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Der Monat 02/1948

SIEGFRIED KRACAUER

DAS KABINETT DES


DR. CALIGARI
Am Anfang der großen Filmerfolge Deutschlands stand die
unheimliche Historie von dem dämonischen Schaubuden-
besitzer. Sie bildet das Kernstück einer psychologischen
Darstellung des deutschen Films „Von Caligari bis Hitler“

D er Tscheche Hans Janowitz, einer der beiden


Schöpfer des Films Das Kabinett des Dr.
Caligari, war in Prag aufgewachsen, jener Stadt,
brachten die Lokalzeitungen große Schlagzeilen:
„Schauerliches Sexualverbrechen am Holstenwall !
Die junge Gertrud ... ermordet!“ Im dunklen Ge-
in der Wirklichkeit und Traum verschmelzen und fühl, daß Gertrud das Mädchen vom Jahrmarkt
Träume voll von Schrecken sind.1 An einem sei, wohnte Janowitz der Beerdigung des Opfers
Oktoberabend des Jahres 1913 schlenderte dieser bei. Während der Feierlichkeit war es ihm mit
junge Dichter durch einen Jahrmarkt in Ham- einem Male, als ob er den Mörder sähe, der bis-
burg, auf der Suche nach einem Mädchen, das her noch nicht festgenommen worden war. Der
ihn durch seine Schönheit und netten Manieren Mann, den er verdächtigte, schien ihn seinerseits
angezogen hatte. Die Jahrmarktszelte zogen sich auch zu erkennen. Es war der Bürger — jener
längs der Reeperbahn hin, einer der bekanntesten Schatten aus dem Gebüsch.
Vergnügungsstätten der Welt, wie jeder Matrose
Carl Mayer, der mit Janowitz zusammen das
weiß. Nahebei, am Holstenwall, wachte Lederers
Manuskript zum Caligari schrieb, stammte aus
gigantisches Bismarckdenkmal über den Schiffen
der österreichischen Provinzhauptstadt Graz, wo
im Hafen. Der schwachen Fährte eines Lachens
folgend, das von dem Mädchen herrühren mochte, sein Vater, ein vermögender Kaufmann, weiter
geriet Janowitz in einen dämmrigen Park, der gute Geschäfte gemacht hätte, wäre er nicht vom
an den Holstenwall grenzte. Das Lachen, das Wahn besessen gewesen, sein Glück im Spiel mit
offenbar dazu diente, einen jungen Mann anzu- wissenschaftlichen Methoden zu versuchen. Im
locken, verlor sich irgendwo im Gebüsch. Als besten Mannesalter verkaufte er seine Habe,
kurz danach dieser junge Mann wegging, tauchte ging, mit einem unfehlbaren „System“ aus-
plötzlich ein anderer Schatten auf, der bis dahin gerüstet, nach Monte Carlo und erschien, völlig
hinter den Büschen versteckt gewesen war, und ruiniert, einige Monate später wieder in Graz.
bewegte sich in der Richtung jenes Mädchen- Unter dem Einfluß dieser Katastrophe setzte der
lachens. Janowitz warf im Vorbeigehen einen hoffnungslos verrannte Vater den sechzehnjäh-
flüchtigen Blick auf den unheimlichen Schatten; rigen Carl und seine drei jüngeren Brüder kurzer-
dieser sah wie irgendein Durchschnittsbürger aus. hand auf die Straße und beging schließlich
Dunkelheit verschlang den Mann und machte Selbstmord. Carl Mayer, selber noch ein Junge,
weitere Verfolgung unmöglich. Am nächsten Tag hatte die Verantwortung für die drei Kinder. Auf
1 Der folgende Vorfall und noch andere auf diesen Seiten seinen Wanderungen durch Österreich hielt er
erwähnte Tatsachen entstammen einem interessanten Manu- Barometer feil, sang in Chören mit und betätigte
skript, das Herr Janowitz über die Entstehung des Caligari-
Films geschrieben hat. Ich fühle mich ihm zu großem Dank sich als Statist in Bauerntheatern. Die Bühne zog
verpflichtet, daß er mir sein Material zur Verfügung gestellt ihn mehr und mehr an. Und er sammelte wäh-
hat. So bin ich in der Lage, meine Deutung auf die wirkliche,
bisher unbekannte Entstehungsgeschichte des Films zu rend dieses Nomadenlebens praktische Erfah-
stützen. rungen im Theaterbetrieb, die für seine künf-
Das Kabinett des Dr. Caligari 79

