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SPITZELAFFÄRE

Telekom wollte Bewegungsprofile von


Journalisten und Aufsichtsräten
erfassen
Journalisten bespitzelt, Maulwurf in Redaktion eingeschleust - und jetzt ein neuer
Verdacht: Nach SPIEGEL-Informationen forderte die Telekom sogar Bewegungsprofile
von Reportern und Aufsichtsräten an. Ermittler prüfen den Vorgang und nehmen die
Ex-Konzernherren Ricke und Zumwinkel ins Visier.

Berlin - Die Telekom-Spitzelaffäre weitet sich aus. Erst nach und nach wird bekannt, mit
welchen ungeheuerlichen Methoden der Konzern unliebsame Journalisten und ihre möglichen
Informanten an der Unternehmensspitze auszukundschaften versuchte. Nach Informationen
des SPIEGEL hat die Telekom sogar Bewegungsprofile von Mobiltelefonen einiger
Journalisten und Aufsichtsräte angefordert.

Anhand von Zelldaten der Mobilfunktochter T-Mobile sollten die Späher des Konzerns
überprüfen, ob sich die Reporter mit einem Informanten aus der Konzernspitze trafen. Die
Staatsanwaltschaft Bonn geht diesem Verdacht im Rahmen ihrer umfangreichen Ermittlungen
nach, bei denen heute die Konzernzentrale, mehrere Privathäuser und auch das Büro des
jetzigen Vorstandschefs René Obermann durchsucht wurden.

Ein Telekom-Sprecher sagte SPIEGEL ONLINE am Abend, der Konzern habe keine
Hinweise auf die Anforderung von Bewegungsprofilen und generell wenig eigene
Erkenntnisse. "Wir müssen abwarten, was die Staatsanwaltschaft nun herausfindet. Die
Ermittler haben unser Haus vor einer halben Stunde verlassen, es dürfte nun einige Zeit in
Anspruch nehmen, bis es handfeste Ergebnisse gibt."

Vor allem der "Capital"-Journalist Reinhard Kowalewsky und Wilhelm Wegner, Aufsichtsrat
und Gesamtbetriebsratschef, sollen im Visier der Telekom-Spione gewesen sein, aber auch
andere Personen. Inzwischen gibt es neben der Anforderung von Bewegungsdaten mehrere
konkrete Vorwürfe gegen den Konzern:

 Der SPIEGEL enthüllte die Affäre am Wochenende: Die Telekom hatte eine Detektei
damit beauftragt, in den Jahren 2005 und 2006 Telefonverbindungen von
Journalisten und Aufsichtsräten auszuspähen, abzugleichen und herauszufinden,
über welche Kanäle interne Informationen an die Öffentlichkeit gedrungen sind. In
den Geheimaktionen "Rheingold" und "Clipper" wurden mehrere Hunderttausend
Festnetz- und Mobilfunk-Verbindungsdaten der wichtigsten über die Telekom
berichtenden deutschen Journalisten ausgewertet, eine Detektei verwaltete eine
Datenbank von Telefonverbindungen mehrerer Journalisten. Im Zentrum standen drei
Wirtschaftsmagazin-Journalisten; aus 250.000 Datensätzen der Telekom wurden rund
8000 Datensätze mit möglichen Journalistengesprächen herausgefiltert - als eine Art
"Frühwarnsystem".
 Nach Informationen des SPIEGEL beauftragte die Telekom im Jahr 2005 eine
Detektei, sie solle einen Spion in die Redaktion des Wirtschaftsmagazins
"Capital" einschleusen und führen. Der sogenannte Maulwurf konnte offenbar
nachweisen, dass ein damaliges Telekom-Betriebsratsmitglied Kontakt zu
Kowalewsky hatte. Der Journalist hatte in einem Artikel über geheime Pläne der
Telekom berichtet und damit die Konzernspitze verärgert.
 Die Telekom soll außerdem schon im Jahr 2000, also noch in der Amtszeit des
früheren Ex-Telekom-Chefs Ron Sommer, den damaligen Chefreporter der "Financial
Times Deutschland", Tasso Enzweiler, bespitzelt haben. Das behauptet die Zeitung
mit Verweis auf eigene Recherchen. Der Konzern soll versucht haben, mit versteckter
Kamera Hinweise auf Enzweilers Kontaktpersonen in seinen Redaktionsräumen in
Köln zu finden. Die Telekom beteuert, keine Hinweise darauf zu haben. Sommer
dementiert, dass er davon wusste: "Ich bin erschüttert und kann es kaum glauben",
sagte er SPIEGEL ONLINE. "In meiner Amtszeit (bis Juli 2002) hätte ich derartige
Praktiken und Aktionen niemals toleriert. Und das gilt für den gesamten Vorstand und
auch den Aufsichtsrat."

Jetzt stehen der Ex-Vorstandschef Kai-Uwe Ricke und der Ex-Aufsichtsratschef Klaus
Zumwinkel im Blickpunkt der Ermittler, in deren Amtszeit die Überwachungen 2005 und
2006 fallen. Die Anweisung zum Ausspähen von Führungskräften und Journalisten sei aus
ihrem Umfeld ergangen, sagte der Bonner Oberstaatsanwalt Friedrich Apostel an diesem
Donnerstag. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen ein offizielles Ermittlungsverfahren gegen
acht Beschuldigte eingeleitet und neben der Konzernzentrale auch die Häuser von sechs
Beschuldigten durchsucht, allesamt Sicherheitsleute - nicht allerdings jene von Ricke und
Zumwinkel.

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Es geht konkret um den Verdacht von Verstößen gegen das Fernmeldegeheimnis und gegen
datenschutzrechtliche Bestimmungen. Dass auch das Büro von Obermann durchsucht wurde,
begründete Apostel damit, dass man bei solchen Ermittlungen niemanden ausnehmen könne.
Unter den Beschuldigten sei allerdings kein aktueller Vorstand. Bei den Ermittlungen habe die
Unternehmensspitze "ohne jegliche Einschränkung" kooperiert: "Wir hatten keine
Schwierigkeiten, Unterlagen zu erhalten."

Apostel sagte, es ließe sich nicht vermeiden, dass Ricke und Zumwinkel zunächst im
Mittelpunkt der Ermittlungen stünden. Es müsse nun geklärt werden, ob die Anweisung, in
der Telekom-Spitze nach Informanten von Journalisten zu suchen, den Auftrag beinhaltete,
auch illegale Methoden anzuwenden. Denkbar sei, dass die Beauftragten selbst sich dafür
entschieden haben.

Ricke und Zumwinkel bestreiten, dass sie von den illegalen Aktionen wussten. Ricke räumte
ein, dass es ein "Informationsleck" im Konzern gegeben und man versucht habe, es zu
ermitteln - illegale Aktionen habe er aber nicht angeordnet. Zumwinkel ließ mitteilen, er habe
von unerlaubten Aktionen nichts gewusst, und wies Vorwürfe von sich, der Aufsichtsrat selbst
habe die Detektei beauftragt, Telefonverbindungsdaten zu kontrollieren.

DGB-Chef Michael Sommer und die Arbeitnehmervertreter im Telekom-Aufsichtsrat haben


angekündigt, Strafanzeige gegen unbekannt zu erstatten. Derzeit stellten sie ein juristisches
Team zusammen, dem auch die SPD-Politikerin Herta Däubler-Gmelin sowie der frühere
Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) angehören sollten, sagte der Gewerkschafter und
Vize-Aufsichtsratschef Lothar Schröder am Donnerstag. "Als potentiell Betroffener, mit dem
Verdacht, ausgespäht worden zu sein, fühlt man sich ziemlich unwohl." Hinzu komme, dass
die Arbeitnehmervertreter als Beteiligte im Prozess Einblick in die Daten der
Staatsanwaltschaft bekämen, erklärte Schröder.

Die Telekom will sich derzeit mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht weiter zu den
Vorwürfen äußern. Aufsichtsratchef Ulrich Lehner zeigte sich in Bonn entsetzt über die
Vorgänge. Er sagte, das Kontrollgremium unterstütze ausdrücklich die von Obermann
eingeleiteten Maßnahmen zur Aufarbeitung und Aufklärung der Vorwürfe. "Wir sind an voller
Transparenz und voller Aufklärung interessiert", betonte Lehner. Er kündigte an, der Konzern
werde den von der Bespitzelungsaktion betroffenen Aufsichtsratsmitgliedern juristische
Unterstützung bei der Vertretung ihrer Rechte leisten.

Frank Dohmen/kaz/dpa/AFP/Reuters/AP

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,556398,00.html