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Autobiografie

BRUCE
PORTERFIELD
Das Evangelium in der
grünen Hölle Boliviens

Christliche
Literatur-Verbreitung e. V.
Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld
Widmung

Für meine Freunde,


die an dem Auftrag, viele Stämme mit der guten Nachricht
von unserem Herrn Jesus Christus zu erreichen, Anteil haben.

© by Brown Gold Publications


Bruce Porterfield: Commandos for Christ.
The Gospel Witness in Bolivia’s »Green Hell«

© der deutschsprachigen Ausgabe 1995 by


Christliche Verlagsgesellschaft, Dillenburg

2008 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung


Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld
CLV im Internet: www.clv.de

Übersetzung: Gabriele Erkens


Satz: CLV
Umschlag: Werbeagentur 71a.de, Wuppertal
Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

ISBN 978-3-89397-691-1
Inhalt

Vorwort zur englischen Ausgabe 6

Vorwort zur deutschen Ausgabe 7

Autobiografischer Abriss von Bruce Porterfield 8

Meine Herausforderung 11

Konfrontation mit dem Unbekannten 17

Am Rand der Dunkelheit 35

Die Lage sondieren 43

Speerspitzen 59

In die Steinzeit zurückversetzt 73

Das erste Basislager 84

Ein neuer Brückenkopf 92

Missionarsfrauen 106

Eine schmerzliche Niederlage 126

Der Sumpf packt zu 146

Gefährliche Stunden und Gottes Führung 167

Eine neue Aufgabe: Kämpfer für den Frieden 186

Ausweglos zwischen den Parteien 217

Vorbereitung für den Sieg 240

Nachwort 250
Vorwort zur englischen Ausgabe

Das vorliegende Werk ist ein außerordentlich spannendes Buch


über die Arbeit eines Missionars. Vom ersten Kapitel an, das bei-
spielsweise die Begegnung mit einer Horde von Wildschweinen
schildert, bis zum Ende des Buches wird der Leser durch die über-
aus spannende Erzählung gefangen gehalten.
Das Buch vermittelt dem Leser einen realistischen und un-
geschminkten Einblick in die missionarische Arbeit unter wilden
unerreichten Stämmen. Diese Menschen sind größtenteils völ-
lig unbekannt in der zivilisierten Welt und auch unter Christen.
Sie sind wertvolle Menschen, für deren Sünden Jesus Christus am
Kreuz sein Leben gab.
Die Arbeit ist sehr gefährlich und sehr einsam. Der Autor sah
sich mit völlig ungewohnten und unerwarteten Mühen und kör-
perlichen Problemen konfrontiert. Doch neben diesen atemberau-
benden Umständen gab es auch ungemein erfreuliche und hu-
morvolle Zeiten. Dem Autor war all dies und manches mehr ver-
gönnt.
Gottes Sohn, Jesus Christus, unser Retter, war der erste Mis-
sionar. Er hat die Herrlichkeit des Himmels verlassen, um in diese
sündige Welt zu kommen und am Kreuz auf Golgatha zu sterben –
nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt. »Wie sollen sie da-
von erfahren ohne einen Prediger?«
Diese Erkenntnis veranlasste Bruce Porterfield, die USA zu ver-
lassen und in die »grüne Hölle« des bolivianischen Dschungels zu
gehen, um diesen vergessenen, wertvollen Menschen die Botschaft
zu bringen, dass Gott sie liebt und sie von ihren Sünden erlösen
will.
Dies hielt Bruce aufrecht und trieb ihn an auf seinem Weg durch
undurchdringlichen Dschungel und überschwemmte Flüsse, in
Zeiten von Hunger und Durst, in Erfahrung der Einsamkeit, von
Krankheit und Schwäche des Körpers und auch der Seele. »Die
Liebe Christi hatte ihn gefangen genommen.«

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Sie müssen dieses Missionsbuch lesen. Möge es Ihr Herz auf-
wühlen und Ihre Seele anfachen, das Evangelium zu den un-
erreichten Stämmen dieser Erde weiterzutragen.
Kenneth J. Johnston

Vorwort zur deutschen Ausgabe

In diesem Buch wird eindrücklich die Spannung beschrieben, die


ein Missionar beim Versuch, friedliche Kontakte zu wilden India-
nerstämmen aufzubauen, erlebt.
Bruce Porterfield hat sicherlich viele Schwierigkeiten in diesem
Dienst erlebt, die der Leser nur teilweise nachvollziehen kann: die
Hitze und Schwüle des Urwalds, die Einsamkeit und die Feind-
seligkeit der dort lebenden Menschen. Und doch scheuten er und
seine Frau Edith keineswegs davor zurück, diese für ihren Herrn
auf sich zu nehmen mit dem Ziel vor Augen, die Indianer mit der
kostbarsten Botschaft der Welt vertraut zu machen. Wer hätte ge-
dacht, wie sehr Zweifel, Ungewissheit und Entmutigung einen Teil
im Leben eines Missionars einnehmen?
Beeindruckend ist gewiss die Standhaftigkeit, trotz widriger
Umstände durchzuhalten und weiterzumachen, zu der Bruce und
Edith Porterfield durch ihr kindliches Vertrauen zu einem all-
mächtigen Vater gelangt sind. Dieses Buch soll jedoch nicht Men-
schen in den Vordergrund stellen, welche Außerordentliches ge-
leistet haben, sondern eine Ermutigung sein, den Staffelstab auf-
zunehmen und die Botschaft denen zu bringen, die sie bisher nie-
mals hören konnten.
Der Inhalt des Buches wird Sie sicher fesseln und mit hinein-
nehmen in ein Land des Urwalds, direkt in die »Grüne Hölle« mit-
ten im Herzen Südamerikas.

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Auch heute wird noch überall auf der Erde viel solcher Pionier-
arbeit geleistet, wenn auch die meisten unerreichten Völker zwar
nicht so wild und isoliert, aber doch abgeschnitten und fern vom
wahren Leben sind. Die Spannung – wenn man diese Menschen
schließlich mit dem Evangelium erreicht – ist groß und unüber-
trefflich.
Heiko Hagemann
New Tribes Mission, Deutschland

Autobiografischer Abriss
von Bruce Porterfield

Meine Frau Edith und ich haben 17 Jahre mit New Tribes Mission
als Missionare in Bolivien gedient. Zusammen mit meinen Mit-
arbeitern verbrachte ich die meiste Zeit unserer Arbeit damit, ei-
nen freundschaftlichen Kontakt zu den primitiven Volksgruppen
in abgelegenen Teilen des Landes herzustellen. Die Herausforde-
rungen, denen wir begegneten, sind in meinem Buch »Das Evan-
gelium in der Grünen Hölle Boliviens« nachzulesen.
Am 31. Dezember 1925 bin ich in Lansing, Michigan in den USA
geboren worden. Unsere Familie lebte während meiner Kindheit
wegen der finanziellen Depression und der hohen Arbeitslosigkeit
in ziemlich ärmlichen Verhältnissen. Da ich jedoch in einer christ-
lichen Familie aufwuchs, erfuhren wir, wie der Herr in den alltäg-
lichen Dingen für uns sorgte. Im Alter von zwölf Jahren erlebte ich
die Wiedergeburt in einer Methodisten-Kirche, in der das Evan-
gelium verkündet wurde. In meiner Teenagerzeit verließ ich aber
diese Kirche, da sie immer mehr von den Fundamenten der Bibel
abwich und Wahrheiten wie die Jungfrauengeburt und die Gött-
lichkeit Christi leugnete.

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Als ich 1943 die Schule beendete, ging ich zur Marine, um mich
darauf vorzubereiten, auf den südpazifischen Inseln gegen die Ja-
paner zu kämpfen. Wegen Lungenproblemen wurde ich zur Beo-
bachtung in ein Marinehospital geschickt und daraufhin aus medi-
zinischen Gründen aus dem Dienst entlassen. In der Zwischenzeit
war meine Kompanie auf einer der Inseln ausgelöscht worden.
Für einige Monate arbeitete ich dann in einer Fabrik, die Teile
für Panzer herstellte, als ich im November 1943 in der Tageszei-
tung von einer Nachricht las, die mich aus der Fassung brachte.
In Bolivien wurden fünf Missionare vermisst, und man nahm an,
dass sie von wilden Indianern getötet worden waren. Noch an die-
sem Abend fasste ich den Entschluss, dabei zu helfen, diese fünf
Männer, die beim Versuch, das Evangelium auszubreiten, so mutig
ihr Leben hingegeben hatten, zu ersetzen.
Im Februar 1944 kam ich zur New Tribes Mission, um mich aus-
bilden zu lassen. Im Sommer ging ich mit einer Gruppe nach Ka-
lifornien, um das erste Trainingslager für Pioniermissionare anzu-
fangen. Und noch im selben Jahr heirateten Edith und ich.
In den nächsten Jahren lernten wir Chinesisch, konnten aber
keine Reisepässe erhalten, um nach China zu gehen. Daher war-
teten wir, und ich arbeitete zunächst in der Druckerei der Mission
und dann einige Zeit als Baumgärtner. Während dieser Zeit leitete
ich »Jugend für Christus« in Martin County, Kalifornien.
Schließlich kamen wir im September 1949 mit unseren zwei
Kindern in Bolivien an. Seitdem hat der Herr uns mit drei wei-
teren Kindern gesegnet (Gwendolyn, Julia und Richard). Was
dann folgte, war unbeschreibliche Trübsal, da wir uns entschieden,
das Risiko der Kontaktarbeit einzugehen. Das bedeutete, von Alli-
gatoren bevölkerte Sümpfe zu durchwandern, tagelang im Furcht
einflößenden Durcheinander des Dschungels verloren zu gehen
und den Tod guter Freunde bestätigen zu müssen. Aber noch
heute kann ich bezeugen, dass diese ganze Mühsal durch Gottes
Treue ausgewogen wurde. Er machte uns zu solchen, die immer
wieder Hoffnung fassten.
Bei unserem zweiten Aufenthalt auf dem Missionsfeld von
1956-61 arbeiteten wir zunächst unter einem Stamm, bis ich dann

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die Aufgabe eines Vertreters vor der Regierung für unsere Mission
in Bolivien übernahm. Während dieser Zeit konnte ich auch ver-
schiedene Male bei der Kontaktaufnahme mit den feindseligen Yu-
quis und dem Aarona-Stamm helfen. Später half ich dann mit bei
der Verwaltung und dem Unterrichten an unserer Schule für Mis-
sionarskinder.
Der dritte Aufenthalt in Bolivien beinhaltete verschiedene Auf-
gaben vom Vertreter der Mission vor der Regierung über den
Buchhalter bis hin zum Feldleiter.
Nach unserem dritten Heimataufenthalt 1966-1967 planten wir,
nach Bolivien zurückzukehren. Aber der Herr führte uns in die
Öffentlichkeitsarbeit für NTM. Bis zum Jahr 2003 reiste ich von
Küste zu Küste, 1 300 000 Meilen, um Menschen herauszufordern,
ihr Leben in der Außenmission einzusetzen. Viele sind der Auf-
forderung gefolgt, haben sich in den Dienst für Gott gestellt.
Im Dezember 2003 erlitt Edith einen Schlaganfall, und ihre
rechte Seite war gelähmt. Mit meinen 78 Jahren setzte ich mich zur
Ruhe, um ihr zu helfen. Im Mai 2007 verletzte sie sich am Rücken
und hatte viele Knochenbrüche. Seitdem benötigen wir zu Hause
vollzeitliche Hilfe.
Neben unseren fünf Kindern haben wir neun Enkelkinder und
zwölf Urenkel.
Wir bekommen weiterhin viele Bestellungen für unser Buch
und es wurde viele Male neu aufgelegt. Die Missionsnachricht
wird weiterverbreitet, auch wenn wir nicht mehr aktiv beteiligt
sind. Wir warten auf die Wiederkunft des Herrn oder dass Er uns
zu sich in unser himmlisches Heim bringt, was auch immer zuerst
geschieht.
Mit Freude Sein Diener
Bruce Porterfield, im Juli 2008

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Meine Herausforderung

Während ich mich den wild über-


wucherten Trampelpfad entlang-
kämpfte, wurde das Verlangen um-
zukehren in mir immer stärker. All
die Schwierigkeiten und widrigen
Umstände meiner einsamen Lage kro-
chen mir wie giftige Schlangen durch
den Kopf. Ich spürte immer mehr,
wie tollkühn mein Versuch war,
den Weg durch diesen vollkommen
unwegsamen Dschungel im uner-
forschten Gebiet nahe der bolivia-
nischen Grenze allein zu finden.
Hier, mitten in dampfender Luft-
feuchtigkeit, wurde es zunehmend unmöglich, Trinkwasser zu
finden. Seit vier Tagen suchte ich ohne Unterbrechung und
schwitzte pausenlos. Jetzt war es fast Nachmittag. Mein letzter
Schluck lag bereits zehn Stunden zurück. Ich konnte kein Hoff-
nungszeichen mehr sehen, und meine Kehle brannte vor Durst.
Meine Füße waren übersät mit Blasen, und die Tragriemen
schnitten mir in die Schultern. Ich stolperte, blieb einen Augen-
blick stehen und versuchte, die Riemen an weniger schmerzende
Stellen zu schieben.
Benommen schaute ich mich um. Ich befand mich auf einer klei-
nen Lichtung, umstanden von gedrungenen Palmen. Die schup-
pigen Stämme, ungefähr einen Meter dick, wuchsen wie riesige,
verrottende braune Maiskolben zu einer Höhe von annähernd fünf
Metern; dort breiteten sich die Äste aus, schwer beladen mit brei-
ten grünen Blättern. Hinter den dicken, einzeln wachsenden Pal-
men standen wie eine lebende Mauer riesige dichte Bäume, zwan-
zig Meter hoch und höher, die Äste dicht verschränkt weit über
den Palmwipfeln. Ich schaute auf in der Hoffnung, einen Hinweis

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auf das kommende Wetter zu entdecken, sah aber nur diese un-
durchdringliche, grüne Kuppel – da war nicht das kleinste Fleck-
chen Himmel.
In der Luft lag schwer und feucht der Geruch von Moder und
Verwesung. Auf der dampfenden Erde um mich her lagen abge-
fallene Palmzweige und halb verfaulte Blätter. Verstreute Farn-
gewächse hingen schwer in der feuchten Hitze. Aufgebrochene Ko-
kosnüsse, deren Fleisch hungrige Tiere herausgekratzt hatten, la-
gen verstreut auf der Lichtung. Sie würden dem Boden, der einst
sie genährt hatte, wieder als Nahrung dienen. Die braune Erdkruste
war narbig und aufgerissen, wo sie kürzlich durchwühlt worden
war. Die aufgegrabenen grauen Gruben darunter legten die ab-
gebissenen Enden absterbender Wurzeln bloß, weiß wie Knochen.
Mein Verstand riet mir umzukehren, aber eine innere Stimme
drängte mich vorwärts. Es war der gleiche Kampf, der mich schon
seit drei Tagen gefangen hielt. Eigentlich gab es keinen vernünf-
tigen Grund für den Versuch, meine Freunde jetzt während der
Trockenzeit zu erreichen. Nach allem, was ich wusste, waren sie
sicher in einem Camp tief im Dschungel. Mit Flößen waren sie,
versehen mit ausreichend Vorräten an Trinkwasser und Lebens-
mitteln, ins Macurapi-Gebiet aufgebrochen, als die Flüsse und
Sümpfe noch Hochwasser gehabt hatten. Und doch war ich schon
so weit gekommen. Verbissen hatte ich den schlimmsten Sumpf,
den ich je gesehen hatte, überquert, mühselig Meile um Meile un-
durchdringlichen, schier endlosen Dschungels hinter mir gelas-
sen, um ihnen ein kleines Paket mit zusätzlichen Lebensmitteln
und Medikamenten zu bringen, von denen ich fühlte, dass sie sie
brauchten. Warum?
Warum? Zum hundertsten Mal stellte ich mir diese Frage. Und
zum hundertsten Mal antwortete diese eindringliche Stimme in
meinem Inneren: Deshalb – du musst weitergehen.
Ich begann mir vorzustellen, ich säße auf einer kühlen Veranda,
mit einem Glas Eistee in der Hand …
Plötzlich wurde ich von einem lauten Klappern aufgeschreckt.
Genau vor mir, etwa sechs Meter entfernt, stand ein großer,
schwarzer, wilder Eber. Er verursachte das laut klappernde Ge-

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räusch mit seinen blitzenden, weißen Zähnen, die hinter seiner
hochgeschobenen Oberlippe zum Vorschein kamen. Dieses Ge-
räusch und die aufgestellten schwarzen Borsten seines hässlichen
schwarzen Rückenfells ließen keinen Zweifel aufkommen. Er war
bereit zum Angriff.
Ein zweites Klappern stimmte in das erste ein: Ein zweites
Schwein stand keine anderthalb Meter neben ihm. Gelähmt vor
Angst sah ich mich vorsichtig um und entdeckte noch eines und
noch eines – insgesamt vier, und alle klapperten in meine Rich-
tung mit diesen mörderischen Zähnen.
Ich zog meine Pistole und entsicherte sie. Langsam bewegte ich
mich rückwärts. Aus den Augenwinkeln versuchte ich, den nächs-
ten Baum auszumachen, auf den ich im Ernstfall schnell klettern
könnte – die bröckelige Rinde der Palmen war jedoch unmöglich
einzuschätzen.
Die Schweine behaupteten das Feld wie Wachposten, stur
und unnachgiebig, boshaft mit hungrigen Zähnen klappernd. Ich
fuhr fort, mich Zentimeter um Zentimeter zurückzuziehen, wo-
bei ich immer wieder verzweifelt die Entfernung zu meinem aus-
gesuchten Baum abschätzte, immer im Vergleich zur voraussicht-
lichen Geschwindigkeit der Wildschweine.
Dann hörte ich direkt hinter mir ein lautes, scharfes Klappern.
Ich fuhr herum. Ein weiteres halbes Dutzend von ihnen schnitt mir
den Fluchtweg ab! Sie vereinten ihr wütendes Geklapper mit dem
der Schweine vor mir. Bevor ich überhaupt den Versuch begin-
nen konnte, den rettenden Baum zu erreichen, barst alles um mich
her in Lärm. Angeführt von dem grauenvollen klappernden Chor,
drang aus dem Dschungel eine Armee von blitzenden, schwar-
zen Augen, schwarzen Borsten und weißen Zähnen, um mir je-
den möglichen Weg abzuschneiden. Alle rettenden Bäume lagen
nun hinter ihrer Angriffslinie. Sie formierten sich zu einem engen
Kreis und standen still, unverrückbar, wild entschlossen und wü-
tend klappernd. Mit einem kurzen verzweifelten Blick schätzte
ich ihre Anzahl auf etwa siebzig. Ich hatte neun Schuss in meiner
Pistole. Wenig Hilfe! Wenn sie angriffen, würde die Waffe mein
Leben um maximal dreißig Sekunden verlängern.

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Etwa vier Meter vor mir standen die ersten Schweine. Sie be-
haupteten ihr Feld. Ich behauptete mein Feld. Minuten vergingen.
Das Klappern fuhr unvermindert fort.
»Herr«, betete ich, »ich brauche dringend Hilfe von dir.«
In diesem Nervenkrieg war der Lärm schon fast völlig ausrei-
chend, um mich völlig um den Verstand zu bringen. Vielleicht war
das ihre Taktik: mich dadurch kleinzukriegen, dass sie einfach
warteten, während sie mich mit diesem grauenvollen Lärm mürbe
machten, weiterhin wartend und wartend auf den Augenblick …
Ich musste irgendetwas tun. Sachte versuchte ich, mich nach
vorn zu schieben. Als ich nur wenige Zentimenter nach vorn ge-
kommen war, bewegten sich die Schweine vor mir wie auf Kom-
mando einen Schritt zurück. Ich wagte einen großen Schritt.
Sie gingen wieder einen Schritt zurück. Ich sah mich um: Die
Schweine hinter mir hatten aufgeschlossen. Ich war auf dem Pfad
einen halben Meter weitergekommen und befand mich in exakt
derselben Lage wie vorher. Das Klappern hielt unvermindert ner-
venaufreibend an – ihre Taktik begann bei mir zu wirken. Ich war
allein und wehrlos.
Sie hatten mich!
Welch eine Kette von Ereignissen hatte zu diesem Moment
geführt – eine Kette über die Dauer von neun Jahren, um ge-
nau zu sein! Während des Zweiten Weltkriegs war ich aus ge-
sundheitlichen Gründen aus der Marine entlassen worden und
arbeitete danach in einem Rüstungsbetrieb in Lansing, Michi-
gan. Ich wusste, dass ich unzufrieden war, wusste aber nicht ge-
nau, weshalb. Sicher war, dass ich drei Jahre lang von dem Ge-
danken, Missionar zu werden, verfolgt wurde; mehr oder we-
niger erfolgreich verdrängte ich den Gedanken immer wieder.
Die Arbeit in einer Fabrik war sicher nicht das, was ich mir für
mein Leben wünschte, aber ich sah keine unmittelbaren Alter-
nativen dazu.
Am Ende eines jeden Tages kam ich ausgebrannt nach Hause –
erschöpft nicht nur von der schweren Arbeit, sondern auch unzu-
frieden. Ich tat weder das, was ich tun wollte, noch das, was ich
tun sollte.

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Aber ich wollte die wachsende Herausforderung dieser Gedan-
ken nicht wahrhaben; ich wehrte mich dagegen. Vielleicht hatte ich
auch Angst, nicht die nötige Glaubensstärke und keine Berufung
zum Missionsdienst zu haben, die für diese Aufgabe Voraus-
setzung sind.
An einem verhangenen Januarabend im Jahre 1944 saß ich
nach einem langen Arbeitstag zu Hause. Ich hörte das vertraute
Rumsen des Abendblatts, das gegen meine Haustür knallte. Als
ich die Zeitung aufhob, sah ich einen Artikel, der mich sofort
in Bann schlug. Fünf Missionare waren von bolivianischen In-
dianern, die noch in der Steinzeit zu leben schienen, ermordet
worden. Hier und jetzt wurde ich unmissverständlich heraus-
gefordert. Vollkommen erschüttert stellte ich mich meiner Ver-
antwortung. Ich wusste plötzlich genau, was ich mit meinem
Leben anfangen sollte: Ich sollte in die Fußstapfen dieser Män-
ner treten und Gottes Wort zu diesen Menschen bringen, die
noch nie von Jesus Christus gehört hatten. Einwände und Zö-
gern waren verschwunden. Mein Entschluss stand fest.
Von da an hatte mein Leben nur noch dieses eine Ziel: diesen
Märtyrern nach Bolivien zu folgen. Aber wie sollte ich das anstel-
len? Ich hatte keinerlei Erfahrung in der Missionsarbeit. Aber ich
war fest entschlossen, was immer nötig sein sollte zu lernen.
Und so nahm ich einige Monate nach diesem denkwürdigen
Tag das Studium an einer Missionsschule in Chicago auf. Hier
bekam ich beides, sowohl körperliche als auch geistliche Ausbil-
dung. Intensives Schriftstudium stand ebenso auf dem Lehrplan
wie all die anderen praktischen Dinge, in denen ein Missionar ge-
schult sein muss – vom Bootfahren bis zum Haareschneiden, vom
Gartenbau bis zum Aufbau eines Gemeindehauses für die Einhei-
mischen. Danach fuhr meine Klasse nach Kalifornien zum Men-
docino-Wald, wo wir ein »missionarisches Basislager« errichte-
ten. Nach dem Vorbild der militärischen Basislager gestaltet, war
es das erste seiner Art. Der Zweck war, so realistisch wie möglich
die Umstände vorzustellen, unter denen Missionare in der Wild-
nis leben müssen, und sie fit zu machen als Kämpfer auf dem Mis-
sionsfeld.

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Dort wurde das praktisch und geistlich Erlernte auf den Prüf-
stand gestellt und zum Abschluss gebracht. Dort lernten wir in
schwierigen Situationen, auf Gott zu vertrauen. Unter den extrem
notvollen Lebensbedingungen dort wurden wir erst fähig zu er-
fassen, in welch wunderbarer Weise Gott unsere Bedürfnisse in
Zeiten der Not stillte. Erst nach diesen außerordentlichen phy-
sischen Anstrengungen und dem geistlichen Wachstum würden
wir fähig sein, jenseits aller Zivilisation das Leben zu meistern und
Gottes Werk in uns nicht zu hindern.
In dieser Bibelschule in Chicago traf ich Edith Olson, die ebenso
wie ich in ihrer Berufung brannte, Gottes Wort zu verbreiten. Ei-
nige Monate später, im Basislager, wurden wir getraut.
In den Jahren, die meinem Ruf folgten, vertiefte und festigte
sich mein geistliches Erfahrungsspektrum. Ich fuhr fort, sowohl in
Chicago als auch im Basislager zu arbeiten. Edith und ich beka-
men zwei Kinder geschenkt, erst Brian, dann Connie. Während der
zwei Jahre, die wir auf einen Missionsauftrag warteten, arbeitete
ich als Förster in Kalifornien und leitete in dieser Zeit noch eine Ju-
gend-für-Christus-Bewegung.
Dann, endlich! Es war Zeit, nach Bolivien aufzubrechen – in
dasselbe Gebiet, in dem die Missionare, deren Schicksal mich her-
ausgefordert hatte, ihr Leben gegeben hatten.
Ende September 1949 startete die kleine Missionsmaschine vom
Flugplatz in Corumba aus, einer kleinen Stadt an der Ostgrenze
Brasiliens. Ziel: das kriegsgeschüttelte Bolivien. Meine Entschei-
dung von vor nunmehr fast sechs Jahren sollte sich verwirklichen.

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Konfrontation mit dem Unbekannten

Aus der Luft sahen wir eine riesige Steppenlandschaft unter uns.
Fast schon am Horizont, inmitten einer Flickenlandschaft aus
Dschungel und kultiviertem Boden, entdeckten wir Robore und
die Landebahn. Im Landeanflug sahen wir erstaunt, dass das Flug-
feld mit Öltonnen übersät war. Ben Weatherfield, unser Pilot, zog
die Maschine wieder hoch und nahm über Funk Kontakt zur Bo-
denstation auf. Die bolivianischen Soldaten dort erklärten, dass
dies nur eine Vorsichtsmaßnahme sei, die Übergriffe der Rebellen
auf landende Versorgungsflugzeuge verhindern sollte. Während
Ben den Flugplatz umkreiste, stellten wir uns dem Bodenpersonal
vor. Bald sah man winzige Figuren auftauchen, die die Ölfässer
beiseiterollten.
Die Maschine landete ruhig und hielt vor einem flachen Back-
steingebäude. Nun waren wir endlich in Bolivien. Wir wussten
nicht, was uns erwartete, aber zumindest hatten wir unseren Be-
stimmungsort erreicht.
Wir kletterten heraus und atmeten die trockene, heiße bolivia-
nische Luft tief ein. Wir waren froh, wieder auf dem Erdboden zu
stehen. Die Szenerie wirkte ungewöhnlich friedvoll; wir suchten
vergeblich nach irgendeinem Zeichen der Revolution.
»Hören Sie!«, rief jemand. Alle standen gespannt. Aus der Ferne
hörte man das Geräusch eines anderen Flugzeugs.
»Die Rebellen!«, sagte ein Mann neben mir mit gedämpfter

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Stimme. Menschen rannten in Deckung. Von überall her erschie-
nen Männer, die die Fässer wieder hinausrollten. Einer der Armee-
offiziere rief uns zu: »Gehen Sie weg von dem Flugzeug – es wird
wahrscheinlich bombardiert!«
Edith und ich nahmen die Kinder bei der Hand und eilten zu
einem vergleichsweise sicher wirkenden Haus in der Nähe. Wir ver-
suchten angestrengt, ruhig zu wirken, um die Flut von Fragen, die
Brian uns sonst stellen würde, zu vermeiden.
Zwei Maschinen nahmen Kurs auf den Flugplatz, kreisten,
ohne einen Schuss abzufeuern, und drehten dann wieder ab. Dann
kamen sie zurück. Ich war sicher, dass sie uns diesmal angreifen
würden. Aber auch jetzt geschah nichts. Sie umkreisten den Flug-
platz und verschwanden erneut – diesmal auch wirklich.
Meine Knie waren ein wenig zitterig, als ich zum Flugzeug
zurückging, um unser Gepäck zu holen. Plötzlich hörte ich eine
Stimme rufen: »Hallo, Kinder! Tut das gut, euch beide zu sehen!«
Eine schmale braunhaarige Person in blau gemustertem Kleid
lief auf uns zu. Ich erkannte Helen Ostewig. Helen hatte sich seit
Brians Geburt angewöhnt, uns allesamt mit »Kinder« anzuspre-
chen. Einmal hatte sie uns abends besucht, während wir alle in
der Missionszentrale arbeiteten, und sie hatte festgestellt, dass wir
wie zwei Kinder aussahen, die mit einer lebenden Puppe spielten.
Gibt es etwas Schöneres als den Anblick eines vertrauten Gesichts,
wenn man als Fremder in einem fernen Land ist? Vor allen Dingen
nach den Erfahrungen, die wir gerade hinter uns gebracht hatten,
war uns der Anblick Helens ein wahres Labsal. Es folgten Küsse,
Umarmungen, man drückte sich und – konnte es kaum glauben!
Helen stand uns besonders nahe. Sie war es gewesen – damals
Sekretärin bei Paul Fleming, dem Leiter der Mission, die uns aus-
sandte –, die mein erstes Bewerbungsschreiben wohlwollend be-
antwortet hatte. Von Anfang an hatte sie mir auf meinem Weg zum
Missionarsdienst geholfen. Als Edith und ich in Chicago wohnten,
war es ihre warmherzige Persönlichkeit, die uns ihre Freundschaft
suchen ließ. Später heiratete sie dann Jim Ostewig.
Wir hatten gehofft, dass die Möglichkeit bestehen würde – und
jetzt sah es ganz danach aus –, dass wir vier zusammen im selben

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Stammesgebiet würden arbeiten dürfen. Unsere Missionsgesell-
schaft bevorzugte eine solche Einsatzplanung. Wir hatten eigent-
lich vorgesehen, alle mit demselben Flugzeug die Staaten zu ver-
lassen. Aber einige Tage vor dem Abflug hatten wir unsere Plätze
an Joy und Myron Gess abgegeben, weil Joy gerade an dem Ab-
schnitt ihrer Schwangerschaft angelangt war, während dem das
Reisen am ungefährlichsten ist. So waren uns also Ostewigs vor-
ausgereist. Wir hatten gehofft, sie irgendwo auf der Reise wieder-
zutreffen, aber wie die Umstände waren, konnten wir nicht wis-
sen, wann oder wo das sein könnte.
Connie Wyma kam ebenfalls herüber, um uns willkommen
zu heißen. Sie und ihr Mann Mel, ein Missionspilot, waren alte
Freunde von uns. Wir hatten unsere Ausbildung alle zur selben
Zeit begonnen.
»Aber wo ist Jim?«, fragte ich schließlich.
»Oh, er ist schon vorausgefahren«, antwortete Helen. »Kommt,
lasst uns gehen. Ihr müsst eure Taschen zum Missionshaus tragen.
Es ist nur ungefähr eine halbe Meile. Ich werde euch unterwegs
alles erzählen.« Unaufhörlich plauderte sie weiter. »Wir haben
übrigens unseren Platz«, sagte Helen. »Wenigstens denke ich, dass
wir ihn haben. Jim ist jetzt schon da oben.«
»Mel hat ihn hingeflogen«, fügte Connie noch hinzu. »Sie sind
vor ein paar Tagen aufgebrochen.«
»Ach, wirklich?«, fragte Edith aufgeregt. »Wo ist es denn?«
»Eine Art Siedlung im Dschungel mit Namen Cafetal.«
»Cafetal?« sagte ich. »Noch nie gehört, diesen Namen.«
Helen lachte. »Da bist du in guter Gesellschaft. Ich hatte Mühe,
jemanden zu finden, der den Namen schon gehört hat. Alles, was
ich weiß, ist, dass es irgendwo oben im Norden liegt, im Dschun-
gel, genau an der Grenze zwischen Bolivien und Brasilien.« Ihre
Stimme bekam einen aufgeregten Klang. »Soviel ich verstanden
habe, gibt es in der Gegend einige wirklich primitive Eingebore-
nenstämme. Man kann es sich kaum vorstellen, aber sie sind Wilde,
die noch genauso leben wie vor Tausenden von Jahren.«
Edith murmelte erstaunt. Sie wollte wissen, warum Jim und
Helen Cafetal ausgewählt hatten.

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»Es ist eine schier unglaubliche Geschichte«, fuhr Helen fort.
»Ehrlich, wenn man sich vor Augen führt, wie Gott Menschen ge-
braucht! Vor ungefähr acht Wochen tauchte ein Mann hier in Ro-
bore auf, ein Österreicher, groß und stattlich – garantiert aus der
Armee. Er hatte diesen europäischen Charme, aber es war trotz-
dem etwas Geheimnisvolles an ihm. Er gab an, ein Abenteurer zu
sein. Im ganzen Land hatte er nach Gold gesucht. Sein Name ist
Frederico. Er lebt schon seit einiger Zeit im Cafetal. Jim und Mel
versprachen ihm, wenn er eine Landebahn anlegen würde, dann
würden unsere zwei Familien dort arbeiten. Er sagte, er wolle es
tun. Letzten Monat flogen Jim und Mel hinauf, sahen, dass die
Landebahn zu kurz war, und hinterließen eine Nachricht für Fre-
derico, sie müsste verlängert werden. Abgesehen davon kann ich
euch nichts über Cafetal berichten – mehr weiß ich nicht.«
Wir hatten das Haus fast erreicht, das für die nächsten Tage
unser Zuhause sein sollte. Als wir alle in das Haus marschierten,
dachte ich, dass die Einwohner der Stadt sich sicher wunderten,
wie das kleine Vier-Zimmer-Haus eine ganze Flugzeugladung an
Missionaren beherbergen sollte.
Im Garten blieb Helen Ostewig stehen. Sie legte eine Hand auf
meinen Arm und lenkte meine Aufmerksamkeit auf ein lang ge-
zogenes, flaches weißes Gebäude mit rotem Ziegeldach. »Erkennst
du es wieder?«, fragte sie leise.
Mir stiegen Tränen in die Augen, und meine Stimme versagte.
Mechanisch nickte ich. Und ob ich es erkannte! Dieses Haus war
das Hauptquartier der fünf Missionare gewesen, die beim Versuch,
zu den Ayores Kontakt aufzunehmen, ihr Leben verloren hatten.
Wie oft hatte ich dieses Haus während des Trainingskurses gese-
hen, auf Filmen, die die fünf zurück in die Staaten geschickt hat-
ten. Es war für mich ein heiliger Ort. Und jetzt sah ich es mit mei-
nen eigenen Augen.
Ich ließ die anderen ins Haus vorangehen. Mein Kopf war im-
mer noch angefüllt mit den Eindrücken der vergangenen Tage.
Zunächst die Tränen meiner Mutter und mein Vater, der mühsam
Haltung bewahrte, beim Abschied vor ihrem Haus in Lansing: Sie
wussten nicht, wann oder ob sie überhaupt jemals einen von uns

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vieren wiedersehen würden. Wir waren auf dem Weg in eines der
unzugänglichsten Gebiete der Erde, wo viele vor uns schon zu
Tode gekommen waren. Dann der gewaltige Dämpfer, den unsere
Hoffnungen auf dem Flughafen in Miami erhalten hatten, ange-
sichts der dicken Schlagzeilen, dass in Bolivien die Revolution aus-
gebrochen war – dies konnte das Ende aller Arbeiten dort bedeu-
ten. Dann die Nacht, zusammengerollt auf dem kalten Fußboden
eines hoffnungslos überfüllten Hotels in Puerto Rico. Und dann
die folgende Nacht, in der unser Missionsflugzeug infolge eines
Sturms und einer unterbrochenen Funkverbindung für mehrere
angstvolle Minuten über Nordbrasilien verloren schien, bis unser
Pilot, Ben Weatherfield, mit Hilfe des Herrn schließlich die Stadt
Belem fand und sicher landete. Brian, vier Jahre, und Connie, ein
Jahr alt, hatten während der ganzen Zeit friedlich geschlafen.
Dann die Schlagzeilen dort –

BOLIVIANISCHER PRÄSIDENT
AN LATERNENPFAHL AUFGEHÄNGT

– weckten neue Ängste und ließen uns zweifeln, ob es Sinn hatte


weiterzumachen. Weiterreise! Dann das Geschenk, einige Armee-
offiziere zu treffen, die uns eine Mitfluggelegenheit ermöglichten,
ins Land zu kommen.
Ich schaute noch einmal auf das Haus der fünf Missionare. Und
während ich es ansah, wuchs in mir eine neue Kraft, eine neue Be-
rufung. Den Gedanken an die fünf Männer im Herzen, betete ich
um Hilfe, das unvollendet vor mir liegende Werk des Herrn wei-
terführen zu dürfen.
Drinnen glich der hübsche, kleine Wohnraum des Missions-
hauses eher einem Flüchtlingslager mit all den aufgetürmten Kof-
fern und Reisetaschen. Aber niemand störte sich daran. Helen und
Connie stießen zu uns und hatten bald ein schmackhaftes Abend-
essen aus spanischem Reis und grünem Salat zubereitet.
Unter dem Einfluss all dieser neuen Eindrücke hatten wir die
Revolution ganz vergessen. Aber als die Nacht anbrach, wurden
wir jäh an die Nähe der Rebellen erinnert: das Durchzählen der

21
Wachposten. »Uno – dos – tres«, bellten sie. Mit wenig Hoffnung
auf Schlaf packten wir die Kinder unter ihren Moskitonetzen ins
Bett und setzten uns, um miteinander zu sprechen, große Tassen
mit starkem bolivianischen Kaffee auf den Knien.
Mel und Connie Wyma waren schon seit drei Jahren hier in
Bolivien. Mel, der mit seiner eigenen Maschine aus den Staaten
gekommen war, hatte bereits einige Male Kontakt zu den Ayores
gehabt. Ich dachte, Connie könnte mir vielleicht einige nähere
Einzelheiten über das Schicksal der fünf Missionare, die sie um-
gebracht hatten, erzählen.
»Keinem von uns ist es bis jetzt gelungen, genug von ihrer
Sprache zu lernen oder mit ihnen allen in freundlichen Kontakt zu
treten, um Licht in die Ereignisse von damals zu bringen«, sagte
Connie. »Zunächst nahm jeder an, dass sie alle umgebracht wur-
den. Aber die Witwen hielten immer noch an der Hoffnung fest
– klein, aber sie war da –, dass sie vielleicht doch noch irgendwo
im Dschungel am Leben sein könnten. Letztendlich aber war je-
mand in der Lage, mit den Mördern selbst zu sprechen – ihr Tod
wurde bestätigt.«
Ein Schuss knallte. Wir zuckten zusammen. Für Helen schien
dies jedoch nichts Ungewöhnliches zu sein. Aber die Unterhaltung
wandte sich dem möglichen Ausbrechen neuer Kämpfe zu.
Connies Ausführungen hatten meine Missionsleidenschaft neu
entfacht. Vielleicht würde meine Arbeit mich zu neuen Erkennt-
nissen über diese Männer führen. Ich würde dann meine Bestim-
mung erfüllen, nämlich in ihre Fußstapfen zu treten, vorausgesetzt,
der Herr führte mich in diese Richtung.
Später am Abend kamen noch zwei der Witwen zu uns her-
über. Es war eine der eindrucksvollsten Erfahrungen in meinem
Leben, wie die beiden in völliger Ruhe von den Ereignissen berich-
teten, die der Tragödie vorangegangen waren und die ihr folgten –
von ihrer Hoffnung und ihrem Glauben.
Jemand meinte, es sei langsam Zeit fürs Bett. Es war schon
fast Mitternacht, als Connie Wyma mir das Quartier zeigte, das
für die Männer hergerichtet war – ein palmblattgedeckter Schup-
pen, etwa zehn Meter hinter dem Haus. In Anbetracht unseres Ein-

22
treffens hatte man einige Einheimische angeheuert, um diese Un-
terkunft zu errichten. Fünf oder sechs Hängematten waren unter
dem Dach für uns aufgehängt. Einer nach dem anderen kletterten
wir hinein. Wir waren erschöpft. Keiner sprach. Die Nachtluft war
warm und schwer. Das einzige Geräusch war das ausdauernde Ge-
quake der Frösche, als ob einer den anderen übertreffen wollte. Ab
und zu legten sie eine Pause ein, und wir wunderten uns, wer sie
wohl in ihrem angestammten Gebiet aufgestört hatte. Aber meine
Augenlider waren bleischwer, und ich sank in einen leichten ers-
ten Schlaf.
Urplötzlich zerriss Gewehrfeuer die Stille. Kugeln pfiffen durch
die Luft, über unsere Köpfe hinweg. So schnell wir konnten, rollten
wir uns aus den Hängematten. Wir rannten ins Haus, um sicher-
zustellen, dass unseren Frauen und Kindern nichts geschehen
war. Sie waren unversehrt, obwohl einige Kinder aufgewacht wa-
ren und angstvoll weinten. Wir hatten selbst dringend Zuspruch
nötig, aber wir versuchten, sie zu beruhigen. So plötzlich, wie es
begonnen hatte, hörte das Schießen wieder auf.
Schweigen – dann begann das Durchzählen der Wachposten.
Wir lauschten gespannt.
»Uno – dos – … ?«
Die Kugel eines Heckenschützen hatte Nummer drei zum
Schweigen gebracht. Unsere Gedanken wanderten zu dem armen
Kerl, und wir überlegten, wie schwer er wohl verletzt sein mochte.
Es dauerte nicht lange, dann antwortete eine neue Stimme für
Nummer drei. Das Echo der Appelle hing in der Luft.
Aber die Frösche blieben stumm. Daraus schloss ich, dass die
Rebellen noch immer in der Nähe sein mussten. Tatsächlich, eine
gute Stunde später bellten die Gewehre wieder. Diesmal flogen
die Kugeln sogar noch näher am Haus vorbei. Noch mal das Ab-
zählen. Keine Antwort von Nummer fünf. Ein Leben nach dem an-
deren wurde ausgelöscht.
Nach einer Zeit im Arm der Eltern beruhigten sich die Kinder
wieder und gingen zurück ins Bett. Es war schon fast Morgen. Wir
kehrten zu unseren Hängematten zurück.
Mit dem Morgen unseres zweiten Tages in Robore brachen

23
auch die Diskussionen über das nächtliche Geschehen auf. Als
Connie Wyma die Fensterläden aufstieß, flutete das orangefar-
bene Licht der aufgehenden Sonne in die Dunkelheit des Wohn-
zimmers.
»Also, Kinder«, Connie gähnte halb, »habt ihr letzte Nacht ein
bisschen Schlaf bekommen?«
»Schlaf, wie schreibt man das?«, fragte ich. Ich saß hinter Edith
und hielt sie in den Armen.
»Liebe Güte!«, rief Edith. »Als die Schießerei losging, dachte
ich, ich würde sterben vor Angst.«
Bald jedoch vermittelte der vertraute Geruch von Haferflocken,
die auf dem Holzherd kochten, ein heimeliges Gefühl.
»Würde mich interessieren, wer heute Morgen die Regierung
stellt«, sagte ich, während ich zur Tür hinüberging und durch die
obere offene Hälfte nach draußen sah.
Alles wirkte ruhig. Einige Frauen in sauberen, aber ausgebleich-
ten formlosen Kleidern huschten vorüber, Gemüse oder Fleisch-
stücke in der Hand. Die meisten von ihnen gingen barfuß, das
lange schwarze Haar floss den Rücken herab. Beim Blick die lange
sandige Straße hinunter sah ich Staub, der aus geöffneten Türen
flog, als drinnen die Ziegelfußböden gefegt wurden. Rauch zwir-
belte sich langsam in die Luft. Man kochte auf offenem Feuer.
»Iiiiih!« quietschte eine Frauenstimme hinter mir. »Da ist ein
Skorpion!«
Connie Wyma ging hinüber und zertrat das Tier ganz beiläu-
fig.
»Ihr werdet euch daran gewöhnen«, sagte sie. »Sie sind überall.
An manchen Tagen erlegt man ein halbes Dutzend.«
Nach achtundvierzig Stunden hatten Edith und ich Gelegen-
heit, uns zusammen mit den Kindern die Stadt ein wenig anzu-
sehen. Es dauerte nicht lange, bis wir merkten, dass wir Objekte
einer ganz besonderen Art von Neugier waren. Jedes Mal, wenn
einer von uns sich umdrehte oder den Kopf plötzlich zur Seite
wandte, konnte man irgendeine Person in einem Hauseingang
verschwinden sehen, oder ein Kopf zog sich blitzschnell in ein
Fenster zurück. Das war merkwürdig, denn wir waren bestimmt

24
nicht die ersten Amerikaner, die sie zu Gesicht bekamen. Aber wir
dachten uns nicht allzu viel dabei.
Am nächsten Tag in der Frühe kamen zwei oder drei Frauen,
die Bananen, Reisbrot oder Maiskekse an der Tür verkauften. Na-
türlich wollten sie auch die neuesten Neuigkeiten erzählen. An
diesem Morgen hatten sie zu berichten, dass die Regierungstrup-
pen Cochabamba wieder zurückerobert hatten. Diese Stadt war
die Provinzhauptstadt und hoffentlich unser Bestimmungsort.
Wenige Minuten später erschien ein Armeeoffizier, der uns bat,
ihn und einige andere Offiziere nach Cochabamba zu fliegen. Er
versicherte uns all seine mögliche Unterstützung bezüglich der
dortigen Behörden, wenn wir dort angekommen wären. Allerdings
warnte er uns davor, dass die Maschine unterwegs möglicherweise
beschossen werden könnte, da es wegen der Revolution verboten
war, Privatflugzeuge zu benutzen. Niemand nahm den Vorschlag
begeistert auf. Ben wies allerdings darauf hin, dass wir im Fall
einer Ablehnung nicht wüssten, wann wir je nach Cochabamba
gelangen würden. Dies war das entscheidende Argument.
Am selben Nachmittag gingen wir Männer in einem kleinen
malerisch gelegenen Weiher unweit des Haues mit unseren Kin-
dern zum Schwimmen. Als wir zurückkamen, lachte Ben aus
vollem Halse.
»Du wirst es nicht glauben, Bruce«, sagte er. »Ich habe heraus-
gefunden, warum ihr letzthin so interessant für alle wart. Eines der
Missionskinder erzählte, sie hätten in der Schule eine hitzige Dis-
kussion gehört, und weihten mich ein. Padre Juan erzählte allen
Kindern in der Stadt, dass ihr Teufel wärt. Sie haben nach euren
Schwänzen Ausschau gehalten!«
Brüskiert sagte Brian entrüstet: »Ich habe keinen Schwanz.«
Wir alle lachten schallend.
»Aber sie wissen jetzt die Wahrheit«, sagte Ben. Eins der Kin-
der ist euch zum Weiher gefolgt, um ganz sicherzugehen. Und
jetzt ist die Meldung raus, dass der Priester sich geirrt hat – keine
Schwänze, keine Teufel!«
Als wir am nächsten Morgen zum Flugplatz schlenderten, spra-
chen wir wenig. Jeder war in seinen eigenen Gedanken gefangen.

25
Die Offiziere besprachen den Flug mit Ben. Helen übersetzte. Ben
schien es zu widerstreben, diese Gelegenheit zu nutzen. Er war
weniger um sein eigenes Leben als vielmehr um die Missionars-
familien besorgt. Als wir deutlich gemacht hatten, dass wir diese
Gelegenheit auf jeden Fall nutzen wollten und darauf brannten
loszufliegen, gab er seinen Widerstand auf. Es erging der Befehl,
die Ölfässer beiseitezurollen.
Unser Bestimmungsort, die Stadt Cochabamba, in der unsere
Missionsgesellschaft ein Hauptbüro unterhält, lag eingebettet in
ein Andental in der Höhe von 2440 m, ungefähr 700 Kilometer ent-
fernt. Wir würden sehr hohe Berge überqueren müssen und dann
im Anflug auf die Stadt so schnell wie möglich abtauchen und lan-
den müssen, um nicht abgeschossen zu werden. In Anbetracht der
Lage wollten die Offiziere den Flugplatz nicht vorab von unserer
Ankunft informieren. Die Maschine pendelte sich auf einer Flug-
höhe von 5600 m ein, die grünen Baumwipfel einige hundert Me-
ter unter uns.
Wir schoben uns durch einen Pass, umgeben von hohen Ber-
gen, und die Maschine begann schnell an Höhe zu verlieren. Un-
sere Connie weinte: Sie konnte den Druck auf ihren Ohren nicht
loswerden. Andere gähnten angestrengt oder drückten mit den
Fingerspitzen auf die Ohren. Ich wartete auf das Einsetzen von Ge-
wehrfeuer. Sekunden, Minuten schlichen vorbei. War die Entschei-
dung von Robore, unsere Ankunft nicht per Funk anzukündigen,
die richtige gewesen? Die Offiziere hatten erklärt, dies würde dem
Bodenpersonal die Gelegenheit nehmen, unsere Landung zu ver-
weigern. Aber ließ uns all das nicht gerade wie ein Rebellenflug-
zeug wirken? Wir verloren Höhe, mehr und mehr; jede Sekunde
brachte uns weiter nach unten. Plötzlich waren wir auf dem Roll-
feld, eine glatte Landung.
Alle seufzten erleichtert auf und begannen wild durcheinander-
zureden – alle, außer unserer kleinen Connie, die, geängstigt durch
den plötzlichen Krach, die Ohren immer noch zu durch den Druck,
jetzt lauter weinte als zuvor. Edith nahm sie in den Arm und setzte
sich zusammen mit ihr auf ihren Sitz, um sie zu trösten.
Wir rollten langsam aus und kamen am Ende des Flugplatzes,

26
weit entfernt von Abfertigungsgebäuden und Kontrollturm, zum
Stehen. Viele der kleineren Kinder weinten. Ihre Mütter versuchten
weiterhin, sie zum Gähnen oder kräftigem Naseschnauben anzu-
halten, um den Druck von den Ohren zu bekommen.
Ein Jeep, voll besetzt mit schwer bewaffneten Soldaten, raste
auf uns zu. Vier der Soldaten sprangen aus dem Wagen und rann-
ten zum Flugzeug. Ben öffnete die Tür, und sie kamen an Bord, die
Gewehre immer noch im Anschlag. Die Offiziere bei uns erklärten,
wer wir wären und warum wir gekommen seien. Zufrieden, dass
wir nicht vorhatten, sie anzugreifen, befahl der Kommandant ei-
nigen seiner Leute, zurück zum Jeep zu gehen. Ben gebot er, hin-
ter dem Jeep herzurollen, was dieser auch tat. Sie führten uns zum
Eingang einer Armeebaracke und hielten an. Aus dem Gebäude
quollen mindestens einhundert Soldaten, in Kampfanzügen und
die Gewehre auf das Flugzeug gerichtet. Hinter der Reihe von Sol-
daten sahen wir ein halbes Dutzend Kampfflugzeuge aufgereiht.
Ich blickte über die schimmernden Gewehrläufe und Helme hin-
weg und sah einen Soldaten ins Cockpit eines Flugzeuges klettern.
Der schwarze Lauf eines Maschinengewehres an der Nase der Ma-
schine zeigte direkt auf uns, und ich versuchte zu berechnen, wel-
chen Weg die Kugeln nehmen würden, falls der Mann zufällig den
falschen Knopf drücken sollte. Sie würden ungefähr –
Ra ta ta ta ta ta! bellte das Gewehr. Alle schraken zusammen,
sogar die Soldaten. Die Kugeln durchsiebten die Luft über un-
serem Flugzeug, dann trat Stille ein. Wir überlegten, ob dies wohl
ein Versehen gewesen war oder der gezielte Versuch, uns ein-
zuschüchtern.
Schließlich kletterten die Offiziere, die in unserer Begleitung
waren, aus dem Flugzeug und erklärten nochmals, wer wir waren
und was wir hier wollten. Nach vielen Worten wurden die meis-
ten Soldaten wieder in die Baracke geschickt. Die Spannung zerrte
zunehmend an unseren Nerven. Wir Männer standen im Pulk und
beratschlagten uns. Schließlich, ungefähr eine Stunde später, ka-
men Helen und Ben, die mit den Verantwortlichen verhandelt hat-
ten. Sie erklärten, dass diese immer noch sehr misstrauisch und är-
gerlich waren über die Art und Weise unserer Ankunft hier, dass

27
sie aber mehr oder weniger zu der Überzeugung gekommen seien,
dass wir keine bösen Absichten hätten. Wir durften gehen.
Einige Soldaten führten uns zu einem Lkw. Sie kletterten nach
uns auf die Ladefläche, die Gewehre immer noch auf uns gerichtet,
mit feindseligen Gesichtern. Der Lkw fuhr los. Helen erklärte, man
brächte uns zum Missionsbüro, schließlich und endlich. Wir rum-
pelten durch die Innenstadt. Die Leute starrten uns an. Zweifellos
wunderten sie sich, wo die Soldaten wohl eine Lastwagenladung
Ausländer abliefern würden.
Vorbei am Marktplatz fuhren wir durch die Innenstadt von
Cochabamba. Überall waren die Spuren des Krieges zu sehen –
zerbrochene Fensterscheiben, ehemals stolze Palmen, die jetzt zer-
rissen waren durch Granatfeuer; dicke Mauern, pockennarbig von
Einschusslöchern. In den Straßen patrouillierten Soldaten. Aber
jetzt war alles ruhig – die Stadt war wieder einmal fest in der Hand
der Regierungstruppen.
Wir waren froh, als wir uns endlich hinter den sechs Fuß hohen
Mauern des Missionsbüros wiederfanden. Es war, als würden wir
nach Hause kommen. Der Garten war schön angelegt und grün –
die Art Anlage, die man in Kalifornien oder Florida finden könnte.
Das Haus war innen im spanischen Stil ausgestattet, mit gro-
ßen Fenstern, hellen Wänden, Ziegelfußböden und ausladenden
Polstermöbeln.
Myron und Joy Gess, die verantwortlichen Missionare, die da-
mals unsere Plätze für den Flug vor über zwei Monaten bekom-
men hatten, waren hier, um uns willkommen zu heißen. Sie hatten
alle Hände voll zu tun, um den Ansturm der Gäste zu bewältigen
und genügend Schlafgelegenheiten und Essen vorzubereiten. Un-
gefähr die Hälfte der Missionare, die mit uns aus den Staaten ab-
geflogen waren, waren wie wir nach Cochabamba gekommen. Die
übrigen waren in Robore geblieben.
Helen fragte Joy sofort, ob Post für sie da sei. Nein – leider nicht.
Helen hatte gehofft, eine Nachricht von Jim vorzufinden. Sie ver-
suchte ihre Enttäuschung zu beherrschen und half Joy bei den Vor-
bereitungen fürs Abendessen.
Die Welle der Revolution schwappte jetzt zugunsten der Regie-

28
rungstruppen zurück. Jeden Tag erschienen neue Meldungen von
inhaftierten Rebellen in den Zeitungen. Wir waren froh, frei und
unbehelligt geblieben zu sein.
In unserer Naivität, das Zeitverständnis der Lateinamerikaner
betreffend, hatten wir erwartet, unsere Umzugsgüter vorzufin-
den, die wir sechs Monate vor dem Flug aufgegeben hatten. Aber
die Ladung Container wartete in Antofagasta in Chile immer noch
darauf, entladen zu werden. Von dort mussten sie auf einen der
schnaufenden, keuchenden Züge verladen werden, die mühsam
ihren Weg durch die Anden nach Cochabamba fahren. Tage ohne
ein Zeichen unserer Habseligkeiten vergingen. Alle unsere Anfra-
gen wurden mit Schulterzucken oder höflichen Allgemeinplätzen
beantwortet.
Auch war noch keine Nachricht von Jim eingetroffen. Helen be-
gann sich mehr und mehr unbehaglich zu fühlen. Ein Brief von
Connie Wyma traf ein, in dem sie berichtete, dass Mel Wyma Jim
bei guter Gesundheit verlassen hatte und dann weitergeflogen war,
um Missionaren, die bei den Ayores arbeiteten, Vorräte zu bringen.
Danach hörte Helen nichts mehr – für Wochen.
Ich dachte, es sei eine gute Idee, so viel wie möglich über Ca-
fetal herauszufinden, und wenn auch nur, um Helen zu beruhi-
gen. Zuerst suchte ich einige Händler in der Stadt auf, von denen
ich gehört hatte, dass sie mit Waren handelten, die aus dieser Ge-
gend, über 1600 km entfernt von Cochabamba, kamen. Diese wur-
den von Einheimischen in die Stadt gebracht – Krokodilhäute, Ja-
guarfelle und Schlangenleder. Was sie mir erzählten, klang aller-
dings nicht beruhigend. Cafetal war vor etwa fünfzig Jahren als
Armeestützpunkt gegründet worden. Aber die gesamte Besat-
zung einschließlich des Kommandanten war von Malaria dahin-
gerafft worden. Einige Jahre war es unbewohnt geblieben. Dann
hatte sich eine Gruppe von Gummipflanzern dort niedergelassen,
zum Teil, weil die Lage am Rio Guaporé eine Versorgung mit dem
Postschiff ermöglichte, das zweimal im Monat vorbeifuhr. Cafetal
wurde aber noch immer als einer der schlimmsten Orte in Bolivien
angesehen, vor allem, was die Malaria betraf. Dankbar dachte ich
an unsere Vorräte von Paludrin (Malariaprophylaxe), die wir in

29
Cochabamba erworben hatten. Wenn Malaria unsere einzige Sorge
wäre! (Ich musste vorsichtig sein, wie viel an schlechten Nachrich-
ten ich Helen und Edith zumuten konnte.)
Der unerwartet lange Aufenthalt in Cochabamba brachte einen
finanziellen Engpass mit sich. Genauer gesagt, am Ende der ersten
Woche waren wir mit unserem Geld am Ende. Die laufenden Aus-
gaben, Hotel- und Restaurantrechnungen hatten das meiste von
dem aufgezehrt, was wir als Notgroschen besessen hatten. Einen
Monat vorher hatten wir ungefähr tausend Dollar zur Deckung un-
serer Ausgaben erhalten. Das meiste davon war schon für den Flug
ausgegeben worden. Unsere Freunde zu Hause konnten sich keine
Vorstellung von unseren Bedrängnissen machen. Hilfe schien sehr,
sehr weit entfernt.
Eines Abends, die Kinder waren zu Bett gebracht worden,
setzten sich Edith und ich hin, um alles durchzusprechen. Unser
Beitrag für das Leben im Missionshaus wäre an diesem Tag fäl-
lig gewesen. Wir hätten um Kredit bitten können, aber es war ein
eiserner Grundsatz von uns beiden, keine Schulden zu machen.
So wie die Dinge lagen, mussten wir aber das Bezahlen an diesem
Abend aufschieben. Wir versuchten uns von trüben Gedanken frei
zu machen, indem wir einen Spaziergang durch die Stadt machten
und so viel bolivianisches Leben wie möglich auf uns wirken lie-
ßen. Cochabamba ist eine Stadt mit circa einhunderttausend Ein-
wohnern, von denen etwa die Hälfte spanischer Abstammung und
die andere Hälfte Quechua-Indianer sind. Diese Indianer hatten
als Arbeiter oder Sklaven einen hohen Prozentsatz des Inkareiches
vor Hunderten von Jahren ausgemacht. Die Spanier sind die Nach-
kommen der Eroberer, die nach Südamerika kamen und das Inka-
reich zerstörten. Viele Quechuas leben immer noch ebenso einfach
und primitiv, wie ihre Vorfahren es unter der alten Herrschaft ge-
tan hatten. Andere haben sich in den modernen demokratischen
Staat Bolivien integriert.
Die meisten Gebäude werden gefährlich dicht an der Straße
gebaut. Oft verengt sich der Bürgersteig auf Fußbreite. Wenn ein
Fußgänger sich gerade an einer solchen Stelle befindet und ein
LKW vorbeidonnert, dann tut er gut daran, schnell in einen Haus-

30
eingang zu springen oder zumindest den Bauch einzuziehen,
wenn er nicht riskieren möchte, den Verlust einiger Knöpfe seines
Hemdes zu beklagen.
Da es für die Fahrer schier unmöglich ist, um die Ecken zu se-
hen, verlassen sie sich auf ihre Hupe, um den anderen anzuzeigen,
dass sie kommen. Das Getöse ist einfach großartig. Die Verkehrs-
regeln müssen sehr locker sein, da jeder wie ein Besessener fährt.
Die Autos zeigen auch die Wunden dieses Krieges: Man sieht sel-
ten einen Wagen ohne verbeulte oder abgerissene Kotflügel.
Auf dem Marktplatz von Cochabamba sitzen die kräftigen
Quechua-Frauen in weiten bunten Röcken, für die sie nach Ediths
Vermutung mindestens anderthalb Meter Stoff zu viel verwendet
haben, dazu weiße Blusen mit halbem Arm, verziert mit Metern
von Spitze, auf dem Kopf feste, weiße, der englischen Melone ähn-
liche Hüte. Höflichkeit ist ein Fremdwort. Diese Frauen marschie-
ren durchs Gedränge wie ein Fußballspieler im Sturm aufs gegne-
rische Tor, und wehe dem dürren Amerikaner gleich mir, der ih-
nen in den Weg kommt! Egal, ob sie auf dem Weg zur Arbeit oder
zum Einkaufen sind, immer tragen sie riesige, dicke Bündel auf
dem Rücken. Sie setzen sich einfach irgendwohin und breiten um
sich her ihr Gemüse, Obst, Kleidung oder andere Waren aus, ohne
den Unmengen von Fliegen, die sich auf die Lebensmittel stürzen,
die geringste Aufmerksamkeit zu widmen.
Durch die viele freie Zeit wurde ich unruhig. Ich bot Myron
an, ihm beim Packen der Vorratskisten für die vielen in Bolivien
verstreuten Missionare zu helfen. Während ich Kisten zunagelte
und Waren in Papier wickelte, die für andere bestimmt waren, fiel
es mir schwer, meinen Neid zu unterdrücken, denn ich wünschte
mir, diese Vorräte wären für uns bestimmt. Alle paar Tage wan-
derte ich zur Zollbehörde, stellte dieselbe Frage und erhielt die-
selbe Antwort: »Nein, nichts, Senor.«
Einmal, als ich von einem dieser vergeblichen Gänge zurück-
kehrte, fand ich eine Nachricht von Lyle Sharp vor, einer Freun-
din aus dem Missionskurs in den Staaten. Lyle war in Guajará-
Mirim eingesetzt, einer Stadt ungefähr 800 Kilometer hinter den
Bergen von Cochabamba.

31
Gespannt öffnete ich den Brief. »Ich habe erfahren, dass am
5. November ein Boot von Guajará-Mirim nach Cafetal aufbricht«,
schrieb Lyle. »Ich hoffe, ihr werdet an Bord sein. Warum kommt
ihr nicht ein paar Tage früher, damit wir noch eine schöne Zeit
haben können, ehe ihr aufbrecht?« An jedem 5. und 25. des Mo-
nats verließ ein Regierungsboot Guajará-Mirim in Richtung Cafe-
tal, 800 Kilometer den Rio Guaporé hinauf. Aber ich musste fast
lachen. Wünschten wir uns das nicht sehnlichst? Jetzt war es Ende
Oktober. Wir waren seit Mitte September in Cochabamba. Freunde
hatten uns darauf vorbereitet, dass es Monate dauern konnte,
ehe unser Hausrat eintraf. Auch das war ein Teil des Missions-
lebens, mit dem wir nicht gerechnet hatten – das Warten, endloses
Warten.
Ich versuchte mir einzureden, dass es keinen Grund gab, sich
um Jim da draußen in der Wildnis Sorgen zu machen. Aber ich
konnte es anscheinend nicht vermeiden. Angenommen, er brauchte
uns in verzweifelter Lage? Warum hatte er nicht geschrieben? Und
wir saßen hier.
Die angespannte Lage unserer Finanzen machte die Sache nicht
einfacher. Alle paar Tage kamen wir beim letzten Cent an, wenn
wir die Unterstützung verbrauchten, die uns Freunde und Gleich-
gesinnte aus den Staaten schickten. Drei gute Mahlzeiten wurden
jeden Tag im Missionshaus angeboten, aber wir hatten beschlos-
sen, nur daran teilzunehmen, wenn wir auch bezahlen konnten. In
dieser Lage holte ich mir Kraft und Trost beim Lesen von Matthäus
6, Vers 26: »Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie
ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himm-
lischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als
sie?« Und ein ums andere Mal wurde unser Mangel gestillt – fünf
Dollar, fünfzehn Dollar, drei Dollar – immer genug, um uns wei-
terzubringen.
Eines Tages, als ich im Kopf unsere mageren Mittel durchrech-
nete, bemerkte ich, wie Helen Ostewig in die Luft starrte. Sie hielt
Lyles Brief in der Hand. »Weißt du, ich habe nachgedacht«, sagte
sie langsam. »Ich denke, ich sollte besser aufbrechen und nach
Guajará-Mirim fliegen, um dieses Boot am 5. November zu errei-

32
chen und nach Cafetal aufzubrechen, ohne auf euch zu warten.
Ihr könnt nachkommen, sobald euer Gepäck eintrifft. Immer noch
nichts von Jim. Mel ist irgendwo im Dschungel. Er kann mich nicht
hinfliegen. Irgendwie kann ich es nicht ertragen, noch einen Monat
hier zu sitzen und auf das Dezemberboot zu warten.«
Tag für Tag hatten wir Helens zunehmende Spannung be-
obachtet. Normalerweise eine ruhige und ausgeglichene Persön-
lichkeit, wurde sie zunehmend nervös. Wir konnten nur zustim-
men, dass ihre Entscheidung vernünftig war. Ein paar Tage spä-
ter brachten wir sie zum Flugplatz. Als es Zeit wurde, Abschied zu
nehmen, küsste Edith sie, und ich gab ihr die Hand und sagte fröh-
lich: »Bis nächsten Monat in Cafetal.« Als die Maschine nur noch
ein winziger Punkt am Horizont war, fügte ich hinzu: »Der Herr
beschütze und behüte dich.«
Weitere Tage und Wochen verflossen. Die Schecks kamen jetzt
öfter, sodass sich unsere finanzielle Lage etwas entspannte und
die Abstände zwischen den geldlosen Tagen länger wurden. Dann
war eines Tages, Mitte November, in der morgendlichen Post eine
offizielle Mitteilung von der Zollbehörde. Unsere Umzugskisten
waren in Cochabamba eingetroffen und ebenso die von Jim und
Helen. Jetzt konnten wir los. Und wir würden vielleicht sogar das
Boot am 5. Dezember erreichen.
Kisten und Kartons kamen im Missionshaus an. Eilends über-
prüften Edith und ich die Inhalte und packten Verschiedenes um.
Edith entwarf begeistert Listen für unsere Essensvorräte. Wir
mussten immer im Kopf behalten, dass wir für drei Monate ein-
kauften – nicht nur für ein, zwei Wochen. Oh, eine Menge Klei-
nigkeiten planten wir einzupacken – Reis, Mehl, Salz, Zucker, Do-
senfleisch und -gemüse, getrocknete Äpfel und Pfirsiche, Rosinen,
Haferschrot, Schweineschmalz, Trockensuppen, Tomatenpaste,
Speck, Gewürze, und, und, und!
Dann zerbrachen jäh unsere Träume – als wir zum Flugplatz
fuhren und die Frachtbestimmungen nach Guajará-Mirim er-
fuhren. Sie würden mehr Geld kosten, als wir hatten, ganz abgese-
hen vom Kauf noch zusätzlicher Vorräte. Edith und ich fuhren zu-
rück zum Haus. Unsere Freunde, die sich mit uns gefreut hatten,

33
als unsere Habseligkeiten eingetroffen waren, wunderten sich über
unsere ernsten Gesichter und das gezwungene Lächeln. Wir er-
zählten ihnen von unserer Enttäuschung. Alles, was wir tun konn-
ten, war, auf Unterstützung aus den Staaten zu warten. Aber für
wie viele weitere Wochen und Monate? Unser Vertrauen wurde
hart geprüft.
Einen oder zwei Tage später kam einer unserer Missionsfreunde
vorbei, um einige allgemeine Dinge mit uns zu besprechen. Dann
schwieg er und stützte sein Kinn in die Hände. Er schien einen
inneren Kampf auszufechten. Dann stand er auf und kam zu mir
herüber. »Der Herr hat zu mir von einem Mangel gesprochen, den
ihr vielleicht erleidet«, sagte er und drückte mir zehntausend
Bolivianos (ca. hundert Dollar) in die Hand. Sobald ich mich be-
dankt hatte, verließ er uns, und ich war froh darüber – denn ich
hätte kein Wort herausbekommen. Ich wusste, dass er sich selbst
überwunden hatte, um uns zu geben. Er würde auf etwas verzich-
ten, vielleicht sogar auf etwas Nötiges – um uns zu helfen.
Ich umarmte Edith. Dann brachen wir mit frohen Herzen auf,
um mit unseren Besorgungen fortzufahren.

34
Am Rand der Dunkelheit

Auf dem Flughafen von Cochabamba kletterten wir die Stufen der
zweimotorigen Frachtmaschine hinauf und winkten den Missio-
naren, die uns zum Flugplatz begleitet hatten. (Wenigstens ver-
suchten wir zu winken, soweit das möglich war, bepackt, wie wir
waren!) Eine Welle der Erwartung schlug in mir hoch, als ich mei-
nen Sicherheitsgurt festzurrte und die Motoren zu röhrendem
Leben erwachten.
Ein weiter Weg lag vor uns: 800 Kilometer mit dem Flugzeug
und weitere 800 mit dem Boot. Am Ende würden wir der größten
Veränderung unserer Lebensgewohnheiten gegenüberstehen, die
wir jemals erlebt hatten. Ich wusste, dass es besonders für Edith
eine Herausforderung sein würde – Kochen über offenem Feuer,
Wäschewaschen im Fluss, einen festgetretenen Lehmfußboden
fegen, das waren nur einige der Unannehmlichkeiten, die uns er-
warten würden. Aber sie schien sich auf die Aussicht zu freuen.
Ihr Leben war nicht leicht gewesen, und sie eignete sich sehr

35
gut als Missionarsfrau. Sie hatte in ihrer Jugend zu Hause auf ei-
ner kleinen Farm in Wisconsin schon früh die Verantwortung für
all ihre jüngeren Geschwister tragen müssen. Ich sah hinüber zu
der Frau, die neben mir saß, und meine Gedanken wanderten zu-
rück zu dem Mädchen, das mir während der Abendkurse in der
Missionsschule aufgefallen war, ein Mädchen mit denselben röt-
lich braunen Haaren und demselben lächelnden, sommerspros-
sigen Gesicht. Ich erinnerte mich an die langen Spaziergänge, die
wir zusammen unternahmen, und die endlosen Gespräche über
unsere Hoffnungen und Träume. Unser Interesse an der Missions-
arbeit, das zusammen gekeimt und gewachsen war, wurde an dem
Tag, als wir unser beider Leben verbanden, zu einem fest verfloch-
tenen Strang. Heute waren diese Interessen, die zu einem einzigen
Ziel geworden waren, kurz davor, Früchte zu bringen. Wir gingen
hinaus, um die Arbeit aufzunehmen, zu der wir berufen waren.
Edith schien meine Gedanken zu lesen, denn sie drückte
meine Hand und sagte: »Denk an all die Möglichkeiten, die vor
uns liegen. Ist es nicht wunderbar, hier zu sein?«
Sechs Stunden nach dem Abflug in Cochabamba landeten wir
in Guayaramerín, der bolivianischen Stadt mit einem Flugplatz,
die am Fluss gegenüber vom brasilianischen Guajará-Mirim liegt.
Wir waren nun im Flachland, und nach der Höhenlage, die wir
vorher gewohnt gewesen waren, war der Schritt aus dem Flugzeug
wie der Schritt in eine Sauna.
»Lass uns zurück nach Cochabamba fliegen, Dad«, sagte Brian
angewidert. »Es ist stickig hier unten.«
»Du wirst dich daran gewöhnen, mein Sohn«, erwiderte ich.
»Hier – zieh deinen Pullover aus. Vielleicht hilft das schon.«
Edith wickelte Connie bereits aus verschiedenen Lagen von
Decken.
»So ähnlich wie Chicago an einem Sommernachmittag, nur
schlimmer«, bemerkte sie.
Lyle Sharp holte uns ab. »Ist das schön, euch zu sehen«, sagte
er und schüttelte fest unsere Hände. »Es kommt nicht oft vor, dass
wir Freunde von zu Hause hier begrüßen dürfen.«
Es war ein Trost, Lyles freundliches Gesicht hier an diesem

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dampfenden, einsamen und unbekannten Platz zu sehen. Er war
damals ein schwerer Mann in den späten Dreißigern, langsam und
bedächtig in Sprache und Bewegung, und es war sicher ein Erbe
seiner Kindheit auf einer kleinen Farm im Mittleren Westen der
Staaten, das es ihm sehr erleichterte, mit der lockeren lateinameri-
kanischen Art zurechtzukommen. Immer zu einem Lächeln bereit,
mit kleinen Krähenfüßen um die blauen Augen und der Ausstrah-
lung stillen Vertrauens, gab er einem das Gefühl, an seiner Seite
absolut sicher und geborgen zu sein.
»Ist Helen gut weggekommen?« fragte Edith.
»Oh ja«, sagte Lyle ein wenig hastig. »Sie hat das Boot am 5. No-
vember nach Cafetal erreicht, wie geplant. Kommt – ich helfe euch,
das Gepäck hinunter zum Fluss zu bringen. Wir müssen den Fluss
in einem Einbaum überqueren. Guajará-Mirim, wo wir wohnen,
ist auf der brasilianischen Seite.« Mir fiel eine leichte Anspannung
in Lyles normalerweise ungezwungenem Verhalten auf. Warum
lenkte er die Unterhaltung so schnell weg von Helen?
Den Kindern machte die Überfahrt im von einem Außenbord-
motor angetriebenen Einbaum einen Riesenspaß. Edith und ich
waren nicht so vergnügt, weil das Boot ziemlich tief im Wasser lag
und sehr kippelig war.
Der Weg zum Haus der Sharps führte uns durch die Stadt.
Guajará-Mirim war sehr malerisch – wenigstens konnte man es
so ausdrücken. Es erinnerte mich an die Art der Pionierstädte in
Westernfilmen. Das Erste, was mir ins Auge stach, waren Hun-
derte von Rollen von rauem, braunem Gummi. Sie erfüllten die
Luft mit dem Geruch von geräuchertem Speck. Daneben waren
Berge von braunen, sichelförmigen Paranüssen aufgehäuft. Vor
den geöffneten Geschäften hingen Alligator- und Jaguarhäute und
ab und zu die Haut einer riesigen Anakonda.
Ein schrilles Pfeifen schreckte uns auf. Wir drehten uns um und
sahen an der Bahnstation ein uraltes Ungetüm von Lokomotive.
Die Maschine pfiff wie bei einem schlimmen Asthmaanfall. »Es
gibt eine lange Geschichte zu dieser Eisenbahn«, sagte Lyle, wäh-
rend wir weitergingen. »Vor einigen hundert Jahren begann eine
Firma mit dem Bau einer Eisenbahnlinie 320 Kilometer hinunter

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nach Porto Velho – Ozeandampfer kommen den Amazonas so weit
herauf. Der Weg führte mitten durch den dampfenden Dschungel.
Eine Firma nach der anderen versuchte es und gab auf. Die India-
ner griffen viele der Arbeiter an. Man vermutete sogar, die India-
ner würden das Wasser vergiften, weil die Männer wie die Fliegen
starben – aber niemand weiß, ob das wahr ist oder nicht. Jedenfalls
wurde die Eisenbahnstrecke nach vielen Versuchen endlich fertig.
Aber um was für einen immensen Preis an Geld und Menschen-
leben! Man sagt, dass für ungefähr jede Schwelle auf der Strecke ein
Mensch gestorben ist. Es ist kaum vorstellbar, aber es muss zwei-
hunderttausend Leben gekostet haben, diese gut 300 Kilometer
Eisenbahnschienen. Und seht euch das jetzt einmal an!«
Betroffen von dem eben Gehörten, schwiegen wir.
Lila Sharp und die beiden Söhne erwarteten uns an der Tür des
Hauses, um uns willkommen zu heißen. Sie war immer noch die-
selbe fröhliche, schmale und aufgeweckte Lila, die wir aus den Se-
minartagen kannten. Sie hatte ein Zimmer für uns vorbereitet und
gab uns sofort das Gefühl, daheim zu sein. Nach dem Abendessen,
die Kinder lagen schon im Bett, saßen wir auf der Terrasse und un-
terhielten uns, genauso, wie wir es in der Heimat getan hätten.
»Jetzt berichte uns bitte von Helen«, bat Edith noch einmal.
Lyle schien sie nicht zu hören.
»Kennt ihr eigentlich die Geschichte dieser Stadt?«, fragte er.
Und schon steckte er in der nächsten seiner Geschichten. »Wäh-
rend des Zweiten Weltkrieges, als Gummi knapp war, aber drin-
gend gebraucht wurde, wurden Männer in diese Gegend geschickt,
um nach wildem Gummi zu suchen. Viele wurden mit Wasser-
flugzeugen hergebracht, eine ganze Reihe genau hier in diesen Be-
reich. Die Flugzeuge landeten zu abgesprochenen Zeiten auf dem
Fluss, um das Gummi aufzunehmen. Aber meistens war niemand
da, um abgeholt zu werden – die Männer waren irgendwo drau-
ßen im Dschungel gestorben. Man sagt, von ungefähr fünfund-
zwanzigtausend sind nur etwa siebentausend lebend wieder her-
ausgekommen. Nun, Guajará-Mirim wurde damals so eine Art
Umschlagplatz für Gummi – und das ist seither auch so geblieben.
Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie nahe an der Stadtgrenze der

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dichte Urwald anfängt. Auch heute noch kommen nachts manch-
mal Männer vom Stamm der wilden Pacaas Novos und töten ein
oder zwei Kühe oder manchmal auch ein paar Menschen.«
Der Gedanke ließ uns schaudern. Wir überlegten, ob Cafetal
genauso wild oder womöglich sogar noch wilder war. Edith ver-
suchte, die Unterhaltung wieder auf Helen zurückzulenken, aber
genau in diesem Augenblick zog lautes Donnergrollen unsere Auf-
merksamkeit auf sich.
»Das hört sich nach einer stürmischen Nacht an«, sagte Lyle.
Wir sprangen auf und schlossen die Fensterläden, um den Regen
abzuwehren.
Nicht lange danach brach der Sturm los – ein richtiges Tropen-
unwetter. Es war fast so, als wollten die Elemente uns vorführen,
wozu sie imstande waren. Der Wind heulte; der Regen schüttete
eimerweise. Wir konnten uns vor dieser Lärmkulisse nicht länger
unterhalten, und so gingen wir zu Bett.
Im Morgengrauen weckten uns Katzen, Hunde und Hähne. Ich
ging durchs Haus. Lila war schon emsig mit den Frühstücksvor-
bereitungen beschäftigt. Edith zog die Kinder an und fütterte das
Baby.
»Wo ist Lyle?«, fragte ich Lila. Ich dachte, dass er wenigstens
mir etwas über Helen berichten würde, wenn ich ihn allein traf.
Lila sah auf die Uhr und antwortete: »Oh, er müsste jeden Mo-
ment hier sein. Er muss jeden Morgen um vier Uhr aufstehen, um
zum Markt zu gehen.«
»Vier Uhr?«
»Ja, wenn er sich verspätet, kann es sein, dass das Fleisch und
das wenige Gemüse, das angeboten wird, schon weg ist.«
»Wäre es nicht schön, wenn ihr einen Kühlschrank hättet?«,
fragte ich. »Dann könntet ihr ein großes Stück Fleisch kaufen, und
es würde für einige Zeit reichen.«
Lila lächelte.
»Ach, wir gewöhnen uns daran, ohne solche Dinge auszukom-
men.«
Lyle kam herein, und wir frühstückten. Bevor wir fertig waren,
ging er in sein Zimmer und kam mit seiner Bibel zurück.

