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Featralblatt fir Okkultismuy, Monatsschrift zur Erforschung der gesamten Geheimwissenschaften. Herausgeber und verantwortlicher Schriftleiter: Max Altmann, Leipzig. XXI_ Jahrgang. | Mai 1928 | Hl. Heft Beitrige und Zuschriften fur das ,Zontralvlatt fur Okkultiomus! sind au richten an detsen Heraus- aber Max Altmann, Lelpzig, Frommsnn- Allen Zuschzifien und Antragen let Antwortporto iantlgen, Die Verfusser haben die in ihren Arbeiten nleder- gelegten Ansichten welhat zu vertreten, Halbjaure.- “ezugsprole ML. 6.— nebst 60 Pry. Porto, flee Ausland Go Pig. Porto. Preis cies oinzolsion Heftes aussor Aboanomont ‘Mx, 1.20 portofrei. Falls om Ende eines Jahrgangs nicht ausdrdcklich Abbestollung exfolgt, gilt der Bezug als flr den nitchsten Jalrgeng verléngert, Anzeigenpreite : 25 Pfg_ die sinspaltig eweispaltigs Miilimeterzeile baw. Zahlungeort und Gerichtestand ist 8. Allo Golisondangen sind an die Verlagsbuchhand- lung Maz Altmann in Leipzig 20 rlehten, Postscheckkonto Nr, 52798, 80 Pig. die en Raum. Uber die physikalische Hypothese in der Astrologie. Von H. Schmidt. Der wesenflichste Stiitzpunkt der astrologischen Disziplinen ist die Behauptung, da von den Sternen Krafte ausgehen, die sich als bestimmende Faktoren des Lebens auf unserer Erde auswirken sollen, So wahrscheinlich diese Annahme an sich erscheint und einmal durch Jahrhunderte alte Erfahrung in der Geschichte und dem Mythus der Vélker erhartet wird, so ist doch der rein expe- rimentelle wissenschaftliche Nachweis jener kosmischen Effluvien bisher nur in bescheidenem Mafse durchfithrbar gewesen. Als un- bedingt gesichert wird eigentlich von wissenschaftlicher Seite aus nur die Tatsache eines Sonnen- und Mondeinflusses, und die- ser auch nur in beschrénktem Mafe, zugestanden. Wenn man auch biologisch heute das Leben auf der Erde, und damit den Menschen, als Energie akkumulierende Einheit ansieht und als dufierst em- ptindlich fiir die verschiedensten Emanationen erkannt hat, so bringt man doch der Astrologie eine gerade dadurch anscheinend am wenigsten begriindete Skepsis entgegen. In Wirklichkeit liegt die wahre Basis dieser Ablehnung durch die orthodoxe Wissen- schaft tiefer und diirfte neben rein methodischen Momenten darin zu suchen sein, daf} die Astrologie sich anmaft, die Zukunft rein individuellen menschlichen Geschehens a priori zu pridestinieren. Dieses aber ist zumindest in der speziellen Form astrologischer Bentrebblatt fur Okkultinmus, XXI. Tabrweng. 3 http://dL.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0485 © Universitatsbibliothek Freiburg 482 Deutung durchaus nicht als wissenschafflich anzusprechen. Dazu kommt die mangelnde objektive Sicherheit der ermittelten Tat- sachen und, was das Wesentliche ist, deren beweisbare Feststellung. Unser ganzes Erkennen ist letzten Endes im Absoluten un- vollkommen und man macht auf Grund dessen jeder wissenschaft- lichen Doktrin gewisse Zugestindnisse. Man mu® sie machen aus dem leidigen Bediirfnisse heraus, die Grenzen des méglichen Er- kennens nicht allzusehr in die Erscheinung trefen zu lassen. Es ist zuzugeben, da man gerade bei der Astrologie in dieser Hinsicht zurzeit noch sehr groBe Zugestindnisse zu machen gezwungen ist, wobei aber 2u beriicksichtigen sein sollte, daB gerade diese Diszi- plin an derartig langwierige Untersuchungen gekniipft ist, die so leicht irgendwelche Urteile nicht zulassen. Hier aber schreckt das mystische Mantelchen und erschwert die Erfassung des Kernes. Es ware daher durchaus zu begriifien, wenn die Astrologie als solche einer Kosmo- bezw. Astropsychik, wie neuerdings vorge- schlagen wurde,') weichen und so eine neue Wissenschaft, die die Beziehungen zwischen Individualfypus und Kosmos ernst und mit wissenschaftlicher Griindlichkeit erforscht, einleitet. Dabei ist von grunds&tzlicher Bedeutung, als was man die neue Doktrin betrachten will; ob als Religion bezw. Religionsphiloso- phie oder als reine experimentelle Naturwissenschaft. Am nachsten liegt hier unstreitig der letztere Weg, denn es erscheint zuniichst durchaus leichter, die Existenz irgend welcher Krafte und Energien zu beweisen, als an der vielleicht einfacheren Hypothese eines Allbewu8tseins oder einer iiber den kosmischen Dingen stehenden, mit allen Attributen der Vollkommenheit ausgestatteten Intelligenz, wo jeder Beweis ausgeschlossen ist, zu erlahmen. Was ist denn die Astropsychik anderes als ein Zusammenwirken planetarischer und kosmischer Energien? Wenn auch das Leben nach Hennig*) mit seiner Zielstrebigkeit und sicher aufbauenden Folgerichtigkeit eigene innere Antriebe haben mu und ihm von aufien nur Bedin- sung, nicht Ursache, gegeben ist, so ist es doch nicht von der Hand zu weisen, da®B gerade diese au®fere Bedingung energetischer Natur ist, ja da® eine zielstrebige Entfaltung nur durch bestimmt prades- tinierte, auferhalb des Individiums liegende Energien méglich ist. Es ist letzten Endes weniger von Bedeutung, ob man die innere Ursache des Lebens als eine Naturkraft, die an chemisch-physika- lische GesetzmaBigkeiten gebunden ist, oder mit Joh. Reinke als 1) 3. Kongrefi fiir Astrologie 1927. 2) Hennig: Wege und Triebkrafte organischer Entfaltung. Naturwissen- schaften 1927. 7. etordere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0486 © Universitatsbibliothek Freiburg = 483 ~ eine kosmische Intelligenz oder als ein iibernatiirliches Wunder, als transzendentalen Vitalismus oder Entelechie, wie Driesch, bezeichnet. Das Wesenflichste ist hier immer der Beweis, und dieser ist, wie oben bereits angedeutet, im Absoluten immer unméglich. Man kann, worauf auch Auerbach®) hinweist, hier nicht erklaren, man kann die Natur in ihrem kausalen Zusammenhange lediglich be- schreiben, und wenn Ernst‘) in einer Betrachtung iiber das mor- phologische Bediirfnis die Ansicht entwickelt, da® man von der Wissenschaft nicht erwarten soll, da sie uns die Ratsel der Natur lést, so ist dem im Absoluten unbedingt beizustimmen. Wenn auch damit auf Erkenntnis an sich verzichtet, indem aller Natur- erklarung eine Grenze gesetzt wird, so diirfte anderseits einleuch- ten, dai der Naturwissenschaftler die hichstmdgliche Anniherung an diesen Grenzwert nur auf experimentellem Wege als méglich erachtet. Hier liegt der wesentliche Unterschied zwischen Philoso- phie und Naturwissenschaft, indem diese durch das Experiment ad oculus demonstratum die Ergebnisse ihrer Forschung aus dem rein subjektiven individuellen Erfassen in das mechanisch registrierte objektive, jederzeit reproduzierbare Beobachtungsfeld verlegt. Hier liegt das wesentlichste hemmende Moment, welches eine Anerken- nung des Okkultismus und damit auch der Astrologie als Natur- wissenschaft wie als Wissenschaft iiberhaupt so aufSerordentlich exschwert. Wie neuerdings die Telepathie in wissenschaftlichen Kreisen in begrenztem Maffe ihre Anerkennung gefunden hat und mit groBter Wahrscheinlichkeit auch in* Kiirze eine hinzureichende Erklarung auf physikalisch-physiologischer Basis finden wird, so ist durch- aus nicht einzusehen, warum nicht auch die Astropsychik, da ja gerade hier die experimentellen Mittel bedeutend giinstiger in Be- zug auf objektive Erforschung fundamentiert sind, eine mehr wis- senschafftliche ErschlieSung finden sollte. Dieses umsomehr, da neuerdings ernstgerichtete astrologische Forscher eine individuell spezialisierte Prognose fiir unzutreffend erachten. So erklart Bethor®) die Vorausstimmung von Ereignissen fiir einen Nativen direkt fiir unmdglich, Wenn er anderseifs darauf hinweist, dafs es ausgeschlossen ist, zu unterscheiden, ob der Native ein Mann, eine Frau, ob Neger oder Mongole oder ein Tier ist, so ware damit jede individuelle Horoskopie im alten Sinne negiert. Ich glaube auf Grund meiner persénlichen Erfahrungen zu- 3) Auerbach: Die einfachste u. vollstiindigste Naturbeschreibg. Scientia 1928. I. 4) Eenst: Das morphologische Bediirfnis. Naturwissenschaften 1926. 48/49. 5) Bethor: Ist Astrologie mdglich? Die Astrologie 1927. Okt./Nov, ait http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0487 © Universitatsbibliothek Freiburg 484 i geben zu kénnen, da tatsachlich im ganz allgemeinen Rahmen, und zwar in physiologisch-energetischer Hinsicht, der astrologischen Prognose gewisse Zugestandnisse gemacht werden kénnen, soweit sie sich auf astronomisch einwandfreie Berechnungen stiitzt. Es wird kein Naturwissenschaftler den Einfluf$ der Sonne, auf den ich spater noch naher einzugehen habe, auf das irdische Geschehen in Abrede stellen, ebensowenig wie der Physiker von heute das Elek- fron als wesentiichsten Bestandteil der Materie ablehnt. Gibt es irgend ein naheliegenderes und, nebenbei bemerkt, wissenschaft- licheres Erklarungsmittel astrologischer Phinomene als eine physi- kalische Hypothese? Ist es da verwunderlich, wenn die Astrologen von heute immer und immer wieder diesen Weg cinschlagen, um hinzureichende plausible Erklarungen fiir den Einflu®8 der Gestirne zu finden? Durchaus nicht, und der Weg an sich ist richtig. Grundsatzlich falsch ist es nur, auf teilweise schlecht fundamentierter Methodik Voraussagungen fiir die Zukunft in scharfer individueller Speziali- siecung zu machen und durch physikalische Begriindungen zu recht- fertigen, Es erscheint durchaus nicht so unmidglich, da® zwischen den Kraftespannungen im Kosmos zurzeit der Geburt eines Men- scher und diesem ein Einflu&verhltnis besteht. Ungeklart ist hier lediglich, ob den einzelnen Planeten und ihren Standen wirklich die speziellen Wirkungen zukommen, die die Astrologie ihnen bei- legt. Das dafiir beigebrachte Beweismaterial ist trotz seines ehr- wiirdigen Alters wissenschafflich wenig auswertbar. Es ist deshalb durchaus Plenk") beizustimmen, wenn er darauf hinweist, als wichfigste Aufgabe wissenschaftlich-astrologischer Ar- beit zunachst einmal die ,,Sicherstellung des Tatbestandes in Angriff zu nehmen und sich mit aller Kraft der Ordnung der noch reichlich verworrenen Phanomene hinzugeben.“ Anderseits aber wird dieses fruchtbar nur méglich sein, wenn man sich vorher einmal iiber die Methodik und den eigentlichen Weg, den-man dabei einschlagen will, klar ist, wobei es durchaus nicht gleichgiltig ist, welche Fr- klarungshypothese man seinen Arbeiten zu Grunde legt. Arbeitet man auf philosophischer Basis, so wird man vorwie- gend sfatistisch an das Problem herangehen, sich der bereits von Ptolemaus gegebenen Unterlagen bedienen und dabei die allge- meinen physikalischen Momente, wie erdmagnetisches Feld, radio- aktive Emanationen der Erde etc., vollkommen vernachlassigen. 6) Dr, Josef Plenk: Einige Gedanken iiber die Wissenschafflichkeit der neuen Astrologie. Ztsch. Sterne und Mensch, Heft 11/12, Jahrg. VIL sgetoraere durch le | http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1927/0488 “- © Universitatsbibliothek Freiburg 485 - Dahingegen wird der Astrophysiker weniger Wert auf das nach alter Methode gewonnene statistische Material legen und zu- nachst von rein energetischer Seite aus, und zwar im vollsten Um- fange, versuchen, sich eine mathematisch physikalische Grundlage zu schaffen, von der aus er den spezialisierten Nachweis der ein- zelnen Energien auf Grund eindeutig festgelegter astronomischer Berechnungen experimentell psychologisch zu fiihren versuchen wird. Die heute gebrauchliche sogenannte ,,mathematische Berech- nung“ der Horoskope ist durchaus nicht so einwandfrei. Solange man nach Placidus de Titus das Himmelsbild ungleich in die Horos- kophauser aufteilt, sind die armen Menschen, die in den Polar- landern geboren werden, iibel daran, denn sie kénnen unter Um- sfanden nur ein bis zwei Hauser als Horoskop bekommen mit aufferordentlich miflichen Planetenverhaltnissen, Auferdem mu8 es am Aquator, beim Ubergang der Nord- zur Siidhalbkugel der Erde, einen Ruck von 12 Stunden geben, damit sich die Theorie ‘thalten kann. Wie steht es nun mit der physikalischen Hypothese an sich in der Astropsychik? Gibt es Unistinde von Bedeutung, die fiir die Haltbarkeit und eventuelle experimentelle Ermittlungsméglichkeit kosmischer Strahlen als das menschliche Leben bedingende Krafte gegeben sind? Spricht man von der Méglichkeit cines Einflusses von Strah- lungen auf den menschlichen Kérper, so mufi die Voraussetzung gegeben sein, daf§ diese auch absorbiert und umgesetzt werden kénnen. Wer kennt nicht die Absorbtionsfahigkeit der mensch- lichen Haut fiir den ultravioletten Spektralbereich des Sonnen- lichtes? Dieses erzeugt in der mienschlichen Haut einen chemischen Stoff mit besonders pradestinierten Eigenschaften, das Ergosterin, welches sogar neuerdings Windaus durch Bestrahlung in Vitamine umwandeln konnte. Wie auSerordentlich reaktionsfahig der mensch- liche Kérper auf bestimmte strahlende Energien ist, zeigen u. a. die leider noch immer auffretenden Verbrennungen durch Réntgen- strahlen, die Heilerfolge mit kiinstlicher HGhensonne und so fort. Man pflegt in der Physiopsychologie den unteren Grenzwert fiir die Reizfahigkeit eines Sinnes als Reizschwelle zu bezeichnen. Die hier gewonnenen Zahlen beweisen deutlich, wie sehr empfind- lich gegen irgend welche Reize in Wirklichkeit die menschlichen Sinne sind. So ist nach Ziehen") die Reizschwelle fiir den Ge- schmack so niedrig, das die Reaktionsprodukte, die eine Strom- 7) Prof. Dr. Ziehen: Leitfaden d. psychologisch. Pinysiologie. Fischer, Jena 1924. http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0489 © Universitatsbibliothek Freiburg — 486 —~ starke von 0,000 156 Ampére auf der benetzten Zunge erzeugt, noch geschmeckt werden. Der Geruch ist noch bedeutend empfindlicher und gestattet fiir Merkaptan noch einen Nachweis durch die Nase, wenn 1 Ltr. Luft nur noch 0,000000000460 gr enthilt, also eine Menge, die wir weder wiegen noch sehen kénnen. Es liegt also physiologisch die Reizschwelle unserer Sinne durchaus nicht so hoch, da8 man mit einiger Berechtigung sagen kénnte, eine Asfro- psychik erscheine unmdglich. Die Einftihrung einer physikalischen Hypothese wird aber noch dadurch bedeutend erleichtert, da der menschliche Kérper in sei- ner biologischen Einheit selbst als gewisse strahlende Energien emittierend erkannt wurde. Es liegt somit auf der Hand, eine Wechselwirkung zwischen Kosmos und Mensch anzunehmen, ohne befiirchten zu miissen, dies nicht begriinden zu kénnen. Ich habe mich®) an anderer Stelle bereits ausfiihrlich iiber das Phanomen der individuellen physiologischen Strahlungen ausgelassen, wes- halb ich hier nur einiges kurz ausfiihren méchte. Als Reichenbach zu seiner Zeit um die Anerkennung seiner Odlehre kampfte, hat er nicht gedacht, dafi diese einmal, wenn auch in anderer Form und unter wesentlichen Einschrankungen seiner damaligen Behauptungen, Geltung erlangen wiirde. So hat Hoffmann ®) unter Nachpriifung der Reichenbachschen Forschungen in einwandfreier Weise experimentell ermittelt, da& der mensch- liche Kérper Energie von den Handen aus emittiert, und diese durch eine besonders konsfruierte Apparatur gemessen. Von Bedeutung ist hier im. Besonderen die Feststellung, dafs eingenommene Nar- kotika (rauchen von Zigarren, oder Alkohol) diese Emanationen beeinflussen. Auch konnte ermittelt werden, dafi diese bei einem jungen Madchen nach Eintritt der ersten Menses rapid sank. Es findet sich hier zu verschiedenen Erfahrungen im Mediumismus eine experimentell begriindete Erklarungsméglichkeit. Ahnliches hat auch der Ziiricher Elektriker K. E. Miiller fest- gestellt, der eine im Kérper vorhandene Energie als Emanation sowohl im Atem als auch in den Fingerenden experimentell nach- weisen konnte. Von besonderem Interesse aber diirften die aut dem IV. Inter- nationalen Kongref fiir Parapsychologie in Paris gemachten Aus- 8) Uber die physikalisch-physiologischen Theorien des Hellsehens etc. Zen- éralblatt #. Okkulftismus, Januar 1928. 9) Alb. Hoffmann: Zur Frage der Biostrahlen, Ztsch. f. krit. Okkultismus 1926, 1/IV. — Dr. A. Wendler: Nachweis einer menschlichen Emanation. Ztsch. f. krit, Okkultismus 1927, III/1 getordere durch le http://dl.ubuni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0490 © Universitatsbibliothek Freiburg 487 filhrungen Prof, Cazzamallis sein. Dieser will sogenannte elektro~ magnetische Gehirnstrahlen, die durch die Denkarbeit bei bestimm- ten Hirnprozessen entstehen und zur Emission gelangen, expe- rimentell mit Hilfe sogenannter Kurzwellenempfanger nachgewiesen haben. Die Wellenlange dieser Strahlen soll bedeutend unter 1 m liegen. Abgesehen davon, da noch nicht geklart ist, ob es sich um Radio oder elektromagnetische Wellen handelt, mu8 darauf hinge- wiesen werden, wie auferordentlich schwierig es sein muf, in der heutigen Zeit, wo hunderte von Wechselstromkabel die Erde durch- ziehen, alle méglichen Funkstationen in den Ather hinausschreien, elektrische Wellen von so geringer Intensitat ursiachlich zu iden- tifizieren. Cazzamalli glaubt aber, allen diesen Einwanden in der Anordnung seiner Versuchsapparatur Rechnung getragen zu haben. Es sei auch noch an die Arbeiten von Alrutz!°), der auf Grund seiner Versuche die Wirksamkeit der Passes bei der Hypnose einer nervés-energetischen Fernwirkung zuschreibt, erinnert. Inte- ressant sind gerade diesbeziiglich die Ausfithrungen Lehmanns"), auf die ich hier nur verweisen kann. Immerhin lat sich mit Sicherheit annehmen, daf der mensch- liche Korper eine gewisse strahlende Energie emittiert und somit diese entweder selbst erzeugt oder von auffen aufnimmt, derart, da die resultierende Emanation als (iberschufstrahlung in Er- scheinung triff. Es scheint aber, als wenn alle physiologischen Prozesse, zu denen ich. vorlaufig auch den Denkprozef rechnen méchte, mehr oder weniger das energetische Gleichgewicht des Kér- pers als Ladungseinheit stéren und so die Emission bedingen. Daf aber ein solcher elektrisch-stationarer Zustand auf duffere ener- getische Einfliisse anspricht, ansprechen muf, ist sicher, woraus eine nicht unbetrachtliche Abhangigkeit von den allgemeinen erd- magnetischen Verhiltnissen, von den energetischen Bedingungen der Atmosphare der naheren oder weiteren Umgebung resultiert. Auf dieser Basis gewinnen die Ausfiihrungen von Dorno!*) iiber die physiologischen Wirkungen der Luftelektrizitat besondere Bedeutung, der feststellte, da die elektrischen Verhiiltnisse in der Atmosphare besonders vor Gewiftern von grof’em physiolo- 10) Alrutz: Neue Strahlen des menschl. Organismus. Herausgegeben von Dr. A. Kronfeld in KI. Schr. 2. Seelenf. Heft 9. 11) Prof. Dr. Lehmann: Aberglaube u. Zauberei. F. Enke, Stuttgart 1925. 12) Prof. Dr. Dorno: Physiologische Wirkungen der Luftelektrizitit. Ztsch. Das Wetter. 12. 1927. http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0491 © Universitatsbibliothek Freiburg 488 - gischen Einfluf sein kénnen. So ermittelte er zusammen mit Kohl- hirster fiir das dortige Versuchsgebiet (Davos-Observatorium), da der menschliche Kérper im Mittel einer Einstrahlungsinten- sitat von 2,3 x 10-5 Amp/cm® seiner Kérperoberflache ausge- setzt ist. Zum Vergleich wird als verwandte Sfromstarke beim nehmen von sogenannten hydroelektrischen Badern 10-? Amp/cm? angegeben. Aus der Potentialdifferenz zwischen der Erde und der Atmosphire und der Leitfahigkeit dieser fiir die elektrischen La- dungen folgt ein dauerndes Strémen negativer Elektrizitat von der Erde zur Atmosphare und positiver von dieser zur Erde. Es re- sultiert also ein elektrischer Strom, dessen Intensitat durch die Ladungsverhiltnisse etc. gegeben und also fiir die einzelnen Teile der Erde durchaus schwankend ist und als Vertikalstrom bezeich- net wird, Der Mensch bildet bekanntlich beim Stehen, Gehen etc. einen Teil der Erdoberflache. Er ragt also quasi in die elektrische At- mosphare hinein, wodurch auch eine starke Deformation der Kraft- linien des Vertikalstromes eintritt. Die Folge ist, wie beim Blitz- ableifer, ein verstarkter Strom. Dorno gibt nun dem Kopf das Potential Null und kommt fiir den vom Menschen ausgehenden luftelektrischen Vertikalstrom auf 10-1? Amp/cm? in der Intensitat und 100 Voltmeter1*) in der Spannung ftir Normaltage. Bei Ge- wittern wurden Steigerungen bis auf 20000 Voltmeter gemessen. Funkenentladungen zwischen Metallplatten sollen sogar noch auf be- deutend hdhere (100 x) Potentialgefalle schlieBen lassen. Die Ansicht, da8 zwischen irgendeinem Punkt am Himmel und der Erde ein Pofentialgefalle und somit ein elektrisches Feld be- steht, wurde bereits zur Mitte des 18, Jahrhunderts gewonnen, aber erst neuerdings in systematischen Untersuchungen experimentell erhartet. Sogar Coulomb wufte bereits, daf’ die atmosphiarische Luft die Elektrizitat leitet. Da aber diese Leitfahigkeit fiir den elektrischen Strom auf einen Gehalt der Luft an ,,Jonen, soge- nannte Elektrizitatstrager, zuriickzufiihren: ist, haben erst Elster und Geitel'*) festgestellt. Bereits Faraday und Hittorf entwickelten eine gleiche Ansicht fiir den Durchgang der Elektrizifat durch Flissigkeiten, die sogenannte ,,Jonentheorie“, welche dann spater fiir die Dissoziationstheorie von Arrhenius als Unterlage diente. Elster und Geitel haben nun experimentell ermittelt, dafs Gase, 38) Voltmeter = Volt pro m Erdentfernung. Fiir allgemeine Verhdltnisse im Mittel 125 Volt/Meter. 14) Elster u. Geitel: Uber die Existenz elektrischer Jonen in det Atmosphiite. Terrestrial Magnetism. and Atmospharic Elektricity 1899, 212—84. sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0492 © Universitatsbibliothek Freiburg 489 also auch die Luft, immer eine minimale Leitfahigkeit besitzen, welche auf einen Gehalt an gewissen elektrisch leitenden Teilchen zurtickgefiihrt wird. Stellt man sich vor, dafs ein Teil der Luft- molekiile bezw. Atome durch irgendeine Ursache in ihre Grund- bestandteile zerlegt oder gespalten werden, so sind diese Triimmer, die Elektronen, das, was als ,,Gas-Jonen“ bezeichnet wird und den wesentlichsten Moment in der Theorie der Luftelektrizitat darstellt, Eine solche Jonisierung der Luft kann die verschiedensten Ur- sachen haben. Die allgemeinste, iiberall und stetig wirkende ist die radioaktive Erdstrahlung, die von den verschiedenen radio- aktiven Substanzen, die in der Erdkruste, den Mauern, Gebauden etc, enthalten sind und hier zerfallend eine sogenannte durchdrin- gende Strahlung aussenden, die die Luft jonisiert. Weiter aber wird eine gasférmige unelektrische Substanz, die Emanation emittiert, welche infolge ihrer eigenen Radioaktivitit bei Mischung mit der Luft diese in positive und negative Elektrizitatstrager, die ,,Gas- jonen", zerlegt und dabei weiter in feste radioaktive Kérper, Induk- tionen genannt, zerfallt, welche sich gern an Staub, Nebeltrdépichen etc, festsetzen, Kondensationskerne bilden und so die Luft weiter jonisieren. . Auch die Sonnenstrahlen, soweit sie in das ultraviolette Spek- tram fallen, erzeugen im oberen Teil der Atmosphire eine Joni- sation. So enthalt nach Dorno%) ein ccm Luft rund 400—800 solcher Jonen bei ca. einer Trillion Molekiile bei normalem Druck. Diese Jonen werden nun von der menschlichen Haut infolge ihres hohen Widerstandes, ca. 1000 bis 10000 Ohm, weniger gut aufge- nommen als efwa beim Atmungsprozefi durch die Schleimhiute. Es resultiert also neben der Sauerstoffatmung auch eine ,,elek- trische* Atmung, welche von wesentlichem physiologischen Einflu® ist. Dorno weist hier auf die Méglichkeit einer Inhalation durch Zerstaéubung negativer Jonen hin, denn eine mit Kahler*®) gemein- sam ausgefiihrte Experimentalstudie bestatigte die bereits von Le- nard!") gefundene Tatsache, da beim Zerstéuben des Wassers die grdKeren Tropfen positive, die kleineren hingegen negative La- dungen tragen. Ist man nun an einem Ort der Atmosphare iiber die Grife des Potentialgefalles sowie der Leitfahigkeit unterrichtet, so kann man die Stromstirke und Stromdichte des Vertikalstromes berechnen. 15) A. a. O. 18) Dr. Kahler u. Dr. Dornow: Uber die Elektrisierung v. Wasser etc. durch Zerstiubung. Annalen dee Physik 1925 Bd. 77 St. 75 ££. 31) Lenard: Wiedemanns Annalen 46. 584. 1892, http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0493 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 490 Es wurde so unter Beriicksichtigung der Verdichtung der Kraft- linien tiber dem menschlichen Kopfe fiir Davos eine Stromstirke von 2x10-° Amp errechnet. Direkte Messungen in der freien At- mosphire ergaben nach Ebert **) fiir eine lineare Antenne von 45 m Hohe ca. 10-9 Amp. pro cm. Daraus resultiert, da also alle in die Atmosphare hineinragenden Gegenstinde stefs einen gewissen Stromdurchgang aufweisen. Dieses ist pflanzénphysiologisch von besonderer Bedeutung, wenn man beriicksichfigt, da® fiir den Ver- tikalstrom nach Dorno*) eine besonders stark ausgepragte Be- ziehung. zur Sonnenstrahlung besteht, deren Gang fiir den Beobach- tungsort dem des Vertikalstromes direkt entgegengesetzt war. Auch L. A. Bauer®*) weist in einem ausfiihrlichen Referat iiber den heutigen Stand der Erforschung der Deriodizitaten in den luft- elektrischen Erscheinungen darauf hin, daf das Potentialgefalle eine fagliche Deriode (nach Weltzeit) aufweist, die auf der ganzen Erde gleichzeitig Maximum und Minimum ergibt. Weiterhin zeigt sich eine jahrliche Periode, deren Maximum auf beiden Halbkugeln in die Zeit von Oktober bis Marz fallt. Die Amplitude der Schwan- kungen vergréfert sich deutlich mit wachsender Sonnenfleckenzahl, sodafi ein Zusammenhang beider Perioden mit der Sonnentitigkeit als sehr wahrscheinlich angenommen werden kann. Wenn man anderseits die Feststellung Dornos beriicksichtigt, da die menschliche Haut zumeist elektrisch-negativ geladen ist, hingegen Haare, Bekleidungsstiicke etc. posifiv, so ergeben sich hier Abhangigkeiten des Individiums von indirekten kosmischen Momenten, die weitreichende Perspektiven zulassen. Der alte Volksaberglaube vom ,,wefterfithligen Menschen", der Zusammen- hang zwischen Narbenschmerzen und Witterung, findet hier einen bedeutenden Stiitzpunkt. (Schlu®B folgt.) 8) Ebert: Lehrbuch der Physik. IL. Bd. 1. Teil. 1920. W. de Gruyter & Co, Leipzig. 19) Dr. Dorno: Studie ber Licht und Luft des Hochgebirges. Vieweg, Braun- schweig 1911. 20) L. A. Bauer: Science 65, 314. Physik. Berichte 19. 1858, 1927. Magische Phanomene des menschlichen Seelenlebens. Von Studienrat Hans Hinig. (Schlu8.) Es hangt mit der Entwicklung zusammen, die die okkulte For- schung in Verbindung mit der modernen Naturwissenschaft genom- sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0494 © Universitatsbibliothek Freiburg 491 men hat, daf ein Teil dieser Vorgange, soweit er sich auf Fernbe- wegung bezieht, auch in dem Laboratorium moderner Forscher einer eingehenden Untersuchung unferzogen worden ist. Das be- trifft natiirlich nur die Telekinesie auf geringe Entfernungen, wah- rend eine solche auf weite Abstande hin bereits im Mittelalter beobachtet worden sind. So kiindigte sich ein somnambules Mad- chen des Professors De Morgan, dem der Auftrag gegeben wurde, sich in ein entferntes Haus zu versetzen, dort durch einen donner- ahnlichen Schlag an der Tiire an, wie festgestellf wurde (Aksakow, Animismus u. Spiritismus, S. 587), und die beriihmte Somnambule Kerners klopfte, von dem Hause ihres Arztes mehrere Hauser ent- fernt, im magnetischen Zustande, sodafi Kerner selbst die Laute itiber seinem Haupte in der Luft hérte. Die Seherin fragte ihn am nachsten Abend, ob sie es bald wieder tun solle, was aber von dem Genannten abgelehnt wurde (S. v. Pr., S. 168). Daf bei solchen Vorgangen das Raunen keine Rolle spielt, geht aus einem Falle hervor, den Kerner im Magikon V 495 mifteilf: Ein in Basel stu- dierender Schweizer besuchte off ein dortiges Haus, wobei man schon an der Art erkannte, wie er die Glocke zog. Als er spater in Berlin erkrankte, dachte er mit grofer Sehnsucht an seine Freunde in Basel, und zu gleicher Zeit — es wurde spater in Berlin nach ihm Nachfrage gehalten — wurde in dem betr. Hause die Glocke ganz nach der Weise des Abwesenden gezogen. Dagegen wurden solche Erscheinungen unter wissenschafflichen Bedingungen erst dann beobachtef, als man die Phanomene des Mediumismus einer ein- gehenden Untersuchung unterzog. Bereits bei den Sitzungen mit Eusapia Palladino am 5. April 1894 in Rom hob sich nach Schrenck- Notzing (Physikalische Phanomene des Mediumismus, Miinchen 1920, S. 55) ein Tisch mit allen 4 Beinen ungefahr 30 Zentimeter hoch, wahrend sie den Tisch nur mit einer Hand beriihrte, wahrend er sich (11. April 1894) unter der Kontrolle von A. Richet sogar 15 Sekunden in der Luft schwankend und schaukelnd erhielt. Sebr bemerkenswert sind auch die Leistungen des Mediums Stanislawa Tomcyk, das zuerst von dem polnischen Forscher Julian Ochoro- wicz beobachtet wurde und mit dem der Miinchener Forscher eine Reihe interessanter Versuche anstellte. Sie fiihrte die Erhebung einer leeren Aluminiumschachtel herbei, nachdem sie kleine mag- netische Striche iiber sie gemacht hatte, die einer Kugel und eines Kaffeeldffels und ahnl, ohne daf irgendwelche Méglichkeit zur Tauschung entdeckt werden konnte. Bei Versuchen in Miinchen wurde von mehreren Beobachtern das Aufleuchten eines weiflichen Fadens festgestellt, der sich von einem Daumen zum andern spannte, http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0495 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 492 und einige der Abbildungen zeigen, da davon die Levitationen beeinflu8t waren. Es war in einem ahnlichen Gebilde eine Alumi- niumkugel eingelegt, wahrend bei anderen Versuchen sogar die Wage davon beeinflu8t war. Die Faden wurden chemisch unter- sucht, wobei ihre Verschiedenheit von Haaren und kinstlichen Ge- bilden wie Seide und Zwirn festgestellt wurde. Sehr bemerkens- wert sind schlieBlich die Wahrnehmungen, die bei Eusapia Palla- dino gemacht wurden: Man glaubte von ihr ausgehend eine Art Auswuchs wahrgenommen zu haben, der sich nach dem betr. Ge- genstand zu ausstreckte, was Schrenck-Notzing mit den Erschei- nungen der Teleplastik vergleicht, und es wurde festgestellt, daf das Gewicht des Mediums im Augenblick der Levitation um das des Tisches zunahm, als ob der Stiitzpunkt fiir die Erhebung im Kérper der Versuchsperson gelegen sei. Zur Erganzung mag auf die Versuche des englischen Forschers W. J. Crafford, Professors der Physik an der Universitat Belfast, mit dem Medium Kathleen Goligher hingewiesen werden, die aller- dings nicht immer die nétigen Sicherungen gegen Tauschung er- kennen lassen, aber zu ganz ahnlichen Ergebnissen wie bei dem Miinchener Gelehrten gefiihrt haben. Auch hier entsprach die Ge- wichtszunahme des Mediums ungefahr dem Gewichte des erhobe- nen Gegenstandes, und die Hohe, bis zu welcher der Tisch stieg, steht nach Cr. in gewissem Verhiltnis zu der Entfernung, welche die Versuchsperson zum Tische hat (Phys, Ph. des Med., S. 122). Aus dem Drucke, der wahrend der Versuche auf die untern Fife des Tisches festgestellt wurde, schliefSt Crafford auf eine Kraft, die unter der Oberflache des Tisches einsetzte. Es soll sich vom Medium aus eine psychische Kraft entwickeln, die sich nach dem Gegenstande hinschiebt und etwa wie der Riissel eines Elephanten verschiedene Bewegungen annehmen kann. In ahnlicher Weise wer- den Klopfténe, die auf dem FuSboden oder unter dem Tische zu entstehen schienen, durch rutenartige Gebilde erklart, die vom Me- dium ausgehen sollten; dice Masse fiithlte sich kalt und klebrig an, was an die ekteoplastischen Produkte Schrenck-Notzings erinnert. Die Wahrnehmungen wurden durch die einer Hellseherin erganzt, die eine dunstartige Substanz bemerkte, welche ganz weif} und dicht wurde. Von der Versuchsperson und den Teilnehmern ging ferner ein grofes Band aus, das im Zusammenhang mit der Substanz unter dem Tische war. So wurden auch verschiedene Formen und Hande bemerkt, die mit dem Stoffe umgingen und die sich schon bei den Versuchen Schrenck-Notzings bemerkbar machten. Die Gréfie der Kraft ist nach ihm direkt proportional der Dichtigkeit der Materie sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0496 © Universitatsbibliothek Freiburg — £3 — in der Kraftlinie vom Medium zum Tische. Die Funktion des Me- diums besteht darin, Materie aus seinem Kérper zu leihen, wah- rend die Teilnehmer psychische Energie zu diesem Vorgange zu liefern haben. Diese psychische Energie ist es, die in oder auf dem Tische angehiuft wird, wobei sie sich mit den Partikeln von Materie verbindet, welche die Tendenz besifzt, in den Kirper des Mediums zu gehen, sodaf} jene erwahnte Gewichtsveranderung eintritt. Es geht aus dem Gesagten hervor, dai diese Vorginge nur zu deutlich an die teleplastischen Produkte erinnern, d. h. an ein bisher unbe- kanntes Projektionsvermigen glauben lassen, wenngleich damit die Frage nach der Telekinesie auf weitere Entfernungen nicht gelést ist. Es kommt in dieser Hinsicht héchstens jene psychische Energie in Betracht, die nach Schrenck-Notzing auch an diesen Phanomenen Anteil haben soll und die bereits bei den Somnambulen eine ge- wisse Rolle spielf, ohne dafi sich bisher Weiteres in dieser Hinsicht feststellen lieBe, Die Erhebung von Tischen ohne sichtbaren Urheber wurde schon vor diesen Versuchen beobachfet, und das sog. Tischriicken, das die Vorstufe dazu darstellt, ist bereits mit der Flutwelle des amerikanischen Spiritismus nach Europa gekommen. Die Kenntnis dieser Vorgange war aber schon bei den antiken Vélkern vorhan- den. So soll schon Apollonios von Thyana bei den Indiern sprechende Tische gesehen haben, wahrend ahnliche Versuche bis in die Neu- zeit herein von den Lamas von Tibet (nach Tscherepaneft s, M. Perty: Die myst. Ersch.,.S. 464), ja sogar von den Indianern (nach Sargent, Perty a. a. O., S. 390) berichtet werden. Bekannt ist auch die Angabe des rémischen Historikers Ammianus Marcellinus, (Buch 29) da® zur Zeit des Kaisers Valens einige griechische Magier versuchten, den Nachfolger dieses Herrschers zu ermitteln. Sie schrieben auf dem Rande einer Schale, die auf dem Tische stand, die 24 Buchstaben des Alphabetes ein, um den Namen mit Hiilfe eines Fadens zu ermitteln, der an einem Holze aufgehangt war. Da sich die Buchstaben Theod .... ergaben, wurden die Magier und ein hervorragender Mann mit Namen Theodor hingerichtet. Der Nachfolger des Kaisers wurde in Wirklichkeit Theodosius. Im Mit- telalter wurde das Tischriicken unter die Zauberei gerechnet, sodaf man gegen klopfende Geister einen besonderen Ritus hatte. Das Problem, das hier vorlag, beschaftigte mit dem Aufkommen des modernen Spiritismus die bedeutendsten Forscher auf diesem Ge- biete, nicht nur Crookes, sondern auch Reichenbach und Flamma- rion (,,Unbekannte Naturkrifte), sowie in Frankreich Ségouin, http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0497 © Universitatsbibliothek Freiburg FG ~ 94 ~ der mit Mongolfier viele Versuche dariiber anstellte und fiir die Wirklichkeit dieser Erscheinung eingetreten ist, Die einfachsten Versuche dieser Art bestehen bekanntlich darin, dafi mehrere Teilnehmer mit einer dazu begabten Versuchsperson um einen Tisch sitzen, dessen Oberflache leicht mit den zu einer geschlossenen Kette vereinigten Fingerspitzen beriihrt werden. Der Tisch antwortet durch Erhebung auf gestellte Fragen, gerat aber unter Umstanden auch in drehende Bewegung und legt dann gré- ere Strecken zuriick, Bemerkenswert ist, dafS eine solche direkte Beriihrung des Tisches durch die Hande nicht zum Gelingen dieser Versuche nétig ist: Schindler (Das magische Geistesleben, S. 322) bewegte einen Tisch, indem er ihn nur mit einer Glasréhre und einem Buche beriihrte, wahrend Crookes die Levitation eines schwe- ren Tisches bei vollem Lichte beobachtete und dabei gleichzeitig die Stellung jedes einzelnen im Auge behielt (Psych. Stud. 1 107). Nach R. Friese (Stimmen aus dem Reiche der Geister, S. 297 ff.) wurde der Tisch von einem schwachen, krinklichen Medium beriihrt, wahrend die Teilnehmer ihre Hande zusammen ungefahr drei Fu tiber der Platte hielten. Obwohl auf dem Tisch ein fast 2 Zentner starker Mann lag, wurde er doch mit ihm 4—5 Zoll in die Hihe ge- hoben, wobei schlieSlich ein férmlicher Kampf zwischen beiden ausgefochten wurde. Auf eine intellektuelle Manifestation weist der Fall hin, den Frau Espérance (Im Reiche der Schatten, S. 88 ff.) beobachtete, wo der Tisch wellenférmig nach einer Melodie bewest wurde, wahrend er sich nach einer Schrift von Schauenburg (Perty a, a. O., S. 403) auf Kommando rechfs und links bewegte, halt- machte etc. So weisen auch die Mitteilungen solcher Tische alle Arter. von Kundgebungen auf von solchen, die sich ohne Miihe auf das UnterbewuBtsein des Mediums bezw. der Teilnehmer zuriick- fahren lieBen, bis zu solchen, wo diese Erklarung nicht mehr aus- reicht und zum mindesten eine Erweiterung im Sinne des Hell- sehens angenommen werden muf: Der russische Reisende T. sah in der transbaikalischen Provinz einen Tisch, der iiber einen Dieb- stah] befragt wurde, mehrere Klafter weit fliegen, bis ein Bauer, der in dieser Richtung wohnte und das bemerkfe, sich das Leben nahm. Die gestohlenen Gegensfande wurden in seinem Hause auf- gefunden. Es lag in der Natur der Sache, daf} man die hier vorliegende Bewegung zuniichst auf die Sitzungsteilnehmer zuriickzuftihren suchte, wobei auSer absichtlichen Tauschungen (durch Haken, die im Armel angebracht werden und die Tischkante zu heben vermé- gen) besonders Muskelbewegung (Faraday, Fechner) als Ursache setordere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0498 © Universitatsbibliothek Freiburg 495 annahm, was aber bei Drehungsversuchen versagt. So versagt auch die Annahme A. Hofmanns, da dabei Pulsschlage den Ausschlag geben, die durch ein magnetisches Feld iibertragen werden, gegen- iiber solchen Fallen volistandig, in denen es sich um vollig selb- stindige Levitationen handelt. Man suchte die Erkldrung auch hier in einer magnetischen Kraft, die in Verbindung mit der Ner- venkraft der Teilnehmer stehen sollte (Nees v. Esenbeck: Beobach- tungen und Betrachtungen aus dem Gebiete des Lebensmagnetis- mus oder Vitalismus, Breslau 1853, Gasparin, Thury u. a.) oder man schrieb dieser Kraft elektromagnetische Natur zu, wahrend nach anderen, wie Hering (Das Tischriicken, Gotha 1853) dabei sogar Erdmagnetismus im Spiele sein soll, der die Eigenschaft haben soll, die im Magnetismus und der Elektrizitaét getrennten Fluiden wieder zu vereinigen, Von diesen Theorien steht jedenfalls das eine fest, da®i die hier tatige Kraft tatsiichlich an den Organismus des Men- schen gebunden ist, wahrend Elektrizitat etc. diese Kraftwirkung bisher noch nicht zu erklaren vermochte. Bemerkenswert sind dabei die Wahrnehmungen einer Sensitiven des Frh. von Reichenbach (Die odische Lohe): Sie bemerkte von den Handen der Sitzungs- teilnehmer Ausstrahlungen, die um so mehr leuchteten, als der Tisch in Bewegung geriet. Er stellte darauf einen solchen Versuch mit acht Sensitiven an: sie schienen alle in schneeweifie Leinwand gekleidet, und auch der Tisch schien mit einem weifSen Tischtuch itberzogen zu sein. Bevor er sich bewegte, hob sich aus seiner Mitte ein leuchtender Klumpen heraus, der schlieSlich bis zu einer leuch- tenden Siule emporstieg und bis an die Decke emporwuchs (Odi- sche Briefe). Eine Hellseherin Schrenck-Notzings nahm eine weif- liche Substanz wahr, und zwar in Verbindung mit einem grofen Band, das aus der linken Seite des Mediums hervorkam und auch von anderen Teiinehmern ausging. So liegt nach de Rochas auch hier die Entaufierung einer Bewegungskraft vor, die vom Nerven- fluidum ausgeht und sodann zur Bildung des Astralkérpers fih- ren kann, soda® nach J. Ochorowicz sich dabei geradezu ein flui- dales Doppelwesen vom Medium loslésen kann. In diesem Sinne k6dnnte man bei den Levitationen an eine Ansammlung von Energie denken, die von den Teilnehmern ausgeht und von ihrem Bewufit- sein gelenkt wird, wobei vielleicht auch jene psychische Energie heranzuziehen ist, die nach Schrenck-Notzing zur Gewichtsvermin- derung des Tisches néfig ist. Zur Erklarung der auf diese Weise erhaltenen Kundgebungen mu® in dem fritheren Sinne zunachst das Bewufitsein dér Teilnehmer und vielleicht sogar eine Art Kollektiv- bewufitsein herangezogen werden, wobei auch jene Erweiterung ins http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0499 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 496 Transzendente offengelassen werden mu. Auch hier kann natiir- lich ein Eingreifen transzendenter Intelligenzen nicht von vorn- herein in Abrede gestellt werden, und man wird in Fallen wie denen von Friese und Frau D’Espérance tatsichlich an einen sol- chen Ursprung dieser Erscheinungen oder an die Wirkung Leben- de. mit Hiilfe des Doppelgangers denken kiénnen. Das Problem gehirt in diesem Sinne in den grofen Zusammenhang, in den bis- her alle diese Phanomene gestellt worden sind und der in der Frage: Animismus oder Spiritismus? seinen Ausgangspunkt hat. Eine eigentiimliche Erganzung erfahren diese Probleme durch die sog. Levitationen im engeren Sinne, bei deren nicht leblose Ge- genstande, wie der zu solchen Versuchen besonders geeignete Tisch, in Betracht kommen, sondern der lebende Mensch. Diese Erschei- nungen, die uns nicht nur aus dem Alferfum, sondern auch aus dem Mittelalter berichtet werden, gehéren ‘mithin in das Gebiet der sog. magischen Fahigkeiten, wenn diese auch mit der Geschichte der Mystik verbunden auftreten. Die mittelalterlichen Mystiker haben, wie schon erwahnt wurde, mitunter eine hohe magische Stufe er- reicht, wenn es auch nur die Aufienseite dieser seelischen Schulung ist, die auf diese Weise in Erscheinung fritt. Leider sind gerade die Berichte aus jener Zeit nicht immer derartig, daf sie jede Még- lichkeit von Tauschung ausschlissen, und wir miissen uns schon an solche aus neuerer Zeif halten, wo derartige Vorginge von ein- wandfreien Zeugen, darunter wissenschaftlich gebildeten, beobach- fet worden sind. Dabei mufi allerdings auf einen Umstand hinge- wiesen werden, der iiberhaupt vielfach hemmend auf die Feststel- lung solcher Erscheinungen wirkt: Da diese, wie es den Anschein hat, im wesentlichen an das Psychische gebunden sind oder von ihm ihren Ausgangspunkt haben, erscheint ein ausschlieBlich auf das Kritische gerichtetes Denkvermégen, das sich von vornherein ablehnend gegen solche Phinomene verhalt, d. h. das im Sinne der Medien Kohnstamus ausschlieflich auf das ordnende und erlebende Unterbewuftsein eingestellt ist, nach alle dem, was wir heute dar- tiber wissen, keineswegs geeignet fiir die Entstehung solcher Phi- nomene, zumal wir ja gar nicht wissen, wieviel z. B. bei einer Mate- rialisation psychische und physische Krafte beteiligt sind. Dagegen scheint die seelische Einstellung des Mittelalters fiir solche Vor- Singe viel giinstiger gewesen zu sein, wobei freilich in vielen Fallen das suggestive Moment (man vergl. Vorgange wie den Kinder- ‘kreuzzug, die Johannismanner u. a.) auSerordentlich in den Vorder- Grund trat und eine genaue Beobachtung solcher Phanomene un- médglich machte, So muf gerade die Sammlung solcher Berichte sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0500 © Universitatsbibliothek Freiburg — 497 — iiber Levitationen, wie sie de Rochas in seinem Buche: ,,Die Gren- zen der Wissenschaft" bietet, mit grofSer Vorsicht gelesen werden, und erst aus neuerer Zeit liegen dariiber einige Mitteilungen vor, die sich kaum durch die gewdhnlichen vorgebrachten Einwande, wit Halluzination und ahnl., erklaren lassen, Ein Vorganger jener Heiligen des Miftelalters, die zugleich tiber ein starkes magisches Vermigen verfiigten, ist in gewissem Sinnc der Neuplatoniker Jamblichus gewesen, von dem berichtet wird, daB er in Extase immer einige Fuf ttber der Erde erhoben worden sei, wahrend sein Haupt glinzend erschien. Im Mittelalter werden Levitationen von der heil. Therese, der heil. Christiane, J. v. Cupertino, Fr. v. Assisi u. a. erzahlt, und zwar mitunter unter Umstinden, die nicht an Selbsttauschung glauben lassen, wenn auch die Uberlieferung davon nicht immer als vollig zuverlassig gelten kann. Der Karmeliter Dominicus soll in Gegenwart des Kénigs Philipp IJ. von Spanien, dessen Gemahlin und vieler hochstehender Personen in die Luft gehoben worden sein, wobei sein Kérper leichter wie eine Feder wurde und, wenn ihn der Kénig anblies, in diese Richtung schwebte (Brandler-Pracht: Lehrbuch zur Entwick- lung der okk. Krafte im Menschen). Der Herzog von Braunschweig soll, als er 1650 nach Assisi kam, durch den Anblick des Heiligen, der iiber dem Boden schwebte, dazu bestimmt worden sein, zum Katholizismus iiberzutreten (Psych. Stud. 4. Jhrg. 24. H. p. 247). Ahnliches wird nach der Frankfurter Zeitung vom 6. Septbr. 1861 (nach der ,,Gegenwart) aus der Marienkirche in Wien berichtet: Wahrend der Predigt erhob sich ein junges Madchen von ungefahr 20 Jahren, das schon bei der ersten Kommunion dieses Phinomen gezeigt hatte, nach der Aussage eines Augenzeugen und von allen gesehen, mehr als 1 Fu® iiber den Boden und verblieb bis zum Schlusse der Predigt in dieser Stellung. (de Rochas: Die Grenzen der Wissenschaft, S. 245), So spielt dieses Phanomen auch bei den Hexenverfolgungen und in der Geschichte des Somnambulismus eine gewisse Rolle.*) Nach den ,,Causes Celébres“ (1738) lautet ein Gutachten iiber ein Fraulein Thévenet von Corbeil, das von dem Erzbischof von Paris eingeholt wurde, daf§ diese nach den Feststellungen 7 oder 8 Ful hoch erhoben wurde und dafi sie sogar ihren Bruder und ihre Warterin bis zu 3 Fu8 erhob, und zwar ohne irgendwelche Stiitz- *) In der Stadt Oudewate ist noch heute eine sog. Hexenwage erhalten, da die Abnahme des Kérpergewichts als Beweis fiir die Schuld dieser ungliidslichen Opfer galt. Zentralblatt fiir Okkultiomus, XXI. Jabrgang. 32 http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0501 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 498 punkt (de Rochas a. a. O., S. 278). Der Superindendent Méller er- z&hit in seiner Beschreibung Freibergs, daB eine Frau in dieser.Stadt, mit Namen Anna Fleischer, die von Krampfen und Visionen heim- gesucht wurde, Sfters mit Gewalt in die Héhe gehoben wurde. In Gegenwart der Diakone Dachsel und.Walburger wurde sie 21/y Ellen horizontal aus dem Bette erhoben, soda} die Anwesenden zu Gott schrieen und sie wieder herabbrachten, da es den Anschein hatte, als ob sie zum Fenster hinausfahren wolle (Perty: Die myst. Erschein., S. 335). Bekannt ist die Mitteilung J. Kerners (,,Seherin von Prevorst"), da seine Somnambule immer im Bade empor- schnellte, wenn man sie unterfauchen wollte, was auch von anderen Somnambulen erzahlt wird. Das Phianomen wurde schlieBlich auch innerhalb der friher erwahnten Untersuchungen tiber die Wirklich- keit der okkulten Erscheinungen dfters beobachtet. U. a. liegt der Bericht iiber das englische Medium Home vor, der vor einer gréfe- ren Anzahl von Zuschauern durch das Fenster hinaus und zum an- deren wieder hineinschwebte (Bormann, Der Schotte Home, S. 71), nachdem er schon vorher Proben dieser magischen Fahigkeit ab- gelegt hatte. De Rochas (,,Die Grenzen der Wissenschaft", S. 147) sah im Jahre 1896 nebst anderen, wie Eusapia Palladino auf einem Stuhle sitzend mit diesem aufgehoben wurde, bis sie ungefahr bis zur Héhe eines daneben stehenden Tisches und darauf auf diesen getragen wurde. Du Prel hatte (,,Die Magische Physik II 7) im Jahre 1856 Gelegenheit, Maria Moere zu sehen, wie sie betend auf dem Bette kniete, wahrend man die Hand unter ihren Knieen durchfithren konnte. Die iibereinstimmenden Erfahrungen aus den verschiedensten Zeiten zeigen nur zu deutlich, daf} auch mit Erklarungsversuchen, wie Halluzination etc., nicht auszukommen ist, obgleich die Berichte iiber die mittelalterlichen Heiligen nicht immer das Zeichen villi- ger Objektivitét tragen. So lieSe sich zwar der Fall aus Wien allenfalls als religidse Suggestion deuten, aber schon der aus Frei- berg scheint sich dieser Erklarung nicht anzupassen, da dann eine Sinnestauschung bei zwei an sich normalen Menschen angenommen werden miifte, wofiir die Wissenschaft bis jetzt den Beweis schul- dig geblieben ist. Selbst wenn hier die Miglichkeit vorlage, von der Ubertragung einer solchen Suggestion auf andere zu reden, so ist doch eine wichtige Erganzung in jener wiederholt festgestellten Gewichtsabnahme der Somnambulen vorhanden, die schon bei den Hexenverfolgungen eine Rolle gespielt hat. Zu diesen Phanomenen liegt ja zum mindesten in der von Schrenck-Notzing beobachteten Krafteverschiebung eine Parallele sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1927/0502 © Universitatsbibliothek Freiburg — 9 — vor, indem nach diesem Gelehrten bei der Erhebung des Tisches dessen materielle Partikeln durch eine psychische Energie in den Organismus des Mediums iiberfiihrt werden, was im Falle der ge- nannten Levitationen eine wenigstens teilweise Entstofflichung des betr. bedeuten wiirde. Ein etwas anderer Erklaérungsversuch kniipft, da bei den genannten Levitationen lebender Personen zunichst ein solcher Organismus nicht vorhanden ist, auf welchen die Stoff- partikeln tibertragen werden kénnten, an die noch spafer zu erwah- nende Fernwirkung im weiteren Sinne an, wobei die Materie als Kraftwirkung aufgefafit wird. So stellte du Prel (,,Die magische Physik“ VIII) die Hypothese auf, daB die Gravitation identisch mit elektrischer Anziehung sei und dafi daher durch den Wechsel des Symptoms der Elektrizitat die Schwerkraft in Levitation um- gewandelt werden kénne. Verwandt damit ist die Theorie von Dr. H. Fricke (Eine neue und einfache Deutung der Schwerkraft, Heck- ner, Wolfenbiittel 1919), nach der die Schwerkraft eine Energiebe- wegung im Weltéther ist, sodaS den Massen eine Energiemenge zugefiihrt oder entzogen werden kann, die sich z, T. in Warme um- setzt. Ohne Zweifel liegt auch in diesen Fallen, wie die Erklarung auch lauten mag, eine psychische und eine physische Funktion vor, und das Problem gehirt, wie es auch lésbar sein mag, in denselben Zusammenhang, in den bereits die magischen Phinomene des menschlichen Seelenlebens gestellt worden sind. Okkulte Reisebriefe. Von Sao Nemo. I. Brief. Magische Praktiken, die ich am Wege fand. Zwei Charaktereigenschaften haben mein Leben bestimmt. Das war einmal ein sténdiges Denken iiber letzte Dinge — ein bestin- diges Suchen und Forschen nach mystischen und okkulten Dingen, und anderseits war es ein unbindiger Reisetrieb und eine Sehn- sucht nach fernen Landern. Wie viele unserer Wiinsche oft erst spat in Erfiillung gehen, so ist es auch mir mit meinem Lieblings- wunsch ergangen. Erst im vorigen Jahr konnte ich Deutschland verlassen, um eine okkulte Forschungsreise anzutreten, die mich durch Italien, Siidfrankreich, Spanien, Afrika und zuriick fithren soll. Zuerst zog es mich nach dem Siiden. Nicht mit Eisenbahnen von Stadt zu Stadt, nicht auf vielbereisten Strafen und ausgetrete- nen Pfaden wollfe ich wandern, sondern unbegangene Wege gehen http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0503 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 500 und in abgelegenen Orten bleiben. Um Land und Leute kennen zu lernen, wollte ich unter der Bevélkerung leben, die teuren Hotels meiden, kurzum, ich wollte Land, Leute und Sitten genauestens kennenlernen. Dabei kamen mir meine bescheidene Lebensfiihrung und meine Sprachkenntnisse trefflich zu statten. Vor allem war es mein okkultes Kénnen, dafi es mir erméglichte, mich iiberall schnell gut Freund zu machen mit diesen einfachen Menschen und manch verstocktes oder schweigsames Menschenkind zum Sprechen zu bringen. Schon in Siidtirol hatte ich mein erstes okkultes Reiseaben- teuer, und es war ein Zigeuner, der es mir vermittelte. Das war unweit von Bozen. Nach einem langen, anstrengenden Marsch traf ich des Abends am Weg einen rastenden Zigeunerstamm. Miide und hungrig war ich geworden und bat diese Leute mir zu erlau- ben, bei ihnen Rast zu halten und meine Konserven an ihrem offe- nen Feuer zu wirmen. Nachdem ich mich gesattigt hatte, kamen wir, gemiitlich um das Feuer sitzend, bald in ein Gesprich, das ich auf okkulte Dinge und insbesondere auf die Wahrsagekunst der Zigeuner lenkte. Einer von ihnen, ein alter Mann mit tiefgefurchtem, verwitter- tem Gesicht und klugen Augen, erbot sich, mir wahrzusagen. Ich streckte ihm meine Hand hin, weil ich wufite, dafi die Handlinien in der Definitionskunst der Zigeuner eine grofe Rolle spielen. Doch er schiittelte den Kopf. Nun geschah folgendes: Mit einem Messer stach er im Grasboden einen Kreis aus, der ungefahr 50 cm Durchmesser hatte, und hob dann den Rasen ab, soda} ein flacher Teller im Boden entstand. Mit einigen geraden Reisern teilte er dann den Kreis in 3 Segmente. Diese 3 entstande- nen Felder sollten, so sagte er, die vergangene Zeit, die Gegenwart und die kommende Zeit darstellen. In jedes Feld schrieb er ein Zeichen, das mir unbekannt war. Nun schiittete er weifSes Mehl in diese Grube, sodaf§ sie aussah wie ein weifer Fleck im griinen Ra- sen, und sfrich dieses glatt. In jedes der 3 Felder mufte ich meine flache Hand driicken und dabei an das Vergangene, das Gegenwar- tige (Wiinsche und Plane) und an das ungewisse Kommende den- ken. Die 3 Handabdriicke zeichneten sich im weiffen Mehl sehr gut ab. Nun nahm der Alte die Asche aus seiner erkalteten Pfeife, das heifst er schiittete mir diese in die hohle linke Hand. So mufite ich sie einige Zeit halfen und dann mit geschlossenen Augen iiber den Kreis verstreuen, Der Alte beugte sich dariiber und begann mein Leben auszu- deuten. Noch nie hat mir jemand so klar meine Vergangenheit, die sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0504 © Universitatsbibliothek Freiburg 501 — reich an gravierenden Erlebnissen war, meine gegenwartige Lage, Wiinsche und Plane, meine Zukunft, soweit ich das bis heute prii- fen kann, beschrieben und vorausgesagt, wie dieser alte Zigeuner mit seiner originellen und seltsamen Methode. Das war ein chiro- mantisch-magisches Divinationsexperiment, denn die Ausdeutung erfolgte dadurch, daf der Alte die schwarzen Flocken der Asche, die auf und zwischen die Linien der Handabdriicke fielen, zuein- ander in Beziehung brachte, d -h. dort, wo sich der Aschenpunkt befand, das jeweilige Erlebnis aus Verbindung von Handlinie und Aschenmarkierungspunkt konstruierte. Es war mir natiirlich sehr interessant zu erfahren, ob die chiromantischen Kenntnisse des Alten denen glichen, die uns iiberliefert sind. In der Tat war das so, mit geringer, unbedeutender Abweichung. Von alldem, was der Alte mir sagte und prophezeite, will ich nicht weiter sprechen, nur feststellen méchte ich, da er jede Ein- zelheit aus meiner Vergangenheit sagen konnte, daS8 er meine damaligen Plaine und Wiinsche kannte und da®S das, was er mir vorausgesagt hat —- ein Jahr und efliche Monate sind seit dieser Begebenheit verflossen --- bis in das Kleinste eingetroffen ist. Ich selbst treibe auch Chiromantie und kenne die chiromantischen Ge- setze. Ich habe mich oft der obig beschriebenen originellen Methode bedient, wenn ich aut meiner Wanderung eines guten Rates be- diirftig war. Dabei kam ich zu guten Resultaten, ob ich nun im Freien an einem Grasloch oder im Zimmer mit einer runden Schiis- sel experimentierte, obwohl seltsamerweise im Freien bessere Re- sultate erzielt werden kénnen. Heute, wo ich dieses Experiment veréffentliche, wiinsche ich, daB® viele Chiromanten und Anhanger der Magie davon Nutzen haben michten, und lade die Kompetenten auf diesem Gebiet ein, nach erfolgter Nachpriifung, zur Bereicherung meines Materials und zum Nutzen aller Okkultisten, im Z. f. O. oder mir persénlich iiber ihre Erfahrungen zu berichten. Kundgebungen aus dem Jenseits. Von Oskar Schlemmer, (Schluk.) Aksakow gibt ais Merkmale spiritistischer Phanomene an: 1. Die Ahnlichkeit eines Phantoms mit dem Verstorbenen, be- sonders wenn es dessen charakteristische Merkmale aufweist. 2, Wenn die Kundgebungen in der dem Medium unbekannten Sprache des Abgeschiedenen erfolgen, z. B. ein Taubstummer von http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0505 © Universitatsbibliothek Freiburg FG — 502 — einem Medium derart Besitz ergreift, dafi es das Taubstummen- alphabet anwendet. 3. Wenn in diesen Kundgebungen der Stil und beliebte Rede- wendungen des Verstorbenen zu erkennen sind. 4, Wenn bei Schreibkundgebungen die Schriffztige des Mediums Gleichheit oder Ahnlichkeit mit denen des Verstorbenen aufweisen, dem normalen Duktus des Mediums aber nicht entsprechen. 5. Wenn ein dem Medium und den Anwesenden unbekannter Verstorbener Details aus seinem Leben gibt, die dann durch Er- hebungen bestatigt werden. Das Zusammentreffen mehrerer solcher Merkmale ist ein Krite- rium fiir eine spiritistische Manifestation. Immerhin ist dabei aut die mégliche telepathische Becinflussung des Mediums Riicksicht zu nehmen. Als am beweiskraftigsten betrachtet Aksakow die Gipsabgiisse von materialisierten Handen. Diese erhalt man folgendermafen: Man fiillt ein GefaS mit kaltem, ein zweites mit warmem Wasser, auf dessen letzferen Oberflache eine Schicht geschmolzenen Para- phins schwimmt. Das Phantom taucht auf Verlangen die materiali- sierte Hand erst in das fliissige Paraphin, dann in das kalte Was- ser. Nach mehrmaliger Wiederholung bildet sich um die Hand ein Paraphinhandschuh. Es ist fiir eine menschliche Hand ganz un- méglich, aus diesem Handschuh herauszukommen, ohne ihn zu zer- stéren, da das Paraphin nicht dehnbar ist und bei der geringsten Gewaltanwendung brechen wiirde. Um herauszukommen muf sich die Hand dematerialisieren. Der zuriickbleibende Handschuh wird sodann mit Gips ausgefiillt, nach dessen Erharten das Paraphin in siedendem Wasser abgeschmolzen wird. Die Gipsform zeigt dann bis ins kleinste Detail die genaue Form der materialisierten Hand mit allen ihren Linien. Intolge Fehlens der Nahte ist eine solche Gips- form dem Bildhauer unerklarlich. Das Gewicht dieses Beweises liegt in der Verschiedenheit der Hand des Mediums und der Gipshand. Zum erstenmale erzielte Professor Denton im Jahre 1875 einen derartigen GipsabguB; spi- ter soll er solche sogar in einem verschlossenen Kasten erzielt ha- ben. Inzwischen sind viele solche Abgiisse unter den verschieden- sten Bedingungen erzeugt worden, und viele wurden von Ange- hérigen auf Grund charakteristischer Merkmale als Hande ihnen nahestehender Verstorbener erkannt. Das mag fiir die Betreffenden iiberzeugend sein, ist aber kein vollgiiltiger Beweis. Dieser ware erst dann erbracht, wenn von der Hand des lebenden Menschen ein Abguf vorhanden gewesen wire, der dann durch die daktyloskopi- sgetordere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0506 © Universitatsbibliothek Freiburg — 503 — sche Untersuchung vollkommene Uibereinstimmung in Bezug auf GréGe, Struktur und die Handlinien mit dem Materialisationsab- guB ergeben hatte. Immerhin ist anzunehmen, daf} die produzierten Gipsabgiisse tatsachlich Materialisationsprodukte der Hande ehe- mals lebender Menschen sind, da es ganz unbegreiflich erscheint, wie das Medium aus sich heraus Hande der verschiedensten Form mit einem komplizierten System von Handlinien, die der Hand ent- sprechen miissen, erzeugen kann. Aksakow meint auch, da8 man intellektuelle Kundgebungen, die iiber das geistige Niveau des Mediums hinausgehen, als spiritisti- sche Phanomene ansprechen kénnte. Dazu sagt du Prel: ,,Wenn man liest, daB der von Charles Dickens unvollendet hinterlassene Roman ,,Erwin Drood“ durch ein ungebildefes, psychographisches Medium in einer Weise vollendet wurde, wie es nach Ansicht kom~- petenter Beurteiler Dickens selbst nicht besser hatte tun kénnen, so ist damit zwar noch nicht die Autorschaft des letzteren bewiesen, Aber jedenfalls kann man nicht mehr mit Hartmann sagen, dafi die geistigen Kundgebungen nie iiber die Fahigkeiten des Mediums und der Zuschauer hinausgehen. Dieses und andere widerlegen die Ein- wande der Gegner des Spiritismus, daf} spiritistische Kundgebungen stets einen lappischen Charakter triigen und die Schreibmedien meistens Unsinn zu Tage fdrderten. Wenn bei solchen Sitzungen meistens einfache, off kindische Dinge vorkommen, so muf} man sich vor Augen halten, daf} der Tod das geistige Niveau eines Men- schen nicht verandert. Die intellektuelicn Kundgebungen eines aka- demischen Lehrers und dié eines Analphabeten werden also grund- verschieden sein. Man mu auch bedenken, mit welchen Schwierig- keiten Wesen der vierten Dimension zu kampfen haben, um sich in der dreidimensionalen Welt zu manifestieren. Die Qualitat der erzielten Phanomene und der sich einfithrenden Spirits hangt auch vielfach von den Eigenschaften der Sitzungsteilnehmer und deren Verhalten ab. Wir miissen uns jeden Teilnehmer als das Element einer Batterie vorstellen, welche dazu dient, das Medium in den zur Erzielung der gestellten Aufgaben ndtigen Zustand zu ver- setzen. Der ernste Wille, die Wahrheit zu erforschen, wirkt fér- dernd, wobei Zweifel durchaus nicht ausgeschaltet ist. Dagegen wirkt der feste Vorsatz, alles Wahrgenommene fiir Schwindel zu halten, ungemein hemmend.* Uber das Sprechen und Schreiben fremder Sprachen durch Medien zitiert du Pre! den Bericht eines Dr. med. Wolfe iiber das Medium Mansfield. Dr. Wolfe schreibt: ,,lch habe Mansfield zwei Kommunikationen (Mitteilungen Verstorbener) in demselben Au- http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0507 © Universitatsbibliothek Freiburg FG — 504 — genblick schreiben gesehen, die eine mit der rechten, die andere mit der linken Hand, und beide in einer Sprache, von der er keine Kenntnis hatte. Dabei hat er sich mit mir tiber Geschaftsange- legenheiten unterhalten. In einem Falle erinnere ich mich deutlich, dai Mr. Mansfield, wahrend er mit zwei Handen in zwei Sprachen schrieb, mir sagte: ,,Wolfe, haben Sie einen Mann in Columbia ge- kannt namens Jacobs?“ -- Ich antwortete bejahend, und er fuhr fort: ,,Dieser ist hier und wiinscht Sie wissen zu lassen, da® er diesen Morgen von seinem Kirper abgeschieden ist.* Diese Ankiin- digung erwies sich als wahr. Fiir das Sprechen und Schreiben von dem Medium unbekannten Sprachen oder das Verfassen von iiber dessen Bildungsgrad hinaus- gehenden, seinem Ideenkreis oft ganz fremden Aufs&tzen, fiir das nachgewiesenermafien nichterlernte Spiel von Instrumenten gibt es aber auch aufier der von mir bereits gegebenen Erklarung nach der okkulten Lehre noch andere. Inspiration durch Abgeschiedene ist nur dann anzunehmen, wenn die Mitteilungen in der Sprache des Mediums und mit dessen Schriftziigen erfolgen. Diese Erklarung versagt aber beim Spielen von Instrumenten. Da finden wir nun in der Apostelgeschichte Vers 4—8: ,,Und sie wurden voll des heili- gen Geistes und fingen an zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab zu sprechen. Sie (die Zuhdrer) entsetzten sich aber alle, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht alle, die da reden, aus Galiléa? Wie héren wir denn ein Jeglicher seine Sprache, darin wir geboren sind?