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Feutralblatt fiir Okkultismus Monatsschrift zur Erforschung der gesamten Geheimwissenschaften. Herausgeber und verantwortlicher Schriffleiter: Max Altmann, Leipzig. XXI. Jahrgang. Juni 1928 12. Heft Reitrage und Zaschrifton fur dae Zentralblatt far Okkultiomns® sind 2u xiehten an dessen Heraite- geber Max Altmann, Leipzig, Frommann- Strasse 6, Allen Zuschriften und Anfragen ist Antwortporto deizufiigen. Dio Vorfasser liaben die in ihren Arbelten nieder gelegton Ansichten sellist 2u vertreten, Holbjahrs- Bezugepreis DM, 6.-- nebst 50 Pfg. Porto, flirs Ansland 60 Pfg, Porto. Preis eines cinzelnen Heftes ausser Abonnement Mk, 1.80 portofrei Falls sin Ende cinos Jabrgangs nicht ausdritcktich Abbestellung erfolgt, gilt der Bezug als fUr den nichsten Jahrgang verléngert, Anzoig fe: 25 Mg. die singpaltige, 30 Pky, die zwelspaltiga Millimeterzelle bzw. deren Raum: Zablungsort und Gerichtsstand ist 1s Alle Geldgendungen sind an die Verlags'uchhand- lung Max Altmann in Leipzig 2 riehten Postacheckkonto Nr, 62 798. ie An unsere Leser. Der neue, 22, Jahrgang des Zentralblattes fiir Okkultismus, zu dem dieses SchluBheit hiniiberleitef, verspricht besonders anzichend zu werden, denn es liegt bereits cine griffere Anzahl vortrefflicher, hochinteressanter Arbeifen vor, von denen die nachfolgende Auslese zunichst erscheint: Verweyen, Mediumismus als philosophisches Problem. — Schmidt, Ueber das Phinomen des siderischen Pendels. — Busse, Aeskulap auf der Sternenbahn. — Grobe~-Wutischky, Astrologie cine werdende Wissenschait. — Hentges, Die Geheimwissenschaft der Hebraer. — dito, Die allgemeine Theorie der Magie. — dito, Liebeszauber und Liebestriinke. — dito, Beschwérungsmagie. — Morlian, Fortschreitende neue Errungenschaffen. — dito, Erscheinungen in der Atmosphire und im Geiste. — dito, Die Verfolgung des physischen Uratoms. — dito, Die psy- chische Dingwelt. — Sav Nemo, Okkulte Reisebriefe. — Kailer, Der Himmel spricht. — Hinig, Okdultistische Erlebnisse aus Vergangenheit und Gegenwart. — Osty, Wonder des Willens. ~ Sigerus, Geschichte eines telepathischen Verbrechens. — Neumann, das Testament des Georg Bran So se‘ien wir der Bezugserneuerung gern entgegen. Der Einfachheit halber wird die Weiterlieferung des neuen Jahrganges als erwiinscht angeschen, falls bis Ende Juni nicht ausdriicklich Abbestellung erfolgt. Uber die physikalische Hypothese in der Astrologie. Von H. Schmidt. (Schlu8.) Um aber zunachst die rein geophysikalisch scheinenden Mo- mente kurz zu beleuchten, sei erwahnt, da, wenn fatsichlich eine gewisse durchdringende Strahlung oder eine radioaktive Emana- 34 http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0533 © Universitatsbibliothek Freiburg 530 tion von der Erde ausgeht, diese keineswegs in physiologischer Hinsicht auf das Leben auf unserem Planeten ohne Einflu sein kénnen. Tatsachlich haben neuere Untersuchungen gezeigt, dafi hier sehr tief fundamentierte Zusammenhinge zwischen verschie- denen chronischen Leiden des Menschen und geologisch-physikali- schen Emanationen liegen. Dies wird begreiflich, wenn man be- denkt, dai nach Kohlhirster die gemessene Radioaktivitét von saurem vulkanischen Gestein 3,1.10-'" ¢ Radium pro Gramm und fiir Ton eine solche von 1,5.10-'* g Radium pro Gramm Ton be- trigt. Die Zerfallsprodukte der radioaktiven Stoffe sind nun je nach ihrer Natur im Untergrunde verschieden léslich. Wenn man anderseits beriicksichtigt, da unsere Erde von un- zahligen Grundwasserkanalen durchzogen wird, deren Wasser durch die verschiedenen aktiven Gesteinsschichten wandert, so ergeben sich zwangslaufig gerade fiir solche Gegenden besonders starke Ausstrahlungen, die neben Gebirgen ein reiches Grundstromnetz aufweisen. Dazu rechnen auch soiche Orte mit Petroleum und Ol- vorkommen, da dieses bedeutend mehr radioaktive Emanation auf- zunehmen vermag. Nach Ambronn?') betragt die Aufnahmefahig- keit fiir Wasser von 10 C 0,391, fiir Petroleum hingegen 10. Die Empfindlichkeit fiir derartige Emanationen wird besonders durch die Anerkennung des Wiinschelrutenproblems, das bis vor kurzem noch zu den Grenzwissenschaften gehirfe, erhartet. Am- bronn weisf u. a. auch darauf hin, da physiologische Wirkungen der Emanation auf das Wachstum und die Gesundheit der Pflanzen anzunehmen sein kénnen. Knoche’?) macht die Emanation fir die Entstehung der Bergkrankheit verantwortlich, indem er annimmt, da® durch die negative Ladung der Haut die Zerfallsprodukte der Emanation angezogen und absorbiert werden. Es soll sich dadurch ein Gefiihl der Trockenheit einstellen, das auch dem Rutenganger zur Gentige bekannt ist. Ambronn weist ausfiihrlich auf die Zu- sammenhange der radioaktiven Emanation und dem Wiinschel- rutenproblem hin. Besonders bedeutsam sind in diesem Rahmen die Ausfiihrun- gen von Winzer und Melzer*'), die das Krebsproblem auf dieser Basis beleuchten und zu dem Schluf kommen, daf der Krebs in seiner Entsfehung im wesenflichen durch geophysikalische drtliche 21) Ambronn: Die Methoden der angewandten Geophysik. J. Steinkopf, Stuté- gart 1926. 22) Knoche: Die Umschau. 1926, 50. 23) Winzer u. Melzer: Das Krebsproblem im Lichte geophysischer Strablungs- wickungen, Mediz. Welt. 1927. Normen-Verl., Berlin. sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0534 © Universitatsbibliothek Freiburg == 59l = Einfltisse, etwa Lage des Krankenzimmers oder des Hauses iiber einem unterirdischen Wasserlauf etc., bestimmt wird. Es konnte dieses durch Beispiele aus der Erfahrung erhartet werden. Welcher Art die physiologischen Prozesse sind, die durch diese Strahlungen ausgeldst werden, ist noch sehr wenig bekannt. Da die radioaktiven Ausstrahlungen in ihrem eigentlichen Wesen be- reits auf dem Wege zum Kirper durch die verschiedensten Mo- mente beeinfluft werden, ist dieses Gebiet experimentell nur be- dingt zu erfassen, Es kiénnen hier die verschiedensten Sekundir- strahlen, wie ja solche als besonders schadigend bei den Rintgen- strahlen bekannt sind, auffreten. Damit komme ich zur vielleicht rein kosmischen Bindung auch der anscheinend nur geophysikalischen Einfliisse. Seit dem ein- wandfreien Nachweis der durchdringenden y-Strahlung durch Kohl- hérster?) in der Atmosphare, wurde diese Emission von astrolo- gischer Seite sehr off und mit Vorliebe als wissenschafflicher Be- weis astrologischer Hypothesen ins Feld gefiihrt. Bei dieser kos- mischen Einstrahlung handelt es sich um radioaktive Energien, die aus bestimmten Teilen der Fixsternhimmels stammen sollen. So stellte Biiftner 2°) fest, daf} bei der taglichen Periode der Héhen- strahlung sich die Zeiten der Maxima der Sternzeit entsprechend verschieben. Nach seinen Arbeiten gewinnt die Herkunft der Strahlen aus der Milchstraffe, kosmischen Nebeln etc. sehr an Wahrscheinlichkeit. Corlin®*) ermittelte dann einen Zusammen- hang der taglichen Periode mit der Kulumination der Mirasterne. Auch wurde eine Periodizitat der Ultra-y-Strahlung mit der Stern- zeit von Bittner ermittelt. Wilson 2") glaubt neuerdings, zumindest einen Teil der durchdringenden Strahlung dadurch erkléren zu miissen, daf} infolge der auSferordentlich starken elektrischen Felder bei Gewiffern, wo die Jonenstrémung nach Ebert**) GréSenord- nungen von 1000-10000 Amp. bei Enfladungspotentialen von ca. 10000000 (10°) Volt erreicht, freie Elektronen cine so enorme Ge- schwindigkeit erreichen, daB sie 2ur Zertriimmerung von anderen Atomkernen unter Aussendung sehr kurzwelliger Strahlungen fahig sein sollen. Dieses widerspricht aber der oben erwahnten Periodizitat mit der Sternzeit. *4) Kohthérster: Naturwissenschaften. 1926. 25) Bittner: Naturwissenschaften. 1927, 7, 26) Corlin: Radioaktive Strahfen von den Mirasternen. Beobacht. Zick. d. astr. Nachr. 1926. 41, 23. November. 7) Wilson: Proc. Cambridge, Phil. Soc. 22, 534, (Physik. Ber. 16, 1609). 28) Ebert: a. a. O. 3d http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0535 © Universitatsbibliothek Freiburg 532 -- Nimmt man also eine solche kosmische Strahlung als gegeben an, so resultiert einmal eine teilweise Absorbtion durch die Atmo- sphare, anderseits aber die Bildung einer sogenannten Sekundar- strahlung infolge Reflexion und Brechung in der Erde. Damit ware ein nicht zu unterschatzender von aufien kommender Einflu® auf die energetischen Verhiltnisse in Atmosphire, Erde und damit auch physiologisch im menschlichen Kérper sowohl direkt wie indirekt geophysikalisch und kosmisch gegeben. Einschneidender aber und von weit gré®erer Bedeutung sind die Einstrahlungen der uns am niachsten angehenden Himmels- kérper: der Sonne und des Mondes. Hier hat sick durch systema- tische wissenschaftlich-statistische Forschungen eine gewisse Peri- odizitat bestimmter kosmischer Faktoren mit irdischen Gescheh- nissen nachweisen lassen. Besonders die Vorgange auf der Sonne, wie Fleckenbildungen etc., sind die Ursachen griindlicher Untersu- chungen gewesen. Hier waren es vor allem die Sonnenflecken, die fiir die Astropsychik an Bedeutung gewannen, und zwar durch ihren auferordentlich starken Einflu® auf die elektromagnetischen Verhiltnisse der Erde. So wurde das Nordlicht, das ja bekanntlich auch eine Jonisation der Erdatmosphire darstellt, als bedingt durch die enormen elek- trischen Emanationen der Sonnenflecken ermittelt, welche auf Grund spektroskopischer Untersuchungen als gewaltige elektrische Kraftfelder erkannt wurden, deren Ausdehnung einen betriicht- licher: Teil einer Bogensekunde auf der Sonne, die 725 km betragt, annehmen kann, So wurde Pfingsten 1921 ein grofer Fleck auf der Sonne mit blofiem Auge erkannt, dessen Kreuzung des Zentral- meridianes der Erde mit dem Eintritt der Nordlichter und starken magnetischen Stiirmen zusammenfallt, sodaf} zeitweise nicht tele- graphiert werden konnte. Von besonderer Bedeutung aber ist die statistisch ermittelte Periodizitat der Fleckenerscheinungen auf der Sonne. Diesen Wech- sel zwischen Maximum und Minimum vermuteten bereits Herschel und Horreboro, aber Schwabe hat nach Epstein*’) als erster eine etwa 10jahrige Periode ermittelt. Wolfer hat dann, zuriickgehend bis auf das Jahr 1610, simtliche Beobachtungen statistisch ausge- wertet und die von Schwabe gegebene Zeit aut 11!) Jahre erhdht. Es erhebt sich nunmehr die entscheidende Frage, wodurch ge- rade dieser rythmische Wechsel in bestimmten elektrischen Ver- haltnissen auf der Sonne zuriickgefihrt werden kann. Hier nun hat 29) Epstein: Die Beobachtung der Sonne, Hevelius 1922. F. Dimmer, Berlin. etordere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0536 © Universitatsbibliothek Freiburg = SBF - man auf Grund des Massenwirkungsgesetzes von Newton, das je- dem Himmelskérper cine bestimmt priadestinierte Gravitations- einheit und damit ein durch seine Masse gegebenes elektrisches Feld zuspricht, zur Erklarung die Hypothese eingefiihrt, da® dic Himmelskérper sich auf Grund ihrer energetischen Einheit als schwingende Systeme gegenseitig beeinflussen. So wie der Astro- loge diesen Einfluf8 in bestimmter Spezifikation auf das Einzel- individium ausdehnt, fiihrt der Astronom die Periodizitat im Maxi- mum und Minimum der Sonnenfleckenbildung darauf zuriick, und zwar hat man zunachst den Planeten Jupiter, dessen Umlaufszeit von 12 Jahren gut zu der 11jahrigen Periode zu passen schien, fiir das Phinomen verantwortlich gemacht. Nach Kritzinger*°) zeigte sich aber, da® bei Bearbeitung des Materials von einem Jahrhun- dert auf 8!', Jupiterumlaufe 9 Fleckenperioden kamen. Spétere Arbeiten ergaben dann einen Einflu& des Planetenpaares Venus Erde, der verstarkt wird durch einen solchen von Jupiter -- Saturn. Auf Grund meteorologischer Beobachtungen der verschiedenen Klimaperioden einzelner Lander ist sogar ein Merkur und Mars- effekt nicht unwahrscheinlich. Interessant sind hier die Beobachtungen von Holtzhey*'). Die- ser hat in einer Zusammenstellung die sich ergebenden Kurven erstens der Sonnenfieckenrelativzahlen von den Jahren 1890 bis 1926, zweitens die Kurve des magnefischen Charakters der Erde von 1906 bis 1926, sodann driftens die Kurve der Gesamtabweichung der Planeten Jupiter = Saturn Uranus = Neptun jeweils am 1. Juli jedes Jahres von der Sonne zueinander in Vergleich gesetzt. In der gegebenen graphischen Darstellung findet sich eine sehr enge Verbindung jener kosmischen Erscheinungen untereinander. Holtzhey kommt auf Grund seiner Beobachtungen zu dem Schluf: »Es erscheint sicher, dai die Gésamtlage des Planetensystems Ur- sache fiir die Schwankungen in der Sonnentatigkeit und im Gange des magnetischen Charakters der Erde sind“. Nach noch laufenden Untersuchungen glaubt er weiterhin annehmen zu kénnen, daf auch die iibrigen Planeten sich in die oben angegebene Abhangig- keif einordnen, mit der Ausnahme, daf} der Planet Mars negativ wirksam ist im Verhdltnis zu den grofen Planeten. Es erscheint also durchaus nicht mehr so unmiglich, aus dem Planetenstand den 30) Dr. H. H. Kritzinger: Mysterien von Sonne und Seele. Gorlit. 1922 M1) Holtzhey: Zusammenhénge zwischen Sonnenfleckentiifigkeif, magnetischen Charakter der Erde und Planetenstand. Ztschr. £. Meteorologie 1928, I. http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0537 © Universitatsbibliothek Freiburg 534 Gang der Sonnentatigkeit und damit gleichzeitig denjenigen aller irdischen Geschehnisse, die direkt oder indirekt an diese gebunden sind, voraus zu berechnen. So sollen nach Beobachtungen von v. Aufsef}**) die auf der Sonne auftretenden und von der Osthalfte dieser zum Mittelmeridian wandelnden Sonnenfackeln Krafte emit- tieren, die bestimmenden Einfluf auf das Wetter ausiiben kénnen. Welcher Art diese Krafte sind, dariiber besteht noch keine Klar- heit, ebenso wenig wie iiber den Gesamtcharakter der uns durch die Sonnenstrahlung taglich zukommenden Energie. Ein Teil da- von ist jedenfalls radioaktiver Natur. So hat die Assistentin der beriihmten Radiumforscherin Md. Curie, Fri. Marizeanu, festge- stellt, da’ von der Sonne beschienenes, vorher nicht radioaktives Blei, radioaktiv wird und mit der der Sonne ausgesetzten Seite auf die photographische Platte einwirkf. Es soll dabei eine sehr harte, sogar Panzerplatten durchdringende Strahlung nachweisbar sein. Das Gleiche konnte fiir Zink und Kupfer an Stiicken von alten Dachern bestatigt werden. Wenn sich bei Nachpriifung dieses Pha- nomenes jene Beobachtungen bestatigen sollten, wiirde sich eine Mésglichkeit bieten, manchen spiritistischen Erscheinungen auf phy- sikalischer Grundlage naher zu kommen, worauf ich aber an dieser Stelle nicht weiter eingehen kann. Wenn andererseits ein Forscher von Ruf, Tschijewsky, es unternimmt, auf Grund statistischer For- schung fiir die geheimnisvollen Zusammenhange zwischen Sonnen- flecken und Erdgeschehen einzutreten, so ist dieses durchaus zu be- griifien. Tschijewsky hat 20000 historische und astronomische Da- ten mit einander verglichen und daraus den Schlu®B gezogen, dai nicht nur die Elementarkatastrophen sondern sogar die Schicksale der einzelnen Vélker in direktem Zusammenhange mit den Flek- kenperioden stehen. Bedenkt man die sehr grofie Bedeutung, die die elektrischen Emissionen auf die geophysikalischen und atmosphirischen Zu- stande der Erde haben miissen, so wird der enge Zusammenhang gewisser Geschehnisse mit diesem Phanomen und seiner Periodizi- tat begreiflich. So hat Mewes") schon 1896 den Weltkrieg fiir 1910 bis 1920, ankntipfend an die Arbeiten Zengers iiber die Meteorologie der Sonne und ihres Systems, richtig vorausgesagt, indem er den wech- selnden Grundwasserstand der Erde an einem gewaltigen Zahlen- 32) y, Aufsef}: Beziehungen zwischen Sonnentiitigkeit und Luftdruckverteilung. Ztschr. £. Meteorologie 1927, XII. 33) Mewes: Kriegs- und Geistesperioden im Vélkerleben. Max Altmann, Leipzig. 1922. http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0538 Se © Universitatsbibliothek Freiburg 535 material auswertet. Reis*!) haf nun die Periodik fiir die von Mewes ermittelten Zusammenhange zwischen Grundwasserstand der Erde und Geschichte als iibereinstimmend mit den Sonnenflek- ken, Nordlichtern und erdmagnetischen Erscheinungen gefunden. Zenger*) hat zahlenmafig exakt nachgewiesen, da% nur solare Ursachen fiir alle jene gewaltigen Unruhen im elektrischen Kraft- haushalte der Erde in Frage kommen kénnen. Hier liegt das be- dingende Moment fiir alle Astropsychik iiberhaupt. Auch der Mond wird notwendigerweise als Transformator der uns zukommenden Sonnenenergie eine nicht unwesentliche Rolle als bedeutender Faktor spielen, umsomehr, wenn man beriicksich- figt, da® hier ein gro®er Teil der Strahlung in unbekannte Sekun- darstrahlungen verwandelt und als solche emittiert wird. Auf diese besondere Art des Mondeinflusses, besonders auf sensitive Personen, hat bereits Reichenbach’) hingewiesen. Nach Hell- pach **) fand auch Arrhenius bei der Analyse der Zeitunterschiede von Krampfattacken der Epileptiker Perioden von 26 und 28 Tagen. Als vollkommen einwandfreies Mondphanomen sei auf die stets in der Nacht vor der Vollendung des letzten Mondviertels eintre- tende Geschlechtskrise des Palolowurmes hingewiesen. Auch Ebbe und Flut fallen bekanntlich darunter, und gerade dieses reine Gra- vitationsphanomen spricht fiir die energefische Natur der genannten Erscheinungen. Auf den Einflu8 des Mondes ist auch die Periodenlehre von Flies’), der fiir einen periodischen Ablauf des Lebens eintritt, be- ndet und findet ihren Ausdruck in ciner Periode von 28 Tagen ‘tir das Weib und 23 fiir den Mann. Als Arzt hat sich Flief§ sehr viel mit dem periodischen Ablauf des menschlichen Lebens beschat- tigi und seine Studien auch auf Pflanzen- und Tierreich ausgedehnt. So kommt die Biene 23 Tage nach dem Hochzeitsfluge zur Welt, und beim Floh dauert die Entwicklung von der Geburt der Larven bis zum Ausschliipfen der Jungen 28 Tage. Die kosmische Bin- dung gewisser physiologischer und psychischer Prozesse, die durch andere Beispiele, wie Mondsucht, Periodik der Menses etc. weiter belegt werden kénnte, dtirfte sich unter Beachtung auch der rein geophysikalischen Férderungen oder Hemmungen als gesichert an- sehen lassen, 31) Dr. P. Reis: Die periodische Wiederkehr von Wassersnot und Wasser mangel im Zusammenhang sit den Sonnentlecken 5) Prof. K. W. Zenger: Die Meteorologie der Sonne und ihres Systemes. i6) K. v, Reichenbach: Der sensitive Mensch. Max Altmann, Leipzig. Si) Hellpach: Geopsychische Exscheinungen. '8) Arnheit esetze des Lebens. Ullstein, Berlin. $ http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0539 © Universitatsbibliothek Freiburg — 536 — Wie steht es nun mit den Tierkreiszeichen und Planeten? Erstere werden von astrologischer Seite aus als besonders aus der Erfahrung heraus pradestinierte Kraftfelder angesprochen, in die sich der Horizont des Horoskopes je nach Geburtszeit in mehr oder weniger groBen Abschnitten aufteilt, durch die dann die Planeten wandern. Es ist sicher anzunehmen, daf} den Tierkreiszeichen, die ja jedes eine nach bestimmter geometrischer Ordnung gegebene Anhaufung von Himmelskérpern darstellen, eine Wirkung zukommt und daf$ diese anderseits durch die entsprechenden Planeten be- einflu8t werden kann, sodaf§ aus den verschiedenen Konstellatio- nen dieser gewisse kosmische Bindungen energetischer Natur er- wachsen, So glaubt Goschl*”) einen Zusammenhang zwischen den erd- magnetischen Schwankungen und den Konsteilationen der Planeten gefunden zu haben. So wirkt die Konjunktion der vier duferen Planeten verstarkend oder schwachend auf die Amplitude der mag- netischen Variationen, je nachdem Venus von der Erde aus zu den Planeten in Opposition oder Konjunktion steht. Die Wirkung wird modifiziert durch die Stellung der Sonne und eines der Planeten. Goschl bringt vergleichende Beispiele der magnetischen Charakter- zahlen der Erde 1921 und 1925 mit den jeweiligen Gestirnkon- stellationen. Es liegt jedenfalls kein Grund vor, energetisch einen durch die Tierkreiszeichen modifizierten Einflu8 der Planeten auf die Erde nicht anzunehmen, wenn dieser auch in seiner spezifischen Wirkung wissenschafflich noch nicht erwiesen ist. Solange dies aber der Fall ist, mu eine astrologische Prognose mangelhaft sein, selbst wenn jn dem behaupteten Maffe eine spezifische Beeinflussung des Indi- vidualtypus angenommen werden kénnte, es sei denn, dafi eine ein- wandfreie Statistik, wie sie neuerdings von Gléckner durchzufiihren versucht wird, das Material erhartet. Wenn man bedenkt, daf die Ausstrahlung der Sonne nach Jeans‘) pro Minute auf einen Quadratzoll der Sonnenoberflache (== 6,451 cm?) 560000 cal. betragt, was etwa der Leistung einer Ma- schine von 50 DS. entspricht, so mdchte man vom energetischen Standpunkt aus leicht geneigt sein, die Méglichkeit eines Einflus- ses der Planeten zu negieren. Dem aber widersprechen die Tat- sachen. 39) Goschl: Kosm. Einfl. auf die erdmagnetischen Schwankungen. Annalen d. Hydrographie 45, 253-259. 40) J. H. Jeans: Die neuere Entwicklung d. kosm. Physik. Die Himmelswelt. 1927. Dezember. setordere dure le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0540 © Universitatsbibliothek Freiburg = BA = Aber ein neuer Gedanke drangt sich hier unwillkiirlich auf. Das ist die Frage nach der Méglichkeit einer solaren Transforma- tion emittierter planetarischer Einstrahlungen. Physikalisch sind hier die theoretischen Bindungen derart, da man unbedingt fol- gern mu, dafi das gewaltige Kraftfeld der Sonne, um das die ganzen Planeten kreisen, deren Emanationen absorbieren mui}, Es 1aBt sich schlechthin schwer annehmen, da die planetarischen Emissionen unbeeinflufit von der weitaus gréferen Masseneinheit der Sonne, die ja schon im Gravitationsgesetz begriindet liegt, ihren Weg nehmen kann. Es werden im Gegenteil lediglich solare Einfliisse sein, die fiir die Astropsychik in Frage kommen kénnen, seien es solche direkter oder indirekter Natur, wie sie resultieren aus den Kraftespannungen der Planeten und deren Stellungen Segeneinander etc. Auch die Atherhypothese und die Energie des leeren Raumes, die sogenannte Nullpunktsenergie, ist dabei nicht gleichgiiltig. Ein anderer Faktor von Bedeutung ist der Strahlungsdruck und die daraus resultierende Repulsivkraft fiir auftretende Emissionen. Fat man etwa mit Fricke’) den Ather derart auf, daf’ man die elektrische Spannung als Atherspannung und den elekfrischen Strom als Atherverschiebung bezeichnet, so erdffnen sich weitrei- chende Perspektiven, denn der Ather ist der Urgrund alles Seien- den, dieses durchdringende Allgegenwartige. Ob und in welcher Weise man bei einer derartigen heliozentrischen Astrologie mit Tierkreiszeichen und Planeten rechnet, ist Sache der Erfahrung. Wenn auch nach Ostwald ) der Zweck jeder Wissenschaft die Voraussagung aus wiederholten Ereignissen ist, und wenn sich nof- wendigerweise aus den erkannten naturwissenschaftlichen Gesetz- mafigkeiten eine gewisse Festlegung zukiinftiger Ereignisse errech- nen lassen mufB, so ist dieses doch zurzeit, wie bereits betont, auf Grund der bisher ermittelten Zusammenhange auch mit dem besten astropsychischen Riistzeuge nur bedingt, aber auf keinen Fall in der individuell spezifizierten Form, wie die Astrologie es von sich be- hauptet, miglich. Jedenfalls aber, und das ist das Wesentliche, bestehen starke innere Bindungen zwischen Weltall und Mensch, die in weitaus stirkerem Mafe bestimmend auf das menschliche Leben einwir- ken, als man gemeinhin anzunehmen geneigt ist. Es bietet sich hier zielstrebiger exakt wissenschaftlicher Forschung ein gewaltiges Be- ~~ 4l) Dr. H. Fricke: Eine neue einfache Deutung der Schwerkraft u. cine an- schauliche Erklirung der Physik des Raumes. Heckner, Wolfenbiittel, 1919. #2) Ostwald: Grundrif} der Naturphilosophie. Reclam, Leipzig. http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0541. © Universitatsbibliothek Freiburg 538 tatigungsfeld, das nicht nur den Astrophysiker, sondern in erster Linie auch den Biologen und Mediziner angeht. Jedenfalls diirtte auf dieser Basis so mancher alte, im Volke wurzelnde Aberglaube und das Okkulfe in und um uns mehr und mehr eine rein natiir- liche, experimentell fafbare Erklarung finden, soweit dies in den Grenzen unseres Naturerkennens iiberhaupt méglich ist. Ein moderner Alchemist: Francois Jollivet Castelot. Von Ernest Hentges. Das Wort Alchemist erweckt in unserem Geist mancherlei Vor- stellungen, fiir die David Teniers d. J. in seinem bekannten Ge- milde in meisterhafter Weise einen typischen Ausdruck gefunden hat: ein greiser, bartiger Gelehrter in miftelalterlicher Tracht, um- geben von kabbalistischen Folianten, abenteuerlichem Hausrat, Tierschadeln, Gebeinen u. dgl. Solche oder ahnliche Vorstellungen tauchen unwillkiirlich auf und werden mit dem Wort Alchemist in Beziechung gesetzt. Ein Alchemist im XX. Jahrhundert ist ein Anachronismus. In dem Jahrhundert der technischen Wunder empfinden wir es als eine Herausforderung an den Zeitgeisf, wenn ein gebildeter und verniinffiger Mensch sich 6ffentlich als Alchemist zu bekennen wagt. Diesen seltenen Mut besitzt Frangois Jollivet Castelot, der sich die Rehabilitierung der verrufenen Alchemie zur Lebensaufgabe ge- macht hat. Zum Alchemist mu man geboren, dazu pradestiniert sein. Trotz einer Unsumme philologischer Kenntnisse, trots griindlichen philo- sophischen Wissens, frotz einer perfekten Ausbildung in der chemi- schen und physikalischen Wissenschaft also trotz der Beherr- schung eines Wissensstoffes, der einem akademischen Lehrer alle Ehre machen wiirde, mu® sich der moderne Alchemist damit ab- zufinden wissen, da seine Lebensarbeit nur Verkennung und Spott finden wird. Das ist das Schicksal Jollivet Castelots, der ohne offiziellen Titel und akademische Wiirde in jahrzehntelanger zaher Arbeit die Lehren der ziinftigen Wissenschaft tiber das Stoft- problem in Theorie und Praxis zu widerlegen suchte und in Wort und Schrift unablassig bekampfte. Diesen Kampf gegen Vorurteil und Irrtum, gegen die interessierte Befangenheit der akademischen Bonzen fiihrt Jollivet Castelot schon an die dreiffig Jahre lang. etordere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0542 © Universitatsbibliothek Freiburg — 539 — Seinen Leidensweg wandelt er mit der heiteren Ruhe und der un- beirrbaren Gelassenheit eines antiken Philosophen. Der wahre Alchemist, als echter Jiinger der hermetischen Philosophie, erstrebt nicht allein die Umwandlung der Mefalle, sondern er verfolgt als hdheres Ziel-die geistige Transmutation, die Verwandlung des Irr- tums in Wahrheit. In diesem Sinne ist Jollivet Castelot ein Wahr- heitssucher geworden, der sich der Reform der Gesellschaftsord- nung und der Hdherentwicklung des religidsen Lebens gewidmet hat. Vor beildufig vierzig Jahren fand sich in Paris eine Gruppe jugendlicher Intellektueller zusammen, deren ungestiimer Wissens- drang von den akademischen Lehren unbefriedigt blieb und die sich zu dem Studium der philosophischen und wissenschaftlichen Systeme des Altertums und Mittelalters hingezogen fiihlten. Diese wiBbegierige Schar schlofs sich um Saint-Yves d’Alveydre und Eli- phas Lévy, welche damals als Wortfithrer der alten Uberlieferungen des Abendiandes und des Orientes auffraten. Zu dieser jungen Phalanx gehérten all jene, die fiir die sptere okkultistische Bewe- gung reprasentativ geworden sind: Papus, Stanislas de Guaita, Joséphin Péladan u. a. Auch Jollivet Castelot gehérte zu ihnen. Die synkrefistischen Tendenzen der jungen Philosophenschule, die zum 6ffesten jeder tatsachlichen Unterlage entbehrten und nicht auf umfassendem und und griindlichem Quellenstudium be- ruhten, sowie deren rhetorische Demonstrationen iiber die tiefsten Probleme des Seins und die unbeweisbaren Spekulationen iiber den Urgrund aller Dinge konnten auf die Dauer die positive Denkens- art Jollivet Castelot’s nicht befriedigen. Er erkannte bald die unge- niigende Fundierung der philosophischen Systeme, die man aufzu- bauen suchte, und es miffiel ihm, da dieser stolze Bau nur ein Geriist von nicht verifizierbaren Hypothesen war. Ihn zogen jene Lehren der antiken Philosophie mehr an, die einer tatsachlichen, objektiven Beweisfiihrung zugangig waren. So kam er allmahlich dazu, sich dem Studium der alchemistischen Doktrinen iiber das Stoffproblem zu widmen. Im Jahre 1894 veréffentlichte Jollivet Castelot seine Erstlings- schrift, betitelt: ,,La Vie et ’Ame de la Matiére. Essai de physiologic chimique, études de dynamochimie“. In diesem Buche, wie auch in der Broschiire ,,l’Hylozoisme, !’alchimie, les chimistes unitaires“, die 2 Jahre spater erschien, griff der Verfasser die Lehre der altes- ten griechischen Philosophie vom Urstoff, von der Selbstandigkeit, Bewegung und des Lebens der Materie wieder auf. ,,Die neuesten Theorien der Dynamochemie -- schrieb Jollivet Castelot an andrer Stelle -~ sind jenen vollkommen analog, welche die Gelehrten vor- http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0543 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 540 -- mals mit mehr oder weniger Klarheit und Griindlichkeit lehrten. Die heutigen Gelehrten nahern sich immer mehr der Vorstellung, dafi die Materie eine Einheit bildet, dafi alle Kérper sich aus den gleichen Atomen zusammensetzen, die nur verschiedenartig gelagert sind, da® letzten Endes jedes Atom aus verdichtetem Ather besteht. Alle Atome kénnen sich daher wieder in Ather auflésen; durch atherische Wirbel entstanden, sind sie vielleicht nur Bewegung, und man kénnte demnach die Natur durch den Aphorismus defi- nieren: das Universum ist eine Kraftwirkung.“ Eine kurze geschichtliche Arbeit iitber Alchemie erschien im Jahre 1895 unter dem Titel ,,l'Alchimie“. Diese Broschiire ist auch ins Italienische iibersetzt worden als ,,L’Alchimia, Sommario sto- rico“ (Neapel 1900). Die nachste Veréffentlichung erschien im Jahre 1897 unter dem etwas langen Titel ,,Comment on devient alchimiste. Traifé d’her- métisme ef de l’art spagyrique basé sur la clef du tarot. Papus hatte zu diesem Buche eine Vorrede geschrieben. Durch ihren aus- Seprigten spekulativen Charakter machfe sich in den bisherigen Schriften Jollivet Castelots der Einfluf} des okkultistischen Milieus bemerkbar, in dem er damals verkehrte. Man hat dieses Buch als das Werk eines Initierten bezeichnen wollen. Es ist ein buntes Ge- misch von mystisch-wissenschaftlichen Spekulationen. Der Ver- fasser versuchte eine Verkniipfung pythagoreischer, alexandrini- scher, griechischer und jiidisch-kabbalistischer Vorstellungen mit den Ergebnissen der modernen Wissenschaft. Jollivet Castelots Mystizismus ist jedoch nur scheinbar; er fundiert in einem sorg- faltigen Quellenstudium und wird kompensiert durch seine niich- terne Kritik, sein wissenschaftliches Denken, das den immanenten Wahrheitsgehalt der okkulten Symbolsprache zu entratseln ver- sucht. Das Magnum Opus, das grofe Magisterium der Alchemisten, bestand in der Herstellung des Steines der Weisen, der nicht nur unedle Metalle in lauteres Gold verwandeln, sondern auch cine vollkommne universelle Medizin sein soll, die ewige Jugend ver- leiht. Dieses Thema behandelt Jollivet Castelof in der 1901 erschie- nenen Schrift ,,Le Grand-Oeuvre alchimique“, die im gleichen Jahre in spanischer Ubersetzung als ,,A Grande Opera Alchimica“ er- schien. Wie das Buch ,,Comment on devient alchimiste“ gewissermafien ein Bekenntnis zur hermetischen Philosophie ist, so ist das nachste Werk Jollivet Castelots ,,La science alchimique", das 1904 erschien, als eine Gelehrtenarbeit anzusprechen. Dieses Werk umfaSt fol- setoraere dure le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0544 © Universitatsbibliothek Freiburg — 544 — gende Kapitel: Methode des Hermetismus ~ Alchemistische Sym- bolik Alchemistische Synthese -- Alchemistische Evolution -~ Positivismus, Monismus und Alchemie Der Stein der Weisen, das grofe Magisterium Mystische und religitse Alchemie © - Aurum pofabile Spagyrische Medizin Alchemistische Texte - Das Leben der Metalle, Stereochemie Abrifi der Geschichte der Alchemie. Als Anhang ist eine alchemistische Bibliographie peigefiigt. Die spagyrische Kunst ist jener Zweig der Alchemie, welcher die Extraktion und Dynamisierung der vitalen Krafte aus minera- lischen, vegetabilen und organischen Substanzen zu Heilzwecken lehrt. Diese Disziplin der hermetischen Wissenschaft hat Jollivet Castelot in dem Buche ,,Médecine spagyrique“ (Paris 1911) behan- delt, worin er nach einer Einleitung tiber Geschichte und Wesen der Spagyrik die Schriften von drei hervorragenden Vertretern dieser Kunsi kommentiert, nimlich die ,,Royale Chimie“ und ,,Traifé des Signatures“ von Oswald Crollius »Traité familier de l’exacte préparation spagyrique des médicaments pris d’entre les minéraux, animaux ef végétaux™ von Joseph du Chesne - - und ,,L’Admirable Quintessence de Raymond Lulle: Le triomphe de l’Arché et la Merveile des Mondes, ou La Médecine Universelle pour toutes sortes de maladies désespérées, rebelles et dangereuses“ von Jean D’Aubry. Der Krieg unterbrach die literarische Tatigkeit Jollivet Caste- lots, und nach lingerer Pause gab er 1925 ein neues Buch heraus: »La révolution chimique et la transmutation des métaux“. Der Zweck dieses Buches ist eine Kritik der Theorien der offiziellen Chemie im Vergleich zu jenen der Alchemie. Uber dessen Inhalt orientiert am besten die Nennung der einzelnen Kapitel: Die alche- mistische Philosophie - - Beweis fiir die Einheit der Materie - die groBen Lehren der Alchemie die wirkliche Konstifution der Atomen-Struktur - Moderne Theorien der Alchemie. In den letzten Jahren hat Jollivet Castelot wieder eine sehr rege literarische Tatigkeit entfaltet. Von seinen verschiedenen Veriffentlichungen ist insbesondere das Buch ,,Etudes d’hyper- chimie: Chimie ef Alchimie (Paris 1928) zu erwahnen, worin der Verfasser die Lehren der Chemie und Alchemie gegeniiberstellt, an zahlreichen Beispielen die fundamentalen Unterschiede ihrer resp, Methoden erlautert und die Superioritat der Alchemie sowie die objektive Realitat der Transmutationen nachzuweisen versucht. Im Sommer des Jahres 1896 hatte Jollivet Castelot im Verein mit einigen Freunden die ,,Société alchimique de France gegriin- http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0545 © Universitatsbibliothek Freiburg — 342 — det, um all jene zusammenzuschliefien, die sich entweder praktisch oder theoretisch fiir Alchemie interessierten. Zu den Griindungs- mitgliedern gehdrten: Dr. Papus, Dr. Lalande, F. Ch. Barlet, Sédir, Stanislas de Guaita, Tabris und Jollivet Castelot, Letzterer war Generalsekretér der Gesellschaft. Die Gesellschaft bestand aus Meistern und einer unbeschrankten Zahl aktiver Mitglieder. Zum Meister konnte jedes aktive Mitglied beférdert werden, das vor dem: Direktionskomite eine selbstgewahlte These erfolgreich ver- teidigt hatte. Um aktives Mitglied zu werden, mute der Kandidat vor dem Direktionskomitee und den vereinigten Meistern ein Exa- men bestehen, das sich auf die Geschichte der Alchemie und deren Lehren, sowie auf Physik und Chemie erstreckte. Gema® Artikel 8 der Statuten bestand der Zweck der Gesell- schaft darin, die Renaissance der Lehre von der Einheit des Stof- fes zu férdern, und zwar dadurch, da®: 1. die einzelnen Forscher durch eine Fachzeitschrift in gegen- seitigen Gedankenaustausch treten kénnen; 2. dieselben sich gegenseitig die Resubtate ihrer Arbeiten ver- mitteln kinnen; 3. denselben nach Miglichkeit die bendtigten Biicher und Ge- rate zur Verfiigung gestellt werden. Ehrenmitglieder der alchemistischen Gesellschaft sollten satz- ungsgema bekannte Wissenschaftler werden, welche die Bestre- bungen der Vereinigung unterstiitzen wiirden. Fiir diese Art Mit- @liedschaft fanden sich bisher jedoch keine Titulare. Die Gesellschaft gab eine Propagandaschrift ,,L’Idée alchi- mique“ heraus, welche gemeinschaftlich von Jollivet Castelot, De- lassus und d’Hooghe verfaBt war. Als offizielles Organ der ,,Société alchimique de France“ er- schien am 1. August 1896 die erste Nummer der ,,Hyperchimie, revue mensuelle d’alchimie, d’hermétisme ef de médecine spagy- rigue“. Von dieser Zeitschrift sind bis Februar 1898 insgesamt 19 Nummern erschienen. Schriftleiter war anfanglich Sédir, spiter Jollevet Castelot. Die Sammlung dieser Zeitschrift ist sehr inte- ressant wegen der darin enthaltenen Erstlingsversuche der moder- nen Alchemisten und speziell wegen der Beitrage Aug. Strind- bergs, der iiber seine Experimente zur synthetischen Goldgewinnung aus Ammonium-Eisensulfat berichtet. Von 1902 bis 1905 gab die alchemistische Gesellschaft die Zeit- schrift ,,Rosa Alchemica“ unter der Leitung von Jollivet Castelot heraus. Nach einer abermaligen Namensveranderung erschien das Ver- etoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0546 © Universitatsbibliothek Freiburg ~~ 543 einsorgan unter der Bezeichnung ,,Les Nouveaus Horizons de la Science et de la Pensée“. Infolge des Krieges mufite die Verdéffentlichung dieser Zeit- schrift im Oktober 1914 eingestellt werden, und nach einer sechs- jahrigen Unterbrechung erschien im September 1920 die erste Num- mer der ,,Rose Croix, revue synthétique des sciences d’'Hermés", als deren Schriffleiter Jollivet Castelot zeichnet. Wie der Titel andeu- tet und auch einer friiheren Gepflogenheit entsprechend, ist das Programm dieser Zeitschrift nicht auf Alchemie beschrankt, son- der umfaft das Gesamtgebiet der hermetischen Wissenschaften: Spagyrik, Astrologie, okkulte Traditionen, Spiritismus, sowie auch Soziologie. Jollivet Castelot ist nicht nur ein Theoretiker der Alchemie, der auf dem Papier die Einheit des Stoffes beweisen wollte, son- dern er suchte ununterbrochen durch mannigfache Laboratoriums- versuche die Richtigketi seiner philosophischen Voraussetzungen zu beweisen, Bi : Seine ersten Versuche unternahm er im Monat Januar des Jah- res 1893 und hat hieriiber in dem Buche ,,La vie et l’ame de da matiére“ eingehend berichtet. Zu einer wirklichen Transmutation fihrten diese Versuche jedoch nicht. Eine zweite Versuchsreihe unternahm er im Monat Februar desselben Jahres. Ein silbernes Fiinffrankstiick wurde in reiner Salpetersiure von 36° aufgelist; unter Beifiigung von Jod wurde die Lésung zum Kochen gebracht. Die Lésung ward himmelblau (wegen der Anwesenheit des Kupfers) und wurde in ein Reagenz- glas abgegossen. Es bildete sich rasch ein reichlicher Niederschlag von Silber- und Kupfernitraten, und etwa eine Stunde spater war der Bodensatz leicht braun verfarbt. Die Fliissigkeit blieb wah- rend einigen Tagen der Luft und dem Licht ausgesetzt und wurde alsdann tuter Zusatz von Salpetersiure abgedampft, bis sich ein schwarzer Niederschlag ergab. Das Gemisch der Nitrate wurde kalciniert, in lauwarmen destillierten Wasser aufgelést und die Lésung im Dunkeln filtriert. Das Filfrat wurde mittelst Oxalsdure auf seinen Goldgehalt gepriiff, doch es wurde keine Spur Gold ge- funden. Nach Kalcination der Nitrate verblieb jedoch ein starker metallischer Niederschlag in der Kapsel, der weder in reiner kochender Salpetersdure noch in lauwarmem Scheidewasser lés- lich war. Er wurde in kochendem Scheidewasser gelést und mif Zink prazipitiert. Das Silber ward vom Kupfer in gewdhnlicher Weise gefallt. Nach Kalcination erhielt man Silber, das mit gelben Schuppen durchsetzt war, die scheinbar golchaltig waren, http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0547 © Universitatsbibliothek Freiburg 544 Uber weitere bemerkenswerte Versuche hat Jollivet Castelot ‘mehrfach berichtet. Im Jahre 1906 léste er in Salpetersiure einen Silberstreifen auf, der wahrend eines Jahres der Einwirkung des Radiums aus- gesetzt war. Als die Sdure einige Minuten auf das Metall einge- wirkt hatte, farbte sich die Fliissigkeit himmelblau, was eine Trans- formation der Silberatome in Kupfer andeutete. Im Jahre 1908 unternahm Jollivet Castelot folgendes Experi- menf: Zu chemisch reinem Silberpulver wurde allmahlich eine kleine Quantitét Auripigment (Arsentrisulfid) mit einer sehr klei- nen Menge Antimonoxysulfid gemischt, ungeléhr im Verhaltnis von 1:3 bis 1:4 zur Silbermenge. Nachdem dieses Gemisch im elektrischen Ofen wahrend einer Stunde auf ca. 1200° erhitzt wurde, fand sich im Schmelztiegel ein Bodensatz von gelbem Sil- ber. Auch nach der Pulverisierung war diese Substanz goldgelb und ergab bei der Analyse deufliche Spuren von Gold. Diesen Versuch hat Jollivet Castelot an die fiinfzig Male mit annahernd gleichem Erfolg wiederholt. Da& das Versuchsergebnis nicht stets gleich blieb, wird damit zu rechtferfigen gesucht, daft diese Operationen eine gewisse Geschicklichkeit erfordern. Im Jahre 1910 erzielte Jollivet Castelot die Bildung von allo- fropischem Gold, indem er Gold und Quecksilber amalgamierte und dieses Amalgam wahrend einiger Monate in einem verschlosse- nen Gefafi erhitzte. Dadurch erhielt er eine gelbe pulverfirmige Substanz, die sich nur durch gewisse Eigenschaften vom normalen Gold unterschied. Wahrend der schweren moralischen Krise, die Aug. Strindberg in der Zeit seines Pariser Aufenthaltes durchmachte, wandte er sich dem Studium der okkulten Wissenschaften und dem Buddhis- mus zu. Er trat in Beziehung zu Dr. Papus, der damals das Haupt der franzésischen Okkultisten war, und wurde auch mit Jollivet Castelot bekannt. Strindberg hatte von jeher reges Inferesse fiir Naturwissenschaften, speziell fiir Chemie. Seitdem ihm der Nach- weis von Kohlenstoff im Schwefel gelungen war, gab er die Lehre von den chemischen Elementen auf und naherte sich immer mehr den Ansichten der Alchemisten tiber die Natur des Stoffes. Seit der Bekanntschaft mit Jollivet Castelot betrieb er eifrig alche- mistische Experimente und glaubfe zuversichtlich, hierbei von einer iiberirdischen Macht geleitet zu werden. Zufolge einer myste- riésen Weisung glaubte er, im Schwefel und Eisen das Geheimnis der Goldbereitung gefunden zu haben. Nach einem andern okkulten Erlebnis operierte er spater mit phosphorsaurem Kalk und Blei. http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0548 cee © Universitatsbibliothek Freiburg 545 Uber seine alchemistischen Experimente hat Strindberg mehrfach in der Zeitschrift ,,Hyperchimie“ berichtet und hieriiber auch die Broschiire ,,Antibarbarus“ veréffentlicht. Wegen ihrer gemeinsa- men alchemistischen Versuche standen Strindberg und Jollivet Castelot lange Jahre hindurch in Briefverkehr, und nach Strind- bergs Tode hat Jollivet Castelot einen Teil dieser Korrespondenz als ,,Bréviaire alchimique“ veréffentlicht. Von Jollivet Castelots Beziehungen zu zeitgenissischen Alche- misten ist besonders Jean Bourciez zu erwahnen, der dessen Trans- mutationsversuche nach einer etwas modifizierten Technik wieder- holte und nachpriiffe. Uber das Ergebnis dieser Versuche berichtet Bourciez in der Zeitschrift ,,Rose Croix“ folgendermafien: ,,Meine Versuche wurden in einem elektrischen Ofen Clerc-Minet ausge- fiihrt, der es ermdglichte, die Kohlen um mehrere Zentimeter zu verschieben, ohne daf} der Bogen erléscht. Man kann daher den Schmelztiegel in die volle Flamme bringen, wo die Temperatur am héchsten ist. Bei meinem ersten Versuch habe ich 10 Gramm che- misch reinen Silbers in einem Magnesiaschmelztiegel unter die Flamme gestellt, Nachdem das Silber geschmolzen war, fligte ich 3 Gramm pulverisiertes Auripigment hinzu. Nach Entfernung der Kohlen brachte ich den Tiegel rasch in die Flamme, léschte als- dann den Bogen aus und lief den Tiegel im Ofen langsam erkalten. Da sich etwas Silber verfliichtigt hatte, erhielt ich einen Klumpen von 9,4 Gramm innen und aufsen vergoldeten Silbers, das bei der Analyse 0,096 Gramm reines Gold ergab. Die Analyse wurde von einem diplomierten Pariser Chemiker ausgefiihrt. Ein zweiter Versuch fand unter den gleichen Umstanden statt, indem 10 Gramm geschmolzenem Silber eine Mischung von 3 Gramm Arsentrisulfid und 0,3 Gramm Antimonoxysulfid beigefiigt wurde. Bei diesem Versuch unterlief ich es, den Schmelztiegel plétzlich in die Flamme zu bringer., sondern ich unterhielt wahrend einer Stunde eine sehr hohe Temperatur, wodurch keine Verfliichtigung des Silbers statt- fand. Die Analyse ergab 0,057 Gramm Gold pro 10 Gramm Silber“. Desgleichen hat der Ingenieur Georges Richet in seinem Labo- ratorium die Experimente Jollivet Castelots wiederholt nachge- priift. Im Gegensatz zu der Geheimnistuerei der mittelalterlichen Al- chemisten hat Jollivet Castelot seine Experimente in allen Einzel- heiten verdffentlicht und unablassig eine offizielle Kontrolle und Nachpriifung derselben nachgesucht. All sein Bemiihen war jedoch bisher vergeblich. Der bekannte Kastengeist der Universitatsbon- Yontralblat fdr Okkultiamus, XXI, Jabrgany. 36 http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0549 © Universitatsbibliothek Freiburg FG — 546 — zen la®t nicht zu, da® die Leistungen eines Aufenseiters fiir voll- wertig anzusehen sind, ganz besonders wenn sie im Widerspruch zu den akademischen Lehren stehen. Infolge einer eigenartigen Inkonsequenz straubt sich die Schul- wissenschaft gegen die Lehre von der Einheit des Stoffes, obgleich sie seit langem die Einheit der Krafte sowie die Identifat yon Kraft und Stoff anerkennt. Die Untersuchungen Ramsays iiber den Verfall der Materie, die Arbeiten Gustave Le Bons iiber die Veranderlichkeit der Metall- legierungen, Rutherfords Experimente iiber die Zerlegung des Sfickstoffs, und nicht zuletzt die aufsehenerregenden Experimente Prof. Miethes iiber die Verwandlung des Quecksilbers in Gold bei Einwirkung des elektrischen Stromes haben die Stellung der offi- ziellen Wissenschaft gegeniiber der alchemistischen Doktrin zwei- felsohne stark erschiittert. Trotzdem ist es Jollivet Castelot nach 35jahrigem Bemiihen noch nicht gelungen, eine offizielle Nachpriifung seiner Experimente zu efreichen. Sein Anerbieten blicb stets unberiicksichtigt, falls es nicht mit ironischen Bemerkungen abgelehnt wurde. Noch halt man die Probleme der Alchemie nicht fiir akademiefithig, obgleich dic Pontifexe der Sorbonne und des Collége de France kiirzlich dem Spiritismus die Ehre einer offiziellen Kontrolle angedeihen liefen. Vor der Veréffentlichung seines 1925 erschienenen Buches ,,La Révolution chimique“ wandte Jollivet Castelot sich schrifflich an Frau Curie, an J. Becquerel und an Ch. Moureu zwecks Nachprii- fung seiner Transmutationsversuche. Keiner der Genannten fand sich jedoch veranlaBt, sein Schreiben zu beantworten. Die gleiche Aufnahme fand er bei den Schriftleitern der gré®eren wissen- schaftlichen Fachzeitschriften. Die Lebensgeschichte der meisten Alchemisten war eine Kette schwerer Enttauschungen. Das Gliick scheint jene zu fliehen, die der Natur das Geheimnis des Goldes abzuringen suchen. Auch die Alchemisten des XX. Jahrhunderts lernten die Tiicken des Schicksals kennen. Als Strindberg glaubte, das Geheimnis der Transmutation gefunden zu haben, da schien ihn das Gold zu flichen. Er geriet in arge Finanznéte, und nur die Sffentliche Sammlung, die gelegentlich seines 63. Geburtstages in Schweden veranstaltet worden war, konnte ihn vor materieller Not schiitzen. In den letzten Jahren hat das Schicksal auch Jollivet Castelot arg heimgesucht. Nachdem der Krieg ihm schwere materielle Ver- luste zugefiigt hatte, nachdem er seine Angehdrigen verloren, er- krankte Jollivet Castelot infolge seiner langjahrigen Experimente getoraere dure le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0550 © Universitatsbibliothek Freiburg 547 mit Radium und Réntgenstrahlen an einem gefahrlichen Augen- leiden und ist halb erblindet. Wohl der empfindlichste Schicksals- schlag traf ihn in der Nacht vom 10.