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JACQUES LACAN
Das Seminar, Buch XVII

DIE KEHRSEITE DER PSYCHOANALYSE
(1969-1970)

Übersetzt von Gerhard Schmitz
[1. FASSUNG, JULI 1997]

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INHALT1
Vorbericht zur Übersetzung 5
I (I/1)
(A)

Erzeugung der vier Diskurse [26.11.1969] 11
Impromptu 1 Ŕ Analytikon [3.12.1969] 23

II (I/2)

Protest [10.12.1969] 36

III (II)

Der Herr und die Hysterika [17.12.1969] 39

IV (III)

Wissen, Mittel des Genießens [14.1.1970] 48

V (IV)

Wahrheit, Schwester des Genießens [21.1.1970] 62

VI (V)

Das Lacansche Feld [11.2.1970] 76

VII (VI)

Der kastrierte Herr [18.2.1970] 89

VIII (VII)

Ödipus, Moses und der Vater der Urhorde [11.3.1970] 102

IX (VIII/1)

Vom Mythos zur Struktur [18.3.1970] 117

X (VIII/2)

Radiophonie [8.4.1970] 129

XI (IX)

Das grausame Nichtwissen Jahwes [15.4.1970] 131

XII (X)

Unterhaltung auf den Stufen des Pantheon [13.5.1970] 148

XIII (XI)

Die Gefilde der Alethosphäre [20.5.1970] 156

(Ŕ)

Impromptu 2 [3.6.1970] 169

XIV (XII)

Das Unvermögen der Wahrheit [10.6.1970] 177

XV (XIII)

Die Macht der Unmöglichen [17.6.1970] 192

Anhang 1 (B) Exposé von A. Caquot 205
Anhang 2 (Ŕ)

Radiophonie ŕ Versionenvergleich 209

1Die eingeklammerten Ziffern bzw. Buchstaben geben die Zählung bei Miller wieder.

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VORBERICHT ZUR ÜBERSETZUNG

Der hier vorgelegte Text bietet eine Arbeitsübersetzung des gesprochenen Diskurses von
Jacques Lacan im akademischen Jahr 1969/70, L'envers de la psychanalyse. Dabei war der
Ausgangstext die von J.-A. Miller etablierte und 1991 beim Verlag Seuil, Paris, herausgegebene
Version. Während der abschließenden Redaktion der Übersetzung wurde dem Übersetzer
jedoch eine anonyme Transkription des Seminars zugänglich, die, wie schon ein erster,
kursorischer Vergleich ergab, sowohl dem Umfang als auch dem Wortlaut nach erheblich von
der Version Millers abweicht. Zwar konnte eine integrale Kollationierung der beiden
Ausgangstexte aus pragmatischen Gründen nicht durchgeführt werden, jedoch wurde die
anonyme Transkription als Korrelativ herangezogen, wo immer der Wortlaut bei Miller es nötig
bzw. sinnvoll erscheinen ließ. Die gefundenen Abweichungen werfen Fragen prinzipieller Art
auf, und zwar sowohl hinsichtlich der Textherstellung als auch der Übersetzung des
gesprochenen Diskurses von Lacan. Sie sollen hier, zumindest in Umrissen, vorgestellt werden.
Wer sich der »Maxime« erinnert, deren Lacans Erbwalter sich bezüglich seiner Textetablierung
rühmen zu sollen gemeint hat, nämlich »den Sinn [zu] restituiere[n], während die Mäander des
mündlichen Ausdrucks ihn verdunkeln« (»Gespräch über die Herstellung des Seminars von
Jacques Lacan« [mit F. Ansermet], in: Wunderblock 15, 1986, S.12), wird durch die ParallelLektüre der beiden Versionen von L´envers ... über die Auswirkungen ins Bild gesetzt, die eine
solche phantasmatische Sinn-Zentriertheit (ausgerechnet bei Lacan!) zeitigt: Von der ŕ noch
eben hinnehmbaren ŕ Tilgung der für mündliche Rede typischen Redundanz über die nicht anders denn als selbstherrlich zu bezeichnende Streichung von Einschüben bis hin zu Konjekturen,
die ganzen Satzkonstruktionen einen anderen Sinn aufzwingen, ist alles vertreten, was seinen
Platz in einem »Schwarzbuch der Textherstellung« finden könnte.
Ein genauerer Vergleich der beiden Versionen erbrachte folgenden Befund: Die anonyme Transkription (im Folgenden sowie im Text vereinfachend »Mitschrift« genannt) fußt mit großer
Wahrscheinlichkeit auf der Kollationierung zweier Überlieferungen: eines stenographischen
Protokolls und einer Tonbandaufnahme (wobei beide auch mehrfach vorgelegen haben können).
Dies läßt sich vor allem aus dem Vorhandensein von Notationen schließen, die, entsprechend
der Überlieferungsform, Wechsel in Tonfall und Lautstärke der Rede Lacans protokollieren
oder nonverbale Diskurselemente (etwa: »Breitet die Arme aus«) überliefern. Auch wenn man
bezüglich der Mitschrift prinzipiell von Stenographier- und Abhörfehlern sowie von (nicht
ausgewiesenen) Konjekturen ausgehen muß, spricht für die höhere protokollarische
Authentizität dieser Überlieferung vor allem das Fehlen von Eingriffen in Satzbau und Syntax.
Man begegnet hier einem in der Tat mäandrierenden Redefluß, der sich oftmals in Hypotaxen
verliert und das finite Verb zuweilen schmerzlich vermissen läßt. Die Interpunktion, wohl
ergänzt nach dem Befund der Tonaufnahme, ist sparsam und gibt mehr Rätsel auf, als sie zu
lösen hilft. Verglichen mit der Version Millers läßt sie jedoch erkennen, daß sie auf eine
stilistische Bearbeitung ihres Quellmaterials verzichtet, also keine Streichungen vornimmt und

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unvollständige Satzkonstruktionen nicht ergänzt.
Auch bei der Version Millers wird man von wenigstens zwei Überlieferungen ausgehen müssen,
die nicht identisch mit denen der Mitschrift sein müssen. Daher war sowohl im Wortlaut als
auch im Umfang grundsätzlich mit Abweichungen von der Mitschrift zu rechnen. Die
festgestellten Abweichungen sind jedoch derart, daß »technische« Faktoren
(Stenographierfehler bzw. Unverständlichkeit der Tonaufnahme) allein nicht ausreichen, um
Varianten zu erklären, die in signifikanter Weise den Wortlaut oder, was noch gravierender ist,
die Wortfolge eines Satzes betreffen ŕ sie müssen massiven Eingriffen Millers auf der Ebene
der Textredaktion geschuldet sein. Rechnet man diesen Befund auf alle bisher erschienenen
Seminare hoch, wird klar, daß das, was man hierzulande bisher für »Lacan« halten zu dürfen
glaubte, günstigstenfalls ein »Millan« gewesen ist. Dies mag angesichts der im Vergleich zur
Mitschrift größeren Transparenz der Satzgefüge nicht von vornherein ein Skandalon sein ŕ in
der Tat setzt Miller mitunter plausiblere Skansionen als die Mitschrift ŕ, und auch die
behutsamste Etablierung wird um gewisse strukturierende Eingriffe nicht herumkommen; nicht
zu legitimieren und von daher unannehmbar ist jedoch die zensurartige Beschneidung aller
typischen Merkmale mündlicher Rede, die den Ursprung der Überlieferung aus dem
gesprochenen Diskurs fast ausnahmslos tilgt. Von der Unterdrückung »politisch« brisanter
Redeinhalte, wie sie der Versionenvergleich aufdeckte, muß hier erst gar nicht gesprochen
werden.
Im einzelnen lassen sich die Abweichungen der beiden Versionen gegeneinander
folgendermaßen klassifizieren:
1. Abweichungen im Wortlaut bei identischem Kontext: Sie dürften zum Teil auf Versehen beim
Stenographieren bzw. auf der mangelhaften Qualität der Tonaufnahme und daraus
resultierenden unterschiedlichen Deutungen des Gehörten durch die Transkribenten beruhen ŕ
etwa: »condescendant« (Miller) bzw. »son descendant« (Mitschrift) ŕ, zum Teil bleiben sie
rätselhaft, wie im Fall von »homme« (Miller) bzw. »angoisse« (Mitschrift) an ein und derselben
Position innerhalb eines ansonsten identischen Kontextes. In diesen Fällen kennzeichnet die
vorliegende Übersetzung die betreffende Stelle im Text Millers durch Unterstreichung und teilt
die Variante der Mitschrift als Fußnote mit.
2. Abweichungen in der Satzkonstruktion: Hier werden Eingriffe sichtbar, die sich a) durch Umstellung von ansonsten identischen Satzteilen; b) durch »Korrekturen« an der Syntax ergeben.
Angesichts des Umfangs derartiger Abweichungen verzichtet die Übersetzung prinzipiell
darauf, Varianten mitzuteilen ŕ grob geschätzt sind kaum zwanzig Prozent des Textumfangs
beider Versionen der Wortfolge nach völlig identisch.
3. Abweichungen im Wortumfang bzw. in Teilsätzen: Der Versionenvergleich ergab, daß die
Mitschrift oft Wörter bzw. Satzteile bringt, die bei Miller fehlen (der umgekehrte Fall ist ungleich seltener). Auch hier ist von Eingriffen Millers in den Wortlaut der ihm vorliegenden
Überlieferung auszugehen. Die Feindifferenzierung zeigt einerseits Streichungen redundanter
Satzpartikel, also Füllformeln vom Typ »et c'est ce que ...«, andererseits Unterdrückungen
ganzer Teilsätze. Ein repräsentatives Beispiel hierfür bietet der Anfang von Sitzung XII [nach
der Zählung hier). Laut Miller (S.167, Sitzung X) sagt Lacan (bzgl. der Herr-Knecht-Dialektik
in der Phänomenologie): »C'est le point de départ de Kojève, et il a toujours éludé ce qu'il y a

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d'antérieur à leur avènement«. Die Mitschrift hat an dieser Stelle: »Kojève est parti de là, alors
qu'il y a une partie antérieure à l'avènement du maître et de l'esclave. Il y a toute la partie qui est
celle du ..., tout à fait au début, de la perception sensible qui a été en somme toujours très éludée
par Kojève.« Im Fall der Streichung redundanter Partikel wurde mit wenigen Ausnahmen die
Version Millers übernommen, bei offensichtlicher Unterdrückung wurden die betroffenen
Satzteile mittels ... in den Text Millers eingeschaltet und durch Fettdruck hervorgehoben.
Zumindest ansatzweise versucht die vorliegende Übersetzung damit auf dem Gebiet der
Textherstellung an das Projekt einer kritischen Transkription der Seminare anzuknüpfen, wie es
in Frankreich bereits seit längerem verfolgt wird ŕ letzteres in beiden Bedeutungen des Wortes.
Verwiesen sei hier nur auf die unabhängige Edition des Seminars VIII, Le transfert, durch die
Gruppe Stécriture und die Publikation des Buchs Le transfert dans tous ses erratas durch die
E.P.E.L. Selbstredend kann Übersetzung nicht den Versuch der kritischen Rekonstruktion eines
»authentischen« Wortlauts, also etwa einen »vor-Millerschen« Zustand intendieren ŕ wozu unten noch näheres gesagt wird ŕ; eine Einengung ihrer möglichen Textgrundlagen auf die eine
Version Millers (wie dies bei der bisherigen deutschen Edition der Seminare vor allem aufgrund
vertragsrechtlicher Bindungen unumgänglich war) erscheint jedoch angesichts der veränderten
Publikationssituation diesseits des Rheins nicht länger wünschenswert noch gar vertretbar.
Über die Kriterien einer kritischen Textetablierung als Grundlage der Übersetzungsarbeit wird
in der Zukunft ausführlich zu diskutieren sein. Zur vorliegenden Übersetzung sei nur in
allgemeiner Weise angemerkt, daß sie sich dort, wo sie in den Text Millers eingreift, stets um
größtmögliche Vollständigkeit der Überlieferung bemüht. Allerdings implizierte der
Versionenvergleich immer auch eine Entscheidung für einen der konkurrierenden Wortlaute.
Dabei ŕ das soll nicht verschwiegen werden ŕ entwickelte die auf Logizität zentrierte Interpunktion Millers eine starke Eigendynamik, bot sie doch stets semantisch wie syntaktisch korrekte, abgeschlossene Einheiten ŕ im Gegensatz zur Mitschrift, die sich hier oft anders (und
nicht immer überzeugend) entschied und dadurch bisweilen das produzierte, was man schlicht
als syntaktischen »Salat« bezeichnen muß. Die genaue Klärung jedes einzelnen Falles (was
heißt: jedes einzelnen Satzes!) hätte eine minuziöse Rekonstruktionsarbeit erfordert, die hier
nicht geleistet werden konnte. Nach welchen Leitkriterien die vorliegende Übersetzung
verfahren ist, wurde oben ausgeführt. Selbstverständlich sind sie gleichsam »probatorisch«
gemeint und stehen der kritischen Diskussion offen.
Neben den Problemen der Transkription und der Textetablierung im engeren Sinne stellt sich
auch die Frage nach der Textpräsentation, bei deren Beantwortung die deutsche Edition bisher
ebenfalls den Vorgaben Millers hatte folgen müssen, neu. Auch hier hat sich die Übersetzung
entschlossen, einen anderen Weg zu gehen, und zwar in der Absicht, eine größere dokumentarische Nähe zur faktischen Chronologie des Seminars zu erreichen. Dies gilt vor allem
hinsichtlich der Millerschen Zählweise der Sitzungen (im vorliegenden Seminar: IŔXIII sowie
Anhang A und B), die die Übersetzung nicht mehr übernimmt. Wie schon bei früheren SeminarEditionen hängt Miller die Protokolle kurzer Sitzungen als »Complément« [Ergänzung] an die
vorangehende Sitzung an, wodurch seine Zählung nicht der tatsächlichen Zahl der überlieferten
Sitzungen entspricht. Im Fall von L´envers ... kommt hinzu, daß Lacan parallel zum Seminar
eine Veranstaltungsreihe (unter der Bezeichnung Impromptus) geplant und teilweise
durchgeführt hatte, die in alternierendem Rhythmus mit ersterem stattfand und sich an eine

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spezielle Hörerschaft wandte (vor allem Studenten des Département de psychanalyse in Vincennes). Miller bringt seine Version eines dieser Impromptus als Anhang A, ein weiteres, in der
Mitschrift überliefertes und hier in Übersetzung wiedergegebenes, unterdrückt er oder kennt er
nicht. Die Übersetzung folgt dagegen der Chronologie des Gesamt-Seminars, d.h., sie weist
auch den kurzen Sitzungen eine Ordnungszahl zu und stellt die Impromptus in die Chronologie
des Gesamt-Seminars ein. Dadurch entspricht die Zählung nicht mehr der französischen Edition;
zur Orientierung beim Parallel-Lesen dient jedoch die Pagina der frz. Ausgabe am Seitenrand.
Schließlich sei noch bemerkt, daß Kapitelüberschriften und Motti hier beibehalten worden sind,
obwohl sie Zutaten Millers sind. Auch dies wird in der Zukunft kritisch zu überdenken sein.
Wie eingangs bemerkt, verbot sich die integrale Kollationierung der beiden Versionen allein
schon, um die Verfügbarkeit einer deutschen Lese- und Arbeitsfassung von L'envers de la
psych-analyse nicht ins unbestimmte zu verzögern. Die Sitzungen X, XI und XII sowie die
Impromptus 1 und 2 (nach der Zählung hier) nehmen innerhalb des Textkorpus jedoch eine
Sonderstellung ein. Sie wurden deshalb vollständig kollationiert. Dazu sei im einzelnen
folgendes angemerkt:
Impromptu 1: Die Übersetzung bietet eine nach der Mitschrift ergänzte Version des 1. Impromptu, das am 3. Dezember 1969 im Centre expérimental der Université de Paris VIII in Vincennes stattfand. An Millers Version fällt auf, daß einige Zwischenrufe, die in der Mitschrift
protokolliert sind, nicht erscheinen. Besonders einer dieser Ausschlüsse verdient besondere Aufmerksamkeit, steht er doch offensichtlich in Zusammenhang mit dem Nichterscheinen des oben
erwähnten weiteren Impromptu in der Edition Millers.
Lacans Auftreten in Vincennes fand vor einem »politisch« brisanten Hintergrund statt: Ende
1968 hatte Serge Leclaire, einer seiner treuesten Weggefährten, an dem im Zuge der
Universitätsreform neugegründeten Centre expérimental de Vincennes ein Département de
psychanalyse gegründet, um ŕ unter dem für ihn negativen Eindruck der Krise innerhalb der
EFP ŕ der Übermittlung des Freudschen Wissens (»transmission«) einen neuen Weg zu
öffnen. Lacan hatte sich entschieden gegen diese Institutionalisierung ausgesprochen und
verweigerte Leclaire zunächst jede Unterstützung (erst als 1974 Miller dort zu lehren begann,
änderte er seine Haltung). 2 Es scheint, als habe Lacan mit der Wahl des Gegenstandes für das
Seminar 1969/70, insbesondere aber mit dem Konzept der Impromptus ein recht persönlich
gefärbtes Gegengewicht zu Leclaires Intentionen setzen wollen; vor einem Publikum, das sich,
wie anzunehmen ist, überwiegend aus Studenten des Département zusammensetzte, verneint er
die Existenz von Psychoanalytikern in Vincennes und gibt auf die Frage nach dem Grund für
die von ihm behauptete Unmöglichkeit, auf der Basis eines universitär organisierten Unterrichts
Analytiker zu werden, die entschiedene Auskunft: »Die Analyse, das übermittelt sich [se
transmet] nicht wie irgendein beliebiges anderes Wissen«.
Da Lacan in Vincennes nicht als Gast des Département auftreten wollte (eine entsprechende
Einladung hatte er abgelehnt), bediente er sich des Kunstgriffs einer Einladung durch die
philosophische Fakultät, der das Département de psychanalyse zugeordnet war. Ebendiese
Information nun erhält der Leser in der Mitschrift, und zwar unmittelbar aus Lacans Mund, als
2

Vgl. hierzu E. Roudinesco, Histoire de la psychanalyse en France.2, Paris 1994, bes. S.557-563.

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dieser auf die Frage eines Hörers, wer ihn eingeladen habe, entsprechend antwortet. In der
Version Millers sind Frage und Antwort gestrichen. Hierzu folgen unter Impromptu 2 weitere
Erläuterungen.
Sitzung X: In der Sitzung vom 8. April 1970 verlas Lacan Antworten auf drei von sechs Fragen,
die ihm von einem Redakteur des Belgischen Rundfunks (RTB) vorgelegt worden waren. Diese
Fragen sowie Antworten darauf sind den deutschen Lesern durch H.-J. Metzgers Übersetzung
von Radiophonie seit 1988 bekannt. Miller verzichtet auf den integralen Abdruck des Protokolls
dieser Lesung und verweist (S.153) auf den 1970 in Scilicet 2/3 veröffentlichten Text. Dadurch
muß der Eindruck entstehen, der dortige Wortlaut sei mit dem der im Seminar verlesenen
Antworten Lacans identisch. Aufgrund des von der Mitschrift überlieferten Protokolls dieser
Sitzung steht jedoch fest, daß dieser Eindruck falsch ist: Was Lacan an diesem Tag verlas, ist
nicht identisch mit dem, was im selben Jahr in Scilicet veröffentlicht wurde, ja, es entspricht
ihm nicht einmal in der Zuordnung der Antworten zu den vorgelegten Fragen. Der einzig mögliche Schluß aus diesem Befund ist, daß Lacan zwischen April und Juni 1970 (Sendemonat von
Radiophonie bei RTB), seinen Text überarbeitet hat. Millers kommentarloser Verweis macht
sich also zumindest einer editorischen Nachlässigkeit schuldig.
Der Mitschrift verdanken wir die wohl seltene Möglichkeit, einen Einblick in den Entstehungsprozeß eines Lacanschen Textes zu nehmen. Da sich angesichts ihres Umfangs die integrale
Wiedergabe der verlesenen Fassung verbietet, versucht die als Anhang 2 präsentierte Beispielseite wenigstens einen Eindruck von der Art zu vermitteln, in der Lacan seine Texte bearbeitete.
Sitzung XI: Die Sitzung vom 15. April 1970 war überwiegend durch ein Referat ausgefüllt, das
der Religionswissenschaftler André Caquot auf Einladung Lacans hielt. Wie aus einer editorischen Notiz in der frz. Ausgabe von 1991 hervorgeht, hatte Miller 1990 Caquot darum gebeten,
ihm das Manuskript seines Referats zur Verfügung zu stellen, woraufhin dieser eine Kurzfassung, eine Art »abrégé«, einreichte. Diese druckt Miller im Anhang unter der Sigle B ab. Die
Mitschrift dagegen überliefert das Protokoll dieser Sitzung. Aus ihm ergibt sich ein deutlich
anderes Bild allein schon hinsichtlich des Verlaufs dieser Sitzung. Während nämlich Miller an
einer bestimmten Stelle des Sitzungsprotokolls die Wiedergabe des gesprochenen Diskurses
abbricht und auf den Text Caquots im Anhang verweist, um danach wieder einzusetzen mit
einem Protokollteil, den der Leser für die abschließende Diskussion des Referats (d.h., cum
grano salis, des im Anhang abgedruckten Textes) halten muß, zeigt die Mitschrift, daß der
gesamte Vortrag Caquots von Fragen bzw. Kommentaren Lacans skandiert wird. Was Miller
also als den Schluß der Sitzung präsentiert, ist dies mitnichten, sondern ein willkürlich
abgetrenntes Stück aus dem Diskurs zwischen Lacan und Caquot. Die vorliegende Übersetzung
bringt die Mitschrift-Version des Referats als Einschaltung in die Version Millers und beläßt
das »abrégé« Caquots von 1990 zum Vergleich im Anhang.
Sitzung XII: Wie beide Versionen in einer Vorbemerkung darlegen, fand die »Sitzung« unter außergewöhnlichen Bedingungen, nämlich buchstäblich auf der Straße statt. Für den Mitschnitt
auf Tonband sind daher denkbar schlechte Voraussetzungen anzunehmen. Dementsprechend
ergeben sich aus dem Vergleich der Versionen alternierende Lücken, aber auch Transkriptionsteile, die die jeweils andere Version komplementieren.
Wie leicht nachvollziehbar, war das Mikrofon (wahrscheinlicher noch: die Mikrophone) auf die
Person Lacans gerichtet, mit der Folge, daß nur die Fragen der ihm räumlich nächststehenden

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Teilnehmer einigermaßen intakt erfaßt wurden, die von entfernter stehenden Diskutanten jedoch
überwiegend unverständlich waren. Beide Versionen informieren nun über das Fehlen der
meisten Frage-Wortlaute.Während jedoch die Mitschrift konsequent Auslassungspunkte setzt,
extrahiert Miller aus den Antworten Lacans ein Sinn-Substrat, das als Ersatz für den verlorenen
authentischen Wortlaut der Frage präsentiert wird. Läßt sich diese Verfahrensweise noch eben
legitimieren, so überrascht um so mehr, daß der genaue Vergleich der Antworten in der MillerVersion auch solche Lücken ergibt, bei denen ein technischer Grund ausscheidet, da in den
meisten Fällen Miller und Mitschrift um diese Lücken herum identischen Text bringen. Es kann
sich mithin nur um bewußte Unterdrückungen handeln, die Millers Redaktionspraxis geschuldet
sind. Solche Unterdrückungen sind unter Kennzeichnung in den Text der Miller-Version eingeschaltet.
Impromptu 2: Diese Veranstaltung fehlt bei Miller ganz, die Mitschrift bietet ein Protokoll, das
allerdings zu Beginn lückenhaft ist. Die Datierung auf den 3. Juni 1970 (erster Mittwoch dieses
Monats) sowie Lacans einleitende Bemerkungen lassen den Schluß zu, daß es sich um das letzte
der geplanten vier Impromptus in Vincennes handelt, von denen Lacan in der 1. Sitzung spricht.
Daß zwei weitere geplante Veranstaltungen dort nicht stattgefunden haben, ist u.a. bei E. Roudinesco belegt. Die Frage nach dem Grund für diese Abweichung Lacans von seiner Planung, alle
zwei Monate in Vincennes zu sprechen, findet im dritten Absatz des Sitzungsprotokolls eine zumindest wahrscheinliche Antwort. In ihm erleben wir einen überaus ungehaltenen Lacan, der
einem der Anwesenden damit droht, dessen Tonbandgerät zu demolieren, falls er es nicht sofort
abschalte. Worauf die Bemerkung folgt, gerade aus diesem Grund sei er »zweimal nicht wiedergekommen« (d.h.: nach Vincennes). Auch wenn die näheren Umstände dieses Zwischenfalls im
dunkeln bleiben, läßt sich aufgrund von Lacans weiteren Äußerungen doch folgendes vermuten:
Offenbar hatte ein (von Lacan kurz darauf namentlich genannter und vermutlich dem Département de psychanalyse angehörender) Teilnehmer am 1. Impromptu einen Tonbandmitschnitt
dieser Veranstaltung angefertigt und dessen Transkription dann ŕ wohl in politischer Absicht
ŕ unter dem Namen der UER (Unité d´enseignement et de rcherche) de philosophie
veröffentlicht, der das Département angeschlossen war. Lacan reagiert auf diesen provokativen
Akt äußerst scharf: dem (im Publikum anwesenden) Verantwortlichen wirft er Denunziation vor
und nutzt die Gelegenheit, um seine Ablehnung des Projekts einer universitären »transmission«
der Lehre Freuds zu verdeutlichen. Daß Miller dieses Protokoll unterdrückt und dazu im
Impromptu 1 die Replik Lacans streicht, die den Zusammenhang zwischen beiden liefert, kann
kaum als Zufall gelten.
Das Bild, das sich so all denen, die mit Millers Versionen arbeiten müssen, bietet, ist
ernüchternd. Hatte schon die Fehlersammlung zu Le transfert gezeigt, wie wenig Verlaß auf
Millers Befähigung zur Textherstellung ist, so wird am Vergleich der beiden Versionen von
L'envers de la psychanalyse vollends deutlich, daß selbst dann, wenn es glückt, Millers
Eingriffe zu erkennen und gar rückgängig zu machen, eine wie auch immer gedachte
»Authentizität« zur reinen Fiktion gerinnen muß, denn auch die anonyme Transkription bleibt
ŕ man ist versucht zu sagen: der Natur der »Sache« unterworfen ŕ weit davon entfernt,
wahrhaft verläßlich zu sein. Man sollte also nicht darauf verfallen, deren »Ehrlichkeit« gegen
die »Machinationen« Millers ausspielen zu wollen. Für die Seminare bedeutet das schlicht: Es
wird, und das auf immer, keinen »authentischen«, »originalen« oder gar »wahren« Lacan zu

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lesen geben. Alles, was die, zumeist konkurrierenden, bisweilen einander glücklich komplementierenden, Überlieferungen bezeugen können, läßt sich, zugespitzt, fassen in ein »Lacan
wird etwas gesagt haben«. Das aber, was die Maschine, so blöde wie der Signifikant, jedoch zur
Lüge unfähig, registriert hat, erweist sich ebendadurch als die Wahrheit-im-Realen allen
Sprechens: ein Geräusch.

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I
ERZEUGUNG DER VIER DISKURSE

Der gleichsam wortlose Diskurs.
Die Plätze interpretieren vor.
Das Verhältnis des Wissens zum Genießen.
Der um sein Wissen bestohlene Sklave.
Das Begehren zu wissen.

Erlauben Sie mir, meine lieben Freunde, ein weiteres Mal diese Assistenz 3 zu befragen ŕ und
zwar in allen Bedeutungen des Wortes ŕ, die Sie mir leisten, und ganz besonders heute, indem
Sie, d.h. einige unter Ihnen, mir in eine dritte meiner Verschiebungen [déplacements] folgen.
Ehe ich diese Befragung wiederaufnehme, kann ich ŕ um dem, dem es gebührt, dafür zu danken ŕ nicht weniger tun, als deutlich zu machen, wieso ich hier bin. Nämlich in der
Eigenschaft einer Leihgabe, die die Fakultät der Rechte freundlicherweise mehreren meiner
Kollegen von den Hautes Études4 zukommen läßt, zu denen sie mich ausdrücklich hat zählen
wollen. Die Fakultät der Rechte, und insbesondere ihre höchsten Autoritäten, namentlich der
Herr Dekan, seien hier, durch mich und, denke ich, mit Ihrer Zustimmung, dafür bedankt.
Wie der Aushang Sie vielleicht unterrichtet hat, werde ich hier ŕ nicht daß mir der Ort nicht
jeden Mittwoch angeboten würde ŕ nur am zweiten und dritten Mittwoch jeden Monats sprechen, womit ich mir, zweifellos zum Zwecke anderer Verpflichtungen, die anderen Mittwoche
freihalte. Und insbesondere glaube ich ankündigen zu können, daß ich am ersten dieser
Mittwoche im Monat, zumindest zu einem Teil, d.h. jeden zweiten [Monat], was ich also im
nächsten Monat, dem Monat Dezember, beginnen werde, also an den ersten Mittwochen
im Dezember, Februar, April und Juni, nicht, wie es irrigerweise angekündigt worden war, mein
Seminar nach Vincennes tragen werde, sondern das, was ich in Kontrast dazu und um zu
betonen, daß es sich um etwas anderes handelt, mit Vorbedacht Vier Impromptus genannt habe,
denen ich einen humoristischen Titel gegeben habe, den Sie erfahren werden an den Orten, an
denen er bereits ausgehängt ist.
Weil es mir, wie Sie sehen, gefällt, diesen Hinweis in der Schwebe zu lassen, nutze ich ihn ganz
schnell dazu aus, mich hier von einem Gewissensbiß zu befreien, der mir von einer Art von
Aufnahme zurückgeblieben ist, die ich einer Person bereitet habe, denn beim Drübernachdenken
war sie wenig liebenswürdig ŕ nicht daß ich es so gewollt hätte, aber faktisch ergab es sich so.
Eines Tages kam auf der Straße eine Person ŕ vielleicht ist sie hier, und zweifellos wird sie
sich nicht zu erkennen geben ŕ auf mich zu, gerade als ich ein Taxi besteigen wollte. Sie hielt
dafür ihr kleines Moped an und sagt zu mir: »Sind Sie das, der Doktor Lacan?« ŕ »Ja doch«,
3Im Orig. assistance = »Anwesenheit, Zuhörerschaft, Beistand, Mitwirkung, Hilfe«.
4Gemeint ist die École Pratique des Hautes Études.

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sage ich zu ihr, »und warum?« ŕ »Werden Sie Ihr Seminar wieder halten?« ŕ »Aber ja, bald.«
ŕ »Und wo?« Und da, zweifellos hatte ich meine Gründe dafür, sie wird es mir sicher glauben
wollen, antwortete ich ihr: »Das werden Sie sehen.« Worauf sie auf ihrem kleinen Moped
davonfuhr, das sie derart fix gestartet hatte, daß ich verdutzt und mit schlechtem Gewissen
zugleich zurückblieb. Diesen Gewissensbiß habe ich heute aussprechen wollen, indem ich ihr
meine Entschuldigung anbiete, falls sie da ist, damit sie mir verzeihe.
Offen gesagt, das ist ganz sicher eine Gelegenheit zu bemerken, daß, wenn man sich, zumindest
dem Anschein nach, auf die Palme gebracht [excédé] zeigt, man dies nie, egal auf welche
Weise, durch das Übermaß [excès] eines andern wird. Man wird es immer deshalb, weil dieses
Übermaß mit einem Übermaß bei Ihnen zusammenfällt. Weil ich wegen dieses Punktes bereits
in einem gewissen Zustand war, der ein Übermaß an intensiver Beschäftigung darstellte, habe
ich mich so zweifellos auf eine Weise gezeigt, die ich dann sehr schnell unpassend fand.
Treten wir darüber in das ein, was es mit dem, was wir dieses Jahr bringen, auf sich haben wird.

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Die Psychoanalyse verkehrt herum [à l'envers], so habe ich geglaubt dieses Seminar betiteln zu
sollen.
Glauben Sie nicht, dieser Titel schulde irgend etwas dem Tagesereignis, das glaubt, es sei auf
dem besten Wege dazu, eine gewisse Anzahl von Orten zu verkehren. Ich werde dafür nur
folgendes als Beweis bringen. In einem Text, der vom Jahr 1966 datiert, und insbesondere in
einer jener Einleitungen, die ich zum Zeitpunkt der Sammlung meiner Écrits verfaßt habe und
die sie skandieren, in einem Text, der sich betitelt De nos antécédents5, charakterisiere ich auf
der Seite 686, was es mit meinem Diskurs, einer Wiederaufnahme, sage ich, des Freudschen
Projektes über die Kehrseite auf sich gehabt hat. Das ist also lange vor den Ereignissen
geschrieben worden ŕ eine Wiederaufnahme über die Kehrseite [par l´envers].
Was heißt das? Letztes Jahr ist mir, mit großer Beharrlichkeit, widerfahren, daß ich das, was es
mit dem Diskurs auf sich hat, als eine notwendige Struktur unterschied, die das, stets mehr oder
weniger gelegenheitsmäßige, Sprechen um vieles übersteigt. Was ich vorziehe, so habe ich
gesagt und eines Tages sogar ausgehängt, das ist ein Diskurs ohne Worte.
Denn in Wahrheit kann er sehr gut ohne Worte bestehen. Er besteht in bestimmten
fundamentalen Beziehungen. Diese könnten sich, buchstäblich, ohne die Sprache nicht aufrechterhalten. Vermittels des Instrumentes der Sprache richtet sich eine bestimmte Anzahl von
stabilen Beziehungen ein, innerhalb deren sich sicher etwas einschreiben kann, das sehr viel
umfassender ist, sehr viel weiter reicht als die tatsächlichen Aussagevorgänge [énonciations].
Dazu, daß unser Verhalten, unsere Akte sich gegebenenfalls mittels des Rahmens gewisser
uranfänglicher Aussagen [énoncés] einschreiben, bedarf es ihrer nicht. Wäre dem nicht so, was
wäre dann mit dem, was wir in der Erfahrung wiederfinden, und zwar speziell der analytischen
ŕ wobei diese sich an dieser Stelle nur deshalb in Erinnerung bringt, weil sie es genau
bezeichnet hat ŕ, was wäre dann mit dem, was sich für uns wiederfindet unter dem Aspekt des
5Deutsch unter dem Titel »Von dem, was uns vorausging« in Schriften III, S.7-14.
6Vgl. Schriften III, S.11.

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Überich?
Es gibt Strukturen ŕ anders wüßten wir sie nicht zu bezeichnen ŕ, um7 das zu
charakterisieren, was ablösbar ist von jenem in Form von, auf das ich letztes Jahr den Akzent
eines besonderen Gebrauchs zu setzen mir erlaubt habe ŕ, das heißt, das, was namens der
fundamentalen Beziehung geschieht, die ich definiere als die eines Signifikanten zu einem
andern Signifikanten. Woraus das Auftauchen dessen resultiert, was wir das Subjekt nennen ŕ
namens des Signifikanten, der, in diesem Fall, so fungiert, daß er dieses Subjekt bei [auprès]
einem anderen Signifikanten repräsentiert.
Wie ist diese fundamentale Form zu situieren? Diese Form ŕ wenn Sie möchten, schreiben wir
sie, ohne noch länger zuzuwarten, dieses Jahr auf eine neue Weise. Letztes Jahr hatte ich es
getan mittels der Exteriorität des Signifikanten S1, desjenigen, von dem unsere Definition des
Diskurses ausgeht, so wie wir ihn in diesem ersten Schritt akzentuieren werden, seiner Exteriorität zu einem Kreis, der gekennzeichnet ist durch die Sigle A, d.h. das Feld des großen
Andern. Vereinfachend aber betrachten wir S1 und, bezeichnet durch das Zeichen S2, die
Batterie der Signifikanten. Es handelt sich um die, die bereits da sind, wohingegen am
Ursprungspunkt, an den wir uns stellen, um zu bestimmen, was es mit dem Diskurs auf sich hat,
dem als Statut der Aussage [énoncé] aufgefaßten Diskurs, S1 der ist, den man als intervenierend
anzusehen hat. Er interveniert in eine Signifikantenbatterie, bezüglich deren wir niemals
irgendein Recht zu der Auffassung haben, sie sei verstreut und bilde nicht bereits jetzt das Netz
dessen, was sich ein Wissen nennt.
Es setzt sich zunächst von jenem Moment an, wo S1 etwas zu repräsentieren beginnt durch seine
Intervention in das Feld, das, an dem Punkt, an dem wir sind, definiert ist als das bereits strukturierte Feld eines Wissens. Und das, was sein Darunterliegendes ist, hypokeimenon, das ist das
Subjekt, das, insofern es diesen spezifischen Zug repräsentiert, vom lebenden Individuum zu
unterscheiden ist. Ganz sicher ist letzteres der Ort des ersteren, der Markierungspunkt, es gehört
aber nicht zur Ordnung dessen, was das Subjekt eintreten läßt namens des Statuts des Wissens.

S1
$

S2
a

Zweifellos liegt da, um das Wort Wissen herum, der Punkt der Zweideutigkeit, wegen dem wir
heute das zu akzentuieren haben, wofür ich Ihre Ohren bereits auf mehrerlei Wegen, Pfaden,
mittels Beleuchtungen, blitzlichthaften Zügen sensibilisiert habe.
Soll ich es für die ansprechen, die davon Notiz genommen haben, für die, denen das vielleicht
noch immer im Kopf herumgeht? Es ist mir letztes Jahr widerfahren, Wissen das Genießen des
Andern zu nennen.
Eine komische Geschichte. Das ist eine Formulierung, die, offen gesagt, noch nie vorgebracht
worden war. Sie ist nicht mehr neu, denn ich habe ihr schon letztes Jahr vor Ihnen ausreichende
Wahrscheinlichkeit verleihen, über sie sprechen können, ohne besondere Einsprüche dagegen zu
erwecken. Das ist einer der Treffpunkte, die ich für dieses Jahr ankündigte.
Komplettieren wir zunächst, was zuerst auf zwei Füßen stand und dann auf dreien, geben wir
ihm seinen vierten.
7Mitschrift: bezeichnen, um

12

13

Dieser da, darauf habe ich schon recht lange insistiert, und besonders im letzten Jahr, denn das
Seminar war dafür schon lange genug gehalten worden ŕ D’un Autre à l’autre8 habe ich es
betitelt. Dieser andere, der kleine, mit dem l seiner allgemeinen Bekanntheit, war das, was wir
auf dieser Ebene, der der Algebra, der Signifikantenstruktur, als das Objekt a bezeichnen.
Auf dieser Ebene der Signifikantenstruktur müssen wir nur die Art und Weise kennen, auf die
das wirkt. So haben wir die Freiheit, zu sehen, was es bewirkt, wenn wir die Dinge so schreiben,
daß wir das ganze System um eine Vierteldrehung verschieben.
Diese berühmte Vierteldrehung, ich spreche von ihr lange genug und bei anderen Gelegenheiten
ŕ insbesondere seit dem Erscheinen dessen, was ich unter dem Titel Kant avec Sade9 geschrieben habe ŕ, damit man sich hat denken können, daß man vielleicht eines Tages sehen würde,

13

daß sich das nicht auf die Tatsache des sogenannten Schema Z beschränkt und daß es für diese
Vierteldrehung andere Gründe gibt als jenen reinen Zufall bildlicher Darstellung.

$
a

S1
S2

Hier ein Beispiel. Wenn es begründet scheint, daß die Kette, die Abfolge der Buchstaben dieser
Algebra, nicht durcheinandergebracht werden darf, dann werden wir dadurch, daß wir uns
dieser Operation der Vierteldrehung anvertrauen, vier Strukturen erhalten, nicht mehr, deren
erste Ihnen gewissermaßen den Ausgangspunkt zeigt.
Es ist sehr leicht, auf dem Papier rasch die übrigen drei zu erzeugen.
Dies soll nur einen Apparat spezifizieren, der absolut nichts Erzwungenes hat, wie man aus
einer gewissen Perspektive heraus sagen würde, nichts, was von irgendeiner Realität abstrahiert
wäre. Ganz im Gegenteil, es ist bereits eingeschrieben in das, was als diese Realität funktioniert,
von der ich gerade gesprochen habe, der des Diskurses, der bereits in der Welt ist und sie stützt,
zuallermindest die, die wir kennen. Es ist nicht nur bereits eingeschrieben, es ist auch Teil ihrer
Brückenbögen.
Wenig von Bedeutung ganz sicher ist die Form der Buchstaben, in denen wir diese symbolische
Kette einschreiben, so wenig distinkt sie auch sei ŕ es genügt, damit sich etwas von konstanten
Beziehungen manifestiere. So ist diese Formel beschaffen.
Was [be]sagt sie? Sie situiert ein Moment. Es ist die Folge dessen, was hier unser Diskurs entwickeln wird, der uns sagen wird, welchen Sinn man diesem Moment geben sollte. Sie sagt, daß
in demselben Augenblick, in dem der S1 in das bereits konstituierte Feld der anderen Signifikanten interveniert, insofern sie sich bereits als solche untereinander artikulieren, dadurch, daß
er bei einem andern aus diesem System interveniert, dies erscheint: $, das wir das Subjekt als
gespaltenes genannt haben. Dessen gesamtes Statut haben wir dieses Jahr wiederaufzunehmen,
in seiner starken Betonung.
Schließlich, wir haben von jeher betont, daß aus diesem Trajekt etwas hervorgeht, das als ein
Verlust definiert ist. Ebendas bezeichnet der Buchstabe, der sich liest als das Objekt a.
Wahrscheinlich haben wir auch den Punkt bezeichnet, aus dem wir diese Funktion des
8Séminaire XVI, D´un Autre à l´autre (1968/69).
9Dt. unter dem Titel »Kant mit Sade« in Schriften II, S.133-163.

14

14

verlorenen Objekts extrahieren. Nämlich aus dem Diskurs Freuds über den spezifischen Sinn
der Wiederholung beim sprechenden Sein. In der Tat geht es bei der Wiederholung keineswegs
um irgendeinen beliebigen Gedächtniseffekt im biologischen Sinne. Die Wiederholung hat
einen bestimmten Bezug zu dem, was, von diesem Wissen, die Grenze ist und was sich das
Genießen nennt.
Deshalb handelt es sich bei der Formel, daß das Wissen das Genießen des Anderen ist, um eine
logische Artikulation. Des Andern wohlverstanden insofern, als ŕ denn es gibt keinen Andern
ŕdie Intervention des Signifikanten ihn als Feld erscheinen läßt.
Zweifellos werden Sie mir sagen, daß wir uns da, alles in allem, noch immer im Kreise drehen
ŕ der Signifikant, der Andere, das Wissen, der Signifikant, der Andere, das Wissen usw. Genau
da aber erlaubt der Term Genießen uns, den Einsetzungspunkt des Apparats zu zeigen. Indem
wir das tun, verlassen wir zweifellos das, was es authentisch mit dem Wissen auf sich hat,
verlassen wir das, was als Wissen erkennbar ist, um uns auf die Grenzen zu beziehen, auf ihr
Feld als solches, jenes, mit dem das Sprechen Freuds sich auseinanderzusetzen wagt.
Aus all dem, was dieses [Sprechen] artikuliert, ergibt sich was? Nicht das Wissen, sondern die
Verwirrung. Nun, über die Verwirrung selbst müssen wir nachdenken, denn es geht um die
Grenzen und darum, aus dem System herauszukommen. Aus ihm herauszukommen vermöge
wessen? Vermöge eines Dursts nach Sinn, so als ob das System seiner bedürfte. Es hat keinerlei
Bedürfnis, das System. Wir aber, wir schwachen Wesen, so wie wir uns im Laufe dieses Jahres
an allen Wendepunkten wiederfinden werden, wir bedürfen des Sinnes. Nun, da ist einer.
Das ist vielleicht nicht der wahre. Gleichviel aber, sicher ist, daß wir sehen werden, daß es viel
von Das ist vielleicht nicht der wahre gibt, dessen Insistenz uns im eigentlichen Sinne die
Dimension der Wahrheit nahelegt.
Bemerken wir die Zweideutigkeit selbst, die in der psychoanalytischen Dummheit das Wort
Trieb* angenommen hat, statt daß man sich zu erfassen befleißigt, wie sich diese Kategorie artikuliert. Diese ist nicht ohne Vorläufer, will sagen: das Wort hat bereits einen Gebrauch
erfahren, und zwar einen, der weit zurückreicht, bis hin zu Kant, das aber, wozu er im
analytischen Diskurs dient, verdiente wirklich, daß man sich nicht überstürze, ihn zu schnell
durch instinct zu übersetzen. Schließlich aber kommt es zu diesen Ausrutschern nicht ohne
Grund, und obwohl wir seit langem auf dem aberranten Charakter dieser Übersetzung insistiert
haben, haben wir doch das Recht, Nutzen aus ihr zu ziehen. Sicher nicht ŕ und schon gar nicht
bei diesem Anlaß ŕ, um den Begriff Instinkt zu bestätigen, sondern um in Erinnerung zu rufen,
was vom Diskurs Freuds ihn [= den Begriff] bewohnbar macht ŕ und um einfach zu versuchen,
ihn, diesen Diskurs, anders bewohnen zu lassen.
Volkstümlicherweise ist die Vorstellung vom Instinkt wirklich die von einem Wissen ŕ einem
Wissen, von dem man nicht fähig ist zu sagen, was das bedeutet, von dem man jedoch, und
nicht ohne Berechtigung, meint, es habe zum Ergebnis, daß das Leben fortbesteht. Wenn wir
dagegen dem einen Sinn geben, was Freud über das Lustprinzip sagt: daß es für das Funktionieren des Lebens wesentlich ist, weil es das ist, worin sich die niedrigste Spannung aufrechterhält ŕ, ist damit nicht bereits das gesagt, wovon die Folge seines Diskurses erweist, daß es
ihm aufgedrängt wird? Nämlich: der Todestrieb.
Dieser Begriff ist ihm aufgedrängt worden durch die Entwicklung einer Erfahrung, der analytischen Erfahrung, insofern sie Struktur des Diskurses ist. Denn vergessen wir nicht, daß man den

15

15

Todestrieb nicht dadurch erfindet, daß man das Verhalten der Leute betrachtet.
Der Todestrieb, hier wir haben ihn. Wir haben ihn da, wo etwas geschieht zwischen Ihnen und
dem, was ich sage.
2
Ich habe gesagt: dem, was ich sage, ich spreche nicht von dem, was ich bin. Wozu auch, da man
das, alles in allem, dank Ihrer Assistenz sieht. Es ist nicht so, daß sie zu meinen Gunsten spricht.
Manchmal ŕ und meistens ŕ spricht sie an meiner Statt.
Wie auch immer ŕ das, was rechtfertigt, daß ich hier etwas sage, ist das, was ich die Essenz
dieser Manifestation nennen würde, nämlich die verschiedenen aufeinander folgenden
Assistenzen, die ich auf mich gezogen habe je nach den Orten, von denen aus ich sprach.
Es lag mir viel daran, irgendwo die folgende Bemerkung anzuschließen, denn heute, wo ich an
einem neuen Ort bin, schien mir der Tag dafür gekommen. Am Stil dessen, was ich diese Manifestation genannt habe, hat der Ort stets seinen gewichtigen Anteil gehabt, und ich will die
Gelegenheit nicht verstreichen lassen, zu sagen, daß sie einen Bezug zum geläufigen Sinn des
Begriffs Deutung hat. Was ich gesagt habe durch Ihre, für Ihre und in Ihrer Assistenz, ist, zu
jedem dieser Zeitpunkte ŕ definiert man sie als geographische Orte ŕ immer schon gedeutet.
Das wird in den kleinen sich drehenden Quadripoden Platz finden müssen, von denen ich heute
anfange Gebrauch zu machen, und ich werde darauf zurückkommen. Um Sie aber nicht völlig
im Leeren zu lassen, werde ich Ihnen davon sofort etwas zeigen.
Hätte ich zu deuten, was ich zwischen 1953 und 1963 in Sainte-Anne gesagt habe, will sagen,
indem ich dessen Deutung festmache ŕ Deutung in einem Sinne, der dem der analytischen
Deutung entgegengesetzt ist und der wirklich spürbar macht, wie sehr die analytische Deutung
selbst der allgemeinen Bedeutung des Wortes zuwiderläuft ŕ, dann würde ich sagen, das Merklichste, die Saite, die wirklich schwang, das war der Jux.
Die exemplarischste Figur dieser Hörerschaft, die zweifellos eine medizinische war ŕ
schließlich gab es aber auch einige Assistenten, die keine Mediziner waren ŕ, war die, die
meinen Diskurs als eine Art fortgesetzten Ausstoß von Gags abheftete. Genau das wird für mich
das Charakteristischste an dem sein, was zehn Jahre lang die Essenz meiner Manifestation war.
Zusätzlicher Beweis: Die Dinge haben erst an dem Tag angefangen sauer zu werden, als ich ein
Trimester der Analyse des Witzes widmete. 10
Das ist eine große Klammer, und lange kann ich in diese Richtung nicht gehen, ich muß dem
aber wirklich hinzufügen, was das Charakteristikum der Deutung des Ortes ausmachte, wo Sie
mich letztesmal verlassen haben, die École normale supérieure.
E.N.S. ŕ als Initialen ist das absolut großartig. Das dreht sich ums Seiende. Man muß von den
buchstäblichen Äquivoken stets zu profitieren wissen, vor allem, wenn es die drei ersten
Buchstaben des Wortes enseigner [unterrichten] sind. Nun, in der rue d’Ulm11 hat man bemerkt,
daß das, was ich sagte, ein Unterricht war.
Vorher war das nicht so offensichtlich. Man nahm es nicht einmal an. Die Professoren, und insbesondere die Mediziner, waren sehr beunruhigt. Die Tatsache, daß es überhaupt nicht medizi10Im Séminaire V, Les formations de l´inconscient (1957/58).
11Sitz der E.N.S.

16

16

nisch war, hinterließ einen starken Zweifel daran, ob es die Bezeichnung Unterricht verdiente,
und zwar bis zu dem Tage, an dem man hat Bürschchen kommen sehen ŕ die von den Cahiers
pour l’analyse12 —, die in jener Ecke ausgebildet worden waren, in der man ŕ wie ich schon
vor sehr langer Zeit gesagt hatte, und zwar eben zur Zeit der Gags ŕ aufgrund des Ausbildungseffekts nichts weiß, es aber auf bewundernswerte Weise unterrichtet. Daß sie das, was
ich sagte, so gedeutet haben ŕ ich spreche heute von einer anderen Deutung als der analytischen ŕ, hat durchaus einen Sinn.
Natürlich weiß man nicht, was hier passieren wird. Ich weiß nicht, ob Jurastudenten kommen
werden, ehrlich gesagt aber wäre das für die Deutung entscheidend. Wahrscheinlich wird es die
bei weitem wichtigste Zeit von den dreien sein, da es dieses Jahr darum geht, die Psychoanalyse
verkehrt herum zu nehmen, und ihr vielleicht, genau das, ihr Statut zuzuweisen, in dem Sinne
des Begriffs, den man den juristischen nennt. Jedenfalls hat das ganz sicher stets, und in letzter
Konsequenz, mit der Struktur des Diskurses zu tun gehabt. Wenn das Recht ŕ wenn's nicht das
ist, wenn's nicht da ist, daß man daran rührt, wie der Diskurs die reale Welt strukturiert, wo
dann? Ebendeshalb sind wir hier nicht schlechter dran als anderswo.
Nicht also einfach nur aus Gründen der Bequemlichkeit habe ich diesen Glücksfall akzeptiert.
Sondern es ist auch das, was Ihnen auf Ihrer Rundreise die geringste Störung bereitet, zumindest
denen, die an die andere Seite gewöhnt waren. Ich bin nicht ganz sicher, ob es wegen der Parkplätze sehr bequem ist, aber schließlich haben Sie dafür ja trotzdem noch die rue d’Ulm. 13

3
Machen wir weiter.
Wir waren bis zu unserem Instinkt und zu unserem Wissen gekommen, die, alles in allem, durch
das situiert sind, was Bichat vom Leben definiert. »Das Leben«, so sagt er ŕ und das ist die
tiefgründigste Definition, sie ist überhaupt nicht prudhommesk, wenn Sie genau hinsehen ŕ,
»ist die Gesamtheit der Kräfte, die dem Tod widerstehen.«
Lesen Sie, was Freud über den Widerstand des Lebens gegen die Neigung zum Nirwana
schreibt, wie man auf andere Weise den Todestrieb bezeichnet hat in dem Moment, in dem er
ihn eingeführt hat. Zweifellos vergegenwärtigt er sich, im Zentrum der analytischen Erfahrung,
die eine Diskurs-Erfahrung ist, diese Neigung zur Rückkehr zum Unbelebten. Bis dahin geht
Freud. Was aber, so sagt er, die Beständigkeit dieser Blase ausmacht ŕ in der Tat drängt sich
das Bild bei der eingehenden Lektüre dieser Seiten auf ŕ, das ist, daß das Leben dorthin nur
auf Wegen zurückkehrt, die immer dieselben sind und die es einmal gut gebahnt hat. Was ist das
ŕ wenn nicht der wahre Sinn, der dem gegeben wird, was wir im Begriff Instinkt an Implikation eines Wissens finden?
Jenen Pfad, jenen Weg, man kennt ihn, es ist das Wissen der Vorfahren. Und dieses Wissen,
was ist das? ŕ wenn wir nicht vergessen, daß Freud einführt, was er selbst das Jenseits des
Lustprinzips nennt, welches dadurch jedoch nicht umgekehrt wird. Das Wissen, das ist das, was

12Gegründet 1966 auf Initiative des Cercle d´Épistémologie an der E.N.S., u.a. von J.-A. Miller.
13Die Fakultät der Rechte, gelegen an der Place du Panthéon, ist nur wenige hundert Meter von der E.N.S.
entfernt.

17

17

bewirkt, daß das Leben an einer bestimmten Grenze zum Genießen hin innehält. Denn der Weg
zum Tode hin ŕ darum geht’s, es ist ein Diskurs über den Masochismus ŕ, der Weg zum Tode
hin ist nichts anderes als das, was sich das Genießen nennt.
Es gibt ein uranfängliches Verhältnis des Wissens zum Genießen, und genau da wird das eingesetzt, was in dem Moment auftaucht, in dem der Apparat dessen erscheint, was es mit dem

18

Signifikanten auf sich hat. Infolgedessen ist es vorstellbar, daß wir die Funktion jenes
Auftauchens des Signifikanten damit [mit dem Genießen] in Zusammenhang bringen.
Das reicht, so wird man sagen, müssen wir denn alles erklären? Und der Ursprung der Sprache,
warum nicht? Jeder weiß, daß es, um ein Wissen korrekt zu strukturieren, nötig ist, auf die
Frage nach den Ursprüngen zu verzichten. Was wir tun, indem wir dies hier artikulieren, ist im
Hinblick auf das, was wir dieses Jahr zu entwickeln haben und was sich auf der Ebene der
Strukturen plaziert, überflüssig. Es ist eine eitle Suche nach Sinn. Aber, wie ich bereits gesagt
habe: tragen wir dem Rechnung, was wir sind.
Ich fahre also fort. Im Verbund mit einem Genießen ŕ und nicht mit irgendeinem x-beliebigen,
zweifelsohne muß es opak bleiben ŕ, im Verbund mit einem Genießen, das unter allen andern
privilegiert ist ŕ nicht dadurch, daß es das sexuelle Genießen ist, denn das, was dieses
Genießen bezeichnet dadurch, daß es im Verbund steht, das ist der Verlust des sexuellen
Genießens, das ist die Kastration ŕ in bezug auf den Verbund mit dem sexuellen Genießen
taucht in der Freudschen Fabel von der Wiederholung die Erzeugung von folgendem auf, das
grundlegend ist und einem Schema Gestalt verleiht, das buchstäblich artikuliert ist: Ist S1
erschienen ŕ erstes Zeitmetrum ŕ, wiederholt er sich bei S2. Durch dieses In-Bezug-treten
taucht das Subjekt auf, das von etwas repräsentiert wird, einem gewissen Verlust, der jene
Anstrengung wert ist, die man auf den Sinn hin gemacht hat, um seine Zweideutigkeit zu
verstehen.
Aus gutem Grund habe ich dieses selbe Objekt, das ich andererseits als das bezeichnet hatte, um
das sich in der Analyse die gesamte Dialektik der Frustration organisiert, letztes Jahr die Mehrlust [plus-de-jouir] genannt. Das bedeutet, daß der Verlust des Objektes auch die Kluft ist, das
Loch, das offensteht für etwas, von dem man nicht weiß, ob es die Repräsentation des GenießMangels [manque à jouir] ist, der sich durch den Prozeß14 des Wissens situiert, insofern er dort
einen ganz anderen Akzent gewinnt dadurch, daß es von da an vom Signifikanten skandiertes
Wissen ist. Ist es gar dasselbe?
Der Bezug zum Genießen akzentuiert sich plötzlich15 durch jene noch virtuelle Funktion, die
sich die des Begehrens nennt. Aus diesem Grunde auch artikuliere ich Mehrlust das, was hier
erscheint, und artikuliere ich es nicht mittels einer Erzwingung oder einer Übertretung.
Man höre doch bitte mal ein klein wenig mit diesem Gestammel auf. Was die Analyse zeigt,
falls sie etwas zeigt ŕ ich berufe mich hier auf die, die da eine etwas andere Seele haben als
die, von der man, so wie Barrès es vom Leichnam sagt, sagen könnte, daß sie stammelt ŕ, ist
ganz genau das, daß man nichts übertritt. Sich einschleichen ist nicht übertreten. Eine
angelehnte Tür sehen heißt nicht, daß man sie durchschreitet. Wir werden die Gelegenheit
haben, das, was ich gerade einführe, wiederzufinden ŕ hier ist es nicht Übertretung, sondern
viel eher Einbruch, Sturz ins Feld, von etwas, das zur Ordnung des Genießens gehört ŕ ein
14Mitschrift: Progreß
15Dieses Wort nur bei Miller.

19

18

Überschuß.
Nun, selbst das, vielleicht ist es das, wofür man bezahlen muß. Aus ebendiesem Grund habe ich
Ihnen letztes Jahr gesagt, daß bei Marx erkannt wird, daß das a, das da ist, auf der Ebene funktioniert, die sich ŕ durch den analytischen Diskurs, nicht durch einen andern ŕ als Mehrlust
artikuliert. Genau das entdeckt Marx als das, was auf der Ebene des Mehrwerts wirklich geschieht.
Natürlich hat nicht Marx den Mehrwert erfunden. Nur kannte vor ihm niemand dessen Platz. Es
war derselbe zweideutige Platz wie der, den ich gerade genannt habe, der der Zuviel-Arbeit, der
Mehrarbeit. Wofür wird damit bezahlt? sagt er ŕ wenn nicht genau dafür: Genießen, das irgendwo hin muß.
Das Störende daran ist, daß man, wenn man für es bezahlt, es hat, und dann, sobald man es hat,
ist es sehr dringlich, daß man es verschwendet. Verschwendet man es nicht, dann hat das alle
möglichen Konsequenzen.
Lassen wir die Sache für den Augenblick in der Schwebe.

4
Was tue ich gerade? Ich beginne, Sie ŕ einfach dadurch, daß ich ihn situiert habe ŕ,
annehmen zu lassen, daß dieser vierfüßige Apparat mit vier Positionen dazu dienen kann, vier
grundlegende Diskurse zu definieren.
Nicht zufällig habe ich Ihnen gerade diese Form als erste gegeben. Nichts besagt, daß ich nicht
auch von jeder andern hätte ausgehen können, beispielsweise von der zweiten. Es ist jedoch eine
durch historische Gründe determinierte Tatsache, daß diese erste Form, die, die sich ausgehend
von diesem Signifikanten aussagt, der ein Subjekt bei einem anderen Signifikanten
repräsentiert, eine ganz besondere Bedeutung hat, und zwar insofern, als sie sich in dem, was
wir dieses Jahr sagen werden, unter den vieren festmachen lassen wird als die Artikulation des
Diskurses des Herrn.
Der Diskurs des Herrn ŕ ich denke, es ist unnütz, Ihnen etwas über seine historische
Bedeutung zu berichten, denn Sie sind gleichwohl, im Ganzen genommen, rekrutiert mittels
jenes Siebes, das man das universitäre nennt, und von daher nicht ohne Wissen darüber, daß die
Philosophie von nichts anderem als davon spricht. Noch ehe sie davon spricht, d.h., noch ehe sie
ihn bei seinem Namen nennt ŕ zumindest bei Hegel, und von ihm auf ganz spezielle Weise
illustriert, springt einem das in die Augen ŕ, war es bereits offensichtlich, daß auf der Ebene
des Diskurses des Herrn etwas erschienen war, das uns, was den Diskurs ŕ so zweideutig er
auch sein mag ŕ angeht, betrifft und das sich die Philosophie nennt.
Ich weiß nicht, bis wohin ich das das treiben könnte, was ich heute für Sie zu pointieren habe,
denn wir dürfen nicht trödeln, wenn wir die vier Diskurse, um die es geht, alle durchgehen
wollen.
Wie heißen die andern? Ich werde es Ihnen nicht sofort sagen, warum nicht? ŕ und wäre es
nur, um Sie zu locken.
Der da, der zweite auf der Tafel, das ist der Diskurs der Hysterika. Das ist nicht sofort zu sehen,
ich werde es Ihnen aber erklären.

20

19

Und dann die zwei andern. Es gibt einen, der der Diskurs des Analytikers ist. Der andere ŕ
nein, ganz bestimmt, ich werde Ihnen nicht sagen, was das ist. Wenn das heute einfach so gesagt
wird, dann würde das zu zu vielen Mißverständnissen Anlaß geben. Sie werden sehen ŕ es ist
ein ganz und gar aktueller Diskurs.
Machen wir also mit dem ersten weiter. Ich muß begründen, was es mit der Bezeichnung des
algebraischen Apparats hier auf sich hat, der die Struktur des Diskurses des Herrn liefert.
S1, das ist, sagen wir, um schnell voranzukommen, der Signifikant, die Signifikantenfunktion,
worauf sich das Wesen des Herrn stützt. Andererseits erinnern Sie sich vielleicht an das, worauf
ich letztes Jahr mehrmals den Akzent gesetzt habe ŕ das dem Sklaven eigene Feld, das ist das
Wissen, S2. Liest man die Zeugnisse, die wir vom antiken Leben besitzen, jedenfalls von dem
Diskurs, der über dieses Leben gehalten wurde ŕ lesen Sie dazu die Politik des Aristoteles ŕ,
dann läßt das, was ich vom Sklaven vorbringe, nämlich daß er dadurch gekennzeichnet ist, daß
er der Träger des Wissens ist, keinen Zweifel aufkommen.
In der Antike ist er nicht, wie unser moderner Sklave, einfach eine Klasse: er ist eine der
Familie einbeschriebene Funktion. Der Sklave, von dem Aristoteles spricht, ist ebensosehr in
der Familie wie im Staat, und in der einen noch mehr als im anderen. Er ist es, weil er der ist,
der über ein Gewußt-wie [savoir-faire] verfügt. Bevor man weiß, ob das Wissen sich weiß, ob
man auf der Perspektive eines Wissens, das in sich selbst völlig transparent ist, ein Subjekt
gründen kann, ist es wichtig zu wissen, wie man das Register dessen ausquetscht, was,
ursprünglich, Gewußt-wie ist.
Was also ist das, was unter unseren Augen geschieht und der Philosophie ihren Sinn gibt, einen
ersten Sinn ŕ Sie werden noch andere geliefert bekommen? Dank Platon verfügen wir glücklicherweise über dessen Spuren, und es ist sehr wesentlich, sich daran zu erinnern, um richtig einordnen zu können, worum es geht, und überhaupt, wenn etwas von dem, was uns plagt, einen
Sinn hat, dann kann das nur der sein, die Dinge richtig einzuordnen. Was bestimmt die Philosophie in ihrer gesamten Evolution? Dies: der Diebstahl, der Raub, die Subtraktion seines Wissens, die am Sklaventum begangen werden durch die Operation des Herrn.
Um das zu bemerken, genügt es, in den Dialogen Platons ein wenig geübt zu sein, und Gott
weiß, ob ich, seit sechzehn Jahren, mich darum bemühe, daß die, die mir zuhören, sie gewinnen,
diese Übung.
Unterscheiden wir zunächst das, was ich in diesem Fall die zwei Seiten des Wissens nennen
möchte: die artikulierte Seite und jenes Gewußt-wie, das dem tierischen Wissen so verwandt ist,
beim Sklaven aber absolut nicht jenes Apparates entbehrt, der daraus ein Sprachnetz macht, und
zwar eines der artikuliertesten. Es geht darum, zu bemerken, daß das, die zweite Schicht, der
artikulierte Apparat, sich übermitteln läßt, was bedeutet: sich übermitteln läßt aus der Tasche
des Sklaven in die des Herrn ŕ vorausgesetzt, man hatte zu dieser Zeit Taschen.
Genau da liegt die ganze Anstrengung, das freizulegen, was sich die episteme nennt. Das ist ein
ulkiges Wort, ich weiß nicht, ob Sie jemals ernsthaft darüber nachgedacht haben ŕ sich in eine
gute Stellung bringen, alles in allem ist das dasselbe Wort wie verstehen*. Es geht darum, die
Stellung zu finden, die erlaubt, daß das Wissen Herrenwissen wird. Die Funktion der episteme,
spezifiziert als übermittelbares Wissen ŕ beziehen Sie sich auf Platons Dialoge ŕ, ist, zur
Gänze, stets den handwerklichen, d.h. den dienenden Techniken entlehnt. Worum es geht, das
ist, aus ihnen die Essenz herauszuziehen, damit dieses Wissen Herrenwissen wird.

21

20

Und dann verdoppelt sich das natürlich durch einen kleinen Rückstoß [choc en retour], der ganz
und gar das ist, was man einen Versprecher nennt, eine Wiederkehr [retour] des Verdrängten.
Ja, aber, sagt der oder der, Karl Marx oder ein anderer16.
Beziehen Sie sich auf den Menon, auf den Moment, in dem es um die Wurzel aus 2 geht und
darum, daß sie nicht meßbar ist. 17 Es gibt da einen, der sagt: Aber laßt uns sehen, der Sklave, er

22

möge kommen, der liebe Kleine, ihr werdet schon sehen, er weiß. Man stellt ihm Fragen,
Herrenfragen ganz sicher, und der Sklave antwortet auf die Fragen natürlich das, was diese
Fragen bereits als Antworten diktieren. Man findet da eine Form von Spott. Es ist eine Weise,
die Figur zu verhöhnen, die da bereits wieder zum Ofen zurückgekehrt ist. Man zeigt, daß der
Ernst, die Absicht dabei darin liegt, sehen zu lassen, daß der Sklave weiß, jedoch nur, indem
man es über diesen höhnenden Umweg eingesteht. Was man verbirgt, ist, daß es nur darum
geht, dem Sklaven seine Funktion auf der Ebene des Wissens zu rauben.
Um dem, was ich gerade gesagt habe, seinen Sinn zu geben, müßte man sehen ŕ und diesen
Schritt werden wir nächstesmal tun ŕ, wie sich die Stellung des Sklaven in Hinsicht auf das
Genießens artikuliert. Ebendies habe ich letztes Jahr bereits umrißhaft gesagt, und zwar in der
Form eines pittoresken hint. Was man für gewöhnlich sagt, ist, daß das Genießen das Privileg
des Herrn ist. Das Interessante dagegen ist ŕ jeder weiß es ŕ das, was, darin, es dementiert.
Kurz, worum es hier geht, das ist das Statut des Herrn. Als Einführung heute wollte ich Ihnen
bloß sagen, in welchem Maße uns dieses Statut, das auszusagen sich für einen nächsten Schritt
aufzuheben lohnt, zutiefst angeht. Es geht uns an, wenn das, was sich enthüllt und sich zugleich
auf einen Winkel in der Landschaft reduziert, die Funktion der Philosophie ist. Angesichts des
Raums, den ich mir gegeben habe und der dieses Jahr kürzer ist als in anderen, kann ich es
zweifellos nicht entwickeln. Das hat keine Bedeutung; möge jemand dieses Thema
wiederaufgreifen und daraus machen, was er will. Die Philosophie in ihrer historischen
Funktion ist diese Extrahierung, fast würde ich sagen: dieser Verrat, am Wissen des Sklaven,
um daraus die Transmutation in Herrenwissen zu erhalten.
Heißt das, daß das, was wir auftauchen sehen als Wissenschaft, die uns beherrscht, die Frucht
der Operation ist? Auch da wieder stellen wir ŕ und man muß sich wirklich nicht überstürzen
ŕ im Gegenteil fest, daß dem nicht so ist. Jene Weisheit, jene episteme, die aus allen möglichen
Zuflüchten zu allen möglichen Dichotomien gemacht ist, hat nur zu einem Wissen geführt, das
sich mit dem Wort bezeichnen läßt, das Aristoteles selbst dazu diente, das Wissen des Herrn zu
charakterisieren ŕ ein theoretisches Wissen. Nicht in der schwachen Bedeutung, die wir diesem
Wort verleihen, sondern in der akzentuierten Bedeutung, die das Wort theoría bei Aristoteles
hat. Ein einzigartiger Fehler. Ich komme darauf zurück, denn für meinen Diskurs ist es der
zentrale Punkt, ein Angelpunkt ŕ erst an dem Tag, an dem, durch eine Bewegung des Verzichts
auf dieses, wenn ich so sagen darf, unrecht erworbene Wissen, jemand aus dem strikten Verhältnis von S1 zu S2 zum erstenmal die Funktion des Subjekts als solche extrahiert hat ŕ ich
habe Descartes genannt, Descartes, so wie ich glaube ihn, nicht ohne Übereinstimmung mit
zumindest einem bedeutenden Teil derer, die sich mit ihm beschäftigt haben, artikulieren zu
können ŕ, erst an diesem Tag wird die Wissenschaft geboren.

16Mitschrift: ob nun Kallimachos oder ein anderer, kurz: Was bin ich da? ...
17Dieses Beispiel bringt Lacan bereits im Séminaire II, Le moi dans la théorie de Freud ... (1954/55); vgl. in der
dt. Ausgabe S.27 ff.; hier wie dort wird irrtümlich »Wurzel aus 2« für das korrekte »Wurzel aus 8« angegeben.

23

21

Es empfiehlt sich, den Zeitpunkt, zu dem die Kehrtwendung dieses Versuchs der Übertragung
[passation] des Wissen des Sklaven auf den Herrn erscheint, von dem seines Neubeginns zu unterscheiden, den nur eine bestimmte Art und Weise motiviert, in der Struktur jede mögliche
Funktion der Aussage zu behaupten, insofern allein die Artikulation des Signifikanten sie [die
Funktion] stützt. Dies als kleines, bereits bemerktes Beispiel für die Blitze 18, die die Arbeitsweise, die ich Ihnen dieses Jahr vorschlage, Ihnen bringen kann. Glauben Sie nicht, dabei bliebe
es stehen.
Was ich hier vorgebracht habe, stellt von dem Moment an, wo man es zeigt, zumindest jenen
Charakter des Augenöffnens für eine Evidenz dar: Wer kann leugnen, daß die Philosophie je etwas anderes gewesen ist als eine faszinierende Unternehmung zugunsten des Herrn? Am andern
Ende haben wir den Diskurs Hegels und seine Ungeheuerlichkeit, genannt das absolute Wissen.
Was kann das absolute Wissen eigentlich bedeuten, wenn wir von der Definition ausgehen, bezüglich deren ich mir daran zu erinnern erlaubt habe, daß sie grundlegend ist für das, was es mit
unserem Vorgehen betreffend das Wissen auf sich hat?
Von da werden wir nächstes Mal vielleicht ausgehen. Zumindest wird das einer unserer Ausgangspunkte sein, denn es gibt noch einen anderen, der nicht geringer ist und der ganz
besonders heilsam ist aufgrund der wahrhaft erdrückenden Ungeheuerlichkeiten, die man von
den Psychoanalytikern hört betreffend das Begehren zu wissen.
Wenn es etwas gibt, das die Psychoanalyse uns hartnäckig aufrechtzuerhalten zwingen müßte,
dann, daß das Begehren zu wissen keinerlei Bezug zum Wissen hat ŕ außer natürlich, wir begnügen uns mit dem unzüchtigen Wort der Übertretung. Eine grundlegende Unterscheidung, die
aus der Sicht der Pädagogik die äußersten Konsequenzen hat: Das Begehren zu wissen ist nicht
das, was zum Wissen führt. Was zum Wissen führt, das ist ŕ man wird mir gestatten, es mit
mehr oder weniger Aufschub zu begründen ŕ der Diskurs der Hysterika.
Tatsächlich gibt es eine Frage, die man sich stellen muß. Der Herr, der jene Operation der Verschiebung, der Kontenbewegung mit dem Wissen des Sklaven durchführt ŕ hat er Lust zu wissen? Hat er das Begehren zu wissen? Ein wahrer Herr, wir haben es im allgemeinen gesehen bis
in eine erst kurz zurückliegende Zeit, und man sieht das immer weniger, ein wahrer Herr
begehrt überhaupt nichts zu wissen ŕ er begehrt, daß es läuft. Und warum sollte er wissen
wollen? Es gibt amüsantere Dinge. Wie ist es dem Philosophen gelungen, dem Herrn das
Begehren zu wissen einzuflößen? Darüber verlasse ich Sie. Das ist eine kleine Provokation.
Wenn jemand das bis zum nächsten Mal herausbekommt, soll er es mir sagen.
26. NOVEMBER 1969.

18Mitschrift: Beispiel für die Aperçus, die Blitze [Miller: déjà perçu des éclairs / Mitschrift: des aperçus, des
éclairs]

24

22

IMPROMPTU 1 Ŕ ANALYTICON

227

[Diese Sitzung fand statt im Centre expérimental der Universität in Vincennes am 3. Dezember
1969. Angekündigt war sie als erste von vieren, und zwar unter dem Titel Analyticon, vier Impromptus.]

Ich möchte von meiner Muse19sprechen, die von dieser Art ist [EIN HUND LÄUFT ÜBER DIE
ESTRADE].
Sie ist die einzige mir bekannte Person, die weiß, was sie spricht ŕ ich sage nicht: was sie sagt.
Nicht, daß sie nichts sagen würde ŕ sie sagt es nicht mit Worten. Sie sagt etwas, wenn sie
Angst hat ŕ das kommt vor ŕ, sie legt ihren Kopf auf meine Knie. Sie weiß, daß ich sterben
werde, was einige Leute auch wissen. Sie heißt Justine, ...
INTERVENTION: Es geht nicht? Er spricht uns von seinem Hund!
... sie ist meine Hündin, sie ist sehr schön, und Sie hätten sie sprechen hören sollen ...
Das einzige, was ihr im Verhältnis zu dem, der hier herumstreunt, fehlt, ist, daß sie nicht zur
Universität gegangen ist.

1
Hier bin ich also, in der Eigenschaft als Gast, hier am Centre expérimental besagter Universität,
eine Erfahrung, die mir recht exemplarisch scheint.
Da es um Erfahrung geht, könnten Sie sich fragen, zu was Sie dienen. Wenn Sie es mich, wenn
Sie mich danach fragen, dann werde ich Ihnen eine Skizze machen ŕ ich werde es versuchen
ŕ, denn, alles in allem, die Universität, das ist sehr stark, das hat profunde Grundlagen.
Ich habe mir für Sie die Ankündigung der Überschrift von einer der vier Diskursstellungen 228
aufgehoben, die ich anderswo angekündigt habe, dort, wo ich mein Seminar begonnen habe.
Der Diskurs des Herrn, habe ich gesagt, denn Sie sind daran gewöhnt, von ihm sprechen zu hören. Und, wie jemand, der sehr intelligent ist, gestern abend bemerkt hat: es ist nicht leicht,
dafür ein Beispiel zu geben. Ich werde es trotzdem versuchen. Genau da stehe ich, und in
meinem Seminar habe ich die Sache ausgesetzt. Und ganz sicher geht es hier nicht darum, es
fortzusetzen. Impromptu habe ich gesagt. Sie können sehen, daß dieses Ding mit dem
hängenden Schwanz es mir sofort geliefert hat. Ich werde also in derselben Weise fortfahren.
19Franz. »égérie«, was sich vom Namen der aus der antiken Mythologie bekannten Quellnymphe Egeria
herleitet. Lacan erlaubt sich hier eine beziehungsreiche Anspielung auf den römischen König Numa Pompilius
(714-671 v.Chr.), der vorgab, von Egeria Ratschläge zu erhalten.

23

Zweitens, Diskurs der Hysterika. Das ist sehr wichtig, denn damit zeichnet sich der Diskurs des
Analytikers ab. Nur müßte es welche geben, Analytiker. Und genau damit beschäftige ich mich.
INTERVENTION: In Vincennes gibt's jedenfalls keine.
Sie sagen es, in Vincennes nicht.20
INTERVENTION: Warum können die Studenten von Vincennes, am Ende der Ausbildung, die sie
angeblich erhalten, nicht Analytiker werden 21?
EINE FALSETTSTIMME ANNEHMEND: Genau das werde ich erklären, Mademoiselle. Genau
darum geht's. Die Analyse, das übermittelt sich [se transmet] nicht wie irgendein beliebiges
anderes Wissen.
Der Analytiker hat eine Position inne, die eventuell die eines Diskurses sein kann. In ihr
übermittelt er kein Wissen. Nicht als ob er nichts wissen müßte, im Gegensatz zu dem, was man
leichtsinnigerweise behauptet. Was in Frage gestellt wird, ist gerade folgendes: die Funktion,
innerhalb der Gesellschaft, eines bestimmten Wissens, jenes, das man Ihnen übermittelt. Es
existiert.
INTERVENTION: Könnten Sie nicht etwas langsamer sprechen? Einige Studenten schaffen
es nicht, sich Notizen zu machen.
INTERVENTION: Man muß schon debil sein, um sich Notizen zu machen. Das bedeutet, daß
man gerade nichts kapiert von der Psychoanalyse, und insbesondere nichts von Lacan.
DREHT SICH ZUR TAFEL UM: Dies hier ist eine algebraische Folge, die sich damit beschäftigt,
eine Kette zu konstituieren, deren Ausgang in dieser Formel liegt:

S1
$

S2
a

Ein Signifikant definiert sich dadurch, daß er ein Subjekt für einen anderen Signifikanten repräsentiert. Das ist eine ganz und gar fundamentale Einschreibung. Jedenfalls kann sie dafür gehal- 229
ten werden. In meinem Auftrag ist ein Versuch ausgearbeitet worden, zu dem ich jetzt komme,
nachdem ich die Zeit darauf verwandt habe, die es brauchte, um ihm eine Form zu geben. Es ist
ein Versuch, das einzuführen, was erforderte, einen Begriff richtig zu handhaben, indem man
Subjekte dazu ermutigt, ihm zu vertrauen und mit ihm zu operieren. Ebendas nennt man den
Analysanten.
20Diese Replik Lacans sowie die folgende Intervention erhalten ihr ganzes Gewicht erst vor dem Hintergrund
dessen, daß es kein geringerer als Serge Leclaire war, der im gleichen Jahr an ebendemselben Ort das erste
Département de Psychanalyse an einer französischen Universität gegründet hatte. E. Roudinesco zufolge
unterstützte Lacan dieses Unternehmen zunächst nicht (vgl. E. Roudinesco, Jacques Lacan. Esquisse d'une vie,
histoire d'un système de pensée, Paris 1993, S.436; deutsch: Jacques Lacan. Bericht über ein Leben, Geschichte
eines Denksystems, Köln 1996, S. 496 f.).
21Mitschrift: sein

24

Ich habe mich zunächst gefragt, was dabei für den Analytiker herauskommen könnte und wo er
wäre. Denn hinsichtlich dieses Punktes sind die Begriffe offensichtlich nicht klar, seit Freud, der
wußte, was er sagte, gesagt hat, es sei eine unmögliche Funktion ŕ und trotzdem eine, die jeden
Tag neu ausgefüllt wird. Wenn Sie den Text genau wiederlesen, werden Sie bemerken, daß es
nicht um die Funktion, sondern um das Sein des Analytikers geht.
Was erzeugt sich, damit eines schönen Tages ein Analysant sich dafür entscheidet, es zu sein,
Analytiker? Genau dies habe ich zu artikulieren versucht, als ich vom psychoanalytischen Akt
sprach. Mein Seminar in jenem Jahr, '68 war das, ich habe es vor dem Ende unterbrochen, um,
so war das, meine Sympathie für das zu zeigen, was sich da rührte, und was sich jetzt ŕ
gemäßigt ŕ fortsetzt. Der Protest läßt mich an etwas denken, daß eines Tages erfunden worden
ist von, wenn ich mich recht erinnere, meinem guten und verblichenen Freund Marcel Duchamp
ŕ Der Junggeselle macht sich seine Schokolade selber. Hüten Sie sich davor, daß der Protestler
sich selber Schokolade macht.
Kurz, dieser pychoanalytische Akt ist auf der Strecke geblieben, wenn ich so sagen darf. Und
ich habe nicht die Zeit gehabt, darauf zurückzukommen, um so weniger, als die Beispiele dafür,
wo das hinführt, um mich herum nur so hervorsprudeln.
INTERVENTION: Nämlich zu einer einschlägigen Schwerhörigkeit.
Es ist die Nummer einer Zeitschrift herausgekommen, die sich Études freudiennes nennt. Ich
wüßte Ihnen deren Lektüre gar nicht zu sehr zu empfehlen, gerade weil ich nie davor zurückgeschreckt bin, Ihnen schlechte Lektüren anzuraten, die von Natur aus Bestseller sind. Wenn ich
sie Ihnen anrate, dann, weil das sehr sehr gute Texte sind. Das ist nicht wie der groteske kleine
Text über die Bemerkungen zu meinem Stil, der auf ganz natürliche Weise Platz gefunden hatte
am unbewohnten Ort der Paulhanerie22. Das da ist etwas anderes. Sie werden daraus den
größten Nutzen ziehen.
Abgesehen von einem Aufsatz von dem, der sie leitet und von dem ich gar nicht zuviel Gutes zu
sagen wüßte, haben Sie unbestreitbar und allgemein Protestaussagen gegen die Institution der
Psychoanalyse vor sich. Es gibt da einen charmanten, soliden und sympathischen Kanadier, der
darüber, Gott ja, sehr triftige Dinge sagt, es gibt einen vom Institut psychanalytique de
Paris, der dort im Unterrichtsausschuß eine sehr bedeutende Stellung einnimmt und eine Kritik 230
der Institution der Psychoanalyse schlechthin liefert, insofern als sie im strikten Widerspruch zu
allem steht, was die Existenz des Analytikers selbst erfordert ŕ das ist wahrlich ein Wunder.
Ich kann nicht sagen, daß ich ihn unterschreiben würde, denn ich habe ihn bereits
unterschrieben ŕ es sind meine [eigenen] Äußerungen.23

22Gemeint ist wohl Jean Paulhan (1884Ŕ1968), frz. Schriftsteller und Literaturtheoretiker; bis 1939 Leiter der
Nouvelle Revue Française; während der Okkupation gab er die Lettres françaises heraus; betrachtete sich selbst
gern als Doyen der französischen Literatur.
23Gemeint ist wohl, daß sich die Positionen des Autors mit denen von Lacan decken. Bei den erwähnten
»Äußerungen« könnte es sich um »Situation de la psychanalyse et formation du psychanalyste en 1956«
handeln, zuerst erschienen 1956 im 4. Heft der Études philosophiques (wiederabgedruckt in Écrits, S. 459-486;
s. auch Anm. 6 hier).

25

Jedenfalls, bei mir hat das eine Folge gehabt, nämlich eine gewisse Proposition24, die die
Schlußfolgerungen aus dieser so meisterlich aufgezeigten Sackgasse zieht. Irgendwo, in einer
ganz kleinen Fußnote, hätte man sagen können, daß es in einem Winkel einen Extremisten gibt,
der gewagt hat, das in eine Proposition zu überführen, die den Sinn der ganzen analytischen
Auswahl radikal erneuert. Es ist klar, daß man das nicht tut.
Ich will mich darüber wirklich nicht beklagen, denn selbst nach der Meinung der beteiligten
Personen liegt dieser Protest ohnehin in der Luft, gratis. Es steht absolut außer Frage, daß das
nicht das geringste am gegenwärtigen Funktionieren des Instituts verändert, dem die Autoren
angehören.
2
INTERVENTION: O, er spricht gut, Lacan!
INTERVENTION: Bis jetzt hab' ich überhaupt nichts kapiert. Also, man könnte damit anfangen,
daß man weiß, was das ist, ein Psychoanalytiker. Für mich ist das 'ne Art Bulle. Die Leute, die
analysieren, sprechen nicht und beschäftigen sich nur mit sich.
INTERVENTION: Die Pfaffen hatten wir schon, aber weil das nicht mehr lief, haben wir jetzt die
Psychoanalytiker.
INTERVENTION: Lacan, seit einer Stunde warten wir jetzt auf das, was du uns mit verdeckten
Worten ankündigst, auf die Kritik der Psychoanalyse. Deshalb sind alle still, denn das, das
wäre auch deine Selbstkritik.
Aber ich kritisiere die Psychoanalyse keineswegs. Es geht nicht darum, sie zu kritisieren. Er
hört schlecht. Ich, ich bin überhaupt kein Protestler.
INTERVENTION: Du hast gesagt, daß man in Vincennes keine Analytiker ausbildet und daß das
eine gute Sache sei. Ein Wissen wird also ausgeteilt, aber du hast nicht gesagt, was es war.
Jedenfalls sei es kein Wissen. Und weiter?
Ein bißchen Geduld. Ich werde es Ihnen erklären. Ich bin eingeladen hier, darauf mache ich Sie 231
aufmerksam. Das ist schön, das ist großartig, das ist generös, aber ich bin eingeladen.
INTERVENTION: Von wem?
Von der philosophischen Fakultät.25

24Gemeint ist wohl die Proposition du 9 octobre 1967, abgedruckt in Scilicet 1,1968, S. 14-30; vor dem
Textbeginn verweist Lacan auf seinen Aufsatz von 1956 (s. Anm. 5 hier).
25Diese von Miller unterdrückte Frage sowie Lacans Antwort weisen voraus auf das 2. Impromptu in Vincennes
vom 3. Juni 1970, dessen Beginn unter dem Zeichen einer so brisanten wie signifikanten Vertauschung steht,
die bei Lacan auf alles andere als Zustimmung stößt (vgl. S. 169 hier). Insofern verbirgt sich hinter dem
Ausschluß dieser Stelle durch Miller ein handfestes Politikum.

26

INTERVENTION: Lacan, ist die Psychoanalyse revolutionär?
Na bitte, eine gute Frage.
INTERVENTION: Ist sie ein Wissen, oder ist sie keins? Du bist hier nicht der einzige Paranoiker.
Ich werde von einer gewissen Seite der Dinge sprechen, die hier passiert sind, im Umkreis
eines gewissen Protestes, der sich an einem Département ereignet, auf der26 ich heute nicht
bin, nämlich am Département de psychanalyse. Es hat die delikate Frage der Werteinheiten27
gegeben.
INTERVENTION: Die Frage der Werteinheiten ist geregelt, und das hier ist nicht der Moment, sie
aufs Tapet zu bringen. Es hat ein veritables Manöver der Lehrer am Département de psychanalyse gegeben, um sie das ganze Jahr über zu verschleppen. Die Werteinheiten, darauf
scheißen wir. Worum's hier geht, das ist die Psychoanalyse. Kapierst du? Wir scheißen drauf.
Also, ich habe überhaupt nicht das Gefühl, daß man28 auf die Werteinheiten scheißt. Im Gegenteil, man hält sehr viel auf sie. Das ist eine Gewohnheit. Ich habe das Schema des vierten
Diskurses an die Tafel geschrieben, desjenigen, den ich letztesmal nicht genannt habe und der
sich der Diskurs der Universität nennt. Der hier. Hier, in der Herrenposition, wie man sagt, S 2,
das Wissen. Ich habe letztesmal erklärt, daß ...
INTERVENTION: Über wen machst du dich hier lustig? Der Diskurs der Universität steckt in den
Werteinheiten. Das ist ein Mythos, und was du verlangst, ist, daß man an den einen Mythos
glauben soll. Die Leute, die sich auf die Spielregel berufen, die du vorgibst, das läuft nicht.
Mach uns also nicht weis, das da an der Tafel wär’ der Diskurs der Universität. Denn das, das
ist nicht wahr.
Der Diskurs der Universität steht an der Tafel, und das Wissen besetzt, an der Tafel, einen Platz
oben links, der bereits in einem vorhergehenden Diskurs bezeichnet worden ist.
INTERVENTION: Oben und zur Rechten Gottes, das ist Lacan!
... bereits bezeichnet worden ist. Denn wichtig an dem, was [da] geschrieben steht, das sind
die Beziehungen, da, wo das übergeht, und da, wo das nicht übergeht. Wenn Sie damit
anfangen, daß Sie das, was den Diskurs des Herrn wesentlich konstituiert, an seinen Platz 232
stellen ...
26Mitschrift: an dem
27Franz. "unités de valeur" (abgek.: UV); im Zuge der Universitätsreform eingeführte Zugangsregelung zur
"licence" (Staatsexamen), die das bisherige Curricularsystem ersetzte. An die Stelle einer festgelegten Abfolge
von Pflichtveranstaltungen tritt der (ak)kumulative Erwerb von 30 durch die betreffende Unité d´enseignement
et de recherche (UER) vergebenen UV, von denen 20 in einer sogenannt dominanten Disziplin (für das
Département de psychanalyse die Philosophie) erworben sein müssen. Zu Einzelheiten vgl. E. Roudinesco,
Histoire de la psychanalyse en France.2, Paris 1994, S.558 f.
28Mitschrift: irgend jemand.

27

INTERVENTION: Was ist das, ein Herr? Das ist Lacan!
... nämlich daß er befiehlt, daß er in das System des Wissens interveniert, dann können Sie sich
die Frage stellen, was das bedeutet, wenn der Diskurs des Wissens, mittels dieser Verschiebung
um einen Viertelkreis, nicht auf der Tafel zu sein braucht, weil er im Realen ist. Genau in dieser
Verschiebung, wenn das Wissen das Szepter ergreift, in dem Moment, in dem Sie gerade sind,
ist das Resultat definiert worden, die Frucht, das Überbleibsel aus den Bezügen zwischen dem
Herrn und dem Sklaven/Knecht. Nämlich, in meiner Algebra, das, was mittels des Buchstabens,
des Objekts a bezeichnet wird. Das Objekt a, letztes Jahr, als ich mir die Mühe gemacht hatte,
etwas anzukündigen, was sich nennt Von einem Andern zum andern, habe ich gesagt, daß das
der von Marx als der Mehrwert entschleierte, bezeichnete Platz war.
Sie sind die Produkte der Universität, und Sie beweisen, daß Sie der Mehrwert sind, und wenn's
nur dadurch wäre ŕ womit Sie nicht nur einverstanden sind, sondern wozu Sie auch noch applaudieren, und ich sehe nicht, was ich dagegen einwenden sollte ŕ, daß Sie da rausgehen,
mehr oder weniger selbst Werteinheiten gleich geworden. Sie machen sich hier zu
Werteinheiten. Sie gehen von hier fort abgestempelt als Werteinheiten.
INTERVENTION: Moral: Lieber abgestempelt von Lacan hier rausgehen.
Ich stemple niemanden ab. Was soll das? Warum unterstellen Sie, ich wolle Sie abstempeln?
Was ist denn das für eine Geschichte!
INTERVENTION: Nein, du wirst uns nicht abstempeln, beruhig' dich. Was ich sagen will, ist, daß
Leute hier dadurch abgestempelt werden, daß sie, die den Diskurs halten wollen, den du für sie
hältst, ihn nicht in der Weise halten können, die ihrer Anwesenheit hier angemessen ist. Leute
wollen sprechen im Namen eines Protests, den du als vergeblich qualifizierst. Andere wiederum
machen in ihrer Ecke Tralala, Bum-bum, Zing-zing, und genau das lenkt die Meinungsbildung.
All das wird nicht gesagt, unter dem Vorwand, es komme dir zu, es zu sagen. Was ich möchte,
ist, daß du das Begehren hättest, zu schweigen.
Was sie wirklich sind. Sie denken, ich würde es viel besser sagen als sie. DARAUF IN
SCHARFEM TON:

Ich, ich gehe wieder nach Hause, das ist es, was man mir vorwirft.

INTERVENTION: O, Lacan, mach dich nicht lustig über die Leute, ja?
Sie ziehen hier einen Diskurs auf, der derartige Forderungen birgt...
INTERVENTION: Was ich vorschlage, ist, daß man sich nicht über die Leute lustig machen soll,
wenn sie eine Frage stellen. Man ist nicht kleinlaut, wie du es jetzt schon dreimal gewesen bist.
Man antwortet, das ist alles. Also, was für eine Frage hast du gestellt? Und dann gibt es noch
was anderes, denn hier sind Leute, die denken, daß die Psychoanalyse, daß das eine Geschichte
von Arsch-Problemen ist, man braucht nur ein spontanes love-in zu veranstalten. Gibt's hier
welche, die damit einverstanden sind, das hier in ein spontanes love-in umzuwandeln?

233

28

[ER ZIEHT SEIN HEMD AUS.]29
Hör mal, mein Bester, das hab ich schon gestern abend gesehen, ich war im Open Theater, da
gibt es einen Typ, der hat das gemacht, aber der hatte ein bißchen mehr Traute, er zog sich aus
bis auf die Haut. Na los, machen Sie weiter, Scheiße.
INTERVENTION: Trotzdem muß man nicht rumäppeln. Warum gibt sich Lacan mit einer so billigen Kritik an der Praxis des Genossen zufrieden? Zu sagen, daß der Genosse sich nicht ausziehen kann, wenn er auf den Tisch haut, das ist vielleicht ganz lustig, aber es ist auch sehr30 simpel.
Aber ich bin simpel.
INTERVENTION: Und darüber lachen sie, das ist interessant.
Aber ich sehe nicht, warum sie nicht plötzlich lachen sollten.
INTERVENTION: Mir wäre lieber, sie würden in diesem Moment nicht lachen.
Das ist traurig.
INTERVENTION: Genauso traurig wie zu sehen, wie die Leute hier rausgehen, als kämen sie um
sechs Uhr abends aus der Metro.
Also, woran sind wir? Es scheint, als könnten die Leute nicht über Psychoanalyse sprechen, 234
weil man erwartet, daß ich es tue. Nun gut, sie haben recht. Ich werde es wirklich besser
machen als sie.
INTERVENTION: Das ist es nicht genau31, denn sie empfinden [ils éprouvent] das Bedürfnis,
miteinander zu sprechen.
Bewiesenermaßen [C'est prouvé].
INTERVENTION: Es gibt [hier] einige Leute — dieselben, die sich Notizen machen und die lachen —, die sich, während Lacan zu Händen der Zuhörerschaft eine Wiederholung ausführt, ,
von Mund zu Mund, von Sitz zu Sitz, ohne jemals von einem Sitz runterzukommen, denn das
fällt ins Gebiet einer gewissen Topologie, einige Dinge sagen. Nun, das sind die Leute, von
denen ich gern hätte, daß sie zuhören.
INTERVENTION: Jetzt laßt doch endlich mal Lacan reden!