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»Hier, Bruce«, sagte er. »Lies doch bitte Psalm 91.«
Ich las diese wundervolle Stelle, die mit den Worten endet:
»…, dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht,
vor den Pfeilen, die des Tages fliegen, vor der Pest, die im Fins-
tern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt …
Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf
allen deinen Wegen.«
Ich überlegte, warum er gerade jetzt diese Stelle für mich aus-
gesucht hatte. Wollte er mich auf irgendetwas vorbereiten?
Wir ließen die Kinder ihre Gebete beenden, sodass sie im um-
zäunten Garten hinter dem Haus spielen gehen konnten. Bald zo-
gen unser Sohn Brian und die Sharp-Jungen ihre Straßen durch
den Lehmboden und ließen ihre Lastwagen herumfahren. Connie
war immer noch ein kleiner Quälgeist, und wir konnten die Jun-
gen rufen hören, sie solle gefälligst aus dem Weg gehen.
Wir Übrigen blieben noch am Tisch sitzen. Es war die Stunde
für Gebet und Stille Zeit.
»Ich denke, wir sollten an diesem Morgen besonders für das
Wohlergehen von Helen und Jim beten«, begann Lyle. Er war sehr
ernst.
»Arme Helen«, sagte er und hob den Kopf. »Sie tat uns beiden
so leid. Sie hatte es so schwer, sich zu entscheiden.«
»Worüber?«, fragte ich.
»Ob sie das Boot am fünften November nehmen oder lieber auf
euch warten sollte.«
»Aber das war doch alles schon klar, als sie von Cochabamba
aufbrach«, sagte Edith überrascht.
»Ja, aber damals hatte sie die Gerüchte noch nicht gehört.«
»Welche Gerüchte?«, fragte ich.
»Dass Jim tot wäre.«
»Jim – tot?«
Die Worte schockierten mich.
»Natürlich wissen wir nicht, ob auch nur ein Körnchen Wahr-
heit daran ist«, beeilte sich Lyle zu versichern. »Ich nehme an, wir
sind in diesem Teil der Welt eher an Gerüchte gewöhnt, als ihr es
seid.«

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»Wie hast du davon gehört?«, wollte ich wissen.
»Es begann, nachdem ein Boot hier gewesen war. Die Leute
sprachen mich auf der Straße an, ob ich von dem Amerikaner
gehört hatte, der in Cafetal getötet worden sei. Alle Geschichten
hatten nur eines gemeinsam – der Mann war am Ufer des Guaporé
von Indianern erschossen gefunden worden. Ich wusste von
keinem Amerikaner in Cafetal außer Jim. Es war schlimm für
mich, es Helen zu sagen, aber ich musste es tun, denn sie wollte
abreisen.
Ich werde ihren Gesichtsausdruck niemals vergessen. Das Kinn
klappte herunter, ihre Augen weiteten sich, und ihr Atem kam in
kurzen Stößen. ›Ich weiß nicht, was ich tun soll‹, war alles, was sie
sagte. Dann wandte sie sich an uns. ›Was soll ich tun?‹, fragte sie.
Ich wusste nicht, was ich ihr antworten sollte. Sie betrachtete
die Sache von allen Seiten. Sie sagte: ›Wenn irgendetwas passiert
ist, dann sehe ich keinen Sinn darin, auch dorthin zu gehen. Ich
werde ganz allein sein – keine Freunde –, nichts, was ich tun kann.
Niemand, an den ich mich wenden könnte, niemand, der mir hel-
fen oder mich trösten könnte. Oder was ist, wenn er verletzt ist
und mich braucht? Ich würde mir das niemals verzeihen.‹
Sie sprach sehr oft darüber in den nächsten paar Tagen, bis der
Tag der Abfahrt des Bootes fast da war. Dann sagte sie eines Mor-
gens: ›Ich habe mich entschieden. Ich werde flussaufwärts zu Jim
fahren – auch wenn ich allein fahren muss. Bitte Edith und Bruce,
so schnell wie möglich zu folgen. Ich werde sie brauchen.‹
Ich wollte sie begleiten. Aber Lila konnte nicht weg. Sie hatte
niemanden, der sich um die Kinder kümmerte. Und ein männ-
licher Missionar, der allein mit der Frau eines anderen reist, könnte
Gerede verursachen – die Lateinamerikaner sehen diese Dinge an-
ders als wir. So mussten wir sie gezwungenermaßen allein reisen
lassen. Helen bestand darauf, dass sie zurechtkommen würde, ob-
wohl sie die einzige Frau auf dem Boot war. Schweren Herzens
ließen wir sie gehen.«
Wir beteten einige Minuten für Jim und Helen, dann räumten
Lila und Edith den Tisch ab und begannen abzuwaschen.
»Ich bin froh, dass wir nicht lange warten müssen, bis das

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nächste Boot fährt«, sagte Edith. »Wie furchtbar, so ohne jeden
Austausch zu sein, wenn man so viel erfahren möchte.«
Viel mehr wurde nicht gesagt. Lila und Edith konnten den in-
neren Kampf nachfühlen, in den man als Frau durch eine solche
Entwicklung gerät. Es tat ihnen fast genauso weh, als wenn Lyle
oder ich Gegenstand solcher Gerüchte gewesen wären.
Nur noch wenige Tage lagen vor uns, aber die Stunden zogen
sich endlos. Wir konnten es kaum erwarten, unsere Bootsreise
nach Cafetal zu beginnen.
Dennoch waren unsere Herzen voller Zweifel. Jim Ostewig war
einer meiner Freunde; wir hatten in Kalifornien raue Trainingstage
im Basislager gemeinsam hinter uns gebracht. Wir zählten auf Jims
und Helens Unterstützung beim Einrichten unseres Lebens in der
Wildnis. Wir hatten uns auf ein Wiedersehen mit Jim gefreut. Aber
wir hatten ihn in Robore vermisst. Er war nicht nach Cochabamba
gekommen – um genau zu sein, wir hatten nicht ein einziges
Lebenszeichen von ihm erhalten. Jetzt mussten wir uns an den
Gedanken gewöhnen, dass wir ihn auf dieser Erde vielleicht nie
wiedersehen würden. Aber wenn sich eine Tragödie ereignet hatte,
dann brauchte Helen uns, und wir mussten ohne Verzögerung zu
ihr fahren.

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Die Lage sondieren

Wir waren froh, endlich die Kunde zu hören, dass unser Boot ab-
fahrbereit war. Nur in Cafetal würden wir wirklich erfahren, ob
Jim noch lebte und wie es Helen ging.
Der schwere Sturm vor einigen Tagen hatte die Regenzeit einge-
läutet. Unsere Stimmung hob sich beträchtlich, als Lyle uns sagte,
dass durch den höheren Wasserstand, den der Rio Guaporé jetzt
hatte, die Bootsfahrt nur ungefähr acht statt der üblichen fünfzehn
Tage dauern würde. Schwer beladen mit Handgepäck und beglei-
tet von hilfreichen Brasilianern, die unseren Hausrat trugen, ge-
sellten Edith, Connie, Brian und ich uns zu einer Handvoll portu-
giesisch sprechender Familien, die alle in Richtung Hafen strebten.
In letzter Minute entschied sich Lyle, uns nach Cafetal zu beglei-
ten, uns beim Erlernen der Sprache und anderen Anfangsschwie-
rigkeiten behilflich zu sein und dann mit demselben Boot zurück-
zukehren. Lila und die beiden Jungen kamen mit zum Hafen, um
uns zu verabschieden.
Mein Kopf war angefüllt mit romantischen Vorstellungen, wie
das Boot wohl aussehen könnte. Ich hatte mir vorgestellt, viel-
leicht durch zu viele Mark-Twain-Geschichten, dass uns ein Dop-
peldeck-Raddampfer, weiß gestrichen, mit glänzenden Messing-
teilen, erwarten würde.
Als wir uns dem Hafen näherten, machte ich Bekanntschaft
mit der unbarmherzigen Wirklichkeit. Auf beiden Seiten des Stegs
schaukelte auf dem Seetang, wie das Gerippe eines vorsintflut-

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lichen Ungeheuers, das morsche und verkommene Holz eines al-
ten Bootes … Wir erreichten das Ufer des Flusses.
»Wo ist das Postboot?«, fragte ich, mit dem Gedanken, es sei
vielleicht noch gar nicht eingetroffen.
Lyle lachte: »Na, genau vor deiner Nase.«
Ich hatte das Boot vor uns für einen schwimmenden Laden ge-
halten. Es war ungefähr neun Meter lang und drei Meter breit,
schätzte ich. Verschiedene Frachtstücke drückten es jetzt schon tief
gegen die Wasserlinie – Säcke mit Zucker, Salz, Reis; eckige Behäl-
ter mit Benzin und Kerosin und stinkende Bündel von getrockne-
tem Fleisch. Durch das Gewicht der Ladung hing das Boot so tief
im Wasser, dass nur noch etwa dreißig Zentimeter bis zum Wasser-
spiegel übrig blieben. Ich bemerkte eine Kruste aus weißen Kristal-
len, die am Schiffskörper klebten. Vielleicht, dachte ich, ist das ein
Schutz gegen die Fäulnis, der schon so viele Boote am Ufer zum
Opfer gefallen waren. Wir gingen alle an Bord.
»Aber wo ist der Aufenthaltsort für die Passagiere?«, fragte ich.
Ich sah kein Deck, nur eine Art Trittbrett, das um das ganze Boot
herumlief.
»Wir hängen unsere Hängematten zwischen diesen Pfosten
hier auf«, sagte Lyle. »Sonst setzen wir uns auf die Reis- oder Boh-
nensäcke.« Ich schätzte, dass Platz für etwa zehn Hängematten da
war. (Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass wir durch
das Aufnehmen weiterer Passagiere an den Haltestellen auf dem
Weg ungefähr dreißig Passagiere sein würden.)
Über unseren Köpfen war eine Markise mit Palmblattmuster
als Schutz gegen die Sonne und tropische Regengüsse gespannt.
Zu meiner Überraschung hatte das Schiff keine Maschine. Dann
entdeckte ich die Kraftquelle: eine lange Stahlröhre mit einem Die-
selmotor war an einer Seite des Schiffsrumpfs befestigt. Ein Mann,
von dem ich annahm, dass er der Lotse war, beugte sich darüber
und drehte das Schwungrad. Der Motor hustete und keuchte. Als
man die Taue zu lösen begann, trotteten Lila und die Jungen wie-
der von Bord und blieben am Ufer stehen, um uns zum Abschied
zu winken.
Der Kapitän kam herauf, stellte sich vor und half uns, Plätze

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für unsere Hängematten zu finden. Er trug keine Uniform, noch
nicht einmal eine Kapitänsmütze, nur ein altes Khakihemd und
Hosen. Er wirkte eher wie ein Reisebegleiter als wie ein Kapitän.
(Die wirkliche Verantwortung, merkte ich später, lag bei dem Lot-
sen. Seine Arbeit war schwierig. Es brauchte viel Erfahrung, das
schwerfällige Fortbewegungsmittel um all die Untiefen, versun-
kenen Steine, Stämme und Sandbänke herumzumanövrieren.)
Edith ging als praktisch veranlagte Frau sofort auf die Suche
nach den lebensnotwendigen Einrichtungen: Küche, irgendein
Eckchen, wo wir uns waschen, umziehen und Connies Windeln
waschen konnten. Es dauerte nicht lange, und sie hatte alles gefun-
den. Die Küche oder Kombüse war nichts anderes als ein kleines
rauchgeschwärztes Eckchen am Bug, nach beiden Seiten windge-
schützt durch die Bordwände. Dort versuchte ein bärtiger deut-
scher Koch gerade, ein Feuer in dem kleinen eisernen Holzofen zu
entfachen. Am Heck fand sie einen Verschlag, der sowohl als Bad
als auch als Umkleidekabine diente.
Eine Glocke ertönte; ein muskulöser brauner Arm setzte das
Schwungrad in Bewegung. Die Maschine begann rhythmisch zu
stampfen, ein Geräusch, das uns Tag und Nacht begleiten sollte.
Die Leinen waren los; wir schienen kaum Fahrt zu machen gegen
die quirlige, schokoladenbraune Strömung.
Aber wir bewegten uns. Unsere Reise ins Unbekannte hatte be-
gonnen. Die Sonne wurde schwer im Westen, färbte den grauen
Nebel über dem Wasser langsam orange und ließ den Dschungel
noch grüner als grün leuchten, fremder, geheimnisvoller und exo-
tisch. Der Lotse an der schmalen Maschinenröhre lenkte das Boot
so dicht am Ufer entlang, dass wir Passagiere im flachen hölzernen
Postboot gelegentlich von herunterhängenden Zweigen gestreift
wurden.
Wir fuhren, so sagte der Lotse, nicht schneller als drei Kilome-
ter in der Stunde. Da die tropische Dämmerung nur sehr kurz ist,
machten wir uns für die Nacht fertig. Bald waren wir in Rauch
gehüllt, da der Koch das Feuer fürs Abendessen angefacht hatte.
Auch dieser Rauch war auf der Reise die meiste Zeit unser Beglei-
ter und stach uns so scharf in die Augen, dass es schwer war zu

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lesen oder zu schreiben. Ungefähr um sieben Uhr wurden wir in
unseren Hängematten alle mit einem Teller und einem Löffel ver-
sorgt. Wir aßen Reis und Bohnen auf, weil wir hungrig waren.
Aber das Fleisch brachten wir nicht hinunter. (Es hatte hierzulande
den Spitznamen »Hai« wegen des Geschmacks.)
Die Nacht schliefen wir kaum; nur etwa einen Meter entfernt
stampfte der Dieselmotor, und wir mussten uns – ebenso wie an
die Bewegung des Schiffs – an dieses Geräusch gewöhnen.
Alles aber war so neu und aufregend, dass wir unsere Un-
annehmlichkeiten schnell vergaßen. Leuchtend bunte Papageien
und Tukane brachten mit lautem Kreischen ihre Missbilligung
zum Ausdruck, dass wir ihre Privatsphäre störten. Wir hielten die
Augen auf den Uferstreifen geheftet in Erwartung eines Affen,
Tapirs oder Jaguars (den die Einheimischen als Tiger bezeichnen),
aber wir sahen keine. Der Fluss selbst hatte seine eigenen Wun-
der. Eines Morgens rief ein Mitpassagier uns zu, und wir sahen
vom Heck aus einen Schwarm von Tümmlern, jeder etwa 1 ½ bis
2 Meter lang, die uns folgten. Sie hinterließen silberne Bögen in der
Luft, wenn sie durch die Öffnung auf ihrem Rücken Wasser aus-
bliesen und neues aufnahmen. Wir hätten niemals erwartet, hier,
viertausend Kilometer vom Meer entfernt, auf Tümmler zu tref-
fen.
Immer wenn wir anhielten, fischten einige Männer nach Piran-
has. Sie leben in großen Schwärmen. Brians Augen wurden riesen-
groß, als die Männer ihm die messerscharfen Zähne zeigten, die
einen Mann innerhalb von Minuten bis aufs Skelett abnagen kön-
nen. Noch größer allerdings wurden seine Augen, als sie ihm von
den elektrischen Aalen erzählten – die tödlichen Stromstöße, die
im selben Wasser lauerten – oder als sie auf drei Hubbel zeigten,
die wie ein schwimmendes Holzstück aussahen, in Wirklichkeit
aber Nase und Augen eines Alligators waren.
Währenddessen wusch Edith Windeln. Als sie sie an der Seite
des Schiffes auf die Leine gehängt hatte, bekam das Boot eine hei-
melige Note.
Nach jedem faszinierenden Tag umfingen uns mit Einbruch
der Nacht die Gerüche und Geräusche des Dschungels. Es war

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wie ein Landausflug nach einem schönen, warmen Regen. Wenn
die Kinder warm verpackt in ihren Hängematten lagen, saßen
Edith, Lyle und ich auf den Reissäcken, starrten in die tinten-
schwarze Dunkelheit und überlegten, was der Herr wohl noch
alles mit uns vorhatte.
Eine Palme, deren schwarze Umrisse vom monderleuchte-
ten Himmel abstachen, brachte eine romantische Stimmung auf.
In diesem Moment spürte ich das Verlangen, meiner Frau einen
Kuss zu geben, aber ich wagte es nicht. Wir waren von Menschen
anderer Nationalität umgeben, und als Missionare musste unser
Verhalten untadelig sein.
Aber wir spürten auch etwas Unheimliches in dieser undurch-
dringlichen Finsternis. Wir wussten, dass der Tod dort lauerte – in
vielfältiger Form. Die Mächte der Finsternis, gegen die zu kämp-
fen wir aufgerufen waren, waren fast greifbar.
Edith und ich verbrachten viel Zeit über unseren spanischen
Grammatikbüchern. Wir versuchten, so viel wie nur möglich von
der Sprache zu lernen, ehe wir in Cafetal eintrafen.
Eines Nachmittags – ich stand mit einem anderen Passagier
an der Reling – glaubte ich die Worte »gringo« (Fremder), »sal-
vajes« (Wilde) und »han matado« (haben getötet) zu hören. Ich rief
nach Lyle, der beides, Spanisch und Portugiesisch, sprach, erzählte
ihm von dem Gehörten und bat ihn zuzuhören, ob er herausfin-
den könnte, worum es ging.
Nach ein paar Minuten kam er zurück. Ja, die Gerüchte über
den Tod eines weißen Missionars liefen auch auf dem Boot um,
aber es war gegenüber dem, was wir aus Guajará-Mirim kannten,
nichts Neues.
Mir fuhr ein kalter Schauder über den Rücken. Wenn sich die
Gerüchte als wahr herausstellen sollten, war es klug oder über-
haupt möglich für uns, dort in Cafetal ganz allein zu bleiben?
Sollte unsere Arbeit für das Werk des Herrn behindert werden, be-
vor sie überhaupt begonnen hatte?
Um mich vor trüben und trostlosen Gedanken zu schützen,
wandte ich mich dem Fluss und der Beobachtung von Stachel-
rochen und Piranhas zu.

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Am dritten Reisetag etwa, als uns die immer wiederkehrende
Diät aus geschmacklosem Reis und Bohnen anzuöden begann, in-
formierte uns ein Besatzungsmitglied, dass wir an einer Siedlung
anhalten würden, um eine Kuh zu schlachten. Die Aussicht auf
frisches Fleisch ließ uns das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Und für die nächsten zwei Tage erfreuten wir uns zu jeder Mahl-
zeit an dem Luxus von frisch gekochtem Fleisch. Dann bemerk-
ten wir, dass der Kadaver an einer Stange aufgehängt aufbewahrt
wurde. Da das Boot keinen Kühlschrank besaß und die tropische
Hitze sehr intensiv brannte, wunderten wir uns, wie das Fleisch
vor dem Verderben bewahrt wurde.
Wir brauchten nicht lange, um es herauszufinden. Bald
wimmelte das Fleisch von Maden. Wir dachten nun, der Koch
würde es fortwerfen. Kein Gedanke! Wir sahen, wie er etliche
Steaks abschnitt, in die Bratpfanne warf, sorgfältig die Maden ab-
schabte, das Fleisch ein wenig pfefferte und es dann zusammen
mit Reis und Bohnen servierte. Zu diesem Zeitpunkt roch es schon
genauso wie die Stapel Trockenfleisch, die in unserer Nähe aufge-
türmt waren. Das genügte; kein »Frischfleisch« mehr für den Rest
dieser Reise. Edith sagte, sie könne kaum den Tag erwarten, an
dem sie wieder selbst kochen konnte.
Am Morgen des achten Tages rief der Lotse auf Portugiesisch
vom Dieselmotor aus (Lyle übersetzte für uns): »Wir werden vor
Einbruch der Dunkelheit in Cafetal sein.«
Aber die Stunden zogen sich; das Boot schien zu kriechen. Dies
war zweifellos der längste Tag unserer ganzen Reise. Ich konnte
mich nicht aufs Lesen konzentrieren. Ich hatte kein Interesse mehr
am Beobachten des Uferstreifens. Edith und ich saßen in unseren
Hängematten und stellten uns wieder und wieder dieselbe Frage:
»Werden wir Jim lebend antreffen?«
Sogar die Kinder spürten unsere Besorgtheit, wurden unruhig
und waren schwer zu bändigen. Ich versuchte die Eintönigkeit des
Wartens zu unterbrechen und nahm eine Dusche. Dieses Vorhaben
beinhaltete den Gang in die winzige Kabine, das Aufhängen der
Kleidung über einem Holzpflock, dann das Eintauchen der Zinn-
kanne in einen Eimer und das Verteilen des Wassers über sich, so

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gut man konnte. Das Ganze musste schnell vonstattengehen, denn
sonst konnte sich das Duschen in Anbetracht von Platzmangel und
hohen Temperaturen schnell in ein Dampfbad verwandeln.
Später am Nachmittag erreichte das Boot einen langen gerade
gestreckten Wasserteil, von dem wir ein ziemliches Stück nach
vorn überblicken konnten. Am Bug war eine kleine, dreieckige
Plattform. Dort bezogen Lyle, Edith und ich Posten. Der Lotse,
der genau auf der anderen Bugseite postiert war, rief uns hin und
wieder einige Ermunterungen zu. Schließlich hob er den Arm und
zeigte nach vorn. »Sie können es jetzt noch nicht sehen, aber un-
gefähr noch fünf Kilometer, und wir sind in Cafetal.«
Wir strengten unsere Augen an. Wir überlegten, was Jim wohl
anhaben könnte. Wir beschlossen, es müsste entweder ein weißes
T-Shirt oder ein grellbuntes Sporthemd sein, dazu eine Khaki-
hose.
Langsam schlichen die Kilometer dahin. Das palmgedeckte
Dach eines roten Lehmhauses schob sich ins Bild. Noch eines und
noch eines … dann eine Menschentraube auf einem hohen Steg.
Wir waren zu weit entfernt, um Jims Glatze zu entdecken. Wir
konnten auch keine hochgewachsene Figur ausmachen oder ein
T-Shirt oder Sporthemd. Mir sank das Herz. Ein Kloß saß mir im
Hals. Edith sah aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.
Noch mehr Häuser schoben sich ins Bild, dann noch mehr Men-
schen. Die Glocke ertönte; der Motor wurde gedrosselt; das Boot
glitt längsseits in Richtung Ufer. Die Menschengruppe kam jetzt
näher. Plötzlich sah ich eine Gestalt, die die anderen um Hauptes-
länge überragte, dann das unvermeidliche weiße T-Shirt. Ich rief
laut: »Da ist er, Schatz! Das ist unser guter, alter Jim! Und neben
ihm steht Helen!«
Edith hüpfte auf und ab, winkte wie verrückt. Uns kamen die
Tränen. Jim und Helen mussten uns ungefähr zur selben Zeit ent-
deckt haben, denn auch sie begannen aufgeregt zu winken.
Als das Boot anlegte, kamen sie den Landungssteg herunterge-
laufen, um uns willkommen zu heißen. Eine Unmenge Küsschen,
Drücken und Rückenklopfen! Wir waren so von Wiedersehens-
gefühlen bewegt, dass wir kaum von den geduldigen und freund-

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lichen Bolivianern Notiz nahmen, die unser Gepäck ausluden, es
die steile Uferböschung hinauftrugen und dann weiter zum Haus
von Jim und Helen.
Jetzt, da wir wussten, dass Jim in Sicherheit war, konnten wir
kaum erwarten, die ganze Geschichte zu hören, die zu den Ge-
rüchten über seinen Tod geführt hatte. Aber bis dahin mussten wir
uns noch eine Weile gedulden. Die Einwohner von Cafetal, neugie-
rig auf die Neuankömmlinge, schwärmten durchs Haus.
Wir sahen schnell ein, dass es noch eine Zeit dauern würde, bis
wir unser eigenes Haus haben würden. Wir würden bei Jim und
Helen bleiben müssen, bis wir ein eigenes bauen konnten.
Unsere Habseligkeiten waren gerade gefunden, als wir die
Bootsglocke dreimal klingeln hörten – volle Kraft voraus. Wir gin-
gen hinaus; das Boot war schon weit draußen in der breiten Fahr-
rinne des Flusses. Bald war es nur noch ein winziger Fleck am
Horizont.
»Wann wird es zurückkommen?«, fragte ich.
»In zwei Wochen«, antwortete einer unserer neuen bolivia-
nischen Nachbarn.
Ein unbekanntes, niederdrückendes Gefühl von Einsamkeit
und Abgeschnittensein machte sich in uns breit. Zum ersten Mal
erlebten wir wie die meisten Pioniere in der Missionsarbeit zum
einen oder anderen Zeitpunkt diese Erfahrung des völligen Iso-
liertseins. Jetzt waren wir wahrhaftig am Rand von nirgendwo,
vollkommen auf uns selbst gestellt, weit entfernt von jeglichen
Annehmlichkeiten und Zerstreuungen der Zivilisation, ohne
Verbindung zu unseren Lieben zu Hause. Wir konnten nur den
Herrn bitten, Frieden in unsere Herzen zu legen.
Helens fröhliche Stimme unterbrach unsere pessimistischen Ge-
dankengänge. »Das Abendessen wird bald fertig sein«, sagte sie.
Wie wir uns darauf freuten: die erste Abwechslung unserer täg-
lichen Reis-und-Bohnen-Diät!
»Ich fürchte allerdings, es fällt heute etwas mager aus«, sagte sie
entschuldigend. »Nur Bohnen und Apfelkompott. Heute sind wir
wirklich auf dem Boden unserer Speisekammer angekommen.«
Schon wieder Bohnen! Aber Helen schaffte es, sie so zu würzen,

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dass sie zumindest anders als die Bohnen auf dem Boot schmeck-
ten. Wir aßen alles auf, und mir lief in Erwartung des Apfelkom-
potts das Wasser im Mund zusammen. Jetzt war Helen noch mehr
verlegen. »Ich hoffe, ihr könnt es überhaupt essen«, sagte sie. »Ich
wusste ja, dass ihr vielleicht kommt, und versuchte nun den hal-
ben Nachmittag, die Würmer aus den Äpfeln herauszuholen. Aber
es waren einfach zu viele für mich. Am Ende musste ich aufgeben
und sie kochen – mit Würmern und allem. Ich hoffe, es macht euch
nicht allzu viel aus.«
Als ich das Schüsselchen vor mir stehen hatte, sah ich die Wür-
mer überdeutlich. Mein Magen drehte sich. Versteckt beobachtete
ich, was Jim und Helen taten. Sie aßen genussvoll das Apfelkom-
pott. »Wenn die beiden das können, kann ich es auch«, sagte ich
mir. Ich nahm einen Löffel, schaute nicht hin, versuchte gleichzei-
tig, an etwas anderes zu denken, und schaffte es so, das Kompott
herunterzuschlucken. Edith machte es genauso.
Ich wurde durch den Gedanken an die Vorräte, die wir mit-
gebracht hatten, aufrecht gehalten. Dies würde für einige Zeit die
letzte solcher Mahlzeiten sein.
Wir beendeten das Abendessen. Jim ging hinüber zum Feuer,
wählte einen rauchenden Scheit und legte ihn unter den Tisch
zu unseren Füßen. Ich überlegte, ob er zwischenzeitlich wohl
übergeschnappt war. Dann aber verstand ich, dass dies nichts
anderes war als gesunder Menschenverstand: Der Rauch ver-
jagte die Unmengen von Moskitos, die sich um unsere Knö-
chel und Beine scharten. Dies war unsere erste Begegnung mit
einer der vielen Arten von Insekten, die zu den ständigen Mit-
bewohnern unseres Hauses in Cafetal gehören würden. Tatsäch-
lich muss ich nach späteren Erfahrungen zusammenfassend sa-
gen, dass es nicht die großen Gefahren sind wie Schlangen,
Treibsand oder hinterlistige Wilde, die einen Missionspionier
so zermürben können, sondern das stets anwesende Heer von
kleinen Plagegeistern wie Moskitos, Ameisen, Kriechtiere und
stechende, beißende Mücken.
Jim lehnte sich zurück und machte es sich so bequem wie mög-
lich in einem handgemachten Stuhl. Was mich an ihm am meis-

51
ten beeindruckte, war seine Gelassenheit. Ruhig und distanziert
erzählte er von Ereignissen, die einem die Haare zu Berge stehen
ließen, immer gewürzt mit Prisen von trockenem Humor. Er war
frühzeitig kahl geworden, wahrscheinlich ein Resultat seiner Er-
fahrungen in der Militärzeit – Erfahrungen, über die er niemals
sprach – und sah zehn Jahre älter aus als seine ungefähr achtund-
zwanzig Jahre.
Der Strom der bolivianischen Besucher war versiegt. Wir wa-
ren allein und schwiegen. Während das flackernde Licht der Ke-
rosinlampe unsere langen Schatten an die Wand warf, begann Jim
zu erzählen. Endlich würden wir seine Geschichte hören – all das,
was geschehen war, seit wir uns vor zwei Jahren in den Staaten das
letzte Mal gesehen hatten.
»Ich werde ganz von vorn anfangen«, sagte er, »mit dem Tag,
an dem ich von Robore aus mit dieser kleinen Stinson-Maschine
gestartet bin. Mel Wyma flog die Maschine. Wir brauchten einige
Stunden bis hierher, aber wir hatten einen guten Flug. Die Lande-
bahn hier war neu; Mel rauschte zwei- oder dreimal darüber, und
es sah gut aus, also machten wir uns keine Sorgen. Solange Mel bei
mir war, ging es mir gut, aber nach ein paar Tagen musste er wei-
terfliegen und ließ mich allein zurück. Glaubt mir, ich habe mich
noch niemals so verlassen gefühlt. Ich sprach nur wenige Worte
Spanisch, also verstand ich nicht, was die Leute mir sagen wollten,
und so konnte ich mich auch nicht verständlich machen. Meine
Fantasie ging mit mir durch. Ich war überzeugt, dass die Nach-
barn mir etwas antun wollten. Oh, wie wünschte ich, Helen würde
kommen und mir helfen.«
»Ihr erinnert euch vielleicht«, warf Helen ein, »ich bin doch
vorher einige Zeit in Mexiko gewesen und spreche ganz gut Spa-
nisch.«
»Abgesehen davon«, fuhr Jim fort, »brauchte ich einfach je-
manden, mit dem ich reden konnte. Ich sage euch, ich war völlig
verzweifelt. Ab und zu kam unser österreichischer Freund Frede-
rico aus dem Dschungel zu Besuch. Er spricht Englisch, und so war
er ein Trost; außerdem bekam ich eine Menge Informationen von
ihm. Ich weiß allerdings nicht, wie zuverlässig sie sind.

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Eines Tages brachte das Postboot, das zweimal im Monat hier
hält, Vorräte. Es war auf dem Weg nach Mato Grosso in Brasilien. Es
machte eine lange Pause. Wisst ihr, hier in Cafetal ist das, was man
Zivilisation nennt, zu Ende. Beim nächsten Halt in Mato Grosso
wird der Faden wieder aufgenommen und nach Ost- und Süd-
brasilien weitergetragen. Zwei Tage von hier entfernt sind einige
Siedlungen von Gummiarbeitern. Drei Tage danach befindest du
dich bereits im Herzen von wildem, vollkommen unerforschtem
Gebiet – genannt die ›Grüne Hölle‹. Ihr habt von Oberst Fawcett
gelesen, oder? Der britische Forscher, der 1925 spurlos verschwun-
den ist?« Ich nickte. »Er ist dort verschwunden. Ein ungelöstes Ge-
heimnis. Niemand weiß, was aus ihm wurde. Die Gerüchte sagen,
dass er von Indianern umgebracht wurde.«
Ich schluckte hart. »Und das sind die Stämme, die wir mit dem
Evangelium erreichen wollen?«
Jim nickte.
»Manche von ihnen. Diese sind die Nhambiguaras. Man weiß
so gut wie nichts über sie, außer dass sie heute noch so leben wie
in der Steinzeit. Sie haben sogar immer noch Steinäxte. Mancher
Gummiarbeiter sieht ab und zu einen Schatten von ihnen nackt
herumlaufen. Oder er sieht gar nichts, und man findet seinen
Körper gespickt mit Pfeilen. Aber diese Indianer kommen nie
nahe genug, um mit ihnen zu sprechen. Alles, was wir haben, sind
Gerüchte … Aber jetzt wieder zurück zu meiner Geschichte: Fre-
derico war wieder zurück im Busch zum Goldwaschen an den
Sansimoniano-Bergen. Ich war an dem Punkt angekommen, an
dem ich es kaum noch aushalten konnte. Ich war schon fast ent-
schlossen, mit dem nächsten Postboot, das, von Mato Grosso kom-
mend, anlegen würde, zurück nach Guajará-Mirim zu fahren und
dann entweder zusammen mit Helen und euch zurückzukehren
oder nie mehr hierherzukommen.
Aber als das Boot eintraf, brachte es eine Neuigkeit mit, die je-
den Gedanken an Aufgabe in mir verschwinden ließ. Zu diesem
Zeitpunkt wegzugehen, hätte wie eine Flucht ausgesehen. Auch
Frederico war zurückgekommen, was für mich ein Trost war.
Hier kommt die Geschichte, die Frederico für mich über-

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setzte. Als das Postboot ungefähr drei Tage, nachdem es von hier
abgefahren war, das Gebiet der Nhambiguara-Indiander durch-
querte, traf es plötzlich auf eine Barrikade, die fast den ganzen
Fluss überspannte. An der Art, wie sie gefertigt war – kleine
Stämme ins Flussbett gerammt und mit seilartigen Rindenstücken
verbunden –, erkannten sie indianische Handarbeit. Die Passa-
giere bekamen panische Angst. Sie dachten, sie würden überfallen.
Ein schmales Stück auf der einen Flussseite war noch frei, das Was-
ser ungefähr brusthoch, sodass das Boot nur mit Mühe hindurch-
fahren konnte. Als das Boot es geschafft hatte, entfernten einige
der Besatzungsmitglieder mit Lassos einen Teil der Barrikade.«
Wir saßen voller Spannung nach vorn gebeugt und hingen
an Jims Lippen. Genau in diesem Augenblick zischte die Lampe,
gluckste, spuckte und verlosch fast. Wir schraken zusammen.
Helen und Edith kreischten. Dann sahen wir, dass nur eine große
Motte in die Flamme geraten war. Wir lachten, und Jim fuhr mit
seiner Erzählung fort:
»Einige Tage später, als das Boot wieder an dieselbe Stelle kam,
war die Barrikade nicht nur wiederhergestellt, sondern jetzt staken
Speere daraus hervor, genau in Deckhöhe. Wenn sie nachts dort
angekommen wären, wäre das gefährlich geworden. Wieder beka-
men die Passagiere es mit der Angst zu tun.
Ungefähr zehn Meilen weiter flussabwärts begegneten sie ei-
nem bolivianischen Jungen in einem Einbaum, der nur mit einem
Arm paddelte. Er schien verwundet zu sein. Als das Postboot nä-
her kam, entdeckten sie auf dem Boden des Einbaums einen Kör-
per – einen toten Mann mit vier oder fünf Pfeilen in der Brust. Die
Besatzung nahm den Jungen an Bord. Ihm steckte immer noch ein
Pfeil in der Seite. Glücklicherweise war er nicht vergiftet. Während
sie den Pfeil entfernten und die Wunde versorgten, erzählte der
Junge, was passiert war.
Er war mit einem älteren Gummiarbeiter aufgebrochen, um
Schildkröteneier zu suchen. Sie wollten sich gerade wieder auf
den Rückweg begeben, als einige Wilde aus dem Unterholz auf-
tauchten. Der Junge saß schon im Boot. Der Ältere sprang hinein,
um es vom Ufer abzustoßen, und rief dem Jungen zu, er solle ins

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Wasser springen. Der Junge gehorchte, und das hat ihm vermut-
lich das Leben gerettet. Er hörte einige Schüsse. Der ältere Mann,
dem schlagartig einfiel, dass er eine Pistole bei sich hatte, gab
mehrere Schüsse auf die Indianer ab, um sie zu verjagen. Aber es
war schon zu spät, er war bereits gespickt mit Pfeilen. Der Junge
half dem Älteren in den Einbaum und stieß ab zur Flussmitte.
Der Mann starb nach wenigen Minuten.
Ein Pfeil hatte den Jungen erwischt. Er paddelte mit einem Arm
und ließ sich treiben, bis wir ihn fanden. Das Boot legte dann in
Rio Cabixi an, einer kleinen Siedlung von Gummiarbeitern. Dort
wurde der Mann begraben, und der Junge blieb dort, um gesund
zu werden.«
Jim verstummte. Rauchfahnen von dem Holzscheit kräuselten
sich über dem Tisch. Hinter uns brummten und summten ärger-
liche Schwärme von Moskitos, deren Angriffspläne vereitelt wa-
ren.
»Ich nehme an«, sagte Jim, »dass dies der Ausgangspunkt für
die Gerüchte war, dass ich tot sei. Vielleicht auch, weil die Stelle,
an der dies geschah, nahe der Stelle ist, wo 1925 drei Missionare
getötet worden waren. Aber wie das Gerücht nach Guajará-
Mirim gelangt ist, werden wir wohl nie erfahren.«
Jetzt nahm Helen den Faden auf.
»Die Bootsfahrt hierher werde ich wohl so schnell auch nicht
vergessen«, sagte sie. »Ich war die einzige Frau an Bord. Die Män-
ner waren zwar alle sehr zuvorkommend zu mir, aber ich fühlte
mich doch sehr allein. Dreizehn Tage dauerte die Fahrt – dreizehn
Tage warten und grübeln, Ungewissheit, ob ich Jim je wiedersehen
würde. Ich erlaubte mir nicht, darüber zu viel nachzudenken. Ich
setzte mein Vertrauen auf den Herrn.
Aber ihr könnt euch den Augenblick nicht vorstellen, als ich
ihn da stehen sah, wie er nach mir Ausschau hielt. Ich fiel ihm nur
um den Hals und küsste und küsste ihn. Mir war egal, was die
Bolivianer dachten. Meine Gefühle konnten einfach nicht länger
warten.«
Genau in diesem Moment hörten wir ein ohrenbetäubendes
Schnauben ganz in der Nähe. Wir bekamen alle einen Riesen-

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schreck. Als wir uns wieder beruhigt hatten, stellten wir fest, dass
es nur eine alte Kuh gewesen war, die den Kopf durchs offene
Fenster gesteckt und geniest hatte.
»Ihr werdet euch an solche kleinen Überraschungen wie diese
hier gewöhnen«, sagte Jim, immer noch glucksend.
Nachdem unsere Neugier gestillt war, überkam uns Müdigkeit.
Wir sagten »Gute Nacht« und machten uns auf, um seit über einer
Woche den Schlaf in einem richtigen Bett zu genießen.
Am nächsten Vormittag erkundeten wir das Dorf, das unser
Zuhause werden sollte. Es war nicht viel mehr als eine Lichtung
im Dschungel. Ungefähr dreizehn palmblattgedeckte Häuser stan-
den aufgereiht am Flussufer. Die rote Erde der Wege und Gärten
stand in scharfem Kontrast zum satten Grün des Dschungelhinter-
grundes. Rankende Gewächse bildeten lebende grüne Wände, die
geduldig darauf zu warten schienen, alles zu überwuchern. Nicht
lange, und unsere Kleidung hatte einen leichten Rotstich, den man
kaum herauswaschen konnte.
Edith ging mit Helen zu unseren Nachbarn und stellte sich vor.
Die Dorfgemeinde bestand hauptsächlich aus Frauen und Kin-
dern. Die Männer waren fast immer im Dschungel auf der Suche
nach wilden Gummibäumen. Alle zwei bis drei Monate, gewöhn-
lich vor Feiertagen, würden sie grölend nach Hause kommen. Das
Chaos brach los. Das ganze Dorf verfiel in wüste Tanz- und Trink-
gelage. Manchmal endeten die Feierlichkeiten mit einer Schieße-
rei. (Einmal, etwa ein Jahr nach unserer Ankunft, versteckte sich
der Bedrohte bei einer solchen Schießerei hinter unserem Haus.
Durchs Fenster konnten wir die Kugeln den Staub aufwirbeln se-
hen, als sie über den Boden zischten.) Es gibt kein Gesetz vertreten
durch Polizei oder Regierung in einer kleinen Dschungelsiedlung.
Das einzige Gesetz ist »die Faust, die Peitsche oder der Colt«.
Langsames Trommeln aus der Ferne, begleitet von Pfeifkon-
zerten, kündigte gewöhnlich den Beginn solcher Feste an. Wir Mis-
sionare blieben dann in der Nähe unserer Häuser, bis alles vorüber
war.
Die Geschichte dieser Familien ist traurig. Die meisten der Män-
ner waren vor Jahren aus Städten oder Farmen der zivilisierteren

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Welt hierhergekommen, angelockt durch Träume und Gerüchte
vom schnellen und sagenhaften Reichtum, der den Abenteurer in
der »Grünen Hölle« des Dschungels erwartet. Es gab Erzählungen
von verborgenen Inkaschätzen, Diamanten so groß wie eine Fin-
gerkuppe oder seltenen Metallen und Edelsteinen. Etwas beschei-
dener hofften sie vielleicht pualha zu finden, eine wilde Pflanze,
deren Wurzeln ein Narkotikum enthält, das auf dem Rauschgift-
markt hohe Preise erzielt.
Da diese Träume sich als Schäume erwiesen, mussten die Män-
ner sich ihren Lebensunterhalt erarbeiten. Der einzige Weg, ein
gesichertes Einkommen zu erzielen, bestand in der Suche nach
Gummi. Einige reiche patrones kontrollierten das Gewerbe. Alle
anderen arbeiteten für ein paar Penny pro Tag und führten ein re-
gelrechtes Sklavenleben. Ein paar patrones lebten auch in Cafetal.
Aber weltliche Luxusgüter waren hier so rar, dass man zwischen
den Häusern der Reichen und denen der Armen kaum einen Un-
terschied entdecken konnte. Alle bis auf eines, das einem patrone
gehörte, hatten nackte Lehmfußböden, rote Lehmwände und wa-
ren sehr karg möbliert. Die Menschen aber waren meist freundlich,
großzügig und hilfsbereit.
Das Haus eines Wohlhabenden hatte vielleicht drei oder vier
Stühle mit geraden Rückenlehnen, eine Hängematte, einen kleinen
Tisch und eine Nähmaschine im Wohnzimmer. Ein einziger hatte
einen Kerosin-Kühlschrank; zwei oder drei andere besaßen einen
Außenbordmotor. Durch diese Besitztümer galten sie als reich.
Die Frauen kochten über offenem Feuer auf dem Boden. Zwei
Kessel und eine Bratpfanne waren die Küchenausstattung. Für
diese Frauen war es der Gipfel an Reichtum, sich auf dem pri-
vaten Handelsboot, das etwa alle zwei Monate vorbeikam, ein Paar
Schuhe kaufen zu können. Sie schonten ihre Schuhe und trugen sie
nur sonntags. Die übrige Zeit trugen sie Sandalen oder liefen bar-
fuß. All ihre weltliche Habe hatte in einer Schublade Platz. Aber
alle legten großen Wert auf Sauberkeit. Wann immer sie ausgin-
gen, trugen sie ihre Sonntagskleider.
Das Spielzeug unserer Kinder wurde zum Stadtgespräch. Die
Frauen kamen in Grüppchen, um Connies Puppe zu bewundern,

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die eine Gummihaut hatte und die Augen öffnen und schließen
konnte. Brians mechanische Ente, die quaken konnte und die Flü-
gel auf und ab bewegte, um auf eine winzige Trommel zu schlagen,
wurde maßlos bestaunt. Die Erwachsenen kamen und fragten, ob
sie das Tier einmal über den Lehmfußboden ziehen durften.
In vielen Haushalten gab es Trauer wegen anhaltender Krank-
heit oder Todesfällen bei den Kindern. Es tat uns von Herzen weh,
denn viele hätten durch einfache Medikamente oder die richtige
Behandlung gerettet werden können. Aber so etwas war hier nicht
zu bekommen.
Die Romantik und das Abenteuerliche unserer ersten Missio-
narstage waren bald zu Ende. Reisen, jeden Tag neue Eindrücke,
Bilder und Geräusche – all das war vorbei. Die Arbeit, die uns hier-
hergebracht hatte – das Erreichen der wilden Stämme –, lag im-
mer noch in der Zukunft. Unsere augenblickliche Sorge war es,
uns so gut wie möglich einzurichten, uns an die täglichen Un-
annehmlichkeiten und Entbehrungen zu gewöhnen und uns so
gut wie möglich an diese neue Art von Leben in einem fremden
Land anzupassen.

58
Speerspitzen

In zwei Monaten, dachten wir, würden wir mit dem Bau unseres
eigenen Hauses fertig sein; wir konnten die Gastfreundschaft von
Jim und Helen nicht unbegrenzt in Anspruch nehmen. Da ich kein
Geld hatte, konnte ich keine Hilfskräfte einstellen. Aber glück-
licherweise war es hier viel einfacher, ein Haus zu bauen, als in den
Staaten. Man muss nur etwa drei Meter hohe Pfähle aufstellen, die
die Querbalken stützen, auf denen das Dach ruht. Um eine Wand
zu bekommen, setzt man dazwischen senkrechte Stäbe im Abstand
von etwa einem halben Meter, die mit waagerechten Bambusstrei-
fen verbunden werden. Dies ist das Skelett. Als Nächstes werden
die Zwischenräume mit Lehm gefüllt, der getrocknet fast so hart
ist wie Zement. Natürlich bleiben Öffnungen für Fenster und Tü-
ren. Dann holt man Hunderte von Palmblättern aus dem Dschun-
gel, bindet sie an die Stäbe, die wie Rippen von den Wänden bis
zur Dachspitze reichen, und fertig ist das Dach. Um den Fußbo-
den herzustellen, rutscht man nur in Unmengen nassen Lehms
herum, trampelt hier fest, glättet dort und lässt alles trocknen. Ei-
nen Vorteil hat das Ganze – keine Hausfrau macht sich je Sorgen
um Schmutz, den Besucher oder Kinder ins Haus tragen könnten.
Ich hatte einige Werkzeuge, hauptsächlich eine Axt, eine Säge
und eine Machete. Damit baute ich zuerst eine Schubkarre mit
einem mehr oder weniger runden Rad, das ich aus einem soliden
Stück Holz schnitt. Dann konnte die Arbeit beginnen. Ich musste oft
lächeln bei dem Gedanken, dass wir jetzt wohl sehr ähnlich lebten
wie unsere Vorfahren, die Pioniere. Ich baute einen gut funktionie-

59
renden Herd für Edith aus selbst gemachten Lehmziegeln, die ich
in der Sonne trocknen ließ und dann mit weiterem Lehm anstelle
von Mörtel zusammensetzte.
Drei Monate, nachdem wir begonnen hatten, war unser Haus
endlich fertig, und es war für uns alle ein glücklicher Tag, an dem
unser Familienleben unter eigenem Dach begann.
Edith kochte viele schmackhafte Mahlzeiten auf dem Holzofen.
Eine Zeit lang ernährten wir uns sehr gut von unseren Vorräten;
aber sie waren in bestürzender Geschwindigkeit aufgebraucht.
Wir dachten, wir könnten innerhalb von zwei Monaten unsere Be-
stände durch eine Lieferung aus Cochabamba aufgefüllt bekom-
men, aber drei Monate vergingen, und wir warteten immer noch.
Jetzt hatten wir fast gar nichts mehr. Es gab hier keinen Laden, in
dem man etwas kaufen konnte. Zwei Wochen lang lebten wir sehr
eingeschränkt. Aber Nachbarn brachten uns Yucca, Bananen oder
frischen Mais, und wir kamen zurecht.
Was wir nicht erwartet hatten, war die stattliche Anzahl ver-
schiedenster Insekten und Reptilien, die zusammen mit uns freu-
dig einzogen. Wir gewöhnten uns mehr oder weniger an die allzeit
präsenten Moskitos. Wir lernten, unsere Schuhe und Socken mor-
gens vor dem Anziehen auszuschütteln, um die roten Skorpione
zu entfernen, die sich gern dort versteckten und deren Stich sehr
schmerzhaft ist. Edith konnte sich jedoch nicht an die Küchenscha-
ben gewöhnen. Sie sah stets angewidert drein, wenn sie zufällig
auf eine trat, was häufig vorkam. Vielleicht war es ein Überbleib-
sel aus ihrer Jugend im Mittleren Westen, wo die Anwesenheit von
Küchenschaben immer als Zeichen schlechter Haushaltsführung
angesehen wurde. In den Tropen muss man lernen, sie als unver-
meidbare Gäste zu akzeptieren.
Wir lernten, nach giftigen Schlangen Ausschau zu halten. In der
Gegend gab es einige mit tödlichem Gift: die kleine leuchtend ge-
streifte Korallenschlange, eine kleine grüne Schlange (deren Na-
men ich immer wieder vergesse) und die unscheinbare, aber töd-
liche, bräunliche Yoperrohobobo.
Wir achteten besonders auf die Yoperrohobobo, nachdem
Helen uns erzählt hatte, was ihr einmal passiert war. Sie lag auf

60
dem Bett und entspannte sich, als sie einen Bolivianer bemerkte,
der sie durchs Fenster beobachtete. Sie empfand das als unver-
schämt und wollte aufspringen, um ihm die Meinung zu sagen.
Stattdessen schrie er, sie solle bleiben, wo sie war und sich nicht
bewegen. Er kam schnell ins Haus, eine Machete in der Hand, hieb
mehrmals unter das Bett und tötete eine Yoperrohobobo, die dort
bereit zum Stoß aufgerollt gelegen hatte.
Eines Nachmittags rief Connie, die im Garten spielte: »Oh,
Mami und Papi! Guckt mal, was ich gefunden habe!«
Ich lief zur Tür. Sie lachte und sprang wild umher, eine un-
gefähr fünfzig Zentimeter lange Schlange am Schwanzende umher-
schwingend. Ich stand nah genug, um die typische Zeichnung der
Yoperrohobobo zu erkennen. Mein Herz sank in die Schuhsohlen.
Neben mir stand Edith völlig erstarrt, unfähig, einen Ton zu sagen.
»Lass los! Lass los!«, schrie ich und durchquerte den Garten in
einem Satz. Als ich sie erreichte, sah ich, dass die Schlange einen
Frosch halb im Schlund stecken hatte – der einzige Grund, wes-
wegen sie nicht hatte zubeißen können. Ich dankte dem Herrn über-
schwänglich. Nur sein Schutz hatte Connie bewahrt. Wir schärften
ihr ein, nie mehr fremde Schlangen oder Käfer anzufassen.
Einige Wochen später tranken wir abends mit einer bolivia-
nischen Nachbarin eine Tasse Kaffee in unserem Wohnzimmer, als
sie plötzlich ihre Tasse abstellte und überrascht ein spanisches Wort
schrie. Ich folgte ihrem Blick hin zur gegenüberliegenden Wand,
wo unterhalb des Dachsparrens einige Zentimeter offen lagen.
Wie ein lebender Wasserfall strömten durch die Ritze ganze
Armeen schwarzer Ameisen.
»Gasolina! Gasolina!1«, rief die Frau. »Das ist das einzige Mit-
tel, um sie aufzuhalten.« Sie sprang auf, hielt dann aber inne.
»Nein – Moment – das können Sie nicht tun. Sie könnten das Haus
in Brand setzen. Beeilen Sie sich. Wecken Sie die Kinder. Sie müs-
sen hier raus!«
Wir schnappten die verschlafenen Kinder aus ihren Betten und
eilten die hundert Meter hinüber zum Haus der Ostewigs. Wir

1 Benzin

61
mussten immer wieder stehen bleiben, um zu stampfen und die
echten oder eingebildeten Ameisen loszuwerden, die wir unsere
Beine hinaufkrabbeln fühlten.
Am nächsten Morgen in aller Frühe kehrten wir nach Hause zu-
rück, gespannt, was wir wohl vorfinden würden. Keine Bewegung,
kein Ton. Unsere Lebensmittel, die wir in dicht schließenden Zinn-
behältern aufbewahrten, und unsere Kleidung waren unversehrt.
Aber die Ameisen hatten jedes lebende Wesen, das sie vorgefunden
hatten, getötet und die Überreste mitgenommen – Fledermäuse,
Mäuse, Spinnen, Küchenschaben und Skorpione. Einer unserer
Nachbarn, der vorbeikam, versicherte uns, dass wir für ungefähr
ein Jahr keinen weiteren Besuch der Ameisen zu erwarten hätten.
Eine Weile führten wir nun ein friedliches Leben, absolut frei
von jeglichem Ungeziefer – bis nach einiger Zeit alle wieder ein-
zogen. Ich entwickelte richtig freundschaftliche Gefühle gegen-
über den Ameisen. Sie hatten das Haus perfekt gesäubert, eine Ar-
beit, die wir nie hätten erledigen können. Ich sollte ihnen aller-
dings ganz andere Gefühle entgegenbringen, als ich später wieder
mit ihnen zusammentraf.
Die Wochen vergingen. Jim und ich begannen ungeduldig zu
werden. Wir hatten nicht vergessen, dass wir aus einem ganz be-
stimmten Grund hier waren – den Eingeborenen, die niemals von
Jesus Christus gehört hatten, Gottes Wort zu bringen. Wir über-
prüften die vor uns liegenden Schritte noch einmal: Zuerst muss-
ten wir die Stämme ausfindig machen; danach mussten wir ihre
Freundschaft und ihr Vertrauen gewinnen (dies bedeutete die völ-
lige Umkehr einer langjährigen Geschichte von Kriegen mit dem
weißen Mann). Dann würden wir ihre Sprache lernen müssen; und
schließlich konnten wir hoffen, ihnen das Evangelium zu erzählen
und christliche Lebensweise nahezubringen.
Dieses Vorhaben würde Monate in Anspruch nehmen, viel-
leicht sogar Jahre – vielleicht würden wir nie die Freude haben,
die Früchte unserer Arbeit zu sehen, sondern das bliebe vielleicht
denen vorbehalten, die nach uns kamen. Aber all dies nahm uns
nicht den Mut. Wir wussten, dass es die normale Bürde war, die
jeder Pionier auf dem Missionsgebiet zu tragen hatte.

62
Was uns allerdings störte, war die Tatsache, dass wir so lange
brauchten, um anfangen zu können. In der Nachbarschaft gab es
leider keinen erfahrenen Missionar, der uns mit Rat und Tat hätte
zur Seite stehen können. Wir hatten keine schriftlichen Berichte,
keine Landkarten oder wenigstens mündliche Informationen über
die Stämme, zu denen wir vordringen wollten. Dies war wirklich
die Frontlinie, auch die Frontlinie all der Mächte, die gegen uns
kämpften, sowohl physisch als auch psychisch.
Und so suchten wir die Informationen dort, wo wir sie einzig
bekommen konnten. Wenn die Gummiarbeiter aus dem Busch zu-
rückkehrten, kamen sie oft herüber zu einem langen Abend mit
bolivianischem Kaffee (und Ediths Plätzchen). Nach den Mona-
ten der Einsamkeit, die hinter ihnen lagen, war es nicht schwer,
sie zum Erzählen zu bringen. Dann war es an uns, die Köpfe zu-
sammenzustecken und die Tatsachen von Fantasie und wilden Ein-
bildungen zu trennen. Von Letzteren gab es genug, um den Eifer
eines jeden Missionars zu dämpfen: Die Stämme lebten in einem
unerklärten Kriegszustand mit den übrigen Menschen. Die Män-
ner sagten, es gebe keinen Zweifel, dass sie Kannibalen seien.
Unsere gesellschaftlichen Abende waren sehr zeitaufwen-
dig. Stunden oberflächlicher Unterhaltung konnten zu einer win-
zigen Spur, zu einer verlässlichen Information führen. Zusammen-
genommen lernten wir aber eine Menge nützlicher Dinge. Zum
Beispiel, dass wir unsere Zeiteinteilung nicht an Tagen oder Wo-
chen orientieren mussten, sondern an Jahreszeiten. Bestimmte
Stämme konnten beispielsweise am besten während der Trocken-
zeit erreicht werden (April bis November), andere wiederum,
wenn der Fluss Hochwasser führte. (Die Überlieferungen, die wir
von diesen Dschungelveteranen mitbekamen, retteten uns buch-
stäblich mehr als einmal das Leben.)
Typisch für unsere Informanten war ein alter, knorriger pa-
trone namens Don Juan Camacho, der an seinem ersten Tag, als er
zurück aus dem Dschungel kam, den Abend gleich mit uns ver-
brachte. Don Juan schien sich schon vor einer Fliege zu fürch-
ten. Er hatte fast alle Zähne verloren, und seine Lippen waren ein-
gesunken, kurz, er wirkte vollkommen harmlos und vertrottelt.

63
Er hatte ein paar Augengläser, von denen wir annahmen, dass er
sie trug, um würdevoller auszusehen. Er trug seine über sechzig
Jahre mit viel Würde, wenn er so den Weg entlangtrottete, die wei-
ten Hosenbeine in die Schäfte seiner Stiefel gestopft. Er hatte noch
Untergebene, die für ihn arbeiteten, irgendwo draußen, am Rande
von nirgendwo. Aber da er wirtschaftlich überlebt hatte, wussten
wir, dass er beides besaß: Zähigkeit und Erfahrung.
Ich versuchte ihm natürlich den Zweck unserer Mission zu er-
klären. Seine schwarzen Augen sahen mich ungläubig an; ein mit-
leidiges, amüsiertes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Die
Sicht der Mission war so extrem anders als seine eigene, dass er es
kaum begreifen konnte. Aus seiner Hemdtasche zog er ein Zigaret-
tenpapier und griff dann in einen kleinen gummibezogenen Beu-
tel nach seinem scharf und vergammelt riechenden Tabak. Wäh-
rend er seine Zigarette rollte, konnte er sich eine Randbemerkung
nicht verkneifen. »Ihr Evangelischen raucht doch nicht, oder? Ich
finde es auch nicht richtig, muss es aber tun, um die Moskitos zu
verscheuchen. Asi es (so ist es).« Ich sah mich nach Moskitos um,
konnte aber keine entdecken. Jim und ich schmunzelten, als er
weitersprach.
»Sie sollten keine Schwierigkeiten haben, wilde Indianer zu fin-
den«, sagte er. »Gar nicht weit von hier, ungefähr drei Tage den
Guaporé-Fluss hinauf, in der Nähe von Paradon – dem roten Cliff –
sind die Nhambiguaras. Sie haben diese Barrikade ins Wasser ge-
setzt, wissen Sie.«
Ich muss wohl leuchtende Augen bekommen haben, denn plötz-
lich sagte er: »Aber ich glaube, Sie wären verrückt, es zu versuchen.
Lassen Sie das lieber, ja? Bleiben Sie besser hier und bekehren Sie
uns. Ich möchte Sie nicht eines Tages aus dem Fluss fischen.«
Don Juan bemerkte offensichtlich, dass seine Worte die ge-
wünschte Wirkung verfehlten, denn seine Stimme wurde lauter,
und er lehnte sich nach vorn: »Vielleicht glauben Sie, weil diese
Nhambiguaras Eingeborene sind, hätten Sie es mit Kindern zu tun,
stimmt’s? Na, ich kann Ihnen sagen – die sind gerissen –, viel geris-
sener als unsereins. Sie sind wie Schatten, wie Nebel. Sie werden nie-
mals gesehen, außer wenn sie es wollen. Aber gut – ich werde Ihnen

64
eine Geschichte erzählen, eine wahre Geschichte, die vor gar nicht
langer Zeit passiert ist und die Ihnen zeigen wird, was ich meine.
Ein Haufen Gummiarbeiter – Leute, die ich kenne, ungefähr elf
waren es – gingen auf die Jagd nach Schildkröteneiern. Sie wollten
ins Nhambiguara-Gebiet, also nahmen sie zum Schutz jeder ei-
nen Hund mit – elf Hunde. Außerdem haben sie alle Pistolen. Man
geht nicht in den Dschungel ohne Pistole. Elf Männer, elf Hunde,
elf Pistolen. Die erste Nacht halten sie nicht weit vom Fluss Rast.
Sie alle klettern in ihre Hängematten. Sie alle legen ihre Pistolen
unter die Hängematte in Reichweite auf den Boden. Die Hunde
schlafen in der Nähe. Alles ruhig, alles friedlich.
Am Morgen wachen sie auf, fühlen sich wohl nach der gut
durchgeschlafenen Nacht. Sie reiben sich die Augen und sehen sich
um. Nichts! Alles ratzekahl leer – Verpflegung, Töpfe, Äxte, Mache-
ten – alles weg. Sogar die Pistolen sind unter ihren Hängematten
weggenommen worden. Und nicht ein einziger Hund hat gebellt.«
»Sera?« (Kann das sein?), fragte ich. (Später wurde diese Ge-
schichte von anderen bestätigt.)
»In dem Moment hören sie schallendes Gelächter. Gegenüber
am Fluss auf einer Sandbank sehen sie ein paar Nhambiguaras, die
mit ihren Pistolen winken; sie kringeln sich, lachen sich krank.«
Der patrone legte eine Pause ein, um seine Zigarette wieder an-
zuzünden, die in der Zwischenzeit ausgegangen war. »Asi es«,
nickte er. »Es geschieht einfach so. Das ist wahr. Vielleicht gibt
Ihnen das eine Vorstellung, mit was für Menschen Sie es zu tun
haben werden. Keine Kinder, oder? Sie sind raffiniert. Unauffäl-
lig wie Schatten.«
Sein wettergegerbtes Gesicht war ernst.
»Eines muss ich Ihnen noch sagen, solange ich noch dran
denke – das heißt, sofern Sie auf Ihrer Unvernunft bestehen. Wenn
Sie sich jemals einem ihrer Lager oder Dörfer nähern und Sie fin-
den auf Ihrem Pfad einen Pfeil – dann gehen Sie nicht weiter. Hal-
ten Sie nicht an, um herauszufinden, was das bedeutet. Suchen
Sie nur das Weite, so schnell Sie können. Wissen Sie, auf ihre Art
sind sie Gentlemen. Das ist ihre Warnung. Sie sagen Ihnen, dass
Sie nicht willkommen sind – und wenn Sie nicht sofort umkehren,

65
wird man Sie töten.« Ich sollte mich an diese Warnung noch über-
deutlich erinnern.
Wir befragten ihn auch zu anderen Stämmen. Nun, da gibt es
noch die Sansimonianos, noch ein primitiver Stamm, angesiedelt
jenseits der Ebene hinter den Bergen, ungefähr achtzig Kilometer
westlich.
»Vor vierzehn Jahren ungefähr«, sagte der patrone, »gab es einen
Krieg – eine offene Schlacht – Pistolen und Kugeln gegen Pfeil und
Bogen. Die Indianer griffen einen kleinen Vorposten der Gummi-
arbeiter an. Die Gummiarbeiter gewannen. Sie töteten eine Reihe
von Wilden. Sieben wurden gefangen genommen und als Diener
hierhergebracht.«
Ich spitzte die Ohren.
»Seit damals – nichts«, fuhr der patrone fort. »Obwohl sie so nah
sind, weiß man nichts von ihnen. Nur hin und wieder Pfeile aus
dem Dickicht, wenn irgendein Gummiarbeiter zu weit in die Wild-
nis vorstößt. Asi es.«
Ich hatte jetzt Gelegenheit zu einer Frage. »Und was wurde aus
den sieben, die hierhergebracht wurden?«
»Tot – alle schon lange tot. Krankheiten der Weißen.« Er zog an
seiner Zigarette und dachte kurz nach. »Oder, Moment mal. Nein.
Einer lebt noch hier – obwohl er sich ziemlich abseits hält.«
»Sie meinen, hier in Cafetal?«
»Ja. Hier in Cafetal. Also warum erzähle ich Ihnen von den San-
simonianos, wenn Sie von ihm Direktinformationen haben kön-
nen?«
Angewidert zerdrückte er seine Zigarette, die immer wieder
ausging. Er stand auf, um sich zu verabschieden. Unsere Köpfe
rauchten. Wie viel von dem, was er uns erzählt hatte, war wahr?
(Zum Beispiel die Geschichte von den zwei Jägern, die sich auf
einen Baumstamm setzten, um sich auszuruhen, und plötzlich
merkten, dass der Baumstamm sich bewegte, um dann festzustel-
len, dass sie auf einer riesigen Anakonda saßen.) Wie viel davon
war Übertreibung oder glatte Lüge? Auf jeden Fall hatten wir zum
ersten Mal einen Anhaltspunkt, um aktiv zu werden.
Am nächsten Morgen machten Jim und ich uns auf den Weg,

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den Sansimoniano aufzusuchen. Ohne große Umstände fanden
wir ihn.
Er lebte ganz allein in einem heruntergekommenen Verschlag
am Fluss ganz am Ende des Dorfes. Ein verhutzelter, gebeugter
alter Mann, dessen tief gefurchtes Gesicht immerwährende Trau-
rigkeit ausdrückte. Er grüßte uns in leidlich gutem Spanisch, denn
er hatte inzwischen diese Sprache gelernt. Zunächst wirkte er
freundlich und zugänglich.
Wir ließen uns auf dem Boden nieder und erklärten ihm lang-
sam und geduldig, was unser Anliegen war. Wir sagten, wir seien
Missionare, und erklärten ihm, was ein Missionar ist. Wir sagten,
dass wir mit seinen Leuten Freundschaft schließen wollten, um ih-
nen die Botschaft vom ewigen Leben zu bringen. Die ganze Zeit
blieb seine Miene völlig ausdruckslos. Wir konnten nicht abschät-
zen, wie viel er verstand. Dann sagten wir, dass wir gern eine Weile
von ihm unterrichtet werden wollten, um einige Worte und Aus-
drücke in der Sprache der Sansimonianos und etwas über Sitten
und Gebräuche des Stammes zu lernen.
Der Indianer erhob sich. Seine schwarzen Augen schossen
Blitze. »Niemals!«, rief er und sprach dabei sehr bestimmt. »Über
die Jahre sind viele Männer gekommen und haben mir die gleiche
Frage gestellt. Der weiße Mann will meinem Volk nur schaden. Er
will sie nur umbringen, versklaven oder sie quälen. Das ist unsere
Geschichte. Nein, ich werde sie niemals verraten. Sie werden von
mir nichts erfahren. Was ich weiß, wird mit mir sterben.«
Uns blieb nichts anderes übrig, als seine Gefühle zu respektie-
ren, auch wenn damit unser erster Erfolg versprechender Versuch
sofort beendet war.
Mehr als alles andere war es die Jahreszeit – und unsere wach-
sende Ungeduld –, die uns zu dem Entschluss brachte, es einfach
auf einen Versuch ankommen zu lassen und die Sansimonianos
aufzusuchen.
Die Regenfälle ließen nach; wir hatten April, Anfang der
Trockenzeit. Flussaufwärts, so sagte man uns, würde das Nham-
biguaragebiet am Rand des Flusses immer noch unter Wasser
stehen. In wenigen Wochen würden die Niederungen zwischen

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uns und den Sansimonianos so ausgetrocknet sein, dass wir stän-
dig Gefahr laufen konnten, plötzlich ohne Wasser zu sein. Ohne
Frage war jetzt die richtige Zeit zum Aufbruch.
Ich habe seither viele ähnliche Situationen erlebt, aber keine an-
dere ist in meinem Gedächtnis so lebendig wie diese letzten Tage
vor unserer ersten Reise ins Ungewisse. Wir waren blutige Anfän-
ger, und wir wussten es. Alle unsere Vorstellungen, wie wir im
Dschungel überleben würden, waren rein theoretisch. Obwohl wir
jede denkbare Situation wieder und wieder geprobt und durch-
gespielt hatten – in Bezug auf Nahrung, Kleidung, Verhalten im
Falle eines Unfalls, Verhalten bei der ersten Begegnung mit den
Indianern – jetzt kam die Nagelprobe.
Für Helen und Edith würde es hart werden. Das tägliche Le-
ben war in Cafetal, auch mit zwei gesunden Männern, die die
schwersten Arbeiten übernahmen, schwer genug. Aber wenn ihre
Lieben erst gegangen waren, dem Unbekannten entgegen, würde
jeder Tag eine neue Prüfung sein für Glauben und Vertrauen.
In dieser Lage bekamen wir Unterstützung durch das Eintref-
fen eines kräftigen und energischen jungen Missionars, ein ehema-
liger Aufklärungspilot mit Namen Ken Finney.
Ich muss immer lachen, wenn ich an all das Zeug denke, das
wir auf unseren ersten Einsatz mitnahmen: eine Hängematte für je-
den, Kleider zum Wechseln, Stiefel für den Sumpf und Bergschuhe
für die Höhen, Verpflegung, Geräte und Geschenke für die India-
ner. Aufgeteilt unter uns dreien wog jedes Paket ungefähr sechzig
Pfund – eine ziemliche Menge für das raue Gelände hier. Wir hat-
ten mehrere Pfund Reis in eine Tasche eingebunden, Hafermehl,
Salz, Milchpulver und ein wenig löslichen Kaffee. Unser wert-
vollstes Gut hatten wir von den Bolivianern übernommen, eine
Art Frühstücksflocken, die entweder trocken oder mit Milch oder
Wasser gegessen werden konnten. Wir stellten es selbst her – aus
Mais, der getrocknet, grob gehackt und mit der gleichen Menge
gemahlener Erdnüsse vermischt und mit ein wenig Salz gewürzt
wurde. Diese Nahrung war sehr praktisch, wenn es einmal zu nass
war, um ein Feuer anzuzünden. Der Reis war dagegen fad und ge-
schmacklos. Obwohl wir hungrig waren, konnten wir ihn manch-

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mal kaum essen. Es brauchte mehrere Einsätze, bis wir gelernt hat-
ten, dass die verschiedenen Geschmackszutaten wie Speck, Ge-
würze und Kräuter genauso wichtig sind wie der Reis selbst.
Unser Abschied war schwierig, noch erschwert durch Brian,
der überhaupt nicht einsehen wollte, warum wir ihn nicht auch
mitnehmen konnten. Später, als wir schon längst in der Stille des
Dschungels wanderten, hatte ich immer noch die Stimmen meiner
Lieben im Ohr: »Bye-bye, Daddy« und »Good-bye sweetheart«.
Am Anfang war der Weg für einen Ochsenkarren zwischen den
hohen grünen Dschungelwänden breit genug. Da sie sich in der
Höhe über uns wieder verflochten, hatten wir das Gefühl, durch
einen Tunnel zu gehen. Die feuchte Luft war einige Grad küh-
ler als in Cafetal. Aber das Wasser war noch nicht so weit zurück-
gegangen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Bald wateten wir bis
zu den Hüften im Wasser, auf Stöcke tretend und in der Hoffnung,
dass sich keiner davon als Anakonda erweisen würde. Einmal, Jim
und ich gingen gerade voraus, merkten wir plötzlich, dass Ken auf
einmal nichts mehr sagte. Wir drehten uns um und sahen nur noch
seinen Hut auf dem Wasser schwimmen. Aber bevor wir uns Sor-
gen machen konnten, tauchte er schlimm hustend und spuckend
wieder auf.
Gerade als wir überlegten, wie viel wir von alldem wohl noch
ertragen würden, gelangten wir auf den campo (Grasland). Nach
einigen weiteren Stunden sahen wir vor uns eine kleine Lich-
tung und eine Farm, ein einsamer Vorposten im Niemandsland.
Der Farmer, ein zahnloser Bolivianer, kam lächelnd heraus, um
uns zu begrüßen. Wie froh waren wir, ihn zu sehen, und wie froh
war seine Familie, uns zu sehen. Sie luden uns ein, über Nacht
dort zu bleiben. Als wir am Morgen wieder aufbrachen, drängten
sie uns fast die Hälfte ihrer eigenen Vorräte auf – frische Eier,
Ananas und so weiter, für uns natürlich wahre Delikatessen. Der
Bolivianer bestand darauf, uns zusammen mit seinem Ochsen als
Führer zu begleiten. Dankbar nahmen wir das Angebot an, denn
die Riemen unserer schweren Rucksäcke schnitten uns bereits in
die Schultern. Jetzt konnten wir unsere Bündel eine Zeit lang auf
das Tier abladen. Als wir aufbrachen, zeigte er uns eine Narbe

69
an seiner Schulter. Einige Jahre zuvor war er zu weit ins Indianer-
gebiet hineingeraten und mit einem Pfeil beschossen worden.
Am Ende des dritten Tages war auch das Ende des campo er-
reicht. Jetzt lagen noch mehr Sümpfe vor uns und immer mehr
Flüsse, die überquert werden mussten. Unser Führer teilte uns be-
dauernd mit, dass er nicht weiter mitgehen konnte. Mit den bes-
ten Wünschen für uns machte er sich mit seinem Ochsen auf den
Heimweg.
Die Berge hinter den Sümpfen schienen so nah zu sein und ka-
men doch scheinbar nicht näher. Der Boden wurde immer nasser
und schwerer; die Hitze und das Gewicht unseres Gepäcks laugten
uns aus. Einmal, als Jim scheinbar auf die Spuren eines alten
Indianerpfades gestoßen war, lebten wir auf. Aber leider war es
doch ein Irrtum.
Jeden vierten Tag legten wir eine Ruhepause ein. Wir ver-
brachten mehr Zeit als gewöhnlich damit, die Bibel zu lesen und
neue Kräfte zu schöpfen. An einem dieser Ruhetage ging Jim, um
sich seine Schuhe anzuziehen. Er schlug sie gegeneinander, wie
wir es gelernt hatten, um einen möglicherweise versteckten Skor-
pion oder eine Schlange herauszuschütteln. Nichts fiel heraus, und
so schlüpfte er mit dem Fuß hinein. Er stieß einen markerschüt-
ternden Schrei aus. Durch den Socken war er von einem Skorpion
gestochen worden. In der Ausbildung hatten wir gelernt, die ver-
schiedenen Skorpione zu unterscheiden: Dieser war glücklicher-
weise nicht von der tödlichen Sorte. Aber Jim durchlebte vierund-
zwanzig Stunden ärgster Schmerzen. Hier draußen im Dschungel
konnten wir auch nicht viel mehr dagegen tun, als ihn durch Lesen
und Gespräche abzulenken.
Angesichts des riesigen Areals sumpfigen Dschungels vor uns
änderten wir unsere Marschrichtung und wanderten nun nach Sü-
den auf einige näher liegende Bergspitzen zu. Dies erwies sich als
der richtige Kurs, denn bald waren wir auf trockenem Grasland
am Fuße der Berge.
Wir fanden einen guten Lagerplatz. Nun mussten wir entschei-
den, ob wir weiter vorstoßen oder lieber umkehren sollten. Wir wa-
ren jetzt fast drei Wochen unterwegs, und unsere Vorräte neigten

70
sich dem Ende zu. Entgegen unseren Erwartungen hatten wir kein
Wild schießen können. Wir hatten nicht viel mehr als ein wildes Tier
oder einen wilden Vogel zu Gesicht bekommen. Aber wir moch-
ten nicht besiegt nach Hause zurückkehren. Schließlich einigten
wir uns, dass wir noch einen letzten Versuch machen würden, eine
Spur der Sansimonianos zu finden. Zwei von uns würden auf den
Berg steigen; einer sollte im Lager bleiben. Wir zogen Hölzchen,
und Jim blieb im Lager. Ken und ich begannen unseren Aufstieg.
Wir gingen in einem Bogen um den Berg herum, damit ich ei-
nen Überblick bekam und Karten von anderen Bergketten zeich-
nen konnte. Ich war gerade dabei zu skizzieren, als Ken plötzlich
meinen Arm packte.
»Schau da!«, rief er. »Genau unter uns! In dem kleinen Tal! Ich
sehe Rauch von ein paar Lagerfeuern!«
»Kein Zweifel«, erwiderte ich. »Muss ein Jagdfest der Sansimo-
nianos sein.«
Der Nachmittag war weit vorgerrückt; die Sonne hing schon
tief über den entfernten Bergen. Wenn wir das Lager der Indianer
erreicht haben würden, wäre es schon finster. Konnten wir es wa-
gen, sie zu solcher Stunde zu besuchen? Andererseits konnte es
sein, dass eine solche Gelegenheit so bald nicht wiederkam. Wenn
wir bis zum Morgen warteten, könnten die Indianer schon weg
sein. Wir entschieden, dass es tollkühn wäre, jetzt zu ihnen zu
gehen – lieber wollten wir bis zum Morgen warten.
Ken und ich wandten uns zum Abstieg zurück. Die Dämme-
rung wurde langsam zur Dunkelheit. Im Stockfinsteren den Weg
durch den campo zurückzutappen, war eine entschieden andere
Erfahrung, als bei Tageslicht den Weg zu finden. Wir hatten mit
Jim abgesprochen, dass er seine Taschenlampe brennen lassen
sollte, um uns den Weg zu weisen. Oft verwechselten wir die
Glühwürmchen in der Ferne mit Jims Taschenlampe! Aber schließ-
lich war sie doch auszumachen.
Jim hatte das Abendessen schon fertig, als wir zurückkehrten.
Während des Essens erzählten wir von unseren Erlebnissen. Wir
waren erschöpft und fielen früh in unsere Hängematten.
Beim Anbruch der Morgendämmerung ließen wir unser Ge-

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päck zurück und machten uns auf den Weg zum Tal. Etwa eine
Stunde später standen wir dem Indianerlager gegenüber. Die In-
dianer hatten alle Spuren ihres Hierseins vollkommen verwischt,
sogar die Feuerstellen. Wir trennten uns und durchsuchten den
Dschungel nach Spuren. Aber dieser Stamm hinterließ absolut
keine erkennbare Spur.
Wieder überlegten wir, was wir tun sollten. Wir hatten kaum
noch genügend Vorräte, um nach Cafetal zurückzukommen. Es
blieb keine Wahl: Wir mussten unsere erste Reise abbrechen. Wie-
der Enttäuschung – bittere Enttäuschung, wenn wir bedachten,
wie nahe wir am Ziel gewesen waren. Aber zumindest wussten
wir nun, dass die Sansimonianos hier zu finden waren. Eines Ta-
ges würden wir sie erreichen.
Unsere leichter gewordenen Rucksäcke machten den Rückweg
weniger beschwerlich. Als wir die Lichtung sahen, in der Cafetal
lag, beschleunigten wir unsere Schritte. Als wir einander begutach-
teten und zum ersten Mal feststellten, wie schäbig wir mittlerweile
aussahen, mussten wir alle herzlich lachen. Bärtig, ausgemergelt,
bis zum Bauchnabel mit Lehm beschmiert, waren wir ein erbärm-
licher Anblick.
Aber unser Willkommen hätte herzlicher nicht sein können.
Helen und Edith waren jeden Tag von wohlmeinenden Nach-
barn besucht worden, die in ihrer besorgten Beflissenheit die Un-
ruhe unserer Frauen nur verstärkten mit Aussprüchen wie: »Ihre
Männer müssten aber jetzt schon wieder zurück sein.«
»Hoffentlich ist ihnen die Verpflegung nicht ausgegangen.«
»Vielleicht sind sie ja von den tigres erwischt worden.«
»Sie hätten nicht versuchen sollen, diese Wilden zu erreichen.«
Ihnen allen hatten Helen und Edith mit ungebrochener Zuver-
sicht gesagt: »Sie werden zurückkommen.« Aber es war schwer für
die beiden gewesen.
Oh, wie gut tat es, den Geruch von gebratenem Speck und Eiern
in die Nase zu bekommen, zusammen mit einer Spur von Eau de
Cologne und der Sicherheit, dass all die Lieben wirklich da sind!
Wie gut war es, wenigstens ein paar Tage zu Hause zu sein, ehe wir
wieder auf Tour gehen würden.

