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kultur. BaZ | Freitag, 19.

Februar 2010 | Seite 41

«Diese Halle ist ein Testfall» kunstbuch

Eine Basler Lagerhalle wird zum ersten Ableger des «Plexwerks»

gebildet werden. Es braucht also neue


Formen von Produktion, die sich etwa
des touristischen Potenzials der Schweiz
bedienen oder des grossen Hightech-
Wissens, das hier vorhanden ist. «Plex-
werk» soll Produktionen solcher Art er-
möglichen.
Zum Beispiel im Bahnhof St. Johann.
Die Version in der Lagerhalle im Bahn-
hof St. Johann, die wir vor der diesjähri-
gen Art eröffnen werden, dient als Test-
fall. Dort wollen wir Formen einer öf-
fentlichen Sofortproduktion erproben

Foto © Pro Litteris


und als Konsumerlebnis inszenieren.
Zum Beispiel mit André Grellingers Mö-
beln aus Zuckergelée, oder anhand von
Adrian Kellers Aktion «Digital Nonsen-
se» mit subtil veränderten Internetsites
– flickr wird zu stalkr.
Die Erschliessung durch den öffentlichen
Georges Vantongerloo
Verkehr wäre bei diesem Netzwerk jeden-
falls bequem gelöst. nina zimmer
Was uns aber noch mehr interessiert, ist Der belgische Maler, Bildhauer, derselben Farbe gekennzeichne-
die Tatsache, dass die Bahnhofs­ Architekt und Kunstphilosoph ten Quartiers führen würden.
immobilien auch ein Zeichensystem Georges Vantongerloo (1886– Aber auch eine gigantische Brü-
darstellen, über das sich die SBB lange 1965) ist einer der wichtigsten cke über die Schelde stellte er der
definiert haben. Das ist nun ein wenig, Vordenker der abstrakten Kunst. Stadt Antwerpen vor oder entwi-
wie wenn man der Kirche den Turm Mit Piet Mondrian und anderen ckelte den völlig neuen Typus ei-
wegnimmt. Wir nennen die Umnutzung gründete er die Künstlergruppe nes unterirdischen Flughafens,
solcher Ressourcen gesellschaftliches De Stijl, wich aber von deren den er den französischen Behör-
Recycling – allgemein ein sehr wichtiges kompromisslosen Prinzipien bald den – vergeblich – ans Herz legte.
Thema am HyperWerk. wieder ab und schuf in der Folge Diese sehr verdienstvolle erste
Sie haben mit Hyper- und «Plexwerk» den ein äusserst vielschichtiges, visio- Monografie zu dem Künstler be-
Anspruch, das Potenzial gesellschaftlicher näres Werk, das heute immer ruht auf Ausstellungen in Duis-
Veränderungen rechtzeitig zu erkennen. noch zu wenig bekannt ist. burg und aktuell in Den Haag.
Nun möchten Sie in Zeiten von zunehmen- Georges Vantongerloos Denken Die Essays spüren seinem Leben
der Globalisierung und Virtualisierung kreiste unablässig um die Bezie- und den verschiedenen Facetten
jemand in einem Bahnhof im Jura rumwer- hung des menschlichen Körpers seines Schaffens nach. Zum ers-
ken lassen. Ist das nicht unzeitgemäss? zum Raum, für den er viele Ver- ten Mal wird auch eine Vielzahl
Sie unterschätzen die sinnliche Verbin- besserungsvorschläge entwickel- von Dokumenten aus dem in Zu-
dung von live erlebtem Handwerk mit te. Während andere künstleri- mikon bei Zürich verwahrten
den Gerüchen und Geräuschen der Pro- sche Avantgarden zu Anfang des Nachlass berücksichtigt, den
Neuer Kunstort. Die Lagerhalle des Bahnhofs St. Johann hat ausgedient und wird duktion. Natürlich sind Virtualisie- 20. Jahrhunderts von einer Vantongerloo seinem langjähri-
einem neuen Zweck zugeführt.  Foto Bettina Matthiessen rungstendenzen allgegenwärtig. Es wird Synthese von Leben und Werk gen Freund Max Bill vermachte.
aber auch Gegensteuer gegeben: Zum träumten, bearbeitete Vantonger-
Interview: DANIEL MORGENTHALER Wir möchten ja unseren Studenten bei- Beispiel haben sich diverse Autofirmen loo diesen Traum auf seiner > « Georges Vantongerloo und seine
Ein schweizweiter Design-Technopark bringen, im richtigen Moment in Alaska in letzter Zeit aufwendige Repräsentati- Werkbank: Er experimentierte Kreise von Mondrian bis Bill»,
soll es werden, mit vielen Satelliten in Gold zu suchen. Also Produktionen zu onsgebäude geleistet; genau um die Pro- mit Hingabe an grossen kunst- hrsg. von Christoph Brockhaus und
