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Berichte

Experimentelle Metallgewinnung und -Verarbeitung


und deren archäologischer Befund

Michael Schmaedecke

Spuren oder auch Reste von Feuerstellen werden in turen bis zu einem Wert von über 1.300 Grad. Die
Siedlungsplätzen aller Art und aller Epochen erfaßt, Feuergrube wurde an vier Tagen genutzt.
und vielfach sind es gerade diese Spuren von Feuer­ Die archäologische Untersuchung des Werkplatzes
stellen, die einen Siedlungsplatz oder auch nur einen nach zwei Jahren ergab folgenden Befund: Dicht un­
kurzfristigen Aufenthaltsort von Menschen dokumen­ ter der Oberfläche zeichnete sich in der Fläche der
tieren. Archäologische Befunde von Feuerstellen kön­ Rand einer Feuergrube als rot verbrannter und ange­
nen aus sich alleine heraus jedoch nur in den selten­ ziegelter Lehm ab (Abb. 1 oben, 4). Das Innere be­
sten Fällen interpretiert werden. Die Beschreibung stand aus reinem Humus (Abb. 1 oben, 5). Im Profil
und Interpretation solcher Befunde muß sich zumeist ist der Befund deutlicher: In einer untersten Schicht
auf den Begriff "Feuerstelle" beschränken. Dies ist auf der Grubensohle ist ein Gemisch aus verbranntem
insbesondere deshalb sehr unbefriedigend, da eine Humus und Holzkohle festzustellen (Abb. 1 unten, 2),
Feuerstelle nie als solche angelegt wurde, sondern zu darüber eine linsenförmige Schicht aus Asche (Abb. 1
einem bestimmten Zweck ­ um sich zu wärmen, um unten, 3) und an einer Seite darunter rot verbrannter
Nahrung zuzubereiten, um Metall weich zu machen und verziegelter Lehm (Abb. 1 unten, 4). Der Flä­
oder zu schmelzen um es weiterverarbeiten zu kön­ chenbefund zeigt deutlich, wie der Lehm den Gruben­
nen, Glas zu verarbeiten, Getreide zu darren, Textilien rand markiert. Im Inneren der Grube sieht man im
zu färben u. s. w. Also wenn wir den Zweck einer Profil, wie bereits in der Fläche erfaßt, reines Humus­
ehemaligen Feuerstelle nicht fassen können, liegt ein material (Abb. 1 oben und unten, 5). Interpretation:
wesentlicher Bestandteil der Funktion des Siedlung­ Die Grube war mehrfach in Gebrauch. Von einer er­
platzes oder eine Teilbereichs davon jenseits unserer sten Nutzung stammt das holzkohledurchsetzte Mate­
Erkenntnismöglichkeiten. rial auf der Grubensohle. Für eine weitere Benutzung
der Grube kleidete man sie mit Lehm aus, der durch
Mit Methoden der experimentellen Archäologie wur­ die Hitzeeinwirkung verziegelt ist. Bei der Aufgabe
de versucht, dieses Problem von einer ungewöhnli­ der Grube wurde sie vollständig ausgeräumt, den ver­
chen Seite her zu beleuchten. Es wurden Tätigkeiten ziegelten Lehm der Grubenauskleidung beließ man
durchgeführt, für die Feuerstellen erforderlich waren und verfüllte die Grube mit Humus.
und nach annährend genau zwei Jahren die dabei ent­
standenen archäologischen Befunde untersucht. Im Wenig entfernt davon wurde Eisen verhüttet und aus­
Rahmen der Begleitveranstaltungen der 1993/94 im geschmiedet. Ausführende waren Vincent SER­
Kantonsmuseum Baselland in Liestal gezeigten Wan­ NEELS vom Centre dAnalyse Minerale der Universi­
deraustellung "Experimentelle Archäologie" wurden tät Lausanne, unter dessen Leitung das Projekt stand,
im März 1994 im Hof des Heimatmuseums Reinach und eine Gruppe von professionellen Schmieden
verschiedene Formen der Metallgewinnung und ­Ver­ (SERNEELS 1993).
arbeitung vorgeführt. In einer Grube wurde Bronze Zunächst mußte das Eisenerz geröstet werden. In
gegossen, in einem Rennofen wurde Eisen verhüttet eine Grube von 25 cm Durchmesser und einer Tiefe
und anschließend ausgeschmiedet. von etwa 10 cm wurde Holzkohle eingefüllt, zum
Brennen gebracht und mit Hilfe eines Gebläses Sauer­
Der Bronzeguß wurde von einer Arbeitsgruppe der stoff zugeführt, um eine hohe Temperatur zu erzielen.
Sektion Archäologie des Schweizerischen Landesmu­ Auf die Holzkohle wurde dann das Bohnerz gefüllt.
seums unter der Leitung von Walter FASNACHT Um die Feuerstelle vor Zugluft zu schützen, wurde an
(FASNACHT 1991; 1995) durchgeführt. Die Bronze­ der Nordseite ein halbrunder Windschutz aufgebaut.
gußgrube, die bronzezeitlichen Befunden nachgebil­ Der Rennofen war aus modernen Ofenziegeln erbaut,
det war, besaß einen Durchmesser von ca. 40 cm bei entsprach von der Konstruktionsform und der Funk­
einer Tiefe von ca. 25 cm und war mit Lehm ausge­ tion her jedoch historische Vorbildern (VEREINI­
kleidet. Das Feuer in der Grube erreichte Tempera­ GUNG DES ARCHÄOLOGISCH­TECHNISCHEN

Archäologische Informationen 20/2, 1997, 317-320


Berichte

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Abb. 1 Bronzegußgru­
be. Oben Flächenbefund,
unten Profilbefund. 1 an­
ju. A__ stehender Humus; 2 Ge­
^rrmn? misch aus brandgeröte­
tem Humus und Holz­
fll kohle; 3 Asche; 4 ver­
ziegelter Lehm; 5 Hu­
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Abb. 2 Eisenverhüttung und ­Verarbeitung. Oben Flächenbefund, unten Profilbefund. 1 anstehender Humus; 2 Gemisch
aus brangerötetem Humus und Asche; 3 Humus; 4 Gemisch aus brandgerötetem Humus und Asche; 5 Humus; 6 und 7
brandgeröteter Humus.

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GRABUNGSPERSONALS 1991). Es wurde an sechs tiefungen ­ bekannt wurden, wäre zu diskutieren. Ein
Tagen ein- bis zweimal beschickt und hat je nach wesentlicher Unterschied des rekonstruierten Ofens
verhüttetetem Erz verschieden große Mengen an gegenüber historischen Rennöfen war, insbesondere
schmiedbarem Eisen geliefert. Es wurden hier Tempe­ was den sich ergebenden archäologischen Befund be­
raturen von über 1.200 Grad erreicht. Den gewonnen trifft, folgender: Der rekonstruierte Ofen war aus
Eisenschwamm erhitzte man in einer von Steinen ein­ Ofenziegeln erbaut, die für eine Wiederverwendung
gefaßten Esse unter Zufuhr von Sauerstoff und wieder vollständig, also spurlos, abgetragen wurden.
schmiedete ihn daneben auf dem Erdboden auf Die historischen, aus einfachen Steinen aufgebauten
einem Amboß aus. Nach Abschluß der Arbeiten wur­ und mit Lehm verstrichenen Rennöfen wurden nach
den die obertägigen Einrichtungen abgebaut, Erzreste, einer bestimmten Anzahl von Beschickungen und
Schlacken und Holzkohlestücke aufgelesen und die Entnahmen des Eisenschwamms sowie Reinigungen
vorhandenen Gruben mit Erdreich verfüllt. des Innenraumes jedesmal aufgebrochen und wieder
Wie stellt sich nun der archäologische Befund zwei hergerichtet und schließlich in beschädigtem Zustand
Jahre später dar ? Der Standplatz des Rennofens ist aufgegeben. D. h. Teile der Konstruktion können sich
nicht faßbar. Lediglich als schwacher rötlich­brauner erhalten haben und als archäologischer Befund erfaßt
Schatten in der Fläche ist der Bereich erkennbar, wo werden (vgl. ESCHENLOHR & SERNEELS 1991;
der Eisenschwamm und Schlackestücke auf dem Bo­ JOOS 1994).
den lagen und auskühlten (Abb. 2 oben, 6); im Profil
ist hiervon nichts zu sehen. Von der Röstgrube ist der Die hier vorgestellten Befunde waren zwei Jahre alt.
Rand in der Fläche deutlich zu erkennen. Man sieht Entsprechende historische Befunde unterscheiden sich
brandgerötetes Erdmaterial, das stark von Holzkohle darin, daß sie entweder unter einer stärkeren Sedi­
durchsetzt ist (Abb. 2 oben, 2) sowie die Verfüllung mentierung liegen oder daß sie überhaupt nicht mehr
mit Erdreich (Abb. 2 oben u. unten, 3). Vergleichbar oder nur noch partiell vorhanden sind. Angesichts der
stellt sich auch die Esse dar (Abb. 2 oben u. un­ Lage der Befunde nur wenige Zentimeter unter der
ten, 4; 5). Der Schmiedeplatz ist in der Fläche nur Oberfläche ercheinen die beiden letztgenannten Mög­
schemenhaft erkennbar (Abb. 2 oben, 7). Die Erde ist lichkeiten am wahrscheinlichsten, da Feuerstellen zu­
nur leicht fleckig brandgerötet; nur kleine Holzkohle­ meist innerhalb von Siedlungsarealen liegen und diese
und Schlackepartikel geben Hinweise auf die Tätig­ in starkem Maße verschiedenartigen Veränderungen
keiten an diesem Platz. unterworfen sind.