29Mitschrift: [FÄNGT AN SICH AUSZUZIEHEN, HÖRT ABER AUF, NACHDEM ER SEIN HEMD ABGELEGT HAT.]
30Mitschrift: vor allem
31Mitschrift: nicht wahr

29

Unterdes, Sie sagen nichts.
INTERVENTION: Lacan mit uns!
Ich bin mit Euch.
Die Zeit läuft. Versuchen wir trotzdem, Ihnen eine ungefähre Vorstellung von dem zu
vermitteln, was mein Projekt ist.
Es geht darum, eine Logik zu artikulieren, die, so schwach sie auch aussehen mag ŕ meine vier
kleinen Buchstaben, die nach nichts aussehen, außer daß man wissen muß, nach welchen Regeln
sie funktionieren ŕ, immer noch stark genug ist, um das zu beinhalten, was das Signum dieser
logischen Kraft ist, nämlich die Unvollständigkeit.
Darüber lachen sie. Nur, das hat eine sehr bedeutsame Konsequenz, insbesondere für die
Revolutionäre, nämlich, daß nichts alles ist.
Wie auch immer Sie die Dinge auffassen, auf welche Weise Sie sie auch drehen und wenden,
die Eigentümlichkeit eines jeden dieser kleinen vierfüßigen Schemata ist es, daß es seine Kluft
hinterläßt.
Auf der Ebene des Diskurses des Herrn ist es ganz präzise die der Wiedererlangung des Mehrwerts.
Auf der Ebene des Diskurses der Universität ist es eine andere. Und genau der quält Sie. Nicht, 235
daß das Wissen, das man Ihnen liefert, nicht strukturiert und solide wäre, so daß Sie nur eines
tun müssen, nämlich sich mit denen verweben, die arbeiten, d. h., mit denen, die Ihnen Unterricht erteilen, in der Eigenschaft als Produktionsmittel und zugleich damit als Mehrwert.
Was den Diskurs der Hysterika angeht, so ist er der, der den entscheidenden Übergang erlaubt
hat, indem er dem seinen Sinn verleiht, was Marx historisch artikuliert hat. Nämlich, daß es historische Ereignisse gibt, die man nur als Symptome beurteilen kann. Bis wohin das ging, hat
man bis zu dem Tag nicht gesehen, als man über den Diskurs der Hysterika verfügte, um den
Übergang zu etwas anderem auszuführen, zum Diskurs des Analytikers.
Der Analytiker hat zunächst nichts anderes zu tun gehabt, als auf das zu hören, was die
Hysterika sagte.
INTERVENTION: Also ist die Hysterika der Herr des Analytikers.
Ich will einen Mann, der weiß, wie man Liebe macht.
Nun, ja, da bleibt der Mann stehen [s'arrête là]. Er bleibt dabei stehen, daß er in der Tat einer ist,
der weiß. Was das Liebe machen angeht, darüber kann ja man noch mal nachdenken. Nichts ist
alles, und Sie können immer Ihre kleinen Scherze machen, einen gibt es, der nicht lustig ist, und
das ist die Kastration ... genau das ist schließlich aufgedeckt worden.

3

30

INTERVENTION: Während diese Veranstaltung hier in aller Ruhe vor sich hindümpelt, sind
draußen 150 Genossen von der Fakultät Beaux-Arts von den Bullen hoppgenommen worden
und seit gestern im Beaujon, weil sie, also die machen keine Seminare über das Objekt klein a
wie der Mandarin hier gerade, auf das sowieso jeder scheißt. Die sind 'n spontanes Seminar
machen gegangen im Ausrüstungs-Ministerium32, über die Elendsviertel und die Politik von
Monsieur Chalandon. Von daher glaube ich, daß die Dümpelei dieser Herren-Vorlesung den
aktuellen Verwesungszustand der Universität recht gut wiedergibt.
INTERVENTION: Weil das, was er sagt, einfach Blödsinn ist, wie?
Ja, ja!
INTERVENTION: Wenn man mich nicht sprechen lassen will, dann, weil man offensichtlich nicht
weiß, wie laut ich brüllen kann. Lacan, ich würde dir gern ein paar Sachen sagen.
Es kommt mir so vor, als wären wir an einem Punkt angekommen, an dem es evident ist, daß ein
Protest in diesem Hörsaal mehr oder weniger in den Bereich des Möglichen getreten ist. Klar,
man kann ein bißchen herumschreien, man kann nette Wortspiele veranstalten, es ist aber auch
klar, und das vielleicht auf eine heute offensichtliche Weise, daß wir nie zu einer Kritik der Uni- 236
versität werden kommen können, wenn wir drinnen bleiben, in ihren Vorlesungen, und innerhalb der Regeln, die sie aufgestellt hat, bevor wir intervenierten.
Ich denke, daß das, was der Genosse gerade über die Studenten der Fakultät Beaux-Arts gesagt
hat, die außerhalb der Uni ein spontanes Seminar über die Elendsviertel und die Politik von
Chalandon machen gegangen sind, daß das ein sehr wichtiges Beispiel ist. Das erlaubt es, für
unseren Willen, die Gesellschaft zu ändern und, unter anderm, die Universität zu zerschlagen,
eine Öffnung zu finden. Und ich hätte gern, daß Lacan jetzt und hier seine Meinung dazu sagt.
Denn die Universität zerschlagen, das wird man nicht mit einer Studenten-Mehrheit von innen
heraus machen, sondern vielmehr ausgehend von einer Einheit, die wir herstellen müssen, wir,
die Studenten, auf der Grundlage revolutionärer Positionen, mit den Arbeitern, den Bauern und
den Werktätigen. Ich sehe natürlich, daß es zu dem, was Lacan gerade eben gesagt hat, keinen
Bezug gibt, aber...
Aber ganz und gar nicht, es gibt ihn.
INTERVENTION: Vielleicht gibt es ihn, aber er ist nicht evident. Der Bezug zwischen den Aktionen, die wir draußen machen müssen, und dem Diskurs, wenn's denn einer ist, von Lacan, ist
offensichtlich implizit. Und es wäre gut, wenn Lacan jetzt sagen würde, was er über die Notwendigkeit denkt, aus der Universität hinauszugehen und mit Wortspaltereien aufzuhören, damit, sich mit einem Proff über diese oder jene Äußerung von Marx herumzustreiten. Denn der
akademische Marx, von dem haben wir die Nase voll. Seit einem Jahr hört man an dieser Fakultät darüber labern. Und man weiß, daß das Scheiße ist. Aus Marx einen Akademiker machen,
daß heißt, einer bourgeoisen Universität zu dienen. Wenn man die Universität in die Luft jagen

32Zuständig für Verkehr und Wohnungsbau.

31

muß, dann von draußen, zusammen mit den andern, die draußen sind.
INTERVENTION: Warum bist du dann drin?
INTERVENTION: Ich bin drin, Genosse, weil, wenn ich will, daß die Leute rausgehen, dann muß
ich es ihnen sagen kommen.
Da sehen Sie's. Da ist schon alles beieinander, mein Bester. Um zu erreichen, daß sie rausgehen,
kommen Sie rein.
INTERVENTION: Lacan, erlaube, ich komme zum Schluß. Da ist noch lange nicht alles beieinander, nur weil einige Studenten immer noch meinen, daß sie, indem sie dem Diskurs von Monsieur Lacan lauschen, darin die Elemente finden, die ihnen erlauben werden, seinem Diskurs zu
widersprechen. Ich behaupte, das heißt: in die Falle gehen.
Vollkommen richtig.
INTERVENTION: Wenn wir glauben, wir bekämen die Mittel für die Kritik an der Ideologie, die
sie uns schlucken lassen, dadurch, daß wir dem Diskurs von Lacan, von Foucault , von Dommergue, von Terray oder einem andern zuhören, dann streuen wir uns selbst Sand in die Augen. Ich behaupte, daß man die Mittel, die Universität in die Luft zu jagen, außerhalb suchen
muß.
Aber außerhalb von was? Denn wenn Sie hier rausgehen, werden Sie dann aphasisch? Wenn Sie
rausgehen, sprechen Sie doch weiter, infolgedessen bleiben Sie weiter drinnen.
INTERVENTION: Ich weiß nicht, was aphasisch ist.
Sie wissen nicht, was das ist, aphasisch? Das ist extrem revolutionär. Sie wissen nicht, was das
ist, ein Aphasiker? Über ein Minimum an Wissen sollte man doch trotz allem noch verfügen.
INTERVENTION: Ich bin nicht vierundzwanzig Stunden am Tag an der Uni.
Na gut ŕ Sie wissen also nicht, was ein Aphasiker ist?
INTERVENTION: Wenn einige aus der Universität rausgehen, dann um sich mit ihren persönlichen Angelegenheiten zu beschäftigen. Andere gehen hinaus, um draußen zu kämpfen33. Das
nämlich heißt, aus der Universität rauszugehen. Also, Lacan, sag uns ganz schnell deine Meinung zu diesem Punkt.
Also im Grunde: eine kritische Universität machen? Das heißt: das, was hier passiert? Ist es das,
33Mitschrift: außerhalb der Fakultät zusammen mit, wenn möglich, Universitätsangehörigen zu kämpfen, die sie,
nach und nach, für ihre Positionen gewonnen haben werden

237

32

was Sie wollen? Sie wissen auch nicht, was das ist, eine kritische Universität?. Man hat
Ihnen nie davon gesprochen.? Was wollen Sie...
INTERVENTION: Nichts kapieren.
Gut. Dazu würde ich gern eine kleine Anmerkung machen. Die Konfiguration ArbeiterŔBauern
hat trotzdem zu einer Gesellschaftsform geführt, bei der es gerade die Universität ist, die das
Szepter in der Hand hält. Denn das, was herrscht in dem, was man gemeinhin die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken nennt, das ist die Universität.
INTERVENTION: Was haben wir damit zu tun? Wir sprechen hier nicht vom Revisionismus, son- 238
dern vom Marxismus-Leninismus.
Genug. Sie fordern mich auf zu sprechen, also spreche ich. Ich sage hier keine Sachen, die in
der Luft liegen, ich sage etwas Präzises.
INTERVENTION: Du sagst gar nichts.
Ich habe eben gerade nicht gesagt, wie ich die Organisation der UdSSR auffasse?
INTERVENTION: Absolut nicht.
Ich habe nicht gesagt, daß es das Wissen sei, das König ist? Ich habe das nicht gesagt? Nein?
INTERVENTION: Na und?
Na und, das hat wahrscheinlich gewisse Konsequenzen, das heißt, mein Lieber, daß es Ihnen
dort nicht besonders gutgehen würde.
INTERVENTION: Es ist nach einer bestimmten Gesellschaft gefragt worden, und du, du sprichst
von einer andern. Was zu sagen wäre, das ist, worin du meinst, daß das unvermeidlich ist.
Damit bin ich völlig einverstanden. Genau das bin ich gerade im Begriff zu sagen.
Nämlich, daß es für eine bestimmte Logik unüberschreitbare Grenzen gibt, eine Logik, die ich
eine schwache nenne, die aber immer noch stark genug ist, um Ihnen ein wenig Unvollkommenheit zu lassen, wovon Sie in der Tat ein perfektes Zeugnis ablegen.
INTERVENTION: Ich, also ich frage mich, warum dieser Hörsaal hier mit 800 Leuten vollgestopft
ist. Du bist zwar ein großer Clown, ein gefeierter, und daß du sprechen kommst34. Ein Genosse
hat ebenfalls zehn Minuten lang gesprochen, um zu sagen, daß die Grüppchenbildung nie aus
der Universität rauskommen kann. Und alle erkennen, daß es nichts zu sagen gibt, und dann

34Mitschrift: und ein gefeierter dazu. Also ist er da und spricht. Dann macht er schöne Worte, und danach geht er

33

sprechen sie, um nichts zu sagen. Also, wenn's nichts zu sagen, nichts zu kapieren, nichts zu 239
wissen, nichts zu tun gibt, warum sind dann alle hier da? Und du, Lacan, warum bleibst du da?
INTERVENTION: Wir haben uns ein bißchen in ein Scheinproblem verrannt. Und zwar, weil der
Genosse gesagt hat, daß er an die Uni gekommen ist, um mit andern Genossen wieder wegzugehen.
INTERVENTION: Man spricht von einer Neuen Gesellschaft. Wird die Psychoanalyse in dieser
Gesellschaft eine Funktion haben und welche?
Eine Gesellschaft, das ist nicht irgend etwas, das sich einfach so, global, definieren läßt. Was
ich zu artikulieren versuche, denn die Analyse bezeugt es mir, das ist das, was sie beherrscht,
nämlich die Praxis der Sprache. Die Aphasie, das bedeutet, daß es etwas gibt, das auf dieser
Seite versagt. Stellen Sie sich vor, es gibt Leute, denen passieren im Hirn Sachen, und sie
kommen überhaupt nicht mehr klar mit der Sprache. Das macht aus ihnen eher
Körperbehinderte.
INTERVENTION: Man kann sagen, daß Lenin um ein Haar Aphasiker geworden wäre.
Wenn Sie ein bißchen Geduld hätten und wenn Sie wirklich wollten, daß unsere Impromptus
weitergehen, dann würde ich Ihnen sagen, daß das revolutionäre Streben, daß das nur eine
Chance hat, nämlich die, immer auf den Diskurs des Herrn hinauszulaufen. Genau das hat die
Erfahrung bewiesen.
Das, worauf Sie als Revolutionäre aus sind, das ist ein Herr. Sie werden Ihn bekommen.
INTERVENTION: Wir haben ihn schon, wir haben Pompidou.
Sie bilden sich ein, Sie hätten mit Pompidou einen Herrn? Was ist denn das für eine Geschichte?
Auch ich würde Ihnen gern Fragen stellen. Für wen hier hat das Wort liberal einen Sinn?
INTERVENTION: Pompidou ist liberal, Lacan auch.
Ich bin, wie jedermann, nur in dem Maße liberal, in dem ich gegen den Fortschritt bin. 240
Abgesehen davon, daß ich in einer Bewegung einbegriffen bin, die verdient, fortschrittlich zu
heißen, denn es ist fortschrittlich, zu sehen, wie sich der psychoanalytische Diskurs begründet,
insofern dieser den Kreis vollendet, der Ihnen vielleicht erlauben könnte, das zu situieren,
wogegen genau Sie revoltieren. Was nicht verhindert, daß das verdammt gut so weiterläuft.
Und die ersten, die dabei kollaborieren, sogar hier in Vincennes, das sind Sie, denn Sie spielen
die Funktion der Heloten dieses Regimes. Auch was das bedeutet, wissen Sie nicht? Das
Regime zeigt es Ihnen. Es sagt: Seht, wie sie genießen.
Gut. Das wär's. Auf Wiedersehen für heute. Bye. Schluß.

34

3. DEZEMBER 1969.

35

II

24

PROTEST

Die Personen, die mich, aus unterschiedlichen Gründen, lieben, haben mich vorgewarnt, daß
Protest lauern würde.
Sie sind sich nicht genug darüber im klaren, daß der Protest ŕ daß auch ich auf ihn lauere. Und
zwar wegen eines Gegenstandes, der mich in hohem Maße interessiert ŕ wegen dem, was
dieser Protest bestätigt oder abschwächt hinsichtlich jener Ebene, auf der ich die Struktur eines
Diskurses situiere.
Ich habe soeben ich gesagt.
Ganz offensichtlich, weil ich den Diskurs, um den es geht, von anderswoher betrachte. Ich betrachte ihn von einem Ort aus, an dem mich ein anderer Diskurs situiert, dessen Wirkung ich
bin. So daß es in diesem Fall dasselbe ist, zu sagen: mich oder sich dieser Diskurs situiert.
Auf der Ebene dieses Diskurses ist es nicht damit getan, daß ich mein Liedchen trällern, eine
gute Vorlesung halten kann, wie man sagt. Das ist natürlich nicht nichts, und man kann mir
nicht sagen, das, was jemandem bis jetzt gefehlt habe, sei die Möglichkeit, sich Notizen zu
machen.
Ehrlich gesagt, ich muß mich nicht darüber beklagen, nie gestört worden zu sein.
Aber ich glaube nicht, daß Protestieren heißt, eine Vorlesung zu stören. Es wäre unglücklich,
wenn ich es durch den Protest selbst lernen müßte.
Ehrlich gesagt, ebenso wesentlich an der Tatsache, daß ich in Ruhe spreche oder nicht, ist das,
worin eingetaucht diejenigen sind, die mir zuhören. In der Tat signalisiert das, von dem ich
spreche, das In-Aktion-Treten dieses Diskurses, der nicht der meine ist, sondern der, dessen ŕ
um mich an diesen provisorischen Term zu halten ŕ Wirkung ich bin.
Letzte Woche bin ich nach Vincennes gefahren, wo man wohl geglaubt hat, daß das, was passierte, nicht nach meinem Geschmack war. In der Tat war abgemacht, daß mein Kommen, allein
schon in meiner Eigenschaft als Gegenüber, die Gelegenheit zu einem Obstruktionseffekt wäre.
Glaubt man, das könnte mich irgendwie verblüffen? Muß ich sagen, daß ich über das, was ich
dort angetroffen habe, vorgewarnt war? Und welche große Neuheit innerhalb des Umfeldes
hätte dieser Zwischenfall für mich wohl darstellen können, wo es diese Obstruktion doch nicht
erst seit gestern gibt?
Um die Dinge von Anfang an zu erzählen: Als ich damals meinen Diskurs in Sainte-Anne
begonnen habe, wurde das, was ich das, worin meine Zuhörer eingetaucht sind, durch eine
kleine Umfrage gebildet, deren Rhythmus ich nicht kenne, der aber ein monatlicher, später dann
dreimonatlicher gewesen sein muß. Das war eine ängstliche Befragung, die man mit ihnen
durchführte in ebendem Milieu, dessen Gast ich war, und zwar darüber, ob mein Unterricht
auch wirklich die Gewähr für das bot, was einen medizinischen Unterricht ausmacht. Es hätte
[ja] sein können ŕ Angst und Zittern ŕ, daß mein Unterricht nicht die Charakteristika eines
medizinischen Unterrichts aufweise.

25

36

Hinsichtlich des Gegenstandes, der zu Anfang der meine war, nämlich, Gott ja, die Kritik
Freuds ŕ was konnten da wohl die Charakteristika eines medizinischen Unterrichts sein?
Durfte er nur aus irgendeinem Akt der Referenz ŕ ich habe nicht gesagt: der Reverenz ŕ auf
Termini bestehen, die für heilig gehalten wurden, weil sie selbst wirklich im Zentrum, im
Herzen des medizinischen Unterrichts angesiedelt sind? Hätte ich, damit dieser Unterricht
medizinisch wäre, darauf hinweisen müssen, daß man für die Neurose vielleicht wirklich eines
Tages endokrine Ursachen finden wird? Oder ganz einfach daran erinnern, daß es eins von
diesen kleinen Elementen gibt, denen wir gleichwohl nicht nicht Rechnung tragen können, und
das man das konstitutionelle Element nennt? Das, das wäre medizinisch gewesen.
Kurz, da ich mich nicht aufhielt mit diesen Grußadressen, hörte die Umfrage auf, und man war
davon überzeugt, daß ich sie in die traurige Notwendigkeit versetzt hatte, im Herzen eines
Ortes, der essentiell medizinisch ist, einen Unterricht zu erdulden, der es nicht war.
Daraufhin ließ man mich wissen ŕ und zwar durch Leute, bei denen man unglücklicherweise
nur allzu sicher war, daß mich die Botschaft erreichen mußte, da sie in Analyse mit mir waren
ŕ, was man von meinem Publikum hielt.
Ich erwähne das, weil ich, in dem Publikum, das Sie heute bilden, ein bißchen besser als das
letzte Mal die Hauptadern, die Komponenten unterscheide, ich erkenne die Gestalten besser ŕ
es sind viele vertraute darunter, aber ich freue mich darüber, wie ich mich auch über die relative
Entlastung freue, die ich feststellen kann ŕ letztesmal wirkte das hier wie eine leicht überfüllte
Metro.
Eine ansehnliche Zahl von Ihnen gehörte bereits zu dieser sehr alten Zuhörerschaft, bevor sie
mir an jenen Ort folgte, von dem emigrieren zu müssen mir widerfahren ist, und ich kann sagen,
daß meine Zuhörerschaft von Sainte-Anne damals wirklich von denen gebildet worden war, die
jetzt die Säulen der École freudienne sind. Damit will ich nicht sagen, daß das keine absolut
verläßlichen Leute wären. Nun, du lieber Gott, man spürte, so scheint es, allein schon, wenn
man ihre Umrisse sah, wie sie vor gewissen Fenstern auf- und abgingen, ehe sie, wie immer,
um halb eins hereinkamen, um mich zu hören, daß da so eine gewisse rauschgiftsüchtige und
homosexuelle Note war. Das spürte man. Genau das spiegelte ganz offensichtlich der Stil, die
allgemeine Form, die Haltung dieser Auf-und-Abgeher wider.
Damit will ich Ihnen sagen, daß mein Publikum nicht erst seit gestern ŕ wodurch? ganz genau
da frage ich mich35ŕ aufgrund seiner Zusammensetzung eine gewisse unbehagliche Wirkung
auslöst. Wir haben es an einem Ort erfahren, der uns einen Aufenthalt bereitete, für den ich
natürlich denen Dank sage, die darauf aufmerksam gemacht haben36, daß er so lange gedauert
hat. Bilden Sie sich freilich nicht ein, die Einordnung meiner Zuhörerschaft als unbehaglich
wäre von zufallsartigen Orten ausgegangen.
Es sind die Schüler der École normale, die »normalianen« Elemente [éléments normalien], diese
kleinen Prinzen der Universität, die eine ganze Menge über die Tatsache wissen, daß man nichts
zu wissen braucht, um es zu unterrichten. Sie sind es, die gefunden haben, daß in meinem Seminar sehr merkwürdige Dinge passierten. Es kam vor, daß da unten, wenn Sie rauchten ŕ ehrlich
gesagt, aufgrund dessen habe ich hier und da verbreitet, daß Sie sich dessen [auch] hätten

35

Mitschrift: genau das ist es, wonach ich mich frage [Miller: c´est bien justement là que j´interroge / Mitschrift:
c´est bien là sur quoi je m´interroge]
36
Mitschrift: mir gestattet haben

26

37

enthalten können ŕ, etwas passiert ist, das ich noch nie irgendwo habe vorkommen sehen, und
zwar, daß der Rauch durch die Saaldecke drang, so daß die eleganten Normalianer, die, wie's
scheint, in den Bibliotheksräumen darüber waren, keine Luft mehr bekamen.
Das sind außergewöhnliche Dinge, die offenbar nur aufgrund dieses Publikums geschehen können, das Sie sind. Genau dessen Wichtigkeit zeige ich Ihnen.
[EIN HAUSMEISTER KOMMT.]
Ich, der ich an dem Protest von Vincennes zweifelte, Sie sehen ihn wirklich, in Gold. Dieser
gute Mensch ist wirklich rührend.
All dies geschieht in einer Zone, die trotzdem nicht ihre Bedeutung verliert.
[DER HAUSMEISTER SCHALTET DAS LICHT AUS UND BRINGT DIE TAFEL ZUM VERSCHWINDEN.]
So amüsant diese Späße auch sein mögen, die von der Organisation des Hohen Ortes herrühren,
ich hebe die Sitzung auf.37
10. DEZEMBER 1969.

Mitschrift: [UNTERBRECHUNG DURCH DEN HAUSMEISTER] Absatz Ich, der ich mir gewünscht hatte, dieser
Protest käme, da sehen Sie ihn im Realen. Man muß schon sagen, daß alles, was im Symbolischen
zurückgewiesen [rejeté] wird, im Realen wiedererscheint! Absatz All das geschieht in einer Zone, die,
natürlich, trotzdem nicht ihre Bedeutung verliert ... Absatz [DER HAUSMEISTER ERSCHEINT WIEDER] Absatz
Ich hebe die Sitzung auf und werde sie in acht Tagen durchführen.

37

27

38

31

III
DER HERR UND DIE HYSTERIKA

Ein Wissen, das sich nicht weiß.
Die Hysterisierung des Diskurses.
Das Wissen und die Wahrheit.
Das Halb-sagen.
Rätsel, Zitat, Deutung.

U

S2
S1

H

a
$

S1
$

Hy

$
a

S2
a

A

S1
S2

a
S2

$
S1

Es ist nützlich, diese vier Formeln hier als Referenz zu haben.
Diejenigen, die meiner ersten Sitzung assistiert haben, haben dort hören können, wie ich an die
Formel erinnerte, daß der Signifikant, im Unterschied zum Zeichen, das ist, was für einen anderen Signifikanten ein Subjekt repräsentiert. Da nichts besagt, daß der andere Signifikant irgend
etwas von der Angelegenheit wüßte, ist klar, daß es sich nicht um eine Repräsentation handelt,
sondern um einen Repräsentanten.
Womit ich, zu ebenjenem Zeitpunkt, illustrieren zu können geglaubt habe, was ich den Diskurs
des Herrn genannt habe.

1
Der Diskurs des Herrn ŕ wenn wir ihn auf einen einzigen Signifikanten reduziert sehen
können, dann impliziert das, daß er etwas repräsentiert. Es etwas zu nennen, sagt schon zuviel
ŕ er repräsentiert x; ebendies ist in der Angelegenheit zu erhellen.
Nichts in der Tat gibt an, womit der Herr seinen Willen aufzwingen sollte. Daß es dazu einer
Zustimmung bedarf, steht außer Zweifel, und daß Hegel sich bei dieser Gelegenheit nur auf den 32
Tod, als den Signifikanten des absoluten Herrn, beziehen kann, ist, diesmal, ein Zeichen ŕ ein
Zeichen dafür, daß durch diesen Pseudo-Ursprung nichts gelöst ist. In der Tat: Damit das
weitergeht, wäre, daß er dessen [des Todes] Herr ist, nur bewiesen, wenn er auferweckt würde,
nämlich, wenn er die Prüfung tatsächlich bestanden hätte. Dasselbe gilt für den Knecht/Sklaven:
er hat ŕ genau das ŕ darauf verzichtet, sich ihr auszusetzen.
Das Rätsel der Funktion des Herrn gibt sich also nicht unmittelbar preis. Ich weise, denn das
liegt bereits auf dem Weg ŕ einem Weg, bei dem wir nicht so tun müssen, als entdeckten wir

39

ihn, und der nicht der der Theorie des Unbewußten ist ŕ, ich weise darauf hin, daß es ganz und
gar nicht selbstverständlich ist, daß alles Wissen, dadurch, daß es Wissen ist, sich als solches
weiß.
Was wir in der Erfahrung noch der bescheidensten Psychoanalyse entdecken, gehört wirklich
zur Ordnung des Wissens und nicht zu der der Erkenntnis oder der Repräsentation. Ganz genau
gesagt handelt es sich um etwas, das, in einer Beziehung des Grundes [relation de raison], einen
Signifikanten S1 mit einem anderen Signifikanten S2 verknüpft.
Das sind wirklich staubtrockene Begriffe, würde ich sagen, wenn ich, indem ich mich dieser
Metapher bediene, den Akzent hörbar machen darf, den man im vorliegenden Fall auf den Term
Wissen setzen sollte.
Dennoch liegt in einem solchen Verhältnis, und gerade insofern es sich nicht weiß, die
Grundlage für das, was sich weiß, für das, was sich unbekümmert als kleiner Herr artikuliert, als
ich [moi], als der, der eine ganze Menge darüber weiß.
Gleichwohl sehe ich von Zeit zu Zeit, daß das38 durcheinander gerät. Genau das ist der
Ausbruch der gesamten Phase39 der Versprecher und Hindernisse, worin sich das Unbewußte
enthüllt. Das ist aber viel besser ŕ und noch viel mehr ŕ als im Lichte der analytischen
Erfahrung.
Wir erlauben uns40 eine Biographie zu lesen, wenn wir die Mittel dazu haben, wenn wir
genügend Dokumente haben, damit sich erweise, wozu ein Leben glaubt, wozu es geglaubt hat
bestimmt zu sein, Schritt für Schritt, ja gelegentlich gar, wie es diese Bestimmung zu erfüllen
geglaubt hat.
Nichtsdestoweniger erscheint es im Lichte dieser Auffassung, daß nicht sicher ist, daß ein
Wissen sich wisse, nicht unmöglich, daß wir lesen könnten, auf der Ebene welchen unbewußten
Wissens die Arbeit vor sich gegangen ist, die preisgibt, was tatsächlich die Wahrheit all dessen
ist, was geglaubt hat, es sei.
Um mit dem Schema des Diskurses des großen H zu operieren, sagen wir, daß es, unsichtbar,
die Sklavenarbeit ist ŕ diejenige, die ein nicht enthülltes Unbewußtes bildet ŕ, die preisgibt,
ob dieses Leben es wert ist, daß man von ihm spricht. Was, an Wahrheiten, an wahren Wahrheiten, soviele Umwege, Fiktionen und Irrtümer hat auftauchen lassen.
Das Wissen also wird von der psychoanalytischen Erfahrung ins Zentrum, auf die Anklagebank
gesetzt. Ganz allein das schon erlegt uns eine Pflicht zur Befragung auf, die keinerlei Grund hat,
ihr Feld zu beschränken. Offen gesagt, die Vorstellung, das Wissen könnte irgendwie oder
irgendwann ŕ und wäre es als Hoffnung für die Zukunft ŕ, eine geschlossene Ganzheit bilden
ŕ genau das hatte, um zweifelhaft erscheinen zu können, mitnichten auf die Psychoanalyse
gewartet.
Vielleicht war diese Anzweifelung im Fall der Skeptiker ein bißchen früh begonnen worden ŕ
ich spreche von denen, die sich mit diesem Namen tituliert haben zu der Zeit, als sie [die
Anzweifelung] eine Schule bildete, etwas, von dem wir nur noch eine schwache Vorstellung
besitzen. Alles in allem aber, wäre es die Mühe wert, was wissen wir darüber? Was wissen wir
darüber, ausgehend von dem, was uns von den Skeptikern bleibt? Vielleicht ist es besser,

38Mitschrift: sieht man, daß das von Zeit zu Zeit
39Mitschrift: Seite [Miller: phase / Mitschrift: face]
40Mitschrift: , weil wir uns im Lichte der analytischen Erfahrung erlauben

33

40

darüber kein Urteil zu fällen. Von ihrem Wissen besitzen wir vielleicht nur das, was die andern
von ihnen aufzunehmen fähig waren, jene, die nicht wußten, wovon die skeptischen Formeln
der radikalen Infragestellung allen Wissens ausgingen, a fortiori der Totalisierung des Wissens.
Was gut dazu geeignet ist, zu zeigen, wie wenig die Inzidenz der Schulen trägt, das ist, daß die
Vorstellung, das Wissen könne eine Ganzheit bilden, dem Politischen als solchem, wenn ich so
sagen darf, immanent ist. Man weiß es seit langem. Die imaginäre Vorstellung des All/Ganz, so
wie sie durch den Körper gegeben ist, ist, da sie sich auf die gute Form der Zufriedenheit stützt,
auf das, was, im äußersten Falle, eine Kugel bildet, in der Politik von der Partei des politischen
Predigertums immer benutzt worden41. Was könnte es schöneres, aber auch weniger offenes geben? Was, das der Abschließung der Zufriedenheit mehr gliche42?
Das heimliche Einverständnis zwischen diesem Bild und der Vorstellung der Zufriedenheit ŕ
genau dagegen haben wir jedesmal zu kämpfen, wenn wir auf etwas stoßen, das einen Knoten
bildet in der Arbeit, um die es geht, die des Zutageförderns von etwas auf den Wegen des
Unbewußten. Das ist das Hindernis, das ist die Grenze oder vielmehr: die Schwierigkeit, in der
wir die Richtung verlieren und wo wir uns blockiert sehen.
Es ist eigenartig zu sehen43, daß eine Lehre wie die, deren Artikulation Marx auf die Funktion
des Kampfes gegründet hat, des Klassenkampfes, es nicht verhindert hat, daß aus ihr das
entsteht, was genau in diesem Moment das Problem ist, das uns allen vorgeführt wird, nämlich
die Aufrechterhaltung eines Diskurses des Herrn.
Sicher, dieser hat nicht die Struktur des alten, in dem Sinne, in dem letzterer sich mittels des
Platzes installiert, der unter diesem großen H angegeben ist. Er installiert sich durch den links,
den das U kontrolliert. Ich werde Ihnen sagen, warum. Was dort den Platz besetzt, den wir
vorläufig Dominante44 nennen werden, ist dies hier, S2, das sich dadurch spezifiziert, daß es,
nicht Wissen-des-All [savoir-de-tout] ŕ soweit sind wir noch nicht ŕ, sondern All-Wissen
[tout-savoir] ist. Verstehen Sie darunter das, von dem sich bestätigt, daß es nichts anderes als
Wissen ist, und das man in der Umgangssprache die Bürokratie nennt. Man kann nicht sagen,
da gäbe es nichts, was ein Problem aufwürfe.
In meiner ersten Darlegung, der von vor drei Wochen, sind wir davon ausgegangen, daß, im ersten Statut des Diskurses des Herrn, das Wissen der Anteil des Sklaven ist. Und ich habe geglaubt zeigen zu können ŕ ohne daß ich imstande war, letztesmal zu entwickeln, und zwar aufgrund eines kleinen widrigen Zufalls, den ich bedauere ŕ45, daß das, was vom Diskurs des antiken Herrn Wirkung ausübt auf den des modernen Herrn, den man Kapitalist nennt, eine Modifizierung am Platz des Wissen ist. Ich habe sogar geglaubt, ich könne so weit gehen zu sagen, daß
die philosophische Tradition für diese Transmutation mit verantwortlich war.
So daß der Proletarier, weil er von etwas enteignet worden ist ŕ vor allem natürlich vom Ge41Mitschrift: bildet einen Teil des politischen Predigertums, da es sich auf die gute Form der Zufriedenheit stützt,
was im äußersten Falle eine Kugel bildet.
42Mitschrift: mehr gliche als die Zufriedenheit? [Miller: de la satisfaction / Mitschrift: que la satisfaction].
43Mitschrift: wichtig zu wissen, daß sie in der Politik stets benutzt worden ist und daß es seltsam, daß es
eigenartig ist zu sehen
44Dahinter versteckt sich eine Anspielung auf ein Element der Universitätsreform von 1968: Die neue
Studienordnung sah vor, daß von den 30 während eines Studiums zu sammelnden »unités de valeur«
(»Werteinheiten«, vgl. dazu Impromptu 1) 20 in der sogenannten dominanten Disziplin erworben werden
mußten. Für Studierende am Département de psychanalyse war die Dominante die Philosophie.
45Mitschrift: Deshalb habe ich geglaubt zeigen zu können ŕ ich bedauere, daß ein kleiner widriger Zufall mich
letztesmal daran gehindert hat, vielleicht darauf zurückzukommen, um ergänzende Angaben zu machen ŕ, ich
habe geglaubt zeigen zu können

34

41

meineigentum ŕ sich durch diesen Begriff des Enteigneten qualifizierbar findet, einen Begriff,
der sowohl das Vorhaben als auch den Erfolg der Revolution rechtfertigt.
Ist nicht spürbar, daß das, was ihm zurückerstattet wird, nicht zwangsläufig sein Anteil ist? Sein
Wissen ŕ tatsächlich bringt die kapitalistische Ausbeutung ihn darum [l'en frustre], indem sie
ihn/es nutzlos macht. Dasjenige [Wissen] aber, das ihm in einer Art von Subversion
zurückgegeben wird, ist etwas anderes: ein Wissen des Herrn. Und genau deshalb hat er nur den
Herrn gewechselt.
Was bleibt, ist wirklich, in der Tat, das Wesen des Herrn, nämlich, daß er nicht weiß, was er
will.
Das also bildet die wahre Struktur des Diskurses des Herrn. Der Sklave weiß vieles, das aber,
was er außerdem noch weiß, ist das, was der Herr will, selbst wenn dieser es nicht weiß, was der
gewöhnliche Fall ist, denn ohne das wäre er kein Herr. Der Sklave weiß es, und genau das ist
seine Funktion als Sklave. Ebendarum auch funktioniert das, denn das hat gleichwohl recht
lange funktioniert.
Die Tatsache, daß das All-Wissen an den Platz des Herrn übergegangen ist ŕ das ist es, was,
weit davon entfernt, es zu erhellen, ein wenig undurchsichtiger macht, worum es geht, nämlich
die Wahrheit. Woraus geht hervor46, daß es an diesem Platz einen Herrensignifikanten gibt?47
Denn es ist wirklich der S2 des Herrn, der48 zeigt, wo bei der neuen Tyrannei des Wissens der
Haken ist. Ebendas macht es unmöglich, daß, wie wir vielleicht gehofft hatten, im Verlauf der
historischen Bewegung an diesem Platz erscheine, was es mit der Wahrheit auf sich hat.
Das Zeichen der Wahrheit ist jetzt anderswo. Es muß erzeugt werden durch das, was sich dem
antiken Sklaven substituiert findet, d.h., durch die, die, wie man sagt, selbst ganz genauso Produkte sind und konsumierbar wie die andern. Konsumgesellschaft, sagt man. Das Menschenmaterial, wie man eine Zeitlang gesagt hat ŕ unter dem Beifall gewisser Leute, die darin eine
Zärtlichkeit gesehen haben.
Das verdiente hervorgehoben zu werden, denn auch das, was uns jetzt betrifft, ist, danach zu
fragen, worum es im psychoanalytischen Akt geht.

2
Ich werde es nicht auf der Ebene aufgreifen, auf der ich vor zwei Jahren gehofft hatte, den Ring
zu schließen49, der unterbrochen blieb, den des Akts, in dem der Psychoanalytiker als solcher
sich begründet, sich instituiert. Ich werde es auf der Ebene der Interventionen des Analytikers
aufgreifen, nachdem die Erfahrung einmal in ihren genauen Grenzen eingerichtet ist.
Wenn es ein Wissen gibt, das sich nicht weiß, dann ist es, ich habe es schon gesagt, auf der
Ebene von S2 eingerichtet, also dessen, den ich den andern Signifikanten nenne. Dieser andere

46Mitschrift: , aus der hervorgeht
47In der Mitschrift schließt der Satz mit einem Punkt.
48Mitschrift: Da ist er wirklich zusammengerollt [lové], der S 2 des Herrn, wobei er
49Gemeint ist das Séminaire XV, L'acte psychanalytique (1967-68). Lacan war am 8. und 15. Mai 1968 anwesend, hielt jedoch nicht seinen Diskurs, sondern diskutierte mit den Anwesenden die aktuellen Ereignisse. Danach nahm er das Seminar nicht wieder auf.

35

42

Signifikant ist nicht allein. Der Bauch des Andern, des großen A, ist voll davon. Wie ein
monströses Trojanisches Pferd liefert dieser Bauch die Grundlage für das Phantasma eines
totalen Wissens [savoir-totalité]. Klar ist jedoch, daß seine Funktion impliziert, daß etwas von
draußen dort anklopft, ohne das aus ihm niemals etwas herauskommen wird. Und Troja wird nie
eingenommen werden.
Was instituiert der Analytiker?
Ich höre viel vom Diskurs der Psychoanalyse reden, so als ob das etwas bedeuten würde. Wenn
wir einen Diskurs dadurch charakterisieren, daß wir uns um das zentrieren, was seine
Dominante ist, dann gibt es den Diskurs des Analytikers, und das darf man nicht mit dem analysierenden Diskurs verwechseln, mit dem Diskurs, der in der analytischen Erfahrung tatsächlich
gehalten wird. Was der Analytiker als analytische Erfahrung instituiert, läßt sich einfach sagen:
es ist die Hysterisierung des Diskurses. Anders gesagt, es ist, mittels künstlicher Bedingungen,
die strukturelle Einführung des Diskurses der Hysterika, der hier mit einem Hy angegeben ist.
Ich habe versucht, das im letzten Jahr 50 deutlich zu machen, indem ich sagte, daß dieser Diskurs
existiere, und daß er in jedem Fall existieren würde ŕ ob es die Psychoanalyse nun gäbe oder
nicht. Ich habe es auf eine bildhafte Weise gesagt, indem ich ihm seine allgemeinste Stütze
gegeben habe, die, aus der für uns die Haupterfahrung hervorgegangen ist, nämlich der Umweg,
der Zickzacklauf, auf dem jenes Mißverständnis beruht, das, bei der menschlichen Spezies, die
sexuellen Beziehungen stiften.
Da man den Signifikanten hat, muß man sich verstehen, und genau deshalb versteht man sich
nicht. Für die sexuellen Beziehungen ist der Signifikant nicht gemacht. Sobald das menschliche
Sein ein sprechendes ist, ist es aus und vorbei mit diesem harmonischen, vollkommenen
Charakter der Kopulation, der sich übrigens nirgendwo in der Natur verorten läßt. Die Natur
präsentiert unendliche Arten davon, die übrigens in der Mehrzahl keinerlei Kopulation
beinhalten, was zeigt, wie wenig es in den Absichten der Natur liegt, daß das ein Ganzes bilde,
eine Kugel.
Eins jedenfalls ist sicher: Wenn es für den Menschen so einigermaßen läuft, dann dank eines
Tricks, der das erlaubt, und zwar zunächst dadurch, daß er es unlösbar macht.
Ebendas besagt der Diskurs der Hysterika, geschickt [industrieuse] wie sie ist. Indem wir geschickt sagen, machen wir das Hysterische zur Frau, es ist aber nicht ihr Privileg. Es lassen sich
viele Männer analysieren, die, allein aufgrund dieser Tatsache, wirklich gezungen sind,
ebenfalls durch den hysterischen Diskurs hindurchzugehen, weil es das Gesetz ist, die
Spielregel. Es geht darum, welchen Nutzen man daraus zieht hinsichtlich dessen, was mit dem
Verhältnis zwischen Mann und Frau ist.
Wir sehen also die Hysterika, wie sie kann, einen Mann fabrizieren ŕ einen Mann, der beseelt
wäre vom Begehren, zu wissen.
Danach habe ich in meiner letzten Sitzung gefragt. Wir stellen fest, daß, historisch gesehen, der
Herr den Sklaven langsam um sein Wissen gebracht hat [frustré], um daraus ein Wissen des
Herrn zu machen. Was aber mysteriös bleibt, das ist, wie ihm das Begehren danach hat kommen
können. Aufs Begehren hat er, wenn Sie mir das glauben, wirklich verzichtet, weil der Sklave es
erfüllt hat, noch ehe er [der Herr] weiß, was er begehren könnte.
Genau darauf hätten sich meine Reflexionen vom letzten Mal bezogen, wenn nicht jene
50Im Séminaire XVI, D´un Autre à l´autre (1968-69).

36

43

charmante Sache aus dem Realen aufgetaucht wäre ŕ man versichert mir, aus dem Realen der
Abschaffung der Kolonialherrschaft. Es sei ein stationär Aufgenommener, eine unserer Stützen
im alten Algerien und hier untergebracht. Wie Sie sehen, eine charmante Ausgelassenheit, dank
deren ich nicht wüßte51 ŕ zumindest nicht bis zu einem gewissen Zeitpunkt, denn ich muß
vorankommen ŕ, welche Verwandtschaft ich zwischen dem philosophischen Diskurs und dem

37

Diskurs der Hysterika einrichte, denn es scheint, daß es der philosophische Diskurs ist, der den
Herrn mit dem Begehren zu wissen beseelt hat. Was kann die Hysterie, um die es hier geht,
wohl sein? Es gibt da ein Gebiet, das nicht zu deflorieren ist. Falls es jemanden gibt, der dem,
was der Sprecher erzählt, gern ein ganz klein wenig vorausdenkt, wird er dort eine Gelegenheit
finden, sein Talent zu üben. Ich versichere ihm, daß mir der Weg vielversprechend scheint.
Wie auch immer, um eine Formel zu liefern, die mehr umfaßt, als wenn man sie auf der Ebene
des Verhältnisses Mann-Frau lokalisiert, sagen wir, daß wir allein dadurch, daß wir lesen, was
ich da vom Diskurs der Hysterika einschreibe, noch immer nicht wissen, was das ist, dieses $.
Wenn es aber um ihren Diskurs geht, und wenn ebendieser Diskurs bewirkt, daß es einen Mann
gibt, der beseelt ist vom Begehren zu wissen, dann weil es darum geht, was zu wissen? ŕ welchen Wert sie selbst hat, diese Person, die spricht. Denn als Objekt a ist sie Überbleibsel, Überbleibsel der Diskurswirkung, die ihrerseits immer irgendwo gebrochen ist.
Was die Hysterika im letzten Ende will, das ist, daß man wisse, das ist, daß die Sprache auf der
Weitläufigkeit dessen ausgleitet, was sie, als Frau, auf das Genießen hin öffnen kann. Das aber
ist der Hysterika nicht wichtig. Was ihr wichtig ist, das ist, daß der andere, der sich der Mann
nennt, wisse, zu welch kostbarem Objekt sie in diesem Diskurskontext wird.
Liegt, alles in allem, nicht genau da der Grund der analytischen Erfahrung selbst? ŕ Wenn ich
sage, daß sie dem andern als Subjekt im Diskurs der Hysterika den dominanten Platz zuweist,
dann hysterisiert sie seinen Diskurs, dann macht sie aus ihm jenes Subjekt, das gebeten wird,
jeden anderen Bezug als den auf die vier Wände, die es umschließen, aufzugeben und
Signifikanten zu erzeugen, die jene freie Assoziation bilden, die ŕ kurz und gut ŕ die Herrin
des Feldes ist.
Egal was sagen, wie könnte das zu etwas führen? ŕ wenn nicht determiniert wäre, daß es im
zufälligen Herauskommen der Signifikanten nichts gibt, was sich, eben aufgrund der Tatsache,
daß es sich um Signifikanten handelt, nicht auf dieses Wissen bezieht, das sich nicht weiß und
das wahrhaft das ist, was arbeitet.
Nur gibt es keinerlei Grund dafür, daß er darüber nicht ein wenig mehr wisse. Wenn der
Analytiker nicht das Wort ergreift, was kann dann aus dieser wuchernden Produktion von S1
werden? Sicher eine ganze Menge.
Der Analytiker, der zuhört, kann vieles aufnehmen [enregistrer]. Mit dem, was ein durchschnittlicher Zeitgenosse sagen kann, wenn er auf nichts achtet, kann man eine kleine Enzyklopädie aufwiegen. Falls es mitgeschnitten würde, würde das enorm viele Schlüssel liefern.
Man könnte sogar, nachdem man sie konstruiert hätte, eine kleine elektronische Maschine bauen
lassen. Und genau das ist die Vorstellung, die gewisse Leute womöglich haben ŕ sie konstruieren die elektronische Maschine, dank deren der Analytiker nur den Fahrschein zu ziehen
braucht, um ihnen die Antwort zu liefern.
Sehen wir zu, was hier, beim Diskurs des Analytikers, im Spiel ist. Er, der Analytiker, ist der
51Mitschrift: deren Sie nicht wissen werden

38

44

Herr. In welcher Form? Ebendas werde ich unseren nächsten Unterhaltungen vorbehalten
müssen. Warum in der Form a?
Auf seiner Seite gibt es S2, gibt es Wissen ŕ gleich ob er dieses Wissen dadurch erwirbt, daß er
seinen Analysanten hört, oder ob es bereits erworbenes, verortbares Wissen ist, was man auf
einer bestimmten Ebene auf das analytische Gewußt-wie begrenzen kann.
Nur, was man an diesem Schema begreifen muß ŕ wie dies bereits dadurch angedeutet wurde,
daß man S2 im Diskurs des Herrn an den Platz des Sklaven setzt und dann, im modernisierten
Diskurs des Herrn, an den Platz des Herrn ŕ, das ist, daß es nicht dasselbe Wissen ist.
Dort, in dem Diskurs ganz rechts 52, an welchem Platz ist es da? An dem Platz, den uns Hegel,
der erhabenste der Hysteriker, im Diskurs des Herrn als den der Wahrheit bezeichnet.
In der Tat kann man nicht sagen, die Phänomenologie des Geistes bestehe darin, daß sie vom
Selbstbewußtsein* ausgeht, das angeblich auf der allerunmittelbarsten Empfindungsebene erfaßt
wird, indem es impliziert, daß alles Wissen sich von Anfang an weiß. Ginge es nicht um etwas
anderes, wozu wäre dann diese ganze Phänomenologie gut?
Nur, was ich die Hysterie dieses Diskurses nenne, rührt genau daher, daß er die Unterscheidung
umgeht, die zu bemerken erlauben würde, daß selbst wenn diese historische Maschine, die tatsächlich nur der Lauf der Schulen ist und weiter nichts, jemals zum absoluten Wissen führen
würde, dann nur, um die Annullierung, das Scheitern, das Schwinden an der Grenze dessen zu
markieren, was allein die Funktion des Wissens motiviert: seine Dialektik mit dem Genießen.
Das absolute Wissen wäre schlicht und einfach die Abschaffung dieser Grenze. Wer auch
immer den Text der Phänomenologie genau studiert, kann darüber keinerlei Zweifel haben.
Was bringt uns jetzt die Position von S2 am Platz der Wahrheit?

3
Was ist die Wahrheit als Wissen? Man muß es schon sagen: Wie soll man wissen, ohne zu wissen?53
Das ist ein Rätsel. Das ist die Antwort: Das ist ein Rätsel ŕ unter anderen Beispielen54. Und ich
gebe Ihnen gleich ein zweites Beispiel für das, was das auch sein kann.
Beide besitzen dasselbe Charakteristikum, das der Wahrheit eigen ist: Die Wahrheit, man kann
sie immer nur zur Hälfte sagen. Unsere liebe Wahrheit aus dem Bilderbogen von Épinal, die aus
dem Schacht aufsteigt, ist immer nur ein Körper.55
In Italien, bei einem der Vorträge, um die man mich gebeten hatte, warum, weiß ich nicht, und
bei dem ich, ich weiß es, mittelmäßig gewesen bin, habe ich von der Chimäre gesprochen, in der
sich der ursprüngliche Charakter des Diskurses der Hysterika genau verkörpert. Und die
Chimäre gibt dem Mann Ödipus, der vielleicht schon einen Komplex hatte, sicher aber nicht
den, dem er seinen Namen geben sollte, ein Rätsel auf. Er antwortet ihr in einer bestimmten
Weise, und genau so wird er Ödipus.
52D.h. im Diskurs des Analytikers, vgl. das Schaubild auf S.39 hier.
53Mitschrift: Wie soll man es wissen?...
54In der Mitschrift schließt der Satz hinter »anderen«.
55Mitschrift: Wenn unsere liebe Wahrheit aus dem Bilderbogen von Épinal aus dem Schacht hervorsteigt, dann
immer nur als Halb-Körper [mi-corps].

39

45

Auf das, was die Chimäre ihn gefragt hat, hätte es viele andere Antworten geben können. Zum
Beispiel hätte er sagen können: Zwei Füße, drei Füße, vier Füße, das ist das Schema von Lacan.
Das hätte ein ganz anderes Ergebnis gezeitigt. Er hätte auch sagen können: Es ist ein Mann, ein
Mann als Säugling. Als Säugling hat er auf allen vieren angefangen. Geht er auf zwei Füßen,
nimmt er einen dritten wieder dazu, zugleich flitzt er wie eine Kugel geradenwegs in den Bauch
seiner Mutter. Ebendas nennt man in der Tat ŕ und zu Recht ŕ den Ödipuskomplex.
Ich denke, Sie sehen, was hier die Funktion des Rätsels besagen will ŕ es ist ein Halb-Sagen,
so wie die Chimäre als ein Halb-Körper erscheint, vorbehaltlich dessen, daß sie völlig
verschwindet, wenn man die Lösung geliefert hat.
Ein Wissen als Wahrheit ŕ das definiert, was die Struktur dessen sein muß, was man eine Deutung nennt.
Wenn ich lange auf dem Unterschied zwischen der Ebene des Aussagens und der der Aussage
insistiert habe, dann genau deshalb, damit die Funktion des Rätsels Sinn annimmt. Das Rätsel,
wahrscheinlich ist es das: ein Aussagen. Ich gebe Ihnen auf, es zu einer Aussage werden zu lassen. Schlagen Sie sich damit herum, wie Sie können ŕ wie es Ödipus tat ŕ, Sie werden die
Folgen zu tragen haben. Genau darum geht es beim Rätsel.
Es gibt aber noch etwas anderes, woran man kaum denkt, etwas, das ich von Zeit zu Zeit gestreift, das ich gekitzelt habe, ehrlich gesagt aber betraf mich das genug, damit es mir nicht
leicht falle, leichthin davon zu sprechen. Das nennt sich das Zitat.
Woraus besteht das Zitat? Im Verlauf eines Textes, in dem Sie mehr oder weniger gut vorankommen ŕ wenn Sie so an den richtigen Stellen des sozialen Kampfes stehen, dann zitieren Sie
mit einemmal Marx, und Sie fügen hinzu: hat Marx gesagt. Wenn Sie Analytiker sind, dann
zitieren Sie Freud, und Sie setzen [hinzu]: hat Freud gesagt ŕ das ist wesentlich.
Das Rätsel, das ist das Aussagen ŕ und schlagen Sie sich mit der Aussage herum. Das Zitat ist
ŕ ich behaupte: die Aussage, und im übrigen ist es die solide Stütze, die Sie am Namen des
Autors finden, den ich Ihnen wieder aufhalse. Das ist sehr gut so, und es hat nichts zu tun mit
dem mehr oder minder wackligen Statut der Funktion des Autors.
Wenn man Marx oder Freud zitiert ŕ ich habe diese beiden Namen nicht zufällig gewählt ŕ,
dann geschieht das in Zusammenhang mit dem Anteil, den der unterstellte Leser an einem
Diskurs nimmt. Auf seine Weise ist auch das Zitat ein Halb-Sagen. Es ist eine Aussage, von der
man Ihnen andeutet, daß sie nur insofern zulässig ist, als Sie bereits an einem bestimmten, strukturierten, Diskurs teilnehmen auf der Ebene der grundlegenden Strukturen, die da an der Tafel
stehen. Genau das ist der einzige Punkt ŕ habe ich es bis jetzt erklären können? ŕ der bewirkt,
daß das Zitat, die Tatsache, daß man einen Autor zitiert oder nicht, im zweiten Grade eine
Bedeutung haben kann. Ich werde es Ihnen verständlich machen, und ich hoffe, Sie nehmen das
nicht übel auf, denn es ist ein vertrauliches Beispiel.
Nehmen Sie an, zum zweiten Zeitpunkt zitiert man einen Satz, indem man mit dem Namen des
Autors, Monsieur Ricœur zum Beispiel, angibt, woher er stammt. Nehmen Sie an, man zitiert
denselben Satz und stellt ihn unter meinen Namen. In den beiden Fällen kann das absolut nicht
denselben Sinn haben. Ich hoffe, ich lasse Sie dadurch spüren, was es mit dem auf sich hat, was
ich das Zitat nenne.

40

46

Nun, diese beiden Register, insofern sie am Halb-Sagen teilhaben, genau das liefert das Medium
ŕ und, wenn man so sagen kann, den Titel ŕ, unter dem56 die Deutung interveniert.
Die Deutung ŕ die sich ihrer bedienen, bemerken es ŕ ist oft auf ein Rätsel gegründet. Ein
Rätsel, das soweit wie möglich im Rahmen des Diskurses des Analysanten aufgegriffen wird
und das Sie, der Deuter, mitnichten durch Sie selbst komplettieren können, das Sie nicht als

41

Geständnis betrachten können, ohne zu lügen. Auf der anderen Seite das Zitat, manchmal
demselben Text entnommen, eine Aussage. Sie ist diejenige, die sich als Geständnis auffassen
läßt, wenn Sie sie nur mit dem gesamten Kontext verbinden. Aber Sie appellieren dann an den,
der ihr Autor ist.
Was in der Tat an jener Einrichtung des analytischen Diskurses überrascht, die die Triebfeder
der Übertragung ist, ist nicht, wie einige Leute von mir zu hören geglaubt haben, daß es der
Analytiker, daß er es sei, der in der Funktion des Subjekts plaziert sei, dem zu wissen unterstellt
wird. Wenn das Sprechen so freiwillig dem Analysanten überlassen wird ŕ genau so empfängt
er diese Freiheit ŕ, dann weil ihm zuerkannt wird, daß er sprechen kann wie ein Herr, d.h., wie
ein Star [gemeint ist der Vogel], daß das aber nur im Falle eines wahren Herrn so gute Resultate
liefern wird, weil unterstellt wird, es führe zu einem Wissen ŕ einem Wissen, zu dessen Pfand,
dessen Bürgen sich der macht, der im voraus akzeptiert, das Produkt der Überlegungen des Analysanten zu sein, nämlich der Analytiker ŕ insofern er, als dieses Produkt, am Ende zum
Verlust bestimmt ist, zur Eliminierung aus dem Prozeß.
Was bedeutet es, daß er diesen Platz auf sich nehmen kann, der, auf der Ebene des Diskurses
des Herrn, der des Herrn ist? Schon im einfachen Funktionieren der Beziehungen zwischen Herr
und Sklave ist klar, daß das Begehren des Herrn das Begehren des Anderen ist, denn es ist das
Begehren, dem der Sklave zuvorkommt.
Eine andere Frage ist, wodurch der Analytiker den Platz einnimmt, um die Besetzung des Subjekts, dem zu wissen unterstellt wird, auszulösen ŕ eines Subjekts, das, dadurch, das es als solches anerkannt wird, seinerseits im voraus fruchtbar ist durch das, was man Übertragung nennt.
Sicher, es ist nur allzu leicht, hier den Schatten einer Befriedigung darüber vorbeihuschen zu
sehen, daß man anerkannt wird. Das Wesentliche daran ist nicht, ihm, dem Subjekt, zu
unterstellen, es wisse, was es tue, mehr noch als die Hysterika, bei der es die Wahrheit des
Verhaltens ist, nicht aber das Sein selbst.
Er, der Analytiker, macht sich zur Ursache des Begehrens des Analysanten 57. Was bedeutet
diese Merkwürdigkeit? Müssen wir sie als einen Unfall betrachten, eine historische Emergenz,
die zum ersten Mal in der Welt erschienen wäre?
Indem ich den weiteren Verlauf eines Weges vorwegnehme, der uns vielleicht auf einen langen
Umweg ziehen wird, werde ich nur bemerken, daß seine Funktion bereits erschienen ist und daß
Freud aus gutem Grund mit Vorliebe auf so viele Vorsokratiker zurückgegriffen hat, unter anderem auf Empedokles.
Weil ich weiß, daß dieser Hörsaal um zwei Uhr besetzt ist, werde ich künftig, so wie ich es
heute tue, um viertel vor zwei schließen. Ich verabrede mich mit Ihnen auf den zweiten
Mittwoch im Januar.
56Mitschrift: die Ethik ŕ, unter der
57Mitschrift: Das ist aber nicht das Wesentliche. Dadurch, daß er ihm, dem Subjekt, unterstellt, es wisse, was es
tue, mehr noch als die Hysterika, bei der es die Wahrheit des Verhaltens ist, nicht aber das Sein selbst, macht
er, der Analytiker, sich zur Ursache des Begehrens des Analysanten.

42

47

17. DEZEMBER 1969.

48

43

IV
WISSEN, MITTEL DES GENIESSENS

Wie ich übersetzt werde.
Dominanten und Tatsachen der Struktur.
Wiederholung und Genießen.
Die Erzeugung der Entropie.
Die Wahrheit, das ist das Unvermögen.

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Man hat mir rote Kreide hingelegt, sehr rote. Rot auf Schwarz ŕ es scheint nicht offensichtlich,
daß das lesbar ist.
Es sind keine neuen Formeln, denn ich habe sie schon letztesmal an die Tafel geschrieben.
Es ist nützlich, sie da zu präsentieren, denn ŕ so einfach sie auch sein mögen, so einfach
auseinander abzuleiten, weil es sich ja nur um eine zirkuläre Permutation handelt, wobei die
Terme in derselben Ordnung verbleiben ŕ es erweist sich, daß unser geistiges
Vorstellungsvermögen nicht so beschaffen ist, daß es einen Ersatz bietet für die Tatsache, daß
das an der Tafel geschrieben steht oder nicht.
Wir werden also fortfahren mit dem, was ich hier mache, ein Hier, das immer zur selben Zeit
ist, hier oder anderswo, seit siebzehn Jahren mittwochs um halb eins.
Es lohnt sich wirklich, daß ich in dem Moment daran erinnere, in dem jedermann sich darüber
freut, in ein neues Jahrzehnt einzutreten. Für mich wäre das eher die Gelegenheit, mich noch
einmal dem zuzuwenden, was mir das vorangegangene gebracht hat.

1
Vor zehn Jahren stellten zwei meiner Schüler58 unter dem Titel L'inconscient, étude
psychanalytique [Das Unbewußte, eine psychoanalytische Studie] etwas vor, das aus den
Lacanschen Thesen hervorging.
Das geschah aufgrund dessen, was man den herrscherlichen Akt nennen kann. Der Herrscher ist
der einzige, der zu einem großzügigen Akt fähig ist, worunter verstanden wird, daß ein
großzügiger Akt bedeutet: ein willkürlicher Akt, wobei auch angenommen wird, daß willkürlich
heißt: durch keine Notwendigkeit befohlen. Keinerlei Notwendigkeit drängte in diesem Punkt,
weder in dem einen noch in dem andern Sinne, den Herrscher, meinen Freund Henri Ey, der auf
58Jean Laplanche und Serge Leclaire.

44

49

die Tagesordnung eines gewissen Kongresses, dem von Bonneval, Das Unbewußte59 setzte und
ihre Ausarbeitung, zumindest zu einem Teil60, zweien meiner Schüler anvertraute
In gewisser Weise ist dieses Buch maßgebend. Ehrlich gesagt, nicht ohne Grund. Es ist wirklich
maßgebend durch die Art und Weise, auf die jene, meine Schüler, gedacht haben, sie könnten
etwas von dem Gehör verschaffen, was ich über einen interessanten Gegenstand vorbrachte,
denn es handelte sich um nicht weniger als um das Unbewußte, nämlich das, von dem mein
Unterricht zunächst ausgegangen ist ŕ ihm Gehör zu verschaffen im Herzen einer bestimmten
Gruppe.
Diese Gruppe hatte sich durch eine Art Instruktion ausgezeichnet, die hinsichtlich dessen erteilt
wurde, was ich äußerte. Das Interesse, das sie daran faßte, hatte sich in der Tat durch etwas manifestiert, das ich vor kurzem in einem kleinen Vorwort ausgedrückt habe durch ein Für unter
Fünfzigjährige verboten. Wir schrieben 1960, vergessen wir das nicht, und wir waren weit entfernt ŕ sind wir näher dran? das ist die Frage ŕ von jeglichem Protest gegen eine Autorität ŕ
unter anderem gegen die des Wissens. So daß dieses Verbot, ausgesprochen in seltsamen
Lettern ŕ einer von ihnen hat es mit einer Art Monopol verglichen, einem Wissensmonopol ŕ
dieses Verbot schlicht und einfach beachtet wurde.
Soll heißen, was für eine Arbeit das war, die sich denen anbot, die sie wirklich hatten auf sich
nehmen wollen ŕ die nämlich, bei den in Frage stehenden Ohren einer Sache Gehör
verschaffen zu sollen, die, eigentlich gesagt, unerhört war.
Wie stellten sie es an? Es ist nicht zu spät dafür, daß ich mir darüber klar werde, denn es kam
auch nicht in Frage, daß ich es im selben Augenblick tat, und zwar deshalb, weil es schon viel
war, zu sehen, wie das ins Spiel kam für Ohren, die darauf absolut nicht vorbereitet waren, die
nicht das mindeste von dem erfahren hatten, was ich damals seit sieben Jahren hatte artikulieren
können. Offensichtlich war es gegenüber denen, die sich dieser Arbeit der Urbarmachung unterzogen, nicht der Augenblick, irgend etwas dazu beizutragen, was so hätte aussehen können, als
gäbe es daran etwas auszusetzen. Übrigens gab es darin auch viele hervorragende Elemente.
Dieser Punkt nun stellt sich hier in bezug auf eine, kürzlich verfaßte, Doktorarbeit ein, die, ehrlich gesagt, an der Grenze des frankophonen Gebiets verfertigt wird, dort, wo man heldenhaft
kämpft, um dessen Rechte aufrechtzuerhalten. In Louvain also hat man eine Doktorarbeit
verfaßt über das, was man, vielleicht unrichtigerweise, mein Œuvre nennt. 61
Diese Doktorarbeit ist, vergessen wir das nicht, eine universitäre Doktorarbeit, und das
mindeste, was sich zeigt, ist, daß mein Œuvre sich dazu schlecht eignet. Ebendeshalb ist es für
den Verfolg eines derartigen Vorhabens einer Doktorarbeit nicht unvorteilhaft, das einzuordnen,
was an Universitärem womöglich bereits dazu beigetragen hat, das Vehikel besagten Œuvres ŕ
stets in Anführungszeichen ŕ zu sein. Deshalb auch wird einer der beiden Autoren jenes
Berichts von Bonneval dort vorgeschoben, und zwar in einer Weise, die bewirkt, daß ich nicht
habe versäumen können, in meinem Vorwort zu bemerken, daß man von dem ausgehen muß,
was unter Umständen Übersetzung dessen ist, was ich aussage, sowie von dem, was ich,
strenggenommen, gesagt habe.
59Gemeint ist der Kongreß im Hôpital de Bonneval vom 30.10. bis 2.11.1960. Lacan hielt dort den Vortrag
»Position de l'inconscient« [in: Écrits, S. 829-850; dt.: »Die Stellung des Unbewußten«, in: Schriften II, S.205230].
60Mitschrift: den Bericht darüber, zumindest zu einem Teil die Redaktion dieses Berichts,
61Gemeint ist die Dissertation von Anika Rifflet-Lemaître, Brüssel 1970.

45

50

In diesem kleinen Vorwort, das ich zu dieser Doktorarbeit, die in Brüssel erscheinen wird, geliefert habe ŕ und es ist offensichtlich, daß ein Vorwort von mir ihr Wind unter die Flügel bringt
ŕ, bin ich ŕ darin liegt sein einziger Nutzen ŕ gezwungen, genau zu markieren, daß zu sagen,
daß das Unbewußte die Bedingung der Sprache ist, nicht dasselbe ist wie zu sagen, daß die
Sprache die Bedingung des Unbewußten ist62.
Die Sprache ist die Bedingung des Unbewußten, das ist es, was ich sage. Die Art und Weise, in
der man es übersetzt, hängt mit Gründen zusammen, die, im Detail, gewiß voll und ganz
gefördert werden63 könnten durch den strengen universitären Anlaß ŕ und dies würde ganz
sicher weit führen, es wird Sie64 vielleicht ziemlich weit führen für dieses Jahr. Aus dem
strengen universitären Anlaß, sage ich, ergibt sich, daß die Person, die mich übersetzt, dadurch
daß sie im Stil, in der Form dessen ausgebildet ist, was Auflage des universitären Diskurses ist,
nicht anders kann, als ŕ ob sie mich nun zu kommentieren glaubt oder nicht ŕ meine Formel
zu verkehren, d.h. ihr einen Bedeutungsgehalt zu verleihen, der, das muß man wirklich sagen,
dem, was ich vorbringe, genau entgegengesetzt ist, und offen gesagt nicht einmal irgendeine
Entsprechung dazu aufweist.
Sicher, die Schwierigkeit, die dem eignet, mich in die Sprache der Universität zu übersetzen, ist
auch das, was all jene überraschen wird, die, in welcher Eigenschaft auch immer, sich daran
versuchen werden, und, ehrlich gesagt, die Verfasserin der Doktorarbeit, von der ich spreche,
war beseelt von den besten Eigenschaften, denen eines immensen guten Willens. Diese
Doktorarbeit, die also in Brüssel erscheinen wird, behält dadurch nicht weniger ihren ganzen
Wert, ihren Wert als Beispiel an sich selbst wie auch durch das, was sie zur ŕ gewissermaßen
obligatorischen ŕ Verdrehung [distorsion] einer Übersetzung von etwas, das seine eigenen
Gesetze hat, in den universitären Diskurs beisteuert.
Diese Gesetze, ich muß sie bahnen. Es sind die, die den Anspruch erheben, zumindest die
Bedingungen eines im eigentlichen Sinne analytischen Diskurses anzugeben. Natürlich bleibt
das der Tatsache unterworfen, daß, wie ich letztes Jahr hervorgehoben habe, das Faktum, daß
ich es hier von einer Rednerbühne herunter äußere, in der Tat das Risiko eines Irrtums, ein
Element von Brechung birgt, das bewirkt, daß er [= der analytische Diskurs] auf irgendeiner
Seite unter dem Schlag des universitären Diskurses fällt. Es gibt da etwas, das aus einer
grundlegenden Überhangsstellung [porte-à-faux] hervorgeht.
Sicher, ich identifiziere mich keineswegs mit einer bestimmten Position. Ich versichere Ihnen,
daß es mir, jedesmal, wenn ich hierherkomme, um das Wort zu ergreifen, gewiß nicht darum
geht, Ihnen irgend etwas Beliebiges zu sagen, oder um ein Was werde ich ihnen diesmal sagen?
Ich habe in dieser Hinsicht keinerlei Rolle zu spielen, in dem Sinne, in dem die Funktion
desjenigen, der unterrichtet, zur Ordnung der Rolle, des Platzes gehört, das innezuhaben, was,
unbestreitbar, ein gewisser Platz des Ansehens ist. Das ist es nicht, worum ich Sie bitte, sondern
vielmehr etwas, das zu einem In-Ordnung-bringen gehört, das mir auferlegt, jene Bahnung
dieser Prüfung zu unterziehen. Dieses In-Ordnung-bringen ŕ zweifellos würde ich ihm, wie
jedermann, gern entgehen, müßte ich nicht, vor diesem Meer von Ohren, unter denen vielleicht
zwei kritische sind, mit dieser furchtbaren Möglichkeit also, Rechenschaft ablegen über das,

62Ebendies war Laplanches Position gewesen in seinem Teil von L´inconscient.
63Mitschrift: motiviert sein
64Mitschrift: uns

46

51

was die Vorgehensweise meiner Aktionen ist hinsichtlich dessen, daß es Psychoanalytiker65
gibt.
In ebendieser Situation befinde ich mich. Das Statut dieser Situation als solcher ist, außer durch
die Imitation, durch den Anreiz, die Ähnlichkeit zahlreicher anderer etablierter Situationen,
bisher nicht auf eine Weise geregelt worden, die ihr zukäme. In der Lage führt das zu frostigen
Auswahlpraktiken, zu einer gewissen Identifizierung mit einer Gestalt, zu einer Weise, sich zu
verhalten, ja, sogar zu einem Menschentyp, dem nichts die obligatorische Form zu verleihen
scheint, zu einem Ritual auch, ja, zu einer andern Maßregel, die ich, in einer besseren, einer
vergangenen Zeit, mit der der Fahrschule verglichen habe, ohne übrigens bei irgend jemandem
einen Protest hervorzurufen. Es hat sogar jemanden gegeben, einen, der mir unter meinen
Schülern von damals sehr nahestand, der mich darauf aufmerksam gemacht hat, daß, ehrlich
gesagt, genau das es sei, was von jedem, der die analytische Laufbahn einschlug, begehrt wurde:
so wie in der Fahrschule den Führerschein zu bekommen nach wohl vorherbestimmten Wegen
und mit demselben Typ von Prüfung.
Es ist gewiß bemerkenswert ŕ ich meine: wert, bemerkt zu werden ŕ, daß ich nach zehn
Jahren doch dahin gelange, diese Stellung des Psychoanalytikers auf eine Weise zu artikulieren,
die ich seinen Diskurs nenne, sagen wir mal: seinen hypothetischen Diskurs, denn auch das wird
Ihnen dieses Jahr zur Prüfung vorgelegt. Nämlich: Was hat es mit der Struktur dieses Diskurses
auf sich?
2
Die Stellung des Psychoanalytikers, ich gelange dahin, sie auf folgende Weise zu artikulieren.
Ich sage, daß sie auf substantielle Weise aus dem Objekt a besteht.
In der Artikulation, die ich von dem gebe, was Struktur des Diskurses ist, insofern sie uns betrifft, und, sagen wir mal, insofern sie auf der grundlegenden Ebene verstanden wird, auf die sie,
was den psychoanalytischen Diskurs betrifft, geführt hat, ist diese Stellung substantiell die des
Objekts a, insofern dieses Objekt a genau das bezeichnet, was von den Wirkungen des
Diskurses sich als die dunkelste, seit sehr langer Zeit verkannte und dennoch wesentliche
darstellt. Es handelt sich um die Diskurswirkung, die Wirkung von Zurückweisung [rejet] ist.
Ich werde sogleich versuchen, ihren Platz und ihre Funktion zu pointieren.
Das also hat es substantiell auf sich mit der Stellung des Psychoanalytikers. Aber dieses Objekt
zeichnet sich da noch auf eine andere Weise aus, und zwar dadurch, daß es hier an den Platz
kommt, von dem her sich der Diskurs anordnet, von dem sich, wenn ich so sagen darf, seine
Dominante aussendet.
Sie spüren wohl den Vorbehalt, der in diesem Gebrauch liegt. Zu sagen die Dominante bedeutet
genau das, womit ich, um sie zu unterscheiden, schließlich jede der Strukturen dieser Diskurse
bezeichne, wobei ich sie, je nach den verschiedenen Stellungen dieser Grundbegriffe,
unterscheidend den der Universität, des Herrn, der Hysterika und des Analytikers nenne. Sagen
wir, daß ich, weil ich diesem Begriff nicht sofort einen andern Wert geben kann, Dominante das
nenne, was mir dazu dient, diese Diskurse zu benennen.
Dieses Wort Dominante impliziert nicht die Dominanz, in dem Sinne, in dem diese Dominanz
65Im Orig. unbestimmter Singular [qu´il y a du psychanalyste].

47

52

den Diskurs des Herrn spezifizieren würde ŕ was nicht sicher ist. Sagen wir, daß man z.B., je

48

nach Diskurs, dieser Dominante unterschiedliche Substanzen verleihen kann.
Nehmen wir die Dominante des Diskurses des Herrn, deren Platz S 1 besetzt. Würden wir sie das
Gesetz nennen, dann würden wir etwas tun, das seinen ganzen subjektiven Wert besitzt und
nicht verfehlen würde die Tür zu einer gewissen Anzahl von interessanten Bemerkungen zu
öffnen. Beispielsweise steht fest, daß das Gesetz ŕ verstehen wir darunter das Gesetz als
artikuliertes, eben jenes Gesetz, in dessen Mauern wir Schutz finden, jenes Gesetz, das das
Recht konstituiert ŕ, daß das Gesetz gewiß nicht für das Homonym dessen gehalten werden
darf, was anderswo unter dem Titel der Gerechtigkeit [justice] gesagt werden kann. Im
Gegenteil, die Zweideutigkeit, die Einkleidung, die dieses Gesetz dadurch erhält, daß es sich
durch die Gerechtigkeit autorisiert, das ganz genau ist ein Punkt, von dem unser Diskurs
vielleicht besser fühlen lassen kann, wo seine wahrhaften Triebfedern sind, ich meine: diejenigen, die die Zweideutigkeit gestatten und bewirken, daß das Gesetz etwas bleibt, das, zunächst
und vor allem, in die Struktur eingeschrieben ist. Es gibt nicht unbegrenzt viele Arten, Gesetze
zu machen, gleich ob sie nun von der guten Absicht, der Inspiration der Gerechtigkeit beseelt
sind oder nicht, denn vielleicht gibt es Strukturgesetze, die bewirken, daß das Gesetz stets das
Gesetz sein wird, das an jenem Platz situiert ist, den ich im Diskurs des Herrn Dominante
nenne.
Auf der Ebene des Diskurses der Hysterika ist klar, daß wir diese Dominante in der Form des
Symptoms erscheinen sehen. Um das Symptom herum situiert sich und ordnet sich das an, was
es mit dem Diskurs der Hysterika auf sich hat.
Das gibt uns die Gelegenheit zu einer Bemerkung. Wenn dieser Platz derselbe bleibt und wenn
er, in einem solchen Diskurs, der des Symptoms ist, dann wird uns das ŕ da er der des
Symptoms ist ŕ dazu führen, denselben Platz zu befragen, wenn er in einem anderen Diskurs
dient. In der Tat sehen wir genau das in unserer Zeit ŕ das Gesetz, in Frage gestellt als
Symptom. Und um darüber Rechenschaft abzulegen, genügt es nicht zu sagen, daß uns das im
Lichte unserer Zeit so erscheint.
Ich habe gerade gesagt, wie dieser selbe dominante Platz besetzt sein kann, wenn es um den
Analytiker geht. Der Analytiker selbst hat hier gewissermaßen die Wirkung der Zurückweisung
[rejet] des Diskurses zu repräsentieren, nämlich das Objekt a.
Heißt das, daß es uns ebenso leicht sein wird, den Dominante genannten Platz zu
charakterisieren, wenn es um den universitären Diskurs geht? Welchen anderen Namen soll man
ihm geben, der zu dieser Art Äquivalenz passen würde, von der wir gerade behauptet haben, sie
existiere, zumindest auf der Ebene der Frage, zwischen dem Gesetz und dem Symptom, ja,
sogar der Zurückweisung, insofern er genau der Platz ist, für den der Analytiker im
psychoanalytischen Akt bestimmt ist?
Unsere Verlegenheit, darauf zu antworten, was das Wesen, die Dominante des universitären
Diskurses ausmacht, muß uns gerade über etwas vorwarnen in dem, was unsere Suche ist ŕ
denn das, was ich vor Ihnen spure, sind ebendie Wege, auf denen, wenn ich mich befrage, mein
Denken umherschweift, umherirrt, ehe es die sicheren Punkte findet. Da also könnte uns die
Idee kommen, das zu suchen, was uns, weil es zumindest einen Platz bezeichnet, in jedem
dieser Diskurse völlig sicher erscheinen würde, so sicher wie das Symptom, wenn es um die
Hysterika geht.

49

53

Ich habe Sie bereits sehen lassen, daß, im Diskurs des Herrn, das a genau mit dem
identifizierbar ist, was ein arbeitsames Denken, das von Marx, herausgebracht hat, nämlich, was
es, symbolisch und real, mit der Funktion des Mehrwerts auf sich hatte. Wir stünden also bereits
zwei Begriffen gegenüber, und von daher bliebe uns vielleicht nur, sie leicht zu modifizieren,
von ihnen eine leichtgängigere Übersetzung zu liefern, um sie in die anderen Register
umzusetzen. Hier bildet sich der folgende Vorschlag aus: Weil vier Plätze zu kennzeichnen
sind, könnte uns vielleicht jede dieser vier Permutationen im Innern ihrer selbst den
hervorspringendsten Platz liefern dadurch, daß sie einen Schritt in eine Ordnung des Entdeckens
bildet, die nichts anderes ist als die, die sich die Struktur nennt.
Auf welche Weise Sie sie auch immer prüfen mögen, so wird eine derartige Idee doch zur
Konsequenz haben, Sie auf folgendes zu stoßen, das Ihnen vielleicht im ersten Ansatz nicht
aufgeht.
Versuchen sie, unabhängig von diesem Platz, von dem ich Ihnen nahegelegt habe, er könnte der
sein, der uns betrifft, sich in jeder dieser ŕ nennen wir sie so ŕ Figuren des Diskurses einfach
dazu zu verpflichten, einen anderen Platz zu wählen, der durch die Termini oben, unten, rechts,
links definiert wird. Wie auch immer Sie zu Werke gehen mögen, es wird Ihnen nicht gelingen,
daß jeder dieser Plätze von einem anderen Buchstaben besetzt ist.
Versuchen Sie, in umgekehrter Richtung, sich zur Bedingung des Spiels zu stellen, in jeder
dieser vier Formeln einen anderen Buchstaben zu wählen. Es wird Ihnen nicht gelingen, daß
jeder dieser Buchstaben einen anderen Platz besetzt.
Machen Sie den Versuch. Auf einem Stück Papier ist das sehr leicht zu realisieren, und auch,
wenn man sich dieses kleinen Gitters bedient, das sich Matrize nennt. Mit einer so geringen Anzahl von Kombinationen reicht die exemplarische Skizze unmittelbar dazu aus, die Sache auf
vollkommen augenfällige Weise zu illustrieren.
Es gibt da eine gewisse Signifikantenverknüpfung, die man als ganz und gar grundlegend setzen
kann. Diese simple Tatsache gibt uns die Gelegenheit, zu illustrieren, was das eigentlich ist: die
Struktur. Setzt man die Formalisierung des Diskurses voraus und gibt man sich, innerhalb dieser
Formalisierung, ein paar Regeln, die dazu bestimmt sind, sie [= die Formalisierung] zu überprüfen, so stößt man auf ein Element von Unmöglichkeit. Genau das liegt im eigentlichen Sinne am
Grunde, an der Wurzel dessen, was Faktum der Struktur ist.
Und genau das ist es, was uns an der Struktur auf der Ebene der analytischen Erfahrung betrifft.
Und zwar mitnichten deshalb, weil wir uns hier auf einem, zumindest ihren Ansprüchen nach,
bereits gehobenen Grad der Ausarbeitung befinden würden, sondern von Anbeginn.

3
Warum beschäftigen wir uns damit, uns mit dieser Handhabung des Signifikanten und seiner
eventuellen Artikulation einzuengen? Genau darum, weil sie zu den Grundgegebenheiten der
Psychoanalyse gehört.
Will sagen, sie gehört zu dem, was einem Kopf eingefallen ist, der in diese Art von Ausarbeitung so wenig eingeführt war, wie es ein Freud sein konnte aufgrund seiner Ausbildung, die
wir kennen, die vom Typ paraphysische Wissenschaften, Physiologie, die mit den ersten

50

54

Schritten der Physik, und zwar insbesondere der Thermodynamik, gerüstet ist.
Was Freud, folgt man dem Hauptstrang, dem Faden seiner Erfahrung, in einem zweiten Zeitabschnitt in seinem Aussagen zu formulieren geführt worden ist, gewinnt dadurch nur noch mehr
an Bedeutung, denn alles in allem schien im ersten Zeitabschnitt, dem der Artikulation des
Unbewußten, nichts es ihm aufzudrängen.
Das Unbewußte erlaubt das Begehren zu situieren, da genau liegt die Bedeutung von Freuds erstem Schritt, der in der Traumdeutung* bereits nicht nur völlig impliziert, sondern im
eigentlichen Sinne artikuliert und entwickelt ist. Das ist für ihn bereits erreicht, als er, in einem
zweiten Zeitabschnitt, dem, den das Jenseits des Lustprinzips eröffnet, artikuliert, daß wir jener
Funktion Rechnung tragen müssen, die wie heißt? ŕ die Wiederholung.
Die Wiederholung, was ist das? Lesen wir Freuds Text und sehen wir, was er artikuliert.
Das, was die Wiederholung notwendig macht [nécessite], das ist das Genießen, ein allein von
ihm entworfener Begriff. Gerade insofern als es Suche nach dem Genießen als Wiederholung
gibt, erzeugt sich das, worum es beim Schritt der Freudschen Überschreitung geht: Was uns als
Wiederholung interessiert und was sich mittels einer Dialektik des Genießens einschreibt, ist im
eigentlichen Sinne das, was gegen das Leben strebt. Auf der Ebene der Wiederholung sieht
Freud sich in gewisser Weise gezwungen ŕ und zwar namens der Struktur des Diskurses selbst
ŕ, den Todestrieb [instinct de mort] zu artikulieren.
Übertreibung, märchenhafte und, offen gestanden, skandalöse Schlußfolgerung für jeden, der
die Identifizierung des Unbewußten mit dem Trieb [instinct] wörtlich nähme. Nämlich: daß die
Wiederholung nicht nur eine Funktion der Zyklen ist, die das Leben beinhaltet, Zyklen des
Bedürfnisses und der Befriedigung, sondern Funktion von etwas anderem, eines Zyklus, der das
Verschwinden dieses Lebens schlechthin birgt und der die Rückkehr zum Unbelebten ist.
Das Unbelebte. Punkt am Horizont, idealer Punkt, Punkt außerhalb des Entwurfs [épure], dessen
Sinn sich jedoch der strukturalen Analyse zu erkennen gibt. Er gibt sich vollkommen durch das
zu erkennen, was es mit dem Genießen auf sich hat.
Es genügt, daß man vom Lustprinzip ausgeht, das nur das Prinzip der geringsten Spannung ist,
der Minimalspannung, die aufrechterhalten werden muß, damit das Leben fortbesteht. Das beweist, daß das Genießen in sich selbst es übersteigt und daß das, was das Lustprinzip aufrechterhält, hinsichtlich des Genießens die Grenze ist.
Wie alles an den Tatsachen, der Erfahrung, der Klinik uns zeigt: die Wiederholung ist gegründet
auf eine Wiederkehr des Genießens. Und das, was diesbezüglich von Freud selbst im eigentlichen Sinne artikuliert wird, ist, daß, in ebendieser Wiederholung, sich etwas erzeugt, was Fehl
[défaut], was Scheitern ist.
Ich habe hier seinerzeit hervorgehoben, daß das verwandt ist mit den Aussagen Kierkegaards.
Selbst im Hinblick darauf, daß es ausdrücklich und als solches wiederholt wird, daß es von der
Wiederholung gezeichnet ist, wüßte das, was sich wiederholt, in bezug auf das, was es wiederholt, nichts anderes zu sein denn als Verlust. Als Verlust dessen, was immer Sie wollen, als Verlust an Schnelligkeit ŕ es gibt etwas, das Verlust ist. Auf diesem Verlust insistiert Freud von
Anfang an, seit den Artikulationen, die ich hier zusammenfasse: In der Wiederholung selbst gibt
es Schwund [déperdition] an Genießen.

51

55

Genau da hat im Freudschen Diskurs die Funktion des verlorenen Objekts ihren Ursprung. Und
dennoch ist es nicht nötig66, daran zu erinnern, daß der gesamte Text Freuds sich ausdrücklich
um den Masochismus dreht, der allein in Gestalt der Dimension der Suche nach diesem
ruinösen Genießen gedacht wird.
Hierzu kommt jetzt das, was Lacan beisteuert. Das betrifft jene Wiederholung, jene Identifizie-

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rung des Genießens. Da entlehne ich dem Text Freuds, um ihm einen Sinn zu geben, der in ihm
nicht pointiert wird, die Funktion des einzigen/unären Zuges, d.h. der einfachsten Form von
Markierung, die, eigentlich gesagt, der Ursprung des Signifikanten ist. Und ich behaupte folgendes ŕ das im Text Freuds nicht zu sehen ist, durch den Psychoanalytiker aber auf keine Weise
ausgeschlossen, gemieden, zurückgewiesen werden darf: Alles, was uns, uns Analytiker, als
Wissen betrifft, hat im einzigen/unären Zug seinen Ursprung.
In der Tat geht der Analytiker67 von einem Wendepunkt aus, und zwar von dem, wo das Wissen,
wenn ich so sagen darf, sich von all dem läutert, was in Verbindung mit einem natürlichen Wissen Zweideutigkeit erzeugen, von ich weiß nicht was vereinnahmt werden kann, das uns in der
Welt, die uns umgibt, angeblich führt mit Hilfe gewisser Knospen, die sich, in uns, von Geburt
an in dieser Welt zu orientieren wüßten.
Nicht, daß es derartiges nicht gäbe. Wenn ein gelehrter Psychologe in unseren Tagen ŕ will sagen, vor noch gar nicht so langer Zeit, vierzig, fünfzig Jahre ŕ etwas schreibt, das sich La Sensation, guide de vie [Die Empfindung, Führer des Lebens] nennt, sagt er nichts Absurdes, ganz
sicher nicht. Wenn er es aber gerade auf diese Weise sagen kann, dann, weil die gesamte Evolution einer Wissenschaft uns bemerken läßt, daß es keinerlei Konaturalität dieser Empfindung
mit dem gibt, was, durch sie, an Wahrnehmung einer angeblichen Welt entstehen kann. Wenn
die im eigentlichen Sinne wissenschaftliche Ausarbeitung, die Untersuchung des Gesichts-, ja,
gar des Gehörsinnes uns etwas beweisen, dann nichts außer etwas, das wir, so wie es ist,
annehmen müssen mit, genau das, dem Faktor von Künstlichkeit, unter dem es sich darstellt.
Unter den Schwingungen des Lichts gibt es ein Ultraviolett, von dem wir keinerlei
Wahrnehmung besitzen ŕ und warum sollten wir eigentlich keine besitzen? Am andern Ende,
das Infrarot, damit ist es dasselbe. Dasselbe gilt für das Ohr ŕ es gibt Töne, die wir nicht mehr
hören, und man sieht nicht recht, warum das da aufhört und nicht vielmehr weiter weg.
Ehrlich gesagt: Ist man auf diese Weise aufgeklärt, wird nichts anderes faßbar als folgendes:
daß es Filter gibt, und mit diesen Filtern schlägt man sich so durch. Die Funktion, sagt man,
schafft das Organ. Im Gegenteil, man bedient sich des Organs gerade so, wie man kann.
Dieses Etwas, worüber, bezüglich der Mechanismen des Denkens, eine ganze traditionelle Philosophie hat räsonnieren wollen, die sich angestrengt hat auf den Ihnen bekannten Wegen ŕ
mittels der Nacherzählung dessen, was sich auf der Ebene der Abstraktion, der
Verallgemeinerung herstellt ŕ dieses Etwas zu errichten auf einer Art Reduktion, Filtrierung
dessen, was es mit einer Empfindung auf sich hat, die als basal aufgefaßt wird ŕ Nihil fuerit in
intellectu quod non prius ... etc. , Sie wissen, wie´s weitergeht, in sensu ŕ, dieses
Subjekt, dieses in seiner Eigenschaft als Subjekt der Erkenntnis deduzierbare Subjekt, dieses
Subjekt, das auf eine Weise konstruierbar ist, die uns jetzt so artifiziell scheint, ausgehend von
apparativen Basen, von lebenswichtigen Organen, von denen man in der Tat kaum sieht, was
66Mitschrift: Ursprung. Absatz Soweit Freud. Fügen wir dem hinzu, daß es dennoch nicht nötig ist
67Mitschrift: die Psychoanalyse

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wir tun könnten, um auf sie zu verzichten ŕ ist es das, worum es bei der
Signifikantenverknüpfung geht? ŕ der, bei der jene ersten Buchstabier-Begriffe zu spielen
anfangen können, die, die wir hier ausspannen68, jene elementarsten Begriffe, die, wie ich
gesagt habe, einen Signifikanten mit einem anderen Signifikanten verknoten und die bereits eine
Wirkung zeitigen darin, daß dieser Signifikant in seiner Definition nur insoweit hantierbar ist,
als dies einen Sinn hat, als er für einen andern Signifikanten ein Subjekt repräsentiert, ein
Subjekt und nichts anderes. Nein, es gibt nichts Gemeinsames zwischen dem Subjekt der
Erkenntnis und dem Subjekt des Signifikanten.
Es gibt kein Mittel, jener außerordentlich reduzierten Formel zu entgehen, daß es etwas darunter
gibt. Aber wir können dieses Etwas eben mit keinem Begriff bezeichnen. Es kann kein Etwas*
sein, es ist einfach ein Darunter [un en-dessous], ein Sub-jekt, ein hypokeimenon. Selbst einem
Denken, daß sich so sehr durch das Nachsinnen über die Bedingungen auszeichnet, wobei jene
primäre sind und ganz und gar nicht konstruierte, die Bedingungen der Idee der Erkenntnis, will
sagen: das Denken des Aristoteles ŕ allein schon die Annäherung an die Logik, allein schon
die Tatsache, daß er sie in die Kreisbahn [circuit] des Wissens eingeführt hat, zwingt ihn dazu,
das hypokeimenon streng von jeder usia in sich selbst, von was immer auch, das Wesen ist, zu
unterscheiden.
Der Signifikant artikuliert sich also dadurch, daß er ein Subjekt bei einem andern Signifikanten
repräsentiert. Davon gehen wir aus, um dieser inauguralen Wiederholung einen Sinn zu geben,
insofern sie Wiederholung ist, die auf Genießen abzielt.
Auf einer bestimmten Ebene wird das Wissen dominiert bzw. artikuliert durch rein formale Notwendigkeiten, durch Notwendigkeiten der Schrift, was heutzutage zu einem bestimmten Typ
von Logik führt. Daher ist dieses Wissen, das wir durch eine Erfahrung stützen können, nämlich
durch die der modernen Logik, die, an sich und vor allem, Handhabung der Schrift ist ŕ daher
ist genau dieser Wissenstyp im Spiel, wenn es darum geht, in der analytischen Klinik die
Inzidenz der Wiederholung zu ermessen. Mit anderen Worten: Das Wissen, das uns am geläutertsten [épuré] scheint, auch wenn ganz klar ist, daß wir es auf keine Weise mittels Läuterung
[épuration] aus dem Empirismus ziehen könnten, ist dasselbe Wissen, das sich von Anfang an
eingeführt findet.
Dieses Wissen zeigt hier seine Wurzel, und zwar dadurch, daß es sich, in der Wiederholung und
anfangs in der Form des einzigen/unären Zuges, als das Mittel des Genießens erweist ŕ des Genießens, genau gesagt, insofern es die Grenzen überschreitet, die, unter dem Begriff der Lust,
den üblichen Spannungen des Lebens auferlegt sind.
Was, um weiter Lacan zu folgen, aus diesem Formalismus hervorgeht, ist, wie wir gerade gesagt
haben, daß es Verlust an Genießen gibt. Und an ebendem Platz dieses Verlustes, den die Wiederholung hereinbringt, sehen wir die Funktion des verlorenen Objekts erscheinen, dessen, was
ich das a nenne. Was drängt sich uns damit auf, wenn nicht jene Formel, daß, auf der elementarsten Ebene, der der Aufzwingung des einzigen Zugs, das arbeitende Wissen, sagen wir: eine
Entropie erzeugt?
Das schreibt sich e, n, t. Sie könnten es auch a, n, t, h scheiben, das wäre ein hübsches Wortspiel.
Das kann uns nicht erstaunen. Wissen Sie nicht, daß die Energetik, daß das ŕ egal was die un68Mitschrift: versuchen [Miller: tendons / Mitschrift: tentons]

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schuldigen [ingénus] Ingenieursherzen darüber denken ŕ nichts anderes ist als das Anbringen
des Netzes der Signifikanten auf der Welt?
Ich fordere Sie heraus, auf irgendeine Art zu beweisen, daß ein Gewicht von 80 Kilo auf Ihrem
Buckel 500 Meter abwärts zu tragen und, wenn Sie es einmal unten haben, wieder 500 Meter
hinaufzutragen, daß das Null ist, keinerlei Arbeit. Unternehmen Sie den Versuch, machen Sie
sich ans Werk, Sie werden sehen, daß Sie den Beweis des Gegenteils erhalten. Wenn Sie aber
die Signifikanten darauf anbringen, d.h., wenn Sie den Weg der Energetik einschlagen, dann ist
absolut sicher, daß es keinerlei Arbeit gegeben hat.
Wenn der Signifikant sich als Apparat des Genießens einführt, dann haben wir nicht überrascht
zu sein, wenn wir etwas erscheinen sehen, das Bezug zur Entropie hat, denn man hat die
Entropie genau dann definiert, als man begonnen hat, auf der physischen Sonde69 jenen Apparat
von Signifikanten anzubringen.
Glauben Sie nicht, ich mache Witze. Wenn Sie, egal wo, ein Kraftwerk bauen, erhalten Sie daraus natürlich Energie, ja, Sie können sie sogar akkumulieren. Nun, die Apparate, die ins Spiel
gebracht werden, damit diese Arten von Turbinen funktionieren, bis man die Energie eintopfen
kann, werden mittels derselben Logik fabriziert, von der ich gerade spreche, nämlich der
Funktion des Signifikanten. Heutzutage hat eine Maschine nichts mit einem Werkzeug zu tun.
Von der Schaufel zur Turbine gibt es keinerlei Genealogie. Der Beweis dafür ist, daß Sie ganz
legitimerweise Maschine eine kleine Skizze nennen können, die Sie auf diesem Papier hier
machen. Es genügt ein Nichts. Es genügt schon, daß Sie eine leitfähige Tinte haben, damit es
eine sehr wirksame Maschine wird. Und warum sollte sie nicht leitfähig sein, wo doch die
Markierung an sich schon leitfähig für Wollust [volupté] ist?
Wenn es etwas gibt, das die analytische Erfahrung uns lehrt, dann ebendas, was die Welt des
Phantasmas betrifft. Offen gesagt, wenn es nicht so scheint, als habe man sich ihr früher zugewandt als die/der Analyse, dann genau deshalb, weil man damit überhaupt nicht zu Rande kam
außer durch die Zuflucht zur Bizarrerie, zur Anomalie, von wo jene Begriffe, jene
Festmachungen durch Eigennamen ausgehen, die uns dieses Masochismus, jenes Sadismus
nennen lassen. Wenn wir diese Ismen anwenden, stehen wir auf dem Niveau der Zoologie.
Gleichwohl aber gibt es etwas absolut Grundlegendes, und das ist, in dem, was am Grunde, ja,
an der Wurzel des Phantasmas liegt, die Assoziation jenes Ruhms, wenn ich mich so ausdrücken
darf, der Markierung.
Ich spreche von der Markierung auf der Haut, von der in diesem Phantasma das beeinflußt wird,
was nichts anderes ist als ein Subjekt, das sich als Objekt des Genießens identifiziert. In der
erotischen Praxis, die ich [hier] anspreche, der der Flagellation, um sie beim Namen zu nennen
für den Fall, daß es hier Erz-Taube gibt, nimmt das Genießen [le jouir] ebendie Zweideutigkeit
an, mittels deren auf seiner Ebene, und auf keiner anderen, die Äquivalenz fühlbar wird, die
zwischen der Geste, die markiert, und dem Körper besteht, Objekt des Genießens.
Des Genießens wessen? Ist es jenes, das das trägt, was ich den Ruhm der Markierung genannt
habe? Ist es sicher, daß das bedeutet: Genießen des Andern? Sicher, das ist einer der Wege, auf
denen der Andere in seine Welt eintritt, und ganz sicher ist dieser Weg nicht zurückzuweisen.
Die Affinität der Markierung zum Genießen des Körpers selbst aber ŕ genau da zeigt sich, daß
allein durch das Genießen und auf keinen andern Wegen sich die Spaltung einrichtet, durch die
69Mitschrift: Welt [Miller: sonde / Mitschrift: monde]

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sich der Narzißmus von der Beziehung zum Objekt unterscheidet.
Daran ist nichts zweideutig. Auf der Ebene des Jenseits des Lustprinzips unterstreicht Freud mit
Nachdruck, daß das, was letzten Endes die wahre Stütze, die Konsistenz des Spiegelbildes des
Ichapparats ausmacht, darin besteht, daß es [das Spiegelbild] im Innern gestützt wird durch dieses verlorene Objekt, dem es nur die Einkleidung liefert, dieses Objekt, das das ist, wodurch das
Genießen in die Dimension des Seins des Subjekts eindringt.
In der Tat, wenn das Genießen untersagt ist, dann ist klar, daß es nur durch einen ersten Zufall,
eine Eventualität, einen Unfall ins Spiel kommt. Das Lebewesen, das normal funktioniert,
schnurrt in der Lust. Auch wenn das Genießen beachtlich ist und sich dadurch bestätigt, daß es
die Sanktion des einzigen/unären Zuges und der Wiederholung besitzt, von der es dann als Mar-

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kierung eingerichtet wird ŕ auch wenn sich das erzeugt, kann es doch nur durch eine ganz
schwache Abweichung in Richtung auf das Genießen entstehen. Alles in allem werden diese
Abweichungen nie extrem sein, selbst in den Praktiken nicht, die ich gerade erwähnt habe.
Es geht nicht um eine Übertretung, einen Einbruch in ein Feld, das namens der
Einfahrvorschriften [rodages] für die lebenswichtigen regulativen Apparate untersagt wäre.
Tatsächlich erlangt das Genießen nur in jenem Entropieffekt, jenem Schwund einen Status, nur
da zeigt es sich. Ebendeshalb habe ich es zunächst mittels des Begriffs Mehrlust*, plus-de-jouir,
eingeführt. Gerade dadurch, daß es in der Dimension des Verlusts wahrgenommen wird ŕ
etwas macht es notwendig, das, was zunächst negative Zahl ist, zu, wenn ich so sagen darf,
kompensieren ŕ, gerade dadurch hat dieses gewisse Etwas, das an die Wandungen der Glocke
geschlagen, das dort widergehallt hat, Genießen gemacht, und zwar zu wiederholendes
Genießen. Allein die Dimension der Entropie verleiht hier dem Gestalt, daß es eine Mehrlust
gibt, die wiedererlangt werden soll.
Und genau das ist die Dimension, durch die die Arbeit notwendig wird, das arbeitende Wissen,
insofern als es, erstens, ob es das nun weiß oder nicht, vom einzigen/unären Zug abhängt, und
[zweitens], in Folge davon, von all dem, was sich an Signifikanten wird artikulieren können.
Von da ausgehend richtet sich jene Dimension des Genießens ein, die so zweideutig ist beim
sprechenden Sein, das ebensogut auch theoretisieren und eine Religion daraus machen kann, in
der Apathie zu leben, und die Apathie, das ist der Hedonismus. Es kann daraus gut eine
Religion machen, und dennoch weiß jeder, daß das, wovon es, in seiner Masse selbst ŕ Massenpsychologie* betitelt Freud zur selben Zeit eine seiner Schriften ŕ beseelt wird, das, wovon
es gequält, wodurch es aus einer anderen Wissensordnung gemacht ist als jene
harmonisierenden Wissen, die die Umwelt* mit der Innenwelt* verknüpfen, daß das die
Funktion der Mehrlust als solche ist.
Ebenda ist das Loch, die Kluft, die zweifellos zunächst durch eine gewisse Anzahl von Objekten
gefüllt wird, die auf gewisse Weise im voraus angepaßt sind, dazu gemacht, als Pfropfen zu dienen. Ebenda zweifellos bleibt eine klassische analytische Praxis stehen, indem sie diese diversen
Termini oral, anal, skopisch, ja, gar vokal herausstellt. Das sind die diversen Namen, mit denen
wir das als Objekt bezeichnen können, was es mit dem a auf sich hat ŕ das a aber, als solches,
ist im eigentlichen Sinne das, was sich daraus ergibt, daß das Wissen, seinem Ursprung nach, 57
sich auf die Signifikantenverknüpfung reduziert.
Dieses Wissen ist Mittel des Genießens. Und, ich wiederhole es, wenn es arbeitet, ist das, was
es erzeugt, Entropie. Diese Entropie, dieser Punkt des Verlusts, ist der einzige Punkt, der

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einzige reguläre Punkt, über den wir Zugang haben zu dem, was es mit dem Genießen auf sich
hat. Darin übersetzt, schließt und motiviert sich das, was es mit der Inzidenz des Signifikanten
in der Bestimmung des sprechenden Seins auf sich hat.
Das hat mit seinem Sprechen wenig zu tun. Das hat mit der Struktur zu tun, welche sich
zurichtet [s'appareille]. Das menschliche Sein [L'être humain], das man zweifellos so nennt,
weil es nur der Humus der Sprache ist, hat sich jenem Apparat nur an-zusprechen [s'apparoler].
Mit etwas so Simplem wie meinen vier kleinen Zeichen habe ich Sie möglicherwiese gerade
darauf gestoßen, daß es genügt, daß dieser einzige/unäre Zug, daß wir ihm die Gesellschaft
eines andern Zuges, S2 nach S1, verschaffen, damit wir durch ebenso zulässige Signifikanten70
bestimmen können, was es mit seinem Sinn einerseits, andererseits mit seiner Einfügung in
das Genießen des Andern auf sich hat ŕ mit dem, wodurch er das Mittel des Genießens ist.
Da fängt die Arbeit an. Mit dem Wissen als Mittel des Genießens erzeugt sich die Arbeit, die
einen Sinn hat, einen dunklen Sinn. Dieser dunkle Sinn ist der der Wahrheit.

4
Hätte ich mich diesen Begriffen zweifellos nicht bereits unter verschiedenen Beleuchtungen
zugewandt, die uns aufklären71, hätte ich ganz gewiß nicht die Kühnheit, sie auf diese Weise
einzuführen. Es ist aber bereits eine Arbeit geleistet worden, eine beträchtliche.
Wenn ich zu Ihnen davon spreche, daß das Wissen seinen ersten Ort im Diskurs des Herrn auf
der Ebene des Sklaven/Knechts hat ŕ wer, wenn nicht Hegel, hat uns gezeigt, daß die Arbeit
des Sklaven/Knechts, das, was sie uns liefern wird, die Wahrheit des Herrn ist? Und zweifellos
die, die ihn72 widerlegt. Offen gesagt aber sind wir vielleicht imstande, andere Formen des
Schemas73 dieses Diskurses vorzubringen und wahrzunehmen, wo die auf erzwungene Weise
geschlossene Hegelsche Konstruktion klafft, wo sie klaffend bleibt.
Wenn es etwas gibt, das unsere gesamte Annäherung abgrenzt und das durch die analytische Erfahrung ganz sicher erneuert worden ist 74, dann doch das, daß jegliche Evozierung der Wahrheit
nur möglich ist, indem man zeigt, daß sie nur einem Halb-Sagen zugänglich ist, daß sie sich
nicht ganz sagen läßt, aus dem Grund, daß es jenseits ihrer Hälfte nichts zu sagen gibt. Das ist
alles, was sich sagen läßt. Infolgedessen hebt der Diskurs sich hier auf. Man spricht nicht vom
Unsagbaren, auch wenn das gewissen Leuten einige Lust zu verschaffen scheint.
Bleibt nicht weniger, als daß ich diesen Knoten des Halb-Sagens letztesmal dadurch illustriert
habe, daß ich angab, wie man an ihm akzentuieren muß, was es mit der Deutung eigentlich auf
sich hat, was ich artikuliert habe vom Aussagen ohne Aussage, von der Aussage unter Vorbehalt
des Aussagens. Ich habe angegeben, daß genau da die der Deutung eigentümlichen axialen
Punkte, die Balance-Punkte, die Gravitätsachsen liegen, von denen aus unser Vorstoß grundlegend das erneuern soll, was es mit der Wahrheit auf sich hat.
70Mitschrift: ŕ zulässig auch dieser Signifikant ŕ [Miller: pour que des signifiants aussi licites, nous puissions
situer ce qu´il en est / Mitschrift: pour que nous puissions situer, ce signifiant aussi licite, ce qu´il en est]
71Mitschrift: sie erhellen
72Mitschrift: er [Miller: qui le réfute / Mitschrift: qu´il réfute]
73Mitschrift: oder Schemata
74Mitschrift: an die Mythen ŕ und ganz sicher ist sie, durch die analytische Erfahrung, erneuert worden ŕ
Anm.: In dieser Version fehlt das finite Verb der Satzeröffnung!

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Was ist die Liebe zur Wahrheit?75 Sie ist etwas, das sich über das Seinsverfehlen [manque à
être] der Wahrheit lustig macht. Dieses Seinsverfehlen ŕ wir könnten es auch anders nennen:
einen Mangel an Vergessen [manque d’oublie], der sich uns in Erinnerung ruft in den Bildungen
des Unbewußten. Das76 ist nichts, was zur Ordnung des Seins gehören würde, eines auf
irgendeine Weise vollen Seins. Was ist jenes unzerstörbare Begehren, von dem Freud auf den
letzten Zeilen seiner Traumdeutung spricht? Was ist jenes Begehren, das, selbst wenn alles sich
ändert, durch nichts verändert noch gebeugt werden kann? Der Mangel an Vergessen ist
dasselbe wie das Seinsverfehlen, denn sein, das ist nichts anderes als vergessen. Die Liebe zur
Wahrheit, das ist die Liebe zu dieser Schwäche, deren Schleier wir gelüftet haben, es ist die
Liebe zu dem, was die Wahrheit verbirgt und was sich die Kastration nennt.
Ich sollte dieser Erinnerungen nicht bedürfen, die in gewisser Weise sehr buchmäßig sind. Es
scheint, daß man bei den Analytikern, insbesondere bei ihnen, im Namen dieser paar
Tabuwörter, mit denen man ihren Diskurs anschwärzt, nie wahrnimmt, was das eigentlich ist,
die Wahrheit, nämlich: das Unvermögen.
Ebendarauf baut all das auf, was es mit der Wahrheit auf sich hat. Daß es Liebe zur Schwäche
gibt, darin liegt ganz zweifellos das Wesen der Liebe. Wie ich gesagt habe, die Liebe, das ist
geben, was man nicht hat, nämlich das, was diese ursprüngliche Schwäche beheben könnte.
Und zugleich damit wird begreiflich, wird ein wenig jene Rolle sichtbarŕ ich weiß nicht, ob
ich sie mystisch oder mystifikatorisch nennen soll ŕ, die zu allen Zeiten, in einem bestimmten
Hauptstrang, der Liebe zugewiesen worden ist. Diese, wie man sagt: universelle Liebe, mit
deren Lappen man uns wedelt, um uns zu beschwichtigen, ist genau das, woraus wir einen
Schleier machen, Verhinderungsschleier77 für das, was die Wahrheit ist.
Was vom Psychoanalytiker gefordert und was bereits in meinem Diskurs vom letzten Mal angegeben ist, ist gewiß nicht das, was zu jenem Subjekt gehört, dem zu wissen unterstellt wird,
jenem Subjekt, mittels dessen man, so verstanden, wie man es gewöhnlich tut, ein ganz klein
bißchen daneben, die Übertragung begründen zu können geglaubt hat. Ich habe oft darauf insistiert, daß uns unterstellt wird, nicht besonders viel zu wissen. Was die Analyse einrichtet, ist
folgendes ŕ und zwar das genaue Gegenteil: Der Analytiker sagt zu dem, der gleich anfangen
wird: Los, sagen Sie irgend etwas, es wird wunderbar sein. Er ist es, den der Analytiker als
Subjekt einsetzt, dem zu wissen unterstellt wird.
Alles in allem ist das so unehrlich nicht, denn im vorliegenden Fall kann sich der Analytiker
nicht auf jemand andern verlassen. Und die Übertragung gründet sich auf folgendes: daß es
einen Kerl gibt, der mir armem Dummkopf sagt, ich solle mich so verhalten, als wüßte ich,
worum es geht. Ich kann egal was sagen, irgendwas wird immer dabei rauskommen. Das
passiert Ihnen nicht alle Tage. Es gibt eine ganze Menge, womit sich die Übertragung
verursachen läßt.
Was definiert den Analytiker? Ich habe es gesagt. Ich habe es seit eh und je gesagt ŕ nur, niemand hat je irgend etwas verstanden, und das ist auch noch natürlich, es ist nicht mein Fehler:
die Analyse, das ist es, was man von einem Psychoanalytiker erwartet. Das aber, was man von
einem Psychoanalytiker erwartet, ganz offensichtlich müßte man versuchen zu verstehen, was

75Im Orig.: l'amour de la vérité, was auch zu lesen ist als »Die Liebe der Wahrheit«.
76Mitschrift: Vergessen. Was sich uns in Erinnerung ruft in den Bildungen des Unbewußten,
77Mitschrift: ja, sogar Verhinderung [Miller: voile, voile obstruction / Mitschrift: voile, voire obstruction]

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das bedeutet.
Das ist so da, einfach so, in Griffweite ŕ trotzdem habe ich immer das Gefühl, daß ich nichts
tue als wieder und wieder zu sagen: die Arbeit ist für mich, und die Mehrlust, die ist für Sie.
Das, was man von einem Psychoanalytiker erwartet, das ist, wie ich es letztesmal gesagt habe,
daß er sein Wissen als Wahrheit fungieren läßt. Genau deshalb beschränkt es sich auf ein HalbSagen.
Ich habe es letztesmal gesagt, und ich werde darauf zurückkommen müssen, denn das hat
Konsequenzen.
An den Analytiker, und nur an ihn, richtet sich jene Formel, die ich so oft kommentiert habe, die
des Wo es war, soll Ich werden. Wenn der Analytiker versucht, diesen Platz oben links zu besetzen, der seinen Diskurs determiniert, dann genau deswegen, weil er absolut nicht um seiner
selbst willen dort ist. Da, wo sie war, die Mehrlust, das Genießen des andern78, soll ich, insofern
ich den psychoanalytischen Akt hervorbringe, werden.
14. JANUAR 1970.

78Mitschrift: Andern

62

61

V
WAHRHEIT, SCHWESTER DES GENIESSENS

Die Logik und die Wahrheit.
Wittgensteins Psychose.
Politzer und die Universität.
Sades Humor.

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Auf der Strukturebene, auf der wir ihn dieses Jahr zu artikulieren versuchen, beschließt der analytische Diskurs das Gedrehe79 der drei anderen, die ŕ ich rufe das für diejenigen in Erinnerung, die nur sporadisch kommen ŕ respektive benannt sind: Diskurs des Herrn, des Hysterischen ŕ den ich heute in die Mitte gestellt habe ŕ und schließlich der Diskurs, der uns gerade
hier in hohem Maße interessiert, da es sich um den Diskurs handelt, der als universitärer
bestimmt wird.
Daß aber der analytische Diskurs die Verschiebung um einen Viertelkreis, mittels deren sich die
drei anderen strukturieren, beschließt, bedeutet nicht, daß er sie auflöst und zur Kehrseite
überzugehen gestattet. Das löst gar nichts.
Die Kehrseite erklärt keinen Ort. Worum es geht, das ist eine Rahmen-, eine Text-Beziehung ŕ
wenn Sie so wollen: eine Beziehung des Gewebes. Bleibt nicht weniger, als daß dieses Gewebe
einen Umriß hat, daß es etwas einfängt. Sicher, nicht alles, denn die Sprache zeigt die Grenze
dieses Wortes, das keine andere Existenz hat als durch Sprache, sehr genau. Sie zeigt, daß selbst
in der Welt des Diskurses nichts alles ist, wie ich sage ŕ oder besser, daß sich das Alles als solches dadurch widerlegt, ja, sich gar dadurch stützt, daß es in seinem Gebrauch eingeschränkt
werden muß.
Dies soll uns einführen in das, was heute den Gegenstand einer wesentlichen Annäherung bilden
wird, und zwar zum Zweck der Demonstration dessen, was das eigentlich ist: eine Kehrseite [un
envers]. Envers klingt an vérité an.

1
In der Tat [En vérité] gibt es etwas, das von diesem Beginn an80 gestützt zu werden verdient ŕ
Wahrheit ist kein Wort, das außerhalb der Aussagenlogik leicht zu handhaben wäre, in der
79Frz. »tournis«, was im strengen Sinne die Drehkrankheit bei Schafen bezeichnet.
80Mitschrift: durch diesen Beginn

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63

man aus ihm einen Wert macht, der reduziert ist auf das Hinschreiben eines, auf das Hantieren
mit einem Symbol, gewöhnlich groß W, sein Anfangsbuchstabe. Dieser Gebrauch, wir werden
es sehen, entbehrt in ganz besonderem Maße der Hoffnung. Genau das ist das Heilsame an ihm.
Nichtsdestoweniger ruft es überall sonst, und besonders ŕ ich muß es sagen, und das mit Grund
ŕ bei den weiblichen Analytikern, einen seltsamen Schauder hervor, von der Art dessen, der
sie, seit einiger Zeit, dazu treibt, die analytische Wahrheit mit der Revolution zu verwechseln.
Die Zweideutigkeit dieses Begriffs Revolution, der, so wie er in der Himmelsmechanik
gebraucht wird, Rückkehr zum Ausgangspunkt bedeuten kann, habe ich bereits angesprochen.
Auch wenn, von gewissen Seiten her, das 81, was der analytische Diskurs, wie ich es ganz zu
Anfang gesagt habe, im Vergleich zu den drei anderen Ordnungen leisten kann, sich in drei
anderen Strukturen situiert82.
Daß die Frauen in diesen Kreislauf der Diskurse weniger eingeschlossen sind als ihre Partner,
ist kein Zufall. Der Mann, das Männliche, das Virile, so wie wir es kennen, ist eine Schöpfung
des Diskurses ŕ zumindest läßt sich nichts von dem, was durch ihn analysiert wird, auf andere
Weise definieren. Soviel kann man von der Frau nicht sagen. Nichtsdestoweniger ist jeglicher
Dialog nur dadurch möglich, daß er/man sich auf der Ebene des Diskurses situiert.
Deshalb könnte, bevor sie erschaudert, die Frau, die von der revolutionären Tugend der Analyse
beseelt wird, sich sagen, daß sie, viel mehr als der Mann, Vorteil zu ziehen hat aus dem, was wir
eine gewisse Kultur des Diskurses nennen.
Nicht, daß sie dafür nicht begabt wäre, ganz im Gegenteil. Und wenn sie davon beseelt wird,
dann wird sie in diesem Kreislauf zu einem hervorragenden Führer. Genau dies definiert die
Hysterika, und deshalb habe ich sie, indem ich die Ordnung dessen, was ich für gewöhnlich dort
hinschreibe, durchbreche, ins Zentrum gesetzt.
Trotzdem ist klar: Daß das Wort Wahrheit bei ihr diesen besonderen Schauder hervorruft, geschieht nicht durch Zufall.
Nur, die Wahrheit ist, selbst in unserem Kontext, nicht leicht zugänglich. Wie gewisse Vögel,
von denen man mir erzählte, als ich klein war, läßt sich das nur dadurch fangen, daß man ihm
Salz auf den Schwanz streut.
Das ist nicht leicht. Mein erstes Lesebuch hatte als ersten Text eine Geschichte, die den Titel
trug: Histoire d’une moitié de poulet [Die Geschichte vom halben Hühnchen]. Das war wahr,
genau davon sprach er. Das ist kein Vogel, den man leichter als die andern fängt, wenn die Bedingung die ist, ihm Salz auf den Schwanz zu streuen.
Was ich unterrichte, seit ich etwas von der Psychoanalyse artikuliere, könnte sehr gut den Titel
tragen: Histoire d’une moitié de sujet [Die Geschichte vom halben Subjekt].
Wo liegt das Wahre des Bezugs zwischen dieser Geschichte vom halben Hühnchen und der Geschichte vom halben Subjekt? Man kann es aus zwei Blickwinkeln angehen. Man kann, wie
man dies in einer Doktorarbeit tun würde, sagen, die Geschichte meiner ersten Lektüre habe die
Entwicklung meines Denkens bestimmt. Oder auch, Standpunkt der Struktur, die Geschichte
vom halben Hühnchen stellte für den Autor, der sie geschrieben hatte, womöglich etwas dar,
worin sich eine gewisse Vorahnung widerspiegelte: nicht der sychanalisse, wie man in Le
Paysan de Paris sagt, sondern dessen, was es mit dem Subjekt auf sich hat.
81Mitschrift: Von gewissen Seiten her ist es genau das
82Mitschrift: die sich in drei anderen Strukturen situieren.

63

64

Fest steht, daß es da auch ein Bild gab. Das Bild vom halben Hühnchen war die Seitenansicht
der schönen Seite. Die andere, die durchgeschnittene, die, wo sie wahrscheinlich war, die Wahrheit, sah man nicht, denn auf der rechten Seite sah man die Hälfte ohne Herz, nicht aber,
zweifellos, ohne foie, in den beiden Bedeutungen des Wortes. 83 Was bedeutet das? Daß die
Wahrheit verborgen ist, vielleicht aber ist sie nur abwesend 84.
Wenn es das wäre, das würde alles ins Lot bringen. Man müßte nur alles wissen, was es zu wissen gibt. Schließlich, warum nicht? Wenn man etwas sagt, braucht man nicht hinzufügen, daß es
wahr ist.
Da herum dreht sich eine ganze Problematik des Urteils. Sie wissen natürlich, daß Monsieur
Frege die Frage in Form eines waagerechten Striches stellt und sie [die Frage] von dem, was ist,
wenn man bekräftigt, das sei wahr, dadurch unterscheidet, daß er am linken Ende einen
senkrechten Strich dransetzt. 85 Das wird dann die Bejahung.
Nur, was ist eigentlich wahr? Mein Gott, es ist das, was gesagt worden ist. Was ist gesagt worden? Der Satz. Aber der Satz, es gibt kein Mittel, ihn von etwas anderem stützen zu lassen als
vom Signifikanten, insofern als er [der Signifikant] nicht das Objekt betrifft. Es sei denn, Sie
behaupten, wie dies ein Logiker tut, dessen Extremismus ich sogleich herausstellen werde, daß
es kein anderes Objekt als ein Pseudo-Objekt gibt. Was uns betrifft, so beschränken wir uns
darauf, daß der Signifikant nicht das Objekt betrifft, sondern den Sinn.
Als Subjekt des Satzes gibt es nur den Sinn. Woher jene Dialektik stammt, von der wir
ausgegangen sind und die wir den pas-de-sens nennen mit der ganzen Doppeldeutigkeit des
Wortes pas86.
Das beginnt mit dem Un-Sinn, den Husserl schmiedet: Das Grün ist ein für. Das kann trotzdem
sehr wohl einen Sinn haben, beispielsweise wenn es sich um eine Abstimmung mit grünen und
roten Kugeln handelt.
Nur das, was uns auf einen Weg führt, wo das, was es mit dem Sein auf sich hat, am Sinn hängt,
ist das, was das meiste Sein hat. Jedenfalls hat man auf diesem Weg jenen pas-de-sens vollzieht,
zu denken, das, was das meiste Sein hat, könne nicht nicht existieren.
Der Sinn hat, wenn ich so sagen darf, die Last [charge], zu sein. Er hat nicht einmal einen anderen Sinn. Nur hat man seit einer gewissen Zeit bemerkt, daß das nicht ausreicht, um ins Gewicht
zu fallen, ins Gewicht, ebendas, der Existenz.
Seltsam: der Un-Sinn, der tut es, ins Gewicht fallen. Das schlägt einem auf den Magen. Und genau das ist der Schritt, den Freud getan hat, indem er gezeigt hat, daß es ebendas ist, was der
Witz an Exemplarischem hat, das Wort ohne Schwanz noch Kopf.
Das macht es nicht leichter, ihm Salz auf den Schwanz zu streuen. Justament: die Wahrheit
fliegt davon. Die Wahrheit fliegt in genau dem Moment davon, in dem Sie sie nicht länger
packen wollen.
Übrigens, da sie keinen Schwanz hatte, wie hätten Sie auch können? Verblüffung und Erleuchtung.
Wie Sie sich erinnern, kann eine kleine Geschichte, eine ziemlich platte im übrigen, über
Nachbildungen des Goldenen Kalbs [Veau d'or] genügen, um es aufzuwecken, dieses Kalb, das
83Bezieht sich auf die Homophonie von »foie« (= Leber) und »foi« (= Glaube).
84Mitschrift: Abwesenheit
85Gemeint ist Freges »Urteilstrich« in der Form des liegenden T.
86Homonymie zwischen »pas« = nicht/kein und pas = Schritt; zu lesen als »kein Sinn« oder »Sinn-Schritt«.

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im Stehen schläft [dort]. Man sieht dann, daß es, wenn ich so sagen darf, aus reinem Gold ist
[d'or dur]87.
Herein kommt das harte Begehren zu dauern [le dur désir de durer] Eluards und das Begehren
zu schlafen [le désir de dormir], das wirklich das größte Rätsel ist ŕ ohne daß man, wie’s
scheint, darauf kommt ŕ, dem sich Freud im Mechanismus des Traums zuwendet. Vergessen
wir es nicht. ŕ Wunsch zu schlafen*, sagt er, er hat nicht gesagt Bedürfnis zu schlafen*88,
darum geht es nicht. Es ist der Wunsch zu schlafen*, der das Verfahren des Traums determiniert.
Merkwürdig ist, daß er diese Angabe durch die folgende vervollständigt: daß ein Traum genau
in dem Moment, in dem er die Wahrheit loslassen könnte, aufweckt, so daß man nur aufwacht,
um weiterzuträumen ŕ zu träumen im Realen, oder, um genauer zu sein, in der Realität.
All das, das überrascht. Es überrascht durch einen gewissen Mangel an Sinn, in dem die Wahrheit, so wie das Natürliche, im Galopp zurückkommt. Und gar ein solcher Galopp, daß sie,
kaum daß sie unser Feld durchquert, auf der anderen Seite schon wieder draußen ist.
Die Abwesenheit [L'absence], von der ich gerade gesprochen habe, hat im Französischen eine
89

merkwürdige Kontamination erzeugt. Wenn Sie das sans [ohne] nehmen , von dem man annimmt, es komme vom lateinischen sine, was sehr unwahrscheinlich ist, da seine erste Form so
etwas wie senz war90, dann bemerken wir, daß die absentia, im Ablativ, der in den juristischen
Texten gebraucht wird und von dem dieser Begriff ohne Schwanz noch Kopf herstammt, dieses
sans ŕ daß wir es, dieses kleine Wort, bereits zu Beginn dessen erzeugt haben, was wir heute
aussagen.
Und weiter? Senz und dann [puis] sans91, geht's da nicht um eine puissance [Vermögen, Macht]
ŕ eine ganz andere als jenes en puissance [potentiell] einer imaginären Virtualität, die Macht
[puissance] nur dadurch ist, daß sie täuscht? ŕ sondern viel eher um das, was es an Sein im
Sinn gibt, der anders zu verstehen ist denn als voller Sinn, der viel eher das ist, was ihm, dem
Sein, entwischt, gerade so, wie es im Witz geschieht.
Wie das, wir wissen es, ebenso auch stets im Akt geschieht. Der Akt, egal welcher, wichtig ist
das, was ihm entwischt. Und ganz ebenso ist es der Schritt [pas], den die Analyse92 vollzieht in
der Einführung der Fehlleistung [acte manqué] als solcher, die, alles in allem, der einzige Akt
ist, von dem wir wissen, daß er mit Sicherheit stets gelingt.
Darum herum gibt es ein ganzes Spiel mit der Litotes93, dessen Gewicht und Akzent in dem,
was ich das pas-sans [nicht-ohne] nenne, ich zu zeigen versucht habe. Die Angst ist nicht ohne
Objekt. Wir sind nicht ohne einen Bezug zur Wahrheit.
Ist es aber sicher, daß wir sie intus finden müssen, innerhalb? Warum nicht nebendran? Heimlich*, unheimlich* ŕ jeder hat aus der Lektüre Freuds behalten können, was die Zweideutigkeit
dieses Begriffs verhehlt, der, weil er nicht innerhalb ist und es trotzdem evoziert, gerade all das
betont, was das Fremde, das Seltsame [l’étrange] ist.
Darüber variieren die Sprachen auf fremdartige94 Weise selbst. Haben Sie bemerkt, daß homeliness, im Englischen, sans façon bedeutet? Trotzdem ist es dasselbe Wort wie Heimlichkeit*, hat
87»or dur« ist homophon mit »ordure« = Scheiße, Dreck, Unrat.
88Miller: schlafen Bedürfnis*, besoin de dormir / Mitschrift: Schlaf Bedürfnis*, besoin de dormir
89Was homophon ist mit sens = Sinn.
90Vgl. dazu ital. senza.
91Mitschrift: Sans, sans et puis sans ŕ eh! puissant!
92Mitschrift: der Analytiker
93Figur der klass. Rhetorik: doppelte Verneinung oder Verneinung des Gegenteils, z.B. »nicht unschön«.

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aber überhaupt nicht denselben Akzent.
Genau deshalb auch wird sinnlos* im Englischen durch meaningless übersetzt, d.h. nicht
dasselbe Wort, das, will man Unsinn* übersetzen, uns non-sensé liefern wird.
Jeder weiß, daß die Zweideutigkeit der Wurzeln im Englischen sich zu einzigartigen Ausweichmanövern eignet. Im Gegensatz dazu, und auf quasi einzigartige Weise, nennt das Englische
merkwürdigerweise without das sans ŕ avec étant dehors.
Die Wahrheit scheint uns in der Tat wirklich fremd [étrangère] zu sein, ich meine: unsere eigene
Wahrheit. Sie ist bei uns, zweifellos, aber ohne daß sie uns derart betrifft, angeht, daß man’s

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wirklich sagen will.
Alles was man sagen kann, ist das, was ich gerade gesagt habe: daß wir nicht ohne sie sind.
Litotes dessen, alles in allem, daß wir sie, weil wir uns in ihrer Reichweite befinden ŕ nun: daß
wir gut auf sie verzichten könnten.
Wir gehen vom sans zum pas-sans über und von dort zum sans-passé95.

2
Ich mache hier einen kleinen Sprung und gehe zu dem Autor, der aufs nachdrücklichste formuliert hat, was dabei herauskommt, wenn man zu behaupten unternimmt, daß es keine
Wahrheit gibt als die, die in einen Satz, eine Aussage [proposition] eingeschrieben ist, und wenn
man artikuliert, was, vom Wissen als solchem ŕ wobei das Wissen durch einen Satz-/AussageGrund gebildet wird ŕ, in aller Strenge als Wahrheit fungieren kann. D.h., wenn man
artikuliert, was, dadurch, daß irgend etwas beliebiges ausgesagt wird, als wahr bezeichnet
und als solches gestützt werden kann.
Es handelt sich um einen gewissen Wittgenstein, der, so darf ich sagen, leicht zu lesen ist. Bestimmt. Versuchen Sie's.
Das erfordert, daß Sie sich damit zu begnügen wissen, sich in eine Welt zu versetzen, die strikt
die eines Denkens [cogitation] ist, ohne in ihr nach irgendeiner Frucht zu suchen ŕ was Ihre
schlechte Angewohnheit ist. Es ist Ihnen sehr wichtig, unter einem Apfelbaum Äpfel zu ernten,
selbst wenn Sie sie von der Erde aufklauben. Für Sie ist alles besser, als keine Äpfel aufzuklauben.
Der Aufenthalt, für eine bestimmte Zeit, unter diesem Apfelbaum, dessen Geäst, ich versichere
Sie, ausreichen kann, um Ihre Aufmerksamkeit ganz auf sich zu ziehen, so wenig Sie sich auch
dazu verpflichten mögen, wird gleichwohl das zum Kennzeichen haben, daß Sie dabei nichts
werden gewinnen können ŕ außer der Behauptung, daß nichts anderes als wahr bezeichnet
werden kann denn die Übereinstimmung mit einer Struktur, die ich, indem ich für einen
Augenblick aus dem Schatten dieses Apfelbaums trete, nicht einmal als logisch setzen würde,
sondern als ŕ das behauptet der Autor ŕ eigentlich grammatisch.
Die grammatische Struktur bildet für diesen Autor das, was er mit der Welt identifiziert. Die
grammatische Struktur, das ist die Welt. Und es gibt, alles in allem, nichts Wahres denn eine zusammengesetzte Aussage, die die Gesamtheit [totalité] der Tatsachen umfaßt, die die Welt bil94Mitschrift: seltsame [Miller: étrangèrement / Mitschrift: étrangement]
95Mitschrift: s’en passer [= darauf verzichten]

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67

den.96
Wenn wir uns dazu entschließen, in die Gesamtheit [l´ensemble] das Element der Negation
einzuführen, das erlaubt, sie zu artikulieren, dann müssen wir ein ganzes Ensemble von Regeln
entwickeln, die eine Logik bilden, die Gesamtheit aber ist, so sagt er, tautologisch, d.h., ebenso
blöd wie folgendes: Was auch immer Sie sagen, es ist entweder wahr oder falsch. Zu sagen, daß
es entweder wahr oder falsch ist, ist zwangsläufig wahr, aber es annulliert auch den Sinn. 97
Alles was ich Ihnen gesagt habe, so schließt er im Satz 6.51,2,3,4, denn er numeriert sie ŕ
alles, was ich hier gerade gesagt habe, ist, genau gesagt, Unsinn*, d.h., annulliert den Sinn.
Nichts läßt sich sagen, das nicht tautologisch wäre. Worum es geht, das ist, daß der Leser, nachdem er in die lange Zirkulation der Aussagen eingetreten ist, von denen, bitte glauben Sie mir
das, eine jede extrem anziehend ist, alles überwunden hat, was gerade gesagt worden ist, um zu
schließen, daß es anderes Sagbares nicht gibt ŕ daß aber alles, was sich sagen läßt, nur Unsinn
ist.
Vielleicht bin ich ein bißchen schnell gewesen bei meiner Zusammenfassung des Tractatus logico-philosophicus von Wittgenstein. Fügen wir nur folgende Bemerkung an: daß sich nichts
sagen läßt, daß nichts wahr ist außer unter der Bedingung, daß man von der Idee, von der Wittgensteinschen Demarche ausgeht, daß die Tatsache98 ein Attribut des einfachen Satzes
[proposition crue] ist.
Einfacher Satz nenne ich den, den man anderswo in Anführungszeichen setzt, bei Quine z.B.,
wo man die Aussage vom Aussagevorgang unterscheidet. Was eine Operation ist, die ich,
obwohl ich meinen Graphen genau auf ihrer Grundlage konstruiert habe, doch nicht zögere für
willkürlich zu erklären. In der Tat ist klar, daß es durchhaltbar ist, zu sagen ŕ wie das die
Position Wittgensteins ist ŕ, daß man keinerlei Bejahungszeichen an das anfügen muß, was
reine und einfache Behauptung [assertion] ist. 99 Die Behauptung gibt sich als Wahrheit kund.
Wie soll man von daher aus dem herauskommen, was es mit den Schlüssen Wittgensteins auf
sich hat? ŕ außer indem man ihm selbst noch dorthin folgt, wohin er gezogen wird, nämlich
zum Elementarsatz, dessen Beurteilung als wahr oder falsch diejenige ist, die, in jeder Weise,
sei sie wahr oder falsch, die Wahrheit der zusammengesetzten Aussage sicherstellen muß.
Was auch immer die Tatsachen der Welt sein mögen, ich würde sogar sagen: was auch immer
wir darüber aussagen mögen ŕ was die Welt ausmacht, das ist die Tautologie der Totalität des
Diskurses.
Nehmen wir den reduziertesten Satz, ich meine: den grammatikalisch reduziertesten. Aus gutem
Grund hatten sich bereits die Stoiker darauf gestützt, um ihn in die einfachste Form der Implikation einzuführen. So weit werde ich nicht einmal gehen, ich werde nur sein erstes Glied nehmen,
denn wie Sie wissen, ist eine Implikation eine Beziehung zwischen zwei Sätzen. Il fait jour [Es
ist Tag]. Das ist wirklich das Minimum. Il [Es], im Neutrum. Il fait, cela fait ŕ gelegenlich ist
es derselbe Sinn.
Auch Wittgenstein stützt die Welt nur durch Tatsachen. Nichts, wenn es nicht durch einen Rahmen aus Tatsachen gestützt wird. Nichts, im übrigen, als Unzugängliches. Allein die Tatsache
artikuliert sich. Diese Tatsache, daß es Tag ist, ist Tatsache nur dessen, daß es gesagt wird.
96Vgl. Tractatus, 1: »Die Welt ist alles, was der Fall ist.«
97Vgl. hierzu Tractatus, 4.461.
98Mitschrift: das Wahre [Miller: le fait / Mitschrift: le vrai]
99Vgl. Tractatus, 4.442 zu Frege.

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Das Wahre hängt nur ŕ genau da muß ich die Dimension wiedereinführen, die ich willkürlich
davon abtrenne ŕ von meinem Aussagen ab, nämlich wenn ich es passend [à propos] aussage.
Das Wahre ist dem Satz nicht innerlich, wo sich nur die Tatsache [fait], das Künstliche, Gemachte [factice] der Sprache kundtut.
Wahr ist, daß das eine Tatsache ist, eine Tatsache, die dadurch gebildet wird, daß ich sie sage,
bei Gelegenheit, während sie wahr ist. Aber daß sie wahr ist, ist keine Tatsache, wenn ich nicht
ausdrücklich hinzufüge, daß sie im übrigen wahr ist. Nur ist es, worauf Wittgenstein sehr gut
hinweist, eben überflüssig, daß ich es da hinzufüge.
Nur ŕ was ich zu sagen habe am Platz dieses Überflüssigen, das ist, daß ich wirklich einen
Grund haben muß, es zu sagen, einen Grund, der sich in der Folge expliziert.
Ich sage eben nicht, daß ich einen Grund habe, ich setze die Folge fort, nämlich meine
Deduktion, und ich baue Es ist Tag, vielleicht als gelogen ŕ selbst wenn es wahr ist ŕ, in
meine Anstiftung ein, die die sein kann, es auszunutzen, um jemanden glauben zu machen, er
sei sich über meine Absichten im klaren.100
Die Dummheit, wenn ich mich so ausdrücken darf, das ist, das Gemachte, das Künstliche des Es
ist Tag zu isolieren. Das ist eine verschwenderisch fruchtbare Dummheit, denn aus ihr geht eine
Stütze hervor, und zwar ganz genau die, die zur Folge hat, daß man bis in seine letzten Konsequenzen treibt, worauf ich mich selbst gestützt habe, nämlich, daß es keine Meta-Sprache gibt.
Es gibt keine andere Meta-Sprache als alle Formen des Kanaillentums ŕ wenn wir damit jene
merkwürdigen Operationen bezeichnen, die sich daraus ableiten, daß das Begehren des
Menschen das Begehren des Andern ist. Alles Kanaillentum beruht darauf, der Andere, damit
meine ich: der große Andere, von jemandem sein zu wollen dort, wo sich die Gestalten
abzeichnen, in denen sein Begehren erschlichen werden soll.
Auch diese wittgensteinisch genannte Operation ist nichts als eine außergewöhnliche Parade,
eine Aufdeckung des philosophischen Kanaillentums.
Es gibt keinen Sinn als den des Begehrens. Genau das ist es, was man sagen kann, nachdem
man Wittgenstein gelesen hat. Es gibt keine Wahrheit als die Wahrheit dessen, was besagtes
Begehren mit seinem Mangel verbirgt, um so zu tun, als sei an dem, was es findet, nichts dran.
In keinem sichereren Licht erscheint, was aus dem folgt, was die Logiker von jeher artikulieren,
nur um uns mit dem Aussehen des Paradoxes dessen zu blenden, was man die materielle
Implikation genannt hat.
Sie wissen, was das ist. Das ist die Implikation schlechthin. Man hat sie erst vor kurzem
materiell genannt, weil man sich mit einemmal die Augen gerieben und zu verstehen begonnen
hat, welch eine Ungeheuerlichkeit in der Implikation liegt, ich spreche von der, die irgendein
Stoiker behauptet hat. Nämlich die, daß die folgenden drei Implikationen legitim sind: daß das
Falsche gewiß das Falsche enthält [implique], das Wahre das Wahre, daß aber keineswegs
auszuschließen ist, daß das Falsche das Wahre enthält, weil es, im Ganzen genommen, um das
geht, was impliziert ist, und daß, wenn das, was impliziert ist, wahr ist, die Gesamtheit der
Implikation es auch ist.
Nur, das bedeutet etwas. Warum könnten wir, indem wir das Wort impliziert ganz leicht verschieben, nicht bemerken, was das Ins-Auge-springende bei folgendem ist ŕ was man im Mit100Als Illustration bietet sich hier der von Freud so geschätzte Witz von den beiden Juden in der Eisenbahn an
(»Wohin fahrst Du?« ŕ »Nach Krakau!«).

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telalter sehr wohl wußte, ex falso sequitur quodlibet ŕ: daß das Falsche gelegentlich auch das
Wahre beinhaltet, was auch bedeutet, daß es, das Wahre, etwas Beliebiges sei101.
Daß wir aber, wenn wir dagegen zurückweisen, daß das Wahre das Falsche beinhaltet bzw. daß
aus ihm etwas Falsches folgen kann ŕ denn genau das weisen wir zurück, andernfalls die
Aussagenlogik gar nicht artikulierbar wäre ŕ, bei jener merkwürdigen Feststellung landen, daß
das Wahre folglich eine Genealogie besitzt, daß es stets auf ein erstes Wahres zurückgeht,
dessen es nicht mehr verlustig gehen könnte.
Das ist eine so seltsame, eine durch unser ganzes Leben, ich meine: unser Leben als Subjekt, so
sehr widerstrittene Angabe, daß das ganz allein schon ausreichen würde, um in Frage zu stellen,
daß die Wahrheit auf irgendeine Weise als Attribut isoliert werden könnte ŕ Attribut von egal
was, das sich ans Wissen artikulieren könnte.
Was die analytische Operation betrifft, so zeichnet sie sich dadurch aus, daß sie in dieses Feld
auf eine Weise eindringt, die sich von dem unterscheidet, was sich, so würde ich sagen, im
Diskurs Wittgensteins verkörpert findet, nämlich eine psychotische Grausamkeit, neben der
Ockhams wohlbekanntes Rasiermesser, das aussagt, daß wir keinen anderen als einen
notwendigen logischen Begriff annehmen dürfen, nichts ist.

3
Die Wahrheit ŕ wir kehren zum Ursprung zurück ŕ ist von den Sprachwirkungen, verstanden
als solche, ganz sicher nicht zu trennen.
Eine andere Wahrheit als die des Feldes, wo sich das aussagt ŕ wo sich das aussagt, wie es
kann, wüßte sich nicht zu lokalisieren. Also ist es wahr, daß es kein Wahres ohne Falsches gibt,
zumindest seinem Ursprung nach. Dies ist wahr.
Daß es aber kein Falsches ohne Wahres gebe, das ist falsch.
Damit will ich sagen, daß das Wahre sich nur außerhalb jedes Satzes finden läßt. Zu sagen, die
Wahrheit sei von den Sprachwirkungen, verstanden als solche, untrennbar, heißt, das
Unbewußte in sie einzuschließen.
Dagegen nimmt, wie ich es letztesmal in Erinnerung gerufen habe, die Behauptung, das Unbewußte sei die Bedingung der Sprache 102, hier ihren Sinn an, nämlich dadurch, daß man will, daß
für die Sprache ein absoluter Sinn einstehe.
Der eine der beiden Autoren des Diskurses über L'inconscient [Das Unbewußte], untertitelt
étude psychanalytique [Psychoanalytische Studie], hat es früher einmal so aufgeschrieben, daß
er ein S über sich selbst drübersetzte, wobei er es unter und über eine Barre gesetzt hat, die
übrigens, verglichen mit dem, was ich damit gemacht habe, willkürlich behandelt wird. Der auf
diese Weise bezeichnete Signifikant, dessen Sinn absolut wäre, ist sehr leicht zu erkennen, denn
es gibt nur einen, der diesem Platz entsprechen könnte ŕ das Ich [Je].
Das Ich insofern, als es transzendental ist, aber auch insofern, als es illusorisch ist. Genau das ist
die letzte, grundlegende Operation, diejenige, mit deren Hilfe sich unerbittlich gerade das absi101Mitschrift: aus etwas Beliebigem folgt [Miller: ... que le vrai soit ... /Mitschrift: ... que le vrai suit ...]
102Gemeint ist J. Laplanche, der diese »Behauptung« in L´inconscient aufstellt.

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70

chert, was ich mittels der Artikulation des universitären Diskurses bezeichne ŕ und genau dies
zeigt, daß es kein Zufall ist, sie hier zu finden.
Das transzendentale Ich, das ist dasjenige, das jeder, der ein Wissen auf eine bestimmte Weise
ausgesagt hat, als Wahrheit verhehlt, der S1, das Ich des Herrn.
Das mit sich selbst identische Ich, das ist ganz genau das, mittels dessen sich der S1 des reinen
Imperativs konstituiert.
Der Imperativ ist ganz genau das, wo das Ich sich entwickelt103, denn er steht immer in der
zweiten Person.
Der Mythos vom idealen Ich, vom Ich, das beherrscht, vom Ich, durch das zumindest etwas mit
sich selbst identisch ist, nämlich der, der spricht [l´énonciateur], ist ganz genau das, was der universitäre Diskurs nicht von dem Platz wegbringen kann, an dem sich seine Wahrheit befindet. In
jeder universitären Aussage einer x-beliebigen Philosophie, und wäre es auch die, die man,
strenggenommen, als diejenige festmachen könnte, die ihr am meisten entgegengesetzt ist,
nämlich ŕ falls es Philosophie wäre ŕ der Diskurs Lacans, erscheint unerbittlich die
Ichokratie [Je-cratie].
Natürlich ist darauf keine Philosophie reduzierbar. Für die Philosophen ist die Frage stets sehr
viel biegsamer und pathetischer gewesen. Erinnern Sie sich daran, worum es geht ŕ alle geben
es mehr oder weniger zu, und einige unter ihnen, die luzidesten, in aller Klarheit: sie wollen die
Wahrheit retten.
Um dieses Felsgestein zurückzuweisen, es zu umgehen, hat dies einen von ihnen, wirklich, sehr
weit fortgerissen ŕ so weit, daß er, wie Wittgenstein, dabei gelandet ist, daß es, macht man das
zur Richtschnur und Grundlage des Wissens, nichts mehr zu sagen gibt, jedenfalls nichts, was
sie [die Wahrheit] als solche betrifft. Ganz sicher steht der Autor der Position des Analytikers
darin nahe, daß er sich vollständig aus seinem Diskurs eliminiert.
Ich habe gerade von Psychose gesprochen. Tatsächlich gibt es da einen derartigen Grad des Zusammenlaufs [concurrence] zwischen dem sichersten Diskurs und einem gewissen
frappierenden Etwas, das sich als Psychose anzeigt, daß ich es sage, einfach um seine Wirkung
zu spüren. Daß es bemerkenswert ist, daß eine Universität wie die englische ihm einen Platz
eingeräumt hat! Einen abgesonderten Platz, das muß schon man sagen, Platz einer Isolierung,
womit der Autor selbst auf perfekte Weise kollaborierte, auch dann, wenn er sich von Zeit zu
Zeit in ein kleines Landhaus zurückzog, um zurückzukommmen und jenen unerbittlichen
Diskurs fortzusetzen, von dem man sagen kann, daß sich durch ihn selbst noch der der Principia
mathematica von Russell als aus der Luft gegriffen erweist.
Der da wollte die Wahrheit nicht retten. Über sie läßt sich, wie er sagte, nichts sagen ŕ was
nicht sicher ist, da auch wir mit ihr jeden Tag zu tun haben. Wie aber definiert Freud denn die
psychotische Stellung in einem Brief, den ich oft zitiert habe? Ganz genau mittels dessen, was
er, seltsame Sache, Unglauben* nennt, nichts wissen wollen von der Ecke, in der es um die
Wahrheit geht.
Für den Universitätsmenschen ist die Sache so pathetisch, daß man sagen kann, der Diskurs von
Politzer mit dem Titel Fondements de la psychologie concrète [Grundlagen der konkreten Psy-

103Mitschrift: sich verbirgt [Miller: se développe / Mitschrift: se dérobe]

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71

chologie]104, wozu ihn die Begegnung mit der Analyse angeregt hatte, sei dafür ein
faszinierendes Beispiel.
Alles gehorcht jener Anstrengung, dem universitären Diskurs zu entrinnen, der ihn von Kopf bis
Fuß geformt hat. Er spürt genau, daß es da eine Rampe gibt, mittels deren er aus ihm herauskommen könnte.
Man muß dieses kleine Werk lesen, das als Taschenbuch neu herausgegeben worden ist, ohne
daß, meines Wissens, irgend etwas beweisen könnte, daß der Autor selbst diese Neuausgabe
gutgeheißen hätte, da doch jedermann über das Drama Bescheid weiß, das für ihn das Welken
der Blumen gewesen war, unter dem das zugedeckt worden ist, was zunächst als Schrei der
Revolte auftritt.

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Auf seine beißend105 scharfen Seiten über die Psychologie, speziell die universitäre, folgt seltsamerweise eine Demarche, die ihn gewissermaßen zu ihr zurückführt. Das aber, was ihn hat
erfassen lassen, wodurch es Hoffnung für ihn gab, aus dieser Psychologie herauszukommen, das
ist, daß er den Akzent auf folgendes gelegt hatte ŕ was zu seiner Zeit niemand sonst getan hatte
ŕ: daß das Wesentliche der Freudschen Methode zur Erschließung dessen, was es mit den
Bildungen des Unbewußten auf sich hat, das ist, auf den Bericht zu vertrauen. Der Akzent wird
auf jene Tatsache der Sprache gelegt, von wo, ehrlich gesagt, alles hätte ausgehen können.
Damals stand es außer Frage ŕ das ist Kleine Geschichte ŕ, daß niemand, selbst an der École
normale nicht, auch nur die geringste Vorstellung davon gehabt hat, was die Linguistik ist, es ist
aber trotzdem einzigartig, daß er sich so dem annäherte, daß da das Gebiet liegt, das auf das hoffen läßt, was er seltsamerweise konkrete Psychologie nennt.
Man muß dieses kleine Buch lesen, und wenn ich es hier hätte, würde ich es mit Ihnen lesen.
Vielleicht mache ich es hier, eines Tages, zum Stoff unserer Unterhaltung, ich habe aber genug
Dinge zu sagen, um mich auch bei etwas nicht aufzuhalten, dessen bedeutsame Seltsamkeit
jeder von Ihnen sehen kann: daß man dadurch, daß man aus dem universitären Diskurs raus
will, unerbittlich wieder in ihn reinkommt. Das geht Schritt für Schritt.
Was wendet er gegen die Aussagen, ich meine die Terminologie, der Mechanismen ein, die
Freud in seinem theoretischen Fortschritt vorbringt? ŕ wenn nicht, daß Freud dadurch, daß er
um isolierbare Fakten herum formale Abstraktion aussagt, wie er sich verworren ausdrückt, das
entwischen läßt, was für ihn [= Politzer] das Wesentliche dessen ausmacht, was man auf dem
Gebiet der Psychologie fordern kann, nämlich daß jedes psychische Faktum nur aussagbar ist,
wenn man das bewahrt, was er den Akt des Ich [Je] nennt oder besser noch: seine Kontinuität.
Das steht da wirklich: die Kontinuität des Ich.
Zweifellos ist dieser Term das, was dem Berichterstatter, von dem ich gerade gesprochen
habe106, erlaubt hat, auf Kosten Politzers zu glänzen, den er in einem kleinen Verweis anführt,
um auf diese Weise seine zukünftige Zuhörerschaft kirre zu machen. Ein Universitätsmensch,
der sich sonst als Held gezeigt hat ŕ welch gute Gelegenheit, ihn vorzuführen. Es ist immer
104Der korrekte Titel lautet Critique des fondements de la psychologie [Kritik der Grundlagen der Psychologie]
(Paris 1928).
105Mitschrift: Beißend
106Also J. Laplanche. Verständlich wird die in den folgenden Äußerungen offensichtlich werdende
Feindseligkeit Lacans gegenüber Laplanche durch den Umstand, daß dieser sich 1963 für die Seite der
Anerkennung durch die IPA und damit gegen Lacan entschieden hatte. 1964, drei Monate bevor Lacan die
EFP ins Leben rief, war Laplanche, neben Anzieu, Granoff, Pontalis u.a., Gründungsmitglied der APF
(Association psychanalytique de France), die im Juli 1965, auf dem Kongreß der IPA in Amsterdam, ihre
Affiliation erhielt, während die SFP im Januar desselben Jahres als juristische Person erlosch.

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72

gut, von Zeit zu Zeit einen zu haben, aber das reicht nicht aus, wenn man davon profitiert, ohne
deshalb107 das Irreduzible des universitären Diskurses im Verhältnis zur Analyse demonstrieren
zu können. Und doch zeugt dieses Buch von einem eigenartigen Kampf, denn Politzer kann
nicht umhin zu spüren, wie sehr die analytische Praxis in der Tat dem nahe ist, was er in seiner
Vorstellung als ganz und gar außerhalb des Feldes von allem liegend entwirft, was bis dahin als
Psychologie betrieben worden war. Er kann aber nicht anders als auf die Forderung nach dem
Ich zurückzufallen.
Nicht, daß ich selbst darin etwas sähe, was irreduzibel wäre, das ganz sicher nicht. Der fragliche
Berichterstatter zieht sich da zu leicht aus der Affaire, indem er sagt, das Unbewußte artikuliere
sich nicht in der ersten Person, und indem er sich dafür mit der einen und anderen meiner
Aussagen über die Tatsache wappnet, daß das Subjekt seine Botschaft in umgekehrter Form
vom anderen108 empfängt.
Dies ist sicher kein hinreichender Grund. Anderswo habe ich sehr wohl gesagt, daß die
Wahrheit Ich spricht. Ich, die Wahrheit, ich spreche109. Nur, was ihnen nicht einfällt, weder dem
in Frage stehenden Autor noch Politzer, das ist, daß das Ich, um das es geht, vielleicht unzählig
ist, daß es keinerlei Kontinuität des Ich braucht, damit es seine Akte vervielfältige.
Da liegt das Wesentliche nicht.

4
Wird uns ŕ angesichts dieses Gebrauchs der Sätze [propositions] ŕ, ehe wir einander verlassen, nicht folgendes gegenwärtig: Ein Kind wird geschlagen? Was dieses Phantasma ausmacht, ist doch gerade ein Satz. Können wir ihn mit irgend etwas von dem affizieren, was sich
durch den Begriff des Wahren oder des Falschen bezeichnet läßt?
Dieser Fall, exemplarisch dadurch, daß er aus keiner Definition des Satzes ausgegrenzt werden
könnte, macht faßbar, daß, wenn dieser Satz dadurch Wirkung hat, daß er sich durch ein Subjekt
stützt, dann zweifelsohne durch ein Subjekt, das, wie Freud sogleich analysiert, durch das
Genießen gespalten ist. Gespalten, damit will ich sagen, daß auch der, der ihn aussagt, dieses
Kind ist, das wird*, vertu, verdit, verdoie, dadurch, daß es geschlagen* wird110ŕ aber
spielen wir noch ein bißchen weiter ŕ, dieses Kind, das verdit [grünt/auf zu sagt], geschlagen
tändelt, schäkert es ŕ vertu111, das sind die Mißgeschicke des vers-tu [auf du zu], also auf den
zu, der es schlägt und der, egal wie der Satz auch ausgesagt wird, nicht genannt wird.

107Mitschrift: statt
108Mitschrift: Anderen
109Zum Beispiel in »La chose freudienne ...«.
110Mitschrift: wird, verdit, auf was zu? Geschlagen zu werden [»wird*«, verdit, vers quoi? D´être battu:
geschlagen*]; vertu = Tugend, Stärke; verdit = wird grün; verdoie = beginnt zu grünen; infolge der
Homophonie auch lesbar als vers tu, vers dit, vers toi (etwa: auf du zu, auf ... zu sagt, auf dich zu).
111Mitschrift: vers tu [= auf du zu]

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Das Du schlägst mich ist jene Hälfte des Subjekts, deren Formel seine Liaison mit dem

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Genießen ausmacht. Sicher, es empfängt seine eigene Botschaft in einer umgekehrten Form ŕ
was hier bedeutet: sein eigenes Genießen in Form des Genießens des Andern. Genau darum
geht es, wenn sich erweist, daß das Phantasma das Bild des Vaters mit dem zusammenschließt,
was zunächst ein anderes Kind ist. Daß der Vater genießt, es zu schlagen, das setzt hier den
Akzent des Sinns, auch den jener Wahrheit, die halb ist ŕ denn auch der, der sich mit der
anderen Hälfte identifiziert, mit dem Subjekt des Kindes, war nicht dieses Kind, außer, so sagt
Freud, man stellt dasŕ nie und auf keine Weise durch die Erinnerung substantialisierte ŕ
Zwischenstadium wieder her, in dem er es tatsächlich ist. Er ist es, der, mittels dieses Satzes, die
Stütze seines Phantasmas bildet, das das geschlagene Kind ist.
Wir sind hier also darauf zurückgeführt, daß ein Körper in der Tat ohne Gestalt [figure =
Gesicht, RN] sein kann. Der Vater, oder der andere112, wer auch immer es sei, der hier die Rolle
des Genießens spielt, dessen Funktion sicherstellt, ihm Platz gibt ŕ er wird nicht einmal
genannt. Gott ohne Gestalt [Gesicht], genau das ist es. Nichtsdestoweniger ist er nicht faßbar
außer denn als Körper.
Was hat einen Körper und existiert nicht? Antwort: der große Andere. Wenn wir an ihn glauben,
an diesen großen Anderen, dann hat er einen Körper, der uneliminierbar ist aus der Substanz
dessen, der gesagt hat Ich bin, was Ich bin, was eine ganz andere Form von Tautologie ist.
Genau damit erlaube ich mir, ehe ich Sie verlasse, folgendes vorzubringen, das in der Geschichte derart auffallend ist, daß man, ehrlich gesagt, darüber staunt, daß das nicht genügend
akzentuiert wird oder sogar überhaupt nicht: Die Materialisten sind die einzigen echten
Gläubigen.
Die Erfahrung hat es bewiesen ŕ ich spreche vom Moment der jüngsten historischen Eruption
des Materialismus im 18. Jahrhundert. Ihr Gott ist die Materie. Na und, warum nicht? ŕ, das
funktioniert besser als alle anderen Weisen, ihn113 zu begründen.
Nur, uns, uns genügt das nicht. Weil wir eben logische Bedürfnisse haben, wenn Sie mir diesen
Ausdruck gestatten. Weil wir Wesen sind, die aus der Mehrlust geboren sind, Resultat des Gebrauchs der Sprache.
Wenn ich sage des Gebrauchs der Sprache, will ich nicht sagen, daß wir sie gebrauchen
[employons]. Wir sind die durch sie Gebrauchten, ihre Angestellten [employés]. Die Sprache
gebraucht uns/stellt uns an, und genau dadurch genießt das [cela]. Deswegen liegt die einzige
Chance für die Existenz Gottes darin, daß Er ŕ mit großem E ŕ genießt, daß Er das Genießen
ist.
Eben darum ist es für den intelligentesten der Materialisten, nämlich Sade, klar, daß das, worauf
der Tod abzielt, mitnichten das Unbelebte ist.
Lesen Sie die Äußerungen Saint-Fonds ungefähr in der Mitte der Juliette, und Sie werden sehen,
worum es geht. Wenn er sagt, daß der Tod nichts anderes bildet als die unsichtbare Kollaboration mit dem Wirken der Natur, dann ist es selbstverständlich, daß für ihn, nach dem Tod,
alles belebt bleibt ŕ belebt vom Begehren nach Genießen. Dieses Genießen, er kann es auch
Natur nennen, dem ganzen Kontext nach ist jedoch offensichtlich, daß es ums Genießen geht.
Wessen Genießen? Eines einzigartigen Wesens, daß nichts zu sagen hat als: Ich bin, was Ich
112Mitschrift: Andere
113Mitschrift: sie

75

74

bin.
Aber warum das? Wie kann Sade das so genau fühlen?
Genau da spielt herein, daß er dem Anschein nach sadistisch ist. Weil er sich weigert, das zu
sein, was er ist, das, von dem er sagt, daß er es sei. Indem er diesen zornigen Aufruf vorbringt,
der Natur in ihrem mörderischen Wirken zu Hilfe zu kommen, aus dem stets wieder Formen
geboren werden, was tut er da anderes als sein Unvermögen sehen zu lassen, etwas anderes zu
sein als das Instrument des göttlichen Genießens?
Das, das ist der Theoretiker Sade. Warum ist er Theoretiker? Vielleicht werde ich die Zeit
haben, es Ihnen ŕ wie es meine Gewohnheit ist, in der letzten Minute ŕ zu sagen.
Der Praktiker, das ist etwas anderes. Wie Sie durch eine gewisse Anzahl von Geschichten
wissen, die übrigens durch seine Feder belegt sind, ist der Praktiker ganz einfach Masochist.
Wenn's ums Genießen geht, ist das die einzig schlaue und praktische Position, denn sich darin
erschöpfen, das Instrument Gottes zu sein, das strengt an. Er, der Masochist, ist ein heikler Humorist. Er braucht dazu Gott nicht, sein Lakai reicht ihm. Er hat es damit, innerhalb übrigens
vernünftiger Grenzen natürlich, zu genießen, und wie jeder gute Masochist lacht er sich, wie
man sieht ŕ man braucht ihn nur zu lesen ŕ, tot. Er ist ein humoristischer Herr. Warum zum
Teufel ist Sade dann Theoretiker? Warum dieser erschöpfende Wunsch ŕ denn er ist für ihn
ganz und gar unerreichbar ŕ, dieser geschriebene, als solcher bezeichnete Wunsch, daß diese
Partikel, in die die Fragmente von nach den alleraußerordentlichsten imaginierten Akten
zerrissenen, zerfetzten, zerstückelten Leben sich zerstreuen ŕ daß es, um mit ihnen fertig zu
werden wahrhaft nötig wäre, sie mit einem zweiten Tod zu schlagen? Und für wen ist der erreichbar?
Natürlich, für uns ist er erreichbar. Ich habe das vor langer Zeit bezüglich der Antigone
geäußert. Nur ŕ da ich Psychoanalytiker bin, kann ich wahrnehmen, daß der zweite Tod vorm
ersten liegt und nicht hinter ihm, wie Sade es erträumt.
Sade war Theoretiker. Und warum? Weil er die Wahrheit liebt.
Nicht daß er sie würde retten wollen ŕ er liebt sie. Der Beweis dafür, daß er sie liebt, ist, daß er
sie zurückweist, daß er nicht so aussieht, als würde er merken, daß er, indem er den Tod dieses
Gottes dekretiert, Ihn exaltiert, daß er für Ihn zeugt ŕ dadurch, daß er, Sade, zum Genießen nur
durch die Mittelchen gelangt, von denen ich gerade gesprochen habe.
Was kann das bedeuten, daß man dadurch, daß man die Wahrheit liebt, so in ein derart offensichtlich symptomatisches System fällt? Hier zeichnet sich etwas ab: Indem sie sich als Residuum der Sprachwirkung setzt, als das, was bewirkt, daß die Sprachwirkung dem Genießen nur
das entreißt, was ich letztesmal von der Entropie einer Mehrlust gesagt habe ŕ genau das sieht
man nicht ŕ, ist die Wahrheit gleichsam außerhalb des Diskurses, aber was? ŕ die Schwester
dieses untersagten Genießens.
Ich sage, sie ist die Schwester, weil sie nur dadurch verwandt ist, daß sich dann, wenn die
grundlegendsten logischen Strukturen tatsächlich mit diesem dem Genießen ausgerissenen Stiel
zusammenhängen, umgekehrt die Frage stellt, für welches Genießen jene Eroberungen
einstehen, die wir heutzutage in der Logik machen. Zum Beispiel, daß ein logisches System,
und sei es, wie man sagt, noch so schwach, nur dann Konsistenz besitzt, wenn man seine Stärke
als Effekt seiner Unvollständigkeit bezeichnet, in der sich seine Grenze markiert. Diese Art und
Weise, in der sich die Grundlage der Logik selbst als dehiszent erweist, welchem Genießen

76

75

entspricht sie [= die Grundlage]? Anders gesagt, was ist hier eigentlich die Wahrheit?
Daß ich die Stellung der Wahrheit hinsichtlich des Genießens als schwesterlich bezeichne, ist
weder eitel noch aufs Geratewohl, außer ich sage es114 im Diskurs der Hysterika.
Eigenartigerweise ist erst vor ganz kurzer Zeit jemand zu den Amerikanern gefahren, um ihnen
über eine Sache, die jedermann kannte, einen Vortrag zu halten. Freud hatte mit seiner
Schwägerin115 das, was man schamhaft eine Affaire nennt, an affair. Na und? Seit langem schon
kannte man den Platz, den Minna Bernays in den Präokkupationen Freuds einnahm. Es durch
irgendwelchen Jungschen Klatsch zu stützen ändert daran nichts.
Jene Stellung der Schwägerin jedoch merke ich mir. Sade, von dem jeder weiß, daß das ödipale
Verbot ihn von seiner Frau getrennt hatte ŕ wie es die Theoretiker der höfischen Liebe von
jeher sagen: es gibt es keine Liebe in der Ehe ŕ, liebte Sade nicht gerade wegen seiner
Schwägerin die Wahrheit so sehr?
Über dieser Frage werde ich Sie verlassen.
21. JANUAR 1970.

114Mitschrift: . Wir werden es zu entwickeln, es auszusagen haben
115Frz. belle-sœur, was auf »Schwester« verweist.

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76

79

VI
DAS LACANSCHE FELD

Freud tarnt seinen Diskurs.
Das Glück des Phallus.
Mittel des Genießens.
Hegel, Marx und die Thermodynamik.
Der Reichtum, Eigentum des Reichen.

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Wir werden weitergehen, und um ein mögliches Mißverständnis zu vermeiden, eines unter
anderen, möchte ich Ihnen folgende Regel für die erste Einschätzung geben: Das, worauf sich
ein Diskurs bezieht,116ist das, was er beherrschen zu wollen eingesteht. Das genügt, um ihn in
die Verwandtschaft des Diskurses des Herrn einzuordnen.
Genau das ist die Schwierigkeit für denjenigen, den ich, soweit ich kann, an den Diskurs des
Analytikers heranzubringen versuche ŕ er muß sich im Gegensatz zu jedem, mindestens aber
dem eingestandenen, Willen befinden, zu beherrschen. Ich sage mindestens aber dem eingestandenen ŕ nicht, daß er ihn verhehlen müßte, sondern weil es, kurz gesagt, immer leicht ist, in
den Diskurs der Herrschaft zurückzugleiten.
Offen gestanden, davon gehen wir aus in dem, was Unterricht über den Diskurs des
Bewußtseins ist und was von neuem begonnen hat, was jeden Tag von neuem beginnt 117,
unendlich oft. Einer meiner besten Freunde ŕ er steht mir sehr nahe ŕ, natürlich in der
Psychiatrie, hat dem den letzten Schliff gegeben: Diskurs der Synthese, Diskurs des
Bewußtseins, das beherrscht.
Ihm antwortete ich in einem gewissen Vortrag, den ich vor einer ganzen Weile gehalten habe
über die psychische Kausalität

118

, ein Vortrag, der da ist, um zu bezeugen, daß ich, lange bevor

116Mitschrift: dessen geben, worauf sich ein Diskurs bezieht: es
117Mitschrift: , was den Unterricht betrifft. Der Diskurs des Bewußtseins, er hat von neuem begonnen, er beginnt
jeden Tag von neuem
118»Propos sur la causalité psychique«, in: Écrits, S.151-193 [dt. unter dem Titel »Vortrag über die psychische
Kausalität« in: Schriften III, S.123-171].

80

77

ich mich des analytischen Diskurses annahm, bereits über einige Orientierung verfügte, und
insbesondere, als ich ihm ungefähr folgendes sagte: Wie könnte man diese ganze psychische
Aktivität anders auffassen denn als einen Traum, wenn man tausend- und abertausendmal am
Tag diese bastardhafte Kette aus Schicksal und Trägheit, aus Würfelwürfen und Erstarrung, aus
falschem Erfolg und verkannten Begegnungen hört, die den geläufigen Text eines
Menschenlebens ausmachen119?
Rechnen Sie also in meinem Diskurs mit nichts Subversiverem, als daß ich nicht behaupte, ich
hätte die Lösung.

1
Nichtsdestoweniger ist klar, daß nichts brennender ist als das, was den Bezug des Diskurses
zum Genießen herstellt.
Der Diskurs rührt an es ohne Unterlaß, dadurch, daß er sich dort erzeugt. Und er rührt es von
neuem auf [il l’émeut à nouveau], sobald er versucht, zu diesem Ursprung zurückzukehren.
Darin widersetzt er sich jeder Besänftigung.
Freud hält einen seltsamen Diskurs, man muß es sagen, das strikte Gegenteil zur Kohärenz, zur
Konsistenz eines Diskurses. Das Subjekt des Diskurses weiß sich nicht als Subjekt, das den Diskurs hält. Daß es nicht wisse, was es sagt, geht noch durch, dafür ist man schon immer eingestanden. Was Freud aber sagt, das ist, daß es nicht weiß, wer es sagt.
Das Wissen ŕ ich denke, ich habe schon genug darauf insistiert, damit das in Ihren Kopf geht
ŕ, das Wissen ist eine Sache, die sich sagt, die gesagt wird. Nun, das Wissen spricht ganz von
allein, da haben Sie das Unbewußte.
Genau da hätte er angegriffen werden müssen durch das, was man, mehr oder minder diffus, die
Phänomenologie nennt. Um Freud zu widersprechen, reichte es nicht aus, daran zu erinnern, daß
das Wissen sich unsagbar weiß. Man hätte den Angriff auf folgendes richten müssen: darauf,
daß Freud den Akzent auf das setzt, was jeder x-beliebige wissen kann: Das Wissen leiert sich
herunter, das Wissen zählt sich auf, es zerlegt sich, und ŕ genau das geht nicht von allein ŕ
das, was sich sagt, der Rosenkranz, niemand sagt ihn, er spult sich ganz von allein ab.
Wenn Sie mir erlauben ŕ ich wollte mit einem Aphorismus beginnen. Sie werden sehen,
warum ich davor zurückgeschreckt bin. Ich bin zurückgeschreckt wie gewöhnlich, aber
glücklicherweise habe ich das vor zwölf Uhr einunddreißig getan 120, soviel ist es jetzt, so daß
ich diesmal das Ende unseres Treffens nicht verzögere. Würde ich so beginnen, wie ich stets
Lust habe, geschähe das auf abrupte Weise. Gerade weil ich Lust dazu habe, tue ich es nicht, ich
zähme Sie, ich vermeide es, Sie zu schockieren. Ich wollte mit einem Aphorismus beginnen, der
Sie, hoffe ich, durch seine Evidenz frappieren wird, denn genau deswegen hat Freud sich
durchgesetzt trotz der Proteste, die seinen Eintritt in die Welt des Ideenhandels begleitet haben.
Das, was sich durchgesetzt hat, das ist, daß ŕ Freud keinen Blödsinn redet.
Eben das hat diese Art Vorrangstellung durchgesetzt, die er in unserer Epoche innehat. Und
wahrscheinlich ist das es auch, was bewirkt, daß es einen andern gibt, von dem man weiß, daß
119Ebd., S.159 [Schriften III, S.134; Übersetzung leicht modifiziert].
120Lacan begann sein Seminar stets exakt um 12.30 h.

81

78

er, trotz allem, ziemlich gut überlebt. Der eine und der andere, Freud und Marx ŕ was sie kennzeichnet, ist, daß sie keinen Blödsinn reden.
Das merkt man an folgendem: Widerspricht man ihnen, so riskiert man immer auszurutschen,
man rutscht ganz schön rein ins Blödsinn-reden. Sie bringen den Diskurs derer durcheinander,
die sich an sie dranhängen wollen. Sehr häufig lassen sie ihn in einer Art konformistischem akademischem Regreß erstarren, der unerbittlich rückständig ist.
Wolle Gott, daß diese Widersprecher, wenn ich wagen darf, das zu sagen, Blödsinn reden. Sonst
würden sie Freud ihre eigenen Folgerichtigkeiten aufzwingen, sie befänden sich sonst in einer
gewissen Ordnung, der Ordnung dessen, worum es geht. Alles in allem fragt man sich, warum
man von Zeit zu Zeit diesen oder jenen als Blödmann bezeichnet. Ist das so abwertend? Haben
Sie nicht bemerkt, daß, wenn man sagt, jemand sei ein Blödmann, daß das eher bedeutet, daß er
ein Nicht-so-blöd-Mann ist? Was mich deprimiert, das ist, daß man nicht so recht weiß,
worin er mit dem Genießen zu tun hat. Und genau aus diesem Grund nennt man ihn so.
Genau das macht auch das Verdienst von Freuds Diskurs aus. Er, er ist auf der Höhe. Er ist auf
der Höhe eines Diskurses, der sich so nahe wie möglich an das hält, was sich auf das Genießen
bezieht ŕ so nahe, wie es bis zu ihm [= Freud] möglich ist. Das ist nicht bequem. Es ist nicht
bequem, sich an diesem Punkt einzurichten, wo der Diskurs auftaucht, ja, wo er, wenn er
dorthin zurückkehrt, in der Umgebung des Genießens scheitert.
Da ŕ das ist offensichtlich ŕ drückt sich Freud mitunter, da läßt er uns im Stich. Die Frage des
weiblichen Genießens gibt er preis. Den letzten Meldungen nach zu urteilen, bekundet Monsieur
Gillespie, eine herausragende Persönlichkeit dadurch, daß er sich durch alle möglichen
Kuhhändel zwischen den verschiedenen Strömungen hervorgetan hat, die die Analyse in diesen
letzten fünfzig Jahren durchzogen haben, Monsieur Gillespie also bekundet in der
letzterschienenen Nummer des International Journal of Psychoanalysis eine gewisse Freude,
eine ganz eigenartige Freude angesichts der Tatsache, daß, dank einer gewissen Anzahl von
Versuchen zum vaginalen Orgasmus, die an der Universität Washington durchgeführt worden
seien, ein helles Licht auf das geworfen worden sei, was Streit ausgelöst hatte, nämlich auf den
Primat oder Nicht-Primat eines Genießens bei der Entwicklung der Frau, eines Genießens, das
zunächst auf das Äquivalent des männlichen Genießens reduziert worden war.
Diese Arbeiten eines gewissen Masters und einer Johnson sind, ehrlich gesagt, nicht ohne Interesse. Und trotzdem, wenn ich ŕ ohne daß ich mich direkt auf den Text habe beziehen können,
sondern nur über bestimmte Zitate ŕ sehe, wie sich dort abzeichnet, daß der wichtigere/übergeordnete Orgasmus, der der der Frau sei, von der Gesamtpersönlichkeit abhängig ist,
dann frage ich mich, wodurch ein kinematographischer Apparat, der farbige Bilder aufnimmt
und, ins Innere eines den Penis vorstellenden Appendix montiert, von innen heraus festhält, was
in der Scheidenwand, die ihn bei seiner Einführung umgibt, passiert, dann frage ich mich, wodurch dieser Apparat imstande ist, besagte Gesamtpersönlichkeit zu erfassen.
Als Begleitmusik am Rande dessen, was der Diskurs Freuds uns vorzubringen erlaubt, mag das
sehr interessant sein. Genau das aber ist es, was dem Ausdruck Blödsinn reden [déconner]
seinen Sinn verleiht, so wie man sagt beisingen [déchanter]. Vielleicht wissen Sie, was das ist,
der Beigesang ŕ etwas, das neben den Hauptgesang geschrieben wird, das kann auch gesungen
werden, das kann eine Begleitung bilden, aber letzten Endes ist es überhaupt nicht das, was man
vom Hauptgesang erwartet.

82

79

Ebendeshalb, weil es soviel Beigesang gibt, muß hier in groben Umrissen daran erinnert
werden, was aus dem hervorgeht, was ich den Versuch der ökonomischen Reduktion nennen
könnte, den Freud seinem Diskurs über das Genießen verpaßt.
Nicht ohne Grund tarnt er ihn so. Sie werden sehen, welche Wirkung das hat, wenn man’s direkt
ausspricht. Genau das aber habe ich geglaubt heute tun zu müssen in einer Form, die Sie, hoffe
ich, überraschen wird, auch wenn sie Sie nichts lehrt außer den rechten Ton dessen, was Freud
entdeckt.

2
Wir werden vom Genießen nicht einfach so sprechen.
Ich habe Ihnen schon genug darüber gesagt, damit Sie wissen können, daß das Genießen ŕ das
ist das Faß der Danaiden, und wenn man einmal in es eintritt, dann weiß man nicht, bis wohin
das geht. Das fängt beim Kitzel an und endet damit, daß man sich mit Benzin übergießt und
anzündet. Und immer ist es das Genießen.
Ich werde die Dinge mittels eines anderen Elementes angehen, von dem man nicht sagen kann,
im analytischen Diskurs fehle es.
Wenn Sie den veritablen Jubiläumsband lesen, den die erwähnte Nummer des International
Journal bildet, dann begreift man, daß sich die Autoren gegenseitig zu der Solidität
beglückwünschen, die sich durch diese vergangenen fünfzig Jahre hindurch offenbart hat. Ich
bitte Sie, machen Sie die Probe ŕ greifen Sie aus diesen fünfzig Jahren irgendeine Nummer
heraus, und Sie werden nie wissen, von wann sie ist. Sie sagt immer dasselbe. Stets ist es von
der gleichen seichten Belanglosigkeit, und wie die Analyse zeigt, sind es auch immer dieselben
Autoren. Nur haben sie, mit zunehmender Ermüdung, von Zeit zu Zeit ihre Mitarbeit
eingeschränkt. Einen gibt es, der sich auf einer [einzigen] Seite ausdrückt. Sie beglückwünschen
sich dazu, daß, alles in allem, diese fünfzig Jahre die ersten Wahrheiten aufs beste bestätigt
haben, daß die Triebfeder der Analyse die Güte ist, und daß das, was, mit fortschreitender
Auslöschung des Freudschen Diskurses, seit jenen Jahren glücklich klargestellt worden ist,
insbesondere die Solidität und der Ruhm einer Entdeckung sind, die man das autonomous Ego
nennt, nämlich das vor Konflikten geschützte Ego.
Das also kommt aus fünfzig Jahren Erfahrung heraus, vermöge der Injizierung dreier
Analytiker, die ihre Blütezeit in Berlin gehabt hatten, in die amerikanische Gesellschaft, in der
dieser Diskurs eines solide autonomen Ego zweifellos verlockende Resultate versprach. Für eine
Rückkehr zum Diskurs des Herrn kann man Besseres in der Tat nicht tun.
Das vermittelt uns eine Vorstellung von den, wenn man so sagen kann, retrogressiven Gegeneffekten zu jedweder Art von Überschreitungsversuch ŕ was die Analyse gleichwohl eine
Zeitlang war.
Wir also werden die Dinge auf eine bestimmte Weise sagen, und zwar zentriert um ein Wort,
das Sie ganz leicht finden werden auf dem Umweg über diese Nummer, da es auch eines der
geläufigen Themen der analytischen Propaganda ist ŕ auf Englisch heißt das happiness, wir
nennen's auf Französisch bonheur.

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Wofern man es nicht auf eine ziemlich traurige Weise definiert, nämlich, daß es heißt, wie

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jedermann zu sein, wozu sich das autonomous Ego gut entschließen könnte ŕ das Glück, man
muß es wirklich sagen, niemand weiß, was das ist. Wenn wir Saint-Just glauben, der es selbst
gesagt hat, dann ist das Glück seit jener Epoche, die die seine war, ein Faktor der Politik
geworden.
Versuchen wir hier, Fleisch auf die Knochen dieses Begriffs zu bringen durch eine andere unvermittelte Aussage, bei der ich Sie zur Kenntnis zu nehmen bitte, daß sie für die Freudsche
Theorie zentral ist: Es gibt kein anderes Glück als das des Phallus.
Freud schreibt das in allen möglichen Formen, und er schreibt es sogar auf die naive Art, die
darin besteht, zu sagen, daß an vollkommenes Genießen nichts herankommen als das
[Genießen] des männlichen Orgasmus.
Nur ŕ das, worauf die Freudsche Theorie den Akzent setzt, das ist, daß nur der Phallus glücklich ist ŕ nicht der Träger des besagten. Und das selbst dann, wenn dieser, nicht durch
Opferbereitschaft, sondern aus reiner Verzweiflung, ihn, den obengenannten, in den Schoß einer
Partnerin trägt, der unterstellt wird, sie gräme sich darüber, nicht selbst seine Trägerin zu sein.
Tatsächlich lehrt uns genau das die analytische Erfahrung. Der Träger des besagten, wie ich
mich ausdrücke, müht sich damit ab, daß seine Partnerin diese Privation akzeptieren möge,
namens dessen all seine Liebesanstrengungen, seine feinsinnigen Bemühungen, seine zärtlichen
Dienste vergebens sind, denn er weckt besagte Blessur 121 der Privation nur wieder auf. Diese
Blessur also kann nicht kompensiert werden durch die Befriedigung, die der Träger dadurch
hätte, daß er sie besänftigte, ganz im Gegenteil, sie wird wiedererweckt durch seine bloße
Gegenwart, Gegenwart dessen, dessen beklagtes Fehlen diese Blessur verursacht.
Das ganz genau ist uns enthüllt worden durch das, was Freud aus dem Diskurs der Hysterika
herauszuziehen gewußt hat. Davon ausgehend begreift man, daß die Hysterika die erste Unbefriedigung symbolisiert. Seine Betonung des unbefriedigten Begehrens, ich habe sie herausgestellt, indem ich mich auf das Minimalbeispiel stützte, das ich in jener Schrift kommentiert
habe, die unter dem Titel steht La direction de la cure et les principes de son pouvoir [Die
Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht], nämlich auf den sogenannten Traum der
schönen Metzgersfrau.
Man erinnere sich: Da gibt es die schöne Metzgersfrau und ihren Stecher von Ehemann,
wahrlich ein goldener Blödmann, weshalb sie ihm zeigen muß, daß sie keinen Wert legt auf das,
womit er sie obendrein noch vollmachen will, was bedeutet, daß das, was das Wesentliche
betrifft, nichts bringt, obwohl sie es hat, dieses Wesentliche. So. Was sie nicht sieht, weil auch
ihr kleiner Horizont Grenzen hat, das ist, daß es, dieses Wesentliche ihres Ehemanns, einer
andern, die sie zu finden hätte, zu überlassen wäre, die Mehrlust, denn genau darum geht's im
Traum. Sie sieht es im Traum nicht, das ist alles, was man sagen kann.
Andere, die sehen es. Dora zum Beispiel, sie tut's. Mittels jener Anbetung des Objekts des
Begehrens, zu dem, an ihrem Horizont, die Frau geworden ist, die Frau, mit der sie sich umgibt
und die in der Falldarstellung Frau K. heißt, jene, die sie voll Versunkenheit betrachtet in der
Gestalt der Dresdner Madonna, mittels jener Anbetung also stopft sie ihren Penisneid
[revendication pénine]. Und genau das erlaubt mir zu sagen, daß die schöne Metzgersfrau nicht
sieht, daß sie letzten Endes ebenso wie Dora glücklich wäre, dieses Objekt einer andern zu
121»blessure« = Wunde, Verletzung, aber auch Beleidigung, Kränkung.

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81

überlassen.
Es gibt noch andere Lösungen. Wenn ich die hier angebe, dann, weil sie die skandalöseste ist.
Es gibt noch viele andere Raffinessen in der Art und Weise, diesem Genießen zu substituieren,
dessen Apparat, der der des Gesellschaftlichen ist und in den Ödipuskomplex mündet, bewirkt,
daß es [= das Genießen], weil es das einzige ist, das Glück spenden würde, genau aus diesem
Grund ausgeschlossen ist. Das ist die eigentliche Bedeutung des Ödipuskomplexes. Und genau
deswegen ist das, was in der analytischen Untersuchung interessiert, zu wissen, wie, in Stellvertretung des Verbots des phallischen Genießens, etwas beigebracht wird, dessen Ursprung, so
haben wir definiert, in etwas ganz anderem liegt als dem phallischen Genießen, dem also, das
situiert und, wenn man so sagen kann, quadriert ist durch die Funktion der Mehrlust.
Ich erinnere hier nur an die augenfälligen Tatsachen des Freudschen Diskurses, die ich bereits
wiederholt herausgestellt habe und die ich in ihren konfigurativen Bezug einsetzen möchte ŕ
nicht den zentralen, sondern den verwandten ŕ zu der Situierung der Bezüge des Diskurses
zum Genießen, die ich anzugeben versuche. Deshalb erinnere ich an sie, und deshalb will ich da
noch einen weiteren Akzent setzen in der Absicht, das zu verändern, was die Vorstellung an
Aura für Sie mit sich ziehen kann, der Freudsche Diskurs zentriere sich um die biologische
Grundvorgabe der Sexualität,.
Hier werde ich mein Maß nehmen, und ich muß Ihnen wirklich gestehen 122, das ich es erst vor
nicht allzu langer Zeit entdeckt habe. Die offensichtlichsten Dinge, die, die sich zur Schau
stellen, sieht man am allerwenigsten. Ich habe mich plötzlich gefragt: Wie sagt man eigentlich
auf Griechisch zum Geschlecht [sexe]?
Das Schlimmste war ŕ ich hatte kein französisch-griechisches Wörterbuch, und übrigens, es
gibt keins, das heißt nur so kleine, schlechte. Gefunden hatte ich genos, was natürlich nichts mit
dem Geschlecht zu tun hat, denn das bedeutet eine Menge anderer Dinge, Rasse, Stamm,
Erzeugung, Reproduktion. Danach ist mir ein anderes Wort in den Blick geraten, aber seine
Konnotationen sind ganz andere: physis, die Natur.
Diese Aufteilung der Lebewesen, zumindest eines Teils von ihnen, in zwei Klassen, mittels dessen, von dem man merkt, was das beinhaltet, nämlich, sehr wahrscheinlich, den Einbruch des
Todes, weil die andern, die nicht sexuiert sind, nicht so aussehen, als stürben sie derart ŕ das
ist ganz und gar nicht das, was wir sagen, das hat überhaupt nicht diesen Akzent, wenn wir sagen: das Geschlecht. Sein Umriß ist natürlich keinesfalls diese biologische Referenz. Genau das
zeigt, daß man sehr, sehr vorsichtig sein muß, bevor man denkt, das, was die Funktion des
Geschlechts im Freudschen Diskurs in den Vordergrund rückt, gemahne ŕ nicht nur an
irgendeinen x-beliebigen Organizismus, sondern gar an eine Bezugnahme auf die Biologie.
Genau da bemerkt man, daß Geschlecht, mit dem Akzent, den es für uns und seine Gebrauchsordnung, seine signifikative Streuung hat, daß das sexus ist. In bezug auf das Griechische müßte
man die Untersuchung auf andere positive Sprachen ausdehnen, aber im Lateinischen, da knüpft
das ganz klar an secare123 an. Im lateinischen sexus ist das impliziert, was ich anfangs
klargestellt habe, nämlich daß sich das ganze Spiel um den Phallus dreht.
Selbstverständlich gibt es in den sexuellen Verbindungen nicht nur den Phallus. Nur ŕ das, was
es an Privilegiertem hat, dieses Organ, das ist, daß man sein Genießen gewissermaßen gut
122Mitschrift: an etwas nehmen, von dem ich Ihnen wirklich gestehen muß
123»secare« = (ab-)schneiden.

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isolieren kann. Er ist denkbar als ausgeschlossen. Um starke Worte zu gebrauchen ŕ ich werde
Ihnen das nicht im Symbolismus ersäufen ŕ, im Gesamt des Feldes dessen, was die
Sexualapparate konstituiert, hat er eben eine Eigenschaft, die wir als sehr lokal, sehr
außergewöhnlich auffassen können. In der Tat gibt es nicht sehr viele Tiere, bei denen das
entscheidende Kopulationsorgan seinen Funktionen des An- und Abschwellens nach gleich gut
isolierbar wäre, wobei diese Funktionen eine Kurve, genannt die orgasmische, determinieren,
die vollständig definierbar ist: wenn's erst mal vorbei ist, ist's vorbei. Post coitum animal triste,
so hat man schon gesagt. Übrigens ist das nicht an den Haaren herbeigezogen. Sondern das zeigt
gut, daß es sich frustriert fühlt, was! Es gibt da drinnen etwas, was es nicht betrifft. Es kann die
Dinge anders auffassen, es kann das sehr lustig finden, schließlich aber fand Horaz, das sei eher 87
traurig ŕ und das beweist, daß er noch immer einige Illusionen hatte hinsichtlich der Bezüge
zur griechischen physis, zur Knospe, die das sexuelle Begehren bilden würde.
Dies also rückt die Dinge an ihren Platz, wenn man sieht, daß Freud sie gleichwohl so darstellt.
Wenn es in der Biologie etwas gibt, das eine Entsprechung, eine vage, keinesfalls aber grundlegende Ähnlichkeit mit jener Position haben könnte, deren diskursive Wurzeln wir jetzt zeigen
werden, wenn es etwas gibt, das, um dem Gebiet der Biologie bye-bye zu sagen, uns eine ungefähre Vorstellung von dem vermitteln könnte, was jene Tatsache repräsentiert, daß sich alles um
diesen Einsatz dreht, den der eine nicht hat und von dem der andere nicht weiß, was er damit
machen soll, dann wäre das ungefähr das, was sich bei bestimmten Tierarten vollzieht.
Kürzlich erst habe ich ŕ und deshalb spreche ich zu Ihnen davon ŕ sehr hübsche Fische gesehen, so monströs, wie es eine Spezies sein muß, bei der das Weibchen ungefähr so groß ist
große Geste mit ausgestreckten Armen und das Männchen so, ganz klein hält den kleinen Finger hoch. Es hängt sich an ihren Bauch, und es hängt sich da so gut dran, daß ihre
Hautgewebe nicht zu unterscheiden sind ŕ nicht mal unterm Mikroskop kann man sehen, wo
die Haut des einen anfängt und wo die des andern. Da ist es also, angehängt mit dem Maul, und
von da aus erfüllt es, wenn man so sagen kann, seine Funktion als Männchen. Es ist nicht undenkbar, daß es das Problem der Geschlechtsverhältnisse sehr vereinfacht, wenn am Ende das
Männchen, ermattet, sein Herz, seine Leber resorbiert, davon ist dann nichts mehr übrig, es ist
da, aufgehängt am rechten Ort, reduziert auf das, was am Ende einer bestimmten Zeitspanne in
dieser kleinen tierischen Tasche übrigbleibt, nämlich in der Hauptsache die Testikel.
Die Frage ist, wie sich artikulieren läßt, was es in dem großen menschlichen Spiel unserer
Tradition, dem Spiel des Begehrens, mit diesem Ausschluß des Phallus auf sich hat.
Das Begehren hat keinen unmittelbar engen Bezug zu diesem Feld. Unsere Tradition setzt es als
das, was es ist, den Eros, die Vergegenwärtigung des Mangels.
Und genau da kann man fragen: Wie kann man irgend etwas begehren? Was ist das, was mangelt? Es gibt jemanden, der eines Tages gesagt hat: Sorget Euch nicht, nichts mangelt, schauet
die Lilien auf dem Felde, sie weben nicht, sie spinnen nicht, und doch ist ihrer das Himmelreich.
Es ist klar, daß man, um diese wahrhaft herausfordernden Äußerungen tun zu können, wahrlich
selbst derjenige sein mußte, der sich mit der Verneinung dieser Harmonie identifizierte.
Zumindest hat man ihn so verstanden, ihn gedeutet, als man ihn Das Wort Gottes genannt hat.
Er mußte Gottes Wort selbst sein, um den Augenschein dermaßen leugnen zu können.
Jedenfalls ist das die Vorstellung, die man sich davon gemacht hat. Er sagte nicht soviel
darüber. Glaubt man einem seiner Schüler, dann sagte er: Ich bin der Weg, die Wahrheit und

88

83

das Leben. Aber genau daran, daß man aus ihm Das Wort Gottes gemacht hat, zeigt sich, daß
die Leute trotzdem ungefähr wußten, was sie sagten, als sie dachten, daß nur Das Wort Gottes
die Macht hatte, sich dermaßen zu desavouieren.
Es stimmt, daß die Lilie auf dem Felde ŕ wir können sie uns gut als Körper vorstellen, der vollkommen dem Genießen ausgeliefert ist. Jede seiner Wachstumsphasen identisch mit einer Empfindung ohne Form. Genießen der Pflanze. Nichts jedenfalls erlaubt, ihm zu entkommen. Vielleicht ist es ein unendlicher Schmerz, Pflanze zu sein. Schließlich amüsiert sich niemand damit,
über so etwas zu sinnieren, außer mir.
Für das Tier gilt nicht dasselbe, denn es besitzt das, was wir als Ökonomie deuten: die Möglichkeit, sich zu bewegen, um vor allem so wenig Genießen wie möglich zu erhalten. Genau das
nennt man Lustprinzip. Bleiben wir nicht da, wo man genießt, denn Gott weiß, wohin das
führen kann, ich sagte es eben schon.
Nun gibt es da diese Sache, daß das Genießen ŕ daß wir dennoch seine Mittel wissen. Ich habe
Ihnen gerade vom Kitzel und vom Rösten gesprochen. Da weiß man, wie man's machen muß.
Genau das ist es, das Wissen. Im Prinzip hat niemand Lust darauf, zuviel Gebrauch davon zu
machen, und trotzdem, es verlockt.
Ebendies hat Freud gerade um 1920 herum entdeckt, und genau das ist, auf gewisse Weise, der
Umkehrpunkt seiner Entdeckung.
Seine Entdeckung war, das Unbewußte ausbuchstabiert zu haben, und ich rate niemandem, zu
sagen, das könnte etwas anderes sein als die Bemerkung, daß es ein vollständig artikuliertes
Wissen gibt, für das, eigentlich gesagt, kein Subjekt verantwortlich ist. Wenn ein Subjekt
plötzlich auf es stößt, dieses Wissen berührt, auf das es nicht gefaßt war, dann fühlt es sich, es,
das spricht, ehrlich gesagt ganz schön von den Socken.
Das war der erste Fund. Freud hat den Subjekten gesagt: Sprechen Sie, sprechen Sie nur,
machen Sie's doch wie die Hysterika, wir werden schon sehen, was für ein Wissen das ist, auf
das Sie stoßen, und auch die Art und Weise, in der Sie nach ihm gestrebt haben oder, im
Gegenteil, in der Sie es zurückweisen, wir werden sehen, was passiert. Und das hat ihn
notwendigerweise zu dieser Entdeckung geführt, die er das »Jenseits des Lustprinzips« nennt.
Es ist die folgende: daß das Wesentliche an dem, was determiniert, womit man bei der
Erforschung des Unbewußten zu tun hat ŕ daß das die Wiederholung ist.
Die Wiederholung, das bedeutet nicht: das, was man beendet hat, das beginnt man von vorn,
wie die Verdauung oder irgendeine andere physiologische Funktion. Die Wiederholung ist eine
präzise Bezeichnung eines Zuges, von dem ich Ihnen an Freuds Text herausgearbeitet habe, daß
er identisch ist mit dem einzigen/unären Zug, dem kleinen Strich, dem Element der Schrift,
eines Zuges, insofern er einen Einbruch des Genießens ins Gedächtnis ruft.
Genau deshalb ist es vorstellbar, daß die Lust in ihrer Regel und ihrem Prinzip übertreten wird,
weshalb sie der Unlust weicht. Mehr ist nicht zu sagen: nicht zwangsläufig dem Schmerz, nein,
der Unlust, was nichts anderes heißt als: dem Genießen.
Hier zeigt sich, daß die Einsetzung der Zeugung, des Genitalen, des Geschlechtlichen ins
Begehren etwas völlig anderes ist als die Geschlechtsreife.
Zweifellos ŕ von der vorzeitigen Sexualisierung zu sprechen hat seinen Nutzen. Sicher, das,
was man den ersten sexuellen Schub beim Menschen nennt, ist ganz offensichtlich das, was man
darüber sagt, nämlich vorzeitig. Neben dieser Tatsache aber, daß er in der Tat das Spiel des

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84

Genießens implizieren kann, bleibt nicht weniger bestehen, daß das, was den Schnitt zwischen
der Libido und der Natur einführt, nicht nur der organische Autoerotismus ist. Es gibt andere
Tiere als der Mensch, die fähig sind, sich Kitzel zu verschaffen, und es hat sie nicht zu einer
avancierten Ausarbeitung des Begehrens geführt ŕ die Affen. Im Gegenteil, der Vorteil liegt
hier im Zusammenhang mit dem Diskurs.
Es geht nicht nur darum, von den Verboten zu sprechen, sondern einfach von einer Dominanz
der Frau als Mutter, und zwar als Mutter, die sagt, Mutter, an die man Anspruch richtet, Mutter,
die befiehlt und zugleich damit die Abhängigkeit des kleinen Menschen instituiert.
Die Frau erlaubt dem Genießen, die Tarnung der Wiederholung zu wagen. Hier zeigt sie sich als
das, was sie ist, als Institution der Tarnung. Sie bringt ihrem Kleinen das Paradieren bei. Sie
führt zur Mehrlust, weil sie, die Frau, wie die Blume ihre Wurzeln ins Genießen selbst hinabsenkt. Die Mittel des Genießens stehen unter der Bedingung offen, daß er auf das
abgeschlossene, das seltsame Genießen verzichtet hat, auf die Mutter.
Genau da fügt sich die gewaltige stille gesellschaftliche Übereinkunft ein, die das, was wir die
Differenz der Geschlechter im Natürlichen nennen können, in die Sexualisierung der
organischen Differenz verkehrt. Diese Verkehrung impliziert den gemeinsamen Nenner des
Ausschlusses des spezifisch männlichen Organs. Von da an ist das Männliche das, was es in
Hinsicht auf das Genießen ist ŕ und ist es nicht. Und von daher auch erzeugt sich die Frau als
Objekt, und zwar genau dadurch, daß sie nicht ist, was er ist, also einerseits sexuelle Differenz,
und andererseits dadurch, daß sie das ist, worauf als Genießen er verzichtet.
Dies in Erinnerung zu rufen ist absolut wesentlich in dem Moment, in dem, spricht man von der
Kehrseite der Analyse, sich die Frage nach dem Platz der Analyse im Politischen stellt.

3
Das Eindringen ins Politische kann nur dadurch erfolgen, daß man erkennt, daß es Diskurs ŕ
und nicht nur den analytischen ŕ nur durchs Genießen gibt, und zwar zumindest dann, wenn
man von ihm die Arbeit der Wahrheit erhofft.
Den Diskurs des Herrn als einen zu charakterisieren, der eine verborgene Wahrheit enthalte, bedeutet nicht, daß dieser Diskurs sich verbirgt, daß er sich drückt. Das Wort verborgen [caché]
hat im Französischen seine etymologischen Stärken. Es kommt von coactus, vom Verb
coactare, coactitare, coacticare124 ŕ das bedeutet, daß es etwas gibt, das komprimiert ist, etwa
wie eine Doppelbelichtung, etwas, das auseinandergefaltet werden muß, damit es lesbar ist.
Klar ist, daß ihm seine Wahrheit verborgen ist, und ein gewisser Hegel hat artikuliert, daß sie
ihm geliefert wird durch die Arbeit des Knechts. Nur ŕ dieser Diskurs Hegels ist ein
Herrendiskurs, der auf der Ersetzung des Herrn durch Den Staat beruht, die sich auf dem langen
Weg der Kultur vollzieht, um beim absoluten Wissen zu enden. Mittlerweile scheint er wirklich
definitiv widerlegt worden zu sein durch einige Funde ŕ die von Marx. Ich bin nicht hier, um

124»coactare« (in der ursprünglichen Bedeutung) = zusammentreiben, -bringen (von Vieh); dann auch:
verdichten, zusammenstellen; metaphorische Verwendung im Sinne von hineindrängen, be-/verengen, zwingen,
drängen.

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85

ihn zu kommentieren, und ich werde hier keinen Nachtrag liefern, sondern ich werde einfach
zeigen, in welchem Maße wir uns, vom analytischen Aussichtsturm aus, wohl genug fühlen, um
zunächst daran zu zweifeln, daß die Arbeit am Horizont ein absolutes Wissen erzeugt, ja
überhaupt irgendein Wissen.
Ich habe Ihnen das bereits vorgetragen und kann es hier nicht wiederholen. Es bildet aber eine
der Achsen, auf denen ich Sie sich zu situieren bitte, damit Sie erfassen, was es mit der
analytischen Subversion auf sich hat.
Wenn das Wissen Mittel des Genießens ist, dann ist die Arbeit etwas anderes. Selbst wenn sie
von denen ausgeführt wird, die das Wissen haben, kann das, was sie erzeugt, sehr wohl die
Wahrheit sein, es ist aber niemals das Wissen ŕ keine Arbeit hat je ein Wissen erzeugt. Etwas

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steht dem entgegen ŕ das ergibt sich durch eine genauere Beobachtung dessen, was es in
unserer Kultur mit den Bezügen des Diskurses des Herrn zu etwas auf sich hat, das plötzlich
aufgetaucht ist und wovon die neuerliche Überprüfung dessen ausgegangen ist, was, von Hegels
Standpunkt aus, sich um diesen Diskurs herumwand: das Ausweichen vor dem absoluten
Genießen, insofern dieses dadurch determiniert ist, daß die stille gesellschaftliche Übereinkunft,
indem sie das Kind an die Mutter fixiert, sie zum auserwählten Sitz der Verbote macht.
Andererseits: Legt nicht gerade die Formalisierung eines Wissens, die alle Wahrheit problematisch werden läßt, uns nahe, daß es sich, eher als um einen durch die Arbeit des Knechts
eingetretenen Fortschritt ŕ als hätte es in seinen Lebensbedingungen auch nur den kleinsten
Fortschritt gegeben, ganz im Gegenteil ŕ, um einen Transfer handelt, um eine Plünderung
dessen, was am Beginn des Wissens davon in der Welt des Knechts eingeschrieben, verhohlen
war? So gesehen ist es der Diskurs des Herrn, der sich durchsetzen mußte. Von daher aber
mußte der Herr, indem er erneut in den Mechanismus seiner wiederholten Versicherung
[assertion] eintrat, auch den Verlust seines eigenen Eintritts in den Diskurs erfassen und, kurz
und gut, mit ansehen, wie dieses Objekt a auftauchte, das wir als die Mehrlust festgemacht
haben.
Dies alles in allem, und nicht mehr, ist das, was der Herr den Knecht zahlen lassen mußte, ihn,
den alleinigen Besitzer der Mittel des Genießens.
Der Herr gab sich zufrieden mit diesem geringen Zehnten einer Mehrlust, an dem letzten Endes
nichts verrät, daß der Knecht selbst innerlich unglücklich darüber wäre, daß er ihn abliefert.
Ganz anders steht es mit dem, was sich am Horizont des Aufstiegs des Herren-Subjekts in einer
Wahrheit findet, die sich durch seine Gleichheit mit sich selbst bestätigt, durch diese Ichokratie
[jecratie], von der ich einmal sprach und die, so scheint es, die Essenz jeglicher Bestätigung in
der Kultur ist, die, unter allen anderen, gerade diesen Diskurs des Herrn hat erblühen sehen.
Schaut man ihn [sich] genauer an, dann ist der Entzug seines, des Knechtes, Wissens vom
Knecht die ganze Geschichte, deren Etappen Hegel Schritt für Schritt folgt, ohne daß er ŕ und
das ist eigenartigŕ gesehen hat, wohin sie führte, und das aus gutem Grund. Er steckte noch im
Feld der Newtonschen Entdeckung, er hatte die Geburt der Thermodynamik nicht miterlebt.
Wäre er in der Lage gewesen, sich den Kopf mit Formeln vollzustopfen, die zum erstenmal
dieses durch die Thermodynamik so bezeichnete Feld vereinheitlichen, dann hätte er dort
vielleicht folgendes erkennen können: die reine Herrschaft des Signifikanten, des auf zwei
Ebenen wiederholten Signifikanten, S1, und noch einmal S1.
S1, das ist der [Stau-]Damm. Der zweite S1, das ist, darunter, das Becken, das ihn aufnimmt und

92

86

eine Turbine zum Drehen bringt. Einen anderen Sinn als dieses Kennzeichen einer Instrumentierung, die die Macht des Herrn signifiziert, hat die Erhaltung der Energie nicht.
Was im [Wasser-]Fall gesammelt wird, muß erhalten werden. Das ist das oberste Gesetz. Unglücklicherweise gibt es etwas, das im Dazwischen verschwindet oder, genauer noch, sich nicht
zur Wiederkehr eignet, zur Wiederherstellung des Ausgangspunktes. Das ist das sogenannte
Carnot-Clausiussche Prinzip, obschon ein gewisser Mayer viel dazu beigetragen hat.
Dieser Diskurs, der, seinem Wesen nach, allem, was Anfang und Ende ist, den Primat zuweist,
indem er alles vernachlässigt, was, in einem Dazwischen, zur Ordnung von etwas gehören kann,
das von einem Wissen herrührt, die Heraufkunft der neuen Welt, dieser reinen numerischen
Wahrheiten, dessen, was zählbar ist ŕ signifiziert dieser Diskurs nicht, und zwar ganz von allein, etwas ganz anderes, als daß ein absolutes Wissen ins Spiel kommt? Das bloße Ideal einer
Formalisierung, wo alles nur noch Zählen ist ŕ die Energie selbst ist nichts anderes als das, was
zählt, das, was, wenn Sie die Formeln auf eine gewisse Weise manipulieren, immer die gleiche
Summe ergibt ŕ, liegt nicht hier das Gleiten, die Vierteldrehung, die bewirkt, daß am Platz des
Herrn sich eine höchst neuartige Artikulation des Wissens einrichtet, eine, die formell
vollständig reduzierbar ist, und daß an den Platz des Knechts nicht etwas kommt, das sich irgendwie in die Ordnung dieses Wissens einfügen würde, sondern etwas, das viel eher Produkt
davon ist.125
Marx denunziert diesen Prozeß als Plünderung. Nur, er tut das, ohne sich darüber Rechenschaft
abzulegen, daß dessen Geheimnis im Wissen selbst liegt ŕ genauso wie das der Reduktion des
Arbeiters selbst darauf, nur noch ein Wert zu sein. Eine Etage nach oben verschoben, ist die
Mehrlust nicht [mehr] Mehrlust, sondern schreibt sich einfach als Wert ein, der der Totalität
dessen, was sich akkumuliert ŕ was sich aus einer wesentlich transformierten Natur akkumuliert, entweder einzuschreiben oder von ihr abzuziehen ist. Der Arbeiter ist nichts als
Werteinheit. Hinweis für jene, bei denen dieser Begriff ein Echo auslöst.
Was Marx im Mehrwert denunziert, das ist die Plünderung des Genießens. Und dennoch ist
dieser Mehrwert das Denkmal der Mehrlust, sein126 Äquivalent für die Mehrlust. Die
Verbraucher-Gesellschaft gewinnt ihren Sinn daraus, daß dem, was in ihr das Element, in
Anführungsstrichen, ausmacht, das man als menschliches qualifiziert, das homogene Äquivalent
einer x-beliebigen Mehrlust verliehen wird, die das Produkt unserer Industrie ist ŕ eine
unechte, schundhafte Mehrlust, um es klar zu sagen.
Gleichwohl, das kann Erfolg haben. Man kann Schein von Mehrlust machen, das hält noch
immer viele in Bann.

4
Wollte ich Ihnen Stoff zum Nachdenken darüber liefern, wo dieser Prozeß entsteht, dessen
Statut unsere Wissenschaft ist, dann würde ich Ihnen ŕ weil ich es vor kurzem wiedergelesen
125 Bezieht sich offensichtlich auf den Vergleich der Terme im Verhältnis zu den Plätzen im Diskurs des Herrn
und der Universität: In der Tat rückt das a, das im Diskurs des Herrn auf dem Platz des Produkts (der Arbeit des
Sklaven steht), im Diskurs der Universität an ebenden Platz, den im Diskurs des Herrn das Wissen (der Sklave)
besetzt hält.
126Mitschrift: ein

93

87

habe ŕ sagen: Amüsieren Sie sich mit dem Satiricon.
Ich finde das, was Fellini daraus gemacht hat, gar nicht schlecht. Was ihm nie verziehen werden
wird, das ist, daß er einen Rechtschreibfehler begangen hat, indem er Satyricon schreibt, weil es
kein y gibt, aber davon abgesehen ist es nicht übel. Es ist weniger gut als der Text, denn im
Text, da geht es ernst zu, da hält man sich nicht bei Bildern auf, und man sieht, worum sich's
dreht. Kurz und gut, es ist ein gutes Beispiel dafür, wie man unterscheidet zwischen dem, was es
mit dem Herrn, und dem, was es mit dem Reichen auf sich hat.
Das Wunderbare an den Diskursen, an welchen Diskursen auch immer, und wären es die revolutionärsten, das ist, daß sie die Dinge nie unverblümt aussprechen, wie ich es gerade, ein wenig,
versucht habe ŕ ich habe getan, was ich konnte.
Von Zeit zu Zeit stecke ich meine Nase in einen Haufen Autoren, die Ökonomen sind. Und wir
sehen, in welchem Maße das für uns von Nutzen ist, uns Analytiker, denn wenn es etwas gibt,
das getan werden muß, in der Analyse, dann ist das die Einrichtung dieses anderen
energetischen Feldes, das andere Strukturen notwendig machen würde als die der Physik,
nämlich das Feld des Genießens.
Sie können, wenn Sie Maxwell heißen, die Felder der Thermodynamik und der Elektromagnetik
soviel vereinheitlichen wie Sie wollen, und dennoch werden Sie bezüglich des Feldes der
Schwerkraft immer auf einen Haken stoßen, und das ist ziemlich merkwürdig, denn mit der
Schwerkraft haben sie alle angefangen, schließlich aber ŕ was soll's. Was das Feld des
Genießens anbetrifft ŕ leider wird man es nie, denn ich werde ganz sicher nie die Zeit haben,
auch nur seine Grundlagen zu skizzieren, das Lacansche Feld nennen, aber gewünscht habe ich
es mir ŕ, was dieses Feld anbetrifft, gibt es einige Bemerkungen zu machen.
Man schlägt das Buch dieses gewissen Smith auf, Der Reichtum der Nationen, und er ist nicht
der einzige, alle rennen sie sich da den Kopf ein, Malthus, Ricardo und die andern ŕ der Reichtum der Nationen, was ist das? Man ist da dabei, den Gebrauchswert zu definieren, das muß gewiß zählen, den Tauschwert ŕ nicht Marx hat das alles erfunden. Nun ist es außerordentlich,
daß, seit es Ökonomen gibt, diesmal niemand ŕ nicht mal für einen Augenblick, und ich sage
das nicht, damit man sich daran aufhängt ŕ die Bemerkung gemacht hat, daß der Reichtum das
Eigentum des Reichen ist. Ganz so, wie die Analyse ŕ ich habe es eines Tages gesagt ŕ vom
Analytiker gemacht wird, das ist sein hauptsächlichstes Charakteristikum, man muß vom Analytiker ausgehen. Warum, in bezug auf den Reichtum, nicht vom Reichen ausgehen?
In zwei Minuten muß ich aufhören, ich werde Ihnen aber trotzdem eine Bemerkung machen, die
einer Erfahrung entspringt, die nicht speziell analytisch ist, sondern die jeder machen kann.
Der Reiche hat ein Eigentum. Er kauft, er kauft alles ŕ alles in allem kauft er eigentlich eine
ganze Menge. Aber ich hätte gern, daß Sie über folgendes nachdenken: Er bezahlt nicht.
Man bildet sich ein, er würde bezahlen, aus zählbaren Gründen, die von der Umwandlung der
Mehrlust in Mehrwert herrühren. Aber zunächst einmal weiß jeder, daß er sich den Mehrwert
sehr regelmäßig hinzuaddiert. Es gibt keine Zirkulation der Mehrlust. Und ganz besonders eine
Sache gibt es, für die er nie bezahlt: das Wissen.
Tatsächlich gibt es bei dem, was sich auf der Seite der Mehrlust ereignet, nicht nur die
Dimension der Entropie. Es gibt noch etwas anderes, das jemandem mal aufgefallen ist, und
zwar, daß das Wissen, das impliziert die Äquivalenz zwischen dieser Entropie und einer
Information. Natürlich ist das nicht das gleiche, so einfach, wie Monsieur Brillouin sagt, ist es

94

88

nicht.
Der Reiche ist Herr nur ŕ und ebendas ist es, was ich Sie im Satiricon zu sehen bitte ŕ, weil
er sich freigekauft hat. Die Herren, um die es am Horizont der antiken Welt geht, sind keine Geschäftsleute. Sehen Sie nur, wie Aristoteles von ihnen spricht ŕ es stößt ihn ab.
Dagegen: wenn ein Sklave sich freigekauft hat, dann ist er nur darin ein Herr, daß er anfängt,
alles aufs Spiel zu setzen. Genau so drückt sich eine Figur, die niemand anderer als Trimalchio
selbst ist, im Satiricon aus. Von dem Moment an, wo er reich ist, warum kann er da alles
kaufen, ohne zu bezahlen? Weil er nichts mit dem Genießen zu tun hat. Das ist es nicht, was er
wiederholt. Er wiederholt seinen Kauf. Er kauft alles frei oder eher noch: alles, was sich ihm
bietet, er kauft es frei. Er ist zum Christen gemacht. Er ist aus Bestimmung der Freigekaufte.
Und warum läßt man sich vom Reichen kaufen? Weil das, was er Ihnen gibt, teilhat an seinem
Wesen als Reicher. Von einem Reichen, von einer entwickelten Nation kaufen, das tun Sie, weil
Sie glauben ŕ genau das ist er, der Sinn des Reichtums der Nationen ŕ, daß Sie dann schlicht
teilhaben am Niveau einer reichen Nation. Nur, das, was Sie bei diesem Geschäft verlieren, das
ist Ihr Wissen, das Ihnen Ihr Statut verliehen hat. Dieses Wissen ŕ der Reiche erwirbt es beim
Kauf als Draufgabe. Ganz recht, er bezahlt es einfach nicht.

Wir sind heute an der Grenze dessen angelangt, was ich sagen kann, ehe ich diesen Saal räume.
Ich will, um zum Ende zu kommen, nur noch die Frage aufwerfen, was durch das Starkmachen,
durch das Wiedererheben der Stimme dessen passieren kann, was es mit der Mehrlust auf sich
hat, mit dem a, auf der Ebene, auf der die Funktion des Reichen spielt, für die das Wissen nichts
als Ausbeutungsapparat ist. Auf gewisse Weise ist das genau das, dem die Funktion des
Analytikers so etwas wie eine Mörgenröte verleiht.
Nächstesmal werde ich Ihnen zu erklären versuchen, worin deren Wesen besteht. Ganz sicher
besteht es nicht darin, aus diesem Element wieder ein Element von Herrschaft zu machen.
In der Tat, wie ich es Ihnen erklären werde, dreht sich alles um den Mißerfolg.
11. FEBRUAR 1970.

95

89

VII

99

DER KASTRIERTE HERR

Der Herrensignifikant determiniert die Kastration.
Die Wissenschaft, der Mythos, das Unbewußte.
Dora und ihr Vater.
Der unbrauchbare Ödipus.

Allmählich muß sich Ihnen zeigen, daß die Kehrseite der Analyse genau das ist, was ich dieses
Jahr unter dem Titel des Diskurses des Herrn vorbringe.

Ich tue das nicht auf willkürliche Weise, denn der Diskurs des Herrn genießt in der
philosophischen Tradition bereits einigen Kredit. Nichtsdestoweniger ŕ so wie ich ihn
freizulegen versuche, gewinnt er hier einen neuen Akzent durch die Tatsache, daß er in
unserer Zeit in einer Art Reinform freigelegt werden kann ŕ und dies vermittels etwas,
das wir unmittelbar erleben, und zwar auf der Ebene der Politik.
Was ich damit sagen will, ist, daß er alles umfaßt, selbst das, was glaubt, es sei Revolution, oder
genauer: das, was man romantischerweise Die Revolution nennt ŕ mit einem großen D. Der
Diskurs des Herrn vollendet seine Revolution 127 gegen den Uhrzeigersinn und um eine ganze
Umdrehung.
Diese Hervorhebung ist ein bißchen aphoristisch, dem stimme ich zu, aber da der Aphorismus
sich dem widmet, ist sie dazu da, um blitzlichtartig ein erhellendes Licht zu werfen. An ihrem
Horizont liegt das, was uns hier interessiert, das heißt Sie und mich ŕ nämlich, daß dieser Diskurs des Herrn nur einen Kontrapunkt hat, und das ist der analytische Diskurs, der der
Aneignung noch harrt.
Ich nenne ihn Kontrapunkt, weil seine Symmetrie, wenn eine existiert ŕ und das tut sie ŕ, weder in bezug auf eine Linie noch auf eine Fläche besteht, sondern in bezug auf einen Punkt. Mit
anderen Worten, man erhält ihn durch die kreisförmige Drehung des Diskurses des Herrn, auf
den ich mich eben bezog.
Die Verteilung dieser vier Terme, die zwei numerierten S, $ und a, so wie ich sie letztesmal erneut aufgeschrieben habe und deren Transkription Sie, wie ich hoffe, noch mehr oder weniger 100
auf Ihren Blättern stehen haben, zeigt zur Genüge diese Symmetrie in bezug auf einen Punkt,
die bewirkt, daß der analytische Diskurs sich ganz genau am Gegenpol des Diskurses des Herrn
befindet.

1
127Auch zu lesen im Sinne von »Umlauf«.

90

Im analytischen Diskurs kommt es bisweilen vor, daß wir bestimmte Begriffe sehen, die bei der
Erklärung als phylum dienen, zum Beispiel der des Vaters. Und manchmal sehen wir, wie
jemand versucht, dessen Grundgegebenheiten zusammenzustellen. Eine mühseliges
Unterfangen, wenn es innerhalb dessen stattfindet, was man, da, wo wir stehen, von einer
analytischen Aussage und einem analytischen Aussagen erwartet, nämlich innerhalb eines
genetischen Bezugrahmens.
Bezüglich des Vaters glaubt man sich verpflichtet, von der Kindheit auszugehen, von den
Identifizierungen, und das kann dann wahrlich auf ein exorbitantes Gestammel hinauslaufen,
auf einen seltsamen Widerspruch. Man wird uns von der primären Identifizierung sprechen als
der, die das Kind an die Mutter bindet, und in der Tat scheint das selbstverständlich. Und doch
ist, wenn wir uns auf Freud rückbeziehen, auf seinen Diskurs von 1921, der sich
Massenpsychologie und Ich-Analyse nennt, diejenige Identifizierung, die als primär angegeben
wird, ganz genau die mit dem Vater. Das ist sicherlich sehr seltsam. Freud betont da, daß, ganz
und gar uranfänglich, sich der Vater als derjenige erweist, der die allererste Identifizierung
beherrscht, und zwar ganz genau dadurch, daß er, auf eine auserwählte Weise, der ist, der die
Liebe verdient.
Sicher, das ist sehr seltsam: sich in Widerspruch zu allem zu begeben, was die Entwicklung der
analytischen Forschung über den Primat der Beziehung des Kindes zur Mutter feststellt. Seltsame Diskordanz des Freudschen Diskurses zum Diskurs der Analytiker.
Vielleicht sind diese Diskordanzen aus Verwirrung entstanden, und die Ordnung, die ich zu
stiften versuche mittels einer Bezugnahme auf Diskurs-Konfigurationen, die in gewisser Weise
primordial sind, soll uns daran erinnern, daß es strikt undenkbar ist, im analytischen Diskurs
irgend etwas Geordnetes zu sagen, ohne sich an dies zu erinnern. Um wirksam zu sein, darf uns
unsere Anstrengung, die, wir wissen es ganz genau, eine rekonstruktive Zusammenarbeit mit
dem ist, der sich in der Stellung des Analysanten befindet, dem wir gewissermaßen erlauben in
seine Karriere einzutreten, diese Anstrengung, die wir unternehmen, um, in der Form des unter- 101
stellten Denkens, herauszubekommen, was tatsächlich erlebt worden ist von dem, der in diesem
Fall wirklich den Titel Patient verdient, diese Anstrengung darf uns nicht vergessen lassen, daß
die subjektive Konfiguration durch die Signifikantenverknüpfung eine vollkommen bestimmbare Objektivität besitzt, die die Möglichkeit der Hilfe selbst begründet, die wir in der Form der
Deutung beibringen.
Da, an diesem Punkt der Verknüpfung, insbesondere jener allerersten, der von S 1 mit S2, da ist
es möglich, daß sich diese Kluft auftut, die sich das Subjekt nennt. Da üben sich die Wirkungen
der, in diesem Fall: Signifikantenverknüpfung aus. Ob dies Erleben, das man mehr oder minder
zutreffend Denken nennt, sich nun irgendwo erzeugt oder nicht ŕ da erzeugt sich etwas, das
von einer Kette abhängt, genau so, als wäre es Denken. Freud hat nie etwas anderes gesagt,
wenn er vom Unbewußten spricht. Diese Objektivität induziert nicht nur, sie determiniert jene
Stellung, die Stellung des Subjekts ist als Sitz dessen, was sich die Abwehren nennt.
Was ich vorbringe, was ich heute erneut verkünden werde, ist, daß der Herrensignifikant, indem
er sich in Richtung auf die Mittel des Genießens hin emittiert, die das sind, was sich das Wissen
nennt, die Kastration nicht nur induziert, sondern determiniert.
Ich komme zurück auf das, was man unter Herrensignifikant zu verstehen hat, wobei ich von

91

dem ausgehe, was wir diesbezüglich vorgebracht haben.
Als erstes, ganz sicher: es gibt keinen. Alle Signifikanten kommen einander auf gewisse Weise
gleich, weil sie nur mit der Differenz eines jeden zu allen andern spielen, also dadurch, nicht die
andern zu sein. Dadurch aber auch ist jeder fähig, in die Stellung des Herrensignifikanten zu treten, und zwar ganz genau dadurch, daß es seine Eventualfunktion ist, ein Subjekt für jeden
andern Signifikanten zu repräsentieren. So habe ich ihn von jeher definiert. Nur ist das Subjekt,
das er repräsentiert, nicht univok. Es wird repräsentiert, das zweifellos, aber es wird auch nicht
repräsentiert. Auf dieser Ebene bleibt in Beziehung zu diesem selben Signifikanten etwas
verborgen.
Genau darum dreht sich das Spiel der psychoanalytischen Entdeckung. Wie jedem128 xbeliebigen anderen auch fehlt es ihm129 nicht daran, vorbereitet worden zu sein [il n’est pas sans
avoir été préparé]. Es130 ist vorbereitet worden durch jenes Zögern ŕ das mehr als nur ein
Zögern ist ŕ, jene Zweideutigkeit, die von Hegel unter dem Namen Dialektik unterhalten wird,
wenn er zu Beginn setzt, daß das Subjekt sich seiner selbst versichert als sich wissend.
Hegel wagt es tatsächlich, vom Selbstbewußtsein* in seiner naivsten Äußerung auszugehen ŕ
nämlich, daß alles Bewußtsein weiß, daß es Bewußtsein ist. Und trotzdem durchwirkt er diesen 102
Beginn mit einer Reihe von Krisen ŕ Aufhebung*, wie er sagt ŕ, woraus sich ergibt, daß
dieses Selbstbewußtsein* selbst, inaugurale Gestalt des Herrn, seine Wahrheit durch die Arbeit
des andern par excellence findet, desjenigen, der sich nur dadurch weiß, daß er diesen Körper
verloren hat ŕ diesen Körper, mittels dessen er sich stützt ŕ, weil er ihn hat bewahren und
schützen wollen in seinem Zugang zum Genießen, mit anderen Worten: der Knecht.
Wie sollte man da nicht versuchen, diese Hegelsche Zweideutigkeit aufzubrechen? Wie sollte
man nicht auf einen anderen Versuchsweg gebracht werden, ausgehend von dem, was uns durch
die analytische Erfahrung geliefert wird ŕ zu der man stets zurückkehren muß, um sich noch
enger an sie zu halten?
Noch einfacher: Es handelt sich darum, daß es einen Gebrauch des Signifikanten gibt, der sich
dadurch definieren läßt, daß man von der Abspaltung eines Herrensignifikanten von diesem
Körper ausgeht, von dem wir eben gesprochen haben, dem vom Knecht verlorenen Körper, der
nichts anderes wird als der Körper, in den sich alle anderen Signifikanten einschreiben.
In ebendieser Art könnten wir uns jenes Wissen verbildlichen, das Freud dadurch definiert, daß
er es in die rätselhafte Klammer des urverdrängt* setzt ŕ was eben bedeutet: das, was nicht hat
verdrängt werden müssen, weil es dies seit Anbeginn ist. Dieses Wissen ohne Kopf, wenn ich so
sagen darf, ist wirklich eine politisch gut definierbare Tatsache, als Struktur. Von da ausgehend
bindet sich alles, was sich durch die Arbeit produziert ŕ ich verstehe das im eigentlichen,
vollen Sinne des Wortes produzieren ŕ, alles was sich produziert betreffend die Wahrheit des
Herrn, nämlich das, was er als Subjekt verbirgt, wieder an dieses Wissen an, insofern es
abgespalten, urverdrängt* ist, insofern es ist und niemand etwas davon versteht.
Ebendas bleibt, hoffe ich, bei Ihnen nicht ohne Echo ŕ ohne daß Sie übrigens wüßten, ob
dieses Echo von rechts oder von links kommt. Zunächst strukturiert sich das in dem, was man
die mythische Stütze bestimmter Gesellschaften nennt. Wir können sie als ethnographische

128Mitschrift: jeder
129Mitschrift: ihr
130Mitschrift: Sie

92

analysieren, d.h. als solche, die dem Diskurs des Herrn insofern entgehen, als dieser mit der Prädominanz des Subjekts einsetzt, insofern dieses gerade dazu tendiert, sich auf nichts zu stützen
als auf diesen aufs äußerste reduzierten Mythos: identisch zu sein mit seinem eigenen
Signifikanten.
Ebendamit habe ich Ihnen letztesmal gezeigt, was die Mathematik an Affinem zu diesem
Diskurs hat, die Mathematik, in der A sich selbst repräsentiert, ohne daß es den mythischen
Diskurs dazu benötigte, ihm seine Beziehungen zu verschaffen. Genau dadurch repräsentiert die
Mathematik das Wissen des Herrn, insofern als es auf andere Gesetze gegründet ist als das
mythische Wissen.
Kurz, das Wissen des Herrn produziert sich als ein dem mythischen Wissen gegenüber vollstän- 103
dig autonomes Wissen, und genau das nennt man die Wissenschaft.
Deren Gestalt habe ich Ihnen letztesmal in einer raschen Erwähnung der Thermodynamik und,
weiter noch, jeglicher Vereinheitlichung des physikalischen Feldes gezeigt. Diese beruht auf der
Erhaltung einer Einheit, die nichts als eine Konstante ist, die in der Berechnung ŕ ich sage
nicht mal in der Quantifizierung ŕ durch eine Zahlenmanipulation stets wiedergefunden wird,
die also so definiert ist, daß sie diese Konstante in jedem Fall in der Berechnung erscheinen läßt.
Ebendas ganz allein stützt das, was, bei der Grundlegung der physikalischen Wissenschaft, die
Energie genannt wird.
Diese Stütze hängt damit zusammen, daß die Mathematik nur von daher konstruierbar ist, daß
der Signifikant sich selbst signifizieren kann. Das A, das Sie einmal geschrieben haben, kann
signifiziert werden durch seine Wiederholung als A. Nun, diese Position ist strikt unhaltbar, sie
bildet einen Bruch [infraction] der Regel hinsichtlich der Funktion des Signifikanten, der alles
signifizieren kann außer, ganz sicher, sich selbst. Ebendieses Ausgangspostulats muß man sich
entledigen, damit der mathematische Diskurs sich inauguriere.
Zwischen diesen beiden, vom ursprünglichen Bruch bis zur Konstruktion des Diskurses der
Energetik, hält sich der Diskurs der Wissenschaft in der Logik nur dadurch, daß er aus der
Wahrheit ein Spiel mit Werten macht, wobei er ihrer ganzen dynamischen Macht radikal
ausweicht. In der Tat ist der Diskurs der Aussagenlogik, wie man betont hat, grundlegend
tautologisch. Er besteht darin, Sätze anzuordnen, die so zusammengesetzt sind, daß sie immer
wahr sind, gleich ob der Wert der Elementarsätze wahr oder falsch ist. Heißt das nicht sich
dessen entledigen, was ich soeben den Dynamismus der Arbeit der Wahrheit nannte?
Nun, der analytische Diskurs spezifiziert sich, zeichnet sich dadurch aus, daß er die Frage stellt,
wozu diese Wissensform dient, die die Dynamik der Wahrheit zurückweist und ausschließt.
Erste Annäherung: Sie dient dazu, das zu verdrängen, was das mythische Wissen bewohnt.
Indem sie aber dieses Wissen ausschließt, kennt sie von ihm zugleich nicht mehr als in der Form
dessen, was wir unter der Form des Unbewußten wiederfinden, d.h. als Treibgut dieses Wissens,
in der Form eines disjunkten Wissens. Was dann von diesem disjunkten Wissen rekonstruiert
wird, stellt in keiner Weise eine Rückkehr dar, weder zum Diskurs der Wissenschaft noch zu
seinen Strukturgesetzen.
Das heißt, daß ich mich hier von dem absetze, was Freud darüber aussagt. Dem Diskurs der 104
Wissenschaft ist dieses disjunkte Wissen, so wie wir es im Unbewußten wiederfinden, fremd.
Und genau deshalb überrascht es, daß der Diskurs des Unbewußten sich durchsetzt. Er setzt sich
ganz exakt wegen dem durch, das ich neulich in jener Form geäußert habe, von der man glauben

93

muß, ich hätte, weil ich sie benutzte, keine bessere gefunden ŕ wegen dem, daß er keinen
Blödsinn redet. So blöd er auch immer sein mag, dieser Diskurs des Unbewußten, er antwortet
auf etwas, das mit der Einrichtung des Diskurses des Herrn selbst zusammenhängt. Ebendas
nennt sich das Unbewußte. Es zwingt sich der Wissenschaft auf als Faktum.
Diese gemachte, d.h. künstliche Wissenschaft kann nicht verkennen, was ihr als Artefakt erscheint, das ist wahr. Nur, gerade weil sie Wissenschaft des Herrn ist, ist es ihr untersagt, sich
die Frage nach dem Handwerker zu stellen, und dies macht dann das um so gemachtere Faktum
aus.
Sehr bald nach dem letzten Krieg ŕ ich war schon lange auf der Welt ŕ, habe ich drei
Personen aus dem Hinterland von Togo in Analyse genommen, die dort ihre Kindheit verbracht
hatten. Nun, ich konnte in ihrer Analyse keine Spur von den Bräuchen und Glaubensinhalten
ihres Stammes entdecken ŕ die sie nicht vergessen hatten, die sie kannten, jedoch aus dem
Blickwinkel der Ethnographie. Man muß sagen, alles war dazu angetan, sie von ihnen
abzutrennen, nach dem, was sie waren, diese mutigen kleinen Ärzte, die versuchten, sich in die
medizinische Hierarchie des Mutterlandes einzuschleichen ŕ wir befanden uns noch in der
Kolonialzeit. Was sie also vom Niveau des Ethnographen aus davon wußten, war beinah das des
Journalismus, ihr Unbewußtes aber funktionierte nach den guten alten Regeln des Ödipus. Es
war das Unbewußte, das man ihnen zugleich mit den Gesetzen der Kolonialisierung verkauft
hatte, dieser exotischen, regressiven Form des Diskurses des Herrn mit Blick auf den Kapitalismus, den man Imperialismus nennt. Ihr Unbewußtes war nicht das ihrer
Kindheitserinnerungen ŕ das spürte man ŕ, sondern sie hatten ihre Kindheit rückwirkend in
unseren famil-ialen131 Kategorien erlebt ŕ schreiben Sie das Wort so, wie ich es Ihnen letztes
Jahr beigebracht habe. Ich fordere jeden Analytiker, wer immer es sei, heraus, mir zu widersprechen ŕ selbst wenn's zum Duell käme.
Eine ethnographische Untersuchung zu unternehmen, dazu kann die Analyse nicht dienen. Das
heißt, außer unter Bezug auf den Diskurs der Wissenschaft hat besagte Untersuchung keinerlei
Aussicht, mit dem autochthonen Wissen zusammenzufallen. Und unglücklicherweise hat besagte Untersuchung überhaupt keine irgend geartete Vorstellung von diesem Bezug, weil sie ihn
relativieren müßte. Wenn ich sage, daß man mittels der Psychoanalyse nicht in eine
ethnographische Untersuchung eintreten kann, dann kann ich mir der Zustimmung aller 105
Ethnographen sicher sein. Ich könnte es vielleicht weniger sein, würde ich ihnen sagen, daß
man, um auch nur eine ungefähre Vorstellung von der Relativierung des Diskurses des Wissens
zu haben, d.h. um vielleicht wenigstens eine kleine Aussicht darauf zu haben, eine exakte
ethnographische Untersuchung durchzuführen, daß man dann, ich wiederhole es, nicht mittels
der Analyse vorgehen darf, sondern daß man vielleicht, falls es das gibt, ein Analytiker sein
muß.
Hier, am Scheideweg, sagen wir, daß das, was die Analyse uns zu erfassen erlaubt, nichts anderes ist als das, was auf dem Weg liegt, den der Marxismus eröffnet hat, nämlich daß der Diskurs
an die Interessen des Subjekts gebunden ist. Ebendas nennt Marx bei der Gelegenheit Ökonomie, denn diese Interessen sind, in der kapitalistischen Gesellschaft, ganz und gar
kaufmännische. Nur, da die Ware an den Herrensignifikanten gebunden ist, bringt es nichts, ihn
so zu denunzieren. Denn nach der sozialistischen Revolution ist die Ware nicht weniger an
131Mitschrift: »femm-il-ialen«, wodurch die Allusion an femme = Frau deutlich wird.

94

diesen Signifikanten gebunden.

2
Ich schreibe jetzt die dem Diskurs eigenen Funktionen aus, so wie ich sie dargelegt habe.
Herrensignifikant
Subjekt

Wissen
Genießen

Diese Funktionalisierung des Diskurses ist definiert durch Abspaltung, genau gesagt: durch die
Unterscheidung des Herrensignifikanten in Hinsicht auf das Wissen.
In den primitiv genannten Gesellschaften, insofern ich sie einschreibe als nicht vom Diskurs des
Herrn beherrscht ŕ ich sage das für den, der ein bißchen mehr darüber wissen möchte ŕ, ist es
gut möglich, daß der Herrensignifikant durch eine komplexere Ökonomie bestimmt werden
kann. Genau bis dahin kommen die besten sogenannten soziologischen Untersuchungen über
das Feld dieser Gesellschaften. Freuen wir uns, um so mehr darüber, daß 132 der
Herrensignifikant im Diskurs des Herrn nicht aus Zufall einfacher funktioniert.
Er ist dort vollkommen handhabbar durch jenen Bezug S1 zu S2, das Sie da geschrieben sehen. 106
In diesem Diskurs findet sich das Subjekt, mit all den Illusionen, die es mit sich trägt, an den
Herrensignifikanten gebunden, während die Einführung ins Genießen die Tat des Wissens ist.
Nun, ich bringe dieses Jahr folgendes: Diese dem Diskurs eigenen Funktionen können unterschiedliche Situierungen finden. Ebendas definiert ihre Rotation über diese vier Plätze, die Sie
hier überhaupt nicht mit Buchstaben bezeichnet sehen, sondern nur durch das, was ich gelegentlich oben, links, unten und rechts nenne.
Ich füge, ein bißchen verspätet, hinzu ŕ und zwar um denen einen Licht aufzustecken, die sie
vielleicht aufgrund der Wirkung ihres begrenzten Gripses bezeichnet haben ŕ, daß hier zum
Beispiel das Begehren ist, und auf der anderen Seite der Sitz des Andern. Dort stellt sich das
dar, von dem ich in einem früheren Register gesprochen habe, zu der Zeit, als ich mich mit einer
derartigen Annäherung begnügte, indem ich sagte, daß das Begehren des Menschen das
Begehren des Andern ist.
Der Platz, der sich unter dem Begehren abzeichnet, ist der der Wahrheit. Der unter dem Andern
ist der, wo sich der Verlust produziert, der Verlust an Genießen, aus dem wir die Funktion der
Mehrlust extrahieren.
Begehren
Wahrheit

Anderer
Verlust

Genau da gewinnt der Diskurs der Hysterika seinen Wert. Ihm kommt das Verdienst zu, in der
132Mitschrift: darüber, und um so mehr, als

95

Institution des Diskurses die Frage nach dem aufrechtzuerhalten, was es mit dem
Geschlechtsverhältnis auf sich hat, nämlich wie ein Subjekt es unterhalten oder besser gesagt, es
nicht unterhalten kann.
In der Tat, die Antwort auf die Frage, wie es es unterhalten kann, ist die folgende: Indem es das
Sprechen dem Andern überläßt, und zwar genau als Ort des verdrängten Wissens.
Das Interessante, das ist folgende Wahrheit: Was es mit dem geschlechtlichen Wissen auf sich
hat, ergibt sich voll und ganz daraus, daß es dem Subjekt fremd ist. Ebendas ist es, was ursprünglich, im Freudschen Diskurs, das Verdrängte genannt wird.
Das ist aber nicht das, worauf es ankommt. Ganz strenggenommen hat das, wenn man so sagen
kann, keinen andern Effekt als den einer Rechtfertigung des Obskurantismus: Die
Wahrheiten, die für uns wichtig sind, und das nicht wenig, sind dazu verurteilt, obskur zu sein.
Dem ist nicht so. Will sagen, daß der Diskurs der Hysterika nicht der Beleg dafür ist, daß das
Unterlegene unten steht. Ganz im Gegenteil, als Batterie von Funktionen unterscheidet er sich
nicht von jenen [Funktionen], die dem Diskurs des Herrn zugewiesen sind. Und genau das 107
erlaubt es, dort dieselben Buchstaben einzusetzen, die auch letzterem dienen, nämlich das $, das
S1, das S2 und das a.

$
a

S1
S2

Ganz einfach, der Diskurs der Hysterika enthüllt die Beziehung des Diskurses des Herrn zum
Genießen, und zwar dadurch, daß das Wissen dort an den Platz des Genießens kommt. Das Subjekt selbst, hysterisch, entfremdet sich dem Herren-Signifikanten als das, was der Signifikant
spaltet ŕ das repräsentiert das Subjekt ŕ, als das, was sich weigert, sich zum Körper dieses
Signifikanten zu machen. Bezüglich der Hysterika spricht man von somatischem Entgegenkommen. Auch wenn der Begriff von Freud stammt ŕ fällt uns nicht auf, daß er recht seltsam ist
und daß es sich hier eher um Verweigerung des Körpers handelt? Folgt man der Wirkung des
Herren-Signifikanten, dann ist die Hysterika kein Knecht.
Verleihen wir diesem Subjekt jetzt das sexuelle Erscheinungsbild, in dem es sich am häufigsten
verkörpert. Auf ihre Weise befindet sie sich in einer Art Streik. Sie liefert ihr Wissen nicht aus.
Indes demaskiert sie die Funktion des Herrn, mit dem sie solidarisch bleibt, indem sie das Herrenmäßige an dem herausstreicht, was das Ein, mit großem E, ist, dem sie sich als Objekt seines
Begehrens entzieht. Da liegt die eigentliche Funktion, die wir, zumindest im Feld meiner
Schule, seit langem bestimmt haben unter dem Titel des idealisierten Vaters.
Machen wir keine Umwege und rufen wir Dora wieder herein ŕ von der ich wirklich
unterstellen muß, daß alle, die da sind, um mich zu hören, sie kennen.
Man muß Dora lesen und darf, durch die gewundenen Deutungen [interpretations contournées]
hindurch ŕ ich gebrauche hier ausdrücklich den Begriff, den Freud der Ökonomie seiner Manöver133 beilegt ŕ, etwas nicht aus dem Blick verlieren, von dem ich zu sagen wage, daß Freud
es mit seinen Vorurteilen verdeckt.
Ich mache hier eine kleine Klammer auf. Ob Sie den Text nun im Kopf haben oder nicht, beziehen Sie sich auf ihn, und Sie werden diese Sätze sehen, die Freud selbstverständlich scheinen ŕ
133Mitschrift: Malheurs

96

zum Beispiel, daß ein Mädchen mit solchen Schwierigkeiten ganz allein fertig wird, ja selbst
dann, wenn ein Herr ihr zu nahe tritt, daß man weiter keine Geschichten zu machen braucht,
wenn man ein gutes Mädchen/eine gute Tochter ist, wohl verstanden. Und warum? Weil Freud
das so denkt. Oder auch, was noch weiter geht, weil ein normales Mädchen nicht angeekelt zu 108
sein hat, wenn man ihr gegenüber zutraulich wird. Das scheint selbstverständlich. Hier gilt es,
das Funktionieren dessen, was ich Vorurteil nenne, in einer bestimmten Herangehensweise an
das zu erkennen, was da von unserer Dora enthüllt wird.
Wenn dieser Text gleichwohl einige der Kennzeichen bewahrt hat, mit denen ich Sie vertraut zu
machen suche, dann werden Sie sehen, daß das Wort gewunden, das ich vorhin gebraucht habe
ŕ daß es Ihnen nicht unberechtigt vorkommen wird, es selbst zu gebrauchen. Die staunenswerte Finesse, die schlaue List dieser Kehren, mittels deren Freud die multiplen Ebenen erklärt,
auf denen sich, durch drei oder vier aufeinanderfolgende Abwehren hindurch, Doras ŕ wie ich
es nenne ŕ Manöver in Liebesdingen bricht ŕ vielleicht zeigt Ihnen diese Finesse dadurch,
daß in ihr widerhallt, was Freud selbst in seiner Traumdeutung* aufgezeigt hat, daß diese
Konturen von einer bestimmten Herangehensweise abhängig sind.
Warum sollte man nicht, in Übereinstimmung mit dem, was ich zu Beginn meines heutigen Diskurses über den Vater gesagt habe, also daß die subjektive Verbindung seiner Signifikantenverknüpfung eine bestimmte Art von Objektivität gewinnt, warum sollte man nicht von der Tatsache ausgehen, daß Doras Vater, Angelpunkt des ganzen Abenteuers, oder des ganzen Mißgeschicks, recht eigentlich ein kastrierter Mann ist, ich meine, was sein sexuelles Vermögen angeht? Offensichtlich ist er am Ende, ist er sehr krank.
In allen Fällen, seit Studien über Hysterie*, erwirbt sich der Vater symbolische Wertschätzung.
Alles in allem ist selbst ein kranker oder sterbender [Vater] das, was er ist. Ihn in bezug auf eine
Funktion, die er nicht ausübt, als defizient anzusehen, heißt, ihm eigentlich gesagt eine symbolische Bestimmung zuweisen. Das heißt, implizit aussprechen, daß der Vater nicht nur das ist,
was er ist, daß das ein Titel ist wie alter Krieger: alter Erzeuger. Wie der alte Krieger ist er Vater bis ans Ende seines Lebens. Das heißt, im Wort Vater etwas implizieren, das im Hinblick auf
die Schöpfung immer in Kraft ist. Und in bezug darauf muß man, in diesem symbolischen Feld,
bemerken, daß der Vater, insofern er diese Rolle des Angelpunkts, diese Haupt-, diese HerrenRolle im Diskurs der Hysterika spielt, daß dies genau das ist, von dem sich unter diesem Blickwinkel der Schöpfungsmacht sehr genau herausstellt, daß es seine Stellung im Verhältnis zur
Frau stützt, obwohl er außerstande ist. Genau das spezifiziert die Funktion, aus der die Vaterbeziehung der Hysterika hervorgeht, und es ist ganz genau das, was wir als idealisierten Vater bezeichnen.
Ich habe gesagt, ich würde keine Umwege machen, ich nehme Dora, und ich bitte Sie, den Fall 109
nach mir wiederzulesen, um zu sehen, ob das, was ich sage, wahr ist. Nun, Herr K., den ich hier
kurioserweise den dritten Mann nennen werde ŕ wie fügt sich das, was Dora an ihm paßt?
Ich habe es seit langem gesagt, aber warum sollte ich es nicht wiederholen, wobei ich mich an
die strukturale Definition halte, so wie wir sie mit Hilfe des Diskurses des Herrn geben können?
Was Dora paßt, das ist die Vorstellung, daß er das Organ hat.
Das nimmt Freud wahr, und er gibt sehr präzise an, daß genau das die entscheidende Rolle
spielt beim ersten Mal, beim ersten Zusammenstoß, wenn ich so sagen darf, Doras mit Herrn K.,
als sie vierzehn ist und der andere sie in einer Umarmung festnagelt. Die Verbindungen der

97

beiden Familien untereinander verändert das nicht im geringsten. Niemand denkt übrigens auch
nur im Traum daran, sich darüber zu wundern. Wie Freud sagt: ein Mädchen wird mit diesen
Dingen stets ganz allein fertig. Das Merkwürdige dabei ist nun gerade, daß eintritt, daß sie eben
nicht mehr allein damit fertig wird, daß sie alle miteinander da hineinzieht ŕ aber später.
Also, warum der dritte Mann? Sicher, was seinen Wert ausmacht, ist das Organ, nicht aber so,
daß Dora damit ihr Glück mache, wenn ich so sagen darf ŕ sondern damit eine andere sie
seiner beraube [pour qu’une autre l’en prive].
Was Dora interessiert, ist nicht der Schmuck, selbst wenn er aufdringlich ist. Erinnern Sie sich
an diese Beobachtung, die drei Monate dauert und ganz und gar dazu gemacht ist, als Kelch für
zwei Träume zu dienen. Der erste Traum, der mit dem Schmuckkästchen, bezeugt es: es ist
nicht der Schmuck, es ist das Kästchen, die Umhüllung des kostbaren Organs, da haben Sie das,
dessen allein sie genießt.
Sie kann seiner [des Kästchens] sehr gut durch sich selbst genießen, wie uns die entscheidende
Wichtigkeit bezeugt, die die infantile Masturbation für sie besitzt, von der uns in der Untersuchung übrigens nichts verrät, welchem Modus sie gehorchte, außer daß er wahrscheinlich einen
Bezug zu dem hatte, was ich den flüssigen, fließenden Rhythmus nennen möchte, dessen
Vorbild im Bettnässen liegt. In ihrer Geschichte erklärt man uns ihr Bettnässen als verspätet
induziert durch das ihres Bruders, der, um anderthalb Jahre älter als sie, bis zum Alter von acht
Jahren von einem Bettnässen affiziert war, dessen Staffelholz sie gewissermaßen mit
Verspätung übernimmt.
Dies, das Bettnässen, ist ganz und gar charakteristisch und wie das Stigma, wenn man so sagen
kann, der imaginären Substitution des Vater gerade als unvermögendem [impotentem] durch das
Kind. Ich berufe mich hier auf all jene, die, aus ihrer Erfahrung mit Kindern heraus, diese Epi- 110
sode, wegen der es recht häufig vorkommt, daß man den Analytiker intervenieren läßt, in ihre
Sammlung aufnehmen können.
Dem fügt sich die theoretische Kontemplation der Frau K. an, wenn ich mich so ausdrücken
darf, so wie sie sich während des Aufenthalts der entrückten Dora vor der Dresdner Madonna
entfaltet. Diese Frau K. ist die, die weiß, wie man das Begehren des idealisierten Vaters stützt,
aber auch, wie man die Gewähr dafür in sich enthält, wenn ich so sagen darf, und in eins damit,
wie man Dora seiner beraubt, sie, die sich so doppelt um ihre Beute gebracht sieht. Nun,
ebendadurch ist dieser Komplex das Kennzeichen der Identifizierung mit einem Genießen,
insofern als es das des Herrn ist.
Kleine Klammer. Nicht ohne Grund ist hier an die Analogie zu erinnern, die zwischen dem
Bettnässen und dem Ehrgeiz hergestellt worden ist. Bekräftigen wir aber die Bedingung, die an
Herrn K.s Geschenke geknüpft ist: es muß das Kästchen sein. Er schenkt ihr nicht etwas
anderes, ein Schmuckkästchen. Denn der Schmuck, das ist sie. Sein eigener, wie ich gerade
gesagt habe: aufdringlicher Schmuck, soll er sich anderswo einnisten, daß man es nur wisse.
Daher der Bruch ŕ seine Bedeutung habe ich schon seit langem deutlich gemacht ŕ, als Herr
K. ihr sagt: Ich habe nichts an meiner Frau. Sehr wahr, in diesem Augenblick bietet sich ihr das
Genießen des Andern, und sie will es nicht, denn das, was sie will, das ist das Wissen als Mittel
des Genießens, aber um es der Wahrheit dienen zu lassen, der Wahrheit des Herrn, die sie
verkörpert als Dora.
Und diese Wahrheit, um sie endlich zu sagen, das ist, daß der Herr kastriert ist.

98

In der Tat: Würde das Genießen, das als einziges das Glück repräsentieren kann, also jenes Genießen, das ich letztesmal als perfekt (ab)geschlossen definiert habe, das phallische Genießen,
ihn, diesen Herrn, dominieren ŕ Sie sehen den Term, den ich gebrauche, der Herr kann nur
dadurch dominieren, daß er es ausschließt ŕ, wie sollte der Herr dann dieses Verhältnis zum
Wissen etablieren ŕ zu jenem, das vom Knecht gehalten wird ŕ, dessen Gewinn die
Erzwingung der Mehrlust ist? Der Herr kann es nur dadurch dominieren, daß er dieses Genießen
ausschließt.
Auch der zweite Traum macht deutlich, daß der symbolische Vater wirklich der tote Vater ist,
daß man ihn nur über einen Ort erreicht, der leer ist und ohne Kommunikation. Rufen Sie sich
die Struktur dieses Traums in Erinnerung, die Art und Weise, auf die Dora die Nachricht durch
ihre Mutter erhält: Wenn du willst, kannst du kommen, sagt die Mutter wie ein Echo dessen, was
Frau K. ihr damals vorgeschlagen hat, nämlich an die Stelle zu kommen, an der sich mit dem
Ehemann der Besagten all jene Dramen abspielen müssen, von denen wir gesprochen haben,
Wenn du willst, kannst du kommen, dein Vater ist tot, und man begräbt ihn ŕ, und erinnern Sie 111
sich daran, wie sie dort hingelangt, ohne daß man im Traum je wissen wird, durch welches
Mittel es ihr gelingt, an einem Ort anzukommen, von dem sie fragen muß, ob ihr Herr Vater
wirklich da wohnt, so als wüßte sie es nicht.
Nun, in dem leeren Kästchen dieser Wohnung, die verlassen ist von denen, die, nachdem sie sie
eingeladen haben, ihrerseits zum Friedhof gegangen sind, findet Dora mühelos das Substitut für
diesen Vater in einem dicken Buch 134, dem Nachschlagewerk, jenem, aus dem man lernt, was
das Geschlecht betrifft. Da genau macht sie deutlich, daß das, was ihr wichtig ist, und sei's über
den Tod ihres Vaters hinaus, das ist, daß er Wissen produziert. Nicht irgendein Wissen ŕ ein
Wissen über die Wahrheit.
Genau das wird ihr von der analytischen Erfahrung genügen. Diese Wahrheit, zu der Freud ihr
auf wunderbare Weise verhilft ŕ und ebendeshalb bindet er sie an sich ŕ, sie wird genug Befriedigung darin finden, sie von jedermann (an)erkennen zu lassen. Was es mit den Beziehungen
ihres Vaters zu Frau K. sowie mit den ihren zu Herrn K. wirklich auf sich hatte, alles, was die
andern haben begraben wollen von den gleichwohl völlig authentischen Episoden, zu deren Repräsentantin sie sich machte ŕ all das drängt sich auf ŕ, genügt ihr, um mit Würde zu Ende zu
bringen, was es mit der Analyse auf sich hat, selbst wenn Freud, was ihr Schicksal als Frau betrifft, mit ihrem Ausgang überhaupt nicht zufrieden scheint.

3
Bei der Gelegenheit gäbe es ein paar kleine Anmerkungen zu machen, die nicht vergebens sind.
Bezüglich des Traums vom Schmuck zum Beispiel, wo es darum geht, daß Dora fortgeht, weil
die Feuersbrunst droht, sagt uns Freud, in der Analyse innehaltend, man dürfe nicht vergessen,
daß es, damit ein Traum auf seinen zwei Beinen stehe, nicht ausreicht, daß er einen Vorsatz repräsentiert, ein lebhaftes Begehren des Subjekts, das die Gegenwart betrifft, sondern daß es
etwas bedarf, das ihm [dem Traum] seinen Halt in einem Begehren aus der Kindheit verleiht.
Und da bezieht er sich ŕ und man hält das gewöhnlich für eine Eleganz ŕ auf den
134Im Original: »gros livre«, zu lesen auch im Sinne von »schwanger«.

99

Unternehmer, den Unternehmer des Vorsatzes, in seinem Verhältnis zum Kapitalisten, dessen
akkumulierte Ressourcen, das Libido-Kapital, diesem Vorsatz erlauben werden, sich in die Tat
umzusetzen.
Das sind so Sachen, die man für eine Metapher hält. Ist es nicht amüsant zu sehen, daß das, nach
dem, was ich Ihnen gesagt habe über die Beziehung des Kapitalismus135 zur Funktion des Herrn
ŕ über die Beziehung des ganz und gar anderen Charakters dessen, was sich aus dem Akkumulationsvorgang machen läßt, zur Präsenz der Mehrlust ŕ über die Beziehung der Präsenz 112
selbst dieser Mehrlust zum Ausschluß des guten alten Genießens, des einfachen Genießens, des
Genießens, das sich in der nackten Kopulation realisiert ŕ daß das alles einen anderen Wert
annimmt? Bezieht das infantile Begehren nicht genau daher seine Kraft? ŕ seine Kraft der
Akkumulation im Hinblick auf dieses Objekt, das die Ursache des Begehrens ausmacht, nämlich
das, was sich an Libido-Kapital akkumuliert wegen der, genau: infantilen Unreife, der
Ausschluß des Genießens, den andere normal nennen. Das also setzt mit einemmal seinen ganz
eigenen Akzent auf die Freudsche Metapher, wenn er sich auf den Kapitalisten bezieht.
Andererseits aber ŕ: auch wenn sich erwiesen hat, daß Freud durch seinen glänzenden Mut
einen gewissen Erfolg Doras auf den Punkt bringt, so zeigt sich, sagen wir mal, seine Ungeschicklichkeit, seine Patientin zu halten, doch nicht weniger.
Man lese diese paar Zeilen, wo Freud, auf gewisse Weise gegen seinen Willen, einen gewissen
Zweifel erkennen läßt, der wirklich grundstürzend und pathetisch ist, indem er sich sagt, daß es
ihm vielleicht, hätte er mehr Interesse an ihr gezeigt ŕ und Gott weiß, daß er es ihr entgegenbringt, die ganze Untersuchung bezeugt es ŕ, zweifellos geglückt wäre, sie diese Exploration
weiter treiben zu lassen, von der man nicht sagen kann, er habe sie, seinem eigenen Eingeständnis nach, ohne Irrtum durchgeführt.
Gott sei Dank, Freud hat es nicht getan. Glücklicherweise, denn indem er Dora die Befriedigungen ihres Interesses an dem verschafft hat, was er als ihren Anspruch verspürt, Liebesanspruch,
hat er nicht, wie's der Brauch ist, den Platz der Mutter eingenommen. Denn eins ist sicher:
Schulden wir nicht gerade dieser Erfahrung, falls sie seine Haltung in der Folge womöglich
verändert hat, die Tatsache, daß Freud festgestellt hat ŕ und er läßt die Arme sinken, er verliert
darüber den Mut ŕ, daß alles, was er für die Hysterikerinnen hat tun können, zu nichts anderem
führte als zu dem, was er als Penisneid* festmacht? Was, wenn man es artikuliert, vor allem
bedeutet, daß das in den Vorwurf der Tochter gegen die Mutter mündet, sie nicht als Junge
erschaffen zu haben, d.h. in den Übertrag [report] ŕ und zwar in Form der Frustration ŕ
dessen auf die Mutter, was sich ŕ der signifikativen Essenz der Frustration nach und so, wie
diese dem Diskurs der Hysterika seinen Platz und seine lebendige Funktion verleiht im Hinblick
auf den Diskurs des Herrn ŕ verdoppelt in, einerseits, Kastration des idealisierten Vaters, der
das Geheimnis des Herrn preisgibt, und, andererseits, Privation, Aufsichnehmen [assomption]
durch das Subjekt, weiblich oder nicht, des Genießens beraubt zu sein [de la jouissance d'être
privé].
Und warum hat sich Freud dermaßen getäuscht ŕ wo er doch, wenn man meiner heutigen Analyse glaubt, buchstäblich nur hätte zu fressen brauchen, was man ihm mit der Hand anbot?
Warum substituiert er dem Wissen, das er aus all diesen goldenen Mündern empfangen hat ŕ 113
Anna, Emmy, Dora ŕ, diesen Mythos, den Ödipuskomplex?
135Mitschrift: Kapitalisten

100

Der Ödipus spielt die Rolle des Wissens, das Anspruch auf Wahrheit erhebt, d.h. des Wissens,
das sich in der Gestalt des Diskurses des Analytikers an dem Platz situiert, den ich eben gerade
den der Wahrheit genannt habe.

a
S2

$
S1

Wenn sich die gesamte analytische Deutung für die Seite des »Gratifikation oder nicht Gratifikation« entschieden hat, für die Seite des »Antwort oder nicht Antwort auf den Anspruch«,
kurz, für eine in Richtung auf den Anspruch hin stetig wachsende Umgehung dessen, was die
Dialektik des Begehrens ist, das metonymische Gleiten, wenn es darum geht, das Objekt als
konstant sicherzustellen, dann wahrscheinlich auf Grund des strenggenommen unbrauchbaren
Charakters des Ödipuskomplexes. Seltsam, daß dies nicht schneller klar geworden ist.
Und tatsächlich: Welchen Platz nimmt in einer Analyse der Bezug auf diesen berühmtberüchtigten Ödipuskomplex ein, wer gebraucht ihn? Ich fordere hier all jene, die Analytiker
sind, auf, zu antworten. Die vom Institut136 bedienen sich seiner natürlich nie. Die aus meiner
Schule bemühen sich wenigstens ein bißchen. Ganz klar, es bringt nichts, es kommt aufs selbe
raus wie bei den andern. Strenggenommen ist er nicht zu gebrauchen, ausgenommen als ganz
plumpe Mahnung an den Wert der Mutter als Hindernis für jedwede Besetzung eines Objekts
als Ursache des Begehrens.
Daher die außerordentlichen Spintisierereien, bei denen manche Analytiker landen betreffend
den kombinierten Elter [le parent combiné], wie sie sagen. Das bedeutet nur eins: ein A zu
errichten als Hehler des Genießens, den man allgemein Gott nennt und mit dem es die Mühe
lohnt, um’s Doppelt-oder-Gar nichts der Mehrlust zu spielen, d.h. dieses Funktionieren, das man
das Überich nennt.
Ich verwöhne Sie heute. Ich hatte dieses Wort bisher noch nicht geäußert. Dafür hatte ich meine
Gründe. Ich mußte zumindest an dem Punkt angekommen sein, an dem ich bin, damit das, was
ich Ihnen letztes Jahr137 über Pascals Wette gesagt hatte, operativ werden kann.
Einige haben es vielleicht geahnt ŕ das Überich ist exakt das, was ich darzulegen begonnen
habe, als ich Ihnen sagte, daß das Leben, das einstweilige Leben, das sich abspielt zugunsten
einer Chance auf ewiges Leben, daß das das a ist, daß das die Mühe aber nur lohnt, wenn das A 114
nicht gebarrt ist, anders gesagt, wenn es alles auf einmal ist. Nur, da es nicht nur den kombinierten Elter nicht gibt, weil es auf der einen Seite den Vater gibt und auf der andern die Mutter; da
es auch das Subjekt nicht gibt, es ist ebenfalls zweigeteilt, da es gebarrt ist, da das, alles in
allem, die Antwort ist, die mein Graph dem Aussagen bezeichnet, stellt dies ernsthaft in Frage,
daß man mit dem ewigen Leben um’s Doppelt-oder-Gar nichts der Mehrlust spielen könnte.
Ja, diese Zuflucht beim Mythos von Ödipus ist wirklich etwas Sensationelles. Es lohnt die
Mühe, daß wir uns ausführlich damit befassen. Und ich wollte Sie heute spüren lassen, was an
Enormem in der Tatsache steckt, daß Freud, zum Beispiel in der letzten der Neuen Folge der
Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, glauben kann, das, was es mit der Frage der
Zurückweisung der Religion aus jedwedem zulässigen Horizont auf sich habe, sei gelöst; daß er
136Gemeint ist das Institut de psychanalyse, die der SPP zugehörige Ausbildungsstätte für Psychoanalytiker.
137Séminaire XVI , D’un Autre à l’autre (1968-69).

101

denken kann, die Analyse spiele dabei eine entscheidende Rolle; und daß er glauben kann, er
habe damit Schluß gemacht, indem er uns gesagt hat, daß die Stütze der Religion nichts anderes
ist als dieser Vater, an den das Kind sich in seiner Kindheit wendet und von dem es weiß, daß er
ganz Liebe ist, daß er dem zuvorkommt, dem vorbeugt, was sich bei ihm, dem Kind, an
Unbehagen manifestieren mag.
Ist das nicht seltsam, wenn man weiß, was es tatsächlich mit der Funktion des Vaters auf sich
hat? Sicher, nicht nur von diesem Ende her präsentiert Freud uns ein Paradox, nämlich die Idee,
sie [= die Funktion] in Beziehung zu setzen zu einem gewissen ursprünglichen Genießen aller
Frauen, wo doch recht gut bekannt ist, daß ein Vater ganz genau für eine ausreicht, und selbst
dann braucht er sich nichts drauf einzubilden. Ein Vater hat mit dem Herrn ŕ ich spreche vom
Herrn, so wie wir ihn kennen, so wie er funktioniert ŕ nur ganz entfernt zu tun, da er, alles in
allem, zumindest in der Gesellschaft, mit der Freud zu tun hat, derjenige ist, der für alle
schuftet. Er trägt die Last der famil138, von der ich vorhin gesprochen habe. Ist das nicht seltsam
genug, als daß es uns nicht nahelegen sollte, daß, alles in allem, das, was Freud bewahrt,
tatsächlich oder doch wenigstens der Absicht nach, ganz genau das ist, was er als das
Substantiellste in der Religion bezeichnet: nämlich die Idee eines Vaters, der ganz Liebe [toutamour] ist? Und genau das bezeichnet die erste der drei Formen der Identifizierung, die er in
dem Aufsatz isoliert, den ich gerade angesprochen habe: Der Vater ist Liebe, das erste, was es
in dieser Welt zu lieben gilt, ist der Vater. Seltsames Relikt. Freud glaubt, daß das die Religion
verdunsten lassen wird, während es doch in Wahrheit ihre Substanz selbst ist, die er bewahrt mit
diesem bizarr komponierten Mythos des Vaters.
Wir werden darauf zurückkommen, aber Sie können schon jetzt sehen, was darin zentral ist: all 115
dies mündet in die Idee des Mordes, nämlich daß der Ur-Vater der ist, den die Söhne getötet haben, wonach aus der Liebe zu diesem toten Vater eine bestimmte Ordnung hervorgeht. In seiner
enormen Widersprüchlichkeit, seiner Barockhaftigkeit und Überflußhaftigkeit ŕ scheint das
nicht nichts anderes zu sein als Abwehr gegen jene Wahrheiten, die das Wuchern aller Mythen
im Klartext artikuliert, lange bevor Freud, indem er den von Ödipus auswählt, sie beschneidet,
diese Wahrheiten? Was soll da verheimlicht werden? Dies: daß der Vater, sobald er ins Feld des
Diskurses des Herrn eintritt, in dem wir gerade dabei sind, uns zu orientieren, von Anfang an
kastriert ist.
Solcherart ist das, was Freud in die idealisierte Form kleidet und was vollständig getarnt ist. Indes, die Erfahrung der Hysterika, wenn nicht das, was sie sagte, so doch zumindest die Konfigurationen, die sie ihm anbot, hätten ihn hier besser als der Ödipuskomplex leiten und zu der
Erwägung führen müssen, daß das nahelegt, auf der Ebene der Analyse selbst müsse all das
erneut in Frage gestellt werden, was man an Wissen braucht, damit dieses Wissen am Sitz der
Wahrheit in Frage gestellt werden kann.
Das genau bildet Ziel und Zweck dessen, was wir Ihnen dieses Jahr zu entwickeln versuchen.
18. FEBRUAR 1970.

138Mitschrift: femme-il

102

117

VIII
ÖDIPUS, MOSES UND DER VATER DER URHORDE

Das reine Wissen des Herrn.
Das Unbehagen der astudés139.
Genealogie des Mehrwerts.
Das Feld des Blödsinn-Redens.
Der Ödipus, Freuds Traum.

Die Formulierung, die ich Ihnen vom Diskurs der Analyse zu geben versucht habe, bestimmt
ihn ausgehend von dem, womit er sich, durch alle Arten von Spuren, auf den ersten Blick als
bereits verwandt erweist, nämlich mit dem Diskurs des Herrn.
Oder vielmehr: Die Analyse nimmt ihre Bedeutung dadurch an, daß die Wahrheit des Diskurses
des Herrn getarnt ist.
1
Unter den vier Plätzen, an denen sich die artikulatorischen Elemente situieren, auf die ich die
Konsistenz gründe, die aus der Inbezugsetzung dieser Diskurse hervorgehen kann, wird der
Platz, den ich als den der Wahrheit bezeichnet habe, nur dadurch unterscheidbar, daß man dem
näher kommt, wie das, was durch die Artikulation an diesen Platz kommt, funktioniert. Dies ist
keine Besonderheit von ihm, man kann es ebenso für alle andern sagen.
Die Lokalisierung, die bisher darin bestand, die Plätze mit oben rechts oder oben links und so
weiter zu bezeichnen, kann uns natürlich nicht befriedigen. Es geht hier um eine Ebene der
Äquivalenz im Funktionieren. Zum Beispiel könnte man so schreiben, daß das, was der S 1 im
Diskurs des Herrn ist, mit dem kongruent oder gleichwertig genannt werden kann, was durch S2
im Diskurs der Universität funktioniert, in dem, was ich so qualifiziert habe, um die
Vorstellungen zu festigen, oder zumindest die mentale Anpassung.
H (S1)  U (S2)
Den Platz, um den es geht, werden wir Platz des Befehls, des Gebots nennen, während der Platz, 118
der in meinen diversen kleinen, vierfüßig genannten, Schemata unter ihm liegt, der Platz der
Wahrheit ist, was durchaus so seine Probleme mit sich bringt.
Auf der Ebene des Diskurses des Herrn kann der Platz oben links in der Tat nur von diesem $
besetzt werden, wozu, ehrlich gesagt, zunächst nichts nötigt, von dem also, was sich zunächst
139Von lat. »astutus« = listig, verschlagen, schlau.

103

nicht sorglos als mit sich identisch setzt. Wir werden sagen, dies sei das Prinzip des Diskurses,
der nicht beherrscht [maîtrisé], sondern ge-herrt [maître-isé] wird, mit Trennstrich, des Diskurses, insofern als er zum Herrn gemacht wird ŕ nämlich zu glauben, univok zu sein.
Und ganz sicher ist der Schritt, den die Analyse tut, genau der, uns behaupten zu lassen, das
Subjekt sei nicht univok. Vor zwei Jahren, in dem Moment, in dem ich versuchte, den
psychoanalytischen Akt zu artikulieren ŕ ein Trajekt, das unterwegs liegengeblieben ist und,
wie andere auch, nicht wiederaufgenommen werden wird ŕ, habe ich Ihnen die schlagende
Formel des Entweder ich denke nicht oder ich bin nicht gegeben. Diese Alternative gewinnt
allein dadurch, daß sie eingeführt wird, Gestalt, und eine recht resonante dazu, sobald es um den
Diskurs des Herrn geht.
Um sie weiterhin zu rechtfertigen, müssen wir sie übrigens dort erzeugen, wo sie allein evident
ist. Sie muß sich selbst am dominanten Platz erzeugen, und zwar im Diskurs der Hysterika,
damit tatsächlich ganz sicher ist, daß das Subjekt vor dieses vel gestellt ist, das sich durch das
Entweder ich denke nicht oder ich bin nicht ausdrückt. Da, wo ich denke, erkenne ich mich
nicht, bin ich nicht, das ist das Unbewußte. Da, wo ich bin, ist es nur zu klar, daß ich mich
verirre.
Offen gesagt: Stellt man die Dinge so dar, dann zeigt das, daß wenn das auf der Ebene des Diskurses des Herrn so lange im dunkeln geblieben ist, dann genau deshalb, weil es an einem Platz
ist, der, aufgrund seiner Struktur selbst, die Spaltung des Subjekts tarnte.
Was habe ich Ihnen in der Tat von jedem möglichen Sagen am Platz der Wahrheit gesagt? Die
Wahrheit, so sage ich Ihnen, wüßte sich nicht anders auszusagen als durch ein Halb-Sagen, und
das Modell dafür habe ich Ihnen im Rätsel gegeben. Denn genau so zeigt sie sich uns stets, und
ganz sicher nicht in der Frageform. Das Rätsel ist etwas, das uns dazu drängt, unter dem Aspekt
einer Todesgefahr zu antworten. Wie man seit langem weiß, ist die Wahrheit nur für die
Verwalter eine Frage. Was ist die Wahrheit? ŕ man weiß, von wem das einmal im höchsten
Grade ausgesprochen worden ist.140
Eines aber ist jene Form des Halb-Sagens, zu dem die Wahrheit sich zwingt, etwas anderes jene 119
Spaltung des Subjekts, das von ihr profitiert, um sich zu tarnen. Die Spaltung des Subjekts, das
ist etwas ganz anderes. Wenn es, wo es nicht ist, denkt, wenn es, wo es nicht denkt, ist, dann
genau deshalb, weil es an diesen beiden Orten ist. Und trotzdem würde ich sagen, daß diese Formel der Spaltung* unrichtig ist. Das Subjekt hat am Realen gerade dadurch teil, daß es augenscheinlich unmöglich ist. Oder, besser gesagt: Müßte ich eine Figur gebrauchen, die nicht durch
Zufall daherkommt, dann würde ich sagen, daß es mit ihm wie mit dem Elektron ist, da, wo
dieses sich uns darbietet in der Verbindung von Wellentheorie und Korpuskulartheorie. Wir
sind gezwungen anzunehmen, daß dieses Elektron wirklich als dasselbe zur selben Zeit durch
zwei voneinander entfernt liegende Öffnungen hindurchgeht. Folglich ist die Ordnung dessen,
was wir mittels der Spaltung* des Subjekts anschaulich machen, eine andere als die, die
gebietet, daß die Wahrheit sich nur dadurch darstellt, daß sie sich in einem Halb-Sagen aussagt.
Hier erscheint etwas, das wichtig genug ist, daß man es betont. Durch ebendiese Ambivalenz ŕ
wir nehmen dieses Wort in einem andern Sinn wieder auf ŕ, durch die sich die Wahrheit nur
durch ein Halb-Sagen darstellt, nimmt eine jede der Formeln, mittels deren sich ein Diskurs
situiert, eigenartig oppositäre Bedeutungen an.
140Im Evangelium nach Johannes, 18,38, stellt diese Frage Pilatus an Jesus.

104

Ist er gut, ist er schlecht, dieser Diskurs? Ich mache das absichtlich an dem der Universität fest,
denn auf gewisse Weise ist es der Diskurs der Universität, der zeigt, woran er kranken kann, seiner grundlegenden Disposition nach ist er jedoch auch der, der zeigt, womit sich der Diskurs der
Wissenschaft absichert.

S2
S1

a
$

Der S2 hält dort den dominanten Platz, insofern das Wissen an den Platz des Befehls, des
Gebots, an den Platz gekommen ist, der zuerst vom Herrn innegehalten wurde. Warum ergibt es
sich, daß man auf der Ebene seiner Wahrheit nichts anderes findet als den Herrensignifikanten,
insofern als dieser wirkt, um die Ordnung des Herrn zu tragen?
Genau daher rührt die gegenwärtige Bewegung der Wissenschaft, nachdem es eine Zeit des Zögerns gegeben hatte, die wir zum Beispiel bei Gauß belegt finden, wenn wir an seinen Notizbüchern sehen, daß er den Aussagen, die in späterer Zeit ein Riemann vorgebracht hat, nahe gekommen war und sich entschlossen hatte, sie nicht zu veröffentlichen. Wir gehen [hier] nicht 120
weiter ŕ warum sollte man dieses Wissen in Umlauf bringen, selbst das der reinen Logik, wenn
es so aussieht, als könnte ausgehend von ihm in der Tat so manch sicherer Ruhezustand erschüttert werden?
Klar, darüber sind wir hinaus. Das hängt mit dem Fortschritt zusammen, mit jener von mir als
Vierteldrehung beschriebenen Kippbewegung, die ein Wissen zur Dominanz kommen läßt, das
von seiner ursprünglichen Lokalisierung auf der Ebene des Sklaven dadurch denaturiert wurde,
daß es reines Wissen des Herrn geworden ist und beherrscht durch sein Gebot.
Wer, in unserer Zeit, könnte auch nur einen Augenblick lang daran denken, die Artikulationsbewegung des Diskurses der Wissenschaft im Namen dessen anzuhalten, was dabei herauskommen könnte? So weit, mein Gott, sind die Dinge also schon. Sie haben gezeigt, wohin wir
gehen, von der Molekularstruktur zur Atomspaltung. Wer könnte auch nur einen Augenblick
lang denken, daß anhalten könnte, was, durch das Spiel der Zeichen, der Verkehrung der Inhalte
im Wechsel der kombinatorischen Plätze, den theoretischen Versuch dazu drängt, sich an die
Überprüfung des Realen zu machen, und zwar auf eine Weise, die, indem sie das Unmögliche
enthüllt, daraus eine neue Macht entspringen läßt?
Es ist unmöglich, nicht dem Gebot zu gehorchen, das da seht, am Platz dessen, was die
Wahrheit der Wissenschaft ist: Mach weiter! Los! Fahre fort, immer mehr zu wissen!
Ganz genau durch dieses Zeichen, dadurch, daß das Zeichen des Herrn diesen Platz besetzt,
wird jede Frage nach der Wahrheit, eigentlich gesagt, ausgelöscht, und zwar genau jede Frage
danach, was dieses Zeichen verhüllen kann, das S1 des Gebots Fahre fort zu wissen 141; danach,
was dieses Zeichen, dadurch, daß es diesen Platz besetzt, an Rätsel enthält; danach, was das ist,
dieses Zeichen, das diesen Platz besetzt.
Im Feld dieser Wissenschaften, die es wagen, sich selbst als Wissenschaften vom Menschen zu
titulieren, sehen wir genau, daß das Gebot Fahre fort zu wissen ein kleines Durcheinander
verursacht. In der Tat: Wie in den andern kleinen Vierecken oder vierfüßigen Schemata auch,
steht der, der arbeitet, immer hier: oben rechts ŕ und zwar um die Wahrheit entspringen zu las141Alternative Lesart: dieses Zeichen, das S1, am Gebot Fahre fort zu wissen verhüllen kann

105

sen, denn das ist der Sinn der Arbeit. Der, der an diesem Platz steht ŕ im Diskurs des Herrn ist
es der Sklave/Knecht, im Diskurs der Wissenschaft ist es der a-Student/das studierende a [a étudiant].
Man könnte mit diesem Wort spielen, vielleicht würde das die Frage ein wenig neu stellen.
Eben gerade sahen wir ihn gezwungen, fortzufahren zu wissen auf der Ebene der Wissenschaft
der Physik. Auf der Ebene der Wissenschaften vom Menschen sehen wir etwas, für das man ein
Wort bilden müßte. Ich weiß noch nicht, ob dies da gut ist, aber ich würde, einfach so, nähe- 121
rungsweise, aus Instinkt, des Klangs wegen, sagen: astudé.
Würde ich dieses Wort ins Wörterbuch aufnehme, hätte ich dafür bessere Aussichten, als wenn
ich wollte, daß man den Namen für den Putzlappen ändere. Astudé hat auf der Ebene der Wissenschaften vom Menschen mehr Daseinsberechtigung. Der Student fühlt sich astudé. Er ist
astudé, weil er, wie jeder Arbeiter ŕ beziehen Sie sich auf die andern kleinen Ordnungen142 ŕ,
etwas zu produzieren hat.
Es kommt vor, daß mein Diskurs Antworten hervorruft, die einen Bezug zu ihm haben. Das ist
selten, aber von Zeit zu Zeit passiert es doch, und das macht mir Lust. Als ich an die École normale gekommen bin, hat es sich ergeben, daß junge Leute sich darangemacht hatten, über das
Subjekt der Wissenschaft zu salbadern, das ich zum Objekt des ersten meiner Seminare im Jahr
1965 gemacht hatte143. Es paßte gut, das Subjekt der Wissenschaft, aber es ist klar, daß das nicht
so ohne weiteres geht. Sie haben was auf die Finger bekommen, und man hat ihnen erklärt, daß
das Subjekt der Wissenschaft, daß das nicht existierte, und zwar an dem entscheidenden Punkt,
an dem sie geglaubt hatten, es zum Vorschein zu bringen, nämlich im Verhältnis der Null zur
Eins im Diskurs Freges. Man hat ihnen bewiesen, daß die Fortschritte der mathematischen
Logik es erlaubt hatten, das Subjekt der Wissenschaft vollständig ŕ nicht zu flicken
[suturer144], sondern zu verdampfen.
Trotzdem ist das Unbehagen der astudés nicht ohne Bezug zu folgendem: daß sie trotzdem
gebeten werden, mit ihrer Haut das Subjekt der Wissenschaft zu bilden, was, den neuesten
Nachrichten zufolge, im Gebiet der Wissenschaften vom Menschen einige Schwierigkeiten
aufzuwerfen scheint. Und so passieren einer Wissenschaft, die auf der einen Seite so fest
gegründet ist und so eroberungslustig auf der andern, eroberungslustig genug, um sich als die
vom Menschen zu bezeichnen ŕ zweifellos deshalb, weil sie die Menschen für Humus hält ŕ,
so passieren ihr Sachen, die uns wieder auf die Füße fallen und das streifen lassen, was die
Tatsache mit sich bringt, auf der Ebene der Wahrheit das schlichte und einfache Gebot zu
substituieren, das des Herrn.
Glauben Sie nicht, der Herr sei immer da. Was bleibt, ist das Gebot, der kategorische Imperativ
Fahre fort zu wissen. Da braucht überhaupt niemand mehr zu sein. Wie Pascal sagt: Wir alle
sitzen im Boot des Wissenschaftsdiskurses. Was bleibt, ist, daß das Halb-Sagen sich dennoch
gerechtfertigt findet dadurch, daß aus ihm hervorgeht, daß es, hinsichtlich des Subjekts der Wissenschaften vom Menschen, nichts gibt, was standhielte.
Ich möchte mich wappnen gegen die Vorstellung, die in irgendeinem zurückgebliebenen kleinen
Hirn aufkommen könnte, die Vorstellung, meine Ausführungen würden implizieren, daß man

142Mitschrift: Rahmen
143Séminaire XII, Problèmes cruciaux pour la psychanalyse (1964-65).
144Anspielung auf den von J.-A. Miller damals geprägten Terminus der »Naht« [suture].

106

diese Wissenschaft bremsen müsse und daß es, alles in allem, vielleicht eine Hoffnung auf Heil 122
gäbe, kehrte man zur Haltung von Gauß zurück. Diese Schlüsse, würde man sie mir unterstellen,
gälten sehr zu Recht als reaktionär. Ich hebe sie hervor, weil es nicht undenkbar ist, daß man, in
Gebieten, von denen ich, ehrlich gesagt, denke, daß mich nicht allzuviel reizt, mich in ihnen
aufzuhalten, aus dem, was ich gerade sage, diese Art von Mißverständnis deduzieren könnte.
Indes müßte sich verbreiten, daß es in allem, was ich in einer gewissen klärenden Absicht
artikuliere, nicht die geringste Vorstellung von Fortschritt gibt in dem Sinne, in dem dieser Begriff eine glückliche Lösung implizieren würde.
Was die Wahrheit, wenn sie erscheint, an Lösendem hat, das kann von Zeit zu Zeit glücklich
sein ŕ in andern Fällen aber verheerend. Es ist nicht zu sehen, warum die Wahrheit stets
zwangsläufig wohltätig wäre. Man muß den Teufel im Leib haben, um sich etwas derartiges
einzubilden, wo doch alles das Gegenteil beweist.

2
Geht es nun um die sogenannte Stellung des Analytikers ŕ in übrigens unwahrscheinlichen
Fällen, denn gibt es das überhaupt: einen Analytiker? Wer weiß das? man kann es aber theoretisch behaupten ŕ, so ist das, was an den Platz des Gebots kommt, das Objekt a selbst. Als
identisch mit dem Objekt a, d.h. mit dem, was sich dem Subjekt als die Ursache des Begehrens
darstellt, bietet sich der Analytiker als Zielpunkt für diese unsinnige Operation, eine Psychoanalyse, an, insofern als sie die Spur des Begehrens zu wissen aufnimmt.
Ich habe Ihnen eingangs gesagt, daß dieses Begehren zu wissen, der epistemologische Trieb,
wie sie ihn zu benennen erfunden haben, daß das nicht von ganz allein ging. Es würde darum
gehen zu sehen, woher er erscheinen kann. Wie ich bemerkt habe, kann der Herr das nicht ganz
allein erfunden haben. Jemand muß es ihm aufgedrängt haben. Der Analytiker ist es nicht, was,
mein Gott, nicht von jeher evident ist. Mehr noch, er ruft es auch nicht hervor, er bietet sich als
Zielpunkt für jeden an, der begeistert ist von diesem besonders problematischen Begehren.
Wir werden darauf zurückkommen. Heben wir unterdes hervor, daß in der Struktur des
sogenannten Diskurses des Analytikers dieser, Sie sehen es, zum Subjekt sagt: »Nur zu, sagen
Sie alles, was Ihnen durch den Kopf geht, und sei es auch noch so gespalten, und bewiese es
auch noch so offensichtlich, daß Sie entweder nicht denken oder überhaupt nichts sind, das geht, 123
was Sie produzieren, wird immer zulässig sein«.

a
S2

$
S1

Seltsam. Seltsam aus Gründen, die wir zu bestimmen haben werden, die wir aber schon jetzt
skizzieren können.
Auf der oberen Zeile der Struktur des Diskurses des Herrn haben Sie eine grundlegende Beziehung sehen können, die, um uns rasch auszudrücken, diejenige ist, die das Band des Herrn mit
dem Knecht ausmacht, vermittels dessen, Hegel dixit, der Knecht ihm mit der Zeit seine
Wahrheit beweisen wird ŕ vermittels dessen auch, Marx dixit, er die ganze Zeit damit

107

beschäftigt sein wird, seine Mehrlust zu schüren.
Warum schuldet er diese Mehrlust dem Herrn? Das genau ist getarnt. Was auf der Ebene von
Marx getarnt ist, das ist, daß der Herr, dem diese Mehrlust geschuldet ist, auf alles verzichtet
hat, und zuvörderst aufs Genießen, weil er sich dem Tod ausgesetzt hat und weil er in dieser
Stellung, die Hegel klar artikuliert hat, ganz fixiert bleibt. Zweifellos hat er den Knecht der
Verfügung über seinen Körper beraubt [privé], das aber ist ein Nichts, denn er hat ihm das
Genießen gelassen.
Wie kommt das Genießen wieder in den Zugriff des Herrn, um seine Forderung zu manifestieren? Ich denke, ich habe es Ihnen seinerzeit gut erklärt, aber ich wiederhole es, denn man kann
die wichtigen Dinge nicht oft genug wiederholen. Der Herr unternimmt bei alledem eine kleine
Anstrengung, damit alles läuft, d.h. er gibt den Befehl. Allein dadurch, daß er seine Funktion als
Herr ausfüllt, verliert er etwas. Dieses verlorene Etwas, zumindest aus diesem Grund muß ihm
etwas vom Genießen zurückgegeben werden ŕ eben die Mehrlust.
Hätte er, durch seine Verbissenheit, sich zu kastrieren, nicht jene Mehrlust zählbar gemacht,
hätte er daraus nicht den Mehrwert gemacht, hätte er, mit anderen Worten, nicht den
Kapitalismus begründet, dann hätte Marx bemerkt, daß der Mehrwert die Mehrlust ist. All das
verhindert ganz sicher nicht, daß der Kapitalismus durch ihn begründet wird und daß die
Funktion des Mehrwerts in ihren verheerenden Konsequenzen völlig zutreffend bezeichnet
wird. Nichtsdestotrotz müßte man, um damit fertig zu werden, vielleicht wissen, was zumindest 124
das erste Zeitmetrum seiner Artikulation ist. Wenn man nicht weiß, was das ist, der Mehrwert,
hat man mit ihm nicht [schon] deshalb Schluß gemacht, weil man, auf der Ebene des
Sozialismus in einem Land, die Produktionsmittel verstaatlicht.
Im Diskurs des Herrn ŕ denn die Mehrlust situiert sich gleichwohl genau da ŕ gibt es keinen
Bezug zwischen dem, was mehr oder weniger Ursache des Begehrens eines Kerls wie des Herrn
wird, der wie gewöhnlich nichts davon versteht, und dem, was seine Wahrheit bildet. In der Tat
gibt es hier, auf der Etage darunter, eine Schranke.

S1
$

S 2 145
a

Die Schranke, die wir auf der Ebene des Diskurses des Herrn sofort benennen können, ist das
Genießen, ganz einfach insofern es untersagt ist, untersagt von Grund auf. Man nimmt von ihm
ganz kleine Stückchen, vom Genießen, was aber das Bis-zum-Ende-gehen betrifft, habe ich
Ihnen schon gesagt, wie sich das verkörpert ŕ wir brauchen die tödlichen Phantasmen [hier]
nicht wieder aufzurühren.
Diese gleichsam definierende Formel des Diskurses des Herrn hat den Vorteil, zu zeigen, daß er
der einzige ist, der jene Artikulation verunmöglicht, die wir anderswo hervorgehoben haben als
das Phantasma, insofern als es Beziehung des a zur Spaltung des Subjekts ist: ($  a).
In seinem grundlegenden Anfang schließt der Diskurs des Herrn das Phantasma aus. Und genau
das macht ihn, in seiner Grundlegung, völlig blind.
Die Tatsache, daß das Phantasma anderswo hervortreten kann, und zwar speziell im
145In der Version Millers steht hier das Mathem des Diskurses des Analytikers.

108

analytischen Diskurs, wo es sich auf einer horizontalen Linie in einer völlig gleichgewichteten
Weise entfaltet, sagt uns ein wenig mehr über das, was es mit der Grundlage des Diskurses des
Herrn auf sich hat.

a
S2

$
S1

Wie auch immer es für den Moment damit sei: Stellen wir, indem wir die Dinge auf der Ebene
des Diskurses des Analytikers wiederaufnehmen, fest, daß das, was, in meiner Schreibweise ŕ
ich sage nicht: im Realen ŕ an den sogenannten Platz der Wahrheit gesetzt ist, das Wissen ist,
d.h. die gesamte Artikulation des existierenden S2, alles, was man wissen kann. Was sich wissen
läßt, ist, im Diskurs des Analytikers, gehalten, im Register der Wahrheit zu funktionieren.
Wir spüren, daß uns das etwas angeht, was aber kann das eigentlich bedeuten? Nicht ohne 125
Grund habe ich diesen Umweg über die Ebene der Aktualität gemacht. Die schlechte Toleranz,
sagen wir mal, gegenüber einem gewissen Galopp, in den das Wissen in der Form der
sogenannten Wissenschaft, der modernen Wissenschaft verfallen ist ŕ vielleicht kann uns
gerade das ŕ ohne daß wir davon indes viel mehr verstehen, als unsere Nasenspitze lang ist ŕ
fühlbar machen, daß, wenn wir irgendwo Aussicht darauf haben, daß das einen Sinn gewinnt,
das als Funktion der Wahrheit befragte Wissen, daß das dann ganz sicher in unserem kleinen
Drehkreuz sein muß, zumindest wenn wir ihm Vertrauen entgegenbringen.
Nebenbei gesagt: Genau dies berechtigt mich zum Beispiel dazu, zu sagen, daß ich, weil man
mir einmal, in dem Moment, in dem ich von den Namen des Vaters zu sprechen begann, den
Hahn zugedreht hat, nie mehr davon sprechen werde. Das sieht nach Neckerei aus, was nicht
gerade nett wäre. Na und ŕ wer weiß? ŕ es gibt sogar so Leute, Wissenschaftsfanatiker, die
mir sagen: Fahre fort zu wissen! Was fällt dir ein! Du mußt doch sagen, was du weißt von den
Namen des Vaters! Nein, ich werde nicht sagen, was das ist, der Name des Vaters, ebendeshalb,
weil ich nicht Teil des universitären Diskurses bin.
Ich bin ein kleiner Analytiker146, ein Stein, der im Anfang verworfen worden ist, selbst wenn ich
in meinen Analysen zum Eckstein werde. Sobald ich mich aus meinem Sessel erhebe, habe ich
das Recht spazierenzugehen. Das kehrt sich um: der verworfene Stein, der zum Eckstein wird.
Umgekehrt kann das auch heißen: der Eckstein geht spazieren. Genau so hätte ich vielleicht
Aussicht darauf, daß sich die Dinge ändern. Wenn der Eckstein fortginge, würde das ganze
Gebäude einstürzen. Zuweilen ist das recht verlockend.
Gut, spaßen wir nicht. Ich sehe nur einfach nicht, warum ich vom Namen des Vater sprechen
sollte, denn da, wo er sich plaziert, d.h. auf der Ebene, auf der das Wissen eine Funktion der
Wahrheit bildet, sind wir, eigentlich gesagt, in jeder Weise dazu verurteilt, noch nicht einmal
über diesen für uns noch verschwommenen Punkt des Bezugs des Wissens zur Wahrheit irgend
etwas angeben zu können anders als ŕ daß wir's nur wissen! ŕ durch ein Halb-Sagen.
Ich weiß nicht, ob Sie so recht begreifen, was das bedeutet. Das bedeutet nämlich, daß, wenn
wir in diesem Feld etwas in einer bestimmten Weise sagen, daß es dann einen andern Teil davon
geben wird, der, durch ebendieses Sagen, absolut unerbittlich, vollkommen dunkel wird. So daß
es, alles in allem, ein gewisses Arbiträres gibt, eine Wahl, die man hinsichtlich dessen treffen
146Mitschrift: Analytiker-a [a d´analyste].

109

kann, was es zu erhellen gilt. Wenn ich nicht vom Namen des Vaters spreche, dann wird mir das
erlauben, von etwas anderem zu sprechen. Das wird nicht ohne Bezug zur Wahrheit sein, nicht 126
aber so wie für das Subjekt ŕ es wird nicht dieselbe sein.
Dies ist eine Klammer.

3
Kommen wir zurück zu dem, was wir feststellen bezüglich dessen, was aus dem Wissen am
Platz der Wahrheit im Diskurs des Analytikers wird.
Ich denke, Sie haben, damit Ihnen das aufgehe, nicht auf das gewartet, was ich Ihnen jetzt sagen
werde. Gleichwohl müssen Sie sich in Erinnerung rufen, daß das, was zu Anfang dort
hinkommt, einen Namen hat: es ist der Mythos.
Um das zu sehen, hat man nicht gewartet, bis der Diskurs des Herrn sich gänzlich entwickelt
hat, um im Diskurs des Kapitalisten mit seiner kuriosen Kopulation mit der Wissenschaft sein
letztes Wort zu zeigen. Das war immer zu sehen, und es ist jedenfalls das Wichtigste an dem,
was wir sehen, wenn es um die Wahrheit geht, zumindest um die erste Wahrheit, jene, die uns
gleichwohl ein bißchen angeht, auch wenn uns die Wissenschaft dazu bringt, darauf zu
verzichten, indem sie uns nur ihren Imperativ gibt, Fahre fort zu wissen in einem bestimmten
Feld ŕ merkwürdige Sache, in einem Feld, das zu dem, was dich betrifft, dich, guter Mann, in
einer gewissen Diskordanz steht. Nun, genau das ist durch den Mythos besetzt.
Aus dem Mythos hat man heute einen Zweig der Linguistik gemacht. Damit will ich sagen, daß
mit das Seriöseste, was man über den Mythos sagt, ausgehend von der Linguistik gesagt wird.
Ich wüßte Ihnen darüber nichts anderes zu empfehlen, als sich in der Strukturalen
Anthropologie, der Aufsatzsammlung meines Freundes Claude Lévi-Strauss, auf das Kapitel elf
zu beziehen, Die Struktur der Mythen. Sie werden sehen, daß dort ganz offensichtlich dasselbe
gesagt wird wie das, was ich Ihnen sage, nämlich daß die Wahrheit sich nur durch ein HalbSagen stützt.
Die erste ernsthafte Überprüfung dieser großen Einheiten, wie er sie nennt, denn es sind Mytheme, ergibt ganz offensichtlich das, was ich Lévi-Strauss nicht unterschiebe, denn ich lasse
beiseite, was er wörtlich schreibt.147 Die Unmöglichkeit, Beziehungsgruppen miteinander in
Verbindung zu bringen ŕ so wie er die Mythen definiert, handelt es sich um Beziehungsbündel
ŕ, ist überwunden oder genauer: ersetzt durch die Bestätigung, daß zwei einander
widersprechende Beziehungen untereinander identisch sind, soweit sie beide in sich 127
widersprüchlich sind. Kurz, das Halb-Sagen ist das innere Gesetz jeder Art des Aussagens der
Wahrheit, und das, was es am besten verkörpert, ist der Mythos.
Dennoch kann man sich nicht völlig damit befriedigt erklären, daß wir, in der Psychoanalyse,
noch immer beim Mythos stehen. Wissen Sie, welche Wirkung die Anwendung des typhaften
Zentralmythos des psychoanalytischen Diskurses auf die Mythenforscher gehabt hat, der
147Mitschrift: ich werde wortwörtlich lesen, was er schreibt: folgt der Satz bis »in sich widersprüchlich sind« in
Anführungszeichen. In der Tat handelt es sich bis auf den Einschub in Gedankenstrichen um ein wörtliches
Zitat aus dem genannten Aufsatz, was durch Millers Textherstellung verdunkelt wird. Die hier wiedergegebene
deutsche Übersetzung folgt dem Text in: C. Lévi-Strauss, Strukturale Anthropologie I, übers. v. H. Naumann,
Frankfurt a.M. 1977, S.237 f..

110

Mythos von Ödipus? Ich denke, Sie alle können diese Frage beantworten. Das ist wirklich
amüsant.
Es gibt Leute, die haben sich schon eine ganze Weile lang mit den Mythen beschäftigt. Um sich
sehr lebhaft für die Funktion des Mythos zu interessieren, hatte man nicht auf unseren lieben
Freund Claude Lévi-Strauss gewartet, auf ihn, der da eine exemplarische Klarheit
hineingebracht hat. Es gibt Kreise, in denen man weiß, was ein Mythos ist, auch wenn man ihn
nicht zwangsläufig so definiert, wie ich ihn soeben für Sie zu situieren versucht habe ŕ
obgleich es schwierig ist, anzunehmen, nicht einmal der schwerfälligste Operateur sehe nicht,
daß alles, was sich vom Mythos sagen läßt, folgendes ist: daß die Wahrheit sich in einer
Alternanz von einander streng entgegengesetzten Dingen zeigt, die man sich umeinander drehen
lassen muß. Das gilt für alles, was man konstruiert hat, seit die Welt Welt ist, einschließlich der
höheren, sehr elaborierten Mythen wie dem von Yin und Yang.
Man kann um den Mythos herum eine Menge Blödsinn reden, weil gerade er das Feld des Blödsinnredens ist. Und das Blödsinnreden, das ist, wie ich Ihnen von jeher sage, die Wahrheit. Das
ist identisch. Die Wahrheit, das erlaubt alles zu sagen. Alles ist wahr ŕ unter der Bedingung,
daß Sie das Gegenteil ausschließen. Nur, daß das so ist, das spielt gleichwohl eine Rolle.
Folglich ŕ der Mythos von Ödipus, so wie Freud ihn funktionieren läßt ŕ ich kann Ihnen das
sagen für die, die das nicht wissen ŕ, die Mythenforscher, die machen sich eher darüber lustig.
Die finden das absolut daneben.
Warum wird diesem Mythos in der Analyse dieses Privileg eingeräumt? Die erste ernsthafte
Untersuchung, die man womöglich über ihn angestellt hat, zeigt, daß er übrigens viel
komplizierter ist. Wie durch Zufall gibt Claude Lévi-Strauss, der sich der Überprüfung nicht
verweigert, in demselben Aufsatz den vollständigen Mythos von Ödipus wieder. Man kann
sehen, daß es um etwas ganz anderes geht als darum, zu wissen, ob man seine Mama bumsen
wird oder nicht.
Nichtsdestoweniger ist es zum Beispiel merkwürdig, daß ein wirklich guter Mythenforscher, einer, der Qualität hat, ein guter Kopf, aus guter Schule, mit einer guten Ader, die bei Boas 128
anfängt und in Lévi-Strauss mündet, Kröber mit Namen ŕ daß er, nachdem er über Totem und
Tabu ein aufrührerisches Buch geschrieben hat, zwanzig Jahre später etwas schreibt, um darauf
hinzuweisen, daß das gleichwohl seine Berechtigung haben mußte, daß es da etwas gegeben
hatte ŕ was, konnte er übrigens nicht sagen ŕ, und daß dieser Mythos von Ödipus, daß es da
einen Haken gegeben habe. Mehr sagt er darüber nicht, aber angesichts der Kritik, die er an
Totem und Tabu geübt hatte, ist das sehr bemerkenswert. Es wurmte ihn, es machte ihm zu
schaffen, daß er darüber die schlimmsten Sachen gesagt hatte, vor allem, weil er sah, daß das
Kreise zog, nämlich daß noch der unbedeutendste Student glaubte, in diesen Chor einstimmen
zu können ŕ das, das konnte er nicht ertragen.
Totem und Tabu, man müßte ŕ ich weiß nicht, ob Sie wollen, daß ich es dieses Jahr mache ŕ
seine Komposition untersuchen, die mit das Verdrehteste ist, das man sich vorstellen kann.
Auch wenn ich die Rückkehr zu Freud predige, kann ich nicht umhin zu sagen, daß Totem und
Tabu verdreht ist. Ebendeshalb muß man zu Freud zurückkehren ŕ nämlich um zu erkennen,
daß, wenn es derart verdreht ist, obwohl er anerkanntermaßen ein Kerl war, der zu schreiben
und zu denken verstand, daß das dann wohl eine Berechtigung haben muß. Ich möchte dem
nicht den Moses und der Monotheismus hinzufügen, reden wir nicht davon ŕ denn, im

111

Gegenteil, man wird davon reden.
Sie sehen, daß ich die Dinge für Sie gleichwohl in Ordnung bringe, auch wenn ich noch nicht
damit angefangen habe, für Sie eine Art planierten Weg anzulegen. Ich habe das gemacht, ganz
klar, ich selbst, voll und ganz ŕ niemand hat mir geholfen ŕ, zum Beispiel, damit man wisse,
was das ist, die Bildungen des Unbewußten beispielsweise, oder die Objektbeziehung. Man
könnte glauben, daß ich jetzt nur so um Freud herumhopse. Darum geht es nicht.
Versuchen wir ein bißchen, etwas von dem zu kapieren, was es mit dem Mythos von Ödipus bei
Freud auf sich hat. Da ich mich nicht beeile, werde ich damit heute nicht fertig werden. Ich sehe
nicht, warum ich mich ermüden sollte. Ich spreche mit Ihnen, wie es mir kommt, und man wird
sehen, wohin man damit schlecht und recht kommt.

4

129

Ich fange beim Ende an, indem ich Ihnen sofort meinen Zielpunkt nenne, weil ich nicht sehe,
warum ich meine Karten nicht auf den Tisch legen sollte. Ich hatte zwar nicht damit gerechnet,
Ihnen so darüber zu sprechen, aber wenigstens wird es klar sein.
Ich stehe ganz und gar nicht im Begriff zu sagen, der Ödipus wäre zu nichts nutze oder das hätte
keinerlei Beziehung zu dem, was wir tun. Den Psychoanalytikern nutzt das nichts, das ist wahr,
aber da die Psychoanalytiker nicht sicher Psychoanalytiker sind, beweist das gar nichts. Mehr
und mehr beschäftigen sich die Psychoanalytiker mit etwas, das in der Tat ungeheuer wichtig
ist, nämlich mit der Rolle der Mutter. Diese Dinge, mein Gott, ich habe bereits angefangen,
mich ihnen zuzuwenden.
Die Rolle der Mutter, das ist das Begehren der Mutter. Das ist wesentlich. Das Begehren der
Mutter ist nicht etwas, das man einfach so aushalten kann, das Ihnen gleichgültig wäre. Das
zieht immer Verwüstungen nach sich. Ein großes Krokodil, in dessen Maul Sie stecken ŕ das
ist sie, die Mutter. Man weiß nicht, was es plötzlich dazu bringen kann, seine Klappe
zuzumachen. Das ist es, das Begehren der Mutter.
Ich habe also zu erklären versucht, daß es etwas gebe, das Sicherheit gibt. Ich sage Ihnen einfache Dinge, ich improvisiere, das muß ich sagen. Es gibt eine Walze, aus Stein ganz sicher, die
da auf der Ebene der Klappe wirksam ist, und das hält zurück, das klemmt. Ebendas nennt man
den Phallus. Es ist die Walze, die Ihnen Schutz verleiht, wenn das, ganz plötzlich, zugeht.
Das sind Sachen, die ich zu ihrer Zeit dargelegt habe, zu einer Zeit, als ich zu Leuten sprach, die
man schonend behandeln mußte, zu Psychoanalytikern. Man mußte ihnen derart plumpe Sachen
sagen, damit sie sie verstanden. Übrigens verstanden sie sie auch nicht. Auf dieser Ebene habe
ich also von der Vatermetapher gesprochen. Vom Ödipuskomplex habe ich immer nur in dieser
Form gesprochen. Das müßte148 ein bißchen suggestiv sein, nicht wahr? Ich habe gesagt, das sei
die Vatermetapher, obgleich Freud uns die Dinge doch überhaupt nicht in dieser Weise darstellt.
Vor allem, weil ihm sehr viel daran liegt, daß das wirklich passiert ist, diese verflixte
Geschichte vom Mord am Vater der Urhorde, diese Darwinsche Posse. Der Vater der Urhorde 130
ŕ als hätte es von ihm je auch nur die geringste Spur gegeben. Orang-Utans, die hat man
148Mitschrift: mußte

112

gesehen. Aber der Vater der menschlichen Urhorde ŕ von dem hat man nie auch nur die
geringste Spur gesehen.
Freud liegt viel daran, daß das real ist. Er hält daran fest. Das ganze Totem und Tabu hat er geschrieben, um es zu sagen: das ist zwangsläufig passiert, und alles hat damit angefangen. Nämlich all unsere Scherereien, einschließlich die, Psychoanalytiker zu sein.
Das ist frappierend ŕ irgend jemand hätte sich doch über diese Vatermetapher ein bißchen aufregen und ein kleines Loch hineinpieksen können. Genau das habe ich stets begehrt: daß jemand
kommt, mich auf die Spur setzt, anfängt, einen kleinen Weg zu zeigen. Schließlich, wie dem
auch sei, es ist nicht passiert, und die Frage des Ödipus ist weiter unberührt.
Ich mache Ihnen hier einige vorläufige Bemerkungen, weil man diese Sache wirklich sehr
scharf artikulieren muß. Das läßt sich nicht wegeskamotieren, diese Geschichte.
Es gibt etwas, mit dem wir in der analytischen Praxis wirklich vertraut, durch das wir geformt
sind: das sind die Geschichten vom manifesten und vom latenten Inhalt. Das, das ist die Erfahrung.
Für den Analysanten, der da ist, im $, ist sein Wissen der latente Inhalt. Man ist da, um zu
erreichen, daß er all das wisse, was er nicht weiß, obschon er es weiß. Das ist das Unbewußte.
Für den Analytiker steht der latente Inhalt auf der andern Seite, in S1. Für ihn ist der latente
Inhalt die Deutung, die er gibt, insofern als sie nicht jenes Wissen ist, das wir beim Subjekt
aufdecken, sondern jenes, das sich ihm hinzufügt, um ihm einen Sinn zu geben. Diese
Bemerkung könnte für einige Analytiker von Nutzen sein.
Lassen wir jetzt, für den Augenblick, diesen manifesten und diesen latenten Inhalt beiseite und
behalten wir nur die Begriffe im Gedächtnis. Was ist das, ein Mythos? Antworten Sie nicht alle
auf einmal. Er ist ein manifester Inhalt.
Das genügt nicht, um ihn zu definieren, und wir haben ihn auch eben erst anders definiert. Klar
ist aber, daß, wenn man einen Mythos auf Blätter schreiben kann, die man dann stapelt, um zu
sehen, wie sich das als Kombinationen ausspinnt, daß das zur manifesten Ordnung gehört. Zwei
Mythen sind im Verhältnis zueinander genau wie diese kleinen Dinger, die sich um eine Vierteldrehung bewegen, und dann hat das Resultate. Das ist nicht latent, meine kleinen Buchstaben
an der Tafel, das ist manifest. Folglich, was bewirkt das da? Der manifeste Inhalt, man muß ihn
überprüfen. Und indem wir das tun, sehen wir, daß das so manifest nicht ist.
Gehen wir so vor ŕ ich tue es, wie ich kann ŕ, erzählen wir das Histörchen.
131
Der Ödipuskomplex, so wie Freud ihn uns erzählt, wenn er sich auf Sophokles bezieht, wird
überhaupt nicht wie ein Mythos behandelt. Es ist das sophokleische Histörchen minus, Sie werden das sehen, seine Tragik. Nach Freud ist das, was das Stück des Sophokles enthüllt, daß man
mit seiner Mutter schläft, wenn man seinen Vater getötet hat ŕ Mord am Vater und Genießen
der Mutter, zu verstehen im objektiven wie subjektiven Sinne, man genießt von der Mutter, und
die Mutter genießt. Daß Ödipus absolut nicht weiß, daß er seinen Vater umgebracht hat, und
ebensowenig, daß er seine Mutter genießen macht oder daß er ihrer genießt, das ändert an der
Frage nichts, weil genau das ein schönes Beispiel für das Unbewußte ist.
Ich denke, ich habe lange genug auf die Zweideutigkeit hingewiesen, die im Gebrauch des Begriffs inconscient [unbewußt/Unbewußtes] liegt. Als Substantiv ist es etwas, das in der Tat den
verdrängten Repräsentanten der Vorstellung als Stütze hat. Im adjektivischen Sinne kann man
sagen, daß dieser arme Ödipus ein Unbewußter/s [un inconscient] war. Es gibt da einen Gleich-

113

klang, das ist das mindeste, was man sagen kann. Wie auch immer, das bringt uns nicht in
Verlegenheit. Damit es uns aber nicht in Verlegenheit bringt, müßte man 149 sehen, was die
Dinge bedeuten.
Es gibt also diesen Mythos von Ödipus, entlehnt von Sophokles. Und dann gibt es diese Geschichte, von der ich Ihnen gerade gesprochen habe und bei der man im Stehen einschläft, den
Mord am Vater der Urhorde. Es ist ziemlich merkwürdig, daß das Resultat davon exakt das Gegenteil sein soll.
Der alte Papa hatte sie alle für sich allein, was schon märchenhaft ist ŕ warum sollte er sie alle
für sich allein haben? ŕ, wo es doch andere Kerle gibt, auch sie [die Frauen] 150 können sich so
ihre eigenen Gedanken darüber machen. Man tötet ihn. Die Folge davon ist etwas völlig anderes
als der Mythos von Ödipus: Weil sie den Alten getötet haben, den alten Orang, passiert
zweierlei. Das eine klammere ich hier aus, denn es ist märchenhaft: sie entdecken, daß sie
Brüder sind. Nun, das kann Ihnen eine Vorstellung von dem vermitteln, was es mit der
Brüderlichkeit auf sich hat, ich werde ihnen das ein wenig entwickeln, so wie eine kleine
Verzahnung ŕ vielleicht wird man die Zeit haben, darauf zurückzukommen, ehe man für dieses
Jahr auseinandergeht.
Diese Energien, die wir darauf verwenden, alle Brüder zu sein, beweisen sehr schön, daß wir es
nicht sind. Selbst mit unserem leiblichen Bruder, nichts beweist uns, daß wir sein Bruder sind
ŕ wir können einen Satz Chromosomen haben, der dem seinen vollständig entgegengesetzt ist. 132
Diese Gier nach der Brüderlichkeit, ohne den Rest mitzuzählen, die Freiheit und die Gleichheit,
ist eine tolle Sache, bei der es angebracht wäre, zu bemerken, was sie verdeckt.
Ich kenne nur einen Ursprung der Brüderlichkeit ŕ ich spreche von der humanen, immer der
Humus ŕ, das ist die Absonderung. Wir befinden uns, wohlverstanden, in einer Epoche, in der
die Absonderung, bäh! Nirgends gibt es mehr Absonderung, wenn man die Zeitungen liest, dann
ist das beispiellos. Nur, in der Gesellschaft ŕ ich will sie nicht human nennen, weil ich mit
meinen Begriffen sparsam umgehe, ich achte auf das, was ich sage, ich bin kein Linker ŕ
stelle ich fest: Alles, was existiert, ist gegründet auf die Absonderung, und, zunächst, auf die
Brüderlichkeit.
Es läßt sich eben keine andere Brüderlichkeit denken, und sie hat, wie ich Ihnen gerade gesagt
habe, nicht die mindeste Grundlage, die mindeste wissenschaftliche Grundlage, außer weil man
zusammen isoliert ist, isoliert vom Rest. Es geht darum, über ihre Funktion zu verfügen und zu
wissen,151 warum das so ist. Schließlich aber: daß es so ist, springt in die Augen, und so zu tun,
als sei es nicht wahr, das muß schließlich einige Nachteile haben.
Was ich Ihnen da sage, ist Halb-Sagen. Wenn ich Ihnen nicht sage, warum das so ist, dann vor
allem deshalb, weil ich, wenn ich sage, daß es so ist, nicht sagen kann, warum es so ist. Da
haben Sie ein Beispiel dafür.
Wie dem auch sei, sie entdecken, daß sie Brüder sind, und man fragt sich, im Namen von
welcher Absonderung. Das heißt, daß sich das, was den Mythos betrifft, eher schwächend
auswirkt. Und dann beschließen sie ganz einmütig, die kleinen Mamas nicht anzurühren. Weil
es, obendrein, mehr als eine gibt. Sie könnten tauschen, da der alte Vater sie ja alle hat. Sie
149Mitschrift: auch wenn das Sie nicht in Verlegenheit bringt, müßte man doch
150Miller: ... alors qu´il y a d´autres gars tout de même, elles aussi peuvent avoir... / Mitschrift:... alors qu´il y [a]
d´autres gars, qui quand même aussi peuvent avoir ..., was die Lesart: »sie« = die Kerle begünstigt.
151Mitschrift: durch etwas, dessen Funktion es zu kennen gilt und

114

könnten mit der Mama des Bruders schlafen, ganz recht, weil sie nur durch den Vater Brüder
sind.
Niemand scheint sich je verwundert zu haben über diese merkwürdige Sache, in welchem Ausmaß Totem und Tabu nichts mit der gewöhnlichen Verwendung des Bezugs auf Sophokles zu
tun hat.
Der absolute Gipfel, das ist der Moses. Warum muß Moses umgebracht worden sein? Freud erklärt es uns, und das ist das stärkste: damit Moses unter den Propheten wiederkehrt, zweifellos
auf dem Wege der Verdrängung, der mnesischen Transmission über die Chromosomen, wie
man hier wohl annehmen muß.
Die Bemerkung, die ein Dummkopf wie Jones macht, nämlich, daß Freud Darwin nicht gelesen
zu haben scheint, trifft zu. Und doch hat er ihn gelesen, weil er sich auf Darwin gründet, um den
Coup von Totem und Tabu zu landen.
Aus gutem Grund ist Moses und der Monotheismus, wie alles andere, was Freud schreibt, abso- 133
lut faszinierend. Ist man ein unabhängiger Geist, dann kann man sich sagen, daß das weder
Hand noch Fuß hat. Darüber wird noch zu sprechen sein. Sicher ist, daß das, worum es bei den
Propheten geht, diesmal nichts ist, das irgend etwas mit dem Genießen zu tun hätte.
Ich zeige Ihnen an ŕ vielleicht könnte mir jemand diesen Dienst erweisen, wer weiß? ŕ, daß
ich mich auf die Suche nach dem Buch gemacht habe, das dem, was Freund uns sagt, als kleines
Häkchen dient, nämlich das 1922 erschienene Werk eines gewissen Sellin, Mose und seine Bedeutung für die israelitisch-jüdische Religionsgeschichte*.
Dieser Sellin ist kein Unbekannter. Ich habe mir Die zwölf Propheten* verschafft. Er fängt mit
Hosea [Osée] an. Das ist ein kleiner, aber gewagter [osé]. So gewagt, daß man, so scheint es,
gerade bei ihm eine Spur von dem findet, was der Mord an Moses gewesen sein könnte.
Ich muß Ihnen sagen, daß ich, um Hosea gelesen zu haben, nicht darauf gewartet habe, Sellin zu
lesen, daß ich mir aber mein ganzes Leben lang Sellin nicht habe verschaffen können und daß
ich darüber allmählich wütend werde. In der Bibliotheque nationale ist er nicht, er ist auch nicht
bei der Alliance israélite universelle, und ich stelle ganz Europa auf den Kopf, um es zu kriegen.
Trotzdem denke ich, ich schaffe es, es in die Hand zu bekommen. Falls jemand von Ihnen es in
der Tasche hat, könnte er es mir am Ende der Sitzung bringen, ich werde es ihm zurückgeben.
Bei Hosea gibt es eine Sache, die tatsächlich vollkommen klar ist. Er ist unerhört, dieser Text
von Hosea. Ich weiß nicht, wieviele Personen hier die Bibel lesen. Ich kann Ihnen nicht sagen,
ich sei mit der Bibel erzogen worden, denn meiner Herkunft nach bin ich Katholik. Ich bedauere
das. Schließlich aber, ich bedauere es nicht, und zwar in dem Sinne, daß das, wenn ich sie jetzt
lese ŕ jetzt endlich, das kostet eine Menge Zeit ŕ, eine verrückte Wirkung auf mich hat.
Dieses familiale Delirium, diese Beschwörungsformeln Jahwes an sein Volk, die einander von
einer Zeile zur nächsten widersprechen, das verdreht Ihnen den Kopf.
Etwas ist sicher: Alle Beziehungen zu den Frauen sind ŕ znut, wie er in seiner starken Sprache sagt , kurz: außerhalb des Gesetzes, nämlich: es ist ein zin, ein nun und ein dvab, so
schreibt sich das. Ich schreibe es Ihnen auf hebräisch an die Tafel, in sehr schönen Lettern,
nicht in Schreibschrift. Es ist Prostitution, znunim.

115

Wenn152 er sich an Hosea wendet, geht es nur darum: sein Volk hat sich definitiv prostituiert. 134
Beinah alles, was es umgibt, ist Prostitution. Was der Diskurs des Herrn aufdeckt, das ist,153 daß
es kein Geschlechtsverhältnis gibt, ich habe Ihnen das schon nachdrücklich gesagt. Nun, man
bekommt den Eindruck, unser auserwähltes Volk steckte in einer Sache, wo das sehr
wahrscheinlich anders war, wo es Geschlechtsverhältnisse gab. Wahrscheinlich ist das das, was
Jahwe Prostitution nennt. Jedenfalls ist ganz klar, daß es sich, wenn es der Geist Mosis ist, der
da wiederkehrt, bei dem, was den Zugang zum Genießen hervorgebracht hat, nicht gerade um
einen Mord handelt.
All das ist so faszinierend, daß niemand je gesehen zu haben scheint ŕ zweifellos wäre es zu
unmittelbar, zu einfältig erschienen, diese Einwände zu erheben, und mehr noch, es sind keine
Einwände, wir sind mitten im Sujet ŕ, daß die Propheten letzten Endes nie von Moses
sprechen. Eine meiner besten Schülerinnen hat mich darauf hingewiesen ŕ man muß sagen,
daß sie Protestantin ist, so daß sie es viel eher bemerkt hat als ich. Vor allem aber sprechen sie
überhaupt nicht von jener Sache, die, für Freud, der Schlüssel zu sein scheint, nämlich davon,
daß der Gott Mosis derselbe Gott ist wie der Echnatons, ein Gott, der Einer wäre.
Wie Sie wissen ŕ weit entfernt davon, daß dem so wäre, sagt der Gott Mosis von den anderen
Göttern nur, man dürfe keine Beziehungen mit ihnen haben, er sagt aber nicht, daß sie nicht existieren. Er sagt, daß man sich vor den Götzenbildern nicht verneigen darf, aber alles in allem
handelt es sich bei denjenigen, die ihn vorstellen, auch um Götzenbilder, wie das ganz sicher
beim goldenen Kalb der Fall war. Sie erwarteten einen Gott, sie haben ein goldenes Kalb gemacht, das war ganz natürlich.
Wir sehen da, daß es eine ganz andere Beziehung gibt, eine Beziehung zur Wahrheit. Ich habe
schon gesagt, daß die Wahrheit die kleine Schwester des Genießens ist, und wir werden darauf
zurückkommen müssen.
Sicher ist, daß das plumpe Schema Mord am Vater — Genießen der Mutter das tragische Ressort völlig ausschließt. Gewiß, durch den Mord am Vater findet Ödipus den freien Zugang zu
Iokaste, und durch ihn wird sie ihm, unter dem Beifall des Volkes, gegeben. Iokaste, das habe
ich Ihnen immer gesagt, wußte einiges darüber, denn die Frauen sind durchaus nicht ohne ihre
kleinen Auskünfte. Sie hatte da einen Diener, der bei der ganzen Affaire dabei war, und es wäre
doch merkwürdig, wenn dieser Diener, der in den Palast zurückgekehrt ist und den man am
Ende wiedertrifft, Iokaste nicht gesagt hätte: Das ist der, der Euren Gemahl kaltgemacht hat.
Wie dem auch sei, wichtig ist nicht das. Wichtig ist, daß Ödipus bei Iokaste vorgelassen worden 135
ist, weil er den Triumph eines Wahrheitsbeweises errungen hatte.
Wir werden auf das Rätsel der Sphinx [la sphinge] zurückkommen. Und wenn Ödipus sehr böse
endet ŕ man wird sehen, was das heißt: sehr böse endet, und in welchem Maß sich das sehr
böse enden nennt ŕ, dann, weil er absolut die Wahrheit wissen wollte.
Es ist nicht möglich, ernsthaft an den Freudschen Bezug heranzugehen, ohne neben dem Mord
und dem Genießen auch die Dimension der Wahrheit intervenieren zu lassen.

152Mitschrift: Selbst wenn
153Mitschrift: , nämlich, sehr wahrscheinlich, ein Zeitraum, ein Kontext, in dem es, sagen wir mal, das gab, was
der analytische Diskurs, wenn wir den Diskurs des Herrn erforschen, aufdeckt:

116

Da könnte ich Sie heute verlassen.
Allein schon wenn man sieht, wie Freud diesen fundamentalen Mythos artikuliert, ist klar, daß
es wahrhaft mißbräuchlich ist, alles in dieselbe Klammer des Ödipus zu setzen. Was hat Moses,
diese Wichse des Namens Gottes ŕ man muß das einmal sagen ŕ, mit Ödipus und dem Vater
der Urhorde zu tun? Es muß da wirklich etwas geben, was mit dem manifesten und dem latenten
Inhalt zusammenhängt.
Um für heute zu schließen, würde ich sagen, das, was wir uns vornehmen, ist die Analyse des
Ödipuskomplexes als eines Traums von Freud.
11. MÄRZ 1970.

117

137

IX
VOM MYTHOS ZUR STRUKTUR

Die Wahrheit, die Kastration und der Tod.
Der Vater, strukturaler Operator.
Der tote Vater ist das Genießen.
Akt und Agent.
Die Hysterika will einen Herrn.

Eine Person in dieser Versammlung hat ŕ wofür ich ihr danke ŕ geglaubt, es wäre gut, wenn
sie noch einmal hervorhöbe, was ich letztesmal von einer gewissen Enttäuschung gesagt hatte.
Ihrer Meinung nach hätte mir diese Person die Lust bereitet ŕ die Lust, das ist, wie Sie wissen,
das Gesetz des geringsten Aufwandes ŕ, mir voranzugehen auf einer Spur, die ich eröffnet
hätte.
Die in Frage stehende Person ŕ ich sehe, daß sie lächelt, sie ist anwesend, warum sie nicht nennen, Marie-Claire Boons ŕ hat mir also einen kleinen Sonderdruck aus einer sehr interessanten
Zeitschrift geschickt, die L'Inconscient heißt. Ich entschuldige mich dafür, daß ich ihren Aufsatz
nicht früher gelesen habe. Diese Zeitschrift, in der in der Tat sehr gute Sachen gestanden haben,
das muß ich sagen, man schickt sie mir nicht zu, paradoxerweise vielleicht aus ebendem Grund,
daß sie sich ursprünglich, wenigstens in ihrem Redaktionskomitee, durch meinen Unterricht
autorisierte. Nachdem meine Aufmerksamkeit an dem Heft mit dem Titel La Paternité [Die
Vaterschaft] , dem Heft 5, hängengeblieben war, habe ich zunächst sehr sorgfältig den
Aufsatz von Marie-Claire Boons gelesen und danach einen anderen, der von unserem Freund
Conrad Stein stammt.
Der Aufsatz von Marie-Claire Boons ŕ ich bin sofort bereit, ihn, falls sie es wollte, heute als
Erklärungstext zu nehmen, und es könnte daraus eine gewisse Anzahl von Fragen hervorgehen
hinsichtlich des Wegs, den sie bezüglich des Vatermords bei Freud gewählt hat. Ehrlich gesagt
glaube ich, es würde sich leicht zeigen, daß nichts in ihm dem vorangeht, was ich zum Zeitpunkt des Erscheinens ihres Aufsatzes bereits vorgebracht hatte bezüglich des Ödipuskomplexes
ŕ vorgebracht, ich habe es gesagt, mit großer Zurückhaltung.
Es gibt noch eine andere Methode, und zwar die, daß ich heute versuche weiter zu gehen, indem 138
ich zeige, daß das bereits in dem bedachtsamen Vorstoß impliziert ist, den ich bisher gemacht
habe. Was ich sagen möchte, wird sich also vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt, bei Gelegenheit eines unserer Treffen, retroaktiv, besser erhellen, als wenn ich Sie einfach an den diversen
Punkten eines Aufsatzes aufhängen würde, der, in der Tat, von mehreren Seiten her eine Art
Öffnung, Befragung und, wenn man so will, Vorbereitung eines zweiten Schrittes darstellt.
Man kann hier einen Wunsch äußern hinsichtlich der einen oder der anderen dieser beiden Me-

118

thoden ŕ ich überlasse das Wort Marie-Claire Boons.
Unverständliche Antwort von M.-C. Boons.
Ich werde also nach der zweiten Weise vorgehen.

1
Der Tod des Vaters. In der Tat: Jeder weiß es, genau da scheint der Schlüssel zu liegen, der zentrale Punkt all dessen, was, und zwar nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Mythischen, über
das gesagt wird, womit die Psychoanalyse zu tun hat.
Am Ende ihres Aufsatzes möchte Marie-Claire Boons uns sogar zu verstehen geben, daß sich
aus diesem Tod des Vaters eine Menge Dinge ergeben, und insbesondere jenes gewisse Etwas,
das bewirken würde, daß die Psychoanalyse uns auf eine gewisse Weise vom Gesetz befreit.
Eine große Hoffnung. Ich weiß natürlich sehr gut, daß sich unter genau diesem Register eine libertäre Stichelei an die Psychoanalyse anheften könnte.
Ich denke, dem ist nicht so ŕ und genau das ist der ganze Sinn dessen, was ich die Kehrseite
der Psychoanalyse nenne.
Insofern in ihm jene Aussage im Nietzscheschen Gravitätszentrum widerhallt, jene Bekanntmachung, jene freudige Nachricht, daß Gott tot ist, erscheint mir der Tod des Vaters nicht, nicht im
entferntesten, von der Art zu sein, daß er uns befreit. Die erste Grundlage dafür, das zu beweisen, ist gerade die Freudsche Aussage selbst. Zu Recht weist uns Marie-Claire Boons am
Anfang ihres Aufsatzes auf das hin, was ich schon vor zwei Sitzungen gesagt habe, nämlich,
daß die Mitteilung, der Vater sei tot, keineswegs unvereinbar ist mit der Motivation, die Freud,
und zwar als eine analytische Deutung ihrer, als die der Religion angibt. Nämlich, daß die
Religion selbst auf etwas beruhe, das Freud recht erstaunlicherweise an den Anfang setzt, und
zwar, daß der Vater derjenige ist, der als der [an]erkannt wird, der die Liebe verdient. Darin
liegt bereits der Hinweis auf ein Paradox, das die Autorin, die ich gerade genannt habe, in einer 139
gewissen Verwirrung zurückläßt betreffend die Tatsache, daß die Psychoanalyse das Feld der
Religion alles in allem eher aufrechterhalten, es bewahren würde.
Auch hier kann man sagen, dem ist nicht so. Die Pointe der Psychoanalyse ist schlicht der
Atheismus, unter der Bedingung, daß man diesem Begriff einen anderen Sinn gibt als den des
Gott ist tot, an dem alles darauf hinweist, daß er mitnichten das in Frage stellt, worum es geht,
nämlich das Gesetz, sondern es viel eher konsolidiert. Vor langer Zeit habe ich darauf hingewiesen, daß die Schlußfolgerung, die sich auf den Satz des alten Vaters Karamasow: Wenn Gott tot
ist, dann ist alles erlaubt im Text unserer Erfahrung aufdrängt, die ist, daß dem Gott ist tot ein
Nichts ist mehr erlaubt antwortet.
Lassen Sie uns, um das zu erhellen, dessen Horizont ich Ihnen hier mitteile, vom Tod des Vaters
ausgehen, vorausgesetzt, daß es wirklich er ist, den Freud uns als Schlüssel zum Genießen vorstellt, zum Genießen des höchsten Objekts, das mit der Mutter identifiziert wird, mit der Mutter,
auf die der Inzest zielt.
Sicher ist, daß der Vatermord in die Freudsche Lehre nicht ausgehend von einem Versuch hineinkommt, zu erklären, was das bedeutet: mit der Mutter schlafen. Ganz im Gegenteil richtet

119

sich ausgehend vom Tod des Vaters die Untersagung dieses Genießens auf als das, was zuerst
da war.
Ehrlich gesagt geht es nicht nur um den Tod des Vaters, sondern um den Mord am Vater, wie es
die Person, von der ich spreche, ebenfalls sehr gut in die Überschrift ihrer Untersuchung gesetzt
hat. Da, im Mythos von Ödipus, so wie er uns berichtet [énoncé] wird, liegt der Schlüssel zum
Genießen. Wenn nun aber dieser Mythos ŕ wir schauen ihn uns aus der Nähe an ŕ uns in
seiner Aussage in genau dieser Weise präsentiert wird, dann sollten wir ihn, so habe ich bereits
gesagt, als das behandeln, was er ist, nämlich ein manifester Inhalt. Von daher muß man damit
anfangen, daß man ihn genau artikuliert.
Der Mythos von Ödipus zeigt, auf der tragischen Ebene, auf der Freud ihn sich aneignet, sehr
schön, daß der Mord am Vater die Bedingung für das Genießen ist. Wird Laios nicht beseitigt
ŕ im Verlauf eines Kampfes, bei dem übrigens nicht sicher ist, daß Ödipus gerade durch diesen
Schritt die Nachfolge im Genießen der Mutter antreten wird ŕ, wird Laios nicht beseitigt, dann
wird es dieses Genießen nicht geben. Erlangt er es aber um den Preis dieses Mordes?
Hier genau bietet sich das an, was wesentlich ist und dadurch, daß auf einen Mythos Bezug genommen wird, der in der Tragödie ausgeführt wird, seine ganze Gestalt annimmt. Er, Ödipus,
erlangt das Genießen, weil er das Volk von einer Frage befreit hat, die es um seine Besten dezimiert, weil sie auf das antworten wollen, was sich als das Rätsel zeigt, d.h., was dadurch Gestalt 140
annimmt, daß es durch jenes zweideutige Wesen der Sphinx [le sphinx] gestützt wird, in der
sich, eigentlich gesagt, eine doppelte Dispositon verkörpert dadurch, daß sie [= die Sphinx], wie
das Halb-Sagen, aus zwei Halb-Körpern gemacht ist. Indem Ödipus ihr antwortet, beseitigt er
ŕ und genau da liegt die Zweideutigkeit ŕ die Spannung, die die Frage nach der Wahrheit auf
diese Weise ins Volk hineinbringt.
Die Antwort, die er auf diese Frage gibt ŕ ganz sicher hat er keine Vorstellung davon, in welchem Maße sie seinem eigenen Drama vorauseilt, aber auch nicht davon, in welchem Maße sie,
seine Antwort, dadurch, daß sie eine Wahl trifft, vielleicht in die Falle der Wahrheit geht.
Das ist der Mensch154 ŕ wer weiß, was der Mensch ist? Sagt man alles über ihn, wenn man ihn
auf den Prozeß zurückführt, der im Fall des Ödipus so sehr zweideutig ist und der ihn, den
Menschen, zunächst auf allen vieren laufen läßt, später dann auf den zwei Hinterbeinen ŕ
worin sich, wie Claude Lévi-Strauss sehr gut bemerkt hat, Ödipus ebenso wie sein ganzer
Stamm gerade dadurch unterscheidet, daß er nicht aufrecht geht ŕ, und dann, am Ende, mit
Hilfe eines Stocks, der, obgleich er nicht der weiße Rohrstock des Blinden ist, für Ödipus doch
nicht weniger den einzigartigsten Charakter besitzen mußte, denn dieses dritte Element war,
nennen wir es, seine Tochter Antigone?
Die Wahrheit hat sich entfernt? Was heißt das? Um das Feld freizumachen für das, was für Ödipus der Weg einer Wiederkehr bleiben wird? Denn die Wahrheit wird ihm wiedererscheinen,
und zwar, weil er erneut intervenieren gewollt haben wird angesichts eines diesmal doppelt so
großen Unglücks, das sein Volk nicht mehr durch die Wahl derer dezimiert, die sich der Frage
der Sphinx [la sphinge] opfern, sondern das es als ganzes schlägt in jener zweideutigen Form,
die sich die Pest nennt und die in der Thematik der Antike zu Lasten der Sphinx [la sphinge]
geht. Da genau bezeichnet Freud uns, daß sich, für Ödipus, die Frage nach der Wahrheit
erneuert und daß sie wozu führt? Zu dem, was wir, in einer ersten Annäherung, mit etwas
154Mitschrift: , indem sie antwortet: »Das ist der Mensch«, denn

120

identifizieren können, das zumindest Bezug hat zu dem Preis, der mit einer Kastration bezahlt
wird.
Sagt man damit wirklich alles? ŕ wo ihm doch am Ende widerfährt, daß ihm nicht die
Schuppen von den Augen fallen, sondern daß ihm die Augen wie Schuppen fallen. Sehen wir
Ödipus in ebendiesem Objekt nicht dazu genötigt, die Kastration ŕ nicht zu erleiden, sondern
ich würde eher sagen: die Kastration selbst zu sein? ŕ, nämlich das, was übrigbleibt, wenn, in
Form seiner Augen, eine der auserwählten Stützen des Objekts a verschwindet.
Was heißt das? ŕ wenn nicht, daß sich die Frage stellt, ob das, wofür er bezahlen muß, nicht
etwa ist, den Thron nicht im Wege der Nachfolge bestiegen zu haben, sondern im Wege dieser 141
Wahl, die von ihm als vom Herrn getroffen wird, weil er die Frage nach der Wahrheit
ausgelöscht hat. Anders gesagt, so eingeführt, wie Sie bereits sind durch meine Aussage, daß
das, was das Wesen der Stellung des Herrn ausmacht, ist, kastriert zu sein ŕ sehen Sie nicht,
daß wir da, verhüllt zwar, aber doch angedeutet, finden, daß auch das, was im eigentlichen
Sinne die Nachfolge ist, aus der Kastration hervorgeht?
Wenn ŕ da ihr Phantasma stets auf merkwürdige Weise angedeutet, nie aber wirklich zurückgebunden wird an den Fundamentalmythos vom Vatermord ŕ wenn die Kastration das ist, was
den Sohn trifft, ist sie dann nicht auch das, was ihm auf dem rechten Wege Zugang zu dem verschafft, was es mit der Funktion des Vaters auf sich hat? Dies zeigt sich in unserer gesamten
Erfahrung. Und zeigt das nicht auch, daß sich die Kastration vom Vater auf den Sohn übermittelt?
Von daher ŕ wie ist das mit dem Tod, wenn er sich so darstellt, daß er am Ursprung steht?
Weist uns das nicht darauf hin, daß es vielleicht eine Weise des Verdeckens ist? Obgleich155 erschienen, erfahren selbst durch die Stellung des Analytikers im subjektiven Prozeß der Funktion
der Kastration, ist da nicht etwas, das 156 es gleichwohl verbirgt, es gewissermaßen verhüllt, es,
wenn man so sagen kann, unter seine Schirmherrschaft nimmt? ŕ und uns so erspart, das auf
seinen Kernpunkt zu bringen, was auf eine abschließende und strenge Weise erlaubt, die
Stellung des Analytikers auszusagen.
Wie kommt das? Es ist nicht vergebens, wahrzunehmen, daß Freud auf den Mythos des Vatermordes als essentiellen zunächst auf der Ebene der Traumdeutung stößt und daß sich im Traum
ein Wunsch [vœu], ein Todeswunsch [souhait de mort] manifestiert. Der Aufsatz von Conrad
Stein liefert dazu eine bemerkenswerte Kritik, indem er hervorhebt, daß diese Todeswünsche
[vœux de mort] gegen den Vater in dem Moment eine Verschärfung erfahren, in dem sein Tod
real geworden ist. Freud selbst zufolge ist die Traumdeutung aus dem Tod seines Vaters hervorgegangen. Auf diese Weise will Freud schuldig sein am Tod seines Vaters.
Gibt es, wie der Autor unterstreicht, auch da die Markierung von etwas, das sich darin verbirgt
und das eigentlich der Wunsch [vœu] ist, der Vater möge unsterblich sein?
Diese Deutung wird vorgebracht in der Linie des analytischen Psychologismus, wo als basale
Vorannahme feststeht, daß das Wesen der infantilen Position in einer Vorstellung von der Allmacht begründet liegt, die bewirken würde, daß sie [= die Allmacht] jenseits des Todes liegt.
Aus der Feder eines Autors stammend, der seine Vorannahmen nicht aufgibt, ist diese Deutung, 142
wenn ich so sagen darf, regelgerecht. Kritisiert man aber ganz im Gegenteil die Aussagen
155Mitschrift: dessen ist, was, obgleich
156Mitschrift: , deren wesentliches Merkmal, im subjektiven Prozeß der Funktion der Kastration,

121

darüber, was es mit dem Wesen der Position des Kindes auf sich hat, so ergibt sich daraus, daß
das, was es mit den Todeswünschen [souhaits de mort] und dem, was sie tarnen ŕ falls sie
etwas tarnen ŕ, auf sich hat, auf einem andern Weg angegangen werden muß.
Zunächst aber: Können wir, in dem, was wir über die subjektive Struktur als einer von der Einführung des Signifikanten abhängigen zu sagen haben, können wir in dieser Struktur irgend
etwas obenan setzen, was sich Erkenntnis des Todes nennt?
Die Analysen, die Freud an einigen seiner bedeutendsten Träume ausgeführt hat, darunter die
berühmte Bitte, die Augen zu schließen, mit der Zweideutigkeit jenes ein Auge unter einer
Barre, die von ihm auch als die Tatsache einer Alternative aufgeführt wird 157 ŕ Conrad Stein
nutzt sie sehr geschickt in der Linie seiner Deutung, der einer Verneinung des Todes im Namen
der Allmacht ist.
Man kann aber auch in einem anderen Sinne lesen.

2
In der Tat: Vielleicht ist das einem andern Sinn zugänglich, wenn man den letzten Traum
derselben Reihe nimmt und ihn zum Zentrum macht, was ich seinerzeit getan habe 158.
Freud selbst setzt den Akzent auf einen Traum, der nicht von ihm selbst stammt, sondern von
einem seiner Patienten, ein Traum, der sich aussagt: Er wußte nicht, daß er tot war.
Dieser Traum, ich habe ihn, um ihn zu analysieren, zerlegt, indem ich ihn an den zwei Linien
des Aussagens und der Aussage ausrichtete. Ich habe das gemacht, um uns daran zu erinnern,
daß es nur eins von beiden gibt ŕ entweder der Tod existiert nicht, es gibt etwas, das
weiterlebt, aber deshalb ist die Frage, ob die Toten wissen, daß sie tot sind, nicht beantwortet ŕ
oder aber es gibt nichts jenseits des Todes, und in diesem Fall ist ganz sicher, daß sie es nicht
wissen. Das soll heißen, daß niemand, jedenfalls niemand unter den Lebenden, weiß, was das
eigentlich ist, der Tod. Es ist bemerkenswert, daß die spontanen Produktionen, die sich auf der
Ebene des Unbewußten formulieren, sich dadurch aussagen, daß der Tod, eigentlich
gesprochen, für niemanden erkennbar ist.
Ich habe seinerzeit betont, daß es für das Leben unverzichtbar ist, daß etwas Irreduzibles nicht 143
weiß ŕ ich würde nicht sagen: daß wir tot sind, weil es nicht das ist, was man im Hinblick auf
uns sagen muß, wir sind nicht tot, jedenfalls nicht alle zusammen, und genau darauf gründet
sich ja unser Halt ŕ, daß etwas nicht weiß, daß Ich [Je] tot bin. Ich bin ganz genau insofern tot,
als Ich dem Tode geweiht bin ŕ aber im Namen dieses Etwas, das es nicht weiß, will auch ich
es nicht wissen.
Ebendies erlaubt es, ins Zentrum der Logik jenes alle Menschen zu stellen ŕ alle Menschen
sind sterblich ŕ, dessen Stütze gerade das Nicht-Wissen des Todes ist, und zugleich damit das,
was uns glauben macht, daß alle Menschen, daß das etwas bedeutet, jeder Mensch, der durch
einen Vater geboren ist, woher, so sagt man uns, insofern er tot ist, kommt, daß er ŕ der
Mensch ŕ nicht dessen genießt, dessen er zu genießen hat. Die Äquivalenz besteht also, in
Freudschen Begriffen, zwischen dem toten Vater und dem Genießen. Er ist es, der es, wenn ich
157 Vgl. dazu GW II/III, 322 f.
158 Im Séminaire VI, Le désir et ses interprétations (1958/59) .

122

so sagen darf, in Reserve hält.
So, wie er sich nicht mehr auf der Ebene des Tragischen ausdrückt, mit all seiner subtilen
Behendigkeit, sondern in der Aussage des Mythos von Totem und Tabu, ist der Freudsche
Mythos die Äquivalenz zwischen dem toten Vater und dem Genießen. Ebendas ist es, was wir
näher bezeichnen können mit dem Begriff eines strukturalen Operators.
Hier transzendiert der Mythos, indem er als Reales ŕ denn genau darauf insistiert Freud: daß
das real passiert ist, daß das das Reale ist ŕ, aussagt, daß der tote Vater das ist, was die Wacht
über das Genießen hat, daß er das ist, wovon die Untersagung des Genießens ausgegangen ist,
woraus es hervorgegangen ist.
Daß der tote Vater das Genießen sei, stellt sich uns dar als das Zeichen des Unmöglichen
schlechthin. Und gerade darum finden wir hier die Begriffe wieder, die ich definiere als die, die
die Kategorie des Realen festlegen, insofern als sie sich, in dem, was ich artikuliere, radikal
vom Symbolischen und vom Imaginären unterscheidet: das Reale ist das Unmögliche. Nicht in
seiner Eigenschaft als einfaches Widerlager, an dem wir uns den Kopf anrennen, sondern als das
logische Widerlager dessen, was, vom Symbolischen her, sich als unmöglich aussagt.
Ebendaraus erscheint das Reale.
In der Tat erkennen wir genau da, jenseits des Mythos von Ödipus, einen Operator, einen
strukturellen Operator, genannt der reale Vater ŕ der, so würde ich sagen, jene
Eigentümlichkeit besitzt, daß er als Paradigma, im Herzen des Freudschen Systems, auch das
Starkmachen dessen ist, was der Vater des Realen ist, der ins Zentrum des Freudschen
Aussagens einen Begriff des Unmöglichen stellt.
Das heißt, daß das Freudsche Aussagen nichts mit der Psychologie zu tun hat. Eine Psychologie 144
dieses ursprünglichen Vaters ist nicht vorstellbar. Nur ŕ die Darstellung, die von ihm gegeben
wird, ruft Spott hervor, und ich brauche nicht zu wiederholen, was ich anläßlich der letzten Sitzung gesagt habe: der, der aller Frauen genießt, unvorstellbare Imagination, wo man doch
normalerweise zur Genüge wahrnehmen kann, daß es schon viel ist, einer einzigen gewachsen
zu sein. Wir werden da auf einen ganz anderen Bezug zurückverwiesen, auf den zur Kastration,
und zwar von dem Moment an, in dem wir sie als Ursprung des Herrensignifikanten definiert
haben. Am Ende des heutigen Diskurses werde ich Ihnen zeigen, was das bedeuten kann.
Der Diskurs des Herrn zeigt uns das Genießen als vom Andern kommend ŕ er ist es, der die
Mittel dazu besitzt. Das, was Sprache ist, erhält es [das Genießen] nur, indem es so lange insistiert, bis es den Verlust produziert, aus dem heraus die Mehrlust Gestalt annimmt.
Zunächst kann die Sprache, und selbst die des Herrn, nichts anderes sein als Anspruch, Anspruch, der scheitert. Nicht aus seinem Erfolg ŕ aus seiner Wiederholung heraus erzeugt sich
etwas, das eine andere Dimension ist159, die ich den Verlust genannt habe ŕ Verlust, aus dem
heraus die Mehrlust Gestalt annimmt.
Diese sich wiederholende Schöpfung, diese Einführung einer Dimension, mittels deren sich all
das einrichtet, womit die analytische Erfahrung beurteilt werden kann, kann auch von einer ursprünglichen Ohnmacht ausgehen ŕ kurz und gut: der des Kindes, und nicht im entferntesten
von der Allmacht. Wenn man hat wahrnehmen können, daß die Psychoanalyse uns
demonstriert, daß das Kind der Vater des Menschen ist, dann genau deshalb, weil es irgendwo
159Mitschrift: einer anderen Dimension angehört [Miller: qui est une autre dimension / Mitschrift: qui est d´une
autre dimension]

123

etwas geben muß, das die Vermittlung zwischen ihnen bildet, und dieses Etwas ist ganz genau
die Instanz des Herrn, insofern als sie aus einem letztlich beliebigen Signifikanten den
Herrensignifikanten produziert.
Zu der Zeit, als ich formuliert hatte, was er an der Objektbeziehung in ihrem Verhältnis zur
Freudschen Struktur beleuchtet, hatte ich geäußert, daß der reale Vater der Agent der Kastration
ist.160 Ich hatte das aber nur in dem Bemühen vorgebracht, zunächst die wesentlichen
Unterschiede zwischen Kastration, Frustration und Privation zu entwickeln. Die Kastration ist
[eine] essentiell symbolische Funktion, nämlich deshalb, weil sie sich von nirgendwo anders her
vorstellen läßt als aus der Signifikantenverknüpfung, die Frustration ist Imaginäres, die
Privation, wie selbstverständlich, Reales.
Was läßt sich als Frucht dieser Operationen definieren? Aus dem Rätsel, das uns der Phallus als
offensichtlich imaginärer stellt, müssen wir das Objekt der ersten dieser Operationen machen,
der Kastration. Worum es in einer Frustration stets geht, ist ŕ warum nicht? ŕ etwas sehr 145
Reales, selbst wenn die Einforderung [revendication], die sie begründet, kein anderes Mittel hat
als zu imaginieren, daß man es Ihnen schuldig ist, dieses Reale ŕ was nicht selbstverständlich
ist. Die Privation ŕ es ist klar, daß sie sich nur durch das Symbolische situiert, denn da es um
etwas Reales geht, könnte nichts fehlen: was real ist, ist real, und jene gleichwohl essentielle
Einführung muß ganz sicher anderswoher kommen, jene Einführung, ohne die wir selbst nicht
im Realen wären, nämlich: daß dort etwas fehlt ŕ und genau das ist es, wodurch das Subjekt
zunächst gekennzeichnet ist.
Auf der Ebene der Agenten bin ich damals ŕ nicht ohne darauf hinzuweisen ŕ weniger
explizit geblieben. Der Vater, der reale Vater, ist niemand anderer als der Agent der Kastration
ŕ und dies vor uns zu tarnen, ebendazu ist die Behauptung bestimmt, der reale Vater sei
unmöglich.
Agent, was bedeutet das? Im ersten Ansatz rutschen wir in das Phantasma, der Vater sei der Kastrator. Es ist sehr auffällig, daß keine der Formen des Mythos, an die Freud sich geheftet hat,
diese Vorstellung vermittelt. Nicht weil die Söhne, die noch tierhaften Söhne, zu einem hypothetischen ersten Zeitpunkt keinen Zugang zur Frauenschar haben, sind sie, soweit ich weiß,
kastriert. Die Kastration als Aussage eines Verbots könnte sich in jedem Fall nur vom zweiten
Zeitpunkt her begründen, von dem des Mythos vom Mord am Vater der Urhorde, und selbst diesem Mythos zufolge geht daraus nichts anderes hervor als eine allgemeine Übereinstimmung,
ein einzigartiges initium, dessen problematischen Charakter ich letztesmal demonstriert habe.
Hier ist auch der Begriff des Akts hervorzuheben. Wenn ernst zu nehmen ist, was ich Ihnen von
der Ebene des Aktes habe sagen können, als ich den psychoanalytischen Akt behandelt habe 161,
nämlich: wenn wahr ist, daß es keinen Akt geben kann anders als aus dem Kontext heraus, der
schon mit all dem angefüllt ist, was es mit der Inzidenz des Signifikanten auf sich hat, mit
seinem Ins-Spiel-kommen in der Welt, dann könnte es am Anfang keinen Akt geben, jedenfalls
keinen, der sich als Mord qualifizieren ließe. Der Mythos kann hier keinen andern Sinn haben
als den, auf den ich ihn zurückgeführt habe, den einer Aussage des Unmöglichen. Es kann
keinen Akt geben außerhalb eines Feldes, das bereits so vollständig artikuliert ist, daß sich in
ihm das Gesetz situiert. Es gibt keinen anderen Akt als den, der sich auf die Wirkungen dieser
160Im Séminaire IV, La relation d’objet (1956/57).
161Im Séminaire XV, L’acte psychanalytique (1967/68).

124

Signifikantenverknüpfung bezieht und deren162 ganze Problematik in sich birgt ŕ einerseits mit 146
dem163, was selbst die Existenz von all dem, das sich als Subjekt artikulieren könnte, an Sturz
beinhaltet oder eher noch: Sturz ist, und, andererseits, mit dem164, was dort bereits als
gesetzgebende Funktion existiert.
Geht also die Funktion des realen Vaters hinsichtlich dessen, was es mit der Kastration auf sich
hat, aus der Natur des Aktes hervor? Das ganz genau erlaubt uns der Begriff des Agenten, den
ich vorgebracht habe, in einen Schwebezustand zu versetzen.
Das Verb agieren hat, in der Sprache [langue], mehr als eine Resonanz, angefangen bei der des
Akteurs. Auch die des Aktionärs, warum nicht, dieses Wort ist aus dem der Aktion gebildet, und
das zeigt Ihnen, daß eine Aktion vielleicht überhaupt nicht das ist, was man glaubt. Ebenso der
Aktivist ŕ definiert sich der Aktivist nicht eigentlich gesagt dadurch, daß er sich eher als das
Instrument von etwas versteht? Aktäon ŕ wo wir gerade dabei sind ŕ, das wäre ein gutes Beispiel für den, der wüßte, was das in den Begriffen der165 Chose freudienne bedeutet. Und
schließlich das, was man ganz schlicht mein Agent nennt. Sie sehen, was das im allgemeinen
bedeutet: dafür bezahle ich ihn. Nicht mal: ich entschädige ihn dafür, daß er nichts anderes zu
tun hat, oder ich honoriere ihn, wie man sagt, indem man so tut, als ginge man davon aus, er sei
zu etwas anderem fähig.
Das ist die Ebene des Begriffs, auf der man das auffassen sollte, was es mit dem realen Vater
auf sich hat als dem Agenten der Kastration. Der reale Vater macht die Arbeit der HerrenAgentur.

3
Mehr und mehr sind wir mit den Funktionen des Agenten vertraut. Wir leben in einer Zeit, in
der wir wissen, was davon befördert wird: Schund, Publicity, Tricks, die verkauft werden
müssen. Wir wissen aber auch, daß es genau damit läuft an dem Punkt, an dem wir in der
Entfaltung, im Paroxysmus des Diskurses des Herrn in einer Gesellschaft stehen, die sich auf
ihn gründet.
Es ist spät.
Ich bin gezwungen hier einen kleinen Schnitt zu machen, worauf ich Sie nebenbei hinweise,
weil wir vielleicht wiederaufnehmen werden, um was es geht und was für mich seinen Wert hat
und mir der Anstrengung, es zu erhellen, nicht unwert erscheint. Da ich auf die Funktion des
Agenten einen Akzent, eine ganz besondere Note setze, werde ich Ihnen eines Tages alle
Entwicklungen zeigen müssen, die das dadurch nimmt, daß man den Begriff des Doppelagenten
einführt.
Jeder weiß, daß dieser Begriff in unserer Zeit einer der unbestreitbarsten, der sichersten Gegen- 147
stände einer Faszination ist. Der Agent, der wieder von vorn anfängt. Er will nicht nur das
kleine Geschäft des Herrn, was jedermanns Rolle ist. Er denkt, daß das, womit er in Verbindung
steht, nämlich daß alles, was wirklich Wert hat, ich meine: in der Ordnung des Genießens,
162Mitschrift: die
163Mitschrift: dessen
164Mitschrift: dessen
165Mitschrift: meiner

125

nichts zu tun hat mit den Rastern dieses Netzes. In seiner unauffälligen Arbeit ist, was er166 bewahrt, letzten Endes genau das.
Eine seltsame Geschichte. Und sie führt weit. Der wahre Doppelagent, das ist der, der denkt,
daß das, was den Rastern entgeht, daß auch das betrieben [agencé] werden müßte. Denn wenn
das wahr ist, dann wird das Betreiben [l'agencement] es [auch] werden, und zugleich damit wird
das erste Betreiben, dasjenige, das ganz offensichtlich Schund war, ebenfalls wahr werden.
Sehr wahrscheinlich hat genau dies jemanden geleitet, der sich ŕ warum, weiß man nicht ŕ in
die Funktion des prototypischen Agenten dieses Diskurses des Herrn versetzt hatte, insofern er
sich dadurch autorisiert, daß er über jenes Etwas wacht, dessen Essenz ein Schriftsteller, Henri
Massis, herausgearbeitet hat, indem er jenes prophetische Wort aussprach: Die Mauern sind gut.
Schließlich fand erwähnter Sorge 167, mit einem so Heideggerschen Namen, Mittel und Wege,
sich unter den Naziagenten aufzuhalten und sich zum Doppelagenten zu machen zum Vorteil
wessen? Zum Vorteil des Vaters der Völker 168, von dem, wie Sie wissen, jeder hofft, er werde es
sein, der macht, daß auch das Wahre betrieben [agencé] wird.
Der Bezug, den ich hier wachrufe, der auf den Vater der Völker, steht in vielerlei Beziehung zu
dem auf den realen Vater als Agenten der Kastration. Da die Freudsche Aussage, und wäre es
auch nur, weil sie vom Unbewußten spricht, nicht anders kann, als vom Diskurs des Herrn auszugehen, kann sie aus diesem berühmten realen Vater nur das Unmögliche machen. Schließlich
aber, trotz allem, dieser realer Vater, wir kennen ihn ŕ das steht in einer ganz anderen
Ordnung.
Zunächst, ganz allgemein, nimmt alle Welt an, daß es der ist, der arbeitet, und zwar um seine
kleine Familie zu ernähren. Auch wenn er, in einer Gesellschaft, die ihm augenfällig keine
große Rolle zuweist, der Agent von etwas ist, so bleibt gleichwohl, daß er außerordentlich
liebenswürdige Seiten hat. Er arbeitet. Und außerdem möchte er gern geliebt werden.
Es gibt etwas, das zeigt, daß die ganze Mystagogie, die aus ihm den Tyrannen macht,
offensichtlich ganz woanders liegt. Nämlich auf der Ebene des realen Vaters als sprachlicher
Konstruktion, worauf Freud übrigens stets hingewiesen hat. Der reale Vater ist nichts anderes
als eine Sprachwirkung, und ein anderes Reales hat er nicht. Ich sage nicht: eine andere Realität, 148
denn die Realität, das ist wieder etwas anderes. Es ist das, wovon ich eben gerade gesprochen
habe.
Ich könnte sogar sofort ein ganz klein bißchen weiter gehen, indem ich Sie darauf hinwiese, daß
der Begriff des realen Vaters wissenschaftlich unhaltbar ist. Es gibt nur einen realen Vater, und
das ist das Spermatozoon, und bis auf weiteres hat niemand je daran gedacht, zu sagen, er sei
der Sohn eines solchen Spermatozoons. Natürlich kann man dagegen Einwände erheben mit
Hilfe einer gewissen Zahl von Untersuchungen der Blutgruppen, der Rhesus-Faktoren. Das aber
ist ganz neu und hat absolut nichts zu tun mit allem, von dem man bisher gesagt hat, es sei die
Funktion des Vaters. Ich spüre, ich begebe mich auf ein gefährliches Terrain, aber schlimmer
noch ŕ gleichwohl könnte man sich nicht nur bei den Stämmen der Aranda die Frage stellen,
wer wirklich [réellement] der Vater ist in einem Fall, in dem eine Frau gemerkt hat, daß sie
geschwängert worden ist. Wenn es eine Frage gibt, die die Psychoanalyse sich stellen könnte,
166Mitschrift: ihn
167Lacan meint hier offensichtlich den deutsch-sowjetischen Doppelagenten Richard Sorge (Schreibung bei
Miller.: Sorgue; die Mitschrift hat korrekte Schreibung).
168Gemeint ist Josef Stalin.

126

dann genau diese. Warum sollte, in einer Analyse, nicht ŕ von Zeit zu Zeit hat man den
Verdacht ŕ der Analytiker der reale Vater sein? Selbst wenn überhaupt nicht er es war, der es
gemacht hat, da, auf der Ebene der Spermatozoen. Von Zeit zu Zeit hat man diesen Verdacht,
wenn in bezug auf das Verhältnis der Patientin mit, drücken wir es schamhaft aus, der
analytischen Situation, erstere am Ende gemerkt hat, daß sie Mutter ist. Man muß kein Aranda
sein, um sich Fragen über das zu stellen, was es mit der Funktion des Vaters auf sich hat.
Gleichzeitig ŕ denn das erweitert unsere Vorstellungen ŕ bemerkt man, daß man den Bezug,
den ich hergestellt habe, weil er der heikelste ist, den auf die Analyse, nicht braucht, damit sich
dieselbe Frage stelle. Man kann seinem Ehemann sehr gut ein Kind machen, das das Kind von
jemand anderem ist, selbst wenn man nicht mit ihm gebumst hat ŕ von genau dem, von dem
man gewollt hätte, er wäre der Vater. Gleichwohl hat man genau deswegen ein Kind gekriegt.
Sie sehen, das zieht uns ein bißchen in den Traum hinein, das muß man hier sagen. Ich tue es
nur, um Sie wachzumachen. Wenn ich gesagt habe, daß das, was Freud ŕ natürlich nicht auf
der Ebene des Mythos und auch nicht auf der der Erkenntnis der Todeswünsche im Traum der
Patienten ŕ zusammenspintisiert hat, daß das ein Traum Freuds ist, dann weil der Analytiker,
meiner Meinung nach, sich ein ganz klein wenig von der Ebene des Traums losreißen sollte.
Das, worauf der Analytiker, geführt durch das, was Freud an Durchschlagendem eingeführt hat, 149
gestoßen ist, das, was er von dieser Begegnung zurückbehalten hat, das ist noch überhaupt nicht
geklärt. Letzten Freitag habe ich bei meiner Kranken-Vorstellung einen Herrn vorgestellt ŕ ich
sehe nicht, warum ich ihn einen Kranken nennen sollte ŕ, dem Sachen passiert waren, die bewirkten, daß sein EEG, wie mir die MTA sagte, andauernd an der Grenze zwischen Schlaf- und
Wachzustand ist, wobei es derart oszilliert, daß man nie weiß, wann er vom einen in den andern
überwechselt, und daß das so bleibt. Ein bißchen in der Art sehe ich das Ensemble unserer Analytiker-Kollegen, und mich vielleicht auch, alles in allem. Der Schock, das Geburtstrauma der
Analyse hält sie in diesem Zustand. Und genau deshalb schlagen sie mit den Flügeln, um zu versuchen, aus der Freudschen Artikulation etwas Genaueres herauszuholen.
Das soll nicht heißen, daß sie dem nicht näher kämen, was sie aber sehen müßten, das ist z.B.
folgendes: Die Stellung des realen Vaters, so wie Freud sie artikuliert, nämlich als ein Unmöglicher, sie ist es, die bewirkt, daß der Vater notwendig als Privator imaginiert wird. Nicht Sie,
nicht er, nicht ich bilden sich das ein, es hängt mit der Stellung selbst zusammen. Es überrascht
überhaupt nicht, daß wir unablässig auf den imaginären Vater stoßen. Das ist eine notwendige,
strukturale Abhängigkeit von etwas, das uns eben entgeht und das der reale Vater ist. Und der
reale Vater, es ist strikt ausgeschlossen, ihn verläßlich zu definieren wenn nicht als Agent der
Kastration.
Die Kastration ist nicht das, als das sie jeder, der psychologisiert, notwendigerweise definiert.
Man hat das, so scheint es, vor noch nicht so langer Zeit in einer DissertationsGutachterkommission auftauchen sehen, in der jemand, der entschieden die Seite gewählt hat,
aus der Psychoanalyse die Psychopädie zu machen, die man kennt, gesagt hat: »Wissen Sie, für
uns ist die Kastration nur ein Phantasma.« Aber nein. Die Kastration, das ist die reale Operation,
eingeführt namens der Inzidenz irgendeines Signifikanten in das Geschlechtsverhältnis. Und es
ist selbstverständlich, daß sie den Vater determiniert als dieses unmögliche Reale, wie wir
gesagt haben.
Es geht jetzt darum, was diese Kastration bedeutet, die kein Phantasma ist und aus der resultiert,

127

daß es keine andere Ursache des Begehrens gibt als die, die durch diese Operation
hervorgebracht wird, und daß das Phantasma die ganze Realität des Begehrens beherrscht, d.h.
das Gesetz.
Was den Traum angeht, so weiß jetzt jeder, daß es der Anspruch ist, der Signifikant in Freiheit,
der insistiert, der kreischt und mit den Füßen stampft, der absolut nicht weiß, was er will. Die
Idee, den allmächtigen Vater an den Ursprung des Begehrens zu stellen, wird hinreichend
zurückgewiesen durch die Tatsache, daß es das Begehren der Hysterika ist, aus dem Freud seine 150
Herrensignifikanten extrahiert hat. In der Tat darf man nicht vergessen, daß Freud genau von da
ausgegangen ist und daß er eingestanden hat, was im Zentrum seiner Frage unbeantwortet
bleibt. Dies ist um so kostbarer aufgenommen worden, als es eine Eselin ist, die es wiederholt
hat, ohne im mindesten zu wissen, was das bedeutete. Es ist die Frage: Was will ein Weib?
Ein Weib. Es ist nicht gleichgültig, welches. Schon die Frage zu stellen bedeutet, daß es etwas
will. Freud hat nicht gesagt: Was will das Weib? Weil das Weib ŕ nichts besagt, daß es, alles in
allem, überhaupt irgend etwas will. Ich würde nicht sagen, daß es sich mit allem169 abfindet. Es
stört sich an allem , was mit K anfängt, Kinder, Küche, Kirche, aber es gibt auch noch eine
Menge anderer Sachen, Kultur, Kilowatt, Purzelbaum [culbute], wie jemand sagt. Roh und gekocht [Cru et Cuit], das gilt ihm alles gleich. Es schluckt sie , diese K’s. Sobald Sie aber die
Frage stellen Was will ein Weib?, siedeln Sie die Frage auf der Ebene des Begehrens an, und
jeder weiß, daß, die Frage auf der Ebene des Begehrens anzusiedeln, daß das, was die Frau betrifft, heißt, die Hysterika zu befragen.
Was die Hysterika will ŕ ich sage das für diejenigen, die nicht die Berufung dazu fühlen, von
ihnen muß es viele geben170 ŕ, das ist ein Herr. Das ist völlig klar. Das ist es dermaßen, daß
man sich fragen muß, ob die Erfindung des Herrn nicht von dort ausgegangen ist. Das würde auf
elegante Weise beschließen, was wir zu spuren im Begriff sind.
Sie will einen Herrn. Genau das sitzt in der kleinen Ecke da oben rechts, um es nicht anders zu
nennen. Sie will, daß der andere ein Herr sei, daß er eine Menge wisse, gleichwohl aber nicht,
daß er davon soviel wisse, daß er nicht glaubt, sie sei der höchste Preis all seines Wissens.
Anders gesagt, sie will einen Herrn, über den sie herrscht. Sie herrscht, und er regiert nicht.
Ebendas ist Freuds Ausgangspunkt. Sie, das ist die Hysterika, aber das ist nicht zwangsläufig
auf ein Geschlecht spezifiziert. Sobald Sie die Frage stellen Was will Jemand [Untel]?, treten
Sie in die Funktion des Begehrens ein, und Sie verlassen den Herrensignifikanten.
Freud hat eine Anzahl von Herrensignifikanten produziert, die er mit dem Namen Freud zugedeckt hat. Ein Name, das dient auch dazu, etwas zuzupropfen. Es erstaunt mich, daß man mit
diesem Propfen, der ein Name des Vaters ist, irgendeiner, die Vorstellung assoziieren kann, es
könne auf dieser Ebene da irgendeinen Mord geben. Und wie kann man denken, die Analytiker
seien das, was sie sind, aufgrund einer Andacht gegenüber dem Namen Freuds? Sie kommen
nicht heraus aus den Herrensignifikanten Freuds, das ist alles. Sie hängen nicht sosehr an Freud 151
als vielmehr an einer gewissen Anzahl von Signifikanten: das Unbewußte, die Verführung, das
Trauma, das Phantasma, das Ich, das Es und alles, was Sie wollen ŕ keine Frage, daß sie aus
dieser Ordnung nicht herauskommen. Auf dieser Ebene haben sie keinen Vater zum Umbringen.

169Miller und Mitschrift transkribieren hier »de tous les cas«; möglich (und durch das Folgende gestützt) ist
jedoch auch die Lesart »de tous les k« [= »mit allen K’s«].
170Mitschrift: und es sieht so aus, als gäbe es viele davon

128

Man ist nicht der Vater von Signifikanten, man ist es vielmehr aufgrund ihrer. Auf der Ebene
gibt es kein Problem.
Die wahre Triebfeder ist die: Insofern als man ihn dem Vater zuteilen möchte, trennt das Genießen den Herrensignifikanten vom Wissen als Wahrheit. Nehmen wir das Schema des Diskurses
des Analytikers, so befindet sich das durchs Genießen gebildete Hindernis da, wo ich das
Dreieck gezeichnet habe, also zwischen dem, was sich, egal in welcher Form, als
Herrensignifikant produzieren kann, und dem Feld, über das das Wissen disponiert, insofern es
sich als Wahrheit setzt.

a
S2

$
S1

Und ebendies nun erlaubt zu artikulieren, was es mit der Kastration wahrhaftig auf sich hat: daß,
selbst fürs Kind, was auch immer man darüber denkt, der Vater der ist, der nichts von der Wahrheit weiß.
An diesem Punkt werde ich nächstesmal wiedereinsetzen.
18. MÄRZ 1970.

129

X

151

RADIOPHONIE
Ich weiß nicht, was Sie während dieser Zeit gemacht haben, die uns getrennt hat. Jedenfalls
haben Sie171 auf irgendeine Weise Nutzen aus ihr gezogen. Was mich betrifft, so mache ich die
Person, die so freundlich war, mich darauf aufmerksam zu machen, sie sei eine astudée172 der
152
Sorbonne, darauf aufmerksam, daß ich aus Kopenhagen den Sellin habe kommen lassen, von
dem ich gesprochen habe, also das kleine Buch von 1922, das später eine gewisse Ablehnung
hervorgerufen hat und um das herum Freud seine Gewißheit kreisen läßt, daß Moses tudé173
worden ist.
Ich wüßte nicht, daß, außer Jones und vielleicht ein, zwei anderen, sich viele Psychoanalytiker
dafür interessiert hätten. Gleichwohl verdient dieser Sellin, an seinem Text geprüft zu werden,
denn Freud war der Ansicht, er falle , wenn ich so sagen kann, ins Gewicht, und natürlich
sollte man ihm folgen, um diese Einschätzung zu überprüfen. Dies scheint mir auf der Linie
dessen zu liegen, was ich dieses Jahr von der Kehrseite der Psychoanalyse vorbringe. Da ich
dieses Buch aber erst seit rund fünf Tagen habe und es in einem sehr massiven Deutsch
geschrieben ist, viel weniger luftig als das, woran uns die Texte Freuds gewöhnen, werden Sie
sich vorstellen, daß ich trotz der Hilfestellung, die mir eine Reihe von Rabbinern, große und
kleine, haben geben wollen ŕ nun, große174, es gibt keine kleinen Rabbiner, es gibt Juden
ŕ, heute noch nicht soweit bin, Ihnen eine Zusammenfassung zu geben, zumindest keine, die
mich zufriedenstellen würde.
Andererseits findet sich, daß ich ersucht worden bin ŕ es ist nicht das erste Mal, es ist ein extensives Ersuchen ŕ, dem belgischen Rundfunk zu antworten, und zwar durch einen Mann,
Monsieur Georgin, der sich, offen gesagt, meine Wertschätzung dadurch erworben hat, daß er
mir einen langen Text übergab, der zumindest den Beweis dafür liefert, daß er, im Gegensatz zu
vielen andern, meine Écrits gelesen hat. Er hat daraus, na ja, das gezogen, was er hat ziehen
können, aber alles in allem ist das nicht nichts. Wahrhaftig, am Ende war ich davon vielmehr
geschmeichelt. Freilich nicht so, daß es meine Neigung zu dieser Übung verstärkt hätte, die
darin besteht, sich im Rundfunk aufnehmen zu lassen ŕ das kostet immer viel Zeit.
Nichtsdestotrotz, da es scheint, als hätte er die Dinge so eingerichtet, daß das auf die kürzeste
Weise geschehen kann, werde ich vielleicht nachgeben.
Der, der, im Gegenteil, vielleicht nicht nachgibt, ist er, da ich, um auf jene Fragen zu antworten,
von denen ich Ihnen drei Beispiele liefern werde, nichts Besseres zu tun können geglaubt habe,
als auf sie mittels etwas Geschriebenem zu antworten und mich nicht der Eingebung des
Augenblicks zu überlassen, dieser Bahnung, die ich hier jedesmal mache, wenn ich Ihnen
gegenüberstehe, dieser Bahnung, die genährt wird durch überreiche Anmerkungen und die
deshalb durchgeht, weil Sie mich dieser Bahnung wehrlos ausgesetzt sehen. Das ist vielleicht
sogar das einzige, was Ihre Anwesenheit hier rechtfertigt.
Anders sind die Bedingungen dann175, wenn es darum geht, für einige zehn-, ja, gar einige
hunderttausend Hörer zu sprechen, bei denen der unvermittelte Test, sich ohne die Stütze der
153
äußeren Gestalt zu präsentieren 176, andere Wirkungen verursachen kann.
Jedenfalls werde ich mich weigern, anderes zu liefern als diese bereits geschriebenen Texte. Das
bedeutet also, daß man in diese Bedingung viel Vertrauen hat, denn, Sie werden es sehen, die
Fragen, die mir gestellt werden, stehen zwangsläufig im Intervall zwischen dem, was sich aus
einer konstruierten Artikulation erzeugt, und dem, was ŕ wie ich es nennen würde ŕ ein gemeinsames Bewußtsein davon erwartet. Ein gemeinsames Bewußtsein, das bedeutet auch eine
171

Mitschrift: , ich hoffe, Sie haben
Von lat. astutus = listig, verschlagen, schlau.
173
Von lat. tutus, pt.pf. von tutari = verwahren, schützen, sichern ŕ aber auch, wie Lacan bereits angemerkt hat,
die lat. Ausgangsform von frz. tuer = töten.
174
Mitschrift: gut
175
Mitschrift: Dennoch sind die Bedingungen offensichtlich andere
176
Mitschrift: Text, dadurch daß er sich ohne die Stütze der äußeren Gestalt präsentiert
172

130

Reihe gemeinsamer Formeln. Diese Sprache [langage], schon die Alten, die Griechen, hatten sie
in ihrer Sprache [langue] die 177 genannt. Man kann das unmittelbar ins Französische
übersetzen: das Gequieke [la couinée]. Es quiekt [Ça couine].
Ich verachte die  keineswegs. Nur glaube ich, sie ist dem nicht ungünstig, daß man in ihr
gewisse Überstürzungseffekte hervorbringt, indem man ausgerechnet den unvermitteltsten Diskurs einführt, den es gibt.
So. Deshalb werde ich Ihnen heute meine Antworten auf drei dieser Fragen mitteilen. Dies nicht
nur, um mich in der Anstrengung zu supplieren, denn es wird, glauben Sie's nur, eine viel
größere Anstrengung für mich sein, Ihnen diese Texte vorzulesen, als so vorzugehen, wie ich es
für gewöhnlich tue.
Um es nicht hinauszuziehen, artikuliere ich Ihnen die erste dieser Fragen, es ist die folgende:
In den Écrits behaupten Sie, Freud antizipiere, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, die
Forschungen Saussures und des Prager Kreises. Können Sie sich über diesen Punkt äußern?
Das also tue ich ŕ nicht aus dem Stegreif, wie ich Ihnen im voraus gesagt habe ŕ, indem ich
folgendes antworte.
[Der gelesene Text dieser drei Antworten ist unter dem Titel Radiophonie veröffentlicht worden
in einem Sammelband, Scilicet, Nr. 2-3, erschienen bei Éditions du Seuil.]178
9.179 APRIL 1970.

Von ó = gemeinsam, gemeinschaftlich, allgemein.
Die deutsche Übersetzung des von Miller angegebenen Referenztextes (ihr ist auch der Wortlaut der ersten
Frage entnommen) liegt vor in: J. Lacan, Radiophonie. Television (Radiophonie übers. v. H.-J. Metzger),
Weinheim 1988, S.7-23. Jedoch weicht die in Scilicet publizierte Version (auf die sich Metzgers Übersetzung
stützt) erheblich von dem Wortlaut ab, den die Mitschrift bringt. Insbesondere läßt sie erkennen, daß Lacan
über die Zuordnung seiner Ausführungen zu den vorgelegten Fragen noch nicht endgültig entschieden hatte;
dies betrifft vor allem die Frage IV in der Scilicet-Version, deren Beantwortung in der Mitschrift noch zu Frage
II gehört. Die Ausführungen der Scilicet-Version zu Frage III erscheinen in der Mitschrift dagegen überhaupt
nicht. Eine synoptische Wiedergabe des Textbeginns der beiden Versionen von Lacans Antwort auf die Frage
IV der Scilicet-Version wird hier als Anhang 2 präsentiert. Vgl. im übrigen auch den »Vorbericht« zur
vorliegenden Übersetzung.
179
Mitschrift: 8. April 1970, was wahrscheinlicher ist, da dieses Datum einem Mittwoch entspricht.
177
178

131

155

XI
DAS GRAUSAME NICHTWISSEN JAHWES

Freud und Sellin.
Der Deutungsfehler.
Das Ins-Bild-Setzen.
Mose getötet.
Die Allegorie der Ehe.

Ich werde nicht sagen, daß ich Ihnen den Herrn Professor André Caquot vorstelle, Studienleiter
bei der fünften Sektion der Religionswissenschaften an den Hautes Études 180, wo ich, wie Sie
wissen, Lehrbeauftragter bin.
Ich werde nicht sagen, daß ich ihn Ihnen vorstelle, denn ich muß ihn Ihnen nicht vorstellen. Ich
stelle mich vor als der, der, durch seine Gunst und Güte, von ihm völlig abhängig gewesen ist
während der Zeit, die seit den zwei Tagen vor unserem letzten Treffen verstrichen ist, d.h. von
dem Moment an, wo ich angefangen habe, etwas wissen zu wollen über das Buch von Sellin.

1
Von diesem Buch habe ich Ihnen lange genug gesprochen, damit Sie um seine Bedeutung
wissen. Für die, die etwa zufällig das erste Mal hierherkommen, rufe ich in Erinnerung, daß es
das Buch ist, das Freud genau recht kam oder auch, wie ich mich ausgedrückt habe, ihm wie
angegossen paßte, um die Thematik eines Todes Mosis stützen zu können, der ein Mord
gewesen wäre. Mose wäre getötet worden.
Dank Monsieur Caquot habe ich von der Stellung dieses Buches in bezug auf die Exegese erfahren können, nämlich seine Einreihung in die Blütezeit dessen, was man die textuelle Technik
nennen kann, so wie sie, ganz besonders seit dem 19. Jahrhundert, an den deutschen 156
Universitäten eingerichtet wurde. Ich habe Sellin einordnen können hinsichtlich denen, die ihm
vorangingen, und denen, die auf ihn folgten, vor allem Eduard Meyer und Gressmann.
Nicht ohne Mühe ŕ wie ich Ihnen letztesmal signalisiert habe ŕ ist es mir gelungen, mir
dieses Buch zu verschaffen, denn es war in Europa ganz und gar unauffindbar. Durch die
Bemühungen der Alliance israélite française habe ich es schließlich aus Kopenhagen erhalten.
Ich habe davon Monsieur Caquot unterrichtet, der eine der seltenen Personen war, die von ihm
nicht nur bereits wußten, sondern es bereits eine Zeitlang in der Hand gehabt hatten, bevor ich
mein Gesuch an ihn richtete. Und wir haben uns diesen Text angeschaut, ganz besonders unter
180École Pratique des Hautes Études.

132

dem Gesichtspunkt, unter dem er Freud erlaubt, das, was ihm am Herzen liegt, einzuordnen, und
zwar nicht zwangsläufig aus denselben Gründen wie Sellin.
Das hat uns dazu genötigt, uns auf jenes Feld einzulassen, in dem ich von einem tiefgründigen
Nichtwissen bin. Sie können nicht alles wissen, was ich nicht weiß ŕ und das glücklicherweise,
denn wenn Sie alles wüßten, was ich nicht weiß, dann wüßten Sie alles. Bei der Überprüfung
eines Versuchs, den ich unternommen habe, das in eine Ordnung zu bringen, was ich selbst von
Monsieur Caquot habe erfahren können, bin ich sofort auf die Idee gekommen, daß es einen
sehr großen Unterschied gibt zwischen wissen, wissen, wovon man spricht, wovon man glaubt
sprechen zu können, und dem, was es mit dem auf sich hat, was ich sogleich mit einem Term
benennen werde, der zur Erklärung dessen dienen wird, was wir hier tun werden.
Es wird also zum zweiten Mal einen Bruch geben hinsichtlich der Art und Weise, in der ich
mich an Sie wende. Letztesmal haben Sie eine harte Prüfung erduldet, derart hart, daß einige die
Hypothese geäußert haben, das sei dazu dagewesen, den Saal ein wenig auszulüften ŕ das
Ergebnis ist, sieht man Sie so zahlreich, mittelmäßig. Diesmal, glaube ich, werden Sie im
Gegenteil Gründe haben, zu bleiben. Und wenn ich Ihnen, im Folgenden, ein weiteres Mal
anbieten müßte, was ich heute dank Monsieur Caquot machen kann, dann geschähe das nach
einer andern Manier. Sagen wir, daß ich, alles in allem, gespürt habe, wie ich vor dem
Gedanken zurückschrecke, heute erneut mit dem umzugehen, womit umzugehen wir leider
gezwungen gewesen sind, nämlich mit hebräischen Lettern.
In den Text, den ich Ihnen letztesmal vorgelesen habe, habe ich eine Definition des Midrasch
eingefügt181. Es handelt sich um einen Bezug zum Geschriebenen, der gewissen Gesetzen
unterworfen ist, die uns in höchstem Maße interessieren. In der Tat, wie ich Ihnen gesagt habe,
geht es darum, sich im Intervall eines bestimmten Verhältnisses zwischen dem Geschriebenen
und einer gesprochenen Intervention zu plazieren, die sich auf es stützt und bezieht.
Die gesamte Analyse, womit ich meine: die analytische Technik, kann, auf gewisse Weise, 157
diesen Bezug dadurch erhellen, daß sie als ein Spiel ŕ in Anführungszeichen ŕ der Deutung
aufgefaßt wird. Der Begriff ist völlig unüberlegt benutzt worden, beispielsweise seit man uns
von einem Streit der Deutungen spricht ŕ als ob es zwischen den Deutungen einen Streit geben
könnte. Obendrein ergänzen sich die Deutungen, sie spielen mit genau diesem Bezug. Wichtig
ist hier das, was ich Ihnen letztesmal gesagt habe, das falsum182, mit der ganzen
Zweideutigkeit, daß sich um dieses Wort herum das Gefallene des Falschen einrichten kann183,
womit ich meine: des Gegenteils des Wahren. Gelegentlich kann dieses Falsche der Deutung so
weit reichen, daß es den Diskurs entstellt. Genau das werden wir sehen. Um Ihnen zu
übermitteln [transmettre], worum es geht, kann ich [mir] Besseres nicht wünschen.
Was mich betrift, so kann das in diesem Feld keinesfalls einem Wissen entsprechen, sondern
vielmehr dem, was ich eine Ins-Bild-Setzung [mise-au-parfum] genannt habe. Ich werde die
Operation vor Ihnen fortsetzen, d.h. fortfahren damit, zu versuchen, mich ins Bild zu setzen, und
zwar in der Form, die nichts Fiktives hat, der Form von Fragen, die zwangsläufig
unausgeschöpft bleiben und die diejenigen sind, die ich in den letzten Tagen an Monsieur
Caquot gestellt habe. Diesbezüglich werde ich mich, genau wie Sie, in einem Verhältnis der Ins-

181Vgl. dazu Scilicet 2/3, S.80 f. bzw. in der dt. Übers. von Radiophonie S. 30 f.
182Vgl. ebd.
183Mitschrift: die sich um dieses Wort herum einrichten kann, die des Fallens und des Falschen

133

Bild-Setzung über ein bestimmtes Wissen befinden, das der Bibel-Exegese.
Muß ich Ihnen sagen, daß Monsieur Caquot an jener fünften Sektion in der Eigenschaft der Vergleichenden Semitischen Religionen ist? Aufgrund der Erfahrung, die ich davon gewonnen
habe, glaube ich, daß niemand auf diesem Gebiet geeigneter sein kann ŕ in dem Sinne, in dem
ich selbst es gefunden habe ŕ, Ihnen ein Gefühl dafür zu vermitteln, was es mit der
Herangehensweise eines Sellin auf sich hat, wenn er aus den Texten von Hosea ŕ mittels
welcher Verfahren, werden Sie sehen ŕ eine Sache herausholt, die er selbst gern herausholen
möchte. Dafür hat er Gründe, und diese Gründe gehen uns etwas an. Was mir Monsieur Caquot
darüber gebracht hat, ist gleichermaßen wertvoll.
Ich sprach gerade von Nichtwissen. Um ein Vater zu sein, womit ich meine: nicht nur ein realer
Vater, sondern ein Vater des Realen, gibt es ganz sicher Dinge, von denen man auf grausame
Weise nicht wissen darf. Auf gewisse Weise dürfte man von all dem nichts wissen, was nicht
das ist184, was ich letztesmal in meinem Text als die Ebene der Struktur zu fixieren versucht
habe, wobei diese Ebene zu definieren ist durch die Ordnung der Sprachwirkungen. Genau da
fällt man, wenn ich so sagen darf, über die Wahrheit ŕ wobei das über auch durch durch
ersetzt werden kann. Man fällt über die Wahrheit, nämlich so, daß man, einzigartige Sache, 158
indem man diesen absoluten Bezug betrachtet, sagen könnte, daß der, der sich dort aufhielte ŕ
aber, ganz sicher, es ist unmöglich, sich dort aufzuhalten ŕ, nicht wüßte, was er sagt.
Ganz sicher besagt das nichts, was irgendwie dazu dienen könnte, den Analytiker zu spezifizieren. Es hieße, ihn ŕ oder genauer: Sie alle sind im Begriff, mir zu sagen, daß das hieße, ihn
in den Rang von jedermann zu stellen. Wer weiß tatsächlich, was er sagt? Das wäre ein Irrtum.
Nicht weil jeder spricht, sagt jeder auch etwas. Es könnte um einen ganz anderen Bezug gehen,
nämlich: zu wissen, in welchen Diskurs man sich einfügt, also äußerstenfalls um diese in
gewisser Weise fiktive Stellung.
Es gibt jemanden, der dieser Stellung entspricht und den ich ohne zu zögern nennen werde, weil
es mir wesentlich erscheint für das Interesse, das wir, wir Analytiker, der hebräischen
Geschichte entgegenbringen müssen. Vielleicht ist es nicht vorstellbar, daß die Psychoanalyse
aus etwas anderem als dieser Tradition heraus hätte geboren werden können. Freud ist in ihr
geboren, und, wie ich hervorgehoben habe, er insistiert darauf, daß er ŕ um die Dinge in dem
Feld, das er entdeckt hat, voranzutreiben ŕ eigentlich nur in diese Juden Vertrauen hat, die seit
recht langer Zeit zu lesen wissen und die ŕ das ist der Talmud ŕ durch die Bezugnahme auf
einen Text leben. Der, oder das, was ich nennen werde, der/das diese radikale Stellung eines
grausamen Nichtwissens realisiert, hat einen Namen: es ist Jahwe selbst.
In seiner Interpellation an jenes auserwählte Volk ist es das Kennzeichen Jahwes, daß er, in dem
Moment, in dem er sich ankündigt, in grausamer Weise nichts von dem weiß, was es an
bestimmten Praktiken der Religionen gibt, von denen es damals wimmelte und die auf einen
bestimmten Wissenstypus gegründet sind: den des sexuellen Wissens.
Wenn wir gleich von Hosea sprechen werden, werden wir sehen, in welchem Maße er genau in
dieser Hinsicht schimpft. Was er im Auge hat, ist das, was es mit einem Verhältnis auf sich hat,
das übernatürliche Instanzen mit der Natur selbst vermengt, die, auf gewisse Weise, von ihnen
abhängt. Welches Recht haben wir, zu sagen, daß das auf nichts beruhen würde? Daß die Weise,
den Baal zu erregen [émouvoir], der, im Gegenzug, die Erde fruchtbar machte, nicht etwas ent184Mitschrift: zu dem gehört

134

sprach, das möglicherweise seine Wirksamkeit haben konnte? Warum nicht? Einfach deshalb,
weil es Jahwe gegeben hat und weil sich ein bestimmter Diskurs eingerichtet hat, den ich dieses
Jahr zu isolieren versuche als die Kehrseite des psychoanalytischen Diskurses, nämlich der Diskurs des Herrn, genau deshalb wissen wir nichts mehr davon.
Ist das die Stellung, die der Analytiker einnehmen muß? Ganz sicher nicht. Der Analytiker ŕ
sollte ich sagen, daß ich es an mir selbst habe erfahren können? ŕ, der Analytiker hat nicht 159
diese grausame Leidenschaft, die uns derart überrascht, wenn es um Jahwe geht. Jahwe situiert
sich am paradoxalsten Punkt, verglichen mit einer anderen Perspektive, beispielsweise der des
Buddhismus, wo empfohlen wird, sich von den drei fundamentalen Leidenschaften zu reinigen:
der Liebe, dem Haß und dem Nichtwissen. Was in dieser einzigartigen religiösen Manifestation
am meisten ergreift, das ist, daß Jahwe keiner der drei entbehrt. Liebe, Haß und Nichtwissen ŕ
jedenfalls sind das Leidenschaften, die in seinem Diskurs mitnichten fehlen.
Was die Stellung des Analytikers auszeichnet ŕ ich werde es heute nicht an die Tafel schreiben
mit Hilfe meines kleinen Schemas, in dem die Stellung des Analytikers durch das Objekt a
angezeigt wird, oben links ŕ, und das ist der einzige Sinn, den man der analytischen Neutralität
verleihen könnte, das ist, daß er an diesen Leidenschaften nicht teilhat. Das hält ihn da ständig
in einer ungewissen Zone, in der er vage versucht, Tritt zu fassen mit dem bzw. sich ins Bild zu
setzen über das, was es mit dem Wissen auf sich hat, das er doch aufgegeben hat.
Heute geht es darum, Jahwes Dialog mit seinem Volk, das, was sich möglicherweise in Sellins
Kopf abgespielt hat, wie auch das, was uns die Begegnung enthüllen kann, die sich als
begründet erweist, mit dem zu vergleichen, was Freud davon im Gedächtnis behält ŕ und was
eigentlich auf dieser Linie liegt, wo er aber innehält, wo er scheitert, indem er aus der Thematik
des Vaters eine Art mythischen Knoten macht, einen Kurzschluß oder, kurzum, eine Pleite.
Ebendies muß ich Ihnen jetzt entwickeln.
Ich habe es Ihnen gesagt: der Ödipuskomplex, das ist Freuds Traum. Wie jeder Traum muß er
gedeutet werden. Wir müssen sehen, wo sich dieser Entstellungseffekt erzeugt, der zu verstehen
ist als der, der sich durch das Umstellen [décalage] in einer Schrift 185 erzeugen kann.
Der reale Vater ŕ wenn man versuchen kann, ihn aus der Artikulation Freuds wiederherzustellen, verknüpft sich, eigentlich gesagt, mit dem, was nur den imaginären Vater betrifft, nämlich
mit der Untersagung des Genießens. Andererseits ist das, was aus ihm das Wesentliche macht,
gekennzeichnet, nämlich jene Kastration, auf die ich eben abgezielt habe, indem ich sagte, daß
es da ein Gebiet grausamen Nichtwissens gebe, ich meine: am Platz des realen Vaters. Ebendies
hoffe ich Ihnen um so leichter demonstrieren zu können, als wir heute, bezüglich Sellin, eine gewisse Anzahl von Dingen geklärt haben werden.
Deshalb werde ich mir erlauben, Monsieur Caquot zunächst einige Fragen zu stellen. Er kennt
ŕ weil ich es ihm gegenüber auf tausenderlei Art zum Ausdruck gebracht habe ŕ den 160
Hintergrund unseres Problems in diesem Punkt gut: Wie, warum hat Freud Mose gebraucht?
Es ist offensichtlich, daß es für die Zuhörerschaft essentiell ist, eine ungefähre Vorstellung
davon zu haben, was das bedeutet: Mose. Tatsächlich beginnt der Text von Sellin damit, daß er
diese Frage stellt: Was war Mose? und daß er die verschiedenen Positionen derer resümiert, die
ihm vorangegangen, sowie derer, die gerade dabei sind, mit ihm zu arbeiten.
185Zu verstehen in dem Sinne, in dem man vom Umstellen der Möbel in einem Zimmer spricht. Gemeint ist die
von Sellin angewandte exegetische Technik, die weiter unten vorgeführt wird.

