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Fentralblatt fiir Okkultismas. Monatsschrift zur Erforschung der gesamten Geheimwissenschaften. Herausgeber u, verantwortlicher Schriftleiter: Max Altmann, Leipzig. XXIV. Jahrgang | Oktober 1930 | 4. Heit Slatatetergesle aw. deren Rute, —~ altungaast Sh Darithgasinad fa Deipai stuart deian igen, Walls am Bade eines Jalegangs aieht avd lusveu die im ihren Arbeiten ai ubostontunyeevotge, lt der Bezug ain sichten SHotstens Sunes Hatbjetes = een — nelat 30 Pt. Berto, ung Max Altmann in Weipzig a tele Medialitat und BewuBtsein. Von H. Kramer. (Fortsetzung.) Ill. Was sind wir? Wieviele Simne haben wie? — Oberbewulltsein und Unterbe: wullésein. Warum sind unsere finf Sinne beengi? — Was ist BewuBtsein? ~ Tagwaches Be- wufisein und generelles Bewutsein. — Was sind wir? — Weltbewulitsein. — Wer ist medial? — Welcher Unterschied besteht zwischen Spontanmedien und systematisch Geschulten? — Fuhigkeiten des generellen Bewulltseins. Ich habe bereits dargelegt, da wir nicht nur fiinf Sinne be- sitzen, sondern deren unzihlige, da sich das Bewufitsein diese nach Bediirinis gestaltet. Jene Empfindungen, die uns im sogenannten WachbewuStsein werden, jedoch durch die bekarnten fiinf Sinne keinen Ausdruck finden kdnnen, werden von dem Gefithlssinn er- ledigt. Ein Beispiel wird das verstindlich machen: Wenn ich aus meinen Fingern auf die blofe Stelle eines Patienten Strahlungen wirken lasse, so wird er auf meine Frage, was er emplinde, ant- worten: ,,Warme", Ich beweise ihm aber dann, dai} meine Finger eiskalf sind. Also fiir diese Strahlung hat unser sogenanntes Wach- bew.Btsein keinen spezielien Sinn. Wenn ich dagegen in gleichem Faile dieselbe Frage an cinen Hypnotisicrten stelle, so wird ex mir antworten: ,Sie strahlen! Er kann mir sogar sagen, ob die Strah- lung aus der rechten, der linken Hand oder aus den Augen proji- ziert wird. Fir diese Strahlung wirkt also in einem besonderem Bewufitseinszustand ein besonderer Sinn, der uns im sogenanntem tagwachen Zustande abgeht. Wir haben jedoch in dem besonde- rem Zustande unsere fiinf Sinne, wie dies falschlich angenommen ‘entralblas te Oldzattises, 24. Jaaegang. 10 http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0149 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — i146 — wird, nicht ausgeschaltet; sie wirken nur anders, das heifit erwei- tert, und aufer diesen haben wir noch viele andere Sinne. Und so, wie wir unzahlige Sinne haben, scheidet das generelle Bewuftsein, je nach Bediirfnis, auch unzihlige Bewulitseine aus. Ein solch abgespaltetes Bewufitsein ist auch das so ungliicklich be- naunte ,,OberbewuBtsein", obwohl 2s bedeutend minder ist als das sogenannte ,,Unterbewufitsein™. Ich habe auch dargelegt, daB unser sogenanntes Wachbewuft- sein aus dem Grunde nur fiinf beschrinkte Sinne zugewiesen be- kam, damit wir in der materialistischen Welt existieren kénnen. Denn waren diese Sinne nicht beschrinkt, dann miBten wir alles, was in dieser Welt tdnt, sichtbar ist, riecht etc, wahrnehmen, was kein Mensch aushielte. Es geniigen uns also die fiinf beengten Sinne, ja sie diirften gar nicht anders sein wie sie sind, denn dafi sic so sind, wie sic sind, enfspringt ja eben dem Bediirfnis, und zwar in dem Mafe, wie das beziigliche Bediirinis Umfang hat. Unser Bewufltsein ist Sinn im ganzen, also auffer den vielen Sinnen sind ihm auch unsere fiinf Sinne immanent. Diese kénnen durch unsern Bewufitseinskomplex von ihren Schranken befreit werden, Wir miissen aber dariiber Klarheit verschaffen, dai BewuBt- sein, wie es allgemein verstanden wird, nur cin ganz kleiner Teil unseres Bewufitseins uberhaupt ist. Ehe diese Tatsache nicht voll erfafsé ist, wird unsere Schulwissenschaft mit ihren auf Bewubt- sein bezughabenden Definitionen zu keiner klaren Erkenntnis kom- men kdnnen. Alle Gelehrten gehen bei derartigen Versuchen vom tagwachen Bewufitsein aus, weil sie es nicht erfassen kinnen, da dieses tagwache Bewulltsein nur einen ganz kleinen Teil unseres BewuBtseinskomplexes umfaSt. Dieser kleine Teil entstand aus dem GesamibewuBtsein und wurde nur als Gite! oder Kruste zum Schutze seines innerhalb befindlichen Massivs zur Entwicklung gebracht. Das neugeborene Kind besitzt diese Kruste noch nicht, hat also kein sogenanntes Oberbewufitscin, obwohl cin solches mit dem ersten Schrei sich zu entwickeln beginnt. Diese Bewuftt- seiaskruste absorbiert alle Eindriicke der uns umgebenden objek- tivischen Welt, der es sich auch hauptsdchlich widmet. Wir kénnen dieses wahrend unseres vegetativen Lebens enfstehende Teilbe- wu8tsein gut mit der Rinde des Baumes vergleichen, welche eben- falls nur ein Teil desselben ist und sich ebenfalls wahrend des vegetativen Lebens des Baumes sfetig entwickelt. Dieses Teilbewuftsein geniigt aber, uns die Erkenninis zu schaffen, da wir sind. Wir wissen, da wir Iecben und daf wir etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0150 — 147 — ganz bestimmten Lebenbedingungen unterworfen sind. Wir wissen auch, daft, je vollkommener unser Geist ist, desto kapabler auch sein sich selbst gestalteades Werkzeug sein wird. Es bietet auch keine Schwierigkeit zu erkennen, da® die Welt nicht unseretwegen, so ist, wie sie ist, sondern wir es sind, die wir uns ihr anpassen miissen, denn wir leben in ihr. Doch auch sie lebf in uns, und zwar in dem Mafe, wie wir ein von ihr abhangiger Teil sind. Wenn wir einen Schwamm ins Wasser legen, so kénnen wir ebensogut sagen, dafi sich der Schwamm im Wasser befindet, wie auch, dafi das Wasser sich im Schwamm befindet. Also in dem Mafie, wie die Welt in uns ist, ist auch ihr uns ge- wordener Anteil uns angepafit, daher individuell, subjektiv, uns eigen, ich-isch. Dies erkennend, diirfen und kénnen wir nicht behaupten, daS wir dieser Sublimierung allein teilhaftig geworden sind, denn um uns gibt es doch auch Tiere, Pflanzen, Minerale etc. Diese miissen auch Bewufstsein haben, wenn es auch anders geartet ist als unseres. Unser BewuBtsein ist uns angepafit, wogegen das Bewufltsein von Nichimenschen diesen angepat ist. Wirundallesumuns,das ganze Weltall, ist nichts anderes als modifiziertes Bewuftsein. Dies erfassend, miissen wir zu der Erkenntnis gelangen, dai unser tagwaches Bewuftsein nur ein kleiner Teil unseres ganzen Bewufitseinskomplexes ist, also eine Abstufung unseres Bewulit- seinsmassivs, welches generell ist. So wie das Bewufitseinsmassiv cin sogenanntes fegwaches BewuBtscin abspaltet, um uns die Exis- tenzméglichkeit in der materialistischen Welt zu sichern, so ist das generelle BewuBtsein imstande, seinen Bediirfnissea entsprechgnd unzahlige andere Béwuftseine abzuspalten und ebensoviele Sinne zu gestalien. Daraus folgt, dafs wir im Bewultsein lebend, in ihm existent seiend, einen zu unserem Dasein entsprechenden Teil abbekommen, und dieser Teil, seinen Bediirfnissen entsprechend, abst.rfungen entwickelt, die uns angepaft, individuell, also spezi- fisch werden. In ihrem Massiv aber bleiben sic generell, Das generelle Bewuftsein in uns mit seiner Kruste aber ist cin Teil des Weltbewufitseins und dieses die letzte Konsequenz des Seins, oder auch das Drimare, was auf dasselbe hinauskommt. Der uns gewordene Teil des WelfbewufStseins als Bewufitseins- massiv ist selbstverstandlich als uns zugehdrig ebenfalls individua- lisiert, wenn auch nicht so subjektiv differenziert wie die weitere uu http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0151 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG = a Abstufung des WachbewuBtseinkomplexes. Je weifer dic Abstu- fung erfolgt, desto differenzierter gestaltet sich diese. Alles um uns Seiende mufs unter den ihm zukommenden Existenzbedingungen mif dem Weltbewufitsein, dem ,,ES", dessen letzte Konsequenz all dieses Seiende ist, behaftet sein, also Bewullt- sein haben. Freilich darf dieses Bewufitsein nicht an unserem sub- jektiven, individuellen Bewuftsein gemessen werden, welches ja nur ein Teil, und zwar ein fiir uns modifizierter Teil des generellen BewuBtseins ist, itber welchem noch die Gesamtheit des Welt- bewuBtseins steht. Also jeder von uns hat aufer seinem sogenannten tagwachen Bewubtsein, das, wie erdrtert, beengt ist, ein unvergleichlich grifbe- res generelles Bewuftsein, welches ein Teil des WelthewuBtseins darstellf. Dieses generelle BewuStsein ist aber von dem Wach- bewufitsein umhiillf, weshalb es erst dann ungchemmt tatig werden kann, wenn sich seine Hiille, das Wachbewufitsein, lockert. Wie das geschieht, darauf komme ich noch zuriick. Es wird nun verstandlich, da®, indem wir das tagwache Be- wuBfsein fir allgemeine Bewuftwerdung werten, wit uns cinen Cedankenkerker schaffen, der uns keinen Blick ins Freie gestattet; wir fragen das kleine WachbewuStsein als Scheuklappe vor uns her. Und derart wollen die Schulwissenschaffler, die Materialisten, die Welt aus den Angeln heben? Was wir also allgemein als Bewuftsein bezeichnen ist lediglich ein kleiner Teil unseres BewuStseinskomplexes und bildet die Summe unserer Erfahrungen vom Moment der Ge- burt bis zur Gegenwart. Nicht mehr! Es entwickelt sich also wahrend unseres vegetativen Lebens sozusagen als Rinde um ein bedeutend gréfieres, anderes BewuStsein, welches Ewigkeits- erfahrungen haf, Beide Bewu8tseinskomplexe vereinigen in sich andere Bewulitseine, die jeweilig nach Bediirfnis entstehen, denn: jede Entwicklung hat zur Grundlage ein Bedirfnis desihm Vorangegangenen. Dafi wir in dem Neuentstandenen das ihm Urspriingliche nicht mehr erkennen, liegt in den Hemmungen des Neuen, und gerade dadurch erst wird es differenzierter beféhigt, seiner Bestimmung zu dienen, Habe ich mich geniigend deutlich ausgedriickt? Ich will ver- standlich machen, da Dinge in ihrer Verinderung fiir uns nur so weit wahrnehmbar sein kénnen, als sie die Grenzen unserer beeng- ten fiinf Sinne nicht tiberragen, Was dariiber ist, kénnen wir nur mit freigemachten Sinnen ergriinden, etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1930/0152 © Universitatsbibliothek Freiburg ~ 149 — Der Leser wird nun begreifen, dai ich auf die Frage einer Per- son, ob sie medial sei, stets mit ,ja antworten kann, denn jeder Mensch ist sozusagen medial, das heifit, in einem gewissen BewuBt- seinszustande ist er befihigt, jeden Tagwachenden in Erstaunen zu sefzen, denn er kann Dinge vollbringen, zu denen der Tagwachende nicht befahigt ist. Jeder in hypnotischen Schlaf gebrachte Mensch kann nach einiger Schulung z. B. ohne Augen sehen, so wie jeder einigermafien geschulte normale Mensch lesen und schreiben kann. ‘Anders verhalt es sich, wenn davon die Rede ist, ob der Hyp- notisierte zu einem besonderen Hellseher ausgebildet werden kann, Da kénnen wir — als Vergleich dem Tagwachenden gegenii ebensogut die Frage stellen, ob er denn, da er lesen und schreiben kann, 2u einem Romanschriftsteller oder Dramatiker ausgebildet werden kinne. Da kommen schon Begabung, Talent oder Genialitat in Betracht. In beiden Bewufitseinszustinden gibt es talentierte und weniger falentierte Personen, und dementsprechend werden auch ihre Leistungen ausfallen. Wenn wir beriicksichtigen, da das tagwache BewuBtsein aus dem generellen BewuBtsein entstand, also sozusagen aus demselben Stoff, dann kinnen wir auch verstchen, dafs cin tagwacher Idiot niemals ein hervorragendes Medium werden kann, wogegen ein fagwaches Genie auch als Medium Hervorragendes leisten wird. Ich fihle schon die dagegen cinzuwendenden Gedanken des Lesers, der meint, wie es dann misglich sei, daB oft bei ganz unge- bildeten und anscheinend unintelligenten Personen die wunder- barsten Manifestationen in Erscheinung treten? Darauf kann ich nur antworten, daf auch ungebildete Personen intelligent sein konnen. Es gibt aber auch Personen, die nur partiell intelligent, ‘im allgemeinen aber dumm sind. In dem Falle ist eben cin Teil des Instrumentes, das unser BewuStsein zur Befatigung bendtigt, be- sonders gut ausgebildet. Wer hat es nicht schon erfahren, da aus einem Hirfenknaben, der kaum lesen und schreiben konnte, ein beriihmter Maler wurde? Courbet war derart dumm, eitel und eingebildet, da Lemonier ihn: ,,II grand peintre béte“ nannte, doch als Naler fahrte er den Pinsel mit einer gottbegnadefen Hand, Abgesehen von solchen immerhin sporadisch vorkommenden Genies, durfte einzuwenden sein, da man besondere Manifestatio- nen auch yon Personen sicht, dic sonst nichts Hervorragendes auf- zuweisen haben. Diese leisten aber auch nichts Hervorragendes; es scheint nur so, weil der zweifelnde Leser, obwohl sehr intel gent, der Meinung ist, das nicht zu kénnen, was jener sonst wenig intelligente Mensch zuwege bringt. Ich versichere dem Zweifler, er http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0153 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — das auch er das kann, und noch viel mehr, wenn ich ihn einschlafern wiirde. Dic Dinge, die so wunderbar scheinen, sind selbstver- standliche Leistungen des generellen BewuStseins. Ich empfinde noch weitere Fragen, die ich beantworten will, noch ehe sie gestellt werden. Sie meinen, wie verhilt es sich mit Medien, die niemals hypnotisiet wurden oder auch spontan nicht in Trance verfallen, und dennoch Leistungen vollbringen, die man sonst nur von Hypnotisierten erfahrt. Bei solchen Personen be- steht immer ein Defekt jener Bewufitseinskruste, von der ich be- reits sprach. Der Defekt ist nicht in klinischem Sinne zu versteben, sondern nur als abweichende Art, in weleher sich das tagwache Be- wuftsein entwickelte. Es weist also Liidcen auf, durch welche das generelle BewnBtsein Ausdehnung gewiant, oder es ist iiberhaupt so subtil, daf ein Durchdringen keine besondere Schwierigkeit bie- tet, Da in einem solchen Falle beide Bewulitscinskomplexe titig sind, das tagwache aber seinen Widerstand immer zur Geltung zu bringen bestrebt ist, zerstést es oft die Wege des generellen Bewufitseins. Wenn also Personen plitzlich oder allmahlich ent- decken, dafi sie tagwachend hellscherische Fahigkeiten entfalten kinnen, so bedeufct das immer, daB® dic tagwache Bewtuftseins- Kruste das generale Bewuffsein nicht geniigend dicht umschlicBt. In einem solchen Falle kann aber auch das generelle Bewuftsein keine absolut zuverlissige Tatigkeit ausiiben, da es vom tagwachen Bewufltsein stets gehemmé wird. Uberdies wird die Tatigkeit des generellen Bewuftseins dem fagwachen bewuft, welch letzteres immer das generelle BewuStsein zu dessen Schaden korrigiert, was dem Plane des gestalfeaden Gesamtbewuidtseins widerspricht. Denn als hdhere Instanz ist dem genereifen Bewuftsein wohl sfets alles bewuSt, was im tagwachea Bewubtsein vorgeht, nicht aber umge- kehrt. Bei gut isoliertem generellen BewuBtsein wird dessen Tatig- keit dem tagwachen Bewuftsein niemals bekannt. Das ist die Ur- sache der Amnesie in Bezug auf die Vorgange wahrend des hypno- tischen Zustandes, oder des Vergessens der Traéume nach dem Er- wachen aus dem normalen Schlaf. Denn die Traume sind ebenfalls Erscheinungen des generellen BewufStseins. Die Ansicht mancher Menschen, dai sie traumlos schlafen, ist irrig. Jeder normale Mensch traumt. Ich werde digs bei der Besprechung der Traum- entstehung naher begriinden. (Fortsepung folgt) etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1930/0154 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — bi — Vom Blutzauber. Eine ideengeschichtliche Studie tiber den Blutaberglauben, Von Ernst Hentges, (Nachdruck verboten!) (Fortsetzung.) In ethnologischer und religionsgeschichtlicher Bezichung ist der Tabu-Begriff ungemein aufschlu®reich. Es ist dies ein unmoti- viertes Verbot, dessen Umgehung eine ithernatiirliche Bestrafung nach sich zieht, Tabu bezeichnet den Zustand der Unberiihrbarkeit, und die derart geschiifzte Sache kann sowohl unrein wie auch heilig sein, Tabu-Verbote sind zahlreich in der Bibel anzutreffen. In diesem Sinne ist auch die Stelle zu deuten, wo Moses (3. 