-11. Dezember 1924, wo in der alten Patrizierwohnung in der rue St-Jean No. 19 zu Douai eine Feuersbrunst ausbrach und Jollivet Castelots Laboratorium und seine ganze Bibliothek zerstérte. All seine Schriften, all seine Auf- zeichnungen iiber die unzahligen Experimente, die er seit 35 Jah- ren unfernommen hatte, wurden ein Raub der Flammen. Bei diesem Brand sind auch die Manuskripte verschiedener Biicher vernichtet worden, deren Erscheinen Jollivet Castelot ange- kiindigt hatte, so namentlich eine Sammlung griechischer, arabischer und syrischer Texte der Alchemie. Der Volistandigkeit halber miiSte auch noch Jollivet Castelots Bedeutung als Dichter und Philosoph, sowie als Reformator auf religissem und sozialem Gebiet gewiirdigt werden, doch diese Seiten seiner Tatigkeit liegen auferhalb des Rahmens der gegen- wirtigen Abhandlung. Die praktische Anwendung der iibersinnlichen Erkenntnis. Von Dr. E. Osty. Auszug aus dem Franzésischen (Revue Méfapsychique) von FE, Stéber. Diejenigen, welche ihre Zuflucht zu einem Hellseher nehmen, wenn sie tiber ein Ratsel, das der menschliche Verstand mit Hilfe unsrer fiinf Sinne nicht lésen kann, Aufschlu®8 haben wollen, han- dein sicher klug. Aber nur wenige unter ihnen wissen, was man von den suprsnormalen Fahigkeiten eines Hellsehers mit Recht erwar- ten dart und wie man diese Fahigkeiten am zweckmafigsten dienstbar machen kann. Die psychische Kraft, aus welcher das Hellsehvermigen ent- springt, ist ein menschliches Potential, von dem, je nach den Um- standen und den individuellen Bestrebungen, nur ein ganz kleiner Teil in die Wirklichkeit fritt. Die Auswertung dieses kleinen Teiles ist tiberdies ganz dem Zufall anheim gegeben. Fast immer werden die mit supranormalen Fahigkeiten begabten Menschen durch die- jenigen, welche sich ihrer bedienen, geschadigt und in ihrem Kén- nen herabgedriickt. Wenn man einem Hellseher Ziele setzt, welche er mit der ihm gegebenen Fahigkeit nicht erreichen kann, so ver- 35° http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0551 © Universitatsbibliothek Freiburg FG — 548 — ringert man seine Leistungen, indem man ihn veranlaBt, sich selbst etwas auszudenken und [rrtiimer hervorzurufen. Viele Hellseher behaupten, daf sie die Wirklichkeit mit ihrer Gabe erfassen kinnen, aber das ist nur in seltenen Fallen richtig. Aus noch unbekannten Griinden kann ein Hellseher nur iiber Falle bestimmter Art Aufkliérung geben, woraus folgt, daf man sich in einem gegebenen Falle nicht an den ersten besten bekannfen Hell- seher wenden darf, sondern an denjenigen, der ftir die Unter- suchung des fraglichen Falles besonders begabt ist. Unter den Fragen, welche man gewdhnlich durch supranormale Erkenntnis zu lésen sucht, gib{ es gewisse, welche sich auf Falle beziehen, die eine Art von Spezialitat der Hellsehfahigkeit erfor- dern und demnach gewissermafien zu einer Familie gehdren. Solche Fragen entstehen, wenn es sich darum handelt, ein Verbrechen, einen Diebstahl, das Verschwinden von Personen oder Sachen und dergleichen aufzuklaren. Sie sind oft so schwierig, dafS unser Ver- stand nicht imstande ist, sie zu beantworten. Mit diesen will der Verfasser sich hier befassen, und zwar in der Weise, da aus- schlieBlich der praktische Nutzen, den die Anwendung der supra- normalen Erkenntnis- fiir ihre Beantwortung bietef, in Betracht gezogen wird, Es ware hichst wiinschenswert, daf} ein Hellseher, der in einer der in Befracht kommenden Fragen Auskunft geben soll, so genaue und bestimmte Angaben machen kinnte, wie ein Zeuge, der den Vorgang, um den es sich handelt, miterlebt und aufmerksam beob- achtet haben wiirde. Hellseher mit solch aufserordentlicher Bega- bung sind sicher méglich, aber es ist fraglich, ob es solche tat- sachlich gibt. Um zu zeigen, welchen Grad von Genauigkeit die Angaben des Hellsehers erreichen kénnen, lasse ich nachstehend einige durch supranormale Erkundung aufgeklarte Falle folgen: Im Jahre 1692 wurden in Lyon ein Weinhandler und seine Frau ermordet aufgefunden; kein Anzeichen, das zur Entdeckung des Taters hatte fiihren kénnen, war gegeben. Da wurde, drei Tage nach der Tat, der Rutenganger Jaques Aymar an den Tatort gefiihrt, der dann die Verfolgung des Taters aufnahm, Die Wiinschelrute fiibrte ihn zur Rhonebriicke, darauf zu dem Hause eines Gartners und schliefilich nach Beaueaire, 40 Meilen von Lyon. Hier erkannte Aymar, dafS sich die Mérder getrennt hatten. Eine Spur fiihrte in das Gefangnis, unter dessen Insassen (ungefaéhr 15) ein kleiner buckeliger Mann, der vor einer Stunde eines kleinen Diebstahls wegen eingeliefert war, durch die Rute bezeichnet wurde. Dieser legie spater ein Gestandnis ab, bestitigte Punkt fiir Punkt die sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0552 © Universitatsbibliothek Freiburg 549 Aussagen des Rutengangers und gab an, da er durch zwei Pro- vengalen zu der Tat verfiihrt wurde. Die Spur dieser letzteren wurde durch Aymar weiter verfolgt; sie fiihrte nach Toulon, wo die Mérder ein Boot bestiegen hatten. Aymor folgte ihnen auch auf dem Meere mit Hiilfe der Wiinschelrute, gab die Verfolgung aber auf, als er erkannte, daf} sie nach Genua entflohen waren. Dieser Fall, der vielleicht manchem der Leser schon bekannt ist; hat sei- nerzeit viel von sich reden gemacht und lingere Zeit hindurch die Gerichte und die Polizei beschaftigt. In einem Aufsatze der ,,Neuen Ziiricher Zeitung“ berichtet der Ingenieur Illg, Auffenminister des Kaisers Menelik, tiber Ver- brechen, die durch die Zauberer ,,Lobasha“, das ist ,,Entdecker von Verbrechern“, aufgeklart wurden. Die Lobasha sind Kinder von héchstens 12 Jahren, welche kiinsflich in Hypnose versetzt werden. Ein Lobasha, der einen Brandstifter in Addis-Abeda aus- findig machen sollte, lief anhaltend 16 Stunden in der Richtung auf Harrar, und zwar so rasch, daf} selbst die Schnellaufer nicht folgen konnten. In der Nahe von Harrar verlief er plétzlich die Strafe, betraf ein Ackerfeld und wies auf einen dort arbeitenden Galla, der ein Gestiindnis ablegte. Ein anderer Lobkasha, dem die Aufgabe gestellt war, einen Raubmord in der Nahe von Addis-Abeda aufzuklaren, lief mehrere Stunden um den Tatort herum, ging dann nach Addis-Abeda zu- riick, trat nacheinander in zwei Kirchen und kii®te deren Mauern. Bald darauf erwachte das Kind, worauf man es von neuem hypnoti- sierte. Es nahm die Verfolgung wieder auf, lief um einige Hiitten herum und erwachte zum zweiten Male an der Tiir einer dieser Hiitten. Deren Eigentiimer wurde verhaftet, bekannte sein Ver- brechen. Seine Angaben tiber seine Flucht liefen erkennen, dai} der Lobasha ihn genau kopiert hatte. Im Gefangnis von Blois befand sich ein irrtiimlicherweise des Diebstahis angeklagtes Dienstmadchen, das Anféalle von Somnam- bulismus hatte. Eines Tages, als es sich in hypnotischem Zustande befand, brachte ihm der Gefangnisarzt Dr. Dufay ein sehr sorg- faltig in Papier eingewickelfes Stiick der Kravatte, mit der sich ein Gefangener kurz vorher erdrosselt hatte, Das Madchen wufite nichts von dem Selbstmord, sprang aber erschreckt von ihrem Stuhl auf, als es das Packchen beriihrfe, warf es zornig von sich und gab auf Befragen dann genaue Auskunft tiber den Selbstmirder, iiber den Mord, der ihn ins Gefangnis gefiihrt, und tiber das Werkzeug, dessen er sich bedient hatte. Auf die Frage, wo sich dieses Werkzeug jetzt befande, antwortete es: ,,Er hat es in einen http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0553 © Universitatsbibliothek Freiburg FG ~— 550 - Teich geworfen, ich sehe es auf dem Grunde des Wassers. Das Werkzeug, ein Hackmesser, wurde an der bezeichneten Stelle tat- sachlich gefunden; niemand konnte wissen, da® es dort war. In der Sparkasse von Warschau verschwand vor einiger Zeit ein Biindel wertvoller Aktien. Drei weibliche Angestellite wurden verdachtigt. Eine von diesen ging zu dem bekannten Hellseher Ossowiecki und bat ihn, er mége ihnen doch helfen, den Schuldi- gen zu ermitteln. Ossowiecki begab sich in die Sparkasse, befiihlte das Brett, auf dem die Aktien gelegen hatten, gab eine genaue Be- schreibung des Diebstahls und sagte, er sehe den Dieb, er sei ein Angestellter, er wiirde ihn sofort erkennen. Tatsachlich bezeich- nete er auf einem Rundgange durch die Geschaftsraume der Kasse, unauffallig, aber bestimmt, den Schuldigen. Dieser, zur’ Rede ge- stellt, legte ein Gestnadnis ab und bestafigte die Aussagen des Hellsehers, Dies sind ausgezeichnete Beispiele fiir eine musterhafte, hell- seherische Leistung. Sie sind leider sehr selfen. Der Verfasser kann auf Grund seiner langen Erfahrung behaupten, das auch die besten Hellseher, mit seltenen Ausnahmen, sowohl in Bezug auf die Menge als auch auf den Wert ihrer Angaben dem Wechsel! unterworfen sind. Zuweilen klaren sie eine Sache in zweckdien- licher Weise wahrheitsgemafi auf, haufiger jedoch geniigen ihre Angaben jedoch nicht, um das gewiinschte Ziel zu erreichen, und oft kommt es auch vor, da® sie, abgeschlossen von der Quelle der Wahrheit, Dinge berichten, die in einem andern mit dem frag- lichen Ereignis in Verbindung stehendem oder, was schlimmer ist, in ihrem eigenen Psychismus geschdpft sind. Gestiitzt auf ausgewahlte Tatsachen, welche als Muster ihrer Arf gelten kGnnen, geht der Verfasser dann daran zu zeigen, was man ftir die Lésung der hier in Frage kommenden Rifsel von einem Hellseher erwarten und was man nicht erwarten darf. Damit die angefithrten Beispiele verglichen werden kénnen, sind sie aus- schlieBlich den Hellseh-Erkundungen der Frau M. entnommen. Frau M., mit der der Verfasser seit 17 Jahren arbeitet, macht ihre Aus- sagen in hypnotischem Schlaf und ist fiir die supranormalen Er- kundungen individueller oder sonstiger Schidigungen besonders geeignet. Der besseren Ubersicht wegen teilt der Verfasser die von ihm herangezogenen Falle in 7 Gruppen. 1. Falle, in denen die hellscherischen Angaben geniigen, um das Gesuchte zu finden: Am 2. Marz 1914 verlie8 der Vater eines Dieners des Barons Jaubert auf Schlo® Givry (Cher), Lerasle, die Wohnung seines sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0554 © Universitatsbibliothek Freiburg 551 Sohnes und kam nicht wieder. Nach dreiwéchentlichen vergeblichen Nachforschungen, an welchen sich hunderte von Personen, Wachter des Schlosses und Bewohner der Gemeinde Cours-les-Barres betei- ligt hatten, wandte sich der Verwalter des Barons Jaubert, Louis Mirault, an Dr. Osty und bat ihn zu versuchen, ob er durch ein Medium Auskunft iiber den Vermifiten erhalten kénne. Er iiber- gab Dr. Osty ein Halstuch des Verschwundenen und enthielt sich im iibrigen, ihm sonstige Angaben tiber den Vermifiten zu machen. Als Frau M. in Hypnose lag, gab man ihr das Halstuch in die Hand und sie beschrieb dann mit allen Einzelheiten den Tod des Herrn Lerasle, sein Weggehen von zuhause, seinen Gang durch die Allee, seine Ankunft in einem dichten Gebiische, in dem er sich mit der Absicht zu sterben, niedergelassen hatte. Man bezweifelte die Richtigkeit der Angaben der Seherin, da die Walder nach allen Richtungen ohne Erfolg durchsucht worden waren. Aber auf Anordnung des Verwalters wurden nochmals fiinf Personen ausgesandt, die nach den Angaben der Seherin verfuhren und fatsachlich die Leiche jenes Mannes fanden. Im nun folgenden Falle hatten die Angaben der Seherin einer Person zur Wiedererlangung verloren geglaubter Gegenstande ver- helfen kénnen, wenn sie der Sache nicht mit Unglauben begegnet ware, Am 11. Marz verlieS Frau Blanche Graves, die Vorsitzende des franzésischen Frauenvereins, das Ministerium des Innern, wo eine Ausstellung ihrer Arbeiten sfattgefunden hatte. Ein Gerichtsdiener brachte diese in einem Mietsauto zuriick. Zu Hause angelangt, ver- mifit die Dame ein Paket, in welchem sich vier kostbare Taschen befanden, welche ihr Jeihweise iiberlassen worden waren, um der Ausstellung mehr Glanz zu verleihen, die jedoch nicht verkauflich waren. Nachdem Frau Graves sich vergeblich bemitht hatte, sie zuriickzuerlangen, wandte sie sich an das Medium Frau M., welche ihr sagte: ,,Sie sind sehr unruhig, weil Sie wertvolle Gegenstande verloren glauben. Dieselben sind jedoch nicht gestohlen, ich ver- sichere es Ihnen. IJch sehe einen grofien Saal viele Menschen. Nein, es ist kein Diebstahl. Ich sehe die Gegenstinde, sie sind augenblickiich in einem Schrank eingeschlossen und werden unver- ziiglich ihrem Besitzer zuriickgegeben. Beruhigen Sie sich, sie sind weder verloren, noch gestohlen, und es ist unnétig, daB Sie sich weiter mit der Sache beschaftigen. Frau Graves schenkte diesen Angaben keinen Glauben. Die fiint folgenden Tage bemiihte sie sich unermiidlich weiter, die ver- lorenen Taschen wiederzuerlangen und lief schlieBlich Herr von R., http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0555 © Universitatsbibliothek Freiburg —~ 552 — den Besitzer der Taschen, zu sich bitten. Sie ersuchte ihn, ihr deren Wert anzugeben, da sie ihm diese ersetzen wolle. Herr von R. war sehr erstaunt, da er die Taschen schon nach Beendigung der Aus- stellung zuriickerhalten hatte. Frau Graves hatte eine Tante des Herrn von R. gebeten, ihrem Neffen die Taschen zuriickzugeben, die diese aber des hohen Wer- tes wegen nicht gern an sich nehmen wollte. Als sie aber Frau Graves so beladen sah, nahm sie doch das Paket an sich, versiumte jedoch Frau Graves darauf aufmerksam zu machen, schlo8 es in ihren Schrank ein und bat ihren Neffen, es bei ihr abzuholen. Im folgenden Falle ist die supranormale Erkenntnis die Veran- lassung einer Ehescheidung geworden. Im Jahre 1916 reiste der Graf von X. nach Siid-Amerika mit einer Vollmacht seiner Gattin, ihre dortigen Giiter zu verkaufen. Wahrend zwei Jahren erhielt die Grafin regelmafig Nachricht von dem Grafen, in welcher er ihr stets mitteilte, daf} er durch die Schwierigkeiten des Verkaufes langer, als sie beide vermutet hatten, dort festgehalten sei. Von Januar 1918 an erhielt die Grafin keine Briefe mehr von ihrem Gatten. Unruhig und bald verzweifelt, malte sie sich die schlimm- sten Katastrophen aus, die ihrem Gatten zugestofen sein kénnten, und entschlof sich schlieflich ein Medium dariiber zu befragen. Sie ging zu Frau M. und gab ihr einen Brief des Grafen in der Hoff- nung, Naheres iiber dessen Gesundheitszustand zu erfahren. Das Medium sagte: ,,Ich sehe die Persinlichkeit, es ist ein gro- Ber Herr, beinahe weif} von Haaren, er ist ehelich mit ihnen ver- bunden. Sie sind seinetwegen sehr beunruhigt; es ist aber nicht be- griindet, der Herr befindet sich wohl.“ Die Grafin: ,,Wollen Sie mir sagen, wo er sich augenblicklich befindet?“ — ,,Er ist nicht weit von Ihnen entfernt, ich sehe ihn in der Stadt, in der Sie selbst sind, hier in Paris.” Die Grafin glaubte ihr nicht, sie lie das Medium aufwecken und behauptete, nichts von Belang erfahren zu haben. Sie ver- suchte aber eine Woche spater von neuem, etwas von dem Medium Frau M. zu erfahren und brachte einen andern Brief ihres Gatten mit, der nicht ganz so alten Datums war, als der zuerst beniitzte, der aber dasselbe Resultat ergab. ,,[ch versichere Ihnen“, sagte das Medium, ,,da8 der Herr sich hier in Paris befindet. Er war weit fort, jenseits der Meere, ist jedoch schon lange zuriickgekehrt". Die Grafin schenkte den Aussagen des Mediums auch jetzt noch keinen Glauben, sie wurde aber immer unruhiger und tele- graphierte schlieSlich nach Siidamerika an Verwandte, um sich zu erkundigen, und erfuhr, da® der Graf tatsdachlich seit mehreren sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0556 © Universitatsbibliothek Freiburg men BOB ae Monaten abgereist sei. Erstaunt iiber diese Antwort lief} die Gra- fin in Paris nachforschen und erfuhr bald die Adresse des Grafen. Schmerzlich bewegt beantragte sie die Ehescheidung und die Zu- riickgabe ihres Vermégens. Wahrend zwei Jahren blieb der Pro- zef} unentschieden, da die Grafin keine schriftlichen Beweise und keine Zeugen hatte. Wahrend dieser Zeit lebte der Graf in einer luxudsen Wohnung von dem Gelde seiner Gattin und gab ihr selbst nur eine beschei- dene Pension, da sie sich weigerte, das gemeinsame Leben wieder aufzunechmen. Der Anwalt der Grafin empfahl dieser wiederholt, den Prozefi, da er ihn fiir aussichtslos hielt, aufzugeben. Die Grafin blieb trotzdem voller Hoffnung, denn sie besuchte jede Woche das Medium Frau M., zu welchem sie nun absolutes Verfrauen gewon- nen hatte. Dieser sagte ihr: ,,Sie werden Ihren Proze8 gewinnen; er wird wohl lange dauern, aber es ist gewifi, daB Sie wieder in den Besitz Ihres Vermégens gelangen und auch daf Sie frei sein werden. Der Prozef} wird ganzlich zu Ihren Gunsten entschieden werden. Im letzten Augenblick, wenn alles verloren zu sein scheint, wird man IThnen Beweise des Verrats lhres Gatten bringen, ein Paket Briefe, und zwar werden sie diese Briefe durch eine Frau, eine Dienerin, erhalten. Sie werden selbst nichts dazu fun, sie kommt von allein,“ Wochen auf Wochen vergingen, ohne daf} die giinstigen Voraus- sagungen des Mediums in Erfiillung eintraten. Die Grifin verlor jede Hoffnung. Ihr Gatte war iiber den Ausgang des Prozesses so beruhigt, dai er nicht zégerte, cine Reise nach Amerika anzu- treten. Wahrend seiner Abwesenheit verinderte sich jedoch plétz- lich die Sachlage. Aufer der Wohnung, die der Graf inne hatte, besa er noch eine zweife bescheidene Wohnung, in welcher er eine Freundin beherbergte. Obwohl ihn dieselbe verlassen hatte, unterhielt er noch die Wohnung und das Zimmermadchen. Dieses durchsuchte wahrend der Abwesenheit des Grafen alle Schub- kasten und fand ein Paket Briefe, welche der Graf 15 Jahre vorher an ihre Herrin geschrieben hatte. Sie brachte diese Briefe der Gra- fin und bemerkte: ,,Ich wei, da Sie Schwierigkeiten haben, die Scheidung von Ihrem Gatten zu erlangen; vielleicht kénnen Ihnen diese Briefe dafiir von Nutzen sein“. Die Briefe enthielten weit mehr als nétig war, um die Richter von dem Unrecht, welches der Graf gegen seine Gaftin begangen hatte, zu iiberzeugen. Der Pro- zeR endigte im Jahre 1921 zu Gunsten der Grafin mit der Trennung. 2. Falle, in dem die vom Hellseher gemachten An- http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0557 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 554 gaben zutreffend sind, aber nicht geniigen, um das Gesuchte zu finden. Am 29. Januar 1925 iibergab Professor Santoliquido, Prasident der Gesellschaft des roten Kreuzes und des e’S. M. L, Dr. Osty einen italienisch geschriebenen Brief und sagte zu ihm: ,,Hier ist ein Brief, den mir mein Freund Giovanni Ciraolo, Senateur des Kénigreiches Italien, von Rom aus gesandt hat, in welchem er mir mitteilt, da® er das Opfer eines Diebstahls gewesen ist, und bittet darum, diesen Brief einer Person, welche iiber supranormale Fahigkeiten verfiigt, zu tibergeben, um zu versuchen, ob sie die Sachlage aufklaren kinne.“ Um 9 Uhr morgens legte der Verfasser den Brief in die Hande der Frau M., die sich in Hypnose befand. Nachstehend folgt der stenographische Text der Sitzung: Dr. O.: ,,Verbinden Sie sich mit der Person, die diesen Brief ®eschrieben hatt™. Frau M.: ,,Es ist ein Herr, ich sehe ihn in einer sehr entfernten Stadt, Ich sehe viele Menschen um ihn. Ich sehe nichts anderes”. Dr. O.: ,.Dieser Herr hat einen Unfall erlebt, sehen Sie, welchen?“ Frau M.: ,,Er hat eine Unannehmlichkeit, eine Sorge, wegen cines Verlustes, man hat ihn bestohlen, ich sehe seine Unruhe. Tch suche das Datum des Diebstahls. Ich habe es. Der Diebstahl hat in seinem Hause stattgefunden, nicht durch Unbekannte, er wurde von seiner nachsten Umgebung veriibt, von einem jungen Mann und einer weiblichen Hilfe. Der Diebstahl hat in den ersten Tagen des Monats stattgefunden, wahrend der Abwesenheit des Besitzers und ohne daf etwas erbrochen werden muBte. Ich sehe einen jun gen Mann eintreten, ruhig die Modbel dffnen. Er nimmt Papiere, wirft sie zur Erde, geht dann in ein andres Zimmer, nimmt da Ge- Senstiinde, begibt sich damit eine Etage tiefer, befindet sich in einer Art Souterrain, kein Keller. Es sind zwei Tiiren da, eine Frau befindet sich hier, sie nimmt die Pakete an sich und geht damit weg, jedoch nicht weit. Der junge Mann ist efwa 25 Jahre, ziemlich gro®, sehr braun. Die Frau ist klein, hat braune Haare, breites Gesicht, besonders ein sehr breites Kinn. Der bestohlene Herr, welcher dieser Brief geschrieben hat, wird wiederfinden, was man ihm genommen hat. Die Gegenstiinde befinden sich noch in seinem Hause. Man ist zu angsflich, sie wegzutragen. Es sind glanzende Gegenstande, auch weiche Sachen, Stoffe. In einigen Tagen wird der Herr alles wiederfinden und zufrieden sein“. Dr. O.: ,,Geben Sie die Beschreibung der gestohlenen Gegen- gtandet* setoraere dure le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0558 © Universitatsbibliothek Freiburg 555 Frau M.: ,,Es sind mehrere Sachen, glanzende Gegenstande und ein sehr grofes Paket weicher Sachen. Es isf alles in ein ande- res Zimmer gebracht worden, man ist sehr in Verlegenheit, sehr unruhig. Die Tater wagen nicht, die Sachen fortzutragen, weil sie fuhlen, daB der Verdacht auf ihnen ruht*. Eine Abschrift dieses Textes wurde nach Rom an Herrn Cira- olo gesandt. Am 15. Februar erhielt der Verfasser die Nachricht, dai dieser die Gegensfinde wiedergefunden habe, und nun erst erhielt Dr. Osty den genauen Bericht des Diebstahls von Rom aus mitgeteilt. Am 3. Januar, so schrieb Herr Ciraolo, ist ihm aus sei- nem Schlafzimmer eine Uhr, eine Kette, 4 Ehrenmedaillen, eine Reisekarte in silbernem Etui abhanden gekommen. Am Morgen des 13, Februar traf sein Sohn Vorbercitungen zu einem Ausflug in dic Berge. Er holte dabei aus einem Schranke im Souterrain ein gro- fes Pakef, in welchem sich wollene Sportkleider befanden, und fand dazwischen versteckt die glinzenden Gegenstande, die Uhr, die Kette, die Medaillen etc. Es stimmte alles, wie es Frau M. angegeben hatte, auch die Beschreibung der Tater war iibereinstimmend. Das junge Madchen, welches sich in Stellung im Hause befand, klein und braun, und der schlanke junge Mann hatten beide vereint den Diebstahl unter- nommen, jedoch nachtraglich Angst bekommen und die Gegen- stinde im Hause gelassen. Es wiirde iiber den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen, iiber alle weiteren, nicht minder interessanten Falle, welche Dr. Osty in der Ausfiihrung seiner Arbeit angab, zu berichten. Dr. Osty geht von dem Gedanken aus, daf nicht allein die erfolgreichsten Falle beachtenswert sind, sondern da es ebenso lehrreich ist, Irrtiimer der Hellseher kennen zu lernen. Es seien darum die weiteren Falle, iiber die er Versuche angestellt hat, noch genannt: 3. Falle, in welchen die von Hellsehern gemachten Angaben nachfragiich nicht gepriift werden konnten, weil es an Genauigkeit fehlte, oder weil es nicht miéglich war, die Falle nachzupriifen. 4, Falle, in welchen die durch den Hellseher gemachten Anga- ben aus der Psyche anderer geschépit waren. 5. Fille, in welchen der Hellseher aus sciner eigenen Psyche schipft. 6. Falle, in denen der Hellseher auf Grund von Anhaltspunkten, die er in einer fremden Psyche gefunden hat, fabelt. 7. Gemischte Faille. http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0559 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 556 Wunder des Lebens, Von Karl Kern. Es gibt ein seltsames Buch von Duchatel und Warcollier ,,Wun- der des Lebens“ (Les miracles de la volonte, Paris, Durville), dessen Wert trotz mancher anfechtbarer Theorien in der Uberfille von Tatsachen besteht, die die eifrigen Forscher zusammengestellt haben. Und alle Beispiele zeugen von der heute wohl fast unbe- strittenen Wahrheit, daf} in dem menschlichen Organismus eine derart starke ,,geistige“ Energie enthalten ist, da® diese, wenn sic bewufit oder unbewuft ausgelist wird, die starksten Wirkungen hervorrufen kann. Aus der neueren Zeit wird eine Beobachtung des Professors Charles Richet angefiihrt, wie eine Mutter die Gefahr bemerkt, daf ihr spielendes Kind durch eine scharfgezahnte Aufhangestange des Herdkessels am Kopf und Hals verletzt werden kénnte. Der Schrek- ken packte die Mutter derart, sie sieht im Geiste die Folgen, daf} sich an ihrem Halse ein stark hervortretender geriteter Streif bildet, der erst nach vielen Stunden verschwindet. Es ist das ein Fall von durch Erregung hervorgerufenen Dermagraphismus, der an sich durchaus nichts Alltagliches darstelit. In den letzten Monaten hirte man viel von der ,,Stigmatisierten von Konnersreuth“, einer einfachen Bauerntochter namens Therese Neumann, thr auSfergewdhnlicher Zustand besteht darin, da® sich Karfreitag an ihren Handen und Fiifien, sowie an der Brust blut- unterlaufene Stellen bilden, die etwa den Wundmalen Christi nach den Berichten der Bibel gleichen, daf} ahnliche Stellen auch ihre Augen umgeben und daf} das Madchen von Donnerstag bis Freitag jeder Woche in einen ekstatischen Schlaf versinkt, in welchem es das Gefiihl wahnsinniger Schmerzen zu erkennen gibt und an Brust und Augen stark blutet. Die Neumann ist bereits von mehreren Arzten und Universit&fsprofessoren untersucht worden, die den Eindruck gewonnen haben, da®8 das Madchen das ganze Leiden Christi von der Todesangst bis zur Kreuzigung durchlebt und daft dieses Mitgefithl sich an ihrem Kérper in Gestalt der Wundmale Ausdruck verschafft. Wir lernen aus beiden Beispielen, daf in einem besonderen Zustand der Erregung die Energiemassen des Geistes freigemacht werden und im Sinne der Erregung auf das Kérperliche einwirken. Da das Umgekehrte auch der Fall sein kann, da durch die Unter- driickung einer Erregung bezw. durch eine gegenwirkende Erre- gung kérperliche Verinderungen beseitigt werden kénnen, mag getoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0560 © Universitatsbibliothek Freiburg 557 ~~ unerértert bleiben. (Siehe Z. f. O., Jg. XX, Heft 7, S. 309: ,,Traum und Leben“), Aber die Erregungen wirken sich nicht nur auf den Trager der Erregung, sondern auch auf alles andere aus, das mit dem Trager in geistiger Fiihlung steht. Bekannt ist die Einwirkung der miit- terlichen Phantasie auf den Fétus. Eine Menge von Gebrechen sind auf das Konto dieser vorgeburtlichen Beeinflussung durch die miifterliche Erregung zu schreiben. Man findet diese ibertragung immer bei Liebenden, Sie aufert sich hier wohl nicht in kérperlicher Veranderung, doch ist stets zu bemerken, wie die freiwerdende Energie nicht nur den eigenen Organismus, sondern auch den fremden beeinfluft. Es ist, als ob Faden zwischen den beiden Menschen gespannt sind, als ob sie nicht mehr etwas Bipolares, sondern ein Einziges sind. Dieser Zusammenhang ist oft ungeheuer eng bei Zwillings- kindern. Er wirkt sich so aus, da das Schicksal gleich erscheint. Und dieses geschieht nicht nur bei Zwillingen, sondern, wie ein Bei- spiel zeigt, auch bei Menschen, die zur selben Zeit in demselben Ort geboren werden. Samuel Hennings wurde zu derselben Stunde an demselben Orte geboren wie Kénig Georg {II. von England. Beide heirateten an demselben Tage. Als Georg III. den Thron bestieg, ttbernahm Samuel Hennings ein Geschift. SchlieBlich starben beide auch an einem Tage. Sie hinterliefSen die gleiche Anzahl mannlicher und weiblicher Kinder. Von Johann Sebastian Bachs Vater und dessen Zwillings- bruder berichtet der Sohn Philipp Emanuel, ,,Sie sahen einander so ahnlich, daS sogar ihre Frauen sie nicht unterscheiden konnten. Sprache, Gesinnung, alles war einerlei, auch in der Musik waren sie nicht zu unterscheiden, sie dachten ihren Vorfrag einerlei, war einer krank, so war es der andere auch.” In den ,,Danziger Neuesten Nachrichten“ Nr. 265 vom 30. Okt. 1915 finden wir: Pr. Holland, 29. Okt. Gemeinsamer Heldentod von Zwillingsbriidern. Einen gemeinsamen Tod durch einen und denselben Schu® eines russischen Geschiitzes fanden im Oktober d. Js. die Zwillingsbriider Friedrich und Gustav Frey von hier. In einem Gefecht bei den Kampfen um den Briickenkopf von ...... schiug eine Granate in die vorstiirmenden Helden und tétete beide Briider. Von den Kameraden wurden beide in einem gemeinsamen Grabe zur Ruhe sebettet. Vor einiger Zeit meldeten englische Zeitungen, dafi in Crow- hurst ein Zwillingsbriiderpaar zu gleicher Zeit an verschiedenen http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0561 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 558 Orten verletzt wurde — der eine durch einen Autounfall, der an- dere durch den Sturz vor einer Mauer. Zwei amerikanische Arzte berichteten tibereinstimmend, daf zwei Zwillingsbriider im Staate Ohio an demselben Tage, zur sel- ben Stunde von heffigem Nasenbluten heimgesucht wurden, ob- wohl sie sich 400 Kilometer von einander entfernt befanden. In Schottland kaufte, wie eine deutsche Zeitung meldete, eines Tages ein junger Mann fiir seinen Bruder in London ein Gliser- service. In London kaufte der Zwillingsbruder zur gleichen Stunde fiir seinen Bruder in Schottland -- ein Glaserservice. In London erregte vor einiger Zeit ein Zwillingspaar bei den Professoren und Arzten grofes Interesse. Es war das Zwillings- paar L. und G. Ellis, zwei junge Leute im 25. Lebensjahre. Sie sind vollkommen gleich grof und sind bis auf die kleinsten anato- mischen Einzelheiten ganz gleich gebildet. Ihr Gang, ihre Sprache, der Ton der Stimme 4hneln einander so, da die eigene Mutter sie nicht unterscheiden kann, Selbst die Fingerabdriicke sollen ganz gleich sein, eine Merkwiirdigkeit, die man bisher noch niemals beobachtet hat. Neuerdings wird allerdings von eifrigen Verfech- tern der Daktyloskopie das Gegenteil behaupfet. Aber nicht nur die kérperlichen Eigenschaften sind die glei- chen. Beide jungen Leute hatten zur selben Zeit dieselben Kinder- krankheiten; der Fortschritt in der Schule war immer der gleiche. Auf Wunsch unterzogen sie sich einer psychologischen Untersu- chung durch Brofessor Crawden von der Londoner Universitit. Man gab den beiden jungen Leuten, die Jura studieren, in ge- trennten Raumen leichte mathematische Aufgaben und eine kleine Ubersetzung aus dem Englischen ins Franzdsische. Sie machten beide dieselben zwei Fehler in der mathematischen Arbeit und die gleichen orthographischen und grammatikalischen Fehler in der ibersetzung. Man forderte sie auf, das geographische Bild von England aus dem Gedachtnis zu zeichnen. Beide fingen an dem gleichen Punkte an und verferfigten die Zeichnung in der gleichen Grose und Form, soda die Linien, als man die beiden Zeichnungen aufeinander- legte, ganz genau iibereinstimmten. Genug der Beispiele. Die angefiihrten sprechen fiir sich selbst. Engste Faden sind gekniipft zwischen den einzelnen Menschen. Und ist die gleiche Stimmung vorhanden, so ist es wie bei einem Saiteninstrument, bei dem die schwingende Saite die anderen eben- falls in Schwingungen versetzt. Wellenschwingungen sind das Wirk- same fiir alles uns iibernatiirlich und unerklarlich Erscheinende. sgetordere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0562 © Universitatsbibliothek Freiburg 559 Eine endgiiltige Lésung werden wir erst in dem Augenblicke haben, wenn wir an Hand einer sehr grofien Zahl von belegten Tatsachen den méglichen Wirkungsgrad der Schwingungen und die Umstinde, unter denen die Schwingungen wirksam sind, klar herausschalen kénnen. Dann gelingt es vielleicht einmal, aus dem Gewirr der Theorien und Hypothesen den Weg zu der bewiesenen Realitit zu finden, Wie Frau Marie Silbert schwindeln — kénnte! Von Regierungsrat Dr. Ubald Tartaruga, Direktor des ‘Wiener Parapsychischen Instituts. Meine in der Fach- und Tagespresse eingeleitete Aktion gegen die Medienpachter hat cinen iiberraschend erfreulichen internatio- nalen Widerhall gefunden. Unzahlige Zustimmungskundgebungen sind bei mir eingelaufen, und noch immer bringt die Post gutge- meinte Anregungen und Raischlage. Freilich ist eine Reihe von Zu- schriften vom parapsychologischen Standpunkte wertlos, weil sie entweder von materialistischer, also prinzipiell negierender Seite stammen oder von Verfassern, denen das Fachwissen teils vollstin- dig, teils gebietsweise abgeht, alle aber sind sie darin einig, dafi die Methodik griindlich geandert werden muf, wenn die Verfechter mediumistischer Phinomene weiterhin den Anspruch erheben wol- len, ernst genommen zu werden. Rein theoretisch ist den Streit- fragen gewifi nicht beizukommen. Wir vertreten den Standpunkt, daf} in beiden Lagern viel zu viel mit Argumenten und Gegenargumenten gearbeitet, sfatt exakt experimentiert wird. Bevor die bestrittenen Erscheinungen und hier sind es hauptsichlich die des physikalischen Mediumismus nicht objektiv feststehen, soll nicht spekuliert werden. Die von beiden Seiten ins Treffen gefiihrten Griinde haben oft schon ein geradezu hysterisches Geprage. Ich bekenne ganz offen, dafi ich in den Jangen Jahren meiner Praxis noch kein einziges physikalisches Experiment gesehen habe, von dem ich iiberzeugt gewesen ware, da® es auch Unglaubige (selbstverstandlich fachwissenschaftlich geschulte Skeptiker) in seinen Bann zwingen miisse. Anderseits halte ich dafiir, da® die Méglichkeit solcher Krafte theoretisch er- weislich sei. Wir diirfen nur eines nicht vergessen, daf hier Fahig- kkeiten in Frage kommen, die ich zu den ,,verlorenen“ zahle. http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0563 © Universitatsbibliothek Freiburg — 560 — Da®B der Mensch heute biologisch weit hinter dem Tier steht, hangt mit seiner héheren Kultur, mit dem Erstarken seines Intel- lekts und mit seiner immer kleiner werdenden Abhangigkeit von der Natur zusammen. Als ich vor Jahren aus diesen Gedanken- gangen heraus den Satz aufstellte, daf} der Intellekt, ich meine die Summe der fiinf Sinne, die Seele téte, war es, glaube ich, Dr. v. Wasielewski, der als erster die Forderung erhob, meine These systematisch zu untersuchen. Vorher hatten die Okkultisten (Spiri- tisten, Theosophen, Anthroposophen), zu denen wir Wiener Para- psychologen uns nicht zahlen, stets behauptet — sie tun es natiir- lich heute noch, — dafS die Scele aufwartsgebildet werden kénne. Nichts Positives, aber schon gar nichts, spricht fiir eine solche An- nahme. Wir sehen im Gegenteil, daf} wirkliche Medien nahezu immer aus weniger zivilisierten Landern, aus einsamen Gebirgs- gegenden stammen, oder da die wenigen intelligenten Versuchs- personen vor Beginn der Experimente ihren logischen Verstand abschalten miissen. Wo dies durch eigene Energie (Willenskraft oder Autohypnose) nicht méglich ist, verhilft erst die Fremd- hypnose zur Bildung jenes ,,Intelligenzrestes", der lediglich dazu dient, dem Medium die Verwérterung und den Forschern das Studium mdglich zu machen. Schon aus dieser Erfahrungstatsache lieBe sich der Schlu8 ziehen, dai Lebewesen mit geringerer Intelli- genz hdhere psychische Fahigkeiten prastieren, was so viel bedeu- tet, als da der prihistorische Mensch’seelisch viel hher gestanden sein mu8 als wir. Selbstverstandlich ist dabei die Seele einfach als Lebenskraft aufgefafit, also rein biologisch, nicht etwa als philo- sophische oder gar religisse Potenz. Animistisch genommen ist ja die Seele des Maikafers oder der Eintagsfliege oder irgendeines anderen Lebewesens der unserigen ganz gleich. Die Weltseele (Ur- kraft, psychische Kraft, Allgeist, Personalitat etc, das X in der Weltgleichung, mit der wir uns gar nicht naher befassen wollen, weil wir keine Metaphysiker sind) aufert sich eben in tausenden von Spielarten. Zur selben Konklusion scheinen aber auch die Ergebnisse mo- derner Naturwissenschaft zu fiihren. Wir brauchen nur daran zu denken, da die Chordatiere mit ihrer ganzen Kérperoberflache fiihlten, da dies bei Fischen noch heute der Fall ist und dafi sich das Sensorium erst allmahlich in eine Zentrale, den Kopf, zuriick- zog, der 2u diesem Zwecke ein eigenes Organ, das Gehirn, aus- bildete. Schon Goethe nannte den Schidel einen ,,aufgeblatterten Wirbel“. Gehirn ist gewif nicht ident mit Seele, und erst als die Neomedizin zum Dualismus zuriickkehrfe, konnte der heutige Arzt, sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0564 © Universitatsbibliothek Freiburg — 564 — der wirklich psychologisch arbeitende Mediziner, entstehen. Ob der Sitz der Seele der Gehirnfortsatz, die Zirbeldriise, das Solargeflecht (der nervus sympathicus) ist oder irgendeine andere Stelle im Kér- per, spielt hier gar keine Rolle. Wahrscheinlich hat die Seele itberhaupt keinen Spezialsitz im Korper, sondern sie fillt ihn aus. Soweit er lebt, ist er eben beseelt. In dieser Einschrankung kann auch der Parapsychologe einen ,,Astralleib" annehmen, nur ist er zum Unterschiede vom glaubigen Okkultisten iiberzeugt, da dieser ,,Kérper“ beim Tode zerstiebft, wie wenn man Damptf oder Gas aus einem Motor durch Ventiléffnung freilaft, nicht aber dafS die Seele auSerhalb des bisherigen Gefafes ein selbstandiges Leben weiterfiihrt. Uberhaupt gibt es ja da sehr viele Berithrungen. Der Animist ist sicherlich nicht allzuweit vom Pantheisten entfernt, der alles als »begottet* befrachtet, wahrend er selbst nur an eine ,Besee- lung denkt. Von hier ist dann ein nicht zu grofer Weg zum Deisten, der den Allgeist oder die Weltseele, oder wie immer nian unser X nennen will, personifiziert. Der Animist kann diesen Weg allerdings nicht gehen, denn jede Personifikation ist auf spezi- fisch menschliche Denkweise zugeschnitten. Es ist ja im Wesen ganz gleichgiltig, ob man sich Goft, wie z. B. die alten Griechen und Rémer, nur als Uhermenschen vorstellt, mit allen Fehlern der Irdi- schen, oder als ein héheres Wesen, Dem Theisten, der einen Siin- denfall annimmt, um eine Scheidewand zwischen Gut und Bése zu konstruieren, vermag er natiirlich schon gar nicht zu folgen. Damit soll das Zweckma®ige, Zielstrebige im Weltgeschehen gar nicht bestriften werden, es fragt sich nur, ob diese Erkenntnis nicht wie- der zuviel Erdgeruch atmet. Wir kénnen uns eben etwas Zweck- loses bei Betrachtung des kosmischen Lebens ebensowenig bild~ hantasiemaBig vorstellen wie die Begriffe ,,unendlich“ oder und kehren lieber zur Naturwissenschaft zurtick. Wir werfen da nur einen Blick auf die Protisten, um zu sehen, wie bei diesen Ur- tieren die Seele Glieder ad hoc schafft und wieder einzieht, wenn sie iiberfliissig werden; ferner auf die Regenerationserscheinungen bei selbst hdheren Tieren, auf die vielen Funktionen unseres eige- nen Korpers, die ganz automatisch ablaufen, off gegen unseren Willen; auf die Abstumpfung oder den Verlust mancher Fahig- keiten und Krafte, die der Mensch einst zweifellos besafi. Einen Merkstein bildete bekanntlich der Ubergang zum aufrechten Gang. Damit wurde der Geruchsinn derart herabgesetzt, daB wir unser Zentralblatt fr Okkubismus, XXI. Sabrgang. 36 http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0565 © Universitatsbibliothek Freiburg — 562 — einstiges Spiirorgan, wie es heute noch jeder Vierfii®ler im Gegen- satz zu uns neben dem Geruchsorgan besitzt, verloren ging. Die Schwellkérper, die hier in Frage kommen, verschwanden beim Men- schen allmahlich. Der aufrechte Gang jie auch unsere vorderen GliedmaBen zu blofien Werkzeugen werden, die Ausbildung des Daumens (der Gegenhand) rif} uns von der Seite des Affen, der, demselben Urgeschlecht entsprossen, auf einer viel niedrigeren Stufe stehen blieb. Natiirlich war damit auch eine Verkiirzung der Arme, die Ausbildung des GroBhirns und noch vieles andere ver- bunden. Aber selbst heutige Kulturunterschiede beleuchten den sukzessiven Schwund gewisser Sinne. Um wieviel ist uns der un- kultivierte Mensch nur im Sehen und Héren voraus! Es ist also sehr wahrscheinlich, daf einst alle Tiere, zu denen auch der Mensch zahlte, protistische Fahigkeiten besafen, womit so ziemlich samtliche ,,okkulte” Phanomene in den geltenden mecha- nistisch-materialistischen Rahmen passen wiirden. Wir haben eben all’ das verloren, und es muf} die Zeit kommen, wo es iiberhaupt keine Menschen mehr geben kann, die solche Atavismen zeigen. Heute befinden wir uns, meines Erachtens, in einer Art Mittel- epoche, und um diese nachzuweisen, bedarf es einer Systematik und Methodik, die sich ganz der iibrigen exaktwissenschaftlichen anschlieBt. Womit freilich nicht gesagt sei, dafi rein physikalische oder klinische Methoden zum Ziele fiihren kénnen. Die Psycho- logie ~ versteht sich: die biologisch gefarbte -- mu auf allen Ge- biefen, vor allem auf dem Boden der Medizin, so weit ausgebaut werden, da® sie auch beim Experimentieren den kardinalen Unter- schied zwischen Seele und Intellekt zur Geltung bringt. Psychologie in diesem Sinne hat aber nichts mit Religion oder Ethik zu tun, daher mui} es die Aufgabe des Parapsychologen sein, alle glaubigen Okkultisten als gefabrliche Schadlinge des exakten Versuches von der naturwissenschafflichen Forschung auszuschliefSign. In geistes- wissenschaftlicher Hinsicht mégen sie viel Wertvolleres wenig- stens vom praktischen Standpunkte aus betrachtet leisten als alle Naturforscher zusammen, denn diese nehmen dem einfachen Menschen stets nur, geben ihm aber nichts dafiir. Doch wir miissen zum eigentlichen Thema kommen, zur Beant- wortung der Frage, wie Frau Maria Silbert in Graz schwindeln kénnte. Ich will aus den zahlreichen Zuschriften die des Ordens- priesters P. Norbert Briih! in Trier hervorheben, der an meine Schilderung der Silbert’schen Klopfténe ankniipft. Ich verglich diese eigentiimlichen Laute mit dem Gerdusch, welches ein an eine Glasscheibe klopfender Fingerring verursacht. Pater Briihl meint sgetoraere durch le http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1927/0566 © Universitatsbibliothek Freiburg ~ 563 — nun, da} dieser Klang ,,genau dem Tone des Cri-Cri“ entspreche, ,,das um die Mitte der 70er Jahre von einem Amerikaner als Ubungs- instrument fiir Morsetelegrafen erfunden und dann als Spielzeug tiesig verbreifet worden sei“. Er schreibt dann weiter: ,,Es wurde soviel Unfug damit getrieben, da die Polizei es zeitweilig verbot. Es kann im Schuh verborgen und mit der groffen Zehe betatigst werden, Uberdies scheint es mir méglich, das Wesentliche der Vor- richtung, ein Stahlplattchen mit einer Delle, zwischen einer Doppel- sohle anzubringen und es dadurch zu betatigen, das man den Druck allmahlich von der Ferse nach dem Grofizehballen verlegt. Der Ton lat sich verindern, je nach der Unterlage, auf der das Instru- ment bezw. der Fu ruht... Ich fiige noch bei, daf’ mir im Laufe der Zeit dreierlei Formen dieses Instrumentes begegnet sind, mit geringen Abanderungen. Vor drei Jahren fiel mir wieder eines in die Hande, aus einem Knallbonbon. Ich habe es aufbewahrt, weil mir sofort seine Verwendung fiir okkulfe Tone einleuchtete. Es 1a8t sich unter dem Fufgewélbe anbringen und dann durch den Schweredruck betifigen, vorteilhafter aber unter der grofen Zehe, wo sich mit Leichtigkeit Morsezeichen geben lassen. Auch kann es unter der Kleidung oberhalb der Kniescheibe angebracht werden und dort unauffallig mit der Hand oder durch Druck gegen die unfere Tischkante betatigt werden. Hat man es in der Hand, dann hat es genau den von Ihnen beschriebenen Ton Hierzu michte ich bemerken, daf} ich das Cri-Cri und seinen Ton gut kenne, der wohl eine gewissen Ahnlichkeit mit den Sil- bert’schen Klopfténen hat, aber doch eine viel grébere Schallwii kung erzeugt. Die Klopfténe der Silbert sind von einer merkwiir- diger Zartheit und Reinheit, wahrend das Cri-Cri einen mehr kratzenden, derben Ton hervorruft. Ich michte die ersteren ein »tnetallisches Knistern“ nennen, was beim Cri-Cri, auch wenn man es irgendwo in der Gewandung verstecken wiirde, nie der Fall ware. Man mu® das eben selbst gehért haben. Von Beweiskraft kann trotzdem bei der ganzen Minibeck’schen Aufmachung nicht die Rede sein. Insbesondere wire es nicht ausgeschlossen, daf} Frau Silbert unter dieser ,,Leitung“ ein Spezial-Cri-Cri zur Anwendung bringt, das sie umso leichter beliebig wo unterbringen kénnte, als Dr. Minibeck nicht einmal das abgelegte, geschweige denn das noch nicht angezogene Gewand untersuchen lat und sein ,,Zirkuspferd“ so hingenommen wissen will, wie er es prasentiert, also z, B. in Pantoffeln, festen Schuhen usw. Da P. Briihl von Cri-Cris in Knallbonbons spricht, 1a8t zudem authorchen. Bekannflich wurde Frau Silbert bereits einmal bei der Beniitzung von Knallbonbons 36" http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0567 © Universitatsbibliothek Freiburg FG ie — 364 — betreten, wie es ja unzahlige Forscher gibt, die sie verschiedener Tricks bezichtigen. Man ersieht aus all dem, wie ungeheuer wich- tig es ist, experimentelle Schidlinge wie Dr. Minibeck oder Frau Wassilko aus dem wissenschaftlichem Gebiete einftirallemal abzu- schaffen, auch wenn man ihnen selbst optima fides zubilligt. In dieser Hinsicht habe ja speziell ich niemals einen Vorwurf erhoben, weil ich eben nicht Zeuge eines von ihnen allein oder in Gemein- schaft veriibten Schwindels wurde. Nicht minder interessant ist P. Brithls Erklarung meiner Ladung mit Elektrizitat, wie ich das Aufleuchten eines riesigen knattern- den Funken aus den Fingern der Silbert vor meiner Nase nannte. Er schreibt da mit Riicksicht darauf, daB mir seinerzeit Prof. Thirring, der derselben Sitzung beiwohnte, sagfe, ein Akkumulator kénne dabei keine Rolle gespielt haben, weil er viel zu grof hatte sein miissen: ,,Was den elektrischen Funken angeht, so braucht er durchaus nicht aus einem Akkumulator herzuriihren, Man hatte frither, und ich glaube auch heute noch, einen elektrischen Gasan- ziinder, der durch Druck auf einen Knopf betatigt wurde und auf Reibungselektrizitat beruhte, die bekanntlich sehr hohe Spannun- gen hat. Auch kénnte man an einen Kondensator denken, nach Art der Franklin’schen Tafel, hier bestehend aus einem Guttapercha- blatt, das beiderseits mit Stanniol belegt ist. Durch Zusammen- falten oder Zusammenrollen kann die Vorrichtung sehr klei macht werden, also etwa Bleistiffdicke haben und doch kri Funken geben. Die letzte Vorrichtung kénnte mit dem Gasanziinder geladen werden. Da es Fabriken gibt, die okkultistische Apparate anfertigen, so ware es leicht miglich, dafs derartige Funkengeber bestehen“. Der Einsender mag hier an und fiir sich recht haben. Dieses Licht, obwohl off bezeugt, erinnerte durch sein Gerausch zu stark an Reibungselektrizitat oder einen Kurzschlu8. Seine Erklarung sei daher allen denen empfohlen, die Gelegenheit haben, Frau Silbert zu sehen, zumal unter Dr. Minibecks Fiithrung. Wir aber werden dieses vielbesungene Medium so lange nicht anerkennen, als es sich uns nicht stellt und unseren Kautelbedingungen unterwirft. Frau Silbert ist eine betagte Frau. Ihre Fahigkeiten, wenn sie solche be- sitzt, kénnen jede Stunde erléschen. Was bleibt aber fiir die Ver- fechter des physikalischen Mediumismus noch iibrig, wenn die we- nigen lebenden derartigen Versuchspersonen irgendwie vom Schau- platz verschwinden, bevor sie sich noch aus den selbstsiichtigen Armen ihrer Pachter befreit haben? Zumal man schon allen von ihnen aus guten Griinden da oder dort oder iiberhaupt Unlauter- sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0568 © Universitatsbibliothek Freiburg — 565 — : E keit bei den Experimenten vorgeworfen hat! Nichts! Das sollte im Interesse des kritischen Okkultismus verhindert werden! Okkulte Reisebriefe II. Von Sav Nemo. Nach diesem ersten Erlebnis stieg ich die Héhen hinan, die mich vom Siiden noch frennten, und in einer Schaferhiitte, die ich vom Unwetter tiberrascht zu Rast und Schutz aufsuchte, erlebte ich ein zweites okkultes Abenteuer. Da war ein ergrauter Hirte, der lebtags nichts anderes getan hatte, als seine Schafe und Ziegen gehiitet, ein einfacher, guter Mensch, der nur selten einmal hinabstieg ins Tal und mit anderen Menschen selten zusammentraf. Dieser Hirte hat mich gelehrf, daB ein klares, reines Denken und der vertraute Umgang mit der Natur das innere Leben férdert und magische Krafte hervorbringt. Dieser Mann, der nichts wuftte von unserer superklugen Tal- weisheit, hatte grofe okkulte Krafte, wie ihr sehen werdet. Alle seine Vorfahren waren Hirten, und alle lebten sie wie Eremiten auf steiler Héhe mit ihren Tieren. Alle hatten sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen gesammelt und iiberlieferten sie von Mund zu Mund. Doch nun zum Thema, Ich lernte von diesem Hirten, wie man ohne Zaune, mittels einer magischen Praktik, Tiere hiitet,.wie man schadliche Einfliisse von ihnen abhalt und wie man ihre Krankheiten mit den einfach- sten Mitteln heilf. Immer wenn der Mann seinen Weideplatz wech- selte, dann war sein erstes, einen Stein zu suchen, der dem Leittiex zunachst lag. Mit einem Stiick Kohle zeichnete er auf 2 Seiten des Steines ein Kreuz, bestrich ibn mit gesalzener Milch und lieS ihn dann vom Leittier sorgfaltig ablecken. Nun band er den Stein an einen Strick, den er ebenfalls dem gleichen Tier durch das Maul gezogen hatte, und umschritt, den Stein nach sich ziehend, das Geviert, das er zur Weide ausersehen hatte. Dabei sprach er fol- gende deutsch wiedergegebene Worte: ,,Ich bitte euch, ihr Krafte, die ihr dazu bestimmt seid, das Leben der Tiere zu behiiten, mein Tun zu sehen, Das sind die Grenzen, die ich ziehe! Hiitet wohl meine Schafe, hiitet wohl meine Ziegen.” Um zu sehen, ob sein Tun Erfolg hatte, ging ich neben ihm und markierte mir die Grenzen, die er zog. 5 Tage war ich oben auf der Héhe und habe scharf achtgegeben. Kein Tier der Herde iiberschritt die von mir markierte Linie wahrend dieser Zeit. Ein- mal frafi eine Ziege den von mir gesteckten Markierungsstrauch http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0569 © Universitatsbibliothek Freiburg FG ~- 566 — an und ich glaubte schon, dafi sie nun auch die Grenze iiberschrei- ten wiirde. Ich rif einige besonders saftige Graser ab, stellte mich damit auf die verbotene Seite und lockte das Tier. Die Ziege hob den Kopf, wollte zu mir, stief dann, als sie die magindre Grenze erreichte, ein klagliches Gemecker aus und galoppierte, sich wen- Wend, davon. Es fiigte sich, da ein kleines Zicklein erkrankte. Ich weif zu wenig, um sagen zu kénnen, was ihm fehlfe. Schwach lag es am Boden und schien grofe Schmerzen zu haben, denn es winselte klaglich. Der Hirte sammelte diirres Reisig und getrockneten Mist und streufe dies im Kreis um das kranke Tierchen. Dann schnitt er aus der Haut einer Ziege, die er aus einem Kasten holte, ein kreisrundes Stiick und stach das Tier mit seinem Messer in den Schenkel. Mit Blut, das aus der Wunde quoll, machte er auf das Stiick Ziegenhaut ein mit Hérnern versehenes Zeichen. (In der Magic bedeuten Horner und Spitzen Abwehr gegen bise Einfliisse). Nun wickelte er dieses Pentakel zu einer Kugel zusammen und um- gab diese mit Butter, die er mit Saiz bestreute. Er entziindete nun den Reisigkreis, den er um das Tier gelegt hatfe, und als er rund- um brannfe, gab er dem Tier die Butterkugel mit dem Pentakel zum fressen. Das Tier fra® diese Medizin gierig. Er hob nun den Kopf des Zickleins hoch und schlug mit der flachen Hand 3 mal auf dessen Kopf, nicht eben schwach und auch nicht zu stark. Als er nun los lief, fiel das Tier schwer auf die Erde; es schien ohnmiachtig yu sein oder es schlief, ich weif} es nicht. Aber eines weif} ich: nach kaum einer halben Stunde fing der kleine Tierkérper zu ziftern an, und dann plétzlich sprang das Zicklein auf und lief davon zur Herde; von einer Krankheit war nichts mehr zu merken, Der Hirte meinte, ohne sein Experiment ware das Tier zugrunde gegangen, er wisse das von anderen Fallen. Nach einigen Tagen schied ich von dem gastlichen Hirten; er hat mir noch manches gezeigt aus seiner Welt, Viele Pflanzen und ihre Krafte lernte ich von ihm kennen und fand auch solche, die ich schon von frither kannte und zu magischen Arbeifen benutzt hatte. Zum Abschied bereitete er mir ein Fu®bad aus einer dort gedeihen- den Farnart und Meisterwurz gegen die Fahrnisse des Wanderns und gegen Schlangenbif. Meine Wanderung verlief schén und gut, und nach einer Reihe von sonnenseligen Tagen kam ich nach Rom, der Stadt der sieben Hiigel, wo ein drittes magisches Erleben mich fiir iiber eine Woche festhielt. Davon im nachsten Reisebrief. sgetordere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0570 © Universitatsbibliothek Freiburg — 567 — Sichtbare geistige Atome. Von Ferd. LaiBle. (Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Die Beobachtungen iiber sichtbare geistige Atome, welche in Nr. 5 dieser Zeitschrift erschienen, werden durch Folgendes er- ganzt. Die auffalligste und am haufigsten erscheinende Figur, bes- ser gesagt Sinnbild ist das griechische, umgekehrfe Omega und daneben in viel kleinerer Form das Psi. Letzteres erscheint jedoch nicht auf einer Linie, sondern stets in einem gewissen Winkel zu Omega. Zwischen beiden befindet sich noch ein kleines Zeichen, das aussieht wie die Schweiflinie des gro®en F. Bei Psi fehlt stets der Mittelstrich. Wahrend das Psi in der Form fast immer gleich bleibt, nimmt das Zeichen Omega die seltsamsten Formen an, es windet sich off wie ein Wurm. Lange Zeit lieB sich vermuten, diese Zeichen kénnten Einbil- dungen, cigene Gedankenkrafte sein, oder die Beobachtungen k6nnten sonst Zweifel iibrig lassen. Doch trifft dies schon deshalb nicht zu, weil Falle vorkamen, di er alles erhaben waren. Es erschienen ganze Namen, ganze Jahreszahlen deutlich lesbar, und jetzt erst, nachdem diese Sinnbilder zur Gewohnheit geworden und einigermaffen sich ins Gedichtnis cingepragt haben, lieBen sie erkennen, da auci deutliche Sternbilder dabei waren. So be~ fand sich neben dem Omega, ebenfalls stets in bestimmfer Lage, das Siebengestirn des grofen Baren. Dieses Bild erschien frither schon mit dem Omega, konnfe aber nicht ohne weiteres entziffert bezw. geglaubt werden, obwohl es mir schon von Kindheit an be- kannt und im Geda&chtnis war. Die Vergleichung dieser Augenpro- jektion mit dem gedruckten Bilde auf Sterntafeln stimmt haar- scharf tiberein; sie lie weder eine Taéuschung, noch eine erzwun- gene Formannahme zu. Man ist somit berechtigt zu behaupten, daB im Auge kosmische Sinnbilder auffreten und wahrgenommen wer- den kénnen, Im Anschlu8 hieran soll einiges tiber atherische Bildkrafte gesest sein, wovon Dr. Giinther Wachsmuth, Dornach, in seinem diesbeziiglichen Werke sprichf. Nach diesem sind solche untrennbar mit Geitigem, Wesenhaftem, ja individuell Wesenhaftem ver- knizft, und Menschen mit verfeinerten Sinnesorganen kénnen Atherhevegungen unmittelbar wahrnehmen, sei es auch erst in \spaterer Zeiten. Mit geeigneten Atherstrahlapparaten sind tatsichlich viele Per- sonen, die halbwegs empfindliche Nerven haben, in der Lage, den Atherstrom zu fiihlen. Die staérkere oder schwachere Wirkung http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0571 © Universitatsbibliothek Freiburg FG ~ 368 — hang: ganz von der augenblicklichen Sternkonstellation ab. Sie kann so stark werden, da heftiges Herzklopfen auftritt, was wie- derholt festgestellt worden ist. Der Ather ist somit nicht etwas Passives, sondern es liegen ihm bildende Krafte und Qualititen zu Grunde, und da es vielerlei Empfindungs-Qualitaten gibt, gibt es somit auch verschiedene Arten von Ather, wie z. B. den Warme- ather, den Lichtather, den chemischen oder Klangather, den Le- bensather, Der Ather ist nicht fiihlbar, so wenig wie die Elektronen es sind. Er kann aber potenziert werden wie die Elekfronen, und man erhalt dadurch ebenso Athersfréme, wie man elektrische Stréme erhalt Die Unkenntnis dieser Tatsache lafit dazu verleiten, den Ather als iibersinnlich weil nicht ohne weiteres wahrnehmbar -— anzusprechen. Doch auch diese Auffassung stimmt nicht, da wir bereits wissen, dafS manche Sterne recht ungemiitlich starke Ather- strahlen zu uns senden, die gegenwirtig von eflichen Forschern cifrig studiert werden. Wenn dem Warmeiather cine qualitative Kraft zuerkannt wird, dann muf die Warme (Warmheit) ebenso potenziert und transfor- miert werden kénnen wie die elektrische Kraft. Dem elektrischen Strom kommen auch Bildekrafte zu, er zersetzt chemische Stoffe und bildet neue. Die Qualitaten der verschiedenen Atherstrahlen tun 4hnliches, was man an der Beeinflussung des Kiérpers beob- achten kann. Es steht somit noch eine groSfe Entwicklung auf phy- sikalischem und auf chemischem Gebiete bevor. Interessante Entlarvung eines Hellsehmediums. Von Regierungsrat Dr. U. Tartaruga. Vor einiger Zeit produzierte sich in einem Wiener Variété eine junge Dame als Hellseherin. Sie heift mit ihrem biirgerlichen Na- men T , tritt aber unter dem Kiinstlernamen ,,Afra“ auf. Wo- hin die Dame mit ihrem Partner G... kommt, bildet sie einen groBen Teil des Stadtgespraches. Ihre ‘Leistungen sind in der Tat verbliiffend, da auch die fachgeschultesten Skeptiker nicht im- stande sind, einen sogenannten ,,Signalkodex" zu entdecken. Die Produktion spielt sich, von der vorhergehenden Reklame abge~ sehen, folgendermafen ab: Eine zarte, geheimnisvolle Frauenge- stalt, die Stirn mit einem goldglitzernden Diadem geschmiickt, sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0572 © Universitatsbibliothek Freiburg — 569 — schreitet mit weit gedffneten, ins Endlose blickenden Augen gegen das Rampenlicht und bleibt dort wie im Traume stehen. Der Part- ner begibt sich ins Publikum und erbittet irgend etwas Schrift- liches. Man reicht es ihm und er heftet, ohne scheinbar irgend ein Zeichen zu geben oder gar etwas zu sprechen, in einer Entfernung von beilaufig zwanzig Metern seinen Blick auf das Schriftstiick. Nach einer kleinen Weile ,,liest“ Afra den Inhalt fehlerlos ab. Nachdem zum hichsten Erstaunen noch mehrere gleichartige Ver- suche vollkommen gelungen sind, bittet Herr G. einen der Zu- schauer, an etwas zu denken. Hierauf dreht er Afra den Riicken zu, und die junge Dame enthiillt plétzlich die geheimen Gedanken des Aufgabestellers. Das Publikum spendet reichsten Beifall und steht bewundernd vor dieser Prastation supernormalen Gesche- hens. Wie erwahnt: tiberall, wohin das Paar auf seiner Tournee kommt. Als ich G. in Wien einlud, die Fahigkeiten Afras von einer fachwissenschaftlichen Kommission iiberpriifen zu lassen, antwortete er mir sehr hdflich, daf§ die Dame bereits wiederholt von ,,Univer- sifaéten und auch wissenschafflichen Kommissionen“ begutachtet worden sei. Afra kam nach Kiel. Im Auditorium sa8 der Universitatspro- fessor J. Wittinann mit mehreren Kollegen. Die Gelehrten waren zwar iiberzeugt, da hier irgend ein Trick im Spiele sein miisse, aber sie vermochten nicht zu sagen, welcher. Nachsten Tages mel- dete sich Herr G. bei Professor Wittmann und bat um Uberprii- fung, da er die Erlangung eines ,,wissenschaftlichen Kunstscheins® anstrebe. Wittmann, angenehm iiberrascht, Afra laboratoriums- gem&f untersuchen zu kénnen, sagte gern zu, bedang sich aber aus, daf allen seinen Anordnungen folgegeleistet werden miisse. Das Paar war einverstanden. Das Examen fand im Psychologischen Universitatsinstitut statt und wurde von Wittmann und Prof. Dr. Sch, (gerichtliche Medizin) geleitet. Man war iiber die Bildung und Liebenswiirdigkeit Afras verblifft. Prof. Wittmann hat nun iiber die Priifung einen Bericht veréffentlicht, dem wir nachstehendes entnehmen: ,,.. Im Institut befanden sich zwei Sale, ein Hérsaal und ein Experimentiersaal, die unmitfelbar aneinanderstieBen. Die Wand zwischen ihnen wies eine etwa drei Meter breite Unter- brechung auf. Durch einen schweren schwarzen Tuchvorhang konnte dieser Durchgang geschlossen werden. Um nun einen méglichst grofen Zwischenraum zwischen Fri. T. und Herrn G. zu bringen, schlug ich vor, daf} Frl. T. sich an der entfernten Wand des Expe- rimentiersaales und Herr G. sich an der gegeniiberliegenden Wand http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0573 © Universitatsbibliothek Freiburg FG 570 des Hérsaales aufstellen michten. Dem stimmten beide zu. Von ihren Platzen, die etwa 20 Meter Abstand hatten, konnten sie sich durch den erwahnten Durchgang bequem sehen. Der Kollege Sch. trat neben Hertn G., ich selbst stellte mich bei Frl. T. auf. Zu- nachst gab ich Herrn G. einen beliebigen einfachen Text auf einem Blatte. Er nahm das Blatt, legte es auf sein Notizbuch und las den Text aufmerksam, ohne dafs er dabei irgendetwas sprach. Das No- tizbuch hielt er mit beiden Hinden. Nach wenigen Sekunden fing Fri. T. an zu lesen. Nach diesem Versuch zog ich mich mit Kollegen Sch. in ein Nebenzimmer zuriick, damit wir ungestirt unsere Beob- achtungen austauschen und den nachsten Versuch verabreden konn- ten. Schon gleich beim ersten Versuch war uns an Herrn G. aufge- fallen, dafs er mit seinen Handen allerlei unmotivierte, wenn auch ganz geringfiigige Bewegungen machte. Bei Frl. T. war uns die an- gespannte lauernde Haltung bemerkenswert; es schien, da® sie sehr auimerksam nach ihrem Parfner hiniibersah. Gesprochen hatten beide sicherlich nichts wahrend des Versuches. Bestand zwischen ihnen eine optische Verbindung? Das war ja leicht festzustellen. Dazu war nur ndtig, wahrend des ersten Versuches den Vorhang zwischen ihnen vorzuziehen, Solches beschlossen wir...“ Hierzu sei bemerkt, daf{ der Fachmann Versuche, bei denen ein Partner in Kenntnis der zu lésenden Aufgabe ist, tiberhaupt nicht als Beweise fir hellseherische Fahigkeiten wertet, sondern héchstens als Proben telepathischer Higenschaffen. Die beabsich- tigte Zuzichung des Vorhanges war dagegen eine sehr richtige Kon- trollmafregel, da telepathische Ubertragungen ahnlich wie Ra- diowellen -- auch viel kompaktere Hindernisse iiberwinden .... Der Vorhang wurde geschlossen, und Frl. T. blieb stumm. Die aut- munterndsten Worte konnten sie nicht zum Sprechen bringen. Die Kommission gab aber noch kein Urteil ab, dffnete vielmehr den Vorhang wieder und beschlof, erst den Signalkodex zu ergriinden. In einem gewissen Turnus erhielt Herr G. dieselben Worte, und »hun wurde es schnell offenbar, dafi er mit seinen Handen und Fingern Bewegungen machtfe, die nur mit Absicht gemacht sein konnten, Bald auch erkannten wir mit Sicherheit charakteristische Bewegungen, die bei gleichen Worten in gleicher Weise wieder- kehrten. Diese Bewegungen bestanden darin, daf Herr G. z B. bald mit seiner linken Hand den linken Rand des Zettels anfafte, bald die Hand ein ganz klein wenig, etwa 4—-5 Millimeter seitlich verschob, bald die Hand etwas mehr schlof oder senkte, mit den Fingern an der Kante enflang glitt oder den einen oder anderen Finger mehr ausstreckte oder mehr kriimmte usw. Dabei machte er sgetoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0574 © Universitatsbibliothek Freiburg — Sit - alle diese Bewegungen in so natiirlicher, gefalliger, zwangloser Weise und so unauffallig, da® sie einem weniger kritischen Beob- achter als hichst zufallig erscheinen muften, wenn er sie iiber- haupt auffafte. Bald erkannten wir auch, dafi Herr G. nur bei fir Fri. T. schwierigen Worten mehr oder weniger buchstabenweise Bewegungen machte, dafi er bei gewdhnlichen sinnvollen Texten in seinen Bewegungen wesenflich flichtiger und sparsamer war . .“ Und was fiir ,,ungewdhnlich sinnlose“ Worte das arme Fri. T. von den Professoren zum ,,Lesen“ bekam! Kein Wunder, daf sie spater bekannfe, dies sei der schwerste Tag ihres Lebens gewesen. Aber sie bestand die Priifung, nur da® diesmal das Erstaunen mehr auf Seite des Kiinstlerpaares war. Die Professoren legten ihnen nimlich alsbald fast den ganzen Signalkodex vor, wahrend Afra und Herr G. schon gehofft hatten, da die Kommission auf die SchlieBung des Vorhanges, bezw. auf die hiermit verbunden gewesenen Fehlleistungen kein Gewicht mehr lege. Leugnen wire zwecklos gewesen. Herr G. vervollstandigte den raffinierten Kodex und bat blof, wahrend ihres Kieler Aufent- haltes nichts zu verdffentlichen. Abends safien beide mit den Pro- fessoren beim gemiitlichen Abendbrot, wobei der Impresario er- idarte, da®B er selbst Afra nicht als Hellseherin im okkultistischen Sinne erklare. Dies tun nur die Direktionen der Varietés, in denen »Afra” auffrete, aus Geschifts¢griinden. Die Fensterscheibe als Photoplatte. In dem Dérfchen Vigsnes auf Kermoy, einer kleinen Insel an der Westkiiste Norwegens, starh vor mehreren Jahren der Schuster Exis Strdmsveld, Vor einiger Zeit machten Leute, die an dem Hauschen, in dem dex Schuster gewohnt hatte, voriibergingen, die erstaunliche und gruselige Wahrnehmung, daf Erik Strdmsveld im Fenster des Hauschens erschien. Bei nihe- rem Hinsehen erkannfen sie, da8 das Bild des alten Mannes auf der Scheibe des Fensters, hinfer dem er zu sitzen und arbeiten pflegte, auftauchte. Das war aber nicht eine einmalige Beobachtung. Immer wieder kommt das Bild des alten Schus- fers zum Vorschein, besonders aber bei bewdlktem Himmel ist ¢s sehr deutlich sichtbar. Eigenartig ist, da aus dem Innecn des Zimmers das Bild nicht wahr- genommen werden kann. Seitdem man die sonderbare Erscheinung zum erstenmal bemerkte, strdmfen von allen Seiten aus Norwegen Neugierige nach dem Dérfchen, um sich mit eige~ nen Augen von dem Wunder zu iiberzeugen. Das Blatt ,,Aftenposten“ schickfe cinen Berichterstatter nach Vigsnes, der cine ausfiihrliche Beschreibung des Bildes gibt und einen norwegischen Gelehrten, Professor Saclano, iiber die Ursache der Exscheinung befragt hat. Der Gelehrte dufferte sich sehr vorsichtig und skeptisch, Okkultistische Umschau |= http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0575 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG ~- 572 konnte jedoch die Wahrnehmung des Berichterstatters, der selbst das Bild gesehen hatte, nicht ableugnen. Er erklirte, es sei schwer anzunehmen, daf gewdhnliches Fensterglas die Eigenschaften einer photographischen Platte habe. Aber selbst wenn man so etwas annehme, sei_es unerklirlich, warum das Bild des Schusters erst einige Jahre nach dessen Tode zum Vorschein kam. Dafi es einmal deutlicher zu sehen ist und das anderemal schlechter, wiirde an den Verschiedenheiten der Temperatur und des Feuchtigkeitsgehalts der Luft liegen kénnen. » Aftenposten“ erwiihnt bei dieser Gelegenheit einen dhnlichen Fall, der sich vor einigen Jahren in Diinemark ereignet haben soll. Dort war eine Frau, wi rend sie strickte. vom Blitz erschlagen worden, und nachher war ihr Bild auf der Scheibe des Fensters, binter dem sie gesessen hatte, sichtbar geworden. Das Blatt fragt, ob nicht vielleicht ebenfalls ein Blitzschlag das Bild des Schusters auf der Fensterscheibe festgebannt hat. (Mittagsblatt, Hamburg.) wAaran-Vizeprasident’ Arthur Weber wieder cinmal verurteilt. Der Berliner Strafkammer wurde wieder cinmal der in Okkultistenkreisen sehr unliebsam be- kannt gewordene Arthur Weber, der sich in der letzten Zeit auch die Titel Professor und Vizeprisident des Aaranstaates beigelegt hatte, aus der Unter- suchungshaft vorgefiihrt. Die jetzige Anklage bezog sich auf eine Wohnungsschie bung, fiir die Weber vom Schdffengericht Schéneberg zu zehn Monaten Gefiing) verurteilt worden war. W. hatte von einem Oberst a. D. dessen Fiinfzimmerwoh- nung in der Mofzstrafie mit Einrichtung fiir 4000 Mark erworben und auch diese Wohnung bezogen. Weder der Oberst hat einen Pfennig Geld bekommen, noch hat der neue Besitzer der Wohnung Miete bezahlt. Alle Versuche, Weber aus der Wohnung herauszubringen, scheiterten. Exst nachdem Weber verurteilt und ver- haftet war, konnte die Exmissionsklage durchgefiihrt werden. Die Verurteilung des Weber war erfolgt, weil er dem Oberst a. D. einen Schuldschein eines Dritten iiber 2000 Mark und zehn Wechsel einer jungen Dame, die kein Geld besaf, ge- geben hatte. Die Unterschriff des Schuldscheins erwies sich als gefélscht, und Weber wurde vom Schéffengericht wegen Urkundenfiilschung und Betruges ver- urteilt. Gegen dieses Urteil hatte er durch seinen Rechtsbeistand Berufung ein- gelegt. Er behauptete, da® er jetzt den Mann ermittelt habe, der ihm die Unter- schrift unter den Schuldschein und das Giro auf den Wechseln geleistet habe. Dieser Mann sei ihm nachts in seiner Zelle im Traum erschienen. Die Strafkam= mer kam schlieBilich 2u der Verwerfung der Berufung des Angeklagten, so daft dic gegen ihn verhéingfe Strafe von zehn Monaten aufrechterhalten bleibt. Ein genau erfiillter Wahrtraum. Prinz Helder Fasil schrieb Folgendes in cinem Briefe an Professor Richet in Paris: ,.m Jahre 1900, als ich in Paris als Student in der Rue l'Abbéé de I’Epée wohnte, hatte ich einen cigenartigen Traum, der sich drei Jahre spiiter erfiillte. Ich war zu jener Zeit sehr religiés und mystisch veranlagt. Eines Abends, als ich zu Bette gegangen war und mein Gebet verrichtet hatte, bat ich dic Vorsehung, mir im Traum meine zukinffige Gattin zu bezeichnen. Dann schlief ich ein und ich fihlte mich in ein Speisezimmer mit angrenzender, mit Palmen geschmiickter Veranda versetzt. Vier Stile sfanden wie zum Empfang bereit. Ich sah zuerst meine Grof- mutter eintreten, die sich auf einen der Stihle niederlief, dann eine meiner Tan- ten, und endlich kiindigte eine Stimme die Ankunft des jungen Madchens an, die wirklich die Gefahrtin meines Lebens wurde. ,,Deine Frau“ — sagte die Stimme — ,das ist sie, sie stammt aus heiliger Familie und heift Zénah“. Dann erschien sgetoraere durch le http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0576 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG 573 cine leichtfiifige Briinette in gelbseidenem Kleid mit schwarzer Spitze dberrogen. Sie niiherte sich, ohne ein Wort 2u sagen, und setzte sich zu uns. Den andern Morgen erwache ich betroffen durch diesen selfsamen Traum. Ein Jahr spiiter zweng mich eine Vergiftung, die ich mix durch den Genuf einer Speise zugezogen hatte, eine Kur in Evian (Cairo) zu gebrauchen, und es kam schlie8- lich so, da ich mit der Tante, die ich im Traume gesehen, und ihrem Gatten die Reise nach Cairo antrat. In Evian duflerte ich eines Tages bei meinen Verwandten den Wunsch, mich zu verheiraten, und bat sie, mir ein chen aus passendes Familie zu suchen. Mein Onkel nahm sich der Sache an, erkundigte sich nach ge- eigneten Verbindungen und es fand sich auf seiner Liste der Name d’Ali bey Pehmy. Meine Tante erbot sich, diese Familie 2u besuchen, um die Hand ihrer Tochter fiit mich zu erbitten. Da kam mix mein Traum in Erinnerung und ich sagte zu meiner Tanfe: ,Ich bin iiberzeugt, dai dieses Madchen Zénah heibt, sie wird meine Frau werden". ,,Wie werden sehen“ antwortete sie und lachte. Sie kam ganz betroffen zuriick und ich hdre noch, wie sie 2u mir sagte: ,,Du bist ja ein Prophet, mein Freund“. Einige Zeit nach meiner Verheiratung reisten wir in Begleitung meiner Grofimutter nach Paris zuriice und mieteten uns Rue Clement-Marot eine Wohnung, deren Efzimmer genau dieselbe mit Palmen geschmiickte Veranda be- safi, die ich im Jahre 1900 geschen hatte. Vier Stihle standen bereit, und es er- eignete sich in Wirklichkeit eines Tages, da8 meine Groftmutter in die Veranda einfraf, dann meine Tente, die zu Besuch gekommen war, und endlich rief ich meine Brau, die zuletst in einem gelbseidnen, mit schwarzer Spitze é Kleide erschien. So hatte sich also mein Traum bis in die kleinsten erfiilltt Ein Mord durch ein Medium in Ungarn aufgedeckt. Der Korrespondent des Daily Expref berichtet nach der Revue Métapsychique folgenden Fall: Die Polizei in Debreczin in Ungarn bemihte sich 6 Wochen lang, den Mérder der Witwe Martin Kif ausfindig zu machen. Frau Kif wurde am 20, Juni 1927 in ihrem Zimmer mit eingeschlegenem Schiidel aufgefunden. Dr. Eugen Gold, praktischer Arzt in Budapest, der auch als Hypnotiseur titig ist, hatte der Polizei geraten, ihm ein Medium zu verschaffen. Er wolle dasselbe in Tiefschlaf versetzen und so versuchen, den Mirder der Frau K. ausfindig zu machen. Die Polizei ging auf die- sen Vorschlag ein, und es wurde eine Kommission aulgestellf, die der Sitzung mit dem Medium beiwohnen sollte. Man beschlo8, die Sitzung in dem Zimmer der Ex- mordeten 2u veranstalten. Dr. Gold wilhlte als Medium einen Bankbeamfen namens Zoltan Lugisi und stellte ihm im Tiefschlaf die Fragen, welche die Polizei zu wissen winschte. Es war eine wehrhaft dramatische Szene, als nun Lugisi den Hergang des Verbrechens schilderte, wie er ein junges, schlankes, in Grau geklei- detes Madchen bei Frau Kift einfreten und mif thr sprechen sah und wie dieses Miidchen Frau Kifs zu Boden warf und sie mit Stockschligen tétete. Das Medium beschrieb ebenfalls, wie das Miidchen sodana das Zimmer ihres Opfers verlieft und sich in ihre eigene, in demselben Hause befindliche Wohnung begab, wo sie in ciner Mansarde zwischen alten Kleidern ihren Stock verbarg. Nach der Sitzung hielt die Polizei in dem betreffenden Stockwerk Haussuchung und fand tatsiichlich in der Mansarde, zwischen alten Kleidern versteckt, den Stock vor, welchen die Tochter des Hausbesitzers, ein junges, schlankes Madchen, dort versteckt hatte, Das Midchen hieS Lenke Toth und wurde ebenfalls bald durch die Angaben des Mediums ermittelt. AuBersinnliche Wahrnehmung. Der Kunstmaler Mr. Le Loup de Sainville, der mit Dr. Warcollier in Paris des dfferen telepathische Versuche angestellt hat, ex- http://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0577 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG a vihlt unter anderem folgenden Vorgang, den er mit seinem Medium Fraulein Hélene Grégoire ausgefiihrt hat: Ich habe dem eingeschlafenen Medium befohlen, sich in das Schlo$ Perchais zu versetzen, um zu erfahren, was meine Schwester —- auch eine Metapsychistin — 2u dieser Stunde mache. Alsbald teilte mir Frl. Grégoire mit, sich in dem Schlosse zu befinden, aber niemand in dem Salon vorzufinden. Ich bat sie, in den ersten Stock in das Wohn- zimmer von Frau Sebert hinaufzugehen, und als sie diese auch da nicht vorfand, bezeichnete ich ihr noch ein drittes Zimmer, in welchem ich dachfe, dafi sie meine Schwester, Frau S., finde. Ich mufite also vermuten, da die Gesuchte abwesend oder verreist sei, ohne mich davon benachrichtigt zu haben. »Du muBt das Fluidum von Frau S. in ihrem Salon auffinden kinnen", sagte ich zu Frl. G., ,versuche es aufzunehmen und Dich dahin zu begeben, wo sie sich nun befindet, rufe die Krifte des Weltenraumes zu Hilfe“. Nach cinigen Minuten dex Exwarfung sprach das Medium mit bewegter Stimme: ,,Ich fiihle mich durch die Luft getragen, ich bin sehr hoch im Weltenraum, ich fiihle mich ganz leicht, ich bin Sliicklich, ach, oh, ich méchfe immer so bleiben und niemals wieder zur Erde zu- riickkehren. -- Wie schade! Ich fiihie mich nun verlassen und stehe vor dem grofen Tor eines Schlosses. Die Fenster sind erhellt“. — ,,Versuche das Fluidam von Frau S. zu fihlen, sie ist wohl in diesem Schlosse, suche sie. Dringe durch eines der erleuchtenden Fenster! — ,,Ich bin bei ihr“ rufé exfreut das Medium. Sie sitzt am Tische in einem sehr hiibschen Zimmer und schreibt einen Brief. Sie beendigt ihn. soeben, er ist an Sie gerichtet. Sie schreibt nun einen zweiten Brief. »Lasse sie ruhig schreiben", befabl ich dem Medium, ,,und sieh Dir das Zimmer genau an, um es mir zu beschreiben", Ich erbielt sodann die genauen Angaben eines Schlafzimmers, der Mébel, der Anzahl der Fenster, der Form des Zimmers, sogar die Farbe der Bettdecke gab mir das Medium an. Nach den Erkundungen, die ich bei meiner Schwester einzog, erfuhr ich, dai sie sich an diesem Abend in dem Schlosse ihres drittiiltesten Sohnes befunden habe. Dasselbe befindet sich 100 Kilometer vom Schlosse Perchais entfernt. Das von ihr bewohnte Schlafzimmer, in welchem sie an diesem Abend wirklich einen Brief an mich geschrieben und nach diesem noch cinen zweiten Brief an cine an- dere Adresse, stimmte genau mit der Beschreibung des Zimmers und der Mdbel, die mir Fri. G. gegeben hatte, iiberein. Hinzufiigen muff ich noch, da® ich selbst bis dahin das Schiof meines drittiilfesten Neffen noch nicht gesehen hatte. Bichertisch. | Die angegebenen Biicherpreise sind unverbindlich, Dion Fortune. Liebe aus dem Jenseits. Kurt Wolff Verlag, Miinchen. Geb. 6 Mk, Ein okkulter Roman von atemraubender Spannung, den wir mit ruhigem Ge- wissen den Lesern des Z. f, O. angelegentlichst empfehlen kénnen, denn mit wach- sendem Interesse vertieft man sich in die cigenartigen Situationen, die der Ver- fasser mit zwingender Folgerichtigkeit vor uns entstehen lift. Wir werden hier in das Treiben einer okkulten Briiderschaft eingefiihrt, deren Sekretiir gewisse Ordensgeheimnisse mit Hilfe eines Mediums zu erschleichen und fiir selbstsiich- tige Zwecke zu mifibrauchen sucht, bis er vor der Rache seiner Ordensbriider der irdischen Existenz entflieht, als Vampyr sein Unwesen freibt und durch die Liebe seines Opfers, mit dem er durch friihere Erdenleben schicksalsverbunden ist, und die magischen Kiinste eines Hochgradeingeweihten wieder in das irdische Dasein zuriickgerufen wird und seine Verbrechen durch Verlust des Augenlichtes siihnen etordere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0578 DFG © Universitatsbibliothek Freiburg 575 muf. Diese phantastischen Vorgiinge weif der Verfasser in sehr geschickter Weise glaubhaft zu machen, und seine Erliuferungen zeugen anscheinend fie grofe Ex- fahrung in okkulten Dingen. E. Hentges. Das Jakob Béhme-Lesebuch. Von Dr. P. Hankamer. Berlin, Verlag des Bihnen- volksbundes. Halbleinen 7,50 Mk. Der Verfasser ist einer der besten Kenner Jakob Bahmes, wie sein gréferes Werk ber den Gérlitzer Mystiker im Verlage Friedrich Cohen, Bonn, beweist. Dieser ,erste und gréfte deutsche Denker des Barok“' hat es ihm so angetan, daft er nach fiinfjtihrigem Ringen um diese cinzigartige Persiolichkeit und ihr Werk dieses ,Lesebuch” als einen im besten Sinne volkstiimlichen Fihrer in die er- habene und doch urdeutsch anheimelnde Geisteswelt vorlegt. Die Stiicke sind so aus liebevoller Versenkung,, aus griindlichster Sachkenntnis und tiefstem, einfiih- lenden Verstehen heraus so éreffend kennzeichnend ausgewahlt, daf Leben und Denken Bohmes so plastisch und lebensvoll vor dem Leser ersteht, wie es nur eingehendstes Studium oder unmiftelbarer Umgang vermittein kann. Die Aus stattung ist dem Inhalte wiirdig angepaft: erstklassiges Papier, Kleinbarok, mit farbigen Initialen, ein beredtes Zeugnis hochkultivierten Stilgefiihls. E. Borg. Die Grundlagen der okkulten Wissenschaft. Von Papus. Autoris. Ubers. von Dr. Adolf Weif. Wien, Stein-Verlag. XVI, 534 S. Brosch. 9,50 Mk.; Ganz- leinen 12 Mk.; Halbleder 15 Mk. Aus der Uberzeugung heraus, dati in den Wirren zwischen verddendem Mate- tialismus und ins uferlose verschwimmendem Mystizismus eine gediegene, durchaus vertrauenswiirdige, weil wirklich sachkundige Fihrung 2u den Grundtatsachen und Richtlinien einer auf Geisteskenntnis fufenden Welfanschauung allein Klarheit und Festigkeit iiber Sinn und Wert des individuellen wie des kosmischen Lebens vermitteln kann, hat Dr. Weifi dieses Handwerk iibersetzt. Und er tat recht da- mit; denn Papus war wie nur ganz wenige in den wahren Okkultismus einge drungen, der mystische Tiefe mit kristallener Klarheit fiir den bedeutet, der in allen Symbolen der Natur wie der menschlichen Wissenschaft den Sinn erkannt pat. Der Stoff bringt es mit sich, daf Papus reichlich Veranlassung hat, nicht nur ein Kompendium der Geheimwissenschaft, sondern auch bei aller Knappheit tiefschir- fende historische Aufklérangen zu geben. Zahlreiche Figuren und Tabelien veran- schaulichen die Darlegungen besonders dort vorteilhaft, wo das Wort, der Begriff allein, versagt. Das Werk bildet eine geeignete Grundlage fiir eine der Eigenart der Geistnatur angemessene Wissenschatt. A. Grobe-Wutischky F, S$. Sindbad u, Dr. A. Wei: Die astrologische Tecktonik. Methodik der Deu- tung des Horoskops. Kart. 6,30 Mk.; Leinb. 8 Mk. —- Astrologische Direk:tionen, Bd. 1: Sekundirdirektionen. Kart. 6,59 Mk.; Leinb. & Mk. Méinchen-Planegg, Otto Wilh. Barth. Nach den beiden ersten Banden der ,Bausteine der Astrologie” war eine so gediegene, bisher ganz vereinzelt stehende Durchfiihrung eines Lehrwerkes der Astrologie zu erwarten, Selbst vorziiglich in Theorie und Praxis bewandert, haben die Verfasser aus Liebe zur kéniglichen Wissenschaft in der iberraschend an- wachsenden astrologischen Bewegung der drohenden Verflachung in einen Diletan- tismus gefihrlichster Art vorgebeugt. Sie haben, allen entbehrlichen Neuerungen abhold, auf den Lehren der grofien Meister (Morin, Bailey, Sepharial u. a.) fuflend und durch eigene Erfahrung geklart und gefestigt, ein Lehrwerk geschaffen, das auf gréBte Vereinfachung ausgehf, in diesem Rehmen aber zu volikommener Beherrschung des elementaren Wissens und der Methoden, dieses in dem nie §leichbleibenden Wechselspiel des Lebens sinngemaf anzuwenden, fihren kann, http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0579 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG 576 ~~ Daau ist aber ndtig, tiber das blofle stoffliche Wissen hinaus dessen philosophi- sche Durchdringung zu erstreben, seine metaphysischen Tiefen und so seinen beziehungsreichen Sinn zu erfassen, die Kraft der Intuition zu dben und aus Schauung und logischem Schliefen harmonische, klare und wahre Erkenntnis au Sewinnen. Dem dient vorzugsweise die ,,Tektonik" unter Bezugnahme auf cine Anzahl aus dem Leben gegriffener, also im besten Sinne lehrreicher, den Priifstein in sich selbst tragender Beispicle. Dieser Band erinnert mit seinem Vorginger (Die astrologische Synthese) wohl an die bekannten und bei Dutzendastrologen so beliebten Aphorismen- und Regelbiicher, aber hier werden jene erst durch Ent- hiillung ihres geistigen Gehaltes 2u schépferischem Leben erweckt und schlieBlich iiberflissig gemacht. Was nun die Direktionen betrifft, so darf betont werden, daft diese bisher noch nie so umfassend und in alle Feiheiten sich versenkend behan- delt wurden. Dabei enthilt der 270 Seiten starke Band nur dfe Sekundirdirek- tionen, die sich neuerdings der gréften Beliebtheit erfreuen. Hier wird nun ge- zeigt, welche Berechtigung, aber auch welche Grenzen sie haben, wie sie sich gegen- seitig erginzen und stiitzen, um doch schon recht brauchbare Ergebnisse zu e: zielen, Nach diesem Bande sind die Primirdirektionen mit erhdhter Spannung zu erwarten, die hoffentlich bald folgen. E. Borg. Charakterkunde und Astrologie. Astrologische Typenlehre. Von Dr. Otto Keliner. Mit viel. Abb. u. Handschriftproben. Leipzig-Dresden, Astra-Verlag. Geb. 6 Mk Wie die Graphologie vor allem dank der grundlegenden Arheifen von Ludwig Klages zum wissenschaftlichen Lehrfach geworden ist, wie auch die Kérperformen- kunde sich immer mehr akademische Anerkennung erring, wird auch die Astrolo- gie als Hilfswissenschaft einer umfassenden Menschenkunde, insbesondere Charak- terkunde, sich bald durchsetzen. Hatte schon Dr. Schwab in seinem Bresche schlagenden Werke ,,Sternenmiichte und Mensch" nachgewiesen, da es nicht nur eine anatomisch-physiologische, sondern auch eine astrologische Typenlehre gibt, deren enge gesetzmiflige Bezichungen sich experimentell feststellen lassen, so hatte Freih. v. Kléckler die astrologischen Typen in Beziehungen zue Handschrift gesetzt, und E. Rosenberg-Sturm hat weitere lehrreiche Bestdtigungen und Ex- weiferungen hierzu gegeben. Dr. K. hat nun beides miteinander verbunden und ein awar erst in den Grundlinien gezeichnetes, aber schon recht gut brauchbares System der Charakterkunde nach astrologisch-graphologischen Prinzipien gegeben. In der Grundlegung weist er auf Lavaters erste Versuche, dann aber vor allem auf die neueren Arbeiten von Piderit und Huter hin, wie ex auch Kretschmers Versuch in ,Kérperbau und Charakter sowie die von Emil Utitz und E. Burger-Villingen wiiedigt. Wichtiger sind aber die Dar- legungen astrologischer Probleme, womit er jedem angehenden Astrologen cine willkommene Klirung und Festigung der grundlegenden Lehren biefet, nicht nur in den elementaren Fragen, sondern besonders auch in den Anwendungen auf dem Gebiete der Charakferologie. Da alle trockene Theorie vermieden und reichlich Gebrauch von eingehender Erliuterung lehrreicher anschaulicher Beispiele gemacht worden ist, wird mancher ehrlich sfrebende Leser fiir das neue, tibrigens sehr praktische Wissenschaffsgebiet gewonnen werden. S—r. Anfrage aus dem Leserkreis. Kann mir jemand von den geschitzten Z. £. O.-Lesern sagen, welche Bedeutung die nachfolgenden Worte haben, die ich in einem alten Alchemistenwerk fand: ABASTAM ~ SEHEL VATTES — TAMVA TOMVISEV — TAM VASVASI — ADEVUM vipi. Fiir jede Auskunft ware ich sehr dankbar. August Kretzet, Werkmeister, Haiger (Dillkreis). getoraere durch le http://dl.ub-uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1927/0580 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG