Sie sind auf Seite 1von 76
Asthetischen beschwart, ist Bloch ein Leben lang ferngeblieben. SchlieBlich war er einer der ersten, die die Werke der kiinstlerischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts philosophisch fundiert haben'**, Nicht nur im Geist der Utopie, sondern - wie im nichsten Bloch-Kapitel zu zeigen sein wird -, auch in den darauf folgenden Werken ist eine philosophische Beeinflussung durch avantgardistische Kunst festzustellen. Dies gilt allerdings, wie an der Ablehnung der Neuen Sachlichkeit gezeigt, nicht fiir alle Avantgarden, Die Opposition Klassisches versus Subversives leitet Blochs Einschiitzung von vormoderner wie moderner Kunst!*®, Das Resultat ist eine politische Asthetik, aber eine aufs Kunstwerk zentrierte, eine, die darauf baut, dab der Begriff im Bild niemals vollkommen aufigeht), oft das Unbegreifliche an der Form der offentlich gewollten Aussage widerspricht.'"” Diese asthetische Primisse impliziert eine andere Traditionswahl als die der Geschichtsphilosophie: durch die Radikalisierung des Wahrheitsanspruches wird - durchaus im Sinne der 7. Benjaminschen geschichtsphilosophischen These - die Interpretation gegen den Strich der Uberlieferung und der Sieger gebiirstet - mit der Konsequenz einer Asthetik, die auf der Seite der Besiegten und ihrer unabgegoltenen Tréume steht 145° Séndor Radn6ti, Bloch und Lukées: Zwei radikale Kritiker in der 'gottverlassenen Wellin Agnes Heller et. al., Die Seele wad das Leben, Studien zum frithen Lukes, Frankfurt 1977. 146 Die Privilegierung des Subversiven in der Kunst verbindet Bloch durchaus auch mit der avantgardistischen Asthetik, sie wurde z.B. auch von den Surrealisten propagiert, vgl. dazu Peter Burger, Der franzdsische Surrealismus, Frankfurt 1971, 8, 82, Zu Blochs Rezeption des Surrealismus vgl. Kap VIL. 147 Beat Wyss, Trawer der Vollendung, a.a.0., 8. 334 162 V. Der Expressionismus und das Wesen der Moderne Gliicklicherweise haben sich weder Marx noch Lukées iiber die Poesie geituBert; was uns dadurch erspart geblieben ist, li8t sich nur mutmaBen, (H.M. Enzensberger, Poesie und Politik) Totgesagte leben linger, das ist das paradoxe Resultat von Lukécs' Generalabrechnung mit der Moderne in Gréjbe und Verfall des Expressionismus | Denn 1934, als dieser Aufsatz verdffentlicht wurde, war der Expressionismus bereits eine historische Avantgarde, allerdings eine, die kunsthistorische Fakten geschaffen hatte, die sich als irreversibel erweisen sollten, Statt also die bereits tote Kunstrichtung ganz zu begraben, trug gerade Lukécs' Aufsatz mit dem Umweg iiber die Expressionismusdebatte zu einer theoretischen Wiederbelebung bei’; ein Umstand, den Bloch in seinem Debattenbeitrag ebenso verwundert wie vergniigt konstatiert’, Dieser Tendenz versucht Lukécs dadurch zu begegnen, da er proklamiert: Es geht um den Realismus. In dem so tiberschriebenen Aufsatz, der am Schlu8 der Auseinandersetzung um den Expressionismus steht, behauptet er, da die Entfernung vom Realismus das charakteristische Merkmal aller biirgerlichen Avantgarden - vom Naturalismus bis zum Surrealismus - ist. In diesem Kontext wird Lukacs' Wahl, den antirealistischen und reaktioniiren Charakter der Moderne ausgerechnet an Gréjfe und Verfall des Expressionismus aufzuzeigen, nachtraglich nicht verstindlicher. Am Futurismus wiire die Georg Lukées, GréBe und Verfall des Expressionismus (1934), in: Georg Lukées, Essays tiber Realismus, ders. Probleme des Realismus 1, Werke, Bd.4, Neuwied 1971, S. 109-149, Offizieller Ausloser dieser Debatte war zwar Bemard Zieglers Beitrag in Das Wort, dieser war Jedoch eindeutig von Lukécs' Aufsatz inspiriert. Die meisten Debattenteilnehmer, die den Expressionismus verteidigten, so z.B. Walden, Wangenheim und Bloch, nahmen weniger aut Ziegler/Kurella Bezug, als auf Lukécs' Aufsatz, Samtliche Aufsitze finden sich in: Die Expressionismusdebatte, Materialien zu einer marxistischen Realismuskonzeption, bsg. v. H. J. Schmitt, Frankfurt 1973. Ernst Bloch, Diskussionen Uber den Expressionismus, ders. Vom Hasard zur Katastrophe, Politische Aufsitze aus den Jahren 1934-1939, Frankfurt 1972, 163 iiberzeugender Verbindung von Faschismus und Avantgarde wesentlich nace ane nachweisbar gewesen, und die Surrealisten vollzogen den Bruch mit det Prinzipien mimetischer Asthetik nachdriicklicher als die Expressionisten. ist vermutlich, Einer der mafgeblichen Griinde fir diese Lukdcssche Entscheidung ist vermt daB der Expressionismus die einzige spezifisch deutsche Avantgarde wat : Die Bilder selbst waren eben mit einer Mischung, die nur in Deutschland esi ee im Deutschland Ossians, der Romantik und zuletzt noch des rae halt triumenden Jugendstils, aus Archaischem und Utopischem zugleich ine an aufgeholt, ohne daB genau zu sagen gewesen wiire, wo der Urtraum auth6rte, Zukunfislicht began. (IV, 8. 258) So definiert Bloch die Wurzeln des Expressionismus und benennt ae Jene Traditionsstriinge, die nach Lukes des Erbens nicht wert easy ve deutsche Geschichte nach dekadenten, irrationalen und faschistoiden Anteilen a durchforsten, war ein bereits in den dreiBiger Jahren Renoanget ideologiekritisches Projekt Lukdcs', das schlieBlich in dem Werk Zerit Het Vernunft’ enden sollte, Hier unternimmt er den Versuch, eine Geleteee der nachhegelschen und vor allem der modernistischen Zeit als Verfallsgeschi : zu schreiben. Ein Weg, an dessen Anfang Gréje und Verfall des re a ares steht; auch wenn es sich bei diesem Aufsatz um eine Auftragsarbeit handelt, a BS weder der antimoderne Impetus noch das Begehren, die Kunst zu vereinheitlichen, auf Fremdbestimmung zurtickzufiihren. Es handelt sich dabei vielmehr um oa Zug im Lukéesschen Denken, der von der ersten kulturpolitischen Tatigkeit af Volkskommissar der ungarischen Riiterepublik’ bis hin zum Spitwerk flr se asthetisches Denken charakteristisch ist. 1.Gré6e und Verfall des Expressionismus ‘*, - lyse Mit dem Tod des Expressionismus beginnt Lukacs seine darstellende oy De dieser Kunstrichtung. Am Anfang steht die Feststellung, da der Zusammen ee des Expressionismus auch ein Nachweis fiir die Unfihigkeit ist, eine sic! : jismus, Der * Diese Position vertritt auch Walter H. Sokel, Der literarische Expressionism chen 1970, 8. 7- Expressionismus in der deutschen Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts, Munchen 19 Wl Georg Lukées, Zersiérung der Vernunft, Werke Bd, 9., 2.1.0. Val. G, Lukécs etal., Die Sduberung. Moskau 1936: Stenogramm. ciner geschlossen Parteiversammlung, hrsg. v. Reinhard Muller, Frankfurt 1991, S. 191/192. e, Mass. 1991, Val. dazu Arpad Kadarkay, Georg Lukdics, Life, Thought and Politics, Cambridge, Mass. 199 S. 217-231 164 Umbruch befindende Wirklichkeit vom Standpunkt des biirgerlichen Intellekiuellen (aus) kiinstlerisch zu bewéiltigen. Als Indiz dafiir fihrt er eine angebliche Grabrede Wilhelm Worringers®, des wohl einfluBreichsten Theoretikers des Expressionismus, auf diese Kunstbewegung an. Lukécs erklirt ihr Scheitern damit, da der Expressionismus die literarische Ausdrucksform der USP” war und somit zwar ein wichtiger Teil der Antikriegsbewegung, dem es aber nach dem Ende des Krieges und der mifslungenen Revolution ithnlich wie der Mutterpartei erging: er zerbrach an der Entscheidung zwischen Bourgeoisie und Proletariat und lief mehrheitlich zum Kapitalismus (gemeint ist die SPD) diber"®, Nach dieser intelligenzsoziologischen Zuordnung des Expressionismus folgt der seit Geschichte und Klassenbewufstsein obligatorische Gang durch die deutsche Philosophie- und Geistesgeschichte, welcher den Titel Zur Ideologie der deutschen Intelligenz in der imperialistischen Periode tigi. Nachdem in der vorimperialistischen Philosophie Kant als Verursacher der meisten Mifstiinde ausgemacht wurde, folgt nach einigen unfreundlichen Worten iiber den Neukantianismus eine Auseinandersetzung mit der Lebensphilosophie, die in nicht naher bestimmten Zusammenhang mit dem Expressionismus gebracht wird. Sie wird als Scheinopposition gegen den Kapitalismus bezeichnet, der es nicht um die Aufklirung iiber die tatstichlich widerspriichliche Natur des Kapitalismus zu tun war, sondern um dessen Mystifizierung: Diese Entwicklung zum mystischen Irrationalismus, zur ‘Lebensphilosophie’, zur inhalilich erfillten 'Weltanschauung’ hat dementsprechend ein Doppelgesicht Einerseits cntsteht eine stindig entschiedenere Apologetik des imperialistischen Kapitalismus, andererseits kleidet sich die Apologetik in die Form einer Kritik der Gegenwart. Je stirker sich der Kapitalismus entfaltet und je stirker er dementsprechend seine inneren Widerspriiche entwickelt, desto weniger kann die direkte und offene 8 Zum EinfluB von Worringers Abstraktion und Einfithlung (1908) besonders auf die bildende Kunst des Expressionismus gl. James P. Benarz, ‘The Dual Vision of Paul Klee's Symbolic Language, in: Passion and Rebellion, The Expressionist Heritage, ed. by Stephen B. Bronner + Douglas Kellner, London 1983, sowie Sokel, aa.0., S. 23. Zu Worringers Einflu8 auf Bloch vel. Kapitel 1V.4 ’ Lukées benutzt fiir die Unabhingige Sozialdemokratische Partei, dic sich 1917 wegen der Gegnerschaft zu den Kriegskrediten von der SPD abspaltete, vorwiegend nicht die in der Literatur gangige Abkurzung USPD, sondern bezeichnet sie als USP. 10 Nur der historischen Wahrheit wegen soll hier a remerkt werden, daB die USPD nach ihrem grofen Wahlerfolg im Sommer 1920 auf ihrem Parteitag im September desselben Jahres mehrheitlich den Beitritt zur kommunistischen Partei belUrwortete, Der Mindetheitenflagel schloB sich teilweise im darauffolgenden Jahr der SPD an, ein weiterer Teil bestand als Splitterpartei fort, Dal Lukécs dieses entfallen sein sollte, erscheint wegen seiner Verbunden- heit mit der deutschen kommunistischen Bewegung hdchst unwahrscheialic 165 Verteidigung der kapitalistischen Wirtschaft im Mitelpunkt des ideologischen Schutzes des kapitalistischen Systems stehen.. Die Kritik der Expressionisten am System, die zwar subjektiv ehrlich gemeint war, so Lukécs weiter, bleibe als bloBe Kulturkritik jedoch den Phiinomenen verhaftet, ohne diese mit dem Kapitalismus in dialektischen Zusammenhang zu bringen. In den Fallen, in denen der Kapitalismus kritisiert wiirde, reiche es bestenfalls zu einer (neo)romantischen Opposition, welche der urspriinglichen Romantik noch unterlegen sei, weil sie ganz und gar der Oberfliiche verhaftet bleibe. Zentrales Moment der expressionistischen Opposition sei eine bohemehafte Antibiirgerlichkeit gewesen, und in dieser mag er keine politische Haltung, sondern nur einen reinen Formalismus sehen. Die expressionistisch/anarchistisch bohemehafie Antibiirgerlichkeit sei zwar als solche gegen rechts eingestellt, weil sie aber in ihrer Kritik der Blirgerlichkeit von den wirtschaftlichen Grundlagen des Kapitalismus wie auch von dem Kampf des Proletariates abstrahiere, seien die Expressionisten anfillig fiir einen Umschlag ins Reaktioniire, stellt Lukécs fest, um dann die zentralen Thesen des Aufsatzes abzuleiten: .. der Expressionismus ist zweifellos nur eine von vielen biirgerlich-ideologischen Strémungen, die spater im Faschismus miinden, und seine ideologische Vorbereitungsrolle ist nicht groBer ... als die mancher anderen gleichzeitigen Strémung, Der Faschismus, als Sammelideologie der reaktioniiren Bourgeoisie der Nachkriegszeit, beerbt alle Stromungen der imperialistischen Epoche, soweit in ihnen dekadente-parasitire Ziige zum Ausdruck kommen; auch alles Scheinrevolutioniire oder Scheinoppositionelle gebiirt dazu ... Aber wer dem ‘Teufel des imperialistischen Parasitentums den kleinen Finger gibt- und das tut jeder, der auf die pseudokritische, abstraktverzerrende, mythisierende Wesensart der imperialistischen Scheinopposition eingeht -, dem nimmt er die ganze Hand. Diese Passage ist fiir Lukées’ Denken der dreifiger und vierziger Jahre sehr aufschluBreich, zeigt sie doch die tiefe Verstérung, die die Kunst der Moderne bei ihm auslist. Lukées, von einem Standpunkt sich tiberlegen diinkender Rationalitat aus argumentierend, verfiingt sich selber im mythischen Denken, stigmatisiert das Irrationale als teuflisch und ansteckend. Er macht es damit einer griindlichen wissenschaftlichen Analyse unzugtinglich, weil bereits die Beriihrung, wenn nicht die Seele, dann zumindest die Hand kostet. GroBe und Verfall, a.0., 8. 115. GroBe und Verfall, a.2.0., S. 121. Dies ist auch die Argumentationsfigur, die der Zerstdrung der Vernunft zugrunde liegt. Vgl. dazu insbesondere das Vorwort zu Georg Lukées, Zerstérung der Vernunfi, Werke BU. 9, a.a.0. 166 Das so gefahrliche Irrationale des Expressionismus wird im Lebensreformerischen, Antibiirgerlichen und Anarchistischen lokalisiert. Lukécs' Position diesen Strémungen gegentiber verriit eine Abneigung, die sicher nicht nur theoretisch begriindet ist, sondern auf eine starke Beriihrungsangst gegeniiber politischen Bestrebungen schlieBen lift, die die gewohnte Ordnung der Dinge in der Lebenswelt anzweifeln’’, nicht nur die Besitzer der Produktionsmittel. Zudem ist das politische Vorgehen bemerkenswert; mit der Denunziation aller anderen linken Kriifte als scheinoppositionell und protofaschistisch versucht er einen Alleinvertretungsanspruch fiir seine Strémung, d. i. die kommunistische, zu etablieren, die er nach seinen Ausfiillen gegen die Antibiirgerlichkeit quasi auf die Seite der Ordnung gestellt hat. Gegen Ende des 1. Kapitels kommt Lukécs zu seinen disthetischen Vorbehalten: Als charakteristisch fiir die Fluchtideologie des Expressionismus kennzeichnet er de n explizite Abkehr von den Vorbildern der griechischen Kunst und die Rehabilitierung primitiver, agyptischer, gotischer und barocker Kunst, genau jene Elemente also, die die Moderne mit der Romantik verbinden. Durchaus folge- richtig und in der Tradition diverser antiromantischer Diskurse sieht Lukdes hierin Antirationalismus und eine Abkehr vom wissenschaftlichen Weltbild.'* Dadurch seien die Expressionisten unfilhig gewesen, zum Wesen der Dinge (gemeint sind die Klassengegensiitze) vorzudringen, so daB ihre Angriffe der symbolischen Ebene verhattet geblieben seien. In der Einleitung des zweiten Kapitels, das den Titel Der Expressionismus und die USP-Ideologie triigt, stellt Lukécs fest, daB der Expressionismus seit dem Ende des Naturalismus die erste Literaturbewegung war, die tiber gesellschaftliche Relevanz verfiigt habe. Dieser Umstand andere jedoch nichts daran, dab die Expressionisten aus den bereits referierten Griinden, die Lukdcs hier noch einmal 13 Beat Wyss beschreibt diesen links wie rechts anzutreffenden Puritanismus folgendermaBen: “Nordau, Spengler, Sedelmayr und Lukes wurden ... in die Kultur der alten Donaumonarchie und des deutschen Reiches hineingeboren, Die patriarchalische Erziehung widerspiegelt sich in ihren Geschichtsentwirfen ... eine gewisse 'Haltung’ Uberdauert in ibrem Denken, Es steckt gleichsam in einer gestirkten Hemdbrust, die so blutenwei8 ist, wie die systematische Reinheit; wie ein Stebkragen schnurt das Harmoniegebot die freie Bewegung ab. Das Schone kommt mustande durch die Anstrengung eines sthetischen Dauerkrampts. Gegenbegriff zur geschichtsphilosophischen ‘Haltung’ ist das ‘Chaos. Vor dem Chaos waren alle Kulturkritiker der Moderne ... Chaotisch in phinomenaler Bedeutung ist: das Dunkle, der Schmutz und das FlieBende; alles Unkontrollierte und Unkontrollierbare, wie es in der Kunst der Moderne zum Vorschein kommt." Beat Wyss, Trawer der Vollendung, Von der Asthetik des Deutschen Idealismus zur Kulturkritik an der Moderne, Munchen 1989, S. 320, Grove und Verfall, 2.2.0, 8. 124, 167 wiederholt, auf demselben Boden wie die imperialistische Bourgeoisie gestanden hitten. Thre Opposition sei allgemein geblieben, hiitte sich nur gegen Erscheinungen wie Krieg, Gewalt oder Biirgerlichkeit gerichtet, sei mithin eine romantisch-antikapitalistische gewesen und nicht in der Lage, den Klassencharakter der von ihr attackierten Phinomene zu erkennen. Zudem brandmarkt er das von den Expressionisten propagierte Gesellschaftsmodell als clitiir und fligt hinzu: ihr ideologischer Weg fiihre von Nietzsche iiber Sorel-Pareto zum Faschismus'®. Ganz im Sinne der Sozialfaschismusthese interpretiert Lukacs schlieBlich auch das Ende des Expressionismus: Die harten Kéimpfe der ersten Revolutionsjahre, die ersten Niederlagen der Revolution in Deutschland zerschlagen immer deutlicher dic Scheinunterschiede 2wischen revolutiondrer Phrase und Kapitulantengewimmer. Und damit endet - in nicht zufalliger zeitlicher Ubereinstimmung, mit der USP - der Expressionismus als herrschende literarische Stromung in Deutschland. ° Wiihrend Lukdcs im zweiten Kapitel zur Untermauerung seiner These der Entsprechung von Expressionismus und USP dichterische, politische und wissenschaftliche AuBerungen umstandslos miteinander vergleicht bzw. zum Nachweis der politischen Verkommenheit heranzieht, geht es ihm im dritten Kapitel um die Schdpferische Methode des Expressionismus. Er betont einleitend, da8 der Expressionismus eine Bewegung gewesen sei, die ausgesprochen weltanschaulich agierte; diese Weltanschaulichkeit charakterisiere auch die isthetische Verarbeitung der Wirklichkeit. Die sei dadurch gepriigt, daB die Welt als ein unsystematisches chaotisches Gebilde betrachtet wird, dessen Wesen nur durch Zerrei8ung der Zusammenhinge erfaBt werden kann. Die dargestellte Wirklichkeit erscheine so sinnlos. Das Medium der expressionistischen Erkenntnis sei nicht Rationalitat, sondern Leidenschaft. Die Verlorenheit des Individuums im Kapitalismus, das ohnmichtige Aufbegehren des Kleinbiirgers bilde den Schwerpunkt der expressionistischen Dichtung, stellt er fest, um im folgenden die Werke von Dichtern wie Sternheim, Werfel oder Ehrenstein als verlogen, vornehmtuerisch, weichlich, sentimental, wichtigtuerisch-kraftmeierisch- verkrampft abzukanzeln, ohne diese Einschiitzungen jedoch niiher 2u begriinden"”. In dem iibersteigerten Subjektivismus der Expressionisten sieht Lukacs eine Erbschaft der Jugendbewegung. Die Folge sei eine inhaltliche Verarmung der Dichtung: 15 GroBe und Verfall, a.a.0., $.136. 16 Ebd. 17 Groge und Verfall, a.a.0., $. 138, 168 Die Expressionisten stellen sich also auch hier in jene grofte Reihe der Ideologen des imperialistischen Zeitalters, die im Interesse der Rettung alter theoretischer Vorstellungen oder zum Zweck der Einflihrung einer neuen Mythologie die Kausalitit, die objektive Verkniipfung der Gegenstinde und Prozesse der AuBenwelt leuggen. Die Reihe reicht von Nietzsche und Mach bis zu Spengler, Spann und Rosenberg. macht es sich hier sehr einfach: die Expressionisten haben sich gegen die traditionelle wissenschaftliche Weise der Erkenntnis vergangen, das Ergebnis ist nicht etwa eine andere, nur der Kunst mégliche Art der Erkenntnis, sondern die Leugnung von nicht rationaler Erkenntnis schlechthin und deren Denunzierung als faschistoid. Sinnliche Erkenntnis wird so von Lukécs als Subjektivismus verbannt. Dieser Subjektivismus kennzeichnet in seiner Optik auch die expressionistischen Manifeste und Proklamationen, deren inhaltliche Nichtigkeit durch Sprachpathos, hysterische Ubersteigerung der nebeneinandergeworfenen zusammenhanglosen Bilder ersetzt und versteckt wurde". Lukécs schlieBt seine Darstellung des Expressionismus mit der Feststellung, daB dessen Prinzipien leere Bewegtheit, Belicbigkeit und Verbalradikalismus gewesen seien. Den Schrift- stellern des Expressionismus sei das Politisieren von den politischen Umstiinden aufgezwungen worden, es sei aber ihrer Dichtung auBerlich geblieben. Aus diesem Grund hiitte das Scheitern der Revolution und die Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhiiltnisse das Ende des Expressionismus bewirkt. Seine abschlieBende Einschiitzung ist die, daB die Nazis teilweise die ideologischen Erben des Expressionismus seien; die Abkehr von der Darstellung der Wirklichkeit und die Hinwendung zum Mythischen und Irrationalen mache diese Kunstrichtung, trotz subjektiv entgegengesetzter Intention der Akteure, daftir geeignet. So hitten die Faschisten nicht nur das politische Erbe des Novemberverrats von SPD und USP angetreten, sondern auch das literarische.”? Hier wird noch einmal die Art der Lukcsschen Auseinandersetzung deutlich. Der Aufsatz verwirrt durch unklare Argumentationsfuhrung und haufige Wiederholung bestimmter Vorwiirfe, die in meiner Darstellung nach Méglichkeit ausgelassen wurden, so z.B. die stindige Beschwérung des Scheincharakters der Gro und Verfall, a.a.0., 8. 144, 19 Grote und Verfall, aa.0., 8. 146, ‘chitzungen, die diese und dhnliche AuBerungen als Volksfrontpolitik bezeichnen, (vgl dazu die Auseinandersetzung mit Lindner im Kapitel 11), widerspricht m.B, Lukées' Postscriptum von 1953, zu einer Zeit also, als der Faschismus bereits besiegt, die Welt in zwei Lager auf- geteilt und Volkstrontpolitik nicht mehr aktuell war: "DaB die Nationalsozialisten spiter den Expressionismus als ‘entartete Kunst’ verworfen haben, andert nicht an der historischen Richtigkeit der hier gegebenen Analyse.” Gripe und Verfall des Expressionismus, 2.0.0. S. 149 169 expressionistischen Opposition, die Anprangerung der Oberfliichlichkeit der expressionistischen Kunst etc. Gréjfe und Verfall des Expressionismus fallt nicht nur durch die grotesken Febleinschiitzungen, die wiederholte und bewuBte Vermengung von Opfern und Tiitern aus dem Rahmen des Lukdcsschen Werkes, sondern auch dadurch, da weder die disthetischen noch die politischen Urteile so hergeleitet werden, daB sie wenigstens rein technisch wissenschafilichem Standard geniigen wiirden”'. Bemerkenswert ist GréBe und Verfall des Expressionismus jedoch vor allem dadurch, daB es sich um den Schliisseltext der dreifiger Jahre beziiglich Lukacs' Position zur Moderne handelt. Wahrend es ihm in den meisten anderen Aufséitzen dieser Zeit, z.B. in Das Ideal des harmonischen Menschen in der biirgerlichen Asthetik,? vor allem darum geht, an Hand einer Analyse der Vergangenheit die Mingel der Gegenwartskunst herauszuarbeiten, argumentiert er in Grobe und Verfall des Expressionismus von der Moderne her. Ein wichtiges politisches Instrument der Entlarvung ist die Sozialfaschismusthese, immer wieder operiert Lukacs mit der Gleichung Expressionismus=USPD=Faschismus. Diese Gleichsetzung beinhaltet trotz, ihrer theoretischen Fragwiirdigkeit iiber das Stichwort USPD einen zentralen Ansatzpunkt fiir Lukées' Abneigung gegen den Expressionismus, niimlich den Anarchismusvorwurf. Denn wenn der Expressionismus und die USPD theoretisch iberhaupt einer politischen Strémung zuzurechnen sind, dann sicherlich dem Anarchismus, zu dessen Wesen die politische Mehrdeutigkeit gehért.”’ Auf der Linken sind hier nicht nur Franz Pfemfert und die Aktion zu nennen, sondern auch die Schriftsteller aus dem Umkreis der Miinchner Riterepublik: Landauer, Mihsam, Toller, Traven und Eisner selber™, In seiner Studie tiber Anarchismus und Literatur weist Fihnders daraufhin, daB es eine Geburt des Expressionismus 21 Selbst die Folgende Lowysche Feststellung trifft hier nicht zu: "Lukiies possessed in the highest degree that virtue of ‘Grtindlichkeit’ which is attributed, rightly or wrongly, to German thought as a whole. At each stage of his intellectual development, he drew out the final conclusion of his position, always operating with a profound, systematic and rigorous consistency.” Michael Lowy, From Romanticism to Bolshevism, London 1976, $. 171 22 Lukées, Probleme des Realismus 1, Werke Bad, a.a.0. 23° So auch Biirbel Schrader, Aufbruch in ein neues Zeitalter, in: dies, Manfred Nossig, J. Rosenberg, Literaturdebatten der Weimarer Republik, Zur Entwicklung des marxistischen Literaturtheoretischen Denkens 1918-1933, Berlin/Weimar 1980, S. 24-36 4 Zur Verbundenheit des frihen Expressionismus mit Anarchismus, Kaffeehauskultur und Boheme vgl. Henry Pachter, Expressionism and Cafe Culture, sowie Henry Mitzman, Anarchism, Expressionism and Psychoanalysis, beide in: Bronner/Kellner, Passion and Rebellion, 2.0. 170 aus Lebensreform und Anarchismus gibt, allerdings unter Verwisserung anarchistischer Positionen”. Ein Revolutionsverstiindnis, wie es Landauer im Aufruf zum Sozialismus oder Mithsam 1913 formulierte, widersprach allem, was Lukdcs in den DreiBigern anstrebte: Alle Revolution ist aktiv, singular, plotzlich und ihre Ursachen entwurzelnd [...] Einige Formen der Revolution: Tyrannenmord, Absetzung alter Tafeln (in Konvention und Kunst), Schaffen eines Kunstwerks, der Geschlechtsakt. Einige Synonyme fiir Revolution: Gott, Leben, Brunst, Rausch, Chaos. 26 LaBt uns chaotiseh Die avantgardistische Modeme ist fiir Lukes vor allem eine Provokation, und dies war durchaus im Sinne der Expressionisten, die gerade in der Vorkriegszeit mit der Biirgerschreckattitiide den Protest gegen tiberkommene Formen nicht nur auf dem Gebiet der Asthetik zum Ausdruck brachten™”. Lukées’ Kritik am Expressionismus beschrankt sich - neben Absurdititen wie dem Faschismusvorwurf - weitgehend auf Tautologien, wie dem Vorwurf an die expressionistische Kiinstlergeneration, deren prononciertes Anliegen der Bruch mit der mimetischen Asthetik des 19. Jahthunderts war, nicht realistisch 2u schreiben bzw zu dichten. Von tihnlicher ideologiekritischer Grobschliichtigkeit zeugt auch die wiederholte ‘Entlarvung’ der pseudorevolutiondiren ethisch- idealis 2» ischen expressionistischen Gesinnung. Vel. dazu Walter Fahnders, Anarchismus und Literatur, Ein vergessenes Kapitel deutscher Literaturgeschichte zwischen 1890 und 1910, Stuugart 1987, 8. 176-187; Fabnders weist allerdings zurecht auch darauf hin, da die Untersuchung des Verhiltnisses von Anarchismus und Avanigarde immer noch ein Desiderat der Forschung ist Erich Mihsam, zitiert nach: Gerhard P. Knapp, Die Literatur des deutschen Expressionismus, Munchen 1979, S. 50. Vel. G. Knapp, Die Literaur des deutschen Expressionismus, 0..0., 8. 26-31. Dab die provokativen und schockhaften Elemente konstitutiv fur die Geburt der Moderne sind, ist mehrfach festgestellt worden. Modris Eksteins schreibt uber diesen Vorgang, dali die Reaktionen des Publikums auf moderne Kunst nicht weniger von Bedeutung waren und sind als die Absichten derer, die sie schufen, Die Kunst habe sowohl die Vernunft als auch didaktische und moralische Zielsetzungen transzendiert: Kunst sei in erster Linie Provokation und Ereignis geworden, vgl. dazu Modris Eksteins, Tanz tiber Graibern, Die Geburt der Moderne und der erste Weltkrieg, Reinbek 1990. 171 2. Unerwartete Affinititen Lukécs' Argumentationsweise ist keinesfalls singuliir, sie steht in einer honorigen Tradition, der der deutschen Romantikkritik nimlich. Die Romantik als Vorgeschichte der modernen Moderne, der avantgardistischen Kunst zu begreifen, ist spitestens seit Benjamin nicht untiblich”®; auch Lukdcs selber stellt durch den Vorwurf des romantischen Antikapitalismus diesen Zusammenhang her. Seine Vorwiirfe gegen die Moderne, die 2.B. lauten: Dekadenz, Subjektivismus, asthetischer Pluralismus, Beliebigkeit, Formlosigkeit, Irrationalismus, Phantastik, Realititsverlust und politische Zuordnung zur Reaktion, sind Topoi der Romantikkritik, die sich auf Goethe, Hegel und Heine zurtickfiihren lassen”. Die ‘Verwandtschaft mit der Romantikkritik merkte auch Ernst Bloch an, als er in der Expressionismusdebatte, Goethe variierend, Lukacs die Haltung zuspricht, daB fiir jenen Klassik das Gesunde, Romantik das Kranke, Expressionismus das Allerkrénkste sei (IV, S. 270). Gemeinsamkeiten weist Lukacs' Kritik auBerdem mit Carl Schmitts Abhandlung Politische Romantik auf, welche er in einer im Jahr 1928 erschienenen Rezension recht positiv besprach. In der erstmals 1919 verdffentlichten Abhandlung setzt sich Schmitt kritisch mit der Romantik auseinander, Insbesondere im Vorwort zur zweiten Ausgabe von 1925 unternimmt er eine Aktualisierung der Romantik™, sein Interesse ist allerdings einer Aktualisierung, wie sie Benjamin im Begriff der 7% gi. dazu Karl Heinz Bohrer, Kritik der Romantik, Der Verdacht der Philosophie gegen die literarische Moderne, Frankfurt 1989, 8. 9-19. 29 Zu Goethes Romantikkritik als Modernekritik vgl. Uwe Japp, Literatur und Modernitit, (Das ‘Abendland, Neue Folge, Bd.17), Frankfurt 1987, S. 100-147. Zu den sonstigen Traditionen der Romantikkritik vgl. Karl Heinz Bohrer, Die Kritik der Romantik, Frankfurt 1989. 0 Den Gesichtspunkt der Kritik der Romantik als der Kritik des modernen BewuBtseins bei Carl Schmitt betont insbesondere Karl Heinz Bohrer in seiner Auseindersetzung mit den verschiedenen Varianten der Romantikkritik; vgl. dazu: Karl Heinz Bohrer, Kritik der Romantik, aa. O., 8. 284-311 172 Kunstkritik in der deutschen Romantik vornimmt, diametral entgegengesetzt”! Schmitt sieht in der Romantik den Beginn einer Entwicklung, die bis in die Kunst der Gegenwart hin fortwirkt: Heute ist die Auflésung der dberlieferten Bildung und Form griindlich weitergefubrt, aber die neue Gesellschaft hat noch keine eigene Form gefunden. Sie hat auch noch keine neue Kunst geschaffen und bewegt sich weiter in der von der Romantik begonnenen, mit jeder neuheranwachsenden Generation erneuten Kunstdiskussion und wechselnder Romantisierung fremder Formen.” Die Romantik und die eigene Gegenwart sind fiir Schmitt von der Unfthigkeit gekennzeichnet, eigene reprisentative Formen hervorzubringen, denn nur diese mag er als Kunst gelten lassen.** Schmitt kritisiert die Asthetisierung von Leben und Politik, die Unftihigkeit der politischen Romantik, eine einheitliche oder funktionsfiihige politische Theorie zu entwickeln™, Positionen also, die, auf die Moderne angewandt, durchaus Lukdcs' Zustimmung™ finden bzw. die dieser ebenfalls als Kritikpunkte an der Moderne und spiiter in Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur gegen die Romantik vorgebracht hat", DaB auch Carl Schmitts Kritik der Romantik als eine Kritik der Kunst der zeitgendssisch jlingsten 31 Karl Heinz Bohrer setzt sich in Kriuik der Romantik mit den Versuchen auseinander, Schmitt trotzdem noch unter die Romantik zu subsumieren und kommt dabei zu folgendem Sehlub: "Somit Ofinet sich kein Weg, Carl Schmitt gegen seine expliziten AuBerungen implizit doch mit der Romantik zu verrechnen: weder in direktem Bezug 2u den romantischen Kategorien der Reflenivitat und des Romantisierens noch im indirekten Bezug Uber die phanomenologisch ‘moderen Begriffe des ‘Wunders’ und des ‘Augenblicks’, Insofer die dsthetische Moderne die Romantik erneuerte, stellt letztere das Paradigma dar, das Carl Schmitt folgerichtig zu desavouieren unternahm.", a.a.0., S. 310/11. Eine entgegengesetzte Position vertritt Jacob ‘Taubes, Ad Carl Schmitt, Gegenstrebige Fiigung, Berlin 1987. Carl Schmitt, Politische Romantik, Munchen 1925_, S. 18. Lukées sieht in einer spiteren Publikation ebenfalls die Vollendung romantischer Ideen in der jungeren Vergangenbeit, bei Wagner nimlich: "Die Vorliebe der Romantik fr Nacht und Tod, fur Krankheit und Verwesung, ihre Entwertung des Gesunden, im hellen Tag aktiv Wirkenden feiert hier hochste Triumphe. Was Novalis getriumt, was Gorres und Creuzer dunkel verkindet haben, das wurde erst in Wagners ‘Gotterdammerung’ einem suggestiven Mythos, zu einer gesellschaftlichen Macht, die alle Schichten des deutschen Volkes erfabte ... Das ist die Erfullung der romantischen Absichten auch im asthetischen Sinne, denn das Wagnersche ‘Gesamtkunstwerk’ ist die praktische Verwirklichung der romantischen Gattungsvermischung, der ‘progressiven Universalpoesie’ des ‘Athendums", Georg Lukées, Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur, Berlin 1947, S. 104. 3 Politische Romantik, 2.2... 8. 18-20, 4 Vel. dazu Politische Romantik, a.0.0., 8, 153-228. 35 Vel, dazu Georg Lukées, Werke Il, a.a.0., 8, 695. 36 Vgl. G. Lukaes, Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur, a.a.0., . 51-73, 173 Vergangenheit, d.h. des Expressionismus, zu lesen sei, ist seinen Zeitgenossen ‘een 3 nicht verborgen geblieben.”” Ein zentrales Anliegen von Carl Schmitts Politischer Romantik ist es, der verwirrenden romantischen Buntheit und Vieldeutigkeit auf die Spur zu kommen. Literatursoziologisch wird diese mit der politischen Inkonsistenz des Biirgertums, das mal auf der Seite der Revolution und dann wieder auf der der Restauration steht, erkldrt®. Im Mittelpunkt von Schmitts Auseinandersetzung steht jedoch die Kritik des romantischen Occasionalismus”. Hierbei handelt es sich um einen Gegenbegriff zum kausalen und normorientierten Denken - Occasionalismus bedeutet, daf das Gelegentliche und Zufillige zum Prinzip erhoben wird: Romantik ist subjektivierter Occasionalismus, d.h. im Romantischen behandelt das Tomantische Subjekt die Welt als Anla8 und Gelegenheit seiner romantischen Produktivitat. Resultat des romantischen Occasionalismus sei cine dsthetische Sikularisierung. Die Kunst erhiilt metaphysische Funktion, im Zentrum steht nicht Gott, sondern das romantische Subjekt; in der occasionellen Beliebigkeit liegt fiir Schmitt auch der Grund fiir die vieldeutige Buntheit der Romantik und die Formlosigkeit ihrer Kunst. In diesem extremen Subjektivismus, in dem privaten Priestertum der Romantik erblickt Schmitt die Ursache der romantischen Weltferne und mangelnden Realititstiichtigkeit. Lukécs wie auch Schmitt prangern die Passivitit der von ihnen untersuchten Kunstrichtungen an, Expressionismus bzw. Romantik seien nicht zu eigenem politischen Handeln fhig gewesen, sondern von den jeweiligen 37 So schreibt Emil Utitz in seiner Die Oberwindung des Expressionismus betitehen Abrechnung mit jener Kunsthewegung: "Carl Schmitt-Dorotic hat in seinem schénen Buche uber ‘Poitiseh Romantik'(1919) als das spezifisch Romantische das Ausweichen in ein ‘héheres Drittes’ bezcichnet, ‘das den Romantiker in die Mystik oder die ‘Theologie fuhrt, so daB er sich auch in der Kunst nicht mit einer formalen Vollendung begngt, sondern far sein subjektives Erleben die héhere Bedeutung und eine metaphysische oder kosmische Resonanz sucht.’ Gleiches gilt von dem gesamten Expressionismus, er weicht der realen Wirklichkeit aus, um eine hohere Realitat zu erobern. Deshalb wird ihm alles Irdische zum Symbol, alles Seiende zum Physiognomischen Zeichen." Emil Utitz, Die Uberwindung Charakterologische Studien zur Kunst der Gegenwart, dem Expressionismus gegeniiber, des Expressionismus, Stuttgart 1927, $. 146, Zu Uti. Haltung sowie dessen Wertschatzung einer newen Klassik, val. auch Kapitel 1V.4, 38 Politische Romanuik, a.a.0., 8. 17/18, 39 Vgl. Politische Romantik, a..0., §. 115 - 153. 40 Politische Romantik, a.3.0., 8, 23, 14 Zeitstrémungen getricben worden, Das Resultat ist die von beiden Autoren attackierte Beliebigkeit der Kunst, die in Politische Romantik folgendermagen beschrieben wird: Die Bezichung des Occasionalismus ist eben, paradox formuliert, die Bezichung der nicht-faBbaren Beviehung, die Beziehung der alle Méglichkeiten offen lassenden Nicht- Bezichung, der Viel-, ja der Alles-Deutigkeit, eine im Grunde phantastische Bezichung. ‘Aus dieser Mehrdeutigkeit folgert der Autor, daB es der Romantik gar nicht um realexistierende Gesellschaft oder Politik gegangen sei: diese war den Romantikern lediglich Anlaf zur kiinstlerischen Produktivitat, politische Aktivitit widerspreche der extrem subjektivistischen und ich-siichtigen Struktur des romantischen Geistes. Im Unterschied zu Schmitt verfihrt Lukdcs mit den Topoi der traditionellen Romantikkritik denn auch wie mit Etiketten, die er dem Expressionismus in fast beliebiger Hiiufigkeit und Kombination zukommen lit. Eine dsthetische Auseinandersetzung mit einzelnen Werken oder Autoren erfolgt nicht; auch wenn durch die Verwendung von Bruchstticken expressionistischer Lyrik ein gegenteiliger Eindruck aufkommen kénnte, werden diese unterschiedslos mit Zitaten aus politischen oder kiinstlerischen Manifesten als Material fiir eine politische und philosophische Entlarvung benutzt. Diese verbleibt auf jedoch dubiosem vulgiirsoziologischem Niveau (kleinbiirgerliche Intellektuelle, die Kdeinbiirgerlich dichten und politisieren), das Lukécs in den Zwanzigern in seiner Rezension von Carl Schmitts Politischer Romantik noch als undifferenziert zuriickgewiesen hat: ‘S.(chmitt) macht nicht cinmal den Versuch, eine reale, geschichtliche Erklirung zu finden, er kommt nicht einmal zur richtigen Fragestellung. Diese Schranke liegt eben darin, daf er in seiner gesellschafilich-geschichtlichen Analyse bei einer blassen und leeren Allgemeinheit wie ‘burgerlich’ stehen bleibt (auch Hegel ist ja 2.B. birgerlich), ohne die spezifische Geschichtslage, ohne die innere Schichtung des Birgertums im damaligen Deutschland naher zu untersuchen, ohne die Frage aufzuwerfen, welche Schich die deutschen Romantiker repyjsentier haben, welchem gesellschajilichen Sein die Struktur ihres Denkens entspricht. Die hier von Lukécs formulierten Mafstiibe literatursoziologischen Arbeitens wiirden, auf Gripe und Verfall des Expressionismus angewendet, eine ahnliche 41 politische Romantik, 0.2.0., S. 124, FuBnote. 42 Diese Argumentationslinie durebzieht das gesamte Buch, ist jedoch im Nachwort am massivsten zu finden, vgl. Politisehe Romantik, a.a.0. 83 Georg Lukies, Werke Il, a..0., 8. 696. 175 Miaingelliste ergeben, wobei noch hinzuzuftigen ware, dab es Schmitt im Gegensatz zu Lukacs primar gar nicht um literatursoziologische Fragestellungen ging. Ohne die Abnlichkeiten iiberpointieren zu wollen, weisen Schmitt und Lukdcs doch in wichtigen Aspekten Gemeinsamkeiten auf, so z,B. in ihrem elegischen Blick auf die Gegenwart als einer heillosen Zeit, in der einstmals verbindliche (asthetische) Werte und Normen zerfallen sind. Beide vermischen dabei die Romantik und die avantgardistische Modeme gerne bzw. betrachten die Moderne als Wiederkehr einer romantischen Konstellation. Der Subjektivismusvorwurf und die Abkanzelung romantischer bzw. avantgardistischer Politik als phantastisch, weltfremd und unzureichend hat m.E. eine gemeinsame Wurzel, die Wut auf eine Kunstler- und Intellektuellengeneration, die die Anmafung besitzt, sich ins Politische zu begeben, dieses vom Standpunkt des Asthetischen aus zu beurteilen, dabei die Normen und die Ordnung der Dinge einfach umzuwerfen - Religion, Kunst und Leben zu vermischen™. Gemeinsam ist beiden auch das Bestreben, die politische wie asthetische Mehrdeutigkeit der von ihnen diskutierten Kunstrichtungen auf eine singuliire Ursache zurtickzufiihren: Itrationalismus b2W- Occasionalismus. Diese Eindeutigkeit gelingt ihnen allerdings nur indem sie ihrem Gegenstand Gewalt antun, In der Bestimmung dessen, was nun eigentlich den Ungeist von Romantik und Expressionismus ausmache, liegen beide nicht allzu weit auseinander. Wie in der Untersuchung des Lukécsschen Aufsatzes bereits herausgearbeitet, beinhaltet det Trrationalismusvorwurf Lukécs' den des Anarchismus. Mit AnarchismuUS libersetzte Bernhard Lypp in seiner Untersuchung tiber den Asthetischen Absolutismus im deutschen Idealismus den Schmittschen Begriff des Occasionalismus™. Schmitts Argumentationslinie fidhrt Lypp auf den spiiten Hegel zuriick"®, auf den sich auch viele Lukécssche Positionen zuriickfiihren |. Assen. Lukes’ starrer Blick auf die geschichtsphilosophische Zielperspektive und Schmitts Primat des Politischen begriinden eine unheilige Allianz gegen die entscheidungsschwachen und ordnungsunwilligen Romantiger und “M Die Formutierng von romantschen AnmaGung dem Poltischen gegenuber komme ej schmitt wonwortlich vor, vgl. Politixche Romantik, 2.8.0. S, 69, = 45° Bernhard Lypp, Asshetischer Absolutismus und politische Vernunft, Zum Widersyeit vol Reflexion und Siulichkeit im deutschen Idealismus, Frankfurt 1972, §, 511580!" 46 Lypp, 2.a.0., S, 68-70. 176 Avantgardisten’’, Beide vertreten, obwohl sie entgegengesetzten politischen Lagern angehéren, autoritiire und hierarchische Staatsvorstellungen”’, Diesen widerspricht nicht nur der beiderseits attackierte avantgardistische Anarchismus, sondern auch die in der modernen Kunst vorhandene Tendenz zur Demokratisierung der Asthetik, Eben jene Umstiinde sprechen m.E. gegen die auch in allerjiingsten Publikationen auffindbare Tendenz, die unheilige Allianz einfach als ein Lukdcssches MiBverstiindnis abzutun: ft genug gab es Widerstand gegen die Romantik und die iisthetische Avantgarde. Er kam nicht nur von den ‘Philistern’, er kam auch von innen, Meistens formierte er sich, weil der klassizistische Anfang der Romantik, die idealistische Citoyenromantik, gegen ire ‘irrationalistische Dekaden2’ (Lukécs) verteidigt werden sollte. Doch oft war das ein SelbstmiBverstiindnis der Romantik. Unter ihren eigenen Auspizien wurde verkannt, daB sie bei aller politischen Zweideutigkeit cine Demokratisierungsbewegung war, die Demokratisierung der Asthetik, Denn immerhin sprengte sie die Hierarchie der BewuBiseinszustiinde und machte sie alle ganz. egalitir kunstfiihig. Und sie emanzipierte die dsthetischen Produktionsmittel, die Stoffe, die Formen, die Stile etc. von normativen Fesseln und verwandelte sie schlieBlich aus Mitteln in Zwecke und Werte. Peter Furth iibersieht in dieser Passage, daB die Ausgrenzung von Moderne und Romantik bei Lukécs nicht nur auf einem Selbstmipverstdndnis berubt, sondem daB jener einen anderen Diskurs wollte, einen, der das Imaginative, Subjektive und. Phantastische ausklammert™”, Lukdcs' Schmihschrift gegen den Expressionismus ist aus diesem Grund nicht nur eine Marotte oder, wie in einer kkurzlich erschienen Monographie zu lesen ist, Unfug”, sondern in verschiedener Hinsicht durchaus aufschluBreich. ‘Zweifelhatt sind nicht nur Lukées' politische Argumente, die primar der ‘Ausgrenzung dienen, auch die Konkretisierbaren und substantielleren literaturkritischen Vorhaltungen, die er dem Expressionismus macht, sind eher fadenscheinig, Vorwiitfe wie politische Naivitit, mit realpolitischer Ignoranz 47 Unbeilige Allianz ist Beat Wyss" Bezeichnung fur die Rechts wie Links verbreitete Ablehnung der avantgardistschen Moderne, die er an Lukées, Spengler etc. herausarbeitet; vgl. dazu Beat Wyss, Traver der Vollendung, Von der Asthetik des Deutschen Idealismus zur Kulturkritk.an der ‘Moderne, Munchen 1989. 48 Vel. Wyss, a.a.0., S. 296-302. Peter Furth, Phanomenologie der Enttduschungen, Ideologiekritik nachtotalitdr, Frankfurt 1991, S. 84. 50 Vgl. dazu Bohrer, Kritikt der Romantik, 8.8.0.8. 18/19. 9 51 Werner Jung, Georg Lukées, Stuttgart 1989, S. 117. 177 ee Bekoppeltes Weltveriinderungspathos und blecherne Monumentalitit™ sind seit 7 =a poi der Expressionismuskritik®®. In der neueren ting werden diese zwar auch thematisiert, wobei allerdings deutlich wird, Die moderne Expressionismusforschung Expressionismusbegriff aus, der die Einheit ven zum Wandel des Menschen, Menscheitserneuerung, meint geht demgegeniiber von einem Entfremdungskritik und Aufbruch Yon Kritik am Subjektivititsverlust und Yon gesellschafilicher Dissoziation und Gemeinschafispathos icht disthetische Debatte ’indnisse aufzukliren, wo Verstiindnis, lteresse derjenigen lag, die die Debatte zu ‘e Art der Auseinandersetzung aus Gréjpe fiir diese Debatte stilbildend, weder richtiges noch falsches, nicht im In entscheiden hatten”. Lukécs' polemisch und Verfall des Expressionismus wirkte Val. insbesondere Groje und Verfll des Expressionismus, a..0., 8. NONM1, 126-130, 145- 147. 33 Mit der Etablierung der Neuen Sachlichkeit zur hegemoniaten Kunstform setzte auch gesamigesellschaftlich eine verstirkte Kritik der vorherigen Avantgarde ein. Vel. dazu die Kapitelabschnitte 1V.3, und 1V.4 54 Vel dazu Silvio Vietta, Hans-Georg Kemper, Expressionismus, Mianchen 1975, $. 186-188. $5 Anton F. Christen, Blochs Metaphysik der Materie, Bonn 1979, § 20. % Vel. dazu vor allem Wangenheims und H. Waldens Beitrige, in: HJ. Schmit, Die Expressionismusdebatte, a.a.0. 37 Dies wird vor allem in den Beitrigen von Kurt Kerst Perlode, Herwarth Walden, Vulgdr-spressioniamas und Gustav Wangenheim, Klassischer Expressionismus, Impressionen eines ‘ozialistischen Realisten, deutlich. In den sebr differenzierien Beitrégen dieser Autoren, deren Sachkenntnis sich allein aus ehemaliger PersGnlicher Beteligung posit gegen den Schematismus dey Expressionismus-Gegner abhebt, 178 ironis se dann doch Riickblickend betrachtet, hatte Lukées in einem Punkt cee ieee ‘och Recht gehabt: in seinem Beharren auf der ae ae Der Ausgleich kommunistisch/stalinistischer Praxis und avantgardistisc ae iiafte uraswoun (oak zwischen beiden, wie er noch in der ine ceed a pamvemden Hell Befordert wurde, muBte an der rigiden, alles Wider See ea de Prelligecam des Stalinismus scheitern, der einige Teilnehmer 0 Eee Guaaidlae Opfer ficlen, so u.a. der Ex-Expressionist Herwarth & ete und Hans Cirtser des von Lukes so heftig erect Evbochaft diver Zale. den Giinther, der, durehaus im Lukécsschen Geist, Ev a bsg rate Internationalen Literatur vervi®; allein, dies halt pe ea an scienEwmee Stuberungssitzung des Verrats beschuldigt und st retten? 3. Ist Lukécs' Position zur Moderne noch zu 7 hr oder weniger ie Luka: sition zur Moderne blieb unter sich me} IuBreich. In den i eer marxistischen aren eee s jahren wurden die Gefechte der ik on der Aumgsenmsag wean und noch einmal ee en Fraubictert der Moderne wurde im marxistischen Lager, tres : ees Peemserrittay CLS! geiibt, sondern auch von anderer Seite. Aneel h ah hetero t 80, Geburtstag welche vor allem Beitrige west oe Vertragstaaten war Lukées Westen lebender Marxisten enthilt - in Gent Warect ae immer eine Unperson -, wegen der ungarischen Ereignisse 2u dieser Zeit n ; skorrektur. " cl iche einer Kurs! finden sich zwei wichtige Versu Fe ecalh abe RODEICHECE inl ea ee ae an eae Jack Lindsay tiber die Zeit in der Parteiintellektuellen der englischen s italienischen inen Beitrag des italie : 59 anderen um einen ‘tel D m_ande! : den Titel Die modernen Literatur,” Zu ‘i derweise de! eee Ladislao Mittner. Dieser trigt irreftihren sat, aber, wie so hiiufig, es nitzten die Balazs durchaus widerlegt, aber, eee reeaitataa tie bereits vorher beschlossene Austreibung der Mod .n die bereits vorher werden Lukes, besseren Argumente wenig ge See TG) iam venie rage ae tik 1aBt sich 2.B, an der Lnternationalen Se faphisch interessant, ja 58 Der kulturelle Wandel der kommu fanziger Jahre war diese graphis der Zwanzige sane iner altvitterlichen Postille ee ea wandelte sich in der DreiBigern zu eit Utvaite avantgardistisch aufgemacht, sie ae, eler (Hrsg), Festschrift zum ‘ k Lindsay, Time in modern Literature, in: her Benseler (Hrsg. Jack Lindsay, Time i e urs achteigsten Geburtstag von Georg Lukiics, Neuwi 179 Geburt des Tyrannen aus dem Ungeist des Expressionismus.. Irretiihrend deshalb, weil dort nicht primir vom Ungeist des Expressionismus die Rede ist, sondern Themen und Motive des politischen Expressionismus diskutiert werden. Mittner erledigt sozusagen die Aufgaben, die Lukdcs in seinem Expressionismusaufsatz dreiBig Jahre zuvor liegengelassen hat: eine kenntnisreiche, wenn auch nicht unbedingt positive Auscinandersetzung mit den politischen Strémungen des Expressionismus, die diese Bewegung aber zumindest ernst nimmt und ihre Ambivalenz herausarbeitet. Seine abschlieBende Bewertung steht den Lukacsschen Verdikten immerhin diametral entgegen: Es wire ungerecht, solchen kiinstlerischen Experimentalismus mit einem Achselzucken und en bloc als dilettantischen Avantgardismus abzutun, Jene neue abstrakte Vision der Realitat, die damals imaginir, schlimmer: zerebral erscheinen mochte, wird heute zu einer immer konkreteren Erscheinung, macht mehr und mehr den wesentlichen Grund unserer tiglichen Wirklichkeit aus. Wenn die Kunst den Aufrag hat, durch die sinnliche Wahrnchmung eine Konzeption zu vermitteln. die sich nicht in den Sinnen erschopfi, so sahen sich die Expressionisten zum ersten Male Vor die kihne Aufgabe gestellt, durch die Sinne eine Realitit zu vermitteln. die den nun geradezu widersprach. Daher sind sie die Vater jeder spliteren Ktinslerischen Abstraktion: jener Abstraktion, die sich der Realitt entzieht, aber, auch derjenigen. die sich bem, die Realitét innerhalb der Begriffsformen der neven Wissenschaft 2 verstehen ' In der Lukécs-Forschung wird seit dem Ende der siebziger Jahre tiber die im Kontext der Auseinandersetzung mit der Moderne entstandenen Ayfsiitze der Mantel des Schweigens gebreitet, sind diese kein Thema mehr", Eine der wenigen Ausnahmen bildet die Lukacs-Schiil erin Agnes Hy jie eine andere Lesart der Lukécsschen Modernekritik versucht: ea ‘Nachdem Lukécs sich dem Marxismus zu; rewandlt hatte, nac! 2 ch det Pisco Geschic Alrbnyrsisenamnntt "deen in das schibige Gewand eines offziellen Diamat. Er begann cine ctoge 20 sprechen, die die authentische Botschafi, die er 2u vermitteln heaber, Sprache 78 verbars, als dal sie sie ausdritckte. Manchmal wurde diese Sprache ao tee nytt und blieb duBerlich, manchmal jedoch verschmolz sie leider in see ert sma mit der Botschaft selbst, dal sie diese entstellte, An diesem Punkt kon eeu Aethode bestimmter Post-Modernisten einer rettenden Kritik zu Hilfe. Luka ee ue der spite Lukies, muB ‘gegen den Text gelesen werden. Das bedeuce ate ee ait ch die Ladislao Mitiner, Die Geburt des T; Yyrannen aus dem Ungeist des Expre kacs era aati weist des Expressionismys, jg; Luka 61 Selbst in der DDR-Germanistik war 21 Anfang der achtziger Jahre ein deutch Lukécs' Positionen beziiglich der Moderne 2u verzeichnen, vel ie Einleitung von Gudrun Klatt, Vom Umigang mit der Moderne, Berlin 9 'S Abrucken YO" daz insbesondere die 84, S. 7.26 180 des Diamat und alle ibr eigenen Verzerrungen 2u ignorieren. Was i¢h, wenn auch nicht ohne echte Kritik, retten méchte, ist Lukées' Stellung zur Moderne. HH In ihrem Versuch, den neben Zerstérung der Vernunft wohl umstrittensten Teil des Lukécsschen Werkes zu verteidigen, geht Agnes Heller von Lukécs' und Adornos gemeinsamer Auffassung aus, daB die hohe Kunst ein Ort des unentfremdeten, nicht verdinglichten BewuBtseins ist. Lukécs' kulturellem Konservatismus, seinem Festhalten an den Kunstidealen des 19. Jahrhunderts, stellt sie Adornos angeblich elitire Wertschiitzung der avantgardistischen Kunst und seine Ablehnung der Populirkultur gegentiber. Lukdcs' Votum fiir den Realismus, so folgert Agnes Heller, entspringt dessen entschiedenem Beharren auf Demokratie, denn realistische Kunst ist verstindliche und allgemein zugingliche Kunst; wihrend Adorno zugunsten der Verteidigung der avantgardistischen Kunst die Norm der Demokratie aufgebe. A. Hellers Lesart yon Lukées' demokratischem Antimodernismus geht soweit, daB sie behauptet, er hatte gegen die postmoderne Einebnung der Unterschiede von hoher und niederer Kultur, ja gegen postmoderne happenings, wenig einzuwenden gehabt. ‘AuBerdem hiitte Lukdcs fiir die Idee der ‘kiinstlerischen Praxis’ im Alltagsleben tiefe ‘Sympathie gehegt und dem Untergang des Elitiren keine Trine nachgeweint Genausowenig hiite er das ‘Lesen gegen den Text’, das er selber praktizierte, verurteilt _. Er miBtraute den ‘hohen Priestern’ der Kultur und hielt die StraBenecke weit mehr als den Kynstmarkt, den er verabscheute, fiir den geeigneten Ort der Kunst und Literatur. Diese Méglichkeit ist zwar nicht auszuschlieBen - vielleicht wire sogar Lukas in den Achtzigern zu einem Anhiinger von anything goes geworden -, Zu beweisen jst sie aber ebensowenig. In seinem Werk gibt es wenig Anzeichen dafiir, im Gegenteil stand er allen Versuchen, die Kunst an die Strafenecke oder ins ‘Aijragsleben za bringen bzw. Moderne und Volkstimlichkeit zu verbinden, wie cs und dic Heilige Familie, Versuch einer rettenden Kritik, in: Radiger 62 Agnes Heller, Luki Beitréige zur Rekonstruktion seiner Dannemann (Hrsg.), Georg Lukdes - Jenseits der Polemiken, Philosophie, Frankfurt 1986, S. 144, In einer englischen Veroffentichung desselben Aufsatzes ‘wird der letzte Satz ohne kritischen Vorbehalt formuliert, lautet er: "What is to be redeemed is Lukies attitude towards modernity." Agnes Heller, Lukées and the Holy Family, in: Telos, A Quarterly Journal of Critical Thought 62, Winter 84/85, S. 14516 Lukécs und die Heilige Familie, aa.0., S. 145-148, g4 Abnlich argumentiert auch Lésel6 Ilés, Georg Lukées Bemdhungen um eine Reaismustheorie jn: Anton Hiersche, E. Kowalski, Literanurtheorie und Literaturkritik, Standorte, Pasitionen, Darstellungen, Berlin/Weimar 1990; nur, da8 hier anstelle der Demokratie die Aufklarung als Rechtfertigungsgrund tritt. 65. Lukécs und die heilige Familie, 0.0. $. 149. 181 Schillerinnen der Budapest. : er Sc ian des Antimodernism hule repriisentieren eine sehr spezielle Tradition us ’ Besondetheit als ein at ta Kulturkritik. Sie ist eher eine deutsch-ungatische Marxismus, 2B. die italien poe oes Marxismus. Andere Schulen des anderen SchlaSfoleet sche, besonders aber die englischsprachige sind 0 Hobsbawm schon zu 'gen gekommen™. So wuste der Sozialhistoriker Eric iner Zeit, in der der Eurokommunismus noch kaum Als weitere Grind ic: mi Heller die Treue zum ; le fiir Lukécs' Anti : S' Antimodernisi ; lus nennt A. i aie ir " Aufk ah ‘8 und Lukécs’ Humanismus, BENET sie es Aussagegehalt bei der Diskussion von dessen Demokrat Bog f, den eB des Begriffes zy Problematisieren, Wer ‘ bei Lukées s E SO oe ion, di é i die herkémmlicherweise mit der des 6 py, ie Budapester Sch ster Schule gibt es zwar nicl Na ae ‘ar nicht mehr, aber da sie die 2 mi im Rang darstell, ist eine Auseinanderse, a ine ae ae tzung mit ihr durchaus sinnvoll. nes bak kM ne vgl. Peter Collier, Dreams of a R sci Ta ots ond Bape ee ‘evolutionary culture, Gramsci, + ed. by E, Timms + P. Collier, M : ier, Manchester Eric Hobsbawm, awm, The Age of Revolution, Ni » New York 1962, §. 259.262, Paul Breines, Marxism, Romanticism and th the Sources and Siuaon, in: Sadie in Romancon 16, Fon Syne NOS On Some Recent icism 16, Fall 1977, 182 bestreiten, daB sowohl die Demokratie-, die Aufklérungs- als auch die Humanismus-Vorstellung Lukécs' sehr restriktive sind”. Sein Aufklarungsbegriff Ist ein halbierter, einer, dem die sinnlichen Elemente fehlen, der nicht auf mehr menschliche Selbstbestimmung abzielt, sondern insgesamt eine sehr restriktive Inetareation dessen darstellt, was der Mensch glauben, wissen und hojfen fe. bs Streit um Moderne und Postmoderne formulierte Dietmar Kamper tber die erteidiger der Aufkldirung folgende Size, die auch auf Lukées zutreffen: 1+ MiBverstindnisse ist die Annahme, die Aufklirung sei ein iisse, notfalls mit Gewalt. Réumlich bindire Mechanismus der Exklusion Bigeneg, und Fremdes: nimlich Das schlimmste diese Territorium, das man wie Eigentum verteidigen mi verstanden und ausgelegt, funktioniert nimlich der am besten. Die Arroganz solchen Denkens kennt nur das ‘Andere der Vernunt, das immer zur Vernichtung ansteht. Diese Problematik des Lukécsschen Denkens nimmt Agnes Heller jedoch nicht zur Kenntnis, ihre Gesamtbewertung der Position zur modernen Asthetik lautet folgendermagen: Lukécs’ Hauptantiegen war nicht die Asthetik, sondern die Ethik. Er wollte eine Mauer, die wahr und falsch trennt, errichten, um Gut und Bose unterscheiden zu kénnen, Doch gleichzeitig teilte er Adornos Ansicht ... da die moderne Philosophie cine Philosophie der Kunst werden und zu der einzigen defetischisierenden Vergegenstiindlichung Zuflucht nehmen milsse, um dem moralischen Stillstand unseres Jahrhunderts, dem Verschwinden einer kollektiven Sittichkeit, 2u entgchen. Hellers These, da8 Lukdcs' Kunsturteil, seine Ausgrenzung der Moderne, im Wesentlichen nicht aisthetisch motiviert war, deckt sich mit dem Ergebnis der vorliegenden Untersuchung, obwohl es mir problematisch erscheint, Lukacs' auf den Klassizismus folgendermafen: "Die » ° Wyss charakterisiert den antimodernen Rucksrff cedle Einfatt, mit welcher der antike Leib in sich selber zu ruhen schien, prifigurier das modeme, freie Subjekt. Gerade dieser zentrale Deutungsgehalt wurde vom Neuklassizismus des 20. latviundents wegeesprengt. Das Siztat antker Harmonie geiet durch Uberstigerung zum kolossalen Widerruf der Aufkkirung .. auch Lukécs, des Rassismus unverdachtig, entblodet sich nicht, Klassizismus mit Humanismus 70 verwechseln; gegen die ‘ungesunden’ Zersetzungsabsichten der Dekadens bietet et die Idee des ‘organischen Menschen’ auf, dessen ‘Abgu® als Uberdimensionierter Arbeitsheld die Stalinalleen aller Linder massenhaft ziert." Wyss, a0, S. 318, 71 Zu Lukes! Demokratie-Begriff vel. Gert Mattenklott, Blindgdnger, Physiognomische Essais, Frankfurt 1986, S. 164/165. ‘Aufklirung - Was sonst? Eine dreifache Polemik gegen ihre Verteidiger, in: Dietmar Kamper, Moderne versus Posimodeme, Frankfurt ders., Willem van Reijen, Die unvollendete Vernunft: 1987, S. 39. 73 A, Heller, Lukes und die heilige Familie, a.a.0., S. 154. 183 18 und Geistesgeschichte wenig bleiben kacs' Asthetik, insbesondere mit seiner Mi iese Mauer t nachhegelsche ‘atsdchlich errichte es beschrei Zerstorung der Ronags aa ears eel “Wee Dias eastaiia 4 et ° 8. ‘utse| is zu Hitler", vgl 10. Auch in der Weimar nicht viet payee LitetalutBeschichte ist fiir Lukes nach dem poh Bemerkensweres passiert, vgl. dazu: Georg jummer 1982, Ahnliche Tertulian, Poesie, Spon, Ot Poegeler cum 60. Geburtstag, Sigh ition und Exfahrung, Abt, Bd. 7). vie eye, Versuch, Lukes’ Stellang zur eller: "Der Ker der Lukdesschen findet sich hier die Tend i ie Tendenz, Lukées sinzlich unceflektierten Humanismese Insgesamt ist Agnes Hellers Analyse der Versuch, ihrem Lehrer zu unterstellen, a8, wenn er schon nicht das moralisch Richtige schrieb, er damit wenigstens das Richtige und Gute, naimlich Demokratie und Humanismus im Sinn hatte. Den Rettungsversuchen von Agnes Heller und anderen feblt jedoch die Uberzeugungskraft. Zu retten ist die Lukécssche Haltung zur Moderne trotz aller definitorischen Anstrengungen wohl nicht. Sie entweder als rettenswert oder als Wissenschafilich wie intellektuell verkommen zu analysieren, ist jedoch nur ein Aspekt des Problems. Ein anderer ist die Frage nach dem Grund der Empérung, danach, warum die Moderne, warum besonders der Expressionismus in Lukes Spiterem Werk als Provokation schlechthin fungiert, oder, wie Anna Seghers bereits in den DreiBigern m.E. zutreffend feststellte, Lukées seinen Kampf gegen die Dekadenz (d.h, die Moderne) mit dem gegen den Faschismus gleichsetzt dem Kampf gegen das Bose schlechthin also, Das Erstaunen der Forschung anlBlich des Erscheinens der Protokolle der Moskauer Stiuberungssitzungen 1st in diesem Zusammenhang unverstindlich, propagierte Lukées doch die Liquidierung und Ausmerzung der Moderne zu einer Zeit und an einem Ort, wo Verdikte wie diese nicht nur auf dem Papier standen, sondern an Personen vollzogen wurden, eine Tatsache, die auch bisher schon bekannt war. Sitze wie der folgende aus dem Protokoll dieses inquisitorischen Rituals verweisen darauf, da® die Position des Spaten Lukacs kaum zu retten ist: Wir sollten heute dariber sprechen, daf diese Arbeit nicht ausreichend war, ES et uns die falsche Theorie, die ideologische Verworrenheit, alle diese Momente 2 Hail Orth die dann zu einer Grundlage, zu einer wirklichen, einer echten ‘Wachsam md Ms ie soll ... Denn wir haben jetzt in den einzelnen Fragen zwei Dinge 2u nae inn die Liquidation der Schiidlinge, und wer verantwortlich ist, daf diese Schidlinge hi gearbeitet haben, Beat Wyss begriindet das Argernis, daB diese immer wieder Sand a Geschichtsprozesses ist und gegenliiufigen Tendenzen Raum schafft: Asthetik bildet den sichtbaren Teil einer geschichtsphilosophischen Ethik. So wie ae Fluchtpunkt der Perspektive auBerhalb des Kunstraums liegt, wird auch fiir das Kunsturteil ein archimedischer Punkt auBerhalb der Kunst angenommen. Schén ist, was sich mit den Fluchtlinien des gesellschaftlichen Fortschritts parallel stellt; was das die Moderne fiir Lukécs darstellt, damit, im Getriebe des fortschrittstrunkenen “Tertulian jedoch den Versuch eines Nachweises, was denn an Lukics' istetischen Urtilen den Humanismus ausmacht, giinalich schuldig. 76 Vel. dazu Briefwechsel zwischen Anna Seghers und Lukécs, 2. Brief von Seghers, Februar 1939, in: Lukées, Werke, Bd. 4, 3.2.0. 7 Die Sttuberung, a.a.0., 8. 196. hinter die Fahne der Arbeiterkl auf: der historischen Erlis Marschkapelle, Piclt, scharen gj lasse. Die Reihen schliev ich die Bes, ung entgegen Kunst beglet na So zutreffend Wyss’ Diagnose fiir Modernekritik ist, so wenig trifft sie auf die Expressionisten wollten nicht nur ein} Verweigern. Sie wollten im Gegenteil Proklamationen auch vernehmlich kund. Sie wollten die Welt di das Zukunftspathos, [deen vom neuen Menschen und Tevolutionire Phraseologie waren besonders fiir die Dichtung des Expressionismus der letzten Kriegsjahre und der unmittelbaren Nachkriegszeit charakteristisch”. den generellen Impetus yon Lukées! dessen Expression ‘ ‘Smusschelte zy, fach nicht mitmachen oder den ree Alles und taten dies in Manifesten und lurchaus verdindern: Die Subversivitit ist, wie auch Wyss bet Kunst gewesen, und Spitestens seit si Zweckrationalitit hegemonial etablierte, wi das in den herrschenden Diskursen keine besondere Skandal des Expressionismus ( auch feststellen™) bestand jedoch darin, Kunst zu belassen, sondern sie zu politisieren, aus ihnen Programm, d.h. Politik zu machen. Ebenso verhielt es sich mit der expressionistischen Opposition zur Burgerlichkeit, die sich nicht auf bohemehafte Subkultur beschriinkte, sondern recht offensiv im Zentrum gerade der frthexpressionistischen Dichtung stand™™ Dab diese Kritik eines entfremdeten und verdinglichten birgerlichen Lebens auch ‘ont, seit jeher ein festes Element der ich im Gefolge der Aufklarung die urde die Literatur zum, Hort fiir all jenes, oder nur negative Aufnahme fand, Der und ahnliches lieBe sich fiir Surrealisten die ausgegrenzten Themen nicht in der 7% Beat Wyss, Trauer der Vollendung, Von der Asthetik des Deutschen Idealismus ur Kulturkritik aan der Moderne, Munchen 1989, S. 306 7 Vgl. dazu Kolinski, 2.2.0., sowie Sokel, a.a.0., S. 180f., sowie Silvio Vietta (Hrsg), Lyrik des Expressionismus, Tubingen 1976, S. 217-238. 80 Val. Peter Burger, Theorie der Avantgarde, Frankfurt 1974, 51 Peter Burgers These in Theorie der Avantgarde ist, daB das speziell avantgardistische Moment darin besteht, die Kunst in die Lebenspraxis zuruckzufuhren, Burgers Thesen beschriinken sich ch primar auf die franzOsischen Surrealisten. Die Kdeologie des Expressionismus stellt je- i ie ceaee Gemisch aus Neoromantik, Kulturkritik, Lebensreform und diversen tidsettaaarsisisden Theoremen da, dab mir die Burgersche These von der Ruckfuhrung der Kunst in die Lebenspraxis zu verallgemeinernd scheint, um sie auf den Expressionismus anzuwenden 186 noch romantisch, nietzscheanisch®, wenn nicht gar anarchistisch beeinflu8t war, machte sie endgiiltig zum Argernis. Disziplinlosigkeit oder subkulturelle Lebensformen wurden von Lukdcs nach seiner Wende zur Orthodoxie mit fanatischer Wut abgewehrt. Diese Haltung kommt nicht nur in den Stuberungssitzungen zum Ausdruck®’, sondern auch in einer spiiteren Auseinandersetzung mit seinem Jugendfreund Beld Balsz. Als es nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen den beiden Jugendfreunden zum endgiiltigen Bruch kam, setzte Lukécs seine Abkehr von der Boheme mit seiner Abkehr von der nicht-realistischen Literatur ineins. In seinem Abschiedsbrief an Balész heift es dazu: As I see it now, what I found depressing about you was your naive, idealistic escapes into intellectualism, Bohemianism, and bourgeois filth, I saw it all around me: the cowardly lies of a so-called friend in hot pursuit of erotic adventure, and then his brutality to the woman when the adventure was over ... Only the revolution offers an escape from the immoral past. But you invoke and mobilize sublime Romanticism and Dostoevski to justify your bourgeois sexual morality ... The revolutionary process of joining the party also involved literature ... Thus, for me, Balzag took the place of Flaubert, Tolstoy that of Dostoevsky, and Fielding that of Sterne Only the revolution offers an escape from immoral past, die Revolution wird hier zum Vehikel der Selbstverbesserung, zum Ort, an dem die Sinden wider die Moral gesiihnt werden kénnen, von denen beide wiihrend ihrer Jugend im vorrevolutioniiren Budapest geniigend begangen hatten."° Noch gravierender erscheint die Tatsache, daB die Expressionisten, wie Lukes mehrfach anmerkt, durch ihre Rolle in der Antikriegsbewegung in einem fiir eine Kunstbewegung erstaunlichen MaB Publizitit und damit gesellschaftliche Wirkung, d.h. Erfolg hatten und, wie die Entwicklung der Kiinste belegt, auch nachhaltige Wirkung im Bezug auf die Abkehr von mimetisch-realistischen Techniken. Lukdcs' Essay hei8t nicht ohne Grund Gréjbe und Verfall des Expressionismus. Seine Bemerkungen tiber die neue Sachlichkeit sind zwar auch unfreundlich, aber frei von dem Kreuzzugseifer, mit dem er den Expressionismus bekiimpfte 82 Zu der Verbindung von Expressionismus mit der Romantik und Nietzsche vgl. James Rolleston, Nietzsche, Expressionism and Modern Poetics, in: Nietesche-Studien, Internationales Jahrbuch {fiir die Nietesche-Forschung, Bd, 9, 1980; sowie Seth Taylor, Left-Wing Nietescheans; The Politics of German Expressionism 1910 - 1920, 0.2.0. 83° Vel. Die Sduberung, a.a.0., 8. 196/197. 84 Zitiert nach Kadarkay, a.2.0., 8. 397. 85 Val. dazu Kadarkay, a.a.0,, 8. 118-172. 187 4, MiBlungene Austreibung sie fic ; Dinge silks h di ressionisten gegen die Ordnung der ae igen, icles ierommmcenmeng a haben Leben, Kunst = Politik vermengt. Dies ist nicht nur der Hintergrund der stiindigen foe expressionistischer Antibiirgerlichkeit, sondern seiner Kritik an P at Kunstrichtung insgesamt™, Es ist nicht nur das von kulturellem reer a gepriigte Lebensgefiihl Lukécs”, dem dies zuwiderliiuft, sondern ee Verlangen nach systematischer Ordnung, gegen welche die ae aba permanent verstieBen, Insgesamt sind diese Verstife so schwerwiegend, thn dazu treiben, die histotische ‘Wahitheit, die Regeln der ‘nd das eigen Niveau zugunsten einer rabiaten AUS 2 verleugnen, George Steiner bezeichnete cinen Teufelspakt™: Adomo diese Luk: ein Opfer der U Politik etwa, . s als - inismus Lakes! Arrangement mit dem Kommunism + ein fast tragisch anmutendes sacrifizio dell “ bei nicht um ‘cssche Wendung™. Allerdings handelt es on » atinistise? mstinde halber, um die hilflose Verstrickung in sgenen LebeS sondern um die selbstgewahlte Unterordnung des : a eilen Zi” Unter die fiir gerecht gehaltene Sache des Kommunismus. ae retrospektiY hundertsten Jahrestag der Geburt Friedrich Engels (1920) lesen wie ein Lukdesscher Selbstentwurf: ‘on alle seit i Be steht Engels! Beispcl vor uns, der nach der Niederwerfung der RevolMt yen personlichen Ambitionen, sogar auch seine auf die Pflege der Mibegiaeri (2 aul Bestrebungen zur Seite leat, wieder das vethabte Joch des Kanan nlegune nimmt, um es Marx zy ermoglichen, die wissenschaftliche eo der Topol dt "5 tn seiner Kit des Expressionismus bedint sich Lukies nudem immet ire a1 met Onelen Intekuelnschete, die Warn eer im konservaiven a ‘auch von der Linken immer wieder aufgegriffen wurde; vgl. dazu Michael Stark, : Expressionismus, Die Enis Literaturgeschichte, der dents? Hehung der Intellekiuellendebatte i” Stuttgart 1982, shel 8 S882. Agnes Heer, Lukdeg Ce theta Pte «i. oe ae Glaubenselemente im Denken von Georg Lukées, ee G. Lukes, Exsehnte ft 1985 in Totaliat, Bd. 1 des Bloch-Lukéics-Symposiums 1 Bochum 1987, 5. 42143, 7 ; ge an Ment’ Stine, Geo Landes and Mis Devil's Pact, in: ders Lana Harmonsworth 1969, Erpette Versohnung, an, 5 154, silence » 188 das’Kapital’ zu schreiben. In der langen ferung ohne Pose steht das wahre rvoller vor uns als in seinen n Werken. Er lebte wirklich nur fiir die Proletarierrevolution. Er war ikampfes des Proletariats, sondern er allerersten Helden und theoretischen Grundlagen des Klassenkampfes, d Reihe dieser wortlosen, reinen Selbstaufop! revolutiondire Wesen Engels’ vielleicht noch wunder epochemachende nicht bloB der Begrlinder der Organisation des Klassen = im wirklich ernsten Sinne des Wortes - einer sein ‘ Martyrer. Nicht im intellektuellen Schaffen liegt also vornehmlich die GréBe Engels’, sondern gerade im bewuBten Verzicht darauf, den Lukacs als Opfer und Martyrium fiir die Sache des Sozialismus deutet, Das Opfer fr die noble, die heilige Sache ist ein Thema, das sich in Lukécs’ Schaffe: dem 1946 publizierten Aufsatz Die Gretchent) Faust tiber Gretchens Leiche geht, mit notwendig war fiir seinen Weg der personlich e1 hingebenden Praxis: Weil der Aspekt des tédlichen Emnstes, 2u bringen, nicht nur fiir das Werk, sondern auch fiir Bedeutung hat’, ist es verfehit, ihn - wie dies zuerst tat” ~ als roten Oberlehrer zu bezeichnen, obscl argumentiert. Sein radikales Ordnun; gefithrlicheren Quellen gespeist. Oy n 9% n immer wieder findet. In ragédie rechtfertigt Lukécs, dab t der Begriindung, da8 Fausts Handeln nisagungsvollen, nur der Sache 91 Und diese Art, die Tragik zu iberwinden, bedeutet kein Vergessen, kein frivoles Hinwegschreiten liber Opfer, sondern gerade die tapfere Anerkennung der diesseitigen - der gesellschaftlich gegenwairtigen Unldsbarkeit solcher tragischen Konflikte bei uununterbrochener Foyserung einer dariber wirklich hinausgehenden Lisung fiir das Menschengeschlecht. der Bereitschatt, fiir die Sache jedes Opfer Lukécs' Biographie zentrale Bloch” und dann Adorno hon er immer wieder wie einer gsdenken wird aus anderen, viel Es war Thomas Mann, der dies sehr frith sum hundertsten Jahrestag der Geburt Friedrich Engels, in: ders., Revolution und 120-1921, hrsg, v. Jorg Kammler + Frank Benseler, seat Lule Gegenrevolution, Politische Aufsitee Ul, 19: Darmstadt 1976, S. 176. Georg Lukdes, Die Gretchentragodie, in: Aufbau, Kulturpolitische Monatshefte, H 9, 1946, S. 916. Gretchentragédie, a.a.0., $. 915 ie Lukacs in seiner Wurdigung Engels’ vertritt Istvan Eérsi Lukécs gegeniiber in »y German Critique, 42, 1987. Nicht so sehr seine fur bemerkenswert, sondern Lukées opferreiches Dieselbe Linie wi dem Aufsatz Unpleasant Lukées, in Schriften uber Politik oder Asthetik halt BOrsi Leben fur die Sache des Sozialismus. Vel. dazu Blochisler, Die Kunst zu erben, in: Vom Hasard zur Katastraphe, 42.0. ‘Theodor W. Adorno, ErpreBte Versohnung, in: ders., Noten zur Literatur II, Frankfurt 1961, S. 153-156. 189 erkannte. In seinem 1923 erschi Gestalt des Naphta, die Lukes ist ein antiaui Ideologie in der enen Roman Der Zauberberg a eae hachempfunden ist, dessen spatere E . ‘idischet fklarerischer jesuitischer Kommunis! ei yon besteht aus einem paradoxen ere igids-revolutioniiren und obskurantistischen Denks Jahren bat vstischen Politikverstindnis linden”, In spiteren ur sehr der schillernden Ambiguitat Naphtas m et zu entgehen, en’”, vielleicht auch um dem Vorwurf zu entg hiitte Georg Lukéics erfunden”®, DaB Lukées des von ihy romantise Herkunft; Seine Konservativen, Teli auch anders konnte, d; min Grépe und Verfa +h-anarchistischen Al jguitat ‘a8 er durchaus in der Lage war, fe 3 is Hl des Expressionismus so heftig. at ath ‘ntikapitalismus zu erkennen, sow! 7 ot der zur spunkt bildet : — izierte) — Sei ‘olution. In dieser Gedankenlyrik leben baide Se h-eriechische Ideal und die miserable burg 's sinnliches Leben. bitgerlichen Re 's: das jakobinis aleichgestattetes °% Vel. dazu Michael Lowy, Naphta or Settembrin, Lukées and Romantic Anticapitalism, in: New German Critique 42, 198) 97 Vel. dazw Naphta or Settembrini, a2.0., §, 98 °8 Bei Thomas Manns Rinschéteung der Naphta/Lukées sry Zutallstrefer. Thomas Mann war uBerordenth ralischen Kunstlerphysiognomien seiner Zeit. So ges Leverkun den Prototyp des expressioni 107 9 Grote Lukées, Holdertins Hyperion, in: ders » Deutsche Literan Lukes Werke, Bd. 7, Neuwied 1964, s, 182/193, tur in zwei Jahrhunderten, Georg 190 . f, Blochs ae ‘chismusvorwurf, . Dreigigem, wie oben ausgefiihrt, implizit mit dem oe sia Vora alerdngs igern, wie ol 7 ose hinaus, hi A den scha auf eine thnliche Diagn’ a ‘auerspielbuch. nd auch Walter | Expressionismus gemiinzt heift es dort: i nicht (des Barock, Anm. co) ist eae il wartigen Erben (des side besti . Die Beg ie Fe ae arse staatsfeindlich, revolutionir, uenz aus dem Konseq dung zum Marxismus auch eine tat doch von Wenn fir Bloch die Wendu ; Verbalradikali di s ist, der bei aller bei Lukées die 5 s Expressionismus ist, ahierte, verliefen Honiicrneae Eo ee abstrahierte, len gesellschaftlic! Briiche schiirfer und abrupter. us riihrte in ganz spezifischer Weise an Lukdes' Vergangenheit, pes Li igang ganz spezifischer Expressionismus ri itiker der hans Kulturkritiker ; idealistischer Kult ler ikal-ethischen Positionen als ideal oder als linksradikal ponte eigenen ayia Theorie des Romans Settverlassenen Wel ymenhang ik". In diesem Zusammen i arischen Ratcrepublik ee akdes Tinksradikaler Volkskommissar in ar all des Expresionisnas 20 Lukées’ Hinks Verhilt sich Grape und Ve fii iihmte Koffer mi elberger Bank Vetgangeneit ahnich wie eee 1917 aut einer eee aalert sich Vorsozialistischen Lebens, her Phase. Denn in Takt ike und. Hinkstadikalem deponierte, zu dessen idealistisc dung von Kulturkriti iahre charakterisierte. Lukées durchaus der ee nismus der letzten iGieesahs Essays der Jahre Engagement an, die den Se een die die nal Jsetzung zumindest Auch die Beschwérungen der weisen in Diktion und 1919 bis 1920 priigen'”, 10 Tn jonisten auf. Expressionis! ischen Zielvorstellungen bate tnd etisches Problem Ahnlichkeiten mit den SE aE als moralis shalt eran ee Taktik und Ethik wird der ischen Probleme Verhandelt; es geht hier um die ethisc! ae heim saan Ges war anders, Meisen 00 Walter Benjamin, Gesammelte Sehriftr wiew che Quellen tie Irciche ungarische Q 1s Volkskommissar ee ten 11 Vel, zu Lukées' Tatigkeit a AG seg or sce it lame er und Revolt 1973, 8, 31-43, diese ini ea ‘Antonia Gran 7 auswertet, Vgl. auch ange @ Bd, 2, Frithse 12 Georg Lukics, Taktik und Ethik, n Zur Frage sich Lukées 2, B. in 1968, 8. 45-53 alismus nest sich ipa itionale, Klasser ee dritien Internat aa n ik, Politische ism, 2.2.0.4 Naphta or ywy, From Romanticism, Linksradikalismus vgl. Lowy, 104 Zu Lukées’ Affinivat zum Settembrini, a.a.0. 191 hegelianisches E; ’s Erbe deshall ‘ «10 b problematisient wird'®’, weil das Hegelsche System keine Ethik aufweise!™®. pie fy Erreichung des arid Die fiir Lukes zu dieser Zeit zentrale Frage, ob 2" beantwortet er mit dem mitt alistischen Zieles Unrecht begangen werden darf, Ende seiner ersten mega uerveile beribmten Zitat aus Hebbels Faith 38a und die mir auferlegte T Pi ten Schrift steht'”: Und wenn Gout zwischen mich dieser entzichen kina. cae Sluidle gesetzt hiitte - wer bin ich, daps ich mich @ Der Kontext, in dem Lukées dieses Zitat in den Tagen ik verwandte, ist noch zugespitzter und macht deutlich, Wir Kommunisten sind wie Juda F oar oS blutige Arbeit ist Christus zu kreuige™ und das set nach unsere Berufung; Christus wird erst durch den holwendig, um die Welt erlésen zu kénnen. Wit ‘r Welt auf uns, um dadurch die Welt 24 Aber diese siindhatie A, Tod am Kreuz Got, Kommu n erlésen Tos"eR also nehmen die Sinden dey iindhafie 1 dal day Winter anteilvolle Selbstindigkeit des wirtschaftlichen ie tsleben, di Produktion in die Dienste der + der Kultur gestellt wird, a 10s Emst Erdos sieht sicht in dieser Zeit de Parallelisiert Luk: We ie reais 3 , Y ioe m Kantianismus zum gelianismus, ¢F ieee Dae aon ‘stemdenker, Taktik une tie Bru Aundack ten eer Zit charters er agen ile erie Brutal Georg Lukées am eee ‘ugleich hegclanischen Fe tint Geekecen 18 - Moralitat und Sitdichkeit 1919, ik." Ernst Erdos, 106 Gg. al., Bochum 1988, §, 276 te eee Lukées, Taktik a Hk und Ethik, ji Vorwurf nimmt rong one "As 07 5 4, den ler gegen Hegel eshonen tine Ontoogie ent St2e Lukes und die helige Femi a ev ea ser se Oe feo kee co fe Lukdcs vorwirft, dieser hiitte zwar 2 abe zum moralischen Handeln gelieter, nerf ruta 1. daz Ot fi Vel dau Goore Lukies, Dostojensi 985, Finke ae ‘t, Notizen und Wwitrfe, hrsg. v. J.C. Ny B : Bom rs. v. LC. Nyiri, Budapest i G. Lukées, Taktik und Ethik, Werke II, aad,, S. 5: Lukées, De ae ‘ » Dastojewski, a.a.0., §, wolte cine Judae nea: 3: Jus hae Pr Lakes danas eine besndee _ fassen, vel. dazu G, Luks, De oe ae s, Dostojewski, a0, §, 137 Rede aut den fm Kongre6 der Jungarbeiter, in: Werke Bd. I, 0.2.0., 8. 1 192 ee ce a ge ae Hier findet sich, nur wenig variiert, ein Topos des aktivistischen Expressionismus, nach dem die Erringung des Sozialismus ein Triumph des Schépferischen Geistes ist!'' und das angestrebte Resultat sozialistischer Vertinderung die Befreiung der Kultur und der menschlichen Kreativitat aus den Fesseln der biirgerlichen Gesellschaft."”” In dem Aufsatz Alte und Neue Kultur aus demselben Jahr unterscheidet Lukées SchlieBlich zwischen Kultur und Zivilisation, ein Topos der zeitgendssischen Kulturkritike zwar, aber nicht unbedingt des zeitgendssischen Marxismus. In diesem Essay fiihrt er aus, daB det Kapitalismus die Kultur zerstort und die Hervorbringung organischer Kunstwerke verhindert habe!"?. Die Aufgabe des Proletariats sei es nun, die Herrschaft des Kapitalismus und der Zivilisation 20 brechen und so die Méglichkeit zur Kultur wiederzueréffnen'™, In der Verve, mit der Lukécs gegen die moderne Dekadenz 2u Felde zieht, findet sich ein Echo seiner jugendlichen Faszination von Max Nordaus kulturkritischen Schriften’. In den politischen Aufsiitzen nach der Niederschlagung der ungarischen Raterepublik mischen sich anarchistische Ideen, wie die der Aufhebung von Stat und Partei, mit Proletariatsmetaphysik reinster Provenienz, Uberlegungen iiber die Moralische Sendung der kommunistischen Partei und Polemiken gegen die Biirgerlichkeit der Sozialdemokraten'”’. Jorg Kammler bezeichnet in seinem Vorwort zu der von ihm und Frank Benseler herausgegebenen Sammlung von wn Begeiffes des Geistes mit der Zivilisationskritik "Il Uber die Verbindung des expressionistischer 1.0., $, 29-31 vgl. Michael Stark, Fiér und wider den Expressionismus, & H2 Vg, dazu Sokel, a.a.0., S. 230-235, M13 Georg Lukécs, Alte und Neue Kultur, in: Takik und Ethik, 2.0. 8. 132-142 114 Alte und Neue Kultur, a.a.0., 8. 