15) die Menstruierenden fiir unrein erklart. Ahnliche- Ansichten finden wir bei ziemlich allen Vélkern des Altertums. Bei den Parsen in Indien mufSten die Menstruicrenden sich an cinen abgesonderten Ort des Hauses begeben, der so angelegt war, daBi ihn die Sonnen- strahlen nicht treffen und Wasser sowie Feuer und alles, was zum Leben gehirt, ihm fernblieb. Nach Zoroaster ist die Monatsblutung der Frauen das Werk Ahrimans, des bésen Prinzips. Solange die Menstruation andauert, ist demnach die Frau unrein und ein dame nisches Wesen. Man mufi ihren Umgang meiden, denn sie verun- reinigt alles, was mit ihr in Berithrung kommt. Ihr Blick allein geniigt schon, um das Feuer zu verunreinigen. Sie darf sich nicht satt essen, denn die Nahrung, die sie zu sich nimmt, dient nur dazu, die Macht der Duimonen zu vermehren.') In dem Gesetzbuch Manus heifit es, jeder Mann, der sich einer Menstruierenden nihere, ver- licre seinen Verstand, scine Kraft und Gesundheit; wenn er hin- gegen die Weiber zu jener Zeit meidet, so mehre sich sein Verstand, seine Kraft und seine Gesundheit. Wie das rémische, so schrieb auch das germanische Altertum dem Menstrualblut gro8e magische, bald schidliche, bald heilsame Kraite zu. Obwohl nun die Menstruierende bei allen Vélkern als unrein angesehen wird, findet das Menstrualblut sehr haufig An- werdung als Heil- und Zaubermittel. In der altesten Encyklopadie, die wir besitzen, in Plinius »Naturgeschichte", wird sehr wortreich tiber die schidlichen und heilsamen Eigenschaften des Menstrualblutes berichtet. Durch Be- rihrung einer Menstruierenden wird der Wein sauer, Baume ver- dorren, Stuten werden unfruchtbar, Eisen wird rostig, Messer wer- 4) J. Darmesteter. Zend-Avesta. http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0155 © Universitatsbibliothek Freiburg 152) — den stumpf, und ahnliche Marchen mehr, die auch noch heute im Volke kreisen, # Dioskurides empfiehlt in seiner ,,Arzneimittellehre’ Menstru- alblut als antikonzeptionelles Mittel. Es soll auferdem sehr wirk- sam gegen Gicht und Rotlauf sein. Auch noch heute sollen in Tunis und Algier die Frauen das eigene Menstrualblut als Vorbeugungs- mittel gegen Schwangerschaft trinken.*) Schr verbreitet ist auch der Glaube, daf das Menstrualblut Blasensteine und -sand beseitige. Muttermiler, Feuermale und Leberflecken sollen verschwinden, wenn sie mit warmem Menstrualblut bestrichen werden. Bei Zaka- rija ben Muhammed al Qazwini (gest. 1283) heifi es: ,Das Blut der Menstruation einer Jungfrau hilft gegen die weifien Flecken atif der Dupille, wenn man es als Augensalbe verwendet’. ,Das Blut der Menstruation, wenn mit ihm der BiB eines tollen Hundes bestrichen wird, heilt ihn und ebenso knotigen Aussatz und schwarze Raude. Plinius erwihnt bereits, dai die alten Agypter Abwaschungen mit Menstrualblut gegen verschiedene Hautkrank- heiten angewandt haben, und empfiehlt, bei Hundswut einen mit Menstrualblut getrénkten Lappen in den Trinkbecher des vom Hunde Gebissenen zu legen. Die hl. Hildegard, Abtissin des Klos- ters auf dem Rupertsberg bei Bingen (gest. 1197), riihmt in ihren »Lidri subtilitatum diversarum natur. creatur, dem difesten in Deutschland verfaBten Werk der volkstiimlichen Heilkunst, Men- strualblutbader bei Aussatz. Warmes Uferinblut einer Jungfrau fiber podagrische Glieder geschlagen, lindere den heftigen Schmerz. Es ist allgemein iiblich, Warzen mit frischem Menstrualblut zu be- streichen, um diese zu entfernen. Der Volksglaube schreibt die Heilkraft des Menstrualbolutes einer gewissen ,,Scharfe" zu. Die allgemeine Scheu vor den Men- struicrenden in den siidlichen Landern mag hierin wohl cine reale Berechtigung finden, denn cs la(t sich nicht in Abrede stellen, daB das Menstrualblut in heiflen Gegenden eine besondere Scharfe er- halten kénne, wie es auch fiir begriindet erachtet werden muf, dai + unter dem heifen Klima des Siidens, wo die Zersetzung der organi- schen Ausscheidungen schnell auftritt und letztere sich infolge des klimatischen Einflusses und des Temperamentes qualitativ anders als im Norden verhalten, das Menstrualbiut leicht gewisse schad- liche Eigenschaften annehmen kann. Im allgemeinen aber soll das Menstrualblut tatsachlich eine antiseptische Wirkung hahen, wie Prof, O. von Petersen fest- 5) Dr. Cabanés et Dr. Barraud. Remédes de bonne femme. Paris 1907. etre archi http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okéultismus1930/0156 © Universitatsbibliothek Freiburg 1535 — gestellt hat. Wir zitieren einige Satze aus ciner Mitteilung von Petersen,®) da ihr Inhalt manche volkstiimlichen Gebrauche unse- rem Verstandnis naher bringt: ,Es wurden in dic Station mehrere Patientinnen mit zahlreichen Geschwiiren an den Geschlechtsteilen aufgenommen, die am folgenden Tag die Menses bekamen. Nun besteht in der Abteilung die Gepflogenheit, da man wahrend der Menses die Patientinnen nicht verbindet, sondern die Geschwiire sich selbst aberlaBt. Petersen sah mit einem gewissen Gefiihl der Unruhe auf dieses Verfahren und erwartete, die Geschwiire nach Authéren der Menses in einem recht schlechten Zustand zu finden. Um so grofer war seine Uiberraschung, als die betreffenden Patien- finnen, nachdem dic Menses beendet waren, auf den Untersuchungs- fisch kamen und er statt der erwarteten Verschlimmerung der Ge- schwiire vollkommen gereinigte, gut heilende Wundflachen vor sich sah. Alle Geschwiire, die von dem Menstrualblut bespiilt wurden, reinigten sich unfer dem Einflu& desselben, wihrend die gleich- zeitig in der Umgebung vorhandenen Geschwiire, die von dem Menstrualblut nicht berihrt wurden, unverdndert ihren Belag und Eiterung beibehalfen hatten, Es konnie also fraglos festgestellt werden, dafS das Menstrualblut eine deutliche antiseptische Wir- kung ausgeiibt hatte". Rine Erklarung ftir die antiseptische Wirkung des Menstrual- lutes ist vielleicht darin zu finden, dafi dassclbe stark jodhaltig ist, wenn wir Strindberg glauben kSnnen. In seinen ,,Blaubiichern“ schreibf er: ,,Jod findet sich ja in der Monatsblutung, in der Schild- driise und im Thymus“. (1. 414.) An anderer Stelle hei®t es: Und wahrend der Periode des Weibes, die sehr geheimnisvoll ist, scheint sie in Verbindung mit dem Unterirdischen zu treten. Eine héllische Bosheit ist verbunden mit der Ummaskierung; sie bekommt ein neues Gesicht, neue Begierden und Neigungen, aber meist Verlan- gen nach dem Unsinnigen. Sie sondert wahrend dieser Tage cin Gift ab, das ist Jod, und ihr ganzes Wesen ist giftig; kérperlich und geistig kann sie ihren Mann vergiften. Die Gesetze Mose be- trachfeten sie als unrein, und sie anzuriihren war streng verboten™. (LE. 847.) Bei den Juden im Orient gilt nicht nur die menstruierende Frau, sondern alle von ihr beriihrten Gegenstinde als unrein, und sie mu8 am achten Tag nach Sonnenuntergang ein Reinigungsbad nehmen. Dieses rituelle Bad nennt man ,,Mikwah" (= Quelle), %) Prof. ©. von Petersen. Antisepitsche Wirkung des Menstruatblutes, St. Pe- tersburger medizinische Wochenschriff. 1907. Nr. 19. http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0157 © Universitatsbibliothek Freiburg = be = das nur aus Quell- oder Regenwasser und nicht aus geschépftem Wasser bereitet sein darf. Nach manchen Angaben darf auch kein Regenwasser verwendet werden, da dieses auch zum Trinken be- nutzt wird. In jeder Stadt und jedem Orte, wo es Gemeinden orthodoxer Juden gibt, wird fiir die Errichtung eines solchen Bades gesorgt. In kleineren Orten befindet es sich meist im Hause der Kultusgemeinde, und zwar im Hofe desselben. Wo es kein solches Bad gibt, badet sich die orthodoxe Jiidin im nahen Bach oder FluB, selbst zur Winterszeit, wo in das Eis cin Loch gehauen wird und sie in das eiskalte Wasser dreimal untertaucht, damit, wie es eben der religidse Ritus vorschreibt, kein einziges Haar an ihr trocken bleibt. Auch Budapest besitzt ein solches Bad. Bei dem Bau dieser Bader ist dic Hauptrege!, da® sich die zufithrenden Wasserréhren nicht im Winkel oder in starken Kriimmungen freffen, sondern nur schwache Biegungen und wellenférmige Kriimmungen haben diirfen.") Der Brauch dieser rifuellen Waschungen ist ein weiterer Be- weis dafiir, daf§ man die Menstruation als etwas Damonisches an- sah, denn flieBendes Wasser galt von jeher als ein damonenver- scheuchendes Mitel. Fiir die mythologische Denkweise galt das Wasser als das miitterliche Element, aus dem alles Leben hervor- ging. In folgerichtiger Weiterttihrung dieses Gedankens wurde das Wasser daher auch als Schufzmittel gegen die. lebensfeindlichen Machte der Finsternis angesehen. Dic Scheu vor dem verderblichen Hinflu8 derMenstruicrenden kommt auch verschiedentlich im ,,Talmud“ zum Ausdruck. ,,Geht zu Beginn der Menses — heifit es dort — eine Frau zwischen zwei Ma&nnern hindurch, so ist einer von ihnen dem Tode geweiht; ge- schieht dies gegen Ende der Menses, so entsteht Streit zwischen beiden Mannern.*) Die gleichen Anschauungen finden sich bei vielen Vélkerstimmen Australiens vor. Dort gilt es als unheil- voll, wenn eine Menstruierende den Weg der Manner kreuzt.) Bei den Naturvélkem bringt man die Menstruation haufig mit der Schlange oder anderem kriechenden Getier in Verbindung. Bei den Chiriguanos von Bolivia laufen die alten Weiber beim Eintritt der Menstruation cines Miadchens mit cinem Stecken umher und suchen die Schlange, die das Madchen verletzte. In einigen Gegen- 7) Dr. R. Temesvaty. Volksbriuche und Aberglauben in der Geburtshilfe und der Pflege der Neugeborenen in Ungara. Leipzig 1900. 8) J. Mengel. Die Medizin der Talmudisten. S. 1 9) W. E. Armit. Customs of the Australian aborigenes, — Journal of Anthrop. Institut. IX. (1880) $, 459. etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1930/0158 - fe den Brasiliens darf ein Madchen beim Herannahen der Menstru- ation nicht in den Wald gehen, aus Furcht vor den verliebten An- griffen der Schlange.”) Dr. H. Plo® (,.Das Weib in der Natur- und Vélkerkunde") und Dr. Max Bartels (,,Die Medizin der N turvilker") zeigen, da in den verschiedenen Teilen der Welt die Menstruation als urspriinglich durch eine Schlange verursacht ange- sehen wird. Der Volksglaube beirachtete von jeher die Schlange ihrer Gestalt und Lebensweise, sowie ihrer giftigen Natur wegen als cin unterirdisches, elbisches Wesen, als cin Damoneantier. Auf Grund dieser universalen Vorstellung vom damonischen Wesen der Menstruation entwickelten sich die mannigfachen An- schauungen, die zur Verwendung des monatlichen Gebliifs zu Zauberzwecken fihrten. Menstrualblut gait als cin magischer Stoff par excellence, In der bereits erwihnten Schrift berichtet die hl. Hildegard, daB cin mit Menstrualblut beflecktes Hemd hieb- und stichfest mache; in die Flammen geworfen, léscht ein solches Hemd Feuers- briinste. An Stelie des rituellen Opfers einer Jungfrau tritt in spateren Zeiten das Menstruatblut eines unschuldigen Madchens, das zum ersten Mal scine Monatsblutung hat, spater war es das blutende Hemd. Ein mit dem Menstrualblut einer Jungfrau be- flecktes Hemd wird demnach zum Zaubermittel, da es anstelle des Jungfravenopfers fritt,und galt als Fruchtbarkeitszauber, weil es die Fluren vor Schaden sichert. Das Hemd selbst wird zum Stellver- treter des Weibes und zum Symbol der weiblichen Natur. Darum werfen die Madchen in gewissen Nichten fiir ihre Geliebten die Hemden vor die Tiir; sie tibergeben so symbolisch ihren Leib. Die haufigste Verwendung fand das Menstrualblut jedoch als Licbeszauber, und zwar in der Weise, da man dassclbe heimlich den Speisen oder dem Getrink beimischte, die dem Liebhaber vor- gesetzt wurden. Umsgekehrt empfiehlt, falls alle Mittel nichts hel- fen, Bernhard von Gordon in seinem um 1305 verfaSten. ,,Lilium medicinae“, daf} bei ungliicklicher Liebe dem Liebhaber ein in Menstrualblut getauchter Lappen plétzlich vor die Nase gehalfen werde; eine richtige Ekelkur mit sympathetischem Hintergrund. Auf abnlichen Voraussetzungen beruht auch der Brauch, sich den Leib ringsherum mit Menstrualblut zu bestreichen, um die Empfangnis zu verhinder. Es soll zu diesem Zweck auch bereits geniigen, wenn Frauen iber Menstrualblut hinwegschreiten. Gegen das Ausbleiben der Monatsregel wird empfohlen Wasser zu trin- ;. Polynesian Researches. London 1889. http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0159 © Universitatsbibliothek Freiburg b6 — ken, in dem das Blut einer Erstmenstruierenden aufgelist oder deren blufiges Hemd gewaschen worden ist, oder man soll sich mit einem von frischem Menstrualblut befeuchteten Hemd bekleiden. (SchluB folgt.) Gesunderhaitung und Lebens: verlangerung im Lichte des praktischen Okkultismus. Von Alb. Augart. Den Anhangern okkulter Lehren wird oftmals vorgeworfen, dafi sie nur nufzlosen Traumereien und Droblemen nachjagen, die ohne praktischen Wert, ja im Gegenteil hemmend fiir die Entwick- lung sind und somit auch keine wirklichen Werte fir die Allge~ meinheit schaffen. Diese Kritiker des Okkultismus, die im tiefsten Materialismus stecken, vergessen aber ganz den Wert zu schitzen, der in einer ab- gerundeten und umfassenden ‘Weltanscliayung liegt, die uns aut nicht nuit €ine vertiefte Weltahschauung bietet ubs der Okkul- tismus, sondern er gibt uns auch reichliche Mittel in die Hand, mit welchen wir gegen die Unbilden und Krankheiten des Lebens er- folgreich ankampfen kénnen, um somit unser Dasein ertraglicher und niitzlicher zu gestalten. Mit diesen Zeilen sollen Richtlinien und Hinweise gegeben werden, wie man zum Teil mit verborgenen und im allgemeinen unbekannten Kraften und mit wenigen Mitteln das hichste Gut des Lebens, eine gute Gesundheit und dementsprechend eine Ver- langerung des Lebens erzielen kann. Bei dem hochentwickelten Stande der Wissenschaften sollte man meinen, daf} das Problem der Lebensverlangerung schon langst gelist wire, was aber leider noch nicht der Fall ist. Die materiellen Wissenschaften werden dieses Problem nicht befriedi- gend lésen, solange sie nicht beachten, dai der Mensch ein von Gottes Odem durchdrungenes Wesen ist. Aus diesem Grunde konnten auch die Experimente von Professor Steinach nicht zu dem vollem Erfolge fiihren, die tiberdies so richtig den Zeichen der Zeit entsprechen und dem Materialismus die Krone aufsetzen. Nicht das ist Lebensverlangerung, wenn man einige Jabre anger etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0160 © Universitatsbibliothek Freiburg - by — sich jedem Sinnengenufs und Leidenschaften hingeben kann, um aber dann um so schneller dem Siechtume zu verfallen, sondern um bei kérperlicher und geistiger Frische ein hohes Alter zu er- reichen, und dann soll der Tod durch Altersschwache eintreten. Auch die Versuche Dr. Karl Dopplers in einem Wiener Kranken- hause, der durch eine Bepinselung von Blutgefaen mit schwacher Karbolsaurelosung eine Blutiberfillung der Organe hervorrief und so eine Verjiingung anstrebt, entsprechen nicht okkulten und theo- sophischen Forderungen. Ist eine Lebensverlingerung méglich und wozu ist sie ndtig? wird sich mancher Leser fragen. Die Méglichkeit einer Lebensver- langerung ist entschieden zu bejahen, wenn man die Lebenslinge noch nicht iiberkultivierter und wildlebender Volker beachtet. Diese erreichen durchschnittlich ein viel hheres Lebensalter und kennen viele Kranikheiten, von denen wir ,,Kulturmenschen” wie eine Geifiel heimgesucht werden, nicht. Es soll nur an die verheerenden Krebskrankheiten erinnert werden, an denen jéhrlich tausende »Zivilisierter" sterben, wahrend, wie neuere Forschungen bestiti- gen, viele wildlebende Vélkerstamme, namentlich Indianer, iiber- haupt keine Krebskrankheiten kennen. Demzufolge ist unsere Kul- fur noch nicht die echte, wahre, sondern eine von dem jetzt allein herrschenden, geistyerneinenden Monismus beschiitzte ,Scheinkul- tur. Nicht zu leugnen ist, dai durch unsere jetzige Kultur die Lebensbedingungen des Einzelnen sich gebessert haben und daft, durch Beachtung einer richtigen Hygiene und anderer wichtiger Faktoren eine gewisse Lebensverkingerung erzielt wurde, wic laut nachstehender Statistik zu ersehen ist. Diese Statistik beriicksich- tigt das Alter berithmter Manner und es wurde folgendes fest- gestellt: Im 15. Jahrhundert betrug das Durchschnittsalter 52!/s Jahre, im 16. Jahrhundert 63 Jahre, im 17. Jahrhundert 64'/, Jahre, im 18, Jahrhundert 67!/, Jahre, im 19. Jahrhundert 68'/, Jahre und jetzt etwa 71 Jahre. Doch ist in dieser Statistik das Durchschnitts- alter fiir die Allgemeinheit wohl zu hoch angegeben, nachdem be- sonders in diesem Jahrhundert das Seziermesser und die Gift- spritze in der Krankenbehandlung Trumpf geworden ist, und es ist wahrscheinlich der Wert richtiger, wie er von Lebensversicherungs- gesellschaften verdffentlicht wurde, da8 von 10600 Menschen nur etwa 4545 Menschen das 65. Lebensjahr erreichen. Warum denn noch eine Lebensverlingerung in dieser von Not und Ungliick heimgesuchten Zeit anstreben?, wird mancher Mate- rialist denken. Fir diejenigen, die nur das jetzige Leben fir die hdchste Form des Lebens halten und jedes Weiterleben nach dem http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0161 © Universitatsbibliothek Freiburg — 158 — Tode leugnen, fiir diese kann das jetzige Leben in dieser Zeit- epoche nicht viel bieten, Aber jeder, der nur einigermaiten logisch denken kann und nicht an Denkfaulheit leidet, erkennt, de® das jetzige Leben nur als cinc Durchgangsstation zu betrachten ist und dafi unser wirklich wahres Leben erst nach dem Tode beginnen wird. Gemaf dem Gesefze von Ursache und Wirkung wird sich uaser zukiinftiges Leben dementsprechend gestalten, wie wir das irdische Leben gelebt haben. Uben wir in diesem Leben praktische Nachstenliebe, Uneigenniitzigkeit, Demut, Barmherzigkeit, Selbst- verleugnung und Gotfergebenheit, so werden wir auch in unserem ferneren Leben diese Wohltaten empfangen. Betrachtet man von diesem Punkte aus das Leben, so wird auch in dieser Zeit cine Lebensverliingerung anzusfreben verstindlich, denn gerade die jetzige Zeit gibt uns soviel Gelegenheit, diese Tugenden pralctisch zu tiben. Wieviel Verdienste kénnte man sich erwerben, wenn man nur einigermafsen die Augen und die Ohren fiir das Ungliice und die Not unserer Mitmenschen offenhatte. Welche Freude, welchen Trost kénnte man verursachen, wenn man sich nur ein klein wenig von der Eigenliebe und vom Hochmut befreien wiirde. Bedenkt man, daf jede gute Tat, die wir vollbringen, nicht vergeblich ge- schah, daB wir vielmebr jede kleinste Freude, die wir selbstlos bereiten, auch wieder empfans unsere Tiernatur zu unterdriicken, damit der Geistmensch sich un- gehemmt entwickeln kann. Da der Mensch ein Geistwesen und ein Birger zweier Welten ist, so miissen wir noch kurz den Menschen inbezug auf das All und den Kosmos kennen lernen, damit w: einen Begriff haben ven der Unendlichkeit und Weisheit des gétt- lichen Schépfungsplanes. Diese Kenntnis bildet auch das Funda ment der Gesunderhaltung und Lebensverlangerung. »Wie oben, so unten“. In diesen wenigen Worten ist alles ent- halten, was je der menschliche Verstand ergriinden will und schon ergriindet hat. So vielgestaltig und geheimnisvoll auch die Schick- sale und Ereignisse eines Menschen scheinbar sind, so steht doch alles Geschehen unter dem nie veranderlichen Gesetze: ,,Wie oben, so unten”, oder mit anderen Worten: wie im Makrokosmos, so im Mikrokosmos, und dementsprechend wie der Geisf, so die Seele, wie die Seele, so“der Kirper. Wir sehen, die feineren Krafte und Schwingungen beherrschen normalerweise die grobstofflichen und materiellen Korper, und des Menschen Lebensaulgabe bestehtdarin, durch geeignete Lebensweise darnach zu frachten, da diese fein- sten Strahlungen und Atherschwingungen ungehemmt ihre Wirl samkeit entfalten kénnen. Sind bei einem Menschen durch ver- n, so werden wir es doch versuchen etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1930/0162 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — 59 — kehrte Lebensweise und Nichtbeachfung kosmischer Gesetze die Schwingungen des Geistes gehemmt, so mufi notgedrungen auch die Seele darunier leiden, und diese pflanzt die Storungen auf den Kérper iiber, die sodann als Krankheit oder Mi®geschick empfun- den werden. Durch diese Befrachtung ist als Schluffolgerung anzunehmen, daB wir Krankheiten und Mifigeschick nur tiberwinden und besei- tigen kénnen, wenn wir die Grundbedingungen fir einen gesunden Kérper schaffen, d. h. wir miissen in Harmonie mit dem Unend- lichen sein. Die Konstifution des Menschen bringt uns den Beweis, ie alles gesetzmafliig incinandergreift und gegenseitig aufein- ander wirkt, doch dirfen wir dabei den Menschen nicht unter dex Lupe der Exaktwissenschaft betrachten, sondern nach den Lehren des Okkultismus, bezw. der indischen Geheimlehre. Die Geheimlehre iehrt uns die siebenfache Konstitution, bezw. Dreiteilung des Menschen und sie unterscheidet nach der Siebenteilung: Dreiteilung: 1, Stuhle Sharird = physischer Kérper | Kenpo 2. Linga Shari Astral-Kirper | * 3. Prana oder Jiva = Lebenskraft | sete 4, Kama-Rapa = fierische Secle 5. Manas = menschliche Secle | 6. Buddhi jeistige Seele Geist 7. Atma = Geist | Fiir den Leser geniigt der Hinweis auf die Siebenteilung des Menschen, denn eine erschipfende Behandlung dieses Themas wiirde im Rahmen dieses Artikels nicht méglich sein. Die Drei- teilung des Menschen muf indessen naher erldutert werden, denn nur durch die Kenntnis der okkulten Konstitution des Menschen kann man wirklich richtunggebend in das Schicksal eingreifen. Der aus unzéhligen Lebewesen — den Zellen — aufgebaute Kérper ist uns ja allen bekannt. In unserem sichtharen Kérper haben wir ein wunderbares Instrument, das uns zu allem, sowohl fir die materiellen, als auch zur spirituellen Entwicklung befahigt. Der materielle Kérper kann infolge der Sinnesorgane und des in héchster Vollendung erschaffenen Nervensystems und des Denk- apparates im weifen Maite die uns umgebende physische Welt be- herrschen. Der Mensch verwendet die von seinem Schépfer ver- lichenen Gaben gréGtenteils, um seine ichsucht und Begierden zu be- friedigen, wahrend fiir die geistig-spirituelle Entwicklung herz~ lich wenig Positives geopfert wird. Da die Betonung materieller Tendenzen dem gottlichen Schépfungsplane gerade entgegengesetzt http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0163 © Universitatsbibliothek Freiburg ~ 10 — ist, so hemmt dieses die Entwicklungsfihigkeit der Seele und es muf notgedrungen ein Krafteausgleich wieder stattfinden, was sich dann als Krankheit oder dergl. am physischen Korper auBert. Der physische Kérper dient als Hiille fiir die unsichtbare Seele. Der Fluidalkérper, der normalerweise unsichthar ist, ist der Sitz der Seele. Die Natur der Seele ist in ihrer Art 2weifach, denn je nachdem wie der Mensch entwickelt ist, neigt sie mehr zum materiellen oder geistigen Prinzipe hin. Die Scele ist das Binde- glied zwischen dem Kérper und Geist. Sie empfingt alle auBeren, Eindriicke der Erscheinungswelt und emptindet jede Freude und Schmerz des Korpers, und je nach der Entwicklung Ubermittelt sic dicselben mit Hilfe des Gchirns dem Kérper oder dem Geiste. Das Gehirn ist also nur das ausfiihrende Organ und man beachte, daf die Seele nicht identisch ist mit dem Hirn, wie die Materialisten lehren. Der Geist ist die allbeseelende und allbelebende Wesenheit. Der Geist ist unsterblich, denn er ist die Géttlichkeit selber. Der Geist wirkt durch die Seele auf den Kérper. Die Lebensbestimmung des Menschen ist, durch entsprechende Lebensfiihrung das tierische Prinzip in sich zu Uberwinden, damit er geistig neu geboren und unser Leben frei von Ungliick und Krankheit wird. Ein Icidloses eben werden wir aber erst erreichen, nachdem wir in voller Har- monie mit der gétflichen Liebe — mit dem Universum — sind. Dieses kann auch mehr oder weniger erreicht werden, wenn man beachtet, da} uns jedes Religionssystem diesen Weg zeigt, doch dic Gefahren, Beschwerden und Hindernisse dieses Weges mufi ieder selber dberwinden. Das ware nun in kurzen Ziigen das dreifache Wesen eines Menschen und es wird nun auch dem Leser versfandlich, de® in den meisten Fallen durch die grobstofflichen, gewaltsamen Arznei- mittel der Allopathie keine vollstindige und davernde Heilung méglich ist. Es ist fiic den Heiler von grofer Wichtigkeit zu wissen, in welchem von diesen drei Entwicklungsstadien sich der Patient befindet, d. h. ob das materielle, seelische oder geistige Prinzip vorherrscht. Die Astrologie gibt uns hierauf sicheren Aufschluf, doch besitzt man das Horoskop des Patienten nicht, so haben wir auch in der Hand ein sicheres Erkennungsmittel, (Ein richtig be- rechnetes Horoskop sollte jeder Mensch besitzen, da dasselbe wich- tiger und mehr Wert besitzt als ein Impfschein.) Ifberne Haldane sagt in seiner ,,Wissenschafflichen Handlese- kunst", dafi die Finger das geistige, von der Fingerwurzel bis zur Kopflinie das seelische und von der Kopflinie bis zur Handwurzel etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1930/0164 © Universitatsbibliothek Freiburg — Wl — das materielle Prinzip darstellen. Ferner erfahren die Finger noch eine Unterteilung, und zwar reprasentiert das erste Fingerglicd das Spirituelle, das zweite Glied das Intellektuelle und das dritte Glied das Materielle. Ist z. B. das dritte Fingerglied im Verhaltnis zu den anderen Gliedern sehr grofs, ebenso die Handflache von der Kopflinie bis zur Handwurzel, so haben wir einen Menschen vor uns, der sich hauptsachlich in der materiellen Sphare bewegt. Das erste Daumenglied gibt uns das Mafi des Willens, wahrend das zweite Glied die Intuition, die Empfanglichkeit fiir seelische Ein- driicke, und das dritte Glied, der Venusberg, die Kraft des Trieb- lebens zeigt. Wir haben nun die Grundlagen, die notweridig sind, um prak- tische Lebensverlangerung und Gesunderhalfung sowohl an. sich selber als auch an unseren Mitmenschen ausiiben zu konnen, und wir wollen nun die unser Leben und Gesundheit stark beeinflus- senden Faktoren naher untersuchen. Es drangt sich da zuerst die Frage auf, gibt es medikamentése Lebensverlangerungsmittel, die einigermafien die okkulte Konstitution, d. h. dal} der Mensch ein Geistwesen ist, berticksichtigen? Diese Frage ist zu bejahen, denn in den homéopathischen MitteIn und in den nach spagyrischen Pro- zessen hergesteliten Zimpelmitteln haben wir solche Arzneien, die schon einen grofen Grad der Vollkommenheit erreicht haben. Die lebensverlangeznde Wirkung der Zimpelmittel hat G. W. Surya in seinem 10. Bande der ,,Okkulten Medizin“ durch ein wahres Erlebnis berichtet, in dem er ausfithrt, da8 ein 90jahriger Pfarrer noch das frische Aussehen und Jugendlichkeit eines 60jahrigen hatte. Dieser Pfarrer versicherte, dai er seine Riistigkeif und Gesundheit nur den Zimpelmitteln (selbstverstandlich unter Voraussetzung ver- niinffiger Lebensweise und reinem Lebenswandel) verdanke, die er bereits 30 Jahre regelmaBig gebrauche. Zimpelmittel sollen in kei- nem Haushalfe fehlen, da sie vollkommen unschadlich sind, enorme Heilkraft besitzen und im Gebrauch sehr sparsam sind. Studiert man die Berichte alter Alchemisten, so findet man, da®B gerade die schwierigsten Krankheiten durch die sogen. Arcana geucilt wurden. Auch unser grofer Dichter Goethe wurde von dem alchemistischen Arzt Dr. Joh. Fr. Metz mit einem solchen Elixier geheilt. Diese Heilung veranlafite sodann Goethe, da er selber cifriger Alchemist wurde. Diese Arcana waren keine Pflan- zenpriparate, sondern Lisiingen ganz bestimmter Metalle. Auch heute noch existieren solche Mittel, die auf spagyrischem Wege hergestellt werden; das sogenannte Aurum potabile ist ein mit groBer Heilkraft versehenes Goldmittel. Gold ist ein ausgezeich- Rontralblatt for Okkultismos. 24. Jahrgeng. http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0165 © Universitatsbibliothek Freiburg — 12 — netes Blutmittel und der Wirkungskreis des Aurum potabile er- streckt sich auf Krankheiten wie Herz- und Lungenleiden, Erkran- kungen der Nieren, Blase und Harnwege, ferner Magen-, Milz- und Leberkrankheiten. Selbstverstandlich ist dieses Aurum pota- bile kein vollkommenes Mittel, wie es die wirklichen Alchemisten und Weisen jederzeit besafen, sondern nur eine mehr oder weniger Segliickte Nachahmung desselben. An chemischen Mitteln ware noch Phosphor zu nennen, der fiir eine intensive Geistestatigkeit und Nervenkraft unerlafilich ist. Obwohl Phosphor in den Nahrungsmitteln, namentlich in Ge- miise, enthalten ist — durch die unnatiirliche Zubereitung desselben geht aber der gréfite Teil an Phosphor verloren — so mufi durch Gaben vom homGopathischen Mittel Calcarea phosphorica — phos- phorsaurer Kalk ersetzt werden. Doch nehme man nicht zu viel, hin und wieder eine Messerspitze voll, namentlich nach anstrengen- der krperlicher oder geistiger Arbeit. Um Arterienverkalkung zu bekimpfen bezw. vorzibeugen, nehme man Sfters das biochemische Mittel Fluorcalzium ein, das nekenbei bemerkt den K6rper fiir die Phosphoraufnahme giinstig beeinfluBt und den Phosphor bindet. Sin Hauptaugenmerk ist auf unsere Nahrungsaufnahme und Zubereitung zu richten. Langsam aber sicher bricht sich die Bewe- gung der naturgemafien Lebensweise und des Vegetarismus durch. Eine vegetarische Lebensweise ist anzustreben, denn der tiber- maftige Fleischgenu® vergiftet unseren KOrper immer mehr, wah- rend Pflanzenkost unsern Organismus linger clastischer halt, da die erdigen Bestandteile und Schlacken der Dflanzen geringer sind als beim Fleische. Auch unser ganzer Kérperbau weist darauf hin, dafi wir ehedem reine Pflanzenesser waren, doch aber im Laufe der Jahrmillionen uns immer weiter von Gott entfernten und schlief- lich soweit sanken, daf} wir nicht zurtickschreckten, die Geschipfe Gottes zu féten, um unsere Gaumenlust zu befriedigen. Solange wir dem Fleischgenusse huldigen, werden wir nicht die Vollkommenheit und Harmonie mit dem Unendlichen erreichen. Zu einer naturgemafen Lebensweise gehdrt auch eine richtige und ausgicbige Wasseranwendung. Das Wasser ist nicht nur in Krankheitsfallen ein gutes Heilmittel, sondern auch ein kraftiges Vorbeugungsmifttel gegen dieselben. Das fleiSige Waschen, Froftie- ren und Baden des Kérpers erhdht die Ausscheidung und Aus- dinstung der Haut und es wird somit die Arbeit der Nieren er- leichtert. etre archi hutp://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okéultismus1930/0166 © Universitatsbibliothek Freiburg — 16 — Zum Wasser gesellt sich sodann noch das Licht. Welch unge- heure Heilkrafte im Sonnenlichte verborgen sind, geht schon aus der Tatsache hervor, daf Tuberkelbazillen innerhalb 13 Minuten durch Sonnenbestrahlung getdtet werden. Aber nicht nur im ein- farbigen Sonnenlichte haben wir solche herrliche, unerschdpfliche Heilkrafte, sondern auch das in die Spektralfarben zerlegte Licht hat grofie Heilkraft. Die Farblichttherapie ist erst neueren Da- tums und sfeckt deshalb noch in der Entwicklungsstufe. Obwohl zu einer individuellen Farblichtbehandlung unbedingt das Horos- kop zu Rafe gezogen werden mui, so kann man doch aus dem Nachstehenden allgemeine, nutzbringende Winke entnehmen. Um Farblichtbehandlung durchfithren zu k6nnen, mu man sich farbige Glasscheiben von etwa 40 mal 45 cm Gréfe, die, damit ‘sie nicht zerbrechen, in einen Rahmen gefaSt werden, beschaffen. Im allgemeinen geniigt es, wenn die Farben rot und blau vorhanden sind, doch ist es von Vorteil, wenn man die Farben gelb, griin und orange auch besitzt. Die Heilkrafte der roten bezw. gelben Farben werden gebraucht, wenn es gilt, neue Lebenskrafte zuzufiihren, z. B. bei Abmagerung, schlechter Blutzirkulation, wahrend violette und ‘griin- blaue Bestrahlung bei Entziindungen, Ficber, Blutungen, Nervositat angewendet wird. Schmerzstillend ist die blaue und violette Farbe, wahzend Entziindungen der griinen Bestrahlung weichen. Die Farb- lichtbestrahlung, die sowohl beim Sonnenlicht als auch kiinstlichem Lichte staftfinden kann, soll eine halbe bis zu einer Stunde be- tragen. Bei Verdauungsstérungen und inneren Krankheiten kann das Wasser sowie sémtliche Nahrungsmittel entsprechend belichtet werden. Bei all diesen Operationen wahle man méglichst die Vor- mittagsstunden, denn sobald die Sonne den Meridian adberschriften hat, nimmt dic Pranaspannung = Sonnenenergie rasch ab. Abex noch auf eine andere Weise kénnen wir die geheimen Krafte der Farben dienstbar machen, wenn wir unsere Wohnungen in entsprechender Farbe halten. Jahzornige, leidenschaftliche und sexuell sehr reizbare Menschen sollen das Vorherrschen der roten Farbe vermeiden und alles mehr in blauer Farbe halten, da Blau beruhigend auf die Nerven und das Gemiit wirkt. Melancholische, zaghafte Menschen sollen indessen die helleren Farben bevorzugen. Wie einschneidend die Wirkung der Farben auf das Gemiitsleben und den Arbeitsrhythmus ist, geht schon daraus hervor, da man in Arbeitssalen, die in rdtlicher Farbe gehalten sind, eine wesentliche Arbeitssteigerung zu beohachten war. Mancher Leser wird es fiir cine Schrulle halten, wenn ich auch die Musik als Heilmittel anftihre. Ruft sich der Leser aber it http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0167 © Universitatsbibliothek Freiburg — 64 — die okkulte Konstitution ins Gedachtnis zuriick, so wird es wohl verstandlich werden. Ist doch alles in der Natur nach Ma8, Zahl und Gewicht geordnet und alles in wechselseifiger Beziehung. Es ist demnach doch einleuchtend, dafS die Schwingungen und Reso- nanzwirkungen der Musik auf den menschlichen Organismus — die Atherzellen als Resonanzboden gedacht — eine umformende, auf- bauende bezw. vernichtende Wirkung ausiiben kinnen. Was die vernichtende Wirkung anbetrifft, so ist bekannt, da} Fagottblaser durch den bestandigen wehmiifigen, traurigen Klang schwermiitig bezw. wahnsinnig geworden sind. Wie jedes Metall, jede Pflanze und jedes Lebewesen, so hat auch der Mensch seinen ganz bestimmten Grundton, den man am leichtesten mit Hilfe einer Violine feststellt. Dieser Grundton liegt in der Nahe des Tones ,,C“ und beim Erténen des Grundtones ist ein leichtes Schwingen und Vibrieren der Wirbelsdule wahrzuneh- men. Durch fortgesetztes Einwirken eines disharmonischen Tones kann ein Wesen oder Gegenstand vernichtet werden. ‘Wohl jeder Leser hat, wenn er gerade unter einer seelischen Bedriickung litt, die wohltuende Wirkung einer harmonischen Musik verspiirt. Ob unsere moderne Musik — ich meine hier die moderne Schlagermusik, die nur auf das erotische Moment einge- stellt ist — befahigt ist, heilend zu wirken, ist sehr zu bezweifeln, bezw. entschieden zu verneinen. Auf eine reichliche Liftung der Wohn- und Schlafraume kann. nicht oft genug hingewiesen werden, denn in reiner Luft ist dic Gefahr irgend einer Ansteckung sehr minimal. Die grofgeziich- tete Bazillenfurcht ist in einem gut durchliifteten und durchsonnten Raume vollstindig unbegriindet. Reine Luff, das Brot der Lungen, ist das Notwendigste fir das Leben, notwendiger als wie die regel- maBige Nahrungsauinahme. Kann man doch eine statiliche Anzahl Tage ohne Nahrungscufnahme leben, wahrend dies ohne Luft nur fiir wenige Augenblicke méglich ist. Findet man in dem Atmungsprozef, weil so natiirlich, nichts okkultes, so wird man doch nachdenklicher gestimmt, wenn man sich dic Frage vorlegt: Wer ist der Erhalter und geniale Chemiker, dafl gerade das Mischungsverhiltnis von ca. vierfinftel Sauerstoff und einfiinftel Stickstoff erhalten bleibt? Denn gerade dieses Mischungsverhiltnis ist fix unser Leben notwendig, Ware mehr Sauerstoffgehalt vorhanden, so wiirde ein schnellerer Verbren- nungsvorgang eintreten. Die Folge ware eine Verkiirzung des Lebens, wahrend das gréfiere Quantum Stickstoff eine Uber etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1930/0168 © Universitatsbibliothek Freiburg - 16 — sfuerung des Blutes und dementsprechend Stoffwechselleiden ver- ursachen wiirde, was auch friihzeitigen Tod zur Folge hatte. Noch okkulter wird die Sache, wenn man die Erfolge betrach- tet, die einem zufallen, wenn man Atemibungen nach ganz be- stimmten Gesetzen vornimmt. Gerade die okkulten Atemiibungen, in den dstlichen Landern Yoga genannt, sind einer der Grund- pfeiler fiir praktische Lebensverlangerung und Verjiingung. Eine der einfachsten Ubungen ist der sogenannte 7 Sekunden- Atem, der folgendermafien ausgefiihrt wird: Bei méglichst ent- spannter und ungezwungener Kérperhaltung schliefle man den Mund und afme langsam und ruhig ein, und zwar so, da der Un- terleib sich zuerst ausdehnt. Beim Beginn der Ausdehnung des Zwerchfelles dehne man sodann die Brust weit aus. Der Unterleib wird dabei cin wenig cingezogen, damit dic Luft gleichzcitig bis in die SuBersten Lungenspitzen getrieben wird. Dieses Einatmen soll 7 Sekunden dauern, sodann wird der Atem 3 Sekunden angehalten und dann beginnt das Ausafmen, das auch wieder 7 Sekunden dauern soll, Durch Einzichen des Brustkorbes und des Unterleibes erreicht man eine grindliche Entleerung der Lungen. Nun folgt im ausgeatmefem Zustande cine Pause von etwa 3 Sekunden und dann beginnt der Afmungsprozefi aufs neue. Man ibe ‘€glich, doch mit grdS8ter Vorsicht, damit keine gesundheitlichen Schadigun- gen enistchen, Werden diese tibungen mit Ausdauer betrieben, so wird man schon im ailgemeinen eine erhdhte Lebenslust und Lebensfreude erfahren, doch Wunder kann man erleben, wenn zu diesen Atemiibungen noch Konzenfrations- und Meditations- tbungen hinzukommen. Konzentrieren Sie sich auf den Gedanken: Tch ziche gottliche Kraft in mich ein, Gottes Odem erfiillt mein Innerstes und alles: Unreine und Krankhalte wird ausgeschieden. Solche Gedankenformeln sind, wenn richtig erlebt, von unsch&tz- barem Werte, denn sic geben uns die Gewiftheit und Kraft, da®i wir unser Leben unserer Wunschkraft entsprechend gestalten kGnnen. Erwiahnt seien auch die Selbstsuggestionsformeln, wie sie der Franzose Coué gelehrt hat, doch entfalten dieselben erst dann ihre volie Wirkung, wenn man die richtige Einstellung zum Kosmos hat, d. h. wenn die ganzen Ubungen durchgeistigt werden. Mit unvergleichlicher Genauigkeit reagiert unser UnterbewuBt- sein auf die Vorgange des bewufiten Denkens. Lassen wir keine Gedanken fiber Krankheit und Schwache aufkommen und erfiillen wir unser ganzes Denken und Tun mit Gedanken der Kraft, Ge- sundheit und Harmonie, so schaffen wir unbedingt einen gesunden, widerstandsfahigen Kérper, denn der Einflu8 des Unterbewuftt- http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0169 © Universitatsbibliothek Freiburg — 166 — seins auf unsere Organe ist von ungeheurer Tragweite. Wahr ist, was R. W. Trine sagt: ,,Willst du immer jung bleiben und den Froh- sinn und das Uberquellende der Jugend in deine reiferen Jahre mitnehmen, dann achte auf eins: wie du in deiner Gedankenwelt lebst1* Die hochste Stufe okkulter Ubungen, um Daseinsfreude und vollstandige Harmonie mit der alles durchflutenden Géttlichkeit zu erreichen, ist die Meditation, sodann die Kontemplation oder Versenkung. Lang und beschwerlich ist der Weg, bis man hier die Meisterschaft erhalt, aber der Lohn ist auch ein entsprechender, denn ein unbeschreibliches glickseliges Gefiihl durchzittert die menschliche Seele. Hier ist aber nicht krankhafter, auf Weltflucht aufgebauter Mystizismus gemeint, sondern Leben bejahende und fiber alles irdische erhebende Mystik. Ist Konzentration in diesem nervisen Zeitalter fir uns schon ziemlich schwer, so setzt eine erfolgreiche Meditation ganz erheb- liche Erkennfnisschulung und Beherrschung der niederen Trie- krafte voraus, Meditation ist nicht sinnloses Hinbriitea und gedan- kenloses Traumen, sondern ein geistiges Erfassen und villiges Auf- gehen in einen bestimmten Gegenstand. Dr. Franz Hartmann sagt unter anderem fiber Meditation: ,,In einem Menschen, der ganz in den Gegenstand seiner Liebe oder Anbetung aufgeht, verschwindet der Begriff von ,,Ich und Du“ und damit auch alles Verlangen nach Besitz. Er ist kein Objekt und Subjekt mehr, sondern nur die eine Kraft der Liebe, das eine Bewufstsein, aus dem, wenn es vollkom- men ist, die wahre Erkenntnis entspringt*. Nur wenigen Auserwahlten wird es gelingen, sich diesen Zu- stand restlos eigen zu machen, aber wer dieses Ziel erreicht hat, in diesem ist der gottliche Funke, der in jedem Geschdpfe glimmt, entflammt zur strahlenden Sonne. Kein Ungemach dieser Erde wird jemals wieder diese Menschenseele aus dem Gleichgewicht bringen. Nur der restlos strebende und kampfende Mensch, der schon samtliche Stufen der ,,Einweihung" durchschritten hat, ist befahigt, solche Meditationen und Kontemplationen erfolgreich durchzuftih- ren, Steht aber ein Mensch auf solcher geistigen Hohe, dann ist sein Hauptaugenmerk nicht auf ein langes, vom irdischen Leiden ungetriibtes Leben gerichtet, sondern wie es gelebt wird und ob er seinem Leben einen Inhalt, frei von allen materialistischen Ban- den, geben kann. Wer dieses erreicht, der ist der wahre Alchemist, der aus unedlem Metalle edles Metall erzeugt, dieser hat die wprima Materia“ gefunden und das lauterste Gold entspringt aus etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1930/0170 © Universitatsbibliothek Freiburg — 167 — seinem Herzen. Diese Transformierung des géttlichen Funkens im Menschen war schon von jeher das wahre Ziel aller echten Alche- misten, jedoch um vor Profanen geschiitzt zu sein, bedienten sie sich ftir den Uneingeweihten unverstandlicher symbolischer Bezeich- nungen. In Vorstehendem ist mit einigen okkulten Praktiken der Weg zur vollen Lebensharmonie gezeigt. Unerwahnt blieb das ftir viele Leser dunkle Gebiet der Theurgie und die nicht zu unterschatzende Wirkung der Talismane und Amulette, ferner das Gebiet des Magnetismus und des Hypnotismus, obwohl letzter im beginnen- den Uranuszeifalfer fast jedem Menschen gelaufig ist. Jetzt soll noch kurz die Frage crértert werden, welches Alter mu als Norm gelten, wo der Mensch an Altersschwache den irdi- schen Plan verlassen sollte? Hier ist unzweifelhafft das 84. Lebens- jahr zu nennen, denn wie die arztliche Wissenschaft lehrt, erneu- ert sich alle 7 Jahre jede Zelle des menschlichen KGrpers, und die astrologische Lehre lehrt, da die menschliche Entwicklung eng mit den 12 Tierkreiszeichen verbunden ist. Man mufi also die SchluSfolgerung ziehen, daS der menschliche Geist jeweils 7 Jahre braucht, um sich die Erfahrungen und Entwicklungen des in cinem Tierkreiszeichen verkérperten Entwickelungszustandes zu bemach- tigen. 7 mal 12 Jahre betragt ein Uranusumlauf und damit beginnt eine neue Deriode der Entwickelung, entsprechend der neuen, wenn auch fiir die Exaktwissenschaft noch unbekannte Planeten- reihe. Eine interessante Peyotl-Vision. Von Ing. W. Gefimann. Nachdem ich fiinf ziemlich ergebnislose Versuche mit mexika- nischem Peyotl-Extrakt angestellt hatte, gelang es mir am 95, April ds. Js, um efwa 9 Uhr abends, eine erste fiberaus deutliche und interessante Vision zu erhalten. Ungefahr einen Monat vorher hatte ich zum erstenmal versucht — allerdings mit nicht allzu hoch gespannten Erwartungen, aus Griinden, die ich gleich mitteilen werde, durch das Einnehmen eines Teeldffels Peyotl-Extrakt in einem Viertelglase Trinkwasser mich in cinen ,,schenden“ Zustand zu versetzen, ohne irgendwelche besondere Gedankenkonzentration damit zu verbinden. Nebenbei gesagt, ist das negative oder passive Hellsehen, wie ich bereits in meinem Aufsatz ,,Uber das Hellsehen“ im Z. f. O. ausgefiihrt habe, http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0171 © Universitatsbibliothek Freiburg = 16 — keineswegs empfehlenswert, gréfitenteils sogat aufierst schadlich und gefahrlich. Da ich aber durch personlichen Versuch einwand- frei feststellen wollée, welchen Einflu8 das obenerwahnte Pflan- zenpriparat ausiiben kann, schcute ich mich nicht, jede Willens- aktion zunachst nach Maglichkeit auszuschalten, welche die ,,reine“ physiologische und psychologische Wirkung des Peyotl hatte beein- flussen kénnen. Wenn ich mir keine grofen Hoffnungen auf den Erfolg der Versuche mif dem Extrakt gemacht hatte, so war dies nicht auf einen Zweifel gegeniiber den Wirkungsmiglichkeiten von ,,hypno- tischen“ Pflanzen oder Alkaloiden, deren unbestreitbare Existenz mir aus Siidamerika sehr gut bekannt ist, zuriickzuffihren, sondern vielmehr zunachst auf meine persdnliche Veranlagung, die ausge- sprochen posifiv oder aktiv ist. Zu diesem Hauptgrunde gesellt sich noch der Umstand, dafi haufig die ,,Prinzipien“, die in den in Frage kommenden Pflanzen enthalten sind, durch cine ungeeignete Behandlung sowohl bei ihrer Ernte als auch bei der darauffolgen- den Konservierung, sei es durch Trocknung oder Extraktion, ent- weder total zerstirt oder sehr verindert werden, was mir bei dem von mir verwendeten Peyotl-Extrakt, nach dem nunmehr erhal- tener Resultat zu schlieSen, nicht der Fall zu sein scheint.*) Ich versprach mir also im Vorhinein persénlich nicht sehr viel von den passiven Hellsehversuchen mit dem Peyoti-Extrakt. Bei der ersten Anwendung, die der Gebrauchsanweisung ent- sprechend, was Zeitpunkt und Dosierung betrifft, vorgenommen wurde, hatte ich nach zirka 10 Minuten bei geschlossenen Augen und ruhiger Riickenlage als cinzigen Erfolg cinen blitzartig vor- iberhuschenden, hellviolett gefarbten Lichtstrahl zu verzeichnen. Die Nacht iiber hatte ich allerdings sehr intensive Traume (nicht immer angenehmer Natur), die ich aber damals noch nicht unbe- dingt als die Folge der Peyotl-Wirkung bezeichnen konnte, was nach den darauffolgenden Versuchen zu schliefen fiir mich. nun personlich feststeht, da die weiteren vier Versuche, immer mit passiver Einstellung vorgenommen, mir auffer lebhaften Traumen wahrend der ganzen Nacht, wobei ich immer viel reiste, keinerlei Visionen im Wachzustande ergaben. Ich beschliofi nun angesichts dieses mich nicht zufriedenstellen- den Erfolges, nicht nur die eingenommene Dosis auf das dreifache zu verstarken, sondern mich auch in einen aktiven Zustand der *) Bezogen vom Verlag des Z. £. O. etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1930/0172 © Universitatsbibliothek Freiburg — 109 — Gedankenkonzentration zu versetzen, die auf eine ganz bestimmte Periode des Jahres 1909 gerichtet und in ihren Einzelheiten meinem Gedachtnis fast vollstandig entschwunden war. Diesen Abschnitt in meiner Existenz hatte ich gerne nochmals erlebt oder ,,gesehen“. So ergab mir der sechste, diesmal positiv eingestellte Versuch mit Deyotl ein unerwartetes und interessantes Resultat, das ich weiter unten wortwértlich so mifteile, wie ich es am 25. April un- mittelbar nach gehabter Vision niederschrieb. Diese bezieht sich tatsachlich auf den Ort, an dem ich mich im Jahre 1909 mit meinem, den Okkultisten wohlbekannten, verstorbenen Vater Gustav W. Gefimann (G, Manetho) befand, wo wir viel tiber Geheimwissen- schaft sprachen und ich ihm die ,,Uratomtheorie™ auseinandersetzen mufite, die ich damals prinzipweise im Z. f. O. verdffentlicht hatte. Nachstehend die Vision, die von einer eindrucksvollen Klatheit war und der die Empfindung des Schwebens durch einen langen, kreisrunden und buntfarbigen (hauptsachlich in den blauen und violetten Abténungen) Tunnel voranging. Erwahnen will ich noch, da® ich mich wie eine zweite Derson sah und trotzdem die Gewif- heif hatte, ,ich“ selbst zu sein. Es trat also wahrend der Vision gewissermafien eine Spaltung des Egos in zwei Teile ein, die beide ihr SelbstbewuBtsein bewahrt hatten. Uber Lapad ging ich, die sagenumwobene Halbinsel. An einem Sonntagnachmittag wars. Tiefblau und wolkenlos spannte sich das machtige Firmament tiber das weite Meer und das bliihende, duf- tende Land. Ganz schwach nur wehte ein lauer Wind und um- spielte kosend die massigen Kronen der dunklen Pinien. Von weit