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Für viele ist es ein Grund, nicht in ein Flugzeug zu steigen: die Absturzgefahr.

In Max
Frischs Roman „Homo Faber –ein Bericht“ aus dem Jahr 1977 wird dieser Albtraum
schon auf den ersten Seiten Wahrheit. Der als rational denkender Techniker dargestellte
Walter Faber scheint in der Textstelle von Seite 15-17 jedoch tatsächlich ebenfalls Angst
davor zu haben und sein Selbstbild bröckelt so schon zu Anfang des Buches.

Die Textstelle befindet sich relativ am Anfang des Buches. Nachdem Walter Faber in
New York startete und bei einer Zwischenlandung in Texas erst nicht wieder in das
Flugzeug einsteigen wollte, sich dann aber doch von einer Stewardess dazu überreden
lassen hat, an Bord zu gehen, befindet sich das Flugzeug, in dem er sitzt nun im Anflug
auf Tampico, da ein Motor eine Panne hatte und daher ein Propeller ausfiel.
Außer Walter Faber und den Passagieren und Stewardessen spielt in dieser Textstelle
vor allem er Deutsche Herbert eine Rolle, den Faber nur „den Düsseldorfer“ nennt und
der seit dem Start in New York sein Sitznachbar ist.
Die Textstelle ist eine Hinführung auf den baldigen Absturz und behandelt den
Flugverlauf in der Stunde vor der Notlandung in der Wüste von Tamauli. Das Flugzeug
befindet sich hier auf dem Weg zwischen dem Golf von Mexiko Richtung Landesinnere,
so merkt Faber, dass sie gar nicht Tampico –ein Küstenstädtchen in Mexiko- anpeilen.
Als Faber am Anfang der Textstelle einschläft, ist alles ruhig. Als er dann von einer
Stewardess aufgeweckt wird, ist ein Propeller ausgefallen, er und die anderen
Passagiere ziehen sich Schwimmwesten an, werden jedoch darauf hingewiesen, dass
keine Gefahr bestünde.
Zu Anfang beschreibt Faber die ruhige, gewöhnliche Flugsituation mithilfe der
Beschreibung der Farben des Meers und der Wolken (vgl. S.15). Zwar versichert er, kurz
bevor er von seinem Traum berichtet noch, er mache sich nichts aus Träumen, jedoch ist
er später erleichtert darüber, dass ihm nicht (wie es in seinem Traum der Fall war) die
Zähne ausgefallen sind (vgl. S. 16), was verdeutlicht, dass Fabers Selbstbild nicht
unbedingt mit der Wahrheit übereinstimmt und er eben doch nicht nur rational ist.
Er kann sich nicht genau an den Traum erinnern, denkt Jedoch, er habe von Ivy –seiner
Freundin- geträumt, da er sich bedrängt gefühlt habe (vgl. S. 15), was ein Hinweis auf
sein gestörtes Verhältnis zu Ivy ist, da er sie als Bedrängung zu sehen scheint und sie
ihn einengt. Allerdings zeigt die Tatsache, dass er eventuell von ihr geträumt hat auch,
dass sie ihm nicht egal ist. Des Weiteren träumt er von einem Chaos in einem Casino in
Las Vegas, um sich dort scheiden zu lassen. Dabei war er noch nie in Las Vegas und
auch nie verheiratet, da er sich selbst grundsätzlich nicht im Stande dazu sieht, eine Ehe
einzugehen. Auch sein ehemaliger Hochschulprofessor und Herbert –sein Ehemann in
dem Traum- tauchen darin auf (vgl. S. 15&16). Alles, was darin vorkommt hat einen
tieferen Handlungssinn –abgesehen von dem Casino. Ivy ist ein Zeichen für seine
Unfähigkeit, eine gute Beziehung zu führen, sein ehemaliger Hochschulprofessor steht
für die Technik, die den ganzen Roman hindurch eines der Leitthemen darstellt und
Herbert wird im weiteren Verlauf des Buches mehr, als nur Fabers Sitznachbar. Des
Weiteren liefern der Traum und die Erzählung davon eine Begründung dafür, dass Faber
so sachlich ist. Laut Faber ist es nämlich „peinlich“ (S. 16), dass ein Mathematiker oder
eben Naturwissenschaftler generell, sentimental werden und sogar weinen. Vielleicht ist
Faber teilweise also nur rational, weil er meint, Techniker müssen so sein und er dürfe
keine Gefühle zeigen.
Dass er sofort, dass er erwacht ist, die Situation erfassen kann und weiß, dass das eine
Triebwerk ausgefallen ist, weist darauf hin, dass Faber ein sehr kluger Mann ist und
auch darauf, dass er sich auskennt mit Technik, da er auch eine Art Einschätzung liefert
mit den Worten „Es war der Motor, der die Panne hatte [...] –das war alles.“ (S. 16).
Die Wiederholung der Tatsache, das Flugzeug, befinde sich über dem offenen Meer –
dem Golf von Mexiko- und Fabers Einschätzung der Flughöhe auf mindestens
zweitausend Meter, verdeutlicht die Aussichtslosigkeit der Situation im Falle eines
Absturzes. Diese Wiederholung stellt einen Wiederspruch dar zu der Ansage des
Captains, es bestehe keinerlei Gefahr (vgl. S. 16).
Ebenfalls steht die Aussichtslosigkeit im Wiederspruch zu den grünen Schwimmwesten
(vgl. S. 16), da Grün die Farbe der Hoffnung ist.
Nach der Durchsage kontrolliert Faber mit der Zunge, ob ihm auch wirklich keine Zähne
ausgefallen sind, was zeigt, dass Faber eben doch nicht ganz so sachlich ist, da das
Traumgeschehen selbstverständlich nur äußerst wenig mit der Realität zu tun hat und er
sich ja denken könnte, dass seine Zähne nicht ausgefallen sind (vgl. S. 16).
Nun folgen Beschreibungen Tampicos, wo Faber bereits gewesen ist- in einem
einseitigen (nur Faber redet) Gespräch mit Herbert statt, der ihm zwar ab und zu lächelt
und nickt, Faber jedoch nicht richtig zuhört und ihm auch keine Antworten gibt, was
Faber nicht davon abhält weiterzureden. Dieser Redeschwall ist ein Gegensatz zu der
Distanz, die Faber sonst zu seinen Mitmenschen hält (da er sich selbst auch eher als
Einzelgänger sieht und sich alleine wohler fühle), was ein Hinweis auf seine Nervosität
ist (vgl. S. 17).
Obwohl Fabers Aufenthalt in Tampico sechs Jahre zurückliegt, kann er sich noch genau
an die nach Öl oder Fisch stinkende Hafenstadt erinnern, weil er damals eine so
schlimme Fischvergiftung hatte.
In der Textstelle herrscht ein personales Erzählverhalten aus der Sicht von Walter Faber
vor, er greift auch nicht als auktorialer Erzähler in den Bericht ein und gibt keine
Informationen über das, was bald passieren wird. Er betont lediglich, dass die
Flugsituation ruhig war (vgl. S. 17), was man als einen Hinweis auf den folgenden
Absturz sehen könnte.
Sein Einzelgängertum wird auch dadurch wiederlegt, dass es ihm nicht egal ist, dass
Herbert ihm nicht zuhört und er zupft Herbert sogar am Ärmel, obwohl das „nicht [s]eine
Art ist, im Gegenteil [er] hass[t] diese Manier, einander am Ärmel zu fassen“ (S. 17).
Die Textstelle endet damit, dass Faber feststellt, dass das Flugzeug landeinwärts fliegt,
also nicht nach Tampico, wie eine Stewardess es ihm gesagt hat und er will sich bei
einer Stewardess danach erkunden (vgl. S. 17). Auch Rauchen wird wieder gestattet, ein
Hinweis darauf, dass die riskante Situation überstanden ist.
Die Textstelle verrät auch etwas über Herberts Persönlichkeit, der auf dem vorigen Flug
so viel geredet hat, dass Faber genervt davon war und ihm jetzt nicht einmal mehr
antwortet. Herbert sagt in der gesamten Textstelle kein Wort, möglicherweise, weil er
Angst hat vor einem Absturz. Allerdings bezeichnet Faber Herberts Art, sich die
Schwimmweste anzuschnallen als „humorig wie bei Alarm-Übungen dieser Art“ (S. 16),
also weiß der Leser nun nicht mehr so genau, was er von Herbert halten soll, vor allem
eben, weil das Verhältnis zwischen Faber und ihm nun umgekehrt zu sein scheint und
man nun nicht weiß, ob Herbert Faber leiden kann oder nicht.
Da Faber zu Anfang des Buches relativ gefühlslos erscheint, ist die Textstelle in dem
Sinne wichtig, dass es dieses Bild von Faber wiederlegt. Er scheint nämlich sehr nervös
zu sein, redet viel und auch sein Traum gibt Hinweise darauf.
Somit ist die Textstelle ein Hinweis auf das Bröckeln des Selbstbildes von Faber im
folgenden Romanverlauf.