146- 150. intensiv auf diese ein, seine Schilderung der Impulse des Lukéesschen: "But it was Nordau’s repudiation of civilization itself that made a lasting impression on Lukées. Nordau's visionary power to devalue modern culture, his sweeping diagnosis of degeneration to art and literamure, and his ossiane damnation of the social cosmos - all this continued to haunt and preoecupy Lukécs in his long quest to save humanity, Unfortunatly, Nordau’s aesthetics, with its strong sense of guilt and daronaion, also afflicted Luks, Nordau covld never escape the confining circle of his aesthetic conception wherein the morality of an art work forms the basis ofits aesthetic valve Furthermore, according to this conception, the very breadth and depth of the morality of an art~ work determine moral sanity or, for that matter, insanity of its creator. Consequently, a work of fam and its creator qua creator are to be primarily praised or damned morally.” Kadarkay, a.2.0., S. 41 116 G, Lukées, Die moralische Sendung der kommunistischen Parte, in: Taktik und Ethik, a.a.0., 8. M15 Kadarkay geht in seiner Lukics-Biographie ddes Nordauschen Schaffens erinnert an die 22% 5; cl sen Ti Mopistischen und messianistischen Erwartungen, - i zeitgendcn nim Ausdruck kommen, einfach als unzuldingliche Analyse ‘ ‘Bendssischen Situation, als materialistisch nicht fundiert etc.'"’, Dabei verkent! er Jedoch, wie sehr gerade diese Elemente charakteristisch fur den politischen Auforuch jener ju f Lukécs' Frithschriften die dies ngen Intellektuellengeneration, der Lukécs angehirte, s tie Mahia a Denkfiguren, die Lukées' Ideen aus der ungarischen Revolution Kultur se qichtevolutioniren Zeit mit dem Expressionismus verbinden. Die Fund Lebensfeindlichkeit des Kapitaismus war schlieBlich anch eit Topos Kapitalismuskritik, genau wie sie Lukécs ! s'"*. Diese findet sich bei Lukécs ebenso A Z isten, nicht nur bei den jtidischen oder dezidier' aktivistischen, in Pfemferts Aktion" etwa, sondern 2.B. auch in Ivan Golls Hymne auf Rosa Luxemburg oder Rudolph Leonhards i 2 : i ae Der tote Liebknecht.” Ebenso wichtig ist der Generationskonflikt: die ed -xpressionismus So charakteristische Rebellion gegen die wilhelminischen rationalicig nat Jansen jtldischen Intelligenz. als Aufstand gegen das assimilierte, nalisierte Mittelschichtjudentum der Elterngeneration auf'”'. Dieser duBerte dingt riickwéirts gewandten Riickbesinnung auf und einer Wiederaneignung gnostischer und , der, im Unterschied zu Bloch oder Benjamin, Seinem veréffentlichten Werk nie in der direkten ist die Faszination, seine Hoffnung auf eine Renaissance 2.B. tiber seinen Jugendfreund Béla in sein Tagebuch schrieb!” apokryphe jiidische Elemente Messianischer Ideen, Bei Lukée: diese messianistischen [deen in Jidischen Form gebrauchte, Postassimilisatorische jtidische Balazs nachgewiesen, der 1914 ee nt Jorg Kammler, Einleitung, Taktik und Ethik, 1.0.0., §, 7-33 : i: Vel. dazu Sokel, aa.0., S. 211-217, 1 al r : a 122, —_ ® anessinische Phase sind Paul Honigsbeims Memo H noiten, vel. dazu Michael Lowy, Die revolutionare Romantik von Bloch ond Lukécs, in: Vera; + iM: Verding tichung und 194 sidic Baal Gyuri has discovered in himself the Jew! The search for ancestors. The Chas: lis race im alone and Shem. Now he too has found his ancestors and his race. Only T a forlorn, ~ Auch Lukes wurde, wie so viele in seiner Generation, von Buber pean de Erwihnung des Baal Shem im obigen Zitat gibt darliber Auskuntt, ml vem in spiteren Jahren jeden Einflug des Judentums auf seine Hawieklieg verleugnete’**, Es ist schlieBlich das erst posthum publizierte vi i a Fragment, das Lukées' intensive Beschaftigung mit der jtidischen Ce ee cindringlich dokumentiert, Dariiberhinaus bezeugt diese Notizensammiung ee Interesse nicht nur fiir obskurantistische Themen wie Messeotams, Gnots ao Kabbala, Seelenwanderung, indische Mystik oder die Ebslinde, sondem auch das Christentum, Hegel, Schelling, Kant; die Wiedertitufer cat ih cae Sind dort neben Dostojewski Lukécs' Gegenstinde; eine sms visting: die nicht nur durch ihre Disparatheit an die Themen von Blochs pea lene crinnert, In der Tat berichtet Arnold Hauser in seinen Erinnerungen, War, der den Anstof zum Dostojewski-Projekt gegeben hatte ct Aber auch ohne diese Hinweise aus posthum publizierten a ae he ie Beeinflugung durch gnostisch-messianistisches Gedankengu ie Rede von der unheilvollen Wort- und Bildwahl in den Lukécsschen Texten, die Senger t und siindigen Beschaffenheit der Gegenwar! ee ee eenG mide Erlosungshoffnungen ablesbar. Dieser Sprachdukt ee Spirituellen Ton des gesamten Sonntagskreises, dessen geisugs i den war.!?° Indem Lukdes jene Ideen, die grundlegend nicht ar da expressionistischen Protest, sondern auch fir seine a Neer atest Ea als imperialistic, gar protofaschistisch brandmarkt, banner diese sie den kommunistischen Teil der Linken, Damit zugleich beats — Vergangenheit. Diese gehorchte allerdings auch dem Mot m 100. Geburtstag, Beitrige des internationalen sno Manster et. al., Frankfurt 1987. Utopie, Ernst Bloch und Georg Lukdes 2 Kolloguims in Paris, Mairz 1985, hesg. von At ee arian Quarter 123 él Balézs, Notes from a Diary, (1911-1921), in: The Hungarian Quarterly 1972), zitient nach: Rabinbach, 2.2.0. S. 80. Eine Autobiographie im 124 Val. Georg Lukics, Gelebtes Denken, Eine 4 j E Eresébet Vezér (Hrsg.), Georg Lukdes, Karl Dialog, Frankfurt 1981, 8. 451 125 Arnold Hauser, Erinnerungen, in: Eva kart ee Mannheim und der Sonntagskreis, Frankfurt 1985, S- xr Sonntagskreis, .8.0., 8. 11-17. 126 Bva Kard Lukécs, Mannheim und der Sonntags Einleitung, in: 195 Idinger und lieB sich so einfach nicht verbannen, sondern wirkte vielfach hinter Lukacs' Riicken weiter'”” zung der Lukéiesschen Methode nur t allerdings fiir Eingeweihte deutlich Werner Krauss deutet dieses in seiner Einscl an, der Hinweis auf dessen Manichiismus genug: Lukécs trug in den Marxismus manche persénliche Anschauung hinein, die nicht im Wesen dieser Methode griindet: so sein Klassizismus; die manichiistische Zweiteilung der Literaturepochen nach Fortschritt und Reaktion, so seing mangelnde Bereitschaft zur Aufarbeitung der modernistischen Literaturbestrebungen. Das vordergrtindig verdriingte gnostische Denken kehrt in Gréjbe und Verfall des Expressionismus besonders massiv wieder'™: in dem rigorosen Dualismus, den Lukacs hier zwischen Gut und Bése, Ordnung und Chaos, Licht und Dunkel in der Kunst konstruiert'*”, in dem sich keine Spur von der sonst so gepriesenen Hegelschen Dialektik findet, ebenso wie in dem selbstgerechten Pathos, mit dem Lukes das Wahre gegen die finstere Anarchie verteidigt. So besteht trotz der massiven Abwehr das Apokalyptische gleichsam unterirdisch fort. Auch dies ist historisch nicht ohne Parallele: Die Uberwindung der Gnosis erklirt Hans Blumenberg in Die Legitimitdit der Neuzeit damit, daB die Apokalypse ausblieb und die Welt sich als bestiindiger als erwartet erwiesen hatte’’', In dem als Reaktion auf und als Abwehr gegen die Gnosis erfolgenden Systembau der katholischen Kirche war die Gnosis allerdings ins Fundament eingelassen, wenn auch als Urfeind'”. Auf diese Weise blicb ihre Wirkung zumindest teilweise erhalten: Der gnostische Dualismus war fiir das metaphysische Weltprinzip beseitigt, aber er lebte im Scho der Menschheit und ihrer Geschichte als absolute Sonderung von Berufenen und Verworfenen fort ... Die Gnosis hatte den antiken Kosmos nicht zerstirt; seine Ordnung blieb, aber sie wurde - wie ‘Ordnung' als Héchstwert nicht zum 127 In Geschichte und Klassenbewuptsein 2.B. gewinnt das Proletariat die Rolle des Erlésers aus der entfremdeten und verdinglichten kapitalistischen Gesellschaft, vel. dazu Kap. I. 128 Wemer Krauss, Grundprobleme der Literaturwissenschaft, Zur Interpretation literarischer Werke, Reinbek 1968, 8. 94 129 Val. dazu Tibor Hanak, Glaubenselemente im Denken von Georg Lukécs, 3.1.0. 139 Zum gnostischen Dualismus vgl. Kurt Rudolph, Gnosis, Wesen und Geschichte einer spdtantiken Religion, Gottingen 1978, 8. 67-74. 131 Hans Blumenberg, Die Legitimitat der Newzeit, Frankfurt 1966, S, 83-85. 12 Blumenberg, a.2.0., S. 78. 196 einziggy Mal - zum Terror, aus dem es nur den Ausweg der Flucht in die Transzendenz, gab Was folgte, war das andauernde Wechselspie! zwischen Orthodoxie und Haresie; auch wenn das Wahrheitsmonopol der katholischen Kirche schlieBlich iiberwunden wurde, gehért deren Organisationsmodell nicht unbedingt der Vergangenheit an, zumindest fand es im 20. Jahrhundert rege Nachahmung'™ Lukécs' eigene, leicht begradigte Sicht der Vergangenheit wird von Nicolas Tertulian in einem Aufsatz folgendermaBen referiert: ‘In meiner Jugendzeit bestand in mir ein tiefer und nie lésbarer Konflikt zwischen Streben nach philosophischer Verallgemeinerung im Sinne der grofen alten Philosophie und zwischen Tendenzen zur reinen Wissenschaftlichkeit. Wenn Sie die Abschnitte aus dem alten Drama-Buch mit dem Stil von Die Seele und die Formen vergleichen (sie sind in der selben Zeit entstanden), so kénnen sie diesen Konflikt deutlich sehen...". Und er fiigt hinzu, indem er von seiner Wendung zum Marxismus. spricht: ‘Fir mich bedeutete sie die Lésung des zentralen inneren Konfliktes meiner Jugendzeit, fiir Bloch weit weniger, denn in der Geist der Upgpie-Zeit konnte er ohne weiteres Marx in seine apokalyptische Phantastik einbauen’. Im Riickblick erscheint die Vergangenheit als bruchloses Gefiige, bzw. der eine Bruch, das klassische Damaskuserlebnis also, ldste den zentralen Konflikt. Diese eigene Sicht der Vergangenheit wird von der Forschung gerne tbernommen, sie iibersieht jedoch den entscheidenden BinfluB, den die diversen Briiche, so z. B. auch der Bruch mit dem ethischen Marxismus, in Lukes’ Werk ausmachen. Einige dieser Briiche aufzuzeigen, war ein Anliegen dieses Kapitels, wihrend es im vorhergehenden Lukacs-Kapitel vor allem um die Kontinuitiiten (Totalitiit und Verdinglichung) in seinem Werk ging", 133° Blumenberg, a.2.0., S. 88/89. "4 In einem Gespriich mit Michael Lowy zieht Bloch einen ahnlichen Vergleich: "For Lukées the ‘Communist Party was the realization of an old aspiration. In his youth, he wanted to enter a ‘monasiry. The Party was a substitude for this secret desire, He was not attracted by Catholicism as a doctrine, but as a way of life - the solidarity, the absence of property, the monastic ‘existence so opposed t0 that of the upper middle class to which he belonged through his family and his bank director father." Michael Lowy, Interview with Emst Bloch, in: New German Critique, No 9, Fall 1976, S. 40. 195" Nicolas Tertulian, Die Ontologie Georg Lukdcs, in: Dannemann, Jenseits der Polemiken, a.a.0,, §. 162, Tertulian weist diese Briefstelle nicht nach. 136 Als weiterer Beleg fiir die durch Widerspriiche und Widerrufe geprigte Entwicklung des gesamten Lukéesschen Werks ist seine Rezension von Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschheit 20 nennen, Noch 1923 beurteilt er dieses Buch, das zwar expressionistische Blemente enthalt, aber dieser Bewegung nicht zuzurechnen ist, als photographisch und phonographisch trewes Abbild 197 Im Unterschied zu Ernst Bloch, der ebenfalls versuchte, seine Vergangenheit 2u begradigen, ist Lukécs' Verhiiltnis zu seiner eigenen Vergangenheit um einiges unfreundlicher. Gert Mattenklott charakterisiert dieses folgendermaBen: Im wertenden Riickblick ordnet sich das Leben zum Vorleben ... War es wirklich so? Nicht das ist entscheidend, Wichtiger ist die Verbindung von Entwicklung und Moral. Sie ist letztlich der Grund fiir die VergeBlichkeit, in der cin gewisser Lebensteil abgesondert und vom weiteren Leben ferngehalten wird ,,, Wovon der Autor sich getrennt hatte, das sollte auch niemand anderes mehr erben, Die Erbschaft aus jenem politischen und intellektuellen Aufbruch, der sich 1918/1919 ereignete und an dem Lukacs als Volkskommissar, Ernst Bloch als Autor des Geist der Utopie teilhatte'™, wollte Bloch im Gegensatz zu seinem Jugendfreund nicht preisgeben, sondern fiir die Gegenwart fruchtbar machen. Dies ist ein Ziel der Erbschaft dieser Zeit, wie auch seiner Beitrige zur Expressionismusdebatte, denn wie er hier schreibt: Das Erbe des Expressionismus ist noch nicht zu Ende, denn es wurde noch gar nicht damit angefangen (IV, S. 275). von dem Krieg, wie er wirklich gewesen ist. Vgl. dazu Georg Lukes, Eine Kampfsehrift gegen die Bourgeoisie, in: Manfred Brauneck (Hrsg.), Die Rote Fahne, Miinchen 1973, §. 189. 157 Gert Mattenklott, Blindgdnger, Physiognomische Essais, Frankfurt 1986, S. 160. 138 Erginzend zum Geist der Utopie sind hier die politischen Aufsitze und Artikel, die er im Schweizer Exil schrieb zu nennen und die gesammelt vorliegen in: Martin Korol (Hrsg.), Kampf, nicht Krieg, Politische Schrifien 1917-1919, Frankfurt 1985. 198 VI. Zum Licht und nicht zur Finsternis Exildebatten um Expressionismus und Realismus Lukes und ich haben fridher zwar ausgemacht, da wir der Welt das Entzweiungs- Schauspiel Schelling-Hegel nie bicten werden. Aber ich breche dies Ubereinkommen nicht; denn ich bin nicht Schelling, so ist Lukdcs gewif nicht Hegel geworden. (Ernst Bloch, 1936) Ich bin nicht Schelling, Lukdcs nicht Hegel, eine schwache Entschuldigung, die Bloch fiir seine Angriffe auf Lukécs findet. SchuldbewuBtsein und ein schlechtes Gewissen schwingen in dieser Briefpassage mit.' Der Grund dafiir, das oben erwahnte Ubereinkommen zu brechen, war fiir Bloch ein schwerwiegender: es ging schon wieder um das Erbe des Expressionismus, welches er bereits gegeniiber der Neuen Sachlichkeit vehement verteidigt hatte. Vordergriindiger Anla8 dafiir, das Zerwiirfnis mit dem Jugendfreund 6ffentlich auszutragen, war die seit dem Jahr 1934 in Moskau erfolgte kulturpolitische Orientierung auf nichtavantgardistische Kunst®, die Lukdcs, wie bereits erwihnt, nicht nur nachhaltig unterstiitzte, sondern auch theoretisch fundiert hat.’ Die aus Blochs und Lukées' Positionen resultierende Rollenverteilung in der Expressionismusdebatte hat Scholem folgendermaBen beschrieben: Die Debatten zwischen den beiden Freunden, deren literarische Urteile tiber Realismus und Expressionismus so entschieden auseinandergingen, obwohl sie politisch im gleichen Lager standen, und die weniger kryptisch und chiffriert ausgetragen wurden als die verwandten zwischen Brecht und Lukaes, haben heute noch etwas von Streitreden zwischen einem ungebirdigen Rebellen und einem dogmatischen Brief von Emst Bloch an Joachim Schumacher vom 15.1,1936, Emnst Bloch, Briefe, Bd. 2, hrsg. v. Karola Bloch et. al., Fankfurt 1985, $.497. Val. dazu Sozialistische Realismuskonzeptionen, Dokumente zum 1. Allunionskongrefi der Sowjetischen Schriftsteller, hrsg. v. H.-J, Schmitt, G. Schramm, Frankfurt 1974, 4 Val, dazu Kapitel V. 199 Doktrindr, einem tiefSinnigen Naturburschen und einem Oberstudiendirektor des literarischen Marxismus an sich. Die Orientierung der kommunistischen Linken auf den sogenannten sozialistischen Realismus, war nicht nur AnlaB fiir asthetische Kontroversen, sondern auch fiir Grundsatzdiskussionen in einem anderen Sinne. Untergriindig ging es auch immer wieder darum, welche theoretische Haltung gegenitber der mit dem Sieg des Faschismus zutage getretenen Krise des Marxismus eingenommen werden sollte; denn eines der zentralen Theoreme des seinerzeit herrschenden Marxismus, die geschichtsphilosophische Tendenz, der Glaube daran, mit dem Strom der Geschichte zu schwimmen, wurde spiitestens in diesem Moment briichig, und der theoretische Boden, auf dem das marxistisch-leninistische Gedankengebiiude errichtet wurde, geriet ins Rutschen.° Schlieflich galt die Weltgeschicht’ als Weltgericht. Die theoretischen Reaktionsweisen auf diese Krise bewegten sich zwischen dem Riickzug auf vorgeblich sichere Warheiten und historische Traditionsbestiinde einerseits und der experimentellen Offnung, der Suche nach Neuem, nach Innovationen andererseits. Der Riickzug auf die fisthetischen Traditionen des 19. Jahrhunderts verkérpert die erste Variante, die in ihrer speziellen Auspriigung im Moskau der dreifiger Jahre die Form eines tédlichen Ordnungsdenkens annalm, das nicht nur das Gegnerische, sondern auch das blo® Abweichende brutal ausmerzte. In Blochs Schaffen der dreiBiger Jahre kreuzen sich beide Wege. Neben der klaren politischen Option fiir die Volksfront und die kommunistische Biindnispolitik versucht er offensiv den zweiten Weg zu gehen, poetisch- politisches Neuland zu erschlieBen und die beiden Avantgarden, die poetische und die politische, zusammenzudenken. Immer wieder provoziert er die Vertreter des radikalen kommunistischen Ordnungsdenkens, indem er unbekiimmert das Chaos und das Irrationale diskutiert und Strategien einfordert, die nicht auf dessen Ausgrenzung oder Ausmerzung hinauslaufen, In diesem Zusammenhang markieren die Expressionismus-Aufsitze auch einen Bruchpunkt, einen Abschied von bestimmten Positionen, verbunden mit einem Abschied von Europa, das Bloch bald nach dem Erscheinen dieser Aufsiitze verlassen sollte. In der Expressionismusdebatte sieht Bloch sich gezwungen, sich mit seiner cigenen Jugend auseinanderzusetzen, dffentlich zu ihr Stellung zu beziehen. Die Expressionismusaufsiitze stellen aber auch den Abschied vom kiinstlerischen 4 Vel. dazu Gershom Scholem, Wohnt Gott im Herz eines Atheisten?, Zu Ernst Blochs 90. Geburtstag, Der Spiegel, Nr. 28, 7.7. 1975, Dies fuhrie bei vielen Sozialisten zu einer Orienticrungskrise, vgl. dazu z.B, Hans Werner Richter, Briefe an einen jungen Sozialisten, Miinchen 1990, $, 15, 26. 200 Avantgardedenken dar. So vehement er dieses noch in der Expressionismusdebatte verteidigte, so wenig sollte es ihn in den kommenden Jahren interessieren, 1, Die Freiheit der Kunst und die Verteidigung der Kultur In dem von mir gewihlten Untersuchungszeitraum sind Blochs Kommentare zum sogenannten sozialistischen Realismus recht spirlich. Ausfiihrlichere Stellungnahmen finden sich erst in den spiiteren Werken. Da aber die Kontroverse zwischen Bloch und Lukécs immer wieder als Streit um den Realismus interpretiert worden ist, scheint es mir sinnvoll, Blochs Realismusbegriff der dreiiger Jahre zu rekonstruieren. Blochs erste Stellungnahme zum sozialistischen Realismus findet sich in dem Vortrag, den er auf dem antifaschistischen Schriftsteller-KongreB zur Verteidigung der Kultur 1935 in Paris gehalten hat. Hier diskutierten Schriftsteller und Intellektuelle aus aller Welt die geistigen Strategien gegen den Faschismus. Blochs Vortrag, der von der Forschung gern zur Erléuterung seiner utopischen Asthetik zitiert wird, findet sich in der Gesamtausgabe unter dem Titel Marxismus und Dichtung (IX, 8. 135-143); im Jahr 1935 hieB dieser Beitrag noch Dichtung und sozialistische Gegenstinde und thematisierte nicht die utopische Dimensionen der Kunst, sondern ihren Gegenwartsbezug®. Vor dreifig Jahren war noch Klingklang iiberall, besang Dehmel den ‘Arbeitsmann’, brannten Dichter in den Sozialismus durch wie in ein Abenteuer, Damals hatte die Materie noch Weinlaub im Haar, das Diesseits war nicht nackt wie eine Tatsache, sondern ‘nackt wie das Leben’, von Fidusmenschen bewohnt, von jengr Sonne beschienen, die das Wochenende des dionysischen Kleinblirgers geworden ist. Anders als in der Fassung der Nachkriegszeit findet hier kein Ubergang zu einer utopischen Asthetik statt, im Gegenteil bestitigt Bloch viele seiner Positionen der Weimarer Zeit; so ist die Eingangspassage des Vortrags fast vollstindig dem mehrfach angefithrten Aufsatz Poesie im Hohlraum entnommen, z.B. die Vorwiirfe der rémischen Kéilte und phantasiefeindlichen Niichternheit an die Dichtung und sozialistische Gegenstinde erschien urspinglich in den Mitteilungen der Deutschen Freiheitsbibliothek, Pacis, 5, 1935. Er ist unverindert wieder abgedruckt in Zur Tradition der deutschen socialistischen Literatur, Eine Auswahl von Dokumenten 1926-1935, Berlin/Weimar 1979. Dichtung und sozialistische Gegenstinde, a.a.0., 8. 885. 201 Kommunisten.® Der nostalgische Blick zuriick auf die beispiclhafte Binheit von lebensreformerischer Subkultur und Sozialismus im Jugendstil ist in diesem Vortrag noch zentraler als in Poesie im Hohlrawm. Verglichen mit dieser beispielhaften Synthese bleiben der zeitgendssischen kommunistischen politischen Kultur und ihrer kulturellen Politik kaum positive Ziige: Der schmale Losungswille der Revolution hat liingere Zeit uns in einigen Exemplaren seine Mannlichkeit tibertrieben, hat die Objekte, welche gerade die Minnlichkeit sich zu Begriffe zu fihren und zu unterwerfen hat, ausgekreist... So daB hier als Schreibweise Unmittelbarkeit entstand, als Gegenstandsweise jener einfache Realismus, der Seele, Liebe und dergleichen ohne weiteres liquidiert, der das Wirkliche auf das dem Proletariat heute wirklich Gewordene einschriinkt und weder historisches Vergifmeinnicht noch irgendeinen Trauminhalt anerkennt, selbst wenn dieser objekthaft bestiinde. In dieser Passage zeichnet sich tatsiichlich ein Positionswechsel ab: Bloch variiert hier eine eigene Position der Zwanziger Jahre, in der er cine bestimmte forsch- sachliche Ménnlichkeit mit der Neuen Sachlichkeit und dem kalten philosophischen Systemdenken in Verbindung bringt. Die Polemik gegen diese Art von Mannlichkeitswahn zieht sich wie ein roter Faden durch Blochs ft Schaffen, ist implizit vielleicht auch gegen den Futurismus gerichtet.” Beat Wyss beschreibt die Minnlichkeitsvorstellung, gegen die sich Blochs Ausfithrungen richten, folgendermafen: ... allgemein geschieht die Modernisicrung der Minnlichkeit erst im Lauf des Ersten Weltkriegs. Der Wilhelminische Soldat riickt noch ein mit dem gezwirbelten Schnauz und Spitzhaube, was ihm das Aussehen eines Opernhelden verleiht. Die Monate und Jahre im Dreck der Schiitzengriben zwingen zur Neuen Sachlichkeit: Nicht das Siegiriedsidyll, sondern das Knattern der Maschinengewehre; nicht Schwanensee, sondern die U-Bootflotte in eisgrauer Gischt; nicht Richard Wagner, sondern Ernst Jiinger bestimmen jene Asthetik des miinnlichen Schneids."” Dies Ideal der miinnlichen Sachlichkeit wurde auf der Linken nicht von Ernst Jiinger, sondern eher von den Minnern in den schwarzen Lederjacken wie z.B. von B.Brecht verkérpert.’? Mit solcher Art von Miinnlichkeit konnte Bloch 8 Von Poesie im Hohlraum ist keine Erstverdffentlichung bekannt. Vgl. zu Poesie im Hohlraum auch 1V.3., S. 148, FuBnote 83. 9 — Dichtung und sozialistische Gegenstiinde, a.a.0., S. 885 (meine Hervorhebung, C.U,), 10 Zur Opposition Ménnlich-Weiblich in Blochs Schriften der Zwanziger Jahre vgl. Kapitel 1V.3. 11 Beat Wyss, Trawer der Vollendung, Von der Asthetik des Deutschen Idealismus zur Kulturkritik an der Modeme, Miinchen 1985, 5. 245/246. 12 Willy Haas beschreibt diesen folgendermaBen: “Er (Brecht) war mir ebenso unheimlich, wie er es Hofmannsthal gewesen ist, Er hatte das Profil eines Jesuiten, die Drahtbrille eines Oberlebrers, die kurzgeschorenen Haare eines Straflings und die zerschlissene Lederjacke eines 202 damals jedoch wenig anfangen, seine Ideale wurden weit eher von Wagner und vom Jugendstil verkorpert. Wahrend er in den spaten zwanziger Jahren jedoch in dem Aufsatz Viele Kammern im Welthaus noch mehr Raum fiir alles das verlangte, was diesem Miinnlichkeitswahn entgegensteht, ist er in dem Pariser Vortrag tiber Dichtung und sozialistische Gegenstdnde bei der Forderung nach Unterwerfung und Einverleibung jener widerstiindigen Elemente angelangt. In seinem Referat bringt er die Ausgrenzung des Weiblichen mit der Ausgrenzung des Poetischen in Verbindung, wobei dem Realismus der miinnliche Part zugeschrieben wird. Eine zwar in der Sache unscharfe, aber im Ton definitive Ablehnung des einfachen Realismus ist, im Unterschied zur Nachkriegsfassung, in diesem Vortrag Blochs einzige Stellungnahme zum sozialistischen Realismus: Wie immer es aber mit der Realititsbezichung des Dichterischen und der Realitit selbst, worauf es sich bezieht, jeweils und noch immer bestellt sein mag: Alles ‘bedeutend’ Dichterische ist per se eine cigne Produktionskraft und eine eigne Welterarbeitung; denn es bringt cinen Strom von Handlungen, einen Wachtraum von Bedeutung ins BewuBtsein der Welt, welche in dieser nur potentiell enthalten sind,! Definition des dichterischen Prozesses, der kiinstlerischen sverarbeitung, widerspricht allem, was von den Volksfrontvertretern gefordert wurde, sie ist buchstablich ‘nicht von dieser Welt’ und wurde vermutlich von der Idee des BewuBtseinsstroms angeregt. Polemiken gegen die kommunistischen Dunkelmanner des Intellekts stehen in Blochs Pariser Vortrag ebenso wie das energische Plidoyer fiir Pluralismus in Imagination und Phantasie im Vordergrund. In der Kunst gibt es keine Generallinie, mit diesem Stalinzitat versucht er der Pluralismusforderung zusiitzliches Gewicht zu verleihen'*. Ein notwendiges, aber erfolgloses Pliidoyer. Denn es ist genau dieser KongreB, der eine einschneidende Verinderung im Verhiilinis von kommunistischer Bewegung und kiinstlerischer Avantgarde markiert: das endgiiltige Zerwiirfnis zwischen Kommunisten und Surrealisten. André Breton wurde ausgeladen, ein Umstand, der dessen jahrelangem Ringen um die Einheit von poetischer und politischer Revolution ein Ende setzte!’. Der SchluB von Bretons nicht persinlich gehaltenem Redebeitrag trigt Forderungen alten Parteibolschewiken ... Er sprach sehr uberlegen, hart und abstrakt." Willy Haas, Die literarische Welt, Lebenserinnungen, Frankfurt 1983, S. 134 Dichtung und sozialistische Gegenstinde, a.a.0., S. 888, Hervorhebung im Original Dichtung und sozialistische Gegenstinde, a.a.0., 8. 887. Val. dazu Elisabeth Lenk, Der springende Narzid, André Bretons poetischer Materialismus, Monchen 1971 203 vor, die dem Anliegen Blochs sehr nahe kommen; dies betrifft nicht nur die Produktivitét der Imagination und der Triume, sondern auch den Iebensreformerischen Impetus: "Die Welt verdndern’, hat Marx gesagt, ‘das Leben andern’, sagte Rimbaud, uns verschmelzen beide Ausspriiche zu einem einzigen Schlachtruf. Die kommunistische Absage an die Surrealisten stellt eine deutliche Absage an genau diese Forderung dar. Sie bedeutete auch einen Riickschlag fiir Bloch, der in den folgenden Jahren die Einheit von Lebensreform und linker Politik nicht mehr explizit zum Programm ethob. Mit seinen Positionen stand Bloch auf der Pariser Konferenz sicherlich nicht im kommunistischen Lager, auch nicht unbedingt fest in dem der Volksfront, sondern zusammen mit eher biirgerlichen Rednern, wie zB. Robert Musil auf der Seite der Kunst und ihrer Freiheit 2, Realitiit und Realismus In dem ersten Expressionismusaufsatz Blochs, Der Expressionismus'”, finden sich keine Ausfihrungen zum sozialistischen Realismus, sondern lediglich einige Seitenhiebe gegen die restriktiven Tendenzen in der kommunistischen Kulturpolitik. Der Expressionismus wurde vor dem Beginn der eigentlichen Expressionismusdebatte verfa8t und ist vor allem eine Reaktion auf die Miinchner Ausstellung Entartete Kunst (1937). Bei den Stellungnahmen zum Expressionismusstreit, die sich im Wiederabdruck dieses Aufsatzes in der Neuausgabe der Erbschaft dieser Zeit finden, handelt es sich erneut um spiitere Einfiigungen des Autors. Der Aufsatz wurde von Bloch angesichts der zweifachen Verfolgung des Expressionismus verfabt, der Nazi-Ausstellung Entartete Kunst, sowie des kommunistischen Angriffs auf diese Kunstrichtung, Bloch beschriinkt sich in der Erstfassung vollkommen auf die Verteidigung des Expressionismus, die das Thema eines der folgenden Unterkapitel sein wird. Die scharfen Polemiken, die die faschistische und die kommunistische Kunstpolitik in Bezug auf die Ablehnung des Expressionismus und die Propagierung 16 André Breton, in: Wolfgang Klein (Hrsg), Paris 1935, ErsterInternationaler SchrifistelerkongreS zur Verteidigung der Kultur, Reden und Dokumente, Berlin 1982, 8. 309% Gemeinsamkeiten zwischen Bloch und Breton ergeben sich auch in beider Verteidigung des ‘Traums und der Produktivitit der dichterischen Imagination. In der Neuausgabe der Erbschaft dieser Zeit ist dieser Aufsatz, der urspriinglich am 411.1937 in der Newen Weltbithne erschien, verindert wieder abgedruckt. Hier tragt er den Titel Der Expressionismus jetet erblickt. 204 gegenstiindlicher Kunst vergleichen, stammen aus den sechziger Jahren.'* Blochs erster Beitrag zur eigentlichen Debatte erschien bald nach dem Ausléser der Expressionismusdebatte, Ziegler/Kurellas Nun ist dies Erbe zuende...”. Bereits im Januar 1938 diskutiert Bloch mit Hans Eisler in der Newen Weltbiihne in einem fingierten Zwiegesprich Die Kunst zu erben. Man merkt diesem Gemeinschaftsprodukt die Eile an, mit der es vermutlich verfa8t wurde; denn es handelt sich bei diesem Artikel eher um eine politische Stellungnahme, die substantiell wenig Neues enthalt und im wesentlichen die Argumente der Erbschaft dieser Zeit und des im Dezember 1937 erschienenen Artikels Avantgarde und Volksfront wiederholt?°, als um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Ziegler/Kurellas Artikel. Eine neue Entwicklung in Bloch/Bislers Die Kunst zu erben ist, da® der Mann attackiert wird, den die Autoren fiir die Debatte verantwortlich machen - Georg, Lukées. Erst jetzt kritisiert Bloch den Jugendfreund direkt; in Erbschaft dieser Zeit war zwar so manche Polemik auf Lukécs gezielt und fiir Eingeweihte leicht zu verstehen”', namentlich erwéhnt hat Bloch ihn jedoch selten.”” Ziegler/Kurellas Forderung nach Edler Einfalt und stiller GréBe wird als Oberlehrerklassik tituliert. Blochs und Eislers Anliegen ist die kritische Aneignung des kiinstlerischen Erbes. Zu erben sei nicht von der klassizistischen Kunst, denn linker Akademismus sei ebenso veraltet wie biirgerlicher. Schillers Glocke z.B., da ist man sich mit dessen romantischen Zeitgenossen einig, ist einfach spieBbiirgerlich und nicht unbedingt als Erbe geeignet. Die kuinstlerischen Techniken haitten sich seit 1800 Die wichtigsten Einfugungen sind die folgenden: "Die ‘Ubereinstimmung’ einiger Moskauer Intellektueller schematischen Schlags mit Hitler ist folglich nicht sehr angenchm, Am wenigsten, wenn selbst in dieser Zeit noch rote Fanfaren gegen den Expressionismus geblasen werden, Vom Klassizismus her; diesen aber besitat Hitler auch, er ist das Ideal der Stamper und Oberleter geworden. Auch sind rOmische Adler, Triumphstiulen und die andere ‘edle Einfalt, stille GroBe' von heutzutage gewi8 genauso imperialistisch wie - Bechers Lyrik um 1918 oder ‘ar die Zeichnung Klees: Angelus Novus." (IV, S. 257) Auch in der urspriinglichen Ausgabe der bschaft dieser Zeit finden sich die spiter eingefugten Polemiken gegen Lukics nicht. Es handelt sich hierbei um einen Aufsatz von Alfred Kurella, der unter dem Pseudonym Bembard Ziegler in Das Wort 9, 1937 verdffentlicht wurde: Nun ist dies Erbe zuende ..., in dem der Autor nicht nur den Expressionismus als zersetzend verurteilt, sondern auch ein recht klassizistisches Modell des sozialistischen Realismus propagiert. 20 Vel. dazu Kapitel VIE. 21 Vel. dazu Brief von J. Schumacher an Ernst Bloch vom 4.11.1934, Bloch, Briefe, Bd, 2, aa.0., S. 469. Die meisten namentlichen Erwahnungen Lukes’, die sich in der Neuausgabe von Erbschaft dieser Zeit finden, sind spatere Einfugungen. 205 ebenso fortentwickelt wie die industriellen; ein Zuriickgehen hinter diese Entwicklung wird als Flucht in die Vergangenheit und Banausentum kritisiert: Diese Theoretiker lassen in der Gegenwart jedenfalls zu wenig zu, und in der Vergangenheit wihlen sie, preisen das Klassische fast auf klassizistische Weise, Welche Unkenntnis der modernen Kunst spricht aus ihren Auslassungen; welche Voreingenommenheit, welche abstrakte Blindheit! Alles, was in unsere, Zeit geschicht, ist hier Féulnis schlechthin, summarisch, a priori, ohne Unterschied. Als Reaktion auf die pauschalen Angriffe, die sich in Ziegler/Kurellas Artikel finden, werden die Modernen und ihre Vorliufer von Bloch und Eisler ebenso pauschal verteidigt, das reicht von Flaubert iiber Schénberg, Picasso oder Dos Passos bis hin zur Psychoanalyse. Die Vehemenz, mit der die beiden Autoren den sozialistischen Realismus als reaktiondir anprangern und die Erbekonzeption verwerfen, war es vermutlich, die Lukacs zu einer Replik mit dem Titel Wozu brauchen wir das klassische Erbe? veranlabte,”* die aber genau wie die Rezension der Erbschaft dieser Zeit ungedruckt blieb. Lukdcs scheint es ebenso wie Bloch und Eisler gegangen zu sein, in der Hitze des Gefechts hat er im wesentlichen bereits bekannte Thesen reproduziert, daB_ er sich auch persdnlich angegriffen fiihlte, wird durch den Nachdruck deutlich, mit dem er bestreitet, Vertreter eines linken Akademismus zu sein. Er betont vielmehr, daB es ihm vor allem um die Frage der Menschengestaltung in der Literatur zu tun sei. Lukécs skizziert die bereits aus Grope und Verfall des Expressionismus bekannte Position, da8 die progressiven Schriftsteller den Verfall der Bourgeoisie widerstandslos mitvollzogen und dab gegen die Dekadenz eben nur die Klassiker und die Realisten gefeit seien. Lukécs macht aus dem Realismusproblem eine Schliisselfrage der Volksfront: Und es ist die grésste, die aktuellste Aufgabe der heutigen Volksfrontliteratur, das Erwachen dieser Kriifie im faschistisch geknechteten deutschen Volk scharfaugig zu beobachten und so mitreissend zu gestalten, dass das gestaltete Bild zum beschleunigenden Vorbild fiir die Volksmassen werde. Es wird vielleicht fiir manchen Leser paradox klingen, aber ich wage es doch auszusprechen, dass unsere ganze gegenwartige Literatur - mit der cinzigen Ausnahme Gorkis - keine volkstiimliche Gestalt geschaffen hat, die mit dem Klarchen oder Dorothea Goethes, mit der Jenny Deans Walter Scotts, mit dem Lederstrumpf Coopers und noch unzahligen Gestalten der klassischen Literatur verglichen werden kénnte. Mit der Herausstellung des spieBig-antirevolutionaren Ideals, das Goethes Dorothea verkérpert (Dienen lerne das Weib beizeiten nach seiner Bestimmung), 23 Die Kunst zu erben, a.a.0., $, 328/329 24 Georg Lukées, Wozu brauchen wir das klassische Erbe?, Archivumi Fiizetek 4, 1985. 25 Georg Lukées, Wozu brauchen wir das klassische Erbe?, a.a.0., S. 273. 206 bestiitigt Lukacs aber indirekt den Vorwurf der bornierten Engstimnigkeit, den Bloch in diesen Jahren immer wieder gegen dessen Literaturpolitik erhob. In dem Artikel Diskussionen ther den Expressionismus, den Bloch im Rahmen der Expressionismusdebatte im Juni 1938 in der Volksfrontzeitschrift Das Wort verdffentlichte, wird er, nicht nur den Realismus und die Ausgrenzung der Moderne betreffend, deutlicher, sondern auch in seiner Polemik gegen Lukécs: Bloch vergleicht eingangs die kommunistische Ablehnung des Expressionismus mit der Verfolgung moderner Kunst durch die Nazis”®. Diesen Vergleich bezieht er nicht nur auf Ziegler/Kurellas plumpe Dimonisierung der Moderne, sondern fithrt diese ausdriicklich auf ihre intellektuellen Urspriinge, auf Georg Lukécs’ Grépe und Verfall des Expressionismus, zuriick.”’ Bloch stellt eine Verbindung zwischen Klassizismus und sozialistischem Realismus her, eine Parallele, die nicht nur wegen Blochs notorischem Antiklassizismus naheliegt, sondern auch wegen Ziegler/Kurellas unfreiwillig komischer Betonung des Winckelmannschen Ideals von edler Einfalt und stiller GroBe**. Dem hilt Bloch entgegen: Riesig steigt dagegen der Klassizismus auf, bei Ziegler sogar die Winckelmann- Antike, die edle Einfalt, stille GroBe, die Kultur des unzerfallenen Burgertums, die Welt vor hundert und noch mehr Jahren; sie allein ist das Erbe. Es braucht nicht crinnert zu werden, daf die Zeit des Klassizismus nicht nur die Zeit des aufsteigenden deutschen Birgertums war, sondern auch der Heiligen Allianz; da der Stiulenklassizismus, der 'strenge’ Herrenhaus-Stil dieser Reaktion Rechnung tragen; daB selbst die Winckelmann-Antike keineswegs ohne feudale Gelassenheit ist. Menschenleer und kristallhart sei der Klassizismus; nicht um Unruhe oder Umsturz, sondern um eine glatte, makellos falsche Fassade sei es ihm zu tun”, Aus diesem Grund mag Bloch das Argument der Volksnihe bzw. des demokratischen Charakters realistischer Kunst nicht gelten lassen. Er wendet ein, daB ein verordneter Realismus unecht und aufgesetzt, eine Kunstform der Vergangenheit und des Museums sei: 26 Vegi. dazu Ernst Bloch, Diskussionen uber Expressionismus, in: ders., Vom Hasard zur Katastrophe, Politische Aufsdtze aus den Jahren 1934-1939, Frankfurt 1972, S. 366. 27 Diskussionen Uber Expressionsimus, a.a.0., S. 367 24 Vel. Bernhard Ziegler, Nun ist dies Erbe zuende ..., in; Die Expressionismusdebatte, Materialien zu einer marxistischen Realismuskonzeption, bsg. v. H.-J. Schmitt, Frankfurt 1973, S. 60. 29 Diskussionen ber Expressionismus, a.a.0., 8. 371/372. 30 Diskussionen dber Expressionismus, a.a.0., 8. 373. Hier findet sich emeut die Wiederaufnahme der unter dem Einflu8 Worringers erstmals in Geist der Utopie entwickelten Argumentationslinie, die den Klassizismus als autoritare Herrschafisarchitektur interpretiert 207 Dauernder Neuklassizismus oder der Glaube daran, daB alles, was nach Homeros und Goethe hervorgebracht wurde, unrespektabel sei, ist allerdings keine Warte, um die Kunstler vorletzten Avantgarde zu beurteilen und in ihr nach dem Rechten zu sehen, Damit spricht er den Verfechtern des sozialistischen Realismus schlichtweg die Kompetenz ab, ber moderne Kunst zu urteilen. Es ist die Gefahr einer kiinstlerischen Verddung des Sozialismus, der Erstickung der Phantasie und der Muffigkeit, die Bloch immer wieder gegen den Realismus anfiihrt’, Vehement wird davor gewarnt, sich vom lebendigen Geist und von der eigenen kiinstlerischen Gegenwart abzukoppeln.” Die rote Oberlehrer-Klassik fiihre kulturell in die Vergangenheit, sie verhindere dialektisch wache Zeitgenossenschaft, sagt Bloch in einer anderen Stellungnahme (Erg. S. 170/171). Das Wahre, so betont er immer wieder, findet sich nur in der Gegenwart. Auf diese mu sich die Kunst ebenso wie der Sozialismus einlassen und nicht auf die Restauration vergangener Kunstformen bauen, die in ihrer \GeschiiGeeenneit nichts tiber die zerspellte und fragmentierte Gegenwart aussagen kénnen. Blochs Ablehnung des sozialistischen Realismus scheint vor allem von der Sorge getragen, daB dieser die Attraktivitit des Sozialismus bzw. der Volksfront schmiilern und so das von ihm angestrebte Biindnis der beiden Avantgarden, det poetischen und der politischen, geftihrden kénne.”’ Diese Argumentationslinie wird in Blochs letzter Stellungnahme zur Expressionismusdebatte, Das Problem des Expressionismus nochmals (1940),°° zugespitzt, der ungeordnete und chaotische Charakter der Gegenwart wird betont und dem Ordnungsdenken eines 31 Diskussionen Uber Expressionismus, a.a.0., S$. 370, 32 Nicht nur in dem hier diskutierten Aufsatz, sondem 7.B. auch in Blochs Erwiderung auf Hans Giinthers VerriB der Erbschaft dieser Zeit, steht die oben skizzierte Argumentationslinie im Vordergrund, vgl. dazu Vom Hasard zur Katastrophe, a..0., S. 42-64, 33. Dies ist auch die Hauptbotschaft der beiden Arbeiten, die er 1937 und 1938 zusammen mit Hans Eisler fur die Neue Weltbuhne schrieb, Avantgarde-Kunst und Volksfront sowie Die Kunst zu cerben werden im Exkurs: Debatten von Expressionisten und Ex-Expressionisten, sowie im Schluf behandelt 34° Vgl. au diesem Thema Kapitel II. 35 Blochs Sorge uber die schédlichen Wirkungen des Expressionismusstreits war ganz erheblich, kurz. nach dem Erscheinen des Artikels von Ziegler/Kurella schrieb er dber diese Sorge an Fritz Expenbeck nach Moskau. Der Brief vom 22.12.1937 ist nur auszugsweise und paraphrasierend 1981 in der DDR publiziert worden, (Quelle: Staatliches Zentralarchiv fur Literatur und Kunst, Moskau, Fond 631, op. 12, ed. chr. 141) in: Kritik in der Zeit, Antifaschistische dewtsche Literaturkritik 1933-1945, iusg. v. Simone Barck, Klaus Jarmatz, Halle/Leipzig. 1981 36 Von diesem Aufsatz existiert keine Originalveroffentlichung, 208 formalen, idealistisch-epigonalen Klassizismus gegeniibergestellt (IV, S. 2771218). 3. Anmerkungen zu Blochs Realismusbegriff Nach diesem Uberblick uber Blochs Positionen der dreifiger Jahre hinsichtlich des sozialistischen Realismus stellt sich die Frage ob Bloch zu dieser Zeit liberhaupt iiber so etwas wie einen Realismus-Begriff verfligte, Mit den von Lukacs entwickelten Kategorien Harmonie, Gestaltung, Versohnung, Ausgleich kann Bloch wenig, anfangen. Er lat sich in seiner Auseinandersetzung jedenfalls nicht darauf ein, diese zu diskutieren, sondern verbleibt im wesentlichen auf der Ebene der kulturpolitischen Polemik. Die antiklassische Argumentationslinie, die Bloch in der Auseinandersetzung mit der Neuen Sachlichkeit entwickelt, wird auf den sozialistischen Realismus iibertragen, wobei seine Attacken gegen erstere iiber wesentlich mehr Witz und Bi verfiigen. Bei der Neuen Sachlichkeit handelte es sich schlieBlich um eine Kunst der Gegenwart, wihrend der sozialistische Realismus fiir Bloch einfach eine museale, angestaubte Kunstform war, zu der ihm, auBer dem Verweis auf eben diesen Umstand, aisthetisch wenig einfiel. Darauf verweist auch die Tatsache, daB Bloch die Argumentationslinie, die er 1923 in Durch die Wiiste dem Proletkult entgegenhielt, in dem ersten Expressionismusaufsatz teilweise wértlich wiederholte.*’ Seine Weigerung, sich ernsthaft mit dem Realismus auseinanderzusetzen, liegt vermutlich darin begriindet, daB er ihn zuniichst nicht allzu ernst nahm, ihn fiir eine kurzzeitige Erscheinung hielt. SchlieBlich war die kommunistische Kulturpolitik bis zu diesem Zeitpunkt weniger durch eine kontinuierliche Linie als durch die Kontinuitit des stiindigen Linienwechsels bestimmt. Auch die Tatsache, da8 Bloch gegentiber der Stalinschen Politik allgemein - freundlich ausgedriickt - zum nicht ernst nehmen neigte, legt diesen SchluB nahe. Eine ernsthafte Einlassung auf den Realismus findet sich erst in dem 1953 in der DDR erschienenen ersten Band des Prinzip Hoffnung. Hier steht die Kategorie des Vorschein im Mittelpunkt seiner asthetischen Uberlegungen’®. Mit dieser 37 Val. Ernst Bloch, Durch die Wiste, Kritische Essays, Berlin 1923, S. 44/45, hier benutzt er dasselbe Zitat aus dem Grinen Heinrich wie im ersten Expressionismusaufsatz, a.a.0., S. 272- 274, 38 Bine Vorstudie zu dem Vorscheintheorem ist der Aufsatz Das Bild als erotisches Versprechen, wo es uhnlich wie in dem Aufsatz Traum von einer Sache um das Verhaltnis von Imago und 209 Kategorie versucht er, auch jene Bereiche der Kunst marxistisch-leninistisch rezeptionsfithig zu machen, die den sozialistisch-realistischen Anforderungen nicht entsprachen. Denn Vorschein, so sagt Bloch, ist nicht nur Teil jeglicher Realitat (V, S. 257/258), er findet sich besonders im Fragmentarischen, Unfertigen und Zerspellten (V, 254/255). Realistische Kunst miisse - will sie der Realitit gerecht werden - also auch diese Bereiche erfassen. Dies tradierten Darstellungsmitteln nicht méglich, sondern erfordere andere und neue Techniken. Spiitestens hier wird deutlich, da8 Blochs Realismus-Begriff, auch im Prinzip Hoffnung, wenig mit dem zu tun hat, was traditionellerweise mit Realismus, sozialistischem oder sonstigem, gemein hat. Es handelt sich bei seiner Variante des Begriffes vielmehr um einen Kunstgriff, um die bewuBte Umgehung aller literaturwissenschaftlichen Traditionen. Adiquate Nachahmung der Wirklichkeit erfordere notwendig den Gebrauch von traditionell nicht realistischen Gestaltungsmitteln. Realismus bekommt so die Bedeutung, die normalerweise Mimesis hat - Nachahmung der Natur bzw., moderner ausgedriickt, der Wirklichkeit oder der Realitit -, und wird zu einer Eigenschaft, die aller Kunst in mehr oder weniger starkem Mafe eignet. Von welcher Beschaffenheit jedoch die Wirklichkeit ist, die da nachgeahmt werden soll, wie dies auf eine ihr entsprechende Weise geschehen soll, ist wegen des ungleichzeitigen Charakters der Gegenwart kaum stilistisch festzulegen und eréffnet weite Spielriume fiir die Kunst, weitere jedenfalls, als dies die traditionellen oder sozialistischen Realismus-Begriffe tun Die Privilegierung der Kategorie des Vorscheins in der Kunst, die im Zentrum der asthetischen Argumentation des spiiten Bloch steht, ist von ambivalenter Natur. Sie impliziert einerseits, da8 das Warme und Hoffnungstrtichtige eines Werkes im Vordergrund steht. Andererseits bewirkt dieser Ansatz, jedoch auch ein Abriicken von einer aufs Kunstwerk zentrierten Asthetik, denn nicht der aktuelle Charakter eines Werkes, sondern dessen virtuelle Dimension, dessen utopische Gehalte stehen im Vordergrund und sind der eigentliche Diskussionsgegenstand (V, S. 143). Kunst hat, weil sie Vorschein des Gelungenen ist, eine ethische Dimension, die auch von der dsthetischen Theorie aufgenommen werden muB. Sie ist nicht nur ‘ein Laboratorium und ebenso ein Fest unausgefiihrter Méglichkeiten’, sondern sie weekt auch die Ahnung des Eigentlichen, zu dem die Welt noch nicht gediehen ist; die allegorische Prisenz. des Méglichen als Wirkliches gibt ihr ein metaphysisches Sein - Realitat geht. In beiden Aufsitzen spielt der Begriff 'Vor-Bild’ eine wichtige Rolle, der aber dem spiiteren Begriff des Vorschein nicht entspricht, vgl. dazu Versprechen, in: Die Horen 4, (1927/28), 8. 789-799, 210 religionsphilosophisch gesprochen: eine heilsgeschichiliche, geschichtsphilosophisch gesprochen: eine revolutionéire Funktion. Kunstkritik wird so zu einer Frage der Moral. Einen sozialistischen Realisten wird man Bloch aber trotz allem kaum nennen diirfen, Um so erstaunlicher ist es deshalb, daB es bis in die jtingere Vergangenheit immer wieder theoretische Versuche gegeben hat, Bloch als einen solchen zu interpretieren. Noch in dem 1985 erschienen Aufsatz L'Art pour lespoir versuchte dies Klaus Berghahn*’. In unnachahmlicher roter Oberlehrermanier, wie Bloch sagen wiirde, stellt er dort fest: Die Lackmusprobe einer jeden sich materialistisch verstehenden Asthetik ist der Realismusbegriff, wie er theoretisch von Engels, Lenin und Lukacs entwickelt wurde.” Unter Aufbietung aller interpretatorischen Spitzfindigkeiten versucht Berghahn nun, Bloch in diese Tradition hineinzupressen und diskutiert dessen Asthetik des Vorscheins einfach als Erweiterung des traditionellen sozialistischen Realismusbegriffes. Berghahns Verfahren, das fiir Blochs spite Asthetik noch diskutierbar ware, stiitzt sich aber nicht nur auf das Prinzip Hoffnung, sondern auch auf Blochs Positionen der dreiBiger Jahre und hier einzig auf die bereits erwihnte Neufassung des 1935 in Paris gehaltenen Vortrags Dichtung und sozialistische Gegensttinde”. Nach der Textlage der Gesamtausgabe wiire dies der einzige Aufsatz der dreiBiger Jahre, in dem der Realismus mit Vorschein iiberhaupt vorkommt", Wie bereits erwahnt, finden sich in der Erstfassung 39 Hans Heinz Holz, Uber die Kategorie Vor-Schein, in: Beat Wyss (Hrsg.), Bildfalle, Die Moderne im Zwielicht, Zirich/Munchen 1990, S. 196. 40 Klaus Berghahn, ‘L’art pour Vespoir’, Literatur als asthetische Utopie bei Est Bloch, in: H.L. Amold (Hrsg.). Ernst Bloch, Sonderband text+kritik, Manchen 1985, Abnlich argumentiert auch Burkhard Lindner, Der Begriff der Verdinglichung und der Spielraum der Realismus- Kontroverse, in: H.J, Schmitt (Hrsg,), Der Sireit mit Georg Lukdcs, Frankfurt 1978, $. 106. AU Berghahn, a.a.0., 8. 15. 42° Vel. Kapitel V1 43 Bine Andeutung dieser Asthetik des Vorscheins findet sich in Poesie im Hohlraum von 1931 Dieser Aufsatz ist jedoch als Erstverdffentlichung nicht vorhanden, Die folgende Passage steht merkwiirdig zusammenhanglos und kryptisch im Text, der Tonfall paBt wenig 2 Blochs Stil der frihen dreifiger Jahre, Die Burschikositit, mit der er den dichterischen Kerl beschwort, harmoniert kaum mit dem im selben Aufsatz entworfenen Ideal des Bundnisses von Boheme und Sozialismus, das den Jugendstil pragte, von Materie mit Weinlaub im Haar. Diktion und Argumentationsweise verweisen so schr auf Blochs Alterswerk, daB es sich bei dieser Passage mE. um eine spittere Einfigung handelt. "Poetische Begabung und ihr Plus stellt statt dessen ein objektiv-Mehrendes dar, und nur dazu ist sie sowohl poetisch wie Begabung, Wobei gewid cin Kerl zu ihr gehort mit Fille des Soseins und so noch nicht gewesener Optik, doch diese Individualitat fuhrt eben deshalb zu objekigemaRer Aussage, in der Schwimmrichtung 211 jedoch weder Realismus noch Vorschein, noch all die Passagen, die Berghahn zum Nachweis Blochscher Positionen von 1935 heranzieht,"* wie die Blochsche Formel Realismus = Wirklichkeit plus Zukunft in ihr, das Leninzitat und das Lob Brechts, Brecht wird in der Originalfassung von Dichtung und sozialistische Gegenstiinde gar nicht genannt. Der so um die moderne biirgerliche Kultur und die Volksfront bemiihte Bloch hiitte sich mit Brechts auf derselben Konferenz vorgetragenen barschen Aufforderung, nicht von der Kultur oder der Barbarei, sondern von den Eigentumsverhdlinissen zu sprechen, kaum anfreunden kénnen“’, Tatstichlich war im Umfeld dieser Konferenz Blochs und Brechts Verhiiltnis zueinander nicht sonderlich harmonisch, denn Brecht lehnte Erbschaft dieser Zeit als schéngeistig und unwissenschaftlich ab“. In Marxismus und Dichtung sind Blochs nachtriigliche Manipulationen und Einfiigungen besonders auffillig. Die in der Fassung der Gesamtausgabe auffindbare beriihmte Formel vom Realismus als Wirklichkeit plus Vorschein findet sich sonst zu dieser Zeit nirgends in Blochs Schriften. Die Kategorie des Vorscheins ist eine Position des Spiitwerks, Der besondere Charakter von Marxismus und Dichtung ist auch Berghahn aufgefallen: in seinem Aufsatz stellt er dessen Einzigartigkeit als pragmatisch-programmatisches Dokument heraus”. In der Tat hitte die fast schlagwortartige Diktion der Thesen, die sich so klar in dem Blochschen Werk der folgenden zwanzig Jahre nicht findet, stutzig machen miissen. Selbst einem nicht textkritisch arbeitenden Germanisten hatte die Erwihnung Sartres in einem Vortrag, der vorgeblich 1935 gehalten wurde, auf Anfiigungen neueren Datums aufmerksam machen miissen. Zudem wurde die Originalfassung des Vortrags bereits 1979 und ein zweites Mal 1982 in der Dokumentation des Pariser Kongresses wiederabgedruckt und war so allgemein ‘gegenstindlicher Tendenz. Mit anderen Worten: Das Plus des wahrhaft Poetischen treibt, im Bild als Vor-Schein, seinen Gegenstand 2u Ende, trigt ihn aus in sein eigenes wesenhaties Plus = Produbtivitat ist das Weichenstellwerk der zu sich fahrenden Wirklichkeit, auch in der Poesie.” (IX, S. 118/119) Die anderen Teile des Aufsatzes halte ich dagegen fur authentisch; vel. dazu auch Kapitel IV, Fubhnote 84. 44 Berghahn, a.a.0., S. 15-18. 45 Val. dazu Paris 1935, Erster Internationaler Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, Reden und Dokumente, Einleitung und Anhang v. Wolfgang Klein, hrsg. v. d. Akademie der Wissenschaften d. DDR, Berlin 1982, 5. 138-141 46 Zu Blochs Bezichung mit Brecht in den dreiBiger Jahren vgl. Kapitel VII. Vgl. hierzu auBerdem Hans-Thies Lehmann, ‘Sie werden lachen: es mul systematisch vorgegangen werden’, Brecht und Bloch - ein Hinweis, in: Amold (Hrsg), Ernst Bloch, a.a.0., $, 135-139. 47 Berghahn, a.a.0., S. 17. 212 zugiinglich"’, mehr noch, Wolfgang Klein, der Herausgeber von Paris 1935, verweist ausdriicklich auf die Veréinderungen, die Bloch in der Gesamtausgabe 4 vornahm.” Das immer wieder anzutreffende Verfahren des Ignorierens bzw. MiBinterpretierens bestimmter Positionen der zwanziger und dreiBiger Jahre ist weniger eine individuelle philologische Fehlleistung, als vielmehr ein strukturelles Defizit der Bloch-Forschung. Diese neigt dazu, das Werk des jiingeren und mittleren Bloch aus den Positionen des Spitwerks abzuleiten. Dieses Verfahren, dem Bloch selbst durch die zahlreichen Manipulationen an seinen Aufsiitzen Vorschub leistete, neigt aus der Kenntnis des Spitwerkes heraus dazu, iiberall Vertrautes zu sehen™” und dabei nicht nur die Logik der Texte auBer acht zu lassen, sondern auch die spezifischen Positionen des mittleren Bloch einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen, So ist die leitende Fragestellung Blochs in den DreiBigern eher die, wie dieses Leben aussieht und wie es wirklich beschaffen ist, d.h. was Kunst eben dariiber aussagen kann (IX, S. 121). Sein Interesse richtet sich 2u dieser Zeit kaum darauf, wie eine sozialistische Kunst nach gesellschaftspolitischen Richtlinien geschaffen werden kann, als umgekebrt darauf: was kann Kunst iiber die gesellschaftliche Wirklichkeit und vor allem tiber den Menschen aussagen, und welche spezifischen Erkenntnisse kann sie vermitteln, die durch politische Theorie und Philosophie nicht zu erlangen sind. Was immer Bloch in spiteren Jahren tiber die von Berghahn konstruierte Ahnenreihe marxistischer Asthetik (Engels, Lenin, Lukécs) gesagt haben mag, zur Zeit der Expressionismusdebatte war seine Traditionswahl noch eine ganz andere. Auch im Exil blieb Bloch seinen bisherigen Themen und Thesen treu, variierte in zahlreichen Artikeln die Ideen aus Erbschaft dieser Zeit und schrieb gegen den Faschismus, aber auch gegen die bornierten Ziige der kommunistischen Politik an. Die Vortriige, die er in Prag auf Abenden der Liga fiir Menschenrechte hielt, Vgl. Fultnote 6 dieses Kapitels Paris 1935, Erster Internationaler Schrifistellerkongress zur Verteidigung der Kultur, a.a.0., 8. 