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Maße des Sozialen

Ressort: Wirtschaft - Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2010, Nr. 45, S. 11

Von Hans D. Barbier

Was eine Gesellschaft als "das Soziale" empfindet, ist eine normative Größe. Dessen sind sich
Wissenschaftler und Politiker bewusst, seit es "Sozialpolitik" als politische Disziplin, als Anspruchsrahmen
der Bürger und als Leistungsgröße des Staates gibt. In der Beschreibung "des Sozialen" sollte also Übung
herrschen. Umso erstaunlicher ist es, wie mit Maßzahlen und Begriffen hantiert wird, wenn es um
Gerechtigkeit der Verteilung, um Anspruch auf Hilfe und um Zumutbarkeit der Leistung aus Mitteln der
Steuerzahler geht. Und das gilt nicht nur für die fachlich Ungelernten und die sprachlich Ungelenken in der
Gesellschaft.

So hat der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, in die Begründung und Bemessung
des Anspruchs auf Hartz-IV-Leistungen ausdrücklich und hervorhebend die Steuerbelastungen einbezogen,
die Hartz-IV-Empfänger zu tragen haben. Nun ist es zweifellos zutreffend, dass auch bei Empfängern der
Leistungen nach Hartz IV Steuern und Steuererhöhungen - dort im Wesentlichen wohl aus dem konsumtiven
Bereich - belastend zu Buche schlagen. Es stellt sich aber doch die zweifelnde Frage, ob und wie
ausgerechnet bei Empfängern öffentlicher Mittel deren Steuerlast als Argument für eine Erhöhung der von
ihnen beanspruchten Leistungen der steuerzahlenden Allgemeinheit zu begründen ist. Der besteuernde und
sozial betreuende Staat kompensiert mit besonderem Anspruchsrecht diejenigen, um deren Transferbezüge
willen die Steuerlast für alle steigt.

Sicherlich gehen nicht alle Steuererhöhungen, die an Umsätze, Einkommen und Vermögen gebunden sind,
auf das Konto der alimentierenden und umverteilenden Sozialpolitik. Aber ein Teil der Steuerlast, die von
denen zu tragen ist, die keine Sozialtransfers erhalten, ist auch daraus zu erklären. Das Argument des
Gerichtspräsidenten ist also - zumindest - gewöhnungsbedürftig: Weil der Staat mehr Geld für Hartz-IV-
Leistungen ausgibt und weil der Steuereffekt dieses Eingriffs nicht in jedem Fall preisneutral ist, haben die
Empfänger der Hilfen ein umso begründeteres Recht, höhere Hartz-IV-Leistungen zu verlangen. Das ist eine
Argumentionskette, die der Forderungslogik der Sozialverbände nicht fremd ist. Aber wohin gerät die
Gesellschaft, wenn der Präsident des Verfassungsgerichts diese politisch verquere Kreislauflogik der
Umverteilung zur Grundlage der Spruchpraxis des Gerichts macht?

Von anderem und eigenem Charme ist die Anregung der Bremer Landesregierung, Empfängerinnen von
Hartz-IV-Leistungen sollten künftig einen Anspruch auf vom Staat bezahlte Verhütungsmittel bekommen.
Natürlich liegt dieser Vorschlag auf einer ganz anderen Ebene von Logik und Sitte als das Steuerargument
des Gerichtspräsidenten. Dessen Vorschlag läuft auf das Argument hinaus: Es sollte doch nicht sein, dass
sich Transferempfänger - im Klartext: Leute, die im Wesentlichen von Transfers leben - an Steuerzahlungen
beteiligen, die den Staat in den Stand setzen, Leuten ein Leben auf der Grundlage von Transfers zu
ermöglichen. Der Bremer Vorschlag indessen lässt sich im Kern auf den Satz kondensieren: "Hartz-IV-
Empfänger haben wir nun genug." Das mag ja so sein. Und wenn es so ist, dann ist es das Ergebnis einer
Sozialpolitik, an der auch die Bremer Landesregierung gestrickt hat. Ein Verhütungsmittel ist aber - von
Ausnahmen abgesehen - kein Medikament, das die Politik armen Leuten kostenfrei zur Verfügung stellt. Hier
wird das Verhütungsmittel zum Gruselergebnis einer Sozialpolitik, die die Leistungsfähigkeit der Budgets
überfordert und die daher die Zahl der Empfänger zumindest entlang der Zeitachse kleiner halten will.

Das ahnte schon Ludwig Erhard: Die ökonomischen Maße und die politischen Mittel des Sozialen stellen
Anforderungen an Urteil und Gespür derer, die diese Mittel zu bemessen und zu verwalten haben.

Der Autor ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung.