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FOTOS: GERRIT SIEVERT (U.); SAMMY HART / DER SPIEGEL (M.); HEINZ STEPHAN TESAREK / DER SPIEGEL (O.)

/ DER SPIEGEL (M.); HEINZ STEPHAN TESAREK / DER SPIEGEL (O.) Das deutsche Nachrichten-Magazin Das deutsche

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung

Betr.: Titel, Würth-Gespräch, Oliver Sacks

Scheuermann, Hoppe in Traiskirchen bei Wien
Scheuermann, Hoppe in Traiskirchen bei Wien

Z wei Bilder haben in den vergan- genen Tagen die Welt bewegt

und Europa erschüttert: der weiße Kühllaster, führerlos abgestellt an einer Autobahn in Österreich, im Laderaum die Leichen von 71 Flücht- lingen; und das Foto eines kleinen Jungen am Mittelmeerstrand von Bodrum, drei Jahre alt, ertrunken bei dem Versuch, das rettende Ufer

zu erreichen. Ein Team von SPIEGEL- Redakteuren, unter anderen Christoph Scheurmann und Ralf Hoppe, hat in Ungarn und Österreich, in Bulgarien und der Türkei recherchiert, wie das Geschäft der Schleuser und Schlepper funktioniert. Ob man das Foto des toten Jungen abbilden darf, wurde in der Redaktion lange diskutiert. Der SPIEGEL hat sich entschieden, das Bild zu zeigen. Mitunter, beim Foto des nackten, fliehenden Mädchens aus Vietnam etwa oder bei dem des Paares, das sich in den Trümmern einer Textilfabrik in Bangladesch im Tode umarmt hält, hat nur die Wahrheit die Macht, unerträgliche Verhältnisse zu verändern. Was sich im Innern des Lastwagens abgespielt hat, weiß niemand. Um einen Eindruck zu vermitteln, was es bedeutet, wenn 71 Menschen auf der Ladefläche eines Lkw Platz finden müssen, hat der SPIEGEL den 3-D-Illus- trator Mirko Ilić gebeten, für das Cover ein Scannerbild anzufertigen. Seite 10

B evor SPIEGEL-Redakteurin Ulrike Knöfel den Unternehmer und

Sammler Reinhold Würth während seines Urlaubs in Salzburg traf, machte sie einen Umweg über Würths Heimat im Hohenloher Land. Der Milliardär, der sein Geld hauptsächlich mit dem Verkauf von Schrauben verdient, be-

sitzt am Firmenstammsitz in Künzels- au und im nahen Schwäbisch Hall ein eigenes Museum, zwei Kunsthallen – und einen eigenen Flughafen. Würth, 80, bekannt als leidenschaftlicher Kunstsammler, war lange auch ebenso leidenschaftlicher Pilot. Würth empfing die Redakteurin

höflich, aber mit spürbarer Skepsis. Der SPIEGEL hatte im Jahr 2008 aufgedeckt, dass ein Steuerverfahren gegen den Unternehmer lief, tatsächlich mündete es

in einem Strafbefehl.

Knöfel, Würth in Salzburg
Knöfel, Würth in Salzburg

Seite 118

I n der Wissenschaft spannende Gesprächs-

partner zu finden ist nicht leicht. Viele For-

scher tun sich schwer damit, ihre Kenntnisse zu vermitteln. Andere erzählen fesselnd, doch es fehlt an Tiefgang. Einer, der Gelehr- samkeit mit Erzählfreude verband, war der kürzlich verstorbene Autor und Neurologe Oliver Sacks. Ihn in New York zu besuchen

war für die Redakteure jedes Mal eine span- nende Exkursion ins Reich der Absonderlichkeiten des Geistes. Umgekehrt schätzte Sacks den SPIEGEL, zumal er wusste, dass er in Deutschland viele Fans hatte. Dreimal traf er sich zum SPIEGEL-Gespräch, sechs Redakteure lernten ihn kennen. „Wenn es immer dieselben Redakteure gewesen wären, hätte Sacks es ohnehin nicht gemerkt“, sagt Johann Grolle, SPIEGEL-Korrespondent in Boston. „Er litt unter Prosopagnosie, der Unfähigkeit, Gesichtszüge wiederzuerkennen.“ Seite 114

Grolle, Sacks in New York 2001
Grolle, Sacks in New York 2001

FOTOS V.L.N.R.: AKOS STILLER / DER SPIEGEL; ALBERTO PIZZOLI / AFP; KATHARINA BEHLING; FRANK ZAURITZ; DIGNE MELLER-MARCOVICZ; WERNER SCHÜRING / DER SPIEGEL; ANDREW MATHESON / SAP

Polizisten, Flüchtlinge an der ungarisch-serbischen Grenze bei Röszke Das Geschäft mit der Flucht Migration Mit
Polizisten, Flüchtlinge an der ungarisch-serbischen Grenze bei Röszke
Das Geschäft mit der Flucht
Migration Mit den dramatischen Bildern aus
Budapest eskaliert der Streit über die Flüchtlings-
quoten in der EU. Profiteure der Krise sind die
Schlepperbanden. Sie bringen täglich Tausende
Menschen nach Europa, vor allem über den West-
balkan – und scheuen kein Risiko. Seiten 10 bis 24
West- balkan – und scheuen kein Risiko. Seiten 10 bis 24 Der Nächste, bitte Bundespräsidenten Joachim

Der Nächste, bitte

Bundespräsidenten Joachim Gauck strebt wahrscheinlich keine zweite Amtszeit an. SPD-Chef Sigmar Gabriel sieht darin die Chance, einen Sozialdemokraten ins höchste Staatsamt zu befördern. Sein Favorit ist Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Der ziert sich – noch. Seite 32

Steinmeier. Der ziert sich – noch. S e i t e 3 2 Wirtschaftskrimi bei SAP
Steinmeier. Der ziert sich – noch. S e i t e 3 2 Wirtschaftskrimi bei SAP

Wirtschaftskrimi bei SAP

Unternehmen Ein früherer

Mitarbeiter aus der internen Revision erhebt heftige Vor- würfe: SAP soll geistiges Eigentum von Wettbewerbern geraubt haben. Der Konzern spricht von Erpressung, kün- digte seinem ehemaligen Prü- fer und zeigte ihn an. Seite 66

„Lieber Kollege Strauß“

Jubiläum SPIEGEL-Gründer

Rudolf Augstein und CSU- Übervater Franz Josef Strauß waren schonungslose Kon- trahenten. Doch ihr Briefwech- sel, den der SPIEGEL zum 100. Geburtstag von Strauß veröffentlicht, ist verblüffend freundlich. Seite 48

Titel

Migration Internationale Banden organisieren das Geschäft mit der Flucht – sie sind die Profiteure eines europäischen Versagens 10 Flüchtlingspolitik Die Krise treibt die EU

auseinander Beschäftigung Sozialministerin Andrea Nahles will Öffnung des Arbeits- markts für Migranten vom Balkan Regierung Finanzminister Wolfgang Schäuble plant einen Flüchtlingsfonds

Deutschland

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Leitartikel Warum Fremdenhass eine Krankheit ist

8

Bundesregierung unterstützt freie WLAN-Netze / Beschränkungen für Asyl- bewerber / Elterngeld belastet Bundes- haushalt / Kolumne: Der schwarze Kanal

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Bundespräsidenten SPD-Chef Sigmar Gabriel will Außenminister Frank-Walter Steinmeier ins höchste Staatsamt bugsieren

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Katholiken Kardinal Reinhard Marx warnt im SPIEGEL-Gespräch vor rechtem Mitläufertum und erklärt, warum die Kirche sich wandeln muss

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Parteien Europas Sozialdemokraten planen Pakt gegen Angela Merkel

39

Nachrichtendienste Der BND hat offenbar

auch der CIA Zugriff auf deutsche Telekommunikationsdaten ermöglicht

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Bündnisse Die Furcht der Union vor einem Aufstieg der FDP

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Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier über die Vorzüge einer schwarz-grünen Koalition

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Brandstifter Die Hintergründe des Anschlags auf Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf

44

Umwelt Deutsche Autohersteller tricksen bei den Abgaswerten

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Strafjustiz Wie die Rechtspsychologie Fehlurteile verhindert

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Jubiläum Der erstaunliche Briefwechsel zwischen Rudolf Augstein und Franz Josef Strauß

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Kommunen Die Pannenstadt Köln scheitert an der Oberbürgermeisterwahl

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Faktencheck Sind unsere Wahlen repräsentativ?

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Serie

Teil VI: Flüchtlinge Die Länder schieben

mehr abgelehnte Asylbewerber ab – doch wen es trifft, entscheidet oft der Zufall

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Gesellschaft

Sechserpack: Wo Kinder in Uniformen stecken – und wo nicht / Von der Kunst, im Supermarkt richtig anzustehen

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Eine Meldung und ihre Geschichte Ein öster-

reichischer Arzt findet 70 Jahre nach Kriegs- ende die Brieftasche eines US-Veteranen und schickt sie an den Besitzer zurück

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Essay Ist Deutschland in den letzten 20 Jahren fremdenfreundlicher oder fremdenfeindlicher geworden?

58

Homestory Was ein Europäer erlebt, der mit einem großen Hund in Peking lebt

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Wirtschaft

Muss Baden-Württemberg für Atomkonzern

haften? / Neue Führungsstruktur bei Lufthansa /

Frosta legt Herkunft seiner Zutaten offen

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Unternehmen SAP wird von einem ehemaligen

Prüfer des Ideenklaus verdächtigt, das Unternehmen wirft ihm Erpressung vor

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Luftfahrt Eine EU-Richtlinie verhindert die Flucht per Flugzeug

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Konzerne Wie Ferdinand Piëch bei VW immer noch Strippen zieht

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Unterhaltung YouTube will das bessere Fernsehen sein – kann es aber nicht

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Textilien Goretex-Jacken hinterlassen giftige Rückstände

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Ausland

Der „Islamische Staat“ setzt in Nordsyrien Senfgas ein / Dramatisch sinkende Umfrage- werte für Syriza-Politiker Alexis Tsipras Italien Wie steht es um die Pläne von Premier Matteo Renzi, sein Land umzubauen? Libanon Die große Müllkrise ist ein Sinnbild für den Zustand des Landes Ägypten Sicherheitskräfte lassen junge Aktivisten verschwinden Global Village Gentrifizierung erreicht

das Hafenviertel von Belgrad 92

Sport

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Verschmutzte Gewässer im olympischen Segelrevier von Rio? / Die Millionenschlacht auf dem Fußball-Transfermarkt Basketball Schriftsteller Thomas Pletzinger über das Idol Dirk Nowitzki Medien Mehmet Scholl wäre eigentlich lieber wieder Fußballtrainer

statt Fußball-TV-Experte

Wissenschaft

Ein syrischer Archäologe über die unerträg- liche Zerstörung von Weltkulturerbe / Weltweit schwinden die Wälder / Segway endgültig entlarvt: als E-Rollator für Opa 104

100

96

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Elektrizität Wind weht, Sonne scheint – manch-

mal. Wie lässt sich Ökostrom speichern?

Medizin SPIEGEL-Gespräch mit dem britischen Kardiologen Peter Wilmshurst über die

schmutzigen Tricks der Pharmaindustrie

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106

Geschichte Wie Programmiererinnen dem Heimcomputer zum Durchbruch verhalfen 113

Nachruf Oliver Sacks (1933 bis 2015)

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Kultur

„Knight of Cups“ im Kino / Shakespeare in der

App / Kolumne: Besser weiß ich es nicht

Sammler SPIEGEL-Gespräch mit dem Milliardär Reinhold Würth über Kunst als Geschäft und das teuerste Gemälde des Landes, das nun in Berlin gezeigt wird 118

Zeitgeschichte War Hitler ein Junkie? Eine neue Studie vertritt verwegene Thesen über Drogen im Nationalsozialismus Literatur Jenny Erpenbecks Flüchtlings- roman „Gehen, ging, gegangen“

Pop The Libertines – das Comeback der letzten

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großen Skandalband Großbritanniens Serienkritik Ein Hacker gegen das System: „Mr. Robot“

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Bestseller Impressum, Leserservice Nachrufe Personalien Briefe Hohlspiegel/Rückspiegel

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Wegweiser für Informanten: www.spiegel.de/investigativ

In diesem Heft

Informanten: www.spiegel.de/investigativ In diesem Heft Matteo Renzi Er war als Modernisierer angetreten, um

Matteo Renzi

Er war als Modernisierer angetreten, um Italien von Grund auf zu verändern. Nun aber droht ihm ein heißer Herbst. Denn Rebel- len in der eigenen Partei begehren gegen seine Ver- fassungsreform auf. Seite 80

seine Ver - fassungsreform auf. S e i t e 8 0 Jenny Erpenbeck Mit literarischen

Jenny Erpenbeck

Mit literarischen Mitteln auf der Höhe der Zeit: Im Ro- man „Gehen, ging, gegangen“ behandelt die Berliner Schriftstellerin das Thema der Flüchtlingsnot – und beschreibt, wie unser Land damit umgeht. Seite 126

wie unser Land damit umgeht. S e i t e 1 2 6 Dirk Nowitzki Seit

Dirk Nowitzki

Seit Jahren gehört er zu den Stars der NBA, jetzt spielt der stille Franke bei der Basket- ball-EM für Deutschland. Der Schriftsteller Thomas Pletzin- ger hat Nowitzki begleitet und die Hommage an ein Idol geschrieben. Seite 96

FOTO: SEAN GALLUP / GETTY IMAGES

Das deutsche Nachrichten-Magazin Leitartikel Was heilt Es hilft nicht, wenn der Westen dem Osten vorrechnet,

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Was heilt

Es hilft nicht, wenn der Westen dem Osten vorrechnet, wie fremdenfeindlich er ist.

I m Kampf gegen eine schwere Krankheit gibt es zwei Ansätze. Auf der einen Seite wird man versuchen, alles, was krank macht, zu begrenzen oder zu beseitigen. Alles,

was gesund ist, wird man dagegen stärken, um es vor der Krankheit zu schützen. Für diesen zweiten Ansatz gibt es den schönen Begriff Salutogenese, zu Deutsch: Gesundheits- entstehung. Fremdenfeindlichkeit ist eine Krankheit. Sie kann einzelne

Menschen befallen, aber auch eine ganze Gesellschaft. Sie ist eine Plage, sie breitet sich aus, sie ist ansteckend. Und sie kommt – wie es scheint – immer wieder zum Ausbruch. Wenn Menschen jegliche Selbstbeherrschung verlieren, sobald von Ausländern, Flüchtlingen, Asylbewerbern die Rede ist, möch- te ich eher Ärzte zu Hilfe rufen als Polizisten. So wie ein Mensch heil und

krank zugleich sein kann, so gibt es in diesem Land Men- schen mit gesundem Herzen, mit offenen Ohren und helfen- den Händen. Und es gibt Men- schen, die offenbar irgendwann die Fähigkeit, sich selbst zu lie- ben, verloren haben und nun andere beschuldigen, um ihre Unzufriedenheit loszuwerden. Schon im Alten Testament findet sich die Geschichte vom Ziegenbock, dem alles Übel symbolisch aufgeladen wird. Er wurde dann in die Wüste ge- trieben. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Suche nach Sündenböcken, der Abgrenzung und Ausgren- zung anderer. Es wird nie mög- lich sein, alle von Enttäuschung zerfressenen Menschen davon

abzuhalten, andere zu hassen. Es gibt solche Menschen in den Niederlanden, in Frankreich,

in den USA, im Osten und im Westen Deutschlands. Und es gibt in Deutschland auch Ausländer, die andere Ausländer

oder Deutsche hassen. Wenn ich im Zug durch Brandenburg fahre und in die Au- gen mancher Menschen schaue, sehe ich Wut und Angst. Ich höre, wie sie über die Ausländer sprechen, was die hier alle

wollen, was denen alles hinten und vorn

Und: Wer denkt

noch an uns Deutsche? In den Flüchtlingsgesprächen von Bertolt Brecht steht der Satz: „Ein Ernst, der nicht blutig ist, ist keiner.“ Genau das ist meine Befürchtung. Es ist ihnen sehr ernst. Die Gesichter

laufen rot an, die Hände zittern. Unglückliche Menschen ver- breiten Unglück. Es wäre das Leichteste, Menschen, die so rüde reden und so böse blicken, einfach abzutun. Dann muss man sich keine Gedanken mehr machen, warum sie so geworden sind, wie

sie sind. Warum sich friedliche, freundliche Leute plötzlich in Menschenfeinde verwandeln. Mir fällt nicht ein, diese Menschen „Pack“ zu nennen. Kein Mensch ist „illegal“, und niemand ist „Pack“. Aber wie verringert man die Ansteckungsgefahr? Wie ver- liert einer die Furcht vor dem Fremden? Und wie stärkt man die Menschen mit den gesunden Herzen? Sicherlich nicht, in- dem man ihnen, die es besonders schwer haben, erklärt, sie würden ohnehin in der Düsternis leben, in Dunkeldeutschland. Und auch nicht, indem man gegen den Rechtsextremismus die Mathematik zum Einsatz bringt wie manche Politiker, die vermutlich das Übel an der Wurzel packen wollen. Wurzel ziehen, das ist ja Mathematik. Allerlei Berechnungen werden angestellt, um herauszufinden, wo mehr oder weniger rechts- extreme Straftaten begangen

werden. Als läge ein Trost darin, dass die Quote an einem Ort niedriger ist als am anderen. Gäbe es denn eine Quote, die akzeptabel wäre, vielleicht 10 rechtsextreme Straftaten auf 100000 Einwohner pro Jahr? Natürlich gibt es im Osten, aus dem ich komme, ein beson- deres Problem und eine beson- dere Geschichte. Aber auch Menschen, die in die Demokra- tie geboren wurden und seit ihrer Kindheit mit Migranten zusammenleben, stecken Häu- ser an und grölen Parolen. Im so viel besseren Land wurde nicht jeder ein guter Mensch und im schlechteren Land nicht jeder böse. Die Rechtsextremen freuen sich sicher, wenn wir un- sere Zeit mit Mathematik ver-

plempern. In der Zeitung geht es jetzt viel um die Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland, um den Imageschaden, den der Fremdenhass bedeutet. Es ist ein merkwürdiges Argument. Wäre es denn erlaubt, Menschen anzubrüllen und Häuser an- zuzünden, wenn die Wirtschaft davon profitieren würde, wenn es gut wäre für Deutschlands Image? In den Zeitungen gibt es mehr Bilder, die Mut machen, als Bilder, die Angst machen. Aus München, aber auch aus Bran- denburg. Es gibt überraschende Anzeichen einer neuen poli- tischen Kultur, die das Heilende stärkt. Der Zynismus, diese westdeutsche Schlaumeier-Attitüde, scheint auf dem Rückzug. Manchmal findet man die Ermutigung dort, wo man sie nicht erwartet. Am Zeitungskiosk etwa, wo neuerdings in großen Buchstaben für Hilfe für Flüchtlinge geworben wird. Wenn ich im Zug lese, halte ich eine dieser Zeitungen so, dass jeder sie sehen kann. Bislang bin ich immer heil ange-

kommen.

lese, halte ich eine dieser Zeitungen so, dass jeder sie sehen kann. Bislang bin ich immer

Stefan Berg

FOTO: AKOS STILLER / DER SPIEGEL

Titel

Logistiker des Schattens

Migration Tausende Menschen vertrauen sich jeden Tag Schleppern an, um nach Europa zu gelangen. So wie es die 71 Menschen taten, die in einem Kühllaster starben. Schleuser sind die Profiteure eines politischen Versagens – und sie scheuen kein Risiko.

E in Autonarr sei er, sagt seine Mutter, ein Bastler und Schrauber. Seine Ehefrau und seine Töchter sehen in

ihm den guten Ehemann und Vater, der al- lerdings selten zu Hause war. Für den Rest Europas ist Metodi G., Spitzname Mitko, der Mann, der vermutlich in eine Katastro- phe mit 71 toten Flüchtlingen verstrickt ist. Mitko, der Schleuser. Fünf Tage nachdem auf der A4 in Öster- reich ein Kühlwagen mit 71 Toten gefun- den wurde, bittet Mitkos Mutter in ihr Wohnzimmer in Lom, im Nordwesten Bul- gariens. Ihr Sohn sitzt seit einigen Tagen zusammen mit vier weiteren Verdächtigen

in Untersuchungshaft. Er beteuert seine Unschuld, aber es sieht nicht gut aus. Die Mutter stellt Kaffee auf den Tisch und sagt, niemals hätte Mitko gewollt, dass Menschen sterben. Ihren Sohn habe sie schon länger nicht gesehen, aber sie weiß natürlich, dass viele Männer aus der Ge- gend im lukrativen Geschäft mit Flüchtlin- gen tätig sind. Es sei kein Wunder, sagt sie, dass arme Bulgaren Flüchtlinge über die Grenze bringen. Vor allem die Syrer seien wohlhabende Menschen. „Sie haben Geld, um solche Reisen zu bezahlen.“ 71 Menschen, die dem Krieg und dem Leid entfliehen wollten und kurz vor dem

Ziel umkamen. 59 Männer, acht Frauen, drei Jungen und ein Mädchen, etwa an- derthalb Jahre alt, qualvoll erstickt. Sie starben nicht irgendwo im Mittelmeer, son- dern im Herzen Europas. Gefunden wur- den sie an der A4 bei Parndorf, 50 Kilo- meter vor Wien. Die verwesenden Leichen lagen in ei- nem ausgemusterten Volvo-Kühllaster, in dem zuvor gefrorenes Hühnerfleisch trans- portiert worden war. Es war am Donners- tag voriger Woche, als ein Mitarbeiter des österreichischen Autobahnbetreibers As- finag den Lkw an einer Haltebucht ent- deckte. Abgestellt wie ein Pannenfahrzeug.

Flüchtlinge im ungarisch-serbischen Grenzgebiet bei Röszke

Flüchtlinge im ungarisch-serbischen Grenzgebiet bei Röszke
Flüchtlinge im ungarisch-serbischen Grenzgebiet bei Röszke
Flüchtlinge im ungarisch-serbischen Grenzgebiet bei Röszke

Für Europa wurde die Haltebucht an der A4 zum Ground Zero in der Flüchtlings- katastrophe. Das Grauen war plötzlich nah und plastisch, und wenn dieses schreckli- che Ereignis überhaupt etwas bewirken kann, dann das: dass Europa endlich auf- wacht aus seiner Erstarrung. Jeden Tag sterben Menschen durch den Umstand, dass sie erst nach Europa kom- men müssen, um den Antrag auf Asyl zu stellen. Und durch die Tatsache, dass sie in dem EU-Land bleiben müssen, in dem sie diesen Antrag ausgefüllt haben, und nicht weiterreisen dürfen. Davon profitie- ren Schleuser, deshalb können Kriminelle

300 oder 400 Euro für die Tour von Buda- pest nach Wien in einem überfüllten Trans- porter oder Kleinlaster verlangen, obwohl ein Zugticket keine 50 Euro kostet. Flüchtlinge sterben, weil Europa versagt. Doch das Drama geht weiter. Eine Woche nach der Katastrophe an der A4 in Öster- reich, an diesem Mittwoch, erschienen wie- der unfassbare Fotos, diesmal eines syri- schen Jungen, der tot an einem Strand liegt. Er ertrank während der Überfahrt zur griechischen Insel Kos, auch seine Fa- milie hatte sich Schleusern anvertraut. All das zeigt, wie groß die Verzweiflung der Flüchtlinge ist und wie unbändig die

Gier und Risikobereitschaft derer, denen sie sich anvertrauen. Vieles deutet darauf hin, dass der Tod der 71 im Kühllaster kein geplantes Verbrechen war, sondern ein Versehen der Schleuser, womöglich verur- sacht durch Unachtsamkeit, Dummheit. Es könnte jederzeit wieder geschehen, das ist die alarmierende Botschaft dieses Falls. Wenn sich nicht endlich etwas ändert. Denn Hunderte, Tausende überqueren Tag für Tag die Grenzen nach Europa. Al- lein in den ersten acht Monaten dieses Jah- res reiste fast eine viertel Million Men- schen über den Seeweg nach Griechenland. Darunter sind junge Männer, Familien,

FOTOS: BORYANA KATSAROVA / DER SPIEGEL (U.); LASZLO BALOGH / REUTERS (O.)

Titel

Schwangere, Kinder, sie stammen aus Sy- rien, dem Irak, Ägypten, Eritrea, aus dem Sudan. Viele flohen vor Bomben und Ter- ror, sie sind bereit, ihr letztes Geld in die Fahrt zu investieren und ihr Leben Män- nern anzuvertrauen, die sie nicht kennen. Und am Ende stehen sie, wie in dieser Woche, am Ostbahnhof von Budapest und kommen nicht weiter. Die Gleise zu den Fernzügen sind mal für kurze Zeit offen, mal versperrt. Einige Flüchtlinge haben Schilder gebastelt, „We love to go to Ger- many“ steht darauf, irgendwann fängt je- mand an, den Namen der deutschen Kanz- lerin zu rufen, leise erst, dann lauter: „An- gela, Angela“. Diejenigen, die den Hilferuf besonders aufmerksam wahrnehmen, war- ten in der Nähe mit Taxis und Kleinbussen, sie sind die wahren Profiteure des Dramas. Eine Reise von Syrien nach Deutschland kostet derzeit mindestens 2500 Euro pro Person. Der Markt für Schleuser dürfte ein Volumen von vielen Hundert Millionen im Jahr haben. Die Organisation The Mi- grant’s Files schätzt, dass Migranten seit der Jahrtausendwende rund 16 Milliarden Euro an Schleuser zahlten, es ist ein erbar- mungsloses Geschäft mit der Verzweiflung. Daran verdienen Anwerber, Fahrer, Skip- per, Mittelsmänner, Vermieter illegaler Wohnungen, Auskundschafter, Geldhänd- ler, große und kleine Fische, Männer wie Metodi G. aus Bulgarien. Sie sind die Lo- gistiker des Schattens, sie finden Wege, wo keine Wege sein dürften. Der Aufstieg des Schleusers zur zentra- len Figur im Flüchtlingsdrama ist auf das Versagen Europas zurückzuführen. Noch immer haben die europäischen Staaten kei- nen Plan, keine Strategie, wie sie mit den steigenden Flüchtlingszahlen umgehen sol- len. Stattdessen geben sie sich gegenseitig die Schuld an dem humanitären Desaster, das von den Rändern Europas in das Zen- trum rückt (siehe Seite 19). Das politische Chaos spielt den Schleu- sern in die Hände, denn im Gegensatz zu den Regierungschefs haben sie einen Plan. Auf drei Hauptrouten transportieren sie ihre Kunden: über das Mittelmeer von Nordafrika nach Italien oder Spanien; über die östliche Landroute von der Türkei über Bulgarien; sowie über den Westbalkan von Griechenland über Mazedonien, Serbien und Ungarn. Im Moment ist diese Route die beliebteste, weil die Grenzen in Maze- donien und Serbien porös und die Behör- den überfordert sind. Zwar ist sie im Ver- gleich zur östlichen Strecke teurer, aber der Weg über Bulgarien weniger attraktiv, seit die Regierung 1500 Polizisten an die Grenze zur Türkei geschickt hat. Die Ge- schichte von Metodi G. zeigt, wie ver- lockend es für junge Männer ist, in dem Chaos des Balkans Geld zu machen. Metodi wuchs im Roma-Viertel von Lom auf, einer trostlosen bulgarischen Stadt

von Lom auf, einer trostlosen bulgarischen Stadt Verdächtiger Metodi G. im ungarischen Kecskemét: Wie

Verdächtiger Metodi G. im ungarischen Kecskemét: Wie geschaffen fürs Transportgeschäft

Kecskemét: Wie geschaffen fürs Transportgeschäft Mutter des Verdächtigen G. im bulgarischen Lom: „Er

Mutter des Verdächtigen G. im bulgarischen Lom: „Er denkt gut und ist großzügig“

von 24000 Menschen. Am Rand der sandi- gen Straße, die zum Haus seiner Familie führt, rosten Autos, Wohnwagen und Kleintransporter. Müll liegt auf den Stra- ßen, Männer schlachten ein Schwein. Es ist eine der ärmsten Regionen der EU, hier rekrutieren Schleuser ihren Nachwuchs, hierher kommen viele Fahrer für die Stre- cken in Serbien oder Ungarn. Mindestens drei der fünf Verdächtigen, die im Zusam- menhang mit dem Tod der 71 in Haft sit- zen, kommen aus der Gegend: aus Lom, Archar und Brusartsi, ländlichen, verfal- lenden Orten am Rand Europas. Metodi war ein ruhiger Junge, so be- schreibt ihn seine Familie. Nach der zehn- ten Klasse ging er von der Schule, kaufte alte Autos, schraubte daran herum und verkaufte sie wieder. „Wie das hier alle machen“, sagt Goranka, die Mutter, auf

ihrem Sofa. Mitko, 29 Jahre alt, ist der Erstgeborene ihrer drei Söhne. „Er denkt gut und ist großzügig. Er war nur immer etwas faul.“ Ihr Mann arbeitet auf dem Bau, die beiden jüngeren Söhne ebenso, im Monat hat die Familie 500 Euro zur Verfügung. Goranka zeigt Fotos von Ausflügen und Feiern: die Söhne mit einem Kuchen, ei- nem Dreirad. Mitko sei schüchtern gewe- sen, sagt sie, aber offenbar wie geschaffen für das Transportgeschäft. Er saß am Steu- er, sobald er den Führerschein hatte, ein Fluchtreflex vielleicht. Zunächst fuhr er Arbeiter von Bulgarien nach Italien oder Deutschland, für 100 Euro pro Kopf. Er aß und schlief im Auto, wenn er fuhr, drückte er aufs Pedal. In Bulgarien war er bald we- gen zu hoher Geschwindigkeit aufgefallen, hatte Strafen nicht gezahlt und verlor den

FOTOS: BORYANA KATSAROVA / DER SPIEGEL (U.); CHRISTIAN WERNER / DER SPIEGEL (O.)

/ DER SPIEGEL (U.); CHRISTIAN WERNER / DER SPIEGEL (O.) Forensiker beim Tat-Lkw in Nickelsdorf: Einen

Forensiker beim Tat-Lkw in Nickelsdorf: Einen Schuldigen muss es geben

beim Tat-Lkw in Nickelsdorf: Einen Schuldigen muss es geben Nachbar im Wohnviertel von G. in Lom:

Nachbar im Wohnviertel von G. in Lom: Eine der ärmsten Regionen Europas

Führerschein. Als ihm eine achtmonatige Haft drohte, erzählt seine Ehefrau Velich- ka T., habe er sich aus Lom abgesetzt. Er fiel auch in Deutschland auf. Vor sechs Jahren soll er in Bochum eine Tank- stelle überfallen haben, die Beute betrug 1000 Euro. Zweimal wurde er von der Poli- zei in Bayern aufgehalten, weil er ohne Führerschein unterwegs war. Später stieg er wohl ins Schleppergeschäft ein. Am 25. Juli dieses Jahres soll er an Bord eines Lieferwagens mit 38 Flüchtlingen gewesen sein, der ebenfalls in Bayern angehalten wurde. Metodi floh, seither ermittelt die Staatsanwaltschaft Deggendorf gegen ihn. Ein Kleinkrimineller, das ja, aber es ist schwer vorstellbar, dass Metodi G. eine führende Rolle im Schleuserbusiness ein- genommen hat. Die Köpfe der Bande wa- ren andere, vermuten die Ermittler. Seine

Mutter sagt, sie wisse nichts von alldem. Vorigen Freitag teilte ihr Sohn telefonisch mit, er sei festgenommen worden und sitze in Budapest in Haft. Seine Mutter hatte längst aufgehört zu fragen, womit er sein Geld verdient. Mitkos Ehefrau sagt, sie habe gelesen, dass es in Syrien Diamanten gebe. Zu den weiteren Verdächtigen zählt Samsooryamal L., genannt Samsoor, ein Afghane aus Jalalabad, der in Budapest wohnt. Er soll der Kopf der Schleuserban- de sein, auch er sitzt inzwischen in Haft. Samsoor ist ebenfalls bei deutschen Behör- den bekannt, die Bremer Polizei erfasste seine Daten, weil er sich ohne Erlaubnis im Land aufhielt. L. ist mit einer Ungarin verheiratet, ihr verdankt er wohl seine Auf- enthaltsgenehmigung in Ungarn. Auch er beteuert seine Unschuld.

in Ungarn. Auch er beteuert seine Unschuld. Allzu konspirativ trat Samsoor nicht auf, der mutmaßliche

Allzu konspirativ trat Samsoor nicht auf, der mutmaßliche Boss. Auf Facebook hat er Dutzende Fotos hochgeladen. Sie zeigen einen schlanken Mann, 28 Jahre alt, mit gepflegtem Bart, der mit Freunden vor ei- ner BMW-Limousine oder auf der Marga- reteninsel in Budapest posiert. Ebenfalls festgenommen wurde Kassim S., 50 Jahre alt, ein Bulgare mit libanesi- schen Wurzeln. Auf ihn wurde der Kühl- laster zugelassen, er ist in den Fahrzeug- papieren als Halter vermerkt. Bei Face- book und Badoo posiert S. mit seiner Enkelin, er trägt ein blaues Hemd, lächelt in die Kamera und gibt an, aus der libane- sischen Stadt Tyros zu stammen. Ende dieser Woche durchsuchten Ermitt- ler eine Wohnung im vierten Stock eines Altbaus im Budapester Regierungsviertel. Nachbarn erkennen Kassim S. auf Fotos, er sei vor einigen Monaten eingezogen und aufgefallen, weil er sehr laut telefo- niert habe. Auch Samsoor L. soll bis zu- letzt in dem Privathaus verkehrt haben. Kassim S. war im Autohandel tätig. Von einem Gewerbehof in Linz aus kaufte und verkaufte er Gebrauchtwagen. Den Kühl- laster, in dem die Menschen starben, mel- dete er am 25. August in Ungarn an. Auf dem Lkw prangte immer noch das Logo der Geflügelfirma Hyza, auf der rechten Hecktür sagt ein Huhn in einer Sprechbla- se auf Slowakisch: „Ich schmecke gut, weil ich so gut gefüttert werde.“ Die Ermittler gehen davon aus, dass die Todesfahrt der erste Einsatz des Lkw war. Darüber hinaus konnten sie der Bande acht weitere Kleinlaster zuschreiben, die die Tätergruppe angekauft haben soll. Of- fenbar wollten die Schleuser eine Flotte von Wagen auf der Strecke Buda- pest–Wien einsetzen. Inzwischen meldeten sich in Österreich angekommene Flüchtlin- ge bei der Polizei, sie sagten aus, wenige Tage zuvor ebenfalls in einem Kühltrans- porter mit der Aufschrift „Hyza“ nach Österreich gefahren worden zu sein. Einige der Insassen gaben an, auf der Fahrt ohn- mächtig geworden zu sein, auch in diesem Kühllaster war die Luftzufuhr unzurei- chend. Zum Glück passierte den Flüchtlin- gen nichts Schlimmeres. Die Polizei fahn- det nun nach den übrigen Fahrzeugen. Auch Kassim S. ist bei den deutschen Behörden bekannt, sein Name taucht in mehreren laufenden Schleuserverfahren auf. Die Ermittler nehmen an, dass er mit der Organisation der Fluchtautos betraut war. Auch er sagt, er sei unschuldig. Mindestens einen Schuldigen muss es aber geben, einen, der vorige Woche die beiden Türen hinter 71 Männern, Frauen und Kindern verschlossen hat. Der Laster war ausgerüstet mit einem Carrier-Kühl- aggregat, das die Temperatur bis minus 20 Grad senkt und nur dann in Betrieb ist, wenn der Motor läuft. Die niedrigen Tem-

FOTOS: MILOS DJURIC / DER SPIEGEL (U.); CHARLOTTE SCHMITZ / DER SPIEGEL (O.)

/ DER SPIEGEL (U.); CHARLOTTE SCHMITZ / DER SPIEGEL (O.) Migranten vor der Metrostation Aksaray in

Migranten vor der Metrostation Aksaray in Istanbul: Lieber West- oder Ostbalkanroute?

Aksaray in Istanbul: Lieber West- oder Ostbalkanroute? Flüchtlinge vor dem Hotel Mr. President in Belgrad:

Flüchtlinge vor dem Hotel Mr. President in Belgrad: Inoffizielle Zentrale für die Weiterreise

peraturen werden erreicht, weil der Lade- raum hermetisch abgeschlossen ist, die At- mosphäre im Innern wird nur umgewälzt. Sobald die Hecktüren verschlossen wa- ren, schrumpfte die Welt der 71 auf etwa 15 Quadratmeter, genug Platz, um stehen, aber nicht genug, um sich bewegen zu können. Sie standen Schulter an Schulter, Bauch an Bauch, als die Fahrt begann, Vo- lumen: etwa 45 Kubikmeter. Eine Möglich- keit, die Türen von innen zu öffnen, gab es nicht. Offenbar war der Lkw zusätzlich außen von einem Draht umschlossen. Ein Erwachsener verbraucht pro Minute unge- fähr sechs Liter Atemluft, die 71 Menschen hinten im Laderaum hatten eine Stunde, vielleicht etwas mehr. Man weiß noch nicht viel über die Opfer. Die Zahnprofile der Toten lassen darauf schließen, dass es sich um Menschen aus guten Verhältnissen handelte, so glauben die Ermittler. Ein Dutzend der Opfer hatte syrische Papiere bei sich, zumindest ein Teil stammte aus dem Kriegsland. Wenn

man verstehen will, welche Strapazen die- se Menschen bis zu der Haltebucht hinter sich brachten, muss man sich auf den Weg zu denen machen, die sie transportierten. Die Reise von Syrien nach Westeuropa führt über Ebenen, durch Wälder, Städte, Dörfer, es ist eine 3000, 4000 Kilometer lange Tortur in Booten, Bussen, Zügen, zu Fuß, unter Stacheldraht hindurch, über Mauern, durch das Meer. Das Schlepper- wesen auf der Balkanstrecke lässt sich als Netzwerk aus Reisebüros beschreiben, vom gut organisierten Konzern über kleine Agenturen bis zum Einzelanbieter. Sie ver- kaufen All-inclusive-Pakete mit Erholungs- nächten im Hotel für die Wohlhabenden oder verlangen das Honorar etappenweise für die Preisbewussten. Für etliche Flücht- linge beginnt die Reise in Istanbul, womög- lich bei einem Mann namens Yasin. Yasin, 29, stammt aus Damaskus und spricht erstaunlich offen über seinen Job. Er sitzt in einer Teestube im Stadtteil Ak- saray, einem Arbeiterviertel, wo Schutz-

suchende oft zum ersten Mal auf Schmugg- ler treffen. Yasins Aufgabe ist es, Kunden zu werben, Landsleute vor allem, auf der Straße, in Internetcafés oder syrischen Lo- kalen. Er erhält dafür eine Kommission von etwa 20 Dollar pro Kontakt. Hat ein Flüchtling Vertrauen gefasst, unterbreitet er ihm ein Angebot. Yasin kam vor eineinhalb Jahren selbst als Flüchtling in die Türkei, in Syrien arbei- tete er als Informatiker. Er trägt ein Fener- bahçe-Trikot, kurze schwarze Haare und Dreitagebart. Anfangs spülte er in Istanbul Geschirr, über einen Freund fand er Arbeit im Schleuserring eines Türken. Yasins Netzwerk bietet sowohl die West- als auch die Ostbalkanroute an. Für die Überque- rung der türkisch-bulgarischen Grenze in einem Kleinlaster verlangen seine Chefs 500 Dollar pro Person. Die Fahrt über die Ägäis nach Griechenland im Schlauchboot kostet 1000 Dollar, in einer Jacht 3000. Wer weiterreisen will, etwa nach Deutschland, zahlt noch einmal 4000. Ein Flugticket mit gefälschten Papieren nach Frankfurt ist für 15000 Dollar zu haben. Die Schleuser buhlen nicht nur auf der Straße, sondern auch in sozialen Netzwer- ken um Kundschaft und betreiben Face- book-Seiten wie „Schmuggel nach Europa“ oder „Als Illegaler nach Schweden“. Ein Mann mit dem Decknamen „Abu Ali“ schreibt auf Arabisch: „Billiger gelangt ihr nicht nach Europa“. Ein anderer preist die „sichere Überfahrt“ von Ägypten nach Ita- lien für 2500 Euro an. Einige hinterlassen Handynummern. Yasin hat die Männer, die in der Hierar- chie über ihm stehen, noch nie getroffen. Sein Arbeitgeber beschäftigt Dutzende An- werber, Treuhänder, Fahrer, Wachleute, nicht nur in der Türkei, sondern auch in Griechenland und anderen Balkanländern. Ein türkischer Polizist, der seit Jahren in dem Milieu ermittelt, sagt, das Geschäft in der Türkei werde von einigen wenigen Banden kontrolliert. Die Hintermänner sei- en Türken und Kurden, die für die schmut- zigen Arbeiten Flüchtlinge wie Yasin an- heuerten. In Izmir wird die Szene angeblich von einem Deutschtürken dominiert, einem Mann mittleren Alters, den seine Unterge- benen den „Wal“ nennen. Der „Wal“ han- delte in Deutschland illegal mit Autos und saß deswegen einige Jahre im Gefängnis. Nach seiner Rückkehr in die Türkei stieg er ins Schlepperbusiness ein. Das Netz- werk des „Wals“ reicht inzwischen bis nach Deutschland. In Izmir besitzt er Restaurants, Bürogebäude, Hotels. Yasins Job ist beendet, sobald ein Deal perfekt ist. Dann reicht er die Kunden an Treuhänder weiter, die den Geldtransfer über das sogenannte Hawala-Finanzsys- tem abwickeln. Der Vorteil bei diesen in- formellen Überweisungen ist, dass keine

Passau Wien SLOWAKEI DEUTSCH- Hoffnung Europa LAND Parndorf Budapest ÖSTERREICH Die wichtigste Schlepperroute
Passau Wien SLOWAKEI DEUTSCH- Hoffnung Europa LAND Parndorf Budapest ÖSTERREICH Die wichtigste Schlepperroute
Passau
Wien
SLOWAKEI
DEUTSCH-
Hoffnung Europa
LAND
Parndorf
Budapest
ÖSTERREICH
Die wichtigste Schlepperroute
über den Westbalkan
175 Kilometer
befestigte
UNGARN
Europäische Union
Grenzanlage
Röszke
Nicht-EU-Staaten
SLOWENIEN
ITALIEN
Subotica
Schlepperroute
KROATIEN
RUMÄNIEN
Belgrad
BOSNIEN-
HERZEGOWINA
SERBIEN
30 Kilometer
Bank, keine Finanzaufsicht davon erfährt.
Die Schleuserbanden unterhalten in Ak-
saray mindestens drei solcher Treuhänder-
büros, außerdem in Städten wie Izmir, Bo-
drum und Mersin. Die Büros sind in der
Regel Wechselstuben, manchmal Juweliere
oder Telefoncenter. Sie tragen muslimische
Namen wie „Al Rasheed“.
Das System basiert auf Vertrauen. Die
Flüchtlinge hinterlegen bei einem der
Büros gegen eine Kommission von etwa
20 Dollar den vereinbarten Betrag für die
Reise nach Europa. Im Gegenzug bekom-
men sie ein Stück Papier mit einem Zahlen-
code, den sie ihren Schleppern nach der An-
kunft am Zielort mitteilen. Auf diese Weise
soll verhindert werden, dass einzelne Ak-
MONTE-
befestigte
Grenzanlage
NEGRO
KOSOVO
BULGARIEN
MAZEDONIEN
Istanbul
ALBANIEN
GRIECHEN-
Mittelmeer
LAND
TÜRKEI
Athen
teure nach einer Etappe Flüchtlinge prellen
oder, noch schlimmer, den Boss bestehlen.
Von Istanbul reisen viele nach Bodrum,
leere Wasserflaschen, Hinweise auf die
Nacht, in der Flüchtlinge barfuß auf die
Schlauchboote stiegen und losfuhren.
Ins Ungewisse, nach Europa.
Man sieht am Strand von Bodrum, in Is-
Bodrum
Kos

eine türkische Stadt an der Ägäis. Bodrum ist zum Umschlagplatz für Schlepper und Flüchtlinge geworden. Die griechische In- sel Kos liegt wenige Seemeilen entfernt, auf türkischer Seite haben vor allem kleine Schleuser das Geschäft übernommen. Für 500 bis 1000 Euro setzen sie ihre Kunden in Schlauchboote, damit sie selbst nach Europa paddeln können, auch wenn die Boote fünf Meter lang sind und 70 Passa- giere transportieren. Bodrum ist das Tor zur Westbalkanroute. Die türkische Polizei kontrolliert den Küstenabschnitt zwar jede Nacht von der Küste und vom Wasser aus, aber mit wenig Erfolg. Die Kleinschlepper von Bodrum haben ein System entwickelt, um der Ent- deckung zu entgehen: Allein und unauf- fällig laufen sie die Strände ab, zwischen Sonnenliegen und Schirmen hindurch, stel- len sich auf Bootsstege, prüfen die Lage. Sie telefonieren entlang der Küste mit- einander, und sobald die Luft rein ist, set- zen sich auf einen Schlag bis zu 15 Boote gleichzeitig in Bewegung, Richtung Kos. Das erhöht die Chance, dass es viele schaf- fen, es ist die Wucht der Masse. Allein vergangene Woche rettete die Küsten- wache 2160 Menschen aus dem Wasser. Im Morgengrauen liegen an den Strän- den zurückgelassene Schuhe, Socken und

tanbul, Belgrad und Budapest, wie groß der Wirtschaftszweig der Schlepper inzwi- schen geworden ist. Mit der steigenden Zahl der Kunden verändert sich aber auch das Geschäftsmodell der Schlepper, die auf immer größere Boote und Lkw umsteigen und immer mehr riskieren, um ihre Kun- den zu transportieren. Bislang lockt das Geschäft in der Türkei und auf dem Balkan vor allem Kleinkrimi- nelle, die Zahl der straff organisierten Netzwerke ist gering, aber es gibt auch sie. Wer mit Armut, Furcht und Krieg richtig reich werden will, muss auf mehreren Kon- tinenten vernetzt sein, exakt planen, muss intelligent sein, skrupellos, ehrgeizig. So wie mutmaßlich Ermias Ghermay. Ghermay stammt aus Äthiopien, ein Mann mittleren Alters, der fließend Ara- bisch, Englisch, Französisch und Italienisch spricht. Er lebt in Tripolis, der Hauptstadt Libyens, Staatsanwälte im sizilianischen Palermo vermuten, dass er einer der gro- ßen Fische im Mittelmeergeschäft ist. Gher- may soll von Libyen aus die Überfahrt von Flüchtlingen im großen Stil organisiert ha- ben, bis zu 15000 Menschen hat er angeb- lich mit Partnern und Helfern durch Afrika, über Italien nach Europa geschleust. Sein Unternehmen macht Jahresumsätze in Millionenhöhe.

Die Erkenntnisse der italienischen Er- mittler erlauben erstmals einen detaillier- ten Einblick in einen Logistikkonzern, der von Krieg und Vertreibung profi- tiert. Ghermays Spezialität waren All- inclusive-Reisen, die Kosten betrugen pro Person und Etappe zwischen 2000 und 2500 Dollar, zahlbar vor Antritt des jeweiligen Abschnitts. Rund zwei Jahre lang hat die sizilianische Staatsanwalt- schaft ermittelt, Telefonate wurden abge- hört, Mittelsleute observiert. Knapp zwei Dutzend Helfer wurden verhaftet, nur der Boss sitzt bis heute unbehelligt in Tripolis, vermutlich abgeschirmt von libyschen Milizen. Echte Paten wie im internationalen Dro- genhandel, die seit Jahrzehnten im Ge- schäft sind, sucht man in der Schleuser- szene vergebens. Deutsche Sicherheitsbe- hörden gehen davon aus, dass viele Schlep- per und deren Helfer Landsleute sind, die auf der Flucht irgendwo hängen geblieben sind, sowie lokale Kriminelle, zu denen sie Kontakte aufbauen. Zwar bringen die Flüchtlinge Geld, es muss aber auf viele Hände verteilt werden. Sofern die Kom- munikation zwischen Schleusern abgehört und ausgewertet wurde, ließ sie auf keine ausgeprägten Netzwerke schließen. Wie

FOTOS: AKOS STILLER / DER SPIEGEL

FOTOS: AKOS STILLER / DER SPIEGEL Mutmaßliche Schlepper an einer Tankstelle im ungarischen Röszke nahe der

Mutmaßliche Schlepper an einer Tankstelle im ungarischen Röszke nahe der Grenze zu Serbien: „Arabic, Arabic?“

es aussieht, ist Ermias Ghermay eher die Ausnahme als die Regel. Von Griechenland geht es für die meis- ten Flüchtlinge weiter über Mazedonien, oft mit dem Bus oder mit dem Zug, manch- mal zu Fuß. Viele von ihnen haben eine lange Liste mit Telefonnummern von Schleusern bei sich, mit Kontakten in je- dem Land. Auch die Toten von Parndorf hatten solche Listen in ihren Taschen. Die Westbalkanroute führt nach Norden, nach Belgrad hinein, in die Hauptstadt Ser- biens, ein Moloch aus angegrauten Häu- sern und Beton. Gleich am Hauptbahnhof, nicht weit von der Donau entfernt, steht ein Haus, das zur inoffiziellen Zentrale des Flüchtlingsstroms geworden ist: das Viersternehotel Mr. President. Viele Flüchtlinge schlafen im Mr. Presi- dent, vor allem die Wohlhabenden unter ihnen, bevor es weitergeht nach Österreich, Deutschland, Belgien oder in die Nieder- lande. Sie übernachten in Räumen, in de- nen Ölporträts von Wladimir Putin über dem Bett hängen, von Lenin und Ronald Reagan, 61 Zimmer auf sieben Etagen, überall Porträts der Mächtigen der Welt. Die wirklich mächtigen Männer sitzen aber vor dem Eingang auf Stühlen und te- lefonieren, sie tragen offene Hawaiihem- den und Bauchtaschen. Jeder hat drei Handys bei sich, Kopfhörer im Ohr und eine mobile Ladestation auf dem Tisch. Das Hotel Mr. President ist ihre Zentrale, ihr Büro, mit kostenlosem WLAN, das bis auf die Straße reicht. Hier wird Arabisch gesprochen. Bis zu 1500 Euro zahlen

Flüchtlinge, um von hier zu einem Wald- stück an der ungarischen Grenze zu kom- men, knapp 200 Kilometer entfernt. Vor wenigen Wochen noch soll die Reise von Belgrad an die Grenze maximal 300 Euro gekostet haben, aber gerade sind die Preise explodiert. Es gibt nicht genug Autos, es gibt zu viele Flüchtlinge, auch das ist ein Problem der Logistiker. An diesem Mittwochabend warten wie- der ungefähr 60 Flüchtlinge mit Rucksä- cken vor dem Hotel. Kurz bevor es losgeht, fahren die Chefs der Schlepper vor, im Por- sche Cayenne und einem weinroten Panamera. Setzen sich auf die Stühle des Hotelcafés, zufrieden mit dem Ablauf ihrer Geschäfte. Am Mr. President treffen sich die reichen und die armen Flüchtlinge, oft landen sie im selben Lkw. Zwei Syrer erzählen, jeder Flüchtling wisse, dass man vom Mr. President in die EU komme. Helfer der Schleuser sprechen die Neuankömmlinge häufig schon an der ersten Raststätte hinter der mazedonischen Grenze an und sagen ihnen, dass sie sie nach Belgrad und danach weiter nach Budapest bringen könnten. Ein Pfiff zischt durch die Luft. Er kommt von einem der Bauchtaschen-Kerle. 60 jun- ge Männer erheben sich und folgen ihm geschlossen durch den Belgrader Haupt- bahnhof. Auf der Rückseite warten Klein- laster und Transporter. Die Männer steigen ein, die Wagen verschwinden. Der Balkan endet zwischen Maisfeldern, dann beginnt die EU. Genau hier, an der un- garisch-serbischen Grenze, möchte die Re-

gierung Ungarns den Menschenstrom auf- halten. All die Laster und Kleintransporter, die vom Mr. President kommen. Wochen- lang rollten Grenzschützer Nato-Draht aus, drei Lagen übereinander, 175 Kilometer lang. Ein Bollwerk gegen den Ansturm aus dem Süden, so war es geplant. Demnächst will die Regierung einen stabileren, vier Meter hohen Zaun davor errichten, bis dahin muss der Stacheldraht genügen. Tut er aber nicht. Schon bei Röszke, einem Grenzdorf auf ungarischer Seite, hat der Zaun eine Lücke, durch die die Gleise der Bahnlinie Szeged–Su- botica führen. Von Belgrad bis hier sind es zwei Stunden mit dem Auto, die Flüchtlinge kommen, wenn es dunkel wird. Sie laufen über die Grenze zwischen Serbien und Un- garn, als ob es keine gäbe, junge Männer mit Rucksäcken, Alte, Familien mit Kindern, aus- gezehrte Gestalten, die meisten Syrer. Am vergangenen Samstag überquerten 3080 Flüchtlinge die Grenze, am Sonntag 2890, am Montag 1797. Niemand hält sie auf, es sind längst zu viele. Die Schleuser in Röszke erkennt man an ihren Codewör- tern. „Arabic, Arabic?“, rufen sie aus dem Schutz der Dunkelheit. An einem OMV-Rasthof stehen zwei Frauen in weißem Tanktop, die Ausschau nach der Polizei halten, es könnte eine Szene in einem Guy-Ritchie-Film sein. Tie- fergelegte Audis mit verdunkelten Schei- ben kommen und fahren. Dazwischen ste- hen glatzköpfige Roma-Männer und warten auf Anwerber. Einer der Schleuser sagt, die Fahrer würden die Flüchtlinge nur nach Budapest bringen. Die Fahrt koste zwi-

Gestrandete Migranten in Budapester Bahnhof: „We love to go to Germany“ schen 200 und 300

Gestrandete Migranten in Budapester Bahnhof: „We love to go to Germany“

schen 200 und 300 Euro, pro Tag könne man damit mehrere Tausend Euro machen. Die Fahrt der Flüchtlinge geht von hier aus schnell in Richtung Norden, über gut ausgebaute Straßen und die Autobahn M5. Vorbei an Mohnfeldern und vertrockneten Sonnenblumen, an Rasthöfen mit Acht- Euro-Betten, an Windrädern, der Puffkette Paradiso und an Grenzschildern mit dem EU-Sternenkreis in Gold. Von Röszke bis zur Haltebucht bei Parndorf sind es fast 400 Kilometer. Eine Dreiviertelstunde von Parndorf ent- fernt, im zweiten Stock des österreichischen Bundeskriminalamts in Wien, sitzt Gerald Tatzgern. Er leitet die Taskforce Menschen- handel und Schlepperei beim österrei- chischen Bundeskriminalamt, er ist der wichtigste Ermittler des Landes im Kampf gegen kleine und große Schleuser. Auf sei- nem Schreibtisch landen die harten Fälle, die Strecke nach Serbien kennt der Oberst sehr genau. Das Hotel Mr. President in Bel- grad ebenfalls. Tatzgern ist 47, Vater von drei Kindern, Polizist von der Pike auf, er spricht schnell, präzise, freundlich. Er und seine Leute versuchen, den schlimmsten Auswüchsen das Handwerk zu legen, wie in der Tragödie an der A4. Vor zwei Stunden, sagt er, hätten sie einen weiteren Verdächtigen festgenommen, es ist Anfang dieser Woche. Tatzgern kennt die Schlepperszene auf dem Westbalkan bestens, er beschreibt sie als wildes Biotop von Kleinkriminellen, regionalen Banden und wenigen organisierten Netzwerken mit bis zu 200 Mitarbeitern. Die Gewinn-

spannen? „Absolut vergleichbar mit dem Drogengeschäft.“ Er spricht von einem Netzwerk, das er und seine Leute schon 1994 in der Türkei lokalisiert hätten – damals starben fünf Tamilen. Obwohl er den Verantwortlichen kenne, sei der Mann immer noch auf frei- em Fuß und aktiv in der Schleuserszene seines Landes. Er unterhalte Kontakte zur PKK und sei vernetzt in der Politik und Wirtschaft seines Landes. Tatzgern ist Pragmatiker, er sieht die Welt, wie sie ist, nicht, wie sie sein könnte. Paradoxerweise sei es für die Flüchtlinge sogar besser, sicherer, sich einer organi- sierten Schleppergruppe anzuvertrauen, sagt er. „Bei der Mafia gibt es wenigstens mehr Know-how und nicht diese brutale Sorglosigkeit, die am Ende auf grausame Art Menschenleben fordert.“ Der Polizist weiß auch, dass die Halte- bucht bei Parndorf überall sein könnte, die Katastrophe könnte sich täglich wieder- holen. Denn das Flüchtlingsdrama, das sich vor den Augen Europas abspielt, setzt sich zusammen aus unendlich vielen Momen- ten der Angst, Szenen am Rande des To- des. In Unterkünften und provisorischen Lagern trifft man unzählige Menschen, die solche Geschichten erzählen. Dazu gehören drei junge Syrer, die in einer Gruppe von 50 Flüchtlingen in einen Kleintransporter eingesperrt waren, ähn- lich wie die 71 von vergangener Woche. Nur mithilfe eines Messers konnten sie ein Loch in das Dach des Wagens schneiden und entkommen. Die drei jungen Männer

berichten darüber, auf grünen Feldbetten hockend, in einer provisorischen Unter- kunft am Grenzübergang Nickelsdorf in Österreich. Der Lkw mit dem Hyza-Logo, in dem die Toten lagen, steht nicht weit entfernt. Die Ermittler bergen daraus Handys, Pässe, Fotos und Rucksäcke. Der Tod ist nahe, immer und überall. Oder die Geschichte von Reza Golshir und Majid Khan, einem Iraner und einem Pakistaner, die ebenfalls nur mit Not die Flucht überlebten. Ihren Schlepper hatten sie in Belgrad getroffen, einen Türken. Sein Versprechen: 300 Dollar für die Fahrt bis Wien in einem Mercedes mit fünf Pas- sagieren, mehr nicht. Am Ende pferchten die Schleuser 30 Männer, Frauen und eini- ge Kinder in einen Kleinlaster, der innen mit Kunststoffwänden ausgekleidet war. Mithilfe eines Schraubenziehers, den sie im Laderaum fanden, befreiten sie sich schließlich. Am nächsten Tag standen sie wieder in Belgrad. Um 300 Dollar ärmer, aber wenigstens am Leben. Die Tage auf dem Balkan sind voller sol- cher Momente, nicht alle Menschen kom- men mit dem Schrecken davon. In den Flüchtlingslagern entlang der Route liegen Versehrte mit Brüchen, eitrigen Entzün- dungen, Schnittwunden. Sie werden weiter versuchen, nach Europa zu gelangen, nicht nach Bulgarien oder Ungarn, sondern nach Österreich, Deutschland, Schweden, Groß- britannien. Wer aus dem Bombenhagel von Aleppo kommt, aus dem Sudan, So- malia oder Afghanistan; wer das Mittel- meer überquert und Mazedonien zu Fuß

Titel

durchlaufen hat, den halten ein paar Rol- len Stacheldraht nicht auf. Die Hoffnung treibt sie weiter, die Ver- zweiflung, und natürlich werden die Flüch- tenden auf ihrer Reise Unterstützung brau- chen. Und selbst wenn Ungarn die Gren- zen abriegelt, haben die Schleuser einen Plan. Sie werden einfach auf andere Routen ausweichen, über Kroatien und Slowenien womöglich. Oder wieder stär- ker das Mittelmeer anbieten. Solange Krieg herrscht in Syrien und im Irak, so- lange es Armut und Konflikte an Europas Außengrenzen gibt, wird es Schleuser geben, das ist die Gegenwart, das ist der europäische Albtraum. Der Schleuser ist eine unbeliebte Figur, aber das stört ihn nicht. Er wird derzeit für die große europäische Katastrophe ver- antwortlich gemacht, in diesem Sinn ist er auch eine bequeme Figur. Politiker rufen derzeit einen Krieg gegen Schlepper aus, weil sie nicht untätig erscheinen wollen, aber auch das juckt die Männer auf dem Balkan kaum. Denn der Krieg gegen Schleuser wird wie der Kampf gegen Dro- gendealer vor allem eine Folge haben: stei- gende Preise für die Kunden. In Bayern endet die Balkanroute vor- erst. 734 mutmaßliche Schleuser befinden sich im Freistaat zurzeit in U-Haft, fast je- den Tag greift die Polizei neue Verdächtige auf. Die Justiz ist überlastet, die Gefäng- nisse sind voll. Der Rumäne Viorel C. ist einer von 28 mutmaßlichen Schleppern, die in der JVA Würzburg einsitzen. C. wird vorgeworfen, neun Syrer in einem VW- Bus von Budapest nach Passau gefahren zu haben, auch er ein kleiner Fisch. 500 Euro für den Transport der Men- schen hätten ihm die Hintermänner zuge- sagt, erzählt C. in seiner Zelle. Er habe nur Geld verdienen wollen. „Aber statt- dessen habe ich alles verloren.“ Wenn er Glück hat, kommt er mit einer Bewäh- rungsstrafe davon. Erst ab 20 Geschleusten müssten die Fahrer mit einer Freiheitsstra- fe rechnen, sagt sein Verteidiger, das zeige die momentane Praxis vor Gericht. Männer wie C. werden in Ungarn rekru- tiert und erhalten strikte Anweisungen:

nicht anhalten, in der ersten Stadt nach der deutschen Grenze die Insassen raus- lassen und dann sofort zurück nach Buda- pest. Der Fahrer- und Fahrzeugschwund wird einkalkuliert. Verlust gibt es immer. Wenn C. im Knast sitzt, übernimmt den Job eben ein anderer. Es gibt viele wie ihn.

Maik Baumgärtner, Sven Becker, Rafael Buschmann, Uwe Buse, Jörg Diehl, Fiona Ehlers, Özlem Gezer, Ralf Hoppe, Katrin Kuntz, Maximilian Popp, Jan Puhl, Anna Reuß, Christoph Scheuermann, Andreas Ulrich, Andreas Wassermann

Christoph Scheuermann, Andreas Ulrich, Andreas Wassermann Video: Auf den Spuren der Schlepper

Video:

Auf den Spuren der Schlepper

spiegel.de/sp372015schlepper

oder in der App DER SPIEGEL

FOTOS: OLIVIER HOSLET / DPA (U.); H. SCHACHT / ACTION PRESS (O.)

OLIVIER HOSLET / DPA (U.); H. SCHACHT / ACTION PRESS (O.) Der hilflose Kontinent Flüchtlingspolitik Europa

Der hilflose Kontinent

Flüchtlingspolitik Europa findet kein Rezept gegen die Krise, Tausende Asylsuchende irren von Grenze zu Grenze. Bringt ein neuer Vorschlag von Kommissionschef Juncker die Wende?

F ür Jean-Claude Juncker ist Politik ein Handwerk, das vollen Körpereinsatz erfordert. Wenn die Kameras der Foto-

grafen surren, busselt und drückt der EU- Kommissionspräsident gern seine Gesprächs- partner. Je nach Belieben herzt er sie auch oder versetzt ihnen eine kleine Ohrfeige. Vor allem aber nutzt Juncker die vier Spra-

chen, die er fließend beherrscht, um seine Botschaften unters Volk zu bringen. Vom Französischen wechselt er übergangslos ins Englische, und wenn der Kommissionschef die Deutschen umschmeicheln will, streut er als Überleitung Sätze ein wie: „Und nun weiter in der Sprache des Weltmeisters.“ Manchmal aber verwendet der Luxem- burger das Idiom des großen Nachbarlan- des im Osten auch, um seinem Gemüts- zustand Ausdruck zu verleihen. Neulich kam er im kleinen Kreis auf die heftigen Vorwürfe zu sprechen, die seiner Behörde in der Flüchtlingsfrage vor allem aus Deutschland gemacht werden. „Das ist“, sagte er auf Deutsch, „zum Kotzen.“ Die menschliche Tragödie, deren Brenn- punkte sich in den vergangenen Wochen von den Stränden des Mittelmeers auf die Verkehrsknotenpunkte und Binnengren- zen des Kontinents verlagerten, ist zur Schicksalsfrage für die EU geworden, für ihren Präsidenten genauso wie für die Staa- tengemeinschaft insgesamt. Der Union droht die Spaltung: Der Süden will die Flüchtlinge loswerden, der Osten keine aufnehmen, und die Kernländer Deutsch- land und Frankreich weigern sich, die Last allein zu tragen. Hunderttausende suchen in Europa Sicherheit vor Verfolgung und Bürgerkrieg, so wie es ihnen die europäi- schen Verträge versprechen. Stattdessen landen sie im zynischen Verschiebebahn- hof eines europäischen Asylrechts, das sei- nen Namen nicht verdient. Im Lissabon-Vertrag feiert die EU sich als „Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“. Doch in diesen Tagen verlieren all die hehren Begriffe im Zeitraffer ihre Be- deutung. In Budapest stürmen Flüchtlinge aus Syrien Züge nach Deutschland. In Öster- reich ersticken 71 Menschen qualvoll in ei- nem Lkw, darunter 4 Kinder. In den Vor- städten Roms leben Flüchtlinge in Slum- Siedlungen ohne Strom und Wasser. In Ca- lais vegetieren Tausende unter Zeltplanen. Fassungslos müssen die Europäer täglich neue Horrornachrichten aus der Parallel- welt der Flüchtlinge zur Kenntnis nehmen, zuletzt ging das Bild des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan um die Welt. Doch

des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan um die Welt. Doch Kanzlerin Merkel: Heftige Vorwürfe aus Deutschland Ungarns

Kanzlerin Merkel: Heftige Vorwürfe aus Deutschland

Doch Kanzlerin Merkel: Heftige Vorwürfe aus Deutschland Ungarns Premier Orbán, Parlamentspräsident Schulz:

Ungarns Premier Orbán, Parlamentspräsident Schulz: „Nachhaltiger Schaden“

statt in der Krise solidarisch zusammenzu- stehen, flüchtet sich die europäische Politik in jene Routine, die viele Kritiker nicht zu Unrecht als organisierte Verantwortungs- losigkeit bezeichnen. Die Mitgliedsländer des größten Wirtschaftsraums der Welt wären verpflichtet, die Not der Flüchtlinge zu lin- dern. Stattdessen wachsen an Europas Au- ßengrenzen immer neue Zäune in den Him- mel, und im Inneren herrscht Misstrauen. Italien und Griechenland lassen Asyl- bewerber weiterreisen, obwohl sie nach

den europäischen Regeln eigentlich für sie zuständig wären. Die Regierungschefs Ost- europas schließen sich zusammen, um das Ansinnen der Kommission nach einer bes- seren Verteilung der Flüchtlinge möglichst wirkungsvoll zu torpedieren. Und auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Flüchtlingsfrage erst dann zur Chef- sache erklärt, als daheim Asylbewerber- unterkünfte brannten. Jetzt stellt sie wortreich jene Regeln in- frage, die Deutschland einst selbst zur Ab-

FOTO: AFP

FOTO: AFP Toter Junge Aylan: Horrornachrichten aus der Parallelwelt der Flüchtlinge schreckung von Einwanderern durch-

Toter Junge Aylan: Horrornachrichten aus der Parallelwelt der Flüchtlinge

schreckung von Einwanderern durch- gesetzt hat. Kein Wunder, dass viele Re- gierungschefs der Kanzlerin seither vor- werfen, sie in der Asylfrage ähnlich bevor- munden zu wollen wie zuvor schon bei der Griechenlandrettung. Auch Kommissionschef Juncker ist es bisher nicht gelungen, die streitenden Re- gierungen auf eine gemeinsame Linie zu bringen. Nächste Woche will er ein neues Konzept vorlegen, mit denen Zehntausen- den Flüchtlingen eine vorübergehende Hei- mat zugewiesen und Europas Asylrecht grundsätzlich neu geordnet werden soll. Doch ob er bei den zaudernden Mit- gliedstaaten diesmal bessere Chancen hat als bei seinen gescheiterten Anläufen der vergangenen Monate, ist zweifelhaft. „Wenn wir jetzt nicht zu Lösungen kom- men, gerät mehr ins Rutschen als die Re- geln von Schengen und Dublin, da dürfen wir uns keine Illusionen machen“, warnt der Präsident des Europäischen Parla- ments Martin Schulz (SPD). „Europa fußt auf dem Versprechen, dass man auf der Grundlage eines fairen Miteinanders ge- meinsame Probleme löst. Wenn uns das in dieser Situation nicht gelingen sollte, nimmt diese Idee – die die einzige Chance Europas im 21. Jahrhundert ist – nachhal- tigen Schaden.“ Einer, dem die europäische Idee noch etwas bedeutet, ist Hussain al-Ali. Am ver- gangenen Mittwoch steht er am Bahnhof Keleti in Budapest, aktuell einem der Brennpunkte der europäischen Katastro- phe. Ali will in den Zug nach München, aber die Polizei hat den Bahnhof gerade mal wieder gesperrt. Sirenen heulen über den Vorplatz. Am Abend fährt schließlich ein Lautsprecher- wagen vor, umringt von Polizisten. Eine Frauenstimme fordert die „illegalen Migran-

ten“ in arabischer Sprache auf, sich in Ungarn registrieren zu lassen. Ihre Stimme geht im Lärm der Demonstranten unter, nach ein paar Minuten rufen sie „Lügner, Lügner“, und wenden sich ab. Hussain al-Ali beobachtet die Szene mit etwas Abstand. Der Mann ist um die drei- ßig und trägt eine randlose Brille, er hat in Damaskus Germanistik studiert. Jetzt schläft er mit einem Dutzend anderer Syrer im Untergeschoss des Ostbahnhofs, zwi- schen Hunderten anderen Verzweifelten. Er will weiter nach Deutschland, „wa- rum halten uns die Ungarn auf?“, fragt er. „Sie wollen uns doch gar nicht haben.“ Die Frage ist berechtigt. Sie zielt auf einen Kern des Problems, auf Europas zen- trales Prinzip des Asyl- und Flüchtlings- rechts, das die Regierungen im sogenann- ten Dublin-Verfahren verankert haben. Das Regelwerk sieht vor, dass der Staat für die Flüchtlinge zuständig ist, in dem diese zum ersten Mal den Boden der EU betreten. Ali müsste also in einem Land bleiben, in das er nicht will und das auch nicht vor- hat, ihn aufzunehmen. Denn die europäi- schen Regeln sind längst brüchig ge- worden. Wie Italien und Griechenland schickt auch Ungarn die Flüchtlinge oft einfach weiter. Und weil auch in Wien am vergangenen Montag zwischenzeitlich die Kontrollen eingestellt worden waren, fuh- ren mehrere Tausend Flüchtlinge nach Rosenheim und zum Münchner Haupt- bahnhof durch. Ein Regelbruch, sicherlich. Aber einer mit Ansage. Denn die deutschen Behörden hatten die Flüchtlinge zuvor mit wider- sprüchlichen Stellungnahmen zur Weiter- reise geradezu ermutigt. Auch die Transit- länder fühlten sich ermutigt, ihre Kontrol- len weitgehend einzustellen.

Schließlich hatte es sich Deutschland mit dem Dublin-Verfahren bequem gemacht; andere, vor allem die EU-Staaten mit Au- ßengrenzen, trugen die Hauptlast. Alle Vorstöße der EU-Kommission und des Eu- ropäischen Parlaments, das Regelwerk des Kontinents zu verbessern, sind in den ver- gangenen Jahren nicht zuletzt auch am Widerstand der Deutschen gescheitert. Dabei war es nie ein Geheimnis, dass das gemeinsame europäische Asylsystem bislang nur auf dem Papier existiert. Auf welche Leistungen Flüchtlinge Anspruch haben, wie sie versorgt und untergebracht werden. Das alles unterscheidet sich von Land zu Land erheblich. Die EU-Mitgliedstaaten können sich noch nicht einmal darauf verständigen, wer als Flüchtling zu gelten hat. So wurden 2014 in Finnland beispielsweise 43 Prozent der Asylanträge von Kosovaren anerkannt, in Deutschland lediglich 1,1 Prozent. Egal, ob in armen Ländern wie Bulgarien oder in reichen wie Italien, die Mindest- standards für den Umgang mit Asylbewer- bern sind europaweit nie konsequent um- gesetzt worden. In Deutschland erhalten anerkannte Flüchtlinge Sozialleistungen, Sprachkurse, eine Wohnung. In Italien, im- merhin die viertstärkste Volkswirtschaft der EU, bekommen sie von alledem nichts. Stattdessen biwakieren in Rom Tausende Migranten in Parks oder in Behausungen wie dem „Palazzo Salam“, einem ehema- ligen Universitätsgebäude am Stadtrand. Noch schlimmer ist die Lage in Griechen- land, das nach der jahrelangen Wirtschafts- krise mit der Versorgung der Schutzsuchen- den überfordert ist. Auf der Insel Kos wuss- te sich der Bürgermeister nicht anders zu helfen, als die Neuankömmlinge fast ohne Essen und Trinken über Stunden und Tage in ein Stadion zu sperren.

Berichte wie diese erzeugen im Rest Europas nicht überall Solidarität. Im Ge- genteil: Vor allem

Berichte wie diese erzeugen im Rest Europas nicht überall Solidarität. Im Ge-

genteil: Vor allem

ab, für viele Menschen dort scheint der Gedanke, Tausende Flüchtlinge aufzuneh- men, eine Zumutung. Zwar haben die Ost-

der Osten wendet sich gen die Flüchtlingspolitik aus Berlin und Brüssel wenden. Viele Osteuropäer sind
der Osten wendet sich
gen die Flüchtlingspolitik aus Berlin und
Brüssel wenden. Viele Osteuropäer sind
der Meinung, dass sich Deutschland mit
zu bewegen, bringen Politiker aus aufnah-
mewilligen EU-Ländern bereits Sanktio-
nen ins Spiel. „Die Europäische Union soll-
hohen Standards und langwierigen Asyl-
verfahren vielen Flüchtlingen als Zielland
geradezu andiene. Auch die widersprüch-
lichen Botschaften Berlins zum Dublin-Ver-
te Projekte in jenen Ländern, die derzeit
kaum Asylwerber
aufnehmen, nur noch
dann mitfinanzieren, wenn es dort endlich
eine Bereitschaft zur ausreichenden Auf-
fahren riefen auf dem Rest des Kontinents
nahme gibt“, sagt der österreichische Bun-
der auf die Städte; die
Kopfschütteln hervor. „Das ist menschlich
verständlich, aber der Effekt ist, dass über
die Balkanroute noch mehr Menschen nach
deskanzler Werner Faymann.
Die Idee hat auch Anhänger in der Bun-
desregierung. Entwicklungshilfeminister
Deutschland wollen“, sagt selbst
ein zu-
Gerd Müller (CSU) und die
sozialdemo-
rückhaltender Diplomat wie Luxemburgs
kratische Umweltministerin Barbara Hen-
Außenminister
Jean Asselborn.
dricks
etwa haben
sich im kleinen Kreis
Luxemburg
hat derzeit die Ratspräsi-
bereits
dentschaft inne und Asselborn die
wenig
Der
ähnlich geäußert.
Streit belastet die EU inzwischen
dankbare Aufgabe, in der Flüchtlingsfrage
zu vermitteln. „Wenn es uns gelingt,
dass
Konflikt mit Russland.
sich am Ende nicht der Süden Europas und
auch dort, wo die Flüchtlingsfrage gar
nicht auf der Tagesordnung steht. So trafen
sich vor der Sommerpause die Ständigen
die klassischen
Länder
gegen den
Osten
offenbar viele, könne
stellen,
haben wir viel erreicht“, sagt er.
Noch ist davon
wenig zu
sehen. Um die
FINNLAND
widerstrebenden
Ostländer zum Einlenken
nicht nur Rechtspopu-
SCHWEDEN
14840
ESTLAND
Die Briten, Iren und Dänen sind
laut EU-Verträgen von der gemein-
samen EU-Asylpolitik ausgenom-
men. Sie sind bei dem von der EU-
Kommission vorgeschlagenen
Schlüssel nicht berücksichtigt.
6715
LETTLAND
DÄNEMARK
LITAUEN

europäer in den vergangenen Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, doch

konzentriert sich

ländlichen Gegenden im Osten Ungarns,

Polens oder der Slowakei ähneln mit ihrer Arbeitslosigkeit und miserablen Infrastruk- tur jenen Entwicklungsländern, aus denen viele Flüchtlinge kommen. Statt für Afri- kaner zu sorgen, müssen wir erst mal un- seren eigenen Leuten helfen, das ist die Haltung vieler Osteuropäer. Zudem fühlen sich mindestens die Polen

als Frontstaat im

Seit im Nachbarland Ukraine gekämpft

wird, so glauben

man sich nicht noch mit Notleidenden aus anderen Weltgegenden belasten.

Es sind deshalb

listen wie Ungarns nationalkonservativer Regierungschef Viktor Orbán, die sich ge-

Ende der Gemeinsamkeit

Die Flüchtlingspolitik der Europäischen Union

NIEDERLANDE

3510

10 003

4570

6692

LUX.

Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei lehnen eine Quo-

tenregelung für Flüchtlinge ab. Am Wochenende wollen die Re- gierungschefs dieser Länder

eine gemeinsame Handlungs- position festlegen.

SLOWAKEI

UNGARN

39 295

4116

RUMÄNIEN

BULGARIEN

GRIECHENLAND

IRLAND

GROSSBRITANNIEN

POLEN

1980

SCHENGEN-ABKOMMEN, seit 1995 in Kraft:

keine Grenzkontrollen mehr innerhalb des Schengen-Raums * , strenge Kontrolle der Einreise über die Außengrenzen. Realität: An den Außengrenzen lässt sich der Zustrom von Flüchtlingen kaum mehr kontrollieren.

DUBLIN-VERFAHREN, seit 1997 in Kraft:

Flüchtlinge müssen in dem Land Asyl bean- tragen, über das sie in die EU eingereist sind. Realität: Angesichts der hohen Zahlen lassen einige Länder Flüchtlinge ohne Kontrolle in EU-Nachbarländer weiterreisen.

QUOTENREGELUNG FÜR KRISENZEITEN Die EU-Kommission hat eine Quote zur Aufnahme von Flüchtlingen vorgeschlagen. Sie orientiert sich an der Bevölkerungs- zahl, Wirtschaftskraft, Arbeitslosen- quote und der Zahl der bereits aufgenommenen Flüchtlinge. Die Quote scheint angesichts der

97 640

12970

42360 TSCHECHIEN

13425

6025

KROATIEN

BELGIEN

DEUTSCHLAND

ÖSTERREICH

SLOWENIEN

19 745

19 945

32586

FRANKREICH

SCHWEIZ

ITALIEN

27228

Asylerstanträge von Januar bis April 2015 Zahl der Asylbewerber,

SPANIEN

Ablehnung in vielen Ländern kaum

durchsetzbar.

2930 über unter die nach der von der EU 3465 vorgeschlagenen Quote zugeteilt würden 4369
2930
über
unter
die nach der von der EU
3465
vorgeschlagenen
Quote zugeteilt würden
4369
20 927
der vorgeschlagenen Quote
Norwegen, Island, die Schweiz
Quelle: Eurostat, EU-Kommission,
eigene Berechnung
MALTA
ZYPERN
DER SPIEGEL 37 / 2015
21
eigene Berechnung MALTA ZYPERN DER SPIEGEL 37 / 2015 21 PORTUGAL *Alle EU-Länder außer Großbritannien und
eigene Berechnung MALTA ZYPERN DER SPIEGEL 37 / 2015 21 PORTUGAL *Alle EU-Länder außer Großbritannien und
eigene Berechnung MALTA ZYPERN DER SPIEGEL 37 / 2015 21 PORTUGAL *Alle EU-Länder außer Großbritannien und

PORTUGAL

*Alle EU-Länder außer Großbritannien und Irland sowie die Nicht-Mitgliedstaaten

und Liechtenstein. Die EU-Mitglieder Bulgarien, Rumänien, Zypern und Kroatien wenden bisher nur Teile des Schengen-Rechts an.

FOTO: PATRICK SEEGER / PICTURE ALLIANCE / DPA

Titel

Vertreter der EU-Mitgliedstaaten, um über den Haushalt für das Jahr 2016 zu beraten, eine Routine- sache. Der deutsche Spitzendiplo- mat Reinhard Silberberg konnte es sich dennoch nicht verkneifen, die Osteuropäer wegen ihres un- solidarischen Verhaltens in der Flüchtlingsfrage zu triezen. Die Polen hatten die Forderung Junckers nach einer verbindlichen Verteilungsquote für Flüchtlinge im Frühjahr mit ihrem Konzept der „freiwilligen Solidarität“ gekontert. Die Aufstellung des Haushalts, das wäre doch auch was für diese „frei- willige Solidarität“, sagte Silber- berg nun in dem elitären Zirkel. Einige seiner Kollegen wechselten unsichere Blicke: Meint der das ernst, droht Deutschland wirklich, weniger Geld nach Brüssel zu über- weisen? Immerhin steuert die Bun- desrepublik den dicksten Batzen zum EU-Budget bei. Die Flüchtlingsdebatte rührt am Kern der Union, niemand weiß das besser als Kommissionschef Jun- cker. Der Mann war fast 20 Jahre lang Premierminister in Luxemburg und in der Finanzkrise Chef der Euro-Gruppe, es gibt keine europäische Weichenstellung in den vergangenen Jahrzehnten, die Juncker nicht mitgeprägt hätte. Bei seinem Amtsantritt vor zehn Monaten hatte er versprochen, dem bürokratischen Brüsseler Apparat ein politisches Gesicht zu geben. Doch nun hat die Krise ein Gesicht, Zehntausende Gesich- ter, und Junckers Kommission wirkt wie eine Behörde grauer Beamter, die der Jahr- hundertaufgabe nicht gewachsen ist. Juncker weiß, dass er endlich einen Plan vorlegen muss, der zugleich wirksam und mehrheitsfähig ist. Nächsten Mittwoch, bei seiner Rede zur Lage der Union vor dem Europaparlament, will er einen neuen An- lauf wagen. „Dann liegt es an den Mit- gliedstaaten, etwas daraus zu machen“, sagt Günther Oettinger, der deutsche EU- Kommissar. Junckers Plan sieht vor, dass die Kom- mission bereits in der kommenden Woche einen permanenten Notfallmechanismus für die Verteilung von Flüchtlingen be- schließt. Künftig sollen sie nach vorher be- schlossenen Kriterien (Wirtschaftskraft, Einwohnerzahl, bisherige Belastung durch Migranten) auf die Mitgliedstaaten verteilt werden. Mit diesem Notfallmechanismus will Juncker das Verfahren von Dublin ret- ten, das Länder wie Italien, Griechenland und Ungarn überfordert. Strittig ist derzeit, in welchen Situatio- nen die EU-Kommission diesen Notfall- mechanismus ausrufen kann. Juncker drängt auf maximale Flexibilität für seine Behörde und möglichst wenig Einspruchs-

für seine Behörde und möglichst wenig Einspruchs- EU-Kommissionschef Juncker „Das ist zum Kotzen“ rechte

EU-Kommissionschef Juncker „Das ist zum Kotzen“

rechte der Mitgliedstaaten. Eine Entschei- dung der Kommission, so seine Vorstel- lung, solle vom Rat nur mit qualifizierter Mehrheit gestoppt werden können. Dem Vorhaben muss das Parlament zu- stimmen, doch hier ist ihm eine breite Mehrheit sicher. Parlamentspräsident Schulz macht schon mal klar, dass das Vor- haben Priorität genießt. „Wenn wir über die Bankenunion im Eilverfahren abstim- men können, muss dies im Fall der Flücht- linge erst recht möglich sein.“ Flüchtlinge, die sich schon heute in der EU aufhalten, sollen zudem neu unter den Mitgliedsländern aufgeteilt werden, so der zweite Punkt des Juncker-Plans. Bereits im Sommer hatten sich die EU-Länder nach langem Zaudern darauf geeinigt, 40000 Flüchtlinge aus Griechenland und Italien freiwillig aufzunehmen, doch bisher ist das Soll nicht erfüllt. Trotzdem will Juncker die Zahl noch mal aufstocken – und zwar um 120000 Flüchtlinge. Geht es nach ihm, sollen bereits die EU-Innenminister bei ih- rem Treffen Mitte September zustimmen. Nach den Streitigkeiten der vergange- nen Monate erscheint das optimistisch. Doch Juncker hofft, dass er sich dieses Mal, anders als beim EU-Gipfel Ende Juni, auf Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsi- dent François Hollande verlassen kann. Damals hatten sich beide nicht sonderlich engagiert, der Gipfel endete als Desaster und mit dem zwischenzeitlich berühmt ge- wordenen Wutausbruch des italienischen Regierungschefs Matteo Renzi: „Entweder es gibt Solidarität – oder verschwendet nicht unsere Zeit“, schimpfte er damals. Inzwischen haben Merkel und Hollande

den Ernst der Lage begriffen. Am Donnerstag teilten beide mit, dass sie für eine feste Quote eintreten wollen. Um die Osteuropäer zum Einlen- ken zu bewegen, will Juncker zudem Maßnahmen durchsetzen, mit der die Zahl der Asylanträge gedrückt wer- den soll. Künftig soll in der ganzen Union die Regel gelten: Jedes Land, dem die EU den Status eines Beitritts- kandidaten verliehen hat, gilt als si- cherer Drittstaat. Asylverfahren etwa für Serben oder Albaner könnten so schneller abgewickelt werden. Dane- ben will Juncker die Rückführung ab- gelehnter Flüchtlinge beschleunigen. Entsprechende Abkommen mit afri- kanischen und anderen Ländern will die EU nun zügig aushandeln. Zudem will Juncker den Mitglied- staaten ausnahmsweise sogar die Mög- lichkeit einräumen, sich der Verpflich- tung zu entledigen, Flüchtlinge aufzu- nehmen. Voraussetzung ist allerdings, dass das EU-Mitglied „vorübergehen- de, systemische Gründe“ vorweisen kann, die es ihm nicht erlauben, sofort bei der Verteilung mitzumachen. Ein- malig und höchstens zwölf Monate lang soll dieser Staat dann stattdessen wenigs- tens mit Geld bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise helfen. Die Ausnahme- klausel soll sowohl bei der Verteilung der 120000 Flüchtlinge wie später dann beim permanenten Mechanismus gelten. Ob das die Zweifler überzeugt, ist frag- lich. Die polnische Ministerpräsidentin Ewa Kopacz etwa kann Junckers Plan schon deshalb kaum zustimmen, weil am 25. Oktober Parlamentswahlen anstehen. Ihrer Partei, der Platforma Obywatelska, droht eine Niederlage, mit einer offenen Flüchtlingspolitik würden die Chancen gen null sinken. In den anderen Ländern Osteuropas dürfte die Akzeptanz ähnlich gering aus- fallen. „Quoten halten keine Migranten auf“, sagt etwa der slowakische Außen- minister Miroslav Lajčák. „Sie verhindern nicht, dass rücksichtslose Schmuggler ihre schmutzigen Geschäfte mit dem mensch- lichen Leiden weitermachen.“ Juncker fehlt es in der Flüchtlingsfrage nicht an gutem Willen, das bescheinigen ihm sogar seine Gegner. Doch ob er es schafft, den Mitgliedsländern die nötigen Kompromisse abzuhandeln, ist ungewiss. Nicht zuletzt, weil das Problem beständig größer wird. Die für humanitäre Hilfe zuständige Ge- neraldirektion der Kommission präsentier- te unlängst eine neue Schätzung zur Ent- wicklung der Zahl der Syrien-Flüchtlinge. Erwartete Zunahme bis Ende des Jahres:

ein bis zwei Millionen Menschen.

Sven Becker, Ann-Katrin Müller, Peter Müller, Maximilian Popp, Jan Puhl, Christoph Schult

FOTO: CHRISTIAN THIEL

FOTO: CHRISTIAN THIEL „Zuwanderung ist ein Segen“ Beschäftigung Sozialministerin Andrea Nahles, 45, will den

„Zuwanderung ist ein Segen“

Beschäftigung Sozialministerin Andrea Nahles, 45, will den deutschen Arbeitsmarkt für Migranten vom Westbalkan öffnen.

SPIEGEL: Frau Nahles, in diesen Wochen hat sich die Bundeskanzlerin beim Besuch ei- nes Flüchtlingsheims fotografieren lassen, genauso der Wirtschaftsminister, der In- nenminister und der Gesundheitsminister. Warum haben Sie noch keines besucht? Nahles: Sie täuschen sich. Selbstverständ- lich habe ich schon vor Monaten ein Flücht- lingsheim besucht – und zwar das Aufnah- melager in Trier, in dem es so eng ist, dass die Betten auf dem Gang standen. Nur hat das kaum einen interessiert, weil alle ge- dacht haben, die Arbeitsministerin hätte mit dem Thema nichts zu tun. Das ist na- türlich ein Irrtum, weil Flüchtlinge, wenn ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist, bestmög- lich in den Arbeitsmarkt integriert werden müssen oder Hartz-IV-Leistungen erhalten. SPIEGEL: Mit ihren Besuchen wollten die Po- litiker ein Zeichen setzen gegen ausländer- feindliche Übergriffe, die es nicht zuletzt in den neuen Bundesländern gab. Haben Sie dafür eine Erklärung? Nahles: Es handelt sich zunehmend um or- ganisierten Fremdenhass. Das haben wir schon mit Pegida erlebt: Da fahren Men- schen in Bussen durchs Land und machen Stunk. Das ist beschämend. Dagegen müs- sen wir klar Stellung beziehen. Es ist un- sere Pflicht und Schuldigkeit zu zeigen, dass Integration funktionieren kann. SPIEGEL: Das wird nicht leicht bei einem Zu- strom von voraussichtlich 800000 Flücht- lingen in diesem Jahr. Ist das zu schaffen? Nahles: Gleich, wie viele es am Ende genau sein werden: Die Menschen, die sich oft aus Bürgerkriegen und über große Distanzen zu uns gerettet haben, sind bei allen akuten Problemen auch ein großer Gewinn. Nicht zuletzt angesichts des demografischen Wan- dels ist die Zuwanderung ein Segen, auch wenn sie derzeit ungeplant verläuft. SPIEGEL: Vorausgesetzt, die Zuwanderer fin- den Arbeit. Wie viele der Flüchtlinge, die dauerhaft hier bleiben werden, haben die Chance auf einen Job? Nahles: Alle, die wollen. Aber das wird dau- ern, so realistisch muss man sein. Viele Flüchtlinge werden für längere Zeit auf die Vermittler der Bundesagentur für Ar- beit und die Leistungen der Grundsiche- rung angewiesen sein. Mein Ziel ist es, möglichst viele von ihnen schnell in Lohn und Brot zu bringen. Das ist ein ehrgeizi- ges Ziel, das den Mitarbeitern der Agen- turen den Schweiß auf die Stirn treibt, aber es ist zu schaffen. SPIEGEL: Im Umkehrschluss bedeutet das, dass viele Zuwanderer erst einmal die Ar-

bedeutet das, dass viele Zuwanderer erst einmal die Ar- Ministerin Nahles: „Das treibt den Mitarbeitern den

Ministerin Nahles: „Das treibt den Mitarbeitern den Schweiß auf die Stirn“

beitslosenzahlen erhöhen dürften. Das schmälert Ihre Bilanz als Ministerin. Nahles: Erstens wäre das angesichts der dra- matischen Lage eine sehr bösartige Bewer- tung, und zweitens wäre es mir egal. Hier kommen Menschen zu uns, die eine für sie selbst und ihre Kinder lebensgefähr- liche Flucht hinter sich haben. Wenn ich nicht alles in meiner Macht Stehende tun würde, um ihnen zu helfen, dann würde ich mich schämen. Es wird sich auf die Sta- tistik niederschlagen, das ist sicher, aber wir haben derzeit mit rund 600000 die höchste Zahl an offenen Arbeitsstellen, die es jemals in Deutschland gab. Das ist schon einmal eine sehr gute Ausgangslage. SPIEGEL: Lässt sich denn jeder Flüchtling so einfach vermitteln?

Lässt sich denn jeder Flüchtling so einfach vermitteln? Animation: Die Akte Nahles spiegel.de/sp372015nahles oder in

Animation:

Die Akte Nahles

spiegel.de/sp372015nahles

oder in der App DER SPIEGEL

Nahles: Nahezu alle Flüchtlinge eint, dass sie motiviert, leistungswillig und voller Ta- tendrang sind. Wir wissen aber definitiv zu wenig über ihren Bildungsstand. Nach den ersten Erfahrungen müssen wir sagen:

Der vielbeschriebene syrische Arzt ist nicht der Standardflüchtling. Viele haben in ihrer Heimat einen Beruf gelernt. Aber sie besitzen keine formale Qualifikation mit dem Stempel einer deutschen Hand- werkskammer. Und viele haben nur eine geringe oder gar keine Ausbildung. SPIEGEL: Wie kann es gelingen, diese Men- schen in den Arbeitsmarkt zu integrieren? Nahles: Wir haben kürzlich eines unserer Modellprojekte ausgewertet. Dabei hat sich gezeigt: Von 850 Flüchtlingen konnten wir lediglich 65 direkt ohne weitere Maßnah- men vermitteln, 13 davon in Ausbildung. Oft ist der Erwerb von Sprachkenntnissen erst mal das Wichtigste, und dann die Qua- lifikationsangebote. Das ist eine riesige Auf- gabe. Genau hier werden wir ansetzen. Wir

FOTOS: HENNING SCHACHT / ACTION PRESS (U.); SPIEGEL TV (R.)

Titel

wollen bis zum nächsten Januar dafür sorgen, dass die Mitarbeiter der Arbeits- agenturen bundesweit in die Erstaufnah- men gehen, um sich ein Bild vom Qualifi- kationsprofil der Flüchtlinge zu machen. Das sogenannte Early-Intervention-Pro- gramm läuft bereits in neun Städten, und jetzt werden wir es bundesweit ausrollen. SPIEGEL: Die Jobcenter sind doch schon heu- te überlastet, es fehlt an Geld, Personal und Räumen. Wie wollen Sie das schaffen? Nahles: Ich bin da nicht so skeptisch. Seit Monaten schult die Bundesagentur ihr Per- sonal, zugleich müssen wir zusätzliche Leu- te an Bord nehmen, vor allem erst mal Dolmetscher. Bei den berufsbezogenen Sprachkursen rechne ich mit einer Ver- dopplung der Plätze für das kommende Jahr auf dann 100000. Dafür versuche ich gerade mehr Mittel zu bekommen. SPIEGEL: Dabei haben Sie ein Problem: Sie sind auf Finanzminister Wolfgang Schäub- le angewiesen, der Ihnen ein paar Milliar- den Euro zusätzlich überweisen muss. Nahles: Nach den Gesprächen mit Wolfgang Schäuble bin ich sicher, dass die erforder- lichen Mittel auch bereitgestellt werden. Ich rechne damit, dass wir im nächsten Jahr etwa bis zu 3,3 Milliarden Euro zu- sätzlich für berufsbezogene Sprachkurse, Eingliederung und passive Leistungen be- nötigen. Das sind geschätzte Werte. Ich weiß nicht, wie viele Flüchtlinge schließ- lich anerkannt werden und wie viele Fa- milienmitglieder später nachziehen.

SPIEGEL: Jeder Flüchtling, der Arbeit findet, entlastet den Sozialstaat. Aber er stößt oft auf Hindernisse wie die Vorrangprüfung. Eine Stelle darf er nur dann antreten, wenn sich für den Job kein Bewerber aus Deutschland oder einem anderen EU-Land findet. Ist das noch zeitgemäß? Nahles: Ich bin nicht dafür, die Vorrangprü- fung grundsätzlich abzuschaffen. Sie hat Gründe: Es gibt immer noch 240000 junge Leute, die nicht ins Arbeitsleben finden, und eine Million Langzeitarbeitslose. Die dürfen wir nicht vergessen. Aber dort, wo unnötige Hürden sind, sollten wir die Prü- fung aussetzen. Nach drei Monaten Auf- enthalt kann ich mir eine befristete Aus- setzung der Vorrangprüfung für die Dauer von drei Jahren gut vorstellen. Das setzt auch Kapazitäten bei der Bundesagentur frei für andere drängende Aufgaben. SPIEGEL: Die Vorrangprüfung stammt aus einer Zeit, in der man Zuwanderung be- grenzen wollte. Deutschland ist längst ein Einwanderungsland. Ist es nicht Zeit, die Philosophie der Abschottung zu beenden? Nahles: Ab Mitte der Achtzigerjahre durf- ten Asylbewerber fünf Jahre lang nicht ar- beiten. Das muss man sich mal vorstellen! Seitdem hat das Land Schritt für Schritt anerkannt, dass wir auf Zuwanderung an- gewiesen sind und Arbeit der beste Schlüs- sel für Integration ist. Inzwischen sind wir das zweitbeliebteste Einwanderungsland der Welt, nach den USA. Wir brauchen ein transparentes, logisches Einwande-

Bedrohte Null

Regierung Die Kosten der Flüchtlingskrise stellen zentrale Vorhaben der Union infrage.

D as Engagement der Deutschen für die Flüchtlinge ist groß, des- halb mag derzeit kaum ein

Politiker über Geld streiten. Doch die Kalkulationen der Finanzministerien von Bund und Ländern zeigen: Die Ver- sorgung der bis zu 800000 Menschen, die dieses Jahr nach Deutschland kom- men, werden die öffentlichen Haushalte erheblich belasten. Konsequenz: Ein zentrales Projekt der Union, die sogenannte schwarze Null, ist für 2016 gefährdet. In der Klausur- tagung der Unionsfraktionsspitze sprach Angela Merkel von künftigen jährlichen Mehrkosten in zweistelliger Milliarden- höhe für die öffentlichen Kassen. Für den Bund wird ein Großteil im Haus von Sozialministerin Andrea Nahles an- fallen. Dort kalkuliert man für Kurse

und Hartz-IV-Leistungen für anerkannte Flüchtlinge mit bis zu 3,3 Milliarden Euro zusätzlich im Jahr 2016. Teils entgehen dem Bund durch die Flüchtlingskrise auch Einnahmen, etwa wenn die bundeseigene Immobilien- anstalt Bima Gebäude für Flüchtlinge bereitstellt, die sonst vermietet werden könnten. Sollte der Bund zudem, wie von den Ländern gefordert, einen Teil der Kosten für die Erstaufnahme der Flüchtlinge übernehmen, stünden weite- re Milliardenausgaben bevor. Damit das Geld sicher ankommt, würde Berlin den Kommunen die Hilfen am liebsten direkt überweisen, ohne Umweg über die Länderhaushalte. Dazu wäre eine Grund- gesetzänderung nötig, für die Bundes- innenminister Thomas de Maizière schon Sympathie gezeigt hat. Doch ohne

rungsgesetz. Durch die Fülle der Regelun- gen blickt heute fast niemand mehr durch. Vor allem müssen wir deutlich machen, dass wir kein Gnadenrecht gewähren, son- dern dass Zuwanderung auch in unserem eigenen Interesse liegt. SPIEGEL: Die meisten Zuwanderer aus Dritt- staaten haben einen Asylantrag gestellt oder sind als Familienangehörige nach- gezogen. Eine große Zahl von ihnen sucht aber eine berufliche Perspektive. Wäre es nicht klüger, ihnen direkt eine Chance zu geben? Nahles: Wir diskutieren gerade, einige Län- der als sichere Drittstaaten zu deklarieren, um die Zahl der Asylbewerber aus diesen Staaten zu begrenzen. Das geht aber nur, wenn wir parallel legale Möglichkeiten zur Arbeitsmigration schaffen. SPIEGEL: Was haben Sie vor? Nahles: Es kann nicht sein, dass wir mit Län- dern wie Bosnien-Herzegowina oder Mon- tenegro über die Anwartschaft zur EU-Mit- gliedschaft reden, aber die Menschen aus diesen Staaten zugleich nur über das Asyl- recht nach Deutschland kommen. Das ist der falsche Weg und belastet die Asylver- fahren. Wir müssen ein festes Kontingent von Arbeitsbewilligungen für die Staats- angehörigen aller sechs Westbalkanstaaten schaffen. Für die Dauer von fünf Jahren soll- ten jährlich insgesamt 20000 Beschäftigte kommen können unabhängig von der Qua- lifikation, um hier zu arbeiten oder eine Aus- bildung aufzunehmen. Das wäre eine Mög-

oder eine Aus- bildung aufzunehmen. Das wäre eine Mög- Minister de Maizière, Schäuble „Wir brauchen dann

Minister de Maizière, Schäuble „Wir brauchen dann Haushaltsdisziplin“

Zustimmung der Länder liefe hier nichts, und der erste Finanzminister kündigt schon Widerstand an: „Das wäre eine Grundgesetzänderung nach Gutsherren- art“, sagt NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD), „eine Missach- tung des föderalen Aufbaus der Bundes- republik.“ Der Bund wolle „die Legende weiterstricken“, dass die Länder das Geld teilweise für sich behielten. Er sehe

lichkeit, den Kreislauf von Einreise und Ab- schiebung zu durchbrechen, der für die Men- schen

lichkeit, den Kreislauf von Einreise und Ab- schiebung zu durchbrechen, der für die Men- schen unterm Strich auch ein Verlustgeschäft ist. Viele verkaufen zu Hause alles, kommen hierher und stellen dann erst fest, dass sie keine Chance auf Anerkennung haben. SPIEGEL: Wie wollen Sie sicherstellen, dass diese Zuwanderer auch einen Job finden? Nahles: Die Bundesagentur für Arbeit muss jeweils zustimmen – und es muss ein kon- kreter Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu ortsüblichen Löhnen vorhanden sein. Das ist wichtig, denn ich habe keine Lust, dass hier ein sogenannter Arbeiterstrich ent- steht, auf dem Menschen ohne Rechte aus- gebeutet werden. SPIEGEL: 20000 Arbeitserlaubnisse sind ein Tropfen auf den heißen Stein. In der ersten Jahreshälfte haben fast 100000 Menschen aus dem Westbalkan Asylanträge gestellt. Nahles: Es geht um 20000 Beschäftigte pro Jahr. Da sind die Familienmitglieder nicht eingerechnet, die oft nachziehen. Wenn man diese Menschen mitzählt, wären das bei dieser Kontingentlösung deutlich mehr Menschen, die aus dem Westbalkan zu uns kommen könnten. SPIEGEL: Am Sonntag tagt der Koalitions- ausschuss. Bundesinnenminister Thomas de Maizière will Leistungen für Asylbe- werber künftig teilweise nicht mehr in bar, sondern per Gutschein auszahlen. Muss er mit Widerspruch der SPD rechnen? Nahles: Das ist derzeit nicht die dringends- te Frage. In einer zentralen Aufnahme-

nicht ein, so Walter-Borjans, dass Län- der und Kommunen die Folgen internationaler Krisen wie in Syrien zu tragen hätten, während sich „der Bund seiner schwarzen Null im Haus- halt rühmt“. Damit ist das Problem benannt, das in der Koalition bald zu Konflikten führen könnte: Die Flüchtlingskrise ge- fährdet den Sparkurs von Bundes- finanzminister Wolfgang Schäuble. Er will auch 2016 einen ausgeglichenen Haushalt halten. Zwar sei die schwarze Null nicht gefährdet, beteuert die Bundesregierung. Doch im CDU-Prä- sidium stellte Schäuble klar: Alle müssten wissen, „dass wir dann Haus- haltsdisziplin brauchen“. Was Schäuble darunter versteht, zeigte sich diese Woche. Der Ressort- chef will das Geld, das nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil zum Betreuungsgeld frei wird, teils für die anschwellenden Hartz-IV-Kosten verwenden. Familienministerin Ma- nuela Schwesig (SPD) will die Mittel aber in Kitas stecken. Noch schwimmt Schäuble zwar im Geld. Bis Jahresende

einrichtung, wo Flüchtlinge in den ersten Monaten versorgt werden, kann ich mir das vielleicht noch vorstellen. Aber sobald sie in die Kommunen ziehen, ist das weder umsetzbar noch akzeptabel. Es ist eine Frage der Würde, dass diese Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen kön- nen. Außerdem gibt es im Detail immer große Probleme: Man bekommt ein Lunchpaket, ist aber gegen Äpfel aller- gisch. Was dann? SPIEGEL: Kaum ein Thema bewegt die Men- schen derzeit so sehr wie die Flüchtlings- frage. Das gilt auch für die Politik. Hat Ihr Parteivorsitzender Sigmar Gabriel dabei bislang eine überzeugende Rolle gespielt? Nahles: Ja, die Regierung insgesamt hat bis- her gute Arbeit geleistet. Wir sollten ge- meinsam vor allem eine Botschaft ausstrah- len: Wir schaffen das! Das gelingt uns nur, wenn wir nicht darauf schauen, welcher Minister vielleicht schneller reagiert hat als der andere. Die Bürger haben eine Re- gierung verdient, die jetzt nicht anfängt, einen vorgezogenen Wahlkampf zu führen.

Interview: Markus Dettmer, Cornelia Schmergal

Lesen Sie weiter zum Thema Seite 44: Die Hintergründe des Brandanschlags im niedersächsischen Salzhemmendorf Seite 52: Der Streit um die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber Seite 58: SPIEGEL-Redakteur Juan Moreno über die Deutschen und ihre Zuwanderer

rechnet er mit einem Überschuss von 5,7 Milliarden Euro. Eigentlich müsste er damit Schulden tilgen, so schreibt es die Bundeshaushaltsordnung vor. Doch Schäuble trifft schon Vorkehrun- gen für den Fall, dass die Kosten der Flüchtlingskrise demnächst noch stär- ker steigen. Der Überschuss soll dann als Puffer dienen. Um die Gelder für 2016 nutzbar zu machen, will Schäuble sie in einen neuen Fonds einstellen oder eine Rück- lage bilden. Dafür ist ein Nachtrags- haushalt nötig. Diese Pläne deutete er bei der Haushaltsklausur der Fraktio- nen von Union und SPD Anfang der Woche an. Der Plan hat Folgen: Der Bund könnte Ende 2015 anders als vor- gesehen seinen Schuldenberg nicht weiter abbauen. Damit wäre der Spiel- raum für Steuersenkungen dahin, heißt es im Ministerium. Mit anderen Worten: Die Pläne der Union, die kalte Progression zu be- seitigen und den Solidaritätszuschlag zu senken, rücken in weite Ferne.

Melanie Amann, Ralf Neukirch, Christian Reiermann

DER SPIEGEL 37 / 2015 25

Neukirch, Christian Reiermann DER SPIEGEL 37 / 2015 25 DIE GROSSE SAMSTAGS- DOKUMENTATION SAMSTAG, 5. 9.,

DIE GROSSE SAMSTAGS- DOKUMENTATION

SAMSTAG, 5. 9., 20.15 – 0.45 UHR | VOX

Wiesn XXL – Wie funktioniert das größte Volksfest der Welt?

XXL – Wie funktioniert das größte Volksfest der Welt? Theresienwiese in München Bier, Brezn und Bussi-Bussi:

Theresienwiese in München

Bier, Brezn und Bussi-Bussi: Am 19. September beginnt das Oktober- fest. SPIEGEL TV über das alljähr- liche Spektakel.

SPIEGEL TV MAGAZIN

SONNTAG, 6. 9., 22.40 – 23.25 UHR | RTL

Europas Versagen – Syrische Flücht- lingswelle erreicht Bayern; Die Schlepper – Das Geschäft mit dem Menschenschmuggel;

Emanzipation auf zwei Rädern – Ein

Fahrradkurs für Migrantinnen.

37 GRAD

DIENSTAG, 8. 9., 22.15 – 22.45 UHR | ZDF

Barbaras letzte Reise

Heilung aussichtslos – wie verän- dert sich das Leben mit dieser Diagnose? Barbara leidet an einer schweren Erbkrankheit, muss sich mit dem Tod auseinander- setzen. Eine Stiftung ermöglicht der 41-Jährigen die Erfüllung ihres letzten Wunsches: eine Reise nach Schottland – gemeinsam mit ihren zwei Söhnen.

SPIEGEL GESCHICHTE

FREITAG, 11. 9., 21.15 – 22.00 UHR | SKY

Vom Adler zum ICE – 180 Jahre Eisenbahn in Deutschland, Teil 1

Am 7. Dezember 1835 wurde zwi- schen Nürnberg und Fürth die erste deutsche Bahnstrecke eröffnet. Immer leistungsfähigere Dampf- lokomotiven und ein wachsendes Streckennetz führten schon bald zum Siegeszug des neuen Verkehrsmittels.

FOTOS: SPIEGEL TV (U.); AXEL HEIMKEN / DPA (O.)

Polizeieinsatz in Hamburg
Polizeieinsatz in Hamburg

Demonstrationen

Vierunddreißig Hundertschaften

Die Hamburger Polizei befürchtet, Krawalle am „Tag der Patrioten“ nicht in den Griff zu bekommen.

Zum sogenannten Tag der Patrioten, einer Demonstration von Rechtsextremisten am kommenden Wochenende in Ham- burg, hat die Polizei erhebliche Probleme, genügend Sicher- heitskräfte aufzustellen. Sie rechnet mit rund 3000 Rechten aus dem ganzen Bundesgebiet, darunter zahlreichen Hooli- gans, und 15000 Gegendemonstranten; vielen Bürgerlichen, aber auch Linksextremisten und Autonomen. Die Polizei er- wartet, dass die Veranstalter das Verbot der Demo nicht ak- zeptieren werden. Die Hansestadt hat zur Unterstützung 34 Hundertschaften aus dem ganzen Bundesgebiet angefordert, bislang aber kaum Zusagen erhalten. Wegen der aktuellen Flüchtlingsproblematik und etlicher Großereignisse sind viele

Kräfte gebunden. Auch die Bundespolizei gelangt angesichts anhaltender Flüchtlingsströme an die Grenze ihrer Leistungs- fähigkeit. Allein in Bayern sind rund 800 Beamte mit der Re- gistrierung von Migranten beschäftigt. Wegen der Personal- not laufen derzeit Gespräche in Berlin zwischen Innen- und Finanzministerium, um eine bestimmte Zahl von Zöllnern für einen befristeten Zeitraum der Bundespolizei zu unterstellen. Das Innenministerium bestätigte Gespräche innerhalb der Bundesregierung „zu Fragen der personellen Unterstützung besonders herausgeforderter Geschäftsbereichsbehörden“, wollte sich aber vor Abschluss der Beratungen dazu nicht äu- ßern. aul

Mauerfall

Krenz überschätzt

Die Kreml-Führung um Mi- chail Gorbatschow hat den Mauerfall vom 9. November 1989 seinerzeit öffentlich be- grüßt – wie die Sowjets in- tern die Lage sahen, ist weit- gehend unbekannt. Nun liegt ein Tagebucheintrag des engsten Mitarbeiters von Moskaus damaligem Außen- minister Eduard Scheward- nadse vor. Demzufolge glaub- ten die Sowjets, SED-Chef Egon Krenz habe die Mauer geöffnet. Schewardnadses Mitarbeiter notierte am 12. November: „Die Fernsehbil- der: Menschen, die rittlings auf der Mauer sitzen und Champagner trinken. Un-

glaublich glückliche Gesich- ter … Egon Krenz hat den Beschluss gefasst, die Über- gangsstellen zu öffnen und die Verbote, in den Westen

zu fahren, aufzuheben – frei, unerwartet und unabhängig von uns …“ Die Version, Krenz habe die Mauer geöff- net, hatte er selbst schon am

Krenz habe die Mauer geöff- net, hatte er selbst schon am DDR-Bürger 1989 am Grenzübergang Bornholmer

DDR-Bürger 1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße

10. November verbreitet. Auch westliche Beobachter glaubten daran. In Wirklich- keit hatten Offiziere Grenz- übergänge eigenständig geöff- net, weil der Ansturm von Demonstranten zu groß wur- de. Krenz war darüber verär- gert. Kurz vor dem Mauerfall hatte er laut einem Vermerk Gorbatschow angekündigt, sollte es Versuche geben, „nach Westberlin durchzubre- chen“, würde er „den Aus- nahmezustand verhängen“, also Gewalt einsetzen. Der Tagebucheintrag findet sich in einer Aktenedition, die ein Wissenschaftlerteam um Stefan Karner veröffentlicht („Der Kreml und die deut- sche Wiedervereinigung 1990“. Metropol Verlag). klw

FOTO: TETRA IMAGES / PICTURE ALLIANCE / DPA / BILDAGENTUR-O; KARRIKATUR KITTI HAWK FÜR DEN SPIEGEL

Deutschland investigativ

Bildung

Früher zur Schule

Die Schulen in Deutschland können in der Regel frei ent- scheiden, wann sie morgens mit dem Unterricht beginnen. Das geht aus einer Antwort der Wissenschaftsabteilung des Bundestags auf eine Fra- ge von Exbundesfamilienmi- nisterin Kristina Schröder hervor. Die CDU-Abgeord- nete engagiert sich für einen späteren Schulstart, da dies besser in den biologischen Rhythmus von Jugendlichen passe. Heranwachsende könn- ten sich ab der Pubertät durch Hormonumstellungen frühmorgens schlechter kon- zentrieren, Experten raten daher zu einem Schulbeginn um neun Uhr. Laut den Bun- destagsrechercheuren gibt es nur in Mecklenburg-Vor- pommern und Nordrhein- Westfalen Vorschriften, nach denen der Unterricht zwi- schen 7.30 und 8.30 Uhr be- ginnen muss, in Sachsen-An- halt bis 8.15 Uhr. In einzelnen Ländern wie Bayern gälten nur für einige Schulformen wie Grundschulen bestimmte Uhrzeiten, ansonsten könn- ten die Einrichtungen selbst entscheiden. akm

könn- ten die Einrichtungen selbst entscheiden. a k m Finanzen Elterngeld zu teuer Die Bundesregierung erwägt

Finanzen

Elterngeld zu teuer

Die Bundesregierung erwägt eine Kürzung des Elterngel- des. Das geht aus einem inter- nen Papier des Bundesfinanz- ministeriums hervor. Dort heißt es, das Elterngeld sei zwar eine wirksame familien- politische Leistung, „aller- dings sind die Ausgaben recht dynamisch“. Allein für das kommende Jahr prognos- tiziert das Haus von Finanz- minister Wolfgang Schäuble (CDU) einen Anstieg des

Etatplans um 245 Millionen auf knapp 5,8 Milliarden Euro, für dieses Jahr seien überplanmäßige Ausgaben nicht auszuschließen. Um ei- nem weiteren Anstieg entge- genzuwirken, könne man überlegen, „das Elterngeld in seiner ursprünglichen Aus- richtung als Lohnersatzleis- tung zu schärfen“ und „die sozialpolitisch intendierten Elemente“ zu überprüfen, schreiben Schäubles Beamte. Das würde bedeuten, dass zu- künftig verstärkt Arbeitneh- mer vom Elterngeld profitie- ren. Das Mindestelterngeld von 300 Euro, das beispiels- weise Studenten und Er- werbslose sowie Frauen be- kommen, die vor der Eltern- zeit nicht gearbeitet haben, könnte dafür überprüft wer- den, ebenso wie der Ge- schwisterbonus (10 Prozent mehr) und der Mehrlingszu- schlag (300 Euro zusätzlich). Gründe für die wachsenden Ausgaben seien die steigen- den Geburtenzahlen und die Tatsache, dass immer mehr Väter die Leistung beantrag- ten. Sie bekommen durch- schnittlich 1234 Euro Eltern- geld, Mütter aufgrund ihres geringeren Einkommens nur 759 Euro. akm

Kittihawk

geringeren Einkommens nur 759 Euro. a k m Kittihawk Asyl Falsche Prognose Die Bundesregierung war viel

Asyl

Falsche Prognose

Die Bundesregierung war viel früher über einen An- stieg der Asylbewerberzahlen in Deutschland informiert als bislang bekannt. Im Frühjahr ging das Bundesinnenminis- terium offiziell gerade einmal von 300000 Asylanträgen für 2015 aus. Vergangenen Monat korrigierte Ressortchef Tho- mas de Maizière (CDU) seine Prognose auf bis zu 800000 Flüchtlinge. Er erklärte die Neueinschätzung mit der ho- hen Differenz zwischen Aus- ländern, die über das Erfas- sungssystem „Easy“ in Deutschland registriert wur- den, und jenen, die bereits ei- nen Asylantrag gestellt hat- ten. So konnten im Juli, vor allem aufgrund des Bearbei- tungsstaus in den Behörden, weniger als die Hälfte der ge- meldeten Flüchtlinge tatsäch- lich einen Erstantrag einrei- chen. Die Diskrepanz be- stand jedoch bereits seit ver- gangenem Herbst, wie nun aus der Antwort der Bundes- regierung auf eine Anfrage der Linkspartei hervorgeht. Im September 2014 etwa stellten 16214 Flüchtlinge ei- nen Asylerstantrag, das sind rund 58 Prozent der im glei- chen Zeitraum registrierten Neuankömmlinge. Im Febru- ar dieses Jahres waren es ebenfalls knapp 60 Prozent. Mehrere Bundesländer, da- runter Hessen und Nord- rhein-Westfalen, hatten die Bundesregierung bereits im März zu einer Anhebung der Prognose aufgefordert und mehr Geld von der Bundesre- gierung verlangt. Innenminis- ter de Maizière lehnte dies ab. „Die Bundesregierung hat viel zu spät auf die Kluft zwi- schen registrierten Asylsu- chenden und Antragszahlen reagiert“, kritisiert Ulla Jelp- ke von der Linken-Bundes- tagsfraktion. „Viele unzumut- bare Notunterbringungen von Flüchtlingen hätten ver- hindert werden können, wenn Länder und Kommu- nen früher über realistische Zahlen informiert worden wären.“ pop

FOTOS: JÖRG SARBACH (U.); CARSTEN REHDER / DPA (O.)

Deutschland investigativ

Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal

Deutsche Tugenden

Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal Deutsche Tugenden Die Kanzlerin hat die Deutschen dazu aufgerufen, ein

Die Kanzlerin hat die Deutschen dazu aufgerufen, ein bisschen flexibler zu sein. Deutsche Gründlichkeit sei su- per, hat sie gesagt, aber in der Flüchtlingskrise müsse alles auf den Prüfstand, auch die deutsche Gründ- lichkeit. In den Zeitungen lese ich oh- nehin jeden Tag, dass sich in Deutsch- land ganz viel ändern muss. Bunter soll das Land werden, irgendwie orientalischer. Vielen Men- schen macht das angeblich Angst, mir nicht. Ich glaube, wir Deutschen sind, was die Flexibilität an- geht, weiter, als die Kanzlerin uns zutraut. Bei Großpro- jekten zum Beispiel sind wir schon so flexibel, dass nie- mand mehr genau sagen kann, wann etwas fertig wird. Früher konnte man die Uhr danach stellen, dass der neue Flughafen oder die neue Konzerthalle an dem Tag öffnet, der dafür vorgesehen war. Heute kann man sich nicht einmal über den Zeitraum für die Verspätung einigen. Auch in der Flüchtlingskrise ist von preußischer Gründ- lichkeit nicht viel zu merken. Zunächst heißt es, dieses Jahr würden 400000 Menschen zu uns kommen, dann sind es plötzlich 800000. Wenn man mich fragt, sieht das alles ziemlich improvisiert aus. Als Beispiel, wo wir mal fünfe gerade sein lassen soll- ten, hat Angela Merkel die deutschen Bauvorschriften ge- nannt. Aber das kann nach meiner Meinung nur ein ers- ter Schritt sein. Nachdem die Menschen ein Dach über dem Kopf haben, brauchen sie ja einen Arbeitsplatz. Ich weiß nicht, wie gut Sie das deutsche Arbeitsrecht kennen, aber verglichen damit sind die Bauvorschriften ein Basar. Versuchen Sie mal im Büro einen Schreibtisch vom Fens- ter wegzuschieben: Sofort ist jemand zur Stelle, um an- hand der Arbeitsstättenverordnung zu schauen, von wel- cher Seite und in welcher Stärke das Licht einfällt. Selbst die Buchstabengröße am Monitor ist gesetzlich geregelt. Nach meiner Beobachtung nehmen es vor allem Leute mit der Gründlichkeit genau, die gern über die deutschen Sekundärtugenden schimpfen. In Berlin haben sie dieser Tage im Senat darüber diskutiert, ob sie den Flüchtlingen die Leerung der Papierkörbe in ihrer Unterkunft übertra- gen sollen. Das sei Schwarzarbeit, hieß es darauf, womit der Vorschlag vom Tisch war. Mich hat das an den Fall der Asylbewerber erinnert, denen der Bürgermeister von Schwäbisch Gmünd erlaubt hatte, den Reisenden beim Koffertragen zu helfen. Auch das wurde sofort unterbun- den, als die Linkspartei davon Wind bekam und einen „weiteren Schritt zurück in die Kolonialzeit“ witterte. Wenn ich die Kanzlerin richtig verstanden habe, müssen wir uns alle ein wenig locker machen. Wenn jemand einen Flüchtling einstellen will, muss man auch mal ganz unbürokratisch handeln können, Mindestlohn hin oder her. Ich bin gespannt, wie lange die Begeis- terung für die bunte Regenbogenrepublik anhält, wenn es die Mülltrennung und die Steuermoral trifft. Wie ich mir habe sagen lassen, hat man zu Steuerzahlungen im Süden ein eher ungezwungenes Verhältnis. Mit Steuer-CD und Selbstanzeige muss man dem Orientalen jedenfalls nicht kommen, da kann er nur verständnislos den Kopf schütteln.

An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und Jakob Augstein im Wechsel.

SPD

Linke gegen Gabriel

Die Parteilinke der SPD stellt sich mit einem 10-Punkte- Grundsatzpapier gegen die als zu wirtschaftsnah empfundene Politik von Par- teichef Sigmar Gabriel. Kern- kompetenz der SPD müsse das Thema Gerechtigkeit bleiben, fordern die Autoren um Parteivize Ralf Stegner und Juso-Chefin Johanna Uekermann. Sie fordern, das Thema Umverteilung von oben nach unten wieder zum zentralen Schwerpunkt der SPD zu machen. Außerdem widersprechen sie der These, dass die Niederlage bei der Bundestagswahl 2013 die Fol- ge eines zu linken Pro- gramms gewesen sei. Viel-

Stegner
Stegner

mehr habe es der SPD an Glaubwürdigkeit gefehlt. Das Papier ist ein Seitenhieb ge- gen Parteichef Gabriel, der die Sozialdemokraten in der Mitte positionieren und im kommenden Bundestags- wahlkampf auf die Forde- rung nach Steuererhöhungen verzichten will. gor

Schmidt
Schmidt

Landwirtschaft

Milchbauern können hoffen

Bundeslandwirtschaftsminis-

ter Christian Schmidt (CSU) will beim Krisengipfel der EU-Agrarminister an diesem Montag in Brüssel verhin- dern, dass die EU-Kommis- sion Überschüsse im Agrar- budget zweckentfremdet. Die Mittel in Höhe von bis zu zwei Milliarden Euro sollen den Plänen der Kommission zufolge unter anderem für die Bekämpfung der Flüchtlings- krise ausgegeben werden. Die Mitgliedstaaten, allen vo- ran Deutschland, wollen da- gegen durchsetzen, dass mit

dem Geld die unter dem nied- rigen Weltmarktpreis leiden- den Milchbauern unterstützt werden. Er werde sich dafür einsetzen, kündigte Schmidt an, „dass die von den Land- wirten erbrachten, unerwar- tet hohen Beiträge durch die Superabgabe bei Milch in die Landwirtschaft zurückflie- ßen“. Unterstützung erhalten die Milchbauern auch in Brüssel. So fordert die kon- servative EVP-Fraktion im EU-Parlament in einem Brief den irischen EU-Agrarkom- missar Phil Hogan auf, jene 900 Millionen Euro freizuge- ben, die als Strafe für Verstö- ße gegen die Milchquote ein- gesammelt wurden. csc, pau

FOTO: PHILIP-FROWEIN / DER SPIEGEL

Deutschland investigativ

Deutschland investigativ Der Augenzeuge „Plötzlich ist es tief“ Carsten Mücke, 46, ist Einsatzleiter der Deutschen

Der Augenzeuge

„Plötzlich ist es tief“

Carsten Mücke, 46, ist Einsatzleiter der Deutschen Lebens- Rettungs-Gesellschaft (DLRG) am Bodensee, in dem in die- sem Jahr schon mindestens 16 Menschen ertranken – knapp doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2014. Er er- klärt, warum Senioren und Kinder besonders gefährdet sind – und grundsätzlich bei jedem Badeopfer die Reanima- tion versucht wird.

„Wenn wir nach dem Notruf mit einem unserer Ret- tungsboote oder -fahrzeuge an den Einsatzort kommen, sehen wir meistens erst einmal gar nichts. Die Baden- den, die uns gemeldet wurden, sind dann in der Regel schon untergegangen. Aus dem Rettungshubschrauber, der meist zur Unterstützung angefordert wird, sind Kör- per besser zu entdecken. Wenn das Wasser ruhig ist, sieht man von dort oben aus bis in eine Tiefe von fünf bis acht Metern. Finden unsere Taucher mithilfe der Luftunterstützung denjenigen, der ertrunken ist, dann versuchen wir nach der Bergung grundsätzlich, ihn wiederzubeleben. Wur- de ein Mensch fünf Minuten lang nicht mit Sauerstoff versorgt, ist es zwar meist zu spät, aber es gab auch schon erfolgreiche Reanimationen nach längerer Zeit. In diesem Sommer passierten wegen des warmen Wet- ters besonders viele tödliche Unfälle. Nach unseren Sta- tistiken sind 80 Prozent der Verunglückten Männer, da- runter viele Senioren über 70. Das mag daran liegen, dass Männer jeden Alters ein höheres Risiko eingehen, zum Beispiel, um zu einer Badeplattform zu gelangen. Manche haben auch die irrige Idee, den See von Fried- richshafen bis nach Romanshorn zu durchqueren. Die Strecke ist rund zwölf Kilometer lang und eignet sich nur für trainierte Schwimmer. Der See mit seinen Strö- mungen, Wellen und dem Schiffsverkehr ist anders als ein Schwimmbad. Für Ungeübte ist es schon gefährlich, vom Strandbad ein paar Meter zu weit hinauszu- schwimmen. Kinder, die nicht schwimmen können, ertrinken auch nahe am Ufer. Da reicht ein Loch im Seeboden, und plötzlich ist das Wasser nicht mehr einen halben, son- dern einen Meter tief. Leider gibt es noch immer viele, auch ältere Kinder, die sich nicht sicher im Wasser fort- bewegen können. Das liegt auch daran, dass viele Kom- munen ihre Hallenbäder geschlossen haben, besonders die Lehrschwimmbecken. So haben die Kinder weniger Gelegenheit zu trainieren – und wir haben mehr Opfer.“

Aufgezeichnet von Jan Friedmann

Palliativgesetz

Qualitätsstandards für Kinderhospize

Sterbende Kinder und ihre Familienangehörigen sollen künftig besser versorgt wer- den. So will das Bundesge- sundheitsministerium die ge- setzlichen Krankenkassen verpflichten, mit den Betrei- bern stationärer Kinderhospi- ze bundesweite Standards für Qualität und Leistungen zu vereinbaren. Die Bundes- regierung „prüfe“ derzeit Änderungen des Entwurfs

Straftäter

Weniger Urteile

Die Zahl der verurteilten Straftäter in Baden-Württem- berg hat ihren niedrigsten Stand seit 35 Jahren erreicht. Das geht aus Erhebungen hervor, die das Statistische Landesamt und das Justiz- ministerium in dieser Woche vorstellten. Besonders stark gesunken ist im Vergleich zum Vorjahr der Anteil von Jugendlichen und jungen Er- wachsenen. Von knapp 105000 rechtskräftig Verur- teilten besaßen 35000 keine deutsche Staatsbürgerschaft. Diese Quote ist in den ver- gangenen zehn Jahren gestie- gen, ebenso der Anteil der Frauen. Von allen Angeklag- ten in Baden-Württemberg

für ein Hospiz- und Palliativ- gesetz, heißt es in einer schriftlichen Unterrichtung des Parlaments. Die Nach- besserungen gehen auf Kritik der Bundesländer zurück. Sie hatten in einer Stellung- nahme gefordert, die finan- zielle Situation der Kinder- hospize zu verbessern. Sie seien „völlig anders konzep- tioniert“ als Erwachsenen- hospize und dienten anders als diese vor allem dazu, die betroffenen Familien und Geschwisterkinder zu beglei- ten. cos

Rechtskräftig Verurteilte in Baden-Württemberg

2004

125296

2014 104826 Veränderung 2014 Verurteilte… gegenüber Vorjahr … Ausländer +6,5% … Jugendliche –16,0 % 14
2014
104826
Veränderung 2014
Verurteilte…
gegenüber Vorjahr
… Ausländer
+6,5%
… Jugendliche
–16,0 %
14
bis unter 18 Jahre
junge Erwachsene
–8,1%
18 bis unter 21 Jahre
Quelle: Statistisches Landesamt
Baden-Württemberg

werden im langjährigen Mit- tel rund 85 Prozent rechts- kräftig verurteilt. fri

Internet

Mehr WLAN für alle

Künftig soll es für Internet- provider in Deutschland ein- facher werden, offene WLAN-Netze anzubieten. Am 16. September will das Bundeskabinett einen Ge- setzentwurf verabschieden, der die umstrittene „Störer- haftung“ von Providern be- seitigt. Derzeit scheitern großflächige WLAN-Netze daran, dass die Anbieter nach deutschem Gesetz für Rechtsverstöße ihrer Nutzer haftbar gemacht werden kön- nen. Diese Haftung hat durch die Flüchtlingskrise eine zusätzliche Bedeutung

erhalten: Das Rechtsrisiko verhindert häufig kostenlose WLAN-Netze in Flüchtlings- unterkünften. Der Gesetzent- wurf aus dem Hause von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) verschiebt die Haftung etwa für Urheber- rechtsverstöße auf die jewei- ligen Nutzer, wenn sie bei der Herstellung der Netz- werkverbindung einer ent- sprechenden Erklärung zuge- stimmt haben. Ganz frei sol- len die Netze aber auch künftig nicht sein: Nach dem Gesetzentwurf müssten die Provider ihre Nutzer regis- trieren und für eine Ver- schlüsselung der Verbindun- gen sorgen. ama

SPD-Mann Steinmeier
SPD-Mann Steinmeier

Das Präsidenten-Mikado

Bundespräsidenten Joachim Gauck wird wahrscheinlich keine zweite Amtszeit anstreben. SPD-Chef Gabriel kann sich Außenminister Steinmeier als Nachfolger vorstellen, doch der schwankt. Wird Kanzlerin Merkel ihn unterstützen?

FOTO: THOMAS KÖHLER / PHOTOTHEK.NET

W ieder so ein fürchterlich langer Tag. Der Bundespräsident ist zum Staatsbesuch nach Irland ge-

reist, Dublin, Galway und die Klippen von Moher in drei Tagen. Es ist Mitte Juli und Joachim Gauck urlaubsreif. Er freut sich auf drei Wochen Ausspannen an der Ost- see. Endlich mal nicht Präsident. Der Tag hat mit einem Gesprächskreis zum Thema „Irlands Weg nach der Krise“ begonnen, nun steht er in der Irlandfiliale des Softwareherstellers SAP und schiebt sich mit einem Pulk von Mitarbeitern durch die Büroräume. Sie wollen ihm zeigen, wie moderner Büroalltag aussehen kann, „De- sign Thinking“. Rollende Schreibtische, Pingpongplatten und Tischkicker, very stylish, very „West Coast“, wahnsinnig jung. Gauck hört interessiert zu, dann ent- deckt er das rote Sofa. Von Ikea, sagt einer der SAP-Mitarbei- ter. Es ist ein rotes, gemütliches Sitzmöbel

mit extraweichen Polstern. Ob er, der Bundespräsident, sich da viel- leicht einmal hineinsetzen könne? Dann lässt er sich mit einem leisen Seufzer in die Kissen fallen. Im Januar feierte Gauck seinen 75. Ge- burtstag, er wird nach Ablauf seiner ersten Amtszeit der älteste Präsident sein, den die Republik hatte. Am Ende einer zweiten Amtsperiode wäre er 82. Noch hat er sich nicht offiziell erklärt, ob er im Frühjahr 2017 erneut antritt. Nicht einmal Angela Merkel kenne seine Absichten, heißt es im Kanzleramt. Aber viel spricht dafür, das ihm fünf Jahre im Schloss Bellevue genügen. Die langen Tage im engen Protokollkorsett des Präsidialamts sind Gauck zunehmend eine Last. Seine Entourage versucht, seine Ter- mine so zu legen, dass er sich zwischen- durch ein bisschen erholen kann; sich „frisch machen“ ist die Chiffre des Präsi- dialamts für die Nachmittagsnickerchen des Staatsoberhaupts. So hat in Berlin inzwischen eine Debatte darüber begonnen, wer Gauck nachfolgen könnte. Zwar verbieten sich öffentliche Kommentare, solange der Präsident seine Entscheidung noch nicht verkündet hat. Das gilt als unschicklich. Beim Wettbewerb ums höchste Staatsamt gilt die Regel: Wer sich zuerst rührt, hat verloren. Andererseits aber ist die Sache zu wich- tig, als dass die Parteien nicht schon jetzt mit aller Umsicht Chancen ausloteten. Vor allem in der SPD wird die Bundesversamm- lung im Frühjahr 2017 als günstige Gele- genheit begriffen, endlich wieder einen Genossen ins Schloss Bellevue zu schicken. Der letzte hieß Johannes Rau, seine Amtszeit endete am 30. Juni 2004, das ist inzwischen mehr als elf Jahre her. SPD-Chef Sigmar Gabriel ist fasziniert von der Idee, einen Sozialdemokraten zum Staatsober- haupt zu machen. Gabriels Trumpf ist, dass

die Union im Moment keinen präsentablen Kandidaten hat: Ursula von der Leyens Am- bitionen sind inzwischen zu groß, als dass sich die Verteidigungsministerin mit einem repräsentativen Amt begnügte. Bundes- tagspräsident Norbert Lammert wiederum hat mit seiner gespreizten Eitelkeit so viele Unionsleute gegen sich aufgebracht, dass man ihn für unwählbar hält. Gabriel dagegen hat einen Kandidaten, der allseits Respekt genießt: Frank-Walter Steinmeier. Der Außenminister verfügt über all die Qualitäten, die die Deutschen an einem Staatsoberhaupt schätzen: Er ist besonnen und weltläufig, sein weißes Haupt verleiht ihm die Aura staatsmänni- scher Reife, und auch wenn seine Reden bisweilen etwas steif geraten, so ist wenigs- tens sichergestellt, dass er sich nicht in der

G r ü 1 D n 4 8 P e 6 9 S 3 Zusammensetzung
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Zusammensetzung der
Bundesversammlung
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insgesamt 1262 Stimmen
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jeweils 631 aus Bundestag und Ländern
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Quelle: wahlrecht.de
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FDP 27
Piraten 15
Stand:
30. August
AfD 8
absolute Mehrheit:
632 Stimmen
588
544
Union/FDP
SPD/Grüne
959
640
Union/SPD
SPD/Grüne/Linke
Bis zur Wahl des Bundespräsidenten im Frühjahr 2017
finden in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-
Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin Landtags-
wahlen statt. Umfragen zufolge wird das an der Zusam-
mensetzung der Bundesversammlung wenig ändern.
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Laune eines Moments zu einer unbedach- ten Äußerung hinreißen lässt – was im Fall des Bundespräsidenten immer besonders peinlich ist. Steinmeier könnte es sich auch ganz gut vorstellen, Gaucks Nachfolge anzutreten. Als er vor zwei Jahren gefragt wurde, sagte er noch, der Job sei etwas „für einen Opa“. Vor Kurzem hat er erstmals gegenüber Ver- trauten erkennen lassen, dass er sich mit der Aussicht beschäftigt, ins Schloss Belle- vue einzuziehen. Steinmeier hat immer noch Freude an seiner Arbeit, aber nach insgesamt fast

Deutschland

sechs Jahren im Auswärtigen Amt merkt er, wie begrenzt sein Einfluss ist. Wenn es wirklich wichtig wird, hat Merkel das Sa- gen, das gilt für den Ukrainekrieg genauso wie für die Eurokrise. Wenn schon reprä- sentieren, dann wenigstens nicht als Unter- gebener der Kanzlerin. Wichtiger aber ist, dass Steinmeier einen untrüglichen Sinn für die politische Reali- tät hat: Und die sieht so aus, dass eine Fort- setzung der Großen Koalition eher un- wahrscheinlich ist. Merkels CDU ist im Moment so stark wie lange nicht, und noch einmal werden sich die Grünen kaum ei- nem Bündnis mit der Union verweigern. Das Präsidentenamt könnte Steinmeier da- vor bewahren, im Herbst 2017 auf den Bän- ken der Opposition zu landen. Steinmeier ist nun hin- und hergerissen. Einerseits wäre die Gauck-Nachfolge die Krönung seiner Karriere. Andererseits sieht er aber, mit wie vielen Unwägbarkei- ten eine Kandidatur verbunden wäre. Ohne die Hilfe der Union wird er in der Bundesversammlung nur schwer eine Mehrheit finden. Außerdem ist das Amt

des Bundespräsidenten ein Einschnitt in

das Privatleben. Bis heute stehen seine

Frau, die Verwaltungsrichterin Elke

Büdenbender, und seine Tochter fast nie

öffentlich an seiner Seite. Nur als Stein-

meier seiner Frau vor fünf Jahren eine

Niere spendete, war sie kurz Thema in den Medien. Als First Lady müsste sie auch öffentlich in Erscheinung treten, so war es bislang je- denfalls Usus, und es würde schwer für sie, in ihrem Beruf weiterzuarbeiten. Daniela Schadt gab ihren Job als Zeitungsredak- teurin auf, als ihr Lebensgefährte Gauck im März 2012 gewählt wurde. Steinmeier möchte jedoch vor allem nicht zum Spielball des Parteichefs Ga- briel werden. Denn diesen treiben, das weiß Steinmeier nur zu gut, nicht nur un- eigennützige Motive. Es gibt kaum zwei Politiker der SPD, die so wenig miteinan- der anzufangen wissen. Gabriel sieht in Steinmeier einen übervorsichtigen, ge- radezu unpolitischen Bürokraten. Stein- meier hält den Parteichef für einen unzuverlässigen Politpokerer. Es wurmt Gabriel deshalb umso mehr, dass Stein- meier in allen Umfragen so viel beliebter ist als er selbst. Als Bundespräsident wäre Steinmeier kein Konkurrent mehr, und gleichzeitig könnte Gabriel seinem Vertrauten Martin Schulz einen schönen Posten in der Bun- desregierung verschaffen. Dessen Amtszeit als EU-Parlamentspräsident endet im De- zember 2016, und Schulz hat nicht vor, sich mit einem beschaulichen Leben auf den hinteren Bänken des Bundestags zu begnügen. Deshalb betreibt Gabriel Steinmeiers Kandidatur mehr, als diesem recht sein

FOTO: XINHUA / IMAGO

FOTO: XINHUA / IMAGO Staatsoberhaupt Gauck: Lange Tage im engen Protokollkorsett kann. Der Außenminister bleibt selbst

Staatsoberhaupt Gauck: Lange Tage im engen Protokollkorsett

kann. Der Außenminister bleibt selbst in kleinen Runden einsilbig, wenn es um sei- ne Zukunft geht. Umso mehr ärgert es ihn, dass Parteifreunde ihn ganz unbekümmert ins Gespräch bringen. Steinmeier hält das für verfrüht. Andererseits mag er die De- batte auch nicht mit dem einfachen Satz beenden, dass er nicht Bundespräsident werden will. Dafür ist die Aussicht einfach zu schön. Die Sache ist auch wegen der Lage in der Bundesversammlung so vertrackt. Ei- nerseits verfügt dort die Union über keine eigene Mehrheit, was Gabriel als Chance für die SPD betrachtet. Andererseits kön- nen aber auch die Sozialdemokraten kei- nen Kandidaten durchsetzen, und zwar nicht einmal dann, wenn sie sich mit den Grünen zusammentun (siehe Grafik). Daraus ergeben sich zwei Szenarien: Ent- weder einigen sich Union und SPD auf ei- nen Kandidaten: Steinmeier. Oder sie treten mit einem eigenen Bewerber an und setzen darauf, dass dieser spätestens im dritten Wahlgang gewinnt – wenn eine einfache Mehrheit ausreicht. Merkel könnte also einen Unionskandidaten in der Schlussrun- de durchbringen. Aber es wäre auch mög- lich, dass sich Grüne und Linke am Ende hinter einem Kandidaten Steinmeier ver- sammeln. Dann sähe Merkel dumm aus. Die Bundesversammlung setzt sich zur Hälfte aus den Mitgliedern des Bundestags zusammen, die andere Hälfte kommt aus den Ländern. Bis zur Präsidentenwahl im

Frühjahr 2017 stehen noch fünf Landtags- wahlen an, die Konstellation in der Bun- desversammlung wird sich dadurch aller- dings nur minimal ändern. Denn für die Entsendung der Ländervertreter ist nicht entscheidend, welche Koalition in einem Land regiert, es zählt lediglich das Verhält- nis der Parteien untereinander. Viel wird also davon abhängen, wie sich Merkel entscheidet. Die Kanzlerin hofft zwar, dass Gauck noch einmal antritt. Das würde ihr das heikle Manöver ersparen, weniger als ein Jahr vor der Bundestags- wahl ein neues Staatsoberhaupt zu finden. Danach sieht es aber nicht aus. Bereits seit Monaten tritt Gauck Gerüchten, er werde aufhören, nicht mehr entgegen. Gauck möchte nicht als siecher Mann aus dem Amt getragen werden. Schon heu- te klagt er über Knieprobleme beim Ste- hen und Treppensteigen. Das Protokoll des Amtes und seine Sicherheitsleute sind angehalten, bei der Planung von Auftritten die Wege möglichst kurz zu halten und zu viele Stufen zu meiden. Diskussionsrun- den in stickigen Räumen strengen Gauck an, vor allem wenn sie auf Englisch geführt werden. Auch politisch wäre eine zweite Amts- zeit für Gauck nicht ohne Risiko. Vor drei- einhalb Jahren war er der richtige Mann zur richtigen Zeit. Seine großen Themen waren die Freiheit und Deutschlands Rolle in der Welt; es gelang ihm, Debatten an- zustoßen. Im Oktober wird Gauck seine

lang ersehnte Reise in die USA antreten. Auf die Einladung von Präsident Barack Obama hat er, der überzeugte Transatlan-

tiker, lange gewartet. Wenn er im Frühjahr

2017 aus dem Amt scheiden würde, ginge

er als ein Mann, der ein Gefühl für den ge- glückten Abschied hat. Deswegen wird sich Merkel wohl der delikaten Personalie widmen müssen. Sie

schätzt Steinmeier. Aber sie wird ihn nur dann unterstützen können, wenn klar ist, dass die Große Koalition auch nach der Bundestagswahl fortgesetzt werden soll. Danach sieht es im Moment nicht aus. Bisher hat die Union in der Geschichte der Bundesrepublik nur zweimal darauf

verzichtet, einen eigenen Kandidaten aufzustellen, 1949 bei der Wahl von Theo- dor Heuss und 2012 bei Gauck. Damals blieb Merkel nichts anderes übrig, weil sich SPD, Grüne und die Liberalen schon auf den ehemaligen Bürgerrechtler festgelegt hatten. Eine solche Schlappe würde sich Merkel gern ersparen. Im Kanzleramt denkt man deshalb an einen unabhängigen Kandida- ten, der auch für andere Parteien wählbar ist. 2012 hatte Merkel Andreas Voßkuhle gefragt, den Präsidenten des Bundesver- fassungsgerichts, sich allerdings eine Ab- sage von ihm eingehandelt. Denkbar wäre auch eine Frau, die am Ende von den Grünen mitgewählt werden könnte. Parteichef Cem Özdemir hat intern bereits dafür geworben, sich mit Merkel auf eine weibliche Kandidatin zu einigen. Allerdings hält sich im Kanzleramt die Be- geisterung in Grenzen. Merkel will im Wahlkampf nicht unnötig polarisieren, und nichts würde die Konservativen in der Par- tei mehr aufbringen als ein schwarz-grünes Signal so kurz vor der Wahl. So wird die Sache vor allem ein großes Nervenspiel. Steinmeier wird sich wohl auf ein offenes Rennen einlassen müssen, wenn er wirklich Präsident werden will. Ohne Risiko ist das Amt nicht zu haben. Doch nicht nur Merkel, auch die Sozial- demokraten haben schon erfahren müssen, wie es sich anfühlt, wenn man sich zu sehr in taktischen Spielchen verliert. Bei der Bundesversammlung im Jahr

1994 konnten sich Union und FDP, die da-

mals zusammen regierten, nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen und no- minierten stattdessen Roman Herzog und Hildegard Hamm-Brücher. Für die SPD wäre es die Chance gewe- sen, einen Keil in die Regierung zu treiben

und dafür zu sorgen, dass Hamm-Brücher im dritten Wahlgang den Sieg davonträgt. Stattdessen hielt sie an ihrem Kandidaten Johannes Rau fest – und sorgte so dafür, dass der CSU-Mann Herzog zum ersten Mann im Staat aufstieg.

