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Orte des Grauens

Verbrechen im Zweiten Weltkrieg

Herausgegeben von

Gerd R. Ueberschär

Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Einbandgestaltung: Neil McBeath, Stuttgart.

Bildquelle: Bildarchiv Spyros Mele tzis, Athen


Das Foto stammt von einem von griechischen Partisanen gefangengenommenen
deutschen Soldaten . Es zeigt das Vorgehen bei militärische n Aktionen im Partisa­ Inhalt
nenkampf gegen di e Zivilbevölkerung in griechischen Orten . Es soll wä hrend des
Massakers in Distomo aufgenommen worden sein und wurde mit dieser Angabe Karte "Orte des Grauens" . . . . . . . .. ... ... . . . .. .. Will
auch seit 1976 in griechischen Publikationen abgebildet. Obwohl es einige Überein­
stimmungen der abgebildeten Gebäude mit Distomo gibt , kann die Zuordnung zu
GERD R. UEBERSCHÄR
dem Ort aufgrund neuerer Nachforschungen von Herrn Dieter Bege mann , auch im
Hinblick auf die anzunehmende Uhrzeit de r Aufnahme, allerdings nicht einwand­ Vorwort IX

fr ei geklärt werden. Der Vf'Thlpih ti M l\.1 A~n ':" - : - < '.' , I bekannt.
WERNER RENZ
Auschwitz 1940-1945
1

PETER STEINKAMP
Aussig 1945
12

BERND BOLL
Chatyn 1943
19

DIETER BEGEMANN
Distomo 1944
· . . . . . . . . .. . .. . 30

Lize nzausga be
GERD R. UEBERSCHÄR
für die Wissenschaftliche Buchgese llschaft
Dresden 1945
37

HOLM SUNDHAUSSEN

Jasenovac 1941-1945
· ... ... . . . . . . 49

Das Werk ist in allen se inen Teil en urheberrechtlich geschützt.

Jed e Verwertung ist o hne Zustim mung des Verlages unzulässig.


EllERHARD RONDHOLZ

D as gilt insbesondere für Vervielfältigungen,

Übersetzungen, Mik roverfilmungen und die Einspeiche rung in

Kalavryta 1943 .. . . · . . . . . . . . .. . .
60

und Verarbe itung durch elektronische Systeme.

MAt.GORZATA RU CHNIEWICz/KRZYSZTOF RUCHNIEWI CZ


© 2003 by Primus Verl ag, Darmstadt
Katyn 1940 . . . . . .. . . . . . . . . . . . .. . . . . . 71

Gedruckt auf sä urefreiem und alterungsbeständigem Papie r

Printed in Germany

J ÜRGEN MATTHÄUS

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-darmstadt.de


Kaunas 1941-1944
83

( i r. RHARD SCHREIBER

16788 0 Kcphalonia 1943 . .


92

VIII Inhalt Inhalt IX

HARTMUT Rüss
HANS-HEINRICH NOLTE
Kiev/Babij Jar 1941 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
Slonim 1941-1944 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 237

WALTER MANOSCHEK
CARLO GENTILE

Kragujevac 1941 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114


Vallucciole 1944 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248

PETER STEINKAMP

Lidice 1942 . . . . .. .. . .. .. .. . . . . . . . . . . . . . . . .. , 126


Abkürzungsverzeichnis 255

CARLO GENTILE
Personenregister . . . . 261

Marzabotto 1944 . . . . . . .. .. . .. . . . . . . . . . . . . . . . . 136

Autorinnen- und Autorenverzeichnis 267

HERMANN FRANK MEYER

Mousiotitsas - Kommeno - Lyngiades 1943 . . . . . . . . . . . . . . 147

BERNHARD FISCH

Nemmersdorf 1944 . . . . . .. . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . 155

EKKEHARD VÖLKL

Odessa 1941-1943 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 168

AHLRICH MEYER

Oradour 1944 . .. . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . .. . . . . 176

HANS-HEINRICH NOLTE

Osarici 1944 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187

ANDREJ ANGRICK/PETER KLEIN

Riga 1941-1944 . . . . . . . . . . . . .. .. .. . . . . . . . . . . . . 195

STEFFEN PRAUSER

Rom/Fosse Ardeatine 1944 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207

UTE UEBERSCHÄR-VON LIVONIUS

Sagan 1944 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 217

WALTER MANOSCHEK

Sajmiste/ Belgrad 1941/42 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 224

CARLO GENTILE

Sant'Anna di Stazzema 1944 . . . . 231

Distomo 1944 31

DIETER BEGEMANN endet: "Völlige Auflösung jeder Ordnung - stop - sorgen sie für die
schnelle Entsendung einer Polizeirnacht mit Offizieren und guter Aus­
rüstung, damit ich Ordnung durchsetze."3 Es ist nicht bekannt, wie die
griechische Kollaborationsregierung auf diesen verzweifelten Hilferuf
Distomo 1944 eines ranghohen Verwaltungsbeamten reagierte. Die Umsetzung seiner
Forderung nach einer Polizeirnacht dürfte jedoch niemand ernsthaft erwo­
Die Gemeinde Distomo 1 liegt in einer kleinen Hochebene zwischen gen haben. Das wäre einer Kriegserklärung an die deutschen Besatzer, die
dem Helikon- und dem Parnassosgebirge, etwas abseits der Hauptstraße, Griechenland seit 1941 okkupiert hatten, gleich gekommen.
die von Theben aus über die Provinzhauptstadt Levadia und weiter über Die Verantwortlichen des IKRK berieten noch während der Feier, was
das Bergdorf Arachowa sowie das antike Delfi zum Hafen von Itea führt. zu tun sei. Man beschloss, sofort einen Delegierten zur Erkundung der Si­
Der Zugang zu einem schiffbaren Hafen gab der Straße, insbesondere in tuation in Distomo zu entsenden. Linner und seine Frau meldeten sich
der letzten Phase der deutschen Besatzung in Griechenland, strategische freiwillig für diese Aufgabe. Sie beluden einen PKW mit Kleidung, Me­
Bedeutung. dikamenten und Verbandsmate rial. "Wir brauchten die ganze Nacht, um
Als der schwedische Delegierte des Internationalen Komitees des unseren Weg auf kaputt gefahrenen Straßen und durch die vielen Stra­
Roten Kreuzes (IKRK) , Prof. Sture Linner und seine Ehefrau Clio, im ßensperren zu finden " , schildert Linner die ca. 170 Kilometer von Athen
Morgengrauen des 15. Juni 1944 von der Hauptstraße ins nahe Distomo nach Distomo. Erst nach langem Suchen stießen sie in dem Ort auf
abbogen, machten sie eine grausige Entdeckung. "Festgenagelt mit Bajo­ menschliches Leben. Hinter einem Felsen kauerte eine junge Frau, die
netten", so Linner, hingen etwa zehn Leichen an den Bäumen der Allee, sich mit einer Schussverletzung am Arm versteckt hatte. Alle sonstigen
die in das Dorf führte. " Über der Gegend lag ein fürchterlicher Gestank Überlebenden waren in die Berge geflüchtet. Nachdem sie die Wunde der
von Brand und Verwesung", berichtet der IKRK-Delegierte. Als die bei­ Frau versorgt hatten, deponierten Linner und seine Frau die Hilfsgüter im
den auf den Dorfplatz kamen , stießen sie auf weiteres Grauen: "Überall Ort und fuhren nach Athen zurück.
lagen Tote. Ich kann nicht sagen, wie viele es waren. Auf mich wirkte es, als Die damalige Lage in diesem Teil Griechenlands beschrieb der Athener
wären es hunderte. Darunter waren Frauen, deren Bäuche aufgeschlitzt Chef-Delegierte des IKRK, Dr. Emil Sandström, nach dem deutschen
waren. Die Eingeweide quollen heraus. Einigen Frauen waren die Brüste Abzug in einem Bericht für das schwedische Rote Kreuz mit den Worten:
abgeschnitten, Männern hatte man das Geschlechtsteil abgetrennt. Dane­ "Der Sommer war von stark zunehmender Guerilla-Aktivität gekenn­
ben lagen Kinder, deren Schädel zertreten waren. In den ausgebrannten zeichnet und daraus folgenden Geiselnahmen, Exekutionen, Massakern
Häusern glimmte noch die GJUt. "2 und Zerstörungen von Dörfern. [... ] Einzig und allein die größeren Städte
Die Fahrt nach Distomo ist Linner und seiner Frau unvergesslich. Es und bestimmte Hauptverbindungsstraßen waren einigermaßen sicher in
war gewissermaßen ihre Hochzeitsreise. Am Vorabend hatten sie in Athen den Händen der Deutschen. Im Übrigen wurde das Land von den Andar­
im Kreis von IKRK-Angehörigen ihre Vermählung gefeiert. Während des­ ten (= landesübliche Bezeichnung für Partisanen - Verf.) beherrscht."
sen war ein Telegramm zugestellt worden, das der griechische Präfekt der Über die Reaktion der Besatzer auf diese Situation schreibt Sandström:
Provinz Böotien bereits zwei Tage zuvor an das Athener Innenministe­ "Die deutschen Repressalien nahmen an Grausamkeit weiter zu, falls das
rium und das IKRK geschickt hatte. Darin hieß es: "Im Dorf Distomo überhaupt noch möglich ist, und viele neue Ortsnamen müssen den vielen
wurden am 10. dieses Monats von einer großen SS-Einheit mehr als tau­ hinzugefügt werden, die bereits von der Leidensgeschichte des griechi­
send Männer, Frauen, Kinder und Säuglinge ermordet und mehr als 200 schen Volkes erzählen. Einer dieser Orte, der mit am bekanntesten gewor­
verwundet - stop - der Bürgermeister, Pfarrer, Friedensrichter, Apotheker den ist, ist Distomo, ein Dorf in der Region Levadia."4
und sonstige Offizielle samt ihren Familien wurden massakriert - stop ­ Seit April 1944 war es in diesem Gebiet immer wieder zu kleineren Ge­
Verwundete, unter ihnen viele im Säuglings- und Kindesalter, werden blu­ fechten und zu Überfällen von Einheiten der griechischen Partisanen­
tend in Höhlen versteckt , wo sie auf einfachste ärztliche Hilfe warten." armee ELAS (= Ellinikos Laikos Apeleftherotikos Stratos) auf Fahrzeug­
Die Ermordung weiterer 29 Menschen an den FoJgetagen ließ den Präfek­ kolonnen der deutschen Besatzer gekommen. Als bei einem solchen
ten "ein Blutvergießen großen Ausmaßes" befürchten. Das Telegramm Angriff am 26. April 1944 zwei Offiziere getötet und vier Soldaten ver­
32 Dieter Begemann Distomo 1944 33

schleppt wurden, reagierten die deutschen Militärbehörden mit der sofor­ der zwölf am Morgen gemachten Gefangenen jenes Massaker, dessen
tigen Hinrichtung von 110 Griechen am Überfallort. Zusätzlich wurde die Spuren Sture Linner und seine Frau fünf Tage später fanden.
nahe Ortschaft Kiriaki zerstört und weitere 100 Geiseln in einem Athener Den bald einsetzenden Gerüchten über das Gemetzel begegneten die
Gefängnis erschossen. 5 Eine "Befriedung" im Sinne der Besatzer ließ sich deutschen Militärbehörden im fernen Athen mit dem bewährten Mittel
jedoch mit solch brutaler Gewalt nicht erreichen. Weiterhin kam es zu der Gegenpropaganda, in der das Verbrechen geleugnet wurde. 7 Intern
ScharmUtzeIn mit den ELAS-Einheiten, auf die von deutscher Seite mit stand man vor einem ungewohnten Problem, nachdem beim LXVIII. Ar­
neuen Hinrichtungen und Zerstörungen geantwortet wurde. meekorps zwei vollkommen unterschiedliche offizielle Berichte über die
Nachdem Ende Mai 1944 die 1. und 2. Kompanie des SS-Panzergrena­ Ereignisse des 10. Juni eingereicht worden waren. In dem einen schilderte
dier-Regiments 7 in Levadia stationiert worden waren, plante man von der Geheime Feldpolizist Georg Koch, der die 2. Kompanie begleitet
deutscher Seite einen Gegenschlag zur "Freikämpfung der Straße Levadia­ hatte, in sachlich dürren Worten das bekannte Geschehen, allerdings ohne
Arachowa."6 Am Morgen des 10. Juni 1944 brach die 2. Kompanie unter die von Linner beschriebenen bestialischen Details.s In dem anderen schil­
Führung des SS-Hauptsturmführers Fritz Lautenbach in motorisierter Ko­ dert der SS-Hauptsturmführer Fritz Lautenbach die Zerstörung Distomos
lonne auf. In der Nähe der Abzweigung nach Distomo sollte sie mit der in und die Tötung der Einwohner als Folge eines Gegenangriffs "mit allen
Arachowa stationierten 10. Kompanie zusammentreffen. Dem Gros der zur Verfügung stehenden Waffen", nachdem seine Kompanie aus dem Ort
2. Kompanie fuhr im viertelstündigen Abstand eine Gruppe SS-Soldaten "schlagartig" mit Granatwerfern, Maschinengewehren und Gewehren
auf den Ladeflächen von zwei griechischen LKWs voraus, die man kurz unter Beschuss genommen worden sei. "Nachdem das Dorf gesäubert war,
zuvor requiriert hatte. Die Besatzung dieser Fahrzeuge trug landestypi­ wurden 250 bis 300 Bandenverdächtige und Bandenangehörige gezählt;
sche Zivilkleidung, die am Vorabend griechischen Geiselhäftlingen im Ge­ die restlichen Häuser wurden im Anschluss daran abgebrannt."9
fängnis von Levadia abgenommen worden war. Zur Vervollständigung der Wegen dieser gegensätzlichen Darstellungen und der eigenen Unsicher­
Maskerade hatte sich die Besatzung der LKW-Vorhut mehrere Tage nicht heit aufgrund der zunehmenden Gerüchte über das Blutbad, vernahm, be­
rasiert. auftragt durch den Kommandierenden General Hellmuth Felmy, der Mi­
Ohne auf Partisanen zu stoßen, erreichte die Gruppe die Abzweigung litärrichter des LXVIII. Armeekorps den Geheimen Feldpolizisten Koch.
nach Distomo. Etwas abseits der Hauptstraße entdeckte man dort in einer Dieser bestätigte noch einmal seine schriftliche Schilderung. Anschließend
Schäferhütte eine Gruppe von 18 unbewaffneten jungen Griechen. Als die warf Felmy in einem Brief an den Kommandeur der 4. SS-Polizei-Panzer­
verkleideten SS-Soldaten näher kamen, versuchten sechs Griechen zu flie­ grenadier-Division, zu der die Kompanie Lautenbachs gehörte, dem Ein­
hen . Sie wurden erschossen. Die zwölf anderen wurden als Gefangene mit­ satzführer in Distomo vor, seine Meldung sei "wissentlich falsch". Deshalb
genommen, als die Kompanie über Funk den Befehl erhielt, gemeinsam und weil der SS-Hauptsturmführer gegen Befehle für Sühnemaßnahmen
mit der 10. Kompanie nach Distomo vorzustoßen. Auch dort fanden sich verstoßen habe, die für die Anordnung einer derartigen Repressalie den
keine Hinweise auf Partisanen, allerdings erklärten der Pappas und der Befehl eines Divisionskommandeurs verlangten, ersuchte Felmy den
Bürgermeister, am Vorabend sei eine Gruppe von etwa 30 ELAS-An­ Kommandeur der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Divsion "eine Unter­
gehörigen in Richtung des fünf Kilometer entfernten Dorfes Stiri durch­ suchung über den gesamten Vorfall einzuleiten und mir über das Ergebnis
gezogen. zu berichten."loDie nun folgenden Schritte seitens der Waffen-SS-Divi­
Nachdem gegen 14.30 Uhr die 10. Kompanie wieder in Richtung Ara­ sion tragen äußerlich tatsächlich Züge einer juristischen Ermittlung. Aller­
chowa abgezogen war, entschloss sich der Kompaniechef Lautenbach, dings wird bei näherem Hinsehen erkennbar, dass es sich um ein Pseudo­
mit einem kleinen Erkundungstrupp nach Stiri vorzustoßen. Wenige hun­ Verfahren, an dessen Ende zwar das Eingeständnis folgte, Lautenbach
dert Meter vor dem Nachbardorf geriet der Konvoi in einen Hinterhalt habe bei der Tötung der Zivilisten eigenmächtig gehandelt, jedoch sei sein
der ELAS. Dem durch Leuchtfeuer aus Distomo herbeigerufenen Rest Handeln "soldatisch und menschlich verständlich", weil die Einwohner
der Kompanie gelang es, die Partisanen zum Rückzug zu zwingen. Drei Distomos die 2. Kompanie in den Hinterhalt der Partisanen gelockt hät­
SS-Soldaten wurden bei dem Gefecht getötet, 18 weitere verletzt, davon ten. Deshalb bat der Divisionskommandeur General Felmy darum, den
vier so schwer, dass sie kurz darauf starben. Nachdem die Kompanie gegen Kompaniechef lediglich "disziplinar bestrafen zu dürfen." Felmy erklärte
17.30 Uhr wieder in Distomo eingerückt war, begann mit der Hinrichtung sich einverstanden. 11
34 Dieter Begemann Distomo 1944 35

Abschließend ist festzuhalten, dass bei dem Massaker in Distomo nicht Anmerkungen
die anfangs befürchteten tausend, sondern 218 Menschen ermordet wur­
1 In den verschiedenen Quellen wird der Name des Ortes vielfach unterschied­
den. SS-Hauptsturmführer Lautenbach fiel am 16. Oktober 1944 in Un­
lich als Distomon, Distimon, Destimon usw. angegeben. Zur Vermeidung von Miss­
garn.12
verständnissen wird nachfolgend, auch bei Quellenzitaten, die im Ort gebräuch­
Der "Fall Distomo" gehörte zu mehreren Anklagepunkten gegen Hel­
liche Schreibweise Distomo verwendet. Aus dem gleichen Grund wird nachfolgend
muth Felmy im Nürnberger Südostgeneräleprozess, der 1948 als "Fall 7" ebenfalls der in verschiedenen Schreibweisen gebrauchte Name der Provinzhaupt­
vor einem US-Militärgericht verhandelt wurde. 13 Die Richter kamen zu stadt Levadia vereinheitlicht.
dem Schluss, der General scheine "kein Interesse gehabt zu haben, den 2 Interview des Verfassers mit Prof. Linner am 27. 11. 2001. Vgl. auch: Sture
schuldigen Offizier der gerechten Strafe zuzuführen." Felmy wurde zu Linner: Min odysse. Stock holm 1982, S. 208f.
15 Jahren Gefängnis verurteilt, jedoch im Zuge der "McCloy-Amnestie" 3 Telegramm des Präfekten J. Georgopoulos vom 12.6.44. Original nicht überlie­

bereits 1951 entlassen. fert. Zit. nach Abdruck in: Takis Lappas: I Sfaji tou Distomou. Chroniko. Athen
Die bundesdeutsche Nachkriegsjustiz beschäftigte sich in zwei Ver­ 1945,S.70f.
4 Riksarkivet Stockholm, Division of Private Archives, Svenska Röda Korset I,
fahren mit dem Massaker. Im ersten Fall stellte das Landgericht Konstanz
Överstyrelsen, F I a: 178, Bericht Sandström an das Schwedische Rote Kreuz
am 21. Januar 1958 "trotz erheblicher Verdachtsmomente" die Vorunter­
v. 22. 11. 1944.
suchung gegen zwei ehemalige Waffen-SS-Angehörige ein, gegen die als
5 BA-MA Freiburg, RH 24-68/26: Ic-Tagesmeldungen des LXVIII. AK v. 26. 4.
Ortskommandant von Levadia bzw. als dortiger Bataillonskommandeur 1944. Die dortige Angabe von fünfzig am Überfallort getöteten "Kommunisten" ist
ermittelt worden war. 14 Im zweiten Fall wertete das Landgericht München jedoch falsch. Vgl. dazu u.a: BA/ZStL Ludwigsburg, 508 AR 1186/68: Sammelauf­
I im Jahre 1972 die Pseudo-Ermittlung von 1944 als "kriegsgerichtliche stellung über deutsche Kriegsverbrechen in Böotien.
Untersuchung", die zeige, dass es seinerzeit keine "gegen das Recht ge­ 6 BA-MA Freiburg, RH 19 XII37A: Bericht Koch v.12. 6.1944. Die nachfolgende
richtete Erwägungen der nationalsozialistischen Machthaber" gegeben Schilderung der Ereignisse beruht auf dem Bericht sowie auf zwei Interviews, die
habe, welche "die Strafverfolgung verhindert hatten."15 Mit dieser aben­ der Verfasser am 5.9.1989 und am 2. 3. 1999 mit Koch führte. Dessen Aussagen
teuerlichen Rechtskonstruktion erklärten die Richter die Verbrechen von werden von einer Reihe von Einwohnern Distomos und einem ELAS-Angehöri­
Distomo für seit dem 10. Juni 1964 verjährt. Mit anderen Worten: Fritz ger, der am Angriff auf den deutschen Erkundungstrupp vor Stiri beteiligt war, be­
stätigt. Siehe dazu: Nikos Assimakis: I Machi tou Steiriou tis 10. louniou 1944 kai i
Lautenbach wäre, hätte er den Krieg überlebt, nach diesem Termin vom
Alitheia gia ti Sfaji tou Distomou. In: Ethniki Antistasi (Nea Periodos). Episima
Landgericht München I nicht mehr zur Rechenschaft gezogen worden.
Keimena Anamniseis-Chronika-Stoucheia. Ohne Ort 1982, S. 36-40.
Weitere Angehörige von Lautenbachs Kompanie konnten nicht ermittelt 7 PA Berlin: Sonderbevollmächtigter Südost, Bd.1: Telegramm Zeileissen an
werden. Neubacher v. 10.7.1944.
Jahrzehntelang von deutscher Seite unbeachtet und verdrängt, geriet 8 Wie Anm. 6. Dazu nachträglich vom Verfasser befragt, erklärt Koch, dass er
der "Fall Distomo" ab 1995 wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit. während des Partisanen überfalls vor Stiri durch Granatsplitter verletzt wurde.
Nachdem die Bundesregierung sich wegen "Zeitablauf" geweigert hatte, Diese Verletzung ist belegt. Nachdem er selbst verbunden wurde, habe er sich um
der griechischen Bitte um Aufnahme von Gesprächen über die seit 1953 den tödlich verwundeten Dolmetscher seiner Dienststelle gekümmert. Deshalb
zurückgestellten Reparationsforderungen nachzukommen, machten 256 habe er die Ereignisse nur teilweise beobachten können. Ungeachtet dessen be­
Überlebende und Hinterbliebene des Massakers vor griechischen Gerich­ stätigt Koch auch im Detail die massenhafte Ermordung von Männern, Frauen und
ten individuelle Entschädigungsansprüche gegen die Bundesrepublik gel­ Kindern mit Feuerwaffen.
9 BA-MA Freiburg, RH 19 XII37 A: Gefechtsbericht Lautenbachs v. 11. 6.1944.
tend. Im Mai 2000 bestätigte der höchste griechische Gerichtshof in letz­
10 Ebenda: Schreiben Felmys v. 4. 7.1944.
ter Instanz ein Urteil, das die Bundesregierung zur Zahlung von rund 28 11 Ebenda: Abschlussbericht Schümers v. 21. 7. 1944 und handschriftliche Er­
Millionen Euro an die Kläger verurteilte. 16 Das Urteil ist rechtskräftig, klärung Felmys v. 22. 7.1944.
wird jedoch von der Bundesrepublik unter Hinweis auf die Staatenimmu­ 12 Das Schwarze Korps v. 25.11. 1944: Todesanzeige.
nität nicht anerkannt. Ein Ende dieser - auch international stark beach­ 13 Fall 7, S. 165; ferner Beate Ihme-Tuchel: Fall 7: Der Prozeß gegen die "Südost­

teten - juristischen und politischen Auseinandersetzung ist bislang nicht Generale" (gegen Wilhelm List und andere). In: Der Nationalsozialismus vor Ge­
absehbar. richt. Hrsg. v. Gerd R. Ueberschär. Frankfurt a.M.1999, S.144-154; Gerd R. Ueber­
36 Dieter Begemann

schär: Der Geiselmordprozeß gegen die "Südost-Generale". In: Die 12 Nürnberger GERD R. UEBERSCHÄR
Nachfolge-Prozesse 1946-1949. Hrsg. v. Bengt von zur Mühlen und Andreas von
Klewitz. Berlin-Kleinmachnow 2000, S. 119 ff.; auch zum Folgenden.
14 BA/ZStL Ludwigsburg, 518 AR 14.816/87: Einstellungsbeschluss LG Konstanz

v. 21. 1. 1958; vgl. auch: Fleischer, Schuld ohne Sühne. Dresden 1945
15 BAiZStL Ludwigsburg, 518 AR 1186/68: Einstellungsverfügung LG München

I v.27. 11. 1972.


16 Siehe dazu u. a. den Bericht: Entschädigung für griechische Kriegsopfer. In:
Schwere alliierte Luftangriffe trafen am 13. und 14. Februar 1945 die
Berliner Zeitung v. 6. 5. 2000. Die juristische und politische Auseinandersetzung sächsische Gauhauptstadt Dresden, die auch als barocke Kunstmetropole
fand weltweit ihren Niederschlag in umfangreichen Berichten nahezu aller namhaf­ und deutsches Florenz an der EIbe bezeichnet wurde, am Fastnachtsdiens­
ten Presseorgane. tag im sechsten Kriegsjahr völlig unvorbereitet!. Seit Beginn der sowjeti­
schen Offensive an der Ostfront im Januar 1945 strömten viele Flüchtlinge
Quellen- und Literaturhinweise aus dem Warthegau und Ostschlesien in die Stadt. Als die ,,1. Ukrainische
Ungedruckte Quellen Front" der Roten Armee unter Marschall Konjev ab 12. Februar 1945
BA-MA Freiburg, RH 19 XII37A: Überliefertes Schriftgut des OB Südost im Zu­ ihren Vormarsch nach Westen fortsetzte, waren rund 200000 Flüchtlinge
sammenhang mit den Ereignissen am 10.6.1944 in Distomo. - zusätzlich zu den knapp 750000 Bewohnern - in der Stadt versammelt.
BA/ZStL Ludwigsburg, 518 AR 14.816/87: Unterlagen zum Ermittlungsverfahren Als Hauptziel alliierter Luftangriffe kam die Stadt im Zusammenhang
der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Konstanz, eingestellt am 21. 1. 1958 mit der Konferenz in Jalta auf die Liste des strategischen Bomber-Kom­
und 508 AR 1186/68: Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft beim Land­ mandos der Engländer. Der britische Premierminister Winston Churchill
gericht München I, eingestellt am 27.11. 1972. verlangte am 26. Januar 1945 zu prüfen, ob eine größere Stadt im Osten
Deutschlands als besonders günstiges Ziel für die Angriffe des Bomber
Gedruckte Quellen und Litera/ur
Fall 7. Das Urteil im Geiselmordprozess. Hrsg. v. Martin Zöller und Kazimierz
Command ausgewählt werden sollte 2 • Einerseits wollte er Stalin die mi­
Leszczynski. Berlin (DDR) 1965. litärische Stärke der Westalliierten im Zusammenhang mit dem Vormarsch
Fleischer, Hagen: Im Kreuzschatten der Mächte. Griechenland 1941-1944 (Okku­ der Roten Armee demonstrieren, und zum anderen befürchtete der Pre­
pation - Resistance - Kollaboration). Frankfurt/Main 1978. mier, die NS-Führung könnte ihren Regierungssitz aus Berlin in das fast
Ders.: Schuld ohne Sühne: Kriegsverbrechen in Griechenland. In: Kriegsverbre­ unbeschädigte Dresden verlegen 3 . Ein schwerer "Panikangriff" auf die
chen im 20. Jahrhundert. Hrsg. v. Gerd R. Ueberschär und Wolfram Wette. Darm­ sächsische Hauptstadt sollte die Verwirrung in der überfüllten Stadt ver­
stadt 2001, S. 208-221. größern und die Verbindungslinien zwischen West- und Ostfront unterbre­
Von Lidice bis Kalavryta. Widerstand und Besatzungsterror. Studien zur Repressa­ chen. Er sollte zugleich eine Demonstration der Vernichtungskraft des bri­
lienpraxis im Zweiten Weltkrieg. Hrsg. v. Loukia Droulia und Hagen Fleischer. tischen Bomber Command werden - auch für den sowjetischen Verbünde­
Berlin 1999.
ten. Eigentlich sollte Dresden noch vor Beginn oder wenigstens vor Schluss
Richter, Heinz: Griechenland zwischen Revolution und Konterrevolution. 1936­
der alliierten Konferenz in Jalta vom 4. bis 11. Februar 1945 angegriffen
1946. Frankfurt a.M.1973.
Seckendorf, Martin: Verbrecherische Befehle. Die Wehrmacht und der Massen­ werden. Die Wetterbedingungen verhinderten dies aber mehrmals.
mord an griechischen Zivilisten 1941 bis 1944. In: Bulletin für Faschismus- und Obwohl die Entscheidung für den Angriff auf das durch die Flüchtlinge
Weltkriegsforschung, Bd. 13/1999, S. 3-32. überfüllte Dresden seit 27. Januar 1945 feststand, ließ sich der Befehls­
The Waldheim Report. Authorized English Translation of the Unpublished Ger­ haber des Bomber Command, Luftmarschall Arthur Harris, den Angriffs­
man Report. Copenhagen 1993. befehl nochmals ausdrücklich bestätigen 4 . Auch die US-Regierung konnte
Als Beispiel rechtfertigender, verharmlosender, verschleiernder und selbststilisie­ von der britischen Führung für einen Tagesangriff ihrer 8. US-Luftflotte
render "Geschichtsschreibung" derTäterseite siehe u. a.: Friedrich Husemann: unter Generalleutnant James H. Doolittle gegen das "attraktive Angriffs­
Die guten Glaubens waren. Geschichte der SS-Polizei-Division. Band 11, 1943­
ziel" gewonnen werden. Am 12. Februar wurde die Sowjetführung über
1945. Osnabrück 1973.
den geplanten Luftangriff auf die Stadt, die rund 110 km von der deutsch­
sowjetischen Front entfernt lag, unterrichtet. Sie widersprach nicht der
Kalavryta 1943 61

EBERHARD RONDHOLZ auf die Nostalgie der Landser, die ihr in der Rückschau verklärtes Grie­
chenlandbild der Okkupationsjahre nicht durch hässliche Flecken verdun­
kelt sehen wollten.
Kommerzielle Überlegungen waren es wohl auch, die dafür sorgten ,
Kalavryta 1943 dass für die, von Kästner mit einem Geleitwort versehene, erste deutsche
Ausgabe des französischen Griechenlandführers aus der Reihe "Guides
Ort und Hergang Bleu" der im Original enthaltene Hinweis auf Kalavryta als Märtyrerstadt
der Okkupationszeit wegzensiert wurde. 4
Im Frühsommer 1942 besuchte der Unteroffizier Erhart Kästner auf Was allerdings die Brockhaus-Redaktion bewogen haben mag, das in
dem Weg zu den Quellen des Styx die Kreisstadt Kalavryta und das Klos­ der letzten Vorkriegsausgabe noch enthaltene Stichwort Kalavryta nach
ter Megaspileon in der nördlichen Peloponnes, die seit April 1941 von dem Krieg aus dem Großen Brockhaus zu eliminieren, kann man nur ver­
deutschen Truppen erobert und anschließend in Absprache zwischen Rom muten . Jedenfalls ist es bei dieser Lücke in den Brockhaus-Ausgaben bis
und Berlin durch italienische Verbände besetzt worden war. Er sammelte heute geblieben; während immerhin die Namen Oradour und Lidice, als
dort Eindrücke für ein Griechenland-Buch, das er im Auftrag der Wehr­ andere Beispiele für die Vernichtungswut deutscher Okkupanten, dort zu
macht zur Orientierung der Truppe verfassen sollte - ein Buch "von Sol­ finden sind.
daten für Soldaten". Seine Eindrücke sind, auch was die gastliche Aufnah­ Inzwischen hat sich in der Wahrnehmung des Kalavryta-Massakers eini­
me in Kalavryta und Umgebung angeht, sehr detailliert, selbst die Wanzen, ges geändert. Kalavryta ist als Ort des Grauens im Zweiten Weltkrieg
die der Autor in der Zelle des freundlichen Gäste-Paters Bruder Simeon nicht erst seit dem Besuch von Bundespräsident Johannes Rau im Som­
im Kloster Megaspileon angetroffen hat, werden nicht vergessen. Erwähnt mer des Jahres 2000 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden; er
wird auch, dass er für seinen Aufstieg zu den Quellen des Styx vom Bür­ ist einer der wenigen Schauplätze der Wehrmachtsuntaten in Griechen­
germeister von Kalavryta ein Maultier bekam. l Kästners Landser-Cicero­ land überhaupt, der den Weg in die deutschen Medien fand. 5 Und auch die
ne wurde Ende 1942 ausgeliefert. Zehn Jahre später erschien das Buch er­ meisten Reiseführer lassen heute das Thema Kalavryta nicht mehr aus. 6
neut, nach einer dreimonatigen neuerlichen Besichtigung des alten "Tat­ Dabei war das "Unternehmen Kalavryta", wenn man überhaupt so etwas
orts" Griechenland , in einer völlig überarbeiteten (und von früheren wie eine Hierarchie des Schreckens gelten lassen will, nicht die schreck­
rassistischen Ausrutschern gereinigten) Neufassung, unter neuem Titel.2 lichste Vergelwngsaktion in den Jahren der deutschen Okkupation in
Eine Möglichkeit also, den Lesern nun zu erzählen, was aus Kalavryta und Griechenland , auch wenn es, gemessen an der Zahl der Opfer, etwa 700
dem Kloster Megaspileon geworden war - dass nämlich beide im Dezem­ Erschossene, das größte Verbrechen war. Jedenfalls hatte es in Griechen­
ber 1943 einem blutigen Racheakt der Wehrmacht zum Opfer gefallen land einen Ort und eine Region besonderer historischer Bedeutung für
waren, dass zu den ermordeten fast 700 Zivilisten der Bürgermeister von alle Griechen getroffen: In Kalavryta hatten die Griechen im März 1821
Kalavryta ebenso gehörte wie der gastliche Bruder Simeon, der dem den Aufstand gegen die Osmanenherrschaft begonnen, und im von der
Autor seine Zelle als Nachtlager zur Verfügung gestellt hatte. Wehrmacht zerstörten Kloster Aghia Lavra hatte der Bischof Germanos
Doch all das ist dem ehemaligen Privatsekretär Gerhart Hauptmanns von Patras die Fahne der Freiheitskämpfer gesegnet.
keine Zeile wert. Warum hat Kästner die Gelegenheit nicht wahrgenom­ Was im Dezember 1943 in Kalavryta geschah, lässt sich aus den über­
men, vom schrecklichen Ende seiner liebenswürdigen Gastgeber zu be­ lieferten Kriegstagebüchern der 117. Jägerdivision sowie aus Berichten
richten ? Einem 1984 postum veröffentlichten Brief an seinen Verleger, griech~cher und deutscher Zeitzeugen einigermaßen genau rekonstru­
den Werbetext betreffend, kann man das entnehmen: Die Werbung, so iereif.Zunächst zur Vorgeschichte: Im Sommer 1943 wurde eine zuneh­
schrieb der Autor dem Insel-Verlag, sollte sich vor allem an die Veteranen rrytnde Partisanenaktivität in der nördlichen Peloponnes registriert - was
der Griechenland-Okkupation wenden: "Es handelt sich doch darum, dass auf deutscher Seite, die zu dieser Zeit nach der italienischen Kapitulation
in diesem Krieg nach und nach eine Million Deutsche nach Griechenland ihre Besatzungsherrschaft auch auf den bislang italienisch okkupierten Pe­
kamen (damals fanden sie es scheußlich , jetzt schwärmen sie) und das loponnes ausdehnte, Vermutungen über eine dort bevorstehende alliierte
Buch als das ihre betrachten".3 Mit anderen Worten : Kästner spekulierte Landung nährte.? Der Kommandeur der 117. Jägerdivision, Generalmajor
62 Eberhard Rondholz Kalavryta 1943 63

Karl von Le Suire, schickte daraufhin am 8. Oktober 1943 die 5. Kompanie in Griechenland kaum damit rechnen, dass die Partisanen bei einem zu er­
des Jägerregiments 749 unter Führung von Hauptmann Schober zur Auf­ wartenden Ausweichen nach Süden ihre Gefangenen lebend zurücklassen
klärung der sogenannten "Bandenlage" in die Bergregion von Kalavryta, würden. Le Suire hat das Leben der Geiseln seinem Vergeltungsbedürfnis
in der eine größere Partisaneneinheit vermutet wurde. Die unzureichend untergeordnet und bewusst aufs Spiel gesetzt. Prestige und Strafanspruch
ausgerüstete Kompanie wurde am 18. Oktober in der Nähe der Ortschaft der Wehrmacht rangierten in der Werteordnung des Generals allemal höher
Kerpini von einer Einheit der Widerstandsorganisation ELAS angegriffen als das Leben der Gefangenen von der Kompanie Schober, die noch dazu
und ergab sich, nachdem vier Mann gefallen und alle Munition verschos­ eine Schlacht gegen das "Sauvolk" der Griechen verloren hatte. I I
sen war. 78 Mann gingen in Gefangenschaft der Partisanen. Vier Verwun­ Beim Herannahen der deutschen Kampfgruppen erschossen die Parti­
dete wurden zunächst im Dorf Kerpini zurückgelassen, die übrigen Gefan­ sanen zunächst drei der in Kalavryta in einem Krankenhaus untergebrach­
genen in das südlich von Kalavryta gelegene Mazeika gebracht. ten verwundeten Deutschen, anschließend, am 7. Dezember, die im Raum
Wochenlang wurde dann, unter Vermittlung griechischer Geistlicher, Masi untergebrachten anderen Gefangenen. 12 "Die Exekution der Gefan­
über einen möglichen Austausch der deutschen Gefangenen gegen grie­ genen fand unter dem Druck der Säuberungsaktion statt. Als die Deut­
chische Geiseln verhandelt. In den Tagebüchern der Division finden sich schen vorrückten, bestand für uns die Gefahr, eingeschlossen zu werden.
keine Angaben über diese Verhandlungen, späteren Aufzeichnungen und Da konnten wir die Gefangenen nicht mitnehmen, noch auch gab es die
Aussagen einiger Beteiligter ist aber zu entnehmen, warum sie scheiterten: Möglichkeit, sie irgendwo zu verstecken und zu bewachen,"\3 erklärte spä­
Die deutsche Seite hätte sich lediglich zu einem Austausch im Verhältnis ter der ELAS-Kämpfer Christos Ferlelis das Verhalten der Partisanen. Es
1:1 bereit erklärt, während die Partisanen einen Austausch in jenem Ver­ stellte einen eklatanten Bruch des Kriegsrechts dar - dem unterlagen sie
hältnis verlangten, das der sogenannten "Sühnequote" bei deutschen Re­ nach deutscher Auffassung als Freischärler jedoch nicht. Die von deut­
pressalmaßnahmen entsprach.8 Eine regionale Monatszeitung aus Ka­ scher Seite diesbezüglich später immer wieder vorgebrachten Klagen
lavryta berichtete, die Verhandlungen seien von den Partisanen abgebro­ muten ohnehin einigermaßen scheinheilig an, angesichts der z.B. von Ge­
chen worden , nachdem ein Flugzeug den Ort Skepasto beschossen und neral Hermann Foertsch (von August 1943 - März 1944 war er Chef des
dabei Frauen und Kinder getötet habe. 9 Generalstabs der Heeresgruppe F) eingestandenen Missachtung der Haa­
Die Verhandlungen fanden im wesentlichen in Abwesenheit des in ger Landkriegsordnung durch die deutsche Seite. 14
Urlaub befindlichen Generalmajors von Le Suire statt. Sein Stellvertreter Nachdem am 8. Dezember bei Masi die Leichen der 70 erschossenen
als Divisionskommandeur, Oberst Alexander Bourquin, ließ sie führen, Soldaten der Kompanie Schober aufgefunden worden waren, wurden
nachdem er zunächst vier Tage nach der Gefangennahme der Kompanie noch am sei ben Tag die Dörfer Rogoi und Kerpini verbrannt , die männ­
Schober General Hellmuth Felmy, dem Kommandierenden General des lichen Einwohner erschossen. Zwei Tage später gab General von Le Suire
LXVIII. Armeekorps, einen Luftwaffeneinsatz mit Brandbomben als Süh­ den Befehl: "Als Sühnemaßnahme für die gemordeten Angehörigen der
nemaßnahme empfohlen hatte, was aber auf Ablehnung gestoßen war. Es l.u.5./Jg.Rgt.749 sind die Orte Mazeika und Kalawryta dem Erdboden
war dann der aus dem Urlaub zurückgekehrte von Le Suire, der am 25. No­ gleichzumachen. "
vember die Geduld verlor und die folgende Vergeltungsaktion befahl: Die Einwohner Kalavrytas hatten mit einer Vergeltungsaktion nicht
"a) Vernichtung der in den genannten Räumen befindlichen Banden, b) mehr gerechnet, nachdem die ersten deutschen Einheiten nach ihrem Ein­
Durchsuchen der Ortschaften nach Kommunisten, Waffen und Propagan­ treffen in Kalavryta zunächst nur ein Hotel und einige Häuser niederge­
damaterial usw., c) Such- und Vergeltungsaktion für die am 18. 10. 1943 in brannt hatten, deren Besitzer als Partisanen denunziert worden waren .
der Gegend Roji aufgeriebene 5. Kompanie des Jägerregiments 749."10 Kaum jemand floh aus dem Ort, solange das noch möglich war, und so be­
Den Partisanen war das Vorrücken dreier starker Kampfgruppen mit fand sich am Morgen des 13. Dezember fast die gesamte Bevölkerung im
etwa 3000 Mann in Richtung des vermuteten Standorts der ELAS-Einheit Ort. Ein Überlebender, Jorgos Jorgandas, erinnert sich, wie er durch die
nicht verborgen geblieben, und sie mussten in diesem Moment davon aus­ Kirchenglocken geweckt wurde: "Als die Kirchenglocken läuteten, haben
gehen, dass die Austauschverhandlungen nur zum Schein geführt wurden, sie uns befohlen, uns alle in der Schule zu versammeln, Essen für einen
der General auf Zeit spielte. Jedenfalls konnte von Le Suire seinerseits nach Tag und jeder eine Decke sollten wir mitnehmen. Wir gingen also hin , mit
den blutigen Geiselerschießungen und Vergeltungsaktionen der Wehrmacht unseren Kindern und unseren Frauen, und nahmen mit, was wir so tragen
64 Eberhard Rondholz Kalavryta 1943 65

konnten. An der Schule trennten sie uns dann, die Frauen mussten dablei­ geltungswut der 117. Jägerdivision zum Opfer fielen. In der "Abschluss­
ben und uns Männer teilten sie auf in Abteilungen und führten uns an den meldung über Sühnemaßnahmen beim Unternehmen Kalavryta" an das
Ort, den sie vorher ausgesucht hatten, oberhalb der Stadt. Die Kinder blie­ LXVIII. Armeekorps sind insgesamt 24 Ortschaften sowie die Klöster
ben bei den Frauen. In drei Abteilungen brachten sie uns nach oben. Der Megaspileon, Agia Lavra und Omblu als zerstört aufgeführt. Die Gesamt­
Athanassiadis, der französisch konnte, fragte: Warum bringt ihr uns hier zahl der Toten des " Unternehmens Kalavryta" wird in der Meldung mit
rauf? Der Offizier drehte sich um und sagte: Habt keine Angst, wir wer­ 696 Erschossenen angegeben. 20
den Kalavryta verbrennen, und dann bringen wir euch woanders hin, da Das Verbrechen in Kalavryta wurde alsbald in ganz Griechenland be­
kann jeder machen was er will. Niemand wird euch was tun. Und das be­ kannt und wirkte auf die Griechen wie ein Schock. Es brachte auch die
ruhigte uns. Wir dachten: Sie zünden uns nun unser Kalavryta an, aber Kollaborationsregierung in Schwierigkeiten; schließlich waren nicht die
mehr nicht. Und der Offizier hatte uns wohlgemerkt sein Ehrenwort gege­ von ihr gemeinsam mit den Besatzern bekämpften Partisanen oder kom­
ben - um uns desto besser hinters Licht zu führen. Und plötzlich sahen wir munistische Geiseln die Opfer, sie gehörten vielmehr zur unbeteiligten Zi­
zwei Leuchtkugeln, eine war blau, ich weiss es noch. Und da fingen auch vilbevölkerung, die noch dazu zum größeren Teil eher antikommunistisch
schon die Maschinengewehre an zu rattern . Als alles vorbei war, kamen eingestellt war. Sie waren also potenzielle Bündnispartner gegen die "anti­
zwei, drei Soldaten mit Pistolen, um jedem, der noch lebte, den Gnaden­ nationalen-anarchistischen und kommunistischen Organisationen", so
schuss zu geben, einem nach dem andern. " 15 Kollaborations-Premier Ioannis Rallis in einem Protestbrief an General
Jorgandas überlebte, schwerverletzt. Mit ihm 12 weitere Todeskandida­ der Flieger Wilhelm Speidei, den Militärbefehlshaber Griechenland.21 In
ten. Als "unglaublich barbarisch" bezeichnete später der ehemalige Ge­ seiner Antwort griff der General zunächst zu einer dreisten Lüge - Ka­
freite, Hans Hoffmann, die Hinrichtung mit Maschinengewehren.16 Über lavryta und das Kloster Megaspileon seien im Kampf genommen worden ,
500 Männer und Knaben, der jüngste war erst 12 Jahre alt, wurden er­ behauptete er wider besseres Wissen. 22 Noch befremdlicher aber musste
schossen. Die "Vollstreckungskompanie" rückte ab und überließ die Lei­ den Empfänger des Briefes der von Speidei zur Rechtfertigung der Mas­
chen und was von dem eingeäscherten Ort übrig geblieben war, den Frau­ sentötung herangezogene Hinweis auf die Toten der alliierten Bombenan­
en und Kindern, die während der Massenerschießung im Schulhaus des griffe auf deutsche Städte anmuten .
Ortes eingesperrt worden waren. Mitten im Winter begruben sie ihre Während Speidei sich nach außen vor die Truppe stellte, erteilte er Ge­
Väter, Brüder und Söhne, in den Ruinen versuchten sie zu überleben. Von neral von Le Suire eine scharfe Rüge und warnte vor den schwerwiegen­
den überlebenden mehreren hundert Witwen hat keine wieder geheiratet. den Folgen des " Unternehmens Kalavryta", die der "Ordnungspolitik "
In seinem Abschlussbericht betonte Kampfgruppenführer Major Hans der Besatzungsmacht Schaden zufügte: "Es ist eine Tatsache, dass der ' Fall
Ebersberger, die Truppe sei dem Befehl zur, wie General von Le Suire es Kalavryta' wochenlang die griechische Bevölkerung stärker bewegte als
nannte, "schärfsten Form der Sühnemaßnahmen [ ... ] nicht nur pflicht­ alle übrigen Probleme und dass die psychologische Auswirkung der Trup­
bewusst, sondern aus voller Überzeugung" nachgekommen .J7 Das hatte penmaßnahme die war, dass sie zu einer Wiederannäherung nationaler
wohl kaum für die gesamte Kampfgruppe zugetroffen, mit Sicherheit aber und kommunistischer Kreise führte und damit zu einer gemeinsamen
für den Mann, der die Exekution kommandierte: Willibald Akamphuber, Front gegen die deutsche Wehrmacht. ,,[ .. . ] Schärfste Maßnahmen gegen
einen fanatischen Nazi der ersten Stunde und Träger des sog. "Blut­ die Banden sind notwendig! Sie müssen aber mit Umsicht vorbereitet und
ordens".18 geleitet werden, wenn sie den beabsichtigen Zweck der Abschreckung der
Es hatte nicht zu den Aufgaben des "Strafvollstreckungszuges" unter Bevölkerung erreichen und nicht das Gegenteil bewirken sollen, nämlich
dem Kommando von Akamphuber gehört, auch die Frauen und Kinder verstärkten Hass gegen die deutsche Wehrmacht und damit verstärkten
von Kalavryta umzubringen. Anderslautende Behauptungen halten sich Zulauf zu den Banden auslösen."23 Auch General Hellmuth Felmy, der
bis heute, ebenso die Legende, ein elsässischer Soldat habe befehlswidrig Kommandierende General des LXVIII. Armeekorps, rügte von Le Suire.
die Schul tür geöffnet, als das Gebäude Feuer fing und habe so die Todge­ Doch konnte er sich mit seiner Politik der flexiblen Antwort auf die Parti­
weihten gerettet. Er sei deshalb anschließend standrechtlich erschossen sanentätigkeit nicht durchsetzen, wie wenig später das Massaker von Di­
worden . Dies trifft nicht ZU. 19 storno zeigen sollte. 24 Das Morden wurde fortgesetzt.
Kalavryta, Roji und Kerpini waren nicht die einzigen Orte, die der Ver-
66 Eberhard Rondholz Kalavryta 1943 67

Das Massaker von Kalavryta in der Forschung Die deutsche Justiz hat sich erst wesentlich später des Falles Kalavryta
angenommen und dabei , wie in sämtlichen anderen Fällen von deutschen
Wie der Komplex der Okkupationsverbrechen in Griechenland ins­ Kriegsverbrechen auf dem Balkan auch, alle Beschuldigten mehr oder we­
gesamt hat auch das Massaker von Kalavryta die deutsche historische For­ niger summarisch exkulpiert.35 Die Staatsanwaltschaft beim Landgericht
schung in den ersten Nachkriegsjahrzehnten so gut wie überhaupt nicht be­ München 1 stellte hinsichtlich der pauschal für zulässig erklärten "Sühne­
schäftigt. Zu Recht hat der in Athen lehrende Historiker Hagen Fleischer25 maßnahmen" im Kloster Agia Lavra, in Mazeika und anderen kleineren
einmal darauf hingewiesen, dass die von der internationalen Historiogra­ Orten der Provinz Kalavryta fest, "eine besonders verwerfliche Art der
phie erarbeitete "Europa-Karte" des faschistischen Okkupations terrors ex­ Erschießung" sei hier nicht bezeugt. 36 Betreffend die "Vorfälle im Kloster
trem "nordlastig" sei, der Balkan und insbesondere Griechenland weiße Megaspiläon und Kalavryta" verneinte die Staatsanwaltschaft die Recht­
Flecken bildeten. 26 Daran hat sich mittlerweile einiges geändert. Eine erste mäßigkeit der Maßnahmen und ging von einer grausamen Tötung der
Spezialpublikation von Fleischer zum Thema "Sühnemaßnahmen" der Opfer aus, gab aber vor, die Schuldigen seien nicht mehr zu ermitteln. Die
deutschen Besatzungstruppen erschien 1979 in einer griechischen Fachzeit­
Staatsanwaltschaft Bochum, die sich mit einem ermittelten Tatverdächti­
schriftY Ein internationaler Historiker-Kongress in Athen zum Thema
gen von Kalavryta, den Kampfgruppenführer Franz Juppe zu befassen
"Griechenland 1936-1944" befasste sich 1989 ebenfalls mit dem Thema der
hatte, befand , anders als die Staatsanwaltschaft München 1, die Sühne­
Repressalien, hier u. a. mit dem Fall Kalavryta und der deutschen Justiz.28
maßnahmen im Rahmen des Unternehmens Kalavryta im Ganzen für
Ausführlicher wurde dieses Thema dann schließlich Ende 1993 auf dem in­
rechtmäßig, ja sogar für notwendigY Womit sie nicht nur dem Urteil im
ternationalen Symposium "Widerstand und Repressalie im Zweiten Welt­
krieg" behandelt, das im Nationalen Forschungszentrum Athen auf Initiati­ Nürnberger Geiselmordprozess widersprach, sondern auch der Einschät­
ve der Gemeinde Kalavryta stattfand. 29 Der Fall Kalavryta als Thema der zung der Generäle Speidei und Feirny. Dass sich der federführende Staats­
deutsch-griechischen Beziehungen wird zudem ausführlich erörtert in der anwalt in seiner Einstellungsverfügung unverhohlen des Vokabulars aus
materialreichen Dissertation von Monika Yfantis. 3o Und schließlich liegt dem Wörterbuch des Unmenschen bediente, sei nur am Rande vermerkt.38
jetzt, fast 60 Jahre nach dem Geschehen, von H. Frank Meyer eine detail­ Gar nicht erst gesucht haben die österreichische wie die deutsche Justiz
liert recherchierte historische Monographie über das Massaker von Ka­ nach dem Mann , der das Massaker in seiner Eigenschaft als Führer des so­
lavryta in deutscher Sprache vor, die wohl das Standardwerk bleiben genannten Vollstreckungszuges der 117. Jägerdivision kommandierte: Wil­
wird)! libald Akamphuber. Er blieb, was seinen Tatbeitrag in Kalavryta anging,
zeitlebens unbehelligt.
KaJavryta und das Strafrecht
Anmerkungen
Im sogenannten Geiselmordprozess vor dem Nürnberger US-Militär­
tribunal, dem Fall VII von 1948, in dem es vor allem um Kriegsverbrechen I Erhart Kästner: Griechenland - ein Buch aus dem Kriege, BerJin 1942, S. 177 ff.
in Serbien und Griechenland ging 32 , war auch das Massaker von Kalavryta 2 Ders.: Ölberge, Weinberge. Ein Griechenlandbuch . Wiesbaden 1953.
3 Vgl. ders.: Briefe. Hrsg. v. Paul Raabe. Frankfurt a. M. 1984, S. 119 (Brief an
Gegenstand des Verfahrens. Zwar stellten die Militärrichter die Zulässig­
keit von Repressalmaßnahmen nicht grundSätzlich in Abrede, befanden Friedrich Michael vom 31. 3.1947).
4 Die Blauen Führer: Griechenland. Paris 1963, S. 543.
aber: "The extent to which the practice has been employed by the Ger­
5 Vgl. u. a. die Reportage von Olaf Ihlau in der Süddeutschen Zeitung v. 14.2.
mans exceeds the most elementary not ions of humanity and justice."33 Im
1977, desgleichen mehrere Features und Dokumentationen in Hörfunk und Fern­
Fall Kalavryta konstatierte das Gericht eindeutig: "The [ ... ] operation can sehen, siehe u. a. Rondholz, Das Massaker von Kalavryta sowie Kloess und Rond­
only be described as plain murder and a wanton destruction of pro­ holz, Unternehmen Kalavryta.
perty. "34 General Felmy wurde in dem Prozess u. a. für diese Aktion zu 6 Gelegentlich allerdings mit grotesken Übertreibungen, vgl. Eberhard Rond­
15 Jahren Haft verurteilt (allerdings schon 1951 im Rahmen der sogenann­ holz: Merkwürdiges über Kalavryta. Was alternative Griechenlandführer so alles
ten Amnestie entlassen). Er hatte zwar die Vergeltungsaktion weder ange­ mitteilen. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 3 v. 28. 11.1989, S. 45.
ordnet noch im Nachhinein gebilligt, im Gegenteil. Dennoch wurde seine 7 VgJ. den Ic-Bericht zur sogenannten "Bandenlage" aus dem Sommer 1943, in:
Mitverantwortlichkeit vom Gericht angenommen. BA-MA Freiburg, RH 24-68/33: Gen. Kdo. z.b.Y. LXIII. A. K. Ic Nr.I60/43 g. Kdos.
68 Eberhard Rondholz Kala vryta 1943 69

Entwurf v. 1. 8. 1943, in: Tätigkeitsbericht des Gen. Kdos. LXVIII. A. K. Ic, 1. 7. Besatzungsgeschichte in Griechenland auseinandersetzte, siehe Hagen Fleischer:
1943-31.12. 1943. Griechenland 1941-1944. Kampf gegen Stahlbeim und Krone. Phi I. Diss. Berlin
8 Das hieß hier: im (in der Praxis in Griechenland nicht angewandten) Verhältnis 1978, in ihrer erheblich erweiterten Druckfassung u.d.T.: Im Kreuzschatten der
1:50. Einzelheiten über den gescbeiterten Gefangenenaustausch und Vermutungen Mächte. Griechenland 1941-1944. Okkupation, Resistance, Kollaboration. Frank­
über sein Scheitern finden sich bei bei Meyer, Von Wien nach Kalavryta, S. 210 ff. furt a. M. u. a.1986, bis heute das Standardwerk zur Geschichte Griechenlands im
sowie, aus der Sicht eines Veteranen der Division, bei Hoffmann, Banden in Süd­ Zweiten Weltkrieg. Die Repressalien spielten bei dieser Forschungsarbeit aller­
griechenland, S. 47. dings nur eine untergeordnete Rolle.
9 I phoni ton Kalavryton, 9/1989, S. 1. 26Vgl. Von Lidice bis Kalavryta,S. 7.

IO Vgl. BA-MA Freiburg, RH 26-117/16, Blatt 221-222: Befehl zum "Unterneh­ 27 Fleischer, Antipina ton germanikon dynameon katochis stin Ellada, S. 182-195.

men Kalavryta" vom 25. 11.1943. 28 Vgl. Eberhard Rondholz: Ta antipina ton germanikon stratevmaton katochis.

11 Zu von Le Suires Einschätzung der Bevölkerung des "Gastlandes" siehe Flei­ In: Ellada 1936-1944. Diktatoria-Katochi-Antistasi, Praktika diethnous synedriou
scher, Deutsche "Ordnung" in Griechenland, S. 189 f. synchronis istorias. Hrsg. v. Hagen Fleischer und Nikos Svroronos. Athen 1989,
12 Drei Soldaten überlebten die Exekution , vgl. BA-MA Freiburg, 44058/1: S.242-247.
Kriegstagebuch des LXVIII. A. K. v. 7.12.1943 . Einzelheiten in: I phoni ton Ka­ 29 Rondholz, Rechtsfindung oder Täterschutz?, S. 225-291.

lavryton, H. 9/1989, nach einem Bericht eines der drei Überlebenden, des Elsässers 30 Yfantis, Die deutsch-griechischen Beziehungen 1949-1955.

Roger Walter, der im August 1989 Kalavryta besuchte. 31 Meyer, Von Wien nach Kalavryta.

13 Interview d.Verf. für die Hörfunk-Sendung "Das Massaker von Kalavryta". 32 Vgl. dazu: Der Nationalsozialismus vor Gericht. Die alliierten Prozesse gegen

14 "The German Southeast Command," so wird er in den Nürnberger Prozess­ Kriegsverbrecher und Soldaten 1943-1952. Hrsg. v. Gerd R. Ueberschär. Frankfurt
akten zitiert, "concerned itself only with considerations of military expediency and a. M. 1999; Die zwölf Nürnberger Nachfolgeprozesse 1946--1949. Hrsg. v. Bengt von
not the Hague Rules in dealing with the partisan problem." Trials of War Criminals zur Mühlen und Andreas von Klewitz. Kleinmachnow 2000.
before the Nuernberg Military Tribunal. Vol. 11. Washington 1949-1953, S. 1166. 33 Trials ofWar Criminals, vol. 11, S.1254.

15 Interview d.Verf. mit largos Jorgandas für die Hörfunk-Sendung "Das Massa­ 34 Ebenda, S. 1308.

ker von Kalavryta". 3S Vgl. Rondholz, Rechtsfindung oder Täterschutz?

16 In seinem sonst eher apologetischen Buch "Banden in Südgriechenland" . 36 BA-ZStL Ludwigsburg, 508 AR 1293/68.

17 BA-MA Freiburg, RH 26-117/16, BI. 226: Abschluss- und Erfahrungsbericht


37 Vgl. Rondholz, Rechtsfindung oder Täterschutz? , S. 253.

Unternehmen Kalawrita, Kampfgruppe Ebersberger Nr. 583/43 geh .(1.1749). 38 Vgl. ebenda, S. 254.

18 Vgl. zur Biographie des SS-Obersturmführers Akamphuber Meyer, Von Wien


nach Kalavryta, S. 224 ff. Quellen- und Literaturhinweise
19 Vgl. Rondholz, Merkwürdiges.
Ungedruckte Quellen
20 BA-MA Freiburg, RH 26-117/16, BI. 225: Abschluss- und Erfahrungsbericht
BA-MA Freiburg: Im wesentlichen Bestand RH 26--117.
Unternehmen Kalawrita, Kampfgruppe Ebersberger Nr. 583/43 geh.(1.1749) . Bei BA-ZStL Ludwigsburg: 508 AR 1293/68.
Meyer, Von Wien nach Kalavryta, S. 328, findet sich die auf gründlichen Recher­ Staatsanwaltschaft Bochum: 33 Js 655/72.
chen beruhende Angabe von "mindestens 693" griechischen Opfern, sie entspricht
in etwa den z uverlässigen griechischen Quellen . Bei Kalantzis, Oi sphages ton Gedruckte Quellen und Literatur
Kalavryton, S. 124ff., werden 687 namentlich bekannte Opfer aufgezählt, die einer Ellada 1936--1944. Diktatoria-Katochi-Antistasi, Praktika diethnous synedriou syn­
Liste des Roten Kreuzes entstammen. Allerdings wird auf eine unbekannte Zahl chronis istorias. Hrsg. v. Hagen Fleischer und Nikos Svroronos. Athen 1989.
namentlich nicht bekannter Opfer (darunter ein Gruppe von Arbeitern aus Evvia) Fleischer, Hagen: Deutsche "Ordnung" in Griechenland 1941-1944. In: Von Lidice
und auf die Vernichtung des Melderegisters hingewiesen. bis Kalavryta . Widerstand und Besatzungsterror. Hrsg. v. Loukia Droulia und
21 Vgl. den Wortlaut des Briefwechsels in: Rondholz, "Schärfste Maßnahmen Hagen Fleischer. Berlin 1999, S. 151-223.
gegen die Banden sind notwendig ... ", S. 157 ff. Ders. : Im Kreuzschatten der Mächte. Griechenland 1941-1944. Okkupation, Re­
22 Ebenda, S. 159. Derlei Schutzbehauptungen wurden in solchen Fällen wieder­ sistance, Kollaboration, Frankfurt a. M. u. a. 1986.
holt herbeigezogen. Ders.: Antipina ton germanikon dynameon katochis stin Ellada 1941-1944. In:
23 Ebenda, S. 160 f. Mnimon, Heft 7/1979, S. 182-195.
24 Vgl. den Beitrag von Begemann in diesem Band, S. 30ff. Hoffmann, Hans: Banden in Südgriechenland. Die andere Seite des Krieges. Harz­
2S Fleischer ist Verfasser der ersten größeren Arbeit, die sich ausführlich mit der burg 1993.
70 Eberhard Rondholz

Kalantzis, Kostas: Oi sphages ton Kalavryton. Athen 1962. MALGORZATA RUCHNIEWlCZ/KRZYSZTOF RUCHNIEWlCZ
Kloess, Erhard und Eberhard Rondholz: Unternehmen Kalavryta , Erstsendung
Westdeutsches Fernsehen, 12. 3. 1982.
Mazower, Mark : Inside Hitler's Greece. The Experience of Occupation, 1941-44.
New Haven and London 1993.
Meyer, Hermann Frank: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger­
Katyn 1940*
division durch Serbien und Griechenland. Mannheim und Möhnesee 2002.
Von Lidice bis Kalavryta. Widerstand und Besatzungsterror. Hrsg. v. Loukia Drou­
lia und Hagen Fleischer. Berlin 1999. Katyn, ein Ort 20 km südlich von Smolensk, ist bekannt v. a. wegen
Rondholz, Eberhard : Das Massaker von Kalavryta. Ein ungesühntes deutsches seiner drei Grabstätten polnischer Offiziere, die nach dem Angriff der
Kriegsverbrechen in Griechenland , WDR 3. Hörfunkprogramm, 13.12. 1981. UdSSR auf Polen im September 1939 in sowjetische Gefangenschaft ge­
Ders.: "Schärfste Maßnahmen gegen die Banden sind notwendig ... " . Partisanen­ rieten und im Frühling 1940 ermordet wurden. Mit dem Namen "Katyn"
bekämpfung und Kriegsverbrechen in Griechenland 1941- 1944. In : Repression wird in Polen die Ermordung polnischer Militärangehöriger in sowje­
und Kriegsverbrechen. Die Bekämpfung von Widerstands- und Partisanenbewe­ tischer Kriegsgefangenschaft sowie die Haltung der Sowjetunion, der
gungen gegen die deutsche Besatzung in West- und Südosteuropa. Hrsg. v. Ahl­ Volksrepublik Polen und des Westens zu diesem Thema verknüpft.1
rich Meyer. Berlin u. Göttingen 1997, S. 93-129.
Nach dem Angriff der UdSSR auf Polen am 17. September 1939 gerie­
Ders.: Rechtsfindung oder Täterschutz? Die deutsche Justiz und die " Bewältigung"
des Besatzungsterrors in Griechenland . In: Von Lidice bis Kalavryta. Widerstand ten ca. 250000 polnische Soldaten, darunter ca. 10000 Offiziere, in sowje­
und Besatzungsterror. Hrsg. v. Loukia Droulia und Hagen Fleischer. Berlin 1999, tische Kriegsgefangenschaft. Die Sowjetunion hatte bis dahin keine inter­
S.225-291. nationalen Konventionen zur Behandlung von Kriegsgefangenen unter­
Seckendorf, Martin : Verbrecherische Befehle. Die Wehrmacht und der Massen­ zeichnet und verfügte willkürlich über das Schicksal ihrer Gefangenen.
mord an griechischen Zivilisten 1941 bis 1944. In: Bulletin für Faschismus- und Aufgrund einer Entscheidung des Politbüros des Zentralkomitees der
Weltkriegsforschung, Bd. 13/1999, S. 3-32. KPdSU [WKP (b)] war nicht die Führung der Roten Armee, sondern das
Trials of War Criminals before the Nuernberg Military Tribunal. Vol. 11. Washing­ Innenressort bzw. der NKVD für die polnischen Gefangenen verantwort­
ton 1949-1953. lich . Internationale Konventionen wurden auch missachtet, als Polen er­
Yfantis, Monika: Die deutsch-griechischen Beziehungen 1949- 1955. Wiederannähe­
schossen wurden, die sich bereits ergeben hatten, und Zivilpersonen (Be­
rung im Zeichen alter Traditionen und neuer Gemeinsamkeiten. Phil. Diss. Düs­
seldorf 1999. amte, Richter, Grundbesitzer, politische Aktivisten usw.) sowie Polizisten,
Reserveoffiziere und sogar Kriegsversehrte in Gefangenschaft genommen
wurden.
Aufgrund von Ernährungs-, Transport- und Unterbringungsproblemen
lebten die Gefangenen unter sehr schlechten Bedingungen. Zunächst war
keinerlei Briefkorrespondenz gestattet. Bei wiederholten Verlegungen
wurden den Gefangenen nicht selten wertvolle Privatgegenstände gestoh­
len. Von Beginn an erfolgte eine politische Indoktrinierung, und es wurden
detaillierte Karteien über die Inhaftierten angelegt.
Mitte Oktober 1939 befanden sich die meisten Gefangenen in dauer­
haften Lagern im Landesinneren Russlands (Ostaskov, Pavliscev Bor,
Kozjelsk, Putyvl, Kozjelscina, Starobjelsk, Talize, Oranki). Die Sterblich­
keitsrate unter den Inhaftierten war aufgrund der schlechten Lebensbe­
dingungen hoch. Mit Hilfe zusammengetragener Informationen über die
soziale Stellung, Nationalität, Beruf, Ausbildung, Parteizugebörigkeit, poli­

* Aus dem Polnischen übersetzt von Thorsten Mällenbeck.


Kephalonia 1943 93

GERHARD SCHREIBER Nach Eintreten von Fall " Achse" vereinbarten Vecchiarelli und Lanz
am 9. September die Entwaffnung der 11. Armee. Dabei versicherte man
dem italienischen Oberbefehlshaber wider besseres Wissen, dass seine Sol­
daten anschließend in die Heimat abtransportiert würden. In Wahrheit
Kephalonia 1943 endeten sie wie die Masse der entwaffneten Italiener, denen Hitler den
Kriegsgefangenenstatus aberkannte, als jeder Willkür ausgelieferte, recht­
Am 8. September 1943 gab Marschall Pietro Badoglio, seit dem Sturz lose Militärsklaven in der deutschen Kriegswirtschaft: Ausgenommen
von Benito Mussolini im Juli 1943 Regierungschef in Rom, den von der waren nur diejenigen, die mit den Faschisten und Nationalsozialisten kol­
strategischen Lage erzwungenen Waffenstillstand mit den Alliierten be­ laborierten.
kannt. Die deutsche Führung leitete daraufhin sorgfältig geplante Ge­ Während die meisten Einheiten der 11. Armee die Waffenabgabe
genmaßnahmen ein - Fall "Alarich" und "Konstantin" , später "Achse" : durchführten, ließ sich diese auf Kephalonia nicht ohne weiteres verwirk­
Italiens Streitkräfte sollten entwaffnet und die noch nicht von US- oder lichen. General Gandin erklärte sich zwar am 12. September bereit, die
britischen Truppen besetzten Teile des Mutterlandes sowie die von italie­ Waffen niederzulegen, aber ein Großteil seiner Offiziere sowie die Masse
nischen Kräften gehaltenen Inseln, südfranzösischen und balkanischen der Division folgten ihm nicht, sie wollten lieber kämpfen als kapitulieren.
Gebiete okkupiert werden. Die Lage drohte außer Kontrolle zu geraten, als Mannschaften ihren
Auf Kephalonia, einem 781 km 2 großen Eiland im Ionischen Meer, das Kommandeur öffentlich als Verräter schmähten. Antideutsche Stimmung
den Golf von Patras beherrscht, war - offiziell zur Steigerung der Verteidi­ dominierte, und in den Morgenstunden des 13. September ereignete sich
gungsfähigkeit, tatsächlich aber im Hinblick auf den befürchteten Kriegs­ ein schwerer bewaffneter Zwischenfall, bei dem die Deutschen Verluste
austritt des Verbündeten - schon im August 1943 das Festungsgrenadier­ beklagten. Sie verloren zudem einen Marinefährprahm, schwere Waffen
regiment 966 unter Oberstleutnant Hans Barge stationiert worden: rund und Kriegsgerät. Angesichts der dramatischen Entwicklung erklärte
1800 Soldaten, verteilt auf die Festungsbataillone 909 (Hauptmann Joa­ Gandin, dass er vor seiner endgültigen Entscheidung Befehle des Coman­
chim Hans v. Stoephasius) und 910 (Major Otto Nennstiel) sowie die do Supremo abwarten wollte 3 . General Lanz seinerseits stellte ihm am
2. Sturmbatterie (Oberleutnant Jakob Fauth) der Sturmgeschützabteilung selben Tag folgende ultimative Forderung4:
201. Mit Durchgabe des Stichworts "Achse" traten Barge und seine Män­ ,,1.) Die Division 'Acqui' hat sofort sämtliche Waffen, bis auf die Hand­
ner, die bis dahin taktisch dem italienischen Inselbefehlshaber unterstan­ waffen der Offiziere, die diesen belassen bleiben, an den deutschen Kom­
den, zum XXII. Gebirgs-Armeekorps (mit der 1. Gebirgs- und 104. Jäger­ mandanten der Insel, Oberstleutnant Barge, abzugeben, wie dies bereits
division) des Generals der Gebirgstruppe Hubert Lanz, das zu der dem von allen Teilen des italienischen VIII. und XXVI. Armeekorps gesche­
Oberbefehlshaber Südost, Generalfeldmarschall Maximilian Freiherr von hen ist.
und zu Weichs an der Glon, unterstehenden Heeresgruppe E von General­ 2.) Werden die Waffen nicht sofort abgegeben, so wird die Abgabe
oberst Alexander Löhr gehörtel. durch die deutsche Wehrmacht erzwungen werden.
Italien verfügte auf Kephalonia über das Gros der Infanteriedivision 3.) Ich stelle fest , daß die unter Ihrem Kommando stehende Division
" Acqui " mit den Infanterieregimentern 17 und 317, das Maschinen­ durch das heute früh um 7.00 Uhr gegen die deutsche Truppe und zwei
gewehrbataillon 110 (2. und 4. Kompanie) sowie das Artillerieregiment 33 deutsche Schiffe eröffnete Feuer, das 5 Tote und 8 Verwundete verursach­
(vier Abteilungen und eine Batterie). Hinzu kamen Flugabwehr-, Pionier, te, einen offenen und eindeutigen Akt der Feindseligkeit begangen hat."
Luftwaffen-, Zoll- und Sanitätstruppen, drei Batterien der Marineartille­ Unklar ist, ob bei der "Stellung des Ultimatums zur Waffenabgabe an
rie, je eine Schnellboot- und Minenräumbootflottille sowie zwei U-Boot­ General Gandin diesem gemäß Befehl des Oberkommandos der Wehr­
Jäger: insgesamt gut 11500 Mann, davon 525 Offiziere. Der Inselkom­ macht" vom 10. September eröffnet worden ist, dass man bei einer "Ab­
mandant und Divisionskommandeur, Generalleutnant Antonio Gandin, lehnung die für den Widerstand verantwortlichen [ ... ] Kommandeure als
war dem VIII. Armeekorps des Generalleutnants Mario Marghinotti und Freischärler" erschießen werdes. Lanz teilte Löhr mit, Barge sei unterrich­
letzterer wiederum der 11. Armee von General Ca rlo Vecchiarelli unter­ tet gewesen. Er wusste aber nicht, ob der Oberstleutnant den Befehls­
stellt 2. inhalt gegenüber Gandin "zum Ausdruck" brachte. Dessenungeachtet be­
94 Gerhard Schreiber Kephalonia 1943 95

stand der Generaloberst, sofern die Division Widerstand leistete, auf der Auch ein "ergänzender Befehl", den Löhr seinen Jägern am 20. Septem­
Erschießung ihrer Kommandeure 6. ber erteilte, verletzte internationales Recht. Diese sollten nämlich "mit
Folgt man den deutschen Quellen, so einigten sich Gandin und Barge größter Bedenkenlosigkeit im Einzelfalle" vorgehen ll . Das taten sie. "Ge­
am Abend des 13. September doch noch über die Abgabe der Waffen bis fangene", so Waldemar Taudtmann vom Gebirgsjägerbataillon 54,12 "wer­
zum 16. des Monats. Aber ungefähr 30 Stunden später teilte der General den keine gemacht! Alles was vor die Mündung kommt wird umgelegt."
dem Oberstleutnant mit, die Division lehne es erneut ab, seinen "Befehl Bei der Vernichtung des I. Bataillons des Infanterieregiments 317 am
auszuführen". Und damals lag ihm auch schon die Weisung seines Ober­ 18. September durch die 11. (Oberleutnant Siegwart Göller) und 12.
kommandos vor, sich der Entwaffnung zu widersetzen. Wie immer, spätes­ (Oberleutnant Willi Röser) Kompanie des IlI . Bataillons des Gebirgs­
tens als die italienische Luftabwehr deutsche Wasserflugzeuge über Ke­ jägerregiments 98, gab es 400 Feindtote. Wie es dazu kam, meldete der Re­
phalonia beschoss und ein Ultimatum für die Stellung von zwölf Geiseln, gimentskommandeur an die 1. Gebirgsdivision lJ : "Alle Italiener wurden,
die mit ihrem Leben für die reibungslose Entwaffnung gehaftet hätten, soweit sie nicht als Munitionsträger noch gebraucht wurden, im Kampf
unbeantwortet ablief, waren die Würfel gefallen 7 • Barge griff am 15. Sep­ getötet." Das bedeutet, dass die Gebirgsjäger, da "im Kampf" eine geziel­
tember um 14:00 Uhr an (massiv unterstützt vom X. Fliegerkorps), doch te Selektion von "Munitionsträgern" unmöglich ist, die sich ergebenden
am nächsten Tag befanden sich seine Truppen in der Defensive. Infanteristen niedermachten. Kein Einzelfall, was Lanz l4 am 23. Septem­
Lanz reagierte mit der Überführung starker Kräfte der 1. Gebirgs- und ber bestätigte, als er, wohl um zu kaschieren, dass die Truppe tausende
der 104. Jägerdivision, die unter Major Harald v. Hirschfeld eine Angriffs­ gegnerische Soldaten gemäß "Führerbefehl" ermordete, von "gefallenen
gruppe bildeten. Am 20. September waren die Transporte abgeschlossen. und während der Gefechtshandlungen erschossenen Italienern" sprach.
Hirschfeld gebot danach über eine beachtliche Streitmacht: Festungs­ Denn im Gefecht erschossene Soldaten gelten per definitionem als gefal­
grenadierregiment 966, III. Bataillon des Gebirgsjägerregiments 98 (Major len.
Reinhold Klebe), Gebirgsjägerbataillon 54 (Major Wilhelm Spindler), Ein Gebirgsjäger berichtet von einem ähnlichen Vorfall, und nennt De­
7. (Oberleutnant Fritz Thoma) und 9. (Oberleutnant Heinz Ziegler) Ge­ tails l5 : "Die Italiener liefen auf uns zu, sie wollten nicht mehr kämpfen ,
birgshaubitzenbatterie der III . Abteilung des Gebirgsartillerieregiments und jetzt entschied ein Unteroffizier, ob jemand leben sollte oder nicht.
79 (Major Franz Wagner), ein Zug (Leutnant Friedrich Kießling) der Du wirst das tragen und Du jenes und so wurden 5 oder 6 oder 10 zum
4. Gebirgskanonenbatterie der Ir. Abteilung im Gebirgsartillerieregiment Leben begnadigt, weil sie die Soldaten beim Tragen der Waffen unterstüt­
79, I. Bataillon des Jägerregiments 724 (Major Gerhard Hartmann) mit zen sollten und die anderen wurden erschossen."
der jeweils verstärkten 1. und 3. (Oberleutnant Georg Günther) Kompa­ Hirschfeld bildete aus dem Gebirgsjägerbataillon 54 und dem IH. Ba­
nie sowie Stabsteile. Vor allem aber besaßen die Deutschen nach wie vor taillon des Gebirgsjägerregiments 98 eine von Major Klebe geführte
die uneingeschränkte Luftherrschaft 8 , was sich auf die operative Entwick­ Kampfgruppe, die von Ankona über Phalari zunächst auf Dilin~Ha operier­
lung entscheidend auswirkte. te. Dort kam es ebenso wie auf der nördlich des Orts gelegenen Passhöhe
Zum Ort des "Verbrechens und Grauens" machten Kephalonia Befeh­ zu Gefechten. Dann folgte der Vorstoß auf Phrankata und Hagia Geor­
le, die das Oberkommando der Wehrmacht sowie Generaloberst Alexan­ gios, wo die Gebirgsjäger ein in Ruhe befindliches Bataillon der Italiener
der Löhr und General Lanz herausgaben. Die Heeresgruppe E erfuhr am " vernichten"16.
13. September von der erwähnten Weisung vom 10. September und dem Die Gruppe Klebe hinterließ ein Bild des Grauens. "Als wir", erinnert
"Führerbefehl" vom 12. September, italienische Offiziere, deren Truppen sich Alfred Richter l7 , Oberjäger im Gebirgsjägerbataillon 54, "die Pass­
"ihre Waffen in die Hände von Aufständischen fallen" ließen, was auf der höhe [bei Dilin~Ha] überschreiten, stoßen wir auf gefallene Italiener; sie
Insel angeblich geschah 9 , "standrechtlich zu erschießen"lo. Am 18. Sep­ liegen zuhauf und alle weisen Kopfschüsse auf, sind also von den 98ern
tember befahl Hitler dem Oberbefehlshaber Südost, auf Kephalonia [Klebes III. Gebirgsjägerbataillon] erschossen worden, nachdem sie sich
"wegen des gemeinen und verräterischen Verhaltens" der Besatzung ergeben hatten." Und das, obwohl die Täter ausnahmslos jene "Befehle in
"keine [ ... ] Gefangenen machen zu lassen": Die Offiziere wussten , dass Dienstsachen" in den Händen hielten, die man als die "Zehn Gebote für
das gegen die Haager Landkriegsordnung von 1907 verstieß, welche die die Kriegführung des deutschen Soldaten" in einem "Merkblatt" zusam­
"Erklärung, daß kein Pardon gegeben wird", untersagt. menfasste. Darin steht unter anderem l 8 : "Es darf kein Gegner getötet wer­
96 Gerhard Schreiber Kephalonia 1943 97