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In die Steinzeit zurückversetzt

Alles in allem waren es sehr schöne Mo-


nate, die unserem ersten Ausflug in
den Dschungel folgten. Wir freunde-
ten uns mit unseren bolivia-
nischen Nachbarn an, und es
verging kaum ein Abend,
an dem wir das Haus
nicht voller Gäste hat-
ten. Wir versuchten sie
mit dem Evangelium zu
erreichen. Diejenigen,
die eine Spur von Reli-
giosität gehabt hatten,
hatten diese schon in ihrer Jugend weit hinter sich gelassen und
waren froh, wieder Geschichten aus der Bibel hören zu können.
Am meisten jedoch genossen sie es, mit uns die schwungvollen
Gospels in spanischer Sprache zu singen, wie z.B. »There is Power
in the Blood« oder »Ye Must Be Born Again«. Oft sangen wir mehr-
mals hintereinander dasselbe.
Wir erfuhren von einem anderen Weg, die Sansimonianos zu
erreichen, und beschlossen, es zu versuchen. Dies bedeutete, über
eine bestimmte Flussbiegung hinaus flussabwärts zu gehen. Auf
diesem Weg konnten wir das fragliche Gebiet per Boot erreichen,
statt wie vorher zu wandern.
Wir brachen auf und waren vier ereignislose Wochen weg.
Dann ging der Außenbordmotor kaputt, und unsere Vorräte
näherten sich dem Ende. Wieder mussten wir zurückkehren, ohne
etwas in Händen zu haben, das unsere Anstrengungen belohnte.
Eines Abends kam wieder unser Freund Don Juan Camacho
zu Besuch. »Wenn ihr immer noch entschlossen seid, die Nhambi-
guaras aufzusuchen«, sagte er, das Papier für eine seiner endlosen
Zigaretten rollend, »dann ist jetzt die richtige Zeit dafür. Asi es.«

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Edith fragte, warum er dessen so sicher sei.
»Jetzt ist August. Der Höhepunkt der Trockenzeit steht be-
vor«, sagte der patrone mit seinem verschlafenen Lächeln. »Jetzt
ist die Zeit, wenn die Sandbänke am höchsten aus dem Wasser ra-
gen und die Schildkröten dorthin gehen, um ihre Eier zu legen.
Mmmh – sie schmecken gut – oder? Das ist außerdem der Zeit-
punkt, wo auch die Nhambiguaras dorthin kommen, um die Eier
zu sammeln. Ich würde selbst gern welche suchen – wenn ich die
Zeit dazu hätte.«
Wir lachten, weil wir wussten, dass er alle Zeit der Welt hätte,
wenn er gehen wollte.
»Also, das ist dann die beste Gelegenheit für euch, sie zu tref-
fen, wenn ihr immer noch fest entschlossen seid, Selbstmord zu be-
gehen. Aaah … diese Nhambiguaras, das sind ganz Hinterlistige«,
seufzte er und blies eine lange schwere Wolke blauen Rauchs
gegen die Zimmerdecke.
Er fuhr fort, seine blutrünstigen Geschichten zu erzählen – von
vermutetem Kannibalismus, von Leichen von Gummiarbeitern,
die gespickt mit Pfeilen aufgefunden wurden, von Gummiarbei-
tern, die einfach verschwunden waren, ohne den Schatten einer
Spur zu hinterlassen.
In dieser Nacht konnten wir kaum schlafen. Am nächsten Tag
begannen Jim und ich gleichzeitig mit dem Aufstellen von Plä-
nen für die nächste Expedition. Aber unsere Abreise wurde im-
mer wieder verzögert. Ken Finney hatte uns verlassen, um sich
im Missionszentrum in Cochabamba zu melden. In der Zwischen-
zeit freuten wir uns über die Nachricht, dass ein junges Missio-
narsehepaar namens Bob und Betty Williams zu uns stoßen sollte,
und wir erwarteten ihre Ankunft.
Der Oktober war schon vorgerückt, ehe wir startbereit waren.
Weder die wilden Erzählungen von patrone noch die überaus blut-
rünstigen Geschichten einiger anderer Nachbarn schreckten uns
ab. Wir waren uns der Risiken voll bewusst. Aber für uns waren
die Nhambiguaras Menschen, die Erlösung brauchten.
Endlich luden Jim Ostewig, Bob Williams und ich das letzte
Vorratspaket in unseren Einbaum. Wir winkten unseren Fami-

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lien zum Abschied zu und tuckerten gemächlich flussaufwärts un-
serem Ziel entgegen.
Nachdem wir einige Zeit an den Sandbänken vergeblich auf In-
dianer gewartet hatten, beschlossen wir, ins Inland vorzudringen.
Vielleicht fanden wir eines ihrer Dörfer. Ohne die geringste Vor-
stellung, wie weit wir wohl würden reisen müssen, versteckten
wir unseren Außenbordmotor, Benzin, Pistolen und Kamera. Un-
sere Rucksäcke wurden mit Verpflegung für etwas mehr als eine
Woche gefüllt.
Es war ein strahlender, heißer Morgen, an dem wir uns auf-
machten, ihre Spur zu finden. Fast unmittelbar entpuppte sich die-
ses Vorhaben geradezu als Sisyphusarbeit. Die einzigen Mut ma-
chenden Zeichen waren die Zweige, die die Indiander umgebogen
hatten, um den Weg zurück ins Inland zu ihren Dörfern zu markie-
ren. Aber bald wurde uns klar, dass sie nicht in gerader Richtung zu
wandern pflegten. Wir kamen zu einer dürftigen Spur. Aber sie lief
im Zick-Zack hin und her. Wann immer die Indianer auf ein Knäuel
Dschungellianen gestoßen waren, krochen sie darunter durch, an-
statt sich den Weg frei zu hacken. Wir liefen hin und her im Kreis
und zurück, verloren eine Spur und nahmen eine neue auf.
Die Stille, die uns umgab, wurde nur vom Zwitschern der Vö-
gel gestört und dem Knacken der Zweige, die wir beim Gehen zer-
brachen. Nach einer Weile gelangten wir zu einer Lichtung, einer
kahlen Stelle, an der das Gras abgebrannt worden war. Irgendwie
waren wir erleichtert: Zum ersten Mal konnten wir wieder mehr
überblicken als die unmittelbare Nähe, und wir hatten nicht län-
ger Sorge, in einen Hinterhalt zu geraten.
Aber die Nhambiguaras hatten den Flecken absichtlich ver-
brannt, um die abgeknickten Zweige und zertrampelten Blätter zu
zerstören und so ihren weiteren Weg geheim zu halten. Wir richte-
ten uns nach dem Kompass, in der Hoffnung, ihre Spur hinter dem
campo wiederaufnehmen zu können. Ohne Schatten war die Hitze
mörderisch. Wir hatten seit Stunden kein Wasser gefunden und
schwitzten heftig unter der sengenden Sonne.
Mir fiel auf, dass Bob nicht viel sprach. Sein Gesicht war rot
und seine Augen glasig. Schließlich gab er zu, dass er sich ziemlich

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krank fühlte. Er dachte, er hätte eine schwere Grippe ausgebrütet.
Aber im campo war kein Wasser zu finden, also mussten wir wei-
tergehen.
Um vier Uhr waren auch Jim und ich erschöpft. Wir konnten
nur ahnen, wie viel schlimmer sich Bob mit seinem fieberheißen
Kopf fühlen musste.
Wieder im Dschungel, stießen wir auf einen schmalen Pfad, der
zu einem kleinen baumbestandenen Tal führte. Da die Spuren eher
auf Tiere als auf Menschen schließen ließen, hofften wir auf eine
Wasserstelle zu stoßen. Wir beschleunigten unsere Schritte.
Ja, da war schon eine Wasserstelle. Aber zu unserer tiefen Ent-
täuschung war sie ausgetrocknet. Es war nur noch ein Kreis von
klumpigem, getrocknetem Lehm übrig.
Bob sank mit einem Stöhnen zu Boden. »Tut mir leid, Freunde«,
sagte er, »ich kann nicht weiter.«
Jim und ich griffen unsere Macheten. Dies war vielleicht un-
sere einzige Chance, Wasser zu finden, und wir mussten das Beste
daraus machen. Mit unseren schwindenden Kräften begannen wir
fieberhaft zu graben. Etwa einen halben Meter weiter unten stie-
ßen wir zu unserer großen Freude auf Wasser. Es war lehmig und
schmeckte sauer – und wie es stank! Aber es war Wasser, und ohne
menschliche Wesen in unmittelbarer Nähe war es sicher auch nicht
vergiftet. Wir mussten uns zwingen, nicht mehr davon zu trinken,
als gut für uns war. Nach den ersten unbeherrschten Schlucken
nippten wir nur noch; wir füllten unsere Flaschen und Behälter
zum Trinken und Kochen. Ich hatte auf einmal Lust auf ein Bad!
Wie erfrischend das sein würde. Ich grub noch ein wenig tiefer,
holte noch zwei oder drei Tassen heraus und bespritzte mich da-
mit. Das war mehr moralische Aufrüstung als jede Massagedusche
in einem modernen Hotel.
Da Bob nicht weitergehen konnte, mussten wir hier unser La-
ger aufschlagen. Wir wollten kein Feuer anzünden, weil der Rauch
unsere Anwesenheit verraten hätte. Aber wir mussten essen, um
nicht völlig entkräftet zu werden, und so brannten wir doch eins
an. Der Reis schmeckte durch das Wasser so sauer, dass Jim und
ich ihn kaum herunterbekamen. Bob rührte seinen nicht an.

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Nach einer unruhigen Nacht waren wir froh, als der Morgen
graute. Der Dschungel war erfüllt vom grellen Kreischen der Pa-
pageien. Erfrischt durch Essen, Trinken und eine Nacht Schlaf,
freuten Jim und ich uns unseres Lebens. Bob war allerdings im-
mer noch sehr krank. Es quälte uns alle, dass wir auf dem harten
Weg so weit vorangekommen waren, vielleicht sogar kurz vor dem
Ziel standen und doch jetzt nicht weitergehen konnten. Wir be-
sprachen die Lage. Keiner von uns wollte aufgeben. Aber Jim und
ich spürten, dass wir Bob nicht allein lassen durften; es war für uns
alle besser zusammenzubleiben. Wir neigten die Köpfe und be-
teten um Führung. Dann überließen wir Bob die Entscheidung. Er
hatte die Wahl. Es war eine schwere Entscheidung für ihn. Lange
schwieg er. Schließlich sagte er: »Ich glaube, ich fühle mich jetzt
ein bisschen kräftiger. Lasst uns weitergehen, so weit wir kommen.
Wenn ich nicht mehr laufen kann, werden wir anhalten.«
Wir hoben unsere Rucksäcke auf und machten uns auf den
Weg. Wenig später stießen wir auf einen gut ausgehauenen Weg an
einem winzigen Bach entlang. Vielleicht würde dieser Weg uns zu
einem Dorf führen. (Langsam verstanden wir mehr von dem, was
die Indianer taten. Solange sie sich in der Nähe des Hauptflusses
aufhielten, verwischten sie ihre Spuren; weiter im Inland fühlten
sie sich sicherer, und sie kümmerten sich nicht um die sichtbar zu-
rückgelassene Fährte.)
Unsere Ohren waren gespitzt, ob ein ungewöhnliches Geräusch
zu hören war, während unsere Augen den Weg vor uns nach ei-
nem möglichen Pfeil absuchten, der eine Warnung bedeutet hätte.
Da wir unbewaffnet tief ins Indianergebiet eingedrungen waren,
wussten wir genau, dass wir auf ihr Wohlwollen angewiesen wa-
ren. Ungefähr eine Stunde bewegten wir uns so gespannt fort. Bob
wurde schwächer und stolperte immer öfter. Er konnte nicht viel
weiter gehen.
Ich ließ einen gedämpften Freudenschrei hören. Vor uns tat
sich eine kleine Lichtung auf. Wir sahen keine Hütten oder Häu-
ser. Aber wir sahen kultiviert angelegte kleine Pflanzungen: Yucca,
breitblättrige, junge Bananenstauden und ein kleines Fleckchen
mit Maispflanzen. Der Anblick ließ keinen Zweifel mehr zu – wir

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waren an einem Indianerfeld angekommen. Aber nirgendwo war
ein menschliches Wesen zu sehen.
Bob legte sich lang auf den Boden: »Ihr beiden könnt ruhig
weitergehen. Ich werde hierbleiben und mich ein bisschen aus-
ruhen.«
Wir hängten seine Hängematte zwischen zwei Bäume und
machten es ihm so bequem wie möglich.
»Wir werden uns so ungefähr zwei Stunden lang umsehen,
dann kommen wir zu dir zurück«, sagte ich, als wir aufbrachen.
Sehr langsam und vorsichtig traten Jim und ich aus dem Schutz
der Bäume heraus und überquerten das neu angepflanzte Feld. Auf
der anderen Seite der Lichtung fanden wir die Fortsetzung des gut
ausgehauenen Weges. Wir folgten ihm etwa eine halbe Stunde und
gelangten zu einer weiteren Lichtung, auf der etwa acht kegelför-
mige, einfache Hütten standen. Wir hatten gefunden, wonach wir
gesucht hatten: ein Nhambiguara-Dorf.
Wir warteten einige Minuten im tiefen Schatten am Rand des
Dschungels. Ein tödliches Schweigen lag über allem. Nach einer
scheinbaren Ewigkeit konnte ich die Spannung nicht mehr ertra-
gen. Ich stieß einen lauten Schrei aus. Auf der anderen Seite der
Lichtung erschien ein Indianer. Er war ziemlich groß, hatte langes
schwarzes Haar, grimmige schwarze Augen und war vollkommen
nackt. In einer Hand hielt er einen langen Bogen und etwa ein Dut-
zend Pfeile.
Regungslos starrten wir einander an.
Was war das für ein Moment! Vor uns stand der erste eingebo-
rene Indianer, den wir je gesehen hatten. Er musste noch ganz ge-
nauso aussehen wie seine primitiven Vorfahren. Ich spürte, dass er
und ich uns über einige Tausend Jahre hinweg anstarrten!
Seiner Miene nach zu urteilen, die eine Mischung aus Erstau-
nen, Neugier, Angst und Ärger war, denke ich, dass wir ihm ebenso
fremd vorkamen wie er uns.
Er sprach als Erster in einer langen Reihe gutturaler, rasend
schneller, unverständlicher Laute. Ich wünschte mir einen Weg,
ihm mitteilen zu können, dass wir gekommen waren, um Freund-
schaft und Liebe zu bringen. Aber wie sollten wir unsere Gefühle

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verständlich machen? Ich versuchte, etwas zu sagen – aber das
hatte für ihn natürlich genauso wenig Zweck wie das, was er zu
uns gesagt hatte. Ich fühlte mich frustriert und hoffnungslos von
ihm getrennt.
Der Indianer begann mit den Armen in halbkreisförmigen
Bewegungen anzuzeigen, dass er uns aufforderte, ihm in den
Dschungel zu folgen.
Was meinte er mit dieser Geste? »Kommt und seid unsere Gäs-
te« oder: »Lasst uns miteinander bekannt machen«? Vielleicht hieß
es auch: »Ich möchte euch den anderen vorstellen.« Oder mög-
licherweise auch: »Kommt näher – damit wir euch leichter um-
bringen können.« Diese Geste konnte hundert verschiedene Be-
deutungen haben. Wir blieben lieber, wo wir waren. Der Indianer
trat langsam zurück und verschwand im Dschungel.
Nach kurzem Zögern gingen Jim und ich auf die Lichtung
hinaus. Als wir die erste Hütte erreicht hatten, knieten wir uns
hin und spähten durch die Türöffnung, die so niedrig war, dass
man nur auf allen vieren in die Hütte kommen konnte. Ich wollte
hineinkrabbeln.
»Lieber nicht«, warnte Jim. »Sie könnten uns dort fangen.«
Ich schaute in die Hütte und sah nichts als den nackten Lehm-
fußboden, auf dem drei Steine standen, vermutlich zum Knacken
von Kokosnüssen oder dem Bauen einer Feuerstelle, außerdem ei-
nen Korb oder zwei und Pfeil und Bogen. Was für ein trostloses
Bild vom einfachen Leben! Dies muss ein Stamm sein, der gezwun-
gen ist, ein Nomadenleben zu führen, ständig auf der Suche nach
Essbarem, dachte ich.
Plötzlich hörte ich Blätter rascheln. Jim und ich eilten schnell
über die Lichtung zu einem Wetterschutz auf der Seite, von der
wir gerade gekommen waren. Hier waren wir vor der Sonne ge-
schützt, konnten die Szenerie überblicken und notfalls schnell die
Flucht ergreifen. Wir blieben etwa zwei Stunden dort stehen. Das
unbehagliche Gefühl, dass unsichtbare Augen uns von allen Seiten
beobachteten, veranlasste uns schließlich aufzubrechen. Wir gin-
gen den Weg durch den Dschungel zurück zu Bob.
Als er uns kommen sah, weinte er fast vor Freude. »Ich dachte,

79
ihr würdet nie mehr zurückkommen«, sagte er. »Ich überlegte die
ganze Zeit, was euch passiert sein könnte – ob ihr noch lebt, und
was ich tun sollte, wenn ihr getötet worden wärt. Ich sage euch –
diese Erfahrung hat mir jedenfalls eines klargemacht: Wenn wir
sterben, lasst uns alle zusammen sterben.«
»Wir sind zu demselben Schluss gekommen«, sagte Jim mit ei-
nem Nicken.
Ehe wir von unserem Erlebnis berichten konnten, platzte Bob
mit einem eigenen Bericht heraus. »Ihr wart gerade weg«, begann
er, »ich lag hier, und dunkle Gedanken begannen in mir aufzustei-
gen, als ich plötzlich ein Rascheln hörte, ganz nah – neben unserem
Gepäck. Ich blickte auf und sah zwei nackte Indianer dort stehen
und mich anstarren. Sie hoben ihre Bogen und zogen die Sehnen
zurück. Mann, hatte ich Angst! Sie richteten ihre Pfeile genau auf
mich. Ich dachte wirklich, dass meine letzte Stunde gekommen
war. Sie blieben eine Minute so stehen, und dann, ihr werdet mir
das nicht glauben: Langsam entspannten sich ihre Armmuskeln;
sie ließen die Pfeile nicht fliegen. Ich bin ganz sicher, der Herr hat
sie am Schießen gehindert.«
Er legte eine Pause ein, um Atem zu schöpfen.
»Dann rannten beide weg und verschwanden. Ich ging zu un-
seren Rucksäcken und holte ein paar Messer und Reis. Ich ließ die
Sachen als Geschenk auf dem Boden liegen, falls sie noch einmal
zurückkommen würden. Ich hatte ganz schön Angst, dass sie wie-
derkommen würden. Schaut euch hier diese Nachricht an. Es ist
ein Abschiedsgruß an meine Frau. Ich habe ihn in dem Moment
geschrieben. Ich dachte, falls mir etwas passieren sollte, würde
vielleicht jemand den Zettel finden und an sie weiterleiten. Aber
sie kamen nicht wieder. Das Zeug liegt immer noch da.«
In unserem Eifer, das Indianerdorf zu erreichen, hatten wir ver-
gessen, was die Bolivianer uns erzählt hatten, dass nämlich die In-
dianer extrem anfällig für unsere Krankheiten, wie Grippe, sind.
Wir machten uns Vorwürfe. Daran hätten wir vorher denken müs-
sen.
Widerwillig entschlossen wir uns, die Expedition hier abzubre-
chen und den Weg zurück zum Fluss zu suchen. Bob merkte, dass

80
er kaum Kraft genug hatte für die Reise. Wir ließen die Geschenke
zurück und trösteten uns mit dem Gedanken, dass sie uns viel-
leicht den Weg für einen späteren Kontakt ebnen würden.
Jim ging voraus, dann Bob, und ich folgte zum Schluss. Wir
waren auf dem Dschungelpfad noch nicht weit gekommen, als
mich etwas ins Bein stach. Ich blieb stehen und bückte mich, um es
aufzuheben. Es war die Spitze eines Pfeils aus Bambus, ungefähr
einen Fuß lang und mit nadelscharfer Spitze. Der Pfeil steckte
auf dem Weg und zeigte auf uns. Don Juans Warnung klang mir
wieder in den Ohren. Wir eilten weiter.
Etwa zwei Kilometer weiter trafen wir noch einmal auf ein Zei-
chen ihrer »Gastfreundschaft«. Ein Ast lag quer über dem Weg.
Als ich darüberstieg, landete ich unsanft auf einem Haufen Blät-
ter, unter denen noch ein Bündel Zweige mit etwa 10 Zentimeter
langen Dornen lag. Glücklicherweise hatte ich robuste Schuhe mit
dicken Sohlen an! Trotzdem stach ein Dorn durch die Sohle in mei-
nen Fuß. Dies war eine Falle, die die Nhambiguaras für uns auf-
gebaut hatten. Da sogar die Bolivianer hier zumeist barfuß laufen,
war das eine Methode, jemanden mit Sicherheit zum Krüppel zu
machen. Ich wartete, ob sich um die Wunde ein Stechen einstellte.
Da dies nicht eintrat, schloss ich, dass die Dornen nicht vergiftet
waren. Wir marschierten weiter.
Die offene Weite des Graslandes war ein willkommener An-
blick. Zumindest zeigte es uns, dass wir in die richtige Richtung
liefen. Nachdem wir allerdings den abgebrannten Flecken hinter
uns gelassen hatten, verloren wir jede weitere Spur des Pfads. Im
dichten Dschungel auf der anderen Seite war es unmöglich, un-
seren Ausgangspunkt wiederzufinden. Wir konnten uns nur auf
unseren Kompass verlassen und uns vorwärtsstürzen.
Wieder einmal wurden wir vom Durst geplagt. Unser Was-
ser aus einem Bach nahe dem Nhambiguara-Dorf war lange ver-
braucht. In unserer Hast hatten wir die offene, unter mitleidlos
brennender Sonne stehende Fläche des campo mit viel schnellerem
Tempo als üblich durchquert. Das mussten wir jetzt, obwohl wir
wieder im kühlen Dschungel waren, mit brennendem Durst be-
zahlen.

81
Ich habe niemals eine schlimmere Erfahrung erlebt. Meine
Zunge schwoll an und schien den Hals auszufüllen, sodass ich
panische Angst hatte zu ersticken. Unsere Kräfte erlahmten. Alle
paar Minuten fiel der eine oder andere von uns zu Boden, un-
fähig, noch einen Schritt zu machen. Das Verlangen nach Flüssig-
keit wurde übermächtig. Ich begann Halluzinationen zu haben
und Dinge zu sehen, die gar nicht da waren, beispielsweise einen
kühlen Wasserfall. Wenn einer von uns hinfiel, halfen ihm die an-
deren auf und sprachen ihm Mut zu. Als ich fiel, merkte ich, wie
einfach es wäre, hier liegen zu bleiben und zu sterben.
Nur mit unserem Kompass als Richtungsanzeiger stürzten und
stolperten wir blind nach vorn durch Dornen und Unterholz in
Richtung Fluss. Unsere Hemden und Hosen hingen längst in Fet-
zen; unsere Körper waren mit Rissen und Kratzern bedeckt.
Ich spürte, dass ich unmöglich weiterkonnte, und war schon
kurz davor, zu Boden zu gleiten, als ich vor meinen Füßen ein
langes, tassenförmiges Palmblatt liegen sah. In seiner Mitte war
eine winzige Pfütze Feuchtigkeit. Zuerst dachte ich, es sei wieder
nur Einbildung. Langsam begriff ich, dass dies Wirklichkeit war.
Dann kam die Prüfung. Der Drang, nur zu schlucken, gierig
zu schlucken, ehe Jim und Bob etwas abbekamen, war groß.
Aber die Bindungen der Bruderliebe, geschmiedet und geformt
in all diesen Widrigkeiten, waren stärker. Mit großer Selbst-
beherrschung nahm jeder von uns einen kleinen Schluck und war-
tete dann auf den anderen. Das Wasser war voll von kleinen Lar-
ven. Aber das störte uns nicht im Geringsten. Zusammen waren es
ungefähr drei Tassen voll Wasser. Wir tranken die ganze küh-
lende Erfrischung, Larven und alles andere inklusive. Wie gut das
unseren ausgedörrten Zungen und trockenen Kehlen tat! Dann
knieten wir gemeinsam nieder und dankten dem Herrn für seine
Barmherzigkeit. Die Worte aus Jesaja 41, Verse 17 und 18, kamen
uns auf die Lippen: »Die Elenden und die Armen suchen nach
Wasser, und es gibt keins, und ihre Zunge vertrocknet vor Durst.
Ich, der HERR, werde sie erhören, ich, der Gott Israels, werde sie
nicht verlassen.«
Wie viele kleine Segnungen im Leben nehmen wir als selbst-

82
verständlich hin, weil sie immer da sind. Nur wenn wir auf sie
verzichten müssen, können wir ihren wahren Wert schätzen ler-
nen. Ich habe stets in meinem Leben für das Essen gedankt. Seit
dieser Erfahrung danke ich auch für das Wasser.
Erfrischt und mit neuen Kräften setzten wir unseren Weg durch
die Dornen fort. Nach wenigen Schritten juchzte Jim laut auf: »He,
Leute! Wir haben die Spur wiedergefunden!«
Wir beeilten uns, zu ihm aufzuschließen. Er beugte sich über
eine Fußspur im Boden – der klare Abdruck eines Schuhes, der in
die Richtung zeigte, aus der wir gerade kamen. Wir hatten unsere
eigene Spur wiedergefunden.
Von dort an war es ein eher einfacher Weg bis zum Flussufer,
wo wir uns in den Sand fallen ließen. Wir tranken und tranken, als
ob wir den Rio Guaporé leer trinken wollten. Da saßen wir nun am
Ufer, ruhten uns aus und ließen die Erfahrungen der letzten ereig-
nisreichen Stunden noch einmal an uns vorbeiziehen. Wir fühlten,
dass wir für eine Reise genug getan hatten. Die Warnung durch
den Pfeil musste ernst genommen werden. Es wäre verrückt ge-
wesen, schon bald wieder ins Nhambiguara-Gebiet aufzubrechen.
Außerdem war Bob immer noch schwach von der Grippe.
Nach einer Nacht, in der wir wie die Murmeltiere schliefen, be-
luden wir unseren Einbaum mit den wenigen Vorräten, die noch
geblieben waren, und brachen flussabwärts auf nach Cafetal.

83
Das erste Basislager

Der Dezember hatte die Regenzeit eingeleitet. Auf beiden Sei-


ten des Flusses stand der Dschungel bis weit hinter die Ufer un-
ter Wasser. Wir wussten, dass wir nun sechs bis sieben Monate
warten mussten, bis die überfluteten Flächen ganz getrocknet wa-
ren, ehe wir einen neuen Vorstoß zu den Nhambiguaras unterneh-
men konnten. Es war einer der Zeiträume, die nur aus Warten und
Pläneschmieden bestehen, die im Leben eines Pioniermissionars
oft auftreten.
Im Januar 1951 ergab sich eine Gelegenheit, mit der Monotonie
zu brechen: Eine Reise von etwa einem Monat zum Jahrestreffen
unserer Missionsgesellschaft in Cochabamba stand auf dem Pro-
gramm. Die meisten der Missionare in Bolivien würden daran teil-
nehmen. Es erwies sich als eine Zeit geistlicher Erneuerung. Da
wir seit fast einem Jahr am Rand der Zivilisation gelebt hatten, hat-
ten wir keine Gelegenheit gehabt, sonntägliche oder andere Got-
tesdienste zu besuchen, an die wir zu Hause gewöhnt gewesen
waren. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sehr mir das gemeinsame
Beten und Singen gefehlt hatte, bis wir auf der Konferenz den

84
ersten Gottesdienst besuchten. Als der erste Choral angestimmt
wurde, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten.
Nun war auch der Zeitpunkt, an dem unsere Arbeit beurteilt
wurde. Ich musste den Konferenzteilnehmern mitteilen, dass un-
sere Bemühungen bis jetzt nicht viel Erfolg gehabt hatten. Aber für
die Zukunft waren wir immer noch hoffnungsfroh.
Gar nicht lange, nachdem Edith und ich mit den Ostewigs wie-
der zurück nach Cafetal gekommen waren, wurden wir durch die
Ankunft eines weiteren Missionars namens Dave Yarwood er-
mutigt. Er war gekommen, um uns bei unserer Arbeit zu unter-
stützen. Dave sah aus wie ein großer, tapsiger Bär. Er machte den
Eindruck, durch nichts erschüttert werden zu können und auf
alles gefasst zu sein. Aber er hatte ein butterweiches Herz. Dave
war Junggeselle. Seine Mutter war verwitwet und lebte in den
Staaten; er schrieb ihr regelmäßig und treu seine Briefe. Er war im
Staat Washington auf einer Farm aufgewachsen, war naturverbun-
denes Leben gewöhnt und liebte es, zu jagen und zu fischen. (In
den Monaten unserer gemeinsamen Expeditionen, oft in Gefahr,
aber immer das Wohl der anderen mit im Auge, kamen Dave und
ich uns näher als die meisten Brüder.) Dave fand gar keinen Ge-
schmack daran, während der Regenzeit untätig in Cafetal zu sit-
zen. Als wir uns über alles unterhielten, stellte sich heraus, dass
wir zumindest eine Sache in Angriff nehmen konnten: Wir konn-
ten ein Stück hoch gelegenen Landes ausfindig machen, auf dem
wir eine kleine Basisstation errichten konnten, von der aus wir un-
sere weiteren Kontakte zu den Nhambiguaras starten würden.
Dies würde es uns ersparen, alle zwei Wochen nach Cafetal zu-
rückzukehren, um unsere Vorräte zu erneuern.
Etwa Mitte Februar belud ich den Einbaum mit Benzin für den
Außenbordmotor und mit Grundnahrungsmitteln. Dave wollte
gern seinen kleinen, schwarzen Hund mitnehmen, einen Misch-
ling mit glänzendem schwarzen Fell, den er in Guajará-Mirim auf-
gelesen und mit nach Cafetal gebracht hatte.
Er nannte den Hund »Sacky«, weil er immer mit in seinen
Schlafsack kroch. Wir nahmen noch einen weiteren Hund mit, weil
wir dachten, sie könnten uns helfen, Überraschungsangriffe der

85
Indianer zu verhindern. Als das Postboot kam, hängten wir unser
Boot dahinter, um Benzin zu sparen. Jim und ich verabschiedeten
uns von unseren Familien und legten dann ab, um zusammen mit
Dave flussaufwärts zu fahren. Bob war nach Cochabamba zurück-
gekehrt.
Am dritten Tag dachten wir, den Platz gefunden zu haben, von
dem aus wir dem Weg zum Nhambiguara-Dorf gefolgt waren. Ich
sage »dachten«, weil die alte Sandbank jetzt tief unter Wasser lag
und wir den Platz kaum wiedererkennen konnten.
Ein paar Kilometer weiter signalisierten wir dem Steuermann,
ein wenig zu verlangsamen, damit wir uns ausklinken konnten.
Dann brummte der Außenborder, und wir waren auf uns selbst ge-
stellt, nach dem ersten herausragenden Stückchen Land Ausschau
haltend. Wir waren noch gar nicht weit gefahren, als wir den ho-
hen, roten Felsen auf der bolivianischen Seite aufragen sahen. Das
war unser Wahrzeichen; wir waren in Paredon angekommen. Jim
drückte auf die Ruderpinne, und wir fuhren zum Ufer.
Unser erstes Lager schlugen wir gleich am matschigen Ufer
auf. Erkundungsgänge würden wir morgen unternehmen. Jim,
Dave und ich waren froh, am Abend in unsere Hängematten zu
kommen; wenigstens waren wir dort weg vom durchgeweich-
ten Boden und geschützt gegen die häufigen Regenschauer, gut
verpackt in den Dschungelhängematten und unter einer wasser-
dichten Plane.
Alles war feucht. Der Regen kam urplötzlich ohne Vorankün-
digung und war sehr heftig. In den folgenden Tagen, als wir unser
Lager aufbauten, verwendeten wir ein gut Teil Energie darauf, tro-
ckenes Holz zu finden, um das Feuer zu unterhalten und es heiß
genug anzufachen, um darüber kochen zu können. Der Boden um
uns herum war rutschiger, matschiger Dreck.
Nur nachts in unseren Hängematten blieben wir trocken. Aber
die Armee hatte Bequemlichkeit nicht im Sinn gehabt, als die
Dschungelhängematte entworfen worden war. Wir schliefen zu-
sammengeklappt wie die Taschenmesser, unsere Füße und Köpfe
ziemlich auf gleicher Höhe. Natürlich erwachten wir mehr steif
und müde als erfrischt.

86
Eines Morgens, als der Regen nachgelassen hatte, machten
wir uns auf die Suche nach einem Platz für unser Basislager. Wir
dachten, das ideale Plätzchen gefunden zu haben: der Hügel ober-
halb des rostroten Felsens, dem Paredon seinen Namen verdankt.
Durch die höhere Lage würde der Untergrund sich nicht wie der
Schlick hier am Flussufer in einen See aus Matsch verwandeln,
wenn wir darauf herumliefen. Es war ein undurchdringliches Ge-
wirr von Bäumen, Ranken und dicken Blättern, aber das störte uns
nicht. Ein paar Tage harter Arbeit mit Axt und Machete würden
das ändern.
»He!« Das war Jims Stimme. »Kommt mal her, und seht euch
das an!«
Er stand am Rand des Felsens; der Rio Guaporé rollte zu seinen
Füßen vorbei. Die tief hängenden Wolken lichteten sich für einen
Augenblick und enthüllten in der Ferne die blassblaue Silhouette
des brasilianischen Hochlandes.
»Da, ganz weit drüben. Ich glaube, das ist das Nhambiguara-
Dorf, in dem wir diesen Indianer gesehen haben.«
»Was sagt man dazu!«, rief ich. »Du hast recht! Und ich be-
zweifle, dass der Weg dorthin länger als einen Tag dauert.«
Ermutigt durch unsere Entdeckung, schlidderten und rutschten
wir den Berg wieder hinunter und begannen unsere Werkzeuge
für die vor uns liegende Arbeit zu schärfen.
Es war jetzt spätmorgens, und wir hatten alle ziemlichen Hun-
ger. Ich machte mich auf die gewohnte Suche nach trockenem
Holz, um es dann geduldig zum Brennen zu bringen und unser
Mittagessen zu kochen, als ich plötzlich Dave rufen hörte: »He,
Bruce! Schau mal da drüben am Dschungel!«
Ich richtete mich auf. Da war etwas, das vorhin noch nicht da
gewesen war. Erst dachte ich an einen Schatten, lang und breit – am
Boden entlang. Aber es konnte kein Schatten sein – es schien keine
Sonne. Dann sah ich, dass es sich in langsamem gleichmäßigem
Tempo direkt auf mich zu bewegte. Der ganze Boden schien in Be-
wegung zu sein, wogend und schaukelnd. Fast automatisch sah
ich auf die Spitze, die mir am nächsten war. Dort trennten sich
kleine schwarze Linien von der mysteriösen Masse, liefen schnel-

87
ler als der Hauptstrom, aber in keine bestimmte Richtung, sondern
immer im Zickzack hin und her. Dann wusste ich es.
»Ameisen!«, schrie Dave fast im selben Augenblick.
»Wanderameisen!«, antwortete ich.
Blitzartig hatte ich das Bild vor Augen, als an dem schrecklichen
Abend in Cafetal die Ameisen wie ein Wasserfall unser Haus über-
flutet hatten. Ich konnte die Masseninvasion vor meinem geistigen
Auge sehen – bis in den Dschungel. Wie weit? »Manchmal meilen-
weit«, hatten Bolivianer uns gesagt.
Der Hauptstrom war gerade noch knapp fünf Meter entfernt.
»Kommt, Dave, Jim – lasst uns abhauen!«, schrie ich. Wir rann-
ten zum Flussufer zu unserem Einbaum.
Auf dem Weg stieg in mir Wut hoch. Wir konnten unsere Haut
retten. Aber dies wäre das Ende unseres Basislagers. Wenn die
Ameisen erst einmal unseren Zucker entdeckt hätten – von den
Bohnen ganz zu schweigen –, würden sie sich hier häuslich nie-
derlassen. Dann konnten wir unser Lager abschreiben. Und gerade
jetzt, wo wir eine optimale Lage entdeckt hatten.
Ich erinnerte mich an den Vorschlag unserer Nachbarin in Cafe-
tal: die Benzinfackel. Ich fasste den Entschluss, dass wir uns nicht
von einem Haufen Ameisen vertreiben lassen würden.
»Kommt, Freunde!«, rief ich. »Wir geben uns nicht kampflos
geschlagen.«
Ich schnappte mir einen Benzinkanister vom Einbaum und
rannte zurück. »Los, schnell! Nehmt irgendwelche Tassen oder
Kannen! Holt Streichhölzer!«
Die hin und her laufenden Ameisenkolonnen waren fast am
Lagerrand angelangt. Dies waren die Erkundungstruppen, die
Signale an die Haupttruppe zurücksandten, welcher Weg der
beste sei. Meine Haut begann zu jucken, während ich zusah. In
meiner Fantasie fühlte ich schon die scheußlichen, kleinen Füße
überall auf meinem Körper, die unzähligen Bisse der kräftigen har-
ten Beißwerkzeuge. War die Geschichte wahr, die ich gehört hatte,
dass genug von ihnen einen Mann binnen Minuten bis aufs Skelett
abfressen konnten?
Jim hielt mir eine Metalltasse hin, Dave eine Zinnkanne. Mit be-

88
benden Händen füllte ich sie mit Benzin. Wir schütteten das Ben-
zin direkt vor die Ameisen und warfen ein brennendes Streichholz
hinterher.
Puff! machte es, gefolgt von einem orangefarbenen Blitz, und
der Matschboden begann lustig zu brennen. Die Vorhut zögerte.
Aber bald flackerte das Feuer nur noch. Die Hauptkolonne mar-
schierte weiter. Mehr Benzin – mehr Feuer – wieder und wieder …
Wir sahen zu und warteten auf Ergebnisse. Ich sah Jim und Dave
an. Ihre durch die Flammen geheimnisvoll rot angestrahlten Ge-
sichter waren Masken von ehrfürchtiger Gebanntheit. Schließlich
hielt der Hauptstrom an, um schließlich in perfekter Ordnung zu-
rück in den Dschungel zu marschieren.
Wir setzten uns sofort auf die nächstliegende Kiste und trockne-
ten uns die Stirn. Wir schwitzten – und nicht nur wegen der Hitze.
Es dauerte eine ganze Weile, bis wir wieder Appetit hatten. Dann
setzte ich die Vorbereitungen für das Mittagessen fort.
Am Nachmittag schaute ich aus unerklärlichen Gründen mit
einem Mal nach Norden. »Nein, nicht schon wieder!«, rief ich.
Tatsächlich, da näherte sich derselbe Schatten. Die Ameisen mar-
schierten aus einer anderen Richtung auf uns zu – mit einem Un-
terschied. Keine suchenden Zickzack-Truppen, die vorausliefen.
Die Aufklärungstruppen hatten sich mit dem Rest verbunden, und
sie bewegten sich weitaus schneller. Jetzt war es nicht der Zucker,
hinter dem sie her waren; diesmal waren wir das Ziel!
Im straffen Tempo ihres Aufmarsches konnte ich zielgerichtete
Boshaftigkeit spüren, brutale, stumme, drohende Einfalt, auf ein
einziges Ziel gerichtet.
Aber diesmal waren wir vorbereitet.
Ich hatte gerade die erste Salve losgelassen, als Dave laut rief:
»Da kommen noch mehr von der anderen Seite!« Tatsächlich grif-
fen sie von zwei Seiten an.
In den nächsten Minuten vergossen wir viel Benzin und lie-
ßen das Feuer in großen Halbkreisen auflodern. Welle nach Welle
tauchte auf; die Körper der verbrannten Kameraden wurden über-
klettert. Unaufhörlich liefen sie weiter Sturm. Besorgt beobachte-
ten wir, wie unser Benzinvorrat immer weiter schrumpfte. Aber

89
langsam schienen die Ameisen die Botschaft zu begreifen, dass sie
sich gegen ein flammendes Inferno stellten. Wieder formierten sich
die Kolonnen und marschierten zurück in den Dschungel.
Eine Himmelsrichtung hatten sie allerdings ausgelassen: den
Süden. Unser Abendessen verlief in unruhiger Ausschau nach
dem langen Schatten. Dann fielen wir erschöpft von unseren An-
strengungen in die Hängematten. Aber keiner von uns schlief
diese Nacht viel. Ab und zu leuchtete immer wieder einer von
uns mit der Taschenlampe durchs Moskitonetz auf den Boden, um
zu sehen, ob der lange, schweigende, tödliche Zug wieder auf-
tauchte.
In den nächsten Tagen, als wir unser Lager ausbauten und ver-
besserten, waren wir auf der Hut. Aber die Ameisen tauchten nicht
wieder auf. Offensichtlich war unsere Taktik der »verbrannten
Erde« aufgegangen.
Das Wetter, vorher schlechter geworden, besserte sich ein
wenig, und so konnten wir die Rodung des Geländes auf dem
Felsen in Angriff nehmen. Aber das Benzin war knapp und die
Lebensmittel ebenso. Wir rationierten unsere Bohnen und den
Reis, aber das schwächte uns so sehr, dass wir keine gute Arbeit
mehr leisten konnten. Schließlich erreichten wir den Punkt, an
dem wir nach Cafetal zurückkehren mussten, um unsere Vorräte
zu erneuern und selbst wieder zu Kräften zu kommen.
Nach zwei Wochen zu Hause kehrten wir zurück. Wir waren
jetzt stärker und hatten genügend Vorräte für siebzehn Tage bei
uns. Die Regenfälle hatten nachgelassen, und wir konnten den Bau
unseres Basislagers in Angriff nehmen.
Das Schwierigste war das Zuschneiden der Pfähle aus Maha-
goniholz – sie waren zehn bis fünfzehn Zentimeter im Durchmes-
ser – und das Heranziehen aus dem Dschungel mithilfe von Sei-
len aus geflochtenen Ranken. Wir gruben und setzten sie in den
Boden zu einer Art Palisade und umschlossen einen leidlich gro-
ßen Raum. Jetzt würden wir bei einem Überraschungsangriff der
Indianer wenigstens einen Schutz vor fliegenden Pfeilen haben.
Darüber setzten wir einen Dachfirst über die ganze Länge des
»Hauses«, der durch senkrechte Stangen an den Enden des Hauses

90
getragen wurde. Vom First ausgehend, banden wir dünne Baum-
stämme fest, die bis auf die Seitenwände reichten. Auf diese Rip-
pen, die etwa einen halben Meter auseinanderstanden, banden wir
Palmblätter.
Als wir schließlich unser Werk begutachteten, mussten wir zu-
geben, dass es nicht besonders aufregend aussah. Zu Hause in den
Staaten wäre es noch nicht einmal als baufällige Hütte akzeptiert
worden. Aber es war ein Vorposten.
Wir setzten uns zusammen auf den gerodeten Boden und hielten
Rat. Von unserem erhöhten Standpunkt aus konnten wir erken-
nen, dass viel vom tiefer liegenden Dschungel immer noch über-
flutet war, was sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern würde. Es
hatte also keinen Sinn, vor der zweiten Augusthälfte auch nur den
Versuch zu unternehmen, Kontakte zu knüpfen. Der August war
fünf Monate entfernt.
»Warum versuchen wir nicht noch einmal, mit den Sansimo-
nianos freundschaftlichen Kontakt zu bekommen?«, schlug ich
vor. »Wenn wir Erfolg haben, bleiben wir dran. Wenn nicht, kom-
men wir hierhin zurück. In der Zwischenzeit sammeln wir wei-
tere Erfahrungen draußen in der Wildnis.« Die anderen stimmten
zu. Während der nächsten drei Monate dauernden Expedition
sammelten wir Unmengen von Erfahrungen in der Wildnis west-
lich von Cafetal. Aber die Sansimonianos wichen uns aus.
Jetzt wussten wir, dass wir all unsere Anstrengungen nach
Kräften darauf konzentrieren mussten, die Nhambiguaras freund-
schaftlich zu erreichen. Wir malten uns im Traum nicht aus, was
wir erleben würden.

91
Ein neuer Brückenkopf

An einem heißen Nach-


mittag im August – wir
waren wieder zurück
in Paredon – setzten
Jim, Tom, Dave und
ich uns in unseren Ein-
baum, um auf die Su-
che nach Schildkröten-
eiern zu gehen. Etwa ei-
nen Monat vorher war
Tom Moreno, ein junger
Missionar aus Texas, gekom-
men, um sich uns anzuschließen.
Tom war um die zwanzig; er besaß
die bewundernswerte Ausdauer der Jugend und eine gewinnende
Art gegenüber jedem Menschen, den er traf.
Schildkröteneier, mit weicher Schale und ungefähr so groß
wie ein Tischtennisball, bestehen fast nur aus Eidotter. Für die
Einheimischen sind sie eine große Delikatesse. Sie essen die Eier
entweder roh oder kochen sie zu einem Brei. Beide Möglich-
keiten waren wegen der körnigen Beschaffenheit der Eier nicht
nach unserem Geschmack. Aber wir hatten herausgefunden, dass
man sehr lockere Omeletts aus diesen Eiern zubereiten konnte,
die sehr nach Hühnereiern schmeckten mit einem Hauch Fisch-
aroma. Außerdem lieferten sie sehr viel Eiweiß, ein unverzicht-
barer Energiespender, wenn man körperlich arbeitet und auf
Forschungsreise ist.
Gegenüber, auf der brasilianischen Seite des Flusses, lag eine
riesige Sandbank von ca. zwanzigtausend Quadratmetern Fläche.
Solche Sandbänke entstehen gewöhnlich in Flussbiegungen. Diese
sah aus wie ein idealer Platz für die Schildkröteneiablage, also
legten wir an und begannen mit der Suche.

92
Wir verteilten uns, um möglichst viel Fläche nach den kleinen
schmalen Spuren der Schildkrötenklauen absuchen zu können, die
uns dann zum Eiablageplatz unter dem Sand führen könnten.
Plötzlich gab Dave einen Pfiff von sich. »He!«, rief er halblaut.
»Das hier ist kein Schildkrötenabdruck! Kommt mal her!«
Wir rannten zu der Stelle, an der er stand und sich nach vorn
beugte, angestrengt in den Sand spähend. Dort war zweifelsfrei
ein menschlicher Fußabdruck – und ein frischer noch dazu.
»Der stammt von einem Indianer – ich bin ganz sicher!«, flüs-
terte Jim aufgeregt.
Zu Hause in Cafetal hatte Don Juan uns kurz die Merkmale
eines Indianerfußabdrucks erklärt, falls wir jemals auf einen sto-
ßen sollten: Er würde typisch sein für eine Person, die ihr ganzes
Leben lang barfuß gegangen ist – sehr breit vorn am Ballen, mit
kräftigen Zehenabdrücken, die etwas auseinanderstanden. Dieser
Abdruck hier erfüllte alle Vorgaben ganz exakt.
Die Schildkröteneier waren vergessen. Wir verteilten uns und
machten uns erneut auf die Suche. Neue Spuren tauchten auf –
und dann mehr und mehr.
Als wir verschiedenen Spurverläufen folgten, waren wir über-
rascht, dass alle am selben Punkt am Rand des Unterholzes zusam-
mentrafen.
Wir spähten durchs Dickicht und sahen Zeichen einer neuen
Spur. Völlig im Bewusstsein der möglichen Gefahren, entschlossen
wir uns dennoch, das Beste aus unserer Entdeckung zu machen.
Die Spur war recht einfach zu verfolgen. Heiß und kalt lief es
mir den Rücken hinunter, während wir uns langsam durchs dichte
Unterholz schoben, alle paar Schritte anhielten und mit angehal-
tenem Atem Augen und Ohren anstrengten, um mögliche Zeichen
feindlicher Übergriffe zu erkennen.
Nur Schweigen.
Einige hundert Meter weiter landeinwärts gelangte der Weg auf
eine gerodete Lichtung: ein Indianerlager. Genau an diesem Punkt
hatten wir vor ein paar Tagen Geschenke für die Indianer hinter-
lassen. (Ich muss noch erklären, dass unsere Geschenke im Wert
immer dem Grad der Wichtigkeit und Bekanntheit angepasst wa-

93
ren. Beim ersten Kontakt ließen wir nur einfache Dinge zurück –
einige Schälmesser, ein oder zwei mit Mais gefüllte Zinnkannen,
einen leeren Zinnkanister. Die wertvolleren Dinge – eine Machete,
eine Axt, Zucker oder Ketten – hielten wir zurück für ein späteres
näheres Treffen.)
Wir freuten uns über das, was wir sahen: Die Eingeborenen hat-
ten unsere Geschenke angenommen. Unsere erste freundschaft-
liche Geste hatte Erfolg gehabt. Schnell holten wir hervor, was wir
extra zu solch einem Zweck mitgebracht hatten – eine Axt, ein paar
größere Messer, weitere Kannen mit Essen. Dann beschlossen wir,
dass dies für einen Tag genug sei und wir die Dinge besser nicht zu
weit treiben sollten. Wir wandten uns zurück zum Fluss.
Wir ließen zwei Tage verstreichen, ehe wir erneut einen Vorstoß
zu der Lichtung wagten. Diesmal war unsere Freude noch größer.
Die Indianer hatten nicht nur unsere Geschenke angenommen: Sie
hatten im Gegenzug welche für uns bereitgelegt. Wir beugten uns
über eine sauber gerodete Stelle auf dem Boden und fanden ein
paar hundert Schildkröteneier, einen ihrer Bambuspfeile, kunst-
voll mit Truthahnfedern verziert und ein rohes Messer mit einem
Holzgriff.
Als ich das Messer genauer betrachtete, stieg Unruhe und Sorge
in mir auf. Obwohl messerscharf, war das Metall in der Mitte ge-
bogen und mit Rost bedeckt. Ganz offensichtlich war es aus einem
Gewehrlauf gehämmert worden. Wie waren die Wilden an das Ge-
wehr gekommen? Und was war mit dem Eigentümer geschehen?
War er ein Opfer eines dieser lautlosen Pfeile geworden? Und war
er danach aufgegessen worden, was den Gerüchten zufolge das
Schicksal Gefangener war?
Ich wagte nicht, diese Gedanken weiterzuführen. Abgesehen
davon war das Ganze sehr ermutigend. Zu keiner Zeit, seit wir
uns flussaufwärts gewagt hatten, war die Aussicht auf einen
freundschaftlichen Kontakt besser gewesen.
Wir beschlossen, ein wenig weiterzurudern, in der Hoffnung,
am Ufer auf Indianer zu treffen. Für das Rudern entschieden
wir uns, um die Indianer nicht durch das Motorengeräusch des
Außenborders zu erschrecken.

94
Etwa eine halbe Stunde später, wir kamen gerade um eine
Kurve, hob Dave sein Paddel und flüsterte heiser: »Da sind sie!«
Einige hundert Meter vor uns am Flussufer zählte ich vier In-
dianer. Sie duckten sich zu Boden, eine Haltung, die Angst und
Fluchtbereitschaft signalisierte. Sie schienen bereit zu sein, jeden
Augenblick im schützenden Dschungel unterzutauchen. Und tat-
sächlich: Als sie uns in ihre Richtung kommen sahen, verschwan-
den sie im Urwald.
Wir waren bald auf gleicher Höhe mit der Stelle, an der sie
verschwunden waren. Dave und Jim riefen sie an, um sie heraus-
zulocken. Keine Antwort – nur das Flüstern des Windes in den
Baumwipfeln. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Gefühle zwie-
spältig. Die Angst vor dem Unbekannten ließ mich halb hoffen,
dass sie nicht herauskommen würden. Aber ich kämpfte, um die-
ses Gefühl zu überwinden.
Wir zogen das Kanu auf die Sandbank und hinterließen wei-
tere Geschenke. Dann zogen wir uns ins Boot zurück, ruderten auf
den Fluss und warteten. Immer noch kein Lebenszeichen. Wir be-
gannen mit der Strömung abzudriften, also fingen wir an zu ru-
dern. Wir waren ein paar hundert Meter weit gekommen, als Jim
über die Schulter zurücksah und rief: »He! Sie sind zurückgekom-
men!«
Wir drehten uns um. Die Nhambiguaras waren wieder hervor-
gekommen und hoben die Geschenke auf. Aber als wir wieder auf
ihre Höhe kamen, verschwanden sie erneut.
Mittlerweile senkte sich die Sonne schon hinter die Baumwip-
fel. Wir waren ungefähr sechs Kilometer von unserer Basis ent-
fernt, also brachen wir hier ab und machten uns auf den Heim-
weg.
Am Abend, als wir unter dem sternenklaren Himmel versam-
melt saßen, knackte ein Zedernzweig im Feuer und sprühte Fun-
ken. Dave fragte: »Ich überlege. Sollen wir morgen unsere Ge-
wehre mitnehmen? Vielleicht erwischen wir eine Ente oder einen
Truthahn. Oder meint ihr, es wäre besser, die Gewehre im Moment
nicht zu tragen?«
Ich antwortete: »Es ist wahrscheinlich nicht die beste Idee, mit

95
Gewehren herumzulaufen, wenn die Wilden in der Nähe sind. Sie
würden vielleicht denken, dass wir hinter ihnen her sind, und uns
mit Pfeilen vollpumpen.«
Es gab Für und Wider bei dieser Frage, und wir diskutierten
ziemlich lange.
Ich fuhr fort: »In Johannes 18, Vers 36 heißt es: ›Jesus antwor-
tete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wenn mein Reich von
dieser Welt wäre, so hätten meine Diener gekämpft, damit ich den
Juden nicht überliefert würde.‹ In der Apostelgeschichte haben
weder Stephanus noch Paulus jemals zurückgeschlagen, um sich
zu verteidigen. Ich persönlich würde mich lieber töten lassen, als
zu töten und dies mein Leben lang auf dem Gewissen zu haben.«
Wir entschlossen uns, den Beispielen aus der Schrift zu folgen.
Am folgenden Morgen machten sich Jim, Dave und Tom wie-
der auf den Weg. Ich blieb zurück, um das Haus zu hüten. Nie zu-
vor hatte ich einen Tag so voll bohrender Einsamkeit erlebt. Meine
Gedanken waren bei den Freunden. Jeden Augenblick dachte ich
darüber nach, was wohl gerade mit ihnen passierte. Jetzt war ich
frei von Sorge um meine eigene Person. Wir hatten unser Lager ja
am gegenüberliegenden Ufer. Dann erinnerte ich mich jedoch an
eine Stelle flussaufwärts, die sehr seicht war und die die Indianer
leicht durchwaten konnten. Jedes Mal, wenn ich das Rascheln ei-
nes Tieres im Unterholz hörte, zuckte ich zusammen. Jedes Mal,
wenn unsere Hunde bellten, erstarrte ich.
Kurz vor Einbruch der Dämmerung, als ich gerade das Feuer
neu anfachte, um unser Abendessen – Reis und Bohnen – zu ko-
chen, hörte ich die vertrauten Stimmen vom Fluss her herannahen.
Die Kameraden kamen zurück.
»Rate mal, was passiert ist!«, rief Jim mit leuchtenden Augen.
»Wir haben heute Nachmittag Kontakt aufgenommen.« Dann fuhr
er fort und erzählte der Reihe nach: »Als wir den Fluss entlang-
gerudert kamen, sahen wir etwa sechs von ihnen an derselben
Stelle wie gestern. Und weißt du was? Sie winkten uns, herüber-
zukommen. Wir kamen überein, dass ich im Boot bleiben sollte,
während Tom und Dave zur Sandbank hinüberschwammen. Die
Entfernung betrug ungefähr sechzig Meter.«

96
Dann nahm Dave den Faden auf: »Alles schien optimal zu lau-
fen. Wir dachten, wir würden gute Fortschritte machen. Es war er-
staunlich, wie prima wir einander verstanden, ohne die Sprache
des anderen zu kennen. Ganz plötzlich, ohne einen für uns ersicht-
lichen Grund, wurden die Indianer nervös. Ich denke, sie haben
uns nicht ganz vertraut. Wir merkten, dass es Zeit war, uns zu-
rückzuziehen, und taten das auch. Aber ehe wir aufbrachen, verab-
redeten wir – durch Gesten für Schlafen und den Stand der Sonne –,
dass wir uns gern morgen um acht Uhr am gleichen Ort wieder
treffen würden. Wir haben jetzt eine Verabredung. So – wann gibt’s
Abendessen? Ich habe einen Bärenhunger!«
Ich habe während dieser Nacht nicht viel geschlafen. Bei Ta-
gesanbruch packten wir noch einige Geschenke ein für den glück-
lichen Fall, dass wir die Indianer treffen würden. Diesmal war es
Jims Aufgabe, das Haus zu hüten. Er zog ein langes Gesicht, als er
uns zum Abschied winkte. Er wäre gern mitgekommen, und ich
wusste ganz genau, wie er sich fühlte.
Es war der 6. September 1951. Ich notierte das in meinem Ta-
gebuch, denn es konnte ein historischer Tag werden. Flussabwärts
war das Rudern einfach, und so hatte ich viel Zeit zum Nachden-
ken – zu viel Zeit. Mir fiel wieder Daves Beschreibung ein, wie
nervös die Nhambiguaras am vorherigen Nachmittag geworden
waren. Ich versuchte, mich innerlich für das kommende Ereignis
zu stärken. Wieder begann sich in mir der Wunsch auszubreiten,
dass ein Treffen nicht stattfinden möge. Ich versuchte im Stillen,
Choräle zu singen. Aber ehe ich mit einer einzigen Strophe fer-
tig war, merkte ich, wie meine Gedanken um Möglichkeiten der
Selbstverteidigung kreisten. Ich wollte jetzt noch nicht sterben.
(Ich redete mir ein, der Grund dafür wäre, dass ich bis jetzt so we-
nig im Werk des Herrn geleistet hätte. Tatsache war, dass ich ein-
fach nicht sterben wollte.) In Gedanken spielte ich durch, was ich
tun würde, falls man mich angriff. Ich könnte über Bord springen,
so weit wie möglich tauchen und flussabwärts schwimmen, um
den fliegenden Pfeilen zu entkommen. Da war große Schwachheit
auf meiner Seite – aber es war die Schwachheit des Fleisches.
Dann erinnerte ich mich, dass ich daheim in den Staaten, als ich

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meine Missionslaufbahn begonnen hatte, dem Herrn versprochen
hatte, nötigenfalls auch mein Leben für ihn zu geben. Dies gab mir
Kraft. Ich würde mein Wort nicht zurücknehmen.
Ein langes, gerades Flussstück kam in unser Blickfeld. Dort auf
dem Sandstreifen am Ufer warteten etwa acht Indianer auf uns.
Wir steuerten zum Ufer und zogen das Kanu an Land. Mein
Herz klopfte rasend schnell. Was würden sie tun? Wie würden sie
uns empfangen? Ich hatte kaum Zeit für Spekulationen. Sie kamen
alle auf uns zu und plapperten in fremdartigen gutturalen Lauten,
ähnlich denen der Affen.
Ich sah diese legendären Gestalten zum allerersten Mal aus so
großer Nähe. Sie waren alle nackt; nie zuvor waren mir ähnlich
vollkommene physische Geschöpfe begegnet. Obwohl etwas klei-
ner als wir, waren sie doch wunderbar proportioniert. Bei jeder
schnellen, katzenartigen Bewegung konnte man das Spiel der
voll ausgebildeten Muskeln unter der braunen Haut beobachten.
Manche hatten die Haare über der breiten Stirn zu einem Pony
geschnitten, das lange schwarze Haar den Rücken hinabhängend.
Andere hatten kurz geschnittene Stufenfrisuren, als ob sie die
Haare mit einem primitiven Schneidinstrument bearbeitet hätten.
Sie kamen auf uns zu und umarmten uns mit knochenbreche-
rischer Heftigkeit. Mir fiel auf, dass sie alle breit lächelten; aus
Mangel an Alternativen lächelte ich auch. Genauer gesagt, ich
lächelte so angestrengt und lange, dass meine Wangenmuskeln
zu schmerzen begannen.
Dann begannen sie, uns am ganzen Körper zu betasten – un-
ser Haar, unsere Augen, unsere Haut –, als ob wir Außerirdische
von einem anderen Stern wären. Ich fühlte mich unbehaglich, als
sie meine Arme und Beine drückten, dabei ununterbrochen mit-
einander plappernd – als ob sie abschätzten, wie viel ich wohl als
Fleischeinlage im Suppentopf wert sein würde!
Einer von ihnen kniete nieder und machte sich an meinen Fü-
ßen zu schaffen. Ich verstand erst nicht, was er wollte, bis ich
merkte, dass er versuchte, mir einen Schuh auszuziehen. Als das
nicht gleich funktionierte, dachte er vermutlich, der Schuh sei an-
gewachsen, denn nach wenigen Versuchen gab er auf.

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Zur selben Zeit riss ein anderer Indianer an meiner linken
Hand. Mir fiel ein, dass ich meinen Ehering leider nicht zu Hause
gelassen hatte. Der Indianer war durch das Glitzern des Goldes
aufmerksam geworden. Ich gab vor, ihm helfen zu wollen, denn
ich wusste, dass in diesem äußerst brüchigen Stadium unserer
Bekanntschaft das geringste Zeichen von Widerstand eine ernste
Krise heraufbeschwören konnte. Meinen Ehering wollte ich jedoch
auch nicht verlieren. So bog ich unmerklich den Finger, weiterhin
vorgebend, ihm zu helfen, und der Indianer konnte den Ring nicht
über den Fingerknöchel ziehen. Schließlich gab er auf.
Ich hatte diese kniffelige Situation kaum hinter mir, als sich
schon die nächste ankündigte. Ein kräftiger Indianer baute sich ge-
nau vor mir auf, lächelte, schob den Zeigefinger in meinen Mund
und begann darin herumzutasten. Dies beunruhigte mich aller-
dings, denn ich hatte falsche Zähne. Mir schoss der Gedanke durch
den Kopf, dass, wenn er herausfände, dass die Zähne lose und
herauszunehmen waren, er vermutlich so entzückt über diese Ent-
deckung sein würde, dass meine Zähne auf Nimmerwiedersehen
verschwinden würden. Ich brauchte meine Zähne aber unbedingt,
um das zähe Fleisch zu kauen, das einen Hauptbestandteil unserer
Kost darstellte.
Er probierte immer noch. Er konnte seine unerfreuliche Ent-
deckung jeden Augenblick machen. Da blieb nur eines zu tun. Ich
fasste mir ein Herz und biss so fest ich konnte in seinen Finger.
Das Lächeln erstarb, und Schmerz, vermischt mit ärgerlicher Über-
raschung, bestimmte seine Miene. Sofort krümmte ich mich vor
Lachen und hielt mir den Bauch, um verständlich zu machen, dass
dies meine Vorstellung von einem guten Witz war. Dieses Verhal-
ten schien ihn völlig zu verwirren. Er wandte sich ab und unter-
suchte Tom.
Einen Augenblick blieb ich allein. Mein Blick wanderte von den
verspielten, plappernden Indianern hinüber zu der undurchdring-
lichen Wand aus Dschungel hinter der Sandbank. Ein Schaudern
lief mir den Rücken hinab. Die breiten Blätter zitterten, aber nicht
durch den Wind. Ich war überzeugt, dass ich glänzende, schwarze
Augenpaare auf uns gerichtet sah. Ich hatte das Gefühl, während

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die acht Indianer herausgekommen waren, um uns zu treffen, war-
teten dort im Dickicht etliche andere, bewehrt mit Pfeil und Bogen,
auf die geringste Bewegung, die ihnen feindselig erschien. Dies-
mal hatten wir keine Pistolen dabei. Wir hatten sie bewusst zu-
rückgelassen, um nicht den geringsten Anlass zur Unruhe zu ge-
ben. Wir waren ihnen vollständig ausgeliefert. Dies ließ uns alles
geduldig ertragen.
Noch etwas störte mich. Keiner gab irgendwelche Befehle. Kei-
ner hatte ein eindeutiges Zeichen von Autorität in Aussehen oder
Benehmen. Dies konnte nur bedeuten, dass unter denen, die her-
ausgekommen waren, um uns zu treffen, keiner der Häuptling
war. So konnten sie alle tun, was sie wollten, ohne jemandem ver-
antwortlich zu sein.
Plötzlich wurde mein Kopf mit einem gewaltigen Ruck nach
hinten gezogen. Ich fiel fast um und fühlte einen scheußlichen
Schmerz. Als ich mich umdrehte, sah ich einen gedrungenen Wil-
den, der mich triumphierend angrinste. In der Hand hielt er ein
ziemlich dickes Büschel meines blonden Haares. Mein gestelltes
Lächeln war wohl in eine eher überraschte und schmerzvolle
Miene übergegangen. Als ich jedoch merkte, wie angestrengt und
genau der Indianer meine Reaktion und Miene studierte, zwang
ich meine müden Gesichtsmuskeln schnell wieder in ein Lächeln.
Das muss wohl die gewünschte Reaktion gewesen sein, denn
– wie um zu zeigen, dass alles nur Spaß war – der Indianer ging
hinüber zu einem seiner Kameraden und versuchte ein ähnlich
dickes Büschel schwarzes Haar herauszuziehen. Seine Haare hat-
ten aber wohl festere Wurzeln als meine, denn es wollte nicht ge-
lingen. So leicht wollte er jedoch nicht aufgeben. Der Scherzbold
zog den Kopf des Unglücklichen nahe zu seinem Mund und be-
gann das Haar abzubeißen – Haar für Haar, wie eine Frau einen
Faden abbeißt.
Wir überlegten, wie lange diese Spielchen noch dauern wür-
den. Schließlich zogen sich zwei von ihnen etwas zurück, steckten
die Köpfe zusammen, flüsterten und spähten verstohlen in unsere
Richtung. Diese Wendung der Ereignisse gefiel uns gar nicht. Wir
erklärten in Zeichensprache, dass wir gehen müssten und um vier

100
Uhr zurückkommen würden. Dann ruderten wir den Fluss hinauf,
bemüht, keine Hast zu zeigen.
Zur angesagten Stunde kehrten wir zurück. Wir hatten keinerlei
Vorstellung, was uns erwarten würde. Eine größere Gruppe stand
dort und hielt nach uns Ausschau; wir sahen etliche Gesichter, die
wir noch nicht kannten. Diesmal untersuchten sie uns nicht. Die
Neugier der Neulinge war wahrscheinlich durch die Erzählungen
der anderen befriedigt worden.
Wir beeilten uns, unsere Geschenke zu überreichen, ehe wei-
tere Dummheiten geschehen konnten. Wir trafen sie in der Mitte
des Strandes. Wir hatten einige Tüten Zucker dabei und »farina«,
das sind grobe Getreideflocken aus Yucca. Sie starrten misstrauisch
darauf. Wir verstanden und aßen selbst jeder einige davon, um zu
zeigen, dass wir nicht vorhatten, sie zu vergiften. Danach stürzten
sie sich gierig darauf.
In dieser entspannten und freundlichen Atmosphäre zog Dave
Block und Bleistift hervor und machte sich bereit, die Laute ihrer
Sprache aufzuschreiben.
Über unseren Köpfen kreisten einige graubraune Flussvögel,
die Möwen ähnelten, aber kleiner waren und einen geraden Schna-
bel hatten. Ich zeigte auf einen Vogel und sah den nächststehen-
den Indianer fragend an. Er machte ein Geräusch in seiner Spra-
che, und ich schrieb es in Lautschrift auf. Dann sah ich auf das Ge-
schriebene und versuchte, das gleiche Geräusch wie er zu machen.
Das verwirrte ihn vollständig: Er dachte, die Zeichen auf dem Blatt
machten die Geräusche. Andere bestanden darauf, selbst auf das
Papier zu malen. Dann traten sie zurück und warteten darauf, dass
die Zeichen sprechen würden. Als nichts geschah, waren sie ent-
täuscht.
Unsere ersten Bemühungen zeigten uns, dass es stimmt, was
Don Juan uns gesagt hatte: Wir hatten es mit einer der kompli-
ziertesten Sprachen der Welt zu tun, die vermutlich seit Tausen-
den von Jahren existierte und noch nie aufgeschrieben worden
war. Das war nur eine der Arbeiten, die wir erledigen mussten, ehe
wir damit beginnen konnten, ihnen vom Evangelium zu erzählen.
Viele der Laute, die sie hervorbrachten, hatten im Englischen oder

101
Spanischen kein Gegenstück. Sie entstanden durch den Gebrauch
von Rachenraum und Lippen auf völlig unterschiedliche Art.
Auf der anderen Seite brauchten wir einen englischen Satz nur
ein einziges Mal zu sagen, und sie konnten ihn sofort völlig fehler-
frei wiederholen. Wir kamen uns ziemlich dumm vor. Abgesehen
von ihren Eingeborenenkostümen waren sie offensichtlich hoch-
intelligente Menschen. Ihr Verstand musste durch den Jahrhun-
derte dauernden Überlebenskampf gegen die Natur, gegen an-
dere Stämme und gegen den plündernden weißen Mann zu be-
merkenswerter Schärfe ausgebildet worden sein. Sie würden sich
sicherlich überall in der Welt behaupten, gäbe man ihnen die Mög-
lichkeit von Bildung und Erziehung. Diese Entdeckung stachelte
unseren Eifer noch an, uns mit ihnen anzufreunden und sie zu be-
kehren. Uns gegenüber schienen sie wirklich freundlich gestimmt
zu sein – gelassen und ohne Misstrauen.
Nun aber begannen uns die Unannehmlichkeiten der Natur
zu plagen. Zwei Stunden waren vergangen. Nie zuvor waren wir
so lange mit ihnen zusammen gewesen. Auf der Sandbank war es
heiß, aber wir wagten noch nicht, mit unseren Gastgebern in den
Dschungel auszuweichen, um der brennenden Sonne zu entgehen.
Da wir schwitzten, kamen Tausende von Mücken, ließen sich auf
uns nieder und hinterließen ärgerliche kleine, rote Spuren, wo im-
mer sie zubissen.
Wieder brachen wir auf und bedeuteten in Zeichensprache,
dass wir morgen wiederkommen würden. Unsere Freunde schie-
nen aufrichtig betrübt zu sein, dass wir sie schon verlassen wollten.
Unsere Herzen wurden leicht. Seit wir begonnen hatten, den Kon-
takt zu den Nhambiguaras zu suchen, waren wir noch nie so frei
von Angst und so hoffnungsfroh gewesen, dass wir eines Tages
unser Ziel erreichen würden.
Als wir auf eine Kurve zuruderten, drehten wir uns noch ein-
mal um. Die Indianer hoben ihre Beine und schlugen darauf; zu-
nächst hielten wir das für einen rituellen Tanz.
Dann erkannten wir die Wahrheit. Sie führten lediglich den
Kampf weiter, dem wir aus dem Weg gegangen waren – den aus-
sichtslosen Kampf gegen die Mücken.