her klang verhallend das Gelaut der Sonntagsglocken, und aus dem freundlichen Tale, das sich zu meiner Linken bis an das Mecres- gestade hinzog, erschollen dic wehmiitigen Tone ciner Hirtenfldte. Langsam sank die Sonne. Im Hintergrunde ragte die Silhouette des Monte Detka mit seinem dichten Pinienwald hoch auf in den rotergliihenden Abendhimmel. tiber das leise atmende Meer zogen bunte Lichtstreifen und am fernen Horizont berithrte der _unge- hevre, blutfarbene Sonnenball bereits die ewigen Fluten. Einsam wandelfe ich den schmalen Fufipfad, der sich zwischen dichtem Gestriipp, schattigen Pinien, hohen Zypressen und knorrigen Ol- baumen langs des Bergflusses am Meeresgestade hinzieht. Stille ward es ringsumher, der letzte Glockenton verklang in dem weiten, abendlichen Raum; die Hirten zogen mit ihren Schafherden nach Hause und alles ward ruhig. Herrlich war der Abend. Die Sterne funkelten so hell und das Meer spiegelte sie wieder. Ein ewiges http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0173 © Universitatsbibliothek Freiburg — 17 — Firmament fiber meinem Haupte und eines zu meinen FiSen! Und zwischen diesen zwei unendlichen Welten schwebten meine Gedan- ken einsam dahin, Losgelést von allen Fesseln war ich, mit denen der Alltag den Menschen umschlingt, gliicklich — und meine Ge- danken wurden angesichts der géttlichen Natur zum erhabenen Gebett So schritt ich weiter langsam bergan. Auf einmal sah ich, wie ein schéner weifer Hund mitten vor mir auf dem Wege stand. Er blickte mich an, drehte sich dann um und lief langsam den Pfad voran. Von Zeit zu Zeit blicb er stchen, um nach mir zu schen, als wollte er sich tberzeugen, ob ich ihm wohl folge. Immer hoher kamen wir. Und plitzlich, bei einer Kriimmung des Weges, ver- schwand der Hund spurlos awischen dem Strauchwerk. Ich blieb stehen und blickte um mich. ‘Weit unter mir dehnte sich die dunkelfarbige See. Inseln mit einsamen Talern und spar- lich bewaldeten Bergen lagen gegen Norden hin. Die kleine Mond- sichel beleuchtete sie ganz schwach und ich konnte den weifen Ufersaum wahrnehmen. Nach Westen hin sah ich nichts als glit- zernde Sterne und wiederspiegelndes Meer. Alles schien mir so selfsam, so verlassen und einsam, als waren alle Wesen gestorben. Eine kleine weifle Wolke kam von Osten her aber die grofen Uferberge und schwebte rasch iiber das breite Tal, das zwischen ihnen und mir lag, gerade auf mich zu. Nun war sie gerade iiber mir. Langsam senkte sie sich und umhiillte mich und den Berg. Immer dichter wurde der Dunst, der Mond schien nur ganz schwach mehr, die Sterne entschwanden, und bald sah ich ringsumher nichts als wogende, graue Nebelmassen. Ich setzte mich auf einen Fels- block und schlief ein, Da ward mir ein wunderlicher Traum. Der Dunst lichtete sich. Bunte Falter flatterten im hellen Sonnenschein. Unter Palmen safi ich auf dem Berge, und als ich um mich sah, konnte ich das Land nicht mehr erkennen. ttberall sprofiten seltsame Pflanzen in sal tigem Grin, Eine Quelle sprudelte unterhalb mir aus dem Felsen und herrliche Bliten in leuchtenden Farben berauschten durch ihren marchenhaften Duft. Im Tale sah ich friedlich Kinder spie- Jen, nur Kinder, und der Wind trug ihr frohes Singen zu mir herauf. Das Meer hatte eine wunderbar tiefblaue Farbe, die Luit war ganz leuchtend und Mar. Weit sah ich hinaus auf fruchtbare Felder, sonnige Taler und wogende Palmenwalder. Der Anblick war wunderbar und alles zeugie von tiefstem Frieden und herr- lichster Ruhe, so daf ich mich ganz in einer andern Welt fuhlte. etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1930/0174 © Universitatsbibliothek Freiburg —- im — Auf ciamal klang von dem hichsten Berggipfel mir gegeniiber ein seltsamer Ruf fiber das ganze Land. Unbeschreiblich schén und harmonisch war der Ton, ahnlich dem langgezogenen Ton einer Harfe. Nun erscholl er nochmals und endlich ein drittes Mal. Eigenartig ticf in mein Inneres drang dieser Klang aus sonnigen Hohen, der sich im Ersterben gleichsam mit den wogenden Daften der Bliiten vermischte. Als ich mich umwandte, stand ein altes, gebticktes Miitterchen vor mir, das mich mit dunkelglinzenden, jugendlichen Augen un- verwandt anblickte. »Fremdling, dies alles, was du sichst, ist mcin Reich, mcin grofes, uneingeschranktes Besitztum, und die Kinder, die du siehst, sind mein Volk, mein gliickliches Volk. Sie kennen nur Frieden und Glick, aller Streit und Hader ist ihnen unbekannt. Sie lieben die Natur, ihr Leben und Weben. Du kamst aus der Zukunft zu uns, aus der fernen, freudlosen Zukunft, wo man nur rastloses Hasten und heifie Gier kenntf* Mir war dies alles so ratselhaft und merkwiirdig, deaf} ich schwieg. Das Weib aber fuhr fort: ,,Du muSt wieder zuriick in die Zukunft, die du Gegenwart nennsf. Auch fiir mich wird sie einst Gegenwart sein, wenn ich endlich zur Ruhe gegangen sein werde. Hier will ich schiafen und warten, bis mein Volk mich wieder ruft. Tch selbst bin weder jung noch alt! Mein Volk sicht mich jung und du siehst inich alt. Ich bin die Kénigin des Friedensreiches, das einst niemand kennen und welches trotzdem heifi ersehnt werden wird, Und wenn mich alle, alle rufen, werde ich erwachen und mein grofes Volk wieder in mein Reich fiihrent* Bet diesen letzten Worten wurde das Weib immer gréfer und grdfer und schien sich zu verjiingen. Gewitterwolken kamen vom Horizont her iiber das weite Meer gezogen und es wurde schreck- lich diister. Ein Sturm erhob sich und die Kinder fltichteten angst- lich. Das Weib aber war ganz jung geworden. Und wieder hdrte ich den Ruf vom Berge, diesmal aber klagend. Da wuchs das schine Weib ins Riesenhafte, bis in die Wolken reichte sein Haupt, das die Blitze umzuckten. Und am Bergesfufie donnerte die Brandung, daf die Felsen zitterten. Als der Ruf zum zweitenmal erscholl, da streckte sich das Weib der Lange nach auf die Erde nieder, und beim dritten Kiang war es zu Stein geworden. Die Meeresfluten stiegen immer héher und tosten und brausten um den Berg; am Himmel zuckten die Blitze und ein endloser Regen ging nieder. http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0175 © Universitatsbibliothek Freiburg = 2. Ich erwachte, die Mondsichel stand schon tief am Horizont. Der Morgen begann bereits zu grauen, als ich aber den Berg ,,Babin Kuk“*) meine Schritte heimwarts wandte.... Otto. Der kommende Kénig von Ungarn? Allerlei Anregungen fiir unsere Astrologen. Von -i-. Wer die Politik von Mitfelearopa nur cinigermafen verfolgt, wird in der letzten Zeit wiederholt Gelegenheit gehabt haben zu lesen, daf$ der Sohn des lefzfen dsterreichischen Kaisers, des am 1. April 1922 in Funchal auf Madeira verstorbenen Kaisers Karl, Erzherzog Otto, fir grofjahrig erklart wurde und da®B sich die Legitimisten Ungarns krampfhaft bemiihen, ihn méglichst bald auf ihren K6nigsthron zu setzen. Alle diese Dinge waren fir die Zen- traiblattleser wahrscheinlich hochst gleichgiltig, wenn nicht vor Kurzem der dstertetchische Hauptmann a. D. Gustav Dieters- hofen in einem Wiener Blatt cin Erlebnis mifgeteilt hatte, das er in der Mitte der achtziser Jahre des vorigen Jahrhunderts mit dem Grofvater Oftos, einem Erzherzog gleichen Namens, und einem Zigeunermadchen in der Nahe von Gradiska in Siidister- reich hafte, Tch lasse hier alles heiseite, was nicht unmittelbar unserem Zwecke dient, und fithre nur wortworflich an, was Dietershofen die Zigeunerin sagen laft: ,,In schdner Rede, mit einem weihevollen Pathos, die Worte wie aus dunkler Ferne holend, sprach das Mad- chen: ,,Herr! Ihr entstammt einem hohen Geschlecht und seid zu Grofem ausersehen, doch werdet dieses Ziel Ihr nie erreichen. In der Mitte Eurer Hand, da steht der Tod! Erst nach Euch wird kommen einer aus Eurem Geschlecht, der denselben Namen wird tragen wie Ihr. Dieser wird das Ziel erreichen, das Euch bestimmt war”. Der Erzherzog war dartiber so verwirrt, dafi er sich fassen mufite, die Worte hervor- *) ,Babin kuk"" (oder der kleine Petka") bedeutet ,,Grofmutters Hifte, weil det eluheimischen Sage nach hier ein sltes Rieseaweib versteinerf ruht, dessen Keeper die Hagel und Berge auf dex Halbinsel Lopad bei Gravosa in Dalmatien bildet. Exwahnt sei noch, da® ich niemals den Inhalt der Sage selbst in Erfah~ rung bringen konnte und nur den symbolischen Namen des Berges kannte. etre archi http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okéultismus1930/0176 © Universitatsbibliothek Freiburg = 173 = zubringen: ,,Wann wird das geschehen?“ — ,,Gebt mir die Hand Herr! Seht! Ein jeder Finger dieser Hand bedeutet ein Jahrzehnt“. Der Sinn des Ganzen ware, da nach 50 Jahren, also in der Mitte der Drei®igerjahre unseres Jahrhunderts, ein Otto das erreichen wiirde, was dem anderen Offo 2u erreichen nicht vergénnt war. Wir wollen aber die Sache noch weiter verfolgen. Der Leser midge verzeihen, da ich ihn nun mit allerlei Stamm- baumen bekannt machen muf. Es geht aber in solchen Fallen leider nicht anders. Als Kronprinz Rudolf, der cinzige Sohn des Kaisers Franz Josef, am. 30. Janner 1889 durch Selbstmord geendet hatte, wurde der Alteste Sohn des Bruders des Kaisers Thronfolger: Franz Ferdinand, geboren am 18. Dezember 1863 in Graz in Steiermark. Franz Ferdinand erreichte auch nicht sein ,,Ziel", den Kaiserthron, denn er sfarb am 28. Juni 1914 in Serajewo durch Mérderhand. Dieser Mord war der letzte AnlaB zum Ausbruch des Weltkrieges, den Konig Eduard der Siebente von England, Poincaré und Saso- noff so trefflich vorbereitet hatten, Der Bruder Franz Ferdinands, der am 21. April 1865 geborene Erzherzog Otto, war derjenige, dem die Zigeunerin die oben er- wahnte Vorhersage machte. Da nun der Thronfolger Franz Ferdi- nand mit einer Grafin Chotek morganatisch verheiratet war, so hatten seine Kinder keinen Anspruch auf den Thron. Nach seinem Tode ware also Erzherzog Otto auf den Thron gekommen. Nun ist aber Erzherzog Otto schon am 1. November 1906 gestorben, Inso- fern hatfe die Zigeunerin richtig geraten: daS er sein Ziel, die Kaiserwiirde, nicht erreichen wirde. Als nun Franz Ferdinand das Opfer des serbischen Mérders wurde, erlangte der Sohn Ottos, der Erzherzog Karl, die Thron- folgerwirde. Kaiser Franz Josef lebte noch bis zum November 1916. Am 21. November 1916 bestieg Erzherzog Karl den Kaiser- thron unter den denkbar schwierigsten Verhaltnissen, mitten im Weltkrieg. Nach dem Zusammenbruch verzichtete er am 11. No- vember 1918 in Gsterreich auf die Kaiserwiirde und am 13. Novem- bes 1918 auf die ungarische Konigswiirde. Karl hatte sich am 21. Oktober 1911 mit der Prinzessin Zita von Parma verheiratet, die ihm acht Kinder schenkte, von denen der alteste jener Otto ware, der 50 Jahre nach jener Begegnung seines Grofivaters mit der Zigeunerin das erreichen soll, was jenem zu erreichen nicht ver- sdnnt war. Was geht dies alles die Zentralblattleser-an? Weil es sich um eine Vorhersage handelf, deren zweiter Teil noch der Erfiillung http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0177 © Universitatsbibliothek Freiburg — 174 — harrt. Sollte dieses Ereignis wirklich eintreten, so wird es sich nur unter sfarken Erschiitterungen in ganz Europa, zum mindesten in Mitteleuropa, vollzichen. Es ware nun an der Zeit, wenn sich auch unsere Astrologen zu dieser Sache auflern warden. Das Horoskop seines Vaters, des Exkaisers Karl, ist das folgende: Geboren in Persenbeug in Niederdsterreich am 17. Aug. 1887 um 10 Uhr vorm. Héuser: 1, 18°45 =, 2. 15° Ts 5. 17° #, 4. 28° 87 B, 5, 27° =, 6, 269 4, — Planeten: Jupiter 0° 9’ TL, 0° 01’ K, Mond 29°7' @ h, 299 56’ OS, 5°18 2, 2 18927 Q, ©2496 42 Q, F 2940 w, Uranus 9° 68 = (nach Sindbad). In Sindbads Zeichnung fehlt Mars. Er diirfte 24? 69 stehen, — Um ihnen die Arbeit noch mehr zu erleichtern sei mitgeteilt, daB Ottos Mutter, die so vielgenannte Exkaiserin Zita, am 9, Mai 1892 in Villa Pianora als Tochter des Herzogs Robert von Parma ge- boren wurde. Die Hochzeit mit Karl fand statt am 21. Oktober 1911. Ihr Sohn Otto, dessen Horoskop fiir uns von der gréBten Wichtigkeit ist, wurde geboren am 20. November 1912 in Villa Wartholz bei Reichenau in Niederdsterreich. Da die Astrologen me'st dic Geburtsminute wissen wollen, feile ich hier dic amtliche Meidung von Mittwoch, den 20, November 1912, mit: Erzherzogin Zita wurde heute um 2 Uhr 40 Min. frith von einem gesunden Knaben entbunden. Damit auch Herr Ernst Hent ges mit seiner Namensastrologie an der Sache feilnehmen kann, sei ihm mitgeteilf, dai dieser Knabe in der Taufe ,,nur“ folgen'de 17 Namen erhielf: Franz, Josef, Otto, Robert, Maria, Anton, Karl, Max, Heinrich, Sixtus, Xavier, Felix, Renée, Ludwig, Gaetano, Pius, Ignatius. Die meisten dieser hohen Herrschaften besitzen eine Reihe von solchen Vornamen, Wer’s nicht glaubf, sehe in einem Gothaer Kalender aus der Vorkriegs- zeit nach, Ich will den Astrologen noch einen Fingerzeig geben und ver- weise dabei auf eine Unterredung, die ein Mitarbeiter des vorhin erwihnten Wiener Blatfes mit-dem Pfarrer von Weggis in der Schweiz hatte, der vom Marz bis zum Oktober 1921 der Beichtvatex des Exkaisers Karl war. In dieser Unterredung kam die Sprache auch auf Zita und Otto. Danach sagte der Pfarrer wortwirtlich: »Von den beiden (naémlich vom Exkaiser und von Zita) war tiber- haupt Zita die energischere. Der Kaiser stand an der Seite jener priesterlichen und biirgerlichen Politiker, die um jeden Preis die Restauration herbeiwiinschten. Karl, der Arme, hat sicherlich lange widerstanden, (Es handelt sich hier um den sogenannten Konigs- http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0178 eo © Universit sbibliothele Freiburg — 7% = a putsch Karls in Ungarn. Seine Anhanger wollten, daB er im Flug- zeug nach Pest fahre und sich dort zum Konig ausrufen lasse. Man wollte damit Europa vor die vollendete Tatsache stellen, wie dies jetzt Karol von Rumanien in seinem Lande tat.) Der Pfarrer sagte dann noch — immer nach dem Gewahrsmann im Blatte — wort- wortlich: ,,Zitas Energie hat besonders Erzherzog Otto geerbt. Er war kriegerisch veranlagt“. Der Dfarrer beeilfe sich aber gleich ab- schwachend hinzuzufiigen: ,,Wir diirfen nicht vergessen, daB Otto damals erst neun Jahre alt wari" Lehrgang der kabbalistischen Astrologie. (Onomatomantik.) Von Ernst Hentges, Nachdruck verboten! (Fortsetzung.) Der Tarot. Der Tarot in seiner klassischen Form ist eine besondere Art Kartenspiel von 78 Blattern. Es unterscheidet sich von den ge- wobnlichen Kartenspielen dadurch, da® es 22 Blatter mit beson- deren Symbolen, die sogenannten 22 grofen Arkana, besitzt. Die iibrigen 56 ,,kleinen Arkana™ sind identisch mit den tblichen Spielkarten. Nach den vier Farben gibt es je 10 Zahikarten, Konig, Dame, Ritter und Knappe. Es gibt auch einige defektive Abarten des Tarot, die weniger als 78 Karten besitzen, Als Erster hat Court de Gébelin tiber den Tarot geschrieben, und in seinem neunbandigen Monumentalwerk ,.Le Monde primi- tif" hat er die Behauptung aufgestellt, daB der Tarot das Werk der Magier des alten Agyptens sei. Da bei einer Diskussion tiber den Tarot stets auf Court de Gébelin zuriickgegriffen wird, scheint es mir angezeigt, tiber dessen Persdnlichkeit und Werk an dieser Stelle einige kurze Angaben a: machen. Antoine Court de Gébelin wurde im Jahre 1728 zu Nimes als Sohn eines protestantischen Pfarrers geboren. Gébelin war nur ein Beiname. Sein Vater, Anfoine Court (1696—1760), widmete sich seit seinem 19, Lebensjahr der Rettung des franzdsischen Pro- festantismus und gilt als der Wiederhersteller der reformierten Kirche in Frankreich. In unermiidlicher Tatigkeit und unter steter Todesgefahr sammelte er die zerstreuten Glieder, reorganisierte die Kirche und fithrte sie von der kamisardischen Schwarmerei zur besonnenen Religion der Vater zuriick, Court de-Gébelin galt als einer der gréBten Gelchrten seiner Zeit, Ex war Mitglied verschic- http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0179 © Universitatsbibliothek