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Stefan Gandler: Peripherer Marxismus.

Kritische Theorie in Mexiko, Argument
Sonderband Neue Folge 270, Hamburg/Berlin, Argument-Verlag 1999, 459 S.
Auch zu Zeiten, in denen fast ein(e) jede(r) Sozialwissenschaftler/in das Wort
Globalisierung im Munde führt, ist die tatsächliche Kenntnis außereuropäischer und nichtnordamerikanischer Theorien nach wie vor gering. Statt von einer besseren Kenntnis der
Themen und der Probleme der verschiedenen Regionen der Erde in einer sich
„globalisierenden“ Welt scheinen auch die sozialwissenschaftlichen Diskussionen von einer
eher zunehmenden Ungleichheit und einer Hierarchie in den internationalen Beziehungen
geprägt zu sein. Wie bei der Internet-Kommunikation und beim „Schutz geistigen Eigentums“
finden die eigentlichen Veränderungen zwischen den drei großen Wirtschaftsblöcken statt –
und der „geistige Austausch“ ist dabei durch eine Dominanz des angelsächsischen
Sprachraums und vielleicht noch der Kommunikation zwischen Europa und Nordamerika
geprägt. Daß es aber in einem sogenannten „Drittweltland“ auch eigenständige theoretische
Entwicklungen gibt, die nicht nur von ethnologischem Interesse sind, sondern die auch die
Diskussionen im eigenen Sprachraum befruchten könnten, davon gehen nur noch wenige
Spezialisten aus.
Das Buch von Stefan Gandler versucht, dieser Verzerrung ein Stück
entgegenzuarbeiten. Es stellt zu diesem Zweck zwei der wichtigsten Vertreter eines
undogmatischen Marxismus in Mexiko einem deutschsprachigem Publikum vor. Adolfo
Sánchez Vázquez und Bolívar Echeverría sind nicht nur wichtige Vertreter einer im weiteren
Sinne kritischen Theorie in ihrem Land, die in ihren Arbeiten jeweils entscheidende Anstöße
zu einer Weiterentwicklung einer emanzipatorischen Theoriebildung gegeben haben. Ihren
theoretischen Ansätzen lassen sich auch Elemente zu einer Überwindung eines
eurozentristischen Denkens entnehmen, den auch die meisten kritischen Traditionen selbst da
noch verfallen sind, wo sie vordergründig das europäische bzw. westliche
Überlegenheitsgefühl kritisieren. Indem er diese Elemente herausarbeitet, versucht Gandler,
über die Vorstellung der beiden Theoretiker hinaus einen eigenständigen Beitrag zur
Theorieentwicklung zu leisten.
Beide, verschiedenen Generationen angehörige Theoretiker sind schon von ihrer
Biographie her ausgesprochene Grenzgänger zwischen den Kulturen. Adolfo Sánchez
Vázquez wurde 1915 in Andalusien geboren und war aktiv im spanischen Bürgerkrieg u.a. als
Mitarbeiter an verschiedenen republikanischen Publikationen engagiert. Nach der Niederlage
konnte er zunächst nach Frankreich flüchten und emigrierte dann 1939 nach Mexiko. Dort
war er schon bald Mitbegründer einer Exilzeitschrift, doch erst nachdem deutlich geworden
war, daß mit einer baldigen Vertreibung Francos nicht zu rechnen ist, widmet sich Sánchez
Vázquez dem intensiven Philosophiestudium. Im Zusammenhang mit praktisch-politischen
Fragen – nach dem XX.Parteitag der KPdSU 1956 tritt er von seinen Parteiämtern in der PCE
zurück, weitere einschneidende Ereignisse sind für ihn die kubanische Revolution 1959 und
der Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 – entwickelt er eine undogmatische Variante
des Marxismus. 1967 publiziert er sein Hauptwerk, die „Filosofía de la praxis“, das 1980 in
einer stark überarbeiteten und erweiterten Form neu erscheint. Mit seinem Werk kann
Sánchez Vázquez nach Ansicht von Gandler als einer derjenigen gelten, die als erste in
Lateinamerika den Bruch mit der marxistischen Orthodoxie vollzogen haben; und er weist
immer wieder auf Parallelen zu Georg Lukacs oder der Frankfurter Schule, insbesondere zu
Arbeiten von Alfred Schmidt, hin. So kreisen die Argumente von Sánchez Vázquez, obwohl
sie eine Fülle von Themenbereichen umfassen, immer wieder um eine Neuinterpretation des
Marxschen Praxisbegriffs und sie zielen auf eine Praxisphilosophie, die das kritische und
rebellische Moment der Marxschen Theorie gegen ihre herrschaftslegitimatorische
Umdeutung zu bewahren bzw. wieder zu entdecken versucht. Von den geschichtlichen
Erfahrungen u.a. auch der sandinistischen Revolution in Nicaragua motiviert formuliert er in