102
An diesem Abend waren wir randvoll mit Plänen für unser
nächstes Treffen. Aber über Nacht drehte der Wind und brachte
kaltes, regnerisches und stürmisches Wetter aus dem Süden mit.
Während der nächsten zwanzig Tage fanden nur vier Begegnungen
statt, die sporadisch und unbefriedigend waren. Offensichtlich ver-
ließen die Nhambiguaras, da sie ungeschützt gegen die Elemente
waren, ihre Hütten bei nasskaltem Wetter nur ungern.
Ein wirklich beunruhigender Zwischenfall ereignete sich wäh-
rend dieses Zeitraums. Dave und Tom waren mit dem Kanu für
zwei Tage flussaufwärts gefahren, um zu jagen. Tom hörte ein
Rascheln und dachte, es seien Wildschweine in der Nähe. Die
Pistole in der Hand, hastete er die Uferböschung hinauf. Gerade
hatte er die Böschung erklommen, als er ein dumpfes Geräusch
an einem Ast neben sich hörte. Er wandte sich um und sah einen
noch zitternden Pfeil, der keine zehn Zentimeter neben seinem
Kopf steckte. In etwa zwei Sätzen war er wieder am Fuß der
Böschung.
Als Tom und Dave dann auf dem Weg zurück waren, kamen
etwa ein Dutzend oder mehr Indianer, mit Pfeil und Bogen be-
waffnet, ans Ufer und begannen wütend zu schimpfen. Diese bei-
den kannten sie noch nicht. Ein anderer Indianer kam hinzu und
sprach in ruhiger und gedämpfter Stimme mit ihnen. Sofort beru-
higten sie sich; Tom und Dave holten ihre Geschenke hervor, und
es kehrte wieder Ruhe ein.
Mehrere Nächte lang war dies nun Thema Nummer eins am
abendlichen Lagerfeuer. Hatten die Indianer ihn mit der Pistole
die Böschung erklimmen sehen und gedacht, er sei gekommen,
um sie anzugreifen?
In unserem Lager am Paredon wurden wir mehrere Nächte
vom wütenden Bellen unserer Hunde wach gehalten. Am nächsten
Morgen untersuchten wir als Erstes das umliegende Gebiet. Über-
all waren merkwürdige Fußabdrücke. Dann erinnerten wir uns an
eine Sache, die die Gummiarbeiter uns erzählt hatten: Wenn die In-
dianer nachts zu einem Lager kommen, kommen sie entweder um
zu stehlen oder um zu töten.
An einem anderen Morgen, der einer schlaflosen Nacht folgte,

103
hörten wir die Hunde bellen und gingen hinaus, um nach dem
Rechten zu sehen. Fünfzig Meter vom Haus entfernt stolperten
wir über sechs Indianer, die lautlos durchs Unterholz glitten. Einer
von ihnen gab ein Signal. Sofort war die ganze Gegend erfüllt von
Antwortschreien. Da wussten wir, dass viel, viel mehr von ihnen
anwesend waren, als wir mit unseren Augen ausmachen konnten.
Wir lächelten und gestikulierten freundlich denen zu, die wir
sehen konnten. Schließlich bedeuteten wir ihnen, uns doch zurück
zum Haus zu folgen. Etwa ein Dutzend von ihnen folgte uns, und
sie setzten sich alle in einer Reihe auf einen Baumstamm. Wir hat-
ten sie noch nie in unserem eigenen Lager zu Gast gehabt, und
wir waren neugierig, wie sie auf unsere Lebensgewohnheiten re-
agieren würden. Ich beobachtete sie ganz genau, während ich ein
bisschen Kerosin auf Holz goss. Für sie war das Kerosin Wasser;
sie müssen sich gefragt haben, warum ich das tat. Dann, als ich
ein Streichholz daran hielt und das »Wasser« Feuer fing, fielen ih-
nen fast die Augen aus dem Kopf. Sie schnatterten wie die Vögel
wild durcheinander, ungläubig die Köpfe zusammengesteckt, und
bestanden darauf, unsere Streichhölzer zu untersuchen, diese ma-
gischen Hölzchen, die solch einen Zauber hervorgebracht hatten.
Sie gaben sie untereinander weiter. Aber sie schienen immer noch
nicht zu verstehen, was sich abgespielt hatte.
Die Streichhölzer hielten sie in Bann, bis das Abendessen fer-
tig war.
Wir gaben ihnen etwas Fisch, den wir am Abend zuvor gefan-
gen hatten, um ihn im Feuer zu braten. Bald darauf hatten wir
noch einen Kessel voll mit Reis und klein geschnittenem Corned
Beef, der vor sich hin kochte. Ein paar Indianer waren ungedul-
dig und holten einen Fisch heraus. Er war noch zu roh, um zer-
teilt zu werden. Das störte sie aber nicht. Einer von ihnen legte den
Fisch auf den Boden, stellte einen Fuß darauf und riss ihn mit bei-
den Händen auseinander. Er warf mir ein Stück zu, das aber kurz
vor mir auf den Boden fiel. Als ich es aufhob, versuchte ich, so viel
Schmutz wie möglich zu entfernen. Wieder bat ich den Herrn um
Beistand und begann es zu essen.
Geröstete Bananen waren besser zu essen. Wir entfernten die

104
dicke verbrannte Schale und freuten uns an dem weichen, süßen
Inneren.
Als der Reis zur Seite gestellt wurde, um ihn abzukühlen, wur-
den die Indianer wieder ungeduldig. Sie steckten ihre Finger hin-
ein, um etwas herauszuholen, und ließen dann mit einem Schrei
wieder ab, denn es war kochend heiß. Schließlich aßen sie aber
alles auf. Wir aßen auch mit den Fingern, um nicht unsere Löffel
an sie zu verlieren.
Später am Abend schlüpften sie plötzlich in den Dschungel und
waren verschwunden.

105
Missionarsfrauen

Zwei Wochen später ruderten


wir gerade wieder zurück nach
einem der seltenen Treffen in
dieser Zwanzig-Tage-Zeit. Wir
träumten unserem Abendessen
entgegen, als wir den Lärm eines
Dieselmotors hörten, der sich
von flussabwärts näherte. Jim
und ich wurden ganz aufge-
regt, denn wir waren uns sicher,
dass dies briefliche Nachricht von unseren
Frauen bedeutete, die wir seit drei Monaten nicht gesehen hatten.
Nach dem Essen liefen wir hinunter zum Flussufer. Wir war-
teten dort, als die Glocke zur Landung läutete. Das Postboot drehte
bei; die Besatzung legte die viel benutzte Planke herüber ans Ufer,
und sie kamen an Land. Unsere Frauen hatten beide geschrieben.
Wir rissen die Umschläge auf und fühlten uns wohl und getröstet
während des Lesens. Sie warteten beide darauf, uns tatkräftig zu
unterstützen, sobald es hier sicher genug war.
Plötzlich jedoch standen wir unerwartet vor einer ganz neuen
Situation. Die Indianer, die weit entfernt auf unsere Rückkehr war-
teten, waren von einigen Besatzungsmitgliedern gesehen worden,
die sich jetzt in heller Aufregung befanden. Seit Jahren hatten sie
blutrünstige Geschichten über die Nhambiguaras gehört und wei-
tererzählt. Viele der Männer hatten noch keinen Indianer von Na-
hem gesehen, die für sie einfach sagenumwobene Phantome wa-
ren, die versteckt im Busch hausten.
Einige der Leute verlangten ganz unverblümt, dass wir sie zu
unserem Treffen mitnehmen sollten. Andere, die vorsichtiger wa-
ren, fragten erst, wie gefährlich es unserer Meinung nach werden
könnte. Wir antworteten ihnen nicht sofort, weil wir von Zweifeln
gequält wurden.

106
Was wir schon über diese Männer erfahren hatten, ihr Vor-
leben und ihre Einstellung gegenüber den Indianern, bereitete uns
Sorge. Sie arbeiteten für gewöhnlich nicht hauptberuflich auf dem
Postboot, sondern nahmen den Job hin und wieder an, um ins Lan-
desinnere oder wieder zurückzukommen. Sie waren ein ruheloser,
vagabundierender Haufen, dem es in erster Linie um die Verwirk-
lichung ihrer Träume vom plötzlichen Reichtum ging. Viele von
ihnen stammten aus den größeren Städten in Ostbrasilien. Der
Dschungel zog sie magnetisch an. Es rankten sich unglaubliche
Geschichten um ihn, von vergrabenen Schätzen, versteckten Gold-
ladungen, Rohdiamanten so groß wie eine Fingerkuppe, von In-
dianern, die mit altem Goldschmuck angetan herumliefen, der von
den Inkas stammte. Nichts war jemals gefunden worden, das diese
Erzählungen erhärtet hätte; aber sie wurden mit viel Ernst und
Überzeugungskraft regelmäßig wiederholt, um die Abenteurer für
immer auf der Suche zu halten.
Daher kam also ihr übermächtiger Wunsch, zu den Indianern
Kontakt aufzunehmen. Die Motive, wenn auch ganz anders als un-
sere eigenen, waren nicht weniger zwingend. Jetzt, da sie die Wil-
den mit eigenen Augen gesehen hatten, waren die Männer auf den
Geschmack gekommen.
Wir Missionare kannten die lange Geschichte des Tötens und
Blutvergießens auf beiden Seiten nur zu gut. Wenn nur das Ge-
ringste geschah, würde all unsere bisherige geduldige Arbeit ver-
geblich gewesen sein. Außerdem würden wir in solch einem Fall
zusammen mit den Einheimischen gute Chancen haben, getötet
zu werden. Trotzdem waren wir nicht in der Lage, ihren Wunsch
einfach abzuschlagen. Wir waren Gäste in ihrem Land. Wir hatten
keine Verfügungsgewalt über sie. Sie oder andere gleich ihnen hat-
ten uns viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft erwiesen. Außer-
dem sagten sie uns, sie wollten lediglich einige Geschenke zu den
Indianern bringen.
Also nahmen wir ganz gegen besseres Wissen und mit vielen
Ermahnungen, sie möchten ihr bestes Benehmen zeigen, drei von
ihnen mit im Kanu auf die andere Seite.
Die Nhambiguaras, die unter Bäumen auf einer Lichtung war-

107
teten, beobachteten uns argwöhnisch, als wir mit Fremden erschie-
nen. So als wären sie jederzeit zur Flucht bereit, hatten sie sich auf-
gestellt. Aber Dave winkte ihnen und rief mit freundlicher Stimme.
Das schien sie zu beruhigen, denn sie blieben stehen, während wir
unser Kanu ans Ufer zogen.
Zunächst lief alles glatt. Die Bootsleute, überwältigt vom An-
blick dieser wilden Dschungelbewohner, zeigten sich von ihrer
besten Seite. Sie hielten sich zurück und überließen es uns, an die
Indianer heranzutreten.
Allmählich gewannen die Männer jedoch an Sicherheit. Sie hol-
ten Geschenke aus dem Einbaum, neben denen unsere eigenen be-
scheidenen Gaben armselig wirkten, beispielsweise große Mengen
an Reis und Zucker, Kleidung, Messern und Macheten. Die India-
ner, die jedes Geschenk aufs Neue bewunderten, waren aufgeregt
wie Kinder.
Bestürzt bemerkten wir, dass die Bootsleute die Führung
übernommen hatten. Sie ahmten uns nach und versuchten, sich
mit Zeichensprache und gutturalen Lauten verständlich zu ma-
chen. Die Stimmung war zumindest an der Oberfläche noch im-
mer entspannt und freundlich. Dann signalisierten sie den In-
dianern, doch ihre Frauen und Kinder hervorkommen zu lassen,
die während unserer Treffen immer halb versteckt etwa hundert
Fuß weit im Dschungel zurückblieben. Wir hatten oft festgestellt,
dass die Indianer uns immer noch nicht ganz trauten, weil sie ih-
ren Frauen und Kindern nicht erlaubten, mit zu uns zu kommen.
Das Ansinnen der Einheimischen gab den Indianern nun Grund
für neues Misstrauen. Und als die Bootsleute den Indianerfrauen,
die durch die Büsche spähten, Zeichen gaben, sie sollten doch
herüberkommen und sich das Postboot ansehen, änderte sich die
Stimmung schlagartig. Einige der Indianer sammelten sich zu
einer Gruppe und flüsterten miteinander. Mit zornigen Gesich-
tern blickten sie in unsere Richtung.
Ich konnte ihr Misstrauen gut verstehen. Hatten sie nicht Erinne-
rungen an Zeiten, als indianische Frauen von Gummiarbeitern ver-
schleppt wurden und sie diese niemals wiedersahen? So war es ganz
natürlich, dass sie fürchteten, ihnen könnte dasselbe geschehen.

108
Einer der Indianer ging zu den Frauen und Kindern hinüber.
Ich sah, wie er bei ihnen ankam und ihnen ein Zeichen gab, ihm
zu folgen.
»Wir müssen diese Kerle hier wegbekommen, ehe es Ärger
gibt«, sagte ich.
Dave stieß eine scharfe Warnung aus. Ich wäre nicht überrascht
gewesen, wenn aus dem Dschungel Pfeile in unsere Richtung ge-
flogen wären. Wir eilten mit unseren Gästen zum Kanu.
Auf dem Rückweg machten wir den Männern wegen ihres
Verhaltens Vorwürfe. Wir hätten uns die Spucke sparen können,
denn sie lachten nur über uns. Sie stuften ihr erstes Treffen als
Erfolg ein. Nichts Schlimmes war passiert. Ihr bleibender Ein-
druck war die Freude der Indianer angesichts ihrer Geschenke.
Sie sprachen aufgekratzt über ein weiteres Treffen in fünf Tagen,
wenn sie auf dem Rückweg von Mato Grosso wieder hier vor-
beikommen würden. Sie begannen den Traum der Menschen am
Fluss zu träumen, ein Indianerdorf voll mit Goldschmuck und
vergrabenen Schätzen zu finden.
»Ich war in einem ihrer Dörfer«, sagte ich zu ihnen. »Glauben
Sie mir, dort ist nichts. Sie leben ganz armselig.«
Sie lächelten mich skeptisch an, als ob sie überzeugt wären, dass
ich sie an meinen Geheimnissen nur nicht teilhaben lassen wollte.
Kurz nachdem wir zurück waren, stiegen sie wieder auf das
Postboot. Zum ersten Mal waren wir froh, als wir es den Fluss hin-
auf davonfahren sahen.
Wir sahen Ärger auf uns zukommen. Noch Stunden später spra-
chen Jim, Dave und ich von nichts anderem. Tom war die ganze
Zeit still, mit ernstem, in sich gekehrtem Gesicht.
Als die Nacht hereinbrach, dauerte die Unterhaltung immer
noch an. Wir entzündeten ein Feuer. Wir waren einfach in Sorge.
Wann immer einer das Thema beendete, begann sofort ein anderer
erneut davon zu sprechen.
»Hört mal zu, Freunde«, sagte Tom schließlich. »Es gibt nur
eines, was wir tun können. Ich fahre mit dem nächsten Boot nach
Mato Grosso.«
»Und was willst du da tun?«, wollte Jim wissen.

109
»Ich werde zum Gebietsgouverneur gehen und dort einen Er-
lass erwirken, der diesen Typen untersagt, in den Gebieten, in de-
nen wir arbeiten, weitere Kontakte zu den Indianern aufzuneh-
men.«
Wir alle schwiegen. Diese Idee war uns noch nicht gekommen.
»Du meinst, so eine Art gerichtliche Verfügung?«, fragte Jim
nach.
Tom nickte. »Genau. Eine gerichtliche Verfügung.«
»Wie kommst du auf die Idee, dass du so etwas erhältst?«, ver-
langte Dave zu wissen.
Tom hatte die Antwort parat. »Du weißt genauso gut wie ich,
dass ein Vorfall wie der heutige sich nicht wiederholen darf,
sonst endet es in Blutvergießen. Dann müssen die Männer, die
durch dieses Gebiet reisen, damit fortfahren, die Indianer zu be-
kämpfen – für Jahre. Auf der anderen Seite könnten wir mit der
Erlaubnis, dort zu arbeiten, versuchen, ihre Freundschaft zu ge-
winnen und einen Frieden herzustellen, der lange anhält. Wir
haben schon zu viel erreicht, um jetzt alles aufs Spiel zu setzen.
Ich wette, ich kann den Gouverneur von unserer Sicht der Dinge
überzeugen.«
Wir alle stimmten seinem wohlüberlegten Plan zu.
»Ich habe noch eine andere Idee, die die Lage entspannen
könnte«, sagte ich.
»Moment bitte, Bruce. Ehe du loslegst, möchte ich schnell den
Kaffeetopf aufsetzen«, sagte Dave. Wir lachten: Daves Vorliebe für
Kaffee war schon fast sprichwörtlich. Er grub einige heiße Kohlen
aus und stellte seinen Kaffeetopf darauf.
»Was würdet ihr davon halten, wenn wir Helen, Edith und die
Kinder herkommen ließen?«, fragte ich.
»Mann, bist du verrückt?«, fragte Dave. »Ihr könnt nie wissen,
ob diese Indianer nicht vielleicht mit euren Frauen und Kindern
verschwinden wollen.«
»Schon möglich«, antwortete ich. Seine Überlegung beunruhigte
mich, aber ich fuhr fort: »Wenn die Indianer sehen, dass Jim und ich
auch Familien haben, werden sie wissen, dass wir keinen Grund
sehen, ihnen ihre Frauen und Kinder zu rauben. Ihr merkt doch, wie

110
sie uns immer noch misstrauen. Vergesst auch nicht: Bei allen un-
seren Treffen haben sie nie erlaubt, dass ihre Frauen und Kinder aus
den Büschen hervorkamen. Wenn ihr Misstrauen noch größer wird,
könnte es gut sein, dass wir alle in ihrem Suppentopf enden.«
Wieder saßen wir schweigend da. Die quakenden Frösche
flussabwärts führten laut ihre eigene Unterhaltung. Unsere zwei
Hunde schliefen friedlich.
»Da könntest du recht haben, Bruce«, sagte Dave schließlich.
»Soweit ich das beurteilen kann – von dem Zwischenfall heute
Nachmittag einmal abgesehen –, sind unsere Beziehungen zu den
Indianern gut und werden immer besser. Ich sehe keine Gefahr,
wenn wir unsere Familien hierherbringen. Im Gegenteil, ihre An-
wesenheit könnte eine große Hilfe für uns sein. Was meinst du
dazu, Jim?«
»Ich hatte gerade denselben Gedanken«, sagte Jim. »Wenn das
Boot in ein paar Tagen zurückkommt, muss einer von uns zurück
nach Cafetal fahren, um neue Vorräte zu besorgen. Das könnte der
richtige Zeitpunkt sein, um unsere Frauen und Kinder hierherzu-
holen – vorausgesetzt, wir sind überzeugt, dass es für sie sicher
ist. Tom könnte mit demselben Boot hinauf nach Mato Grosso fah-
ren.«
Ich wurde bestimmt, nach Cafetal zu reisen. Nach Beendigung
des Essens hielten wir noch unsere Abendandacht und gingen
dann zu Bett.
Ich konnte lange Zeit nicht einschlafen. Daves Worte, dass un-
sere Frauen und Kinder entführt werden könnten, hatten ein be-
klemmendes Angstgefühl in meinem Herzen hinterlassen. Ich
stellte mir vor, wie Edith und Connie gefangen genommen wur-
den (Brian war in Cochabamba auf der Missionsschule) und wie
ich Wochen und Monate auf jede nur denkbare Weise verzweifelt
versuchen würde, sie zurückzubekommen. Ich dachte: »Bin ich
vermessen, wenn ich sage, ich vertraue dem Herrn, und er wird
sie bewahren? Oder soll ich meinen gesunden Menschenverstand,
den Gott mir gab, gebrauchen und sie gar nicht herbringen?« Aber
der gesunde Menschenverstand sagte mir auch, dass es das Beste
war, sie hierherzubringen. Ein Dilemma! Ich warf mich auf der

111
Matratze hin und her. »Herr«, betete ich, »nimm bitte diese Angst
aus meinem Herzen.«
Es war wunderschön, nach Cafetal zurückzukommen und
Edith und Connie wiederzusehen. Ich konnte wieder den Luxus
genießen, in einem richtigen Bett zu schlafen. Als ich erfuhr, dass
wir noch einige Tage auf die Rückkehr des Postbootes aus Gua-
jará-Mirim warten mussten, störte mich das nicht im Mindesten.
Aber Edith, Helen und sogar die kleine Connie, die jetzt drei Jahre
alt war, brannten darauf, endlich auf Reisen zu gehen. Sie stellten
sich das Leben im Dschungel als großes Abenteuer vor. Immerhin
hatten sie das tägliche Einerlei des Aufenthalts in diesem bolivia-
nischen Dorf ertragen, während wir doch von der Faszination un-
serer immer besser werdenden Beziehungen zu den Nhambigua-
ras in Atem gehalten worden waren.
Schließlich sagte uns ein weit entferntes Stampf-Stampf-Stampf,
dass das Postboot bald hier einlaufen würde. Wir waren fertig und
warteten am Landungssteg. Neben uns standen Stapel von Kisten
mit getrockneten Lebensmittelvorräten, große Mengen an Milch-
pulver für die Kinder, Geschenke für die Indianer und Benzinkanis-
ter. Unser Einbaum, den das Postboot im Schlepptau mit nach Ca-
fetal gebracht hatte, würde auf die gleiche Weise auch wieder zu-
rückbefördert werden, diesmal mit Ladung. Das war ein gängiger
Transportweg; vier oder fünf kleine Boote schipperten auf jeder
Fahrt vertäut mit dem Hauptboot hinterher.
Helen und Edith waren ganz aufgeregt bei dem Gedanken,
endlich neue Gesichter zu sehen und neue Orte kennenzulernen.
Man sagte uns, dass die Fahrt nach Paredon wegen der Naviga-
tionsschwierigkeiten während der Trockenzeit statt der üblichen
drei Tage vier Tage dauern würde. Niemandem machte das viel
aus. Helen und Edith schienen die Unbequemlichkeiten auf der
Reise nach Cafetal schon ganz vergessen zu haben.
Nachdem das Boot angelegt hatte und wir an Bord waren,
hängte ich gleich die Hängematten auf. Da wir auf dem Boot ein
wenig beengt waren, entschied Helen, dass ihr Baby mit in ih-
rer Hängematte schlafen sollte. Die Nächte auf dem Wasser sind
feucht und recht kühl.

112
Wir kamen nur langsam vorwärts, weil der Lotse vorsichtig
an Baumstämmen, Felsbrocken und Sandbänken vorbeifahren
musste. Aber die Zeit verflog schnell. Unsere Reise wurde eine Art
Bildungsausflug. Wir freundeten uns mit den anderen Passagie-
ren an, zumeist Gummiarbeiter aus Bolivien, die zurück in den
Dschungel unterwegs waren. Wo immer am Ufer eine Menschen-
traube stand, legte das Boot an – um entweder Ladung oder Passa-
giere aufzunehmen oder zu entlassen –, manchmal auch nur, um
im Tauschhandel Wildfleisch oder Schildkröteneier zu erstehen.
Den Gestank der Tierhäute registrierte ich kaum noch, ebenso we-
nig das Stampfen des Dieselmotors, der uns auf der Hinreise den
Schlaf geraubt hatte.
Der letzte Abend unserer Reise war angebrochen. Nach unseren
Berechnungen würden wir unser Lager in Paredon ungefähr um
Mitternacht erreicht haben. Wir erwarteten, die Gefährten mit Ta-
schenlampen ausgerüstet am Landungssteg stehen zu sehen. Kurz
nach Einbruch der Dunkelheit brachten Helen und Edith die Klei-
nen in ihren Hängematten zu Bett. Dann saßen wir eine Weile auf
unseren Säcken und unterhielten uns.
Um neun Uhr wurde es langsam kühler. Die Frauen legten sich
in ihre Hängematten, um warm zu werden und sich auszuruhen,
auch wenn sie nicht schlafen konnten. Helen zeigte uns, wie prak-
tisch sie die Decke um sich und das Baby wickeln konnte, damit
sie beide warm blieben.
Ich streckte mich gleich an Ort und Stelle auf einigen Reis-
säcken aus. Ich schloss nicht die Augen. All meine Gedanken
waren bei Jim, Dave und Tom in Paredon. Ich überlegte, was sie
wohl während der zwei Wochen meiner Abwesenheit unternom-
men hatten und ob sich wohl neue Treffen ergeben hatten. Dann
schweiften meine Gedanken ab, und ehe ich mich versah, war ich
eingeschlafen.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie viel später es war,
als ich plötzlich von einem fürchterlichen Stoß aus dem Schlaf ge-
rissen wurde, dem ein gedämpftes Krachen folgte. Immer noch
halb schlafend, sprang ich auf. Wasser rauschte um meine Beine.
Das Boot legte sich auf die Seite. Wir sanken.

113
Meine schlaftrunkenen Sinne versuchten die Tatsache zu fas-
sen. Dann hörte ich Helens Stimme dicht neben mir in Panik ru-
fen.
»Hilfe! Hilfe! Ich komme nicht aus der Hängematte raus.«
Es war fast stockdunkel. Nur ein schwaches Leuchten, das hin
und wieder vom Beiboot mit dem Dieselmotor herüberschien,
blinkte ab und an durch das palmgedeckte Dach unseres Bootes.
Ich kämpfte mich in Richtung Helens Stimme weiter. »Ist schon
in Ordnung!«, rief ich mit mutmachender Zuversicht, die ich gar
nicht verspürte. »Ich bin gleich bei dir.«
Ich erreichte die Hängematte. Das Wasser stieg sehr schnell.
Fast hatte es schon Helen mit dem Baby erreicht. Ich tastete mit den
Füßen nach etwas Festem unter mir, auf dem ich stehen konnte.
Das Boot hatte mittlerweile solche Schlagseite, dass ich hin und her
rutschte und mich kaum aufrecht halten konnte.
Ich fühlte, wie Helen wühlte und zerrte, um sich und das Baby
zu befreien. Ich griff nach den Decken. Auch ich konnte sie nicht
losbekommen. Sie hatte sie zu gut verstaut. Das Einzige, was ich
tun konnte, war, mit aller Kraft beide Arme nach oben zu pressen
und so Helen und das Baby mit ausgestreckten Armen einige Zen-
timeter oberhalb des steigenden Wassers zu halten.
Irgendetwas schlug mich hart, und ich versank. Helen schrie.
Ich kam gerade rechtzeitig wieder auf die Füße, um einen gro-
ßen Benzintank vorbeischwimmen zu sehen. Noch einmal griff ich
nach der Hängematte. Ich wusste nicht, wann ich wieder um-
geworfen werden würde, um dann vielleicht nicht mehr in der
Lage zu sein, nochmals auf die Füße zu kommen.
Wieder schwamm etwas vorbei: eine große Kiste, Laken für un-
ser Lager flussaufwärts!
Ich weiß nicht, wie lange ich dort mit schmerzenden Armen
stand, die Hängematte umkrampft und gleichzeitig bemüht, einen
festen Halt unter den Füßen zu behalten. Dann schöpfte ich Mut:
Helen war es gelungen, ihre Arme frei zu bekommen. Aber meine
Kraft erlahmte zusehends.
Wenige Meter weiter war das Diesel-Beiboot an der Längsseite
vertäut. Ein sicherer Hafen – wenn wir ihn nur erreichen konn-

114
ten. Die Palmblätter des Daches teilten sich, ließen ein wenig Licht
durch. Ich sah einen Kopf und Schultern. Eine raue Stimme sagte
auf Portugiesisch: »Hallo – geben Sie mir das Baby.«
Ich nahm das Kind aus Helens Armen und reichte es weiter.
Kopf und Schultern des Mannes erschienen erneut. Mit seiner Hilfe
gelang es, Helen zu befreien und auch weiterzuleiten.
Schließlich stieg auch ich hinüber in das Motorboot. Dort stan-
den im schwachen Laternenlicht Edith und Connie. Sie zitterten,
doch sie waren in Sicherheit. Ich schluchzte vor Freude und Dank
gegenüber meinem Herrn.
Edith trat vor und umarmte mich. »Gott sei Dank, dir ist nichts
passiert«, weinte sie. »Ich wusste nicht, was aus dir geworden war.
Ich konnte dich nirgends entdecken.«
Ein Passagier nach dem anderen wurde aufgerufen und mel-
dete sich. Der Dieselmotor begann zu stampfen. Langsam wurde
das gesunkene Postboot in seichtere Gewässer am Uferrand ge-
zogen.
Wir sammelten uns am Ufer. Ungefähr zehn Uhr nachts war es
jetzt. Was für ein trostloses, elendes Los! Wir hatten keine Mög-
lichkeit, herauszufinden, wie viele unserer Vorräte davongespült
worden waren. Aber in diesem Augenblick war uns das egal. Wir
waren dankbar, dass unser Leben verschont geblieben war. Einige
Zeilen aus Jesaja (43,2) schossen mir durch den Kopf: »Wenn du
durchs Wasser gehst, ich bin bei dir, und durch Ströme, sie werden
dich nicht überfluten …«
Etwa um zwei Uhr morgens kam der Kapitän herüber zu der
Stelle, an der wir immer noch standen, und erklärte, dass das Boot
nur gegen eine im Wasser verborgene Sandbank gestoßen war. Die
Beschädigungen hielten sich in Grenzen. Sobald es Morgen war,
würde die Besatzung versuchen, das Boot so weit wie möglich
wieder flottzumachen und die verloren gegangene Ladung zu ber-
gen. In der Zwischenzeit könne man nichts tun. Keiner von uns
war begeistert von der Aussicht, den Rest der Nacht fröstelnd dort
am Ufer zu verbringen.
Ich begann eine Unterhaltung mit einem jungen Mann, der
nahe bei mir stand, ein junger, tatkräftiger bolivianischer Gummi-

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arbeiter, der von dem Unglück weniger beeindruckt schien als die
meisten anderen. Ich erzählte ihm von unserer Sorge, dass die Kin-
der sich erkälten könnten. Und ich erklärte, wie enttäuschend das
alles für uns war, nur drei oder vier Stunden von unserem Bestim-
mungsort entfernt. Ich zeigte ihm unser Kanu, das immer noch mit
dem gesunkenen Boot vertäut und jetzt ans Ufer gezogen worden
war. Er nickte voll Mitgefühl und wies auf sein kleineres Kanu. Ei-
nen Augenblick lang schwieg er.
Als er wieder zu sprechen begann, klang seine Stimme ganz
aufgeregt. »Ich habe immer noch meinen Außenbordmotor«, sagte
er. »Sie haben das große Kanu. Warum bringen wir nicht meinen
Außenborder an Ihrem Kanu an und fahren zusammen weiter zu
Ihrem Camp? Wenn das Postboot vorbeikommt, kann ich wieder
einsteigen und meine Reise fortsetzen.«
Die Idee gefiel mir. Aber ich musste die Gefahren bedenken,
wenn er in der Nacht vesuchen würde, durch diesen tückischen
Fluss zu steuern. Ich sprach die Sache mit Helen und Edith durch.
Wir kamen zu dem Schluss, dass es besser wäre weiterzufahren, als
den Rest der Nacht kalt, nass und unglücklich herumzustehen.
Wir wickelten uns fest in unsere nassen Decken, die ein klein
wenig Schutz gegen die kalte Nacht boten, und fuhren los. Wir wa-
ren zu sechst. Edith und ich saßen auf irgendwelchen Kisten in der
Mitte des Bootes; der Bolivianer hockte am Heck und hielt das Ru-
der, die Augen angestrengt nach vorn gerichtet, um die Dunkel-
heit zu durchdringen. Das Boot lag nicht mehr als ein paar Zen-
timeter über der Wasseroberfläche. Jedes Mal, wenn wir uns be-
wegten, schwappte Wasser ins Boot. Edith und ich schöpften fast
ununterbrochen.
Ich wünschte, wir hätten singen können, um unsere Zuversicht
zu behalten. Aber es war unmöglich, den Lärm des Außenborders
zu übertönen; außerdem klapperten unsere Zähne derart, dass wir
den Text gar nicht sauber herausgebracht hätten. So sang ich in Ge-
danken eines meiner Lieblingslieder … von meinem wunderbaren
Herrn und seiner beständigen Nähe.
Die Nacht war kalt, aber klar. Fahl scheinende Sterne gaben ge-
rade genug Licht, um die düsteren Schatten im Fluss erkennen zu

116
können, aber fast zu wenig, um sie rechtzeitig zu umfahren. Wir
bestimmten unseren Kurs vornehmlich nach der Silhouette der
Baumkronen gegen den Himmel.
Die Sonne ging schon fast auf, als wir den schon so vertrauten
hohen roten Felsen von Paredon ausmachen konnten. Jim, Tom
und Dave waren unten am Landungssteg, um uns in Empfang zu
nehmen und uns zu erzählen, wie besorgt sie gewesen waren. Sie
hatten schon das tuckernde Motorengeräusch des Postschiffes ge-
hört, das im Dschungel etwa dreißig Kilometer weit zu hören ist,
und konnten sich keine Vorstellung machen, was wohl geschehen
war, als es plötzlich abriss.
Auf dem Weg den Hügel hinauf zum Haus erzählten wir die
ganze Geschichte. Dave zündete ein Feuer an und kochte Kaffee.
Jim legte trockene Kleidung für Helen und Edith zurecht und eine
trockene Decke für die Kinder. Dann gingen sie los, um einige Vor-
räte vom Boot zu holen. Die Frauen hängten ihre Kleider drau-
ßen zum Trocknen auf die Leine. Aber die Zeit zum Ausruhen war
denkbar knapp. Etwa eine halbe Stunde nach unserer Ankunft
kam Jim mit der Nachricht angerannt, dass sich am Flussufer eine
Gruppe Nhambiguaras aufgestellt hätte. Sie gaben Zeichen, dass
wir herüberkommen sollten. Ich erfuhr, dass dies seit meiner Ab-
reise das erste wichtige Treffen war, und wir wollten die Gelegen-
heit auf keinen Fall verstreichen lassen. Wir gingen nach draußen.
Auch Helen und Edith, ganz aufgeregt über ihr erstes Zusam-
mentreffen mit diesen Steinzeit-Menschen, kamen herausgerannt,
um uns zu begleiten. Sie hatten ganz vergessen, in welcher Klei-
dung sie steckten – trockene Hemden und Hosen von Jim und
Tom. Ich zögerte einen Moment. Was würden die Indianer davon
halten, wenn sie unsere Frauen genauso gekleidet sehen würden
wie uns? Würden sie versuchen, sie zu belästigen? Nein, dachte
ich. Ich muss ihr Leben dem Herrn anbefehlen und darauf ver-
trauen, dass die Anwesenheit der Frauen die Barrieren von Angst
und Misstrauen niederreißen würde.
Und so würden die Indianer unsere Frauen bei der ersten Be-
gegnung, auf die wir so große Hoffnungen setzten, in Männerklei-
dern sehen! Wir stiegen in den Einbaum und paddelten über den

117
Fluss. Wir nahmen auch Connie mit. Tom, der für seine Reise nach
Mato Grosso noch einige letzte Dinge zu packen hatte, blieb zu-
rück und kümmerte sich um Helens und Jims Baby. Die Indianer-
männer – etwa fünfzehn – winkten uns vom anderen Ufer. Wie-
der konnte ich die Frauen und Kinder halb versteckt im Unterholz
sehen. Diesmal reckten sie die Hälse, um einen Blick auf Helen,
Edith und Connie zu erhaschen.
Wir legten an und waren schon mittendrin in den so wichtigen
ersten Augenblicken eines Treffens. Mir fiel auf, dass der Häupt-
ling immer noch nicht mitgekommen war. Welche Bedeutung
mochte das haben?
Ich hatte Gelegenheit, einen Blick in Richtung der Indianer-
frauen zu werfen. Mein Herz sank. Dort war Connie etwa auf hal-
bem Wege zwischen uns und den Indianerfrauen und Kindern, die
etwa fünfzig Meter entfernt standen, und sie marschierte schnur-
stracks auf sie zu. Es war zu spät, sie aufzuhalten. Ich wollte keine
Angst zeigen oder die Indianer in Aufregung versetzen, indem ich
hinter ihr herlief – das hätte ja bedeutet, auf ihre Frauen zuzulau-
fen. Connie verschwand im Unterholz und tauchte einen Augen-
blick später wieder auf, zwei kleine Indianerkinder an der Hand.
Dann erschienen einige Indianerfrauen, alle nackt, wie Gott sie ge-
schaffen hatte, und folgten ihren Kindern. Edith und Helen küm-
merten sich sofort liebevoll um die Indianerkinder, und deren
Mütter mussten lächeln. Dann versuchten unsere Frauen, sich
durch eine Mischung aus Zeichensprache und Verballauten mit
den Frauen zu verständigen, genauso wie wir mit den Männern.
Dank Connie bekam das ganze Zusammentreffen die friedliche
Atmosphäre eines Familientreffens.
Jetzt, da die Nhambiguaras wussten, dass wir selbst Frauen
und Kinder hatten, verloren sie ganz offensichtlich die Angst, dass
wir ihnen ihre rauben könnten. Dies war ein großer Schritt in un-
serer Beziehung zu ihnen.
Später am Morgen würde allerdings das Boot hier vorbeikom-
men. Die Besatzung würde die Indianerfrauen sehen, und das be-
deutete fast sicheren Ärger. In Zeichensprache erklärten wir den
Indianern, dass sie ihre Frauen und Kinder zurück in den Dschun-

118
gel schicken sollten, sobald sie das Boot hörten. Die Indianer
zeigten ihr Einverständnis, indem sie die Gesten nickend wieder-
holten.
Das erste Treffen mit den Indianerfrauen verlief sehr gut. Die
Frauen brauchten eine ganze Weile, um in Zeichensprache über
ihre Kinder zu berichten: zu erklären, wo diese oder jene Narbe
herkam, und den Unterschied zwischen sich und unseren Frauen
herauszustellen.
Einige Stunden später hörten wir das Boot in der Ferne. Wie-
der warnten wir die Eingeborenen, dass sie ihre Frauen besser fort-
schicken sollten. Sie taten es. Als das Boot an unserem Landungs-
steg anlegte, freuten wir uns, dass einige von unseren Kisten doch
wieder aufgetaucht waren. Wie schon zuvor wollte die Besatzung
die Indianer treffen. Tom versuchte, sie davon abzuhalten. Sie be-
standen aber auf ihrem Vorhaben und fuhren im Postboot ans ge-
genüberliegende Ufer.
Als die Crew anfing, den Männern Geschenke zu überreichen,
huschten auch sechs von den Frauen heraus, um ebenso welche
zu bekommen. Die Spannung wuchs ins Unermessliche, und so
warnten wir die Flussleute, dass sie besser ans andere Ufer zu-
rückkehren sollten, wenn ihnen ihr Leben lieb wäre. Widerwillig
kehrten sie zu unserem Landungssteg zurück.
Wir folgten ihnen. »Jetzt weiß ich, dass ich nach Mato Grosso
fahren muss«, sagte Tom, als er mit seinem alten Koffer auf das
Postboot kletterte. »Die Dinge werden sich immer weiter ver-
schlimmern, wenn wir nicht schnell etwas unternehmen.«
»Der Herr möge dir helfen, diese gerichtliche Verfügung zu be-
kommen«, sagte ich.
Während Toms Abwesenheit hatten wir einige sehr entspannte
Treffen mit den Nhambiguaras, Frauen und Kinder eingeschlos-
sen. Sie vertrauten uns immer mehr. An einem Sonntag, als wir uns
der Gruppe im Boot näherten, entdeckten wir, dass die Frauen,
obwohl nackt wie immer, jetzt doch lange, schwere Halsketten
trugen.
»Ist das nicht typisch Frau«, kicherte ich, »sich so richtig in
Sonntagsstaat zu werfen?«

119
Aus der Ferne leuchteten manche ihrer Schmuckstücke gelb auf.
Vielleicht war es so etwas, so überlegte ich, was die Gerüchte über
unermessliche Goldschätze der Indianer bei den Gummiarbeitern
und Abenteurern aufgebracht hatte.
Helen und Edith wollten sich die Schmuckstücke gern näher
anschauen. Die Indianerfrauen schienen sehr geschmeichelt zu
sein und zeigten sie voller Stolz. Plötzlich rief Edith mich hinüber.
»Komm doch bitte einmal her, Schatz. Ich möchte, dass du dir das
ansiehst.«
Als ich die Ketten genau betrachtete, sah ich, dass sie vollstän-
dig aus Knöpfen gemacht waren. Sie waren alle auf eine unter
Indianern gebräuchliche Schnur aufgezogen – sie wird aus Fa-
sern des Kapokbaums geflochten, der wild im Dschungel wächst.
Manche der Knöpfe waren ganz einfache Hemdenknöpfe, und die-
jenigen, die wie Gold glänzten, waren aus Messing. Ich sah mir ei-
nen Knopf genauer an. Er war schon alt und vom Tragen fast ganz
glatt geworden. Aber immer noch konnte man die Umrisse von
Buchstaben erkennen – Umrisse, die früher einmal Oshkosh oder
Sheboygan geheißen haben konnten.
Mir stockte das Blut in den Adern. Dies war die Art Knopf, die
überwiegend an Overalls verwendet wurde. Ein grausiger Ge-
danke schoss mir durch den Kopf: Konnten diese Knöpfe von den
Overalls stammen, die den drei Missionaren gehört hatten, die
1925 hier umgekommen waren?
Dann blieb mein Blick an einigen größeren Knöpfen hängen,
auch alt und abgetragen, aber von ganz anderem Muster. Dies wa-
ren zweifellos Uniformknöpfe, wie sie während des Ersten Welt-
kriegs verwendet worden waren. Ich dachte an den englischen
Forscher Colonel Fawcett. Die Fotos, die ich von ihm und seiner
Mannschaft kannte, zeigten die Männer in solchen Uniformen.
Konnte dies der Schlüssel zu dem Rätsel um sein Ende sein? Er
war in diesem Gebiet verschwunden, während er die Grenze zwi-
schen Bolivien und Brasilien markierte. Den Rio Verde weit hinauf
hatte ich einmal einen Zementstein gesehen, von dem ich annahm,
dass er ihn aufgestellt hatte.
Ich sah um mich her in lächelnde, plappernde Gesichter. War

120
dieses harmlos aussehende Flitterzeug der Beweis für den durch
Gerüchte geisternden Kannibalismus? Ich wagte nicht, diese
Gedanken weiterzuverfolgen, und zog stattdessen Bleistift und
Papier hervor, um mich durch das Festhalten einiger Sprachlaute
abzulenken.
An einem anderen Tag machten wir eine Erfahrung, die unser
Ziel als Missionare auf den Prüfstand stellte. Wir ließen Helen und
Edith mit den Kindern im Lager zurück und gingen, um auf ei-
ner Lichtung die Indianer zu treffen. Die Indianer, die von Mal
zu Mal freundlicher wurden, überboten sich immer wieder in der
Außergewöhnlichkeit der mitgebrachten Geschenke. Lange bevor
sie uns erreichten, konnten wir an ihren aufgeregten und zufrie-
denen Gesichtern ablesen, dass sie diesmal eine besondere Über-
raschung vorbereitet hatten.
Ein gedrungener, muskulöser Mann lief vor den anderen her
und grinste breit. Dann hielt er uns einladend einen Korb hin. Da
sahen wir den Inhalt: ungefähr einhundert dicke, fette, weiße Wür-
mer.
»Sie sehen aus wie Maden«, murmelte ich und merkte, wie ich
grün im Gesicht wurde.
»Glaub ich nicht«, gab Jim leise zurück. »Sie sehen eher wie die
Larven der großen, schwarzen Hornissen aus.«
Der Indianer drängte uns zu probieren.
»Wenn es solche Larven sind«, fügte Jim leise hinzu, »dann war
es ein ziemliches Stück Arbeit für sie, daran zu kommen. Man läuft
Gefahr, sehr schmerzhaft gestochen zu werden. Frederico hat mir
erzählt, dass ein Indianer sich einem Hornissennest sehr vorsich-
tig nähert und so lange daran kratzt, bis alle Tiere draußen sind
und um ihn herumfliegen. Dann wird er langsam den Ast mit dem
Nest abbrechen und davongehen. Wenn er sich richtig verhält,
bleibt er unversehrt. Auch wenn die Hornissen auf ihm landen,
wird er nicht gestochen, außer wenn er eine plötzliche Bewegung
macht. Dann geben sie ihm aber Saures.«
Diese Erklärung ließ mich die Larven mit neuen Augen be-
trachten. Allerdings wusste ich immer noch nicht, ob ich es schaf-
fen würde, eine davon herunterzuschlucken. Der Indianer, der

121
mein Zögern bemerkte, schob sich selbst eine in den Mund. Dann
versuchte er, mich durch den Ausdruck höchsten Genusses im Ge-
sicht von dieser Delikatesse zu überzeugen. Mittlerweile scharten
sich eine ganze Reihe Indianer um uns und wollten zusehen. Jetzt
war es an uns, den nächsten Zug zu machen.
»Was sollen wir tun?«, fragte ich hilflos.
Dave hatte eine Eingebung. »Wisst ihr was?«, sagte er in seiner
tiefen Tonlage. »Wir werden jeder eine davon essen. Dann werden
wir großzügig den Rest an sie zurückgeben. Wenn sie all diese Mü-
hen auf sich genommen haben, um die Larven zu bekommen, wer-
den sie es sehr schätzen, wenn sie sie essen dürfen.«
Ein Dutzend Augenpaare – alle so schwarz, dass man die Pu-
pille nicht von der Iris unterscheiden konnte – waren auf uns ge-
heftet. Die Intensität der Blicke strafte das Lächeln der Lippen Lü-
gen. Wir streckten unsere Hände aus und nahmen jeder einen
Wurm. Ich ließ meinen in den Mund fallen und schluckte ihn in ei-
nem Rutsch hinunter. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich voll
Bewunderung Dave und Jim, die ihre richtig aßen.
Jetzt boten wir den Korb schnell den Nhambiguaras an. Zu
unserer großen Erleichterung freuten sie sich offensichtlich sehr,
ihn zurückzubekommen. Wir waren sehr bemüht, unsere Freude
über ihre Reaktion zu verbergen. Ich hatte Mühe, meinen Magen-
inhalt bei mir zu behalten. Genau in diesem Moment entdeckte ich
auf einem Blatt in der Nähe einige große behaarte Schmetterlings-
raupen. Da ihre gastronomischen Vorlieben jetzt allzu klar waren,
hatte ich Angst, dass die Indianer, falls sie die Raupen entdeckten,
uns auch diese anbieten würden. Ich würde ablehnen müssen –
ungeachtet der Konsequenzen.
Ich griff nach einer Raupe und hielt sie dem nächsten India-
ner hin. Er verschluckte sie mit allem Drum und Dran und lächelte
anerkennend. Dann, ehe er eine für mich finden und mir bringen
konnte, sammelte ich eifrig jede Raupe, die in Sichtweite war, ein
und bediente einen Indianer nach dem anderen. Hocherfreut wur-
den sie dadurch auch von dem Gedanken abgelenkt, uns noch wei-
tere Larven anzubieten.
Da die Nhambiguaras mehr und mehr ihre Vorbehalte auf-

122
gaben, wurden unsere Treffen immer zufriedenstellender. Einmal
sangen sie uns etwas vor. Im Halbkreis auf der Sandbank sitzend,
stürzten sie sich auf eine Stammeshymne. Sie sangen ausschließlich
in Moll mit einer seltsam anmutenden Monotonie, die fast orien-
talisch wirkte. Stille lag plötzlich über dem Fluss. Sogar die Vögel
schienen innezuhalten, um zuzuhören. Nach einigen Zeilen legten
die Indianer eine Pause ein, ließen ihre Atemluft zischend entwei-
chen und vollführten mit den Händen wischende Bewegungen, als
ob sie alle bösen Einflüsse abwehren wollten. Dann nahmen sie
ihren monotonen Gesang wieder auf. Auf uns wirkte das Ganze
seltsam unheimlich und niederdrückend. Die bösen Einflüsse
schienen viel zu nahe.
In unseren Sprachstudien machten wir gute Fortschritte.
Zunächst konzentrierten wir uns auf die Hauptwörter. Wir zeig-
ten auf Vögel, Bäume, Teile des Körpers und schrieben dann die
Laute auf, die sie uns nannten. Die Worte für »runde, flache, far-
bige« Steine bedeuteten den Beginn des Adjektiv-Lernens. Um
Tätigkeitsworte zu bezeichnen, taten wir alle möglichen ver-
rückten Dinge, zum Beispiel einander schlagen, hüpfen, rennen
und werfen. Für die Sätze »Ich schlug ihn« oder »Er schlug mich«
mussten wir wieder aktiv werden, um Fürwörter und die Stel-
lung von Subjekt und Objekt zum Verb zu lernen. Wir wussten,
dass wir ganz am Anfang standen, denn es dauert viele Monate,
manchmal Jahre, um das notwendige Vokabular zusammenzu-
stellen, das für die zeitweilige Verkündigung des Evangeliums
notwendig ist.
Eines Abends saß ich zusammen mit Ostewigs und Dave am
Lagerfeuer. Glühende Funken stoben von dem Zedernast in die
Luft und wirkten wie eine Aufführung zum US-amerikanischen
Unabhängigkeitstag am 4. Juli. Edith kam aus dem Haus, wo sie
noch versucht hatte, unser Bett aufzumöbeln. »Wir sind fast auf
den Bettsparren angelangt«, sagte sie lachend. »Noch ein oder zwei
Nächte und wir haben’s geschafft.« Vor einiger Zeit waren Edith
und ich auf die Idee gekommen, unsere Vorratssäcke an getrock-
netem Mais und Bohnen als Matratze zu benutzen. Ihre Bemer-
kung bedeutete, dass wir wieder vor der schon vertrauten Situa-

123
tion standen: Unsere Nahrungsvorräte tendierten gegen null. Wir
erwarteten bald Brian aus der Missionsschule. »Vielleicht«, schlug
Edith vor, »sollten wir einige Tage Urlaub machen und nach Cafe-
tal zurückfahren.« Jim und ich dachten genauso.
»Außerdem«, sagte Jim, »sollten wir mit dem nächsten Boot
aus Mato Grosso einen Brief von Tom erhalten, der uns über seine
Fortschritte berichtet. Wenn er erst wieder hier ist und wir dieses
Papier in Händen halten, das den Flussleuten verbietet, die India-
ner zu belästigen, werde ich sehr erleichtert sein.«
Nur Dave sah unglücklich drein. Sein sonst immer lächelndes
Gesicht war ernst. »Leute, ich hasse es, die Treffen auch nur für ein
oder zwei Wochen zu unterbrechen, jetzt, wo alles so gut läuft.«
»Aber läuft denn wirklich alles so gut, wie wir denken?«, fragte
ich. Das war eine gute Frage. Wir konnten verweisen auf die wach-
sende Anzahl freundschaftlicher Treffen, den ungezwungenen
Umgang zwischen ihren und unseren Frauen und Kindern, ihre
Bereitschaft, unsere Geschenke anzunehmen, die Geschenke, die
sie uns entgegenbrachten, die Fortschritte, die wir beim Studium
ihrer Sprache machten, und von daher die Verbesserungen im Mit-
einander mit ihnen.
»Aber es gibt immer noch viele Dinge, die mir nicht gefallen«,
sagte ich und schüttelte den Kopf. »Zum einen hat sich der Häupt-
ling, seit wir hier sind, noch nie gezeigt. Und dann erinnert euch
daran, dass seit die Bootsleute hier waren, die Indianer sich an-
gewöhnt haben, öfter untereinander zu tuscheln. Und was ist mit
den Nächten, als wir dachten, sie würden um unser Lager schlei-
chen?«
Ich hielt inne und fuhr dann fort: »Manchmal frage ich mich,
ob wir ihrer oberflächlichen Freundlichkeit nicht zu viel Bedeu-
tung beimessen und zu wenig auf das achten, was in ihren Köpfen
vorgeht.« Ich erinnerte meine Freunde an das, was Don Juan und
andere Bolivianer uns von der Fähigkeit der Indianer zur genialen
Täuschung erzählt hatten. Dann fiel mir noch etwas ein. »Und wie
war das damals, als sie unsere Arme und Beine abtasteten?«
»Sie würden herzlich gern ein wenig Fleisch von deinen ma-
geren Knochen ernten«, sagte Dave. Er grinste, wir alle glucksten,

124
und das verscheuchte die düstere Stimmung. Dave stand auf und
streckte sich. »Ich sag euch was«, meinte er. »Ihr fahrt alle wie ge-
plant nach Cafetal und schafft neue Vorräte an. Ich bleibe allein
hier und halte den Kontakt aufrecht.«
Wir protestierten lautstark, aber Dave wollte nicht hören. »Es
würde mir nichts ausmachen«, sagte er. »Ich war oft allein in den
Wäldern von Washington und Oregon. Außerdem werden die
Hunde mir Gesellschaft leisten, und der Herr wird auf mich ach-
ten.«
Mir war nicht wohl bei dieser Vereinbarung. Wenn die Nham-
biguaras bösartig werden sollten, wäre Dave auch mit den Hun-
den und seinem Revolver, um sie abzuschrecken (er war ein guter
Jäger und ausgezeichneter Schütze), kein gleichwertiger Gegner
für sie. Vielleicht würden sie versucht sein, einen einzelnen Mann
anzugreifen, wo die Gruppe sie abgeschreckt hatte. Wir überlegten
einige Tage hin und her. Aber Daves Absichten waren durch nichts
zu erschüttern.
Und so beluden wir an einem schönen Novembermorgen – es
war immer noch 1951 – unseren Einbaum; als das Postboot zurück-
kam, hängten wir uns an und sagten Dave auf Wiedersehen. Helen
und Edith waren den Tränen nahe.
»Dies war eine der schönsten Zeiten in meinem ganzen Le-
ben«, sagte Edith. »Obwohl das Leben hart war, sind wir doch alle
durch die Gemeinschaft gesegnet worden. Und zum ersten Mal in
meinem Leben fühle ich mich ganz praktisch ausgefüllt von der
Aufgabe, der wir uns verschrieben haben.«
Als der Felsen von Paredon aus unserem Blickfeld verschwand,
waren wir erfüllt von Freude über die gemachten Fortschritte und
unserem Anteil an dieser Aufgabe. Unsere Bedenken, Dave allein
zurückzulassen, waren für den Augenblick vergessen. Wir hatten
keine Ahnung von den dunklen Tagen, die vor uns lagen.

125
Eine schmerzliche Niederlage

»Ich frage mich, was er jetzt ge-


rade macht«, sagte
Edith. »Ich hoffe
doch sehr, dass
die Indianer,
während wir
fort sind, nicht den
Fluss überqueren
und zu unserem
Lager kommen.«
Wir vier be-
trachteten den vorbei-
ziehenden Dschungel, die
Frauen mit den Kindern in ihren Hängematten, wir Männer auf
der Ladung sitzend. Unsere Gedanken waren wieder bei Dave.
»Vergiss nicht, sie haben keine Kanus«, sagte ich leichthin und
versuchte, sie zu beruhigen. Aber der Gedanke an dieses seichte
Stück weiter flussaufwärts, wo sie den Fluss durchwaten konnten,
beunruhigte mich.
»Ich kann mir nicht helfen. Ich denke immerzu, ich hätte bei
ihm bleiben sollen«, sagte Jim. Er sah sehr ernst aus.
Aber von dem Augenblick an, in dem unser Postboot am Spät-
nachmittag in Cafetal einfuhr und anlegte, hatten wir keine Zeit
mehr, uns Sorgen zu machen. Einige Nachbarn, die uns seit Mona-
ten nicht gesehen hatten, warteten am Ufer. Sie konnten gar nicht
erwarten, von unseren Abenteuern zu hören. Sie bombardierten
uns mit Fragen: Hatten wir die Nhambiguaras wirklich ganz von
Nahem gesehen? Hatten sie Pfeile auf uns geschossen? Waren sie
tatsächlich Kannibalen? Wir beantworteten alle Fragen, so gut wir
konnten, und sie begleiteten uns hinauf zum Haus.
Als wir das Haus erreichten, sahen wir, dass wir alle Hände
voll zu tun haben würden. Ehe wir überhaupt eintreten konnten,

126
musste ich den dicken Lehmklumpen entfernen, den die Hornis-
sen um das Vorhängeschloss herum gebaut hatten. Drinnen war
das Haus stickig und muffig. Ganz Hausfrau, machte sich Edith
gleich daran, die Fenster alle weit zu öffnen und verschiedene
Dinge wieder an ihren Platz zu stellen.
Das einströmende Licht offenbarte das ganze Ausmaß der Ver-
wüstung. Der Fußboden war bedeckt mit Resten vom Dach gefal-
lener Palmblätter. Jede Ecke war voll von dicken Spinnweben. Und
der Schimmel! Schimmel auf unseren Schuhen, Schimmel auf un-
serer Kleidung, Schimmel auf unseren Büchern (deren Ecken auch
noch von hungrigen Küchenschaben angeknabbert worden wa-
ren). Dies geschah, ehe wir gelernt hatten, unsere Bücher zu schüt-
zen, indem wir den Einband mit Plastikspray einsprühten.
Kurze Zeit später kehrte aber wieder eine heimelige Atmo-
sphäre ein. Edith sprengte den Fußboden vor dem Fegen mit Was-
ser ein, um den Staub zu verhindern. Connie hatte ihre »Kram-
kiste« gefunden und holte ihre Spielsachen heraus. Ich spaltete ei-
nige Holzscheite und entfachte ein Feuer im Lehmziegelofen. Da
wir alle Kräfte darauf verwendeten, das Haus so schnell wie mög-
lich wieder in Ordnung zu bringen, servierte uns Edith ein denk-
bar einfaches Abendessen – einfache Pfannkuchen. Aber wie gut
sie schmeckten!
Ein heißer Wind, der aus dem Norden blies, warnte uns vor ei-
nem schweren Sturm, der in den nächsten Stunden bei uns ein-
treffen würde. Am Abend war unser Haus angefüllt mit Gästen.
Unsere Geschichten von den Nhambiguaras mussten wieder und
wieder erzählt werden, weil immer neue Besucher hereinkamen;
aber dann schickte das Donnergrollen unsere Gäste eilends nach
Hause.
Erst als ich schon einige Zeit im Bett lag, wanderten meine Ge-
danken zurück zu Dave Yarwood. Ich sah ihn vor mir, wie er auf
seiner Pritsche lag, die Laterne auf den Kisten neben sich, und in
seiner Bibel las. Sein Hund »Sacky« würde auf dem Boden einge-
rollt dösen und ab und zu bei jedem ungewöhnlichen Geräusch
den Kopf heben.
Alle möglichen Gedanken gingen mir durch den Kopf: Dave

127
Yarwood allein … verschlagene Indianer, freundliche Indianer
… kein Häuptling … aufdringliche Bootsmänner … Mächte der
Finsternis … die Macht Gottes … die Bedeutung menschlicher
Entscheidungen … Sogar das rhythmische Geräusch des Regens
konnte mich nicht in den Schlaf trommeln.
Um mich selbst zu beruhigen, versuchte ich, mich optimistisch
auf das schöne Stück Arbeit zu konzentrieren, das vor uns lag,
wenn alles gut ging. Ich konnte freundlichere Kontakte mit den
Indianern vor mir sehen, Fortschritte die Sprache betreffend, ge-
legentlichen Unterricht für die Indianer in Lesen und Schreiben
und schließlich die Möglichkeit, sie mit dem Evangelium zu er-
reichen und ihnen Teile der Schrift in ihrer Muttersprache über-
mitteln zu können. Und irgendwann einmal – das erreichte End-
ziel – eine gesunde, wachsende Gemeinde von Gläubigen. Es war
anderswo schon geschehen; warum nicht hier?
Dann überschatteten wieder sorgenvolle Gedanken diesen
strahlenden Traum. Was dachten die Indianer wirklich unter ihrer
freundlichen Maske? Kein Häuptling … das Problem mit den Ein-
heimischen immer noch ungelöst … diese unerklärliche, brütende
Atmosphäre von Schwermut, die wir in ihrer Gesellschaft so oft ver-
spürten … und Dave Yarwood dem Ganzen dort allein gegenüber.
Der Nachtwind bewegte das große Moskitonetz über unserem
Bett. Der Sturm war vorüber, aber die Luft war immer noch schwül.
Neben mir bewegte sich Edith im Schlaf. Ich hörte die Fische im
Fluss platschen, als ob sie im Zimmer wären.
Ich konnte meine Gedanken nicht von Dave lösen. Viele der Ge-
fährten standen mir nahe, aber Dave stand mir am nächsten. Ich
erinnerte mich an einige der Dinge, die er für mich getan hatte:
zum Beispiel, als wir auf Tour waren und mein Knie auf einmal
schlimm wurde. »Komm her, Junge, gib mir das«, sagte er und
lud sich mein Bündel noch zu seinem eigenen Rucksack auf. »Ich
würde diesen Job hier niemals machen – für alles Geld der Welt
nicht«, pflegte er zu mir zu sagen. »Ich tue es nur, um dem Herrn
meine Dankbarkeit zu zeigen, weil er so unendlich viel für mich
getan hat.«
Ich erinnerte mich daran, wie Dave einmal seinen Arm um ei-

128
nen nackten Nhambiguara gelegt hatte und ihm in englischer
Sprache von Gottes Liebe zu den Indianern erzählte: wie er seinen
Sohn gesandt hatte und dieser sein Blut für ihre Sünden vergoss.
Der Indianer legte nach ein oder zwei Sätzen immer wieder die
Lippen an Daves Ohr und wiederholte flüsternd in fast perfektem
Englisch alles, was Dave ihm gesagt hatte. Die Nhambiguaras sind
großartige Schauspieler. Die Augen des Indianers funkelten ver-
schmitzt. Er dachte, das alles wäre ein großartiger Scherz. Natür-
lich verstand er kein Wort von dem, was Dave ihm erzählte, und
natürlich wusste Dave das. Aber das machte ihm nichts aus – er
musste nur sein Herz erleichtern. Und vielleicht nährte dies seine
Hoffnungen auf die Zeit, wenn er in der Lage sein würde, den
Nhambiguaras dieselbe Geschichte in ihrer eigenen Sprache zu er-
zählen, und die Indianer würden zuhören – und würden anfangen
zu verstehen.
Gegen Morgen fiel ich in unruhigen Schlaf.
Die Tage vergingen, und wir warteten gespannt. Das Postboot,
das Brian bringen sollte, war noch nicht angekommen; und es gab
keine Nachricht von Tom, ob er bei den Behörden in Mato Grosso
irgendetwas erreicht hatte.
»Wann kommt Brian, Mama?«, fragte Connie alle paar Minu-
ten.
»Das kann jeden Tag sein«, antwortete Edith jedes Mal mit be-
wundernswerter Geduld. Dann ging Connie zu ihrer Puppe und
erklärte nun ihr den Sachverhalt. Die Puppe schien die Einzige zu
sein, die genug Zeit hatte, sich Connies fortwährendes Geplapper
anzuhören.
Da Brian immer gern dasselbe tat wie ich, beschäftigte ich mich
damit, eine Schubkarre für ihn zu bauen, die auf ihn warten würde,
wenn er eintraf. Dann konnte er Feuerholz darin transportieren, so
wie ich es in meiner tat.
Es war ein schöner Tag, als Bob Williams endlich mit dem Post-
boot ankam und Brian in die Ferien nach Hause brachte. (Der Was-
serstand war niedrig, und das Boot hatte einige Probleme mit Sand-
bänken gehabt.) Das Abendessen war die Zeit zum Erzählen von
der Schule, den Lehrern, Ausflügen und Festen. Als die Kinder im

129
Bett lagen, gingen wir hinüber zu den Ostewigs für einen abend-
lichen Snack und um Bob das Neueste zu berichten. Er war erfreut
und erstaunt zu hören, dass es uns gelungen war, freundschaft-
liche Beziehungen zu den Nhambiguaras aufzubauen, obwohl wir
nach dem Überraschungsbesuch in ihrem Dorf doch eher schnell
den Rückzug hatten antreten müssen.
»Und was ist mit denen, die da waren, als du und Jim auf die
Lichtung gegangen wart?« wollte Bob wissen. »Haben sie euch
wiedererkannt?«
»Soweit ich das nach ihrer Zeichensprache ergründen konnte,
haben zwei oder drei uns erkannt«, antwortete ich. »Aber wenn
dem so war, schienen sie jedenfalls keine bösen Gefühle zu he-
gen.«
Das Boot, mit dem Bob und Brian gekommen waren, fuhr dies-
mal nur bis Rio Cabixi. Es würde in etwa vier oder fünf Tagen wie-
der in Cafetal anlegen. Da Rio Cabixi recht nahe an Paredon lag
und die nächste Siedlung neben unserem Lager war, dachten wir,
dass das Boot vielleicht Nachricht von Dave mitbringen würde.
Wir hofften auch, dass das Ausbleiben von Tom hier in Cafetal be-
deutete, dass er schon wieder ins Lager zurückgekehrt und mit
Dave zusammen war. Wir warteten angespannt auf die Rückkehr
des Bootes.
Die Dämmerung brach schon an. Der Kapitän trat gerade von
der Gangway zurück, als Jim, Bob und ich angerannt kamen, um
das Boot aus Rio Cabixi in Empfang zu nehmen. Er war ein guter
Freund geworden. Ein schmaler, gepflegter Mann, voll latein-
amerikanischen Charmes, immer bereit zu einem gewinnenden
Lächeln, das seine blitzenden Zähne zeigte, immer eine scherz-
hafte Bemerkung oder einen Witz auf den Lippen.
Diesmal lächelte das Gesicht nicht. Sein Benehmen war steif,
fast förmlich. Er grüßte uns mit knappstem Nicken. »Kommen Sie
mit«, sagte er. »Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen.«
Ich sah, dass er keinen Brief in der Hand hielt. Sofort beschlich
mich die Vorahnung schlechter Nachrichten. Wir folgten ihm die
Lehmstufen hinauf.
Oben angekommen, blieb er stehen und sah uns ins Gesicht.

130
Die Moskitos aus dem Dschungel summten über unseren Köpfen.
Im schwindenden Licht sah sein Gesicht abgespannt aus. Seine
dunklen Augen starrten direkt in meine. »Dave … Ihr Freund …«
Seine Stimme zitterte.
»Ja?«
»Er ist tot.«
»Oh, nein!«
Er nickte.
Ich hatte das Gefühl, eben einen Faustschlag in die Magen-
grube bekommen zu haben. Jim schnappte nach Luft. Einige
Sekunden lang konnte keiner von uns etwas sagen.
Dann sagte Jim: »Sind Sie sicher? Ist es nicht bloß ein Ge-
rücht?«
Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Ich bin sicher. Es ist kein Ge-
rücht.«
»Wie ist es passiert?«, fragte Bob.
»Ich weiß nicht viel«, sagte der Kapitän. »Aber was ich weiß,
das weiß ich sicher.« Er hielt inne und sah übers Wasser, als wollte
er Kraft schöpfen für das, was er uns zu sagen hatte.
»Wir machten uns in Rio Cabixi gerade fertig zum Aufbruch,
um hierherzukommen, als drei Männer von flussaufwärts an-
kamen, die in höchstem Maß aufgeregt waren. Sie waren Steuer-
eintreiber. Sie hatten vorgehabt, in Ihrem Lager in Paredon zu
übernachten, denn wie Sie sich denken können, sind Steuerein-
treiber nicht gerade gern gesehen in den Siedlungen der Gummi-
arbeiter. Aber als sie dort ankamen, war niemand da. Das Lager
war völlig verlassen.
Am Morgen sahen sie Geier über einer Stelle am Flussufer krei-
sen. Die Männer sprangen in ihren Einbaum und fuhren los, um
nachzusehen. Im Sand am Steilufer sahen sie den Körper eines
Mannes – ein großer Mann – ein Fremder.«
»Das ist Dave, jawohl«, sagte Jim mit tonloser Stimme.
»Haben sie – haben sie angehalten, um ihn zu begraben?«,
fragte Bob.
»Nein«, antwortete der Kapitän schnell. »Sie hatten zu viel
Angst, dass ihnen dasselbe zustoßen könnte. Sie fuhren so schnell

131
sie konnten davon und kamen sofort herunter nach Rio Cabixi, wo
ich sie dann traf.«
Die Nacht war hereingebrochen. Mit unseren Taschenlampen,
die breite Lichtkegel vor uns herwarfen, gingen wir hinauf zu un-
seren Häusern. Wir standen vor der schweren Aufgabe, unseren
Frauen die Nachricht mitzuteilen. Der Kapitän entschuldigte sich,
er müsse gehen. Wir dankten ihm für seine Freundlichkeit.
»Es tut mir leid, sehr, sehr leid«, sagte er. Dann schüttelte er un-
sere Hände und ging davon. Bob verabschiedete sich von uns und
folgte ihm. Er fuhr mit demselben Boot nach Guajará-Mirim.
Ein Kloß machte sich in meinem Hals breit, dass es schmerzte.
Das Gefühl von Verlust und Trostlosigkeit hüllte mich ein. Jim und
ich gingen ins Haus und sagten es Helen und Edith. Sie weinten
bitterlich. Es dauerte lange, ehe wir Trost fanden in dem Gedanken,
dass Dave in die Gegenwart des Herrn gerufen worden war, wo er
seine Belohnung in ewigem Frieden und Freude finden würde.
Nachdem wir unsere Köpfe im Gebet geneigt hatten, sagte
Jim: »Wir müssen dort hinfahren und ihn beerdigen. Wir packen
am besten heute Abend schon unsere Sachen, damit wir gleich
morgen früh aufbrechen können.« Die Gesichter unserer Frauen
zeigten ihre Besorgnis, aber sie standen mit hinter unserem Ent-
schluss.
Jim ging los, um Benzin zu besorgen. Ich suchte die nöti-
gen Werkzeuge zusammen. Keiner von uns schlief viel in dieser
Nacht.
Nachdem wir früh aufgebrochen waren, reisten Jim, ein
Nachbar und ich den ganzen Tag und fuhren auch nach Ein-
bruch der Dunkelheit noch weiter. Der Mond gab uns ein we-
nig Licht. Die Luft war feucht und kalt. Ich rollte mich auf dem
Sitzbrett zusammen und versuchte ein wenig Schlaf zu bekom-
men. Kurz nachdem ich eingenickt war, wurde ich von einem
plötzlichen Stoß geweckt, der mich auf den Boden des Kanus
warf. Ein stechender Schmerz durchbohrte meinen Rücken. Der
Bolivianer war eingeschlafen, und der Einbaum hatte das Ufer
gerammt.
Spätnachmittags am nächsten Tag lagen die wenigen palm-

132
gedeckten Häuser vor uns, die zu Rio Cabixi gehörten. Mein Herz
war so voller Trauer, dass ich es kaum wahrnahm.
Die Gummiarbeiter luden uns zum Abendessen ein. Wir woll-
ten weiterfahren, aber sie wollten keine abschlägige Antwort ak-
zeptieren.
Nach dem Essen saßen wir in einem der Häuser beisammen
und unterhielten uns. Als wir ihnen sagten, was wir vorhatten,
wollten sie uns zuerst davon abbringen.
»So?«, sagte einer von ihnen mit einem Achselzucken. »Ihr
Freund ist tot. Sie können ihn nicht wieder lebendig machen. Sie
werden auch getötet werden. Das ist alles, was Sie erreichen wer-
den.« Er gestikulierte mit seiner schmutzigen kupferfarbenen
Hand, ein Markenzeichen derer, die über rauchendem, rohem
Gummi arbeiten. Verschiedene andere brachen in lautes, wort-
reiches Portugiesisch aus.
Wir versuchten zu erklären, dass wir nicht ruhen konnten, bis
Dave ein ordentliches christliches Begräbnis gehabt hätte, und dass
wir außerdem nach Paredon müssten, um seine persönlichen Be-
sitztümer zu holen. Wir konnten jedoch sehen, dass das für sie kei-
nen Sinn ergab. Sie dachten wahrscheinlich, wir wären verrückt.
»Haben Sie Pistolen?«, fragte ein älterer Mann.
»Wir haben immer zwei oder drei zum Jagen dabei«, sagte
Jim.
Schweigen.
»Wenn sie angreifen, schießen Sie?«, fragte ein anderer.
»Nein«, sagte ich voller Überzeugung. »Würde ich nicht. Wir
halten nichts vom Töten.«
»In der Bibel steht ›Du sollst nicht töten‹«, sagte Jim.
»Aber sie haben Ihren Freund getötet«, gab ein anderer zu be-
denken. »Wollen Sie keine Rache dafür?« Er schlug aufgebracht
seinen krempenlosen Hut übers Knie. (Hutkrempen bleiben in den
Dschungeldornen hängen.)
»Als ich noch ein Junge war«, sagte ich, »musste nur jemand
eine Bemerkung machen, und schon flogen meine Fäuste. Seit da-
mals habe ich dazugelernt. Ich kann ehrlich sagen, dass ich keine
Rachegelüste gegen diese Indianer im Herzen habe, auch wenn sie

133
Dave getötet haben. Das hat nichts an meinem Wunsch geändert,
ihnen das Evangelium zu bringen.«
»Also«, sagte ein großer Mann und beugte sich vor, »Sie mei-
nen, die Indianer können Sie mit Pfeilen beschießen, und Sie ste-
hen nur da und sind tot, Sie schießen nicht zurück?«
Sie tauschten vielsagende Blicke untereinander, als ob sie sagen
wollten: »Diese Männer sind komplette Idioten, und wir verstehen
sie nicht. Aber sie sind in Ordnung, sie sind auf unserer Seite, und
so müssen wir tun, was wir können, um sie zu beschützen.«
Der große Mann murmelte etwas auf Portugiesisch und
zog an seinen typisch halbhohen Stiefeln, über die sich die Ho-
senbeine bauschten. Die Gummiarbeiter standen auf und gin-
gen hinaus. Nach ein paar Minuten waren sie mit ihren Pistolen
zurück.
»Verstehen Sie mich recht«, sagte Jim. »Wir freuen uns über Ihre
Hilfsbereitschaft, aber wir möchten auch Sie nicht auf die Nhambi-
guaras schießen sehen.«
Der große Mann entblößte in boshaftem Grinsen seine Zähne.
»Keine Sorge – wir werden nicht schießen.«
Wir glaubten nicht daran. Aber die Worte dieser arroganten
Leute infrage zu stellen, konnte bedeuten, einen Streit vom Zaun
zu brechen, und so ließen wir die Dinge laufen. Wir machten uns
alle fertig, um unverzüglich zusammen aufzubrechen.
Die Gummiarbeiter holten eine flache Barke mit einem höl-
zernen Dach hervor und machten sie an der Seite unseres Kanus
fest. Wir begannen unsere traurige Reise. Die Sonne war bereits im
Westen untergegangen und hatte nur ein rotes Glühen am Him-
mel zurückgelassen. Um uns herum stieg Nebel auf. Wir legten
uns auf die Planken und versuchten, es uns so gemütlich wie mög-
lich zu machen. Die feuchte Kälte durchdrang alles. Mein Rücken
schmerzte von dem Unfall immer noch und hielt mich wach. Ich
lag da und lauschte dem Dröhnen des Außenbordmotors.
Als wir an der Sandbank vorbeikamen, auf die wir unsere ers-
ten Geschenke gelegt hatten, war es fast Morgen, die Nacht wurde
schon grau. Ein Stück weiter kamen wir zu dem Platz, an dem das
erste richtige Treffen stattgefunden hatte. Jeder Ort am Flussufer

134
barg bestimmte Erinnerungen. Zeitweise konnte ich das herzliche
Lachen von Dave fast hören. Mein Herz tat weh.
Etwa eine Stunde nach Tagesanbruch landeten wir in Paredon.
Über Nacht musste es leicht geregnet haben, denn der Boden war
weich. Wie trostlos wirkte die vertraute Szenerie: Wie oft waren
wir hier bei der Landung von vertrauten Geräuschen empfangen
worden, dem Hacken von Holz, jemand sang, ein Hund bellte, ein
Kind lachte, die fröhlichen Laute der Zivilisation – der Brücken-
kopf unserer Gemeinschaft im düsteren, unfreundlichen Dschun-
gel.
All das war jetzt vorbei.
Die Brasilianer mussten das auch empfunden haben, denn sie
sprachen kein Wort und gingen leise. Aufbrechendes Sonnenlicht,
das durch die Zweige schien, zeichnete seltsame Gebilde um uns
her und gab dem ganzen Ort ein unwirkliches Aussehen.
Traurig machte ich mich auf den Weg bergan zu unserem La-
ger, dann blieb ich stehen. Auf der Stufe vor mir lag ein frisch
abgebrochenes Palmblatt. Mein Blick fiel auf einen frischen Fuß-
abdruck – von einem nackten Fuß, nicht von einem Schuh. Da-
neben noch einer, dann ein anderer, viele andere.
»Sie waren hier!«, rief der große Brasilianer.
»Das machen sie immer, nachdem sie jemanden getötet haben«,
sagte ein anderer. »Ich habe davon gehört. Sie kommen nachts,
stehlen die Habseligkeiten des Toten und brennen sein Haus nie-
der.«
»Wir müssen gerade rechtzeitig gekommen sein«, sagte Jim.
»Vielleicht haben sie den Schiffsmotor gehört und sind davon-
gelaufen.«
»Vielleicht verstecken sie sich jetzt im Unterholz«, fügte der
große Brasilianer hinzu.
Die Männer aus Rio Cabixi entsicherten ihre Pistolen und
hielten sie im Anschlag. Vorsichtig behielten wir das Blattwerk auf
beiden Seiten im Auge und kletterten weiter.
Noch schlimmer war die Stille, die über dem Blockhaus lastete,
in dem wir, wie Edith sagte, einige der glücklichsten Tage unseres
Lebens zugebracht hatten.