493, Anmerkung 432 50 Bin Beispiel dafdr ist nicht nur der Realismus mit Vorschein, sondern, wie im Kapitel UL herausgearbeitet, Blochs Kategorie der offenen Totalitit, die sich in der mittleren Phase des Blochschen Schaffens noch nicht findet, 213 zeigen eine typische Themengestaltung: Triiume vom besseren Leben, Niebergalls Datterich und Schopenhauer." Exkurs: Debatten von Expressionisten und Ex-Expressionisten Durch die jiingsten Veroffentlichungen tlber die Diskussionskultur im Moskauer Exil miissen auch die Literaturdebatten des Exils teilweise neu bewertet werden, vor allem jener berihmte Schlagabtausch, der unter dem Namen Expressionismusdebatte in die Geschichte einging. Diese Neuinterpretation kann und soll hier nicht geleistet werden, sondern es sollen lediglich einige, Bloch und seine Stellung zu Lukacs betreffende Positionen richtiggestellt sowie eine neue Lesart dieser Debatte im Licht jener Siuberungsprotokolle vorgeschlagen werden. Zentral bei diesem Vorhaben ist nicht nur die Beriicksichtigung des politischen Kontextes, sondern auch die Tatsache, daB sich in der Expressionismusdebatte im Volksfrontrahmen fortsetzen sollte, was in diesen Stiuberungssitzungen began. Es war derselbe hysterische Ton, die Mischung aus Selbstanklage und Denunziation®’, den die Gegner des Expressionismus gegeniiber ihren Kontrahenten anschlugen und der beide ‘Debatten’ in eine Reihe stellt. Die Siiuberungssitzungen verliefen parallel zu den Moskauer Prozessen, es war nicht wahlloser Terror, der sich dort vollzog, eine Art Massenpsychose, wie der Herausgeber Reinhard Miller andeutet”’; es traf auch nicht irgendwelche Parteiintellektuellen, sondern die alte Garde der Kultur- und Literaturpolitiker, die vor allem in den Jahren 1931-1935 die Parteilinie der deutschen Sektion bestimmte und die im Gefolge der Auseinandersetzungen in der Linkskurve schon mehrfach mit der Lukdcs-Gruppe in Konflikt geraten war.’ Attackiert wurden neben Johannes R. Becher, Chefredakteur der Internationalen Literatur, sein ehemaliger Stellvertreter Schmiickle, der ehemalige Chefredakteur und Leitartikler Hans Giinther, sowie der Mitherausgeber der Linkskurve Gabor. 51 Vgl. dazu Exil und Asyl, Antifaschistische Literatur in der Tschechoslowakei 1933-1938, bsg. von einem Autorenkollektiv unter der Leitung v. M. Beck, Berlin 1981, S. 323. 52 G. Lukies et. al, Die Sduberung. Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung, brsg. v, Reinhard Miller, Frankfurt 1991, 8. 12. 33 bd. 54 gl. dazu Simone Barck, Achtung vor dem Material, Zur dokumentarischen Schreibweise bei Ernst Ottwald, in: Wer schreibi, handelt, brsg. v. Silvia Schlenstedt, Berlin/Weimar 1986. 214 Trotzkismus und mangelnde Parteidisziplin waren die Vorwiirfe. Schmiickle wurde zu den Sitzungen gar nicht mehr eingeladen, er war bereits seines Postens enthoben und zur Unperson geworden. Es ging also im ersten Teil der Sitzung vor allem um das Schicksal Bechers, Gabors und Giinthers. Daran, das letztere zu besiegeln, war Lukacs maBgeblich beteiligt. Es hat den Anschein, als sei Giinther einer seiner persénlichen Konkurrenten gewesen: dessen Verri8 von Erbschaft dieser Zeit erschien z.B. in der Internationalen Literatur, wahrend Lukécs' kaum weniger feindselige Kritik ungedruckt blieb. Lukécs trat in den Sitzungen, in denen es um Giinther ging, als Ankliger hervor; nachdem dieser Fall erledigt war, nahm er nicht mehr teil bzw. meldete sich nicht mehr zu Wort. In seiner letzten Wortmeldung ruft er zur Liquidation der Schéidlinge aut: Denn wir haben jet2t in den einzelnen Fragen zwei Dinge zu erledigen. Erstens die Liquidation der Schidlinge, und wer verantwortlich ist, daB diese Schédlinge hier gearbeitet haben. Zweitens: Die Febler einzelner Genossen, die wir aus ihrer friheren Arbeit kennen und von denen wir wissen, da® sie mehr oder weniger schwere Fehler gemacht haben, die aber Genossen sind, mit denen wir auch in Zukunlt arbeiten wollen, Wenn wir jetzt die Genossen Gabor, Gtinther und Becher schlagen, und wir haben sie gewaltig geschlagen und miissen sie schlagen, so wollen wir einen Gen. Becher halten, nur seine dichterische Sensibilitit soll sich nicht entwickeln, als Kompensation dafiir solche Fehler zu haben, Wir wollen das Temperament und dieses Kiimmern um die Kader des Gen, Gabor haben, wollen es aber nicht haben im Zusammenhang mit den Fallen von Brand usw, Es ist eine andere Aufgabe, die Genossen so zu bearbeiten, daB sie in Zukunfi niitzliche Mitglieder unserer Organisation werden.” Mildernde Umstiinde und ein Pkidoyer auf Bewiihrung gibt es nur in den Fallen Becher und Gabor, Giinther scheint kein Genosse gewesen zu sein, mit dem Lukiics in Zukunft arbeiten wollte. Zusammen mit Gabor bildete Lukdcs in der Folgezeit eine Art Fuhrungsclique in Literaturangelegenheiten,.” zu der auBerdem Séndor Barta und Becher gehérten.® Kadarkay beschreibt Lukécs als in Moskau durchaus miichtigen Mann, und er zitiert zudem aus einem unverdffentlichten Manuskript von Wieland Herzfelde, in 55 Der konkrete Vorwurf, der Becher und Gunther gemacht wurde, der quasi als Vorwand diente, war die Tatsache, da® beide eine Sitzung vorzeitig verlassen haben, Vgl. Die Sauberung, a2.0., 8. 1213. 56 Die Suberung, a.a.0., $. 196/197. 57 Die Sauberung, Biographische Skizze von Huppert, a.a.0., S. 61 58 So sagt Kadarkay in seiner Biographie, a.a.0., S. 345. 215 dem dieser Lukacs vorwirft, mit den Henkern der Stalin-Ara assoziiert gewesen zu sein: Lukées always knew what to write and whom to attack. He associated with people I considered as hangman, like Zhdanov ... But I can forgive his Moscow behavior. After all, we lived in constant fear. Von den direkt an der Debatte Beteiligten wurden Hans Giinther, Ernst Ottwald und andere bald darauf verhaftet und kamen in den Stalinschen Lagern zu Tode. Und auch von den indirekt Beteiligten, den bereits kurz vorher Kaltgestellten, wie Brand, von dem Lukécs im obigen Zitat so abfillig spricht, Schmiickle, Radek oder Tretjakov, die auf den Sitzungen nur noch als Feindbilder und Denunziationsobjekte anwesend waren, - niemand sagte ein Wort der Verteidigung - hat keiner iberlebt. Bei dem Wust an gegenseitigen Beschuldigungen, an denen sich die potentiellen Opfer genauso wie die spiiteren Sieger beteiligten, erstaunt es kaum, daB diejenigen, die auf der Sitzung als Scharfmacher auftraten, wie Lukécs, Huppert und Ziegler/Kurella, s kurzzeitig verhaftet wurden; ihnen gelang es jedoch, bald wieder freizukommen. Die Stuberungssitzungen haben auf dem Gebiet der Kultur die Schauprozesse gegen die alte Garde der Bolschewisten, wie z.B. Bucharin, nachvollzogen, sogar die Begriindung: Abwehr des trotzkistisch-faschistischen Feindes, war dieselbe. Diese Formel war zwar eine absolut unseridse, ja abenteuerliche Konstruktion, die aber trotzdem eine gewisse Suggestionskraft hatte. In seinen Artikeln tiber die Moskauer Prozesse tibernimmt Bloch diese Formel bereitwillig®”. Uber die Griinde hierfir kann nur spekuliert werden, Eine Ursache dafiir ist sicherlich auch in den zeitgendssischen politischen Umstinden zu schen. Die spiiten dreiBiger Jahre, besonders die Jahre 1937/38, miissen eine extreme, brutalisierte Zeit gewesen sein. Die sich abzeichnende Niederlage der Volksfront in Spanien und die damit verbundene ungehinderte Ausbreitung des Faschismus sowie die generelle Unwilligkeit der westlichen Nationen, ihm entgegenzutreten, lieBen die Demokratie, wie Bloch sagte, als Ausnahme erscheinen,” miissen eine seltsame Atmosphiire von Hoffnungslosigkeit geschaffen haben, in der die Aufgabe der zivilisierten Werte und der Kampf als einziger Ausweg erschien. W.H. Auden hat 59 — Zitiert nach Kadarkay, a.a.0., S. 305, leider wird das Zitat nur mit dieser Auslassung wiedergegeben, 60 Vgl. dazu Kritik einer ProzeBkritik und Feuchtwangers ‘Moskau 1937’, in: Vom Hasard zur Katastrophe, 2.20. 61 Demokratie als Ausnahme, in: Vom Hasard zur Katastrophe, a.2.0., 8. 397f., hier argumentiert Bloch gegen die sogenannte birgerliche Demokratie, indem er auf deren illiberale Zige, besonders aber auf deren Antisemitismus verweist 216 den Geist dieser Jahre in seinem Gedicht Spain 1937 sehr pointiert zum Ausdruck gebracht: Yesterday the classic lecture On the origin of Mankind, But to-day the struggle To-day the inevitable increase in the chances of death; The conscious acceptance of guilt in the fact of murder; To-day the expending of powers On the flat ephermal pamphlet and the boring meeting. The stars are dead; the animals will not look: We are left alone with our day, and the time is short and History to the defeated . May say Alas but cannot help or pardon. Obwohl es sich um eines der selteneren Beispiele brillianter politischer Lyrik handelt, wollte Auden nach dem Krieg ebensowenig von den dort gemachten Aussagen, von the conscious acceptance of guilt in the fact of murder noch etwas wissen, wie Bloch spiter von seinen Aufsiitzen tiber dic Moskauer Prozesse. Neben der teilweise unertriglichen Devotheit gegentiber den Stalinschen Repressionen findet sich zu dieser Zeit auch noch eine andere Linie in Blochs Schriften, paradoxerweise die eines recht offensiven Streiters fiir Gedanken- und Diskussionsfreiheit™. Nicht nur in seiner Auseinandersetzung mit Hans Giinther, Erbschaft dieser Zeit betreffend, findet sich diese Linie, Bloch mutet den mit Selbstzerfleischung beschéiftigten Moskauer Intellektuellen immer wieder recht unkonventionelle strategische Ideen in der Aufarbeitung der Niederlage gegen den Faschismus zu. So fordert er im Jahr 1937 in der Internationalen Literatur allen Ermstes von Kommunisten Die Rettung der Moral. In diesem Artikel argumentiert Bloch mit Naturrechts- und Menschenrechtsvorstellungen, die immer wieder zum ziindenden Funken von Revolution und Rebellion geworden seien: Es bleibt das letzte moralische Agens der Revolution: Glaube, Liebe, Hoffnung. Alfred Ziegler/Kurella hat Recht, wenn er in seiner Erwiderung Bloch vorwirft, er wolle cin Primat der Ethik iiber die Politik. Genau das wollte Bloch und muBte sich dafiir ausgerechnet von Ludwig Marcuse, der ihn nach dem Krieg als ©2 The English Auden, Poems, Essays and Dramatic Writings, 1927 - 1939, ed. by E. Mendelson, London 1977, S. 211/212. 65 So z.B. in seiner Auseinandersetzung mit Hans Gunther ber Erbschaft dieser Zeit, vg). dazu Emst Bloch, Bemerkungen zur Erbschaft dieser Zeit’, in: Vom Hasard zur Katastrophe, 3.8.0. 64 Vom Hasard zur Katastrophe, a.a.0., 8. 160. 6s Alfred Kurella, Das moralische Erbe, in: Internationale Literatur, H 6, 1937. 217 Stalinisten beschimpfte“’, in einem weiteren Gegenartikel mangelnde materialistische Durchdringung des gesellschaftlichen Phiinomens der Moral vorwerfen lassen.°’ Die gréBte Zumutung war aber wohl Blochs Originalgeschichte des Dritten Reichs, die im Dezember 1937 in der Volksfrontzeitschrift Das Wort verdffentlicht wurde. Die Redaktion traute sich denn auch nicht, den Beitrag unkommentiert zu belassen; sie stellte dem Artikel eine belehrende Distanzicrung voran und manipulierte den Text geringfiigig,” ein Umstand, der Bloch so wiitend machte, daB er in einem Brief an Fritz Erpenbeck die Volksfrontgesinnung der Zeitschrift in Frage stellte.°? In der Originalgeschichte des Dritten Reichs setzt Bloch die Argumentation der Erbschaft dieser Zeit fort, indem er der historischen Herkunft verschiedener Naziideologeme nachspiirt. Das Dritte Reich, der Retter, Dionysos etc. werden von ihm als urspriinglich den hiiretischen und plebejischen Bewegungen des Mittelalters zugehérig bezeichnet, deren chiliastische Erldsungshoffnungen in der franzdsischen Revolution jedoch weiterlebten. Die Linke habe genau diese urspriinglich progressiven Ideen, den Chiliasmus und den Mythos, deren fortwirkende Attraktivitat evident sei, der Rechten tiberlassen. Zur Lésung dieses Problems schliigt Bloch ein Biindnis von Chiliasmus und Bolschewismus vor”. Die Expressionismusdebatte wurde im selben Heft weitergefiihrt, in dem dieser seltsame Biindnisvorschlag Blochs erschien. In dieser Debate fand Blochs Stellung als Reprisentant nonkonformistischer marxistischer Ideen ihren Héhepunkt. Retrospektiv betrachtet sind diese Diskussionen, obwohl die dort umstrittenen Positionen heute giinzlich unaktuell sind, dennoch interessant. Vor 66 Uber diese Zeit und seine Motive, sich den Kommunisten bzw. der Volksfront anzunihern, gibt Marcuse weder in seiner Autobiographie Mein Zwanzigstes Jahrhundert Auskunft, noch erwiihnt der unerbittliche moralische Richter ber andere, die ahnliches taten wie er, seine Artikel im Zentralorgan der deutschen Exilkommunisten Internationale Literatur oder in der Volksfrontzeitschrift Das Wort. Diese, die allesamt wahrend der Moskauer Prozesse dort abgedruckt warden, fehlen auch in der Ausgabe seiner Essays; vgl. dazu Ludwig Marcuse, Essays, Portrits, Polemiken, Die besten Essays aus vier Jahrzehnten, brsg. v. Harold von Hofe, Ziirich 1979 67 Ludwig Marcuse, Das Moralische versteht sich nicht von selbst, in: Internationale Literatur, H 6, 1937. 68 Das Wort, H. 12, Dez, 1937, . 54. © Voi, dazu Staatliches Zentralarchiv fur Literatur und Kunst, Moskau, (Fond 631, op. 12, ed. chr. 141), auszugsweise in: Kriik in der Zeit, Antifaschistische deutsche Literaturkritik 1933- 1945, hwsg. v. Simone Barck, Klaus Jarmata, Halle/Leipzig 1981, S. 589. 1 Zur Wiretischen Wirkung von Blochs Faschismusanalyse vgl. auch: Ansom Rabinbach, Unclaimed Heritage, Ernst Bloch’s Heritage of our Times Theory of Fascism, in: New German Critique, No 11, Spring 1977. 218 dem Hintergrund der Volksfrontpolitik wird hier auf einmal 6ffentlich, was vorher auf geschlossene Parteizirkel beschrinkt blieb: das abstoBende Ritual von Denunziation und Selbstbezichtigung; der Aufruf zur Selbstreinigung ist diesmal ans antifaschistische Exil gerichtet. So fing es zumindest an: Ziegler/Kurella, der sich in der Rolle des Zensors sichtlich wohlfiihlt”’, bringt genau diesen Ton in die Debatte. Er erblickt tiberall im Exil Reste des Expressionismus, d.h. der Dekadenz. Diese Zerfallsformen der Kunst, so fihrt er warnend das Beispiel Gottfried Benn an, fiihren gesetzmiifig direkt in den Faschismus.”” Kurella nimmt den Ball auf, den Lukécs vier Jahre zuvor mit Gréfe und Verfall des Expressionismus in die Runde geworfen hatte, allerdings liest sich sein Artikel teilweise wie eine Parodie. Im darauf folgenden Beitrag von Franz Leschnitzer, der, wie auch Ziegler/Kurella, ein Ex-Expressionist war’, und dessen Fall ebenfalls auf der Sauberungssitzung verhandelt wurde”, klingt die Abrechnung mit dem Expressionismus ziemlich gequilt.”* Zudem widmet er seinen Artikel weniger der Verurteilung dieser Kunstrichtung als der Bhrenrettung von Trakl, Heym und Ernst Wilhelm Lotze. Offen tragische Ziige triigt der Beitrag von Heinrich Vogeler, der nicht den Expressionismus diskutiert, sondern einfach die Geschichte seines Lebens erziihlt.”° Es ist die Erziihlung eines engagierten linken Kiinstlers, der versuchte, ein guter Realist zu werden und daran scheiterte. Zwar steht am Ende die Affirmation der Kunstpolitik der KPdSU, aber der melancholische Ton und die Bilder Vogelers, mit denen der Artikel liebevoll illustriert ist, sprechen eine andere Sprache, machen eine entsetzliche Verschwendung kiinstlerischen Talents deutlich. Wiederum in den Rahmen der Siuberungsdebatten passen die Beitrige der Ungarn Alfred Durus und Béla Balazs. Beider Biographien weisen Ahnlichkeiten zu der von Lukes auf: nach der Teilnahme an der ungarischen Revolution die Flucht nach Deutschland, Mitarbeit in der dortigen KP und abermals Flucht, ‘A, Kurella scheint der archetypische Parteikarrierist gewesen zu sein, allerdings mit jugendbewegter Vergangenheit, vgl. Biographische Skizze, in: Die Sduberung, a.a.0., S. 64165 72 Alfred Kurella unter dem Pseudonym Bernhard Ziegler, Nun ist dies Erbe zuende ..., in: Das Wort 7, 1938, 1) Die Stuberung, a.a.0., 8. 64165. 14 Val. Die Sduberung, a.a.0., $. 226 f. 18 Val. Franz Leschnitzer, Uber drei Expressionisten, in: Die Expressionismusdebatte, 2.2.0. 76 Vgl. Heinrich Vogeler, Erfahrungen eines Malers, Zur Expressionismusdiskussion, in: Die Expressionismusdebatte, 2.3.0. 219 diesmal in die Sowjetunion. Durus unterscheidet sich aber von Lukdcs durch seine ehemalige Mitarbeit in H. Waldens Zeitschrift Der Sturm”. Seine Denunziation des Expressionismus unterschreitet das Niveau von Kurellas Eréffnungsbeitrag bei weitem, kein Klischee ist ihm zu abgedroschen, kein Vorurteil zu billig, von Irrenkunst bis zu stiimperhafter Kleckserei sind hier alle antimodernen Schmihungen versammelt.” Zudem bezieht er sich in seinem Artikel Abstrakt, abstrakter, am abstraktesten noch auf den autoritir sionistischen Entwurf Emil Utiz’.” Deutlicher als in diesem Artikel kénnen die Parallelen zwischen linker und rechter Modernekritik kaum werden. AbschlieBend ruft Durus zum Kampf gegen die neoexpressionistischen Tendenzen der Volksfront auf: Erst der Totengriiber des Kapitalismus wird die Wurzeln des Formalism und Kunst endgiiltig ausreien! Wir aber miissen das Begritbnis vorbereiten. in Leben Bin wahrhaft angemessener Kommentar zur Lage in Moskau 1938. Im redaktionellen Kurzresiimee der Debatte und der Aufziihlung der dazugehorigen Beitriige wurde Durus Artikel einfach vergessen. Ein letztes Aufbiumen des guten Geschmacks?"! Auch Béla Baldsz Artikel Meyerhold oder Stanislawsky enthilt eine solche, angesichts der Umstiinde recht zynische Note. In seinem Artikel rechtfertigt er die Vernichtung des letzten Uberrests der russischen Avantgarden, die 1937 erfolgte Absetzung des Theaterdirektors Meyerhold. Er schildert dies als Sieg des sozialistischen Realismus und rechtfertigt die Liquidierung jener Richtung, welche auf der Bithne Meyerhold vertreten hat.’ Das Wort von der Liquidierung war tefflich gewahlt, denn kurz nach Erscheinen des Artikels wurde Meyerhold verhaftet. Er starb 1940 in einem Lager. Waren die Beitrige der Expressionismusgegner eine dffentliche Fortsetzung der Stiuberungsdebatten, so waren die Artikel der Befiirworter ein recht vehementer Protest gegen diese Art der Kulturpolitik, gegen die Einschriinkung der Kunst iiberhaupt. Die Redaktion wurde zu ihrem eigenen Erstaunen mit Beitriigen ‘77 Vegi, Schmitt (Hrsg.), Die Expressionismusdebatte, a.0.0., 8. 37/38. 78 Alfred Durus, Abstrakt, abstrakter, am Abstraktesten, in: Die Expressionismusdebatte, 8.0. 79 Zu Uti vel. Kapitel 1V.4. 80 Alfred Durus, Abstrakt, abstrakter, am Abstraktesten, in: Die Expressionismusdebatte, .a.0., 8. 156. #1 Das Wort, H. 6, Juni 1938, $. 64/65. 82 Béla Baldsz, Meyerhold oder Stanislawsky, in: Die Expressionismusdebatte, a.a.0., 8. 121 220 iiberschwemmt.” Fast hitte Bloch an der Debatte nicht teilgenommen, die Aufforderung der Redaktion jedenfalls beschied er abschligig. In dem Brief an den verantwortlichen Redakteur Fritz Erpenbeck, in dem Bloch diese Absage ausspricht, schwingt der blanke Zorn tiber den Angriff auf den Expressionismus mit.’ Er versucht, diesen als Privatmeinung eines kleinen Redakteurs herunterzuspiclen und fordert zu mehr Niveau in der politischen Auseinandersetzung auf. Abschreckend nennt er Ziegler/Kurellas Art der Argumentation und politisch schiidlich fiir die Volksfront. In der Tat war Bloch nicht auf Das Wort angewiesen. Er nutzte stattdessen die Gelegenheit, in der Newen Weltbiihne, deren Mitarbeiter er war, zusammen mit Eisler gegen diese Entwicklung anzuschreiben. In ihrem Beitrag Die Kunst zu erben ist die Rede von der Absurditit der Argumentation. Bin deutliches Erstaunen tiber deren Diirftigkeit findet sich bei den meisten Beitriigern, die keinen niheren Kontakt zu den Fuhrungskreisen der KP hatten und so den Ton, der in diesen Kreisen iiblich war, nicht kannten, Herwarth Walden sagt deutlich, was die anderen nur diskret umschreiben: Ziegler/Kurellas Argumentation sei das Gefasel eines Paranoikers.”° Sein Beitrag Vulgdr-Expressionismus ist zweifellos der fundierteste und auch der witzigste der gesamten Debatte. Obwohl eigentlich selber Experte genug in Sachen Expressionismus - als Herausgeber des Sturm hatte er die Kunstrichtung quasi miterfunden -, bezieht er sich auf Blochs Artikel Der Expressionismus, um die These von der Progressivitiit und Humanitait der Kunstrichtung zu untermauern.®° Seine Argumentation wiederholt - wie die fast aller Befiirworter des Expressionismus - die von Bloch aufgestellte These, daB es $3 Val. dazu Hans-Jargen Schmitt, Binleitung, in: Die Expressionismudebatte, a.2.0., 8. 24. ‘4 Der Brief vom 22.12.1937 ist nur auszugsweise und paraphrasierend 1981 in der DDR publiziert worden, lag aber der Autorin in Gunze vor, ist jedoch zur Veroffentlichung nicht freigegeben. Ich gebe im folgenden die Zitate und die Paraphrasen wieder, wie sie 1981 publiziert wurden: " ‘Der Aufsatz Zieglets (di, Kurella, $.B.) hat hier, wie ich mich iberzeugen konnte, sehr schlecht gewirkt, Man kann sich freuen, da8 die Feinde ihn Ubersehen haben scheinen ... Kurz, ich halte es fur einen groBen Fehler, daB zwei Monate nach Hitlers Rede gegen den Expressionismus ... das Wort einen solchen Artikel gebracht hat.’ Bloch wendet sich im weiteren gegen die Vorbemerkungen der Redaktion zu seinen Beitragen, bezeichnet sie als schulmeisterlich, im Stile der zensurerteilender Oberlehrer. Es gelte das Erbe eines ‘feinen wissenschaftlichen Dialogs’ anzutreten. ‘Wir brauchen kein Zeitungsgeziink. Vor allem aber wirkt es abschreckend auf manche, die, obwohl sie aulerhalb der Partei stehen, gleich mir, ihre Arbeit der Volksfront zur Verfigung stellen wollen. Es ist sinnlos, daB auch noch diese Kreise der Inelligenz durch Ruckfalle in den Ton des Sektierertums abgeschreckt werden ..", Barck, Jarmatz, Kritik in der Zeit, a.a.0., 8. 589. $5 H. Walden, Vulgar-Expressionismus, in: Die Expressionismusdebatte, a.a.0., S. 71. 86H, Walden, Vulgar-Expressionismus, in: Die Expressionismusdebatte, a.2.0., , 79-81 221 sich beim Expressionismus um eine Revolution des Uberbaus handelt, der keine im Unterbau nachfolgte."” Bloch wird in der Debatte nicht nur zum vehementen Verteidiger der Moderne, sondern mehr noch zu ihrer Verkérperung, gerade fiir Lukdcs «gilt Bloch als der konsequenteste Vertreter, der gedanklich radikalste Verfechter der Avantgardeentwicklung; ja Lukégs identifiziert die Position Blochs mit der der Vertreter der literarischen Moderne. Der Berufung auf Blochs Expressionismus-Aufsatz aus der Newen Weltbiihne oder auf die Beitrige, die er zusammen mit Eisler verfaft hat, die sich in den meisten Aufstitzen, die den Expressionismus verteidigen, findet, entspricht die Berufung auf Lukécs' Gréjge und Verfall des Expressionismus als Urheber der Gegenposition. Vielleicht war es dieser Verlauf der Kontroverse, der Bloch schlieBlich dazu veranlaBte, doch noch in die Debatte im Wort einzugreifen. So war es auch nur folgerichtig, daB die Redaktion den beiden geheimen Leitartiklern dieser Debate, Bloch und Lukécs, die SchluBbeitrige zugestand. In diesen Beitrgen eskalierte dann der Konflikt zwischen den Jugendfreunden. In der theoretischen Argumentation prallten im wesentlichen die bekannten, bereits veréffentlichten und unveréffentlichten Positionen unversdhnt aufeinander. Auf der persénlichen Ebene gehen beide mit bisher unbekanntem Furor aufeinander los. Lukacs wird in Blochs Aufsatz Diskussionen tuber den Expressionismus zum Verfechter eines blutleeren Neuklassizismus stilisiert,”” dessen Antimodernismus als eine Variante konservativer Kulturkritik charakterisiert. Lukécs dagegen versucht in seinem Aufsatz Es geht um den Realismus, Bloch eine Lehrstunde in Dialektik und Marxismus-Leninismus zu geben, Neben allerlei Vorhaltungen, die Bloch der mangelnden theoretischen Durchdringung der Phiinomene modernen Lebens und moderner Literatur fiir schuldig befinden, werden von Lukécs recht belastende theoretische Affinitiiten konstruiert. So wird Blochs Beharren darauf, daB das Leben nicht mehr im Ganzen wohnt, als erkenntnistheoretischer Nietzscheanismus bezeichnet, wohingegen er wegen seiner poetologischen Ansiitze umstandslos zu einem Weggenossen Gottfried Benns erklart wird. 87 gl. dazu u.a, Gustav Wangenheim, Klassischer Expressionismus, in: Die Expressionismusdebatte, a.a.0., 8. 108/109, Klaus Berger, Das Erbe des Expressionismus, Die Expressionismusdebatte, 3.2.0., 8. 92/93. 88 Christian Fritsch, Der archimedische Punkt, Georg Lukdcs und die antifaschistische Literatur, in: Lutz Winkler (Hrsg.), Antifaschistische Literatur, Programme, Autoren, Werke, Bd. 2, (Literatur im historischen ProzeB, hrsg. v. G. Mattenklott + Klaus Scherpe Bd. 11), Kronberg 1971, 8. 73 89 Diskussionen Uber Expressionismus, in: Vom Hasard, a.a.0., S. 366ff. 222 Lukidcs l48t, mehr noch als Bloch, seinen Beitrag zur persénlichen Abrechnung mit dem chemaligen Freund ausarten. Auf zwanzig Seiten attackiert Lukécs aber nicht nur den Jugendfreund, sondern auch seine eigene Jugend. Diesmal nicht verdeckt, wie in Grobe und Verfall des Expressionismus, sondern ganz offen. Er bekennt sich an Blochs literaturgeschichtlichen Irrttimern mitschuldig, weil diese durch die Lektiire der Theorie des Romans zustandegekommen seien”’. An einer anderen Stelle heift es: . der Weg zur Holle ist mit guten Vorsiitzen gepflastert ... Winter 1914 bis 1915: subjektiv ein leidenschafilicher Protest gegen den Krieg, gegen seine Sinnlosigkeit und Unmenschlichkeit, gegen seine Vernichtung von Kultur und Gesittung. Eine verzweifelt pessimistische Gesamtstimmung. Beurteilung der kapitalistischen Gegenwart, als Fichtes 'Epoche der vollendeten Suindhaftigkeit’, Das subjektive Wollen ist also ein vorwirtsstrebender Protest. Das objektive Ergebnis: Theorie des Romans - ein in jeder Hinsicht reaktiondires Werk voll idealistischer Mystik, falsch in allen seinen Einschaitzungen der historischen Entwicklung. 