“ Das Wunder findet also seine Erklirung in der Besitznahme durch den heiligen Geist. Vergleichen wir nun diesen Fall mit der Erzihlung Aksakows von der Tochter des Richters Edmonds, die im Normalzustande nur englisch und ein wenig franzdsisch sprach, manchmal aber in 9—10 Sprachen stundenlang mit der gréSten Fertigkeit redete, wobei sie sogar das Taubstummen- und das Telegraphenalphabet beniitzte. Ferner berichtet er von der 13jahri- gen Tochter des Gouverneurs von Wiskonsin, dafi diese sich nach Bildung des Zirkels in kithner Halfung ans Klavier setzte und mit dem Vertrauen einer vollendeten Kiinstlerin schwierige Sachen spielte, obgleich sie mangels Gelegenheit zum Untervicht nie Kla- vierspielen gelernt hatte. Diese Falle sind nur durch aus der Latenz gehobene, erlernte Fertigkeiten zu erkléren oder dadurch, dafi ein Spirit von dem Medium Besitz ergreift und sich dessen Kérpers, des Gehirns, der Zunge, der Hinde und Arme bedient, um seinen eigenen Gedanken schrifflichen, sprachlichen oder musikalischen Ausdruck zu geben. Es wire dies also eine Art Besessenheit, welche setoraere dure le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0508 © Universitatsbibliothek Freiburg 505 Annahme deshalb nicht von der Hand zu weisen ist, weil alle Me- dien erklaren, sie handelten nicht selbst, sondern es wirkte ein Geist durch sie. Unter die Besessenheitsphanomene rechne ich aufer der Schizo- phrenie (Perstnlichkeitsspalftung) auch das Quartalssaufertum. Wenn ein Mann lange Zeitraume hindurch fleifig und geschickt mit Hingebung arbeitet, dabei niichtern und sparsam lebt, jedoch plétz- lich eines Tages alles hinwirft, Unmengen Alkohols vertilgt, dabei exzediert, nicht mehr arbeifet und in sonst gemiedener Gesellschaft in zwei Tagen das mithsam Erworbene verjubelt, also seine ganze Persinlichkeit wie ausgewechselt erscheint, so erscheint mir die im Volke umgehende Deutung: er ist von einem bisen Damon beses- sen! die einleuchtendste. Unter einem solchen kénnte man sich ganz gut einen verstorbenen lasterhaften Menschen vorstellen, der angesichts der Unmiglichkeit, in der anderen Welt seine laster- haften Begierden zu befriedigen, einen Augenblick der Willens- schwiiche beniitzt, um von dem Ungliicklichen Besitz zu ergreifen und ihn zu sonst seiner Natur widerstrebenden Exzessen zu ver- anlassen, um durch den Kirper des Lebenden mitzugeniefsen. (Vgl. Schillemeit: Metamorphose. Altmann, Leipzig.) Auch Falle von Durchdringung der Materie michte ich auf spiritistische Ursachen zuriickfithren. So lie z. B. Prof. Zéllner zwei Ringe aus je einem Stiick verschiedener Hélzer drechseln, reihte diese zusammen mit einem aus einem Darme geschnittenen Darmringe auf einer Darmseite auf und siegelte deren Enden an seinem Experimentiertische an. Nach einer etwa 5 Minuten dauern- den Sitzung bei hellem Sonnenscheine waren die beiden Holzringe von der Darmsaite, vor der Zillner saf, verschwunden und fanden sich um den Miftelteil eines sich in 3 Fife spaltenden Tragers eines anderen Tischchens geschlungen, wahrend der Darmring mit 2 Knoten in die angesiegelte Darmsaite cingekniipft war. Die Darm- saite, die Holzringe und die Tische wiesen trotz genauester Unter- suchung keine Spuren irgendeiner Manipulation auf. Zéllner er- zielte wiederholt Knoten im endlosen Band. Diese Dinge lassen sich m. E. nicht mehr durch Animismus erklaren; ebensowenig das Verschwinden eines Tisches wahrend der Sitzung am hellichten Tage und dessen Wiederauftauchen nach 5 Minuten, indem er mit der Platte zuunterst mit grofer Kraft von der Zimmerdecke herab- schwebte, dabei Zéllner und Slade sehr unsanft an den Kopf stofiend. Die letztere Erscheinung erklare ich mir wie folgt: In meinem letzten Aufsatze *) habe ich am Beispiel des schwingenden elasti- *) Zentralblatt fic Okkultismus. Jahrgang XX1, Heft 10. http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0509 © Universitatsbibliothek Freiburg —~ 306 — schen Stabes dargetan, da® dieser bei heftiger Vibration unsichtbar wird, fiir uns also in die vierte Dimension entweicht. Es ist denk- bar, da® der ganze Tisch oder dessen Teile in unaufgeklarter Weise in solche Schwingungen versetzt wurden, die itiber die Wahrneh- mungsfahigkeit der beobachtenden Augen hinausgingen, wodurch er unsichtbar werden mufte. Fiir die Annahme von Schwingungen spricht der Umstand, da bei der Durchdringung einer Tischplatte durch Miinzen oder beim Kniipfen von Knoten im endlosen Bande stets Warmeentwicklung eintrat. Mangels eines Gegenstiickes in den Erscheinungen des Somnambulismus halte ich eine Erklarung dieser Erscheinungen auf animistischer Grundlage fiir unangebracht. Der franzésische Astronom Flammarion hat in seinem Buche: »Ratsel des Seelenlebens“ 180 Falle von Manifestationen Sterben- der zusammengestellt und erklirt diese durch telepathische Beein- flussung der wahrnehmenden Personen durch Sterbende. Diese so- genannten Anmeldungen aufiern sich teils durch unmotivierte Ge- rausche, unbegriindetes Stehenbleiben von Uhren, Zerspringen von Glasern, das Herabfallen von Bildern, manchmal durch das Er- scheinen des Sterbenden oder nur durch das Hiren von dessen Stimme. Ich halte die telepathische Erklarung nur dort fiir richtig, wo es sich um Televisionen oder Stimmphinomene handelft. Wenn z. B, eine Mutter ihren Sohn unter Schiffstriimern in der Nahe einer’ Koralleninsel mit den Wellen ringen sieht, dabei den angst- vollen Ruf ,,Mutter* hdrt und nach einiger Zeit das gesehene Bild als zur Zeit der Vision mit allen Einzelheiten derselben stattge- funden berichtet wird, so ist dies eine Television. Diese wird her- vorgerufen durch die im Augenblick der Gefahr gesteigerte Denk- und Nerventatigkeit des mit dem Tode Ringenden, aber durch die gesteigerten Schwingungen desselben, die sich der fiir solche Schwin- gungen vielleicht sonst ganz unempfanglichen Mutter in Paris mit- geteilt und dadurch das gleiche Bild in ihr erzeugt hatten, das ihr Sohn zu gleicher Zeit vor Augen hatte. Eine solche Vision unter- scheidef sich von einer Halluzination. So wird eine Gefithlswahr- nehmung ohne auReres Objekt, das sie hervorruft, bezeichnet. Wenn das aufere Objekt vorhanden ist, in diesem Falle der Sterbende, liegt Telepathie, d. i. Gedankeniibertragung, vor. Dagegen halte ich die Beeinflussung von Gegenstinden nur méglich durch ganzliche oder partielle Aussendung des Doppel- gangers (Fluidals), der sich mangels eines Mediums nicht sichtbar machen kann. In Fallen jedoch, wo ein Phantom ohne die seinem Aufenthalt entsprechende Umgebung sichtbar, vielleicht auch von sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0510 © Universitatsbibliothek Freiburg — 307 — anderen Anwesenden gesehen wird, haben wir es nicht mehr mit der Manifestation eines Lebenden sondern mit der eines Abge- schiedenen, einer Geistererscheinung, zu tun. Die Mutter, welche, wie Iilig in seinem Buche,,Ewiges Schweigen?“ berichtef, in Agonie im Bette liegend, ihre 9 Meilen entfernten Kinder besucht, dort von diesen Abschied nimmt und dabei von der Kinderfrau beobachtet wird, dann, nochmals erwachend, von diesem Besuche ihrer Mutter und der Wartefrau erzihlt und dann stirbt, hat ihren Doppel- ganger ausgesandt; ein rein animistischer Vorgang. Dagegen halte ich die Falle XV und XX in Flammarions ,,Rafsel des Seelen- lebens“, in denen, nach den Umstanden zu schlieBen, bereits kurz vorher Gestorbene sich ihren Nachbarn aufterhalb ihres Hauses zeigen, fiir spiritistische Phinomene. Wenn Professor Malfatti be- hauptet, die Aussendung des Doppelgangers sei unméglich, da die Seele auch nicht einen Augenblick zu Lebzeiten den irdischen Kér- per verlassen kénne, und damit alle animistischen Phanomene leugnet, so verwechself er den Fluidal mit der Seele. Diese tritt nicht aus dem Kérper, sondern nur die Feinstoffkirper, wahrend deren dirigierende Prinzipien, die wir unter dem Begriffe Seele zusammenfassen, in ihrem Sitz, dem Blute, bleiben. Die sfarkste Beweiskraft fiir den Spiritismus haben nach Pro- fessor Gatterers Meinung, der ich mich anschliefe, die spontanen Geistererscheinungen, wenn auch den willkiirlich hervorgerufenen ob ihrer grofen Anzahl ein grofies Tatsachenmaterial zu verdanken ist. Wir finden solche Falle in erdriickender Anzahl von den ver- schiedensten Schriftstellern berichtet und kommentiert. Man lese: GGrres ,,Christliche Mystik“, Kerners ,,Blatter aus Prevorst‘, »seherin von Prevorst“, Grabinsky, Raupert, Dr. Kemmerich u.v.a. Am besten und eingehendsten behandelt Johannes Illig in seinem Werke ,,Ewiges Schweigen?“ die schwierige Mateste. Er bespricht mit groer Sachkenntnis darin mehrere verbiirgte Falle, darunter auch einige von ihm jahrelang beobachtete und untersuchte, und kommt dabei zu folgenden interessanten Erklarungen: So wie Tagesereignisse, die uns stark beschaftigen, in unser Traumleben hineinspielen, so halt ex es fiir wahrscheinlich, dafi starke irdische Wiinsche, speziell solche kurz vor dem Tode ge- hegte, imstande sind, nach dem Ableben Zwangshandlungen zu veranlassen, also wie posthypnotische Befehle wirken. Er weist darauf hin, da man bei allen Spukerscheinungen den Eindruck gewinnt, wie wenn die Phantome unter dem Zwange einer fixen Idee immer dieselben, den Beobachtern sinn- und zwecklos vorkom- menden Handlungen ausfiihren wiirden, und teilt die Ansicht du http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0511 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 508 Prels, welcher diese zwangslaufigen Handlungen auf Monoideismus, d. i, das Beherrschtsein von einer fixen Idee, zurtickfiihrt. Damit ware auch eine Erklérung fiir den an Ortlichkeiten gebundenen Spuk gegeben, welcher nach dem Volksglauben aufhért, wenn das betreffende Gebaude abgerissen wird, da die Phantome, denen ja jede geistige Aktivitat fehlt, sich in dem neuen Gebaude nicht mehr zurechtfinden. Als Stiitze dieser Ansicht fiihrt er Prof. Freuds Erklarung der traumatischen Neurose an (Folge von Eisenbahn- unfallen oder ahnlichen Charakters), welche Freud als keine Er- krankung der Nerven, sondern als eine psychische bezeichnet. Das die Krankheit hervorrufende Erlebnis sei im Unterbewufitsein gleichsam fixiert und aduffere sich nur im Traume durch den Zwang zur traumhaften Wiederholung des krank machenden Erlebnisses. Auch Dr. Francks Buch iiber Affektstérungen dient Illig als weitere Besfitigung seiner Ansicht. Jener behandelt die Macht des durcl. ungeliste seelische Konflikte in Bewegung versetzten unter- bewuSten Automatismus und die Auswirkungen des fiir die unter- bewuften Funktionen geltenden Gesetzes der ,,das Gegenteil be- wirkenden Anstrengungen", Nach diesem Gesetz fiihlt sich jeder Patient, der z. B. dem Arzte gegeniiber etwas Peinliches ver- schweigen oder es sich selbst vergessen machen will, durch auto- matische Wiederkehr der Konfliktbilder angetrieben, jemandem gegeniiber ein offenes Bekenntnis abzulegen, d .h. das Gegenteil von dem zu tun, was er gewollt hatte, worauf dann die seelische Erleichterung eintritt. Illig betrachtet meiner Ansicht nach mit Recht die Feststellung der beiden Gelehrten als anwendbar auf die Psychologie der Kundgebungen Verstorbener. Er bezeichnet gerade das sinn- und zwecklose Handeln der Phantome als Beweis fiir die Echtheit der Erscheinungen wnd erklart die postmortalen Handlungen als Fol- gen gewisser Erregungs- und Krankheitszustinde der Seele, die schon an der noch mit dem Kérper verbundenen Psyche festzu- stellen sind und nach der Loslésung der Psyche vom Kérper noch einige Zeit weiterwirken kénnen und immer das gleiche Bild zeigen, bis sie zur Ruhe kommen. Solche Spuke werden am haufigsten auftreten, wo Gewalttaten vorgekommen sind. Die Meisten glauben nicht an Somnambulismus und Spiritis- mus, weil sie nie ein derartiges Erlebnis hatten. Mit demselben Rechte kénnte jemand, der Australien nie gesehen hat, dessen Existenz leugnen, weil er diesen Erdteil nie gesehen hat. Er glaubt aber an seine Existenz, weil sie ihm von vielen glaubwiirdigen Per- sonen bezeugt wird. Ebensowenig diirfen wir aber die Kundge- sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0512 © Universitatsbibliothek Freiburg 509 bungen aus einer anderen Welt fiir unméglich halten, weil wir per- sénlich keine empfingen, denn auch sie werden von einer grofen Zahl Personen, darunter angesehenen Gelehrten, bezeugt. Wenn auch Dr. Bar kiirzlich in einem Aufsatze im ,,Universum“ nachweist, daf sich ein Teil der von Gelehrten beobachteten Phanomene durch Taschenspielerkiinste hervorbringen lat, so ist das noch kein Be- weis dafiir, da sie auch wirklich so zustande kamen. Ich fiir mei- nen Teil habe zu viel Respekt vor Gelehrten wie Zéllner, Weber, Scheibner, Wach, Thiersch, Ludwig, Wundt usw., um thnen zuzu- muten, da® sie, denen es um die Ergriindung der reinen Wahrheit zu tun war, die gemachten Beobachtungen leichtfertig festiert hat- ten, ohne vorher alle Kautelen gegen Betrug zu schaffen. Das ge- schah auch, indem man sogar den damals beriihmtesten Taschen- spieler, Hofkiinstler Bellachini, behufs liberwachung des Mediums und der Vorgange beigezogen hatte. Auch glaube ich nicht, dai die genannten ‘Gelehrten alle zusammen weniger gescheit waren als Dr. Bar, trotz seiner sehr interessanten Ausfiihrungen. Wenn wir uns nun die Frage stellen, wodurch die bisher kon- statierten Tatsachen des Somnambulismus und Spiritismus fiber- haupt verursacht bezw. gegeben sind, so erhalten wir auffer durch die okkulte Lehre auch von Kant in seinen ,,Vorlesungen iiber Psy- chologie“ und in seinen ,,Traumen eines Geistersehers“ wertvollen Aufschluf. In den ersteren bezeichnet er Geburt, Leben und Tod als Zustande der Seele; Geburt und Tod seien Anfang und Ende des menschlichen Lebens, nicht aber der Seele. Mithin bleibe die Substanz der Seele, wenn der Kirper vergeht, also miisse auch die Substanz dagewesen sein, wenn die Seele vergehe. In seinen ,,Trau- men eines Geistersehers“ schrieb Kant auf Grund seiner Erfah- rungen mit Swedenborg: ,,Die menschliche Seele miifte daher schon im gegenwartigen Leben als verkniipft mit zweien Welten zugleich angesehen werden, von welchen sie, sofern sie zur persén- lichen Einheit mit dem Kérper verbunden ist, die materielle Welt allein klar empfindet. Es ist zwar demnach einerlei Subjekt, was der sichtbaren und unsichtbaren Welt zugleich als Glied angehért, aber nicht eben dieselbe Person, weil die Vorstellungen der einen ihrer Beschaffenheit nach keine begleitenden Ideen von der ande- ren Welt sind und daher, was ich als Geist denke, von mir als Mensch nicht erkannt wird, und umgekehrt.“ Damit ist gesagt, da wir Doppelnaturen sind, bestehend aus Subjekt und Persénlichkeit. Unser Kérper ist eine bloSe Erschei- nungsform der Seele, von dieser produziert, um im grobstofflichen Leben einen Trager zu haben. Dieser Trager kann sich aber nur http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0513 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 510 eines kleinen Teils der Schwingungen bewu8t werden, die ihn un- ausgesetzt treffen, und ist daher lediglich imstande, vermdge seiner so beschaffenen Organisation die Welt nach drei Dimensionen zu erfassen und zu messen. Das Vorhandensein héherer Dimensionen geht daraus hervor, dafs Dinge in Erscheinung treten, die im Drei- dimensionalen unméglich sind. Um in einer héheren Dimension zu wirken bedarf es eines mif dieser vertrauten Tragers; das ist die Seele. Diese liegt jedoch nicht im Beleuchtungskreise unseres Bewuftseins, sondern im UnbewuSten. Beweis dessen, da® sich unser ganzer Stoffwechsel unbewuft vollzieht, ohne unsere Inge- renz darauf, was nur durch dic im Unbewuftten liegenden seelischen Funktionen erklarbar ist. Aber auch die Tatsachen des Traumens, des Somnambulismus und der Hypnose beweisen, dafi die seeli- schen Funktionen nur abwechselnd mit den bewuSten in Erschei- nung treten, da diese Funktionen aber von den bewuBten der ganzen Qualitét nach verschieden sind und uns mit der Riickkehr ins sinnliche Bewufitsein wieder unbewuBt werden. Unser Seelen- leben liegt also fiir unser sinnliches Bewufitsein im Unbewufiten; trotzdem ist aber die Seele kein Unbewubtes. Sie beweist uns das im normalen Schlafe, stérker im hypnotischen Tiefschlafe, dem Trancezustande, also immer zu einer Zeit, da das wache Selbst~- bewuBtsein ausgeschaltet ist. Die Ausschaltung des letzteren ist also Bedingung fiir die Erfassung der seelischen Tatigkeit, wobei es allerdings Ausnahmen gibt, Aus der unleugbaren Ahnlichkeit der Erscheinungen des Som- nambulismus mit denen der Geisterwelt geht hervor, daf} wir ver- mdge unserer doppelten Trager, des Kérpers und der Seele, in zwei Welten zugleich leben, welches Doppellebens wir uns im Nor- malzustande nicht bewuft sind. Wir ragen also in die Geisterwelt, wahrend diese umgekehrt in unsere ragt. Da die Wesen der Geis- terwelt Vertrautheit mit unseren dreidimensionalen Verhiltnissen beweisen, ist der Schlu8 erlaubt, da8 sie unseren Zustand und un- sere Sprachen kennengelernt, also in unserer Welt gelebt haben. Durch den Tod, der eine Entleibung der Seele darstellt, werden alle kérperlichen Hemmungen beseitigt und es kann die volle Entfal- tung der seelischen Fahigkeiten erfolgen. Illig weist auch darauf hin, wie einzelne gute Menschen bereits Stunden vor ihrem Tode Fahigkeiten offenbaren, die weit tiber die im Leben bewiesenen hinausgehen. Diese miissen aber bereits zu Lebzeiten dagewesen sein, sie werden durch den Tod nur aus der Latenz gehoben. Wir sehen den analogen Vorgang beim Hypnotisieren. Der Hypnotiseur teilt durch seine Striche seinem Objekt nicht die Fahigkeiten zu, getordere durch dle http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0514 © Universitatsbibliothek Freiburg — S14 die dieses spater entwickelt, sondern schafft durch sie nur die Be- dingungen zu ihrer Entfaltung. Zusammenfassend michte ich sagen, dafs wir vierdimensionale Wesen sind, welche sich freiwillig oder unfreiwillig in die drei- dimensionale Beschrankung begeben haben, vielleicht um notwen- dige Entwicklungsstadien durchzumachen, aus welcher Beschrin- kung wir durch den Tod erlést werden. Keinesfalls ist aber unser Leben mit dem Tode zu Ende. Daraus ergibt sich aber, dai die als Konsequenz der materialistischen Weltanschauung sich ergebende Verantwortungslosigkeit des Individuums nicht existiert, vielmehr dieses alle Folgen seiner Handlungen nach dem Gesetze von Ur- sache und Wirkung zu fragen hat. Dies stets vor Augen, werden wir auch den Weg finden, der uns am schnellsten zum Ziele fiihrt, namlich zur Erlésung von dem Ubel dieses Lebens. In memoriam felis meae. Okkultistische Betrachtungen zum Tode eines Katers. Von Justizrat Kalinowsky. Schén war er und klug, mein Peter, stolz und eigenwillig. Nie habe ich ihn gemiitlich schnurren hiéren wie andere Katzen. In schwarz und weifien Landesfarben prangte sein geschmeidiger Leib, ein schwarzer Strich unter der Nase erinnerte an Charlie Chaplins Schnurrbart. Seine Augen waren der Spiegel seiner Seele, sie funkelten in allen Farben und Gréfen, je nach Flut und Ebbe seiner Gefiihlserregungen. Wild und unbandig sind diese gewesen; wie die Stimmungen des Meeres wechselten sie vor. Héhen zu Tiefen, von unbandiger Wut zu verzweifelter Angst. Und so wech- selnd war auch das Karma dieses Tieres. Auf der StraBe aufgelesen, von einer mitleidigen Seele aus Tierquilerhanden befreit, kam er, etwa 3 Monate alt, durch Zufall zu uns und wurde hier 1‘, Jahre gehatschelt und gepflegt. Aber trotzdem verlief auch hier sein Dasein nicht ohne Wechselfalle. Dreimal stirzte er infolge scines ungestiimen Temperaments und gewagten Kletterkiinste auf Hof und Strafe und dreimal kam er wieder wohlbehalten zu uns. So interessiert er vom Fenster aus das Leben der AuSenwelt betrachtete, so straubte er sich doch auf’s duferste, ins Freie zu gehen und sich mit Seinesgleichen zu fummeln oder sich gar in Liebe zu verbinden. Es war, als ob ihn schlimme Ahnungen er- http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0515 © Universitatsbibliothek Freiburg 512 fiillten, dafi er draufen ein elendes Ende finden wiirde. Das will ich hier erzahlen: Im Dezember dieses Jahres (1927) kamen wieder die periodischen erotischen Regungen seines Geschlechts, deren Erfiillung, so off sie ihm angeboten wurden, er beharrlich keusch verweigerte, tiber ihn und er lief, wie der Onan der Bibel, die Spuren seiner Mannlichkeit iiberall auf den Boden flieBen. Far den Menschen unertragliche Diifte entwickelten sich weithin. Ich wollte ihm einen abschreckenden Denkzettel erteilen und lie® ihn zur Strafe einige Augenblicke ins Freie setzen, indem ich annahm, er wiirde, wie frither stets in solchen Fallen, sich in eine Ecke des Hofes oder in den Keller fliichten, von wo man ihn sofort erreichen konnte. Doch sein Verhangnis wollte es anders. Als nach einigen Minuten die Tiir gedffnet wurde, war er verschwunden. All unser Suchen in Haus und Nachbarschaft war erfolglos. Meiner Frau, die nach einigen Tagen vergeblichen Wartens ihn fiir tot erklirte, sagte ich: Es gibt nur zwei Méglichkeiten, So lange wir nichts von ihm héren, lebt er noch; est er tot, so wird er bei seiner monoi- deistischen Anhinglichkeit an unsere Hauslichkeit ein spukhaftes Zeichen seines postmortalen Zustands gcben. Wie letztere Voraussage eintraf, davon will ich nun berichten, Ein katzenkundiger Nachbar sagte mir, er habe ein unfehlbares Mittel, entlaufene Katzen telepatisch zur Riickkehr zu bewegen: Man miisse zur Nachtzeit dreimal den Namen der Katze in das Ofenrohr rufen und sie auffordern, zuriickzukommen. Am 8. Dezember war unser Peter entlaufen, in der Nacht des 19. Dezember {da meine Frau verreist war, befand ich mich allein in der Schlafstube) fiihrte ich die Beschwérung aus und legte mich dann zu Bett. Ungefahr 10 Minuten spater hérte ich einen leise pfeifenden Ton, der mir wohl auffiel, auf den ich aber nicht be- sonders achtete. Da, nach ungefaéhr weiteren 10 Minuten (ich lag noch vollstindig wach im Bett) erténte in der meiner Schlafstube benachbarten leeren Stube mit geschlossenen Tiiren ein lauter Krach, der mich erschreckt auffahren lief. Da dann alles still war, es sehr kalt und ich miide war, schlief ich bald ein, ohne dem in dem Nachbarzimmer Geschehenen auf den Grund zu gehen. Am anderen Morgen bat ich unsere Stiitze, einmal nachzusehen, ob in dem fraglichen Zimmer irgend eine Veranderung geschehen sei. Sie meinte, sie hatte dort Wasche aufgehangt, dieselbe sei vielleicht von der Leine gefallen. Aber siehe da, sie brachte mir ein kleines Bild (11 cm hoch, 15 cm lang), auf Glas bunt phofographiert, das Wirtshaus des Hexentanzplatzes im Harz darstellend, das mit strah- lenférmig zersplitterter Oberflache, sonst aber unversehrt, am setoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0516 © Universitatsbibliothek Freiburg 513 Boden lag. Und nun die Hauptsache: Das Bild hatte Jahre lang an der Stelle in einer von niemand betretenen Ecke hinter einem Schreibtisch gehangen. Der kleine Nagel, an dem es hing, steckte tief und unbeweglich fest in der Wand, die Kuppe dieses Nagels und die Ose, mit der das Bild an der Nagelkuppe aufgehangt war, alles war unversehrt. Die strahlenférmige Splitterung auf der Glasoberfliche des Bildes zeigte auSerordentliche Ahnlichkeit mit der Rute, mit der ich meinen Peter, wenn er sich ungebiihrlich be- nahm, stefs zu drohen oder auch mal zu schlagen pflegte und fiir die er sich nach geschehener Prozedur sehr interessierte, auch wohl mit ihr spielte, Ich habe keinen Zweifel, es war der letzte Gru} meines Peter als Trost seines Todes. Zur Begriindung meiner Uberzeugung diene folgendes: Alle Kenner des Okkultismus wissen, daf die Nachte der Ad- ventszeit, der Wintersonnenwende, allen mystischen Erscheinungen, besonders Spuk und Wahrfrdumen, giinstig sind und da® gerade Katzen bei derartigen Begebnissen eine grofe Rolle spielen. Sie erscheinen nicht nur als Phautome, sie haben auch ein besonders feines Wahrnehmungsvermégen fiir gcisterhafte Manifestationen. Thre Pradestination zum Spuk erklart sich dadurch, daf sie leider zu den Tieren gehéren, die einem plitzlichen, grausamen Tod aus- gesetzt sind. Die Agypter, die in der Kenntnis alles Okkulten weit bewan- derter waren, wufiten dies wohl; ihnen war die Katze ein heiliges Tier. Sie spielt in Bildern und Symbolen in den Sonnen- und Mondtempeln derselben eine grofe Rolle. Wer sich tiber die tiber- sinnlichen Erscheinungen und Fahigkeiten im Tierreich unterrich- ten will, lese das von dem englischen Schriftsteller Elliot O’Donnell verfafite Buch: Animal ghosts (1912 London). Ein Referat tiber dasselbe tindet sich in der Zeitschrift ,,Ubersinnliche Welt”, 1914, Seite 141. In den Jahrgiangen 1913, 1905, 1901 dieser Zeitschrift finden sich weitere Beitrage iiber okkulte Vorgange in der Tierwelf. Zum Schlu® gestatte man mir noch einige allgemeine Bemer- kungen, einen Blick ins Weite, der allerdings nur fiir Gesinnungs- genossen, nicht fiir die breite Offentlichkeit bestimmt ist. Warum so viel Larm um den Tod eines Katers, wird mancher sagen! Ihm antworte ich: Den ewigen Mysterien des Lebens und Strebens, des Denkens und Fiihlens gegeniiber sind wir Kreaturen alle, Mensch, Tier, Pflanze, ein Nichts! Wir alle leben, wenn wir uns recht besinnen, in Geheimnissen und Wundern, wie Goethe sagt, und eine einzige Getreidedhre auf Zentralblatt flr Okkultismus. XX1. Jabreang, 83 http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0517 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 514 einer weit ausgedehnten Ebene ist nicht wundersamer als ein ein- ziger Kosmos in der Unendlichkeit des Raumes. In dem Augenblick, da wir uns besinnen, daf all’ unser Wis- sen nur eine docta ignorantia, eine gelehrte Unwissenheit, ein Irrtum in Toilette, beziiglich den ewigen Fragen gegeniiber ist, ein Larmen mit dem Schalen, das niemals zum Kern alles Seins vordringt, werden wir auch vor der Bedeutung des Sterbens eines Katers Achtung gewinnen. Schién und treffend sagt Mi Margaret Robson in einem Vortrag iiber unser Thema (in der Dubliner Sek- tion der englischen Gesellschaft fiir psychische Forschung gehalten, Journal of 42 american society for psychical research Januar 1904): »Die psychische Forschung hat gréftenteils das Fortleben des Menschen in Betrachtung gezogen; allein das grofe Problem der Unsterblichkeit geht viel weiter, denn es schliefit auch die Fragen nach den Schicksalen der niederen Organismen ein. Wenn wir an den endlosen Ozean des Lebens um uns denken, der sich in so verschiedenen Formen zeigt, in Pflanzen, Baumen, Tieren aller Art, und schlieflich im Menschen, alles aus derselben Quelle des Lebens stammend -~ und, so fiige ich hinzu, als Einzelwesen nur schein- bar in seiner kérperlich wahrnehmbaren Form existierend, viel- mehr realiter in einen kosmischen Zusammenhang mitten hinein- gestellt in den Komplex aller physikalischen, chemischen, elektri- schen, magnetischen und sonst noch unbekannten Energien - dann befallt uns ein wahrer Taumel. Wir kénnen uns nicht vor- stellen und niemand glaubt es, daf jede Blume, die stirbt, jeder Wurm, der zertreten wird, jeder Vogel, der aus dem Neste fallt, wieder als dasselbe bewufite Wesen leben wird. Aber wenn das Leben unzerstérbar ist, wie wir glauben, was wird, wenn die Pflanze oder das Tier dem physischen Wechsel unterliegt, den wir, ,,Tod“ nennen? Welche Fiille des Stoffes liegt hierin fiir unser Denken. Wir wissen so wenig iiber jene Wesen, die wir ,,niedere Tiere“ nennen. Wir sind von ihnen umgeben, wir gebrauchen sie, wir machen sie zu Freunden und Lieblingen und studieren ihre Ge- wohnheiten. Wissenschaftler haben den Weg der Abstammung von den hichsten zuriick zu den niedersten gezeigt, und doch ist unsere Kenntnis recht schwach, da unsere Mittel, mit diesen Wesen zu verkehren, so sehr beschrankt sind. Wir wissen nicht, wie sie den- ken, und sie kénnen es uns nicht sagen. Wir wissen, daf sie sich untereinander verstandlich machen, aber wir wissen nicht, wie sie es tun. Wir wissen, dafi sie manche Krafte haben, welche bei den Menschen als supranormal betrachtet werden und die wir unter dem Namen ,,Instinkt“ zusammenfassen. Wir wissen nichts dariiber, sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0518 © Universitatsbibliothek Freiburg ~— 515 auBer da die Tatsache existiert und wir wissen ebenso wenig was wird, wenn die Tiere sterben und, fiige ich hinzu, wenn wir sterben?” Mag immerhin die Mehrzahl der Menschen dem traumhaft- fliichtigen Augenschein trauend (unsere Sinne sind nur Liigen- schmiede, durch ihre Unglaubhaftigkeit entzieht sich die Wahrheit dem Erkanntwerden), den Tod als vollstindige Vernichtung an- sehen, so belehren uns die okkulten Manifestationen als Signale vom Jenseits eines Besseren. Nicht Vernichtung, sondern blos Um- wandlung, Transformation, findet statt. Wie die Raupe sich in den Schmetterling wandelt, aber nicht zu nichts wird! Allerdings kann der Schmetterling der Raupe keine Kenntnis von dem Inhalt sei- nes Schmetterlingslebens geben, die Raupe muf warten, bis ihr selbst die Organe des Schmetterlings zuteil werden. Das ist dann die Resignation, die am Ende aller mystischen Studien des Forschers wartet. Diese Tragik teilt sie aber mit all unserem Streben und Leben. Am Ende all unserer Weisheit steht eine Frage und keine Antwort. Hier scheiden sich die Geister! Wer den Reiz des Geheimnisvollen als solchen nicht empfindet, wer beim Klange dieser upheimlichen Tine und beim Anblick dieser lustigen, gleichsam dem Nichts entstiegenen Gestalten in den Sitzungen nicht unter Schauern erbebt, ,,wolliistig saugend an des Grauens Siife“, der betrete das heilige Land des Okkulten nie. Seiner wartet nur Enftéuschung. Ihm wird bei allen solchen Er- lebnissen zu Mute sein wie dem hircosus centurio des Persius, der zu derartigem sagt: Quod sapio satis est mihi, non ego curo, cur quis non prandeat hoc est? His popolus ridet. (Genug ist fiir mich mein Wissen. Darum soll ich vom Frihstiick fernbleiben? Solches verlacht das Volk!) Jene fithlenden Seelen aber stimmen in die Worte des Novalis ein: Wenn kein Sterblicher nach jener Inschrift des verschleierten Bildes zv Sais den Schleier hebt, so miissen wir Unsterbliche zu werden suchen: Nach wenigen Zeiten So bin ich los Und liege trunken Der Liebe im Schofit Ich fiihle des Todes verjiingende Flut, Zu Balsam und Ather verwandelt mein Blut! Ich lebe bei Tage von Glauben und Mut Und strebe die Nachte in heiliger Glut, Immer wieder muf ein Jeder erfahren, daB ihm das Leben nur das giebt, was er in sich tragt. 8a* http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0519 © Universitatsbibliothek Freiburg 516 — Die Gedankenkraft, ihre Tatigkeit und ihre Rolle im Leben. Von William Walker Atkinson, Auszug aus dem Franzisischen von E. Stéber. (Schluf.) Vernachlassigen Sie auch Ihr Aufferes nicht, vermeiden Sie das Gesuchte, aber vermeiden Sie ebensosehr das Sichgehenlassen. Thre Kleidung soll einfach, aber stets ordentlich sein. Ein schreiender Luxus stéSt ebenso sehr ab wie eine vernachlassigte Garderobe. Man mufi sich zwischen den beiden Extremen halten. Tragen Sie auch nie einen fettigen Hut oder ausgetretene Schuhe. Nichts zieht die Aufmerksamkeit mehr auf sich und beleidigt den guten Ge- schmack mehr als vernachlassigte Kopfbedeckung und schlechtes Schuhwerk, Auch auf Ihre Wasche verwenden Sie viel Sorgfalt, sie soll stets vom reinsten Weif sein. Nichts macht mehr den Ein- druck von Nachlassigkeit und Heruntergekommensein als ein schmutziger Kragen oder eine zerrissene Kravatte. Befleiffigen Sie sich auch guter Manieren, machen Sie sich so angenehm wie miglich; seien Sie licbenswiirdig, heiter und sanit. Zeigen Sie sich niemals pedantisch und hart; hiiten Sie sich beson- ders vor Zornesausbriichen. Der Zorn ist ein Zeichen von Schwache, er erschdpft den Menschen physisch. Seien Sie stets ohne Furcht und vergessen Sie Ihre Wiirde nicht, aber respektieren Sie.auch die der andern. Achten Sie auch die Meinungen anderer und beleidigen Sie niemand in seinen Ge- fiihlen, selbst nicht in seinen Vorurteilen. Auf diese Weise erhalten Sie das Vertrauen und die Sympathie Ihrer Mitmenschen. Beachten Sie ferner Ihre Stimme! Sie darf nicht spitz und scharf, aber auch nicht dumpf sein. Die schreienden wie auch die dumpfen Téne mififallen. Nichts beriihrt angenehmer wie eine langsame, klangvolle Stimme. Geben Sie niemals einen schrillen Laut von sich; selbst wenn Ihr Gegner schreit, suchen Sie nicht ihn zu iiberténen. Es ist nicht iibertrieben, wenn man behauptet, da die Stimme eine bedeutende Rolle in den Beziehungen der Men- schen spielf, Man kann ihr darum nicht genug Aufmerksamkeit zuwenden. Will man einen Einflu® austiben, so spreche man mit kraftiger, tiberzeugter Stimme, das Vertrauen, welches von einem selbst ausgeht, zicht das Vertrauen anderer nach sich. Aber so grof auch der Einfluf§ der Stimme sein mag, ist er doch nicht mit dem des Blickes zu vergieichen. Der Blick ist der Hauptfaktor der Magnetisierung. Er ist es, durch den der Gedanke sich hauptsachlich tibertragt und der Wille sich auswirkt. Der mag- sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0520 © Universitatsbibliothek Freiburg — 517 netische Blick ist dem Menschen nicht natiirlich, er erwirbt sich durch Bemiihung und Gewohnheit. Will man jemand beeinflussen und ihn mit seinen Gedanken und seinem Willen durchdringen, so stelle man sich ihm gegen- tiber und sehe ihm gerade in die Augen. Wird die Unterhaltung lange fortgefiihrt, so kann man ruhig den Blick zeitweise abschwei- fen lassen, mufi jedoch im Augenblick, wo man einen Eindruck er- zielen will, den Blick wieder der Person zuwenden. Diese Maf- regel ist von Wichtigkeif. Auf welche Art man jemand auch beein- flussen michte, sei es in Geschifts- oder Gefiihlsangelegenheiten, man muf stets die Augen festzuhalten wissen. Es geschieht dfter, daf§ die Persinlichkeit dem Blick auszuweichen sucht, man muff dann stets den Blick zuriickzufithren wissen. Es sind dies kleine Geschicklichkeiten, die man durch (bung erwirbt. Nehmen Sie jedoch bei dem Versuche die entgegengesetzte Rolle ein, die des Beeinfluften, und michten sich der Beeinflus- sung entziehen, so miissen Sie ebenso viel Energie und Willens- kraft aufwenden. Sie miissen sich sagen, da® Sie eine feste Persén- lichkeit sind, die genug Kraft und Wiirde besitzt, um sich keinem andern Willen unterzuordnen. Atkinson fiihrt einige Ubungen an, welche imstande sind, dem Auge eine magnetische Kraft zu ver- leihen. Der Leser wird dabei auch die Art und Weise, dem mag- netischen Blick widerstehen zu kinnen, kennen lernen, 1. Ubung. Man nimmt einen Bogen weifes Papier und zeich- net in dessen Mitte einen schwarzen Kreis in der Grifie eines Markstiickes, Man heftet das Papier in Augenhdhe an die Wand, setzt sich in einiger Entfernung dem Papierblatt gerade gegeniiber und fixiert ungefaéhr eine Minute den schwarzen Kreis. Nach einer Ruhepause wiederhole man die Ubung etwa 5 mal. Sodann hefte man das Papier ein Stiick nach rechts, lasse den Stuhl auf gleichem Platze urd, indem man in der fritheren Stellung verbleibt, werfe man einen festen Blick nach rechts auf den schwarzen Kreis. Jeder der Blicke soll, wie schon erwahnf, eine Minute andauern. Man wiederhole diese Ubung auch mehrmals und fiihre sie dann in glei- cher Weise nach der linken Seite ebenfalis mehrmals aus. Sodann ist die ganze Ubung mehrmals zu wiederholen. Man setze diese Ubungen 3 Tage lang fort und versuche nach und nach den Blick 5 Minuten andauern zu lassen. Der Erfolg wird schnell und sicher sein. Nach einigen Tagen wird man eine iiberraschende Festigkeit des Blickes erreicht haben. Es gibt Menschen, deren Blick eine Stetigkeit von 20-30 Minuten erreicht hat. Wenn ein Magnetiseur es so weit gebracht hat, dafi er ohne mit der Wimper zu zucken, seine Versuchsperson 15 Minuten ansehen kann, so kann er seines http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0521 © Universitatsbibliothek Freiburg FG — 318 — Erfolges von vornherein sicher sein. Auch die Tiere werden ihm zu Willen sein, sie verlieren dann jede Widerstandskraft. Die Wbun- gen sind natiirlich ermiidend, aber wer sich dem Magnetismus wid- men und wirklichen Einflu8 ausiiben will, muB sie pflegen. 