135

Ausgeschlossen ist, daß diese Positionen ohne Zusammenhang mit der Frage zu klären wären,
seit wann Jahwe da war.
War Jahwe bereits der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs? Handelt es sich da um eine
Tradition, deren wir sicher sein könnten? Oder ist diese Tradition womöglich retroaktiv
hergestellt worden durch den Religionsstifter, der folglich Mose wäre, insofern er, am Fuße des
Horeb oder genauer: auf dem Horeb selbst, die Gesetzestafeln ŕ beachten Sie das ŕ
geschrieben empfangen hätte? Offensichtlich ist das völlig verschieden.
Das Buch von Sellin dreht sich, eigentlich gesagt, um folgendes: Mose und seine Bedeutung für
die israelitisch-jüdische Religionsgeschichte*.
Warum mußte Sellin uns einen getöteten Mose präsentieren? Das ist eine Frage, die ich nicht
einmal anreißen will, denn ich überlasse ihr Feld zur Gänze Monsieur Caquot. Sicher ist, das
dies eng mit der Tatsache verknüpft ist, daß Mose als ein Prophet aufgefaßt wird. Warum muß
er gerade in der Eigenschaft als Prophet getötet werden? Genauer: Sellin denkt, er habe den Tod
eines Märtyrers deswegen erlitten, weil er Prophet ist.
Ebendas bereits möchte Monsieur Caquot uns beleuchten.
[Exposé von A. Caquot 1990. Siehe hier Anhang 1, S.205-208.]186

CAQUOT: Wenn Sie mir erlauben, zunächst die Person vorzustellen, von der wir sprechen,
denn wir wollen hier nicht Texte von Hosea erläutern — wozu man, glaube ich, das ganze Jahr
bräuchte —, sondern eine Meinung zu Hosea, und zwar die von Ernst Sellin. Ernst Sellin ist der
typische deutsche Universitätsprofessor vom Beginn des XX. Jahrhunderts. Er wurde 1867
geboren und machte eine absolut geradlinige Karriere als Professor für Altes Testament an den
Fakultäten für protestantische Theologie in Deutschland. Im fraglichen Zeitraum, um 1920
herum, ist er ordentlicher Professor für Altes Testament an der Berliner Universität. Vielleicht
ist es nicht unnütz, etwas über seine Ideologie zu wissen.
Sellin war ein recht typischer Repräsentant des Protestantismus — kurz: evangelisch oder das,
was wir heute eher liberal nennen würden — im Deutschland der Jahrhundertwende. Die Religion Israels wird durch diese Tendenz vor allem als eine, wenn Sie so wollen, Sittenlehre gesehen. Stets besteht man auf den ethischen Elementen in der »Offenbarung«. Nun finden wir diese
ethischen Elemente — und das ist zur Zeit von Sellin die verbreitetste Meinung — einerseits bei
dem, was man die großen Propheten nennt, denken Sie an Jesaia oder Jeremia, oder auch an die
kleinen, die zwölf kleinen Propheten, deren älteste Repräsentanten Amos und Hosea sind, andererseits findet sich diese sittliche Offenbarung im Dekalog, insbesondere in dem, was man den
ethischen Dekalog von Exodus 20 nennt und was Sie als Die Zehn Gebote kennen.
Die Zehn Gebote — Sellin schreibt sie, und nicht als einziger — Moses selbst zu. Wie lassen
sich nun diese beiden Höhepunkte der alttestamentlichen Offenbarung miteinander verbinden?
Sellin behauptet nun etwas, das eine Art Postulat ist: Die Propheten, die großen SchriftstellerPropheten, sind die Erben der mosaischen Tradition, der wahrhaften Tradition, die von Mose
186Das bei Miller als Annexe A (hier: Anhang 1) wiedergegebene Exposé ist nicht identisch mit dem von der
Mitschrift protokollierten Wortlaut des am 8. April 1970 von A. Caquot gehaltenen Referats. Sein Text folgt
hier als Einschaltung in ... und reicht bis zur Abschnittsziffer 2. Auf die Hervorhebung durch Fettdruck
wurde aus graphischen Gründen verzichtet.

136

ausgeht und authentische Elemente von Leben und Schicksal Mosis, des ersten Propheten, enthält und befördert. Es bestände also, wenn Sie so wollen, zwischen Moses und Hosea — denn
von ihm sprechen wir — eine Kontinuität. Das zweite Element, das seine Reflexion in »Mose
und seine Bedeutung« determiniert und ihn dazu geführt hat, jene äußerst eigenartige These
vorzubringen, zu untermauern — ich beeile mich, es zu sagen. Die These von einem Tod Mosis
war vor ihm nur von Goethe verfochten worden, und zwar in einem Abschnitt, den ich nicht
kenne, der aber identifiziert worden ist und den Sellin selbst nicht kannte. Es ist Karl Budde, ein
Kollege Sellins, der einige Jahre später darauf hingewiesen hat, daß die Vorstellung von einem
Tod Mosis bereits von Goethe lanciert worden war.
Nun, warum der Tod Mosis? Ich erlaube mir, Sellins Buch »Mose und seine Bedeutung« noch
einmal anders herum, wenn man so sagen kann, vorzustellen. Und zwar, weil es da ein recht
bedeutsames Faktum gibt. In dem Moment, in dem Sellin seinen »Mose und seine Bedeutung«
schrieb, erschienen 1922, hatte er gerade einen Kommentar zu den zwölf kleinen Propheten
vollendet, der natürlich auch das Buch Hosea enthielt und im selben Jahr 1922 veröffentlicht
worden ist in einer Reihe von exegetischen Kommentaren, genannt »K.A.T., Kommentar zum
Alten Testament«: »Das Buch der zwölf Propheten«. In diesem Kommentar zu Hosea geht es
auch nicht eine Minute lang um den Tod Mosis. Er übergeht die Passagen, die er im Buch
»Mose und seine Bedeutung« des langen und breiten diskutiert, er liefert von ihnen eine völlig
andere Exegese. Wenn man so sagen kann, hat er seine Entdeckung noch nicht gemacht, hat er
jene Hypothese eines Todes Mosis noch nicht aufgestellt. Ich denke also, erst nachdem er seinen
Kommentar zu Hosea vollendet hatte, ist Sellin auf diese Idee gekommen, und zwar während er
über anderes nachdachte. Und dieses andere ist eine andere Passage der Bibel, die von Hosea
völlig abweicht, jedoch ebenfalls prophetisch ist: der Deutero-Jesaia187, die Kapitel 40 ff. des
Buchs Jesaia, und zwar insbesondere der Schluß von Kapitel 52 sowie der Anfang von Kapitel
53, eine Sammlung eines Propheten aus dem VI. Jahrhundert, in dem es um einen Diener
Jahwes geht, dessen Leiden einen Sühnewert für die Sünden des Volkes besitzen. Von der
christlichen wie auch von der protestantischen exegetischen Tradition werden diese Stellen
ebenfalls als einen der Höhepunkte alttestamentlicher Offenbarung angesehen, weil das die Idee
des Erlösungstodes einführt und es besonders im Evangelium oder in den christlichen Schriften
eine Anpassung der Gestalt des leidenden Dieners an die Person Jesu gibt. Das ist unbestreitbar. Nun, sehen Sie von da aus die Bedeutung, die er Mose, die er den Propheten beilegt — von
Hosea bis zu Deutero-Jesaia, der ebenfalls Prophet ist — als Erbfolgern Mosis. Sellin hat,
glaube ich, folgende Entdeckung gemacht: Der leidende Diener des Deutero-Jesaia, dessen Tod
erlösenden Wert besitzt, ist Mose selbst. Und von da aus hat er sich bemüht, in den vorhergehenden prophetischen Büchern Anspielungen auf einen Tod Mosis wiederzufinden. Und da
genau hat er eine gewisse Anzahl von Passagen bei Hosea in der Weise neu gedeutet, daß er sie
sagen läßt — ich sage wirklich: daß er sie sagen läßt —, es ginge um einen Tod Mosis. Hosea,
nicht wahr, einer der ältesten Propheten, Hüter der prophetischen Tradition, d.h. der wahrhaftigen Tradition nach Mose, hätte — in, wie man wirklich sagen muß, verdeckten Worten, und
zwar derart verdeckt, daß sie wahrscheinlich gar nicht dastehen, den Tod Mosis ausgedrückt.
LACAN: Nicht, daß sie nicht dastehen, sondern daß sie nie zuvor gelesen worden waren...
187Jesaia, Kap. 40-50, die einem anderen, unbekannten Verfasser zugeschrieben werden.

137

CAQUOT: ... daß sie nie gelesen worden sind, nie gelesen vor Sellin und nie mehr nach Sellin.
Sie können es aber sehen: Ich glaube, es ist ganz offensichtlich eine Untersuchungs-Art, mit der
Sie vielleicht nicht vertraut sind, es ist aber recht amüsant zu sehen, wie Sellin vorgegangen ist,
und das vermittelt einem eine Vorstellung. Übrigens muß man nicht mit Steinen nach ihm werfen: die Exegeten jener Epoche waren gewissermaßen der Ansicht, daß die Bibel-Abschreiber
kein Hebräisch konnten. Was ich sage, ist ein wenig plump, alles in allem aber ist es genau das.
Man sagte: Es ist schlechtes Hebräisch, also muß man berichtigen. Nun, die Resultate: Man
nahm einen, offensichtlich rätselhaften, Satz, der sehr schwierig war, weil jenes Hebräisch des
VIII. Jahrhunderts praktisch genommen vor allem ein dichterisches Hebräisch war, eine tote
Sprache geworden war. Und die rabbinischen Kommentare der Rabbiner und der jüdischen
Autoren vom Beginn unserer Zeitrechnung, beispielsweise die Übersetzung der Siebzig, war
von Juden verfertigt worden, die Hebräisch konnten. Nun, sie verstanden nicht mehr als wir.
Trotzdem hatten sie sehr oft denselben Text. Davon ausgehend sagt man, der Text des Hebräischen, der Text der hebräischen Bibel ist verderbt, berichtigen wir ihn also, ersetzen wir ein
Wort, das bizarr erscheint, ersetzen wir es durch ein gut bekanntes Wort, und so gelangt man
zuweilen — das ist die allgemeine Regel — dazu, den Text zu verschandeln, den Text der Bibel
Armseligkeiten sagen zu lassen. Und bald gelangt man dazu, ihn — und genau das ist bei Sellin
der Fall — exakt das sagen zu lassen, was der Exeget ihn sagen lassen wollte.
LACAN: Die Siebzig hätten wirklich einen Text gehabt, der früher liegt als der Text, den wir besitzen?
CAQUOT: Früher, ja, weil die ältesten hebräischen Handschriften — die komplette Bibel — aus
dem IX. Jahrhundert unserer Zeitrechnung stammen und die Version der Siebzig ganz sicher
vor der christlichen Zeitrechung ausgearbeitet worden ist. Es scheint jedoch, daß — offenbar ist
das nicht immer der Fall, persönlich aber glaube ich, ich habe eine gewisse Erfahrung — die
griechische Version der Siebzig für Augen und Ohren sehr oft denselben Text hat wie die
gedruckte Bibel, die massoretische, die traditionelle Bibel, daß sie aber zuweilen, wenn sie nicht
verstehen, deuten. Genau so muß man das Studium der alten Bibel-Übersetzungen betrachten.
Ja, ich weiß jetzt nicht, ob wir fortfahren sollen, zu ...
LACAN: Ich glaube, wenn Sie in dieser Versammlung hier eine Vorstellung von den
Manipulationen vermitteln könnten anhand einiger wirklicher Schlüsselwörter ...
CAQUOT: Also, bezüglich des Gegenstandes, der uns interessiert, d.h. der Mose von Sellin, ja,
da müssen wir von zwei Texten ausgehen, Texten von Hosea, sowie von einem andern Text, den
ich Ihnen zunächst einmal ganz rasch vorstellen werde, das Kapitel 25 der Numeri, ein sehr
merkwürdiger, sehr schwieriger Text, der sicherlich von vergangenen Traditionen umgearbeitet
worden ist, natürlich bevor er seine schriftliche Fixierung in der Bibel erfahren hat. Wie Sie
wissen, erzählt er vom Götzendienst der Israeliten in den Ebenen von Moab — der Kult des
Baal-Peor —, und dies geschah an einem Ort namens Sittim. Der Text ist sehr schwierig: Ich
erlaube mir, Ihnen den Schluß noch einmal vorzulesen, Numeri 25 — ich lese eine Übersetzung:

138

»Und Israel wohnte in Sittim. Und das Volk hub an zu huren mit der Moabiter Töchtern.« Ich
übergehe einiges, nicht wahr ... »Da ergrimmte des Herrn Zorn über Israel ...«, und dann kommt
da eine ganz und gar merkwürdige Passage: »Und siehe, ein Mann aus den Kindern Israel kam
und brachte unter seine Brüder eine Midianitin vor den Augen Mosis und der ganzen Gemeine
der Kinder Israel ...« In diesem Augenblick sticht der Priester Pinehas — der Vorfahre der
Priesterschaft von Jerusalem während der Königszeit, der fiktive Vorfahre —, sticht Pinehas
dem israelitischen Mann und der midianitischen Frau durch den Bauch, und dies nimmt eine
Geißel hinweg, man weiß nicht recht, welche, es sieht so aus, als sei es eine Pestseuche, man ist
aber nicht sehr sicher und der Text gleitet darüber hinweg — nimmt eine Geißel hinweg, die
verhängt worden war, um zu bestrafen, als Strafe für den Götzendienst von Baal-Peor in den
Ebenen. Gut. Dieser Text ist sehr wichtig, aber aus einem andern Grund: weil er — ich merke
das en passant an — die Wahl einer Priester-Dynastie begründet, die den Anspruch erhebt, bis
auf Pinehas zurückzugehen. In diesem Moment empfängt Pinehas einen Priester-Bund, d.h., die
Garantie der Perpetuierung des Priesteramts in seinem Stamm, zum Lohn für den Eifer, den er
entwickelt hat, indem er die Israeliten bestrafte, die gesündigt hatten in den Ebenen Moabs ...
Dann aber, hier — das fängt bei Vers 14 an —, scheint eine andere Angabe zu kommen, sie
scheint eine Art Einschub zu sein: »Der israelitische Mann aber, der erschlagen ward mit der
Midianitin, hieß Simri, der Sohn Salus, der Fürst eines Vaterhauses der Simeoniter. [15] Das
midianitische Weib, das auch erschlagen ward, hieß Kosbi«.
Hypothese Sellins: Der Text ist entstellt worden. Man hat die Erinnerung an alles andere auslöschen wollen, und dies »alles andere« war folgendes: An diesem Ort namens Sittim, in den
Ebenen Moabs, war der Mann, der zu Tode gebracht worden war, um die Geißel zu vertreiben,
die Pest, die Israel schlug, nicht jene Person, die man Simri nennt, vom Stamme Simeon — es
war Mose selbst. Es war Mose und der verhüllte Erlösertod Mosis. In der Tat fügt er da einige
Argumente an. Wer das ist, der eine Midianiterin geheiratet hat, ist ganz offensichtlich: es ist
Mose, denn in der Überlieferung ist die Frau Mosis, Zippora, die Tochter eines Priesters aus
Midian. Der Gemahl einer Midianiterin, deren Namen man ebenfalls verheimlicht hat, denn
man nennt sie Kosbi und nicht Zippora — hieße es Zippora, wäre es zu einfach. Kosbi, das ist
ein beleidigender Spitzname, abgeleitet von einem Nomen, das Lüge bedeutet. Sie sehen also:
die Priester, die priesterliche Tradition, die dem Kapitel 25 der Numeri, so wie wir es kennen,
zugrunde liegt, hätten also Mose eliminiert und ihn ersetzt durch diese Art von Loch-Stopfer,
das man Simri nennt. Setzt man jedoch die Überlieferung wieder ein, die Sellin für authentisch
hält, dann ging es hier um einen Mord an Moses in Sittim. All das lege ich dar, aber noch einmal: Was Sellin sagt, ist absolut willkürlich.
Ausgehend davon können wir nun die Passagen von Hosea betrachten. Es gibt drei Passagen,
die besonders bedeutsam sind. Die erste findet sich im Kapitel 5, es sind die Verse ...2. Da nun,
ich muß es sagen, verzichte ich darauf, das Hebräische des Hosea zu übersetzen, ich könnte es
Ihnen auf hebräisch vorlesen; erkennen wir es aber an, es ist unverständlich, und die mindeste
Ehrlichkeit ist die, es durch kleine Punkte zu übersetzen.
Hosea 5,2. Ich lese eine Übersetzung, eine der letzten, die in Frankreich erschienen sind, es ist
die Übersetzung der sogenannten ökumenischen Bibel, die im Prinzip besagt — so zumindest
lauten die Anweisungen —, sie sei so nah wie möglich am hebräischen Text:
Vers 1: »Höret dies, ihr Priester, und merket auf, Häuser Israels, und leihe dein Ohr, Haus des

139

Königs. An euch war es, Gerechtigkeit zu üben. Ihr aber wart eine Falle zu Mizpa und ein
ausgespanntes Netz über den Tabor« — das heißt, ihr habt die Leute irgendwie reingelegt.
Vers 2: ...
LACAN: Wir wissen weiter nichts über das, was zu Mizpa geschehen ist?
CAQUOT: Oh ja, das ist eine Anspielung auf Episoden von ... Mizpa war ein Ort von ... In der
Zeit vor dem Königreich war Mizpa ein Versammlungsort, wenn Sie so wollen, an dem Recht
gesprochen wurde. Was den Tabor angeht, das ist noch mysteriöser.
Nun also unsere Bibel. Die Ausgabe, die so getreu wie möglich ist, sagt folgendes:
»Ungetreue haben eine tiefe Grube ausgehoben.«
Wörtlich genommen gibt es so wenig Wörter, daß ich sie Ihnen transkribieren werde. Ich transkribiere sie, falls unter Ihnen einige sind, die Hebräisch lesen:
»shahata settim he einikou«.
Das Verbum »he einikou«: "sie haben tief ausgehoben, sie haben etwas tief gemacht". Dieses
Wort »settim«, das man mit Ungetreue übersetzt, Subjekt von »he einikou«: "Die Ungetreuen
haben etwas tief gemacht", das mag angehen, aber »shahata« — alles was man sagen kann, ist,
daß dieses Nomen ein Substantiv ist, dessen Funktion im Satz nicht zu erkennen ist, der sich
aber an eine Verbalwurzel »shahat« anschließt, die "erwürgen, massakrieren" bedeutet.
Jetzt also das, wozu es bei Sellin wird. Ja. Ich lese jetzt die zur Zeit verbindliche Übersetzung:
"Ungetreue haben eine tiefe Grube ausgehoben" — Unsinn! Ja, man kann sagen: "Ungetreue
haben ausgehoben", aber die tiefe Grube — nein. Es gibt keine tiefe Grube in diesem Text, denn
man hat »shahata« mit »shahat« verwechselt — mit einem tav —, d.h. einen emphatischen Konsonanten mit einem einfachen Konsonanten. Es gibt keine tiefe Grube in diesem Text. Und jetzt
also das, was Sellin daraus gemacht hat, ich schreibe es darunter:
»shahat hassihitim he einikou«,
was ergibt: "Sie haben tief ausgehoben eine Grube" oder "die Grube" (shahat mit einem tav)
"von Sittim", und nun begegnen wir dem Sittim aus Numeri 25,1 wieder, das, nach der Hypothese Sellins, der Ort ist, an dem Mose meuchlings ermordet worden wäre. So. Erstes Beispiel.
Das ist aber nicht alles, denn man muß auch — falls Sie das nicht nicht zu sehr langweilt — die
beiden anderen Passagen anschauen, auf die Sellin sich für seine Hypothese beruft. Die andere
Passage also, das ist Hosea 9,7-14. Das ist eine ein wenig leichtere Passage, wohingegen da,
dieser Vers 2 von Hosea 5 — offen gesagt, werde ich ihn für den Augenblick nicht übersetzen.
Es ist nicht die Mühe, fest steht, daß es da ein Wort gibt, das, wie der Kommentar sagt, ein
Massaker bedeutet, es evoziert: "Man hat ausgehoben", oder: "Ungetreue haben ausgehoben
(oder vertieft)", man weiß aber nicht, was. Ich weiß nicht, ob der Text verderbt ist oder ob wir
ihn ganz einfach nicht mehr verstehen, und die Siebzig verstanden ihn auch nicht länger.
LACAN: Die Siebzig sprechen von Bändern, von Schuhbändern...
CAQUOT: Das, das ist weiter entfernt.
Zweite Passage, wir sagten also Hosea 9,7-14. Diese Passage scheint von der Verachtung zu
sprechen, in der der Prophet steht:
"Die Tage der Züchtigung sind gekommen, die Tage der Rechenschaft. Auf daß Israel es wisse!

140

Der Prophet wird zum Narren. Der Mann des Geistes verfällt in Wahn aufgrund der Größe
deines Verbrechens und der Größe des Angriffs, den du erleidest. Der Wächter Ephraims ist mit
meinem Gott, es ist der Prophet. Man spannt ihm eine Falle auf allen seinen Wegen, man greift
ihn an bis ins Haus seines Gottes."
In Vers 7 geht es um einen Propheten. Dieser Prophet, ich glaube, beinahe jeder — und das
scheint die naheliegendste Deutung zu sein — erkennt, daß das eine Weise ist, mittels deren
Hosea sich selbst bezeichnet, der das Opfer der Rache seiner Zeitgenossen gewesen ist, ihrer
Verachtung. Was Sellin angeht, so springt er, sobald er das Wort Prophet sieht, darauf an: Das
ist Mose. Und so arrangiert sich der Vers 8, der auch nicht einfach ist. Ich werde Ihnen den
Text der Bibel noch einmal in eine Zeile schreiben und in die andere das, was Sellin daraus
gemacht hat:
[Übersetzung durch Monsieur Caquot:] "Der Wächter Ephraims ist mit meinem Gott, und der
Prophet ist eine Falle, die gespannt ist auf allen seinen Wegen" (das ist ein Nominalsatz ohne
Kopula):
»tshofe Ephraim im elohai«
»navi pah iahoush al kol derekhai«
Jetzt das, was bei Sellin daraus wird: »navi« ist weder Hosea noch ein Kollektivnomen:
"Ephraim schaut auf das Zelt des Propheten" (unausgesprochen: um einen Schlag gegen ihn zu
führen), d.h. er vertauscht zwei Wörter, und aus »elohai« macht er sage und schreibe ein Substantiv »ohel« oder dessen Plural »ohelai«, der "Zelt" oder "Zelte" bedeutet: "Ephraim schaut
auf das Zelt des Propheten" ...
Sodann findet er im darauffolgenden Vers das Wort Sittim wieder, noch immer im 9. Kapitel. Es
gibt ein Wort, das Gegner bedeutet: »mastema bebeit elohav«: "jemand, der angreift, ein
Gegner, im Haus seines Gottes".
Das steht parallel zur Falle auf den Wegen, die wir gerade gesehen haben. Es ist der Schluß
von Vers 8 und Vers 9: »he einikou«, und dann finden wir etwas wieder, das wir gerade
gesehen haben: »shiheitou«.
"Sie sind bis zum Grund der Verderbnis gegangen" übersetzt unsere Version, d.h., sie haben
etwas tiefgründig getan, sie haben sich verderbt.
Was jetzt Sellin betrifft, so liest er dieses »mastema«: In Sittim — immer dieselbe Geschichte,
das Sittim aus Numeri 25,1, »he einikou«, sie haben vertieft, und hinsichtlich von »shiheitou«
beläßt er offensichtlich die Konsonanten, liest aber »shahato« anstelle von »shiheitou«.
»shiheitou« ist ein Verb in der dritten Person Plural, das bedeutet "Sie haben sich verderbt",
und »shahato« ist ein Substantiv, der bedeutet "seine Grube": In Sittim haben sie seine Grube
ausgehoben, die Grube Mosis natürlich!
Damit ist das noch nicht zu Ende. Hier der Text Hoseas, der eine gewisse Überzeugungskraft
hätte, von Sellin aber vielleicht ein bißchen weniger schwach gedeutet worden ist als die andern. Es ist der Schluß des Kapitels 12, Anfang des Kapitels 13 von Hosea. Unbestreitbar geht
es in dieser Passage um Mose, und zwar wird Mose Prophet genannt. Ich lese Ihnen den Schluß
vor — im Vorhergehenden ging es um den Patriarchen Jakob, und danach gehen wir zu Moses
über ...
LACAN: Was gleichwohl überraschend scheint, das ist, daß die Umformung von »elohim«, d.h.

141

Gott, in »ohel«, das Zelt, auch von anderen modernen Kommentatoren unternommen worden
ist.
CAQUOT: Ja, das ist möglich, aber Sellin ist nicht der einzige seiner Art, der so arbeitet. Nur ist
er gleichwohl ein bißchen weiter gegangen als die andern, die daraus keine so kühnen Schlüsse
ziehen.
Kapitel 12: "Jakob ist geflohen in die Ebenen von Haran" — Anspielung auf die Episode in Genesis 29 — "Israel", d.h. Jakob — das ist derselbe Name, wiederholt — "hat gedient" — "hat
gearbeitet", wenn Sie so wollen — "für eine Frau" (Lea und Rahel). "Und für eine Frau ist er
zum Viehhüter geworden" — wörtlich: "er hat gehütet ŕ aber durch einen Propheten hat Der
Herr aus Ägypten geführt, und durch einen Propheten ist Israel »mishmar«, gehütet worden". Es
gibt da ein Wortspiel, in dem man die Tat Gottes durch Mose vergleicht mit der Tat Jakobs, um
seine Frauen zu besitzen. Die Konstruktionen der Verse 13 und 14 sind ein sehr schöner und
sehr bewußter Parallelismus, und beide enden mit einem Wort, dem Verb »sharmar« und
»mishmar«, und da ist sicher, daß »navi«, der Prophet, um den es in Vers 14 geht, Mose ist. Er
ist es, der Israel aus Ägypten geführt hat. Übrigens ist das nicht der einzige Fall, [es ist] einer
der Fälle, in denen Mose Prophet genannt wird, das ist kennzeichnend für diese Passage bei
Hosea und die Übersetzung des Deuteronomium. Und man weiß, daß es sicher Verbindungen
gibt zwischen Hosea und dem Deuteronomium, das ein wenig später als er liegt.
Nun also der Vers 15. Sie werden sehen, daß die Freiheit, die Sellin sich diesem Text gegenüber
nimmt, ihn nicht überzeugender macht als die Deutungen, die er aus den Kapiteln 5 und 9
gezogen hat.
»Hirahis Ephraim tamrourim«
Also, Subjekt: "Ephraim, hat erzürnt" ... »tamrourim«, also das, das ist langweilig, das ist etwas,
das man verstehen könnte: "Ephraim hat erzürnt »tamrourim«: bitterlich", das ist ein Substantiv
im Plural, der adverbial gebraucht werden kann: auf eine bittere Weise. In diesem Wort steckt
sicher die Wurzel Bitternis/Verbitterung.
LACAN: Das ist ein seltenes Wort.
CAQUOT: Ja, ja, selten!
»vdamav alav iatosh v’horfato«: "Er wird sein Blut über ihn ausgießen";
»iashiv lo adonai«: "und seine Schande wird Sein Herr ihm vergelten".
Das ist ein Vers, der nicht ganz leicht ist, den man aber trotzdem verstehen kann. Ephraim hat
Kummer bereitet oder betrübt »tamrourim«, bitterlich — hier muß man ein Komplement einsetzen: Er hat jemanden betrübt, der wahrscheinlich Sein Herr ist: »adonai«, das ist das letzte
Wort des Verses, das aber — das kommt oft vor —in zwei Halbversen als gemeinsamer Faktor
eingesetzt werden kann. Übersetzung der ökumenischen Bibel: "Ephraim hat Gott einen bitteren
Kummer bereitet". Sodann der darauffolgende Vers: »yitosh«: "er wird zurückwerfen", Subjekt
ist wahrscheinlich »adonai«: "Sein Herr", das gemeinsame Subjekt der beiden Verben von Halbvers 15b: "Sein Herr wird zurückwerfen sein Blut auf ihn". Sein Blut auf jemanden zurückwerfen, das ist eine feststehende juristische Formel. Es zeigt eine Züchtigung an. Und »iashiv lo«:
"Er wird ihm vergelten ŕ Der Herr wird Ephraim vergelten »v’horfato«: seine Schande, die

142

schändliche Tat, die er begangen hat. Er wird ihm sein schändliches Verhalten heimzahlen."
Kapitel 13,1. Nach Sellin ist es die Fortsetzung der vorangehenden Entwicklung: »kedabber«:
"als sprach", »kedabber Ephraim reuteit«: "als Ephraim sprach", »reuteit« — das ist ein schwieriges Wort. Wörtlich: "anläßlich des Sprechens von Ephraim, während Ephraim sprach",
»reuteit« — ein ganz überraschender Substantiv, den es nur ein einziges Mal in der Bibel gibt
und der Erzittern/Erbeben bedeutet. Was wir verstehen: Als Ephraim sprach, »reuteit«, das war
der Schrecken, das Erzittern/Erbeben. Das ist ein elliptischer Ausdruck, der aber in der hebräischen und der altsemitischen Dichtung im allgemeinen völlig verständlich ist. Das sind diese
extrem prägnanten Formeln, in denen kein Wort zuviel ist.
"Als Ephraim sprach, war es der Schrecken, das Erzittern/Erbeben", »nasa hou eb Israel«.
Dieses Verb »nasa« bedeutet "tragen": "er trug in Israel", bisweilen kann es aber auch eine
Ellipse sein, um, wie in dem Ausdruck »nasa kol«: "die Stimme erheben", mit andern Worten:
"sprechen" zu bedeuten: "Als Ephraim sprach, war es der Schrecken, und er erhob Gott weiß
was, er hob den Kopf, er hub zu sprechen an in Israel." Und dann, 13,1b: »vaiahisham ba Baal
vaiamot«: "Er hat gesündigt durch Baal und er ist tot". Die Idee von Vers 13,1 ist recht klar:
Früher war Ephraim eine sehr gefürchtete Person, er hat jedoch durch Baal gesündigt, und er
ist tot.
Jetzt das, was bei Sellin daraus wird. Es ist ziemlich verwickelt, weil er obendrein nicht nur
jedes zweite Wort berichtigt, sondern Verse oder Halbverse austauscht. Zunächst, anstelle von
»reuteit«, dieses Wort ist ihm bizarr erschienen, und es ist es in der Tat, weil es sich in der Bibel
nur ein einziges Mal findet; das Recht zu existieren. Also liest er ganz einfach »torati«: "mein
Gesetz" ŕ "Als Ephraim mein Gesetz sagte". Übrigens ist das eine Berichtigung, die vor fünf
Jahren von Pater Tournaix (?) in einem Aufsatz wiederholt worden ist. Dort hat er Sellins
Berichtigung wiederholt, was sich wahrlich nicht aufdrängt. Anstelle von »nasa hou eb Israel«
sagt er »nasi«, das ist eine zweitrangige Berichtigung. Und daraus wird: "Er war Fürst in Israel". Vor allem aber vertauscht er den Vers 13,1a, so wie er ihn berichtigt hat, er versetzt ihn
zurück vor den vorhergehenden Satz. Er vertauscht, wenn Sie so wollen, 12,15b, er versetzt
12,15b hinter 13,1a. Auf diese Weise ergibt das, zusammen mit anderen Berichtigungen, folgendes — ich lese die Übersetzung Sellins:
"Aber durch einen Propheten habe ich Israel aus Ägypten herausgeführt. Und durch einen Propheten ist es gehütet worden."
Das ungefähr ist der hebräische Text.
"Ephraim hat ihn erzürnt, er hat Israel bitter gemacht."
Und danach plaziert er 13,1a:
"Solange Ephraim mein Gesetz sagte (»Ephraim torati« anstelle von »reuteit«), war er Fürst in
Israel (»nasi hou eb Israel« anstelle von »nasa hou eb Israel«)."
Jetzt 13,1b. Das Verb, das Sellin, warum, weiß ich nicht, übersetzt mit "er hat gebüßt", während
es bedeutet "er hat gesündigt":
"Er hat gebüßt wegen Baal, und er ist getötet worden."
Ich weiß nicht, warum, ich habe nicht einmal gesucht, er hat »iesham« übersetzt, das ganz einfach bedeutet "er hat eine Sünde begangen", er hat es umgedreht, er hat daraus gemacht "er hat
gebüßt, er hat seine Sünde wegen Baal gebüßt"; und anstelle von »iamot«: "er ist tot", hat er
gelesen »iumat«, indem er die Vokale austauschte: "er ist getötet worden". Und natürlich han-

143

delt es sich um Mose!
Und so finden wir jetzt das Glied von 12,15b, das Sellin auch berichtigt. Er berichtigt die dritte
Person »yitosh«: "Er wird sein Blut auf ihn zurückgießen, es auf ihn zurückfallen lassen". Sellin
berichtigt es zu: "Ich werde sein Blut auf dich zurückfallen lassen".
Im hebräischen Text ist es das Blut Ephraims, in der Deutung Sellins aber wird es zum Blut
Mosis!
"Ich werde sein Blut auf dich zurückfallen lassen und ich werde von dir Rechenschaft fordern
über die Schande, die er begangen hat."
Das bedeutet, daß es in dieser Passage von Hosea 12,14, 13,1 um einen Meuchelmord an Moses
gehen würde, über den Gott von den Israeliten Rechenschaft fordern wird.
Kurz, Sie sehen, mittels welcher Kunstgriffe — denn anders kann man es nicht nennen —, mittels welcher Kunstgriffe Sellin dazu gelangt ist, den Text Hoseas etwas sagen zu lassen, das er
ganz sicher nie hat sagen wollen und das nie gesehen worden ist im Text Hoseas, weder von den
alten Übersetzern noch von den modernen Kommentaren in ihrer Gesamtheit, mit Ausnahme
von Sellin. Und ich glaube, wir hatten da die charakteristischste Stelle in »Mose und seine Bedeutung«, um die Vorgehensweise dieses Exegeten zu erfassen.
Offensichtlich kann man über den Diener aus Jesaia diskutieren, es gibt da Züge, die sich als
Anspielung auf Mose verstehen lassen könnten, das ist unbestreitbar. Nur habe ich den Eindruck, daß Sellin sie überbewertet hat. Desgleichen — wenn er viel Aufhebens davon macht —
will er auch eine Anspielung auf den Meuchelmord an Moses sehen in einer Figur des DeuteroSacharja, wo es um eine Figur geht, die durchbohrt ist. Das ist bestimmt nicht Mose. Nun, es ist
äquivok, es ist vage.
Da sehen sie, woran Sellin seine Erklärung festmachen konnte: An diesen drei Passagen bei
Hosea, und Sie sehen, wie er vorgeht.
Noch einmal, das ist nicht sein Fehler, es lag in seiner Zeit. Es war, zu seiner Zeit, Usus, sich
dem Text gegenüber derlei Freiheiten zu gestatten. Und was aufgrund der Autorität Sellins
passiert ist: Er konnte von Leuten ernst genommen werden, die gar nicht denselben Beruf hatten
wie er.
LACAN: Was bemerkenswert erscheint, das ist, daß er im Aufsatz von 1928, von dem Sie da ein
Blatt haben, begonnen hat, auf eine andere Weise zu arbeiten. Er hat mit der Version der Siebzig
gearbeitet, und am Ende gelangt er zu einem ganz anderen Typus von Berichtigungen.
CAQUOT: Hier die Vermittlung, die Sellin 1928 von unserer Passage liefert:
"Durch einen Propheten habe ich Israel aus Ägypten herausgeführt, und durch einen Propheten
(Mose natürlich) wurde es gehütet."
Das geht sehr gut.
"Ephraim erzürnte ihn bitterlich jedesmal, wenn Ephraim zänkische Äußerungen tat."
Dieses Mal also ist es »reuteit«, das umgefummelt wird. Einmal hat er es zu "mein Gesetz" berichtigt, und nun "zänkische Äußerungen", die letzte Berichtigung Sellins in seinem Aufsatz von
1928.
LACAN: Mittels des unglaublichen Umwegs über ein Wort der Siebzig ...

144

CAQUOT: Ja. Das ist absolut möglich, bedeutet aber nicht, daß die Siebzig das [so] gelesen
haben.
"Jedesmal, wenn Ephraim zänkische Äußerungen tat, mußte er es dulden in Israel" ŕ
»anasahou«, "er ertrug es ... in Israel". Diesmal hat er das Verb »nasa« beibehalten.
"Er büßte wegen Baal und erlitt den Tod."
"Ich werde sein Blut auf dich zurückwerfen, und seine Schande werde ich dir heimzahlen." Das
ist exakt dieselbe Lösung wie 1921. Ich könnte noch länger dableiben, um die Art und Weise zu
untersuchen, in der Sellin vorgegangen ist, aber das würde Gefahr laufen, langweilig zu sein.

2

160

LACAN: Etwas am Denken Sellins erstaunt mich. Natürlich sind wir nicht in der Lage, bezüglich
des Sellinschen Denkens zu einer Entscheidung zu kommen, aber auch wenn man unterstellt,
daß das Geschriebene den Bedeutungsgehalt hat, den er entziffert, indem er einen Text
wiederherstellt, der einen bestimmten Sinn hat, so ist doch nirgends gesagt, daß dieser Text,
wenn man ihn so nennen kann, oder diese Vokalisierung, von irgend jemandem verstanden
werden konnte. Sagt man beispielsweise, daß das Kapitel 25 der Numeri das Ereignis Mord an
Moses verbirgt, dann bewegt man sich völlig in der Zweideutigkeit.
CAQUOT: ... völlig im Postulat.
LACAN: Ja, genau. Im Register188 des Sellinschen Denkens, von dem ich nicht denke, daß es 161
die Kategorien des Unbewußten intervenieren läßt,
CAQUOT: Oh nein!
LACAN: ist die Tatsache, das Ereignis von Sittim mit einer Geschichte zu verdecken, bei der
man im Stehen einschläft, völlig unhaltbar.
Genau da 189liegt offensichtlich der Nutzen der Sache: die außerordentliche Latenz, die eine
derartige Vorgehensweise beinhaltet.
Bis zu einem gewissen Punkt erfaßt man, daß Freud da gewissermaßen in der Idee bestärkt
wird, es handele sich um eine, in seinem Register unterstellte, Erinnerung, die, ungeachtet eines
starken Widerstandes und allen Absichten zum Trotz wieder zum Vorschein komme. Nicht
weniger aber bleibt sehr seltsam, daß das durch Schriften gestützt sein soll und daß das mit
Hilfe von Schriften rückentziffert werden könnte.
Jones bezeugt190, Freud sei, im Konditional, nach Sellins eigenem Bekenntnis, über den Um-

188Mitschrift: Auf der Ebene
189Mitschrift: ŕ die wahrscheinlich keine Geschichte ist, bei der man übrigens im Stehen einschläft, die es
wäre, würde sie es tatsächlich ersetzen ŕ, wir befinden uns da auf der Ebene, auf der im Register des
Sellinschen Denkens selbst etwas ganz und gar Unhaltbares oszilliert. Und ich glaube, genau da

145

stand unterrichtet gewesen, daß er [Sellin], kurz gesagt, so sicher nicht war. Sie haben uns übrigens gerade angedeutet, daß er die Frage in der zweiten Auflage des K.A.T. wiederaufgreift.
CAQUOT: In der zweiten Auflage von 1929 hat Sellin die von mir umrissene Exegese von
1922 für die Kapitel 5 und 9 weggelassen. Der Fall des Todes Mosis ...
LACAN: Das 12. behält er also bei?
CAQUOT: Das 12. hat er beibehalten, und es geht um Mose. Nur hat er, andererseits, so
glaube ich, in seinen Arbeiten über den berühmten toten Knecht im Deutero-Jesaia darauf
verzichtet, seine Hypothese über den Tod Mosis vorzutragen. Vielleicht hat er die Vorstellung
von einem Tod Mosis beibehalten, aber darauf verzichtet, sich bei der Deutung des Kapitels mit
dem Knecht ihrer zu bedienen. Ich frage mich, ob Freud nicht das Opfer des akademischen
Ansehens von Sellin gewesen ist.
LACAN: Die Frage, die ich mir stelle, ist, ob Freud sehr aufmerksam gelesen hat.
CAQUOT: Ich glaube, ja. Das Buch »Mose und seine Bedeutung« ist klar und streng. Es ist
falsch, aber klar.
LACAN: Das ist wahr. Aber Freud stützt sich auf nichts von dieser Artikulation. Er weist nur
darauf hin, daß ein gewisser Sellin vor kurzem die Hypothese als zulässig geäußert hat, Mose
sei getötet worden. Die Bemerkung ist sehr kurz191, sie zeigt die Bezugnahme auf das Büchlein
an, das wir als Fotokopie besitzen, und weiter nichts. Ich habe Sie gerade darauf aufmerksam
gemacht, daß Jones erwähnt, Sellin habe, in einem Werk von 1935, d.h. noch später als das, was
wir selbst haben verifizieren können, seine Position aufrechterhalten. 192
CAQUOT: Ja, ich könnte den Text vielleicht wiederfinden. Ich werde ihn Ihnen schicken.
LACAN: Wenn ich die Mühe, die sich zu machen ich Sie veranlaßt habe, wofür ich Ihnen
danke193, bis jetzt wirklich nicht schon zu sehr mißbraucht habe, dann wäre es für die 162
Fortsetzung dessen, was ich möglicherweise zu sagen habe, interessant, wenn Sie uns eine
Vorstellung davon vermitteln würden, daß Hosea eine Bedeutung hat, die nichts mit diesen
Minuziositäten zu tun hat.
Der Punkt, auf den es ankommt, ist der Gebrauch des ’ish, von dem wir neulich sprachen. Wenn
ich recht verstanden habe, dann ist das Neue bei Hosea, alles in allem, dieser Appell von ganz
besonderer Art. Ich hoffe, jeder holt sich eine kleine Bibel ŕ übrigens spielt es keine Rolle,
welche ŕ, um sich eine Vorstellung von dem Ton zu machen, den Hosea an sich hat. Das ist
eine Art wahrhaft tobender Schmähungswut ŕ die des Sprechens Jahwes, während er in einem

190Vgl. E. Jones, Sigmund Freud. Leben und Werk, Bd.3, München 1984, S.435.
191Vgl. GW XVI, S.135 f.
192Vgl. Jones, a.a.O.
193Mitschrift: und wofür Ihnen alle danken können

146

langen Diskurs zu seinem Volk spricht. Als ich von Hosea gesprochen habe, bevor ich Sellins
Buch hatte, habe ich gesagt: Ich habe bei Hosea nie etwas gelesen, was auch nur entfernt dem
ähnelt, was Sellin findet, dagegen aber habe ich Sie nebenbei auf die Bedeutung der Schmähung
hingewiesen, der Beschuldigung des Ritus der verfluchten Prostitution, die sich vom einen Ende
zum andern zieht, und, im Gegensatz dazu, eine Art Ermunterung, durch die sich Jahwe zum
Bräutigam erklärt. Man kann sagen, daß genau da diese lange, in sich selbst mysteriöse
Tradition ŕ von der mir nicht mit aller Deutlichkeit so vorgekommen ist, als könnten wir ihren
Sinn wirklich bestimmen ŕ, diese Tradition anfängt, die Christus zum Bräutigam der Kirche,
die Kirche zur Braut Christi macht. Das fängt hier an, vor194 Hosea gibt es davon keine Spur.
Der für Bräutigam gebrauchte Term, ’ish, ist ebenderselbe, der im zweiten Kapitel der Genesis
dazu dient, die Ehefrau Adams zu benennen. Beim ersten Mal, wo man spricht, d.h. im Vers 27
des ersten Kapitels, wo Gott sie als Mann und Frau erschafft, ist es, wenn ich recht gelesen
habe, sachar und nekewah. Beim zweiten Mal ŕ denn die Dinge werden in der Bibel stets
zweimal wiederholt ŕ, ist es ’ish, das das Wesen, das Objekt, die Rippe benennt195, in der Form
’ishâ. Wie durch Zufall muß man ihm nur ein kleines a hinzufügen.196
Wenn Sie uns vielleicht seinen Gebrauch belegen könnten, um den Begriff Gemahl zu bezeichnen, bei dem es sich um etwas handelt, das der Sexualität noch mehr entbehrt.
CAQUOT: Die auf die Ehe bezogenen Verwendungen sind197 nur ein kleiner Teil der
Bedeutungen des Wortes ’ish, das den Menschen im allgemeinen bezeichnet. Das ist nicht
überraschender, als wenn man my man198 sagt für mein Ehemann [mon mari]. Im
Französischen ist mon homme eher familiär.
LACAN: Der folgende Vers besagt: Ich möchte dein Gemahl genannt werden. Das muß dem
Term Baal angenähert werden199, der gelegentlich dieselbe Bedeutung haben kann, nämlich
Herr und Meister, im Sinne von Gemahl , was in dieser Bedeutung wahrheitsgetreuer ist.
CAQUOT: Obgleich Baal »Der Herr« ist. Das kann man an der weiblichen Form, Bëula, beobachten: das ist die Frau, die einen Ehemann hat.
Die Terminologie200 ist extrem schwankend. Bei Hosea sind die Bedeutungen eingeschränkt, so 163
daß sie auf Jahwe anspielen , der der Baal ist in Opposition zu Baal , um den es hier geht.
Ich bin dein Baal, also hast du den Baals nicht nachzulaufen!.
LACAN: Es gibt hier die Akzentuierung einer extrem feinen Differenz, die, alles in allem,
ziemlich opak bleibt, trotz der jahrhundertelangen Kommentare. Das ist recht merkwürdig.
CAQUOT: Diese Ehe-Metapher, es ist das erste Mal, daß sie in der Bibel erscheint. Ebendies
194Mitschrift: bei
195Mitschrift: aus seiner Rippe gemacht ist, benennt, das Partialobjekt, wie ich es nenne
196Dieser Satz nur bei Miller.
197Mitschrift: Das ’ish, das sind überhaupt nicht die auf die Ehe bezogenen Verwendungen, das ist
198Mitschrift: im Deutschen »mein Mann«
199Mitschrift: Während im darauffolgenden Vers das, was »mein Gemahl« genannt werden könnte, wirklich der
Regelung des Terms Baal angenähert ist
200Mitschrift: All das

147

erlaubt, viel später, die Allegorisierung des Hoheliedes. Hosea ist es, der diese Allegorie erlaubt hat. Ich habe mich gefragt, ob es nicht eine Art Entmythisierung gab, eine Art Übertragung der Göttin, die in den semitischen Religionen die Frau Baals ist, auf die Kollektivität
Israel. Bisweilen gibt es wirklich einige Züge, mittels deren Israel fast als eine Göttin beschrieben wird. Aber das ist nie gesagt worden. Aber es bleibt im Rahmen der Mentalität der
semitischen Religionen des Orients, die sich keinen Gott ohne seine Göttin vorstellen.
LACAN: Das ist sehr wichtig. Letzten Endes dreht sich darum etwas von dem, was ich gerade
anzukündigen begonnen hatte. Darauf hatten Sie mich gar nicht hingewiesen. 201
CAQUOT: Man hat den Eindruck, daß die prophetische Religion die Göttin durch Israel ersetzt202. Das wäre zum Beispiel bei Hosea der Fall — er ersetzt sie durch Das Volk203.
LACAN: In Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit denke ich, wir können es dabei belassen , indem wir Monsieur Caquot unsern Dank sagen.
15.204 APRIL 1970.

201Diese Replik nur bei Miller.
202Mitschrift: Sicher aber ersetzt die prophetische Religion die Göttin durch Israel
203Dieser Satzteil nur bei Miller.
204Mitschrift: 14. April 1970, was jedoch unwahrscheinlich ist, da dieses Datum einem Dienstag entsprechen
würde.

148

167

XII
UNTERHALTUNG
AUF DEN STUFEN DES PANTHEON

Die Affekte.
Philosophie und Psychoanalyse.
Wissenschaft und Psychoanalyse.
Der Student und der Proletarier.

[Da die Fakultät der Rechte in der rue Saint-Jacques geschlossen ist205, findet mit einer reduzierten Anzahl von Teilnehmern ein Austausch statt auf den Stufen des Pantheon. Mehrere in
der Einspielung unverständliche Fragen fehlen.]
Ich hätte sehr gern Erklärungen zu der unfreundlichen Maßnahme, die uns hierher führt. Für
jetzt erwarte ich, daß man mir Fragen stellt.
X: [Zur Dialektik Hegels.]
Wissen Sie, die Dialektik Hegels, ich, ... Mir ist dieser Tage aufgefallen, daß ich von den
Funktionen des Herrn und des Knechtes, die aus dem Diskurs Hegels herausgezogen sind,
bereits sehr präzis gesprochen hatte, ja, sogar präziser noch, als ich es jetzt tue.
Ich liefere stets nur Dinge, die mir vorher einfallen, und daher war das für mich bereits unterstellt206. Das ist aber nicht dasselbe wie hinzugehen und [es] am Text meines Seminars
nochmals zu kontrollieren, der, wie Sie wissen, stets mitstenographiert wird.
Im November 1962, als ich in Sainte-Anne mein Seminar über die Angst begonnen habe, und
ich glaube, schon in der zweiten Sitzung, habe ich, in einer überaus präzisen Art und Weise,
etwas auf den Punkt gebracht, das, alles in allem, identisch mit dem ist, was ich jetzt unter dem
Thema des Diskurses des Herrn entwickele. Ich habe angegeben, wie sich die in der Phänomenologie des Geistes eingerichteten Positionen des Herrn und des Knechts unterscheiden.
Dies ist der Ausgangspunkt von Kojève, und das, was vor ihrem Erscheinen liegt, hat er stets
ausgelassen207 ŕ darauf lege ich den Akzent aber nicht.
205Die Schließung erfolgte aus Anlaß der Wiederkehr des 13. Mai, d.h. des Tages, an dem die studentische
Protestbewegung des Jahres 1968 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Am 13. Mai 1968 war die von Polizeitruppen
abgeriegelte Sorbonne durch Ministerpräsident Pompidou wieder geöffnet und von den Studenten besetzt
worden.
206Mitschrift: habe ich für mich unterstellt, daß das schon sicher etabliert sei.
207Mitschrift: wohingegen es einen Teil gibt, der dem Erscheinen der Positionen von Herr und Knecht
vorausgeht. Es gibt da den ganzen Teil der ..., ganz am Anfang, der sinnlichen Wahrnehmung, der, alles in
allem, von Kojève stets ausgelassen worden ist.

149

Was ich gegenwärtig unter der Überschrift des Diskurses des Herrn entwickele, motivierte 168
bereits die Art und Weise 208, in der ich mich der Angst zugewendet habe.
Jemand209, dessen Absichten ich nicht zu beurteilen habe, verfaßt einen ganzen Bericht210 ŕ er
wird in zwei Tagen erscheinen ŕ, um in einer Fußnote zu denunzieren, daß der Affekt von mir
in den Hintergrund gestellt oder — wenn Sie so wollen ŕ beiseite geschoben wird. Es ist ein
Unrecht zu glauben, ich würde den Affekt vernachlässigen ŕ als ob bereits ihr Verhalten bei
[ihnen] allen nicht genügte, mich zu affizieren. Im Gegenteil ŕ mein ganzes Seminar jenes
Jahres ist um die Angst herum artikuliert, insofern sie der zentrale Affekt ist, derjenige, um den
herum sich alles anordnet. Weil ich die Angst als grundlegenden Affekt habe herleiten können,
hatte ich gleichwohl den Affekt seit einer ganzen Weile bereits nicht vernachlässigt.
Ich habe, im Determinismus der Verneinung*, einfach dem seine ganze Bedeutung verliehen,
was Freud ausdrücklich sagt: daß es nicht der Affekt ist, der verdrängt wird. Freud greift auf
diese berühmte Repräsentanz* zurück, die ich übersetze durch représentant de la représentation
und die andere, und übrigens nicht ohne Grund, hartnäckig représentant-représentatif nennen,
was absolut nicht dasselbe bedeutet. Im einen Fall ist der Repräsentant nicht die Repräsentation,
im andern ist der Repräsentant nur eine Repräsentation unter anderen. Diese Übersetzungen
weichen radikal voneinander ab. Das, was ich übersetze, beinhaltet, daß der Affekt, durch die
Tatsache211 der Verdrängung, effektiv entstellt wird, nicht identifiziert, nicht in seinen Wurzeln
verortet ŕ er entzieht sich.
Ebendies macht das Wesentliche an der Verdrängung aus. Nicht, daß der Affekt unterdrückt
würde, sondern daß er entstellt, daß er verkennbar wird.
X: [Über die Bezüge zwischen Existentialismus und Strukturalismus.]
Ja, so als ob das existentielle Denken die einzige Garantie für eine Zuflucht212 zum Affekt wäre.
X: Was denken Sie über die Bezüge, die hinsichtlich der Angst zwischen Ihnen und Kierkegaard
bestehen?
Man macht sich noch213 keine Vorstellung davon, in welchem Ausmaß man mir Denken214 zuschreibt. Es genügt, daß ich von jemandem spreche, und schon werde ich für herablassend 215 gehalten. Das ist der typische universitäre Schwindel.
<X: ... verurteilt, der universitäre Schwindel ...
Na, lassen wir das.> Warum hätte ich eigentlich nicht von Kierkegaard sprechen sollen , eher
208Mitschrift: Das, worauf ich in einer sehr präzisen Weise den Akzent lege ŕ und wenn Sie das amüsiert hat,
dann könnte ich die Begriffe noch einmal aufnehmen, man sieht es dann sofort ŕ, unterscheidet sich, alles in
allem, auf einer gewissen Seite von dem, was ich gegenwärtig unter der Überschrift des Diskurses des Herrn
entwickele und was bereits die Art und Weise motivierte
209Mitschrift: Nun, das ermangelt nicht einer gewissen Bedeutung, denn vor kurzem ŕ in zwei Tagen wird das
irgendwo erscheinen ŕ hat jemand
210Mitschrift: hat einen ganzen Bericht verfaßt
211Mitschrift: die Wirkung [Miller: le fait / Mitschrift: l'effet]
212Mitschrift: Rückkehr [Miller: recours / Mitschrift: retour]
213Mitschrift: , mein Lieber, [Miller: encore / Mitschrift: , mon cher,]
214Mitschrift: Verwandtschaft [Miller: de la pensée / Mitschrift: de parenté]
215Mitschrift: seinen Nachkommen [Miller: condescendant / Mitschrift: son descendant]

150

als von vielen andern Dingen? Klar ist, daß, wenn ich diesen ganzen Akzent <in der Ökono- 169
mie> ŕ denn es geht um Ökonomie ŕ des Genießens — wenn ich diesen ganzen Akzent,
auf die Angst setze, dann doch ganz offensichtlich nicht, um zu vernachlässigen, daß es zu
einem historisch gegebenen Zeitpunkt ŕ und genau das wollte ich Ihnen heute ein
bißchen darlegen ŕ jemanden gegeben hat, der das Hervortreten, das Erscheinen, nicht der
Angst, sondern des Begriffs der Angst repräsentiert, wie Kierkegaard selbst ausdrücklich eines
seiner Werke betitelt. Nicht ohne Grund ist dieser Begriff, historisch gesehen, in einem
bestimmten Moment hervorgetreten. Genau das wollte ich Ihnen heute morgen darlegen.
X: ... was ich wollte, das ist der Vergleich, den Sie anstellen ...
Dieser Vergleich mit Kierkegaard ŕ ich stelle ihn nicht allein an. Ich habe gestern ein Buch
— es ist nicht etwa zufällig da? — ein Buch von Manuel de Dieguez bekommen216, das in
der Bibliothek »Idées« herausgekommen ist, da bei Gallimard. Nun, er erzählt darin über
mich, mehr als genug. Da ich mein Dings für Sie vorzubereiten hatte, und weil alles im letzten
Augenblick getan wird ŕ was ich Ihnen zu sagen habe, klärt sich immer erst in den letzten
Stunden, alles was ich schreibe und Ihnen erzähle, wird im allgemeinen zwischen fünf und elf
Uhr morgens niedergeschrieben ŕ, habe ich nicht die Zeit gehabt, mich in diesem großen
Drunter und Drüber zu orientieren, in das man mich hineinstellt, nicht nur ausgehend von
Kierkegaard, sondern auch von Ockham und Gorgias. Alles ist da, und dazu riesige Stücke
von dem, was ich erzähle. Das ist ziemlich außerordentlich, denn, ohne mich zu zitieren nennt
sich die Hälfte des Buches Lacan und die — Sie werden es nie erraten ŕ transzendentale Psychoanalyse. Lesen sie das. Mir erschien das doch recht vernichtend. Ich dachte nicht, daß ich
derart transzendental bin, aber schließlich weiß man nie so genau. Ein Typ sagte mir mal in
bezug auf Bücher, die über ihn erschienen: O, wir haben also Ideen, mein Lieber, wir haben
welche. Machen wir weiter.
X: Denken Sie denn, daß die Ideen, die Sie aus der Praxis der Psychoanalyse empfangen, Ihnen
etwas bringen, was sich außerhalb nicht finden läßt?
Gerade weil ich es glaube, mache ich mir diese ganze Mühe seit ungefähr achtzehn oder
neunzehn Jahren. Andernfalls sehe ich nicht, warum ich es tun sollte. Und ich sehe nicht, was
mich dazu ausersehen sollte, daß man meinen Namen ausdrücklich in die Liste der Philosophen
aufnimmt, was sich gewisse Leute bezüglich meiner zu tun erlauben, was mir aber
nicht ganz gescheit217 vorkommt.
X: Könnten Sie wiederholen, was Sie über Hegel zu sagen angefangen haben?
Ganz sicher werde ich hier nicht mein Seminar von heute morgen halten. Dazu bin ich nicht 170
hier. Ich nutze die Gelegenheit, um ein bißchen über das zu erfahren, was einige unter Ihnen mir

216Laut Mitschrift handelt es sich um Science et néscience.
217Mitschrift: gerechtfertigt [Miller: judicieux / Mitschrift: justifié]

151

zu sagen haben könnten, was nicht so leicht geht, wenn wir in einem Hörsaal sind.
X: Sie haben vom Andern als Thesaurus der Signifikanten gesprochen, und Sie haben gesagt,
man würde sich mit ihm nicht auseinandersetzen. Könnte das inkohärente Dinge beinhalten?
Der Signifikant ist nicht zwangsläufig kohärent218.
Sind Sie ganz sicher, daß ich das gesagt habe, was Sie mir da unterstellen? Wo habe ich gesagt,
daß man sich mit dem Anderen nicht auseinandersetzt? Ich glaube überhaupt nicht, daß ich das
gesagt habe. Das würde mich wundern. Wenn ich es gesagt habe, dann aus Ungeschicklichkeit,
es würde mich aber trotzdem wundern, diese Ungeschicklichkeit begangen zu haben.
X: [Unverständlich.]
Ich werde versuchen, Ihnen in der nächsten Sitzung das Wesentliche darüber zu sagen ŕ falls
sie stattfindet.
X: [Unverständlich.]
Ich greife die Philosophie an? Das ist sehr übertrieben.
X: Das ist ein Eindruck.
Ja, das ist ein Eindruck. Man hat mich gerade gefragt, ob ich glaube, daß die Dinge, die ich erzähle, nicht etwa problematisch sein könnten. Ich habe mit Ja geantwortet. Sie vorzubringen begründe ich für mich nur aus einer präzisen Erfahrung, der analytischen Erfahrung heraus. Gäbe
es das nicht, würde ich meinen, ich hätte weder das Recht noch gar die Lust dazu, den
philosophischen Diskurs sehr weit über den Augenblick hinaus zu verlängern, in dem er recht
eigentlich ausgelöscht219 worden ist.
X: Das transformiert ihn220.
Das transformiert ihn nicht. Das ist ein anderer Diskurs. Genau das versuche ich Ihnen dadurch
zu demonstrieren, daß ich, in dem ganzen Ausmaß, in dem ich es denke221, diejenigen, die keine
Vorstellung von der analytischen Erfahrung haben, daran erinnere, daß das gleichwohl ihre De- 171
vise ist222. Genau davon gehe ich aus. Andernfalls hätte dieser Diskurs, philosophisch gesehen,
keinen so problematischen Aspekt, woran soeben dieser Herr da, der als erster das Wort
ergriffen hat, erinnert hat, indem er es in sophistische Termini übersetzt hat. Ich glaube nicht,

218Mitschrift: Sie haben gesagt, in der Psychoanalyse würde man sich mit dem Andern nicht auseinandersetzen,
weil das freie Assoziieren ŕ aufgrund der Tatsache, daß es nicht kohärent ist ŕ nicht der Andere ist. Der
Andere im Thesaurus der Signifikanten, das könnte also nichtkohärente Dinge beinhalten, die Signifikanten,
das ist nicht zwangsläufig kohärent.
219Mitschrift: verstorben [Miller: effacé / Mitschrift: défunté]
220Mitschrift: Aber das transformiert den philosophischen Diskurs ...
221Mitschrift: kann [Miller: pense / Mitschrift: peux]
222Mitschrift: das ist, worauf ich abziele [Miller: sa devise / Mitschrift: ça que je vise]

152

daß es so ist. Die Person, die ich gerade erwähnt habe, , nämlich dieser Michel de Dieguez
da, ordnet mich ein als einen Hervorgehobenen, er stellt mich ins Zentrum 223 dessen, was es
zur Zeit geben mag an ich weiß nicht welcher Mixtur224, Krachen, Öffnung des philosophischen
Diskurses. Das ist nicht schlecht gemacht, es ist auf eine außerordentlich sympathische Weise
gemacht, im ersten Ansatz aber ŕ vielleicht werde ich das, was ich davon halte, modifizieren
ŕ habe ich mir gesagt: egal, mich in diese Linie zu stellen, welch einzigartige Entstellung* des
Bedeutungsgehaltes dessen, was ich sagen kann.
X: Das, was Sie sagen, ist in bezug auf den Sinn stets dezentriert, Sie fliehen den Sinn.
Genau darin vielleicht ist mein Diskurs ein analytischer Diskurs. Es ist die Struktur des analytischen Diskurses, so zu sein. Sagen wir, daß ich daran festhalte, sosehr ich kann, um nicht zu
sagen, daß ich mich damit strikt identifiziere, falls es mir gelingt. Im Moment ist es anders
nicht haltbar. Auch da schlage ich, so von Zeit zu Zeit, Sachen auf mit einem gewissen Bedenken.
Gestern habe ich einen recht erstaunlichen Aufsatz gelesen in einer Zeitschrift, die ich, aus persönlichen Gründen, nie aufgeschlagen hatte, sie heißt L'Inconscient. In der zuletzt erschienenen
Nummer führt ein gewisser Cornelius Castoriadis, nicht mehr und nicht weniger, eine Art
Befragung meines Diskurses durch, der angeblich in bezug zur Wissenschaft verstanden werde.
Was sagt er anderes als das, was ich wiederhole225, nämlich daß dieser Diskurs einen
außerordentlich präzisen Bezug zur Wissenschaft hat. Was er als die wesentliche Schwierigkeit
dieses Diskurses denunziert, nämlich das, was Sie gerade gesagt haben, ich präzisiere es
Ihnen, diese Notwendigkeit jener Entstellung, die nie aufhört, ist die Bedingung selbst des
analytischen Diskurses, und deswegen kann man sagen, daß er ŕ ich würde nicht sagen: völlig
zum Diskurs der Wissenschaft gehört, sondern daß er durch ihn konditioniert ist, und zwar
ganz genau deswegen, weil der Diskurs der Wissenschaft keinen Platz für den Menschen226
läßt.
Ich227 hatte vor, heute morgen bei Ihnen darauf zu insistieren. Ich werde228das, was ich Ihnen in
acht Tagen darüber zu sagen haben werde, nicht deflorieren. Schließlich aber, Sie werden
sehen, ist es darauf zentriert.
X: Was die Angst betrifft, so glaubte ich, sie wäre das Gegenteil des Genießens.
Worauf ich insistiere, wenn ich mich den Affekten zuwende, das ist der Affekt, der 229 sich von 172
allen anderen unterscheidet, der der Angst, und zwar darin, daß gesagt wird, er sei ohne Objekt.
Schauen Sie sich alles an, was über die Angst geschrieben worden ist, stets insistiert man genau
223Mitschrift: der mich wirklich als jemanden einordnet, der ganz verbunden ist mit dem Zentrum [Miller:
m’insère comme un souligné, me situe au centre /Mitschrift: qui m’insère vraiment comme un tout lié au
centre]
224Mitschrift: welchem Ende [Miller: mixture / Mitschrift: issue]
225Mitschrift: zu wiederholen mich abmühe
226Mitschrift: die Angst [Miller: l'homme / Mitschrift: l'angoisse]
227Mitschrift: Das ist ganz und gar überraschend, und ich
228Mitschrift: Nun, ich will
229Mitschrift: insistiert habe, als ich mich gerade diesem Affekt zuwandte, das ist, daß dieser

153

darauf: die Furcht hat Bezug zu einem Objekt, wohingegen die Angst angeblich ohne Objekt ist.
Dagegen sage ich, daß die Angst nicht ohne Objekt ist. Ich habe das bereits vor langer Zeit230
artikuliert, und es ist ganz offensichtlich, daß ich es Ihnen auch weiterhin erklären muß.
Zum damaligen Zeitpunkt habe ich dieses Objekt nicht mit dem Term der Mehrlust bezeichnet,
was beweist, daß etwas konstruiert werden mußte, bevor ich es so nennen konnte. Ganz genau
ist es das ... ich kann den Namen nicht sagen, weil es, eben weil es kein Name ist , auch das
werde ich Ihnen zu erklären versuchen: gerade die Mehrlust, das will überlegt sein, und
zwar weil es nicht benennbar ist. Es ist die Mehrlust, aber es ist nicht benennbar, auch wenn
es annäherungsweise so benannt, so übersetzbar ist. Deshalb ist das durch den Term Mehrwert
übersetzt worden, weil man anders nicht an es herankommt. An dieses Objekt, ohne das
die Angst nicht ist, kann auch auf andere Weise herangegangen werden. Genau dem habe ich im
Lauf der Jahre mehr und mehr eine Form gegeben. Insbesondere habe ich vielen Schwätzern die
Gelegenheit gegeben, sich in eine überhastete Ausarbeitung dessen zu stürzen, was ich unter
dem Term des Objekts a zu sagen haben konnte. Sonst noch was?
X: [Unverständlich.]
In den kleinen Schemata, die ich Ihnen dieses Jahr an die Tafel geschrieben habe,
meinen vierfüßigen Affairen da, läßt sich das nicht so leicht verwenden. Schließlich aber,
die wesentlichen Bestimmungen sind da. In der Artikulation, die ich vom universitären
Diskurs entwerfe, ist das a am Platz von was? Am Platz des, sagen wir mal, vom universitären
Diskurs Ausgebeuteten, der leicht zu erkennen ist: es ist der Student. Indem er seine Reflexion
um diesen Platz der Notation zentriert, läßt sich vieles von den einzigartigen Phänomenen
erklären, die sich zur Zeit auf der ganzen Welt ereignen. Ganz sicher, man muß die Emergenz
seiner Radikalität ŕ das ist das, was sich produziert ŕ von der Art und Weise unterscheiden, in
der sich ŕ und das kann außerordentlich lang dauern ŕ die Funktion der Universität
abgeriegelt, abgesperrt, durchgehalten hat. In der Tat hat sie eine außerordentlich präzise
Funktion, die andauernd einen Bezug zu dem Stand 231 hat, auf dem man sich mit dem Diskurs
der Herrn befindet ŕ nämlich seine Erhellung. Tatsächlich ist dieser Diskurs lange Zeit
hindurch ein getarnter Diskurs gewesen. Seine Tarnung wird mehr und mehr schwinden, und
zwar aufgrund seiner inneren Notwendigkeit.
Wozu hat die Universität gedient? Dies läßt sich je nach Zeitraum anders lesen 232. Aufgrund der
immer extremeren Bloßlegung233des Diskurses des Herrn selbst offenbart der Diskurs der 173
Universität ŕ glauben Sie nicht, er sei deshalb erschüttert oder gar am Ende ŕ, daß er derzeit
auf seltsame Schwierigkeiten stößt. An diese Schwierigkeiten kann man herankommen auf der
Ebene des engen Bezugs, den es zur Position des Studierenden gibt, der sich im Diskurs der
Universität befindet, und zwar auf eine stets mehr oder minder getarnte Weise, die aber
mit jenem Objekt a identifiziert wird, dem aufgegeben ist, was zu produzieren? Das gebarrte S,
das daraufhin rechts unten erscheint.
230Mitschrift: acht Jahren [Miller: longtemps / Mitschrift: huit ans]
231Mitschrift: der Etappe ... [auf der] [Miller: état / Mitschrift: étape]
232Mitschrift: wird nach jeder Etappe anders beurteilt [Miller: Cela peut se lire d'après chaque époque. /
Mitschrift: Ça, ça se juge d'après chaque étape]
233Mitschrift: Verneinung [Miller: dénudation / Mitschrift: dénégation].

154

Genau da liegt die Schwierigkeit <, denn das, was ihm aufgegeben ist, das ist, ein Subjekt zu
produzieren>. Aus diesem Produkt ist ein Subjekt geworden.234 Subjekt von was? Jedenfalls
ein gespaltenes Subjekt. Daß es immer unerträglicher wird, daß sich diese Reduktion darauf beschränkt, Lehrende zu produzieren, das hat die Entwicklung der Dinge im gegenwärtigen Zeitraum vollkommen an den Tag gebracht, und das erfordert eine Untersuchung, die um so
improvisierter ist, als sie im Begriff ist, ein Faktum zu werden. Was sich produziert und was
sich »Krise der Universität« nennt, läßt sich in diese Formel einschreiben. Sie erfordert es, weil
sie sich auf einer ganz und gar radikalen Ebene begründet. Es ist nicht möglich, sich darauf zu
beschränken, sie so zu behandeln, wie man es tut. Einzig und allein durch den sich drehenden,
revolutionären Bezug ŕ wie ich es sage in einem Sinne, der ein bißchen abweicht vom
gewöhnlichen Sinn ŕ der universitären Position zu den drei anderen Positionen des Diskurses
kann das, was sich zur Zeit in der Universität ereignet, erhellt werden.
X: [Über die Revolutionäre und das Proletariat.]
Der Proletarier? Wann habe ich vom Proletarier gesprochen? Auf235 der Ebene des Diskurses
des Herrn ist sein Platz236 vollkommen klar.
Seinem Ursprung nach hat der Diskurs des Herrn mit all dem zu tun, was zunächst als der Proletarier geschehen ist, der zunächst der Sklave/Knecht ist.237 Wir fallen da auf den Hegelschen
Term zurück. Der Sklave/Knecht, ich habe es hervorgehoben, das war am Anfang das Wissen.
Gut. Da genau ist die Entwicklung des Diskurses des Herrn. Die Rolle der Philosophie 238 war
es, ein Wissen des Herrn zu konstituieren, das dem Wissen des Sklaven abzuziehen war. Die
Wissenschaft, so wie sie jetzt zutage getreten ist, besteht eigentlich in dieser Transmutation der
Funktion, wenn man so sagen kann ŕ in einem bestimmten Augenblick wird man stets mehr
oder weniger dazu gebracht, auf ein archaisches Thema zu springen, und wie Sie wissen, rufe
ich zur Vorsicht auf.
Wie auch immer, sicherlich gibt es eine Schwierigkeit im Wissen, die im Gegensatz zwischen
dem Gewußt-wie und dem steckt239, was, eigentlich gesagt, epistème ist. Die epistème hat sich
aus einer Befragung, einer Reinigung des Wissens gebildet. Der philosophische Diskurs zeigt 174
jederzeit, daß der Philosoph darauf Bezug nimmt. Nicht ohne Grund hat er den Sklaven zur
Rede gestellt [interpellé], nicht ohne Grund demonstriert er, daß dieser weiß ŕ daß er weiß,
was er nicht weiß, übrigens. Daß er weiß, zeigt man nur, weil man ihm gute Fragen stellt. Genau
auf diesem Wege ist die Entstellung bewerkstelligt worden, die bewirkt, daß unser Wissenschaftsdiskurs zur Zeit auf der Seite des Herrn steht. Genau das ist es, was man nicht
beherrschen240 kann.

234Dieser Satz nur bei Miller.
235Mitschrift: Ja, natürlich, auf
236Mitschrift: , das ist
237Mitschrift: womit zu tun? Mit dem, was sich nicht sofort als der Proletarier spezifiziert, was zunächst der
Sklave/Knecht ist.
238Mitschrift: Die Entwicklung des Diskurses des Herrn ŕ und genau da hat die Philosophie einen Vorsprung
ŕ
239Mitschrift: Duplizität, aus der sich der Gegensatz zwischen dem, was Gewußt-wie ist, und dem ergibt
240Mitschrift: verkennen [Miller: maîtriser / Mitschrift: méconnaître]

155

X: Wo plazieren Sie dann den Proletarier? 241
Er kann nur an dem Platz sein, an dem er sein muß, oben rechts. Am Platz des großen Andern,
nicht wahr? Ganz genau, da drückt das Wissen nicht mehr. Der Proletarier wird nicht einfach
ausgebeutet, er ist der, der um seine Funktion zu wissen geplündert worden ist. Die behauptete
Befreiung des Sklaven/Knechts hat, wie stets, andere Korrelativa gehabt. Sie ist nicht nur progressiv. Sie ist progressiv nur um den Preis einer Plünderung.
Ich werde mich da auf kein Abenteuer einlassen, ich werde nur mit Vorsicht vorgehen, wenn es
aber etwas gibt, dessen Akzent in der Thematik, die man maoistisch nennt, mich überrascht,
dann ist das ihre Bezugnahme auf das Wissen des Handarbeiters. Ich behaupte absolut nicht, da
genügend durchzublicken, sondern ich pointiere nur eine Bemerkung, die mich stutzig gemacht
hat in Zusammenhang mit den Schemata, die ich Ihnen gesagt habe. Die
Reakzentuierung des Wissens des Ausgebeuteten scheint mir sehr tief in der Struktur motiviert
zu sein. Es geht darum ŕ für mich stellt sich die Frage so —, ob da nicht etwa etwas ganz
und gar Traumhaftes liegt. In einer Welt, in der ŕ auf eine Weise, die sehr wohl existiert, die
eine Präsenz in der Welt ist ŕ nicht das Denken der Wissenschaft, sondern die auf gewisse
Weise objektivierte Wissenschaft aufgetaucht ist, will sagen: diese Dinge, die vollständig von
der Wissenschaft ausgeheckt werden, einfach diese kleinen Dinge242 und andere, die zur Zeit
denselben Raum besetzen wie wir ŕ kann in einer Welt, in der dieses Auftauchen stattgefunden
hat, das Gewußt-wie auf der Ebene des Handarbeiters noch ausreichend Gewicht haben, damit
es ein subversiver Faktor ist? So stellt sich, für mich, die Frage. Gut, ich gehe jetzt.
Was machen Sie mit all dem, was ich sage? Sie nehmen es auf einer kleinen Maschine auf, und
danach macht man Abendveranstaltungen, auf denen man sich Einladungen zuwirft ŕ 'S gibt
ein Lacan-Band243.
13. MAI 1970.

241Wortlaut der Frage nur bei Miller.
242Mitschrift: Hertzschen Wellen
243Im Original: »Y'a une bande de Lacan«, was sich als »Lacan-Band« lesen läßt im Sinne von »Möbius-Band«,
aber auch als »Lacan-Bande«. Im übrigen fehlt dieser letzte Absatz in der Mitschrift.

156

175

XIII
DIE GEFILDE DER ALETHOSPHÄRE

Vom Affekt gibt es nur einen.
Das Objekt a und das cogito.
Wissenschaft und Wahrnehmung.
Die Vervielfältigung der Lathusen.

Es ist viel Wasser unter der Brücke hindurchgeflossen seit unserem letzten Treffen, ich spreche
von dem im April und nicht vom allerletzten, das anderswo stattgefunden hat und nur mit
einigen von Ihnen.
Was an Worten gewechselt worden ist auf den Stufen des Pantheon, hatte kein schlechtes
Niveau, denn es hat mir erlaubt, eine gewisse Zahl von Punkten in Erinnerung zu rufen, die
präzisiert zu werden verdienten als Antwort auf ein Fragen, das ganz und gar nicht untauglich244
war. So finde ich es mit dem Abstand von acht Tagen. Meine erste Empfindung sofort danach
aber, als ich mit jemandem zusammen war, der mich zurückbegleitete, war jedoch die einer
gewissen Inadäquation gewesen.
Selbst die besten derer, die gesprochen haben und deren Fragen durchaus gerechtfertigt waren,
sind mir, außer am Anfang245, so vorgekommen, als wären sie ein bißchen zurück. Das hat sich,
wie mir scheint, darin widergespiegelt, daß ich, zumindest in jener vertraulichen Befragung
[interpellation], die noch kein Ausfragen [questionnement] war, von ihnen in eine gewisse
Anzahl von Beziehungen gestellt worden war.
Diese Beziehungen sind sicher nicht alle abzulehnen. Ich erinnere mich, daß die erste eine zu
Gorgias war, von dem ich hier angeblich ich weiß nicht welche Wiederholung ins Werk setzen
würde. Warum nicht? Der Nachteil dabei ist aber, daß es, im Munde der Person, die diese Persönlichkeit nannte, deren Wirkungskraft wir heutzutage nur schlecht einschätzen können, um
jemanden ging, der zur Geschichte des Denkens gehört. Genau da liegt der Abstand, der mir
unerfreulich scheint ŕ dieser Begriff erlaubt eine Art Musterkollektion von Distanznahmen in
Hinsicht auf diesen oder jenen, die man unter der Klammer der Funktion des Denkens vereinigt
hat.
Mir scheint, es gibt da nichts, was weniger homogen wäre ŕ wenn ich mich so ausdrücken darf 176
ŕ, nichts, was erlauben würde, eine Gattung zu definieren. Es ist nicht rechtens, einigen, egal
unter welcher Eigenschaft man sie sich vorstellt, eine Funktion zuzuweisen, die die einer
Gattung wäre, so als würden sie das Denken repräsentieren. Das Denken ist keine Kategorie. Ich
würde fast sagen, es ist ein Affekt. Und wäre es auch nur, um zu sagen, daß es, unter dem

244Mitschrift: dumm [Miller: inapte / Mitschrift: inepte]
245Mitschrift: am Anfang

157

Aspekt des Affekts, der fundamentalste ist.
Daß es vom Affekt nur einen gibt, ebendas macht eine bestimmte Position aus, eine, die in die
Welt neu eingeführt werden muß und von der ich sage, daß sie auf das bezogen werden muß,
wovon ich Ihnen ein an die Tafel geschriebenes Schema gebe, wenn ich vom
psychoanalytischen Diskurs spreche.
Ehrlich gesagt, es an die Tafel zu schreiben ist etwas anderes, als davon zu sprechen. Ich
erinnere mich, daß in Vincennes, als ich dort für das [eine] Mal erschien, das sich dann nicht
reproduziert hat, das sich aber reproduzieren wird, jemand geglaubt hat, er müsse mir
zuschreien, es gebe reale Dinge, die die Versammlung wirklich beschäftigten. Nämlich daß man
sich irgendwo, mehr oder weniger weit weg von dem Ort, an dem wir zusammengekommen
waren, keilte, und genau daran müßte man denken, und die Tafel hätte nichts zu tun mit diesem
Realen. Genau da liegt der Irrtum.
Ich werde sagen, daß, wenn es eine Chance gibt, etwas zu erfassen, das sich das Reale nennt,
daß das dann nirgendwo anders ist als an der Tafel. Ja, selbst das, was ich dazu zu
kommentieren haben kann, was die Form des Sprechens annimmt, hat nur zu dem einen Bezug,
was sich an die Tafel schreibt.
Das ist eine Tatsache. Und sie wird bewiesen durch diese Tatsache [fait], diese Attrape [factice],
die die Wissenschaft ist, deren Auftauchen nur mittels einer philosophischen Verdauung einzuschreiben man ganz und gar Unrecht hätte. Eine Wissenschaft, die vielleicht metaphysischer ist
als physisch. Unsere wissenschaftliche Physik, verdient sie es, als Metaphysik bezeichnet zu
werden? Ebendas wäre zu präzisieren.
Es zu präzisieren scheint mir möglich, vor allem ausgehend vom psychoanalytischen Diskurs.
Tatsächlich gibt es, ausgehend von diesem Diskurs, vom Affekt nur einen, nämlich das Produkt
der Verhaftetheit des sprechenden Seins in einem Diskurs, insofern dieser Diskurs es als Objekt
determiniert.
Von ebendaher gewinnt das cartesische cogito seinen exemplarischen Wert, unter der
Bedingung, daß man es prüft und daß man es erneut besieht, so wie ich es heute ein weiteres
Mal rasch tun werde, um zu beginnen.

1
Ich habe diesen Affekt angesprochen, durch den das sprechende Sein sich durch einen Diskurs
als Objekt determiniert findet. Was man sagen muß, das ist, daß dieses Objekt nicht benennbar
ist. Wenn ich versuche es als Mehrlust zu benennen, dann ist das nur ein nomenklatorischer
Apparat.
Welches Objekt wird durch diese Wirkung eines bestimmten Diskurses gemacht? Dieses
Objekt, wir wissen von ihm nichts, außer daß es Ursache des Begehrens ist, d.h., eigentlich
gesagt, daß es sich als Seinsmangel manifestiert. Es ist also nichts Seiendes, was auf diese
Weise determiniert wird.
Sicher, das, worauf sich die Wirkung irgendwelcher Diskurse richtet, kann sehr wohl ein
Seiendes sein, das man, zum Beispiel, den Menschen nennen wird oder auch ein Lebendiges, an

177

158

das man anfügen wird, daß es sexuiert und sterblich ist, und man wird kühn an es herangehen,
indem man denkt, genau darauf richte sich der Diskurs der Psychoanalyse, unter dem Vorwand,
bei ihr gehe es ja die ganze Zeit um den Sexus und den Tod. Wovon wir jedoch ausgehen ŕ
falls es wirklich so ist, daß wir von der Ebene dessen ausgehen, was sich zunächst, und als
erstes Faktum, enthüllt als strukturiert wie eine Sprache ŕ, da sind wir nicht. Bei der Wirkung
der Sprache geht es um kein Seiendes. Es geht nur um ein sprechendes Sein. Am Anfang
befinden wir uns nicht auf der Ebene des Seienden, sondern auf der des Seins.
Auch müssen wir uns da vor dem Trugbild hüten, zu glauben, das Sein wäre auf diese Weise
gesetzt, und vor dem Irrtum, der uns belauert, das an alles anzugleichen, was sich als Dialektik
einer ersten Position246 des Seins und des Nichts eingerichtet hat.
Diese Wirkung [effet] ŕ setzen wir hier jetzt die Anführungszeichen ŕ, zu sein, ihr erster
Affekt [affect] erscheint nur auf der Ebene dessen, was sich zur Ursache des Begehrens macht,
d.h., auf der Ebene dessen, was wir, von dieser ersten Wirkung des Apparats, mittels des
Analytikers situieren ŕ des Analytikers als Platz, den247 ich mittels dieser kleinen Buchstaben
auf der Tafel einzukreisen versuche. Genau da setzt sich der Analytiker. Er setzt sich als
Ursache des Begehrens. Eine höchst neuartige, wenn nicht gar paradoxale Position, wie eine
Praxis bestätigt.
Die Bedeutung dieser Praxis läßt sich dadurch einschätzen, daß man sie von dem her bestimmt,
was als Diskurs des Herrn bezeichnet wird. Es geht hier weder um ein Distanzverhältnis noch
um einen Überflug, sondern um ein grundlegendes Verhältnis ŕ die analytische Praxis wird
durch diesen Diskurs des Herrn recht eigentlich initiiert.
Es gibt etwas, das sich vergegenwärtigt durch die Tatsache, daß alle Determinierung des Sub- 178
jekts, also des Denkens, vom Diskurs abhängt. In diesem Diskurs kommt in der Tat der Augenblick, in dem der Herr sichtbar wird. Es wäre ganz falsch zu glauben, dies geschehe auf der
Ebene eines Risikos. Allem zum Trotz ist dieses Risiko mythisch. Es ist die Spur eines Mythos,
und auch in der Hegelschen Phänomenologie steckt sie noch. Sollte dieser Herr nur der sein, der
der Stärkere ist? Sicher, das schreibt Hegel nicht. Der Kampf ums reine Anerkennen unter dem
Risiko des Todes gehört noch immer zum Reich des Imaginären. Was tut der Herr? Ebendies
zeigt die Artikulation an, die ich Ihnen vom Diskurs liefere. Er spielt mit dem, was ich, mit
anderen Begriffen, den Kristall der Sprache [langue] genannt habe.
Warum sollte man diesbezüglich nicht das nutzen, was sich im Französischen unter der Homonymie des m'être, m'être à moi-même248 bezeichnen läßt? Genau dadurch erscheint der signifiant-m'être [der Mich-sein-/Herren-Signifikant], dessen zweiten Term ich Sie schreiben lasse,
wie Sie es vorziehen.
Dieser einzigartige [unique] Signifikant wirkt durch seine Beziehung zu dem, der bereits da, bereits artikuliert ist, so daß wir ihn nur durch eine Präsenz des bereits ŕ ich würde sagen: von
jeher ŕ daseienden Signifikanten denken können. In der Tat: auch wenn dieser einzigartige Signifikant, der Signifikant des Herrn ŕ zu schreiben, wie Sie wollen ŕ, sich an etwas von einer
Praxis artikuliert, die er einrichtet, so ist diese Praxis doch bereits gewirkt, angezettelt durch
246Mitschrift: Opposition
247Mitschrift: dadurch, daß wir mittels dieser ersten Wirkung des Apparats das zernieren, was es mit dem
Analytiker auf sich hat ŕ mit dem Analytiker als Platz zweifellos, als Position, die
248Homophonie zwischen m'être = mich sein, und maître = Herr; m'être à moi-même = mich/Herr sein durch/für
mich selbst.

159

das,

was,

ganz

sicher,

sich

noch

nicht

davon

ablöst,

nämlich

durch

die

Signifikantenverknüpfung. Diese liegt allem Wissen zugrunde, und könnte es zunächst auch nur
als Gewußt-wie angegangen werden.
Die Spur der ersten Präsenz dieses Wissens, wir finden sie sogar da, wo sie bereits weit weg ist,
dadurch, daß sie lange verfälscht worden ist in dem, was man die philosophische Tradition
nennt ŕ Urteil über die Einkopplung des Herrensignifikanten in dieses Wissen.
Vergessen wir nicht, daß, wenn Descartes sein Ich denke, also bin ich setzt, er das dadurch tut,
daß er sein Ich denke eine Zeitlang durch eine Infragestellung, eine Anzweifelung dieses
Wissens gestützt hat, das ich verfälscht nenne und das das schon lange ausgearbeitete Wissen
der Einmischung des Herrn ist.
Was können wir von der derzeitigen Wissenschaft sagen, das uns erlauben könnte, unseren Ort
zu bestimmen? Nur aus didaktischer Schwäche heraus nenne ich hier drei Stufen, denn ich bin
nicht sicher, ob Sie meinen Sätzen so genau folgen. Drei Stufen: die Wissenschaft, dahinter die
Philosophie, und jenseits davon etwas, von dem wir einen Begriff haben, wenn auch nur durch
die biblischen Verwünschungen.
Ich habe dieses Jahr dem Text von Hosea großen Raum gegeben in bezug auf das, was Freud, 179
nach Sellin, aus ihm herausholt. Sein größter Nutzen liegt ŕ obgleich es ihn auch auf dieser
Seite gibt ŕ vielleicht nicht in der Infragestellung des Ödipuskomplexes, den ich jenes
Residuum an Mythos genannt habe, innerhalb der psychoanalytischen Theorie. Ganz sicher,
bräuchten wir hier etwas, um ich weiß nicht welchen Ozean eines mythischen Wissen zu
vergegenwärtigen, das das Leben der Menschen regelt ŕ und wie soll man wissen, ob es
harmonisch war oder nicht ŕ, so könnte die beste Referenz wohl das sein, was Jahwe aufgrund
dessen, was ich sein grausames Nichtwissen genannt habe, unter dem Begriff der Prostitution
verflucht.
Dieser Umweg ist in meinen Augen ausreichend, und sicher ist er besser als die allgemeine Bezugnahme auf die Früchte der Ethnographie. Die Ethnographie birgt in sich selbst eine gewisse
Verwirrung dadurch, daß sie dem als natürlich anhängt, was gesammelt ist. Und wie
gesammelt? Gesammelt durch Geschriebenes, d.h. auf immer abgeschnitten, extrahiert,
verfälscht vom vorgeblichen Terrain, aus dem man es herauszulösen vorgibt.
Damit soll ganz sicher nicht gesagt sein, daß die mythischen Wissen mehr oder Besseres über
das Wesen des Gechlechtsverhältnisses sagen könnten.
Wenn die Psychoanalyse uns das Geschlecht vergegenwärtigt, und den Tod als seine
Dependance ŕ auch da können wir uns auf nichts verlassen außer auf eine massive
Wahrnehmung des Ortes249 der sexuellen Differenz zum Tod ŕ, dann indem sie, auf eine
Weise, die ich nicht lebendig, sondern einfach nur artikuliert nennen würde, demonstriert, daß,
aufgrund der Verhaftetheit dieses Seins im Diskurs ŕ welchen Seins auch immer, d.h., daß es
nicht einmal Sein ist ŕ,
nirgends eine Artikulation erscheint, in der sich das
Geschlechtsverhältnis ausdrückt, außer auf eine komplexe Weise, von der man nicht einmal
sagen kann, sie sei mediiert [médiée], auch wenn es medii gibt ŕ Medien250, wie Sie wollen ŕ,
deren eines jener reale Effekt ist, den ich die Mehrlust nenne, das kleine a.
Was zeigt uns die Erfahrung in der Tat? Daß nur deshalb, weil sich der Frau dieses kleine a sub249Mitschrift: Bandes [Miller: du lieu / Mitschrift: du lien]
250Im Sinne von Massenmedien.

160

stituiert, der Mann sie begehrt. Daß, umgekehrt, das, womit die Frau zu tun hat ŕ
vorausgesetzt, wir können überhaupt davon sprechen ŕ, dieses Genießen ist, das das ihre ist
und das sich irgendwo durch eine Allmacht des Mannes repräsentiert, die genau das ist,
vermittels dessen der Mann, indem er sich als Herr artikuliert, fehlgeht [se trouve être en
défaut].
Ebendavon muß man in der analytischen Erfahrung ausgehen: Was Mann genannt werden
könnte, d.h. das Männliche als sprechendes Sein, verschwindet, vergeht durch die bloße 180
Wirkung des Diskurses, des Diskurses des Herrn/des Mich-sein ŕ schreiben Sie´s, wie Sie
wollen ŕ, dadurch, daß er sich nur als Kastration einschreibt, die faktisch eigentlich als
Privation der Frau zu definieren ist ŕ der Frau, insofern sie sich in einem kongruenten
Signifikanten realisieren würde.
Die Privation der Frau ŕ das ist, ausgedrückt im Begriff des Fehls [défaut] des Diskurses, das,
was die Kastration bedeutet. Gerade weil das nicht denkbar ist, richtet die Ordnung des Sprechens, als Vermittlung, jenes als unmöglich konstituierte Begehren ein, das aus dem
privilegierten weiblichen Objekt die Mutter macht, insofern sie untersagt ist.
Das ist die verordnete Einkleidung der grundlegenden Tatsache, daß in einer mythischen Vereinigung251 zwischen dem Mann und der Frau kein Platz möglich ist, der als geschlechtlicher
definiert wäre.
Genau da ist, was wir im psychoanalytischen Diskurs wahrnehmen ŕ das vereinigende Ein, das
All-Ein ŕ, nicht das, worum es bei der Identifizierung geht. Die Schlüssel-, die Haupt-Identifizierung, das ist der einzige Zug, das ist das [als] ein markierte Sein.
Vor jeglicher Beförderung [promotion] irgendeines Seienden, setzt sich, aufgrund der Tatsache
eines singulären ein, dessen, was die Markierung trägt, von diesem Augenblick an die
Sprachwirkung, und der erste Affekt. Genau daran erinnern die Formeln, die ich an die Tafel geschrieben habe.
1
1+1

Ich bin ein
Ich denke = also bin ich ein

Irgendwo isoliert sich dieses Etwas, das das cogito nur markiert, auch es, mittels des einzigen
Zuges, den man dem Ich denke unterstellen kann, um zu sagen: Also: ich bin. Hier ist bereits der
Spaltungseffekt markiert, der eines Ich bin, das das Ich bin markiert vom ein ausstößt [élide],
denn natürlich schreibt Descartes sich in eine scholastische Tradition ein, aus der er sich mittels
einer akrobatischen Drehung befreit, die mitnichten verachtet werden darf als aus einer plötzlichen Eingebung heraus entstanden.
Übrigens läßt sich das Ich denke allein in Zusammenhang mit dieser Erstposition des Ich bin
schreiben. Sie erinnern sich, wie ich es seit langem schreibe: Ich denke: »Also bin ich«. Dieses
Also bin ich ist ein Gedanke.
Es stützt sich unendlich viel besser dadurch, daß es sein Charakteristikum als Wissen trägt, das
nicht hinausgeht über das Ich bin markiert vom ein, das Singuläre, das Einzigartige wessen? ŕ
dieser Wirkung, die [das] Ich denke ist.
Aber auch da gibt es einen Interpunktionsfehler, den ich vor langer Zeit so ausgedrückt habe: 181
251Im Orig.: union mythique, was auf die unio mystica anspielt.

161

Das ergo, das nichts anderes ist als das ego, um das es geht, ist neben das cogito zu stellen. Das
Ich denke also: »Ich bin«, ebendies verleiht der Formel ihren wahren Bedeutungsgehalt. Die Ursache, das ergo, ist Gedanke. Da liegt der Ausgang, der genommen werden muß von der
Wirkung dessen, worum es in der einfachsten Ordnung geht, mittels deren die252 Sprachwirkung
sich ausübt auf der Ebene des Erscheinens des einzigen Zuges.
Sicher, der einzige Zug ist nie allein. Also ist die Tatsache, daß er sich wiederholt ŕ daß er sich
wiederholt, weil er nie derselbe ist ŕ, eigentlich die Ordnung selbst: die, um die es geht
dadurch, daß die Sprache anwesend und, schon wirksam, bereits da ist.

2
Die erste unserer Regeln ist die, nicht nach dem Ursprung der Sprache zu fragen, und wäre es
nur deshalb, weil er sich hinreichend durch ihre Wirkungen demonstriert.
Je weiter wir ihre Wirkungen treiben, desto mehr kommt dieser Ursprung zum Vorschein. Die
Wirkung der Sprache ist retroaktiv, und zwar genau darin, daß sie im Maße ihrer Entwicklung
offenbart, was Seinsmangel ist.
Ich werde auch ŕ im Vorbeigehen, denn wir müssen heute weiter kommen ŕ zeigen, daß wir
es folgendermaßen schreiben und in seiner strengsten Form darin das spielen lassen können,
was sich, vom Ursprung eines strengen Gebrauchs des Symbolischen an, in der griechischen
Tradition manifestiert, nämlich auf der Ebene der Mathematik.
Euklid bildet hier die grundlegende Referenz, und die Definition, die er uns von der Proportion
gibt, ist die allererste, ist vor ihm nie gegeben worden, will sagen: vor dem, was uns unter seinem Namen an Geschriebenem geblieben ist ŕ natürlich: wer weiß, wo er diese strenge Definition womöglich entliehen hat? Die, die die einzige wahre Grundlage für den geometrischen
Beweis [démonstration] liefert, findet sich, wenn ich mich recht erinnere, im fünften Buch.
Der Begriff Beweis ist hier zweideutig. Indem er die intuitiven Elemente, die es in der Figur
gibt, stets in den Vordergrund stellt, läßt er Sie verkennen, daß, auf sehr formale Weise, bei
Euklid die Forderung nach einem symbolischen Beweis geht, nach gruppenmäßiger Ordnung
der Gleichheiten und der Ungleichheiten, die allein der Proportion erlauben, sich auf eine nicht
approximative, sondern im eigentlichen Sinne demonstrative [= beweisende] Weise abzusichern
in diesem Begriff: logos ŕ im Sinne von Proportion.
Es ist merkwürdig und charakteristisch zugleich, daß man auf die Fibonacci-Reihe253 hat warten 182
müssen, bis man sah, wie sich das herausschälte, was in der Wahrnehmung jener Proportion gegeben ist, die sich das proportionale Mittel nennt. Ich schreibe sie hier noch einmal ŕ Sie
wissen, ich habe von ihr Gebrauch gemacht, als ich von Von einem Andern zum andern
gesprochen habe.

252Mitschrift: daß die
253Fibonacci, eigtl. Leonardo von Pisa, der Sohn des Bonaccio (»filius Bonacci« oder abgek. »Fibonacci«;
1180Ŕ1250), von Beruf Kaufmann, entdeckte um das Jahr 1202 die nach ihm benannte Reihe.

162

1
1+1
1+1
1+1
Ein Romantismus fährt noch immer fort, es den Goldenen Schnitt zu nennen und verliert sich
darin, ihn auf der Oberfläche von allem wiederzufinden, was durch die Zeiten hindurch hat gemalt oder gezeichnet werden können, so als wäre nicht sicher, daß all dies nur [dazu] ist, damit
man ihn sieht. Man braucht nur ein Werk der Ästhetik aufzuschlagen, das auf diesen Bezug zu
sprechen kommt, um zu sehen, daß, wenn man ihn dort anbringen kann, dann ganz sicher nicht
deswegen, weil der Maler die Diagonalen im voraus gezeichnet hat, sondern weil es in der Tat
einen gewissen intuitiven Zusammenklang gibt, der macht, daß stets genau das am besten zusammenstimmt.
Nur, es gibt noch etwas anderes, das zu erfassen Ihnen leicht sein wird. Nimmt man jeden dieser
Terme, indem man beginnt, sie mittels des unteren zu berechnen, dann werden Sie schnell
sehen, daß Sie es zunächst mit 1/2 zu tun haben, dann mit 2/3, sodann mit 3/5. Auf diese Weise
finden Sie die Zahlen, deren Folge die Fibonacci-Reihe bildet, 1, 2, 3, 5, 8, wobei jede die
Summe der beiden vorhergehenden ist, worauf ich Sie seinerzeit hingewiesen habe. Diese
Beziehung zweier Terme, wir werden sie beispielsweise schreiben un+1 = un-1+ un. Das Ergebnis
der Division un+1/ un wird, treibt man die Reihe weit genug, gleich sein mit der in der Tat idealen
Proportion, die sich das proportionale Mittel nennt oder auch der Goldene Schnitt.
Faßt man jetzt diese Proportion als Bild für das auf, was es mit dem Affekt auf sich hat, insofern
es Wiederholung dieses Ich bin ein in der nächsten Zeile gibt, so ergibt sich daraus retroaktiv
das, wodurch es verursacht wird: der Affekt.
Dieser Affekt, wir können ihn augenblicklich schreiben gleich mit a, und wir werden wissen,
daß es dasselbe a ist, das wir auf der Ebene der Wirkung wiederfinden.
1
a+1
Die Wirkung der Wiederholung der 1, das ist dies a, auf der Ebene dessen, was sich hier mittels 183
einer Barre abzeichnet. Die Barre ist, genaugenommen, nur dies, daß es etwas gibt, das überschritten werden muß, damit die 1 affiziert. Alles in allem ist es diese Barre, die gleich mit a ist.
Und kein Erstaunen darüber, daß der Affekt, daß wir ihn rechtmäßig unter die Barre schreiben
könnten als das, was die hier gedachte, umgekehrte Wirkung ist, die die Ursache erscheinen
läßt. In der ersten Wirkung erscheint die Ursache als gedachte Ursache.
Genau das veranlaßt uns dazu, in diesem ersten tastenden Anwendungsversuch der Mathematik
eine sicherere Artikulation dessen zu finden, was es mit der Diskurswirkung auf sich hat. Auf
der Ebene der Ursache, insofern sie als Gedanke erscheint, Reflex der Wirkung, rühren wir an
die initiale Ordnung dessen, was es mit dem Seinsmangel auf sich hat. Das Sein
bestätigt/behauptet sich zunächst nur mittels der Marke der 1, und der ganze Rest ist Traum ŕ
insbesondere die Marke der 1, insofern sie [die Eins] Beliebiges umfassen, es vereinigen würde.
Sie kann überhaupt nichts vereinigen außer gerade die Konfrontation, die Zuordnung des

163

Denkens der Ursache zur ersten Wiederholung der 1.
Bereits diese Wiederholung verursacht [coûte] und setzt, auf der Ebene des a, die Schuld der
Sprache ein. Etwas ist zu bezahlen demjenigen, der/das sein Zeichen einführt. Dieses Etwas ŕ
mittels einer Nomenklatur, die versucht, ihm sein historisches Gewicht zu verleihen, habe ich es
dieses Jahr ŕ eigentlich gesagt nicht dieses Jahr, sagen wir aber, für Sie, dieses Jahr ŕ mit dem
Begriff der Mehrlust* benannt.
Was reproduziert sich durch diese infinite Artikulation? Was das betrifft, daß dieses kleine a
hier wie dort dasselbe ist, versteht es sich von selbst, daß die Wiederholung der Formel nicht die
infinite Wiederholung des ich denke im Innern des Ich denke sein kann ŕ ein Fehler, den die
Phänomenologen nie zu begehen versäumen ŕ, sondern allein die folgende: Ich denke, wenn es
vollzogen war254, läßt sich nur ersetzen durch das Ich bin : »Ich denke, also bin Ich«. Ich bin
der, der »Also bin ich« denkt, und das unaufhörlich. Sie werden bemerken, daß sich das kleine a
immer weiter entfernt in einer Reihe, die exakt dieselbe Ordnung der Einsen reproduziert, so
wie sie hier nach rechts entfaltet werden, ausgenommen, daß es im letzten Term ein kleines a
geben wird.
1
a255 + 1
a+1
Ein einzigartiges Ding, dieses kleine a, bemerken Sie es: Es genügt, daß es, egal wie weit Sie es 184
in der Ableitung wegschaffen, bestehen bleibt, damit die Gleichheit dieselbe sei wie in der
zuerst geschriebenen Formel, nämlich damit die multiple und wiederholte Proportion, im
Ganzen, im Endergebnis, gleich dem kleinen a ist.
Wodurch kennzeichnet sich diese Reihe? Alles in allem tut sie, wenn ich mich nicht täusche,
nichts anderes als die Ordnung der konvergenten Reihen zu markieren, deren Intervalle, weil
konstant, die größten sind. Nämlich stets klein a.
3
Das ist, auf gewisse Weise, nur eine lokale Artikulation. Sicher erhebt sie nicht den Anspruch,
durch eine feste und gesicherte Proportion zu entscheiden, was es mit der Effektivität der
alleranfänglichsten Manifestation der Zahl auf sich hat, nämlich dem einzigen Zug. Sie soll nur
daran erinnern, was es mit der Wissenschaft auf sich hat, so wie wir sie jetzt, wenn ich so sagen
darf, auf dem Hals haben ŕ will sagen, in unserer Welt auf eine Weise gegenwärtig, die alles,
was sich über einen Erkenntniseffekt spekulieren läßt, um vieles übertrifft.
In der Tat sollte man gleichwohl nicht vergessen, daß das Charakteristikum unserer
Wissenschaft nicht darin besteht, daß sie eine bessere und ausgedehntere Erkenntnis der Welt
eingeführt hat, sondern daß sie in der Welt hat Dinge erscheinen lassen, die dort auf der Ebene
unserer Wahrnehmung in keiner Weise existierten.
Man versucht die Wissenschaft einer mythischen Genese zuzuordnen, die von der
254Mitschrift: Wirkung ist [Miller: s´il était fait / Mitschrift: s´il est effet]
255Mitschrift: 1

164

Wahrnehmung ausgeht, und zwar unter dem Vorwand, diese oder jene philosophische
Meditation hätte sich lange Zeit bei der Frage aufgehalten, was denn garantiere, daß die
Wahrnehmung nicht illusorisch ist. Nicht daraus ist die Wissenschaft hervorgegangen. Die
Wissenschaft ist aus dem hervorgegangen, was in den Euklidischen Beweisen keimhaft angelegt
war. Diese sind noch immer sehr suspekt dadurch, daß sie noch immer jenes Festhalten an der
Gestalt beinhalten, das ihre Evidenz zum Vorwand nimmt. Die ganze Evolution der
griechischen Mathematik beweist uns, daß das, was in den Zenit steigt, die Manipulation der
Zahl als solcher ist.
Sehen Sie sich die Exhaustions-Methode an, die, schon bei Archimedes, auf das vorausdeutet,
was zum Wesentlichen führen wird, zu dem, was für uns im vorliegenden Fall die Struktur ist,
nämlich der calculus, die Infinitesimalrechnung. Man braucht nicht auf Leibniz zu warten, der
sich im übrigen bei seinem ersten Versuch von einer gewissen Ungeschicklichkeit zeigt. Das 185
zeichnet sich, allein schon indem er Archimedes' Glanzleistung über die Parabel reproduziert,
bereits bei Cavalieri ab, im 17. Jahrhundert, aber schon lange vor Leibniz.
Was ergibt sich daraus? Zweifellos können Sie von der Wissenschaft sagen, daß nihil fuerit in
intellectu quod non prius fuit in sensu, was beweist das? Der sensus hat, wie man gleichwohl
weiß, nichts zu tun mit der Wahrnehmung. Der sensus ist da nur in der Art dessen, was sich zählen läßt und was die Tatsache des Zählens schnell auflöst. Faßt man das, was es mit unserem
sensus auf sich hat, beispielsweise auf der Ebene des Ohrs oder des Auges auf, dann endet das
damit, daß man die Schwingungen auszählt. Und daß wir uns wirklich daran gemacht haben,
Schwingungen zu erzeugen, die weder mit unseren Sinnen noch mit unserer Wahrnehmung zu
tun hatten, das verdanken wir gerade diesem Spiel der Zahl.
Wie ich neulich auf den Stufen des Pantheon sagte: Die Welt, die mutmaßlich von jeher die unsere war, ist jetzt, sogar an dem Platz, an dem wir hier sind und ohne daß Sie es im mindesten
vermuten, von einer beträchtlichen und sich überkreuzenden Anzahl dessen bevölkert, was sich
Wellen nennt. Als Manifestation, Präsenz, Existenz der Wissenschaft ist das nicht zu
vernachlässigen, und das würde es notwendig machen, daß man sich, um das zu qualifizieren,
was um unsere Erde herum ist, nicht damit begnügt, von Atmosphäre, von Stratosphäre zu
sprechen, von all dem, was Ihnen an Sphärisiertem gefallen mag, so weit, wie wir die Partikel
wahrnehmen können. Man müßte in unserer Zeit wirklich auch dem Rechnung tragen, das weit
darüber hinausgeht und das die Wirkung von was ist? Von einem Wissen, das weniger durch
seine eigene Filterung, seine Kritik, wie man sagt, fortgeschritten ist als durch einen kühnen
Elan im Ausgang von einem Kunstgriff, zweifellos dem von Descartes ŕ andere werden da
andere auswählen ŕ, dem Kunstgriff, Gott die Garantie für die Wahrheit zu überantworten.
Wenn es eine Wahrheit gibt, soll er sich um sie kümmern. Wir nehmen sie bei ihrem sichtbaren
Wert.
Allein durch das Spiel einer Wahrheit, die nicht abstrakt ist, sondern rein logisch, allein durch
das Spiel einer strengen Kombinatorik, die einfach dem unterworfen ist, daß, unter dem Namen
von Axiomen, stets ihre Regeln festgelegt werden müssen, allein durch das Spiel einer
formalisierten Wahrheit ŕ ebendadurch konstruiert sich eine Wissenschaft, die nichts mehr zu
tun hat mit den Voraussetzungen, die die Idee der Erkenntnis von jeher implizierte. Nämlich die
stumme256 Polarisierung, die vorgestellte ideale Vereinigung dessen, was die Erkenntnis ist, in
256Mitschrift: duale [Miller: muette / Mitschrift: duelle]

165

der man stets, egal in welchen Namen man sie kleidet, endosyne zum Beispiel, den Reflex 186
finden kann, das, übrigens immer zweideutige, Bild zweier Prinzipien, das männliche und das
weibliche Prinzip.
Der Raum, in dem sich die Schöpfungen der Wissenschaft entfalten, wir können ihn von da an
nur als die Nichtsubstanz [insubstance], als l’achose, mit Apostroph, qualifizieren. Eine Tatsache, die den Sinn unseres Materialismus radikal verändert.
Es ist die älteste Gestalt der Selbstgefälligkeit des Herrn [maître] ŕ schreiben Sie es, wie Sie
wollen ŕ daß der Mann sich einbildet, er forme die Frau. Ich denke, Sie alle besitzen Erfahrung
genug, um an irgendeinem Wendepunkt Ihres Lebens dieser komischen Geschichte begegnet zu
sein. Form, Substanz, Inhalt, nennen Sie es, wie Sie wollen ŕ dieser Mythos ist das, woraus ein
wissenschaftliches Denken sich befreien muß.
Ich schätze, daß es mir erlaubt ist, hier mit einer etwas groben Pflugschar 257 zu ackern, um mein
Denken wirklich auszudrücken. Ich scheitere dabei, so zu tun, als hätte ich eines gehabt,
während es genaugenommen darum gar nicht geht, sondern, wie jeder weiß, es ist das Denken,
das sich kommuniziert, und zwar durch das Mißverständnis, wohlverstanden. Machen wir also
Kommunikation, und sagen wir, worin diese Konversion besteht, mittels deren die Wissenschaft
sich als von jeglicher Theorie der Erkenntnis unterschieden erweist.
In der Tat, das bedeutet nichts, denn gerade im Lichte des Wissenschaftsapparats, insofern als
wir ihn wahrnehmen können, ist es möglich, das zu begründen, was es mit den Irrtümern auf
sich hat, mit den Widerlagern, den Verwirrungen, die in der Tat nicht auf sich warten ließen in
dem, was sich als Erkenntnis artikulierte, mit diesem Darunterliegenden [Hypokeimenon], daß
es da zwei Prinzipien zu trennen galt ŕ das eine, das formt, und das andere, das geformt wird.
Genau darauf stößt uns die Wissenschaft, und die Tatsache bestärkt sich dadurch, daß wir den
Widerhall davon in der analytischen Erfahrung gefunden haben.
Um mich mittels dieser großen, approximativen Begriffe auszudrücken, nehmen wir zum
Beispiel das männliche Prinzip: Welche Wirkung hat die Inzidenz des Diskurses auf es? Die,
daß es, als sprechendes Sein, aufgefordert ist, Rechenschaft abzulegen über sein Wesen ŕ eine
Ironie, in Anführungszeichen. Ganz genau und allein durch den Affekt, den es durch diese
Diskurswirkung erleidet ŕ nämlich insofern es jenen feminisierenden Effekt empfängt, der das
kleine a ist ŕ, erkennt es das, wodurch es gemacht wird, nämlich die Ursache seines
Begehrens.
Umgekehrt, auf der Ebene des angeblich natürlichen Prinzips, das nicht ohne Grund von jeher
mittels eines Bezuges zum Weiblichen symbolisiert wird ŕ im schlechten Sinne des Wortes ŕ,
erscheint im Gegenteil durch die Nichtsubstanz, wie ich gerade schon gesagt habe, diese Leere, 187
Leere von was? Das Etwas, um das es geht, wenn wir ihm sehr auf Distanz, sehr weit weg, den
Horizont der Frau verleihen wollen, dann sagen wir, daß wir gerade in dem, bei dem es sich um
nicht geformtes Genießen [jouissance in-formée], genau gesagt: ohne Form, handelt, den Platz
finden können, an dem sich, im operçoit258, die Wissenschaft errichtet. Das, was ich wahrnehme
[perçois], das vorgeblich Ursprüngliche, muß, in der Tat, ersetzt werden durch ein bewirkt-sich
[operçoit / Mitschrift: opère-soi].
Gerade insofern die Wissenschaft sich nur auf eine Artikulation bezieht, die sich nur von der Si257Miller: socle de charrue / Mitschrift: soc de charrue
258Mitschrift: opère-soi.

166

gnifikantenordnung her verstehen läßt, konstruiert sie sich aus etwas, von dem es nichts zuvor
gab.
Das zu erfassen ist wichtig, wenn wir etwas verstehen wollen von dem, was es womit auf sich
hat? Mit dem Vergessen dieser Wirkung selbst. Alle wie wir da sind, in dem Maße, in dem das
Feld sich dadurch ausdehnt, daß die Wissenschaft vielleicht mit dem Diskurs des Herrn zusammenhängt, wir wissen nicht, bis zu welchem Punkt ŕ aus dem Grund, daß wir nie bis zu irgendeinem Punkt gewußt haben ŕ ist jeder zuerst als Objekt klein a determiniert.
Ich sprach gerade von diesen Sphären, mittels deren die Ausdehnung der Wissenschaft ŕ die,
merkwürdige Sache, sich auch als sehr brauchbar erweist, wenn es darum geht, zu determinieren, was es mit dem Seienden auf sich hat ŕ die Erde umgibt, eine259 Folge von Zonen, die
sie nach dem qualifiziert, was sie findet. Warum nicht auch den Ort berücksichtigen, an dem
sich diese Fabrikationen der Wissenschaft situieren, wenn sie nichts anderes sind als der Effekt
einer formalisierten Wahrheit? Wie werden wir diesen Ort nennen?
Auch da lege ich zuviel Gewicht auf das, was ich sagen will, und ich bin zwangsläufig nicht besonders stolz auf das, was ich hier vorbringe, ich denke jedoch, es ist nützlich ŕ warum,
werden Sie sehen ŕ, diese Frage zu stellen, die keine der Nomenklatur ist.
Es geht genau um den Platz, der wirklich besetzt ist, durch was? Ich habe gerade von Wellen
gesprochen. Ebendarum handelt es sich. Hertzsche Wellen oder andere, keine Phänomenologie
der Wahrnehmung hat uns von ihnen je auch nur die geringste Vorstellung geliefert, und
sicherlich hätte sie uns niemals zu ihr hingeführt.
Diesen Ort, nennen wir ihn ganz sicher nicht die Noosphäre [Teilhard de Chardin, RN], die von
uns selbst bevölkert wäre. Wenn es etwas gibt, das hier in den hintersten Hintergrund alles
dessen tritt, was uns interessieren kann, dann genau das. Indem Sie sich aber der aletheia auf
eine Weise bedienen, die, damit bin ich einverstanden, nichts gefühlsmäßig Philosophisches hat,
dann könnten Sie ihn, vorbehaltlich dessen, Sie finden Besseres, die Alethosphäre nennen.
Verzetteln wir uns nicht. Die Alethosphäre, das wird auf Band aufgenommen. Wenn Sie hier ein 188
kleines Mikrophon haben, dann schließen Sie sich an die Alethosphäre an. Das Fabelhafte ist,
daß Sie sich, wenn Sie in einem kleinen Fahrzeug sitzen, das Sie zum Mars mitnimmt, immer an
die Alethosphäre werden anschließen können. Ja, sogar dieser überraschende Struktureffekt, der
bewirkt, daß zwei oder drei Personen auf dem Mond herumspaziert sind [zuerst 1969, RN] ŕ
glauben Sie nur, daß es, was die Leistung betrifft, ganz bestimmt nicht ohne Grund ist, daß sie
stets in der Alethosphäre geblieben sind.
Diese Astronauten, wie man sagt, denen im letzten Augenblick ein paar kleine
Verdrießlichkeiten passiert sind, wahrscheinlich wären sie weit weniger gut da
herausgekommen ŕ ich spreche nicht mal von ihren Beziehungen zu ihrer kleinen Maschine,
denn vielleicht wären sie da sehr gut von ganz alleine herausgekommen ŕ, wenn sie nicht die
ganze Zeit über begleitet gewesen wären von diesem kleinen a der menschlichen Stimme.
Ebendadurch konnten sie sich erlauben, nichts als Blödsinn zu reden, wie zum Beispiel, daß
alles gut liefe, wo doch alles schlecht lief. Aber darauf kommt's nicht an. Worauf es ankommt,
ist, daß sie in der Alethosphäre bleiben.
Man braucht Zeit, um all die Dinge zu erkennen, die sie bevölkern, und das wird bewirken, daß
Sie ein anderes Wort einführen.
259Mitschrift: mit einer

167

Die Alethosphäre, das sagt sich gut. Eben weil wir unterstellen, daß das, was ich die
formalisierte Wahrheit genannt habe, bereits hinreichend den Status einer Wahrheit hat auf der
Ebene, auf der sie wirkt [opère], auf der sie sich [be-]wirkt [operçoit opère-soi]. Auf der
Ebene des Bewirkten [opéré] aber, dessen, was herumspaziert, wird die Wahrheit überhaupt
nicht enthüllt. Der Beweis dafür ist, daß die menschliche Stimme mit ihrer Wirkung, Ihr ŕ
wenn ich mich so ausdrücken darf ŕ Perineum [Damm, RN] zu stützen, ihre Wahrheit
überhaupt nicht enthüllt.
Wir werden das mit Hilfe des Aorists desselben Verbs benennen, von dem, wie ein berühmter
Philosoph in Erinnerung rief, die aletheia herkam260. Auf derartige Sachen können nur die
Philosophen kommen, und vielleicht ein paar Linguisten. Man wird das Lathusen [lathouses]
nennen.
Die Welt wird mehr und mehr von Lathusen bevölkert. Da Sie das zu amüsieren scheint, werde
ich es Ihnen orthographieren.
Sie werden bemerken, daß ich das hätte Lathusien nennen können. Das hätte besser zur usia gepaßt, diesem Partizip mit all seinen Zweideutigkeiten. Die usia, das ist nicht der Andere, das ist
nicht das Seiende, es steht zwischen beiden. Es ist auch nicht das Sein, kommt ihm aber zuletzt
sehr nahe.
Was die weibliche Nichtsubstanz betrifft, so würde ich wirklich bis zur parusia [im Sinne von
Nicht-Substanz, RN] gehen. Und was die feinen kleinen Objekte a angeht, denen Sie beim 189
Rausgehen begegnen werden, auf dem Pflaster dort an jeder Straßenecke, hinter allen
Schaufenstern, im Gewimmel dieser Objekte, die dazu gemacht sind, Ihr Begehren zu
verursachen, insofern es jetzt die Wissenschaft ist, von der es beherrscht wird, denken Sie sie als
Lathusen.
Mit Verspätung ŕ denn es ist noch nicht lange her, daß ich es erfunden habe ŕ merke ich, daß
es sich mit ventouse261 reimt. Es gibt Wind da drinnen, viel Wind, den Wind der menschlichen
Stimme. Es ist recht komisch, am Schluß der Verabredung darauf zu kommen.
Hätte der Mensch, um zu glauben, er vereinige sich mit der Frau, die Vermittlung [truchement]
durch Gott weniger praktiziert, dann hätte man dieses Wort Lathuse vielleicht schon lange
gefunden.
Wie auch immer, dieses kleine plötzliche Auftauchen soll bewirken, daß Sie über Ihre Beziehung zur Lathuse nicht unbesorgt sind.
Ganz gewiß hat jeder mit zweien oder dreien von dieser Art zu tun. Die Lathuse hat überhaupt
keinen Grund, sich in ihrer Vervielfältigung zu begrenzen. Wichtig ist zu wissen, was passiert,
wenn man sich mit der Lathuse als solcher wahrhaft in Beziehung setzt.
Der ideale Psychoanalytiker wäre derjenige, der diesen Akt absolut radikal begeht, von dem das
mindeste, was man sagen kann, ist, daß es angst macht, ihn es tun zu sehen.
Eines Tages, zu den Zeiten, als es darum ging, mich zu Geld zu machen, habe ich, weil es Teil
der Zeremonie war, versucht, einige kleine Sachen über diesen Gegenstand vorzubringen. In der
Tat, als man mich zu Geld machte, wollte man wirklich so tun, als interessierte man sich für

260Gemeint ist wohl M. Heidegger, der in »Aletheia (Heraklit, Fragment 16)« auf den Aorist  des Verbs
 = verborgen sein verweist.
261ventouse = Zugloch am Ofen.

168

das, was ich zu sagen haben könnte über die Ausbildung des Psychoanalytikers 262, und ich habe
ŕ ganz sicher in eine absolute Gleichgültigkeit hinein, denn man war ausschließlich mit dem
beschäftigt, was auf den Fluren vor sich ging ŕ geäußert, es gebe keinen Grund dafür, daß eine
Psychoanalyse Angst verursacht. Die Angst ŕ denn sie ist es, womit man zu tun hat ŕ, es ist
ganz sicher, daß sie, wenn es die Lathuse gibt, nicht ohne Objekt ist. Ebendavon bin ich ausgegangen. Ein besserer Zugang zur Lathuse muß uns ein ganz klein wenig beruhigen.
Worum es geht, ist, sich in eine solche Stellung zu bringen, daß es jemanden gibt, mit dem Sie
sich beschäftigt haben bezüglich seiner Angst, der dahin kommen will, dieselbe Stellung zu
besetzen, die Sie [inne]halten, oder die Sie nicht [inne]halten, oder die Sie kaum [inne]halten ŕ
dahin kommen, zu wissen, wie Sie sie [inne]halten, oder wie Sie sie nicht [inne]halten, und
warum Sie sie [inne]halten, und warum Sie sie nicht [inne]halten.
Das wird der Gegenstand unseres nächsten Treffens sein, dessen Überschrift ich Ihnen bereits 190
sagen kann ŕ es wird über die, stets durch unsere selben kleinen Schemata zu stützenden, Bezüge zwischen dem Unvermögen und der Unmöglichkeit gehen.
Klar ist, daß es völlig unmöglich ist, die Position der Lathuse [inne] zu halten. Nur, unmöglich
ist nicht nur das, unmöglich sind auch viele andere Dinge, vorausgesetzt, man verleiht dem
Wort unmöglich einen strengen Sinn, d.h., vorausgesetzt, man determiniert sie nur mittels der
Ebene unserer formalisierten Wahrheit. Nämlich, daß es in jedem formalisierten Feld der
Wahrheit Wahrheiten gibt, die man nicht beweisen kann.
Gerade auf der Ebene des Unmöglichen, Sie wissen es, definiere ich das, was real ist. Wenn es
real ist, daß es den Analytiker gibt, dann genau deshalb, weil es unmöglich ist. Das ist Teil der
Position der Lathuse.
Das Ärgerliche daran ist, daß man, um in der Position der Lathuse zu sein, wirklich eingekreist
haben muß, daß das unmöglich ist. Ebendeshalb setzt man den Akzent soviel lieber auf das Unvermögen, das es auch gibt, das aber, ich werde es Ihnen demonstrieren, an einem andern Platz
ist als die strikte Unmöglichkeit.
Ich weiß, daß es hier ein paar Leute gibt, die sich von Zeit zu Zeit darüber aufregen [s'affectent],
zu sehen, wie ich, wie man sagt ŕ wie sagt man? ŕ, schimpfe, pöbele, zetere gegen die
Analytiker. Es sind junge Leute, die keine Analytiker sind. Sie machen sich nicht klar, daß das,
was ich da tue, etwas Freundliches ist, es sind kleine Zeichen der Anerkennung, die ich ihnen
mache.
Ich will sie auf keine zu harte Probe stellen. Und wenn ich auf ihr Unvermögen anspiele, das
also das meinige ist, dann bedeutet das, daß auf dieser Ebene alle Brüder sind und daß man sich
nur aus der Affaire zu ziehen hat, wie man kann.

Möge sie das zähmen, bevor ich ihnen von der Unmöglichkeit der Position des Analytikers
spreche.
20. MAI 1970.

262 Bezieht sich wohl auf den Aufsatz »Situation de la psychanalyse et formation du psychanalyste en 1956«, in:
Écrits, S.459-491.

169

170

Impromptu 2263

... Ich bedauere, daß die ŕ richtig gesagt: Vincennesche ŕ Assistenz nicht zahlreicher ist, denn
beim ersten Mal hatte sie mir einen Empfang bereitet, den ich warm nennen würde, und zwar in
dem Sinne, daß es heiß hergegangen war. Ich habe das sehr gut gefunden. Ich war aufgewärmt
von dort weggegangen ...
... Genau danach würde ich Sie gerne fragen. Ich erzähle Dinge, die, speziell dieses Jahr, die
Kehrseite der Psychoanalyse betreffen ...
Was ist da eigentlich los? Nun, mein Bester, genau darum geht´s! Sie werden mir das
ausmachen, oder ich trete rein! Machen Sie Ihr Ding da aus, sofort, und verschwinden Sie! Weil
das genau die Frage ist, wegen der ich zweimal nicht wiedergekommen bin, nämlich weil das
Département de Psychanalyse sich erlaubt hat, in einem Text, von dem ich hier einen Abzug
habe, auf dem Umschlag zu reproduzieren: Département de Philosophie264. Nun bin ich, was
meine Beziehungen zum Département de Philosophie anging, der Ansicht, daß diese
Veröffentlichungs-Operation ŕ denn auch die Sache, die hier passiert ist, hatte einen gewissen
Wert, auf jeden Fall den, zu illustrieren, wovon ich spreche, wenn ich vom Dialog spreche,
nämlich, wohl verstanden, daß der Dialog, daß es keinen gibt, daß das aber trotzdem etwas
Lebendiges hatte: es ging heiß her! Das im Namen des Département de Philosophie265 zu
reproduzieren, das nenne ich Denunziation, denn als man es las, war es natürlich ein absoluter
Blödsinn! Ich spreche von denen, die sich zu Wort gemeldet haben, denn ich, ich habe getan,
was ich konnte, damit das so wenig blöd wie möglich sein sollte! Also, wo ist der Kerl, der das
veröffentlicht hat und der heute wieder damit anfangen wollte? Wo ist dieser gewisse Bernard
Nérigot, ich will ihn sehen! Sind Sie das? Sind Sie das? Na, Sie haben genau die Fresse, die ich
mir vorgestellt hatte. Wieso ist das nicht im Namen des Département de Psychanalyse gemacht
worden? Das ist obendrauf gedruckt worden! Das ist Denunziation! Genau damit versucht man
Sie zu kriegen! Denn da kann man lesen: Das passiert tatsächlich am Département de
Philosophie! Und heute haben Sie wieder damit angefangen, wie? Jeder macht's in der Tat,
wie's ihm beliebt, und ich weiß, daß es im Moment ein Zeitvertreib in Paris ist, abends kleine
Zusammenkünfte zu veranstalten mit »Es wird ein[e] Lacan-Band[e] geben«. Jedenfalls
bedeutet das absolut nicht, daß das Département de Psychanalyse, das mit meinem Kommen
zum Département de Philosophie nicht das geringste zu tun hatte, diese Veröffentlichung

263Das nachfolgende Protokoll ist nur in der Mitschrift überliefert. Die Datumsangabe (3. Juni 1970) begünstigt
den Schluß, daß es sich hier um ein von Miller entweder unterdrücktes oder ihm unbekanntes weiteres
Impromptu am Centre Expérimental in Vincennes handelt, da der 3. Juni der erste Mittwoch in diesem Monat
war. Von den angesprochenen Sujets her fügt sich der Text gut ein in die zeitliche Lücke zwischen den
Sitzungen vom 20. Mai und 10. Juni 1970. Auch E. Roudinesco verzeichnet (in: Jacques Lacan. Esquisse d´une
vie, histoire d´un système de pensée, Paris 1993, S.644; deutsche Ausg. S.747) ein 2. Impromptu (betitelt »Des
unités de valeur«, was inhaltlich gut zu dem hier wiedergegebenen Protokoll passen würde), jedoch unter dem
14. März 1970, was wenig wahrscheinlich ist, da dieses Datum nicht auf einen Mittwoch fiel. Ausgefallen
wären demnach nicht, wie Roudinesco angibt, die »beiden letzten«, sondern die beiden mittleren Impromptus,
die auf den 4. Februar bzw. 1. April 1970 gefallen wären.
264Die Mitschrift hat hier Département de Psychanalyse, was jedoch nicht logisch ist, wie Lacans weitere
Ausführungen zeigen.
265Siehe Anm. 2.

171

machen mußte. Und auch wenn in der Tat jeder das Recht hat, Tonbandaufnahmen zu machen,
so hat doch nicht jeder das Recht, das, was ich hier sagen möchte, zu veröffentlichen. Nun,
genau darum ging es hier einmal mehr!
Es gab heute ein paar Dinge, die ich den Leuten von Vincennes zu sagen hoffte. Ich wollte mich
zusammen mit ihnen danach fragen, was sie von den Dingen, die ich erzähle, verstehen können,
ich spreche aus ihrer Position heraus, ihrer Position von Leuten, die am Centre Expérimental de
Vincennes sind. Wie können sie diese Erfahrung nachempfinden? Was können sie [sich] davon
erhoffen? Denn was die Hoffnungen betrifft, so gibt es ganz sicher noch andere als Sie, die
[sich] etwas erhoffen von den Resultaten des Centre Expérimental de Vincennes, und sogar
innerhalb von Vincennes gibt es Leute, die [sich] etwas erhoffen, da gibt es eine große Vielfalt.
Sehen wir mal, ich werde die Sache nicht ohne Anhaltspunkt machen. Heute morgen habe ich
einen kleinen Text erhalten, der gestern zusammengehauen worden ist. Jemand war so
freundlich, ihn mir zu bringen, mir diese Sache zu bringen, die sich nennt La Loi d´Orientation
[etwa: Gesetz zur Richtungsbestimmung]266, das im Bulletin Officiel de l'Education Nationale
steht. Hier der letzte Absatz des ersten Artikels: »Auf allgemeine Weise wirkt der
Hochschulunterricht, die Gesamtheit des Unterrichts, der auf die Gymnasialzeit folgt, an der
kulturellen Beförderung der Gesellschaft mit und ebendadurch an ihrer Entwicklung ŕ
Entwicklung zur Gesellschaft ŕ zu einer größeren Verantwortlichkeit eines jeden Menschen für
sein eigenes Schicksal.« Wie? Sehen Sie das?
Ich, ich gestehe, daß ich mich nicht sicher fühlen würde, stünde ich an Ihrer Stelle. Die
Entwicklung der Gesellschaft hin zu einer größeren Verantwortlichkeit, die also jedem
Menschen für sein eigenes Schicksal hinzugefügt wird, denn es ist doch ziemlich merkwürdig,
wenn man sieht, wie im selben Satz abgegangen wird von der Gesellschaft, die sich entwickelt
dank der kulturellen Beförderung, von der wir schließlich zu sagen versuchen, wo sich das
situieren kann. Sie werden also mehr und mehr verantwortlich sein für Ihr eigenes Schicksal,
das genau ist die Bestimmung der Gesamtheit des Unterrichts, der auf die Gymnasialzeit folgt.
Weil es eine derartige Mehrheit von Leuten gibt, die an mein Seminar gewöhnt sind, erlaube ich
mir, hier ohne weiteren Kommentar einfach dieses kleine Schema hergesetzt zu haben, von dem
ich meine, ich habe es als spezifisch für das hervorgehoben, was ich dieses Jahr vom Diskurs
der Universität artikuliert habe.

S2
S1

a
$

Dieses Schema bedeutet, daß das Wissen hier repräsentiert ist, durch dieses S2, das den Sinn
hat, zu präzisieren, daß es Wissen nur als artikuliertes gibt. Selbst das intuitive Wissen muß dies
sein, damit es die Konsistenz von Wissen hat, damit es verifiziert werden kann. Was es mit dem

266La Loi d´Orientation vom 12. November 1968, das die Reorganisation des Hochschulwesens einleitete Es
beinhaltete die Auflösung der alten Strukturen (Fakultäten, denen ein Dekan vorstand) durch die Bildung
sogenannter UER (Unités d´enseignement et de recherche), zu denen sich die Lehrenden zusammenschließen
sollten. Aus den UER entstanden neue Universitäten, u.a. die Aufteilung der alten »Sorbonne« in die Université
de Paris I-XIII, mit formeller Autonomie und Mitbestimmung durch die Studierenden und das technische
Personal.

172

S1 auf sich hat ŕ genau das werden wir versuchen müssen zu sagen, und danach das, was es mit
dem kleinen a auf sich hat, das auf derselben Zeile steht wie das S2. Das kleine a, das ist das,
was, in diesem Diskurs der Universität, sich spezifiziert durch ein Objekt, von dem ich seit kurzem zu zeigen versuche, welche wesentliche Funktion es in jeder Diskurswirkung hat.
Bezüglich dieses kleinen a stelle ich die Verbindung her zwischen dem, was im analytischen
Diskurs zu artikulieren erlaubt, was man das Begehren nennt, und etwas, das als seine Ursache
gesetzt ist, abgesehen davon, daß diese Ursache eigentlich nur dadurch gefunden werden
könnte, daß man sich am Ort des Andern situierte, nämlich daß das, was die Psychoanalyse
aufdeckt, ist, daß unser Begehren, das, was uns, obgleich nur wenig greifbar, so erscheint, als
sei es trotzdem unser Allereigenstes, daß wir deswegen an das angehängt sind, was ich den Ort
des Andern nenne, insofern sich dort, durch Bestimmung und weil es nur dort einschreibbar ist,
all das einschreibt, was sich artikuliert.
Damit will ich sagen, daß es ausgeschlossen ist, daß irgend etwas eine geschriebene Form
annehmen könne außerhalb dieses Ortes, der nicht neutral ist, der bewohnt ist, der nicht von
jemand x-Beliebigem bewohnt ist, der vor allem bewohnt ist von dem, was man sich am
Horizont der Zeiten dessen vorstellen muß, was ein erstes Wissen ist, jenes erste Wissen, bei
dem man Einbruch [irruption] macht, Biß, ich behaupte: indem man aus ihm Nutzen zieht, es
ausbeutet ... (folgt die Episode vom Mann mit dem Tonbandgerät267).
Ich werde Ihnen noch ein weiteres Mal zusammenfassen, was Ihnen zu sagen ich die Absicht
hatte. Es tut mir leid, daß ich die anderen Auszüge aus dem Gesetz zur Orientierung, die ich
hervorgehoben habe, übergehen muß, gleichwohl aber bleibt es nicht aus, daß es gesammelt
werden muß: »Lehrende und Forschende genießen volle Unabhängigkeit, vollständige Freiheit
des Ausdrucks in Ausübung ihrer Lehrfunktion und ihrer Forschungstätigkeit, unter dem
Vorbehalt, den ihnen, entsprechend den universitären Traditionen und den Bestimmungen des
vorliegenden Gesetzes, die Prinzipien der Objektivität und der Toleranz auferlegen.«
Was ich Ihnen heute sagen wollte, war eine erste Anmerkung zu dem, was die Objektivität ausmacht, da wo Sie sind, denn das, was Sie hier in diesem Tableau vorstellen, das, was, eigentlich
gesagt, die Stütze ist, das ist das Objekt a. Das Objekt a ŕ wenn die Analyse die Praxis ist, die
erlaubt hat, seinen Charakter des irreduziblen Residuums hervorspringen zu lassen in allem, was
durch die Sprachwirkung gefangen ist, dann wirklich, um zu zeigen, daß es keine kleine Sache
ist und daß es überhaupt nicht zufällig ist, daß Sie sich ganz genau als diejenigen
[wieder]finden, die in das Feld des Diskurses der Universität eintreten, hier wesentlich eintreten
in der Eigenschaft von sovielen Objekten a, wie Sie sind, weil Sie nichts dafür können, daß Sie
nicht diejenigen sind, durch die eine Geschlechterlinie von Erzeugern Sie ganz oben einpflanzt,
sondern von der Sie zum Glück nur die zwei oder drei letzten Generationen kennen müssen.
Gerade aufgrund dessen, daß Sie alle miteinander, wie Sie da sind, dazu verurteilt worden sind,
das Loch zu stopfen, sind Sie, die zwei oder drei letzten Generationen, die Ursache ihres
Begehrens.
267Im Frühjahr 1969 war einem der Herausgeber von Les Temps modernes anonym ein Manuskript zugesandt
worden mit dem Titel Dialogue psychanalytique (in: Les Temps modernes, Nr. 274, April 1969, S.1824-1840;
dt. in: Kursbuch 29, 1972, S.27-34). Es stellt die (bearbeitete) Transkription des Mitschnitts einer AnalyseSitzung vom November 1967 dar, in deren Verlauf der Analysant den Diskurs seines Analytikers als
repressiven Herrschaftsdiskurs zu entlarven versucht. Gegen den Widerstand der Redaktion, der auch J.-B.
Pontalis angehörte, beschloß Sartre, das Dokument, versehen mit einem eigenhändigen Vorwort und
Entgegnungen von Pontalis u. Bernard Pingaud, zu veröffentlichen.

173

Genau in dieser Eigenschaft werden Sie als Gegenstände der Hoffnung projiziert, weil man
anders nicht definieren kann, daß Sie die Fortsetzung der Gymnasialzeit sind, wobei die
Gymnasialzeit selbst die Vorbereitung für diese Fortsetzung ist, anders gesagt die Periode, in
der man versucht hat, Sie zu formen, um Sie zugänglich zu machen für die Funktion, die Sie
hier einnehmen werden auf der Ebene des Hochschulunterrichts.
Im Moment hat die Objektivität, um die’s hier geht, Gestalt angenommen. Objektiv sind Sie,
jeder von Ihnen auf individuelle Weise, eine Werteinheit [unité de valeur]. Kleines va-va,
kleines leur-leur, jeder von Ihnen ist eine Werteinheit. Sie sind gewertet [valeurés]. Vor so
vielen Werteinheiten geziemt es sich, sich zu verbeugen!
Das Besondere an dieser Reform der Universität ist, daß sie klarmacht, worum es geht. In der
Universität gab es, wie man sagt, ein Unbehagen, ein Unbehagen, das sich etwas schuldete, das
in der Ordnung einer eigenartigen sozialen Schaukel steht. Zum Beispiel ŕ ich rede Klartext ŕ
sagt sie, daß das, worum es geht betreffend diese Bande [troupe], mit deren Formung man sich
im Hochschulunterricht befaßt, daß es also zehnmal zu spät ist. Sie verstehen: Wenn man im
Hochschulunterricht ist, dann muß man nicht mehr geformt werden, dann ist man mehr als obergeformt!
Als Objekte sind Sie Werteinheiten, und als Objekte klein a ŕ wie man Ihnen in Erinnerung
ruft: die Prinzipien der Objektivität und der Toleranz, so sagt man ŕ, als Objekte a toleriert
man Sie!
Genau über diesen Punkt hätte ich Ihnen heute gern einiges gesagt. Mit anderen Worten, ich
hätte gern versucht, Sie zu desorientieren. Ganz sicher werde ich gezwungen sein, zum ersten
Ansatz dessen zurückzukehren, was zu sagen ich fortfahren werde an der Fakultät der Rechte.
Ich werde Ihnen das Gerüst dessen liefern, was in meiner nächsten Aussage wiederholt werden
wird. Ich werde es kommentieren mit Unterstützung dessen, was ich heute ein wenig für Sie
vorbereitet hatte.
Es gibt etwas, das die Funktion definiert, die oben links nacheinander durch einen der vier
Buchstaben unserer Algebra besetzt wird. Diese Funktion führt uns grundlegend in das ein, was
es mit dem Diskurs des Herrn auf sich hat.
Der Diskurs des Herrn, das ist ein komisches Ding. Es ist sehr merkwürdig, daß man sich nicht
mehr bei der Tatsache aufhält, daß das, was den Diskurs des Herrn einrichtet, installiert, unterhält ŕ daß ganz und gar ausgeschlossen ist, daß das die Gewalt ist, weil diejenigen, auf die dieser Diskurs angewandt wird, trotz allem die übergroße Mehrheit bilden. Es ist absolut nicht zu
sehen, warum der Diskurs des Herrn dem standhalten sollte. Der Diskurs des Herrn, das ist ein
diskursives Faktum. Und zwar deshalb, weil der Signifikant als Herrensignifikant fungieren
kann. Ebendas wird vor uns mehr und mehr getarnt aus dem Grund, daß, weit davon entfernt,
daß dieser Diskurs durch all die Versuche, die glauben, sie seien subversiver Natur, auch nur im
allermindesten erschüttert würde, ermessen Sie gleichwohl, was Sie mit Händen greifen können:
in welchem Ausmaß ŕ in bezug auf das, was Sie sich von der Vergangenheit vorstellen können
ŕ gerade die Gewalt stets da ist, also manifest und immer überwältigender, um jetzt effektiv
den Diskurs des Herrn zu stützen. Schon während ich heute hierher gekommen bin, um Sie zu
sehen, bin ich 36 Wagen begegnet, die ganz allein schon von der Masse der Gewalt zeugen ...!
Das ist ein falscher Anschein. Darauf gekommen ist man nur aufgrund der Tatsache, daß das
mit etwas ganz anderem angefangen hat, etwas, das wirklich der Signifikant des Herrn war, der

174

Signifikant S1, insofern als er es ist, der all das beschleunigt, integriert, polarisiert, was sich in
der Welt an so Kostbarem finden läßt, nämlich dieses immense menschliche Wissen, das sich
gefangen, eingezwängt findet in dieser Bewegung, die inauguriert worden ist durch die
Einrichtung des Diskurses des Herrn.
Man darf sich von diesen Entfaltungen der Gewalt nicht beeindrucken lassen. Natürlich ist das
eine Konsequenz aus der Tatsache, daß der Herr, daß ihm ein paar Sachen passiert sind. Insbesondere ist ihm passiert, daß der Apparat des Wissens ganz langsam auf ihn zugeglitten ist.
Ebendas nennt man die Wissenschaft, die Wissenschaft, die überhaupt keine Angelegenheit des
Fortschritts der Erkenntnis ist, sondern etwas, das funktioniert, das insbesondere zum Vorteil
des Diskurses des Herrn funktioniert.
Genau das ist das Ansehen, das bewirkt, daß das, was es mit der Universität auf sich hat, immer
noch standhält; denn das, was die Universität, historisch gesehen, stützen soll, ist etwas, das
unter den gegenwärtigen Bedingungen unfähig ist standzuhalten. Die Vorstellung von dem
Wissen, das die Summe all dessen wäre, was sich ernten läßt aus den verstreuten Erinnerungen,
das Treibgut, die Dinge, die umhertreiben, die gerade passiert sind, die man kulturelle nennt,
das hätte schon vor langer Zeit ausgedient, würde sich jetzt nicht herausstellen, daß es durch
diesen funktionierenden Apparat gestützt wird, der dort alles hineinbringt, was an
Wissenschaftlichem er zu stützen vermag ŕ ich spreche von jenem alten menschlichen Diskurs.
Das, was an Wissenschaftlichem er zu stützen vermag, das sind die Methoden des
Katalogisierens, des Klassifizierens. Und im Namen dessen wahrt dieses alte Wissen einfach so
den Anschein, es hielte stand.
Und aus Gründen, die nichts mit der Stärke dieses Diskurses zu tun haben ŕ einige Leute sind
als Studenten hier, das heißt, sie beeilen sich anerkannt zu werden in dieser Gesellschaft, die im
Begriff ist, mit Riesenschritten davonzurennen, nämlich ganz schnell ihre Grundfesten abzuwerfen ŕ, gehen die Werteinheiten dort fortschreitend von einem Gebrauchs- in einen Tauschwert
über. Was auch immer Sie wollen mögen, Sie sind prädestiniert dazu, in dieser kleinen
Mechanik dieselbe Rolle zu spielen wie alles, was es in der kapitalistischen Gesellschaft mit
dem Objekt a auf sich hat, nämlich als Mehrwert zu funktionieren. Sie sind wahre Werte in dem
Sinne, daß Sie Teil dieser Bewegung sind, der Zahlenbewegung, die den Tauschmodus stützt,
den Modus des Marktes, der die kapitalistische Gesellschaft bildet.
Nur, ein inkarnierter Mehrwert zu sein ist etwas anderes, als ein zählbarer Mehrwert zu sein.
Wenn man ein inkarnierter Mehrwert ist, dann addiert sich diese Sammlung. Die Werteinheit,
das erzeugt ganz sicher Dinge, nämlich ein Unbehagen, von dem Sie Unrecht hätten zu glauben,
ich würde seine Reichweite auf einige Schreiereien begrenzen, die ich hier höre. Denn offen
gestanden sind die Dinge, die ich Ihnen gerade sage, sehr ernste Dinge, und sie sind ŕ natürlich
auf einer anderen Ebene als dieses Gekreische ŕ so geartet, daß sie die Gesellschaft, um die es
geht, nämlich die kapitalistische Gesellschaft, ganz ernsthaft in Frage stellen.
Wenn ich die Zeit hätte, dann würde ich zeigen, daß das, was passiert, etwas Wichtiges hervorhebt, nämlich das, was Sie ausdrücklich zu beweisen beauftragt sind, was Sie tatsächlich zu beweisen beginnen ŕ natürlich auf andere Weise als durch Gekreische: nämlich, daß Sie, was die
Massen angeht, auf rein gar nichts zählen können, so wie der gesamte Fortschritt der Geschichte
es Ihnen zeigen kann, denn stellen Sie sich vor, daß, wenn es tatsächlich so ist, daß sich in der
Masse bisweilen Revolutionäre finden, daß man sie dann eher findet, wenn die Massen als Mas-

175

sen organisiert sind. Bis zu diesem Augenblick sind die, die die Revolution gemacht haben,
Rebellen. Es sind die Matrosen von Kronstadt.
Nun, vielleicht gibt es im Augenblick tatsächlich welche, die gewissermaßen den Auftrag
haben, das zu beweisen. Nichts besagt, daß ihnen nicht auch irgend etwas glücken wird ŕ was,
weiß man nicht. Womit sie im Augenblick zu tun haben, ist, daß das, was Freud in Massenpsychologie und Ich-Analyse zeigt, nämlich daß das, was die Masse produziert, die Idealisierung
ist, die imaginäre Idealisierung. Sie reproduziert ganz genau das Wiedererscheinen des
Diskurses des Herrn.
Ebendeswegen werde ich, wenn man versucht, Freud mit Marx in Verbindung zu setzen ŕ ich
bin aber nicht der einzige, der diese Haltung einnimmt, die ich äußere ŕ, dazu gebracht, daß ich
frotzele. Denn wenn es in der Tat etwas gibt, das Freud beiträgt, dann ist das etwas über Marx
hinaus, und insbesondere etwas, das zu sehen erlaubt, warum, nach der Wirkung, der von Marx'
Diskurs getragenen Wirkung sich, was die Stabilität des Diskurses des Herrn angeht, nichts geändert hat.
Nun, es geht darum zu sehen, was Ihnen von der Ebene des Objekts klein a, das Sie bilden,
nämlich von der Seite her, wo das seine Inzidenz in einen Diskurs hat, angeboten wird. Genau
das werde ich heute nicht weitertreiben können, ich werde es aber in meiner nächsten Sitzung
fortsetzen mittels zweier Begriffe, die ich bisher noch nicht vorgebracht habe. Diese beiden
Begriffe heißen das Unmögliche und das Unvermögen. Das ist nicht das gleiche. Wie durch
Zufall wird das Unmögliche, stellen Sie sich das vor, im Diskurs Freuds in den Vordergrund
gestellt, herausgehoben, ins Licht gerückt, und zwar ganz genau bezüglich des Analysierens*.
Es ist einer dieser unmöglichen Berufe*, zu denen er das Regieren* gesellt sowie das, was uns
interessiert, die Formung der Menschen, das Erziehen.
Das Unmögliche, so habe ich geäußert, ich, Lacan, das Unmögliche, das ist das Reale. Falls Sie
finden, das sei nicht ausreichend bewiesen durch die Tatsache des Regierens, Großziehens,
Erziehens, des Analysierens auch ŕ warum nicht? Man läßt nicht ab davon ŕ das ist das
Reale. Das, worum es geht, das Gelenk, mittels dessen die Wissenschaft sich mit etwas
verbinden kann, das Sie betrifft, ist genau das: daß dieses Unmögliche als solches bewiesen
werde, ich sage: bewiesen.
Damit meine ich, daß das, was uns die Befragung der Sprache einbringt, folgendes ist: Daß wir
merken, daß die Mathematik, daß die Logik, die aus ihr hervorgeht, uns hier einmal mehr nicht
im Stich lassen. Genau das beweisen sie, daß, gerade indem sie uns nicht fehlgehen läßt dabei
ŕ denn man sollte nicht fehlgehen ŕ, die Wahrheit zu suchen, sie in das Gestell der Sprache
zu bringen, sie zu formalisieren, die mathematische Logik uns lehrt, uns diesen Schritt tun läßt,
daß etwas Unmögliches darin liegt, in einem beliebigen System und selbst auf einem bestimmten gehobenen Niveau ŕ man kann nicht sagen, daß die Arithmetik zu gehoben wäre ŕ,
als wahr zu beweisen, daß etwas Unmögliches darin liegt, das Wahre zu beweisen. Da genau
haben wir das Reale.
Die Wahrheit, vertrauen Sie nicht auf sie, sie hat Bezug zu was? Sicher nicht zum Wissen, sondern gerade zu diesem Realen. Sie war die Art und Weise, sich auf dieses Reale hin zu orientieren, solange man keine andern Mittel hatte. Ebendeshalb läßt sie sich nur durch ein Halb-Sagen
übersetzen. Ganz sicher, es ist da, an ihrem Platz, dieses Ding, das die Rolle der Wahrheit spielt
in dem, was ein Wissen sein könnte, ein an seinen Platz gesetztes Wissen. Dieses Ding ist der S 1

176

des Diskurses des Herrn.
Jeder kann die Probe darauf machen, daß genau da all das liegt, was mittels eines bestimmten
Wissens das Reale stützt, und genau damit habe ich angefangen, indem ich sagte, daß die
Wissenschaft das ist, was den Diskurs des Herrn konstituiert, ihn an der Macht hält. Und genau
da liegt die Falle, die Ihnen gestellt ist, wenn Sie sich faszinieren lassen durch diese Wahrheit,
denn das ist eben nur die Hälfte davon. Es ist eine Seite, es ist das, was das Halb-Sagen der
Wahrheit notwendig macht.
Und das, was Sie zu prüfen haben, ist folgendes: Es steht nicht auf der Seite dessen, was verborgen ist unter diesem satzungsgemäßen, a-cephalen Wissen ŕ schreiben Sie das, wie Sie wollen
ŕ, dem Wissen, in dem sich ŕ und sie ist nicht im Begriff, am Boden zu liegen ŕ die
Universität darstellt. Unter diesem Apparat, dieser Satzung, dieser Übertragung [collation],
dieser Imagination eines instituierten Wissens spürt man, ganz sicher, daß es ein wenig knirscht.
Man läßt die Leine locker auf der Seite des Humanismus, ja, sogar der Menschlichkeit. Glauben
Sie mir, dem Apparat wird’s deshalb nicht schlechter gehen, zumindest noch eine ganze Weile
lang. Was von Ihnen verlangt wird, von Ihnen, die Sie in der Tat an einem Platz stehen, der der
des Andern ist, das ist, zu produzieren, etwas zu produzieren, das dieser Angelegenheit zu Hilfe
kommt. Das, was Sie produzieren müssen, das steht da, unten rechts, es nennt sich: die Kultur.
Man hat es Ihnen gesagt: kulturelle Beförderung des Gesellschaft.
In dem ganzen Maße, in dem Sie irgendwelche angenehmen Schwafeleien zu produzieren
wissen werden, werden Sie das System ernähren. Denn genau dahinter verschanzt sich die
Unmöglichkeit: daß sie ein Unvermögen zeigt in dem ganzen Maße, in dem Sie dieser
Verhaftung nachgeben, in dem Sie wie junge Hunde herumspringen. Ich staune darüber, daß es
so jemanden, wie es ihn früher mal gegeben hat, heute nicht mehr gibt. Es gibt bereits einen
gewissen Goethe, der davon gesprochen hat bezüglich eines Hundes, den er Studenten-Scholar*
nennt, das wahre Tier, geformt durch die Studien, von denen er sprach, wie Sie sich zuweilen
vielleicht erinnern. Nun, es gibt keinen Hund, aber bilden Sie sich nicht ein, Sie würden, indem
Sie sich einfach so auf die Jagd nach all dem machen, was Ihnen Ihre Empörung nahelegt, nicht
dem System dienen. Im Gegenteil, Sie ernähren es!
Was Sie möglicherweise tun müssen, das ist, sich ganz eng an die Unmöglichkeit zu halten. Genau so kann der eine oder andere ŕ um nicht zu sagen: alle, denn sicherlich sind nicht alle für
diese Funktion bereit ŕ, genau so kann der eine oder andere das vollenden, was wirklich die
Bezeichnung Revolution verdient hinsichtlich des Diskurses des Herrn. Es ist die Vollendung
der Drehung. Will sagen, daß, anar oder nicht, es besser für Sie wäre, ana zu sein, ohne r,
anders gesagt, Analytiker zu sein, anders gesagt, in der Stellung zu sein, danach zu fragen, was
es mit der Kultur auf sich hat, wenn sie in der Herrenposition ist.
Sie haben Ihre Zeit nicht zu verlieren, während Sie hier sind, am Centre Expérimental oder anderswo. Sie haben nicht Kultur zu produzieren, Sie haben eine Stufe niedriger zu suchen, das
Weniger eher als das Mehr, nicht die Wahrheit, [sondern] das Unmögliche des Realen. Genau
daran heften sich die Besten unter Ihnen, die, die gerade deshalb nicht da sind, weil sie im Knast
sitzen, genau daran heften sie sich. Es geht darum, wahrhaftig dem ins Gesicht zu sehen, was es
mit einem Apparat auf sich hat, einem Funktionieren und einem Realen.
Dieser Weg ist, eigentlich gesagt, eben nur hierdurch zu bewerkstelligen, nämlich als Ursache
des Begehrens, Ursache dessen, was sogar namens des Amtes [de par l’office] dessen fehlgeht,

177

was in der menschlichen Tätigkeit als das höchste erscheinen kann, nämlich diese Funktion der
Sprache in jenem Apparat der Wissenschaft dessen, womit Sie zu tun haben, hier und jetzt. Was
tue ich anderes als das, aber auch nicht mehr als das, wenn nicht, daß ich versuche, daß Leute
entstehen, die sich zu halten wissen in dieser Stellung des Analytikers, aus der heraus
tatsächlich und allein das vollendet, das zurückgedreht werden kann, was ich die Drehung des
Diskurses des Herrn genannt habe.
Denn schließlich, wenn Sie hier mein kleines Schema modifizieren, um es durch das des
analytischen Diskurses zu ersetzen, dann ist das, was Sie sehen werden, wenn das kleine a in die
Position oben links übergegangen ist, was? Etwas, das sich, unten rechts, produzieren wird: Es
ist der S1, den Sie da wiederfinden werden, nämlich ein neuer Herrensignifikant.
Ich bin verdammt kein Progressist, da das, was ich Ihnen erkläre, ist, daß man sich im Kreis
dreht. Man dreht sich zwar im Kreis, aber man wechselt die Stufe. Wenn der Schritt dessen
getan sein wird, was es tatsächlich mit der Inzidenz eines analytischen Diskurses auf sich haben
kann, wird ein neuer Kreis beginnen können, der zweifellos nicht so, wie wir vielleicht
vermuten, den ganzen Apparat zum Verschwinden bringt, auf den wir uns in dieser
Demonstration gründen, der aber, nach einer Drehung, vielleicht wirklich eine Entriegelung,
eine Umstellung durchsetzt. Der Herrensignifikant wird dann vielleicht ein bißchen weniger
blöde sein. Seien sie sicher, daß er, wenn er ein bißchen weniger blöde ist, ein bißchen
unvermögender [impuissant] sein wird. Das wird, absolut gesprochen, kein Fortschritt sein. Es
wird bewirken, daß das, was Sie getan haben werden, einen Sinn haben wird, und um Ihnen zu
sagen, woher das rührt, der Sinn, nun, werden Sie erwarten, daß ich ein bißchen
weitergekommen bin in meinem Diskurs.
3. JUNI 1970.

178

191

XIV
DAS UNVERMÖGEN DER WAHRHEIT

Freud und die vier Diskurse.
Kapitalismus und Universität.
Hegels List.
Unvermögen und Unmöglichkeit.
Was vermag die Fehlgeburt?

Wir befinden uns nicht an einem Zeitpunkt im Jahr, an dem lange Beweisführungen angebracht sind. Ich werde versuchen, es ein bißchen leichter zu machen.
Glücklicherweise zieht es sich268, wie man sagt. Ich wäre sogar geneigt, die Dinge dabei zu
belassen, müßte ich Ihnen nicht doch zwei kleine Ergänzungen liefern, die dazu bestimmt sind,
das Wesentliche an dem hervorzuheben, was ich dieses Jahr weitergegeben zu haben hoffe ŕ
zwei kleine künftige Pointen, die, hält man sich enger daran, erahnen lassen könnten, weshalb es
vielleicht Begriffe gibt, die ein bißchen neu sind und die jedenfalls jenes Merkmal besitzen, das
ich stets betone und das diejenigen bestätigen können, die auf einer praktischeren Ebene mit mir
arbeiten ŕ das Merkmal, auf dem Boden einer Erfahrung zu stehen.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß das anderswo dienlich sein könnte, auf der Ebene von etwas,
das derzeit passiert, ohne daß man im Moment so recht wüßte, was. Natürlich, wenn die Dinge
passieren, weiß man, in dem Moment, in dem sie passieren, nie so recht, was das ist, vor allem
dann, wenn man diese Dinge wieder mit Informationen zudeckt. Schließlich aber geschieht es,
daß in der Universität etwas passiert.
An verschiedenen Stellen ist man überrascht. Welche Mücke sticht sie, die Studenten, unsere
lieben Kleinen, unsere Favoriten, die Hätschelkinder der Zivilisation? Was fällt ihnen ein? Die,
die das sagen, sind die, die die Dummköpfe machen, dafür werden sie bezahlt.
Gleichwohl könnte es sein, daß etwas von dem, was ich über den Bezug des Diskurses des Analytikers zum Diskurs des Herrn artikuliere, den Weg zeigt, der, auf gewisse Weise, erlauben
würde, sich zu rechtfertigen und sich zu verstehen.
Was im Moment gerade passiert, das ist, daß jeder darum wetteifert, das Gewicht der kleinen 192
mißglückten, gedrängten Manifestationen zu verharmlosen, die sich mehr und mehr in einer
Ecke reduzieren269 werden. Es zu motivieren, es verständlich zu machen, in ebendem Moment,
in dem ich sage, daß ich es könnte, hätte ich gern, daß Sie folgendes verstehen: nämlich, daß
man, in dem ganzen Maße, in dem mir das gelänge, in dem ich erreichen würde, Ihnen etwas
davon verständlich zu machen, sicher sein könnte, daß ich Sie reingelegt habe. Denn alles in
allem beschränkt sich das genau darauf.
268Mitschrift: Ich habe den Eindruck, es zieht sich [Miller: Heureusement / Mitschrift: J'ai l'impression]
269Mitschrift: produzieren

179

Ich würde heute gern, so einfach, wie ich es können werde, den Bezug zwischen dem, was passiert, und den Dingen artikulieren, die ich seit kurzem zu manipulieren wage, was ebendadurch
eine gewisse Garantie dafür liefert, daß dieser Diskurs sich behauptet. Ich wage sie auf eine
Weise zu manipulieren, die, letzten Endes, absolut wild ist.
Ich zögere nicht, vom Realen zu sprechen, und das schon eine ganze Zeitlang, denn genau dadurch habe ich den ersten Schritt dieses Unterrichts getan. Sodann kommt mit den Jahren eine
kleine Formel heraus, daß das Unmögliche, daß das das Reale ist. Gott weiß, ob man nicht sogleich Mißbrauch damit treibt. Sodann ist mir widerfahren, einen gewissen Bezug zur Wahrheit
herauszubringen, was gebräuchlicher ist. Gleichwohl aber gibt es einige sehr wichtige
Bemerkungen zu machen, und ich glaube, ich bin verpflichtet, einige davon heute zu machen,
ehe ich das alles dem Zugriff der Unschuldigen überlasse, damit sie sich seiner aufs Geratewohl
bedienen, was in meiner Umgebung zuweilen wahrhaft gängige Münze ist.

1
Vor acht Tagen bin ich nach Vincennes rübergefahren, in der Absicht, in aller Kürze die
Tatsache zu unterstreichen, daß ich der Einladung durch diesen Ort entsprochen hatte. Übrigens
hatte ich es Ihnen hier letztesmal angekündigt, um Ihnen den günstigen Ausgangspunkt eines
Bezugs zu verschaffen, mit dessen Hilfe ich begonnen hatte und der alles andere als unschuldig
ist ŕ ebendeshalb muß man Freud lesen.
In der Tat lesen wir in Die endliche und die unendliche Analyse Zeilen, die das betreffen, was es
mit dem Analytiker auf sich hat.
Dort wird darauf hingewiesen, daß man wirklich unrecht hätte, vom Analytiker eine große
Dosis an psychischer Normalität und Korrektheit zu verlangen, das wäre zu selten, und dann,
daß man nicht vergessen dürfe, daß die analytische Beziehung und endlich270 ist nicht zu
vergessen, daß die analytische Beziehung auf Wahrheitsliebe*, und d.h. auf die Anerkennung 193
der Realität gegründet ist*.
Realität* ist ein Wort, wo Sie sich zurechtfinden, selbst wenn sie kein Deutsch können, denn es
ist unserem Latein nachgebildet. So wie Freud es gebraucht, steht es in Konkurrenz zu dem
Wort Wirklichkeit*, das ebenfalls gelegentlich das bedeutet, was die Übersetzer, ohne weiter zu
suchen, ganz gleichmäßig in beiden Fällen durch réalité übersetzen.
Diesbezüglich verfüge ich über eine kleine Erinnerung an die wahrhaft schäumende Wut, die
ein Pärchen gepackt hatte, oder genauer: einen der beiden ŕ man muß ihn doch wirklich beim
Namen nennen, das ist überhaupt kein Zufall, es ist ein gewisser Laplanche, der in den Avataren
meiner Beziehungen zur Analyse eine gewisse Rolle gespielt hat ŕ, eine schäumende Wut bei
dem Gedanken daran, daß ein anderer ŕ den ich ebenfalls nennen werde, da ich den ersten genannt habe, ein gewisser Kauffmann ŕ die Idee geäußert hatte, man müsse diese Wirklichkeit*
von jener Realität* unterscheiden. Die Tatsache, daß der andere ihm mit dieser Bemerkung, die
in der Tat absolut zuerst da war, zuvorkam, hatte bei der ersten der beiden Personen eine Art
von Leidenschaft entfesselt.
Diese Pseudo-Verachtung für diese Feinarbeit ist gleichwohl etwas recht Interessantes.
270Der frz. Text hat hier »unendlich« ŕ wohl Verschreibung von »und endlich«, s. GW XVI, 94.

180

Der Satz endet folgendermaßen: gegründet ist und jeden Schein und Trug ausschließt*. Das ist
sehr reichhaltig, ein Satz wie dieser da. Und sofort erscheint, in den Zeilen, die dann kommen
ŕ trotz des kleinen freundschaftlichen Grußes, den Freud im Vorbeigehen an den Analytiker
richtet ŕ, daß es, alles in allem, beinahe den Anschein* hat, daß es das Analysieren* nicht
gibt. Der ganze Anschein dieser Funktion, die der analytische Akt ist, hier kann man ihn
wahrhaft beinah mit Händen greifen, ja, man hat ihn 271. Das Analysieren* bedeutet nichts
anderes als jener Term, den ich als Titel eines meiner Seminare benutzt habe272. Der analytische
Akt wäre der dritte der, in Anführungszeichen, unmöglichen Berufe*.
Freud zitiert sich hier selbst, indem er auf die Tatsache verweist, er habe ŕ wo hat er es gesagt?
meine Recherche ist unvollständig, vielleicht in den Briefen an Fließ ŕ die drei Berufe bereits
erwähnt, um die es geht und die er in jener früheren Passage Regieren, Erziehen, Kurieren*
nennt, was offensichtlich mit dem allgemein üblichen Gebrauch übereinstimmt. Die Analyse ist
neu, und Freud ordnet sie durch Substitution in die Reihe ein. Die drei Berufe, vorausgesetzt, es
handelt sich um Berufe, sind also Regieren, Erziehen, Analysieren*.
194
Man kann nicht verfehlen zu sehen, wie diese drei Terme durch das abgedeckt werden, von dem
ich dieses Jahr erkenne, daß es die Wurzel von vier Diskursen bildet.
Die Diskurse, um die es geht, sind nichts anderes als die Signifikantenverknüpfung, der
Apparat, dessen Anwesenheit allein, der existente Status, all das beherrscht und regiert, was bei
Gelegenheit an Sprechen erscheinen kann. Es sind Diskurse ohne das Sprechen [sans la parole],
welches sich darauf dort einquartiert. So 273 kann ich mir bezüglich dieses betörenden
Phänomens, genannt das Ergreifen des Worts [la prise de parole], seit langem sagen, daß
bestimmte Bestimmungen des Diskurses, in die sich das einfügt, vielleicht so beschaffen
wären274, daß man es [das Wort] von Zeit zu Zeit nicht ergreift, ohne zu wissen, was man tut.
Da für den Sprachgebrauch im Monat Mai [au mois de mai] ein gewisser Stil vorgegeben ist,
kann mir nicht nicht in den Sinn kommen 275, daß einer der sichersten Repräsentanten des
kleinen a, auf einer Ebene, die nicht im Historischen gegründet ist, sondern vielmehr im
Prähistorischen, sicher das Haustier ist. Man kann in dem Fall nicht mehr dieselben Buchstaben
gebrauchen, es ist aber völlig klar, daß das, was unserem $ entspricht, daß wirklich ein gewisses
Wissen vonnöten war, um es zu domestizieren ŕ der Hund zum Beispiel, das ist das Gebell.
Man kann nicht umhin, auf die Idee zu kommen, daß, wenn das Gebell genau das ist, ein Tier,
das bellt, daß dann der S1 einen Sinn annimmt, bei dem nichts Abnormales daran ist, ihn auf der
Ebene zu verorten, auf der wir ihn situieren, auf einer Sprachebene. Jeder weiß, daß das
Haustier in die Sprache nur durch ein primitives Wissen verwickelt ist und daß es keine besitzt.
Offensichtlich bleibt ihm nur, das hin- und herzuschütteln, was ihm als Nächstes zum
Signifikanten S1 gegeben wird ŕ es ist das Aas.
Sie müssen es doch wissen, bestimmt haben Sie einen guten Hund gehabt, ob Jagd-, ob
Wachhund oder ein anderer, einer, mit dem Sie vertraut gewesen sind. Das, das ist
271Dieser Satzteil nur bei Miller.
272Gemeint ist Séminaire XV, L'acte psychanalytique (1967/68).
273Mitschrift: das Sprechen richtet sich darauf dort ein, wie es kann, und so
274Mitschrift: es eine bestimmte Bestimmung des Diskurses gibt, in die es sich einfügt und die vielleicht von
Zeit zu Zeit so beschaffen wäre
275Mitschrift: Ich sage Ihnen das als Fußnote, ich setze das für Sie an den Rand, schließlich aber ist es völlig
offensichtlich, daß mir, bei einem gewissen Stil des Sprachgebrauchs ŕ vom Genre »Mai-Unruhen« [émoi de
mai] ŕ, nicht nicht in den Sinn kommen kann

181

unwiderstehlich, das Aas, sie beten es an. Sehen Sie sich die Erszebet Báthory276 an, eine
charmante Frau in Ungarn, die es liebte, von Zeit zu Zeit ihre Dienerinnen zu zerstückeln, was
ganz sicher das mindeste ist, was man sich in einer gewissen Position gönnen kann. Wenn sie
besagte Stücke dem Boden auch nur ein ganz klein wenig zu nahe brachte, dann apportierten
ihre Hunde sie ihr sofort.
Das ist die ein wenig unbekannte Seite des Hundes. Würden Sie ihn nicht ständig mästen277,
beim Frühstück oder Abendessen, indem Sie ihm Sachen geben, die er nur liebt, weil sie von 195
Ihrem Teller kommen, wäre es das, was er Ihnen vornehmlich apportieren würde.
Auf folgendes aber muß man gut achten: daß auf einer höheren Ebene ŕ der eines Objekts
klein a, und278 einer anderen Spezies, die wir sogleich zu definieren versuchen werden und die
uns auf das279 zurückbringen wird, was ich bereits gesagt habe ŕ das Sprechen sehr gut die
Rolle des Aases spielen kann. Jedenfalls widert sie einen nicht mehr an.
Ebendies hat viel dazu getan, daß man nur schlecht erfaßt, was die Bedeutung der Sprache anbetraf. Man hat die Manipulation dieses Sprechens, das keinen andern symbolischen Wert besitzt,
mit dem verwechselt, was es mit dem Diskurs auf sich hatte. Dank dessen es nie gleichgültig ist,
wann oder wie das Sprechen als Aas fungiert.
Diese Bemerkungen haben zum Ziel, Sie zum Staunen zu bringen, zumindest aber, Ihnen
folgende Frage zu stellen, die den Diskurs des Herrn betrifft: Wie kann dieser Diskurs, der sich
so wunderbar gut verstehen läßt, seine Benennung280 aufrechterhalten haben? ŕ wie die
folgende Tatsache beweist: nämlich daß, ausgebeutet oder nicht, die Arbeiter arbeiten.
Seit die Menschheit existiert, ist die Arbeit niemals so in Ehren gestanden. Es ist sogar ausgeschlossen, daß man nicht arbeitet.
Das, das ist ein Erfolg, trotz allem, ein Erfolg dessen, was ich den Diskurs des Herrn nenne.
Dazu hat er wirklich gewisse Grenzen überschreiten müssen. Offen gesagt gelangt er dadurch zu
diesem Etwas, dessen Mutation ich Ihnen hervorzuheben versucht habe. Ich hoffe, Sie erinnern
sich daran, und wenn Sie sich nicht daran erinnern ŕ das ist sehr gut möglich ŕ, werde ich es
Ihnen sofort in Erinnerung rufen. Ich spreche von dieser Mutation, kapital auch sie, die dem
Diskurs des Herrn seinen kapitalistischen Stil verleiht.
Warum, mein Gott, passiert das, was nicht durch Zufall passiert?
Man hätte unrecht zu glauben, es gebe irgendwo politische Weise, die alles, was getan werden
muß, ganz genau berechnen. Genauso hätte man unrecht zu glauben, es gebe sie nicht ŕ es gibt
sie. Es ist nicht sicher, daß sie stets an dem Platz stehen, von dem aus man richtig handeln kann.
Im Grunde aber ist es vielleicht nicht das, was eine solche Bedeutung hat. Es genügt, daß sie
sind, wenn auch an einem andern Platz, damit das, was ins Gebiet der Entstellung des Diskurses
fällt, sich trotzdem überträgt.
Stellen wir jetzt die Frage, wie diese Gesellschaft, genannt die kapitalistische, sich den Luxus 196
leisten kann, sich eine Lockerung des Diskurses der Universität zu erlauben.
Dieser Diskurs ist doch nur eine jener Transformationen, die ich Ihnen lang und breit vorstelle.

276Möglicherweise bezieht Lacan sich hier auf eine Episode aus A. Pieyre de Mandiargues´ Novellensammlung
Contes immoraux. Sie wurde 1973 von dem polnischen Regisseur Walerian Borowzcyk verfilmt.
277Mitschrift: verziehen [Miller: gaviez / Mitschrift: gâtiez]
278Diese Erweiterung nur bei Miller.
279Mitschrift: den alten astudé
280Mitschrift: Herrschaft [Miller: dénomination / Mitschrift: domination]

182

Er ist die Vierteldrehung im Verhältnis zum Diskurs des Herrn. Woraus sich eine Frage ergibt,
die wirklich die Mühe wert ist, daß man sie ins Auge faßt: Stimmt man dieser Lockerung zu,
die, das muß man schon sagen, angeboten wird, geht man dann nicht in eine Falle? Diese Idee
ist nicht neu.
Es findet sich, daß ich einen kleinen Aufsatz über die Universitätsreform geschrieben habe, um
den man mich ausdrücklich gebeten hatte bei einer Zeitung, der einzigen, die in dem Ruf steht,
ausgeglichen und ehrlich zu sein, und die Le Monde heißt. Man hatte sehr darauf insistiert, daß
ich diese ganz kleine Seite verfasse bezüglich der Reorganisation der Psychiatrie, der Reform.
Nun, trotz dieser Insistenz ist es recht überraschend, daß dieser kleine Aufsatz, den ich eines Tages im nachhinein veröffentlichen281 werde, dort überhaupt nicht durchgegangen ist.
Ich spreche darin von einer Reform in ihrem Loch. Genau, dieses Loch im Wirbelsturm: offensichtlich ist es darum gegangen, es zu machen, eine gewisse282 Anzahl von Maßnahmen, die die
Universität betreffen. Und, mein Gott, bezieht man sich richtig auf die Terme bestimmter
grundlegender Diskurse, dann kann man gewisse Skrupel haben, sagen wir mal, zu handeln,
man kann da zweimal hinschauen, bevor man sich überstürzt daran macht, von den Zeilen, die
sich öffnen, zu profitieren. Das Aas in diesen Fluren da zu transportieren, das ist eine
verantwortungsvolle Tätigkeit.
Hier nun das, woran unsere heutigen Bemerkungen, die nicht geläufig sind, die nicht allgemein
üblich sind, artikuliert werden müssen.

2

S2
S1

a
$

S1
$

a
S2

$
S1

Agent

Arbeit

Wahrheit

Produktion

S2
a

Das hier ist so etwas wie ein Apparat. Zumindest muß man einen Begriff davon haben, daß das
als Hebel dienen könnte, als Zange, daß sich das, auf die eine oder andere Weise, schrauben,
sich konstruieren läßt.
Es gibt mehrere Terme. Wenn ich hier nur diese kleinen Buchstaben angegeben habe, dann 197
nicht aus Zufall. Sondern weil ich da nicht Sachen hinschreiben will, die den Anschein haben,
sie signifizierten. Ich will sie keineswegs signifizieren, sondern autorisieren.283Sie zu
autorisieren ist schon ein bißchen mehr, als sie zu schreiben.
Ich habe bereits von dem gesprochen, was die Plätze bildet, an denen sich diese Insignifikanzen
einschreiben, und ich habe das, was es mit dem Agenten auf sich hat, bereits ins Licht gesetzt.

281Mitschrift: Ihnen eines Tages mal vorlesen werde [Miller: je publierai / Mitschrift: je vous lirai]
282Mitschrift: angelegentlich einer gewissen Anzahl
283Mitschrift: seien Signifikate, denn ich will diese Signifikate gewissermaßen keineswegs autorisieren

183

Dieser Term unterstreicht wie eine Art Rätsel der französischen Sprache: der Agent ist nicht
zwangsläufig der, der handeln läßt, sondern der, den man handeln läßt 284.
So daß es, wie man bereits vermuten kann, nicht ganz klar ist, daß der Herr fungiert [fonctionne,
also „funktioniertŖ, RN]. Aller Wahrscheinlichkeit nach definiert das den Platz des Herrn. Das
ist das Beste, was man sich bezüglich seiner fragen kann, und natürlich hat man nicht auf mich
gewartet, um es zu tun. Ein gewisser Hegel hat sich damit beschäftigt, man muß aber genauer
hinschauen.
Es ist sehr ärgerlich, wenn man daran denkt, daß es hier vielleicht keine fünf Personen gibt, die,
seitdem ich davon gesprochen habe, die Phänomenologie des Geistes wirklich gelesen haben.
Ich will sie nicht bitten, die Hand zu heben.
Es ist wirklich zum Kotzen, daß ich bis jetzt erst zwei Personen gesehen habe, die sie
vollständig gelesen haben, denn auch ich selbst, ich muß es Ihnen wirklich gestehen, bin nicht in
allen Ecken gewesen. Es handelt sich um meinen Lehrmeister, Alexandre Kojève, der sie
tausendfach dargelegt hat, und um eine andere Person, die von einem Kaliber ist, das Sie nicht
glauben. Diese hat die Phänomenologie des Geistes wirklich auf eine lichtvolle Art und Weise
gelesen, derart, daß alles, was möglicherweise in den Anmerkungen von Kojève steckt, die ich
gehabt habe und die ich für sie nochmal durchgegangen bin, wahrhaft überflüssig war.
Das Unerhörte daran ist, daß ich mich, zu einer gewissen Zeit, noch so sehr abmühen konnte,
darauf hinzuweisen, daß die Kritik der praktischen Vernunft ganz offenbar das Buch eines außerordentlich viel komischeren Erotismus ist als das, was bei Éric Losfeld erscheint ŕ das hat
keinerlei Resultat gezeitigt, und daß, wenn ich Ihnen sage, daß die Phänomenologie des Geistes,
daß das der irre Humor ist, daß das dann auch weiter keines zeitigt. Und trotzdem, genau darum
handelt es sich.
Es ist wirklich die außergewöhnlichste Sache, die es gibt. Es ist auch ein kalter, ich würde nicht
sagen: schwarzer Humor. Etwas gibt es, von dem man absolut überzeugt sein kann, und zwar,
daß er absolut gut weiß, was er tut. Was er tut, das ist, daß er Hokuspokus macht und jedermann
reinlegt. Und das ausgehend von der Tatsache, daß das, was er sagt, die Wahrheit ist.
Offensichtlich gibt es keine bessere Art und Weise, den Herrensignifikanten S 1 aufzuspießen, 198
der da ist, auf der Tafel, als ihn mit dem Tod zu identifizieren. Und weiter, worum geht's?
Darum, in einer Dialektik, wie Hegel sich ausdrückt, das zu zeigen, was der Zenit, der Aufstieg,
das Denken285 der Funktion dieses Terms ist.
Was ist das, alles in allem, eigentlich: der Auftritt dieses Rohlings, des Herrn, wie Hegel sich
ausdrückt, in der Phänomenologie des Geistes? Die Wahrheit dessen, was er artikuliert, ist absolut verführerisch und sensationell. Wir können sie wahrhaft direkt lesen, vorausgesetzt, wir
lassen uns von ihr gefangennehmen, denn ich, ich artikuliere gerade, daß man sie nicht direkt
lesen kann. Die Wahrheit dessen, was er artikuliert, das ist folgendes: der Bezug zu diesem
Realen als eigentlich Unmögliches.
Man sieht überhaupt nicht, warum es einen Herrn geben sollte, der aus dem Kampf auf Leben
und Tod um das reine Anerkennen hervorginge. Und zwar trotz dem, daß er, Hegel, sagt, daraus
resultiere jenes seltsame anfängliche Betreiben [agencement].
Der Gipfel, das ist, daß Hegel das Mittel findet ŕ zugegeben, in einer Geschichtsauffassung,
284Mitschrift: der handelt, sondern der, der handeln läßt
285Mitschrift: Aufstieg im Denken

184

die bei dem trifft, was aus ihr hervorgeht, nämlich die Abfolge der Dominanz-, der
Kompositionsphasen des Spiels des Geistes, die sich entlang dieses Fadens situiert, der nicht
nichts ist, der das ist, was man bis zu ihm das philosophische Denken nennt ŕ, Hegel findet das
Mittel, mit dem er zeigen kann, daß von daher kommt, daß es letzten Endes der Knecht ist,
durch seine Arbeit, der die Wahrheit des Herrn liefert, in dem er ihn nach unten zurückdrückt.
Vermöge dieser erzwungenen Arbeit, wie Sie am Anfang bemerken können, gelangt der
Knecht, am Ende der Geschichte, zu jenem Term, der sich das Absolute Wissen nennt.
Von dem, was dann geschieht, wird nichts gesagt, weil es, offen gestanden, in der Hegelschen
Aussage keine vier Terme gab, sondern zunächst den Herrn und dann den Knecht. Diesen
Knecht, ich nenne ihn S2, Sie können ihn hier aber auch mittels des Terms Genießen
identifizieren, auf das er, erstens, nicht hat verzichten wollen, und zweitens hat er doch
wollen286, weil er an dessen Stelle die Arbeit setzt, was gleichwohl kein Äquivalent dafür ist.
Dank wessen? ŕ dank der Reihe von dialektischen Mutationen, des Balletts, des Menuetts, das
sich einrichtet ausgehend von diesem Initialmoment und das von einem Ende zum andern, von
Strang zu Strang die gesamte Entwicklung der Kultur durchzieht, schließlich belohnt uns die
Geschichte mit diesem Wissen, das man nicht als vollkommenes bezeichnet ŕ wofür man
durchaus seine Gründe hat ŕ, sondern als absolutes, unwiderstreitbares. Und der Herr erscheint 199
nur noch als das Instrument, als Der großartige Hahnrei der Geschichte.
Es ist sublim, daß diese wahrhaft bemerkenswerte dialektische Deduktion unternommen worden
ist und daß sie, wenn man so sagen kann, geglückt ist. Des langen und breiten ŕ nehmen wir
als Beispiel das, was Hegel über die Kultur sagen kann ŕ wuchern die triftigsten Bemerkungen
immer da, wo es um das Spiel der Zwischenfälle und der Übungen [exercices] des Geistes geht.
Ich wiederhole: Es gibt nichts Komischeres.
Die List der Vernunft, so sagt er uns, sie ist es, die dieses ganze Spiel gelenkt hat.
Das ist wirklich ein sehr schöner Begriff, der seinen ganzen Wert für uns besitzt, uns
Analytiker, und wir können ihm folgen auf der Ebene eines Terrains b.a. ba, vernünftig oder
nicht, denn wenn's ums Unbewußte geht, haben wir es im Sprechen mit etwas sehr Listigem zu
tun. Nur, der Gipfel dieser List ist nicht da, wo man ihn denkt. Es ist die List der Vernunft,
zweifellos, man muß aber wirklich die List des Raisonneurs erkennen und seinen Hut vor ihm
ziehen.
Wäre es möglich gewesen, daß zu Beginn des letzten Jahrhunderts, zur Zeit der Schlacht von
Jena, dieser außergewöhnliche Streich, der sich die Phänomenologie des Geistes nennt, einen
jeden faszinierte, dann wäre der Coup gelungen gewesen.
Es ist ganz offensichtlich, daß man nicht einen Moment lang dafürhalten kann, wir wären dem
Aufstieg [ascension] des Sklaven in irgend etwas nähergekommen. Diese unglaubliche Art und
Weise, ihm zum Nutzen ŕ zum Nutzen seiner Arbeit ŕ irgendeinen Fortschritt, wie man sagt,
des Wissens einzusetzen, ist wirklich von einer außergewöhnlichen Bedeutungslosigkeit.
Das aber, was ich die List des Raisonneurs nenne, ist dazu da, uns eine wesentliche Dimension
sehen zu lassen, vor der man sich hüten muß. Wenn wir den Platz des Agenten bezeichnen ŕ
wer auch immer er sei, es ist keineswegs immer der Platz des Herrensignifikanten, denn alle
anderen Signifikanten werden auf ihrer Rundfahrt dort durchkommen ŕ, dann ist die Frage die
286Mitschrift: gerade deswegen verzichten müssen [Miller: il a bien voulu / Mitschrift: il a bien fallu à cause de
ça qu'il renonce]

185

folgende: Was läßt ihn, diesen Agenten, handeln? Wie kann sich diese außergewöhnliche
Kreisbahn erzeugen, um die herum sich das dreht, was, eigentlich gesagt, verdient, mit dem
Begriff Revolution ausgezeichnet zu werden?
Wir stoßen hier, auf einer bestimmten Ebene, wieder auf den Begriff Hegels, der Welt die
Arbeit aufzuhalsen.287
Was ist die Wahrheit? Genau da plaziert sie sich, mit einem Fragezeichen. Was inauguriert, was
bringt diesen Agenten ins Spiel? ŕ denn schließlich währt das nicht schon von jeher, das ist seit
den geschichtlichen Zeiten da.
Es ist eine gute Sache, das zu bemerken bezüglich eines Falles der derart brillant, der so blen- 200
dend ist, daß man genau aus dem Grund nicht daran denkt, es nicht sieht: Hegel, das ist der sublime Repräsentant des Diskurses des Wissens, und zwar des universitären Wissens.
Wir in Frankreich, wir haben nie andere Philosophen als Leute, die auf den Wegen bleiben,
kleine Mitglieder kleiner Provinzgesellschaften, wie Maine de Biran, oder auch Typen wie
Descartes, die durch Europa bummeln. Trotzdem müssen Sie ihn zu lesen wissen, auch ihn, und
seine Tonart verstehen ŕ er spricht von dem, was er [sich] von seiner Geburt erhoffen kann.
Man sieht, welche Art von Typ das war. Das hinderte ihn nicht daran, kein Blödmann zu sein,
weit entfernt davon.
Bei uns findet man die Philosophen nicht an den Universitäten. Man kann uns das als Vorteil
anrechnen. In Deutschland aber findet man sie an der Universität. Und man ist, auf einem bestimmten Niveau des universitären Status, in der Lage, zu denken, daß die armen Kleinen, die
lieben Schätzchen, die, die in diesem Moment nichts tun als ins Industriezeitalter einzutreten, in
das große Zeitalter der Schufterei, der Ausbeutung bis auf den Tod, man wird sie ertappen bei
der Enthüllung jener Wahrheit, daß sie es sind, die die Geschichte machen, und daß der Herr nur
der Untergeordnete ist, den man brauchte, um die Musik in Gang zu bringen.
Dies Bemerkung hat ihren Wert, und ich möchte sie ausdrücklich betonen aufgrund von Freuds
Satz, daß die analytische Beziehung auf die Liebe zur Wahrheit gegründet288 sein muß.
Dieser Freud, das war wirklich ein charmanter Kerl. Er war wirklich ganz Feuer und
Flamme. Er hatte auch Schwächen. Sein Verhältnis zu seiner Frau, zum Beispiel, ist etwas, das
man sich nicht vorstellen kann. Seine ganze Existenz hindurch eine derartige Fotze ertragen zu
haben, das ist schon was.
Kurzum, sagen Sie sich wirklich folgendes: Wenn es etwas gibt, das die Wahrheit Ihnen
eingeben muß, wenn Sie das Analysieren*289 stützen wollen, dann ist das ganz sicher nicht die
Liebe. Denn in unserem Fall ist es die Wahrheit, die jenen Signifikanten erscheinen läßt, den
Tod. Und selbst wenn es, allem Anschein nach, etwas gibt, das dem, was Hegel vorgebracht hat,
einen ganz anderen Sinn verleiht, dann ist das genau das, was Freud trotzdem entdeckt hatte zu
jener Zeit und das er, wie er konnte, als Todestrieb bestimmt hat, nämlich der radikale Charakter
der Wiederholung, diese Wiederholung, die insistiert und die, wenn es sie gibt, die psychische
Realität des in die Sprache eingeschriebenen Seins charakterisiert.
Vielleicht, daß die Wahrheit kein anderes Gesicht hat. Nichts, weswegen man verrückt sein 201
287Mitschrift: Hier, auf einer bestimmten Ebene also ŕ wir stoßen hier wieder auf den Term Hegels ŕ, kommt,
dank dem Herrn, die Arbeit in die Welt [Miller: de remettre au monde le travail / Mitschrift: grace au Maître,
naît au monde le travail]
288Laut Mitschrift deutsch im Original.
289Mitschrift: die analytische Beziehung*

186

müßte.
Auch das ist nicht exakt. Gesichter hat die Wahrheit mehr als eines. Gerade das aber, was die
erste Verhaltensrichtlinie sein könnte, die, was die Analytiker anbetrifft, eingehalten werden
muß, das ist, ein bißchen mißtrauisch zu sein, nicht mit einemmal verrückt zu werden durch eine
Wahrheit, durch das erste Dingelchen, dem man an der Straßenbiegung begegnet ist.
Genau da begegnen wir dieser Bemerkung von Freud, in der wir, begleitet von jenem Analysieren*290, die Realität finden. Das ist wirklich dazu angetan, uns sagen zu lassen, daß es vielleicht
tatsächlich einfach so ein ganz naives Reales gibt ŕ genau so spricht man, im allgemeinen ŕ,
das für die Wahrheit ausgibt. Die Wahrheit, das erweist sich, das bedeutet, trotzdem, überhaupt
nicht, daß sie mehr vom Realen kennt [connaît] vor allem, wenn man vom Kennen [connaître]
spricht und wenn man sich an die ersten Entwürfe dessen erinnert, was ich über das Reale
andeute.
Auf der Etappe, auf der sich das Register einer symbolischen Artikulation als das unmöglich als
wahr zu Beweisende definiert gefunden hat, plaziert sich das Reale, wenn sich das Reale durch
das Unmögliche definiert. Ebendas kann uns dazu dienen, unsere Liebe zur Wahrheit zu
ermessen ŕ und es kann uns auch darauf stoßen, warum Regieren, Erziehen, Analysieren auch
und, warum nicht, Begehren-machen, um mittels einer Definition zu komplettieren, was es mit
dem Diskurs der Hysterika auf sich hätte, Operationen sind, die, eigentlich gesagt, unmöglich
sind.
Diese Operationen sind da, sie halten viel aus, und zwar verdammt gut, indem sie uns die Frage
nach dem stellen, was es mit ihrer Wahrheit auf sich hat ŕ nämlich, wie sich das erzeugt, diese
verrückten Sachen, die sich im Realen nur dadurch definieren, daß sie, wenn man sich ihnen nähert, nur als unmögliche artikuliert werden können. Klar ist, daß ihre volle Artikulierung als unmöglich genau das ist, was uns das Risiko, die erahnte Chance einbringt, daß ihr Reales, wenn
man so sagen kann, platzt.
Wenn wir gezwungen sind, so lange auf den Fluren, in den Labyrinthen der Wahrheit herumzutrödeln, dann gerade weil es etwas gibt, das macht, daß man nicht ankommt. Und warum sollte
man darüber erstaunen, wenn's um diejenigen von diesen Diskursen geht, die für uns ganz neu
sind? Nicht daß man nicht bereits ein gutes dreiviertel Jahrhundert zur Verfügung gehabt hätte,
um die Dinge unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten, schließlich aber ist der Aufenthalt in
den Sesseln vielleicht nicht die beste Position, um das Unmögliche in den Griff zu bekommen.
Wie auch immer ŕ daß wir stets dabei sind, in der Dimension der Liebe zur Wahrheit umherzu- 202
schleichen, von der alles darauf hindeutet, daß sie uns die Unmöglichkeit dessen, was sich als
Reales behauptet, ganz und gar durch die Finger gleiten läßt, und zwar ganz genau auf der
Ebene des Diskurses des Herrn, wie Hegel gesagt hat ŕ genau das macht den Bezug auf das
notwendig, was der analytische Diskurs uns glücklicherweise zu ahnen und exakt zu artikulieren
erlaubt. Und ebendeshalb ist es wichtig, daß ich es artikuliere.