ungenutzten Lagerhallen der SBB: Im fahren, bei denen das Zusammenspiel duktion weniger abstrakt zu machen, philosophischen Fragestellungen Hans Janssen, mit Beiträgen von
HyperWerk der Fachhochschule Nord- geeigneter Rahmenbedingungen und um den Käufer nachvollziehen zu las- und kleinen plastischen Model- Marion Bornscheuer, Christoph
Brockhaus, Hans Janssen, Angela
westschweiz entsteht derzeit das Pro- verschiedener Disziplinen – wir haben sen, wie sein Wagen entstanden ist. len. Seine Idee für eine «inter- Thomas, Francisca Vanderpitte
jekt «Plexwerk». HyperWerk-Leiter Mi- vom Ingenieur bis zur Tänzerin Studie- Auch Globalisierung ist ein unbestreit- kommunistische Stadt» umfasste und Marek Wieczorek, 292 S., über
scha Schaub erklärt, was es mit diesem rende mit ganz unterschiedlichem Hin- bares Phänomen, aber auch sie kann farbig gestrichene Strassenbahn- 300 Abb., Verlag Scheidegger
Vorhaben auf sich hat. tergrund – zu vibrieren beginnt. Inso- wiederum das Interesse für verloren ge- schienen, die in Richtung des in und Spies, Fr. 79.–.
fern ist «Plexwerk» tatsächlich ein gutes glaubte Regionalität schüren: Der Bahn-
BaZ: Herr Schaub, was darf man sich unter Beispiel für eine solche Kooperation. hof ist bei uns dann nicht mehr wie frü-
dem «Plexwerk» vorstellen? Und weshalb ist dafür jetzt gerade der rich- her das Tor zur Welt, sondern das Tor für
Mischa Schaub: Initiiert tige Zeitpunkt; weshalb sind Schweizer die Welt zur Region. nachrichten
wurde das Projekt im Herbst Bahnhöfe momentan das sprichwörtliche «Plex-» und HyperWerk sollen somit explizit
2008 von Hochschulen un- Gold Alaskas? auch an Handwerk erinnern?
ter Federführung des Hy- Weil für sie gerade eine neue Rolle ge- Richtig. Nehmen Sie zum Beispiel den abgekauft abgewiesen
perWerks und dem Institut funden werden muss. Wir haben das Zuckerwattemann an der Herbstmesse. Paris kauft Casanova Berliner Plakate
für Architektur, Holz und weltweit dichteste Bahnnetz, mit rund Im Gegensatz zu vielen anderen Pro-
Bau der Berner Fachhoch- 1800 Bahnhöfen. Wegen der zuneh- duktionsstätten ist hier der Produzent paris. Frankreich hat von der Wies- berlin. Die von den Nazis geraubte
schule. Ziel ist es, eine Vielzahl von leer menden Automatisierung werden aber noch ein bewunderter Held, kein armer badener Verlegerfamilie Brockhaus Plakatsammlung des jüdischen Arz-
stehenden Bahnhofsimmobilien in der davon nur noch etwa sieben intensiv als Kerl an einem Fliessband. Diese Konstel- die Memoiren von Giacomo Casa- tes Hans Sachs bleibt im Besitz des
ganzen Schweiz als Schaubühnen für Bahnhofsgebäude genutzt. Analog dazu lation wollen wir auch im «Plexwerk» nova gekauft. Kulturminister Mitter- Deutschen Historischen Museums.
Designinitiativen und Hightech-Hand- müssen sich heute auch Gestalter neu schaffen. Zum Beispiel planen wir für rand unterzeichnete gestern in Paris Das Kammergericht der Stadt be-
werk zu nutzen – eine Art dezentrale orientieren: Als Industriedesigner kann den Herbst eine alternative Herbstmes- den Kaufvertrag. «Die Manuskripte stätigte jetzt eine entsprechende
Landesausstellung. Auch mit den SBB man zwar in der Schweiz noch immer se in der Halle. Mit einer von uns entwi- waren in unserem Besitz, ich wollte Entscheidung von Ende Januar. Der
arbeiten wir eng zusammen. seinen Staubsauger gestalten; die ei- ckelten Maschine etwa, die in Minuten- sie der Öffentlichkeit zugänglich ma- Sammler habe 1966 in einem Brief
Am HyperWerk gibt es einen «Studiengang gentliche Massenproduktion passiert schnelle Ballone aus Silberfolie in jeder chen», sagte Hubertus Brockhaus. zum Ausdruck gebracht, dass seine
für Prozessgestaltung» im Bereich «Postin- aber schon längst in Asien, wo in neuen, beliebigen Form herstellen kann. Der Preis wurde nicht bekannt. SDA Ansprüche durch die erhaltene Ab-
dustrial Design». Ist «Plexwerk» ein solcher leistungsfähigen Designschulen gleich > www.hyperwerk.ch findung gedeckt seien. Zudem habe