Matthias Gebauer, Marc Hujer, Ralf Neukirch, René Pfister, Gordon Repinski, Christoph Schult

FOTO: DIETER MAYR / DER SPIEGEL

„Haltet euch fern“ SPIEGEL-Gespräch Kardinal Reinhard Marx, Chef der Bischofs- konferenz und Berater von Papst
„Haltet euch fern“
SPIEGEL-Gespräch Kardinal Reinhard Marx, Chef der Bischofs-
konferenz und Berater von Papst
Franziskus, über Christen und
Ausländerhass, Reformen im Vatikan und die Zukunft der Kirche

Seit März 2014 ist Marx, 62, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Nach Statio- nen in Paderborn und Trier wurde der Sohn eines Schlossers Erzbischof im Bistum Mün- chen und Freising. Der Papst ernannte ihn nach seiner Wahl zu einem seiner Berater.

SPIEGEL: Herr Kardinal, Flüchtlingsheime brennen, ehrenamtliche Helfer und Poli- zisten werden angegriffen, Deutschland erlebt nahezu täglich fremdenfeindliche Ausschreitungen. Geht das die katholische Kirche etwas an? Marx: Für uns ist das entsetzlich, was da pas- siert. Gerade als katholische Kirche sind wir ja universal. Es gibt keine Ausländer für uns, alle Menschen sind Kinder Gottes, auch die, die nicht Christen sind. Deswegen sind sol- che Ausschreitungen eine Schande. Mir tut das physisch weh, wenn ich Leute mit Hit- lergruß und Naziparolen sehe. Für meine Generation, die nach dem Krieg geboren ist und sich mit der Geschichte auseinanderge- setzt hat, ist es unfassbar, dass solche men- schenfeindlichen Parolen in Deutschland heute skandiert werden. Ausländerfeindlich und katholisch zu sein geht nicht zusammen. SPIEGEL: Aber genügen Grundsatz und Theorie? Muss die Stimme der Kirche nicht lauter sein? Marx: Wir sprechen es aus, wir predigen, wir schweigen nicht. Alle Untersuchungen zeigen: Wo Menschen miteinander in Be- rührung kommen, wo sie den anderen er- fahren, wo sie ihm begegnen, wo sie etwas lernen vom Schicksal dieser Familien, geht Fremdenfeindlichkeit zurück. Zum Teil sind es Modernisierungsverlierer, die sich zusammentun und irrationale Ängste auf- bauen, das ist ein Problem. Positiv ist: Vie- le ehrenamtliche Helfer kommen über die Kirchengemeinden. Finanzielle Mittel, Kir- chensteuern und Sachspenden fließen in die Flüchtlingshilfe. Caritas und Diakonie sind überall vor Ort dabei. SPIEGEL: Was sagen Sie den Bürgern, die bei den Nazis mitmarschieren? Marx: Haltet euch unbedingt fern davon! Niemand darf da mitlaufen und den Hass schüren und nachher, wenn es brennt, sa- gen: Das habe ich nicht gewollt. Ein biss- chen Überlegung, ein bisschen Nachden- ken kann man von jedem wachen Bürger erwarten. Das muss man jedem, der in die- sem Land verantwortungsvoll sein bürger- liches Leben führen will, sagen: Du solltest schon überlegen, hinter welcher Fahne und Parole du herläufst, denn dann sitzt du auch mit im Boot. Hassparolen sind inak- zeptabel. Deshalb stimme ich der Bundes- kanzlerin zu, die sagt, sie kann nicht ver- stehen, wie Familien mit Kindern dabei- stehen und den Eindruck erwecken, sie würden das mit allen Folgen unterstützen. SPIEGEL: Es gibt rechte Katholiken, die mit- zündeln, indem sie vom vermeintlichen Untergang des Abendlandes reden.

FOTO: ARNO BURGI / DPA

Marx: Das ist auch die gesamtgesellschaft- liche Entwicklung, die mir Sorge macht. Europaweit nimmt eine Tendenz zu, ich will es vorsichtig formulieren, die etwas „retro“ orientiert und provinziell ist. Diese „Wir wollen unter uns bleiben“-Abgren- zung, diese Schwarz-Weiß-Antworten, die- ser Ruf nach „klare Kante zeigen“. Das ist nicht primär eine religiöse, es ist auch eine politische Bewegung, in einigen Nachbar- ländern vielleicht sogar noch intensiver als bei uns. In kirchlichen Kreisen sollten wir sehr gut aufpassen, wenn einer steile The- sen vertritt. Zündeln am rechten oder lin- ken Rand ist unverantwortlich, für jeden! SPIEGEL: Was sind die Ursachen? Marx: Obwohl ich von Natur aus kein Kul- turpessimist bin, habe ich manchmal den Eindruck, dass auch die Internetkultur das befördert. Ich war ja zunächst selbst be- geistert von den Möglichkeiten, aber jetzt bin ich etwas zurückhaltender mit den so- zialen Netzwerken. Es ist diese Beschleu- nigung der Diskussion, die Verkürzung zur undifferenzierten Schlagwortdebatte, zum Kämpferischen. Das verstärkt die Bildung von Szenen, von Gefolgschaften, von Jün- gerschaften im politischen wie religiösen Feld. Einfache Antworten, kurze Texte for- cieren oft Angriffe und Gegenangriffe und Aggressionen – auch unter der Gürtellinie – gegenüber einzelnen Personen. Was folgt denn auf die Verrohung der Sprache? Ich bedauere es, wenn Katholiken dabei sind. Das darf nicht sein. SPIEGEL: Da sind etliche, die schon lange in angeblich katholischen Foren und Blogs vor sich hin hetzen. Marx: Es gibt eine legitime Bandbreite der Diskussion im Politischen und natürlich auch im Religiösen. Es herrscht Meinungs- freiheit, auch unter Katholiken. Aber es gibt rote Linien. Da muss man als Bischof deutlich werden, wenn die rote Linie über- schritten wird. Wo Ausländerfeindlichkeit erkennbar ist, wo undifferenziert disku- tiert wird, wo mit Schlagworten gearbeitet wird, wo Feindbilder aufgebaut werden, da kann ich keine Diskussion mehr führen. Da muss ich als Bischof sagen, das ist nicht akzeptabel, das ist unchristlich. Es kann auch nicht einfach jemand behaupten, so, jetzt spreche ich mal für die ganze katho- lische Kirche und sage, wo’s langgeht. Das geht nicht, für die ganze Kirche sprechen kann letztlich nur der Papst oder der Bi- schof für sein Bistum, dabei wollen wir bleiben. SPIEGEL: Die Diskussion um eine Verschär- fung des Asylrechts kam auch aus Bayern. Marx: Es muss für alle, die hierherkommen, aus welchen Gründen auch immer, ein fai- res und zügiges Verfahren geben. Aber wir als Kirchen waren immer skeptisch gegen- über der Kategorie „Sicheres Herkunfts- land“. Das hört sich ja so schön beruhigend an, als wäre alles prima. Aber das stimmt

ja nicht. Ich bin auch dagegen, dass man ganz generell sagt, nur weil ihr aus Ar- mutsgründen kommt, seid ihr eigentlich weniger wert und gehört gar nicht hierhin. Wir brauchen ein europäisches Konzept, wie wir mit diesen Herkunftsländern um- gehen, damit sie sich entwickeln können. Das entbindet uns nicht von der Verpflich- tung, auch in diesen Ländern zu helfen. SPIEGEL: Ministerpräsident Horst Seehofer findet, man müsse durch Tempo und Ab- schiebelager das Problem schneller lösen. Marx: Ich kommentiere das nicht. Ich per- sönlich bin nicht der Meinung, dass das Problem langfristig gelöst wird, wenn wir die Daumenschrauben anziehen. Wir müs- sen gemeinsam in Europa überlegen, wie wir die Situation in den Herkunftsländern der Flüchtlinge verbessern können. Kann es noch ein deutsches Interesse geben ohne ein europäisches? Wann, wenn nicht jetzt, könnten wir zeigen, dass wir eine Schick- salsgemeinschaft sind, in der keiner mehr

wir eine Schick- salsgemeinschaft sind, in der keiner mehr Demonstration gegen Kanzerlin Merkel* „Hassparolen sind

Demonstration gegen Kanzerlin Merkel* „Hassparolen sind inakzeptabel“

ohne den anderen leben kann und leben will. Wir müssen einen neuen geistigen Schwung aufbringen für das, was Europa einmal sein soll. Dazu brauchen wir ein frisches Denken, sonst zerbröselt alles in Eigeninteresse. Das macht mir schon Sor- ge, weil ich viel in Europa unterwegs bin, schon seit meiner Jugend. SPIEGEL: Sie sind nun schon lange Berater des Papstes … Marx: … na ja, seit zwei Jahren. Ist ja nur ein Wimpernschlag, gemessen an unserer 2000-jährigen Geschichte. SPIEGEL: Was haben Sie in dieser Zeit be- wirken können? Marx: Ich komme viermal im Jahr drei Tage lang mit acht Kardinälen aus verschiede- nen Kulturen zusammen. Papst Franziskus nimmt sich dann auch die vollen Tage Zeit und hört genau zu. Er ist ein Mensch, der wirklich neugierig ist auf andere Positio- nen. Die Vatikan-Finanzen, insbesondere die Vatikan-Bank … SPIEGEL: … die im Ruf stand, eine Geld- waschanlage der Mafia gewesen zu sein …

* Am 26. August im sächsischen Heidenau. ** Reinhard Marx: „Kirche (über)lebt“. Kösel-Verlag, München; 128 Seiten; 12 Euro.

Deutschland

Marx: … haben wir sehr schnell angepackt. Das ist noch nicht zu Ende, es war aber ein gewaltiger Schritt nach vorn. Und als Koordinator des päpstlichen Wirtschafts- rats kann ich sagen, wir sind seit gut einem Jahr dabei, die gesamte Ökonomie des Va- tikans transparenter zu machen. Wir ver- suchen, den Vatikan-Haushalt 2016 erst- mals entsprechend internationalen Stan- dards vorzulegen. Zum Thema Missbrauch haben wir eine eigene Kommission ge- schaffen, um zu befördern, dass auf welt- kirchlicher Ebene das Bewusstsein dafür wächst und dass präventiv gearbeitet wer- den muss. Jetzt haben wir die Vatikan-Me- dien angepackt, um die oft nebeneinander herlaufenden medialen Aktivitäten zu ko- ordinieren. Dann haben wir natürlich im- mer wieder über Grundsätzliches zur be- vorstehenden Synode im Herbst gespro- chen. Und wir arbeiten ja an einer neuen Konstitution für die Struktur und Arbeits- weise der Kurie. SPIEGEL: Müssen Katholiken nicht allzu ge- duldig sein, bis sich spürbar etwas ändert? Marx: Man kann immer sagen, das hätte alles viel schneller gehen müssen, aber die- se Kritiker machen sich über die Dimen- sionen dessen, was man da nur Schritt für Schritt voranbringen kann, keine Vorstel- lungen. Das sind alles Dinge, die lange lie- gen geblieben sind. Manchmal muss ich mich da schon kneifen und sagen: Wie ist das möglich, dass wir all dies jetzt in einem Beratergremium des Papstes endlich an- gehen können? SPIEGEL: Liegt die Langsamkeit nicht auch an den Bremsern in der Kirche? Wer führt den innerkirchlichen Widerstand gegen den Papst eigentlich an? Marx: (lacht) Gibt es den? Bei mir hat sich noch keiner gemeldet, der sagt, ich bin der Widerstandsführer gegen den Papst, inso- fern kann ich niemanden nennen, der sagt, ich bin „His Majesty’s Most Loyal Opposi- tion“. SPIEGEL: Sie jedenfalls wollen Reformen durchsetzen? Marx: Ich veröffentliche gerade ein kleines Buch über mögliche Reformen, das be- schreibt, wo die Kirche eine Gemeinschaft ist, wie jede andere auch, und wo sie eben anders ist*. Das ist so ähnlich wie bei der Menschwerdung Gottes. Jesus hat ja auch gegessen, getrunken, geschlafen. Er war ein Mensch ohne sichtbaren Heiligen- schein, und doch existierte in diesem einen Menschen die Wirklichkeit Gottes. So ähn- lich ist es auch mit der Kirche. Erst mal gelten in ihr alle menschlichen Gesetze, darunter die der katholischen Soziallehre, des Miteinanderlebens, der effizienten Or- ganisation. Allein das impliziert selbstver- ständlich Reformnotwendigkeiten. Eine Kirche, die sagt, wir sind und bleiben so, wie wir schon immer waren, bei uns soll sich nie etwas ändern, ist wie ein unan-

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tastbares Weltkulturerbe. Die katholische Kirche ist aber weder Museum noch Welt- kulturerbe. Das wäre eine völlig falsche Sicht. Sie muss sich wandeln. Und natür- lich ändert sich durch Reformen der Glau- be nicht. SPIEGEL: Hört sich an, als müssten Sie vie- len Ihrer Leute die Angst vor Reformen nehmen. Marx: Ich jedenfalls habe keine Angst vor Veränderungen. Da bin ich ganz katho- lisch: Ich glaube daran, dass der Herr sel- ber seine Kirche führt. Der Papst hat das auch immer gesagt, letztlich ist er dafür zuständig, dass wir in der Tradition blei- ben. Aber es kann sich viel mehr ändern an äußeren oder rechtlichen Dingen, als manche meinen. Davor darf man nicht zu- rückschrecken. Man sollte mehr Mut ha- ben zu schauen, was ist wirklich das, was nicht veränderlich ist, und was können und müssen wir ändern? Natürlich nicht das Glaubensbekenntnis, das werden wir im- mer so beten, aber wir werden es vielleicht besser verstehen. Ich bin nicht der Revo- lutionär, der sagt, lasst uns die Kirche völ- lig umkrempeln. Aber ich bin froh, dass der Papst den Impuls gegeben hat zur Un- ruhe und zum Reden. Das ist jetzt wirklich ausgebrochen, und das ist gut so und noch nicht zu Ende. SPIEGEL: Können Katholiken von der An- fang Oktober bevorstehenden Bischofs- synode in Rom Reformen erwarten? Marx: Wir können am Ende nur Texte ver- fassen, die dem Papst vorgelegt werden. Er entscheidet dann. Gerade was Ehe und Fa- milie angeht, wird das ein kühnes Unter- fangen, weil hier vieles zusammenkommt:

der Glaube, die Ideale und die ganz unter- schiedlichen Lebenswirklichkeiten der Menschen. Die katholische Kirche ist im- merhin die einzige Institution weltweit, die versucht, eine gemeinsame Überzeugung in diesen Dingen zu finden. Das ist sehr, sehr schwierig. Da müssen wir zunächst einmal mit Respekt aufeinander hören und versuchen, wirklich in der Tradition der Kirche zu schauen: Was ist die Botschaft von Ehe und Familie, und wo können wir heute Weiterentwicklung wagen? Das Zweite Vatikanische Konzil ist uns ja mutig vorangegangen. Es hat den Akzent deutlich verschoben von dem alten Eheverständnis

den Akzent deutlich verschoben von dem alten Eheverständnis Marx, SPIEGEL-Redakteure* „Man sollte mehr Mut haben“

Marx, SPIEGEL-Redakteure* „Man sollte mehr Mut haben“

Marx, SPIEGEL-Redakteure* „Man sollte mehr Mut haben“ Papst Franziskus (r.), Vorgänger Benedikt XVI. „Die

Papst Franziskus (r.), Vorgänger Benedikt XVI. „Die katholische Kirche muss sich wandeln“

als Vertrag hin zu einer Vorstellung von der Ehe als einem Bund zweier Liebender. Ich glaube schon, dass wir hier Schritte wei- tergehen können, aber nicht nach dem rhei- nischen Motto „wir nehmen das mal nicht so genau“. Es geht aber um die grundsätz- liche Frage: Versteht die Kirche unsere Le- benswirklichkeiten, versucht sie, den Men- schen nahe zu sein? Das ist der Punkt, nicht einzelne Ergebnisse, und da geht es um mehr als um Ehe und Familie. SPIEGEL: Nämlich worum? Marx: Es ist nicht gut für eine Bischofs- synode, wenn es Sieger und Besiegte gibt, wenn es darum geht: Wer überstimmt die anderen? Das will der Papst sicher nicht. Die Synode ist auch ein geistlicher Weg. Wir brauchen Einmütigkeit, aber wir brau- chen auch eine gewisse Öffnung, damit man pastoral auf unterschiedliche Situa- tionen reagieren kann. SPIEGEL: Bitte konkret: Welche Lösung kön- nen Katholiken erwarten, die nach einer Scheidung wieder heiraten und bislang da- mit Ausgeschlossene sind? Marx: Wenn jemand einen neuen Partner gefunden hat, darf das nicht bedeuten, dass er automatisch von der Kirche ver- stoßen wird. Es gibt die unterschiedlichs- ten Fälle. Jemand wird schuldlos verlassen, manche leben sich auseinander. Um dem gerecht zu werden, könnte es eine seel- sorgliche Begleitung im Einzelfall geben. Diese Perspektive erwarte ich mir zumin- dest, und es wird ja auch schon vielfach so praktiziert. Wenn man das endlich auch theologisch verantwortlich ausformulieren und offiziell festschreiben könnte, wäre es ein Fortschritt. SPIEGEL: Ändert sich endlich auch die Hal- tung gegenüber Frauen, die abtreiben? Marx: Der jüngste Papstbrief ist auf welt- kirchlicher Ebene eine positive Botschaft des Papstes und eine starke Geste der Barmherzigkeit im Heiligen Jahr. Zur Fra- ge der Absolution bei Abtreibung gilt seit vielen Jahren die Regelung in deutschen Diözesen, dass dem Priester diese im Dringlichkeitsfall und unter der Berück- sichtigung verschiedener Voraussetzungen gestattet ist. SPIEGEL: Was hält der Papst von der deut- schen Kirche? Marx: Ich spreche mit ihm zwar in meinem gebrochenen Italienisch, weil das Deutsche

* Klaus Brinkbäumer und Peter Wensierski in München.

ihm schwerfällt, aber er liest Deutsch. Insofern ist da eine gewisse Nähe. Höl- derlin und andere deutsche Literatur ma- chen ihm viel Freude. Er hat wohl auch einen Besuch in Deutschland nicht ad acta gelegt. Aber ich habe dem Papst gesagt:

Ehe Sie einzelne Länder Europas besu- chen, sollten Sie die europäischen Insti- tutionen besuchen. Mit Benedikt XVI., dem Papst emeritus, treffe ich mich übri- gens auch, ohne dass dann gleich die Pres- se davon erfährt. Wir haben ein gutes Ver- hältnis. SPIEGEL: Wie geht es denn dem 88-jährigen Altpapst? Marx: Ganz gut, geistig völlig wunderbar. Es sind immer herzliche und sehr schöne Gespräche beim Mittagessen, und wir ha- ben viel Freude miteinander. Außerdem ist er ja mein Vorvorgänger hier in Mün- chen, insofern ist er natürlich auch inte- ressiert an den bayerischen Verhältnissen. SPIEGEL: Wenn man sich die Zahl der Kir- chenaustritte ansieht, lässt sich ausrechnen, wann die katholische Kirche, jedenfalls in Deutschland, verschwunden ist. Hat sie dennoch eine Zukunft? Marx: Aber natürlich. Sie sollte widerstän- dig sein und Entschleunigung bringen. Kür- zeste Definition von Religion: Unterbre- chung. Was haben wir denn im Augen- blick? Wir haben eine kapitalistische Evo- lution, die unwidersprochen läuft, und wir sollen uns dem anschließen? Daran ist doch gar nicht zu denken! Wenn man den ökonomischen Imperativ, „alles, was Ge- winn bringt, muss man machen“, und den technologischen Imperativ, „was man tech- nisch machen kann, darf man nicht ver- hindern“, mit einer Moraltheorie des mi- nus malum kombiniert – da sind wir doch im Abgrund! Ich bin nicht gegen Wachs- tum, aber das Bruttoinlandsprodukt sagt doch nicht alles aus über den Fortschritt. Es wird aber alles reduziert auf diese Zahl, auch in Europa. SPIEGEL: Die Kirche als Kontrollorgan? Marx: Warum sollten wir nicht in die Spei- chen greifen? Sollen wir auch noch mit- machen und hinterherlaufen? Nein, nein, da muss man sagen: Jetzt mal schön lang- sam. Was nützen mir Wachstumsraten, wenn wir wie in China mit Gasmasken durch die Städte laufen müssen? Was ist denn das für ein Menschenbild