tige Laufbahn als Filmdichter von unendlichem beider Anteil dahin, daß er sich selber den
Nutzen sein sollten. Zu Kriegsbeginn brachte „Vater“ nannte, der den Samen säte, und Mayer
sich der junge Mann damit durch, daß er in die „Mutter“, die ihn empfing und austrug. Zu-
Münchener Cafés Hindenburg auf Postkarten letzt tauchte eine kleine Schwierigkeit auf: die
skizzierte. Später, im Kriege, wurde er, laut Jano- Autoren wußten nicht recht, wie sie ihre Haupt-
witz, wiederholt auf seinen Geisteszustand hin figur nennen sollten, einen Psychiater, zu dem
untersucht. Mayer scheint einen tiefen Groll gegen Mayers Erzfeind im Kriege Modell gestanden
den hochgestellten Armeepsychiater genährt zu hatte. Das Buch Unbekannte Brief
Briefe von Stendhal,
haben, der mit seinem Fall betraut war. das Janowitz aufgetrieben hatte, brachte die
Der Krieg war zu Ende. Janowitz, der ihn von Lösung. Beim Durchblättern dieser Rarität fiel
Anfang an als Offizier in einem Infanterie- ihm auf, daß Stendhal, kaum vom Schlachtfeld
regiment mitgemacht hatte, kehrte als überzeugter zurückgekehrt, in der Mailänder Scala einem
Pazifist zurück, beseelt von Haß gegen jene Offizier namens Caligari begegnet war. Der Name
Autoritäten, die Millionen Männer in den Tod übte auf beide Autoren eine zündende Wir-
geschickt hatten. Er fühlte, daß absolute Autorität kung aus.
als solche schlecht sei. Er ließ sich in Berlin nieder, Die Originalhandlung spielt in einem erdich-
traf dort Carl Mayer und merkte bald, daß dieser teten nordwestdeutschen Städtchen nahe der
exzentrische junge Mensch, der noch nie eine holländischen Grenze, das bezeichnenderweise
Zeile geschrieben hatte, seine eigenen revolu- Holstenwall heißt. Eines Tages zieht dort ein
tionären Stimmungen und Ansichten teilte. Warum Jahrmarkt ein, mit Karussells und allerhand
sie nicht auf der Leinwand ausdrücken? Be- Attraktionen — darunter der des Dr. Caligari,
rauscht von Wegeners Filmen, hielt Janowitz eines unheimlichen, bebrillten Mannes, der den
dafür, daß dieses neue Darstellungsmittel sich Schlafwandler Cesare zur Schau stellt. Zur Be-
für mächtige poetische Offenbarungen eigne. Nach schaffung seiner Lizenz begibt sich Caligari zum
Art der Jugend ergingen sich die beiden Freunde Rathaus, wo ihn ein anmaßender Beamter von
in endlosen Diskussionen, die sowohl Jano- oben herab behandelt. Am nächsten Morgen wird
witzens Holstenwall-Abenteuer wie Mayers in- dieser Beamte ermordet in seiner Wohnung auf-
tellektuelles Duell mit dem Psychiater berührten. gefunden, was jedoch die Stadtbewohner nicht
Diese Geschichten schienen sich gegenseitig zu vom Besuch des Jahrmarkts abschreckt. Unter
fördern und zu ergänzen. Im Anschluß an solche der Menge, die ins Zelt des Dr. Caligari strömt
Gespräche pflegten dann die beiden durch die und dort Cesare langsam aus einer aufrecht-
Nacht zu wandern, von einem glitzernden und stehenden, sargartigen Kiste hervortreten sieht,
lärmenden Rummelplatz an der Kantstraße befinden sich auch Francis und Alan, zwei in Jane,
unwiderstehlich angelockt. Es war ein heller eine Arzttochter, verliebte Studenten. Caligari
Dschungel, Hölle eher als Paradies, und doch ein erzählt dem schaudernden Publikum, daß der
Paradies für alle jene, die für die Schrecken des Schlafwandler Fragen nach der Zukunft beant-
Krieges den Terror der Not eingetauscht hatten. worten werde. Alan, stark erregt, will wissen,
Eines Abends schleppte Mayer den Freund zu wie lange er noch zu leben habe. Cesare öffnet
der Jahrmarktsnummer „Mensch und Maschine“, die Lippen; es ist, als werde er von gewaltigen
die ihn beeindruckt hatte: ein Athlet vollbrachte hypnotischen Kräften gelenkt, die von seinem
unglaubliche Kraftleistungen in einem Zustand Herrn und Meister ausstrahlen. „Bis zum Mor-
anscheinender Betäubung. Es war, als sei er gengrauen“, antwortet er. Bei Tagesanbruch muß
hypnotisiert. Besonders merkwürdig war, daß er Francis erfahren, daß Alan genau in derselben
seine Vorführungen mit Äußerungen begleitete, Weise wie jener Beamte erdolcht worden ist. Der
die den gebannten Zuschauern wie gewichtige Student, der Caligari in Verdacht hat, überredet
Vorahnungen erschienen. Janes Vater, ihm bei seinen Nachforschungen

J
behilflich zu sein. Mit einem Haussuchungsbefehl
eder schöpferische Prozeß erreicht einen Punkt, versehen, dringen die beiden in den Wohnwagen
von dem an es nur noch einer zusätzlichen Er- des Schaustellers ein und fordern ihn auf, sein
fahrung bedarf, um die Elemente zum Ganzen zu Medium aus der Trance zu wecken. Doch im
kristallisieren. Die geheimnisvolle Figur des Jahr- selben Augenblick werden sie zur Polizeiwache
marktathleten war eine solche Erfahrung. Noch geholt, um dort dem Verhör eines Verbrechers
in derselben Nadit kam den beiden Freunden die beizuwohnen, der gefaßt wurde, als er im Begriff
Idee zum Caligari. Sie schrieben das Manuskript stand, eine Frau zu töten, und nun leidenschaftlich
in den nächsten sechs Wochen. Janowitz bestimmt ableugnet, der gesuchte Massenmörder zu sein.
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Francis spürt Caligari weiter nach. Kaum ist es Diese Schauergeschichte im Geiste E.T.A. Hoff-
Nacht geworden, so späht er verstohlen durch manns war ausgesprochen revolutionär. Jano-
ein Fenster des Wohnwagens. Er glaubt, Cesare witz bemerkt rückblickend, daß er und Carl
in der Kiste liegen zu sehen; aber in Wirklich- Mayer darin die Allmacht einer Staatsautorität
keit bricht Cesare zur selben Zeit in Janes Schlaf- brandmarken wollten, die sich in der Einführung
zimmer ein, zückt den Dolch, um das schlum- der allgemeinen Wehrpflicht und in Kriegserklä-
mernde Mädchen zu durchbohren, starrt es an, rungen kundgab. Die deutsche Regierung im
wirft den Dolch weg und flieht, mit der schreienden Kriege erschien den beiden Autoren als das
Jane im Arm, über Dächer und Straßen. Vom Urbild einer solchen gefräßigen Autorität. Als
Vater verfolgt, läßt er Jane irgendwo zurück; sie Untertanen der österreichisch-ungarischen Mon-
wird nach Hause gebracht, während er selber archie konnten sie besser als die meisten Reichs-
vor Erschöpfung stirbt. Da Jane, in schlagendem deutschen die verhängnisvollen Tendenzen durch-
Widerspruch zu dem, was Francis für die Wahr- schauen, die dem deutschen System innewohnten.
heit hält, darauf besteht, in ihrem Entführer Im Charakter Caligaris sind diese Tendenzen zu
Cesare erkannt zu haben, sucht Francis ein Ende geführt; er versinnbildlicht unbegrenzte
zweites Mal Caligari auf, um dieses quälende Autoritätssucht, die die Macht als solche vergöt-
Rätsel zu lösen. Die zwei Polizisten in seiner tert und in ihrem Herrschtrieb alle menschlichen
Begleitung beschlagnahmen die sargartige Kiste, Rechte und Werte unbarmherzig mit Füßen tritt.
und Francis zieht aus ihr — eine Wachsfigur, Cesare, ein bloßes Instrument, ist nicht so sehr
die den Schlafwandler darstellt. In einem un- der schuldige Mörder als Caligaris unschuldiges
Opfer. So jedenfalls faßten die beiden Autoren
bewachten Augenblick gelingt es Caligari, zu ent-
selber ihn auf. Dem pazifistisch gesinnten Jano-
kommen. Er sucht Zuflucht in einer Irrenanstalt.
witz zufolge hatten sie Cesare in der undeut-
Der Student, der ihm auf den Fersen folgt, geht
lichen Absicht geschaffen, den Mann aus dem
zum Anstaltsdirektor, um Erkundigungen über
Volk darzustellen, der unter dem Druck der all-
den Flüchtigen einzuziehen, und prallt erschreckt
gemeinen Wehrpflicht gedrillt wird, zu töten und
zurück: der Direktor und Caligari sind ein und
selber getötet zu werden. Der revolutionäre Sinn
dieselbe Person.
der Handlung tritt am Ende unverkennbar zu-
In der folgenden Nacht — der Direktor ist in
tage, wenn der Psychiater als Caligari entlarvt
Schlaf gesunken — durchsuchen Francis und drei
wird; Vernunft überwältigt unvernünftige Ge-
Anstaltsärzte, die er in den Fall eingeweiht hat,
walt, wahnwitzige Autorität wird symbolisch zur
dessen Dienstzimmer und entdecken dort Ma-
Abdankung gezwungen. Ähnliche Ideen wurden
terial, das diese Autorität auf dem Gebiet der
auch auf der zeitgenössischen Bühne gestaltet;
Psychiatrie schwer belastet. In einem Haufen von
aber die Schöpfer des Caligari übertrugen sie
Büchern finden sie einen alten Band über einen auf die Leinwand, ohne irgendeine jener Hymnen
Schausteller namens Caligari, der im achtzehnten auf den nicht länger autoritätsgläubigen „neuen
Jahrhundert Oberitalien bereiste, sein Medium Menschen,“ anzustimmen, in denen sich viele
Cesare auf hypnotischem Wege zu einer Reihe expressionistische Stücke gefielen.

E
von Morden zwang und die Polizei durch eine
nach Cesare modellierte Wachspuppe über dessen in Wunder geschah; Erich Pommer, der lei-
häufige Abwesenheiten hinwegtäuschte. Beson- tende Mann der Decla-Bioscop, erwarb dieses
ders beweiskräftig sind die klinischen Aufzeich- ungewöhnliche, wo nicht umstürzlerische Manu-
nungen des Direktors; sie zeigen, daß er die skript. War es ein Wunder? Da in jenen frühen
Angaben über die hypnotischen Fähigkeiten Nachkriegstagen die Überzeugung vorherrschte,
Caligaris selber nachzuprüfen wünschte, daß sein daß auswärtige Märkte durch künstlerische Lei-
Wunsch zu einer fixen Idee gedieh und daß er, stungen erobert werden könnten, war die
als schließlich ein Schlafwandler seiner Obhut deutsche Filmindustrie natürlich darauf aus, sich
anvertraut wurde, nicht der Versuchung wider- in hochwertigen Unterhaltungsfilmen zu ver-
stehen konnte, jene schrecklichen Spiele zu wieder- suchen, Kunst gewährleistete Export, und Export
holen. Er verwandelte sich in Caligari. Um ihm bedeutete die Rettung. Pommer war nicht nur ein
ein Geständnis abzupressen, konfrontiert Francis eifriger Anhänger dieser Doktrin, sondern besaß
den Direktor mit der Leiche seines Werkzeugs, überdies eine unvergleichliche Witterung für
des Schlafwandlers. Als das Ungeheuer merkt, filmische Qualität und Publikumsgeschmack.
daß Cesare tot ist, beginnt er zu toben. Die Gleichviel ob er die Bedeutung des Manuskripts
Wärter stecken ihn in eine Zwangsjacke. erfaßte, das Mayer und Janowitz ihm anboten, er
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fühlte sicherlich darin das Zeitkolorit und fes- Labyrinth seiner Wahngebilde verloren, ver-
selnde szenische Möglichkeiten. Ein geborener wechselt Francis den Direktor mit dem Unhold,
Anreger und Förderer, behandelte er filmische den er selber geschaffen hat, und klagt ihn an, ein
und kaufmännische Angelegenheiten mit dem- gefährlicher Irrer zu sein. Er brüllt, er setzt sich
selben Geschick; und vor allem wußte er aus Re- verzweifelt gegen die Wärter zur Wehr. Die fol-
gisseuren und Schauspielern schöpferische Ener- gende Szene zeigt den Direktor in einem Kran-
gien herauszulocken. Im Jahre 1923 sollte ihn kenzimmer, mit einer Hornbrille, die sein Aus-
die Ufa zum Leiter ihrer gesamten Produktion er- sehen sofort verändert; es scheint der leibhaftige
nennen. Die Tätigkeit, die er hinter den Kulissen Caligari zu sein, der den erschöpften Francis
ausübte, drückte dem deutschen Film in der Zeit untersucht. Zuletzt nimmt der Direktor die
vor Hitler ihren Stempel auf. Brille ab; und wieder ganz Sanftmut, erzählt
Pommer übertrug Fritz Lang die Regie des er seinen Assistenzärzten, daß Francis ihn für
Caligari; aber mitten in den Vorbesprechungen Caligari halte. Nun, da er den Fall des Patienten
wurde Lang zur Fertigstellung seiner Filmserie verstehe, schließt der Direktor, werde er ihn
Die Spinnen beordert, auf deren Vollendung die auch heilen können. Mit dieser tröstlichen Zu-
Verleihfirma bestand. Langs Nachfolger war Dr. sicherung werden die Zuschauer entlassen.
Robert Wiene. Da dessen Vater, ein einst be- Janowitz und Mayer wußten sehr wohl, warum
rühmter Dresdener Schauspieler, gegen Ende sie die Rahmengeschichte so erbittert bekämpften:
seines Lebens leicht geistesgestört gewesen war, sie entstellte ihre eigentlichen Absichten oder
stand Wiene dem Fall des Dr. Caligari nicht ganz verkehrte sie gar ins Gegenteil. Während die
fremd gegenüber. In völliger Übereinstimmung
Originalhandlung den der Autoritätssucht inne-
mit Langs Ideen schlug er eine wesentliche Ände-
wohnenden Wahnsinn aufdeckte, verherrlichte
rung der Originalhandlung vor — eine Änderung,
Wienes Caligari die Autorität als solche und be-
gegen die beide Autoren heftig protestierten.
zichtigte ihren Widersacher des Wahnsinns. Ein
Aber niemand beachtete sie.
revolutionärer Film wurde so in einen konfor-

D
mistischcn Film umgewandelt; es war, als ob man
ie Originalhandlung war ein Bericht über
sich ein Beispiel an der häufig geübten Praxis
wirkliche Greueltaten; Wienes Bearbeitung
nähme, einen normalen, aber unbequemen Mit-
verwandelte den Bericht in eine vom nunmehr
bürger für geistesgestört zu erklären und in eine
geistesgestörten Francis ersonnene und erzählte
Anstalt zu überführen. Der Grund für diese Um-
Phantasie. Um diese Verwandlung zu bewerk-
wandlung lag zweifellos nicht so sehr in Wienes
stelligen, wurde die Originalhandlung in eine
persönlichem Geschmack als in seiner instinktiven
Rahmengeschichte eingebaut, in der Francis als
Unterwerfung unter den Kanon der Filmproduk-
Irrer auftritt. Der Film Caligari beginnt mit der
tion; Filme, zumindest kommerziell verwertbare
ersten der beiden Episoden, aus denen die Rah-
mengeschichte besteht. Francis sitzt auf einer Filme, müssen den Wünschen des Publikums zu
Bank im Park der Irrenanstalt, dem konfusen Ge- entsprechen trachten. In seiner veränderten Form
schwätz eines Leidensgefährten lauschend. Lang- war der Caligari nicht mehr nur ein Werk, das
sam, wie eine Geistererscheinung, wandelt ein gewissen, unter den Intellektuellen verbreiteten
weiblicher Anstaltsinsasse vorbei: Jane. Francis Stimmungen entgegenkam, sondern ein Film, von
sagt zu seinem Gefährten; „Das ist meine Braut. dem man annehmen durfte, daß er die Gefühle
Was ich mit ihr erlebt habe, ist noch viel selt- und Bedürfnisse breiterer Schichten befriedigen
samer als das, was Sie erlebt haben. Ich will es werde.
Ihnen erzählen.“ Das Bild blendet ab. Dann Wenn es zutrifft, daß in der Nachkriegszeit
blendet eine Ansicht von Holstenwall auf, und die meisten Deutschen danach drängten, sich von
die Originalhandlung, die mit der Identifizierung der harten Außenwelt ins Reich der Seele zurück-
des Anstaltsdirektors endigt, rollt ab. Nach einer zuziehen, dann war Wienes Fassung sicherlich
neuen Abblendung setzt die zweite und letzte mehr im Einklang mit einer solchen Haltung als
Rahmenepisode ein. Francis, zu Ende mit seiner die Originalhandlung; denn dadurch, daß diese
Erzählung, kehrt mit seinem Gefährten zum An- Fassung das Original sozusagen einkapselte,
staltsgebäude zurück und mischt sich dort unter spiegelte sie den allgemeinen Rückzug in die von
andere traurige Gestalten — darunter Cesare, der einer Schutzhülle umgebene Innenwelt getreu-
geistesabwesend ein Blümchen streichelt. Der An- lich wider. In Caligari und verschiedenen an-
staltsdirektor, ein sanftmütig und verständnis- deren Filmen der Zeit diente der Kunstgriff der
voll aussehender Mann, gesellt sich dazu. Im Rahmenerzählung nicht nur ästhetischen Zwecken,
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sondern symbolisierte einen bestimmten Gehalt. durch den Zusammenbruch ihrer Welt verstört
Bezeichnenderweise vermied es Wiene, die Ori- waren, in seinen Bann gezogen haben.2
ginalgeschichte selber zu verstümmeln. Obwohl „Das Filmbild muß Graphik werden“, dies war
Caligari ein konformistischer Film geworden war, Hermann Warms Leitspruch zur Zeit, als er und
wurde die revolutionäre Handlung darin bei- seine beiden Mitarbeiter die Caligari-Welt erschu-
behalten und sogar belastet — als eine Irren- fen. Dem entsprachen die Dekorationen mit ihrem
phantasie. Caligaris Niederlage war jetzt ein Reichtum an gezackten, spitz zulaufenden Gebil-
psychologischer Tatbestand. Auf diese Weise gibt den, die wie gotische Muster wirkten. Erzeug-
Wiene zu verstehen, daß die Deutschen sich wäh- nisse eines Stils, der schon fast zur Manier ge-
rend ihres Rückzugs in sich selber dazu bewegt worden war, erweckten sie irgendwie den Eindruck
fühlten, ihre traditionelle Autoritätsgläubigkeit von Häusern, Mauern und Landschaften. Von ein
in Frage zu stellen. Sie enthielten sich, bis paar Entgleisungen und Zugeständnissen abge-
herunter zur Masse der sozialdemokratischen sehen — einige Hintergründe brüskierten unsere
Arbeiter, revolutionärer Tätigkeit; aber zur selben Sehgewohnheiten zu direkt, während andere sich
Zeit scheint sich doch eine Art psychologischer ihnen zu nachgiebig anschmiegten — liefen die
Revolution in den Tiefen der Kollektivseele Szenerien auf eine vollkommene Verwandlung
angebahnt zu haben. Der Film spiegelt diese materieller Dinge in emotionale Ornamente hin-
Doppelseitigkeit deutschen Lebens dadurch wider, aus. Mit seinen schiefen Schornsteinen und durch-
daß er die Wirklichkeit, in der Caligaris Autorität einandergewürfelten Dächern, seinen Fenstern in
triumphiert, mit einer Halluzination verkoppelt, der Form von Pfeilen und Drachen und seinen
in der diese angemaßte Autorität vernichtet wird. baumartigen Arabesken, die nicht so sehr Bäume
Es hatte sich schwerlich eine bessere Anordnung als Drohungen waren, glich Holstenwall jenen
von Symbolen für jenen Aufruhr gegen die Städte-Visionen, die der Maler Lyonel Feininger
angestammten autoritären Bedürfnisse treffen durch seine kantigen, kristallinischen Kompositio-
lassen, der sich anscheinend damals unter der nen heraufbeschworen harte.3 Dieses System von
Hülle eines Benehmens vollzog, das gewiß nicht Ornamenten dehnte sich überdies in den Raum
aufrührerisch war. hinein. War es noch der normale Raum? Gemalte
Schatten, die nicht mit den zu erwartenden Licht-

J anowitz brachte für die Ausstattung des Cali-


gari den Maler und Illustrator Alfred Kubin
in Vorschlag, der, ein Vorläufer der Surrealisten,
effekten übereinstimmten, und Zickzacklinien, die
allen Gesetzen der Perspektive zuwiderliefen,
hoben seine Struktur radikal auf. Hier schrumpfte
harmlose Landschaften mit Spukgestalten be- der Raum zur flachen Ebene zusammen, dort ver-
völkerte und aus dem Unbewußten Visionen vielfältigte er seine Dimensionen, um, wie ein
von Martern heraufzwang. Wiene war für die Beobachter formulierte, in ein „stereoskopisches
Idee bemalter Leinwände eingenommen, zog aber Universum“ auszuarten.
Kubin drei expressionistische Künstler vor: Her- Schrift wurde als ein wesentliches Element des
mann Warm, Walter Reimann und Walter Röhrig. szenischen Bildes eingeführt — ein legitimes Ver-
Die drei hingen mit der Berliner Sturm-Gruppe fahren angesichts der engen Beziehung zwischen
zusammen, deren Organ, Herwarth Waldens Zeit- Schrift und Graphik, An einer Stelle drückt sich
schrift Sturm, Expressionismus auf allen Kunst- das Verlangen des irren Psychiaters, Caligari nach-
gebieten zu fördern suchte. zuahmen, in zittrigen Buchstaben aus, die sich zu
Obwohl expressionistische Malerei und Literatur den Worten: „Ich muß Caligari werden“ zusam-
schon Jahre vor dem Krieg existierten, fanden sie 2 Unmittelbar nach dem Krieg inszenierte Karl Heinz Martin

doch erst nach 1918 ein Publikum. In dieser Be- In Berlin zwei kleine Stücke von Ernst Toller und Walter
Hasenclever in expressionistischem Stil.
ziehung glich die Situation in Deutschland an- 3 Feininger schrieb mir über seine Beziehungen zu Caligari

nähernd der in Sowjet-Rußland, wo während der am 13. September 1944: „Dank für Ihren ... Brief vom
kurzen Periode des Kriegskommunismus die ver- 8. September. Aber wenn es etwas gibt, woran ich damals
keinen Anteil hatte oder wovon ich nicht das geringste wußte,
schiedensten Richtungen abstrakter Kunst sich so ist es der Film Caligari. Ich habe den Film nie ge-
großer Beliebtheit erfreut hatten. Einem revolu- sehen ... Weder traf noch kannte ich die von Ihnen ge-
tionierten Volk mußte es so scheinen, als ver- nannten Künstler, von denen die Dekorationen stammen. Um
die Zeit von 1911 machte ich zu meiner eigenen Erbauung
binde der Expressionismus mit der Absage an eine Reihe von Zeichnungen, die ich Die Stadt am Ende der
bürgerliche Traditionen den Glauben an die im Welt betitelte. Einige dieser Zeichnungen wurden reprodu-
Menschen gelegenen Kräfte, Gesellschaft und ziert, andere ausgestellt. Später, nach dem .Erscheinen des
Caligari, fragten mich viele, ob ich bei den szenischen Ent-
Natur nach freiem Ermessen zu gestalten. Solcher würfen die Hand im Spiel gehabt hätte. Dies ist alles, was
Eigenschaften wegen mag er viele Deutsche, die ich Ihnen erzählen kann ...“
Das Kabinett des Dr. Caligari 83

mensetzten — Worte, die ihm auf den Land- Caligari-Stil war gleich weit davon entfernt, Irr-
straßen, in den Wolken und in Baumgipfeln vor sinn zu schildern und revolutionäre Botschaften
den Augen schimmern. zu übermitteln. Was war seine eigentliche Funk-
tion?

E s war ungemein schwierig, menschliche Wesen


und ihre Gesten ins Gewebe einer solchen
Umwelt einzubeziehen. Von allen Schauspielern
In der Nachkriegszeit wurde Expressionismus
vielfach als eine Gestaltung ursprünglicher Emp-
findungen und Erfahrungen aufgefaßt. Gerhart
scheinen eigentlich nur die zwei Hauptdarsteller der Hauptmanns Bruder Carl — ein beachtenswerter
Phantasie eines Graphikers zu entspringen. Wer- Schriftsteller und Dichter, der zum Expressionis-
ner Krauß als Caligari glich einem gespenstischen mus neigte — teilte diese Auffassung und fragte,
Zauberkünstler, der selber die Linien und Schatten sich dann, wie wohl die. spontanen Offenbarungen
wob, durch die er schritt. Und wenn Conrad Veidts einer in den Tiefen erregten Seele am besten ver-
Cesare an einer Mauer entlangstreifte, so war es anschaulicht werden könnten. Während die mo-
nicht anders, als habe die Mauer ihn ausgedünstet. derne Sprache, so sagte er, zu abgenutzt ist, um
Die Figur eines alten Zwerges und die historisch solchen Zwecken zu dienen, bietet der Film —
anmutenden Kostüme der Menge trugen dazu bei, oder das Bioskop, wie er ihn nannte — eine ein-
die Unwirklichkeit der Jahrmarktsbesucher zu stei- zigartige Gelegenheit, die Gärung inneren Lebens
gern und sie auf diese Weise am seltsamen Eigen- sichtbar zu machen. „Man muß sicher lernen, die
leben der abstrakten Gebilde teilnehmen zu bioskopischen Photogramme von dem zufällig
lassen. Photographischen, von allen zufälligen Realien
zu befreien. Man muß sicher lernen, sie als Roh-
Hätte die Decla sich dazu verstanden, die Origi-
elemente zu behandeln, um so die gestischen Ele-
nalhandlung von Mayer und Janowitz unver-
mente aller Dinge rein daraus darzustellen.
ändert zu übernehmen, so würden diese graphi-
Carl Hauptmanns Formulierungen klären über
schen Szenerien sie vollkommen ausgedrückt haben.
den Sinn des Caligari-Stils auf. Er hatte die Funk-
Als expressionistische Abstraktionen waren sie von
tion, die Phänomene auf der Leinwand als Phä-
demselben revolutionären Geiste erfüllt, der die
nomene der Seele zu charakterisieren, eine Funk-
beiden Autoren dazu getrieben hatte, die Autorität
tion, die den revolutionären Gehalt dieser Phä-
— jene in Deutschland heimische Art der Autori-
nomene im Schatten ließ. Dadurch aber, daß die
tät — unmenschlicher Ausschreitungen anzukla-
expressionistische Inszenierung des Films seelische
gen. Wienes Fassung jedoch verleugnete diesen
Ereignisse nach außen projizierte, symbolisierte
revolutionären Gehalt expressionistischer Insze-
sie — schlagender noch als der Kunstgriff der
nierung oder setzte ihn zumindest, gleich der Ori-
Rahmengeschichte — jenen allgemeinen Rückzug
ginalhandlung selber, in Klammern. In Caligari
in die Innenwelt, der in Deutschland nach dem
scheint Expressionismus nichts anderes zu sein als Kriege erfolgte. Es ist kein Zufall, daß, solange
die angemessene Übersetzung einer Irrenphantasie dieser Kollektivprozeß vonstatten ging, manch ein
in eine Folge von Bildern. So verstanden und hervorragender Film durch Gebärden und Sze-
genossen denn auch viele zeitgenössische deutsche nerien in expressionistischem Stil (oder einem
Kritiker die Szenerien und Gebärden, Einer von damit verwandten Stil) gekennzeichnet war. Der
ihnen schrieb mit selbstsicherer Ahnungslosigkeit: Film Varieté aus dem Jahre 1925 zeigte letzte
„Die Idee, die Vorstellung in den kranken Ge- Spuren davon. Diese Gebärden und Szenerien
hirnen ... in expressionistischen Bildern auszu- erstarrten zu einer Bildsprache, die annähernd
drücken, ist ebenso glücklich gewählt wie gelöst. dieselben Funktionen wie irgendeines der üblichen
Hier hat dieser Stil eine Berechtigung, ergibt er Straßenschilder erfüllte — „Achtung ! Straßen-
sich von selbst mit restloser Logik.“ arbeiten !“ zum Beispiel. Nur war hier die Auf-
In ihrem Triumph übersahen die Banausen eine schrift eine andere. Das Schild besagte: „Achtung !
bedeutungsvolle Tatsache: obwohl der Film Irr- Seelische Ereignisse !“
sinn mit Hilfe schiefer Schornsteine anprangerte, Nach einem gründlichen Propagandafeldzug,
versinnbildlichte er doch niemals den normalen der in dem rätselhaften Plakat Du mußt Caligari
Zustand durch senkrechte Schornsteine. Expres- werden! gipfelte, lief der Film im Februar 1920
sionistische Ornamente überwuchern auch die im Berliner Marmorhaus an. Unter den Presse-
Schlußepisode, in der man, vom Standpunkt der kritiken, die im übrigen einstimmig Caligari als
Spießer aus, hätte erwarten sollen, daß senkrechte das erste Filmkunstwerk priesen, zeichnete sich
Linien die Wiedererstehung konventioneller Wirk- die des Vorwärts, des leitenden sozialdemokrati-
lichkeit charakterisieren würden. Das heißt, der schen Parteiorgans, durch krasses Unverständnis
84 Der Monat

aus. Der Vorwärts bemerkte über die Schlußepi- Hierarchie zu kennzeichnen. Daß es dem Film
sode, in der der Anstaltsdirektor die Heilung von glückt, ihn als einen Tyrannen nach Art des
Francis in Aussicht stellt: „Solcherweise ist dieser Homunkulus im deutschen Film dieses Namens
Film auch ethisch unangreifbar, denn er hinterläßt oder Heinrichs des Achten in Lubitschs Anna
im Beschauer Mitgefühl mit den geistig Kranken Boleyn zu charakterisieren, wird durch eine be-
und Verständnis für die aufopfernde Tätigkeit sonders aufschlußreiche Stelle in Joseph Freemans
der Irrenärzte und -pfleger.“ Anstatt zu erkennen, Roman Never Call Retreat erhärtet. Der Held
daß Francis‘ Kampf gegen eine hassenswerte des Romans, ein Wiener Geschichtsprofessor, er-
Autorität sich im Einklang mit der sozialdemokra- zählt von seinem Leben in einem deutschen Kon-
tischen Parteidoktrin befand, die auch Autoritäts- zentrationslager, wo er, kaum daß er gemartert
gläubigkeit ablehnte, zog der Vorwärts es vor, die worden ist, in eine Zelle geworfen wird: „Als ich
Autoritätsperson im Film als ein Musterbild fort- allein in jener Zelle lag, dachte ich an Dr. Cali-
schrittlicher Tugenden hinzustellen. Es war immer gari; dann, ohne jeden Übergang, an Kaiser Va-
derselbe psychologische Vorgang: die Mittelstands- lentin, den Herrscher Roms, der sich darin gefiel,
neigungen der Sozialdemokraten — Neigungen, leichte oder auch nur eingebildete Verstöße mit
die sie vor der Vernunft zu rechtfertigen suchten — dem Tod zu bestrafen. Die Lieblingsworte des
kamen der Durchführung ihrer rationalen sozia- Kaisers waren: ‚Haut ihm den Kopf ab!‘ —
listischen Absichten in die Quere. Standen die ‚Verbrennt ihn lebendig !‘‘ — ‚Schlagt ihn mit
Deutschen Caligari zu nahe, um seine sympto- Knüppeln, bis er verreckt!‘ Ich dachte, wie der
matische Bedeutung zu erfassen, so waren sich Kaiser doch ganz ein Herrscher des zwanzigsten
die Franzosen dessen bewußt, daß dieses Werk Jahrhunderts war, und fiel unverzüglich in Schlaf.“
mehr als nur ein außergewöhnlicher Film war. Dieses traumartige Räsonieren dringt zum Kern
Sie prägten das Wort Caligarisme und wandten des Dr. Caligari vor, indem es ihn als ein Gegen-
es auf eine Nachkriegswelt an, in der allem An- stück Valentins und eine Vorahnung Hitlers bu-
schein nach das unterste zuoberst gekehrt war; greift. Caligari ist insofern eine sehr spezifische
was jedenfalls zeigte, daß sie spürten, der Film Vorahnung, als er Hypnose anwendet, um sich
weise auf die Struktur der Gesellschaft hin. Die sein Werkzeug zu Willen zu machen, ein Ver-
New Yorker Caligari-Premiere im April 1921 fahren, das sowohl seinem Inhalt wie seinem
begründete ein für allemal den Weltruhm des Zweck nach auf jene Manipulation der Seelen
Films. Aber abgesehen davon, daß dieses „meist- vordeutet, die Hitler als erster im Riesenmaßstabe
diskutierte Filmwerk seiner Zeit“ zu vereinzelten praktizieren sollte. Obwohl zur Zeit des Caligari
Nachahmungen führte und als Maßstab für künst- das Motiv des Meisterhypnotiseurs nicht unbe-
lerische Bestrebungen diente, übte es niemals einen kannt auf der Leinwand war — es spielte eine ent-
ernstlichen Einfluß auf den Werdegang des ame- scheidende Rolle im amerikanischen Film Trilby,
rikanischen oder französischen Films aus. Es ragte der in Berlin während des Kriegs gezeigt wurde —,
einsam hoch, wie ein Monolith, so bestimmte doch nichts in ihrer Umwelt die
Caligari zeigt die Seele am Werk. Auf welche beiden Autoren dazu, es so nachdrücklich heraus-
Abenteuer läßt sich die revolutionierte Seele ein ? zuarbeiten. Sie müssen von einem jener dunklen
Die erzählerischen und bildlichen Elemente des Impulse getrieben worden sein, die ihren Ur-
Films drängen zwei einander entgegengesetzten sprung in den sich langsam bewegenden Grund-
Polen zu. Der eine mag „Autorität“ genannt wer- schichten des Volkslebens haben und darum
den oder deutlicher: „Tyrannei“. Das Thema der manchmal echte Visionen hervorbringen.
Tyrannei, von dem die Autoren wie besessen
waren, zieht sich vom Anfang bis zum Ende durch
den Film. Drehstühle von unglaublicher Höhe
versinnbildlichen die Überlegenheit der städtischen
M an sollte erwarten, daß der dem Pol der
Tyrannei entgegengesetzte Pol der der Frei-
heit wäre; denn es war zweifellos ihre Freiheits-
Beamten, die sich auf ihnen hin- und herdrehen; liebe, die Janowitz und Mayer dazu bewog, die
und nicht anders zeugt die gigantische Stuhllehne Natur des Tyrannentums zu durchdringen. Dieser
in Alans Dachstube von der Gegenwart unsicht- Gegenpol ist nun in Wirklichkeit der Sammel-
barer Mächte, die ihn in ihrer Gewalt haben. punkt von Elementen, die sich auf den Jahrmarkt
Treppen verstärken die Wirkung des Mobiliars: beziehen, den Jahrmarkt mit seinen Zeltreihen,
so führen zahlreiche Stufen zur Polizeiwache hin- seinem Menschengewimmel und seinen verschie-
an; und in der Irrenanstalt selber sind nicht we- denartigen Sensationen. Hier mischen sich Francis
niger als drei parallele Treppenfluchten aufgebo- und Alan freudig erregt unter die Gaffer; hier,
ten, um Dr. Caligaris Stellung an der Spitze der auf dem Schauplatz seiner Triumphe, wird Dr. Ca-
Das Kabinett des Dr. Caligari 85

ligari zu guter Letzt überführt. In ihren Versuchen, Mag es Absicht sein oder nicht, Caligari legt
dem Sinngehalt des Jahrmarkts beizukommen, eine Seele bloß, die zwischen Tyrannei und Chaos
beschwören literarische Quellen wiederholt die hin und her gezerrt wird. Sie ist in einer ver-
Erinnerung an das biblische Babel herauf. Eine zweifelten Lage, denn auf ihrer Flucht vor der
Schrift aus dem siebzehnten Jahrhundert be- Tyrannei gerät sie unausweichlich in einen Zu-
schreibt den typischen Jahrmarktlärm als „ein stand äußerster Verwirrung. Es ist daher nur
Geräusch von solcher Verworrenheit, daß offen- folgerichtig, daß der Film eine alles durchdrin-
bar Babel damit nicht zu vergleichen ist“, und fast gende Atmosphäre des Grauens verbreitet. Wie
zwei Jahrhunderte später begeistert sich ein jun- die Naziwelt, so quillt die des Caligari von unheil-
ger englischer Dichter an „jenem Babylon der vollen Vorzeichen, Terrorakten und Ausbrüchen
Schaubuden, dem Jahrmarkt“. Die Art und Weise, der Panik über. Die Gleichsetzung von Grauen
wie sich diese biblischen Bilder aufdrängen, zeigt, und Hoffnungslosigkeit erreicht ihren Höhepunkt
daß der Jahrmarkt eine Enklave der Anarchie in der Schlußepisode, die das normale Alltags-
im Gebiet der Vergnügungen ist. Das erklärt seine leben wiederherzustellen sucht. Abgesehen von
unversiegbare Anziehungskraft. Menschen aller der zweideutigen Figur des Direktors und den
Schichten und jeden Alters lieben es, sich in die- etwas schattenhaften Ärzten und Wärtern, macht
ser Wildnis strahlender Farben und schriller Laute sich die Rückkehr zur Normalität dadurch be-
zu verlieren, die mit Monströsitäten gefüllt ist und merkbar, daß man die Menge der Irren in ihrer
deren handfeste Attraktionen von heftigen Schock- wunderlichen Umgebung auf und ab wandeln sieht.
wirkungen bis zu Geschmackseindrücken von un- Das Normale als Irrenhaus: die Vereitelung aller
glaublicher Süße reichen. Für Erwachsene ist es Hoffnungen könnte nicht drastischer dargestellt
eine Rückkehr in die Kindertage, in denen Spiel werden. Und in diesem Film sowohl wie im
und Ernst ein und dasselbe sind, Wirkliches und Homunculus des Jahres 1916 sind Sadismus und
Unwirkliches ineinander übergehen und anar- Zerstörungslust an der Tagesordnung. Das wie-
chische Begierden eine Möglichkeit nach der an- derholte Vorkommen solcher Züge auf der Lein-
dern ziellos ausprobieren. Durch diese Rückkehr wand zeugt von der Rolle, die sie damals in der
entschlüpft der Erwachsene einer Zivilisation, die Kollektivseele spielten.
das Chaos der Instinkte zu überwachen und zum Technische Besonderheiten weisen auf be-
Verkümmern zu bringen droht, entschlüpft ihr, stimmte Sinnzusammenhänge zurück. In Caligari
um jenes Chaos wiederherzustellen, auf dem trotz beginnen sich Methoden durchzusetzen, die zu
allem Zivilisation beruht. Der Jahrmarkt ist nicht den Eigenarten der deutschen Filmtechnik ge-
Freiheit, sondern Anarchie, die Chaos brütet. hören. Caligari eröffnet die lange Reihe der ganz
im Atelier hergestellten Filme. Während sich zum

E s ist von Bedeutung, daß die meisten Jahr-


marktszenen in Caligari mit einer Iris-Auf-
blendung beginnen; im Rund erscheinen ein Dreh-
Beispiel die Schweden damals sehr darum bei
mühten, einen wirklichen Schneesturm oder rich-
tige Wälder zu filmen, waren die deutschen Re-
orgelspieler, dessen Arm. sich beständig dreht, gisseure — zumindest bis 1924 — so angetan von
und hinter ihm das obere Ende eines Karussells, den Wirkungen, die im Atelier erzielt werden
das niemals aufhört zu kreisen. Der Kreis wird konnten, daß sie ganze Landschaften darin auf-
hier zum Sinnbild des Chaos. Während die Frei- bauten. Sie zogen die Herrschaft über eine künst-
heit einem Flußlauf gleicht, gemahnt das Chaos liche Welt der Abhängigkeit von den Zufällen
an einen Strudel. Man mag sich selbstvergessen der Außenwelt vor. Ihr Rückzug ins Atelier war
in den Strudel stürzen, man kann sich in ihm im Einklang mit dem allgemeinen Rückzug ins
nicht fortbewegen. Daß die zwei Autoren gerade Reich der Seele. Nachdem sich einmal die Deut-
den Jahrmarkt mit seinen Freiheiten gegen die schen dazu entschlossen hatten, ihre Zuflucht im
Bedrückungen in Caligavi ausspielten, deutet auf Innern zu suchen, konnten sie nicht wohl ihren
einen Bruch in ihrer revolutionären Gesinnung Filmen gestatten, jene selbe Wirklichkeit zu
hin. Wie sehr auch immer sie sich nach Freiheit durchmessen, die sie im Stich ließen. Daher das
sehnten, sie waren anscheinend nicht fähig, sie Gewicht, das im Anschluß an Caligari auf Archi-
sich richtig vorzustellen. Ihre Einstellung ist etwas tektur gelegt wird; sie beansprucht einen Rang,
literatenhaft; sie scheint weniger auf echte Er- der mehr als einem Beobachter aufgefallen ist.
kenntnis als auf naiven Idealismus gegründet. „Es ist äußerst wichtig“, bemerkt Paul Rotha in
Aber das hinderte natürlich nicht, daß der Rum- einer Übersicht über die Nachkriegsära, „den An-
melplatz das Durcheinander im Deutschland der teil zu ermessen, den der Architekt an der Ent-
Nachkriegszeit treu widerspiegelte. wicklung des deutschen Films genommen hat.“
86 Der Monat

Wie hätte es anders sein können? Die Fassaden und den expressionistischen Filmen die Seele einge-
Räume des Architekten waren nicht nur Hintergrün- haucht”, sagt Kurtz in seinem Buch Expressionis-
de, sondern Hieroglyphen. Sie drückten die Struktur mus und Film. Genau das Gegenteil trifft zu: die
der Seele in Raumverhältnissen aus. Seele ist in jenen Filmen die eigentliche Quelle
Caligari setzt auch das Licht voll ein. Es ist des Lichts. Tiefeingesessene romantische Tradi-
ein Lichteffekt, der die Zuschauer instand setzt, tionen erleichterten etwas die Aufgabe, dieses
die Ermordung Alans zu verfolgen, ohne sie innere Licht nach Belieben anzudrehen.
direkt zu sehen; was sie sehen, ist die Wand der
Dachstube des Studenten, auf der Cesares Schat-
ten den Alans erdolcht. Solche Kunstgriffe ent-
wickeln sich zu einer Spezialität der deutschen
Ateliers. Diese besondere Beziehung zum Licht
D er in Caligari unternommene Versuch, sze-
nische Aufmachung, Schauspieler, Licht und
Handlung einheitlich zu gestalten, zeugt von jenem
zeigte sich zuerst in einem Bühnenexperiment, das Sinn für durchgreifende Organisation, der sich
Max Reinhardt kurz vor Caligari machte. In seiner von diesem Werk an im deutschen Film kundgibt,
Inszenierung von Sorges Vorkriegsdrama Der Bett- Rotha prägt das Wort „Atelier-Konstruktivis-
ler — einer der frühesten und kräftigsten Offen- mus“, um die „sonderbare Atmosphäre der Voll-
barungen expressionistischer Haltung — ersetzte ständigkeit und Endgültigkeit, die jedes Produkt
er die üblichen Dekorationen durch illusorische, der deutschen Ateliers umgibt“, zu charakteri-
die mit Hilfe von Lichteffekten geschaffen worden sieren. Aber organisatorische Vollständigkeit kann
waren. Reinhardt führte diese Effekte zweifellos nur dann erreicht werden, wenn das zu organi-
in der Absicht ein, den Stil des Dramas zu treffen. sierende Material ihr nicht widerstrebt. (Die Fä-
Die Analogie zu den Filmen der Nachkriegszeit higkeit der Deutschen, sich selber zu organisieren,
liegt auf der Hand: es war ihre expressionistische verdankt nicht wenig ihrer Sehnsucht danach, sich
Einstellung, die immer wieder deutsche Kamera- zu unterwerfen.) Da die äußere Realität ihrem
leute dazu trieb, Schatten zu erzeugen, die wie Wesen nach unberechenbar ist und daher nicht
Unkraut wucherten, und ätherische Phantome mit so sehr beherrscht als beobachtet zu werden ver-
seltsam angeleuchteten Arabesken oder Gesich- langt, schließen sich Realismus und totale Orga-
tern zu vermengen. Solche Anstrengungen zielten nisation im Film gegenseitig aus. Sowohl durch
darauf ab, das Szenenbild in eine unirdische Be- ihren „Atelier-Konstruktivismus“ wie durch ihre
leuchtung zu tauchen und es auf diese Weise zur Lichtbehandlung gaben die deutschen Filme zu
Landschaft der Seele zu stempeln. „Das Licht hat erkennen, daß sie unwirklichen Ereignissen zu-
4 Filmkenner haben verschiedentlich Caligari als eine Bühnen-

nachahmung kritisiert. Dieser Eindruck rührt zum Teil von gewandt waren, die sich in einer grundsätzlich
der theaterhaften Handlung des Films her. Die Handlung mit beherrschbaren Sphäre entrollten.4
ihrem gut gebauten dramatischen Konflikt, der sich in einer
fixen Umwelt abspielt, ist in der Tat nicht auf Verfilmung Ungefähr sechs Jahre nach der Uraufführung
angewiesen, um ihre volle Bedeutung zu entfalten. Wie Cali- von Caligari suchte Janowitz in Paris den Grafen
gari neigten alle Atelierfilme der Nachkriegsära insofern zur
Bühne hin, als sie Seelendramen auf Kosten von Konflikten Etienne de Beaumont in seinem alten Stadthaus
bevorzugten, die das äußere Lehen mehr einbezogen. Dies auf, in dem er zwischen Louis-Seize-Möbeln und
aber hinderte sie nicht unbedingt daran, sich zu echten Filmen
auszuwachsen. Als im Anschluß an Caligari die Filmtechnik Picasso-Bildern lebte. Der Graf äußerte seine Be-
immer mehr fortschritt, entwickelten die psychologischen Film- wunderung für Caligari, den er „so bezaubernd
dramen in zunehmendem Maße eine Bildsprache, die von sich
aus die Handlung förderte und ihr Sinn verlieh. Die Nähe
und abstrus wie die deutsche Seele“ fand. Er fuhr
des Caligari zur Bühne erklärt sich nicht zuletzt aus seiner fort: „Nun ist die Zeit gekommen, Monsieur, in
technischen Unvollkommenheit. Eine unbewegliche Kamera war der die deutsche Seele sprechen sollte. Die fran-
auf gemalte Kulissen gerichtet, und noch verhalf kein Montage-
trick den Bildern zu neuen Gehalten. Man sollte aber bei zösische Seele sprach vor über einem Jahrhundert
alledem nicht übersehen, daß Caligari und ähnliche Filme in der Revolution, und ihr seid stumm gewesen ...
ihrerseits die Bühne beeinflußten. Angeregt vom Gebrauch,
den diese Filme von der Iris-Aufblendung machten, ging das Nun warten wir darauf, was ihr uns und der
deutsche Theater dazu über, einen einzelnen Schauspieler oder Welt zu sagen habt.“
einen wichtigen Teil der Bühne durch Beleuchtung herauszu-
heben. Der Graf brauchte nicht lange zu warten.