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Autoren aus Russland an der Leipziger Buchmesse 2010:

“Wir glauben heute an Gott und Putin”

Die Autoren aus Russland fetzten sich an der Leipziger Buchmesse 2010 derart,
dass Beobachter konstantierten: Kontroversen geglückt – Dialog gescheitert.
Die Literatur hat in Russland die aufklärerische Aufgabe der grösstenteils
staatlich kontrollierten nationalen Massenmedien übernommen. Schriftsteller
können heute in Russland alles schreiben und sind damit unterschiedlich
glücklich: Während die einen klagen, dass sich trotzdem nichts ändere, sind die
anderen zufrieden, in einem freien Land zu leben.

Von Julia Schatte / maiak.info

Mit einer spannenden Vielfalt an Lesungen und Diskussionen präsentierten sich russische
Schriftsteller und Publizisten an der Leipziger Buchmesse 2010 – darunter der
Schriftsteller und Chefredakteur der “Literaturnaja Gazeta” Juri Poljakow, der Publizist
Alexander Archangelski mit seinem autobiographischen Roman “1962″ und Wjatscheslaw
Kuprijanow mit “Der Bär tanzt”.

Die junge Generation vertraten Autoren wie Sergei Minajew mit “Seelenkalt”, Ildar
Abusjarow mit “Dschingis-Roman”, Dmitri Gluchowski mit seinem Science-Fiction
Bestseller “Metro 2034″ und Natalja Kljutscharowa mit dem Roman “Endstation Russland”
sowie einem Essay zum Thema “Krise! Welche Krise?”.

Die Krimiautorin Tatjana Ustinowa, die den im Rowohlt Verlag erschienenen Roman “Stirb,
Brüderchen, stirb” vorstellen sollte und Alexander Kabakow, der in seinem Buch
“Moskauer Märchen” deutsche Mythen und Märchen auf das Leben im heutigen Moskau
projiziert, waren trotz Ankündigung nicht angereist.

Kontroversen geglückt – Dialog gescheitert

Geplant waren Diskussionen zu verschiedenen Literaturgenres, zu


Übersetzungsproblemen vom Russischen ins Deutsche sowie zu historischen Themen.
Scheinbar ohne wirkliches Konzept wurden einige von ihnen zur Farce und mehr einer
persönlichen Auseinandersetzung der Podiumsteilnehmer, denn zu informativen
Veranstaltungen. Die Autoren vertraten vehement ihre verschiedenen politischen und
literarischen Positionen – und vergassen dabei den Dialog mit dem deutschen Publikum.

So kamen schon am ersten Messetag in der Diskussion zum Verhältnis von “elitärer” und
Massenliteratur die Teilnehmer weit vom Thema ab, als Juri Poljakow und Holt Meyer
(Professor für Slawistische Literaturwissenschaft in Erfurt) sich darüber stritten, ob man
den abwesenden russischen Kritiker, Publizisten und führenden Vertreter des
Konzeptualismus Lew Rubinstein als Dichter bezeichnen könnte – und ob man Gedichte
seiner bevorzugten Dichter spontan rezitieren können müsse.

Als Juri Poljakow daraufhin wütend das Podium verliess, erklärte Moderator Alexander
Archangelski dem verwirrten Publikum, dass die Literatur in Russland immer noch eine so
immens wichtige Rolle spiele, das sie zu solch hitzigen Auseinandersetzungen führt. Der
Grossteil des Publikums bekam jedoch kaum mit, was eigentlich der Stein des Anstosses
war, so dass der Abend für die meisten Besucher sicher unterhaltsam, aber kaum
bereichernd war.

Auch interessierte Fragen aus dem Publikum wurden wenig hilfreich beantwortet: Die
Frage, welche Bücher deutschsprachige Leser aus der russischen Literatur wählen
sollten, um einen Eindruck vom russischen Leben zu bekommen, beantworteten die
Diskussionsteilnehmer spontan mit Lew Tolstois “Anna Karenina”. Der gute Tolstoi feiert
dieses Jahr seinen 100. Todestag…

Streit um die russische Nationalhymne

In einer Diskussion zum Umgang russischer und deutscher Autoren mit dem Zweiten
Weltkrieg setzte sich die Auseinandersetzung fort, als der Slawistikprofessor Holt Meyer
das Stück “Ein Monat in Dachau” von Wladimir Sorokin als Beispiel für eine literarische
Umsetzung des deutschen Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit
nannte.