1922: aufgeregte, von Revolutionsungeduld erfullte Stimmung ... mit keiner Faser meines Wesens will ich zugeben, dal die erste grofe revolutioniire Welle voriiber ist, da8 der entschlossene revolutionare Wille der kommunistischen Avantgarde nicht imstande ist, den Kapitalismus zu stiirzen. Also subjektive Grundlage: revolutionire Ungeduld. Objektives Ergebnis: Geschichte und Klassenbewuptsein reaktion’ir wegen seines Idealismus, wegen seiner mangelhaften Auffassung der Widerspiegelungstheoric, wegen seines Leugnens der Dialektik in der Natur. Insgesamt sind die meisten der hier nur kurz erwihnten Beitriige der Expressionismusbefiirworter durch ihre profunde Kenntnis des Gegenstandes und ihren Witz interessant genug. Wenn man also diese Auseinandersetzung iiberhaupt mit einzelnen Namen in Verbindung bringen will, dann wohl mit denen der beiden Hauptkontrahenten Bloch und Lukécs, die neben dem Streit um die Kunst auch ihren persénlichen Konflikt austrugen. Brecht, einer der Mitherausgeber der Zeitschrift Das Wort, der zur fraglichen Zeit dort publizierte, duBerte sich zur Debate nicht und vertraute seinen Zorn auf Lukécs nur einigen Freunden und seiner Schreibtischschublade an. Im Unterschied zur Debatte zwischen Bloch und Lukdcs wurde diese Kontroverse nie ffentlich ausgetragen, fand tiberhaupt keine Debatte statt. Posthum wurden Brechts Polemiken dann in der DDR veréffentlicht, auch um gegen Lukécs, der nach den ungarischen Ereignissen verfemt war, vorzugehen. Die DDR- Literaturwissenschaft hat daraus eine Brecht-Lukacs-Debatte konstruiert™, worin 90 Es geht um den Realismus, Lukdes, Werke, Bd, 4, a.a0., S. 327. °1 Bs geht um den Realismus, Lukées, Werke, Bd. 4, .0.0., 8. 334, % Sicher ging die Debatte auch gegen die Richtung, die Brecht verkdrperte, daB er diese aber als auf seine Person geminzt betrachtete, ist einfach eine Selbstiberschatzung, ihr Teile der bundesdeutschen Germanistik nachfolgten”’. Es gehért zu den Absurditiiten dieses Regimes, da Bloch, Lukécs' eigentlicher Kontrahent, in der DDR eine Unperson war, weil er diese 1961 verlassen hatte und dort nicht namentlich genannt werden durfte. In der Folgezeit wurde die Expressionismusdebatte zu einer Diskussion um marxistische Asthetik umfunktioniert, was sie aber nur in eingeschriinktem Mafe war. Es wurde viel Grundlegenderes debattiert, die Expressionismusdebatte war eigentlich ein Streit von Expressionisten und Ex-Expressionisten” um die Freiheit der Kunst, 4. Die Geburt des Expressionismus aus dem Geist der Destruktion Angesichts der lageriibergreifenden Aufregung iiber den Expressionismus, der fast simultan erfolgenden Verbannung moderner Kunst von seiten der Kommunisten wie der Faschisten, hilt sich Bloch in den beiden Aufsiitzen, die im Kontext der Expressionismusdebatte entstanden sind, Der Expressionismus und Diskussionen liber Expressionismus, nicht lange mit den Argumenten der Gegner auf, beschriinkt sich auch nicht auf die bloBe Verteidigung, sondern erhebt den Anspruch, das Wesen der vielfach mifverstandenen Kunstrichtung zu ergriinden.” Fiir die konkreten Argumente der linken Expressionismusgegner hat er nur spéttische Bemerkungen iibrig, sie erscheinen ihm augenscheinlich kaum satisfaktionsfihig. In Der Expressionismus mokiert sich Bloch iiber den Lukécsschen Vorwurf der kleinbiirgerlichen Opposition und wiinscht sich, den Kleinbiirger kennen zu lernen, dem Marcs ‘Turm der blauen Pferde’ sein Ausdruck ist . In beiden Aufsitzen betont er, daB, wenn der Expressionismus wirklich nur abstrakt-pazifistische Kleinbiirgeropposition gegen den Wilhelminismus und den Krieg gewesen wire, er des lageriibergreifenden Zorns kaum wiirdig sei. Selbst wenn dies so gewesen sei, was bliebe Kleinbiirgern schlieBlich anderes als kleinbiirgerliche Opposition”. 93 Vl. dazu 2.B. Christian Fritsch/Peter Rutten, Anmerkungen zur Brecht-Lukées-Debatte, in: J Groh et. al., Rhevorik, Asthetik, Mdeologie, Aspekte einer kritischen Kulturwissenschaft, Stuttgart 1973; Frank Trommler, Sozialistische Literatur in Deutschland, Stuttgart 1976, S. 645-660; Fritz J. Raddatz, Revolte und Melancholie, Essays zur Literaturtheorie, Frankfurt 1982, S. 123 %4 Dieser Begriff stammt aus Gustav Wangenheims Artikel Klassischer Expressionismus, Impressionen eines sozialistischen Realisten, in: Die Expressionismusdebatte, a.a.O., S. 120. 95 Der Expressionismus, a.0., $, 274 96 bd. und Diskussionen Uber Expressionismus, a.a.0., $, 369 224 Der HaB auf den Expressionismus hat fiir Bloch schwerwiegendere Griinde, ist Indiz nicht nur fiir dessen fortdauernde Aktualitét, sondern auch fiir dessen revolutioniren Charakter, und um diesen revolutioniren Charakter sind die beiden Expressionismus-Aufsitze zentriert. Wahrend es in dem ersten mit dem Titel Der Expressionismus vor allem um die Kunst selber geht, hat der zweite, Diskussionen iiber Expressionismus, eher politische Intentionen, ist zundichst und vor allem Produkt der Auseinandersetzung. Der Expressionismus ist ein sperriger, so gar nicht in das Getiimmel der politischen Auseinandersetzung passender Text: statt griffiger Parolen bietet Bloch eine melancholisch-positive Wiirdigung der Kunstrichtung, die dieser im Tonfall durchaus verwandt ist. Wohl ein Grund dafiir, daB er von der Forschung kaum beachtet wurde. In beiden Aufsatzen erstarrt der Expressionismus nicht zu einem einheitlichen Phinomen, sondern es wird immer wieder auf die der Kunstrichtung innewohnende Widerspriichlichkeit verwiesen: so wird 2.B. zwischen den abstrakten Pazifisten und denen, die der ‘bewaffneten Giite' ein Wort gesungen haben, differenziert. Bloch unterscheidet auch zwischen dem, was er die Groftaten des echten Expressionismus nennt, und Hochstaplern, den Privatsphinxen ohne Riitsel, die aus der Leere ihrer spiitbiirgerlichen Welt Allotria machten’”; dies ist zweifellos ein Seitenhieb auf Dada. Es ist fiir Bloch der Bruch mit der Vergangenheit der den Expressionismus auszeichnet; die Destruktion des muffigen Wilhelminismus in Kunst und Gesellschaft, des Schlendrians und des Akademismus sind seine eigentlichen GroBtaten. Hierin liegt fir ihn dessen revolutiondire Kraft, sein subjektiv unzweideutiger, objektiv noch unklarer Antikapitalismus. Der Expressionismus enthielt archaische Schatten, revolutiondre Lichter durcheinander, Schattenseiten aus einem subjektivistisch-archaischen Orkus, Lichtseiten aus Zukunft, Reichtum und Unabgelenktheit des menschlichen Ausdrucks. Eine Kunst, die weder mit den tiberlieferten Formen noch vor allem mit dem ringsum Gegebenen einverstanden war, tiberzog damals die Welt mit Krieg. Dieser Krieg hatte freilich keine anderen Waffen als Pinsel und Tube, als direkten Schrei, und sein Schlachtfeld war die Leinwand oder das musisch bedruckte Papier. Und die kriegfiihrende Macht bestand aus purem Subjekt, aus der emotionalen Not und der Wildnis des Subjekts, das sich mit seiner Laterna magica in eine scheinbar gegenstandslose Welt projizierte.” Der Expressionismus erscheint so als Kunst der Revolte, als Kunst der Destruktion bestehender Systeme. 97 Der Expressionismus, a.a.0., S. 276. 9% Der Expressionismus, aa.0., 8. 275. 225 Gegen Lukécs' Vorwurf, daB die Expressionisten den ideologischen Verfay joy Bourgeoisie kritiklos und widerstandslos mitmachten bow. ibn so var vorangetrieben hiitten, wendet Bloch ein, da8 es immerhin das Weltbitg jer Kapitalisten war, das die Expressionisten destruierten; besser sei es allensal, dessen Verfall 2u beschleunigen, als Arzt am Krankenbert des Kapitalism, gu spielen und die real geborstenen Zusammenhiinge wieder neu zu verkleiden, \yje es die Neue Sachlichkeit getan habe.” Da ist kein Zerfall um seiner selbst wiyjyq, sondern Sturm durch diese Welt, win Platz fiir die Bilder einer echteren ou machen", so proklamiert Bloch ganz. expressionistisch das leitende Motiy ges Expressionismus. Die Suche nach dem Echten, dem unabgelenkt Menschlich pn, dem menschlich Wirklichen, weniger expressionistisch ausgedriickt, na-h Unverdinglichtem und Authentischem, ist nicht nur fiir Bloch das ureigenste 2ie1 des Expressionismus gewesen. Im Namen des verborgenen Menschlichen erfolgte vielfach die Rebellion, die Provokation gegen die saturieye Birgerlichkeit. Dieses ist ihm Indiz dafiir, daB der Expressionismus ums Humae zentriert gewesen sei, was ihn nachhaltig vom Faschismus unterscheide, ger ahuman sei und dessen Primitivismus vor allem an der schdnen Bestie interessioyt sei. zt Progressives und Humanes lokalisiert Bloch auch in den irrationalen Zilgen des Expressionismus. Dies illustriert er am Werk Franz Mares, das hier, wie so oft bei Bloch, synonym fiir die Groftaten des Expressionismus steht: Die Bilder Franz Marcs enthalten nicht Irrationales schlechthin sondern einep Rationalismus des Irrationalen, eine Philantropie des Irrationalen dazu, die sich seiner erbarmt und es in den Menschen aufnimmt, der sich dariiber neigt. Wie eine Schuld, die er vergessen hat, steht all dies Briitende vor der Expressio und vor dem Licht, das von hoch oben und doch brtiderlich in das sanfte oder brillende Schweigen der Kreatur las uniibersetzte Zeugnis der Primitiven, der Kinder-, Gefangenen- und hereinfallt, i Irrenkunst .. Diese Passage und tihnliche Abschnitte aus Erbschaft dieser Zeit ernteten in den Beitrigen von Lukacs und Ziegler/Kurella, die die Debate beendeten, nur atzenden Spot und scharfe Ablehnung'”*. Eine Bereitschaft, sich ernsthaft und % Diskussionen, a.a.., 8. 370-372 100 Der Expressionsimus, a.a.0., S. 277. 101 Diskussionen, a.a.0., 5. 375 102 Der Expressionismus, aa.0., S. 277 103 Vel. dazu Lukacs Es geht um den Realismus, Lukées, Werke, a.a.0., 8. 318-230, 326-328 und Bernhard Ziegler, SchluBwort, in: H.-J. Schmitt, Die Expressionismusdebatte, a.a.0., 8. 253- 256. 226 anders als ausgrenzend auf das Abseitige ecinzulassen, bestand nicht. Dieser Umstand macht schlaglichtartig die Differenzen nicht nur im asthetischen Denken Blochs und Lukdcs’ deutlich. Dab fiir Bloch eine Aktualisierung, eine Rettung der Philosophie nur durch einen Umbau vom Rande her, durch die Einbeziehung von bisher Unterprivilegiertem méglich ist, wurde im dritten Kapitel diskutiert, ahnliches gilt auch fiir die Kunst: das unverdinglichte Humane, dessen unausgelotete Dimensionen, finden sich nach Bloch nicht in der klassizistischen Hochkultur, nicht in realistischen, gerundeten Werken, sondern in den randstiindigen, den abseitigen Bereichen der Kunst. Nur diese kénnen Auskunft geben tiber bisher unbekannte Potenzen der Seele, des Menschlichen schlechthin. Die Abstraktion des Expressionismus von der Gegenstiindlichkeit ist dabei nicht einfach eine Begleiterscheinung, sondern Voraussetzung fuir diese Erkenntnis: ‘Auch war bei Klee, Chagall, Mare keine Gegenstandslosigkeit schlechthin; der Gegenstand (Traumfische, Kiilbchen im Leib der Mutter, Tiere im Wald) wurde vielmehr entdinglicht, auf unsere Fabel gebracht. Und nirgends war ein Fortschritt mit dem Kopf im Nacken, Fortschritt ins Nichts oder in menschenfeindlichen, kulturfeindlichen Urschlaf ... Sondern die Avantgarde von damals meinte auch in der Wildnis den Menschen, den freilich verborgenen oder heraufdimmernden Menschen; kurz, sie betrieb die Geheimnisse der Humanitiit, Sie erweiterte die Welt im Menschen und den Menschen in der Welt, bis weit iiber den bisher bekannten Ausdruck hinaus; sie suchte den Schrei, der nicht erst durch eine goldene Harfe sauste, das ist, dureh die Harte der herrschenden Klassen und ihres unehrlichen, dezimierenden Wobllauts. Die Erkenntnisse, um die es den Expressionisten zu tun war, die Geheimnisse der menschlichen Seele oder des Irrationalen, léiBt die Linke rechts liegen, beklagt Bloch, gerade aber diese Themen wiirden die anhaltende Aktualitit des Expressionismus begriinden. So schligt er einen Bogen zu seinem favorisierten Thema der dreiBiger Jahre, dem Plidoyer fiir eine Offnung kommunistischer Ideologie fiir Mythos und Subjektivitat, das auch im Zentrum der Erbschaft dieser Zeit steht. Hier fiihrt er im Zusammenhang mit den Expressionisten aus, daB diese sich aufs Mythische besser als andere verstanden hiitten, da8 sie (als Beispiel wird einmal mehr der Blaue Reiter genannt) fihig gewesen seien, Archaisches und Ultramodernes zu verbinden, Tahiti in Garmisch zu sehen und dies nicht museal, sondern abstrakt in ihre Kunst miteinzubeziehen (IV, S. 53). Mit Tahiti wird auf Gauguin, einen Ahnherrn des Expressionismus angespielt, der in der Debate von Bloch genannt wird, wie auch van Gogh und Rimbaud. Tahiti deutet zugleich auf die Wertschitzung des Primitiven hin, die Bloch, ebenso wie die 104 Der Expressionismus, a.a.0,, S. 277/78. 227 expressionistische Begeisterung fiir die nordische Ormamentik, wiederhol verteidigt'®. Blochs Rede von den Geheimnissen der Seele, die der Expressionismus offenbare und seine Verteidigung des Primitiven reproduzieren expressionistisches Gedankengut. Mit genau diesen Themen beginnt Kandinsky seine Programmschrift des Expressionismus Uber das Geistige in der Kunst; Wir kénnen z.B. unméglich wie alte Griechen fihlen und innerlich leben ... Die Annlichkeit der inneren Bestrebungen in der ganzen moralisch-geistigen Atmosphiire, das Streben zu Zielen, die im Hauptgrunde schon verfolgt aber spiiter vergessen wurden, also die Abnlichkeit der inneren Stimmung einer ganzen Periode kann logisch zur Anwendung der Formen fuhren, die erfolgreich in einer anderen Periode denselben Bestrebungen dienten. So entstand teilweise unsere Sympathie, unser Verstiindnis, unsere innere Verwandtschaft mit den Primitiven. Ebenso wie wir, suchten diese Kiinstler nur das Innerlich-Wesentliche in ihren Werken zu bringen ... Der ganze Alpdruck der materialistischen Anschauungen, welche aus dem Leben des Weltalls ein buses zweckloses Ziel gemacht haben, ist noch nicht vorbei. Die erwachende Seele ist noch stark unter dem Eindruck dieses Alpdruckes. Nur ein schwaches Licht diimmert wie ein einziges Piinktchen in einem enormen Kreis des Schwarzen. Nicht nur der Primitivismus ist eine der von Bloch benannten Traditionen, auf die sich der Expressionismus berufen hat, um das menschliche Inkognito auszudriicken, sondern auch Griinewald, Barock und Sturm und Drang werden benannt. In der iiblichen Abnenreihe darf natirlich auch die Gotik nicht fehlen; diese, so stellt Bloch fest, wirke Uber die nordische Ornamentik im Expressionismus nach, der organisch-psychische Stil .». pointierte dies Wesen als geheime Gotik und setzte es dem menschenleeren, dem kristallinischen Herren-Stil Agyptens und gar des Klassizismus entgegen. Dali det kunstwissenschaftliche Fachausdruck ‘nordische Ornamentik’, ja selbst die Feierlichkeit, womit dies Wesen expressionistisch begrii8t worden ist, nichts mit Rosenbergs Nordschwindel gemein hat ..., braucht kaum versichert zu werden. Um so weniger, als die nordische Schnitzkunst voll von orientalischen Einflissen ist; der ‘Teppich, das ‘Liniengeschépf der Ornamentik tiberhaupt, war dem Expressionisten ein anderer ZuschuB.'”” Auch Kandinsky, in seiner Programmschrift Uber das Geistige in der Kunst betont den ornamentalen Charakter des Expressionismus.' Blochs Verweis auf 105 Diskussionen, a.a.0., 8, 374/75. Diese Position stellt ein genuin expressionistisches Erbe in Blochs Denken dar, dessen Begeisterung flrs Primitive sich nicht nur in Geist der Utopie (XVI S$. 34-37), sondern auch in den Schriften der folgenden Jahre hautig Bahn bricht 106 Kandinsky, Ober das Geistige in der Kunst, Bern 1952, S. 21/22. 107 Diskussionen, a.a.0., S. 374/375. 108 A.a.0., 8. 114-116. 228 den menschenleeren, den kristallinischen Herren-Stil Agyptens deutet noch einmal auf die Fortdauer des Worringerschen Einfluges hin,'” denn der hatte in der 1927 erschienenen Abhandlung Agyptische Kunst die igyptische Architektur als eine unmenschliche, starre und niichterne Herrschaftsarchitektur interpretiert und mit der Architektur der Neuen Sachlichkeit in Beziehung gesetzt!'®. Trotz der zahlreichen Traditionen, auf die sich der Expressionismus berief und Bloch weiterhin beruft, betont er doch den singuliren Charakter dieser Kunstrichtung: ihre beispiellose Stellung in der Kunstgeschichte riihrt daher, da8 sie zum Ubergang aus der alten in die neue Welt gehért.''’ Fir Bloch bleibt der Expressionismus die Kunst der Jugend - nicht zufiillig auch seiner eigenen -, der Glut und der Echtheit, und als solche von bleibender Aktualitit und Anst6Bigkeit. Mit einer trotzigen Zuriickweisung der Doktrin des sozialistischen Realismus und einem Bekenntnis zur Aktualitit des Expressionismus lat Bloch seinen Aufsatz in der Zeitschrift Das Wort enden: Scine Probleme bleiben so lange denkwiirdig, bis sie durch bessere Lésungen, als es die expressionistischen waren, aufgehoben sind. Eine Abstraktion jedoch, die die letzten achtzig Jahre unserer Kulturgeschichte iberschlagen méchte, sofern sic keine rein proletarische ist, gibt diese bessere Losung kaum.' 5. Ernst Bloch - Der letzte Expressionist? Totgesagte leben ldnger, dies gilt auch fir Blochs Stellung zum Expressionismus, d.h. zu seiner eigenen Vergangenheit. Im Unterschied zu Lukdcs, der den Schatten des Expressionismus nicht nur jagte, sondern auch von diesem gejagt wurde, bewahrt Bloch - trotz aller Verbundenheit - eine gewisse Distanz zu dieser Kunstrichtung, deren groBe Leistung, deren revolutionares Wesen fiir ihn in der Negation der iisthetischen Tradition liegt, in der Abkehr vom klassisch-klassizistischen Vorbildkanon. Kunst hat nicht dekorativ zu sein, sondern Verborgenes zu offenbaren, darin sind sich Bloch und die Expressionisten einig. Mit dem Beharren auf der Offenbarungsfunktion der Kunst brachen die Expressionisten den jahrhundertealten Konsens iiber die Funktion der 109 Zum Binflu Worringers auf die Expressionisten vgl. Vietta/Kemper, a.a.0., $. 168-170. 110 Wilhelm Wortinger, Agyptische Kunst, Probleme ihrer Wertung, Minchen 1927. 111 Diskussionen, aa.0., 8. 373, 377. 12 Diskussionen, a.a.0,, S. 377, 229 els Expressionismusbuch', Kunst, dies ist die Eingangsthese von Walter Soke 5 Expressionismus die Logik Wie Bloch hebt auch dieser hervor, daB die Logik de des Bruchs ist. In Blochs iisthetischem Denken markiert die Offenbarungsfunktion der Kunst einen prominenten Ort, sie ist das leitende Motiv von Blochs Ablehnung der Neuen Sachlichkeit, von Realismus und Dadaismus!!, In diesem Aspekt trifft sich seine Kunstauffassung nicht nur mit dem Expressionismus, sondern auch mit der zeitgendssischen Avantgarde, dem Surrealismus. Das, was offenbart werden soll, so schreibt es Bloch in den Expres nismus-Aufsatzen immer wieder, sind die Geheimnisse der Humanitit, das verborgene Wesen des Menschen. Hier bleibt Bloch seinem Frithwerk treu, denn bereits in Durch die Wiiste schrieb er: hinter dem sich ein groBer Begriff, der gedeuteten Grundhaltung absolut Verindertes im Der Expressionismus war ein Formular, ‘Ausdruck einer weder malerisch noch metaphysisch volli zur Welt verbarg, ja, in dem sich wohl Letztes, Endgiltiges, Subjekt und seinem Weltkorrelat anzeigen konnte. dem Expressionismus verbunden, nicht hen Asthetik, 2.B. 0 etwas Diese Idee ist allerdings, obwohl mit spezifisch expressionistisch. Gerade innerhalb der marxistisc bei Adorno oder beim jungen Lukdcs, gibt es die Vorstellung, dab es s wie das Authentische, das unverdinglicht Menschliche gebe und daB die Kunst dazu berufen sei, dieses auszudriicken bzw. aufzubewahren. In diesem Zusammenhang ist nicht nur Blochs Verteidigung der expressionistischen Anleihen bei der primitiven oder barbarischen Kunst lesen, welche als Refugium des Authentischen in der europiiischen Kunstgeschichte Tradition hat, sondern auch sein Plidoyer fiir das Subjektive in der Kunst, Expressionistische Ziige, die von Lukécs als subjektiver Idealismus, Ungesellschafilichkeit, gar als das leere Pathos von Bohemedichtern herabgesetzt werden, erscheinen bei Bloch als die Revolte des Subjekts, in der sich der spezifische Humanismus des Expressionismus ausdriickt. Die Verteidigung des subjektiven expressionistischen Faktors ist eines der zentralen Anliegen von Blochs Expressionismus-Aufsiitzen. Hier findet sich ein schwaches Echo der im 13 Vat, dazu Sokel, a.a.0., $. 15-35 mit Dante, Bosch, Sturm und Drang konstruiert Sokel cine 4anliche Ahnenreihe wie Bloch. Vietta/Kemper interpretieren den Expressionismus als Versuch einer Mimesis der modernen Wirklichkeit; eine Interpretation, die Sokels Deutung, die ja gerade den Bruch mit den herrschenden Mimesis-Traditionen in den Vordergrund stellt, eigentlich zuwiderlaufen muBte. Paradoxerweise stimmen beide Interpretationen, denn um der modemen Wirklichkeit gerecht zu werden, mufiten dic Expressionisten radikal mit dem brechen, was bisher fir Mimesis gehalten wurde. 14 ; Vegl. dazu Der Expressionismus, in: Vom Hasard zur Katastrophe, .8.0., $. 276 1 'S Durch die Wiste, a.2.0., 8. 45, 230 Geist der Utopie entwickelten ichzentrierten mystischen Mimesistheorie''® und emphatischen Sicht des Subjektes. So heiBt es in der Originalausgabe des Geist der Utopie zum Denken des Subjekts Die Selbstbegegnung ..., wie sie als das Grundproblem der Wertphilosophie, letzthin der Apokalypse als dem Grundproblem des gesamten Systems der Philosophie entspricht, darf das Wahre weder als einfach induktive Tatsachenlogik, noch auch als griechisch definierte Umfangslogik eines Allgemeinsten und darum Realsten bestehen lassen ... Es gibt, wodurch eben der verantwortliche Kiinstler dem Philosophen néher steht als der subjektlose Empiriker, noch eine andere Wahrheit, als diejenige dessen, was gerade existiert ... Und dazu unterhéilt der Mensch in der Musik allerdings starke korrespondicrende Gegenstandsbezichungen, zum grofen Teil noch kiinstlerisch- sperifischer und bei entsprechender Erweiterung des Begriff auch immanenter Art, vor und hinter den Regeln der transzendentalen Synthesis kunstlerisch-phantastischer ‘Apperzeption; die sprunghatt indirekte Beziehung auf den unsichtbaren Menschen, auf die im Klangbild vernommene, sich annihernde Gestalt des Hauptes des Ingesindes, des eschatologischen Seelengrundes, der Wiederherstellung des GroBen Menschen aus dem Labyrinth der Welt. (XVI, 8. 227) Die Wiederherstellung des Grofien Menschen, das ist ein emphatischer Versuch, das Subjekt zu restituieren, ein Satz, der auch noch in der Neuausgabe von 1963 zu lesen ist (III, S. 190/191). Zu der Selbstbegegnung hat sich dort allerdings die Wirbegegnung gesellt, eine Relativierung der zentralen Stellung des Subjektes, aber keine Aufgabe. Die verborgene Wahrheit des Menschen, die offenbart werden soll, die jenseits der empirischen Realitit liegt, auf die Bloch auch noch, wenn auch abgeschwiicht, in den Expressionismus-Aufsiitzen rekurriert, sie wurde in der Neufassung ganz gestrichen. In den Expressionismus-Aufsiitzen findet sich zum letzten Mal die Beschwérung des expressiven Subjekts, sie stellen so ein letztes Gefecht dar, eine letzte Hommage nicht nur an den Geist der Utopie, sondern auch an das eigene Denken der Zeit zwischen den Kriegen. Blochs Ausfihrungen stimmen im iibrigen weitgehend mit den Erkenntnissen der neueren Expressionismusforschung tiberein. Vietta/Kemper analysieren das Menschheitspathos des Expressionismus als kiinstlerische Antwort auf Entfremdung, Ichverlust und Subjektdissoziation, auf die Beschiidigungen durch die Moderne also. Bloch hiitte das expressionistische Beharren auf individueller und kiinstlerischer Selbstbehauptung sprachlich sicherlich anders gefaBt, in der Essenz stimmt Blochs Einschiitzung jedoch mit der von Silvio Vietta tiberein: Der Expressionismus ist ... der wohl eigenwilligste Versuch in der Geschichte der modernen Literatur, eine autonome Form des Menschseins noch einmal, und dies in 116 vgi. zu dieser Mimesistheorie Arno Minster, Utopie, Messianismus und Apokalypse im Friihwerk von Emst Bloch, Frankfurt 1982, 8. 72-76. 231 der Form der Utopie, zu retten. Die Idee des ‘neuen Menschen’ ist zugleich Antthese zur dialektisch nicht mehr aufhebbaren Ichdissoziation. Trotz dieser Ubereinstimmung wurden Blochs Ausfihrungen zum Expressionismus weder von Vietta/Kemper noch von der sonstigen Expressionismusforschung sonderlich gewiirdigt. Angesichts der Tatsache, dag er sowohl Beteiligter als auch der wohl prominenteste Verteidiger des Expressionismus in der Volksfrontdebatte war, ein erstaunlicher Umstand. Die Schwierigkeiten mit dem Expressionismus dauern an, Die Geschichte seiner Erforschung und Einschiitzung ist eine Geschichte der literaturwissenschaftlichen und politischen MiBverstiindnisse!®. Der Umgang mit der wichtigsten Strémung der deutschen Avantgarde ist bis heute von Beriihrungsiingsten gepriigt. Dies liegt sicher auch an seiner Kurzlebigkeit, daran, daB der Expressionismus, im Unterschied zum Surrealismus etwa, nie biirgerlich gesetzt wurde und sozusagen Schule machte, im wesentlichen aber an der ideologischen Sperrigkeit, der Vielschichtigkeit und gleichzeitigen Diffusitit des Expressionismus, die der verbreiteten Tendenz der Interpretatoren, in Kunstwerken die Verwandtschaft zur eigenen Gegenwart herauszuarbeiten, immer in die Quere kam. Der Versuchung, den Expressionismus den zeitgendssischen Verhaltnissen, besonders der zeitgendssischen Linken, méglichst angenehm zu machen, erliegt auch Bloch. Und so ist sein Expressionismus-Bild, bei allem Engagement, ein merkwiirdig reduziertes, oder, um eines seiner spiiteren Verdikte gegen den sozialistischen Realismus zu variieren, cin rezepimdpig kastrierter Expressionismus. In dem Grundsatzstreit der Kunstauffassungen - eine kollektivistische, gesellschafilich niitzliche gegen eine individuell-iisthetische - hat Bloch eindeutig zugunsten der letzteren Stellung bezogen. Die politischen Dimensionen der Kunstrichtung, die ganz im Zentrum der Lukécsschen Argumentation stehen, sind jedoch bei Bloch weitgehend ausgeblendet. Vorbei sind die Zeiten, in denen er noch das Biindnis aus lebensreformerisch- anarchistischer und disthetischer Subkultur als vorbildlich fiir den Sozialismus hervorhob. Die Geburt der kiinstlerischen Avantgarden aus dem Geist der Boheme, die so lange fiir Blochs Denken richtungsweisend war, wird schamhaft verschwiegen, Die politische Rolle, die die Kiinstler des Expressionismus in der Bewegung gegen den ersten Weltkrieg oder in der Miinchner Riiterepublik gespielt haben, das kurzzeitige Zusammengehen von Kiinstlern und Revolution NT Vieta/Kemper, 0..0., S. 185, M8 Vel. dazu Michael Stark, Fiir und wider den Expressionismus, Die Entstehung. der Intellektwellendebatte in der deutschen Literaturgeschichte, Stuttgart 1982. 