Freiburg — 1% — dener Akademicn, war Ehrendirektor des Museums von Paris und bezog eine Zeit lang ein Gehalt als kdniglicher Zensor. Die letzten Jahre seines Lebens hatte er mit materiellen Sorgen zu kampfen und starb 1784 2u Paris in gréfter Armut. Er hinterlieS ein immen- ses Werk in neun stattlichen Banden, das jedoch unvollendet blieb. Der vollstandige Tifel dieses Werkes lautet: ,,Monde primitif ana- lysé et comparé avec le monde moderne, considéré dans son génie allégorique et dans les allégories auxquelles conduisit ce génie. Précédé d’un plan général des diverses parties qui composeront ce monde primitif", Dieses Werk erschien 1773—1784 im Selbst- verlag. Drei Jahre nach dem Tode des Verfassers tibernahm der Buchhandler Durand aus Paris den Vertrieh dieses monumentalen Werkes. Dasselbe war eine Art Enzyklopadie, in welcher Court de Gébelin cine Masse der verschiedenartigsten Wissensstoffe ver- einigt hatte: Abhandlungen aber den Ursprung der Sprache, der Schrift, der Kalender, der Wappen, der Spiele; etymologische Wér- terbicher der franzdsischen, griechischen und lateinischen Sprache, Untersuchungen ther die amerikanischen Altertimer, Allegorien usw. Das Gesamtwerk ist folgendermafsen geglicdert: Band I: Orientalische Allegorien, oder das Fragment des Sanchoniaton, welches enthalt dic Geschichte des Saturn, gefolgt von jener des Merl:ur und des Herlules und seiner Arbeiten, sowie deren ausfiihrliche Erklarung. Band II: Universelle Grammatik. Band III: Vom Ursprung der Sprache und der Schrift. Band IV: Birgerliche, religiése und allegorische Geschichte der Kalender und Almanache. Band V: Etymologisches Wérterbuch der franzsischen Sprache. Band VI: Ursprung der Sprachen und Volker Italiens. Etymo- logisches Wérterbuch der lateinischen Sprache (I. Teil). Band VII: Etymologisches Worterbuch der lateinischen Sprache (IL Teil). Band VIII: Abrifi der Geschichte des Orients im VI. und VII. Jahrhundert vor Christi. Dic Symbole und Wappen des Alter- tums. Die Familiennamen. Der interessanteste Teil dieses Bandes ist die 60 Seiten starke Abhandlung fiber den Tarot. Der Ver- fasser versucht hier nachzuweisen, dais der Tarot ein Dokument altagyptischer Esoterik ist, und unternimmt es, dessen geheimen Sinn zu erklaren, Auf § Tafeln werden die angeblichen urspriing- lichen 22 Tarotsymbole wiedergegeben, etre archi hutp://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okéultismus1930/0180 © Universitatsbibliothek Freiburg = Ti Band IX: Ursprung der griechischen Sprache und des grie- chischen- Volkes. Etymologisches Worterbuch der griechischen Sprache. Ein Exemplar des ,,Monde Primitif‘, herrtihrend aus dem Be* sitz der Kénigin Maric-Antoinette, befindet sich in der Pariser Bibliothéque Nationale (Rés. X. 662—670). In gewissem Sinne kann Fabre d’Olivet als cin Nachfolger Court de Gébelins angesehen werden, denn seiner ,,Langue hé- braique restituée" liegen ahnliche philologisch-esoterische Speku- lationen zu Grunde wie dem ,,Monde primitif. Die von Court de Gébelin aufgestellte These, daB der Tarot ein Dokument agypti- scher Esoterik sein soll, wurde insbesonders von Effeilla ausge- beutet, Etteilla ist die Umkehrung des Namens Alliette. Alliette war seines Zeichens Friseur und spaterhin Professor der magischen Kinste. Dessen Geburtsjahr ist unbekannt. Gegen Ende des 18, Jahrhunderts erlangte er in Paris als Kartenschliger cinige Be- riihmtheit und griindete daselbst in der Rue de Beauvais, unweit der Place du Louvre, eine Schule der Magie. Er starb am 12. De» zember 1791 und hinterlief} mehrere Schriften, die grdfitenteils fiber Kartomantie handeln.') Kehren wir nach diesem literaturgeschichtlichen Exkurs zu unserem eigentlichen Thema zuriick. Es war daher gewissermafien die orthodoxe Lehrmeinung, den Tarot als Ubermittler altigyp- tischen Geheimwissen anzusprechen. In diesem Sinne schreibt denn auch P. Christian im ,’Homme Rouge des Tuileries“: ,,Seif un- denklichen Zeiten besafgcn die Priester der Stadt Moph — von den Griechen des Wohlklanges wegen Memphis genannt — in dem Lande Mizraim — das wir Agypten nennen — eine Art Buch, be- stehend aus 78 beweglichen Blatiern, das dessen Verfasser, der Magus Hermes-Toth, auf ebenso viele Goldbleche graviert hatte", »Der Nachruhm des Hermes, ebenso geheimnisvoll wie der Schatten der Pyramiden, unter deren Last er vergraben ist, und ebenso stumm wie deren Granitquadern, hat nur einen Namen hinterlassen, jedoch ohne genaues Datum, und ein Werk, das der Vergessenheit anheimgefallen ist“, wJede Goldtafel bildete ein Blatt des hetnenschen Buches und enthielf die figirliche Darstellung mehrerer Zahlen und Buch- 1) Millet St. Pierre verdffentlichte dessen Biogeaphie unter dem Titel: ,Re- sherches sur le demier sorcier et la derniére éoole de magie". Le Pelletier, Le Havre. 1859. in-8, 55 S. Die beigeftigee Dibliggraphie erwahnt 25 Scixiften Etteil ’ jentralblatt fx Okkultiomus, 24. Tabrgang. 12 http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0181 © Universitatsbibliothek Freiburg — 17% — staben, deren Bedeutung zufolge ihrer Entsprechung mit Menschen und Dingen cin Arkana oder Geheimnis bildete, das die bilder- reiche Sprache des Orients als eine ,,Pforte" (zum Wissen) be- zeichnete, wDie Kunst der Deutung dieser Arkana iibertrug sich miind- lich und insgeheim in den Einweihungszeremonien der Tempel, die, je nach der Gegend und Religion, verschieden bezeichnet wurden. Bei den Agyptern waren es die Mysterien der Isis, in Persien die Mysterien des Mithras, bei den Indern jene des Ormuzchez. Die Hebraer kannten die Mysterien Enochs und Salomonis, die Grie- chen die eleusischen Mysterien der Ceres. Bei unseren gallischen Vorfahren waren die Druiden die Hiiter der Mysterienweisheit™, w»Der Initiation ging eine Reihe strenger Prifungen voraus, und dic Meister des geheimen Wissens verlangten unverbriich- liches Schweigegeliibde. Wer dieses Geliibde brach, war dem Tode verfallen. Die Ausiibung der Wahrsagerei war dem Adepten der Heiligtiimer innerhalb gewisser Grenzen erlaubt; man gestattete selbst Unwissenden und Charlatanen die Ausiibung dieser Kunst, um die Wege der wahren Wissenschaft desto besser vor den Pro- fanen verbergen zu kénnen, Doch wehe dem Eingeweihten, der eidbrichig wurde! Die geheime Organisation des Magiertums verfolgte ihn, in welches Land er auch filtichten mochte, und eine unsichtbare Hand vollstreckte unfehlbar das Todesurteil an ihm", »Der Magismus schien daher, wie alle irdischen Dinge, der villigen Vernichtung geweiht, hatte es nicht die Vorsehung zuge- lassen, da8 ein abtriinniger jiidischer Eingeweihter, namens Simeon- Bar-Jochai, welcher jener beriihmten 4gyptischen Geheimschule an- gehirte, die anfangs der christlichen Zeitrechnung in Alexandrien in voller Bliite stand, die Bedeutung der geheimen Tarotsymbolik zum ersten Mal schriftlich niedergelegt, und hatte nicht Papst Clemens XIV, die Idee gehabt, den gelchrten Benediktinerabt von Saint-Picrre-de-Lagny mit der Entzifferung dieses eigenartigen Textes zu beauftragen. Durch einen gliicklichen Zufall ist diese auf Papyrus niedergeschriebene und in einer Rolle von Zedernholz aufbewahrte Arbeit in den Speichern des Vatikans aufgefunden worden”, Diese von P. Christian gegebene Darstellung tiber die Herkunft des Tarot entspricht ganz dem Geist der romantischen Schule. Unsere Zeit ist phantasiearmer. Im nachsten Kapitel werden wir die Frage des Ursprunges der Tarotsymbolik des Naheren priifen. Nach diesen unerlafilichen Vorbemerkungen wollen wir in einigen Stichworten die fundamentalen Begriffshildungen angeben, etre archi hutp://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okéultismus1930/0182 © Universitatsbibliothek Freiburg — 179 — welche die kabbalistische Astrologic mit den cinzclncn Symbolen der groSen Arkana verkniipft und welche fiir die Auslegung der Horoskopfigur bekannt sein miissen. Ordnungs- | Zehten- AES rdaungs- | Zehler- | Taroisymbol Deutung fsrmaprech- t 1 Gaukler. Der Wille. = at 2 Papstin. Das Wissen, 23 ML 5 Kaiserin, Die Tat. gz v 4 | Kaiser. Der Stofl; die Verwirklichung.| 2} v 5 Papst. Idee, Inspiration. Toa vi 6 Lievespaar. Das Gute und das Buse. vD vu 7 | Wagen. Triumpf. Erfolg. xO VI 8 Gerechtigheit. Gegensaiplichkeit. @ 2 Gerechtigkeit. 1K 9 | Eremit. Kiugheit. Gehelmnis. Xm x 10 | Schicksalsrad. | Schicksal. me Xx 20 Kraft. Kraft. Selbstvertrauen. a XIL 50 | Gehangte. Selbstverleugnung. Opfer. =D Xi 40 | Tod. Tod. Umwandhing. = xIV 50 | Madigkeit. Entschludtthigkeit, Anirieb, | Q TL Umsturz der Verhdltnisse. xv 60 | Teutel. Das Unabwendbare. Fatum.} 2 fi Stolz. Selbstliberhebung. XVI 70 Blig. Aufstieg getolgt von Nieder- | % 9 gang. Riickschlige. Rui XVII 80 | Sterne, Hoffnung. Zukunfisfreudigkeit| — ¥ XVII 90 | Mond. Enttéuschung. Feblschlige, | unberechtigte Zuversicht. xix 100 | Sonne. Gillick in materieller Hinsicht.| {4 Ungewotinliches Lebens- schicksal. XX 200 Gericht. Bernfliche Verdnderungen. h Wechselndes Glifck. XXI 300. | Narr. Erfolg. Wirden. Even. © XX 400 Welt. Protektion mannigfacher Art. oO Die groBen Arkana, die wir, gemafi den mafigebenden Autoren, hier nur mit einem kurzen Stichwort kennzeichnen konnten, geben gewissermafen den Grundton der ihnen gemafi dem Zahlen- wert entsprechenden Horoskophausern an, wie wir weiterhin des Naheren erklaren werden. Die 56 kleinen Arkana zerfallen weiterhin in 4 Symbolgruppen, namlicht aa http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0183 DF © Universitatsbibliothek Freiburg — 180 — Zepter (oder Stabe) ~ Sekel (Miinze oder Pentakel) — Schwerter — Pokal (Kelch oder Becher). Diesen Symbolen wird folgende allgemeine Deutung unterlegt: Zepter: die menschliche Intelligenz im Kampf mit den Schwie- rigkeiten des Daseins, Sekel: materielles Glick, Schwerter: Arbeit, Hindernisse, Enttduschung. Pokale: Winsche, Triebe, Hoffnungen. Jede dieser vier Symbolgruppen begreiff 14 Kartenblatter, nimlich Konig, Dame, Ritter, Knappe, sowie 10 Zahlkarten. Es ertibrigt sich, an dieser Stelle naher auf die kleinen Arkana cinzugehen, da wir deren Zahlenwerte und astralen Entsprechun- gen weiterhin gelegentlich der sogenannten ,,Schicksalskreise" ken- nen lernen. Diese sieben nach den Dlaneten benannten Schicksals- kreise begreifen 78 Einteilungen und beginnen jeweils mit den 22 grofien Arkana. Da die groBen Arkana den unverdnderlichen Anfang eines jeden Schicksalskreises bilden, werden sie einfach- heitshalber an gegebener Stelle nicht wiederholt. Wir bitten dies nicht zu ibersehen, V. Asiraler Ursprung der Tarotsymbolik. Uber den Ursprung und die Bedeutung des Tarots wissen wir nicht viz] Positives; desto mehr ist seit einem Jahrhundert in ge~ wissen Kreisen dariiber spekuliert und phantasierf worden. Es lassen sich hierbei vornehmlich drei Richtungen unterscheiden. An erster Stelle ist die von Court de Gébelin in Le Monde primitif’ (Paris 1773-1783) aufgestellte Hypothese zu erwahnen, wonach der Tarot 4gyptischen Ursprunges sein soll und eine Geheimlehre enthalten miisse. Diese Theorie war keineswegs auf zwingende Beweise und SchluBfolgerungen aufgebaut. Damals er- hielt die Agyptologie neue Impulse. Durch die Forschungsreisen von Norden (1741), Pocoke (1743) und Niebuhr (1788) stand das agyptische Altertum bei der Gelehrtenwelf im Miftelpunkt des Interesses. Es war daher ein naheliegender Gedanke, die ratsel- haften Tarotbilder in Beziehung zur agyptischen Mysterienweisheit zu bringen, um so mehr als damals das Geheimnis der Hiero- glyphen noch nicht gelést war. Scheinbar fand die Theorie Court de Gébelins eine gewisse Stiitze darin, daf} die beiden Tarotkarten »Sonne" und ,,.Mond“ in Analogie zu Osiris und Isis gesetzt wer- den kénnen, Ferner maf auch Court de Gébelin dem Umstand Be- deutung bei, da® die Zahl der Tarotkarten, unter Weglassung der etre archi http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okéultismus1930/0184 © Universitatsbibliothek Freiburg — {8 — unnummerierten Karte der ,Nart", das Dreifache der Zahl sicben ist, welche bei den Agyptern sakrale Bedeutung hatte. Den von Court de Gébelin vorgezeichneten Weg ist Eteilla re- solut weitergegangen und bezeichnete ohne weitere Bedenken den Tarot cinfachhin als das ,,Buch Thot“. Diese Bezeichnung fihrte auch Scheible 1857 in Deutschland cin. Demgegeniiber ist jedoch nachdriicklich festzustellen, dafi die bisher bekannten Alteren Tarot- figuren jedwede Spur agyptischer Herkunft weder in der Auf- fassung noch in der Ausftihrung vermissen lassen. Die zweite Hypothese wurde von Eliphas Lévy aufgestellt. Fir ihn war der Tarot hebradischer Herkunft. Bei seiner Schwirmerei fiir Kabbala war dies wohl nicht anders zu erwarten. In dem Wort Tarot erblickte Eliphas Lévy nur ein Anagramm von Thora, die Bezeichnung fiir die jiidische Gesetzesrolle. Eine wich- tige Bestatigung ftir seine These glaubte Eliphas Lévy in dem Umstand zu finden, daf& die Zahl der Tarotkarten mit derjenigen der Buchstaben des hebraischen Alphabetes iibereinstimmt, und er konstruierte auch bald cine Analogic zwischen den einzelnjen Karten und der in den hebriaischen Buchstaben enthaltenen mysti- schen Symbolik. Diese ‘gekiinstelfen Beziehungen zwischen den Tarotsymbolen und den hebrdischen Buchstaben entsprechen jedoch mehr dem Geist nichtjtidischer Kabbalisten der nachmittelalter- lichen Jahrhunderte als demjenigen dlterer Quellschriften jidischer Geheimlehre, denn in der fr&heren kabbalistischen Literatur wird der Taroi nicht erwahnt. Far Papus (Dr. Encausse) stammt der Tarot aus Indien. In dieser jiingsten Theorie tiber die Herkunft des Tarot ist der Ein- fluf der von der Theosophischen Gesellschaft (der Papus voriiber- gehend angehérte) betriebenen Propaganda unverkennbar. Wenn Papus die Erhaltung und Verbreitung des urspriinglich indischen Tarots den Zigeunern zuschreibt — er nennt sein Buch kurzweg »Le Tarot des Bohémiens" —, so schlieBt er sich hierbei der weit- verbreiteten Auffassung an, dafi der Tarot in Europa bekannt wurde im AnschluB an die Kreuzziige Karls des Grofen gegen die Sarazenzn Spaniens, die méglicherweise die Vorfahren der nach- maligen Zigeuner waren. Als weiteres Moment zu Gunsten der Papus'scher Theorie kinnte der Umstand geltend gemacht werden, dafi der alteste bekannte Tarot ungefabr aus jener Zeit stammt, wo die Zigeuner zum ersten Mal in Europa auftauchten, oder wenigstens aus jener Zcif, wo wir die alteste Kunde von ihnen http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0185 © Universitatsbibliothek Freiburg - 182 — besitzen.’) Allerdings ist zu bemerken, dai Paracelsus, der auf seinen Wanderungen viclfach unter Zigcunern Icbte und mancherlei magische Kiinste von ihnen erlernte, den Tarot nirgends in seinen Schriften erwahnt. Die Verwendung des Kartenspiels zu mantischen Zwecken ist iibrigens erst gegen Mitte des 16. Jahrhunderts festzu- sfellen, Der erste, der geschichtlich nachweisbar die Zukunftsdeu- tung durch Karten lehrte, war der Buchdrucker Marcolini aus Forli; er Iehrte dies in seinem Buche ,,Sorti* (Venedig 1540). Diese Art Mantik mufi anfanglich nicht sehr in Ubung gewesen sein, denn z. B, Torreblanca erwahnt den Tarot nicht in seinem 1678 zu Lyon gedruckten Buch ,,De Magia“. Das Kartenlegen kam crst gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf, nachdem der bereits erwahnte Court de Gébelin mit der Behauptung hervortrat, der Tarot stelle das Mysterium der Isis dar, und Eteilla diese Idee aufgriff und zu einem besonderen Divinationsverfahren ausbaute. (Fortsetzung folgt.) Magie und Verbrechen. Von W. v. Marduk. Zeitungsnotiz: Heute Nacht starb auf unerklirliche Weise der Kardinal de la Roche. Der Tod dieses bedeutenden Kirchenfirsten ist um so ritsethafter, da die medizinische Fakultét, vertreten durch die Professoren di Urbano und Teamori, bei der Sektion der Leiche keine Tedesursache feststellen feonnten. Der Kardinal, Mitglied verschiedener bedeutender Institutionen, hielt am gestrigen Abend einen Vortrag diber die Theurgie in der Gegenwart und verlief die auser- lesene Gesellschaft, unter der sien auch der Prinz v. B. befand, in sehr angeregter Stimmung. Hat der Kardinal Feinde gehabt? Wie wir in letster Stunde erfahren, hat der Kardinal sehr grofle Gegner gehabt, unter denen sich auch eine Loge mit Namen ,,Zu den drei Schwertera" befand. Man vermutet, wie uns ein Gewihrs- mann beridhtet, ein magisches Verbrechen. So ungeheuerlich es heute Kling, scheint nach den Erliuterungen des X. die Maglichkeit 2 bestehen, auf magische Weise den Gegner aus dem Wege zu riumen. Jedoch gibt es keine gesetzliche Maglichkeit, den Gegner festausfellen, thn nach dem Gesefz zu bestrafen, da die 1) Im Jahzo 1920 cind finfhundert Jahee vergangen, da die ersten Zigeuner- banden in Mitteleuropa aufgetaucht sind. Schon im 15, Jehrhundért soll dieses Nomadenvolk zuerst euf dem Balken eingewandert sein; es verbreitete sich dann in Ungarn, von wo aus es seine Wanderungen nach Norden und Westen antrat. suner ethielten Geleitbriefe des ihnen offenbar freundlich gesinnten Kat- smund. In diesen Briefen wurden sie als Nomadeu bezeichnet, die aus Aegypten kommen. Da sic sich des Abfalls vom Christentum schuldig gemacht hiitten, selen sie 2ur Bue und Sahne von thren Bischofen verurtetlt worden, sicben fe. Erkelieung ihres Nomadentriebes, die sich die Zigeuner woh! gefallen lassen konaten, Jahee lang zu wandern und von Almosen zu leben — eine religi etre archi http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okéultismus1930/0186 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — 183 — Gehirnwissenschaft alles Magische ablehnt und als ein Phinomen der Phantaste betrachtet. Wohl gibt man bei Verbrechen die hypnotische Beeinflussung zu. Es darfte von grofem Interesse sein, vielleicht auch zur Annahme zu kommen, daS die Maglichkeit besteht, Menschen auf magische Weise 2u tSten. Wie erfaSt man solche Verbrecher? Nach den gegebenen Erklicungen unseres Gewahrsmannes ist es Tatsache, da bei einem grofen Teil der Verbrechen eine magische Becin- flussung eine schr bedeutende Rolle spielt. Jedoch es gibt da zweierlei Ver- brechen, das rein kriminelle und das okkulte Verbrechen. Deshalb diirfte es sehr interessant sein, wie sich die Justiz dieser Art Dingen gegeniiber verhalt. Wenn das magische Verbrechen eine Tatsache ist, so diirften sich in Zukunft viele Dinge entxitseln lassen, die bis heute nodi In Dunkel gehdlit sind. Auch die Vergangen- heif, wo man Andeufungen iiber magische Verbrechen in der Geschichte findet, wird uns dana in vielen ihren so sonderlichen Handlungen erklarlich und ver- stindlich, denn jene Zeit strotzt voll solcher absonderlichen Berichte. Wie aus Vorstehendem ersichflich, besteht die Méglichkeit — fur den Geisteswissenschaftler ist es eine Tatsache — auf magische Weise ein Verbrechen zu begehen. Mag auch die hélzerne Justiz von heute diese Art als Modus der Méglichkeit ablehnen, so wird sie sich in der Zukunft demgegeniiber anders verhalten miissen wie heute. Denn nach geisteswissenschafflich-okkulten Prinzipien be- steht nicht allein die Méglichkeit, sondern ist gegebene Tatsache, dafi hinter jedem Verbrechen eine magische Beeinflussung liegt. Hypnose und ihre verwandten Arten spielen eine sehr grofe Rolle bei den verbrecherischen Handlungen. Sicherlich hat ein jeder Mensch in seinem Leben einmal Ge- Jegenheit gehabt, an sich selbst festzustellen, dai ein magisches Verbrechen sehr nahe liegt, wenn in Betracht gezogen wird, daft Gedanken lebendig-kosmische Sfréme sind, substanzielle Krafte. Zum Beispiél: Man hat einen guten Freund oder sonst einen lieben Menschen, der jedoch unsnicht entsprochen, sondern uns enttauscht hat. Was liegt da naher, als dafi} man die harmlosen Gegenstande des einmal lieben Merischen nimmt, sie im Zorne zertriimmert, viel- leicht mit dem Gedanken, dafS auch er so in Scherben oder Briiche gehen michte wie diese Gegenstinde. Wenn nun das telepathische Moment der Gedankeniibertragung in Betracht gezogen wird, so mu man annehmen, dafi diese vom Menschen zerstérten Dinge, welche von dem Od des gewesenen Freundes behaftet sind, cine Wirkung bei ihm auslésen miissen ganz der Gedankenkraft des Senders entsprechend, wenn der xadioale Kontakt einst ein sehr enger war. Es ist daher durchaus keine Abstrusitat, wenn man verstehen lernt, ein Verbrechen von der geistwissenschaftlichen-okkulten Seite aus zu betrachten, Dadurch werden psychische Momente in Handlungen erhellt und lassen das eigentliche Triebmoment in http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0187 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG 184 — seiner ganzen Nacktheit erkennen. Wenn man diese Momente mit in Befrachtung zicht, so wird mancher Prozc®, der sonst Wochen in Anspruch nimmt, in einigen Tagen erledigt sein. Dies gibt uns neue Perspektiven fiir die Zukunft. Nehmen wir die Wirkung der teuflischen Hafigesange, die heute von der Menschheit im politischen und sonstigen Leben gegen jeden Feind gesungen werden, so muf dies den denkenden Menschen mit Enfsetzen erfiillen, denn die Wirkung ist eine aufier- ordentlich starke. Die Folgen im momentanen geschichtlichen und weltpolitischen Moment werden fiir die Zukunft Folgen auslisen, deren Wirkung sich der heutige Gehirnmensch nicht vorstellen kann, wenn er nicht die dahinterstechende Tricbkraft kennt. Das kosmisch-magische Gesetz von Ursache und Wirkung erklart uns alles und laQt uns die Folgerung aus der gegebenen Ursache aut die zukunffliche Wirkung schlieffien. So kénnen wir aus den gegen- w&rtigen Ereignissen auch auf die Ursachen schliefien, denn die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Aus diesen angefiihrten Tatsachen heraus ist die Méglichkeit gegeben, Magie und Verbrechen als eine dem Menschen von heute unbekennte konstante X. doch als eine Tatsache zu enthiillen, Die Aufhellung ware nicht zu schwer, wenn die Menschen die Ohren und Augen fiir das Reingeistige offen hatten. Der Mensch als Tierindividuum neigt zum Verbrechen, wenn das Geistig-Gottliche in ihm tot ist. Je unentwickelter, desto eher unterliegt der Mensch geistmagischen Einfliissen, denn nur eine gefestigie Individualitat als Geistmensch macht den niederen magischen EinfluQ fast un- méglich, ist aber auch méglich, wenn der gegnerische Willenskom- ponent auferst stark ist. Dafi magische Verbrecher heute keine Seltenheit sind, ist aus gar vielen Dingen zu erschen. Hier und dort, uberall fun sich Institute auf unter hochténenden bestechenden Namen, die meis- tens unter der Leitung eiaes okkulfen Hochstaplers und Ver- brechers stehen, der sein Unwesen als Sexual- und Susgestions- magier mit einem Trupp von mit Hysterie behafteten Frauen treibt. Ein solcher Mensch, dem meistens noch die Zeichen der Degene- ration anhaften, kann auf ungestrafte Art und Weise im magischen Sinne grofies Unheil anstiften, denn solche stinkenden Tiere ver- giften den Menschen, mit denen sie umgehen, die Astralaura. Auf die Zeitungsnotiz zuriickkommend ist zu crwahnen, daf diese Art Verbrechen mit tédlichem Ausgen$ an sich nichts selte- nes sind, Jedoch kénnen solche Dinge nur von einem Menschen ausgefiihrt werden, der tiber ein Maf} iibermenschlicher Willens- etre archi hutp://dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okéultismus1930/0188 © Universitatsbibliothek Freiburg — 18 — kraffe verfiigt. Er kann zu gleicher Zeit Triebkraft und ausfih- render Agent sein. In den meisten Fallen bedient er sich eines Agenten, des Astralkirpers eines Mediums. Um aber eine solche Handlung zum Ziel fahren zu kénnen, muf der Magier eine sehr strenge Schulung Jahre hindurch vornehmen, damit er in der Lage ist, alle Agenten, die bei der Handlung in Frage kommen, m be- herrschen. VonnGten ist auch, da er die kosmisch-astrologischen Konstellationen kennt, welche sein Gegner besitzt. Das wichtigste ist die magische Formel hierftr, die hier aber nicht erwahnt werden kann, um magischen Mord zu verhindern. Die Tetsache besteht, da es einen magischen Mord gibt. Die Folgerung aus dieser Handlung mu der Aussender selbst tragen, denn in den meisten Fallen hesitzen die Agenten nicht die volle Klarheit und Kenntnis, sich vor einer Riickwirkung kosmisch ge- léster Krafte zu schiitzen. Es wird deshalb fair die moderne okkulte Forschung in der Zukunft eine interessante Arbeit werden, das hier behandelte Thema in all seinen Einzelheiten klarzustellen und die Tatsachen wissenschaftiich zu begrtinden. Deshalb wird auch verstandlich, warum bei den alten Religionskulten dic magischen Priester zu- gleich auch Richter waren. Ihnen waren die Gesetze des Lebens nicht so fremd wie dem modernen Gehirnmenschen von heute. »Kraft des Lichtes bin ich Richter iiber das Leben, Licht mu8 ich sein, wenn ich die Nacht erhellen will“. So steht iber dem Tor eines alten Tempels. Ueber. das Studium der Geheim- wissenschaften. Von Ing. W. GeBmann. Es sei mir gestattet, an dieser Stelle einige Betrachtungen tiber ein Thema anzustellen, das dem eingeweihten Okkultisten kein Neuland ist, auf das man aber im Interesse der Sache nicht oft ge- nug hinweisen kann. Die Geheimphilosophie und okkulten Wissenschaften umfassen in ihrer Gesamtheit cin derart grofies Wissensfeld, dafi man ohne Ubertreibung behaupten kann, sie stellen den groften Teil aller Kenntnisse dar, die der menschliche Geist iberhaupt imstande ist zu erwerben. Die Geheimwissenschaften sind auf das engste mit allen menschlichen Kenntnisgebieten verbunden, und es gibt wohl kein einziges, das sich nicht vom okkulten Standpunkt aus beleuch- http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0189 © Universitatsbibliothek Freiburg — 186 — ten und erhellen liefe und uns ungeahnte Perspektiven eréffnete. Diese Behauptung mag im ersten Augenblicke den Uneingeweihten tiberraschen. Soweit das Studium der klassischen Philosophien, der Psychologie, der Moral, der Metaphysik und Theogonie, der ver- gleichenden Religionswissenschaften in Frage kommt, leuchtet die Bedeutung des okkulten Standpunktes ohne weiteres ein. Nicht so klar erscheint dies bei den sogenannten exakten Wissenschaften. Und dennoch 1aBt sich die okkulte Philosophie in der Archdologie, Ethnographie, Anatomie, Physiologie, Pathologie, Medizin, den mathematischen Wissenschaften, der Astronomie, Astrophysik, Kos- mogonie, Physik und Chemie usw. mit Vorteil anwenden. Oft und oft schon hat sie Ratselhaftes zu erklaren vermocht, wo die be- stchenden Theorien versagt hatten, Der Okkultismus aft sich sogar auf Wissensgebieten anwenden, wo er im ersten Augenblick als ein ganz wesensfremdes Element erscheint, wie zum Beispiel in der Sozialpolitik und Gkonomie. Es gibt mit einem Wort keinen einzigen Zweig menschlichen Wissens oder menschlicher Tatigkeit, der nicht letzten Grundes auf okkulter Basis steht. »Ubung macht den Meister! Dieses alte Sprichwort laQt sich auch in unserem Falle anwenden. Man kann niemals den Anspruch etheben, irgend etwas zu kennen oder 21 wissen, wenn man sich nicht.die Mahe gegeben hat, es zu erlernen. Besonders ist dies bei der Geheimphilosophie oder den okkulten Wissenschaften der Fall, die ein derart immenses Wissensgebiet darstellen und aufferdem vielfach ungewohnte oder selfsame Eigenarten und Seiten dem- jenigen darbieten, der sich zum erstenmale mit ihnen befaBt. Sie machen von der allgemeinen Regel keine Ausnahme und benétigen zur Erwerbung der Grundkenntnisse eines ernsten und iiberlegten Studiums. Die Geheimwissenschaften wollen ,,studiert’ und nicht blos »gelesen“ sein, wie viele glauben, darunter selbst solche Per- sonen, die vermeinen, in okkulten Dingen bereits etwas zu kennen. Diejenigen, welche die Lektiire lieben, lassen sich allzu leicht zu einer Uberfreibung hinreiffen, aus der sie keinerlei Nufzen ziehen und die ihnen selbst zu grofiem Schaden gereichen kann. Es gibt eine Legion von okkulten Biichern und tagtaglich erscheinen neue. Die ,,Leseratten® kénnen sich also ihrer Leidenschaft voll und ganz hingeben und verschlingen wahl- und ziellos jedes Werk, das ihnen gerade unter die Finger kommt. Hauptsache, da der Titel recht anziehend und suggestionierend wirkt! Sie ,,vertilgen“ die philo- sophischen Biicher so, wie cin Reisender dic leichten Romane, die er sich auf dem Bahnsteig gekauft hat, um die Zeit im Zuge totzu- etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0190 © Universitatsbibliothek Freiburg = 1 schlagen. Sie lesen ohne Ruhe und Rast, ohne da auch nur ein einziger persinlicher Gedanke oder eine Uberlegung ihre Lektiire unterbrechen wiirde. Sie spiegeln gewissermafien nur einen Augen- blick in ihrem Verstandnis oder Begriffsvermégen die vom Autor dargestellten [deen wieder, ohne etwas davon zu behalten, wie ein Auslagespiegel etwa, der die vortibergehenden Personen reflek- tiert, ohne daB ein dauerhaftes Bild davon zuriickbliebe. So ist es nicht tiberraschend, dafi diese ,,Studenten“ nach einer mehr oder minder langen Zeit ermiidet innehalten, enttiuscht, entmutigt und tibersattigt sind und von ihrer Lektiire, aufer cinigen unzusammen- hangenden Brocken, die sie zu keinen logischen Gedankenverbin- dungen verwerten kénnen, nicht den geringsten Nutzen haben. Im Grunde sind sie auf demselben Platze stehengeblieben, an dem sie begonnen haben, denn sie haben immer nur gelesen, ohne jemals studiert 2u haben, und alles ist von vorn zu beginnen, wenn der Betreffende noch die Lust und den Willen hat, okkultes Wissen in sich aufzunehmen, Wenn man in der ,Kenntnis“ wirkliche Fortschritte machen will, ist es unumg4nglich nétig, die okkulten Wahrheiten zu ver- stehen! Um dazu zu gelangen, mufs man sich zunachst von diesen Wahrheiten klare und prazise Vorstellungen machen konnen. Die cinfache Lektiire ist absolut ungentigend, um zu diesem Resultat zu gelangen, selbst wenn der Leser mit einem Gedachtnis ausgestattet ware, das ihm gestatten wiirde, das Gelesene wortwortlich auswen- dig zu kennen. Ein derartiger Leser ware wohl am besten mit einem Lexikon zu vergleichen, daf uns iiber eine Unmenge der ver- schiedensten Dinge Auskunft geben kann, die jedoch in keinem inneren, logischen Zusammenhang miteinander stehen. Nur durch unsere efgene Gedankenarbeit kénnen wir uns klar umschriebene Vorstellungen bilden. Nur durch die allmahliche logische Verbindung der einzelnen Vorstellungen gelangen wir da- zu, unsern Geist langsam zu erheben und die wunderbare Harmonie der gottlichen Aufierungen zu verstehen und zu erleben, deren teil- weiser Ausdruck jede einzelne okkulte Wahrheit ist. Zu diesem Zwecke muS man wenig und langsam lesen, viel itberlegen und sich tiefen Meditationen hingeben. Vor allem mufi man ein guies Buch wahlen — es gibt deren leider nich¢ allzu vicle — und es langsam und aufmerksam lesen, indem man versucht, jedes Wort, jeden Ausdruck des Verfassers vollkommen zu ver- stehen. Dies ist nicht immer leicht, denn leider ist die okkulte Terminologie noch nicht allgemein festgelegt, und off kommt es http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0191 © Universitatsbibliothek Freiburg — 188 — vor, da8 cin und derselbe Ausdruck bei zwei Autoren ganz ver- schiedene Bedeutungen hat. Ist die erste Lektiire beendet, dann beginnt man sie abermals, indem man iiber die hauptsichlichsten Punkte ernst nachdenkt, sie griindlich verarbeitet nd von ver- schiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet. Von gro em Nutzen ist es fir den Anfanger, sich die ihm unklaren Stellen oder scheinbare Widerspriiche zu notieren, Sfters auf sie zuriickzukommen und sie neuerlich zu studieren. Sehr oft findet man die entsprechende Er- klarung an einer spateren Stelle des studierten Werkes. Mitunter ergibt sich eine Aufklarung auch nur durch das vertiefte Studium spaterer Kapitel, ohne da der Verfasser sclbst cine solche klar formuliert hatte. Man mufi beim Studium der okkulten Literatur eben auch verstehen, ,,zwischen den Zeilen“ zu lesen. Weiter wird der Studierende sehr haufig finden, da Satze oder Gedanken, die ihm zunachst nur unbedeutend erschienen, bei einem neuerlichen Durchlesen und Durchdenken platzlich an Wert gewinnen und thm ungeahnte Horizonte eréffnen. Nur auf diese Art und Weise, durch ein mehrfaches Durcharbeiten und Studium — die Dauer hangt von den geistigen Fahigkeiten und dem Gedachtnis des Stu- dicrenden ab — bilden sich langsam die verschiedenen Vorstellun- gen, die mit jedem Male klarer und deutlicher werden. Das wahre Verstindnis der okkulten Wahrheiten kommt selten mit einem einzigen Schlag, haulig aber ganz unerwarteterweise, wenn man am wenigsten darauf gefaBt war. Es ist das Resultat der vertieffen Meditationen des Studierenden. Man soll niemals ver- zagen und sich nicht scheuen, seine Arbeit neuerdings zu beginnen und bis auf den Grund der dunkelsten Fragen zu schiirfen. Diese sind es gerade, die uns das Licht der Wahrheit verdunkeln, sie sind vergleichbar mif dem tauben Gestein, das einen Edelstein um- gibt und uns sein Auffindea erschwert. Die Ausdauer und die Ge- duld sind nicht zu unterschdtzende, unumginglich notwendige Werkzeuge unter den geistigen Requisiten des okkulten Schilers. Zum Schlusse noch ein Wort! Ich sprach weiter oben von der Notwendigkeif, ein gufes Buch zu wahlen. Es handelt sich in unserem Falle, wohlverstanden, um ein Werk, das wirklich nur die okkulte Philosophie und Wissenschaft als Gegenstand hat. Man darf cin solches nicht mit den unzahligen Biichern verwechseln, die das ,Tiefland® des Okkultismus ausbeuten und die nur dazu die nen, eine ungesunde Neugier oder niedere materielle Wiinsche zu befriedigen. Fin gutes Buch ist immer auch ein schénes Buch! Und ein solches ist jedes, das uns gleich bei der ersfen Lektiire Ge- etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1930/0192 © Universitatsbibliothek Freiburg ~ 18 — danken finden lait, die unsere Seele erheben und uns der ,,Ur- wahrheit" naherbringen! *) Okkultistische Umschau | Mussolini und die Mumic. Marghecita G. Sarfatti, die frithere Mitarbeiterin und Biogeaphin Mussolinis, weifh folgende Episode 2 berichten: ,Bines Nachts arbeitete Mussolini sich — ex war bereits Ministerprisident — in gewohnter Weise gerade durch Dutzende von Zeitungen aller Linder hindurch. Zu jener Zeit waren die ,,Times und andere caglische und amerikanische Zeitungen Gberfillt mit Bildern und Nachichten aber die soehen ausgegcabene Mumie des alten Aegypterkdnigs Tutankamen und iiber den tragischen Kampf, den Lord Camarvon gegen die geheimnisvolle, todbringende Magie der Aegypier fihefe. Pldtdich sprang Mussolini zum Telefon und rief cinige Gberrasthende Befchle hinein. Thm war pléGdich cine fausendjahrige, frisch ausgegrabene Mumie erschienen, die er vor wenigen Wochen geschenkt bekommen hatie und die unten in einem Winkel des ,Salone della Vittorje"* zwischen Gobelins des Palazzo Chigi neben seinem monumentalen Arbeitstisch ihren Standort hatte. Nun schien sie plételich vor ihm 2u atehen, mit dénnen Binden umwunden, in dem bemalten Schrein, der sie beherbergte. Mussolini hatte sofort Befehl gegeben, sie cu entiernen. Er telefonierte dann ‘hoch einmal um 1 Uhr, nochmais um 2 Uhr — alle 10 Minuten, um sich 2u vergewissem, da sein Befehl sogleich ausgefiihrt sei. Und so kam es, da® in jener Nacht, ale den Ministerprasidenten die Manen der Pharaonen beuntuhigten, bereits um drei Uhr morgens ein eiligst aus dem Depot des Krlegsministeriums angeforderter Last- wagen vor dem Tor des ethnographischen Museums von Rom hielt, um die Mumie dort absulicfern. Gledkea echriliten, PfSrtner liefen herbei, Incpektoren wurden seweckt und nahmen den dringlichen Befehl entgegen, die Mumie sofort in siche- ren Gewahrsam 2a bringen". Liebesmagie von heute, Dafi die Bemithungen,* auf megischem Wege 21 irgendwelchen Erfolgen cu kommen, noch nicht der Vergangenheit angehdren, zeigt folgender Fall den eine Leserin dem ,Mittago-Blatt” (Hamburg) mitteilt: Auf Grund meiner Erfahrungen bei Menschen verschiedener Gesellschafts- Klassen mothte ich die gestellte Frage verneinen. *) anmerkung des Verfassers. Ohne irgendwelche propagandistische Zwecke 2u verfolgen, sei mir gestattet, auf einige im Verlag Max Altmann, Leipzig, erschienene Schriften hinzuweisen, die aur Einfihrung in die okkulten Wissen- schaften durchaus geeignet erscheinen: Ludwig Deinhard, Die Geheimiehres Leadbeater, Das Leben im Jenseits; F. v. Wrangell, Wissenschaft und Thosophic; Paul Exttmana, Die Karmaforschung im Lichte der Gelstes- und Naturwissenschaften; G. Grimm und H. Much, Buddhistische Weisheit; Be- sant, Okkultismus, Semi-Okkultismus und Pseudo-Okkultismus; Bodhabik- shu, Die Geheimphilosophie der Inder; Jasink, Die Mystik des Bucdhismus; Du Drel, Die Entdedcung der Seele durch die Geheimwissenschaften. http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0193 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — 19 — Als Hausangestellte war ich einmal bei einer hechangesteliten Dame, die jede Gelegenheit benutzte, ihre humanistische Schulbildung, aufgeklarte Erziehung und vorsiigliche ,Kinderstube 2u betonen, Diese Dame holte sich off bei einer Un- gerin in ihren Liebesndien Rat. Eines Tages verkaufte diese Ungarin der Dame zwei grofe Flaschen mit verschiedenen Flissigkeiten. Jede Flasche kostete 15 AW. Die Dame muse taglich aus beiden Flaschen trinken. Der Genut der beiden Flas- sigkeiten sollte nach Aussage der Ungarin zwei verschiedenen Zwecken dienen: nach Verbrauch des Inhalts der ersten Flasche wirde mit Bestimmtheit dem Glteren Ehemann der Dame ein tédlicher Unfall zustoflen; durch den Genuf ces Inhalts der zweiten Flasche wiirden geheimnisvolle Krafte so auf den Liebhaber der Dame, den jiingeren Ereund ihees Ehemanns, wirken, da® er fortan gegen jegliche Reize anderer Madchen und Frauen gefeit sein wiirde. Mit meiner Kollegin 2usammen riet ich der Dame immer wieder vom Genuf der dbetriechenden Fldssigkeiten ab, machte sie auf Méglichkeiten von Gesund- heitsstorunger aufmerkcam und verwies sie au! ihre aufgeklirte Erziehung. Es half alles nichts; die Deme schluckte, siifler Hofinungen voll, das widerliche Zeug tiglich hinunter, Dock der ersehnte Unglicksfall (rat nicht ein, und der Liebhaber neigte, sehe zum Bedauern der Dame, durchaus nach anderer Seite Kann man Menschen, die leicht Unfalle herbeifithren, am ihrer Handschriff erkennen? Diese fir die Technik dberaus wichtige Frage beantwortet Bruno Kurth in der nUmschau" mit Ja auf Grund seiner statistischen tnd graphologischen Unter- suchungen. Eine der Eigenschaften, die Einflui aui das Eintreten von Ungiticks- fillen hat, ist die Weite cer Scheift. Je enger sie ist, desto mehr kénnen vie damit ree.nen, da® die Dezson keine Untiille haben wird. Welche Bigenschaften werden aber dadurch zum Ausdeuck gebracht? Es ist das die Seibstbeherrschung, MaGigkeit, Zigelung und Zurickhaltung, wahrend die weite Schrift ‘die Unge- bundenhelt, Fltichtigkeit, Ungeduld, Mangel an Grindlichkeit, Ungenauigkeit und Nachliissigkeit ausdriicet. Schon die Gegeniiberstellung der heiden zum Ausdruck Gebrachten Charekteranlagen beweist uns auf Grund unserer Uebetlegung, da die Statistik und ihr Ergebnis richtig sein wird. Nehmen wir noch die zweite Schiifteigenschaft dezu, die bel ,,Ungivicksmenschen“* auftriti, die Langenunter schiedlichkeit, so haben wir auf der Seite, die keine Unfille haben. also bei dec Schrift mit geringen Langenunterschieden: Zufriedenheit, Anspruchslosigkeit, Be- scheidenheit, Geniigsamkeit und Sachinteresse. Dagegen auf der anderen Seite bel dec Schrift mit grofien Langenunterschieden: Unzufriedenheit und Zerfabren- heit. Der Vergleich der beiden verschiedenen Eigenschaitssruppen beweist uns wohl am besten, dafl man mittels der Handschrift schon zum groften Teil festzu- stellen vermag, ob jemand infolge seiner Veranlagung leicht Ungliicksfiille herbe fabren kann oder nicht. Oberbirgermeister BOS konsultierte Kartenlegerinnen, Am 1. September fand in Berlin von dem Oberverwaltungsgerichtsrat vy. Sei- pius in der bekannten Disziplinarsache des Oberbirgermeisters BO8 die Verneh- mung mehrerer Zeugen statt. Bemerkenswert ist in den Presseberichten, da3 auch Kartenlegerinnen vernommen wurden, zu deren Kunden sowoh der Berliner Ober- biirgermeister als auch die Gebriider Sklarek gehdrt haben sollen. — Bei solcher Gelegenheit sicht man, welche Kreise es nicht verschmihen, den Rat von Karten- Jegerinnen 2u suchen. Die Praktikenten der verschiedenen Nebenzweige des mystischen Gebiets kOnnten sehr interessante AuskGnfte dariber geben, wieviele etre archi http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus 1930/0194 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — 1 — gewiegic Képfe des Sffentlicien Lebens sich mit geheimen Schicksalsfragen befassen. Conan Doyles Fingerabdruck. In seinen letsten Lebensjahren wurde Conan Doyle, wie bekannt, iberzeugter Spicitist. Er glaubte fest an die Moglichkeit der direkten Beztehungen der leben den Menschen mit den Seelen der Dahingegangenen. Er hinterlie® seinen Ange- hdrigen seinen Fingerabdruck, demit sie nach seinem Tode in der Lage sein warden, die Anwesenheit seiner materialistischen Substanz auf Erden endgiltig festzustellen. Auferdem verstindigte er sich mit seiner Frau fiber cin gewisses Stichwort, nach welchem sie die Riickkehr seines Geistes wahenehmen knnte. Die Frau und die Kinder Conan Doyles sind ebenfalls glaubige Spiritisten und hoffen zuversichtlich, in kurzer Zeit von dem Verstorbenen Nachricht 2u erhalten. Dic Londoner Spiritistenvereine, deren Mitglied Conan Doyle wary riisten auch, um eine Verbindung herzustellen. Bérsentips in der Hypnose. Ob es méglich ist, in rentabler Weise durch Gbersinnliche Voraussicht Schiitze 2u erwerben, das ist seit alten Zeiten eine doch recht bemerkenswerte Frage gewesen. Jemand, der Okkultist ist und nicht auf die eine oder andere Weise reich geworden ist, mifite doch entweder wenig von der praktischen Seite des Olekultiomus verstehen oder sich nur fir ideale Dinge interessieren. Vor einiger Zeit erregte die Tragddie des reichen Lyoner Seidenfabrikanten Jean Griffon grofes Aufsehen. Vorausgeschickt sei, da Monsier Griffon einen gréGe- ren Betrag fic okkulfe Forschungszwecks testamentarisch vermacht hat, welcher Betrag bereits seiner Bestimmung zugefihtt wurde, da Griffon inzwischen durch Selbstmord dahingeschieden ist. Griffon erschot sich unter dem lebensgrofien Bild seiner Geliebten, Denise Megemonte. Das Midchen war selbst vor einigen Tagen Griffon in den Tod vorausgegangen, sie hatte aus Licbeskummer Selbst- mord verdbt. Wie aus zwei Briefen Griffons an seine in Paris noch lebenden Freunde hervorgeht, war seine 2ijahrige Geliebte hervorragend medial veranlagt gewesen und hat im Reimen mebrerer Sitzungen als Medium gewirkt. In Trance versetst, sprach sic mit der Stimme cines Mannes, der sich Dr. Phacnor nannte und Fragen in einer Weise beantwortete, die unméglich das ungebildete Midchen zustandebringen konnte. Dieser ritselhafte Dr. Phaenor gab dem Industriellen auch geschiftliche Ratschlage, die er befolgie und die ihm stets den in Aussicht gesteliten Exfolg brachten. So habe ex cinmal nach Befragung des Dr. Phaenor eine grofle Borsentransaktion an der Pariser Borse ausgefuhrt, die Sache verlief genau so, wie es Dr. Phaenor durch den Mund des jungen Madchens vorausgesagt hatte. Mit dem Tode des Mediums hérte jedoch sein Gluck auf. Griffon erlitt einen erheblichea geschiiftlichen Verlust, obgleich er gerade diese Trancaktion auf den Rat der fremden Wesenheit entriert hatte. Griffon erkeankte darauf an Verfolgungszustiinden, glaubte sich schuldig am Tode des Midchens und er- schof sich, Ein Testament durch die Wiiaschelrute aufgefunden. Dieser neueste Erfolg der Winschelrute iat von dem englischen Rutenginger Richard Beebe ersielt worden. Es ist seht benchtenswert, da ein Rutenginger einen Prozef durch seine Winschelrute hat entscheidend beeinflussen kénnen. Es handelte sich um einen ProzeB gegen die Exben eines Mannes namens Lewis in Nordengland, dea die Philanthropenvereinigung Caritas fahrte. Bei Lebzeiten hatte Lewis in einem Schreiben dem genannten Verein mitgeteilt, dad er thm http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okkultismus1930/0195 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG — 192 — einen betrichtlichen Teil seines Gutes vermacht habe. Da die Erben aber kein derartiges Testament fanden, beanspruchten sic natiiclich die gesamte Exbschaft — ¢s handelte sich um ausgedehnte Landgiter ~ fiir sich. Die Caritas versuchte nun, auf Grund des Briefs einen Teil des Erbes auf dem Gerichtswege au ge- winnen, jedoch genigte dieses Schreiben natiirlich nicht. Nun hatte Lewis lingere Zeit vor seinem Tode einem Freunde die Mitteilung gemach:, daB ex sein Testa- ment in einer Metalikassefte in der Néhe seines Hauses vergraben hatte. Des- halb sah der Verein Caritas die einige Retiung darin, einen Winschelrutenginger zu Rete zu zichen, Man beauffragte Richard Beebe, unauifiillige Nachforschungen anzustellen. Beebe cuchte ia der Nahe des Hauses den Erdboden ab, aber aundchat vergeblich. Schon wollte er seine Bemihungen einstellen, als die Rute an einer Stelle des Bodens starke Ausschlige zeigte. Beebe grub nech und fand in der geringen Tiefe von 70 Zentimetern eine schwere Metallkassette vor, die neben einer Anzahl yon Schmuckoticken, dem Familienkleined Lewis’, das rechtsgiltige Testament einschlof. Die in dem Briefe des Exblassers Lewis angedeutete Be- teiligung des Philanthropenvereins war tatsichlich im Testament enthalten, sodafi der Verein fr seine edlen Zvecke seinen Erbschaftsanteil ethielt. £ B Die angegebenen Blicherpreise sind unverbindlich. chertisch. cee | Harald Weber, Das chinesische Horoskop. Astra-Verlag, Leipzig 1930. Brosch. Mk Bei den wissenschaftlichen Alltiren der modernen Astrologie und dea zum Teil recht rauikalen Reformbestrebungen ist es von eminente: Bedeutung, die funda- mentelen Voraussetzungen der abendlindischen Sterndeutung mit dem ent sprechenden Wissensgat der Vélker des fernen Ostens zu vergleichen, deren Geistigkeit ihrem ganzen Wesen nach von det unserigen verschieden ist. Nachdem vor cinigen Jahren cine sche beachfenswerte Einfihrung in die Hindu-Asirologie in deutscher Sprache erschien, liegt jetzt eine Gbersichtliche Darstellung der bis- her in Europa glnzlich unbekannten chinesischen Sterndeutung vor. Harald Weber, der ein halbes Menschenleben im Reiche der Mitte zugebrackt hat und sich durch sein 1927 erschienenes Buch ,Die Weltdeuter des Oetens" als griindlicher Keoner der Philosophie Chinas und Indiens dokumentierte, hat in jahrelanger Arbeit den schwer zuglinglichen Stoff der chinesischen Astroloyie bemeistert und dieses eigen- artige Divinationsverfahren bis in alle Einzelheiten in dbersichtlicher Anorcnung und in klarer, cleganter Sprache dargestelit. In einem Anhang herichtet der Ver- fasser in hichst anziehender Weise nihere Einzelbeiten tber die eigenartige Kunst der Chinesen, das Schicksal aus Gesicht, Hand und Gang vorherzubestim- men. Diese Arbeit ist von gréfter Bedeutung fUr die neuere astrologische For- schung und kein emster Liebhaber der Astrologie darf achtlos an dieser hock interessanten Neuerscheinung voriibergehen! E. Hentges. Oskar Ganser, Erfolgreiche Anleifung zum Hellsehen, 2. und 3. Auflage. Verlag von Max Altmann, Leipzig. Mk. 1 In cinfacher, leicht fallicher Weise gibt dex Verfasser cine Anleitung 2ur Ent- widdlung wilikdrlichen Hellsehens, und zwar beschxinkt er sich nicht daraui, allge- meine Vorschriften zu geben, wie dies meist in ahnlichen Schriften der Fall ist, sondern er entwirft auf astrologischer Grundlage ein der Individualitat des Ein- zelnen angepaiites System spezieller Usbungen. E Hentges. etre archi http: //dl-ub.uni-freiburg.de/diglit/zb_okéultismus1930/0196 © Universitatsbibliothek Freiburg DFG