Später kritisierte er die Wiederaufnahme der sowjetischen Nationalhymne (von 1944 bis
1991) als solche der Russischen Föderation (ab 2000) mit einem “neuen, wenig
poetischen Text” von Sergei Michalkow, der schon 1944 und 1977 (als er Stalin
rausstreichen musste) die Texte der sowjetischen Hymne gedichtet hatte.

Daraufhin meinte Juri Poljakow, dass es eine Krankheit der deutschen Russisten wäre,
sich mit denjenigen russischen Schriftstellern am meisten zu befassen, die am
schlechtesten schrieben. Vielleicht weil die “Guten” schwieriger zu (be-)greifen wären. Und
er kritisierte, eine solche Podiumsdiskussion wäre auch nicht der Ort, um nationale
Symbolika zu besprechen.

Umgekehrt verliess die Hälfte des Publikums den Saal während Juri Poljakows Lesung
aus seinem neuen Roman “Der Gipshornist”. Poljakow verbrachte nämlich eine ganze
Stunde damit, seine Werke in chronologischer Reihenfolge zu preisen, verlor sich immer
wieder in eigenen biographischen Details und mokierte sich über die Humorlosigkeit einer
deutschen Übersetzerin. Das Publikum konnte den letzten Vorwurf nicht überprüfen – “Der
Gipshornist” wurde noch gar nicht übersetzt und Poljakow sprach bei der Lesung nur
Russisch.
Junge russische Autoren zwischen beissendem Zynismus und arabesker Erzählkunst
Deutlich aufgeschlossener präsentierten sich die jüngeren Autoren aus Russland. Ein
aufmerksames Publikum lauschte Dmitri Gluchowski, der 2009 bereits aus seinem sehr
erfolgreichen postapokalyptischen Roman “Metro 2033″ auf der Buchmesse vorlas und
dieses Jahr “Metro 2034″ sowie ein gleichnamiges Computerspiel vorstellte – laut
Gluchowski “ein Shooter, aber ein lyrisch-philosophischer”.

Konsumkritisch, lakonisch und zynisch-kühl erscheint Sergei Minajews Debütroman


“Seelenkalt”, der im Russischen den Untertitel “Die Geschichte eines wahren Menschen”
trägt. Desillusioniert beschreibt er die Generation der heute 40jährigen in Russland, die in
der Sowjetzeit aufgewachsen, jedoch in der postsowjetischen Zeit erwachsen geworden
sind – “die so knallig ins Leben gestartet sind und es so grandios verschwendet haben”.

Nachdenklich las Natalja Kljutscharewa aus ihrem Roman “Endstation Russland”, in dem
der Petersburger Student Nikita nach der Trennung von seiner Freundin Jasja mit dem
Zug quer durch Russland fährt und dabei eine Menge skurriler Lebensgeschichten seiner
Mitreisenden hört.

Verlust des Sprechens oder der Fähigkeit zum Nachdenkens?

Mit gesellschaftskritischem Anspruch, aber vielleicht ein wenig zu didaktisch, konstatiert


Natalja Kljutscharewa in ihrem Essay “Krise! Welche Krise?” eine Krise der Macht, der
Verantwortung und der Menschlichkeit im heutigen Russland.

Die Mehrheit der russischen Bevölkerung wünsche gar keine Freiheit. Sie sei mit der
derzeitigen Situation zufrieden, in der die Antworten vorgegeben und kein Nachdenken
erwünscht sei, so wie in der sowjetischen Zeit. Vom Staat heute Gerechtigkeit zu fordern,
sei ungefähr so effektiv, wie mit geballten Fäusten einer Lokomotive nachzurennen.
Fragwürdig ist allerdings Kljutscharewa harte Diagnose einer “ Atrophie des Denkens”
beim russischen Menschen. Vielleicht ist der von ihr diagnostizierte Verlust der Fähigkeit
des Nachdenkens mehr ein Verlust des (öffentlichen) Sprechens und Äusserns?

Ildar Abusjarow, der als muslimischer Tatare in einer russischen Umgebung aufwuchs und
heute bei Moskau lebt, wundert sich über seinen literarischen Erfolg, da er sich selbst
nicht als Mainstream-Autor sieht. Tatsächlich erscheint seine ungewöhnliche, mit
zahlreichen Metaphern und Assoziationen versehene Erzählweise im “Dschingis-Roman”
fast orientalisch-arabesk. Laut seiner Übersetzerin Hannelore Umbreit wählt Abusjarow oft
einen exotisch-stilisierten Hintergrund, um die Liebe in den Mittelpunkt zu stellen.

