Sie sind auf Seite 1von 7

Lichtbiologie und zu finden hofft.

Möglicherweise wird das


Problem einfach falsch angegangen, in-
Lichtpathologie dem hauptsächlich versucht wird, entstan-
denen Krebs zu heilen, anstatt die Krebs-
von Alexander Wunsch
entstehung überhaupt erst zu verhindern.
Zusammenfassung In neuerer Zeit jedenfalls häufen sich Hin-
weise auf einen Faktor für Krebsentste-
Der richtige Umgang mit der wichtigsten hung, der von bisherigen Präventionsmo-
natürlichen Lichtquelle, der Sonne, ist für dellen ausgespart blieb – das Licht. Die
die Erhaltung der Gesundheit in heutigen aktuellen Untersuchungen, auf die später
Industrienationen ein essenzielles Thema. noch eingegangen werden wird, passen
Die guten Erfahrungen, die in der Vergan- gut in das Jahrhundert des Photons, gänz-
genheit mit der Heliotherapie gemacht lich neu sind die Erkenntnisse jedoch
wurden, sollten ebenso in Betracht gezo- nicht. Schon 1941 war dem US-amerikani-
gen werden wie die heutigen Erkenntnisse schen Pathologen Frank Apperly eine in-
zur Lichtbiologie des Menschen, schließ- verse Beziehung zwischen Krebssterblich-
lich ist es vor der Ära der Antibiotika nur keit und dem geographischen Breitengrad
mit dem Einsatz von Licht gelungen, die aufgefallen: je mehr Sonne, desto weniger
Tuberkulose in vielen Fällen zu heilen, ei- Krebs. Diese plakative Vereinfachung ruft
ne Erkrankung, an der aktuell etwa ein natürlich sofort die heutigen Dermatologen
Drittel der Weltbevölkerung leidet. Der protestierend auf den Plan, die sich mehr-
richtige Umgang mit Licht kann das Im- heitlich auf die Fahnen geschrieben ha-
munsystem stärken und die Inzidenz für ben, die Sonne als krebsfördernd zu ver-
eine Reihe von Krebserkrankungen deut- teufeln. Hier kann helfen, möglichst viele
lich senken, wenn einige Grundregeln be- Fakten zusammenzutragen, damit die
achtet werden. Hierbei ist ein Mittelweg physiologischen Zusammenhänge klarer
zwischen Sonnenkarenz und übertriebener werden und daraus Empfehlungen abge-
Sonnenanbetung zu finden, um den leitet werden können, die man guten Ge-
höchsten Nutzen für die Gesunderhaltung wissens seinen Patienten mitgeben kann.
zu ziehen. Leider gibt es für den Bereich der Lichtbio-
logie kein aktuelles Lehrbuch, das man
Schlüsselwörter hierzu befragen könnte, da das Thema in
den letzten 50 Jahren von der Medizin
Lichtbiologie, Heliotherapie, Sonnenlicht, sträflich vernachlässigt wurde. Das ist
Krebsentstehung, Sonnenschutz. mehr als verwunderlich, wenn man be-
denkt, wie wichtig das Licht und dessen
Verarbeitung für alle Lebensvorgänge auf
Einführung unserem Planeten ist. So schrieb der Me-
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diziner und Physiologe Jacob Moleschott,
beobachtete man in praktisch allen Indust- der mit seiner 1855 in Heidelberg durchge-
rienationen einen beängstigend starken führten Untersuchung „Über den Einfluß
Anstieg der Krebserkrankungen, ohne je- des Lichtes auf die Menge der vom Tier-
doch wirkliche Gründe dafür zu kennen. körper ausgeschiedenen Kohlensäure-
Die medizinische Forschung in der dama- menge“ als der Begründer der wissen-
ligen Zeit war dabei noch guter Dinge, das schaftlichen Lichtforschung gelten kann,
Krebsproblem in absehbarer Zeit lösen zu schon im Jahre 1859: “Die Bedeutung des
können. Diese Erwartung hat sich trotz Lichtes für den Tierkörper ist seit langer
stark intensivierter Forschung mittlerweile Zeit von Aerzten und Naturforschern als
zerstreut, wobei immer wieder neue The- eine ausgemachte Sache betrachtet wor-
menbereiche erschlossen werden, weil den, dass es fast scheint, als hätte man
man dort aufs Neue den Stein der Weisen

1
darüber vergessen, den Gegenstand dem der Pockenerkrankung verantwortlich wa-
Prüfstein der Forschung zu unterwerfen." ren (Abb. 1).
In den etwa 100 Jahren, die zwischen dem
Ausspruch Moleschott´s und dem pharma-
kologisch induzierten Niedergang der
Lichtforschung nach dem Zweiten Welt-
krieg lagen, erlebte die Lichtbiologie wie
auch die Lichtmedizin eine wirkliche Hoch-
zeit. Viele Erkenntnisse der damaligen Zeit
können mit aktuellen Forschungsergebnis-
sen zwanglos zusammengeführt werden
und ergeben damit für den Mediziner und
Physiologen ein umfassenderes Bild wich-
tiger Funktionen des Körpers.

Geschichtliches
Viele der alten Erkenntnisse sind fast
schon verloren gegangen und dem Inte-
ressierten nicht mehr zugänglich – wer die
Geschichte nicht kennt, ist gezwungen, sie
zu wiederholen. Werfen wir daher einen
Blick auf die wichtigsten Errungenschaften
und Erkenntnisse der Lichtmedizin des
letzten Jahrhunderts. Deren Nestor war
der dänische Arzt Niels Ryberg Finsen
(1861 – 1904). Er hatte sich Zeit seines
Lebens mit den Auswirkungen von Licht
auf den menschlichen Organismus be-
schäftigt, was ihm im Jahre 1903 den Me-
dizin-Nobelpreis eingebracht hatte. Er war
der erste Mediziner, der die Pigmentie- Abbildung 1: Echte Pocken im Wachsmodell
rungsreaktionen der Haut systematisch
erforscht hatte und die Lichtreaktionen der Weniger ist mehr
Therapie zugänglich machte. Seine zuerst Indem Finsen seine Pockenkranken in
entwickelte negative Phototherapie, also Räume mit roten Vorhängen und rotem
das Weglassen oder Ausfiltern bestimmter Licht verbrachte, konnte er die heftige Ent-
Spektralanteile des Sonnenlichtes, hat zündung der Hauteffloreszenzen vermei-
noch heute Gültigkeit z.B. bei der Behand- den und den ansonsten meist über Blut-
lung von Windpocken. Finsen hatte die Er- vergiftung zum Tod führenden Krankheits-
kenntnis von der Photochemie, die sich im verlauf grundlegend positiver gestalten.
19. Jahrhundert lebhaft entwickelte, über- Diese negative Phototherapie durch Weg-
nommen, daß die blau-violetten Anteile lassen der entzündungsfördernden Strah-
des Sonnenlichtes ausgeprägte chemi- lungsanteile sollte jedoch nur ein Vorge-
sche Wirkungen aufweisen, was nicht nur schmack auf Finsens eigentliche medizini-
im Zusammenhang mit der Schwärzung sche Leistung sein: die Entwicklung der
von Silbersalzen in Erscheinung getreten Aktinotherapie gegen Lupus vulgaris. Mehr
war, sondern auch z.B. beim Ausbleichen noch als die Pocken waren die Dunkel-
von Farbstoffen. Er hatte erkannt, daß die krankheiten Rachitis und Tuberkulose die
chemisch wirksamen Anteile im Licht auch damaligen Geißeln der Menschen in Euro-
für die starken Entzündungsreaktionen bei pa. Die Tuberkulose trat dabei in verschie-

2
denen Manifestationsformen auf, eine da- damit eine Chance hatten, in die Gesell-
von war eben die Tuberkulose der Haut, schaft zurückzukehren.
genannt Lupus vulgaris. Diese Form der Durch die bahnbrechenden Erfolge Fin-
Tuberkulose war zwar im Gegensatz zum sens geriet die Ärzteschaft förmlich in ein
Lungenbefall nicht ansteckend, aber dafür Lichtfieber und widmete sich in einer nie
ähnlich stigmatisierend wie Lepra: Die Er- zuvor erlebten Intensität der Erforschung
krankten waren durch den Tuberkuloseer- der Wirkungen des Lichtes. Sonnenklini-
reger furchtbar entstellt, denn fast immer ken wurden überall in Europa, wo das Kli-
war das Gesicht betroffen. Eine Teilnahme ma dies gestattete, errichtet. Es entstand
am sozialen Leben war dadurch verun- ein wahrer Sonnenkult, der z.B. in Form
möglicht, auch verloren die Betroffenen der Naturfreunde und der FKK-Bewegung
meistens ihren Arbeitsplatz und den Ausdruck fand. Der medizinische Hinter-
Freundeskreis. grund war klar, schließlich hatte die Licht-
Finsens Überlegung war nun, die bakteri- forschung gezeigt, daß die meisten Zivili-
entötende Kraft der chemischen (aktini- sationskrankheiten direkt oder indirekt als
schen) Strahlen des Sonnenlichts, die Folge eines Sonnenlichtmangels verstan-
1877 von den englischen Ärzten Downes den werden konnten. Wenn die Kraft des
und Blunt entdeckt worden war, zur Be- Sonnenlichtes nur richtig eingesetzt wur-
kämpfung der Tuberkulose-Erreger in der de, konnte man der Entstehung der meis-
Haut zu nutzen. Durch Verwendung von ten erworbenen Stoffwechselkrankheiten
Bergkristall-Linsen und wassergekühlten prophylaktisch begegnen.
Kompressorien konzentrierte er das Son-
nenlicht auf die betroffenen Hautstellen Die Heliotherapie
und erreichte dadurch in vielen Fällen eine Durch die Erfolge, die Finsen bei der Lu-
vollständige Abheilung der Haut, die einer pusbehandlung erzielt hatte, wurden viele
anfänglichen Entzündungsreaktion folgte. Ärzte dazu angeregt, das Sonnenlicht in
Dieses Verfahren der Aktinotherapie war ihr Behandlungskonzept mit einzubezie-
allen anderen Behandlungsversuchen der hen. Hier hat sich der Schweizer „Sonnen-
damaligen Zeit, nämlich chirurgische Inter- doktor“ Auguste Rollier (1874 – 1954) be-
vention und Röntgenbestrahlung, in Hin- sonders hervorgetan, der ab 1904 in Ley-
blick auf die Rezidivrate und besonders sin (Kanton Waadt) mehrere Höhenklini-
auch auf das kosmetische Ergebnis, deut- ken zur Behandlung der chirurgischen Tu-
lich überlegen (Abb. 2). berkulose führte. Rollier kann aus heutiger
Sicht als der Großmeister der Heliothera-
pie gelten, da er es mit seinem ganzheitli-
chen Behandlungskonzept vollbrachte, die
Tuberkulose durch den gezielten Einsatz
klimatischer Reize und Sonnenlicht zur
Ausheilung zu bringen (Abb. 3).
Die chirurgische Form der Tuberkulose
manifestiert sich ebenso wie Lupus vulga-
ris außerhalb der Lunge, meistens in den
Gelenken, aber auch in Lymphdrüsen. Rol-
lier hatte bei einem daran erkrankten Klas-
Abbildung 2: Patientin mit Lupus vulgaris vor und senkameraden miterleben müssen, wie
nach der Behandlung mit der Finsen-Methode [1] diesem von hervorragenden Operateuren
der damaligen Zeit immer mehr befallene
Der Nobelpreis war die Anerkennung da- Gelenke aus dem Körper geschnitten wor-
für, daß Finsen mit seiner Methode ermög- den waren, weil die Infektion immer wieder
licht hatte, daß Tausenden von Lupuskran- ausbrach, bis dieser sich schließlich das
ken geholfen werden konnte und diese Leben nahm. Rollier hatte erkannt, daß die

3
einen Sinn des Lebens zu vermitteln, was
er z.B. durch Arbeitskuren erreichte.
Da der Aufenthalt in der Schweiz schon
damals recht kostspielig war, die Tuberku-
lose jedoch eher in ärmeren Bevölke-
rungsschichten aufzutreten pflegte, lag es
für Rollier nahe, seinen Patienten die Mög-
lichkeit zu eröffnen, durch leichte Tätigkei-
ten, die dem jeweiligen Erkrankungsgrad
angepaßt waren, Geld zu verdienen. Dies
hatte einen Doppelnutzen für die Patien-
ten, denn sie kamen sich nicht mehr nutz-
los vor, sondern konnten wieder produktiv
Abbildung 3: Schwerer Fall einer chirurgischen Tu- werden, außerdem gab ihnen die Arbeits-
berkulose vor und nach der Heliotherapie [5] kur die Möglichkeit, ihre Angehörigen fi-
nanziell zu entlasten. Rollier zeigte einen
Heliotherapie eine ganzheitliche Alternati- bemerkenswerten Erfindungsreichtum, um
ve zur chirurgisch-operativen Vorgehens- Vorrichtungen zu entwickeln, die es den
weise darstellte, wenn er die Patienten nur Patienten im Bett liegend ermöglichten,
nach einem ausgeklügelten Schema sehr handwerklich tätig zu werden. Weitere
langsam an die Sonne gewöhnte, was sich Bausteine seiner ganzheitlichen Sonnen-
gerade bei schweren Fällen als eine hohe kur waren Musiktherapie und verschiede-
Kunst herausstellte (Abb. 4). ne heilgymnastische Methoden.

Sonne oder Quecksilber


Doch nicht nur das Sonnenlicht selbst war
Gegenstand der Forschung, schon Finsen
hatte damit begonnen, künstliche Licht-
quellen für die Therapie nutzbar zu ma-
chen, schließlich stand die Sonne in Dä-
nemark nur ca. 30 Tage im Jahr zur Verfü-
gung und es gab wesentlich mehr Patien-
ten, als Sonnentage. Durch Verwendung
von Kohlebogenlicht konnte er rund um die
Uhr, unabhängig von Klima oder Jahres-
zeit, therapieren. Das Jahr 1904 war nicht
nur Finsen´s Todesjahr, sondern auch die
Geburtsstunde einer neuen Lichtquelle,
die der Physiker Richard Küch entwickelt
hatte, nachdem er 5 Jahre zuvor ein Ver-
fahren gefunden hatte, um Bergkristall
Abbildung 4: Sonnengewöhnungsschema nach
blasenfrei zu schmelzen. Damit war es
Rollier [6]
möglich, reines Quarzglas herzustellen
Das Ziel war immer, beim Patienten eine und so zu verarbeiten, daß man Lampen-
gleichmäßige, tiefe Pigmentierung am kolben daraus formen konnte. Diese Tech-
ganzen Körper zu erreichen, aber auch die nik führte zur Konstruktion einer Quecksil-
Behandlung der Psyche fand in Rollier´s berdampflampe mit hoher Ausbeute an
Kliniken große Beachtung. Sein Bestreben Ultraviolettstrahlung, heute besser bekannt
war es stets, den Patienten auch wieder als Künstliche Höhensonne®. Dieser Mar-
kenname sollte suggerieren, daß dieser
UV-Strahler die Eigenschaften des Son-

4
nenlichtes hätte, wie man sie besonders lich sogar dazu, daß viele Aussagen be-
im Schweizer Hochgebirge beobachtet züglich therapeutischer Wirksamkeit von
hatte, der Wirkstätte von Oskar Bernhard Licht sich in unzulässiger Weise verallge-
und August Rollier. Damit wurde jedoch meinernd nur noch auf den UV-Anteil be-
auch indirekt das Ende der auf den Men- zogen. Als Beispiel hierfür sei genannt,
schen bezogenen Lichtforschung eingelei- daß über Jahrzehnte hinweg an den medi-
tet, denn die praktisch beliebige Verfüg- zinischen Hochschulen gelehrt wurde, daß
barkeit von UV-Strahlung führte einerseits Licht nur Bruchteile eines Millimeters in
zu einem nahezu euphorischen und kritik- den Körper eindringe, was zwar für den
losen Einsatz dieses Spektralanteils, an- kurzwelligen UV-Bereich durchaus gelten
dererseits zu einer Forschung, die sich mag, nicht aber für die anderen Spektral-
vom Sonnenlicht immer mehr abwendete. bereiche zutrifft: orangerotes Licht ist bei-
Da die Sonne so unregelmäßig zur Verfü- spielsweise in der Lage, Gewebeschichten
gung stand, wurden die meisten Lichtver- zu durchdringen, die dicker sind als 20 cm
suche seit 1904 mit den künstlichen UV- (Forschungen über Nah-Infrarot (NIR) der
Strahlern durchgeführt, die jedoch ein im NASA).
Vergleich mit der Sonne grundlegend ver-
schiedenes Licht abgeben. Während die Licht und Schatten
Großmeister der Heliotherapie immer Je intensiver mit dem ausschließlichen UV-
schon betont hatten, daß es bei der heil- Licht geforscht wurde, um so mehr traten
samen Wirkung keineswegs nur auf den auch die Schattenseiten der Lichttherapie
UV-Anteil ankomme, sondern daß es be- in Erscheinung: der Lichtkanzer oder
sonders wichtig sei, daß das Therapielicht Lichtkrebs wurde erstmals in den 20er
eben alle Strahlungsanteile des Sonnen- Jahren beschrieben. Man hatte festge-
lichtes in ebendieser spezifischen Vertei- stellt, daß Versuchstiere nach ausgiebiger
lung von UV, sichtbarem Licht und Infrarot Bestrahlung mit UV-Licht an den behan-
enthalte (Abb. 5), stürzten sich besonders delten Stellen Hautkrebs entwickeln. Wäh-
die Ärzte und Lichtforscher aus Deutsch- rend sich diese Erkenntnis bis heute in der
land, das bezüglich der klimatischen Be- Medizin erhalten hat, finden sich die posi-
dingungen nicht so gesegnet war wie das tiven Wirkungen des Lichtes aus dem Be-
Schweizer Hochgebirge, mit deutscher wußtsein der meisten Menschen gelöscht.
Gründlichkeit und Effizienzdenken auf den Abbildung 6 zeigt eine Zusammenfassung
damals als hauptsächlich wirksam erkann- der zu begrüßenden Lichtwirkungen, zitiert
ten UV-Anteil der Sonnenstrahlung. aus einem Buch von Hans Malten [4] und
mag der Auffrischung des Gedächtnisses
dienen.

Abbildung 5: Die therapeutischen Wirkungsberei-


che im Sonnenlicht
Abbildung 6: Die Wirkungen der Lichttherapie,
Den sichtbaren Bereichen und dem Infra- Stand 1926 (nach Malten) [4]
rot maß man geringe, eher zu vernachläs-
sigende Wirkung bei. Dies führte schließ-

5
Überlegungen zum Sonnenschutz erst nach einer Latenzzeit von 3 bis 8
In Medizinerkreisen hat es sich mittlerweile Stunden.
eingebürgert, pauschale Empfehlungen für
den Umgang mit der Sonne zu geben, die Freispruch für die Sonne?
in Extremfällen sogar in Richtung totaler Eine schwedische Studie aus dem Jahr
Sonnenkarenz gehen, mindestens aber 2004 [2] geht dieser Frage näher auf den
die Forderung enthalten, entsprechende Grund, indem sie nach Korrelationen zwi-
Schutzprodukte mit möglichst hohem schen dem Auftreten von Melanomen und
Lichtschutzfaktor zu verwenden, um die dem zunehmenden Sonnentourismus
ansonsten schier unumgängliche Ausbil- sucht. Während jedoch die Erkrankungsra-
dung von Hautkrebs zu umgehen. Interes- te für das maligne Melanom in den westli-
sant ist hierbei, daß der vermehrte Ge- chen Industrienationen schon im Jahr
brauch von Sonnenschutzmitteln keines- 1955 einen deutlichen Anstieg zeigte, setz-
falls zu einer Senkung der Erkrankungsra- te der Sonnentourismus in nennenswer-
te geführt hat, im Gegenteil. Um hierfür ei- tem Umfang erst im Jahr 1962 ein und
ne Erklärung zu finden, gibt es mehrere kommt daher als Begründung für die be-
interessante Ansatzpunkte. Zuerst muß obachtete Mortalität nicht in Frage. Merk-
gesagt werden, daß Hautkrebs nicht gleich würdigerweise war 1955 in den meisten
Hautkrebs ist, sondern daß vor allem von europäischen Ländern, wo man beim bes-
Sonnenwarnern verschiedene Krebsarten ten Willen kein Ozonloch geltend machen
zu Argumentationszwecken in einen Topf kann, bezüglich des malignen Melanoms
geworfen werden. Während die immer sogar eine Inversion von Inzidenz und
häufiger auftretenden „weißen“ Haut- Mortalität zu beobachten und dies ist ein
krebsarten (Basaliom und Spinaliom, me- Indikator, der jeden Statistiker wachrüttelt.
dizinisch recht gut behandelbar) tatsäch- Normalerweise werden zuerst mehr Men-
lich gehäuft an Stellen auftreten, die re- schen krank, die gegebenenfalls später an
gelmäßig der Sonne ausgesetzt sind, fin- der jeweiligen Erkrankung sterben, die In-
det man das schwer zu behandelnde ma- zidenz nimmt also üblicherweise vor der
ligne Melanom meist an Körperstellen, die Mortalität zu. Wenn aber zuerst mehr
selten in Kontakt mit der Sonne kommen. Menschen sterben, bevor die Erkran-
Gerade aber das Melanom muß immer kungshäufigkeit ansteigt, ist dies praktisch
wieder von Seiten der Sonnenwarner als immer ein Hinweis auf die Einwirkung ei-
Begründung herhalten, warum man die nes neu hinzugetretenen pathogenen Fak-
Sonne entweder gänzlich meiden oder tors. Die schwedischen Wissenschaftler
sich zumindest ausreichend mit Sonnen- hielten jedenfalls Ausschau nach mögli-
creme schützen soll. Dabei kann sich ge- chen anderen Ursachen und stießen auf
rade die Verwendung von Sonnencreme den Umstand, daß 1955 in den meisten
mit hohem Lichtschutzfaktor als gefährlich europäischen Ländern der UKW-Rundfunk
erweisen, denn die darin enthaltenen UV- für Radio und Fernsehen etabliert wurde.
Filter nehmen in erster Linie diejenigen Was aber hat das Melanom mit der UKW-
Spektralanteile weg, die sowohl für die Bil- Strahlung zu tun? Betrachten wir hierzu
dung von Sonnenhormon (Vitamin D) als die folgende Abbildung 7, die eine Reihe
auch für die Erythembildung verantwortlich von Eigenschaften des elektromagneti-
sind. Beide Effekte sind jedoch äußerst schen Spektrums darstellt. Der graue Bal-
wichtig: das Sonnenhormon gilt in letzter ken in der Mitte der Grafik zeigt das Ab-
Zeit zunehmend als Schutzfaktor gegen sorptionspotential der Erdatmosphäre, die
die meisten Krebsarten und das Lichtery- nur in zwei Bereichen überhaupt nen-
them, also die Rötung der Haut, ist das nenswerte Strahlung eindringen läßt. Nur
einzige Zeichen, das verläßlich anzeigt, im Bereich des sichtbaren Lichtes (Fenster
wann die maximal zuträgliche Dosis an 1) und im Bereich der UKW- und Mikrowel-
Sonnenbestrahlung erreicht ist – allerdings lenstrahlung, hier als Fenster 2 bezeich-

6
Der Kreis schließt sich
Die Studie kommt damit zu einem Ergeb-
nis, das sich mit der Anschauung eines der
ältesten Lichtforschers der Neuzeit, näm-
lich Dr. Ernst Horn, teilweise deckt. Dieser
war der Ansicht, daß das Sonnenlicht für
sich genommen kaum Schädigungspoten-
tial aufweist. In seiner im Jahre 1799 veröf-
fentlichten Publikation mit dem Titel: „Über
die Wirkungen des Lichts auf den leben-
den menschlichen Körper mit Ausnahme
des Sehens“ [3] schreibt er: "Eine Materie,
Abbildung 7: Das elektromagnetische Spektrum die, wie das Licht, überall verbreitet ist,
und die auf so mancherlei Weise auf alle
net, ist die Atmosphäre zu 80% transpa- Geschöpfe die wichtigsten Wirkungen her-
rent. Die schwedischen Forscher formulie- vorbringt, durch deren Gegenwart vorzüg-
ren nun die Hypothese, daß die Radio- lich auf der ganzen Oberfläche der Erde
strahlung aufgrund der Wellenlänge im 1- Leben und Thätigkeit möglich gemacht
Meter-Band einen Betrag aufweist, der wurde; welche der ganze physische Zu-
wegen der menschlichen Körpergröße, die stand des Menschen, wie er nun einmal
ja zwischen ein und zwei Metern liegt, eine ist, der größte Theil seiner Einwirkung auf
Art Resonanzbedingung erfüllt, oder an- die Körperwelt bedingte; eine solche Mate-
ders gesagt: für die UKW-Strahlung ist der rie kann für sich und ohne das Hinzukom-
menschliche Körper aufgrund seiner Län- men besonderer Umstände keine schädli-
ge als Empfangsantenne geeignet (was zu chen Wirkungen hervorbringen. Licht ist in
Zeiten schlechten Radioempfanges von dem Grade, das dem Klima seinen gesun-
jedem Tester durch einfaches Anfassen den Bewohners angemessen ist, keines-
der Antenne nachvollzogen werden kann). falls gesundheitsschädlich, sondern im
Die aufgenommene Strahlung, so die Wis- Gegenteil, der Gesundheit förderlich.“
senschaftler, könnte nun im Körper ste-
hende elektromagnetische Wellen ausbil- Literatur
[1] Finsen NR: Die Bekämpfung des
den, die z.B. die Reparaturmechanismen Lupus vulgaris. Jena: Gustav Fischer, 1903
für Lichtschäden behindern, was schließ-
lich die Melanomentwicklung befördert. Es [2] Hallberg Ö, Johansson O: Malignant
melanoma of the skin – not a sunshine story.
gibt einige Argumente, die diese Annahme Med Sci Monit, 2004; 10 (7): CR336–340
unterstützen, so weiß man beispielsweise,
[3] Horn E: Über die Wirkungen des Lichts auf
daß immunsupprimierte Patienten, z.B. den lebenden menschlichen Körper mit Aus-
nach Organtransplantationen, ein etwa nahme des Sehens. Königsberg: Göbbels und
200-fach höheres Risiko tragen, ein Me- Unzer, 1799.
lanom zu entwickeln, also das Immunsys- [4] Malten H: Die Licht-Therapie. München: J.
tem eine ätiologisch wichtigere Rolle spielt F. Bergmann, 1926
als die im Sonnenlicht enthaltene UV- [5] Rollier A: Die Heliotherapie der Tuberkulose
Strahlung. Ein weiterer Hinweis kommt von mit besonderer Berücksichtigung ihrer chirur-
den Forschern selbst, die nämlich zeigen gischen Formen. Berlin: Julius Springer, 1913
konnten, daß in Spanien, wo das UKW- [6] Rollier A: Gesünder durch Sonne. Berlin:
Sendenetz mit zwei Jahren Verzögerung, Falken, um 1930
also erst 1957, eingeführt wurde, erwar-
tungsgemäß auch die Melanom-Mortalität Kontakt
mit einer zweijährigen Verzögerung ange- www.lichtbiologie.de
stiegen war. wunschart@mac.com