290Mitschrift: das heißt auf die Anerkennung der Realität*

187

3
Was ich sage ŕ ich bin überzeugt davon, daß es hier fünf oder sechs Personen gibt, die es wirklich derart werden entstellen können, daß es gute Aussichten hat, wiederzuerscheinen.
Ich sage Ihnen nicht, das sei der Hebel des Archimedes. Ich sage Ihnen nicht, das erhöbe auch
nur den mindesten Anspruch darauf, das System der Welt zu erneuern, oder gar das Denken der
Geschichte. Ich gebe nur an, wie die Analyse uns, durch den Zufall der Begegnungen, in den
Stand versetzt, eine gewisse Anzahl von Dingen zu erhalten, die erhellend scheinen können
für jemanden, der, durch diese Praxis, ein wenig daran gewöhnt ist.
Ich zum Beispiel hätte Kojève sehr gut nie begegnen können. Wäre ich ihm nie begegnet, dann
wäre es sehr gut möglich, daß ich, wie alle Franzosen, die in einem bestimmten Zeitraum
erzogen worden sind, vielleicht nicht vermutet hätte, daß die Phänomenologie des Geistes etwas
war.
Es wäre nicht übel, wenn die Analyse Ihnen erlauben würde wahrzunehmen, womit die Unmöglichkeit zusammenhängt, d.h., das, was das Einkreisen, das In-den-Griff-Bekommen dessen behindert, was vielleicht letzten Endes allein eine Mutation hineinbringen könnte, nämlich das
nackte Reale, keine Wahrheit.
Nur ŕ da, zwischen uns und dem Realen, da gibt es die Wahrheit. Die Wahrheit, ich habe
Ihnen bereits eines Tages in einem lyrischen Anflug gesagt, das sei die liebe kleine Schwester
des Unvermögens [Vorl. 4: „die Wahrheit, Schwester des GenießensŖ]. Ich hoffe, das ist
zumindest einigen von Ihnen wieder eingefallen in dem Moment, in dem ich, in jeder der vier
Formeln, die ich Ihnen gegeben habe, den Kontrast akzentuieren werde, der zwischen der erste
und der zweiten Zeile besteht.
Die erste Zeile beinhaltet eine Beziehung, die hier mittels eines Pfeils , einer Richtung angezeigt ist und die sich stets als unmöglich definiert. Im Diskurs des Herrn zum Beispiel ist es in
der Tat unmöglich, daß es einen Herrn gebe, der seine Welt einfach so zum Laufen bringt.
Die Leute arbeiten lassen ist noch viel ermüdender, als selbst zu arbeiten, wenn man es wirklich 203
tun müßte. Der Herr tut es nie. Er gibt ein Zeichen [signe], den Herrensignifikanten, und alles
springt. Man muß von genau dem ausgehen, was in der Tat ganz und gar unmöglich ist. Das ist
jeden Tag greifbar.
Die in der ersten Zeile geschriebene Unmöglichkeit ŕ es geht jetzt darum, zu sehen, wie dies
bereits angegeben ist durch den Platz, der dem Term der Wahrheit zugewiesen ist, hätte man
nicht auf der Ebene der zweiten Zeile das letzte Wort in dieser Sache.
Nur, auf der Ebene dieser zweiten Zeile gibt es nicht den kleinsten Pfeil. Und es gibt nicht nur
keine Kommunikation, sondern es gibt etwas, das verstopft.
Was ist das, was verstopft? Es ist das, was aus der Arbeit resultiert. Und die Entdeckung eines
gewissen Marx ist genau die, einem Term sein ganzes Gewicht verliehen zu haben, den man bereits vor ihm kannte und der das bezeichnet, womit sich die Arbeit beschäftigt: das nennt sich
die Produktion.
Egal welche Zeichen, die Herrensignifikanten, sich am Platz des Agenten einschreiben, die Produktion hat in jedem Fall keinerlei Bezug zur Wahrheit. Man kann machen, was man will, man
kann sagen, was man will, man kann versuchen, diese Produktion mit Bedürfnissen zu
verbinden, die Bedürfnisse sind, die man schafft, es nutzt nichts. Zwischen der Existenz eines

188

Herrn und dem Bezug einer Produktion zur Wahrheit gibt es kein Mittel, damit
zurechtzukommen291.
Jedwede Unmöglichkeit ŕ egal welche ŕ der Terme, die wir hier ins Spiel bringen, verknüpft
sich stets mit folgendem: Wenn sie uns um ihre Wahrheit herum bei Atem läßt, dann weil etwas
sie beschützt, das wir Unvermögen nennen werden.
Nehmen wir beispielsweise im universitären Diskurs diesen ersten Term, den, der sich hier im
Term S2 artikuliert und der sich in dieser Stellung eines unsinnigen Anspruchs befindet, als Produktion ein denkendes Sein zu haben, ein Subjekt. Als Subjekt, in seiner Produktion, steht
außer Frage, daß es sich auch nicht einen Moment lang als Herr des Wissens wahrnehmen
könnte.
Das ist da auf eine sinnliche Weise greifbar, geht aber noch weiter zurück, bis auf die Ebene des
Diskurses des Herrn, den ich mir, dank Hegel, vorauszusetzen erlaube, denn wie Sie sehen werden, kennen wir ihn jetzt nur noch in einer beträchtlich modifizierten Form.
Diese Mehrlust, die ich dieses Jahr artikuliert habe und die ich zunächst als Stütze setze, sie ist
eine Konstruktion, ja, gar eine Rekonstruktion. Sie ist eine wahrere Stütze. Seien wir aber 204
mißtrauisch, genau das ist das Gefährliche, trotzdem aber besitzt sie durchaus die Stärke292, sich
so zu artikulieren, wie man es gewahrt, wenn man Leute liest, die Hegel nicht gelesen hatten, an
erster Stelle Aristoteles.
Lesen wir Aristoteles, dann ahnen wir, daß das Verhältnis des Herrn zum Sklaven/Knecht ihm
wirklich ein Problem bereitete. Er suchte dessen Wahrheit, und es ist wahrhaft großartig zu sehen, auf welche Weise er versucht, da herauszukommen in den drei oder vier Absätzen, in
denen er davon handelt ŕ er bewegt sich nur auf einem Weg, dem eines naturgegebenen
Unterschieds, aus dem das Gut[e] des Sklaven hervorginge.
Er ist kein Universitätsprofessor. Das ist kein kleiner Schlaukopf wie Hegel. Er spürt genau,
daß, wenn er das sagt, daß das ins Schleudern gerät, daß das nach allen Seiten wegrutscht.
Weder ist er sehr sicher noch legt er gesteigerten Wert darauf. Er drängt seine Meinung nicht
auf. Schließlich aber spürt er, daß es auf ebenjener Seite etwas geben könnte, das das Verhältnis
zwischen dem Herrn und dem Sklaven motiviert. Ach, wären sie nicht vom selben Geschlecht,
wäre es Mann und Frau, das wäre wahrhaft sublim, und er läßt durchblicken, daß darin eine
Hoffnung läge. Unglücklicherweise ist es nicht so, sind sie nicht verschiedenen Geschlechts,
und er läßt die Arme sinken. Man sieht genau, worum es geht, nämlich darum, was, unter dem
Namen dieser Mehrlust, der Herr aus der Arbeit des Sklaven empfängt.
Es könnte so aussehen, als müsse das selbstverständlich sein. Und das Unerhörte dabei, das ist,
daß niemand zu bemerken scheint, daß gerade aus der Tatsache, daß das nicht selbstverständlich
ist, eine Lehre zu ziehen ist. Da, mit einemmal, beginnt das Problem der Ethik zu wuchern, die
Nikomachische Ethik, die Eudemische Ethik, und mehrere andere Werke der moralischen Reflexion.
Da kommt man nicht mehr heraus. Diese Mehrlust, man weiß nicht, was man mit ihr machen
soll. Damit man sich darauf einläßt, ins Zentrum der Welt ein höchstes Gut zu stellen, muß man
durch es wirklich so in Verlegenheit gebracht worden sein wie der Fisch durch die Kartoffel.

291Mitschrift: hat nichts mit der menschlichen Existenz zu tun; und der Bezug der Produktion zur Wahrheit, es
gibt kein Mittel, damit zurechtzukommen
292Mitschrift: bezieht sie ihre Stärke daraus [Miller: il a bien la force / Mitschrift: il tient sa force]

189

Und trotzdem liegt sie auf der Hand, die Mehrlust, die der Sklave uns bringt.
Was das gesamte Denken der Antike, das Hegel uns noch einmal durchgehen läßt dank seiner
wunderbaren Taschenspieler- und anderer Tricks, bis hin zum politisierten Masochismus der
Stoiker, beweist, was es bezeugt, das ist, daß sich in aller Ruhe als das Subjekt des Herrn einzurichten ŕ daß das als Mehrlust nicht geht.
Nehmen wir jetzt den Diskurs der Hysterika, so wie er sich artikuliert ŕ setzen Sie das $ nach
oben links, das S1 nach rechts, das S2 drunter, das kleine a an den Platz der Wahrheit. Auch das 205
geht nicht, denn als Produktion von Wissen motiviert sich die Spaltung, das symptomatische
Zerreißen der Hysterika. Ihre Wahrheit, das ist, daß sie das Objekt a sein muß, um begehrt zu
werden. Das Objekt a, letzten Endes ist das ein bißchen mager, obgleich, wohl verstanden, die
Männer dafür schwärmen und sich nicht mal träumen lassen können, zu etwas anderem
überzugehen ŕ ein anderes Zeichen für das Unvermögen, das die subtilste der
Unmöglichkeiten verdeckt.
Kommen wir schließlich zur Ebene des Diskurses des Analytikers. Natürlich hat es niemand bemerkt: es ist recht merkwürdig, daß das, was er produziert, nichts anderes ist als der Diskurs des
Herrn, denn es ist S1, das an den Platz der Produktion kommt. Und wie ich letztesmal sagte, als
ich Vincennes verließ, vielleicht kann, wenn man diese Dreivierteldrehung macht, aus dem Diskurs des Analytikers ein anderer Stil des Herrensignifikanten erscheinen.
Ehrlich gesagt, ob er nun einen andern Stil hat oder nicht, man wird nicht schon morgen früh
wissen, was für einer er ist, und zumindest im Moment sind wir völlig unvermögend, ihn auf
das zu beziehen, worum es geht in der Stellung des Analytikers, nämlich diese Verführung der
Wahrheit, die er präsentiert, dadurch, daß er einiges wüßte über das, was er im Prinzip
repräsentiert.
Akzentuiere ich ausreichend die Umrisse der Unmöglichkeit seiner Stellung? ŕ insofern der
Analytiker293sich in die Stellung begibt, den Agenten, die Ursache des Begehrens zu
repräsentieren, ja, zu sein.

4
Damit also haben wir die Beziehung zwischen diesen Termen definiert, deren es vier gibt. Der,
den ich nicht genannt habe, ist der, der unnennbar ist, weil auf seine Untersagung sich diese gesamte Struktur gründet ŕ nämlich das Genießen.
Ebenda führt uns die Sicht, die kleine Dachluke, der Blick, den die Analyse gebracht hat, uns in
das ein, was ein fruchtbarer Schritt sein kann, nicht des Denkens, sondern des Aktes. Und ebendarin erscheint das revolutionär.
Nicht um das Subjekt situiert sich das. Welche Fruchtbarkeit die Befragung der Hysterika auch
immer gezeigt haben mag, die, ich habe es gesagt, es zuerst in die Geschichte einführt, und auch
wenn der Auftritt des Subjekts als Agent des Diskurses sehr überraschende Resultate gezeitigt 206
hat, deren erstes die Wissenschaft ist, liegt der Schlüssel zu allen Bereichen dennoch nicht da.
293Mitschrift: Ebendies akzentuiere ich, indem ich den Umriß dieser Unmöglichkeit seiner Stellung auf eine
Achse beziehe, weil er

190

Der Schlüssel liegt in der Befragung dessen, was es mit dem Genießen auf sich hat.
Man kann sagen, daß das Genießen begrenzt ist durch natürliche Prozesse. Aber um die
Wahrheit zu sagen: Wenn es natürliche Prozesse sind, dann wissen wir nichts von ihnen 294. Wir
wissen nur, daß wir zuletzt die Verweichlichung als natürlich ansehen, in der uns eine
Gesellschaft unterhält, die nahezu geordnet ist, ausgenommen, daß jeder vor Lust [envie] stirbt,
zu wissen, was das bewirken würde, wenn es wirklich weh täte. Woher diese
sadomasochistische Wahnidee, die unsere liebenswertes sexuelles Milieu kennzeichnet.
Das ist völlig bedeutungslos, ja, sekundär. Wichtig ist, daß man von Genießen, ob natürlich oder
nicht, wirklich [nur] insofern sprechen kann, als es mit dem Ursprung des Ins-Spiel-Kommens
des Signifikanten verknüpft ist. Das, dessen die Auster oder der Biber genießt, niemand wird
davon je etwas wissen, weil es, in Ermangelung eines Signifikanten, keine Distanz gibt
zwischen dem Genießen und dem Körper. Die Auster und der Biber stehen auf einer Ebene mit
der Pflanze, die, alles in allem, vielleicht auch eins hat, Genießen, auf dieser Ebene da.
Das Genießen ist ganz genau korrelativ zur ersten Form des Ins-Spiel-kommens dessen, was ich
die Markierung nenne, den einzigen Zug, der Markierung zum Tode ist, wenn Sie ihr einen Sinn
verleihen wollen. Beachten Sie gut, daß alles erst Sinn annimmt, wenn der Tod ins Spiel
kommt.
Ausgehend von der Spaltung, der Trennung zwischen dem Genießen und dem Körper, der von
jetzt an mortifiziert ist, von dem Moment an, wo es das Spiel der Einschreibungen gibt, Markierung des einzigen Zugs, stellt sich die Frage. Man braucht nicht darauf zu warten, daß das Subjekt sich als gut verborgen offenbart hat auf der Ebene der Wahrheit des Herrn. Die Spaltung
des Subjekts ist zweifellos nichts anderes als die radikale Zweideutigkeit, die sich an den Begriff der Wahrheit selbst heftet.
Eben insofern als die Sprache, als alles, was die Ordnung des Diskurses einrichtet, die Dinge in
einer Kluft beläßt, können wir, alles in allem, sicher sein, daß wir, folgen wir ihrem Faden, nie
etwas anderes tun werden als einem Umriß zu folgen. Es gibt aber etwas, das sie uns darüber
hinaus bringt, und das ist das mindeste von dem, was wir wirklich wissen müßten, um auf die
Frage zu antworten, mit der ich begonnen habe, nämlich, was derzeit auf der Ebene des
universitären Diskurses passiert.
Zunächst muß man sehen, warum der Diskurs des Herrn so solide eingerichtet ist, und zwar derart solide, daß wenige unter Ihnen, so scheint's, ermessen, wie stabil er ist. Das hängt mit dem 207
zusammen, was Marx ŕ ohne daß er, das muß ich sagen, dessen Umrisse zeigen würde ŕ betreffend die Produktion demonstriert hat und das er Mehrwert nennt und nicht Mehrlust.
Von einem bestimmten Moment der Geschichte an ist im Diskurs des Herrn etwas anders
geworden. Wir werden uns nicht damit behelligen, ob das wegen Luther ist oder wegen Calvin
oder wegen ich weiß nicht was für einem Schiffsverkehr rund um Genua oder im Mittelmeer
oder anderswo, denn der wichtige Punkt ist der, daß von einem bestimmten Tag an sich die
Mehrlust rechnet, sich verbucht, sich zusammenzählt. Da beginnt das, was man Akkumulation
des Kapitals nennt.
Spüren Sie nicht, daß, in bezug auf das, was ich gerade gesagt habe über das Unvermögen, zwischen der Mehrlust und der Wahrheit des Herrn die Verbindung herzustellen, daß hier der entscheidende Schritt liegt? Ich sage nicht, daß das letztere das Entscheidende ist, sondern das Un294Dieser Satz nur bei Miller.

191

vermögen dieser Verbindung wird plötzlich ausgeräumt. Der Mehrwert fügt sich dem Kapital
hinzu ŕ kein Problem, das ist homogen, wir haben es mit den Werten zu tun. Übrigens
schwimmen wir alle in ihnen in der gesegneten Zeit, in der wir leben.
Was überrascht ŕ und was man nicht zu sehen scheint ŕ, ist, daß von diesem Moment an, aufgrund der Tatsache, daß die Wolken des Unvermögens fortgeweht sind, der Herrensignifikant
nur noch unangreifbarer erscheint, und zwar gerade in seiner Unmöglichkeit. Wo ist er? Wie
soll man ihn nennen? Wie ihn verorten? ŕ wenn nicht, ganz sicher, in seinen tödlichen
Wirkungen. Den Imperialismus anprangern? Aber wie ihn anhalten, diesen kleinen
Mechanismus?
Wie ist es jetzt mit dem universitären Diskurs? Anderswo kann es keine Aussicht darauf
geben295, daß sich die Sache ein wenig dreht. Wie? Ich behalte mir vor, es Ihnen später
anzugeben, denn, Sie sehen es, ich gehe langsam voran. Ich kann Ihnen aber schon jetzt sagen,
daß auf der Ebene des Diskurses der Universität das Objekt a an einen Platz kommt, der
jedesmal dann im Spiel ist, wenn sich das bewegt, an den der mehr oder minder erträglichen
Ausbeutung.
Das Objekt a, das ist das, was erlaubt, in die Funktion der Mehrlust ein bißchen [frischen] Wind
zu bringen. Das Objekt a, das ist das, was Sie alle sind, insofern Sie da aufgereiht sind ŕ
soviele Fehlgeburten dessen, was, für die, die Sie gezeugt haben, Ursache des Begehrens
gewesen ist. Und genau darin müssen Sie sich zurechtfinden, die Psychoanalyse lehrt es Sie.
Man falle mir nicht auf den Wecker damit, mir zu sagen, ich täte gut daran, diejenigen, die hier
oder anderswo rumzappeln, darauf hinzuweisen, daß zwischen der Fehlgeburt des Großbürgertums und der des Proletariats eine Welt liegt. Kurz gesagt: Die Fehlgeburt des Großbürgertums, 208
ist, als Fehlgeburt, nicht gezwungen, die ganze Zeit ihren Brutkasten mit sich
herumzuschleppen.
Bleibt, daß der Anspruch, sich in einem Punkt zu situieren, der plötzlich besonders illuminiert,
illuminierbar wäre und dem es gelingen könnte, diese Verhältnisse in Bewegung zu bringen ŕ
man muß ihn trotzdem nicht bis zu dem Punkt hochtreiben, bis zu dem ŕ eine kleine
Erinnerung, die ich Ihnen liefere ŕ eine Person die Dinge trieb, die mich während zumindest
zweier oder dreier Monate dessen begleitete, was man die wilde Jugendzeit zu nennen pflegt.
Diese Entzückende sagte zu mir: Ich, ich bin eine reinrassige Proletarierin.
Man hat mit der Absonderung nie völlig aufgehört. Ich sage Ihnen, das wird immer wieder von
vorn anfangen. Ohne das kann nichts funktionieren ŕ was hier passiert, insofern das a, das a in
einer lebendigen Form, so sehr Fehlgeburt, wie sie auch sein mag, offenbart, daß sie die
Wirkung der Sprache ist.
Wie auch immer, jedenfalls gibt es eine Ebene, auf der das nicht in Ordnung kommt, und zwar
auf der Ebene derer, die die Wirkungen der Sprache produziert haben, denn kein Kind wird
geboren, ohne mit diesem Verkehr zu tun gehabt zu haben durch die Vermittlung seiner
liebenswerten sogenannten Erzeuger, die in dem ganzen Problem des Diskurses steckten, und
auch hinter ihnen stand die vorhergehende Generation. Und auf genau der Ebene hätte man
wirklich fragen müssen296.
295Mitschrift: Nun, was den Diskurs der Universität betrifft, so müßte man gleichwohl sehen, daß es anderswo
keine Aussicht darauf geben kann
296Mitschrift: müßte man wirklich zu fragen wissen [Miller: il faudrait vraiment avoir interrogé / Mitschrift: il
faudrait vraiment savoir interroger]

192

Wenn man will, daß sich irgend etwas dreht ŕ letzten Endes kann man natürlich nie drehen, ich
habe das zur Genüge betont ŕ, dann sicher nicht durch Fortschrittlichkeit, sondern einfach,
weil das nicht aufhören kann, sich zu drehen. Wenn sich das nicht dreht, dann knirscht's, da, wo
die Dinge Fragen aufwerfen, d.h., auf der Ebene der Durchführung von etwas, das sich a
schreibt.
Hat es das jemals gegeben? Ja, zweifellos, und es sind die Alten, die uns, kurz gesagt, davon das
beste Zeugnis ablegen, und danach, durch die Zeiten, die formalen, die klassischen Dinge, die
gewissermaßen von ihnen abkopiert sind.
Was uns betrifft, auf der Ebene, auf der die Dinge zur Zeit passieren, was kann dies hoffen? ŕ
dieser Punkt des Abhorchens297, all das, was vom Körper an Lebendigem, an Wissen bleibt,
dieser Säugling298, warum nicht, dieser Blick, dieser Schrei, dieses Gekreische, er bellt ŕ was
kann er tun?
Nächstesmal werde ich versuchen Ihnen zu sagen, was das, was ich den Streik der Kultur nenne,
bedeutet.
10. JUNI 1970.

297Mitschrift: hoffen, an diesem Punkt der Verfinsterung [Miller: ce point d'auscultation / Mitschrift: à ce point
d'occultation]
298Mitschrift: bleibt, nämlich dieser Säugling [Miller: de vivant, de savoir, ce nourrisson / Mitschrift: de vivant,
à savoir ce nourrisson

193

209

XV
DIE MACHT DER UNMÖGLICHEN

Ein bißchen Scham hinein.
Die Milch der Wahrheit schläfert ein.
Der Glanz des Realen.
Der Student, Bruder des Lumpenproletariats.
Ein kleiner Schutzwinkel.

Man muß schon sagen: vor Scham [honte] 299 zu sterben ist ein selten erreichter Effekt.
Trotzdem ist es das einzige Zeichen ŕ gerade eben habe ich Ihnen davon gesprochen, wie ein
Signifikant zu einem Zeichen wird ŕ, das einzige Zeichen, dessen Genealogie man sicher bestimmen könnte, und zwar weil es von einem Signifikanten abstammt. Ein x-beliebiges Zeichen
kann, kurz gesagt, immer in den Verdacht geraten, ein reines Zeichen zu sein, d.h. obszön
[obscène], vinscène300, wenn ich das wagen darf, ein gutes Beispiel, um drüber zu lachen.
Vor Scham sterben also. Hier steht die Entartung des Signifikanten fest ŕ fest dadurch, daß sie
durch ein Scheitern des Signifikanten produziert wird, also das Sein zum Tode, insofern es das
Subjekt betrifft ŕ und wen sonst könnte es betreffen? Das Sein zum Tode, also die
Visitenkarte, mittels deren ein Signifikant ein Subjekt für einen anderen Signifikanten
repräsentiert ŕ Sie können das, hoffe ich, langsam auswendig.
Diese Visitenkarte kommt nie wohlbehalten an, und zwar deshalb, weil, um die Adresse des Todes zu tragen, diese Karte zerrissen sein muß. Das ist eine Schande [C'est une honte], wie die
Leute sagen und was eine hontologie301 produzieren müßte, orthographisch endlich richtig geschrieben.
Unterdes, vor Scham sterben ist der einzige Affekt des Todes, der verdient ŕ der was verdient?
ŕ der ihn verdient.
Man hat darüber lange geschwiegen. Drüber sprechen, das heißt in der Tat, dieses dunkle Loch
öffnen, nicht das letzte, [sondern] das einzige, von dem abhängt, was man ehrlicherweise vom
Ehrlichen sagen kann, vom Ehrlichen, der auf die Ehre hält ŕ all das, das ist Scham und Kompagnon ŕ, auf die Ehre, die Scham nicht zu erwähnen. Genau deswegen, weil vor Scham zu 210
sterben für den Ehrlichen das Unmögliche ist. Sie wissen durch mich, daß das bedeutet: das
Reale.
Das verdient nicht mal den Tod, sagt man in bezug auf alles mögliche, um es in die
Belanglosigkeit runterzudrücken. So gesagt, wie es gesagt wird, zu diesem Zweck, löscht das
aus, daß der Tod, das könnte verdient sein.

299»honte« kann im Französischen sowohl »Scham« als auch »Schande« bedeuten.
300Homonym zu »Vincennes« und zu »vingt scènes«, vgl. dazu im Folgenden.
301Überlagerung von »Ontologie« und einer »Lehre von der Scham«.

194

Nun, in unserem Fall müßte es nicht darum gehen, das Unmögliche auszulöschen, sondern
darum, sein Agent zu sein. Zu sagen302, daß der Tod, daß das verdient ist ŕ wenigstens die Zeit,
vor Scham darüber zu sterben, daß es damit nichts sei, [wenigstens] das möge verdient sein.
Wenn das jetzt passiert, nun gut, das war die einzige Art, ihn zu verdienen. Das war Ihre
Chance. Wenn das nicht passiert, was, in Hinblick auf die vorhergehende Überraschung, ein
Mißgeschick darstellt, dann bleibt Ihnen das Leben wie eine zu trinkende Scham, dadurch, daß
sie nicht verdient, daß man vor ihr [= vor Scham] stirbt.
Lohnt es sich, daß ich so von ihr spreche? ŕ wenn, von dem Moment an, wo man von ihr
spricht, die zwanzig Szenen [vingt-scènes], die ich weiter oben gesagt habe, nur danach
verlangen, es als Posse zu wiederholen.

1
Richtig, Vincennes.
Man ist dort, so scheint es, zufrieden gewesen mit dem, was ich gesagt habe, zufrieden mit mir.
Das ist nicht wechselseitig. Ich, ich bin nicht sehr zufrieden gewesen mit Vincennes.
Umsonst ist da eine freundliche Person gewesen, die versucht hat, die erste Reihe zu füllen, Vincennes zu machen [de faire Vincennes], offensichtlich war niemand von Vincennes da, oder nur
sehr wenige, gerade die Ohren [nicht], die am würdigsten gewesen wären, mir eine gute Note zu
geben. Das ist ganz und gar nicht das, was ich erwartet habe, vor allem, nachdem man dort, so
scheint es, meine Lehre verbreitet hat. Es gibt Augenblicke, in denen ich empfindlich sein kann
gegen eine gewisse Leere.
Schließlich aber gab es dennoch genau das, was nötig war, um uns den Stand des Wettlaufs anzuzeigen, den es möglicherweise zwischen Minute und Les Temps modernes gibt. Ich spreche
davon nur, weil das, Sie werden es sehen, unseren heutigen Gegenstand berührt: Wie verhält
man sich mit der Kultur?
Manchmal genügt eine kleine Sache, um einen Lichtblitz zu erzeugen, hier: eine Erinnerung, bei
der man303 nicht weiß, wie bewußt sie mir selbst gewesen ist. Fällt Ihnen erstmal wieder die
Veröffentlichung einer gewissen Tonbandaufnahme in Les Temps modernes ein304, dann ist der
Bezug zu Minute schlagend. Versuchen Sie's, es ist faszinierend, ich hab's gemacht. Sie schnei- 211
den aus beiden Zeitschriften Absätze heraus, mischen Sie irgendwo, und dann ziehen Sie. Ich
versichere Ihnen, abgesehen vom Papier werden Sie sich nicht so leicht darin zurechtfinden.
Ebendies muß uns erlauben, die Frage anders anzugehen als von dem Einwand her, den ich gerade erhoben habe, indem ich die Dinge mittels eines bestimmten Tons, eines bestimmten Worts
berührt habe, aus Furcht, daß die Posse sie mit sich reißt. Gehen wir vielmehr davon aus, daß
die Posse bereits da ist. Vielleicht, wenn man ein bißchen Scham hinzugibt, wer weiß, vielleicht
kann das sie aufhalten.
Kurz, ich spiele das Spiel, daß Sie mich hören, weil ich mich an Sie wende. Andernfalls läge es
eher daran, daß Sie einen Einwand gegen mich vorhaben, denn in vielen Fällen hindert Sie das

302Mitschrift: Dafürzuhalten [Miller: Dire que la mort ... / Mitschrift: Tenir que la mort ...]
303Mitschrift: ich
304Siehe dazu S.171 Anm.5 im Impromptu 2.

195

daran, zu hören, was ich sage. Und das ist schade, weil es zumindest für die jungen unter Ihnen
geraume Zeit her ist, daß Sie, was das betrifft, was ich sage, in der Lage sind, es auch ohne mich
zu lesen305. Dazu fehlt Ihnen gerade nur ein bißchen Scham. Das könnte Ihnen kommen.
Offensichtlich findet man das nicht unter dem Fuß eines Pferdes, und noch weniger unter dem
eines Steckenpferdes, aber die Gefilde der Alethosphäre, wie ich gesagt habe, von denen Sie gepflegt werden [qui vous soignent], ja, von denen Sie gar bereits ganz lebhaft sojust306 werden
[vous soyusent], schon das würde vielleicht nicht übel ausreichen als Beschämung.
Erkennen Sie, warum Pascal und Kant rumgezappelt haben wie zwei Hausknechte, die im
Begriff sind, für Sie Vatel 307 zu spielen. Es hat an Wahrheit gefehlt da oben, drei Jahrhunderte
lang. Trotzdem ist die Bedienung gekommen, sie heizt nach Wunsch, sogar der Musikant308von
Zeit zu Zeit, wie Sie wissen. Sträuben Sie sich nicht, Sie werden bedient, Sie können sagen, daß
es keine Scham mehr gibt.
Diese Töpfe, bei denen Sie sich, bezüglich dessen, daß ich sage, sie sind leer von Senf, gefragt
haben, was mich plagte ŕ nun gut, füllen Sie da schnell einen ausreichenden Vorrat an Scham
hinein, damit es dem Fest, wenn es kommt, nicht zu sehr an Würze fehlt.
Sie werden mir sagen: Die Scham, was nutzt das? Wenn es das ist, die Kehrseite der Psychoanalyse, nein danke, das ist nichts für uns. Ich antworte Ihnen: Sie haben sie im Überfluß. Wenn
Sie's noch nicht wissen, machen Sie einen Schnitt, wie man sagt. Diese abgestandene309 Luft,
die die Ihre ist, Sie werden sehen, wie sie bei jedem Schritt auf eine tolle Scham zu leben stößt.
Das ist es, was die Psychoanalyse aufdeckt. Mit ein bißchen Ernst werden Sie bemerken, daß
sich diese Scham dadurch rechtfertigt, daß man nicht vor Scham stirbt, d.h., daß Sie mit all 212
Ihren Kräften einen pervertierten Diskurs des Herrn aufrechterhalten ŕ das ist der Diskurs der
Universität. Hegelisieren Sie sich wieder310, würde ich sagen. Ich werde darauf
zurückkommen.
Am Sonntag bin ich zu dieser verfluchten Schmähschrift, der Phänomenologie des Geistes, zurückgekehrt, während ich mich fragte, ob ich Sie letztesmal nicht in die Irre geführt habe, als ich
Sie in meine Reminiszenzen hineinzog, woraus ich mir ein besonderes Vergnügen gemacht
hätte. Überhaupt nicht. Das ist betäubend.
Sie werden dort zum Beispiel sehen: Das niedere Bewußtsein ist die Wahrheit des edlen. Und
das wird auf eine Weise abgeschickt, daß es Ihnen den Kopf verdreht. Je unedler Sie sind ŕ ich
habe nicht gesagt: obszön, das ist schon lange keine Frage mehr ŕ, desto besser läuft's. Das
erhellt wirklich die kürzliche Universitätsreform, zum Beispiel. Sie alle, Werteinheiten, sollen
den Stab der Kultur in Ihrem Tornister tragen, des schrecklichen Marschalls, plus311 Medaillen,
wie in den Viehzüchterverbänden, die Sie mit dem aufspießen werden, was man Herrschaft zu
305Mitschrift: sagen [Miller: lire / Mitschrift: dire]
306Wortspiel mit dem russischen Sojus [Sojus Sowjetskich Sozialistitscheskich Respublik = Union der
sozialistischen Sowjetrepubliken], darüber hinaus Anspielung auf die damalige Bezeichung sowjetischer
Raumkapseln.
307Vatel, Haushofmeister bei Finanzminister Fouqué, danach beim Prinzen von Condé. Anläßlich eines
Empfangs, den letzterer 1671 für Ludwig XIV. und dessen Gefolge gab, wurde Vatels Planung durch die
unvorhergesehene Verzögerung der Flut zunichte gemacht. Aus gekränkter Ehre durchbohrte er sich mit
seinem Degen.
308Mitschrift: und sogar Musikanten
309Mitschrift: magnetisierte [Miller: éventé / Mitschrift: aimanté]
310Im Orig. Rhégélez-vous, was an se régaler = es sich schmecken lassen sowie an régler = regeln, ordnen,
einrichten alludiert.
311Mitschrift: und wären es [Miller: plus de médailles / Mitschrift: fût-ce des médailles]

196

nennen wagt. Großartig, Sie werden das im Überfluß [à profusion 312] haben.
Sich schämen dafür, nicht vor Scham gestorben zu sein, würde da vielleicht einen andern Ton
hineinbringen, den dessen, daß das Reale betroffen ist. Ich habe gesagt: das Reale, und nicht die
Wahrheit, denn, wie ich Ihnen schon letztesmal erklärt habe, es ist verlockend, die Milch der
Wahrheit zu saugen, aber es ist giftig. Das schläfert ein, und das ist alles, was man von Ihnen
erwartet.
Ich habe einem charmanten Jemand empfohlen, Baltasar Gracián wiederzulesen, wie Sie wissen
ein Jesuit, der an der Wende des XVI. Jahrhunderts lebte 313. Seine großen Sachen hat er zu
Beginn des XVII. Jahrhunderts geschrieben. Alles in allem ist genau da die Weltsicht geboren
worden, die zu uns paßt. Noch ehe die Wissenschaft in unsern Zenit getreten wäre, hätte man sie
kommen fühlen. Das ist merkwürdig, aber so ist es. Noch jede wahrhaft versuchsmäßige
Einschätzung der Geschichte muß registrieren, daß das Barock, das so gut zu uns paßt ŕ und
die moderne Kunst, gegenständlich oder nicht, das ist dasselbe ŕ, vor, oder genau zur selben
Zeit begonnen hat wie die initialen Schritte der Wissenschaft.
Im Criticón, einer Art Lehrfabel, in der sich beispielsweise schon der Plot von Robinson Crusoe
beigeschlossen findet ŕ die meisten Meisterwerke sind die Brosamen anderer unbekannter
Meisterwerke ŕ, im dritten Teil, an der Schwelle zum Greisenalter ŕ denn er verfaßt diese
Schrift als alter Mann ŕ, im zweiten Kapitel findet man etwas, das sich Die Wahrheit in den
Wochen nennt.
Die Wahrheit liegt in den Wochen in einem Dorf, das nur die Wesen von der größten Reinheit 213
bewohnen. Das hindert sie nicht daran, die Flucht zu ergreifen, und zwar unter dem Schlag einer
heiligen Schiß, als man ihnen sagt, daß die Wahrheit ein Kreißen ist.
Ich frage mich, warum man mich bittet, das zu erklären, wenn man diesen Fund für mich gemacht hat ŕ denn ehrlich gesagt bin nicht ich es, der ihn gemacht hat ŕ, außer man ist nicht zu
meiner letzten Sitzung gekommen, denn es ist genau das, was ich dort gesagt habe.
Genau das muß man sich gut merken, denn Ihre Äußerungen, wenn Sie wollen, daß sie
subversiv sind, dann achten Sie gut darauf, daß sie nicht zu sehr kleben bleiben auf dem Weg
zur/der Wahrheit.
Was ich letztesmal habe artikulieren wollen, indem ich diese Sachen, die ich nicht die ganze
Zeit noch einmal zeichnen kann, hier an die Tafel schrieb, das ist, daß der S1, der
Herrensignifikant, der das Geheimnis des Wissens in seiner universitären Situation ausmacht ŕ
es ist sehr verlockend, dran hängenzubleiben. Man bleibt darin gefangen.

S2

a

S1

$

Das, was ich zeige ŕ und vielleicht ist es allein das, was einige unter Ihnen von diesem Jahr
312Alludiert an profession = Beruf.
313Gracián lebte von 1601 bis 1658.

197

werden behalten können ŕ, ist auf die Ebene der Produktion zu fokussieren ŕ der Produktion
des universitären Systems. Von Ihnen wird eine bestimmte Produktion erwartet. Vielleicht geht
es darum, diese Wirkung zu erzielen314, sie durch eine andere zu ersetzen.

2
Dazu, und zwar einfach als Etappe, als Zwischenstation, und weil ich sie aufgesetzt habe als
eine Markierung dessen, was ich letztesmal vor Ihnen gesagt habe, werde ich Ihnen jetzt drei
Seiten vorlesen. Ich entschuldige mich dafür bei den paar Personen, an denen ich sie bereits
ausprobiert habe.
Die drei Seiten antworten auf jenen drolligen Belgier, der mir Fagen gestellt hat, die mich genug
beschäftigen, damit ich mich frage, ob ich sie ihm nicht selbst diktiert habe, ohne es zu wissen.
Sicher bleibt ihm das Verdienst dafür <, sich, wenn's so ist, darauf vorbereitet zu haben, sie
zu hören>.
Hier also die sechste, von einer charmanten Naivität: Worin sind Wissen und Wahrheit ŕ jeder 214
weiß, daß ich versucht habe zu zeigen, wie sie sich zusammennähten, diese beiden Tugenden ŕ
inkompatibel?
Ich sage ihm315: Um mich so auszudrücken, wie es mir gerade einfällt: Nichts ist unvereinbar
mit der Wahrheit — man pißt, <man hustet,> man spuckt auf sie. Sie ist ein Ort des Durchgangs, oder, besser gesagt: der Evakuierung, des Wissen wie des Restes. Man kann sich dauernd in ihr [auf]halten, ja, sogar für sie schwärmen.
Es ist merkwürdig, daß ich den Psychoanalytiker davor gewarnt habe, diesen Ort, mit dem er
durch sein Wissen verlobt ist, mit Liebe zu konnotieren. Ich sage ihm sofort: Man heiratet die
Wahrheit nicht; mit ihr keinen Vertrag, und wilde Ehe noch weniger. Sie stützt nichts von alledem. Die Wahrheit ist zunächst Verführung, und zwar um sich über Sie lustig zu machen. Um
sich davon nicht einfangen zu lassen, muß man stark sein. Das trifft auf Sie nicht zu.
So sprach ich zu den Psychoanalytikern, dieses Phantom, das ich herbeirufe [que je hèle], ja,
das ich treidele [que je hale même], gegen die Erheiterung, Sie zur invariablen Stunde und Tag
zu drängen316 seit den Zeiten, wo ich für Sie das Wagnis unterhalte, daß er mich versteht317, der
Psychoanalytiker. Nicht Sie also sind es, die ich warne; Sie laufen nicht das Risiko, von der
Wahrheit gebissen zu werden; aber, wer weiß, möge sich meine Schmiederei beseelen, möge der
Psychoanalytiker mein Staffelholz übernehmen, an den Grenzen der Hoffnung, daß sich das
treffe, er ist es, den ich warne; daß man von der Wahrheit alles zu lernen habe, dieser Gemeinplatz verurteilt jeden dazu, sich in ihr zu verlieren. Jeder weiß etwas darüber, das wird
genügen, und er wird gut daran tun, sich dran zu halten. Noch besser wird sein, er macht sich

314Mitschrift: , während es vielleicht, um eine Wirkung zu erzielen, darum geht
315Der nachfolgende Text ist nicht identisch mit der in Scilicet 2/3 (1970), S.92-95, veröffentlichten Version, die
auch der deutschen Übersetzung von H.-J. Metzger zugrunde lag (Radiophonie/Television, Weinheim 1988,
S.42-45.
316Mitschrift: zu Ihrer aller Erheiterung, die Sie drängen zur invariablen Stunde, zum invariablen Tag [Miller:
contre l'esbaudissement de vous presser à l'heure et au jour invariables / Mitschrift: pour l'ébaudissement de
vous tous qui vous pressez à l'heure, au jour invariable
317Mitschrift: verstehe

198

nichts draus. Als Instrument gibt es nichts Verräterischeres.
Man weiß, wie ein Psychoanalytiker — nicht der — sich für gewöhnlich da rauszieht; er über
überläßt den Faden dieser Wahrheit demjenigen, der damit bereits Scherereien hatte und der, in
dieser Eigenschaft, wahrhaft sein Patient wird, vermittels wessen er sich drum kümmert wie um
ein Pech.
Gleichwohl, es ist eine Tatsache, daß einige Leute sich's seit einiger Zeit angelegen machen,
sich davon mehr betroffen zu fühlen. Das ist vielleicht mein Einfluß. Vielleicht stehe ich für
etwas in dieser Verbesserung. Und genau das erlegt mir die Pflicht auf, sie davor zu warnen, zu
weit zu gehen, denn wenn ich es erreicht habe, dann, weil ich nicht so aussehe, als würde ich
dran rühren. Genau das aber ist das Schwere, übrigens gibt man natürlich vor, davor einen
gewissen Schrecken zu verspüren. Das ist eine Weigerung. Aber durch die Weigerung ist die
Mitarbeit nicht ausgeschlossen. Die Weigerung selbst kann eine sein.
Mit denen, die mich im Radio hören und die, wie ich gerade gesagt habe, nicht daran gehindert
sind, zu hören, was ich sage, was heißt, mich zu verstehen, werde ich hier noch weiter gehen.
Aus diesem Grund lese ich es Ihnen vor, weil, wenn ich es von einer bestimmten Ebene der
Massenmedien aus sagen kann, warum soll ich dann nicht auch hier den Versuch unternehmen?
Und dann, jene ersten Antworten, die Sie hier so bestürzt haben und die in diesem Radio, 215
scheint's, viel besser aufgenommen worden sind, als man glaubt, sie haben das Prinzip bestätigt,
das ich mir zu eigen gemacht habe und das in einer Linie steht mit den Dingen, die ich Ihnen
heute gern vermachen würde. Das ist eine der Methoden, mit denen die Aktion gegen die Kultur
machbar sein könnte.
Wenn man durch Zufall auf der Ebene eines breiten Publikums gefangen wird, von einer dieser
Massen, die ein Medien-Typ Ihnen liefert, warum sollte man nicht gerade da das Niveau
anheben, und zwar proportional zur unterstellen Untauglichkeit ŕ die auf reiner Unterstellung
beruht ŕ dieses Feldes? Warum den Ton herabstimmen? Wer soll sich da zusammenrotten?
Das genau ist das Spiel der Kultur, Sie in dieses System zu verstricken, nämlich daß, wenn der
Zweck erreicht ist, 318 eine Katze ihre Jungen nicht mehr findet.
Hier also, und obwohl es noch völlig sagbar ist in diesem Saal, sage ich das, was an Bemerkenswertem dadurch, daß sie nicht bemerkt wird, meine Formel des Subjekts hat, dem Wissen unterstellt wird, angewandt aufs Prinzip der Übertragung.
Das unterstellte Wissen, mittels dessen, nach dem, was ich sage, der Analysant Übertragung
macht — ich habe nicht gesagt, dem Psychoanalytiker würde dadurch mehr unterstellt, er wisse
die Wahrheit. Daran sollte man denken, um zu verstehen, daß es für die Übertragung tödlich
wäre, würde man dieses Komplement dort hinzufügen. Man denke aber auch nicht daran, falls,
es zu verstehen, gerade verhindern würde, daß man der wahre Effekt davon bleibt.
Ich verkoste die Entrüstung darüber, daß319eine Person das auskleidet, was ich sage vom Wenigen an Wissen, dessen Werk die Übertragung ausmacht. Es liegt nur an ihr, das mit etwas anderm auszustatten als mit dem Sessel, von dem sie sagt, sie sei bereit, ihn zu verkaufen für den
Fall, daß ich recht hätte. Sie macht die Angelegenheit nur dadurch ausweglos, daß sie sich
nicht auf ihre Mittel beschränkt. Dem Psychoanalytiker ist nur daran gelegen, in seinem Sein
kein Hühnchen rupfen zu müssen. Das berühmte Nicht-Wissen, mit dem man sich über uns mo318Mitschrift: dank dessen der Zweck erreicht wird: daß [Miller: à savoir, si / Mitschrift: grace à quoi]
319Mitschrift: mit der

199

kiert, liegt ihm nur deshalb am Herzen, weil er, was ihn betrifft, nichts weiß 320. Er verabscheut
die Mode, einen Schatten auszugraben, um damit vorzutäuschen, es sei Aas, er verabscheut es,
sich bewerten zu lassen wie ein Jagdhund. Seine Disziplin erfüllt ihn damit, daß das Reale zunächst nicht dazu da ist, gewußt zu werden — das ist der einzige Damm, der den Idealismus
zurückhalten kann.
Das Wissen fügt sich dem Realen hinzu; ebendeshalb kann es das Falsche zum Sein bringen, ja,
sogar ein bißchen da zu sein. Ich daseine* mit aller Kraft bei dieser Gelegenheit, man braucht
das als Hilfe.
Ehrlich gesagt, nur da, wo es falsch ist, befaßt sich das Wissen intensiv mit Wahrheit. Alles
Wissen, das nicht falsch ist, balanciert sich aus. Um sich als wahr zu erweisen, gibt es nur seine
Form als Überraschung, Überraschung eines zweifelhaften Geschmacks im übrigen, wenn,
durch die Gunst Freuds, es Sprache ist, daß es zu uns spricht, weil es nur ihr Produkt ist.
Genau hier findet die Zwischenkunft der Politik statt. Bei ihr geht es in actu um folgende Frage: 216
Aus welchem Wissen macht man das Gesetz? Wenn man es entdeckt, kann es passieren, daß
sich das ändert. Das Wissen fällt auf die Stufe eines Symptoms, gesehen mit einem andern Blick.
Und da, da kommt die Wahrheit.
Für die Wahrheit schlägt man sich, was sich gleichwohl nur produziert aufgrund ihres Bezugs
zum Realen. Daß sich das aber produziert, ist viel unwichtiger als das, was das produziert. Der
Wahrheitseffekt ist nur das Überbleibsel eines Wissen. Ebendieses Überbleibsel macht Produktion, die alsbald zu wiederholen ist.
Ihm, dem Realen, geht's dadurch weder besser noch schlechter. Im allgemeinen niest es, bis die
nächste Krise kommt. Sein momentaner Nutzen, das ist, daß es wieder Glanz bekommen hat.
Das wäre sogar der Nutzen, den man von jedweder Revolution erwarten könnte, dieser Glanz,
der an der lange Zeit stets trüben Stelle der Wahrheit erstrahlen würde. Nur eben, von diesem
Glanz sieht man nie mehr als Feuer.
Das also hatte ich, am Tag nach der letzten Sitzung, in eine Ecke geworfen ŕ für Sie
offensichtlich, da es nicht mehr in Frage kommt, es an mein kleines radiologisches Floß321
anzuhängen.
Was man diesbezüglich wirklich verstehen muß, ist folgendes: Das Entsetzliche an der
Wahrheit ist das, was sie an ihren Platz setzt.
Der Ort des Andern, wie ich von jeher gesagt habe, ist dazu da, daß sich an ihm die Wahrheit
einschreibe, d.h., alles, was in dieses Gebiet fällt, das Falsche, ja, sogar die Lüge ŕ die es nicht
gibt außer auf der Grundlage der Wahrheit. Das, das steckt im freien Spiel des Sprechens und
der Sprache.
Wie aber steht es mit der Wahrheit in diesem Vierfüßer-Schema ŕ das die Sprache voraussetzt
und einen Diskurs für strukturiert hält, d.h., das, was alles Sprechen bedingt, das sich dort produzieren könnte? Was setzt sie an ihren Platz, die Wahrheit, um die es geht, die Wahrheit dieses
Diskurses, nämlich das, was er bedingt? Wie hält das, der Diskurs des Herrn? Das ist die andere
Seite der Funktion der Wahrheit, nicht die offenkundige Seite, sondern die Dimension, in der sie
notwendig wird wie durch etwas Verborgenes322.

320Mitschrift: es, was ihn betrifft, damit nichts ist
321Mitschrift: Tableau [Miller: radeau / Mitschrift: tableau]
322Mitschrift: als Schuld von etwas Verborgenem

200

Unsere Gefilde der Alethosphäre zeichnen sich ab auf der lange verlassenen Oberfläche des
Himmels. Das aber, worum es geht, ist das, was ich eines Tages mit jenem Wort benannt habe,
von dem ausreichend viele von Ihnen gekitzelt worden sind, damit sie sich fragten, was mit mir
los war: die Lathuse.
Nicht ich bin es, der diese Dimension der Wahrheit erfunden hat, die bewirkt, daß sie verborgen
ist. Es ist die Verborgenheit*, die sie konstituiert. Kurz, die Dinge liegen so, daß sie annehmen 217
läßt, sie habe etwas im Bauch.
Schon bald gibt es kleine Schlauberger, die gemerkt haben, daß es, käme das heraus, entsetzlich
wäre. Wahrscheinlich ist sie noch mehr323, damit das besser in die Landschaft paßt. Jetzt ist es
auch möglich, daß da der ganze Trick liegt, daß es entsetzlich sein muß, wenn das
herauskommt. Wenn Sie Ihre Zeit damit verbringen, zu warten, dann sind Sie genau da erledigt.
Kurz: Man darf die Lathuse nicht zu sehr necken. Sich darin zu verstricken, heißt stets was
sicherzustellen? Das, was ich mich abmühe Ihnen zu erklären: sicherzustellen das Unmögliche
dessen, was er tatsächlich ist, dieser Bezug: real. Je mehr sich Ihre Suche an die Seite der
Wahrheit heftet, desto mehr stützen Sie die Macht der Unmöglichen, die die sind, die ich Ihnen
letztesmal jeweils aufgezählt habe: Regieren, Erziehen, in unserm Fall Analysieren. Für die
Analyse ist das jedenfalls evident.
Das Subjekt, dem Wissen unterstellt ist, das empört, wenn ich mich der Wahrheit auch nur
annähere.

3
Meine kleinen vierfüßigen Schemata ŕ ich sage es Ihnen heute, damit Sie sich gut davor in
acht nehmen ŕ, das ist nicht die Drehscheibe der Geschichte. Es ist nicht zwingend, daß das
immer so geht, und daß sich das in dieselbe Richtung dreht. Es ist nur ein Aufruf dazu, Ihren
Standort zu bestimmen in bezug auf das, was man wirklich radikale Funktionen nennen kann, in
der mathematischen Bedeutung des Begriffs.
Da es sich um Funktionen handelt, wird der entscheidende Schritt irgendwo von jener Epoche
her getan, die ich eben schon bezeichnet habe, um das herum, was dem ersten Schritt von
Galilei, dem Erscheinen der Integrale und der Differentiale bei Leibniz, und dann auch dem
Auftreten der Logarithmen gemeinsam ist.
Was Funktion ist, das ist jenes Etwas, das ins Reale eintritt, das zuvor nie dort eingetreten war
und das nicht dem Entdecken, Experimentieren, Zernieren, Ablösen, Freilegen entspricht, nein,
sondern dem Schreiben ŕ dem Schreiben zweier Beziehungs-Ordnungen.
Exemplifizieren wir, woher der Logarithmus erscheint. Im einen Fall ist die erste Beziehung die
Addition. Die Addition, das ist gleichwohl intuitiv, es gibt Dinge hier, Dinge dort, Sie setzen sie
zusammen, das macht ein neues Ganzes. Die Multiplikation der Brote, das ist nicht das gleiche 218
wie das Sammeln der Brote. Es geht darum, zu bewerkstelligen, daß eine dieser Beziehungen
sich auf die andere anwenden läßt. Sie erfinden den Logarithmus. Er beginnt phantastisch in der
323Mitschrift: wahrscheinlich obendrein geflügelt [Miller: abominable. Elle est probablement en plus /
Mitschrift: abominable, ailé probablement en plus

201

Welt herumzuspringen, nach kleinen Regeln, die nach nichts aussehen, von denen Sie aber bitte
ja nicht glauben, die Tatsache, daß es sie gibt, ließe Sie ŕ keinen von denen, die hier sind ŕ im
selben Zustand wie bevor sie auftreten. Alles, worauf es ankommt, ist ihre Gegenwart.
Nun, diese kleinen mehr oder weniger geflügelten324 Terme, S1, S2, a, $, ich sage Ihnen, sie
können bei einer sehr großen Zahl von Beziehungen dienlich sein. Man muß sich nur mit ihrer
Handhabung vertraut machen.
Zum Beispiel kann man, ausgehend vom einzigen Zug, insofern als man sich mit ihm begnügen
kann, versuchen, sich nach dem Funktionieren des Herrensignifikanten zu fragen. Nun, das ist
absolut brauchbar, wenn Sie, indem Sie es struktural nur gut begründen, merken, daß man nicht
allzuviel Aufhebens machen muß von der ganzen großen Komödie des Kampfs auf Leben und
Tod ums reine Anerkennen und seinem Ausgang. Im Gegensatz zu dem, was man daraus geschlossen hat, daß man die Dinge auf der Ebene des von Natur aus Wahren befragt, gibt es in
der Stellung des Knechts/Sklaven keine Kontingenz. Es gibt die Notwendigkeit, daß, im
Wissen, sich etwas produziert, das den Herrensignifikanten vertritt.
Man kann sich natürlich nicht daran hindern, zu träumen und danach zu suchen, wer das als erster gemacht hat, und dann findet man die Schönheit des Balls, den der Herr dem
Knecht/Sklaven zurückspielt. Vielleicht aber ist es einfach nur jemand, der Scham verspürt
hatte, der sich einfach so nach vorn gedrängt hat.
Ich habe Ihnen heute die Dimension der Scham gebracht. Das vorzubringen ist nicht bequem.
Man spricht von dieser Sache nicht so leichthin. Vielleicht ist es genau das, das Loch, aus dem
der Herrensignifikant springt. Wäre es das, dann wäre es vielleicht nicht unnütz dafür, zu ermessen, bis zu welchem Punkt man sich ihm nähern muß, wenn man etwas zu tun haben will mit
der Subversion, ja, gar nur mit dem Schichtwechsel des Diskurses des Herrn.
Wie auch immer, eins ist sicher, diese Einführung des S1, des Herrensignifikanten, Sie können
sie mit Händen greifen im kleinsten Diskurs ŕ ebendas definiert seine Lesbarkeit.
Es gibt, in der Tat, die Sprache und das Sprechen und das Wissen, und all das scheint schon im
Neolithikum gelaufen zu sein, aber wir besitzen keine Spur davon, daß es eine Dimension gab,
die sich Lesen nannte. Es muß auch nichts Geschriebenes geben oder Druck ŕ nicht, als ob es
nicht schon seit langem da wäre, sondern, gewissermaßen, durch eine retroaktive Wirkung. Was 219
macht, daß wir uns, egal welchen Text wir lesen, stets fragen können, was ihn als lesbar
auszeichnet? Die Lösung müssen wir auf der Seite dessen suchen, was den Herrensignifikanten
macht.
Ich werde Sie darauf hinweisen, daß man, als literarische Werke, immer nur Sachen gelesen hat,
bei denen man im Stehen einschläft. Warum hält das an?
Bei meinem letzten Fehltritt ŕ ich bete sie an ŕ ist es mir passiert, L'Envers de la vie contemporaine325 zu lesen, von Balzac. Dabei kann man wirklich im Stehen einschlafen. Auch wenn
Sie das nicht gelesen haben, so haben Sie doch möglicherweise immerhin alles gelesen, was Sie
über die Geschichte vom Ende des XVIII. Jahrhunderts und dem Beginn des XIX. werden
haben lesen wollen, die Französische Revolution, um sie bei ihrem rechten Namen zu nennen.
Sie können sogar Marx gelesen haben, Sie werden nichts davon verstehen, und es wird Ihnen

324Mitschrift: diensteifrigen [Miller: ailés / Mitschrift: zélés]
325In der editorischen Notiz der Frz. Ausgabe korrigiert Miller diese Titelangabe zu L'Envers de l'histoire
contemporaine.

202

immer etwas durch die Lappen gehen, das nur da steht, in dieser Geschichte, die Sie langweilt,
L'Envers de la vie contemporaine.
Beziehen Sie sich darauf, ich bitte Sie drum. Ich bin sicher, daß es nicht viele unter Ihnen gibt,
die es gelesen haben. Es ist eines der weniger gelesenen von Balzac. Lesen Sie es, und machen
Sie es als Hausaufgabe. Sie haben es gelesen, Philippe? Sie haben es nicht gelesen? Sie
auch nicht, sehen Sie! Das ist verrückt! Lesen Sie's.
Machen Sie exakt dieselbe wie die, die ich, vor fast hundert Jahren, den Typen aufzugeben versucht habe, zu denen ich in Sainte-Anne sprach bezüglich der ersten Szene von Akt I der Athalie326. Alles was sie davon verstanden haben, das sind die Steppunkte. Ich sage Ihnen nicht, daß
das eine exzellente Metapher war. Kurz327 und gut, es war dieser S1, der Herrensignifikant.
Gott weiß, was sie damit gemacht haben, mit diesem Steppunkt, sie haben ihn bis in die Temps
modernes getragen ŕ gleichwohl, das ist nicht Minute.
Es ging um den Herrensignifikanten. Das war eine Weise, sie aufzufordern, sich Rechenschaft
abzulegen darüber, wie etwas, das sich in der Sprache ausbreitet wie ein Lauffeuer, wie das lesbar ist, d.h., daß sich das anklammert, daß das Diskurs macht.
Ich verfechte immer, daß es keine Metasprache gibt. Gerade das ist wichtig: Alles, von dem
man glauben kann, es falle ins Gebiet einer Suche nach dem Meta in der Sprache, ist einfach
nur, und immer, eine Frage nach dem Lesen.
Nehmen wir an ŕ eine reine Annahme ŕ, man bittet mich um meine Meinung zu etwas, mit
dem ich nur durch meinen ŕ man muß es doch sagen ŕ recht besonderen Platz an diesem Ort
hier zu tun habe, und es würde mich wundern, wenn das heute meinen Platz in bezug auf die
Universität aus dem Stegreif bestimmen könnte. Schließlich aber, wenn andere, woher auch
immer sie sind, und aus Gründen, die ganz und gar nicht zu vernachlässigen sind, sondern die 220
um so besser zum Vorschein kommen, als man sich auf meine kleinen Buchstaben bezieht, sich
in der Stellung befinden, etwas subvertieren zu wollen in der Ordnung der Universität, wo
können sie suchen?
Sie können suchen auf der Seite, wo sich alles hinter einem kleinen Strich/Stab [bâton] aufreiht,
wo man den kleinen Haufen, der sie sind 328, hinsetzen kann, und dann [auch noch] andere, die,
in der Natur der Progression des Wissens, dominiert werden.
Auf dieser Seite läßt man durchblicken, daß es ein savoir-vivre geben könnte. Seit der Zeit ist
das wie ein Mythos. Ich bin nicht hier, um Ihnen das zu predigen. Ich, ich habe Ihnen gesagt:
die Scham zu leben.
Wenn sie auf dieser Seite suchen, können sie, mit meinen kleinen Schemata, eine
Rechtfertigung dafür finden, daß der Student nicht dadurch entstellt ist, daß er, wie man sagt,
sich als Bruder fühlt, nicht des Proletariats, sondern des Lumpen-Proletariats.
Das Proletariat, es ist wie die römische plebs ŕ das waren ganz vornehme Leute. Vielleicht
birgt der Klassenkampf diese kleine anfängliche Fehlerquelle, daß das absolut nicht auf der
Ebene der wahren Dialektik des Diskurses des Herrn vor sich geht ŕ das plaziert sich auf der
Ebene der Identifizierung. Senatus Populusque Romanus. Sie stehen auf derselben Seite. Und
das ganze Empirium, das sind dazu noch die andern.

326Im Seminar III, Les psychoses (1955/56), v.a. Sitzung XXI.
327Mitschrift: , aber,
328Mitschrift: das kleine a, das sie sind [Miller: le petit tas, qu'ils sont / Mitschrift: le petit a, qu'ils sont]

203

Es geht darum, zu wissen, warum die Studenten sich mit diesen andern fühlen. Sie scheinen
überhaupt nicht klar zu sehen, wie man da herauskommt.
Ich möchte sie darauf hinweisen, daß ein wesentlicher Punkt des Systems die Produktion ist ŕ
die Produktion der Scham. Das übersetzt sich: es ist die Unverschämtheit.
Aus genau diesem Grund wäre es vielleicht kein ganz schlechtes Mittel, nicht in diese Richtung
zu gehen.
4
In der Tat, um etwas zu bezeichnen, das sich sehr leicht einschreibt in diese kleinen Buchstaben,
was produziert man? Man produziert etwas Kulturelles. Und wenn man auf der Linie der Universität liegt, dann ist das, was man produziert, eine Doktorarbeit.
Diese Produktionsordnung hat stets Bezug zum Herrensignifikanten, jedoch nicht nur, weil das
ihn Ihnen zuerkennt, [sondern] ganz einfach deshalb, weil er Teil der Voraussetzungen dafür ist, 221
daß alles, was in dieses Gebiet fallen mag, Bezug hat zu einem Autornamen.
Das ist sehr raffiniert. Es gibt eine Art vorbereitende Maßnahme, die auf der Schwelle zur Universität liegt. Man wird das Recht haben, dort zu sprechen, ausgenommen diese Übereinkunft,
daß ganz streng gilt, daß Sie durch Ihre Doktorarbeit für immer festgenagelt sind. Das verleiht
Ihrem Namen sein Gewicht. Nichtsdestoweniger sind Sie an das, was in dieser Doktorarbeit
steht, in der Folge überhaupt nicht gebunden. Für gewöhnlich übrigens geben Sie sich damit
zufrieden. Aber das bedeutet nicht viel, Sie werden alles sagen können, was Sie wollen, wenn329
Sie bereits zu Namen gekommen sind. Genau das spielt die Rolle eines Herrensignifikanten.
Darf ich es sagen? ŕ denn ich möchte dem, was ich gemacht habe, nicht zuviel Bedeutung
beilegen: Genau so ist mir die Idee zu einem Ding gekommen, von dem Sie seit einiger Zeit
nicht mehr viel hören: Scilicet. Trotzdem sind einige überrascht gewesen darüber, daß ich
gesagt habe, es wäre ein Ort, an dem nichtsignierte Sachen geschrieben werden müßten.
Man muß nicht glauben, die meinen seien es mehr. Sehen Sie sich an, was ich dort geschrieben
habe ŕ es ist das, was ganz allein von einer mühseligen Erfahrung kündet, der, die ich gemacht
habe mit dem, was man eine Schule nennt, wohin ich Propositionen gebracht hatte, damit sich
dort etwas einschreibe, das übrigens nicht verfehlt hat sich dort einzuschreiben ŕ ein gewisser
Effekt von Katalepsie [Bewegungsunfähigkeit].
Die Tatsache, daß es von mir unterschrieben ist, wäre nur dann von Interesse, wenn ich ein
Autor wäre. Ich bin ganz und gar nicht ein Autor. Niemand, der meine Écrits liest, denkt auch
nur im Traum daran. Sehr lange war das sorgfältig auf ein Organ begrenzt geblieben, das kein
anderes Interesse hatte als das, so nahe wie möglich an dem zu sein, was ich als eine
Infragestellung des Wissens zu definieren versuche. Was produziert das, das analytische
Wissen, als Desaster? ŕ genau darum ging's, darum ist es so lange gegangen, daß es sie nicht
alle gejuckt hat, Autoren zu werden. Es ist sehr merkwürdig, daß Nichtsigniertes paradoxal
erscheint, wo doch jahrhundertelang jeder ehrliche Mensch stets zumindest so getan hat, als
hätte man ihm sein Manuskript entrissen, als hätte man ihm einen schlimmen Streich gespielt.
Er erwartete nicht, daß man ihm beim Erscheinen Glückwunschbriefchen schickte.
Kurz, wenn bei einer ernsthaften Infragestellung des Wissens, die sich im etablierten Rahmen
329Mitschrift: unter der Bedingung, daß Sie sich einen Namen machen, weil

204

der Universität anbietet und fortpflanzt, etwas herauskommen konnte, dann gibt es keinerlei
Grund dafür, daß sich das nicht in einem kleinen Schutzwinkel machen lassen könnte, so etwas
in der Art wie dieser Ort hier, der sich dasselbe Gesetz geben würde, d.h., nicht etwas zu präsen- 222
tieren, um irgendeinen Herrn ins rechte Licht zu setzen, sondern etwas struktural Rigoroses zu
sagen, was auch immer daraus werden mag. Das könnte eine größere Reichweite haben, als man
zunächst erwarten mag.
Ein Kerl wie Diderot gab Le Neveu de Rameau heraus, ließ es aus seiner Tasche fallen,
irgendein anderer trug es zu Schiller, der ganz genau wußte, daß es Diderot war. Diderot hat
sich damit nie beschäftigt. 1804 hat Schiller es an Goethe weitergegeben, der es unverzüglich
übersetzt hat, und bis 1891 ŕ ich kann es Ihnen sagen, weil, hier ist der Band, den ich aus
meiner Bibliothek geholt habe ŕ haben wir nur eine französische Rückübersetzung der
deutschen Übersetzung von Goethe besessen, der sie übrigens völlig vergessen hatte ein Jahr
nachdem sie erschienen war, und der sie vielleicht selbst nie besessen hat, weil man mitten im
deutsch-französischen Krawall steckte, und das Volk vertrug dieses revolutionäre Eindringen
ziemlich schlecht. Kurz, diese Übersetzung ist unbemerkt geblieben. Goethe selbst wußte
zweifellos nicht, daß sie erschienen war, und trotzdem hat das Hegel nicht daran gehindert, aus
ihr einen der Hauptstränge jenes humorvollen Büchelchens zu machen, auf das ich mich in
diesen Zeiten hier bezogen habe, die Phänomenologie des Geistes.
Sie sehen, es besteht nicht derart Anlaß, sich darum zu sorgen, daß das, was von Ihnen herauskommt, das Gütezeichen dessen trägt, was Sie betrifft. Es bildet ŕ ich versichere Sie ŕ ein riesiges Hindernis dafür, daß etwas Dezentes herauskommt ŕ und wäre es nur, weil Sie sich selbst
innerhalb dessen, wofür Sie sich womöglich interessieren müssen, natürlich verpflichtet
glaubten, im Namen der Gesetze der Doktorarbeit, es auf den Autor zu beziehen: Er hat Genie,
das ist erzwungen, er hat keine Ideen, was er sagt, ist nicht absolut dumm. Und wenn er etwas
Wichtiges beigetragen hat, das ihn selbst vielleicht in nichts betrifft, dann sind Sie absolut verpflichtet zu denken, daß das ein denkender Kopf gewesen ist. Damit sind Sie für lange Zeit erledigt.
Was die Psychologie angeht, so ist überraschend, daß es davon nicht mal einen Schatten gibt in
der Ordnung der Dinge, die erhellend sind, so wie L'Envers de la vie contemporaine, von dem
ich gerade zu Ihnen sprach. Das ist eine kleine Montage, die ihren Wert zur Gänze durch ihre
Herrensignifikanten besitzt, die es wert ist, lesbar zu sein. Kein Bedarf auch nur an der
mindesten Psychologie.
Um ganz offen zu sein, um mich selbst zu rehabilitieren: Was die Écrits aus dem Unfall errettet,
der ihnen wiederfahren ist, nämlich daß man sie sofort gelesen hat, das ist, daß sie trotzdem ein
worst-seller sind.
Ich werde heute, wegen dieser Hitze, diesen Diskurs, der der letzte ist, den ich dieses Jahr für 223
Sie mache, nicht noch weiter verlängern.
Klar ist, daß in ihm vieles fehlt, ganz sicher aber ist es nicht vergebens, folgendes zu
präzisieren: Wenn es, um sich wie Hegel auszudrücken, für Ihre so zahlreiche Anwesenheit hier,
die mich so oft verlegen macht, etwas weniger als unedle Gründe gibt ŕ offensichtlich ist es
eine Frage des Takts, wie Goethe sagen würde, ich mache davon, scheint's, nicht zuviel, sondern
gerade genug ŕ, wenn dieses, in Wahrheit unverständliche, Phänomen eintritt, angesichts
dessen, was es mit dem auf sich hat, was ich für die meisten von Ihnen vorbringe, dann weil es

205

mir, nicht zuviel, sondern gerade genug, widerfährt, Sie zu beschämen.
17. JUNI 1970.

206

ANHANG 1

241

EXPOSÉ VON A. CAQUOT
Indem er nahelegt, daß Mose möglicherweise durch die Seinen zu Tode gebracht worden war,
gardiert S. Freud sich mit der Autorität von Ernst Sellin. Dieser Bibelforscher, geb. 1867, ist
einer der fruchtbarsten Repräsentanten der deutschen exegetischen Schule gewesen. 1922, im
Jahr der Veröffentlichung seines Buches Mose und seine Bedeutung für die israelitisch-jüdische
Geschichte, war er ordentlicher Professor für Altes Testament an der Berliner Universität. Wie
bei vielen seiner Zeitgenossen erkennt man in seinem historischen und exegetischen Werk eine
bestimmte Ideologie und eine methodologische Option, die vorzustellen nicht unnütz ist, will
man die Erklärungen verständlich machen, die er zur Bibel gibt.
Die Ideologie ist die des liberalen Protestantismus, die den Gipfelpunkt der biblischen Offenbarung in einem moralischen Predigen sieht, wie es in den Zehn Geboten zusammengefaßt und
von den Propheten des 8. Jahrhunderts v. Chr. entwickelt wurde: Proto-Jesaia, Hosea, Amos,
Micha. Weniger skeptisch als einige seiner Zeitgenossen, hielt E. Sellin Mose für den Stifter der
Religion Israels, den Autor der Zehn Gebote und den Initiator des moralischen Predigens, das
die großen Propheten nur fortgeführt hätten. Die Propheten hätten nicht nur Mosis Lehre
wiederholt, sondern sie hätten in ihrer Überlieferung auch Erinnerungen an sein Leben bewahrt.
Darum mache Hosea, so Sellin, in den Absätzen, auf die hingewiesen werden wird,
Anspielungen auf einen gewaltsamen Tod Mosis, über den die »historische« Literatur der Bibel
kein einziges Wort sagt (Deuteronomia 34, 5-6 weist auf den Tod Mosis und seine Bestattung 242
hin, präzisiert aber, niemand kenne den Standort seines Grabes. Diese ein wenig mysteriöse Angabe hat die Legende von einer Himmelfahrt Mosis erzeugt). Sellin denkt, die Überlieferung
zum gewaltsamen Tod Mosis sei durch die Geschichtsschreiber, die dem Priestermilieu
angehörten, zensuriert worden.
Die methodologische Option besteht darin, dem traditionellen hebräischen, »massoretisch« genannten Text zu mißtrauen. Gewöhnlich zieht man ihm die älteste der Übersetzungen, die
griechische Version, genannt die der Siebzig, vor, deren handschriftliche Zeugnisse zumeist
sehr viel älter sind als der hebräische Text. Aber auch ohne die mindeste Stützung auf die
antiken (griechischen, syrischen oder lateinischen) Versionen greift man sehr gern zu
Korrekturen des überlieferten hebräischen Textes, und zwar in der Absicht, ihm einen Sinn zu
geben, der für befriedigender gehalten wird. Man nimmt an, der überlieferte Text oder das einer
Version zugrunde liegende Hebräisch habe im Lauf der Zeit in der mündlichen oder
schriftlichen Überlieferung »Korruptionen« erlitten. Die so verstandene Exegese geriet zuweilen
zur Übung einer schiedsrichterlichen Virtuosität. Die Arbeit von E. Sellin über Hosea liefert
davon einige Proben.
Wahrscheinlich während der Abfassung der ersten Auflage seines Kommentars zu Hosea, der
ebenfalls 1922 in der Reihe Kommentar zum Alten Testament erschien, hat Ernst Sellin
geglaubt, im Text des Propheten Anspielungen auf den Mord an Moses zu finden. Die
Abschnitte, die er zur Stützung seiner Hypothese hervorhebt, werden hier kurz behandelt
werden, so wie sie vor und nach Sellin verstanden worden sind und so wie dieser sie gedeutet

207

hat sowie mittels welcher Argumente.
1) Hosea 5, 2a.330 Der Halbvers erscheint innerhalb einer Beschimpfung des Propheten wider
die Priester und das »Haus Israel«. Er besteht aus drei wenig klaren Wörtern, deren wörtliche
Übersetzung lauten würde: »Und das Massaker, die Verirrten haben [es] vertieft.« 331 Das durch
»Verirrte« übersetzte Nomen ist, so scheint es, durch die jüdische Tradition auf dem kürzesten
Wege verstanden worden, die darin Götzendiener sieht. Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch hatte F.W. Umbreit vorgeschlagen, dieses Wort durch den Ortsnamen »Sittim« zu
ersetzen, der ihm bis auf das gleicht, daß der Anfangs-Zischlaut ebenso wie die Vokalisierung
der ersten Silbe differiert. Diese Korrektur zog andere nach sich: Indem man in der Graphie des
ersten Wortes ein einfaches t durch ein emphatisches t substituierte und indem man das End-h
ablöste, um daraus den zum Ortsnamen gehörenden Artikel zu machen, erhielt man einen Satz,
der als Anklage für befriedigender gehalten wurde: »Sie haben die Grube von Sittim vertieft.«
E. Sellin nimmt diese Konjektur begeistert auf, weil der Ortsname Sittim ihm ein Bestimmungs- 243
merkmal in der Geschichtsliteratur bietet, die in seiner Argumentation zugunsten einer
Gewalttat an Moses eine wesentliche Rolle spielt. Es ist der berühmte Abschnitt aus Numeri 25,
in dem die Verirrung der Israeliten beim Heiligtum des Baal-Peor erzählt wird, die vorfiel, als
sie sich in Sittim aufhielten. Die Israeliten sind durch die moabitischen Frauen in Versuchung
geführt worden. Gott ist erzürnt und schickt eine Geißel. Der Priester Pinehas macht dem ein
Ende, als er einen Mann aus Israel durchbohrt, der in flagranti beim Ehebruch mit einer
moabitischen Frau ertappt wird. Wenig später wird gesagt, der Mann habe Simri geheißen und
die Frau Kosbi.332
Sellin wäre sicher nicht dazu geführt worden, den Abschnitt der Numeri so zu verstehen, wie er
es tat, hätte seine Deutung von Hosea ihm nicht die Intuition vermittelt, an Moses sei eine Gewalttat verübt worden. Was er zur Episode von Sittim und zum Baal-Peor sagt, zeugt von einer
überbordenden Einbildungskraft. Er konstruiert ein ganzes Drama, in dem der zu Tode
gebrachte Israelit kein anderer als Mose gewesen sei, von dem man weiß, daß er eine
moabitische Frau hatte (Exodus 2,15-22), und der gewaltsame Tod des Führers Israels habe
ursprünglich den Wert eines Sühneopfers gehabt, das die Geißel zum Aufhören gebracht habe.
Später habe die priesterliche Überlieferung die Episode zur Ehre des Klerus (repräsentiert durch
Pinehas, dessen Eifer durch den »Bund« vergolten wird, den Gott ihm zusichert) völlig neu
komponiert und den Namen Mosis ausgelöscht. Er sei der uranfängliche Held der Geschichte,
deren prophetische Tradition die authentische Erinnerung bewahre; man habe diesem Namen
den des unbedeutenden Simri substituiert und den Namen der Midianiterin Zippora durch den
der Kosbi ersetzt, der auf der Wurzel, die »lügen« bedeutet, aufbaut.
2) Hosea 9,9. Erneut eine prophetische Anklagerede gegen »Ephraim«. Wie in 5,2 »das Haus
Israel« zielt dieses Wort auf das Nordreich, 922 von Juda abgetrennt und fortwährender Gegen-

330 In den nachfolgenden Fußnoten wird der deutsche Wortlaut der zitierten Bibelstellen nach der Ausgabe der
Priv. Württembergischen Bibelanstalt, Stuttgart 1911 wiedergegeben. Hinsichtlich der Interpretation des Urtextes
weicht er von der bei Caquot benutzten französischen Bibelausgabe zuweilen signifikant ab.
331 Hosea 5,2 (a): "Mit ihrem Schlachten vertiefen sie sich in ihrem Verlaufen."
332 4. Mose 25, bes. 15.

208

stand der Polemik Hoseas. In 9,8333 geht es um einen »Propheten«, dem Ephraim eine Falle
stellt. Sellin nimmt an, dies sei Mose. Der Halbvers 8b, der mit »er [findet] einen Gegner im
Haus seines Gottes« endet, erlaubt es Sellin, den Ortsnamen Sittim wiederzufinden, mit dem der
hebräische Name des Gegners (mastema) eine gewisse Ähnlichkeit hat. Als ursprünglichen Text
stellt er wieder her: »In Sittim, im Haus seines Gottes«. Im Vers 9 334 stößt man auf Wörter, die 244
denen in 5,2 nahe kommen und ebenfalls schwer zu verstehen sind, denn die wörtliche
Übersetzung wäre: »Sie haben vertieft, sie haben verderbt wie in den Tagen von Gibea«.
Wahrscheinlich ist, daß das gewöhnlich durch »vertiefen« übersetzte Verb einen Modalwert
besitzt und dazu dient, anzudeuten, daß die Verderbtheit, deren man »Ephraim« anklagt, eine
kontinuierliche und systematische war. Die Anspielung auf »die Tage von Gibea« betrifft eine
erinnernswerte Freveltat, die an diesem Ort begangen worden war gemäß Richter 19. Sellin
korrigiert erneut den Text, um ihn mit 5,2 konform zu machen, so wie er ihn liest: Indem er die
Vokale des Verbs »sie haben verdorben« austauscht, erhält er den Substantiv »seine Grube« und
übersetzt: »... zu Sittim, im Haus seines Gottes, haben sie seine Grube tief ausgehoben«.
3) Hosea 12,14Ŕ13,1. Der Schluß des Kapitels 12 (Vers 14) ist der einzige Abschnitt in Hosea,
wo der »Prophet« unbezweifelbar Mose bezeichnet: »Durch die Vermittlung eines Propheten
hat JHWH Israel aus Ägypten herausgeführt, und durch einen Propheten ist [Israel] gehütet worden.«335 Der Text von Vers 15 paraphrasiert sich so, um den Wert der Pronominal-Suffixe zu
präzisieren, die im Hebräischen oft gleichlautend sind: »Ephraim [ = Israel] hat [JHWH]
bitterlich erzürnt, aber sein Blut [ = das Blut, das Ephraim vergossen hat], wird auf es [Ephraim]
zurückfallen und Der Herr wird die Schande, die es begangen hat, auf es zurückkommen
lassen.« 336 Israel wird hier der Blutsverbrechen angeklagt, und seine Züchtigung durch Gott
wird unzweideutig angekündigt. Die Schwierigkeit steckt in 13,1, dessen wörtliche Übersetzung
lauten könnte: »als Ephraim sprach, [gab es] ein Erzittern/Erbeben; in Israel hat es sich erhoben.
Aber es ist schuldig geworden durch Baal, und es ist tot.«337 Aller Wahrscheinlichkeit nach
handelt es sich um eine Satire auf die Größe und die Dekadenz des Stammes, der, nach Hosea,
auf die direkteste Weise die schismatische Königswürde repräsentiert, denn der Ephraimit
Jerobeam hatte 922 die Abtrennung Israels (im eingeschränkten Sinne, das Nordreich
bezeichnend) vom Königreich Juda provoziert.
Sellins Konjektur besteht darin, daß er dem Nomen »Erzittern/Erbeben« (dessen Konsonanten
rtt sind) das Nomen »mein Gesetz« (dessen Konsonanten trt wären) substituiert; daß er am Platz
des Verbs nasa (»sich erheben«) den Substantiv »nasi« (Fürst) liest; daß er dem Verb »sich
schuldig machen« eine Bedeutung »sühnen« gibt, die er deshalb für möglich hält, weil das
Nomen derselben Wurzel ein Sühneopfer bezeichnet; schließlich darin, daß er den Halbvers
333 Hosea 9,8: "(a) Die Wächter in Ephraim hielten sich vormals an meinen Gott; (b) aber nun sind sie
Propheten, die Stricke legen auf allen ihren Wegen durch die feindselige Abgötterei im Hause ihres Gottes."
334 Hosea 9,9: "Sie verderben's zu tief wie zur Zeit Gibeas; darum wird er ihrer Missetat gedenken und ihre
Sünden heimsuchen."
335 Hosea 12,14: "Aber hernach führte Der Herr Israel aus Ägypten durch einen Propheten und ließ sein hüten
durch einen Propheten."
336 Hosea 12,15: "(a) Nun aber erzürnet ihn Ephraim durch ihre Götzen; (b) darum wird ihr Blut über sie
kommen, und ihr HErr wird ihnen vergelten die Schmach, die sie ihm antun."
337 Hosea 13,1: "(a) Da Ephraim Schreckliches redete, ward er in Israel erhoben; (b) darnach versündigten sie
sich durch Baal und wurden drüber getötet."

209

12,15b hinter den Vers 13,1 versetzt, was ergäbe: »(12,14) Durch einen Propheten [Mose] hat
JHWH Israel aus Ägypten herausgeführt, und durch einen Propheten ist [Israel] gehütet worden. 245
(12,15a) Aber Israel hat [JHWH] bitterlich erzürnt. (13,1) Als Ephraim mein Gesetz sagte, war
er Fürst in Israel. Er [der Prophet] hat gesühnt wegen Baal [wegen der Sünde des Baal-Peor],
und er ist tot. (12,15b) Aber sein Blut [das Blut des Propheten] wird auf ihn [Ephraim]
zurückfallen und Der Herr wird die Schande, die er begangen hat, auf ihn zurückkommen
lassen.« Sellin findet da den klarsten Ausdruck des Sinns, den er dem angeblichen Mord am
Propheten hat geben wollen: Mose sei von den Seinen zu Tode gebracht worden als ein
Sühneopfer infolge der Kollektiv-Sünde des Baal-Peor. Diese seltsame Hypothese rechtfertigt er
durch eine Erklärung Mosis in Exodus 32,32, wo der Held für das Volk die göttliche Vergebung
für die Sünde des Goldenen Kalbs erfleht, und müßte er selbst dafür aus dem Buch Gottes
ausgelöscht werden. Es ist aber nicht möglich, die christlichen Wurzeln der Ideen Sellins zu
ignorieren, der auf diese Weise in Moses den Prototyp der geheimnisvollen leidenden Gestalten
fand, von denen die prophetische Literatur spricht: der »Kecht JHWHs« des Deutero-Jesaia
(siehe insbesondere Jesaia 52,13 ŕ 53,12) und der »Zerstochene« bei Sacharja 12,10.
Sellin war sich der Fragilität seiner Hypothesen von 1922 bewußt. 1928 nimmt er in einem Aufsatz in der Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft* (46, S.261-263) unter dem Titel
»Hosea und das Martyrium des Mose« die Studie zu Hosea, 12,14Ŕ13,1 wieder auf, indem er
zum Text von 13,1a einige neue Korrekturen vorschlägt: »Als Ephraim aufrührerische Reden
hielt [wobei er rbt für rtt liest], nahm er [nämlich der Prophet, d.h. Mose] [das] auf sich und
sühnte.« In der zweiten Auflage seines Kommentars zu Hosea, erschienen 1929, zeigt er sich
gegenüber seinen ersten Intuitionen am skeptischsten. Er glaubt zwar weiterhin, Hosea verfüge
über die Erinnerung an einen Sühnetod Mosis, liest ihn aber nicht mehr nur in 13,1, so wie er
ihn 1928 neu gedeutet hat. In Hosea 5,2 verzichtet er auf die Korrektur von F.W. Umbreit,
bestreitet sogar die Triftigkeit des vorgebrachten Bezugs auf Sittim, um die Affaire von BaalPeor zu evozieren, und übersetzt: »(5,2a) Sie haben das Grab der Verirrung tief ausgehoben.« In
9,8-9 korrigiert er nicht mehr mastema zu Sittim, und auch wenn er seine Übersetzung von 9,9a:
»Sie haben seine Grube tief ausgehoben« beibehält, meint er doch nicht länger, der »Prophet«,
auf den sich der Possessiv bezieht, sei Mose. Dies sei eine Personifizierung der prophetischen
Funktion, so wie Sellin sie versteht: der Träger des göttlichen Wortes ist zum Märtyrer
bestimmt.
Wie K. Budde 1932 bemerkt hat (»Goethe zu Mose's Tod«*, Zeitschrift für die alttestamentliche 246
Wissenschaft*, 50, S.300-303), hatte sich Goethe anderthalb Jahrhunderte vor Sellin einen gewaltsamen Tod Mosis vorgestellt: in einer seiner Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des west-östlichen Diwans* (in der Ausgabe Hempel IV, S.320 f.) nimmt er an, daß
Josua und Kaleb, der Unentschlossenheit Mosis, den Jordan zu überschreiten, um ins Gelobte
Land einzutreten, müde, den alten Führer meuchlings ermordet haben, um die Führung Israels
zu übernehmen. Dies ist eine einfachere Konjektur als die von Sellin, jedoch nicht weniger
grundlos, denn die lakonische Information von Deuteronomium 34,5-6 über das unbekannte
Grab Mosis kann zwar gewiß die Einbildungskraft anstacheln, rechtfertigt aber keine Hypothese
über den Tod Mosis. Man könnte sich fragen, ob S. Freud seine Idee eines gewaltsamen Todes
Mosis nicht der fernen Erinnerung an eine Goethelektüre verdankt und ob er, indem er sich auf
die alleinige Autorität E. Sellins berief, nicht eine gelehrtere Rechtfertigung liefern wollte.

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Votre question va à chatouiller les
espoirs, teintés de fais-moi peur,
qu’inspire le sens dévolu à notre époque
au mot: révolution. On pourrait
marquer339 son passage à une fonction
de surmoi dans la politique, à un rôle
d’idéal dans la carrière de la pensée.
Notez que c´est Freud et non pas moi
qui joue ici de ces résonances dont seule
la coupure structurelle peut séparer
l´imaginaire comme »superstructure«.

Pourquoi ne pas partir de l´ironie qu´il y
a à mettre au compte d´une révolution
(symbolique)
une
image
des
révolutions astrales qui n´en donne
guère l´idée?
Qu´y a-t-il de révolutionnaire dans le
recentrement autour du soleil du monde
solaire? A entendre ce que j´articule
cette année d´un discours du maître, on
trouvera que celui-ci y clôt fort bien la
révolution qu´il écrit à partir du réel:
si la visée de l´ est bien le
transfert du savoir de l´esclave au
maître, — ceci au contraire du passezmuscade impayable dont Hegel voudrait dans le savoir absolu résorber
leur antinomie —, la figure du soleil
est là signe d´imaginer le signifiantmaître qui demeure inchangé à mesure
même de son recel.
Pour la conscience commune, soit pour
le »peuple«, l´héliocentrisme, à savoir
que ça tourne autour, implique que ça
tourne rond, sans qu´il y ait plus à y
regarder. Mettrai-je au compte de Galilée, l´insolence politique que représente
le Roi-Soleil?

De ce que les ascendants contrariés
qui résultent de la bascule de l´axe de la
sphère des fixes sur le plan de
l´écliptique, gardassent la présence de
ce qu´ils ont de manifeste, les Anciens
surent tirer les images à appuyer une
dialectique guidée d´y diviser savoir et
vérité: j´ en épinglerais un photocentrisme d´être moins asservissant que
338

Votre question va à chatouiller les
espoirs, teintés de fais-moi peur,
qu´inspire le sens dévolu à notre époque
au mot: révolution. On pourrait noter
son passage, à ce mot, à une fonction
surmoïque dans la politique, à un rôle
d´idéal dans le palmarès de la pensée.
Je note que ce n´est pas moi qui joue ici
de ces résonances dont seule, je le dis, la
coupure structurelle peut combattre
l´amortissement,
je
parle
des
résonances. Je dis que la coupure
structurelle seule peut donner plein
sens au mot révolution.
Pourquoi ne pas partir de l´ironie qu´il y
a à mettre de la révolution au[x]
comptes des révolutions célestes qui
n´en donnent pas tout à fait la note?
Qu´y a-t-il de révolutionnaire dans le
recentrement du soleil autour du monde
solaire? Après tout, à entendre ce que
j´articule cette année d´un discours du
Maître, on peut y trouver que celui-ci y
clôt fort bien sa révolution, laquelle,
par la boucle prise de la science, de
l´ que je démontre être sa
visée, revient à son départ d´un
signifiant-maître absolu qui s´y figure
du soleil.

Dans la conscience commune, l´idée que
ça tourne autour, voilà l´héliocentrisme
— ce que j´adore, c´est que Gloria a
fait tout à l´heure une faute de frappe,
car elle a tapé ça ce matin, elle a écrit:
l´hégocentrisme, h.é.g.o., je trouve ça
sublime! — et il implique que ça tourne
rond, sans qu´il y ait plus à y regarder.
Mettrai-je au compte de Galilée,
l´insolence politique du Roi-Soleil?
Les anciens, par contre, ont trouvé
l´usage en quelque sorte dialectique à
quoi prêtent les apparences qui
résultent de la bascule de la terre sur
l´écliptique. Les images de lumière et
d´ombre sont là propices à un
discours articulé. J´en mettrai en
opposition, à l´héliocentrisme, un
photocentrisme
comme
beaucoup
moins asservissant.

Aufrechte Pagina = Scilicet, kursive Pagina = dt. Ausgabe.
Fett gedruckte Partien kennzeichnen Varianten, Unterstreichungen umgestellte Wörter bzw. Satzteile.

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l´hélio.

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