135
Meine Augen füllten sich mit Tränen, als ich herumging und
die alltäglichen Besitztümer einsammelte, die eine so deutliche
Sprache von Dave redeten: seinen Rucksack mit dem gedrehten
Band, den ich so gut kannte; seine zerlesene Bibel mit dem ein-
gerissenen Einband; sein Tagebuch, geöffnet bei der Seite, auf der
er seine letzte Eintragung gemacht hatte; seine Laterne, bei de-
ren Licht er immer las. Als ich seine Jacke an einem Pflock hän-
gen sah, fast als ob seine breiten Schultern drinsteckten, musste
ich mich abwenden.
Die Hühner gackerten kläglich im Garten. Ich ging hinaus,
um nach ihnen zu sehen, und fand »Sacky«, der auf der Lich-
tung am Boden lag. Er war so schwach, dass er nur noch mit
mitleiderregenden Augen nach oben schauen konnte und sei-
nen Schwanz zur Begrüßung ein wenig hob. Der andere Hund
lag nicht weit entfernt und war in so schlechter Verfassung, dass
ich ihn draußen im Wald erschießen musste. Ich holte eine Dose
Fleisch und einen Napf Wasser für Daves Hund. Er regte sich
und stand mit zitternden Beinen auf. Die ganze Zeit über standen
die Gummiarbeiter in Alarmbereitschaft und achteten gespannt
auf jede Bewegung in der Dschungelwand.
Wir nahmen Daves Sachen und alles, was Tom zurückgelassen
hatte, und brachten es hinunter zum Kanu. Zurückzukommen, um
die Sachen zu holen, wäre zu gefährlich gewesen. Dann fuhren wir
hinüber ans andere Ufer.
Wir brauchten nicht lange, um den Platz zu finden, den der Ka-
pitän beschrieben hatte. Ich sah als Erster die weißen und schwar-
zen Truthahnfedern … dann die Schäfte von zwei Pfeilen … dann
alles, was von Dave übrig war – nicht weit vom Rand des Was-
sers entfernt, sah ich seinen Körper. Ich versuchte Kraft zu schöp-
fen aus dem Gedanken, dass dies nur die armselige Hütte war, in
der die Seele unseres Bruders im Herrn gehaust hatte – die Seele,
die jetzt in ewigem Frieden ruhte. Aber es war schwer, unsagbar
schwer. Jim und ich holten Schaufeln aus dem Kanu und begannen
auf der schattigen Lichtung so tief wir konnten zu graben.
Während wir den Sand schaufelten, stürzten sich die Mü-
cken auf uns, angezogen von unserem Schweiß. Die Brasilianer

136
schwärmten mit schussbereiten Pistolen aus, bereit, auf alles zu
schießen, was sich bewegte. Jetzt waren sie wirklich nervös. Wir
waren dankbar für ihren Schutz, der uns das Gefühl gab, ein we-
nig sicherer zu sein. Aber trotz allem waren wir auch beunruhigt.
Es konnte ein Indianer auftauchen, den sie erschießen würden,
nur um von den Indianern im Gegenzug mit Pfeilen erschossen
zu werden. Unser Bemühen um unseren toten Kameraden würde
dann nur der Auslöser einer weiteren Runde blutiger Ausein-
andersetzungen sein.
Jim und ich waren mit dem Graben fertig und betteten den ar-
men Dave zur letzten Ruhe. Das Schlimmste war, die Pfeile her-
auszuziehen – die zwei in seinem Rücken, die ich gesehen hatte,
zwei weitere in seiner Brust. Wir fertigten ein grobes Kreuz aus
Ästen eines nahe stehenden Baumes. Mit erstickter Stimme betete
ich einige tief empfundene Worte. Sogar die rauen Gummiarbeiter
spürten den Ernst dieses Augenblicks. Sie nahmen ihre krempen-
losen Hüte ab und standen mit gesenkten Köpfen da – obwohl ihre
Augen auch dann noch wachsam blieben.
Als das Gebet beendet war, eilten wir zum Einbaum und star-
teten den Außenborder.
Bis zu diesem Augenblick war ich unfähig gewesen, an irgend-
etwas anderes zu denken als an die unmittelbar stattfindenden Er-
eignisse. Jetzt, als wir den friedvollen Fluss entlangknatterten und
die Gefahr hinter uns ließen, stürmten plötzlich unheilvolle Ge-
danken und Gefühle auf mich ein wie ein drohender Sturm. War es
falsch gewesen, Dave zurückzulassen? Würde sich diese entsetz-
liche Szene, die wir gerade durchlebt hatten, ereignet haben, wenn
wir alle geblieben wären? Oder würden Jim und ich samt unseren
Familien und auch Tom jetzt an Daves Seite liegen? Wie kann je-
mand im Moment einer Entscheidung wissen, ob es die richtige
ist? Wie kann jemand den Willen des Herrn kennen? Ich würde
eine Menge an Seelenschmerz und Traurigkeit vor mir haben, ehe
wieder Frieden einkehren würde.
Ich kann die Ereignisse, die zu Daves Tod führten, nur re-
konstruieren. Aber durch sein Tagebuch, mein Gespräch mit den
Steuereintreibern und meine genaue Kenntnis seiner Lebens- und

137
Denkweise kann ich das mit ziemlicher Sicherheit und Genauig-
keit tun.
Ich werde mit einer Eintragung in seinem Tagebuch beginnen
(Ich gebe dies aus dem Gedächtnis wieder.):
Heute ist der zweite Dezember, ein schöner Tag. Heute Morgen arbei-
tete ich gerade im Haus, als ich jemanden auf Portugiesisch vom Fluss
heraufrufen hörte: »Ist da oben jemand?«
»Ja«, rief ich zurück. »Kommen Sie ruhig herauf.«
Drei Brasilianer kamen an. Alle drei bleich und zierlich. Sie sahen
eher wie Büroleute aus als wie allzeit bereite Flussleute. Einer von ihnen
sagte: »Wir sind aus Mato Grosso. Wir sind Steuereintreiber. Wir fahren
den Fluss hinunter und versuchen von den Gummiarbeitern die Steuern
einzuziehen.«
Ich lachte.
»Ich nehme an, sie rollen in den Gummiarbeitersiedlungen nicht ge-
rade den roten Teppich für euch aus.«
Sie mussten auch lachen.
»Nein«, sagte einer von ihnen. »Wir kündigen nicht an, dass wir
kommen. Sonst würden sie so viel wie möglich von ihrem Gummi vor
uns verstecken.«
Ich kochte ihnen eine Tasse Kaffee. Ich bin froh, dass ich mittlerweile
weiß, wie sie ihn gern trinken – schön stark und schwarz.
Wir saßen und tranken unseren Kaffee. Es war schön, zur Abwechs-
lung mal wieder Gesellschaft zu haben. Dann hörte ich einen lang
gezogenen Pfiff vom anderen Flussufer. Ich stellte meine Tasse ab, ging
nach draußen und pfiff zurück. Ich erhielt einen Antwortpfiff. Die
Steuereintreiber waren gespannt wie die Flitzebogen. Sie wollten genau
wissen, was vorging.
»Indianer«, sagte ich. »Das ist ihr Signal. Sie möchten, dass ich ans
andere Ufer komme und sie treffe.«
Den Brasilianern fielen fast die Augen aus dem Kopf. Sie fuhren seit
Jahren den Rio Guaporé hinauf und hinunter und hatten noch nie ei-
nen Indianer zu Gesicht bekommen. Sie baten mich, sie mitzunehmen.
Ich redete ihnen ernst ins Gewissen, und sie versprachen, sich zu beneh-
men. Sie schienen mir ruhige und gesittete Männer zu sein, ich dachte, es
würde gut gehen, und ließ sie ins Kanu steigen.

138
Sieben Nhambiguaras standen auf der Sandbank und erwarteten uns.
Fünf von ihnen kannte ich schon von früheren Treffen. Aber zwei Ge-
sichter waren mir neu. Sie verhielten sich ziemlich misstrauisch, aber ich
dachte mir nichts dabei. Die Neuen benehmen sich oft so. Die Steuerein-
treiber waren ganz aufgeregt. Jetzt hatten sie was zu erzählen, wenn sie
wieder nach Mato Grosso zurückkamen. Bald sagte einer der Brasilianer
zu mir: »Der kräftige da drüben – ist das der Häuptling?«
Ich sagte ihm, dass ich das nicht wüsste, weil wir den Häuptling nie
gesehen hätten. Dann passte ich aber ein wenig mehr auf. Dieser eine gab
wirklich Befehle, als ob er der Häuptling wäre. Das war eine große Sa-
che – vielleicht zum ersten Mal sah ich wirklich die Nummer eins. Ich
versuchte die anderen durch Zeichen zu fragen, ob er der Anführer wäre.
Wenn sie verstanden, was ich wissen wollte, dann gingen sie nicht dar-
auf ein.
Aber dieser Häuptling – wenn er denn einer war – wurde nicht
freundlicher. Ich dachte, es wäre besser, wieder aufzubrechen, und das
taten wir dann.
Kurz nach Erreichen des Lagers brachen die Brasilianer wieder auf.
Sie sagten, sie würden in ein oder zwei Tagen wieder vorbeikommen.
Nachmittags hörte ich wieder einen Pfiff. Diesmal wollte einer der bei-
den Neuen – nicht der Häuptling, der andere – seinen Pfeil und Bogen
gegen eine Machete tauschen. Ich ruderte hinüber zum Lager und holte
eine.
Ich bin wirklich froh, dass alles so gut läuft. Ich hoffe, die Ostewigs
und die Porterfields kommen bald zurück. Wir haben nur noch ungefähr
einen Monat zum Arbeiten, bevor die Regenzeit anfängt. Dann werden
die Niederungen auf der brasilianischen Seite überflutet sein, und es wird
schwer sein, sich zu treffen.
Ein weiterer Eintrag:
Vierter Dezember. Heute war ein wunderschöner Tag. Der Morgen
schön kühl. Die Vögel sangen, und der alte Specht versuchte, an einem
Baum sein Hirn herauszuhämmern. Ich genoss es, meine Bibel zu lesen
und mit dem Herrn zu sprechen. Er scheint so nahe.
Was für ein Leben! Es ist so friedlich und unkompliziert hier, fernab
von der Zivilisation. Kein Lärm, kein Gestank, kein Pfeifen, keine
Glocken oder Wecker erinnern einen ständig daran, wie schnell die

139
Zeit verfliegt. Keine Hetze, keine harten Worte. Keine Rechnungen,
keine Miete zu zahlen. Keine Katastrophenmeldungen aus der übrigen
Welt.
Neun Indianer waren heute dort. Ich machte gute Fortschritte.
Konnte eine Menge neue Worte aufschnappen. Die zwei Neuen waren
wieder dabei, einschließlich dem, der mit Autorität spricht. Ist er wirk-
lich der Häuptling? Ich würde alles geben, um das zu wissen. Ich stellte
in Zeichensprache Fragen. Aber ich bekam keine Antwort, die ich verste-
hen konnte. Außerdem waren noch zwei weitere Neue dabei. Die Neuen,
der mögliche Häuptling eingeschlossen, blieben immer etwas abseits. Sie
nahmen nicht am Treffen teil. Ich dachte, sie fragten vielleicht: Wo sind
die Brasilianer? Aber ich konnte nicht sicher sein. Alles in allem war die
Atmosphäre aber freundlich und entspannt. Wir werden sehen, was mor-
gen passiert …
Dies war der letzte Eintrag in Daves Tagebuch. Alles, was da-
nach geschah, kann ich nur teilweise vermuten, weil es keine Zeu-
gen gab, bis die Steuereintreiber auftauchten, die seine Leiche ent-
deckten. Im Blockhaus bei Paredon fanden wir eine halb offene
Dose Frühstücksfleisch und eine Pfanne mit Reis auf dem Holz-
herd. Dave musste wohl gerade dabei gewesen sein, sein Mittag-
essen vorzubereiten und zu essen, als er das Signal von der ande-
ren Uferseite hörte.
Dort musste er in einen Hinterhalt geraten sein. Ein Pfeil war
schöner verziert als der andere, mehr Schnitzereien, mehr Federn;
es könnte ein Pfeil des Häuptlings gewesen sein. Dieser und noch
ein anderer hatten ihn in die Brust getroffen. Zwei weitere Pfeile
hatten in seinem Rücken gesteckt. Dave musste also aus dem Hin-
terhalt heraus angegriffen worden sein, als er die schattige Lich-
tung überquerte. Dann, als er sich umdrehte, um zum Kanu zu-
rückzurennen, wurde er wieder getroffen.
Warum? Dachte der Häuptling, dass er zu den Einwohnern ge-
hörte oder dass er mit ihnen zusammenarbeitete? War der Häupt-
ling verpflichtet, Rache an ihnen zu üben, weil man (wie er dachte)
versucht hatte, ihre Frauen zu entführen? Oder war dieses Schick-
sal letztendlich für uns alle geplant? War ihre Freundschaft nur ge-
spielt gewesen, um so viele Geschenke wie möglich von uns zu er-

140
gattern, ehe sie uns umbrachten? Diese Fragen – Fragen, auf die es
keine Antwort gab – quälten mich wochenlang.
Als die Nachricht von Daves Tod die Vereinigten Staaten er-
reichte, waren die Reaktionen wie erwartet unterschiedlich. Ei-
nige sahen sich in ihrer Meinung über tollkühne Missionare be-
stätigt, die blauäugig vermeidbare Risiken auf sich nahmen. Viele
andere jedoch wurden in ihrem angenehmen Leben aufgerüttelt,
weil sie so wenig Beachtung für diejenigen übrig hatten, die den
verlorenen Seelen an vorderster Front das Evangelium brachten.
Mit der Zeit wurde es der Welt deutlich, dass Dave durch seinen
Tod einen ewigen Platz in der Reihe der christlichen Märtyrer ge-
wonnen hatte. Einige waren so aufgewühlt, dass sie sich entschlos-
sen, die Arbeit des gefallenen Kämpfers weiterzuführen.
Für mich begann nun die dunkelste Zeit meines Lebens, in der
ich bis in die tiefsten Tiefen meines Daseins erschüttert wurde. Der
ganze Sinn meines Lebens – selbst mein Glaube – schien sich in
nichts aufzulösen.
Ich fürchtete mich vor der Dunkelheit, weil meine Nächte mit
Horrorfantasien ausgefüllt waren. Ich hatte Albträume – nicht nur
hin und wieder, sondern einen nach dem anderen – jedes Mal,
wenn ich nur die Augen schloss. Albträume, die realistischer er-
schienen als die Wirklichkeit selbst, von denen ich schreiend und
weinend erwachte; Albträume, in denen ich wie angenagelt stand,
wie gelähmt, den Schmerz der Pfeile in meiner Brust körperlich
empfindend, hielten mich gefangen.
Die Tage waren nicht besser. Edith, die Kinder und ich waren
allein. Eine Woche, nachdem wir von Daves Tod erfahren hatten,
waren Jim und Helen nach Cochabamba gereist, um Spanisch-
unterricht zu erteilen. Jeden wachen Moment durchlief ich eine
Hölle von Zweifeln und Selbstvorwürfen. Ich nehme an, Ärzte hät-
ten einen Nervenzusammenbruch diagnostiziert, aber hier gab es
meilenweit keinen Arzt.
Was alles noch viel schlimmer machte, war die Tatsache, dass
meine Seelenqual mich innerhalb meiner Familie völlig isolierte.
Sie sahen mich mit traurigen, sorgenerfüllten Augen an und ver-
suchten den Sturm, der mich innerlich zerriss, zu verstehen. Edith

141
tat ihr Bestes, um meinen Appetit anzuregen, und kochte außer-
ordentlich gut schmeckende Gerichte. Aber ich konnte nichts es-
sen. Ich begann ausgezehrt und hager auszusehen. Ich gab es auf,
Kaffee zu trinken, solange sich noch jemand anders im Haus be-
fand, weil meine Hand so stark zitterte, wenn ich die Tasse zum
Mund hob, dass ich Angst hatte, die Leute würden reden oder an-
fangen, mir Fragen zu stellen. Mein Rücken schmerzte wieder von
der alten Verletzung, und ich konnte nicht arbeiten. Brian und so-
gar Connie holten Wasser vom Fluss in ihren Zinneimern und Holz
aus dem Wald mit Brians Schubkarre.
Äußerlich hätte das Leben jetzt wunderschön sein können. Ich
hatte jetzt Zeit, Brian mit zum Fischen zu nehmen. Aber wenn er
einen Zwanzig-Pfund-Fisch fing, konnte ich seinen Jubel nicht tei-
len. Das war etwas, das weit weg von mir passierte, außerhalb von
mir. Ich wurde von meinen eigenen aufgewühlten Gefühlen auf-
gefressen.
Ein Vorfall stellte mir schlagartig vor Augen, in welch einen
Strudel der Nutzlosigkeit ich gefallen war. In der Nacht zuvor
hatte ein Jaguar unseren Hühnerstall verwüstet und ein Tier mit-
genommen. Brian warf einen Blick ins Gesicht seiner Mutter, als
sie davon erzählte, und sagte zuversichtlich: »Keine Sorge, Mama.
Ich beschütze dich.«
Das riss mich kurzzeitig aus meiner Lethargie, aber die innere
Unruhe gewann bald wieder die Oberhand. Ich wusste, dass ich
mich nicht normal verhielt. Manchmal fuhr ich meine Familien-
mitglieder scharf an, wenn sie etwas fragten. Gleich darauf bat ich
inständig um Vergebung, um mein Gewissen zu beruhigen.
Weit hinter der Grenze von Cafetal verlief ein Viehpfad durch
den Dschungel. Dort konnte ich Frieden finden und Einsamkeit –
abgesehen von den Moskitos. Ich ging dorthin und lief den Pfad
auf und ab, Tag für Tag, in meiner Seele nach Antworten suchend.
Irgendjemand hatte mich einmal davor gewarnt, eine Entschei-
dung zu treffen, wenn ich krank oder seelisch aufgewühlt wäre.
Mein Verstand hielt mir die Weisheit dieser Warnung vor Augen.
Aber ich konnte ihr trotzdem nicht folgen. Tief in jedem Mann
stecken seine Überzeugungen, die Leitplanken seines Charakters,

142
die ihm durch Belastungszeiten hindurchhelfen. Nach diesen grub
ich in mir und fand sie schwach und zitternd, bereit, hinweggefegt
zu werden, um mich wehrlos für den Rest meines Lebens zurück-
zulassen.
Niemand außer mir wird jemals wissen, wie nahe ich daran war
aufzugeben. Es schien so leicht. Die Mächte der Finsternis rückten
näher. Eine kleine, nörgelnde Stimme hörte nicht auf, mir zuzuflüs-
tern: »Irgendwo in den Staaten gibt es eine kleine Landkirche, die
einen Pfarrer braucht. Dort fändest du keine Kämpfe, keine Ent-
behrungen, keine Rückschläge, keine Enttäuschungen.«
»Aber«, protestierte mein Verstand, »jetzt zurückzuweichen
wäre Feigheit.«
»Wer würde je davon erfahren?«, wisperte die andere Stimme
betörend. »Du kannst sagen, dass du wegen deiner schlechten Ge-
sundheit zurückkehrst. Das ist wahr genug, oder?«
Ja, das war wahr. Aber ich wusste ebenso, dass ich auch in Ca-
fetal schnell wieder zu Kräften kommen würde, wenn ich diesen
geistlichen Kampf gewann. Wieder kam die Stimme und spielte
alle Karten aus: »Und was hast du vorzuweisen, das all diese Alb-
träume rechtfertigt, die du jetzt hast? Für all die Arbeit, die Leiden
– sogar den Tod –, all das, wovon du sagst, es sei das Los eines Mis-
sionspioniers? Wenn du weitermachst und es wieder versuchst,
was wird dann geschehen? Noch mal dasselbe: keine Stämme
erreicht, keine Seelen gerettet – Tod als einziges Ende? Und wer
stirbt als Nächster? Wieder einer deiner Kameraden? Vielleicht du
selbst? Welchen Sinn hat das alles? Und wie willst du wissen, ob
deine Entscheidungen alle richtig waren?«
Das berührte den wundesten Punkt. Hatte ich einen Fehler ge-
macht mit meiner Entscheidung, die Einheimischen mit uns gehen
zu lassen zum Treffen mit den Nhambiguaras? War es falsch ge-
wesen, nach Cafetal zurückzukehren und Dave dort allein und in
den Tod gehen zu lassen?
Zum tausendsten Mal ließ ich vor mir die Kette an Ereignissen
ablaufen, die zu der Tragödie geführt hatten. Ich erinnerte mich an
den Abend, an dem wir den Entschluss gefasst hatten, Dave da-
bleiben zu lassen. Ich erinnerte mich, wie wir um Weisung gebetet

143
hatten. Ich erinnerte mich an den Frieden, der hinterher einzog.
Das war der Frieden, den ich jetzt vergeblich suchte.
Hatte ich einen Fehler gemacht? War ein Fehler möglich, im
Licht von Gottes allumfassenden Plänen? Auf der anderen Seite
führte der ständige Hinweis auf die Führung durch den Herrn als
Entschuldigung für eigenes Handeln möglicherweise zu verant-
wortungs- und sorglosem Leben. Ich wusste, dass Gottes Gnade
nicht die Freiheit zu sündigen einschließt. Ich hatte einen Fehler
gemacht, und dem wollte ich mich stellen, damit ich ihn nicht noch
einmal machen würde.
Meine Gedanken drehten sich um und um … ich konnte mich
nicht aufs Bibellesen konzentrieren. Ich war zu aufgeregt, um zu
beten.
Auf unserem Weg durchs Leben denken wir sehr selten daran,
wie einfache Worte der Wahrheit, die wir irgendwann einmal ge-
hört oder gelesen haben, plötzlich wieder auftauchen können,
ganz genau dann, wenn sie gebraucht werden. Auf einer meiner
einsamen Wanderungen auf dem Ochsenpfad im Dschungel kam
eine solche Wahrheit zu mir. Sie war schon so lange in meinem
Herzen, dass ich nicht mehr sagen konnte, wo ich sie gehört oder
gelesen hatte. In der dunkelsten Stunde meiner Verzweiflung, als
ich spürte, dass ich kurz davor war, den Verstand zu verlieren, war
sie plötzlich da.
Eine einfache Geschichte: Ein Polizist, der auf einer Kreuzung
steht und den Verkehr regelt, ist genau betrachtet ein Mann wie je-
der andere. Warum also gehorcht jeder Autofahrer, jeder Motor-
radfahrer, jeder Radfahrer, jeder Fußgänger seiner Pfeife und sei-
nem Handzeichen? Weil der Polizist der Repräsentant einer Auto-
rität ist, der Autorität des Staates, der Gesellschaft, der jeder Bürger
sich unterordnen muss. Ebenso ist jeder Christ ein Repräsentant
der Autorität Gottes. Jedem von uns steht die Allmacht Gottes of-
fen. Wir müssen uns dessen nur bewusst sein und dies gegen die
Angriffe aus der Finsternis nutzen. Wie die Schrift es rät, wider-
stand ich Satan im Namen Jesu Christi.
Ich fühlte mich sofort gestärkt. Ich rief den Herrn an, die dunk-
len Gedanken, die Erinnerungen, die mich verfolgten, wegzu-

144
nehmen. Ich kehrte mit einem Lächeln auf dem Gesicht zu mei-
ner Familie zurück. In dieser Nacht schlief ich zum ersten Mal
seit Wochen durch. Die quälenden Gedanken, Erwägungen und
Selbstvorwürfe begannen ihre Überzeugungskraft zu verlieren.
Dann kamen sie nicht mehr.
Jetzt, da ich die Bibel wieder zielgerichtet lesen konnte, fand
ich Trost in den Worten aus 1. Korinther 10,13: »Keine Versuchung
hat euch ergriffen als nur eine menschliche; Gott aber ist treu, der
nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet,
sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, so-
dass ihr sie ertragen könnt.«
Ich verbannte jeden Gedanken an Aufgeben oder an Rückkehr
in die Staaten aus meinem Herzen. Am Ende konnte ich wieder
Pläne für die Zukunft schmieden.
Aber was sollte ich tun, da weiterer Kontakt zu den Nhambi-
guaras völlig außer Frage stand, wenigstens für die nächste Zu-
kunft, und ich immer noch Zweifel an meiner eigenen Urteils-
fähigkeit hegte?
Auch das sollte mir bald gezeigt werden. Durch das Einbringen
dieser schweren und schmerzvollen Erfahrung in meine Arbeit mit
anderen würde ich feststellen, dass Daves Tod nicht umsonst ge-
wesen war. Das ist sicherlich eine der wesentlichen Tatsachen in-
nerhalb der christlichen Lehre.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich allerdings noch nicht die ge-
ringste Ahnung, wo und wann diese Gelegenheit kommen würde.
Aber sie würde kommen, das wusste ich.
Wieder einmal war mein Herz zur Ruhe gekommen.

145
Der Sumpf packt zu

Zwei Monate waren


seit Daves Tod ver-
gangen. Nachdem ich
von meiner finsteren
Seelenqual genesen
war, erkannte ich,
dass das Leben weiter-
gehen musste. Die Pro-
bleme, die jetzt und für die Zu-
kunft anstanden, rissen mich
aus meiner Untätigkeit. Es war
Zeit, wieder flussabwärts nach
Guajará-Mirim zu fahren und dann
weiter nach Cochabamba, um Brian zur Schule zu bringen. Wäh-
rend unseres Aufenthaltes dort würden Edith und ich an einer
Tagung der Missionare teilnehmen. Die Reise würde uns die
Chance geben, ein neues Aufgabengebiet zu finden.
Alles war fertig gepackt. Edith, Brian, Connie und ich warteten
aufgeregt auf die Ankunft des Postbootes. Man konnte nie genau
vorhersagen, wann es eintreffen würde – oder wie das Wetter sein
würde. Wir waren froh, als es an einem klaren Nachmittag ein-
traf.
Um ungefähr fünf Uhr legten wir ab. Schwere, dunkle Wolken
begannen den Himmel zu überziehen. Die Nacht brach schnell
herein – eine tintenschwarze Nacht. Als ich die Reißverschlüsse
von Brians und Connies Moskitonetzen hochzog, hoffte ich, dass
ich sie nicht in eine Falle verpackte, falls das Boot sank. Edith und
ich lagen wach in unseren Hängematten. Ganz sicher, so sagte ich
mir, würde ein solcher Unfall nicht wieder passieren. Trotzdem
erregte jedes Geräusch, jedes Quietschen meine vermehrte Auf-
merksamkeit. Ich hoffte auf eine einfache Reise, da Edith im drit-
ten Monat schwanger war und noch mit Anfangsschwierigkeiten

146
kämpfte. Wenigstens war der Wasserspiegel hoch, was die Ge-
fahr, auf unterirdische Felsbrocken oder Sandbänke aufzulaufen,
verminderte. Eine schlaflose Stunde folgte der nächsten, bis wir
schließlich eindämmerten.
Ein Ruck weckte mich.
»Auf ein Neues!«, sagte ich halblaut zu mir selbst. Ich sprang
aus meiner Hängematte und rannte, um die Kinder aus ihren Mat-
ten zu holen. Ich warf einen schnellen Blick zum Heck und sah im
fahlen Laternenlicht, dass das Dollbord immer noch ein paar Zen-
timenter oberhalb der Wasserlinie war. Ich ließ die Kinder für den
Augenblick weiterschlafen. Der plötzliche Ruck hatte auch Edith
aufgeweckt, und sie kämpfte sich aus ihrer Hängematte.
Wasser drang durch die Bohlen am Boden des Schiffes, und ein
Matrose arbeitete fieberhaft daran, die Spalte mit Lumpen zu ver-
stopfen.
»Was ist passiert?«, fragte ich.
»Irgendwelches tief liegende Grasland erwischt«, brummelte er
über die Schulter, während er weiterarbeitete. »Hat den Bug aus
dem Wasser gehoben. Alles in Ordnung – solange das Heck nicht
untergeht.«
Jetzt gesellten sich noch andere zu ihm. Sie schöpften entweder
Wasser oder stopften die Ritzen zu. Ich ging auf die Seite und hielt
Ausschau. Vier Männer, brusttief im Wasser, schoben mit den Hän-
den, während drei andere vom Boot selbst aus mit Stangen unter-
stützten. Das Boot schaukelte ein wenig; dann ein schabendes Ge-
räusch; das Heck hob sich. Wir waren frei! Unter ihren Moskitonet-
zen schliefen Brian und Connie immer noch friedlich wie in einer
leise schaukelnden Wiege. Aber Edith und ich waren wacher als je
zuvor und sehnten die Morgendämmerung herbei.
Im Morgenlicht konnten wir die Besatzung immer noch beim
Zustopfen neuer Lecks beobachten. Zweifellos würden sie den
Rest der Fahrt damit beschäftigt sein. Das war beunruhigend, denn
immerhin hatten wir noch annähernd achthundert Kilometer vor
uns. Mit unserer gegenwärtigen Geschwindigkeit von etwa acht
Kilometern in der Stunde würden wir noch ungefähr fünf Tage
und fünf Nächte unterwegs sein. Am meisten Kopfzerbrechen

147
bereitete mir die Möglichkeit, dass nachts ein größeres Leck ent-
stehen würde, das so viel Wasser ins Boot lassen konnte, dass das
Boot sank, ehe es entdeckt wurde. Wir verzichteten auf die Mos-
kitonetze.
Tag folgte auf Nacht ohne größere Krisen. Müdigkeit kroch in
uns hoch. Es war sehr schwierig zu schlafen; ohne Schutz gegen
die Moskitos wurden wir Nacht für Nacht angefallen; die Hänge-
matten zitterten im Takt des schlagenden Motors; und wir standen
in Erwartung eines neuen Unfalles immer auf dem Sprung.
Aber alles ging gut. Nur noch eine Nacht und ein Tag lagen
vor uns, ehe wir Guajará-Mirim erreichen würden. Edith und ich
entspannten uns. Während des frühen Nachmittags vertrieb ich
mir mit Brian die Zeit und spielte »Rate mal, was ich denke« mit
ihm. Als er keine Lust mehr hatte, übernahm ihn seine Mutter, und
ich ging hinüber zu einigen anderen Passagieren, die an der Re-
ling standen. Sie waren alle sehr schweigsam und betrachteten
den Himmel, an dem sich dicke Wolken am Horizont zusammen-
ballten. Schließlich, als die Wolkenwand sich nach Westen aus-
dehnte, war unsere Welt in Dunkelheit getaucht.
»Das sieht mir nach einem ordentlichen Wolkenbruch aus«,
sagte ein Mann neben mir. Die leichte Brise, merklich aufgefrischt,
begann schon, die Wellen aufzupeitschen. Ich half der Besatzung,
auf der Windseite das Segeltuch anzunageln, um zu verhindern,
dass die Wellen das Boot überspülten. Der Motor lärmte weiter;
das Boot hielt sich dicht am Ufer.
Die Atmosphäre war aufs Äußerste angespannt. Alle warteten
auf den ersten Blitz, der die Spannung lösen würde. Die Wolken
wuchsen; der Sturm zog sich um uns zusammen. Wetterleuchten
erhellte den Himmel über den immer tiefer sinkenden Wolken.
Der Wind peitschte die Wellen höher und höher.
Unbehaglich sah ich hinüber zum Kapitän. Er stand mit eini-
gen Händlern an der Reling. Die Mannschaft war fieberhaft damit
beschäftigt, die neuen Lecks zu verstopfen, die überall aufbrachen.
Wellen schlugen über die Reling, und zwei Passagiere halfen der
Mannschaft beim Wasserschöpfen.
Der Kapitän rief dem Lotsen auf Portugiesisch etwas zu. Das

148
Boot veränderte seinen Kurs. Ich sah zum Ufer hinüber. Zu meinem
Erstaunen stellte ich fest, dass wir uns um etwa hundert Meter da-
von entfernt hatten. Der Kapitän ging dicht an mir vorbei, und ich
roch eine Alkoholfahne. Jetzt konnte ich erkennen, dass wir auf die
Flussmitte zusteuerten (an diesem Punkt war der Fluss etwa ein-
einhalb Kilometer breit), wo die Wassermassen extrem aufgewühlt
waren. Der Kapitän, der offensichtlich betrunken war, hatte zum
denkbar ungünstigsten Zeitpunkt den Befehl gegeben, den Fluss
zu überqueren. Der Regen peitschte jetzt vom Himmel; der Sturm
war genau über uns. Ich sah mich erneut nach dem Kapitän um. Er
stolperte ziellos über Deck und rief jedem, der in Sichtweite kam,
unverständliche Befehle zu.
Ich machte mir Sorgen um Edith. Sie saß ruhig da, zusammen
mit Brian, Connie und mir in Leinentücher eingewickelt. Die Kin-
der, die die Gefahr spürten, wollten im Arm gehalten werden.
Plötzlich erschütterte ein unglaublicher Schlag das Boot – dann
noch einer. Ein dritter brachte uns fast zum Kentern. Andere weib-
liche Passagiere schrien vor Angst. Das Postboot und das Beiboot
mit dem Motor hatten ihre Verankerung gelöst, sodass sie im rauen
Wasser wie zwei Kämpfende aneinanderschlugen. Ich klammerte
mich an einen Pfahl und versuchte auszumachen, wie weit wir
schon gekommen waren, aber im dichten Regen konnte ich weder
das eine noch das andere Ufer sehen. Die wild schöpfende Mann-
schaft konnte sich gegen die überschwappenden Brecher kaum
aufrecht halten. Ich dachte, wir würden mit Sicherheit sinken.
Ich hörte Geschrei und sah einen Passagier aufgebracht mit
dem Kapitän argumentieren und laut protestieren, bei solchen
Wellen den Fluss zu überqueren. Der Kapitän ruderte mit den
Armen wie ein Verrückter. Es sah aus, als ob jeden Moment ein
Kampf ausbrechen konnte. Ich schob mich in die Richtung der
beiden. Aber zwei andere Passagiere erreichten die Streithähne
vor mir und trennten sie.
Alles, was wir jetzt tun konnten, war Wasser schöpfen – und
wie wir schöpften! Zwei Matrosen rannten an mir vorbei und ris-
sen Tücher in Streifen. Offensichtlich war wieder ein neues, dies-
mal größeres Leck aufgebrochen.

149
Ich hörte einen Schrei. Im Nebel tauchte die entfernte Uferlinie
auf. Das Schlagen der Boote hörte auf, als der Steuermann den Bug
in die Wellen steuerte. Wind und Regen ließen etwas nach.
In weiteren zehn Minuten erreichten wir das Ufer. Der Kapitän,
durch die Geschehnisse plötzlich stocknüchtern geworden, gab
den Befehl, hier festzumachen, bis der Sturm sich gelegt hatte. Die
Passagiere, die alle sehr aufgewühlt waren, beruhigten sich lang-
sam. Wenige Worte wurden gesprochen; alle waren froh, noch am
Leben zu sein. Ungefähr eine Stunde später, als der Sturm sich ge-
legt hatte, konnten wir unsere Reise fortsetzen.
Am nächsten Tag legten wir in Guajará-Mirim an. Als wir den
Pfad zum Haus der Sharps entlangstapften, hörten wir das asth-
matische Pfeifen der holzbetriebenen Lokomotive. Das war Musik
in unseren Ohren. Als wir am Bahnhof vorbeikamen, sahen wir die
Leute in die Wagen einsteigen, um die zwei Tage dauernde Reise
über etwa dreihundert Kilometer nach Porto Velho aufzunehmen.
Wie sehnlich wünschten wir uns in diesem Augenblick, es gäbe
eine Eisenbahnlinie nach Cafetal!
An diesem Abend saßen wir in der kühlen Luft auf der Ter-
rasse des Sharp-Hauses. Seit wir das letzte Mal hier gewesen
waren, schien eine Ewigkeit vergangen zu sein – dieser denkwür-
dige Abend, ehe wir nach Cafetal aufbrachen. So viel war seit-
her geschehen. Mein ganzes Leben war umgekrempelt worden.
Ich war auf die Probe gestellt worden wie nie zuvor in meinem
Leben.
Eine neue Missionarsfamilie wohnte bei Lyle und Lila Sharp:
Wilbur und Dorothy Abbey, ihre zwei schulpflichtigen Töchter
und ihr dreijähriger, kleiner Junge. Die Abbeys waren gerade aus
einer kleinen kalifornischen Stadt, in der Wilbur Postbote gewesen
war, hier eingetroffen. Wilbur erinnerte mich an mich selbst, wie
ich empfunden hatte, als Edith und ich zum ersten Mal nach
Guajará-Mirim kamen. Erfüllt von seiner Berufung und seinem
missionarischen Eifer, konnte er es kaum erwarten, irgendeinen
Stamm zu erreichen.
Wir unterhielten uns eine Zeit lang über die Missionsarbeit und
die Geschehnisse zu Hause in den Staaten. Als es später wurde

150
und alle anderen zu Bett gingen, blieben Lyle und ich noch zurück
zu einem Gespräch unter vier Augen.
Zum ersten Mal konnte ich mir die ganze Geschichte um Dave
von der Seele reden. Welch eine Erleichterung, welch ein Trost war
es, Lyle alles zu erzählen. Er wusste, was mit Dave geschehen war.
Aber jetzt konnte ich ihm von meinen inneren Kämpfen berichten,
etwas, das mir per Brief unmöglich gewesen wäre. Ich berichtete
auch, dass ich mich zum zweiten Mal für ein Leben als Missionar
entschieden hatte und dass ich auf der Suche nach einem Weg sei,
anderen Stämmen zu dienen.
Lyle hörte aufmerksam zu. Seine tief liegenden Augen zeigten
sein Mitgefühl. Ab und zu stellte er eine Frage. Sonst ließ er mich
sprechen. Er schien völlig zu verstehen, was ich durchgemacht
hatte.
Nachdem etwa eine Stunde um war und ich langsam müde
wurde, sagte Lyle leise: »Kann sein, dass ich genau die Gelegen-
heit habe, auf die du wartest. Wie würde es dir gefallen, uns zu
helfen, die Macurapis zu erreichen?«
»Die Macurapis? Wer sind sie?« Der Name war mir völlig
fremd.
Lyle lächelte. »Das wundert mich nicht, dass du sie nicht
kennst«, sagte er. »Wir hätten auch nie von ihnen gehört, wenn ich
nicht zufällig in einem Laden in Guajará-Mirim einige Kaufleute
getroffen hätte, die Geschäfte mit ihnen machen.«
»Wo leben sie?«, fragte ich.
»Nun, du weißt ja, wo der Rio Mequenes in den Rio Guaporé
mündet, etwa 65 Kilometer vor Cafetal.«
»Ja«, antwortete ich. »Das Postboot hat dort angehalten, als ich
mitgefahren bin.«
»Also, ungefähr hundert Kilometer weiter östlich leben die
Macurapis. Hundert Kilometer Luftlinie wohlgemerkt.«
»Mit anderen Worten heißt das, hundertsechzig oder sogar
zweihundertvierzig Kilometer mit dem Boot oder mit der Eisen-
bahn. Richtig?«
»Das dürfte ungefähr hinkommen.«
»Hört sich gar nicht so weit an«, sagte ich.

151
»Ja, aber hier ist der Haken«, fuhr Lyle fort. »Das Gebiet, das
dazwischen liegt, ist ausgedehnter, unwegsamer Sumpf. Ich habe
gehört, dass sich dieser Sumpf auf der brasilianischen Seite etwa
fünfhundert bis sechshundertfünfzig Kilometer am Rio Guaporé
entlang erstreckt und ungefähr fünfzig Kilometer breit ist. Ich ver-
stehe, dass die Gummiarbeiter hin und wieder durchmüssen – aber
niemand sonst.« Jetzt war die Reihe an Lyle, sich zu erleichtern.
»Ich lebe hier schon zu lange auf dieser Station«, sagte er, »ver-
gleichsweise komfortabel, nur mit der Unterstützung anderer Mis-
sionare wie dir beschäftigt. Ich fühle, dass die Reihe nun an mir ist,
zu einem Stamm hinzugehen. Und jetzt, da die Abbeys gekommen
sind, um uns zu unterstützen, und eine andere Missionarsfamilie
unsere Arbeit hier übernehmen wird, ist das meine Chance.«
Im ersten Moment hatte ich Zweifel. Meinte Lyle wirklich, dass
ich unbedingt gebraucht wurde? Oder machte er diesen Vorschlag
nur, um mich wieder aufzubauen?
»Aber braucht ihr mich denn wirklich?« fragte ich.
Er lachte. »Sieh mal, Bruce. Seien wir doch ehrlich. Wilbur und
ich sind doch beide absolute Neulinge. Wir sind beide in guter kör-
perlicher Verfassung, aber keiner von uns beiden war jemals zu-
vor in der Wildnis. Was wir vor allem brauchen, ist jemand wie
dich, der schon Erfahrung hat im Dschungelleben und mit den In-
dianern.«
Der Ernst, mit dem er sprach, überzeugte mich. Ich brachte das
Gespräch auf die Macurapis zurück.
»Was weißt du über diesen Stamm?«
»Nicht viel.«
»Sind es Wilde?«
»Ich nehme an, ja – und nein. Sie laufen nackt herum. Sie er-
legen das Wild mit Pfeil und Bogen. Aber sie scheinen mit den
benachbarten Gummiarbeitern ganz gut auszukommen. Man-
che Macurapis arbeiten sogar für sie. Ehrlich gesagt, wir erwarten
nicht allzu viele Schwierigkeiten mit ihnen. Um genau zu sein: Wir
planen, ein ständiges Lager auf der anderen Seite des Sumpfes zu
errichten. Von dort aus können wir dann versuchen, Kontakte zu
knüpfen. Wir möchten unsere Familien mitnehmen.«

152
Das gab mir zu denken. Ich konnte mir nicht helfen; ich musste
an die Nhambiguaras denken, wie wir ihnen einst vertraut hatten
und was als Ergebnis geschehen war.
»Nun mal langsam, Lyle«, sagte ich. »Erst solltest du einmal
herausfinden, worauf du dich da einlässt.«
Lyle schwieg. Er streckte seine Beine aus und vergrub die
Hände in seinen Taschen. »Alle Kontakte bergen ein Risiko«, sagte
er und sah aus dem Fenster hinaus in die Nacht. »Das wissen wir.
Der Herr wird uns seinen Schutz geben. Das wissen wir auch. Na-
türlich würde es trotzdem falsch sein, unsere Familien unnötigen
Gefahren auszusetzen.« Er sah mich an. »Deshalb brauchen wir
deinen Rat und deine Erfahrung ebenso wie deine Hilfe.«
»Okay, ich bin dabei«, sagte ich, wohl wissend, dass Edith ein-
verstanden sein würde.
Eine große Last war von meinem Herzen genommen.
Während Ediths Schwangerschaft wollte ich nirgendwohin ge-
hen, wo ich völlig von der Außenwelt abgeschnitten sein würde.
Aus diesem Grund würde es noch einige Zeit dauern, ehe die Ex-
pedition starten konnte. Aber es gab im Vorfeld eine Menge Dinge
zu erledigen; und jetzt, da ich wieder ein Ziel in meinem Leben
hatte, machte mir das Warten nichts aus.
Es war abgemacht, dass ich die Sharp-Kinder und Brian nach
Cochabamba bringen sollte, wo im Februar die Schule wieder be-
gann. Die Abbeys hatten ihre beiden Mädchen schon nach Brasi-
lien in die Schule geschickt. Sie wollten ihren dreijährigen Sohn
mitnehmen. In der Zwischenzeit würden die Sharps und die Ab-
beys damit beginnen, Vorräte und Haushaltsgegenstände einzu-
kaufen. Dann würden sie flussaufwärts reisen und ein Basislager
an der Mündung des Rio Mequenes errichten.
Eines Abends, fünf Monate nach unserer Ankunft in Cafe-
tal, kamen Lyle und Lila zu uns. Wir hatten sie erwartet, da wir
die ganze Zeit über in brieflichem Kontakt standen. Sie hatten von
dem strohgedeckten Haus berichtet, das sie bauten, und vom Ein-
treffen ihrer Vorräte und Habseligkeiten. Lila bot freundlicher-
weise an, bis nach der Geburt des Babys bei Edith zu bleiben.
Lyle hatte uns eine Menge zu berichten. Nachdem Wilbur und

153
er eine Reihe von Forschungsausflügen mit einem brasilianischen
Führer gemacht hatten, wussten sie beide jetzt viel besser, womit
wir es zu tun haben würden. »Ich kann dir sagen, Bruce, das ist
vielleicht ein Sumpf. Wir waren sehr froh, beim ersten Mal einen
Führer dabeizuhaben.«
Ich fragte, ob sie irgendwelche schlechten Erfahrungen ge-
macht hätten.
»Nur ein paar Zusammenstöße mit einigen Yoperrohobobos,
das war alles. Wir trafen eine Gruppe von Krokodiljägern. Sie hat-
ten zwei Exemplare dabei, die mindestens sechs Meter lang waren.
Wir sahen aber keine anderen Krokodile. Sie sagten uns, dass es in
diesem Gebiet eine Menge Anakondas gibt – aber auch davon sa-
hen wir keine einzige. Ich bin froh, das sagen zu können.«
»Habt ihr mehr über die Macurapis erfahren können?«
»Nur wenig von unserem Führer. Sie scheinen friedlich zu sein.
Vor einem Jahr hat ein Indianer einen anderen getötet. Aber die
Einheimischen haben sie nicht behelligt. Eins haben wir heraus-
gefunden. Sie sprechen nur einige wenige Worte Portugiesisch.
Also müssen wir lange genug bleiben, um ihre Sprache zu lernen,
ehe wir ihnen das Evangelium bringen können.«
Wenigstens klang dies nicht ganz so hoffnungslos wie das Er-
reichen der Nhambiguaras. Wenn wir nur diesen Sumpf überque-
ren konnten!
Während sich Lila und Edith um den Abwasch kümmerten,
holte Lyle eine Karte und einige Skizzen hervor und gab mir eine
kurze Einführung. »Dort gibt es keine Pfade, denen man folgen
kann. Entweder Wasser oder Gras – darunter zäher Dreck. Mit
deinem Boot fährst du ungefähr so, Kursbestimmung durch Kom-
pass. Wenn du etwa in der Mitte des Sumpfes angekommen bist,
etwa hier« – er malte ein »X« auf die Karte –, »siehst du eine be-
stimmte Gruppe von Palmbäumen.«
»Gibt es dort nicht mehr als nur eine Gruppe von Palmen?«,
fragte ich. »Wenn das so wäre, könntest du dich ganz schön ver-
irren.«
Lyle zuckte die Achseln und fuhr fort: »Bei den Bäumen än-
derst du den Kurs dorthin. Dann, nach ungefähr fünf Stunden

154
– vorausgesetzt, dass du immer noch in die richtige Richtung
gehst –, kommst du zu einem recht klaren Gewässer mit Seerosen
darauf.« Lyle malte wieder ein »X«. »Du gehst weiter, und nicht
lange danach, sofern du nicht vom Kurs abgekommen bist, siehst
du in der Ferne zwischen den Bäumen einen Hügel, der unge-
fähr so aussieht.« Er skizzierte schnell den Hügel und wandte
sich wieder seiner Karte zu. »Wenn du auf den Hügel zugehst,
erreichst du bald ein kleines Tal, hier; und dort in der Nähe, auf
dieser Seite, lebt eine Familie, die wilden Gummi sammelt.«
»Klar wie Kloßbrühe«, sagte ich und fügte noch hinzu: »Wir
nehmen besser ein paar Kompasse mit, für den Fall, dass einer ver-
rückt spielt. Hast du schon von dem Missionar gehört, der in den
Wäldern von Mexiko lebte und drei Kompasse bei sich hatte?«
Hatte er nicht.
»Nun, zunächst mal hatte er seinen normalen Taschenkom-
pass. Aber er dachte, dass der vielleicht verrückt spielen könnte,
also kaufte er einen viel größeren, um den kleinen zu kontrollie-
ren. Dann kam ihm der Gedanke, dass sie auch beide ausfallen
könnten – die Geschichte ist wahr, du kannst sie mir glauben. Also
packte er noch Kompass Nummer drei ein, um die beiden anderen
zu überwachen – einen riesigen Schiffskompass!«
Unsere Witzeleien und das Geschichtenerzählen gingen jedoch
bald in die Ernsthaftigkeit des Plänemachens über. Jede Einzel-
heit bezüglich Versorgung, Transport und Notfallration wurde mit
größter Sorgfalt ausgearbeitet.
Einige Tage vergingen. Ich werde nie den Morgen vergessen, an
dem bei Edith die Wehen einsetzten. Als ich aufstand, sah ich aus
dem Fenster und freute mich über den strahlenden Sonnenschein.
Obwohl sich der Morgendunst schon fast völlig aufgelöst hatte,
war der Himmel immer noch ein wenig verhangen. Vom Fenster
aus konnte ich die Straße entlangblicken auf die Hütten, aus de-
nen sich Rauch aus den Schornsteinen kräuselte, als die Nachbars-
frauen ihr Frühstück zubereiteten. Dann hörte ich Edith nach mir
rufen.
Ich bin sicher, die meisten Ärzte würden die Bedingungen, unter
denen wir jetzt handeln mussten, ablehnen. Ich begann ein Feuer

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zu entfachen, um Wasser zu kochen. Ein paar Tage vorher hatten
wir schon die Bandagen, Tupfer und Instrumente sterilisiert, in-
dem wir sie in Zeitungspapier eingewickelt in den Ofen steckten
und wieder herausholten, wenn das Papier genügend versengt
aussah. Und doch hatte der Raum jetzt auf seine Weise eine ent-
fernte Ähnlichkeit mit einem Operationssaal. Vorsichtig breiteten
Lila und ich weiße Laken aus, legten Spritze und Nadel, Schere
und Faden, Gaze, Antiseptikum und einen Babykorb zurecht.
Als die Schmerzen stärker wurden, sorgte ich dafür, dass das
Wasser weiterkochte, und half Lila beim letzten Schrubben. Dies
war nicht meine erste Erfahrung als Hebamme – ich hatte zwei
Jahre zuvor bei der Geburt von Ostewigs erstem Kind geholfen,
aber beim eigenen Kind Hebamme zu sein, ist schon etwas anderes!
Lila war wie ein Fels in der Brandung. Sie war auf einer Farm im
Mittleren Westen aufgewachsen und war von daher die personi-
fizierte Ruhe und Sachkenntnis in solchen Angelegenheiten. Ihre
zierliche Erscheinung strafte ihre innere Stärke Lügen.
Edith hatte mehrere Stunden Wehen; dann machte sich das
Baby auf den Weg. Aber nachdem der Kopf des Kindes zu sehen
war, ging es nicht mehr weiter. Der Rest des Körpers wollte sich
nicht bewegen. Das Gesicht begann sich blau zu färben. Ich hatte
Mühe, nicht in Panik zu verfallen. Lila entdeckte, dass die Nabel-
schnur fest um den Hals des Kindes gewickelt war. Sie versuchte
sie zu lockern, schaffte es aber nicht. Ich übernahm. Aber auch ich
konnte nichts ausrichten. Fieberhaft arbeitete ich, zog und drehte.
Endlich, vermutlich in letzter Sekunde, bekam ich die Nabelschnur
los. Unser kleines Mädchen war gesund und munter. Nach einem
kräftigen Schwall Wasser begann Gwendolyn zu atmen – um ge-
nau zu sein, schrie sie ihren Protest gegen die raue Behandlung
durch ihren Vater noch eine gute Stunde heraus.
Jetzt konnte ich den Sharps und Abbeys beim Umzug helfen.
Einige Wochen zuvor war ein Paar namens Ewart und Jean Sad-
ler eingetroffen, um die Arbeit der Ostewigs in Cafetal zu über-
nehmen – Jim und Helen hatten sich entschlossen, in Cochabamba
weiter Spanisch zu unterrichten. Ewart, ein großer, schlaksiger
Kanadier, war früher Radiotechniker gewesen. Voll Eifer, die In-

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dianer zu erreichen, bot er uns an, uns zu begleiten; wir nahmen
gerne an. So ließen wir Edith, Gwendolyn und Connie in Jeans Ob-
hut. Lyle und Lila, ihr drei Jahre alter Sohn John Allen, Ewart und
ich machten uns mit zwei Booten auf den Weg zum Lager am Rio
Mequenes, wo uns Dorothy, Wilbur und ihr Sohn erwarteten.
Wilbur begrüßte uns freudestrahlend. Er sagte, all ihre Habe sei
nun eingetroffen, ungefähr anderthalb Tonnen, einschließlich der
nötigen Haushaltswaren. Wir begannen alles vorsichtig in Lyles
kurzes, breites Aluminiumboot und in mein etwa neun Meter
langes Kanu zu verladen. Unsere Reise musste genau nach Zeit-
plan ablaufen. Wenn wir erst einmal im Sumpf und dann auf der
anderen Seite sein würden, gab es für die nächsten zehn Monate
keine weitere Möglichkeit für die Durchfahrt von Versorgungs-
booten, weil der Sumpf dann so weit austrocknet, dass er nicht
mehr per Boot befahrbar ist.
Das Einladen dauerte den ganzen Tag. Da wir keine Zeit zu
verlieren hatten, starteten die zwei Familien, Ewart und ich gleich
am nächsten Tag frühmorgens. Ewart und ich fuhren mit dem Ein-
baum, während die Abbeys und Sharps sich das andere Boot teil-
ten.
Die erste Stunde glitten wir ruhig über das kühle, dunkle Was-
ser. Kurz danach traf Lyles Boot, das vorne fuhr, auf Seerosen-
polster und hohes Gras. Dann warf ich den ersten Blick auf den
Sumpf. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. So weit das
Auge sehen konnte, dehnte sich von Horizont zu Horizont ver-
lassenes, eintöniges, leeres Brachland aus. Wasser und Gras, dann
noch mehr Wasser und Gras.
Die leichte Brise, die uns auf dem Fluss erfrischt hatte, war jetzt
weg. Ich hatte das Gefühl, wir säßen alle eingezwängt in einer hei-
ßen, dampferfüllten Sauna, in der es nach Moder und totem Fisch
roch. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel, und wir wa-
ren dankbar für unsere Strohhüte.
Unsere Boote verlangsamten die Fahrt und kamen in einem
Tangknäuel zum Stehen. Pflanzen hatten sich um die Schiffs-
schraube gewickelt und mussten entfernt werden. Vor mir sah ich,
dass Lyle seine Stangen zum Staken herausholte, und ich folgte sei-

157
nem Beispiel. Die Gummiarbeiter hatten uns gezeigt, wie die Stan-
gen beschaffen sein mussten. Ungefähr viereinhalb Meter lang, mit
einem kleinen Haken an einer Seite, sind sie im Sumpfgelände un-
entbehrlich. Wir stießen sie in das Gras, das etwa einen halben Me-
ter über die Wasseroberfläche hinauswuchs. Ungefähr zwei Meter
tiefer fand der Haken einen Halt. Wir zählten bis drei und stießen
mit aller Kraft; die Boote schlingerten ein Stückchen weiter und
blieben wieder stehen. Nach einer halben Stunde war ich durch-
geschwitzt bis auf die Haut. Wir hielten an, um auszuruhen. Der
Schweiß lief mir in kleinen Rinnsalen von meinem Kinn und mei-
ner Nasenspitze. Ich plumpste auf irgendein Bündel neben Ewart,
der auch schwer geschoben hatte. Wir hatten beide das Gefühl,
schon einen ganzen Tag hart gearbeitet zu haben – dabei hatten
wir gerade einmal damit angefangen.
Auf diese Weise hatten wir uns vier oder fünf Stunden weiter
durchgekämpft, als Lyle plötzlich freudig rief: »Da ist die Baum-
gruppe, auf die ich gewartet habe.«
Ich war skeptisch und zum Umfallen müde. »Für mich sieht
das genauso aus wie eine Menge anderer Baumgruppen, die ich
schon gesehen habe.«
Lyle versuchte mir zu erklären, was an dieser Gruppe so Beson-
deres wäre. Ich blieb skeptisch. Wir änderten den Kurs. Ich suchte
den Horizont nach irgendeiner Markierung ab. Aber alles, was ich
vor mir sah, war immer dasselbe: das endlose Gras und die spie-
gelglänzenden Wasserflächen dazwischen. Nachmittags waren
unsere Hände voll von aufgebrochenen Blasen, unsere Muskeln
flatterten, aber wir schoben immer noch jedes Mal, wenn wir bis
drei gezählt hatten. Die Hitze kostete uns viel Energie. Jetzt war
es einfach, schlampig zu werden. Rufe wie »Vorsicht, du läufst
auf!« wurden immer häufiger. Eine Wolke erschien am Himmel.
Wenige Minuten später waren wir klatschnass von tropischem
Regen. Das war gegenüber der brennenden Sonne eine willkom-
mene Abwechslung. Wir konnten sowieso nicht nasser werden,
als wir durchs Schwitzen ohnehin schon waren, und so stakten
wir einfach weiter durch den Wolkenbruch.
Der Regen hörte so plötzlich auf, wie er begonnen hatte. Wir

158
aßen gleich in den Booten zu Abend. Die Frauen machten einige
Dosen mit Schweinefleisch und Bohnen auf. Zum Nachtisch gab
es »Dschungel-Pudding«, eine Mischung aus Zitronensaft und
gesüßter Kondensmilch, die sich selbst andickt und so ähnlich
wie Zitronenkuchenfüllung schmeckt. Das Mahl wurde durch
eine Überraschung abgerundet: einige Hafermehlkekse, die un-
sere Frauen vor dem Aufbruch noch gebacken hatten. Es gab keine
Möglichkeit, vor Einbruch der Dunkelheit festes Land zu errei-
chen. Wir waren in der Mitte des Sumpfs gefangen und mussten in
unseren Booten übernachten. Wir fanden einen Platz, an dem re-
lativ wenig Gras wuchs, und stellten die Kisten um, sodass man
darauf liegen konnte. Durch die freiere Umgebung hatten wir bes-
sere Chancen, eventuell auftauchende Alligatoren oder Schlangen
schneller zu entdecken. Trotzdem: Müde, wie wir waren, konn-
ten wir doch aus Angst, von den Kisten ins Wasser zu fallen, kaum
schlafen. Wir erzählten uns lustige Erlebnisse und Geschichten
und warteten darauf einzudösen.
Einziges Geräusch war das Quaken der Frösche. Ich überlegte,
ob in der Nähe wohl Alligatoren wären. Wie oft hatte ich ihre Laute
gehört, als wir am Flussufer kampierten! Nur zum Spaß versuchte
ich, sie zu imitieren. Ich stieß ein »Ummmmmmm bah! Ummmmmm
bah-yah-yah!« aus.
Sorfort ertönte aus allen Ecken um uns her der Antwortchor:
»Ummmmmm bah! Ummmmmm bah-yah-yah!« Es waren bestimmt
ein Dutzend oder mehr! Wir mussten uns mitten in einer Alliga-
torenkolonie befinden. Die Frauen kreischten.
»Jetzt haben wir den Salat«, sagte Wilbur. »Was ist, wenn du
ihren Paarungsruf erwischt hast oder ihren Kampfschrei?«
Wir wagten alle nicht, einfach so auf den Kisten zu schlafen.
Wir bauten die Kisten um, damit wir ganz sicher nicht herunter-
rollen konnten. Als endlich der »Ummmmmm bah!« -Chor langsam
erstarb, dösten wir unruhig ein.
Am nächsten Tag setzten wir die schmerzhafte Arbeit fort,
durch den Sumpf zu staken. Oft gingen wir vier Männer ins Was-
ser und schoben die Boote seitlich an, während die Frauen stak-
ten. Einmal schrie Lila laut auf. Eine tödliche Yoperrohobobo steu-

159
erte genau auf uns zu. Wir krabbelten überstürzt ins Boot zurück.
Die Unruhe musste die Schlange aus dem Konzept gebracht ha-
ben, denn sie machte sich in einer anderen Richtung auf und da-
von. Aber es dauerte einige Zeit, ehe wir uns wieder ins Wasser
wagten – und dann auch nur, wenn es unbedingt notwendig war.
Kurz vor der Dämmerung sahen wir Festland. Jetzt konnten
wir kochen und die Nacht in unseren Dschungelhängematten
schlafen. Das war auch psychisch eine große Erleichterung, denn
das Beschränktsein auf ein paar Quadratmeter kann ein Boot nach
gewisser Zeit zum Gefängnis werden lassen. Allerdings hatten wir
die Wolken von Moskitos vergessen, die uns an der Küste erwar-
ten würden, und wir verbrachten eine unangenehme Nacht.
Am nächsten Morgen fanden wir heraus, dass wir nun einem
kleinen Fluss folgen konnten, dem Rio Colorado, der in den Sumpf
einmündete. Wir waren überglücklich. Aber unsere Begeisterung
hielt nicht lange an. Der Fluss war über und über bedeckt mit See-
rosen und einer Art Gras, das wir noch nicht kannten. Wir ver-
suchten, mit unseren Stangen in der grünen Masse Halt zu finden,
aber die Enden stießen durch.
»Versuchen wir, mit unseren Macheten eine Bresche zu schla-
gen«, schlug Lyle vor.
Das funktionierte auch nicht, und so stiegen wir aus und tra-
ten die klein gehackte Masse nieder, immer abwechselnd schla-
gend und tretend. Auf diese Weise kamen wir weiter. Ich hing ge-
rade an einer Seite des Bootes, damit beschäftigt, die Grasmassen
niederzutreten, als ich plötzlich einen schmerzhaften Stich an den
Knöcheln spürte. Es zog die Beine hinauf. Mein erster Gedanke
war, dass Ameisen an mir hochkrabbelten. Aber wo sollten hier im
Sumpf Ameisen herkommen? In einem Nu war das Stechen über-
all, vom Kopf bis zu den Füßen.
»He«, rief Wilbur genau in diesem Augenblick. »Ich hab das
Gefühl, ich verbrenne.«
»Geht mir genauso!« rief Lyle. »Aber ich kann nichts ent-
decken!«
»Mann, das ist furchtbar!« schrie Wilbur. »Was kann das
sein?«

160
Bis zu diesem Augenblick hatte ich gedacht, dass meine Haut
von irgendetwas befallen wäre. Jetzt wusste ich, es waren die Ner-
ven. Mein ganzer Körper fühlte sich wie ein Bündel Geigensaiten
an, die bis zum Zerreißen gespannt wurden. Die Frauen saßen da
und beobachteten uns mitfühlend, aber vor allem verblüfft. Sie
konnten überhaupt nicht begreifen, was hier geschah. Ebenso we-
nig konnten wir es verstehen.
Mein Gehirn schien in Flammen zu stehen. Alles, was ich tun
konnte, war, mir das Schreien zu verkneifen. Ich konnte noch ver-
nünftig denken, aber ich wusste nicht, wie lange noch. Wenn es
so etwas gab wie einen plötzlichen Nervenzusammenbruch, dann
hatte ich jetzt einen. Aber was war die Ursache dafür?
Dann kamen mir Geschichten über giftige Ranken, die ich ge-
hört hatte, ins Gedächtnis. Mit ihnen konnten die Indianer Fische
lähmen, sodass sie sie mit den bloßen Händen aufsammeln konn-
ten. Von einem seltsamen Pilzgewächs, das die gleiche Wirkung
haben sollte, hatte ich ebenfalls gehört. Hatten die Klingen unserer
Macheten einen solchen Stoff freigesetzt, der jetzt unser Nerven-
system angriff?
Mich schauderte bei dem Gedanken an zwei hilflose Frauen
mitten im Sumpf, allein mit vier Männern, die entweder hilflos
oder am Rand des Wahnsinns waren. Zum Äußersten getrieben
durch das Stechen in unseren Körpern, krochen wir wieder in
die Boote und nahmen die Paddel, mit denen wir uns mit letzter
Kraft durchs Gras stießen. Schließlich leuchtete vor uns ein wun-
derschönes Stück klaren Wassers. Wir sprangen hinein. Langsam
ebbte das Stechen ab; die furchterregende Anspannung unserer
Nerven ließ nach. Kurze Zeit später waren wir wieder im Nor-
malzustand.
Wir waren uns alle einig, dass wir es nicht mehr mit den Ma-
cheten versuchen wollten.
Als die Nacht hereinbrach, erreichten wir ein anderes Gummi-
lager am Rio Colorado. Am nächsten Tag kamen wir zum Rio Tere-
binto, den Lyle auf seiner Karte angestrichen hatte. Trotz des im-
posanten Namens war der Rio Terebinto nicht mehr als eine tiefe
Erdspalte von etwa neun Meter Durchmesser. Zunächst war es

161
einfach, vorwärtszukommen. Aber binnen kurzer Frist fanden wir
den Flusslauf von Mahagoniästen blockiert. Mahagoni ist ein sehr
hartes Holz, und wir mussten die Hauptäste völlig durchtrennen,
ehe wir den Wirrwarr auflösen konnten. Wir reisten mehrere Tage
auf dem Rio Terebinto, und manchmal mussten wir so viele Äste
zertrennen, dass wir nicht mehr als acht Kilometer am Tag schaff-
ten. Jeden Abend schlugen wir ein neues Lager auf.
Die Kleidung der Frauen war fast genauso schlimm zerfetzt
wie unsere eigene. Bäume und Ranken reichten sich über dem
Fluss an tief liegenden Stellen oft »die Hände« und versperrten
den Weg. Wir sagten den Frauen, sie sollten sich Schüsseln vors
Gesicht halten. Dann stellten wir die Motoren auf Vollgas und
preschten so weit wie möglich vor – manchmal schafften wir
vier bis sechs Meter in einem Anlauf. Es kam vor, dass Tausende
von Ameisen auf uns herunterrieselten; oder wir fanden uns ge-
radewegs unter einem Hornissennest wieder und konnten nicht
vor oder zurück. Nach einem dieser Angriffe hatte Lila neun-
zehn Stiche. Wir machten uns Sorgen um sie, da sie ungefähr im
dritten Monat schwanger war. Aber alles, was wir tun konnten,
war, nach Kräften zu kämpfen, um durchzukommen, und erst
danach »unsere Wunden zu lecken«.
Die Tierwelt war faszinierend für die Kinder. Schlangen, Affen
und Alligatoren waren überall. Eines Tages entdeckte Sharps Sohn
einige große Affen in den Bäumen. Lyle wollte den Fluss überque-
ren. Dann blieb er plötzlich wie angewurzelt stehen.
»Was ist los?«, rief ich. Er antwortete nicht. Ich sah in die Rich-
tung seines wie hypnotisierten Blicks und entdeckte, was ich an-
fangs für eine seltsam gewundene braune und grüne Ranke hielt.
Ein wenig höher entdeckte ich dann darauf ruhend einen flachen,
dreieckigen Kopf mit gespaltener Zunge, die hinein und heraus
zischte. Jetzt wusste ich: eine Boa constrictor. Und überdies eine
hungrige. Ich hatte gehört, dass eine Boa nach dem Verschlingen
von Wild oder einem Schwein einige Monate in völliger Apathie
daliegt, während sie das Mahl verdaut. Aber wenn man sie auf-
gerollt antrifft, bedeutet das, dass sie bereit ist, jedes lebendige
Wesen, das in Reichweite kommt, anzufallen und zu töten.

162
»Du erledigst sie besser!«, rief ich mit gedämpfter Stimme. »Wir
wollen doch nicht, dass sie da herumhängt, wenn wir ans Ufer ge-
hen.«
Lyle hob seine Pistole. Ein Schuss krachte. Die grünbraunen
Windungen drehten und lockerten sich und hingen dann gerade
herunter vom Ast. Es war die größte Boa, die ich jemals gesehen
hatte – sie muss etwa sechs Meter lang gewesen sein. Jetzt hatte
ich etwas, das ich Brian erzählen konnte, wenn ich zurückkam. Er
würde es toll finden.
Vor Einbruch der Dunkelheit entdeckten wir weiter flussauf-
wärts einen schönen Platz zum Rasten. Wir beschlossen, die Boote
nicht zu entladen, weil wir alle so müde waren.
Einmal während der Nacht wachte ich durch ein lautes Plat-
schen auf, aber ich achtete nicht darauf und nahm an, es seien nur
die Fische im Fluss. Ein bisschen später hörte ich Benzinkanister
klappern; ich war mir jedoch nicht sicher, ob ich nur träumte.
Am frühen Morgen lugte ich durch mein Moskitonetz. Lyles
Boot war da, aber das Kanu war verschwunden.
»He, Lyle! Schon wach?«
»Huh? Wie? Was?«
Er kämpfte sich mühsam in Sitzposition. Ich konnte den Au-
ßenbordmotor gerade noch oberhalb der Wasserlinie sehen.
»Das Kanu ist gesunken.«
Lyle war mit einem Satz aus seiner Hängematte. Die anderen
folgten ihm.
»Die Vorräte!«, stöhnte er. »Ungefähr ein Viertel unserer Habe
ist in diesem Kanu. Und die Vorräte müssen zehn Monate lang rei-
chen. Kommt – sehen wir, was wir retten können.«
»Warte einen Augenblick«, warnte ich. »Ich glaube, ich weiß,
was letzte Nacht diese Geräusche verursacht hat. Das war ein Alli-
gator. Er muss wohl ins Boot gekrochen sein, angelockt durch die
Bananen. Vielleicht ist er immer noch hier.«
»Ich kann’s nicht ändern«, sagte Lyle. »Wir müssen unsere Le-
bensmittel retten.«
Wir vier Männer sprangen ins Wasser und tauchten nach den
Säcken und Kisten. Die Reissäcke wogen trocken etwa hundert-

163
zehn Pfund und in durchweichtem Zustand etwa das Doppelte.
Unter vielem Ächzen und Stöhnen hievten wir alles ans Ufer ins
Trockene. Traurig sah Lyle auf die Säcke mit Mais.
»Wenn wir im Lager ankommen, müssen wir das sofort pflan-
zen«, sagte er. »Es wird schon bald keimen. Erinnert mich bloß
daran – alles hängt davon ab.«
Die Frauen schauten wehmütig auf die getrockneten Pfirsiche,
die sie als Delikatesse für die nächsten Monate eingeplant hatten.
»Wir müssen sie sofort aufessen«, sagte Lila. Sie stellte einen
Topf mit Wasser auf, um sie zu kochen. Wir machten es genauso.
Pfirsiche in jeder Form standen nun bei jeder Mahlzeit auf dem
Speiseplan, bis wir sie alle aufgegessen hatten.
Nach drei weiteren Tagen anstrengenden Fortkommens fanden
wir den idealen Platz für ein bleibendes Lager. Der Platz lag et-
was erhöht; das Unterholz war niedrig und leicht zu entfernen.
Nach Lyles Karte lag der Platz in der Nähe eines Macurapi-Dorfes.
Einige Tage waren wir damit beschäftigt, zu roden, Zelte aufzustel-
len und das Lager einzurichten. Wir konnten uns allerdings nicht
allzu viel Zeit lassen, denn das Wasser ging schon zurück, und wir
mussten mit den Booten noch einmal zurückfahren. Die Abbeys,
Lila und die Kinder blieben dort, während Lyle, Ewart und ich uns
auf den Weg zurück zu der Siedlung am Rio Colorado machten,
um den Rest der Habseligkeiten herzuschaffen.
Als wir dort ankamen, waren wir glücklich, den Rest der Gü-
ter noch vorzufinden. Die Brasilianer hatten alles für uns wie ab-
gesprochen vom Rio Mequenes durch den Sumpf hierhingebracht.
Außerdem wartete ein Brief von Edith auf mich.