2. Ubung. Man sfelle sich vor den Spiegel und betrachte sein Spiegelbild in derselben Weise wie den vorgenannten schwarzen Kreis. Diese Ubung ist ndtig, damit man sich an den Blick anderer gewohnt. Gleichzeifig ist es Ihnen dabei méglich, die Unzulang- lichkeiten Thres Blickes zu erkennen und zu beseitigen. 3. Ubung. Stellen Sie sich aufrecht an die Wand, heften Sie das Papierblatt gegeniiber, so daf Sie den schwarzen Kreis im Auge haben und betrachten Sie diesen mit Festigkeit, indem den Kopf kreisférmig bewegen. Dadurch werden die Muskel- und die Sehnerven elastisch und gekraftigt. Vermeiden Sie aber, den Kopf stets in der gleichen Richtung zu drehen. 4, Wbung. Lehnen Sie sich an die Wand und sehen Sie die gegeniiberliegende an. Richten Sie den Blick von einem Punkte auf den andern, von links nach rechts, von rechts nach links, von oben nach unten, von unten nach oben, im Kreis oder zickzackartig. Sobald Ermiidung eintritt, unterbreche man die ttbung, indem man das Auge auf irgendeinen Punkt richtet. Es ruht dabei aus. Man kann dann die Ubung von neuem wieder aufnehmen. Nachdem man auf diese Weise einen starken Blick erhalten hat, ist es ratsam, einen Versuch mit einem gefilligen Freunde anzu- stellen. Bei allen Versuchen hiite man sich jedoch vor einem herausfordernden Blick, die Versuchsperson wiirde widerstehen und einen solchen Blick als beleidigend empfinden. Auch ist es angebracht, die Versuche nicht zu tibertreiben und sich vor allem die Sympathie des Versuchsobjektes zu bewahren. Der Verfasser spricht sodann von der anziehenden Kraft der Gedanken. Wenn z. B. Ihre Gedanken in Bewegung versetzt wer- den, beriihren sie andere, ohne dafi eine bewufte Anstrengung Threrseits nétig ware. Es geniigt, daf§ Sie stark denken, um Ihre Gedanken selbstnadig ‘handeln zu lassen. In den Kundgebungen dieser Willenskraft ist der Wille und das BewuBtsein gleich wach und handelnd. Sobald sie das ihnen bestimmte Ziel erreicht ha- ben, héren die Schwingungen auf. Man sagt gewdhnlich, da die Willenskraft die bewuSte An- strengung des Willens ist, um gewisse Gedankenschwingungen her- vorzubringen, welche auf einen bestimmten Gegenstand gerichtet sind. Diese Willenskraft ist eine der machtigsten und zugleich uner- kanntesten Krafte, die dem Menschen zur Verfiigung stehen. Es gibt wohl kein menschliches Wesen, welches in gewissen Stunden sgetoraere durch le | http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0522 “- © Universitatsbibliothek Freiburg 519 diese Kraft nicht gebraucht; meistens ist man sich aber dessen nicht bewuft, wenigstens versteht man die Ursache nicht. Es ist von Wichtigkeit, daf8 man sich dieser Kraft bewufit wird. Um diese Aufgabe zu lésen, wollen wir versuchen, die wahre Natur des Willens zu verstehen. Um die wahre Natur des Willens verstehen zu kénnen fragen wir zuerst, was wir unter dem wahren Menschen zu verstehen haben. Die meisten von uns sind sich ihres Ichs be- wut. Aber beinahe alle sehen es nur vom physischen oder, wenn man will, vom physiologischen Standpunkt aus an. Atkinson ist ganz gegenteiliger Ansicht. Das Ich hat fiir ihn eine héhere Be- deutung. Es bedeutet nicht nur den Geist, dem die Organe unter- geordnet sind, sondern die transzendentale und abstrakte Kraft, welche ihm den wahren Wert, seine ganze Kraft und Schinheit gibt. Um sich genauer auszudriicken sagt Atkinson, da es drei tibereinander geordnete Krafte gibt: die tierische Kraft, die in- tellektuelle Kraft und die Kraft, die zugleich geistig und moralisch ist, die ihren Ursprung im Idealen hat und wieder dahin strebt. Wir alle sind uns mehr oder weniger dieses hdheren Ich bewuft. Um dies zu erfassen, versuche man sich fiir einen Augenblick von dem Gedanken seiner kérperlichen Persénlichkeit frei zu machen. Man schlieBe sich vollstandig von allem Aufserlichen ab und frage sich: worin besteht meine Persinlichkeit? Er wird sich dann iiber das Rafsel seines Ursprungs und seines Endes bewuSt werden. Er wird das Uberirdische erfassen. Er wird erkennen, daft, wenn auch sein physischer Kérper armselig, sein intellektuelles Wesen beschrankt ist, dafi sein geistiges und moralisches Wesen doch unsterblich und unendlich ist. Das Werk der Schipfung wird ihm in seinem wahren Wert erscheinen, und er selbst, wenn auch klein und beschrankt, wird sich in den Ketten der Jahrhunderte, in dem ungeheuren Weltall wie ein unvergangliches und héheres Glied erblicken, welches die vergangenen Generationen mit den zukiinfti- gen verbindet, Die beste Ubung fiir die Entwicklung der Willenskraft ist die Konzentration. Atkinson gibt daftir einige Ubungen an, von wel- chen folgende erwahnt sei: Konzentrieren Sie Ihre Aufmerksamkeit auf eine Person, die in einer Entfernung von etwa 4 Fuf} vor Ihnen geht. Sehen Sie eindringlich mit der ganzen Kraft, deren Sie fahig sind, auf ihren Nacken und wiinschen Sie, dafi dieselbe sich nach Ihnen umdrehe. Sie werden meistens Erfolg haben, besonders bei Frauen, welche dafiir empfindlich sind. Hat der Magnetiseur diese Uibungen mit Erfolg betrieben, so wird es ihm gelingen, auch auf grdfere Entfernungen seinen Ein- flu® auszuiiben. Um eine geistige Verbindung mit einer entfernt http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0523 © Universitatsbibliothek Freiburg FG — 520 — befindlichen Person zu erlangen, verfahre er auf folgende Weise: Man suche einen ecinsamen Ort auf und lege sich auf ein Ruhebett, entspanne seine Muskeln und mache sich méglichst frei von seiner physischen Persinlichkeit. Man sammle sodann alle seine Gedan- ken, all seine Willenskraft und richte sie auf die Person, welche man zu beeinflussen beabsichtigt. Selbst wenn man diese Person nicht kennt, noch nicht gesehen hat, suche man sich mit Hilfe seiner Einbildungskraft ihr Wesen vorzustellen. Nach mehrfacher Be- miihung wird man es erreichen und auf diese Weise giinstige Vor- bedingungen zu dem Versuche schaffen. Der Erfolg wird noch er- hdht, wenn man sich durch die Einbildungskraft das Versuchs- objekt am Ausgangspunkt einer Réhre vorstellt, welche vom Auge des Experimentators ausgeht. Der Gedanke wird dann wie auf einen Faden konzentriert sein, die Schwingungen werden diesem Faden folgen und kraftvoller ihr Ziel erreichen. Anfangs wird das Bild des Rohres undeutlich erscheinen, aber nach einiger Ubung wird es immer deutlicher in Erscheinung treten. Mancher Leser wird an der Tatsachlichkeit dieser Krafte zwei- feln und glauben, er besa®e diese nicht. Er besitzt jedoch einen Willen, vermige dessen er vieles erreichen kann. So kann er in erster Linie auf seinen Charakter einwirken. Abgesehen von der Autosuggestion, kann er auch von einem vertrauenswiirdigen Mag- netiseur Hiilfe erlangen. Man vernachlassige jedoch die Auto- suggestion nicht. Dazu gehdrt ein fester Glaube. Man sage sich, ich bin ohne Furcht, ich sehe der Zukunft vertrauensvoll entgegen, ich fiihle mich stark und kann den Kampf mit dem Leben auf- hehmen. Die Einbildungskraft wirkt schépferisch, durch sie entsteht Tatsachliches. Man stelle sich den Zustand, in dem man sich be- finden michte lebhaft vor, und man wird ihn erreichen! Diese Re- suJtate erfordern natiirlich einige tibung. 1. Man lege sich, wie bei den vorhergehenden Ubungen erwahnt ist, in bequemer Lage an einen einsamen Ort und atme so tief und so langsam wie méglich. Man hore erst dann auf, wenn man ab- solute Ruhe erlangt hat. Man sammle seine ganze Aufmerksamkeit auf sich selbst und verbleibe in diesem Zustand der Ruhe so lange wie méglich. Man richte sodann seine Gedanken auf die beiden Worte ,ohne Furcht* und vergegenwartige sich diesen Zustand. Man macht diese Ubung am besten abends oder in schlaflosen Stunden der Nacht. Der in solchen Stunden nach innen gerichtete Geist ist geneigt, jede Suggestion aufzunehmen. Man fiirchte nicht, dafi diese Ubungen ermiidend wirken. Sie erleichtern im Gegen- teil den Schlaf, indem sie die Nerven beruhigen. sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0524 © Universitatsbibliothek Freiburg — 5a — Nicht allein die Furchtlosigkeit, jede Eigenschaft laff sich auf diese Art erwerben. Man beschaftige sich nicht mit diisteren und traurigen Gedanken, sondern verlange nach Heiterkeit, Lebens- lust, Aufrichtigkeit und Mut. Auf diese Weise wird der Geist dazu gelangen und in den Freuden des Lebens erstrahlen. Bei allen diesen Uibungen spielt die Kenzentration eine bedeu- tende Rolle. Der Mensch, welcher fahig ist, seine Gedanken auf einen bestimmten Punkt zu sammein und seine ganze Energie fiir einen Zweck zu entfalten, wird kaum der Enfmutigung und der Verzweiflung anheimfallen. Nachstehend seien noch einige Kon- zentrationsiibungen genannt: Bei Beginn dieser Ubungen wird man die unbewu8ten Muskel- bewegungen und den Tatigkeitstrieb zu bekiimpfen haben. 1, Man setze sich auf einen Stuhl und bleibe eine Viertelstunde vollstandig bewegungslos; man mache es sich dabei so bequem wie méglich, Ein Minimum von 5 Minuten ist unbedingt erforderlich. Aufsteigend erreiche man eine Zeitdauer von 15 Minuten. Man hiite sich, sich zu steif zu verhalten, und vermeide alle Muskel- anstrengungen. 2. Man setze sich aufrecht auf einen Stuhl, den Kopf in dic Hohe, erhebe den rechten Arm in Schulterhéhe und in der Ver- langerung, drehe den Kopf nach rechts und betrachte die Spitze der Hand eine Minute lang. Dasselbe geschieht mit dem linken Arm, Sobald dies gelungen ist, ethdhe man die Zeitdauer bis zu 5 Minuten. 3, Man nehme ein Glas Wasser in die Hand und strecke den rechten Arm gerade aus, halte ihn so unbeweglich wie miglich, so dai das Wasser keine Erschiitferung erleidet. Diese Ubungen haben den Zweck, die Muskelbewegungen zu beherrschen. Weitere Ubungen dienen dazu, die bewuSten Muskel- bewegungen dem Willen unterzuordnen. Man setze sich an einen Tisch, lege die Hande darauf, die Fauste geschlossen und die Finger nach auSen gekehrt. Sodann entfalte man langsam den Daumen und beobachte dessen Bewegung mit gréfter Aufmerksamkeit. Die nun folgende Ubung bezweckt, das Interesse auf einen bestimmten Gegenstand, z. B. auf einen Bleistiff, zu lenken und sich diesem vollstindig hinzugeben. Man betrachte, befiihle, wage ihn, vergegenw&rtige sich seine Anwen- dung, seine Nutzbarkeif, seine Herstellungsweise usw. Man lasse sich durch nichts ablenken und verticfe sich ganz in diesen kleinen Gegenstand. Es ist zu empfehlen, ein recht uninteressantes Objekt zu wihlen, weil dieses die Aufmerksamkeit nicht so leicht fesseln kann, http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0525 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 522 Zum Schlu®8 ermahnt Atkinson den Leser, die Krafte, die er durch die Ubungen erworben hat, nicht zu miSbrauchen, sondern sie einzig und allein im Dienst der Menschenliebe zu gebrauchen. Denn wenn die magnetische Kraft zu unredlichen Zwecken benutzt wird, so wird das Unrecht, welches der Magnetiseur veriibt, in gleichem Mafie auf ihn selbst zuriickwirken. Auch hiite man sich, diese Krafte zu Spielereien zu gebrauchen! Erheben Sie sich also zu der hohen Aufgabe, die wir Ihnen dargelegt haben. Seien Sie stark und fest, aber vergessen Sie nicht, daf} alle Menschen Briider und miteinander verbunden sind. Okkultismus — eine Auswirkung kosmischer Kr§afte. Von Karl Kern. Wenn wir uns mit dem Okkultismus beschaftigen und ver- suchen, fiefer in das Gebiet und das Wesen der okkulten, d. h. uns bisher nach den Regeln der Wissenschaft noch unerklarlichen Er- scheinungen einzudringen, diirfen wir einen Punkt nie vergessen und au®er acht lassen, dafS der Mensch nicht unabhangig und nur auf sich angewiesen auf der Erde lebt, sondern daf er nur ein Teil des grofen Alls ist und daf§ sein Leben und Wirken nicht nach eigenen, sondern nach den allgemeinen Grundsitzen und Regeln der Natur verlauft. Es liegt eine grofie Gefahr darin, den Men- schen loszulésen von den kosmischen Zusammenhangen. Unsere Aufgabe, als Weltanschauung und Philosophie ein Vorlaufer und Wegweiser fiir die exakte Wissenschaft zu sein, diirfte nie erfolg- reich enden, wenn wir nicht stets die groSe Natur mit den okkulten Erscheinungen im und am Menschen selbst verbinden. Der gewdhnliche Einwand der Skeptiker und Kritizisten gegen unsere Auffassung tiber die kosmischen Einfliisse auf den Menschen bestehen darin, daf$ sie die grofe Entfernung der Gestirne erwah- nen und dann uns das Gesetz der mit dem Quadrat der Entfer- nung abnehmenden Starke von Strahlungen entgegenhalten. Dieser Einwand ist bei naherer Uberlegung in keiner Weise stichhaltig. Wenn gesagt wird, dafi man selten einen Menschen findet, an und in dem Gestirneinfliisse offensichtlich zu Tage treten, so mu8 man stets bedenken, da die Auslésung von Gestirneinfltissen in ihrer Form und Starke von dem Wesen abhingig ist, das von ihnen be- troffen wird. Man kann jahrelang einen elektrischen Strom durch setoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0526 © Universitatsbibliothek Freiburg 523 -- dey Draht jagen, wenn nicht eine Gliihbirne mit dem Draht ver- bunden ist, wird niemals eine Lichtwirkung erzielt werden. So auch bei den Menschen und allen anderen Lebewesen. Wenn reak- tionsfahige Energieformen und -massen vorhanden sind, wird durch Gestirnstrahlung eine entsprechende Wirkung erzeugt werden, die sich dann in irgendwelchen Zustandsanderungen in dem Organis- mus zeigt. Und wenn wir an dem elektrisch durchflossenen Draht eine schwachkerzige Lampe anschalten und sie brennt nur dunkel, so ist damit noch lange nicht die Intensitaét des Stromes bewiesen, denn bei Anschalten einer starkkerzigen Birne wird ein viel helle- res Licht verbreitet werden. Ebenso wird auch das eine Wesen als schwachkerzige Lampe anzusehen sein und das andere als stark- kerzige. Es kommt stets auf den Aufnahmeapparat und auf die das Aufgenommene verarbeitenden Werkzeuge im Organismus an. Unsere Allverbundenheit und unsere Abhingigkeit von dem All kann nicht geleugnet werden und wir erkennen sie in derart vielen Dingen, daf$ man mit Beispielen mehrere Biicher fiilien kénnte. Wir wollen uns heute nur mit dem Einflu8 des Mondes auf die Erde und besonders auf den Menschen beschiaftigen, denn es ist eigentiimlich, daf} gerade der Trabant der Erde in so unge- heuer viele Zusammenkniipfungen mit okkulten Erscheinungen zu bringen ist. Der Zusammenhang des Mondes mit Ebbe und Flut ist zu be- kannt, als daf$ man ihn ausfiihrlich zu behandeln brauchte. Die Attraktion des Mondes und der Sonne erzeugen Erhdhungen des Meereswassers, Flutwellen, die dem scheinbaren Tageslauf des Mondes und der Sonne folgen. Durch die Erdnahe des Mondes werden die Wirkungen vergréfert. So sagt die Wissenschaft, die aus der Erfahrung gelernt hat. Als Ursache sieht man den Mond mit seinen magnetischen Eigenschaften an. Gegensatzlich sagte der Mystiker Jakob Lorber, dafi der Mond der Erde beigegeben sei, um die von der Erde ausstrahlende magnetische Kraft aufzusaugen und sie dann nach Bediirfnis der Erde wieder zuzufiihren. Und auf diese Aufnahme und Abgabe des Erdmagnetismus weist er hin als die Ursache von Ebbe und Flut. . Mag das sein, wie es will, es beweist auf jeden Fall den Zu- sammenhang der Erde und des Mondes und eine Abhangigketi des einen vom andern. Es ist natiirlich, daf diese Abhangigkeit auch ihre Wirkung auf Menschen und Tiere hat. Und wie Dr. med. Hiiberlin auf die Schwankungen der Lichtelektrizitat im Gefolge der Mondperioden verweist, wissen wir alle, daf§ diese Schwan- kungen ihre Parallelen in den weiblichen Periodenblutungen, weiter http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0527 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 524 in den epileptischen Anfalien und im Ablauf der Geburtenkurve hinterlassen. Wenig bekannt und doch héchst wichtig fiir die Erforschung des Gebietes der okkulfen Vorgange im Zusammenhang und Ver- folg von kosmischen Einfliissen diirfte auch folgendes sein: Gegen Ende des November oder in den ersten Tagen des De- zember erleben die Eingeborenen der Siidseeinseln Fidschi, Sa- moa und Tonga einen Tag grofser Freude. An einem bestimmten mit dem Novembermond im Zusammenhang stehenden Datum fiillt sich namlich unversehens das Meer mit einer solchen Menge von Ringelwiirmern, dafi es einer riesigen Mehisuppe gleicht. Bei die- sem Anblick stiirzen sich die Eingeborenen sofort in ihre Boote, um méglichst viel von diesem Meeres-Manna einzuheimsen, das sie »Palolo“, d. h. Glspende nennen, weil sie aus den Eiern des Wurms Ol zu gewinnen wissen. Der Vorderteil des Wurms bohrt sich in dieser Zeit fief in die Gange der Korallenriffe ein. Es besteht offenbar ein merkwiirdiger Zusammenhang zwischen der Eireife einerseits und den Phasen des Mondes andererseits. Auf den Neuen Hebriden trifft der Palolo ganz regelma(ig zu einer be- stimmften Stunde am Abend des letzten Viertels des Oktober- mondes ein. Die Eingeborenen fischen ihn mit den Handen beim Fackelschein. In Japan und auf den Antillen existieren andere Arten des Palolo, die ebenfalls ganz regelmafiig auffreten. In Neapel erscheint eine Art von Borstenwiirmern beim ersten und letzten Mondviertel. Auch in Frankreich hat man die Beobachtung gemacht, da} zwischen dem Erscheinen der Ringel- oder Borsten- wiirmer und den Mondphasen ein ganz bestimmter Zusammen- hang besteht. Uberhaupt haben die Fischer bemerkt, dafs bei Voll- mond die Fischsterblichkeit zunimmt. Bekannt ist, da® die Gart- ner seit Jahrhunderten an einen Zusammenhang von Schlangen- wachstum und Mondlicht glauben. Fiir das Saen ist z. B. der zu- nehmende Mond giinstig, fiir pfropfen und beschneiden der Baume der abnehmende Mond im Frithling. Es mag auch erinnert werden an den Brauch, zu dieser Zeit das Haar zu beschneiden, um ein besseres und stirkeres Wachsen zu erzielen. Eine Untersuchung der Ursachen dieser Eigenartigkeiten diirfte sehr aufschlu®reich sein. Besonders diirfte dann einiges Licht in das dunkle Gebiet des magischen Einflusses des Mondlichtes fallen. Einmal in Bezug auf das Schlafwandeln und die Mondsiichtigkeit, bei der der Mond gerade in Hinsicht der Aufhebung der Schwer- kraft, dieser so duferst wichtigen und umstriftenen Frage des Okkultismus, eine grofe Rolle spielt (ich verweise auf meine Ab- sgetordere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0528 © Universitatsbibliothek Freiburg 525 handlung ,,Schwerkraft“ im Augustheft 1926). Und dann ware der Versuch einer Ursachenerklarung wichtig fiir das jetzt wieder viel umstrittene und behandelte Gebiet der Damonologie (man lese das Buch von Josef Diirr ,,Experimental-Damonologie“, Verlag Max Altmann, Leipzig). In der Zeitschrift ,,Scientific Monthly“ veréffentlichte die Eng- landerin Elisabeth S. Semmens kiirzlich beachtenswerte Unter- suchungen, die wohl Aufklarung iiber diese Probleme bringen kénnen. Der Mond hat, wie man weif, kein eigenes Licht; die Strahlen, die er aussendet, sind reflektiertes Sonnenlicht. Nun ist aber reflektiertes Licht polarisiert, d. h. es schwingt nur in einer Ebene, wahrend direktes Licht in allen Ebenen senkrecht zum Fortpflanzungsstrahl schwingt. Polarisiertes Licht ist chemisch sehr wirksam, es beschleunigt in der Pflanzenzelle den Zerfall der Starkemolekiile in zwei Molekiile Glykose (Starkezucker). Darauf beruht indirekt wieder ein starkeres Wachstum der Pflanzen bei Mondlicht sowie erhéhte Keimfahigkeit der bei Mondlicht ausge- saten Samen. Aber auch auf die Nervensysteme wirkt polarisiertes Licht, und zwar steigert es die Erregbarkeit. Es ist leicht erklar- lich, da derartige Erregungen auf das schwache Nervensystem der Fische deren Sterblichkeit beschleunigen kénnen, ebenso wie sie das empfindliche Nervensystem der Mondsiichtigen beeinflussen und das robustere der im Mondlicht wandelnden Verliebten um- gaukeln, Wenn wir bedenken, da Licht Schwingungen sind, da® weiter die Elektrizitét und der Magnetismus Schwingungen, daf letzten Endes iiberall in unserem Organismus Schwingungen, d. h. Wellen das Ausschlaggebende sind, so diirfte es sich wohl verlohnen, ein- mal diese gesamten Schwingungen in ihren Auswirkungen zu be- trachten, insbesondere wenn wir den Mond als Ursache bezw. als mitwirkenden Faktor in fast allen okkulfen Fragen ansehen und erkennen, denn alles ist Schwingung. Und Schwingungsanderungen mit ihren Begleiterscheinungen sind es, die wir mit ,,okkult“ be- zeichnen, || Okkultistische Umschau|-# Physik und Metaphysik. Oft wird den Physikern der Vorwurf gemacht, dai sie die Metaphysik ablehnen, ja zu ihren Gegnern ziihlen, und bedeutende Manner, so du Prel, haben ihnen nahegelegt, da® es ihre Pilicht wire, die metaphysischen Exscheinungen zu studieren, http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0529 © Universitatsbibliothek Freiburg 526 Treten wir dieser Frage niher, so kénnten wir auch zu einem andern Schlut kommen. Die Physik ist nimlich durchaus nicht am Ende ihrer Weisheit, wih- rend die Metaphysik wohl sicher am Anfang derselben steht. Es ist begreiflich, da® der Physiker besser tut, bei seinem Leisten zu bleiben, statt, bevor er sein Gebiet beherrscht, auf ein anderes, ihm villig fremdes iberauspringen, das mit dem seinen nichts weiter gemeinsam hat als die Erkenntnis, ,,Alles geschieht ge- setzmiifig". Mit gleichem Recht kénnten wir vom Sprachforscher verlangen, ex solle Chemie studieren. In einem andern Verhiiltnis stehen Physik und Philosophie 2u einander. Die letztere ist eine Fortsetzung der Physik, weshalb wir mit Recht vom Philosophen die griindlichste Kenntnis der Naturwissenschaften sogar fordern miissen. Die Metaphysik aber hat mit der Physik soviel wie nichts gemein, sondern beide Zweige laufen, ohne Berithrungspunkte, zu cinander parallel. Wohl aber ware eine Forderung 2u erheben, niimlich, da die Metaphysik die $leiche Behandlung erfahren midge, wie sie in erprobter Weise der Physik zuteil wurde, die Forschung auf rein wissenschaftlichem Standpunkt, Wenn in dieser Beziehung auch in letzterer Zeit Fortschritte 2u verzeichnen sind, so stehen wit gegenwiirtig noch auf der Stufe der Goldmacher und Alchemisten zur Chemie, wenn auch sfolz auf einige Lehrkanzeln hingewiesen wird, Abgeschen von den Fallen, wo Physiker aus eigenem Antrieb in das Gebiet des Okkulten hiniiberschwenken, sollte das heife Bemiihen, sie in das ihnen véllig fremde Fahrwasser heriiberzuziehen, aufgegeben, diese Mihe aber dahin verwendet werden, der Metaphysik selbst eine sichere Basis dadurch 2u geben, da wir sie viel mehr, als das bis jetzt geschchen, von hierzu hochgradig Be- fahigten wissenschaftlich bebandeln lassen. Hierzu gehirt, dai wir nicht gleich auf die Entdeckung einer metaphysischen Flugmaschine lossteuern diirfen, welches Experiment immer in gleicher Weise enden wird wie der Flugversuch des Ikaros, sondern daB wir von der Pike auf die einfachsten okkulten Erscheinungen vollig zuverlissig priifen und die absolut sicheren Exrungenschaften dann iu einem Lehr- buch zusammenfassen. Ein solches Lehrbuch, wie es jede andere Wissenschaft besitzt, existiert fir die okkulten Wissenschaften nicht. Es miifte aus 2 Teilen bestehen. Der erste Teil enthaltend die Lehrsiitze, die unumstéflich in unserem festen Besitz sind, der zweife Teil, Angabe des Weges und der Versuche, wie man 24 den Exkennt- nissen gelangt ist. ve H Der wunderwirkende Peyotl, In amerikanischen Medizinerkreisen ist man des Lobes voll iiber die zauberischen Eigenschaften des ,,Peyotl", einer Kaktuspflanze, die bei den Huichol-Indianern in Mexiko zu Hause ist. Diese Pflanze wird als die Kénigin der kiinstlichen Pacadiese bezeichnet. Genieft man davon eine Dosis von 0,75 Gramm, so verfiillt man heiliger Trunkenheit, die von feenhaften, para- diesischen Visionen erfiillt ist. Im Gegensatz 2u anderen Nervengiften abt dieser Kaktus keinerlei schidliche Wirkungen aus, witd er nicht in tibermafigen Quanti- titen genommen. Der Peyotl erzeugt vor allem Farbenvisionen, die sich 2u der erlesensten Ekstase sfeigern. Weir Mitchell, einer der Gewihrsminner, die die Wirkungen der Pflanze ausprobiert haben, erkliirt, daB er daran ,veraweifelt, dieses zauberische Schauspiel in einer Sprache zu beschreiben, die einen Begriff von seinem Glanz und seiner Schénheit" geben kénne. Alle diese Gelehrten: Prenti8, Morgan, Rouhier, Havelock Ellis, versichern, da der Genufi keine schid lichen Folgen hinterlét und vor allem nicht die unheilbaren Leiden der Opioma- nen oder der Kokainomanen hervorbringt. sgetordere durch le http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0530 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG S20 om Malmedien. Im April dieses Jahtes filhrte der Minenarbeiter Augustin Lesage aus Pas-de-Calais im Beisein von beriihmten Malern, Ethnologen, Wissenschaft- lern und Journalisten im Trancezustand ein dekoratives Gemiilde aus, wovon alle Anwesenden entriickt waren. Grofles Aufsehen erregte schon Lesages erste Ar- beif, eine Leinwand von 3x3 Metern. Die Maler waren erstaunt von der Schén- heit der dekorativen Motive, die ein ginzlich Ungelibter ausfiihete, und die Eth- nologen fanden in diesen Gemiilden, was Form und Farben anbetrifft, Anklinge an alle alten orientalischen Zivilisationen. Der Fall Lesage hat in Paris grofies Aufsehen erregt, er ist von grofiem psychologischem Interesse. Lesage, der Minenarbeiter und cin Nachkomme von Minenarbeitern ist, welche sich nie kiinstlerisch betiitigt hatten, iiberlie® ganz pldtzlich, einer geheimnisvollen Stimme folgend, welche ihm in einem Minenlager zugeflistert hatte Du wirst ein Maler werden”, seine Hand dem fibernatir- lichen Einflusse. Dr. Orty, Direktor des Metapsychischen Institutes in Paris, wird demniichst den Fall Lesage einer eingehenden Studie unterwerfen. Von einem anderen Malmedium berichtete die ifalienische Zeitschrift ,Mondo Occulto* vor einiger Zeit. Es handelt sich um einen Maler, der im Trancezustand arbeitet. Sein Name ist Luigi Bellotti. M. G. O. Gallo berichtet cingehend tiber einen Besuch, den ex im Atelier Bellottis in Venedig, calle delle Rosa, abstattete. Er fand in Bellotti einen Menschen von annihernd 30 Jahren vor, grof, schlank, mager, sehr blafi, in schwarz gekleidet, mit etwas diisierem extatischen Blick. Der Besucher, welcher einen Einblick in die Arbeitsweise Bellottis erhalten hat, schildert diese folgen- dermafien: Bellotti arbeitet in ganzlichem Trancezustand, mit verbundenen Augen. Es dauert etwa 10 Minuten bis eine halbe Stunde, bis B. in diesen Zustand ein- tritt, Dann greift er zu seinem Pinsel und mal auffallende Abnlichkeiten, was Technik, Gegenstand und Farbe anbetrifft, verstorbener beriihmter Kiinstler. So stellt ex schdne Segantini her, ebenso leicht fillt es ihm, vollstindige Gemélde, wie die von Ciargi, hervorzubringen, oder wie Moggioli und viele andere ausge- zeichnete verstorbene Kiinstler, und dies in einer so vollkommenen Weise, daf man €s fiir unmdglich halfen muf, ein so vielseitiges Talent zu besitzen. B. unter- zeichnet sodann mit dem Zeichen oder Monogramm der betreffenden Kiinstler. Der Berichterstatter hat zum Schlufi seines Besuches Bellotti im Trancezustande malen sehen. Zu Beginn der Nacht wurde eine Leinwand vorbereitet. B. griff mit verbundenen Augen nach Pinsel und Farben. Niemand, nicht einmal er selbst, wufite, welches Bild entstehen wiirde, ob eine Landschaft oder eine Allegorie. Bellotti erklirte, da einzig der ,geistige Fihrer“ sich dessen bewut sei. Von einem dritten auftergewohnlichem Malmedium berichtete die ,Revue Méta- psychique" Folgendes: Ein Dole mit Namen Gruzewski stelite seine Arbeiten im Juli 1927 in dex Galerie Bernheim (Paris) aus. Gruzewski, ganz so wie Lesage, enthiillfe sich eines Tages ganz plétzlich, ohne irgendwelche Vorkenntnisse zu besitzen, als Malmedium. Er malte im ,,Institut Métapsychique“ in Paris bei vollstindiger Dunkelheit und mit verbundenen Augen unter der Aufsicht der Direktion in verhiiltnismafig ganz kurzer Zeit Portraits von Personen nach der Natur. Gruzewski hat ungefahr 10 solcher Portraits in Gl und Pastell ausgefiihrt, welche auch bei dem jetzigen Pariser Internationalen Kongre® fiir psychische For- schung ausgestellt sein werden. http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0531 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG 528 Biichertisch. he 4 Die angegebenen Biicherpreise sind unverbindlich. Josepk von Gérres, Mystik, Magic und Damonic. ,,Die Christliche Mystik‘ in Auswahl herausgegeben von Dr. Joseph Bernhart. Verlag: R. Oldenbourg. Miin- chen und Berlin 1927. 605 S. Gr. 8% Brosch. 16 Mk., Leinen geb. 18 Mk. »Wir sind so klug und dennoch spukt's in Tegel". Im Hinblick auf die ritsel- haften Konnersreuther Vorginge hat dieses ixonische Wort Goethe's auch noch heute seine volle Geltung. Ein Auswahlband von Gérres ,,Christlicher Mystik ex- schien daher zur rechten Zeit, denn die seelischen Erlebnisse der Stigmatisierten von Konnersreuth interessieren weitere Kreise. Gérres selbst beubsichtigte, aus seinem vierbindigen Monumentalwerk einen Auszug zu verdffentlichen, worin obne jeden gelehrten Ballast nur die Tatsachen zu einem organischen Ganzen ver- eint wiirden, Was Géeres nicht besorgen konnte, das hat jefat in vorbildlicher Weise Jos. Bernharf, einer der hesten Kenner der Mystik, besorgt. Die von Gérres registvierten ,,Tatsachen“ sind von jeher Vielen ein Stein des Anstofles gewesen. Eine strenge Sichtung des Tatsichlichen von Legendiirem in geschichtlich-kritischem Sinne war nétig. Dieser Aufgabe hat sich Bernhart unferzogen und hat seine Aus- wal, wobei Absicht und Grundrif} des urspriinglichen Ganzen gewissenhaft be- waht wurde, mit einem genaueren Nachweis der Quellen versehen, als dies zu Goeres Zeit moglich war. In seinem Vorwort entwirft der Herausgeber ein lebendiges Bild von Gérres Seistiger Persinlichkeit, seinen Weggenossen und den Strémungen seiner Zeit. Nach einem einleitenden Kapitel tiber die mystischen Gebiete als Gegenstand der Wissenschaft befaBt sich das Erste Buch mit der ,,aufsteigenden” Mystik, niimlich den Berufungen, der asketischen Bereitung des physischen und seelischen Men- schen, der seltsamen Lockerung der biologischen Gesetzlichkeit, der Gabe der Heilung, der Ekstase, Vision und Stigmetisation. Indem letufere Erscheinungen mit stark kritischen, das Natiirliche betonenden Vorbehalfen erértert werden, sind diese Ausfihrungen fiir die Beurteilung des Falles Therese Neumann von beson- ders aktueflem Interesse, wie euch allgemein wertvoll fiir die neuere parapsychische Forschung. Das Zweite Buch behandelt die ,absteigende" Mystik und begreift die paralle- len Erscheinungen im Bereich der bis ins gewollte Bése reichenden Ichverfangen- heit und ihrer magischen Steigerung und Wikung der menschlichen Kriifte. Diesex Teil — der speziell die Leser unseres Blaties interessicren diirfte — umfaSt den mannigfachen Tatsachenkomplex der schwarzen Magie: die okkulten psychischen Bezichungen von Mensch zu Mensch, die psychisch-magischen Beriihrungen, die Dimonisierung des inneren Lebens, das Hexen- und Zauberwesen. Wegen der Fiille dokumentarischen Materials und der theoretischen Klirung manchen Gebiefes der Mystik und des Okkulten gehért dieses Werk in die Biblio- thek jedes ernsthaft strebenden Okkultisten, Es ist ein Buch von bleibendem Wert, dessen Anschaffung wir den Lesern des Z. f. O. angelegentlichst empfehlen kcénnen. E. Hentges. sgetoraere durch le http: //dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1927/0532 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG

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