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Genügend Platz für Ochsen und Jahrmarkt

Eine Betrachtung des Geisser Ortskernes.

Geiss hat einen Dorfkern von nationaler Bedeutung. Liegt dies am stattlichen Gasthof Ochsen
oder an der Pfarrkirche St. Jakobus? Weder noch sagt Denkmalpfleger Hans-Christian
Steiner.

BV. Im ISOS, dem Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz, ist Geiss als Weiler von
nationaler Bedeutung aufgeführt. Doch weshalb? Landgasthöfe gibt es viele im Land. Auch
Bauernhöfe mitten im Dorf sind keine Seltenheit und die Kirche St. Jakobus ist zwar hübsch,
aber kein Kleinod.
Auf der ISOS-Webseite wird man schlauer: Geiss befindet sich mit dem Titel „Ortsbild von
nationaler Bedeutung“ in nobler Gesellschaft. Die Luzerner Altstadt trägt ihn ebenso, wie das
Schloss Chillon oder die kleine Scheidegg im Berner Oberland. Der exklusive Klub zählt im
Kanton Luzern 35 Mitglieder. In unserer Region zum Beispiel Buttisholz, Willisau, Ruswil
oder die Kulturlandschaft Kastelen in Alberswil.
Anhand der auf der Webseite aufgeführten Kriterien, wird auch klar, warum Geiss
schützenswert sein soll: Nicht Einzelbauten erheben ein Ortsbild in den Olymp der nationalen
Bedeutung, sondern deren Zusammenspiel

Verkehrsknotenpunkt Geiss
Genau dieses Zusammenspiel sei in Geiss besonders, meint Hans-Christian Steiner,
zuständiger Denkmalpfleger für die Ämter Willisau und Entlebuch. In dieser Funktion
unterstützt er die Gemeinden beim Erhalt der Ortsbilder. In jüngerer Zeit führte ihn seine
Arbeit oft nach Geiss, da gleich mehrere Neubauten im Dorf entstehen.
Er beginnt mit seinen Ausführungen auf dem Dorfplatz, den Gasthof Ochsen, Kirche, Käserei
und zwei Scheunen umrahmen. Entlang der Strasse Richtung Buttisholz stehen Wohnhäuser
eng beisammen. „Dies ist ein Mix zwischen Wirtschafts-, Sakral und Wohnbauten, den es in
neuen Siedlungen nicht mehr gibt. Geiss wurde nicht geplant, sondern ist gewachsen“, erklärt
Steiner. „Auf dem Dorfplatz steht man mitten in einer Siedlung und trotzdem trennt einen nur
eine Häuserreihe vom offenen Land“.
Als ältestes Dorf der Gemeinde hatte Geiss viel Zeit zu wachsen. Bei Grabungen in den
1990er-Jahren fanden Archäologen Spuren von durchreisenden Römern. Spuren von
Siedlungen aus dieser Zeit kamen bislang nicht zum Vorschein.
Seine Blüte erlebte Geiss im Mittelalter. Die Flüsse waren damals noch nicht in künstliche
Bette gezwängt und beanspruchten die Talböden für sich. Um ihre Karren nicht dauernd aus
dem Dreck ziehen zu müssen, bevorzugten die Fuhrleute Wege auf Anhöhen. So führte die
Strasse von Luzern zu den Städtchen Willisau und Huttwil mitten durch Geiss. Das Dorf
florierte und erhielt sogar ein eingeschränktes Marktrecht (daran erinnert zum Beispiel die
Adresse Rossmärt). Die Jakobspilger andächtigten in der Kirche, Fuhrleute stärkten sich für
ihre beschwerliche Reise im Gasthof, der mit dem Ochsen ein beliebtes Zugtier im Namen
trägt.
Die Reisenden hinterliessen spuren in Dorf: Kirche, Pfarrhof und Gasthof seien eigentlich zu
gross für Geiss, sagt Steiner. Der Dorfplatz bietet bis heute grosszügig Platz für einen
Jahrmarkt oder zum abstellen von Fuhrwerken.

Zeitreise
Wenn Sie Ihre Fantasie einsetzen, erkennen sie vielleicht, was Geiss schützenswert macht:
Stellen Sie sich ein Fuhrwerke vor, das von Buttisholz her, den Bauernhäusern und Scheunen
entlang, Richtung Ochsen fährt, wo gerade der Jahrmarkt stattfindet. Auf den Vorplätzen der
Bauernhäuser spielen Kinder, Hühner suchen im Strassenstaub nach Körnern. Solche Bilder
sind mit Menzberg oder Menznau als Kulisse nur schwer denkbar.
Heute sind die Ochsen Benzinmotoren gewichen, geblieben sind die spielenden Kinder. Wie
im Mittelalter üblich, trennen in Geiss keine Sträucher und Häge den öffentlichen vom
privaten Raum. Bauernhöfe und Gewerbebetriebe gehen fliessend in die Dorfstrassen über.
Ein Umstand, den Kinder freut. Mangels sichtbaren Grenzen wird für sie das ganze Dorf zum
Spielplatz.

Nicht konservieren
Die Denkmalpflege wolle die alten Ortskerne nicht konservieren, eine qualitätsvolle
Entwicklung soll möglich sein, erklärt Steiner. Dies bedeutet in der Praxis, dass aus einer
alten Scheune durchaus ein Wohnhaus werden kann, wenn sich das neue Gebäude gut im
Ortsbild integriert. In Geiss ist dies am neuen Wohnhaus der Familie Emma und Peter Stettler
zu erkennen: Der Architekt nahm im Neubau alte Proportionen auf. Mit der Holzfassade
verwendete er ein für die Region übliches Material. Die laubenartigen Balkone erinnern an
alte Luzerner Bauernhäuser.
Eigentlich hatten Stettlers andere Pläne. „Wir hätten gerne mit einem Dachaufbau oder mehr
Dachfenster, die Wohnung im obersten Stock heller gebaut. Dies wurde aber nicht bewilligt“,
erzählt Frau Stettler. Die Holzfassade war die von der Denkmalpflege bevorzugte Variante.
Deren teilweise kompromisslose Haltung sei mühsam gewesen, meint Frau Stettler. Auch
werde nicht mit gleichen Massen gemessen: „Wir fühlen uns hintergangen, da unsere
Nachbarn Dinge bauen, die uns verboten wurden“. Laut Steiner ist die unterschiedliche Praxis
bei den Dachaufbauten durch die im Baugesetz generell geltenden Volumenvorschriften und
nicht durch die speziell für den schützenswerten Ortskern Geiss geltenden Auflagen bedingt.
Trotz allem sei sie aber mit dem Resultat zufrieden, meint Frau Stettler, und die finanzielle
Unterstützung der Denkmalpflege habe die Mehrkosten grösstenteils gedeckt.

Ortsbilder sind Teil der Identität


Warum ist es überhaupt nötig Ortsbilder zu erhalten? „Ortsbilder sind ein Teil unserer
Identität. Die Schweizer Landesteile kann man bis heute anhand ihrer Architektur
unterscheiden. Dies ist zum Beispiel im kriegszerstörten Deutschland in grossen Teilen nicht
mehr der Fall. Siedlungs- ist auch Lebensqualität“, begründet Steiner. „Diese
Siedlungsqualität ist vielen Menschen aber gar nicht bewusst. Erst, wenn sie nicht da ist, fehlt
sie“.

Dorfkernbild:
+++ Epochen treffen sich: Neue Architektur im alten Dorfkern von Geiss. +++

Geissenbild:
+++ Bleibt die Frage, warum nicht ein Ochse oder eine Jakobsmuschel das Geisser Wappen
ziert. +++