Prozess? vor Ort ebenfalls Produktdesigner aus- > www.plexwerk.net
angedroht sich der Erbe über einen langen
Zeitraum nicht gemeldet. DPA
Rowling unter Verdacht
Van Gogh rettet Museumsjahr 2009 LONDON. Neue Plagiatsvorwürfe
und angedrohte Milliardenklagen
gegen Joanne K. Rowling: Australi-
angesetzt
E. M. Cioran
Viele Basler Häuser schliessen im Schatten des Blockbusters schwächer ab sche Hinterbliebene des britischen bukarest. Der rumänisch-französi-
Schriftstellers Adrian Jacobs, der sche Autor E. M. Cioran (1911–1995)
1997 starb, haben vor einem Lon- wurde von den Geheimdiensten Ru-
aLEXANDER MARZAHN doner Gericht eine Klage gegen den mäniens 49 Jahre lang verfolgt. Mit-
Dank der Van-Gogh-Ausstellung gin- (117 000) die Erwartungen erfüllen, 100 000) – ein Indiz dafür, dass es ohne Verlag Bloomsbury erweitert. Sie arbeiter der kommunistischen Ge-
gen 2009 fast gleich viele Besucher muss das Ergebnis im Bereich zeitgenös- attraktive Sonderausstellung nicht geht. soll für «Harry Potter und der Feuer- heimpolizei Securitate bespitzelten
ins Museum wie im Rekordjahr 2004. sischer Kunst zu denken geben: Das Mu- Dies muss auch das Antikenmuseum kelch» wesentliche Erzählungen und ihn in Paris, um Informationen über
Insgesamt ist die Bilanz aber durch- seum für Gegenwartskunst verzeichnet schmerzlich erfahren, das sich 2009 da- Ideen aus Jacobs› Buch «The Ad- die rumänische Emigrantenszene zu
zogen: Auf Talfahrt sind die Institutio­ mit nur 20 000 Eintritten das schwächs- mit begnügte, seine Leihgeber mit der ventures of Willy the Wizard» ge- gewinnen. Cioran war Kulturattaché
nen für zeitgenössische Kunst. te Jahr seit mindestens 1998 (bis 2004 Präsentation der Sammlung zufrieden- stohlen haben. Die Autorin hat nach der rumänischen Botschaft in der
Fast 1 650 000 Besucher besuchten erreichte das Haus stets über 30 000, in zustellen: 25 000 Besucher bedeuten ei- eigenen Angaben nie von diesem Zeit der Vichy-Regierung. Später
2009 eines der 26 Basler Museen – eine guten Jahren sogar 40 000 Besucher). nen Rückgang um 50 Prozent. Fast iden- Buch und diesem Autor gehört. DPA verfolgte ihn die Securitate. DPA
Steigerung von stolzen 25 Prozent ge- Auch das Duo Kunsthalle/Architektur- tisch ist der Einbruch beim Museum der
genüber dem Vorjahr. Das Glanzresultat museum (SAM) hatte mit nur 22 000 Be- Kulturen, dessen Betrieb allerdings auf- abgeknipst
ist Vincent van Gogh zu verdanken: Die suchern einen so schwachen Jahrgang, grund des Umbaus stark eingeschränkt
Ausstellung im Kunstmuseum blieb mit dass der Abwärtstrend nicht allein auf ist. Auch das benachbarte Naturhistori- Nofretete unter Schutz
550 000 Eintritten nur knapp hinter der die Probleme des SAM zurückzuführen sche Museum verliert über einen Drittel berlin. Die weltberühmte Büste der
bestbesuchten Basler Ausstellung über- ist: Auch dieses Duo hatte zu Beginn der Besucher; hier fordert die laufende As- Nofretete im Neuen Museum in Ber-
haupt, Tutanchamun im Jahr 2004 Kooperation 2004 30 000 Besucher. bestsanierung ihren Tribut. lin darf nicht mehr fotografiert wer-
(620 000 Besucher). Die Bilanz 2009 ist Die kleineren Häuser sind meist den. Die bislang eingeschränkte Er-
denn auch die zweitbeste nach dem Tut- Kein Effekt. Beim Historischen Muse- grös­seren Schwankungen unterworfen. laubnis, die 3500 alte Skulptur ohne
Rekordjahr, als 1 750 000 Kulturfreunde um Barfüsserkirche ist festzustellen, Während sich beim Cartoonmuseum ein Blitzlicht zu knipsen, wurde aufge-
ein Basler Museum besuchten. dass die aufwendige Neukonzeption der leichter Aufwärtstrend abzeichnet, zei- hoben. Damit sollen die empfindli-
Während die Fondation Beyeler Dauerausstellung keinen Effekt auf die gen alle anderen Institute im Fünfjahres- chen Farbpigmente der ägyptischen Verdächtigt. Ein Buch macht jetzt
(325 000) und das Museum Tinguely Besucherzahlen hatte (weiterhin knapp schnitt eine bemerkenswerte Konstanz. Büste geschützt werden. SDA Ciorans hartes Schicksal publik.