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Auf der Suche nach Strom

Cornelis Kater

Ich bin in Hamburg und habe zu viel Zeit. Mein Bruder ist Kriminalpolizist und sollte mich
empfangen, nur leiden Kriminalpolizisten leider unter der Er@indung des
Bereitschaftsdienstes, welcher Ihnen allzu oft unverhofft einen stundenlangen Nachtdienst
mit am nächsten folgender Schreibarbeit, darauf folgendem Schla@bedürfnis sowie potentiell
allein gelassenen vorgesehenen Gästen, die diesem Schla@bedürfnis zuwider liefen, bescheren.
Ich war der Gast und nun allein.
Wenigstens hatte ich mein Handy und mein Notebook dabei. Vor zwei Wochen hatte ich mir
einen Tarif gebucht, der es mir ermöglichte, relativ entspannt an jedem Ort der Welt
(jedenfalls in Deutschland, in urbanisierten Gebieten) einfach und schnell ins Internet zu
gehen und damit mobil an all den vielen Dingen zu arbeiten, an denen ich gemeinhin arbeite.
Oder einfach nur mit irgendwelchen Leuten zu kommunizieren, wie ich es gemeinhin bei der
Arbeit tat.
Meine erste Station, an der ich dieses völlig neue Gefühl austesten wollte, war der Zug, der
mich nach Hamburg brachte. Bisher hatte ich einige vorsichtige Tests durchgeführt (Können
mein Handy und mein Notebook miteinander? Benötige ich Kabel? Wie lange wird es dauern,
bis mein Kontingent der verfügbaren Datenmenge aufgebraucht ist?), aber noch nicht
ernsthaft begonnen, dieses System einzusetzen. 
Ich setzte mich an einen Sitzplatz mit Tisch und klappte das Notebook auf. Es schnupperte
nach dem Handy und wurde fündig, dieses wählte sich ein und schon war ich online. Schnell
dämmerte mir, dass es wichtig werden würde, den Pegelstand aller beteiligten Akkus im Blick
zu behalten. Gerade das Handy war nicht mehr taufrisch, die Zellen des Akkus mehrheitlich
bereits in Rente und die Halbwertszeit dementsprechend kurz. Gut, dass fast alle Züge in
diesem Land über Steckdosen verfügen, die zuverlässig funktionieren. Bis heute. Hier gab es
Steckdosen, die zuverlässig im gesamten Wagen ausgeschaltet waren. Vermutlich war
irgendwann die Sicherung unter der Vielzahl an gleichzeitig zu beladenen und völlig
leergearbeiteten Akkumulatoren ausgestiegen.
Gut, sagte ich mir, die zwei Stunden Zugfahrt bis Hamburg werde ich überbrücken können.
Erst später wurde mir klar, dass ich auch noch den Nachmittag und den frühen Abend zu
überbrücken hatte. Gut, sagte ich mir, und kehrte sofort nach der Ankunft in einer Louge der
Bahn ein. Dort gibt es Steckdosen, an denen ich mich bedienen konnte. 
Jedoch ist ein Aufenthalt in einer Stadt wie Hamburg irgendwie langweilig, steckt man nur im
Bahnhof fest, um sich mit Strom zu versorgen. Also verließ ich nach einem maßvollen
Stromnachschub für beide Geräte diesen Ort. Jedoch wollte ich gerne weiterarbeiten, also
suchte ich mir ein ansprechend wirkendes Café und brachte meine Geräte wieder in Position.
Für etwa eine Stunde war Arbeiten in einer ganz neuen Form möglich. Ich schlürfte an
meinem Café mit Orange‐Spice‐Geschmack, schrieb Mails, beendete einen dringend
benötigten Text, recherchierte einige Informationen, bis mir entsetzt auf@iel, dass mein Handy
erschreckend heiß, und der Akku erneut erschreckend leer geworden waren. Da ich noch
einiges an dem Abend vorhatte, war die Existenz eines einsatzbereiten Telefons für den
althergebrachten Zweck des Telefonierens unabdingbar, also musste ich mich künstlich
beschränken. Steckdosen waren keine in Sicht. Mist.
Ich packte wieder zusammen, führte einige Telefonate und war nun wieder und endgültig kurz
vor Null. Das Problem wurde langsam grei@bar. Niemand hatte bisher eine Lösung dafür. Alle
Stromspeicherlösungen waren bisher mittelalterlich, einfach nicht ausgereift und einem
rapiden Verfallsprozess ausgesetzt. Nicht einmal Geld, Macht oder pures Ansehen konnten es
lösen. Jeder Mensch, so mobil,  zukunftsgewandt und bestausgestattet er sein möge, war der
Tatsache unterworfen, das alle 2‐3 Stunden eine Steckdose nötig war, wollte er sein mie@iges
Büro zusammenklappen und sich völlig frei arbeitend durch die Welt bewegen. Der Mensch
bekam hier wieder das Unvermögen all seines Strebens vorgehalten. Und ich in diesem
Moment stellvertretend dafür ganz besonders.
Alle Hoffnung schon fast aufgegeben, schlenderte ich weiter durch die Stadt. Hinter einigen
Büschen entdeckte ich ein Aufsehen erregendes Gebäude, welches ich mir näher ansehen
wollte. Beim Näherkommen stellte sich schließlich heraus, dass es eine Privatschule war,
frisch eröffnet für vermögende Studenten, reich an Steckdosen und möglicherweise auch
öffentlichen Tischen ohne Kaffekaufzwang.
Welche Glückseligkeit.
Im einen netten Winkel einer wenig bevölkerten Gegend baute ich mein Büro auf. Bis zum
Schließen des Gebäudes oder meiner Enttarnung war ich sicher. Danach hätte ich genug Strom
für die nächsten zwei Stunden. Der Tag war allmählich bereits bei der Dämmerung
angekommen, so dass ich mich anderen Dingen zuwenden konnte. Für heute war ich also
gerettet...

Der mobile Mensch hatte noch so einige Hürden zu überwinden, auch wenn mir an diesem Tag
die Vorboten einer traumhaften neuen Arbeitswelt begegnet waren. In den lauen
Sommermonaten würden wir in einer nicht allzu fernen Zukunft draußen an gemütlichen
Plätzen Zimt‐Chili‐Mango‐Latte schlürfen, uns in die Steckdosen im Gebüsch einklinken,
während sich die junge Generation von den gerade sehr hippen Energiestrahlen, die die
Stromversorgung der mobilen Gadgets direkt aus dem Orbit versprach, verstrahlen ließ.
Schade nur, dass aus diesem Grund sich dann unsereins üblicherweise vornehm im Schatten
zurückhalten würden, um diesen Strahlen zu entgehen. 
Ach, könnten wir doch nur all unsere Geräte direkt uns selbst als ständig verfügbares
Kraftwerk anschließen und stets leckeres, Energie geladenes Essen nachschieben. 

23. Februar 2008