Bezüglich der Entstehung der Befunde muß der Frage Die archäologische Untersuchung der Feuerstellen hat
nachgegangen werden, ob und inwieweit sich die mo­ ergeben, daß die erfaßten Befunde nur schwer Inter­
dernen Befunde von historischen Befunden unter­ pretationen ihrer ehemaligen Funktionen ermöglichen.
scheiden. Was den Bronzeguß betrifft, entsprach die Berücksichtigt man zudem, daß das Gelände zwi­
Rekonstruktion des Vorgangen den historischen Ar­ schenzeitlich nicht genutzt wurde und damit ideale
beitsabläufen. Dagegen wich die Eisenverhüttung und Erhaltungsbedingungen vorgelegen haben und, daß
­Verarbeitung in Teilbereichen durch moderne Ein­ die Feuerstellen komplett erfaßt werden konnten, ist
richtungen von historischen Vorgängen ab, wobei der abzuschätzen, wieviele, d. h. wie wenige Interpreta­
Einsatz elektrischer Gebläse für die Sauerstoffzufuhr tionsmöglichkeiten eine "normale" archäologisch er­
keine wesentliche Rolle gespielt hat. Möglicherweise faßte Feuerstelle bietet. Aus sich heraus bieten
hätten beim Einsatz von Hand betriebener Gebläse Feuerstellen­Befunde also kaum Hinweise auf ihre
Düsen aus Ton Verwendung gefunden, die im Bereich ehemaligen Funktionen, wenn nicht spezielle Kon­
der Anlage eventuell erfaßt worden wären. struktionen von Feuerstellen oder Öfen zu erkennen
sind. Ist dies nicht der Fall, so sind Hinweise auf ihre
Entsprach die Funktion des rekonstruierten Rennofens ehemalige Funktion im allgemeinen nur im Zusam­
historischen Vorbildern, so wich die Konstruktion menhang der Gesamtheit der Befunde möglich. Dies
doch von bekannten Befunden ab. Hier ist wesentlich, können ein bestimmtes Ensemble von Feuerstellen
daß der rekonstruierte Rennofen vollständig auf den oder von Feuer beeinflußten Befunden sein ­ bespiels­
Boden gebaut war. Weder die Sohle noch die zur Auf­ weise Röstgrube, Rennofen, Esse, Schmiedeplatz ­,
nahme der Fließschlacke bestimmte Grube waren in oder charakteristische Beifunde wie verziegelte Luft­
den Boden eingetieft. Beides hat jedoch den Ablauf düsen, Produktionsrückstände oder auch verkohlte
der Funktionen und die Art der Arbeitsabläufe gegen­ pflanzliche Makroreste.
über historischen Vorbildern nicht beeinflußt. Ob alle
historischen Rennöfen diese Eintiefungen besaßen
oder bislang lediglich solche ­ eben wegen dieser Ein­

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Berichte

Literatur

ESCHENLOHR, L. & V. SERNEELS (1991) Les bas


fourneaux merovingiens de Bo6court, Les Boulies
(JU/Suisse). Cahiers d'archeologie jurassienne 3.
Porrentury 1991.

FASNACHT, W. (1991) Der prähistorische Bronzeguß im


Experiment: Erfahrungen anläßlich der Ausstellung
Pfahlbauland. Minaria Helvetica IIa, 1991, 3-12.

FASNACHT, W. (1995) 4000 Jahre Kupfer­ und


Bronzeguß im Experiment. In: Experimentelle Archäologie.
Bilanz 1994. Archäologische Mitteilungen aus
Nordwestdeutschland. Beiheft 8. Oldenburg 1995, 237-246.

JOOS, M. (1994) Ein spätmittelalterlicher Rennofen von


Lajoux/JU. Minaria Helvetica 14a, 1994, 53-73.

SERNEELS, V. (1993) Archeologie du fer et


experimentation. Minaria Helvetica 13b, 1993, 115.

VEREINIGUNG DES ARCHÄOLOGISCH­


TECHNISCHEN GRABUNGSPERSONALS (Hrsg.)
(1991) Erze, Schlacken, Eisen. Einführungskurs zum
Studium der frühen Eisenmetallurgie. Feldmeilen 1991.

Dr. Michael Schmaedecke


Amt für Kultur des Kantons Baselland
Archäologie und Kantonsmuseum
Regierungsgebäude
CH - 4410 Liestal

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