232 im Rat der geistigen Arbeiter, all dies findet keine Erwahnung. Vom expressionistischen Aufstand gegen die Wirklichkeit, von dessen, wie Knapp in seinem Expressionismusbuch sagt, einzigartiger Radikalitit, ist in Blochs Expressionismus-Aufsiitzen kaum noch die Rede.!!? Der Expressionismus erscheint als asthetischer Anarchismus, als Exponent einer rein kiinstlerischen Revolution. Mit seiner Argumentation verkiirzt Bloch den Expressionismus entscheidend, dessen Anliegen - iiber das in der Forschung Einigkeit besteht - eine Revolution der Kunst und eine Reformation des Lebens war'””. Uber die Griinde fiir diese Auslassung kann nur spekuliert werden, vielleicht erschienen politische Ideen des aktivistischen Expressionismus in diesem Kontext ohnehin als unhaltbar, denn schon die kinstlerische Revolte galt als diskreditiert: Die Einschatzung des Expressionismus als asthetische Revolte bedeutete aus dem Riickblick des Exils ... keineswegs eine positive Bewertung, sondem beinhaltete fiir die kommunistisch orientierten Autoren dessen Denunzierung als Wegbereiter des Faschismus. Gerade die tisthetische Orientierung der Expressionisten erschien als negatives Moment, weil sie damit einem die Realitat verdriingenden Irrationalismus Vorschub geleistet hiitten. Bloch versucht stattdessen, wesentliche gesellschaftspolitische Anliegen der Expressionisten, wie z.B. die expressionistische Vernunftkritik oder den radikalen Protest gegen die kapitalistische Lebens- und Produktionsformen, die Kritik an zeitgendssischer Moral und Religion, unter den Stichworten Humanismus und Menschlichkeit zu subsumieren; eine Konstruktion, die nicht unwesentlich der Volksfrontpolitik der Verteidigung der (biirgerlich)- humanistischen Tradition geschuldet ist. Eine riskante Konstruktion trotz allem, denn wilhrend die Volksfront den biirgerlichen Humanismus des 19, Jahrhunderts meinte, versucht Bloch diesen Begriff um Elemente zu erweitern, die zwar nicht antibumanistisch sind, aber eben genau gegen die Tradition gerichtet sind, auf die sich die Volksfront bezieht. Bloch weitet den Humanismusbegriff miichtig aus, um ihn wie einen groBen Schirm uber alle jene Tendenzen zu halten, die dem eisigen Regen der kulturellen Vorgaben der kommunistischen Volksfrontpolitik zum Opfer zu fallen drohten, So bleibt Blochs Argumentation dem Fremden, 19 Vel. Gerhard Knapp, Die Literatur des deutschen Expressionismus, Einfithrung, Bestandsaufnahme, Kritik, Minchen 1979, 8, 103. 120° Vel. dazu Sokel, a.a.0., 8. 230-235, Vietta/Kemper, a.a.0., $. 275, Knapp, a.a.0,, $. 103. 121 Erich Kleinschmidt, Schreibpositionen, Asthetikdebatten im Exil zwischen Selbstbehauptung und Verweigerung, in: Internationales Jahrbuch Exilforschung 6, 1988, §. 192/193. 233 sionismus gegeniiber von einer vagen kreter Erdrterungen begleitet wird. h eine weitere Problematik des Heterogenen oder Irrationalen des Expres Freundlichkeit, die von der Vermeidung kon! In der Wahl seiner Gegenstiinde verdeutlicht sic Blochschen Verfahrens. Auer sich selbst, den Autor des Geist der Utopie, nennt Bloch im ersten Aufsatz nur Maler - Mare, Klee, Kandinsky und Chagall. Im zweiten Autsatz wirft er Lukécs zwar die Auswahl der behandelten ‘Autoren vor und benennt wichtige Auslassungen, er selber argumentiert aber wieder fast ausschlieBlich mit dem Expressionismus in der Malerei, wobei hier, wie *0 hiufig, der Blaue Reiter im Vordergrund steht. Dieses Verfahren markiert zweierlei, einerseits den defensiven Charakter der Blochschen Argumentationsstrategie - in der bildenden Kunst haben die Expressionisten ihre unumstrittensten kiinstlerischen Erfolge erzielt -, andererseits erspart es Bloch, die einzelnen Bestandteile der expressionistischen Revolution zu benennen. Dies bedeutet jedoch auch eine Schwéiche der Argumentation, denn er verstiumt es, dem teilweise sehr dezidiert mit literaturwissenschaftlichen Termini operierenden Lukics in diesem Bereich entgegenzutreten. Bloch versiumt damit gleichzeitig die Chance, zumindest Ansiitze einer Poetik des Expressionismus 7u entwickeln. Sympathie eine gewisse Distanz zum Blochs Auslassungen markieren bei allet Expressionismus, zumindest aber die Bereitschaft, dessen Einschiitzung von seiner neuen politischen Heimat, wenn nicht leiten, so doch beeinflussen 20 lassen, Problematisch erscheinen mir deshalb Einschatzungen wie die von Th.W. Adorno oder H.H. Holz, die davon ausgehen, daB Bloch zeitlebens dem Expressionismus verhaftet war, daB dieser allen seinen spateren Schriften zugrunde liegt.'”* Objektiv ist seine . Tht inngrstes gemeinsam Das sagte Th.W. Adorno tiber Ernst Bloch, obne es im einzelnen an bestimmten Textstellen zu begriinden. Dies erscheint so eher als cin Versuch, Bloch die philosophische Seriosittit abzusprechen, denn als das Bemiihen festzustellen, welche expressionistischen Elemente in seinem Denken fortwirken, welche aufgegeben wurden, also das komplexe Verhiiltnis von Kontinuitt und Bruch 20 ergriinden. Mit eben so viel Recht laBt sich Blochs Entwicklung schlieBlich auch Philosophie intendiert und redet doch unveriindert expressionistisch Moment hat sie mit dem literarischen Expressionismus 122 Vel. dazu Th.W. Adomo, Blochs Spuren, Zur neuen erweiteren Ausgabe, 1959, in: ders. Noten zur Literatur II, Frankfurt 1973, 8. 144/145, sowie H.H. Holz, Logos Spermatikos, Blochs Philosophie der entzauberten Welt, Darmstadt 1975. ia! 5 ‘Th.W. Adorno, Blochs Spuren, a.a.0., 8. 145/146. 234 als eine Geschichte der Abkehr vom Geist der Utopie, vom expressionistischen Gedankengut lesen. Es ist weiterhin fraglich, ob das, was gemeinhin als Fortdauer expressionistischer Elemente in Blochs Denken bezeichnet wird, wirklich dem EinfluB dieser Kunstrichtung zuzuschreiben ist, oder ob es sich nicht, wie bei den messianischen oder gnostischen Impulsen, um Gemeinsamkeiten zwischen Bloch und dem Expressionismus handelt, die aber nicht auf den Einflu® dieser Kunstrichtung zu reduzieren sind. Noch im Prinzip Hoffnung erscheint der Expressionismus als Ausdruck eines Geistes, der sich auch im StraBburger Minster, d.h. in der Gotik, im Sturm und Drang sowie in der Romantik auffinden laBt (V, S. 151). Dies ist zwar einerseits eine klassische Denkfigur expressionistischer Kunstbetrachtung, zeigt aber andererseits auch, daB der Expressionismus mit der wachsenden zeitlichen Distanz in Blochs Denken zu einer Ausformung eines sich durch die Geschichte bewegenden aufriihrerischen Geistes wird. Die Suche nach dem unverdinglicht Menschlichen z.B. hebt Bloch immer wieder als Positivum des Jugendstils heraus, dessen subkulturelles lebensreformerisches Politikverstindnis in den Zwanzigern und friihen DreiBigern fiir ihn Vorbildcharakter hatte und dessen Ornamenten er ein Leben lang nachtrauerte. Noch im Prinzip Hoffnung ist eher das Ornamentale als das Expressive, das Utopische und Zukunftstriichtige: Fin heftiger, wenn auch keineswegs schon gesegneter oder gar vom Epigonentum des Epigonentums befreiter Farben-, Formen-, Ornament-Wille geht durch die von der Mechanei befreite Welt. Er erweist, daB das Licht, das die ganze Geschichte hindurch bis zum Einbruch der Maschinenware geschienen hat und alle unsere Museen erfullt, nicht im Bauhaus und ahnlichen Leerjubel erloschen ist. (V, S. 449) In der Expressionismusdebatte gibt Bloch den messianistischen Expressionismus weitgehend preis. Er attestiert ihm Verblasenheit, beteuert allerdings gleichzeitig dessen Gutwilligkeit'™'. Der messianisch-apokalyptische Teil der Kunstbewegung ist bis heute anstéBig geblieben, besonders fiir Interpreten, die das Bild eines gutwilligen, netten Expressionismus zeichnen wollen. Selbst Vietta/Kemper, die in ihrer Gi itdarstellung den Expressionismus als nichtrealistische Mimesis der modernen Welt interpretieren, haben Schwierigkeiten, die messianisch- apokalyptische Strémung in ihrer Darstellung adiquat unterzubringen'”, Mit der Preisgabe von Apokalypse und Messianismus gibt Bloch jedoch auch wesentliche Elemente des Geist der Utopie preis, zumindest vordergriindig, Im 124° Vel, dazu Diskussionen, in: Hasard, a.3.0., 8. 375. 125 Vgi, dazu Vietta/Kemper, a.a.0., 8. 24/25. 235 ersten Expressionismusaufsatz wirken diese Elemente tber den Sprachduktus untergriindig jedoch weiter, so z.B. wenn er schreibt, der Expressionismus habe zwischen Urtraum und Zukunfislicht, zwischen archaischen Schatten ung revolutiondiren Lichter geschwankt, oder wenn er feststellt: der Expressionismus bestand aus purem Subjekt, ... das sich mit seiner Laterna magica in eine scheinbar gegenstandslose Welt projizierte,'°° wenn or beteuert, daB der Expressionismus aus der Nacht zum Licht wollte und sich nicht scheute, lieber aus der Nach der Unterdriickten als aus dem bisher herrschenden Tag das Licht herauszudestllieren'””, so ist hier ein Weiterwirken gnostischer Denkfiguren zu konstatieren, Vollends deutlich wird dies in seinem abschlieBenden Appell, den Expressionismus betreffend: .. Grund genug, sich einer Kunst in Ehren zu erinnern, die der Banause bespuckt, einer Kunst, worin menschliche Sterne - wie unzureichend, wie seltsam immer - ebrannt haben oder brennen wollten .. Die Expressionisten haben frisches Wasser und Feuer gegraben, Quellen und wildes Licht, mindestens Willen zu diesem Licht” Mit diesen Worten dient Bloch den Expressionismus der Volksfront an. Er unternimmt dies in einer Terminologie, die weniger expressionistisch als gnostisch aufgeladen ist. Darauf verweisen nicht nur der Dualismus von Licht und Finsternis, wobei der Expressionismus immer in der Rolle des Lichtes steht, und die Rede von Erleuchteten und Dunkelmiinnern, die den gesamten Aufsatz durchzieht, Vor allem die letztzitierte Passage ist ein deutliches Echo auf den Kern der gnostischen Erlésungshoffnung, der darin besteht, die in die Welt gefallenen Lichtfunken - als Bezeichnung des transzendenten Teils des Menschen - aus der Finsternis zur Welt, zu ihrem Ursprung, d.h. zum Licht zuriickzufiihren!””, Die Lichtfunken heiBen bei Bloch Sterne, sie sind erleuchtet, betreiben die Offenbarung des Menschen, seinen Weg zum Licht." Das gnostische Erbe wird auch in der emphatischen Rede von der Wahrheitsfunktion der Kunst des Expressionismus deutlich, die dazu berufen ist, das menschliche Inkognito zu offenbaren. J. Taubes schreibt tiber die gnostische Offenbarung: 126 Der Expressionismus, in: Hasard, a.a0., S. 275 127 Der Expressionismus, in: Hasard, a.a.0., $. 278, 128 Der Expressionismus, in: Hasard, a.a.0., 8. 280. 9 Vel. Kurt Rudolph, Gnosis, Wesen und Geschichte einer spdtantiken Religion, Géttingen 1977, S. 98, 136-149. 80 Die Rede von den Funken kommt im sonstigen Werk Blochs hitufiger vor, nicht nur im offen knostisch argumentierenden Geist der Utopie, sondern auch im Prinzip Hoffnung (2.B, V, S. 938) 236 Gnosis, der griechische Terminus fiir Erkenntnis, Wissen gewinnt in der spiitantiken Gnosis eine spezifische Firbung: geheimes, offenbartes, heilsnotwendiges Wissen, ein Wissen, das nicht natirlich erworben wird, ein Wissen, das den Erkennenden verwandelt. Dieses Wissen ist eine Erkenntnis des absoluten Anfangs und der Bedingungen dessen, was diesen Anfang in die Verstrickung eingehen lieB: es ist immer die Erzihlung vom Fall der himmlischen Michte, von der Emanation der Aonen und Welten bis hinab cur Sch6pfung ‘dieser’ irdischen Welt, dem Kerker der Seele, des pneuma. Nicht explizit, aber durch den Sprachduktus und die Wortwahl zumindest fiir Bingeweihte eindeutig, nimmt Bloch vor allem im ersten Expressionismusaufsatz einen Vergleich zwischen Gnosis und Expressionismus vor.!"? Verquer wirkt hier messianistisches und expressionistisches Gedankengut als Hieroglyphe nach. ‘Trotz expliziter Aufgabe bestimmter Positionen bleibt der gnostische Impuls des Blochschen Frithwerks iiber den Sprachduktus und die Metaphorik quasi subkutan, unter der Haut des Textes prisent. So wirkt die strukturelle Verwandtschaft nach, die Michael Pauen zwischen Blochschem Friihwerk und Gnosis konstatierte!”* Das Blochsche Verfahren, die gnostische Botschaft nur noch iiber Chiffren zu vermitteln, ist durchaus im Sinn der Tradition dieser Denkrichtung. Gershom Scholem beschreibt das Fortleben gnostischen und apokalyptischen Wissens in der jiidischen Mystik: Es kann kein Zufall sein, da® fast ein Jahrtausend lang sich dieser Charakter des apokalyptischen Wissens auch bei den Erben der alten Apokalyptiker im rabbinischen Judentum erhalten hat ... Je stirker der Realitatsverlust der historischen Welt des Judentums in den Stirmen des Untergangs des zweiten Tempels und der antiken Welt, desto intensiver wird das Bewubtsein vom Chiffre-Charakter und dem Mysterium der messianischen Botschaft, die doch stets gerade auch die Wiederherstellung jener verlorenen Realitit betraf, so wenig sie sich auch in ihr erschapfte." Bloch bedient sich der Chiffren in seinem ersten Expressionismus-Aufsatz in zweierlei Hinsicht: zum einen als Vehikel zum Transport bestimmter Ideen, zum anderen hat fiir ihn auch der Expressionismus Chiffre-Charakter gehabt: 131 Jacob Taubes, Der dogmatische Mythos der Gnosis, Terror und Spiel, a..0., 8. 151 In seiner Dissertation Das Verhilmis der Philosophie Ernst Blochs zur Mystik, Diss, theol Marburg 1973, erwahnt K.-P. Steinacker-Berghduser die Bezichung Blochs zur Gnosis nicht, Sein Thema ist die Beziehung von Blochs Werk zu den Idecn Jakob Bohmes und Meister Eckharts. Gerade der EinfluB des ersteren ist wichtig flr Bloch. Steinacker-Berghduser versiumt es leider, die Gedanken dieser beiden Mystiker auf ihre gnostischen Urspringe zurickzufuhren, 133 Michael Pauen, Apotheose des Subjekts, Gnostizismus in Blochs Geist der Utopie, in: Bloch- Almanach, 12. Folge, 1992 14 Gershom Scholem, Zum Verstindnis der messianischen Idee im Judentum, in: dets., Judaica I, Frankfurt 1963, 8. 19. 237 die dit aspar Hauser-Natur, die &° Ge.° ist im neuen Expressionismus der Mensch eine —— “Abkunft oder a Geeenstinde lediglich als Erinnerungszeichen ihre hissdenaasib tee Schriftzeichen zum Behalten und Aufbewahren ihrer forechte verwendet, a ein ‘poate —_ atz sind ¢ Diese Worte aus dem ersten Expressionismus-Au! a Gegenwart dat Selbstzitat aus dem Geist der Utopie, sie stellen eine Briicke Expressi ‘onismus: Sie sind Blochs emphatisches Bekenntnis nicht nur zum 8 S seine ischen Impulsen sondern auch zu den Snostischen und messianistischen Imp! Friihwerkes, pests la ht ein Wenn hier der Begriff Gnosis verwendet wird, dann ist a gnostisch® Bezug Blochs auf die Spitantike Lehre gemeint. Obwohl Elemente i ctindnis avelt n seinen Frihschriften bewubt verwendete, ist sein nat ee un Zahlreichen haretischen Strémungen des Mittelalters ee nische essianische Elemente geprigt.’* Die christlich mess ei Ben des Mittelalters, die Bloch im Prinzip Hoffnung ), aber ‘ po fir in durch die durch m tt ist fiir Bloch der Bolschewismus (V, 569f,), as 5 n Thom mosis die Rede ist, méchte ich mich der Definition vo! Macho anschlieBen; bei ist Die These von der Wiedergingerei. des Gn pele nicht ga” religionswissenschafilichen Puristen ziemlich unbeliebt. Doch kann cinsehen, was etwa mit der Differenzierung von ‘Gnosis’ und rn scheint Bewonnen werden soll. Natirlich betritt eine wiederkehrende Idee St und erst Uberwundenes Denksystem nicht unter véllig gleichbleibenden Umstind Ka {leh nicht in idemtischer Gestalt - die Bithne der Geschichte, Als ‘wiede um ystand 2 Unspent wetton, was. sich due einen ee den *spriinglichen auszeichnet, ugleich aber der generationsmiichtigen Ge py - und Ublichen Distanzierung indlicl sleistungen gcistiger NachlaBverwaltung, srt elt buchstiblich radikal - enlsagt. Kurzum Gnostizismus ist kein nachtriiglic! a, ion ‘Sympathisantensumpt fin Spatamtike, synkretistische Subreligione ad anders ‘ser Uberschrift verbirgt sich aber sine als die Gnosis selbst - diese Wiedergiingerin hartnickig ungeldster Fragen sioterdijk/mach® Bin ach inten, Figuren gnostiseher Revohe, in: Slotenii Spiitantike bis 2" Ein Lese- und Arbeitsbueh der Gnosis von der Sparantike |. Giitersioh, 1991, $. 487, 238 Blochs Sich ungetone oct Gnosis war ahnlich, 3 queclster Fragen u , auch er sah die Gnosi i tise Zit, dl ci nd Problestelimgen. Um so eh aie ss wn ee i on Joachim nrc ae der Gnosis und des Messianismus bemichtigt hat, oe Dinyclecle in oe vom Dritten Reich, das Wilde, das Mythische a Perserer Wh dte hood epertoire hat. Man hat die Holle wie den Himmel, re Be peat dain logie kampflos der Reaktion iberlassen (IV, S. 52- maak ee Schein hatte wei ‘var nur als revolutiondrer Schein, aber der Erfolg, a lieser Haagectllins me Blochs Meinung nachhaltig auf die Aktwalitét inca ischem Materiali ee iB die die Linke mit kalter Entzauberung und i: Keineswess ees . ariolglon zu verbannen versuchte.!** Dieser Ansatz ee Bien aie eet at In zahlreichen Essays der dreiBiger Jahre, Crlaromantischen — Wo -Ideologeme seziert und sie auf ihre - meist a tice ae tzeln zuriickfuhrt, wird zugleich auch Blochs pi bs ene mystischen Tradition deutlich. Wurde dem Autor von Ga 8 angesichts der ns eine Art Vulgirmystik zu yertreten, so laBt ne ichte einer grop cil-Aufsitze kaum alten." In dem Aufsatz Aus der tai Zewi, dom eens 1g erziihlt Bloch die Geschichte von aie is." In Hexenprozesse geht es um christliche lem Essay von 1939 Zerstorte Sprache - Zerstorte Diese . et Gedank: erschien tankeneang finder scl womtlnenen Aste og aber api 1937 in der Internationalen Literate! ° La Chisis nd erst algeschichte des Driten Reichs, in dem Bloch for ein Bandhis 10-318, istischer Politik pladiert. Vgl. dazu Vom Hasard zur Katastrophe, Im Unt ntersuel den fran tunes the itraum diese Si Exiljahren Pe ‘Arbeit sind Blochs Ausfabrungen Ober die Gnoss fast nur in as bespee ne Anspruch, die aval ‘zu finden, Im Princip Hoffouns bat Bloch einen crm 20 tekosiiren, ale i ie er seine Ausfahrungen stzh sind al89 dort Hamas loch als Sekundarli Sowohl in den Exilaufsitzen als auch i Princip Hoffnung soda t Dognengeschishe eis ‘ie Gnosis: Leisegangs Die Gnosis ¥08 1924 und etk Des Salen eee Ss. se 1468). Im Princip Hoffnung ‘benennt er auBerdem MEK Das iranische Eston as manddische Buch des Herm tng ale Stand ie sigeri 1921 (V, 8. 1468, 1462 iT eae Aa al cf ‘Verfagung stand! le uellenlage Bnost schen fee sehen Steomunge gen, scheint Bloch gut informiert gewese len, Ober di hi mi ist als bei ande ciznigten Erving. Pere isin, jedenfalls findet sie te Texcanmiung bean ne itz vrmate, dt ees, damals wesenlche und Ft Fe amen meme ae arte, Dokumente der Gnosis 19 aercriptoch jedenalls sehr erin ste: Te Berichte the. naresologische® Schrift steller Uber 1 Uber die gnostische Praxis und vor allem uigten Quelle dase iB A ind Augustin 20 bitte satin dr fen Th cai colog ; vasammenhang sind Thologen, die mach Jona de wie oe ers Origenes, Irenaeus, Hippolytos. Tertullian tay dP Geschichte ei ines grofen Verschwendung, in: Haxards 20. 8-9 Hexen enprozesse, 'sse, in: Hasard, a.a0., §. 27ff. 239 Kultur um kabbalistische Sprachtheorie.' In den Messianismus als das Salz der Erde (V, S. 1405), die Gnosis als ein Prinzip Hoffnung (V, S. 1314). Da8 Bloch in der Expressionismusdebatte die gnostische Botschaft in Texten versteckt, die von einem marxistischen Ansatz ausgehen, ist nur ein scheinbarer Widerspruch.'** Die gnostischen Hieroglyphen sind Chiffren des Aufstandes, des Aufstandes gegen die Welt schlechthin, und als solche Chiffre erscheint bei Bloch auch die expressionistische Rebellion gegen die zeitgendssische Gegenwart". So ist es kein Zufall, daB uns gnostische Motive in der Geschichte immer wieder in Bewegungen des mystischen Protests begegnen. Kurt Rudolph, einer der ausgewiesensten zeitgendssischen Kenner der Gnostik, hat diese religionssoziologisch folgendermafen gedeutet: So sind die jiidische Apokalyptik und Esoterik, der orientalische Erlsungsglaube in Gestalt der Mysterien cin Ausdrucksmittel auch eines sozialen Protests gewesen. Die radikalste Stimme in diesem Kreis war ohne Zweifel die Gnosis. Ihre Verwerfung des religiés-moralischen Herkommens und der sichtbaren Herrschafiswelt (einschlieblich der iiberirdischen) ist ein Versuch, die sozialen Probleme der Zeit unter eindeutig religiésen Vorzeichen zu lésen, eben durch Weltiiberwindung tiberhaupt; dies ist ihre ‘Protestation gegen das wirkliche Elend’ (K. Marx). Insofern kann man die Gnosis weiterhin als cine Ideologie des abhiingigen, aber sich ideologisch-religi6s zur Freiheit berufen fidhlenden Kleinbiirgertums auffassen, die gleichzeitig einen notwendigen ‘Ausgleich orientalischer und griechischer Traditionen in einem neuen Geiste zeitigte oder zur Geltung brachte. Angesichts einer Gegenwart, die durch Faschismus und Exil gepriigt war und zu messianischen Hoffnungen wenig AnlaB bot, sollte Bloch in den folgenden Jahren nach Funken vor allem in der Asche des Vergangenen suchen, geht et ihnen z.B. im Prinzip Hoffnung an entlegenen Orten und tiberraschenden Gegenstiinden nach. Dies ist durchaus im Sinn der Tradition, tiber die Scholem schreibt: ‘Auch der Sinn des Kabbalisten entdeckt an jedem Gegenstand unendliche Bezichungen und Verbindungen zu aller Schépfung hin, auch ihm spiegelt alles sich in allem. Aber dariiber hinaus entdeckt er an ihm noch etwas Geheimnisvolles, das in der Rechnung der Bedeutungen und Allegorien nicht aufgeht: einen Schimmer der wirklich 142 Zerstorte Sprache - Zerstorte Kultur, in; Hasard, a.a.0,, 8. 4036 1 y i M3 A, Christen weist nach, da der erste Satz des Prinzip Hoffnung eine Abwandlung aus der valentinischen Gnosis ist, a.a.0., 8. 61 1 4 Val. Der Expressionismus, in: Hasard, 02.0., S. 279 "45 Kurt Rudolph, Gnosis, a.a.0., 8. 313. 240 Transzendenz. Das Symbol 'bedeutet' nichts und teilt nichts mit, sondern liBt etwas sichtbar werden, was jenseits aller Bedeutungen steht." Im Prinzip Hoffnung, wie im noch spiteren Atheismus im Christentum, sind seine Gewihrsleute und seine Briider nicht in Christo, sondern in Marcion (XIV, S, 237-243), die zahlreichen synkretistischen und hiiretischen Bewegungen des Mittelalters, in deren Lehren gnostische und messianische Ideen periodisch wiederauferstanden. Im Prinzip Hoffnung wird der Bolschewismus als Nachfolger der mittelalterlichen Hiretikerbewegungen identifiziert, als Vollender der Lehren des Joachim di Fiore (V, S. 595-598). Es ist aber nicht nur die Themenwahl, die immer wieder die Verbindung von Marxismus und gnostischem Gedankengut herstellt, es ist vor allem immer wieder die Sprache, die Blochs Affinitét ausdriickt. Durch sie stellt Bloch seine Synthesen her, z.B. die zwischen Gnosis, Messianismus und Marxismus. Georg Steiner, der auch Texte von Bloch ins Englische tibertragen hat, bemerkt zu Blochs Sprache: Bloch entleert den Marxismus seiner dkonomischen und politischen Besonderheiten, Er allegorisiert die marxistische Geschichtstheorie 2u einem bestiindigen Szenario der Erlésung, in dem emblematische Motive wie das Auflehnen des Prometheus, die Ifahrt des Odysseus oder die Suche Fausts nach Erkenntnis die gleiche Bedeutung haben wie dic Bewegungen des dialektischen Materialismus. Bloch greift metaphorische und marginale Aspekte des marxistischen Programms auf - das Ende menschlicher Entfremdung, das Absterben des Staates - und riickt sie ins Zentrum. Das gelingt ihm - unter Wahrung eines gewissen MaBes an Kobiirenz - allein mit Hilfe des Stils. Blochs Darstellungs- und Redeweisen sind nicht von den lapidaren, gnomischen und rhapsodischen Mitteln seiner Prosa zu trennen. Vielleicht ist unter allen entschiedenen marxistischen Denkern er allein ein diberlegter Stlist, und seine Biicher gehen gerade so zur Geschichte der Rhetorik wie zu der Geschichte der Philosophie oder der Polemik.”” Steiners Beobachtungen betreffen vorwiegend Blochs Spitwerk. Die Herausbildung dieses besonderen Sprachduktus ist eine Entwicklung, die mit den Expressionismusaufsitzen ihren Anfang nahm. Sie markiert das Auseinandertreten des philosophisch und politisch enger werdenden marxistischen Horizonts und einer - gegentiber den spiiten Zwanzigem und friihen DreiBigern ungewohnt - mythologisch und apokalyptisch aufgeladenen 146 Gershom Scholem, Die jiddische Mystik in ihren Hauptstrémungen, Frankfurt 1967, 8. 30. 14 Georg Steiner, Tréume nach vorwarts, in: B. Schmidt (Hrsg.), Materialien zu Ernst Blochs ‘Princip Hoffnung’, Frankfurt 1978, S. 198f. 241 Sprache'’, welche mit ihrer chiliastischen Kraft immer wieder die expliziten Aussagen der Texte transzendiert. 148 gi. aur Sprache Blochs Jurgen Moltmann, Messianis ge Noes "I! Martin Walser 242 VII. Lumpensammler Blochs Benjaminsche Sicht des Surrealismus In den philosophischen Querbohrungen Benjamins etwa zeigt sich: Montage holt sich das Ihre aus dem Stegreif, der fridher beliebig gewesen ware ...;(Emnst Bloch, 1935) Die Konstellation Gnosis - abstrakte Moderne, d.h. die Wiederkehr der Gnosis in der modernen Kunst, ist nicht nur von Bloch, sondern nach ihm auch anderweitig, mit ganz anderen Konsequenzen thematisiert worden. Jacob Taubes sieht einen Zusammenhang zwischen Gnosis und Surrealismus', eine Parallele, die Breton 1953 in der letzten Programmschrift des Surrealismus selbst andeutete’, Der Nihilismus, die negative Weltsicht und die manichiiische Teilung zwischen Mensch und Welt sind fiir Taubes Surrealismus und Gnosis gemeinsam. Beide erscheinen ihm als akosmische Revolten: Die nihilistische Weltlosigkeit ‘wiederholt' in der Moderne die nihilistische Weltlosigkeit der spéitantiken Gnosis. ‘An anderem Orte, in der Einleitung zu Gnosis und Politik, begreift ‘Taubes die Hinwendung zu gnostischen Ideen als Reaktion auf eine Krise des Messianismus und auf enttduschte Heils- bzw. Apokalypseerwartungen, die sich auf die Formel bringen lassen:' When prophecy fails, apocalypticism, when 1 Jacob Taubes, Noten zum Surrealismus, in: W. Ise, (Hrsg). Immanerie Asthetik, Asthetische Heftexin, Lyrik als Paradigma der Moderne, (Pocik und Hermeneuik 1D, Minchen 1966, S. 141 2 André Breton, Was der Sursealismus will, in: ders. Manifeste des Surrealismus, Reinbek 1977, 8, 132. ‘Taubes, Noten zum Susrealismus, a2.0., 8. 141 Norbert Bolz, Der Geist des Kapitalismus und der Utopie, in: M. Lowy, A. Tian (Hrsg), Verdinglichung und Utopie, Ernst Bloch und Georg Lukdcs zum sionalen Kolloguiums in Paris Marz. 1985, Frankfurt 1987. 4 Vel. dazu auch Munster, N. Tertul 100. Geburtstag, Beitriige des internal 243