Deutsch-russische Kulturunterschiede und Selbstbilder

Die Übersetzer Andreas Tretner und Gabriele Leupold bestätigen eine Affinität des
deutschen Lesers zu den komplexen Menschenbildern in der russischen Klassik und ein
grosses Interesse an Erinnerungsliteratur wie Warlam Schalamows “Erzählungen aus
Kolyma”.
Ohne die Öffnung historischer Archive in Russland wären Bücher wie Karl Schlögels
“Moskau 1937″, das letztes Jahr mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung
ausgezeichnet wurde, nicht möglich gewesen. Brisant ist dies besonders auch im Kontext
der Kontroversen zu den riesigen Stalin-Plakaten, die zum Tag des Sieges am 9. Mai 2010
in Moskau platziert werden sollen.

Nach Meinung der Lektorin für ausländische Belletristik beim Münchner Carl Hanser
Verlag, Tatjana Michaelis, gibt es zu Russland jedoch einen grossen Kulturunterschied zu
überbrücken. Die kritisch hinterfragte gesellschaftliche Rolle der Literatur im Allgemeinen,
die Situation der Pressefreiheit, der Menschenrechte und Tendenzen der politischen
Entwicklung zeigen dennoch ein reges und lebendiges Interesse am Leben im heutigen
Russland.

Bei allen Veranstaltungen fiel auf, dass die von den russischen Protagonisten
vorgetragenen Texte und Meinungen in den Publikumsfragen sehr oft in einen
gesellschaftspolitischen Kontext gesetzt wurden.

Umso spannender waren die spontanen Antworten der Autoren, etwa Ildar Abusjarows
Eindruck, dass die Literatur heute wieder die informative respektive aufklärerische
Aufgabe der Medien übernimmt oder Natalja Kljutscharewas Kritik, dass man heute in
Russland alles schreiben könne, es würde aber nichts ändern oder bewegen. Oder Dmitri
Gluchowskis Feststellung, in Russland gäbe es eine Tradition der Schaffung von Utopien,
die sich später als Antiutopien erweisen, und heute glaube man an Gott und an Putin. Wie
erwartet, hielt Juri Poljakow dagegen, denn “Gott sei Dank, leben wir heute in einem freien
Land”.

Russische Autoren und ihre Bücher an der Leipziger Buchmesse 2010

“Literaturnaja Gaseta” (russ. “Литерату́рная газе́та”)


Juri Poljakow

“1962″ – autobiographischer Roman (keine deutsche Übersetzung)


Alexander Archangelski

“Der Bär tanzt”


Wjatscheslaw Kuprijanow
Pop Verlag, 2010, 57 Seiten
ISBN 978-3-937139-96-8

“Seelenkalt”
Sergei Minajew
Heyne Verlag, Januar 2010, 384 Seiten
ISBN 978-3-453675-71-1
“Minajew ist das Sprachrohr von Russlands verlorener Generation.” (The New York
Times )

“Dschingis-Roman” (keine deutsche Übersetzung)


Ildar Abusjarow

“Metro 2033″ – Science-Fiction Bestseller


Dmitri Gluchowski
Heyne Verlag, November 2008, 784 Seiten
ISBN 978-3-453532-98-4

“Metro 2034″ – Science-Fiction Bestseller


Dmitri Gluchowski
Heyne Verlag, Oktober 2009, 528 Seiten
ISBN 978-3-453533-01-1

“Eine grossartige Kombination aus spannender Story und phantastischem Handlungsort –


Gluchowski macht aus der Moskauer Metro eine mehr als atemberaubende Welt. Das
Buch des Jahres!” (Moscow Times)
“Der Autor hat mit dem Netz der Moskauer U-Bahn ein tolles und originelles Phantasie-
Reich geschaffen [...] ein exzellentes Debüt.” (Spiegel)

“Endstation Russland”
Natalja Kljutscharowa
Suhrkamp Verlag, März 2010,
ISBN 978-3-518461-57-0

“Erzählungen aus Kolyma”


Warlam Scharlamow
Matthes & Seitz Verlag, Februar 2008, 342 Seiten
ISBN 978-3-882216-00-4

“Ein Buch, vor dem ich am Liebsten in die Knie gehen würde. [...] es ergreift einen zutiefst.
[...] Eine der intensivsten Leseerfahrungen der letzten Jahre” (Iris Radisch, Literaturclub)

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Den Originalbeitrag und Fotos finden Sie hier:

http://www.maiak.info/russland-literatur-leipziger-buchmesse-2010

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