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IV. PHYSIK Die Physik des Aristoteles trigt im Griechischen den Titel physiké akrOasis‘. Dies bedeutet wortlich: Anhérung iiber die Physik’, in modemer Terminologie: ,Phy- sik-Vorlesung’. Das Werle umfasst acht Biicher, die gréGtenteils auf Vorlesungen zuriickgehen, die Aristoteles zu unterschiedlichen Zeiten gehalten hat. Die beiden ersten Biicher diirften aus der friihen, die Biicher [II-VI aus der spiten Akademie- zeit (bis 347) stammen; an diese sechs Biicher hat Andronikos von Rhodos die thematisch nahestehenden Biicher VII und VIII angefiigt. 1. ZUR PHILOSOPHISCHEN BEDEUTUNG DER PHYSIK Martin Heidegger hat tiber die aristotelische Physik gesagt, sic sei ,das verborgene und deshalb nie zureichend durchdachte Grundbuch der abendlindischen Philo- sophie*.' Verborgen‘ — denn wer kame, wenn er sich mit Philosophie befassen will, auf die Idee, zu einem Buch iiber Physik zu greifen? Warum kann eine Schrift tiber die Physik als ,Grundbuch der abendlandischen Philosophie“ gelten?* Zar griechischen Philosophie gchdrten von Anfang an Betrachtungen tiber die Natur (physis), und Physik‘ bedeutet eben , Wissenschaft von der Natur’. Hinsicht- lich der friihen Philosophen, die man vielfach als ,Naturphilosophen“ bezeichnet, denke man beispielsweise an Thales, der die These vertrat, alles sei im Grunde Was- ser, oder an Heraklit und seine Auffassung, Feuer sei das ausschlaggebende Weltele- ment. Die Reflexionen der griechischen Philosophen begannen als Reflexionen tiber die Natur. Doch hatte die Philosophie nicht langst andere und héhere Spharen erobert? Hate sie sich nicht dem Nachdenken iiber das Unveranderliche und Immerseien- de zugewandt? War diese Ausrichtung nicht gerade mit der platonischen Wendung der Philosophie ausschlaggebend geworden? Wie aber kénnte eine Thematisierung der Natur mit der Betrachtung des Immerseienden konkurrieren, ja gar fiir diese grundlegend sein? Die Natur ist doch der Bereich dessen, was durch Verainderlich- keit bestimmt ist. Selbst dic Gestirne, die man als das Unveranderlichste in der Na- tur betrachten mag, unterliegen einer Veranderung: Sie kreisen (jedenfalls nach an- tiker Auffassung). Wahrend es also die héchste Aufgabe der Philosophie ist, das 1 Heidegger, ,Vom Wesen und Begriff der Ovots. Aristotcles’ Physik B,1” [1939 verfasst, 1958 publiziere], 312. 2 Auch Wolfgang Wieland spricht von einem ,methodischen Primat der Physik" (Wieland, Die aristotelische Physik {1962}, 14). 136 IV. PHYSIK Unveriinderliche, das Ewige zu thematisieren, befasst sich die Physik blo& mit Ver- anderlichem. — Wie kann dann eine Schrift zur Physik das Grundbuch der Philoso- phie darstellen? Ich versuche eine Erklirung. Fragen wir uns: Woher haben wir eigentlich die Vorstellung des Unverinderlichen, die den Gegenstand der haheren Philosophie (etwa der Metaphysik’) bilden soll? Haben wir sie aus der Anschauung eines Un- verinderlichen gewonnen? Gewiss nicht. Dergleichen ist — anders als die Phiinome- ne der Natur — kein Gegenstand der Erfahrung. Die Idee eines Unverinderlichen haben wir uns im Ausgang von Verinderlichem gebildet. In der Natur bemerken wir neben solchem, was schnell wechselt, auch anderes, das linger wahrt. Solche Beobachtungen kénnen uns veranlassen, auf ein Immerwahrendes hinauszuden- ken ~ auch wenn wir ein solches in der Exfahrung niemals antreffen. Die Vorstel- lung des Immerseienden verdankt sich begrifflicher Extrapolation auf dem Boden der Erfahrung von Verinderlichem. ‘Zudem diirfte dabei eine emotionale Dynamik eine Rolle spielen. Oftmals hit- ten wir inmitten der Verinderlichkeiten unserer Welt gerne mehr Konstanz. Das kann uns zur Imagination eines Immerwihrenden motivieren. Das Ewige ist nicht nur ein gedankliches Ideal, sondern zugleich ein Sehnsuchtspol, der gar Ziige einer Erlésungsinsanz annehmen kann. Weil also die Idee des Ewigen konzeptuell wie emotional durch die Erfahrung des Physisch-Verinderlichen geprigt ist, kann es sehr wohl sein, dass eine Schrift wie die Physik, welche die Grundscruktur der ver- anderlichen Welt erdrtert, noch das Grundbuch fiir die Thematisierung des Ewi- gen und Metaphysischen und damit fiir die Philosophie schlechthin darstelle.? In der Tat hat das Durchdenken der Strukeur der Verdinderung Aristoteles zum Hinausdenken auf ein Unveriinderliches — ein erstes Bewegendes — veranlasst. Ich werde darauf spiiter, im Kontext der Metaphysik, eingehen. Dort wird zudem deut- lich werden, inwiefern die begrifflichen Bestimmungen der verinderlichen, also der physischen Natur die Schemata vorgeben, anhand derer dann auch die weniger veriinderlichen und somit hdheren Seinsbereiche bestimmt werden. Die Strukturen des Physischen bilden die Matrix des Unverinderlichen. Insofern ist die aristoteli- sche Physik tatstichlich ein Grundbuch fiir die Philosophie insgesamt — auch noch fir die hichste oder Erste Philosophie. 2. UBERBLICK UBER DIE THEMEN Im 1. Kapitel von Buch I erdrtert Aristoteles die Methodenfrage und komme zu dem Ergebnis, dass die richtige Methode zur Untersuchung der Natur nicht Be- richt, sondern Prinzipienanalyse ist. Die Kapitel 2-3 setzen sich mit den Eleaten 3. ,Meta-physik ist in einem ganz wesentlichen Sine ,Physik’ ~ d. h. ein Wissen von det phyisis (cpistémé physike)* (Heidegger, Vom Wesen und Begriff der ®ba1g, 311). PRINZIPIENFORSCHUNG UND BEGRIFFLICHE ANALYSE 137 auseinander, 4—6 erértern Gegensatzpaare, 7 bietet eine erste Analyse des Phiino- mens Bewegung und 8-9 enthalten einen Vergleich mit alteren Auffassungen. Buch II setzt neu an. Im 1. Kapitel wird die Definition der Natur und des Na- turseienden gegeben, Kapitel 2 behandelt Form und Materie, das 3. Kapirel enthiilt die berithmte Lehre von den Griinden. Die folgenden Kapitel erértern Fiigung und Zufall (4-6) sowic Finalitat (7-8) und Notwendigkeit (9). Buch IH bietet in den Kapiteln 1-3 eine zeitlich spitere und sachlich entwickel- tere ~ ich denke auch: eine hochkaratigere — Analyse der Bewegung. Die Kapitel 4-8 sind dem Begriff des Unendlichen gewidmet. Buch IV behandelt den Ort, das Leere und die Zeit. Buch V thematisiert uncerschiedliche Arten der Verdnderung und fragt dann, wie es um die Verhiltnisse zwischen Gegenstinden der Natur so- wie um die Finheit der Bewegung und um Gegensatzverhiltnisse zwischen diver- sen Bewegungstypen bestellt ist. Buch VI behandelt das Kontinuum und setzt sich dabei mit den zenonschen Pa- radoxien auseinander. Buch VII erdrtert eine Reihe diverser Themen. Das beriihm- te Buch VIII enthilt die Thesen von der Ewigkeit des Weltprozesses (Aristoteles zufolge hat die Welt weder einen zeitlichen Anfang noch ein zeitliches Ende) sowie von der Notwendigkeit, cinen ersten Bewegungsursprung (cin erstes Bewegendes) anzunehmen. Man hat dies spiter die ,physische Theologie* des Aristoteles ge- nannt, Denn natiirlich ist dieses erste Bewegende — das auferhalb der Welt steht und ausdehnungslos zu denken ist — ein philosophischer Begriff fiir das, was man iiblicherweise Gott’ nennt. Ich werde auf dieses Lehrstiick spater, bei der Behand- lung der Metaphysik eingehen. Halten wir aber hier schon fest: Das erste Bewegen- de ist alles andere als ein Schépfergott. Sein Bezug zur Welt ist ganz anders gedacht als im Christentum — der aristotelische Gott’ schafft die Welt niche. 3. PRINZIPIENFORSCHUNG UND BEGRIFFLICHE ANALYSE Aristoteles befasst sich mit der Natur nicht in der Weise, dass et Geschichten iiber die Natur erzihlen oder wundersame Naturphiinomene auflisten wiirde. Er bietet nicht cine Historia naturalis— mix Uberschwemmungskatastrophen, Vesuvausbriichen und dergleichen, wie das spiiter beispielsweise Plinius tun wird. Aristoteles geht nicht nar- rativ vor. Sondern er treibt Prinzipienforschung, er fragt nach den Griinden und Prinzipien, die in der Natur wirksam sind. Und seine Analyse ist zuallererst eine be- griffliche. Wenn er sich beispielsweise das Grundphiinomen der Natur, nimlich Bewegung vornimmt, dann geht es ihm darum, einen zureichenden Begriff von Bewcgung aufzustellen. Was ist die Struktur dieses Phiinomens? Was gehéret konsti- tutiv dazu? Was ist die Logik von Bewegung? Wie lassen sich verschiedene Typen 4 Eine detaillierte und zugleich konzentrierte Darstellung der diverser. Themen bietet: Cracmer- Ruegenberg, Die Naturphilosophie des Arisreles (1980). 138 IV. PHYSIK unterscheiden? Solchen Fragen geht Aristoteles nach. Auf die gleiche Weise verfihrt es, wenn er Méglichkeit und Wirklichkeit oder die verschiedenen Arten von Griin- den untersucht. Was sind die Prinzipien, nach denen man die Naturphiinomene ver- stehen kann, und wie sind diese Prinzipien begrifflich genau zu fassen? ~ Begriffsana- lyse ist die Methode und Prinzipienermitclung das Ziel der aristotelischen Physik. Dabei meint Aristoteles nicht, dass wir uns irgendein System von Begriffen aus- denken sollten, das sich dann cinigermafen erfolgreich auf die Natur anwenden lasse. Gewiss konnte man denken: Wenn ein solches System in sich schliissig ist und an keiner Stelle zu Diskrepanzen mit den Naturphinomenen fiihre, dann kann man es getrost als das richtige System der Natur anschen.> Aber Aristoteles ist kein Philosoph der Neuzeit oder Moderne — und was ich soeben skizziert habe, wiire die Auffassung der Neuzeit bzw. einer wissenschaftstheoretisch aufgelcarten (oder sich fiir aufgeklart haltenden) Moderne. Aristotcles hingegen war bestrebe, die ,wirk- lich* zutreffenden Begriffe zu finden, welche die Strukturmomente des Naturseien- den so wiedergeben, wie sie tatsiichlich sind, Er glaubte an eine Deckung zwischen dem richtigen Begriffsapparat und der tatsichlichen Struktur des Seienden. Und er meinte, diesen Begriffsapparat gefunden zu haben. 4. DER WEG DER ERKENNTNIS: VON EINEM UNDIFFERENZIERTEN GANZEN ZU DESSEN KONSTITUTIVEN EINZELMOMENTEN (I 1) Zu Beginn des 1. Kapicels erkbirt Aristoteles, dass Wissen und Begreifen ein Erfas- sen der Griinde der Erscheinungen — ihrer ersten Ursachen, Prinzipien und Ele- mente — verlangen (Phys. I 1, 184 a 10-14). Damit wiederholt er eine uns schon aus Met. I 1-2 bekannte These. Zudem weist er darauf hin, dass wir allenthalben geewungen sind, von dem auszugehen, was fir uns das Einsichtigere und Deutli- chere ist, um von da aus zu demjenigen fortzuschreiten, was an ihm selbst das Deut- lichere und Einsichtigere ist (184 a 16-18). Auch diese Unterscheidung zwischen dem fiir uns Einsichtigen und dem an ihm selbst Einsichtigen ist uns von Met. I 1 her geliufig.° Die anschlieRende Erliuterung aber klingt merkwiirdig: ,Aus diesem Grund miissen wir vom Allgemeinen zum Einzelnen voranschreiten. Denn was sich det sinnlichen Wahrnchmung darbietet, ist ein Ganzes, und das Allgemeine ist ja eine 5. Auch eine Mehrheit solch richtiger Systeme schiene akzeptabel, denn es ware ja méglich, dass un- rerschiedliche Begriffisysteme die genannte Aufgabe gleichermaigen gut exfillen, dass sie simli- che Phinomene der Natur gleich gut, obwohl auf verschiedene Weise erkliren. 6 Dore hatte es geheifen: ,[..] wie sich die Augen der Fledermause gegen das Tageslicht verhalten, so vethiile sich der Geist unserer Seele 2u dem, was seiner Natur nach unter allem am offenbarsten ist" (993 b 9-11). DER WEG DER ERKENNTNIS 139 Art von Ganzem; denn es umschlie&t viele Einzelmomente, die gleichsam seine Teile bilden* (184 a 23-26). Haben wir es nicht in den Ziveiten Analytiken genau anders gelernt, sollte ihnen zufolge die Erkenntnis nicht prinzipiell vom Einzelnen zum Allgemeinen fortschreiten? Nun scheint Aristoteles das Umgekehrte 2u be- haupten: Die sinnliche Wahrnehmung soll es mit einem Allgemeinen bzw. Ganzen zu tun haben, Wie ist diese Aussage 2u erkliren? Aristoteles erléutert das Gesagte durch Hinweis auf das Verhiltnis von Wort (noma) und Begriff (Jégos). Dabei wahle er das Beispiel des Kreises (184 a 26 — b 3). Das uns allen gekiufige Wort ,Kreis* bezeichnet den Kreis als Ganzes, den Kreis, wie wir ihn sehen. Der Begriff Kreis‘ hingegen deckt an dieser Ganzheit un- terschiedliche Momente auf und gibt deren Beziehung an: Fin Kreis, sagt det Be- griff, ist die Menge all derjenigen Punkte, die innerhalb einer Ebene den gleichen Abstand von einem Punkt haben. Wahrend also das Wort ,Kreis' nur undifferen- ziert auf das Ganze hinweist, spricht der Begriff des Kreises detailliert von Mittel- punkt, Radius, Peripherie und der Relation dieser Momente. Es kénnte also so scheinen, als fdhrten wir im Ubergang vom Wort zum Begriff merkwiirdige Dinge ein — solche, die man am Kreis tiberhaupt nicht sieht oder vor- findet. Wenn wir ,Mittelpunke' sagen, verweisen wir auf einen Punkt, der phiino- menal nicht zum Kreis gehrt, denn er befindet sich nicht auf der Kreislinie. Eben- so beim Radius: Auch von ihm sicht man, wenn man auf den Kreis blickt, nichts. Dennoch sind Mittelpunkt und Radius konstitutive, ja geradezu die eigentlich or- ganisicrenden Elemente der Kreisfigut. Der Schritt von der Wah-nehmung zum Begreifen des Kreises - vom bloBen Wort zum Begriff — decke die Prinzipien des Kreises auf, die in der phinomenalen Erscheinung, die man ,Kreis nent, als sol- che nicht wahrnehmbar sind.” Begrifflich geschen, miissen wir immer, wenn wit Kreis‘ sagen, an Zentrum, Radius und Peripherie denken. Aber wenn wir einen Kreis wahrnehmen, sehen wir nur die Peripherie. Das Beispiel lehrt also, wie wir durch begriffliche Analyse von einem zuniichst bekannten Ganzen und Allgemeinen zu dessen konstitutiven Momenten iiberge- hen: 2u den ,Einzelmomenten, die gleichsam seine Teile bilden* (freilich nicht sei- ne physischen Bestandteile, sondern seine logischen Momente). Erst dadurch wird das Phanomen verstindlich. Und wie in diesem Fall, so fiihre der Weg des Erken- nens generell von einem undifferenzierten Ganzen zu dessen logischen und konsti- tutiven Momenten. In diesem Sinn kann er als Weg vom Allgemeinen zum Einzel- nen — yon einem diffusen Ganzen zu den Details seiner Momente — bezeichnet werden, 7 Sie wiren auch durch genaueres Hinschen, durch die wahrnehmungshafte Eruierung von Details nicht auscumachen. Hier geht es vielmehr um eine begriffiche, nicht eine aisthetische Feinanalyse. 