den, der sich ergibt"; und - "ritterlich" kämpfe der "deutsche Soldat" ! Auf Griechische und italienische Zeugen erinnern 25 , deutsche sechs Orte,
Kephalonia, doch nicht nur dort19 , scherte sich kaum einer um diese zehn in denen und bei welchen Gefangene ermordet wurden. Legt man die von
Gebote. ehemals auf Kephalonia eingesetzten Soldaten der Kampfgruppe Hirsch­
Ein "an der Erschießung von Italienern" beteiligter Gebirgsjäger be­ feld genannten Zahlen zugrunde, dann massakrierte die Soldateska über
kannte zwar: "Dieser Moment ist im Leben eines Menschen eingebrannt 2200 Gefangene. Darüber hinaus gibt es nicht zu quantifizierende An­
bis zur letzten Stunde! " Aber Verweigerung, die rechtlich oft möglich und gaben, die von bis zu "einigen tausend" Getöteten sprechen 26 .
auf Kephalonia Pflicht gewesen wäre, wurde in der Regel nicht versucht. Das Verbrechen steht jedenfalls außer Zweifel, und sein Ausmaß lässt
Blinder Gehorsam ermöglichte grauenvolle Szenen. Erzählt der Ober­ sich hinreichend genau bestimmen. Im Kriegstagebuch des Oberkomman­
jäger Richter 2o : "Über einen Höhenrücken gehen wir gegen Frankata vor. dos der Wehrmacht heißt es dazu 27 : "Auf Kephalonia sind der ital.[ieni­
Wir machen in einem Garten Halt, bei einer italienischen BatteriesteIlung, sche] Befehlshaber und 4000 Mann , weil sie Widerstand leisteten, gemäß
die die vor uns angreifenden 98er brutal vernichtet haben. Erschossen, er­ dem Befehl des Führers [ .. .] behandelt worden . Über das Schicksal der
schlagen, und von den Bergschuhen zertreten liegen die Männer der Ge­ 5000 Mann , die noch rechtzeitig überliefen, ist die Entscheidung des Füh­
schützbedienung in ihrer Stellung. Es muss vor wenigen Minuten gesche­ rers eingeholt worden . Er befiehlt, dass sie als Kriegsgefangene behandelt
hen sein: Unter den blutüberströmten Leibern zuckt und atmet noch werden ." Aus der einschlägigen Literatur resultiert, dass die Deutschen
einer, bei einem anderen liegen die Augen neben dem flach getretenen mindestens 3760 und höchstens 5326 Offiziere, Unteroffiziere und Mann­
Schädel." Richters Bataillon rückte um 17.00 Uhr in Phrankata ein. Es gab schaften niedermetzelten 28 •
seine Gefangenen ab, die "ein furchtbares Strafgericht" erwartete: "Zug­ Angehörige von Deutschlands Wehrmacht begingen auf Kephalonia
weise [wurden] sie in nahe Steinbrüche und ummauerte Gärten unmittel­ eines der schwersten Kriegsverbrechen des Weltkriegs. Die Sühne? Sie
bar vor dem Städtchen getrieben und von [Maschinengewehren] der 98er fehlt bisher, obwohl über die schreckliche Tat seit 1944 geschrieben wird 29 .
niedergemäht [ ... ], auch Sanitäter und Priester [waren] von der Er­ °.
Erste amtliche Informationen gab es 1945 3 Sie beruhten auf Berichten
schießung nicht ausgenommen." Nach Aussagen von Zeitzeugen lagen in von Überlebenden , insbesondere der beiden Militärgeistlichen don For­
Phrankata bis zu 500 abgeschlachtete italienische Soldaten; und 200 ande­ mato und don Ghilardini , deren Erinnerungen als Bücher erschienen 3 1.
re starben wenig später hinter der Wallfahrtskirche in Valsamata einen Wie die 1945 publizierte Arbeit von Giuseppe Moscardelli 32 , die sich auf
gewaltsamen Tod 21. Angaben von neun überlebenden Zeugen stützte, waren sie dazu angetan,
Der Hauptmann Amos Pampaloni 22 überlebte ein derartiges Blutbad. die Opfer der " Acqui", denen das Verteidigungsministerium 1947 eine
Mit etwa 80 Mann der 1. Batterie des Artillerieregiments 33 ergab er sich Hommage widmete 33, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dass das
am 21. September bei Dilinata den Gebirgsjägern. Als die Gefangenen Massaker im öffentlichen Bewusstsein dennoch ignoriert wird , was unein­
nach dem Niederlegen der Waffen samt den marschunfähigen Verwunde­ geschränkt für Deutschland zutrifft, aber in Italien ebenfalls der Fall zu
ten in Reihe antreten mussten, ahnten sie, was ihnen drohte. Pampaloni sein scheint 34 , ist ein schwer zu erklärendes Phänomen. Dies umso mehr,
stand an der Spitze, ein Genickschuss streckte ihn zu Boden. Doch die weil nach den Nürnberger Prozessen keineswegs ,,50 Jahre lang Schweigen
Kugel verletzte keine lebenswichtigen Organe, er blieb sogar bei Bewusst­ über die Tat", herrschte 35 • Schließlich erschienen bis 1969 mindestens 120
sein und erlebte wie die Gebirgsjäger seine Soldaten hinmordeten. Da­ Bücher, Aufsätze und Zeitungsartikel, die ganz oder zum Teil dem tau­
nach zogen sie "lachend und singend " ab 23 • Zu den Opfern der Kampf­ sendfachen Mord auf Kephalonia gewidmet sind 36 . Auch für die Folgezeit
gruppe zählten ferner rund 900 in Troianata brutal getötete Italiener. Etwa lassen sich zahlreiche Titel nennen 37 . Es genügt diesbezüglich, einen Blick
700 bei Pharsa umgebrachte Militärangehörige hatte wahrscheinlich das auf die bibliographischen Hinweise in dem von Giorgio Rochat und Mar­
Festungsbataillon 910 unter Major Nennstiel zu verantworten 24• cello Venturi herausgegeben Standardwerk 38 oder das Literaturverzeich­
Am 22. September erlosch die Gefechtstätigkeit. General Gandin kapi­ nis der amtlichen Untersuchung von Giovanni Giraudi 39 und das der Ge­
tulierte. Man hat ihn zwei Tage später - gemeinsam mit ungefähr 30 Offi­ samtdarstellung von Alfio Caruso 40 zu werfen.
zieren - als "Verräter" erschossen. Ein Wehrmachtangehöriger berichtet, Zudem existiert in Italien eine "Associazione Nazionale Superstiti, Re­
dass die Leichen "zusammengebunden und mit Steinen beschwert im duci, Famiglie Caduti della Divisione 'Acqui" ', die Erinnerungsarbeit leis­
Meere versenkt" wurden 25. tet. In Verona wurde am 23. Oktober 1966 ein " Nationales Denkmal" zu
98 Gerhard Schreiber Kephalonia 1943 99

Ehren der Division enthüllt. Monumente stehen außerdem in Rom, 4 BA-MA Freiburg, RH 24-22/3: Generalkommando XXII . Gebirgs-Armee­

Padua, Acqui, San Remo und Argostolion. Zudem würdigte das Parlament korps, Anlagen zum Kriegstagebuch Nr. 1, 8.8.1943 bis 11. 10. 1943, Nr.1-180, hier
(mit starkem Echo in den Medien) am 15., 20., 25 . und 30. Jahrestag Anlage 43a.
5 Der Befehl datiert vom 10.9.1943, abgedruckt bei Schreiber, Militärinternier­
(24. September 1958,1963,1968 und 1973) die Toten der " Acqui". Zur
ten, S. 110.
40. Wiederkehr des Gedenktages reiste der damalige Verteidigungsminis­ 6 Schreiber, Cefalonia, S. 152-155.
ter Giovanni Spadolini am 15. September 1983 nach Kephalonia; und am 7 Montanari, Cefalonia, S. 110 ff.
4. März 2001 ehrte dort Staatspräsident Ca rlo Azeglio Ciampi seine ge­ S Schreiber, Cefalonia, S. 147-152. Beispielsweise unterstützten am 21. 9. 122 Ju
fallenen und ermordeten Landsleute 41 . 87 und 14 Ju 83 den eigenen Erdkampf. Sie warfen 120 Tonnen Spreng- und
Somit ist zu konstatieren, dass über die Ereignisse auf Kephalonia zwar Flammbomben ab. Vgl. BA-MA Freiburg, RL 2 II1966: Luftwaffenführungsstab,
das meiste bekannt, die breite Öffentlichkeit sich des ungeheuerlichen Einsatztages- und Einsatzzwischenmeldungen, hier S. 3818.
9 BA-ZStL Ludwigsburg, 162 AR 6401164, Band III, BI. 550-658, BI. 566 Einstel­
Verbrechens aber nicht wirklich bewusst geworden ist. Das mag nicht zu­
lungsverfügung der Staatsanwaltschaft Dortmund vom 17.9. 1968.
letzt mit der ausgebliebenen "Sühne" zusammenhängen: Eine Unterlas­
10 Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945. Serie E: 1941-1945.
sung, die viel mit dem "Kalten Krieg" zu tun hat. Band VI: 1. Mai bis 30. September 1943. Göttingen 1979, S. 537.
Beispielsweise wollte man Mitte Februar 1946 die für die Massaker auf 1\ Schreiber, Cefalonia, S. 157 f.
Kephalonia Verantwortlichen vor Gericht stellen. Es blieb bei der Absicht, 12 ZDF History, Doris Dangschat: Kefalonia 1943, 25.3.2001; und Christiane Kohl:
weil Rom 1956 - primär, um die von der NATO gewünschte (damals aller­ Ermordete Frauen, verbrannte Kinder. In: Süddeutsche Zeitung, 24./25.3.2001.
dings in der Bundesrepublik umstrittene) deutsche Wiederbewaffnung 13 BA-MA Freiburg, RH 28-1 /190: 1. Gebirgsdivision, Ic, Anlagen zum Tätig­

und Integration Westdeutschlands in das westliche Bündnis nicht zu ge­ keitsbericht "Griechenland" vom 8. 9. bis 24. 9.1943, Kdr. G.J.R. 98 [Oberstleutnant
fährden - beschloss, an Bonn keine Auslieferungsersuchen zu stellen 42 . Josef Salminger] an Herrn Kdr. 1. Geb. Div., 20. 9. 1943 um 13.30 Uhr.
14 Schreiber, Cefalonia, S. 170. Die verhängnisvolle Rolle von General Lanz wird
Vom Kalten Krieg profitierte auch Lanz, den das US-Militärgericht im
apologetisch verfälscht von Charles B. Burdick: Huber! Lanz. General der Gebirgs­
Fall 7 der Nürnberger Nachfolgeprozesse am 19. Februar 1948 wegen der truppe 1896-1982. Osnabrück 1988, S. 189- 196.
rechtswidrigen Erschießung von Geiseln, Sühnegefangenen und italieni­ 15 ZDF History (wie Anm. 12).
schen Offizieren zu 12 Jahren Gefängnis verurteilte: Davon verbüßte er 16 Schreiber, Cefalonia, S. 159-164; Reinhold Klebe: Das Unternehmen Kephal o­
lediglich drei 43 ! nia im September 1943. In: Die Gebirgstruppe 37 (1988) , H. 1, S. 6-11, verfasst als
Und Deutschland? Hier leitete die Zentralstelle im Lande Nordrhein­ Antwort auf angebliche "Diffamierungen" der 1. Gebirgsdivision im ARD-Maga­
Westfalen für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbre­ zin "Monitor" (10.11.1987) .
17 ZDF History; und Kohl , Ermordete (beide wie Anm. 12).
chen bei dem Leitenden Oberstaatsanwalt in Dortmund am 11. September
IS Hans Buchheim , Martin Broszat , Hans-Adolf Jacobsen und Helmut Kraus­
1964 ein Ermittlungsverfahren ein. Dieses wurde, da es angeblich keinen
nick: Anatomie des SS-Staates. Band 2. München 1979, S. 230f.
Erfolg versprach, am 17. September 1968 eingestellt 44 . Aufgrund einer­
19 Schreiber, Militärinternierten , S. 93-230.
auch durch die Wiedervereinigung - veränderten Materiallage begannen 20 ZDF History; und Kohl, Ermordete (beide wie Anm. 12).
im September 2001 neue Ermittlungen der Dortmunder Staatsanwalt­ 2 \ Caruso, Italiani, S. 193-197; Olinto Giovanni Perosa: Divisione "Acqui" figlia
schaft. 45 di nessuno. Cefalonia-Corfii sett. brc 1943. Memorie di un superstite. Roma 1993,
S. 62-74.
Anmerkungen 22 Amos Pampaloni: Cefalonia. In: 11 Ponte 10 (1954), S. 1480-1490.
23 Caruso, Italiani, S. 187 ff.; Gerhard Schreiber: Deutsche Kriegsverbrechen in

1 Gerhard Schreiber: Cefalonia e Corfii, settembre 1943: la documentazione Italien . Täter - Opfer - Strafverfolgung. München 1996, S. 82f.
tedesca . In: La divisione Acqui, S. 125-191, bes. S. 125- 129. 24 Torsiello, Le operazioni, S. 488.
2 MarioTorsiello: Le operazioni delle unita italiane nel settembre-ottobre 1943. 25 Schreiber, Cefalonia , S. 171 ; Caruso, Italiani, S. 230-244.
Roma 1975, S. 437f. und 465f. Unberücksichtigt bleiben im folgenden die auf Corfii, 26 Einstellungsverfügung (wie Anm. 9), BI. 590-611.
Lefkas, Zakynthos und Ithake liegenden Divisionsteile. 27 Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Wehrmachtführungs­
3 Mario Montanari: Cefalonia, settembre 1943. In: La divisione Acqui, S. 95-124, stab) Band III: 1. Januar 1943-31. Dezember 1943. Zusammengestellt und erläutert
hier S. 102-108. von Walther Hubatsch. Frankfurt am Main 1963, S.1134.
100 Gerhard Schreiber Kephalonia 1943 101

2ll Schreiber, Kriegsverbrechen, S. 84 f. ; und Einstellungsverfügung (wie Anm. 9), Quellen- und Literaturhinweise
BI. 593f.
29 La tragedia dell'8 settembre. La resistenza e il sacrificio dei presidio di Cefalo­
Ungedruckte Quellen
nia. In: Risorgimento liberale vom 8.9.1944. Archivio Storico dell'Ufficio Storico dell'Esercito Roma: Diari storici Comandi
30 Nota dell ' Ufficio Stampa della Presidenza dei Consiglio. In: " Il Giornale dei
grandi unita (mil Berichten , die auf Kephalonia eingesetzte Offiziere nach ihrer
mattino" und "Avanti" , 14. 9. 1945, sowie "La Gazzetta deI Mezzogiorno", 14. und Rückkehr in die Heimat verfasst haben: racc. 2128 A-D); und H 5, racc. 35: Be­
20.9.1945. richt des Studienrates Dr. Wallert vom 15.1.1961.
31 Formato, L'eccidio; Luigi Ghilardini: I martiri di Cefalonia . Milano 1952 (erw. BA-MA Freiburg, RH 19 VIII1, 10 und 12: Oberkommando der Heeresgruppe E;
Ausg. Genova 1965). RH 24-22/2,3 und 6 K: Generalkommando XXII. Gebirgs-Armeekorps; RH
32 Giuseppe Moscardelli: Cefalonia. Rom a 1945. 28-1/107,109,110,117, 119,190 und 191: 1. Gebirgsdivision; sowie RM 45 Süd­
33 Cefalonia. Ministero della Difesa. Stato Maggiore del-I'Esercito. Ufficio Stori­ ost/105: Admiral Ägäis.
co. Roma 1947. BA-ZSlL Ludwigsburg, 162 AR 6401164, Band I-III.
34 Mario Pirani: Cefalonia una strage dimenticata da tutti. In: La Repubblica, Staatsarchiv Nürnberg: Kriegsverbrecherprozesse, "Fall 7", unter anderem Verfah­
15.9. 1999. ren gegen General Hubert Lanz.
35 So die um die Aufarbeitung der (hierzulande kaum bekannten) deutsch-italie­ Zenlralstelle im Lande Nordrhein-Westfalen für die Bearbeitung von national­
nischen Geschichte von 1943 bis 1945 verdiente Christiane Kohl: Vertuschte Massa­ sozialistischen Massenverbrechen beim Leitenden Oberstaatsanwalt in Dort­
ker. In: Süddeutsche Zeitung, 13. 11. 2000; vgl. auch dies.: "Eine der ehrlosesten Ak­ mund,8 AR 1164/64 und 45 Js 34/64: Ermittlungen im Fall Kephalonia.
tionen der Kriegsgeschichte". In: Ebenda v. 2. 3. 2001.
36 Notiziario bibliografico della 'Acqui'. A cura di Enrico Z ampetti e Dionisio Gedruckte Quellen und Literatur
Sepielli. Roma 1988. Zu ergänzen wären die Beiträge von Fricke, Das Unterneh­ Caruso, Alfio: Italiani dovete morire. Cefalonia , settembre 1943: il massacro della
men, der Autor versucht deutlich, die beteiligten Angehörigen der Wehrmacht zu divisione Acqui da parte dei tedeschi. Un 'epopea di eroi dimenticati. Milano
entlasten; und Reginaldo Formato: Die Repressalie deutscher Truppen auf Kefalle­ 2001.
nia. In: Der Widerstandskämpfer 19 (1971), H. 13, S. 68 f. Casavola, Anna Maria: I sommersi e i salvati di Cefalonia. In : Noi dai Lager, 2001,
37 Das Notiziario (wie Anm. 36), S. 24-39, zitiert 21 relevante Titel, die 1973-1986 N. 3, S. 11-15, und N. 4, S.11-17.
erschienen sind. La divisione Acqui a Cefalonia. Settembre 1943. A cura di Giorgio Rochat e Mar­
38 La divisione Acqui. cello Venturi. Milano 1993.
39 Giraudi, La resistenza, S. 623-627. Filippini, Massimo: La vera storia dell'eccidio di Cefalonia. Casteggio 1998.
40 Caruso, Italiani, S. 292. Formato, Romualdo: L'eccidio di Cefalonia . La tragica testimonianza dell'isola
41 Christiane Kohl: Die Insel der vergessenen Toten. In: Süddeutsche Zeitung della morte. Roma 1946 (erw. Ausg. 1968).
v. 5. 3. 2001. Fricke, Gen: Das Unternehmen des XXII. Gebirgsarmeekorps gegen die Inseln
42 Filippo Focardi: La questione della punizione dei criminali di guerra in Italia
Kefalonia und Korfu im Rahmen des Falles "Achse" (September 1943). Ein Do­
dopo la fine dei secondo conflitto mondiale. In: Quellen und Forschungen aus ita­ kumentarbericht. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen Bd.1I1967, S. 31-58.
lienischen Archiven und Bibliotheken. Hrsg. vom Deutschen Historischen Institut Giraudi, Giovanni: La resistenza dei militari italiani all'estero. Grecia continentale
in Rom . Band 80. Tübingen 2000, S. 543-624. eisoie dello Jonio. Roma 1995.
43 Schreiber, Cefalonia, S. 186-191. Irrtümlich werden dort fünf Jahre als verbüßt
Schreiber, Gerhard: Die italienischen Militärinternierten im deutschen Macht­
a ngegeben. Vgl. zum Prozess im "Fa1l7" generell: Beate Ihme-Thchel : Fall 7: Der bereich 1943 bis 1945. Verraten - Verachtet - Vergessen. München 1990.
Prozeß gegen die "Südost-Generale" (gegen Wilhelm List und andere). In: Der Na­
tionalsozialismus vor Gericht. Die alliierten Prozesse gegen Kriegsverbrechen und
Soldaten 1943-1952. Hrsg. v. Gerd R . Ueberschär. Frankfurt am Main 1999,
S. 144-154; Gerd R. Ueberschär: Fall 7 - Der Geiselmordprozeß gegen die "Südost­
Generale". In : Die 12 Nürnberger Nachfolge-Prozesse 1946-1949. Hrsg. v. Bengt
von zur Mühlen und Andreas von Klewitz. Berlin-Kleinmachnow 2000, S. 119-125.
44 Einstellungsverfügung (wie Anm. 9) , BI. 550-555.