Zentral ist zunächst die Einschätzung des Praxisbegriffs und seine Rolle im Emanzipationsverständnis. Obwohl es keineswegs eine antikapitalistische Haltung darstellt. die auch eine Annäherung an Elemente des Marcuseschen Denkens beinhaltet. Die Überwindung dieses Eurozentrismus in der Theorie wird später zu einem der Hauptanliegen seiner theoretischen Arbeit werden. wie sie die Dominanz des Tauschwerts im Kapitalismus interpretieren. 1961 geht er nach Heidelberg. die Aufschluß darüber geben können. sondern eine. der strukturalistischen Semiotik von Saussure andererseits.). während das barocke Ethos eine „paradoxe Mischung aus Nüchternheit und Aufbegehren“ (314) pflegt. Doch dieser Plan zerschlägt sich schnell. Geboren 1941 in Ecuador rezipiert er zunächst Sartre und Heidegger. wie Menschen die Realität der kapitalistischen Moderne tatsächlich leben. die sowohl Anklänge an eine Verabsolutierung des Praxisbegriffs aus ökologischen Motiven aufweist. Was Echeverría vielmehr interessiert. ohne die Dominanz der Tauschwerte zur Kenntnis zu nehmen. wird er 1973 Assistent von Sánchez Vázquez und 1975 Professor für Philosophie an der UNAM. Obwohl dort eine Reihe von Studenten aus der „Dritten Welt“ theoretisch und politisch aktiv sind. Mit anderen Worten: Er interpretiert die Produktion und Konsumtion der Gebrauchswerte als einen praktischen Akt und gleichzeitig als Zeichensysteme. die übersieht. Damit ist keinesfalls eine rein moralisch-ethische. An diesem Widerspruch wird Echeverría das Problem des Eurozentrismus der Linken gewahr (63). vor allem aber die Möglichkeit einer beliebigen Revolutionierung menschlicher Lebensformen und eine Kritik am „Mythos der Revolution“ (215) zum Ausdruck bringt. Dieses barocke Ethos hat es Echeverría dabei besonders angetan. eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben. ist bei Echeverría eine Skepsis hinsichtlich der „Allmacht der menschlichen Praxis“ (214) unübersehbar. daß ist die von der Dominanz der Tauschwerte beherrschte und verdeckte Dimension der Gebrauchswerte zur Geltung kommen zu lassen. beide Positionen nur als optimistische bzw. Bolívar Echeverría wechselt nach West-Berlin und bekommt bald Kontakt zu linken Kreisen um Rudi Dutschke und Bernd Rabehl. feiert das romantische Ethos die Seite der Gebrauchswerte.2 der Neuausgabe der „Philosophie der Praxis“ eine Kritik der Leninschen Organisationsidee. um bei Heidegger studieren zu können. Das theoretische Werk von Bolívar Echeverría weist deutliche Akzentverschiebungen zu dem von Sánchez Vázquez auf. Das klassische Ethos schickt sich in die tragische Vollziehung des Gangs der Dinge. In der Folge des Aufstands in Chiapas ist Echeverría einer der Berater der EZLN. wie dies ja im Rahmen der ökologischen . also vier Varianten des historischen Ethos. Dabei spielen Fragen der Demokratie und der Einschätzung der Moderne eine wichtige Rolle. Während letzterer auf einem ungebrochen optimistischen Anspruch beharrt. die Gandler in verschiedenen Dimensionen diskutiert. mit universalisierendem Anspruch die Welt zu erklären. daß die Dominanz des Tauschwerts zur Zerstörung der Gebrauchswerte führt.Problematik immer wieder gern versucht wird. die sich mit seiner philosophischen Arbeit berühren. und auch keine auf den Aspekt der Sprache reduzierte Form der Betrachtung gesellschaftlicher Praxen intendiert. Er unterscheidet dabei vier moderne Ethen. der zwar schnell dabei ist. Gandler warnt aber zu recht davor. Während das realistische Ethos durch eine „kämpferisch-naive Faszination“ (309) ausgezeichnet ist. Nachdem er 1968 nach Mexiko gegangen war. Bolívar Echeverría ist eine Generation jünger als Sánchez Vázquez. in der eine prinzipiell unerträgliche Realität . Echeverría entwickelt in Auseinandersetzung mit der Marxschen Werttheorie einerseits. die sich danach unterscheiden. und danach sieht die Sache doch einigermaßen komplexer aus. im Iran. eine Theorie des historischen Ethos. wird das Ereignis „68“ immer noch als eines der „deutschen Studentenbewegung“ erinnert. pessimistische Geschichtsauffassung gegeneinander zu stellen. die für die Politisierung der StudentInnenschaft insbesondere auch in Fragen des Internationalismus (anhand der Konflikte im Kongo. in Vietnam etc. Entscheidend für eine Beurteilung ist letztlich das jeweilige Kritikverständnis. die Anwesenheit anderer Akteure dabei aber „vergißt“. der Universität von Mexiko City.