Mein Liebling,
ich bin gerade auf dem Weg nach Guajará-Mirim und von dort nach
Cochabamba. Gwendolyn hat Ruhr. Sie hat die Krankheit nun seit zwei
Wochen, und ich bin jetzt sehr unruhig und mache mir Sorgen, weil sie
eine Menge Blut verloren hat.
Dieses Boot hält an der Mündung des Rio Mequenes, und so hoffe ich,
dass Du diesen Brief bekommst. Armes kleines Ding! Wie dünn sie ge-
worden ist!

164
Aber ich befehle sie dem Herrn an und bete, dass Du gesund bist. Mir
geht es gut.
Ich wünschte, ich könnte einen längeren Brief schreiben, aber es ist
keine Zeit mehr. Das Boot ist schon fast fertig zum Anlegen hier am Rio
Mequenes.
Mit all meiner Liebe,
Edith

Wie oft musste ich noch diese schlimmen Prüfungen durch-


stehen! Gerade im vorigen Jahr war Edith schwer an Typhus er-
krankt gewesen. An einem Tag hatte sich das Fieber unaufhaltsam
der lebensbedrohlichen Grenze genähert. Gebete hatten sie damals
gerettet, und ich konnte nur Gott vertrauen, dass er auch diesmal
eingreifen würde.
Neben diesen beunruhigenden Nachrichten gab es noch Arbeit
zu erledigen. Uns blieben nur noch vier Wochen Zeit, um einen
gewaltigen Berg an Gütern zu verschiffen.
Ich überlegte, ob die Außenbordmotoren das wohl durchhal-
ten würden. Sie hatten schon einiges durchzustehen gehabt. An
einem Tag auf dem Weg den Rio Terebinto hinauf hatte sich un-
ser brandneuer Zehn-PS-Motor in einer Ranke verfangen. Das
schwere Boot, beladen mit einer Tonne an Gütern, hatte den Mo-
tor in einen Kampf mit der zentimeterdicken Ranke verstrickt, bis
das ganze Gehäuse des Motors auseinanderriss. Von unseren drei
verbleibenden kleineren Motoren war einer mit gebrochener Welle
außer Betrieb, und die anderen hatten beide dadurch Kupplungs-
schäden, dass sie oft gegen Unterwasserhindernisse stießen. Glück-
licherweise waren wir in der Lage, diese beiden so zusammen-
zuflicken, dass sie liefen; aber sie waren weit davon entfernt, per-
fekt zu laufen, und wir konnten nur beten, dass sie uns nicht im
Stich lassen würden.
Da die Sharps und die Abbeys über solch einen langen Zeit-
raum dort bleiben wollten, wurde jedes Gramm an Verpflegung
gebraucht. Wir würden nicht in der Lage sein, ihnen irgendetwas
zu bringen, wenn das Wasser zurückgegangen war. Ewart, Lyle
und ich arbeiteten fieberhaft und verluden die Fracht. Als wir

165
den Rio Terebinto erreichten, war der Wasserstand so weit zu-
rückgegangen, dass wir eine neue Lage an Ästen und Ranken
vor uns hatten. Außerdem hatte ein Sturm neue Bäume über das
Flussbett geworfen. Manche von ihnen waren zu groß, um sie
durchzusägen. So mussten wir das Kanu entladen, es darunter
durchschieben, herausziehen und wieder beladen. Der Vorgang
wiederholte sich mehrmals. Alles in allem schafften wir die Stre-
cke viermal in sechs Wochen. Dann kehrten Ewart und ich nach
Cafetal zurück.
Ich verbrachte einige Wochen im Missionshaus, erfreute mich
an der Gesellschaft der Sadlers und wartete auf die Rückkehr
meiner Familie. Ich war überglücklich, als ich Edith mit Con-
nie und Gwendolyn vom Postboot kommen sah. Dreitausend-
zweihundert Kilometer Rundreise, um einen Doktor zu konsul-
tieren! Gwendolyn sah quietschfidel aus und war etwa doppelt
so groß wie beim letzten Mal, als ich sie gesehen hatte; immer-
hin war sie damals erst ein paar Tage alt gewesen – jetzt war sie
schon fast drei Monate alt. Was für ein Vergnügen war es, ein-
fach eine Weile zu entspannen, sich an der Familie zu freuen
und all die Nachrichten aus Cafetal und den Staaten zu erfah-
ren, die man bis jetzt nicht gehört hatte.

166
Gefährliche Stunden und Gottes
Führung

Während die Wochen dahinflossen,


machte ich mir immer wieder Ge-
danken über die Sharps und die Ab-
beys. Das Leben musste für sie zur-
zeit recht hart sein. Ich fand mich
mehr und mehr verstrickt in Sorge
um ihr Wohlergehen. Reichten
ihre Vorräte? Wir hatten eine
Menge verloren, als das Kanu
gesunken war. Hatten sie ge-
nügend medizinische Aus-
rüstung? Eine innere Stimme
mahnte mich eindringlich,
dass sie mich brauchten. Ewart und ich besprachen einige Aus-
flüge, die wir zu anderen Stämmen unternehmen könnten. Eifrig
planten wir neue Expeditionen. Aber immer noch verfolgte mich
mein Wunsch, anderen Missionaren zu helfen und meine eige-
nen Wünsche hintenanzustellen. Auch nach Tagen des Nachden-
kens, Grübelns und innerer Kämpfe konnte ich nicht das Gefühl
loswerden, dass ich zu den Freunden gehen musste, auch wenn
mich der Gedanke an den Versuch, jetzt den Sumpf zu durch-
queren, nicht gerade mit Freude erfüllte. Als ich die ganze Sache
mit Edith besprach, war es Anfang September. Auch sie hatte das
Gefühl, ich sollte gehen.
Der Sumpf erreichte jetzt seinen tiefsten Stand; möglicherweise
konnte man ihn zu Fuß durchqueren. Ewart und ich beschlossen,
es zu versuchen. Wir verpackten Lebensmittel und Post in kleine
gummierte Beutel. Die Regensaison fängt oft im September an,
und die ersten Stürme sind häufig die heftigsten. Im letzten Mo-
ment machte sich in mir noch ein übermächtiger Gedanke breit:
Wir sollten eine Menge Penizillin mitnehmen. Wir packten genug

167
davon ein, um einen Erwachsenen einen Monat lang mit täglichen
Spritzen zu versorgen.
Wir brauchten fast den ganzen ersten Tag, um mit dem Kanu
von Cafetal zur Mündung des Rio Mequenes zu fahren. Am nächs-
ten Tag begannen wir unseren Fußmarsch, unser Gepäck auf den
Rücken geschnallt. Wir wussten, dass der erste Teil des Unterneh-
mens am schlimmsten sein würde. Und wir hätten es uns wirklich
nicht schlimmer vorstellen können! Der dicke, schwarze Schlamm
geht bis in ungeahnte Tiefen hinab – von den Booten aus hatten
wir die viereinhalb Meter langen Stangen ganz hineinstoßen kön-
nen, ohne den Grund zu erreichen. Die Gummiarbeiter, die ab und
zu durch den Schlamm müssen, hatten über die Entfernung von ei-
nigen hundert Metern Äste von einer Palme zur anderen als Hilfe
beim Durchqueren gebunden. Wir fanden diese Äste etwa dreißig
Zentimeter unter schlammigem Wasser verborgen. Ein zwei Meter
langer Stock mit einem Haken half uns über den versunkenen glit-
schigen Pfad. Das Balancehalten war sehr schwierig, weil die Äste
rutschig und instabil waren. Normalerweise zieht man auf solchen
Wegen leichte Tennisschuhe an, während man sich auf trockenem
Untergund in festem Schuhwerk sicherer fühlt.
Das Laufen wurde immer schwieriger, als ich plötzlich hinter
mir lautes Platschen hörte. Ich wagte nicht, mich abrupt umzu-
wenden, um nicht auszurutschen. So schnell ich konnte, lief ich
zum nächsten Baum und sah zurück. Bis zur Brust steckte Ewart
im Schlamm. Verzweifelt klammerte er sich an einen Ast, um nicht
noch tiefer einzusinken. Das schwere Paket auf seinem Rücken
hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Mit Entsetzen sah ich
zu, wie er kämpfte, um auf den Ast zu kommen. Wenn er den Halt
verlor, wäre das sein Ende. Verbissen rang er, klammerte sich fest,
rutschte zurück, klammerte sich noch fester und rutschte wieder.
Es gab nichts, was ich tun konnte. Ich wusste, dass mein zusätz-
liches Gewicht auf dem Ast ihn nur noch mehr gefährdet hätte.
Wenn ich versuchte, ihn herauszuziehen, würde er mich zwangs-
läufig hineinziehen. Schließlich – ein Wunder – schaffte er es. Einen
langen Augenblick kauerte er sich nieder, atmete schwer und zit-
terte, dann schob er sich langsam zu mir herüber. Endlich stand er

168
auf und umarmte den dornigen Baum in tief empfundener Dank-
barkeit. Ich konnte sehen, wie mitgenommen er war.
»Bruce«, sagte er, »es ist zu viel. Du kannst dir nicht vorstellen,
wie ich es hasse, das zu sagen; aber ich denke, ich kehre besser um.
Ich kann nicht weiter.«
Der Schweiß lief uns über unsere Gesichter. Wir sahen uns an.
Ewart konnte nicht weitergehen – da gab es keinen Zweifel. Aber
sollte ich aufgeben und mit ihm zurückkehren? Oder sollte er
allein zurückgehen, und ich kämpfte mich allein durch? Mein ge-
sunder Menschenverstand sagte mir, dass es verrückt war. Im
Falle eines Unglücks bedeutete das mit ziemlicher Sicherheit den
Tod für einen Einzelnen, während zu zweit immer Hoffnung be-
stand.
Wir sagten beide nichts, sondern begannen, unsere Lebensmit-
tel aufzuteilen. Kein leichtes Unterfangen, weil wir unser Gepäck
nirgendwo abstellen konnten. Dann machte Ewart einen Schritt,
dann noch einen, sein geschwächter Körper wankte nach vorn un-
ter seiner Last. Als ich ihn gehen sah, war ich mir immer noch nicht
sicher, ob ich das Richtige tat. Ich würde es nicht verkraften, noch
einen Kameraden zu verlieren. Ich wollte ihm schon zurufen, er
solle warten, als eine innere Stimme zu mir sagte: »Nein. Du wirst
gebraucht. Geh dorthin, wo du gebraucht wirst.« Ich sah wort-
los hinter Ewarts immer kleiner werdenden Gestalt her. Kurz be-
vor er zwischen den Bäumen verschwand, drehte er sich um. Wir
winkten uns zum Abschied zu – zum letzten Mal?
Ich wandte mich wieder dem Sumpf zu. Schreckliche Einsam-
keit machte sich in mir breit – die Einsamkeit, die den anfällt, der
weiß, dass die Natur sich mit allen Mitteln gegen sein Eindringen
wehren wird. Ich betete um Kraft.
Meine Gedanken gingen in unerfreuliche Richtungen. Ich er-
innerte mich an eine Geschichte von einem Jäger, der allein auf
die Jagd gegangen war. Don Juan hatte sie uns erzählt. Sein Weg
war weiter, als er gedacht hatte, und schließlich merkte er, dass er
sich verirrt hatte. Tagelang wanderte er; gelegentliche Früchte er-
frischten ihn, doch seine Kräfte schwanden. Aber er blieb eisern.
Geduldig, sehr geduldig suchte er trotz der schwindenden Energie

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einen Weg nach draußen. Neunzig Tage nach seinem Aufbrechen
fand er ihn. Er wankte in eine Siedlung – und fiel tot um.
Ich dachte immer wieder daran, dass ich, wenn ich mich hinter
dem Sumpfgebiet verirrte, kilometerweit in jede Richtung laufen
konnte, ohne auf irgendetwas anderes als dichten Dschungel oder
unbewohntes Grasland zu stoßen. Wenn jetzt mein Kompass aus-
fiel? Ich wünschte, dass ich drei hätte wie jener Missionar. Meine
Gedanken wanderten zu Ewart. Was machte er wohl jetzt? Würde
er durchkommen?
Ein paar Stunden später erreichte ich trockenes Land. Mit dem
Kompass in der Hand machte ich mich im Zick-Zack auf die Su-
che nach dem schmalen Pfad, den die Indianer und Gummiarbei-
ter benutzen. Kurz darauf fand ich ihn. Wie seltsam, dass ein un-
scheinbarer, unbedeutender Pfad im schwülen Grasland so wun-
derschön sein kann – er kann Leben oder Tod ausmachen.
Ich trottete über das Grasland und kam zur Dschungelgrenze,
wo ein Gummiarbeiter und seine Familie ihr Lager hatten. Sie bo-
ten mir an, über Nacht zu bleiben. Ich gab ihnen einige Lebens-
mittel und bekam von ihnen ein Abendessen, bestehend aus Reis
und Bohnen. Ich fragte, ob es möglich wäre, einen Führer zu be-
kommen, der mir helfen konnte, durch das Wirrwarr von Gummi-
arbeiterpfaden zu dem Indianerpfad vorzustoßen, in den das
Ganze einmündet. Der Brasilianer konnte seine Arbeit nicht ver-
lassen, und außer ihm lebte hier niemand. Ich besaß die Karte, die
Lyle für mich gezeichnet hatte, aber sie war ungenau, die Rich-
tungshinweise oft nur zu erraten. Ich studierte sie sehr sorgfältig
und versuchte, so viel wie möglich aus ihr herauszulesen.
Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich von meiner
Gastfamilie und machte mich bei strahlendem Wetter auf den
Weg. Sie zeigten mir den Pfad, auf dem ich zu einer anderen Gum-
misiedlung etwa fünfundzwanzig Kilometer entfernt gelangen
würde. Nicht lange und ich traf auf ein Labyrinth verschiedener
alter Gummiarbeiterpfade. Sie kreuzten sich, liefen zurück oder
teilten sich. Ich wählte einen einigermaßen gut erhaltenen Pfad
und markierte meinen Weg durch Einritzen in die Baumrinden.
Der Weg schlängelte und wand sich, überquerte viele andere.

170
Ich blieb auf dem, der nach meiner Meinung wie ein Hauptweg
aussah, und fuhr fort, Baumrinden zu markieren. Ich dachte, die
Rechts- und Linkskurven würden letztendlich in die gewünschte
Richtung führen.
Aber es dauerte nicht lange, und ich traf auf meine eigenen
Markierungen. Wie trügerisch diese Pfade doch waren! Ich war
bemüht, Geduld zu bewahren, und versuchte weiterhin, den Kurs,
den ich gehen wollte, beizubehalten. Aber jeder Pfad, auf den ich
mich einließ, schien wieder zurückzuführen und schließlich in ei-
nem Wirrwarr anderer Pfade zu enden. Langsam stieg Panik in
mir auf. Ich hackte auf die Bäume ein und vergrößerte in meiner
Verzweiflung die Markierungen immer mehr. Aber am Ende des
Nachmittags hatte ich nichts weiter vorzuweisen, als dass ich seit
dem Morgen einen vollen Kreis beschrieben hatte. Das entmutigte
mich derartig, dass ich beschloss, eine Nacht zu schlafen und dann
am nächsten Morgen in Richtung Heimat aufzubrechen.
Morgens bei Tagesanbruch fühlte ich mich durch meine Ent-
scheidung getröstet. Nun, hatte ich nicht alles versucht? Was
konnte man wohl sonst noch verlangen? Offensichtlich war es
doch sinnlos, weiter im Kreis herumzuwandern.
Ich machte Feuer und setzte die Haferflocken auf. Während sie
kochten, packte ich meine Hängematte und einige andere Dinge
ein. In meinem Rucksack stieß ich auf einige Päckchen des Extra-
Penizillins, das ich für die Sharps und die Abbeys eingepackt
hatte. Der Anblick der Ampullen beunruhigte mich. Ich dachte:
»Was ist, wenn einer von ihnen das hier ganz dringend braucht?
Vielleicht war es Lila, die vor etwa einem Monat, im August, ein
Baby bekommen haben musste. Angenommen, sie beteten jetzt
und hofften in diesem Moment, dass ich käme und ihnen Hilfe
brächte?«
Meine Haferflocken waren fertig. Ich verdrängte diese Gedan-
ken. Ich war so müde vom nutzlosen Kämpfen. Aber mein Inne-
res ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Während die warme und
nahrhafte Mahlzeit meinen Magen füllte, bekam ich mehr und
mehr das Gefühl, dass Umkehren bedeuten würde, meine geist-
liche Pflicht für ihr leibliches Wohlbefinden zu verraten. Und

171
dann das Hauptargument: Ich dachte wieder an Dave und sei-
nen tragischen Tod. Kein Gegenargument hielt stand gegenüber
der Macht, die dieses Ereignis noch in meinem Bewusstsein
hatte.
Ich stürzte mich erneut in meine Aufgabe. Ich war fest ent-
schlossen, stur geradeaus zu gehen, komme, was da wolle. Ich be-
schloss, den Kompass zu benutzen. Wenn der Pfad die Richtung
änderte, würde ich meinen eigenen Pfad eröffnen. Meine Baum-
markierungen wurden jetzt riesig, damit ich sie von den gestrigen
unterscheiden konnte. Und diesmal ging ich nicht wieder im
Kreis. Eine unsichtbare Hand leitete mich: Ich fand die richtigen
Pfade und ging tatsächlich mehr oder weniger in gerader Linie.
Nicht viel später konnte ich das Wirrwarr der Gummiarbeiter-
pfade hinter mir lassen und auf dem deutlicheren Indianerpfad
weitergehen. Bis etwa vier Uhr nachmittags folgte ich dem Pfad.
Dann zog ein schwerer Sturm auf. Ich machte halt und kroch in
meine wasserdichte Dschungelhängematte, um den Sturm ab-
zuwarten. Gegen meinen Hunger knabberte ich eine Handvoll
Zucker und einige Rosinen. Es war ein sehr heftiger Sturm. Um
mich her krachten mehrere Bäume um. Ich kümmerte mich gar
nicht um mein Abendessen. Am späteren Abend, der Sturm hielt
weiter an, fiel ein etwa zehn Zentimeter dicker kleiner Stamm über
die Abdeckung meiner Hängematte. Wasser begann hereinzu-
ziehen. Ich wurde nass bis zu den Knien und blieb so die ganze
Nacht, bis ich in unruhigen Schlaf fiel.
Drei weitere Tage des Suchens, Verirrens, Schwachwerdens
folgten … Jede Nacht war ich versucht, am nächsten Tag umzu-
kehren, aber meine innere Überzeugung drängte mich durchzu-
halten.
Es wurde immer schwieriger, Wasser zu finden. Der Durst
trug noch zu meiner allgemeinen Schwäche bei. Als ich den Pfad
entlangtrottete, die Riemen des Rucksacks gruben sich wie zwei
Schraubstöcke in meine Schultern, hatte ich das Gefühl, in einer
riesigen endlosen Tretmühle zu sein – jede Minute wie die letzte,
jede Stunde wie die letzte, jeder Tag wie der letzte. Zeit, sogar der
Lauf der Sonne, begann an Bedeutung zu verlieren. Jede kleine

172
Lichtung war wie die andere, die alles überragenden Bäume als
schützendes, erstickendes grünes Dach.
Die klappernden, hungrigen Kiefer von siebzig Wildschwei-
nen rissen mich in die Realität zurück. Ich stand in der Mitte einer
Gruppe dicker, vermodernder Palmen. Die Schweine hatten mich
eingekreist; die weißen Hauer glänzten im trüben Dschungellicht.
Ich schob mich nach vorn. Die Schweine vor mir rückten ein
wenig zurück. Ich sah mich um. Der hintere Halbkreis von Schwei-
nen hatte aufgeschlossen. Im vollen Kreis um mich herum lärmten
die scheußlichen, schwarzen Biester weiter, völlig unbeeindruckt
von meinen Bewegungen.
Sie hatten mich.
Ich hatte lange genug versucht, sie durch Warten zu beeinflus-
sen. Die neun Schuss in meiner Pistole, die ich immer noch mit
zitternder, schwitzender Hand umklammerte, waren von wenig
Wert, das wusste ich. Ich musste irgendetwas anderes versuchen.
Also trat ich einen großen Schritt nach vorn.
Der gesamte Kreis bewegte sich in gleicher Weise – genauso
weit, wie ich mich bewegt hatte.
Ich tat noch einmal dasselbe.
Sie bewegten sich wieder.
Ich wischte mir über die Stirn. Vielleicht, dachte ich, konnte ich
auf diese Weise den Rand der Lichtung und damit die höheren
Bäume erreichen, die sich zum Klettern besser eigneten. Eine kleine
Hoffnung – ich konnte nicht für immer auf dem Baum bleiben –,
aber es bedeutete wenigstens momentane Sicherheit. Ich machte
wieder einen Schritt. Sie folgten. Noch einen. Sie folgten.
Jetzt bewegte ich mich eigentlich in sehr langsamem Schritt-
tempo vorwärts, und sie taten dasselbe. Ganz allmählich erhöhte
ich mein Tempo. Als ich das tat, geschah etwas Seltsames. Bis zu
einem bestimmten Punkt erhöhten auch sie das Tempo, dann nicht
mehr, obwohl ich wusste, dass sie sicherlich in der Lage dazu wa-
ren. Im Gegenteil, als meine Geschwindigkeit sich kontinuierlich
erhöhte, öffnete die Reihe vor mir sich langsam, eine Gasse bil-
dend, durch die ich hindurchgehen konnte. Je näher ich heran-
kam, desto breiter wurde sie. Mit eisernen Nerven ging ich weiter,

173
bei gleichbleibender Geschwindigkeit – vorbei an der vordersten
Linie der klappernden Schweine –, wie ein General, der die Parade
abnimmt, die tödlichen Hauer knapp drei Meter entfernt auf bei-
den Seiten, wie präsentierte weiße Säbel.
Eine Minute später hatte ich das letzte Schwein hinter mir ge-
lassen. Ich spürte, dass es besser war, nichts Übereiltes zu unter-
nehmen, und schritt in gleichem Tempo voran, ohne mich umzu-
sehen. Ich war wieder im dichten Dschungel. Mein Mund war voll-
kommen ausgetrocknet, aber meine Handflächen so nass, dass mir
fast die Pistole entglitt. Das unerträgliche Klappern hinter mir hielt
an. Ich hatte Angst, sie würden sich zu einem Überfall von hinten
sammeln, aber ich hatte ebenso Angst, mich umzudrehen. Ich be-
schleunigte weiter meine Geschwindigkeit.
Endlich wurde das entsetzliche Geräusch langsam leiser, und
ich begann zu rennen. Mein schwerer Rucksack hüpfte auf mei-
nen schmerzenden Schultern auf und ab, aber das war es wert, von
ihnen wegzukommen. Mit bebenden Händen sicherte ich die
Pistole wieder und stopfte sie ins Halfter, während ich weiter-
rannte.
Als ich das Klappern nicht mehr hören konnte, verließ ich ei-
lends den Pfad. Mir war übel vor Erschöpfung, und ich taumelte
zu Boden. Der Rucksack fiel auf eine Seite, und ich schlüpfte aus
den grausamen Riemen. Ein taubes Gefühl breitete sich über mei-
nen Rücken aus, den Hals hoch, bis hinauf in die Schädeldecke.
Jede Faser meines Herzens hämmerte den Schmerz in meinen
Kopf. Aber da war Erleichterung in diesem Schmerz, die Befreiung
von Bedrohung und Angst.
Ich blieb halb bewusstlos liegen.
Als ich wieder auf die Füße kam, hatte ich keine Ahnung, wie
viel Zeit mittlerweile vergangen war. Ein kleines Loch im Blät-
terdach über mir enthüllte nur hellgraue Wolken. Wo war die
Sonne?
Schwindelig sah ich mich um und versuchte mich zu orien-
tieren. Ich sah den Pfad, den ich so eilig verlassen hatte. Ehe ich
aber meinen Rucksack wieder schulterte, blieb ich inmitten der
verwachsenen Ranken voller Ehrfurcht und Dankbarkeit stehen.

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Ich dankte Gott, dass er die Schweine dazu gebracht hatte, mich
durchzulassen, und so mein Leben gerettet hatte.
Ich marschierte weiter und weiter. Das Licht wurde schwächer.
Nach etwa einer Stunde ging ich schon wieder im Kreis und hielt
an, um meinen Kompass zu untersuchen. Plötzlich sah ich einen
Indianer, der mir auf dem Weg entgegenkam. Hinter ihm waren
noch etliche andere. Ich humpelte auf sie zu, lächelte und streckte
die Arme freundschaftlich aus. Ich wusste nicht, ob sie Macura-
pis waren oder einem weiter im Dschungel lebenden Stamm ange-
hörten, denn ich hatte sie noch nie zuvor gesehen. Ich sagte »Gu-
ten Morgen« auf Macurapi (ich hatte einige Redewendungen von
Lyle gelernt) und trat auf die Seite, damit sie vorbeigehen konn-
ten. Sie murmelten irgendetwas und liefen weiter. Die Richtung,
aus der sie kamen, war im Groben die Richtung, in die ich gehen
wollte. Ich folgte den zertretenen Blättern, die ihren Zickzack-Weg
auswiesen.
Merkwürdig, dachte ich bei mir, dass sie nicht stehen geblieben
sind, um herauszufinden, wer ich war oder was ich ihnen sagen
wollte. Das wenigste, das sie hätten tun können, wäre gewesen,
mir in Zeichensprache zu zeigen, dass sie mich nicht verstanden.
Ihr Verhalten hatte mein Misstrauen geweckt. Sie benahmen sich,
als ob sie etwas zu verbergen hätten, als ob sie sich fürchteten, mit
mir zu sprechen, vielleicht aus einem Schuldgefühl heraus.
Während ich weiterging, wurden die Wolken immer schwerer
und dunkler. Nicht lange und es regnete. Ungefähr um drei Uhr
nachmittags kam ich zu der Stelle, an der die Indianer die Nacht
über gelagert haben mussten. Einige heiße Kohlen glühten immer
noch unter dem palmgedeckten Wetterschutz. Jetzt regnete es sehr
heftig, und ich war versucht, anzuhalten und hier mein Lager für
die Nacht zu bauen. Aber, sagte ich mir, es waren noch drei Stun-
den Tageslicht übrig. Ich war hundemüde, aber beharrlich mar-
schierte ich weiter. Kurz danach wurde es schwer, dem Pfad zu
folgen; nach einer Weile verlor ich ihn ganz. Ich suchte die nächs-
ten zwei Stunden danach, dann gab ich auf und kehrte zurück
zum Lager. Zu meiner Freude glühten die Kohlen noch immer; ich
konnte ein Feuer anzünden. Meine Füße waren so kaputt wie noch

175
nie zuvor in meinem Leben. Die nassen Arbeitsschuhe hatten sich
gedehnt, und meine Füße waren hin und her gerutscht, als ich über
die Wurzeln und Äste auf dem Dschungelboden stieg. Nun war
die Haut durch aufgebrochene Blasen roh und wund. Ich war er-
schöpft. Ich legte mich eine halbe Stunde in meine Hängematte
und stöhnte nur noch. Wenn Weinen meine kaputten Füße, meine
schmerzenden Schultern und verkrampften Beine erleichtert hätte,
ich hätte bitterlich geweint. Ich quälte mich wieder aus der Hän-
gematte heraus und kochte etwas Reis und Trockensuppe. Ich
musste all meine Kraft für diese einfachen Handgriffe aufbieten,
aber es lohnte sich allemal: Nichts schmeckte mir jemals so hervor-
ragend. Der Rio Terebinto war an diesem Punkt des Weges nur ein
paar Meter entfernt. Ich hätte ein Bad sehr genossen, aber nach-
dem ich mich hingelegt hatte, war ich so müde und steif, dass der
Gang von wenigen Metern eine Tortur zu sein schien, und so rollte
ich mich einfach zurück in meine Hängematte.
Ein Vogelchor weckte mich. Der Regen hatte aufgehört. Ich
gähnte und setzte mich hin. Dann stieg ich aus der Hängematte.
Ich schrie laut auf, denn meine zerschundenen, wehen Füße
schmerzten fürchterlich. Unter vielen Schmerzen zog ich meine
Socken und Schuhe an, die immer noch nass waren. Dann schlüpfte
ich in mein zerlumptes, nasses, kaltes Hemd. Ich gähnte noch ein-
mal, setzte mich auf meine Hängematte und erinnerte mich an die
Furcht einflößenden Schweine und Irrwege von gestern. Ich be-
tete, dass mir heute nichts Derartiges widerfahren möge. Allein
der Gedanke, meinen Rucksack wieder aufzusetzen und nur noch
eine einzige Stunde weiterzumarschieren, erfüllte mich mit Ab-
scheu.
Ich trottete zum Feuer und begann mein Frühstück zuzuberei-
ten. Der Duft belebte meine Sinne wieder ein wenig. Ich sagte mir,
dass ich, wenn ich mich ins Zeug legte, die Abbeys und Sharps
vielleicht bei Einbruch der Dunkelheit erreicht haben konnte. Al-
lerdings würde dies mit meinen Füßen ein schwieriges Unterfan-
gen sein. Aber wieder wurde ich von dem Gefühl weitergetrie-
ben, dass sie mich brauchten. Nie zuvor hatte ich ein ähnlich drän-
gendes Empfinden gehabt.

176
Ich rollte meine Hängematte zusammen und packte meine
Sachen ein. Als ich den Rucksack auf meine Schultern hob, spürte
ich Stiche der Ermattung und Schmerzen in Rücken und Schul-
tern. Wie ein gichtbrüchiger alter Mann humpelte ich zurück auf
den Pfad. Ich betete, dass ich nicht mehr im Kreis gehen, mich
nicht mehr verirren würde! Ich hatte keine Kraftreserven mehr
übrig.
Aber wieder fiel es mir schwer, dem Pfad zu folgen. Schließlich
gab ich diese Idee auf. Mit dem Kompass in der Hand lief ich ein-
fach drauflos, in Richtung auf den Fluss zu, in der Hoffnung, dort-
hin zu gelangen, wo die Sharps und Abbeys lebten. Das Gehen
wurde schwieriger, und meine Füße schrien fast auf, als ich durchs
Dschungelunterholz stolperte. Dennoch war es besser, als im Kreis
zu laufen. Zwei Stunden später stieß ich wieder auf den Indianer-
pfad. Er war hier deutlich zu erkennen, und ich richtete mich da-
nach. Der Himmel färbte sich dunkel, dann dunkler und dunkler.
Ungefähr mittags begann es wieder zu regnen. Ich marschierte
wie in Trance. Gern hätte ich angehalten und gerastet, aber ich
wagte es nicht. Ich wusste, dass meine Muskeln durch eine Pause
so steif würden, dass ich gar nicht mehr weitergehen könnte. Ich
schien mich in einer Traumwelt zu bewegen. Meine Beine arbei-
teten automatisch. Baum nach Baum ging vorbei. Von Zeit zu
Zeit schien der Boden unter mir nachzugeben, und ich musste
mich selbst wieder ins Bewusstsein zurückreißen. Mein einziger
Gedanke war, die Sharps und Abbeys zu erreichen: ankommen,
ihnen das Penizillin bringen, ausruhen, schlafen …
Ein Schock brachte mich abrupt zum Stehen. Vor mir an einem
Baum hing ganz allein an einem Ast ein Rucksack. Er sah ver-
traut aus. Ich erkannte die Flecken: Kein Zweifel – er gehörte den
Abbeys.
Was konnte dies bedeuten?
Ich sah mich genau um im regennassen Dschungel. Ich
lauschte – da war nur das monotone Tropfen auf den Blättern.
Wenn sie aus irgendeinem Grund den Pfad verlassen hätten, hätte
Wilbur sicher nicht einfach seinen Rucksack an einem Baum hän-
gen lassen. Irgendetwas Ungewöhnliches musste geschehen sein.

177
Hier in der Wildnis bedeutete das: Etwas war schiefgegangen. Ich
ließ meinen Rucksack fallen. Er klatschte auf den matschigen Bo-
den. Ich schlug den Deckel von Abbeys Rucksack zurück. Er war
voll: Kleidung, Haferflocken, Milchpulver, eine Decke. Das Milch-
pulver bedeutete, sie hatten ihr Baby bei sich. Unvorstellbar, dass
sie einfach weitergegangen waren und all das hiergelassen hatten.
Mein Herz sank. Nicht wieder Tod! Die ganze Familie! Ich über-
legte, ob ich wohl in der Lage wäre, noch eine Tragödie wie die
von Dave durchzustehen. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Auto-
matisch sah ich mich nach ihren Körpern um. Nirgendwo war eine
Spur von ihnen.
Dann erinnerte ich mich an die Indianer und ihre schuld-
bewussten Gesichter, ihre Eile wegzukommen. Hatten sie die
Abbeys ermordet? Mein Verstand, schon taub von Kummer und
Müdigkeit, drehte sich um und um. Nur eine Überlegung brachte
mich von diesem Glauben ab: Würden die Indianer den Rucksack
so offensichtlich zurückgelassen haben, wo er von jedem gefunden
werden konnte?
Ich stand fröstelnd im Regen. Steifheit breitete sich auch schon
aus. Ich ging besser weiter. Wie viel weiter konnte es noch sein?
Die Zeit hatte ihre Bedeutung verloren; ich sah auf meine Uhr.
Noch zwei Stunden Tageslicht. Ich ließ den Rucksack der Abbeys
dort hängen und taumelte weiter.
Einige Meilen weiter meinte ich, Rauch zu riechen. Das
konnte bedeuten, dass ich mich in der Nähe eines Lagers befand.
Die Aussicht baute mich auf. Ich quälte mich weiter, nahe an ei-
nem Punkt, an dem ich bereit war aufzugeben. Der Rauchgeruch
wurde immer eindringlicher. Ich tappte weiter den Weg hinunter
und stand vor einer Lichtung.
Ich war da!
Aber alles schien verlassen. Kein Zeichen von Leben irgend-
wo.
»Irgendjemand zu Hause?«, rief ich. Mein Herz klopfte mir im
Hals.
Aus einer der Hütten kam Lyle. »Bruce! Hey! Bruce ist hier!
Welch ein Anblick für meine erstaunten Augen!«

178
Ich ließ mein Gepäck fallen; wir liefen aufeinander zu und um-
armten uns heftig.
»Wo sind die Abbeys?«, war das Erste, was ich fragte.
Lyles Kinnlade klappte herunter: »Wie? Hast du sie nicht ge-
sehen?«
»Nein.«
»Sie sind vor zwei Tagen zusammen mit siebzehn Indianern
aufgebrochen. Sie kehren zurück nach Cafetal und planen, dann
nach Guajará-Mirim zu reisen. Du müsstest ihnen auf dem Weg
begegnet sein.«
Lila kam angelaufen, und wir umarmten uns.
»Ich sah die Indianer«, sagte ich, »aber nicht die Abbeys.«
Beide blickten alarmiert auf.
»Die Abbeys waren nicht bei ihnen?«, stieß Lila hervor.
»Sie können irgendwo auf dem Weg hinter den Indianern ge-
wesen sein«, sagte ich. »Kurz nach der Begegnung bin ich vom
Weg abgekommen.« Ich vermied es, jetzt schon von dem Rucksack
zu erzählen, weil ich sie nicht beunruhigen wollte.
»Das wird’s wahrscheinlich sein«, sagte Lyle. »Junge, du siehst
aus wie eine ertränkte Ratte.«
Ihr kleiner Sohn kam, um mich zu begrüßen. »Hey, John Allen!«
Ich nahm ihn auf den Arm.
»Du bist schmutzig!«, stellte er fest.
Ich lachte. Ich hatte keinen Gedanken dafür gehabt, bis er da-
von sprach, aber ich war zweifellos sehr schmutzig. Ich war zehn
Tage auf dem Weg gewesen. Meine Kleider waren zerfetzt, und ich
war tropfnaß von Kopf bis Fuß. Es regnete immer noch.
»Komm herein, schau dir das Baby an, und mach dich frisch«,
lächelte Lila.
Das Baby war jetzt fast zwei Monate alt, pummelig und ge-
sund.
»Das Leben hier draußen bekommt euch offensichtlich gut«,
sagte ich. »Ich machte mir Sorgen und dachte, ich schaue besser
mal nach euch.«
Das Abendessen war fertig. Nach dem Essen legte ich mich in
meine Hängematte, und Lila bandagierte meine wunden, entzün-

179
deten Füße. Lyle und Lila hatten schrecklich viele Fragen, und mir
ging es ebenso. Schließlich erzählte ich ihnen von dem Rucksack
der Abbeys.
»Ich kann mir schwer vorstellen, dass etwas Schlimmes pas-
siert sein könnte«, sagte Lyle. »Die Macurapis waren immer recht
freundlich. Allerdings, verstehen kann ich es nicht.« Sie teilten
meine Besorgnis. »Ich schicke morgen früh ein paar Indianer hin-
aus, die versuchen sollen herauszufinden, was passiert ist.«
Trotz meiner Müdigkeit fiel es mir schwer einzuschlafen. Ich
bemerkte, dass die Lampe bei Sharps immer noch brannte. Sie
lasen die Post, die ich mitgebracht hatte. Nachdem sie acht Monate
lang keine Post erhalten hatten, war dies für sie ein großes Ereig-
nis, ich wusste das.
Der Morgen war freundlich und klar: Der Regen war vorüber.
Mehrere Indianer waren da. Einer von ihnen bot sich an, meine
Kleider zu waschen. Ein anderer trug meine Hängematte und
meine Decke hinaus in die Sonne zum Trocknen. Lyle sprach mit
ihnen, und eine Gruppe machte sich auf den Weg, die Abbeys zu
suchen. Das Lager hatte sich in einen hübschen, anheimelnden Ort
verwandelt. Rings um das Haus waren einige Bäume stehen gelas-
sen worden, um Schatten zu spenden. Ein Stückchen weiter war
ein kleines Maisfeld, auf dem die Pflanzen gerade zu sprossen be-
gonnen hatten. »Junge, es hat uns wirklich gerettet, den austrei-
benden Mais sofort zu planzen«, sagte Lyle. »Er war reif zur Ernte,
gerade als der Reis am Ende war. Dies ist unsere zweite Ernte.«
Lila lachte. »Kannst du neue Maisrezepte gebrauchen?«, fragte
sie. »Ich hab sie alle ausprobiert.«
Was war das ein Vergnügen, den ganzen Tag auszuspannen!
Die einzige »Arbeit«, der ich nahe kam, war, einige Vorschläge zu
der Lebensmittelbestellung zu unterbreiten, die Lila und Lyle zu-
sammenstellten, damit ich sie mit zurücknehmen konnte. Als Lyle
meinen Rucksack für mich auspackte, stieß er auf den Vorrat an
Penizillin.
»Ich habe mehr eingepackt als geplant; ich hatte das Gefühl, ihr
könntet es brauchen.«
»Nun, das ist sehr nett von dir, es den ganzen Weg zu uns zu

180
schleppen. Wir haben von unserem mitgebrachten noch nicht viel
verbraucht, aber man kann ja nie wissen.« Ich merkte, dass er die
Menge für etwas übertrieben hielt. Später würde er Grund haben,
seine Meinung zu überdenken.
Zwei Tage später kamen die Macurapis zurück. Sie hatten von
den Abbeys keine Spur entdeckt, allerdings hatten sie den Ruck-
sack mit zurückgebracht. Mir gingen die Freunde nicht aus dem
Sinn. Während der vier Tage Ruhe zeigte Lyle mir den hohen Sta-
pel Karteikarten, der Hunderte von Macurapi-Worten und Rede-
wendungen enthielt. Ich freute mich sehr über die Fortschritte, die
sie schon gemacht hatten.
Das Ausruhen und die liebevolle Gemeinschaft hatten mir un-
endlich gutgetan. Meine Füße waren wieder in viel besserem Zu-
stand, und die Muskelschmerzen waren verschwunden. Mit leich-
tem Schritt ging ich denselben Weg zurück, den ich gekommen
war. Er war jetzt nicht schwer zu finden, denn ich hatte an den
schwierigen Stellen große Wegmarkierungen in die Bäume ge-
schnitzt. Wo ich vorher völlig ratlos gewesen war, musste ich jetzt
lachen; ich hatte manche Bäume drei- oder viermal markiert, und
die Größe der Kerben zeigte an, wie frustriert und durcheinander
ich gewesen sein musste, als ich immer im Kreis wanderte. Aber
das Herz war mir schwer. Ich suchte und suchte nach einer Spur
von den Abbeys – aber ich fand keine. Am Nachmittag des zwei-
ten Tages flammte das alte Rheumaleiden in meinem Knie wie-
der auf, das mich, seit wir nach Cafetal gekommen waren, im-
mer wieder heimsuchte. Jeder Schritt wurde damit zur Qual. Am
nächsten Morgen ging es nur wenig besser, aber als ich weitermar-
schierte, überlagerte allein die Anstrengung jeden Gedanken an
den Schmerz.
Gegen Abend meinte ich, in der Ferne einen Hahn krähen zu
hören. Das war wirklich ein willkommenes Geräusch: Es konnte
nur bedeuten, dass ich mich der Gummiarbeiterhütte näherte, in
der ich auf dem Hinweg übernachtet hatte. Dies war die erste Ge-
legenheit, etwas über die Abbeys in Erfahrung zu bringen. Meine
Hoffnung war, zu hören, dass sie hier entlanggekommen wa-
ren. Vielleicht erfuhr ich sogar den Grund, warum sie den Ruck-

181
sack zurückgelassen hatten. Aber als ich mich dem Haus näherte,
schlug eine Welle der Angst in mir hoch: Wenn der Gummiarbeiter
die Abbeys nicht gesehen hatte, dann waren sie vielleicht verirrt
– oder tot – irgendwo im Dschungel hinter mir.
Ich erreichte die Lichtung. Mein Herz machte einen Satz vor
Freude. Einen Moment lang dachte ich, meine überreizten Nerven
würden mir einen Streich spielen. Dann sah ich alles ohne Zweifel.
Das Paar, das dort gemütlich unter dem geflochtenen Dach in ih-
ren Hängematten saß, waren eindeutig die Abbeys! Ich war völlig
sprachlos und humpelte zu ihnen hinüber.
»Dem Herrn sei Dank, da ist Bruce!«, platzte Dorothy heraus.
Sie sprangen beide auf die Füße, rannten mir entgegen, und wir
trafen uns in einer dreifachen Umarmung.
»Wie lange seid ihr schon hier?«, fragte ich und befreite mich
mit Wilburs Hilfe von meinem Rucksack. »Ich sah euren Rucksack
an einem Baum hängen, unweit vom Lager entfernt, und ich habe
mir ernsthafte Sorgen um euch gemacht. Was war passiert?«
Eben in diesem Augenblick trat die Frau des Gummiarbeiters
mit einer Tasse ihres dampfenden starken Kaffees heraus und gab
sie mir. Nach einem kleinen Schlückchen schlenderten wir gemüt-
lich zum Haus und setzten uns in die Hängematten.
»Na ja«, begann Wilbur zu erzählen, »wir wollten das Lager
wegen der Konferenz verlassen und weil wir die Schulferien mit
unseren beiden Mädchen verbringen wollten. Man hatte uns ge-
sagt, dass Oktober der trockenste Monat im Sumpf ist, und so
dachten wir, wir könnten es schaffen. Die Macurapis sollten einige
Vorräte holen, und so überredeten wir sie, unsere Führer zu sein
und uns beim Tragen unseres Gepäcks zu helfen.«
»Das hat Lyle mir erzählt«, sagte ich. »Aber was geschah dann?
Ich bin auf dem Hinweg an den Indianern vorbeigekommen, aber
euch habe ich nicht gesehen.«
»Nun, du weißt ja, wie diese Typen durch den Dschungel flit-
zen. Sie mussten sich unserem langsamen Tempo anpassen, und
nach einer Weile verloren sie die Geduld und sagten, sie könnten
nicht auf uns warten. Sie sagten, wir könnten ihrem Pfad leicht fol-
gen. Dann gingen sie auf und davon.«

182
»Ihrem Pfad folgen!«, rief ich. »Ich habe Tage mit der Suche da-
nach vergeudet.«
»Genau dasselbe ist uns passiert«, sagte Dorothy. »Wir konnten
den Pfad auch nicht finden.«
»Und das Schlimmste war, dass sie unser Gepäck einfach dort
fallen ließen. Wir konnten nicht alles mitschleppen. Außerdem hat-
ten wir Timmy dabei, wie du weißt; wir mussten uns abwechseln,
ihn zu tragen. Also blieb uns nur die Möglichkeit, die meisten Le-
bensmittel zurückzulassen und zu hoffen, dass wir auf dem Weg
ein Stück Wild erlegen könnten. Aber ziemlich bald hatten wir uns
vollkommen verirrt. Wir wussten nicht, wie lange wir noch durch-
halten würden.«
»Und dann«, fiel Dorothy ein, »stießen wir auf diese Kerben an
den Bäumen. Wir kannten nur einen, der solche Kerben zu machen
pflegte, und sie waren ganz frisch.«
»Die Markierungen waren wie eine gut beschilderte Auto-
bahn«, sagte Wilbur. »Alles, was wir tun mussten, war, den Zei-
chen bis zur Farm hier zu folgen.«
Wir erreichten das Haus und setzten uns in die Hängematten.
Ihr Sohn Timmy schlief in einer dieser Matten.
»Ganz im Ernst, Bruce«, sagte Wilbur, »diese Einkerbungen
haben uns das Leben gerettet. Glaube mir, ohne sie hätten wir
niemals wieder herausgefunden.«
»Das stimmt«, sagte Dorothy. »Wir waren kurz davor aufzu-
geben.«
Jetzt verstand ich, warum der Herr mich gedrängt hatte, weiter-
zugehen an diesen Tagen, an denen ich so viele Stunden im Kreis
gegangen war und mein Selbsterhaltungstrieb mich zum Umkeh-
ren bewegen wollte. Ich dankte ihm, dass er mich daran erinnert
hatte, dass wer »A« sagt, auch »B« sagen muss, und mich so vor
einem Fehler bewahrt hatte, dessen Folgen lebenslang auf meinem
Gewissen gelastet hätten.
Der nächste Tag begann mit dem typischen Dschungelnebel.
Die Sonne, die ihren Weg durch die Bäume bahnte, schob ihre
Lichtstrahlen wie ein Fenster in einen dunklen und staubigen
Raum. Wir dankten unseren Gastgebern mit all der lateinamerika-

183
nischen Höflichkeit, derer wir fähig waren, und machten uns auf
den Weg. Wir mussten uns sputen, denn die Trockenzeit näherte
sich zusehends ihrem Ende.
Nach Tagen der Plackerei mit dem schweren Gepäck erreich-
ten wir den Rand des Sumpfes. Dort trafen wir einen Gummiarbei-
ter, der zufällig denselben Weg hatte wie wir und uns anbot, uns
zu führen. Am späten Nachmittag des folgenden Tages erreichten
wir den Rio Mequenes. Wir waren mit unseren Kräften jetzt ziem-
lich am Ende. Plötzlich musste ich einen Freudenschrei ausstoßen.
Dort war Ewart, der langsam auf uns zukam, um uns zu begrüßen.
Er hatte es geschafft! Das Erste, was ich jetzt ganz sicher wusste,
war, dass er am Leben und gesund war.
Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Einbaum nach Cafetal.
Ich glaube, ich war nie glücklicher, jemanden wiederzusehen als
jetzt Edith. Sie war ebenso froh, mich begrüßen zu können. Ich
begab mich für eine ausgiebige Ruhepause in unsere wunder-
schöne Lehmhütte, und sie nahm die jetzt anstehende Arbeit auf,
wieder etwas Fleisch auf meine Rippen zu bringen. (Ich verliere
im Schnitt ein Pfund Gewicht am Tag, wenn ich mit schwerem
Gepäck unterwegs bin.) Die Abbeys brachen einige Tage später
nach Guajará-Mirim auf.
Nachdem sie uns verlassen hatten, sahen wir uns einige Fo-
tos an, und Klein-Connie zog eines aus dem Stapel. Es war das
Bild einer hageren, bärtigen Figur mit zerlumpter Kleidung, Kle-
beband um die nackten Zehen gewickelt, die aus den zerissenen
Schuhen hervorlugten, und einem traurigen Gesicht – ein Foto,
das Edith an dem Tag von mir gemacht hatte, an dem ich von
meiner langen Reise zurückgekommen war. Ich hatte den Film
inzwischen entwickeln lassen.
Connie sah zu Edith hinauf. »Wer ist denn das, Mammi?«,
fragte sie.
Nun war es Januar 1954, in der Mitte der Regenzeit und drei
Monate, nachdem uns die Abbeys verlassen hatten. Wir erwarteten
jetzt jeden Tag die Sharps. Meine Ohren waren gewöhnlich immer
gespitzt, um den Ton von Lyles Außenborder auszumachen.
Eines Tages, wir saßen gerade beim Abendessen, sprang ich

184
vom Tisch auf. »Hört sich an wie Lyles Motor!«, rief ich. Edith
und ich rannten zur Anlegestelle. Wir waren überglücklich, die
Sharps zu sehen, die gerade ihr Boot an Land zogen. Lyle be-
wegte sich langsam und sah hager aus.
Lila erklärte: »Vor ungefähr einem Monat bekam Lyle starke
Schmerzen am Blinddarm. Ich gab ihm jeden Tag eine Penizillin-
spritze. Wir haben gerade die letzte verbraucht, die du uns mit-
gebracht hattest.«
»Ihr kommt gerade zur richtigen Zeit«, sagte ich. »Das Postboot
ist flussaufwärts unterwegs und sollte in etwa zwei Tagen hier
sein. Es wird ungefähr eine Woche dauern, bis du im Krankenhaus
in Guayaramerín ankommst, und bis dahin solltest du weiter die
Penizillinspritzen bekommen – wir haben noch welche übrig.«
Bei ihrer Rückkehr etwa zwei Monate später sagte Lyle zu mir:
»Bruce, der Arzt in Guayaramerín sagte mir, dass ich ohne das
Penizillin nicht mehr am Leben wäre. Ganz sicher hat der Herr
dich veranlasst und geführt, damals in der Trockenzeit diese Reise
zu machen und uns diesen großen Vorrat davon zu bringen.«
Wie froh war ich erneut darüber, wie unser Herr auch unsere
Empfindungen lenkt!

185
Eine neue Aufgabe: Kämpfer für den
Frieden

Die Sonne kletterte wie ein


nebliger, orangefarbener
Ball über die Berggipfel,
dieselbe Sonne, der einst
hier im Cochabamba-Tal die
Inkas geopfert hatten, wo
Tom Moreno und ich jetzt
standen. Die Bergluft war
kühl. Wo möglicherweise ein-
mal ein alter Tempel gestanden
hatte, warteten wir jetzt neben
der Rollbahn darauf, dass unsere Vorräte in ein Flugzeug verladen
wurden.
Es war nicht nur der Beginn eines neuen Tages, sondern auch
der Beginn einer Reihe von neuen Erfahrungen für uns. Ich be-
obachtete, wie die dunkelvioletten Schatten immer mehr vor
den Sonnenstrahlen zurückwichen, und dachte: »Wie schnell
die Zeit doch vergeht; wie plötzlich Ereignisse unser Leben ver-
ändern können.« Es war Dezember 1955. Tom Moreno und ich
würden zum ersten Mal seit vier Jahren wieder gemeinsam auf
Missionseinsatz gehen. Als er damals endlich nach Cafetal zu-
rückgekehrt war mit einer gerichtlichen Verfügung der Regie-
rung in der Tasche, die es den Gummiarbeitern untersagte, Kon-
takt zu den Nhambiguaras aufzunehmen, war es zu spät gewe-
sen. Dave war bereits tot. Und da hiermit die Bemühungen um
die Nhambiguaras am Ende waren, war Tom nach Cochabamba
zurückgekehrt und von dort aus in anderen Gebieten einge-
setzt worden. Kurz nach seinem Weggang hatte er eine ameri-
kanische Missionarin geheiratet. Das Paar lebte jetzt mit seinen
zwei Kindern in Cochabamba.
Nun zu uns, Edith, mir und den Kindern: Wir waren im Mai

186
1954 in die Staaten gereist, um unseren Jahresurlaub dort zu ver-
bringen, nachdem wir gesehen hatten, dass die Arbeit bei den Ma-
curapis so vielversprechend begonnen hatte. Wir waren erst vor
Kurzem nach Cochabamba zurückgekehrt.
Wieder musste ich warten, während ich abzuschätzen ver-
suchte, wo ich wohl am meisten gebraucht würde, oder ob es über-
haupt besser wäre, wieder eigene Kontakte aufzubauen. Die Ant-
wort auf meine Fragen kam mit einem dringenden Telegramm von
einem Missionskameraden in Todos Santos:

INDIANER IN DER GEGEND. FARMER TÖTETEN EINIGE.


BRAUCHE DRINGEND HILFE. LES FOSTER.

Tom und ich waren bald auf dem Weg. Wir bedauerten, dass
wir unsere Familien verlassen mussten, waren aber vor allem froh,
an Gottes Werk mitzuarbeiten. Todos Santos, noch ziemlich unbe-
kannt in Missionskreisen, war eine Siedlung von ungefähr fünf-
zehnhundert Einwohnern, nordöstlich von Cochabamba, in etwa
fünfundvierzig Minuten per Flug über die Anden zu erreichen.
Vom Flugzeug aus konnten wir die Serpentinen der Straße nach
Todos Santos betrachten, die sich in vielen Schleifen die steilen be-
waldeten Hänge hinaufschlängelte. Hier und dort kroch auf ihr
wie ein winziges Insekt ein Bananentransporter. Eine halbe Stunde
nach dem Start hörten die Berge abrupt auf. Fünfzehn Minuten
später befanden wir uns über plattem Dschungelgebiet. Wir lan-
deten in Todos Santos.
Lois Foster stand am Rand der Rollbahn, um uns in Empfang
zu nehmen. Während wir zu ihrem Haus gingen, fragte ich sie
nach Les.
»Er ist draußen mit Bob Wilhelmson. Sie versuchen, Kontakt
zu den Yuquis aufzunehmen«, sagte sie. Mich schauderte bei dem
Gedanken, denn sowohl die Fosters wie auch die Wilhelmsons
waren recht neu im Missionseinsatz und hatten noch keinerlei
Erfahrung. Bob, Anfang zwanzig, strömte über vor jugendlicher
Begeisterung.
»Wie können wir sie erreichen?«, fragte ich Lois.

187
»Ihr fahrt ungefähr fünfundzwanzig Kilometer flussaufwärts,
bis ihr einige verstreute Farmen seht. Von dort aus geht ein Weg
hinunter, ich denke etwa ein bis zwei Kilometer. Ihr geht an unge-
fähr drei Farmhäusern vorbei, bis ihr zu einem kommt, das verlas-
sen ist. Dort sollten sie sein.«
Es galt, keine Zeit zu verlieren. Innerhalb einer Stunde hatten
wir einen Bolivianer gefunden, der uns in seinem Kanu mit Außen-
bordmotor dorthin fahren würde. Wir legten die Strecke in circa
zwei Stunden zurück. Dann, bepackt mit unseren Rucksäcken, eil-
ten wir den Weg hinunter. Wir fanden das, was nach einem verlas-
senen Farmhaus aussah. Es sah allerdings mehr aus wie ein Un-
terstand. Vier Eckpfähle hielten ein palmgedecktes Dach. Es gab
keine Verbindungspfähle für Wände, und so hatte das einfache
Bambusdoppelbett wenig Schutz vor Regen und Wetter. Wir gin-
gen hinein und fanden die Hängematten und Rucksäcke von Les
und Bob. Es war jetzt spätnachmittags. Sie sollten jeden Moment
zurückkommen, und so setzten wir uns, um auf sie zu warten.
Während der letzten anderthalb Jahre hatte ich keinen der bei-
den gesehen; das letzte Treffen war vor unserem Urlaub gewesen.
Bob hatte ich im Trainingslager in Kalifornien als Ersten kennen-
gelernt und Les bei seinem ersten Einsatz.
Kurze Zeit später kamen sie zurück, und wir begrüßten uns
herzlich. Einer der besonders schönen Aspekte am Missionars-
dasein ist die enge Bindung, die sich zwischen den Kameraden
entwickelt.
»Mann, bin ich froh, euch zu sehen!«, sagte Les. »Wir sind wirk-
lich in der Klemme.«
»Wir brauchen eure Hilfe«, ergänzte Bob. »Aber zunächst wol-
len wir etwas essen und dann reden. Ich bin halb verhungert.«
Ich bemerkte, dass Les einen Bart trug, das Zeichen eines Neu-
lings im Feld. (Ich hatte auch einen, als ich zu meiner ersten Expe-
dition zu den Sansimonianos aufbrach.) Ein neuer Missionar emp-
findet den Bart als Zeichen seiner Bereitschaft, sich im Dschungel-
leben zurechtzufinden. Aber oft findet er heraus, dass eine tägliche
Rasur ihm mehr moralischen Antrieb vermittelt.
Der Bart von Les schien mir ein leicht beunruhigendes Zeichen

188
für naiven Enthusiasmus zu sein – die Art Eifer, der ihn in Schwie-
rigkeiten bringen konnte. Auf der anderen Seite war sein felsen-
festes Gottvertrauen wiederum beruhigend. Les war in der Wild-
nis zu Hause. Aufgewachsen auf einer Farm in Iowa, hatte er ei-
nige Zeit in den Bergen des Westens verbracht. Eine glänzende
Gürtelschnalle, mit dem Wort »Colorado« in großen, erhabenen
Buchstaben darauf, war sein Erinnerungsstück an die glücklichen
Tage, die er dort im rauen Gelände verbracht hatte.
Les pflegte seinen Weg in schnellen, ungeduldigen Schritten
zurückzulegen. Aber wenn eine Entscheidung getroffen werden
musste, blieb er stehen, verschränkte die Arme vor der Brust und
dachte mit vorgeschobenen Lippen nach, ehe er etwas sagte oder
tat.
Ich war nicht überrascht, als ich eines Morgens aufstand und
sah, dass Les seinen Bart abrasiert hatte, nachdem wir schon einige
Zeit im Dschungel gewesen waren.
Inoffiziell ernannten wir ihn zu unserem Leiter, was eine große
Hilfe bei unseren Kontakten zu den Yuquis war.
Nach dem Abendessen saßen wir lange am Feuer, denn es gab
eine Menge zu erzählen. Ich hatte viele Fragen. Les blickte ernst
und konzentriert, wie es seine Art war. Vielleicht hatten die Jahre in
der Armee während des Krieges damit zu tun oder die Gründung
seiner Familie mit drei Kindern. Er beugte sich vor und schob ei-
nen Ast ins Feuer. Dann sprach er: »Wir haben ein wirkliches Pro-
blem. Nur ein paar Kilometer entfernt – direkt im Dschungel – gibt
es diesen steinzeitlichen Stamm, genannt die Yuquis. Es kommt
nicht oft vor, dass man einen primitiven Stamm so nahe an einem
Vorposten der Zivilisation wohnend findet. Und gerade jetzt hät-
ten wir eine Riesenchance, sie mit dem Evangelium zu erreichen.
Dies ist das erste Mal seit vierzehn Jahren, dass sie sich wieder in
dieser Gegend blicken lassen.«
Seine dunklen Augen leuchteten voll Begeisterung, als er sich
nach vorn beugte, um im Feuer zu stochern.
»Aber es gibt einige kleinere Hindernisse, die wir zuerst be-
seitigen müssen«, fuhr er fort.
»Und die wären?«, fragte ich.

189
»Nun, zunächst müssen wir den Krieg zwischen den Yuquis
und den bolivianischen Farmern beenden, ehe wir den Stamm er-
reichen können.«
»Welche Art von Krieg?«, wollte ich wissen.
»Nun, die Situation ist folgende«, erklärte Les. »Ich werde bei
den Farmern anfangen. Sie sind so ziemlich der elendeste, unter-
privilegierteste Haufen, den ich je gesehen habe. Sie leben von klei-
nen Lichtungen am Rand des Dschungels, wo sie kaum genug an
Bananen, Yucca und Mais ernten, dass es zum Leben für sie reicht.
Das bisschen Geld, das sie besitzen, verdienen sie mit dem Anbau
von Coca.«
Über Coca wusste ich Bescheid. Es ist ein leichtes Betäubungs-
mittel, das die Quechua-Indianer gerne lutschen, ebenso wie an-
dere, die darin eine Erleichterung ihres Elends suchen.
»Das Leben der Farmer war schon hart genug«, erzählte Les
weiter. »Dann kamen vor einiger Zeit die Yuquis hierher. Niemand
weiß warum. Man vermutet, dass die Flut sie hierhergetrieben hat,
die ihre Gebiete im Flachland genau wie damals vor vierzehn Jah-
ren überspülte. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Leben der Farmer
wirklich schwer genug. Aber als die Yuquis auftauchten und ihnen
die Ernte stahlen, standen sie in Gefahr zu verhungern.«
»Was ist mit den Todesopfern, die es gegeben hat?«, fragte ich.
»Dazu komme ich jetzt«, antwortete Les. »Es war furchtbar.
Vor ungefähr zwei Wochen nahmen die Farmer die Angelegenheit
selbst in die Hand. In ihren Augen sind die Yuquis wilde Tiere,
gleichzusetzen mit den tigres, die ihnen ihre Hühner stehlen. Sie
entdeckten ein Yuqui-Lager ungefähr drei Kilometer westlich von
hier und schlichen sich heimlich an. Sie überraschten die Indianer –
die Männer waren alle zur Jagd. Nur Frauen und Kinder waren
dort. Manche flochten Körbe, manche drehten Schnüre für Hänge-
matten oder banden Federn an Pfeile. Die Farmer eröffneten das
Feuer auf die Frauen. Eine fiel; andere ergriffen ihre Kinder und ver-
suchten zu fliehen. Das Blut strömte aus ihren nackten Körpern, als
die Farmer wieder und wieder feuerten. Niemand weiß, wie viele
getötet wurden. Einige Kinder standen gelähmt vor Angst noch
dort. Die Farmer nahmen vier von ihnen und verschleppten sie.

190
Die Indianer müssen die Schüsse gehört haben und rannten
zum Lager. Sie verfolgten die Bolivianer und beschossen sie mit
Pfeilen. Ein Farmer bekam einen Pfeil ins Bein.«
Bob nahm den Faden auf: »Als uns die Nachricht in Todos San-
tos erreichte, waren wir wütend angesichts dieser Ungerechtigkeit.
Uns taten die armen Indianer sehr, sehr leid.«
»Was wurde aus den Yuqui-Kindern?«, fragte ich.
»Soweit ich weiß, haben die Farmer sie an verschiedene Fami-
lien in Todos Santos gegeben, um sie als Diener zu erziehen«, sagte
Les.
»Und was ist seitdem geschehen?«, wollte ich wissen.
»Wir sind durch den Dschungel gezogen und haben Geschenke
hingelegt in der Hoffnung, den Stamm wiederzufinden«, antwor-
tete Les.
Mir gefror das Blut in den Adern bei dem Gedanken.
»Aber wie könnt ihr euch sicher sein, dass die Indianer nicht
denken, dass ihr aufseiten der Farmer seid?«, verlangte ich zu wis-
sen.
»Wir haben schon darüber nachgedacht«, sagte Les, »aber wir
tragen ja nie Pistolen, also werden sie sich nicht fürchten.«
»Und wir dachten daran, unsere Geschenke in verschiedenen
Farben anzumalen und so zu markieren, damit sie nicht denken,
die Farmer stellten eine Falle für sie auf«, warf Bob ein.
Meine Gedanken wanderten zurück zu meinen eigenen ers-
ten Tagen auf dem Missionsfeld. Ich erinnerte mich an die Risiken,
die wir bereitwillig eingegangen waren, um erste Kontakte zu den
Nhambiguaras herzustellen, ehe wir erfahren mussten, wie ver-
schlagen und gefährlich sie waren. Ich konnte den ernsten Eifer
des neuen Missionars so gut verstehen, die Ungeduld, mit der Ar-
beit voranzukommen. Aber durch Erfahrung, Leid und tragischen
Verlust hatte ich auch lernen müssen, dass es notwendig ist, den
Eifer durch Geduld und gesunde Vorsicht zu zügeln.
»Also immer mit der Ruhe, Freunde«, sagte ich. »Wir dürfen
die Tatsache nicht vergessen, dass wir uns mitten in einem Krieg
befinden. Und wir müssen versuchen, ihn zu beenden, ehe wir
überhaupt Kontakt zu den Yuquis aufnehmen können.«

191
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh wir sind, dass ihr ge-
kommen seid«, sagte Bob irgendwie verlegen. »Wir sind wohl
doch noch ziemlich blauäugig in solchen Dingen.«
»Wir hatten denselben Gedanken«, sagte Les. »Wir wissen, dass
die Farmer wütend sind, aber sie sind auch verängstigt. Wenn sie
mit dem Schießen fortfahren, werden die Indianer mit Sicherheit
versuchen, Rache zu nehmen. Dann gibt es Tote und noch mehr
Tote.«
»Also, was ist die Lösung?«, fragte ich.
»Wir müssen versuchen, zuerst das Vertrauen der Farmer zu
gewinnen – sie dann dazu bringen, mit dem Schießen aufzuhören,
auch wenn die Indianer von ihren Ernten stehlen.«
»Wenn wir das fertigbringen, können wir versuchen, die Freund-
schaft der Yuquis zu gewinnen«, sagte ich. »Aber zunächst einmal
müssen wir uns Zeit lassen. Ihr müsst euch klarmachen, in welcher
Gefahr wir uns befinden. Zum Beispiel jetzt und hier – dieses Feuer
inmitten der Dunkelheit macht uns zur perfekten Zielscheibe für
ihre Pfeile. Ich gebe gerne zu, dass ich ein bisschen nervös bin.«
Bob sah ernst auf die Feuerstelle. Er sagte: »Ich glaube, ich will
zurück zu meiner Mama.« Wir grölten vor Lachen. Bob war groß
im Witzereißen, ein echter Gewinn in Situationen wie dieser. Aber
er hatte seinen Scherz mit ernstem Gesicht gemacht.
Les stand auf, um Wasser für den Kaffee aufzusetzen. »Du und
Tom«, sagte er und sah mich an, »ihr beide habt schon viel Erfah-
rung im Umgang mit den Indianern. Also werden wir das tun, was
ihr vorschlagt.«
Ich machte den Vorschlag, eine Reihe von Wegen anzulegen
und Geschenke hinzulegen, wie wir es für die Nhambiguaras ge-
tan hatten.
»Ich sehe uns noch, wie wir vorgegangen sind!«, rief Bob. »Ob-
wohl wir keine Pistolen dabeihaben, könnten die Yuquis wahr-
scheinlich gar nicht anders, als anzunehmen, wir wollten sie töten.
Es ist gut, dass ihr hier seid, um uns Grünschnäbel zu korrigieren.«
Tom und ich waren froh, dass sie diesen Aspekt sahen. Natür-
lich hätten auch wir gern sofort freundschaftlichen Kontakt herge-
stellt. Aber diesmal mussten wir uns Zeit lassen. Es würde Monate,

192
wenn nicht gar Jahre an Arbeit, Schweiß, vergeblichen Versuchen
und geistlichen Anfechtungen kosten, ehe dieser Stamm mit dem
Evangelium erreicht werden konnte.
Im Dämmerlicht des verlöschenden Feuers schwebte ein brei-
ter Schatten über unseren Köpfen. Große Vampir-Fledermäuse
mit einer Flügelspannweite von etwa einem halben Meter segel-
ten auf Moskitofang durch die Lüfte. Als wir unsere Hängematten
für die Nacht aufhängten, waren wir froh, Moskitonetze zu besit-
zen. Arme Vampire! Wir gaben ihnen keine Gelegenheit, an unser
vitaminreiches Blut zu gelangen.
Während der nächsten Tage besuchten wir einige Farmer, die
verstreut in einem Streifen von etwa zehn Kilometern Länge am
Fluss lebten. Durch unsere Gespräche mit ihnen fanden wir heraus,
dass sie einen Anführer hatten. Wir suchten ihn auf und lernten
ihn als freundlich und zugänglich kennen. Er war klein und gut
aussehend, von gewandter lateinamerikanischer Art, mit korrekt
gestutztem Schnurrbart und dunklem, welligen Haar. Er schien
gebildeter zu sein als die meisten anderen. Er nahm unseren Plan
gut auf und meinte, es würde eine gute Idee sein, ein Treffen aller
Farmer einzuberufen und die Lage zu besprechen.
Die Nachricht wurde verbreitet. Das Treffen sollte auf der Farm
des Anführers stattfinden, die zentral gelegen war. Als wir am
Morgen eintrafen, tropfte der Tau noch von den Bäumen. Wir wa-
ren die Ersten, die aufkreuzten. Nach und nach kamen die übrigen
Farmer dazu. Wir kannten einige von unseren Besuchen her; und
doch wirkten alle zusammen ganz anders! Wie eine übrig geblie-
bene, zerlumpte Horde aus dem Ersten Weltkrieg sahen sie aus. Ei-
nige trugen Sandalen, andere waren barfuß. Wir konnten nicht aus-
machen, welcher Fleck an ihrer Kleidung ein Flicken war und was
der Originalstoff. Ihre Erscheinung wurde noch furchterregender
dadurch, dass viele seit Wochen kein Rasiermesser mehr gesehen
hatten. Ihre Wangen beulten sich mit dicken Knäueln von Coca-
Blättern; ihre Zähne und Lippen waren gewöhnlich grün vom Lut-
schen. Alle hatten Gewehre bei sich, die noch aus Zeiten vor dem
Ersten Weltkrieg zu stammen schienen. Viele der Waffen besaßen
noch die sechseckigen Läufe vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

193
Manche der Männer trugen alte, eingebeulte Stroh- oder Filzhüte,
andere kamen ohne Kopfbedeckung.
Als sie eintrafen, saßen wir Missionare auf einem Stamm am
Rand eines Grasfleckens. Um uns herum lagen Coca-Blätter zum
Trocknen ausgebreitet.
Les murmelte: »Schaut sie euch an! Ich kann sie wohl verste-
hen. Es muss sehr hart sein, hier draußen sein Leben zu fristen.
Was für eine Not! Man sieht, dass sie jedes bisschen an Yucca, an
Bananen oder an Mais gebraucht hätten, das die Indianer genom-
men haben.«
Bald summte der Platz von gespannter Erwartung. Ungefähr
fünfzig Farmer standen dort lebhaft diskutierend in kleinen Grup-
pen. Arme gestikulierten heftig, Lippen stießen ärgerliche Töne
aus.
»Junge, die sind nicht gerade in guter Stimmung für Versöh-
nungsversuche«, murmelte Bob.
»Wir müssen sie dazu bewegen, mit uns zusammenzuarbei-
ten«, sagte Tom mit Bestimmtheit. »Es gibt keinen anderen Weg.«
»Sie erinnern mich an einen Haufen Hornissen, nachdem ein
Stein durch ihr Nest geworfen wurde«, sagte Bob.
»Tom hat recht«, sagte ich. »Aber in einer Beziehung müssen
wir größte Vorsicht walten lassen.«
Bob und Les sahen mich erwartungsvoll an.
»Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als ob wir aufseiten
der Yuquis wären. Das wird diese Farmer schneller als alles andere
dazu bringen, von unserem Plan abzuspringen.«
»Trotzdem«, fügte Les schnell hinzu, »müssen wir auch die
Seite der Indianer zur Sprache bringen. Wir sind Vermittler und
bringen Nachrichten von einer Seite zur anderen, da die Parteien
nicht auf direktem Weg kommunizieren können.«
»Richtig«, stimmte ich zu. »Die ganze Sache ist äußerst deli-
kat. Wir müssen uns vollkommen unparteiisch verhalten. Wenn
wir auch nur den Anschein erwecken, zur einen oder anderen Seite
abzurutschen, ist die ganze Sache gestorben.«
»Und wir vielleicht gleich mit«, ergänzte Bob, dessen Augen
über die aufgebrachten Farmer schweiften.

194
Die Versammlung wurde zur Ordnung gerufen. Manche der
Farmer saßen auf Baumstämmen. Andere hockten im Schneider-
sitz wie die Indianer. Abwechselnd kauten oder spuckten sie.
Der Anführer eröffnete die Sitzung und fragte, ob die Farmer
Fragen an die Missionare hätten.
Einer fragte: »Warum seid ihr Typen überhaupt hier und riskiert
euer Leben? Denkt ihr, diese Wilden haben irgendwo Gold ver-
steckt?« Während er sprach, sah er zu Boden, und als er geendet
hatte, spuckte er aus.
Tom antwortete auf Spanisch: »Männer, wir sind nicht hier
wegen des Geldes. Wenn wir Geld hätten haben wollen und all
die anderen Vergnügungen, dann wären wir in unserem eigenen
Land geblieben. Bruce hier, zum Beispiel, könnte zu Hause Tau-
sende von Dollar verdienen, wenn er in seinem Beruf als Förster
geblieben wäre. Wir möchten etwas Wertvolleres als Geld: die See-
len von Menschen. Seht, Leute, in Gottes Augen sind die Seelen die-
ser Yuquis ebenso wertvoll wie eure oder unsere. Gottes Wort sagt:
›Alle haben gesündigt.‹ Jesus vergoss sein Blut als Lösegeld für
ihre Sünden genauso wie für unsere. Erlösung ist ein Geschenk
von Gott. Wir sind gekommen, um dieses kostenlose Geschenk an-
zubieten, auch wenn das unser Leben kosten sollte.«
Sie sahen uns merkwürdig an. Die meisten von ihnen hatten so
etwas noch nie zuvor gehört. Manche scharrten unruhig mit den
Füßen. Die Sonne stieg am Himmel höher und schien erbarmungs-
los auf unsere Köpfe. Wir beantworteten noch einige Fragen zum
Thema, wer wir waren und was wir wollten. Die Farmer in die-
ser Gegend sind misstrauisch und leben am Rand der Katastro-
phe. Aber immerhin waren sie bereit, zu bleiben und zuzuhören.
Sie schienen in ihrer Einstellung sehr starr zu sein. Unverrückbar
saßen und kauerten sie dort, die Moskitos um ihre Köpfe brum-
mend, in ihrem Ärger langsam und still vor sich hin brütend. Tom
stand auf und hielt eine lange Rede. Sie dauerte über eine Stunde.
Seine Absicht war eine doppelte: Dies war nicht nur die Chance zu
evangelisieren, sondern was vielleicht an diesem Punkt noch wich-
tiger war, dass das bloße Vergehen von Zeit die Gefühle der Farmer
langsam abkühlen und ihren Widerstand schmelzen lassen würde.