45 Siehe dazu u. a. Christiane Kohl: Ungesühntes Massaker der Wehrmacht. Er­


mittlungen im Fall Kephallonia . Dortmunder Staatsanwaltschaft liegen neue Er­
kenntnisse vor. In : Süddeutsche Zeitung v. 8. 9. 2001.
146 Carlo Gentile

botto. München 1959; Wolfgang Kunz: Der Fall Marzabotto. Analyse eines Kriegs­ HERMANN FRANK MEYER
verbrecherprozesses. Würzburg 1967; Rudolf Aschenauer: Der Fall Reder. Be rg am
See 1978.
29 Vgl. dazu: Österreich bemüht sich um Freilassung Reders. In : Frankfurter All­
gemeine Ze itung v. 2.1. 1978, sowie K. Rühle: Bevölkerung soll über Freilassung Mousiotitsas - Kommeno - Lyngiades 1943
abstimmen. In: Die Welt v. 27.12.1984.
30 Hans-Joachim Berling-Petersen: Das Fehlurteil von Bologna. In: Die Zeit
Die 1. Gebirgsdivision in Epirus l
v. 2. 6.1955.
3\ Heinz-Joachim Fischer: Der Sündenbock in de r Festung Gaeta . In : Frankfurter

Allgemeine Zeitung (FAZ) v. 14. 1. 1985.


Seit der Kapitulation des Afrikakorps am 13. Mai 1943 begann sich Hit­
32 Ders.: Walter Reder gestorben. In : FAZ v. 4. 5. 1991.
ler zunehmend Sorge um die Südflanke der "Festung Europa" zu machen.
33 Staatsanwaltschaft Stuttgart, 16 Js 186/69, Verfahren gegen Ludwig G. , Einstel­ Das britische Ablenkungsmanöver "Operation Mincemeat" veranlasste
lungsverfügung v. 16.3.1970. ihn dazu, eine Landung in Südosteuropa zu erwarten. 2 Am 29. Mai befahl
34 Im Jahre 1960 wurden Hunderte von Ermittlungsverfahren wegen deutscher der Chef der britischen Militärmission bei den griechischen Partisanen
und faschistischer Kriegsverbrechen aus der Besatzungszeit von der italienischen ("Andarten" ), Brigadegeneral Edmund "Eddy" Myers, die groß angelegte
Generalmilitärstaatsanwaltschaft vorläufig eingestellt. Der größte Teil von ihnen Diversionsoperation "Animals" , die von der Landung der Alliierten in
verschwand in einem Aktenschrank und geriet in Vergessenheit. Nur etwa vierzig Sizilien ablenken sollte. 3 Am 21. Juni 1943 sprengten britische Common­
dieser Akten wurden Mitte der 60er Jahre an die deutschen Justizbehörden überge­ wealth-Kommandos den zwischen Saloniki und Athen gelegenen Asopos­
ben. Sie wurde n alle nach mehr oder weniger sorgfältigen Ermittlungen eingestellt. Eisenbahnviadukt und behinderten damit nachhaltig den deutschen Nach­
Zur Auffindung der Akten im römischen Palazzo Cesi vgl. Christiane Kohl: "Italien
schub. 4
schützte deutsche Kriegsverbrecher". In: Süddeutsche Zeitung v. 29. 10. 1999; dies.:
Staub auf dicken Aktenordnern. In: Ebenda, Nr. 83 v. 10.4.2002. Die vollständige
Der deutsche Diktator hegte nun "die Besorgnis einer Feindlandung an
Liste der Verfahren kann mittlerweile auch im Internet eingesehen werden unter der griechischen Westküste, im Gebiet nördlich von Patras"S und verlegte
der Adresse http://www.eccidi1943-44.toscana.it/elenco_criminali/elenco_crimina­ Truppen nach Griechenland. In Epirus wurde das XXII. Gebirgs-Armee­
li.htm. korps unter Generalleutnant Hubert Lanz mit Sitz in loannina aufgestellt,
dessen Kerntruppe, die 1. Gebirgsdivision unter Generalmajor Walter Rit­
Quellen- und Literaturhinweise ter v. Stettner, im April 1943 nach überaus verlustreichen Kämpfen im
Kaukasus "zur Auffrischung" nach Montenegro verlegt,6 dort aber gleich
Ungedruckte Quellen
BA-MA Freiburg: RH 20-14/41 : AOK 14, KTB Ia Nr.4, Juli-September 1944; RH wieder in erbarmungslose Partisanenkämpfe verwickelt worden war.? Bis
20-14/46: AOK 14, Ia-Tagesmeldungen , Juli-September 1944; RHO 20-14/114: zu diesem Zeitpunkt waren die Italiener die Hauptbesatzungsmacht in
AOK 14, Ic-Tagesmeldungen, Juli-Se ptember 1944; RH 20-14/121: AOK 14, Ic­ Griechenland , gegen die sich hauptsächlich die Angriffe der Partisanen
Tagesmeldungen , Oktober-Dezember 1944. richteten.
Tribunale Militare della Repubblica, La Spezia. Als die ersten Verbände in Epirus eintrafen, befanden sich nur noch die
Procedimento penale contro Walter Reder. Bologna 1951. Garnisonsstädte unter Kontrolle der Italiener: Das Land westlich des Flus­
ses Arachthos wurde von rechtsgerichteten EDES-Partisanen unter Füh­
Gedruckte Quellen und Literatur rung von Napoleon Zervas kontrolliert, während östlich davon die links­
Giorgi, Renato: Marzabotto paria. 1955 , 14. Auf!. Venezia 1991 (dt. unter d. Titel: gerichtete ELAS unter Aris Velouchiotis den Besatzungstruppen zusetzte.
Marzabotto spricht. Berlin-Ost 1958).
Entsprechend wies der Oberbefehlshaber der italienischen 9. Armee in
Klinkhammer, Lutz: Stragi naziste in Italia. La guerra contro i civili (1943/44).
Albanien, General Renzo Dalmazzo, General v. Stettner darauf hin, es sei
Roma 1997.
Staron, Joachim: Fosse Ardeatine und Marzabotto : Deutsche Kriegsverbrechen die "wichtigste Aufgabe, das Bandengebiet im Pindos-Gebirge und den
und Resistenza , Geschichte und nationale Mythenbildung in Deutschland und rings herum angrenzenden Gebieten zu säubern". Pauschal hielt Dalmaz­
Italien (1944-1999). Paderborn 2002. zo "die gesamte männliche Bevölkerung dieses Gebietes für Banditen"
Zanini, Dante: Marzabotto e dintomi 1944. Bologna 1996. und sah die "einzige Möglichkeit einer Befriedung des Landes in der Fest­
148 Hermann Frank Meyer Mousiotitsas - Kommeno - Lyngiades 1943 149

nahme aller männlichen Landeseinwohner".s Da die italienische Führung bevölkerung ausgestellt wurde - "Männliche Bevölkerung, die mit der
in Athen sich gegen diesen Radikalvorschlag aussprach, befahl v. Stettner Waffe in der Hand angetroffen wird oder sich in der Nähe von Banden be­
dem 98. Regiment bei der 1. Gebirgsdivision die "Säuberung" der Haupt­ findet, wird erschossen", so hieß es. 15 Ferner erhielten die Kommandeure
verkehrsstraße von Ioannina über Arta nach Preveza, zumal in diesem das Recht, "bei laufenden Säuberungsaktionen" eigenmächtig "Sühne­
Raum "zu jeder Zeit" mit der Anlandung feindlicher Kräfte zu rech­ maßnahmen" anzuordnen. 16
nen sei. Als am 7. August ein neuerliches "Säuberungsunternehmen" (Code­
Das Regiment 98 wurde von dem bayerischen Oberstleutnant Josef Sal­ name "Augustus") angesetzt wurde, hieß es im Befehl zur Kampfführung
minger geführt. Der überzeugte Nationalsozialist und ehemalige Steiger u. a.: "Alle Bewaffneten werden grundsätzlich an Ort und Stelle erschos­
eines Bergbaubetriebes war aus einfachem Mannschaftsrang zum Offizier sen. Dörfer, aus denen geschossen wird, oder in denen Bewaffnete ange­
aufgestiegen. Er bezeichnete sein Regiment "nicht bloß als ein deutsches troffen werden, sind zu vernichten, die männliche Bevölkerung [ ... ] zu er­
sondern ein Hitler'sches".9 Salminger war bei bisherigen Einsätzen vier­ schießen."
zehnmal verwundet worden und von großer Härte. Seine Soldaten vergöt­ Vier Tage später fuhr Salminger im Rahmen einer Inspektionsreise
terten ihn, und da er "immer vorbildhaft für diese vor ihnen gekämpft durch die südlich von Arta gelegene Gegend. Sein Wagen erreichte just in
hatte", genoss er auch die ungeteilte Hochachtung von General Lanz. dem Moment das Dorf Kommeno, als sich auf dem Dorfplatz ELAS- und
Als Salminger zwischen dem 22. und 26. Juli das nach ihm benannte Un­ EDES-Partisanen mit den Dörflern über die Höhe der Naturalabgaben­
ternehmen leitete, wurden die befohlenen Angriffsziele aufgrund des steuer stritten. Als Salmingers Fahrer ein Maschinengewehr vor der Taver­
"Nichtvorhandenseins von Feind [ ... ] leicht" erreicht. Nur zu Beginn leis­ ne erblickte, steuerte er vor Schreck den Kübelwagen in den Straßengra­
teten die Partisanen Widerstand, wobei das IH. Bataillon elf Tote, drei Ver­ ben. Während die Partisanen die Flucht ergriffen, wurde der PKW mit
misste und vierzehn Verwundete zu beklagen hatte: Vier von ihnen waren Hilfe der Dorfbewohner wieder flottgemacht, und Salminger konnte un­
jedoch "mit Spatenhieben verstümmelt und über Felswände geworfen" belästigt weiterfahren.
aufgefunden worden .IO Dennoch meldete der Ia-Offizer der Division, Doch die Einwohner trauten dem Frieden nicht. Am nächsten Tag sand­
Oberstleutnant Karl Wilhelm Thilo, im Abschlussbericht "eingebrachte ten sie eine Delegation zur italienischen Kommandantur in Arta, um den
Beute" : Neben ,,150 toten Banditen, 90 Geiseln" seien 75 Versorgungs­ Vorfall zu berichten. Die Italiener beschwichtigten sie zwar, sie hätten
bomben - sie waren von britischen Flugzeugen abgeworfen worden und keine Repressalien zu befürchten, aber auf deutscher Seite liefen bereits
enthielten Waffen und Munition - "erbeutet" worden. 1I Nicht für erwäh­ die Vorbereitungen "eines überraschenden Unternehmens gegen die fest­
nenswert hielt es Thilo hingegen , dass sich unter den "toten Banditen" gestellte Bande in Kommeno" an. 17
auch Zivilisten aus dem Dorf Mousiotitsas befanden: Am 25. Juli 1943 Der damalige "Erste Schütze" der 12. Kompanie, Anton Z. , erinnert
wurden dort 153 Männer, Frauen, Kinder und Greise im Alter von 1 bis sich, wie er mit seinen Kameraden am Abend des 15. August von seinem
75 Jahren niedergemetzelt. 12 Kompanieführer Willi Röser - der als "grausam, unerbittlich [ ... ] und als
Ferner wurden mehr als 20 Ortschaften bis Ende Juli entlang der 150% iger Nationalsozialist" galt und der Kompanie unter dem Spitz­
Hauptverkehrsachse zerstört. Dennoch bezeichnete Salminger das Unter­ namen "Nero" bekannt war 18 - auf das für den nächsten Morgen angesetz­
nehmen als "einen Schlag ins Leere". General v. Stettner erbat daraufhin te "Vergeltungsunternehmen" eingestimmt wurde: " In dem Dorf ist auf
vom Oberbefehlshaber der Heeresgruppe E, Generaloberst Alexander Salminger geschossen worden. Es ist banden verseucht und dafür muss es
Löhr, (Lanz bezog erst am 9. September seine Dienststelle in Ioannina), büßen. Alle sind niederzumachen."19 Für andere Ehemalige, wie zum Bei­
"alle wehrfähigen Männer zu erfassen oder gar die Zivilbevölkerung zu spiel den damals 18jährigen Otto G., lautete der Befehl, dass "bei dieser
evakuieren". Die Partisanen hätten nämlich "die Parole ausgegeben und Vergeltungsaktion niemand das Dorf lebend verlassen"20 dürfe. Der Lin­
befolgt, ihre Waffen zu verstecken und sind als friedliche Erntearbeiter auf zer Karl D. berichtet, dass Röser die Parole ausgab: "Niemand darf über­
die Felder gegangen". 13 Löhr erteilte daraufhin eine Reihe von Befehlen, leben, und alle sind niederzumachen." Ein Zugführer der Kompanie lehn­
wie mit der Zivilbevölkerung und den "Andarten" umzugehen sei, legte te es daraufhin ab, an dieser "Vergeltungsaktion gegen die Zivilbevöl­
sich aber nicht eindeutig fest. 14 Entscheidend war, dass den Regiments­ kerung" teilzunehmen. Da ihm Röser "die erforderliche Härte" nicht
kommandeuren praktisch eine Blankovollmacht im Umgang mit der Zivil- zutraute, war er nicht dabei , als etwa 120 Mann am 16. August in Beglei­
150 Hermann Frank Meyer Mousiotitsas - Kommeno - Lyngiades 1943 151

tung des 29jährigen Führers des IH. Bataillons, Major Reinhold Klebe, zur Die Abendmeldung lautet: "Beute: Etwa 150 tote Zivilisten [sie!], 16 Stück
Fahrt nach Kommeno antraten. Großvieh, 1 LKW Wollsachen, 5 ital. Karabiner, 1 ital. M.P'''25 Thilo melde­
Am Tag zuvor war in dem Dorf nicht nur das Fest zu "Marias Grab­ te am Tag darauf dem "Deutschen Generalstab bei der ital. 11. Armee" in
legung" begangen, sondern auch eine große Hochzeit gefeiert worden. Athen, ,,50 tote Banditen [sie!]" und stellte damit den kriminellen als
Der Pappas Lambros Stamatis wollte im Morgengrauen sein Festgewand einen legalen kriegerischen Akt dar. In Athen manipulierte der dortige
und die Bibel in die Kirche zurückzubringen, als die Gebirgsjäger gerade Kriegstagebuchschreiber, Oberleutnant Kurt Waldheim, die Meldung voll­
aus ihren LKW stiegen. Der Oberleutnant streckte den Priester sogleich ständig. Er schrieb: "Im Bereich der 1. Geb. Div. Ort Kommeno [... ] gegen
mit einer MP-Salve nieder. Daraufhin wurde die Ortschaft mit Granatwer­ heftigen Feindwiderstand genommen. Hierbei Feindverluste."26
fern beschossen. Wie fast alle Ehemaligen bestätigen, erfolgte keinerlei Aufgrund eines Hinweises der Italiener veranlasste v. Stettner eine Un­
Gegenwehr. Beim anschließenden Einmarsch "wurden Handgranaten in tersuchung: Röser wurde abgelöst sowie Salminger versetzt und durch
die Häuser geworfen und durch die verschlossene Tür mit Karabiner und Major Harald von Hirschfeld ersetzt.z7 Salmingers Versetzung war Anlass
Maschinenpistolen geschossen. Die aus dem Schlaf gerissene Hochzeits­ für eine Feier im Generalkommando in Ioannina. Nach dessen Ende ver­
gesellschaft wurde samt den Kindern vor das Maschinengewehr des An­ unglückte Salminger tödlich . Sein Fahrer war bei der Rückfahrt in einen
ton Z. getrieben, der sie auf Befehl des hinter ihm stehenden und ihm mit Telegraphenmasten gerast, den EDES-Andarten auf die Straße gelegt hat­
einem Kriegsgerichtsverfahren drohenden Leutnant erschoß".21 Ein Teil ten. Als Lanz am 1. Oktober in einem Tagesbefehl den Tod des "in hundert
der Dorfbewohner konnte über den Fluss entkommen . Viele ertranken, Schlachten [ ... ] bewährten Bataillons- und Regimentskommandeur" be­
als die überladenen Kähne kenterten. Derweil warteten Klebe und der Sa­ klagte, forderte er: "Ich erwarte, dass die 1. Gebirgsdivision diesen ruch­
nitäter Johann E. außerhalb der kleinen Ortschaft auf den Abschluss der losen Banditenmord [ ... ] in einer schonungslosen Vergeltungsaktion [ .. . ]
Operation. Letzterer erinnert sich: "Ich selbst habe am Ortsrand bei der rächen wird."
Schießerei Soldaten schreien gehört: 'Schieß du doch! Ich kann das nicht! Weit über 200 Zivilisten wurden danach ermordet, über zwei Dutzend
Du hast doch ein Maschinengewehr oder eine Maschinenpistole, da geht Dörfer niedergebrannt.2 8 An den Bewohnern der Gemeinde Lyngiades
das einfacher. Ich muß doch zielen'." kam es zu einem Massaker. Vermutlich um ein Exempel zu statuieren ,
317 Menschen wurden in Kommeno ermordet, 172 Frauen und 145 wurde das hoch am Berghang jenseits des Sees von Ioannina gelegene
Männer. 97 waren jünger als 15 Jahre, 14 älter als 65 . 13 waren ein Jahr alt. Dorf von der "Kampfgruppe Dodel" am 3. Oktober heimgesucht. Jeder­
38 Menschen verbrannten in den Häusern, von denen 181 zerstört wurden. mann in der Hauptstadt konnte an diesem Sonntagmorgen das brennende
Nach Aussagen von Überlebenden, aber auch von Angehörigen der Kom­ Dorf sehen und die Schüsse bören: 87 Zivilisten fanden den Tod, darunter
panie kam es bei den Morden zu sadistischen Exzessen. 22 einjährige Säuglinge und 90jährige Greise.29
" Erst als die Schießerei beendet war", so Johann E ., ersuchte Röser Bekanntlich kam es nie zu einer Invasion der Alliierten in Griechen­
Klebe, "er möge sich doch ansehen, wie seine Männer gearbeitet hätten" . land. Mitte November wurde die 1. Gebirgsdivision nach Bosnien und
Tatsächlich ging Klebe mit E. und Röser in das Dorf. "Blass und angewi­ Kroatien verlegt, wo sie weiterhin Partisanen bekämpfte. Röser kam 1944
dert" angesichts der Leichen "von Frauen und Kindern" verurteilte Klebe in Freiburg bei einem alliierten Bombenangriff ums Leben, Hirschfeld fiel
Rösers Einsatz.23 Anschließend fuhr der Major mit den mit Beutegut voll­ 1945 in Ostpreußen, v. Stettner bei den Rückzugskämpfen in Jugoslawien.
geladenen LKW ins Biwak zurück , wo er am Abend seiner Frau schrieb: Lanz wurde in Nürnberg bei den US-Nachfolgeprozessen (Fall 7) zu zwölf
"Ich möchte nicht aus dem Leben gehen, ohne Kinder zu haben [ ... ]. "24 Jahren Gefängnis verurteilt, kam jedoch nach drei Jahren mit Beginn des
Als die Soldaten nach fünf Stunden aus Kommeno abgeholt wurden, gab Kalten Krieges wieder frei. Waldheim machte Karriere in der Politik. Thilo
es einen Hauch von Meuterei: Mehrere Soldaten wandten sich offen und Klebe gingen 1955 zur Bundeswehr und bauten die 1. Gebirgsdivision
gegen Röser. wieder auf. Thilo kommandierte sie als Generalmajor vom 8. April 1965
In der "Mittagsmeldung der Truppe" vom 16. August, die aller Wahr­ bis 27. September 1967.
scheinlichkeit nach von Klebe verfasst und von Thilo paraphiert wurde, Aufgrund griechischer Zeugenaussagen wurde 1968 vor dem Landge­
heißt es, dass "die 12. Kp. sehr starkes Gewehrfeuer aus sämtlichen Häu­ richt I München ein Verfahren über das Massaker in Kommeno eröffnet,
sern" erhielt: ,,150 Zivilisten [sie!] kamen bei dem Kampf ums Leben ." wobei darauf hingewiesen wurde, dass "Gegenstand des Ermittlungsver­
152 Hermann Frank Meyer Mousiotitsas - Kommeno - Lyngiades 1943 153

fahrens nicht die bewiesene Tötung von etwa 150 griechischen Zivilisten 12 Georgia Stavrou-Anagnostou: I pros fora tis martyrikis Mousiotitsas sti neoteri

anlässlich der Kampfhandlungen [ ... ] ist, sondern das angeblich dabei be­ istoria. Mousioti tsa 1998, S. 35 ff.
gangene Gemetzel".3o 126 ehemalige Angehörige der 12. Kompanie wur­ 13 BA-MA Freiburg, RH 28--1198: Fernschreiben v. 29. 7. 1943.
14 Meyer, Kommeno, S. 29 ff.
den nach aufwändiger Suche in Deutschland und Österreich befragt, je­
15 BA-MA Freiburg, RH 28--1198: KTB-Notiz v. 24. 7. 1943.
doch niemand in Griechenland. Die Ermittlungen konzentrierten sich
16 Ebenda, RH 28-1199: Fernschreiben v. 13. 8.1943.
schließlich auf Klebe, der die Führung des Unternehmens nicht abstritt
17 Ebenda , RH 28--1/93: KTB v. 14.8. 1943.
und sich gut an viele Einzelheiten erinnerte, aber nicht an Leichen von 18 BA-ZStL Ludwigsburg, 508AR1462/68, S. 234.
Frauen und Kindern. Ohne die erdrückenden Zeugenaussagen zu berück­ 19 Gespräche des Autors mit Anton Z. v. 8. 11. 1997 und 6. 12. 1997.
sichtigen, dass "keine Gegenwehr" aus dem Dorf erfolgte, ging die Mün­ 20 BA-ZStL Ludwigsburg, 508AR1462/68, S. 42.
chener Staatsanwaltschaft davon aus, dass Kommeno "ein wichtiges Ver­ 21 Gespräch des Autors mit Anton Z. am 6.12.1997 .
sorgungszentrum der griechischen Partisanen war [ ... ], aus welchem das 22 Meyer, Kommeno, S. 58ff.

Feuer eröffnet worden sei". Da aber Röser "ohne Befehl des Bataillons­ 23 BA-ZStL Ludwigsburg, 508AR1462/68, S. 57.

kommandeurs die rechtswidrige Tötung der Zivilbevölkerung angeordnet 24 Am 13.3.1997 las Frau Pauli Klebe dem Verfasser diesen Satz aus dem Brief

hatte" wurde das Ermittlungsverfahren gegen Klebe "mangels Beweisen" ihres Mannes vom 16.8. 1943 vor.
eingestellt. 25 BA-MA Freiburg, RH 28-1/102: Abendmeldung v. 16. 8. 1943.
26 Ebenda, RH 31X!1: Kriegstagebuch Nr.1,17. 8.1943.
27 Von Hirschfeld und Klebe waren im Oktober führend verantwortlich für das
Anmerkungen
auf Kephalonia an über 4000 Italienern verübte Massaker, siehe dazu den Beitrag
Schreiber in diesem Band , S. 92ff.
1 Dieser Aufsatz beruht auf meinen bisherigen Studien , siehe Meyer, Kommeno,
28 Meyer, Kommeno, S. 103 ff.
sowie ders.: Die 1. Gebirgsdivision in Epirus im Sommer 1943. Teil 1: Das Massaker
29 Ebenda, S. 107ff.
von Kommeno. In:Thetis. Mannheimer Beiträge zur Klassischen Archäologie und
30 BA-ZStL Ludwigsburg, AZ117Js49-50/68.
Geschichte Griechenlands und Zyperns 7 (1998, erschienen 1999), S. 409 ff.
2 Heinz Richter: Griechenland zwischen Revolution und Konterrevolution

1936-1946. Frankfurt 1973, S. 230ff.


3 Edmund C. W. Myers: Greek Entanglement. London 1985, S. 202.
Quellen- und Literaturhinweise
4 Hermann Frank Meyer: Vermisst in Griechenland. Berlin 1992. Siehe a uch: Ungedruckte Quellen
H. F. Meyer: Auch Brücken haben ihre Schicksale. Zerstörung und Wiederaufbau Die zentralen Quellen zu Mousiotitsas, Kommeno und Lyngiades befinden sich im
der Asopos-Brücke in Griechenland im Sommer 1943. In: Thetis 6 (1997). S. 263 ff. BA-MA Freiburg. Dort sind es vor allem die Bestände der 1. Gebirgsdivision
5 BA-MA Freiburg, RH 19 VII/42-43: KTB v. 5. 7.1943. (RH 28-1) und der vorgesetzten Dienststellen in Athen (RH 31X-1) und Salon i­
6 Es gab Kompanien, die nur noch aus 13 anstatt aus ursprünglich mehr als ki (RH 19VII). Im BA-ZStL Ludwigsburg liegen Kopien der Akten zu Ermitt­
130 Mann bestanden. lungsverfahren über Kommeno (508A R1462/68) und Lyngiades (V508AR16041
7 BA-MA Freiburg, RH 28- 1I96:Tagesbefehl v.17. 6.1943. 64).
8 Ebenda, RH 28-1197: Besprechung in Korea. 8. 7. 1943.
9 Mazower, Inside Hitler's Greece, S. 197. Nach dem Einrücken der 1. Gebirgs­ Gedruckte Quellen und Literatur
division in Lemberg schwor Salminger am 30. Juni 1941 seine Männer vor den vom In Griechenland wurden in Selbstverlagen Zeitzeugenberichte veröffentlicht. Zu
sowjetischen Geheimdienst NKVD ermordeten 4000 Häftlingen des Gefängnisses Kommeno ist es die Arbeit von Stefanos Pappas: I sfagi tou Kommenou. Athen
auf "die Notwendigkeit dieses Kampfes gegen die jüdisch-kommunistische Verbre­ 1976, S. 17-47. Zu Mousiotitsas ist es Georgia Stavrou-Anagnostou: I prosfora tis
cherbande" ein: "Jeder deutsche Soldat, der Blut oder Leben [ ... ] lassen muss, martyrikis Mousiotitsas sti neoteri istoria. Mousiotitsa 1998. Zu Lyngiades ist zu
[muss] tausendfach gerächt werden", siehe dazu Hannes Heer: Blutige Ouvertüre. nenn e n Kostas A. Papageorgiou: To chorio pou rimaxan oi germanoi. loannina
Lemberg, 30. Juni 1941: Mit dem Einmarsch der Wehrmachtstruppen beginnt der 1947.
Judenmord. In: Die Zeit Nr.26 v. 21. 6. 2001, S. 90. Außer in meiner Publikation mit dem Titel: Hermann Frank Meyer: Kommeno. Er­
10 BA-MA Freiburg, RH 28-11102: Tagesmeldung v. 20. 7.1943.
zählende Rekonstruktion eines Wehrmachtsverbrechens in Griechenland . Köln
11 Ebenda, RH 28- 1198: Abschlussmeldung v. 29. 7. 1943.
1999, wird das Massaker in Kommeno in der Geschichtsschreibung e rwähnt von
154 Hermann Frank Meyer

Mark Mazower: Inside Hitler's Greece. The experience of occupation, 1941­ BERNHARD FISCH
1944. New Ha ven and London 1993, S. 190-200, sowie von Hagen Fleischer
(Deutsche "Ordnung" in Griechenland 1941-1944. In: Von Lidice bis Kalavryta.
Widerstand und Besatzungsterror. Hrsg. v. Loukia Droulia und Hagen Fleischer.
Berlin 1999, S. 151-223) und von Eberhard Rondholz (Rechtsfindung oder Tä­
terschutz? Die deutsche Justiz und die "Bewältigung" des Besatzungsterrors in
Nemmersdorf 1944 - nach wie vor ungeklärt
Griechenland. In: Ebend a, S. 225-267) . Generelle Hinweise bietet Martin
Seckendorf: Verbrecherische Befehle. Die Wehrmacht und der Massenmord an Der sowjetische Vorstoß zur Angerapp
griechischen Zivilisten 1941 bis 1944. In: Bulletin für Faschismus- und Welt­
kriegsforschung, Bd.13/1999, S. 3-32. Im Oktober 1944 startete die 3. Weißrussische Front der Roten Armee
ihre erste Offensive auf dem Gebiet des Deutschen Reiches, gegen Ost­
preußen. Ihr 2. Gardepanzerkorps erreichte mit zwei Bataillonen am
Sonnabend, dem 21. Oktober, gegen 6 Uhr, den westlichsten Punkt, das
Dorf Nemmersdorf, Kreis Gumbinnen , an der Angerapp. In der Nacht
zum 21. waren in der Wehrmachtsgamison Insterburg Alarmeinheiten auf­
gestellt worden . Das Panzergren adier-Ersatzbataillon 413 schickte eine
hundert Mann starke Kompanie unter Oberleutnant Louis Rubbel und
Feldwebel Helmut Hoffmann nach Nemmersdorf.
Diese griff den Ort am Folgetag von Westen her an und erreichte im
Nebel die Angerapphöhe südlich des Dorfes. Unabhängig davon attackier­
te eine Einheit der Fallschirm-Panzerdivision "Hermann Göring" die Rot­
armisten von Nordwesten her. Die 13. Kompanie wurde von Oberleutnant
Heinrich Amberger geführt. Unter den ersten im Dorf war der junge Sol­
dat Harry Thürk. Seine Einheit besetzte einige Häuser nördlich der zur
Brücke führenden Straße. Am Abend verließ sie den Ort. Die sowje­
tischen Bataillone zogen am 23. Oktober gegen 2:30 Uhr ab.

Die Erlebnisse der Zivilbevölkerung im Gebiet um Nemmersdorf

Die Trecks aus etwa 20 jenseits der Angerapp liegenden Dörfern muss­
ten die Brücke über den Fluss bei Nemmersdorf erreichen , unter ihnen
auch die aus lodzuhnen und Norgallen. Sie wurden in Brückennähe durch
die Rote Armee überholt und nach Waffen , Munition und Radios durch­
sucht. Sowjetische Infante rie und Panzer marschierten an den Frauen,
Kindern und alten Leuten vorbei in das Dorf. Am Nachmittag konnten sie
das Gelände verlassen. Dann fuhren sie quer durch die Massen der An­
greifer über die Dörfer südlich von Nemmersdorf, wo sie unbesetztes Ge­
biet erreichten.
Eingeholt wurden auch Flüchtlinge aus dem Gut Eszerischken. Be i der
jungen Frau Charlotte Müller kamen bald danach mehrere Panzer und
eine Anzahl Sowjetsoldaten auf den Hof. Der Mutter wurde in den Arm