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Basler-Zeitung, 8.

Mai 2008

Ist es einfach, glücklich zu sein? Ladislav Drezdowicz, «Ganden chokerling» (1996).

Erzählungen aus Tibet


Ladislav Drezdowicz zeigt Bilder einer bedrohten Kultur

MARIA BECKER
Der aus Tschechien stam- aufgrund der extremen Höhenlage Die tibetische Serie gehört zu Drez- sichtern und sehnigen Gestalten ein-
mende Fotograf Ladislav Drezdo- kaum zu denken. Die Reise brachte dowicz' «Essays in Photography», ei- geprägt hat, aber auch die Freude
wicz (*1942) bereiste 1996 wäh- ihn nicht selten an den Rand der völ- ner Sammlung fotografischer Doku- und Herzlichkeit der Mönche im
rend dreier Monate das tibetische ligen Erschöpfung. mentationen, die per Internet abruf- Umgang miteinander, all dies ist in
Hochland. Bei Hutter & Wirth ist Die kleinformatigen Schwarz- bar ist. Alle Bilder erzählen von ebenso ästhetischen wie anrühren-
eine Serie seiner beeindrucken- Weiss-Aufnahmen, die bei Hutter & menschlicher Gemeinschaft. Ob in den Aufnahmen erfasst.
den Schwarz-Weiss-Aufnahmen Wirth einen einzigen Raum füllen, Schweizer Szenen («Swiss Capric- Das Erstaunlichste an diesen Bil-
zu sehen. zeigen jedoch nichts von dieser Er- cios») oder auf den Kapverdischen dern ist für uns westliche Industrie-
Drezdowicz hatte schon seine schöpfung. Menschen stehen fast auf Inseln («Cabo Verde») - immer sind land-Bewohner die Gelassenheit, die
Ausrüstung gekauft und seine Arbeit jedem Bild im Mittelpunkt, meist la- es die Menschen in ihrem Leben und von allem - auch von der Landschaft
in Basel storniert, als das Projekt sich chend und in friedlicher Gemein- Sich-Darstellen, die in präzisen, selbst - ausgeht. Es scheint, dass es
endgültig zerschlug. Er sollte die schaft, und immer ohne jeden Arg- zeichnungsstarken Fotos erfasst wenig braucht, um glücklich zu sein.
Dreharbeiten zu dem Film «Die Salz- wohn vor der Kamera. Der Fotograf sind. Drezdowicz schafft Porträts der Die Menschen und ihre Lebenswelt,
männer von Tibet» fotografisch do- war willkommen, er trug die Bilder Lebendigkeit und menschlichen Of- die Drezdowicz festgehalten hat, ha-
kumentieren. Die chinesischen Be- eines Volkes in die Welt, dessen Lei- fenheit. Die Bilder sind fortlaufende ben ebenfalls einen Teil ihrer Un-
hörden verhinderten durch Schika- denszeit der Repression kein Ende Erzählungen, die einen mitnehmen schuld verloren; doch ihr Dasein be-
nen den Auftrag. Doch er liess sich nimmt. in die fremde oder heimische Ge- wegt sich - noch - in der gelebten
nicht entmutigen und beschloss, sein meinschaft. Tradition, die ihre Richtigkeit bis
eigenes Projekt zu machen. So reiste BEDROHTE KULTUR. Drezdowicz war heute bewahrt hat. Es muss das Ge-
er allein und schaffte es, ohne Bewil- für die Tibeter ein Botschafter vor al- FOKUS. In Tibet lag der Fokus der Ka- fühl dieser Richtigkeit sein, die uns
ligung über die nepalesische Grenze lem für die westliche Welt, der mit mera auf drei Gemeinschaften, die als Gelassenheit so beeindruckt.
ins Land zu kommen. Von dort an seinen Aufnahmen die bedrohte Ge- Drezdowicz zuvor für seine Serie
war er auf die Freundlichkeit von meinschaft und Kultur ihres Volkes ausgewählt hatte: Die Nomaden der
Busfahrern und Transporteuren an- > Galerie Hutter & Wirth, Basel,
dokumentiert. Überall, in Klöstern Namtso-Region und einige Mönchs- Riehentorstrasse 14. Bis 16. Mai,
gewiesen. Auf 5000 Metern und in oder unter wandernden Pilgern, klöster. Die harte Arbeit der fahren- Do & Fr 16-19.30, Sa 14-16 Uhr.
kargen Verhältnissen, an Schlaf war wurde er herzlich aufgenommen. den Viehbauern, die sich in den Ge- www.hutter-wirth.ch