Zudem liefert es noch in einem ausführlichen Anhang einen Überblick über die Gesamtpublikation der Autoren und die Sekundärliteratur. Indem er so das falsche Überlegenheitsgefühl und die angebliche Universalität der europäischen Moderne in Frage stellt. Er scheint allemal mehr zu bieten zu haben als in Europa gängige Floskeln von einem „dritten Weg“ oder einer Vollendung des „Projekts der Moderne“. Christoph Görg . ist es doch nicht alternativlos. stellt sein Ansatz einen interessanten Beitrag zu den heutigen Diskussionen um Alternativen zum globalisierten Kapitalismus dar. Zudem will er untersuchen. die nach Ansicht von Gandler vor allem mit seiner zurückgenommenen Kritik an der universellen Warenproduktion im Kapitalismus und damit mit seiner Marxrezeption in Verbindung stehen. Obwohl die Philosophie Echeverrías einige Probleme mit sich bringt. Eine ausführliche Diskussion der vier historischen Ethen. sieht er hier am ehesten eine Möglichkeit zur Schaffung anderer. abweichender Realitäten. will er trotzdem nicht in eine postmoderne Relativierung abrutschen. weil es Einblick gibt in den gesellschaftlichen Kontext der beiden Autoren und der Entstehung ihrer Theorien und manche Wendungen aus ihrem politischen Kontext heraus verständlich machen kann. die vermeintliche Universalität der europäischen Moderne aufzusprengen und die Existenz „anderer Modernen“ (und nicht etwas nur vormoderner Relikte) aufzuzeigen (273). Bei einer etwas strafferen Argumentationsführung wäre vielleicht auch für dieses auf jeden Fall sehr interessante Theorieelement noch etwas Platz gewesen. die kaum übersetzt sind und fast nur in Spanisch zugänglich sind. welche Praxisformen noch am ehesten Ansätze für Alternativen enthalten – und dies scheint ihm im barocken Ethos der Fall zu sein. das wiederum stärker in den katholisch geprägten Ländern Lateinamerikas verbreitet ist. daß einige Fragen auch bei Echeverría im Dunkeln bleiben. als es nicht nur in Theorien einführt. Interessant ist aber. ihrer Begründung und ihren politisch-praktischen Dimensionen kann hier nicht erfolgen. Auch wenn das realistische Ethos das weltweit dominierende ist. welche Konsequenzen im Verständnis „der“ Moderne sich daraus ergeben. wobei Gandler darauf hinweist.3 noch als erträgliche gelebt wird. Zunächst geht es Echeverría darum. Vielmehr sucht er einmal in Anlehnung an Saussure mit der grundlegenden Sprachfähigkeit (im Unterschied zu den verschiedenen Sprachen) nach einem tieferliegenden Fundament für einen konkreten Universalismus. Das Buch von Gandler stellt hier über seine Verarbeitung und Interpretation der beiden Ansätze hinaus auch insofern eine wichtige Hilfestellung dar. Leider hat Gandler die Beschäftigung mit einem der spannendsten und wohl auch strittigsten Elemente der Theorie Echeverrías aus Platzgründen auf eine spätere Publikation verschoben: die Utopie einer nichtkapitalistischen Warengesellschaft. sondern auch.