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Werner Lippert, Kurator der Mapplethorpe-Ausstellung im NRW-Forum:

Tulpen als Sinnbild für das Männliche

Der amerikanische Künstler Robert Mapplethorpe dominierte die Fotoszene des


ausgehenden 20. Jahrhunderts. Als er 1989 im Alter von nur 42 Jahren starb, war er
der berühmteste Fotograf seiner Generation. Insbesondere in den USA wird sein
Werk aber bis heute kontrovers diskutiert. Umstritten sind vor allem seine radikalen
Darstellungen von Nacktheit und sexuellen Handlungen. Sexualität ist aber nicht nur
Thema in Mapplethorpes Aktfotografien, sie spielt – so wird es in der Kunstwelt
vielfach gedeutet – auch in den meisten seiner beunruhigenden Blumen-Stillleben
eine bedeutende Rolle. Das NRW-Forum Düsseldorf zeigt bis zum 15. August 2010
eine umfassende Mapplethorpe-Retrospektive mit über 150 Schwarz-Weiß-
Aufnahmen des Künstlers. Wir haben mit dem Ausstellungsmanager des NRW-
Forums Werner Lippert über die Schau und die – wie eine große Tageszeitung
anlässlich der Ausstellungseröffnung titelte – „Abgründe der Tulpen“ gesprochen.

Herr Lippert, Sie haben die Mapplethorpe Ausstellung in vier Bereiche


gegliedert. Einer davon trägt den Namen „Cocks and Flowers“. Wie kam es zu
dieser ungewöhnlichen Kombination und was haben die Ablichtungen der
männlichen Genitalien mit den Blumen zu tun?
Lippert: Wir haben diese Motive in der Ausstellung gegenübergestellt, weil in seiner
Arbeit „Schwänze und Blumen“ für Robert Mapplethorpe im Grunde das Gleiche
waren. Es machte für ihn keinen Unterschied, ob er nun einen nackten Körper oder
eine Tulpe fotografierte. Ihm ging es in erster Linie um die Beleuchtung und den
idealen Bildaufbau. Er hat selbst einmal gesagt: „Ich habe versucht, eine Blume
einem Bild eines Penis gegenüberzustellen, dann einem Portrait. Und man konnte
sehen, es ist alles dasselbe.“ Will sagen – Mapplethorpe suchte in allem die „perfekte
Form“, die Schönheit, die bildhauerische Qualität.

Warum meinen Sie, hat Mapplethorpe selbst Blumen, die ja eigentlich primär
durch ihre Farbigkeit wirken, schwarz-weiß abgelichtet?
Lippert: Es gibt in Mapplethorpes Werk auch einige wenige farbige Abzüge von
Blumen. Die hat er aber stets hintangestellt, weil er der Meinung war, dass er durch
das Schwarz-Weiß und die Licht- und Schatteneffekte am besten die skulpturale
Qualität seiner Motive wiedergeben konnte. Und man sieht es ja auch in den
Blumenfotografien: Die Blüten und Stiele wirken ganz klassisch, geradezu
überirdisch – wie kleine Skulpturen, die aus Alabaster gemeißelt wurden.

Man sagt, dass Mapplethorpes Bilder die Ambivalenz der menschlichen Natur
erfassen. Selbst in den Blumen-Stillleben würden diese dunklen Aspekte nicht
unterschlagen. Sehen Sie das auch so?
Lippert: Seine Fotos werden gerne als einige der schockierendsten und
gefährlichsten Bilder der modernen Fotografie oder sogar der Kunstgeschichte
bezeichnet. Und das erlebt der Besucher in der Ausstellung ... plötzlich erscheinen
die zunächst unschuldig wirkenden Blumenfotografien als Sinnbilder für männliche
oder weibliche Geschlechtsorgane – man sieht die dunklen Seiten des Lebens
aufblitzen.

Mapplethorpe hat sich bei der Auswahl für seine Blumen-Fotografien in erster
Linie auf Lilien, Calla und Tulpen beschränkt. Was meinen Sie warum?
Lippert: Robert Mapplethorpe hatte einen Stylisten, der ihm immer die Blumen für
die Fotoaufnahmen besorgte. Dieser wusste natürlich genau, dass Mapplethorpe für
seine Fotos die Tulpe allen anderen Blumen vorzog. In seinen Fotografien setzte
Mapplethorpe die Blumen und Blüten nach seiner bildnerischen Vision ein: die Iris als
Stern, die Calla als weibliches Geschlechtsorgan, die Tulpe eher als Sinnbild für das
Männliche. War eine Arbeit abgeschlossen und alle Aufnahmen gemacht, hat er die
Blumen übrigens immer gleich weggeworfen. Er wollt sie nicht um sich haben.

Und wie stehen Sie zu Blumen? Mögen Sie beispielsweise echte Tulpen? Oder
können Sie sich auch nur mit den künstlerischen Abbildungen anfreunden?
Lippert: Diese Frage lässt sich leicht beantworten: Ich liebe Tulpen über alles. Sie
sind nicht nur schön, sondern auch interessant, weil sie sich ständig verändern und
selbst in der Vase noch weiter wachsen. Besonders gefallen mir Papageientulpen. –
Außerdem warte ich schon jetzt wieder sehnsüchtig auf die ersten warmen
Frühlingstage, denn dann blühen in unserem Vorgarten wieder die Seerosen-Tulpen.

Vielen Dank für das Gespräch.


IZB