195
Toms Ausführungen zwangen die Männer auch dazu, einige
Dinge zu überdenken. Er bedrängte sie, nicht nur in Kategorien
von Krieg und Überleben zu denken, sondern auch ihre Verant-
wortung gegenüber Gott zu berücksichtigen. Er erklärte, dass wir
dort waren, um auch ihnen zu helfen, wenn sie das wünschten.
»Ich wäre gern bereit, nach La Paz zur Regierung zu reisen, um für
diejenigen, die Verluste erlitten haben, Unterstützung zu erbitten.«
Wenn sie mit uns zusammenarbeiteten, sagte er, würden wir ver-
suchen, einen freundschaftlichen Kontakt zu den Indianern herzu-
stellen, um sowohl das Schießen als auch das Stehlen zu beenden.
Erst dann wäre auch das Leben und der Besitz der Farmer wieder
völlig sicher. Tom dankte ihnen herzlich für ihre Aufmerksamkeit
und setzte sich wieder.
Die Wirkung war eher ernüchternd. Langes Schweigen folgte.
Ein paar der Farmer husteten und verlagerten ihr Gewicht von ei-
nem Bein auf das andere. Schließlich eröffnete der Anführer die
Diskussionsrunde.
Ein Farmer stand auf und sagte mit monotoner Stimme: »Ich
bin der Meinung, wir sollten hingehen und diese nutzlosen Tiere
ein für alle Mal erledigen.« Er setzte sich. Ein anderer stand auf:
»Diese Missionare haben eine Chance verdient. Was können wir
denn verlieren? Geben wir ihnen ein wenig Zeit, und warten wir
ab, was passiert. Dann können wir uns noch einmal treffen und
entscheiden.«
Die Mehrheit stimmte dem zu. Wir dachten, dass dies zumin-
dest ein Anfang war. Aber würden wohl während unserer Arbeit
einige Farmer eigene Entscheidungen treffen, auf die Indianer
schießen und so unser Leben gefährden?
Wochen vergingen – Wochen voll unsicheren Friedens. Ich
wurde gebeten, unsere Missionsarbeit vor der Regierung zu ver-
treten, und musste für unbestimmte Zeit verreisen. Über Monate
wurden Geduld und Durchhaltevermögen meiner Freunde aufs
Schärfste geprüft. Sie fuhren fort, die Farmer zu besuchen, und
streiften außerdem jeden Tag kilometerweit durch den Dschungel,
um die Geschenke für die Indianer zu überprüfen. Kein Geschenk
wurde angenommen. Sie arbeiteten hart, um Kontakte herzustel-

196
len, und hatten kaum Erfolg. Dick Strickler, ehemals Astronom in
einem Marineobservatorium, und Harold Rainey, ehemals Förster,
verstärkten das Team. Von Zeit zu Zeit kamen andere und halfen
für einige Wochen aus.
Die Enttäuschungen türmten sich auf. Obwohl die Missionare
es schafften, offene Feindseligkeiten zu verhindern, gab es doch
keine durchgreifenden Erfolge in dieser Zeit. Dann, nach einem
ganzen Jahr an Arbeit, gab es einen schlimmen Rückschlag. Ein
Telegramm eines unserer Leute in Todos Santos erreichte mich in
Cochabamba:

BOLIVIANISCHE FRAU VON INDIANERN GETÖTET:


FARMER GEBEN UNS ZWEI WOCHEN, UM MEHR
MISSIONARE ZU STELLEN ODER ZU VERSCHWINDEN.

Sofort reiste ich zurück.


»Hast du bei den Behörden irgendetwas erreicht an Hilfe für
die Farmer?«, fragte Les, als ich aus dem Flugzeug gestiegen war.
»Ja, sie haben versprochen zu helfen, aber ich habe bis jetzt we-
der Lebensmittel noch Geldunterstützung gesehen.«
»Das ist schlecht«, sagte Les.
»Außerdem habe ich von der Regierung die Befugnis erhalten,
die entführten Kinder den Leuten in der Stadt wegzunehmen und
sie wieder zu den Indianern zu bringen. Aber das ist im Moment
schwierig. Ich habe mich umgeschaut nach dem Verbleib der Kin-
der. Eine Familie ist wegen der Arbeitslosigkeit nach Argentinien
gezogen. Ein anderes Paar mit einem Yuqui-Kind ist nach La Paz
umgezogen. Wenn es sich als unmöglich erweist, diese beiden Kin-
der zurückzubekommen, weiß ich nicht, was wir tun sollen. Ich
habe zwei der älteren Kinder in Todos Santos gesehen, als ich das
letzte Mal bei euch war. Es würde Schwierigkeiten machen, sogar
diese wiederzubekommen, weil die Bolivianer mittlerweile so an
ihnen hängen.«
Wir erfuhren, dass der Anführer der Farmer für den nächsten
Morgen, neun Uhr, ein Treffen anberaumt hatte. Als wir eintrafen,
brannte die Sonne bereits vom Himmel. Eine Reihe von Farmern

197
bereitete sich auf einen Vergeltungsschlag gegen die Indianer vor.
Einige von ihnen trafen wir hier. Wir sprachen mit ihnen, aber sie
hatten kaum ein Wort für uns. Wie immer hatten sie auch diesmal
ihre schussbereiten Gewehre im Anschlag bei sich.
»Seit dem Mord reisen sie nur noch in Gruppen«, erklärte Les.
»Ein einzelner Mann könnte zu leicht überfallen werden.«
Die Sitzung begann; die Luft war spannungsgeladen. Ein Mann
nach dem anderen stand auf und verlangte einen Vergeltungs-
angriff auf die Yuquis. Einer führte noch weiter aus: »Wir haben
diesen Missionaren ein ganzes Jahr Zeit gegeben, und sie haben
nichts unternommen. Wenn ihr mich fragt, dann haben sie einfach
Angst – Angst vor diesen Tieren. Ich sage, es ist Zeit, die Dinge
selbst in die Hand zu nehmen. Ich sage, es heißt, entweder zuerst
töten – oder getötet werden.«
Ein ärgerliches Raunen signalisierte Zustimmung. Die schwe-
lende Wut in ihren Stimmen, die mir schon vor einem Jahr auf-
gefallen war, stand jetzt kurz vor der Explosion.
»Gut, señores«, schaltete sich der Anführer ruhig ein. »Ihr habt
eure Meinung gesagt. Jetzt lasst uns hören, was die Missionare zu
sagen haben.«
Les stand auf und sprach auf Spanisch zu ihnen. Breitbeinig
stand er dort, hielt die Arme verschränkt, wenn er nicht gerade
gestikulierte, und strahlte unerschütterliche Selbstsicherheit aus:
»Männer, wir haben alles getan, was in unserer Macht stand, um
zu den Yuquis Kontakt aufzunehmen. Wir haben Geschenke hin-
gelegt; wir sind Hunderte von Kilometern auf gefährlichen We-
gen durch den Dschungel gewandert, um sie zu finden und ihnen
das Evangelium zu bringen, damit ihr und eure Familien sicher
leben könnt. Es ist wahr, dass wir versagt haben, aber wir haben es
versucht. Es ist nicht unsere Schuld, dass eure Frau getötet wurde.
Außerdem – habt ihr daran schon einmal gedacht – wenn ihr hin-
geht und zwei oder drei Indianer tötet, werden sie nie aufhören,
ehe sie nicht alle von euch umgebracht haben.«
Man hörte leises Gemurmel.
»Und außerdem werdet ihr vor Gott zur Verantwortung gezo-
gen für jeden Indianer, den ihr in die Ewigkeit schickt.« Mehrere

198
Augenpaare waren auf den Boden geheftet, als ob dies ein völlig
neuer Gedanke für sie wäre. Dann begannen die Männer laut mit-
einander zu diskutieren.
Es waren noch einige weitere Gruppen hereingekommen. Ins-
gesamt waren wohl neunzig Personen anwesend. Der Anführer
marschierte langsam hin und her und kämpfte offensichtlich mit
dem Für und Wider dessen, was er gehört hatte. Die Veranstaltung
begann in Tumult umzuschlagen.
»Ruhe bitte«, sagte der Anführer. »Wir werden abstimmen.
Wenn ihr Männer euch zum Töten entschließt, dann stellt sicher,
dass jeder Mann, der dafür seine Stimme abgegeben hat, mit auf
die Expedition geht. Ich möchte nicht, dass irgendjemand einen
Rückzieher macht. Überlegt euch gut, wofür ihr eure Stimme ab-
gebt. Lasst euch nicht von euren Gefühlen leiten. Also, diejenigen,
die dafür sind zu töten, sollen sich auf dieser Seite der Terrasse auf-
stellen.« Er deutete auf eine Seite. Gedränge entstand. Es schien,
als wollten sich die meisten der Männer dort aufstellen. Aufgeregt
auf ihrem coca kauend, diskutierten sie hitzig.
»Ruhe bitte! So, und die anderen Männer, die das für dumm
halten, stellen sich auf die andere Seite.«
Der Pulk teilte sich, manche gingen hierhin, andere dorthin.
»Sieht nicht allzu gut für uns aus, Les«, sagte ich.
Er schien mich gar nicht zu hören. Etwa eine Minute später
fragte er: »Was? Was hast du gesagt?« Er hatte gebetet.
»Nicht so wichtig, Les.« Der Anführer bat wieder um Ruhe,
und ich wollte nicht verpassen, was er zu sagen hatte.
Der Anführer schien enttäuscht zu sein über die Entscheidung,
nach der die Männer sich aufstellten. Ich nehme an, er sah die
Dinge ähnlich wie wir. Ich hoffte, er würde seinen Einfluss gel-
tend machen.
Fünfzig waren für das Töten. Neununddreißig waren dagegen.
Jede Minute unserer Arbeit, Schweiß, Tränen, schmerzende Mus-
keln, Zeit – alles schien jetzt vergeblich gewesen zu sein. Der
Anführer führte die Debatte weiter. Er stellte den Männern die
Möglichkeit vor, uns noch mehr Zeit zu geben. Ein Farmer auf der
»Töten«-Seite sagte: »Wir leben ständig in Angst. Wir können

199
nirgends hin oder in Ruhe arbeiten. Dauernd müssen wir Angst
haben, erschossen zu werden. Lasst uns ein Ende machen.«
Ein anderer: »Los salvajes wollen Rache. Wir müssen sie kriegen,
bevor sie uns kriegen.«
Schweigen folgte. Keiner rührte sich. Die Sonne brannte auf un-
sere Köpfe. Alle schwitzten. Kein Lüftchen regte sich.
Dann sprach ein Farmer für unsere Seite: »Wohin bringt uns
das alles? Töten und getötet werden. Die Wilden haben ihr ganzes
Leben im Dschungel verbracht. Wenn wir wieder in den Dschun-
gel gehen, werden wir sie nicht überraschen. Die Missionare haben
recht. Gebt ihnen eine Chance.«
Ein anderer schloss sich schnell an. »Si«, sagte er. »Wenn sie ihr
Leben für uns riskieren wollen, ist es nur recht und billig, wenn
wir versuchen, sie zu unterstützen.«
Diese Beiträge riefen laute Gegenargumente auf den Plan.
»Ich sage, lasst uns diese unnützen Tiere töten, die Maria auf
dem Gewissen haben. Seid ihr denn alle Feiglinge?«
Noch mehr Disput. »Nun gut, señores«, hob der Anführer
erneut an und wischte sich über die Augenbraue. »Ich gebe euch
noch eine letzte Möglichkeit, eure Meinung zu ändern. Wenn
ihr noch die Seiten tauschen möchtet, dies ist eure letzte
Chance.«
Stille.
Ein Mann trat aus der »Töten«-Reihe heraus. Langsam ging er
auf die andere Seite des Gartens. Unsere Herzen waren schwer.
Einer wog nicht allzu viel. Wenn ihm nur noch andere folgen wür-
den. Dann trat ein weiterer heraus. Pause. Und noch einer. Wir
Missionare hielten die Köpfe gesenkt und beteten. Aber aus den
Augenwinkeln musste ich beobachten. Noch einige traten heraus.
Dann geschah nichts mehr.
»Noch einmal zählen«, sagte der Anführer.
Ich wischte meine schweißnasse Stirn. Ich konnte die Moskitos
summen hören in der Stille. Mein Herz raste.
»Muy bien, señores«, hörte ich den Anführer. »Wir zählen ein
letztes Mal.« Er ging die erste Reihe hinunter, dann die zweite und
zählte. Dann sprach er.

200
»Dreiundvierzig für Töten. Aber sechsundvierzig dagegen. Das
war’s – wir gehen nicht.«
Die Reihen lösten sich wieder in kleinere Gruppen auf. Manche
der Farmer waren zufrieden, andere wütend. Für uns bedeutete
ihre Entscheidung alles. Gott hatte einen Sieg über ihre Herzen er-
rungen. Wir waren frei, mit unserer Arbeit fortzufahren.
In der darauffolgenden Woche verdoppelten wir unsere An-
strengungen, mit den Yuquis Kontakt aufzunehmen. Zehn Stun-
den am Tag streiften wir durch die Wälder, legten Geschenke ab
und versuchten neue Fährten zu finden. Für uns hieß es: Jetzt oder
nie!
Die Indianer bestahlen die Farmer weiterhin. Während wir in
einem Gebiet arbeiteten, hörten wir, dass sie in einem anderen
zugeschlagen hatten. Und sie gingen uns immer aus dem Weg.
Ich erhielt Nachricht, dass ich wieder bei der Arbeit mit der
Regierung in Cochabamba gebraucht wurde. Wir vereinbarten
täglichen Funkkontakt, und ich versicherte Les, dass ich unverzüg-
lich zurückkehren würde, sofern Not am Mann war.
Les hatte mehrere Monate die Stellung in La Jota gehalten, als
er nach mir schickte.
»Nun«, sagte ich, als er mich mit den anderen Missionaren
vom Flughafen abholte, »zumindest seid ihr noch nicht bei den
Indianern im Suppentopf gelandet.«
»Diese Yuquis sind pingelig«, grinste Harold, kurz bevor er
und Dick das Flugzeug nach Cochabamba bestiegen, wo sie zwei
Wochen Urlaub verbringen wollten. »Sie warten auf ein richtiges
Stück Fleisch, so wie dich.«
Don Hay, Paul Mason, Les und ich fuhren zurück, und Les
sagte: »Die Indianer hatten endlich einige Geschenke angenom-
men. Wir hofften, dass freundschaftlicher Kontakt zustande kom-
men würde. Dann geschah das Schlimmste: Die Indianer töteten
einen der Farmer. Kurz danach töteten sie noch einen.«
»Wie habt ihr die Farmer davon abgehalten, jetzt den totalen
Krieg anzufangen?«, fragte ich.
»Ich nehme an, sie waren zu entmutigt, um sich zur Wehr zu
setzen«, fuhr Les fort. »Alle Farmer rund um La Jota waren so ver-

201
ängstigt, dass sie weggezogen sind. Aber sofort nachdem sie weg
waren, brannten die Yuquis einige ihrer Häuser nieder. Das machte
die Farmer wütender als jemals zuvor.«
Wir waren am Haus angekommen. Nachdem ich Lois begrüßt
hatte, erzählte Les weiter: »Wir waren fest entschlossen, die In-
dianer zu erreichen, und so bauten wir einige Häuser in La Jota
und errichteten dort vor Ort eine Basis. Ich nahm Lois und die Kin-
der mit mir dorthin. Ich dachte, wenn sie sehen würden, dass ich
selbst Frau und Kinder habe, würden sie wissen, dass wir keine
Veranlassung hätten, ihre zu entführen. Und es funktionierte. End-
lich bekamen wir freundschaftlichen Kontakt.«
Ich sah Lois an und sagte: »Du bist ein mutiges Mädchen.«
Sie gab zu verstehen, dass das Abendessen fertig sei, und un-
sere Unterhaltung wandte sich anderen Dingen zu. Aber ich war
zu neugierig, um das Thema fallen zu lassen. »Wie sind die Yu-
quis?«, fragte ich.
Les lachte leise. »Wir wissen wirklich nicht genau, wie wir sie
einschätzen sollen – sie sind so unberechenbar«, sagte er. »Einmal
sind sie fröhlich und ausgelassen und spielen herum wie die Kin-
der. Dann wiederum werden sie plötzlich bösartig und kommen
ins Haus, während wir da sind, und reißen alles auseinander. Vor
ein paar Tagen erst haben sie meinen Radioapparat, mein Ton-
bandgerät und das Funkgerät zerschlagen. Sie nahmen Lebens-
mitteldosen und bohrten Löcher hinein, ohne dass sie etwas davon
haben wollten. Anschließend geht es ihnen dann wieder gut. Was
denkst du über solches Verhalten?«
»Mann!«, sagte ich. »Das muss einen Menschen ja nervös ma-
chen. Vielleicht sollten wir besser fünf oder mehr Männer fest hier
stationieren. Möglicherweise beruhigt sie das.«
»Es wurde zu riskant, Lois und die Kinder hierzubehalten, also
brachte ich sie alle wieder zurück nach Todos Santos. Wir zogen
weg aus dem unmittelbaren Gebiet und kamen nur alle paar Tage
wieder zurück, um die Indianer zu treffen. Sie waren immer bei La
Jota zu finden; gewöhnlich trafen wir sie dort an.«
Es war eine ernste Stunde. Ich überlegte, ob Les sich wohl ganz
bewusst war, welche Chancen er bekommen hatte. Da ich der Er-

202
fahrenste der Gruppe war, hatte ich große Verantwortung. Durch
die Erfahrungen, die ich gesammelt, und durch all das, was der
Geist Gottes in meinem Leben schon bewirkt hatte, war ich nun
aufgerufen, dies zu gebrauchen und alles dafür zu tun, um sein
Werk voranzutreiben.
Die Unterhaltung drehte sich danach um Zukunftspläne und
verschiedene Vorgehensweisen bei der Arbeit. Dann schließlich,
als die kühle Nachtluft das abendliche Froschkonzert durch die
scheibenlosen Fenster trug, gingen wir zu Bett. Wie wertvoll Ge-
meinschaft ist, dachte ich, wenn man sich durch die gemeinsame
Arbeit auf dasselbe Ziel hin so nahe kommt.
Nach einem frühen Frühstück nahmen vier von uns – Les,
Don Hay, Paul Mason und ich – den Weg flussaufwärts in Angriff.
Leichte Jacken schützten vor der kühlen, feuchten Dschungelluft.
Nach zwei Stunden kamen wir zu einem palmgedeckten Verschlag,
den einer der Farmer benutzte, um Coca-Blätter zu stapeln.
»Okay, Freunde«, sagte Les nun zu uns. »Zieht eure Hemden
aus und nehmt die Armbanduhren ab. Leert eure Taschen aus.«
Er legte unsere Habseligkeiten in einen Eimer und verschloss den
Deckel.
Wir überprüften unsere Geschenke. Jeder hatte entweder ge-
süßte Kondensmilch oder ein Kilopaket Zucker dabei. Les trug so-
gar einen lebenden Hahn unter dem Arm. Dann marschierten wir
los. Ich kämpfte gegen die Angst, die in mir aufsteigen wollte. Ich
betete – und bald summte ich ein Lied.
Einige Stunden später näherten wir uns La Jota. Das Wandern
wurde leichter; wir gingen über einen breiten Weg, gesäumt von
Bananenstauden. Da und dort konnte man auf einer Lichtung
Farmhäuser stehen sehen. Alle waren verlassen.
Plötzlich blieb Les stehen. »Da sind sie!«, flüsterte er aufge-
regt.
Zuerst sahen wir gar nichts. Dann entdeckten wir zwischen den
Ritzen der breiten Bananenblätter braune Gesichter, die Ausschau
hielten. Schweigen lag über dem sonnenbeschienenen Platz, das
dann von einem tiefen, wehmütigen Flöten unterbrochen wurde
wie von einer trauernden Taube.

203
»Sie wollen uns erst kontrollieren, bevor sie herauskommen«,
flüsterte Les.
Mit erhobenen Händen, um zu zeigen, dass wir nicht bewaff-
net waren, gingen wir langsam auf sie zu. Vorsichtig traten die Yu-
quis aus ihrem Versteck hervor. Ich zählte ungefähr zwanzig Män-
ner, Frauen und Kinder. Sie sahen ganz anders aus als alle Indianer,
die ich bis dahin gesehen hatte. Die hohen Wangenknochen und
die langen Nasen legten irgendeine Verwandtschaft zu den India-
nern aus Nordamerika nahe. Die meisten Indianer, die ich in Brasi-
lien oder Bolivien gesehen hatte, hatten breite, runde Gesichter und
flache Nasen, ein Zeichen für mongolischen Einfluss. Ich wunderte
mich, wie sie wohl über all die Jahrhunderte hier überlebt hatten.
Da ich nichts über ihre Vorgeschichte wusste und auch ihr Tem-
perament nicht einschätzen konnte, wusste ich auch nicht, wie ich
mit ihnen umgehen sollte. Aber sie kamen. Ich würde wie zuvor
einfach durch Erfahrung lernen müssen.
Während sie sich näherten, zeigte Les uns diejenigen, denen er
schon Spitznamen gegeben hatte. Zuerst kam »Breitkreuz« und
dann »Knallhart«; »Breitkreuz« mit breiten, ausladenden Schul-
tern, blitzenden, unruhigen Augen und schnellen, katzenartigen
Bewegungen erinnerte mich an einen Boxer. »Knallhart« war mehr
der Ringertyp. Kleiner und breiter, ging er mit ausgreifenden
Schritten, immer in Alarmbereitschaft, bereit zum Sprung. Hin-
ter den beiden kam »Hexy«, ein untersetzter, aber durchtrainierter
kleiner Mann mit langem strähnigem Haar, das ihm über die gla-
sigen Augen hing.
»Wir nehmen an, dass er der Medizinmann ist«, sagte Les.
Den Häuptling herauszufinden, war keine Schwierigkeit. Er
war hochgewachsen, aufrecht und ging und sprach mit Autorität.
Ein dünner Spitzbart verlieh seinem Aussehen etwas Komisches.
Die Männer trugen alle ihre etwa zwei Meter langen Bogen und
einige lange Pfeile mit sich. Angesichts ihrer schwellenden Arm-
und Brustmuskulatur schloss ich, dass sie im Umgang mit diesem
Handwerkszeug viel Übung hatten. Ich nahm mir vor, lieber nicht
mit einem von ihnen aneinanderzugeraten. Das Beeindruckendste
an ihnen aber waren ihre schwarzen Augen. Unstet und unruhig

204
sprangen sie immer von hier nach dort, auf der Hut vor einer
plötzlichen Bewegung.
Alle waren nackt. Die Frauen trugen die merkwürdigsten Haar-
trachten, die ich je gesehen hatte. Halb skalpiert sahen sie aus. Ihre
Köpfe waren in einem Dreieck von einem Punkt auf dem Ober-
kopf hinunter zu beiden Seiten geschoren, was ihnen das Aussehen
frühzeitiger Kahlheit verlieh. Die meisten der Männer hatten Ge-
sicht und Brust in leuchtendem Orangerot angemalt. Der Rest des
Körpers war mit schwarzer Asche bedeckt. Anders als die Nham-
biguaras und Macurapis, die unter der Asche dunkel getönte Haut
hatten, waren diese Indianer fast weißhäutig. Ein Junge, etwa fünf-
zehn Jahre alt, der nicht bemalt war, war fast so weiß wie wir. Les
hatte ihm den Namen »Joven« (spanisch: »Jugendlicher«) gegeben.
Die Frauen wirkten traurig und zerbrechlich, obwohl ich ahnte,
dass sie eine Menge Zähigkeit besitzen mussten, um ihr raues
Nomadenleben zu meistern.
Die Yuquis untersuchten uns gründlich, einen nach dem an-
deren. Wir konnten nur hoffen, dass sie unsere Muskeln nur abtas-
teten, um zu sehen, wie stark wir wären – nicht, wie die Nhambi-
guaras es getan hatten, um zu sehen, ob wir eine gute Mahlzeit ab-
geben würden. Nicht lange, und wir waren ebenso orangerot wie
sie.
Der Häuptling kam und sagte etwas zu uns.
»Er möchte, dass jeder seinen rechten Schuh auszieht«, sagte
Les und erklärte weiter, dass die Indianer immer noch auf der
Suche nach dem Fuß seien, der zu dem Abdruck passte, den sie
gefunden hatten, nachdem eine Indianerfrau ermordet worden
war. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass schwerlich ein
Bolivianer so große Füße haben würde wie ich. Trotzdem war die
ganze Prozedur unangenehm. Was, wenn sie einen Fehler mach-
ten? Nervös zog ich meinen Halbschuh Größe 45 aus, bemüht,
keine Angst zu zeigen. Ich blickte hinab auf meinen Fuß in dieser
Steinzeithand und bat inbrünstig den Herrn, dafür zu sorgen, dass
der Häuptling ein gerechtes Urteil fällte. Nach etwa einer Minute
gebot er mir, den Schuh wieder anzuziehen. »Puh!«, dachte ich im
Stillen. »Krise Nummer eins bewältigt.«

205
Die Yuquis durchsuchten alle unsere Taschen, fanden aber
nichts, was sie interessierte. Dann entdeckte »Knallhart« meinen
Trauring. Den wollte er auf alle Fälle. Ich versuchte, ihn davon ab-
zubringen. Er zog vergeblich daran und bekam ihn nicht vom Fin-
ger. (Natürlich ließ ich ihn nicht wissen, dass ich den Ring sehr
wohl vom Finger bekam – mit viel Drehen und Schieben.) Mit
entschlossenem Ruck riss er an dem Ring. Mein Fingerknöchel
knackte laut. Dann, endlich überzeugt, dass er den Ring nicht be-
käme, ohne meinen Finger auszureißen, gab er enttäuscht auf.
An zahlreichen Stellen der männlichen Körper entdeckten wir
die rosafarbenen Narben, die die Schusswunden hinterlassen hat-
ten. Als sie bemerkten, dass wir sie ansahen, begannen »Breit-
kreuz« und »Knallhart« mit unglaublicher Beredsamkeit und vie-
len Gesten zu erzählen, wie sie zu den Wunden gekommen waren
bei ihrem Kampf mit den Bolivianern. Während sie erzählten, ver-
zerrten sich ihre Gesichter mehr und mehr mit brennendem Durst
nach Rache.
In mir stieg Übelkeit auf. Dann, ohne eine Warnung, wurde
ich nach hinten gezerrt. Jemand versuchte mich umzuwerfen. Ich
drehte mich um und sah »Breitkreuz«. Mein erster Impuls war,
mich zu verteidigen und zu versuchen, den Angreifer zu überwäl-
tigen. Doch dann erinnerte ich mich an Les’ Warnung, dass wir
zunächst ein wenig auf den Kampf eingehen sollten, genug um
zu zeigen, dass wir keine Schwächlinge waren, am Ende jedoch
immer die Indianer uns besiegen lassen sollten. (Les hatte dies
auf harte Art und Weise herausgefunden.) Nachdem ich also kurz
mit »Breitkreuz« gerungen hatte, ließ ich mich überwältigen.
Das Hinfallen schüttelte mich richtig durch. Aber außer meinem
Ego war nichts beschädigt. Er auf der anderen Seite war hoch-
zufrieden.
Les zeigte in Zeichensprache an, dass nun die Zeit für uns ge-
kommen war, nach Todos Santos zurückzukehren. Er zeigte auf
die Sonne und fuhr mit den Armen von Ost nach West, schloss
dann die Augen und schnarchte. Das Ganze wiederholte er noch
zweimal und drückte damit den Ablauf von drei Tagen und drei
Nächten aus. Dann, die Position der Sonne um zehn Uhr morgens

206
anzeigend, machte er deutlich, dass wir uns gern in drei Tagen um
zehn Uhr am selben Ort wieder mit ihnen treffen würden.
Wir brachen auf und gingen ein oder zwei Schritte. Die Frauen
traten vor und verstellten uns den Weg. Eine, die wir für die Frau
des Häuptlings hielten, war die Anführerin.
Sie versuchten, durch verschiedene Geräusche etwas zu uns zu
sagen. Als wir durch Schulterzucken und Kopfschütteln anzeigten,
dass wir sie nicht verstanden, brachen sie in hysterisches Weinen
aus. Dann traten sie noch einmal zu uns und versuchten, wilder
und aufgeregter als vorher sich uns verständlich zu machen. Ob-
gleich sie zart waren, schienen die Frauen doch zu noch mehr wü-
tender Emotion fähig als die Männer. Wir wollten gerne gehen,
doch sie versperrten uns den Weg. Wir überlegten gerade, was wir
wohl als Nächstes tun sollten, als wir den Häuptling einen Befehl
bellen hörten. Die Frauen traten zur Seite und ließen uns durch.
Wieder zurück auf unserem Pfad, sprachen wir über diese neue
Entwicklung. Jetzt mussten wir uns zusätzlich zur Unberechen-
barkeit der Männer auch noch mit der der Frauen auseinander-
setzen.
»Was meint ihr, warum sie so böse auf uns sind?«, fragte Don.
»Wir haben ihnen doch nichts getan.«
»Ich kann mir nur denken, dass sie von uns erwarten, ihre Kin-
der zurückzubringen«, sagte Les.
»Wenn das stimmt, dann steht uns Ärger ins Haus«, sagte ich,
»weil ich im Augenblick keine Möglichkeit sehe, das zu bewerk-
stelligen.«
Unser Gespräch wandte sich erfreulicheren Dingen zu. Vom
Ärger der Frauen abgesehen, hatte sich dieses Treffen gut angelas-
sen – besser, als wir erwartet hatten.
Drei Tage später waren wir wieder auf unserem Weg zum ver-
einbarten Treffpunkt. Wir hatten große Hoffnungen. Angesichts
der positiv verlaufenen letzten Zusammenkunft hatten wir uns
entschlossen, unserem Erfolg noch etwas nachzuhelfen und zu
versuchen, die Oberhand zu gewinnen. Ein Weg war, ihnen etwas
abzuschlagen – und so behielt ich mein Hemd an.
Zum ersten Mal hatten wir auch einen Fotoapparat dabei –

207
einen billigen, der uns aber wenigstens erkennbare Bilder liefern
würde und um den es nicht schade wäre, wenn die Indianer ihn
stahlen. Später, wenn wir sie mit diesem Apparat fotografieren
durften, würden wir zu einer besseren 35-mm-Kamera übergehen,
mit der wir Farbfotos machen konnten.
Nahe La Jota verstummten wir nach und nach alle. Wir ka-
men um eine Kurve und blieben entgeistert stehen. Genau vor uns
stand ein Farmhaus in lodernden Flammen.
»Was meinst du, Les?«, fragte ich unentschlossen. »Sieht nicht
so aus, als wären sie in Stimmung für ein freundschaftliches Tref-
fen.«
»Mann, das sieht wirklich nicht gut aus. Vielleicht sollten wir
besser …« Les Worte wurden abgeschnitten durch einen lang ge-
zogenen, tiefen Pfiff.
»Das war’s«, sagte einer. Keiner widersprach.
Feierlich erhoben wir die Hände, um zu zeigen, dass wir unbe-
waffnet waren. Dann legten wir unsere Geschenke nieder.
Einige Köpfe erschienen hinter den Bananenbäumen, Augen
spähten neugierig umher. Sehr vorsichtig, einer nach dem anderen
traten die Indianer aus dem Versteck, genau wie drei Tage vorher.
Aber diesmal war ihr Verhalten seltsam. Die Männer sprachen ra-
send schnell in hohen, gepressten Tönen. Manche klopften sich mit
der Hand fest gegen den Hinterkopf.
»Aufgepasst!«, murmelte Les. »Das bedeutet, sie sind wü-
tend.«
Wir standen dort in sengender Sonne. Ich spürte, wie Schweiß-
ströme über mein Gesicht liefen.
Was war geschehen? Warum hatten sie das Haus angezündet?
Wir unterhielten uns gedämpft und überlegten, was zu tun war.
Les schlug vor, ihnen die Geschenke zu geben, um sie zu besänfti-
gen. Er bot ihnen das Stück Fleisch an, wir anderen Kondensmilch
und Zucker. Sie nahmen Fleisch, Kondensmilch und Zucker. Dann
warfen sie alles auf die Erde und fuhren fort, in hohen Tönen zu
schimpfen. Ich sah, dass sie wirklich wütend waren. »Das war’s«,
dachte ich und sagte im Innersten: »Herr, gib, dass der Tod schnell
kommt, wenn es sein muss.«

208
Die Indianerfrauen traten erneut vor, weinend und anklagend.
Sie waren ebenfalls wütend. Diesmal wurden sie von drei Män-
nern begleitet. Sie berührten mit den Spitzen ihrer Pfeile unsere
Brust und machten in Zeichensprache unmissverständlich klar:
Wenn wir nicht tun würden, was die Frauen forderten, dann … Sie
deuteten auf die Widerhaken an den Pfeilspitzen und zeigten an,
dass es sehr schmerzhaft sein würde, wenn wir versuchten, sie her-
auszuziehen. (Wir alle wussten das bereits sehr gut!) Das Heulen
der Frauen schwoll an und wurde von wütenden Rufen begleitet.
Sie standen nur etwa dreißig Zentimeter von uns entfernt, und die
eine oder andere versetzte uns einen Puff oder Schubser. Wer war
brutaler – Männer oder Frauen?
Les, der schon in ähnlicher Situation gewesen war, versuchte
eine Taktik, die damals erfolgreich gewesen war. Er ging langsam
auf den Häuptling zu und begann, ihm übers Haar zu streicheln.
Er zupfte leicht an seinem Bart, klopfte ihm auf die Brust, befühlte
bewundernd seine Armmuskeln, machte insgesamt viel Wind um
ihn. Mit beruhigender Stimme sagte er: »Nun, Häuptling, du bist
ein guter Junge, wenn du schläfst. Beruhige dich – könnte sein,
dass du meinen Freunden hier wehtust. Aber ist das nicht schön,
Häuptling, dass ich dich hier so bewundere? Sei jetzt ein guter
Junge, und sag deinen Leuten, sie sollen sich benehmen.«
Der Häuptling sah Les an wie ein Hund, der die Stimme sei-
nes Herrn hört. Er hob die Augenbrauen und strahlte. So viel Auf-
merksamkeit tat ihm gut. Er beruhigte sich, aber die anderen wa-
ren immer noch fahrig und nervös. Wir wussten, dass die Gefahr
noch nicht vorüber war. Wir mussten sie irgendwie ablenken. Don
drehte sich um, und plötzlich erklang Musik. Die Indianer standen
wie angewurzelt. Sie hatten noch nie Musik gehört. Dann wandte
er sich um und zeigte seine Hände – leer. Wieder drehte er sich
um; wieder erklang die Musik. Er spielte Mundharmonika. Einige
Minuten fuhr er mit seiner Vorführung fort und schaffte es, die In-
dianer völlig zu verwirren. Als das Konzert vorüber war, beschloss
»Knallhart«, dass er mein Hemd haben wollte. Mir war schon auf-
gefallen, wie er zuvor ein Auge darauf geworfen hatte, und ich
hatte meine Freunde gewarnt, zu nahe bei mir zu bleiben. Er zog

209
ein paarmal daran und murmelte etwas. Ich schüttelte den Kopf
und sah zur Seite. Er zog stärker und begann, mich ein wenig zu
schubsen. Les und die anderen protestierten im Chor beim Häupt-
ling. Der Häuptling sagte etwas zu »Knallhart«. Er hielt widerwil-
lig inne und schlich davon wie ein gescholtenes Kind. Tatsächlich
sah es so aus, als ob unsere Taktik aufging.
Die Stimmung hatte sich verbessert. Alle schienen entspannt zu
sein.
»Ich glaube, jetzt verstehen wir uns gut«, sagte Les. »Regen wir
sie zum Sprechen an und versuchen, einige ihrer Wörter aufzu-
schreiben.«
Ich nahm einen Bleistift und ein Päckchen Papier aus meiner
Tasche. »Knallhart« sprach. Ich begann mitzuschreiben. Urplötz-
lich schlug »Hexy« sich auf den Nacken. Dann riss er das Papier an
sich und zerfetzte es. Er griff meinen Bleistift und zerbrach ihn, un-
unterbrochen in hohen Tönen murmelnd. Dann trat er zurück, im-
mer noch brabbelnd, und sah mich herausfordernd an.
Der Blick in seinen glasigen Augen war stechend und unheim-
lich. Es war das erste Mal, dass »Hexy« in Aktion getreten war. Kör-
perlich kleiner als die anderen, mit gewöhnlich gebücktem Gang,
hatte er sich bisher immer zurückgehalten. Aber jetzt konnte ich
seine psychische Kraft spüren, als ob er ein Kanal für machtvolle,
unsichtbare Kräfte wäre. Die anderen spürten das offenbar auch,
denn sie zeigten jetzt ebenfalls offen ihre Missbilligung.
»Da muss irgendetwas sein, das ihn ängstigt«, sagte Les.
»Vielleicht fürchtet er Konkurrenz durch uns«, fügte Don
hinzu.
In diesem Moment wurden wir durch einen Schrei von Paul
Mason aufgeschreckt. »Breitkreuz« wollte seine Kamera haben.
Ich sah in dem Moment auf, als der Indianer so fest daran riss,
dass es einem Wunder glich, Pauls Kopf noch auf seinen Schul-
tern zu sehen. Les protestierte lautstark beim Häuptling, der den
Angreifer zurechtwies. »Breitkreuz« ließ von ihm ab. Der Häupt-
ling trat näher, nahm die Kamera in Augenschein und wollte wis-
sen, ob dort etwas Gutes zu essen drin wäre. Ein wenig entfernt
schmollte »Breitkreuz« immer noch. Ich merkte, dass er nach wie

210
vor an der Zurechtweisung zu knabbern hatte und auf die Ge-
legenheit wartete, seinen Gefühlen Luft zu machen. Also schlug
ich vor, wir Missionare sollten doch kurz zu dem kleinen Flussbett
gehen, das ganz in der Nähe war.
»Paul! Pass auf!«, schrie ich. »›Breitkreuz‹ zielt auf dich!«
Ich hielt die Luft an. Der Störenfried stand wenige Meter mit an-
gespannten Muskeln hinter uns und zog langsam den Pfeil ganz
zurück.
Les rief dem Häuptling etwas zu. Wir anderen protestierten
lautstark und schwenkten wild die Arme. Paul wirbelte herum
und sah »Breitkreuz« geradewegs ins Gesicht. »Ich werde ihm in
die Augen schauen«, sagte Paul. »Ich wette, er ist nicht Manns ge-
nug, dann noch auf mich zu schießen.«
Wir bewunderten Pauls Nerven. Wir dachten schon, der Punkt
ginge an ihn, als zischsch! »Breitkreuz« den Pfeil losschnellen ließ.
Wenige Zentimeter neben Pauls Ohr sauste er vorbei. Die Yu-
quis, ein Volk von Jägern, sind zu geübt, um auf solche Entfernung
das Ziel zu verfehlen; es war Absicht gewesen, wie um anzuzei-
gen: »Dies war eine Warnung. Mach mir keine Schwierigkeiten,
oder der nächste trifft.«
Wir fuhren mit unserem Protest fort, aber für heute hatten
wir genug Aufregung gehabt. »Lass uns abhauen, so schnell wir
können«, sagte ich zu Les. Als mein Blick jedoch auf eine nahe
gelegene Lichtung fiel, kam mir eine andere Idee. »He, Les! Ver-
suchen wir doch, etwas Mais anzupflanzen, um ihnen zu zeigen,
wie man auf diese Weise Lebensmittel gewinnt.«
»Ich möchte genauso schnell weg hier wie du«, sagte er, »aber
du hast recht. Nicht so schnell aufgeben. Die Idee mit dem Mais ist
gut – wir versuchen es.«
So gut ich konnte, erklärte ich den Yuquis, dass ich Mais in
die Erde legen wollte. Mit der Hand zeigte ich ihnen, wie hoch
die Pflanzen in einem Monat sein würden, dann in zwei, drei;
und nach vier Monaten würden sie eine Menge Mais zu essen
haben. »Knallhart« kam mit mir, und »Breitkreuz« folgte Les.
Wir stachen mit Stöcken Löcher in die Erde, legten immer zwei
Maiskörner hinein und füllten die Löcher wieder mit Erde auf.

211
»Knallhart« stand neben mir und sah zu, bis er verstanden hatte,
worum es ging. Dann wartete er immer, um die Körner einzu-
legen, während ich die Löcher stach. Aber »Breitkreuz« berei-
tete Les wie üblich Ärger. Nach jedem Eingraben der Maiskör-
ner wollte »Breitkreuz«, dass Les sie wieder ausgrub. Auf diese
Weise bekam Les kein einziges Maiskorn eingepflanzt. »Knall-
hart« und ich dagegen bepflanzten eine ziemliche Fläche.
Hungrig, wie sie immer waren, dachte ich, müssten die In-
dianer froh sein zu lernen, wie man anpflanzt, und sie würden uns
gernhaben, weil wir ihnen das zeigten. Oder waren wir für sie nur
Mittel zum Zweck, nach dessen Erfüllung sie uns umbringen wür-
den?
Mittlerweile hatte Paul einen Standort erreicht, von dem aus
er uns gut beim Pflanzen fotografieren konnte. Er wagte nicht,
die Kamera vors Auge zu heben, da die Indianer sie sonst für eine
Pistole halten konnten, und schoss die Fotos aus der Hüfte. Er kam
zum Ende der Filmrolle und zog sich zum Bachbett zurück, wie
um etwas zu trinken. Dort tauschte er die Filme aus und steckte
sich den vollen aus Sicherheitsgründen in die Socke. (Leider stellte
sich heraus, dass der Aufwand vergebens gewesen war, denn die
Kamera hatte aus falschem Blickwinkel fotografiert.)
Kurz danach luden uns die Indianer ein, mit ihnen unter ei-
nem Palmbaum am Feuer zu sitzen. Es war eine Freundschafts-
geste. Aber auch dies schien, wie bei den Yuquis üblich, noch ei-
nem zweiten Zweck zu dienen. Als wir dort saßen, empfanden wir
die Atmosphäre wie die Ruhe vor einem Sturm.
Nicht lange und eine der Yuquifrauen bedrängte einen der Ka-
meraden mit eindeutigen Wünschen. (Les hatte uns schon infor-
miert, dass dies nichts Ungewöhnliches war. Die Yuquis sind im
Gegensatz zu vielen anderen primitiven Stämmen sexuell sehr frei
und offen.) Wir wussten, dass es wichtig war, keine Abneigung
zu zeigen. Bei einer früheren Gelegenheit, bei der zwei Yuquis ei-
nen Missionar zwingen wollten, mit einer ihrer Frauen Verkehr zu
haben, hatte dieser seinen Ekel offen gezeigt. Der Häuptling war
sehr wütend geworden und hieb ihm hart unters Kinn, wodurch er
eine böse Platzwunde an der Zunge davontrug. Die einzige Mög-

212
lichkeit, solche Situationen zu entschärfen, bestand darin, ihre
Aufmerksamkeit anderweitig zu fesseln oder einfach wegzugehen,
als ob gerade ein anderer, wichtiger Gedanke aufgetaucht wäre.
Les sprang plötzlich auf die Füße, deutete mit dem Finger, hielt
eine Hand hinters Ohr und flüsterte: »Puerco! Puerco!« Wir folgten
seinem Beispiel und wiederholten das spanische Wort für Schwein,
zeigten vor uns und grunzten wie die Tiere, immer wieder vor uns
deutend. Die Indianer, ganz aufmerksam, vergaßen die Annähe-
rungsversuche der Frau.
Wenige Minuten später begannen »Knallhart« und »Breit-
kreuz« zu grunzen und den Weg hinunter zu deuten. Sie wollten,
dass wir ihnen folgten, denn sie wollten uns zeigen, wie sie jagten.
Müde stolperten wir hinter ihnen her. Einige andere begannen
uns von hinten anzuschubsen. Uns gefiel die Aussicht überhaupt
nicht, hinter diesen beiden unberechenbaren Zeitgenossen in den
Dschungel zu gehen. Ich blieb einen Augenblick stehen und sagte
dem Häuptling in Zeichensprache, dass die Sonne schon tief stand
und wir nun gehen müssten.
Leider schien mein Plan nicht zu dem zu passen, was »Knall-
hart« mit uns vorhatte. Er kam auf mich zu und legte eine Hand
an meinen Hinterkopf. Ich konnte kaum glauben, dass dies der-
selbe Mann war, mit dem ich eben noch friedlich Mais gepflanzt
hatte. Jetzt rammte er mir den Daumen und die übrigen Finger
in den Hals neben meinen Kehlkopf und drückte, bis ich fast er-
stickte. Ich musste an den Judogriff denken, den ich bei der
Marine gelernt hatte, um solchen Griff zu beenden, beherrschte
mich aber, weil ich befürchtete, ihn zu reizen und damit uns alle in
Lebensgefahr zu bringen.
Mir schien der Kopf zu zerspringen, und mein Herz hämmerte.
Langsam wurde mir schwarz vor Augen. »Herr, ich befehle mei-
nen Geist in deine Hände.«
In dem Augenblick ließ »Knallhart« los. Ich rang nach Luft, und
langsam kehrten meine Sinne zurück. Ich verstand, dass er dies ge-
tan hatte, um seine Überlegenheit zu zeigen. Ich widersprach ihm
nicht! Ich konnte kaum schlucken, so sehr schmerzte meine Kehle.
Den anderen Missionaren war dasselbe widerfahren wie mir. Die

213
Indianer stießen uns weiter. All die anderen, auch der Häuptling,
folgten uns.
»Ich wüsste gern, was sie vorhaben«, sagte ich. »Sieht nicht so
gut aus.«
Les antwortete: »Es ist das erste Mal, dass sie uns so angegrif-
fen haben.«
Mir kam der Gedanke, mich loszureißen und wegzulaufen,
aber genau das hätte sie vielleicht zum Töten animiert; wahr-
scheinlich würden sie denken, ich wollte eine Pistole holen. Wir
konnten nichts tun, als unser Schicksal in ihre Hände zu legen und
in die unseres Herrn.
Als wir an der Stelle ankamen, an der wir uns zum ersten Mal
getroffen hatten, sagte Les in Zeichensprache, dass wir wieder
Geschenke mitbringen würden. Dann, in der Annahme, sie seien
guter Stimmung, deutete er an, dass wir aufbrechen müssten. Wie-
der schlossen sich die Finger um unsere Kehlen. Nicht so fest wie
beim ersten Mal, aber nicht weniger überzeugend.
Aber einige Minuten später gab der Häuptling plötzlich be-
kannt, dass wir gehen könnten. Welche Erleichterung!
Wir wandten uns dem Heimweg zu. Normalerweise begleiteten
uns die Yuquis einige hundert Meter und verschwanden dann im
Dschungel, wenn wir ihnen versichert hatten, dass wir wieder-
kämen. Aber diesmal waren sie nach einem Kilometer oder mehr
immer noch hinter uns. Wir überlegten, was das bedeuten konnte.
Wir sollten es bald herausfinden: Pfeile pfiffen über unsere
Köpfe. Entsetzt drehten wir uns um. Die Yuquis lachten; sie hat-
ten Spaß auf unsere Kosten und probierten, wie nahe sie schießen
konnten, ohne uns zu treffen.
»Diese Kerle haben wirklich einen tödlichen Sinn für Humor«,
sagte ich finster.
Wenn sie alle Pfeile verschossen hatten, liefen sie voraus, um sie
wieder einzusammeln. Dann fielen sie wieder zurück und schos-
sen erneut. Ich bekam jedes Mal eine Gänsehaut, wenn die Pfeile
vorbeizischten. Bei mir dachte ich: »Ich hoffe, diese Kerle sind
genauso zielsicher beim Vorbeischießen, wie sie es bei ihren Tref-
fern sind.« Ich konnte jetzt nachempfinden, wie Wilhelm Tells

214
Sohn sich wohl gefühlt haben musste, als er seinen Vater den Bo-
gen spannen sah. Ein Indianer verlor einen Pfeil im Gebüsch. Ob-
wohl wir innerlich immer noch zitterten, halfen wir ihm beim
Suchen, bis wir ihn gefunden hatten. Genauso wie beim Würgen
dachten wir, es wäre besser, auf ihre Spielchen einzugehen –
oder zu riskieren, dass sie uns das nächste Mal töteten.
Wir gingen weiter, und sie blieben uns auf den Fersen – jedoch
ohne weitere Schießübungen. Aber einige Minuten später traten
sie auf uns zu und hielten uns an. In Zeichensprache sagten sie
uns, dass sie uns vor vielen Monaten, lange bevor wir freund-
schaftlichen Kontakt zu ihnen hatten, auf diesem Pfad beobachtet
und an genau diesem Punkt die feste Absicht gehabt hatten, uns zu
töten. Sie hatten jedoch vergeblich mit gespannten Bogen dort ge-
wartet, bis wir schließlich außer Reichweite waren.
»Der Herr hat an jenem Tag seine Schutzengel Überstunden für
uns machen lassen«, sagte ich.
»Ich wüsste gern, wie oft sie noch nahe daran waren, uns um-
zubringen«, sinnierte Les.
Wir gingen weiter. Ein Stück den Weg hinauf zeigten sie uns die
Stelle, an der bolivianische Farmer vorbeigegangen waren. Sie hat-
ten einen von ihnen erschossen. Mit Gebärden zeigten sie das Ab-
feuern eines Pfeiles und dann eines zweiten. Ein Indianer ahmte
den getroffenen Bolivianer nach, wie er schrie, als er fiel; andere
imitierten die bolivianischen Pistolen, bumm-bumm, die sie dann
vertrieben hatten.
Schließlich blieben sie stehen. Sie waren mehr als fünf Kilo-
meter mit uns gegangen. Dann geschah, was ich im Stillen be-
fürchtet hatte. Die Frauen begannen noch einmal zu weinen und
zu heulen. Jetzt wurde ganz deutlich, wie sie um die Rückkehr
ihrer Kinder flehten, die immer noch in bolivianischem Gewahr-
sam waren. Als wir ihnen nicht die Versicherung gaben, dass wir
die Kinder zurückbringen würden, begannen sie wieder, uns zu
stoßen und zu schubsen, was unmissverständlich deutlich machen
sollte, dass wir die Kinder besser zurückbrächten – oder die Kon-
sequenzen zu tragen hätten. Die Männerstimmen wurden lauter
und aufgeregter; sie schlugen sich voll Zorn auf den Nacken, wäh-

215
rend sie sprachen. Wir versuchten klarzustellen, dass wir keine
Verbindung zu den Kindern hätten. (Es entsprach den Tatsachen,
dass wir den Aufenthaltsort von zweien nicht ermitteln konnten.)
Sie drohten mit der gleichen Rache, die die Farmer hatten tragen
müssen, wenn wir ihre Forderung nicht erfüllen würden. Die In-
dianer taten uns leid, aber es gab nichts, was wir hätten tun kön-
nen. Der Häuptling merkte, dass er mit dieser Taktik nicht weiter-
kam, und änderte seine Vorgehensweise. Sanft fragte er, ob wir
nächstes Mal wieder etwas Zucker mitbringen könnten.
Nachdem wir uns von ihnen verabschiedet hatten, wurde die
Unterhaltung sehr einsilbig – wir fühlten uns alle ausgebrannt.
Außerdem taten uns unsere Kehlen weh.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir den Fluss. Das
Röhren des Außenborders, den Les anwarf, war ein sehr tröstlicher
Lärm. Ich war glücklich, am Leben zu sein und wieder in die Arme
der Zivilisation zurückkehren zu können. Später am Abend, als
wir in Fosters Haus zur Besprechung versammelt waren, stimmten
wir alle überein, dass weitere Treffen erst in ein paar Tagen statt-
finden sollten. Neben anderen Gründen brauchten unsere Nerven
und unsere Kehlköpfe dringend eine Pause. Außerdem, dachten
wir, würden die Yuquis dadurch vielleicht merken, dass wir ihre
Angriffe und schlechte Behandlung missbilligten. Wenn sie unsere
Geschenke wollten, mussten sie lernen, uns besser zu behandeln.
Vor dem nächsten Treffen bekam ich einen Brief von Edith.
Sie schrieb, dass die Kinder zwei Wochen Ferien hätten und nach
Hause kommen würden. Les und Lois fuhren zusammen mit mir
nach Cochabamba, um ihre Kinder zu sehen. Diesmal fuhren wir
auf einem Bananentransporter mit – zwei Tage und zwei Nächte
Serpentinenstraße. Als wir am Nachmittag ankamen, wurde Les
zum Telefon gerufen. Die Funkstation bat ihn, sofort zu kommen,
es gab dringende Nachricht aus Todos Santos. Als Les zurückkam,
berichtete er: »Das war Bob Wilhelmson. Die Yuquis haben einen
bolivianischen Jungen entführt. Die Farmer sind außer sich. Er
denkt, es wäre besser, wenn wir sofort zurückkommen würden.«

216
Ausweglos zwischen den Parteien

»CPL7F, CPL7F, bist du da,


Les? Hier CPM6A. Over.« Ich
versuchte, Les Foster in Todos
Santos zu erreichen; die täg-
liche Funkverbindung, die
wir in Cochabamba zu all
unseren Außenstellen unter-
hielten.
Das Funkgerät knackte und
knatterte. Ich versuchte es wieder.
»Hier CPL7F. Kannst du mich
hören, Bruce? Over.«
»Ich empfange dich gut, Les. Over.«
»Ich bin froh, dich mal wieder zu spre-
chen«, sagte Les. »Betet bitte für uns. Ich
habe gerade gehört, dass die Farmer einen An-
griff auf La Jota planen. Sie wollen vergifteten
Zucker an der Stelle deponieren, an der wir
immer unsere Geschenke hinlegen. Over.«
Ich schnappte nach Luft. »Das ist ja furchtbar!«, rief ich. Gibt es
nichts, womit man sie aufhalten könnte? Over.«
»Das ist noch nicht einmal das Schlimmste«, fuhr Les fort. »Die
Farmer haben uns verantwortlich gemacht, ihren entführten Jun-
gen zurückzubekommen. Sie geben uns einen Monat Zeit. Wenn
wir bis dahin nichts erreichen, werden sie in den Dschungel gehen
und alle Yuquis ermorden. Sogar wenn das den Jungen das Leben
kostet. Hast du mich verstanden? Over.«
Mit schweißnassen Händen griff ich nach dem Mikrofon. »Seid
sehr, sehr vorsichtig, Les. Überlegt zweimal, ehe ihr einen weiteren
Kontakt vereinbart. Over.«
»Genauso schätzen wir die Lage ein, Bruce. Aber wir müs-
sen jeden Abend nach La Jota gehen, um sicherzustellen, dass die

217
Farmer den vergifteten Zucker noch nicht dort hingestellt haben.
Over.«
»Ich werde noch einmal nach La Paz reisen und versuchen,
dass die Farmer doch finanzielle Unterstützung von der Regie-
rung bekommen. Aber ich werde bald zurück sein. Wenn du Hilfe
brauchst, musst du nur rufen. Wenn das für heute alles war, sage
ich: Over and out.«
Ich wandte mich aufgewühlt vom Funkgerät ab. Mir taten die
Farmer in ihrer Armut und all den täglichen Gefahren leid. Ich
konnte ihre Entschlossenheit, sich zu verteidigen, verstehen. Mir
taten auch die Yuquis leid: Der Verlust eines Kindes würde je-
dem menschlichen Wesen das Herz brechen. Zur selben Zeit aber
spürte ich eine neuerliche Bitterkeit gegenüber den Farmern und
ihrem Versuch, die Yuquis zu vergiften. Gegenüber den Yuquis er-
wachten aufgrund ihres gemeinen und heimtückischen Verhal-
tens alte Vorbehalte wieder zum Leben. Aber ich wusste, dass ich
mich von solchen Gefühlen lösen musste, ehe ich nachdenken und
einen klaren Plan fassen konnte. »Herr«, betete ich, »schenk mir
neue Liebe für beide Parteien. Diese Bitterkeit und der Groll müs-
sen verschwinden, denn sie werden mich auf einen Weg führen,
der dich nicht ehrt.«
Vor Kurzem, als die Indianer wochenlang nicht aufgetaucht
waren, hatte Les beschlossen, einige unverrückbare Dinge zu in-
stallieren. Zuerst hatte er nahe bei La Jota eine Start- und Lande-
bahn gebaut, nahe der Stelle, an der die ersten Kontakte statt-
gefunden hatten. Auf einer Seite der Rollbahn hatte er ein gut be-
festigtes Haus errichtet, in dem wir im Falle eines Angriffs ge-
schützt sein würden. Ein Funkgerät und ein Stromgenerator waren
dort aufgebaut, um den Kontakt zur Außenwelt jederzeit sicher-
zustellen. Als die Yuquis wiederkamen, war Les mit seiner kleinen
Festung fertig.
Nun erfreute ich mich in Cochabamba an einem schönen, ru-
higen Sonntagnachmittag im Missionshaus. Es war im Dezember
1959. Ausnahmsweise war es ruhig im Garten. Die Kinder hielten
entweder ihren Mittagsschlaf oder waren mit ihren Müttern auf ei-
nem Spaziergang.

218
Immer wieder musste ich an meine Freunde dort draußen tief
im Dschungel neben der schmalen Rollbahn denken. Um halb fünf
versuchte ich, den Funkkontakt zu Les herzustellen.
Ich hatte ihn sofort am Draht, und ohne Erklärung sprach er
gleich drauflos: »Bruce, kannst du bitte schnell hierherkommen
und uns helfen? Over.« Das Zittern in seiner Stimme zeigte mir,
dass die Lage ernst war.
»Ich will sehen, was ich tun kann«, sagte ich. »Kannst du mir
sagen, was los ist? Over.«
»Ein Haufen Yuquis sind gerade abgezogen. Ich bin sehr dank-
bar, dass wir dieses Funkgerät haben. Ich wüsste nicht, wie ich
sonst irgendeine Nachricht … Mann, diesmal waren sie wirklich
brutal. Sie haben uns ganz schön fertiggemacht. Ich weiß gar nicht,
was in sie …«
Les konnte ein paar Minuten lang nicht sprechen. Ihm war die
Kehle zugeschnürt. Ich hatte ihn nie weinen sehen, aber jetzt am
Funkgerät hörte ich es.
Dann sprach er wieder. »Ich möchte nicht alles abbrechen, au-
ßer es scheint wirklich völlig hoffnungslos. Kannst du kommen,
Bruce, und noch einen anderen Mann mitbringen? Over.«
»In fünf Minuten sag ich’s dir, Les«, antwortete ich.
Ein anderer Missionar setzte sich nun an das Funkgerät, und
ich ging nach draußen, um die Sache zu überdenken. Im Augen-
blick war es für mich zeitlich sehr schwierig, ihm auszuhelfen. Ich
sollte in wenigen Tagen abreisen, um bei der Wiedereröffnung der
Missionsschule in Tambo mitzuhelfen, die sieben Stunden Bus-
fahrt von Cochabamba entfernt in den Bergen lag. Sie zählten auf
mich, um Verwaltungsarbeiten zu erledigen, zu koordinieren und
ein bisschen zu unterrichten. Es gab noch eine Menge Arbeit, bis
die Schule in einigen Wochen beginnen konnte.
Ich wägte ab. Les’ Problem war eine Sache auf Leben und Tod.
Keine Schulangelegenheit konnte schwerwiegender sein. Ich be-
schloss, nach Todos Santos zu fahren. Aber ich würde versuchen,
nicht länger als höchstens zwei Wochen fortzubleiben.
Ich ging wieder hinein und setzte mich ans Funkgerät. »Hier
CPM6A. Les«, rief ich. »Morgen fliegt eine Maschine nach Todos

219
Santos. Ich werde versuchen, einen Platz zu bekommen. Ich werde
außerdem versuchen, noch ein oder zwei Kameraden zu finden.
Ich werde mit dem Fußmarsch warten, bis es dunkel ist, also er-
warte mich irgendwo am Rande des Weges. Over.« (Ich wollte mit
ein oder zwei neuen Männern nicht bei Tageslicht auf die Strecke
gehen. Das konnte sehr gefährlich sein.) Les war überglücklich, als
er hörte, dass ich kommen würde.
Alle Räume des Missionshauses grenzten an einen Innenhof.
Ich ging zu dem Zimmer, das von Chuck Johnson und seiner Fami-
lie bewohnt wurde, und klopfte. Chucks breites Kreuz füllte den
Türrahmen. Er hatte die Schultern eines Ringers und Hände wie
Bratpfannen. »Das ist mein Mann«, dachte ich bei mir.
Chuck war Kanadier und hatte als Krankenpfleger in einer psy-
chiatrischen Klinik gearbeitet. Er hatte mir oft geschildert, wie er
aufsässige Patienten durch anhaltenden, strengen Blick unter Kon-
trolle brachte – oder, wenn das nichts nützte, sie physisch über-
wältigte. Er war eine menschliche Energiestation. Nachdem er sich
der Mission verschrieben hatte, schaffte er es, den ganzen Tag hart
zu arbeiten, am Abend stundenlang zu einem kleinen Bibelkreis
zu fahren und am nächsten Tag wieder pünktlich zur Arbeit zu er-
scheinen. Er hatte ein hartes Trainingslager in den Bergen von Bri-
tish Columbia absolviert.
»Was gibt es, Freund?«, fragte er.
»Ich habe gerade über Funk mit Les Foster gesprochen.«
»So? Komm herein und trink eine Tasse Kaffee.«
»Danke, Chuck. Aber zum Kaffetrinken ist jetzt keine Zeit. Er
ist in großen Schwierigkeiten. Er bat mich, hinunterzukommen
und ein oder zwei Kameraden mitzubringen. Ich dachte, ob –«
»Das ist etwas für mich!«, unterbrach mich Chuck. »Wann fah-
ren wir los?«
Durch die geöffnete Tür konnte ich einen Blick auf ein fried-
volles Familienleben erhaschen. Chucks Frau und seine vier Kin-
der saßen um einen Tisch versammelt und hörten sich gegenseitig
Spanischvokabeln ab. Ich hatte Bedenken.
»Chuck«, sagte ich leise, um nicht von der Familie gehört zu
werden. »Du musst genau wissen, worauf du dich einlässt. Les hat

220
Kontakte zu den Yuquis. Sie sind böse, knallhart und unberechen-
bar. Man hat gute Chancen, gewürgt oder von Pfeilen gelöchert zu
werden. Du hast sogar eine gute Chance, getötet zu werden. Kei-
ner kann dich zwingen zu gehen, weißt du?«
Er lachte. »Aber bin ich nicht dafür hierhergekommen? Die
letzten neun Monate habe ich meine Nase nicht aus dem Spanisch-
buch herausbekommen. Und die Indianer, die wir erreichen wol-
len, sprechen noch nicht einmal Spanisch. Ich brenne darauf, etwas
zu tun! Meinst du, ich lasse eine Gelegenheit wie diese vorüberge-
hen? Komm, sag mir, was ich mitnehmen muss.«
Wir besprachen, wer sonst noch für die Fahrt infrage kommen
könnte. Chuck schlug Hudson Birkett vor, und wir gingen zu sei-
nem Zimmer. Hudson war Brite. Er war ebenso wie Chuck Kran-
kenpfleger gewesen. Aber für diese Aufgabe schien er nicht pas-
send. Schmal, zart und mit leiser Stimme, sah Hudson eher wie
ein Schuljunge aus. Ich hatte Vorbehalte ihm gegenüber, weil er
mit seiner Frau Joan direkt von Manchester aus hierhergekom-
men war, ohne vorher ein Trainingslager absolviert zu haben. Aber
seine Begeisterung stand der von Chuck in nichts nach.
»Ich würde schrecklich gern gehen, wenn du nichts dagegen
hast«, sagte er mit ruhigem Lächeln. Als ich ihm genau wie
Chuck erzählte, was ihn erwartete, beeindruckte ihn das nicht
im Mindesten. »Ich werde anfangen, meine Sachen zusammen-
zusuchen.«
Wir drei erstellten unsere Listen, was an Notwendigem mitzu-
nehmen war.
Am nächsten Morgen waren wir in aller Frühe am Flughafen.
Zwischen all den gut gekleideten Passagieren, die auf dem Weg
nach La Paz waren, müssen wir uns wie Militärs ausgenommen
haben mit unseren Rucksäcken, schweren Schuhen und den sorg-
fältig gebügelten Dschungelanzügen und Hemden. Chuck und
Hudson waren ganz kribbelig vor Aufregung.
Als die zweimotorige Maschine am Ende der Startbahn abhob,
überlegte ich, ob ich wohl Cochabamba wiedersehen würde, ob
ich Edith wieder so wie jetzt beim Abschied küssen würde. Sie
war wie immer ganz ruhig gewesen, weil sie Vertrauen hatte, dass

221
der Herr mich beschützen würde, wie er es bei anderen Gelegen-
heiten getan hatte.
Lois Foster war am Flughafen in Todos Santos, um uns zu emp-
fangen. Sie sah sehr besorgt aus. Im Haus der Fosters bereitete sie
das Abendessen, während wir mit einem Bolivianer verhandel-
ten, der uns mit dem Boot flussaufwärts fahren sollte. Für den Fall,
dass es Probleme mit dem Außenbordmotor geben sollte, brachen
wir kurz nach Mittag auf. Es gab keine Probleme, und so erreich-
ten wir das verlassene Farmhaus bei Einbruch der Dämmerung.
»Ruhen wir uns ein bisschen aus«, sagte ich. »Wir sollten bes-
ser hier warten, bis es dunkel ist, damit wir auf dem Weg nicht den
Indianern in die Arme laufen.« Chuck war allerdings so aufgeregt,
dass er nicht still sitzen konnte und immer hin und her lief.
Das Farmhaus war überwuchert mit Pflanzen. Die Bewohner
waren vor langer Zeit geflohen. Die Luft war schwer, dicke Wolken
zogen von Westen heran, und die Sonne verschwand. Es wurde
dunkel.
»In Ordnung, Männer«, sagte ich, stand auf und hob meinen
Rucksack auf die Schultern. »Ich denke, jetzt ist es dunkel genug.
Die Indianer werden nicht mehr unterwegs sein. Würde mich
nicht wundern, wenn wir noch richtig nass werden, ehe wir an-
kommen.« Hudson und Chuck kramten ihre Taschenlampen her-
aus und halfen sich gegenseitig beim Aufsetzen der Rucksäcke.
Unter dem Dach der Dschungelbäume war es stockfinster. Wie
üblich war der Pfad matschig. Es war schwierig, auf dem schlüpf-
rigen, moosbewachsenen Untergrund die Balance zu halten. Die
schweren Wolken schienen uns mit Macht niederzudrücken.
In La Jota wartete Les auf uns. »Dem Herrn sei Dank, dass ihr
hier seid!«, sagte er. Wir umarmten einander. Er sprach weiter: »Ich
dachte mir schon, dass ihr ungefähr um zehn Uhr hier sein wür-
det, aber ich kam für alle Fälle schon früher.«
Eine weitere Stunde kämpften wir uns durch den glitschigen,
kalten Lehm. Nieselregen fiel. Unsere Taschenlampen durch-
brachen kaum die Finsternis. Als wir am Lager ankamen, nahmen
wir zunächst ein kaltes Bad im Bach und erfreuten uns danach am
Gefühl der sauberen und trockenen Kleidung. Ein Feuer brannte

222
unter dem palmgedeckten Dach der Hütte neben dem Rollfeld.
Dick und Harold legten noch Holz nach. Les zeigte auf die kleine
Festung ungefähr fünfundzwanzig Meter entfernt – kaum sichtbar
im Dunkeln – und erzählte, was geschehen war.
»Gestern tauchten die Yuquis am anderen Flussufer auf. Sie
hatten den entführten bolivianischen Jungen bei sich.«
»Zum ersten Mal sahen wir, dass er noch am Leben ist«, sagte
Dick. »Er schien in guter Verfassung zu sein.«
»Wir versuchten sie dazu zu bewegen, den Jungen herüberzu-
bringen«, fuhr Les fort, »aber sie wollten nicht.«
Ich sah ins Feuer und dachte nach. »Wie haben sie sich denn
verhalten?«, fragte ich.
»Ich würde sagen, ziemlich gemein«, antwortete Les finster.
»Ich frage mich«, sagte ich halb zu mir selbst, »ob sie beginnen,
die Hoffnung aufzugeben, dass wir ihnen helfen könnten, ihre
eigenen Kinder zurückzubekommen.«
»Kann sein.«
»Wenn das der Fall ist, sind sie wahrscheinlich zu dem Schluss
gekommen, dass sie uns genauso gut loswerden können. Wir hal-
ten das am besten ganz oben im Gedächtnis, ehe wir neue Kon-
takte knüpfen.«
Wir unterhielten uns noch etwa eine Stunde lang. Der Regen
schüttete vom Himmel. Blitze erhellten den uns umgebenden
Dschungel; der Donner rumpelte gleich hinterher. Ungefähr um
Mitternacht hängten wir unsere Hängematten unter dem Palm-
dach auf und krochen hinein.
Der folgende Morgen war grau und nass. Das, so wussten wir,
würde die Yuquis davon abhalten zu kommen. Les nahm uns mit
hinüber zur Festung. Mein erster Eindruck war beruhigend. Es er-
innerte mich ein wenig an eine alte Benzinstation früher bei uns zu
Hause, bei der das Dach weit über die Pumpen reichte. Das kleine
Gebäude war standfest und sehr solide gebaut. Zwei Reihen flach
gehämmerter Benzinkanister waren an die Außenwände genagelt
und wirkten wie eine grobe Stahlmauer, etwa zwei Meter hoch.
Unter dem Dach war ein kleiner Spalt, der das Licht ins Innere
fallen ließ.

223
Der erste Stock war in der Mitte hoch genug, dass man
stehen konnte, an den Seiten senkten sich die Dachbalken. Das
Dach war von außen mit Aluminium verkleidet für den Fall,
dass die Yuquis mit brennenden Pfeilen schossen, um uns auszu-
räuchern.
Les hatte ein großes Kombinationsschloss an die Eingangstür
gehängt. »Ich möchte, dass ihr alle die Kombination lernt, bis ihr
sie auswendig könnt«, sagte er. »Das ist notwendig, damit wir alle
im Falle eines Überraschungsangriffs so schnell wie möglich hier
hereinkommen können.« Wir verbrachten den Rest des Vormittags
mit dieser Übung.
Am zweiten Tag war in aller Frühe ein lang gezogener, kla-
gender Pfeifton vom anderen Flussufer zu hören. »Nehmt schnell
die Wäschestücke von der Leine und schließt sie im Haus ein!«,
schrie Les. »Die Yuquis werden jeden Moment hier sein.«
Er ging hinüber zu dem dicken Baumstamm, der hinter der
Festung über dem Bach lag. Langsam bewegte er sich auf das
Ufer zu. Mit erhobenen Händen antwortete er auf den Pfiff. Kein
Yuqui tauchte auf. Er winkte mit den Armen und zeigte an, sie
sollten herüberkommen. Zwei oder drei ließen sich jetzt sehen,
danach noch andere. Sie zögerten immer noch. Les hob einige
Zuckerdosen hoch, die er dabeihatte. Einige von uns waren immer
noch in der Festung.
»Ihr kommt besser alle heraus, damit sie euch sehen können!«,
rief Les. Wir traten heraus. Immer mehr Köpfe tauchten hinter den
Bäumen auf, um uns zu begutachten. Vorsichtig balancierten sie
über den Stamm. Wir konnten beobachten, wie sich ihre Köpfe
nach allen Richtungen wandten, die schwarzen Augen immer auf
der Hut vor Überraschungen.
»Die beiden, die gerade herüberkommen, nennen wir ›Breit-
kreuz‹ und ›Knallhart‹«, erklärte ich Hudson.
Er staunte mit offenem Mund. »Ich würde meinen, treffender
hättet ihr es nicht ausdrücken können«, sagte er sanft. »Ich habe in
meinem ganzen Leben keine solch grässlichen Wesen gesehen.«
Nachdem alle den Fluss überquert hatten, marschierten sie wei-
ter auf die Lichtung neben dem Rollfeld zu, um uns zu treffen. Les

224
zählte sie. »Offensichtlich haben die Farmer den Zucker doch nicht
hingestellt«, sagte er, »es fehlt kein Indianer.«
Das dämpfte unsere Nervosität ein wenig. Während der ersten
Stunde waren unsere Besucher in guter Stimmung. Sie versuchten
mehrmals, unsere Augenbrauen und Wimpern herauszuziehen,
aber als Les beim Häuptling protestierte, ließen sie davon ab. Viel-
leicht hatten sie nur gehofft, sie könnten so unser Aussehen mehr
dem ihren angleichen.
»Ich bin froh, dass ich meine Brust rasiert habe«, grinste
Chuck.
»Ich hatte mir alles schlimmer vorgestellt«, sagte Hudson.
Dann wurde ich auf »Hexys« seltsames Gebaren aufmerksam.
Er schien sich wütend mit einer unsichtbaren Person zu unterhal-
ten. Ab und zu hielt er inne und hieb sich selbst fest in den Na-
cken. Nachdem »Hexy« seine Anweisungen aus der Geisterwelt
empfangen hatte, drehte er sich um und sagte etwas zu den an-
deren. »Breitkreuz« und »Knallhart« gingen hinüber zu Chuck
und Hudson und begannen ohne Vorwarnung oder erkennbaren
Grund die beiden zu würgen. Es war kein schöner Anblick. Die
Indianer drückten fester zu, und ich konnte sehen, wie ihnen die
Adern auf der Stirn anschwollen. Wir anderen protestierten laut-
stark. Aber das schien den Ärger der Yuquis nur anzuheizen.
Schließlich schlug sich der Häuptling selbst auf den Nacken und
sprach zu den Indianern. »Breitkreuz« und »Knallhart« lockerten
ihren Griff.
»Ihr beiden seid eben offiziell in den Club der Gewürgten auf-
genommen worden«, sagte ich.
»Ich wollte gar nicht unbedingt Mitglied werden«, bemerkte
Hudson und rieb sich den Nacken. Danach nahm das Treffen wie-
der eine erfreulichere Form an. Wir hatten uns oft gefragt, warum
die Yuquis an manchen Tagen um so vieles agressiver waren als an
anderen. Vielleicht lag der Grund darin, dass der Medizinmann
dann die Dämonen anrief, wie wir eben beobachtet hatten. Am
Nachmittag verließen sie uns wieder.
Nachdem das Abendessen vorüber war und jeder sein Geschirr
abgewaschen hatte, besprachen wir die Geschehnisse. Die Nacht

225
war sternenklar. Ein paar Moskitos summten herum. Wir machten
ein schönes Feuer aus dicken Ästen. Ich hatte einige neue Ideen im
Kopf, aber erst jetzt legte ich sie dar.
»Wisst ihr, Kameraden«, begann ich, »unsere Festung nützt
uns wenig, wenn wir alle draußen bei den Indianern sind. Sollten
sie urplötzlich auf den Gedanken kommen, uns umzubringen,
hätten wir nicht die Zeit, das Kombinationsschloss zu öffnen und
alle hineinzukommen. Sie würden uns innerhalb von einer Mi-
nute mit Pfeilen durchlöchern. Vielleicht sollte von jetzt an einer
von uns immer im Haus bleiben. Als letzte Rettung könnte der
Mann im Haus den Generator anwerfen, um sie zu verjagen.
Wenn es so aussieht, als wären sie kurz davor, einen von uns um-
zubringen, kann der Mann im Haus in die Luft schießen. Das wird
den anderen die Möglichkeit geben, in die Festung zu kommen,
bis sie uns mit dem Flugzeug hier herausholen können.«
Alle fanden die Idee gut und sinnvoll. Les warnte: »Wir müs-
sen hundertprozentig sicher sein, dass sie vorhaben zu töten, ehe
wir schießen, denn wenn wir das tun, bedeutet das das Ende un-
serer Arbeit hier.«
»Das ist absolut sicher«, stimmte Harold zu.
»Ich wäre sehr traurig, wenn dieser Kontakt ebenso enden
würde wie damals der Kontakt zum Stamm der Nhambiguaras«,
sagte ich.
»Ich verstehe nur nicht, warum wir so gar keinen Fortschritt ge-
macht haben. Wir haben doch alles versucht. Uns gehen jetzt nur
langsam die Ideen aus, wie wir sie immer wieder beruhigen und
trotzdem freundlich bleiben können. Der einzige Grund, den ich
mir vorstellen kann, ist der, dass sie immer noch wütend auf uns
sind, weil wir ihre Kinder noch nicht zurückgebracht haben.«
Alle hingen schweigend den eigenen Gedanken nach.
Am nächsten Morgen während des Frühstücks fröstelte ich ein
wenig. Auch war mir schwindelig. Ich sagte den anderen, dass ich
wohl eine Grippe bekäme.
»Das nimmt uns die Entscheidung ab«, sagte Les. »Du bist ein-
stimmig gewählt, heute in der Festung zu bleiben. Du hast mir
selbst erzählt, wie lebensbedrohlich die Grippe für diese primi-

226
tiven Stämme sein kann, und es wäre den Yuquis gegenüber alles
andere als fair. Außerdem hättest du dann deine lang ersehnte
Chance, in Ruhe zu fotografieren.«
Ich konnte nur zustimmen. Nachdem ich aufgegessen hatte,
stieg ich die Leiter zum zweiten Stock hinauf. Ich nagelte gegen die
Rückwand ein Stück Stoff – die Wand, die vom Bach her einzusehen
war –, damit die Indianer mich durch die Ritzen nicht entdecken
konnten. Dann legte ich einen Film in die Kamera. Harold und
Dick waren auf der Rollbahn und schnitten Pflanzen zurück; die
anderen lasen. Es war ein schöner Morgen; die Sonne hatte schon
den Tau getrocknet, der schwer von den Blättern getropft war.
Vom anderen Ufer her hörten wir das Pfeifen. Ich eilte nach
oben, um mich zu versichern, dass alle Ritzen zugedeckt waren.
Schon jetzt war es sehr drückend unter dem Aluminiumdach. Ich
steckte eine Patrone in das einläufige Gewehr und legte für alle
Fälle noch einige andere zurecht. Dann holte ich noch meine 22er
Pistole heraus. (Wir hatten die Erfahrung gemacht, dass die Ge-
wehre durch die Feuchtigkeit manchmal nicht funktionierten.)
Die Kameraden brachten schnell ihre Werkzeuge herein, denn
die Indianer würden sich selbst bedienen, wenn wir sie draußen
stehen ließen. Geräusche vom Uhrenabnehmen und Taschenaus-
leeren waren zu hören, während Les nach draußen ging, um den
Pfiff zu beantworten. Ich legte mich auf dem Boden auf den Bauch.
In Ordnung, dachte ich, wenn ich nur nicht niesen oder husten
muss. Ich wollte nicht, dass die Yuquis bemerkten, dass ich hier
im Haus war.
Les und die anderen bezogen Position an der Rückseite der Fes-
tung, wo die Indianer sie sehen konnten. Sie waren gut in Reich-
weite meiner Kamera. Les ging hinüber zum Bach, stellte sich auf
den Baumstamm und pfiff weiter, während er den Indianern an-
zeigte, sie sollten herüberkommen. Niemand erschien. Les winkte
wieder. »Irgendetwas stimmt nicht«, sagte Les. »Sie haben aus
irgendwelchen Gründen Angst.«
»Dies ist das erste Mal, dass sie so lange zögern«, fügte Bob
hinzu.
Im Haus begann ich nervös zu werden. Die Yuquis blieben im

227
Pulk stehen und beobachteten uns etwa fünfzehn Minuten lang.
Dann steckte der Häuptling seinen Kopf durch die Blätter. Er plap-
perte, als ob er viele Fragen stellte.
»Hebt eure Hände hoch«, rief Les. »Der Häuptling möchte viel-
leicht wissen, ob wir bewaffnet sind.« Alle Arme bewegten sich
nach oben.
Der Häuptling wartete noch und sah sich um.
Nach vielen Überredungsversuchen kam er zögernd heraus.
Auf dem Baumstamm blieb er stehen und fixierte die Festung. Er
trug Pfeil und Bogen, aber seine Arme waren vor der Brust ge-
kreuzt. (Wir hatten über Zeichensprache gelernt, dass dies bedeu-
tete, dass er sich fürchtete. Er schützte seine Brust vor Pfeilen oder
Kugeln.) Wie kam er plötzlich auf die Idee, wir würden auf ihn
schießen wollen?
»Breitkreuz« und »Knallhart« folgten ihm langsam, auch mit
gekreuzten Armen. Dann kam »Hexy«, dann die anderen. Sie wa-
ren aufgeregter, als ich sie je zuvor erlebt hatte. Irgendetwas lief
absolut schief. Hatten sie vor, uns zu töten? Ich wollte die anderen
warnen, traute mich aber nicht, mein Versteck preiszugeben. Alle
trugen in der linken Hand einen zwei Meter langen Bogen und
einige Pfeile.
Mein Herz klopfte so laut, dass ich kaum die Kamera ruhig
halten konnte, während ich ein Foto nach dem anderen aufnahm.
Das Klicken des Auslösers dröhnte in meinen Ohren fünfmal so
laut, als es war. Ich verstand überhaupt nicht, wie sie diesen Lärm
überhören konnten. Die Spannung und die Hitze unter dem Alu-
miniumdach brachten mich zum Schwitzen. Ich wollte so gern
gute Fotos machen, dies war vielleicht die letzte Gelegenheit.
Die Yuquifrauen blieben immer noch im Versteck. Les zeigte
auf sie und fragte den Häuptling in Zeichensprache, warum sie
nicht herauskämen. Auch dies war seltsam, denn sie waren vor-
her immer mitgekommen. Wieder hob der Häuptling seine Arme
in gekreuzter Position. Er versuchte Les mitzuteilen, dass auch die
Frauen Angst hätten. Für mich war das Ganze ein sicherer Hinweis
darauf, dass die Yuquis nichts Gutes im Schilde führten. Es konnte
durchaus sein, dass sie ihre Frauen nicht dabeihaben wollten,

228
wenn sie das Signal zum Töten gaben. Vielleicht spürten sie in-
stinktiv, dass wir Schusswaffen versteckt hatten.
Der Häuptling bemerkte meine Abwesenheit. Er fragte Les, ob
ich flussaufwärts fischen würde. Les lenkte ihn von diesem Thema
ab.
Wie zuvor abgesprochen, blieben die Kameraden dicht bei-
einander in der Nähe der Festung. Ich überprüfte noch einmal, ob
alle Schusswaffen in Reichweite lagen. Ich fühlte mich besser, jetzt,
da meine Freunde so in der Nähe waren, dass ich ein Auge auf sie
haben konnte. In Sekundenschnelle konnten die Yuquis – es waren
jetzt ungefähr zehn oder zwölf – ihre Pfeile ziehen und schießen.
Ich musste schneller sein und in die Luft schießen, ehe sie ihre töd-
lichen Pfeile loslassen konnten. Ich fühlte die riesige Verantwor-
tung für fünf Leben schwer auf mir lasten. Ein Husten, ein Niesen
würde die Indianer aufschrecken – und wer konnte ahnen, was sie
dann tun würden?
Dann sah ich »Knallhart«, der direkt zu mir hinaufsah. Er
musste das Klicken des Auslösers gehört haben. Les erkannte den
Ernst der Lage und begann zu sprechen, um ihn abzulenken.
»Das war aber nahe dran, Bruce«, rief er mit ruhiger Stimme
und sah in die andere Richtung. (Natürlich wusste der Yuqui nicht,
dass er mit mir sprach.) »Mach am besten keine Fotos mehr, so-
lange es so ruhig ist.«
Die Wilden begannen zu fragen, was im Innern der Festung
verborgen sei. Sie dachten immer, wir hätten einen »großen Vo-
gel« (den Hubschrauber) in diesem Haus. Sie baten Les, die Tür
zu öffnen, damit sie hineinsehen konnten. Die flach gehämmerten
Kanister, die wir an die Wände genagelt hatten, waren hoch genug
angebracht, dass sie nicht darüberschauen konnten. Also nahm
ein Indianer einen anderen auf die Schultern, sodass er über der
Verkleidung durch die Ritzen spähen konnte. Harold und Les kit-
zelten sie, um sie abzulenken. Sie einfach wegzuziehen, hätte be-
deutet, einen Kampf anzufangen. Die Indianer fragten, ob »großer
Vogel« im Innern schlafen würde. Les antwortete in Zeichenspra-
che, dass »großer Vogel« im Augenblick sehr weit weg wäre, nach-
dem er gestern hier zu Besuch gewesen war. Er versuchte zu zei-

229
gen, dass wir einen Motor dort drin hatten, der genauso klang wie
der Hubschrauber. Einige Indianer begannen zu summen, um den
Motorenlärm zu imitieren.
Sie hatten keine Zweifel, hatten sie doch den Generator schon
viele Male gehört. Sie kamen oft aus dem Dschungel, wenn wir die
Funkkontakte beendeten und den Generator gerade abschalteten.
Ihre einzige Erklärung war, dass der Motor eine andere Art Vogel
war, der beim Fliegen solche Geräusche verursachte. Wir zeigten
an, dass sie nicht hineindürften, weil wir Angst hätten, sie könnten
ihn erschrecken.
»In Ordnung, Bruce«, sagte Les. »Mach deine Kamera fertig.
Ich werde jetzt zu ›Joven‹ hinübergehen, seinen Bogen zurückzie-
hen und für dich in die Luft schießen.« »Joven« spielte mit, und es
war ein perfektes Bild.
Jetzt erschien eine Frau und kam vorsichtig näher. Es war die
Frau des Häuptlings. Sie sah kräftig und wild genug aus, um jeder-
zeit auf sich selbst aufpassen zu können. Die anderen blieben halb
verborgen am anderen Ufer stehen.
»Hexy« stand ganz allein und unterhielt sich angeregt mit je-
mandem, der nicht zu sehen war. Die Übrigen standen dicht bei-
einander, unseren fünf Männern gegenüber. Der Häuptling begann
auszuführen, wie sie vor ein oder zwei Tagen einige Bolivianer ge-
tötet hatten. »Breitkreuz« und »Knallhart« spielten jede Einzel-
heit vor. Jedes Mal, wenn sie einen eingebildeten Pfeil abschos-
sen, zogen sie die Luft durch die Zähne ein, um ein zischendes Ge-
räusch zu produzieren. Dann folgte das Geräusch eines Pfeils, der
in Fleisch einschlug. Sie zeigten ihren Stolz auf ihre Fähigkeit, je-
manden mit Pfeilen zu beschießen, ehe er die Möglichkeit hatte,
sich mit der Pistole selbst zu verteidigen.
Ich sah, dass die Yuquis unsere Männer dazu bewegen wollten,
mit ihnen zum Bach hinunterzugehen. Die Männer zögerten. Sie
versuchten, die Indianer durch andere Dinge abzulenken. Aber die
Indianer wollten nicht nachgeben.
»Wir gehen besser mit«, sagte Les. »Sie möchten, dass wir ihnen
einige Fische angeln. Jedenfalls wollen wir sie nicht verärgern. Wir
sind so schnell wie möglich zurück, Bruce.«

230
Die Männer gingen langsam den schmalen Weg zum Bach
hinunter. Ihre Stimmen, die aus etwa fünfzig Metern Entfernung
durch den Dschungel zu mir drangen, klangen gedämpft. »Breit-
kreuz« und »Hexy« konnte ich immer noch sehen. Sie standen auf
halber Strecke zwischen den Männern und der Festung auf dem
Weg. Sie sahen immer wieder zur Festung und dann den Män-
nern hinterher. Schon der bloße Anblick von »Hexy« verursachte
mir eine Gänsehaut. Seine glasigen, völlig abwesend wirkenden
Augen zeigten, dass er vermutlich in Trance war. Als er mit einem
Unsichtbaren sprach und sich auf den Nacken schlug, überlegte
ich, wie viel er wohl an zersetzendem Einfluss auf den Häuptling
und die anderen hatte. Gab sein Kontakt zu den Geistern ihm mehr
Autorität, als der Häuptling sie hatte? Jetzt schlugen sich beide,
»Breitkreuz« und »Hexy«, auf ihren Nacken. Sie fuhren fort zu
tuscheln und sahen immer wieder in meine Richtung.
Sie planten irgendetwas. Ich fühlte jetzt die Adern in meiner
Stirn bei jedem Herzschlag klopfen. Sie wussten, dass wir ihre
Sprache nicht verstanden, und doch wollten sie seltsamerweise
nicht laut sprechen. Sie gingen plötzlich in meine Richtung. Mein
erster Gedanke war, dass sie versuchen würden, hier einzubre-
chen, während die anderen Indianer die fünf Männer unten am
Fluss festhielten. Die Zeit war knapp. Wenn sie Stücke vom Dach
oder von der Verkleidung wegrissen, um einzudringen, würden
sie mich entdecken und vielleicht töten. Todesangst stieg in mir
hoch. Ich hatte eine Minute oder höchstens zwei, um eine Ent-
scheidung zu treffen. Sollte ich schnell nach unten laufen und den
Motor anwerfen? Sollte ich?
Nein, dachte ich, das könnte die Yuquis in Panik versetzen, und
sie würden sofort mit dem Töten beginnen. Ich überprüfte noch
einmal genau den Zustand der Gewehre und Pistolen. Die beiden
Indianer waren jetzt fast neben mir. Ich zog den Hahn am Gewehr
zurück. Jetzt waren sie unter mir, ungefähr einen Meter entfernt.
Sie flüsterten. Oh, was würde ich dafür geben, wenn ich wüsste,
was sie gerade sagten! Vielleicht hatten sie Angst, den »großen
Vogel« zu wecken. »Breitkreuz« stieg auf einen Baumstamm, um
über die Blechwand sehen zu können. Er stocherte mit einem Pfeil

231
durch die Ritzen und versuchte, etwas von der Kleidung zu er-
wischen, die wir dort auf eine Leine gehängt hatten. Im Inneren
war es zu dunkel für ihn, um irgendetwas anderes zu sehen. Grip-
pekrank schwamm ich in Schweiß vom Fieber und von der Hitze
unter dem Dach. Plötzlich spürte ich, dass ich husten musste. Der
Schweiß lief mir in Strömen um die Ohren und tropfte von meinem
Kinn, als ich schluckte und schluckte, um den Husten zurückzu-
drängen. Der Schweiß juckte und ich wollte mich kratzen, aber ich
wagte nicht, mich zu bewegen.
Oh nein, dachte ich. »Breitkreuz« stieg »Hexy« auf die Schul-
tern, um ins Obergeschoss sehen zu können, genau dort, wo ich
lag. Sollte ich sie jetzt verjagen, indem ich schrie oder mit den
Händen über das Wellblech kratzte? Der schwarzbuschige Kopf
schob sich nach oben, nur etwa zehn Zentimeter von meinem
entfernt. Herz und Atmung schienen mir stillzustehen. Wie
wünschte ich, die anderen wären draußen, um diese beiden ab-
zulenken! Dann sah »Breitkreuz« die Kamera. Mit einer schnel-
len Bewegung stieß er mit dem Finger danach und warf sie um.
Sie fiel mit einem lauten Plumpsen. Jetzt musste ich irgendetwas
tun, denn das Nächste, was er tun würde, wäre, durch das Loch
zu spähen und mich zu entdecken. Sofort schoss mir ein Gedanke
durch den Kopf. Ich ließ ein langes, tiefes und lautes Knurren
hören. Sogar ich erschrak.
Ich weiß nicht, ob sie dachten, der »große Vogel« wäre dabei
aufzuwachen und würde bald ungemütlich werden oder was auch
immer. »Breitkreuz« sprang herunter, und die beiden rannten den
Weg entlang genau zu der Stelle, an der sie vorher gestanden hat-
ten, zwischen der Festung und den anderen. Sie sahen entsetzt
aus. Was für ein unheimliches Geschehen musste das für sie gewe-
sen sein. Mit einem Seufzen rückte ich mich in eine bequemere Po-
sition und hustete leise. Jetzt fühlte ich mich besser.
Dann richtete sich meine Aufmerksamkeit wieder ganz auf die
übrigen Männer. Was geschah gerade mit ihnen? Das Geplapper,
das durch die Bäume drang, hörte sich ganz normal an. Wenn ich
sie nur sehen könnte!
»BR-U-U-U-CE!« Das war ein verzweifelter Schrei von Les.

232
»Mach die Gewehre fertig!« Die Worte trafen mich wie ein Keulen-
schlag. »Oh nein, Herr«, dachte ich, »ist es jetzt schon so weit ge-
kommen?« Nervös griff ich nach dem Gewehr und überprüfte, ob
es richtig geladen war. Der Hahn war schon gespannt. Ich hockte
da, gespannt auf das nächste Wort. Schweiß tropfte mir von der
Nase. Ich wusste, dass Les gewöhnlich ruhig war und sehr vor-
sichtig mit Entscheidungen, die er später möglicherweise bereuen
konnte; daher wusste ich, als er schrie, dass die Lage wirklich sehr
ernst war. Eine schier unerträgliche Verantwortung lastete schwer
auf mir. Ich überlegte, ob die Kameraden wohl gewürgt wurden.
Wenn das der Fall war, würde ich kein nächstes Kommando zum
Schießen bekommen. Wenn ich zu lange wartete, würden sie viel-
leicht alle zu Tode gewürgt! Sollte ich einfach drauflosschießen?
Ich flehte um die Bewahrung durch Jesus Christus, die wir durch
seinen Namen und durch sein Blut erhalten. Und doch war mir
auch klar, dass Gott mir den Verstand gegeben hatte, damit ich ihn
in Situationen wie dieser gebrauchen sollte. Eine Frage quälte mich
unentwegt: Sollte ich schießen?
Für den Fall, dass die Patrone ein Blindgänger war, lag meine
Pistole bereit. Das Hin und Her in meinem Kopf schien Stunden
zu dauern, obwohl sicher nicht mehr als vier oder fünf Minuten
vergingen. Der Druck, stark sein zu müssen, machte es mir schwer,
mich auf die Geschehnisse unten am Bach zu konzentrieren. Aber
das musste ich! Das richtige Timing war jetzt lebensnotwendig.
Wenn ich im richtigen Augenblick feuerte, konnte ich das Leben
meiner Kameraden retten. Ein Schuss im falschen Moment konnte
die Yuquis provozieren, sie umzubringen.
Ich hörte Les rufen: »Sie haben alle mit ihren Bogen auf uns
angelegt.« Ich hob das Gewehr hoch und klammerte mich daran
fest; schwer lag die Waffe in meinen schweißnassen Händen. Eine
Minute später hörte ich Les: »Ich gehe jetzt langsam weg von
ihnen.«
»Was hat der für Nerven!«, dachte ich bei mir. Dann: »Er sollte
das vielleicht nicht tun.« Ihnen den Rücken zuzukehren, konnte
eine Einladung für all die Pfeile bedeuten. Den Finger am Abzug,
wartete ich. Ich hörte nichts, sah nichts.

233
Dann hörte ich Les rufen: »Nicht schießen, Bruce!«
Wieder einige Minuten Schweigen. Dann sah ich meine Freun-
de. Sie gingen langsam, die Yuquis hinter ihnen. Ich legte das Ge-
wehr weg. Sie sammelten sich auf der Lichtung unter mir, wo ich
alle gut sehen konnte. Ich änderte meine Position für den Fall, dass
»Breitkreuz« und »Knallhart« noch einmal hier heraufsteigen wür-
den, um durch das Loch zu sehen, hinter dem die Kamera gelegen
hatte, und trocknete mir die Stirn. Ich fühlte mich wie ein nasser
Aufnehmer.
Alles schien ruhig. Les stand dort mit verschränkten Armen;
Chuck und Hudson saßen auf einem Baumstamm. Plötzlich und
ohne Vorwarnung gingen »Breitkreuz« und »Knallhart« auf die
beiden zu, drückten sie nach hinten und würgten sie. Diesmal war
eine Bosheit in ihrem Tun, die ich vorher noch nie beobachtet hatte.
Sie würgten nicht nur, um ihre Überlegenheit zu demonstrieren –
sie würgten, um zu töten! Ich nahm meine Pistole und entsicherte
sie. Neun Schuss konnte man damit abfeuern. Aber ich hoffte, ein
Schuss würde genügen, um sie abzuschrecken – mit dem kurzen
Lauf macht meine Pistole einen Mordslärm.
Les ging eilig hinüber zum Häuptling und redete in einem
neuen, autoritären Ton auf ihn ein – eine Autorität, die er sicher-
lich gewonnen hatte, indem er den abschussbereiten Pfeilen mutig
den Rücken gekehrt hatte.
Der Häuptling bellte einen Befehl. »Breitkreuz« und »Knall-
hart« ließen Chuck und Hudson los, die beide nach vorne san-
ken und nur noch nach Luft schnappten. »Breitkreuz«, »Knall-
hart« und »Hexy«, der etwas abseits lauerte, starrten auf die Män-
ner und schlugen sich wütend auf den Nacken. Der Häuptling
bellte noch einmal und ging weg. Sie schlichen ihm nach auf den
Dschungel zu. Unsere Taktik, nach und nach durch kleine, wohl-
überlegte Taten die Oberhand zu gewinnen, zahlte sich aus.
Dann entfernten sich die Missionare mit zielgerichteten Schrit-
ten aus meinem Blickfeld. Ich hörte einen von ihnen, wahrschein-
lich Les, das Kombinationsschloss öffnen. Eine Minute später wa-
ren alle sicher im Inneren der Festung. Ich hatte Mühe, die Leiter
hinunterzusteigen, so erschöpft war ich von Grippe, Hitze und An-

234
spannung. Chuck und Hudson keuchten immer noch, aber sie wa-
ren nicht ernsthaft verletzt.
»Mann!«, sagte ich. »Was für ein Tag!«
Hudson schüttelte den Kopf und sagte trocken: »Als sie alle ihre
Pfeile auf uns richteten, dachte ich, das wär’s für uns gewesen!«
»Es war eine reine Qual für mich da oben, dass ich euch nicht
sehen konnte«, antwortete ich. »Aber ich kann mir vorstellen, wie
viel schlimmer es für euch gewesen sein muss.«
Dann beschrieb Les mir, was geschehen war:
Nachdem die Yuquis die Missionare zum Fluss gelockt hatten,
zogen sie ihre Pfeile. Dann wandte Les ihnen demonstrativ den
Rücken zu und ging weg. Er dachte, wie er erklärte, sie würden
es sportlich wenig reizvoll finden, einen Mann in den Rücken zu
schießen. (Sie überlegten dann jedoch, ob sich die Indianer wirk-
lich nach unseren Regeln verhalten würden, die doch keinerlei Be-
deutung für sie hatten.)
Les war ein paar Schritte gegangen, als er sich nicht mehr be-
herrschen konnte und kurz über die Schulter zurückblickte. Er
drehte sich gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie »Knallhart« sei-
nen Pfeil auf Hudson abschoss, ihn aber noch abstoppte, als die
Federn am Ende seine Finger durchliefen. Das war der Zeitpunkt,
als Les mir zurief, ich solle die Gewehre fertig machen.
Wir saßen alle völlig erschöpft herum und versuchten, die Si-
tuation noch einmal zu analysieren, aber in Wahrheit waren wir
alle so ausgepumpt, dass keiner mehr zu einem wirklich klaren
Gedanken fähig war. Nach einer Weile bereitete Dick das Abend-
essen vor, während wir anderen inzwischen zitternd im Bach ein
Bad nahmen.
Ein wenig entspannter lagerten wir uns nach dem Essen um
unser Feuer. Wir versuchten nachzuvollziehen, wie die Yuquis sich
wohl fühlten.
»Ich wette, die Burschen leiden immer noch«, begann ich. »Dies
war ohne Zweifel das erste Mal, dass ihnen jemand entgegengetre-
ten ist, ohne sofort erschossen zu werden. Das kann zu unserem
Vorteil sein – oder es hat nur die Wirkung, dass sie, wenn wir uns
das nächste Mal treffen, erst richtig loslegen werden. Die Mächte

235
der Finsternis, von denen »Hexy« seine Befehle bekommt, leiten
den Ärger immer ein. Als er zusammen mit den anderen weg-
ging, hat mir die Art, wie er uns musterte, überhaupt nicht gefal-
len. Kann sein, dass sie zu dem Schluss kommen, es sei besser, uns
alle einfach abzuservieren. Wir bewegen uns auf äußerst gefähr-
lichem Gelände.«
»Bruce, wie denkst du über unsere Chancen, die ganze Bezie-
hung auf freundschaftlicher Basis zu halten?«, fragte Les.
Ich wusste kaum, was ich antworten sollte. Aber ich versuchte
es. »Offensichtlich wird die Lage immer gespannter. Wir haben
den Yuquis wirklich jede Chance gegeben, freundlich zu sein und
Vertrauen zu uns zu gewinnen. Ich kann mich an keine einzige
Gelegenheit erinnern, bei der wir sie provoziert oder ihnen Anlass
gegeben hätten, uns zu töten, abgesehen davon, dass wir ihre vier
Kinder nicht zurückgebracht haben. Aber sogar da haben wir alles
getan, was wir konnten. Ich weiß auch nicht, aber es scheint so,
dass wir mit all den Versuchen nirgendwo positiv gelandet sind
und vermutlich auch nie irgendwohin kommen werden. Aber wir
dürfen nicht vergessen, dass diese Menschen Seelen haben, und
wenn wir jetzt einen Rückzieher machen, haben sie vermutlich nie
wieder die Möglichkeit, von der Erlösung durch Jesus Christus
zu hören. Auf der anderen Seite könnte es sein, wenn wir weiter-
machen, dass wir nicht mehr lange genug leben, um überhaupt
noch jemandem vom Evangelium zu erzählen.«
Les fügte noch hinzu: »Wir müssen auch bedenken, dass in
dem Augenblick, in dem wir gehen, die Farmer einen großen
Krieg gegen die Indianer anfangen werden. Wir haben Verantwor-
tung für die Indianer.«
»Lasst uns zusammen beten«, sagte Dick. »Das Einzige, was
zählt, ist, dass wir mit unserer Entscheidung Frieden im Herzen
haben, egal, ob wir weitermachen oder uns zurückziehen.« Un-
ser Hauptanliegen beim Gebet war in erster Linie, dem Willen des
Herrn treu zu folgen, auch wenn das den Tod bedeutete. Verse aus
der Heiligen Schrift kamen mir in den Sinn: »Indem wir hinauf-
schauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der
um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht ach-

236
tete und das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des
Thrones Gottes. Denn betrachtet den, der so großen Widerspruch
von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet
und in euren Seelen ermattet! Ihr habt im Kampf gegen die Sünde
noch nicht bis aufs Blut widerstanden« (Hebräer 12,2-4).
Nach dem Gebet sagte Les: »Meiner Meinung nach sollten wir
weitermachen. Wir werden immer einen Mann hier im Haus las-
sen, denn ich denke, das ist eine gute Rückversicherung. Wenn
die Yuquis uns verwunden, dann beenden wir den Einsatz.« Alle
stimmten zu. Und wenn wir uns zurückziehen mussten, wollten
wir das in einer Weise tun, die es ermöglichte, den Kontakt wie-
deraufzunehmen, falls wir durch den Willen des Herrn in dieser
Weise geführt werden sollten.
Fast zwei Wochen lang zeigten die Yuquis sich nicht. Sie hatten
noch zwei Einheimische erschossen und zweifellos aus Furcht vor
der Rache der Farmer die Gegend verlassen. Es lag auf der Hand,
dass ich nun nach Cochabamba zurückkehren würde, um meine
liegen gebliebene Arbeit für die Schule wiederaufzunehmen. Mir
gefiel der Gedanke, die Kameraden allein zurückzulassen, über-
haupt nicht, aber sie drängten mich abzureisen, weil sie auch die
Wichtigkeit der anderen Aufgabe sahen. Und der Sicherheitsfaktor
des einen Mannes im Haus beruhigte mich ein wenig. Also machte
ich mich trotz einiger Bedenken auf den Weg zurück nach Cocha-
bamba.
Einige Tage später kam ich in den Funkraum des Missions-
hauses und sah dort zufällig aus dem Fenster. Chuck und Hudson
kamen durch den Garten auf mich zu. Ich rannte hinaus, um sie zu
begrüßen, und bemerkte, dass Chuck eine Hand verbunden hatte.
»Was ist passiert?«, fragte ich aufgeregt.
Chuck erzählte: »Ich wurde von einem Pfeil an der Hand ver-
wundet. Wir mussten alle Kontakte abbrechen.«
»Wie, um alles in der Welt, ist es dazu gekommen?«
»Nun, am Tag nach Weihnachten kamen die Yuquis wieder
zum Treffpunkt. Wir verbrachten ein paar Stunden mit Kinde-
reien – Fischen, Wettlaufen und so weiter. Sie baten Les in Zeichen-
sprache, den »großen Vogel« herauszurufen, dass er sich auf die

237
Landebahn setzte. Wir wussten, dass Jonathan Tamplin von der
Missionsgesellschaft jeden Augenblick eintreffen konnte, weil ver-
einbart war, dass er uns neue Vorräte bringen sollte. Wir dachten,
es wäre schön, ihre Überraschung zu beobachten, wenn das Flug-
zeug ankam. In der Zwischenzeit demonstrierte »Knallhart« seine
Kraft, indem er Pfeile fast außer Sichtweite schoss. Während er die
Sehne bei einem dieser Versuche zurückzog, zerbrach sein Bogen.
Es war wirklich lustig, aber niemand wagte zu lachen. Er war völ-
lig aus dem Häuschen. Genau in dem Moment war das Flugzeug
zu hören, und die Yuquis rannten davon wie aufgeschreckte Ha-
sen. Lois Foster und Joan Birkett begleiteten den Vorratsflug. Les
ging hin, um Jonathan zu sagen, dass die Indianer in der Nähe wa-
ren und er den Motor nicht abschalten sollte. Die Frauen stiegen
aus und halfen, die Pakete zu entladen. Lois übereichte uns einen
leckeren Kirschkuchen! Die Frauen wollten ein paar Stunden blei-
ben, während Jonathan noch weiterflog und von Todos Santos aus
Vorräte verteilte; aber Les sagte den Frauen, es sei besser, gleich
wieder mit zurückzufliegen.
Wir beeilten uns und aßen etwas Kuchen, während der Flug-
zeugmotor immer noch lief. Als Jonathan dann weg war, kamen
die Indianer wieder hervor. Sie sahen die Krümel um unsere Mün-
der und wurden zornig – ich nehme an, weil wir ihnen nichts ab-
gegeben hatten. Es war aber kein Kuchen mehr übrig. »Knallhart«
begann, mich mit seinem Pfeil zu stechen – ihr erinnert euch, dass
sein Bogen zerbrochen war. Dann trat er zurück und schleuderte
ein paar Pfeile richtig heftig wie Speere. Ich wich ihnen aus. Der
dritte Pfeil kam so schnell, dass ich keine Zeit mehr hatte, mich zu
bewegen. Ich nehme an, es war ein Reflex, dass ich die Hände vor
die Brust hob. Genau in dem Moment bohrte sich der Pfeil ziemlich
tief in meine Hand. Wäre da nicht meine Hand gewesen, hätte ich
den Pfeil genau ins Herz bekommen und stünde heute nicht mehr
hier. Les rief Harold, der in der Festung war, zu, er solle den Gene-
rator anwerfen, was die Indianer dann auch verscheuchte. Ich stillte
die Blutung so gut ich konnte, indem ich die Adern am Handgelenk
zusammenpresste. Dann ging Les ins Haus, holte seine Pistole
und stellte den Motor ab. Die Indianer pfiffen wieder. Les ging

238
ein paar Schritte auf sie zu. Er hielt seine Pistole hoch, zeigte auf
meine blutige Hand und sagte ›Nein! Nein! Nein!‹ Die Yuquis
verstanden, dass er es ernst meinte, denn sie wurden alle ganz
kleinlaut.
Jonathan machte noch acht Flüge und brachte dann uns und
alle unsere Sachen weg. Glaube mir, es tat weh, an diesem Nach-
mittag in der Festung die Entscheidung zu fällen, die Treffen ein-
zustellen.«
»Was hat Les jetzt vor?«, fragte ich Chuck.
»Der Mann gibt nicht auf«, antwortete Chuck. »Er wird einige
Zeit mit Nachdenken und Beten in dieser Angelegenheit verbrin-
gen und es dann zu einem anderen Zeitpunkt und auf andere Art
wieder versuchen.«

239
Vorbereitung für den Sieg

Drei Jahre waren vergangen, seit wir die Kontakte zu den Yuquis
abgebrochen hatten.
Aber weder diese noch die vorhergegangenen Jahre waren
vergeudet. Im Gegenteil: Rückblickend betrachtet bildeten diese
sechs Jahre den nötigen Grundstock für das größere Projekt, das
noch kommen sollte.
Während ich dies im Jahr 1963 schreibe, machen wir uns be-
reit, einen neuen Versuch zu unternehmen. Les Foster und Dick
Strickler sind nach ihrem Jahresurlaub in den Staaten wieder zu-
rückgekehrt in die vordersten Reihen in Todos Santos. Zwei wei-
tere Missionare mit ihren Familien sind noch hinzugekommen,
um ihnen bei den Vorbereitungen der kommenden Arbeit zu hel-
fen. Sobald es meine anderen Verpflichtungen erlauben, hoffe
ich, sie auch noch unterstützen zu können.
Wir werden der größten Herausforderung innerhalb unserer
Missionslaufbahn gegenübertreten – ein Unterfangen, das ganz
sicher mehr von unserer Energie und unserer Zeit in Anspruch neh-
men wird und uns größeren Gefahren aussetzen wird als je zuvor.
Wir werden nicht nur mit unserem Glauben an die Bewahrung
durch unseren Herrn gerüstet sein, sondern auch mit den Erfah-
rungen, die wir in langen Jahren gesammelt haben. Wir gehen in

240
vollem Bewusstsein um Widerstände und Gefahren, die wie ein
Minenfeld vor uns liegen – aber wir sind bereit, uns mit ihnen aus-
einanderzusetzen.
Unser Ziel sind immer noch die Yuquis, die wir mit dem Evan-
gelium erreichen möchten.
Nachdem unsere ersten Kontakte beendet waren, hatten wir
von Ölsuchern erfahren, dass die Yuquis, die wir kennengelernt
hatten, nur eine kleine Gruppe des gesamten Stammes sind. Trotz-
dem waren wir nur durch den Kontakt zu ihnen in die Lage ver-
setzt worden, ihre gefährliche Falschheit kennenzulernen, ihre
komplexe Psychologie, ihre Lebensgewohnheiten und die Ge-
fahren, mit denen sie umgehen müssen.
Diesmal hofften wir, den Hauptstamm zu erreichen, der ver-
mutlich immer noch im Landesinneren lebte, nur sechzig bis acht-
zig Kilometer Luftlinie von Todos Santos entfernt. Um auf dem
Landweg zu ihnen zu gelangen, mussten wir allerdings zwei-
hundertvierzig Kilometer den Rio Chapare hinunterfahren und
dann dreihundertzwanzig Kilometer den Rio Ichilo hinauf wie an
den Seiten eines lang gestreckten Dreiecks.
Die Gegend, in der die Yuquis leben und durch die wir reisen
müssen, um sie zu erreichen, ist immer noch eines der geheimnis-
vollsten und unerforschtesten Gebiete der Erde.
Von den wenigen Menschen, die sich in dieses bedrohliche Ter-
rain vorgewagt haben, erfuhren wir, dass dies die Welt der turm-
hohen Dschungelbäume und riesigen feuchten Farngewächse war;
ein Land von sintflutartigen plötzlichen Wolkenbrüchen, die alles
überschwemmen, abgelöst durch Perioden strengster Dürre; ein
Gebiet, reich an seltenen, giftigen Pflanzen, vielen tödlichen Schlan-
genarten, Skorpionen mit tödlichem Biss, Taranteln mit einer Länge
von 30 Zentimetern, die in einem Satz mehr als einen halben Me-
ter weit springen können. Hier erwarteten wir, neben den Yuquis
auch noch andere Stämme zu finden – Stämme, über deren tödliche
Grausamkeit wir nur Vermutungen anstellen können.
Während der letzten drei Jahre hatten wir unsere Pläne ent-
weder im persönlichen Gespräch oder durch Briefkontakte er-
örtert. Sie sind fast fertig. Unsere Hauptstrategie fußt auf dem

241
Problem, das wir als das dringendste der Yuquis kennengelernt
haben – Hunger.
Wenn ihre angestammten Gebiete überschwemmt werden,
schwärmen sie in andere Regionen aus und nehmen sich Nahrung,
wo sie sie finden können, vorzugsweise auf den Farmen der an-
gesiedelten Bolivianer. Unser Plan ist, eine Farm einzurichten auf
höher gelegenem Boden inmitten des Yuquigebiets – ein Schlaraf-
fenland für sie, ein Ort, an dem sie sich selbst bedienen können,
ohne des Diebstahls bezichtigt zu werden. Auf diese Art hoffen
wir, das einfache Experiment weiterzuführen, das fast zufällig in
Gang kam, als ich auf dem Weg nach La Jota »Knallhart« zeigte,
wie man Mais anpflanzt.
Um unsere persönlichen Risiken möglichst klein zu halten,
lässt Les eine schwimmende Festung bauen. Dieses eherne Ge-
bilde, lastkahnähnlich, flach und stupsnasig, ist eine Anlehnung
an die Postboote von der Art, die wir für die Reisen auf dem Rio
Guaporé benutzten. Außerdem beinhaltet es viele der erprobten
Einrichtungen aus unserer Festung in La Jota. Aufgrund seiner
breiten Auflagefläche wird dieses Boot in der Lage sein, schwere
Fracht zu befördern, ohne sehr viel Tiefgang zu haben, was das
Manövrieren in seichten Gewässern, über Sandbänke und ver-
sunkene Baumstämme erleichtert. Die Kabinen werden richtige
Wände haben und dicke, massive Holztüren. Auch die Fenster
werden mit festen, hölzernen Fensterläden ausgestattet sein. So-
wohl die Fenster als auch die Türen werden mit schweren Schlös-
sern versehen sein, sodass kein unerwünschter Besucher seinen
Weg ins Innere erzwingen kann. Das Achterdeck, auf dem der
Dieselmotor untergebracht ist, wird durch dichten Maschendraht
geschützt werden. Ein Funkgerät sowie ein Empfänger werden es
der Missionsmannschaft ermöglichen, jederzeit mit der Zentrale in
Todos Santos Verbindung aufzunehmen und sofort Hilfe herbei-
zurufen, falls das nötig wird. Unsere schwimmende Festung wird
Vorräte für sechs Monate an Bord haben.
Viele Tage der Vorbereitung hat dieses Unternehmen schon ge-
kostet, und es werden noch viele folgen. Kein anderer Grund als
der, das Evangelium zu den Indianern zu bringen, ihre steinzeit-

242
liche Lebensweise zu verändern und ihre endlosen Kriege zu be-
enden, wäre diesen Aufwand wert.
Jawohl, die körperlichen Anforderungen, die dieser neue Ver-
such mit sich bringen wird, werden hoch sein, und gute Ausrüs-
tung und kluge Planung sind nötig, um sie zu bestehen. Aber die
größten Schwierigkeiten werden, genauso wie in der Vergangen-
heit, aus unserem Inneren kommen. Keine Festung und keine Stra-
tegie werden die Feinde in uns selbst besiegen. Nur Erfahrung,
Mut und vor allen Dingen Glauben können das bewerkstelligen.
Die Erfahrung hat mich gelehrt, was ich auf dem Feld des »in-
neren Kampfplatzes« zu erwarten habe. Unser stets anwesender
Feind ist die Angst – und sie kommt in vielen verschiedenen Ge-
wändern. Da gibt es zum Beispiel die Angst, die Unterstützung
von zu Hause könnte aufhören, wenn nicht eine bestimmte An-
zahl geretteter Seelen gemeldet werden kann. Die Förderung
könnte enden und ein lange verfolgter Weg auf einmal völlig nutz-
los sein. Ich muss leider sagen, dass es einige Fälle gab, in denen
es so war. Und doch: Der Pioniermissionar, der sein Herz und sein
Leben daransetzt, neue Stämme zu entdecken, muss nur völlig auf
Jesus Christus vertrauen. Ich habe festgestellt, dass meine Nöte,
wenn ich dies tat, immer auf irgendeine Weise gestillt wurden.
Daneben ist da die Angst, sein Leben zu verlieren. Ja, ich weiß,
was die Bibel den Tod betreffend sagt – dass ein Dasein außerhalb
dieses Körpers ein Zusammensein mit dem Herrn bedeutet, was
eine unaussprechliche Freude ist. Und doch gab es viele Gelegen-
heiten, bei denen ich dies nicht mit ganzem Herzen akzeptieren
konnte, Gelegenheiten, bei denen der Selbsterhaltungstrieb die in-
nere Stimme übertönte. Oft hatte ich auch Angst, in einer Krisen-
situation das Falsche zu tun. Um dem zu begegnen, machte ich
es mir zur Gewohnheit, schon möglichst frühzeitig gedanklich
alle möglichen Wendungen einer Lage und meine Reaktion dar-
auf durchzuspielen. Außerdem erinnerte ich mich an die Verhei-
ßung: »Auf all deinen Wegen erkenne nur ihn, dann ebnet er selbst
deine Pfade!«
Hinter der Hürde der Angst liegt die Hürde der Ungeduld. Ich
musste leidvoll erfahren, dass Zeit im Missionsbereich ganz an-

243
ders zu bewerten ist, als Zeit in weltlichen Geschäften. Beispiels-
weise das Warten auf unsere Habseligkeiten in Cochabamba – wie
endlos erschien es uns! Wie ungeduldig war ich damals, und wie
viel weniger würde ich es jetzt sein! Dann kommt die endlos lange
Zeit der Versuche, die Indianer erstmals zu erreichen und, sobald
das geschafft ist, die oft entmutigende Arbeit, alles Hinderliche in
der Indianerseele zu überwinden. Um ihn von den Dämonen, de-
nen er dient, zu befreien, ist sehr viel Zeit notwendig. Monate sitzt
man mit ihm am Lagerfeuer und hört zu, lässt erzählen, warum er
glaubt. Danach dauert es weitere geduldige Monate, in denen man
ihm das Wort Gottes bringt, das ihn von den Einflüssen der bösen
Mächte erlösen wird.
Viele Taten der Indianer bedeuten härteste Anforderungen
an die Geduld. Unsere Liebe zu ihnen steht in der Zerreißprobe,
wenn wir, nachdem wir mühsam in Kleinarbeit versucht haben,
die Sprache des Stammes zu lernen, entdecken, dass sie uns ab-
sichtlich die falschen Worte und Begriffe gesagt haben.
Das Verständnis für die tief sitzende Angst des Indianers vor
dem weißen Mann ist der erste Schritt, um diese Frustration zu
überwinden. Wie wir gesehen haben, töteten mancherorts »zivili-
sierte« Männer Tausende von Indianern und entführten Tausende
von Frauen und Kindern, was die Indianer geradezu zwang, jede
Art der Zivilisation zu verabscheuen. In dem Glauben, dass von
uns früher oder später Unheil kommen wird, beobachten die In-
dianer sehr genau alles, was wir tun, und es ist sehr, sehr schwer,
ihr Vertrauen zu gewinnen. Einem ihrer Kinder freundlich die aus-
gebreiteten Arme entgegenzustrecken, ist für sie dasselbe Bild wie
das Anlocken ihrer Kleinen, um sie zu fangen. Eine falsche Hand-
lung kann trotz bester Motive das Leben eines Missionars in Ge-
fahr bringen und der Beziehung zu den Indianern irreparable
Schäden zufügen.
Ungeduld und Frustration können auf direktem Weg zum
größten Feind des Missionars führen: der Depression. Dies ist
ein Schlag, der ohne Vorwarnung geführt wird, und er kann ver-
nichtend sein. Allein oder fast allein, schlecht genährt und er-
schöpft, gebeutelt von jeder Art Widerstand durch Menschen

244
oder Umstände, steht der Missionar oft am Rand der absoluten
Hoffnungslosigkeit – ich war an diesem Punkt, nachdem Dave
getötet worden war. Der gesunde Menschenverstand hilft, solche
Situationen zu überstehen, aber nur die Macht Gottes und seine
Liebe werden dazu befähigen, sich wieder aufzuraffen und wei-
terzumachen.
Wenn ich zurückblicke auf all die Jahre im Einsatz, die Wochen
ohne meine Familie, die Enttäuschungen, Frustrationen und Rück-
schläge, frage ich mich manchmal: »Und was habe ich vorzuwei-
sen?« Eine ehrliche Einschätzung meiner Arbeit im Dienst wird er-
geben: Wenn man mich fragt, wie viele Stämme ich persönlich mit
dem Evangelium erreicht habe, wie viele ehemals primitive Men-
schen heute nach Gottes Plan leben, weil ich sie dorthin geführt
habe – sehr wenige.
Aber ich bin in keiner Weise enttäuscht oder entmutigt. Wir wis-
sen, dass dies das Los des Pioniermissionars ist. Unsere schwierige
Arbeit besteht im Knüpfen erster Kontakte. Wir sind die Vorhut
in der Armee des Herrn bei den Kämpfern für Christus. Es ist un-
sere Sache, den Boden zu bereiten. Es ist die Sache der anderen, zu
pflanzen und zu ernten.
So sicher, wie der Tag auf die Nacht folgt, wird die Ernte kom-
men. Und es wird eine reiche Ernte sein, das Ergebnis von Pflü-
gen, Düngen und Bewässern in Tränen, Schmerz, Leid und Blut.
Wir sind Gott in unserer Arbeit Vertrauen und Glauben schuldig,
keine Resultate.
Ȇbrigens sucht man hier an den Verwaltern, dass einer treu er-
funden werde« (1. Korinther 4,2).
»Wer pflügt, soll auf Hoffnung pflügen …« (1.Korinther 9,10).
»Der eine sät, der andere erntet« (Johannes 4,37).
Unsere Zuversicht ist nicht unbegründet. Es gibt unüber-
sehbare Beweise für unsere Fortschritte. Ich habe selbst gesehen,
wie Stämme, die weit primitiver waren als die, zu denen ich
Kontakte geknüpft habe, während der Zeit meiner Arbeit durch
das Evangelium erreicht wurden. Ich habe selbst gesehen, wie er-
bitterte Feinde friedlich nebeneinander in Bibelklassen saßen, wie
gestandene Krieger lernten, nach der Heiligen Schrift zu leben.

245
Als Mut machendes Vorbild dient mir beispielsweise mein Be-
such bei den Ayores. Dort sah ich, wie ehemalige Mörder sich zur
Anbetung versammelten. Sie waren es, die die fünf Missionare er-
mordet hatten, von denen am Anfang dieses Buches die Rede war.
Ab diesem Zeitpunkt kamen immer wieder und wieder Missio-
nare zu ihnen, um sie zu erreichen. Die Lage war unvorstellbar
schwierig. Manche gaben auf, weil sie entmutigt waren, andere we-
gen schlechter Gesundheit. Aber ebenso schnell, wie die physisch
oder psychisch »Verwundeten« das Feld verließen, rückten neue
»Truppen des Herrn« an ihre Stelle. Scheinbar unlösbare Probleme
wurden durch Glauben und Entschlossenheit überwunden.
Jahrelang gelang es nicht, eine besonders grausame Angewohn-
heit der Ayores auszumerzen. Ein Missionar, der einen Dschungel-
pfad entlangging, hörte dort ein stöhnendes Geräusch, das unter
einem frisch aufgeschütteten Hügel hervorkam. Er grub und fand
einen kranken Ayore – lebendig begraben. Die Ayores glaubten,
dass ein kranker Mensch, der oberhalb des Erdreichs starb, Unheil
über die anderen Stammesmitglieder und über sich selbst ewige
Qualen bringen würde. Auch neugeborene Zwillinge wurden le-
bendig begraben: Die Ayores sahen in ihrer Geburt ein schlechtes
Omen, eine Strafe. Zwillinge am Leben zu lassen, würde bedeuten,
schreckliche Konsequenzen durch die bösen Mächte auf sich zu
laden, und die Macht dieses Glaubens war gewaltig.
Die Lösung für dieses Problem kam auf seltsamem Weg. Der
Herr schickte ein Missionspaar dorthin, das Zwillingssöhne hatte.
Jetzt konnten die Indianer mit eigenen Augen sehen, dass die
Eltern nicht unter schlimmen Auswirkungen leiden mussten,
weil sie ihre Zwillinge nicht lebendig begraben hatten. Die Mis-
sionare konnten hingegen die Indianer davon überzeugen, dass
lebendiges Begraben keine Erfolg versprechende Praxis sei. Diese
Gruppe von Ayores gab die grausame Handlungsweise auf.
Die Ayores leben in verstreuten Clans im mittleren Dschun-
gel des südöstlichen Boliviens. Ungefähre Schätzungen geben ihre
Zahl mit etwa sechstausend an. Jahr für Jahr wurde eine Gruppe
nach der anderen erreicht. Heute lernen Hunderte von ehemals
nomadenhaft lebenden Ayores Ackerbau und Viehzucht kennen,

246
Lesen und Schreiben, Hausbau, medizinische Versorgung und
Hygiene und natürlich den christlichen Glauben. Einige von ihnen
haben führende Ämter in ihren Gemeinden und lehren nun selbst
andere Stammesangehörige. Es ist nicht ungewöhnlich, wenn
plötzlich fünfzig oder mehr Ayores auftauchen, die noch nie zuvor
einen Weißen gesehen haben und darauf brennen zu lernen.
Bei verschiedenen Gelegenheiten kam eine solche Gruppe wohl
auch in der Absicht, die Missionare anzugreifen – die Ayores sind
sehr kriegerisch –, aber eine Kombination von Gebet mit gesun-
dem Menschenverstand half den Missionaren, auch dieses Pro-
blem zu lösen.
Einmal, während meines Aufenthalts in einem Missionscamp
unter den Ayores, hörte ich einige Häuser weiter einen Aufruhr.
Ich lief hin, um zu sehen, was los war, und sah einige Ayores,
schwarze und rote Kriegsbemalung im Gesicht, die ihre Speere in
die Luft stießen und wütend knurrten, während sie sich auf den
Kampf vorbereiteten. Als ich den Häuptling fragte, was das alles
zu bedeuten habe, antwortete er mir, dass ein Einheimischer am
Tag zuvor einen Indianer getötet hatte und dass sie sich jetzt zum
Angriff aufstachelten. »Morgen werden wir losgehen und Bolivia-
ner umbringen«, sagte er. Dann fügte er noch hinzu: »Wir haben
die Nase voll von der Zivilisation. Vielleicht bringen wir euch Mis-
sionare auch um.« Wir Missionare trafen uns eilends. Eine solch
kritische Situation war nichts Neues für uns, aber nichtsdestotrotz
war die Lage ernst. Es blieb keine Zeit, etwas anderes zu tun als
zu beten, und genau das taten wir auch. Der Herr erhörte unsere
Gebete: Es fand kein Morden statt.
Durch meinen Besuch konnte ich erkennen, dass die fünf Märty-
rer nicht umsonst gestorben waren. Ihre Erfahrung und der Geist ih-
rer Arbeit haben dazu geführt, dass durch die Hingabe vieler Män-
ner und Frauen Erfolge erzielt werden konnten. Und die Ayores
sind bei Weitem nicht das einzige Beispiel für mögliche Erfolge.
Lassen Sie mich noch einen Stamm vorstellen: die Pacaas No-
vos, die nicht weit von Guajará-Mirim leben. Kurz nachdem un-
sere Arbeit bei den Nhambiguaras eingestellt worden war, leitete
Joe Moreno, Toms Vater, eine Gruppe, die versuchen wollte, Kon-

247
takt zu ihnen aufzunehmen. (Joe war mit den fünf Missionaren zu-
sammen gewesen, bevor diese von den Ayores getötet worden wa-
ren. Er war dem Tod nur entkommen, weil er zu der fraglichen Zeit
fort war, um Vorräte einzukaufen.) Die Gruppe fand einen Pfad
der Pacaas-Novos-Indianer am Ufer und ruderte hinüber, um Ge-
schenke hinzulegen. Sie wurden mit einem Sperrfeuer von Pfei-
len empfangen und retteten ihr Leben knapp durch einen kühnen
Sprung in den Fluss.
Drei Jahre vergingen, ehe Joe und seine Kameraden nach die-
sem unerfreulichen Zwischenfall in der Lage waren, einen freund-
schaftlichen Kontakt herzustellen. Ab diesem Zeitpunkt mach-
ten sie in rasantem Tempo Fortschritte. Die Missionare errichteten
ein Lager mitten im Gebiet der Pacaas Novos und begannen, die
Sprache zu lernen und den Indianern die Grundlagen des Evan-
geliums beizubringen. Das war vor etwa sieben Jahren. Heute gibt
es unter den Indianern Gläubige. Manche von ihnen wurden wie
die Ayores auch Missionare. Im Laufe der Jahre haben viele Mis-
sionare den Dienst aufgeben müssen – aus physischen oder psy-
chischen Gründen. Aber hier, wie auch an anderen Orten, waren
andere da, die ihren Platz einnehmen konnten, und die Neuzu-
gänge übertreffen an Zahl die Ausfälle.
Ich habe bei den Pacaas Novos noch einen weiteren Grund für
unsere Erfolge kennengelernt: Jede erreichte Gruppe erzählt uns
von anderen Indianerstämmen, von deren Existenz wir noch nicht
einmal etwas geahnt hätten. Einige Bekehrungen nach jahrelangen
Versuchen bedeuten uns sehr viel; aber jeder Brückenkopf bringt
Neuigkeiten über unzählige Herausforderungen, die noch vor uns
liegen.
Irgendwo habe ich gelesen, dass es noch etwa zweitausend
Stämme in der Welt geben soll, die noch nicht erreicht wurden.
Nach dem, was ich in Lateinamerika gesehen habe, kann ich nur
sagen: Dies ist eine sehr vorsichtige Schätzung. Flüge über den
endlosen Dschungel von Bolivien oder Brasilien haben meine
Fantasie immer wieder angefacht. Fortwährend entdecken wir
neue Siedlungen oder sehen Rauch aus Dschungellagern auf-
steigen in Gebieten, in denen die Existenz von wilden Stämmen

248
niemals vermutet würde. Gummiarbeiter, die bis heute in un-
erforschte Gebiete vorstoßen, berichten uns von unbekannten
Stämmen dieser Steinzeitmenschen. Sie treffen auf unbekleidete
Wilde, wenn sie auf dem Fluss um eine Biegung fahren, oder sie
sehen kleine Hügel aus Paranussschalen, ein Indiz, dass Indianer
dort vorbeigekommen sind. Überall gibt es Hinweise auf Stämme,
von deren Existenz bisher niemand etwas ahnte, von denen man
noch nicht einmal weiß, wie man sie nennen soll.
Vielfach wird vermutet, dass nur noch in arktischen Regionen
und im Weltraum für unsere Generation Neues zu entdecken sei.
Es stimmt: Die Anzahl der Gebiete, die auf Landkarten als »noch
nicht erforscht« ausgewiesen sind, ist stark gesunken. Dies aber
nur, weil man diese Gebiete überflogen und ihre geografischen
Gegebenheiten aufgezeichnet hat. Wie viele Tausende von Qua-
dratkilometern bleiben allein in Bolivien noch zu erforschen und
wie viele Tausende von Quadratkilometern noch in Brasilien, das
achtmal so groß ist, ganz zu schweigen von den übrigen Ländern
in Mittel- und Südamerika! Diese Dschungelgebiete beherbergen
unzählige bereits bekannte unerreichte Stämme; und wie viele un-
bekannte?
Der entschlossene Einsatz vieler Missionare wird in den nächs-
ten Jahren nötig sein. Einstimmig rufen wir nach weiteren, die
kommen und sich für diese Arbeit begeistern lassen wollen. Wie
oft habe ich in Briefen und in Reden gebeten, dem Aufruf zu fol-
gen: »Geht hin in die ganze Welt und predigt das Evangelium der
ganzen Schöpfung« (Markus 16,15)!
Als ich dieses Buch schrieb, war es mein Wunsch, nicht nur die
Kämpfe des Missionars darzustellen, seine Schmerzen, seine Hoff-
nungen und Gefühle, sondern auch die Kraft seiner Überzeugung,
die ihn dazu anspornt, seinem Versprechen Gott gegenüber treu
zu bleiben, selbst wenn es den Tod bedeuten würde.
Wenn dies verstanden wird, dann hoffe ich, dass die Gläubigen
in aller Welt sich eng verbunden fühlen mit den Missionaren, die
im Dienst stehen, der Welt das Evangelium zu bringen.
»Freut euch mit den sich Freuenden, weint mit den Weinenden!
Seid gleichgesinnt gegeneinander« (Römer 12,15.16).

249
Nachwort

Seit dem Jahr 1963 wurden viele Neuauf-


lagen dieses Buches gedruckt. Mit dieser
Auflage habe ich nun die Möglichkeit,
den Leser über den aktuellen Stand der
Arbeit unter dem Stamm der Yuqui
und Nhambiguara zu informieren.
Zwischen 1966 und 2003 war ich
Tausende Meilen quer durch die
USA und Kanada gereist, um in Ge-
meinden neue Mitarbeiter für die Evange-
lisation von unerreichten Stämmen zu gewinnen. Außerdem er-
mutigte ich Christen, effektivere Zeugen in der Heimat zu sein
und das Missionsprogramm in ihren Gemeinden zu unterstützen.
New Tribes Mission, die Missionsgesellschaft, mit der ich zu-
sammenarbeite, ist auf eine Einsatzstärke von rund 3000 Mitarbei-
tern angewachsen. Hunderte Kandidaten befinden sich in den ver-
schiedenen Stadien unserer Ausbildung. Viele von Gottes Heiligen
sind immer noch bereit, als Kämpfer für Christus die Gute Nach-
richt unter schwierigen Umständen zu den vielen unerreichten
Volksgruppen hinauszutragen, die noch in der Finsternis leben.
Obgleich ich wieder in der Heimat bin, habe ich oft Sehnsucht
nach dem Dschungel Boliviens in Südamerika. Vielleicht ist es nur
Nostalgie. Jedenfalls ist es merkwürdig, wie ein Mensch eine be-
stimmte Region der Erde lieben kann, die ein Feld des geistlichen
Kampfes war und immer noch in vielerlei Beziehung einem Ein-
dringling gegenüber feindlich ist. Vielleicht liegt der Grund darin,
dass der Missionar dieses Gebiet durch die wundersame Führung
Gottes, seine Bewahrung und die Siege, die er schenkt, als »hei-
liges« Land empfinden lernt. Erinnerungen an einen solchen Platz
werden stets sein Herz erwärmen.
Viele Einzelheiten aus der Zeit, nachdem wir die Arbeit bei den
Yuqui abbrechen mussten, sind mir nicht genau bekannt, weil ich

250
mit dieser Arbeit in den letzten zehn Jahren nichts zu tun hatte. Ich
bin Bob Garland sehr dankbar, der sich trotz seines vollen Termin-
kalenders und der Arbeit mit den Yuqui die Zeit genommen und
mir Seiten voller Details über die Arbeit im Jahr 1992 gesendet hat.
Ihre Erfahrungen beim Wiederaufnehmen von freundschaftlichen
Beziehungen würden noch ein Buch füllen.
Die Neuigkeiten über »Knallhart« drangen mir durchs Herz.
Mein Sohn Brian, der für New Tribes Mission flog, landete einmal
auf der Yuqui-Landebahn. »Knallhart« kam auf ihn zu, legte seine
Arme um ihn und sagte in seiner Sprache so etwas wie: »Vor vielen
Jahren habe ich mehrmals fast deinen Vater umgebracht, weil ich
immer sehr böse wurde. Aber jetzt bin ich Christ und mache sol-
che Dinge nicht mehr.«
Sehen wir uns die Geschichte von »Knallhart« ein wenig ge-
nauer an bis zu dem Punkt, an dem er wiedergeboren und sogar
ein Missionar wurde.
Die erste Reise mit dem Festungsboot fand im November des
Jahres 1963 statt – 240 Kilometer den Rio Chapare hinunter, 320
Kilometer den Rio Ichilo hinauf und dann in den Rio Chimoré.
Das Boot war blau gestrichen mit einem weißen Streifen. Die
Messer, Äxte und Helme, die die Missionare verwendeten, wa-
ren ebenso angestrichen, damit die Indianer diese Geschenke mit
dem Missionsboot in Verbindung bringen würden. Geschenke
wurden am Uferlauf und auf verschiedenen Pfaden hinterlegt.
Tag für Tag, Monat für Monat überprüften unsere Leute diese Ge-
schenke, um zu sehen, ob die Indianer sie angenommen hatten.
Die aufgehängten Geschenke konnten von der Mitte des Flusses
aus sicherer Entfernung eingesehen werden, falls die Pfeile flie-
gen würden.
Schließlich, im Januar 1965, wurden Geschenke von den India-
nern angenommen, nahe bei dem Ort, an dem das Hauptboot fest-
gemacht war. Immer auf der Hut vor einem Angriff, prüften die
Männer die Wege, um festzustellen, ob noch andere Geschenke
angenommen worden waren. Sie hofften außerdem, die India-
ner würden ihrerseits Geschenke hinterlassen, da ihre Motive oft
durch die Gegenstände, die sie geben, interpretiert werden kön-

251
nen. Die Missionare ließen jede erdenkliche Vorsicht walten, trotz-
dem wussten sie, dass immer noch ein großes Risiko vorhanden
war für jemanden, der diesen Menschen das Evangelium bringen
wollte. Auf einem der Dschungelpfade fanden die Männer nun alle
möglichen Zeichen der Indianer: Schalen von Dschungelfrüchten,
einen Korb aus Palmblättern und sogar einen Pfeil, der in der Erde
steckte. Die Frage, wie dieser Pfeil zu deuten wäre, quälte sie. War
er ein Geschenk oder eine Warnung? Bei vielen Stämmen bedeutet
dieses Zeichen eine Warnung, nicht weiterzugehen.
Tag für Tag durchwanderten die Männer vorsichtig denselben
Dschungelabschnitt und ersetzten die Geschenke, die weggenom-
men worden waren. Später kamen sie auf den Gedanken, es wäre
sicherer, die Geschenke auf ein grob gebautes Regal am Flussufer
zu legen. Über den Fluss hinweg beobachteten sie jeden Tag stun-
denlang das gegenüberliegende Ufer. Im März 1965 gerieten die
Missionare in Aufregung, als die Indianer herauskamen und ihnen
winkten und riefen, sie sollten herüberkommen. Les Foster und
Bob Garland kletterten am Ufer hinauf. Dick Strickler stand mit
einem Gewehr im Aluminiumboot Wache. Der Indianer, den wir
»Hexy« nennen, war der Erste, der kam und ein Geschenk von den
Männern annahm. Andere folgten ihm, waren aber schnell irritiert,
als sie Dick mit dem Gewehr im Boot stehen sahen. Les und Bob
trugen auch Pistolenhalfter. Plötzlich lag Spannung in der Luft.
Vorherige Begegnungen hatten uns gelehrt, körperlichen Kon-
takt zu den Wilden im frühen Stadium der Kontakte zu vermei-
den. Das Wagnis, die Pistolen mitzunehmen, half vielleicht, das
Würgen und Ringen zu vermeiden, das früher stattgefunden hatte.
Wir hatten beschlossen, die Treffen zunächst nicht länger als 15
oder 20 Minuten dauern zu lassen und dann für einige Stunden
oder bis zum nächsten Tag zu verschwinden. Ohne Kenntnis ih-
rer Sprache konnten wir uns nicht verständlich machen, was An-
spannung, Frustration und Ärger Vorschub leistete. Aus diesem
Grund erwies es sich als nützlich, die Kontakte zu Beginn nur kurz
zu halten.
Im Verlauf des Tages entschieden sich die drei Missionare,
Les’ Frau Lois, Bobs Frau Mary und ihr kleines Töchterchen

252
Bethany zu einem kurzen Besuch der rauen und ungehobelten
Gesellen mitzunehmen. Sorgenvoll und gespannt überlegten sie,
wie wohl die Indianer Lois, Mary und das Baby behandeln wür-
den. Nur Gott und die Indianer wussten, dass die Yuquis in die-
sem Moment einen Plan ausheckten, alle Missionare umzubringen
und Bethany als Sklavin zu entführen. Sie waren fasziniert von
ihrem hellen Teint und ihren hellblonden Haaren. Jahre später, als
die Indianer von ihrem ursprünglichen Vorhaben erzählten, blieb
es noch immer ein Geheimnis, was der Herr tat, um ihre Pläne zu
verhindern oder zu ändern.
Mehr als einmal wurden die Nerven unserer Männer aufs Äu-
ßerste strapaziert, wenn die Wilden wütend wurden und sich zum
Töten bereit machten. Der Anblick eines Revolvers, der aus dem
Halfter gezogen wurde, entspannte die Lage zumindest zeitweise
wieder. Die nervenaufreibende Zeit zog sich dahin, aber Stück für
Stück gewannen unsere Männer langsam das Vertrauen der Yu-
qui.
Oft waren die Indianer drei oder vier Monate auf Nahrungs-
suche unterwegs, was die Bemühungen, ihre Sprache zu erlernen,
sehr schwierig und langwierig machte. Jetzt haben sie ihr Noma-
dendasein aufgegeben, haben Häuser und pflanzen eine Reihe von
Früchten und Gemüsen in ihren Gärten an.
Jahrelang brachten unbestimmte Ängste die Indianer dazu, die
Missionare ihre Sprache falsch zu lehren. Viele arbeitsame Stun-
den, Tage und Monate über dem Studium dieser Sprache waren
vergebens. Die Aufgabe schien sich nicht zu erfüllen. Der Durch-
bruch kam schließlich mit einem etwa zwölf Jahre alten Dschun-
gelmädchen namens Iaquianina. Sie wurde der Schlüssel zur Spra-
che und zu den Geheimnissen verschiedener Stammessitten. An-
fang 1969 war sie die Erste, die wiedergeboren wurde.
Nun, da es weitere wiedergeborene Christen gibt, verschwin-
den die Verstrickungen und blinden Ängste des Dämonenglau-
bens langsam aus dem Leben einiger Indianer.
Im Jahr 1969 starb die Tochter des Häuptlings. Da wurde eine
andere Frau ermordet, weil man glaubte, dass diese der Häupt-
lingstochter im Jenseits dienen würde. Jahre vor dem Tod des

253
Häuptlings wurde ein Henker angewiesen, einen jungen Mann
zu töten, der dem Häuptling nach dessen Tod zum selben Zweck
dienen sollte. Allerdings bekannte der Häuptling kurz vor seinem
Tod seinen Glauben an Jesus Christus, woraufhin der junge Mann
nicht umgebracht wurde.
Noch heute werden viele Stammesangehörige von Dämonen
beherrscht. Die geistlichen Kämpfe der Missionare gehen wei-
ter. Fortschritt und Erfolge kommen sehr langsam zustande. Im
Jahr 2008 gibt es nur eine Handvoll Gläubige, die ein Herz für den
Herrn haben und sich zum Beten und Bibellehren mit einem boli-
vianischen Missionarsehepaar treffen, die dort arbeiten. Eine funk-
tionierende, neutestamentliche Gemeinde gibt es jedoch immer
noch nicht. Viele haben den Dschungel verlassen und sind in nahe
gelegene Städte gezogen.
Einige der Yuqui-Männer können als Missionare bezeichnet
werden. Bei verschiedenen Gelegenheiten begleiteten sie unsere
Missionare, die versuchten, einen weiteren freundschaftlichen
Kontakt mit anderen Indianergruppen herzustellen. Die Yuqui-
Männer waren sich der Gefahr wohl bewusst, in der sie standen,
als sie versuchten, mit den anderen Indianern in Kontakt zu treten.
»Knallhart« und »Breitkreuz« waren unter diesen tapferen Leu-
ten. Sie hatten das Verlangen, diesen unerreichten Volksgruppen
auch die Möglichkeit zu geben, von Jesus Christus zu hören – ewi-
ges Leben zu haben und von einem Leben des Tötens, der Sünde
und Qual durch Dämonen und vielem anderen Elend befreit zu
sein. Teile des Neuen Testaments und einige Geschichten des
Alten Testaments wurden übersetzt.
Zu dem Stamm der Nhambiguara kann man nun von der bra-
silianischen Seite aus gelangen. Dort leben sie und können über
Straßen leicht erreicht werden. Es gibt vier oder fünf Clans. Alem
Missions (Wycliff-Bibelübersetzer in Brasilien) arbeitet unter ei-
nem von ihnen, wo viele für das Evangelium offen sind. Das Neue
Testament wurde 1992 gedruckt und der Rest der Übersetzung
dauert noch an. Einige der Indianer, die gläubig wurden, sind zu
Bibelschulen gegangen und gingen raus, um andere aus dem
Stamm der Nhambiguara mit dem Evangelium zu erreichen.

254
Viele Gläubige aus dem Stamm der Araona sind hungrig nach
Gottes Wort. Meredith und Betty Trout haben vor ihrer Pensionie-
rung lange Jahre unter ihnen gearbeitet und besuchen sie von Zeit
zu Zeit, um sie zu ermutigen und zu lehren.
Sind diese Menschen, die von einigen ihrer Landsleute ver-
achtet werden, all die Anstrengungen, Tränen, den Schweiß, die
großen Kosten, Gefahren und sogar Blut eigentlich wert?! Was
würde Ihre Antwort sein, wenn Sie an ihrer Stelle dort draußen im
Dschungel geboren worden wären?
Bruce E. Porterfield, 2008

255
Missionsgebiet der
»unerforschten Stämme«
Maßstab in Kilometern
0 100 200
Ein altes Flussboot mit sehr flachem Boden brachte die Porterfields 800 km
den Rio Guaporé hinauf nach Cafetal, einer Außenstation der Mission, dem
Dschungelhauptquartier für die Bemühungen, den Stamm der Nhambiguaras zu
erreichen.

Missionar Dave Yarwood schloss Freundschaft mit den Nhambiguara-Indianern,


die ihn jedoch später bei einem plötzlichen, unerklärlichen Angriff töteten. Hier
ist er mit zwei Stammesangehörigen auf einer Sandbank zu sehen, von der aus die
ersten Kontakte zu den Indianern aufgenommen wurden.
Als Leute von der Mannschaft des Flussbootes Magazine an die Indianer weiter-
gaben und sich deren Frauen nähern wollten, reagierten die Nhambiguaras
feindselig, was wahrscheinlich dazu beitrug, dass Dave Yarwood (rechts) später
von ihnen ermordet wurde.

Jim Ostewig und andere Missionare versuchten jeden Laut schriftlich festzuhalten,
der von den Nhambiguaras gesprochen wurde. Die Indianer glaubten, dass der
Schreibstift magische Kraft besäße; hier versucht einer von ihnen gerade selbst,
»sprechende Zeichen« zu machen. Ein anderes Stammesmitglied trägt eine Weste,
die Bruce ihm gegeben hatte.
Bruce hinterlässt Bananen, Messer und Zinnkannen auf einer Sandbank in der
Hoffnung, dass diese Geschenke die Nhambiguaras zu dem Treffpunkt locken würden
und damit eine weitere Chance genutzt werden könnte, mit ihnen Freundschaft zu
schließen und dem Evangelium den Weg zu ebnen.
Einerseits außerordentlich freundlich, waren die Nhambiguaras jedoch auch
kriegerisch und neigten zu plötzlichen Gewaltausbrüchen. Dieser freundlich
lächelnde Stammesangehörige ist stolz auf seinen Spitzbart, eine Seltenheit bei
dem gewöhnlich glatt rasierten Stamm.

Gummiarbeiter waren die Einzigen, die die Missionare vorfanden, als sie im
bolivianischen Dschungel eintrafen. Hier erhitzt ein indianischer Arbeiter gerade
die flüssige Gummimilch über einem Backofen, bis sie an der Stange gerinnt zu
einem riesigen Ball, der dann per Schiff flussabwärts zum Hafenmarkt gebracht
wird.
Bruce bei der Herstellung einer Schubkarre für Brian während ihres Aufenthaltes
in Cafetal. Jedes Mal, wenn Bruce einen Nagel hineinschlagen wollte, hielt das
Äffchen seine Hand darüber, schaute zu ihm auf und zog eine Grimasse.

Die zerrissene Kleidung von Ewart Sadler und Dorothy Abbey zeigt den Tribut,
der den Dornen und Zweigen auf der langen Reise durch Fluss und Sumpf gezollt
werden musste.
In ihrem Lager jenseits des Sumpfes kocht Dorothy gerade über einem offenen
Feuer, während Macurapi-Frauen und -Kinder ihr dabei zuschauen. Wochen
vergingen, bis an diesem abgelegenen Außenposten im Dschungel Wohnungen
mit Lehmziegelöfen fertiggestellt werden konnten.
Dorothy Abbey und Lila Sharp
schreiben ihre letzten Briefe
an die Heimat, bevor ihr Lager
durch die Trockenzeit von der
Außenwelt abgeschnitten wird.
Wenige Tage später gingen die
Porterfields und Ewart Sadler
fort zu einem anderen Posten;
10 Monate würden vergehen,
bis der Regen wieder den Sumpf
füllen und die Lebenslinie der
Verständigung und Unterstüt-
zung wiederherstellen würde.

Monate später kämpft sich Bruce


durch den Dschungel zurück mit
dringend benötigten Versorgungs-
gütern für die Abbeys und Sharps.
Durch den undurchdringlichen Sumpf oberhalb des Rio Terebinto zu staken, ist ein
gefährliches und anstrengendes Unternehmen. Geheimnisvolle Ranken im Gras
lähmten durch ihr Gift zeitweilig einige Missionare auf dem Weg zu einem neuen
Lagerplatz im Gebiet der Macurapi-Indianer. Hier erblickt man über Ewart Sadlers
Schulter hinweg (von links nach rechts) Dorothy Abbey, die Kinder, Lyle Sharp, einen
bolivianischen Führer und Wilbur Abbey.
Lyle Sharp drosselt den Außenbordmotor, um durch den dicht bewachsenen
Flusslauf des Rio Terebinto zu gelangen; vorn im Boot erkennt man Dorothy und
Lila, wie sie sich mit Waschbehältern gegen die schneidenden Zweige schützen.

Das Leichtmetallboot konnte ohne Weiteres entladen und über Hindernisse


und Blockaden im Fluss hinweggehievt werden; das viel schwerere Kanu
dagegen musste geleert, überschwemmt und untendrunter hergeschoben
werden.
An einem unserer Lagerplätze am Rio Terebinto brachte ein hungriger Alligator
mitten in der Nacht eines der Kanus zum Kentern. Auf der rechten Seite taucht
Wilbur gerade nach durchnässten Lebensmittelvorräten, gesichert durch eine
Stange, die Ewart in den Händen hält.
Neue Berufung: Bei Todos Santos machten sich fünf Missionare auf den Weg
in den Dschungel, um einen Krieg zwischen bolivianischen Farmern und dem
Stamm der Yuqui zu verhindern. Von links nach rechts: Don Hay, Wayne Gill,
Bob Wilhelmson, Les Foster und Bruce Porterfield.

Eine Missionarsunterkunft an der Kontaktstelle für die Yuquis.


Mitten im gefährlichen Yuqui-Territorium bauten die Missionare auf einer Lich-
tung eine feste Blockhütte. Als einige kriegerische Stammesangehörige zu einem
Treffen herbeikamen und dabei den Fluss überquerten, versteckte sich Bruce unter
dem Dach an der Rückseite der Hütte und schoss die Fotos, die auf dieser und den
nächsten beiden Seiten zu sehen sind.

Während der spannenden Augenblicke des Gesprächs mit den Yuquis versuchten
die Missionare ihre Nervosität hinter einem Lächeln zu verbergen. Von links nach
rechts: ein junger Yuqui, Les Foster, ein Krieger, die Frau des Häuptlings (mit
rasiertem Kopf), Harold Rainey, der Yuqui-Häuptling, Hudson Birkett, Chuck
Johnson und Dick Strickler.
Missionare versuchen ihre Botschaft der Freundschaft und des Friedens an »Stein-
zeitmenschen« zu vermitteln. Im Vordergrund ist der Yuqui-Häuptling zu sehen;
der Krieger an seiner rechten Seite trägt eine Narbe von einer Schussverletzung
aus dem Krieg mit den Farmern.
Dieser Yuqui-Indianer wirbelt herum und schaut hinauf, als er den Auslöser
von Bruce’ Kamera hört. Wenige Augenblicke danach kletterte er hinauf und
entdeckte das Versteck, was die Friedensmission der Missionare beinahe zum
Scheitern brachte.
Dieses Boot wurde im Verlauf der Bemühungen, die Yuquis zu erreichen, von
Missionaren als bewegliches Hauptquartier gebaut. Es eröffnete ihnen den Weg
zur Verkündigung des Evangeliums.

Eine Aufnahme von einigen Yuquis, die in einer friedlicheren Atmosphäre ge-
macht wurde, als die Zusammentreffen Fortschritte machten.
1975 wurden einige Yuquis, die mittlerweile wiedergeborene Christen sind, in
ein anderes Gebiet Boliviens geflogen, um mitzuhelfen, ein friedliches Zusammen-
treffen mit verschiedenen Yuqui-Gruppen zustande zu bringen.

»Als ich dieses Buch schrieb, war es mein Wunsch, nicht nur die Kämpfe des
Missionars darzustellen, seine Schmerzen, seine Hoffnungen und Gefühle,
sondern auch die Kraft seiner Überzeugung, die ihn dazu anspornt, seinem
Versprechen Gott gegenüber treu zu bleiben, selbst wenn es den Tod bedeuten
würde.«

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