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filmheft

Free Rainer – Dein Fernseher lügt


Hans Weingartner
Deutschland/Österreich 2007
■ ■ Filmbildung

Medien prägen unsere Welt. Nicht selten schaffen sie ihr eigenes Universum –
schnell und pulsierend, mit der suggestiven Kraft der Bilder. Überall live und
direkt dabei zu sein, ist für die junge Generation zum kommunikativen Ideal
geworden, das ein immer dichteres Geflecht neuer Techniken legitimiert und
zusehends erfolgreich macht.
Um in einer von den Medien bestimmten Gesellschaft bestehen zu können,
müssen Kinder und Jugendliche möglichst früh lernen, mit Inhalt und Ästhetik
der Medien umzugehen, sie zu verstehen, zu hinterfragen und kreativ umzuset-
zen. Filmbildung muss daher umfassend in deutsche Lehrpläne eingebunden
werden. Dazu ist ein Umdenken erforderlich, den Film endlich auch im öffent-
lichen Bewusstsein in vollem Umfang als Kulturgut anzuerkennen und nicht nur
als Unterhaltungsmedium.
Kommunikation und Information dürfen dabei nicht nur Mittel zum Zweck sein.
Medienbildung bedeutet auch, von den positiven Möglichkeiten des aktiven
und kreativen Umgangs mit Medien auszugehen. Medienkompetenz zu
vermitteln bedeutet für die pädagogische Praxis, Kinder und Jugendliche bei
der Mediennutzung zu unterstützen, ihnen bei der Verarbeitung von Medienein-
flüssen und der Analyse von Medienaussagen zu helfen und sie vielleicht sogar
zu eigener Medienaktivität und damit zur Mitgestaltung der Medienkultur zu
befähigen.
Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb sieht die Medien nach wie vor
als Gegenstand kritischer Analyse an, weil Medienkompetenz in einer von
Medien dominierten Welt unverzichtbar ist. Darüber hinaus werden wir den
Kinofilm und die interaktive Kommunikation viel stärker als bisher in das Konzept
der politischen Bildung einbeziehen und an der Schnittstelle Kino und Schule
arbeiten: mit regelmäßig erscheinenden Filmheften wie dem vorliegenden, mit
Kinoseminaren, themenbezogenen Reihen, einer Beteiligung an bundesweiten
Schulkinowochen, Mediatoren/innenfortbildungen und verschiedenen anderen
Projekten.

Thomas Krüger,
Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung

Impressum
Herausgeberin: Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Fachbereich Multimedia
Adenauerallee 86, 53113 Bonn, Tel. 0228 99-515-0, Fax 0228 99-515-113,
info@bpb.de, www.bpb.de
Autor: Reinhard Middel
Arbeitsblätter und Unterrichtsvorschläge: Petra Anders
Redaktion: Katrin Willmann (bpb, verantwortlich), Ingrid Arnold
Redaktionelle Mitarbeit: Holger Twele (auch Satz und Layout)
Umschlag, Basislayout: Susann Unger
Druck: Quedlinburg DRUCK GmbH, Quedlinburg
Bildnachweis: Kinowelt Filmverleih GmbH, Christine Halina Schramm (Porträt Hans Weingartner)
© Januar 2008
Inhalt

Free Rainer – Dein Fernseher lügt


Deutschland/Österreich 2007 4 Inhalt
Regie: Hans Weingartner
Drehbuch: Hans Weingartner, Katharina Held 4 Figuren
Kamera: Christine A. Maier
Schnitt: Andreas Wodraschke
6 Problemstellung
Musik: Stefan Soltau 9 Filmsprache
Darsteller/innen: Moritz Bleibtreu (Rainer Käthner), Elsa Sophie Gambard (Pegah),
Milan Peschel (Phillip), Simone Hanselmann (Anna), Gregor Bloéb (Dieter Maiwald),
12 Exemplarische
Franziska Knuppe (Joanna), Tom Jahn (Bernd), Robert Viktor Minich (Harry), Sequenzanalyse
Ralf Knicker (Sebastian), Andreas Brandt (Karl-Heinz), Irshad Panjatan (Gopal),
Us Conradi (Frau Arnim), Doris Goldpashin (Moderatorin), Chiara Steinbauer 13 Fragen
(Mareike), Peer Jäger (Gründgens) u. a. 14 Unterrichts-
Produktion: kahuuna films (Hans Weingartner), coop99 Filmproduktion
(Antonin Svoboda), in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Rundfunk (ORF) vorschläge
Länge: 129 Min. 15 Arbeitsblatt
FSK: ab 12 J.; empfohlen ab 14 J.
Kinoverleih: Kinowelt 16 Sequenzprotokoll
18 Materialien
22 Literaturhinweise

Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT 3


■ ■ Inhalt ■ ■ Figuren

Rainer Käthner arbeitet erfolgreich als Diebe zunnächst verfolgt, sich dann
Produzent von Fernsehsendungen. aber mit ihrem Anliegen solidarisiert,
Seine Kuppelshow „Hol Dir das Super- gelingt ihnen die Flucht. Der Computer-
baby“ beim ■ privaten TV-Sender TTS Hacker hatte sich bereits zuvor illegal
bricht bei den ■ Einschaltquoten alle Zugang zu den Standortdaten sämtli-
Rekorde. Mit lauter, harter Musik rast cher Quotenboxen in Deutschland ver-
er aufgedreht und aggressiv durch schafft. Das Trio quartiert sich in einer
Berlin; gleichzeitig raucht und trinkt leer stehenden Pension ein. Nach ers-
er, schnupft Kokain. Als er mit seiner ten Testanrufen müssen sie resigniert
Freundin Anna zu einer Galaveran- feststellen, dass die ermittelten Quoten
staltung des Senders unterwegs ist, offenbar stimmen.
kreuzt unvermittelt eine unbekannte Sie beschließen, die Quotenboxen in
junge Frau, Pegah, ihren Weg. Dem den Testhaushalten auszutauschen
anschließenden Restaurantbesuch und heuern dafür Bernd, Harry, Rainer
mit Programmchef Maiwald entzieht Sebastian, Karl-Heinz und Gopal an, Der erfolgreiche, aber innerlich zerris-
Rainer sich, nach durchzechter Nacht eine bunt gemischte Gruppe von sene Mittdreißiger hat Zweifel an sich
wird er an einer Kreuzung in seinem Arbeitslosen. Bei ihrer Arbeit verur- und seinem Beruf bisher verdrängt
Auto von Pegahs Jeep in voller Fahrt sachen sie kostspielige Brand- und und überspielt. Rastlos lenkt sich
gerammt. Beide werden schwer ver- Autounfallschäden, und nachdem der moderne Egomane mit schnellen
letzt ins Krankenhaus eingeliefert. Rainer für die Freilassung eines inhaf- Autos, aggressiver Hardcore-Musik
Rainer halluziniert albtraumartig eine tierten Gruppenmitglieds seine letzten und hemmungslosem Drogenkonsum
Show, in der das rasende Publikum ihn Ersparnisse ausgegeben hat, droht ab – bevor er beginnt, sich durch den
für die allgemeine Fernsehverblödung die ganze Aktion zu scheitern. Doch einschneidenden Unfall und die Bezie-
zur Rechenschaft zieht und über die Gruppe macht ohne Bezahlung hung zu Pegah zu ändern.
lebenserhaltende Maßnahmen ent- weiter, der Durchbruch gelingt mit
scheiden soll. Über einen von Pegah Hilfe einer Rufumleitung über die Pegah
zurückgelassenen Zeitungsausschnitt Verteilerkästen. Während bisherige Die 19-jährige, authentisch handelnde
stößt er darauf, dass sich ihr Groß- Quotenknüller in der Publikumsgunst junge Frau kreuzt als „Racheengel“
vater, ein Schwimmtrainer, der in abstürzen, machen Fassbinder-Filme, zuerst hasserfüllt Rainers Weg, dann
einer von Rainers Magazinsendungen Dokumentationen und Bildungssen- wird sie zu seiner Wegbegleiterin
fälschlicherweise des Dopings bezich- dungen plötzlich unerwartet Quote – eine Art „Schicksalsgöttin“, die sein
tigt worden war, deshalb das Leben – eine TV-Kulturrevolution, ein neues Leben verändert. Mit einem starken
genommen hatte. Fernsehzeitalter bricht an. Senderver- Gerechtigkeitssinn ausgestattet,
Nach seiner Genesung meldet sich antwortliche und Politiker in Berlin gera- handelt sie affektiv und zugleich wohl-
Rainer, dem die Niveaulosigkeit des ten zunehmend unter Druck. überlegt; sie wird zur Komplizin und
Kommerz-Fernsehens klar gewor- Programmchef Maiwald traut dem Freundin, hält die Gruppe zusammen
den ist, mit einer anspruchsvollen neuen Quotenzauber nicht, er macht und inspiriert die Revolte.
Info-Show zurück, die der Programm- Rainer ausfindig und unterbreitet ein
direktor wegen der katastrophal verlockendes Angebot: Eine Million Phillip
geringen Zuschauerzahlen umgehend Euro für 10 Prozent mehr Quote bei Der seinen Mitmenschen gegenüber
absetzt. Rainer kündigt seinen Job, TTS-Sendungen – oder er ruft die gehemmt wirkende, aber intellektuell
zu Hause wirft er seinen Flachbild- Polizei. Die Gruppe reagiert gespalten, versierte Wachmann der Erfassungs-
schirm vom Balkon. Gerade dabei, sie lehnt ab. Als die Polizei ihr leer Firma ist für ■ Verschwörungstheorien
am Computer das Geheimnis der geräumtes Domizil stürmt, sind die anfällig. Seine subversive Haltung
seiner Meinung nach manipulierten Rebellen längst in Sicherheit. Freudig zeigt sich, als er Rainer und Pegah
Einschaltquoten zu ergründen, steht feiern sie das ohne ihr Zutun anhal- im entscheidenden Moment laufen
Pegah vor seiner Tür. Sie entschuldigt tende Quotenhoch, Rainer und Pegah lässt und sich der Gruppe anschließt,
sich für den mutwillig herbeigeführten kommen sich näher. Und bald schon um als erfahrener Hacker technische
Unfall und verbündet sich mit ihm. haben sie ein neues Betätigungsfeld Führungsaufgaben zu übernehmen.
Während einer Besichtigung der Firma an den Scannerkassen eines Super-
IMA, bei der die ermittelten Quoten markts in ■ Haßloch gefunden, wo Maiwald
zusammenlaufen, stiehlt Rainer ein Testkunden darüber entscheiden, was Der im Fernsehgeschäft zynisch gewor-
Exemplar des Erfassungsgeräts. Mit deutschlandweit in die Regale kommt. dene Programmchef ist der Medien-
Hilfe des Wachmanns Phillip, der die karrierist par excellence. Rainers

4 Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT


■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

Dualer (öffentlich-rechtlicher umgeschaltet wird. Die so ermittelten


und privater) Rundfunk Nutzungsdaten werden jede Nacht
Rundfunk und Fernsehen sind in der von der GfK-Zentrale abgerufen und
Bundesrepublik Deutschland durch mit den Sendeprotokollen verglichen,
das Nebeneinander von öffentlich- so dass die Einschaltquoten für jedes
rechtlichen und privatwirtschaftlichen Programm und jedes Format bereits
Sendern gekennzeichnet. Die für beide bald nach der Ausstrahlung vorliegen.
Systeme gemeinsam geltenden Rah-
menbedingungen, die unterschiedli- Testmarkt Haßloch
chen Finanzformen und Aufgabenzuwei- Im überschaubaren Rahmen soge-
sungen sind in einem Rundfunk-Staats- nannter Magic Towns (benannt nach
vertrag geregelt. Zum vorwiegend über einem satirischen US-Spielfilm von
Gebühren finanzierten öffentlich-recht- 1947) werden Meinungen und das
lich verfassten, staatsfernen Rundfunk Konsumverhalten erforscht. Haßloch
zählen die Landesrundfunkanstalten in der Pfalz mit seiner nach Alters-
der ARD (Arbeitsgemeinschaft der struktur, sozialer Schichtung und
öffentlich-rechtlichen Rundfunkan- Wohnortumfeld für die Bundesrepublik
stalten der Bundesrepublik Deutsch- repräsentativen Bevölkerung dient
land), das ZDF (Zweites Deutsches der GfK als ein solcher Testmarkt für
abgefeimter Gegenspieler hält an der Fernsehen), DeutschlandRadio, Markenartikel und Konsumprodukte.
Deutsche Welle, 3sat, Arte sowie die Testprodukte werden hier vor Markt-
Rolle des Quotenmachers um jeden
Spartenprogramme Kinderkanal und einführung einschlägig beworben,
Preis fest und versucht, selbst noch Phoenix. Sein Auftrag ist es, die Grund- die Bürger/innen lassen ihre Einkäufe
die Revolte des Antagonisten für seine versorgung, die Breite des Angebots registrieren, so dass eine detaillierte
Zwecke zu vereinnahmen. sowie Vielfalt und Pluralismus der Zuordnung der Einkäufe zu Haushalten
Programme sicherzustellen. Für die oder Personen(-gruppen) möglich wird.
Anna seit 1985 lizensierten, weitgehend wer- Die Testergebnisse stimmen zu 90
befinanzierten privaten Sender um die Prozent mit den späteren Marktdaten
Rainers Freundin ist eine gutaussehen-
ProSiebenSat.1- und RTL-Gruppe überein.
de „Fernsehblondine“, schick und hipp,
gelten geringere Programmanforde-
die sich im Smalltalk des Geschäfts rungen, die von den Landesmedien- Verschwörungstheorien
perfekt bewegt. Dreist, aber erfolglos anstalten überwacht werden. In Als Verschwörungstheorien werden
versucht sie, sich bei den Programm- diesem Umfeld hat sich mittlerweile im Alltagsbewusstsein, in Weltan-
verantwortlichen einzuschmeicheln, die neue Sendergeneration des Trans- schauungen, Religionen wie in Sozial-
während sie den „befreiten“ Rainer aktionsfernsehens herausgebildet, und Kulturwissenschaften begegnende
verliert. das dem Publikum Möglichkeiten zum Versuche bezeichnet, schwer(er) fass-
Mitmachen bietet. bare Ereignisse, Zustände und Entwick-
lungen durch ein zielgerichtetes, von
Mitarbeiter
Einschaltquoten Interessen geleitetes, dabei stets dun-
Bernd, der obdachlose ehemalige Die Erfassung der Einschaltquoten kel bleibendes Verschwörungswirken
Fernmeldetechniker in Rainers Truppe wird in Deutschland seit der Einführung zu „erklären“.
der Arbeitslosen, wird durch seinen des dualen Fernsehens 1985 von der
Alkoholismus beinahe zur tragischen Gesellschaft für Konsumforschung in „Hartz I-IV“
Figur, seine Ideen und sein Know-How Nürnberg (GfK) im Auftrag der sender- Nach Peter Hartz, dem ehemaligen
abhängigen Arbeitsgemeinschaft Personalvorstand der Volkswagen AG,
bringen die Quotenrevolte jedoch im
Fernsehforschung (AGF) vorgenom- benannte Folge von Arbeitsmarkt-
entscheidenden Augenblick voran. men. Das aktuelle GfK-Messverfahren Gesetzen, die 2003 bis 2005 in Kraft
Harry, der den Verlockungen des ermittelt die Reichweiten in einem getreten sind. Wegen der weitreichen-
Geldes nicht abholde Pyrotechniker, Panel, zu dem deutschlandweit 5.640 den Konsequenzen für Arbeitslose
Gopal, der witzige indische Clown- Haushalte mit rund 13.000 Menschen und Sozialhilfeempfänger ist nament-
Pantomime, Karl-Heinz, der eine ab drei Jahren zählen, deren Fernseh- lich „Hartz IV“ bis heute umstritten.
Elektrikerausbildung vortäuschende nutzung in einer flächen- und bevöl- Von den einen werden die „Hartz-
kerungsrepräsentativen Stichprobe Gesetze“ als Ursache für wirtschaft-
Ex-Häftling auf Bewährung, und
erhoben wird. Darin wird die Fernseh- lichen Aufschwung und niedrigere
Sebastian, der Theologe von der nutzung von über 35 Millionen Fern- Arbeitslosenzahlen genommen, von
Telefonseelsorge mit Ein-Euro-Job, sehhaushalten mit mehr als 73 Millio- den anderen als Chiffre für umfas-
vervollständigen das bunt gemischte nen Personen abgebildet. Die Haus- senden Sozialabbau und wachsende
Kreativ-Team. Als Arbeitslose, Außen- halte sind mit einem Messgerät Armut ganzer Bevölkerungsgruppen.
seiter und Künstler erscheinen sie (Telecontrol TCXL) ausgestattet, das, „Hartz IV“ regelt unter anderem die
einerseits als „Randfiguren“, anderer- indem sich die Haushaltsmitglieder Zusammenlegung von Arbeitslosen-
mit einer besonderen Fernbedienung und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II,
seits kommen sie aus der Mitte der
an- und abmelden, auf die Sekunde die Verkürzung der Bezugsdauer des
■ „Hartz-IV-Gesellschaft“ und bringen genau festhält, welches Programm Arbeitslosengelds I und die vermehrte
sich mit subversiven Ideen und durch eingeschaltet ist, von wem es gese- Anrechung privater Vermögensanteile
unkonventionelles Handeln am Rande hen beziehungsweise ob und wann auf soziale Transferleistungen.
der Legalität aktiv ein.

Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT 5


■ ■ Problemstellung

Mit der Wendung „Dein Fernseher rechtigkeit auf, verschiebt sich nun die
lügt“ greift Hans Weingartners Film Rebellion der von Rainer, Pegah und
ein Unbehagen am Fernsehen auf, Phillip angeführten Gruppe erwach-
das sich auch in einer jüngst veröffent- sener Außenseiter gegen die „geistige
lichten Umfrage des Marktforschungs- Ungerechtigkeit“ eines immer niveaulo-
instituts Ipsos im Auftrag der Fernseh- seren Fernsehens.
zeitschrift „Hörzu“ niederschlägt:
Demnach glauben mehr als die Gesellschaftspolitische und morali-
Hälfte der repräsentativ befragten sche Fernsehkritik
Bundesbürger ab 14 Jahren nicht
mehr, was im Fernsehen berichtet Der Film setzt am Medium Fernsehen
wird („Frankfurter Rundschau“ vom an, das trotz rasantem Medienwandel und Böse bei Weingartner von Anfang
8.8.2007). FREE RAINER – DEIN FERN- nahezu unverändert stark genutzt wird an eindeutig verteilt, die Sympathien
SEHER LÜGT transponiert dies mit – auch wenn in der Gruppe jugendli- für Protagonisten/innen und Antago-
satirischer Verve in eine ■ utopische cher Mediennutzer/innen das Internet nisten/innen auch: Hier Rainer, zu-
Rebellion gegen das vorherrschende inzwischen deutlich aufgeholt hat nächst Rad im Getriebe des kritisier-
Fernsehen. (siehe die Daten zur Entwicklung der ten Systems, bevor er aussteigt, zum
Während in der Realität die mangelnde durchschnittlichen TV-Sehdauer und rebellischen Gegner wird und auch
Glaubwürdigkeit vieler Programm- vergleichenden TimeBudget-Statistik illegal handelt, um Sand ins Getriebe
angebote noch immer erfolgreich im Materialteil). Plot, Handlungsverlauf zu streuen – dort die Angepassten
durch das Rezeptionserlebnis und und Figurenentwicklung des Films sind des Fernsehgeschäfts, Senderchef
die Integrationskraft des Fernsehens geprägt von Weingartners unmiss- Gründgens (!) und Programmdirektor
kompensiert wird, setzen sich die verständlich negativer Einschätzung Maiwald. Dessen Satz „Die Zuschauer
Protagonisten/innen gegen diese Art der Entwicklung des gegenwärtigen wollen Titten sehen und wissen,
von Befriedung zur Wehr. Manipula- Unterhaltungsfernsehens, wie er dies wie man Steuern spart“ bringt diese
tions- und Verblödungsthesen, die im pointiert zu Protokoll gegeben hat: Art von Fernsehen zynisch auf den
Film nicht zu kurz kommen, ziehen „Es geht um die gesellschaftlichen Punkt. Wenn Maiwald die Leute mit
sich durch unterschiedliche Fernseh- Auswirkungen, wenn sich Millionen Unterhaltungsfernsehen weg von der
und Medientheorien. Sie laufen nach Menschen so einen Scheiß wie die Straße holen und nicht auf dumme
Hans Magnus Enzensberger darauf Dschungelshow und ‚Deutschland Gedanken kommen lassen möchte,
hinaus, dass „die Medien nicht nur das sucht den Superstar‘ angucken. Die bestätigt er nicht minder zynisch
Kritik- und Unterscheidungsvermögen, neue Armut ist die von den Massen- aktuelle statistische Befunde zur über-
nicht nur die moralische und politi- medien geförderte geistige Armut.“ durchschnittlichen Fernsehnutzung
sche Substanz ihrer Nutzer angreifen, Im Kontext seiner Diagnose vom sozial- Arbeitsloser; danach sehen diese im
sondern auch ihr Wahrnehmungs- und bildungspolitisch brisanten Verfall Schnitt am Tag fast 25 Prozent mehr
vermögen, ja ihre psychische Identität.“ der Fernsehkultur entfalten sich die fern als Zuschauende, die Arbeit
(Enzensberger in „Der Spiegel“ 20/1988). Ironie und Utopie der Filmidee: „Unter- haben („FAZ.NET“ – „Fernsehkonsum:
In der Figur des Fernsehrebellen Rainer schicht befreit die Unterschicht vom Willkommen in der Unterschicht“).
bündeln sich vielfältige fernsehkritische Unterschichtenfernsehen“ (vergleiche Das Fernsehen, so resümiert auch
Haltungen, die sich zwischen Moral und Materialteil). Die subversive Wendung Knut Hickethier in seiner „Geschichte
Schwarz-Weiß-Malerei bewegen. des Films formuliert Kritik am Niveau des Fernsehens“, hat in Zeiten der
Regisseur Hans Weingartners Vorgän- des Fernsehens ohne dünkelhaften Massenarbeitslosigkeit eine eminente
ger-Spielfilm DIE FETTEN JAHRE SIND Blick „von oben“ auf die soziale Zuge- sozialpsychologische Funktion für die
VORBEI (2004) war auf andere Weise hörigkeit der Fernsehzuschauer/innen. Gesellschaft übernommen, stellt es
utopisch, gleichzeitig wies er jedoch „Unterschichtenfernsehen“ bekommt doch ein nicht zu unterschätzendes
eine mehr sozialrealistische und weni- hier eine andere gesellschaftspolitische soziales Befriedungsinstrument dar.
ger satirische Darstellung sowie eine Stoßrichtung, wenn es Marginalisierte Rainer vertritt in diesem fernsehkri-
„jugendaffinere“ Figurencharakteristik und Arbeitslose zu „Helden“ der tischen Diskurs die hochmoralische
auf. Ungeachtet dessen ergeben sich Rebellion werden lässt, die nicht nur Gegenposition. Ihm offenbart sich die
im Vergleich mit FREE RAINER bei der Fernsehqualität und -quote (wieder) ganze Fragwürdigkeit des quotenfixier-
Problemstellung auch Ähnlichkeiten. zusammenbringen, sondern sich durch ten Fernsehprogramms: „Wenn man
Lehnte sich das junge Protagonisten/in- widerständiges Handeln „von unten“ die Menschen so an Dreck gewöhnt,
nen-Trio Jan, Jule und Peter noch sozial finden und selbst entfalten. dass sie Dreck sehen wollen, dann
gegen soziale und materielle Unge- In der Kritik des Fernsehens sind Gut wird das moralische Empfinden sys-

6 Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT


■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

tematisch kaputtgemacht!“ Später, nichts anderes als Trash (zum Begriff Utopie
im Hochgefühl der erfolgreich mani- des Trash-Fernsehens siehe auch Die aus dem Griechischen von Utopia
pulierten Quoten träumt der Fernseh- Materialteil). (Nicht-Ort) stammende vielfältig
ausgedeutete Kategorie bezeich-
macher von der seit Bertolt Brechts
net in Gesellschaft, Politik, Religion,
früher Radiotheorie (siehe Materialien) Mythos und Wirklichkeit der Philosophie, Technik und Kunst etwas
bis hin zu ■ „Offenen Kanälen“ und Einschaltquote Wünschenswertes, denkbar Mögliches,
„Bürgerfernsehen“ immer wieder das vor dem jeweiligen historisch-kul-
aufgegriffenen Idee eines demokra- Aus der spielerischen Umkehr des turellen Hintergrund noch nicht oder
tisch-selbstbestimmten Fernsehens: Phänomens der Einschaltquoten nicht mehr realisierbar erscheint. Zur
den Massen durch andere Organisa- bezieht die Dramaturgie des Films Kennzeichnung der Utopie des Films
lässt sich am ehesten der von Ernst
tionsformen und Inhalte der Medien wesentliche Impulse. Tatsächlich
Bloch entwickelte Begriff einer konkre-
sowie durch den Zugang zur Medien- ist „die“ Quote längst eine zentra- ten Utopie verwenden, demzufolge der
produktion die Teilhabe an Kultur und le Kategorie für jede Art von Fern- Zustand einer real möglichen, zukünfti-
Bildung und damit gesellschaftliche sehen, nicht nur für das sogenannte gen Gesellschaftsveränderung in einem
Mitbestimmung zu ermöglichen. Der Quotenfernsehen. Auch die Öffent- tastend-antizipierenden Prozess hier
Film buchstabiert diese Idee vom lich-Rechtlichen, deren Kultur- und und jetzt aufscheint.
„mündigen Bürger“ indes auf wider- Bildungsauftrag eigentlich durch
sprüchliche Weise aus, er verfängt Gebührenfinanzierung geschützt wer- Offene Kanäle/Bürgerfern-
sich schließlich sogar darin: Die Mani- den sollte, schielen auf Quoten. Die sehen
Offene Kanäle sind für alle frei zugäng-
pulation der Quoten im Dienste der Verabsolutierung dieses Messwerts liche Radio- oder Fernsehkanäle, in
„guten Sache“ bleibt, wenn auch trägt nachgerade mythisch-religiö- denen Bürger/innen, Gruppen und
augenzwinkernd ins Menschenfreund- se Züge, führt zum „Quotenzauber“ Vereine selbst gestaltete Beiträge
liche gewendet, Manipulation; sie – ein fruchtbarer Boden für Manipula- oder Programme senden können
entlässt das Publikum nicht wirklich tionsverdächtigungen und Verschwö- – vorausgesetzt, sie verstoßen nicht
aus seiner Unmündigkeit. Mit seiner rungstheorien. Neben Zweifel(n) an der gegen geltendes Recht. Für dieses
Bürgerfernsehen stellen Medienein-
einfachen, sehr schematischen Unter- Zuverlässigkeit der Quotenerfassungs-
richtungen in Ländern und Kommunen
scheidung zwischen guten Medien- methoden gibt es begründete gesell- seit den 1980er-Jahren Studios und
formen, für die der Kinofilm steht, schaftspolitische und medienethische Aufnahmeeinheiten bereit, um unter
und abgrundtief schlechten, wie zum Vorbehalte gegenüber der zunehmen- den Leitgedanken von Partizipation
Beispiel Realityshows im Fernsehen, den Fetischisierung des Instruments, und Gegenöffentlichkeit bürgerna-
übersieht Rainer mit seiner Sicht- das oft binnen kürzester Zeit über hes Fernsehen zu ermöglichen. Das
weise im Film zudem gegenläufige Wohl und Wehe von Programmen Toleranzprinzip, niemanden zu benach-
teiligen oder gar zu diskriminieren,
Qualitätsentwicklungen bei bestimmten und Sendeplätzen entscheidet. Wie
hat in der Praxis der Offenen Kanäle
Fernsehformaten: so beispielsweise sehr die Orientierung an möglichst jüngst vermehrt zu Konflikten geführt,
das hohe, manchen Kinofilm deut- hohen Einschaltquoten mittlerweile beispielsweise im Zusammenhang mit
lich überschreitende Niveau, das sogar schon die Stoffentwicklung und radikalen religiösen und politischen
heute einige Fernsehserien erreichen. Drehbuchkonzeptionen kompatibel Gruppierungen.
Maiwalds zynisches Diktum „Kein trimmt, zeigen unter anderem die
Mensch ist so blöd wie unsere Shows“ mehr oder weniger offene Platzierung
hält dieses Wissen um anderes, quali- von massenattraktiven Produkten,
tatives Fernsehen auf widersprüchlich- Lifestyle- und Konsumhaltungen in
paradoxe Weise fest. Sein kritischer die Handlung, ebenso das zuneh-
Gegenspieler Rainer sieht im Fernsehen mende Einpassen „fernsehtauglicher“

Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT 7


■ ■ Problemstellung

Stoffe in aktuell erfolgreiche Formate. len. Mit seiner Utopie eines befreiten jedoch konsequent, die den gesell-
Angesichts der fortschreitenden und freien Qualitätsfernsehens betritt schaftlichen Verhältnissen geschul-
Instrumentalisierung der Quote durch der Regisseur ein durch Zynismen, deten Begrenzungen des Einzelnen
die Fernsehmacher stellt sich die Heuchelei und Anpassung dicht vermin- durch die Erfahrung und das Handeln
keineswegs utopische Frage, ob tes Terrain in der Medien- und Kon- in der Gruppe zu überwinden – im
Fernsehen alternativlos eine Geisel sumgesellschaft. Qualitätsansprüche, Kleinen, von unten. Damit greift der
der Einschaltquote bleiben muss. die dem Fernsehen als regulative, Regisseur in modifizierter Weise
Rainer, der fundamentale Kritiker aufklärerische Idee von Anfang an „sein“ aus seinem Film DIE FETTEN
des Fernsehens, entlarvt das herr- immer auch innewohnen, gelten mit- JAHRE SIND VORBEI bekanntes
schende System der größtmöglichen tlerweile als Wunschdenken. Akteure Thema Jugend und Rebellion inklu-
Quote als perfekte Ausrede, nur noch wie Rainer, die an die ethisch-mora- sive der dazugehörenden Dynamik
Trash zu produzieren. Er zweifelt: lische Dimension von Fernsehen, an aus dem Generationenkonflikt erneut
Wer kennt schon jemanden, der ein seine Verantwortung für Bildungs- auf. Pegah, Rainer und die Gruppe
Quotenerfassungsgerät zu Hause und Kulturvermittlung erinnern und versuchen auf ihre Weise, ihren Traum
stehen hat, und wer hat konkrete danach handeln, werden als Idealisten, „wild und frei zu leben“ zu verwirkli-
Einblicke in die Ermittlungsdetails? Utopisten und Sozialromantiker abge- chen. Auch in ihrem Umfeld agieren
In seiner Wut hängt er zunächst einer tan. Menschen, die sich zynisch an die
verbreiteten Verschwörungstheorie Das Verblüffende, vielleicht auch Mechanismen der Konsum- und
an, der zufolge die veröffentlichten „Altmodische“ an der im Film darge- Mediengesellschaft angepasst und
Einschaltquoten des Fernsehens stellten Utopie ist, dass diese den ihren Frieden geschlossen haben.
manipuliert sein müssen – alles Protagonisten/innen als eine reale Impulse für den Widerstand gegen
Fake, großer Schwindel. Wenn aber Möglichkeit erscheint – sie sind realis- diese Anpassung müssen von den
die Messungen technisch stimmen, tisch und verlangen das Unmögliche. Einzelnen ausgehen, so der Appell und
ließe sich das Instrument dann nicht Mit dem Regisseur möchte man die Botschaft des Films. Kreativität,
auch anders nutzen? Die Utopie glauben, dass die utopische Revolte Selbstentfaltung und selbstbestimmtes
eines vom Zwang der herrschenden Realität werden könnte. Für die fak- Handeln bedürfen aber auch gemein-
Quote befreiten Fernsehens ist nicht tisch mögliche Befreiung vom Diktat samer Wertschätzungen, Kooperation,
identisch mit ihrer vollkommenen des Quotenfernsehens hat der Film des Zusammenhalts in der Gruppe.
Abschaffung. Mit der finalen Wendung nicht nur witzige Zeitungsschlagzeilen In der Figur des Rainer bündeln sich
zu Qualität und Quote setzen die gefunden, sondern auch überaus Widersprüche eines „modernen
Protagonisten/innen anstelle der größ- suggestive Bilder. Die Möglichkeit Menschen“ im Spannungsfeld von
ten mach- und erreichbaren die größte einer anderen Realität erscheint plötz- Anpassung und Widerstand. An Rainer
vertretbare Quote: „Qualität für wenige lich nicht mehr als Utopie, sondern zeigt sich, wie sehr auch in der Medien-
Auserwählte ist doch Schwachsinn“, machbar, fast schon selbstverständ- gesellschaft Selbstfindung und indivi-
so Rainer. lich. In dieser real erscheinenden dueller Widerstand auf die Erfahrung
Fiktion lesen, lieben und leben die des/der anderen bezogen bleibt.
Utopie der Befreiung Menschen wieder – Freiräume ohne Besonders Maiwalds Zynismus, der
Fernsehen, an die bisher niemand zu den Verlust der Ideale bei der vorher-
Im antiutopischen Klima zunehmen- denken wagte. Selbst als am Ende gehenden Generation zum Ausdruck
der Individualisierung und Entsolida- die Quotenmanipulation abgebrochen bringt, treibt den Widerstand des jun-
risierung der heutigen Gesellschaft sind werden muss, bleiben die Quoten für gen Fernsehmachers an. Bereits vor
Gegenentwürfe Mangelware, gerade gutes Fernsehen stabil. dem Unfall vermag Rainer seine Zweifel
auch in intellektuellen Milieus haben an sich selbst und am Fernsehgeschäft
Utopien derzeit keine Konjunktur. Individueller Widerstand – nur noch mit Mühe zu unterdrücken
Weingartners Filmarbeit möchte sich Solidarität der Gruppe und zu kompensieren, wie sein Dro-
dem grassierenden Zynismus und genkonsum und sein aggressives
der Utopielosigkeit, wie sie in FREE FREE RAINER variiert das romanti- Verhalten deutlich zeigen. Er scheint
RAINER vor allem die beiden Fernseh- sche Motiv von der Überwindung der geradezu auf den Moment zu warten,
macher Maiwald und Gründgens Einsamkeit des Außenseiters, der aus wesentliche Dinge in seinem Leben
charakterisiert, widersetzen. Er arbeitet unterschiedlichen Gründen in Gesell- noch einmal anders betrachten und
sich mit seinen Filmen an erstarrten schaft, Familie, Beruf und Alltag nicht anpacken zu können. Dazu bedarf es
gesellschaftlichen Verhältnissen ab zurechtkommt, zerrissen ist, ausbricht der scheinbar zufälligen Begegnung
und scheut sich nicht, Szenarien mit und rebelliert. In Weingartners Film mit der jungen, authentisch han-
konkreten Gegenutopien auszuma- versuchen die Protagonisten/innen delnden Pegah. Pegah ist „äußerer“

8 Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT


■ ■ Filmsprache

Auslöser für Rainers „innere“ Umkehr.


Durch sie wird ihm wie in einem
Spiegelbild klar, dass er mit seiner Art
des Fernsehmachens buchstäblich
über Leichen gegangen ist und dass
es so nicht mehr weitergehen kann.
Nur schwer überwindet er persönliche
Blockaden und lernt, sich anderen
zu öffnen und ihnen zu vertrauen.
Der Traum von einem anderen Leben
scheint möglich. Durch Pegah wird ihm
klar, wie sehr seine privaten und beruf-
lichen Fluchten auch etwas mit der
Angst zu tun haben, nicht geliebt zu
werden. Die konventionelle und heikle Genre und Erzählweise kritisieren. Als Form künstlerischen
Erzählfigur von der Heilung, gar der Spotts durch Übertreibung und ver-
Katharsis durch Liebe wird, bei allen FREE RAINER ist elliptisch erzählt. zerrende Nachahmung erscheint die
Einwänden gegen die Konstruktion im Die Erzählung entwickelt sich in zwei Parodie besonders geeignet, Rituale
Einzelnen, im Film jedoch nicht über- unterschiedlichen Etappen, was sich und Stereotypien des Fernsehens ins
strapaziert. in der Figurenzeichnung, aber auch Lächerliche zu ziehen und dessen
Während Rainers Befreiung durch an gestalterischen Elementen wie Regeln zu entzaubern. In ähnlicher
Pegahs Zuneigung entscheidend Farbgebung, Schnitt- und Kamera- Weise bedient sich der Film der
befördert wird, gelingt die „Quoten- rhythmen, Schauplätzen und Musik Persiflage, wobei es bei dieser im
rebellion“ nur mit Hilfe der vor der ablesen lässt. Ein erster, mehr von Unterschied zur Parodie weniger auf
Agentur für Arbeit weg engagierten Kälte, Aggression, Trauer und Wut die Nachahmung der Form, sondern
Langzeitarbeitslosen. Erst der sub- isolierter Einzelner geprägter Filmteil mehr auf die gewitzte Verspottung der
versive Einsatz ihrer endlich wieder geht mit Beginn der „Quotenrebellion“ Inhalte ankommt. Humor tritt zum Teil
sinnvoll genutzten, brachliegenden in einen ruhigeren, zweiten über; hier in grotesken Formen auf, das Groteske
Fähigkeiten und ihr Zusammenhalten steht die positiver und freundlicher des Films wiederum zeigt sich nah
ermöglichen den Erfolg des gemein- wirkende Konstellation um die Gruppe am Fantastischen und Absurden. Die
samen Projekts. Die Gruppe wächst im Mittelpunkt, deren gemeinsames skizzierten Erzählmittel sind qua defi-
in der Krise zusammen, keineswegs Handeln im Dienste der „guten Sache“. nitionem nicht der Ausgewogenheit
unangefochten von den Verlockungen, Weingartners Film unterläuft die Zuord- verpflichtet. Ihr pointierter Einsatz im
die Pegah auf den Punkt bringt: „Geld nung zu den herkömmlichen Genres Film dient dazu, den Zuschauern/innen
war schon immer der Anfang vom von Drama und Komödie sowie zu Möglichkeiten zu eröffnen, über die
Ende der Revolution!“ Voller Ironie bestimmten Gattungen und Erzählstilen. Realität des Dargestellten nachzuden-
buchstabiert der Film diese anarchi- Der bewusst naive Erzählgestus „Es ist ken. Spielerisch, aber nicht ohne Ernst
sche Variation des Revolte-Motivs aus: zu schön, um wahr zu sein“ erinnert zielen sie auf fragwürdige Rituale und
Ausgerechnet Arbeitslose, denen das an ein Märchen, ohne ins Fantastisch- Entwicklungen des Quotenfernsehens.
Image eines überdurchschnittlichen Visionäre entrückt zu sein. Der Kern der Ähnlich wie bei Weingartners Vorgän-
Fernsehkonsums anhängt, handeln Erzählung von der Revolte gegen die gerfilmen DAS WEISSE RAUSCHEN
hier als Gruppe solidarisch, befreien Quote, die im Hier und Jetzt unserer (2001) und DIE FETTEN JAHRE SIND
ihresgleichen im Lande von „schlech- (Medien-)Gesellschaft Realität werden VORBEI führt der Einsatz beweglicher
ten“ Fernsehprogrammen. Indem der könnte, ist vielmehr real-utopisch. digitaler Kameras zu einer charakteris-
Film im Kleinen zeigt, wie sich Rainer Bei fließenden Übergängen zwischen tischen, durch Authentizität und ener-
und diese Gruppe befreien, deutet Satire, Persiflage, Parodie, Groteske getische Spannung gekennzeichneten
er symbolisch darauf hin, was unan- und realistischer Darstellung treten Filmsprache. Der stärker satirische Ton,
gepasstes, widerständiges Handeln Übertreibung und Überzeichnung als die Überhöhung und Dramatisierung
im „großen Ganzen“ der Gesellschaft wiederkehrende Stilmittel hervor. vertrauter Medienrealität rufen in
bewirken könnte. Mit Hilfe eines satirischen Grundtons FREE RAINER Déjà-vu-Erlebnisse und
und von Elementen der Parodie ver- filmästhetische Verfremdungseffekte
sucht FREE RAINER, bestimmte hervor. In Geist und Haltung erinnert
Entwicklungen in der Mediengesell- er an die anarchische Komödie der
schaft zu entlarven und polemisch zu 1970er-Jahre wie zum Beispiel Claude

Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT 9


■ ■ Filmsprache

Faraldos THEMROC (Frankreich 1973), nähert sich die Kamera dem auf besonders hervor. Die roh montierten
die dem Nach-’68er-Klima entspre- der Trage liegenden Patienten in Episoden wirken wie zufällig arrangiert;
chend von Sympathien für individuelle einer Folge von Spots aus Sicht der an dieser Stelle, wo wir noch nichts
Aktionen und Außenseiter-Rebellionen „Krankenschwester“-Moderatorin, von der liebevollen Beziehung des
gegen die „Mächtigen“ in Staat, Wirt- wodurch dessen Angstzustände und Waisenkindes zu ihrem Großvater wis-
schaft und Gesellschaft lebt. Mit neu Gefühle des Ausgeliefertseins eindrück- sen, offenbaren sie auch eine Schwä-
eren Filmsatiren über das Kommerz- lich veranschaulicht werden. che des Drehbuchs. Sie sind wichtig für
Fernsehen wie zum Beispiel Hans- Daneben erzeugen statische Einstellun- die Motivation der Figur und die Hand-
Christoph Blumenbergs PLANET DER gen aber auch immer wieder Ruhe- lungsdramaturgie, tragen jedoch nicht.
KANNIBALEN (Deutschland 2001) Spannung, wie beispielsweise die
oder DIE TRUMAN SHOW (USA 1998, Fokussierung auf Pegah allein im Auto, Musik
Peter Weir) und ED TV (USA 1999, die Totale (■ Einstellungsgrößen) auf
Ron Howard) verbindet FREE RAINER die Schwimmende und die distanzie- Filmmusik erscheint als modern
bei allen filmsprachlichen und -erzähle- rende Sicht auf die frühmorgendlich elektronischer Score ebenso wie als
rischen Unterschieden im Einzelnen leere Straßenkreuzung direkt vor klassische Lied- und Klaviermusik.
die moralische Kritik an bestimmten dem dramaturgischen Wendepunkt. Sie wird insgesamt eher sparsam ein-
Erscheinungen des Boulevardfern- Im Erzählstrang, der die Romanze gesetzt, an signifikanten Stellen teils
sehens, wie etwa der Verflachung zwischen Pegah und Rainer vorbe- atmosphärisch zur Untermalung von
der Programme durch den rein wirt- reitet und in einer Reihe von Zweier- Motiven und zur Charakterisierung der
schaftlich begründeten Einfluss der Situationen entwickelt, aber auch in Protagonisten/innen, teils aber auch
Einschaltquoten. der die beiden umgebenden Gruppe kontrapunktisch. „Anger!“, der aggres-
wirken die Perspektiven auf Gesichter sive Hardcore-Titel von Downset,
Kamera und Montage und Gesten ungleich ruhiger. den Rainer im Auto nach Kräften
Parallel zur Kamera arbeitet die Mon- mitgrölt, tritt als handlungsintegrierte
Die Perspektiven wirken durch tage mit hektisch-abrupten Schnitten, ■ Realmusik in Erscheinung, während
■ Kamerabewegungen) ausgespro- sie führt vor allem in der zweiten Hälfte das kontrastiv dagegen geschnittene
chen dynamisch. Insbesondere zu des Films aber auch zu fließenderen, klassische Kunstlied das bürgerlich
Beginn des Films vermitteln die Bewe- ausgesprochen ruhigen Bewegungen. situierte Paar im Auto auf der anderen
gungen einen subjektiv-authentischen Der Schnitt erzeugt überwiegend deut- Spur charakterisieren soll. Musik spielt
Eindruck vom rastlosen Getriebensein lich sichtbare Übergänge, wodurch hier mit Klischees oder wird durch
Rainers. Eindringlich wirkt die rasante immer wieder Möglichkeiten zu über- Überzeichnung selbst klischeehaft,
Autofahrt-Sequenz bis zum Crash, raschter Wahrnehmung entstehen. wenn sie etwa als Klaviermusik quasi
bei der die entfesselte Kamera auf So wird Pegah zunächst unvermit- leitmotivisch zur Untermalung der
Augenhöhe atemberaubend „mitrast“. telt und ein wenig mysteriös wie ein Begegnungen zwischen Rainer und
Actionfilm-Standards werden hier Fremdkörper in kurz zwischenge- Pegah dient. Insbesondere zur akus-
bedient und zugleich unterlaufen. In schnittenen Szenen als offenbar hand- tischen Unterstützung der sich ent-
der unkonventionellen Eröffnung gibt lungsrelevante Gegenfigur eingeführt, wickelnden Romanze wird die Musik
die Kamera die Tonlage an und offen- bevor die ■ Parallelmontage sie beim gegen Ende hin melancholischer. Mit
bart in nahen Aufnahmen die durch Unfall mit Rainer zusammenführt. Da „I’m the Grassman“ von Dodgy werden
Alkohol, Tabletten und Kokain hervor- der weitgehend chronologisch erzählte die Zuschauenden im Hochgefühl der
gerufene anfängliche Aggressivität und Film auf ■ Rückblenden ansonsten letzten Volte der Rebellen nicht zufällig
Euphorie Rainers. Schräg gekippte verzichtet, stechen die atmosphärisch mit einem Titel in den Abspann entlas-
Perspektiven verstärken den visuel- abgehobene Szene mit Pegahs Kind- sen, der noch einmal die psychede-
len Eindruck vom inneren Chaos der heitserinnerung an den Großvater und lisch getönte Rockstimmung vergange-
Person. In der Albtraum-Sequenz die kurze Impression seines Todes ner Jahrzehnte heraufbeschwört.

10 Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT


■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

Fernsehen im Film Kamerabewegungen Umgebung und die Totale präsentiert


Je nachdem, ob die Kamera an einem die maximale Bildfläche mit allen agie-
Ort bleibt oder sich durch den Raum renden Personen; sie wird häufig als
Um die Animationsrituale flacher
bewegt, gibt es zwei grundsätzliche einführende Einstellung (engl.: estab-
Fernsehshows auf der visuellen Arten von Bewegungen, die in der lishing shot) oder zur Orientierung
Ebene zu persiflieren, werden die Praxis häufig miteinander verbunden verwendet. Die Panoramaeinstellung
Muster herkömmlicher Film-im-Film- werden: Beim Schwenken, Neigen zeigt eine Landschaft so weiträumig,
Inszenierungen gesprengt. Die Fern- oder Rollen (auch: Horizontal-, Vertikal-, dass der Mensch darin verschwindend
sehbild-Persiflage im Film bereitet der Diagonalschwenk) bleibt die Kamera klein ist.
Fernsehkritik, die im weiteren Hand- an ihrem Standort. Das Gleiche gilt
lungsverlauf dann auf der Dialogebene
für einen Zoom, bei dem entfernte Parallelmontage
Objekte durch die Veränderung der Die Parallelmontage ist eine typisch
einen breiten Raum einnehmen wird, Brennweite näher heranrücken. Bei filmische Erzählform, die es ermög-
den Boden. Die mediale Kritik auf der der Kamerafahrt hingegen ver- licht, simultan zwei oder mehrere
Bildebene ist pointierter inszeniert lässt die Kamera ihren Standort und Handlungsstränge zu verfolgen. Diese
als manche der fernsehkritischen bewegt sich durch den Raum. Beide können im Laufe der Handlung mit-
Dialogszenen, in denen allzu gestanzt Bewegungsgruppen vergrößern den einander in Beziehung treten (auch als
Bildraum, verschaffen Überblick, zei- Mittel zur Spannungssteigerung) oder
Sentenzen über die „Wahrheit“ des
gen Räume und Personen, verfolgen sich eigenständig entwickeln (wie im
Fernsehens verbreitet werden. Bereits Objekte. Langsame Bewegungen ver- Episodenfilm).
der trashige Ausschnitt aus der TV- mitteln Ruhe und erhöhen den Informa-
Show ist nicht bloß selbstreferenziell tionsgrad, schnelle Bewegungen wie Rückblende
– in übersteigerter Form und auf dis- der Reißschwenk erhöhen die Dyna- Die Erzähltechnik der Rückblende
tanzierende Weise wird hier der ganze mik. Eine bewegte Handkamera sug- (engl.: flashback) unterbricht den
Nonsens solcher Kuppelshows ent- geriert je nach Filmsujet Subjektivität linearen Erzählfluss und gestattet es,
oder (dokumentarische) Authentizität, nachträglich in der Vergangenheit
hüllt. Bilder, die den Oberflächenglanz
während eine wie schwerelos wirkende liegende Ereignisse darzustellen.
der Fernsehbildästhetik unterlaufen, Kamerafahrt häufig den auktorialen Dramaturgisch führt dies zu einer
erhöhen die filmische Wirkung dieser Erzähler imitiert. Spannungssteigerung, unterstützt sie
Referenz: Das zeigt sich vor allem die Charakterisierung der Hauptfiguren
an der ins Surreale und Horrorhafte Einstellungsgrößen und liefert zum Verständnis der Hand-
überzogenen Fernsehshow in Rainers In der Filmpraxis haben sich bestimm- lung bedeutsame Informationen.
Albtraum. Die Darstellung versucht, te Einstellungsgrößen durchgesetzt, Formal wird eine Rückblende häufig
das Fernsehen ästhetisch mit seinen die sich an dem im Bild sichtbaren durch einen Wechsel der Farbgebung
Ausschnitt einer Person orientieren: (zum Beispiel Schwarz-Weiß), anderes
eigenen Mitteln zu schlagen, frag-
Die Detailaufnahme umfasst nur Filmmaterial oder technische Verfrem-
mentiert und verfremdet sie jedoch bestimmte Körperteile wie etwa die dungseffekte hervorgehoben, aber auch
immer wieder filmisch. Augenfällig Augen oder Hände, die Großaufnah- je nach Genre bewusst nicht kenntlich
konzentrieren sich im ersten Drittel me (engl.: close up) bildet den Kopf gemacht, um die Zuschauenden auf
des Films Sequenzen, in denen über komplett oder leicht angeschnitten eine falsche Fährte zu locken.
Monitore und in größeren Formaten ab, die Naheinstellung erfasst etwa
ein Drittel des Körpers („Passfoto“). Realmusik
real-irreale Fernsehbildeinspielungen
Der Sonderfall der Amerikanischen Als Realmusik werden jene Teile der
ins Filmbild kommen, ebenso wie Einstellung, die erstmals im Western Filmmusik bezeichnet, die in der fil-
im weiteren Verlauf flimmernde verwendet wurde, erfasst eine Person mischen Realität verankert sind, also
Bilder von Computerbildschirmen vom Colt beziehungsweise der Hüfte an eine faktische Quelle (Source) in der
zur Visualisierung des rebellischen aufwärts und ähnelt sehr der Halbnah- Handlung haben. Weil die Figuren sie
Handelns dienen. Diese aus ver- Einstellung, die etwa zwei Drittel selbst wahrnehmen, wirkt sie authen-
schiedenen Medien verschachtelten des Körpers zeigt. Die Halbtotale tischer als die Filmkomposition, die
erfasst eine Person komplett in ihrer sogenannte Score-Musik.
Bildebenen im Film spiegeln und kom-
mentieren sich gegenseitig.

Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT 11


■ ■ Exemplarische Sequenzanalyse

In der vierten Sequenz bündeln sich zunehmend verfremdete Bild-Ton- auf schier entgleisendes Publikum. Der
handlungsdramaturgisch und film- Folgen scheinen in Echoton-unterlegte Umschnitt auf den „erniedrigten“ Rainer
sprachlich wichtige Elemente, die Halluzinationen einer Krankenhaus- zeigt ihn aus der Perspektive der
dazu dienen, die „innere Abkehr“ Soap überzugehen. Rainers „Filmriss“ Moderatorin von „oben herab“. Rainer,
des Titelhelden in einer real-surrealen wird wie eine Bild- und Tonstörung in angeklagt der Publikumsverblödung,
Albtraum-Vision vorwegzunehmen. grobkörniger, kalt getönter Fernseh- fühlt sich wegen fehlender Originalität
Der traumatisiert wirkende Protagonist und Videobildästhetik visualisiert. unschuldig, winselt um Gnade, das
halluziniert, wie ihm mit den vertrauten Spotlight und Kontrastlicht verstärken grölende Publikum taumelt immer
Mitteln einer vulgären Publikumsshow den Eindruck des Hektisch-Bedroh- animalischer. Akustisch verstärkt
fernsehöffentlich der Prozess gemacht lichen, abrupt reißende Schwenks aus von Herzschlagfrequenzen, werden
wird. Erzählerisch werden nicht nur der Perspektive des angeschnallten in einer Folge von Schnittwechseln
Grundlagen gelegt für die Wandlung Rainer evozieren Angst und Schmerz. flimmernde Abstimmungssignets
des Protagonisten, sondern auch für Der angespielte Show-Jingle mit an die Großleinwand projiziert, mal
seine zukünftige Beziehung zu Pegah. Schnitt und Spot auf die Moderatorin mit gesenktem, mal mit gehobenem
Der Erzählstrang Rainer-Pegah entwi- Britta, die als Krankenschwester in Daumen – kontrastiert mit Nahauf-
ckelt sich an dieser Schnittstelle zwi- knappem Kittel moderiert und Rainer nahmen von Rainer und Schwenks
schen Exposition und Durchführung. im Wechsel mit dem Publikum immer über das johlende Publikum, bis
Zu Beginn bringt die Kamera Rainer, wieder direkt anspricht, eröffnet zum erlösenden „Game Over!“ der
der nach durchzechter Nacht ins Auto eine stakkatoartig montierte Folge Moderatorin.
wankt, und Pegah, die in ihrem Jeep von Szenen mit subjektiver Kamera. Aufgelöst wird die unruhige Albtraum-
auf ihn lauert, zusammen. Aus der Entfesselt, ins Grotesk-Surreale über- vision durch Rainers Erwachen im
Vogelperspektive erfasst die statische steigert, zeigen sie den halluzinierend- Krankenbett in ausgesucht „ruhigen“,
Kamera in kalt-blauem Licht zuerst stammelnden Rainer im Schnittwechsel fast melancholischen Bildern, die
die menschenleere, triste Kreuzung, auf geiferndes Publikum und auf Mai- sich über rinnenden Regen auf dem
die Rainer, von Drogen benommen, wald, Anna und andere Kollegen von Fenster des Krankenzimmers langsam
nach dem Ampelstopp passiert – eine TTS auf dem Kandidatensofa. dem Patienten zuwenden. Ein Blick
seinen Zustand symbolisch charakte- Die Sequenz kulminiert sarkastisch Rainers durch die offen stehende Tür
risierende, stark atmosphärisch wir- in der Publikumsabstimmung per von Pegahs Krankenzimmer bringt
kende Einstellung. Pegah beobachtet röntgenologisch erfasstem Daumen- die beiden zusammen. Ungläubig und
die Szene, in Augenhöhe erfasst die zeichen. Vorn auf der Bühne animiert verwundert nähert er sich Pegah, die
Kamera die Heranrasende und zeich- die Moderatorin das Publikum, im Kamera verweilt erst nah auf ihrem
net den Crash auf. Kurz verharrt die Halbdunkel des Bildhintergrunds Gesicht, dann bei ihm: „Du kannst
Einstellung im ruhigen Wechsel bei deliriert der vor Schmerzen sich krüm- mich unmöglich mehr hassen, als
Rainer und Pegah, fokussiert deren mende Rainer auf dem OP-Tisch. ich mich selbst!“. Der anschließende
reglose Körperhaltungen und blutüber- Suggestiv fragt die Moderatorin das Blickwechsel und die erstmals leitmo-
strömten Gesichtszüge. Publikum, ob es eine lebensrettende tivisch einsetzende Klaviermusik ver-
Hektische, aus TV-Serien wie „Emer- Operation für einen Mann wolle, der deutlichen, dass sich hier eine Liebes-
gency Room“ vertraute, in Farbe, schuld sei am Untergang des guten beziehung anbahnt.
Rhythmus und Einstellungen jedoch Geschmacks – die Kamera schwenkt

12 Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT


■ ■ Fragen

Zu Inhalt und Figuren dern sie für sich nutzen? Was wissen Zur exemplarischen Sequenzanalyse
Sie über die Einschaltquoten, ihre
Wie wird Rainer zu Beginn charakteri- Erfassung, ihre Bedeutung und wie Was zeigt sich erzählerisch und film-
siert? Beschreiben und bewerten Sie bewerten Sie diese? sprachlich an dieser Sequenz in
seine Entwicklung. besonderer Weise, welchen Stellenwert
Der Regisseur bezeichnet seinen Film hat sie für Dramaturgie, Entwicklung
Charakterisieren Sie Pegah: Von wel- als eine „moderne Utopie“: Was ist der Handlung und Problemstellung?
chen Motiven ist ihr Handeln geleitet? daran „modern“, was „utopisch“?
Welche Rolle spielt sie in der Beziehung Welche Figuren erscheinen in dieser
zu Rainer und innerhalb der Gruppe? Welche Bedeutung erfährt das im Titel Sequenz? Wodurch werden sie in hand-
anklingende Motiv der Befreiung im lungsrelevanter Weise charakterisiert?
Wofür steht die Figur des Maiwald? Wie Film? Von wem geht Befreiung aus, wer
verhält sich Maiwald gegenüber Rainer? sind ihre Akteure, wem oder was gilt sie? Mit welchen Mitteln werden Rainers
Halluzinationen und Traumvisionen
Warum lässt Phillip Rainer und Pegah Zur Filmsprache visualisiert?
nach dem Entwenden der Quoten-
erfassungsbox laufen und schließt sich Welchem Genre, welcher Gattung lässt Welche Aussage zum Fernsehen lässt
ihnen sogar an? Wie beurteilen Sie sich der Film am ehesten zuordnen, sich aus dieser Sequenz entnehmen?
den Diebstahl und die Manipulation welches sind seine dominierenden Stil-
der Erfassungsgeräte – moralisch und und Darstellungsmittel? Kennen Sie Wie bewerten Sie die Darstellung des
rechtlich? vergleichbare Filme? Publikums in Rainers Albtraumvision
einer Show?
Warum wählen Rainer, Pegah und Seinen Inhalt und seine Anliegen bringt
Phillip für die Durchführung ihrer Aktion der Film auch in Form von Satire,
Arbeitslose aus? Wie entwickeln sich Parodie, Persiflage und Groteske zum Zu den Materialien
ihre Beziehungen untereinander, wie Ausdruck. Auf welche Weise tut er dies
bewältigen sie Krisen und Rückschläge? jeweils? Sind diese Darstellungsformen Angesichts fortschreitender Internet-
Ihrer Meinung nach angemessen? Nutzung insbesondere bei Jugend-
Diskutieren Sie, ob die Quotenrebellion lichen: Welchen Stellenwert hat das
im Film scheitert. Wodurch ist die Kameraarbeit gekenn- Fernsehen überhaupt noch (für Sie)?
zeichnet? Mit welchen Mitteln charak- Beziehen Sie auch Daten zur aktuellen
Zur Problemstellung terisiert die Kamera Rainer in den Mediennutzung mit ein.
ersten Sequenzen? Welche Kamera-
Welche Sicht auf das Fernsehen drückt einstellungen kommen im weiteren Welche Aufgaben hat das Fernsehen
sich im Filmtitel „Dein Fernseher lügt“ Verlauf des Films zum Einsatz und was in der Vergangenheit wahrgenommen,
aus? Erläutern Sie auch die Verwendung vermitteln sie erzähltechnisch? welche nimmt es heute wahr?
des Possessivpronomens „dein“.
Was ist auffällig an der Montage des Erläutern Sie den im Film verwendeten
Welche Einschätzung(en) gegenwär- Films? Beschreiben und bewerten Sie Begriff „Unterschichtenfernsehen“.
tig verbreiteter Fernsehinhalte und die verwendete Rückblende. Welchen Zusammenhang von gesell-
-programme bringt der Film anhand schaftlicher Schicht und Fernsehen
welcher Figuren zum Ausdruck? Wie An welchen Stellen kommt Musik zum sehen Sie?
bewerten Sie diese Einschätzung(en)? Einsatz? Wie lässt sich die eingesetzte
Kennen und sehen Sie Alternativen Musik beschreiben, welche Funktion Nach Bertolt Brecht und Hans Magnus
zur derzeitigen Erscheinungsform des hat sie für die Aussage der jeweiligen Enzensberger soll(t)en Rundfunk und
Fernsehens? Sequenz und des Films insgesamt? Fernsehen für demokratische und
emanzipatorische Zwecke einge-
Was bedeutet es, dass im Film die Mit welchen Mitteln wird das Medium setzt werden. Welche Schritte und
Gruppe der „Unterschicht die Unter- Fernsehen im Film dargestellt und wie Maßnahmen sind dazu notwendig?
schicht vom Unterschichtenfernsehen“ wird es bewertet? Kommentieren Sie Wie könnte demokratisches Fernsehen
befreien soll? die Kritik aus einer Rezension zum heute aussehen? Wie verhalten sich
Film, wonach die vom Regisseur ver- solche Konzepte zu Auffassungen
Warum wollen die Rebellen die Ein- wendeten ästhetischen Mittel zu sehr von Fernsehen, die in FREE RAINER
schaltquote nicht abschaffen, son- dem Fernsehen verhaftet bleiben. erkennbar werden?

Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT 13


■ ■ Unterrichtsvorschläge

Fach Themen Arbeits- und Sozialformen

Deutsch • Filmvergleich: FREE RAINER und DIE FETTEN • Gruppenarbeit (GA): Motivation und
JAHRE SIND VORBEI (Weingartner 2004) Ziele der Figuren sowie filmische
Gestaltungsmittel und Genres
untersuchen
• Fernsehgewohnheiten • GA: Fragebögen erstellen und
Interviews oder Meinungsumfragen
in Parallelklassen durchführen
• Aufbau und Wirkungsweise unterschiedlicher • GA: Sprachstil, Gesprächsverhalten
Sendeformate und Dramaturgie in Casting- und
Realityshows untersuchen und über
beabsichtigte Wirkungen diskutieren
• Filmgenres • Plenum: Szenen aus FREE RAINER
den Genres Märchen, Action, Doku
beziehungsweise Satire zuordnen
• Figuren(-konstellationen) • Figurenentwicklung von Rainer
sowie kontrastive Wirkung der
Paarbeziehungen (Pegah/Rainer,
Maiwald/Anna) herausarbeiten
• Werbung/Werbesprache • Partnerarbeit (PA): Rolle der Fern-
sehwerbung für Sendeanstalten
erkunden, Sprache der Werbung
analysieren

Musik • Einsatz von klassischer Musik, Hardcore-Musik • Musiktext und -stil mit dem Inhalt
und Rockmusik in FREE RAINER und der Aussage einzelner Sequen-
zen verknüpfen

Geschichte/Politik/ • Ermittlung und Aussagengehalt von Einschalt- • Einzelarbeit/Plenum: aktuelle


Sozialkunde quoten Einschaltquoten recherchieren und
analysieren, Repräsentativität
diskutieren
• Fernsehverhalten unterschiedlicher • PA: Diagramme und Tabellen
Bevölkerungsgruppen recherchieren und auswerten
• Unterschiede von öffentlich-rechtlichen • PA: Rechtliche Bestimmungen
Sendeanstalten und Privatfernsehen recherchieren und vergleichen
• Begriffe „Revolution“ und „Kulturrevolution“ • Einzelarbeit: Quellen analysieren,
Definitionen vergleichen und auf
Handlungen in FREE RAINER
anwenden
• Verschwörungstheorien • GA: Verschwörungstheorien
auswählen, vorstellen und
diskutieren

Ethik/Psychologie • Entscheidungen treffen • Pro- und Kontraargumente zu


Maiwalds Angebot diskutieren
• Umgang mit Darstellern in Casting- und • Verlauf der Karrieren von „Superstars“
Realityshows verfolgen und beurteilen

14 Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT


■ ■ Arbeitsblatt ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

Aufgabe 1: Den Filmvorspann analysieren

• Schauen Sie sich den Vorspann bis zur Einblendung des Filmtitels an.
• Charakterisieren Sie durch Einzelbeobachtungen die Figur Rainer in ihrem
Umfeld (zum Beispiel weitere Protagonisten/innen, Ort, Requisiten, Einsatz von
Musik, Kameraführung) und beurteilen Sie ihr Verhalten.
• Stellen Sie, ausgehend vom Vorspann, Vermutungen über die weitere Film-
handlung, über die mögliche Entwicklung der Figur und über das Filmgenre an
und vergleichen Sie Ihre Annahmen mit dem tatsächlichen Filmverlauf.
• Entwickeln Sie in Gruppen eine Idee für einen alternativen Vorspann, nachdem
Sie den kompletten Film gesehen haben.

Aufgabe 2: Die eigene Mediennutzung untersuchen

• Erstellen Sie ein Ranking der in Ihrer Arbeitsgruppe beliebtesten Sendungen


und ordnen Sie jeder Sendung ein Format (zum Beispiel Castingshow, Tele-
novela, Politmagazin) sowie die beabsichtigte Wirkung dieses Formates (zum
Beispiel Unterhaltung, Information) zu.
• Vergleichen Sie Ihre Fernsehgewohnheiten mit denen der anderen Arbeitsgrup-
pen und suchen Sie nach Gründen für den Erfolg der beliebtesten Formate.
• Sammeln Sie Kriterien (zum Beispiel Sendedauer, Sendezeiten, Themenwahl),
nach denen Sie das bestehende Fernsehprogramm verändern würden.
Erstellen Sie eine fiktive Fernsehzeitschriftseite oder ein Programm für einen
„Offenen Kanal“, in dem Ihr Wunschprogramm läuft.

Aufgabe 3: Rolle der Medien diskutieren

• Diskutieren Sie den Kommentar aus FREE RAINER zur Änderung der Einschalt-
quoten: „Das Fernsehen tendiert jetzt dazu, die Wirklichkeit abzubilden, auf sie
zu verweisen. Das ist eigentlich das, was Medien ursprünglich machen: mediie-
ren, vermitteln. Wir können wieder atmen und unser Leben leben.“
• Beschreiben Sie, welche Veränderungen der Gesellschaft FREE RAINER in
seinem „real-utopischen“ Ende zeigt, wie diese filmisch (zum Beispiel durch
Musikuntermalung, Auswahl der Protagonisten/innen und Orte, Einsatz von
Licht und Farben, Kameraperspektiven und Einstellungsgrößen) inszeniert wer-
den und wie diese Inszenierung auf Sie wirkt.
• Entwickeln Sie ein kurzes Rollenspiel. Zeigen Sie darin eine Situation, in der
Menschen Medien (TV, Kinofilm oder Internet) nutzen und zugleich ihr Leben
sozial gestalten (zum Beispiel über Anschlusskommunikation wie das Sprechen
über Inhalte von TV-Sendungen oder die Wirkung von Spielfilmen, über Parti-
zipation durch gemeinsames Erstellen von Websites oder durch PC-Spiele,
über Vernetzung durch Online-Angebote wie MySpace oder YouTube).

Aufgabe 4: Kernaussagen des Films erkennen und vertiefen

• Benennen Sie mögliche Gründe dafür, dass die Einschaltquoten auch nach
Beendigung von Rainers „Revolution“ stabil geblieben sind und leiten Sie dar-
aus eine mögliche Kernaussage des Films FREE RAINER ab.
• Stellen Sie Vermutungen darüber an, welche Produkte sich durch veränderte
Kaufentscheidungen in der Lebensmittelbranche (vergleiche Schlusssequenz)
durchsetzen könnten.
• Sammeln Sie gemeinsam weitere gesellschaftliche Bereiche, die durch die
Entscheidungen der Konsumenten bestimmt und – wie in FREE RAINER –
verändert werden könnten.

Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT 15


Protokoll
■ ■ Sequenzprotokoll S6
Maiwald eröffnet Rainer, dass die neue
Show abgesetzt ist. Rainer verlässt
wütend dessen Büro und kündigt.
S1 – Zu Hause zappt Rainer sich durchs
Hektisch, im Gespräch mit einem Programm, wirft den Flachbildschirm
jungen Kreativen, verlässt Rainer den von der Penthouse-Terrasse. Anna
Sender, rammt beim Ausparken ein ist besorgt, Rainer versucht, sie zu
Polizeiauto, rast in seinem Jaguar überzeugen. – Rainer grübelt über
davon, Realmusik „Anger“. Er grölt Quotenermittlung, er zweifelt an der
lautstark mit, trinkt und schnupft Repräsentativität.
Kokain. – Rainer wirft eine Wodka- 00:30-00:36
Flasche gegen die Autoscheibe eines
Paares, Untermalung mit klassischer S7
Musik. Rainer fährt auf einen Pkw mit Pegah ist in Rainers Wohnung, Klavier-
drei Skinheads auf. – Pegah wacht in musik-Motiv. Sie entschuldigt sich,
ihrem Jeep am Ufer des Waldsees auf. gemeinsam wollen sie etwas gegen
– Rainer demoliert seinen Sportwagen „die Arschlöcher“ tun. – Anna findet
mit einem Baseballschläger, rast von Rainers Abschiedszettel. – Rainer
dannen, Filmtitel. und Pegah sind unterwegs zur IMA-
00:00-00:04 S4 Zentrale, sie mieten sich in eine leer
Rainer wankt betrunken aus einer stehende Pension ein. – Rainer nimmt
S2 Bar, fährt los – und wird von Pegahs an einer Führung teil, Pegah wartet im
Beginn der TTS-Show „Hol Dir das Jeep gerammt, beide schwer verletzt Auto am Sicherheitszaun. Rainer ent-
Superbaby“, die Moderatorin reiße- in ihren Autos. – Im Notarztwagen wendet das IMA-Meter zur Ermittlung
risch. – Von Drogen berauscht tau- beginnt Rainer zu halluzinieren. Schnell der Quote, flieht vom Gelände und wird
melt Rainer durch die Studiogänge geschnittene Bildfolgen: Visionen von Phillip, dem Wachmann, gestellt.
zum Regieraum. – Das Finale der Rainers von einer Show, eine bizarre 00:36-00:43
Kuppelshow mit den Zuschauervoten „Krankenschwester“-Moderatorin.
beginnt. – Rainer blutet aus der Nase, Feixendes Publikum und Programm- S8
wischt sich Blutflecken ab und zerstört direktion stimmen über lebenserhalten- Phillip nimmt die beiden mit zu sich
den Watchman. – Im Finale der Show de Maßnahmen ab. – Im Krankenhaus nach Hause, Rainer entdeckt Phillips
gibt es für die Gewinnerpaarung einen trifft Rainer Pegah und offenbart sich Vorlieben für Verschwörungstheorien.
Hotel-Aufenthalt zu zweit. – Pegah im ihr, romantische Klaviermusikunter- Der Hacker hat Zugang zu den Adres-
Badeanzug mit Schwimmbrille, springt malung. sen aller Haushalte mit Quotenboxen.
in den See, schwimmt weit hinaus, 00:15-00:23 – Rainer und Pegah versuchen, Phillip
Totale. Sie schneidet Wurst, sieht ein zum Mitmachen zu überreden, er
Foto von Rainer in der Zeitung, übt S5 zögert und schließt sich ins Bad ein.
Messerwurf. Pegah ist fort; Rainer erfährt aus einem – Rainer und Pegah lassen ihn zurück.
00:04-00:11 zurückgelassenen Zeitungsausschnitt, 00:43-00:52
dass sich Pegahs Großvater, ein
S3 Schwimmtrainer, nach ungerechtfertig- S9
Hotelzimmer: Rainer und Anna klei- ten Dopingvorwürfen, die in einer von Rainer erfährt von Pegah, dass ihre
den sich zu einer Abendgala. In der Rainers Sendungen erhoben worden Eltern bei einem Autounfall gestor-
Hotellobby werden sie von Pegah ange- sind, erhängt hat. – Rückblende auf ben sind und sie beim Großvater
sprochen. – Rainer und Anna bei der Pegah als glückliches Kind mit ihrem aufgewachsen ist. – Phillip bringt
Gala, eine Rednerin feiert den Erfolg Großvater. – Pegah weint, streift durch Adressenlisten in die Pension, die drei
von Programmdirektor Maiwald und die Stadt. – Rückblende auf erhäng- trinken auf gute Zusammenarbeit.
Rainer. – Champagnerkorken knallen, ten Großvater. – Rainer konzipiert – Anrufe in Testhaushalten ergeben,
eine Schauspielerin bedankt sich bei eine neue Bildungs-Show, die Ein- dass die ermittelten Quoten stimmen;
Rainer für ihre Rolle. – Dinner mit Mai- schaltquote der Premierensendung ist die drei sind verzweifelt und betrinken
wald und dessen Freundin: Anna ver- katastrophal. – Zu Hause informiert er sich. – Pegah hat eine Idee: Boxen
sucht erfolglos, sich einzuschmeicheln. sich über Details der Quotenermittlung. austauschen, Quote selbst machen.
00:11-00:15 00:23-00:30 00:52-00:59

16 Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT


S 10 Atmosphäre, Kamera auf Nachthimmel Quoten gehen für eine Million Euro
Gegen Annas Willen werden Möbel mit Mond, Klaviermusik. – Am Compu- zehn Prozent nach oben oder aber er
aus Rainers Wohnung getragen. – terbildschirm verfolgen Phillip und die ruft die Polizei. – Die Gruppe reagiert
Beim Gebrauchtwagenhändler tauscht anderen, wie TTS-Quoten dramatisch gespalten, Pegah sieht den drohen-
Rainer seinen teuren Sportwagen sinken. – Waldsee: Pegah bringt Rainer den Verrat der Ideale, ist nachdenklich
gegen Bares. – Auf der Suche nach das Schwimmen bei, sie plantschen (Nahaufnahme), unterlegt erst von
Helfern beim Austauschen der ers- ausgelassen, hören impulsive Musik Klaviermusik, dann mit dem Song
ten 1000 Messgeräte sprechen auf der Rückfahrt. – Rainer entsorgt „I would kill for you“.
Rainer und Pegah Arbeitslose vor der sein restliches Kokain in die Toilette. 01:43-01:50
Arbeitsagentur an. – Die Arbeitslosen 01:19-01:29
Harry, Karl-Heinz, Gopal, Sebastian S 16
und Bernd stellen sich vor, sie bezie- S 13 Nach miserablen Wochenend-Quoten
hen ihre Zimmer in der Pension. – Eine Krise bei TTS, Direktor Gründgens entlässt TTS-Chef Gründgens Maiwald.
„Computerzentrale“ entsteht, ange- verlangt von Maiwald mehr Quote – Die Pension ist von Polizisten umstellt,
mietete Kleintransporter fahren vor, durch mehr Qualität. – Die Rebellen- ein schwer bewaffnetes Einsatzkom-
aus der Schweiz treffen Messgeräte Gruppe wählt Dokumentationen mando dringt in das geräumte Haus
ein. – Einsatzpläne der Boxen- übers Alte Ägypten aus und Filme vor, Maiwald ist fassungslos, als er das
Austauschteams werden festgelegt. wie ANGST ESSEN SEELE AUF, die Gebäude leer vorfindet. – Beratungen
00:59-01:08 Quoten schnellen erkennbar hoch. der Gruppe im Schrebergarten-Haus:
– Die „taz“ titelt: „Hirn an, Glotze aus.“, Die Fortsetzung der Quotenmani-
S 11 TV-Reporterberichte spiegeln positive pulation ist zu gefährlich, aber „Der
Der Boxenaustausch in den Haus- Resonanz beim Publikum. – In der Tagesspiegel“ berichtet: „Die Quoten-
halten läuft an. – Gopal beschädigt Redaktionskonferenz verlangt Maiwald revolution geht weiter. Kulturelle
Mobiliar, Harry muss nach einem ultimativ neue Konzepte für intelligen- Sendungen und Politmagazine extrem
Sturz ins Krankenhaus eingelie- te Formate. – Politik und Kanzlerin beliebt.“ – Die Gruppe feiert in der
fert werden, Karl-Heinz löst einen in Berlin sind besorgt, das geistige Kneipe, draußen küssen sich Rainer
Wohnungsbrand aus, Bernd fährt Erwachen könnte zu Lasten der wirt- und Pegah zärtlich.
betrunken in eine Haltestelle und schaftlichen Entwicklung gehen. 01:50-01:59
kommt in Polizeigewahrsam. – Die 01:29-01:36
Entschädigungskosten steigen, Rainer S 17
weigert sich, für Bernd 50.000 Euro S 14 Die Gruppe ist unterwegs nach
Kaution zu zahlen. Das Team zieht Maiwald erfährt von Anna, dass Rainer Haßloch. – Die Gruppenmitglieder
sich enttäuscht zurück, auch Pegah abgetaucht ist und nimmt die Spur arbeiten jetzt, frisch eingekleidet, an
verlässt Rainer, Musikuntermalung, auf. – Die Gruppe feiert eine vierstellige den Computerkassen des Haßlocher
traurig-melancholisch. – Schnelle Zahl „befreiter Haushalte“, liebevoll Supermarkts, Rockmusik-Untermalung
Schnittwechsel: Bernd in der Zelle, überrascht Rainer die verschlafene „I’m the Grassman“, Abspanntitel auf
Rainer einsam, eine Formation zie- Pegah mit einer Feier am restaurierten Schwarzfilm.
hender Kraniche, Pegah am Grab Swimmingpool. – Szenen der Feier, 01:59-02:04
ihres Großvaters, Rainer ringt mit sich. Impressionen und Stellungnahmen aus
– Rainer erscheint mit einem Koffer dem „geistigen Frühling“ eines glück-
voller Geld im Polizeipräsidium und löst lich befreiten Fernseh-Deutschlands
Bernd aus. im raschen Schnittwechsel. – Bei TTS
01:08-01:19 findet „Hol Dir das Superbaby“ fast
ohne Publikum statt. – Kinder spielen
S 12 mit abmontierten Satelliten-Schüsseln,
Die Gruppe kehrt zurück, Pegah herzt Pegah und die Pensionswirtin sitzen
Rainer, alle arbeiten unentgeltlich zufrieden zusammen.
weiter. – Die Telefondaten an die IMA 01:36-01:43
werden jetzt durch Rufumleitung mani-
puliert. – Aufbruchstimmung, musi- S 15
kalische Untermalung, 495 „befreite Maiwald spürt Rainer im Domizil der
Haushalte“ werden gefeiert. – Rainer Rebellen auf, unterbreitet ihm ein
und Pegah kommen sich näher, „Angebot“: Entweder die Machen-
Pegah träumt vom See, romantische schaften bleiben geheim und die TTS-

Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT 17


Materialien
■ ■ Materialien Wir amüsieren uns zu Tode die Art, wie das Fernsehen die Welt in
Szene setzt, zum Modell dafür, wie die
Es geht hier nicht darum, daß das Welt recht eigentlich aussehen sollte.
Fernsehen unterhaltsam ist, sondern Es geht nicht bloß darum, daß das
Demokratisierung von Rundfunk darum, daß es die Unterhaltung zum Entertainment auf dem Bildschirm zur
und Fernsehen natürlichen Rahmen jeglicher Darstel- Metapher für jeglichen Diskurs wird.
lung von Erfahrung gemacht hat. Es geht darum, daß diese Metapher
Um das Positive am Rundfunk aufzu- Unser Fernsehapparat sichert uns auch jenseits des Bildschirms dominiert.
stöbern, ein Vorschlag zur Umfunk- eine ständige Verbindung zur Welt, Wo früher der Buchdruck den Stil im
tionierung des Rundfunks: Der Rund- er tut dies allerdings mit einem durch Umgang mit Politik, Religion, Wirtschaft,
funk ist aus einem Distributionsapparat nichts zu erschütternden Lächeln auf Bildung, Recht und anderen wichtigen
in einen Kommunikationsapparat zu dem Gesicht. Problematisch am Fern- Angelegenheiten der Gesellschaft vor-
verwandeln. Der Rundfunk wäre der sehen ist nicht, daß es unterhaltsame schrieb, gebietet heute das Fernsehen.
denkbar großartigste Kommunikations- Themen präsentiert, problematisch ist, In Gerichtsälen, Klassenzimmern,
apparat des öffentlichen Lebens, ein daß es jedes Thema als Unterhaltung Operationssälen, Sitzungssälen, Kirchen
ungeheures Kanalsystem, das heißt, präsentiert. Um es anders zu formulie- und selbst im Flugzeug sprechen die
er wäre es, wenn er es verstünde, ren: Das Entertainment ist die Super- Menschen nicht miteinander, sie unter-
nicht nur auszusenden, sondern auch ideologie des gesamten Fernsehdis- halten einander. Sie tauschen keine
zu empfangen, also den Zuhörer nicht kurses. Gleichgültig, was gezeigt wird Gedanken aus; sie tauschen Bilder aus.
nur hören, sondern auch sprechen und aus welchem Blickwinkel – die Sie argumentieren nicht mit Sätzen; sie
zu machen und ihn nicht zu isolieren, Grundannahme ist stets, daß es zu argumentieren mit gutem Aussehen,
sondern ihn in Beziehung zu setzen. unserer Unterhaltung und unserem Prominenz und Werbesprüchen.
Der Rundfunk müßte demnach aus Vergnügen gezeigt wird. [...]
dem Lieferantentum herausgehen Das Fernsehen ist für unsere Kultur Quelle: Postman, Neil: Wir amüsie-
und den Hörer als Lieferanten orga- zur wichtigsten Form der Selbstver- ren uns zu Tode. Urteilsbildung im
nisieren. Deshalb sind alle Bestre- ständigung geworden. Deshalb – und Zeitalter der Unterhaltungsindustrie,
bungen des Rundfunks, öffentlichen das ist der entscheidende Punkt – wird Frankfurt am Main 1988, S. 110, 116
Angelegenheiten auch wirklich den
Charakter der Öffentlichkeit zu verlei-
hen, absolut positiv. [...] Sollten Sie
dies für utopisch halten, bitte ich Sie,
darüber nachzudenken, warum es uto-
pisch ist.

Quelle: Brecht, Bertolt: Der Rundfunk


als Kommunikationsapparat (1932),
in: Brecht, Gesammelte Werke 18,
Schriften zur Literatur und Kunst I,
Frankfurt am Main 1967, S. 129f.

18 Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT


Entwicklung der durchschnittlichen Sehdauer pro Tag/Person in Minuten (1988-2006)

Quelle: AGF/GfK Fernsehforschung, pc#tv

Mediennutzungsdaten 14- bis 29-Jähriger von 1999 bis 2005 im Vergleich


(Angabe in Minuten)

Auch bei der jüngeren Generation, Fernsehen, Zeitschriften, Kino, Bücher hier nur die Tageszeitung. In weiten
den 14- bis 29-Jährigen, zeigt sich, und der Teletext werden von den Teilen entspricht die Entwicklung der
dass das Internet die Nutzungsdauer 14- bis 29-Jährigen heute genauso Mediennutzung von 14- bis 29-Jähri-
der anderen Medien kaum beeinflusst. lange wie oder sogar etwas länger gen damit auch der Entwicklung in der
Obwohl die Online-Zeit der jungen genutzt als vor sechs Jahren. Die Gesamtbevölkerung.
Generation deutlich zunimmt (von 12 Nutzung von Radio und Video/DVD
auf 69 Minuten), verliert kein anderes hat sogar beträchtlich zugenommen. Quelle: TimeBudget 12/SevenOne
Medium in nennenswertem Umfang. Einen leichten Rückgang verzeichnet Media/forsa

Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT 19


erialien
Vom Leitmedium zum Trash- teil des Alltags. Begründet wird von der man mehr oder weniger voyeu-
Fernsehen einem „Boulevard-, Kiosk- oder Trash- ristisch zuschaut.“ (Knut Hickethier).
Fernsehen“ gesprochen, zumal die Neben Intimität hat auch das Banale
Das Fernsehen hat heutzutage beim Inhalte – wie bei der Yellow Press Hochkonjunktur. Alltagssituationen
Zuschauer nicht mehr den Stellenwert – emotional bzw. affektiv aufbereitet und Gewöhnlichkeit sind dabei die
eines Leitmediums, sondern dient als werden. [...] Eckpfeiler des Banalitätsfernsehens,
Universalmedium. Themen und Formen Im Unterhaltungssektor haben sich welches auf die Neugier der Zuschauer
des Fernsehens nehmen fortlaufend Programmformen durchgesetzt, die spekuliert. Daneben haben sich in
Abstand von klaren Informations-, das Intime, Erotische und Sexuelle the- der Fernsehunterhaltung noch andere
Bildungs- und Erziehungsaufgaben matisieren. Damit dringt das Fernsehen Varianten hervorgetan: Das soge-
und nähern sich stattdessen der in die Privatsphäre der Menschen nannte Trash-Fernsehen mit all seinen
Boulevardpresse an. Der „Human- ein, womit sich die tradierte Grenze Formen des Blödel- und Beschimp-
Interest“-Bereich wird nicht nur ver- zwischen Privatheit und Öffentlichkeit fungsfernsehens (welches durchaus
stärkt angesprochen, sondern zudem verschiebt: „Wenn die Besonderheit auch ironische und zynische Züge
in Form von Klatsch, Tratsch und des Fernsehens als Medium von seiner annimmt) greift um sich.
Personality-Reportagen ausgeweitet. Rezeption her eine Verlagerung des
Mittlerweile weist das Fernsehen eine öffentlichen Raums in den privaten Quelle: Schwäbe, Nicole Helen:
inhaltlich ähnliche Angebotspalette Bereich darstellt, dann wird in die- Realfabrik Fernsehen: (Serien-)
wie ein Zeitschriftenkiosk auf. sem TV-Mischraum von Öffentlichkeit Produkt „Mensch“. Analyse von
Gleichzeitig veränderte sich auch seine und Privatheit nun ein Bereich des Real-Life-Soap-Formaten und deren
Positionierung. Für den Konsumenten sehr Privaten neu eröffnet. [...] Es ist Wirkungsweisen, Tübingen 2003,
ist das Fernsehen kein Ereignis mehr, dabei eine sehr spezifische ‚Fernseh- S. 243, 268f.
sondern selbstverständlicher Bestand- privatheit‘, weil es die der anderen ist,

Formen des Mediengebrauchs

Repressiver Mediengebrauch Emanzipatorischer Mediengebrauch

Zentral gesteuertes Programm Dezentralisierte Programme

Ein Sender, viele Empfänger Jeder Empfänger ein potentieller


Sender

Immobilisierung isolierter Individuen Mobilisierung der Massen

Passive Konsumentenhaltung Interaktion der Teilnehmer, feedback

Entpolitisierungsprozess Politischer Lernprozess

Produktion durch Spezialisten Kollektive Produktion

Kontrolle durch Eigentümer Gesellschaftliche Kontrolle


oder Bürokraten durch Selbstorganisation

Quelle: Enzensberger, Hans Magnus: Baukasten zu einer Theorie der Medien,


in: Kursbuch 20, März 1970, zitiert nach: ex libris kommunikation Band 8,
Klassische Texte über Medien und Kommunikation, hrsg. von Peter Glotz,
München 1997, S. 116

20 Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT


Massenkultur und Unterschichten- schon Ende der 1970er-Jahre analy-
fernsehen siert hat, also die Möglichkeiten, sozi-
ale Differenz im Habitus, im Lebensstil,
Die Vervielfachung des Angebots nicht zuletzt im Konsum und in der
hat oftmals den Blick dafür verstellt, Alltagskultur zu beweisen, haben seit-
dass der theoretische Zuwachs an dem enorm zugenommen. [...]
Optionen in Wirklichkeit sehr klassen- Nicht jeder vermag sich der Stilele-
spezifisch genutzt wird; mehr noch: mente dieser Kultur ironisch zu bedie-
der Demonstration und auch der nen oder zwischen verschiedenen
Verfestigung von Klassenunterschieden Stilebenen zu wechseln wie der Zapper
dient. Das Fernsehen ist dafür ein her- zwischen RTL II und arte, zwischen
vorragendes Beispiel und ein enorm Aldi und Edel-Italiener. Deshalb ist
einflussreicher Faktor zugleich. Der die neue „Massenkultur“ mehr, als
Aufstieg der Privatsender seit den spä- wir zumeist wahrnehmen, zugleich
ten 1980er-Jahren hat ja nicht einfach, zu einer neuen Klassenkultur der
im Sinne einer Angebotsvermehrung, neuen Unterschichten geworden. [...]
zu der kulturkritisch oft bemäkelten Man darf nicht übersehen, dass die
„Bilderflut“ geführt, sondern hat vor Zugehörigkeit zu dieser Kultur in allen
allem eine Klassendifferenzierung des ihren Facetten auch auf extreme Weise Hans Weingartner
Fernsehens bewirkt, die es zur Zeit des abschotten kann, dass sie Mauern
Duopols von ARD und ZDF nicht gab. der gesellschaftlichen Marginalisierung Hans Weingartner, 1970 in Feldkirch/
Sagen wir es ruhig noch deutlicher: Sie errichtet oder verstärkt, dass sie Österreich geboren, begann 1990 an
hat mit RTL und SAT.1 ein spezielles Lebens- und Bildungschancen verbaut. der Universität Wien ein Physikstudium,
Unterschichtenfernsehen entstehen [...] wechselte dort 1991 zum Studium
lassen, und deshalb war es auch nur Wir haben uns lange gescheut und der Gehirnforschung und in die Neuro-
konsequent, dass sich am anderen fast schon abgewöhnt, „Kultur“ chirurgie des Klinikums Steglitz der
Ende der sozialen Skala Sender wie unter normativen und bewertenden Freien Universität Berlin, wo er 1997
3sat oder arte für die gehobenen Gesichtspunkten zu betrachten: seinen Diplom-Abschluss machte.
Schichten etablierten. [...] Literatur ist nicht nur Goethe, Mozart Parallel dazu absolvierte Weingartner
Die Illusion einer nivellierten Massen- ist auf seine Weise auch „Popmusik“, 1993/94 eine Ausbildung zum Kamera-
gesellschaft konnte in den letzten und Beuys war anfangs alles ande- assistenten bei der Austrian Associa-
zwei Jahrzehnten nicht zuletzt durch re als Kanon. Außer einem totalen tion of Cinematography. Von 1997
den Aufstieg der neuen Massenkultur Pluralismus scheint es keine Maßstäbe bis 2001 studierte er an der Kölner
genährt werden, die durch das Fern- mehr zu geben. Und doch können wir Kunsthochschule für Medien (KHM).
sehen einen wesentlichen Schub erhal- der schwierigen Frage nach Bewertung Zwischen 1993 und 1999 realisier-
ten hat. Diese Massenkultur ist aber und Hierarchisierung von Kultur nicht te er mehrere Kurzfilme sowie 1995
längst nicht auf RTL & Co. beschränkt, mehr ausweichen. Lesen ist tatsächlich den Dokumentarfilm WIDERSTAND
sondern bezieht konventionelle Medien „besser“ als Fernsehen oder Game- GEGEN DIE STAATSGEWALT. Sein
wie das Buch (von Bohlen bis Effen- boy, und die Lektüre eines guten Debütspielfilm DAS WEISSE RAU-
berg) genauso ein wie eine mediale Romans oder Sachbuchs wiederum SCHEN (2001) gewann viele Preise,
Inszenierung des Lebens ganz allge- „besser“ als die von Trivialliteratur darunter den Max-Ophüls-Preis, den
mein. Der Bedeutungsverlust der Arbeit oder der allgegenwärtigen Ratgeber. Preis der deutschen Filmkritik als bes-
(nicht nur in Wochenstunden, sondern „Besser“ hat dabei nichts mehr mit tes Spielfilmdebüt und den First Steps
in der verbreiteten gesellschaftlichen bürgerlichem Bildungsdünkel zu tun, Award 2001. Der nachfolgende, mit
Minderschätzung als „Job“) und der sondern lässt sich ganz konkret über- bislang 900.000 Kinozuschauern/innen
Zugewinn der Freizeit haben ebenfalls setzen in: Kreativität fördernd, soziale erfolgreiche Film DIE FETTEN JAHRE
dazu beigetragen, dass persönliche Kompetenzen stärkend, individuelle SIND VORBEI (2004) wurde ebenfalls
Identität und soziale Zugehörigkeit in Chancen eröffnend. mit Preisen wie dem Bayerischen Film-
wachsendem Maße kulturell statt sozi- förderpreis, dem Preis der deutschen
alökonomisch definiert werden. Doch Quelle: Nolte, Paul: Generation Filmkritik als bester Spielfilm und dem
das gilt in jeder Hinsicht, auch für die Reform. Jenseits der blockierten Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.
Markierung von Klassenunterschiede. Republik, Verlag C. H. Beck, München FREE RAINER – DEIN FERNSEHER
Die „feinen Unterschiede“, wie sie der 2004, zit. nach bpb-Lizenzausgabe, LÜGT ist der dritte Spielfilm von Hans
französische Soziologe Pierre Bourdieu Bonn 2004, S. 41f., 62f., 72 Weingartner.

Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT 21


■ ■ Literaturhinweise Links

Zu Filmtheorie und Filmästhetik Hickethier, Knut: Geschichte des deut- www.freerainer.de


schen Fernsehens, Stuttgart, Weimar Website zum Film
Arijon, Daniel: Grammatik der Film- 1998
sprache, Frankfurt am Main 2003 www.gmk-net.de
Bertram, Jürgen: Mattscheibe. Vom Gesellschaft für Medienpädagogik
Kandorfer, Pierre: Lehrbuch der Film- Niedergang des Fernsehens, Frankfurt und Kommunikationskultur (GMK)
gestaltung. Theoretisch-technische am Main 2006 mit Informationen unter anderem zu
Grundlagen der Filmkunde, Gau-Hep- Bürgerfernsehen, Offene Kanäle
penheim 2003 Kamp, Ulrich/Studthoff, Alex (Hrsg.):
Medienpädagogik: Offene Kanäle (bpb- www.jff.de
Koebner, Thomas (Hrsg.): Reclams Broschüre und CD-ROM) JFF – Institut für Medienpädagogik
Sachlexikon des Films, Stuttgart 2006² in Forschung und Praxis mit Informa-
Nolte, Paul: Generation Reform. Jen- tionen zu Qualitätsfernsehen, Flimmo,
Monaco, James: Film verstehen. seits der blockierten Republik, Bonn Medien und Erziehung
Kunst, Technik, Sprache, Geschichte 2004 (Schriftenreihe Band 466 der
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Reinbek 2000 Gesellschaft für Konsumforschung (GfK)
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Qualität und Quote, Marburg 2007 Schwäbe, Nicole Helen: Realfabrik quoten, Geschichte, Methoden, Mes-
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Schneider, Norbert: Frisierte Bilder, Analyse von Real-Life-Soap-Formaten
getrübter Augenschein. Medienethik zwi- und deren Wirkungsweisen, Tübingen www.sevenonemedia.de/research/
schen Qualität und Quote, Berlin 2003 2003 SevenOne Media, Vermarktungs-
gesellschaft der ProSiebenSat.1-
Zu Theorie und (Sozial-)Geschichte Zu Utopie Gruppe mit Informationen zu Medien-
des Fernsehens nutzungsverhalten, zum Beispiel
Schwendtner Rolf: Utopie, Überlegun- TimeBudget- und Sinus-Milieu-Studien
Brecht, Bertolt: Der Rundfunk als Kom- gen zu einem zeitlosen Begriff, Berlin/
munikationsapparat (1932), in: Brecht, Amsterdam 1994 www.grimme-institut.de
Gesammelte Werke 18, Schriften zur Grimme-Institut mit Informationen zu
Literatur und Kunst I, Frankfurt am Zu Film und Regisseur TV-Programmentwicklungen, Jahrbuch
Main 1967 Fernsehen etc.
Bundeszentrale für politische Bildung
Enzensberger, Hans Magnus: Baukas- (Hrsg.): Die fetten Jahre sind vorbei, www.fsf.de
ten zu einer Theorie der Medien, in: Filmheft, Bonn 2004 Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e. V.
Kursbuch 20, März 1970, zitiert nach: (FSF) und Zeitschrift tv diskurs
ex libris kommunikation Band 8, Klas- Weingartner, Hans: Free Rainer, Frank-
sische Texte über Medien und Kom- furt am Main 2007 (mit Hintergrundauf- www.kinofenster.de
munikation, hrsg. von Peter Glotz, sätzen diverser Autoren) Filmpädagogisches Online-Angebot
München 1997 von bpb und Vision Kino gGmbH

22 Filmheft FREE RAINER – DEIN FERNSEHER LÜGT


Publikationsverzeichnis Autor ■ ■ ■ ■
Frühjahr 2008

Filmpädagogisches, themenorientiertes Luther Bestell-Nr. 3197


Begleitmaterial zu ausgewählten nationa- Meer is nich Bestell-Nr. 3148
Montag Bestell-Nr. 3220
len und internationalen Kinofilmen. Auf
Moolaadé Bestell-Nr. 3162
16 bis 24 Seiten Inhalt, Figuren, Thema Mossane Bestell-Nr. 3178
und Ästhetik des Films; außerdem Muxmäuschenstill Bestell-Nr. 3188
Fragen, Materialien, ein detailliertes Das Netz Bestell-Nr. 3186
Sequenzprotokoll und Literaturhinweise. Der neunte Tag Bestell-Nr. 3183
Aktuelle sowie bereits vergriffene Hefte Ostpunk! Too Much Future Bestell-Nr. 3151
sind auch online abrufbar unter Preußisch Gangstar Bestell-Nr. 3150
Propaganda Bestell-Nr. 3236 Reinhard Middel
www.bpb.de/filmhefte
Requiem Bestell-Nr. 3165
Jahrgang 1953, ausgebildeter
Rosenstraße Bestell-Nr. 3230
Der Rote Kakadu Bestell-Nr. 3167
Gymnasiallehrer für Deutsch,
100 Schritte Bestell-Nr. 3191 Sankofa Bestell-Nr. 3175 Sozialkunde, Ethik/Philosophie,
Ali Bestell-Nr. 3235 Schildkröten können fliegen Bestell-Nr. 3169 lebt in Frankfurt am Main.
Alles auf Zucker! Bestell-Nr. 3181 Das Schloss im Himmel Bestell-Nr. 3156 Freiberuflich als Filmpublizist und
Am Ende kommen Touristen Bestell-Nr. 3152 Das schreckliche Mädchen Bestell-Nr. 3194
Medienpädagoge tätig, u. a. für
American History X Bestell-Nr. 3223 Der Schuh Bestell-Nr. 3210
Atash Bestell-Nr. 3172 Sommersturm Bestell-Nr. 3185
Vision Kino. Redakteur der Reihe
Beautiful People Bestell-Nr. 3203 Sophie Scholl – Die letzten Tage Bestell-Nr. 3179 „Arnoldshainer Filmgespräche“,
Black Box BRD Bestell-Nr. 3237 Die Sprungdeckeluhr Bestell-Nr. 3207 Autor von filmpädagogischen
Blackout Journey Bestell-Nr. 3168 Status Yo! Bestell-Nr. 3182 Beiträgen und Arbeitshilfen sowie
Blue Eyed vergriffen Strajk – Die Heldin von Danzig Bestell-Nr. 3154
Texten zu Themen aus dem
Bowling for Columbine vergriffen Swetlana Bestell-Nr. 3224
Buud Yam Bestell-Nr. 3173 Touki Bouki Bestell-Nr. 3174
Bereich Film, Medien und
Comedian Harmonists Bestell-Nr. 3205 Der Traum Bestell-Nr. 3155 Jugendmedienschutz.
Die Distel Bestell-Nr. 3219 We Feed the World Bestell-Nr. 3159
Do the Right Thing Bestell-Nr. 3208 Wie Feuer und Flamme Bestell-Nr. 3238
Drei Tage Bestell-Nr. 3209 Das Wunder von Bern Bestell-Nr. 3228
East is East Bestell-Nr. 3199 Yaaba Bestell-Nr. 3177
Ein kurzer Film über die Liebe Bestell-Nr. 3214 Zug des Lebens Bestell-Nr. 3201
Elling Bestell-Nr. 3196 Zulu Love Letter Bestell-Nr. 3161
Erin Brockovich Bestell-Nr. 3193 Zur falschen Zeit am falschen Ort Bestell-Nr. 3158
Esmas Geheimnis Bestell-Nr. 3157
Die fetten Jahre sind vorbei Bestell-Nr. 3184
Free Rainer – Dein Fernseher lügt Bestell-Nr. 3149
Fremder Freund Bestell-Nr. 3195
Gegen die Wand Bestell-Nr. 3187
Geheime Wahl Bestell-Nr. 3192
Ghetto Bestell-Nr. 3163
Goodbye Bafana Bestell-Nr. 3153
Good Bye, Lenin! Bestell-Nr. 3234
Hass Bestell-Nr. 3206
Hejar Bestell-Nr. 3227
Im Gully Bestell-Nr. 3212
Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin vergriffen
In This World Bestell-Nr. 3229
Die Jury Bestell-Nr. 3200
Kick it like Beckham Bestell-Nr. 3190
Kinder des Himmels Bestell-Nr. 3232
Klassenleben Bestell-Nr. 3180
Knallhart Bestell-Nr. 3166
Kombat Sechzehn Bestell-Nr. 3171
Korczak Bestell-Nr. 3213
Kroko Bestell-Nr. 3189
Kurische Nehrung Bestell-Nr. 3211
Das Leben der Anderen Bestell-Nr. 3164
Das Leben ist schön Bestell-Nr. 3225
Leni ... muss fort Bestell-Nr. 3222
Lichter Bestell-Nr. 3231
Lumumba Bestell-Nr. 3176
Politisches Wissen
im Internet www.bpb.de

Thema Medienkritik?
Eine Fülle weiterer Informationen und Materialien bietet www.bpb.de, die
Website der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. In der Rubrik Themen
stehen unter dem Link „Medien“ zahlreiche Online-Dossiers zu vielfältigen
Medienphänomenen und -debatten bereit. Einen Überblick über die
Strukturen und die gesellschaftliche Bedeutung von Massenmedien gibt
das Heft „Massenmedien“ der Informationen zur politischen Bildung. Es
ist ebenso online erhältlich wie die Publikationen „Medienpolitik“ und
„Medienfreiheit“ in der Reihe Aus Politik und Zeitgeschichte, die sich mit
Macht und Verantwortung der Medien auseinander setzen. Speziell für die
Unterrichtspraxis eignet sich die DVD „Die Realität der Medien“, ein Leitfaden
für die kritische Reflexion von Medien sowie zur Umsetzung medienprakti-
scher Projekte. Auch der Ratgeber für Eltern „Über Medien reden“ in der
Reihe Arbeitsmaterialien Medien liefert Anknüpfungspunkte für Gespräche
über Medienkonsum. Weitere Hinweise, Links und Materialien für die
schulische und außerschulische Arbeit mit Medien sind auf der Website
www.medienpaedagogik-online.de zusammengestellt. Reportagen, Berichte
und Interviews zum Thema Medien finden Sie in der Märzausgabe 2005 von
www.fluter.de, dem Jugendmagazin der bpb. Auf www.kinofenster.de, dem
Onlineportal für Filmbildung der bpb und der Vision Kino gGmbH – Netzwerk
für Film- und Medienkompetenz, wird der Film FREE RAINER von Hans
Weingartner in der Rubrik Neu im Kino besprochen. Ergänzend liefert die
Suchfunktion aktuelle Texte zur Rolle der Medien in Gesellschaft und Politik.

Du machst
Berlin 08!
ge Politik.
Das Festival für jun

mmen mit
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rlin. Das Programm
Gelände des FEZ-Be natürlich viel Musik
hören – von auf-
Vom 13. bis 15. Juni 2008 auf dem n mitm ach en und
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Berlin 08 – Dein Fes ionen und vielen weit m mit deinen Freunde
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Eine Initiative von: chsbands hin zu groß r wer was macht, kan
strebenden Nachwu Unter dem Motto „Nu
r Jugendbeteiligung“. und Jugendlichen.
Teil des „Akt ions programms für meh men t von Kind ern
Berlin 08 ist spolitische Engage
ramm das gesellschaft
stärkt das Aktionsprog