140 IV. PHYSIK 5. BEWEGUNG (KINESIS) a. Weitgespannter Begriff — verschiedene Typen Genuiner Gegenstand der Physik ist die phyjsis, die Natur, baw. das phyjsei on, das na- turhaft Seiende, Das Grundphainomen dieses Bereichs ist das Phinomen der Verande- rung bzw. Bewegung — griech. kinéss. Thm gilt Aristoteles’ besonderes Interesse. Wenn ich hinésis vorzugsweise mit Veriinderung’ tibersetze, so deshalb, weil Aénésis bei Aris- toteles ein weiter Begriff ist, der mindestens vier Typen von Verdinderung umfasst, von denen nur einer sich mit dem deckt, was wir vorrangig oder ausschlieflich im Sinn haben, wenn wir Bewegung" sagen, nimlich ,Ortsbewegung’ (phord). Die anderen “Typen der Ainésis bei Atistoteles sind: die origindre baw. substanzielle Verinderung im Sinn von Entstehen und Vergchen (génesis hai phthord), die quantitative Verinderung im Sinn von Zunahme und Abnahme (atixétis hai phtbisis) sowie die qualitative Ver- inderung bzw. das Anderswerden (alloiésis). Wir waren diesem vierfachen Bewe- gungshegriff schon zuvor, bei der Behandlung der Kategorienschrift, begegnet. Streng genommen gibt es zehn Typen von Bewegung, und zwar in genauer Ent- sprechung zu den Seinstypen: Es gibt genau so viele Arten von Bewegung und Ver- anderung wie Seinstypen’ (III 1, 201 a8 f). Beispielsweise gibt es neben den soeben genannten Veriinderungstypen auch relationale Veriinderung (ein Junggeselle wird zum yerheirateten Mann) oder Verinderung innerhalb der Kategorie des Habens (cin armer Mensch wird reich) oder des Wirkens (eine Studentin schliet ihre Haus- arbeit ab). Aber nur fiir vier dieser zehn Typen verwendet Aristotcles eigene Termini. Dabei ist noch einmal zu betonen: Wenn wir heute von ,Bewegung* sprechen, dann haben wir in erster Linie oder gar ausschlicBlich die Ortsbewegung im Sinn. Der aristotelische Begriff der Bewegung baw. Veranderung ist hingegen wesentlich weiter, er bezieht sich auf sémtliohe Formen der Verinderung. Aristoteles’ Sicht der Natur als einer Sphiire des Bewegtseins geht also weit tiber die Ortsbewegung hin- aus — diese ist keineswegs das Paradigma seines Bewegungsverstindnisses. b. Gegen die philosophische Diskreditierung von Bewegung Die Thematisierung des Veriinderlichen — des Werdenden, des Nichtbleibenden, des Bewegten — ist das gro&e Thema der Physik. Das allein schon impliziert eine gewichtige philosophische These. Denn es war eine weitverbreitete Auffassung der ailteren Philosophie, dass es Veriinderliches zwar zu geben scheine — aber eben nur soheine. In Wahrheit sei Verinderung blo ein Epiphinomen, das sich unseren trii- ben Augen aufdriinge, aber eigentlich sei sie nur Schein und deshalb keiner philo- sophischen Aufmerksamkeit wert. Aristoteles sicht das ganz anders. Seiner enga- gierten Behandlung des Veriinderlichen liegt die These zugrunde, dass Veranderung nicht blo Schein, sondern ein reales Phinomen ist. Damit widerspricht er insbe- BEWEGUNG 141 sondere der Lehre der Eleaten (Parmenides, Melissos), welche die Existenz von Ver- anderung verneint hatten. Vor allem im I. Buch der Physik setzt Aristoteles sich mit ihnen ausfiihrlich auseinander. c. Immanente Bewegungsprinzipien Aristoteles’ Grundbestimmung des Naturseienden lautet: ,Das Naturseiende ist das- jenige, was jeweils ein Prinzip seiner Bewegung und Ruhe in ihm selber hat“ (II 1, 192 b 13 f). Er ist also der Auffassung, dass Verinderung und Bewegung den natur- haften Dingen nicht einfach von auen zustoKen, sondern dass diese in sich selbst ein Prinzip ihrer Bewegung besitzen, dass ihr Bewegtsein also — zumindest auch ~ durch ihre Wesensart bestimmt ist und aus dieser heraus erfolgt. Zwar ist es nicht immer so, dass das Naturhaft-Seiende sich allein von sich aus bewegt, ohne eires Anstofes von auen zu bediirfen. Aber in jedem Fall spiele die dem jeweiligen Gegenstand cigen- téimliche Bewegungsdisposition eine wichtige Rolle. Man wird die Struktur der Bewegung daher insgesamt am besten als die cines bewegten Sich-Bewegens’ auffas- sen, als eine Kombination von aueren Anlissen und inneren Griinden der Bewegung. Ungewohnlich ist fiir uns, dass es neben den duferen Anlassen und Anstéen (an denen ja niemand zweifelt) auch noch — und entscheidend — ein inneres Bewe- gungsprinzip geben soll. Aristoteles nimmt dieses gar in die Definition der physis und der physei onta auf, wenn er sagt, dass den Naturdingen ein Prinzip der Bewegung und Ruhe innewohnt. — Wie ist das zu verstehen? Betrachten wir das Wachstum der Pflanzen. Da kénnen auch wir, zumindest in alltiglicher Rede, noch immer sagen, dass ein Baum wachsen will. Manchen Bau- men sieht man das geradezu an: Jener Baum dort war in seiner Entwicklung durch andere Baume beengt, aber er hat dann doch einen raffinierten Weg gefunden, sich zu entwickeln, indem er niche etwa geradlinig, sondern schief wuchs, indem er also Umwege in Kauf nahm, um geniigend Licht fiir seine Entwicklung zu erlangen. In solchen Fallen ist fiir uns evident, dass die Bewegung nicht cinfach etwas von au- fen Veranlasstes ist — von auf&en war sie in diesem Fall eher blockiert —, sondern dass sie in der Natur dieses Seienden liegt und aus diesem selbst ihren Antrieb hat. Der Same, der sich entwickeln will, braucht dafiir natiirlich giinstige auRere Bedin- gungen: Licht, Wasser usw. Aber auf diese Bedingungen reagiert die Pflanze eben doch selbsttitig, ihrem eigenen Antrieb, Wesen und Prinzip gemaf%. Ihr Wesen ist zugleich als Ziel wirksam, als ,Entelechie‘. Heute wiirde man das unter Hinweis auf das Genom der Pflanze erklaren. Erinnern wir uns fiir einen Moment an die im Einfithrungskapi:el zitierte Passa- ge, wo Leibniz im Riickblick auf seinen Lebens- und Denkweg berichtet, wie er im Alter von 15 Jahren im Rosental bei Leipzig spazieren ging und erwog, ob er die sub- stanziellen Formen des Aristoteles beibehalten solle.? Diese substanziellen Formen 8 Vel. Leibniz, Brief an Rémond vom 10. Januar 1714, 459. 142 IV. PHYSIK, bezeichnen die Wesensform eines Naturseienden, die augleich als dessen innerer An- trieb wirksam ist und ein immanentes Prinzip seiner Bewegung darstellt. Gegen die- se substanziellen Formen aber hatte sich die newzeitliche Wissenschaft mit aller Ve- hemenz gewandt. Sie gedachte nichts in der Natur von innen, sondern alles nur von auen zu erklaren. Selbst bei Leibniz trug — leider, wie er nachtriiglich zu verstehen gab — zuniichst die Begeisterung fiir den Mechanismus, den Cartesianismus, den newzeitlichen Wissenschaftsansatz den Sieg davon. Erst spiter habe er erkannt, dass die letzten Griinde des Mechanismus selber nicht mehr mechanistisch erklart werden kénnten, und so habe er sich genstigt gefunden, zu den substanziellen Formen, den Entelechien des Aristoteles zurtickaukehren, — Da hat man den Gegensatz zwischen der modernen Naturauffassung, die keinerlei inneren Krifte anerkennt, und der aris- totelischen Theorie, die sogar primi auf solch innere Krifte setzt. ‘Wahlen wir zur weiteren Verdeutlichung von Aristoteles’ These, dass das Natur- hafte ein Prinzip seiner Bewegung und Rube in sich hat, einen anderen Aspekt — diesmal einen recht berithmten und zugleich umstrittenen. Ich meine Aristoteles Lehre vom nattizlichen Ort, vom locus naturalis. Wenn man einen Stein hochwirft, so fillt er zur Erde zurtick. Daran zweifelt niemand. Aber wie erklare man diese Riickkehr zur Erde? Wir Modernen erkliren sie als Effekt der Gravitation. Die Erd- anzichungskraft holt den Stein zurtick. Ihretwegen vermochten wit den Stein auch schon nur ein Stiick weit hochzuwerfen, Aristoteles jedoch gibt eine ganz. andere Erklirung, Von Gravitation wei er nichts. Er sagt: Der Stein hat einen nattirlichen Ore, und dieser ist die Erde. Dort zu sein, gchdrt zum Wesen des Steines. Daher will der Stein auf der Exde — seinem natiirlichen Aufenthaltsort — verbleiben. Des- halb muss man Kraft aufwenden, um ihn hochzuheben und gar, um ihn emporzu- schleudern. Dem Stein aber bleibt seine Naturtendenz, auf der Erde zu sein, zu ei- gen; sie ist dafiir verantwortlich, dass er wieder herabfillt. Diese Naturtendenz setat sich gegen die pervertierende Kraft, die den Stein entgegen seiner Natur nach oben geschleudert hat, durch, und so kehrt der Stein, seinem natiirlichen Streben fol- gend, zur Erde als seinem natiirlichen Ort zuriick. Wir reden also, aristotelisch ge- sehen, im Alltag durchaus richtig, wenn wir sagen ,der Stein fillt herunter“ — der Stein ist tatsiichlich der Tater seiner Riickbewegung (und nicht etwa das Opfer der Erdanziehung). Betrachten wir ein anderes Beispiel, Wenn man Luft in einen Behalter ein- schlieRt, so kann man diesen ein Stick weit unter Wasser driicken, muss dafiir aber Kraft aufwenden. Das zeigt Aristoteles zufolge, dass die Luft nach oben will — zu- riick an ihren natiirlichen Ore. Sobald man die Hand wegzicht, schnellt der Behiil- ter hoch — auch die Luft drangt eben energisch zu ihrem locus naturalis. Vermutlich ist dem Leser eine solche Erklirung ginzlich fremd; er wird ihr so- eben vermutlich zum ersten Mal begegnet sein, Aber méglicherweise ist man glei chermafen tiberrascht, dass die genannten Vorginge sich anscheinend auch auf diese Weise erkliren lassen — ganz anders, als wir es gewohnt sind. Nun will ich nicht sagen, dass die ariscotelische Erklirung die richtige sei. Im Zeitaleer der Welt- raumfahrt wei jeder, dass sie falsch ist. (So verlockend sie auch fiir Astronauten sein kénnte, bite sie doch die angenehme Perspektive garantierter Riickkehr zur KRITIK DER ELEATISCHEN BEWEGUNGSNEGATION 143 Erde.) Aber auch unhaltbare Anwendungen der Lehre vom inneren Prinzip der Bewegung und Ruhe kénnen aufschlussreich sein, um das Eigentiimliche dieser Erklarungsart zu erfassen — die in anderen Fallen, dafiir sollte das Beispiel des Baumwuchses stehen, ganz untadelig ist. Dass Naturdinge ein Prinzip ihrer Bewegung und Rube in sich haben, unter scheidet sie von Artefakten, von Produkten menschlicher Herstellung. Wenn man die Materialien fiir ein Haus zusammenkarrt, dann entsteht daraus nicht von selbst ein Haus, sondern dann entstehen einem erst einmal hohe Kosten fiir Architekten und Bauarbeiter. Auch fiigt Holz sich nicht von selbst zu einem Tisch, sondern der Tischler muss das tun — und dann kann die Eigentendenz des Holzes noch immer betriichtlich gegen die Brauchbarkeit des Artefakts arbciten, ctwa indem die Tisch- platte reift. Artefakte (Kunstprodukte) besitzen als Artefakte kein inneres Prinzip ihrer Bewegung. Und ihre natiirlichen Materialien kénnen sich, weil sie noch im- mer solche Prinzipien innehaben, gegen die mit dem Artefakt verbundenen Ab- sichten kehren. 6. KRITIK DER ELEATISCHEN BEWEGUNGSNEGATION SOWIE ELEMENTARER BEGRIFFLICHER FEHLER (I 2-6) In den Kapiteln 2-6 des I. Buches legt Aristoteles zuniichst dat, dass man Bewegung annebmen muss. In einer argumentativen Kultur, in der es geradezu an der Tages- ordnung war, das Phiinomen ,Bewegung’ zu leugnen, musste dies eigens gezeigt werden. Aristoteles argumentiert gegen die Eleaten, denen zufolge alles eins und unbe- wegt sein soll. Er lege hier das Musterbeispiel einer begrifflichen Widerlegung vor. Aristoteles fragt, was der Satz ,alles ist eins“ genau bedeuten solle. Er kann namlich viclerlei bedeuten — vielleicht allzu viel und damit am Ende zu wenig Bestimmtes. Beispielsweise miisse prizisiere werden, wie das ,ist‘ gemeint sein soll. Es kénnte et- wa im Sinn der Substanz gemeint sein — dann wiirde ,alles ist eins“ besagen, dass ,cins‘ dic Substanz, das Wesen des ,alles' ist — dass alles einheitlich ist. Es kinnte aber auch quantitativ verwendet sein: Alles ist eins — und. nicht etwa zwei oder drei. Oder ist es im Sinn der Qualicéit gebraucht, so dass der Satz bedeutet ,Jegliches, das es gibt, hat den Charakter der Finheit“? Wie man sicht, handelt es sich um drei ganz unterschiedliche Aussagen. Solange der Behauptende nicht angibt, ob er das jist’ im Sinn der Substanz oder der Qualitit oder der Quantitét verstanden wissen méchte, lohne es sich gar nicht, auf seine Aussage tiberhaupt einzugchen. Unspezi- fiziert klingt sie allenfalls groRartig, besagt aber nichts. Das gleiche Problem besteht hinsichtlich des Wértchens ,eins‘. Auch es kann vielfachen Sinn haben (185 b 6). Soll es im Sinn der Kontinuitét gemeint sein — al- le Dinge sind miteinander verkettet und gehen nahtlos ineinander iiber? Oder soll es Unteilbarkeit bedeuten — es lassen sich innerhalb des Ganzen keine Abgrenzun- 144 IV. PHYSIK gen feststellen? Oder soll es im Sinn des Wesens zu verstehen sein — alles ist von gleicher Art, es gibt keine Unterschiede? So méchten es viele wohl am ehesten ver- stehen. Anscheinend bemerken sie nicht, dass sie dadurch in Teufels Kiiche gera- ten. Beispielsweise miissten sie, wenn es tatsichlich gar keine Unterschiede geben sollte, auch einen Satz wie ,,das Nichts ist seiend* zulassen und vertreten; tiber- haupt miissten sie bereit sein, einem jeglichem ein jedes Pridikat zuzusprechen und ebenso auch wieder abzusprechen. Satze wie ,,das Seiende ist seiend“ und ,,das Nichtseiende ist seiend“ und ebenso ,,das Seiende ist nicht-seiend“ und ,,das Nicht- seiende ist nicht-seiend“ waren gleichbedeutend — was aber doch offensichtlich je- de Aussage und damit auch die Ausgangsthese , alles ist eins“ aufheben wiirde. Aristoteles’ analytisches Vorgehen ist wohltuend und padagogisch wie therapeu- tisch vorbildlich. Leuten, die andauernd mit Allthesen und pauschalen Welterkla- rungen daherkommen, sollte man nicht mit gleichem Bombast antworten. Besser fragt man sie, was sie mit ihren Grosprechereien denn genau meinen. Ein paar begriffliche Differenzierungen, und schon werden sie ins Schwitzen und bald — das durfte jedenfalls Aristoteles noch hoffen — ins Verstummen geraten. ‘Wenn Aristoteles sich einer Sache sicher war, legte er keine gespielte Bescheiden- heit an den Tag. Vielmehr hat er dann sogar die renommiertesten Philosophen hart angefasst — so im I. Buch der Physik den grofen Parmenides, den Hauptvertreter der eleatischen Schule. Dieser, sagt Aristoteles, habe die Mannigfaltigkeit der Be- deutungen des Ausdrucks ,seiend’ nicht erkannt, sondern den Terminus fiir univok gehalten — daraus erklire sich seine ganze fehlerhafte Anschauung (I 3, 186 a 24 f.). Im Detail kénne man Parmenides' Fehler beispielsweise durch folgende Uberle- gung erkennen (sie ist in der Tat vernichtend): Einmal angenommen, der Ausdruck sweift habe eine villig klare und eindeutige Bedeutung (Aristoteles wihlt bewusst einen solch ecinfachen und univoken Terminus), ergibt sich dann daraus auch schon, dass alle weifSen Dinge ein einziges Ding sind? Natiirlich nicht. Zwar haben sie alle das Weifsein gemeinsam, aber