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12.04.

2010

Dritter Rundbrief

Hola!

Im neuen Jahr in Cuernavaca ist so viel passiert, die drei Monate vergingen wie im
Flug, Weihnachten liegt schon wieder ein viertel Jahr zurück und wir stehen gerade nur
wenige Tage nach Ostern.

Weihnachten hab ich in meiner Gastfamilie verbracht, zwei Tage danach ging es für
mich, Hannah, ebenfalls WFDlerin in Cuernavaca und zwei Mexikaner von der Uni hier
in Cuernavaca nach Chiapas, einer der ärmsten Bundesstaaten in Mexiko, der Großteil
der Bevölkerung ist indigener Abstammung. Chiapas ist ein Bundesstaat mit
zahlreichen Konflikten, vor allem der Armut wegen und der Unterdrückung der
indigenen Bevölkerung. Eine Woche lang waren wir in einem Dorf in den Bergen
Chiapas, die Grundidee war, dort als neutrale Beobachter hinzugehen und danach einen
Bericht über die Situation dort zu verfassen. Der Kontakt zu den Leuten dort war
teilweise recht schwer, vor allem weil viele der Frauen kein oder nur sehr wenig
Spanisch sprechen, sondern Tsotsil, eine der Sprachen der indigenen Bevölkerung in
Chiapas (Mann und Frau ist dort noch viel stärker getrennt als in dem Mexiko, dass ich
bisher hier in Cuernavaca kennengelernt habe, so war es für mich als Frau auch fast
unmöglich, mich mit den Männern dort zu unterhalten). Das Leben dort ist ein sehr
einfaches, die Haupttätigkeit ist die Arbeit auf den Feldern. Es war für mich eine total
spannende Erfahrung, ihren Alltag ein bisschen mit ihnen mitleben zu können. Und
auch wenn Gespräche jeden Tag aufs neue wieder erkämpft werden mussten, einfach
weil doch eine große Distanz da ist, so war es immer wieder ein tolles Gefühl, wenn wir
mit den Frauen am Feuer sitzen konnten, uns über ihre Arbeit oder das Essen
unterhalten haben oder wenn wir mit den Kindern mit den mitgebrachten Uno-Karten
gespielt haben. Und doch wurde mir jeden Tag aufs neue bewusst, in was für zwei
unterschiedlichen Welten wir leben. Zwei Welten, die in den Gesprächen,die wir hatten,
und das Miteinander, das gemeinsame Essen, Schritte aufeinander zu machen, zwei
Welten, die wenig voneinander wissen, die sich austauschen, Interesse aneinander
zeigen aber dennoch zwei grundverschiedene Welten bleiben, und deren Bewohner so
verschiedene Leben leben.

Nach insgesamt zwei Wochen “Unterwegs-Sein” ging es für mich wieder zurück nach
Cuernavaca, zurück in meinen “Tribu” in Caminando Unidos. Wir arbeiten hier nach
einem ganz bestimmten System, gerade spielen wir mit den Kindern die
Menschheitsgeschichte nach, (die Kinder sind deswegen in verschiedenen “Tribus” –
Stämmen – aufgeteilt) so ist es auch Aufgabe gewesen, ohne moderne Hilfsmittel Feuer
herzustellen. Was sich am Anfang einfach anhört, braucht schlussendlich doch länger,
als man es sich vorgestellt hat und so ist es meiner Gruppe nach eineinhalb Jahren
Arbeit Anfang des Jahres endlich gelungen, Feuer zu machen. Fast jede Woche haben
die Kinder und Jugendlichen versucht, Feuer zu machen, haben nachgeforscht, welche
Möglichkeiten es gibt und allen stand die Freude im Gesicht, als es endlich geklappt
hat!

Ich fühle mich in meiner Gruppe sehr wohl. Wir haben die Gruppe zwischenzeitlich in
Kleingruppen eingeteilt, so dass jeder Erwachsene mit “seinen Kindern” arbeiten kann.
Die Idee ist, dass die Kinder einer Gruppe ungefähr auf dem gleichen Stand in Mathe
sind, doch je länger ich mit ihnen arbeite, desto mehr wird mir bewusst, dass es fast
nicht möglich ist, dass die Kinder meiner Gruppe, gleichzeitig dasselbe machen. Da ist
zum Beispiel Yuri, die sich total für Mathe begeistert und an manchen Tagen von den
Aufgaben nicht genug bekommt, sich freut wenn sie den anderen Division erklären
kann. Oder Eduardo, der gerade noch Aufgaben wie 6+9 oder 5+6 hat. Doch ich hab im
Laufe der Zeit gemerkt, dass die Kinder immer besser ihre Aufgaben machen, sie immer
selbstständiger erledigen und sich vor Allem auch viel untereinander helfen.

Seit ein paar Wochen hat meine Gruppe auch ein Haustier, eine Henne! Denn ein Punkt
in unserem Curriculum ist, eine Haustier zu halten und für es zu sorgen. Und für die
Kinder ist es ein Heidenspass die Henne durchs Projekt zu jagen und sie danach wieder
einzufangen. Nach den jetzt anstehenden Ferien werden wir Musikinstrumente
herstellen und Gemüse kochen, wie wissen wir noch nicht genau, denn noch haben wir
Metalle nicht entdeckt, können also keinen Topf benutzen.

Mit mir sind noch drei “offizielle” Hilfslehrer und eine Lehrerin und so wird es mir
ermöglicht, mit den Kindern eine recht enge Beziehung aufzubauen, da ich ihnen
gegenüber nicht die Autoritätsposition einnehmen muss, die ich einnehmen müsste,
wenn ich als einzige Erwachsene in der Gruppe wäre. Es ist einfach ein schönes Gefühl,
wenn ich morgens ins Projekt komme, Kinder sich zu mir an Tisch setzen, von sich
erzählen, aber auch von mir wissen wollen, was ich am Tag davor gemacht habe. Oder
wenn ich in meinem Viertel Kinder treffe und sie mir schon entgegen rennen, wenn sie
mich sehen. In dem halben Jahr konnte ich zu einigen Kindern ein sehr enges Verhältnis
aufbauen, darunter Lalo (10) und Angel (9), zwei Brüder, von denen ich Ihnen gerne
mehr erzählen würde: Bis ich die beiden auseinander halten konnte, hat es bestimmt fast
vier Monate gedauert, denn sie sehen sich zum Verwechseln ähnlich, und dass sie sich
einen Spaß daraus machen und dir, wenn du sie nach dem Namen fragst, so oft den
falschen sagen, hat mir nicht sonderlich dabei geholfen  Lalo und Angel haben zwei
Schwestern, Abril (3) und Gaby (12). Sie alle leben hier, in “La via”, den ehemaligen
Bahngleisen, die gegenüber von meinem Haus verlaufen und an denen sich vor vielen
Jahren die Leute niedergelassen haben. Der Vater von den vier Kindern war schon lange
Zeit sehr krank, schon bevor ich hier in Mexiko angekommen bin, immer wieder musste
er ins Krankenhaus, an Weihnachten ist er gestorben. Zurückgeblieben sind seine vier
Kinder und seine Frau, die jetzt die fünfköpfige Familie durchbringen muss. In vielen
Familien in Mexiko ist der Mann der Einzige, der ein Einkommen hat, er ernährt also
die Familie und stirbt er, so bricht auch von Heute auf Morgen das bisschen Sicherheit,
das das Einkommen gab, weg. Seine Frau hat seither angefangen “tamales” (gekochte
Maismasse, mit Fleisch und Chilisosse, in Maisblättern) und frisch gepressten “jugo de
naranja” – Orangensaft – zu verkaufen um so ihre Familie ernähren zu können. Jeden
Morgen kommt sie mit ihren Kindern ins Projekt und verkauft auch dort ihre Sachen
und mich freut es zu sehen, dass auch wirklich gekauft wird. Ich weiß nicht, wie viel sie
daran gewinnt, viel wird es nicht sein, aber für mich ist es ein Zeichen, dass sie von all
ihren „Kunden“ im Projekt unterstützt wird. Bei sich zu Hause hat sie ein Plakat
aufgehängt und verkauft an die Leute, die dort vorbei laufen. Wenn ich morgens um
sechs joggen gehe und an ihrem Haus vorbeikomme, ist sie schon lange dabei, die
Tamales vorzubereiten. Jetzt haben wir zwei Wochen Osterferien, zwei Wochen, in
denen sie nichts im Projekt verkaufen kann, zwei Wochen, in denen ich hoffe, dass es
dennoch für die Familie reicht.
Doch neben den finanziellen Schwierigkeiten ist auch ihr Platz im Haus nicht mehr
sicher. Das Haus, wo sie leben, gehört dem Bruder des Verstorbenen. Jetzt, da sein
Bruder gestorben ist, sieht er es nicht so gerne, dass die Familie dort wohnt. Jetzt muss
geschaut werden, dass sie dort bleiben können, und die Kinder weiterhin ins Projekt
kommen können. Denn die Alternative wäre, dass sie aufs Land ziehen, was bedeuten
würde, dass die Familie in einem “Haus” ohne Strom und ohne Wasser leben müsste
und dass die Kinder höchstwahrscheinlich wegen der Entfernung keine Schule mehr
besuchen könnten. Ja, und so gibt es viele Kinder bei mir im Projekt, jedes hat seine
eigene Geschichte, so zum Beispiel Tonito (ca 8), den wir vor ein paar Tagen getroffen
haben, als wir abends um zehn in einem Kaffee saßen. Um die Uhrzeit hat er gerade
angefangen, zu arbeiten, auf der Straße, er hält den Leuten, die bei einem der
zahlreichen “Taco”-Stände dort essen gehen, die Autotür auf, manchmal arbeitet er bis
sechs Uhr morgens. Es ist mir schon einmal passiert, dass ich einen Jugendlichen, der
auch manchmal ins Projekt kommt, nachts auf der Straße beim Arbeiten gesehen hab.
Und es ist ein komisches Gefühl, denn auf einmal hat das Kind, das zwischen den Autos
umher läuft, Kaugummis verkauft, die Scheiben putzen will, oder mit Bällen jongliert,
ein bekanntes Gesicht, einen Namen, auf einmal kennst du das Kind, das dort steht, du
kennst seine Familie, seine Geschichte.

So gibt es viele Kinder und ihre Geschichte, es ist wichtig, diese zu kennen, sich vor
Augen zu führen, dass sie in einem bestimmten Umfeld mit vielen Problemen
aufwachsen, aber dass sie Kinder wie alle andern sind, Kinder, die mit mir spielen
wollen, die sich freuen, wenn ich Zeit für sie habe, nachmittags bei ihnen vorbei schaue,
die mich veräppeln, Kinder, die mit uns allen auf der gleichen Stufe stehen.

Und so hoffe ich, dass ich ein paar Kindern in meinen Rundbriefen ein Gesicht geben
kann, ihre Geschichte erzählen kann, ein Stückchen von meiner Arbeit und meinem
Leben hier in Mexiko nach Deutschland schicken kann.

Ich wünsche Ihnen allen alles Gute!

Un abrazo fuerte

Melanie