
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(Vgl. dazu Lessing, Die Erziehung des Menschengeschlechts, § 48-49.)
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(MS 110 5: 12.12.1930, zit. nach VB, S. 33).
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[153] [Bemerkg im Band XI.]:
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Im Band XI bzw. MS 115 konnte zwar keine eindeutig entsprechende Stelle gefunden werden, doch in den
PU finden sich Bemerkungen ähnlicher Art: vgl. § 105-109.
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[155] Paul: Paul Wittgenstein: Geb. 5.11.1887, Wien; gest. 3.3.1961, Manhasset (New York); Pianist. Viertältester
Bruder von Ludwig Wittgenstein. Von großer musikalischer Begabung; nachdem er im Ersten Weltkrieg seinen
rechten Arm verloren hatte, spielte er weiterhin, mit nur einer Hand, Klavier und trat sogar in
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Konzerten auf. Er ließ mehrere Komponisten wie Maurice Ravel, Franz Schmidt, Richard Strauss, Sergej Prokofieff
und Josef Labor Klavierkonzerte schreiben, von denen Ravels Klavierkonzert in d-Moll für die linke Hand wohl das
bekannteste sein dürfte. In der Zeit der Judenverfolgung emigrierte Paul in die Vereinigten Staaten. No. databases:
1873
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der Elektrischen: = der Straßenbahn. Umgangssprachlich, veraltet, vor allem im Wiener Dialekt. Nicht klar
leserlich, ob klein- oder großgeschrieben.
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Jérome: Jerome Stonborough: Geb. 7.12.1873, New York; gest. 15.6.1938, Wien. Dr. der Chemie. Gatte von
Margarete Wittgenstein (vgl. Kommentar zu S. 28).
Page 140
[156] Mendelsohn: richtig: Mendelssohn: Felix Mendelssohn-Bartholdy: Geb. 3.2.1809, Hamburg; gest. 4.11.1847,
Leipzig. Enkel von Moses Mendelssohn. Deutscher Komponist. – Wittgensteins Bemerkungen über Mendelssohn
sind vielfältig: im MS 107, S. 72, (1929) schreibt er, daß Mendelssohn „wohl der untragischste Komponist“ sei – in
Zusammenhang damit, daß die Tragödie „etwas unjüdisches“ sei. (zit. nach VB, S. 22). Brahms tue „das mit ganzer
Strenge was Mendelssohn mit halber getan hat“. Brahms sei oft „fehlerfreier Mendelssohn“. (Vgl. MS 154 21v:
1931, zit. nach VB, S. 44f.) Im MS 156b 24v (ca. 1932-1934) schrieb Wittgenstein: „Wenn man das Wesen der
Mendelssohnschen Musik charakterisieren wollte, so könnte man es dadurch tun daß man sagte es gäbe vielleicht
keine schwer verständliche Mendelssohnsche Musik.“ (Zit. nach VB, S. 56).
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Drury gegenüber bemerkte Wittgenstein allerdings, daß Mendelssohns Violinkonzert das letzte große
Violinkonzert sei, das je geschrieben wurde. Im zweiten Satz gebe es eine Stelle, die zu den großartigsten Momenten
der Musik gehöre. (Vgl. Porträts und Gespräche, S. 160).
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Die Bachanten: richtig: Bacchánten: Teilnehmer an den Bacchusfesten; im Mittelalter die fahrenden Schüler,
deren jüngere zum „Schießen“ (Stibitzen) benutzte Gefährten Schützen hießen.
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Da sich bei Mendelssohn kein Werk mit dem Titel „Die Bacchanten“ finden läßt, ist anzunehmen, daß
Wittgenstein sich träumend geirrt hat.
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[158] Unser Gegenstand ist doch sublim:
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Vgl. PU, § 94: „ ‘Der Satz, ein merkwürdiges Ding!’: darin liegt schon die Sublimierung der ganzen
Darstellung. Die Tendenz, ein reines Mittelwesen anzunehmen zwischen dem Satzzeichen und den Tatsachen. Oder
auch, das Satzzeichen selber reinigen, sublimieren, zu wollen. – Denn, daß es mit gewöhnlichen Dingen zugeht, das
zu sehen, verhindern uns auf mannigfache Weise unsere Ausdrucksformen, indem sie uns auf die Jagd nach
Chimären schicken.“
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Vgl. weiters PU, § 38, 89. Vgl. auch MS 157a, S. 130f, 9.2.1937: ‘Der Satz ein merkwürdiges Ding.’: darin
liegt irgendwie schon die Sublimierung der ganzen Darstellung [Betrachtung| Betrachtungsweise], die Tendenz
entweder ein reines,
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sublimes, Mittelwesen zwischen dem groben Satzzeichen & den Tatsachen anzunehmen, oder auch das Satzzeichen
selber quasi reinigen, sublimieren, zu wollen.
Page 141
Denn, daß es ganz hausbacken zugeht, – das zu sehen, verhindert uns unsere Ausdrucksweise. || verhindert
uns auf mannigfache Weise unsere Sprechweise || || das zu sehen, verhindern auf mannigfache Weise unsre
Sprachformen [Ausdrucksformen] indem sie uns auf die Jagd nach Fabelwesen [Chimairen]schicken.“
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des profunden: richtig: des Profunden.
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Seiten 158/159: Zwischen diesen zwei Seiten hat Wittgenstein vermutlich ein Blatt herausgerissen. Allerdings
gibt es im Text keinen Hinweis auf eine fehlende Stelle.
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[159] Erinnere Dich!: diese zwei Worte in Geheimschrift hat Wittgenstein oben in der linken Ecke eingefügt.

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Adam benennt die Tiere: Vgl. die Bibel: Das erste Buch Mosis. Genesis 2, 19 und 20: „Also bildete Gott der
Herr aus Erde alle Tiere des Feldes und alles Geflügel des Himmels, und er führte sie zu Adam, daß er sähe, wie er
sie nennte; denn wie Adam jedes lebende Wesen nannte, so ist sein Name. Und Adam nannte mit gehörigen Namen
alles zahme Vieh und alles Geflügel des Himmels und alle wilden Tiere der Erde; [...]“. (Vgl. Die Heilige Schrift des
Alten und Neuen Testamentes. Aus der Vulgata mit Bezug auf den Grundtext übersetzt von Dr. Joseph Franz von
Allioli. München: Druck von R. Oldenbourg, 1923).
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fromm: Geheimschrift nicht klar leserlich.
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[160] gestolen: richtig: gestohlen.
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[162] Bachtin: Nicholas Bachtin, Philologe, war ein Bruder des bekannten Literaturwissenschaftlers Michail M.
Bachtin (1895-1975). Nicholas arbeitete in den frühen Dreißigerjahren an seiner Dissertation in Cambridge und war
einer von Wittgensteins Freunden, der neben Piero Sraffa, George Thomson und Maurice Dobb einer Gruppe von
Kommunisten/Marxisten angehörte. (Vgl. Monk, S. 343, 347). Nicholas Bachtin lehrte später alte Sprachen in
Southampton und dann in Birmingham, wo er schließlich Dozent der Sprachwissenschaft wurde. Wittgensteins
Wunsch, die Logisch-Philosophische Abhandlung zusammen mit den Philosophischen Untersuchungen zu
veröffentlichen, entstand, als er Bachtin im Jahre 1943 die Gedanken seines ersten Werkes erklärte. (Vgl. Nedo, S.
359). Bachtin starb ein Jahr vor Wittgenstein. Bachtins Witwe Constance bemerkte gegenüber Fania Pascal, daß
Wittgenstein „an Bachtin hing“. In seiner Gegenwart soll er ungewöhnlich fröhlich und glücklich gewirkt haben,
obwohl die beiden in ihrer Einstellung und ihrem Charakter voneinander gänzlich verschieden waren. (Vgl. Porträts
und Gespräche, S. 37f.).
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Ideal: Vgl. VB, S. 61f. Vgl. auch PU, § 101, 103, 105ff.
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Vgl. auch MS 157a, S. 122: „Warum wird denn diese Idee in uns zum Ideal?
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(Oder ist diese Frage nicht in gewissem Sinne unberechtigt: weil wir uns eben an eine Idee festhängen?)
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Warum sage ich, der Satz muß so & so gebaut sein?
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Warum wird denn bei Plato immer geschlossen: also „muß“ es sich auch dort so & so verhalten.“
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[163] das Urbild zu dieser Idee: Vgl. dazu MS 157a und b, wo Wittgenstein sich in ähnlich kritischer Weise mit
dem Begriff des Urbilds (der Platonischen Ideenlehre) bzw. mit dem Begriff der „Idee“ und des „Ideals“
auseinandersetzte. Dort finden sich mehrere Stellen, z. B.: „(Der ideale Name); | Was war es, was an dieser Idee
falsch war? Was, worauf sich unmittelbar zeigen läßt? [...]“ (MS 157a, S. 115).
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Und weiters: „Die Idee das Ideal ‘müsse’ sich in der Realität finden. Während man noch nicht sieht, wie es
sich darin findet; & nicht das Wesen dieses „Muß“ versteht.“ [...] „Das ‘Ideal’ muß jetzt schon seine volle
Anwendung ||Anwendbarkeit|| haben. Und außerhalb dieser ist es Ideal nur sofern es eine Form der Darstellung ist.
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| Woher hast Du dieses ‘Ideal’? Was ist sein Urbild? Denn das ist es ja, was ihm Leben gibt.“ (Vgl. MS 157a,
S. 115f., Eintragungen vom 9.2.1937).
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Vgl. weiters MS 157b, (nach dem 27.2.1937):
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„Zu „Idealer Name“ & Ursprung des Ideals gehört die Bemerkung daß wir die Wörter die der Philosoph in
Metaphysischer Weise verwendet ihrer gewöhnliche<n> Verwendung wieder zuführen Siehe Typescript.“
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In diesem Zusammenhang sei aber auch auf den Tractatus verwiesen, wo Wittgenstein noch von einem
logischen Urbild sprach: vgl. TLP, 3.315, TLP, 3.24.
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hausbacken: Wittgenstein verwendet häufig das Wort „hausbacken“, um auf das Konkrete, Alltägliche im
Gegensatz zu der Vorstellung einer Idee hinzuweisen. Vgl. Phil. Gram., S. 108: „Der Gedanke kann nur etwas ganz
hausbackenes, gewöhnliches, sein. (Man pflegt sich ihn als etwas Ätherisches, Unerforschtes, zu denken; als handle
es sich um Etwas, dessen Außenseite bloß wir kennen, dessen Inneres noch nicht bekannt ist, etwa wie unser
Gehirn.) Man möchte sagen: ‘Der Gedanke, welch ein seltsames Wesen.’ [...]“
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Vgl. auch Phil. Gram., S. 121, Zeile 15: „Wir können leicht, beim Nachdenken über Sprache und Bedeutung,
dahin kommen, zu denken, man redete in der Philosophie eigentlich nicht von Wörtern und Sätzen im ganz
hausbackenen Sinn, sondern in einem sublimierten, abstrakten Sinn. – So als wäre ein bestimmter Satz nicht
eigentlich das, was irgend ein Mensch ausspricht, sondern ein Idealwesen (die ‘Klasse aller gleichbedeutenden
Sätze’, oder dergleichen). Aber ist auch der Schachkönig von dem die Schachregeln handeln ein solches Idealding,
ein abstraktes Wesen? (Über unsre Sprache sind nicht mehr Skrupel gerechtfertigt, als ein Schachspieler über das
Schachspiel hat, nämlich keine.)“
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Vgl. auch Bem. über die Grundlagen der Mathem., S. 266, Zeile 3; S. 291, Zeile 7.
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[164] vom eigentlichen Zeichen:
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Vgl. PU, § 105: „Wenn wir glauben, jene Ordnung, das Ideal, in der wirklichen Sprache finden zu müssen,
werden wir nun mit dem unzufrieden, was man im gewöhnlichen Leben ‘Satz’, ‘Wort’, ‘Zeichen’, nennt.
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Der Satz, das Wort, von dem die Logik handelt, soll etwas Reines und Scharfgeschnittenes sein. Und wir
zerbrechen uns nun über das Wesen des eigentlichen Zeichens den Kopf. – Ist es etwa die Vorstellung vom
Zeichen? oder die Vorstellung im gegenwärtigen Augenblick?“
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Vgl. auch MS 157b, 27.2.37: „Das Mißverständnis, welches zu der Idee führt, der Satz, der eigentliche Satz,
müsse ein reineres Wesen sein, als, was wir für gewöhnlich das „Satzzeichen“ nennen, ist ein sehr
zusammengesetztes.“
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Vgl. auch PU, § 106, 107, 108.
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Glatteis: Vgl. PU, § 107: „[...] Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt, also die Bedingungen in
gewissem Sinne ideal sind, aber wir eben deshalb auch nicht gehen können. Wir wollen gehen; dann brauchen wir
die Reibung. Zurück auf den rauhen Boden!“
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Montgolfieren: durch erwärmte Luft gehobene Luftballons. Erfinder: Étienne Jacques de Montgolfier
(1745-1799) und sein Bruder Michel Joseph de Montgolfier (1740-1810), der auch den Fallschirm, den Stoßheber
und einen Verdampfapparat erfand.
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[165] fallschirmartigen: nicht klar leserlich, ob Groß- oder Kleinschreibung des „f“.

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Koupé: richtig: Coupé. Hier hat Wittgenstein offensichtlich die nach der Rechtschreibreform erfolgten
Änderungen der „c“ vieler Fremdwörter auf „k“ an der falschen Stelle angewandt oder die skandinavische
Schreibweise für „Coupé“ übernommen.
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[166] in Schriften Kierkegaards: „in“ nicht klar leserlich; nur ein Querstrich und ein Punkt sichtbar.
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[167] was immer: nicht klar leserlich, ob Groß- oder Kleinschreibung des „w“.
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[170] der weiß daß das: im Original: „der weiß das ...“
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[171] Die letzte Rede des Mephisto im Lenauschen Faust:
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Nikolaus Lenau (eigentlich Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau): Geb. 13.8.1802, Csatád
(Ungarn; = Lenauheim, Rumänien); gest. 22.8.1850, Oberdöbling ( = Wien). Österr. Dichter. Studierte u.a. in Wien,
wo er mit F. Grillparzer, J.C. Zedlitz, F. Raimund und A. Grün verkehrte. Persönliche Enttäuschung steigerte seine
Schwermut bis zum geistigen Zusammenbruch; ab 1844 war er in einer Heilstätte. Neben Naturlyrik schuf Lenau
auch episch-dramatische
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Dichtungen um monumentale Stoffe der Weltliteratur, u.a. „Die Albigenser“ (1842), sowie Fragmente:
„Faust“(1836) und „Don Juan“ (im Nachlaß). No. databases: 1873
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Wittgenstein äußerte sich mehrmals über Lenau, vgl. dazu:
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„Ich fürchte mich oft vor dem Wahnsinn. Hab ich irgend einen Grund anzunehmen, daß diese Furcht nicht
sozusagen einer optischen Täuschung entspringt: ich halte irgend etwas für einen nahen Abgrund, was keiner ist?
Die einzige Erfahrung von der ich weiß, die dafür spricht, daß dies keine Täuschung ist, ist der Fall Lenaus. In
seinem „Faust“ nämlich finden sich Gedanken der Art, wie ich sie auch kenne. Lenau legt sie in den Mund Fausts,
aber es sind gewiß seine eigenen über sich selbst. Das Wichtigte ist, was Faust über seine Einsamkeit, oder
Vereinsamung sagt.
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Auch sein Talent kommt mir dem meinen ähnlich vor: Viel Spreu – aber einige schöne Gedanken. Die
Erzählungen im Faust sind alle schlecht, aber die Betrachtungen oft wahr & groß.“
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(MS 132 197: 19.10.1946, zit. nach VB, S. 107)
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Am 20. 10. 1946, im MS 132 202, heißt es: „Lenaus Faust ist in sofern merkwürdig, als es der Mensch hier
nur mit dem Teufel zu tun hat. Gott rührt sich nicht. (Zit. nach VB, S. 107).
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Vgl. auch VB, S. 24, 75.
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Peer Gynt: Dramatisches Gedicht von Henrik Ibsen (1828-1906).
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Zu teuer erkauft man das Bißchen Leben mit solch einer Stunde verzehrendem Beben: richtig: „Zu teuer
erkauft man das bißchen Leben / Mit solch einer Stunde verzehrendem Beben.“ Peer Gynt. Ein dramatisches
Gedicht von Henrik Ibsen. Übersetzt von L. Passarge. Zweite umgearbeitete Ausgabe. Leipzig: Reclam jun. Verlag
1887. Zweiter Aufzug. S. 52.
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[173] Gleichnis: Vgl. Wittgensteins Äußerungen über Religion in WWK, S. 117: „Ist das Reden wesentlich für die
Religion? Ich kann mir ganz gut eine Religion denken, in der es keine Lehrsätze gibt, in der also nicht gesprochen
wird. Das Wesen der Religion kann offenbar nicht damit etwas zu tun haben, daß geredet wird, oder vielmehr: wenn
geredet wird, so ist das selbst ein Bestandteil der religiösen Handlung und keine Theorie. Es kommt also auch gar
nicht darauf an, ob die Worte wahr oder falsch oder unsinnig sind.
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Die Reden der Religion sind auch kein Gleichnis; denn sonst müßte man es auch in Prosa sagen könnnen.
Anrennen gegen die Grenze der Sprache? Die Sprache ist ja kein Käfig.“
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fröhlich: Geheimschrift nicht korrekt und nicht klar leserlich; vermutlich wollte Wittgenstein „fröhlich“
schreiben.
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[175] Heuchelei: Geheimschrift wiederum nicht korrekt und nicht klar leserlich; wahrscheinlich „Heuchelei“.
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[176] Grade: unklar, ob Wittgenstein „Grade“ oder „Gnade“ meinte.
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V.: (siehe diplomatische Fassung). Möglicherweise V. in Geheimschrift für E. (Ende), könnte aber auch ein
leeres Einfügungszeichen bedeuten.
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[177] meine Schrift: In Geheimschrift, nur „Schrif“ lesbar. Wahrscheinlich „Schrift“ oder „Schriften“, doch die
letzte Silbe (am Rand der Seite) fehlt.
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G.z.o.: könnte nach Meinung der Herausgeberin „Gott zu opfern“ bedeuten.
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[183] Nicht erklären!- Beschreiben!:
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Vgl. dazu PU, § 109: „Richtig war, daß unsere Betrachtungen nicht wissenschaftliche Betrachtungen sein
durften. Die Erfahrung, ‘daß sich das oder das denken lasse, entgegen unserm Vorurteil’ – was immer das heißen
mag – konnte uns nicht interessieren. (Die pneumatische Auffassung des Denkens.) Und wir dürfen keinerlei
Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches in unsern Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort, und nur
Beschreibung an ihre Stelle treten. Und diese Beschreibung empfängt ihr Licht, d.i. ihren Zweck, von den
philosophischen Problemen. Diese sind freilich keine empirischen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das
Arbeiten unserer Sprache gelöst, und zwar so, daß dieses erkannt wird: entgegen einem Trieb, es mißzuverstehen.
Diese Probleme werden gelöst, nicht durch Beibringen neuer Erfahrung, sondern durch Zusammenstellung des
längst Bekannten. Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer
Sprache.“
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Vgl. auch PU, § 124: „Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache in keiner Weise
antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben.
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Denn sie kann ihn auch nicht begründen.
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Sie läßt alles, wie es ist.
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Sie läßt auch die Mathematik, wie sie ist, und keine mathematische Entdeckung kann sie weiterbringen. Ein
“führendes Problem der mathematischen Logik” ist für uns ein Problem der Mathematik, wie jedes andere.“
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Vgl. weiters PU, § 126: „Die Philosophie stellt eben alles bloß hin, und erklärt und folgert nichts. – Da alles
offen daliegt, ist auch nichts zu erklären. Denn, was etwa verborgen ist, interessiert uns nicht.
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„Philosophie“ könnte man auch das nennen, was vor allen neuen Entdeckungen und Erfindungen möglich
ist.“
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Unterwirf dein Herz & sei nicht bös, dass du so leiden musst! Das ist der Rat,den ich mir geben soll: Vgl.
dazu Tolstois Interpretation des ersten Briefes des Johannes, in Kurze Darlegung des Evangelium, „Erste Epistel
Johannis des Theologen“, Kap. III, Vers 19: „Und wer so liebt, dessen Herz ist ruhig, darum, daß er eins geworden
ist mit dem Vater.“ Vers 20: „Wenn sein Herze kämpft, dann unterwirft er sein Herze Gott.“ Vers 21: „Darum, daß
Gott wichtiger ist, als die Wünsche des Herzens. Wenn aber sein Herze nicht kämpft, dann ist er selig.“

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[[185] Wahnsinn: Wittgenstein schrieb häufig über den Wahnsinn und seine Angst davor. Vgl. seine vorhin zitierte
Äußerung in Zusammenhang mit Lenau (zu S.171). Vgl. auch MS 127 77v: 1944, zit. nach VB, S. 91: „Wenn wir im
Leben vom Tod umgeben sind, so auch in der Gesundheit des Verstands vom Wahnsinn.“ [so auch im täglichen
Verstand vom Wahnsinn.]
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Diese Bemerkung ging folgenden Worten voran: „Der Philosoph ist der, der in sich viele Krankheiten des
Verstandes heilen muß, ehe er zu den Notionen des gesunden Menschenverstandes kommen kann.“ (Vgl. dazu:
Bemerk. über die Grundlagen der Mathem., S. 302). Vgl. auch: „Den Wahnsinn muß man nicht als Krankheit
ansehen. Warum nicht als eine plötzliche – mehr oder weniger plötzliche – Charakteränderung? (MS 133 2:
23.10.1946, zit. nach VB, S. 108).
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[187] Bußpsalmen: Unter Psalmen versteht man eine Sammlung von Liedern, inhaltsverschiedenen Gebeten,
Weisheitsgedichten, die den verschiedenen Zeiten der israelitischen Geschichte, verschiedenen Verfassern und
mannigfachen Gelegenheiten ihren Ursprung verdanken. Unter den 150 Psalmen, die in fünf Bücher geteilt sind,
finden sich sieben Bußpsalmen, fünf davon sind von David.
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Möglicherweise bezog sich Wittgenstein auf Martin Luther. Vgl.: „Die sieben Bußpsalmen. Erste
Bearbeitung 1517.“ In: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. 1. Band. Weimar: Hermann Böhlau,
1883, S. 154-220.
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[188] durchzufechten: „f“ und „zu“ übereinander geschrieben; nicht klar leserlich, ob das „zu“ als Einfügung oder
als Überschreibung von „f“ gedacht, daher unklar, ob Wittgenstein „durchfechten“ oder „durchzufechten“ gemeint
hat.
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von von: im Original zweimal hintereinander „von“. (siehe diplomatische Fassung).

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[190] aber ihn suchen das wäre Verwegenheit: Vor diesem Satz schrieb Wittgenstein in Geheimschrift folgende
Worte, die er aber durchstrich: „Lass mich ja nicht vor jenem ‘Wahnsinn’ fliehen!“
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[195] Briefen des Apostel Paulus: Vgl. dazu eine Bemerkung Wittgensteins vom 4.10.1937 im MS 119, S. 71 (zit.
nach VB, S. 69):
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„Die Quelle, die in den Evangelien ruhig & klar [durchsichtig] fließt, scheint in den Briefen des Paulus zu
schäumen. Oder, so scheint es mir. Vielleicht ist es eben bloß meine eigene Unreinheit die hier die Trübung
hineinsieht; denn warum sollte diese Unreinheit nicht das klare verunreinigen können? Aber mir ist es, als sähe ich
hier menschliche Leidenschaft, etwas wie Stolz oder Zorn, was sich nicht mit der Demut der Evangelien reimt. Als
wäre hier doch ein Betonen der eigenen Person, & zwar als religiöser Akt, was dem Evangelium fremd ist. Ich
möchte fragen – & möge dies keine Blasphemie sein – : ‘Was hätte wohl Christus zu Paulus gesagt?’
Page 146
Aber man könnte mit Recht darauf antworten: Was geht Dich das an? Schau, daß Du anständiger wirst! Wie
Du bist, kannst Du überhaupt nicht verstehen, was hier die Wahrheit sein mag.
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In den Evangelien – so scheint mir – ist alles schlichter, demütiger, einfacher. Dort sind Hütten; – bei Paulus
eine Kirche. Dort sind alle Menschen gleich & Gott selbst ein Mensch; bei Paulus gibt es schon etwas wie eine
Hierarchie; Würden, & Ämter. – So sagt quasi mein GERUCHSSINN.“
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(Vgl. auch VB, S. 72).

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[196] Habe Mut & Geduld auch zum Tod, dann wird dir vielleicht das Leben geschenkt: Vgl. dazu eine Eintragung
Wittgensteins vom 4.5.1916, zit. nach Geheime Tagebücher, S. 70:
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„[...] Dann wird für mich erst der Krieg anfangen. Und kann sein – auch das Leben! Vielleicht bringt mir die
Nähe des Todes das Licht des Lebens. [...]“
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[197] Schubert-Lied: Betrittst du wissend meine Vorgebir-ge[...]: nicht ermittelt.

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„Will ich vielleicht [...]“: vermutlich meinte Wittgenstein „Weil ich ...“
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[199] alles ist tot: ab hier bis einschließlich „die volle Wahrheit“ mit langen Linien kreuz und quer gestrichen.
(siehe diplomatische Fassung).
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das blosse ‘Ende des Lebens’erlebt man ja nicht...: Vgl. Tractatus, 6.4311: „Der Tod ist kein Ereignis des
Lebens. Den Tod erlebt man nicht.“
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[202] diesem Zustand: im Original: „driesem Zuhganw“: offensichtlich setzte Wittgenstein irrtümlicherweise zuerst
das „r“ aus der Geheimschrift für ein „i“, wie er auch bei „Zustand“ anstelle von „st“ „hg“ und anstelle von „d“ ein
„w“ schrieb.(siehe diplomatische Fassung).

Page 147
[203] Luther hätte geschrieben, die Theologie sei die "Grammatik des Wortes Gottes", der heiligen Schrift:
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Vgl. dazu Wittgenstein in den PU, § 373: „Welche Art von Gegenstand etwas ist, sagt die Grammatik.
(Theologie als Grammatik.)“
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ausser als: bis zum Rand der Seite nur „ausse“ lesbar.
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Ich will sagen [...]: In Geheimschrift, darüber aber von Wittgensteins Hand die Entzifferung in Normalschrift.
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[205] zur ‘klingenden Schelle‘ geworden: Vgl. die Bibel, Korinther 1, 13.
Page 147
[206] Gott besser es: nicht klar leserlich, bis zum Rand der Seite nur „besser“ zu lesen.
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[207] Joh. Bolstad: Johannes Johannesson Bolstad: Geb. 7.11.1888, Skjolden; gest. 16.6.1961, Skjolden.
Zweitältester Sohn von Johannes Johannesson Bolstad (1843-1930), auf dessen Land Wittgenstein seine Hütte
gebaut hatte. Der Sohn, gleichen Namens, war zuerst Seefahrer und emigrierte 1907 in die USA. Dort arbeitete er
mehrere Jahre auf einer Farm in Wisconsin und kehrte 1929 zurück nach Norwegen – nach Luster. Er übernahm den
Rest des bäuerlichen Anwesens der Bolstads, d.h. den Teil, der 1919 von seinem Bruder Halvard nicht übernommen
worden war. Johannes Bolstad war einer der Brüder von Arne Bolstad, dem Wittgenstein bereits 1921 seine Hütte
vermacht hatte.
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Frk: norweg. Abkürzung für „Froeken“ bzw. „Fräulein“.
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tod sein: richtig: tot sein.
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[209] erst muß man leben, - dann kann man auch philosophieren: Vgl. Aristoteles: „primum vivere deinde
philosophari“.
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[210] hier her: im Original als ein Wort, dann aber durch einen Querstrich getrennt.
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Wieviel leichter ist es doch noch, [...]: nicht klar leserlich, ob „noch“ oder „auch“.
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[212] den ich jetzt schon sehe: im Original: denn ich jetzt schon sehe.
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[214] Einmal sagst Du nun: "Gott hat die Welt erschaffen": Vgl. dazu Wittgensteins Gespräche mit dem Wiener
Kreis: auf die Frage Waismanns, ob das Dasein der Welt mit dem Ethischen zusammenhänge, antwortete
Wittgenstein: „Daß hier ein Zusammenhang besteht, haben die Menschen gefühlt und das so ausgedrückt: Gottvater
hat die Welt erschaffen, Gott-Sohn (oder das Wort, das von Gott ausgeht) ist das Ethische. Daß man sich die
Gottheit gespalten und wieder als eines denkt, das deutet an, daß hier ein Zusammenhang besteht.“
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(Mittwoch, 17.Dezember 1930, Neuwaldegg. Zit. nach Wittgenstein und der Wiener Kreis, S. 118).
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[215] Factum: nicht klar leserlich, ob „Factum“ oder „Faktum“.
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[216] „ein reines Herz“: Vgl. Matthäus 5, 8: „Selig sind, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott
anschauen.“(Vgl. Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes. München: R. Oldenbourg, 1923).
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[218] dieses Wort: damit ist „Gott“ in der oberen Zeile gemeint. Mit einem Pfeil hat Wittgenstein darauf
hingewiesen.
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[220] „Glaubt daran, daß ihr nun ausgesöhnt seid, & sündiget
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‘hinfort nicht mehr’!“: Wahrscheinlich bezog sich Wittgenstein auf die Heilung eines Kranken am Sabbat in
Johannes, Kapitel 5, 14 oder die Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin in Johannes, Kapitel 8, 11 in der Übersetzung
von Martin Luther: vgl. Johannes 5, 14: „Danach fand ihn [den Geheilten] Jesus im Tempel und sprach zu ihm.
Siehe zu, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, daß dir nicht etwas Ärgeres widerfahre.“ Vgl. auch
Johannes, Kapitel 8, 11: „[...] Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort
nicht mehr.“
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Vielleicht spielte Wittgenstein aber auch auf das Kapitel „In der Zuversicht der Heilsgnade“ (Römer, 5 und 6)
an, wo von der Versöhnung die Rede ist, die wir durch Christus erlangt haben und von der Gnade, die uns von der
Sünde befreit hat.
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[221] Max: Dr. Max Salzer: Geb. 3.3.1868, Wien; gest. 28.4.1941, Wien. Sektionschef. Gatte von Wittgensteins
Schwester Helene, mit der er vier Kinder hatte: Felix, Fritz, Marie und Clara.
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[222] reluctantly: engl.: widerstrebend, widerwillig, zögernd.
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[224] meine Mama: Leopoldine (Poldy) Wittgenstein, geb. Kallmus: Geb. 14.3.1850, Wien; gest. 3.6.1926, Wien.
Leopoldine war eine feinsinnige Frau, deren Liebe vor allem der Musik galt. Sie spielte ausgezeichnet Klavier und
Orgel und galt dabei als strenge Kritikerin. Rudolf Koder behauptete, daß sie besser Klavier spielte als alle anderen
Mitglieder der Familie, selbst als ihr Sohn Paul, der Pianist (Mitteilung von John Stonborough an die Herausgeberin,
2.4.1993). Hermine Wittgenstein schrieb in ihren Familienerinnerungen: „Wenn ich aus eigener Anschauung über
meine Mutter sprechen soll, so leuchten mir als die hervorstechendsten Züge ihres Wesens ihre Selbstlosigkeit, ihr
hohes Pflichtgefühl, ihre Bescheidenheit, die sie fast sich auslöschen liess, ihre Fähigkeit des Mit-Leidens und ihre
große musikalische Begabung entgegen. [...] Die Musik war gewiss auch das schönste Bindeglied zwischen ihr und
ihren Kindern, später auch ihren Enkeln. [...] Ich sah oder fühlte aber doch deutlich, daß meine Mutter geradlinig tat,
was sie als recht und gut erkannt hatte, und dass sie dabei nie ihre eigenen Wünsche im Auge hatte, ja gar keine zu
haben schien. [...] Sie schonte sich nie, ja sie war sehr hart gegen sich selbst und verheimlichte besonders vor ihrem
Mann und vor ihrer Mutter jeden Schmerz.[...]“ (Familienerinnerungen, S. 90-92).
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[225] Charfreitag: veraltetete Schreibweise für Karfreitag.
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[227] Keine Pagina von Wittgenstein, da Text im oberen Rand der Seite eingefügt.
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[228] Oben rechts in der Ecke Datum vom „27.3.“ eingefügt, durch Markierung vom Text abgehoben.
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[229] nach Russland: richtig: Rußland. Im September 1935 war Wittgenstein nach Rußland gereist – in der
Absicht, sich dort eine Arbeitsstelle zu beschaffen und für längere Zeit zu bleiben. Als ihm jedoch nur eine
akademische Stelle an einer Universität geboten wurde, während er sich eine einfache Arbeit in einer Kolchose
vorgestellt hatte, verließ er Rußland bereits Anfang Oktober. Über die Gründe seiner Rußlandreise vgl. Monk, S.
342f., S. 347f., S. 354.
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Vgl. auch Wittgensteins Brief an Keynes vom 6.Juli 1935:
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„ [...] Ich bin sicher, daß Du meine Gründe für den Wunsch, nach Rußland zu gehen, zum Teil verstehst, und
ich gebe zu, daß es teilweise schlechte und sogar kindische Gründe sind, aber es stimmt auch, daß hinter all dem
tiefe und sogar gute Gründe stehen.“(Vgl. Briefe, S. 191f.).
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Der Wunsch, nach Rußland zurückzukehren, schien Wittgenstein auch später noch beschäftigt zu haben.
Vgl. seinen Brief vom 21. Juni 1937 an Paul Engelmann: [...] „Ich bin jetzt auf kurze Zeit in England; fahre vielleicht
nach Rußland.“ [...] (Vgl. Briefe, S. 206).
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nach Irland: Im August 1936 hatte Wittgenstein für einige Tage seinen Freund Maurice O’ Connor Drury in
Dublin besucht. Er hegte zu der Zeit den Gedanken, Medizin zu studieren und dann gemeinsam mit Drury eine
Praxis zu eröffnen. Später reiste er noch des öfteren nach Irland (in den Jahren 1947, 1948 und 1949), wo er
entweder in Dublin im Ross’s Hotel wohnte oder, 1948, in einem Bauernhaus in Red Cross in der Grafschaft
Wicklow und anschließend in Drury’s einsamer Ferien-Cottage in Rosro an der Westküste von Connemara. Dort
schrieb er am MS 137, „Band R“, dessen zweiter Teil, zusammen mit dem MS 138, zum größten Teil in den Letzten
Schriften über die Philosophie der Psychologie, veröffentlicht ist. (Vgl. Nedo, S. 358, 360).

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[230] mein norwegischer Aufenthalt:
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Vgl. dazu eine Eintragung Wittgensteins vom 19.8.1937 im MS 118, S. 5f.:
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„Ich fühle mich sehr seltsam; ich weiß nicht ob ich ein Recht oder einen guten Grund habe, jetzt hier zu
leben. Ich habe kein wirkliches Bedürfnis nach Einsamkeit, noch einen überwältigenden Trieb zu arbeiten. Eine
Stimme sagt: warte noch, dann wird es sich zeigen. – Eine Stimme sagt: Du wirst es hier unmöglich aushalten
können; Du gehörst nicht mehr hierher! – Aber was soll ich machen? Nach Cambridge? Dort werde ich nicht
schreiben können. [...] Eines ist klar: ich bin jetzt hier – wie und warum immer ich hierher gekommen bin. So laß
mich mein Hiersein benützen, soweit es geht. [...] D.h. ich kann etwa 6 Wochen dableiben, wie immer meine Arbeit
gehen sollte, habe ich aber nach dieser Zeit keinen klaren Grund anzunehmen, daß ich hier besser arbeite als
anderswo, dann wird es Zeit zu gehen. Möge Gott geben, daß ich die Zeit, welche ich hier bin, gut benütze!“
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[231] meinen Freund: damit ist wohl Francis Skinner gemeint.
Page 150
[232] Du brauchst aber nun Erlösung: Vgl. dazu eine Eintragung Wittgensteins vom 12.12.1937 im MS 120, S. 108
(Code): „[...] Wenn ich aber
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WIRKLICH erlöst werden soll, – so brauche ich Gewißheit – nicht Weisheit, Träume, Spekulation – und diese
Gewißheit ist der Glaube. Und der Glaube ist Glaube an das, was mein Herz, meine Seele braucht, nicht mein
spekulierender Verstand. Denn meine Seele, mit ihren Leidenschaften, gleichsam mit ihrem Fleisch & Blut muß
erlöst werden, nicht mein abstrakter Geist. Man kann vielleicht sagen: Nur die Liebe kann die Auferstehung glauben.
Oder: Es ist die Liebe, was die Auferstehung glaubt.[...]“ (Zit. nach VB, S. 74f.)
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[233] hängst im Himmel: Vgl. die Fortsetzung der vorhin zitierten Stelle: „[...] Was den Zweifel bekämpft, ist
gleichsam die Erlösung. Das Festhalten an ihr muß das Festhalten an diesem Glauben sein. Das heißt also: sei erst
erlöst & halte an Deiner Erlösung (halte Deine Erlösung) fest – dann wirst Du sehen, daß du an diesem Glauben
festhältst. Das kann also nur geschehen, wenn Du dich nicht mehr auf diese [die] Erde stützst, sondern am Himmel
hängst. [...]“
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(MS 120 108 c: 12.12.1937, zit. nach VB, S. 74f.)
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[234] „Du mußt den Vollkommenen lieben über alles,[...]“: Vgl. dazu das „größte“ bzw. „erste Gebot“ der Bibel:
vgl. Matthäus, 22, 37: „Jesus sprach zu ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen,
und aus deiner ganzen Seele, und aus deinem ganzen Gemüte.“ Vgl. auch Lukas, 10, 27 und Markus, 12, 30. (Vgl.
auch Deuteronomium 6, 5).
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[235] geängstet: im Original: geängtet. Richtig: geängstet, geängstigt. (von: ängstig, sich oder jem. ängsten,
ängstigen).
Page 151
nach Wien zu reisen:
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Wittgenstein reiste Anfang Mai nach Wien, von wo er am 2. Juni nach Cambridge aufbrach und bis zum 9.
August blieb. Er diktierte dort eine Überarbeitung der Philosophischen Untersuchungen, das „Typoskript TS 220“.
Am 10. August fuhr er wieder – über London, Bergen, Mjömna – nach Skjolden, wo er am 16. August ankam und
bis Mitte Dezember blieb. (Vgl. Nedo, S. 358).
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beim Aufwachen: im Original: beim Auffwachen.
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Wir sollen ja nur Mißverständnisse beseitigen: Vgl. PU, § 91: „[...] Man kann das auch so sagen: Wir
beseitigen Mißverständnisse, indem wir unsern Ausdruck exakter machen: aber es kann nun so scheinen, als ob wir
einem bestimmten Zustand, der vollkommenen Exaktheit, zustreben; und als wäre das das eigentliche Ziel unserer
Untersuchung.“
Page 151
Vgl. auch PU, § 87, 90, 93, 109, 111, 120.
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das ist ein guter Satz: im Original: daß ist ein guter Satz
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[237] Keiser & Galiläer: Kejser og Galilaeer (norweg.: Übersetzung: Kaiser und Galiläer). „Welthistorisches
Schauspiel“ von Henrik Ibsen (1828-1906), erschienen
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Das Werk besteht aus zwei Schauspielen in je fünf Akten. Caesars frafald (Cäsars Abfall) und Kejser Julian
(Kaiser Julian).
Page 152
[238] Pedantrie: richtig: Pedanterie.
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verunglücken: im Original wegen Trennung „verunglükken“.
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[239] historischen Tatsache:
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Vgl. dazu: „Das Christentum gründet sich nicht auf eine historische Wahrheit, sondern es gibt uns eine
(historische) Nachricht & sagt: jetzt glaube! Aber nicht glaube diese Nachricht mit dem Glauben, der†1 zu einer
geschichtlichen Nachricht gehört, – sondern: glaube, durch dick & dünn & das kannst Du nur als Resultat eines
Lebens. Hier hast Du eine Nachricht! – verhalte Dich zu ihr nicht, wie zu einer andern historischen Nachricht!
Laß sie eine ganz andere Stelle in Deinem Leben einnehmen. – Daran ist nichts Paradoxes!“
Page 152
(MS 120 83 c: 8.- 9.12.1937, zit. nach VB, S. 72).
Page 152
Nicht daß man...: im Original: Nicht das man ...
Page 152
[...] & in der Früh: & nicht klar leserlich.
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[240] ich vegetiere: Vgl. dazu Wittgensteins Eintragungen in seinem Tagebuch zur Zeit des Krieges, wo er sich in
ähnlicher Weise Vorwürfe wegen seiner „primitiven“ Bedürfnisse machte:
Page 152
„Ich werde von Zeit zu Zeit zum Tier. Dann kann ich an nichts denken als an Essen, Trinken, Schlafen.
Furchtbar! Und dann leide ich auch wie ein Tier, ohne die Möglichkeit innerer Rettung. Ich bin dann meinen
Gelüsten und meinen Abneigungen preisgegeben. Dann ist an ein wahres Leben nicht zu denken.“(29.7.16, Geheime
Tagebücher, S. 74.)
Page 152
[241] beängstigt: nicht klar leserlich, ob „beänztigt“ oder „beängtigt“.
Page 152
29.4.: 9 und 8 übereinandergeschrieben; nicht klar leserlich, welche Zahl Wittgenstein schließlich lassen
wollte.
Page Break 153
Page Break 154

Literaturverzeichnis:
Primärliteratur:
Page 154
Ludwig Wittgenstein. Werkausgabe in 8 Bänden. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990.
Page 154
Tractatus-logico-philosophicus. Werkausgabe Bd. 1. (= TLP)
Page 154
Philosophische Untersuchungen. Werkausgabe Bd. 1. (= PU)
Page 154
Tagebücher 1914-1916. Werkausgabe Bd. 1 (= Tagebücher)
Page 154
Philosophische Bemerkungen. Werkausgabe Bd. 2. (= Phil. Bem.)
Page 154
Wittgenstein und der Wiener Kreis. Werkausgabe Bd. 3. (= WWK)
Page 154
Philosophische Grammatik. Werkausgabe Bd. 4. (= Phil. Gram.)
Page 154
Das Blaue Buch. Werkausgabe Bd. 5
Page 154
Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik. Werkausgabe Bd. 6 (= Bem. über die Grundlagen der
Mathem.)
Page 154
Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie. (= Bem. Phil. Psych.)
Page 154
Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie. (= LS)
Page 154
Über Gewißheit. (= ÜG)
Page 154
Zettel. (= Zettel)
Page 154
Ludwig Wittgenstein. Geheime Tagebücher 1914-1916. Herausgegeben und dokumentiert von Wilhelm
Baum. Vorwort von Hans Albert. Wien: Turia & Kant 1991.(= Geh.TB)
Page 154
Ludwig Wittgenstein. Vermischte Bemerkungen. Eine Auswahl aus dem Nachlaß. Herausgegeben von Georg
Henrik von Wright unter Mitarbeit von Heikki Nyman. Neubearbeitung des Textes durch Alois Pichler. Frankfurt am
Main: Suhrkamp 1994. (= VB)
Page 154
Ludwig Wittgenstein. Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften. Hrsg. von Joachim Schulte.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989.
Page 154
Ludwig Wittgenstein. Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychoanalyse und religiösen Glauben.
Zusammengestellt und herausgegeben aus Notizen von Yorick Smythies, Rush Rhees und James Taylor von Cyril
Barrett. Deutsche Übersetzung von Ralf Funke. Düsseldorf und Bonn: Parerga, 1994.
Page 154
Wittgenstein’s Lectures. Cambridge 1930-1932. Edited by Desmond Lee. Oxford: Basil Blackwell, 1980.
Paperback edition 1982.
Page Break 155

Briefe:
Page 155
Ludwig Wittgenstein. Briefe an Ludwig von Ficker. Herausgegeben von Georg Henrik von Wright unter
Mitarbeit von Walter Methlagl. Salzburg: Otto Müller Verlag 1969.
Page 155
Ludwig Wittgenstein. Briefe. Briefwechsel mit B. Russell, G.E. Moore, J.M. Keynes, F.P. Ramsey, W. Eccles,
P. Engelmann und L. von Ficker. Frankfurt am Main: Wissenschaftliche Sonderausgabe Suhrkamp Verlag 1980. (=
Briefe)
Page 155
Engelmann, Paul: Ludwig Wittgenstein. Briefe und Begegnungen. Herausgegeben von Brian McGuinness.
Wien und München: R. Oldenbourg 1970. (= Engelmann)
Page 155
Ludwig Hänsel – Ludwig Wittgenstein. Eine Freundschaft. Briefe. Aufsätze. Kommentare. Herausgegeben
von Ilse Somavilla, Anton Unterkircher und Christian Paul Berger. Innsbruck: Haymon Verlag 1994. (= Hänsel)
Page 155
Malcolm, Norman: Ludwig Wittgenstein. A Memoir. With a Biographical Sketch by G.H. von Wright.
Second edition with Wittgenstein’s letters to Malcolm. Oxford, New York: Oxford University Press 1984. (=
Malcolm)
Page 155
Pinsent, David Hume: Reise mit Wittgenstein in den Norden. Tagebuchauszüge. Briefe. Hrsg. von G.H. von
Wright mit einer Einführung von Anne Pinsent Keynes sowie einem Nachwort von Allan Janik. Aus dem
Englischen von Wolfgang Sebastian Baur. Wien, Bozen: Folio Verlag 1994. (= Pinsent)
Page 155
Wittgenstein. Familienbriefe. Herausgegeben von Brian McGuinness, Maria Concetta Ascher, Otto
Pfersmann. Schriftenreihe der Wittgenstein-Gesellschaft. Band 23. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1996
Page Break 156

Sekundärliteratur:
Page 156
McGuinness, Brian: Wittgensteins frühe Jahre. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main:
Suhrkamp 1988. (=McGuinness)
Page 156
Huitfeldt, Claus: „Das Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen. Hintergrund und erster Arbeitsbericht“.
In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr. 10/1991, S. 93-106.
Page 156
Koder, Johannes: „Verzeichnis der Schriften Ludwig Wittgensteins aus dem Nachlaß Rudolf und Elisabeth
Koder“. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr.12/1993, S. 52-54.
Page 156
Monk, Ray: Ludwig Wittgenstein. The Duty of Genius. New York: Penguin Books, 1990. (= Monk)
Page 156
Ludwig Wittgenstein. Sein Leben in Texten und Bildern. Hrsg. von Michael Nedo und Michele Ranchetti.
Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983. (=Nedo)
Page 156
Wittgenstein and Norway. Hrsg. von Kjell S. Johannessen, Rolf Larsen, Knut Olav Amas. Oslo: Solum
Verlag 1994.
Page 156
Ludwig Wittgenstein: Porträts und Gespräche. Hrsg. von Rush Rhees.
Page 156
Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1992. (=Porträts)
Page 156
Von Wright, Georg Henrik: Wittgenstein. Oxford: Basil Blackwell 1982.
Page 156
Wittgenstein, Hermine: Familienerinnerungen. Wien, Hochreit, Gmunden 1944-1947. Typoskript. (=
Familienerinnerungen)
Page Break 157

Personenregister
Page 157
Das Personenregister bezieht sich auf die im Tagebuch und im Kommentar genannten Personen. Verfasser
von im Kommentar erwähnter Sekundärliteratur sind nicht berücksichtigt.
Die Zahlen bedeuten die Seitenzahlen des Bandes der normalisierten Fassung.
Page 157
Adam: 75, 141
Page 157
Anzengruber, Ludwig: 129
Page 157
Augustinus: 41, 125
Page 157
Bachtin, Constance: 141
Page 157
Bachtin, Michail M.: 141
Page 157
Bachtin, Nicholas: 76, 141
Page 157
Baumayer, Marie: 111
Page 157
Beethoven, Ludwig von: 21, 39, 42, 53, 109, 110, 115, 123, 126
Page 157
Bolstad, Arne: 138, 148
Page 157
Bolstad, Halvard: 148
Page 157
Bolstad, Johannes: 92, 148
Page 157
Boltzmann, Ludwig: 112
Page 157
Brahms, Johannes: 22, 38, 44, 55f., 111, 115, 132, 140
Page 157
Bruckner, Anton: 22, 44, 55f., 110f., 128
Page 157
Busch, Wilhelm: 130
Page 157
Casals, Pablo: 111
Page 157
Chambrier, Benoît de: 108
Page 157
Chamisso, Adelbert von: 33, 119
Page 157
Chopin, Frédèric: 115
Page 157
Claudius, Matthias: 51, 130
Page 157
Cumae, Sybille von: 50, 130
Page 157
Dahn, Felix: 130
Page 157
Darwin, Charles: 114
Page 157
David: 85, 146
Page 157
Dobb, Maurice: 141
Page 157
Dostojewski, Fjodor: 46, 58, 91, 125, 128f.
Page 157
Draegni, Arne: 70, 138
Page 157
Draegni, Halvard: 138
Page 157
Drury, Maurice O’Connor: 125, 126, 134, 140, 150
Page 157
Ebner-Eschenbach, Marie von: 28, 38f., 116
Page 157
Einstein, Albert: 25, 114
Page 157
Emerson, Ralph Waldo: 58, 132f.
Page 157
Engelmann, Ernestine: 126
Page 157
Engelmann, Paul: 43, 116, 122, 126f., 136, 150
Page 157
Ernst, Paul: 46, 128
Page 157
Ficker, Ludwig von: 116, 125
Page 157
Frazer, James George, Sir: 136
Page 157
Frege, Gottlob: 112
Page 157
Freiligrath, Ferdinand: 130
Page 157
Freud, Sigmund: 21, 24f., 28, 34, 68, 109f., 121
Page 157
Geibel, Emanuel: 130
Page 157
Goethe, Johann Wolfgang: 110
Page 157
Grimm, Gebrüder: 128
Page 157
Groag, Heinrich: 126
Page Break 158

Page 158
Hamann, Johann Georg: 40f., 124
Page 158
Hänsel, Ludwig: 69, 116, 122, 125, 136, 137
Page 158
Haydn, Josef: 53, 132
Page 158
Herrmann, Rosalie: 50, 130
Page 158
Hertz, Heinrich: 112
Page 158
Ibsen, Henrik: 79, 103, 144
Page 158
Joachim, Joseph: 111
Page 158
Johannes: 145, 149
Page 158
Keller, Gottfried: 38, 122
Page 158
Keynes, John Maynard: 20, 109, 150
Page 158
Kierkegaard, Sören: 41, 43, 54, 61, 66, 77, 81, 91, 94, 132
Page 158
King, John: 129
Page 158
Kleist, Heinrich von: 42, 125f.
Page 158
Klingenberg, Hans: 138
Page 158
Klingenberg, Inga Sofia: 138
Page 158
Klingenberg, Kari: 138
Page 158
Koder, Rudolf: 149
Page 158
Kopernikus: 25, 113f.
Page 158
Kraus, Karl: 28, 45, 53, 55, 91, 112, 116f., 126
Page 158
Labor, Josef: 38f., 111, 122f., 140
Page 158
Lenau, Nikolaus: 79, 110, 143f., 146
Page 158
Lessing, Gotthold Ephraim: 71, 139
Page 158
Lichtenberg, Georg Christoph: 58, 133
Page 158
Loos, Adolf: 28, 112, 116, 126
Page 158
Lukas: 151
Page 158
Luther, Martin: 41f., 90, 135, 139, 146, 147, 149
Page 158
Mahler, Gustav: 47, 129
Page 158
Maisky, Ivan: 109
Page 158
Mann, Thomas: 24, 113
Page 158
Markus: 151
Page 158
Matthäus: 148, 151
Page 158
Mendelssohn-Bartholdy, Felix: 73, 140
Page 158
Mendelssohn, Moses: 41, 124, 140
Page 158
Montgolfier, Étienne Jacques de: 143
Page 158
Montgolfier, Michel Joseph de: 143
Page 158
Moore, Dorothy Mildred: 22, 110
Page 158
Moore, George Edward: 32, 34, 110, 111, 119, 136, 138
Page 158
Mozart, Wolfgang Amadeus: 53, 126
Page 158
Murakami: 30, 117
Page 158
Nietzsche, Friedrich: 35, 122
Page 158
Oberländer, Adolf: 49, 130
Page 158
Pascal, Fania: 136f., 141
Page 158
Pattisson, Gilbert: 30f., 67, 118
Page 158
Paulus: 88, 135, 146f.
Page 158
Pinsent, David: 138
Page 158
Plato: 142
Page 158
Prokofieff, Sergej: 140
Page 158
Quiggin, Alison: 33, 120
Page 158
Quiggin, George: 33, 120
Page 158
Ramsey, Frank Plumpton: 20f., 108, 111
Page 158
Ramsey, Lettice: 31, 67, 118
Page 158
Ravel, Maurice: 140
Page 158
Rebni, Anna: 70, 92, 138
Page Break 159

Page 159
Respinger, Marguerite: 19, 23f., 26f., 29-32, 37, 41f., 59ff., 64, 66ff., 108, 118f., 139
Page 159
Reuter, Fritz: 137
Page 159
Rhees, Rush: 109f. 136f.
Page 159
Rothe: 40, 123
Page 159
Russell, Bertrand: 108, 109, 111, 112
Page 159
Salzer, Felix: 149
Page 159
Salzer, Fritz: 149
Page 159
Salzer, Max: 98, 149
Page 159
Scheffel, Joseph Victor von: 130
Page 159
Schlick, Moritz: 127
Page 159
Schmidt, Franz: 140
Page 159
Schönberg, Arnold: 122
Page 159
Schopenhauer, Arthur: 21, 109, 112
Page 159
Schubert, Franz: 88, 111
Page 159
Schumann, Clara: 28, 38, 111, 115
Page 159
Schumann, Robert: 40, 111, 115
Page 159
Schwind, Moritz von: 130
Page 159
Silesius, Angelus: 41, 125
Page 159
Sjögren, Arvid: 117, 138
Page 159
Sjögren, Carl: 117
Page 159
Sjögren, Clara geb. Salzer: 149
Page 159
Sjögren, Hermine (Mima): 117
Page 159
Sjögren, Talla: 29f., 61, 108, 117, 118
Page 159
Skinner, Francis: 69, 81, 101, 137, 150
Page 159
Soldat-Röger, Marie: 111
Page 159
Spengler, Oswald: 24, 28, 94, 112
Page 159
Spinoza, Baruch de: 51f., 130f., 115
Page 159
Spitzweg, Carl: 130
Page 159
Sraffa, Piero: 112, 141
Page 159
Stockert, Marie von geb. Salzer: 149
Page 159
Stonborough, Jerome: 73, 115, 140
Page 159
Stonborough, John: 115, 136, 149
Page 159
Stonborough, Thomas: 108, 115
Page 159
Strauss, Richard: 140
Page 159
Thomson, George: 141
Page 159
Thoreau, Henry David: 58, 133
Page 159
Tolstoi, Leo: 139
Page 159
Vischer, Robert: 27, 114
Page 159
Vischer, Friedrich Theodor: 27, 114
Page 159
Wagner, Richard: 22, 53, 111, 132
Page 159
Waismann, Friedrich: 148
Page 159
Weininger, Otto: 112
Page 159
Whitehead, Alfred North: 108
Page 159
Wittgenstein, Clara: 29, 111, 117
Page 159
Wittgenstein, Fanny geb. Figdor: 111
Page 159
Wittgenstein, Hermine (Mining): 69f., 73, 130, 137, 149
Page 159
Wittgenstein, Karl: 117
Page 159
Wittgenstein, Kurt: 62, 135
Page 159
Wittgenstein, Leopoldine: 98f., 149
Page 159
Wittgenstein, Paul (Bruder): 73, 139, 149
Page 159
Wittgenstein, Paul (Onkel): 117
Page 159
Wittgenstein, Rudolf: 49, 129f.
Page 159
Wittgenstein-Salzer, Helene: 32, 102, 119, 149
Page 159
Wittgenstein-Stonborough, Margarete (Gretl): 28, 31, 38, 58, 96, 108, 115, 118, 127, 136
Page 159
Wright, Georg Henrik von: 112
Page 159
Zweig, Fritz: 126
Page 159
Zweig, Max: 126
Anmerkungen
Page 8
†1
Seit Frühjahr 1996 ist das Tagebuch von G.H. von Wright in die Reihe von Wittgensteins philosophischen
Manuskripten aufgenommen worden und als MS 183 definiert.
Page 10
†1
Vgl. Johannes Koder: „Verzeichnis der Schriften Ludwig Wittgensteins im Nachlaß Rudolf und Elisabeth
Koder“. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr. 12/1993, S. 52-54.
Page 10
†2
In diesem Punkt stimme ich nicht mit Johannes Koder überein, der – mit Berufung auf G. H. von Wright
– den Ort der Eintragungen Wittgensteins vom 24. September mit Cambridge vermutet. Da Wittgenstein im MS 118
am 18.9. davon schreibt, von Skjolden nach Bergen zu reisen, um Francis Skinner abzuholen, am 22. September
dann notiert, Francis in Bergen abgeholt zu haben und am 1. Oktober ihn wieder zurückbringt, muß er während
dieser Zeit in Norwegen gewesen sein.
Page 10
†3
Die in Normalschrift abgefaßten Tagebücher sind als Tagebücher 1914-1916 publiziert, die in
Geheimschrift in den sogenannten Geheimen Tagebüchern, die von Wilhelm Baum ediert wurden. Vgl. dazu
Wilhelm Baum, ed. Ludwig Wittgenstein. Geheime Tagebücher 1914-1916. Wien, Turia & Kant: 1991, S. 171.
Page 11
†1
Vgl. Claus Huitfeldt: „Das Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen. Hintergrund und erster
Arbeitsbericht“. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr. 10/1991, S. 93-106.
Page 11
†2
Bezeichnung nach MECS-WIT, wo zwischen „normalized version“ und „diplomatic version“
unterschieden wird.
Page 14
†1
Vgl. MS 136 128b: 18.1.1948, zit. nach VB, S. 131: „Ich möchte eigentlich durch fortwährende [meine
häufigen] Interpunktionszeichen das Tempo des Lesens verzögern. Denn ich möchte langsam gelesen werden. (Wie
ich selbst lese.)“
Page 20
†1 [zu Pferden kommen werde, so werde ich sie | zu Pferden komme, werde ich sie]
Page 21
†1 [von ihm. | wenn er es sagte.]
Page 22
†1 [wird | ist]
Page 22
†2 [wäre | bin]
Page 25
†1 [etwa | vielleicht]
Page 25
†2 [Methoden | Gedanken]
Page 27
†1 [Schmutz | Dreck]
Page 28
†1 [dort | dann]
Page 28
†2 [wo | wenn]
Page 30
†1 [beinahe | wenn auch]
Page 32
†1 [wäre.| ist.]
Page 32
†2 [entgegenbringt | entgegenträgt]
Page 33
†1 [ähnlich dem | eine Art]
Page 33
†2 [muß.| soll.]
Page 33
†3 [Großstadt-Zivilisation | großstädtischen Zivilisation]
Page 33
†4 [Gottes.| der Gottheit.]
Page 33
†5 [seine | eine]
Page 33
†6 [zur Ruhe | zum Arbeiten]
Page 34
†1 [Klugheit | Verstand]
Page 34
†2 [so | dahin]
Page 35
†1 [one always makes a fool of oneself | fühlt man immer das man has made a fool of oneself]
Page 37
†1 [als meine Mitmenschen | als die Anderen]
Page 38
†1 [aller | der vergangenen]
Page 38
†2 [eine | gute]
Page 39
†1 [angezündet | verbrannt]
Page 39
†2 [in | mit]
Page 41
†1 [seines | unseres]
Page 41
†2 [der Türken | eines andern]
Page 42
†1 [& | sondern]
Page 43
†1 [dies | dieser]
Page 43
†2 [quasi | gleichsam]
Page 43
†3 [der | ein]
Page 44
†1
[unser ganzes Leben entscheiden kann.| über unser ganzes Leben entscheiden kann.| unser ganzes Leben
bestimmen kann.]
Page 45
†1 [Raum | Raumbegriff]
Page 45
†2 [sind | ist]
Page 45
†3 [es | sie]
Page 45
†4 [erschienen | erschienen sind]
Page 45
†5 [wäre | ist]
Page 45
†6 [a priori | A-priori]
Page 45
†7 [formen | schaffen]
Page 45
†8 [Dinge | Sachlage]
Page 45
†9 [ in der Kultur selbst | in der ganzen Kultur]
Page 46
†1
[daß er dann so & so handeln würde.| daß er dann so & so handeln – & dadurch der Verachtung
Ausdruck geben – würde.]
Page 46
†2 [getan hat | tat]
Page 46
†3 [daß er ihnen den Wein | daß er den Wein ihnen]
Page 46
†4 [verschafft | gibt | zukommen läßt]
Page 46
†5 [einen | den]
Page 46
†6 [vollbracht | getan]
Page 46
†7 [Tat.| Tatsache.]
Page 46
†8 [um das Wunderbare darin zu empfinden | um das Wunder darin zu sehen | empfinden]
Page 47
†1 [mir | auf mich]
Page 47
†2 [Andern | Gegner]
Page 47
†3 [klaren | einfachen]
Page 47
†4 [Verhältnissen | Fortgängen]
Page 47
†5
[dann ist es [als bekennten sie sich zu ihrer Stammutter. | als wollten sie sich zu ihrer Stammutter
bekennen.] | dann bekennen sie sich zu ihrer Stammutter.]
Page 47
†6 [Manchen | Den Einen]
Page 47
†7 [begeht damit quasi das väterliche Erbe | lernt damit quasi das väterliche Erbe kennen]
Page 47
†8 [fremde | wesensfremde]
Page 47
†9 [& ohne jeden Schliff | & ungeschliffen]
Page 47
†10
[Ich bin beinahe immer aus Feigheit gerecht.| Meine Gerechtigkeit, wenn ich gerecht bin, entspringt
[beinahe immer | meistens] der Feigheit.]
Page 48
†1 [Abscheu | Furcht]
Page 48
†2 [wo | auf der]
Page 48
†3 [so zu leben | in dem Stockwerk]
Page 48
†4 [Einen | uns]
Page 49
†1 [aber keine Kunst. | aber nicht Kunst, noch feine Empfindung.]
Page 49
†2
[so beginnt mein Bild vor meinen Augen zu verschwimmen. | so beginnt [sich mein Bild | mein Bild sich
mir] zu verwischen]
Page 49
†3 [rede | spreche]
Page 50
†1 [anständige | anständigere]
Page 50
†2 [merkte, daß ein solches Entsetzen etwas bedeute | sah plötzlich, daß ein solches Entsetzen ja etwas
bedeute]
Page 50
†3 [war | wurde]
Page 50
†4 [in mir | für mich]
Page 50
†5 [hat.| habe.]
Page 51
†1 [der | dieser]
Page 51
†2 [erkennt | erkannt hat]
Page 51
†3 [weiß | sagen muß]
Page 52
†1 [von | aus]
Page 52
†2 [manchen Waaren | mancher Waare]
Page 52
†3
[die Käufer sehn sie & da ihnen die Farbe [oder | oder der Glanz] in die Augen sticht so nimmt jeder die
Sache [auf | in die Hand] sieht sie einen Augenblick an, & läßt sie dann als [unerwünscht | nicht erwünscht] auf den
Ladentisch zurückfallen. | die Käufer sehen sie, die Farbe, oder der Glanz, sticht ihnen in die Augen & sie nehmen
den Gegenstand einen Augenblick in die Hand & lassen ihn dann als unerwünscht auf den Tisch zurückfallen.]
Page 52
†4 [zur | in die]
Page 53
†1 [diesen | den]
Page 53
†2 [Etwas ist nur so ernst, als es ernst ist. | Etwas ist nur so ernst, als es wirklich ernst ist]
Page 54
†1 [bei | an]
Page 54
†2 [durch das Bohren des Denkens | während des bohrenden Denkens]
Page 54
†3 [auf die Straße | in’s Freie]
Page 54
†4 [dürfen.| können.]
Page 55
†1 [er | Bruckner]
Page 56
†1 [das selbstverständliche Fleisch zu den | die selbstverständliche Umkleidung der]
Page 56
†2 [seiner | dieser]
Page 56
†3 [verstanden hat | den Fehler durchschaut hat]
Page 56
†4 [für Trug zu halten | als Trug zu erklären]
Page 56
†5 [hängen | kleben]
Page 58
†1 [wirklichen Konturen | wirkliche Gestalt]
Page 59
†1
[So daß sie nur zum Schein besiegt ist wenn sie sich [an manchen Stellen | von manchen Plätzen]
zurückgezogen hat da sie sich ruhig in diese Festung begibt & dort sicher ist (& von dort das ganze Land wieder
einnehmen wird). Der ganze Sieg war nur Komödie.| So daß sie nur zum Schein besiegt ist, wenn sie den einen oder
andern Platz preisgibt, da sie sich endlich ruhig in diese Festung zurückzieht & dort sicher ist.]
Page 59
†2 [werde | will]
Page 60
†1 [kaum | nicht]
Page 61
†1
[Dann sieht man einen Teil eines Satzes & merkt: das war es was ich vor ein paar Tagen oder Wochen
immer habe sagen wollen.| Dann bemerkt man einen Teil eines Satzes & sieht: das war es, was ich vor einigen Tagen
immer habe sagen wollen.]
Page 61
†2 [sehe | weiß]
Page 62
†1 [gut | recht]
Page 63
†1 [Ich | Und]
Page 64
†1 [gehen | hängen]
Page 64
†2 [bedeuten | sein]
Page 64
†3 [will | möchte]
Page 65
†1 [ist gewiß zu überwinden | soll gewiß überwunden werden]
Page 66
†1 [, nur auf einer andern Seite|, stehen nur auf einer andern Seite abseits vom Rechten]
Page 66
†2 [daß ich mich tadle | daß ich meine Fehler sehe]
Page 67
†1 [:|,]
Page 67
†2 [Namens | Wortes]
Page 68
†1 [ganz anders | eine ganz andere]
Page 68
†2 [den | dem]
Page 68
†3 [Weite | Entfernung]
Page 71
†1 [in sich | durch das was in ihr vorgeht]
Page 72
†1 [der | unsrer | unserer]
Page 72
†2 [scheint es | möchte man glauben]
Page 73
†1 [Mensch | Mann]
Page 73
†2 [größere | schwächere]
Page 73
†3 [mitgewirkt | mitgesungen]
Page 74
†1 [umkommen lassen soll | hinwerfen soll]
Page 74
†2 [Eigentliche, Interessante | eigentliche & interessante]
Page 74
†3 [Sublimes | Tiefes]
Page 74
†4 [unserer Sprachformen | der Formen unserer Sprache]
Page 75
†1 [zurückweisen | ablehnen]
Page 76
†1 [, während | : Während]
Page 76
†2 [doch nichts | es doch nur]
Page 76
†3 [mit [dessen Hilfe | Hilfe dessen] | wodurch ]
Page 76
†4 [wie sie ist; nicht | wie es sich verhält. Nicht,]
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†1 [Anwendbarkeit | Bedeutung]
Page 78
†1 [Elendigkeit | Jämmerlichkeit]
Page 78
†2 [furchtbar | hoch]
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†1 [hast | tust]
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†1 [die | seine]
Page 80
†2 [. Aber | ; aber]
Page 81
†1 [ertappe | finde]
Page 81
†2 [da | soweit]
Page 83
†1 [angeben | sagen]
Page 83
†2 [heißt | bedeutet]
Page 83
†3 [wäre | ist]
Page 83
†4 [muß | soll]
Page 83
†5 [Stellung | Attitude]
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†1 [, | also]
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†1 [hätte | hat]
Page 87
†1
[Leid haben muss, so [ist | wäre] es doch besser [solches | das], was aus dem Kampf des Guten gegen
das Schlechte entsteht, als [solches | das], [das | was] aus dem Kampf des Schlechten mit sich selbst wird. | leiden
muss so ist es doch besser durch den Kampf des Guten mit dem Schlechten in mir, als durch den Kampf im
Bösen.]
Page 87
†2 [darf | soll]
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†3 [Wenn er auch | Auch wenn er]
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†1 [Vortragenden.| Lehrenden.]
Page 89
†1 [Will | Wenn]
Page 89
†2 [beim | mit dem]
Page 89
†3 [von dessen Anerkennung alles abhängt | von dessen freundlichem Zusehen alles abhängt]
Page 89
†4 [in die | zur]
Page 90
†1 [lerne | Lerne]
Page 91
†1 [an die richtige Stelle | in die wahre Höhenlage]
Page 91
†2 [setzst.| stellst.]
Page 91
†3 [erlaubt | gestattet]
Page 92
†1 [Wozu | Warum]
Page 92
†2 [annehmen | postulieren]
Page 92
†3 [diese Welt | dies Leben]
Page 93
†1 [Und darin | Darin]
Page 94
†1 [unrichtigen | falschen]
Page 94
†2 [An der richtigen Stelle nur leisten sie ihre volle Arbeit! | Sie müssen dort stehen, wo sie ihre volle Arbeit
leisten!]
Page 95
†1 [wesentliche | lebendige]
Page 96
†1 [ Es ist ein Aberglaube | Du bist in einem Aberglauben.]
Page 96
†2 [muß | müßte]
Page 97
†1 [nach Wunsch | zu Recht]
Page 98
†1 [nicht ohne Widerstreben | reluctantly]
Page 105
†1 [, | –]
Page 152
†1 I.O. „mit dem, Glauben, der“.
Ficker-Wittgenstein
Engführung. Ludwig von Ficker, Ludwig Wittgenstein, Rainer Maria Rilke und Georg Trakl
im Briefwechsel. Mit Ludwig von Fickers Essay „Rilke und der unbekannte Freund“.
Herausgegeben und kommentiert von
Anton Unterkircher
Im Auftrag des Forschungsinstituts Brenner-Archiv der Universität Innsbruck.
Innsbruck, Herbst 2001

Die Briefe
1 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 14.7.1914
Klicken Sie hier für Seite 1 und Seite 2 des Briefes.

Hochreit
Post Hohenberg
N. Ö.
14. 7. 14.
Sehr geehrter Herr!
Verzeihen Sie, daß ich Sie mit einer großen Bitte belästige. Ich möchte Ihnen eine Summe von 100,000.
Kronen überweisen und Sie bitten, dieselbe an unbemittelte österreichische Künstler nach Ihrem Gutdünken zu
verteilen. Ich wende mich in dieser Sache an Sie, da ich annehme, daß Sie viele unserer besten Talente kennen, und
wissen, welche von ihnen der Unterstützung am bedürftigsten sind. Sollten Sie geneigt sein mir meine Bitte zu
erfüllen, so bitte ich Sie, mir an die obige Adresse zu schreiben, in jedem Falle aber die Sache bis auf weiteres
geheim halten zu wollen.
In vorzüglicher Hochachtung
Ihr sehr ergebener
Ludwig Wittgenstein jun.

2 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 16.7.1914

Schriftleitung "Der Brenner"


Innsbruck-Mühlau 16. VII. 1914
Sehr geehrter Herr!
Nein, ehe ich Ihnen danken will, gestatten Sie mir die möglicherweise unziemlich erscheinende Frage: Darf
ich die Gewißheit haben, daß Ihr Angebot auch wirklich ernst gemeint ist? Diese Frage darf Sie nicht verletzen. Ich
möchte so gerne ohne weiteres vertrauen; Ihre Zeilen athmen einen so edlen und geraden Geist, daß mir jeder
Zweifel an dem Ernst Ihrer Gesinnung wie eine Ungehörigkeit erscheinen will. Aber Ihre Anfrage kommt so
überraschend, sie stellt etwas so Ungewöhnliches und in ihrer Art menschlich so Erhebendes dar - etwas, das so
außerhalb aller Erfahrungen liegt, die meine persönliche Stellungnahme zu Welt und Menschen fixierten -, daß ich,
der ich mich im wesentlichen doch stets gerecht zu sein bemühe, zittere vor dem Gedanken, es könnte jemand sein
Spiel mit mir treiben. Nicht, weil sich mein Stolz, der fern allem Hochmut ist, verletzt fühlen könnte, befürchte ich
dies, sondern im Gegenteil: weil ich eine klare und, wie ich glaube, gerechte Einsicht in die Grenzen meines
Verdienstes habe. Ich frage mich nämlich: Wieso kann dieses Verdienst ausreichen, das beispiellose Vertrauen zu
rechtfertigen, das in einem so hochherzigen Anerbieten wie dem Ihren beschlossen liegt! Glauben Sie mir, nur dieses
Empfinden ist es, was mich in Gefahr bringt, dem Entschluß eines reinen Herzens, als den ich Ihre Mitteilung weiß
Gott wie gerne ansehen möchte, mit einem Zweifel nahe zu treten. Dies und noch etwas, was mir wie eine
Schicksalsfügung erscheinen muß, nämlich der Umstand: daß ich zwar nicht viele Talente kenne, aber ein paar
schöpferische Begabungen (für deren Genialität ich vor der Nachwelt die Verantwortung übernehme), die in so
dürftigen, zum Teil prekären Verhältnissen leben, daß ihnen eine Zuwendung in der Höhe, wie sie das von Ihnen
angebotene Kapital ermöglichen würde, wie ein Gnadenakt der Vorsehung erscheinen müßte, der sie mit einem
Schlag aller Misère entreißt. Für die volle Würdigkeit der Wenigen, die hier in Betracht kämen, würde ich ebenso die
Verantwortung übernehmen wie dafür, daß es sich um Begabungen handelt, deren außerordentliche Bedeutung erst
die Nachwelt voll erkennen wird.
Um so herzlicher und ernster muß ich Sie daher bitten, in einem so ernsten und bedeutenden Augenblick
(der - wenn er sich bewähren sollte - Ihnen in den Herzen einiger Berufener ein Denkmal der Erkenntlichkeit stiften
kann, das über ihr Zeitliches hinausragt) meine letzten Zweifel dadurch zu bannen, daß Sie mir freimütig mitteilen,
was Sie bewogen hat, mich zum Anwalt eines Entschlusses auszuersehen, dessen kaum faßliche Hochherzigkeit
mich gleicherweise beunruhigt wie beglückt. Ich glaube nicht erst betonen zu müssen, daß Sie meiner Diskretion in
jedem Falle und - sollte der Ernst Ihrer Entschließung seine Begründung erfahren - meiner unbegrenzten Verehrung
für einen in unseren Tagen wohl einzig dastehenden Edelmut versichert sein dürfen.
Es begrüßt Sie, hochgeehrter Herr,
in Ergebenheit
lhr
Ludwig v. Ficker

3 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 19.7.1914

Hochreit Post Hohenberg


N. Ö.
19. 7. 14.
Sehr geehrter Herr!
Um Sie davon zu überzeugen, daß ich mein Angebot ehrlich meine, kann ich wol nichts besseres tun, als
Ihnen die bewußte Summe tatsächlich anzuweisen; und dies wird geschehen, wenn ich das nächste mal - im Laufe
der nächsten 2 Wochen - nach Wien komme. Ich will Ihnen nun kurz mitteilen, was mich zu meinem Vorhaben
bewogen hat. Durch meines Vaters Tod erbte ich vor 1 1/2 Jahren ein großes Vermögen. Es ist in solchen Fällen
Sitte eine Summe für woltätige Zwecke herzugeben. Soviel über den äußeren Anlass. Als Anwalt meiner Sache
wählte ich Sie, auf die Worte hin, die Kraus in der Fackel über Sie & Ihre Zeitschrift geschrieben hat; & auf die
Worte hin, die Sie über Kraus schrieben. Ihr freundlicher Brief hat mein Vertrauen in Sie noch vermehrt. Ich möchte
jetzt schließen, vielleicht darf ich Sie einmal treffen & mit Ihnen reden. Dies wünschte ich sehr!
Nehmen Sie meinen wärmsten Dank für Ihre Bereitwilligkeit entgegen.
Ihr hochachtungsvoll
ergebener
Ludw Wittgenstein jun

4 GEORG TRAKL AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [23.7.1914]

Schriftleitung "Der Brenner"


Innsbruck-Mühlau
[23.7.1914]
Sehr geehrter Herr!
Herr L. v. Ficker überwies mir gestern in Ihrem Namen 20.000 Kronen. Erlauben Sie mir, Ihnen für Ihre
Hochherzigkeit ergebenst zu danken. Seit Jahren jeglichem Zufall des Lebens preisgegeben, bedeutet es mir alles der
eigenen Stille nun ungestört nachgehen zu können. Möge was davon zum Gedicht wird des edlen Menschen würdig
sein, dem ich so vieles schulde.
Nehmen Sie, hochverehrter Herr, die Ausdrücke respektvollster Hochachtung entgegen
Ihres sehr ergebenen
Georg Trakl

5 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 27.7.1914


Klicken Sie hier für Seite 1 und Seite 2 des Briefes.

Schriftleitung "Der Brenner"


Innsbruck-Mühlau 27. VII. 1914
Verehrter Herr Wittgenstein!
Nehmen Sie nochmals meinen verbindlichsten Dank für Ihre Gastfreundschaft entgegen. Ich hoffte, Ihnen
mit diesen Zeilen bereits auch eine Auskunft über Rilke geben zu können, da ich nach meiner Rückkehr hieher daran
erinnert wurde, daß ein Innsbrucker Universitäts-Professor, der in dem benachbarten Städtchen Hall wohnt, mit
Rilke gut bekannt sei. Ich fuhr gestern nach Hall, um bei dem Mann persönlich vorzusprechen, er befand sich aber
mit seiner Familie in der Sommerfrische. Darauf schrieb ich ihm und hoffe in den nächsten Tagen eine Antwort zu
erhalten.
Einstweilen erlaube ich mir, ein paar Zeilen Dallagos an mich beizuschließen, die den ersten Eindruck
kennzeichnen, den meine Verständigung auf ihn ausübte. Ihrem Wunsche entsprechend habe ich keinen Namen
genannt. So richtet sich Dallagos Dankbarkeit zunächst an die falsche Adresse, nämlich an mich, was ich mit
Rücksicht darauf, daß ich dem Beschenkten noch nicht jene näheren Aufklärungen geben konnte, die ihm die
seltene Hochherzigkeit Ihres Entschlusses erst voll zu Gemüte führen mußten, gütigst nachzusehen bitte.
Mir selbst aber wollen Sie gestatten, Ihnen auf persönlich besonders tiefempfundene Art nochmals für die so
munifizente Unterstützung zu danken, die Sie meiner Zeitschrift in einem Augenblick, da ihr Bestand in Frage stand,
bereitwilligst zuteil werden ließen. Sie haben mir damit eine Sorge vom Herzen genommen, die mich in letzter Zeit
oft schwer beunruhigt hat.
Ich hoffe Ihnen in absehbarer Zeit über jene Daten, die für die Verteilung der restlichen Summe in Frage
kommen, Bescheid geben zu können, und begrüße Sie für heute mit dem Ausdrucke meiner aufrichtigen Verehrung
als Ihr ergebener
Ludwig v. Ficker

6 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 1.8.1914

Wien
XVII. Neuwaldeggerstr
38
1. 8. 14.
Sehr geehrter Herr v. Ficker!
Vielen Dank für Ihren freundlichen Brief & den beigelegten Dalagos. (Ich weiß nicht, ob Sie für diesen noch
eine Verwendung haben, schließe ihn aber für alle Fälle bei). Nochmals besten Dank für lhren lieben Besuch, wie
dafür, daß Sie mich mit Loos bekannt machten. Es freut mich sehr, ihn einmal getroffen zu haben. Meine Adresse ist
vorläufig die obige, da wir des Krieges wegen nach Wien gezogen sind.
Mit den besten Grüßen
Ihr sehr ergebener
Ludw Wittgenstein

7 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [14.8.1914]

Herrn
Ludwig v. Ficker
Innsbruck-Mühlau
Tirol
[Poststempel: Krakow, 14. VIII. 14]
Sehr geehrter Herr v. Ficker!
Verzeihen Sie daß ich Ihnen mit Bleistift schreibe; ich habe keine Tinte in der Nähe. Ich möchte Ihnen nur
mitteilen, daß ich freiwillig auf Kriegsdauer zum Militär gegangen bin und daß meine Adresse für eventuelle
Mitteilungen jetzt ist:
Festungsartillerie
Regiment N° 2,
2. Kader
Krakau
Mit den aller besten Grüßen
Ihr
sehr ergebener
L. Wittgenstein

8 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 21.8.1914


Innsbruck-Mühlau 102
21. VIIl.1914
Sehr geehrter Herr Wittgenstein!
Nehmen Sie meinen besten Dank für Ihren freundlichen Kartengruß! Im ersten Moment schwankte ich
zwischen Freude und Bestürzung, als ich sah, daß auch Sie in den Krieg gezogen seien. Dann aber ging mir
wahrhaftig das Herz auf vor freudigem Mitgefühl für Sie und Ihren herrlichen Entschluß. Und ich möchte Sie
beglückwünschen dürfen, daß es Ihnen vergönnt ist, als Freiwilliger mitzukämpfen. Ist es doch kaum zu ertragen
und fast beschämend, als ein wenn auch nur leidlich junger Mensch beiseite stehen zu müssen in einer Zeit, die über
alles, was uns zutiefst berührt, entscheidet. Sie müssen nämlich wissen: auch ich hatte mich gestellt - gleich am
ersten Tag -, obwohl ich nicht gedient habe. Aber man hat mich zurückgestellt. Und ich warte vorläufig noch immer
auf die in Aussicht gestellte weitere Weisung und zweifle, ob sie überhaupt noch erfolgen wird, nachdem bereits ein
neues Aufgebot erlassen wurde. Zum ersten Mal in meinem Leben fällt es mir schwer, eine Zurücksetzung zu
ertragen - umso schwerer, als meine liebsten Freunde und Mitarbeiter (auch Trakl, der als Medikamenten-Akzessist
zu einem Feldspital nach Galizien kommt) einberufen sind. Und nun also auch Sie! Nein, weiß Gott, es macht mich
doch traurig.
Aber genug davon. Es dürfte geziemender sein, von jener Sache zu sprechen, deren Durchführung Sie mir
anzuvertrauen so gütig waren. Ich hätte Ihnen darüber bereits Weiteres berichtet, wenn nicht die Information über
Rilke noch ausständig wäre. Wie Sie wissen, hatte ich mich seinetwegen an einen hiesigen Univ.-Professor gewandt,
der früher einmal mit ihm bekannt war, und ich habe mit diesem Herrn auch persönlich über die Angelegenheit
konferiert. Von ihm erfuhr ich, daß Rilke wenigstens früher einmal eine Zeit gehabt habe, wo es ihm sehr schlecht
gegangen sei; um zu erfahren, wie seine Verhältnisse jetzt seien - glänzend seien sie keinesfalls - erbot sich mein
Gewährsmann, sich an Professor Sauer in Prag zu wenden, der mit Rilke auch jetzt noch in engerer Fühlung stehe
und daher zuverlässig Bescheid wisse. Leider steht die Verständigung von Professor Sauer noch aus, obwohl ihn der
betreffende Herr bereits einmal gemahnt hat. Sobald ich die Antwort in Händen habe, werde ich sie Ihnen sofort
zugehen lassen.
Hingegen gelang es mir, über Stoessl Sicheres in Erfahrung zu bringen, und zwar von Kraus, der vor
ungefähr 10 Tagen hier durchkam, und dann von Herrn und Frau Dr Schwarzwald aus Wien, die mich vorgestern
besuchten und die mit Stoessl gut bekannt sind. Nach ihren übereinstimmenden Aussagen lebt Stoessl zwar nicht in
glänzenden, aber doch guten und gesicherten Verhältnissen. Er ist Ministerialbeamter in der VII. Rangsklasse und
besitzt sogar ein eigenes kleines Haus in Wien, ist also jedenfalls nicht in dem Maße bedürftig, daß er (nach Ansicht
meiner Gewährsleute) in diesem Falle, wo nicht nur das Verdienst, sondern auch die Bedürftigkeit entscheiden soll,
noch weiter in Betracht kommen könnte. Auch wurde mir angedeutet, daß er selbst wahrscheinlich sich weigern
würde, etwas anzunehmen, wenn er erführe, daß hauptsächlich bedürftige Künstler beteilt werden sollen.
Über Kokoschkas Lage zuverlässigen Aufschluß zu erhalten, stößt auf Schwierigkeiten. Auch Leute, die ihn
gut kennen, sind sich darüber nicht im Klaren. Schwarzwalds z. B. meinten, daß ihm nichts abgehe. Ich bin mir aber
nicht ganz sicher, ob diesem Urteil nicht am Ende irgend eine kleine persönliche Verstimmung mit einverwoben ist.
Jedenfalls halte ich es für angezeigt, die Entscheidung darüber noch offen zu lassen.
Eminent bedürftig jedoch ist, wie ich zur Beruhigung meines Gewissens nicht nachdrücklich genug betonen
kann, die Lasker-Schüler. Sie ist lediglich auf ihren geringen schriftstellerischen Erwerb und gelegentliche
Unterstützungen mildtätiger Freunde angewiesen und hat dabei für einen dreizehnjährigen Sohn zu sorgen, für den
sie von ihrem geschiedenen Gatten, der selbst nicht viel erübrigen kann, nur einen Unterhaltsbeitrag von monatlich
50 Mark erhält. Hier also glaube ich wäre vor allem ein gutes Werk zu tun.
Sehr schlecht geht es auch Karl Hauer. Er hat die Buchhandlung, die er in München übernommen hatte,
wieder aufgeben müssen, und zwar ohne den geringsten Gewinn. Auch vertrug er das Klima nicht, und seine
Gesundheit ist so angegriffen, daß er wenn irgend möglich wieder nach Davos oder sonst an einen geschützten Ort
soll. Ich denke, mit einer Summe von etwa 5000 Kronen wäre ihm wohl sehr gedient.
Sehr hart müssen sich auch L. E. Tesar und Richard Weiß (die beide verheiratet, bzw. geschieden sind)
durchschlagen. Sie sind beide Mittelschulprofessoren und müssen außerdem noch Stunden geben, um ihr
Auskommen zu finden. Wenn man vielleicht jedem von ihnen 2000 Kronen geben könnte, so könnten sie sich wohl
einmal jene gründliche Erholung gönnen, deren sie - wie mir auch Herr und Frau Dr Schwarzwald bestätigen -
dringend bedürftig wären.
Und damit bin ich an dem Punkte angelangt, wo es mir angezeigt erscheint, Ihnen eine Übersicht meiner
Verteilungsvorschläge zur Begutachtung, bzw. zur Genehmigung zu unterbreiten, wobei ich wohl nicht erst
vorauszuschicken brauche, daß ich jede von Ihnen gewünschte Änderung gewissenhaft berücksichtigen werde.
Mein Vorschlag geht also dahin: Zunächst 30000 Kronen zu reservieren zur Aufteilung zwischen Rilke,
Lasker-Schüler, Kokoschka. Und zwar wäre Rilke, falls seine Bedürftigkeit feststeht, mit einem Mindestteilbetrag
von 15000 Kronen zu bedenken, während der übrige Betrag in der gleichen Höhe zwischen Frau Lasker-Schüler und
Kokoschka entsprechend dem Grad ihrer Bedürftigkeit zu verteilen wäre.
Bei den nun folgenden Vorschlägen zur Verteilung der restlichen 20000 Kronen gehe ich - soweit sie Ihnen
nicht schon bekannt sind - von der Voraussetzung aus, daß Sie mir, nachdem Sie mich schon durch Ihr Vertrauen in
so seltener Weise auszeichneten, jenes Maß von Urteilskraft und Gewissenhaftigkeit zutrauen, um Ihrerseits
versichert sein zu dürfen, daß ich für die volle Würdigkeit der zu Beteilenden in künstlerischer wie ökonomischer
Hinsicht mit meinem ganzen Verantwortlichkeitsgefühl einstehe. Ich muß dies betonen, weil sich Namen darunter
befinden, die Ihnen möglicherweise - obwohl sie schon durchwegs an die Öffentlichkeit getreten sind - noch gar
nicht bekannt sind. Es handelt sich dabei um dichterische - oder wie im Falle Theodor Haecker - um denkerische
Existenzen, die schon Hervorragendes (einer von ihnen: der Triestiner Theodor Däubler mit seinem dreibändigen
epischen Werk "Das Nordlicht" sogar Monumentales) geleistet haben und denen sämtlich mit einer Ehrengabe von
1000 bis 2000 Kronen aus ihrer gegenwärtigen Notlage geholfen wäre. Ich glaube Ihnen wirklich keine besseren
Vorschläge nach reiflicher Überlegung machen zu können und nenne also noch:
Theodor Haecker (2000 K.)
Theodor Däubler, Hauptwerk "Das Nordlicht", dessen einzigartige Bedeutung in der deutschen Literatur
durch Mombert, Johannes Schlaf und durch den "Brenner" wiederholt hervorgehoben wurde (2000 K.)
Franz Kranewitter, der tirolische Dramatiker, dessen Tragödie aus den Bauernkriegen "Michel Geißmayr"
(bei S. Fischer, Berlin), vor Hauptmanns "Florian Geyer" entstanden, dieses Werk an dramatischer Verve fast
überragt, wenn es auch dichterisch in manchem hinter ihm zurücksteht. (2000 K.)
Carl Borromäus Heinrich ( 1000 K. )
Hermann Wagner, Deutschböhme, Romancier, dessen Erzählung "Die rote Flamme" als ein novellistisches
Meisterwerk gelten darf (1000 K.)
Hugo Neugebauer, dessen Gedichte im "Brenner" vielfach Aufsehen erregt haben; lebt als Konzipist im
lnnsbrucker Statthalterei-Archiv. (1000 K)
Jos. Georg Oberkofler, ein sehr vielversprechender Lyriker, ebenfalls durch den "Brenner" bekannt
geworden, lebt als Student in entsetzlicher Armut. (1000 K).
Ich schließe diesem Briefe eine Gesamtaufstellung bei, die noch einen unberücksichtigten Rest von [1]000
Kronen ergibt, die man ja vorläufig mit den früher erwähnten 30000 K. noch zurückstellen kann.
Und nun wünsche ich Ihnen alles Gute im Feldzug - hoffentlich kehren Sie heil zurück - und begrüße Sie
wärmstens in dankbarer Ergebenheit
Ihr
Ludwig v. Ficker
P.S. Darf ich Sie um baldigen Bescheid bitten?

9 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 15.9.1914

Innsbruck-Mühlau 102
15. IX. 1914
Sehr geehrter Herr Wittgenstein!
Hoffentlich ist mein Ietzter Brief, den ich Ihnen vor ungefähr drei Wochen sandte und der meine Vorschläge
zur Verteilung der restlichen Summe enthielt, in Ihre Hände gelangt. Mittlerweile ist nun auch die Auskunft über
Rilke eingelangt, der nach den Angaben des Professors Sauer in Prag gegenwärtig in sehr beengten, fast drückenden
Verhältnissen leben soll, so daß es mir wohl angezeigt schiene, auch den auf ihn entfallenden Betrag mit 20.000
festzusetzen. Vielleicht darf ich Sie bitten, mir mitzuteilen, ob Sie meinen letzten Brief erhalten haben, da ich bis
heute ohne Nachricht bin. Ich besorge schon, daß die von Ihnen zuletzt mitgeteilte Adresse inzwischen sich geändert
haben könne oder daß sie am Ende nicht genügend vollständig war. Aber Sie haben jetzt wohl einen anstrengenden
Dienst und wohl kaum die nötige Muße, sich mit der Angelegenheit zu befassen. Das scheint mir wahrscheinlicher.
Trotzdem - wenn es Ihnen nur irgend möglich sein sollte, Zeit für ein paar Zeilen zu erübrigen, so bitte ich Sie, wie
gesagt, recht bald um eine kurze Verständigung.
Einstweilen wünsche ich Ihnen alles Gute und verbleibe mit herzlichen Grüßen in aufrichtiger Ergebenheit
Ihr
Ludwig v. Ficker

10 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [22.9.1914]

Ludwig Wittgenstein
Militär Kommando
Krakau
Feldpost N° 186
[22. 9. 1914]
Herrn
Ludwig von Ficker
Innsbruck-Mühlau 102
Tirol
Sehr geehrter Herr v. Ficker! Erst heute erhielt ich Ihre beiden freundlichen Briefe. Vielen Dank! Ich war seit
4 Wochen auf einem Weichsel-Schiff in Russland und bin erst heute nach Krakau zurückgekehrt. Mit Ihrem letzten
Vorschlag bezüglich Rilkes bin ich selbstverständlich höchst einverstanden. Bitte veranlassen Sie daß er das Seine so
rasch als möglich erhält. Meine Adresse auf der Rückseite. Herzlichsten Dank für Ihre Freundlichkeit und herzlichste
Grüße. Ihr ganz ergebener
Ludwig Wittgenstein

11 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [22.9.1914]

Ludwig Wittgenstein
Militär Kommando
Krakau
Feldpost N° 186
[22. 9. 1914]
Herrn Ludwig von Ficker
Innsbruck-Mühlau 102
Tirol
Sehr geehrter Herr v. Ficker! Dies ist nur eine Nachschrift zu einer Karte die ich heute früh an Sie geschickt
habe. Ich vergas zu sagen daß ich überhaupt mit allen Ihren Vorschlägen einverstanden bin. - Also Trackl ist auch im
Krieg! Es ist vielleicht lächerlich zu denken daß wir uns treffen könnten; aber lieb wäre es mir. Ich wünsche Ihnen
das aller Beste.
Ihr ganz ergebener
Ludwig Wittgenstein

12 AN RAINER MARIA RILKE, 25.9.1914

Schriftleitung "Der Brenner"


Innsbruck-Mühlau 25. IX. 1914
Sehr geehrter Herr!
Ein junger oesterreichischer Mäzen, der als Freiwilliger ins Feld gezogen ist, hat mir kurz vor Kriegsausbruch
eine beträchtliche Summe mit dem Ersuchen überwiesen, sie an oesterreichische Dichter nach Maßgabe ihrer
Bedeutung und ihrer Bedürftigkeit zu verteilen. Auf Grund meiner Vorschläge, die die Billigung des edlen Gönners
fanden, erlaube ich mir die Anfrage zu stellen, ob und wohin ich Ihnen den auf Sie entfallenden Teilbetrag von
20000 (zwanzigtausend) Kronen überweisen darf.
In hochachtungsvoller Ergebenheit
Ludwig v. Ficker
Herrn Rainer Maria Rilke

13 VON RAINER MARIA RILKE, 30.9.1914

Z. Zt. München, Finkenstr. 2, Pension Pfanner.


am 30. September 1914
Sehr geehrter Herr,
Sie haben, in Ihrem Briefe, für eine außerordentliche Nachricht einen so selbstverständlichen Ausdruck
gefunden, dass ich versuchen darf, Ihnen meinen Dank und meine unmittelbare Freude in wenig Zeilen einfach und
offen mitzutheilen. Wenn ich sie - Dank und Freude - groß nenne, so ist das nur ein höchst vorläufiger Überschlag;
erst wenn ich wieder in der Arbeit stehe, werde ich ganz die Bedeutung der Hülfe einsehn, die mir da in der
wunderbarsten Weise widerfährt.
Die ungeheuere Ausnahme des Krieges hat ja jeden von uns in seinem eigentlichsten Wirken und Wissen
unterbrochen, - und nun geht mir, mitten aus ihr, diese Fügung hervor, in der eine menschlich-große Vorsehung sich
meiner künftigen Arbeit annimmt -, sagen Sie selbst, ob mir Erstaunlicheres begegnen konnte!
Es liegt mir viel daran, dass irgend ein Gerücht wenigstens meines zuversichtlichen, fast bestürzten Dankes
den großmüthigen Verfüger im Felde erreiche; Sie werden sicher die Möglichkeit haben, dafür zu sorgen.
Sie selbst aber bitte ich, bei dieser Weitergabe, einen bedeutenden Theil meiner gegenwärtigen Verfassung
für Ihre eigene Person in Anspruch zu nehmen; sind es doch Ihre Vorschläge, die mir jene unvermuthliche
Zuwendung eingetragen haben. Es ergreift mich, dass meine Bücher im Stillen mir solche Freunde aneignen; dass
das einmal Hervorgebrachte aus überzeugten Menschen heraus, auf den, der sich darin versuchte, bis ins Greifbarste
zurückwirkt und ihm Schicksal und Zukunft befreundet.
Was den praktischen Vollzug angeht, so wäre es mir am Angenehmsten, wenn jener Betrag an die hiesige
Filiale der Deutschen Bank für mich könnte überwiesen werden.
Empfangen Sie, sehr geehrter Herr,
den Ausdruck meiner wirklichen
Ergebenheit:
Rainer Maria Rilke

14 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 4.10.1914

Schriftleitung "Der Brenner"


Mühlau, 4. Okt.1914
Sehr geehrter Herr Wittgenstein!
Verbindlichsten Dank für Ihre beiden Karten, Ihre Zustimmung! Durch Vermittlung des Insel-Verlags ist es
mir endlich gelungen, Rilkes gegenwärtige Adresse aufzuspüren und ihn von der Sache zu verständigen. Soeben
habe ich seine Antwort erhalten, die hier beiliegt. Ich werde nicht verfehlen, Rilke - der mir ein Verdienst an der
Sache zuschreibt, dessen ich mich, wie Sie wissen, nicht rühmen kann - dahin aufzuklären, daß diese Zuwendung
ganz besonders Ihnen selbst am Herzen lag. Ich brauche Ihnen aber wohl nicht zu versichern, wie glücklich auch ich
darüber bin, daß durch Ihren hochherzigen Entschluß diesem zweifellos hervorragenden Dichter eine Hilfe zuteil
werden konnte, die - wie es scheint - zur rechten Zeit gekommen ist, und die er mit Recht als eine verdiente
Auszeichnung empfindet.
Sonst konnte ich bis heute nur noch Else Lasker-Schüler verständigen, daß sie einige Tausend Kronen zu
erwarten hat. Ihr Dank-Telegramm (sie unterzeichnet immer als "Prinz von Theben") lege ich ebenfalls bei.
Möge es Ihnen recht, recht gut gehen. Ich hoffe, daß Sie alle Gefahren Ihres jetzigen Daseins heil überstehen,
und ich freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen, sobald Sie zurückgekehrt sind.
In aufrichtiger Ergebenheit
Ihr
Ludwig v. Ficker

15 AN RAINER MARIA RILKE, 5.10.1914

Schriftleitung "Der Brenner"


Innsbruck-Mühlau
5. Okt. 1914
Sehr geehrter Herr!
Nehmen Sie meinen besten Dank für Ihre freundlichen Zeilen! Ich habe unter heutigem die Überweisung des
bewußten Betrags durch die hiesige Filiale der oesterreichischen Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe an die
Münchener Filiale der Deutschen Bank veranlaßt.
Die warmempfundenen Worte und Gefühle, die Sie in Ihrer Zuschrift äußerten, ermächtigen, ja verpflichten
mich zu dem Geständnis, daß jene Verfügung, die Sie und Ihr Werk betraf, auf einem Vorschlag beruht, der nicht
nur meinem eigenen Empfinden und Gewissen, sondern überdies auch einem offenkundigen Herzenswunsch des
Spenders entsprach. Und ich möchte dies nicht ohne Innigkeit betonen; war es mir doch vergönnt, in diesem
Fünfundzwanzigjährigen eine geistige Existenz von so edler und reifer Selbstbesonnenheit kennen zu lernen, dass
die kargen Worte hellster Bewunderung, die er gesprächsweise über Ihren "Brigge" aus sich und seiner Einsamkeit
herauszuholen vermochte, zugleich die Tiefe und Lauterkeit eines in unseren Tagen unsäglich ergreifenden
Menschentums enthüllten. Und da es ihm eine große Freude sein wird, habe ich mir erlaubt, die schöne
Kundgebung, die Sie an mich richteten, ihm ins Feld nachzusenden.
Es begrüßt Sie, sehr geehrter Herr,
in Ergebenheit
Ihr
Ludwig v. Ficker
P. S. Sollten Sie einmal dem Brenner - der seine Mitarbeiter leider nie entschädigen konnte und der des
Krieges halber vorläufig nicht als periodische Druckschrift, sondern im März als Jahrbuch erscheint - einen kleinen
Beitrag zur Verfügung stellen können, so empfände ich es als eine Auszeichnung und Genugtuung. D. O.

16 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [Oktober? 1914]

Ludwig Wittgenstein
Militär Komando
Krakau
S.M.S. Goplana
[Oktober? 1914]
Herrn
Ludwig von Ficker
Innsbruck-Mühlau 102
Tirol
Nur einen Gruß damit Sie mich nicht vergessen!
Ludwig Wittgenstein

17 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 17.10.1914

Ludwig v. Ficker
Innsbruck-Mühlau 102
Herrn
Ludwig Wittgenstein
Militär-Kommando, S. M. S. Goplana
Krakau
Innsbruck-Mühlau, 17. X. 1914
Lieber Herr Wittgenstein! Es scheint, daß Sie meinen Brief mit dem inliegenden Schreiben Rilkes - den ich
vor ungefähr zwei Wochen sandte - nicht erhalten haben. Bitte, recherchieren Sie, es wäre schade, wenn Sie Rilkes
Dankzeilen nicht zu Gesicht bekämen. Und noch eins für heute: Im Garnisonsspital 15, Abteilung 5, zu Krakau ist
gegenwärtig Georg Trakl untergebracht, der an schweren Gemütsdepressionen zu leiden scheint. Bitte, machen Sie
ihm die Freude und besuchen Sie ihn! Ich muß anfangs der nächsten Woche nach Wien reisen, und bei dieser
Gelegenheit werde ich trachten, einen Abstecher nach Krakau machen zu können. Es wäre ein schönes
Zusammentreffen. Also auf recht baldiges Wiedersehen hoffend
herzlichst Ihr Ludwig v. Ficker

18 VON RAINER MARIA RILKE, 18.10.1914

München, Pension Pfanner, Finkenstr. 2.


am 18. Okt. 1914
Sehr geehrter Herr,
die hiesige Filiale der Deutschen Bank hat mir schon vor ein paar Tagen das Eintreffen der Zwanzigtausend
Kronen angezeigt, ich bin etwas verspätet mit meiner Bestätigung an Sie; aber es lag mir daran, Ihnen in einer
ruhigeren Stunde für den guten Brief zu danken, durch den Sie mich Ihre eigene Geneigtheit und die Gestalt meines
nur geahnten Gebers etwas deutlicher gewahren ließen. Ich kann Ihnen versichern, dass der Eindruck und Eingriff
jenes Ereignisses mir heute noch ebenso wunderbar und unbegreiflich im Gefühle wirkt, wie in dem Augenblick, da
ich Ihre erste sachliche Mittheilung las und wiederlas. Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie meinen Brief in's Feld
weitergegeben haben, - ich bedenke seither immer, was ich wohl sonst noch hinausschicken könnte, um mit einer
wirklichen Gegenwart den verwandten Geist zu erfreuen, der doch wahrhaftig das unbeschreiblichste Anrecht hat,
dass ich ihm Freude bereite. Wenn ich die ungeheueren Umstände in Rechnung stelle, unter denen sein junges
Leben jetzt vor sich geht, so bin ich freilich recht rathlos - und überlasse es Ihnen, sehr werther Herr v. Ficker, zu
entscheiden, ob der Ausweg, den ich da zu finden glaubte, thatsächlich gangbar sei. Ich habe nämlich ein paar von
den wichtigsten Arbeiten meiner letzten Jahre für den unbekannten Freund abgeschrieben und bitte Sie nun, die
einliegenden Blätter zu lesen und sie, wenn es Ihrem Ermessen entspricht, weiterzusenden; ich meine nicht zu irren,
wenn ich vermuthe, dass gerade diese Gedichte, selbst unter jenen ausgeschalteten Verhältnissen, draußen, im Feld,
ihre Stimme nicht ganz verlieren, und es hat insofern Sinn, sie in besonderer Weise zugänglich zu machen, als ich,
wahrscheinlich, jede Veröffentlichung der "Elegien" weit hinausschieben werde. So bitte ich Sie denn auch, meine
Sendung ganz vertraulich zu behandeln, umsomehr, als das ursprüngliche Manuskript im Besitz einer mir
befreundeten Dame ist, als deren völliges Eigenthum ich meine Arbeit betrachtet wissen möchte.
Schließlich noch Eines: sollte der Fall eintreten, dass Sie irgend eine schicksalsvolle Nachricht aus dem Felde
erhalten, so wäre ich Ihnen überaus dankbar, wenn Sie sie mir nicht vorenthielten; ich weiß nicht, wie Sie denken -,
aber meinem Impuls entspräche es unbedingt, den unbekannten Helfer in jeder ernsten oder bedrohten Lage
aufzusuchen; das würde seiner Anonÿmität kaum Eintrag thun: denn unsere Berührung wäre doch eine von denen,
in der Namen keine Rolle spielen.
Ihr aufrichtig ergebener
R M Rilke
P. S.
In Hinblick auf das im März erscheinende Jahrbuch des "Brenner" wäre es mir sehr angenehm, gelegentlich
zu erfahren, welche Art Beitrag Ihnen dafür am passendsten wäre.
D. O.

BEILAGE

Elegieen

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Thiere merken es schon,
dass wir nicht sehr verlässlich zuhaus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, dass wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
O und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraum
uns am Angesicht zehrt -, wem bliebe sie nicht, die ersehnte,
sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen
mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter?
Ach, sie verdecken sich nur miteinander ihr Loos.
Weißt du's noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere
zu den Räumen hinzu, die wir athmen; vielleicht dass die Vögel
die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.

Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es mutheten manche


Sterne dir zu, dass du sie spürtest. Es hob
sich eine Woge heran im Vergangenen, oder,
da du vorübergingst am geöffneten Fenster,
gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag.
Aber bewältigtest du s? Warst du nicht immer
noch von Erwartung zerstreut, als kündigte alles
eine Geliebte dir an? (Wo willst du sie bergen,
da doch die großen fremden Gedanken bei dir
aus- und eingehn und öfters bleiben bei Nacht.)
Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden, lange
noch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl.
Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du
so viel liebender fandst als die Gestillten. Beginn
immer von Neuem die nie zu erreichende Preisung;
denk: es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihm
nur ein Vorwand zu sein: seine letzte Geburt.
Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur
in sich zurück, als wären nicht zweimal die Kräfte
dieses zu leisten. Hast du der Gaspara Stampa
denn genügend gedacht, dass irgend ein Mädchen,
dem der Geliebte entging, am gesteigerten Beispiel
dieser Liebenden fühlt: dass ich würde wie sie?
Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen
fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, dass wir liebend
uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn:
wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung
mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.

Stimmen. Stimmen. Höre mein Herz, wie sonst nur


Heilige hörten: dass sie der riesige Ruf
aufhob vom Boden; sie aber knieten,
Unmögliche, weiter und achtetens nicht:
so waren sie hörend. Nicht dass du Gottes ertrügest
die Stimme, bei Weitem. Aber das Wehende höre,
die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.
Es rauscht jetzt von jenen jungen Toten zu dir.
Wo immer du eintratst, redete nicht in Kirchen
zu Rom und Neapel ruhig ihr Schicksal dich an,
oder es trug eine Inschrift sich erhaben dir auf
wie neulich die Tafel in Santa Maria Formosa.
Was sie mir wollen? Leise soll ich des Unrechts
Anschein abthun, der ihrer Geister
reine Bewegung manchmal ein wenig behindert.

Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen,


kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben,
Rosen und andern eigens versprechenden Dingen
nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben.
Das, was man war in unendlich ängstlichen Händen,
nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen
wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug.
Seltsam die Wünsche nicht weiterzuwünschen. Seltsam,
alles, was sich bezog, so lose im Raume
flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam
und voller Nachholn, dass man allmählich ein wenig
Ewigkeit spürt. - Aber Lebendige machen
alle den Fehler, dass sie zu stark unterscheiden.
Engel (sagt man) wüssten oft nicht, ob sie unter
Lebenden gehn oder Toten. Die ewige Strömung
reißt durch beide Bereiche alle Alter
immer mit sich und übertönt sie in beiden.

Schließlich brauchen sie uns nicht mehr, die Früheentrückten,


man entwöhnt sich des Irdischen sanft, wie man der Brüste
nicht mehr der Mutter entbehrt. Aber wir, die so große
Geheimnisse brauchen, denen aus Trauer sooft
seeliger Fortschritt entspringt: könnten wir sein ohne sie?
Ist die Sage umsonst, dass einst in der Klage um Linos
wagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang,
dass erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah göttlicher Jüngling
plötzlich für immer enttrat, das Leere in jene
Schwingung gerieth, die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft.

* *

II

Jeder Engel ist schrecklich. Und dennoch, weh mir,


ansing ich euch fast tötliche Vögel der Seele,
wissend um euch. Wohin sind die Tage Tobiae,
da der Strahlendsten einer stand an der einfachen Hausthür,
zur Reise ein wenig verkleidet und schon nicht mehr furchtbar,
(Jüngling dem Jüngling, wie er neugierig hinaus sah).
Träte der Erzengel jetzt, der Gefährliche, hinter den Sternen
eines Schrittes nur nieder und herwärts: hochauf-
schlagend erschlüg uns das eigene Herz. Wer seid ihr?

Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,


Höhenzüge, morgenröthliche Grate
aller Erschaffung, Pollen der blühenden Gottheit,
Gelenke des Lichtes, Gänge Treppen Troh Throne
Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte
stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,
Spiegel: die die entströmte eigene Schönheit
wiederschöpfen zurück ins eigene Antlitz.

Denn wir, wo wir fühlen, verflüchtigen. Ach wir


athmen uns aus und dahin; von Holzgluth zu Holzgluth
geben wir schwächern Geruch. Da sagt uns wohl einer:
Ja, du gehst mir ins Blut, dieses Zimmer, der Frühling
füllt sich mit dir. Was hilfts, er kann uns nicht halten,
wir schwinden in ihm und um ihn. Und jene, die schön sind,
o wer hält sie zurück? Unaufhörlich steht Anschein
auf in ihrem Gesicht und geht fort. Wie Thau von dem Frühgras
hebt sich das Unsre von uns, wie die Hitze von einem
heißen Gericht. O Lächeln, wohin? O Aufschaun:
neue warme entgehende Welle des Herzens -,
weh mir: wir sinds doch. Schmeckt denn der Weltraum,
in den wir uns lösen, nach uns? Fangen die Engel
wirklich nur Ihriges auf, ihnen Entströmtes,
oder ist manchmal, wie aus Versehen, ein wenig
unseres Wesens dabei? Sind wir in ihre
Züge soviel nur gemischt wie das Vague in die Gesichter
schwangerer Frauen? Sie merken es nicht in dem Wirbel
ihrer Rückkehr zu sich. (Wie sollten sie's merken.)

Liebende könnten, verstünden sie's, in der Nachtluft


wunderlich reden. Denn es scheint, dass uns alles
verheimlicht. Siehe die Bäume sind, die Häuser,
die wir bewohnen, bestehn noch. Wir nur
ziehen allem vorbei wie ein luftiger Austausch.
Und alles ist einig, uns zu verschweigen, halb als
Schande vielleicht und halb als unsägliche Hoffnung.

Liebende, euch, ihr ineinander Genügten


frag ich nach uns. Ihr greift euch. Habt ihr Beweise?
Seht, mir geschiehts, dass meine Hände einander
inne werden, oder dass mein gebrauchtes
Gesicht in ihnen sich schont. Das giebt mir ein wenig
Empfindung. Doch wer wagte darum schon zu sein?
Ihr aber, die ihr im Entzücken des Andern
zunehmt, bis er euch überwaltigt
anfleht: nicht mehr -; die ihr unter den Händen
euch reichlicher werdet wie Traubenjahre,
die ihr manchmal vergeht, nur weil der Andre
ganz überhand nimmt: euch frag ich nach uns. Ich weiß,
ihr berührt euch so seelig, weil die Liebkosung verhält,
weil die Stelle nicht schwindet, die ihr, Zärtliche,
zudeckt; weil ihr darunter das reine
Dauern verspürt. So versprecht ihr euch Ewigkeit fast
von der Umarmung. Und doch, wenn ihr der ersten
Blicke Schrecken besteht und die Sehnsucht am Fenster
und den ersten gemeinsamen Gang, ein Mal durch den Garten:
Liebende, seid ihrs dann noch? Wenn ihr einer dem Andern
euch an den Mund hebt und ansetzt -: Getränk an Getränk:
o wie entgeht dann der Trinkende seltsam der Handlung.

Erstaunte euch nicht auf attischen Stelen die Vorsicht


menschlicher Geste? War nicht Liebe und Abschied
so leicht auf die Schultern gelegt, als wär es aus anderm
Stoffe gemacht, als bei uns? Gedenkt euch der Hände,
wie sie drucklos beruhen, obwohl in den Torsen die Kraft steht.
Diese Beherrschten wussten damit: so weit sind wirs,
dieses ist unser uns so zu berühren; stärker
stemmen die Götter uns an. Doch dies ist Sache der Götter.
Fänden auch wir ein reines verhaltenes schmales
Menschliche, einen unseren Streifen Fruchtlands
zwischen Strom und Gestein. Denn das eigene Herz übersteigt uns
noch immer wie jene. Und wir können ihm nicht mehr
nachschaun in Bilder, die es besänftigen, noch in
göttliche Körper, in denen es größer sich mäßigt.

* *

Fragmente aus folgenden Elegieen /

Feigenbaum, seit wie lange schon ists mir bedeutend,


wie du die Blüthe beinah ganz überschlägst
und hinein in die zeitig entschlossene Frucht
ungerühmt drängst dein reines Geheimnis.
Wie der Fontäne Rohr treibt dein gebognes Gezweig
abwärts den Saft und hinan: und er springt aus dem Schlaf,
fast nicht erwachend, ins Glück seiner süßesten Leistung.
Sieh, wie der Gott in den Schwan
. . . . . . . . . . . . . . . . . . Wir aber verweilen,
ach uns rühmt es zu blühn, und ins verspätete Innre
unserer endlichen Frucht gehn wir verrathen hinein.
Wenigen steigt so stark der Andrang des Handelns,
dass sie schon anstehn und glühn in der Fülle des Herzens
wenn die Verführung zum Blühn wie gelinderte Nachtluft
ihnen die Jugend des Munds, ihnen die Lider berührt.
Helden vielleicht und die frühe Hinüberbestimmten,
denen der gärtnernde Tod anders die Adern verbiegt.
Diese stürzen dahin: dem eigenen Lächeln
sind sie voran wie das Rossegespann in den milden
muldigen Bildern von Karnak dem siegenden König.

Wunderlich nah ist der Held doch den jugendlich Toten. Dauern
ficht ihn nicht an. Sein Aufgang ist Dasein. Beständig
nimmt er sich fort und tritt ins veränderte Sternbild
seiner steten Gefahr. Dort fänden ihn wenige. Aber,
das uns finster verschweigt, das plötzlich begeisterte Schicksal
singt ihn hinein in den Sturm seiner aufrauschenden Welt.
Hör ich doch keinen wie ihn. Auf einmal durchgeht mich
mit der strömenden Luft sein verdunkelter Ton ...
Dann, wie verbärg ich mich gern vor der Sehnsucht: 0 wär ich
wär ich ein Knabe und dürft es noch werden und säße
in die künftigen Arme gestützt und läse von Simson,
wie seine Mutter erst nichts und dann alles gebar.
- - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Wie hinstürmte der Held durch Aufenthalte der Liebe,
jeder hob ihn hinaus, jeder ihn meinende Herzschlag,
abgewendet, schon schon, stand er am Ende der Lächeln, - anders

* *

Eines ist, die Geliebte zu singen. Ein anderes, wehe,


jenen verborgenen schuldigen Fluss-Gott des Bluts.
Den sie von weitem erkennt, ihren Jüngling, was weiß er
selbst von dem Herren der Lust, der aus dem Einsamen oft
ehe das Mädchen noch linderte, oft auch als wäre sie nicht,
ach, von welchem Unkenntlichen triefend, das Gotthaupt
aufhob, aufrufend die Nacht zu unendlichem Aufruhr.
0 des Blutes Neptun, o sein furchtbarer Dreizack,
o der dunkele Wind seiner Brust aus gewundener Muschel.
Horch, wie die Nacht sich muldet und höhlt. Ihr Sterne,
stammt nicht von euch des Liebenden Lust zu dem Antlitz
seiner Geliebten? Hat er die innige Einsicht
in ihr reines Gesicht nicht aus dem reinen Gestirn?

Du nicht hast ihn, wehe, nicht seine Mutter


hat ihm die Bogen der Braun so zur Erwartung gespannt.
Nicht an dir, ihn fühlendes Mädchen, an dir nicht
bog seine Lippe sich zum fruchtbarern Ausdruck.
Meinst du wirklich, ihn hätte dein leichter Auftritt
also erschüttert, du, die wandelt wie Frühwind?
Zwar, du erschrakst ihm das Herz; doch ältere Schrecken
stürzten in ihn bei dem berührenden Anstoß.
Ruf ihn. Du rufst ihn nicht ganz aus dunkelem Umgang.
Freilich er will und entspringt; erleichtert gewöhnt er
sich in dein heimliches Herz und nimmt und beginnt sich.
Aber begann er sich je?
Mutter, du machtest ihn klein, du warsts, die ihn anfing;
dir war er neu, du beugtest über die neuen
Augen die freundliche Welt und wehrtest der fremden.
Wo, ach, hin sind die Jahre, da du ihm einfach
mit der schlanken Gestalt wallendes Chaos vertratst?
Vieles verbargst du ihm so. Da nächtlich-verdächtige Zimmer
machtest du harmlos; aus deinem Herzen voll Zuflucht
mischtest du menschlichern Raum seinem Nachtraum hinzu.
Nicht in die Finsternis, nein, in dein näheres Dasein
hast du das Nachtlicht gestellt, und es schien wie aus Freundschaft.
Nirgends ein Knistern, das du nicht lächelnd erklärtest,
so als wüsstest du längst, wann sich die Diele benimmt.
Und er horchte und linderte sich. So vieles vermochte
zärtlich dein Aufstehn; hinter den Schrank trat
hoch im Mantel sein Schicksal und in die Falten des Vorhangs
passte, die leicht sich verschob, seine unruhige Zukunft.
Und er selbst, wie er lag, der Erleichterte, unter
schläfernden Lidern deiner leichten Gestaltung
Süße lösend in den gekosteten Vorschlaf:
schien ein Gehüteter. Aber innen: wer wehrte,
hinderte innen in ihm die Fluthen der Herkunft?
Ach da war keine Vorsicht im Schlafenden; schlafend,
aber träumend, aber in Fiebern: wie er sich einließ.
Er, der Neue, Scheuende, wie er verstrickt war,
mit des innern Geschehens weiterschlagenden Ranken
schon zu Mustern verschlungen, zu würgendem Wachsthum, zu thierhaft
jagenden Formen. Wie er sich hingab. Liebte.
Liebte sein Inneres, seines Inneren Wildnis
diesen Urwald in ihm, auf dessen stummem Gestürztsein
lichtgrün sein Herz stand. Liebte. Verließ es, ging die
eigenen Wurzeln hinaus in gewaltigen Ursprung,
wo seine kleine Geburt schon überlebt war. Liebend
stieg er hinab in das ältere Blut, in die Schluchten
wo das Furchtbare lag, noch satt von den Vätern. Und jedes
Schreckliche kannte ihn, blinzelte, war wie verständigt.
Ja das Entsetzliche lächelte. Selten
hast du so zärtlich gelächelt, Mutter. Wie sollte
er es nicht lieben, da es ihm lächelte. Vor dir
hat ers geliebt, denn da du ihn trugst schon
war es im Wasser gelöst, dass den Keimenden leicht macht

Siehe, wir lieben nicht, wie die Blumen, aus einem


einzigen Jahr. Uns steigt, wo wir lieben,
unvordenklicher Saft in die Arme. 0 Mädchen,
dies, dass wir liebten in uns, nicht eines, ein Künftiges, sondern
das zahllos Brauende, nicht ein einzelnes Kind,
sondern die Wörter, die wie Trümmer Gebirgs
uns im Grunde beruhn, sondern das trockene Flussbett
einstiger Mütter, sondern die ganze
lautlose Landschaft unter dem wolkigen oder
reinen Verhängnis -: dies kam dir, Mädchen, zuvor -
- - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - -

* *

Dass ich dereinst an dem Ausgang der grimmigen Einsicht


Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.
Dass von den klar geschlagenen Hämmern des Herzens
keiner versage an weichen, zweifelnden oder
jähzornigen Saiten. Dass mich mein strömendes Antlitz
glänzender mache; dass das unscheinbare Weinen
blühe. 0 wie werdet ihr dann, Nächte, mir lieb sein,
gehärmte. Dass ich euch knieender nicht, untröstliche Schwestern
hinnahm, nicht in euer gelöstes
Haar mich gelöster ergab. Wir Vergeuder der Schmerzen.
Wie wir sie absehn voraus in die traurige Dauer
ob sie nicht enden vielleicht. Sind aber sind ja
Zeiten von uns, unser winter-
währiges Laubwerk, Wiesen Teiche angeborene Landschaft,
von Geschöpfen im Schilf und von Vögeln bewohnt.

Oben, der hohen, steht nicht die Hälfte der Himmel


über der Wehmuth in uns der bemühten Natur?
Denk, du beträtest nicht mehr dein verwildertes Leidthum,
sähest die Sterne nicht mehr durch das herbere Blättern
schwärzlichen Schmerzlaubs, und die Trümmer von Schicksal
böte dir höher nicht mehr der vergrößernde Mondschein,
dass du an ihnen dich fühlst wie ein einstiges Volk?
Lächeln auch wäre nicht mehr, das zehrende derer,
die du hinüberverlorest: so wenig gewaltsam,
eben an dir nur vorbei traten sie rein in dein Leid.
(Fast wie das Mädchen, das grade dem Freier sich zusprach,
der sie seit Wochen bedrängt, und sie bringt ihn erschrocken
an das Gitter des Gartens, den Mann, der frohlockt und ungern
fortgeht: da stört sie ein Schritt in dem neueren Abschied,
und sie wartet und steht, und da trifft ihr vollzähliges Aufschaun
ganz in das Aufschaun des Fremden, das Aufschaun der Jungfrau,
die ihn unendlich begreift: den draußen, der ihr bestimmt war,
draußen den wandernden Andern, der ihr ewig bestimmt war.
Hallend geht er vorbei..) So immer verlorst du;
als ein Besitzender nicht: wie sterbend einer,
vorgebeugt in die feucht herwehende Märznacht,
ach, den Frühling verliert in die Kehlen der Vögel.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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* *

Unwissend vor dem Himmel meines Lebens


anstaunend steh ich. 0 die großen Sterne.
Aufgehendes und Niederstieg. Wie still.
Als wär ich nicht. Nehm ich denn Theil? Entrieth ich
dem reinen Einfluss? Wechselt Fluth und Ebbe
in meinem Blut nach dieser Ordnung? - Abthun
will ich die Wünsche, jeden andern Anschluss,
mein Herz gewöhnen an sein Fernstes. Besser
es lebt im Schrecken seiner Sterne, als
zum Schein beschützt, von einer Näh beschwichtigt
- - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - -
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* *
*

19 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 26.10.1914

Krakau (Hôtel Royal) 26. X. 1914


Lieber Herr Wittgenstein!
Wie gerne hätte ich Sie hier wiedergesehen und gesprochen! Ich kam vorgestern hier an und fahre nun
wieder nach Wien und Innsbruck zurück. Georg Trakl liegt hier krank im Garnisonsspital 15 (Abteilung 5); er leidet
an schweren psychischen Erschütterungen. Er hätte Sie auch so gerne kennen gelernt und hofft, daß Sie vielleicht
doch diese oder nächste Woche nach Krakau zurückkommen; besuchen Sie ihn dann bitte, er dürfte so lange noch
im Spital bleiben, wo er sich sehr vereinsamt fühlt. Er hat hier sonst keinen Menschen, der ihn kennt und besucht.
Zu meiner immerhin nicht geringen Freude war es mir jedoch vergönnt, Ihren früheren Kommandanten -
Leutnant Molé (wenn ich nicht irre, jedenfalls so ähnlich) - kennen zu lernen, als ich mich beim Militär-Kommando
nach Ihnen erkundigte. Er sprach in der wärmsten und herzlichsten Weise von Ihnen, war voll Anerkennung Ihres
Diensteifers und erzählte mir, wie Sie beide oft nachts auf dem Schiffe - während Sie den Scheinwerfer bedienten -
zusammen philosophierten.
Also immerhin konnte ich erfahren, daß es Ihnen gut geht und Sie anregende Tage verbringen. Rilkes Brief,
der meinem letzten Schreiben beilag, ist inzwischen wohl in Ihre Hände gelangt.
Und nun weiterhin alles Gute und herzlichste Grüße
Ihres
Ludwig v. Ficker

20 RUDOLF MOLÈ AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 26.10.1914

Lieber Wittgenstein!
Hoffentlich haben Sie die Briefe; die ich Ihnen nachgeschickt habe, bekommen. Gestern (Sonntag) war bei
mir der Herr v. Ficker und erkundigte sich über Sie. Leider konnte ich ihm nur die Mitteilung machen, daß Sie sich in
Szczucin befänden und Ihnen die Briefe nachgeschickt werden.
Wie geht es Ihnen? Mir ziemlich gut. Grüssen Sie mir recht schön den wackeren Szybínski und sagen Sie
ihm, er möge mir sobald als möglich genaue Daten über sein Assentjahr, Avancement, Auszeichnungen u.s.w.
nachschicken.
Es grüßt Sie herzlichst
ergebenster
[D ?] R Molè
Krakau, 26/ 10. 1914.

21 GEORG TRAKL AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [wahrsch. 26.10.1914]

Georg Trakl, Medik. Akz.


Garnisons Spital Nr. 15
Krakau V. Abt.
[wahrsch. 26. 10. 1914]
Herrn
Ludwig Wittgenstein
Krakau
Militär Kommando
S. M. S. Goplana
Sehr verehrter Herr!
Sie würden mich zu großem Dank verpflichten, wenn Sie mir die Ehre Ihres Besuches geben würden. Ich bin
seit beiläufig 14 Tagen im hiesigen Garnis. Spit. auf der fünften Abteilung für Geistes und Nervenkranke.
Möglicherweise werde ich das Spital in den nächsten Tagen verlassen können um wieder ins Feld zurückzukehren.
Bevor darüber eine Entscheidung fällt, möchte ich herzlich gerne mit Ihnen sprechen. Mit den besten Grüßen Ihr
ergebener
Georg Trakl

22 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [wahrsch. 28.10.1914]

Ludwig Wittgenstein
Militär Komando
Krakau
S.M.S. Goplana
[wahrsch. 28. 10. 1914]
Herrn Ludwig von Ficker
Innsbruck-Mühlau 102
Tirol
Sehr geehrter Herr v. Ficker!
Besten Dank für lhre liebe Karte und den beigelegten Brief Rilkes. Er schreibt daß der Krieg die Menschen
aus ihrer Arbeit herausreisse - und, denken Sie, ich arbeite gerade in den letzten 6 Wochen so gut wie selten! Möge
es vielen gehen wie mir! Auch ich freue mich auf ein, hoffentlich baldiges, Wiedersehen. Ihr aufrichtig ergebener
Ludwig Wittgenstein

23 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [wahrsch. 30.10.1914]

Ludwig Wittgenstein
Militär Komando
Krakau
S.M.S. Goplana
[wahrsch. 30. 10. 1914]
Herrn
Ludwig von Ficker
Innsbruck-Mühlau 102
Tirol
Lieber Herr v. Ficker! Besten Dank für Ihre Karte. Zugleich kam ein Brief von Ltnd. Molé, der mir schrieb,
Sie hätten sich bei ihm nach mir erkundigt. Wie schade, daß wir einander nicht treffen konnten!! - Den armen Trackl
bedaure ich sehr, vielleicht kann ich ihn doch noch sehen, wenn ich wieder nach Krakau komme. Herzlichsten Gruß!
Ihr Ludwig Wittgenstein

24 AN RAINER MARIA RILKE, 3.11.1914

Schriftleitung "Der Brenner"


Innsbruck-Mühlau
3. XI. 1914
Hochverehrter Herr!
Gestatten Sie mir, Ihnen aus tiefstem Herzen Dank zu sagen für Ihre freundlichen Zeilen sowohl wie für die
herrliche Gabe, die den edlen Jüngling, dem sie zugedacht ist, aufs innigste beglücken wird. Ich konnte sie ihm noch
nicht zugehen lassen, da ich erst gestern aus Krakau zurückgekehrt bin, wohin ich einem traurigen Ruf eines
Freundes, des Dichters Georg Trakl, gefolgt war, der aufs tiefste verstört von dem Furchtbaren, das er im Feld
erlitten, dort im Garnisonsspital darniederliegt. Meine Hoffnung, dort auch unseren jungen Freund, der der
Festungsartillerie in Krakau zugeteilt ist, anzutreffen, ging leider nicht in Erfüllung; denn er verrichtet auf einem
Schiff der Weichselflottille Dienst, das bis auf weiteres in der Nähe von Sandomierz stationiert ist. Doch hatte ich
das Glück, mit seinem bisherigen Kommandanten zu sprechen, der des Lobes über ihn voll war und mir erzählte,
wie gern er sich der schönen Nächte erinnere, die sie beide zusammen auf Deckwacht verbrachten, und wie sie dabei
oft tief ins Gespräch gekommen seien, während der junge Mann, der jede, auch die geringste und die schwerste
Arbeit gewissenhaft verrichtete, Kartoffeln schälte oder den Scheinwerfer bediente.
Aus dieser Andeutung bitte ich Sie zu entnehmen, dass trotz der ungewöhnlichen Umstände, in denen er sich
befindet, es ihm gar wohl vergönnt sein wird, den Anruf Ihrer Stimme so in sich aufzunehmen, dass er aufs tiefste
davon erfüllt sein wird. Zugleich aber möchte ich annehmen, dass sein Leben nicht so unmittelbar bedroht ist wie
das vieler anderwärts im Felde Stehenden. Sollte sich, was die Vorsehung verhüten möge, dennoch etwas
Unerwartetes ereignen, das sein Schicksal bedroht, so sollen Sie sich darauf verlassen, dass ich Ihnen unverzüglich
davon Mitteilung machen werde.
Selbstverständlich werde ich keinem Menschen Einblick in Ihre Elegien gewähren außer ihm, für den sie
bestimmt sind und dem ich sie morgen zugehen lassen werde. Ihren Brief beizulegen gestatten Sie mir ja wohl ohne
weiteres.
Zum Schlusse danke ich Ihnen noch im Besonderen für Ihre Bereitwilligkeit, mein Brenner-Jahrbuch durch
einen Beitrag auszuzeichnen. Welcher Art er sei - am liebsten freilich ein rein dichterischer, Prosa oder Verse - dies
zu bestimmen möchte ich, verehrter Herr, vorerst ganz Ihrer Neigung überlassen.
Es begrüßt Sie in Ergebenheit
Ihr
Ludwig v. Ficker

25 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [6.11.1914]

Ludwig Wittgenstein
Militär Komando
Krakau
S.M.S. Goplana
[6. 11. 1914]
Herrn Ludwig von Ficker
Innsbruck-Mühlau 102
Tirol
Lieber Herr v. Ficker!
Gestern nachts kam ich hier an, und erhielt heute früh im Garnisons Spital die Nachricht vom Tode Trakls.
Ich bin erschüttert; obwohl ich ihn nicht kannte! Möchte es mir vergönnt sein Sie doch noch einmal hier zu sehen!
Ihr ergebener
Ludwig Wittgenstein

26 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [9.11.1914]

Ludwig v. Ficker
Innsbruck-Mühlau 102
Herrn
Ludwig Wittgenstein
S. M. S. Goplana
Krakau
Militär-Kommando
Lieber, verehrter Freund! Bin fassungslos über Ihre Nachricht. Bitte teilen Sie mir umgehend Näheres über
Trakls erschütterndes Hinscheiden mit. Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden könnte. Und haben Sie
tausendmal Dank, auch für die letzte Wohltat, die Sie dem Armen erweisen wollten.
Herzlichst und tief ergeben
Ihr
Ludwig v. Ficker
9. XI. 1914

27 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 16.11.1914

[Krakau] 16. 11. 14.


Lieber Herr v. Ficker!
Ich danke Ihnen für Ihre Karte vom 9.ten. Alles was ich über das Ende des armen Trakl erfahren habe ist
dies: Er ist drei Tage vor meiner Ankunft an Herzlähmung gestorben. -
Es widerstrebte mir, mich auf diese Nachricht hin noch weiter nach Umständen zu erkundigen, wo doch das
einzig Wichtige schon gesagt war.
Am 30ten October hatte ich von Trakl eine Karte erhalten mit der Bitte ihn zu besuchen. Ich antwortete
umgehend: ich hoffte in den nächsten Tagen in Krakau einzutreffen und würde dann sofort zu ihm kommen.
Möchte Sie der gute Geist nicht verlassen! Und auch nicht
Ihren ergebenen
Ludwig Wittgenstein

28 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [28.11.1914]

Ludwig Wittgenstein
Militär Kommando
Krakau
S.M.S. Goplana
[Poststempel: 28. XI. 14]
Herrn Ludwig von Ficker
Innsbruck-Mühlau 102
Tirol
Lieber Herr v. Ficker! Ich danke Ihnen für die Zusendung der Gedichte Trakls Ich verstehe sie nicht; aber ihr
Ton beglückt mich. Es ist der Ton der wahrhaft genialen Menschen. Wie gerne möchte ich Sie sehen und mich über
manches aussprechen! Sein Sie herzlichst gegrüßt von Ihrem
Ludwig Wittgenstein

29 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [Mitte Dezember 1914]

Ludwig Wittgenstein
K u k Werkstätte der Festung
Krakau
Art. Autodetachement
[Mitte Dezember 1914]
Herrn Ludwig von Ficker
Innsbruck-Mühlau 102
Tirol
Lieber Herr v. Ficker!
Vor kurzer Zeit bin ich von dem Weichsel-Schiff "Goplana" abkommandiert worden und bin jetzt als Techn.
Beamter beim Artillerie Autodetachement (genaue Adresse auf der anderen Seite)
Ich grüße Sie herzlichst.
Ihr ergebener
Ludwig Wittgenstein

30 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 29.12.1914

Innsbruck-Mühlau 102, am 29. Dezember 1914


Lieber Herr Wittgenstein!
Bisher wagte ich es nicht, Ihnen die weiteren Belege für die Verteilung des Kapitals zuzusenden, da die
Unsicherheit der Lage um Krakau zur Vorsicht riet - wer weiß, ob ein Brief nicht verloren gegangen wäre! Ein
Schaden, der nicht mehr gut zu machen gewesen wäre; denn es befindet sich darunter eine handschriftliche
Widmung Rilke's an Sie, die Ihnen die tiefste Freude bereiten dürfte. Um so froher war ich, als ich heute soeben Ihre
Karte mit der neuen Adresse erhielt; denn nun glaube ich die Sendung unbesorgt der Post anvertrauen zu können.
Wie Sie sehen, habe ich bei Realisierung der von Ihnen gebilligten Vorschläge nachträglich Albert Ehrenstein
mit 1000 Kronen und auf einen Wink dieses letzteren den augenscheinlich momentan etwas bedrängten Adolf Loos
mit 2000 Kronen einbezogen. Durch die Zuwendung an Loos, die unter den gegebenen Umständen ohne weiteres
geboten schien (ich bin überzeugt, Sie selbst stimmen ihr rückhaltlos zu), mußte ich die Beträge für Richard Weiß
und L. E. Tesar, die ursprünglich auf je 2000 Kronen angesetzt waren, um je 1000 Kronen mindern, was sich noch
machen ließ, da diese Zuwendungen noch nicht gemacht werden konnten; Tesar befindet sich nämlich im Feld und
Weiß, der zuletzt in England war, ist vorderhand nicht zu ermitteln.
Das Kapital, das Trakl aus Ihrer Stiftung besaß, ist auf Grund einer letztwilligen Verfügung an seine in großer
Armut lebende Schwester gefallen, an der er mit großer Zärtlichkeit hing. Der Brief an mich, in dem er diese
Verfügung traf, - sein letzter - lautet: "Krakau, am 27. Okt. 1914. Lieber, verehrter Freund! Anbei übersende ich
Ihnen die Abschriften der beiden Gedichte, die ich Ihnen versprochen. Seit Ihrem Besuch im Spital ist mir doppelt
traurig zu Mute. Ich fühle mich fast schon jenseits der Welt. - Zum Schlusse will ich noch beifügen, daß im Fall
meines Ablebens es mein Wunsch und Wille ist, daß meine liebe Schwester Grete alles, was ich an Geld und
sonstigen Gegenständen besitze, zu eigen haben soll. Es umarmt Sie, lieber Freund, innigst Ihr G. T."
Darf ich bei dieser Gelegenheit eine Bitte, vielmehr nur eine Anfrage an Sie richten? Wäre es Ihnen möglich
nachsehen zu lassen, ob Trakls Grab in einer Weise kenntlich gemacht ist, daß ein Irrtum bei einer späteren
Exhumierung ausgeschlossen ist? Mir und der Schwester des Dichters läge nämlich alles daran, seine Gebeine nach
Friedensschluß nach Tirol überführen und sie hier im herrlich gelegenen neuen Friedhof von Mühlau beisetzen zu
lassen. Denn hier sind seine bedeutendsten Dichtungen entstanden, von hier - vom "Brenner" - aus drang seine
Bedeutung durch und hier, wo er durch ein Jahr mein Hausgenosse war, hatte er vor dem Krieg, in den er mit
Begeisterung zog, die letzte Zuflucht gefunden. Auch habe ich persönlich so sehr an ihm gehangen, daß mir dieser
letzte Liebesdienst zu seinen Ehren als eine besondere Freundespflicht erscheint.
Ich selbst werde nun auch in absehbarer Zeit zur Kriegsdienstleistung einberufen werden, nachdem ich bei
der Stellung für das erste Landsturm-Aufgebot für waffentauglich befunden wurde. Möglich also, daß ich Sie doch
noch dort oben wiedersehen werde.
Einstweilen grüßt Sie herzlichst in Ergebenheit
Ihr
Ludwig v. Ficker

31 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 10.1.1915

Abs. Ludwig von Ficker, Innsbruck-Mühlau 102

Herrn
Ludwig Wittgenstein
k. u. k. Werkstätte der Festung
Krakau
Artillerie-Autodetachement
Schriftleitung "Der Brenner" / Innsbruck-Mühlau 102 10. 1. 1915
Lieber Herr Wittgenstein! Ich hatte Ihnen Ende Dezember ein ausführliches Schreiben und als Beilage eine
größere Anzahl von Dankbriefen der bedachten Autoren an Ihre neue Adresse gesandt. Diese Sendung erhielt ich zu
meiner Überraschung heute als unbestellbar mit dem Vermerk zurück, daß der Adressat dort unbekannt sei. Es ist
Ihnen doch hoffentlich nichts zugestoßen. Oder sind Sie inzwischen wieder einem anderen Dienstzweig zugeteilt
worden? Falls diese Karte, die ich nochmals an die zuletzt mitgeteilte Adresse sende, in Ihre Hände gelangt, dann
schreiben Sie mir bitte freundlichst, an welche sichere Adresse ich Ihnen die retournierte Sendung überweisen kann.
Inzwischen grüßt Sie in herzlicher Ergebenheit Ihr Ludwig v. Ficker

32 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [17.1.1915]

Ludwig Wittgenstein
Art. Autodetachement
"Oblt Gürth"
Feldpost N° 186
[Poststempel: 17. I. 15]
Herrn Ludwig von Ficker
Innsbruck-Mühlau 102
Tirol
Lieber Herr v. Ficker!
Ich erhielt heute Ihre Karte vom 10.1.. Sie ist ganz richtig adressiert und die Rücksendung jenes Briefes nur
dem Betriebe unserer Post zuzuschreiben. Am sichersten ist jedoch die Adresse auf der Rückseite dieser Karte.
Herzlichste Grüße von
Ihrem ergebenen
Ludwig Wittgenstein
33 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [1.2.1915]

Ludwig Wittgenstein
K. u. k. Art. Werkstätte
der Festung Krakau.
FELDPOST Nr. 186.
[Poststempel: 1. II. 15]
Herrn Ludwig von Ficker
Innsbruck-Mühlau 102
Tirol
Lieber Herr v. Ficker!
Den angekündigten Brief habe ich leider noch nicht erhalten. Man ist wirklich "von der Mitwelt durch die
Feldpost abgeschnitten". Wie schön wäre es wenn Sie einmal hierher kommen könnten! Versuchen Sie bitte in
jedem Falle eine Nachricht durchzudrücken. Herzlichste Grüße von Ihrem
ergebenen
Ludw Wittgenstein

34 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 3.2.1915

Ludwig von Ficker


Innsbruck-Mühlau 102

Herrn
Ludwig Wittgenstein
K. u. k. Artillerie-Werkstätte der Festung
Krakau
Art. Autodetachement "Oblt. Gürth"
3. II. 1915
Lieber Herr Wittgenstein! Ich sende Ihnen mit gleicher Post die Briefbelege, die vor einigen Wochen an mich
zurückkamen. Ich muß am 15. ds. einrücken, und zwar werde ich zur Abrichtung voraussichtlich nach Brixen zum 2.
Tiroler Kaiserjäger-Regiment kommen. Vor ich dann ins Feld muß, hoffe ich noch mein Brenner-Jahrbuch
erscheinen lassen zu können. Es wird Ihnen dann das erste Exemplar zugehen; für heute sende ich Trakls eben
erschienenes nachgelassenes Gedichtbuch. Herzlich ergeben
grüßt Sie
Ihr
Ludwig v. Ficker

35 AN RAINER MARIA RILKE, 4.2.1915

DER BRENNER
Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102
4. II. 1915
Sehr geehrter Herr!
Sie waren so freundlich, auf meine seinerzeitige Einladung hin mir einen Beitrag für das im Frühjahr
erscheinende Brenner-Jahrbuch in Aussicht zu stellen. Da ich am 15. dieses Monats einrücken muß (zum 2. Tiroler
Kaiserjäger-Regiment nach Brixen) und dieser Umstand mich nötigt, die Herausgabe des Jahrbuchs zu
beschleunigen, so gestatte ich mir die höfliche Anfrage, ob ich auf Ihr Entgegenkommen nach wie vor rechnen darf,
rückhaltloser gesagt: ob ich einen Beitrag - am liebsten wären mir Verse - möglichst im Verlauf der nächsten
vierzehn Tage erwarten darf. Für genaueste Korrektur verbürge ich mich. Das Jahrbuch wird im ungefähren Umfang
von 200 Seiten erscheinen, wobei folgende Beiträge (in nachstehend geplanter Anordnung) in Aussicht genommen
sind :
Georg Trakl: Die letzten Gedichte
Sören Kierkegaard: Vom Tode (Rede)
(Erste deutsche Übertragung von Theodor Haecker)
Georg Trakl: Offenbarung und Untergang
(Prosastück)
Rainer Maria Rilke: (Verse)
Carl Dallago: Der Anschluss an das Gesetz
(Versuch einer vollständigen Wiedergabe des Taoteking auf Grund einer vergleichenden Kritik der bisher
erschienenen, völlig von einander abweichenden und verworrenen Übertragungen)
Theodor Haecker: Der Krieg und die führenden Geister
(Essay)
Ein Bildnis Georg Trakls († am 3. Nov. 1914 in Krakau)
Zur Orientierung über Format und beiläufige Ausstattung des Jahrbuchs lasse ich Ihnen eine
Publikationsprobe und einen privaten Sonderdruck unseres Verlags zugehen.
Unser Freund im Feld konnte bisher nur in ein paar einfachen Dankeszeilen seiner Freude über die
Überreichung Ihrer Verse Ausdruck geben.
Es begrüßt Sie, sehr geehrter Herr, Ihres gütigen Bescheids gewärtig in ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ergebener
Ludwig v. Ficker

36 VON RAINER MARIA RILKE, 8.2.1915

z. Zt. Irschenhausen bei Ebenhausen


(Isarthal)
Pension Landhaus "Schönblick".
am 8. Febr. 1915
Sehr geehrter Herr v. Ficker,
längst würde ich Ihnen geschrieben haben, wenn nicht das Gewicht der Zeit auf der mindesten Mittheilung
und Aussprache läge, so dass ich kein Wort schreiben kann, ohne unverhältnismäßige Anstrengung: vor der würde
ich nicht zurückscheuen, wenn ich nicht fürchten müsste, dass dieses Anstreben gegen unfassliche und
unübersehliche Widerstände, den Inhalt selbst des Geschriebenen gleichsam aufhebt und überwiegt; da doch ein
innerer eindeutiger Impuls nicht da ist, der die mühsam durchgesetzte Bewegung in einen reinen Ausdruck triebe,
sondern das bloße Schreibenkönnen schon Phänomen genug ist.
So schwieg ich denn. Aber ich bin Ihnen dankbar, dass Sie das Schweigen aufgegeben haben, um mich an
meinen versprochenen Beitrag für den "Brenner" zu erinnern. Ich könnte Ihnen sofort etwas aus meinen Papieren
schicken, ein paar Verse, da indessen noch etwa zehn Tage, oder wenigstens acht, mir zugestanden sind, lasse ich es
darauf ankommen, ob nicht vielleicht irgend ein Gedicht entsteht, ein neues, jetziges, - sei es auch nicht mehr, als
das Geräusch, mit dem ein Stück Schweigens abbröckelt von der großen Masse Stummseins in mir: denn wie ich
den Inhalt des Brenner-Heftes, den Sie mir, dem Namen nach, vorstellen, betrachte, vermuthe ich, dass ein solcher
Beitrag Ihnen willkommener und dem Zusammenhang durchaus angepasster wäre.
Was mich angeht, so hatte ich innerlich und von Außen her unruhige Wochen; eine Zeit lang war ich in
Berlin, bin aber dann doch wieder nach München zurückgegangen, von wo ich jetzt, nur für ein paar Tage, die reine
Jahreszeit aufgesucht habe, die hier verschneite Thäler und dunkle Waldstreifen unter ausgedehnte Himmel
zusammenfasst. Längstens gegen Mitte der Woche bin ich wieder in München (Finkenstr. 2IV).
Auf Ihrigen letzten Brief hätte ich Ihnen gerne berichtet, wie ich im Julÿ in Paris, mit Georg Trakl's Gedichten
gerade sehr viel, sehr ergriffen umgegangen war; inzwischen hat sich sein Schicksal um ihn geschlossen, und nun ist
freilich noch deutlicher zu erkennen, wie weit sein Werk schon aus dem schicksalhaft Untergänglichen ausgetreten
und ausgeworfen war.
(Ich erwarte dieser Tage den "Sebastian", den ich mir gleich, da ich ihn angezeigt las, bestellt habe.)
Die kleine Zeile in der Sie seiner Erwähnung thun, nehme ich als Zeugnis für das Wohlergehen des
unbekannten Freundes draußen recht herzlich in Anspruch. Bis zum nächsten Mal
Ihr aufrichtig ergebener
R. M. Rilke
Dienstag früh. (Nachschrift)
Gestern abend erst fand ich in dem Umschlag, aus dem ich mir den Kierkegaard entnommen hatte, Trakl's
Helian -, und danke Ihnen nun ganz besonders für die Sendung. Jedes Anheben und Hingehen in diesem schönen
Gedicht ist von einer unsäglichen Süßigkeit, ganz ergreifend ward es mir durch seine inneren Abstände, es ist
gleichsam auf seine Pausen aufgebaut, ein paar Einfriedigungen um das grenzenlos Wortlose: so stehen die Zeilen
da. Wie Zäune in einem flachen Land, über die hin das Eingezäunte fortwährend zu einer unbesitzbaren großen
Ebene zusammenschlägt.
Wann ist der Helian geschrieben? Vielleicht haben Sie irgendwo ein paar Daten und Erinnerungen über den
Dichter zusammengestellt?; sollten Sie Derartiges an die Öffentlichkeit geben, so bitte ich um einen Hinweis, wo es
zu lesen ist. Trakl's Gestalt gehört zu den linoshaft Mÿthischen; instinktiv fass ich sie in den fünf Erscheinungen des
Helian. Greifbarer hat sie wohl nicht zu sein, war sie es wohl nicht aus ihm selbst. Trotzdem erwünscht ich mir für
manche Zeile einen Hinweis auf ihn, nicht um wörtlich zu "verstehn", sondern nur um im Instinkt da und dort
bestärkt zu sein.
(Die Nachrichten über T. in den "Weißen Blättern" und in der "Neuen Rundschau" hab ich gelesen.)
Seien Sie mir herzlich, dankbar, gegrüßt.
Ihr R. M. R.

37 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 9.2.1915

Ludwig Wittgenstein
K.u.k. Art. Werkstätte
der Festung Krakau.
FELDPOST Nr. 186

Herrn Ludwig von Ficker


Innsbruck-Mühlau 102
Tirol
9. 2. 15.
Lieber Herr v. Ficker!
Ich erhielt soeben Trakl's Buch. Vielen Dank! Ich bin jetzt in einer sterilen Zeit und habe keine Lust fremde
Gedanken aufzunehmen. Diese habe ich nur während des Abfalls der Produktivität, nicht wenn sie schon ganz
aufgehört hat. Aber - leider - fühle ich mich jetzt ganz ausgebrannt! Man muß eben Geduld haben. Wie gern würde
ich Sie jetzt sehen!
Ihr ergebener
Ludwig Wittgenstein
P.S. Den angekündigten Brief habe ich noch nicht erhalten

38 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 13.2.1915

K. u. k. Art. Werkstätte
der Festung Krakau.
FELDPOST Nr. 186.
13. 2. 15
Lieber Herr von Ficker!
Vielen Dank für Ihren lieben Brief vom 21.12.14.! Anbei schicke ich die Belege zurück, mit Ausnahme der an
mich gerichteten Zeilen Hauers und von Rilkes liebem, edlem Brief. Die anderen Briefe hätte ich als Belege nicht
gebrau[ch]t; als Dank waren sie mir - offen gestanden - größtenteils höchst unsympathisch. Ein gewisser unedler fast
schwindelhafter Ton - etc.
Rilkes Schreiben an Sie hat mich gerührt und tief erfreut. Die Zuneigung jedes edlen Menschen ist ein Halt in
dem labilen Gleichgewicht meines Lebens. Ganz unwürdig bin ich des herrlichen Geschenkes, das ich als Zeichen
und Andenken dieser Zuneigung am Herzen trage. Könnten Sie Rilke meinen tiefsten Dank und meine treue
Ergebenheit übermitteln!
Trakls Grab hat die Exhibit Nummer 3570 und die Bezeichnung: Gruppe XXIII. Reihe 13 Grab N° 45.
Möchte Ihnen Ihre militärische Tätigkeit Freude bereiten!
Wie schön wäre es wenn sie uns zusammen brächte!
Herzlichst grüßt Sie Ihr
ergebener
Ludwig Wittgenstein

39 VON RAINER MARIA RILKE, 15.2.1915

München, Finkenstr. 2IV


am 15. Februar 1915.
Sehr geehrter Herr v. Ficker,
es ist nun doch nichts Neues -, ich bin unergiebiger als ich dachte, - sondern im Blättern durch mein
Taschenbuch fanden sich die beiliegenden Verse; es will mir scheinen, als könnten sie Ihnen recht sein. Ist dies nicht
der Fall, so lassen Sie michs wissen, ich suche dann rasch noch etwas anderes.
Ich zögerte, über diese Abschrift einen Titel zu setzen und unterließ es schließlich. Vielleicht stimmen wir
auch darin gefühlsmäßig überein.
Was den Druck angeht, so wäre es mir lieb, wenn man meinem Manuscript genau folgte, die
Unterscheidungszeichen beibehielte, ebenso wie die kleingeschriebenen Zeilenanfänge. Wollen Sie gütigst den
Corrector in diesem Sinne beauftragen.
Inzwischen habe ich den "Sebastian im Traum" bekommen und viel darin gelesen: ergriffen, staunend,
ahnend und rathlos; denn man begreift bald, dass die Bedingungen dieses Auftönens und Hinklingens
unwiderbringlich einzige waren, wie die Umstände, aus denen eben ein Traum kommen mag. Ich denke mir, dass
selbst der Nahstehende immer noch wie an Scheiben gepresst diese Aussichten und Einblicke erfährt, als ein
Ausgeschlossener: denn Trakl's Erleben geht wie in Spiegelbildern und füllt seinen ganzen Raum, der unbetretbar ist,
wie der Raum im Spiegel. (Wer mag er gewesen sein?)
Alles Gute für Sie, lieber Herr von Ficker, und die Grüße eines stetigen Gedenkens.
Ihr
R M Rilke
BEILAGE

So angestrengt wider die starke Nacht


werfen sie ihre Stimmen ins Gelächter,
das schlecht verbrennt. O aufgelehnte Welt
voll Weigerung. Und athmet doch den Raum,
in dem die Sterne gehen. Siehe, dies
bedürfte nicht und könnte, der Entfernung
fremd hingegeben, in dem Übermaß
von Fernen sich ergehen, fort von uns.
Und nun geruhts und reicht uns ans Gesicht
wie der Geliebten Aufblick; schlägt sich auf
uns gegenüber und zerstreut vielleicht
an uns sein Dasein. Und wir sinds nicht werth.
Vielleicht entziehts den Engeln etwas Kraft,
dass nach uns her der Sternenhimmel nachgiebt
und uns hereinhängt ins getrübte Schicksal.
Umsonst. Denn wer gewahrts? Und wo es einer
gewärtig wird: wer darf noch an den Nachtraum
die Stirne lehnen wie ans eigne Fenster?
Wer hat dies nicht verleugnet? Wer hat nicht
in dieses eingeborne Element
gefälschte schlechte nachgemachte Nächte
hereingeschleppt und sich daran begnügt?
Wir lassen Götter stehn um gohren Abfall;
denn Götter locken nicht. Sie haben Dasein
und nichts als Dasein, Überfluss von Dasein,
doch nicht Geruch, nicht Wink. Nichts ist so stumm
wie eines Gottes Mund. Schön wie ein Schwan
auf seiner Ewigkeit grundlosen Fläche:
so zieht der Gott und taucht und schont sein Weiß
Alles verführt. Der kleine Vogel selbst
thut Zwang an uns aus seinem reinen Laubwerk
die Blume hat nicht Raum und drängt herüber -,
was will der Wind nicht alles? Nur der Gott,
wie eine Säule, lässt vorbei, vertheilend,
hoch oben, wo er trägt, nach beiden Seiten
die leichte Wölbung seines Gleichmuths.
----
Rainer Maria Rilke.

40 AN RAINER MARIA RILKE, 20.2.1915

Herrn
Rainer Maria Rilke
Pension Pfanner
München
Finkenstr. 2
Brixen, am 20. Feber 1915
Verehrter Herr Rilke! Gestatten Sie mir einstweilen - ehe ich mich in das völlig Neue und Fremde meines
gegenwärtigen Lebens gefunden - Ihnen mit diesen wenigen Worten Gruß und Dank zu entbieten für Ihre
freundlichen Briefe sowohl wie für die Verse, die veröffentlichen zu dürfen mir eine Ehre sein wird. Leider läßt die
äußere Anordnung des Jahrbuchs keine Nichtbetitelung zu. Würde "Verse" genügen? Tief ergeben grüßt Sie Ihr
Ludwig v. Ficker
Landsturm Einj. Freiw. im 2. Tiroler Kaiserjäger-Regiment

41 AN RAINER MARIA RILKE, [17.3.1915]

rainer maria rilke finkenstr 2


pension kanner muenchen
Brixen [17.3.1915]
darf ich wegen betittelung der pferde um kuerzesten beschejd bitten ergebenste gruesse ludwig von ficker
hotel tirol brixen

42 VON RAINER MARIA RILKE,18.3.[1915]

Herrn Ludwig von


Ficker Hotel Tirol BRIXEN
München, 18 / III [1915]
Bezeichnung Verse durchaus recht
herzliche Gute grüse
Rilke

43 VON LEOPOLDINE WITTGENSTEIN, 8.7.[1915]

Poldy Wittgenstein
Wien XVII
Neuwaldeggerstr. 38

H. Ludwig von Ficker


dz. Einj. Freiw. Unterjäger
im II. Regim. d. Tiroler Kaiserjäger
III Ersatzcompagnie
Beneschau
Böhmen
Wien Neuwaldegg d. 8. Juli [1915]
Sehr geehrter Herr! Im Besitze Ihrer geehrten Zeilen danke ich Ihnen für Ihre freundliche Erkundigung nach
dem Ergehen meines Sohnes Ludwig. Ich habe häufige und bisher glücklicherweise immer gute Nachricht von ihm.
Er ist gesund und in seiner Tätigkeit sehr zufrieden. Seine Adresse lautet: Landsturm Ingenieur L. W. K. u. K.
Artillerie Werkstätten der Festung Krakau Hoffendlich erhält er dahin Ihr nächstes Schreiben. -
Ihre sehr ergebene
Poldy Wittgenstein

44 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 11.7.1915


Beneschau, 11. VII. 1915
Lieber Herr Wittgenstein!
Ihre Frau Mutter hatte die Freundlichkeit, mir Ihre Adresse und zugleich beruhigende Auskunft über Sie zu
geben. Ich hatte Ihnen vor mehr als vier Monaten von Brixen aus geschrieben, blieb aber solange ohne weitere
Nachricht, daß ich nachgerade unruhig zu werden begann und mit der Möglichkeit rechnete, es sei Ihnen etwas
zugestoßen. Zumindest dachte ich, Sie seien von Krakau weggekommen und möglicherweise an der Front. Nun aber
will mir scheinen, als habe Sie mein Brief (der allerdings nichts wesentlich Beantwortenswertes enthielt) nicht
erreicht, obwohl ich ihn auch nicht zurückerhielt. So will ich neuerdings versuchen, Ihnen über mein bisheriges
Schicksal beim Militär einiges Wenige mitzuteilen.
Die Zeit der Abrichtung in Brixen (Februar - Mai) ist mir, obwohl mir meine Situation oft ganz unfaßlich
vorkam (ich hatte mit einigen wenigen älteren Landstürmern unter einer überlauten Horde von kaum
Zwanzigjährigen einen genug schweren Stand), in freundlichster Erinnerung geblieben. Die mitunter ausgedehnten
und auch anstrengenden Marschübungen in das Berggelände des Eisacktals waren herrlich, ich ertrug alle Strapazen
in einer Weise, über die ich mich selbst oft wundern mußte, so frei und leicht fühlte ich mich körperlich bei aller
Müdigkeit. Ich versäumte auch, seit ich beim Militär bin, nie eine Ausrückung und meldete mich nie marod.
Bisweilen allerdings litt und leide ich noch an Schlaflosigkeit. Allerdings war und bin ich geistig ganz benommen
und betäubt, so daß ich kaum lesen, geschweige denn zu schreiben vermag. Ich kann auch nicht sagen, ob und wie
lange ich diesen Ausnahmszustand seelisch ertrage; denn ich weiß noch immer nicht, wie ich mir das alles zurecht
legen soll. Ich fühle mich so aus mir selbst herausgerissen, daß ich mir über nichts Rechenschaft zu geben vermag.
Ich versehe meinen Dienst, so gut es eben geht, ohne besondere Ambition, aber so gewissenhaft, wie es mir
35jährigem, der stets fern diesem Milieu gelebt hat, möglich ist. Täglich kostet es mich Überwindung, aber täglich
tue ich meine Pflicht, so daß ich bisher nie einen Anstand hatte, obschon ich immer deutlicher empfinde, wie wenig
ich mich im Grunde zum Feldsoldaten eigne.
Von Brixen kam ich nach Innsbruck auf die Chargenschule, wo es mir schon weniger behagte. Denn bei aller
Willigkeit wollte sich mein anders geschulter Kopf in dem Studium des Reglements und bei den taktischen Übungen
nicht prompt genug zurecht finden. Ich bekam Angst, selbständige Entschlüsse fassen zu müssen in einem
Wirkungskreis, der meiner Natur noch immer fremd und verschlossen ist, ich fürchte die Verantwortung, je mehr die
Kommando-Befugnis wächst, und seit ich von Innsbruck hieher nach Beneschau zur Kompagnie kam, lebe ich
förmlich unter einem Alpdruck, obwohl der Dienst im allgemeinen weniger anstrengend ist. Dazu kommt noch, daß
wir Einjährigen-Chargen hier in der Kaserne schlafen müssen - 36 Mann in einem Zimmer Strohsack an Strohsack
auf dem Boden - ohne Möglichkeit, sich ordentlich zu waschen, immer in Gemeinschaft also, ohne eine Stunde des
Alleinseins, weder bei Tag noch bei Nacht - es ist fürchterlich. Manchmal heißt es, daß wir von hier weg kommen,
zurück nach Tirol. Aber keiner glaubt mehr daran. Und so werde ich wohl hier in dieser qualvollen Verlorenheit
aushalten müssen, bis ich ins Feld komme, was auch kaum vor September zu erwarten ist. Manchmal ist mir, lieber
Freund, als sei mein Dasein schon erledigt. Kaum an Frau und Kinder vermag ich mehr ein Lebenszeichen zu geben.
So sehr haben diese Verhältnisse nachgerade meiner Widerstandskraft zugesetzt. Verzeihen Sie diese Anwandlung
von Schwäche! Ich bin sonst nicht sehr mitteilsam - heute weniger denn je - und ich hoffe mich schon wieder
zusammennehmen zu können.
Schreiben Sie mir ein paar Zeilen, wie es Ihnen geht.
Es grüßt Sie in herzlicher Ergebenheit
Ihr
Ludwig v Ficker
dz. Einj. Freiw. Unterjäger im II. Rgt.
der Tir. Kaiserjäger, I. Ersatz-Komp.
Beneschau (Böhmen)

45 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [24.7.1915]

[Poststempel: K. U. K. FELDPOSTAMT 186, 24. VII. 15]


Lieber Herr v. Ficker!
Vor einer Woche erhielt ich Ihren Brief vom 11ten. Am selben Tag erlitt ich durch eine Explosion in der
Werkstätte einen Nervenshock und ein paar leichte Verletzungen, konnte also nicht gleich antworten. Dies schreibe
ich im Spital. Ihren Brief aus Brixen habe ich nicht erhalten. Ihre traurigen Nachrichten verstehe ich nur zu gut. Sie
leben sozusagen im Dunkel dahin und haben das erlösende Wort nicht gefunden. Und wenn ich, der so Grund
verschieden von Ihnen bin, etwas raten will, so scheint das vielleicht eine Eselei. Ich wage es aber trotzdem. Kennen
Sie die "Kurze Erläuterung des Evangeliums" von Tolstoi? Dieses Buch hat mich seinerzeit geradezu am Leben
erhalten. Würden Sie sich dieses Buch kaufen und es lesen?! Wenn Sie es nicht kennen, so können Sie sich auch
nicht denken, wie es auf den Menschen wirken kann. Wären Sie jetzt hier so möchte ich vieles sagen. In einer
Woche werde ich vielleicht auf etwa 14 Tage nach Wien fahren. Wenn wir uns dort treffen könnten! Schreiben Sie
mir wieder.
Ihr ergebener
L Wittgenstein

46 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [Ende August 1915]

L Wittgenstein
K. u k. Art. Werkstättenzug 1
Feldpost N° 12
[Ende August 1915]
Herrn Ludwig von Ficker
Einj. Freiw. Unterjäger im II. Regt.
der Tiroler Kaiserjäger
I Ersatz Komp
Böhmen Beneschau

Lieber Herr v. Ficker!


Meine Adresse ist jetzt:
K. u. k. Art. Werkstättenzug I.
Feldpost N° 12
Wie geht es Ihnen?? Möchte es mir vergönnt sein Sie wiederzusehen.
Ihr ergebener Wittgenstein

47 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [12.9.1915]

Wittgenstein
K u k. A. W. Z. 1.
Feldpost N° 12
[Poststempel: 12. IX. 15]
Herrn Ludwig von Ficker
Einj. Freiw. Unterjäger im
Tiroler Kaiserjäger Reg N° 2
2. Ersatz Komp.
Böhmen Beneschau
Lieber Herr v. Ficker!
Ich weiß nicht ob ich Ihnen schon meine neue Adresse mitgeteilt habe:
K u k. Artillerie Werkstätten Zug 1
Feldpost N° 12
Bitte schreiben Sie mir bald wie es Ihnen geht. Gott mit Ihnen! Ihr ergebener
L Wittgenstein

48 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 2.11.1915

Wittgenstein
K.u k.
Art. Werkstätten Zug 1
Feldpost 12

Herrn Ludwig von Ficker


Einj. Freiw. Unterjäger im
II. Regt. der Tiroler Kaiserjäger
I. Ersatz Komp.
Beneschau
Böhmen
2. 11. 15.
Lieber Herr v. Ficker!
Es ist schon viele Monate her seit ich das letzte Mal von Ihnen hörte! Wie geht es Ihnen. Wenn man nichts
von seinen Freunden hört, so scheint diese schreckliche Zeit endlos zu dauern. Oft wird man von Ekel fast
überwältigt. Gott mit Ihnen. Ihr treu ergebener
L Wittgenstein

49 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 14.11.1915

Beneschau, am 14. November 1915


Lieber, verehrter Freund!
Dank, Dank für Ihre wiederholten Grüße! Ich fühlte mich nicht mehr imstande, Ihnen auch nur
andeutungsweise zu sagen, was in mir vorgeht - ich kann es ja selbst kaum begreifen und weiß nur, daß Sie ein Wort
zu mir gesprochen haben, das mich im Tiefsten zu Recht getroffen hat - das nämlich, daß ich im Dunkel lebe. Und es
ist eine Schuld, gewiß - ich fühle es nur zu gut und ich weiß, daß nichts außer mir anzuklagen ist. Aber ich stehe
manchmal wie außer mir vor dem Furchtbaren der Erwartung: Erweckung zu diesem oder Erwachen in jenem
Leben? Was wird mir vergönnt, was wird mir verhängt sein? Wie oft habe ich Sie mir in der letzten Zeit
herbeigesehnt, denn niemand, niemand hat das Wort für mich gehabt: Gott schütze Sie! Das einzige Wort, das
einem not tut und das kein Mensch mehr heute findet, keiner, dem das Herz dabei hinüberschlüge zu des anderen
Bedrängnis. Nur Sie, der Sie mir ferne und ach so seltsam entrückt sind, daß mir oft bange ist, ob Sie es, wirklich Sie
es sind, zu dem mein Schweigen wandert - Sie plötzlich fühle ich zu mir geneigt, so nahe, daß mir ist, als spürte ich
Ihren Herzschlag über mir, und Sie sagen so, daß ich es nie vergessen werde: Gott schütze Sie! Wie ist das alles
rätselhaft und tief erschütternd! Möge es Ihnen gut gehen, hören Sie - möge Gott auch mit Ihnen sein! Vielleicht hat
auch mein Wunsch in diesem Augenblick die Kraft, erhört zu werden.
Ich bin in dieses Marschbataillon eingeteilt, das in einer Woche von hier abgeht. Meine Adresse für die
nächsten drei Wochen ist: II Rgt. d. Tiroler Kaiserjäger, 17. Marschbataillon, 1. Kompagnie, Zirl in Tirol. So um
Weihnachten herum dürfte ich dann in unsere Stellung an der Südwestfront kommen.
Möge es mir gegönnt sein, Sie wiederzusehen!
Es grüßt Sie innigst
Ihr
Ludwig v. Ficker

50 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 4.10.1919

DER BRENNER
Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102
4. X. 1919
Lieber Herr Wittgenstein!
Durch Herrn Professor Brücke, der in meiner Nachbarschaft wohnt, erfuhr ich soeben zu meiner großen
Freude, daß Sie aus der Gefangenschaft zurückgekehrt sind, wodurch mir Gelegenheit geboten ist, endlich - nach so
langer Zeit! - wieder mit Ihnen in Verbindung zu treten. Weiß Gott, ich habe in diesen bewegten Jahren oft an Sie
gedacht und wie es lhnen wohl gehen möge, aber ich war selber im Feld und an der Front bald da-, bald dorthin und
von einer Unsicherheit in die andere geworfen, auch fand ich mich in all dem Ungewohnten, Fremden und
Betäubenden nur schwer zurecht, sodaß ich es vorzog, Sie mit keiner Mitteilung von meiner Seite zu belasten,
solange ich Sie in der Prüfung eines ähnlichen Geschicks befangen wußte. Denn niemals, habe ich gefunden, war
man so auf sich selbst und auf die Tragweite seiner Innerlichkeit zurückverwiesen wie in jenen bangen Tagen eines
außerweltlichen Verhängnisses, da einem die Möglichkeit, heut' oder morgen tot zu sein, als Erlebnis näher stand als
das Bewußtsein, das gesteigerte Bewußtsein, in diesem Augenblick und seiner Grenzenlosigkeit noch am Leben zu
sein. In diesem Sinne glaube ich an Ernst und Reife der geistigen Empfindung, an innerer Haltung, durch den Krieg
gewonnen zu haben; und so, wie ich Sie kenne, wie mir manches Ihrer schwerbedachten Worte in Erinnerung steht,
glaube ich nicht nur - nein, ist es mir gewiß, daß auch Sie diese Prüfung mit einem ähnlichen Erfolg bestanden
haben. Dabei verhehle ich mir keinen Augenblick - denn ich weiß es leider (aus Mitteilungen, die mir Professor
Brücke machte) - daß für Sie diese Prüfung noch ungleich schwerer war als für mich. Aber, ich weiß nicht, mir sagt
ein Gefühl: daß möglicherweise auch der innere Gewinn für Sie noch größer war als für mich. Erhielte ich über
nichts, als nur über dieses Eine, von Ihnen - wenn auch flüchtigen - Bescheid, so wäre mir dies eine Beruhigung -
jene letzte Beruhigung, die mir noch fehlt, nachdem ich Sie nun, Gott sei Dank und endlich!, heimgekehrt weiß.
Wissen Sie, damals als ich erfuhr, daß Sie in Gefangenschaft geraten seien, und erfuhr, daß es Ihnen schlecht ergehe,
damals habe ich es einen Augenblick, einen sicher nur mit Rücksicht auf Frau und Kinder unseligen Augenblick lang
bedauert, beim Zusammenbruch nicht an der Front, sondern in Galizien gewesen zu sein. Denn ich sagte mir, am
Ende wäre ich als Mitgefangener in Italien mit Ihnen zusammengetroffen, und wer weiß, hätten wir uns das
gemeinsame Los nicht gegenseitig erleichtern können. Aber auch so, denke ich, ist es gut und ist es eine Wohltat für
mich, Ihnen dies schreiben zu dürfen. Möchten Sie selbst es nicht als eine Belästigung empfinden!
Wie Sie aus einem Prospekt, den ich diesen Zeilen beilege, ersehen, gebe ich in allernächster Zeit den Brenner
wieder heraus: nicht nur äußerlich, auch innerlich ein Wagnis in diesen haltlosen Tagen. Aber ich bin so sehr davon
überzeugt, daß die Zeitschrift erst jetzt zu ihrer eigentlichen Bedeutung gelangen wird, daß mir das künftige
Verdienst ihrer Sendung nicht in Frage steht, auch wenn die Ungunst der äußeren Verhältnisse sich noch so sehr
gegen sie verschworen haben sollte. Sie gestatten mir doch, daß ich Ihnen die Hefte zusende? Und wenn Sie mir
durch Bekanntgabe von Adressen, an die ich den Prospekt mit Aussicht auf Erfolg schicken könnte, an die Hand
gehen wollten, wäre ich Ihnen noch besonders dankbar. Denn - warum sollte ich es verschweigen? - : es handelt sich
bei diesem Versuch auch um die Sicherung meiner Existenz.
Und nun lassen Sie mich nochmals meiner Freude über Ihre Rückkehr Ausdruck geben und seien Sie
herzlichst und in aufrichtiger Ergebenheit begrüßt von
Ihrem
Ludwig Ficker

51 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [ca. 7.10.1919]

[Wien, ca. 7. 10. 1919]


Lieber Herr v. Ficker!
Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß ich heute Ihr Schreiben erhalte wie ich eben zu Herrn Loos gehen will,
um mich nach Ihrer Adresse zu erkundigen, da ich Ihnen schreiben wollte. Ich habe mich nämlich entschlossen, Sie
um etwas zu bitten und ich will gleich damit herausrücken; nur muß ich Sie vor allem bitten, über die ganze
Angelegenheit und alles was mit ihr zusammenhängt gegen jedermann vollkommenes Stillschweigen zu bewahren.
Und noch ein's: ich habe keine Ahnung ob meine Bitte nicht vielleicht ganz unausführbar ist; ist sie das, so glauben
Sie jedenfalls nicht, daß ich unverschämt bin und antworten Sie einfach mit einem runden Nein. - Und nun: Ich habe
vor etwa einem Jahr kurz vor meiner Gefangennahme ein philosophisches Werk abgeschlossen, an welchem ich in
den vorhergehenden 7 Jahren gearbeitet hatte. Es handelt sich, ganz eigentlich, um die Darstellung eines Systems.
Und zwar ist die Darstellung äußerst gedrängt, da ich nur das darin festgehalten habe, was mir - und wie es mir -
wirklich eingefallen ist. Gleich nach Abschluß der Arbeit, als ich auf Urlaub in Wien war, wollte ich einen Verleger
suchen. Aber damit hat es eine große Schwierigkeit: Die Arbeit ist von sehr geringem Umfang, etwa 60 Seiten stark.
Wer schreibt 60 Seiten starke Broschüren über philosophische Dinge? Die Werke der großen Philosophen sind alle
rund 1000 Seiten stark und die Werke der Philosophieprofessoren haben auch ungefähr diesen Umfang: die
Einzigen, die philosophische Werke von 50-100 Seiten schreiben sind die gewissen ganz hoffnungslosen Schmierer,
die weder den Geist der großen Herren noch die Erudition der Professoren haben und doch um jeden Preis einmal
etwas gedruckt haben möchten. Solche Produkte erscheinen daher auch meistens im Selbstverlag. Aber ich kann
doch nicht mein Lebenswerk - denn das ist es - unter diese Schriften mischen. Also dachte ich an einen ganz
isolierten Verleger an Jahoda & Siegel. Der hat aber die Sache, angeblich wegen technischer Schwierigkeiten,
abgelehnt. Aus der Gefangenschaft zurückgekehrt und schon etwas mürber geworden wandte ich mich an den
Verlag Braumüller. (Ich verfiel auf ihn, weil er den Weininger verlegt). Der ist schon so gnädig und meint - nachdem
ich ihm eine sehr heiße Empfehlung meines Freundes des Prof. Russell aus Cambridge verschafft habe - er wäre
eventuell geneigt, den Verlag zu übernehmen, wenn ich Druck und Papier selber zahlen wollte. (Ich habe ihm
selbstverständlich ganz offen gesagt, daß er mit meinem Buch kein Geschäft machen werde, da es niemand lesen
wird und noch weniger es verstehen werden) Zu diesem Fall muß ich noch eine Bemerkung machen: Erstens habe
ich nicht das Geld, um den Verlag meiner Arbeit selbst zu zahlen, weil ich mich meines gesammten Vermögens
entledigt habe (wie, das werde ich Ihnen einmal erzählen. Die Sache ist übrigens streng geheim!). Zweitens aber
könnte ich mir zwar das Geld dazu verschaffen, will es aber nicht; denn ich halte es für bürgerlich unanständig ein
Werk der Welt - zu welcher der Verleger gehört - in dieser Weise aufzudrängen: Das Schreiben war meine Sache;
annehmen muß es aber die Welt auf die normale Art & Weise.
Nun wandte ich mich endlich noch an einen Professor in Deutschland, der den Verleger einer Art
philosophischen Zeitschrift kennt. Von diesem erhielt ich die Zusage die Arbeit zu übernehmen, wenn ich sie vom
Anfang bis zum Ende verstümmeln, und mit einem Wort eine andere Arbeit daraus machen, wollte. Da fiel mir
endlich ein ob Sie nicht geneigt sein könnten, das arme Wesen in Ihren Schutz zu nehmen. Und darum möchte ich
Sie eben bitten: Das Manuscript würde ich Ihnen erst schicken wenn Sie glauben daß überhaupt an eine Aufnahme
in den Brenner zu denken ist. Bis dahin möchte ich nur soviel darüber sagen: Die Arbeit ist streng philosophisch und
zugleich literarisch, es wird aber doch nicht darin geschwefelt. Und nun bitte überlegen Sie Sich die Sache und
schreiben Sie mir möglichst bald. Meine Adresse ist: Wien III. Untere Viaduktgasse 9, bei Frau Wanicek. Ich gehe
jetzt in die Lehrerbildungsanstalt, da ich Lehrer werden will. Ob ich die für mich ungemein großen Schwierigkeiten
der Abrichtungszeit werde übertauchen können, wird sich noch zeigen. Ich habe viel zu tun und kann nicht einmal
daran denken Wien zu verlassen. Vielleicht aber kommen Sie einmal hierher und dann könnte ich Ihnen viel
erzählen.
Sein Sie vorläufig bestens gegrüßt von
Ihrem
ergebenen Ludwig Wittgenstein

52 AN LUDWIG WITTGENSTEIN. 14.10.1914

DER BRENNER
Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102
14. X. 1919
Lieber Herr Wittgenstein!

Wollen Sie bitte mir das Manuskript Ihrer Arbeit umgehend senden! Warum haben Sie nicht gleich an mich
gedacht? Denn Sie können sich wohl denken, daß ich, der ich Sie kenne, von vorneherein ein ganz anderes, d.h.
tiefer gegründetes Interesse an Ihrer Arbeit nehmen werde als ein Verleger, der nur sein Geschäftsinteresse im Auge
hat. Sie wissen, das bin ich nie gewesen und brauchte es früher auch nicht zu sein, solange mir die Verhältnisse
gestatteten, das ganze Brenner-Unternehmen mehr oder weniger im Charakter einer Liebhaberei zu führen. Heute ist
das ja anders. Heute bin ich mit Rücksicht auf Frau und Kinder gezwungen, den Verlag womöglich so
auszugestalten, daß er mir künftig die Existenz sichern hilft. Die Aussichten sind derzeit freilich trübe genug. Aber
über den Anfang sehe ich mich wohl hinaus, zumal mir ein vermögender Freund, Kurt Lechner (wir haben uns im
Felde kennengelernt) finanziellen Beistand leistet, indem er als Mitinhaber in den Verlag eintritt und mir das Risiko
tragen hilft. Er ist vorgestern hier eingetroffen, und wir haben die Agenden so geteilt, daß er die Leitung des
Buchverlags übernimmt, während mir nach wie vor die Leitung der Zeitschrift ganz allein überlassen bleibt.
Selbstverständlich bleibt aber auch meine Ingerenz auf den Buchverlag insoweit aufrecht, als da nichts erscheinen
darf, was sich mit dem Geist und der Richtung des Brenner nicht verträgt. Nur versteht sich ebenso von selbst, daß
die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung eines Werkes, das ich in Vorschlag bringe, letzten Endes von
Lechners Entschluß abhängt, da ich ohne seine Zustimmung das Unternehmen nicht mit einem Risiko belasten darf,
das ihn eventuell zum Austritt aus dem Verlag bestimmen könnte.
Nun ist aber Lechner selbst ein Mensch, der nicht ausschließlich den geschäftlichen Erfolg im Auge hat und
sehr viel Sinn und Willigkeit besitzt, im Rahmen der gemeinsamen Sache meinen Intentionen zu folgen und meine
Vorschläge zu respektieren, daß ich von seiner Seite kaum unerwünschten Widerstand zu befürchten brauche. Ich
habe ihm auch gleich (ohne zunächst Ihren Namen zu nennen) Ihre Sache vorgetragen und nichts von alledem
verschwiegen, was Ihr Angebot für den Brenner eben so besonders beherzigenswert macht, trotzdem Sie mit keiner
Absatzmöglichkeit Ihres Buches rechnen und es für den Verlag somit geschäftlich ein verlorener Posten wäre. Das
Ergebnis unserer Unterredung ist also, daß ich Sie nun bitte, uns unverzüglich Ihre Arbeit zur Einsicht zu senden. Ist
sie so beschaffen, daß sie im Rahmen unserer Bestrebungen Geltung beanspruchen kann (und dies möchte ich nach
Ihren Ausführungen nicht von vorneherein bezweifeln, obwohl streng wissenschaftliche Arbeiten nicht eigentlich
unser Gebiet sind), so glaube ich Ihnen keine ungünstige Vorhersage geben zu können, es wäre denn, daß die
momentan phantastischen Herstellungskosten eine Publikation im gegenwärtigen Augenblick unmöglich machen
würden und wir zuwarten müßten, bis wieder geregeltere und gesichertere Verhältnisse eintreten. Augenblicklich
konnten wir ja die Publikation überhaupt nur in Betracht ziehen, weil sie von verhältnismäßig geringem Umfang ist.
Also seien Sie überzeugt, lieber Herr Wittgenstein, daß ich mein Möglichstes tun werde, um Ihrem Wunsche
entgegenzukommen. Werde ich doch stets Ihres eigenen hochherzigen Entgegenkommens aufs dankbarste
eingedenk bleiben, das Sie dem Brenner und seinen führenden Mitarbeitern in besseren Zeiten bewiesen haben. Und
liegt mir doch alles daran, Ihnen gerade jetzt, da Sie sich selbst aller äußeren Vorteile einer gesicherten
Lebenshaltung begeben haben, ein Zeichen dieser meiner tiefen und dauernden Erkenntlichkeit geben zu können.
Und nun seien Sie bis auf weiteres herzlich gegrüßt und meines Stillschweigens hinsichtlich Ihrer
vertraulichen Nachrichten versichert!
In Erwartung Ihres Manuskripts,
in Ergebenheit Ihr
Ludwig Ficker

53 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [nach dem 20.10.1919]

[Wien, um den 20. 10. 1919]


Lieber Herr Ficker!
Zugleich mit diesem Brief geht das Manuscript an Sie ab. Warum ich nicht gleich an Sie dachte? Ja, denken
Sie, ich habe gleich an Sie gedacht; allerdings zu einer Zeit, wo das Buch noch gar nicht verlegt werden konnte, weil
es noch nicht fertig war. Wie es aber dann so weit war, da hatten wir ja Krieg und da war wieder an Ihre Hilfe nicht
zu denken. Jetzt aber hoffe ich auf Sie. Und da ist es Ihnen vielleicht eine Hilfe, wenn ich Ihnen ein paar Worte über
mein Buch schreibe: Von seiner Lektüre werden Sie nämlich - wie ich bestimmt glaube - nicht allzuviel haben. Denn
Sie werden es nicht verstehen; der Stoff wird Ihnen ganz fremd erscheinen. In Wirklichkeit ist er Ihnen nicht fremd,
denn der Sinn des Buches ist ein Ethischer. Ich wollte einmal in das Vorwort einen Satz geben, der nun tatsächlich
nicht darin steht, den ich Ihnen aber jetzt schreibe, weil er Ihnen vielleicht ein Schlüssel sein wird: Ich wollte nämlich
schreiben, mein Werk bestehe aus zwei Teilen: aus dem, der hier vorliegt, und aus alledem, was ich nicht
geschrieben habe. Und gerade dieser zweite Teil ist der Wichtige. Es wird nämlich das Ethische durch mein Buch
gleichsam von Innen her begrenzt; und ich bin überzeugt, daß es, streng, nur so zu begrenzen ist. Kurz, ich glaube:
Alles das, was viele heute schwefeln, habe ich in meinem Buch festgelegt, indem ich darüber schweige. Und darum
wird das Buch, wenn ich mich nicht sehr irre, vieles sagen, was Sie selbst sagen wollen, aber Sie werden vielleicht
nicht sehen, daß es darin gesagt ist. Ich würde Ihnen nun empfehlen das Vorwort und den Schluß zu lesen, da diese
den Sinn am Unmittelbarsten zum Ausdruck bringen. -
Das M. S., das ich Ihnen jetzt sende, ist nicht das eigentliche Druckmanuscript, sondern eine von mir nur
flüchtig durchgesehene Kopie, die aber zu Ihrer Orientierung genügen wird. Das Druck M. S. ist genau
durchgesehen; es befindet sich aber augenblicklich in England bei meinem Freund Russell, dem ich es aus der
Gefangenschaft geschickt habe. Er wird es mir aber in der nächsten Zeit zurückschicken. Und so wünsche ich mir
einstweilen viel Glück.
Sein Sie herzlichst gegrüßt von
Ihrem ergebenen
Ludwig Wittgenstein
Meine Adresse ist jetzt:
XIII. St. Veitgasse 17
bei Frau Sjögren

54 AN RAINER MARIA RILKE, 2.11.1919

DER BRENNER
Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102
2. Nov. 1919
Sehr verehrter Herr!
Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen - nun, da nach mehr als vierjähriger Unterbrechung unsere Zeitschrift wieder
erscheint - das soeben hinausgehende erste Heft mit gleicher Post zur Einsicht vorlege. Ich weiß nicht, ob es mir
geglückt ist, in der Zusammenstellung des Heftes jenen Ernst zur geistigen Wahrhaftigkeit, der mir und meinen
Freunden vorschwebt, über eine bloße Andeutung hinaus zur Geltung zu bringen. Jedenfalls war ich bemüht, dem
was uns bewegt ein möglichst eindeutiges und unmißverständliches Relief zu geben. Sollte also - was ich immerhin
zu hoffen wage - von der Bewegung, die uns trägt, im Ausdruck Wesentliches wahrgeworden und wahrzunehmen
sein: würden Sie dann dem Brenner die Ehre erweisen, wieder einmal einen Beitrag von Ihnen bringen zu dürfen?
Seien es nun Verse oder ein Stück Prosa, eine geistige Betrachtung oder eine Übersetzung (wie herrlich war z. B. das
Gedicht der Comtesse de Noailles im letzten Insel-Almanach!). Im übrigen wage ich Sie um Berücksichtigung dieser
Bitte natürlich nur in der Voraussetzung zu ersuchen, daß sie Ihnen nicht in irgend einer Hinsicht lästig fällt.
Vielleicht interessiert es Sie zu wissen, daß jener geistig so ungemein bewegte junge Mann, dessen Edelsinn
es mir ermöglicht hat, der Ehre Ihrer brieflichen Bekanntschaft teilhaftig zu werden, erst kürzlich aus der
Kriegsgefangenschaft heimgekehrt ist, sein ganzes beträchtliches Vermögen bis auf einen kleinen, notdürftigen Rest
unter ein paar arme Familien verteilt hat und - solchermaßen einen Ernst der Lebensauffassung bekundend, der mir
über seine individuelle Besonderheit hinweg als ein Zeichen der Zeit erscheint - sich gegenwärtig auf den Lehrberuf
vorbereitet. Er hat mir eine "Logisch-Philosophische Abhandlung", die ich bedeutend finde - einen Extrakt letzter
Erkenntnisse, fußend auf den Forschungen seines Freundes, des englischen Philosophen Bertrand Russell - mit dem
Ersuchen gesendet, sie wenn irgend möglich (sie umfaßt im Manuskript kaum sechzig Seiten) in meinem Verlag zu
publizieren. Nun sind aber der Bewegungsfreiheit meines Unternehmens äußerlich so enge und innerlich so
bestimmte Grenzen gezogen, daß ich bei aller persönlichen Bereitschaft, jede andere Erwägung in diesem Falle
hinter die rein menschliche zurückzustellen, unter den gegenwärtigen, so drückenden Verhältnissen das Risiko nicht
werde auf mich nehmen können. (Diesem Risiko aus Eigenem zu begegnen, ist der Autor in seiner jetzigen Lage
außerstande - ganz abgesehen davon, daß mir dergleichen widerstrebt). Darum möchte ich Sie fragen: hielten Sie es
für möglich, daß irgend ein angesehener Verlag in Deutschland, für den das Risiko von vorneherein ein ungleich
geringeres wäre und dem es jedenfalls nicht schwer fiele, dieses im Umsatz seiner anderen Publikationen
auszugleichen, sich der Sache annehmen wollte? Und könnten Sie mir da einen Rat geben?
Verzeihen Sie, bitte, diese allzu unvermittelte Belästigung! Derjenige, um dessentwillen ich mich an Sie
wende, weiß nichts davon; wahrscheinlich würde er mir gram sein, wenn er es erführe. Aber mir geht das nahe, es ist
mir eine Herzenssache, und ich weiß nicht, wie ich ihr gerecht werden soll.
Es grüßt Sie in Verehrung
Ihr
Ludwig Ficker

55 VON RAINER MARIA RILKE, 12.11.1919

Bellevue Palace
Berne, am 12. November 1919
Mein lieber Herr von Ficker,
das freundlichste Zusammentreffen: lassen Sie sich erzählen. Gestern bin ich hier in eine Buchhandlung
eingetreten, in deren Schaufenster ich einige Stunden vorher ein "Brenner"-Heft bemerkt hatte (es war nicht mehr da,
leider) -, am selben Abend kam Ihr guter Brief.
Mit meiner Antwort eine Verbindung wieder aufzunehmen, die durch die unnatürlichsten Verhältnisse in
ihren Anfängen unterbrochen worden war, gehört für mich nun - glauben Sie es mir - zu jenen Wiederherstellungen,
die man stark und zuversichtlich empfindet, weil mit jeder von ihnen, über das Thatsächliche hinaus, ein
Bewusstsein arglosen und vollzähligen Daseins Recht bekommt.
Sie schreiben nichts über sich selbst, aber ich sehe Sie thätig im ursprünglichen Bestreben, und so mag ich
gerne annehmen, dass Ihr persönliches Schicksal, nach allen Missbräuchen der letzten Jahre, Sie wieder am
vertrauten Ufer der eigenen Aufgaben abgesetzt hat: mögen Sie dort nun recht fest sich ansiedeln dürfen.
Diesem zunächst wäre eine besorgteste Frage aufgekommen, die Sie, mir vorfühlend, schon beantwortet
haben. Die Handlungsweise des (aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten) unbekannten Helfers und Freundes
ist mir umso ergreifender, als sie, über soviel Wirrnis und Unterbrechung hinüber, als die stille, reine Vollendung
dessen erscheint, was mit jenen großmüthigen Entschlüssen des Jahres Vierzehn begonnen war. Wieviele Menschen
haben wir aus leichteren Bahnen geworfen gesehen, wie viele erschüttert in ihren innersten Absichten -; dieser ist
von allem Anfang an in seinen schweren Weg eingesetzt worden -, man kann es nicht ohne Ehrfürchtigkeit einsehen.
Lassen Sie es, bitte, still zwischen uns bleiben, dass ich von jenem Manuscript weiß; welche Freude wäre es
für mich, ganz im Verborgenen an seiner Veröffentlichung mitzuwirken, obwohl mir ja da nur der bescheidenste
und zufälligste Antheil eingeräumt wäre. Sie kennen die Arbeit Ihres Freundes, Sie schätzen sie; schiene Ihnen ihre
Einreichung beim Insel-Verlag angemessen zu sein? Philosophische Schriften sind dort nicht recht einheimisch,
wenn man nicht etwa die Bücher Kassners anführen will. Bei der Insel würde ich selbstverständlich mit einigem
Gewicht mich einsetzen können, bei Verlagen wissenschaftlicher Art bliebe ich ohne Einfluss. Eine gewisse
Beziehung hat sich während des vergangenen Sommers ergeben zu einem Verleger Otto Reichl in Darmstadt,
dadurch, dass er die Schriften des Grafen Hermann Keyserling übernahm; es fällt mir eben ein, dass die
"Logisch-Philosophische Abhandlung" vielleicht an dieser Stelle einen passenden Verlagsboden fände. Wenn Sie die
Bücher Keyserling's bedenken (zuletzt das bedeutende große "Reisetagebuch eines Philosophen") werden Sie diese
Frage mit mir erwägen können. Nennen Sie mir überhaupt, nach Ihrem Ermessen, andere deutsche Verlage, - ich
will Ihnen dann schreiben, wie weit ich bei dem oder jenem meine, mich geltend machen zu dürfen.
Am Geiste des "Brenner" wünsche ich nach wie vor betheiligt zu bleiben, auch ehe ich das neue Heft
durchgesehen habe; leider aber muss ichs zunächst offen lassen, wie bald ich diese sÿmpathische Zugehörigkeit
beitragend zu beweisen vermöchte. Noch hab ich die eindringliche Erstarrung der Kriegsjahre in mir nicht
überwunden, - ein paar Sommermonate im Bündner'schen waren ein Anfang dazu. Von den äußeren Umständen,
die mich nächstens in einer tessiner Gastfreundschaft erwarten, wird es zu einem Theile abhängen, ob ich den Weg
der Besinnung und Einkehr so still verfolgen darf, wie ich mir's erhoffe.
Im herzlichsten Einverständnis,
Ihr
R M Rilke.
P.S.:
Briefe über den "Lesezirkel Hottingen", Gemeindestraße Zürich, oder auch über das Hôtel Bellevue, Bern.

56 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 18.11.1919

DER BRENNER
Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102
18. XI. 1919

Lieber Herr Wittgenstein!


Bitte, wollen Sie sich, bis ich Ihnen einen bindenden Bescheid geben kann, noch ein bischen gedulden! Ich
habe mich für den Fall, daß wir das Buch in unserem Verlag nicht bringen könnten (da wir uns über die Diskrepanz
zwischen Herstellungskosten und Absatzmöglichkeit momentan, wo unser Unternehmen noch nach allen Seiten der
Stütze und der Sicherung bedarf, kaum hinaussehen) - ich habe mich mit Rilke in Verbindung gesetzt und ihn, der
da vielleicht Bescheid weiß, um Rat und Auskunft gebeten, wo etwa Ihre Arbeit untergebracht werden könnte, und
erwarte nun jeden Tag seinen Bescheid. Ich habe ihm die Gedankenabfolge und den geistigen Charakter Ihres
Werkes nach bestem Vermögen kurz skizziert und ihn, auf die Schwierigkeiten, die der Publizierung in einem
verlagstechnisch noch so gut wie gar nicht fundierten Unternehmen wie dem Brenner-Verlag, der noch keine
laufenden Einnahmen mangels umzusetzender Bücher hat, entgegenstehen, hingewiesen. Ich denke, Rilke wird mir
in dieser Sache zuverlässig an die Hand gehen. In jedem Falle bitte ich Sie überzeugt zu sein, daß ich mein
Möglichstes tun werde, um die Publizierung Ihrer Arbeit zu fördern. Gegenwärtig ist das Manuskript bei meinem
Freund und Mitarbeiter, dem - wie Sie wissen - die letzte Entscheidung über Annahme und Ablehnung von Werken
für den Buchverlag zusteht. Er hat nur bedauert, daß Ihre Arbeit eben doch eine spezielle Vertrautheit mit einem
gewissen wissenschaftlichen Forschungsgebiet voraussetzt, wodurch sie an sich schon, wie er meint, aus dem
Rahmen unserer Publikationsabsichten fällt. Dennoch möchte ich annehmen, daß auch von seiner Seite das letzte
Wort noch nicht gesprochen ist.
Übrigens möchte ich Sie fragen, ob ich das Manuskript nicht auch einem Philosophieprofessor an der
hiesigen Universität zur Einsicht geben dürfte, dem ich kürzlich davon sprach und der sich sehr dafür interessiert. Er
ist nämlich mit den Forschungen Russells vertraut und schätzt ihn außerordentlich. Vielleicht könnte auch er mir
einen Fingerzeig betreffs der Publikation geben.
Für heute also bitte ich Sie noch um ein bischen Geduld und grüße Sie aufs herzlichste
als Ihr ergebener
Ludwig Ficker

57 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 22.11.1919

22. 11. 19.

Lieber Herr Ficker!


Ihr Brief hat mich natürlich nicht angenehm berührt, obwohl ich mir ja Ihre Antwort ungefähr denken
konnte. Ja, wo meine Arbeit untergebracht werden kann, das weiß ich selbst nicht! Wenn ich nur selbst schon wo
anders untergebracht wäre als auf dieser beschissenen Welt. -
Von mir aus können Sie das Manuscript dem Philosophieprofessor zeigen (wenn auch eine philosophische
Arbeit einem Philosophieprofessor vorzulegen heißt, Perlen ... .) Verstehen wird er übrigens kein Wort.
Und jetzt nur noch eine Bitte: Machen Sie's kurz mit mir und schmerzlos. Sagen Sie mir lieber ein rasches
Nein als ein gar so langsames; das ist österreichisches Zartgefühl, welches auszuhalten meine Nerven momentan
nicht ganz stark genug sind.
Ihr ergebener
Ludwig Wittgenstein

58 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [28.11.1919]


ludwig wittgenstein st vejtgasze
17, - win rm 13, =
[28. 11. 1919]

sejen sye unbesorgt abhandlung erscheint unter allen umstaenden brief folgt inzwischn herzlychn gruss =
ficker

59 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 29.11.1919

DER BRENNER
Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102
29. XI. 1919
Lieber Herr Wittgenstein!
Kurz nachdem ich das Telegramm an Sie aufgegeben hatte, erhielt ich den beiliegenden Brief Rainer Maria
Rilkes. Er hat die Bestürzung, in die mich Ihre Mitteilung versetzte, einigermaßen gemildert und beschwichtigt. Denn
ich sagte mir, wenn Sie schon etwas davon überzeugen kann, daß Ihre Auffassung, als wollte ich Ihnen mit einem
österreichischen Nein begegnen, unbegründet sei, dann ist es dieser Brief, aus dem doch wahrlich das Eine
hervorgeht, daß mir die Förderung Ihrer Angelegenheit eine Herzenssache ist. Ich muß gestehen, daß ich mich zu
Unrecht getroffen fühlte und tief unglücklich war, als ich Ihre Zeilen erhielt und das Unheil zu ermessen begann, das
mein vorerst notgedrungen unentschiedener Bescheid - ganz gegen meine Absicht und Erwartung - angestiftet hatte.
Ich sah Ihr Herz von Bitternis erfüllt, die auf mich übergriff, und da ich plötzlich spürte, was auf dem Spiele stand,
war mein Entschluß gefaßt: Lieber alles Risiko, das meine äußeren Existenzverhältnisse betrifft, auf mich zu nehmen
als das Vertrauen zu enttäuschen, das Sie mir entgegenbrachten. Sollte also selbst Rilkes Bemühung nicht das
gewünschte Ergebnis zeitigen, so mögen Sie sich darauf verlassen, daß ich alles daran setzen werde (und so viel
Einfluß glaube ich mir noch zusprechen zu dürfen, obwohl die Entscheidung darüber nicht mehr von mir allein
abhängt), die Publikation Ihrer Arbeit im Rahmen unseres Verlags sicherzustellen. (Bei dieser Gelegenheit möchte
ich Sie gleich fragen, ob Sie sich eventuell dazu entschließen könnten, die Dezimal-Numerierung, die das logische
Gewicht Ihrer Sätze bezeichnet, für den Buchdruck preiszugeben?)
Den Brief Rilkes erbitte ich mir umgehend zurück, damit ich zunächst seiner Anregung folgen und mich
diesbezüglich weiter mit ihm ins Einvernehmen setzen kann.
Und nun seien Sie für heute in herzlicher Ergebenheit gegrüßt von Ihrem
Ludwig Ficker

60 KARL RÖCK AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 2.12.1919

Innsbruck, den 2. Dezember 1919.


Geehrter Herr Wittgenstein!
Durch Herrn von Ficker zum Leser Ihrer "logisch-philosophischen Abhandlung" erkoren, möge mir nun
auch erlaubt sein, Ihnen mein Urteil über dieselbe kundzutun.
Ihre Sätze erläuterten mir Manches, vor allem: wie sich in einem mathematischen Gehirne der Begriff von
Philosophie zu einer beinah endlosen, doch aber witzig bezifferten Tauto-logik reduzieren könne, zu einer Art
Hypnotisiermaschine. Und Ihre Sätze erläuterten mir dies dadurch, dass ich sie, der ich Sie verstehe, als unsinnig
erkannte; hoffentlich ganz im Sinne Ihrer Zahl 6.54; wenn auch nicht erst am Ende, sondern schon im Anfang Ihrer
Lektüre und trotz Ihres fast verführerischen Vorworts. Ich erkannte den Unsinn Ihrer Sätze gewissermaßen nach den
ersten 3 "Worten" und bestätigte mir durch Weiterlesen nur noch, dass Sie in der Tat in den ersten 3 Weis-sagungen
1, 1.1, 1.11 schon alles sagen, was Sie zu sagen wissen. Alles übrige empfand ich dann im Wesentlichen nur noch als
bloßes Geräusch, welches Sie wohl deshalb erzeugten, weil Sie brausen, nein rasseln, bzw. russelln gehört haben.
(Ich für meine Person hatte bei Ihren Russell-Echo-Geräuschen den akustischen Eindruck, als ob ich niemand
anderen als eine tollgewordene Schreibmaschine tippen und klappern hörte, eine Type Underwood, die, sich selbst
betippend, sozusagen ihr Selbstbestimmungsrecht geltend macht. Und hiermit werf ich denn, Ihrer
Schlussaufforderung gehorchend, die von Ihnen dargebotene logologische Leiter weg, überwinde Ihre Sätze und
sehe u. höre nun die Welt wieder richtig.
Und zuguterletzt: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
Solcherweise das α und Ω Ihrer philosophischen Abhandelung ehrlich und internest beherzigend, zeichne
und verbleibe ich als
Ihr aufrichtiger
Karl Röck
Rechnungsbeamter,
im Übrigen längst schon durch Ihresgleichen,
mehr aber noch an Ihresgleichen erstickter,
seitdem mit Gleichmut sich verewigender
Student der Philosophie
P. S. Nachträglich befällt mich noch die Befürchtung, dass mein Schreiben Ihnen leicht den Glauben
erwecken könnte, Ihre Abhandlung habe mir, der ich sie augenscheinlich mit Verständnis las, auch Vergnügen
bereitet. Doch solcher Glaube wäre der Aberglaube.
P.S2: Durch die nochmalige Lektüre Ihrer Sätze 6.4 bis 6.54 etwas milder gestimmt, muss ich nun doch noch
Folgendes meinem Schreiben hinzufügen: Der Sinn der genannten Sätze ist, wenn man sie als fernhingeworfenen
Schatten des Münsterberg'schen Münsterbaus ("Prinzipien der Psychologie", und "Philosophie der Werte", welches
gleichsam die Kritiken der reinen und der praktischen Vernunft für unsere Zeit sind), auffasst, immerhin ganz richtig.
Ihre diesbezüglichen Sätze wieder lesend, war mir, als begegne ich dem mathematisierten (mithin macerierten)
Skelette eines Abortusses der Münsterbergischen Sophia, während diese selbst, wenn auch unerkannt in deutschen
Landen, noch blut- und lebensvoll unter uns wandelt.
Und schließlich muss ich für Sie nun auch noch hinzufügen, dass ein besonderer Umstand mir eine gewissen
Kompetenz, über Ihre Abhandlung zu urteilen verleihen dürfte. Der besteht darin, dass ich selbst bereits seit 3 Jahren
den Gedanken einer Begründung der Logik auf die Syntax, bzw. der Syntax auf die Logik im Sinne hege und heuer,
vor wenig Monaten, (übrigens ohne von Russell oder andern jemals auch nur ein Wort vernommen zu haben,) eine
Bilderschrift, d.h. Begriffszeichenschrift zu erfinden anfieng, mittels welcher ich eben die Syntax durch die Logik
und die Logik durch eine bilderschriftlich dargestellte Syntax zu erläutern die Absicht habe. Doch dies ist eine
Arbeit, deren Ausführung bei mir noch ihre gute Weile haben mag.

61 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [4.12.1919]

Lieber Herr Ficker!


Es war sehr schön von Ihnen, daß Sie mir auf meinen Brandbrief mit einem so freundlichen Telegramm
geantwortet haben. Freilich, lieber wäre es mir Sie nähmen mein Buch, weil Sie etwas darauf halten als, um mir
einen Gefallen zu tun. Und wie kann ich Ihnen mein eigenes Werk anempfehlen? - Ich glaube, es verhält sich damit
in allen solchen Fällen so: Ein Buch, auch wenn es ganz und gar ehrlich geschrieben ist, ist immer von einem
Standpunkte aus wertlos: denn eigentlich brauchte niemand ein Buch schreiben, weil es auf der Welt ganz andere
Dinge zu tun giebt. Andererseits glaube ich sagen zu können: Wenn Sie den Dalago, den Hecker, u.s.w. drucken,
dann können Sie auch mein Buch drucken. Und das ist auch alles, was ich zur Rechtfertigung meines Wunsches
sagen kann, denn, wenn man mein Buch mit einem absoluten Maßstab mißt, dann weiß Gott wo es zu stehen
kommt.
Mit vielen Grüßen bin ich
Ihr ergebener
Ludwig Wittgenstein
4. 12. 19.

62 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [6.12.1919]

Lieber Herr Ficker!


Kaum hatte ich gestern meine Antwort auf Ihr Telegramm abgeschickt, als Ihr lieber Brief vom 28./11.
eintraf. Das Opfer, das Sie mir, wenn alle Stricke reißen, bringen wollen, kann ich natürlich nicht annehmen. Ich
könnte es nicht vor mir verantworten, wenn die Existenz eines Menschen (wessen immer) durch die Herausgabe
meines Buches in Frage gestellt würde. So ganz verstehe ich es freilich nicht. Denn es haben ja schon oft Menschen
Bücher geschrieben, die mit dem allgemeinen Jargon nicht zusammenfielen, und diese Bücher sind verlegt worden
und die Verleger sind nicht an ihnen zu Grunde gegangen. (Im Gegenteil.) - Mein Vertrauen täuschen Sie durchaus
nicht, denn mein Vertrauen, oder vielmehr, blos meine Hoffnung, bezog sich doch nur darauf, es möchte Ihnen
vielleicht Ihr Spürsinn sagen, daß die Abhandlung kein Mist sei - wenn ich mich hierin nicht vielleicht selbst täusche
- aber doch nicht darauf, Sie möchten sie, ohne etwas von ihr zu halten, aus Güte gegen mich und gegen Ihr
lnteresse annehmen! - Kurz, ich bin Ihnen sehr dankbar, wenn Sie in meiner Sache durch Rilke etwas erreichen
können; geht das aber nicht, so lassen wir Gras darüber wachsen. - (Nebenbei bemerkt, müßten die
Dezimalnummern meiner Sätze unbedingt mitgedruckt werden, weil sie allein dem Buch Übersichtlichkeit und
Klarheit geben und es ohne diese Numerierung ein unverständlicher Wust wäre.)
Und nun leben Sie wohl und machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen. Es wird schon alles in Ordnung
kommen.
Ihr ergebener
Ludwig Wittgenstein
6. 12. 19. à propos: giebt es auch einen Krampus, der die schlimmen Verleger holt?

63 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 28.12.1919

28. 12. 19.


Lieber Herr Ficker!
Vorgestern bin ich aus Holland zurückgekommen, wo ich Prof. Russell traf und mit ihm über mein Buch
sprach. Falls ich es nicht in Österreich oder Deutschland verlegen kann, so wird Russell es in England drucken lassen
(Er will es übersetzen.) Dies würde ich natürlich als die ultima ratio ansehen. Nun steht die Sache aber so: Russell
will zu meiner Abhandlung eine Einleitung schreiben und damit habe ich mich einverstanden erklärt. Diese
Einleitung soll ungefähr den halben Umfang der Abhandlung selbst haben und die schwierigsten Punkte der Arbeit
erläutern. Mit dieser Einleitung nun ist das Buch für einen Verleger ein viel geringeres Risico, oder vielleicht gar
keines mehr, da Russells Name sehr bekannt ist und dem Buch einen ganz bestimmten Leserkreis sichert. Damit will
ich natürlich nicht sagen, daß es so in die rechten Hände kommt; aber immerhin ist dadurch ein günstiger Zufall
weniger ausgeschloßen. Schreiben Sie mir bitte so bald als irgend möglich, was sie von der Sache halten, da ich
Russell Bescheid geben muß.
Besten Gruß
Ihr
Ludwig Wittgenstein
XIII. St. Veitgasse 17 Wien
bei Frau Sjögren

64 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 16.1.[1920]

Innsbruck-Mühlau 102, am 16. I. 1919


Lieber Herr Wittgenstein!
Ich bin kaum imstande, Ihnen zu schreiben, nicht weil ich gerade Rekonvaleszent nach Grippe und noch
ziemlich schwach bin - nein: die Widerwärtigkeiten, die sich mir jetzt überall entgegenstellen, setzen meinen Nerven
derart zu, daß ich mir oft keinen Rath mehr weiß und über allem, was mich angeht, die Augen schließen möchte.
Noch vor etlichen Wochen glaubte ich Ihnen versprechen zu dürfen, Ihre Arbeit werde unter allen Umständen
gedruckt werden. Heute kann davon keine Rede mehr sein. Heute liege ich mit dem Brenner selbst schon unter den
Rädern und kann mich, wenn kein Wunder geschieht, nicht mehr erheben. Den Abonnenten habe ich mich auf eine
Folge von 10 Heften verpflichtet, und diese Folge muß ich auch sonst unter allen Umständen durchsetzen, denn ich
weiß - ja, vorderhand nur ich allein! -, welche Bedeutung ihr im geistigen Schicksal dieser Zeit zufällt. Binnen
kurzem wird aber der Herstellungspreis des Heftes bereits das Doppelte - und späterhin vielleicht das Dreifache - des
Verkaufspreises betragen, ohne daß ich die Möglichkeit habe, Nachtragsforderungen zu stellen; somit wird jeder
neue Abonnent in Oesterreich das Defizit vermehren. Dazu kommt noch, daß die Druckerei gegen die Vereinbarung
mir nur noch für zwei Hefte das Papier zur Verfügung hält, da sie es vorzieht, mit dem Rest des Papieres
Schiebergeschäfte nach Italien zu machen. So sieht heute die Geschäftswelt aus und meine Situation in ihr als
"Verleger". Eigenes Papier zu bekommen, ist bei dem Stillstand der Fabriken wegen Kohlenmangel bei aller
Protektion in absehbarer Zeit nicht möglich. Mein Freund Lechner will ja nun unter allen Umständen noch
versuchen, den Buchverlag zu retten (da wir doch einige Bücher in Vorbereitung hätten, die auch äußeren Erfolg
haben dürften), und zwar auf einer Basis, die mir - noch ehe der bescheidene Rest meines Vermögens ganz
aufgezehrt ist - sozusagen eine Anstellung im Verlag sichern würde. Aber die Verhältnisse haben mich schon etwas
kopfscheu gemacht und ich überlege, ob es nicht besser wäre, mich gleich um einen anderen Verdienst umzusehen,
um eine Anstellung abseits der ganzen Sphäre, in der ich mich geistig zu bewegen gewohnt bin und innerhalb deren
ich jener Aufgabe gerecht zu werden versuchte, die mir, wie ich immer unerschütterlicher glaube, von der
Vorsehung bestimmt war. Aber die Rücksicht auf Frau und Kinder hat eben, weiß Gott, mehr Gewicht, und keine
Sorge wiegt so schwer wie diese.
Lieber Herr Wittgenstein, ich weiß, Sie hören diese Dinge nicht gerne: lassen Sie es sich nicht verdrießen! Sie
fragten ja selbst, ob es keinen Krampus gibt, der die "schlimmen" Verleger holt. Diesen Krampus gibt es - leider! -,
aber es sind nicht die schlimmsten Verleger - nicht immer! -, die er holt. Was hilft es mir, daß ich Sie nicht
überzeugen kann, daß ich Ihnen kleinmütig erscheinen muß? Nichts! Mit oder ohne Russell: die Drucklegung Ihrer
Abhandlung ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein Wagnis, das in Oesterreich heute kein Verleger auf sich
nehmen kann. Am wenigsten ich, der ich mir schon mit meiner Zeitschrift keinen Rath mehr weiß. Übrigens, wenn
Sie schon die Gelegenheit dazu haben: wie wäre es, wenn Sie Ihre Arbeit im Sinne der Russell'schen Anregung
zunächst englisch erscheinen ließen und dann erst - sobald es die Verhältnisse erlauben - im Deutschen?
Es grüßt Sie in Ergebenheit
Ihr
Ludwig Ficker

65 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 19.1.1920

19. 1. 20.
Wien XIII. St. Veitgasse 17
bei Frau Sjögren
Lieber Herr Ficker!
Bitte sein Sie so, gut mir umgehend mein Manuscript zu schicken, da ich es an Reklam in Leipzig senden
muß, der aller Wahrscheinlichkeit nach gewillt sein dürfte, mein Buch zu verlegen. Ich bin neugierig, wieviele Jahre
es noch dauern wird, bis es erscheint. Hoffentlich geht es noch vor meinem Tod.
Ihr
Ludwig Wittgenstein

66 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 26.1.1920

26. 1. 20.
Lieber Herr Ficker!
Es ist traurig zu hören, daß es Ihnen mit dem Brenner so schlecht geht. Ich bin davon überzeugt, daß es nicht
Kleinmut Ihrerseits ist, daß Sie mein Buch nicht nehmen. Ich schrieb Ihnen vor einigen Tagen und bat Sie um
umgehende Rücksendung meines Manuskripts, da ich es an Reklam schicken muß, der die Arbeit wahrscheinlich
übernehmen wird. Welche Art von Beruf werden Sie denn ergreifen? Es würde mich freuen, wenn er uns irgendwie
wiederum zusammenführte. Benachrichtigen Sie mich bitte davon, was Sie zu tun gedenken.
Ihr
Ludwig Wittgenstein
P.S. Auch ich kämpfe jetzt mit großen Widerwärtigkeiten.

Kommentar
1 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 14.7.1914
Brief, Kuvert adressiert an: "Herrn / Ludwig von Ficker / Brenner-Verlag / Innsbruck". Von fremder Hand wurde
"Innsbruck" durchgestrichen und durch "Mühlau" ersetzt.
Hochreit : des öfteren auch Hochreith geschrieben, Bauernanwesen im Mittelgebirge südlich von Wien, das Karl
Wittgenstein 1894 erworben hatte.
Herr : Ludwig von Ficker: geb. 13.4.1880, München; gest. 20.3.1967, Innsbruck/Mühlau. Ältester Sohn des
Rechtshistorikers Julius von Ficker, wächst in München auf. 1896 Übersiedlung nach Innsbruck, wo er erste
schriftstellerische Versuche unternimmt. Juristische, germanistische und kunsthistorische Studien in Innsbruck,
Berlin, Wien und Rom kamen nicht zum Abschluß. Am 1. Juni 1910 erscheint das erste Heft des Brenner, der,
neben seiner umfangreichen Korrespondenz, sein Lebenswerk werden sollte. Carl Dallago war lange Zeit der
Hauptmitarbeiter. Schon bald wurde die Zeitschrift zur Stimme der Avantgarde in Österreich. Im Mai 1912 brachte
der Brenner erstmals ein Gedicht von Georg Trakl, der von da an in fast jedem Heft der Vorkriegsjahrgänge
vertreten war. Kritische und essayistische Beiträge erschienen u.a. von Max von Esterle, Adolf Loos und vor allem
von Theodor Haecker, der in seinen Übersetzungen und Interpretationen nachdrücklich auf Sören Kierkegaard
hinwies.
Nach dem Krieg, an dem Ficker als Kaiserjäger an der Südfront teilnahm, kam es zu einer Auseinandersetzung
zwischen Dallago, Haecker und dem neu hinzugekommenen Ferdinand Ebner um Christentum und Kirche, die
schließlich zum Ausscheiden Dallagos führte. Die lyrische Tradition setzten Anton Santer, Friedrich Punt, Josef
Leitgeb und die Schriften aus dem Nachlaß von Franz Janowitz fort.
In der Phase der Beruhigung, die etwa 1926 auf die heftigen weltanschaulichen Auseinandersetzungen folgte,
gewann der Brenner durch Beiträge von Gertrud von Le Fort, Paula Schlier und Hildegard Jone eine neue Identität
innerhalb kirchlich vermittelter Glaubenswahrheit. Mit Paula Schliers Betrachtungen zum Wesen der Kirche und
Ignaz Zangerles Analyse ihrer Situation, sowie mit Übersetzungen Haeckers aus dem Werk von Kardinal Newman
äußerte sich die Zeitschrift in den dreißiger Jahren als Sprecherin für eine damals noch ungewohnte, dem Laien
zugewandte Katholizität. Seit dem Ersten Weltkrieg war die Herausgabe des Brenner und der Betrieb des damit
verbundenen Brenner-Verlags durch die prekäre ökonomische Lage Fickers beeinträchtigt. Er mußte den Verlag an
den Innsbrucker Universitätsverlag Wagner verkaufen und wurde selbst Angestellter dieser Firma. 1928 verlor er
diese Stelle und war dann Korrektor bei den Innsbrucker Nachrichten und beim Deutschen Alpenverlag in
Innsbruck.
Nach zwölfjähriger durch Krieg und Verbot bedingter Pause erschien der Brenner wieder 1946, 1948 und 1954,
jeweils als Jahrbuch. In der letzten Folge gab ihm Ficker mit seinen Erinnerungen an die hervorragendsten
Mitarbeiter, sowie an Rainer Maria Rilke und an Ludwig Wittgenstein sein "Abschiedsgesicht". Auch nach dem
Zweiten Weltkrieg blieb Ficker bis zu seinem Tod in engsten Kontakt mit der jungen und jüngsten
Künstlergeneration, u.a. Paul Celan, Christine Busta, Christine Lavant, Thomas Bernhard und H. C. Artmann.
Ludwig Wittgenstein : Geb. 26.4.1889, Wien; gest. 29.4.1951, Cambridge. Achtes Kind von Karl und Leopoldine
Wittgenstein. Nach anfänglicher Privaterziehung im Hause Wittgenstein kam Ludwig im Herbst 1903 an die
Oberrealschule in Linz, wo er 1906 maturierte. Von 1906-1908 studierte er an Technischen Hochschule in
Berlin-Charlottenburg und ging dann nach England. Nach aeronautischen Experimenten bei Glossop/Derbyshire
war er Research Student an der Universität Manchester. 1912 Immatrikulation im Trinity College in Cambridge und
Freundschaft mit Bertrand Russell, George Edward Moore und John Maynard Keynes. Von Ende Oktober 1913 bis
Ende Juni 1914 Aufenthalt in Skjolden in Norwegen.
2 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 16.7.1914
Brief, mit vorgedrucktem Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau".
3 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 19.7.1914
Brief, Kuvert adressiert an: "Herrn / Ludwig von Ficker / Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau".
meines Vaters Tod : Karl Wittgenstein: Geb. 8.4.1847, Gohlis bei Leipzig; gest. 20.1.1913, Wien. Großindustrieller.
"Schöpfer" der österr. Stahlindustrie, die bis zum Jahre 1879 zum großen Teil aus unrentablen
Einzelunternehmungen bestand, die von ihm zusammengefaßt, ausgebaut und rationalisiert wurden. Karl
Wittgenstein war auch ein sehr kunstsinniger Mensch. "Wie bereits gesagt, war das Verhältnis Wittgensteins zur
bildenden Kunst das des durchaus modernen Menschen. Er kam zur Kunst nicht auf dem Wege über die
Kunstgeschichte und nicht durch die Achtung vor staatlich oder akademisch geeichten Autoritäten. Er verstand das
Leben und Wirken als einen Kampf, und so war ihm auch in der Kunst nichts sympathischer, als die
Auseinandersetzung zwischen künstlerischen Energien. So läßt es sich vielleicht erklären, daß Karl Wittgenstein der
vornehmste Mäzen jener jungen Künstlergeneration wurde, die im Jahre 1897 daranging, nach dem Muster der
anderen europäischen Kunststädte eine Sezession zu gründen. Als es sich darum handelte, den neuen
Kunstbestrebungen ein eigenes Haus zu erbauen und die maßgebenden Faktoren des Stadterweiterungsfonds und
der Wiener Gemeinde die Ueberlassung eines Bauplatzes vom Vorhandensein eines entsprechend hohen
Garantiefonds abhängig machten, war es Karl Wittgenstein, der mit großzügiger Gebärde fast den größten Teil der
nötigen Summe allein zeichnete. Bis dahin hatte er die wenigsten der jungen Künstler persönlich gekannt, und was
ihn bewog, ihnen zu helfen, war nichts anderes als die Freude an ihrem Elan und die Erkenntnis ihrer äußerlichen
Gedrücktheit. Von dieser Zeit an trat er mit den Künstlern selbst in ein intimeres Verhältnis und wußte sie sowohl in
seinem Palais in der Alleegasse wie auch in seinem Blockhaus am Hochreith zu heiter verbrachten Tagen und
Abenden zu vereinen, die manchem Teilnehmer dieser fröhlichen Zusammenkünfte unvergeßlich bleiben dürften.
[...] Am meisten schätzte er aus diesem Kreis Gustav Klimt, der ein Bildnis seiner Tochter, der Frau
Stonborough-Wittgenstein schuf, das zu den anmutigsten des Künstlers gehört, und dem Wittgenstein auch die
Treue hielt, als es zu jener von Wittgenstein tief bedauerten Spaltung innerhalb der Sezession kam, die zum
Ausscheiden der Klimt-Gruppe führte. Er besaß von Klimt neben den besten Landschaften bezeichnenderweise
auch das schöne Bild „Das Leben ein Kampf“. Von auswärtigen Künstlern schätzte er Max Klinger besonders, von
dem er auf der Klinger-Ausstellung in der Sezession im Jahre 1900 die berühmte Plastik des Meisters „Kauerndes
Mädchen“ erwarb." "Bekannt ist seine Intervention anläßlich des Streites, um die im Auftrage der Regierung von
Klimt für das Universitätsgebäude verfertigten großen Gemälde „Medizin“, „Philosophie“ und „Jurisprudenz“. Die
Sezessionsbewegung stand damals in ihren ersten Anfängen und hatte in Klimt ihren bedeutendsten Repräsentanten
in Oesterreich. Den Professorenkreisen und der Unterrichtsverwaltung erschien die Auffassung Klimts zu
naturalistisch, und sie erhoben Bedenken gegen die Widmung der Gemälde für die Universität. Die Anhänger der
Sezession entwickelten eine Ieidenschaftliche Agitation für Klimt, und der Streit entbrannte in beiden Lagern sehr
heftig. Inmitten dieser Bewegung entschloß sich Wittgenstein zum Ankauf der Gemälde." (Neue Freie Presse, 21. 1.
1913). Im Hause Wittgenstein verkehrten aber auch mehrere Musiker - die Frau des Hauses, Leopoldine
Wittgenstein, war selbst eine gute Pianistin - darunter Johannes Brahms, Hanslick, Max Kalbeck, Gustav Mahler,
Robert Fuchs, Bruno Walter, Ferdinand Löwe. "Karl Wittgenstein besaß in Wien das Palais in der Alleegasse,
dessen Festräume mit erlesenen Kunstwerken und namentlich mit Bildern, welche der modernen Richtung
angehören, geschmückt waren und namentlich in früheren Zeiten den Schauplatz hervorragender musikalischer
Produktionen bildeten. Joachim [sic] Brahms und Hanslick waren dort häufige Gäste. In Neuwaldegg hatte
Wittgenstein eine große Villa mit einem ausgedehnten Garten und Waldbesitz. Noch vor seinem Rücktritt von
seinen Stellungen hatte er sich am Hochreith [1894] angekauft. Dieser Besitz ist in Niederösterreich an der Bahn von
St. Pölten nach Egyd, unweit von Hohenberg, gelegen und enthält ein enormes Waldterritorium, ein altes Blockhaus,
das früher den Wohnsitz bildete und ein daneben von Karl Wittgenstein aufgeführtes schönes Jagdschloß. Er selbst
war in jedem Jahre durch viele Monate im Sommer und Winter auf dem Hochreith und lag dort als passionierter
Jäger dem Weidwerk ob. Er hat die Kultur außerordentlich gehoben, den Besitz durch Zukauf von Bauerngütern
arrondiert, Straßen und Wege gebaut und zur Wohlhabenheit der Bevölkerung beigetragen. Gewöhnlich hatte er
seine Wohnung in dem gemütlichen Blockhause, wo er auch die Freunde, die ihn besuchten, empfing. Die Räume
dieses Hauses waren einfach, aber geschmackvoll eingerichtet und ein sehr angenehmer, gemütlicher Aufenthalt. Im
Sommer öffnete dann das Schloß seine Tore. Dann zogen seine Kinder und ihre Angehörigen, zahlreiche Freunde
und Bekannte zu ihm, das Schloß war der Schauplatz eines lebhaften Treibens und einer von ihm mit Vorliebe
gepflegten großzügigen Gastfreundschaft. Auch dieses Haus ist mit zahlreichen Kunstwerken erfüllt, namentlich
hängt dort das bekannte Bild Hohenbergers, die allegorische Darstellung der Huldigung, welche die Freunde
Wittgensteins ihrem Haupte darbringen, und das seinerzeit den Anlaß zu einem Aufsehen erregenden Prozesse
gebildet hatte, da die auf dem Bilde Dargestellten die Ausstellung des Kunstwerkes in der Sezession verhindern
wollten." (Neue Freie Presse, 21. 1. 1913). Zu Karl Wittgenstein vgl.: Nachrufe in der Neuen Freien Presse vom 21.
und 22. Jänner 1913; Karl Wittgenstein: Politico-Economic Writings. An onnotated reprint of "Zeitungsartikel und
Vorträge", edited by J. C. Nyíri with an introduction by J. C. Nyíri und Brian F. McGuinness, and an Englisch
summary by J. Barry Smith. Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins Publishing Company 1984. (Viennese
heritage = Wiener Erbe, vol. I.)
Kraus in der Fackel : Wahrscheinlich Anspielung auf den Aphorismus über den Brenner in der Fackel, Nr. 368/369,
5.2.1913, S. 32: "Daß die einzige ehrliche Revue Österreichs in Innsbruck erscheint, sollte man, wenn schon nicht in
Österreich, so doch in Deutschland wissen, dessen einzige ehrliche Revue gleichfalls in Innsbruck erscheint." Vgl.
auch: Ludwig von Ficker: Karl Kraus (B I, Heft 2, 15.6.1910, S. 46-48), Vorlesung Karl Kraus (B II, Heft 16,
15.1.1912, S. 563-569; Nachdruck in der Fackel, Nr. 341/342, 27.1.1912, S. 44-48). Anfang 1913 brachte Ficker im
Brenner-Verlag eine Broschüre Studien über Karl Kraus heraus, die neben Fickers Essay Vorlesung über Karl
Kraus die ebenfalls im Brenner veröffentlichten Aufsätze von Carl Dallago: Karl Kraus, der Mensch und Karl
Borromäus Heinrich: Karl Kraus als Erzieher enhielt. In drei Folgen veranstaltete Ludwig von Ficker in Jg. III, Heft
18 bis Heft 20, 15.6.-15.7.1913, S. 835-852, S. 898-900, S. 934f. eine Rundfrage über Karl Kraus. Vgl. dazu Gerald
Stieg: Der Brenner und Die Fackel. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte von Karl Kraus. Salzburg: Otto Müller
1976 (Brenner-Studien 3). - Karl Kraus: Geb. 28.4.1874, Jicin/Böhmen; gest. 12.6.1936, Wien. Schriftsteller,
Herausgeber der Fackel (1899-1936). Schon vor dem Ersten Weltkrieg war Wittgenstein ein Bewunderer von Karl
Kraus, dessen Schriften er sehr schätzte. Während seines ersten Aufenthaltes in Norwegen von Oktober 1913 bis
Juni 1914 ließ er sich Die Fackel nachschicken. (Vgl. Paul Engelmann: Ludwig Wittgenstein. Briefe und
Begegnungen. Wien, München: Oldenbourg 1970, S. 102).
4 GEORG TRAKL AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [23.7.1914]
Brief, undatiert, Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau".
Zur Datierung dieses Briefes gibt es schon eine Reihe von Versuchen: Reinhard Merkel datiert ihn auf "Juli 1914"
(Die Zeit, 14.8.1989); Christian Paul Berger auf den Zeitraum "zwischen dem 1. und ca. dem 23.8." (Mitteilungen
aus dem Brenner-Archiv, Nr. 8/1989, S. 68); Sigurd Paul Scheichl legt den Entstehungszeitraum "zwischen dem 28.
und dem 30. Juli" fest (Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, 9/1990, S. 23); Eberhard Sauermann nimmt an, daß
der Brief "wahrscheinlich am 30.7.1914 abgefaßt" worden ist (editio 4/1990, S. 222f.) Ich schlage eine andere
Datierung vor, muß dazu allerdings etwas weiter ausholen: Als Ficker von Wittgenstein den ersten Brief erhalten
hatte, informierte er sich bei seinem Freund Max von Esterle über die Familie Wittgenstein. Esterle antwortete am
21.7: "es war mir gleich klar, daß der Antrag, den Sie erhielten, aufrichtig gemeint war". Zugleich nennt er Dallago
und Trakl als besonders unterstützungswürdig. „Schließlich kommt auch, was geistigen Rang und Bedürftigkeit
anlangt, niemand von den bild. Künstlern Dall. u. Trakl nahe. Ich schreibe Ihnen dies nur, damit Sie sich in Ihren
Plänen bestärkt fühlen u. sie envent. Herrn W. gegenüber vertreten.“ (Bd. 1, Nr. 262, S. 236). Schon am nächsten
Tag muß Esterle weitere Post von Ficker erhalten haben, denn am 22.7. schreibt Esterle an Ficker: "Sie können sich
denken, wie mich Ihr Brief freut! In dieser Form ist es wirklich Ihr ausschließliches Verdienst, und ich finde es ganz
selbstverständlich, dass Sie auch an Ihr Defizit denken - umsomehr, als ja die beiden Anderen durch diesen
geringfügigen Abstrich eine ganz unfühlbare Einbusse erleiden. (Man brauchte ja nur für den Betrag österreichische
Reale zu kaufen, um es wettzumachen). Übrigens ist es ja möglich, daß Herr W. auch sonst etwas für den „Brenner“
als solchen tut. Jedenfalls schüttle ich Ihnen voll Freude die Hand wegen der persönlichen Genugtuung, die Sie so
reichlich verdient haben und jetzt fühlen müssen. Ich sehe in der ganzen Sache weit mehr, als einen günstigen Zufall.
Dallago schreibe ich auf jeden Fall sofort, aber nur ganz im Allgemeinen, dass es sich um eine bedeutende Summe
handelt, die im Stande sein könnte, seine Existenz sicher zu stellen. Ich gönne auch ihm diesen Erfolg, den er seiner
Familie gegenüber nötig braucht.
Trakl sagen sie bitte von mir meinen herzlichen Glückwunsch u. dass ich mich freue, dass er alle überseeischen
Pläne jetzt aufgeben kann und seine Freizügigkeit zurückerlangt. Gleichzeitig hoffe ich aber, dass er jetzt erst recht in
Innsbruck bleibt.
Auf Ihren Weg nach Hohenberg meinen intensivsten Segen. Bleiben Sie um Gotteswillen bei Ihrem Plan
Trakl-Dallago! Lassen Sie das Glück nicht atomisieren! Sie haben vollkommen recht in allem!
Dallago wird es sicher für unumgänglich halten, mit Ihnen zu sprechen. Kommen Sie also jedenfalls sobald mit W.
alles geregelt ist - wenigstens auf kurz - hierher (wenn Sie halbwegs können). Herzliche Grüße Ihnen allen!" (Dieser
Brief liegt unveröffentlicht im Brenner-Archiv).
Dieses Schreiben belegt, daß Ficker - wahrscheinlich telefonisch - Kontakt mit Wittgenstein aufgenommen und
seinen Wien-Besuch fixiert hatte. Außerdem wurde bei diesem Kontakt bereits die Hälfte der Spende verteilt: Trakl,
Dallago, „Brenner“. Und Ficker hat wahrscheinlich auch angedeutet, warum Trakl so dringend eine finanzielle
Aufmunterung braucht. Trakl wollte, da er offensichtlich nicht einmal mehr in Innsbruck eine Perspektive sah,
auswandern. Alle Versuche, eine für ihn angemessene Anstellung zu finden, waren gescheitert. Am 8.6.1914 hatte
sich Trakl sogar beim Königlich Niederländischen Kolonialamt nach einer Anstellungsmöglichkeit im Kolonialdienst
erkundigt, am 18.6. aber einen ablehnenden Bescheid erhalten. Diese offensichtliche Dringlichkeit muß eine
sofortige Anweisung der Spende zur Folge gehabt haben oder zumindest die Abmachung, daß Ficker die Summe für
Trakl vorerst vorstrecken sollte. Da Trakls Dankbrief in der Korrespondenz Ficker-Wittgenstein nirgends erwähnt
wird, obwohl in der Spendenabwicklung keine Lücke zu erkennen ist, muß angenommen werden, daß die
Spendenangelegenheit Trakls als erste und persönlich abgewickelt worden ist. Damit gewinnt auch die Formulierung
„gestern“ in Trakls Brief eine ganz präzise Bedeutung. Ficker hat die Überweisung am 22.7. vorgenommen und Trakl
hat den Dankbrief am 23.7., möglicherweise sogar mit Ficker zusammen verfaßt und Ficker hat ihn Wittgenstein
persönlich überbracht. Vgl. Anton Unterkircher: Der Briefwechsel Ludwig von Fickers mit Ludwig Wittgenstein
und was ein Trakl-Brief damit zu tun hat. In: "Ich an Dich". Edition, Rezeption und Kommentierung von Briefen.
Hg. von Werner M. Bauer, Johannes John und Wolfgang Wiesmüller. Innsbruck: Institut für deutsche Sprache,
Literatur und Literaturkritik, 2001, S. 205-216.
Georg Trakl : Geb. 3.2.1886, Salzburg; gest. 3.11.1914, Krakau. Lyriker. Im Herbst 1908 begann Trakl mit dem
viersemestrigen Studium der Pharmazie in Wien, das er am 25.7.1910 mit der Sponsion zum Magister der Pharmazie
beendete. Nach Beendigung des Präsenzdienstes als Einjährig Freiwilliger bei der k. k. Sanitätsabteilung Nr. 2 in
Wien, einer kurzzeitigen Beschäftigung in einer Apotheke in Salzburg, trat Trakl einen sechsmonatigen Probedienst
als k. u. k. Medikamentenbeamter im Garnisonsspital Nr. 10 in Innsbruck an. Im Mai 1912 machte er die persönliche
Bekanntschaft mit Ludwig von Ficker, von da an erschienen seine Gedichte fast in jedem Heft des Brenner. Trakl
hielt sich 1913/14 den größten Teil in Innsbruck bei Ludwig von Ficker und auf der Hohenburg in Igls bei Fickers
Bruder Rudolf auf. Im Juli 1913 erschien die Sammlung Gedichte bei Kurt Wolff. Im Juli 1914 wurden die
Korrekturarbeiten am zweiten Gedichtband Sebastian im Traum (ebenfalls bei Kurt Wolff) abgeschlossen.
5 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 27.7.1914
Brief, mit vorgedrucktem Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau".
Ihre Gastfreundschaft : Ficker hatte Wittgenstein entgegen seinem Bericht schon am 23./24.7.1914 in Wien besucht.
Dies geht aus einem Brief Fickers an Hugo Neugebauer vom 27.7.1914 (Bd. 1, Nr. 263, S. 238) hervor: "[...] ich war
Donnerstag und Freitag in Wien, und zwar in einer völlig unerwarteten privaten Angelegenheit, die mir so nahe ging,
daß ihrem Eindruck jede andere Besinnung meinerseits erlag und ich schließlich froh war, aus dieser persönlichen
Bedrücktheit durch die Spannung, die die alarmierenden Kriegsnachrichten auf mich übertrugen, herausgerissen zu
werden."
ein Innsbrucker Universitäts-Professor : Alfred Kastil: geb. 12.5.1874, Graz; gest. 20.7.1950, Schönbühel/NÖ.
Philosophieprofessor. Habilitierte sich 1902 in Prag bei Anton Matty, einem Schüler Franz Brentanos; von seiner
Prager Zeit dürfte auch die Bekanntschaft mit Rilke herrühren. 1909 wurde er a. o. Prof. für Philosophie in
Innsbruck, 1912 Ordinarius. Kastil widmete praktisch sein ganzes Lebenswerk der Verteidigung von Brentanos
Philosophie. Nach Brentanos Tod 1917 übernahm er gemeinsam mit Oskar Kraus in Prag die Edition des
Brentano-Nachlasses. Verließ Innsbruck 1934, offiziell aus gesundheitlichen Gründen, de facto aber aus Protest
gegen das Anwachsen des NS-Einflusses an der Universität Innsbruck. Über Vermittlung von Kastil publizierte
Ficker 1919 im ersten Nachkriegs-Brenner den Sonnengesang des heiligen Franziskus (in freier Übertragung des
Franz Brentano, B VI, Heft 1, S. 5f.). Vgl. die Postkarte Kastils an Ficker vom 11.8.1919, wo dieser die Zustimmung
von Frau Brentano für die Publikation im Brenner übermittelt. Kastil war auch in den Skandal um die Kraus-Lesung
vom 4.2.1920 verwickelt. An der Universität Innsbruck ist der "Fall Kastil" aktenkundig geworden, da sich der
Ordinarius für Philosophie im Verlauf der Vorlesung durch demonstrativen Beifall mit Kraus solidarisiert hatte.
Wegen dieses Verhaltens wurde er sowohl von der Innsbrucker Studentenschaft als auch von der lokalen Presse
scharf angegriffen. Am 12.2.1920 meldete er sich im Allgemeinen Tiroler Anzeiger auch öffentlich zu Wort: "Es ist
mir nicht eingefallen, Karl Kraus einen „großen Gelehrten“ zu nennen, wohl aber trat ich für ihn als Künstler,
Ethiker und Menschen ein, fand seine lauteren Absichten schwer mißverstanden und verurteilte die terroristische
Methode, in der sich der Widerspruch gegen ihn geäußert hat, als durchaus unpassend, unstudentisch und dem Geist
unserer Stadt höchst gefährlich." (Vgl. Gerhard Oberkofler: Der "Fall Kastil". Akademischer Antisemitismus und
die Innsbrucker Krausvorlesungen. In: Kraus Hefte, Heft 21, Januar 1982, S. 2-6)
Rilke : Rainer Maria Rilke: geb. 4.12.1875, Prag; gest. 29.12.1926, Val-Mont bei Montreux. Rilke verließ am 19. Juli
1914 Paris, besuchte vom 23.7. bis 1.8. seinen Verleger Kippenberg in Leipzig und reiste am 1.8. nach München.
Wolfgang Leppmann schreibt in seiner Rilke-Biographie (Rilke. Sein Leben, seine Welt, sein Werk. 3. Aufl. Bern,
München 1982), S. 350: "Während einer hektischen, aber nur nach Tagen bemessenen Phase der Begeisterung
stimmt auch er in den Jubel ein, mit dem das Ereignis in ganz Europa begrüßt wird. In der ersten Kriegswoche
entstehen die Fünf Gesänge / August 1914 [...]." S. 352: "Rilke hingegen bringt es fertig, fünf Gesänge zu schreiben,
in denen das Deutsche nicht verherrlicht und das Fremde nicht angefeindet, wohl aber der Krieg als elementare,
mythische Macht gefeiert wird, die die Menschen aus dem gleichgültigen Alltag emporreißt [...] und - dies dürfte für
ihn den Ausschlag gegeben haben - den Einzelnen aus seiner Vereinsamung erlöst." Rilke wurde erst Ende 1915
gemustert und rückte am 4.1.1916 beim Landwehrschützenregiment Nr. 1 in Wien ein, wo er zuerst die Ausbildung
mitmachen mußte, dann aber auf Intervention seiner Freunde im Kriegsarchiv beschäftigt wurde. Anfang Juni 1916
wurde er vom Heeresdienst wieder entlassen.
Zeilen Dallagos : Dallago dürfte sich in dem verschollenen Brief für die ihm zugedachte Spende von 20.000 Kronen
bedankt haben. Am 30.7. nimmt Dallago in einem Brief an Ficker noch einmal auf die Spende Bezug: "Nochmals
von Herzen Dank für die Überweisung der K 20000.- (Zwanzigtausend Kronen), die ich also dankbarst annehme.
Das Bestimmende hierfür ist mir, daß wenigstens ein Teilbetrag auch Dir verblieb als einigermaßen Vergütung für
die Führung u. Unkosten des Brenners. Gerade über diesen Punkt wollte ich mit Dir reden, denn ich kann schließlich
auch schaffen, ohne daß ich Geld habe; aber der Brenner kann ohne Geld nicht geführt werden. Außerdem ist meine
Lage so, daß ich wirklich froh bin zu etwas zu kommen; freilich so hoch hätte der Betrag nicht auszufallen brauchen,
das hätte ich nie gehofft. [...] Meinen Dank dem Spender des Geldes zu übermitteln, überlasse ich also Dir, Deinen
Mitteilungen nach. Daß ich höchst erfreut bin über einen solchen Menschen, daß ich ihm auch meinen innigen Dank
u. die besten Wünsche ausdrücken möchte, ist natürlich. Was Du mir über ihn als Menschen noch mitteilst, ist
geeignet in mir den Wunsch auszulösen, ich möchte ihm einmal begegnen können. Doch das sei ganz dem Walten
des Lebens überlassen!" Vgl. auch die dem Brief beigelegte Quittung vom 30.7.1914. - Carl Dallago: geb. 14.1.1869,
Bozen; gest. 18.1.1949, Innsbruck. Philosoph, Schriftsteller. Ficker gründete den Brenner mit und für Carl Dallago,
der vor dem Ersten Weltkrieg Hauptmitarbeiter der Zeitschrift war.
meiner Zeitschrift : In B XVIII, 1954, S. 237 schreibt Ficker, daß ihm Wittgenstein bei seinem Besuch in Wien "eine
Abzweigung von zehntausend Kronen als Zuschuß für den Brenner nahegelegt" habe. Aus Esterles Brief vom 22.7.
kann man entnehmen, daß schon vor Fickers Besuch bei Wittgenstein, wahrscheinlich telefonisch oder telegrafisch
die Zuteilung dieses Betrags für den Brenner festgelegt wurde.
6 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 1.8.1914
Brief.
Neuwaldeggerstr : In der Neuwaldeggerstraße 38 im XVII Bezirk von Wien besaßen die Wittgensteins eine
Sommervilla, die in den Siebzigerjahren abgerissen wurde. Ansonsten hatten sie einen Wohnsitz in der Alleegasse
16 im IV. Bezirk in einem von Karl Wittgenstein adaptierten Stadtpalais, in der Nähe der Karlskirche. Später wurde
die Alleegasse in "Argentinierstraße" umbenannt; das Palais Wittgenstein wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt
und ist mittlerweile abgerissen.
Loos : Adolf Loos: geb. 10.12.1870, Brünn; gest. 23.8.1933, Kalksburg bei Wien. Architekt. Ficker hatte während
seines Besuches bei Wittgenstein diesen am Nachmittag des 24.7. im Café Imperial mit Adolf Loos bekannt
gemacht.
7 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [14.8.1914]
Postkarte, undatiert.
zum Militär : Wittgenstein meldete sich als Kriegsfreiwilliger, obwohl er wegen eines doppelseitigen Leistenbruchs
vom Militärdienst freigestellt worden war. Am 9. August schrieb er in sein Tagebuch: "Vorgestern bei der
Assentierung genommen worden und dem 2ten Festungsartillerie-Regiment in Krakau zugeteilt. Gestern vormittag
von Wien ab. Komme heute vormittag in Krakau an." Wittgenstein wurde am 14.8.1914 zur Bedienung eines
Scheinwerfers auf das gekaperte Wachschiff Goplana zugeteilt, das ständig auf der Weichsel, dem Grenzfluß,
patrouillierte. Am 21.9. kam es wieder nach Krakau zurück. (Geheime Tagebücher).
8 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 21.8.1914
Brief.
Professor Sauer : August Sauer: geb. 12.10.1855, Wiener Neustadt; gest. 17.9.1926, Prag. Seit 1886 Literarhistoriker
an der deutschen Universität Prag: Rilke war dort 1895 sein Schüler. In der Folge war Sauer Mäzen und Freund
Rilkes und hat ihm öfters Darlehen und "Ehrengaben" vermittelt.
Stoessl : Otto Stoessl: geb. 2.5.1875, Wien; gest. 15.9.1936, Wien. Dramatiker, Erzähler, Essayist. 1906-1911
Mitarbeiter der Fackel, 1913 am Brenner (allerdings nur mit 2 Beiträgen: Dem Beitrag zur Rundfrage über Karl
Kraus (B IV, Heft 18, 15.6.1913, S. 841 und dem Aufsatz Lebensform und Dichtungsform, B IV, 15.11.1913, S.
179-185).
Herrn und Frau D r Schwarzwald : Hermann Schwarzwald (1871-1938), Mathematiker, Jurist, Sektionschef im
Handelsministerium; Eugenia Schwarzwald (1873-1940), Pädagogin, Schulreformerin, Begründerin der
gleichnamigen Schule in Wien. Das Ehepaar Schwarzwald führte ein großes Haus, in dem u.a. Kraus, Schönberg,
Kokoschka und Adolf Loos verkehrten.
Kokoschkas Lage : Oskar Kokoschka: geb. 1.3.1886, Pöchlarn/NÖ; gest. 22.2.1980, Montreux. Maler, Dramatiker.
Im Brenner nur mit seinem Beitrag zur Rundfrage über Karl Kraus vertreten (B III, Heft 20, 15.7.1913, S. 935).
Kokoschka bedankte sich am 6. November 1914 bei Ficker: "Ich kann es mir nicht versagen, trotz Ihrer Ablehnung,
Ihnen recht herzlich zu danken: Sie können es kaum erdenken, was diese große Hilfe mir für Befreiung von Sorgen
verschafft, was ich seit Jahren mühsam erreichen wollte, und nie möglich wurde, tritt ein. Ich kann arbeiten und
meine Kräfte werden nicht im Existenzkampf vergeudet. Kommt jetzt für mich die Einberufung, so werde ich meine
Pläne ein gutes Stück vorwärts gebracht haben. Dem braven Mann, den ich nicht kenne, werde ich versuchen, eine
Freude zu machen." Vgl. den beigelegten Überweisungsschein von 5.000 Kronen der Credit-Anstalt für Handel und
Gewerbe in Innsbruck, datiert vom 4. November 1914, adressiert an "Herrn Oskar Kokoschka, Maler, Wien 19,
Hardtgasse 29" und von diesem am 6.11. gegengezeichnet, womit er den Erhalt bestätigt. Im Februar 1915 -
Kokoschka war bereits beim Militär - war das Geld schon verbraucht: "Aber wirklich eine dringende Calamität ist,
das ich keine Zeit zum Malen habe und also meinen Unterhalt und die mancherlei Zuwendungen, die man als
Einjähriger zu leisten genötigt ist nicht verdienen kann. Durch den Betrag, den Sie Ihren Freund für mich aussetzen
ließen, ist mir wohl ein Jahr die Sorge um meine Eltern abgenommen, aber ich würde keinen Moment daran denken
können, davon zu leben, denn dann würde die Zeit kommen, wo ich nicht mehr aus noch ein wüßte. Einen Teil, der
über die für meine Eltern benötigte Summe reichte, habe ich leider nicht aufgehoben, ohne Ahnung daß ich so
schnell zum Militär käme und daß ich jetzt in einer solchen hilflosen Lage sein würde.
Wenn Sie denken, daß Sie unserem Gönner keine sehr unangenehme Stunde bereiten, in dem Sie nochmals sein
Interesse für mich erwecken, hätte ich eine fröhliche Hoffnung aus diesen Strapatzen mit dem Gewinn
hervorzugehen, daß ich mich körperlich gekräftigt habe und mit mehr Energie meine alten Ziele wieder verfolgen
werde, weil ich dann vielleicht doch einmal meine Energie ein Jahr mit der Sorge um die Herbeischaffung des so
dummen und doch so wichtigen Geldes nicht schwächen müßte". (Kokoschka an Ficker, 6.2.1915; Bd. 2, Nr. 361, S.
84f.) Am 21.2.1915 schrieb Kokoschka an Ficker (unveröff., Brenner-Archiv): "Ich erhielt neulich Ihr freundliches
[sic] telegraphische Ankündigung, daß Sie mir noch 700 Kr. aus der Stiftung senden könnten. Ich telegraphierte
sofort zurück, daß ich sehr glücklich darüber wäre und Loos schrieb Ihnen auf meine Bitte auch, daß Sie mir den
Betrag möglichst telegraphisch anweisen lassen möchten, weil ich schon sehr Not habe. [...] Ich werde Alles
selbstverständlich und mit Freuden zurückgeben, bis ich wieder zur [sic] meiner Arbeit zurückkehren kann, an die
jetzt gar nicht zu denken ist." Möglicherweise hat Ficker diese Summe von den 10.000 Kronen für den Brenner
Verlag abgezweigt. Ob die Anweisung tatsächlich erfolgt ist und ob es dann von Kokoschka wieder zurückgegeben
wurde, konnte nicht ermittelt werden.
Lasker-Schüler: Else Lasker-Schüler: geb. 11.2.1869, Wuppertal-Elberfeld; gest. 22.1.1945, Jerusalem. Lyrikerin,
Erzählerin. Ihr Sohn Paul Schüler (1899-1927) war ein begabter Zeichner und schon mit 14 Jahren Mitarbeiter am
Simplicissimus. Else Lasker-Schüler war 1909-1911 Mitarbeiterin an der Fackel, 1913-1914 am Brenner.
Karl Hauer: geb. 29.10.1875, Gmunden/OÖ; gest. 17.8.1919, Salzburg. Volksschullehrer, Buchhändler, Schriftsteller.
Mit Karl Kraus befreundet, 1905-1909 Mitarbeiter an der Fackel. 1913 erwarb er mit Unterstützung von Karl Kraus
die Buchhandlung K. Tscheschlog in München, die er kurz darauf wieder verkaufen mußte. Hauer war im Brenner
nur mit dem Beitrag zur Rundfrage über Karl Kraus vertreten (B III, Heft. 18, 15.6.1913, S. 845). In B III, Heft 7,
1.1.1913, S. 306-316 war von Ludwig Erik Tesar eine ausführliche Besprechung von Hauers Essayband Von den
fröhlichen und unfröhlichen Menschen (Wien: Jahoda & Siegel 1911) erschienen. Offenbar sollte Hauer aber für das
Brenner-Jahrbuch 1915 einen Beitrag verfassen. Am 26.1.1915 schrieb Hauer aus Bozen an Ludwig von Ficker:
"Ich bringe nichts Rechtes für das Jahrbuch zusammen: der Krieg ist zu gegenwärtig u. nahe, daß man darüber ohne
Hemmungen mannigfacher Art schreiben könnte, u. über etwas Anderes zu schreiben, hat jetzt erst recht keinen
Wert." Zur Überweisung der Spende ist nichts näheres bekannt.
L.E. Tesar: Ludwig Erik Tesar: geb. 6.7.1879, Brünn; gest. 8.10.1968, Schwaz/Tirol. Mittelschullehrer, Pädagoge,
Schriftsteller. 1910-1911 Mitarbeiter an der Fackel, 1912-1914 Mitarbeiter am Brenner.
Richard Weiß: Geb. 31.5.1884, Wien; 1938 nach Holland verzogen. Lehrer, Schriftsteller. 1911 Mitarbeiter der
Fackel. Trat im Herbst 1912 in brieflichen Kontakt zu Ludwig von Ficker und schickte ihm Gedichte. Im Brenner
erschienen von ihm: Vergangener Zug, B III, 1.10.1912, S. 17; Stein und Der gelbe Stein, B III, 15.12.1912, S. 249.
Auch Weiß erhielt von Ficker die Aufforderung, einen Beitrag zur Rundfrage über Karl Kraus zu liefern. Er schrieb
darüber am 21.6.[1913]: "Ich bemühe mich seit mehreren Wochen, Ihrer Aufforderung nachzukommen, meine
Ansicht über Karl Kraus auszusprechen. Das Brennerheft, das ich gestern bekommen habe, enthält nun schon die
Antworten auf die Rundfrage und die Sätze, dich ich bis jetzt geschrieben habe, kommen zu spät und es ist wohl
recht so. In meinem inneren Leben vollzieht sich eine Wandlung und Neuordnung, die meine Kraft ganz braucht,
soweit sie nicht durch langdauernde äußere Kämpfe verzehrt wird, und so bin ich dem Werke Karl Kraus'
gegenwärtig entfremdet. Im Lichte meiner neuen Erkenntnis finde ich mich unwissend, über Karl Kraus richtig zu
urteilen. Denn ich muß in vielem neu anfangen." Am 12. Juli [1913] schrieb er an Ficker: "ich fahre heute auf
unbestimmte Zeit nach England, ich habe hier gegenwärtig keine Stellung. In meinem Leben ist jetzt in vielfacher
Weise ein Einschnitt." Damit bricht der Kontakt zu Ficker ab. Ob Weiß die Spende jemals erhalten hat, konnte nicht
ermittelt werden.
Theodor Haecker: geb. 4.6.1879, Eberbach; gest. 9.4.1945, Usterbach bei Augsburg. Schriftsteller, Übersetzer,
Philosoph, Theologe. Seit dem 1. Mai 1914 erschienen im Brenner Haeckers Kierkegaardübertragungen, u.a. Kritik
der Gegenwart und Der Pfahl im Fleisch (beide auch broschiert als Einzelpublikationen im Brenner-Verlag).
Haecker reagierte auf Fickers Benachrichtigung vom 25.9.1914 (Bd. 2, Nr. 277, S. 19) zunächst ablehnend: "So sehr
mich Ihr Anerbieten als Ausdruck Ihrer Schätzung erfreut hat, muß ich es doch ablehnen und zwar aus Gründen, die
ich Ihnen sofort darlegen will. Nach nochmaligem Durchlesen Ihres Briefes und nach reiflicher Überlegung bin ich
zu der Überzeugung gekommen, daß es dem Geber darum zu tun war, nicht etwa bloß bedeutende Schriftsteller
sondern eben auch bedürftige zu unterstützen. Wiewohl ich z. Zt nicht völlig meinen Ideen leben kann und nicht wie
es nötig wäre, um die Bücher zu schreiben, die ich im Kopfe habe, jeden ganzen Tag zur Verfügung habe, so kann es
sich bei mir doch unter keinen Umständen um Bedürftigkeit handeln, da ich einen festen Gehalt beziehe und
außerdem von dem Verlagsinhaber, mit dem ich durch jahrzehntelange Freundschaft verbunden bin, wohl nie im
Stiche gelassen werde. Gerade weil ich die Meinung habe, daß ein würdiger Schriftsteller oder Mensch überhaupt,
wenn er bedürftig ist, eine Unterstützung ohne Scham annehmen kann, muß ich sie in meinem Fall, wo die
Bedingung eben nicht zutrifft, ablehnen." Ficker antwortete am 11.12.1914: "Zunächst muß ich nachtragen, dass
dem Spender jener Ehrengaben es in erster Linie darum zu tun war, das schriftstellerische Verdienst zu ehren,
allderdings unter Berücksichtigung und nach Maßgabe der ökonomischen Lage des Einzelnen. (Nur ausgesprochen
Wohlhabende sollten außer Betracht fallen). Im Sinne dieser beiden Richtlinien habe ich denn auch meine
eingehenden Vorschläge erstattet - und zwar nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich, so dass ich über Absicht
und Einverständnis des Spenders ebenso zuverlässig orientiert bin wie er über die Gewissenhaftigkeit und
Gründlichkeit meines Referats. Wie Sie wissen, war es mir bekannt - ich hatte es ja seinerzeit in München von Ihnen
selbst erfahren -, dass Sie eine berufliche Stellung innehaben, durch die Ihre materielle Existenz geschützt und
gesichert erscheint. Ich habe daraus in meinem Vorschlag auch kein Hehl gemacht und diesen Umstand bei
Bemessung der Höhe des für Sie zu bestimmenden Betrags in Rechnung gezogen. Sie dürfen vor allem die
beruhigende Gewißheit haben, dass die Zuwendung an Sie unter gewissenhafter Berücksichtigung aller hiebei in
Betracht kommenden Umstände erfolgte, wobei ich noch besonders betonen möchte, dass sie auch nach keiner
Richtung eine Schmälerung der gerechten Ansprüche Bedürftiger bedeutet. Denn ich habe z.B. Trakl und Dallago,
die in der letzten Zeit ganz mittellos geworden waren, mit entsprechend höheren Beträgen bedenken können. [...]
Auch möchte ich nicht vergessen hinzuzufügen, dass durch diese Schenkung es auch ermöglicht wurde, dem
Brenner als Unternehmen etwas aufzuhelfen, sodass ich die bisherigen Defizite einigermaßen ausgleichen konnte. Es
würde mich nun sehr bedrücken, selbst eine Hilfe angenommen zu haben, während ein Hauptmitarbeiter, dessen
selbstlosem Wirken der Brenner so Außerordentliches zu danken hat, es ablehnt, eine Ehrengabe anzunehmen, die
zu seinem Verdienst und der Unschätzbarkeit seines Entgegenkommens zwar in keinem Verhältnis steht, aber
jedenfalls reinen Herzens und in der würdigsten Absicht dargeboten wird." (Bd. 2, Nr. 335, S. 60f.) Haecker stimmte
am 16.12.1914 zu: "Nach Ihren klaren Ausführungen über die Spende von 2.000 Kr. kann ich allerdings kein
Hindernis mehr sehen, das der Annahme im Wege stände. Ich nehme sie an und spreche zugleich meinen Dank aus,
Ihnen und dem Spender. Was die Überweisung betrifft, nach der Sie mich im ersten Briefe gefragt haben, so halte
ich es für das einfachste, wenn Sie den Betrag auf das Postsparkassenkonto in Wien N° 14508 J. F. Schreiber,
München einzahlen. Dieser Verlag wird dann mit mir abrechnen. (ein Erlagschein liegt hier bei!)" (Bd. 2, Nr. 341, S.
66f.) Am 1. Jänner 1915 bedankte sich Haecker für den Erhalt des Geldes (Bd. 2, Nr. 349, S. 75).
Theodor Däubler: geb. 17.8.1876, Triest; gest. 13.6.1934, St. Blasien/Schwarzwald. Schriftsteller. Unter dem Titel Ein
sybillinisches Buch besprach Hugo Neugebauer Däublers Nordlicht (3 Bde., München, Leipzig: Georg Müller 1910)
am 1.12.1910 im Brenner. Ficker stand mit ihm seit 1912 in brieflichem Kontakt und publizierte seit Ende 1912
Däublers Gedichte im Brenner. Däubler schrieb am 27.11.1914 aus Dresden: "Ihr Brief war eine große
Überraschung! Vor allem herzlichsten Dank, dass sie an mich gedacht haben. Sie können Sich wol denken, wie nötig
ich grade zu Kriegszeiten eine Ermuntrung auch in klingender Gestalt habe. Man weiss ja oft nicht wie ein und aus.
Solang der Krieg dauert heissts fristen und fasten. Wer hätte das nicht gern getragen.
Immerhin: die 2000 Kronen kommen hereingeschneit: Ein guter Winteranfang! Lieber Herr von Ficker, ich bitte Sie
halten Sie vorläufig noch die Summe, ich werde Sie um Weihnachten dann selber abheben, oder sonstwie in
Östreich in Empfang nehmen. Zu viel möchte man nicht beim Eintausch verlieren. Schicken Sie mir nur freundl.
sogleich 300 Mark. Damit komm ich aus und herunter Ende Jahres.
Falls der generöse Spender nicht erreichbar sein sollte oder wollte, so bitte, Herr v. Ficker danken Sie ihm innigst,
jetzt oder wann möglich." (Bd. 2, Nr. 328, S. 53) Am 12.12.1914 bedankte sich Däubler für die Zusendung der 300
Mark (Bd. 2, Nr. 337, S. 64) Den Rest wollte sich Däubler nach Weihnachten 1914 in Innsbruck persönlich abholen.
Er war aber verhindert und bat Ficker die restliche Summe an Erhard Buschbeck in Salzburg zu schicken (vgl. Brief
an Ficker vom 29.12.1914 aus Berchtesgaden, unveröff. Brenner-Archiv). Am 7.1.1915 übernahm Däubler dort
Fickers Geldsendung (vgl. Postkarte vom 7.1.1915, unveröff. Brenner-Archiv). Am 8.1.1914 bedankte er sich noch
einmal: "Gestern konnte ich Ihnen nur einen kurzen Gruss senden, heute danke ich Ihnen noch einmal für Ihre
grosse Güte: Könnte ich nicht irgendwie dem Spender für den Kriegs- und Winterunterstand danken. Demnächst
erscheinen Dinge von mir; Sie bekommen sie natürlicherweise sogleich, ich möchte sie aber auch dem ungenannten
Herrn sofort nach Erscheinen zukommen lassen." (Bd. 2, Nr. 352, S. 77)
Mombert : Alfred Mombert: geb. 6.2.1872, Karlsruhe; gest. 8.4.1942, Winterthur. Lyriker, Dramatiker. Eine
Stellungnahme Momberts zu Däubler ist nicht bekannt. Hingegen hat Johannes Schlaf im Zeitgeist vom 17.6.1912
ausführlich über Däubler geschrieben (Nachdruck in B III, Heft 3, 1.11.1912, S. 120-127).
Franz Kranewitter: geb. 18.12.1860, Nassereith; gest. 4.1.1938, ebenda. Dramatiker. Sein Drama Michel Gaißmayr
war 1899 erschienen, drei Jahre nach Gerhart Hauptmanns Drama Florian Geyer, das im selben Verlag erschien.
Fickers Behauptung, Kranewitters Drama sei vor Hauptmanns Florian Geyer entstanden, wird allerdings auch von
Karl Schoßleitner unterstützt, der behauptet, die Entstehung reiche bis in die früheste Jugend zurück und vier Akte
seien 1895 schon fertig vorgelegen. (Karl Schoßleitner: Michel Gaißmayr in Wien. In: Innsbrucker Nachrichten,
3.6.1914). Kranewitter war damals nicht sehr produktiv und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Kranewitter
hat von der Wittgenstein-Spende einen Betrag von 2.000 Kronen erhalten. Im Nachlaß Ludwig von Fickers findet
sich in Fickers Scheckbuch der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe in Innsbruck ein Abriß, datiert mit
26.IX.1914, der die Überweisung der 2.000 Kronen an Franz Kranewitter belegt. Am 29.12.1914 schrieb Kranewitter
an Ficker: "Ich kann die letzten Tage dieses Jahres nicht vorübergehen lassen ohne Dich zum Antritte des neuen auf
das wärmste zu beglückwünschen und dem edlen Menschen welcher mir das große Geschenk gestiftet, sowie Dir,
der es mir zugewendet nochmals auf das herzlichste zu danken. Aus wie vollem Herzen dieser Dank aber kommt,
weiß nur der, welcher Einblick hat in mein Leben und fühlt wie schwer mir dasselbe bis jetzt geworden ist. Jedes
Kleinste, was ich erreicht mußte erkämpft und unter harter Not erstritten werden. Daß dabei meine Nerven
heruntergekommen sind ist klaar und ich zweifelte oft ob ich noch im Stande sein werde etwas nach meinem Sinn
Großes zu wirken. Und nun durch Dich diese Freude, eine Freude, für die ich schon deßhalb umso dankbarer bin,
als sie nicht erstritten werden mußte sondern einmals eine solche war, welche wie das Glück plötzlich vom Himmel
fällt. Wenn Du dem edlen Stifter dessen Name ich ja - hoffentlicht nicht für immer - nicht kenne einmal schreibst so
sage ihm um zu wissen, was er mir getan, hätte er die Thränen sehen müssen, die mir im Freudesturme aus den
Augen schossen. Wenn ich das Werk, das ich vorhabe, so vollende, wie ich es plane, war seine Tat des Himmels
Segen, der es zur Reife brachte." (Bd. 2, Nr. 348, S. 74)
Carl Borromäus Heinrich: geb. 22.7.1884, Hangenham/Bayern; gest. 25.10.1938, Einsiedeln. Romancier, Essayist.
1908-1910 Mitarbeiter an der Fackel, seit Anfang 1913 am Brenner. Heinrich befand sich damals in ständigen
Geldschwierigkeiten und hatte bei Ficker 900 Kronen geliehen, die er in einem Brief an Ficker vom 22.7.1914
(unveröff., Brenner-Archiv) bald zurückzugeben versprach. Korrespondenz zwischen Ficker und Heinrich in Sachen
der Wittgenstein-Spende hat sich nicht erhalten.
Hermann Wagner: geb. 22.4.1880, Tannendorf bei Georgenthal; gest. 7.7.1927, Groß-Schönau/Sachsen. Erzähler.
1911-1913 Mitarbeiter am Brenner, nahm auch an der Rundfrage über Karl Kraus (B III, Heft 18, S. 848f.) teil. Die
rote Flamme und andere Novellen waren 1908 bei Georg Müller (München, Leipzig) erschienen. In einem Brief vom
20.10.1914 (unveröff., Brenner-Archiv) erklärte Hermann Wagner ausführlich, warum es ihm aufgrund der
Ablehnung seiner Bücher und Feuilletons bis jetzt nicht möglich war, von Ficker offenbar geliehenes Geld
zurückzuzahlen (Summe wird keine genannt). Dann bedankte er sich für Fickers "neuesten lieben Brief"
(verschollen), in dem ihm dieser von der Wittgenstein-Spende berichtete: "Wie soll ich Ihnen danken? Erlassen Sie
mir Worte, ich schäme mich zu sehr! Natürlich wollen wir die Sache in der vorgeschlagenen Art ordnen! Ich atme
geradezu auf, durch Sie selbst von meinen Gewissensbissen befreit zu werden! Wie gut und edel Sie sind! Wie soll
ich es Ihnen nur begreiflich machen, daß ich es, trotz allem!, verdiene?!
Eine Quittung lege ich bei. Sie ist doch recht so? Und eine große Bitte habe ich an Sie! Der Weg von Innsbruck nach
Gross-Schönau ist endlos. Schicken Sie mir das Geld also auf meine Kosten telegraphisch und zwar an meine
Adresse nach: Warnsdorf in Böhmen, bahnpostlagernd Postamt 2.": Die beigelegte Quittung hat sich erhalten:
"Quittung / über den Betrag von 1000 Kronen (Tausend Kronen), die ich unterfertigter Hermann Wagner in
Gross-Schönau in Sachsen von Herrn Ludwig von Ficker in Innsbruck am heutigen Tage baar und richtig ausgezahlt
erhalten habe. / Gross-Schönau in Sachsen, / 22. Oktober 1914 / Hermann Wagner". Am 22.10.1914 schrieb Wagner
noch einen Brief an Ficker (unveröff., Brenner-Archiv): "Erst gestern fiel mir ein, daß ich dem edlen Spender der
tausend Kronen selbst noch gar nicht gedankt habe. Die Nachricht traf mich nämlich so überraschend und sie schien
mir nach dem, was ich in den letzten Monaten an Schlimmem und Entäuschungen erfahren habe, so unwirklich, daß
es, damit ich mich sammelte, einiger Zeit bedurfte! Und so hole ichs also jetzt nach und bitte Sie, dem gütigen Geber
des Geldes, das ich noch nie so nötig gebraucht habe wie gerade jetzt, meinen tiefen Dank zu sagen! Gott möge es
Ihm vergelten, viele Male!
Meine Depesche, worin ich Sie bat, mir das Geld telegraphisch nach Warnsdorf in Böhmen bahnpostlagernd
Postamt 2 zu senden, werden Sie wohl erhalten haben. Ich wiederhole meine Bitte heute nochmals brieflich. Die
Situation hier bei mir ist nämlich die, daß ich mich kaum mehr auf die Straße wagen kann, der Gläubiger wegen. Ich
bekomme absolut keinen Pfennig Honorar herein, die letzte Sendung, allerdings von 80 Mark, kam vor 5 Wochen
von der Jugend, aber sie war, nach Bezahlung des Allerdringendsten, nach 3 Tagen ausgegeben. Seit dieser Zeit
leben wir sehr schlimm. Haben Sie also die Güte, mir das Geld, oder doch wenigstens einen Teil, telegraphisch zu
senden!
Und damit danke ich auch Ihnen nochmals vom ganzen Herzen! Es scheint, daß trotz allem doch ein gutes Schicksal
über mir waltet - warum hätte ich sonst gerade in der jetzigen kritischen Situation dieses Geld erhalten?"
Hugo Neugebauer: geb. 7.10.1877, Michelsdorf/Böhmen; gest. 18.7.1953, Innsbruck. Beamter, Schriftsteller.
1910-1913 Mitarbeiter am Brenner. Auf Fickers Verständigung vom 17.10.1914 (vgl. Bd. 2, Nr. 287, S. 26)
antwortete Neugebauer am 22.10.1914 (Bd. 2, Nr. 290, S. 28): "das Geschenk von tausend Kronen, das ein
unbekannter Gönner mir zugedacht, hat mich in große Verlegenheit gesetzt. Ich schwankte lange, ob ich es denn
annehmen dürfte, und entschloß mich erst dazu, als Sie mich davon überzeugt hatten, daß ich es nicht ablehnen
könnte, ohne den hochherzigen Spender zu kränken.
Ich nehme es also an und bestimme den ganzen Betrag für eine Buchausgabe meiner Gedichte, eine Widmung, der
Sie lebhaft zugestimmt haben. Da ich jedoch, wie Sie wissen, bei einem Versuche, meine Dichtung „Das Diadem
der Melitta“ in Buchform zu veröffentlichen, betrogen wurde, und ich mich nachgerade zu der etwas absonderlichen
Ansicht bekehrt habe, daß der Anstoß zu solchen Unternehmungen nicht von den Dichtern, sondern von den Lesern
oder Verlegern ausgehen sollte, kann ich den Fall nicht unbedacht lassen, daß es (wenigstens zu meinen Lebzeiten)
zu keiner Buchausgabe kommt. Tritt dieser Fall ein, so soll die Gabe des Unbekannten einen rein
menschenfreundlichen Zweck erfüllen: sie soll nämlich der Grundstock eines Vermächtnisses sein, dessen Zinsen
ich armen Mädchen der Stadtgemeinde P.[Pola in Istrien] als Beitrag zu Ihrer Aussteuer zuwenden möchte." Am 14.
Dezember 1914 kündigte Neugebauer in einem Brief Ficker (unveröff., Brenner-Archiv) die Freundschaft auf und
wies zugleich die Wittgenstein-Spende zurück: "Noch eines: Das Ehrengeschenk - sonderbares Ehrengeschenk an
einen, den man verachtet - das Ehrengeschenk werde ich auf Ihr Einlagenblatt zurücküberschreiben lassen. Sie
wissen ja, wie lange ich gezögert habe, es anzunehmen, und daß ich das schließlich nur tat, um den ahnungslosen
Geber nicht zu kränken. Es wird Ihnen nicht schwer sein, ihn davon zu überzeugen, daß ich unter solchen
Umständen darauf verzichten muß." Zugleich legte er die Briefe Fickers bei und forderte seine eigenen sowie alle
Manuskripte zurück. Am 16.12.1914 schickte Neugebauer eine Postkarte an Ficker (unveröff, Brenner-Archiv):
"Nachdem ich den Brief aufgegeben hatte, begab ich mich auf die Bank, wo man mir sagte, daß ich bis zum
Eintreffen des Papieres (Kriegsanleihe), in dem ich den Betrag angelegt habe, warten müßte. Daher die
Verzögerung." Ob die Rücküberweisung tatsächlich erfolgte, konnte nicht nachgewiesen werden. Die Freundschaft
ging aber nicht endgültig in die Brüche, denn nach einer einjährigen Pause des brieflichen Kontakts redete
Neugebauer Ficker wieder mit "Lieber Freund" an.
Jos. Georg Oberkofler: geb. 17.4.1889, St. Johann/Ahrn, Südtirol; gest. 12.11.1962, Innsbruck. Lyriker, Epiker.
Besuchte in Innsbruck medizinische, philosophische und theologische Vorlesungen (ohne Abschluß; promovierte
aber 1922 zum Dr. jur.) 1911-1913 (und noch einmal 1922) Mitarbeiter am Brenner. Zur Wittgenstein-Spende sind
keine Dokumente bekannt. Ein Brief von Oberkofler an Arthur von Wallpach vom 12.5.1914 bestätigt allerdings
seine damalige Notlage: obwohl er von Ficker verköstigt wurde, konnte er aus dem spärlichen Erlös seiner
schriftstellerischen Arbeiten seit 3 Monaten sein Zimmer nicht bezahlen und bat daher Wallpach um 150 Kronen:
„Ich habe Herrn von Ficker nichts gesagt von meiner trostlosen Lage, weil ich sonst so viel Wohltaten genieße und
weil er mir schon vor zwei Jahren einmal ausgeholfen hat.“ (Der Brief liegt im Nachlaß Arthur von Wallpachs im
Brenner-Archiv).
[1]000 Kronen : Die Zahl ist nicht eindeutig lesbar, doch wenn man die im Brief angeführten Beträge addiert, bleibt
ein Rest von 1000 Kronen übrig.
9 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 15.9.1914
Brief.
10 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [22.9.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, ohne Poststempel. Datierung nach einer Notiz in den Geheimen
Tagebüchern vom 22.9.: "Erhielt eine Menge Karten und Briefe u.a. von Ficker und Jolles."
11 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [22.9.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, ohne Poststempel.
Trackl : Aus Trakls Brief Nr. 128 an Maria Trakl (ca. 7.-10.9.1914, HKA I, 620) geht hervor, daß Trakls Einheit nicht
sofort zum Einsatz gelangte, wahrscheinlich erst im Zeitraum vom 8.-11. September bei der großen Offensive zur
Rückeroberung Lembergs.
Kurt Rawski-Conroy ist in diesen Tagen Georg Trakl begegnet (Georg Trakl. Ein Gedenkblatt zum vierzigsten
Todestag von einem Kriegskameraden. In: Österreichische Apothekerzeitung 8, 1954, S. 665, Zit. nach.
Erinnerung an Georg Trakl, 3. Aufl. Salzburg 1966, S. 201): "Ich sah, wie Trakl mit vor Entsetzen weit
aufgerissenen Augen an der Bretterwand der Scheune lehnte. Die Kappe war seinen Händen entglitten. Er merkte es
nicht und ohne auf Zuspruch zu hören, keuchte er: „Was kann ich tun? Wie soll ich helfen? Es ist unerträglich.“ - An
der Uniform hatte ich erkannt, daß es ein engerer Kamerad war, der da in heller Verzweiflung zusammenzubrechen
drohte. Ich wollte zu helfen suchen, hatte aber das Empfinden, daß der Bedauernswerte kaum auf meinen Zuspruch
achtete, obwohl er seinen Namen murmelte, als ich den meinen nannte. Ich mußte weiter und hatte die beste
Absicht, meinem Versprechen gemäß ärztliche Hilfe nach Möglichkeit herbeizuschaffen. Es gelang leider nicht."
In der Erinnerung an Georg Trakl (3. Aufl.), S. 200f. hat Ficker die mündlichen Mitteilungen Trakls festgehalten:
"In der Schlacht von Grodek, kurz vor der Entscheidung und schon im Rückschlag einer an der Front
ausbrechenden Panik, war die Sanitätskolonne, der er angehörte, zum ersten Male eingesetzt worden. In einer
Scheune, nahe dem Hauptplatz des Ortes, hatte er ohne ärztliche Assistenz die Betreuung von neunzig
Schwerverwundeten zu übernehmen und machtlos, selber hilflos, diese Marter durch zwei Tage ausstehen müssen.
Noch habe er das Stöhnen der Gepeinigten im Ohr und ihre Bitten, ihrer Qual ein Ende zu machen. Pötzlich, kaum
hörbar in dem Jammer, sei eine schwache Detonation erfolgt: Einer mit einem Blasenschuß hatte sich eine Kugel
durch den Kopf gejagt, und unversehens klebten blutige Gehirnpartikel an der Wand. Da hatte er hinaus müssen.
Aber so oft er in das Freie trat, immer habe ihn ein anderes Bild des Grauens angezogen und erstarren gemacht. Da
standen nämlich auf dem Platz, der wirr belebt und dann wieder wie ausgekehrt schien, Bäume. Eine Gruppe
unheimlich regungslos beisammenstehender Bäume, an deren jedem ein Gehenkter baumelte. Ruthenen, justifizierte
Ortsansässige. Einer von ihnen, der zuletzt Aufgeknüpfte, hatte sich, wie Trakl erfuhr (oder hat er's noch miterlebt?),
die Schlinge selbst um den Hals gelegt. Tief habe er sich den Anblick eingeprägt: der Menschheit ganzer Jammer,
hier habe er einen angefaßt! Nie könne er das vergessen, und auch den Rückzug nicht; nichts nämlich sei so
schrecklich als ein Rückzug in Verwirrung."
12 AN RAINER MARIA RILKE, 25.9.1914
Brief mit vorgedrucktem Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau".
13 VON RAINER MARIA RILKE, 30.9.1914
Brief. Original im Wiener Brieffund von 1988, jetzt im Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek.
München : Nach einem einmonatigen Aufenthalt in Irschenhausen kehrte Rilke nach München zurück und wohnte
bis Ende November in der Penison Pfanner in der Finkenstraße.
Bedeutung der Hülfe : Anton Kippenberg, der von Rilke über die Spende informiert wurde, schrieb Rilke am 2.10.,
er wolle die 20.000 Kronen mündelsicher anlegen: "Ich möchte unter allen Umständen, daß diese Summe Ihnen
ungeschmälert verbleibt und daß wir nur die Zinsen in die Aktion einbeziehen, die Ihnen nun für eine Reihe von
Jahren hinaus alle Freiheit der Arbeit sichern soll." (Zit. nach Ingeborg Schnack: Rainer Maria Rilke. Chronik seines
Lebens und seines Werkes. Bd. 1. Frankfurt/M.: Insel 1975, S. 483). Bereits im Juni 1914 hatte Fürstin Mechtilde
Lichnowsky einen Aufruf ergehen lassen, man solle Rilke "den Grad materieller Unabhängigkeit, der für
ungehemmtes Arbeiten nötig ist", verschaffen. "Dreißig bis vierzig Menschen, die bereit wären, jährlich einen Beitrag
nicht unter 100.- Mark zu leisten, würden diese Hilfe schaffen können." (Ebenda, S. 473) Am 6.10. bat Rilke
Kippenberg um ein paar tausend Mark zur Begleichung aller seiner Schulden, war aber einverstanden, daß 17.000
Kronen fest angelegt wurden. (Ebenda, S. 483) Bereits Anfang 1915 war die Aktion der Lichnowsky ins Stocken
geraten und Rilke griff gegen den Widerstand von Kippenberg das Kapital der Spende an. Anfang November 1915
war die Schenkung bereits zur Gänze aufgebraucht. (Vgl. ebenda, S. 516) 1916 hat Rilke über Vermittlung von Karl
Kraus und Adolf Loos noch einmal eine Spende von Wittgenstein erhalten. Karl Kraus erwähnt in einem Brief an
Sidonie Nádherný vom 27./28.10.1916 die schlechte finanzielle Lage Rilkes und eine von Freunden initiierte
Sammlung: "Ich habe empfohlen, sich an den hilfsbereiten Mann zu wenden, von dem schon einmal eine größere
Gabe gekommen ist." (Karl Kraus: Briefe an Sidonie Náderný von Borutin 1913-1936. Bd. 1. München: Kösel
1974, S. 374). Nähere Auskünfte zur Sammlung für Rilke gibt Kraus in einem Brief an Sidonie Nádherný vom
18./19.11.1916: "Die Sammlung geht weiter, der gewisse Mäzen hat 1000 Kr. zugesagt und ich will den Ertrag des 4.
Dez. zwischen E. L. Sch. und R.[ilke] vertheilen (ohne daß er's weiß), aber noch einen Rest einem andern
wohlthätigen Zweck geben. Man wird sich also auch betheiligen? Ich will das Geld vor dem 1. Dez. abführen, denn
bis dahin soll die Sammlung abgeschlossen sein und das Ergebnis wird durch einen Freiherrn v. Schey via Berlin an
R. gesandt, ohne daß er erfahren wird, woher das Geld kommt." (Ebenda, S. 392f.). Daß es sich bei dem Mäzen um
Wittgenstein handelt, bestätigt ein Schreiben von Adolf Loos an Ludwig Wittgenstein vom 19.11.1916: "Lieber Herr
Wittgenstein, ich danke Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit dem guten Rilke in so grosszügiger Weise Hilfe zu bringen.
An so viel habe ich nicht gedacht." (Österreichische Nationalbibliothek)
14 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 4.10.1914
Briefkarte mit Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“".
Wittgenstein hielt sich zu der Zeit gerade in Krakau auf. Wie aus den Geheimen Tagebüchern hervorgeht, versuchte
er vergeblich zu arbeiten. In der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober war Wittgenstein wieder auf dem Schiff "Goplana"
unterwegs.
7.10.1914: "Die Nacht durch nach Rußland gefahren; fast gar nicht geschlafen, Dienst beim Scheinwerfer etc. Wir
sollen bald ins Feuer kommen. Der Geist mit mir. [...] Es ist mir eisig kalt - von innen. Ich habe jenes gewisse
Gefühl: wenn ich mich nur noch einmal ausschlafen könnte, ehe die Geschichte anfängt. ----! Besseres Befinden.
Wenig gearbeitet. Ich verstehe es noch immer nicht meine Pflicht nur zu tun weil es meine Pflicht ist und meinen
ganzen Menschen für das geistige Leben zu reservieren. Ich kann in einer Stunde sterben, ich kann in zwei Stunden
sterben, ich kann in einem Monat sterben oder erst in ein paar Jahren; ich kann es nicht wissen und nichts dafür oder
dagegen tun: So ist dies Leben. Wie muß ich also leben um in jenem Augenblick zu bestehen? Im Guten und
Schönen zu leben,bis das Leben von selbst aufhört."
Am 28.10. vermerkt Wittgenstein, daß er Nachricht von Ficker erhalten habe.
Lasker-Schüler : Fickers Verständigung und Else Lasker-Schülers Dank-Telegramm sind verschollen. Es gibt aber
einen Brief von Else Lasker-Schüler an Ludwig von Ficker von [Ende September 1914] (Bd. 2, Nr. 280, S. 22), in
dem sie u.a. schreibt: "Gerade war mein Kriegsgedicht beendet darin ich auch sprach vom Landvogt aus Mühlau
und Georg Trakl aus Salzburg - ohne Lüge auf Ehrenwort - als Ihr Brief kam der mein Herz beruhigte, das krank
danieder lag - auch einsam auf dem Schlachtfeld oder in einem Graben eigentlich schon tausend Jahr. Ich denke nun
bei Eurem landvogtlichen, edlen Sinn - Ihr habt die Geschichte erfunden für mich, den Prinzen von Theben, der
Kaiser wird im Buch. Wie soll ich Wort finden!!! Wenn Ihr soviel opfern würdet, wie weh täte mir das! Wenn Georg
Trakl auch wie ich beschenkt ist, wie würde ich aufatmen - also zweimal. Ich möchte nur nicht, daß der Landvogt
etwa sich beteiligt hätte - oder wenn die Geschichte wirklich mit dem Gutsbesitzer bestimmt [...]. Ich denke (wenn
ich nehmen soll?) dann Scheck den ich einlöse. Das erfährt niemand und ich leg es fort wo es sicher ist. Im
äußersten Fall nehm ich dann davon wenn es nicht anders geht für Aufrechterhaltung." Am 13.10.1914 bestätigte die
Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe in Innsbruck Ludwig von Ficker die "beorderte Überweisung an die
Deutsche Bank, Berlin, zu Gunsten der Frau Else Lasker-Schüler, Berlin W," in der Höhe von 5.000 Kronen. Am 21.
Oktober richtete Else Lasker-Schüler einen weiteren Dankbrief an Ficker (Bd. 2, Nr. 289, S. 27f.): "Nun denke ich, -
Sie haben selbst einen Gutsbesitzer erfunden und Sie gaben mir das große Geschenk. Ich möcht sagen, ich glaub es
mit Bestimmtheit und wie soll ich Ihnen danken, Ihnen? und Ihrer Frau Gemahlin? Sie haben mir ermöglicht eine
kleine Wohnung zu mieten darin ich am 1. einzieh, eine kleine Palastwohnung, die Sachen dafür liegen schon lange
wo auf einer Kammer. [...] Ich werde nun sehn, daß ich fast das ganze Geld aufbewahren kann. Ich habe es in die
Filiale gelegt im Kaufhaus des Westens (der Deutschen Bank.) Ich fühle mich fast verpflichtet Ihnen das alles zu
sagen. Ich bin ja ein Vogel und könnte mal stürzen wo von einem Steinbruch in die Tiefe. Auch bin ich traurig und
atme nur manchmal auf, daß meinem Paul geholfen ist durch Sie und Ihrer Frau der goldgelben Tulpe [...]".
15 AN RAINER MARIA RILKE, 5.10.1914
Brief mit vorgedrucktem Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau".
"Brigge" : Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. 2 Bde. Leipzig: Insel 1910.
16 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [Oktober? 1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, ohne Poststempel. Recto oben in fremder Handschrift: "[Coelbar] Franz".
Zur Datierung: Die Absenderadresse enthält zum ersten Mal den Namen des Wachschiffes "Goplana". In Fickers
Briefkarte vom 17.10.1914 wird die von Wittgenstein angeführte Adresse verwendet. Die Karte ist mit Sicherheit
zwischen dem 15.8. und 9.12.1914 - dem Zeitraum des Aufenthaltes Wittgesteins auf der "Goplana" - entstanden.
17 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 17.10.1914
Feldpostkorrespondenzkarte, Poststempel: "INNSBRUCK 2, 17.X.14", mit dem Vermerk "ZENSURIERT."
gestempelt.
18 VON RAINER MARIA RILKE, 18.10.1914
Brief. Beiliegend die Abschrift der Duineser Elegien. Brief und Abschrift lagen im Wiener Brieffund von 1988; sie
sind jetzt im Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek. Das Postskript des Rilke-Briefes hat Ficker seinerzeit
nicht an Wittgenstein weitergesandt. Es liegt daher heute im Nachlaß Ludwig von Fickers.
Die Abschrift besteht aus 5 Doppelblättern und einem Deckblatt. Auf der Vorderseite des Deckblattes oben notierte
Rilke: „Aus den Elegieen /“, rechts unten: „(5 Doppelblätter)“. Auf die Rückseite findet sich die Notiz Ludwig
Wittgensteins: „Vom Verfasser Rainer Maria Rilke mir zugeeignet Februar 1915 Ludwig Wittgenstein“.
Der Reihenfolge nach handelt es sich bei der Abschrift um folgende Elegien: 1. Elegie (vollständig), 2. Elegie
(vollständig), 6. Elegie (unvollständig: Vers 33-42 fehlen, sie entstanden erst 1922), 3. Elegie (unvollständig, die
letzten 10 Verse fehlen; die Arbeit an der 3. Elegie war aber schon Ende 1913 abgeschlossen), 10. Elegie
(ursprüngliche Fassung der 10. Elegie, aber ohne die letzten 9 Verse, 1922 schrieb Rilke diese Elegie ab Vers 13 neu),
am Schluß findet sich noch ein Fragment, entstanden im Frühjahr 1913, das aus der endgültigen Fassung der Elegien
wieder ausgeschieden worden ist. Zur damaligen Zeit bestanden noch mehrere solcher Fragmente, außerdem die
Verse 1-6a und 77-79 der 9. Elegie. Vgl. dazu Materialien zu Rainer Maria Rilkes 'Duineser Elegien'. Bd. 1. Hrsg.
von Ulrich Fülleborn und Manfred Engel. Frankfurt: Suhrkamp 1980. Die an Wittgenstein übersandte Abschrift
enthält eine ganze Menge von Abweichungen von der Druckfassung der Elegien. Die handschriftliche Abschrift hat
einerseits Flüchtigkeitsfehler begünstigt, andererseits enthält sie für die damalige Zeit typische Schreibweisen, etwa
die oftmalige Verwendung des stummen h (z.B. Thiere usw.), dann die konsequente Verwendung der ss- und
ß-Schreibung nach der Österreichischen Rechtschreibung von 1879 bis 1901/02. Die Zeichensetzung ist
inkonsequent gehandhabt: vielfach ergibt sich aber durch Weglassen (Vergessen?) oder Hinzufügen eine
Sinnänderung. Auffällig ist, daß Rilke in vielen Fällen auf die Hervorhebung durch Unterstreichung verzichtet, wohl
kaum immer vergessen hat. Es gibt aber auch einige bedeutsamere Varianten: 1. Elegie, V 29: "vorübergingst" -
"vorüberkamst", V 87-88: "[...] wie man der Brüste / der Mutter nicht mehr entbehrt." - "[...] wie man den Brüsten /
milde der Mutter entwächst." 2. Elegie, V 2: "tötliche" - "tödliche". 6. Elegie, V 16: "die frühe Hinüberbestimmten" -
"den frühe Hinüberbestimmten", V 43: "Denn hinstürmte" - "Wie hinstürmte". 10. Elegie, V 5: "jähzornigen" -
"reißenden".
19 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 26.10.1914
Brief.
Krakau : Über seinen Besuch berichtete Ficker in der Erinnerung an Georg Trakl (Salzburg: Otto Müller 1966), S.
197-209 u.a.:
"Auf dem Korridor im Erdgeschoß der Psychiatrischen Klinik hielt ich einen Wärter an, der eben vorbeikam, und
fragte ihn nach Trakl. Er trat auf die nächstgelegene, eine schwarz gestrichene Tür zu und öffnete ein Guckloch:
„Meinen Sie den da?“ - Ich warf einen Blick hinein: „... danke - ja!“ Trakl saß, die Bluse lose zugeknöpft, auf dem
Bettrand, rauchte eine Zigarette und schien sich eben ruhig mit einem (mir im Augenblick nicht sichtbaren)
Gegenüber zu unterhalten. Die Zelle, schmal und hoch, war von feinem Tabaksrauch wie eingenebelt; aber durch ein
hochgelegenes, kreuzweis starkvergittertes Fenster fiel ein voller Strahl der frühen Vormittagssonne, der die
Rauchwölkchen wie leichtbewegten Morgennebel goldig durchleuchtete. Plötzlich wandte Trakl, die Zigarette
weglegend, kaum merklich den Kopf, sah gespannt zur Tür her, als begegne er meinem Blick. Da hatte ich auch
schon geöffnet - und nun geschah es, daß der Freund, der sich erhoben hatte, mich groß anblickend ruhig auf mich
zukam und, ohne ein Wort zu sagen, mich in die Arme schloß.
Sein Wesen schien in nichts alteriert und durchaus gefaßt. Auf meine Frage, wie er sich befinde, erwiderte er:
leidlich. Übrigens sei es ein Zufall, daß ich ihn hier noch träfe. Er sei nämlich schon nahe daran gewesen, das Spital
zu verlassen - zugleich nahm er eine Feldpostkarte vom Nachtkästchen und wies sie mir vor: „Sehen Sie, hier hatte
ich es Ihnen mitgeteilt!“ Aber er hatte die Karte, (die ich flüchtig überlas und ihm zurückstellte) nicht abgeschickt.
Denn eine leichte Angina, die er sich kürzlich zugezogen, habe ihn genötigt, vorläufig noch hier zu bleiben. Doch sei
er schon fieberfrei und wieder hergestellt, er müsse sich nur wundern, daß von dem Entschluß, ihn aus dieser
Situation zu entlassen, nun bei den Ärzten, wie es scheine, keine Rede mehr sei. Er habe den Eindruck, man wolle
ihn mit Ausflüchten hinhalten.
Ich suchte seine Bedenken zu zerstreuen. Mir war aber dabei selbst etwas beklommen zumute. Denn aus der
Unterredung mit dem Arzt, dem bei der Briefzensur auch einige Gedichte Trakls zu Gesicht gekommen waren, war
mir haften geblieben, daß er diesen Fall zum Kapitel „Genie und Wahnsinn“ rechne, womit er anzudeuten schien,
daß weitere Vorsicht und Beobachtung geboten sei." (198-200).
Am Nachmittag des ersten Tages waren Ficker und Trakl im Spitalsgarten. Dort erzählte Trakl von seinen
Kriegserlebnissen und von seinen Ängsten, wegen seines Selbstmordversuchs vor Gericht gestellt zu werden. Ficker
konnte ihn anscheinend nur schwer beruhigen.
"Ein Leutnant von den Windischgrätz-Dragonern, der an delirium tremens litt, doch in den nächsten Tagen schon
von seinem Vater, einem Gutsbesitzer in der Slovakei, auf Erholungsurlaub nachhause gebracht werden sollte, teilte
das Zimmer mit ihm. Die anspruchsvolle Kameradschaft dieses Menschen, doppelt beschwerlich in so engem Raum,
von Trakl jedoch mit rührender Geduld und Nachsicht für den Unglücklichen ertragen, seine Wutausbrüche, die von
Schlaf zu Schlaf mit Anwandlungen eines in seiner Aufgeräumtheit völlig sinnlos anmutenden
Mitteilungsbedürfnisses wechselten, die unflätigen Beschimpfungen, die er in Ermangelung eines eigenen über
Trakls Diener, der ihm zur Verfügung stand und ihm nichts recht machen konnte, ausgoß, Beschimpfungen, welche
den Burschen einmal, in meiner Gegenwart, so in Harnisch brachten, daß er, am ganzen Leib bebend, gepeinigt
aufschrie und auf Trakl weisend die Worte hervorstieß: „Der da ist mein Herr, nicht Sie!“ Worauf Trakl, sich
mühsam beherrschend, den rabiaten Kameraden mit den Worten zurechtwies: „Ich bitt' Dich, schau - laß doch den
armen Menschen, Du siehst, er tut ja, was er kann!“. Dazu die Unruhe, das stete Kommen und Gehen draußen auf
dem Gang, die Roheit der Wärter, gelegentliches Gepolter und Geschrei der Irren im oberen Stockwerk, im übrigen
der Eindruck einer Gefängniszelle, der sich bei einbrechender Dunkelheit ins Trostlose verdichtete. Und schließlich,
sobald es Nacht geworden war: die Ausgesetztheit aller demütigen Kreatur in dieser Welt der sinnlosen Gewalt zu
unvergeßlichem Eindruck gesteigert, wenn Trakls Diener, ein blasser, kränklich aussehender Mensch, Zeltblatt und
Decke über ein Häuflein Holzwolle auf dem Boden ausbreitete, um in dem Winkel zwischen Fensterwand und
Eisenbett zu Häupten seines Herrn sich schlafen zu legen: Dies also war das Milieu, in welchem meine letzte
Begegnung mit dem Freunde stattfand." (203f.).
Am Nachmittag des nächsten Tages, so erzählt Ficker weiter, las ihm Trakl die Gedichte Klage und Grodek vor.
Neben sich auf dem Nachtkästchen hatte er die Reclamausgabe der Gedichte von Johann Christian Günther liegen,
die er gerade zu lesen begonnen hatte und aus der er Ficker mehrere Stellen vorlas (205-207).
Auf Fickers Frage, ob er noch immer Drogen besitze, antwortete er:
" „No freilich, als Apotheker, ich bitt' Sie“, gab er fast aufgeräumt und gutmütig lächelnd zur Antwort: „wär ich denn
sonst noch am Leben? ... Nur erfahren, versteht sich, darf's hier niemand - sonst, da käm' ich schön an!“ - Bald
darauf steckte der Arzt den Kopf zur Tür herein: „Geht's gut?“ Es war die Abendvisite. Ich folgte ihm auf den Gang
und beschwor ihn nochmals, für die baldige Entlassung Trakls und die Erwirkung eines Erholungsurlaubs besorgt zu
sein, was er, da er es eilig hatte, leichthin, doch immerhin ganz herzlich versprach. Ich kehrte mit dieser günstigen
Botschaft zu Trakl zurück. Der aber, seufzend und in sich gekehrt, wollte von Ärzten und ihren Sprüchen nicht mehr
viel wissen. Und als dann sein Diener das Essen holen ging - es war inzwischen dunkel geworden -, hielt ich den
Augenblick für gekommen, mich von dem Freund zu verabschieden. Ich trat an sein Bett, nahm mich zusammen
und versprach, auch noch in Wien, auf der Rückreise, alles aufzubieten, damit seine Entlassung aus dem Spital auch
von dort aus betrieben und beschleunigt werde; dann würden wir uns in Innsbruck ja bald wiedertreffen. „Glauben
Sie?“, sagte er fremd und leise. „Ich - hoffe es“, erwiderte ich, momentan bestürzt. Trakl drückte mir kurz die Hand,
dankte für den Besuch und bat, die Freunde zu grüßen. Dann legte er sich zurück, wie einer, der vor dem
Einschlafen noch eine Weile in das Dunkel sinnen will, und zog die Decke an sich hoch. Kaum konnte ich sein
Gesicht noch ausnehmen, so finster war es schon im Raum, als ich mich an der Tür umwandte. Ich nickte ihm noch
einmal zu, unwillkürlich nochmals ein paar Schritte näher tretend, und - „Leben Sie wohl, lieber Freund! Auf
baldiges Wiedersehen!“ sagte ich wie im Traum.
Trakl lag regungslos, entgegnete kein Wort.
Sah mich nur an.
Sah mir noch nach...
Nie werde ich diesen Blick vergessen." (208f.).
Leutnant Molé : Mit größter Wahrscheinlichkeit handelt es sich um Rudolf Molè. Vgl. Walter Methlagl: Leutnant
Molè. In: Pannonia 5/1990/91, in dem dieser Leutnant irrtümlich als Vojeslav Molé identifiziert wurde. In den
Geheimen Tagebüchern Wittgensteins wird er öfters erwähnt:
21.8.1914: "Der Leutnant und ich haben schon oft über alles Mögliche gesprochen; ein sehr netter Mensch. Er kann
mit den größten Halunken umgehen und freundlich sein, ohne sich etwas zu vergeben."
15.9.1914: "Am besten kann ich jetzt arbeiten während ich Kartoffeln schäle. Melde mich immer freiwillig dazu. Es
ist für mich dasselbe was das Linsenschleifen für Spinoza war. Mit dem Leutnant stehe ich viel kühler als früher."
21.9.1914: "Abends erhielt ich die niederschlagende Nachricht daß der Leutnant der unser Kommandant war
transferiert worden ist. Diese Nachricht hat mich tief deprimiert."
20 VON RUDOLF MOLÉ, 26.10.1914
Brief.
Szczucin : Ort an der Weichsel östlich von Krakau.
Szybínski : Nicht ermittelt.
21 GEORG TRAKL AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [wahrsch. 26.10.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert ohne Poststempel mit den übereinandergestempelten Vermerken:
"ZENSURIERT" und "MILITÄR-AMTLICH / censuriert". Zur Datierung siehe die Geheimen Tagebücher,
30.10.1914: "(Abends) Erhielt soeben liebe Post. Eine sehr liebe Karte von Frege! Eine von Trakl und Ficker! Mama,
Klara, Frau Klingenberg. Dies hat mich sehr gefreut. Sehr viel gearbeitet. ---" Da Wittgenstein Fickers und Trakls
Schreiben zur gleichen Zeit erhalten hat, ist anzunehmen, daß auch Trakl seine Karte während Fickers Besuch oder
unmittelbar nach Fickers Abschied, also wohl am 26.10. verfaßt hat. Vgl. Eberhard Sauermann: Die Chronologie
der Briefe Georg Trakls. In: editio 4, 1990, S. 223f. Vgl. auch Wittgensteins Tagebucheintragung vom 1.11.1914:
"Vormittag weiter gegen Krakau. Während des Wachdienstes heute nacht gearbeitet, auch heute sehr viel und noch
immer erfolglos. Bin aber nicht mutlos weil ich das Hauptproblem immer im Auge habe. ---. Trakl liegt im
Garnisonsspital in Krakau und bittet mich ihn zu besuchen. Wie gerne möchte ich ihn kennenlernen! Hoffentlich
treffe ich ihn wenn ich nach Krakau komme! Vielleicht wäre es mir eine große Stärkung. --- ."
22 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [wahrsch. 28.10.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, ohne Poststempel. Datierung nach einer Eintragung in den Geheimen
Tagebüchern vom 28.10.1914: "Erhielt heute viel Post [...]. Auch von Ficker und Jolles liebe Nachricht."
Ihre liebe Karte: Die Karte Fickers vom 17.10.1914 und den Brief vom 4.10.1914 mit dem beiliegenden Brief Rilkes
vom 25.9.1914.
Zu Wittgensteins Situation vgl. seine Eintragungen in die Geheimen Tagebücher:
24.10.1914: "Schlecht geschlafen. (Zu wenig Bewegung!). Unser Kommandant ist sehr mäßig, hochmütig
unfreundlich und behandelt jeden als seinen Diener. Nachmittag nach Tarnobrzeg wo wir diese Nacht bleiben. Sehr
viel gearbeitet zwar noch ohne Erfolg aber mit viel Zuversicht. Ich belagere jetzt mein Problem. --- ."
25.10.1914: "Früh nach Sandomierz. Gestern abends kam uns die unsinnige Nachricht zu Paris sei gefallen. Auch ich
war übrigens zuerst erfreut bis ich die Unmöglichkeit der Nachricht einsah. Solche unmöglichen Nachrichten sind
immer ein sehr schlechtes Zeichen. Wenn wirklich etwas für uns Günstiges vorfällt dann wird das berichtet und
niemand verfällt auf solche Absurditäten. Fühle darum heute mehr als je die furchtbare Traurigkeit unserer - der
deutschen Rasse - Lage!! Denn daß wir gegen England nicht aufkommen können scheint mir so gut wie gewiß: Die
Engländer - die beste Rasse der Welt - können nicht verlieren! Wir aber können verlieren und werden verlieren,
wenn nicht in diesem Jahr so im nächsten! Der Gedanke daß unsere Rasse geschlagen werden soll deprimiert mich
furchtbar denn ich bin ganz und gar deutsch!
Werden plötzlich durch Gewehrfeuer von den Russen
Gott mit mir! --- Es war nichts als ein russischer Aeroplan. --- --- Sehr viel gearbeitet. Stehen die Nacht über in
Tarnobrzeg und fahren morgen früh gegen Szczucin. Gegen Mittag wich meine Depression."
23 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [wahrsch. 30.10.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, ohne Poststempel.
24 AN RAINER MARIA RILKE, 3.11.1914
Brief mit Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau".
25 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [6.11.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, eingeschrieben ("Krakau 1 / N° 4412") und mit dem Vermerk
"ZENSURIERT" versehen. Der Originalpoststempel ist unlesbar, der Poststempel des Einlauftages in Mühlau datiert
mit "9.XI.14".
die Nachricht vom Tode Trakls : Vgl. Eintragung in die Geheimen Tagebücher vom 5.11.1914:
"Früh weiter nach Krakau wo wir spät abends ankommen sollen. Bin sehr gespannt ob ich Trakl treffen werde. Ich
hoffe es sehr. Ich vermisse sehr einen Menschen mit dem ich mich ein wenig ausreden kann. Es wird auch ohne
einen solchen gehen müssen. Aber es würde mich sehr stärken. Den ganzen Tag etwas müde und zur Depression
geneigt. Nicht sehr viel gearbeitet.
In Krakau. Es ist schon zu spät Trakl heute noch zu besuchen. --- . Möge der Geist mir Kraft geben. --- "
6.11.1914: "Früh in die Stadt zum Garnisonsspital. Erfuhr dort daß Trakl vor wenigen Tagen gestorben ist. Dies traf
mich sehr stark. Wie traurig, wie traurig!!! Ich schrieb darüber sofort an Ficker. Besorgungen gemacht und dann
gegen 6 Uhr aufs Schiff gekommen. Nicht gearbeitet. Der arme Trakl! ---! Dein Wille geschehe. --- "
26 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 9.11.1914
Feldpostkorrespondenzkarte, Poststempel: "INNSBRUCK 2, 9.XI.14", mit dem Vermerk "ZENSURIERT."
gestempelt.
27 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 16.11.1914
Brief.
für Ihre Karte : Vgl. Tagebucheintragung vom 16.11.1914: "Es wird Winter. - Gestern erhielt ich von Ficker eine
freundliche Karte. Es ist dann die Rede daß die Schiffsmannschaft von hier wegkommt da die Schiffe über Winter
nicht zu verwenden sind.
Was wird dann mit mir werden?? Wir hören starken Geschützdonner von den Werken. Nicht viel gearbeitet. Abends
in der Stadt. Wieder keine Klarheit des Sehens obwohl ich ganz offenbar vor der Lösung der tiefsten Fragen stehe
daß ich mir fast die Nase daran stoße!!! Mein Geist ist eben jetzt dafür einfach blind! Ich fühle, daß ich an dem Tor
daran stehe kann es aber nicht klar genug sehen um es öffnen zu können. Dies ist ein ungemein merkwürdiger
Zustand den ich noch nie so klar empfunden habe als jetzt. --- ! --- !"
28 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [28.11.1914]
Feldpostkorrespondenzkarte, undatiert, Poststempel: "K.u.K. FELDPOS[T] 186".
Zusendung der Gedichte Trakls : Am 24.11. schrieb Wittgenstein im Geheimen Tagebuch: "Ficker sandte mir heute
Gedichte des armen Trakl die ich für genial halte ohne sie zu verstehen. Sie taten mir wohl. Gott mit mir!" Es
handelte sich um Sonderdrucke des Helian ( ) und des Kaspar Hauser Lieds ( ). Wittgenstein war in diesen
Tagen dabei, seine Versetzung zu betreiben, wollte sogar in die Ballonabteilung versetzt werden (Tagebuchnotiz vom
20.11.1914).
29 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [Mitte Dezember 1914]
Felpostkorrespondenzkarte, undatiert, mit einem Stempel der Werkstätte: "K. U. K. ART. AUTODETACHEMENT",
weiters mit dem Zensurvermerk "Überprüft!" versehen.
abkommandiert worden : Wittgenstein begann am 10.12.1914 seine Arbeit in der Kanzlei der Artillerie-Werkstätte in
Krakau.
30 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 29.12.1914
Brief.
Albert Ehrenstein : Geb. 23.12.1886, Wien; gest. 8.4.1950, New York. Lyriker, Erzähler. Von 1910-1911 Mitarbeiter
der Fackel, 1913-1914 am Brenner (mit Gedichten und einem Beitrag zur Rundfrage über Karl Kraus, B III, Heft 18,
15.6.1913, S. 846). Als sich Albert Ehrenstein bei Ficker am 23.11.1914 über die näheren Umstände von Trakls Tod
erkundigte, muß Ficker ihm von der Spende berichtet und Ehrenstein einen Betrag angeboten haben (Fickers Briefe
an Ehrenstein sind verschollen). Denn Ehrenstein schrieb Ficker am 29.11. u.a. (Bd. 2, Nr. 331, S. 54f.): "Es tut mir
unsäglich leid, daß nicht auch Trakl durch jenen Mäzen vor dem bürgerlichen Leben zu schützen war. Ich danke
Ihnen vielmals, daß Sie ihm meinen Namen nannten, seine Zusendung schützt mich vielleicht ein halbes Jahr lang
vor öder journalistischer Arbeit. Und diese Sicherung war seit Kriegsausbruch, da mich mein Verleger im Stiche ließ,
mein einziger Wunsch. Nun weiß ich sehr wohl, daß ich weder Ihnen noch dem unverhofften Schutzengel danken
kann. Ich weiß nicht, ob er meine Novellen alle kennt - ich möchte ihm aber, wenn Sie so gütig sein wollen die
Zusendung zu übernehmen, diese 2 Bände und mein einziges Exemplar des noch nicht erschienenen Versbandes
„Die weiße Zeit“ mit einer Widmung schicken. Ein neues Exemplar vermag ich nicht zu beschaffen, da ich mit
meinem Verleger nicht mehr so stehe, aber vielleicht ist einem im Felde Stehenden auch mein Handexemplar nicht
ganz unerwünscht?" Eine von Ficker veranlaßte Zusendung der von Ehrenstein angesprochenen Bände Tubutsch
(Wien, Leipzig: Jahoda und Siegel 1911), Der Selbstmord eines Katers (München: Georg Müller 1912, Die weiße
Zeit (München: Georg Müller 1914) kann nicht nachgewiesen werden. Im März 1917 langte hingegen eine
Büchersendung samt Begleitbrief (verschollen) von Ehrenstein aus Zürich bei Leopoldine Wittgenstein ein,
adressiert an Ludwig Wittgenstein, die neben Tubutsch die 1916 bei Kurt Wolff erschienenen Bände Nicht da nicht
dort und Der Mensch schreit enthielt. Leopoldine Wittgenstein sandte die Bücher einzeln an Ludwig Wittgenstein
ab (vgl. Leopoldine Wittgenstein an Ludwig Wittgenstein, 17. und 26.3.1917). Am 31. März 1917 schrieb
Wittgenstein darüber an Paul Engelmann (Briefe, Nr. 80, S. 77): "Ich erhielt heute aus Zürich zwei Bücher jenes
Albert Ehrenstein, der seinerzeit in Die Fackel schrieb (Ich habe ihn einmal ohne es eigentlich zu wollen unterstützt)
und zum Dank schickt er mir jetzt den Tubutsch und Der Mensch schreit. Ein Hundedreck; wenn ich mich nicht irre.
Und so etwas bekomme ich hier heraus! Bitte schicken Sie mir - als Gegengift - Goethes Gedichte, zweiter Band, wo
die venetianischen Epigramme, die Elegien und Episteln stehen! Und auch noch die Gedichte von Mörike
(Reclam)!" Das dritte Buch von Ehrenstein hatte Wittgenstein offentbar noch nicht erhalten. Aus den im
Brenner-Archiv liegenden Gegenbriefen Paul Engelmanns geht nicht hervor, wie Ehrenstein zu Wittgensteins
Namen gelangt ist. Engelmann ging in seinem Antwortschreiben vom 4.4.1917 nur kurz auf Ehrenstein ein: "Ihre
Meinung über den „Dichter“ Ehrenstein teile ich ganz, er ist aber ein äußerst anständiger Mensch, und ich habe
schon vor zwei Jahren meine Meinung über ihn in den Schüttelvers zusammengefaßt: Sehr gerne hab' ich
Ehrensteinen, / Nur seine Werke steeren einen."
Loos : Vgl. Ehrenstein an Ficker, 29.11.1914 (Bd. 2, Nr. 331, S. 54f.): "Falls Ihnen noch ein größerer Betrag zur
Verfügung steht, so erlaube ich mir Ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß es Loos - wie den meisten
Architekten - höchstwahrscheinlich nicht sehr gut geht. Ich bitte Sie aber selbstverständlich meiner, wenn Sie bei
ihm anklopfen, nicht Erwähnung zu tun." Ficker bat Ehrenstein daraufhin offenbar um nähere Auskünfte. Am 13.12.
berichtete Ehrenstein (Bd. 2, Nr. 338, S. 64): "Sehr geehrter Herr von Ficker, in der Loosangelegenheit besprach ich
mich mit Kokoschka, und der meint, Sie könnten Loos ganz ruhig 2000 K. anbieten, umsomehr als Loos in letzter
Zeit leider genötigt war, weit geringere Beträge in Anspruch zu nehmen." Am 19.12.1914 bedankte sich Loos bei
Ficker (Bd. 2, Nr. 343, S. 69): "Ihr liebes Schreiben hat mich wirklich tief gerührt und dankbar nehme ich die Spende
bei diesen verfluchten Zeiten an, immer daran denkend, dass sich einmal alles ändern muss und ich in der Lage sein
werde, diese Summe einmal wieder der ursprünglichen Bestimmung zurückzugeben." Am 2.1.1915 bestätigte Loos
auf einer Postkarte den Erhalt des Geldes.
Schwester : Margarethe Langen-Trakl: Geb. 8.8.1892, Salzburg; gest. 21.9.1917, Berlin. Am 19.11.1914 schrieb ihr
Mann Arthur Langen an Ficker (Bd. 2, Nr. 322, S. 48f.): "Sehr geehrter Herr, empfangen Sie besten Dank für Ihre
ausführlichen Mitteilungen vom 13. d. Mts. über die letzten Stunden Georgs, sowie über seine letztwillige Verfügung
zugunsten seiner Schwester. -
Die augenblickliche Notlage zwingt sie, sofort über das Legat zu verfügen, um so mehr, als sie ehestens nach Hause
zu reisen wünscht und die nötigsten Vorkehrungen treffen möchte für Georgs Überführung und Bestattung in
heimatlicher Erde. [...]
Um nun die Reisen meiner Frau ohne Zeitverlust vorbereiten zu können, bittet Sie dieselbe, freundlichst von der
Lagatsumme ihr, bei Empfang dieser Zeilen, etwa fünfhundert Mark telegrafisch und den Rest brieflich zu
übermachen."
Abschriften der beiden Gedichte : Klage und Grodek.
nach Tirol überführen : Die Gebeine Trakls wurden erst 1925 nach Tirol überführt und am 7. Oktober auf dem
Mühlauer Friedhof beigesetzt.
31 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 10.1.1915
Postkarte, Poststempel: "INNSBRUCK 2, 11.I.15", überstempelt mit dem Vermerk: "Zensuriert. / Hauptp[ostamt]",
verso mit Briefkopf: "Schriftleitung „Der Brenner“ / Innsbruck-Mühlau 102".
32 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [17.1.1915]
Felpostkorrespondenzkarte, undatiert, mit einem Stempel der Werkstätte: "K.U.K. ART. AUTODETACHEMENT",
weiters mit dem Zensurvermerk "Überprüft!" und mit dem Poststempel: "K.u.k. FELDPOSTAMT 186" versehen.
33 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [1.2.1915]
Felpostkorrespondenzkarte, undatiert. Poststempel: "K. U. K. FELDPOSTAMT 1[86]", überstempelt mit dem
Zensurvermerk "Überprüft!", Absenderadresse bis auf den Namen gestempelt.
34 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 3.2.1915
Feldpostkorrespondenzkarte, Poststempel: "INNSBRUCK 2, 5.II.15", darüber von fremder Hand: "Feldpost N°
186".
Brenner-Jahrbuch : Als fünfter Jahrgang des Brenners erschien im Juli 1915 das Brenner Jahrbuch 1915.
nachgelassenes Gedichtbuch : Georg Trakl: Sebastian im Traum. Leipzig: Kurt Wolff Verlag 1915. Vgl. Eintragung
Wittgensteins in den Geheimen Tagebüchern, 8.2.1915: "Von Ficker ein nachgelassenes Werk Trakls erhalten.
Wahrscheinlich sehr gut."
35 AN RAINER MARIA RILKE, 4.2.1915
Brief mit Briefkopf: "DER BRENNER / Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102".
eine Publikationsprobe : Wahrscheinlich Fahnen von: Sören Kierkegaard: Vom Tode.
privaten Sonderdruck : Sonderdruck von Trakls Gedicht Helian.
in ein paar einfachen Dankeszeilen : Diese Angabe kann nicht stimmen, denn Wittgenstein bedankt sich erst am
13.2.1915 für Rilkes Geschenk.
36 VON RAINER MARIA RILKE, 8.2.1915
Brief.
"Sebastian" : Georg Trakl: Sebastian im Traum. Leipzig: Kurt Wolff 1915. Trakl hatte im Juli 1914 noch selbst die
letzten Korrekturen gelesen. Ausgeliefert wurde das Buch allerdings erst im Dezember 1914.
Nachrichten über T. : Albert Ehrenstein: Georg Trakl. In: Die weißen Blätter 2, 1. Quartal-Heft, Januar-März 1915,
S. 132f.; Felix Braun: Zum Gedächtnis Georg Trakls. In: Die neue Rundschau 26, 1915, Heft 1, S. 140f.
37 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 9.2.1915
Faltbrief mit der Aufschrift, recto "FELDPOST", Poststempel: "K.U.K. FELDPOSTAMT [186]", überstempelt mit
dem Zensurvermerk "Überprüft!" Absenderadresse bis auf den Namen sowohl recto als auch verso gestempelt.
38 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 13.2.1915
Brief, mit aufgestempelter Adresse und dem Zensurvermerk: "Überprüft!"; Kuvert adressiert an: "Herrn / Ludwig
von Ficker / Innsbruck-Mühlau 102 / Tirol" .
Brief vom 21.12.14.: Wittgenstein kann damit nur Fickers Brief vom 29.12.1914 meinen. Vgl. Wittgensteins
Eintragung vom 10.2.1914: "Netten Brief von Ficker. Widmung von Rilke." (Geheime Tagebücher)
Zeilen Hauers : "Ich bestätige mit dem innigsten Dank an den mir unbekannten edlen Spender den Empfang von
fünftausend Kronen durch Herrn Ludwig v. Ficker.
Es war dies für mich wie ein Geschenk des Himmels, denn ich war durch verschiedene Schicksalsschläge
ganz mittellos und überdies infolge eines Lungenleidens sehr erholungsbedürftig.
Innsbruck, den 9. November 1914
Karl Hauer" (Österreichische Nationalbibliothek)
Rilkes liebem, edlem Brief : Rilke an Ficker, 18.10.1914.
Ihre militärische Tätigkeit : Vgl. Eintragung in die Geheimen Tagebücher vom 31.3.1915: "Denke daran, zu den
Kaiserjägern zu gehen, da auch Ficker dort ist."
39 VON RAINER MARIA RILKE, 15.2.1915
Brief, dem Rilke die handschriftlichen Verse beilegte.
nichts Neues : Rilkes Verse ( ) waren schon Ende Februar 1913 in Paris entstanden. Vgl. Ingeborg Schnack:
Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und seines Werkes. Bd. 1. Frankfurt/M.: Insel 1975, S. 493. Im Brenner
Jahrbuch 1915 (S. 60f.) hat Ficker die Doppel-s-Schreibung, die mehrmals vorkommende th-Schreibung,
"nachgiebt" zu "nachgibt" korrigiert und in zwei Fällen Interpunktionszeichen hinzugefügt. In Vers 12 ist ihm
außerdem ein Druckfehler unterlaufen: "sind" statt "sinds".
40 AN RAINER MARIA RILKE, 20.2.1915
Ansichtskarte. Die Vorderseite zeigt Schloß Pallaus in Sarns, südlich von Brixen. Der Poststempel ist bis auf
"BRIXEN" unleserlich. Der Einlaufstempel lautet: "MÜNCHEN, 24.2.15", die Adresse wurde bis auf den Namen
durchgestrichen und von fremder Hand auf "Irschenhausen Post Ebenhausen / Isarthal / Pension Schönblick"
korrigiert.
41 AN RAINER MARIA RILKE , [17.3.1915]
Telegramm, das Aufgabedatum ist nicht mehr eindeutig lesbar.
kanner : sic!
betittelung der pferde : sic!
42 VON RAINER MARIA RILKE, 18.3.[1915]
Telegramm.
43 VON LEOPOLDINE WITTGENSTEIN, [8.7.1915]
Feldpostkorrespondenzkarte, Poststempel: "WIEN, 8.7.15". In der Anschrift wurde der Name des Adressaten von
fremder Hand rot unterstrichen, "III Ersatzcompagnie" durchgestrichen und durch "I Ers. Komp." ersetzt.
Poldy Wittgenstein : Leopoldine Wittgenstein geb. Kalmus: Geb. 14.3.1850, Wien; gest. 3.6.1926, Wien. Briefe
Wittgensteins an seine Mutter sind bis jetzt nicht bekannt, hingegen allein für den Zeitraum 1914-1918 rund 80
Briefe Leopoldine Wittgensteins an ihn.
Ihrer geehrten Zeilen : Fickers Schreiben ist verschollen.
44 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 11.7.1915
Brief.
von Brixen aus geschrieben : Der Brief ist verschollen. Ende Juni war Fickers Einheit nach Beneschau/Böhmen
verlegt worden.
45 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [24.7.1915]
Brief, undatiert, Kuvert recto adressiert an: "Herrn / Ludwig von Ficker / Einj. Freiw. Unterjäger im / II. Reg der
Tiroler Kaiserjäger / I. Ersatz Komp. / Böhmen Beneschau", weiters Stempel: "Postkanzlei" und "K.u.k.
Garnisons-Spital No. 15. Krakau"; Absenderadresse recto: "Ludwig Wittgenstein / Ing. Asp / K u k. Art. Werkstätte
der / Festung Krakau / Feldpost N° 186".
Nervenshock : Vgl. aber einen Brief David Pinsents an Wittgenstein vom 2. September 1914: "Thank you so much
for your letter dated July 10th. I am so sorry about your nervous shock - still it must be nice to get a short furlough."
(A Portrait of Wittgenstein as a Young Man. Ed. by G. H. von Wright. Oxford: Basil Blackwell 1990, S. 103) Da
aber der Poststempel auf dem Kuvert von Wittgensteins Brief an Ficker eindeutig lesbar ist, muß sich wohl Pinsent
bei der Datumsangabe des Briefes von Wittgenstein geirrt haben.
Ihre traurigen Nachrichten : Zwischen "Nachricht" und "verstehe" wurde folgendes durchgestrichen: "in Ihrem
letzten Brief".
vielleicht eine Eselei : Zwischen "eine" und "Eselei" wurde "Dummheit" durchgestrichen.
"Kurze Erläuterung des Evangeliums" : Leo Tolstoj: Kurze Darlegung des Evangelium. Aus dem Russ. von Paul
Lauterbach. Leipzig: Reclam o. J. Am 2.9.1914 schrieb Wittgenstein in sein Tagebuch: "Gestern fing ich an,in
Tolstois Erläuterungen zu den Evangelien zu lesen. Ein herrliches Werk." In den folgenden Aufzeichnungen kommt
er immer wieder auf dieses Werk zu sprechen. Vgl. auch die Eintragung vom 11.10.1914: "Trage die „Darlegungen
des Evangeliums“ von Tolstoi immer mit mir herum, wie einen Talisman."
so möchte ich vieles sagen : Zwischen "so" und "möchte" wurde "könnte" durchgestrichen.
46 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [Ende August 1915]
Felpostkorrespondenzkarte, undatiert ohne Poststempel. Anstelle des Poststempels findet sich folgender Stempel:
"K. u. k. Art. Werkstättenzug I." Wann Wittgenstein beim Artillerie-Werkstättenzug I in Sokal, einem nördlich von
Lemberg gelegenen Ausladebahnhof eingesetzt worden ist, kann nicht mehr genau eruiert werden, wahrscheinlich
aber Ende August 1915. Auf einer Postkarte von Adele Jolles vom 28.7. wurde vermerkt, daß sich Wittgenstein
derzeit in Wien befinde. Am 12. 8. erwähnt Adele Jolles einen dreiwöchigen Urlaub, der offenbar noch nicht zur
Gänze abgelaufen ist. Demnach dürfte Wittgenstein erst gegen Ende August in Sokal eingetroffen sein. Auf einer
(verschollenen) Postkarte vom 25.8.1915 teilt Wittgenstein Gottlob Frege ebenfalls seine neue Adresse mit (vgl.
Gottlob Frege: Wissenschaftlicher Briefwechsel. Hamburg 1976, S. 266).
47 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 12.9.1915
Felpostkorrespondenzkarte, undatiert, Poststempel: "K. U. K. FELDPOSTAMT 12a", daneben gestempelt mit: "K. u.
k. Art. Werkstättenzug I."
48 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 2.11.1915
Felpostkorrespondenzkarte, Poststempel: "[K. U. K.] FELDPOSTAMT 1[3]", daneben gestempelt mit: "K. u. k. Art.
Werkstättenzug I."
49 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 14.11.1915
Brief, Rückseite an den Faltungen beschädigt, mit Bleistiftnotizen Wittgensteins: "Z[...?] / (Bufi?] / Nagg / [Lazer?] /
Mart[...?] / Neumann / Pfannhauser / Hampel / Steidel / Forster", weiters Zahlennotate mit Tintenstift: "S51 [...], 284
/ 38 / S14· 25, 14 9 / S[...?]· 8, 120".
50 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 4.10.1919
Brief mit Briefkopf: "DER BRENNER / Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102". Auf der
Rückseite mit einer Zeichnung, vermutlich von Wittgensteins Hand, versehen.
Ludwig von Ficker wurde Anfang 1916 an der Dolomitenfront (Col di Lana) erstmals eingesetzt und nahm als
Zugskommandant an der Frühjahrsoffensive, im Herbst an den Kämpfen an der Fleimstalfront teil. Anfang Jänner
1917 kam er wieder nach Beneschau, im Juli 1917 wurde Ficker am Kreuzbergsattel verwundet und ab Oktober
wieder in Beneschau eingesetzt, ab Juni 1918 bis zum Zusammenbruch im Heimkehrlager Bukaczowce (Galizien).
Ende 1918 kehrte er auf Umwegen über Tarnopol und Ungarn nach Innsbruck zurück.
Wittgenstein war zu Beginn des Jahres 1916 zu einem Haubitzenregiment nach Sanok in Galizien versetzt worden,
wo er als Artillerie-Beobachter an der Front eingesetzt wurde. Am 1.9.1916 wurde er zum Korporal befördert und
auf die Offiziersschule nach Olmütz abkommandiert. Im Jänner 1917 kehrte er zu seinem alten Regiment zurück, wo
er bis zum Zusammenbruch der russischen Front (Ende November) blieb. Im März 1918 kam er - inzwischen mit der
Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet und zum Leutnant befördert - an die italienische Front nach Asiago. Im Sommer
1918 schrieb er in Hallein im Hause seines Onkels die Logisch-Philosophische Abhandlung endgültig nieder. Am 3.
November 1918 geriet er in italienische Gefangenschaft, kam zuerst in ein Lager in Como, dann im Januar 1919 in
ein Offiziersgefangenenlager in Monte Cassino. Am 25.8.1919 traf Wittgenstein wieder in Wien ein. Sein ganzes
Vermögen verschenkte er an seine Geschwister und besuchte ab Mitte September die Lehrerbildungsanstalt. Zur
Geschichte des Tractatus vgl. Georg Henrik von Wright: Die Entstehung des Tractatus-logico-philosophicus. In:
Ludwig Wittgenstein: Briefe an Ludwig von Ficker. Salzburg: Otto Müller 1969, S. 73-110.
v o n : Am 3. April 1919 hatte die Österr. Nationalversammlung die Aufhebung des Adelsstandes beschlossen.
Ludwig von Ficker hat daraufhin auf seinem Briefpapier - mit wenigen Ausnahmen - das "von" durchgestrichen.
Professor Brücke : Ernst Theodor Brücke: Geb. 8.10.1880, Wien; gest. 12.6.1941, Boston. 1916-1938 Prof. für
Physiologie an der Universität Innsbruck. Brücke war ein Cousin von Wittgenstein, Sohn von Emilie Wittgenstein,
einer Schwester von Karl Wittgenstein.
den Prospekt:  12-seitig mit Urteilen über den Brenner und Anzeigen aller bisherigen Veröffentlichungen des
Brenner-Verlags. Darin schreibt Ficker unter dem Titelt Rückblick und Voraussicht:
"Als ein abschließendes Dokument seiner Entwicklung, das kaum mehr eine Spur des Beiläufigen aufwies, enthielt
das Jahrbuch des Brenner zugleich die volle Andeutung seiner künftigen (der einzig möglichen, somit notwendigen)
inneren Gestalt. Denn nicht von ungefähr war es erfüllt vom Widerschein der beiden großen Geistesrichtungen, die
nur im tiefsten und bedeutungsvollsten Sinne eines Zufalls, im Sinne einer Fügung, die Schicksalspole unserer
geistigen Bewegung werden konnten: der hohen Weisheit Chinas, die aus des Laotse Entrücktheit durch zweieinhalb
Jahrtausende zu uns herüberschimmert, und der leidenschaftlichen Denk- und Glaubensinbrunst Sören
Kierkegaards, die unheimlich unverrückt, ein ewig flammendes Gewitter, den stürzenden Horizont des
Abendlandes überragt. Im Bannkreis dieser beiden Geistausstrahlungen, die dort, wo sie sich scheinbar
durchkreuzen, die Tiefe ihres göttlichen Ursprungs oft am innigsten erhellen, im Brennpunkt also ihrer gegenseitigen
Durchleuchtung hat vielleicht eine Entscheidung zu fallen, die für die geistige Orientierung dieser Zeit, soweit sie
ihrer religiösen Bestimmung habhaft werden will, von allergrößter Wichtigkeit ist. Denn daß die christliche Welt, die
diesen Weltkrieg auf dem Gewissen hat: die christlich-jüdische Welt, in das letzte Stadium ihrer irdischen
Vermessenheit getreten ist, das ihr Geschick für alle Zeit besiegelt, das haben nicht erst heute Menschen unter uns,
das hat, zum Beispiel, schon vor nahezu vierzig Jahren Dostojewski in einer erschütternden Voraussicht der
heutigen Ereignisse aufs deutlichste erkannt. Und wenn - den Spuren dieser sehenden Geister, den großen Dichtern
und Künstlern folgend, die (nach einem Ausspruch Theodor Haeckers) die Apologeten unserer Zeit sind und nicht
Gelehrte und weltfremde Theologieprofessoren - der Brenner nun vor allem das Christentum in den Mittelpunkt
seiner Betrachtung rückt, so soll es mit jener letzten Bereitschaft zur Verantwortung vor einem höchsten Richter
geschehen, die seinen führenden Männern gemäß ist und jede, auch die tiefste Gegensätzlichkeit, die in den
Divergenzen ihrer geistigen Abschlußrichtungen zutage treten mag, in ihrer fraglosen Berufenheit zur Aussage, in
der Rückhaltlosigkeit ihres Bekenntnisses und in der Lauterkeit ihrer Gesinnung bedingterweise ausgleicht und
versöhnt. "
Ficker setzt unter dem Titel Umriß der Bewegung fort:
"Im Rahmen dieses lebendigen Kampfes um das Christentum - denn nicht um totes Für und Wider geht hier die
Entscheidung - darf zunächst eine Kapitelfolge Carl Dallagos, die den zweiten Teil und Abschluß seines Werks
„Der große Unwissende“ bildet, Anspruch und Beachtung erheben. Enthielt der erste Teil das Beispiel einer
Lebensführung, die von dem Standpunkt ihrer geistigen Verbundenheit mit einer ursprünglicheren Ordnung der
Dinge die Tragweite ihrer eigenen Gesetzlichkeit und deren Bedeutung für den Begriff der reinen Menschennatur
ausmißt, so darf dieser zweite Teil, der die Auseinandersetzung mit dem Christentum bringt, in seinem Endergebnis
kurz als der Versuch einer Wiederherstellung des Menschen bezeichnet werden. [...]
Was hier, bei Dallago, wie ein Schimmer Morgenland, wie ein Stück Selbstbesinnung eines
Unverloren-Heimatlichen, in das zerklüftete Massiv der abendländischen Geisteslandschaft versprengt erscheint, ist
sprachlich notdürftig begrenzter, aber in sich ausgeweiteter und immer reiner ausgeweiteter Ausdruck eines
Ursprünglich-Bewegten, das sich in Gottes offenkundigstes Geheimnis, in das ewige Wundergleichmaß der Natur im
Bild der Schöpfung, wie in das letzte Richtmaß seiner eigensten Verwegenheit versenkt. Wohl: daß ein solcher
Mensch lebt und sichtbar wird, ist an sich wichtiger vielleicht, als daß er innerhalb der Literatur in Erscheinung tritt.
Aber einer literaturgewitzigten Epoche, die sich selbst so wenig als ein Zeitverhängnis begriffen hat, daß sie kaum
spürt, wie sehr sie in allen ihren Voraussetzungen und Aeußerungen (auch in den urlautlich versiertesten und
kosmisch verstiegensten) im Spielraum des Mondänen, d.h. des Zerrweltlichen, befangen bleibt, ihr sei hier mit
Bedacht die Vollfigur einer Fragwürdigkeit gegenübergestellt, die freilich nicht nur welt-, sondern auch geistläufigem
Begriffe vorerst widersteht. Aber so unverkennbar bei diesem späten Nachbildner des Laotse noch manches Vorlaut
und Fragezeichen der Erregtheit ist, was bei dem großen Vorfahren Nachlaut und letztes Rufzeichen der Gestilltheit
ist, so ist der eigentümliche und etwas weitschweifig in seine Eintönigkeit vertiefte Weltwidersinn des heute
fünfzigjährigen Abendländers doch zweifellos von einer ähnlichen Witterung im Geiste bewegt; einer Witterung, die
ihr Bedeutendes darin offenbart, daß sie als Ausdruck einer Existenz, die sich ursprünglicherem Daseinssinn
verbunden weiß, sich erst neu zusammenreimen muß, was allzu flach- und allzu tiefgereimt den Sinn der Welt
gespalten und in Frage gestellt hat. "
Es folgt eine Anmerkung im Besonderen:
"Zurückgezogen also auf die Wahrnehmung der wenigen führenden Mitarbeiter, die das Schicksal des Brenner als
das einer Bekenntnisschrift von Grund auf gestalten, entgegen dem Vielerlei von Beiträgen, Namen und Ideen, das
die vielfach bemerkenswerte, aber geistig seltsam zerstreute Physiognomie der meisten heutigen Revuen von
einigem Wert bestimmt, und abseits insbesondere von jener tristen Revolution der Geister, die eine hingerissene
Kopie der in der Außenwelt im Fluß befindlichen ist und deren mitgerissene „Führer“ ersichtlich keinem anderen
Ziel zustreben, als auch noch, wenn's schon sein muß, auf der Fahrt ins Chaos wie der Schnittlauch auf der Suppe
obenauf zu schwimmen: unberührt und ungerührt also von allem diesem, was sich heute so vielvortäuschend als
„Freiheit des Geistes“ deklariert und seine Grenzen überspringt, und somit ganz nur aus der scheinbaren
Beschränktheit seiner Innenweltichkeit heraus will der Brenner das Beispiel einer geistigen Erhebung bieten, die
nichts anderes bezweckt als den Ausdruck der Bewegtheit im großen Unbewegten, das uns umgibt, den Anschluß
an ein Urheimatliches, das der Welt verloren ging, eindeutig gegen alle Zweideutigkeiten einer aus den Fugen
ihrer Selbstherrlichkeit geratenen Außenwelt zu verteidigen und zu vertiefen.
Damit ist unsere Stellung zur Zeit und deren unterschiedlichen Verwesern auch schon wesentlich fixiert. Wem aber,
wie uns, Weltgeschichte schließlich nichts anderes bedeutet als das ewige Nachsehen, das eine verblendete
Menschheit der Vorsehung gegenüber hat, und wer sich, dieser Auffassung entsprechend, allenfalls noch zur
Einsicht verstehen könnte, daß der wahre, der einzige Weltkrieg, für den Feuer und Flamme zu sein dem Geiste
heute noch geziemen mochte, seit zwei Jahrzehnten im roten Heft der „Fackel“ von einem einzigen geführt und
entschieden wurde, der wird nicht erwarten, daß wir dem verstörten Antlitz der Zeit noch mit Glossen und
satirischen Spitzfindigkeiten unter die Augen treten, die auch im besten Fall nur eine leichte Nachgeburt der
schweren Wehen und immer eine Nachäffung des beispiellosen Nahkampfs wären, in dem ein Karl Kraus sein
ganzes Leben eingesetzt hat. "
Schließlich gibt es noch einen Ausblick:
"So ist denn unsere Bestimmung im letzten: Wegbereiter zu sein; der Erkenntnis der Kommenden, der
Tieferberufenen, Herz und Verstand der Gegenwart zu weiten; dieser selbst vorläufig im wahrsten Sinn des Wortes
heimzuleuchten aus dem ungeheuerlichen Angst-Dickicht, in dem sich der Irrsinn der Zeit verfangen hat und darin er
sich vom Auge des Ewigen, das er zu blenden wähnte, nun wie von etwas Furchtbarem fixiert fühlt. Und so zu
verhindern, daß auch nur einer von denen, die eines guten Willens sind, an der Gerechtigkeit der Weltordnung
verzweifle. [...]"
51 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [ca. 7.10.1919]
Brief, undatiert.
Jahoda & Siegel : Druckerei und Verlag, geleitet von Georg Jahoda und Emil Siegel. Seit 1901 wurden alle Hefte der
Fackel bei Jahoda & Siegel gedruckt. Zu dem Versuch, den Tractatus bei Jahoda & Siegel unterzubringen, gibt es
keine direkten Belege. Vgl. aber Wittgensteins Briefe an Paul Engelmann, 9.10.1918: "Jahoda hat noch immer nicht
geruht mir sein Urteil zu schreiben. Ich bin schon sehr gespannt." (Briefe, Nr. 91, S. 83). Oder am 22.10.1918: "Noch
immer habe ich keine Antwort vom Verleger erhalten! Und ich habe eine unüberwindliche Abneigung dagegen, ihm
zu schreiben und anzufragen. Weiß der Teufel, was er mit meinem Manuskript treibt. Vielleicht untersucht er es
chemisch auf seine Tauglichkeit." (Briefe, Nr. 92, S. 83). Und am 25.10.1918: "Heute erhielt ich von Jahoda die
Mitteilung, daß er meine Arbeit nicht drucken kann. Angeblich aus technischen Gründen. Ich wüßte gar zu gern, was
Kraus zu ihr gesagt hat. Wenn Sie Gelegenheit hätten es zu erfahren, so würde ich mich sehr freuen. Vielleicht weiß
Loos etwas." (Briefe, Nr. 93, S. 83)
Braumüller : Wilhelm Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung. Einen der größten Verlagserfolge brachte das
1903 herausgebrachte Werk Otto Weinigers: Geschlecht und Charakter, das in alle Weltsprachen übersetzt wurde.
1918 brachte der Verlag Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes heraus. Vgl. Wittgenstein an Russell,
30.8.1919: "Verzeih', daß ich Dich mit einer dummen Bitte belästige: Ich bin jetzt mit einer Kopie meines M.S.s zu
einem Verleger gegangen, um den Druck endlich in die Wege zu leiten. Der Verleger, der natürlich weder meinen
Namen kennt, noch etwas von Philosophie versteht, verlangt das Urteil irgend eines Fachmanns, um sicher zu sein,
daß das Buch wirklich wert ist, gedruckt zu werden. Er wollte sich deshalb an einen seiner Vertrauensmänner hier
wenden (wahrscheinlich an einen Philosophie-Professor). Ich sagte ihm, nun, daß hier niemand das Buch beurteilen
könne, daß Du aber vielleicht so gut sein würdest, ihm ein kurzes Urteil über den Wert der Arbeit zu schreiben; was,
wenn es günstig ausfällt, ihm genügen wird um den Verlag zu übernehmen. Die Adresse des Verleger ist: Wilhelm
Braumüller XI. Servitengasse 5 Wien. Ich bitte Dich nun, dorthin ein paar Worte, so viel Du vor Deinem Gewissen
verantworten kannst, zu schreiben." (Briefe, Nr. 102, S. 91) Am 12.9.1919 antwortete Russell (Original im
Brenner-Archiv): "I have written to your publisher, praising your book in the highest terms. I hope the letter will
reach him." Wittgenstein antwortete am 6.10.1919: "Auch mein Verleger hat schon längst Dein
Empfehlungsschreiben bekommen, hat mir aber noch immer nicht geschrieben, ob, und unter welchen
Bedingungen, er mein Buch nimmt (der Hund!)." (Briefe, Nr. 105, S. 93) Russells Empfehlungsschreiben ist
verschollen.
Prof. Russell : Bertrand Russell: Geb. 18.5.1872, Chepstow (Monmouthshire); gest. 2.2.1970, Penrhyhndendreath
(Wales). Stand seit 1911 in freundschaftlicher Verbindung mit Wittgenstein, der ihn in Cambrigde kennengelernt
hatte. Am 13.3.1919 schrieb Wittgenstein an Russell: "Ich habe ein Buch mit dem Titel „Logisch-philosophische
Abhandlung“ geschrieben, das meine gesamte Arbeit der letzten sechs Jahre enthält. Ich glaube, ich habe unsere
Probleme endgültig gelöst. Dies klingt vielleicht hochmütig, aber ich kann nicht umhin, es zu glauben." (Briefe, Nr.
96, S. 85) Über Keynes Vermittlung sandte Wittgenstein sein Manuskript im Juni 1919 an Russell. Am 13.8.1919
nahm Russell erstmals zur Abhandlung Stellung: "I have now read your book twice carefully - There are still points I
don't understand - some of them important ones - I send you some queries on separate sheets. [...] I am sure you ar
right in thinking the book of first-class importance. But in places it is obscure through brevity." Wittgenstein
antwortete am 19.8.1919: "Was Deine Fragen angeht, so kann ich sie jetzt nicht beantworten. Denn erstens weiß ich
nicht immer, worauf sich die Zahlen beziehen, da ich kein Exemplar des M.S. hier habe. Zweitens bedürfen einige
Deiner Fragen einer sehr ausführlichen Antwort, und Du weißt, wie schwer es mir fällt, über Logik zu schreiben. Das
ist auch der Grund, weshalb mein Buch so kurz und folglich so dunkel ist. Daran kann ich aber nichts ändern. - Nun
habe ich die Befürchtung, daß Du meine wesentliche Behauptung, zu der die ganze Sache mit den logischen Sätzen
nur ein Zusatz ist, nicht erfaßt hast. Die Hauptsache ist die Theorie über das, was durch Sätze - d. h. durch Sprache -
gesagt (und, was auf dasselbe hinausläuft, gedacht) und was nicht durch Sätze ausgedrückt, sondern nur gezeigt
werden kann. Dies ist, glaube ich, das Hauptproblem der Philosophie." (Briefe, Nr. 100, S. 88)
Professor in Deutschland : Gottlob Frege: Geb. 8.11.1848, Wismar; gest. 26.7.1925, Bad Kleinen. Philosoph,
Mathematiker und Logiker. Wann Wittgenstein mit Frege in Kontakt gekommen ist, läßt sich nicht mit Sicherheit
beantworten, vermutlich aber schon 1911. Am 24.12.1918 schrieb Hermine Wittgenstein an Frege, daß eine
Abschrift von Wittgensteins "Arbeit" an ihn abgeschickt worden sei. (Gottlob Frege: Wissenschaftlicher
Briefwechsel. Hamburg: Meiner Verlag 1976, XLV/11, S. 266). Am 10.4.1919 erbat Wittgenstein von Frege ein
"Urteil über die Arbeit" (ebenda, XLV/15, S. 267). Frege antwortete am 28.6.1919 u.a.: "Ich bin in der letzten Zeit
sehr mit langwierigen geschäftlichen Angelegenheiten belastet gewesen, die mir viel Zeit weggenommen haben, weil
ich in der Erledigung solcher Sachen aus Mangel an Uebung ungewandt bin. Dadurch bin ich verhindert worden,
mich mit Ihrer Abhandlung eingehender zu beschäftigen und kann daher leider Ihnen kein begründetes Urteil
darüber abgeben. Ich finde sie schwer verständlich. Sie setzen Ihre Sätze nebeneinander meistens, ohne sie zu
begründen oder wenigstens ohne sie ausführlich genug zu begründen. So weiss ich oft nicht, ob ich zustimmen soll,
weil mir der Sinn nicht deutlich genug ist. Aus einer eingehenden Begründung würde auch der Sinn klarer
hervorgehen. Der Sprachgebrauch des Lebens ist im Allgemeinen zu schwankend, um ohne Weiteres für schwierige
logische und erkenntnistheoretische Zwecke brauchbar zu sein. Es sind, wie mir scheint, Erläuterungen nötig, um
den Sinn schärfer auszuprägen. Sie gebrauchen gleich am Anfange ziemlich viele Wörter, auf deren Sinn offenbar
viel ankommt." (Die Originale der Briefe Freges an Wittgenstein liegen im Brenner-Archiv). Über diesen Brief
berichtete Wittgenstein an Russell: "Ich habe mein M.S. auch an Frege geschickt. Er hat mir vor einer Woche
geschrieben und ich entnehme daraus, daß er von dem Ganzen kein Wort versteht." (Briefe, Nr. 100, S. 88). Vgl.
auch einem weiteren Brief Freges an Wittgenstein vom 16.9.1919, in dem es u.a. heißt: "Was Sie mir über den Zweck
Ihres Buches schreiben, ist mir befremdlich. Danach kann er nur erreicht werden, wenn Andere die darin
ausgedrückten Gedanken schon gedacht haben. Die Freude beim Lesen Ihres Buches kann also nicht mehr durch
den schon bekannten Inhalt, sondern nur durch die Form erregt werden, in der sich etwa die Eigenart des Verfassers
ausprägt. Dadurch wird das Buch eher eine künstlerische als eine wissenschaftliche Leistung; das, was darin gesagt
wird, tritt zurück hinter das, wie es gesagt wird. Ich ging bei meinen Bemerkungen von der Annahme aus, Sie
wollten einen neuen Inhalt mitteilen. Und dann wäre allerdings grösste Deutlichkeit grösste Schönheit.
Ob ich zu denen gehöre, die Ihr Buch verstehen werden? Ohne Ihre Beihülfe schwerlich." Ebenfalls am 16.9. bat
Wittgenstein Frege, sich für den Druck der Abhandlung in den Beiträgen zur Philosophie des deutschen Idealismus
zu verwenden. (Wissenschaftlicher Briefwechsel, XLV/22, S. 268). In dieser Zeitschrift war beispielsweise Freges
Aufsatz Der Gedanke erschienen (Jg. 1, Heft 2, 1918, S. 58-77). Frege antwortete am 30.9.1919: "Ihre Bitte, Ihnen
zum Drucke Ihrer Abhandlung in den Beiträgen z. Ph. d. D. I. behilflich zu sein, habe ich mir durch den Kopf gehen
lassen. Ich kenne von den Herren persönlich nur Prof. Bauch in Jena. Ueber die Aufnahme eines Beitrages
entscheidet, wie mir scheint, meist Herr Hoffmann in Erfurt allein. Für diesen würde aber, wie ich glaube, eine
Empfehlung von Prof. Bauch von entscheidendem Einflusse sein. Soll ich mich an diesen wenden? Ich könnte ihm
schreiben, dass ich sie als durchaus ernst zu nehmenden Denker kennen gelernt habe. Ueber die Abhandlung selbst
kann ich kein Urteil abgeben, nicht, weil ich mit dem Inhalte nicht einverstanden bin, sondern, weil mir der Inhalt zu
wenig klar ist. Vielleicht würden wir, nachdem wir uns erst einmal über den Wortgebrauch verständigt hätten,
finden, dass wir garnicht sehr voneinander abweichen. Ich könnte bei Prof. Bauch anfragen, ob er das Mscrpt zu
sehen wünsche. Ich glaube aber kaum, dass dies einen Erfolg haben würde. Wenn ich mich nicht verrechnet habe,
würde Ihr Mscrpt etwa 50 Seiten der Beiträge füllen, also vielleicht in einem Hefte der Beiträge grade Platz finden. Es
scheint mir aussichtslos, dass der Herausgeber ein ganzes Heft einem einzigen, noch dazu unbekannten Schriftsteller
einräume. Wenn an eine Veröffentlichung in einer Zeitschrift gedacht werden soll, dürfte eine Zerteilung der
Abhandlung nötig sein. Sie schreiben in Ihrem Vorworte, dass Ihnen die Wahrheit der mitgeteilten Gedanken
unantastbar und definitiv scheine. Könnte nun nicht einer dieser Gedanken, in dem die Lösung eines philosoph.
Problems enthalten ist, zum Gegenstande einer Abhandlung genommen werden und so das Ganze in soviele Teile
zerlegt werden, als philosoph. Probleme behandelt werden? Es ist auch gut, den Leser nicht durch die Länge der
Abhandlung kopfscheu zu machen. Wenn die erste Abhandlung, die das Grundlegende enthalten müsste, Anklang
fände, wäre es leichter auch die übrigen Abhandlungen in der Zeitschrift unterzubringen. Dabei könnte vielleicht
noch ein Uebelstand vermieden werden. Nachdem man Ihr Vorwort gelesen hat, weiss man nicht recht, was man mit
Ihren ersten Sätzen anfangen soll. Man erwartet eine Frage, ein Problem gestellt zu sehen und nun liest man etwas,
was den Eindruck von Behauptungen macht, die ohne Begründungen gegeben werden, deren sie doch dringend
bedürftig erscheinen. Wie kommen Sie zu diesen Behauptungen? Mit welchem Probleme hängen sie zusammen?
Ich möchte eine Frage an die Spitze gestellt sehen, ein Rätsel, dessen Lösung kennen zu lernen, erfreuen könnte.
Man muss gleich anfangs Mut schöpfen, sich mit dem Folgenden zu befassen.
Doch sind das im Grunde Fragen, die Sie nur selbst beantworten können. Es fehlt mir eine eigentliche Einleitung, in
der ein Ziel gesteckt wird."
Verleger einer Art philosophischen Zeitschrift: Bruno Bauch: Geb. 19.1.1877, Groß-Nossen (Schlesien); gest.
27.2.1942, Jena. Seit 1911 Philosophieprofessor in Jena. In den Scholzlisten ist ein Brief von Bauch an Frege vom
31.10.1919 belegt, in dem es um Wittgensteins Arbeit gegangen ist. (Wissenschaftlicher Briefwechsel, III/4, S. 9).
Ebenso ein Brief von Arthur Hoffmann (1889-1964, Professor an der pädagogischen Akademie in Erfurt), datiert mit
23.1.1920, der sich auf den Druck der Wittgensteinschen Abhandlung bezieht. (Ebenda, XVI/3, S. 81)
geschwefelt : Schwefeln (österr. Ausdruck): viel und gedankenlos reden.
Sie Sich : sic!
Wanicek : Diese Adresse wird erstmals am 25.9.1919 in einem Brief Wittgensteins an Paul Engelmann erwähnt.
(Briefe, Nr. 104, S. 93)
52 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 14.10.1919
Brief mit Briefkopf: "DER BRENNER / Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102".
Kurt Lechner : Lebensdaten nicht ermittelt. Ficker hatte ihn während seiner Ausbildung in Brixen kennengelernt.
Lechners Vater, Besitzer einer Holzindustrie in Prag, investierte eine größere Summe in den Brenner-Verlag. Aber
schon im März 1920 schied Kurt Lechner wieder aus dem Verlag aus, weil er neben der geschäftlichen Leitung auch
Einfluß auf die Richtung des Verlags nehmen wollte, während Ficker die geistige Leitung allein für sich
beanspruchte (vgl. Bd. 2, Nr. 511, S. 250f.)
53 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, [nach dem 20. Oktober 1919]
Brief, undatiert. Datierung aufgrund eines Briefes von Hermine Sjögren an Wittgenstein vom 14.10.1919, in dem
Frau Sjögren ankündigt, das das Zimmer bei ihr am 20.10. für Ludwig Wittgenstein bereitsteht.
D a s M. S. : Zumindest vier Typoskripte oder auch Durchschläge müssen damals im Umlauf gewesen sein. Eines,
mit handschriftlichen Korrekturen, hatte damals Bertrand Russell, ein zweites Manuskript hatte Wittgenstein Paul
Engelmann geschenkt (vgl. Engelmann an Wittgenstein, 18.9.1918, unveröff. im Brenner-Archiv), ein drittes lag bei
Frege in Jena. Ficker hat wahrscheinlich jenes Typoskript (oder Durchschlag) erhalten, das Wittgenstein zuvor dem
Verlag Braumüller angeboten hatte.
Frau Sjögren : Hermine (Mima) Sjögren (geb. Bacher, 1871 - 1965) war die Witwe eines schwedischen Ingenieurs,
der als Direktor an einem von Karl Wittgensteins Walzwerken tätig gewesen war. Mima war mit Ludwigs
Schwestern befreundet und Ludwig selbst freundete sich mit Arvid, dem Ältesten ihrer drei Söhne an. Wittgenstein
wohnte bei Frau Sjögren bis zum März 1920.
54 AN RAINER MARIA RILKE, 2.11.1919
Brief mit Briefkopf: "DER BRENNER / Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102".
erste Heft : Der Brenner, 6. Folge, Heft 1 mit folgendem Inhalt: Ludwig Ficker: Vorwort zum Wiederbeginn, Der
Sonnengesang des hl. Franziskus (In freier Übertragung des Franz Brentano), Carl Dallago: Weltkrieg und
Zivilisation, Anton Santer: Stationen (Türkei 1918), Ferdinand Ebner: Fragment über Weininger, Sören
Kierkegaard: Eine Möglichkeit, Lorenz Luguber: Rückblick auf Galizien, Erik Peterson: Der Himmel des
Garnisonspfarrers, Kanso Utschimura: Wahre und falsche Propheten, Theodor Haecker: Ausblick in die Zeit.
Gedicht der Comtesse de Noailles : Les vivants et les morts (übertragen von Rainer Maria Rilke). In:
Insel-Almanach auf das Jahr 1919. Leipzig: Insel, S. 150-153.
unter ein paar arme Familien : Hier war Ficker nicht richtig informiert. Wittgenstein hat sein ganzes Vermögen unter
seinen Geschwistern - mit Ausnahme von Margarete Stonborough - verteilt.
55 VON RAINER MARIA RILKE, 12.11.1919
Brief mit vorgedrucktem Briefkopf: "Bellevue Palace / Berne". Rilke befand sich damals auf einer Vortragsreise
durch die Schweiz.
an seiner Veröffentlichung mitzuwirken : Es gibt keine Belege dafür, daß Rilke etwas in dieser Richtung
unternommen hätte.
Bücher Kassners : Rudolf Kassner: Geb. 9.11.1873, Groß-Pawlowitz/Mähren; gest. 1.4.1959, Sider/Kt. Wallis.
Kulturphilosoph, Essayist, Aphorist, Erzähler, Übersetzer. 1919 ist im Insel Verlag Rudolf Kassners Buch Zahl und
Gesicht erschienen.
Hermann Keyserling : Geb. 20.7.1880, Könno/Livland; gest. 26.4.1946, Innsbruck. Philosoph, Schriftsteller. Sein
Reisetagebuch eines Philosophen ist noch bei Duncker und Humblot (München, Leipzig) erschienen, seine
folgenden Bücher beim Verleger Otto Reichl.
56 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 18.11.1919
Brief mit Briefkopf: "DER BRENNER / Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102".
Philosophieprofessor : Alfred Kastil.
57 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 22.11.1919
Brief.
58 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, [28.11.1919]
Telegramm, aufgenommen am 28.11.[1919].
59 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 29.11.1914
Brief mit Briefkopf: "DER BRENNER / Herausgeber Ludwig von Ficker / Innsbruck-Mühlau Nr. 102".
60 KARL RÖCK AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 2.12.1919
Brief, allerdings nie abgeschickt.
Vgl. dazu Karl Röck an Ludwig von Ficker, [8.12.1919]: "Lieber Herr Ficker, mir hat heute abends Sander - über
eine darauf gerichtete Frage - gesagt, dass Dich mein „Brief“ an Wittgenstein gewissermaßen erschüttert hat." Vgl.
auch Röcks Eintragung in sein Tagebuch vom 1.12.1919: "Von Ficker Wittgensteins logische Abhandlung zu lesen
bekommen" und vom 2.12.: "unmutigen Hohnbrief als Antwort dem Ficker übergeben lassen durch Lechleitner; ich
muß rasch in Dr. Neugebauers Vortrag über Platon".
Karl Röck : geb. 20.3.1883, Imst; gest. 9.6.1954, Innsbruck. Sprachforscher und Dichter. Studierte 1902-1908 in
Innsbruck, teilweise in München Medizin, Zoologie und Psychologie (ohne Abschluß). 1909/10 Supplentenstelle als
Präfekt am Kufsteiner Gymnasium. 1910-13 ohne feste Anstellung. Von 1913 bis 1926 Magistratsbeamter in
Innsbruck. Röck gehört zu den frühesten Mitarbeitern des Brenner, wo er unter seinem Namen, aber auch unter dem
Pseudonym Guido Höld publizierte. Im Mai 1912 lernte er am Brenner-Tisch Georg Trakl kennen und war in der
Folgezeit eng mit ihm befreundet. Seine Tagebücher, die er von 1891-1946 fast lückenlos geführt hat, bilden ein
Schlüsseldokument für die Brenner- und die Trakl-Forschung. Vgl. Karl Röck: Tagebuch 1891-1946. 3 Bde. Hrsg.
u. erläutert von Christine Kofler. Salzburg 1976 (Brenner-Studien, Sonderband 2-4).
Münsterberg'schen Münsterbaus : Hugo Münsterberg: Geb. 1.6.1863, Danzig; gest. 16.12.1916, Cambridge (Mass.).
Psychologe und Philosoph. Prof. in Freiburg im Breisgau und an der Harvard University in Cambridge (Mass.) Röck
spielt auf folgende Werke an: Gründzüge der Psychologie. Bd. 1. Allgemeiner Teil: Die Prinzipien der Psychologie.
Leipzig: Barth 1908 (mehr nicht erschienen). In diesem Buch vertritt Münsterberg die Ansicht, daß die Wirklichkeit
nur durch unser Erkennen und nicht außer ihm bestehe. Philosophie der Werte. Grundzüge einer Weltanschauung.
Leipzig: Barth 1900. Darin gibt Münsterberg ein geschlossenes System, das alle Gebiete der Philosophie umfaßt und
sie in eine Theorie der Werte auflöst. Röck hat sich - dies geht aus seinem Tagebuch hervor - mit diesem Buch seit
1910 immer wieder auseinandergesetzt.
Begriffszeichenschrift : Vgl. Röcks Eintragung in sein Tagebuch vom 19./20.9.1919: "Bilderzeichenschrift für
grammatikalische Begriffe". Und in einer zusammenfassenden Notiz unter dem gleichen Datum:
"Begriffszeichenschrift erfunden." Vgl. auch eine Eintragung vom 12.12.1919: "Philologie als Logologik". Näheres
über Röcks Begriffsschrift war nicht zu ermitteln, doch betrieb er zeitlebens intensive Sprachstudien (liegen
unveröffentlicht in seinem Nachlaß im Brenner-Archiv).
61 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 4.12.1919
Brief, rechts oben Briefkopf: "WIEN / IV., WOHLLEBENGASSE 1 b", überstempelt mit: "IV., ALLEEGASSE 16.",
links: "TEL. 10065."; der gesamte Briefkopf wurde von Wittgenstein durchgestrichen.
62 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 6.12.1919
Brief.
Krampus : Anspielung auf den 6. Dezember, dem Tag des heiligen Nikolaus, der vom Krampus (= Teufel) begleitet
wird.
63 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 28.12.1919
Brief.
Holland : Wittgenstein hielt sich vom 13. bis zum 20. Dezember in Den Haag auf um mit Russell das Buch zu
besprechen. Er wurde von Arvid Sjögren begleitet. Zu diesem Treffen vgl. Russells Brief an Lady Ottoline vom
20.12.1919 (Briefe, S. 100f.).
64 AN LUDWIG WITTGENSTEIN, 16.1.[1920]
Brief.
1 6. I. 1 9 1 9 : Wegen des Jahresbeginns irrte sich Ficker ganz offensichtlich, der Brief ist sicher mit 1920 zu
datieren. Zu diesem Brief vgl. Wittgenstein an Paul Engelmann, 26.1.1920: "P.S. Soeben erhalte ich einen Brief von
Ficker (aber noch kein Manuskript) worin er schreibt er müsse das Erscheinen des Brenner einstellen wenn er nicht
sein ganzes Hab und Gut verlieren will. Kann man ihm helfen??"
jeder neue Abonnent : Im 5. Heft des Brenner, Mitte Juni 1920, sah sich Ficker allerdings wegen der "enorme[n]
Steigerung der Herstellungskosten" gezwungen, für neu eintretende Abonnenten neue Bezugsbedingungen
festzusetzen: die ganze 6. Folge kostete jetzt 60 Kronen (bisher 40), ein Einzelheft 6.50 Kronen (bisher 5). Ende Juni
1921 kostete die gesamte Folge bereits 340 Kronen!
einige Bücher in Vorbereitung : Zwei Schriften von Carl Dallago: Laotse. Der Anschluß an das Gesetz oder Der
große Anschluß. Versuch einer Wiedergabe des Taoteking. (Innsbruck: Brenner Verlag 1921), Der Christ
Kiekegaards. (Innsbruck: Brenner Verlag 1922); Anton Santer: Nachruf (Innsbruck: Brenner Verlag 1921);
Ferdinand Ebner: Das Wort und die geistigen Realitäten. (Innsbruck: Brenner Verlag 1921). Das Buch von Ebner -
von Theodor Haecker im Juli 1919 für den Brenner Verlag empfohlen - war, ebenso wie der Tractatus, zuvor vom
Braumüller Verlag abgelehnt worden. Auch Ficker argumentierte Ebner gegenüber mit seiner schwierigen
wirtschaftlichen Situation, versprach aber in ähnlichen Worten, wie er sie in den Briefen an Wittgenstein verwendet,
alle seine Kräfte aufzubieten, damit das Buch in seinem Verlag erscheinen könne. Walter Methlagl versuchte in
seinem Aufsatz Erläuterungen zur Beziehung zwischen Ludwig Wittgenstein und Ludwig von Ficker (in: Ludwig
Wittgenstein: Briefe an Ludwig von Ficker, S. 45-69) zu erklären, warum Ficker sich zur Aufnahme von Ebners
Buch entschloß und warum er Wittgensteins Arbeit ablehnte. Vgl. auch Allan Janik: Wittgenstein: Ein
österreichisches Rätsel. In: Das Fenster, Heft. 38, S. 3714-3719).
65 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 19.1.1920
Brief, mit aufgedrucktem schwarzen Adler in einem Kreis.
Sie so, gut : sic!
Reklam : sic! Wittgenstein hatte am 29.12.1919 an Paul Engelmann geschrieben: "Bin vorgestern aus Holland
zurückgekommen. Mein Zusammensein mit Russell war sehr genußreich. Er will eine Einleitung zu meinem Buch
schreiben und ich habe mich damit einverstanden erklärt. Ich möchte nun noch einmal versuchen einen Verleger
dafür zu gewinnen. Mit einer Einleitung von Russell ist das Buch für einen Verleger gewiß ein sehr geringes Risiko
da Russell sehr bekannt ist. Vielleicht schreiben Sie dem Herrn der mich Reklam empfehlen soll in diesem Sinne.
Falls ich keinen deutschen Verleger finden kann so wird Russell das Buch in England drucken lassen. Da er in
diesem Falle alle möglichen Schritte zu unternehmen hätte so bitte ich Sie mir so bald als irgend möglich Bescheid
zu geben ob Ihre Bemühungen irgendwelchen Erfolg versprechen." (Briefe, Nr. 118, S. 105) Engelmann antwortete
am 31.12.1919: "Eben kommt Ihr Express-Brief. Einen ausführlichen Brief über Ihr Buch sende ich heute, längstens
morgen Dr Heller in Kiel, mit der Bitte um sofortige Antwort, die ich Ihnen dann gleich mitteile." In einem weiteren
Brief vom 17.1.1920 schrieb Paul Engelmann: "Eben erhielt ich den beiliegenden Brief von Dr Heller (die Fettflecke
darauf sind von mir)
Ich hoffe, daß dem Erscheinen des Buches bei Reclam jetzt nichts mehr im Wege steht. In dem Satz des Briefes, der
das Honorar betrifft, ist offenbar ein „nicht“ ausgelassen, u. es soll meiner Meinung nach heißen: „.....da es auf ein
größeres Honorar oder überhaupt ein solches nicht ankommen dürfte.“
Bitte schreiben Sie vielleicht gleich in Ihrem Begleitbrief an Reclam, daß Sie kein Honorar verlangen; ebenso, daß die
Seitenziffern, wenn Ihre Anbringung am Rand den Druck verteuert, in den Text eingerückt werden dürfen." Am
19.1. berichtete Wittgenstein an Russell, daß Reclam wahrscheinlich sein Buch drucken würde und bat um die
versprochene Einleitung. (Briefe, Nr. 122, S. 107) Erst am 29.3. sandte Russell die Einleitung, mit der Wittgenstein
nicht sehr zufrieden war. Er schrieb an Russell: "Besten Dank für Dein Manuscript. Ich bin mit so manchem darin
nicht ganz einverstanden; sowohl dort, wo Du mich kritisierst, als auch dort, wo Du bloß meine Ansicht klarlegen
willst. Das macht aber nichts. Die Zukunft wird über uns urteilen. Oder auch nicht - und wenn sie schweigen wird,
so wird das auch ein Urteil sein. - Die Einleitung wird jetzt übersetzt und geht dann mit der Abhandlung zum
Verleger. Hoffentlich nimmt er sie!" (Briefe, Nr. 127, S. 109f.) Am 6.5.1920 schrieb er an Russell: "Deine Einleitung
wird nicht gedruckt und infolgedessen wahrscheinlich auch mein Buch nicht. - Als ich nämlich die deutsche
Übersetzung der Einleitung vor mir hatte, da konnte ich mich doch nicht entschließen sie mit meiner Arbeit drucken
zu lassen. Die Feinheit Deines englischen Stils war nämlich in der Übersetzung - selbstverständlich - verloren
gegangen und was übrig blieb war Oberflächlichkeit und Mißverständnis. Ich schickte nun die Abhandlung und
Deine Einleitung an Reclam und schrieb ihm, ich wünschte nicht daß die Einleitung gedruckt würde, sondern sie
solle ihm nur zur Orientierung über meine Arbeit dienen. Es ist nun höchst wahrscheinlich, daß Reclam meine
Arbeit daraufhin nicht nimmt (obwohl ich noch keine Antwort von ihm habe)." (Briefe, Nr. 129, S. 110f.) Am
30.5.1920 war die Publikation bei Reclam endgültig geplatzt: "Reclam nimmt mein Buch nicht. Mir ist es jetzt Wurst,
und das ist gut." (Brief an Paul Engelmann vom 30.5.1920, Briefe, Nr. 131, S. 112) Paul Engelmann war übrigens der
einzige Mensch, der damals ein positives Urteil über den Tractatus abgab. Am 3.4.1919 hatte er nach der Lektüre
des Manuskripts an Wittgenstein geschrieben: "Ich glaube es jetzt im Ganzen zu verstehn und wenigstens bei mir
haben Sie den Zweck, jemandem durch das Buch Vergnügen zu bereiten, vollständig erfüllt; ich bin von der
Wahrheit seiner Gedanken überzeugt und erkenne ihre Bedeutung." - Erstmals gedruckt wurde die
Logisch-philosophische Abhandlung zusammen mit einer Übersetzung der Einleitung von Russell in der letzten
Nummer von Wilhelm Ostwalds Annalen der Naturphilosophie (Bd. 14, 3. und 4. Heft, 184-262) Leipzig 1921.
66 VON LUDWIG WITTGENSTEIN, 26.1.1920
Brief.
Welche Art von Beruf : Schon am 23.2.1919 hatte Ficker in einem Brief an Martina Wied davon gesprochen, daß er
sich um einen Brotberuf werde umsehen müssen. Erst im Oktober 1921 kam es allerdings wirklich dazu. Der
Brenner Verlag wurde als selbständige Abteilung dem Universitäts-Verlag Wagner in Innsbruck angegliedert. Ficker
blieb zwar weiterhin Leiter des Brenner Verlags, war aber nun Angestellter des Wagner Verlags und mußte seine
Dienste auch dem Gesamtunternehmen zur Verfügung stellen.
großen Widerwärtigkeiten : Vgl. Wittgenstein an Paul Engelmann, 26.1.1920: "Es ist merkwürdig, daß ich wirklich in
den letzten Tagen in einem mir schrecklichen Zustand war und auch jetzt ist die Sache noch nicht vorüber. Was mir
so viele Qualen verursacht will ich Ihnen noch nicht sagen. Aber schon das Gefühl, daß jemand der den Menschen
versteht, an mich denkt, ist gut." (Briefe, Nr. 123, S. 107)
Übersicht über die Verteilung der Spende
Georg Trakl 20.000
Redaktion Der Brenner 10.000
Carl Dallago 20.000
Rainer Maria Rilke 20.000
Oskar Kokoschka 5.000 (+ 700)
Else Lasker-Schüler 5.000
Karl Hauer 5.000
Ludwig Erik Tesar 1.000
Richard Weiß 1.000
Theodor Haecker 2.000
Theodor Däubler 2.000
Franz Kranewitter 2.000
Karl Borromäus Heinrich 1.000
Hermann Wagner 1.000
Hugo Neugebauer 1.000
Joseph Georg Oberkofler 1.000
Albert Ehrenstein 1.000
Adolf Loos 2.000
Ludwig von Ficker: Rilke und der unbekannte Freund1(1) 
In memoriam Ludwig Wittgenstein

Château de Muzot sur Sierre (Valais), Schweiz,


am 12. Februar 1923

Werther und lieber Herr von Ficker,

diesen Morgen, einige Zeitungen durchsehend, die sich angesammelt hatten, stieß ich in der "Neuen
Züricher" auf eine sehr zustimmende Würdigung von "der Brenner" (Siebente Folge, zweiter Band). So geht also
Ihr schönes Unternehmen weiter und Sie leiten es nach wie vor, im eigenen und im Sinne der dazu verständigten
Freunde! Darf ich, unmittelbar wie er mir aufkommt, den Wunsch vor Sie bringen, wieder mal einen Band des
Jahrbuchs zu besitzen? Nicht allein, daß ich mir von den aus diesem Bande angeführten Beiträgen (Kierkegaard,
Josef Leitgeb) mich nahe Angehendes verspreche, ich hätte auch, bei meiner Bewunderung für Georg Trakl, das
Bedürfnis, jenen "Aufruf" zu kennen, den Sie, in Bezug auf das Grabmal des Dichters, erlassen haben.
Machen Sie mir also die Freude, die ich, wie früher, gelegentlich solcher Zuwendung, aufrichtig schätzen
werde.
Mit allen guten Wünschen für Sie und Ihre Freunde,
bin ich in alter Ergebenheit
Ihr R M Rilke

Château de Muzot sur Sierre (Valais), Schweiz,


am 26. Februar 1923

Sehr werther Herr von Ficker,

in kurzem Abstande nach Ihrem Brief, ist gestern auch Ihre Sendung bei mir eingelangt. Sie haben, wie es
mir Ihre Zeilen schon andeuten wollten, durch die aufmerksamste Erfüllung meine Bitte übertroffen; ich freue
mich nun darauf, bei nächster passender Stunde, das "Jahrbuch" und, nach und nach, die übrigen Beilagen
vorzunehmen.
Daß Sie sich so sehr anklagen, einen früheren Brief einmal unerwidert gelassen zu haben, hat mich beinah
beschämt: wie oft mußte ich mir, in den letzten Jahren, Ähnliches zu schulden kommen lassen; der Hemmungen,
die uns durch das allgemeine Verhängnis bereitet werden, sind immer noch so viele, daß man schon froh sein
darf, wenn man ihr Zudringen, wenigstens in den mittleren Bezirken der wesentlichen eigenen Leistung ab und zu
überwindet.
Nur dieses für heute: meinen Dank, meine Grüße und die gern wiederholte Versicherung meiner alten
Gesinnung.
Ihr ergebener
R M Rilke

Diese Letztbekundungen seiner Zugeneigtheit mögen hier als Nachtrag zu den beiden Briefen des Dichters
stehen, die mir im Februar 1915 seine staunende Ergriffenheit über Trakls "Helian" und "Sebastian im Traum" zur
Kenntnis brachten. Auszugsweise in unserem Trakl-Gedenkbuch 1926 erstmals veröffentlicht, wurden sie später
ungekürzt in den Sammelband der Briefe Rainer Maria Rilkes aus den Jahren 1914 bis 1921 aufgenommen, der 1938
im Insel-Verlag erschien. Unauffällig schloß da einer dieser Briefe an mich mit dem Satz: "Die kleine Zeile, in der Sie
seiner Erwähnung tun, nehme ich als Zeugnis für das Wohlergehen des unbekannten Freundes draußen recht
herzlich in Anspruch."
Wer war dieser Freund? Heute, da er tot ist und sein Name in Philosophenkreisen hohes Ansehen genießt,
sei auch hier des nie genannt sein Wollenden gedacht, sowie der seltsamen Begebenheit, die mich ihm zugeführt und
gleichsam über ihn hinweg in schriftliche Berührung mit Rilke gebracht hat.
Mitte Juli 1914, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, erhielt ich aus Hochreit in Niederösterreich die
Mitteilung eines mir bis dahin Unbekannten, er erlaube sich mir demnächst einen Betrag von hunderttausend
Kronen zu übermitteln mit der Bitte, ihn an würdige bedürftige Dichter und Künstler Österreichs nach meinem
Gutdünken zu verteilen. Unterzeichnet war diese großzügig hingeschriebene Verständigung mit Ludwig
Wittgenstein jun. - Meiner erstaunten Rückfrage begegnete die Erklärung des Genannten, er habe nach seines Vaters
Tod ein großes Vermögen geerbt, und da sei es Sitte, eine Summe für wohltätige Zwecke herzugeben. "Als Anwalt
meiner Sache wählte ich Sie, auf die Worte hin, die Kraus in der Fackel über Sie und Ihre Zeitschrift geschrieben hat;
und auf die Worte hin, die Sie über Kraus schrieben", hieß es in diesem Bescheid, der mit der Bemerkung schloß:
"Ihr freundlicher Brief hat mein Vertrauen in Sie noch vermehrt. Vielleicht darf ich Sie einmal treffen und mit Ihnen
reden. Dies wünschte ich sehr."
Das wünschte natürlich auch ich, und so war das Nötige rasch vereinbart: Wittgenstein wollte aus der
Sommerfrische zu kurzem Aufenthalt nach Wien kommen. Dort sollte ich ihn am Abend des 26. Juli2(2) im
Stadtdomizil der Familie treffen und zum Wochenende sein Gast sein.
Der Reisetag war heiß gewesen, und es dunkelte bereits, als das Taxi vor dem geöffneten Gartentor eines
Herrschaftssitzes im Neuwaldegger Parkgelände hielt. Das Gebäude selbst, nur noch undeutlich auszunehmen, lag
tiefer garteneinwärts, aber die Aufgangsterrasse war hell beleuchtet, und da stand auch schon, mich erwartend, die
schlichte Gestalt des jungen Mäzens: ein Bild ergreifender Einsamkeit auf den ersten Blick (an Aljoscha etwa oder
Fürst Myschkin bei Dostojewski erinnernd). Kaum hatte er mich bemerkt, als er die paar Stufen herabstieg, auf dem
breiten Kiesweg mir entgegenkam und nach herzlicher Begrüßung mich ins Haus geleitete. Auch beim Nachtmahl,
das ein Diener auftrug, schien er aufgeräumt und trotz etwas gehemmter Sprechweise von einem sehr zu Herzen
gehenden Mitteilungsdrang bewegt. Bald war mir klar, daß nicht allein ein Freund der schönen Künste mir
gegenübersaß, sondern ein Denker, dessen Bemühung, Fragen der Logik im Forschungsbereiche positivistisch
orientierter Wissenschaft auf ihren Sinngehalt zu prüfen, offenbar bereits in England wie vorher schon unter
Philosophen des sogenannten Wiener Kreises3(3) Aufmerksamkeit erregt hatte. Als ein Schüler Bertrand Russells in
Cambridge und Gottlob Freges in Jena hatte er sich schon früh mit den logischen Grundlagen der Mathematik
vertraut gemacht und, offenbar eigener Neigung wie innerster Berufung folgend, darauf weitergebaut. Und nun lebe
er, wie er lächelnd bemerkte, von Bauersleuten verpflegt für gewöhnlich in einem Blockhaus4(4) über dem Sognefjord
in Norwegen, das sein Eigentum sei. Dort hoffe er, in völliger Zurückgezogenheit die vorläufigen Ergebnisse seiner
Gedankengänge entsprechend sichten und ihre Formulierung ins Reine bringen zu können. Denn gedruckt lag von
dem damals Fünfundzwanzigjährigen noch nichts vor.
Den Anlaß unserer Begegnung schien er in jener späten Abendstunde ganz vergessen zu haben, und erst am
nächsten Morgen, einem schönen Sonntag-Vormittag, konnte ich ihm während eines Rundgangs durch den Park
meine Vorschläge zur Verteilung seiner Spende nahebringen. Die Zuwendung von je zwanzigtausend Kronen an
Rilke5(5) und Trakl, die mir zuvörderst angebracht schien, fand sofort seine Billigung. Zwar schrieb er mir später über
Trakls Gedichte: "Ich verstehe sie nicht; aber ihr Ton beglückt mich. Es ist der Ton der wahrhaft genialen
Menschen." Die Berücksichtigung Rilkes hingegen war ihm gleich einleuchtend und ein Gegenstand freudiger
Zustimmung. Nachdem er mir noch von sich aus, auf seine besorgte Anfrage hin, eine Abzweigung von
zehntausend Kronen als Zuschuß für den Brenner nahegelegt, erklärte er ohne weiteres sein Einverständnis mit
meinen restlichen Vorschlägen, über die er sich kein eigenes Urteil zusprach. Nachmittags machte ich ihn noch mit
dem Architekten Adolf Loos bekannt. Wir trafen uns im Café Imperial, wo es zwischen ihm und dem schwerhörigen
Erbauer des damals noch heftig umstrittenen Hauses am Michaeler Platz zu einer wohl etwas mühselig, doch
sachlich ungemein anregend geführten Aussprache über Fragen der modernen Baukunst kam, für die sich
Wittgenstein zu interessieren schien. Abends reiste ich wieder heim, und am Morgen bei meiner Ankunft war die
Kriegserklärung Österreichs an Serbien erfolgt - Grund genug, die Überweisung der Geldbeträge an die damit zu
Beteilenden beschleunigt vorzunehmen.
Kaum zwei Wochen später erreichte mich eine Nachricht Wittgensteins, er sei auf Kriegsdauer freiwillig
eingerückt und bis auf weiteres dem Ausbildungsbereich des Militärkommandos Krakau zur Dienstleistung zugeteilt.
Leider war er, als ich Ende Oktober Trakl im dortigen Garnisonsspital besuchte, in der Stadt nicht anwesend. Er
befand sich mit dem Weichselschiff "Goplana", auf dem er Dienst tat, seit Wochen unterwegs, doch sollte diese
Erkundungsfahrt schon demnächst ihren Abschluß finden. Die Auskunft erhielt ich von einem Offizier der
Dienststelle, der nicht zu erwähnen vergaß, welch schöne Sommernacht er einmal, bald nach Kriegsbeginn, auf Deck
des Schiffes in anregendem philosophischen Gespräch mit Wittgenstein verbracht habe, während dieser mit
Kartoffelschälen für die Schiffsküche beschäftigt war.
Ich hinterließ dem Abwesenden ein paar Zeilen, er möge sich nach seiner Ankunft doch unverzüglich Trakls
annehmen, dessen Lage prekär sei. Aber als Wittgenstein, zurückgekehrt, im Spital vorsprach, war Trakl schon tot
und begraben. "Ich bin erschüttert, obwohl ich ihn nicht kannte", war des zu spät Gekommenen erste Mitteilung an
mich. Auf Ersuchen um Bekanntgabe näherer Einzelheiten erhielt ich folgenden Bescheid:

16. 11. 14
Lieber Herr von Ficker!

Ich danke Ihnen für Ihre Karte vom 9ten. Alles was ich über das Ende des armen Trakl erfahren habe, ist
dies: Er ist drei Tage vor meiner Ankunft an Herzlähmung gestorben.
Es widerstrebte mir, mich auf diese Nachricht hin noch weiter nach Umständen zu erkundigen, wo doch
das einzig Wichtige schon gesagt war.
Am 30ten Oktober hatte ich von Trakl eine Karte erhalten mit der Bitte ihn zu besuchen. Ich antwortete
umgehend: ich hoffte in den nächsten Tagen in Krakau einzutreffen und würde dann sofort zu ihm kommen.
Möchte Sie der gute Geist nicht verlassen. Und auch nicht
Ihren ergebenen
Ludwig Wittgenstein

(Daß Trakl, obwohl er Wittgenstein durch mich verständigt wußte, an diesen selbst noch eine Bitte um
Besuch gerichtet hat, scheint mir beachtenswert. Es spricht dafür, daß er als Patient einer Zwangspsychiatrierung, die
seine Schwermut, aber auch die Ungewißheit über sein Los bei den gegebenen Ausnahmezuständen ins
Unermeßliche steigern mußte, einer zweiten Versuchung zum Selbstmord - die erste hatte ihn auf dem Rückzug von
Grodek befallen - nicht zu erliegen wünschte. Wohl war, als ich in Krakau von ihm schied, seine
Niedergeschlagenheit groß; deutlich aber auch und ergreifend die Ergebenheit in ein Schicksal, das ihn zwang, den
eigentümlichen Wahrsinn seines Lebens samt allem Bedenklichen, das er einschloß, dem potenzierten Wahnsinn
einer Welt im aufkommenden Weltkriegszustand zur Begutachtung anvertraut zu sehen. Und nichts konnte die
Rücksicht, die er in so auswegloser Situation einem letzten Ausgleich seines Selbstabtötungs- wie seines
Selbstbewahrungsdranges schuldig zu sein glaubte, rührender bezeugen als dieses großherzig entgegenkommende
Vertrauen in die Wirksamkeit vereinter Freundeshilfe in einem Augenblick, da ihm der Tod schon näher stehen
mußte als noch irgend eine Möglichkeit zu leben.)
Abgesehen also von dieser einen Ausnahme konnte in allen übrigen Fällen dem Wunsch Wittgensteins nach
Geheimhaltung seines Namens entsprochen werden. Auch Rilke gegenüber. Dieser erwies sich für die
Aufmerksamkeit, die ihm zuteil geworden, dadurch erkenntlich, daß er mir nebst Versen für den Brenner eine
eigenhändige Abschrift ebenfalls noch unveröffentlichter Gedichte zur Weitergabe an den ihm unbekannten Gönner
zugehen ließ. Den Begleitbrief Rilkes übermittelte ich Wittgenstein als Geschenk, und in einem Feldpostbrief aus der
K. u. K. Artillerie-Werkstätte der Festung Krakau, datiert vom 13.2.15, nahm dieser darauf Bezug:

"... Rilkes Schreiben an Sie hat mich gerührt und tief erfreut. Die Zuneigung jedes edlen Menschen ist ein
Halt in dem labilen Gleichgewicht meines Lebens. Ganz unwürdig bin ich des herrlichen Geschenkes, das ich als
Zeichen und Andenken dieser Zuneigung am Herzen trage. Könnten Sie Rilke meinen tiefsten Dank und meine
treue Ergebenheit übermitteln?
Trakls Grab hat die Exhibit Nr. 3570 und die Bezeichnung Gruppe XXXIII Reihe 13, Grab No. 45.
Möchte Ihnen Ihre militärische Tätigkeit Freude bereiten! Wie schön wäre es, wenn sie uns
zusammenbrächte!"

Es sollte nicht sein. Schon "klopfte" ich selbst Gewehrgriffe bei den Kaiserjägern, und nach Erscheinen des
Brenner-Jahrbuchs 1915, das ich gerade noch vor Zuteilung zu einem Marschbataillon herausbringen konnte, ging
auf Kriegsdauer der Kontakt mit Rilke wie mit Wittgenstein verloren. Dieser war zuletzt in italienische
Gefangenschaft geraten. Im August 1919 kam er frei, und noch im Herbst desselben Jahres6(6) tauchte eines schönen
Nachmittags an der Gartentür vor meiner Wohnung in Mühlau, vom Hund des Hausherrn heftig verbellt, ein
scheinbar Fremder auf. Es war Wittgenstein, kaum mehr zu kennen, barhaupt, in abgetragener Feldmontur (als hätte
er noch nicht aus ihr herausgefunden) und sichtlich aufgebracht über die unfreundliche Begrüßung durch den
Wächter des Hauses. Erstaunt über die Verwandlung, die mit ihm vorgegangen war, und leicht beunruhigt von dem
Überfallscharakter dieses Wiedersehens nach fünf Jahren, bat ich ihn ins Haus. Er blieb zu Abend, zog aber einem
Nachtquartier bei mir eine bescheidene Unterkunft in der Nachbarschaft vor. In dem kleinen Anwesen unserer
Milchbäuerin ließ er sich eine mehr als dürftige Kammer aufsperren, die er herrlich fand. Von dort verabschiedete er
sich frühmorgens mit Dank für die gute Aufnahme und mit Grüßen an mich. Mir aber wollte nachher scheinen, als
habe mich da nicht ein Heimkehrer zu anderen besucht und verlassen, sondern eher ein Friedensucher in der
Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner schwierigen Veranlagung. Denn Wittgensteins ungewöhnlicher
Lebensernst, hingabefähig und doch gründlich in sich gekehrt, hatte inzwischen Züge eines
Verantwortungsbewußtseins angenommen, das leicht überspannt scheinen konnte und seinem früh schon
entschiedenen Absonderungsbedürfnis gegenüber allem, was vor den Augen der Welt zu glänzen oder sich sonst ein
Ansehen zu geben wünschte, das Siegel einer fast schmerzhaften Deutlichkeit aufdrückte. So hatte er gleich nach
Kriegsende auf sein Millionenerbe zu Gunsten seiner Geschwister verzichtet (ein noch lebender Bruder, berühmter
Pianist, hatte, wie ich später hörte, im Krieg den rechten Arm verloren, ein anderer sich erschossen, als der
ungarische Truppenteil, den er befehligte, noch vor Abschluß des Waffenstillstands 1918 den ihm zugewiesenen
Frontabschnitt am Piave verließ). Fast noch wunderlicher schien, daß der heil Zurückgekehrte, auf den im Krieg
Tolstois Volkserzählungen7(7) großen Eindruck gemacht hatten, als ein Mensch von überhöhter Bildung, der freilich
auch die Kindesseele gut verstand, 1920 Dorfschullehrer in einer entlegenen Gebirgsgegend des Semmeringgebietes
wurde. Vorerst aber hatte er eine Begegnung mit Russell8(8) auf einer Reise gehabt, die ihn nach Holland und, als ihm
in Deutschland das Geld ausgegangen war, auch durch Nachtasyle des Hamburger Hafenviertels geführt hatte. Den
Rückweg über Innsbruck hatte er gewählt, um mir einen Durchschlag jener Arbeit anzuvertrauen, die ihn so lange in
Anspruch genommen und ihren Abschluß gegen Kriegsende in einer ihm nun offenbar entsprechenden Form der
philosophischen Aussage gefunden hatte.
Es ergab sich aber, daß das nicht allzu umfangreiche Werk, das sich zur Verdeutlichung seiner
Gedankengänge auch Formeln der höheren Mathematik bediente und einen Exkurs über die Grundlagen der
Arithmetik enthielt, einen Laienverstand wie den meinen vor kaum behebbare Schwierigkeiten stellte. Was es an
eigentümlichen Ausblicken und Einsichten einem Forschungsgebiet erschloß, das den konsequenten Logiker von
vornherein in eine Zwangsjacke stecken mußte, das hatte der Verfasser zudem einer Art perspektivisch verkürzter
Darstellung anvertraut, die - in zahlreichen numerierten Absätzen das jeweils Greifbare ihres behutsam vorfühlenden
Thesenaufwands demonstrierend - seinem Versuch wohl die Physiognomie einer ungewöhnlichen intellektuellen
Leistung zu sichern schien, dem Uneingeweihten aber auch den Eindruck einer angestrengt verlorenen Liebesmühe
hinterlassen konnte. Immerhin: die klaren Satzgefüge, die den Stufenbau dieser kühnen, bis zur Andeutung ihrer
notwendigen Selbstaufhebung sich versteigenden Erkenntnispyramide trugen, gaben hinreichend zu verstehen,
welch ein Konzentrat gewissenhaft durchdachter Überlegungen hier seine Ausprägung in adäquat durchlichteter
lapidarer Sprachgestalt gefunden hatte. Als solches stellte es an das Fassungsvermögen des Lesers allerdings
Anforderungen, denen ein zur Würdigung von logisch exakten Spitzenleistungen auf dem Versuchsfeld
philosopischer Tiefenbohrung nicht eigentlich Berufener kaum oder nur notdürftig gerecht werden konnte. Doch war
zu begreifen, daß ein so eigen hinsinnender Geist, wollte er nicht von vornherein alle Sicherheit in Verfolgung des
ihm vorschwebenden, doch nur schrittweise zu erschließenden Erkenntniszieles verlieren, sich streng an die
Orientierungsbehelfe einer Forschungsmethode halten mußte, deren diszipliniertem Vorgehen in der Unterscheidung
von logisch Sagbarem und Unsagbarem von frühauf seine Aufmerksamkeit wie die Zuneigung seiner eigenen
Begabung gehört hatte. Gleichwohl ließ sich nicht verkennen, daß Wittgensteins "Logisch-philosophische
Abhandlung" bei aller Konsequenz ihres Aufgehens in eine rein wissenschaftliche Bemühung im Grunde doch auf
eine höhere Bewegungsfreiheit des Geistes im Spielraum letztverbindlicher Wahrheitsaufschlüsse abzielte, als die
Eigensinnbezirke neopositivistischen Forschungsdranges in ihren Grenzen zulassen konnten. Ja, bei aller
Deutlichkeit einer fast zwangsläufig sich vollziehenden Gegenbewegung im Sicht- und Wirkraum seiner
intellektuellen Gebundenheit schien Wittgensteins personaler Einsatz als Denker wie als sehender Mensch doch eher
auf Wiederwahrnehmung als auf Verleugnung der Heilsbedeutung jener Armut im Geiste bedacht zu sein, zu der
sich einst in der Fülle der Zeit - ein offenbar Überforderter in seinem Streben nach Vollkommenheit - der reiche
Jüngling der Bibel zu seinem eigenen Leidwesen nicht hatte aufraffen können. Kurz, ich konnte den beklemmenden
Eindruck, den das Werk in seiner rigoros ausreflektierten, förmlich in sich selbst hineinverstummenden Gestalt auf
mich machte, nicht loslösen von dem tief fundierten Eindruck des Menschenbeispiels, das mir - ein seltsames Ruf-
und Fragezeichen - in Ludwig Wittgenstein lebendig vor Augen stand. Einst schon, als ich ihn kennen lernte. Nun
erst recht. Und später, da ich ihn nie mehr zu Gesicht bekommen sollte, im Bilde einer unverblichenen Erinnerung
fast noch mehr.
"Nur einen Gruß, damit Sie mich nicht vergessen!" hatte er mir einst auf einer Feldpostkarte aus Galizien
geschrieben (als ob dies möglich gewesen wäre!). Um so mehr traf es mich jetzt, daß der "gute Geist", dessen
Fortbestand er uns beiden seinerzeit gewünscht hatte, in mir nun nicht imstande war, die Bedeutung von
Wittgensteins gewichtigem Elaborat mir so zu Bewußtsein zu bringen, wie dieser es sich, Gott weiß warum, erhofft
haben mochte. Mitschuld an diesem meinem peinlichen Versagen trug wohl auch der Umstand, daß ich unter den
fortwährenden Krisenerscheinungen nach der ersten Weltkriegskatastrophe alle Mühe hatte, der eigenen
Existenzerschütterung Herr zu werden. Es gelang mir nur zeitweilig, nur notdürftig, und so konnte ich mich auch
leider nicht als geeigneten Verleger für Wittgensteins subtiles Werk in Vorschlag bringen. Das ging mir nahe.
Vielleicht auch ihm. Jedenfalls drängte es mich, einen Ersatz für diesen meinen Ausfall zu finden. Im Vertrauen auf
voraussichtlich bewahrte Sympathien wandte ich mich mit meinem Anliegen an Rilke - und unverzüglich schrieb
mir der Dichter zurück:

Bellevue-Palace
Berne, am 12. November 1919

Mein lieber Herr von Ficker,

das freundliche Zusammentreffen: lassen Sie sich erzählen. Gestern bin ich hier in eine Buchhandlung
eingetreten, in deren Schaufenster ich einige Stunden vorher ein Brenner-Heft bemerkt hatte (es war nicht mehr
da, leider) - am selben Abend kam Ihr guter Brief.
Mit meiner Antwort eine Verbindung wieder aufzunehmen, die durch die unnatürlichsten Verhältnisse in
ihren Anfängen unterbrochen worden war, gehört für mich nun - glauben Sie es mir - zu jenen
Wiederherstellungen, die man stark und zuversichtlich empfindet, weil mit jeder von ihnen, über das Tatsächliche
hinaus, ein Bewußtsein arglosen und vollzähligen Daseins Recht bekommt.
Sie schreiben nichts über sich selbst, aber ich sehe sie thätig im ursprünglichen Bestreben, und so mag ich
gerne annehmen, daß Ihr persönliches Schicksal, nach allen Mißbräuchen der letzten Jahre, Sie wieder am
vertrauten Ufer der eigenen Aufgaben abgesetzt hat: mögen Sie dort nun recht fest sich ansiedeln dürfen.
Diesem zunächst wäre eine besorgteste Frage aufgekommen, die Sie, mir vorfühlend, schon beantwortet
haben. Die Handlungsweise des (aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten) unbekannten Helfers und
Freundes ist mir um so ergreifender, als sie, über so viel Wirrnis und Unterbrechung hinüber, als die stille, reine
Vollendung dessen erscheint, was mit jenen großmüthigen Entschlüssen des Jahres Vierzehn begonnen war.
Wieviele Menschen haben wir aus leichteren Bahnen geworfen gesehen, wie viele erschüttert in ihren innersten
Absichten -; dieser ist von allem Anfang an in seinen schweren Weg eingesetzt worden -, man kann es nicht ohne
Ehrfürchtigkeit einsehen.
Lassen Sie es, bitte, still zwischen uns bleiben, daß ich von jenem Manuskript weiß; welche Freude wäre es
für mich, ganz im Verborgenen an seiner Veröffentlichung mitzuwirken, obwohl mir ja da nur der bescheidenste
und zufälligste Anteil eingeräumt wäre. Sie kennen die Arbeit Ihres Freundes, Sie schätzen sie; schiene Ihnen
ihre Einreichung beim Insel-Verlag angemessen zu sein? Philosophische Schriften sind dort nicht recht
einheimisch, wenn man nicht etwa die Bücher Kassners anführen will. Bei der Insel würde ich selbstverständlich
mit einigem Gewicht mich einsetzen können, bei Verlagen wissenschaftlicher Art bliebe ich ohne Einfluß. Eine
gewisse Beziehung hat sich während des vergangenen Sommers ergeben zu einem Verleger Otto Reichl in
Darmstadt, dadurch, daß er die Schriften des Grafen Hermann Keyserling übernahm; es fällt mir eben ein, daß
die "Logisch-philosophische Abhandlung" vielleicht an dieser Stelle einen passenden Verlagsboden fände. Wenn
Sie die Bücher Keyserlings bedenken (zuletzt das bedeutende große "Reisetagebuch eines Philosophen") werden
Sie diese Frage mit mir erwägen können. Nennen Sie mir überhaupt, nach Ihrem Ermessen, andere deutsche
Verlage, - ich will Ihnen dann schreiben, wie weit ich bei dem oder jenem meine, mich geltend machen zu dürfen.
Am Geist des "Brenner" wünsche ich nach wie vor betheiligt zu bleiben, auch ehe ich das neue Heft
durchgesehen habe; leider aber muß ich's zunächst offen lassen, wie bald ich diese sympathische Zugehörigkeit
beitragend zu beweisen vermöchte. Noch hab ich die eindringliche Erstarrung der Kriegsjahre in mir nicht
überwunden, - ein paar Sommermonate im Bündner'schen waren ein Anfang dazu. Von den äußeren Umständen,
die mich nächstens in einer Tessiner Gastfreundschaft erwarten, wird es zu einem Theile abhängen, ob ich den
Weg der Besinnung und Einkehr so still verfolgen darf, wie ich mir's erhoffe.
Im herzlichsten Einverständnis
Ihr
R M Rilke

P.S. Briefe über den "Lesezirkel Hottingen",


Gemeindestraße, Zürich, oder auch über das
Hotel Bellevue, Bern.

Es erübrigte sich jedoch, diese Fährte weiter zu verfolgen. Schon hatte Bertrand Russell die Veröffentlichung
von Wittgensteins Schrift in die Wege geleitet. Er gab ihr eine Einführung mit und ließ sie so 1921 im Abschlußheft
von Ostwalds "Annalen der Naturphilosophie" und bald darauf unter dem Titel "Tractatus Logico-Philosophicus"
1922 als deutsch-englische Buchausgabe in London erscheinen. Die ungewöhnliche Beachtung, die sie im Kreis der
Wiener Positivisten wie unter Fachgelehrten vornehmlich der englischen und amerikanischen Universitäten fand,
konnte den Verfasser indes auch jetzt nicht bewegen, aus seiner Zurückhaltung herauszutreten. Die Ansicht aller
immanenten Logistiker, der Klarstellung wahrer philosophischer Einsicht sei nur durch Absehen von aller
Transzendenz und durch Abdichtung gegen jede Art von Metaphysik gedient, begegnete vermutlich in Wittgensteins
Person und geistiger Veranlagung einer latenten Gegenströmung von Zweifeln und Vorbehalten, die ihren Ursprung
für ihn in einer unkontrollierbaren Wirklichkeit jenseits alles Ersinnbaren, Berechenbaren, Diskutierbaren haben
mochte und somit bereits der Zone eines absolut zu Beschweigenden angehörte. Stimmt das, dann befand er sich
von der Logistik und ihrem zuständigen Fragenkomplex her - also nach entgegengesetzter Richtung vordringend -
dem Absoluten gegenüber wohl in einer ähnlichen Situation wie heute Martin Heidegger, dieser deutlich anders
Geprüfte in seinem beharrlich revidierenden Existenzdenken von all dem tieferhin vor ihm und seiner eigenen
Ausgesetztheit bis hin zur Seinsgrundfrage phänomenal in Frage Stehenden her: Antipoden beide, aber angezogen
und angenähert noch in ihrer äußersten Divergenz von jenem Machtmagneten heimlich zentrierender Offenbarung
im Wort, von dem keine Gegenanstrengung im konstanten Fluchtlinienraum der Welt und deren einsehbaren
Ordnungen mehr loskommen wird. Entgeht doch keinem von uns, in welch beängstigendem und doch zugleich
erhebendem Schwebezustand des Abkommens von geläufigen Anschauungen und Denkweisen wir uns heute
befinden: eine Erfahrung, von der getragen das ehrwürdig Festgeglaubte, ja das unverrückt Anbetungswürdige in
den Varianten unseres Heimgesuchtseins einem bereits höchst fragwürdig Daseienden zu weichen, aber in
einemhin - und noch im Zwielicht dieses anbrechenden Tages aller Zwiespältigkeit sich entwindend - wie noch nie
zu gleichen beginnt. In so anschaulich aufgehobene Ungereimtheiten, in so beherzte Analogiekurzschlüsse geht nun
einmal die Logik der Welt samt aller Dialektik und Monologik des Lebens auf, soweit sie dem Geist der Sprache, der
ja, wo er einleuchten soll, ein Geist der Wortwerdung durch Selbstbesinnung in uns ist, in Wahrheit verbunden
bleiben will. Für die Tragweite dieser Erkenntnis dürften Dichter, in denen das Seherische noch mächtig ist, und in
Berührung damit Denker, die im Morgengrauen ihrer innerweltlichen Orientierungsbedürfnisse - von
abendländischer Eingeschlafenheit wie heilloser Aufgewecktheit gleich weit entfernt - sich unverdrossen um
Erhellungen, um Vorfeldlichtungen ihres prüfend in den Augenblick versenkten Wagemuts bemühen, keine geringe
Witterung besitzen. Eine, die, richtig eingesetzt und eingeschätzt, am Ende noch uns allen frommen mag. Besteht
doch immer wieder Aussicht, daß dieser oder jener ehrfürchtig seinem Spürsinn Folgende dabei unversehens in den
Ausstrahlungsbereich einer Transzendenz gerät, die noch den Traumwandler im Geiste das offene Geheimnis im
Rätselblick einer Wirklichkeit ahnen läßt, die ihren verborgenen Seinsgrund wie ihren unerforschlichen Ratschluß
ungescheut dem Quellgrund ihrer vielfältig zu Tage tretenden und gleichwohl zu gewaltiger Einfalt sich
zusammenfindenden Erscheinungsformen anvertraut hat. Der Sprache des Glaubens zurückgegeben aber heißt das:
anvertraut der unversieglichen Schöpfermacht des Wortes, das im Anfang und bei Gott war, in leidender
Heilandsgestalt sich einmal auf uns zubewegt und als Geistleib noch des Auferstandenen zwischen Vorhölle und
Himmelfahrt sich dem Gedächtnis jäh entbrannter Herzen eingeprägt und feurigen Zungen mitgeteilt hat. Auch läßt
ja die Zeit in ihren offenkundigen Wandelaspekten wie im Undurchschaubaren ihrer Wesenheit uns nicht übersehen,
daß in dem unabsehbaren Ineinander von Stillstand und Vorübergang, als das sie sich unserem beschränkten
Verstand zu erkennen gibt, Verwirktes und Vergangenes in den Augenblick unserer jeweiligen
Gegenwartsbesinnung nicht minder bedeutungsvoll aufzusteigen wie das, was wir Zukunft nennen, unheimlich
einzudringen scheint. Durchzogen aber ist dies alles von einem Lethestrom der Todesvergegenwärtigung, der zur
Genüge erhellt, daß in dem sogenannten Schicksalsablauf der Welt, mag vorläufig auch alles einem säkularen Irrlauf
verfallen scheinen, sich nichts verleugnen und auch nichts ausklammern läßt, was in der Sehweite des Worts als
Abglanz göttlicher Wahrheit zu Recht besteht und für den, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, als Zeugnis
erleuchteten Weistums von Tag zu Tag an Glaubwürdigkeit gewinnt. "Wenn das gute oder böse Wollen die Welt
ändert", heißt es einmal, entsprechend modifiziert, bei Wittgenstein, "so kann es nur die Grenzen der Welt ändern,
nicht die Tatsachen; nicht das, was durch die Sprache ausgedrückt werden kann."
Berücksichtigt man, was hier - abschweifend scheinbar und doch unerläßlich - angedeutet ist, dann läßt sich
leichter verstehen, daß und warum wohl Wittgenstein, als er nach sechs Jahren Lehrerdasein auf dem Lande 1926
diesen Beruf aufgab und nach Wien zurückkehrte, mit einer einzigen Ausnahme (im Lehr- und Lernbereich
Professor Schlicks) keine Neigung verspürte, sich näherhin zu seinem Traktat zu äußern. Und auch, daß die allzu
unbesorgte Freidenkerhaltung seines Freundes Russell seinem an sich kritisch veranlagten Geist und Gemüt mehr
und mehr mißfiel. Das hinderte nicht, daß die Engländer, deren Sprache er beherrschte wie seine Muttersprache,
seinem unbehaglichen Talent, verborgen zu leben und nichts aus sich zu machen, ein Ende zu bereiten wünschten
und ihn, den schließlich Willfährigen, 1929 in ihr Land zurückholten, das er als Zwanzigjähriger einst betreten hatte,
um in Manchester Maschinenbau zu studieren. Vom Trinity-College honoris causa zum Fellow ernannt, begann er
in Cambridge zu unterrichten, wurde 1938 britischer Untertan und 1939 nach dem Tode des von ihm geschätzten G.
E. Moore9(9) auf dessen Lehrstuhl für Philosophie berufen. Wie er sich mit dieser Lehrverpflichtung abfand, seine
Schüler siebend und je nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten zu selbständigen Nachprüfern seiner Diktate und
Unterweisungen heranbildend, das ist uns von den Wenigen, die seinen Ansprüchen genügen und seinem Wesen
Verständnis engegenbringen konnten, überliefert. Auch soll er nach wie vor in größter Bedürfnislosigkeit gelebt
haben - ein Strohlager und ein Stuhl bildeten angeblich die ganze Einrichtung seiner dürftigen Unterkunft -, und
diesem seinem Hang zu exemplarischer Selbstzucht und Genügsamkeit entsprach die selbstverständliche
Bereitschaft, mit der er im zweiten Weltkrieg drüben seinen Verpflichtungen zunächst als Krankenträger10(10) in
Spitalsdiensten und späterhin als Helfer in medizinischen Laboratorien nachkam. Und doch dürfte eine tief
verankerte Gewissensunruhe mit der Grund gewesen sein, daß er 1948 seine nach Kriegsende wieder
aufgenommene Lehrtätigkeit zu Gunsten einer problematischen Freizügigkeit aufgab, die er als Reservat einer so
ungewöhnlichen Lebensführung allein noch sein nennen wollte, doch bald schon nicht mehr konnte angesichts des
nahen Todes, den er dank der erbetenen Offenheit seines Arztes auf ein Jahr genau vorauswußte.
All das ist inzwischen auch bei uns über die Kenntnis fachwissenschaftlich interessierter Kreise
hinausgedrungen. Es hat seinen Niederschlag in vorerst noch spärlichen, aber aufschlußreichen publizistischen
Würdigungen seiner Bedeutung als Denker wie als Mensch gefunden. So von Ludwig Hänsel (dem Mitbetreuer und
Vorbereiter der Ferdinand-Ebner-Gesamtausgabe), der mit Wittgenstein als ein verständnisvoll ihm zugeneigter
Freund die Kriegsgefangenschaft geteilt hat ("Wissenschaft und Weltbild", Wien, Oktober 1951); von Ewald
Wasmuth, dem Pascal-Forscher, der ihn den berühmtesten, zugleich unbekanntesten Philosophen unserer Epoche
nennt und in einer wohldurchdachten Analyse seiner Gedankenwelt auch auf das Mystische darin zu sprechen
kommt ("Das Schweigen Ludwig Wittgensteins" in "Wort und Wahrheit", Wien, November 1952); von dem
spanischen Philosophen José Ferrater Mora und dem englischen Schriftsteller Maurice Cranston ("Der Monat",
Berlin-Frankfurt-München, Februar 1952), und von Ingeborg Bachmann, Wien, in einer einleuchtenden Skizzierung
alles Denkwürdigen an ihm ("Frankfurter Hefte", Juli 1953). Was aus diesen Reminiszenzen und vorläufigen
Überlegungen hervorgeht, mutet heute schon wie die Legende einer paradox vollendeten Selbstkasteiung vor den
Ansprüchen einer Wirklichkeit an, die unseren Annäherungsversuchen unzugänglich ("Gott offenbart sich nicht in
der Welt") nach Ansicht dieses unerbittlichen Verwerfers alles leichtfertigen Meditierens in dem zufälligen
Gestaltwandel der in ihre Begrenztheit aufgehenden Welt und in der analog begrenzten Denk- und Aussagekapazität
unseres an den äußersten Rand dieser (zwar variablen, aber unaufhebbaren) Begrenztheit verwiesenen Ichs keine
sinnvolle Mitteilungsmöglichkeit besitzt: eine Theorie von einem Fertigkeitsgrad, wie man sieht, daß sie über sich
und ihren eigentümlichen Endzeitaspekt innerhalb der Philosophiegeschichte unserer Tage, ob sie will oder nicht
(aber will sie denn nicht?), schon wieder hinausweist. Bemerkenswert jedenfalls ist, daß sie in dem seltsamen
Negativbild, das sie von den ausschweifenden Positivismen unserer Wissenschaftsfortschritte entwirft, Züge
hervortreten läßt, die wiederum und nun erst richtig "neopositiv" zu wirken berufen sein mögen. Denn schon öffnet
sich im Rückblick darauf ein Raum der Besinnung vor uns, der, an der Tiefsicht dieses sich selbst und sein zähes
Wurzel- und Wachstumsgeflecht sorgfältig aushebenden Logikerverstandes gemessen, vielleicht nur noch einer
letzten Aufhellung und Ausweitung ins Unmißverständliche seiner Beweggründe bedarf, um uns mit einiger
Sicherheit beurteilen zu lassen, ob beispielsweise ein Satz wie dieser: "Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser
Gesichtsfeld grenzenlos ist", dem Horizont einer Zustimmung anzugleichen ist, wie sie unsereinem im Blick auf das
Wort, das selber Mensch geworden ist, um uns sehend und noch als Verstummende mündig zu machen, ohne
weiteres zu Gebote steht. Werden Wittgensteins "Philosophische Untersuchungen" - die nachgelassenen Schriften,
deren Erscheinen eben angekündigt wird - uns in dieser Hinsicht klarer sehen lassen? Es wäre zu wünschen, so
ungewiß es vorderhand ist. Denn die Ansichten derer, die Wittgenstein in seiner letzten Lebenszeit nahestanden - er
starb, 62 Jahre alt, am 29. April 1951 zu Cambridge - und Einblick in diese seine Aufzeichnungen nehmen konnten,
scheinen diesbezüglich noch auseinanderzugehen. Immerhin darf wohl beachtet und nicht bloß belächelt werden,
was Hänsel als einen charakteristischen Zug neben anderen, glaubwürdig überlieferten, berichtet: daß Wittgenstein
(den Mora wohl zu Unrecht ein Genie der Destruktion nennt) ernstlich besorgt war, seine Philosophie könnte - gegen
seinen Willen - zersetzend wirken; und daß er in einer Nacht, während seiner Lehrerzeit in Niederösterreich, das
Gefühl hatte, gerufen worden zu sein und sich versagt zu haben.
Editorischer Bericht
Als erster Band der Brenner-Studien erschienen 1969 im Otto Müller Verlag Ludwig Wittgenstein: Briefe an
Ludwig von Ficker, herausgegeben von Georg Henrik von Wright unter Mitarbeit von Walter Methlagl. Dieses
Büchlein, das neben den kommentierten Briefen noch Walter Methlagls Erläuterungen zur Beziehung zwischen
Ludwig Wittgenstein und Ludwig von Ficker und Georg Henrik von Wrights gewichtigen Aufsatz über Die
Entstehung des Tractatus Logico-Philosophicus enthält, hat seither große Beachtung in der
Wittgenstein-Forschung gefunden. 1988 sind die Gegenbriefe Ludwig von Fickers in Wien gefunden und sogleich
vollständig in den zweiten Band des Briefwechsels Ludwig von Fickers eingearbeitet worden, der noch 1988
erschienen ist. Band 1 und Band 2 dieses Briefwechsels enthalten - da es sich um eine Auswahlausgabe handelt -
hingegen nicht alle Briefe Wittgensteins an Ficker. Die neueren Arbeiten über Wittgenstein haben großteils die Briefe
Fickers an Wittgenstein entweder nicht registriert, oder die zusätzlichen Erkenntnisse, etwa in Bezug auf die
Spendenverteilung, nicht berücksichtigt. Dies liegt einerseit sicher darin begründet, daß man in einer
Auswahlausgabe des Briefwechsels Ludwig von Fickers keine neuen Quellen für die Wittgenstein-Forschung
vermutet, andererseits im Charakter dieser Ausgabe selbst, wo eben die Ficker-Wittgenstein-Korrespondenz
zwischen vielen anderen Briefen zu liegen kommt. Nur Wilhelm Baum hat sich eingehend - leider nicht immer ganz
sachlich - mit dem Verhältnis Ficker - Wittgenstein auseinandergesetzt: Wilhelm Baum: Wittgenstein über Ficker.
Ludwig Wittgensteins Beziehungen zu Ludwig von Ficker und dem Brenner-Kreis. In: Inn (Innsbruck), Nr. 30, Mai
1993, S. 53-59. Vgl. dazu die Replik: Anton Unterkircher: Rufmord oder Selbstmord? In: Inn, Nr. 31, November
1993, S. 53-60 und Wilhelm Baums erweiterte, selbständige Publikation: Wittgenstein, Rilke und Ludwig von
Ficker. Über die Schwierigkeit, einen Verleger für den „Tractatus logico-philosophicus“ zu finden. Wien: Turia &
Kant 1993.
Es lag daher nahe, alle bis jetzt bekannten Quellen zur Beziehung Fickers mit Wittgenstein eigens
zusammenzustellen. Diese Arbeit ist zudem als Teilergebnis des am Brenner-Archiv laufenden und vom Fonds zur
Förderung der wissenschaftlichen Forschung geförderten Projekts des Gesamtbriefwechsels Ludwig Wittgensteins
anzusehen. Sowohl die Text- als auch die Kommentargestaltung orientieren sich an die in diesem Projekt
entwickelten Editionsrichtlinien. Obwohl also in den Kommentaren immer wieder auf Bd. 1 und 2 des Briefwechsels
Ludwig von Fickers verwiesen wird, wird nach den neuen editorischen Richtlinien zitiert (im Ficker-Briefwechsel
wurden einige Normierungen vorgenommen, z.B. ss wird zu ß, jetzt gibt es keine Normierung mehr). Der
Kommentar wurde insgesamt überarbeitet und durch die neuen Erkenntnisse, die aus dem Wittgenstein-Briefprojekt
gewonnen werden konnten, ergänzt. Weit über alle diese pragmatischen Überlegungen hinaus gewinnt diese
Zusammenstellung aber mit der „Engführung“ von so bedeutenden Persönlichkeiten wie Rilke, Trakl, Wittgenstein
und Ficker ein starkes Eigengewicht. Nicht zuletzt hat das Auftauchen der Abschrift der Duineser Elegien die
Zusammenstellung und Gestaltung dieser Zusammenstellung mitbestimmt. Diese Abschrift wurde von Anton
Unterkircher und Walter Methlagl in dem Aufsatz Rainer Maria Rilke und Ludwig Wittgenstein: Abschrift „Aus
den Elegieen“ war das „herrliche Geschenk“ an den „unbekannten Freund“ erstveröffentlicht (Mitteilungen aus
dem Brenner-Archiv, Nr. 14, 1995, S. 9-35). Dort wurde in Ansätzen auch das „substantiell Verbindende“ dieser
„Begegnung“ von Trakl, Rilke und Wittgenstein zu erklären versucht.

Diese Zusammenstellung enthält 66 Briefe: 29 Briefe von Wittgenstein an Ficker, 19 Briefe von Ficker an
Wittgenstein, 7 Briefe von Rainer Maria Rilke an Ficker, 6 Briefe von Ficker an Rilke, 2 Briefe von Georg Trakl an
Wittgenstein, 1 Brief von Rudolf Molè an Ficker, 1 Brief von Karl Röck an Wittgenstein, 1 Brief von Leopoldine
Wittgenstein an Ficker.
Textgestaltung
Die äußere Form eines Briefes ist wesentlich mit der inhaltlichen Mitteilung verbunden. Die Papierwahl, ein
vorgedruckter Briefkopf, bei handschriftlichen Briefen die Wahl des Schreibmaterials, die Schriftzüge und die
Sorgfalt oder Nachlässigkeit bei der Abfassung liefern wesentliche Informationen über den Briefschreiber, die Art
der Mitteilung und das Verhältnis der beiden Briefpartner mit. Bei der elektronischen Erfassung eines Briefes gehen
daher wesentliche Informationen verloren und können durch formale Beschreibungen kaum, nicht einmal mit einem
Faksimile vollständig wiedergegeben werden. Die "originalgetreue" Wiedergabe kann sich deshalb im wesentlichen
nur auf den Brieftext beziehen, nicht aber auf die Form, die den Herausgebern selber überlassen bleibt, die aber
nichtsdestoweniger konsequent gehandhabt werden muß.

Jeder Brief wird mit einer Briefüberschrift (versal) begonnen, die den Namen des Adressaten (bei Briefen
Wittgensteins) oder Verfassers und das Abfassungsdatum enthält.
Aus Gründen der Übersichtlichkeit stehen vorgedruckte Briefköpfe (Absender, Telefon usw.) am Satzspiegel links
oben, das in Briefköpfe integrierte Datum rechts oben. Sie werden im Kommentar als solche gekennzeichnet.
Druckgraphiken werden nur im Kommentar angegeben und nach Möglichkeit beschrieben. Handschriftliche
Briefköpfe werden an dem Ort und in der Reihenfolge angeführt, wie im Original.
Die Adressenangabe folgt, nach einer Leerzeile, ebenfalls am linken Rand des Satzspiegels.
Bei vorgedruckten Adressen- und Absenderschablonen, werden diese vorgedruckten Textteile als zum Text gehörig
betrachtet, wenn sie in die Formulierung eingebunden werden.
Einen Sonderfall stellen die Absender- und Adressenangaben bei Postkarten dar, die ja zumeist handschriftlich
vorliegen und somit als zum Brieftext gehörig betrachtet werden. Hier erfolgt die formale Darstellung, wie oben
angeführt. Adressen- und Absenderangaben auf Kuverts werden nur im Kommentar vermerkt.

Nach einer Leerzeile folgt der eigentliche Brieftext, wo versucht wird, sich so weit wie möglich an das Original zu
halten:

Orts- und Datumsangaben stehen ungefähr an der vom Original vorgegebenen Stelle, es gibt in der Wiedergabe
nur links- oder rechtsbündig (im Zweifelsfall rechtsbündig).
Der Poststempel wird immer in folgender Form wiedergegeben: [Poststempel: Ort, Tag.Monat.Jahr]. Die Schrift des
Poststempels (z.B. Versalien oder römische Zahlen für die Monatsangabe) wird möglichst originalgetreu
wiedergegeben. Unleserliche oder unsichere Teile werden mit „?“ gekennzeichnet. Im Kommentar wird der
Poststempel als Zitat unter Anführungszeichen wiedergegeben, hier werden dementsprechend nur fragliche Stellen
in eckiger Klammer angeführt.
Datumsverschreibungen werden nicht korrigiert, da die Briefüberschrift das berichtigte Datum enthält.
Anredeformeln , die im Original vom übrigen Text durch entsprechend größeren Zwischenraum oder Zeilenabstand
abgehoben sind, werden, wie jeder Absatz eingerückt, danach folgt eine Leerzeile. Ist die Anrede nicht abgehoben,
wird sie in den Brieftext intergriert.
Absätze werden durch Einrückung gekennzeichnet, größere Abstände zusätzlich durch eine Leerzeile.
Durchstreichungen werden nur dann (im Kommentar) erwähnt, wenn eine deutliche Änderung der Autorintention
erkennbar ist.
Alle Fehler und Verschreibungen werden ohne das im Text oft störende [sic!] wiedergegeben. Bei schweren oder
sinnstörenden Schreibfehlern erfolgt, damit nicht der Eindruck eines Tippfehlers entsteht, ein Verweis im
Kommentar. Bei den für Wittgenstein typischen Fehlern, z.B. "wol" statt wohl wird ein solcher Verweis nicht für
nötig erachtet.
Schwer leserliche Stellen und Ergänzungen durch die Herausgeber werden mit eckiger Klammer gekennzeichnet.
Das bei Wittgenstein regelmäßig verwendete Symbol für "und" wird mit "&" wiedergegeben. Beim Erscheinungsbild
dieses Kürzels im Original kann man an das mathematische Zeichen für die Addition, das "+" denken. Dem
widerspricht die Tatsache, daß in den meisten Fällen eine andere Art von Kopula herauszulesen ist und daß auch die
Geschwister Wittgensteins dasselbe Kürzel verwendet haben. Das Zeichen muß unter allen Umständen von seiner
Pragmatik her gelesen werden, die nicht - wie es der Gebrauch des "+" zwingend nahelegt - den Duktus der
Argumentation optisch zerteilt; vielmehr soll das Zeichen als Verkürzung der Kopula "und" Teile der Argumentation
in einem gespannten Bogen zusammenführen.
Die Grußformel steht immer am linken -Rand des Satzspiegels, unabhängig von der Vorlage.
Die Unterschrift immer am rechten Rand des Satzspiegels, unabhängig von der Vorlage. Postskripte u.ä. folgen
immer nach einem Zeilenabstand.
Beilagen folgen immer - abgehoben durch einen Zeilenabstand - am Schluß des Brieftextes, vorausgesetzt sie stehen
mit dem Brieftext in engem Zusammenhang, oder stammen vom Schreiber (z.B. eine Gedichtabschrift u.ä.).
Selbständige Beilagen, z.B. Zeitungsausschnitte, Sonderdrucke, Flügblätter, Bücher u.ä. werden im Kommentar
beschrieben.

Für alle oben angeführten Punkte gilt:


- Wenn keine eindeutige Reihenfolge von Texteilen erkennbar ist, etwa durch Überschreibungen, Notizen an den
Rändern usw., dann wird nach dem normierten Schema vorgegangen.
- Die verschiedensten graphischen Gestaltungen, Einrückungen, Zentrierungen u.ä. werden bei Adressenangaben,
Grußformel u.ä. einheitlich nur durch Absätze angedeutet.
- Für alle Besonderheiten, die formal nicht eindeutig oder ungenau dargestellt werden können, finden sich Hinweise
im Kommentar.
Kommentar
Der allgemeine Kommentar beginnt mit der Bezeichnung der Textgattung.
Gegebenenfalls folgt die Beschreibung der Papierart, von Beilagen und handschriftlichen Zusätze von anderen
Personen. In diesen allgemeinen Teil fallen auch Bemerkungen zur Datierung.
Fehlende Angaben, z.B. der Poststempel auf einer Postkarte, werden nicht eigens vermerkt.
Der Einzelstellenkommentar versucht alle im Brief vorkommenden Personen, Orte, Ereignisse und Anspielungen
zu klären.Nicht jeder Zusammenhang und jede Einzelanspielung kann geklärt werden. Dies hängt einerseits vom
Wissen und den Recherche-Möglichkeiten ab, andererseits von der Quellenlage, die eine Klärung derzeit nicht
zuläßt. In diesen Fällen wird die Formel "nicht ermittelt" verwendet.
Verzeichnis der abgekürzt zitierten Literatur
Der Brenner. Hg. von Ludwig von Ficker. Innsbruck 1910 - 1954 = B
Ludwig von Ficker: Briefwechsel Bd. 1: 1909 - 1914. Salzburg: Otto Müller 1986 (Brenner-Studien 6) = Bd. 1
Ludwig von Ficker: Briefwechsel Bd. 2: 1914 - 1925. Innsbruck: Haymon 1988 (Brenner-Studien 8) = Bd. 2
Georg Trakl: Historisch-kritische Ausgabe. Bd. 1, 2. 2. Aufl. Salzburg: Otto Müller 1987 = HKA I, II
Hermine Wittgenstein: Familienerinnerungen. Wien, Hochreit, Gmunden 1944 - 1947 (Typoskript) =
Familienerinnerungen.
Ludwig Wittgenstein: Briefwechsel. Briefwechsel mit B. Russell, G. E. Moore, J. M. Keynes, F. P. Ramsey, W.
Eccles, P. Engelmann und L. von Ficker. Hrsg. von B. F. McGuinness und G. H. von Wright. 1 Aufl. Frankfurt/M.:
Suhrkamp 1980 = Briefe.
Ludwig Wittgenstein: Geheime Tagebücher 1914-1916. [Die Namengebung stammt von der allerdings sehr
fehlerhaften Edition von Wilhelm Baum. 2. Aufl. Wien: Turia & Kant 1991; zitiert wird nach der normalisierten
Fassung von Wittgenstein's Nachlass. The Bergen Electronic Edition, 1998]. = Geheime Tagebücher.
Verzeichnis der Bilder
Im Text sind die Bilder über das Symbol  verknüpft. Alle Originale befinden sich im Brenner-Archiv, Universität
Innsbruck, Josef-Hirn-Str. 5, 6020 Innsbruck

Ludwig Wittgenstein an Ludwig von Ficker, 14.7.1914, Seite 1, Seite 2


Ludwig von Ficker an Ludwig Wittgenstein, 27.7.1914, Seite 1, Seite 2
Rainer Maria Rilke: Verse. (Veröffentlicht in: Brenner-Jahrbuch 1915, S. 60-61), Seite 1, Seite 2
Georg Trakl: Helian (Sonderdruck), Seite 1, Seite 2
Georg Trakl: Kaspar Hauser Lied (Sonderdruck), Seite 1, Seite 2
Prospekt der Zeitschrift „Der Brenner“, 1919.
Der Brenner, 18. Folge, 1954 (Umschlag)
Namenregister des Brieftextes
Barnett-Lasker, Jonathan Bertold
Bauch, Bruno
Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus
Braumüller Verlag
Brenner Verlag
Brücke, Ernst Theodor
Dallago, Carl
Däubler, Theodor
Der Brenner
Die Fackel
Ehrenstein, Albert
Ficker, Ludwig von
Frege, Gottlob
Haecker, Theodor
Hauer, Karl
Hauptmann, Gerhart
Heinrich, Karl Borromäus
Insel Verlag
Jahoda & Siegel
Kassner, Rudolf
Kastil, Alfred
Keyserling, Hermann
Kierkegaard, Sören
Kokoschka, Oskar
Kranewitter, Franz
Kraus, Karl
Langen-Trakl, Margarethe
Lasker-Schüler, Else
Lasker-Schüler, Paul
Lechner, Kurt
Loos, Adolf
Molè, Rudolf
Mombert, Alfred
Münsterberg, Hugo
Neugebauer, Hugo
Noaille, Comtesse de
Oberkofler, Joseph Georg
Otto Reichl Verlag
Reclam Verlag
Rilke, Rainer Maria
Röck, Karl
Russell, Bertrand
Sauer, August
Schlaf, Johannes
Schwarzwald, Eugenia
Schwarzwald, Hermann
Sjögren, Hermine
Stoessl, Otto
Szybínsiki, ?
Tesar, Ludwig Erik
Thurn und Taxis, Marie von
Tolstoi, Leo
Tractatus
Trakl, Georg
Wagner, Hermann
Wanicek, ?
Weininger, Otto
Weiß, Richard
Wittgenstein, Karl
Wittgenstein, Leopoldine

Schokoladenbriefe. Die Briefe von Stanislaus und Adele Jolles an Ludwig


Wittgenstein.
Herausgegeben von Anton Unterkircher
Im Auftrag des Forschungsinstituts Brenner-Archiv der Universität Innsbruck.
Innsbruck, Herbst 2001

Die Briefe

VON STANISLAUS JOLLES, 17.7.1914


Berlin-Halensee, d. 17/VII 14
Sehr werter Herr Wittgenstein,
Eben krame ich in einem lange nicht durchgesehenen Fache und finde Ihr Manuskript. Nun wollten Sie es
zwar früher nicht zurück haben, ich sollte es vernichten! Jetzt werden Sie wohl über Ihr Kleines milder denken und
so sende ich es Ihnen zu. - Bei uns geht's nicht ganz gut, da meine Frau das Bett hüten muß. Ich denke aber Sie wird
sich in einigen Tagen besser fühlen. Mit besten Wünschen für Ihre Ferien und herzlichem Händedruck
Ihr alter Moralprediger
Professor Dr Stanislaus Jolles

VON STANISLAUS JOLLES, 25.9.1914


Stanislaus Jolles, Berlin Halensee, Kurfürstendamm Nr. 130
Oesterreich-Galizien

Krakau Feldpost Nº 186


An den Kriegsfreiwilligen
Herrn Ludwig Wittgenstein
Militärkommando
K. K. Oesterr.-Ungar.
Festungsartillerie Regiment Nr. 2
2. Kader
Berlin-Halensee, d. 25. IX. 14
Kurfürstendamm 130III
Lieber Herr Wittgenstein,
Bitte schreiben Sie doch ein Datum auf Ihre Postkarten, da dieses und d. Poststempel auf Ihrer soeben
eingetroffenen Karte fehlt, wissen wir garnicht, wann Sie geschrieben u. mit von der "Goplana" nach Krakau
zurückgekehrt sind. Ich habe nie so oft und noch dazu mit einer solchen Herzensfreude an Sie gedacht, wie jetzt. So
Gott will geht es Ihnen weiter gut! Lassen Sie recht oft und bald von sich wieder hören. Gestern traf die definitive
Bestätigung der Freudenbotschaft ein, daß unser Unterseeboot U. 9 drei große Engl. Kreuzer bei Hoek van Holland
in den Grund durch Torpedos gebohrt hat und heute lese ich aus Engl. Quelle, daß unsere Emden die Oeltanks in
Madras zerstört hat u. im Indischen Ozean Engl. Handelsdampfer im Werte von 18 Millionen Mark versenkt hat. Nur
so fort!
Herzlichst
Ihr alter Stanislaus Jolles

VON ADELE JOLLES, 2.12.1914


Prof. Jolles Kurfürstendamm 130

Herrn Ludwig Wittgenstein


Armeekommando
Krakau
Feldpost 186
S. M. S. "Goplana"
Oesterr. Galizien
2. 12. 14
Berlin-Halensee
Kurfürstendamm 135
Lieber Herr Wittgenstein
besten Dank für Ihre Karte. Wenn Sie nur statt des Telegrammstyls einige Zeilen mehr schrieben! Oder tun
Sie dies nur dann, wenn Sie unangenehm werden?! (Datum fehlt leider wieder!) Bitte erkundigen Sie sich, ob ich
Ihnen ein gewöhnliches, - nicht Feldpostpaket - schicken kann, denn sonst sind nur 1/2 £pakete zugelassen,
ausnahmsweise 500 Gr. Ein solches Pfundpaket sende ich Ihnen mit - Brodware, da Sie ja solch ein Brodesser sind u
ich nicht weiss, ob Sie ausser Kommisbrot etwas bekommen können. Sie werden sicher von Ihrer Frau Mutter gut
versorgt, aber in Conserven haben wir hier wohl mehr Auswahl. Schreiben Sie mir was Sie gern mögen - aber bald.
Und der Weihnachtsbesuch!?
Viele Grüsse
A.J.

VON ADELE JOLLES, 7.12.1914


Prof. Dr. Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130III
Feldpost Nº 186

An den Kriegsfreiwilligen
Ludwig Wittgenstein
S. M. S. "Goplana"
Armeekommando
Krakau
Oesterr. Galizien
7. 12. 14.
Lieber Herr Wittgenstein, ich habe Ihnen vor etwa einer Woche etwas Mundmunition gesandt u heute einen
Stollen u bitte Sie mir mitzuteilen, ob Sie die Sachen erreichen. Wenn Sie auch von Wien aus sicher gut versorgt
sind, so werden Sie ebenso sicher viele Compagnons finden. Wenn die Sachen ankämen, so bekäme man Mut mehr
zu schicken. Sollten Sie etwas haben wollen, so schreiben Sie. Besten Gruss
A.J.
Prof. Dr. Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130III

VON ADELE JOLLES, 9.12.1914


Prof. Dr. Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130III
Feldpost N° 186

An Herrn Ludwig Wittgenstein


K. K. Militärkommando Krakau
Oesterr. Galizien
S. M. S. "Goplana"
9. 12. 14.
Danke für Nachfrage. Es geht mir wenig gut. Freue mich, dass Sie sogar zum Arbeiten kommen. Haben Sie 2
Karten u 2 Paketchen erhalten?
Gruss
A.J.
Frl. Kammerer sehe ich nicht, da ich sie noch nicht habe in der neuen Villa besuchen können. Was für
Nachrichten haben Sie von Ihrem Bruder?
Fragen beantworten Sie weniger als je - d.h. gar nicht

VON STANISLAUS JOLLES, 21.12.1914


Jolles-Berlin-Halensee
Kurfürstendamm Nr. 130

Oesterreich-Ungarn!
K. u. K. Feldpostamt 186
An Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Werkstätte der Festung Krakau
Art. Autodetachement.
Berlin-Halensee, d. 21/XII 14
Lieber Herr Wittgenstein,
Nochmals alles gute zu Weihnachten und viele Wünsche zum Jahreswechsel, vor allem bleiben Sie gesund.
Gleichzeitig geht ein kleines Paket Schokolade an Sie ab, hoffentlich kommt es auch an.
Mit herzlichem Händedruck
Ihr alter
Stanislaus Jolles.
VON STANISLAUS JOLLES, 28.12.1914
Jolles, Berlin-Halensee
Kurfürstendamm Nr. 130.

Feldpostkarte nach
Oesterreich-Galizien
An den Kriegsfreiwilligen
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art Autodetachement
"Oberleut. Gürth"
Feldpost 186
Krakau
Berlin-Halensee, d. 28. XII. 14.
Lieber Herr Wittgenstein
Eben trifft Ihre Karte v. 24. d. Ms. ein, Sie sehen, es geht jetzt mit der Post recht schnell. Daß Sie viel zu tun
haben, kann ich mir in einem Auto-Detachement vorstellen. Besonders bei den schlechten Polnischen und
Galizischen Wegen muß die Abnutzung der Autos eine sehr starke sein. Wie finden Sie nur dabei noch Lust und
Kraft zu Ihrer Arbeit? Uebernehmen Sie sich nur nicht, und vergessen Sie nicht, sich nach der Tagesmühe ordentlich
zu erholen. Mich freut's zu hören, der Stollen meiner Frau hatte Sie erreicht, und Sie verzehrten ihn mit Andacht.
Möglicherweise erreicht Sie auch mein letzthin abgesandtes kleines Schokoladenpaket, und Sie können dann Ihre
Andacht auch diesem Gebiete widmen. Haben Sie sich in Krakau schon umgesehen? Insbesondere werden Sie die
Veit Stoßeschen Arbeiten und die Czartoryski'sche Gemäldesammlung interessieren!
Mit herzl. Händedruck und besten Wünschen
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 1.1.1915


Jolles, Berlin-Halensee
Kurfürstendamm 130III

Feldpostkarte
nach Oesterreich-Galizien
An den Kriegsfreiwilligen
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art. Auto-Detachement
"Oblt. Gürth[“]
Feldpost 186
Krakau
Berlin-Halensee, d. 1. I. 1[5]
Lieber Herr Wittgenstein,
Es freut mich sehr, daß Sie den "Schokoladenbrief" erhalten haben; merkwürdigerweise gehen die Briefe an
Sie ungleich schneller, als die an unsere Krieger! Vor kurzem stand hier der Bericht eines Deutschen Berichterstatters
über d. Oesterr. Ung. Autodetachement, alle Hochachtung vor Ihren Leistungen! So Gott will tragen "Ihre
Reparaturen" ordentlich dazu bei den Russen endgültig das Fell zu vergerben! Nochmals alles gute zum neuen
Jahre, möge bald ein ehrenvoller Friede kommen, mögen Sie weiter gesund und munter bleiben und möge sich "der
Geist des Datums" auf Sie herabsenken, auf daß Sie eine solche Angabe nicht nur alle Jahr einmal machen!
Herzlichst
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 2.1.1915


Prof. Dr. Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130III

Feldpost 186
An den Herrn Ludwig Wittgenstein
Art. Auto Detachement der Werkstätte
der Festung
Krakau
Oesterr.
Galizien
Berlin-Halensee
130 Kurfürstendamm
2. 1. 15.
L .H. W. Sie haben den Stollen erhalten u ihn sogar gegessen, u haben ihn nicht den Petrefakten zugewiesen.
Da hört die Weltgeschichte auf! - Bekommen Sie denn in der Stadt alles was Sie brauchen? Ich höre, die
Postverbindung mit Wien wäre schlechter als mit Berlin - also schreiben Sie doch ob u was man Ihnen schicken
kann. - Der Artikel in der Ihnen zugeschickten Zeitung, betrifft sicher die Werkstätte der Sie zugeteilt sind, denn
leider ist die Auswahl an Städten wo sie sich befinden könnte arg beschränkt. Nun habe ich doch auch eine Ahnung
was Sie zu tun haben! Und Sie wissen, ich habe blindes Vertrauen in Ihre Reparaturfähigkeiten für Näh u alle
anderen Maschinen! Herzlichst
A.J.

VON ADELE JOLLES, 20.1.1915


Prof. Dr. Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130III

Feldpost N° 186
Herrn Ludwig Wittgenstein
Werkstätte des Art. Auto Detachements
Festung
Krakau
Oesterr.
Galizien
Berlin-Halensee
130 Kurfürstendamm
[Poststempel: 20. 1. 15]
Lieber Herr Wittgenstein, nach dem wir eine zeitlang öfters, wenn auch immer gleich bleibende lakonische,
Nachrichten von Ihnen hatten, hören wir jetzt schon eine ganze Weile wieder gar nichts.
Wie geht es Ihnen? Haben Sie unsere Karten erhalten? Auch die mit Antwortformular?
Viele Grüsse
A.J.

VON STANISLAUS JOLLES, 25.1.1915


Jolles, Berlin-Halensee
Kurfürstendamm 130III

Feldpostkarte nach
Oesterreich-Galizien
An den Kriegsfreiwilligen Herrn
Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art. Autodetachement
"Oblt. Gürth["]
Feldpostamt 186
Krakau
Berlin-Halensee, d. 25. I. 15.
Lieber Herr Wittgenstein,
Sie sind ein "Obersakramenter"! Wenn ich den Namen Ihres Vorgesetzten kennen würde, so würde ich ihn
veranlassen Ihnen auf dienstlichem Wege beizubringen, Sie müssten Ihre Postkarten mit dem Datum versehen. Zum
Glück ist wenigstens eine der 3 heute von Ihnen eintreffenden Karten gestempelt, und somit kann ich als
Mathematiker berechnen, daß Ihre Nachrichten von Krakau bis hierher 10 Tage, mein "Cakesbrief" aber nach
Krakau 3 Wochen unterwegs war. Wir waren, da wohl in diesem Jahre noch kein Lebenszeichen von Ihnen
eingetroffen war, Ihrethalben in Sorge. Immer wieder freue ich mich Sie bei einer technischen Abteilung beschäftigt
zu sehen, Sie werden da recht von Nutzen sein! Kürzlich stand hier in den Zeitungen ein langer lobender Aufsatz
über die K. u. K. Autoreparaturwerkstätte in Galizien. Meine Frau hat Ihnen denselben eingeschickt, habe[n] Sie ihn
erhalten? Hier will's immer noch nicht Winter werden, wenig helle Tage, sonst wolkig und regnerisch, das richtige
Influenzawetter; sie ist auch bei uns dreien "in die Erscheinung getreten", wir sind aber secundum ordinem nun
wieder aus dem Bett. Bleiben Sie originell, und machen Sie uns so etwas nicht nach! Sobald wieder Caker oder
Schokoladenbriefe angenommen werden, lasse ich sowas wieder an Sie abgehen, damit Sie die Autos ordentlich
flicken können. "Sodawasser und Himbeerbriefe" gehen noch nicht ab, Schade!
Alles Gute
Herzlichst Ihr alter
Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 10.2.1915


Jolles, Berlin-Halensee
Kurfürstendamm 130

Feldpostkarte nach
Krakau (Oesterr.=Galizien)
An den Kriegsfreiwilligen
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art. Autodetachement
"Oberleutnant Gürth"
Feldpostamt 186
Berlin-Halensee, d. 10. II. 15.
Lieber Herr Wittgenstein,
Nach 12tägiger Fahrt trifft eben Ihre Karte vom 29. Januar ein. Schade, daß einer meiner Schokoladenbriefe
nicht angekommen ist, wie Sie mitteilen, hoffentlich erreicht Sie aber einer, den ich gestern an Sie absendete. Als
was dienen Sie eigentlich? Sind Sie nach unsern Deutschen Begriffen ein Gefreiter, Unteroffizier,
Feldmarschall-Leutnant, u.s.w.? Bisher habe ich das aus Ihren 6 Adressenangaben nicht ersehen können, obgleich
diese insofern interessant sind, als jede von der andern verschieden ist! Aber jedesmal freue ich mich doch über Ihre
Karten, umsomehr als meine Freude eigentlich mit Neid gemischt ist. Sie junges Menschenkind helfen da draußen
tapfer mit, während ein so alter Kerl wie ich zu nichts mehr nutz ist. Alter ist eben ein zweifelhafter Vorzug! Lassen
Sie sich's weiter gut gehen!
Mit freundlichen Grüßen
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 12.2.1915


Kurfürstendamm 130 Berlin-Halensee
12. 2. 15
Lieber Herr Wittgenstein
ein Brief ist des andern wert - u so schreibe ich Ihnen auch mal einen Brief statt einer
"Feldpostkorrespondenzkarte." Hoffentlich hat Ihnen die übergrosse Anstrengung nicht geschadet! Eines ist sicher:
als Kriegscorrespondent können Sie der K. u K. Armee nicht zubeordert werden. Eher als Telegraphist. Wenn ich die
langen Berichte aus Antwerpen, Madrid etc. ansehe die uns zukommen u daneben Ihre Karten! Nachdem ich nun
weiss, dass Sie der militärischen Disciplin unterworfen sind - putziger Gedanke! - werde ich mich nächstens an einen
Vorgesetzten von Ihnen wenden, er möchte Ihnen befehlen richtiggehende Briefe mit anständigem Inhalt, - dass
man von Ihnen weiss wie u wo u wann, - zu schreiben. Also besten Dank zuförderst für den heutigen, mit dem
zugleich Ihre Karte v. 3/2 ankam. Beide mit Datum versehen! Wenn Ihnen das nur gut bekommt. Ich hätte Ihnen
natürlich schon längst einen Stollen geschickt, nachdem Ihnen der erste gut geschmeckt hat, wenn ich nur wieder in
die Stadt gekommen wäre - wo er besorgt war. Aber ich bin diesen Winter solch armseliger Wurm, der beinahe
immer invalide ist u kaum vor die Thüre kommt. Ueberdies giebt es jetzt strenge Backmassregeln. Nächstens
bekommt man Brod nur noch nach Vorzeigen und Abgeben von Brodmarken u wenn man Gäste hat, kann man
ihnen kein Brod vorsetzen, es wäre denn man knopst es sich vom Munde - wörtlich - ab. Uh weh, was wird dann mit
solchem Brodesser wie "der kleine Wittgenstein." 2 Kilo Brot incl. Semmeln, Wecken etc. kommt auf die Person pro
Woche. Wenn Sie uns also nächstens besuchen, dann vergessen Sie Ihre Brotkarte nicht; ach nein, ich habe noch
Knäkebrod für Sie aufbewahrt im Kriegsvorrat, also riskiren Sie es immerhin. Wer ist Herr Oberleutnant Gürth?
Wohnen Sie mit ihm?
Es freut mich, dass Sie bessere Nachrichten von Ihrem Bruder haben. Ist er denn noch in Gefangenschaft?
Wenn Sie Zeit zum Lesen haben, holen Sie sich Berlioz "Erinnerungen". Ich würde Ihnen mein Exemplar schicken,
ich fürchte aber es könnte nicht ankommen. Es wird Sie sicher interessieren. Der "Cornet" wird jetzt mit Musik
verzapft. Das Clarinettenquintett ist fabelhaft womit ich Sie herzlich grüsse
A.J.
Was sagen Sie zu den Italienern? wenn ich schriebe, was ich darüber denke, würde der Brief womöglich bei
der "Überprüfung" schlecht wegkommen. Möge es ihnen vergolten werden, Amen, Amen, Amen. Solch ein Pack.
30 Jahre haben sie alle Vorteile des Dreibundes eingeheimst, sind, gestützt u beschützt durch ihn zu einer Blüte
gelangt von der Niemand geahnt hat u jetzt -
Dass Sie sich freiwillig gestellt haben, freut mich immer aufs neue.

VON ADELE JOLLES, 19.2.1915


Frau Prof. Jolles
130 Kurfürstendamm 130

Feldpost N° 186
An den Herrn Ludwig Wittgenstein
Art. Werkstätte der Festung
Krakau
Oesterr. Galizien
19. 2. 1915 Berlin-Halensee
Kurfürstendamm 130
Lieber Herr Wittgenstein, ich habe versucht Ihnen hier draussen einen Stollen zu bestellen - schnell noch vor
Torschluss, denn von Morgen ab geht es nicht mehr. Das wäre also der 2te Stollen, nun müsste der Abgesang
folgen! Ob er ankommt u Ihnen ebenso gut schmeckt, steht allerdings dahin. Er ist eben fortgeschickt. Chokolade u
Cakespakete stammten nicht von mir - das ist das Rayon meines Mannes. So fertige Ladenpakete mag ich nicht.
Soeben teilt mir die Conditorei mit, dass sie mir doch noch einen Abgesang-Stollen backen wollen. Ich werde Ihnen
also ev. morgen den Abgesang schicken. Dem heutigen Pakete lag auch eine Tube Honig bei Nächstens darf man
auch grössere Pakete schicken - die gehen aber ewig lang.
Viele Grüsse AJ.
Wohnen Sie in der Stadt, od. ausserhalb? Haben Sie m. Brief erhalten?

VON STANISLAUS JOLLES, 20.2.1915


Jolles, Berlin-Halensee
Kurfürstendamm Nr 130

Feldpostkarte nach
Oesterreich-Galizien
An den Landsturm-Ingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein.
K. u. K. Art. Werkstätte der Festung Krakau
Feldpost Nr. 186
Berlin-Halensee, d. 20. II. 15.
Lieber Herr Wittgenstein,
Also Landsturm-Ingenieur sind Sie, das hätte ich nicht vermutet, da ich mir darunter einen Mann in 40ergn
vorgestellt hatte. Jedenfalls sind Sie aber bei Ihrer Geschicklichkeit am rechten Fleck und bei den schlechten
Galizischen Wegen wird's genug Autos zum Ausbessern geben! Es freut mich herzlich aus Ihrem Briefe an meine
Frau zu entnehmen, daß Sie Gelegenheit haben gute Musik zu hören. Das kann Sie wenigstens trösten, wenn mein
Schokoladenbrief verspätet ankommt oder gar ausbleibt. Vor einigen Tagen erhielt ich von der [...] ein Dankbrief für
Zigarren, die ich am 21.XI.14 abgesendet und dort sage und schreibe am 12.II.15 angekommen waren. Ich kann mir
das nur dadurch erklären, daß der Postbote d. Paket zu Fuß hingebracht hat und bei d. Marsche seine Gesundheit
durch größere Pausen kräftigte. Im Heutigen sende ich mit dieser Karte einen Cakesbrief an Sie ab, als Belohnung
für die Beantwortung einer Frage, sonst sind Sie ja darin der reine Lohengrin.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 5.3.1915


Feldpostkarte
Oesterreich-Galizien
An den Landsturm-Ingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art. Werkstätte der Festung
Krakau
Feldpost 186.
Berlin-Halensee d. 5. März 15.
Lieber Wittgenstein,
Also meine Cakessendung war eine Belohnung für Ihr Verschlafen! Da sieht man, was eine solche Sendung
für einen pädagogischen Zweck hat. Aber für einen nüchternen Magen, noch dazu nach Werkstättearbeit, waren die
paar Cakes doch zu wenig! Was treiben Sie denn jetzt in d. Werkstätte, flicken Sie noch Autos?
Herzlichst
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 9.3.1915


Stanislaus Jolles
Berlin-Halensee
Kurfürstendamm 130III

Feldpostkarte nach
Oesterreich-Galizien
An den Landsturm-Ingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art. Werkstätte der Festung:
Krakau
Feldpost Nr. 186
Berlin-Halensee, d. 9. III. 15.
Lieber Herr Wittgenstein,
Cakes sind augenblicklich bei meinem Lieferanten ausgegangen, somit sende ich zur Abwechslung einen
Schokoladenbrief. Kürzlich las ich, eine Sächs. Firma liefert Kaffeetabletten für unsere Krieger an die Front. Ihnen
solche Tabletten zu senden, habe ich aber nicht über's Herz bringen können, da ich mir die Folgen, welche ein Sächs.
Kaffee auf Ihren Oesterreichischen Magen ausüben könnte, als katastrofal vorstelle. Sollten Sie aber wieder einmal
zu lange schlafen, so muß ich doch zu Ihrer Besserung zu einer solchen Tablettensendung schreiten.
Herzlichst
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 16.3.1915


Jolles, Berlin-Halensee
Kurfürstendamm Nr. 130III

Feldpostkarte
nach Oesterreich-Galizien.
An den Landsturmingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art. Werkstätte
der Festung Krakau
Feldpost Nr. 186.
Berlin-Halensee, d. 16. III. 15
Lieber Herr Wittgenstein,
Also Sie wollen wieder an die Front, glauben Sie nicht bei Ihren technischen Fähigkeiten mehr in der
Werkstätte nützen zu können? Hoffentlich ist vor der Ausführung dieses Entschlusses der schon angekündigte
Schokoladenbrief bei Ihnen eingetroffen, so daß Sie gegen Verhungern geschützt sind! Jedenfalls bitte ich gleich um
Mitteilung, wann Sie Krakau verlassen und wie Ihre neue Adresse lauten wird.
Mit den besten Wünschen u. Grüßen
Ihr alter
Stanislaus Jolles.
VON ADELE JOLLES, 20.3.1915
Prof. Jolles - Berlin Halensee
Kurfürstendamm Nr. 130

Feldpost Nº 186
An den Herrn Ludwig Wittgenstein
Art. Werkstätte der Festung Krakau
Oesterr. Galizien
Berlin-Halensee
130 Kurfürstendamm
20. 3. 15.
Sie hüllen sich in Schweigen; d.h. bis auf die Karte an m. Mann. Den Abgesang konnte ich nicht
fortschicken; er war gewogen u zu schwer befunden. Wir mussten ihn also selbst verzehren u dabei stellte ich fest,
dass er recht schlecht schmeckte. Ich kann nur hoffen, dass der zweite Stollen besser war (der erste stammte noch
aus der seligen Weizenmehlzeit) als der Abgesang. In folge dessen zögere ich Ihnen diesen kulinarischen Genuss
zukommen zu lassen. Oder soll ich quand même? - Hoffentlich führen Sie Ihren Entschluss zur Front zu gehen nicht
aus; dort sind Sie einer unter sehr Vielen, u keiner der Kräftigsten, hier füllen Sie Ihren Platz sicherlich mehr als aus.
Besten Gruss AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 25.3.1915


Jolles, Berlin-Halensee
Kurfürstendamm 130III

Feldpostkarte
nach Oesterreich-Galizien
An den Landsturm-Ingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art. Werkstätte
der Festung Krakau
Feldpost Nr. 186
Berlin-Halensee, d. 25 /III 15
Lieber Herr Wittgenstein,
Packete über 250gr. werden an das Oesterr. Feldheer nicht angenommen, also bleibt's bei den alten kleinen
Sendungen. Ein Pfundpaket meiner Frau, welches heute an Sie abgehen sollte, wurde aus diesem Grunde
zurückgewiesen. - Nun ist Przemysl nach tapferer Gegenwehr auch gefallen, für meine Frau, die in P. an einer Fabrik
beteiligt ist, ist das ein schwerer Schlag, den sie aber mit Fassung hinnimmt. Hoffentlich gelingt es den verbündeten
Truppen das arme geplagte Galizien im Laufe des Frühlings zu befreien.
Ihnen alles gute wünschend
Ihr alter
Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 6.4.1915


Jolles, Berlin-Halensee
Kurfürstendamm Nr. 130III

Feldpostkarte
nach Oesterreich-Galizien
An den Landsturmingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art. Werkstätte der Festung
Krakau
Feldpost Nr 186
Berlin-Halensee, d. 6. 4. 15.
Kurfürstendamm 130III.
Lieber Herr Wittgenstein,
Wie ich aus Ihrer soeben eingetroffenen Karte an meine Frau vom 28.3. ersehe, werden Sie also weiter in
Krakau bleiben. Sind Sie weiter mit der Ausbesserung von Automobilen beschäftigt? Leider habe ich in letzter Zeit
keinen Schokoladenbrief an Sie absenden können, hoffe aber nächstens wieder meine "Fettkur" bei Ihnen fortsetzen
zu dürfen. Ich hätte nie vermutet, welch' geringe Mengen genügen, um einen stabförmigen Körper in die Idealgestalt
einer Kugel zu verwandeln. Meine Frau hatte bessere Tage, und konnte mehr gehen, ich finde sie auch besser
aussehend. - Das Wetter ist hier seit 2 Tagen wärmer, und auch in den Karpathen wird der Schnee bald weichen,
somit werden dort bald entscheidende Kämpfe eintreten. Herzlichst
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 8.4.1915


Prof. Dr. Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130III

Feldpost N° 186
An Herrn Ludwig Wittgenstein
Landsturmingénieur
Art. Werkstätte
der Festung
Krakau
Oesterr. Galizien
8. 4. 15 Berlin-Halensee
130 Kurfürstendamm
Lieber Herr Wittgenstein, vorgestern bekam ich eine Karte v. 28/3 in der Sie mir für die meine danken u
gestern eine Karte v. 4/4 in der Sie sich über mein wochenlanges Schweigen beklagen. Also wie geht dies zu? - Ich
bin so ärgerlich; man nimmt mir meine Pfundpaketchen an Sie nicht mehr an, weil plötzlich seit einiger Zeit nur
noch 1/2 .£. P. nach Oesterr. zulässig sind. - Ich schreibe selten, weil Sie selten u stereotyp die wenigen gleichen
Worte ung. schreiben - man hat dann das Gefühl, dass Sie sich für das was man schreiben könnte, kaum
interessiren. - Ueberdies giebt es so viel Schweres. - Haben Sie über Ihren Bruder Nachrichten? - Es freut mich, dass
Sie nicht an die Front gehen, sondern an dem Platz bleiben, den Sie so gut auszufüllen vermögen. Auch Ihrer Frau
Mutter wegen. - Wird Ihnen die Disciplin nicht schwer? od. merken Sie nicht viel von ihr? - Hören Sie noch
manchesmal Musik? - Lebensmittel sollen schwer erlangbar sein in Krak. - Ich nehme an, Sie bekommen vom
Hause regelmässige Sendungen?
Viele Grüsse u Alles Gute
AJ.
Brauchen Sie etwas?

VON STANISLAUS JOLLES, 16.4.1915


Jolles, Berlin-Halensee
Kurfürstendamm Nr. 130III
Feldpostkarte nach
Oesterreich-Galizien
An den Landsturm-Ingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art. Werkstätte d. Festung
Krakau
Feldpost Nr. 186.
Berlin-Halensee, d. 16. 4. 15.
Lieber Herr Wittgenstein,
Sie sind doch ein Sakramenter, im Schweiße meines Angesichts habe ich Sie endlich dazu gebracht, das
Datum auf Ihren Postkarten zu vermerken, und nun setzen Sie sich schon wieder über den Zeitbegriff hinweg! - Als
was sollen Sie denn in der Nähe oder an der Front "in die Erscheinung treten". Gibt's da auch Automobile
auszubessern, oder sollen bisher verborgene strategische Fähigkeiten entwickelt werden? - Es scheint so, als ob die
Russische Karpathenoffensive im Zusammenbrechen ist, vielleicht gelingt's dann auch noch die besetzten Teile
Galiziens zu befreien! - Meiner Frau gehts's in der letzten Zeit besser, sie hat Ihnen kürzlich ausführlich geschrieben.
Herzlichst
Ihr alter
Stanislaus Jolles.
VON ADELE JOLLES, 1.5.1915
Prof. Dr. Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130III
Oesterreichische

Feldpost N° 186
Ueber Oderberg
Herrn Landsturmingénier
Ludwig Wittgenstein
Art. Werkstätte
der Festung
Krakau
Oesterr. Galizien
Berlin-Halensee
130 Kurfürstendamm
1/5 15
Weshalb hört man nichts von Ihnen? Ihre letzte Karte hatte ich gleich beantwortet u gebeten mir meine
Fragen dito zu beantworten. Konserven sind in Oesterreich, wie man sagt, nicht so gut zu haben wie hier - brauchen
Sie etwas? Man schrieb mir aus Krakau es soll schwer sein alle Nahrungsmittel zu bekommen. Stimmt das? -
Nehmen Sie nicht auch einmal Urlaub?
Viele Grüsse
AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 4.5.1915


Jolles, Berlin-Halensee
Kurfürstendamm Nr. 130

Feldpostkarte
nach Oesterreich-Galizien
An den Landsturm-Ingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art. Werkstätte der Festung
Krakau
Feldpost Nr. 186.
Berlin-Halensee d. 4/5 15.
Lieber Herr Wittgenstein,
14 Tage war Ihre soeben eingetroffene am 22/4 abgesandte Karte unterwegs! Es ist mir sehr leid, daß Sie
Unannehmlichkeiten durchmachen müßen, aber man ist halt in das Leben geschickt, damit man sich in das Leben
schickt! Um Ihnen die Gegenwart zu versüßen, werde ich gleichzeitig wieder einen Schokoladenbrief an Sie abgehen
lassen.
Gestern leuteten hier die Glocken und Fahnen wurden herausgehängt, ein großer Sieg in den Karpathen soll
durch Mackensen erfochten worden sein. Möge das arme Galizien bald von den Russen befreit sein!
Mögen bei Eintreffen dieser Karte alle Unannehmlichkeiten für Sie verschwunden sein
Herzlichst
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 17.5.1915


Jolles, Berlin-Halensee
Kurfürstendamm 130
Feldpostkarte nach Galizien

An den Landsturm-Ingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Artillerie-Werkstätte der
Festung
Krakau
Feldpost 186.
Berlin-Halensee d. 17. V. 15.
Lieber Herr Wittgenstein,
Daß es Sie an die Front drängt, kann ich nur zugut verstehen, ebensogut verstehe ich aber, daß man einen
technisch versierten Mann - so sagt man wohl bei Ihnen - in der Reparaturwerkstätte festhält. - Mackensens
Durchbruch und das Nachdrängen der übrigen Heere halten noch immer die Russen "im Laufenden". Will's Gott
kommen Sie auch nicht so bald zur Ruhe! Was sagen Sie zu den "Gemütsmenschen" in Italien, ist da das ganze
Volk geistig und moralisch korrumpiert? Das Italienische Heer hat ja seit Custozza mit rührender Konstanz
eigentlich stets Prügel bezogen, so daß Ihnen verhauen zu werden mit der Zeit zur Gewohnheit werden müßte. Ich
hoffe zu Gott, wir werden sie in dieser Gewohnheit nicht stören. Amen.
Herzlichst
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 25.5.1915


Prof. Dr. Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130III
K. K.
Feldpost N° 186

An den Herrn Landwehringénieur


Ludwig Wittgenstein
Art. Werkstätte
der Festung
Krakau
Oesterr. Galizien
Berlin-Halensee
130 Kurfürstendamm
25. 5. 15.
Lieber Herr Wittgenstein, vor ung. einer Woche hat ein freundlicher Postbeamte meine Ausdauer belohnt u
das seiner Verpackung entblöste um es zu erleichtern 4 Mal refüsirte Paketchen angenommen. Allerdings in Eile u
ohne es näher anzusehen u ohne es zu wiegen. Da aber in Oesterr. immer noch nur 1/2 £ Pakete zugelassen sind,
wird es Sie wohl nicht erreichen. - Es freut mich sehr, dass Sie von Ihrem Bruder gute Nachrichten haben. Frau
Morgenrot-Scheid sagte seinerzeit, er wäre in Russl. operirt worden. War das wahr? Darum fragte ich immer wieder
nach ihm. Andererseits sagte sie, er würde bald zurückkehren. Frau Scheid hat ihren Mann aus Krakau krank
abgeholt. Es geht ihm aber wieder gut. Bekommen Sie Besuch aus Wien?
Viele Grüsse u alles Gute
AJ.

VON ADELE JOLLES, 16.6.1915


Prof. Dr. Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130III

Oesterr.
Feldpost 186
An den Landsturm Ingénieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
Art. Werkstätte
der Festung
Krakau
Oesterr.-Galizien
16. 6. 15.
Lieber Herr Wittgenstein, und weshalb hört man nichts von Ihnen? es ist sehr lange her, dass wir
Nachrichten hatten. Mein Jampot ist augenscheinlich nicht zu Ihnen gelangt; möge er alle Qualen der Hölle im
Magen des ehrlichen Stehlers verursachen. Amen. Und meine Karte?
Viele Grüsse
AJ.

VON ADELE JOLLES, 19.6.1915


Prof. Dr. Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130III

Feldpost Nº 186
An den Herrn Ludwig Wittgenstein
Landsturm Ingénieur
Art. Werkstätte
der Festung
Krakau
Oesterr. Galizien
Berlin-Halensee
19. 6. 15.
LHW. unsere letzten Karten haben sich gekreuzt, od. wie ein witzig sein wollender Vetter schreibt,
gekreuzigt. Ich hatte die gleiche Frage an Sie gerichtet, weshalb man gar nichts seit unvordenklichen Zeiten von
Ihnen gehört hat. Sowohl die Kirschmarmelade, wie die sie begleitende Postkarte haben Sie demnach nicht erreicht.
Möge der Dieb an ihr "dersticken". - Welcher Art Unannehmlichkeiten haben Sie denn? Dass Sie sie haben tut mir
leid, dass Sie aber so tapfer ausharren ist famos, u freut mich aufrichtig. Bekommen Sie keinen Urlaub?
Herzlichst AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 19.6.1915


Jolles, Berlin-Halensee
Kurfürstendamm Nr. 130III

An den Landsturm-Ingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Artillerie-Werkstätte der Festung
Krakau
Oesterreich-Galizien
Feldpost Nr. 186.
Berlin-Halensee, d. 19. VI. 15
Lieber Herr Wittgenstein,
Nun wenn Sie an eigenen Arbeiten weiter schaffen können, wird ja das unangenehme was Sie
durchzumachen haben nicht all zu schlimm sein. Und Unannehmlichkeiten bietet leider das Leben immer, und je
älter man wird, um so mehr empfindet man sie! Damit Ihnen das Leben "versüßt" wird, soll dieser Karte gleich ein
Schokoladenbrief folgen, dessen Inhalt, von Ihnen in guter Laune empfangen und verzehrt werden möge! An der
Hochschule wird der Betrieb noch immer aufrecht erhalten, aber fast jede Woche müssen Hörer dem Rufe zur
Waffe folgen. - Bei uns geht's ganz leidlich, jedenfalls macht meine Frau mit Gottes Hülfe jetzt bessere Zeiten durch.
Ihnen alles gute
Ihr alter
Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 28.7.1915


Prof. Dr. Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130III

Feldpost N° 186
Art. Werkstätte der
Festung Krakau
An den Landsturmingénieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
Festung
Krakau
Oesterr.
Galizien
28. 7. 15.
Lieber Herr Wittgenstein
wir haben seit sehr langem nichts mehr von Ihnen gehört; unsere letzten Karten haben Sie gar nicht mehr
beantwortet; das jam wahrscheinlich nicht erhalten. Bitte, schreiben Sie gleich nach Erhalt dieser Zeilen wie es Ihnen
geht. Frl. Kammerer dankt für Ihre Grüsse u erwiedert sie bestens. Herzliche Grüsse
AJ.

VON ADELE JOLLES, 12.8.1915


Berlin-Halensee
130 Kurfürstendamm
12. 8. 15
Lieber Herr Wittgenstein, endlich nach sehr vielen Wochen ein Lebenszeichen von Ihnen, das leider meine
Befürchtung bestätigt. Von Herzen hoffen wir, dass der Unfall, der Ihnen zugestossen völlig ohne böse Folgen
bleiben wird. 3 Wochen Urlaub, nach über einem Jahr Dienst u dazu nach einer Verwundung u Erkrankung ist
wirklich etwas wenig.
Übrigens: gerade als Ihr Brief eintraf war ich im Begriff mich nach Ihrem Befinden telegraphisch in Krakau
zu erkundigen. Ich hätte es schon neulich getan, nur wusste ich nicht, ob für Sie Feldposttelegramm das man nur in
d. Franz. Str. aufgeben kann oder gewöhnliches Telgr. galt. - Unsere Mühle ist leider stark in Mitleidenschaft
gezogen. Maschinen z.T. zerstört, Treibrieben entfernt -, vielleicht als Goulasch gegessen - In den Magazinen eine
Sintflut von Schmutz - es waren Lazarette drin - Dafür hat der [...] bei uns gewohnt! Nach seiner Abreise ist bis auf
die herausgerissenen Parkettfussböden alles - die unseren Compagnon gehörige sehr schöne Einrichtung vor allem -
mitgenommen worden. - Wir reisen in einigen Tagen irgendwohin schwanken noch zwischen Marienbad, Bayern u.
Johannisbad in Böhmen.
Hoffentlich ist die Erkrankung Ihrer Frau Mutter schon behoben u Sie können noch etwas aufs Land.
Wahrscheinlich kommen wir demnächst auch nach Wien, dann werden Sie wohl aber schon fort sein.
Herzliche Grüsse u alles Gute
AJ.
Briefe richten Sie vorläufig hierher u lassen Sie recht bald wieder hören wie es Ihnen geht.

VON STANISLAUS JOLLES, 12.8.1915


Prof. Dr. Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130III

Herrn Ludwig Wittgenstein


Landsturm Ingenieur
Wien
XVII Neuwaldegger Str. 38
Berlin-Halensee, d. 12. VIII. 15.
Lieber Herr Wittgenstein,
Man soll nie Hypothesen aufstellen, tut man's fällt man hinein. Also als von Ihnen trotz unserer Nachrichten
jede Antwort ausblieb, beruhigte ich meine Frau mit dem Orakelspruch. "W. ist eingelocht, Du weißt d. junge Mann
kann heftig werden, und da das beim Militär untersagt, haben sie ihn doch zur Beruhigung in's Arrest gesteckt. Er hat
mir in letzter Zeit häufig von Unannehmlichkeiten geschrieben, die ihm zugestoßen sind, u. Du wirst sehen, ich rate
richtig." Nun haben Sie meinen Ruf als zukünftige Pythia durch Ihren heutigen Brief völlig zu nichte gemacht!
Lieber wäre mir auch jetzt noch, ich hätte recht, und Sie säßen wohl und munter im Arrest, statt an einem
Nervenshock und an einem geplatzten Trommelfell zu laborieren. Mensch, was machen Sie für Sachen, lassen Sie
von nun an die Finger von stabförmigen Dingen im Schmiedefeuer! Ob ich was von Mathematik verstehe, weiß ich
nicht, die Zweifel darüber häufen sich je älter man wird, aber was das Gehör betrifft, so wissen Sie ja, habe ich leider
viele langjährige Erfahrung, und vor Schwerhörigkeit müssen Sie sich bewahren. Gehen Sie zu einem erfahrenen
Ohrenspezialisten, und fragen Sie, ob Ihr kaputtes Trommelfell in Ordnung gebracht werden kann, Sie sind ja noch
ein Embrio von Jahren, da kann ev. Heilung eintreten. Daß Sie personifiziertes Nervenbündel dabei noch einen
Nervenshock davon tragen mußten, ist rechtes Pech! Und nun finden Sie während Ihres Erholungsurlaubes in Wien
Ihre Frau Mutter krank! Sie sind in den letzten Jahren zu meiner Freude nerven kräftiger geworden, somit hoffe ich
über Ihr Befinden bald gutes von Ihnen zu erfahren. Ihrer Frau Mutter wünsche ich von Herzen baldige
Wiederherstellung!
Herzlichst
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 28.9.1915


Frau Geheimrat Jolles
130 Kurfürstendamm

Oesterreichische Feldpost N° 12
Herrn Landsturm Ingénieur
Ludwig Wittgenstein
Art. Werkstättenzug N° 1
Berlin-Halensee
Kurfürstendamm 130
28. 9. 15
L. H. W. Wo Sie wohl stecken mögen? Wo es auch sei, hoffe ich herzlich, dass es Ihnen gut geht. Hier haben
wir leider eine grosse Erbitterung auf meine Landsleute - ich meine nicht die Polen - vorgefunden. Die schlimmsten
dabei sind solche, die selbst früher zu ihnen zählten. Ich muss in zwei Tagen wieder fort, zu meiner armen
Schwägerin, die leider sehr schwer krank ist. Schreiben Sie bald.
Herzlichst AJ.
Die [...] haben wir auf d. Durchreise besucht - vielen Dank.
Wie geht es Ihrer Frau Mutter?

VON STANISLAUS JOLLES, 29.9.1915


Jolles.
Berlin-Halensee, Kurfürstendamm 130III

Feldpostkarte nach Oesterreich!


An Herrn Landsturmingenieur Wittgenstein
K. u. k. Art. Werkstättenzug I.
Feldpost Nº 12
Berlin-Halensee, Kurfürstendamm 130III
d. 29. Sept. 15
Lieber Herr Wittgenstein,
Also mein viel besseres Ich hatte recht, als es mir abriet, [...] Ihre Adresse zu senden. Mir hat sein Brief auch
nicht gefallen, aber es ist nun halt in dieser Welt so, daß die Menschen "sich dankbar und gern an einen erinnern",
wenn man für sie gerade brauchbar ist. Um so mehr freut man sich mit denen, die einem von Herzen zugetan sind!
Ich habe übrigens [.]. in meiner Antwort darauf aufmerksamgemacht, daß er als Reichsdeutscher doch unmöglich in
Oesterreich dienen könnte. Wir sind seit 3 Tagen wieder zu Haus und da trifft eine Hiobspost nach der andern ein,
und es heißt ruhigen, kalten Kopf bewahren, besonders in dieser gewaltigen Zeit. Sind Sie Ihrem neusten Grundsatz
treu geblieben nicht zu schimpfen und räsonnieren? Daß es bei Ihnen "in die Erscheinung treten würde", wäre mir
nicht im Traume eingefallen, um so mehr habe ich mich darüber gefreut. Aber ihn einzuhalten, das werden Sie schon
merken, ist gar schwer, ich merk's an mir! So Gott will können Sie uns recht bald gutes von sich schreiben,
Schokoladenbriefe sind augenblicklich inhibirt mit Ihrer Mastkur muß ich also warten. Herzlichst
Ihr alter
Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 5.11.1915


Stanislaus Jolles
Berlin-Halensee, Kurfürstendamm 130III

Feldpostkarte nach Oesterreich!


An den Landsturmingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art. Werkstättenzug: 1
Feldpost: 12.
Berlin-Halensee, d. 5. XI. 15
Lieber Herr Wittgenstein,
Endlich ein Lebenszeichen, wir waren schon Ihrethalben ganz unruhig! Leider trifft Ihre Karte meine Frau
nicht in Berlin an, sie weilt schon seit beinahe 5 Wochen in Ebenhausen b. München, Sanatorium, wohin sie meine
kürzlich entschlafene letzte Schwester gleich nach unserer Rückkehr berufen hat. Nun hilft sie noch einige Tage der
ledigen Tochter über die schwerste Zeit weg. - Warum haben Sie solange gar nichts von sich verlauten lassen, das ist
garnicht nett von Ihnen! Lassen Sie doch mal hören, wo Sie stecken u. wie es Ihnen geht; damit [Sie] zu einem
längeren Erguß mehr Mut bekommen, sende ich gleichzeitig zur Hebung Ihrer Körperkräfte den früher üblichen
Schokoladenbrief!
Herzlich
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 6.12.1915


Frau Geheimrat Jolles
Berlin-Kurfürstendamm 130

Feldpost N° 12
An Herrn Landsturmingénieur
Ludwig Wittgenstein
Art. Werkstättenzug N° 1
Feldpost Nº 12
6. 12. 15
Berlin-Halensee
130 Kurfürstendam
Lieber Herr Wittgenstein, ich habe keine Ahnung ob Sie meine Nachrichten aus Bayern erhalten haben - Ihre
letzte Karte, in der Sie sich über das Fehlen von Nachrichten beklagten ist uns dorthin nachgesandt worden. Nach
langer Zeit das erste Lebenszeichen von Ihnen dem bislang kein neues gefolgt ist. Ich habe Ihnen wiederholt
geschrieben. Schreiben Sie sofort nach Erhalt dieser Zeilen, damit ich weiss ob Sie erreichbar sind, dann kann ich
Ihnen auch mal wieder etwas "schwedisches Brot" schicken - oder haben Sie sonst etwas nötig? Alles Gute u
herzliche Grüsse
AJ.
Das Klavierquintett habe ich neulich gehört - schlechthin fabelhaft! Dass Sie nicht dabei sein konnten! Von
Sch[...] gespielt.
Ich schicke diese Karte via Wien. vielleicht hat sie mehr Chance.
Um Ihre Fragen im Voraus zu beantworten: Uns geht es nicht schlecht u Frl. Kammerer ist in München.

VON ADELE JOLLES, 27.12.1915


Frau Geheimrat Jolles
Kurfürstendamm 130

Oesterr. Feldpost N° 12
An Herrn Landsturmingénieur
Ludwig Wittgenstein
Art. Werkstättenzug N° 1
Berlin-Halensee 27. 12. 15.
LHW. endlich haben Sie die über Wien gesandte Karte erhalten; u die mit Frl. Kammerer gemeinsam
geschriebene die sie von München wegschicken wollte? - Einen Versuch mit schwedischem Brod werde ich
machen, so wie die augenblicklich nicht zugelassenen Feldpakete wieder angenommen werden. - Wo u Wie haben
Sie Weihnachten verbracht? u Wann werden Sie Ihre Vierundzwanzigstundenundnichtlängerbesuche wieder
aufnehmen können. Ja wann! - Meine Tochter hat mir - in Vertretung - die Tragische Ouverture geschenkt. Das
Klavier gibt leider den Bläserklang nicht wieder, der so besonders charakteristisch u schwermütig ist. Uebrigens -
manchesmal reiner "Manfred" u manchesmal sogar Wagneranklänge - eine Seltenheit bei Brahms. Aber schön! u
Wassagensie dazu. - Wer weiss, wie Sie Musikbetrachtungen anmuten! u wo sie Sie treffen. Hoffentlich gesund u
guten Mutes.
Herzlich AJ.

VON ADELE JOLLES, 8.1.1916


LHW. früher konnte man sich zum mindesten über Sie weidlich ärgern wenn keine Nachrichten kamen -
Jetzt weiss man nie was ankommt u was verloren oder nicht ausgeliefert wird. Ich versuche es mal wieder mit Ihrem
geliebten schwedischen Brod - ohne Butter schmeckt es nicht u wer weiss, ob Sie die haben. Gern würde ich das
Brot mit Butter - trotz der Butternot! - bestreichen - aber wer weiss wann Sie es kriegen u dann würde sie schlecht
werden. Können Sie denn nicht ein mal ein paar vernünftige Worte schreiben, wie wo u was? man weiss so gar
nichts über Sie. Hoffentlich geht es Ihnen gut. Haben Sie Frl. Kammerers Karte erhalten? Die einzige Nachricht die
Ihnen von mir zugekommen, war die Karte über Wien. Bekommen Sie das Brot u ich Ihre Bestätigung - Ihre Karten
scheinen ja anzukommen - so sollen Sie auch wieder etwas Besseres geschickt bekommen. Haben Sie alles was Sie
brauchen?
Alles Gute
herzlichst
AJ.
8. I. 16

VON ADELE JOLLES, 2.2.1916


Frau Geheimrat Jolles
130 Kurfürstendamm Berlin

Österreichische Feldpost N° 12
An Herrn Landsturmingénieur
Ludwig Wittgenstein
Art. Werkstättenzug N° 1
2/2 16
L.H.W. es scheint, dass Sie meine letzte, vor ung. 4 Wochen geschriebene, Antwort auf Ihre Karte nicht
erreicht hat; desgleichen nicht das versprochene schwedische Brot. Es ist ein Kreuz mit der Correspondenz m.
Oesterreich in diesem letzten Halbjahr. Ich wollte Ihnen so gern wieder einen Stollen schicken - da aber das Brot
nicht angekommen, hat ja leider das Schicken keinen Zweck. Sollte Sie diese Karte doch erreichen, so antworten Sie
wenigstens gleich; etwas Autobiographie könnte nicht schaden dabei, ausser dem Gruss an Frl. K!
Frl. Kamm. Karte an Sie ist zurückgekommen.
Viele Grüsse
AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 8.2.1916


Stanislaus Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130.

An den Landsturmingenieur
Herrn L. Wittgenstein
K. u. K. Art. Werkstättenzug
"Oblt. Gürth"
Feldpost N° 12
Berlin-Halensee, d. 8.II.16
Lieber Herr Wittgenstein,
Nach wochenlangem Schweigen trifft endlich von Ihnen Nachricht ein, wir waren Ihrethalben schon unruhig
geworden. Fräulein Kammerer hatte Ihnen geschrieben, ihr Lebenszeichen wurde ihr aber als unbestellbar wieder
zugestellt! Sie hat Berlin endgültig verlassen, und wohnt in München zusammen mit ihrer Schwester Karla. - Das es
Ihnen gesundheitlich nicht sehr gut geht, ist mir herzlich leid, hoffentlich ist das Ungemach bald vorüber!
Mit herzlichem Händedruck
Ihr alter
Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 24.2.1916


Stanislaus Jolles
Berlin-Halensee
Kurfürstendamm 130III

An den Landsturmingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Artillerie
Werkstättenzug "Oblt. Gürth"
Feldpost 12
Berlin-Halensee, d. 24. II. 16.
Lieber Herr Wittgenstein,
Eben trifft Ihre Karte vom 20. l. Ms. ein; Menschenkind, was fehlt Ihnen eigentlich, Sie schreiben immer nur,
es geht nicht gut. Jedenfalls wünsche ich Ihnen baldiges Genesen, und wenn Wünsche helfen könnten müßten Sie
längst gesund sein! Kann ich Ihnen denn mit irgend etwas von Nutzen sein, Sie machen uns doch nur eine Freude,
wenn wir Ihnen etwas senden können. Sei es für den körperlichen oder geistigen Magen!
Also, kurz, schreiben Sie bald einige "vernünftige" Worte.
Ihr alter
Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 6.3.1916


Stanislaus Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130.

Feldpostkarte nach
Oesterreich!
An den Landsturmingenieur
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Art. Werkstättenzug "Oblt. Gürth"
Feldpostamt
12
Bln-Halensee, d. 6. III. 16.
Lieber Herr Wittgenstein,
Ihre an uns gerichteten Karten v. 1. III sind soeben eingetroffen. Daß Sie Ihr altes Darmleiden wieder plagt,
ist mir sehr schmerzlich. Hoffentlich geht Ihre Erwartung in Erfüllung, daß ein Ortswechsel heilend einwirkt. Nun
weiß ich garnicht, was ich Ihnen eventuell senden könnte. Dürfen Sie Schokolade oder leichtes Gebäck essen?
Jedenfalls erbitte recht bald wieder einige Zeilen, aus denen ich ersehen kann, wie Sie sich befinden.
Mit besten Wünschen für Ihre Gesundheit
Ihr alter
Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 21.8.1916


Frau Adele Jolles
Berlin-Halensee Kurfürstendamm 130

K. u. K. Oesterreichische Feldpost N° 12
An Herrn Kriegsfreiwilligen
Ludwig Wittgenstein
früher Feldkanonenzug, N° 2
Feldhaubitzen-Regiment Nr. 5
4. Batterie
21. 8. 16
L. H. W.
Meine letzte Karte u ein kleiner Karton m. Bretzeln scheinen Sie nicht erreicht zu haben. Es sollte ein ballon
d'essai sein um etwas besseres folgen zu lassen. - Wie mag es Ihnen gehen? u wo soll man Sie in Gedanken suchen?
- Von allen unsern Bekannten wissen wir es ungefähr - von Ihnen leider so gut wie gar nichts. Jedenfalls - wo Sie
auch sein mögen, begleiten Sie unsere herzlichen Wünsche. Wie geht es Ihrer Frau Mutter? Haben Sie seit vergang.
Jahre noch nicht wieder Urlaub gehabt?! Während ich dies schreibe, begleitet mich das Klarinettenquintett u will
Ihnen auch schöne Grüsse bringen.

VON ADELE JOLLES, 27.8.1916


Frau Adele Jolles Berlin-Halensee
Kurfürstendamm 130

K. u. K. oesterreichische Feldpost Nº 72
An Herrn Kriegsfreiwilligen
Ludwig Wittgenstein
(früher Feldkanonen
Regmt. N° 2)
Feldhaubitzen-Regiment Nr. 5
Batt. 4.
Berlin-Halensee
27. 8. 16.
L. H. W. nach Ihren letzten l. Zeilen, haben Sie wieder von allen meinen Karten nichts erhalten! ebensowenig
das Paketchen. Es ist scheusslich, - u ich kann Ihnen deshalb nichts schicken. Erhalten Sie denn was Ihnen von zu
Hause geschickt wird? Menschenskind, haben Sie denn seit vergangenem August noch nicht wieder Urlaub gehabt?
Ich habe schon so oft darnach gefragt. - Ach Gott, was wollen wir nur alles spielen, wenn Sie erst wieder her
kommen - notabene wenn ich bis dahin noch Noten lesen u Finger bewegen kann. Und verstehe ich Sie recht - Sie
wollen die "dritte, siebente u neunte" haben - Beethoven??!! haben Sie sich so gemausert?
Alles Gute mit Ihnen
herzlichst AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 21.2.1917


Stanislaus Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130.

An den Fähnrich
Herrn Ludwig Wittgenstein
K. u. K. Feldhaubitzenregiment Nr. 5/4
Feldpost Nº 286
Bln-Halensee, d. 21. II. 17
Lieber Herr Wittgenstein,
Endlich eben trifft nach mehrmonatlichem Schweigen von Ihnen Nachricht ein. Gott sei Dank, daß man
endlich von Ihnen ein Lebenszeichen erhält, aber nun bitte, an Ihre alten Freunde mehr als "Herzlichste Grüße", wir
möchten doch gern auch wissen, wie es Ihnen geht. An welcher Front sind Sie, und wie ist es Ihnen in den letzten
Monaten ergangen? Bei uns geht es ganz gut.
Herzlichst
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 5.3.1917


Berlin-Halensee
130 Kurfürstendamm
5/3 17.
Lieber Herr Wittgenstein, nach monatelangem Schweigen sandten Sie uns kürzlich eine Karte; ich habe mich
nicht veranlasst gesehen sie durch eine Epistel, die Sie nicht erreichte - ob Sie sie auch erhielten - zu beantworten.
Heute kommt Ihr "Brief" - u auch der gäbe keinen Anlass zum Schreiben; in ihm lag jedoch ein kleines Bildchen.
Nun, ich weiss bis heute nicht, ob Sie die Ihnen seinerzeit gesandten kleinen Photographien auch nur erhalten haben
- also auch kleine Photographien sind kein dringender Grund für Briefanworten. Aber dieses Bildchen zeigt einen
Ausdruck, der mir so zu Herzen ging, dass ich in Gedanken Ihnen über das etwas zerzauste Haar fuhr u "armer
Junge" sagen musste. Sind es nur die Strapazen u Entbehrungen die Sie so verhärmt erscheinen lassen, oder ist es
inneres Erlebnis - ich weiss es nicht u frage keine unbeantworteten Fragen mehr.
Aber einige Zeilen musste ich Ihnen doch senden u "herzlichste Grüsse" dito
AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 31.3.1918


Stanislaus Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130.
An Herrn Leutnant
Ludwig Wittgenstein
K. und k. Gebirgsartillerie Regiment Nr. 11
Kanonen-Batterie Nº 1
K. u. k. Feldpostamt 424
Bln.-Halensee, d. 31. III. 18.
Lieber Herr Wittgenstein,
Nach vielen Monaten erhalten wir soeben Ihre Karte v. 23. l. Ms.; ich freue mich von Herzen, daß Sie laut
diesem lakonischen Lebenszeichen sich noch hinnieden befinden und überlasse Ihnen das Amt, sich tüchtig
abzukanzeln; Man läßt Freunde nicht solange in Sorge, zumal es an diesen nicht mangelt. Meine Frau ist aber bös
und wird wohl nicht antworten!
Jetzt sieht's bei uns wieder ganz gut aus, aber kurz nach Jahresanfang waren wir Lazarett. Erst lag meine
Tochter an einer leichteren und dann meine Frau an einer schweren Lungenentzündung darnieder. Das Fieber, und
was eben so schlimm ist, der Arzt oder die Ärzte wollten 6 Wochen nicht weichen. Alle solche Krankheiten werden
bei den jetzigen Ernährungsverhältnissen eben bösartiger als früher! Mir geht's, wie's einem sechziger - das bin ich
letztes Jahr geworden - gehen kann. Um sich von der gewaltigen Zeit nicht erdrücken zu lassen, schaffe ich mit
Volldampf eine Arbeit nach der andern, aber die geistige Entbindung ist nicht mehr die alte. Aber Ihr alter Freund
bleibe ich, trotzdem auch ich Ihres Schweigens halber auch endlich böse sein müßte!
Herzlichst
Ihr Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 1.6.1918


Berlin-Halensee
130 Kurfürstendam 1/6 18
Also: Sehr werter Herr Wittgenstein
obwohl es verkehrt ist jemandem zu schreiben, der Briefe so geringschätzt u auch den oberflächlichsten
Briefwechsel offenbar ablehnt tue ich es heute, nach fast einjähriger Pause, wieder: zur Richtigstellung. Ich habe erst
nachträglich erfahren, dass m. Mann Ihnen geschrieben ich wäre "böse". Sonst hätte ich ihn gebeten meiner nicht zu
erwähnen. Wozu auch. Ueberdies, ich bin nicht böse, nicht einmal verwundert. - Ich begreife uebrigens wohl, dass
dieser Krieg manch einem die Rede verschlagen kann; aber, um doch auch einmal eine berliner Redeweise
anzuwenden: Alles mit Unterschied. Ihre Voraussetzung aber, es dürfte mir bekannt sein, dass es jetzt gar
mancherlei Ursachen gibt, die einen ganz vom Schreiben abhalten können, - also dauernd wie Sie - trifft nicht zu. Im
Gegenteil. Leute die draussen stehen u früher nie geschrieben, tuen es jetzt unter oft rührenden Umständen u Sie
sind, wie so oft, ein Einzelfall.
Es wäre nur zu wünschen, dass manche verantwortungsvollere Stellen gleich verschwiegen wären wie Sie! u
manche wichtige Operation in ebenso absolutes Dunkel hüllten, wie Sie Ihre Person.
Im uebrigen hoffe ich herzlich, dass es Ihnen gut geht. - Vielleicht wird es Sie interessiren, dass die armen
Herkners den einzigen Sohn im Westen verloren haben. Er soll ein matematisches Genie gewesen sein
Mit freundlichen Grüssen
Adele Jolles
Ich lege ein Feuilleton bei, dass in Manchem ganz treffend, stellenweise aber nicht recht verständlich ist.
Vielleicht interessirt es Sie. -

VON ADELE JOLLES, 4.8.1918


Abs. Jolles Villa Hertha
Bad Landeck
Schlesien

Oesterreichische Feldpost N° 386


Herrn Leutnant
Ludwig Wittgenstein
Kanonenb. N° 1
K. u. k. Gebirgsart.reg. 11
Berlin-Halensee
130 Kurfürstendamm
4/8 19
Ich hatte Ihnen im Mai geschrieben u Ihnen ein Feuilleton beigelegt u hätte gern gewusst, ob mein Brief Sie
erreicht hat und wie es Ihnen geht. Im September werden wir wahrscheinlich in Wien sein (um den 15ten) Unsere
Adresse dort ist immer bei Herrn von Loewenstein in Fichteg. 5 zu erfragen. Tel.
In der Hoffnung, dass Sie gesund sind grüsst Sie
AJ.
Frl. Kammerer hat sich neulich nach Ihnen erkundigt; ich konnte ihr aber Nichts sagen. Ich kann nicht besser
schreiben, einer Gelenkentzündung wegen. Bad Landeck Schlesien. Villa Hertha. Ich bin hier ganz allein. 1/9 18

VON STANISLAUS JOLLES, 16.12.1920


Berlin-Halensee, d. 16. XII. 20.
Sehr werter Herr Wittgenstein,
Als wir voriges Jahr aus Wien zurückkehrten, hatte ich schon die Absicht Ihnen den Rodin zu senden. Die
schweren Zeiten haben mich bisher verhindert diese Absicht auszuführen und dann auch das auf den deutschen
Buchhandel lastende Ausfuhrverbot. Ein kürzlich bei mir eingetretener Schüler, Herr Schleffer, hat die
Liebenswürdigkeit das Buch für Sie mitzunehmen.
Ihr ergebener.

VON STANISLAUS UND ADELE JOLLES, 2.2.1921


Berlin-Halensee, d. 2. Febr. 1921
Kurfürstendamm 130III
Lieber Herr Wittgenstein,
Mich freut's, daß Ihnen der "Rodin" gefällt, ich war seinerzeit durch meine Tochter auf ihn aufmerksam
geworden, und vieles, was er ausspricht, ist mir aus dem Herzen gesprochen. Je älter ich werde um so mehr packen
mich Ewigkeitsgedanken; man sucht halt nach den Bädeckern zu seiner letzten Reise. Ich war Ihnen übrigens seit
längerem gram. Wenn ich aufsah und mein Blick fiel auf die mir einst so liebevoll geschenkten Bilder, da ging mir
immer bitter durch's Gemüt; auch der ist untreu geworden. Da habe ich mich denn Weihnachten noch einmal an Sie
gewandt und erlebe heute die Freude, daß Sie Ihres sehr alt gewordenen Freundes noch gedenken. An Jahren nicht,
aber am Leben! Und wenn ich Ihnen schon heute antworte, wo ich morgen meine sonnige Tochter begrabe, so
werden Sie fühlen, wie wohl mir Ihre treuen Zeilen getan haben. Sie hatte Sonntag vor 8 Tagen in einem Stücke
Kuchen einen Glassplitter verschluckt und starb trotz Operation und ärztlicher Kunst, nach unsäglich überstandenen
Qualen am letzten Sonntag. Immer wieder rufe ich mir zu: Gott gibt's, Gott nimmt's er sei gesegnet, aber es ist bitter
schwer nicht zu murren, wo wir nur noch den kranken Sohn haben. Wenn nur mein Wille noch ausreicht in der
noch bleibenden Wegstrecke den meinen und meiner Wissenschaft treulich zu dienen. -
Ihren Entschluß Volksschullehrer zu werden, kann ich verstehen. Treibt Sie die göttliche Stimme in Ihrem
Innern dazu, so ist das eben Ihr Beruf. Sie wissen ja selbst, wie ich an meinem Lehrberuf hänge, und zu einem
Berufe muß man durch sein inneres Fühlen und Denken berufen sein, sonst hat man seinen Lohn dahin. Also
meinen Segen zu Ihrem Entschlusse, mögen Sie dankbare Schüler haben! Es ist herrlich, wenn einer einem dankbar
die Hand schüttelt und sagt: das habe ich seinerzeit von Ihnen gelernt, was mich innerlich vorwärts bringt. Ich werde
fast neidisch, wenn ich mir vorstelle, wie Sie an einem schönen einsamen Orte sich selbst leben können. Hätte der
Krieg nicht so vieles, was man für sicher hielt, vernichtet, wer weiß, ob Sie uns nicht, eher als Sie vermuteten, in
Ihrer Nähe finden könnten. Aber so heißt's: alter Gaul aushalten, Du mußt die Karre weiter ziehen, so lang es halt
geht! Besuchen möchte Sie aber mal, auf kurze Zeit meinen wehen Geist ausruhen. Also lassen Sie hören, wie es mit
Wohnung und Nahrung da bei Ihnen ausschaut. Auch möchte ich Sie von Herzen gerne unterrichten sehen. Haben
Sie nervöses Menschenkind dazu die nötige Geduld?
Warum schieben Sie das Veröffentlichen Ihres Buches heraus? Strafen Sie mit Lügen, der da immer gedacht hat: am
Ende laßt er's doch wieder liegen. Meine Frau will auch noch anschreiben!
Herzlichst
Ihr alter Freund
Stanislaus Jolles.
Lieber Herr Wittgenstein
ich hatte nicht gedacht, dass ich Ihnen noch schreiben würde u "lieber Herr W." schreiben würde - mein
Kind nannte dies "Mamas Hausorden." Und dass ich Ihnen in diesem Augenblicke schreibe, wird Ihnen sagen, wie
sehr ich mich über Ihren Brief gefreut habe. Und ich hätte gewünscht, dass mein Kind ihn noch gelesen hätte, denn
sie wusste wie tief verletzt u erbittert ich durch Ihr Abwenden von uns geworden war. Die Torte, die dem Kinde
diese Qualen aller Höllen gebracht hat, habe ich selbst in beispielloser Fahrlässigkeit gebacken u trage die Schuld,
dass meinem Manne die Sonne seines Alters geraubt ist. In ihren letzten Augenblicken sang sie mit ihrem armen,
zerschnittenen Halse u lachte uns an u nahm die Ringe von den Fingern, damit ich sie in Verwahrung nehme. Sie
hatte eine grosse, schöne Stimme bekommen u wollte Opernsängerin werden u hing an diesem Gedanken mit
innigster Inbrunst. In den letzten Monaten soll sie oft geäussert haben, sie würde nicht mehr lange leben. Ich glaube
auch nicht, dass ich noch lange lebe. Ich hatte immer das Gefühl, mein armer Junge wird uns alle überleben. Werde
ich Sie wiedersehen? Wenn es solch ein Wiedersehen, wie das letzte in Wien sein sollte, wünschte ich es nicht. - Ich
möchte wohl mehr von Ihnen wissen, aber seit langem würdigen Sie mich Ihres Vertrauens nicht mehr. Bitte
schreiben Sie mir keinen officiellen Condolencbrief - dann lieber gar keinen.
In steter Freundschaft
AJ.

VON STANISLAUS JOLLES, 25.2.1921


Berlin-Halensee, d. 25. II. 21
Kurfürstendamm 130
Lieber Herr Wittgenstein,
Haben Sie Dank für Ihre lieben Zeilen! Sie haben recht, in schweren Stunden kann man nur Trost in sich
selbst finden. So Gott will entrinnt mir bis zu meinem letzten Augenblick keine Klage und kein Murren gegen die
göttliche Vorsehung. Immer wieder sage ich mir; es war doch ein großes Glück ein solches Kind so viele Jahre
gehabt zu haben. Ich besonders verdanke dem Kinde ausnehmend viel; es war mir ein Trost in den Kämpfen der
letzten Jahre. -
Es tut mir leid, daß ich Ihnen mit meiner Absicht mal einige Wochen in Ihrer Nähe zu verbringen einen
solchen Schrecken eingejagt habe. Beruhigen Sie sich nur, so bald kann das gar nicht geschehen, dagegen sprechen
nämlich gewichtige Gründe. Mir liegt noch mein Amtskummet auf dem Halse. Der Krieg hat so verwüstend auf
mein Hab und Gut gewirkt, daß ich gar nicht daran denken darf, der Ruhe zu pflegen, und, wenn man freie Zeit hat,
ist Reisen jetzt ein teures Vergnügen. -
Immer wieder freue ich mich Ihres Entschlusses Lehrer zu werden; es ist für mich ein neuer Beweis meines
oft ausgesprochenen Satzes, daß unsere Zeit gegen den übertriebenen Intellektualismus der letzten Jahrzehnte
reagiert. Es regen sich menschliche Urgefühle! Außerdem bin ich noch heute ein leidenschaftlicher Lehrer, dem
jeder dankbare Blick eines Schülers ein Gottesgeschenk ist. - Und wie freut man sich an einem Liebeszeichen eines
alten Schülers, alle Undankbarkeit der vielen anderen ist dann vergessen. Diese Freuden, die ich so manches Mal
erfahren, wünsche ich Ihnen von Herzen. - Ich hätte gern manches darüber gehört, wie Sie Ihren Lehrberuf ausüben.
Haben Sie auch einen so unbändigen Schüler wie ich seinerzeit an Ludwig Wittgenstein. Es hat mir seinerzeit doch
innerlich weh getan, als Sie mich hier im Stiche ließen, wenn Sie auch den Menschen in mir nicht vergessen haben.
Mit herzlichem Händedruck,
Ihr alter Stanislaus Jolles.

VON STANISLAUS JOLLES, 23.6.1921


Stanislaus Jolles
Halensee bei Berlin
Kurfürstendamm 130.

Herrn Lehrer Ludwig Wittgenstein


Trattenbach bei Kirchberg am
Wechsel
Nieder-Oesterreich.
Donnerstag, d. 23/VI 21, Bln-Halensee.
Lieber Herr Wittgenstein,
Trotz aller Sorgen und Mühen der Zeit weilen doch meine Gedanken seit Ihren letzten Briefen öfters bei
Ihnen, als in den letzten Jahren. Und so bin ich auch heute bei Ihnen, um Sie zu mahnen mal wieder etwas von sich
hören zu lassen. Wie geht's im Lehrberufe, ich hoffe immer noch Sie werden trotz Ihrer bisherigen Inkonstanz bei
ihm aushalten. Mir macht's noch heute dieselbe oder gar noch größere Freude jemanden vorwärts zu bringen, als vor
Jahrzehnten und darin merke ich meine 63 Jahre nicht. Freilich, jetzt muß Lehren noch tiefer als früher aufgefaßt
werden; nicht Wissen sondern Leben ist nach dem Zusammenbruch des Intellektes zu lehren. Was in den Büchern
steht, hole man daher, aber aus den Petrefakten kommt wenig lebendes, das geht von der Person aus! - Seit meinen
letzten Nachrichten ist Frau Sorge eigentlich nicht von uns gewichen, da mußte meine Frau kurz nach den schweren
Januartagen drei Wochen infolge einer Blutvergiftung das Bett hüten, da machte mir mein kranker Sohn dauernde
Sorge u.s.f., aber meinen alten Kopf habe ich trotzdem noch oben u Gott gebe, daß ich ihn oben behalte und vor
allem meine Schaffenskraft nicht versagt. Opus 33 u 34 ist im Druck; letzeres soll dem Andenken meines
dahingegangenen Kindes gewidmet sein, sie hat es noch entstehen sehen. So, Kollege, da fällt grade mein Blick auf
die Andenken an Sie vor Jahren und manches andern anhänglichen Schülers; immer wieder freut's mich. Haben Sie
auch anhängliche Seelen, wenn nicht, dann sind Sie auch kein rechter Lehrer, das ist der Prüfstein! Noch einen
herzlichen Händedruck [...] von
Ihrem alten Stanislaus Jolles.

VON ADELE JOLLES, 20.9.1930


Berlin-Halensee
130 Kurfürstendamm
20/9 30
Sehr geehrter Herr Wittgenstein
Wie lange, ach wie lange ist es her, dass ich Ihnen geschrieben habe. Zuletzt wohl nach meinem grossen
Unglück - Und ich weiss - Sie werden beim Anblick meines Briefes durchaus nicht entzückt sein - nein, wirklich
nicht. Sehe ich doch Ihr verlegenes Gesicht in Wien - "Was fang ich nur mit diesen fremden Menschen - oder war es
"Statisten"? - an - wie komm ich nur los." Seit einigen Wochen bekämpfe ich nun eine riesige Lust Ihnen zu
schreiben - Wie? soll ich mich jemandem in Erinnerung bringen, der unzweideutig u. endgiltig uns alte Freunde
fallen gelassen hat! Es ist natürlich sehr verkehrt, dass ich es nun doch tue. Aber mein Gott - Sie haben Ihre Art u. -
dies ist Ihre Sache. Weshalb soll ich mich nach der Ihren richten und nicht nach meiner eigenen - wenn ich mich
auch dabei für einen kleinen Augenblick vordrängen muss aus der mir freundlichst zugewiesen[en] "Nichts mehr
davon" Versenkung! und meinem Stolz schon mal einen Puff versetzen muss. Wie lange noch, u. es heisst definitiv
Nichts mehr davon u. man ist jenseits von Schreiben oder Nichtschreiben u. den Stolz benagen die Würmer. -
Genug der Einleitung. - Also. Nach sehr vielen Jahren waren wir wieder bei einer Naturforscherversammlung
(Königsberg) Da habe ich verschiedene Wiener Herren von der Zunft kennen gelernt und erfuhr so, dass aus unserm
frühern Freunde - "verflossenen" ist ein unfeines Wort, aber eigentlich bezeichnender - dem "kleinen Wittgenstein"
doch noch etwas anderes "geworden ist" als der "Dorfschullehrer" und dass man dort sehr viel von Ihnen hält. Ob
Ihnen dies nun gleichgiltig oder gar unerwünscht ist, muss ich Ihnen doch sagen, wie ausserordentlich, aber
ausserordentlich ich mich darüber gefreut habe! Habe ich doch an Sie geglaubt, als es bei Ihnen - nun, wie soll ich
mich ausdrücken - nun, sehr bunt aussah u. es gar nicht so klar war, wohin Sie Ihre "Leitern" führen würden. -
Eigentlich könnte ich Ihnen einen Wechsel präsentieren, demzufolge Sie mir 1 Mal - in Worten Ein Mal - pro Anno
schreiben und berichten wollten, wie es Ihnen ginge auch, oder gerade unter den von mir vorausgesagten, von Ihnen
bestrittenen "Nichts mehr davon" Umständen. Aber - ich tue es nicht. Ich habe es mir geleistet Ihren Wechsel längst
zu verbrennen u. die Asche in alle Winde zu streuen. Amen. Meinem Mann, der, wie Sie wissen, väterlich an Ihnen
hing, waren Sie eine herbe Enttäuschung - mir nicht. Sie werden sogar stets zu meinen wenigen hellen u. lieben
Erinnerungen gehören, d.h. nicht Sie, sondern der "kleine Wittgenstein" u. liebe Mensch, von dem Sie kaum noch
wissen mögen. Den jetzigen kenne ich nicht. - Treue ist wol Mangel an Beweglichkeit, Festkleben an Gewesenem,
Abgestorbenen, Stagnation, Hindernis beim Vorwärtsschreiten, Übersichhinauswachsen - das sehe ich alles ein -
aber ich leide an der Krankheit - Bin auch nicht vorwärts gekommen, im Hintertreffen stecken geblieben! - Nun, das
ist vorbei u. nicht zu ändern.
Im Nebenzimmer spielt meine Cousine Margarete J. - bekannte Pianistin, die bei uns wohnt - das
Brahmssche B moll Concert. Ach Gott, wie waren damals andere Zeiten. - (Wissen Sie noch, wie wir es 3händig
spielten.) Schwer ist das Leben.

AN ADELE JOLLES, nach dem 20.9.19130


Trinity College Cambridge
[nach dem 20. 9. 1930]
Hochgeehrte gnädige Frau!
Ich habe heute Ihren Brief erhalten. Er war mir wohl /naturlich/ eine Überraschung, wenn auch nicht von der
unangenehmen Art die Sie meinten. Im Gegenteil empfinde ich es als ein Glück daß Sie mir /das Schicksal/ diese
Gelegenheit gegeben hat mich mit Ihnen noch einmal in Verbindung zu setzen. Wenn ich Ihnen nun aber schreiben
will so stehe ich vor der Wahl etwas mir selbst nicht ganz Natürliches zu schreiben nur um ihnen überhaupt zu
antworten oder das zu schreiben was ich meine was Ihnen aber möglicherweise ganz unverständlich sein wird. Ich
glaube es ist besser ich schreibe wie es mir natürlich ist & mache Ihnen so ein Verstandnis möglich (wenn auch
schwer) besser als ich schreibe etwas was halbwegs plausibel klingt aber nicht eigentlich verstanden werden kann
weil es nicht wahr ist.
Zunächst Sie haben Recht es ist mir gleichgültig ob man in Königsberg etwas von mir hält oder nicht. Ich
kann - bei dem /trotz des/ besten Willen, selbst nicht viel von mir halten & die gute Meinung von Professoren der
Philosophie & Mathematik - Ausnahmen ausgenommen - bestärkt mich eher in meinem ungünstigen Urteil als daß
sie mich ermutigte. (Die gute Meinung der wenigen Ausnahmen wird mich zwar - wie ich hoffe - in meinem Urteil
über mich oder meine Arbeit auch nicht irre machen ich nehme sie aber als persönliche Freundlichkeit dankbar an).
Als ich nun las Sie seien auf einem Naturforscher Kongress gewesen da überkam mich wieder der heftige Widerwille
& davor daß die Fraun der Professoren an Kongressen teilnehmen & mit "Zunftgenossen" /Herren von der Zunft/
reden. Das aber schreibe ich Ihnen nur weil es ein Symptom aller jener Eigenschaften /Dinge/ ist die mir so fremd
geworden sind Als ich in Berlin war & auch noch später empfand ich diesen Widerwillen nicht. Später wurde er in
mir stark & machte mir eine Verständigung oder überhaupt eine Verbindung mit Ihnen unmöglich. Ja als ich Ihren
vorletzten Brief erhielt der mir Ihr großes Unglück mitteilte da verursachte mir Ihre unnaturliche Ausdrucksweise /die
Unnatur verzeihen sie mir das Wort journalistische/ solchen Widerwillen & das Gefühl einer solchen Fremdheit daß
ich jeden Versuch einer Verständigung als unsinnig beiseite schob. - Ich erkenne aber heute (& erkannte schon
damals unklarer /undeutlicher/) daß es ein Unrecht von mir war mich von solchen Gefühlen beherrschen zu lassen
wo den Gefühlen der Dankbarkeit & Treue der erste Platz gebührte. Darum ist also Ihr Vorwurf der Untreue leider
nicht ganz ungerechtfertigt /unberechtigt/ wenn es sich auch damit nicht ganz so verhält wie sie - naturlicherweise -,
glauben. Daß ich Ihrem Herrn Gemahl eine Enttäuschung bereiten mußte habe ich gewußt & bedauert aber darin lag
mein Fehler nicht denn ich mußte manchen eine Enttauschung bereiten gerade dadurch daß ich tat was richtig war.
Ich will sagen: Mein Fehler lag nicht darin daß ich eine Verständigung von /für/ ausgeschlossen hielt denn sie war (&
ist vielleicht noch immer) ausgeschlossen wohl aber lag es darin daß ich die Wichtigkeit von Dankbarkeit & Treue
hinter die der Verständigung stellte während in Wirklichkeit diese im Vergleich zu jenen ganz gleichgültig /belanglos/
ist. Ich habe mich also doch unanstandig benommen & bitte Sie & Ihren Herrn Gemahl mir das zu verzeihen wenn
Sie es vom Herzen können.
Ich will noch sagen daß mich 3 Stellen Ihres Briefes in guter Weise beruhrt haben: Die in der Sie schreiben,
ich hätte meine Art & das sei meine Sache, Sie aber mußten sich nach der Ihrigen richten. Das ist wahr & ich denke
oft dasselbe. Dann die Stelle in der Sie Ihre Freude über mein Erfolg in Königsberg ausdrücken & diese Stelle hat
mich gefreut obwohl sie auf einer falschen Einschätzung des Urteils der "Herren von der Zunft" beruht.
Und endlich die Worte "Schwer ist das Leben". Das war ein Ton, den ich verstehe.
Nehmen Sie nocheinmal meinen Dank dafür daß Sie mir diese Gelegenheit gegeben haben Ihnen zu
schreiben.
Ich bin Ihr ergebener
Wittgenstein

VON ADELE JOLLES, 8.10.1930


Berlin-Halensee
130 Kurfürstendamm
8/10 30
Lieber Herr Wittgenstein
ich danke Ihnen Ihre Offenheit. - Ich kann jetzt wieder ohne jede Bitterkeit an Sie zurückdenken, wenn es mir
auch sehr schmerzlich ist. Meinem Mann kann ich Ihre Botschaft nicht ausrichten - Ich hatte ihm von meiner
Absicht Ihnen zu schreiben vorläufig nichts gesagt und augenblicklich fällt es mir schwer darüber zu sprechen.
Vielleicht später einmal. Ueberdies, - mein Mann ist 73 alt und seine einzige Freude ist die Anhänglichkeit seiner
alten Schüler. Jetzt freut er sich über Ihre Anerkennung - d.h. die Ihnen zuteil wird - Nur - eines hätten Sie mir nicht
sagen dürfen - dies, was Sie mir über meinen vorletzten Brief schreiben. Aber vielleicht haben Sie Recht - Ich habe ja
selbst nur zu oft einen Widerwillen gegen mich.
Alles Gute und Schöne.
Adele Jolles.
Meine Bemerkungen über Treue bezogen sich auf mich - und gerade tags darauf las ich im Hamsum: "Treue
ist eine Art Schwerfälligkeit." Beharrungsvermögen. Ihnen wollte ich keinen Vorwurf machen.

VON ADELE JOLLES, 21.8.1939


21/8 39
Lieber Freund, heute früh habe ich Ihren l. Brief erhalten u. schon schreibe ich Ihnen. Denn es heisst nicht
immer vant mieux tard que jamaés, es kommt auch zuweilen vor vant mieux tôut que jamaés. Und bekanntlich
weiss kein Mensch wie lange er noch auf dieser ach, so schönen u. ach, noch grausameren als schönen Erde
wandelt. Klar? - Wir waren durch einen günstigen Zufall 4 Wochen auf dem Lande, auf dem Gute eines Bekannten.
Es war eine Wonne diese herrlich duftende Luft zu atmen in einem alten, grossen Schlosspark - wie überhaupt frisch
duftende Luft zum schönsten gehört, was einem noch beschert sein kann - Andererseits war die Nebenumstände
sehr traurig u. versti[mmter?] Schwanengesang. - Der Mann gestorben, die Kinder weit, weit verstreut, das Haus
voller Sorgen - aber letzteres ist man gewohnt. Man kennt nichts anderes mehr. - Ich danke Ihnen für Ihr
freundliches Mitgefühl für meinen Reissmatismus. Ich wusste gar nicht, dass ich Ihnen von diesem treuen Genossen
berichtet hatte - vielleicht, weil ich ihn mit Heilbädern nicht zu vertreiben vermochte u. dies bemerkte? - Es gibt aber
so viel Schlimmeres, dass es mich beinahe amüsirt. - Sehr leid tut es mir, dass Sie erfolglos in einer unangenehmen
Angelegenheit Laufereien hatten u. besonders, weil es Sie hinderte Ihre liebe Absicht, uns zu besuchen,
auszuführen. Ich möchte aber auf meine Frage Antwort haben, wie es mit Ihren Lehrplänen geworden ist - ich frage
doch nicht aus Neugier u. nicht, wie man how do you do sagt. Ihren Schwestern geht es gut "bis dato" - dies freut
mich. Und wo ist Ihr Musikbruder? Und haben Sie noch Ihr Alleegasse-Heim? - Ein früherer Schüler meines
Mannes, Historiker, hat drei für mich wertvolle Familienerinnerungen noch bei sich. Es wäre mir lieber, sie kämen zu
Ihnen. Er heisst Henry Weinreh und seine Adresse ist S W 1 Belgrave Rd. 82 London. Kommen Sie mal hin? dann
wäre es lieb, wenn Sie sich mit ihm in Verbindung setzten. In dem Fall, würde ich ihn instruiren. Und kommen Sie
auch einmal nach Paris? Auch mein Neffe hat interessante alte Familienbriefe u. Dokumente, die bei Ihnen vielleicht
besser aufgehoben wären u. die er vor Jahren mitgenommen hat, weil sie ihm vom bibliographischen Standpunkt -
er ist ein grosser Bibliophile! - interessirten.
Wiewohl ich all dies kaum literarisch je wieder werde verwerten können! - Ich besitze auch noch - irgendwo;
augenblicklich wüsste ich nicht zu sagen in welchem Schranke, aber ich werde ihn hoffentlich finden - einen Brief
vom engl. Maler Lawrence. Würde es Sie interessiren? dann schicke ich den Ihnen. -
Ich grüsse Sie sehr herzlich und wünsche Ihnen sehr viel Schönes u. Gutes u. wenn ich gestorben worden
sein werden sollte, dann gedenken Sie mein in Freundschaft, und schimpfen Sie nicht zu sehr.
Was Sie manchesmal abstiess war - vielleicht - unwillkürlich gekünstelt, oder auch willkürlich.
A J.
Müller ist ganz blind. Wir kommen gar nicht mehr zusammen.
Ich bemerke soeben, dass ich auf 2 Bogen geschrieben habe. Erschrecken Sie nicht - ich schliesse trotzdem.
Den Brief lasse ich einschreiben Wenn ich ihn schon geschrieben habe, will ich auch wissen, dass er ankommt u. in
Ihre Hände gelangt, u. es gehen jetzt viele verloren. Ueberdies, weiss ich nicht, wo Sie jetzt weilen mögen.
Leben Sie recht wohl
Ihre ergebene
Adele Jolles.
29/8 Ich konnte mich nicht entschliessen den Brief wirklich fortzuschicken - nun aber tue ich es, denn:

Der Kommentar
VON STANISLAUS JOLLES, 17.7.1914
Visitenkarte mit vorgedruckter Unterschrift: "Professor Dr Stanislaus Jolles".
Stanislaus Jolles: Geb. 25.7.1857, Berlin; gest. 1939, Berlin (vgl. Adele Jolles an Wittgenstein, 21.8.1939: "Mann
gestorben"; im J. C. Poggendorf, Biographisch-literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften
(Bd. VIIa, 1958) ist als Todesdatum hingegen der 14.2.1942 verzeichnet). Studierte 1875-1878 in Dresden, 1878-1880
in Breslau, ab 1880 in Straßburg. 1882 Promotion mit der Dissertation Die Raumkurve IV. Ordnung II. Species
synthetisch behandelt (Dresden: Buchdruckerei von Carl Engelmann 1883). 1886 Habilitation an der Technischen
Hochschule in Aachen mit der Arbeit Die Theorie der Osculanten und das Sehnensystem der Raumcurve IV.
Ordnung, II. Spezies. Ein Beitrag zur Theorie der rationalen Ebenenbüschel (Aachen: J. A. Mayer 1886).
1885-1892 Asistent für darstellende Geometrie und graphische Darstellung an der technischen Hochschule zu
Aachen. Seit 1886 Privatdozent in Aachen, ab 1893 Privatdozent an der Technischen Hochschule in
Berlin-Charlottenburg. Seit 1896 Dozent und ab 1907 ordentlicher Professor an der Technischen Hochschule in
Berlin. Er unterrichtete in der Abteilung für allgemeine Wissenschaften die Fächer Darstellende Geometrie und
Graphische Statik. 1925 wurde Jolles emeritiert. Wittgenstein studierte laut Matrikelbuch des TU-Hochschularchivs
vom 23.10.1906 bis 5.5.1908 Maschinenbau an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg. Wittgenstein
wohnte in dieser Zeit im Haus der Familie Jolles am Kurfürstendamm. Jolles publizierte zahlreiche Aufsätze in
einschlägigen Fachzeitschriften, u.a. in: Archiv der Mathematik und Physik, Mathematische Zeitschrift,
Jahresbericht der Dt. Mathematikervereinigung, Journal für die reine und angewandte Mathematik. - Laut
Auskunft von Brian McGuinness gab es im Jahre 1939 Bestrebungen - unterstützt von Einstein und Wittgenstein -
Jolles für wissenschaftliche Arbeiten nach England zu bringen.
Ihr Manuskript: Jolles Formulierung läßt den Schluß zu, daß Wittgenstein in Berlin eine kleine Abhandlung verfaßt
hat. Bisher war lediglich bekannt, daß Wittgenstein in Berlin mit seinen Tagebuchaufzeichnungen begonnen hat. In
einer Bemerkung von 1929 oder 1930 schrieb Wittgenstein: "Es ist merkwürdig daß ich seit so vielen Jahren fast nie
mehr das Bedürfnis empfunden habe Tagebuchaufzeichnungen zu machen. In der allerersten Zeit in Berlin als ich
damit anfing auf Zettel Gedanken über mich aufzuschreiben, da war es ein Bedürfnis. Es war ein für mich wichtiger
Schritt." (Zit. nach Brian McGuinness: Wittgensteins frühe Jahre.Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am
Main: Suhrkamp 1988, S. 103)
meine Frau: Adele Jolles, Lebensdaten nicht ermittelt.
VON STANISLAUS JOLLES, 25.9.1914
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 25.9.14" mit dem Vermerk "ZENSURIERT" gestempelt. Von
fremder Hand wurde die Adresse ergänzt: "Weichselschiff „Goplana“".
nach Krakau zurückgekehrt: Wittgenstein kam am 21.9. mit der "Goplana" in Krakau an und notierte am 22.9. in sein
Tagebuch: "Erhielt eine Menge Karten und Briefe u.a. von Ficker und Jolles." Und am 28.10: "Auch von Ficker und
der Jolles liebe Nachricht." (Zit. nach der normalisierten Fassung von Wittgenstein's Nachlass. The Bergen
Electronic Edition, 1998). Diese Zuschriften von Stanislaus und Adele Jolles sind verschollen.
Unterseeboot U. 9: Das Unterseebot U 9 versenkte am 22.9.1914 die britischen Panzerkreuzer Aboukir, Hogue und
Cressey.
unsere Emden: Der Kleine Kreuzer SMS Emden war der erfolgreichste deutsche Auslandskreuzer. Am 22.9. schoß
die Emden mindestens 2.000 Tonnen Öl im Hafen von Madras in Brand. Am 28.10. beschoß sie die Hafenanlagen
von Penang und zerstörte einen russischen Kreuzer und einen französischen Zerstörer. Insgesamt brachte die Emden
19 Schiffe mit insgesamt 82.938 Bruttoregistertonnen auf. Am 9.11.1914 wurde die Emden von einem australischen
Kreuzer zerstört.
VON ADELE JOLLES, 2.12.1914
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 2.12.14", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt.
Mutter: Leopoldine Wittgenstein, geb. Kalmus: Geb. 14.3.1850, Wien; gest. 3.6.1926, Wien.
VON ADELE JOLLES, 7.12.1914
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 8.12.14", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt. Auch die Absenderadresse ist gestempelt, einmal in der dafür auf der Karte vorgesehenen Spalte,
zusätzlich noch am Schluß des Textes.
VON ADELE JOLLES, 9.12.1914
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 9.12.14", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt; auch die Absenderadresse ist gestempelt.
Frl. Kammerer: Möglischerweise Tochter von Otto Kammerer, der 1893 erstmals als Prof. für Mathematik an der TH
erwähnt wird.
2 Paketchenerhalten?: Vgl. Wittgensteins Eintragung in sein Tagebuch vom 14.12.1914: "Liebe Sendung von der
Jolles." (Zit. nach der normalisierten Fassung von Wittgenstein's Nachlass. The Bergen Electronic Edition, 1998).
Bruder: Paul Wittgenstein: Geb. 5.11.1887, Wien; gest. 3.3.1961, Manhasset (New York). Pianist. Paul Wittgenstein
hatte an der russischen Front seinen rechten Arm verloren. Wittgenstein hatte bereits am 28.10. davon Nachricht
erhalten (vgl. Eintragung in sein Tagebuch).
VON STANISLAUS JOLLES, 21.12.1914
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 21.12.14", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt.
Autodetachement: Seit 9.12.1914 arbeitete Wittgenstein in der Kanzlei der Werkstätte der Festung Krakau.
VON STANISLAUS JOLLES, 28.12.1914
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 28.12.14", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt.
"Oberleut. Gürth": Oberleutnant Oskar Gürth war Wittgensteins Vorgesetzter im Auto-Detachement. Aus vielen
Eintragungen Wittgensteins in seine Tagebücher geht hervor, daß er seinen Vorgesetzten sehr geschätzt hat.
Veit Stoßeschen Arbeiten: Veit Stoß (1448?-1533), deutscher Bildhauer und Maler, errichtete 1477-1489 den
spätgotischen Hochaltar in der Marienkirche in Krakau. Weitere Werke von Stoß befinden sich u.a. in der
Schloßkirche, in der Florianskirche und in der Dominikanerkirche.
Czartoryski'sche Gemäldesammlung: Die Sammlung des litauisch-polnischen Adelsgeschlechtes Czartoryski, eine
Abteilung des Krakauer Nationalmuseums, enthält u.a. eine Galerie der italienischen (Leonardo da Vinci: Dame mit
dem Wiesel), deutschen und niederländischen Malerei (Rembrandt: Landschaft mit dem barmherzigen Samariter).
VON STANISLAUS JOLLES, 1.1.191[5]
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 1.1.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt.
1. I.14: Irrtümlich schrieb Jolles "14"; mit einem Blaustift wurde die Zahl 5 - möglicherweise von fremder Hand -
darübergeschrieben.
der Bericht: Nicht ermittelt.
VON ADELE JOLLES, 2.1.15
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 2.1.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt; auch die Absenderadresse ist gestempelt.
VON ADELE JOLLES, [20.1.1915]
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 20.1.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt; auch die Absenderadresse ist gestempelt. Am unteren Ende der Karte befindet sich eine Skizze
Wittgensteins und dazu seine handschriftliche Notiz: "Blechplatte mit / ART WERKSTÄTTE / DER FESTUNG
KRAKAU".
Antwortformular: Es gab Feldpost-Doppelkarten mit einem Antwortteil, in den der Absender seine Adresse
eintragen mußte und die der Empfänger dann nur mehr abreißen und zurücksenden konnte.
VON STANISLAUS JOLLES, 25.1.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 25.1.15", mit dem Vermerk "Zensuriert" gestempelt.
secundum ordinem: ordnungsgemäß.
VON STANISLAUS JOLLES, 10.2.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 10.2.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt.
Als was dienen Sie eigentlich?: In der Werkstätte wurde Wittgenstein anfangs in der Kanzlei beschäftigt. Bereits am
24.12.1914 trug Wittgenstein in sein Tagebuch ein: "Wurde heute zu meiner größten Überraschung zum
Militärbeamten - ohne Sterne - befördert." Am 27.12.: "Bin zum Adjutanten des Oberleutnant Gürth ernannt." Am
3.2.1915 notierte er: "Soll jetzt die Aufsicht über unsere Schmiede übernehmen." und am 22.4.1915: "Soll jetzt die
Oberaufsicht über die ganze Werkstätte kriegen." (Zit. nach der normalisierten Fassung von Wittgenstein's Nachlass.
The Bergen Electronic Edition, 1998). Durch seine unausgesprochene Stellung, er bekleidete ja keinen offiziellen
Dienstgrad, kam es immer wieder zu größeren Reibereien mit seinen "Untergebenen". Vgl. dazu Oberleutnant
Gürths "Bericht über den Kriegsfreiwilligen Kanonier Ludwig Wittgenstein" an das k.u.k. Kriegsministerium,
September 1915 (Wien, Kriegsarchiv): "W. lebte zu Ausbruch des Krieges, nach Absolvierung der Hochschulen in
Charlottenburg, Oxford [sic] und Cambridge, woselbst er nach den dort geltenden Bestimmungen auch zur
Ausübung der Dozentur berechtigt wäre, als Privatgelehrter (Philosophie und Mathematik) in Norwegen. Gleich zu
Ausbruch des Krieges eilte er nach Wien und ließ sich, obwohl in Folge eines zweimaligen doppelten
Leistenbruches vollkommen untauglich, zum Fs. Art. Reg. Nr. 1 als Kanonier assentieren. Aus Gründen idealer
Natur unterließ er es, irgendwie sein Freiwilligenrecht geltend zu machen oder aus seiner civilen Stellung oder seinen
Geldmitteln sich irgendwelche Vorteile zu verschaffen, so daß er bei der Weichselflotille - wie dies mit
schwächlichen Mannschaftspersonen öfters geschieht, - fast ausschließlich zum Abortreinigen und ähnlichen
Arbeiten verwendet wurde, welche Dienste er durch drei Monate verrichtete, bis er zu der Art. Werkstätte der Fest.
Krakau als Kanonier kommandiert wurde. Hier wurde ich durch einen Zufall auf ihn aufmerksam und teilte ihn
zunächst als Aufsichtscharge ein. Als ich dann erfuhr, daß er Ing. sei, verwendete ich ihn als solchen im Betrieb. Da
er in seiner Bescheidenheit nie etwas von seiner Stellung erwähnt hatte, sah die Mannschaft darin eine
ungerechtfertigte Bevorzugung, weshalb eiserne Strenge notwendig war, die fortwährenden Disziplinwiedrigkeiten
zu bekämpfen. Da sich W. in das Gebiet der Art. Technik sehr rasch einarbeitete, somit für mich eine wertvolle
Stütze war, durchsuchte ich alle einschlägigen Vorschriften und Erlässe um W. im Interesse des Dienstes eine
geeignete Stellung zu verschaffen. Die im Oktober 1914 erschienen[en] Erlässe über Landsturming. ließen eine für
Wittgenstein günstige Deutung zu. Selbst der Referent im k. k. Ministerium für Landesvert., den ich bei Gelegenheit
über den Fall befragte, teilte meine Ansicht, daß W., da er tatsächlich als Ing. verwendet werde, berechtigt sei, die
Uniform eines solchen zu tragen. Da er nun Offizierscharakter bekam, war die Frage seiner Stellung der Mannschaft
gegenüber geregelt und W. arbeitete in den folgenden Monaten mit bestem Erfolg als Artillerieing. in der der
Werkstätte. [...]". Eine Ernennung Wittgensteins zum Landsturmingenieur wurde vom Kriegsministerium ebenso
abgelehnt, wie Gürths Bitte um "ausnahmsweise Verleihung einer Charge - eventuell nur Titularcharge - im Range
eines Akzessisten" (2.9.1915, Kriegsarchiv, Wien). In einem Schreiben vom 8.11.1915 an Hauptmann E. Haechst im
Kriegsministerium, in dem sich Gürth nach dem Stand der Ernennung Wittgensteins erkundigte, schildert er auch
den Umfang der anfallenden Reparaturen: "Von der Taschenuhr angefangen bis zur Eisenbahnbrücke haben wir so
ziemlich alles "dazwischen liegende" bereits repariert!"
VON ADELE JOLLES, 12.2.1915
Brief, an sieben verschiedenen Stellen mit "Überprüft!" gestempelt.
Berlioz: Hektor Berlioz: Lebenserinnerungen. Ins Deutsche übertragen und hrsg. von Hans Scholz. München: C. H.
Beck'sche Verlagshandlung 1914.
"Cornet": Gemeint ist Rainer Maria Rilkes Werk Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke (1906),
von dem damals bereits mehrere Vertonungen vorlagen. Im Februar 1915 führte die mit Rilke befreundete Pianistin
Magda von Hattingberg die Vertonung des ungarischen Komponisten Casimir von Pászthorý in Leipzig auf.
Clarinettenquintett: Wahrscheinlich op. 115 H moll von Johannes Brahms.
Italienern: Bei Kriegsausbruch gab es für Italien zwei gegensätzliche vertragliche Bindungen: einerseits die
Zugehörigkeit zum Dreibund, andererseits ein französisch-italienisches Neutralitätsabkommen aus dem Jahre 1902.
Bei Kriegsausbruch erklärte Italien am 3.8.1914 seine Neutralität und erkannte die Bündnispflicht aus dem Dreibund
nicht an. Dies hinderte Italien aber in den folgenden Monaten nicht, aufgrund des Art. 7 des Dreibundvertrages
Kompensation für die österreichischen Balkanansprüche zu fordern. Am 23.5.1915 erklärte Italien Österreich-Ungarn
den Krieg.
VON ADELE JOLLES, 19.2.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 20.2.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt.
Abgesang-Stollen: Anspielung auf die Versform im Minne- und Meistersang: auf Stollen und Gegenstollen folgt der
Abgesang.
VON STANISLAUS JOLLES, 20.2.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 20.2.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt. "Art. Werkstätte der Festung" in der Adresse wurde (von fremder Hand ?) mit Rotstift unterstrichen.
[...]: Unleserlicher Name.
VON STANISLAUS JOLLES, 5.3.1915
Ansichtskarte, Poststempel: "[BERLIN-]HALENSEE, 5.3.15", mit "Zensuriert" gestempelt. Recto Zeichnung "Stift
Neuburg bei Heidelberg" von Michael Trübner, verso der gedruckte Vermerk: "Verein für das Deutschtum im /
Ausland E. B. / Wilhelm Trübner-Karte 1".
VON STANISLAUS JOLLES, 9.3.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 10.3.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt.
VON STANISLAUS JOLLES, 16.3.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 16.3.15", mit dem Vermerk "Zensurier[t] / Hauptpostamt."
gestempelt.
wieder an die Front: Aus mehreren Eintragungen in sein Tagebuch ist ersichtlich, daß er öfter größere Probleme
wegen seiner ungeklärten dienstlichen Stellung hatte. Am 5.3. notierte er: "Sprach heute mit Gürth über meine
unwürdige Stellung. Noch keine Entscheidung. Vielleicht gehe ich als Infanterist an die Front."
VON ADELE JOLLES, 20.3.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 19.3.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt, weiters mit: "Prof. Dr. Jolles / Halensee bei Berlin / Kurfürstendamm 130III".
VON STANISLAUS JOLLES, 25.3.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 25.3.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt.
Przemysl: Przemysl war am 18.3.1915 von den Russen erobert worden.
VON STANISLAUS JOLLES, 6.4.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 6.4.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptp[ostamt.]"
gestempelt.
VON ADELE JOLLES, 8.4.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 8.4.15", mit dem Vermerk "Zensuriert / Hauptpostamt."
gestempelt. Gestempelt ist auch die Absenderadresse.
VON STANISLAUS JOLLES, 16.4.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 17.4.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU
1." gestempelt.
VON ADELE JOLLES, 1.5.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 1.5.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensu[r]"
gestempelt. Gestempelt ist auch die Absenderadresse.
VON STANISLAUS JOLLES, 4.5.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 4.5.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur /
[KRAKAU]" gestempelt.
Mackensen: In der Durchbruchsschlacht von Gorlice-Tárnow (1.-3.5.) wurde die Front der Russen unter der
Führung von Generaloberst Mackensen durchbrochen. Am 3.6.1915 konnte Przemysl zurückerobert werden. Die
deutsch-österreichische Offensive kam erst in der Schlacht von Tarnopol (6.-19. September) in Ostgalizien zum
Stehen.
VON STANISLAUS JOLLES, 17.5.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 17.5.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU
1." gestempelt.
Italien: Im Geheimvertrag von London (26.4.1915) zwischen England, Frankreich, Rußland und Italien, verpflichtete
sich Italien zum Kriegseintritt gegen die Mittelmächte, wofür ihm seine Territorialforderungen u.a. in Istrien,
Dalmatien und Welschtirol zugesichert wurden. Im Mai gab es in Italien heftige Auseinandersetzungen zwischen
Kriegsanhängern und Kriegsgegnern. Am 23.5. erklärte Italien Österreich-Ungarn den Krieg.
VON ADELE JOLLES, 25.5.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 17.5.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU
1." gestempelt. Gestempelt ist auch die Absenderadresse. Sowohl recto als auch verso finden sich in Bleistift,
wahrscheinlich von Wittgensteins Hand, Skizzen von nicht näher zu identifizierenden Gegenständen (Möbel?).
Frau Morgenrot-Scheid: Nicht ermittelt.
VON ADELE JOLLES, 16.6.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 17.6.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU
1." gestempelt. Gestempelt ist auch die Absenderadresse. Neben der Adresse finden sich Bleistiftskizzen von
Wittgensteins (?) Hand.
Jampot: Kirschmarmelade.
VON ADELE JOLLES, 19.6.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 19.6.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU
1." gestempelt. Gestempelt ist auch die Absenderadresse.
VON STANISLAUS JOLLES, 19.6.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, [1]9.6.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur /
KRAKAU 1." gestempelt.
VON ADELE JOLLES, 28.7.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 28.7.15", mit dem Vermerk "K. u. K. Militärzensur / KRAKAU
1." gestempelt. Gestempelt ist auch die Absenderadresse. Die Adresse wurde von fremder Hand durchgestrichen
und durch folgende Angabe ersetzt: "derzeit / Wien. / XVII. Neuwaldeggerstrasse 38".
VON ADELE JOLLES, 12.8.1915
Brief.
Unfall: Laut Wittgensteins Aussage in einem Brief an Ludwig von Ficker, Poststempel 24.7.1915, erlitt er um den 17.
Juli durch eine Explosion in der Werkstätte einen Nervenschock und einige leichtere Verletzungen.
Treibrieben: Möglicherweise eine Verschreibung; es könnten die Treibriemen gemeint sein.
[...] : Unleserlicher Name.
VON STANISLAUS JOLLES, 12.8.1915
Postkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 12.8.15", mit gestempelter Absenderadresse.
Pythia: Prophetin des Orakels von Delphi.
VON ADELE JOLLES, 28.9.15
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 29.9.15".
grosse Erbitterung: nicht ermittelt.
[...] : Unleserlicher Name.
Schwägerin: Leopoldine Wittgenstein erwähnt in einem Brief an Ludwig Wittgenstein vom 7.11.1915: "Jolles
schickten Dir dieser Tage die Todesanzeige seiner Schwester Baronin Menschote[?]". Leider ist der Name nicht
eindeutig lesbar.
VON STANISLAUS JOLLES, 29.9.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 29.9.15".
[...] : Unleserlicher Name; die zweite unlesbare Stelle in diesem Brief bezieht sich auf den gleichen Namen, diesmal
allerdings abgekürzt.
VON STANISLAUS JOLLES, 5.11.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 5.11.15", verso mit Bleistiftskizzen.
VON ADELE JOLLES, 6.12.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "WIEN, 9.XII.15".
Sch[...]: Unleserlicher Name.
VON ADELE JOLLES, 27.12.1915
Feldpostkarte, Poststempel: "WIEN, 31.XII.15". In der Absenderadresse Zusatz von fremder Hand mit Bleistift: ",
Berlin" und unter der Anschrift nicht definierbare Bleistiftskizzen.
meine Tochter: gest. 30.1.1921, Berlin (vgl. Jolles an Wittgenstein, 2.2.1921), näheres nicht ermittelt.
"Manfred": Wohl Anspielung auf Robert Schumanns Ouvertüre Manfred nach Lord Byrons Gedicht Manfred, op.
115 (1848/49). Es gibt aber auch von Tschaikowsky eine Manfred-Sinfonie: vier Suiten (1879-1887).
Brahms: Op. 81 D moll (1881).
VON ADELE JOLLES, 8.1.1916
Brief, verso mit Bleistift von Wittgensteins Hand (?) Schreibversuche mit kyrillischen Zeichen.
VON ADELE JOLLES, 2.2.1916
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 2.2.16".
VON STANISLAUS JOLLES, 8.2.1916
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 9.2.16" mit gestempelter Absenderadresse.
Schwester Karla: nicht ermittelt.
VON STANISLAUS JOLLES, 24.2.1916
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 24.2.16".
VON STANISLAUS JOLLES, 6.3.1916
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 6.3.16".
Ortswechsel: Am 22.2.1916 war Oberleutnant Gürths Bitte um ausnahmsweise Verleihung einer Charge an Ludwig
Wittgenstein endgültig abgelehnt worden. "Wenn es aus disziplinären Gründen unmöglich ist, Wittgenstein in seiner
dermaligen Charge in seiner Kommandierung zu belassen, so ist beim 1. Armee-EtpKmdo. um dessen
Transferierung zu bitten." (Wien, Kriegsarchiv) Wittgenstein wurde am 21.3.1916 der 4. Batterie des 5.
Feldhaubitzenregiments zugeteilt. Schon am 29. und 30.4. wurde er erstmals, auf Wittgensteins Ansuchen ab dem
5.5. ständig als Aufklärer eingesetzt.
VON ADELE JOLLES, 21.8.1916
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 21.8.16". Von fremder Hand wurde die Feldpostnummer mit
violettem Stift durchgestrichen und unten die neue Adresse dazugeschrieben: "Olmütz / F.H.Rgt 5.-Ers.Bt /
Galgenberg 3[?]“. Mit blauem Stift wurde danach die Feldpostnummer mit "189" überschrieben, die schwer
leserliche Nr. "3" nach Galgenberg mit "72". Wittgensteins Eintragungen in sein Tagebuch enden am 19.8.1916 mit
der Eintragung: "Soll in absehbarer Zeit zum Kader ins Hinterland abgehen." Wittgenstein wurde demnach kurz
darauf nach Olmütz zur Offiziersausbildung abkommandiert. Am 1.9. wurde er zum Korporal befördert.
VON ADELE JOLLES, 27.8.1916
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 28.8.16".
VON STANISLAUS JOLLES, 21.2.1917
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 21.2.17" mit gestempelter Absenderadresse.
Fähnrich: Am 1.12.1916 war Wittgenstein zum Fähnrich der Reserve ernannt worden und war nach abgeschlossener
Offiziersausbildung am 9.1.1917 zu seiner Batterie zurückgekehrt, die zwischen den Karpathen und dem Dnjestr
stationiert war.
VON ADELE JOLLES, 5.3.1917
Brief.
VON STANISLAUS JOLLES, 31.3.1918
Feldpostkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 1.4.18" mit gestempelter Absenderadresse.
Gebirgsartillerie Regiment Nr.11: Am 1.2.1918 war Wittgenstein zum Leutnant in der Reserve befördert worden und
am 10.3. als Aufklärungsoffizier an die Südfront nach Asiago gekommen.
VON ADELE JOLLES, 1.6.1918
Brief.
Herkners: Nicht ermittelt.
Feuilleton: Nicht ermittelt.
VON ADELE JOLLES, 4.8.[1918]
Feldpostkarte, Poststempel nur teilweise lesbar: "LAN[...] (SCHLESIEN), [...].18". Die Feldpostnummer wurde mit
Rotstift durchgestrichen und durch "379" ersetzt. Sowohl Absender- als auch Empfängeradresse wurden mit
violettem Stift durchgestrichen, und schräg darüber mit blauem Stift vermerkt: "nicht mehr / im [...] / Retour".
Darunter mit violettem Stift: "nach Berlin-Halensee" und anstelle der durchgestrichenen Absenderadresse:
"Abgereist nach Berlin / z Z Bl. Schöneberg [...] / Eisenacherstr b Prof Müll[...] 13/9".
4 / 8 19 : Eindeutige Verschreibung, es handelt sich um das Jahr 1918, was sowohl durch den Poststempel als auch
durch die zweite Datumsangabe am Schluß des Briefes bestätigt wird.
VON STANISLAUS JOLLES, 16.12.1920
Visitenkarte, verso mit Aufdruck: "Professor Dr. Stanislaus Jolles / Geheimer Regierungsrat".
Rodin: Auguste Rodin: Die Kunst. Gespräche des Meisters gesammelt von Paul Gsell. Übersetzt von Paul Prina.
Leipzig: Kurt Wolff 1912 (4. Aufl. 1916).
Schleffer: Nicht ermittelt.
VON STANISLAUS UND ADELE JOLLES, 2.2.1921
Brief.
Bädekern: Anspielung auf die von Karl Bädeker herausgegebenen und nach ihm benannten Reiseführer.
Sohn: nicht ermittelt.
Volksschullehrer: Wittgenstein hatte nach Kriegsende in Wien die Abschlußklasse der Lehrerbildungsanstalt besucht
und war seit Herbst 1920 Volksschullehrer in Trattenbach bei Kirchberg am Wechsel in Niederösterreich.
Veröffentlichen Ihres Buches: Zu diesem Zeitpunkt waren schon mehrere Versuche gescheitert, den Tractatus zu
publizieren: bei Jahoda & Siegel, beim Braumüller Verlag, in den Beiträgen zur Philosophie des deutschen
Idealismus, im Brenner Verlag und zuletzt bei Reclam. Nach diesen Mißerfolgen hatte Wittgenstein die Publikation
in die Hände von Betrand Russell gelegt, der die Abwicklung Dorothy Wrinch übergab. Am 21.2.1921 erhielt sie von
Wilhelm Ostwald die Zusage, die Arbeit in den Annalen der Naturphilosophie zu veröffentlichen (vgl. Brian
McGuinness: Wittgensteins frühe Jahre. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S.
456). Dort ist der Tractatus Ende 1921 in Bd. 14, 3. und 4. Heft, S. 184-262 erschienen.
VON STANISLAUS JOLLES, 25.2.1921
Brief.
VON STANISLAUS JOLLES, 23.6.1921
Postkarte, Poststempel: "BERLIN-HALENSEE, 23.6.21" mit gestempelter Absenderadresse.
Opus 33 u 34: Möglicherweise die Abhandlungen Allgemeine Kollineationen und ihre Umkehrungen und Partiell
inverse und partiell involutor. Kollineationen und Inzidenzien in 2 kollokalen korrelativen Feldern die beide 1921
in der Mathematischen Zeitschrift erschienen sind.
[...] : Unleserliches Wort.
VON ADELE JOLLES, 20.9.1930
Brief, abgedruckt in Brian McGuinness: Wittgensteins frühe Jahre. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am
Main: Suhrkamp 1988, S. 105f.
grossen Unglück: Tod der Tochter im Jahre 1921.
Naturforscher Versammlung: Gemeint ist die 91. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte (7.-11.9.1930),
verbunden mit dem 6. Deutschen Physiker- und Mathematikertag (4.-6.9.) in Köngisberg, dem die 2. Tagung für
Erkenntnislehre der exakten Wissenschaften organisatorisch angegliedert war. Dort fanden folgende
Veranstaltungen statt: 5.9.: Rudolf Carnap: Die Grundgedanken des Logizismus (veröff. unter dem Titel Die
logizistische Grundlegung der Mathematik, in: Erkenntnis, Bd. 2, 1931, S. 91-105), Arend Heyting: Die
intuitionistische Begründung der Mathematik (veröff. unter dem Titel Die intuitionistische Grundlegung der
Mathematik, ebenda, S. 106-115), Johann von Neumann: Die axiomatische Begründung der Mathematik (veröff.
unter dem Titel Die formalistische Grundlegung der Mathematik, ebenda, S. 116-121), 6.9.: Hans Reichenbach:
Der physikalische Wahrheitsbegriff (ebenda, S. 156-171), Werner Heisenberg: Kausalität und Quantenmechanik
(veröff. unter dem Titel Kausalgesetz und Quantenmechanik (ebenda, S. 172-182, Otto Neugebauer: Die
Geschichte der vorgriechischen Mathematik (veröff. unter dem Titel Zur vorgriechischen Mathematik (ebenda, S.
122-134), K. Gödel: Über die Vollständigkeit des Logik-Kalküls, A. Scholz: Über den Gebrauch des Begriffs
Gesamtheit in der Axiomatik, W. Dubislav: Über den sogenannten Gegenstand der Mathematik, 7.9.: Diskussion
über die Grundlagen der Mathematik im Anschluß an die Vorträge von Carnap, Heyting, Neumann und
Wortmeldungen von H. Härlen, R. Carnap und H. Hahn. Vgl. dazu Bd. 1 der Erkenntnis, 1930/31, S. 80. Vgl. auch
Bd. 1, S. 414 über die Tagung: "Die enge Verflechtung mathematischen, physikalischen und philosophischen
Denkens erweckte reges Interesse, besonders auch bei den gleichzeitig tagenden Fachwissenschaftlern. Die an die
Vorträge angeschlossenen Diskussionen konnten zur Klärung der Probleme Wesentliches beitragen." Vgl. Bd. 2 der
Erkenntnis, 1931, der einen Bericht über die 2. Tagung für Erkenntnislehre der exakten Wissenschaften enthält. In
der Vorbemerkung (S. 88) heißt es u.a.: "Im folgenden geben wir die dort gehaltenen Vorträge wieder, mit
Ausnahme der Vorträge von K. Gödel und A. Scholz, die wegen ihres vorwiegend mathematischen Inhalts an
anderer Stelle veröffentlicht wurden, und des (im Programm noch nicht angekündigten) Vortrages von F. Waismann
über den Standpunkt Wittgensteins, dessen Niederschrift der Autor leider bisher nicht fertigstellen konnte und den
wir in einem späteren Heft zu bringen hoffen." Waismanns Vortrag ist nie veröffentlicht worden. In der Diskussion
zur Grundlegung der Mathematik (S. 135-151) gibt es jedoch mehrere, z.T. kritische Stellungnahmen zu
Wittgensteins Standpunkt, u.a. von Hahn und Carnap.
Margarete J.: nicht ermittelt.
AN ADELE JOLLES, [nach dem 20.9.1930]
Briefentwurf, fast zur Gänze abgedruckt in Brian McGuinness: Wittgensteins frühe Jahre. Übersetzt von Joachim
Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S. 106-108. Am Ende des letzten Blattes finden sich folgende Notizen
von Wittgensteins Hand:
"achemy & chemistery
operation steady hand
to plant a read
Galileo & modern science"
VON ADELE JOLLES, 8.10.30
Brief.
Hamsum: sic! Gemeint ist offensichtlich Knut Hamsun; die Stelle konnte nicht ermittelt werden.
VON ADELE JOLLES, 21.8.1939
Brief, erwähnt in Brian McGuinness: Wittgensteins frühe Jahre. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main:
Suhrkamp 1988, S. 108.
Mann gestorben: Todesdatum nicht ermittelt.
unangenehmen Angelegenheit: Wittgenstein war im Juni 1939 nach Wien gereist und bemühte sich, für seine
Geschwister Abstammungsbescheide zu erhalten, um sie vor den Judenverfolgungen zu schützen. Im Anschluß
daran fuhr er am 5. Juli nach Berlin und am 12. Juli über England nach New York, wo er mit den zuständigen
Regierungsstellen bzw. den Direktoren der Familienholding Vermögensverhandlungen führte. Schließlich stellte die
Reichsstelle für Sippenforschung neue Abstammungsbescheide aus, in denen der Großvater Hermann Christian
Wittgenstein (geb. am 12.9.1802 in Korbach) zum "deutschblütigen Vorfahren" erklärt wurde.
Schwestern: Hermine, Margarete und Helene Wittgenstein
Musikbruder: Paul Wittgenstein.
Henry Weinreh: Nicht ermittelt.
Neffe: Nicht ermittelt.
Lawrence: Vielleicht Thomas Lawrence (1769-1830), bedeutender Porträtist des engl. Hofes und des Hochadels.
Müller: Wahrscheinlich Gottfried Karl Richard Müller (geb. 19.1.1862, Berlin), Kollege an der TH in
Berlin-Charlotenburg (Differential- und Integralrechnung).

Editorischer Bericht
Im Wiener Brieffund, der 1988 dem Brenner-Archiv übergeben wurde, befinden sich 25 Briefe und Postkarten von
Adele Jolles, 29 von Stanislaus Jolles an Ludwig Wittgenstein aus der Zeit von 1914-1921. Zusätzlich wurden drei
Briefe von Adele Jolles an Wittgenstein und ein Briefentwurf Wittgensteins an Adele Jolles berücksichtigt, die Brian
McGuinness in seiner Wittgenstein-Biographie ganz oder teilweise abdruckte oder auch nur paraphrasierte und von
denen McGuinness freundlicherweise Kopien zur Verfügung stellte. Die Originale dieser drei Briefe sowie die Briefe
Wittgensteins an Stanislaus und Adele Jolles sind verschollen. Einige von den hier publizierten Briefen wurden
bereits in dem Buch Ludwig Wittgenstein: Geheime Tagebücher 1914-1916. Hg. von Wilhelm Baum. 2. Aufl. Wien:
Turia & Kant 1991 erstveröffentlicht, allerdings ist die Transkription so schlecht, daß darauf nicht eigens hingewiesen
wird.

Textgestaltung
Die äußere Form eines Briefes ist wesentlich mit der inhaltlichen Mitteilung verbunden. Die Papierwahl, ein
vorgedruckter Briefkopf, bei handschriftlichen Briefen die Wahl des Schreibmaterials, die Schriftzüge und die
Sorgfalt oder Nachlässigkeit bei der Abfassung liefern wesentliche Informationen über den Briefschreiber, die Art
der Mitteilung und das Verhältnis der beiden Briefpartner mit. Bei der elektronischen Erfassung eines Briefes gehen
daher wesentliche Informationen verloren und können durch formale Beschreibungen kaum, nicht einmal mit einem
Faksimile vollständig wiedergegeben werden. Die "originalgetreue" Wiedergabe kann sich deshalb im wesentlichen
nur auf den Brieftext beziehen, nicht aber auf die Form, die den Herausgebern selber überlassen bleibt, die aber
nichtsdestoweniger konsequent gehandhabt werden muß.
Jeder Brief wird mit einer Briefüberschrift (versal) begonnen, die den Namen des Adressaten (bei Briefen
Wittgensteins) oder Verfassers und das Abfassungsdatum enthält.
Aus Gründen der Übersichtlichkeit stehen vorgedruckte Briefköpfe (Absender, Telefon usw.) am Satzspiegel links
oben, das in Briefköpfe integrierte Datum rechts oben. Sie werden im Kommentar als solche gekennzeichnet.
Druckgraphiken werden nur im Kommentar angegeben und nach Möglichkeit beschrieben. Handschriftliche
Briefköpfe werden an dem Ort und in der Reihenfolge angeführt, wie im Original.
Die Adressenangabe folgt, nach einer Leerzeile, ebenfalls am linken Rand des Satzspiegels.
Bei vorgedruckten Adressen- und Absenderschablonen, werden diese vorgedruckten Textteile als zum Text gehörig
betrachtet, wenn sie in die Formulierung eingebunden werden.
Einen Sonderfall stellen die Absender- und Adressenangaben bei Postkarten dar, die ja zumeist handschriftlich
vorliegen und somit als zum Brieftext gehörig betrachtet werden. Hier erfolgt die formale Darstellung, wie oben
angeführt. Adressen- und Absenderangaben auf Kuverts werden nur im Kommentar vermerkt.
Nach einer Leerzeile folgt der eigentliche Brieftext, wo versucht wird, sich so weit wie möglich an das Original zu
halten:
Orts- und Datumsangaben stehen ungefähr an der vom Original vorgegebenen Stelle, es gibt in der Wiedergabe
nur links- oder rechtsbündig (im Zweifelsfall rechtsbündig).
Der Poststempel wird immer in folgender Form wiedergegeben: [Poststempel: Ort, Tag.Monat.Jahr]. Die Schrift des
Poststempels (z.B. Versalien oder römische Zahlen für die Monatsangabe) wird möglichst originalgetreu
wiedergegeben. Unleserliche oder unsichere Teile werden mit „?“ gekennzeichnet. Im Kommentar wird der
Poststempel als Zitat unter Anführungszeichen wiedergegeben, hier werden dementsprechend nur fragliche Stellen
in eckiger Klammer angeführt.
Datumsverschreibungen werden nicht korrigiert, da die Briefüberschrift das berichtigte Datum enthält.
Anredeformeln , die im Original vom übrigen Text durch entsprechend größeren Zwischenraum oder Zeilenabstand
abgehoben sind, werden, wie jeder Absatz eingerückt, danach folgt eine Leerzeile. Ist die Anrede nicht abgehoben,
wird sie in den Brieftext intergriert.
Absätze werden durch Einrückung gekennzeichnet, größere Abstände zusätzlich durch eine Leerzeile.
Überschreibungen werden im Textteil zwischen zwei Schrägstrichen eingefügt.
Durchstreichungen werden nur dann (im Kommentar) erwähnt, wenn eine deutliche Änderung der Autorintention
erkennbar ist.
Alle Fehler und Verschreibungen werden ohne das im Text oft störende [sic!] wiedergegeben. Bei schweren oder
sinnstörenden Schreibfehlern erfolgt, damit nicht der Eindruck eines Tippfehlers entsteht, ein Verweis im
Kommentar. Bei den für Wittgenstein typischen Fehlern, z.B. "wol" statt wohl wird ein solcher Verweis nicht für
nötig erachtet.
Schwer leserliche Stellen und Ergänzungen durch die Herausgeber werden mit eckiger Klammer gekennzeichnet.
Die Grußformel steht immer am linken -Rand des Satzspiegels, unabhängig von der Vorlage.
Die Unterschrift immer am rechten Rand des Satzspiegels, unabhängig von der Vorlage. Postskripte u.ä. folgen
immer nach einem Zeilenabstand.
Beilagen folgen immer - abgehoben durch einen Zeilenabstand - am Schluß des Brieftextes, vorausgesetzt sie stehen
mit dem Brieftext in engem Zusammenhang, oder stammen vom Schreiber (z.B. eine Gedichtabschrift u.ä.).
Selbständige Beilagen, z.B. Zeitungsausschnitte, Sonderdrucke, Flügblätter, Bücher u.ä. werden im Kommentar
beschrieben.
Für alle oben angeführten Punkte gilt:
- Wenn keine eindeutige Reihenfolge von Texteilen erkennbar ist, etwa durch Überschreibungen, Notizen an den
Rändern usw., dann wird nach dem normierten Schema vorgegangen.
- Die verschiedensten graphischen Gestaltungen, Einrückungen, Zentrierungen u.ä. werden bei Adressenangaben,
Grußformel u.ä. einheitlich nur durch Absätze angedeutet.
- Für alle Besonderheiten, die formal nicht eindeutig oder ungenau dargestellt werden können, finden sich Hinweise
im Kommentar.

Kommentar
Der allgemeine Kommentar beginnt mit der Bezeichnung der Textgattung.
Gegebenenfalls folgt die Beschreibung der Papierart, von Beilagen und handschriftlichen Zusätze von anderen
Personen. In diesen allgemeinen Teil fallen auch Bemerkungen zur Datierung.
Fehlende Angaben, z.B. der Poststempel auf einer Postkarte, werden nicht eigens vermerkt.
Der Einzelstellenkommentar versucht alle im Brief vorkommenden Personen, Orte, Ereignisse und Anspielungen
zu klären.Nicht jeder Zusammenhang und jede Einzelanspielung kann geklärt werden. Dies hängt einerseits vom
Wissen und den Recherche-Möglichkeiten ab, andererseits von der Quellenlage, die eine Klärung derzeit nicht
zuläßt. In diesen Fällen wird die Formel "nicht ermittelt" verwendet.

Hänsel--Wittgenstein: Eine Freundschaft


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BRENNER-STUDIEN Band XIV
Begründet von Ignaz Zangerle und Eugen Thurnher
In Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Brenner-Archiv
hrsg. von Walter Methlagl und Allan Janik

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Vorapparat

Titelblatt
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Ludwig Hänsel--Ludwig Wittgenstein


Eine Freundschaft
Briefe. Aufsätze. Kommentare
Herausgegeben von Ilse Somavilla, Anton Unterkircher und Christian Paul Berger
unter Leitung von Walter Methlagl und Allan Janik

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Urheberrecht
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Herausgabe und Druck wurden gefördert von der Österreichischen Forschungsgemeinschaft und dem
Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung
Die Deutsche Bibliothek--CIP-Einheitsaufnahme
Ludwig Hänsel--Ludwig Wittgenstein: eine Freundschaft;
Briefe. Aufsätze. Kommentare / hrsg. von Ilse Somavilla...--Innsbruck: Haymon-Verl., 1994
(Brenner-Studien; Bd. 14)
ISBN 3-85218-170-4
NE: Somavilla, Ilse [Hrsg.]; Hänsel, Ludwig; Wittgenstein, Ludwig; GT
Umschlagbilder:
vorne links: Ludwig Wittgenstein (ca. 1947)
vorne rechts: Ludwig Hänsel (ca. 1952)
hinten links: Ludwig Hänsel (ca. 1913)
hinten rechts: Ludwig Wittgenstein (ca. 1920)
© Haymon-Verlag, Innsbruck 1994
Alle Rechte vorbehalten / Printed in Austria
Umschlaggestaltung: Helmut Benko
Satz: Typomedia, Neunkirchen
Lithos: Gramont, Innsbruck
Druck- und Bindearbeit: Wiener Verlag, Himberg bei Wien

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Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Ludwig Hänsel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Ludwig Hänsel: Gefangenenlager bei Cassino . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
Briefwechsel Hänsel--Wittgenstein und ausgewählte Briefe von Leopoldine, . 17
Clara, Hermine und Paul Wittgenstein, Margarete und John Stonborough,
Michael Drobil und Ernst Geiger an Hänsel
Aufsätze von Ludwig Hänsel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
--Alexius von Meinong. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
--Das Relative und das Absolute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
--Newton--Goethe--Pascal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
--Karl Kraus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211
--Eine Fackel christlichen Geistes. Jubiläum um den »Brenner«. . . . . . 225
--Ferdinand Ebner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
--Ludwig Wittgenstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
A) Erläuterungen zu den Briefen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
B) Übersichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325
--Ilse Somavilla: Der rechte Ton: Gedanken zur Freundschaft . . . . . . . 325
Ludwig Hänsel--Ludwig Wittgenstein
--Christian Paul Berger: Ludwig Wittgensteins Kritik an . . . . . . . . . . . . 339
Hänsels Aufsatz Wertgefühl und Wert
--Allan Janik: Hänsels pädagogischer Eros: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355
Erinnerung an den Philosophieprofessor
--Walter Methlagl: Hänsels Beziehungen zum Brenner . . . . . . . . . . . . . 362
Anhang. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
Verzeichnis der abgekürzt zitierten Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375
Editorischer Bericht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
Nachweis der nachgedruckten Aufsätze Hänsels . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381
Bibliographie der Schriften Hänsels. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 393
Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397

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[Hänsel--Wittgenstein: Eine Freundschaft]

Vorwort
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Ludwig Hänsel ist heute einer größeren Öffentlichkeit nahezu unbekannt, auch in der
Wittgenstein-Forschung wird er nur in Nebensätzen behandelt, obwohl er über 30 Jahre lang mit Wittgenstein eng
befreundet war. Daß bei so verschieden gearteten Persönlichkeiten in der persönlichen Beziehung eine gewisse
Unterordnung erfolgte, beweist nur, wie feinfühlig und aufmerksam Hänsel gegenüber dem oft schwierigen und
verschlossenen Wesen Wittgensteins war. Was Literatur und Philosophie betrifft, hat Wittgenstein jedenfalls auch
von Hänsel gelernt oder zumindest entscheidende Anregungen erhalten. Obwohl Hänsel nur drei Jahre älter als
Wittgenstein war, wurde er ihm--zumindest in der Volksschullehrerzeit--so etwas wie ein umsorgender Freund, ging
er doch während Wittgensteins Ausbildung an der Lehrerbildungsanstalt an seiner Stelle in die Sprechstunde,
besorgte ihm später alle möglichen Lehrbehelfe für die Schule und besuchte ihn regelmäßig an den verschiedenen
Schulorten. Vielfach verbrachte Wittgenstein seine Ferien bei der Familie Hänsel, auch noch später, während seiner
Cambridger Zeit.
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Das ist Anlaß genug, in diesem Buch nachdrücklich auf die eigenständige Persönlichkeit und Bedeutung
Ludwig Hänsels hinzuweisen. Dies geschieht mit dem Nachdruck einiger seiner Aufsätze, mit der Publikation des bis
jetzt bekannten Briefwechsels, also auch der Gegenbriefe Hänsels, sowie ausgewählter Briefe der Familie
Wittgenstein und von Freunden an Hänsel, mit Übersichtsdarstellungen, die einerseits den Einzelstellenkommentar
ergänzen, andererseits aber auch auf die Lebensleistung und Bedeutung von Ludwig Hänsel eingehen, und
schließlich mit einer Bibliographie der gesamten Schriften und Aufsätze von Hänsel. Es zeigt sich, daß Ludwig
Hänsel eine der bedeutendsten Integrationsfiguren im österreichischen Geistesleben der ersten Hälfte dieses
Jahrhunderts war.
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An dieser Stelle möchten wir allen Personen und Institutionen danken, die am Zustandekommen dieser
Edition beteiligt waren.
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Überhaupt möglich wurde dieses Buch erst durch das freundliche Entgegenkommen von Herrn Univ.-Prof.
Hermann Hänsel und dessen Frau Dr. Ingrid, die uns die Briefe Wittgensteins und die umliegenden
Korrespondenzen für die Edition zur Verfügung gestellt und unsere vielen schriftlichen und telefonischen Anfragen
zu Kommentarproblemen immer freundlich und gewissenhaft beantwortet haben.
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Besonderer Dank gilt Herrn Major John Stonborough und dessen Frau Veronica für ihre große
Hilfsbereitschaft; sie haben uns viele wertvolle Informationen über die Familie Wittgenstein übermittelt. Primarius
Dr. Andreas Sjögren, Dipl.-Ing. Ludwig von Stockert und Mrs. Joan Ripley danken wir ebenfalls für die
Unterstützung unserer Forschungsarbeit.
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Dank schulden wir auch Frau Maria Dal Bianco-Hänsel für ihre freundlichen Auskünfte (sie ist inzwischen
verstorben) und deren Tochter Frau Elisabeth Windischer, die uns neben vielen Informationen über ihre Mutter und
ihre Großmutter auch wertvolles Bildmaterial zur Verfügung gestellt hat.

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Herrn Univ.-Doz. Dr. Peter Dal-Bianco danken wir dafür, uns in entgegenkommender Weise Brief-,
Manuskript- und Bildmaterial zugänglich gemacht zu haben. Prof. Brian McGuinness hat uns freundlicherweise
Abschriften von Briefen Hänsels an Wittgenstein zur Verfügung gestellt, Henk L. Mulder Kopien der
Wittgenstein-Schlick-Korrespondenz. Wichtige Informationen verdanken wir der Tochter von Ernst Geiger, Frau
Mag. Susanne Geiger-Bahr, weiters Frau Beck vom Wittgenstein Dokumentationszentrum in Kirchberg,
verschiedenen Gemeindeämtern, vor allem dem Meldeamt der Stadt Wien und der Wiener Urania. Bei der
Transkription und Kollationierung haben Frau Elisabeth Usenik, Mag. Monika Seekircher und Mag. Michaela
Pechlaner geholfen. Herrn Günter Kresser danken wir für die sorgfältige Arbeit bei der Herstellung des Bildmaterials.
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Besonders danken wir der Österreichischen Forschungsgemeinschaft, die ein Jahr lang die Finanzierung der
Personalkosten für Mag. Ilse Somavilla übernommen hat. Im Rahmen eines Projekts des Fonds zur Förderung der
wissenschaftlichen Forschung, »Ludwig Wittgenstein: Briefwechsel«, konnten die zwei anderen Herausgeber, Dr.
Anton Unterkircher und Dr. Christian Paul Berger, an dieser Ausgabe mitwirken.
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Die Nachlaßverwalter Wittgensteins, Georg Henrik von Wright, Elizabeth Anscombe, Peter Winch und
Anthony Kenny haben die Zustimmung zur Publikation der Wittgenstein-Korrespondenz gegeben.
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Dem Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen in Norwegen danken wir für die Möglichkeit, Einsicht in die
Originalmanuskripte Wittgensteins zu nehmen.

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Ludwig Hänsel
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In einem von ihm selbst verfaßten Lebenslauf führt Ludwig Hänsel folgende geistige Interessen an:
Philosophie, Religiöse Probleme, Psychologie, Literatur, Pädagogik, Kulturfragen, und nennt als besondere
Arbeitsgebiete: Moderne Fragen um Christentum und Kirche, Wertphilosophie, Erkenntnistheorie
(Meinong-Wittgenstein), Pascal, Goethe (Naturphilosophie), grundsätzliche Fragen um Erziehung und Bildung
(Schulprobleme). Sein Leben ist bestimmt von einer Reihe von wichtigen Begegnungen und Auseinandersetzungen
mit Denkern und Dichtern der Neuzeit (- so der Titel seiner Aufsatzsammlung, Wien 1957). Im Nachwort zu
diesem Buch (S. 351) beschreibt Hänsel die näheren Beweggründe für seine vielseitigen Interessen:
»Seit meiner Jugend haben vier Bedürfnisse meine Haltung stark bestimmt: das kritische
Bedürfnis nach Klarheit und damit nach Eindeutigkeit und Widerspruchslosigkeit meiner Begriffe
und Gedankengänge; das (in gewissem Sinn) universale Bedürfnis nach lückenloser, wenigstens
nach den wesentlichen Richtungen lückenloser Übersicht über die bestehenden, besser noch, die
möglichen Denkweisen; das Gewissens-Bedürfnis nach Unbefangenheit, nach Offenheit allen
diesen Denkmöglichkeiten gegenüber, den positivistischen, realistischen, idealistischen,
objektivistischen, aber auch metaphysischen und mystischen (im Wertbereich wie im
Erkenntnisbereich); und schließlich auch das Willensbedürfnis nach letzten Entscheidungen, das
heißt die Bereitschaft, ›zu Ende zu denken‹, auch auf die Gefahr von Widersprüchen hin.«
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In Anmerkungen zu den Aufsätzen der Sammlung (Nachwort, S. 355-358) geht Hänsel auf die für ihn
wichtigsten »Begegnungen und Auseinandersetzungen« im einzelnen ein. Sein bedeutendster Lehrer an der
Universität war Alexius Meinong:

»Meinong war der Philosophieprofessor an der Grazer Universität, der dem suchenden jungen
Studenten die Denkgrundlagen gab, die ihm für Jahrzehnte Halt waren: Hume und Locke, Kant
und Schopenhauer gegenüber. Wenn ich mich in manchen Dingen auch anders entschieden habe,
entscheiden mußte, als mein Lehrer--ich verehre ihn wie ehemals, als Person wie als Denker.«
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Drei Persönlichkeiten nennt er seine »geistigen Erzieher«:
»Karl Muth war, wie ich sehr früh schon bekannt habe, mein erster geistiger Erzieher, Karl Kraus
war mein zweiter: auch ein Gegensatz, möchte ich meinen.«
»Er [Wittgenstein] war, wenn auch um ein paar Jahre jünger, mein dritter geistiger, ein sehr
strenger Erzieher. Er hat mich damals, während der Gefangenschaft, mit dem Manuskript seines
seither so berühmt gewordenen ›Tractatus logico-philosophicus‹ bekannt gemacht. Ich konnte
ihm freilich schon damals in sehr

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wesentlichen Dingen nicht folgen.--Mein kurzer Nachruf bescheidet sich mit persönlichen
Erinnerungen, die festzuhalten doch wohl nicht ohne Wert war. Sein persönliches Wesen war
ebenso eigenartig und bedeutend wie das, was er geschrieben hat. Ich habe keinen Menschen
gekannt, bei dem Leben und Schreiben so eng miteinander zusammenhingen. In diesem Sinn
erinnerte er an Kierkegaard und an Nietzsche, mit denen er sich auch, noch in seinen Träumen,
auseinandersetzte.«
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Über Ludwig von Ficker und dessen Zeitschrift der Brenner kam Hänsel zu Ferdinand Ebner:
»Ich habe Ferdinand Ebner nicht persönlich kennengelernt. Seinen Gedanken war ich offen, seit
Teile der Fragmente in Ludwig Fickers Zeitschrift ›Der Brenner‹, VI. Folge, 1919/20, erschienen
waren. Und schließlich wurde ich ja, mit Michael Pfliegler, der Herausgeber seiner Werke.«
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Ludwig Hänsel wurde am 8. Dezember 1886 in Hallein (Salzburg) geboren. 1905 maturierte er am
Gymnasium in Salzburg und studierte anschließend in Graz Germanistik, Romanistik, Philosophie und besuchte
auch Vorlesungen aus Kunstgeschichte, Geschichte und Indogermanistik. Anfang 1910 schloß er sein Studium als
Dr. phil. ab. 1910/11 leistete er als Einjährig Freiwilliger seinen Militärdienst in Bozen und Trient. Ende 1910 legte er
die Lehramtsprüfungen aus Deutsch und Französisch ab und begann ab Herbst 1911 als Supplent an verschiedenen
Wiener Gymnasien. 1913 wurde er zum wirkl. Lehrer an der Staats-Realschule Wien X ernannt. Am 6. September
1913 heiratete er Anna Sandner. 1914-1918 leistete er Kriegsdienst als Fähnrich, Leutnant und Oberleutnant in
Russisch Polen, Galizien und Italien. 1918/19 war er in Kriegsgefangenschaft in Monte Cassino. Von 1920-1929 war
Hänsel Professor an der Realschule Wien X, von 1929-1936 provisorischer Direktor am Privat
Mädchen-Realgymnasium des Schulvereins für Beamtentöchter, Wien VIII, von 1936-1938 Direktor an der
Bundeserziehungsanstalt für Mädchen, Wien III. Vom 14. 3. 1938 bis 10.9.1939 wurde Hänsel aus politischen
Gründen beurlaubt, dann als Oberstudiendirektor in Verwendung eines Studienrates am Realgymnasium für Jungen,
Wien XVII, wieder eingestellt. 1941-1945 wurde er als Oberleutnant, Hauptmann und Major d. R. bei der Luftwaffe
in Wiener Neustadt und Wien eingesetzt, ab Herbst 1944 bei einer Fallschirmdivision in Italien, wo er 1945 in
amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Ab Herbst 1946 bis Ende 1951 war er wieder als Direktor an der
Realschule in Wien X tätig. 1950 wurde ihm der Titel Hofrat verliehen. Nach seiner Pensionierung Ende 1951
übernahm Hänsel einen Lehrauftrag an der Universität Wien mit dem Titel Besondere Unterrichtslehre,
Philosophie.
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Ludwig Hänsel war Mitglied von zahlreichen Organisationen und Vereinen, u.a. der Wiener Katholischen
Akademie, der Wiener Philosophischen Gesellschaft, des Pädagogischen Rats der Mittelschullehrer Österreichs, des
Österr. NeuphilologenVerbands, der Vereinigung christlicher Mittelschullehrer, Vizepräsident der Österreichischen
UNESCO-Kommission, Leiter des Österreichischen Komitees für

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Geschichtsunterricht und des Österreichischen Komitees für Philosophie und Geisteswissenschaft, längere Zeit
Obmann und Obmann-Stellvertreter des Wiener Goethevereins, Vorstandsmitglied der Goethegesellschaft in
Weimar und Vorsitzender der Ferdinand-Ebner-Gesellschaft.
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Seit 1920 hielt Hänsel zahlreiche Vorträge in Wien, Innsbruck, Salzburg (Salzburger Hochschulwochen),
Linz, Gmunden, Mödling, Baden, Bruck/M., Graz, Klagenfurt. 1952 nahm er in Paris an der Generalversammlung
der UNESCO und am Pädagogischen Kongreß Erziehung und seelische Gesundheit teil, 1955 in Venedig am
Kongreß Erziehung zur internationalen Gesinnung (Sens international), veranstaltet vom Bureau international
catholique de l'Enfance, 1956 in Paris an der UNESCO-Expertentagung Asiatische Kulturen in den westlichen
Schulen.
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Ludwig Hänsel ist am 8.9.1959 in Wien verstorben.

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Ludwig Hänsel: Gefangenenlager bei Cassino


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In der Nacht auf den 18. November 1918 in Cassino ausgeladen aus den Viehwägen, in Marsch gesetzt, bei
strömendem Regen in den freien Massenbaracken des großen Lagers untergebracht. Auf guten Feldbetten, zwei
reine Leintücher, zwei Decken.
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Nach der fatalen Gefangennahme unserer Division, hinter dem Tagliamento, der ganzen österreichischen
Armee in Italien, die 24 Stunden vor dem Waffenstillstand die Feindseligkeiten eingestellt hat; nach den trauervollen
und entbehrungsreichen Märschen durch das haß- und siegestrunkene, befreite Land und den hungrigen Tagen und
kalten Nächten im Sammellager von Capella; nach der langen Fahrt im Viehwagen; nach der ganzen Erbärmlichkeit,
die Ehrlosigkeit und Elend aufgedeckt hatten: wieder geordnete Zustände, wie wir bald merkten; sogar wieder etwas
militärische Zucht: ein Major von den alten Prigis übernahm an einem der nächsten Tage das Regimentskommando.
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Und zwei große Menagen gab es, eine deutsche und eine ungarische, in der Mitte die Küche, zu beiden
Seiten der großen Baracke die »Speisesäle«, etwas dumpfig und düster bis zum Dachgerüst hinauf, aber vom ersten
Tag an gab's zu essen, anfangs mit Schwierigkeiten,--auch die Feigen beim italienischen Kantineur, dem »Domani«,
wie er seines ständigen Wortes wegen hieß, waren schwer zu erstehen und zu erkämpfen, anfangs auch für den, der
noch ein paar Lire in der Tasche hatte. Aber bald war die erste Not behoben. Die Massenabfütterung (1700 Offiziere
waren im Lager, anfangs auch noch einige höhere Stabsoffiziere) wickelte sich regelmäßig ab, dreimal hintereinander
füllten und leerten sich die beiden Säle, die Teller klapperten, mit Sicherheit auf die Tische verteilt von den raschen
Ordonnanzen. Und es gab reichlich zu essen. Trotz mancher wirklicher und eingebildeter »Panamas«, trotz mancher
Einschränkungen, die zeitweilig schon aus Rücksicht auf die Bevölkerung unseren Proviantoffizieren auferlegt
wurden. Ein gut Stück reichlicher, als zur gleichen Zeit bei unseren Leuten zu Hause, in Österreich, in Wien. Und
welche Genüsse bot das Büffett dem, der das Geld hatte! Was haben wir Feigen im Winter und Orangen im Sommer
verzehrt! (Feigen in Fett gebraten!) Und zu rauchen gab es immerhin auch, »Popolari« wenigstens. Und schließlich
kam man auch mit den Zündhölzern aus. Einer in der Baracke »loderte« sicher, an dem konnten sich die anderen
anzünden.
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Auch mit der Behausung konnte man sich's, wenn man Glück und Verbindungen hatte, richten. Es gab viele
Kammern zu viert oder fünft. Mit weißen Wänden. Ohne Decke freilich. Hoch oben blieb immer das Dach sichtbar
in diesen dünnen und doch soliden, gut italienischen Ziegelbauten, denen man bis ins Innerste sehen konnte, denen
man die Rippen zählen konnte, und sie waren nicht zu viel und nicht zu wenig, erstaunlich schmal und doch fest
genug, in klarer Ordnung und Fügung. Die Wände etwas über zwei Meter hoch, ließen oben die Luft und die
Gespräche über sich weg durch die ganze Baracke streichen. Unten der Raum aber gestaltete sich, mehr oder
weniger geschmacklos, in jedem Zimmer anders. Dort hingen Akte an den Wänden, dort ein Beuroner Bild, fast
überall ein paar Photographien, fast

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überall ein paar Mädchenköpfe. Und in den Massenbaracken, die nur vier große Räume boten,--die Betten standen
in kurzen Zwischenräumen von den Längswänden her gegen den Mittelgang,--gab es zwischen manchem Streit,
mancher Bosheit, manchem Eigensinn, auch ein übermütiges und wechselreiches Leben, von der edelsten Musik bis
zum wildesten Gegröhle, von dem geistvollsten Gespräch bis zum derbsten Geblödel.
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Man konnte in diesem Massenlager herrlich allein sein. Und ging es einmal nicht im Zimmer, so im Freien
zwischen den Baracken oder vor den Baracken auf dem großen Platz. Und man konnte sich zusammenfinden.
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Es gab Kammermusiken und Turnvereine, Fußballklubs und Gemäldeausstellungen, es gab Feste aller Art
mit erstaunlichen Dekorationsleistungen, Männerchöre und Varietéaufführungen, Revuen und humoristische
Vorträge. Vorträge z. B. über den Satanismus in der Literatur (matt) und über Andersens Märchen (anmutig).
Überhaupt Vorträge und Vorlesungen in Menge. Jeder fand sein Publikum. Das größte und dankbarste die
Vorlesung über deutsche Literatur. Man konnte darstellende Geometrie und Logik, Kant und holländische Malerei,
Psychoanalyse und Hebräisch, Französisch und Paulusbriefe (griechisch!) und was weiß ich noch alles hören. Und
es gab engere Diskussionszirkel, religiöse und politische. Und es gab Versammlungen, sehr aufgeregte, um Magen-
und Rassenfragen. Es gab natürlich auch genug, meist aber ziemlich friedliche Ehrenangelegenheiten. Und es gab
Bücher in Menge. Bei den einzelnen und in der großen, gut geführten Lagerbibliothek.
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Im kalten Winter haben wir zu Zeiten tüchtig gefroren. Zumal nach der Decken-Razzia, durch die uns das
italienische Kommando aller Decken bis auf eine beraubte. Vielleicht brauchte man sie für andere, frierende
Kameraden, (vielleicht auch nicht). Wer konnte, half sich mit den kleinen Kohlenöfchen, die man sich abends auf
den Steinboden zwischen die Füße stellte. Wenn die Nacht kam, wurden sie entzündet, zwischen den Baracken
geschwungen, bis sie zu glühen anfingen, leuchtende Kreise im blauen Dunkel.--Im Sommer war es gründlich heiß.
Wir wanderten herum oder lagen in der Sonne in Schwimm- oder Unterhosen, und gingen unter die Dusche und
lagen wieder in der Sonne.
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Und hatten alles mögliche zu tun, die einen; und wollten und konnten nichts tun, die anderen. Und warteten.
Manche schon seit Jahren.
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Aber auch die, die erst mit Kriegsende in die Gefangenschaft gegangen waren, mit Ungeduld. Ein paar
Monate, sagte man zuerst, (ein paar Wochen, das hatte man doch bald aufgeben müssen, sonst wäre man doch nicht
soweit nach Süden geschoben worden, zwischen Rom und Neapel, in die Abruzzen), bis Weihnachten, dann bis
Ostern. Und man beging beide Feste in der Gefangenschaft mit ergebener Wehmut oder verzweifeltem Übermut.
Aber auch den Frühling und den Sommer in den Abruzzen haben wir auskosten müssen. Und auskosten dürfen. Die
einsame, große Berglandschaft.
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Aus dem Tagebuch, im Juli: »In einem Zeitungsartikel über eine Gottfried-Keller-Feier: »Als ich am Sonntag
nachmittags durch wogende Ährenfelder und Buschholz zum Dorf Glattfelden hinunterstieg...« Die Tränen stiegen
mir auf, als ich es las. Heimweh nach unserem Sommer: »Wogende Ährenfelder und Buschholz.«--Sonst aber
Freude an dem weiten edlen Kreis der stillen, kahlen Berge im Mittagsblau und in der Abendreinheit ... manchmal
am Rand des Fußballplatzes

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und unter den Ulmen- und Weinlaubschatten mit aufatmendem Blick über die weiße Lagermauer weg auf die hohen,
mannigfaltigen, dunkelgrünen Baumgruppen und auf die Berge dahinter im tiefen Blau.«--Oh, ich habe Glück
gehabt! Ich halte die Zeit meiner Gefangenschaft für die beste und für die glücklichste meines Lebens. Ich war
lebendig und frei wie kaum je zuvor und nachher. Aber viele haben schwer gelitten und ihre Wut hat oft sehr
sonderbare Formen angenommen.
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Nach außen frei waren wir ja wahrhaftig nicht. Wir kamen, wer wollte, je hundert Mann, nach Monte
Cassino, (in Viererreihen durch den Ort am Fuße des Klosterberges), oben von den Mönchen freundlichst
empfangen und bewirtet und geführt, durch den barocken Prunk der Arkaden und Höfe und Oberkirche, durch den
Beuronerprunk der Krypta und des Benediktusturmes. Wir kamen einmal, durch Wiesen und Felder, in ein altes
Bergnest. Aber wir wurden ängstlich bewacht, bei Tag und Nacht. Die armen Neapolitaner oder noch südlicheren
Italiener mit ihrem erbärmlichen Cambio-Rufen, wenn sie in den kalten Winternächten Posten stehen mußten!
Einmal hat auch einer vor Angst ins Lager hineingeschossen. Man hat sie auch geschreckt. Die Italiener fürchteten
einen Aufstand. Sie verschlossen uns bald darauf das anstoßende Mannschaftslager. Im Lande selbst war es ja auch
unruhig. Wir konnten daher unseren Leuten, unter denen Typhus ausgebrochen war, nur wenig helfen. Wir selbst
blieben von Seuchen verschont. Wurden auch energisch zur Reinlichkeit verhalten, (Bart und Scheitel mußten daran
glauben). Und unsere Baracken wurden wöchentlich neu mit Kalk ausgespritzt. Daher jeden Samstag bunter
Jahrmarkt zwischen den Baracken, wenn alle Buden geräumt werden mußten. Die Räumung hatten wir eigenhändig
zu besorgen. Eigenhändig besorgten wir auch unsere Wäsche, unsere Schuhe und Kleider und die kleineren oder
größeren Flickund Stopparbeiten. Ordonnanzen sahen wir immer weniger. Aber eine viel beanspruchte Schneiderei
hielt sich, für die Anspruchsvollen.
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Die Ärzte kamen früher los. Wir vermißten sie anfangs. Krank wollte man dann nicht mehr gerne werden.
Dann gingen die Tschechen. Und einige Kranke oder Begünstigte. Und endlich nach hundert Latrinengerüchten, am
4. August, die offizielle Mitteilung: Die Züge für die Deutsch-Österreicher sind im Anrollen. Und man hörte sie
anrollen, die Nacht hindurch und noch vierzehn Nächte hindurch. Die Möbel waren schon abgeliefert, als die
Abfahrt wieder verschoben wurde.
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Aus dem Tagebuch: »Abfahrtsnervosität und Verzagtheit ... alles ist voll Reisevorräte und Ärger.
Versammlung. V.s kräftig witzige Rede gegen die offiziellen Latrineure... Überdies Ordonnanzennot. Offiziere
bedienen auch bei Tisch und schälen Kartoffel... Nur Abortordonnanz gesichert...«
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Von der Rückschau auf die neun Monate Gefangenschaft und dem Ausblick in die österreichische Zukunft
im leeren Zimmer, in der »letzten Nacht«, zu berichten, hat hier keinen Sinn, wäre zu persönlich.
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Es war auch nicht die letzte Nacht, erst um den 20. August herum fuhren wir ab, zweiter Klasse, reichlich
bepackt, drei schöne Tage durch Italien, durch die gelbe Campagna, durch die grüne Poebene in unser Alpenland.
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Bei einer Abschiedsfeier in der Menagebaracke sagte der Redner, daß wir »Prigi« noch an diese Zeit dankbar
zurückdenken und vielleicht sogar finden würden, auch sie sei schön gewesen. Das nahmen ihm damals viele übel.
Heute würden wohl nur wenige mehr darüber den Kopf schütteln.

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»Ich habe einen jungen (30 jährigen) Logiker kennen gelernt, der gedanklich bedeutender ist als alle etwa
Gleichaltrigen vielleicht überhaupt als alle Menschen, die ich bis jetzt kennen gelernt habe--ernst, von edler
Selbstverständlichkeit, nervös, von einer kindlichen Fähigkeit, sich zu freuen. Er heißt Wittgenstein.«
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Aus einem Brief Ludwig Hänsels an seine Frau Anna (Cassino, 20. 2. 1919)

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Briefwechsel
Ludwig Hänsel--Ludwig Wittgenstein

und ausgewählte Briefe von Leopoldine, Clara, Hermine und Paul Wittgenstein,
Margarete und John Stonborough, Michael Drobil und Ernst Geiger an Ludwig Hänsel

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1 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN


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Dr. L Hänsel
Wien V. Kriehuberg. 25/III
Herrn
Ludwig Wittgenstein
IV
Alleegasse 16
12. 9. 19
Lieber Wittgenstein!
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Ich bin seit einigen Tagen wieder hier.--Falls bis 16. von Dir kein Widerruf kommt, gehe ich an dem Tage
wieder in die L.B.Anstalt.--Drobil möchte uns einmal das Modellieren vorführen. Schreib' mir, bitte, wann Du
kämest. Herzlich
Hänsel

2 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL


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[Wien, um den 20. 9. 1919]
Lieber Hänsel!
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War bei Dir, aber umsonst. Hätte mit Dir Wichtiges zu besprechen kann ich morgen vormittag zu Dir
kommen. Wenn ich keine Verständigung erhalte nehme ich an daß es Dir recht ist.
Wittgenstein

3 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL


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[Wien, um den 20. 9. 1919]
L. H.!
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War bei Dir um Dir zu sagen daß ich schon seit 4 Tagen in die L.B.A. aufgenommen bin. Mein Leben spielt
sich nicht ohne Schwierigkeiten ab. Heute fragte mich ein Lehrer ob ich mit dem reichen Wittgenstein verwant sei.
Ich sagte »Ja«; ob nah verwant, da log ich und sagte »nein weit«. Das ist ein Punkt der villeicht noch verhängnisvoll
werden kann. Es tut mir leid Dich nicht getroffen zu haben.
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Besten Gruß.
L Wittgenstein

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4 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN


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[Wien, vor dem 24. 9. 1919]
Lieber Wittgenstein!
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Schade, daß ich Dich gestern versäumt, und heute wieder nicht getroffen habe.--Heute nachm. bin ich nicht
frei. Aber von morgen an. Vorm. nie.--Für Sonntag nachm. lade ich Dich u. Drobil zum »bürgerl. Kaffee« ein: 4h.
Stimmung Nebensache. Wir werden ziemlich unbehelligt sein (soweit das bürgerlich möglich ist)--
Herzlich Dein Hänsel

5 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL


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Herrn
Ludwig Hänsel
IV. Kriehubergasse 25
Wien
[Wien] 24. 9. 19.
Lieber Hänsel!
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Sonntag kann ich leider nicht zu Dir kommen, da ich jeden Sonntag-Nachmittag bei meiner Mutter in
Neuwaldegg bin. Samstag Nachmittag werde ich zu Dir kommen. Wenn Du nicht zu hause sein solltest, ist es auch
kein Unglück. Einmal werden wir uns schon sehen.
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Dein ergebener
Ludwig Wittgenstein

6 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL


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[Wien, vor dem 13. 10. 1919]
Lieber Hänsel!
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Ich schreibe Dir, weil ich keine Zeit habe, Dich zu besuchen. Wenn Du den Drobil siehst, so sage ihm, bitte,
er möchte die zweite Zeichnung, die er von meinem Antlitz gemacht hat, meiner Schwester schicken (Fräulein
Hermine Wittgenstein XVII Neuwaldeggerstr. 38). Er soll den Preis angeben. Wenn nicht, so wird meine Schwester
das Bild selbst schätzen. In der Schule geht es mir so ziemlich gut, sonst aber recht minder. Ich habe sehr viel zu tun.
Von Frege erhielt ich in meiner Verlagsangelegenheit einen höchst sonderbaren Brief. Wenn ich zu Dir komme wirst

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Du ihn sehen. Es wird wahrscheinlich nicht möglich sein, die Arbeit in den Heften erscheinen zu lassen. Kurz, man
hat sein Kreuz!
Dein
Wittgenstein

7 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN


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Hänsel V.
Kriehubergasse 25/III
Herrn Ludwig Wittgenstein
III
Untere Viaduktgasse 9
13. [10]. 19.
Lieber Wittgenstein!
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Herzlichen Dank für Deinen Brief. Hast Du Zeit für einen Besuch von mir? Wann? Meine Nachmittage sind
leider immer noch frei. Und hast Du Zeit für Donnerstag 4h zum Kaffee bei mir mit Drobil? Kommt keine Absage, so
rechne ich auf Dich. Drobil habe ich des Bildes wegen verständigt. Mit Zettel, denn er war schon wieder nicht in der
Werkstatt.
Herzlich Dein
Hänsel
im V. Bezirk)

8 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN


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[Wien] 24. 10. 19.
Lieber Wittgenstein!
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Der Anlaß meines Schreibens ist Janko, der lächelnde Oberleutnant, guter Kerl, an den Du Dich aus Cassino
erinnern wirst. Er hat mich gebeten, Dich anzugehen, Du möchtest Dich für ihn bei Deiner Familie verwenden, daß
er, der Stellenlose, irgendeine Beschäftigung bekäme. Er denkt an Kanzleitätigkeit in einer Fabrik. Hat aber keine
speziell kaufmännische Vorbildung (außer Maschinschreiben). In der Gefangenschaft hatte er noch mit einem
Posten beim Magistrat gerechnet, der ihm bei Kriegsbeginn in Aussicht stand, hat sich aber getäuscht. Und sucht
nun vergeblich (Realschulmatura).--Ich machte ihm wenig Hoffnung, komme aber seiner Bitte nach.

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Auch ich suche eifrig nach der unerwünschten »Beschäftigung«--und fange an, Erfolg zu haben. Für
November habe ich Aussicht auf 5 Wochenstunden. Und dann habe ich mich--der Urania angeboten zu Vorträgen.
Sie hat 6 Stunden Einführung in die Kritik d. r. Vernunft und 3 Stunden über R. Dehmel angenommen, doch die
Termine auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben.--
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Drobil habe ich ein paarmal aufgesucht, er arbeitet mit Anteil an einer sitzenden Gruppe: Mutter und Kind,
muß aber unterbrechen, da ihm die Holzvorräte ausgegangen sind. Dein Bild will er mir übergeben, daß ich es
schicke, da er keinen Pappendeckel dazu fand. Doch hat er mirs noch nicht gegeben. Das letzte Mal freilich habe ich
vergessen, ihn zu mahnen.
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Sonst alles beim Alten. Ja leider. Und wie fühlst Du Dich in der neuen Umgebung? Schreib wieder einmal,
oder besser: komm wieder einmal, oder laß mich kommen.
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Ich bin
Dein
Hänsel

9 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL


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[Wien, nach dem 24. 10. 1919]
Lieber Hänsel!
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Dank für Deinen Brief. Dem Janko werde ich wol nicht helfen können. Ich kenne niemand, der ihm eine
Stelle verschaffen könnte. Wenn ich aber von etwas passendem höre, so werde ich Dir's mitteilen. Bitte sage dem
Drobil, daß er ein Hund ist! Ich würde jetzt auf die Zeichnung ganz verzichten, wenn ich sie nicht meiner Schwester
versprochen hätte. Bitte presse ihn, daß er Dir die Zeichnung giebt und schick' sie dann gleich. Ich werde Dich, wenn
irgend möglich, in der nächsten Woche besuchen. Es geht mir mittelmäßig.
Dein
Ludwig Wittgenstein
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P.S.
Werde Dir dann auch ein Heft des Brenner mitbringen, das Dich interessieren wird.

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10 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN


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[Wien] 3. 11. 19.
Lieber Wittgenstein!
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Ich bitte Dich, bete täglich das Vaterunser. Bete für Dich selber. Ich bete für Dich, aber mein Gebet versetzt
keine Berge.
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Auf der anderen Seite schreibe ich Dirs auf.
Dein
Hänsel
Pater noster, qui es in coelis,
Sanctificetur nomen tuum,
Adveniat regnum tuum,
Fiat voluntas tua sicut in coelo et in terra.
Panem nostrum quotidianum da nobis hodie
Et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris,
Et ne nos inducas in tentationem,
Sed libera nos a malo.
Amen.
11 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL
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[Wien, Ende 1919/Anfang 1920?]
Sehr geehrter Herr Professor
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Im Vertrauen auf die Freundschaft die Sie meinem Bruder Ludwig entgegenbringen erlaube ich mir Ihren
Kindern eine Kleinigkeit zu schicken!
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Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung
HERMINE WITTGENSTEIN

12 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL


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[Wien] 16. 1. 20.
Lieber Hänsel!
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Sei nicht bös, daß ich so lange nicht bei Dir war. Ich habe sehr viel zu tun. Im Inneren geht es mir nicht
besonders gut, da die Verhältnisse zu meinen Mitmenschen

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mich immer wieder in unangenehmer Weise beschäftigen. So wälze ich den Gedanken, ob ich hier bleiben oder
wegziehen soll immer noch ohne Resultat im Kopf herum. Bitte grüße Drobil herzlich. So bald ich kann werde ich
Euch besuchen und dann um Rat, ja vielleicht um Hilfe, angehen.
Dein Wittgenstein

13 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN


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[Wien] 17. 1. 20.
Lieber Wittgenstein!
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Ich habe über Deinen Brief Freude, weil ich wieder weiß, daß Du noch zu mir kommen willst, dessen ich nie
sicher bin; am wenigsten war ich es das letzte Mal, wo ich mich mehr als sonst passiver Zuhörer fühlte, nichts zu
geben, nicht einmal was anzuregen hatte.
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Wenn Du Zeit hast, wähle den Donnerstag. Da bin ich jetzt wieder frei. Zu tun habe auch ich sehr viel und
ich habe nicht mehr die Freude dazu, die mich anfangs stolz machte. Ich bin froh, daß die Kant-Vorträge zu Ende
gehen. Mein Atem reicht gerade noch aus, sie zu füllen. In den Faustvorträgen drückt immer mehr das Bewußtsein,
meine (nicht allzu bedeutenden) Interessen nicht übertragen zu können, also wirkungslos zu bleiben. Ich habe die
Zuhörer und mich überschätzt. Die allmähliche Entleerung der Säle ist das beschämende Zeichen dafür.
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Mein Selbstgefühl, das eine Zeitlang hochgegangen war, ist wieder einmal recht gedrückt. Und was ich
dagegen habe, ist nicht Ergebung, sondern nur bittere Schadenfreude. Oder die Ausrede: »keine Zeit« zu haben,
gehetzt zu sein.
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Ich bin ins Klagen geraten. Und soll zu »Hilfe« bereit sein. Ich weiß nicht, wie ich Dir helfen könnte, denn
Deine Not fängt dort an, wohin ich vor kleiner Nöte gar nicht zu schauen komme. Deine Not ist wohl die Distanz.
Daß es eine Distanz gibt, und daß Du die Distanz des Gleichgewichtes nicht findest. Zwischen Dir und Deinen
Mitmenschen ist keine Mauer, so fallen sie bald in Dich hinein, bald Du in sie. Ich habe mehr Kruste um mich.
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Wie stehts mit dem Manuskript?
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Mit Drobil war ich ein paarmal zusammen. Einmal haben wir uns an einem Heringssalat (von meiner Frau
zubereitet) ergötzt und über die schlechten Zeiten geklagt. Er leidet vor allem unter dem Holzmangel.--
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Wenn Du ihn gelesen hast (oder nicht lesen magst), bringe mir den Laokoon-Aufsatz wieder. Ich habe
bemerkt, daß ich sonst kein Exemplar besitze und das Manuskript habe ich in einem Anfall von Großmut der Küche
zum Anheizen gewidmet.
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Auf balde!
Dein Hänsel.

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14 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN


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Dr. L Hänsel Wien V.
Kriehubergasse 25/III
Herrn
Ludwig Wittgenstein
b. Fr. Sjögren
Wien
XIII. St. Veitgasse 17
[Poststempel: Wien, 11. II. 20]
L. W.
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Auch diesen Donnerstag (und überhaupt die folgenden) habe ich nicht mehr ganz frei. (Ich habe eine neue,
einträgliche Stunde übernommen.) Ich bin nur mehr von 3/4 2 - 1/2 5h nachm. daheim.
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Wie gehts Dir?
Herzlich
Dein Hänsel

15 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN


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Herrn
Ludw. Wittgenstein
(b. F. Sjögren)
Wien XIII
St. Veitgasse 17
[Wien, 20. 2. 1920?]
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Verzeihe: Donnerstag (diesen D.) habe ich von 4-5h zu tun. Die übrige Zeit bin ich frei.
Dein
Hänsel

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16 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL


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Herrn
Prof. Dr. Ludwig Hänsel
V. Kriehubergasse 25
Wien
[Poststempel: Wien, 2. III. 20]
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Lieber Hänsel! Als ich Dich heute auf dem Gang sah, war ich in solcher Eile (ich hatte nämlich Lehrversuch)
daß ich Dir nicht einmal für Deine große Güte dankte!
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Wie ist es mit den Masern, kann ich da nicht zu Dir kommen? Wenn nicht, so sei so gut & schreib mir, was
Du über mich erfahren hast. Und auch wer bei Dir krank ist und ob sich etwas machen läßt.
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Dein dankbarer
Ludwig Wittgenstein
17 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN
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[Wien] 5. 3. 20.
Lieber Wittgenstein!
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Deine Karte habe ich zwar schon Mittwoch bekommen, ich wollte aber erst abwarten, ob Du Donnerstag
nicht doch kämest--denn rechtzeitig verständigen konnte ich Dich nicht mehr.
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Der Direktor Dr. Latzke hat in gemessener Würde »ausgeführt«, daß das ganze Professorenkollegium
einstimmig sein Lob über Dich ausgesprochen habe: ernst... weiß, was er tut... weißer Rabe unter den Abiturienten...
alle Achtung... auch bei den Lehrauftritten. Da sogar mehr Sicherheit, als bei Fragen während des Unterrichtes...
wünscht nur, daß er in dem Beruf die Befriedigung finde, die er darin sucht... Sprechtag sei nicht, aber in der Pause
könne ich beim Klassenvorstand Einblick in den Katalog nehmen. Bis dorthin lud er mich ein, in seinem Zimmer zu
bleiben. Ich las im Dostojewski-Aufsatz des Brenners, während er mit peinlich-ruhiger Silbengenauigkeit Parteien
am Telephon abfertigte -jeder Zoll ein Direktor.
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Der Klassenvorstand war auch sehr zufrieden. Noten: meistens lobensw. Befried. in Pädagogik, Naturgesch.
Kalligr. und noch einem Gegenst. glaube ich (oder auch nicht) genügend in Violine. Lehrauftritte waren noch nicht
eingetragen. Der Psychol. Professor meinte sehr selbstzufrieden, daß er sehr zufrieden sei mit dem Herrn v.
Wittgenstein.--
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Die Masern hat das mittlere der drei Kinder--gehabt. Sie ist im Gesundwerden. Der Bub wird sie aber
wahrscheinlich übernehmen. Und zuletzt wohl auch die Ältere. Ich bin isoliert, im Zimmer, in das Du aufgenommen
wurdest. Halte Schule, gebe Stunden. Nur eine Mutter hat mir ihren Buben auf diese Zeit entzogen. Ich meine, Du
könntest (ohne Gefahr für Deine Schulkinder) nächsten Donnerstag

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kommen, wenn Du magst.--Auch daß Du bei mir übernachtest und einige Tage bleibst, ist bei Deiner
Anspruchslosigkeit, noch immer durchführbar. Du müßtest halt im selben Zimmer wie ich schlafen.--Doch wünsche
ich Dir (nicht mir!) Geduld.
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Ob sich das machen läßt? Ich bin schamlos genug, Dich zu fragen, ob Du etwas Milch für die Kinder
beschaffen könntest. Sie bekommen jetzt die holländ. Jause nicht. Meine Frau läßt Dich grüßen.
Herzlich Dein Hänsel

18 HÄNSEL AN LUDWIG WITTGENSTEIN


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Dr. L Hänsel Wien V.
Kriehubergasse 25/III
Herrn
Ludwig Wittgenstein
bei Frau Sjögren
in Wien XIII
St. Veitgasse 17
16. 3. 20
L. W.
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Am Donnerstag bin ich nur bis 3h daheim. Ich muß in die Schulgeldbefreiungskonferenz. Verzeihe. Meine
Kinder gesunden ordnungsmäßig. Und wie gehts Dir?
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Herzlichen Gruß!
Dein Hänsel

19 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL


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[April 1920?]
Sehr geehrter Herr Professor
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Vor einigen Tagen schrieb ich meinem Bruder Ludwig dass ich Lebensmittel aus Amerika bekommen hätte
und ihn bäte etwas Condensmilch etc. für Sie mitzunehmen. Seither haben Sie uns unendlich zu Dank verpflichtet
durch die rührend freundschaftliche Art mit der Sie Ludwig bei sich aufgenommen haben. Diese Dankes-Schuld
kann aber gar nicht abgetragen werden am Wenigsten durch Condensmilch, denken Sie also bitte um Gotteswillen
nicht an einen Zusammenhang, sondern nur dass Ihnen eine kleine Freude machen wollte
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Ihre aufrichtig ergebene
Hermine Wittgenstein

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20 HERMINE WITTGENSTEIN AN HÄNSEL


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[Wien] d. 26. IV 1920
Sehr geehrter Herr Professor
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Sonntag d. 2. Mai verteilt eine mir bekannte Dame Lebensmittel, die sie aus Amerika zur Verteilung
bekommen hat. ich lege meine Karte bei und bitte sich mit dieser Karte am 2. V zwischen 10 u. 11 Uhr im
physikalischen Institut IX Währingerstraße (Eingang Strudelhofgasse) einzufinden und nach Frau Hofrat Lecher zu
fragen. Bitte ein Sackerl für 5-6 kg Mehl und Papier für circa 2 kg Speck mitzunehmen. Ich würde mich herzlich
freuen wenn Sie die Sachen holten und bin mit besten Grüssen sehr geehrter Herr Professor
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Ihre sehr ergebene
Hermine Wittgenstein

21 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL


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[Wien, Frühjahr 1920?]
Lieber Hänsel!
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Heute spät abends möchte ich zu Dir kommen. In die philos. Ges. kann ich nicht kommen. Mein
Abendessen nehme ich ein, ehe ich Dich besuche. Wenn Du nicht zu Hause bist, ist es auch kein großes Unglück.
Dein Wittgenstein

22 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL


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L. Wittgenstein
bei Obergärtner
Boldrino, Stift
Klosterneuburg.

Herrn
Dr. Ludwig Hänsel
Salzburg
Fürstenallee 1
[Poststempel: Klosterneuburg, Tag unleserlich. VII. 20]
L. H.!
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Es geht mir hier recht gut. Arbeit von 7h v. m. bis 6h n. m. Essen ziemlich gut und reichlich. Leute nett.
Abends bin ich sehr müde kann darum nicht viel schreiben.
Dein Wittgenstein

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23 MICHAEL DROBIL AN HÄNSEL


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Wien am 3. 8. 20.
Lieber Hänsel!
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Von hier ist nichts Besonderes zu melden. Unsere Angelegenheit geht anstandslos vorsich. Wittgenstein hat
mir dieser Tage geschrieben, dass er bis jetzt zufrieden und sehr fleissig ist. Der Glückliche!
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Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Ich habe alle Lust zum arbeiten verloren. Das kommt davon wenn mann
darüber nachdenkt zu was das Ganze sein soll. Bin ich vielleicht gar ein Bolschewik geworden, oder hat mich die
allgemeine Streiklust erfasst? Wenn es noch lange so weiter geht kannst Du noch beim Giessen zusehen Mit
Wittgensteins Porträt ist's vorläufig natürlich nichts. Er meint wenn er dazukommt anfangs September werden wir es
machen, doch zweifle ich daran, dass er dann Zeit hat. Die Bildhauerei ist halt eine recht überflüssige Beschäftigung.
Dumm wenn mann nichts anderes gelernt hat.
Es grüßt
Dich herzl
Dein Drobil
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Grüsse mir ebenso Deine Frau und die Kinder!

24 MICHAEL DROBIL AN HÄNSEL


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Wien am 7. 8. 20.
Lieber Hänsel!
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Bei der heutigen Ausgabe wurde mir eine Karte übergeben und Folgendes mitgeteilt. »Diese Karte ist
auszufüllen und bis längstens 14 August an die »Zegani« einzuschicken, von dort wird sie an das Gesundheitsamt
geleitet, von wo wieder nach einiger Zeit die Aufforderung die Kinder untersuchen zu lassen, an Dich ergehen wird.«
Ich werde nun die Karte ausfüllen und einschicken, so dass Du Dich noch entschliessen kannst ob Du die Kinder
dazu herschicken willst. Wann diese Aufforderung an Dich ergehen wird ist noch unbestimmt. Schreibe Deiner
Hausbesorgerin dass sie dieselbe sofort an Dich abschickt, oder vielleicht gar mir übergibt. Ich könnte dann evt.,
telegrafieren im Falle es dringend wäre.
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Bitte schreibe mir jedenfalls gleich Deinen Entschluss damit ich darnach handeln kann.
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es grüsst Dich
und die Deinen
herzl
Dein
Drobil

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Am 21. findet noch eine Ausgabe statt dann wird geschlossen.
Wiedereröffnung nach der Untersuchung

25 LUDWIG WITTGENSTEIN AN HÄNSEL


[Klosterneuburg] Ich glaube der 10. 8. [1920]
Lieber Hänsel!
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Dank' Dir für Deine liebe Karte.--Dieser Brief hat zwei Beilagen: 1. den Zett