als Dinge bleiben sie gleichwohl verschieden. Schnee und Brautkleid sind nicht dasselbe. Die Ubereinstimmung in einem Pridi- kat (wei8') hebt die Vielheit der Dinge, die da iibereinstimmen, nicht auf. Quali- tatives Einssein verfiigt nicht schon substanzielles Einssein. So einfach — durch solch falschen Indifferentismus — lisst sich zur All-Einheit nicht gelangen. Aber das begriff Parmenides nicht“ (186 a 25-32). Derlei Fehlschliisse also ergeben sich, wenn man die unterschiedlichen Bedeu- tungen von ,ist’ und ,eins‘ nicht auseinanderhalt und aus der Ubereinstimmung in einer Hinsicht unzulissigerweise cine Ubereinstimmung in allen anderen Hinsich- ten folgert. Im iibrigen ist offenkundig, dass allein schon die Rede von alles‘ die An- nahme impliziert, dass es vieles gibt (solches, was zumindest in manchen Hinsich- ten verschieden ist). Mit alles ist eins“ kann man sinnvollerweise nur meinen, dass das Viele, das wir kennen, sich aus einer anderen ~ ciner tieferen oder héheren — Perspektive als tibereinstimmend darstellt. Aber dann hat man, um diese Aussage iiberhaupt vorbringen zu kénnen, schon wieder zwei Perspektiven bzw. Ebenen (und nicht blo& eine) ansetzen und unterscheiden miissen — und so weiter. Nicht einmal die Einheitsthese als solche entkommt der Vielheit. ERSTE BEWEGUNGSANALYSE 145 7. ERSTE BEWEGUNGSANALYSE — DIE BEGRIFFLICHE STRUKTUR VON ,BEWEGUNG' (I 7) Gehen wir zur begrifflichen Analyse der Bewegung tiber, wie Aristoteles sie in 17 vortriigt, nachdem er in den vorangegangenen Kapiteln gezeigt hat, dass es nicht angeht, Veriinderung und Bewegung schlicht zu leugnen.? a. Redeweisen Zauniichst bestimmt Aristoteles den allgemeinen Begriff des Werdens. Zu diesem Zweck betrachtet er, wie man den Ausdruck ,werden‘ verwendet. Man sagt bei- spielsweise ,,cines wird aus etwas anderem*. Man sagt aber auch ,etwas wird etwas anderes*. Das letztere lasst sich zudem auf zwei verschiedene Weisen formulieren, indem man namlich an der Subjekts- und Pridikatsstelle entweder einfache oder komplexe Ausdriicke verwendet. Beispiele fiir die Verwendung einfacher Ausdrii- cke waren: ,cin Mensch wird gebildet* oder das Nichtgebildete wird gebildet“; das entsprechende Beispiel fiir komplexe Ausdriicke wire ,der nichtgebildete Mensch wird ein gebildeter Mensch* (1 7, 189 b 32 — 190 a 7).!° Gewiss ist jedesmal der gleiche Sachverhalt gemeint, aber er wird sprachlich verschieden ausgedriickt. — Was lasst sich diesen Redeweisen entnehmen? Sie geben einen Wink beziiglich der begrifflichen Struktur des Werdens. Ers- tens gibt es anscheinend zwei verschiedene Typen von Werden. Sie sind durch die Redeweisen ,,eines wird aus etwas anderem“ und ,,etwas wird zu etwas anderem* reprasentiert. Zweitens kann die zweifache Méglichkeit, den letzteren Fall auszu- driicken — namlich entweder einfach oder komplex — als Schliissel zur inneren Struktur des Werdens aufgefasst werden. Die beiden Formulierungsweisen sind offenbar aquivalent, sagen auf verschiedene Weise dasselbe — die einfache Rede- form ist nur eine Abkiirzungsversion der komplexen Vollform. Mithin kann man in jedem Fall (sowohl beziiglich des Ausgangs- wie des Zielpunktes des Werdens), ohne in der Sache etwas zu dndern, die einfache Form durch die komplexe erset- zen. Also besitzt offenbar der Ausgangs- wie der Endbestand des Werdens eine du- plizitare Struktur: Zwei Momente sind durch eine Art innere Komposition ver- bunden. Wenn Aristoteles hier die Redeweisen als Wegweiser zur Erfassung der begriffli- chen Struktur benutzt, so darf man das nicht missverstehen. Man hat Aristoteles in neuerer Zeit verschiedentlich einen Sprachphilosophen genannt — und damit tiber- 9 Diese Analyse ist cin Musterbeipiel daftir, was es (im Sinn der Ausfiihrungen von Phys. I 1) hei, cin ungegliedertes Ganzes begrifilich auf seine konstitutiven Elemente hin zu analysieren. 10 Natirlich sind auch Zwvischenformen méglich, etwa ,der nichtgebildete Mensch wird gebildet® oder ,der Ungebildete wird ein gebildeter Mensch‘. 146 IV. PHYSIK treibend gemeint, er sei cin antiker Vorlaufer der modernen, analytisch orientierten Sprachphilosophie (ctwa Oxforder Art). Aber Aristoteles rekurriert auf den Sprach- gebrauch nicht einfach, um ~ im Stil einer Ordinary Language Philosophy‘ — zu sagen: So, wie wir sprechen, so ist es richtig, und die Philosophen sollten an diesem Sprachgebrauch nicht drehen, sondern ihm folgen. Aristoteles wiirde keineswegs in jedem Fall behaupten, dass ,die Bedeutung eines Wortes [...] sein Gebrauch in der Sprache* sei.!" Er ist vielmehr tiberzeugt, dass wir in unserem iiblichen Sprechen manchmal wenig sinnvoll, vielleicht sogar reichlich unsinnig verfahren. In derarti- gen Fallen sollte die Philosophie am Sprachgebrauch Kritik tiben.”? Aber in vielen Pillen kann der Sprachgebrauch tatsichlich aufschlussreich sein — wenn man ihm priifend das Richtige zu entnchmen wei. Und darum bemiiht sich Aristoteles, Andererscits bedeutet sein Vorgehen auch nicht, dass er der Meinung wat, es sei viel Weisheit in der Sprache enthalten. Aristoteles ist von Sprachgehorsam und Sprach- mystik gleich weit entfernt. Er niitzt dic Sprachbetrachtung als Sonde fiir begrifili- che Verhalenisse b. Begriffliche Momente Dem — manchmal zwar nur impliziten, in jedem Fall aber explizierbaren — Doppel- charakter der Ausgangs- wie der Endbestimmung ist hinsichtlich der Struktur des Werdens Folgendes zu entnehmen (I 7, 190 a 13-21): Am Anfang steht immer ein Doppeltbestimmtes, denn zum Gegenstand, der in das Werden cintritt, gehért ei- nerseits etwas Substrathaftes (das hypokeimenon), andererseits eine mit diesem ver- bundene Bestimmung. Im Werdeprozess wird dann das Substrat bleiben, wahrend die Bestimmung dahinfillt, indem sie in ihr Gegenteil (das antike/menon) tiber- geht, Der Endzustand wird dann durch die Verbindung des beharrenden Substrat- moments mit der neu angenommenen Bestimmung gekennzeichnet sein. Wenn beispielsweise cin nichtgebildeter Mensch ein gebildeter Mensch wird, so bleibt sein Menschsein unverdndert bestehen, aber an die Stelle seines Ungebildetseins tritt sein Gebildetsein. Die komplexe Redeweise gibt also jeweils die vollsedndige Bestimmung des Wer- degegenstandes an. Sie kapriziert sich nicht blo auf das Verinderungsmoment (der Nichtgebildete wird ein Gebildeter"), sondern nennt zugleich das Beharrens- moment (,der nichtgebildete Mensch wird ein gebildeter Mensch“). Die einfache Beschreibungsart hingegen konzentriert sich auf das Verinderungsmoment, gibt nur dieses an — es steht beim Bewegungsphinomen ja auch im Vordergrund. Oder genauer gesagt: Hinsichtlich des Endzustandes gibt sie nur das Veranderungsmo- ment an (,... wird gebildet), wihrend bei der Charakterisicrung des Ausgangszu- standes sowohl das Beharrens- wie das Verainderungsmoment genannt werden kén- 11 Wivegenstein, Philasophische Untersuchungen (1953), 262 (43) 12 Auch gibt es Fille, wo das sprachliche Profil unterentwickelt ist — wo uns dic Begriffe fiir phiino- menal erforderliche Unterscheidungen fehlen. Dann gilt es, entsprechende ‘Termini zu kreieren, ERSTE BEWEGUNGSANALYSE 147 nen (,der Mensch wird gebildet“ oder ,der Nichigebildete wird gebildet*). Freilich ist auch dann, wenn die einfache Redeweise gewahlt wird, das andere Moment im- mer implizit mitverstanden, es wird nur nicht explizit angefihrt. c. Bewegung als Kompositum aus Beharren und Veranderung Die wesentliche Einsicht dieser Analyse des Werdens liege darin, dass zu , Werden‘ stets zweierlei gehért: etwas, das beharrt, und etwas, das sich veraindert (190 b 10-13). Das erstere ist, obwohl von der Verinderung ausgenommen, gleichwobl eine unver- zichtbare Bedingung fiir den Werdeprozess: als dasjenige, an dem sich das Werden vollzieht. Das letztere hingegen ist dasjenige, in dessen Dimension sich die Verinde- rung abspiclt: cine Bestimmung geht in ihr Gegenteil diber. Man kénnte diese Dop- pelfigur von Beharrens- und Veriinderungsmoment paradox formulieren: Zum Wer- den gehért sowohl ein Nicht-Werden als auch ein Werden. Genauer muss man freilich sagen: Bewegung ist, begrifflich geschen, stets drei- glicdrig, Da ist erstens das Bleibende: das Substrat, das ypoke/menon des Werdens, etwa dieser Mensch; diesem ist zweitens eine Ausgangsbestimmung zucigen, die im Verlauf der Bewegung verschwinden wird: beispielsweise das Nichtgebildetscin; und drittens wird stattdessen eine neue Bestimmung erworben, die an die Stelle der verschwindenden Ausgangsbestimmung tritt: das Gebildetsein. Jedermann weil, dass Bewegung, zeitlich gesehen, ein Dreitakter von Ausgangszustand, Bewegungs- vorgang und Endzustand ist. Hier kommt es aber darauf an, dass die Bewegung auch begrifflich betrachtet — auch ihrer inneren Serwktur nach — ein Dreitakter ist: Bewegung ist der Ubergang einer Bestimmung in eine andere an einem Bleibenden. Die Pointe von Aristoteles’ Analyse liegt in dem Aufweis, dass Bewegung ohne ein Beharrendes gar nicht gedacht werden kann. Das Letztere bildet gleichsam das Standbein, dessen es bedarf, damit die Veriinderung, auf der Spiclbeinseite iiber- haupt méglich ist. Bewegung ist ein Kompositum aus Beharren und Verinderung. Das mag unerwartet klingen, aber darauf lauft Aristoteles’ Aufklarung des Phano- mens zu. Die Bewegung vollzicht sich in einer bestimmten Scinsdimension des Ge- genstandes, aber das ist nur méglich, wenn eine andere ~ und zwar eine tragende — Seinsdimension unverindert bleibt. Der Fehler vieler traditioneller Erérterungen yon Bewegung lag darin, nur das Verinderungsmoment ins Auge gefasst zu haben — eben das fiihrte zu den Einseitigkeiten der Bewegungsnegation oder Bewegungs- verabsolutierung. Aristoteles hingegen weist nach, dass keine Bewegung ohne ein Bleibendes erfolgen kann. ,Bewegung' ist nie ,reine Bewegung". d. Wider zwei Einseitigkeiten Aristoteles’ Analyse erweist sowohl die eleatische These reinen Beharrens als auch die herakliteische These reinen Werdens als falsch. Ich habe zuvor dargelege, wie Aristoteles in den Kapiteln 2-6 die eleatische Negation von Bewegung kritisiert. 148 IV. PHYSIK Jetat verstehen wir, warum er gleichermafen scharf Kritik an Heraklit tibt. Dessen (vermeintliche) These, dass alles im Fluss sei (pdnea rhei), ist Aristoteles zufolge blo- Res Gerede, mit dem man sich eigentlich gar nicht auseinanderzusetzen braucht (12, 185 a7 £,)."3 Der bertihmte Satz, man kénne nicht zweimal in denselben Fluss steigen, setzt ja offenbar zumindest zwei Konstanzen voraus: die des Flusses (denn es soll nicht méglich sein, zweimal in denselben Pluss zu steigen, das aber verlangt, dass man diesen Fluss zu zwei verschiedenen Zeitpunkten als denselben identifizieren kann ~ die Donau darf nicht plotzlich der Rhein sein), und ebenso ist die Konstanz der Person erforderlich (auch die Person muss zu den verschiedenen Zeitpunkten als dieselbe gemeint bzw. identifizierbar sein ~ nicht soll etwa statt Mao Tse-tung plowz- lich Barack Obama in den Jangtsckiang steigen). Man kann also, wie extrem auch immer man von Bewegung reden will, von ihr gar nicht sprechen, ohne zugleich Konstanz mitzudenken. Die Rede von reiner Bewegung hebt sich selbst auf. Aristoteles’ Bewegungsformel — Bewegung ist ein Kompositum aus Beharren und Vertinderung ~ erlaubt, das partiale Recht, vor allem aber auch die iibertriebe- ne Einseitigkeit und die daraus resultierende Fehlethaftigkeit sowohl der eleati- schen wie der herakliteischen Position zu erkennen. Die einen — die Eleaten, die Konstanztheoretiker — haben darin Recht, dass sie auf ein Bleibendes hinweisen; aber sie haben Unrecht, wenn sie dariiber die Verainderung negieren. Die anderen ~ die Herakliteer, die FlieRtheoretiker — betonen zu Recht die Offensichtlichkeit von Verinderungen, begehen aber den umgekehrten Fehler, wenn sie iberschen, dass zu jedem Wandel auch ein Bleiben gehart Aristoteles’ Verstindnis von Bewegung ist diesen polar entgegengesetzten Ein- seitigkeiten tiberlegen, die nicht imstande sind, der Komplexitit des Phiinomens gerecht zu werden. Sie vermégen sozusagen nicht bis zwei, geschweige denn bis drei zu zahlen. Sie kennen nur entweder Beharren oder FlieSen und verfehlen die begriffliche Strukcur der Bewegung. Ein bekannter Satz des Aristoteles lautet, dass das Rechte immer in der Mitte liegt.45 Natiirlich meint Aristoteles damit nicht, wenn der eine dies und der andere evwas anderes sagt, dann solle man kompromissbereit sein, solle sich vorsichtshal- ber in der Mitte ansiedeln, so werde man am wenigsten falsch liegen. Aristoteles vertritt nicht diese flaue Version eines In-der-Mitte-Liegens der Wahrheit, sondern denkt genau umgekehrt. Wenn man die Struktur einer Sache nach griindlicher Analyse erfasst hat, dann kann man wetten, dass sich im Feld der gesellschaftlichen 13 Freilich: So berithme die Formel panta rheé auch wurde ~ in den iberlieferten Fragmenten des Heraklic finder sie sich nicht. Nur hat Platon den Anhingern des Heraklit eine solche Auffassung in den Mund gelegt (vg). Theater, 179 d ~ 183 c, bes. 182 ¢3 £). Eine differenzierende Analyse von Heraklits Auffassung bietet Rapp, Vorsokratiker [1997], 73-79. 14 Um der historischen Gerechtigkeit willen muss man freilich sagen, dass Heraklit sehr wohl eine bleibende Struktur angenommen hat: die des légas - die ihm zufolge im Ubrigen so ist, dass sie der Bewegung nicht entgegensceht, sondern diese hervortreibt. Vel. Verf., Homo mundanus. Jen seits der anthropischen Denkform der Moderne [2012], 35. 15. Ich werde darauf genauer bei der Behandlung der Nikomachischen Ethik eingehen. ZMWEITE BEWEGUNGSANALYSE, 149 Meinungen sowie der philosophischen Theoreme Abweichungen von dieser wah- ren Position in polar entgegengesewte Richtungen finden werden. Die Einseitig- keiten und Extreme entstehen von der Mitte aus. Die Mitte ist nicht als jene vor- sichtige Position zu verstchen und zu wihlen, die ein Stiick beider Wahrheiten ent- halten wird. Sondern jede Wahrheit, die auch nur ein bisschen komplex ist, indem sie erwa zwei Momente zu vereinigen verlangt, wird fiir viele schon 7u schwierig sein, so dass sie blo in die eine oder die andere Richtung schielen und das dort sich Zeigende schon fiir die ganze Wahrheit halten. Die Extreme sind von dieser wahren Mitte aus 2u kritisieren, nicht ist diese als fauler Kompromiss awischen fal- schen Extremen aufrufassen. © Entstehen und Vergehen — Ubergang zur zweiten Bewegungsanalyse Aristoteles zeigt des Weiteren, dass mit seiner Bewegungsformel nicht nur Prozesse der Qualitatsverinderung erklart werden kénnen, sondern dass selbst der Extremfall der Verinderung, das substanzielle Entstehen und Vergehen, nach diesem Modell begriffen werden kann (I 7, 190 b 1-10). Beim Entstehen und Vergehen bedienen wir uns im Allgemeinen der Ausdrucksweise ,eines wird aus etwas anderem“. Diese Formel verrat, dass auch in diesem Fall dem Werden cin Substrat (hypokefmenon) zugrunde liegt — trivial formuliert aus nichts wird nichts. Pflanzen und Tiere bei- spielsweise entstehen aus dem Samen, und die Hermesstatue wird aus dem Stein ge- fertigt. Die Materie muss schon da sein und bleiben, nur dann kann cin Gebilde mit neuer Form entstehen. Das in 17 entwickelte Bewegungsmodell gilt also fiir sdzeli- che Typen des Werdens, fiir substanzielle ebenso wie fiir akzidentelle Werdeprozesse. Gegen Ende des I. Buches (I 9) kommt Aristoteles auf einen anderen Vorschlag zu sprechen, wie man das Bewegungsphinomen fassen kénnte, namlich mittels der ‘Termini Méglichkeit und Wirklichkeit. Dabei wiirde man die Verinderung nicht, wie in I 7, gegensatzlogisch als Wechsel einer Bestimmtheit in ihr Gegenteil hegrei- fen (von ,nicht-gebildet* zu ,gebildet’), sondern modallogisch als Verwirklichung einer zuvor schon bestanden habenden Méglichkeit auffassen: als Ubergang von sder Méglichkeit nach gebildet’ 2u ,wirklich gebildet’. Diesen Ansatz greift Atisto- teles dann in sciner zweiten (der spateren und reiferen) Bewegungsanalyse auf, die er in den Kapiteln 1-3 des III. Buches entfaltet. 8. ZWEITE BEWEGUNGSANALYSE (IIT 1-3) Aristoteles beginne mit der Erliuterung des Unterschiedes von Méglichsein und ‘Wirklichsein. Dass dieser Gegensatz fiir das Werden cinschligig sein kann, ist leicht erkennbar: Wenn wir jemanden 2unichst als zungebildet’ bezeichnen, so schlieft 150 IV. PHYSIK das ja schon die Auffassung cin, dass es fiir ihn prinzipiell méglich wire, gebildet zu werden, dass er es nur gegenwirtig noch nicht ist. Es kiime uns hingegen nie in den Sinn, einen Stein ungebildet zu nennen — eben weil dieser tiberhaupt nicht gebildet werden kann; diese Méglichkeiet ist bei ihm nicht blo& unentwickelt, sondern sie fehlt ihm schlechthin. Einen Lernptozess kann man also als Ubergang von der Méglichkeit des Gebildetseins ur Wirklichkeit des Gebildetseins verstehen. Und so generell: Bewegung ist die Verwirklichung einer Méglichkeit. a. Bewegung als Wirklichkeit des Méglichseienden als solchen aa. Eine scheinbar paradoxe Definition (III 1) In III 1 laurer Aristoteles’ generelle— und jetzt eben modaltheoretische — Definition der Bewegung: ,,Bewegung ist die Wirklichkeit des Méglichseienden als solchen* (201 a 10 £) Eine etwas ausfiihrlichere Ubersetzung wiirde lauten: ,Bewegung ist die Wirklichkeit (entelécheia) des sich im Zustand der Méglichkeit Befindenden als eines solchen (also als eines sich im Zustand der Méglichkeit Befindenden)*. Diese Definition scheint paradox. Denn Bewegung soll die Wirklichkeit einer Méglichkeit als Méglichkeit sein. Stehen Wirklichkeit und Méglichkeit denn nicht in einem ausschlieSenden Verhiltnis zueinander? Muss etwas nicht entweder mog- lich oder wirklich sein? Hier jedoch scheint beides direkt miteinander verkniipft werden zu sollen: Die Bewegung soll die Wirklichkeit einer Mglichkeit sein, Und dies nicht etwa nebenher, sondern im Kern und ganz und gar: Sie soll die Wirklich- keit der betreffenden Méglichkeit a/s Maglichkeit sein. Alles wird darauf ankom- men, dieses scheinbare Paradoxon 2u begreifen, Erst wenn uns dies gelingt, werden wir Aristoteles’ Sicht und Bestimmung von Bewegung verstanden haben.'® bb. Dic Standarddeutung Fiir gewohnlich greift man, um dieser Paradoxie zu entkommen, zu folgender Deutung. Die Bewegung fithre offenbar zur Verwirklichung einer Méglichkeit: Am Ende der Bewegung wird das, was zuvor nur eine Méglichkeit war, als Witklichkeit vorliegen (ctwa das Gebildetsein). Aristoteles’ Rede von der Bewegung als Wirk- lichkeit einer Méglichkeit beziche sich also auf diesen Endzustand, wo die Mig- lichkeit Wirklichkeit geworden ist. Und da mache sie zweifellos und unproblema- tisch Sinn: Die Méglichkeie ist verwirklicht. Allerdings hat diese Auffassung das Missliche, dass Aristoteles ihr 2ufolge in der Bestimmung der Bewegung gar nicht von der Bewegung als solcher, sondern nur 16 Descartes hingegen begniigte sich damit, diese Definition der Bewegung als obskur und unver- stindlich 2u diskreditieren — ihre Abwegigkeie zeige sich schon daran, dass sie im Franzisischen (!) gar keinen Sinn mache (Descartes, Thaité de la lumieve [entst. 1632/33, publ. 1663], 39). ZWEITE BEWEGUNGSANALYSE, 151 von ihrem Ergebnis gesprochen hitte und also — schlimmer noch — yon einem Zu- stand, wo gerade keine Bewegung mehr stattfindet, sondern wo diese vorbei ist. Atistoteles hitte also das cigentliche Thema der Bewegung als solcher verfehlt. — Freilich hat nicht er es verfehle, sondern diese Auffassung verfehlt es. cc. Aristoteles; Thematisierung des Vorgangs, nicht des Resultats der Bewegung Das Besondere der aristotelischen Analyse liegt gerade darin, dass sie den Vorgang der Bewegung, die Bewegung selbst xu denken und zu bestimmen unternimmt — nicht etwa den postkinetischen Zustand nach dem Ende der Bewegung, Aristoteles lehnt eine solche Flucht in den Endzustand (wie sie fiir die Standarddeutung cha- rakteristisch ist) sogar ausdriicklich ab. Er weist darauf hin, dass die Bewegungs- wirklichkeit, von der er in seiner Analyse spricht, die des Vorgangs und nicht die des fertigen Werkes ist. Er macht das am Beispie! des Bauens klar, indem er den Vor- gang des Bauens und dessen Endprodukt, das fertige Haus, einander gegeniiber- stellt und sagt, dass dann, wenn das Haus fertig ist, kein Bauvorgang mehr stattfin- det, sondern dass dieser dann an sein Ende gekommen, dass es dann also mit der Wirklichkeit der Bewegung als solcher — des Bavens namlich — vorbei ist (201 b 10-13). Aristoteles unterzieht sich der anspruchsvollen Aufgabe, die Wirklichkeit der Bewegung selbst zu verstehen, statt sie anderswoher — von einem bewegungslosen Vorher oder Nachher aus — zu konstruieren. In diesem Sinn betont er, ,dass eine Bewegung genau solange stattfindet, wie diese Art von Wirklichkeit besteht, und weder vorher noch nachher“ (201 b 6 £.). Dieser Anstrengung des Aristoteles, sich auf die Wirklichkeit des Bewegungsvorgangs 2u konzentrieren, gilt es gerecht 7 werden. Man darf, was einem dabei als Paradoxie erscheint, nicht durch eine Ver- schiebung des Blicks auf den Endzustand beseitigen. Aber wie lisst sich begreifen, dass der Vorgang der Bewegung als die Wirklichkeit einer Moglichkeit als Méglichkeit 2u bestimmen ist? Wenn cin Bildungsprozess statt- findet, so ist der Lernende, solange der Lernprozess andauert, noch kein Gebildeter. Das Gebildetsein im vollen Sinne fehlt ihm noch, er ist nur auf dem Wege dorthin. Solange er lernt, befindet sich seine Méglichkeit, cin Gebildeter zu sein, im Vorgang der Verwirklichung. Dieser Prozess hat also, was das Méglichkeitsmoment angeht, eine doppelte Charakteristik: Binerseits liege die Moylichkeit nicht aelir cinfachhin brach, sondern ist aktiviert, und insofern besteht ein Wirklichsein dieser Méglich- keit. Andererseits aber ist diese Méglichkeit, solange der Lernprozess andauert, noch immer zumindest ein Stiick weit blo8 als Méglichkeit prasent, sie ist noch nicht voll realisiert, sondern befindet sich noch immer in der Verwirklichung, der Prozess be- trifft also weiterhin ihren Méglichkeitscharakter. Erst am Ende, wenn der Lernpro- zess abgeschlossen ist, wird kein Méglichkeitsrest mehr bestchen. Aber dann ist es eben auch mit der Bewegung vorbei. Wenn keine Méglichkeit mehr ausstcht, ist auch keine Bewegung mehr méglich. Anders gesagt: Bewegung und Méglichkeit 152, IV. PHYSIK sind strikt aneinander gekoppelt, sie sind koextensiv. Bewegung bedeutet die Ver- witklichung einer Méglichkeit — solange diese noch Méglichkeit ist. Eben dies bringe die aristotelische Definition der Bewegung als ,Wirklichkeit des Méglichen als Méglichen* trefflich zum Ausdruck (201 4 £)."” Sie ist nicht paradox, sondern phinomenadaquat, Die Definition artikuliert das Zwitterwesen der Bewegung, Ver- wirklichungsvollzug einer Méglichkeit 2u sein. dd. Die Verkoppelung von Méglichkeit und Wirklichkeit (III 2) Aristoteles erklart das Scheitern seiner Vorgiinger in Sachen Bewegung aus dieser Verkoppelung von Wirklichkeit und Méglichkeit, wie sie fiit die Bewegung charak- tetistisch ist. Flr viele wurde diese Doppelnatur zum Anlass, Bewegung tibethaupt fiir unfassbar zu halten und in den Bereich des Unbestimmten abzuschieben: , Jener Anschein aber, die Bewegung sei etwas in sich Unbestimmtes, wurzelt in der Un- méglichkeit, sie eindeutig sei es auf die Seite der Maglichkeit, sei es auf die der Wirklichkeit des Seienden zu setzen* (III 2, 201 b 27-29). Bewegung passt nicht in dic simplen Schemata. Parmenides hatte Bewegung fiir Schein erklart und dagegen auf reines Sein gesetzt. Heraklit hingegen hatte (angeblich) iiberall nur Bewegung geschen und durch diese Universalisierung das Verstindnis det Bewegung ebenfalls verfehlt. Der Begriff der Bewegung haingt — in der Perspektive von I7 gesprochen — grundsitzlich daran, dass man die zu ihm gehdrende Kemposition von Verinderung und Bleiben zu erfassen vermag. Und er hangt — mit der Terminologie von Il 1-3 gesprochen ~ daran, dass man dic bewegungsspezifische Verkoppelung von Wirk- lichkeit und Méglichkeit begreift. Das simple dichotomische Schema von Maglich- kei versus Wirklichkeit ist unzureichend. Solange man meint, etwas miisse eindeu- tig entweder auf die Seite der Méglichkeit oder der Wirklichkeit gehdren, muss Bewegung in der Tat als etwas Paradoxes oder Unbestimmtes und Unmégliches er- scheinen — diesem dichotomischen Schema fiigt sie sich nicht, Aber daraus folgt eben nicht, dass es keine Bewegung gebe, sondern nur, dass dieses dichotomische Schema unangemessen ist. Am Ende des Abschnittes sagt Aristoteles: ,Es ist schwietig, die bewegungs- sperifische Wirklichkeit in den Blick zu bekommen" ~ das solle aber nicht Anlass sein, ihre Existenz 2u bestreiten (202 a 2 £). Man solle vielmehr beachten, dass die spezifische Wirklichkeit der Bewegung nicht die einer vollendeten (einer zu Ende gekommenen), sondern die einer noch unvollendeten (einer im Vollzug stehenden) Moglichkeit ist (201 b 31 £.). Die Méglichkeir ist selbst noch ,in Bewegung’, und Bewegung ist stets die Wirklichkeit einer solcherart unvollendeten Maglichkeit (201 b 32)."® Das hat die wichtige Konsequenz, dass die Unvollendung hier nicht 17 So schon 201 a 10 fs etwas spaiter heif es ahnlich: ,Bewegung ist die Wirklichkeit des Bewegten als Bewegten“ (202 a7 f). 18 Die Wirklichkeit der Bewegung ist fir Aristoteles die Wirklichkeit eines ~ qua Méglichkeitssta- tus —wesenhaft Unvollendeten, und so betont er eigens, dass das Unvollendetheits-Moment sich ZNVEITE BEWEGUNGSANALYSE, 153 cin Mangel ist, sondern wesensmikig zum Phinomen gehért. Ware die Maglich- eit schon vollendet, so gibe es keine Bewegung. Insgesamt bildet also die Verkoppelung von Wirklichkeit und Méglichkeit das Herzstiick der Bewegung. Deren Begriff verlangt, das simple dichotomische Sche- ma von Wirklichkeit versus Méglichkeit 2u tiberschreiten (201 b 33-35). Dies hat Aristoteles mit seiner Bestimmung der Bewegung als Wirklichkeit cines Méglichen als Méglichen geleistet (202 a 1 f). Er har die Wirklichkeit des Bewegten ais eines Bewegten vor Augen gebracht. ce. Missverstiindnisse der aristotelischen Bewegungsdefinition Man hat Aristoteles’ Bewegungslehre und den eminenten Klarungsfortschritt, den sic bringt, selten verstanden. Die erwahnte Standarddeutung ist der Beleg dafiir. Aber auch wer iiber sie hinausstrebte, hat oft nicht erkannt, wie weit schon Aristo- teles tiber sie hinaus war. Ich gebe drei Beispiele. Heinrich Rombach schreibt: ,,Allgemein (und im Anschluss an Aristoteles) wird iiber die Bewegung gelehrt, dass sie die Wirklichkeit des Seienden ist, sofern dies in der Méglichkeit steht*.!° So weit handelt es sich um eine korrekte Wiedergabe der aristotelischen Position. Aber dann folgt cine wundersame Kritik. Bewegung werde bei Aristoteles ,in der Begrifflichkcit der Statik gedacht“; das Entscheidende an ihr seien ,die Bestimmungen, die zum Stand und Zustand des Seienden gehéren'; die Aufgliederung in Wirklichkeit und Méglichkeit sei ,als ein Versuch zu verstehen, das eigentiimlich BewegungsmaRige an der Bewegung auszuschalten oder doch wenigstens einzugrenzen und auf statische Momente zuriickzufiihren*.*° Rombach zufolge hat Aristoteles also zwar Bewegung 2u denken versucht, aber gelungen sei ihm dies nicht — just das eigentlich Bewegungshafte habe er nicht 7u erfassen ver- mocht, sondern, wie fast alle anderen Denker auch, auf Statik zuriickgebracht. Da- fiir soll die modaltheoretische Begrifflichkeit von Méglichkeit und Wirklichkeit das Indiz sein. Aristoteles habe immer schon das Ziel der Bewegung anvisiert, statt sich auf den Prozess zu konzentrieren — Bewegung sei bei ihm gleichsam nur das lastige Zwischenstadium vor dem Erreichen des Zieles, also etwas Verschwindendes zwischen zwei statischen Zustinden: dem Ausgangszustand und dem Endzustand. nicht (wie das oft missverstanden wird) auf ein Unvollendetsein der Wirklichkeit, sondern der Méglichkeie bezicht: ,Der Grund der Unvollendung liege darin, dass das Mégliche, dessen ‘Wirklichkeit die Bewegung ist, unvollender ist (IIT 2, 201 b 32 £). Unzweideutig spricht auch cine auf Bewegung bezogene Passage in De anima von der ,.Wirklichkcie des Unvollendeten™ (De an. II] 7, 431 a 6 £). Schon Ernst Tugendhat hat herausgestellt, dass in Aristoteles’ Bewe- gungsanalyse die vollkommene Wirklichkeit eines Unvollkommenen gemeint ist: ,So kann die enérgeia der Bewegung jetzt als entelécheia gedacht werden, nimlich als vollkommenes Herausge- tretensein des Unvollkommenen* (Tugendhat, T7 KATA TINOS. Eine Uniersuchung 2u Struktur und Ursprung aristotelischer Grundbegriffe [1958], 93) 19 Rombach, Substanz, System, Struktur (1970), Bd. 1, 124. 20 Ebd. 154 IV. PHYSIK Bevor ich den Punkt des Missverstiindnisses genauer benenne, will ich Hans Wagners Ubersetaung der aristotelischen Physik betrachten. Sie hat groRe Vorziige. ‘Zovar bildet Wagner oft sehr lange Sitze, viel kingere als Aristoteles, aber er tut es, um den Sinn jederzeit glasklar erkennen zu lassen; Sachgenauigkeit ist sein Ziel; die Ubersetzung soll keinen Vorwand fiir Unklarheiten oder Schwammigkeiten bieten. Unter diesem Gesichtspunke ist Wagners Ubersetzung die beste, die wir im Deut- schen gegenwartig haben. In puncto Bewegung allerdings scheint mir auch Wagner von einem Missverstindnis bedringt zu sein. Die aristotelische Eingangsdefinition der Bewegung, wonach Bewegung die Wirklichkeit des Miglichscienden als sol- chen ist (201 a 10 f}), gibt er folgendermafen wieder: ,Prozess heiftt die Verwirkli- chung des Méglichkeitsmoments an einem Gegenstand* 2! Der Unterschied scheint Kdein, reicht aber weit. Wagner will sagen: In der Bewegung geht es um die Verwirk- lichung des Maglichkeitsmoments, damit diese Méglichkeit ganz in Wirklichkeit iiberfithrt werde — in diesem Sinn sei von Bewegung als (schlieBlicher) Verwirkli- chung des Méglichkeitsmoments zu sprechen. ‘Wagners Auffassung ist offenbar ebenso ziclorientiert wie die Rombachs. Fir beide bericht sich die Rede von ,Wirklichkeit' in der aristotelischen Bewegungsde- finition auf den Endzustand, wo die anfiingliche Méglichkeit ganz verwirklicht sein wird. Beide verstehen die ,Wirklichkeit der Méglichkeit' als die endhafte Ver- wirklichung der betreffenden Méglichkeit, Aber so gehen beide iiber das hinweg, was Aristoteles immer wieder als den entscheidenden Punkt markiert hat: dass es ihm um die Wirklichkeit eines Méglichseienden als cines Miglichseienden geht. Die Ausleger denken nur an die Wirklichkeit des herauskommenden Wirklichseien- den, Sie tibersehen, dass Aristoteles den Terminus ,Wirklichkeit’, wo er ihn im Zu- sammenhang mit Bewegung verwendet, iiberhaupt nie im Blick auf das Ziel gebraucht,” und dass er, wie zuvor erwahnt, cin Verstindnis der Bewegung blo8 vom Ziel her ausdriicklich abweist. Die ganz eigentiimliche Sicht des Aristoteles — dass er die Wirklichkeit des Vollzugs im Auge hat und diese als Wirklichsein eines Miglichseienden begreift ~ bleibt ihnen verschlossen. Ein drittes, anders gelagertes Beispiel: Nicolai Hartmann hat das Paradoxe der aristotelischen Bewegungsdefinition — ihre Verkoppelung von Wirklichkeit und Méglichkeit ~ gerithmt und gemeint, sie zeige ,die GréBe det unbedingten aporeti- schen Konsequenz des Aristoteles*.”? Ich denke, dass Aristoteles auf dieses Lob ger- ne und zu Recht verzichtet hatte, Denn er hat nicht Unvereinbares zusammenbrin- gen oder das in der Metaphysik entwickelte Verhilenis von Dynamis und Energie® durchbrechen”* oder irgendeinen sonstigen Gestus (und sei et noch so léblich) un- Atistoteles, Physikvorlesung, bers. von Hans Wagner [1967], 59. 22 Atistorcles macht eigens Klar, das er ,Wirklichkeit’, wenn er von ihr in Bezug auf Bewegung spricht, in einem anderen Sinn als im Standardsinn verwendet. Der Letztere bezicht sich auf das Vorliegen eines wirklich Seienden, hier jedoch geht es um das Wirklichscin eines Prozesses — und. in diesem Sinn um eine besondere Art von enérgeia (Phys. Ill 1, 202. 1). 23 Hartmann, ,Aristoteles und Hegel“ [1923], 221. 24 Ebd. ZWEITE BEWEGUNGSANALYSE, 155 ter Beweis stellen, sondern schlicht das Wesen der Bewegung begrifflich zureichend bestimmen wollen — und das hat er getan. So geschen, diirfte selbst Heideggers Lobpreisung des Aristoteles ibertrieben sein. Er schrieb, ,die aristotelische Auslegung der Bewegtheit® sei ,das Schwierigs- te, was in der Geschichte der abendlindischen Metaphysik tiberhaupt gedacht wer- den musste“.2> Gewiss: Auch Aristoteles hielt die Aufgabe fiir schwierig (IIT 2, 201 b 33, 202 a 2). Aber fiir so schwer auch wieder niche. Er sah sie als lisbar an, und er glaubte sie gelst zu haben. Ein Arbeitsphilosoph list Probleme, beweihriuchert sie nicht. b. Eine Wirklichkeit mit zwei Bedeutungen: Entscheidend ist die Wirklichkeit des Rezipienten (III 3) Im letzten Teil der zweiten Bewegungsanalyse thematisiert Aristoteles die bewe- gungseinschligige Koppelung von Tatigsein und Leiden. Die beiden verhalten sich zueinander reziprok und sind so aneinander gekoppelt, dass sie nur gemeinsam eintreten: Beider Wirklichkeit ist eine einzige und gemeinsame. Betrachten wir noch einmal das Beispiel des Lernens. Im Allgemeinen lernt man, indem man von einem Lehrenden unterwiesen wird. Aristoteles betont nun, dass der Vorgang des Lehrens auf der einen und der des Lernens auf der anderen Seite niche zwei getrennte oder gar voneinander unabhiingige Prozesse, sondern ein und derselbe Prozess sind. Andererseits jedoch ist Lehren natiirlich nicht dasselbe wie Lernen. Der scheinbare Konflikt der beiden Behauptungen klart sich dadurch auf, dass die Bedeutung des gemeinsamen Prozesses fiir die beiden Beteiligten, fiir den Lehrenden und den Lernenden, jeweils eine andere ist. Es ist offenkundig, dass im Untertichtsprozess zwei verschiedene Méglichkeiten ihre Verwirklichung erfahren: einerseits die Mglichkeit des Lehrenden, ein Leh- render zu sein, und andererseits die Méglichkeit des Lernenden, etwas zu lernen. Dennoch erfolgt die Verwirklichung dieser beiden verschiedenen Méglichkeiten faktisch durch eine einzige und gemeinsame Wirklichkeit, denn die Wirklichkeit der Lehre trite nur ein, wenn ein wirkliches Lernen zustande kommt, Aristoteles hat im Auge, dass das Lehren auf das Lernen zielt und dass umgekehrt das Lernen aus dem Lehren resultiert, so dass nur dasjenige Lehren, welches einen entspre- chenden Lernfortschritt bewirkt, cin wirkliches Ihren ist. Allenfalls schlechte Lehrer kénnen das verkennen, diejenigen nimlich, die sich gar nicht darum kiim- mern, ob das, was sie vortragen und erkttiren, bei den Lernenden auch Aufnahme und Verstindnis findet. Aristoteles hingegen meint strike, dass der Erfolg eines Lehrenden nicht etwa an der abstrakten Giite seiner Ausftihrungen zu messen ist, sondern einzig und allein in den Fortschritten besteht, welche die Lernenden ma- chen. Der ganze Sinn des Lehrens — wenn es denn wirklich ein Lehren sein soll — 25 Heidegger, ,Vom Wesen und Begriff der Pots”, 353. 156 TV, PHYSIK liegt im Lernen der Schiiles, also darin, dass diese die Einsichten, welche die Lehre ihnen zu vermitteln sucht, auch wirklich gewinnen. In diesem Sinn ist die Wirk- lichkeit der Lehre ein und dieselbe wie die des Lernens (III 3, 202 a 36) — gerade so wie der Abstand von 1 zu 2 derselbe ist wie der von 2 2u 1 (202 a 18 f). Verschie- den ist nur die Bedeutung dieser cinen Wirklichkeit fiir die beiden Beteiligren: Fiir den Lehrenden bedeutet sie die Verwirklichung seiner Lchtfihigkeit, fiir den Ler- nenden die Verwirklichung seiner Lernmiglichkeit. Aber es gibt das eine nicht oh- ne das andere. Das ist die eine Pointe von Aristoteles These von der einen Wirk- lichkeit der beiden Vorgiinge. Die andere Pointe liege darin, dass Aristoteles sagt: Die Verwirklichung ist gene- rell im Leidenden, in unserem Fall also im Lernenden, Offenbar ist der Lehrende der aktive, der Lernende hingegen der passive Teil. Zwar wird bloRe Passivitit auf- seiten des Lernenden nicht austeichen: Nur dazusitzen und zuzuhiren ohne aufzu- nehmen ergibt kein Lernen, sondern es bedarf auch des Verstehens und Nachvoll- zugs. Gleichwohl ist das Lernen eine Bewegung unter der Einwirkung des Lchren- den, und daher kommt diesem in der Lehr- bzw. Lernsituation eher die Seite der Aktivitit, dem Lernenden hingegen die Seite der Passivitit 2u. Nun ist zwar die Wirklichkeit des Vorgangs, wie gesagt, ein und dieselbe, aber der fiir sie ausschlaggebende Ort liegt aufseiten des Lernenden. Auch die Wirklich- keit des Lehrens ist ja erst dann gegeben, wenn der Schiiler wirklich lernt. Eine Lehre, die kein Lernen hervorruft, ist eben keine wirkliche, sondern allenfalls eine bemiihte oder eingebildete Lehre. Der Lehrende mag immerfort lehren und sich aufs Eiftigste anstrengen — solange der Lernende nichts dazulernt, ist der Lehrende nur ein eitler Tor, der sich vergeblich abmiiht. Wenn er den Adressaten nicht er- reicht, bedeutet dies schlicht den Misserfolg seines Tuns. Die Verwirklichung ereig- net sich strikt auf der passiven Seite — oder gar nicht. Das mag man dann ~ mit ei- nem Wortspiel — das Leiden des Lehrenden nennen: dass er villig auf die Rezeption angewiesen ist, um seine Aufgabe erfiillen zu kénnen, Vielleicht widerstreitet eine solche Sicht dem Verstindnis vieler akademischer Lehrender, die meinen, nur ihre Vorlesungen halten 2u miissen und wenn die Studenten dann zu trige sind, das dem Mund des Professors entquellende Gold in Lernmiinzen umzusetzen, so sei das eben cinfach deren Pech und Schuld. Aristoteles sah es genau umgekehrt. Fiir ihn hatte ein solcher Fall das Versagen des Lehrers bedeutet. AbschlieSend und formelhaft gesagt: Man muss zwei ungewohnte Gedanken re- alisieren: Erstens vollzieht sich die Verwirklichung zweier unterschiedlicher Még- lichkeiten, die einander als aktive und passive Méglichkeit zugeordnet sind, in ei- nem einzigen Vorgang (202 b 8-10); und zweitens vollzicht sich auch die Verwirk- lichung des aktiven Parts durch die des passiven (202 b 6-8). DIE EVIDENZ DES NATURSEIENDEN 157 9. Dig EVIDENZ DES NATURSEIENDEN (II 1) Gehen wir nach der Betrachtung der Bewegungsanalyse von IIT 1-3 zuriick in das Il. Buch der Physik, wo Atistoteles grundlegende Bestimmungen des Naturseienden erdrtert. Dort findet sich die schon erwahnte Definition, dass ein Naturseiendes et- ‘was ist, was ein Prinzip seiner Bewegung und Rube in sich hat (II 1, 192 b 13 £). Aristoteles nimmt zu der Auffassung Stellung, bevor man iiber Naturseiendes spreche, miisse man erst cinmal beweisen, dass es Naturseiendes iiberhaupt gebe. Manche Philosophen wiirden es eben als héchst unphilosophisch ansehen, derglei- chen auf blofen Augenschein hin anzunehmen. Die Philosophie muss Selbstver- stindlichkeiten hinterfragen, da scheint es ungeniigend, die Existenz- von Natursei- endem blof auf das Zeugnis der Erfahrung hin anzunehmen. Aristoteles repliziert lapidar: ,,Das Unternehmen eines Beweises dafiir, dass es die Natur gibt, ware licherlich. Liegt es doch vor aller Augen, dass es Seiendes die- ser Art in Fiille gibt. Wollte einer das Offenkundige aus Nichtoffenkundigem be- weisen, so erwiese er sich damit als einer, der das aus sich selbst Einsichtige von dem nicht aus sich selbst Finsichtigen nicht zu unterscheiden verméchte.“ Er wire, sagt Aristoteles des Weiteren, wie ein seit Geburt Blinder, der hochtrabend Aussa- gen tiber Farben machte (193 a 3-9). Erinnern wir uns noch einmal an den Charakter der damaligen philosophischen Debatten: Alle nur irgendwie méglichen und unméglichen Ideen wurden einer- seits vorgebracht, andererseits bestritten. Man suchte den /égos nach allen Seiten hin auszuloten und zu strapazieren — bis hin zum offenkundig Unsinnigen, gerade dieses konnte zum Anteiz subtilster Reflexionsschulung werden. Die philosophi- schen Debatten waren gleichsam Trimm-Dich-Kurse, auf denen man alle mégli- chen Verrenkungen der Extreme des /égos ausprobierte, Und zu den ‘Trainingsein- heiten dieses Logo-Building zahlte auch die Bestreitung der Existenz von Natursei- endem. Aristoteles weist darauf hin, dass das Ideal umfassender Begriindung zwar gut klingen mag, jedoch unzureichend gedacht ist. Durchdenkt man die Struktur der Begriindung bis zum Ende, so kommt man darauf, dass man sich letztlich immer auf etwas Offenkundiges baw. durch sich selbst Einsichtiges stiitzen muss. Und im Fall des Naturseienden hat man es eben mit etwas zu tun, dessen Existenz offen- kundig ist. Hinter diese Evidenz kann man nicht mehr zuriickgehen, vielmehr muss man von ihr ausgehen. Aussagen tiber Natur auf diese Evidenz 7u griinden ist so notwendig wie Aussagen iiber Farben auf deren Wahrnehmung — alles andere wiirde auf hochstapelnden Unsinn hinauslaufen.”* 26 Diese methodische Bemerkung stellt nicht nur einen Reflex der in den Ziveiten Analytiken diska- tierten endlichen Struktur des Begriindens, sondern auch des in der Mesaphysik gegebenen Hin- weises dar, dass es , Mangel an Bildung* ist, ,wenn man niche wei, wofiir ein Beweis zu suchen ist, und wofiir nicht“ (Met. IV 4, 1006 a 6-8). 158 IV. PHYSIK 10. Die EIGENART PHYSIKALISCHER GEGENUBER MATHEMATISCHEN BEGRIFEEN (II 2) Im 2. Kapitel des II. Buches wirft Aristoteles die Frage nach dem Verhiltnis von Physik und Mathematik auf. Fiir uns Heutige hat diese Frage cine eindeutige Ant- wort: Die Mathematik ist die Grundwissenschaft fiir die Physik, alle physikalischen Bestimmungen sind als mathematische zu fassen. Nicht so bei Aristoteles. Wir wa- ren schon in Metaphysik Il 3 der Warnung begegnet, dass man ,die genaue Schiarfe der Mathematik nicht fiir alle Gegenstiinde fordern darf, sondern nur fiir die stoff- losen* (995 a 14-16). Die Konsequenz hatte gelautet, dass die mathematische Be- stimmungsart ,,fiir die Wissenschaft der Natur nicht passt“, weil alles in der Natur Stoff besitzt* (995 a 16 f). In II 2 erliutert Aristoteles nun genauer, warum es ein Irreum wire anzuneh- men, dass die Physik mathematisch durchzuftihren sei. Zunchst diskutiert er, wa- tum man iiberhaupt auf diese Vorstellung verfallen kann. Offenbar finden sich »Flichen, Kérperformen, Langen und Punkte, die den Gegenstand des Mathema- tikers bilden, auch an den Naturkérpern“ (II 2, 193 b 23-25). Also weisen diese zumindest eine Schicht auf, die mathematischer Erfassung zuginglich ist. Warum wiirde eine Mathematisierung der Physik gleichwohl fehlgehen? Etwa deshalb, weil die physikalischen Kérper ob ihrer stofflichen Beschaffenheit der Idealitiit der ma- thematischen Bestimmungen nie ganz zu entsprechen vermogen? Reale Kugeln sind ja immer nur ungefiihre, nie leztlich mathematisch prizise Kugeln; unter dem Mikroskop erkennt man beispielsweise schnell, wie unregelmakig ihre Oberfliche geformt ist. Dergleichen Griinde wiirden nicht austeichen, um mathematische Methoden zuriickzuweisen. Sie machen ja offenbar selbst von mathematischen Ge- sichtspunkten Gebrauch, und im tibrigen ist deren Anwendung auf physikalische Gegenstinde zumindest pragmatisch oftmals durchaus niivzlich. Um eine genuine Eigenstindigkeit der Physik gegentiber der Mathematik dar- zutun, bedarf es eines grundsatzlicheren Arguments. Aristoteles beginnt dieses fol- gendermafen: ,.Zwar mégen ,ungerade‘ und gerade’, ,geradlinig’ und .gekriimmt’ sowie ,Zahl’, ,Linie‘ und Figur‘ ohne cin Moment von Bewegung (hinreichend de- finiert) sein ~ Fleisch’, ,|Knochen‘, Mensch’ sind es nicht mehr“ (194 a 3-6). Das Argument spriche in zwei Richtungen. Erstens will Aristoteles klarstellen, dass die mathematischen Bestimmungen — auch wenn wir uns zu ihrer Veranschaulichung fiir gewohnlich physischer Darstel- lungen bedienen (wir zeichnen Linien, Dreiecke, Kreise) — als solche unabhingig von solcher Veranschaulichung und vom Bezug auf naturhaft Seiendes definiert sind2” Mathematische Bestimmungen sind also nicht aus physischen ableitbar. Ebenso wenig sind aber auch umgekehrt die Grundbestimmungen physikalischer 27 Mathematik ist reine Mathematik, und wir sind uns, wenn wir physische Veranschaulichungen verwenden, auch sehr woh! dessen bewusst, dass diese unvollkommenen physischen Repriisenta- DIE EIGENART PHYSIKALISCHER BEGRIFFE 159 KGrper aus ihren mathematisch darstellbaren Komponenten ableitbar. Denn fiir Naturkirper ist Stofflichkeit konstitutiv (zu einem Naturkérper gehére immer eine bestimmce, zugeordnete Art von Stoff, und 2war nicht etwa sekundar und verunkla- rend, sondern primar, essenziell und positiv), aber diese Stoffgebundenheit ist der Mathematik ginzlich fremd. Also ist gerade dieses fiir physikalische Entititen essen- zielle stoffliche Moment aus mathematischen Bestimmungen nicht ableitbar. Man kann die Grundbestimmungen des Physikalischen nicht aus der Mathematik entwi- ckeln, sondern muss sie genuin aus dem Blick auf das Physikalische gewinnen. Dann gibt Aristoteles die entscheidende begriffliche Bestimmung, Physikalische Begriffe wie Fleisch‘, |Knochen’ oder Mensch’, sagt er, gehiren zu einem Begrifs- typus, dessen Muster nicht dergleichen wie ,Kurve', sondern cher so etwas wie ,Stupsnase' ist (194 a 6 £,). — Was meint er damit? Fir den ‘Terminus simén (stupsnasig) ist charakteristisch, dass er dem griechi- schen Wortbestand nach nichts von dem enthalt, worauf er sich bezieht: die Nase (rhis). Gleichwohl bezieht er sich der Sache nach stets auf Nase’; nichts anderes als eine Nase kann ,stupsnasig* sein.?* Es handelt sich also um eine Formbestimmung, die einen konstitutiven Bezug auf eine bestimmte Materie hat. Diese Pointe des Ausdrucks geht allerdings im deutschen Ubersetzungswort ,stupsnasig’ verloren, denn dieses Wort enthiilt seinen Bezugspunkt, die Nase, durchaus schon als Wort- bestandteil. Also muss man sich im Deutschen nach einem anderen Beispiel umse- hen, um die Strukeur, auf die es Aristoteles ankommt ~ sachlicher, aber nicht na- mentlicher Bezug der Formbestimmung auf eine bestimmte Materie — wiederzuge- ben. Ein solches Beispiel kann etwa ,scheel’ sein, Denn scheel‘ ist cine Formbestimmung — es bedeutet so viel wie ,schief —, aber eine, die sich ausschlie- lich auf einen bestimmien Gegenstand bzw. eine bestimmte Materie bezieht, nim- lich auf das Auge baw. den Blick des Auges. So wenig simén, das sich immer auf Nasen bezicht, etwas von ,Nase‘ enthilt, so wenig enthiilt scheel', das sich immer auf Augen bezicht, als Wortbestandteil Auge’. Ausdriicke dieser Art ~ simén bew. scheel‘ ~ sind Aristoteles zufolge Muster fiir dic Eigenart physikalischer Begriffe. Sic geben eine Formbestimmung an, zu wel- cher konstitutiv der Bezug auf eine bestimmte Materie gehért. Die Formbes:im- mung wird hier nicht erst nachtriglich mit dieser oder jener oder einer nochmal anderen Materie verbunden, sondern die Materie — und zwar eine bestimmte Ma- tionen auf etwas verweisen, was seiner Natur nach frei von physischem Stoff und der dadurch be- dingten Unvollkommenheit isc. 28 Griechische Horer der damaligen Zeit hatten bei ,Stupsnasigkeit' natiilich eine sehr bestimmee, philosophie-cinschligige Assoziation: Sokrates‘ Stupsnasigkeit war sprichwértlich, Aristoteles’ ‘Wahl dieses Beispiels knnte eine Hommage an Sokraces beinhalten, also an jenen Philosophen, der einem alten Topos zufolge die Philosophie vom Himmel auf die Erde herunterholte — und ct- was ganz Abnliches tut Aristoreles hier auch, wenn er die Physik nicht mathematisch-himmlisch, sondern physikalisch-irdisch durchzufiihren mahnt. 160 IV. PHYSIK terie und keine andere ~ ist dieser Formbestimmung schon eingeschrieben, gehért ihr innerlich zu.” Von dieser Art, sagt Aristoteles, sind die physikalischen Begriffe generell.>° Sic verbinden stets eine Formbestimmung mit einer Materiebestimmung (mit Refe- renz auf eine bestimmte Materie). Auch ,Knochen‘ beispielsweise bezeichnet eine Form, ein Sosein, das mit einer bestimmten Materialitit und Konsistenz verbun- den ist. Die Begriffe der Physik sind insgesamt solche Form- und Materiebegriffe zugleich. Der Bezug auf eine bestimmte Materie ist fiir sie konstitutiv, Bei den ma- thematischen Begriffen hingegen ist das gerade nicht der Fall. Insofern sind physi- kalische Begriffe eben von grundsatzlich anderer Art als mathematische. Folglich kann man die Physik prinzipiell nicht mathematisch — nicht more mathematico — durchfiihren, sondern muss ihre Behandlung genuin physikalisch ansetzen. Die Analyse der begrifflichen Struktur der Gegenstinde erweist die Eigenart der Physik gegeniiber der Mathematik. Aristoteles fasst das folgendermafen zusammen: ,,Der Terminus ,Natur® bedeu- tet also zweierlei: sowohl die Form als auch die Materie. Infolgedessen haben wir (in aller Naturbetrachtung) jene methodische Sachlage, wie wenn wir das Wesen der Stupsnasigkeit [bzw. des Scheelen] bestimmen wollten; d. h. nicht ohne Riick- sicht auf ihr Materiemoment haben wir die Gegenstinde solcher Art zu erforschen, aber freilich auch nicht hinsichtlich ihres Materiemoments allein* (194 a 12-15). In dieser Zusammenfassung unterstreicht Aristoteles also noch einmal die Konzen- tration auf das Formmoment — aber eben auf ein solches, welches konstitutiv auf ein Materiemoment bezogen ist. Wenn er abschlieSend hervorhebt, dass dies nicht bedeuten soll, dass man sich auf das Materiemoment allein zu konzentrieren habe, so zielt er auf zweicrlei: Das Matericmoment wird just im Horizont der Formbe- stimmung zuginglich, und die Physik ist primér eine Wissenschaft von solch mate- riebezogenen Formen; aber darob ist sie doch nicht etwa eine rein materiebezogene Wissenschaft, die sich um Formbestimmungen nicht zu kiimmern hatte. 29 Vgl. dazu kritisch Emst Tagendhat: Das simén-Exempel gebe nur die Strukcur efdos x in Mate- rie a wieder, wirend es doch darauf ankime, dass das betseffende eidos gar niche als solches, niimlich unabhingig von der betreffenden Materie denkbar oder cxistenzfihig sci, sondern nur im Verbund mit ihr (mit einer bestimmeen Materic) aufireten kénne. Dies aber sei bei der Stups- nasigkeic als ,Gebogenheit an der Nase” keineswegs der Fall, denn ,Gebogenheit® kann auch an ganz anderen Materien vorkommen (Tugendhat, 77 KATA TZVOS, 165 £). Tagendhats Kritik ise, sofern sie platonische Reste in Aristoteles’ Formulierung attackiert, im Recht ~ aber offenbar hat sich Aristoteles doch deutlich genug ausgedriickt, um diese Differenz zwischen dem Gedan- ken und seiner Formulicrung erkennen zu kénnen. 30 Eine entsprechende Erérterung finder sich Met. VI 1, 1025 b 26 ~ 1026 a 6. ,Alle physikalischen Begriffe sind dem Ausdruck simén analog" (1025 b 34 ~ 1026 a 1) DIE LEHRE VON DEN GRUNDEN 161 11. Diz LEHRE VON DEN GRUNDEN (II 3) Im 3. Kapitel des IL. Buches entfaltet Aristoteles seine Lehre von den Griinden. Grund’ heift griechisch aitia, was cunichst ,Schuld’ bedeutet. Die Verbindung von Grund’ mit Schuld’ mag aufs erste ungewéhnlich erscheinen, ist aber gut ver- stindlich: Der Grund einer Sache ist ja immer etwas, was fiir diese Sache verant- wortlich ist und in diesem (freilich ganz au8ermoralischen) Sinn die Schuld’ an ihr tragt. Umgekehrt verdankt sich das Begriindete seinem Grund, ,schuldet’ diesem sein Sein oder eine bestimme Eigenschaft. So kann man verstehen, wie Konnotati- onen von ,Schuld‘ - in einem nicht moralischen, sondern ontologischen Sinn — mit dem Gedanken des Grundes verbunden sein kénnen. Der Grund ist schuld am Begriindeten; dessen Sein ist dem Grund geschuldet. Aristoteles unterscheidet vier Griinde. Er nennt sie das Woraus, das Was, das Wo- her, das Worumwillen. Diese Benennungen sind uns nicht mehr geliufig, wir spre- chen stattdessen von Materie, Form, Wirkursache und Ziel. Wir sagen also — erstens —anstelle von , Woraus' (co ex hou!) die Materie’, denn die Materie ist das, woraus ein Gogenstand besteht bzw. gemacht wird, wie etwa die Statue aus Bronze. Man nennt diese Art von Grund (cinen weiteren Wechsel in der Terminologie von ,Griinden' zu Ursachen’ vollzichend) die .Materialursache’, die causa materialis, Zweitens sagt man anstelle von ,Was' (to 1 én einai) ,Form'; aus dem Material, der Bronze, ent- steht eine bestimmte Statue, und daftir ist die Form (etwa die der Athene) ausschlag- gebend. Hierftir spricht man von .Formursache’, causa formalis. Als dritten Grund fidhrt Aristoteles das Woher' an (zo hdthen), also den Bewegungsursprung, in diesetn Fall den Kiinstles, der aus der Bronze diese Statue fertigt; er ist die , Wirkursache', die causa efficiens. SchlieBlich fidhre Aristoteles noch das ,Worumwillen' an (vo hou héneka); das Ziel, wofiir man diese Statue hergestellt hat, 7. B. fir kultische Zweckes das ist also die ,Zielursache’, die causa finalis (194 b 23 — 195 a3). Wiahrend Aristoteles vier Arten von Griinden auflister, ist der uns heute geliufi- ge Begriff der Ursache auf einen cinzigen beschrinkt: auf die Wirkursache. Wir sa- gen ,Kausalitit’ und haben dabei ausschlieSlich Wirkursachen im Sinn. Gegeniiber der aristotelischen vierfachen ‘Typologie von Griinden bedeutet dies also eine ekla- tante Verengung ~ ahnlich wie die vier aristotclischen Typen von Bewegung in un- serem modernen Verstindnis auf einen einzigen, auf die Ortsbewegung reduriert sind, Die Pointe von Aristoteles’ Auflistung der vier Griinde besteht nun darin, dass alle vier gleichzeitig Griinde fiir ein und dasselbe Seiende sind. Aristoteles hilt uns dazu an, bei allen Naturprozessen systematisch danach zu fragen, welche jeweils die vier beteiligten Griinde sind. Machen wir uns dies am Beispicl des Hausbaues klar. Offenkundig braucht es zuntichst Materie: Holz, Ziegel, Mértel und dergleichen. Fiir die Anordnung dieser Materie aber ist die Form entscheidend: Der Bauherr hatte einen Wunsch, wie das Haus auBen aussehen und innen cingeteilt werden soll, und der Architekt hat diese Form durch einen Plan festgelege. Die Wirkursache sind dann natiirlich die Bauar- 162 TV. PHYSIK beiter. Man kénnte freilich auch an fernerlicgende Wirkursachen denken: Zwei Menschen fielen in Liebe zueinander und wiinschten sich ein Héuschen, um darin gemeinsam leben zu kénnen, Nun mag dergleichen wohl hinter dem Hausbau ste- hen, aber die Liebe als solche oder der Wunsch nach dem gemeinsamen Leben oder der Entschluss zum Hausbau errichten das Haus nicht ~ das tun erst die Bauarbei- ter, Aristoteles weist darauf hin, dass man bei der Griindeanalyse gut daran tut, immer den genauesten — und damit meint er: den niichstliegenden, nicht einen entfernteren oder allgemeineren — Grund anzugeben (195 b 21 f).5* Das Ziel des Ganzen schlieBlich ist das héusliche Leben, das durch die Errichtung dieses Hauses médglich wird. 12. ,.DIE KUNST AHMT DIE NATUR NACH*“ (II 8) Ich bekenne mich einer mendbasis eis dilo génos, eines Gebietswechsels, schuldig, Ich habe die von Aristoteles fiir das Naturseiende entwickelte Lehre von den vier Griin- den soeben durch ein Beispiel erléutert, das nicht aus dem Bereich der Natur, son- der aus dem Bereich menschlicher Herstellung genommen war. Sie haben den Fehler hoffentlich bemerkt. Wenn nicht, umso besser, denn dann haben Sie aristo- telisch gedacht. Es ist ndimlich Aristoteles’ These, dass die Griindestrukur bei den Produkten der menschlichen Herstellung ganz dieselbe ist wie bei den Naturdin- gen. ,Die Kunst ahme die Natur nach* lautet seine beriihmee Formel dafiir. Sie ist uns heute vor allem in eingeschrankter Anwendung gelaufig: als antiquierte Maxi- me der schénen Kiinste. Bei Aristoteles aber erstreckt sich der Geltungsbereich des Satzes auf simtliche Arten menschlicher Hervorbringungen, also auf Kunst‘ im weitesten Sinne. Aristoteles komme auf die zentrale These, dass die Kunst die Na- tur nachahmt, im 8. Kapitel des II. Buches der Physi zu sprechen. Er kniipft an Uberlegungen an, die er schon in seinem frithen Dialog Protreptikos formuliert hatte. Dort hief es: ,Denn nicht die Natur ahmt das menschliche Kén- nen nach, sondern dieses die Natur. Einerseits namlich unterstiitze das menschli- che Kénnen die Natur, andererseits ergiinze es die Natur, wo diese etwas unfertig gelassen, sozusagen nicht selber zum Abschluss gebracht habe.*? Unterstiitaung liegt beispielsweise dort vor, wo Pflanzen zu ihrer Entwicklung der menschlichen Sorge bediirfen, man denke etwa an das Grundparadigma von Kultur, den Ackerbau: Die Weizenkorner bediirfen der Unterstittzung des Bauern, der die Bedingungen fiir ih- re beste Entfaltung schafft ~ die Natur allein bringt keine Weizenfelder hervor. Er- 31 Es ware beispielsweise irrefiihrend, wenn man sagte ,der Mensch baut das Haus", denn ein Mensch eut das niche als Mensch, sondern als Baumeister, der die Baukunst beherrscht, oder als Bavarbeiter, der sich auf seine Aufgaben versteht und unter Anleitung eines Baumeisters titg ist 32. Der Protreptikos des Aristoteles, 33. 33 Vgl. ebd. »DIE KUNST AHMT DIE NATUR NACH* 163 ginzung erfolgt dort, wo die Natur nur die ersten Entwicklungsschritte autonom besorgt, wahrend die weitere Entwicklung gezielte menschliche MaSnahmen erfor- dert; so bediirfen beispielsweise die Menschen zur Geburt einer Hebamme und nachher, als Kinder, bendtigen sie vielfiltigen Beistand der Eltern.4 In diesem Sinn spricht Aristoteles von einer mimésis der Natur durch die menschliche Kunst und Kultur. Die letatere nimmt die Vorgaben der Natur auf und geht die natiirlich angelegten Wege weiter. Sie vollendet, was in der Natur an- gebahnt ~ aber eben nur angebahnt — ist. Nebenbei bemerkt: Aristoteles vertritt hier offenbar eine Vorstellung, die Nacur und Kunst niche a la Rousseau in Gegen- satz, bringt, sondern als Kontinuum versteht. Die Kultur ist nicht eine Abirrung von der Natur, sondern deren Weiterfiihrung und Vollendung, Sie ist gewisserma- Sen die Assistentin der Professorin Natur, die deren anfingliches Werk weiterfiihrt und in vielen Fallen erst eigentlich fruchtbar macht. In der Physik sagt Aristoteles erneut, dass, ,allgemein gesprochen, die Kunstfer- tigkeit teils zur Vollendung bringt, was die Natur nicht selbst zu Ende zu bringen vyermag, teils die Vorgiinge der Natur nachbildet* (IT 8, 199 a 15-17). Worauf es ihm jetzt ankommt, ist die grundsévzliche Scrukturanalogie awischen natiitlicher und kiinstlicher Hervorbringung, Die gleichen vier Arten von Griinden, die wir in der Natur finden, bestimmen auch das menschliche Handeln. Aristoteles ist von einer villigen Kongruenz der Griindestruktur tiberzeugt: , Wire beispielsweise ein Haus etwas, was von Natur entsteht, so wiirde es auf genau dieselbe Weise 2ustande kommen wie jetzt durch die handwerkliche Tatigkeit* (199 a 12 £). Umgekehrt wiirden die Naturgebilde, wenn sie nicht nur auf natiitlichem Wege, sondern auch durch menschliche Kunstfertigkeit zustande kiimen, in eben derselben Weise zu- stande kommen wie jetzt von Natur (199 a 13-15). SchlieBlich macht Aristoteles von dieser Homologie einen spezifischen Ge- brauch (und im Blick darauf hat er sie iberhaupt angefiihrt), Er verteidigt den vier- ten von ihm aufgelisteten Griinderyp, also die These, dass das Naturgeschehen te- leologisch 2u verstehen sei, dass mithin stets eine Zielursache im Spiel sei. Von an- deren wird diese Auffassung bestritten, und die Verteidigung der These sieht sich ciner methodischen Schwierigkeit gegeniiber. Man kann ja nicht in die Naturdinge hineinsehen und das Beteiligtsein einer Ziclursache beobachten und den Opponen- ten ad oculos demonstrieren. Angesichts dieser Schwierigkeit ist die Analogic mit dem menschlichen Herstellen hilfreich. Denn es ist evident, dass unsere Produktion Zicle verfolgt und um dieser willen geschieht. Wir arrangieren Bauholz, Ziegel usw. niche einfach zum Zeitvertreib, sondern um ein Haus zum Wohnen und Leben zu errichten, Wenn nun erstens eine strikte Analogie der Griindestruktur zwischen natiitlicher und menschlicher Hervorbringung besteht, und zweitens das menschli- che Herstellen immer zielorientiert ist, dann kann man daraus verkisslich auf die Zielstrukcur auch der nattirlichen Prozesse schlieRen (199 a 17-20), dann miissen also auch die Naturvorgiinge allesamt durch eine Zielursache bestimmt sein (199 a 34 Vgl. bd. 164 IV. PHYSIK, 17 £.). Aristoteles’ Rekurs auf den Satz, dass die Kunst die Natur nachahme, dient hier der Legitimation der Finalititsthese in Bezug auf die Natur. Die Homologiethese zeigt aber auch, dass Aristoteles — und das erscheint uns heute als naiv — an eine bleibende Korrespondenz zwischen der Naturwelt und der technischen Welt glaubte. Er meinte, dass unsere Techniken nur das Werk der Na- tur weiterfihren, nicht auch gegen die Natur handeln kénnten. Das wissen wir heute besser, wir haben tiglich anderes vor Augen — von der Gentechnologie bis zur Umweltzerstérung.*” 13. SINN UND WERT DER NATURBETRACHTUNG So weit eine Auswahl von Grundthesen der aristotelischen Physik. Einige weitere Punkte werden im Kontext spiterer Kapitel zur Sprache kommen. Bevor ich zu ei- ner Art Bilanz — zu einer Betrachtung der aristotelischen Physik im Spiegel ihrer Rezeption und Kritik — ibergehe, mchte ich noch auf eine Passage hinweisen, von der ich meine, dass sie Aristoteles’ Haltung zur Natur sowie den motivationalen Hintergrund seiner Naturstudien besonders gut zeigt. In der Schrift De partibus animalium lesen wir: ,Es bleibt uns noch, iiber die be- lebte Natur zu reden, und zwar méglichst ohne Riicksicht auf Ab- oder Zuneigung. Auch bei solchen Wesen namnlich, die unseren Sinnen weniger schmeicheln, berei- tet die Natur, die sie gemacht hat, der Betrachtung unausdenkbare Freuden, wenn man den Ursachen nachspiiren kann und Naturforscher ist* (De part. anim. I 4, 645 a 5-10). Aristoteles rit also, nicht in den Schranken der asthetischen Standard- reaktion auf Naturerscheinungen zu verharren, sondern diese durch die Perspektive des Naturforschers zu iiberschreiten, der sich nicht auf das oberflachliche Aussehen beschrinkt, sondern den Bau und die Funktionsweise oder die Lebensform von Le- 35 Auch im Prosreprilos war die Analogie schon finalititsbezogen nutabar gemacht worden, nur mit umgekehrter Akzencuierung. Dort ging es um den Erweis der Finalitit alles menschlichen Tuns: Wenn nun das menschliche Kénnen die Natur nachahmt, so beruht es offenbar auf der Natur, dass die Produlkte des menschlichen Kénnens allesame zielgerichtet sind (Protreptikos, 33 [Ubers. modifiziert]). 36 Diese These war in der Antike durchaus umstritten. Empedokles war ihr prominenter Gegner, Er Iehrte (quasi proto-darwinistisch), dass die zweckmaRigen Arrangements von Tieren sich rein zu- fillig. gebildec hiiteen und dass dann just diejenigen Lebewesen iiberlebten, die dergleichen auf wiesen, Aristoteles widersprach energisch: Es sei unméglich, dass Zweckhaftes solcherart 2ufillig ensstanden sei, die zweckhaften Bildungen miissten vielmehr die Ausrichtung auf das entspre- chende Ziel zur Ursache haben (Phys. IL 8, 198 b 23-199 a8). 37 Wolfgang Wicland hat interessante Skizzen zu cinem Konzept der poietischen Wissenschaften ge- liefert, das so bei Aristoteles nicht ausgefiihrt ist, das aber den modernen Verhailenissen — stich- wortartig gesagt: dem ,Vorrang der Arcefakte in der modernen Lebenswelt" — gereche 2u werden vermag (vgl. Wieland, .Poiesis. Das aristotelische Konzept einer Philosophie des Herstellens* (2003). SINN UND WERT DER NATURBETRACHTUNG 165 bewesen studiert. Vielleicht gefallen einem ja Frésche nicht, aber wer kénnte sich der Faszination entziehen, die einem das Studium eines Froschauges vermittelt? Aristoteles fire fort: ,Es ware ja auch widersinnig und nicht zu begreifen, wenn wir nur Freude hatten beim Anblick ihrer Abbilder, weil wir die Kunst mitgenie- Ben, die sie hervorgebracht hat, dagegen die Untersuchung der nattirlichen Dinge selber nicht noch viel mehr lieben sollten, falls wir nur imstande sind, die Ursachen zu erfassen. Man soll sich also niche kindisch sperren gegen die Betrachtung der minder geschitzten Tiere. Denn in allem Natiirlichen stecken Wunder“ (645 a 10— 17). Das ist deutlich gegen Zeitgenossen gerichtet, die iiber Aristoteles’ Naturfor- schungen die Nase riimpfien, Sie hiclten die Beschiftigung mit Froschen, Insekten und dergleichen fiir eines Philosophen unwiirdig, Aristoteles sah es umgekehrt. Enstens gibt es in der Natur nichts einfachhin Unwiirdiges — wenn man das Natiir- liche nur recht zu betrachten versteht. Und zweitens konnte gerade manchen Phi- losophen und ihren verquasten Gedanken iiber einen Ideenhimmel oder den Scheincharakter des Wirklichen eine Befassung mit der Natur mehr als gut tun: Sie vermichte sie zu heilen. Schlieflich greift Aristoteles zu einem im damaligen Kreis griechischer Bildung thetorisch durchschlagenden Hinweis. Er fiihrt das Wort an, ,das Heraklit jenen Fremden zugerufen haben soll, die ihn besuchen wollten und die nach ihrem Ein- tritt tiberrascht stehen geblieben waren, als sie ihn sich am Ofen warmen sahen*. So Banales hatten sie von einem Philosophen — gar von dem, der als ,der Dunkle* galt — nicht erwartet; sie hatten eher gehofft, das Musterbild eines Philosophen vor- zufinden, der in seiner Denkstube in angestrengter und ticfer Meditation verweile; jetzt schen sie ihn sich schlicht am Ofen warmen. Aber was Heraklit ihnen dann zuruft, muss fiir sie noch tiberraschender sein, denn er sagt, ,sie sollten nur kom- men, auch hier [also im Alltiglichen, beim Feuermachen und Sichwarmen] scien Garter!“ — Dieses ,,Auch hier sind Gotter* betrachtet Aristoteles als die Maxime des rechten Naturforschers: ,So sollte man auch an die Betrachtung eines jeden Tieres herantreten, ohne ein Gesicht zu ziehen, weil man sich sagen muss, dass in jedem ein Stiick Natur und Vollkommenheit steckt“ (645 a 17-23). Noch im scheinbar Niedrigsten, Simpelsten und Alltiglichsten kann man Géttliches und Wiirdiges entdecken — wenn man nur ein rechter Naturforscher und Erkennender ist. Solche Aussagen machen verstindlich, was dem zeitgendssischen Bewusstsein niche mehr prisent ist, fiir Aristoteles aber eminent typisch war: der immense Um- fang seiner naturwissenschaftlichen Schriften. Man mache sich klar, dass diese in- nethalb des Corpus Arissovelicum uahecu die Hilfte ausmachen, namlich gut 47 Pro- zent ~ hingegen umfasst die Metaphysik nur neun Prozent, und die logischen Schrif- ten machen nur annihernd fiinfzehn Prozent aus. Auch nehmen innethalb des naturwissenschaftlichen Werkes die Schriften iiber das Lebendige zwei Drittel ein. Aristoteles hat also — ganz im Unterschied zu einer heute um sich greifenden Kom- bination von Ignoranz und Abwehr — naturwissenschafiliche Fragen und insbeson- dete solche des Organischen fiir philosophisch belangvoll angesehen und engagiert verfolgt. Diese Durchdringung der Natur hat, wie wir noch sehen werden, seine Philosophie insgesamt bis hin zur ,Metaphysik’ inspiriert: Seine Philosophie der 166 IV. PHYSIK, Substanz ist im Kern eine Philosophie des Organischen. Von dieser Haltung des Aristoteles kénnte man zweierlei lernen: zum einen, dass die (neuerdings um sich greifende) Vorab-Verunglimpfung naturphilosophischer Bemiihungen als ,Natura- lismus*‘ und ,Szientismus’ téricht ist, und zum anderen, dass es allerdings auch einer philosophischen Durchdringung der wissenschaftlichen Befunde und ihrer Integra- tion in einen Deutungsrahmen bedarf, der den Phinomenen ihren rechten Platz im Ganzen zuzuweisen vermag. Aristoteles — der ,Sekrettir der Natur, der sein Schreib- rohr in die Vernunft cintauchte“® — hat dies vorbildlich getan. Wahrhafte Naturfor- schung vermag zugleich die Interessen des Geistes zu befriedigen. Das hat — darauf wird bald einzugehen sein — Hegel erneut so gesehen. 14. ZUR REZEPTION DER ARISTOTELISCHEN PHYSIK Die Rezeptionsgeschichte der aristotelischen Physik ist eminent aufschlussteich — hinsichtlich der Schrift und mehr noch hinsichtlich der Rezipienten. a. Antike und Micttelalter In der Antike erfreute sich das Werk groRer Wertschitzung. Das zeigen beispiels- weise die drei umfangreichen Kommentare von Themistios, Johannes Philoponos und Simplikios. Auch in der arabischen Welt war die Schrift bekannt und ge- schiitzt; ebenso im lateinischen Mittelalcer, wo beispielsweise Albertus Magnus und ‘Thomas von Aquin Kommentare yerfassten. Damals begann jedoch zugleich die Kritik. Die im VII. Buch der Physié entwickelte These von der Ewigkeit der Welt (auf dic ich im Zusammenhang der Metaphysik niher eingchen werde) war einer der Hauprgriinde fiir das 1210 an der Pariser Artistenfakultit ausgesprochene Ver- bot der aristotelischen Schriften. Und wenngleich der Aristotelismus kurz darauf, in der Hochscholastik, erneut in Bliite stand — fiir die Physik galt das niche, von ihr hat man sich zunehmend distanziert. b. Spatmittelalter und Neuzeit Die spiitmittelalterliche Impetus-Theorie — erstmals von Johannes Buridan (ca. 1295-1358) in seinen um 1350 entstandenen Quaestiones super octo libros Physico- rum Aristotelis formuliert — stellte grundlegende Annahmen des Aristoteles infrage. Der Impetus-Theorie zufolge tragen die Dinge, einmal angestofen, einen bleiben- den Impetus in sich, der nur durch externe Krifte gestoppt werden kann. Das war 38 Vel. Flashar, ,Aristoteles* [1983], 410. ZUR REZEPTION DER ARISTOTELISCHEN PHYSIK 167 mit der aristotelischen Physik und ihrer Lehre vom Jocus naturalis nicht vereinbar. Dadurch wurde die Distanzierung von Aristoteles’ Physik vorbereitet, wie sie dann von der neuzeitlichen Wissenschaft vollzogen wurde, die an der aristotelischen Phy- sik kein gutes Haar mehr lie, So hat Francis Bacon (1561— 1626) in seinem Novum organum von 1620 dem Aristoteles vorgeworfen, filschlicherweise die Logik der Physik vorgeschaltet, also die Verhiltnisse der Natur nach den Erfordernissen der Logik konstruiert und so- mit den Primat der Erfahrung missachtet zu haben.*? Zudem suche Aristoteles die Phanomene ganz. ungerechtfertigterweise von Innerem oder Seelischem aus zu er- kliren; damit griff Bacon die zentrale Annahme des Aristoteles an, dass es ein inne- res Prinzip der Bewegung des Naturseienden gebe und dass bei der Analyse zualler- erst auf dieses 2u achten sei. Bacon plidiert im Gegenzug dafiir, die ganze Naturer- kennunis ,,wie durch Maschinen zu bewerkstelligen*.” Auch andere berithmte Autoren der Neuzeit haben sich vehement gegen die aris- totelische Physik gewandt. So lie$ Giordano Bruno (1548-1600) in seinem Ascher- mittwocksmahl (1584) den Philosophen ‘Teofilo souveriin Sieg um Sieg gegen den aristotelischen Pedanten Prudenzio davontragen, und Pierre Gassendi (1592— 1655) verfasste cin Werk mit dem Titel Paradoxe Ubungen gegen die Aristoteliker (1624 bzw. 1659), das dem Leser helfen sollte, sich von der Last des Aristotelismus zu befreien. c. Galilei Allerdings gab es auch andere Téne. Nicht erst die neuere wissenschaftshistorische Reflexion hat auf zahlreiche Ubereinstimmungen awischen der neuzeitlichen Na- turwissenschaft und der aristotelischen Physi# hingewiesen,*' sondern schon einer der wichtigsten Protagonisten der neuen Wissenschaft selbst — Galilei — fillte tiber Aristoteles und dessen P/ysik keineswegs nur negative Urteile. Zwar ist Galilei als falminanter Kritiker des Aristoteles bekanat — er hat wundervolle Widerlegungen (zum Teil durch Gedankenexperimente) entwickelt. Aber er hat Atistoteles auch geschitzt und manchmal sogar zum Zeugen aufgerufen. So erklirte er seinen kirch- lichen Gegnern, dass Aristoteles, wenn er noch lebte, gewiss der neuen, von Galilei vorgetragenen Lehre beitreten wiirde. 39 Vel. Bacon, Newes Organ der Wissenschafien [1620], 43 f. {1 63] 40 Ebd., 22. 41 So hat Wolfgang Wieland betont, dass man sich durch das neuzeitliche Standardritual der Einre- den gegen Aristoteles nicht irreftihren lassen solle; in vielen Aspekten gebe es offensichtliche Ubereinstimmungen awischen der neuen und der alten Wissenschaft; sie betrifen sogar Grund- positionen wie beispielsweise die Lehre vom Kontinuum oder die von Grée, Bewegung und Zeit sowie die Ontologie der Dinge und ihrer Eigenschaften (Wicland, Die aristotelische Physik [1962], 12u. 17). 42 Vel. Galilei, Dialog iiber die beiden hauptsiichlichen Weltsyteme [1632], 55 [Exster Tag]. 168 1V. PHYSIK Aristoteles, Ptolemius und Kopernikus diskusieren miteinander (Titelblact von Galileis Dialog iiber die beiden hauptsiichlichen Weltsysteme, 1632) Nun bedenke man aber, was damit behauptet ist. Die ,neue Lehre“ attackierte ja das aristotelische Grundbild des Kosmos. Aristoteles hatte gemeint, dass jenseits des Mondes eine villig neue Sphare anfange, die aus ganz anderem Stoff bestehe als aus den hienieden bekannten Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer. Die trans- lunare Sphiire bestehe aus einem fiinften Element, einer ,quinta essentia‘, dem Ather; die Welt der Gestirne sei von vollig anderer Natur als die irdische Welt. Ga- lileis bahnbrechende und bestiirzende Entdeckung bestand nun darin, dass dem keineswegs so ist, sondern dass auch die Gestirne von ganz und gar erdartiger (nicht etwa von besonders edler, ditherischer) Art sind, dass also der Glaube an den Aus- nahmecharakter der Himmelskérper falsch ist. Als Galilei sein Fernrohr auf den Mond richtete und dort Gebirge entdeckte, geriet das jahrhundertelang geglaubte Weltbild ins Wanken; und als er die Monde des Planeten Jupiter entdeckte, brach es villig zusammen. Unser Mond ist aus dem gleichen Stoff wie die Erde; und Monde zu haben, ist keine exklusive Eigenschaft unserer Erde, sondern auch bei den Planeten ~ also in der Sphare des angeblichen Athers - gang und gibe. Es gibt keine Wesensdifferenz zwischen dem irdischen und dem translunaren Bereich. Die héhere und atherische Sphare der aristotelischen Physik — in der man christlich so gut Gott ansiedeln konnte — war nur ein Phantom. Im Grunde ist alles eins, es ist ZUR REZEPTION DER ARISTOTELISCHEN PHYSIK 169 in etwa von der Art, wie wir sie von der Erde her kennen. Das ist die grundstiirzen- de Einsicht der ,neuen Lehre“. Und von dieser neuen Lehre, die sein Weltbild aus den Angeln hebt, sagt Galilei nun, dass Aristoteles ihr beitreten wiirde, wenn er heute lebte. Wie kann er das be- haupten? Ganz einfach. Galilei meint: Aristoteles wiirde nicht mu denen gehaten, die sich weigern, durch ein Fernrohr zu blicken. Er ware ganz im Gegenteil froh, eines zur Verfiigung zu haben. Und er wiirde den damit méglichen Beobachtungen gro- &es Gewicht beimessen. Ein wiederholter Blick durch das Fernrohr wire ihm empi- rischer Beweis genug, um sich an die Revision seiner Anschautngen zu machen. Galileis Aristoteles-Bild ist offenbar ganz anders als das Bacons. Dieser hatte Atistoteles schlechte Spekulation, Begrifisfetischismus und Empirie-Ignoranz vor- geworfen. Galilei hingegen ist tiberzeugt, dass Aristoteles ein engagierter Empiriker war, der nichts gegen das Zeugnis der Erfahrung behauptet hatte. Im Gegenteil: Er wire bereit gewesen, aufgrund von Beobachtungen lieb gewordene Spekulationen und Begriffsprigungen tiber den Haufen 2u werfen. Galilei rihmt an Aristoteles geradezu, dass er ,den sinnlichen Erfahrungen vor allen Spekulationen den Vor- rang einrdume*.! In der Tat hat Aristoteles in seinen physikalischen Schriften immer wieder fiir Er- fahrung plidiert ~ gegen blofe Spekulation. So schreibt er beziiglich der Vorginge bei der Entwicklung der Bienen: ,,Diese sind nur noch nicht hinreichend bekannt, aber wenn wieder einmal etwas bekannt wird, dann soll man sich auf die Beobach- tung cher verlassen als auf die Vernunfigriinde, und auf diese tiberhaupt nur, wenn sie mit den Erscheinungen in Einklang stehen.“* Aristoteles hat, wenn immer még- lich, Experimente zu Rate gezogen — er berichtet beispielsweise sogar vom Sezieren. cines Maulwurfsauges. Scine Schriften sind voll yon empirischer Kenntnis.* Gewiss war Aristoteles dann im Ausgang von solcher Erfahrung gerade am Er- fassen der grundlegenden Strukturen interessiert. Aber es ware ihm nie eingefallen. m sagen: Ich kenne die begriffliche Straktur, und wenn nun jemand von einem Phinomen spricht, das dieser widerstreitet, so fallt allein dies schon das Urteil tiber seine angebliche Beobachtung — ich kann es mir sparen, sein Experiment 2u tiber- priifen. Aristoteles wire vielmehr begierig. an den Ort der wissenschafilichen Sensa- tion geeilt und hatte sie gepriift. So sah ihn Galilei, und so sollte man ihn sehen. d. Hegel ‘Auch Hegel hat ihn so geschen. Er hat Aristoteles’ Vorgeher: folgendermaffen cha- rakterisiert: ,Aristoteles ist cin vélliger Empiriker, namlich rugleich cin denkender. Empiriker nimnlich: et nimmt die Bestimmungen der Gegenstinde der Betrachtung 43 Vel. dazu ausfiihelicher: Verf., Homo mundanus, 103 u. 126-129. 44 Galilei, Dialog iiber die beiden hauptsdchlichen Weltsysteme [1632], 54 [Erstet Tag]. 45. Degen. anim. II] 10, 760 b 30-33. 46 Das haben schon die antiken Autoren an ihm bewundert. 170 IV. PHYSIK auf, wie wir in unserem gewohnlichen Bewusstsein davon wissen; er widerlegt dic empirischen Vorstellungen, friihere Philosopheme, hilt fest, was aus dem Empiri- schen beibehalten werden muss. Und indem er alle diese Bestimmungen verkniipft, verbunden festhalt, so bildet er den Begriff, ist im hchsten Grade spekulatiy, indem er empirisch zu sein scheint, Das ist ganz eigentiimlich bei Aristoteles. Seine Empi- rie ist eben sofal [...].“” Hegel weist also auf das aristotelische Doppel von unbe- dingter Empirie und gedanklicher Durchdringung hin. Diese Kombination nennt er — im Unterschied zu bloRer Lehnstuhlphilosophie oder leerer Spekulation, wie Bacon sie Aristoteles vorhalten zu kénnen glaubte — ,spekulativ“ im besten Sine.“ Des weiteren rithme Hegel, dass der ,,Hauptbegriff* der Physik, der Begriff der Natur, ,bei Aristoteles auf die hdchste, wahrhafteste Weise dargestelle“ sei," denn der Haupthegriff des Aristoteles ist, dass er die Natur als Leben auffasst“.°? Damit widerspricht Hegel auch dem zweiten Einwand Bacons. Dieser hatte gemeint, bei Aristoteles sci 2u viel Secle im Spiel; er hatte damit gegen die aristotelische Auffas- sung polemisieren wollen, dass das Naturseiende ein Prinzip seiner Bewegung und Ruhe in sich habe; ein solch selbsthafter Charakter der Naturprozesse galt der neu- zeitlichen Wissenschaft als inakzeptabel. Hegel aber rehabilitiert gerade auch dieses Moment entgegen dem neuzeitlichen Credo. e. Kritik am neuzeitlichen Mechanismus und an zeitgendssischen Engfiihrungen der Physik Das fiihrt 2u einer generellen Feststellung, Aristoteles wird im Verlauf der Newzeit zu- nehmend als Gegeninstanz gegen Verengungen und Defizite der neuzeitlichen Wis- senschaft in Anspruch genommen. Er wird beispielsweise als Kronzeuge gegen deren mechanistische Préimissen aufgerufen, Bacon hatte das ,dissecare naturam* — das Zer- schneiden und Sezieren der Natur - zum Leitprinzip der Naturbetrachtung erhoben und die ganze Erforschung der Natur, fern von allen Lebens- und Seelenkonnotatio- nen, rein mechanisch bewerkstelligen wollen.°! Dadurch sollten die Menschen dazu gelangen, ,die Natur zu besiegen".®* Ebenso sah Descartes im Abriicken von den ysubstanziellen Formen des Aristoteles und im Ubergang zu einem messerscharfen Mechanismus in der Naturbetrachtung den Heilsweg, der uns ,z Herren und Eigen- 47 Hegel, Vorlesungen tiber die Geschichte der Philosophie \postum 1833-36], 172. 48 Vel. hierzu auch folgende AuSerung: ,In der Tat tibertrifft an spelulativer Tiefe Aristoteles den Platon, indem er die griindlichste Spelulation, Idealismus gekannt hat und in dieser steht bei der weitesten empirischen Ausbreitung" (ebd., 133). 49 Ebd., 172. 50 Ebd., 174. 51 Bacon, Neues Organ der Wissenschafien, 22. Wilhelm Dilthey hat das ,dissecare naturam* den atiefsten Begriff’ Bacons genannt (Dilthey, Weltanschanung und Analyse des Menschen seit Renais- sance und Reformation (1914], 259). 52 Bacon, Neues Organ der Wissenschafter, 25. ZUR REZEPTION DER ARISTOTELISCHEN PHYSIK 171 tiimern der Natur machen werde.> Das ist typisch neuzeitliches Denken. Dagegen wird zunehmend Aristoteles als Gewahrsmann aufgerufen.™* Man findet in seiner Na- turphilosophie Einsichten, die als Antidot gegen den mechanistischen Ansatz nutzbar zu machen sind. Exemplarisch geschieht dies, wie erwihnt, bei Leibniz.°° Neuerdings ist es beliebt geworden, das auf Begreifen zielende Philosophieren des Aristoteles im Zug einer pauschalisicrten Vernunftkritik fiir alle méglichen Fehler und Pathologien von Vergangenheit, Neuzeit und Moderne verantwortlich 2a ma- chen. Das ist offenkundiger Unsinn. Wenn man Pathologien der technischen Welt beklagt, dann kann man nicht Aristoteles die Schuld dafiir in die Schuhe schieben. Es ist eher umgekehrt: Wenn schon, dann sind solche Pathologien dem mechanistischen Geist anzulasten, gegen den das aristotelische Naturverstiindnis, das auf selbsthafte Prinzipien des Natiitlichen setzte, gerade cin Korrektiv darstellte — dem dann freilich zu Wenige zu folgen bereit waren. Heute glaubt man vielfach, die aristotelische Physik habe der modernen Physik nichts mehr zu sagen, sie sei schlicht iiberholt. Das ist eine unbedachte Anschau- ung. Erstens sollte man sich dessen bewusst sein, dass es cine Physik als eigenstin- dige Wissenschaft — in klarer Abgrenzung von anderen Disziplinen wie Logik, Ethik oder Mathematik — erst seit Aristoteles gibt. Aristoteles hat die Physik als selbststindige Wissenschaft begriindet, und davon zehrte alle Physik seither bis auf den heutigen Tag.>® Zweitens ist es fiir die aristotelische Physik charakteristisch, dass sie die Grundbegriffe und -strukturen des Naturseienden zu explizieren sucht. Sie will nicht Erscheinungsreichtum, sondern Begriffsanalyse. Auch cine solch be- griffliche Ausrichtung war im Lauf der Zeiten immer wieder nétig, gerade bei an- stehenden Revisionen — von der Kritik an der aristotelischen Bewegungskonzepti- on durch die Theorie des Impetus iiber Newtons Neubegriindung der Mechanik bis hin zu den Grundlagenrevisionen des frithen zwanzigsten Jahrhunderts, Gewiss hat Aristoteles keine Physik mikro- und makrokosmischer Dimensionen in unse- rem Sinn (Quantenmechanik und Allgemeine Relativitatstheorie) entworfen, son- deta die Gegebenheiten des Mesokosmos zu erfassen versucht, und sicherlich sttit- zen wir uns daftir heute eher auf Newton als auf Aristoteles, aber dass die Physik. nicht blo& experimentellen Fortschritts, sondern auch grundbegrifflicher Klarun- gen bedarf (und insofern eine genuin philosophische Dimension einschlieBe und erfiillen muss), das hat Aristoteles als Erster klargemacht, und daran haben sich be- 53. Descartes, Discours de la Méthode (1637), 101. 54 Die scholastischen und dogmatischen Formen des Aristotelismus werden weitethin kritisiert — aber Aristoteles selbst wird von diesen unterschieden, 55 Vel. dazu eine Formulierung in dem frither schon erwahnten Brief von Leibniz an seinen Lehrer ‘Thomasius: ,Seit der Aufklérung gibt es die reformierte Philosophie dreifach: eine einfiltige, wie die von Paracelsus, Helmont und anderen, die den Aristoteles véllig zurtickweisen; eine kiihne, dic sich wenig um die Alten kiimmert, ja sie sogar mit unverhohlener Verachtung behandelt und auch deren gute Gedanken in Verruf bringt, wie das bei Descartes geschieht; schlie@lich die wah- re, welche Aristoteles als grofen Mana erkennt, der in den meisten Fallen recht hatte* (Leibniz, Brief an Jacob‘Thomasius vom April 1669, 23 f). 56 Vel. Wieland, Die aristotelische Physit [1962], 11. 172 IV. PHYSIK deutende Physiker stets mit Vorteil erinnert. Drittens: Die Disparitat zwischen aristotelischer und moderner Physik resultiert nicht nur aus einzelnen Annahmen, die Aristotcles vertrat und die wir inzwischen nicht mehr teilen, sondern aus einer Veriinderung der Konzeption und Weite der Physik. Eminent vieles, was fiir Aristo- teles zum Bereich der Physik gehrte, wurde spater in andere Disziplinen ausgela- gett. Aristoteles suchte eine Erklirung fiir samtliche Typen von Verinderung, die sich in der sichtbaren Welt finden. Die neuzeitliche Physik hat sich dagegen auf ei- nen einzigen Veranderungstyp — die Ortsbewegung — kapriziert, und sie hat da- durch zwar im Einzelnen betrachtliche Fortschritte zu erzielen vermocht, auf der anderen Seite aber dic Erklarung all der anderen Veriinderungen preisgegeben bzw. an andere Disziplinen verwiesen.°” Die moderne Physik ist gegeniiber der aristote- lischen drastisch verkiirzt und verarmt.** SchlieBlich: Wenn wir heute beginnen, die Vorrangstellung ,physikalistischer* Erklérungen zuriickzuweisen, so hat dies auch mit der Einsicht zu tun, dass eine auf blo& mechanistische Vorstellungen reduzierte Physik nicht nur Phanomene hé- herstufiger Seinsdimensionen nicht zu erklaren vermag, sondern schon in ihrem ureigensten ~ im physikalischen — Feld ungeniigend ist. Die physische Welt ist be- reits in ihrem elementaren Bereich durch weitaus mehr Freiheitsgrade gepragt, als die klassische Physik je hiitte glauben magen.>” Und die Spezifika haherer Seinsdi- mensionen kénnen nicht aus den Gesetzen erklart werden, die auf den vorangegan- genen Ebenen gelten. Bei aller Kontinuitat treten doch auch immer wieder eigene Gesetzlichkeiten auf — es gibt keine ,basale‘ Schicht, aus der sich alles erklaren lie- Re, Insofern zeichnet sich gegenwartig der Ubergang zu einem Weltbild ab, das strukturell dem des Aristoteles wieder nahe steht, sofern dieses die Trennung zwi- schen dem Physischen und dem Rest der Phanomene nicht mitmachte, sondern das Verhaltnis zwischen den Dimensionen der Natur insgesamt wie noch das zwi- schen Natur und Geist holistischer sah, als es in Neuzeit und Moderne iiblich ge- worden ist. iche und moderne Verengung der vier Ursachen des Aristoteles auf In den leven Jahrzehnten wird dagegen in Naturphilosophie und ‘Wissenschafistheorie zunehmend das aristotelische Konzept natiirlicher Kraft rehabilitiert. Vgl. Harré u. Madden, “Natural Powers and Powerful Natures” [1973] sowie Mumford, “Causal Pow- ers and Capacities” (2009). $8 Darauf hat insbesondere Paul Feyerabend hingewiesen (vgl. Feyerabend, Wider den Methodenz- wang [1975], 61-64). Br hat auch ausfiihrliche Analysen aristotelischer Theoreme vorgelegt, die fiir den modernen Leser deren guten Sinn erkennen lassen (vgl. insbes. ,Einige Bemerkungen zu Atistoteles’ Theorie der Mathematik und des Kontinuums* [1982]). Feyerabend zeigt sogar, dass die aristotelische Theorie des Kontinuums (im Unterschied etwa zur weitaus oberflichlicheren ‘Theorie Galileis) gewisse Ziige der Quantentheorie vorwegnimmt (vgl. ebd., 326). 59 Vel. Schmidt, Jnseabilivit in Natur und Wissenschaft [2008]. 60 [...) it is far from clear that there és any basic level” (Campbell u. Bickhard, “Physicalism, Emer- gence and Downward Causation” [2011], 46). 61 Vgl. dazu: Tewes u. Vieweg (Hrsg.), Natur und Geist. Uber ibre evolutiondre Verhitlinisbestimmung (2011).