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Hochschule Merseburg (FH)

Fachbereich Soziales. Medien. Kultur

„Gründer des Bulgarischen Staates“


Mythos und Spiegelung im Denkmal

Master-Thesis
(erweiterte Fassung vom Mai 2010)
wissenschaftliche Arbeit
zur Erlangung des akademischen Titels Master of Arts

1. Gutachter: Prof. Dr. Maria Nühlen


2. Gutachter: Rumjana Mitewa-Michalkowa
vorgelegt von: Yvonne Chadde
Wettiner Straße 18
04105 Leipzig
friedvoll@gmx.net
17. Fachsemester
vorgelegt am: 2. März 2010
Abstract

Der 1981 in der nordbulgarischen Stadt Šumen errichtete Denkmalkomplex „Gründer


des Bulgarischen Staates“ ist ein Ort der staatlichen Selbstdarstellung und verkörpert
die staatsozialistische Macht. Er komplettiert die staatlich gelenkte Erinnerung an das
frühe bulgarische Mittelalter, die sich aus Geschichtsschreibung, archäologischen Stät-
ten und Museen sowie populären Medien zusammensetzt. Das Denkmal „Gründer des
Bulgarischen Staates“ wurde anlässlich des Jubiläums zur 1300 jährigen Staatsgründung
von der Bulgarischen Kommunistischen Partei erbaut. Die Festlichkeiten konzentrier-
ten sich auf die nationalen Errungenschaften in Wissenschaft und Kultur.
Das Denkmal verweist inhaltlich auf die ersten historisch bedeutenden bulgarischen
Khane und Ereignisse, die zum Anlass genommen wurden, Etappen der Verstaatlich-
ung unter dem Vorzeichen des Fortschritts in eine durch Frieden und Kultur bestim-
mte Zukunft zu repräsentieren. Die bulgarische Nation wird als das Ergebnis von
Staatsgründung, -entwicklung und Vervollkommnung inszeniert. Staatssozialistische
Prinzipien wie Revolution, Fortschritt, Umbau der Gesellschaftsordnung durch Verein-
heitlichung und Verschmelzung, Arbeit, Friedfertigkeit und Kultur wurden in das durch
die traditionelle Idealisierung des „Goldenen Zeitalters“ bereits mit Rechtstaatlichkeit,
Bildung und politischem Erfolg assoziierte Mittelalterbild eingebettet und in der ästhe-
tischen Formung des Denkmals objektiviert.

Im Denkmal werden die nationalen Erzählungen der Herkunft und der Gründung ver-
sinnbildlicht. Daran schließen sich der Mythos von der Konversion Boris I., um die
ethnische Homogenisierung zu erklären und die Erzählung vom „Goldenen Zeitalter“
als Gegenmodell und Leitbild für die gegenwärtige Gesellschaft an. Der politische
Mythos des bulgarischen Staates erfüllte vier Funktionen: Integration der sozialistischen
Paradigmen in die nationale Geschichte, Integration der Parteigeschichte in die Natio-
nalgeschichte, den Staat als Motor des nation-building herauszukehren und die gesell-
schaftliche Zukunft anzukündigen.

Nach 1991 wurde die Funktion der Machtrepräsentation zweitrangig. Der Denkmal-
komplex erfuhr eine nationale Umdeutung. Seit 1983 leistet ein Besucherzentrum Kul-
turarbeit und Dienste. Die Kommune schützt den Komplex und marginalisiert ihn
kulturpolitisch. Gleichzeitig fördert die Erweiterung zur kulturellen Einrichtung die
Loyalität und die Integration der örtlichen Bevölkerung und die Musealisierung der
Anlage. Die Kapazitäten das Denkmal festiv zu bespielen, als auch die touristische
Vermarktung ermöglichen eine ökonomische Perspektive im Postsozialismus.

i
Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis……………………………………...…………iv

Abkürzungsverzeichnis………………………………………..………v

Hinweise zur Transliteration…………………………………..………vi

1. Einleitung……………………………………………………...………7

2. Machtrepräsentation im Staatssozialismus…………………………....10
2.1 Inhaber und Wirkungsbereich der Macht………………………….…10
2.2 Die Ideologien als Spiegel der Macht…………………………….…...11

3. Erinnerung und Ideologie………………………………….….……...14


3.1 Der geschichtliche Fortschritt………………………….…….....…….14
3.2 Das staatliche Mittelalter………………………………….………….14
3.3 Geschichtsbild……………………………………………..…………16
3.3.1 Der Gründungsmythos……………………………………..………...17
Die bulgarische Ethnogenese und die staatliche Funktion der
Protobulgaren…………………………………………………….….18
3.3.3 Das „Goldene Zeitalter“ - Bildung und Kultur im Diskurs der
Schriftkultur…………………………………………………….……22
3.4 „Die Wiege der Kultur“- Erinnerungslandschaft bulgarisches
Frühmittelalter………………………………………………….……24
3.4.1 Pliska, Preslav, Madara - Archäologie und Artefakte……………….....26
3.4.2 Šumen……………………………………………………………..…28

4. Der Denkmalkomplex „Gründer des Bulgarischen Staates“…….……30


4.1 Denkmalanalyse………………………………………………….…. 31
4.1.1 Planung und Künstler……………………………………………..….31
4.1.2 Eröffnung…………………………………………………..………...33
4.1.3 Besucherzentrum…………………………………………….………34
4.1.4 Gestaltung und Architektur…………………………………….…….35
4.1.5 Figuren und Mosaik…………………………………………….….....37
4.1.5.1 Asparuch……………………………………………………….…….38
4.1.5.2 Galerie der Khane……………………………………………………38
4.1.5.3 Boris I………………………………………………………………..39
4.1.5.4 „Goldenes Zeitalter“………………………………………………....39
4.1.5.5 Mosaik……………………………………………………………….41
4.2 Mythos und Ideologie - Deutung des Denkmals als
Machtrepräsentation im Denkmal……………………………………42
4.2.1 Die Schrift als Friedenssymbol…………………………………….…43
4.2.2 Die revolutionäre Geschichte Bulgariens……………………………..44

ii
4.2.3 Das Mittelalter spiegelt die sozialistische Staatsnation…….……….….44
4.2.3.1 Die Ankunft……………………………………………….…………44
4.2.3.2 Die Verstaatlichung……………………………………….………….46
4.2.3.3 Das Werden der Bulgarischen Nation…………………….…………..49
4.2.4 Der Mythos vom „Goldenen Zeitalter“ …...............……….………….51
4.2.5 Ikonographie des Denkmals……………………………….…………53
4.2.6 Das Denkmal als Fest……………………………………….……… .58
4.3 Das Denkmal im Umbruch: Institutionalisierung als Denkmalsturz.….59
4.3.1 Kommerzialisierung und Tourismus…………………………………63
4.3.2 Musealisierung…………………………………………………….….65
4.3.3 Das Denkmal als „ein sozialistisches Projekt“………………………..67

5. Zusammenfassung…………………………………………………....70

Literaturverzeichnis…………………………………………………..72

Anhang

Abbildungen

Eidesstattliche Erklärung

iii
Abbildungsverzeichnis

Abb.1-5 Aufnahmen der Autorin


Abb. 6 Aufnahme von Stoyan Nikolov
Abb.7-24 Aufnahmen der Autorin
Abb.25 Aufnahme von Rosen Donev

iv
Abkürzungsverzeichnis

a. a. O. an angegebenem Ort
u. a. und andere
BNB Bulgarische Nationalbank
BKP Bulgarische Kommunistische Partei
et al. et alii
f. folgende [Seite]
ff. fortfolgende [Seiten]
H. Heft
Hg. Herausgeber
Jg. Jahrgang
S. Seite
u. d. T. unter dem Titel
UNESCO United Nations Educational, Scientific and Cultural
Organization
WTF wissenschaftlich-technischer Fortschritt
ZK Zentralkomitee

v
Hinweis zur Transliteration

Die Transliteration der kyrillischen in die lateinischen Buchstaben wurde nach der inter-
nationalen Norm ISO 9: 1995 vorgenommen. Zitate, Quellen, Orts- und Personenna-
men können abweichend transliteriert worden sein, da die Transliteration in den bulga-
rischen Quellen nicht vereinheitlicht ist.

vi
1. Einleitung

Die Arbeit mit dem Titel „Gründer des Bulgarischen Staates. Mythos1 und Spiegelung
im Denkmal“ widmet sich den Modi der Machtrepräsentation im 1981 erbauten Denk-
mal „Gründer des Bulgarischen Staates“. Der Denkmalkomplex in der nordbulgari-
schen Stadt Šumen, nahe der ersten beiden bulgarischen Reichshauptstädte Pliska und
Veliki Preslav gelegen, besteht aus einem Monument und einem Besucherzentrum mit
Dauer- und Wechselausstellungen. Inhaltlich umfasst das Denkmal die Gründung des
bulgarischen Staates 681 und dessen Entfaltung bis zur Regierungszeit Simeons (893-
927), in die Geschichte eingegangen als das „Goldene Zeitalter“. Es ist das einzige
Denkmal, das ausführlich das frühe Mittelalter thematisiert; ein vergleichbares Monu-
ment findet sich nur in Veliko Tărnovo, der Hauptstadt des Zweiten Bulgarischen
Reichs. Beide Denkmäler, „Gründer des Bulgarischen Staates“ und das 1985 erbaute
Tărnovoer „Assen-Denkmal“, wurden vom selben Künstler gestaltet. Beide bestehen –
im Gegensatz zu anderen sozialistischen Denkmälern – auch nach dem Systemwechsel
1989 in ihrer ursprünglichen Form fort, obwohl sie gestiftet wurden von der Bulgari-
schen Kommunistischen Partei (BKP).

Hauptannahme der vorliegenden Arbeit ist, dass das Šumener Denkmal die staatssozia-
listische Macht repräsentiert. Ziel der Arbeit ist es, Strategien der Machtlegitimation und
-repräsentation am konkreten Beispiel nachzuweisen. Daraufhin stellt sich die Frage,
wie und warum das Denkmal nach dem Machtwechsel weiterbestehen konnte.

Forschungsinteresse und Aufbau der Arbeit


Die Rechtfertigung des sozialistischen Systems baute auf nationalen Erklärungsmustern
auf und tradierte diese. Daher gilt mein Forschungsinteresse dem Spannungsverhältnis
zwischen nationaler Geschichte und sozialistischer Ideologie; dieses wird im ersten Teil

1 Eine feste Definition von Mythos konnte sich nicht etablieren, jedoch verweist Mythos auf
strukturelle Eigenheiten: narrativ, symbolisch bildhaft, allumfassend. Platon grenzte Mythos
vom Logos ab; Logos selbst konnte aber gerade in den Fortschrittsideologien des zwanzigsten
Jahrhunderts selbst zum Mythos werden. Der in der Arbeit verwendete Mythosbegriff
konzentriert sich auf politische Mythen, wie sie Yves Bizeul und Herfried Münkler in
Deutschland elaboriert haben. Politische Mythen haben psychische und soziale Funktionen für
die Gruppe respektive die Institution: die Ängste, welche Kontingenzen generieren, sollen
kanalisiert werden. Der politische Mythos stiftet und legitimiert (auch rückwirkend) Sinn und
Ordnung, er integriert, kann aber auch eine emanzipatorische Funktion besitzen. Interessant für
die vorliegende Untersuchung ist das von Bizeul hergestellte Verhältnis des Mythos zur Utopie
und zur Ideologie. Eine Utopie ist oftmals eine theoretische Schöpfung eines Einzelnen, die
einen zukünftigen harmonischen Idealzustand konstruiert. Von ihr unterscheidet sich der
Mythos nicht nur in seinem poetischen und ganzheitlichen Charakter, auch darin, kollektiv
erarbeitet, Handlungsmodelle für Gegenwart und Zukunft anzubieten. Da im Mythos kein
Außen existiert, vermag er zu integrieren und zu vermitteln. Aufgrund seiner Emotionalität
kann er Kräfte zu mobilisieren. Die Ideologie, die die bestehende Ordnung rechtfertigt und die
Gegenwart beschreibt, wirkt durch die Konstruktion von Feindbildern abgrenzend und
verschärft die bestehenden Gegensätze. Utopie und Mythos lassen sich für die Interessen der
Ideologie instrumentalisieren: da wo die Ideologie spaltet, integriert der Mythos die außerhalb
der Ideologie stehenden (Bizeul 2000: 16ff.; Bizeul 2006: 8f.; Münkler 2009).

7
ausführlich beschrieben.
Das staatssozialistische Geschichtsbild ist das Ergebnis dieses Spannungsverhältnisses.
Kulturpolitisch wurde Nordbulgarien als „Wiege der Nation“ inszeniert. Der geschicht-
liche Diskurs, der mit der vermeintlichen Staatswerdung von 681 auch die Nationswer-
dung der Bulgaren mithilfe staatlicher Institutionen ausdrückt, wurde zum Jubiläums-
jahr 1981 historiografisch gefestigt und medial wie archäologisch abgesichert. Das ge-
schichtliche Wissen wurde standardisiert, und dem frühen Mittelalter als lieux de mémoire2
wurde besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Da der Erinnerungsort zugleich territorial
auf Nordbulgarien und die nähere Umgebung Šumens festgelegt war, wurde versucht,
die erlebbaren Orte bulgarischer Staatswerdung, Pliska, Preslav und Madara, in ihrer na-
tionalstaatlichen Funktion auf eindeutige Weise im kulturellen Bewusstsein zu veran-
kern. Die historischen Fakten wurden deshalb um ein im alten Stein verborgenes Ge-
fühl von Geschichtlichkeit ergänzt. Einheimischen wie Touristen wird suggeriert, in der
Berührung mit den archäologischen Funden läge ein Gefühl von Erhabenheit und Alt-
ehrwürdigkeit. Gleichzeitig sollte durch einen hohen Grad an medialer Produktion ein
spezielles Mittelalterbild Bulgariens bei den Rezipienten hervorgerufen werden.

Diesem Thema widmet sich der Hauptteil der vorliegenden Arbeit. Im Anschluss wer-
den die Umstände der Denkmalstiftung sowie das Denkmal selbst beschrieben. Es wird
unter dem Aspekt interpretiert, dass sich im Šumener Denkmal nationale Mythen und
Legenden mit sozialistischen Paradigmen strategisch verbinden. Der politische Um-
bruch verlangte eine Auseinandersetzung mit der sozialistischen Bedeutung des Denk-
mals und erforderte Strategien des Denkmalsturzes, die im abschließenden Teil vorge-
stellt werden.

Methodisches Vorgehen
Das Denkmal wurde als künstlerisches Objekt und kulturelle Institution unter der Prä-
misse der Machtpräsentation und auf Grundlage einer Forschungsreise nach Šumen im
Sommer 2009 analysiert und interpretiert.3 Das spezifische Denkmal als
Untersuchungsobjekt ermöglichte es, komplexe Begriffe wie Macht oder Sozialismus zu
operationalisieren. Die theoretischen Ausführungen sind daher knapp und dienen der
Veranschaulichung des Beispiels.

2 Der Begriff Erinnerungsort (lieux de mémoire) wurde von dem Geschichtswissenschaftler


Pierre Nora durch sein umfangreiches Werk zu den französischen „Erinnerungsorten“ geprägt
und bezieht sich im weiteren Sinne der antiken Mnemotechnik auf an Orte (loci) gebundene
Erinnerung. (Erll 2003: 167)
3 Die Wirkung des Denkmals auf die Autorin lässt sich aus einem Eintrag ins Forschungs-
tagebuch im Juli 2007 verdeutlichen: „Hier oben schallt es! Und der Wind pfeift durch meine
Kleidung. Man hört jeden Flügelschlag der Mauersegler. Mein erster Gedanke: Mein Gott, ist
das hässlich! Kein Wunder, dass sich der Mensch gewaltig klein fühlt, er ist nach einer
Viertelstunde Treppensteigen gut darauf vorbereitet. Andere erreichen kichernd vor
Erschöpfung den Komplex. Ein Wind weht. Wenn das hier der bulgarische Staat war, möchte
ich nicht dabei gewesen sein. Alles wirkt zornig, ruppig und leblos mit durchstochenen Pupillen
und eingefallenen Oberkörpern – wie böse Actionfiguren. Allein die Vögel und Besucher
machen Sinn. Ein grausamer Löwe sitzt über Šumen zum Sprung bereit.“

8
Verwendete Quellen
Als Quellen dienen die vom Denkmalkomplex als Institution zu Informations- und
Werbezwecken herausgegebenen Text- und Bildmaterialien, besonders die 2006 er-
schienene Broschüre „25 Years Monument of the Founders of the Bulgarian State“,
und die durch die Lokalpresse – hauptsächlich in der Zeitung „Šumenska Zarja“, ver-
einzelt in der Lokalausgabe der Zeitung „Top Novini“ und im städtischen Amtsblatt
„Obštinski Šumenski Vestnik“ – abgedeckte Berichterstattung zu den Jahrestagen. Das
1980 an ein ausländisches Publikum adressierte Geschichtsbuch „1300 Jahre Bulgarien“
begleitete die Festlichkeiten zum Staatsjubiläum und belegt das offizielle Geschichtsbild
im bulgarischen Staatssozialismus.

Für die vorliegende Untersuchung wegweisende Forschungsergebnisse fanden sich im


2007 von Daniel Ziemann veröffentlichten Werk „Vom Wandervolk zur Großmacht“
über die Herrschaftsbildungsprozesse in Bulgarien bis zur Christianisierung im 9. Jahr-
hundert. Darüber hinaus waren für die vorliegende Untersuchungen sowohl die 2007
erschienene Arbeit Ulf Brunnbauers über „Die sozialistische Lebensweise“ als auch die
2006 veröffentlichte Dissertation Claudia Webers mit dem Titel „Auf der Suche nach
der Nation“, die anhand von bis zum Jahre 1944 errichteten Denkmälern den bulgari-
schen Prozess des nation-building als Verhandlung unterschiedlicher Akteure nachweist,
von entscheidender Bedeutung.

Einordnung der Arbeit in den wissenschaftlichen Diskurs


Die Arbeit kann im Bereich Geschichtspolitik4 und Erinnerungskultur angesiedelt wer-
den. Sie soll einen Beitrag zur nationalen Forschung leisten und nimmt daher keine
regionale oder transnationale Perspektive ein. Ebenso wird das Mittelalter als
partikulares Phänomen behandelt. Die ausführliche Herleitung des Geschichtsbildes
und der ihm zu Grunde liegenden Mythen in der vorliegenden Arbeit schafft jedoch
Möglichkeiten, das Thema komparatistisch im regionalen oder systematischen Kontext
zu vertiefen – ein Forschungsausblick, der offengehalten wird.

Bulgarien selbst ist als Untersuchungsgegenstand der Kultur- und Geschichtswissen-


schaften übersichtlich bearbeitet. Daher scheint die 2008 vom bulgarischen Schriftstel-
ler Ivaylo Ditchev aufgestellte Behauptung, „Bulgarien scheint zu den wenigen osteuro-
päischen Ländern zu gehören, die keinerlei Gedächtnispolitik betreiben“5, ihre Berechti-
gung zu haben.
Der vermeintliche Mangel an geschichtspolitischen Strategien soll nicht darüber hin-
wegtäuschen, dass ein Denkmal sich im öffentlichen Gedächtnis verankert und gemäß

4 „So aber inszeniert Geschichtspolitik (the politics of history) diverse Gedächtnislandschaften


konjukturell, über die Kultur des privaten und gemeinschaftlichen Erinnerns hinausweisend.
Hierzu bedient sie sich eines breiten Repertoires, das mit der absichtsvollen Schaffung von
Erinnerungsorten (lieux de mémoire) und Denkmälern (Musealisierung) beginnen und von der
Mythenbildung und Heldenverehrung bis hin zur Geschichtsklitterung oder […] bekannter-
maßen zur Geschichtsfälschung reichen kann.“ (Schorkowitz 2008: 25).
5 Ditchev 2008: 132.

9
einem Bedeutungszusammenhang gelesen werden will. Der bulgarische Nationalstaat
zielte von Anbeginn darauf ab, sich mithilfe von Denkmälern eine sichtbare Identität zu
verschaffen. Die ersten Denkmalinitiativen wurden noch durch eine russische Interims-
regierung in die Wege geleitet, und auch 1981, zum bulgarischen Staatsjubiläum, wur-
den „an zahlreichen repräsentativen oder geschichtsträchtigen Orten Monumente gi-
gantischen Ausmaßes errichtet“6.

2. Machtrepräsentation im Staatssozialismus

2.1 Inhaber und Wirkungsbereich der Macht


Die Arbeit mit dem Titel „Gründer des Bulgarischen Staates. Mythos und Spiegelung
im Denkmal“ geht von der Annahme aus, dass das untersuchte Denkmal in Šumen, das
1981 zum 1300-jährigen Jubiläum des bulgarischen Staates errichtet wurde, Macht re-
präsentiert. Denkmäler im öffentlichen Raum werden traditionell von Machtinhabern
zum Zweck der Visualisierung ihrer Macht gestiftet.7 Im Falle des Gründerdenkmals
war der sozialistische Staat der Träger der Macht. Im sozialistischen Bulgarien konzen-
trierte sich die Macht auf die Staats- und Parteiführung, an deren Spitze Todor Živkov
seit 1958 stand. Die leitende Funktion der Bulgarischen Kommunistischen Partei (BKP)
beim planmäßigen Aufbau der „entwickelten sozialistischen Gesellschaft“ war seit der
Verwaltungs- und Staatsreform von 1971 verfassungsrechtlich festgeschrieben.8
Im offiziellen Geschichtswerk „1300 Jahre Bulgarien“ von 1980 wird die Funktion der
BKP unterstrichen, da „die Partei beim Aufbau der neuen Gesellschaft die führende
Kraft war. Durch die Grund-, Stadtbezirks- und Bezirksorganisationen und das Zentral-
komitee ermittelte sie den Zustand und die Bedürfnisse des gesellschaftlichen Lebens in
allen Aspekten und zeichnete auf ihren Parteitagen die Richtungen und Perspektiven
seiner künftigen Entwicklung und Vervollkommnung vor“9.
Das sozialistische Weltbild fußte nach dem Vorbild des Sowjetmodells auf den folgen-
den Merkmalen: undemokratische Einparteienherrschaft unter dem Diktum des Marxis-
mus-Leninismus; zentrale Verwaltungswirtschaft, basierend auf kollektivem Eigentum;
eine sozial durch Gleichheit gekennzeichnete Gesellschaft von Werktätigen, die ihre In-
teressen durch die Avantgarde der Kommunistischen Partei vertreten ließ10.
Der bulgarische Staatssozialismus war demgemäß gekennzeichnet durch die Einheit der
Gewalten und durch das Prinzip zentralistischer Regulierung.11 „Entsprechend war das
Verhältnis Staat/Partei und Bevölkerung autoritär und paternalistisch angelegt.
Der Staatsapparat, so die offizielle Doktrin, sorgte für die Belange der Bürger und für
Fortschritt und Gerechtigkeit.“12 Die Staatsmacht wirkte allumfassend auf die Gesell-

6 Ermann/Ilieva 2006: 23.


7 Menkovic 1999: 1.
8 „Artikel 1 (2): Die leitende Kraft der Gesellschaft und des Staates ist die Bulgarische
Kommunistische Partei.“ Online verfügbar unter http://www.verfassungen.eu/bg/
verf71-i.htm (Stand: 10. Dezember 2009). In der neuen Verfassung von 1971 wurde ebenso das
Jahr der bulgarischen Staatsgründung 681 im Artikel 139 festgeschrieben.
9 Christow 1980: 240.
10 Delhey 2001.
11 Bulgarische Verfassung 1971, Art. 1.1.
12 Delhey 2001: 49.

10
schaft ein, mit dem Ziel, diese zu einer sozialistischen umzuformen.13
Die Lebensumstände der Bevölkerung als Objekt des staatlichen Eingriffs und der so-
zialistischen Heilsidee sollten gehoben werden, und über die Identifikation mit dem So-
zialismus sollte praktisch eine loyale, mobilisierbare, gegen die Verlockungen des Wes-
tens immune Masse geformt werden.14

Wirtschaftlich setzte die Kollektivierung der Landwirtschaft Arbeitskräfte zur flächen-


deckenden Industrialisierung frei. Auf Grundlage der dann mechanisierten und automa-
tisierten Wirtschaft und unter der wohlfahrtsstaatlichen Obhut sollten die Lebensum-
stände der Bürger so weit angeglichen werden, dass aus einer sozial gleichgestellten Be-
völkerung auch eine homogene Nation – im Sinne eines Kollektivs – an der Schwelle
zur kommunistischen Gesellschaft erwachsen würde.15 Die Modernisierung Bulgariens,
das 1944 von den Balkanländern neben Albanien am wenigsten industrialisiert war16, zu
einer industrialisierten, urbanisierten, sozial und geografisch beweglichen und mehrheit-
lich alphabetisierten Gesellschaft wurde von der Bevölkerung gestützt.17 In der Bilanz
erfolgreich, führte das Teilprojekt der allgemeinen sozialistischen Umgestaltung mit
dem Ziel, die Bevölkerung zu normieren und ihre Leistung zu steigern, zur Affirmation
von Arbeitsideologie und Fortschrittsparadigma sowie zur Identifikation mit der „sozia-
listischen Lebensweise“.18

2.2 Die Ideologien als Spiegel der Macht


Die kommunistische Ideologie stützte die Macht. Parallel wurde in Bulgarien die Nation
in Dienst gestellt. Beide Ideologien korrespondierten mit dem Positivismus des 19.
Jahrhunderts.19 Ihnen liegen ähnliche Konzepte von Identität und Alterität zu Grunde –
mit unterschiedlichen Intentionen. So zielt Gleichheit im Nationalismus auf die Gleich-
heit der Mitglieder der nationalen Gemeinschaft20, im Staatssozialismus zielt sie dagegen
auf die Ein-Klassen-Gesellschaft. Mit der Installation Živkovs im April-Plenum des

13 Brunnbauer 2007; das hier aufgezeigte Bild von der staatssozialistischen Macht in Bulgarien
erfasst nicht die Komplexität des Phänomens. Wie Brunnbauer herausarbeitet, haben sich die
ideologische und praktische Welt durchdrungen und nicht gegensätzlich voneinander abge-
grenzt. Der Staat hat die kognitiven Strukturen, wie er wahrgenommen werden möchte,
geschaffen und der Realität angepasst. Erst als Anspruch und Realität zu weit auseinander-
zuklaffen drohten, kam es zur Legitimationskrise des Systems. Siehe dazu auch Benkovska-
Săbovka 2007.
14 A. a. O.
15 Büchsenschütz 2004: 27.
16 Ermann/Ilieva 2006.
17 Brunnbauer 2007; Baeva/Troebst 2007; Benkovska-Săbovka 2007; insbesondere, weil die
Höherentwicklung der materiellen Kultur von der Gesellschaft getragen wurde. Für die
Anfänge der sozialistischen Herrschaft in Bulgarien gilt, dass sie auf diesem Gebiet die im 19.
Jahrhundert begonnene Modernisierung vollendet hat und dass das notwenige Mobilisierungs-
potenzial in der Bevölkerung bereitstand (Benkovska-Săbovka 2007: 156).
18 Brunnbauer 2007: 77.
19 Näheres bei Benkovska-Săbovka 2007.
20 Nationale Konzepte bevorzugen objektive oder subjektive Zugehörigkeitsmerkmale. Sie
betrachten Nation als Willens- oder als Abstammungsgemeinschaft. Das nationalstaatliche
Prinzip der westeuropäischen Gesellschaft basiert auf Gewaltenteilung, Demokratisierung,
liberalisierten und deregulierten Märkten sowie auf Individualisierung (Delhey 2001).

11
Jahres 1956 der BKP wurden die Klassenunterschiede als überwunden und die revolu-
tionäre Phase als beendet erklärt, um die sozialistische Gesellschaft in der Tradition
einer nationalen Gemeinschaft anzustreben.21 Die Gesellschaft setzte sich nun aus den
harmonisch und kreativ kooperierenden Klassen der Arbeiter, der Bauern und der
Intellektuellen zusammen – oder, wie Christow 1980 formuliert, „eine moralisch-
politische Einheit des werktätigen Volkes“22. In der Regierungszeit der BKP erfolgte die
(erneute) Hinwendung zur Nation durch Todor Živkovs Rede „Einige grundlegende
Probleme der Arbeit mit der Jugend und dem Komsomol“, bekannt als „Komsomol-
Thesen“, über Patriotismus in Unterricht und Erziehung, um den schädigenden
Einfluss des so genannten nationalen Nihilismus abzuwenden, sich konkret mehr von
der Sowjetunion zu emanzipieren, aber auch die sich im Aufbau befindliche sozia-
listische Gesellschaft, die 1956 ausgerufen wurde, moralisch gegen die westlichen
Konsumanreize zu rüsten.23 Die BKP sah sich nach dem Krieg in einer revolutionären
und subversiven Tradition und machte sich den Begriff des Patriotismus zu eigen, was
sich als Verfassungspflicht niederschlug. Der Konflikt einer ideologischen Nähe des
Patriotismus zum bürgerlich interpretierbaren Nationalismus wurde über das kommu-
nistische Emanzipationspotenzial der Arbeiterklasse gelöst. Da die Idee des Patrio-
tismus nicht mehr durch bürgerliche Interessen ausgebeutet werden könne, „habe auch
die Arbeiterklasse“ nach der sozialistischen Ineinssetzung von „Heimat, Staat und Volk
[…] ein Vaterland“24. Durch diese Perspektive konnte Patriotismus in die kommu-
nistische Ideologie eingliedert und als Teil der sozialistischen Erziehung angewendet
werden. Liebe zum bulgarischen Staat, zum Heimatland sowie die liebevolle Achtung
der bulgarischen Lebensweise sollten mithilfe der bewusstseinsbildenden Geschichts-
schreibung und durch den Besuch erinnerungsrelevanter Orte implementiert werden.25
Der Bulgare könne stolz auf seine Geschichte, auf den Befreiungskampf gegen Fremd-
herrschaft und auf seine revolutionäre Vergangenheit sein.26
Ein Programm zur umfassenden ästhetischen Bildung, maßgeblich von Ljudmila Živ-
kova27 konzipiert, rundete die patriotische Erziehung in den 70er-Jahren ab28 und stellte
die pädagogische Funktion von Kultur, Konsumbedürfnisse zu sublimieren, in den
Mittelpunkt.29 Indem Kulturphänomene auf die Volkskunst als vermeintlich frei von

21 Troebst 1983.
22 Iliev 2000: 3; Christow 1980: 237.
23 Troebst 1983: 74 ff.
24 Brunnbauer 2007: 96.
25 A. a. O.: 76 und 349.
26 A. a. O.: 97.
27 Ljudmila Živkova, die Tochter des Staatspräsidenten, promovierte 1971 über die englisch-
türkischen Beziehungen in den 30er-Jahren und absolvierte ab 1972 eine politische Laufbahn,
die sie erst in das Ministerium für Kultur (1972), ins ZK der BKP (1976) und 1979 ins Politbüro
führte. Ihr Verdienst ist die Öffnung der bulgarischen Kulturpolitik nach innen und außen.
Speziell an Živkovas Auffassung von Kultur war die universelle, Grenzen überwindende Kraft,
die sie Kultur und Ästhetik unter dem Einfluss esoterischer Lehren zuschrieb. Sie starb unter
nicht vollständig geklärten Umständen im Jahre 1981 (Michalkowa 2009).
28 Taylor 2007: 175.
29 Brunnbauer 2007: 326; etwas verkürzte Darstellung des kulturpolitischen Programms der
ästhetischen Erziehung. Maßgeblich sollte die Vervollkommnung der Persönlichkeit mithilfe
von (überlieferter und kreativer) Kultur (im Sinne eines schöpferischen und umfassenden
Einklangs von Mensch, Gesellschaft und Natur) angestrebt werden.

12
westlichen Einflüssen verkürzt wurden, markierten sie eine Schnittstelle zwischen
Geschichte und Kultur im traditionell nationalen Sinn. Die nun folkloristisch fest-
geschriebene „alte Lebensweise“ bildete die Grundlage für die sozialistische
Lebensart.30
Das Konzept der „reifen (entwickelten) sozialistischen Gesellschaft“31 wurde 1971 im
Parteiprogramm manifestiert und fand Eingang in die Präambel der Verfassung.32
Mit der Konsolidierung der BKP33 verschwand die Skepsis gegenüber einem national-
staatlich bourgeois interpretierten Nationsbegriff.34 Mit der staatstragenden Rolle der
BKP wurde der Nationsbegriff volkstümlich interpretiert.35 Über den nationalen Werte-
kanon erzielte die BKP eine höhere Bereitschaft der Bevölkerung, sich mit dem Regime
zu identifizieren.36 Kraft der Emotionalität des (schon vorsozialistisch geübten) nationa-
len Diskurses sollten auch jene zur Identifikation mit dem sozialistischen Staat und sei-
nen Symbolen bewegt werden, bei denen die kommunistische Propaganda versagte.
Wie Karin Taylor reklamiert, konnte die romantische Bindungskraft eines Nationsbe-
griffs, der das antimoderne Modell einer reinen, natürlichen Volksgemeinschaft bezie-
hungsweise die tugendhafte ritterliche Weltordnung bevorzugte, eine willkommene Al-
ternative zur öden und zuweilen diskrepanten Gegenwart von Klassenkampf und In-
dustrialisierung bieten37: „Die Idealisierung des nationalen Erbes diente dazu, eine
Sphäre außerhalb des Wirkungsbereichs der Politik zu versprechen, in der die Doktrin
des Marxismus-Leninismus keine Bedeutung zu haben schien. Diese Einschätzung si-
cherte den anhaltenden Einfluss des patriotischen Diskurses als eines der einflussreichs-
ten Instrumente der Partei.“38

30 A. a. O.: 328 ff.


31 Dazu Büchsenschütz 2004: 27.
32 Der X. Parteitag der BKP fand im April 1971 in Sofia statt. Der Text der Präambel lautet: „[...]
daß unter der Leitung der Bulgarischen Kommunistischen Partei durch die Verwirklichung ihres
Programms bei uns eine entwickelte sozialistische Gesellschaft aufgebaut wird, daß durch
unsere Arbeit das sozialistische Eigentum, der materielle und geistige Reichtum des Volkes
vermehrt wird, daß die sozialistische Demokratie erweitert und vertieft wird, daß noch
günstigere Bedingungen für die vielseitige Entwicklung der freien Persönlichkeit des Menschen
geschaffen werden; daß das unzerrüttbare Bündnis, die Freundschaft und die allseitige
Zusammenarbeit mit der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken und anderen brüderlichen,
sozialistischen Ländern gefestigt und erweitert werden.“
33 Živkovs Amtszeit war geprägt durch politische Stabilität, durch Verwaltungs- und Verfassungs-
reformen sowie durch wirtschaftliche Experimente, die in die Misswirtschaft führten
(Büchsenschütz 2004: 25).
34 Daskalov 2004: 245.
35 A. a. O.: 246.
36 Brunnbauer 2007: 45; zudem instrumentalisierte die BKP in ihrer Auffassung vom Kampf des
bulgarischen Volkes bewusst die etablierten Nationalhelden und konstruierte so eine
geschichtliche Kontinuität. Die BKP machte sich eine „Aura historischer Autorität“ zu Nutze
(Weber 2006: 78).
37 Taylor 2007: 177.
38 A. a. O.

13
3. Erinnerung und Ideologie

3.1 Der geschichtliche Fortschritt


Damit die Entscheidungen der BKP akzeptiert wurden, zeichnete die Partei ein Ge-
schichtsbild, das sie am Ende einer langen kausalen Ereigniskette verortete.39 Die
bulgarische Geschichte in der Interpretation Todor Živkovs war eine Geschichte der
„enlighteners, martyrs and heroes“40 in fortwährendem Widerstand gegen Usurpatoren.
Die bulgarische Nation hatte sich endlich, mithilfe der BKP, emanzipieren können,
um ihre historische Erfüllung in der kommunistischen Gesellschaftsordnung zu fin-
den.41 Ausgelegt wurde diese Entwicklung als geschichtlicher Fortschritt, da „zwischen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Verbindung besteht, wodurch sich die
Möglichkeit ergibt, die Objektivität der Kategorie Fortschritt in Bezug auf die bulga-
rische Geschichte und die Rolle Bulgariens in unserer Zeit beim Übergang der Mensch-
heit zu einer neuen, höheren Etappe der Weltzivilisation zu begründen“42. Fortschritt
selbst wurde ein Topos, der sich gerade im politischen Ziel des wissenschaftlich-
technischen Fortschritts (WTF) verwirklichen wollte – ein offensichtlich persönliches
Anliegen Živkovs.43
Die Arbeitsideologie, die gerade in den Aufbaujahren für die gesellschaftliche Mobilisie-
rung von Bedeutung war, wurde nun mit Fokussierung auf Leichtindustrie und Hoch-
schulbildung durch die Idee des WTF und, wie beschrieben, durch eine holistische
Komponente der persönlichen Vervollkommnung via Bildung ergänzt.44 Das Vehikel
der Modernisierung des rückständigen Landes, der technische Fortschritt, rechtfertigte
gleichsam das System.45 Der Kampf für ein besseres Bulgarien wurde nun nicht mehr
gegen den Staat, sondern als Fortschrittsprojekt mit dessen Hilfe geführt: „[...] the
practical merger of the party with the state made the Communist regime increasingly
into a bearer of the ‚state idea‘“46.

3.2 Das staatliche Mittelalter


Die Aufnahme der Herrscher des Ersten (und Zweiten) Bulgarienreichs in das Panthe-
on der bulgarischen Helden, bisher bevölkert von revolutionären Wiedergeburtsheroen
und Kommunisten, sowie das besondere Betonen bulgarischer Kulturleistungen sind
bezeichnend für den Verlauf des patriotischen Diskurses ab Mitte der 60er-Jahre.47 Die
Anreicherung einer Meistererzählung vom Kampf der unterdrückten Arbeiterklasse mit
ruhmreichen Herrschern verortete die holistisch antizipierte Höherentwicklung des bul-
garischen Volkes in staatlich geregelten Anfängen. Der sozialistische bulgarische Staat

39 Wolf 2003: 230.


40 Živkov 1982: 15.
41 A. a. O.
42 Christow 1980: 259.
43 Benkovska-Săbovka 2007.
44 Taylor 2007: 174.
45 Benkovska-Săbovka 2007: 154.
46 Daskalov 2004: 246.
47 Brunnbauer 2007: 344; zur Nachhaltigkeit des Bildungsdiskurses siehe auch Taylor
2007.

14
in seiner Verfassung sei ebenso Ergebnis der Entscheidungsmacht seiner Führungsper-
sönlichkeiten im Mittelalter. Der Stolz auf die Errungenschaften des ersten bulgarischen
Staates (gesellschaftliche Organisation, Kultur und Kriegskunst) fand sich in den der
Erziehung dienenden Schriften und Geschichtsbüchern fortan wieder.48 Die Rekon-
struktion der Nation als staatlich verfasst barg die Möglichkeit, die Nation in einen ge-
schichtlichen Zusammenhang zu stellen. Nach Dieter Langewiesche bestimmen die
Traditionslinien Territorium, Staatsverband, Geschichtsmythen und Krieg die nationale
Idee.49 „Ethnogenese folgt der Herrschaftsbildung, nicht umgekehrt, wie die nationalen
Mythologen vor allem seit dem 19. Jahrhundert geglaubt haben.“50 Im deterministischen
Ansatz, die bulgarische Nation des 20. Jahrhunderts sei das Ergebnis dieser frühmittel-
alterlichen Herrschaftsbildung, mussten die den modernen Staat kennzeichnenden
Parameter auch für seine Entstehungsphase geltend gemacht werden.
Geschichtsquellen und archäologische Erkenntnisse sollten die These der Staatlichkeit
untermauern. An dieser Stelle soll daher kurz der Konflikt zwischen modernem
Nationalstaatenverständnis sowie Ethnogenese- und Staatenbildungsprozessen des
Frühmittelalters mithilfe Ziemanns angerissen werden.

Für das Erste Bulgarische Reich wird üblicherweise von einem „Grundmodell geschlos-
sener Völkerschaften“51 ausgegangen, dessen Konstruiertheit eine vereinfachende Dar-
stellung ermöglicht, aber auch dazu verleitet, sich ethnische, sprachliche, kulturelle und
soziale Gemeinschaften im gebräuchlichen Sinne von Völkern vorzustellen.52 Dabei er-
fassen die Begriffe Volk und Staat nicht genau die Prozesse, die von einer „durch Mi-
gration und Instabilität geprägten Zeit zu einer Epoche der Kontinuität und Stabilität“53
führten. Völkerrechtlich ist der Staat erst seit dem Absolutismus durch Staatsgebiet,
Staatsvolk und Staatsgewalt gekennzeichnet.54
Eine geschichtspolitische Strategie der BKP war es, die genannten modernen Merkmale
des Staates für sich zu instrumentalisieren. Bewusst vernachlässigt wird in der vorliegen-
den Untersuchung die Frage des Territoriums, da diese in Bulgarien traditionell nationa-
listischer Kampfplatz ist.55

48 Brunnbauer 2007: 350.


49 Langewiesche 2000.
50 A. a. O.: 24.
51 Brunnbauer 2007: 10; um es mit den Worten Ziemanns auszudrücken, wird der
Ethnogeneseprozess des bulgarischen Volkes „als Verschmelzungsprozeß zwischen
bereits ansässigen Thrakern, den von Norden einwandernden Slawen und den aus dem
fernen Asien nach Europa hereinbrechenden Protobulgaren verstanden“ (a. a. O.: 9 f.).
52 Ziemann verweist auf die Praxis der Chronisten in der Spätantike, sich beim Erscheinen
fremder Völkergruppen auf die Völkerlisten der Antike zu berufen und in einer „auf
Völker fixierte[n] Sicht“ (Ziemann 2007: 13) zu schreiben, um sich die während der
Völkerwanderung im Umbruch begriffene Welt zu erklären. Das oben genannte Grundmodell
war auch später noch im historischen Bewusstsein verankert und wirkte sowohl auf die
Geschichtsschreiber als auch die Nutznießer der Geschichtsschreibung. Der Bezug auf die
Verwandtschaft mit bereits existierenden Völkern diente der Herrschaftslegitimation (a. a. O.).
53 A. a. O.: 2.
54 Woyke 2009: 653.
55 Synonym für die populistischen Positionen steht der umgangssprachliche Gemeinplatz,
Bulgarien hätte jeden Krieg gewonnen, aber immer Gebiete verloren. Der Geschichtskanon
verweist nicht grundlos auf die mittelalterlichen Gebietseroberungen und die territoriale
Ausdehnung Bulgariens zu Zeiten des Zaren Simeon. Darunter fällt die Verehrung Kliment von

15
Den frühmittelalterlichen Staat respektive das Reich zeichnet vor allem die Konzentrati-
on auf einen Herrschaftsträger und nicht auf einen abstrakten Staatskörper aus.
Die Präferenz eines Herrschaftsmodells in Korrespondenz mit byzantinischen Herr-
schervorstellungen schält sich nach Ziemann im Lauf der Geschichte Bulgariens heraus.
Diese Entwicklung wird aber aus der Perspektive eines statisch konzipierten,
da geschichtlich gefestigten, und modernen Staatsbegriffs nicht berücksichtigt.56 Selbst
in den byzantinischen Chroniken wird von einem bulgarischen Staatswesen erst ab der
Christianisierung und der Übernahme einer byzantinisch (und christlich) geprägten
Ordnung in den bulgarischen Herrschaftsverbänden gesprochen. In einem Weltbild,
das die Welt in zivilisiert und die Zivilisation bedrohend teilte, wurde Bulgare mit Bar-
bar gleichgesetzt.57

Ernst Christoph Suttner belegt die Relevanz der Christianisierung – und damit einher-
gehend die Affirmation der darin enthaltenen ethischen Normen – zum einen für die
diplomatische Anerkennung eines neuen Staatswesens, zum anderen für die staatsnatio-
nale Zugehörigkeit des Einzelnen.58 Maßgeblich waren die Loyalität zum Herrscher und
die Anerkennung von unter Obhut der Kirche gestelltem Recht und Kultur. Wer am
soziokulturellen höfischen Leben teilnahm und eine dort gebräuchliche Sprache be-
herrschte, konnte sich als Teil der Staatsnation betrachten.59 Der kulturelle Habitus be-
stimmte also in Ansätzen die Teilhabe am Staat, und die betreffende Oberschicht stand
von jeher in Austausch mit Byzanz. Die Christianisierung hatte, so Ziemann, die Legiti-
mation des Herrschers nach byzantinischem Vorbild zum Zweck und konsolidierte
durch die Einrichtung klerikaler Strukturen anschließend die Infrastruktur des Reichs.60
Obwohl also der 1981 auf das Mittelalter angewendete Staatsbegriff mit den Etappen
Gründung des Staates 681, Festigung und „Goldenes Zeitalter“ infolge der Christiani-
sierung das Ergebnis von Zuschreibungen war, konnte die soziale Komponente eines
mittelalterlichen Bündnisses von Herrscher und Volk als Symbol für die staatssozialisti-
sche Verbindung von Partei und Gesellschaft nützlich sein.61

3.3 Geschichtsbild
Von unschätzbarem Wert für die Auseinandersetzung mit der bulgarischen Geschichte
ist die Arbeit Ziemanns über den Entstehungsprozess des bulgarischen Reichs, in der er
anhand von Quellen und jüngsten archäologischen Forschungen die „in traditionell

Ohrids für den Aufbau einer Schriftschule. Die legendären Verwandtschaftsbeziehungen


zwischen bulgarischen Stämmen in Mösien und in Mazedonien finden ihren Niederschlag in
den Infografiken des Sofioter Nationalgeschichtlichen Museums und auch in den
Interpretationsversuchen des Reiterreliefs von Madara: „This is the first written domestic source
giving information about the link between Misian and Macedonian Bulgarians.“ (Čaralanova
1999: 75) Troebst gibt einen guten Überblick über den Paradigmenwechsel in Richtung einer
kritischeren Geschichtswissenschaft in den 1970er-Jahren, als beispielsweise zur
Mazedonienfrage Stellung bezogen wurde (Troebst 1983; Baeva/Troebst 2007).
56 Ziemann 2007: 12.
57 Geier 2001: 42.
58 Suttner 1997: 12 ff.
59 A. a. O.
60 Ziemann 2007.
61 Kerssen 1975: 66.

16
chronologischer Abfolge wichtige[n] Stationen der Ereignisgeschichte kritisch“62 über-
prüft. Der Verlauf der frühen bulgarischen Geschichte ist weitgehend kanonisiert:

„In der zweiten Hälfte des 7. Jh. ließen sich auf dem Territorium des heutigen Nordost-
bulgarien auch die Protobulgaren, ein Turkvolk, nieder. Im Bündnis mit den Slawen
gründeten sie das Bulgarenreich, das 681 von Byzanz anerkannt wurde. Chan Asparuch,
der Führer der Protobulgaren, trat an die Spitze des neuen Staatsgebildes und Pliska wur-
de zu dessen Hauptstadt erklärt. Unter der Herrschaft von Chan Terwel (700-718) erwei-
terte Bulgarien seine Gebiete und wurde zu einer großen politischen Macht. Unter Chan
Krum (803-814) grenzte Bulgarien im Westen an das Reich Karls des Großen und im
Osten drang das bulgarische Heer bis vor die Mauern der byzantinischen Hauptstadt
Konstantinopel vor. Unter der Herrschaft von Fürst Boris I. Michail (852-889) nahmen
die Bulgaren das Christentum an und erhoben es zur Staatsreligion (864). Damit wurden
die ethnischen Unterschiede zwischen Altbulgaren und Slawen beseitigt und es setzte die
Herausbildung einer einheitlichen bulgarischen Nationalität ein. Ende des 9. Jh. schufen
die Brüder Kyrill (Konstantin der Philosoph) und Method das slawische Alphabet und
verbreiteten es. Ihre Schüler Kliment und Naum kamen nach Bulgarien, hier fanden sie
eine freundliche Aufnahme und gute Bedingungen für eine umfangreiche literarische und
Bildungstätigkeit. Von Bulgarien aus fand das slawische Schrifttum auch in anderen sla-
wischen Ländern Verbreitung, so in Serbien und Russland. Ochrid und Pliska und später
auch die neue Hauptstadt Weliki Preslaw wurden Mittelpunkte der bulgarischen und der
slawischen Kultur überhaupt. Zur Herrschaftszeit des Zaren Simeon (893-927) erlebte
die bulgarische Kultur ein ,Goldenes Zeitalter‘ und die Grenzen des Staates reichten bis
an das Schwarze und das Ägäische Meer.“63

Die Fixierung der bulgarischen Geschichte als Instrument des nation-building war seit Be-
ginn des modernen bulgarischen Staates 1878 ein Versuch, die Bulgaren als Schicksals-
gemeinschaft im Sinne Ernest Renans zu interpretieren, um im „Staat ohne Nation“
überhaupt ein Nationalbewusstsein erzeugen zu können.64 Ein Grundproblem der bul-
garischen Nationswerdung 1878 war, dass Bulgarien als Produkt aus der Zersplitterung
des Osmanischen Reichs hervorging. Der Staat als eine Verwirklichungsform der Nati-
on sollte in der vorosmanischen Vergangenheit für die Existenz der gegenwärtigen Na-
tion bürgen. „Denn hier folgte historische Unterfütterung nicht einem politischen Akt
nationaler Wiedervereinigung, sondern strebt in umgekehrter Reihenfolge durch ge-
schichtspolitische Vermittlung vielmehr den Nachweis ethnonational-territorialer Ei-
genständigkeit bis hin zur ‚gesetzmäßigen‘ Staatlichkeit an.“ 65

62 Ziemann 2007: 1.
63 Länderinformationen der Bulgarischen Botschaft/Посолство на Република България в
Берлин, Германия: Geschichte und Geographie. Online verfügbar unter
http://www.mfa.bg/berlin/index.php?, zuletzt geprüft am 12.11.2009.
64 Weber 2006: 17.
65 Schorkowitz 2008: 27.

17
3.3.1 Der Gründungsmythos
„Obwohl die Mittelaltergeschichte stets zur nationalen Gemeinschafts- und Identitätss-
tiftung herangezogen worden war, fehlte Bulgarien ein nationalstaatlicher Gründungs-
mythos, der über die Befreiung von 1878 hinausreichte.“66 Die staatlich organisierte Er-
innerungskultur im staatssozialistischen Bulgarien, die ihren Höhepunkt in den Festlich-
keiten zum 1 300. Jahrestag der bulgarischen Staatsgründung fand, basierte auf nachfol-
gend dargestelltem, Komplexität reduzierenden Gründungsmythos.

Unter der Führung von Herrschern und mithilfe staatlicher Institutionen wurde die bul-
garische Nation aus drei Ethnien geformt: aus der indigenen Bevölkerungsgruppe der
Thraker, aus Protobulgaren und aus Slawen, die sich im frühen Mittelalter im heutigen
Gebiet Bulgariens ansiedelten. Dabei standen im Zuge der bulgarischen Ethnogenese
den Ethnien folgende symbolische Rollen zu: Die Thraker sollten das kulturelle und
spirituelle Erbe der Antike vermitteln, die bevölkerungsstärkste Gruppe der Slawen
brachte ihre Lebensweise ein, und den Protobulgaren als erfahrenen Kriegern und
Herrschern kam die Rolle zu, das Staatswesen zu organisieren. „Die Stammesverbände
waren der Auftakt zur Herausbildung von slawischen Staaten, doch waren sie nicht wie
echte Staaten organisiert und nicht von langer Dauer. Sie besaßen kein ständiges Heer,
keine ständige Verwaltung und auch kein streng umrissenes staatliches Territorium.
Die Bevölkerung unterstand keinen allgemeinen Gesetzen. Dieser Zustand änderte sich,
nachdem die Protobulgaren auf die Balkanhalbinsel gekommen waren“67, so die offiziel-
le Deutung im 1980 herausgegebenen Geschichtsband. Die Protobulgaren stifteten
sprachliche, konfessionelle und territoriale Einheit.

3.3.2 Die bulgarische Ethnogenese und die staatliche Funktion der Protobulgaren
Die These, die Protobulgaren seien zur Führerschaft begabt, hatte sich in der Zeit zwi-
schen den beiden Weltkriegen herausgeschält, um die Einzigartigkeit der bulgarischen
Nation zu beteuern, die sie von anderen slawischen Staaten unterschied.
Die historische Dankbarkeit Bulgariens gegenüber Russland war in der Phase der natio-
nalistisch gesinnten Eigenstaatlichkeit verblasst, weshalb das slawische Element, das tra-
ditionell eine Verbindung zum Befreier Russland und die Anschlussmöglichkeit an das
christliche Europa sicherte, in der Ethnogenese hinter den protobulgarischen Einfluss
zurückgedrängt wurde.68 Wechselseitig bedingten sich Mittelalterinteresse und Imagege-
winn der Protobulgaren in den 1920er-Jahren. Die nationale Erzählung der Mittelalter-
geschichte, so rekapituliert Claudia Weber für die Zeit zwischen den beiden Weltkrie-
gen, war in eine mythische Vorzeit gerückt, da es keine Artefakte und Erinnerungsorte
innerhalb der Landesgrenzen und, bis auf die Slawenapostel und Kliment von Ohrid,
kein (festtäglich verankertes) öffentliches Gedenken an „heldenhafte“ Personen gab.69
Das Mittelalter war nicht öffentlich präsent in den Erinnerungspraktiken verschiedener
sozialer Gruppen, da es nur in Elitendiskursen und in der offiziellen Vergangenheitspo-
litik thematisiert wurde. Die sinnstiftende Funktion der Mythen jedoch sollte in der kri-

66 Weber 2006: 283.


67 Christow 1980: 24.
68 Iliev 2000.
69 Weber 2006: 260.

18
senhaften Zwischenkriegszeit auch im öffentlichen Bewusstsein ein Bedürfnis nach
Vergangenheit erzeugen. Durch die zeitliche Nähe des 1928 stattfindenden 50. Jahres-
tags bulgarischer Rechtsstaatlichkeit und die 1000-Jahr-Feier im Jahr darauf sollte die
Periode der Eigenstaatlichkeit in die tausendjährige Existenz eingebettet werden, zu de-
ren Anfang ein idealisiertes „Goldenes Zeitalter“ mit einem ruhmreichen Herrscher Si-
meon, einer bemerkenswerten territorialen Ausdehnung sowie überregional geschätzten
Schriftschulen in Ohrid und Preslav stand. Auf die Säulen Kultur und Rechtsstaatlich-
keit stützte sich 1929 das Bild des progressiven Staates, um die Lücke im Gemein-
schaftsgefühl der Bulgaren, die sich mit zahlreichen und divergierenden Enttäuschun-
gen nach dem Ausgang des Ersten Weltkrieges konfrontiert sahen, durch das staatliche
Projekt eines zukünftigen goldenen Zeitalters zu schließen. Sowohl das Leitthema
Fortschritt, das der Staat bereits 1929 für seine Inszenierung beanspruchte, als auch das
Konzept einer Zusammenführung aller Bulgaren unter einem Staatsgebiet – dem San-
Stefano-Trauma70, das die Vorkriegszeit bestimmt hatte – ließen sich unter dem Bild des
ruhmreichen bulgarischen (staatlich organisierten) Mittelalters subsumieren.
„[...] ‚geistige Arbeit‘, ‚kulturell-religiöse Bildung‘ und ‚Schrifttum‘ waren wie schon in
der Stambolijski-Ära Codewörter kollektiver Selbstvergewisserung und Identität, die
diesmal aber im Unterschied zur Bauernpartei explizit nicht auf Nation, sondern auf
Staat bezogen waren.“71
Das der kommunistischen Ideologie inhärente Fortschrittsparadigma sollte dieser Tra-
ditionslinie folgen. 1981 markierte der Topos des „Goldenen Zeitalters“ nicht den na-
tionalen Anfang, sondern die erste Blüte im Prozess der staatlich organisierten Genese
der bulgarischen Nation. Die Verschiebung des bulgarischen Gründungsmythos um
200 Jahre ermöglichte es der kommunistischen Führung, das Projekt eines umfassenden
gesellschaftlichen Umbaus in eine lichte Zukunft zu spiegeln.
Die Konzeption einer „homogenen bulgarischen Nation“72 – als ein Ergebnis des Plen-
ums der BKP zu Fragen der Ideologie 1974 – schloss eine ruhmreiche Vergangenheit
ein, mit der die Gegenwart durch heroische und revolutionäre Traditionen verbunden
war. „Leistungen und Existenzformen“73 tradierend, sah sich die BKP in einer Ahnen-
reihe mit den Gründern des bulgarischen Staates. Die Einbeziehung nationaler Mythen
sollte die Autorität der Partei unterstreichen.74 Den Fokus auf die bulgarische Herr-
schergeschichte und ihre progressive Funktion75 legte Todor Živkov selbst. In seiner

70 Der Vorfrieden von San Stefano war Ergebnis des russisch-türkischen Kriegs 1877 – 1878 und
sicherte Bulgarien, das damit seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erlangte, mehr
Territorium zu, als es derzeit hat. Der Berliner Kongress revidierte das Ergebnis zu Ungunsten
von Bulgarien.
71 A. a. O.: 290.
72 Troebst 1983: 80.
73 Kerssen 1975: 12 f.
74 Weber 2006: 78.
75 „Doch damals [Erstes Bulgarisches Reich; Anmerkung der Autorin] wurden andere
gesellschaftlich-historische, in ihrem Grundcharakter zutiefst fortschrittliche Aufgaben in die
Tat umgesetzt. Ohne ihre Lösung hätten der bulgarische Staat und die bulgarische Nation nicht
existiert. Bulgarien wäre nicht das geworden, was es heute ist. Eine kommunistische Nation
kann sich ohne Geschichte nicht konstituieren.“ (Živkov in Troebst 1983: 76) Die biografische
Deutung der bulgarischen Geschichte war bereits seit der Staatsgründung praktiziert worden
(Weber 2006: 215) und erfuhr nur durch die Konzentration der BKP auf die Partisanentradition
eine Zäsur.

19
Rede zum Auftakt der 1300-Jahr-Feier deutete er die bulgarische Nation als Schicksals-
gemeinschaft, deren geschichtliches Erbe die Zukunft vorausbestimme:

„The present is inseparable from the past. The future is inseparable from the past and
the present. In the year of the thirteenth centennial of Mother Bulgaria we, her children
of today, unfold the unforgettable pages of history, in order to probe more deeply into
our nation's destiny and see the future more clearly; to uplift our hearts and arm our
minds with the aspirations, virtues and traditions which lent strength to our
predecessors, which lend strength to us today, and will lend it to our children and
grandchildren in their forward march.“76

Der Mittelalterdiskurs wurde in den 1960er-Jahren aufgegriffen – auch als Versuch, den
Status der Protobulgaren in der Historiografie zu rehabilitieren, da diese geschichtspoli-
tisch instrumentalisiert worden waren, um antirussische Positionen zu stärken.
Im Geschichtsdiskurs mussten sich protobulgarische Apologeten gegen den Vorwurf,
einen bereits existierenden Staat vernichtet zu haben, wehren. „[...] they could not easily
be given primary importance in the Pantheon of ancestors“77. Ihre Aufnahme in die na-
tionale Ruhmeshalle erfolgte jedoch nicht aus einer dynastischen Perspektive zur Ver-
herrlichung eines ins Religiöse verklärten Herrschers heraus, wie es anhand der Figur
Simeon des Großen als Protagonist des „Goldenen Zeitalters“ zur 1000-Jahr-Feier Bul-
gariens praktiziert wurde, sondern mit dem Staat als Hauptakteur und einer Reihe von
Führungspersönlichkeiten, die stellvertretend für bestimmte staatliche Institutionen und
Errungenschaften gesetzt wurden. Der Staatspräsident Todor Živkov fasste in seiner
Rede zur 1300-Jahr-Feier die Bestandteile dieses Mittelalterbildes noch einmal zusam-
men:

„The enduring grandeur of the cause of our ancestors lies in the fact that the Bulgarian
State – in contrast to the states existing at the time of our continent – was built on the
principle of nationality, as a state of one people – the Bulgarian people. It arose on the
basis of three main ethnic components – the Proto-Bulgarians, Slavs and Thracians -
which formed one nationality, the Bulgarian. It was the first Slav state, which heralded
the political and spiritual awakening of the Slav world of many millions, helped it to join
the civilization of the times and gave it an irresistible impetus towards the forefront of
that civilization. Glory be to that great prime builders; under whose leadership the
Bulgarian people created their centralized state – the khans Asparouh, Kroum,
Ormurtag, knyas Boris I., the tsars Simeon, Samouil, Assen, Peter, Kaloyan, Assen II.!
The Bulgarian land was long ago the centre of cultures great for their times, which had
an influence on ours and which our ancient people creatively infused into its own
culture. But there is one cause in our past which is particularly important in explaining
our national resilience and indestructibility – the cause of those brothers of genius, Cyril
and Methodius, and their disciplines.“78

76 Živkov 1982: 5.
77 Iliev 2000: 3.
78 Živkov 1982: 13.

20
Anhand der Titel und Ämter präsentiert sich diese Herrschergeschichte als Karriere
vom Fürstentum zu einem Byzanz ebenbürtigen Kaiserreich.79 Als zweite Säule, neben
der Rechtsstaatlichkeit der Herrscher, wird die Kulturstaatlichkeit durch die Slawenapo-
stel symbolisiert.

Ergänzend unterstützten sich nationale Unterscheidungsmerkmale ethnischer und kul-


tureller Färbung. Kultur wurde zweifach hergeleitet: über das thrakische Erbe und über
die mittelalterliche Schriftkultur. Die historischen Thraker, wie Ziemann schreibt80,
nicht mehr als die Bewohner des Verwaltungsgebiets Thrakien, wurden
erinnerungskulturell ethnisiert. In den 1920er-Jahren als Verbindungsglied zwischen
Griechen und Römern für die europäische Herkunft der Bulgaren instrumentalisiert,
wurde ihnen – analog zu den Dakern in Rumänien – in den 1970er-Jahren eine
kulturelle Eigenständigkeit zugesprochen, die sich hauptsächlich in einer besonderen
geistigen Nähe zur Natur ausdrückte. Dieser Moment markierte einen „gradual shift of
their [bulgarian; Anmerkung der Autorin] identity“81. In den außenpolitischen
Bemühungen Živkovas wurde diese Sicht, gestützt durch thrakische Artefakte, mittels
einer Kulturkampagne etabliert und wirkte fortan auch auf das bulgarische
Selbstverständnis ein. Nur am Rande erwähnt sei die Korrespondenz einer thrakischen
spirituellen und intellektuellen Prädisposition mit Živkovas sozusagen kosmischem
Kulturbegriff.82
Die Zuschreibung von aus mythischer Urzeit hergeleiteten Sinn stiftenden Attributen
operationalisierte die Rolle der drei Ethnien zur Klärung des bulgarischen Nationalcha-
rakters, wie Iliev in der Geschichte der bulgarischen Ethnogenese nachvollzieht.83 Die
Dreiteilung der Gesellschaft erinnert dabei an die sozialistische Trias von Arbeiter, Bau-
ern und Intellektuellen. Thraker wurden zu einem Gleichnis geistiger Werte und Intel-
lektualität stilisiert, Slawen wurde die landwirtschaftliche Lebensweise unterstellt, und
protobulgarische Führung reproduzierte die im Parteikörper amalgamierte führende Ar-
beiterklasse. Diese Rollenverteilung – Spiritualität der Thraker und Staatsfähigkeit der
Protobulgaren – schlug sich in zwei parallelen Diskursen nieder, in denen intellektuelle
Autonomie einerseits und offizielle Politik andererseits ihre Heimat fanden.84 Die Ver-
absolutierung von Kultur – die Konstruktion eines Raumes purer Kultur als thraki-
schem Erbe – ermöglichte eine Entsprechung des kulturpolitischen Ideals Živkovas ei-
nes (globalen und) Konflikte überwindenden kulturellen Potenzials und damit einherge-
hender Friedenssicherung durch Völkerverständigung, das dem Postulat des Internatio-
nalismus im sowjetischen Fahrwasser entsprach, und kam dabei dem umfassenden Pro-
gramm einer ästhetischen Erziehung85 entgegen. Auch für das Verhältnis von Slawen
und Protobulgaren, das nicht in der Annahme gründete, die unter diesen Namen ge-

79 Wie Jérôme Brugger formulierte: eine personengebundene Erfolgsgeschichte von den


Anfängen der Thraker zu Dimitrov und Živkov, einzig unterbrochen durch das „türkische
Joch“ (Brugger 2006: 14).
80 Ziemann 2007: 24.
81 Iliev 2000: 4.
82 Michalkowa 2009.
83 Iliev 2000.
84 A. a. O.
85 Vgl. Brunnbauer 2007.

21
führten Gruppen verstünden sich als Unterordnung bestimmter Herrschaftsverbände86,
sondern vielmehr dem Gedanken entsprach, diese ließen sich in das Korsett eines mo-
dernen Volks- oder Nationsbegriffes zwängen, war ein „Rollenset“87 vorgesehen. Ein
bereits bestehender Ruf wurde aufs Neue verbreitet: Protobulgarisches und slawisches
Kulturerbe unterschieden sich anhand eines männlichen und eines weiblichen Prinzips.
Letzteres wurde aus der geschichtlich signifikanten slawischen Sprache abgeleitet, erste-
res mit dem Kriegsgeist der berittenen Nomaden legitimiert.88 Ein militärisches,
„viriles“ und kreatives Image rettete sich über die Slawisierungstendenz der
Nachkriegsperiode. Protobulgarische Rollenzuschreibungen repräsentierten weiterhin
traditionell die Staatsnation. Und 1980 wurde bestätigt: Die Protobulgaren gründeten
den Staat.89 Das angedichtete disziplinierte, staatstragende und militärische
protobulgarische Wesen versicherte der Nationsbildung etwas Heldenhaftes. Der den
Rang eines nationalen Charakterzugs einnehmende Kampfgeist der Bulgaren wurde als
notwendiger und aufopferungswilliger Heimatschutz propagiert.90

3.3.3 Das „Goldene Zeitalter“ - Bildung und Kultur im Diskurs der Schriftkultur
Die Ambivalenz zwischen dem Bedürfnis nach einem ruhmreichen nationalen Anfang
und der proklamierten Friedfertigkeit der sozialistischen Gesellschaft wurde zweifach
kompensiert: durch den Sieg der Staatlichkeit über die Barbarei im so genannten Frie-
densabkommen mit Byzanz im Gründungsjahr 68191 und über die Setzung der Slawen
als einfache, familienorientierte und friedfertige Bauern.92 Im offiziellen Geschichtsdis-
kurs sollten die Konversion des bulgarischen Herrschers Knjas Boris I. (852-889) in
den 60er-Jahren des 9. Jahrhunderts und die Etablierung unabhängiger klerikaler Struk-
turen kulturpolitisch gedeutet werden. Die nationale Vereinigung der angeblich konfli-
gierenden Ethnien sollte mit konfessioneller Hilfe eingeleitet worden sein, wobei – be-
dingt durch die Verbreitung des Altslawischen als Schrift- und Kirchensprache, was von
den Schülern der Slawenapostel Kyrill und Method initiiert worden war – das slawische
Element hegemonial wurde. Kyrill und Method und die missionarische Tätigkeit ihrer
Schüler wurden dienstbar gemacht, um die mit dem Begriff „Goldenes Zeitalter“ trans-
portierten Ideale der Schriftlichkeit und Bildung nicht nur zur nationalen Legitimation
zu nutzen, sondern um unter den slawischen Staaten zudem eine gewisse Kulturhoheit
zu beanspruchen.93 Die bulgarische Form des Slawischen sollte die Grundlage für die

86 Ziemann 2007.
87 Iliev 2000: 7.
88 A. a. O.: 6; das Bild, das den Slawen bereits im 19. Jahrhundert zugeschrieben wurde, war das
friedfertiger kommunal und familiär organisierter Bauern (a. a. O.).
89 A. a. O.: 8; „Die Initiatoren der Staatsgründung waren die Protobulgaren.“ (Christow
1980: 5).
90 Brunnbauer 2007.
91 Živkov 1982.
92 Iliev 2000.
93 Suttner fasst die Bedeutung des Kirchenslawisch für die bulgarische nationale Identität
zusammen: „Voraussetzung, daß die Bulgaren die in unmittelbarer Nachbarschaft des byzan-
tinischen Reiches und auf einem von diesem Reich beanspruchten Territorium lebten, bei der
Christianisierung keine Griechen wurden, war, daß sie eine eigene, von der Sprache der byzan-
tinischen Staatsnation abgehobene Kirchensprache erlangten. Voraussetzung, daß die Bulgaren
in ihrer Kirchensprache die für ein vollberechtigtes Mitglied in der ‚Liga der Nationen‘ erforder-
liche kulturelle Entfaltung möglich wurde, war, daß diese Kirchensprache nicht ihr ausschließ-

22
Übersetzung sakraler Literatur aus dem Altgriechischen bilden und dem Slawischen
eine Periode kultureller Selbstbehauptung und Volksbildung bescheren, so in „1300
Jahre Bulgarien“.94
Das Besondere am Missionswerk Kyrills und Methods war in der Tat die Übersetzung
eines „höheren Bildungswissens“95 in eine bei den Volksstämmen gebräuchliche Spra-
che, was in der Konsequenz identitätsbildend wirkte. Geschichtswissenschaftlich veran-
kert wurde die bulgarische Manuskriptkultur als schon durch Protobulgaren überlieferte
Kulturtechnik sowie Zeichen bulgarischer Kulturstabilität, sodass es nicht verwunder-
lich war, dass die kulturelle Blüte auf fruchtbarem bulgarischem Boden gedieh.96 Die
Vielzahl an sich in Gebrauch befindlichen grafischen Systemen im Ersten Bulgarischen
Reich habe die Voraussetzung nicht nur für die Schriftsprache, sondern auch für die In-
stitutionalisierung der Verwaltung geschaffen.97 Für die staatlich getragene Erinnerungs-
kultur relevant ist in dieser Interpretation bulgarischer Schriftkultur die Verzahnung
von kultureller Entfaltung und staatlicher Struktur sowie – wie es im Denkmal für die
„Gründer des Bulgarischen Staates“ deutlich wird – die Ineinssetzung von Historiogra-
fie und staatlicher Repräsentation, manifestiert im Geschichtsbewusstsein des Herr-
schers.

Die Säkularisierung der Slawenapostel erfolgte durch die Festschreibung eines Feierta-
ges im nationalen Festtagskalender 1969 als zentral organisierter und gleichförmig in-
szenierter „Tag der bulgarischen Bildung und Kultur und des slawischen Schrifttums“.
„Fortan symbolisierten Kyrill und Method und ihre Schüler die Вildungsideale und
Leistungen der sozialistischen Kultur“.98 Kyrill und Method wurden von Živkov anläss-
lich des Staatsjubiläums als Aufklärer des dunklen Mittelalters repräsentiert und in eine
Reihe gestellt mit Helden und Märtyrern, die ihre historische Erfüllung im demokrati-
schen, progressiven und revolutionären Kampf gegen die Unterdrückung in der kom-
munistischen Partei fanden.99

Der Tendenz Živkovas, einem in die Kultur gelegten Heilsversprechen emotionale


Kraft abzugewinnen, steht hier die Domestizierung von Religion im Kommunismus

licher Besitz blieb. Die geringe Zahl der Gebildeten einer einzigen Nation hätte nicht ausge-
reicht, dem slawischen Bildungswesen jene Entfaltung zu garantieren, die erforderlich war,
damit es neben der byzantinisch-griechischen literarischen Welt eigenständig bestehen konnte.“
(Suttner 1997: 36 f.).
94 Christow 1980: 36; ebenso konnte die Verlagerung der Hauptschauplätze in das heutige Gebiet
Mazedoniens als geschichtspolitisches Mittel, den Mazedoniendiskurs in das nationale Narrativ
zu reintegrieren, ausgelegt werden. „Dazu wurde Kliment in das Gebiet Kutmiceveca in Make-
donien mit der Hauptstadt Ohrid gesandt, wo er als Geistlicher wirkte, das Christentum unter
der einheimischen Bevölkerung verbreitete und etwa 3500 Schüler das slawische Schrifttum
lehrte. Später wurde er zum Bischof von Ohrid ernannt. […] Kliments Tätigkeit als Lehrer und
Geistlicher hatte eine außerordentlich große Bedeutung für die Verbreitung der christlichen
Religion in dem Gebiet Kutmiceveca (Westmakedonien) und die kulturelle Entwicklung der
dortigen bulgarischen Bevölkerung.“ (A. a. O.: 38).
95 Suttner 1997: 17.
96 Gjuselev 2005; Koleva Dimitrova 2007: 42.
97 A. a. O.
98 Michalkowa 2008: 370.
99 Živkov 1982: 6 und 15.

23
entgegen.100 Die Bestimmung der Gegenwart als Vermächtnis einer ruhmreichen Ver-
gangenheit, wie sie in Bulgarien erfolgte, ist kein Einzelfall. Ludger Kerssen fasst die
Motive des deutschen Interesses am Mittelalter im 19. Jahrhundert zusammen:

„Es wurde idealisiert als Zeit religiöser Bindung, konfessioneller Einheit, opferbereiter
Glaubenskraft und als Entfaltung christlich-germanischen Geistes, als Blütezeit deutscher
Kunst und Dichtung und als Epoche deutscher Kaiser- und Reichsherrlichkeit. Nationale
Hoffnungen und Erwartungen entzündeten sich am Mittelalter, Erscheinungen der Ge-
genwart wurden an ihm gemessen. Als angebliche Blütezeit deutscher Geschichte wirkte
es auf das Selbstbewußtsein der Nation, Existenzformen und Leistungen dieser Zeit
wurden als wiederholbar betrachtet. Wer den nationalen Neuanfang und die Erfüllung
nationaler Wünsche mit der nationalen Vergangenheit verknüpfte, schuf Traditionen, gab
der Nation die Weihe des Alters und historische Tiefe. Die Berufung auf das Mittelalter
ließ die nationale Wiedergeburt als Vollzug einer Verpflichtung und als Antritt eines
Erbes erscheinen. Das Bekenntnis zur Nation äußerte sich als Bekenntnis zur
Geschichte. Die Versenkung in die mittelalterliche Vergangenheit konnte sowohl aus
dem Gefühl des Ungenügens an der Gegenwart als auch dem Gefühl nationalen
Triumphes erfolgen.“101

Die Konzeption der Geschichte als kulturelles Erbe impliziert das Recht und die Ver-
pflichtung der gegenwärtigen Gesellschaft, die Erbschaft anzutreten und zu verwalten.
Vermeintliche Vermächtnisse können und sollen so erfüllt werden.

3.4 „Die Wiege der Kultur“- Erinnerungslandschaft bulgarisches Frühmittelalter


Der staatlichen Deutung bulgarischer Geschichte folgte die Verwaltung der Erinnerun-
gen.102 „Erinnerungsarbeit wurde verrechtlicht, in Archiven verwaltet und in Museen

100 Kenneweg/Troebst 2008: 288.


101 Kerssen 1975: 12 f.
102 Das Thema Erinnerung ist hinlänglich wissenschaftlich bearbeitet. Einen guten Einblick
gewährleistet Astrid Erll in ihrem 2005 veröffentlichten Buch „Kollektives Gedächtnis und
Erinnerungskulturen. Eine Einführung“. Ich schließe mich Mechtild Gilzmers Definitionen zu
Gedächtnis, Erinnerung, Gedenken und Erinnerungskultur an: „Einerseits ist damit der rein
biologische Aspekt gemeint, die organisch-körperliche Fähigkeit sich zu erinnern, andererseits
die konkrete Form dieser Erinnerung (Medien) als auch der gespeicherte Inhalt an
Erinnerungen (einer Person oder Gruppe). Erinnerung ist demgegenüber der Akt des
individuellen oder gemeinschaftlichen Sich-Erinnerns. Das Gedenken schließlich ist eine
besondere, ritualisierte Form der Erinnerung.“ (Gilzmer 2007: 17) Und: „Unter
Erinnerungskultur schließlich sei die jeweilige Gesamtheit von Denkformen, sozialem Handeln
und Institutionsbildung zu verstehen, die für Gedächtnis, Erinnerung und Gedenken eines
Einzelnen, einer Gruppe oder einer bestimmten Gesellschaft spezifisch sind.“ (A. a. O.: 18)
Erinnerungsarbeit ist die Arbeit an der Erinnerungskultur. Entsprechend eines pragmatischen
Selbstbildes rekonstruiert eine Gruppe mittels Erinnerung ihre Vergangenheit, die sich
strukturell an den Symbolen und ihren Trägern orientiert, um Bezugspunkte zu ermöglichen, die
die Gemeinsamkeit herausstellen und die Gruppenidentität ausbilden. Elemente dieser
Erinnerung werden im kollektiven Gedächtnis formatiert, gespeichert und dienen als
„Erinnerungsfiguren“ dem Gründungsmythos der Gruppe oder dazu, die idealisierte
Vergangenheit von der Gegenwart abzugrenzen, um die Gruppe für eine bessere Zukunft
einzustimmen (Gostmann/Schatilow 2008: 31). Die Erinnerung ist, um sie im kollektiven

24
öffentlich begehbar gemacht“103, galt schon für die Eigenstaatlichkeit ab 1912.
Die kommunistische Partei nahm sich dieser Strukturen an und verfestigte sie mit Blick
auf die Jubiläumsfeierlichkeiten, die 1981 stattfinden sollten.104
Die Erinnerungsarbeit wurde in die Hände der Geschichtswissenschaftler gelegt, die
zentral und gleichförmig das Mittelalter in Publikationen, Ausstellungen und Historien-
filme trugen. „Wer oder was als ‚bulgarisch‘ zu betrachten ist, wird in Sofia
bestimmt“105, kommentiert Stefan Troebst das Diktat.
Die Strategien, um Geschichte abseits der Pfade der Geschichtsschreibung zu präsen-
tieren, waren die Inszenierung von Jubiläen sowie Musealisierung – zeitgenössische
Trends der Geschichtsvermittlung, wie Rosmarie Beier-de Haan feststellt, mit der
Funktion, zu integrieren, zu orientieren und nicht zuletzt zu unterhalten.106 In Kombi-
nation mit dem Ordnungsverfahren der Geschichtsschreibung sollten die archäologi-
schen Stätten und auch Objekte ihr narratives Potenzial entfalten und dem Rezipienten
die persönliche Verbindung zur bulgarischen Geschichte sinnvoll vermitteln. In den
Ausstellungen wirkte das Auratische eingewoben in einen räumlich-ästhetischen Insze-
nierungszusammenhang.107 Für die öffentliche Erinnerungskultur besaßen Museen, ar-
chäologische Stätten und Fundstücke, aber auch Briefe, Filme und Fotos den Charakter
des Authentischen und sollten als Erinnerungsorte ästhetisch-expressiv die Vergangen-
heit repräsentieren und imaginieren.108 Die Geschichtswissenschaften dienten dabei der
argumentativen Untermauerung der Vergangenheitsinszenierung mittels dieser Erinne-
rungsorte. 1981, in der „typische[n] Jubiläumsmanie“109, schien der Rundumschlag von
Musealisierung, Inszenierung der archäologischen Stätten, dem zusätzlichen „historio-
graphische[n] Ausschlachten dieser notorischen Jubiläen“110 und dem Denkmal „Grün-
der des Bulgarischen Staates“ als Krönung vollzogen worden zu sein. So wurden in Šu-
men, Preslav und Pliska pünktlich zum Thementag „Erbe und Kontinuität“ Museen
wiedereröffnet, der „Reiter von Madara“111, ein den Protobulgaren zugerechnetes Stein-

Gedächtnis abrufen zu können, ästhetisch und räumlich organisiert (Welzer 1995: 8).
103 Weber 2006: 128.
104 Einen Überblick über die staatliche Neugründung von Geschichtsinstituten bietet Iliev 2000: 3.
Troebst 1983 überblickt die Lage der Geschichtswissenschaften.
105 Troebst 1983: 221.
106 Beier-de Haan 2005: 8.
107 A. a. O.: 179; Menkovic 1999: 18.
108 A. a. O.: 21.
109 Troebst 1983: 70.
110 A. a. O.
111 Als Zeichen der Kulturhöhe der Protobulgaren und als Geschichtsdokument hat das
Felsrelief Eingang in populäre und wissenschaftliche Diskurse gefunden. Als das populärste
Nationalsymbol, das im Rahmen einer Nationalkampagne „Die bulgarischen Symbole“ 2008 per
Umfrage des bulgarischen Fernsehens ermittelt wurde, soll der „Reiter von Madara“ noch vor
der kyrillischen Schrift und Carevets als Hauptstadt des Zweiten Bulgarischen Reichs als Motiv
die Euromünze zieren. Bei allen drei Symbolen ist der Mittelalterbezug offensichtlich. Anlässlich
des 30. Jahrestages der Aufnahme des „Reiters von Madara“ in die Weltkulturerbeliste der
UNESCO hat die Gemeinde Šumen (Obština Detski Kompleks) einen nationalen Wettbewerb
für Kinder zum Thema „Der Reiter von Madara – Symbol der historischen Vergangenheit und
europäischen Zukunft Bulgariens“ vom 27. Mai bis 5. Juni 2009 ausgeschrieben. Eine Auswahl
der bildnerischen Arbeiten wurde im regionalen Museum in Šumen gezeigt. Der größte Teil der
Arbeiten hat Abbildungscharakter; zu dezidiert bulgarischen oder europäischen Themen wurde
nicht übergeleitet.

25
relief, wurde 1979 in der Weltkulturerbeliste der UNESCO verzeichnet, und die Aus-
grabungen in den ersten beiden Hauptstädten Piska und Preslav wurden wieder aufge-
nommen. Materielle Artefakte aus der Regierungszeit Simeons, von Christow als „feste
materielle Basis“112 der staatlichen und kirchlichen Verwaltung Bulgariens und als
Grundbedingung Krieg zu führen interpretiert, bildeten die erinnerungstechnische
Grundausstattung der Ausstellungen und sollten die These der kulturellen Blüte als Ver-
bindung von zivilisatorischer Errungenschaft mit ästhetischem Anspruch nochmals be-
legen.113 Die Archäologie stand hier im Dienst einer glorifizierenden Erzählung über die
Herkunft des Volkes.114

3.4.1 Pliska, Preslav, Madara - Archäologie und Artefakte


Subtiler als die dem Mittelalter gewidmeten Ausstellungen der Landesmuseen wirken
die archäologischen Reservate „Alte Stadt Pliska“ (Staraja Grad Pliska) und Preslav.115
Als „Wirkungsträger dritten Grades“116entfalten sie den unmittelbaren Eindruck von
Bedeutsamkeit. Die Erinnerung ist, um sie im kollektiven Gedächtnis abrufen zu
können, ästhetisch und räumlich organisiert.117 Die das Gedächtnis stützende Funktion
des Raumes und der „Gedächtnisorte“ im Raum ermöglicht die „Semiotisierung von
materiellen Gegebenheiten“,118 also die symbolische Aufladung von Räumen mithilfe
ihres Repertoires an Erinnerungsfiguren. Kollektive Erinnerung lässt sich anhand von
für den Gruppenbestand unerlässlichen Fixpunkten festlegen. Deren Bedeutung lässt
sich noch intensivieren, „wenn man mehrere Gedächtnisorte narrativ integriert und den
ganzen Raum, in dem sie liegen, zu einem ‚Mnemotop‘ erhebt“119. Durch Erzählen
werden Zeitlichkeit (Dauer und Kontinuität) und Wichtigkeit (Hierarchien des Erin-
nerns und Vergessens) konstruiert.120 Im Mnemotop können so narrativ strukturiert
Dinge, Institutionen oder performatives Handeln in den Rang von Erinnerungsorten

112 Christow 1980: 40.


113 Um das Mittelalter in Szene zu setzen, wird sich üblicherweise folgenden Repertoires bedient:
Repliken oder Originale von Schriftsäulen, Grundrisspläne und Archäologie der alten Haupt-
stadt Pliska, Werkzeuge, Waffen, protobulgarischer Schmuck für die vorchristliche Zeit; Kopien
von mittelalterlichen Miniaturen der Taufe von Boris I., die Gegenüberstellung des glago-
lithischen und kyrillischen Alphabets, Kopie oder Original der Keramikikone St. Teodors
(Heiliger Todor aus Patlejna), Preslaver Keramik und Kapitelle, kunsthandwerkliche
Erzeugnisse (siehe dazu auch Totev 1982).
114 Schorkowitz 2008.
115 Speitkamp 1997: 8; der Vollständigkeit halber soll die Festung Šumen nicht unerwähnt
bleiben. Ihre historische Rolle konnte die Festung aber erst im Kampf gegen die Osmanen im
15. Jahrhundert erfüllen.
116 Speitkamp kategorisiert die Wirkung von Symbolen anhand ihrer Träger. Je offenbarer ihre
(politische) Wirkung intendiert ist, je eindeutiger sie also zum Zweck ihrer symbolischen
Repräsentation erschaffen wurden (wie Nationalsymbole, Flaggen, Denkmäler – so genannte
Symbolträger ersten Grades), desto geringer ist ihr Effekt. Symbolträger zweiten Grades, zum
Beispiel Geldnoten oder Straßennamen, wirken durch ihren alltäglichen Gebrauch. Symbolträ-
ger dritten Grades haben ihren Symbolcharakter erst durch die Erinnerung an geschichtliche
Ereignisse zugeschrieben bekommen und bestechen durch ihre Authentizität (Speitkamp
1997:6).
117 Welzer 1995: 8.
118 Gostmann/Schatilow 2008: 35.
119 A. a. O.: 36.
120 Müller-Funk 2002.

26
(lieux de mémoire) erhoben werden.

Im diskursiven Spannungsfeld zwischen nationaler Eigenständigkeit und zivilisatori-


scher Angebundenheit wurde das frühe bulgarische Mittelalter personen- und ortsge-
bunden konzipiert, da „das menschliche Gedächtnis Handlungen und Wissensbestände
am besten dann erinnert, wenn sie sich an eine Person binden“121. „Das Gedächtnis
klammert sich an Orte, die Geschichte an Ereignisse.“122 Mittels des als „Wiege des
Landes“ und somit als „Mutterland“123 stilisierten Mnemotops im östlichen Teil Bulgari-
ens konnte die geopolitisch umstrittene Region Dobrudža Bulgarien zugeordnet wer-
den.

In der Inszenierungspraxis schließt der Mittelalterrekurs ebenfalls an die vorsozialisti-


sche Zeit an. Erste Initiativen, das Mittelalter erlebbar zu machen, waren der Aufbau re-
gionaler archäologischer Vereine und die Installation des Archäologischen Instituts in
Sofia. Diese Bemühungen waren vornehmlich an die Arbeit des tschechischen Archäo-
logen Karel Škorpil geknüpft, der ab 1903 Ausgrabungen in der Tiefebene südlich von
Šumen veranlasste.124 Škorpil zählte neben Lehrern und Vertretern der Kirche zu den
Gründungsmitgliedern des 1924 in Varna gegründeten und staatlich alimentierten Ver-
eins „Bulgarisches Altertum“ („Bălgarska starina“)125, der „der einflussreichste Vertreter
dieser neuen Mittelalterorientierung“126 werden sollte – mit dem Ziel, Ostbulgariens
Rolle bei der Nationswerdung hervorzuheben. Volksversammlungen am historischen
Ort als eine so genannte wiederbelebte Tradition nationalen Versammelns wurden 1924
beworben und fanden 1924 in Pliska statt und 1927 in Madara – als Nationalversamm-
lung mit Regierungsvertretern am 15. Mai, dem Todestag Boris I. Diese soziale Praxis
sollte sich zwar nicht durchsetzen, hatte aber zur Folge, dass sich die mittelalterlichen
Erinnerungsorte etablierten.

Die „aufwendig rekonstruierte[n] Ruinen“127 in Pliska, 24 Kilometer nordöstlich von Šu-


men, sind Gegenstand der Forschung, seit Konstantin Jiriček sie 1884 auf eine byzanti-
nische Chronik bezog.
In Abgleich mit einer Omurtag zugeordneten, protobulgarischen Inschrift, die Pliska als
den Aufenthaltsort des Khans angibt, wurden die Ruinen als Herrscherresidenz inter-
pretiert. Škorpil veranlasste Grabungen.128 Von ihm identifizierte Objekte und die
Funktion Pliskas als erste Hauptstadt bilden weiterhin Grundlage der wissenschaftli-
chen Auseinandersetzung. Karel Škopils Hauptannahme war: Pliska ist konzentrisch
aufgebaut und in eine „äußere“ und eine „innere Stadt“ sowie ein Gebiet namens „Zita-
delle“ gegliedert. Fundstücke von Sand- und Steinburganlagenresten wurden dem Lager

121 Wenzel 2003: 39.


122 Menkovic 1999: 20; siehe dazu auch Hartmann 2005: 13.
123 Ähnlich wie das Amselfeld im Kosovo als Mutterland der Serben.
124 Als zweiter Akteur muss Fjodor Uspenski, Leiter des Russischen Architektonischen Instituts in
Konstantinopel, erwähnt werden, der die Ausgrabungsarbeiten in Pliska um 1899 initiierte.
125 1924 wurde in Šumen ein Büro des Altertumsvereins „Bălgarska starina“ eingerichtet.
126 Weber 2006: 260.
127 A. a. O.: 29.
128 Grabungstätigkeiten fanden weiterhin 1923 in Pliska, Preslav und Madara statt, wurden 1944
erneut aufgenommen und Mitte der 1970er-Jahre forciert (Koleva Dimitrova 2007: 17).

27
des Khans Asparuch zugerechnet, aus dem sich die erste bulgarische Hauptstadt Pliska
gegründet haben soll. Mauerreste einer orthodoxen Kirche wurden der Initiative Boris
I. zugeschrieben. Grabanlagen ließen die Existenz von Fürstengräbern vermuten. An
der Stelle der natürlichen Begrenzung Pliskas durch den Fluss Tiča im Süden soll sich
die „Brücke des Omurtag“ befunden haben. Nach der Zerstörung Pliskas wurde am an-
deren Flussufer die zweite Hauptstadt Preslav unter Simeon errichtet.129 Für die topo-
grafische Nachzeichnung der Staatsgeschichte galten Festung, Kirche und Grabstätten
in der ersten Hauptstadt als Belege zivilisatorischer Leistungen. Diese Indizien und der
symbolische Brückenschlag über den Fluss in die zweite Etappe bulgarischer Staatlich-
keit zeichnen die Geschichte am Ort ihres vermeintlichen Geschehens nach. Der Glau-
be an eine mythische und ruhmreiche Vor- und Urzeit des Bulgarentums konnte im
besten Sinne mittels (staatlicher oder im weiteren Sinne gesellschaftlicher) Institutionen
wie Armee und Kirche sowie mittels kultureller Bräuche (Begrabungen) und durch die
Quasi-Reliquie der Fürstengebeine untermauert werden. Basierend auf neuesten
Erkenntnissen stellt Ziemann die Hauptstadtfunktion Pliskas – auch im Rahmen der
staatssymbolischen Bedeutung – gemäß der Quellenlage, zumindest bis zur
Christianisierung des bulgarischen Reichs 863/864, infrage.130
Die touristische Nutzung von Preslav, etwa 20 Kilometer südwestlich von Šumen gele-
gen und durch den bulgarischen Tourismusverband patriotisch gefördert, verhalf dem
Ort ab den 1920er-Jahren zum Status als „sakraler Erinnerungsort nationaler Geschich-
te“131, nachdem der kanonisierte Mittelalterdiskurs durch die Veröffentlichung vergan-
genheitsorientierter Zeitschriften, Reihen und Schulbücher metaphorisch verbreitert
wurde.132 Die zentrale Ausstattung der Touristen mit Informationen und Souvenirs er-
fuhr im Zuge des 1300-jährigen Staatsjubiläums einen erneuten Schub, sodass noch
heute davon Gebrauch gemacht wird.133

129 Weber 2006.


130 Die „Bulgarische apokrype Chronik“ aus dem 11./12. Jahrhundert gebe die bulgarische
Geschichte „legendär stark verzerrt“ und fehlerhaft wieder. „Auch für die folgenden
Jahrzehnte [nach 681; Anmerkung der Autorin] fehlt jeder historisch einwandfreie Hinweis auf
eine Hauptstadtfunktion Pliskas.“ (Ziemann 2008: 36) Unter den archäologischen Funden
existieren im Moment keine heidnischen Gräber beziehungsweise Herrschergräber. Die
Inbrandsetzung 811 des so genannten „Krumpalastes“ scheint nicht mit den dendrochro-
nologischen Untersuchungen übereinzustimmen. Erste sichere Erwähnungen Pliskas erfolgten
unter Omurtag „als eine Art Zentralort mit offensichtlichem Bezug zum Khanshof“ (a. a. O.:
38). Es wird vermutet, dass Pliska sich nicht städtebaulich entwickelt hat, sondern ohne genaue
Datierung als Aufenthaltsort entworfen wurde. Eine bedeutende Rolle Pliskas im 9. Jahrhundert
ist anhand der Faktenlage rekonstruierbar. Dies steht teilweise in Konflikt mit der These, 893
sei die Hauptstadt per Beschluss nach Preslav verlegt worden, da auch für die Zeit byzanti-
nischer Herrschaft im 11. Jahrhundert administrative Funktionen anhand von Siegeln und
Münzen nachgewiesen werden konnten (siehe dazu auch Ziemann 2007: 258).
131 Weber 2006: 264; Zlatarski organisierte Ausgrabungen in Preslav 1897, Uspenski und Škorpil
schlossen sich an.
132 A. a. O.
133 Der Unterschied zwischen Informationsmaterialien und Postkarten vor und nach der Wende
liegt in ihrem Preis. Sowohl in Museen als auch im Denkmalkomplex werden noch 30 Jahre
alte Materialien verkauft.

28
3.4.2 Šumen
Die Bezirksstadt Šumen liegt in der nordbulgarischen Donauebene unterhalb eines
Hochplateaus.134 Die Gegend um Šumen wird als „Wiege der antiken Kultur“ im gleich-
namigen, 1999 mit Mitteln der EU135 geförderten Touristenführer historisch hergelei-
tet.136 Šumen und seine Umgebung zeichneten sich durch einzigartige Denkmäler künst-
lerischer und wissenschaftlicher Bedeutung aus. Belege aus frühmittelalterlicher Zeit
seien für die bulgarische Geschichte dabei am wertvollsten137: „The ancient capitals
Pliska and Veliky Preslav, the religious centre Madara connected with them, the
fortification, the palaces, the churches, the residential buildings, the water-supply
systems, the streets and others are indisputable proof for an intensive economic,
political and cultural life in the times of the First Bulgarian State.“138 Neben ihrer strate-
gischen Wehrfunktion von der Antike bis zur osmanischen Herrschaft spielte die Stadt
bei der Erringung bulgarischer Kulturautonomie und in ihrer Funktion als nationaler
Multiplikator während der nationalen Wiedergeburt und der staatlichen Unabhängigkeit
eine Rolle: Vereins- und Schulwesen, Orchester- und Theatertätigkeiten waren beispiel-
haft für Bulgarien. Industrialisierung und Strukturwandel zogen einen Stadtumbau im
Jahre 1914 nach sich. Der Staatssozialismus wird euphemistisch auf Industrialisierung
und Modernisierung reduziert:

„In the period 1950 – 1980 the development of Shoumen was similar to that of other big
Bulgarian towns. It has kept its importance as an administrative centre – regional, county,
municipal. Industry springs up – machinery construction, non-ferrous metallurgy,
woodworking. The lorry factory and the factory for aluminium products are the only
ones in Bulgaria. Food, wine and tobacco industries, brewery, dairying, meat production,
bread-making and confectionary are also developed in Shoumen. In connection with the
1300 anniversary of Bulgaria the town was modernized and urbanized and became one

134 Der Bezirk Šumen besteht 2004 aus zehn Gemeinden mit 136 800 Einwohnern und gehört zur
nordöstlichen Planungsregion. Die Gegend ist agrarisch geprägt. Šumen besitzt die drittgrößte
Brauerei Bulgariens, „Carlsberg Bulgaria“, sowie eine staatliche Universität und eine Militär-
akademie. Im Strukturentwicklungsplan von 2005 ist der Bezirk nicht hervorgehoben. Einzige
Besonderheit Šumens im landesweiten Vergleich ist der Anteil der türkischen Minderheit (30,3
%) und der Roma (8,1 %) laut einer Statistik von 2001 (Ermann/Ilieva 2006: 32).
135 Der Ausbau der touristischen Infrastruktur in Nordbulgarien wird durch das PHARE
Programm für Wirtschaftsentwicklung, darin „Cultural Tourism“ und „Roads access to tourist
sites“, unterstützt. Die Straßen nach Madara, Pliska und zur Festung Šumen werden seit 2004
ausgebaut. Online verfügbar unter http://ec.europa.eu/enlargement/fiche_projet/
document/Addendum%2015-08-2005%20-%20BG%20NP%20-%20BG0102.04.pdf>, zuletzt
geprüft am 12.07.2009.
136 Die Archäologie bietet Hinweise auf Besiedlung schon in prähistorischer Zeit. In der Antike
und in der frühen Phase des Byzantinischen Reichs hatte Nordbulgarien strategische Bedeutung
für Römer, was Festungsmauern und Häuserruinen belegen. Durch die diskursive Eingliederung
der Thraker in die bulgarische Ethnogenese werden thrakische Grabstätten und Denkmäler in
die Kulturgeschichte Nordbulgariens mit einbezogen: „The finds reveal the fact that the
Thracians had lived on this land for many centuries in the remote past and had left rich material
and cultural heritage.“ (Čaralanova 1999: 5).
137 Aufgezählt im Kreis Šumen werden weiterhin Omurtags Zeremoniehalle nahe dem Dorf
Čatalar, die Šumener Festung, Klöster nahe Černoglavts (a. a. O.: 5 ff.).
138 A. a. O.: 6.

29
of the most beautiful towns in the country.“139

Die Inszenierung der Genese des bulgarischen Staates sollte sich anlässlich der Feier-
lichkeiten zum 1300-jährigen Bestehen Bulgariens in immensen Modernisierungsvorha-
ben – welches als Ergebnis erfolgreicher Geschichte auf den neuesten ästhetischen und
technischen Stand gebracht wurde – zeitigen. Zivilisationsleistungen wurden im Zei-
chen des Paradigmas einer „reifen Gesellschaft“ an Kulturleistungen gekoppelt.
Die Feiern zum Staatsjubiläum fanden über das Jahr 1981 verteilt an 13 Tagen und the-
matisch geordnet statt, wobei die „drei Grundelemente der Jubiläumsgeschichte: Fort-
schritt, Beständigkeit und die bulgarischen Kulturleistungen in der Welt“140 den Grund-
tenor des Festes vorgaben. Als geschichtliches Produkt wurde Bulgarien auch topogra-
fisch festgelegt, was sich in breit angelegten Umbauten manifestierte.
Allein in Šumen wurde zum Jubiläumsjahr, parallel zur Umsetzung des Denkmalbau-
projektes, der öffentliche Raum komplett neu gestaltet: Das Theater, das Museum, die
Bibliothek, Hotels und der Boulevard wurden in die städtebaulichen Maßnahmen
einbezogen. Die ästhetische Modernisierung Bulgariens infolge der infrastrukturellen
Erneuerung während der 50er- und 60er-Jahre ist in das Konzept einer kulturell und
ethnogenetisch festgelegten bulgarischen Nation integriert.141

4. Der Denkmalkomplex „Gründer des Bulgarischen Staates“

Die Gedenklandschaft „bulgarisches frühes Mittelalter“ ist eins der Zeichensysteme,


mittels derer sich die bulgarische Nation ihrer Herkunft versichert. Diese Zeichensyste-
me umrahmen das „offizielle, politisch abgesegnete Bild der Geschichte“142 mit Erinne-
rungsorten und Symbolen, die als Summe im Kanon der Erinnerung beiläufig oder di-
rekt ihre Wirkung entfalten. Auch das Gründerdenkmal ist nur in diesem
Bedeutungszusammenhang zu verstehen. Im Mnemotop „Bulgarisches frühes
Mittelalter“ dient das 1981 reautorisierte Geschichtsbild zum einen der Deutung des
Raumes, in dem die Geschichte Bulgariens begonnen haben soll, und zum anderen zur
Orientierung, in welcher Art und Weise sich diese Geschichte angeeignet werden sollte.
Das Denkmal selbst mag als Krone der Visualisierung dieses Geschichtsbildes
wahrgenommen werden; einmal in seiner (Ver-)Bindung der geografisch auf ein
Territorium von zirka 50 Quadratkilometern ausgedehnten Erinnerungsstätten, dann
durch die pointierte Bündelung der nationalstaatlichen Erzählung in Personen und
Ereignissen und zuletzt durch seine monumentale Größe und seinen expliziten
Standort.

Denkmäler „stehen als einzige Form des kulturellen Gedächtnisses im öffentlichen

139 A. a. O.: 9.
140 Brugger 2006: 14.
141 Mit Blick auf den traditionell hohen Anteil der türkischen Bevölkerung in diesem Teil
Bulgariens und die aggressive Minderheitenpolitik der BKP in den 1980er-Jahren kann man
davon ausgehen, dass mit der Inszenierung der „Wiege der Kultur“ respektive der seit dem
Mittelalter gewordenen Nation Geschichtspolitik betrieben wurde.
142 Speitkamp 1997: 6.

30
Raum und prägen damit Raum und Weltbild einer Gemeinschaft nachhaltig“143. Die be-
reits antike Geschichte von Denkmälern verweist auf ihre Personen- und Herrschafts-
bindung. Erst im 19. Jahrhundert erfuhr dieser Zweck der Herrschaftsrepräsentation
eine Intensivierung durch den Demokratisierungsprozess, den die wirtschaftliche (und
politische) Emanzipation des Bürgertums hervorrief. Nachdem der Bezugsrahmen für
Denkmäler sich gesellschaftlich und geografisch geweitet hatte, erfuhr er im 20. Jahr-
hundert auch eine inhaltliche Dehnung, als Denkmäler Ideen und Ideale zu repräsentie-
ren vermochten.144

4.1 Denkmalanalyse
Das Denkmal „Gründer des Bulgarischen Staates“ ist auf dem Gebiet des Naturparks
„Šumensko plateau“145 gelegen und erhebt sich mit einer Ausdehnung von 140 Metern
Länge, 70 Metern Breite und 50 Metern Höhe genau über der Stadt Šumen. Es ist in
ihre Richtung gelegen und mit Šumens Stadtzentrum durch eine Treppe mit bezeich-
nenden 1300 Stufen verbunden.146 Es steht direkt auf einem Hügel, dem 450 Meter
über dem Meeresspiegel gelegenen Ilchov Bair147, und liegt damit höher als die
umliegenden Wiesen und daran anschließenden Wälder. Das Denkmal ist so konzipiert,
dass es auf eine Entfernung von 30 Kilometern von allen wichtigen Hauptstraßen aus
zu sehen ist und als „visuelles und ideologisches Zentrum“ („visual and ideological
center“)148 die Orte Pliska, Preslav und Madara miteinander verbindet.

143 Gilzmer 2007: 13.


144 Menkovic 1999.
145 Das 1980 unter Naturschutz gestellte Gebiet „Šumensko Plateau“ ist 3 895,8 Hektar groß und
im Durchschnitt 350 Meter hoch. Seine höchste Erhebung misst 502 Meter. Kulturhistorisch
betrachtet weist das Plateau eine Siedlungsgeschichte bis zum Bronzezeitalter auf. Das Alter der
Festung Šumen wird auf 3 200 Jahre geschätzt (Shoumen. Regional map 2009).
146 Vom städtischen Theater „Vasil Drumev“ und einem Springbrunnen mit vier Greifvögelfiguren
von Ivan Radev aus führt eine Allee über Stufen nach oben zum Fuße des Hochplateaus, in
deren Zentrum sich 13 Springbrunnen in Form von Wasserfällen befinden; eine Arbeit von
Architekt Boris Kamilarov. Dann verjüngt sich die Allee zu einer schmaleren und steileren
Treppe mit acht Absätzen, von denen teilweise Wege zu beiden Seiten in die Stadt führen. Ein
letzter kurzer Absatz verbindet über eine Treppe das Denkmal mit dem „Panorama Bistro“, das
sich unterhalb des Denkmals befindet. Auf dem Weg vom Bistro zum Denkmal sieht der
Besucher neben Hinweisschildern auch eine Marmorsäule aus Preslav. Vom Bistro führt zudem
eine Straße zum Besucherzentrum. Mit dem Auto gelangt man auf einer sechs Kilometer langen
Straße nach oben zum Plateau an eine Kreuzung, die die Stadt mit dem Besucherzentrum, dem
Naturpark und der Šumener Festung verbindet. Betritt man über die Treppe den Denkmal-
komplex, kommt man westlich davon auf eine Art Terrasse mit Blick auf die Stadt, die am Ende
wieder über einen Schlauch bergab zum Bistro führt und über einen zweiten, wahrscheinlich
unabsichtlich entstandenen Feldweg entlang der Rückseite des Denkmals zum Eingang aus der
Richtung der Straße.
147 Im Gespräch mit Einwohnern berichteten diese, dass Ilchov Bair in der Stadt als „Kraftort“
bekannt sei, ebenso wie das 16 Kilometer entfernte Madara, das die Tiefebene zusammen mit
dem Hochplateau einkesselt. Šumen liegt an dessen Wände angeschmiegt. Die Wahrnehmung
als „Kraftort“ mag sich in die esoterische und theosophische Tradition mancher Bulgaren
einordnen lassen, zu deren Anhängern auch Ljudmilla Živkova zählte. Ob sie den Standort
mitbestimmt hat, ist nicht nachvollziehbar.
148 Stoikova 2006: 17.

31
4.1.1 Planung und Künstler
Die Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten „1 300 Jahre Bulgarien“ im Jahre 1977
brachten die Idee eines Denkmals hervor, das die frühmittelalterliche Geschichte des
bulgarischen Staates zum Thema haben sollte, denn einzig ein Denkmal für den bulgari-
schen „Gründungsvater“ Asparuch in Tolbudžin thematisierte bisher diese Epoche.
Der Beschluss, drei Denkmäler jeweils in Pliska, Preslav und Madara zu bauen, wurde
vom Ministerrat149 in der Anordnung Nummer 23 vom 14. März 1977 zu Gunsten eines
einzelnen Denkmals aufgegeben. Das Kulturkomitee mit einem Vertreter des Ministeri-
ums für Bau und Baumaterialien, dem Vorsitzenden des Komitees für Architektur und
Innenarchitektur, dem Vorsitzenden des Künstlerrats, dem Vorsitzenden des Rats der
bulgarischen Architekten und einem Geschichtswissenschaftler sowie ein Exekutivko-
mitee des Bezirksvolksrats Šumen projektierten die Ausschreibung. Der Ideenwettbe-
werb für eine Gedenkstätte im Mai 1978 sollte in zwei Phasen ablaufen. Eine 17-
köpfige Jury unter dem Vorsitz von Professor Berbelief, Vorsitzender des
Kulturkomitees, wählte aus 15 Bewerbern fünf für die zweite Runde aus. Obwohl kein
erster Preis vergeben wurde, entschied ein Autorenkollektiv aus den Bildhauern Krum
Damjanov und Ivan Slavov, den Architekten Georgi Gečev und Blagoj Atanasov und
den bildenden Künstlern Vladislav Paskalev, Simeon Venov sowie dem Bauingenieur
Hadžov die Ausschreibung für sich, nachdem ebenso ein Entwurf des Bildhauers
Valentin Starčev und des Architekten Bogdan Tomalski, die eine kreative Nachbildung
einer „goldenen Kirche“ vorstellten, in die Endrunde gelangt war.
Den dritten Platz gewann ein Entwurf Ljuben Prachovs für einen einer Kathedrale ähn-
lichen Raum, der in 13 Bildern die bulgarische Geschichte repräsentieren sollte. Fotos
dieser Entwürfe sind zu sehen in der Dauerausstellung des Besucherzentrums sowie der
Jubiläumspublikation zum 25. Jahrestag des Denkmals.

Das Kulturkomitee und der Bezirksvolksrat Šumen verpflichteten sich zur Durchfüh-
rung des Programms zum Aufbau des Denkmalkomplexes „Erschaffung und Entwick-
lung des Ersten Bulgarischen Staates“ laut Anordnung Nummer 184 des Ministerrats
vom 24. August 1979. Die Bulgarische Nationalbank (BNB) genehmigte die Kreditver-
gabe und übernahm die Rechnungsprüfung. Die Zentralkomitees der Jugendorganisa-
tionen boten an, die Teilhabe von Werktätigen und Jugendgruppen am Aufbau zu orga-
nisieren.150 Das Ministerium für Metallurgie ordnete Lieferungen vakanter Mengen Gra-
nit aus den Steinbrüchen „Wăsgovec“ und „Černomorez“ an. Die Bauarbeiten für das
Denkmal begannen im August 1979, nachdem auf Befehl Nummer 2 670 des Ministeri-
ums für Forstindustrie ein teils aufgeforstetes und teils brachliegendes, 473 Hektar um-
fassendes Gebiet zur Verfügung gestellt wurde. Unter der Leitung von Politbüromit-
glied Penčo Kubadinski151 wurde die erste Bohrung vorgenommen. Im Winter 1980

149 „Artikel 98: Der Ministerrat ist das höchste vollziehende und verfügende Organ der
Staatsgewalt.“ Online verfügbar unter http://www.verfassungen.eu/bg/verf71-i.htm,
zuletzt geprüft am 10.12.2009).
150 Stoikova 2006: 1.
151 Weitere gewichtige Teilnehmer waren der Vorsitzende des Kulturkomitees und Sekretär des
Gründungskomitees „1 300 Jahre Bulgarien“ für den Šumener Bezirk, Alexandăr Džidrov, der
technische Leiter Slavi Nikolov und der Rechnungsprüfer Jordan Vălkanov.

32
wurde die Erde geebnet, anschließend wurde das architektonische Ensemble als Beton-
konstruktion auf einem Stahlgerüst von Facharbeitern und diversen Šumener Unterneh-
men fertig gestellt. Für 22 Monate war eine Jugendbrigade namens „Khan Asparuch“
mit 1 400 Studenten aus über 20 Ländern und vier Kontinenten beteiligt. Im Juni 1981
begannen die Bildhauer ihre Arbeit an den Skulpturen. Zusätzliche bildhauerische An-
fertigungen erfolgten in den Frühlings- und Sommermonaten der Jahre 1982 und
1983.152 Hiernach wurden nur noch am Denkmal selbst kosmetische Ausbesserungen
vorgenommen. Die einzige diskursive Erweiterung erfuhr das Denkmal anlässlich
seines 20-jährigen Bestehens im Jahre 2001: Eine Tafel mit den Namen der am
Denkmal beteiligten Künstler wurde in Gegenwart ehemaliger Mit- und Bauarbeiter
vom Bürgermeister an der Wand gegenüber Asparuch angebracht. Die Zeremonie war
eingebettet in ein kulturelles Rahmenprogramm.

Der 1933 geborene Professor an der Bulgarischen Kunstakademie Damjanov und der
1952 geborene Architekt Professor Slavov zeigen sich für ein weiteres Denkmal mit
Mittelalterbezug verantwortlich: das 1985 gebaute „Assen-Denkmal“ in Veliko
Tărnovo, das die Herrscher des Zweiten Bulgarischen Reichs zum Thema hat.
Damjanovs weitere Arbeiten zeigen diese inhaltliche Präferenz nicht. In Stara Zagora
wirkte er am Denkmal für die „Verteidiger Stara Zagoras“ mit, und 1979, auf der
kulturpolitischen Welle von Živkova, entwarf er gemeinsam mit Slavov die „Friedens-
flagge“. Auch nach 1989 erhielt Damjanov in Bulgarien und im Ausland Aufträge.
Das Mosaiktriptychon im Format zwölf mal neun Meter ist eine Arbeit von Venov und
Paskalev153, die von zwölf Sofioter Künstlern realisiert wurde.

4.1.2 Eröffnung
Im Winter 1980 wurde während des Baus an der Stelle der Skulptur Simeons eine Kap-
sel in den Boden eingelassen mit einer Nachricht an kommende Generationen. Diese
Praxis steht in Bulgarien seit der Wiedergeburtszeit in einer architektonischen Tradition.
Eine Kopie der Kapsel mit dem Text ist in der Ausstellung des Besucherzentrums zu
besichtigen. Die Zeremonie mit Gästen aus dem Politbüro wurde mit 13 Glockenschlä-
gen eröffnet, der Šumener Theaterschauspieler Simeonov verlas den Text der in der
Kapsel aufbewahrten Schrift, dazu spielte das Militärorchester einen Marsch.154

Staatsoberhaupt Todor Živkov eröffnete das Denkmal am 28. November 1981, dem
12. Jubiläumstag der 1300-Jahr-Feierlichkeiten – gewidmet dem Thema „Erbe und
Kontinuität“. Das Gründerdenkmal stünde in der „Mitte des Landes“, eingebettet in die
Landschaft nationaler Denkmäler, so Živkov.155

152 Die Inschriften der „Namensliste der bulgarischen Khane“ wurden vervollständigt sowie
zusätzlich das Relief unterhalb der Pferdehufe. Die Figur des Schmetterlings in der Skulptur des
Löwen wurde ergänzt. Die Löwenskulptur und der Kopf Asparuchs wurden ausgetauscht.
153 Venov, der 1933 geborene Absolvent der bulgarischen Kunstakademie, bekam Preise für
verschiedene bildnerische und grafische Werke. Der ebenfalls 1933 geborene Paskalev machte
sich besonders für Illustration und Typografie einen Namen. Beide arbeiteten zusammen am
Denkmal für Ivan Lazarov (Stoikova 2006: 5).
154 Kostadinov in Šumenska Zarja vom 31. Januar 1980.
155 Šumenska Zarja vom 28. November 1981.

33
Die berichtende Lokalzeitung band die Eröffnung in eine regionale Leistungsschau un-
ter dem Motto „Land des antiken und neuen Ruhmes“ ein. Der alte Ruhm und das
Erbe wurden unter dem Motto „unschätzbarer Reichtum“ protobulgarischer Schriftkul-
tur angerufen und quasi wissenschaftlich untermauert. Als Bindeglied zwischen Vergan-
genheit und Gegenwart wurden die neuen Ausstellungen in Šumen und Preslav nebst
Ausgrabungen vorgestellt. In üblicher Parteirhetorik vereinnahmte den neuen Ruhm
laut Kubadinski, der den Leitartikel verfasste, vor allem die Partei, die bekanntlich eine
avantgardistische Rolle innehatte. Der Ruhm des einfachen Mitglieds der sozialistischen
Gesellschaft wurde durch Mitarbeit beim Aufbau des Sozialismus errungen156, und so
definierte sich die kurze Geschichte des Monuments über die durch das Kulturkomitee
planmäßig organisierte, zwei Jahre anhaltende Bautätigkeit.

Die fristgerechte Fertigstellung in Tag- und Nachtschichten durch zum Beispiel die be-
rühmte Brigade Milanovs (selbst zweifacher Held der sozialistischen Arbeit) unter den
erschwerten Bedingungen rechtfertigte jenen Ruhm, zumal die komplette Region durch
den Umbau dauermobilisiert war.157 Die harten Umstände – Kälte, Transport von Was-
ser und Granit aus der Stadt nach oben, Betonguss und Montage des Granits – sollten
zum zehnjährigen Bestehen 1991 in der Rückschau, da es dem Denkmal an Finanzie-
rung und an Legitimation fehlte, noch einmal dessen Existenz rechtfertigen helfen.158

Ähnliche Erinnerungen an die Strapazen wurden zum 20-jährigen Bestehen im Jahre


2001 wachgerufen.159 Die bauliche Leistung unter erschwerten Umständen sei zu
würdigen. Die aufwändige Produktion sublimiere das Produkt, weil sich die leiblichen
Qualen in ihm transzendierten. Die kollektive Erbringung dieser Leistung festige die
nationale Identität. Das sentimentale Ins-Gedächtnis-Rufen des Ereignisses, die indivi-
duellen Grenzen für den Dienst am Vaterland überwunden zu haben, markiert den Er-
folg des patriotischen Diskurses. In dieser Perspektive wird der alte Traum der Natur-
beherrschung zum Leben erweckt. Im Sieg des Menschen (oder besser des Prothesen-
gottes) über die Natur schlägt, kulturkritisch betrachtet, Aufklärung wieder in Mythos
um. Die psychologisch gerechtfertigte Idealisierung, für einen vermeintlich höheren
gruppenbezogenen Wert das individuelle Wohlbefinden zurückgestellt zu haben, lässt
den Mythos rückwirkend noch für die Partei arbeiten, in deren Dienst und auf deren
Anweisung die Anordnungen einst ausgeführt wurden.

4.1.3 Besucherzentrum
Die Erweiterung des Denkmals zu einem Komplex erfolgte aufgrund des Bedarfs an
Kapazitäten, um die täglichen Besuchergruppen angemessen empfangen zu können.
Bis 1983 leisteten eine Baracke und ein Wohnwagen provisorische Arbeit, da im Denk-
mal direkt nur Räumlichkeiten für den Pförtner und die Kasse existieren.160

156 Brunnbauer 2007.


157 Šumenska Zarja vom 28. November 1981.
158 Rusanka Zareva in Šumenska Zarja vom 28. November 1991.
159 Šumenska Zarja vom 28. November 2001.
160 Tatjana Grigorova in Šumenska Zarja vom 28. November 1991.

34
Das Projekt wurde vom Zentralkomitee des Dimitrov-Komsomol ausgeschrieben.
Ein Neubau, etwa 100 Meter vom Denkmal entfernt und mit diesem durch eine Allee
verbunden, fungiert seitdem als Besucherzentrum und als Veranstaltungsort für lokale
Kulturarbeit. Neben einem für Besucher unzugänglichen Bereich mit Büroräumen des
Direktors und Technikräumen besteht die Einrichtung aus einem Atrium, in dem Trau-
ungen stattfinden. Hieran angelagert sind ein Souvenirstand und ein Kinosaal, in dem
neben den Filmvorführungen die Dauerausstellung über die Geschichte des Denkmal-
komplexes besichtigt werden kann.

Mit Beschluss des Bezirksvolksrats Šumen Nummer 42 vom März 1992 wurde das Atri-
um des Besucherzentrums zum Ritualsaal für standesamtliche Trauungen geweiht161.
Weiterhin wurde Öffentlichkeit geschaffen über die Ankündigung eines Wettbewerbs
zum Verfassen und Vertonen einer Rede für die Zeremonie. Im Zeitraum von 14 Jah-
ren wurden, üblicherweise an Samstagen, 1 100 Ehen geschlossen. 2007 wurde die
Zeremonie erstmals auch auf dem Gelände der Šumener Festung abgehalten.162 Im
Atrium finden neben Trauungen auch Lesungen, Chorkonzerte beziehungsweise
Gesangswettbewerbe, Puppentheater und ähnliche Kleinkunstveranstaltungen statt.
Künstlern, darunter Fotografen, Ikonenmaler und Vertreter angewandter Kunst, wird
regelmäßig die Möglichkeit geboten, hier ihre Arbeiten auszustellen.

An der dem Eingangsbereich gegenüberliegenden Wand befindet sich ein Teppich aus
Ziegenfell, ein Werk der Künstlerin Evelina Pireva mit dem Titel „Ewigkeit“. Neben
Erzengel Michael sind auf dem Teppich eine Ähre, eine Rose und ein Adlerkopf abge-
bildet – als Symbole für Fruchtbarkeit, Bulgarien und Macht, so die offizielle Interpreta-
tion in der Jubiläumsbroschüre „25 Years Monument of the Founders of the Bulgarian
State“.163 Nahe dem Denkmal und neben dem Besucherzentrum befinden sich, neben
kommunal verpachteten gastronomischen Einrichtungen, eine Picknickwiese und
Kinderspielplätze, ein Parkplatz vor den benachbarten Einrichtungen des Naturparks
sowie ein Helikopterlandeplatz. Unweit davon ist ein Sportclub für Paragliding
angesiedelt.

4.1.4 Gestaltung und Architektur


Das Denkmal ist eine Synthese aus architektonischen, bildhauerischen und bildneri-
schen Elementen. Eckige Formen und Flächen bestimmen die Gestalt des Denkmals
und verleihen ihm einen expressiven Charakter. Die Gesamtkomposition hat, bedingt
durch die spitzen Winkel, zackenförmige Strukturen. Die großformatige architektoni-
sche Anlage besteht aus acht unterschiedlich großen Gruppen von Betonformationen,
zweigeteilt in der Richtung Nord-Süd. Sie stehen als gegeneinander verschobene Schei-
ben oder Stelen und bilden schmale Schächte. Die einzelnen Baugruppen werden umso
mehr als Einheit wahrgenommen, je weiter sich der Betrachter entfernt. Der Grundriss
ist einschließlich der zu- und abführenden Wege leicht sternförmig und erinnert an eine

161 Stoikova 2006: 4.


162 Online verfügbar unter http://www.ab-bg.com/bg1300/meropriqtiq.php, zuletzt geprüft am
06.06.2009.
163 Stoikova 2006: 20.

35
durch Eckbastionen gekennzeichnete Festung. Die architektonischen Gruppen, die in
Richtung Stadt gebaut sind, beziehen durch die Form eines Halbbogens die gegenüber-
liegenden kleineren Gruppen mit ein. Die einzelnen Teile sind so angeordnet, dass sie
sich in der Gesamtkomposition zu einer angedeuteten Spirale formen, deren höchster
Punkt ein über Šumen blickender Granitlöwe ist. Im Ganzen sollten Fragmente zweier
Hallen oder Räume entstehen. Die Sichtflächengestaltung ist von waagerechten Scha-
lungsfugen im Abstand von zwei Metern bestimmt. Die Fugen werden dabei besonders
betont. Die räumliche Anordnung ermöglicht, dass das Licht in Form eines Kreuzes in
den Denkmalinnenraum fallen kann. Da das Denkmal mit der Rückseite zur Sonne
steht, wird das Sonnenlicht durch die Spalten und Figuren, auf die es fällt, gebrochen
und soll sich in den goldüberzogenen Glasmosaiksteinen spiegeln. Das Denkmal er-
reicht über diese Brechung seine „optisch-propagandistische Wirkung“164. Das Denkmal
steht im freien Raum und bildet zu diesem einen Kontrast. Der in der Ferne angrenzen-
de Wald und die Böschung wirken flächig und kulissenhaft. Bei Anbruch der Dunkel-
heit schaltet sich die elektronische Beleuchtung auf Asparuch, die Galerie der Khane
und den äußeren Mosaikteil ein. Ein akustisches Konzept ist nicht nachweisbar. Der
Schall wird jedoch, sobald man sich im ersten Halbsaal befindet, deutlich stärker.

Die architektonischen Formen sind aus auf einem 2 400 Tonnen schweren Stahlgerüst
montiertem Sichtbeton gefertigt. 2 300 Kubikmeter Boden wurden ausgehoben und 50
000 Kubikmeter Beton verarbeitet. Beton ist als moderner Baustoff des 20. Jahrhun-
derts bekannt für seine fast unbegrenzte Lebensdauer und seine wirtschaftliche Effizi-
enz. Er vereint in sich die Attribute der industriellen Produktion und des Synthesever-
fahrens. Beton besitzt eine hohe Stapelfunktion und Druckfestigkeit und lässt sich
beliebig formen.

Der Komplex enthält 21 überlebensgroße, aus Granit gefertigte Skulpturen.


Die Plastiken wurden entweder vor Ort, aus schwarzem Granit aus dem Schwarzen
Meer, oder in Sofia, aus Granit aus dem Vitošagebirge, gehauen. Granit wurde als Bau-
stoff schon in der Antike verwendet, erfreut sich aber erst größerer Beliebtheit, seit Ma-
schinen seine bessere Bearbeitung gewährleisten. Granit existiert weltweit als Eruptivge-
stein, zeichnet sich durch eine hohe Druckfestigkeit und Wetterbeständigkeit aus. Es ist
ein spaltbares und polierbares Material, dessen Formung aber Spezialwerkzeuge erfor-
dert. Seine mühsame Bearbeitung fördert Abstraktionen und Vereinfachungen in der
Formgebung. Die Inschriften sind ebenfalls in glatt polierte Granitplatten eingemeißelt.
Der Boden ist in der Gestaltung optisch unterbrochen mittels eines Musters aus ver-
schiedenfarbigen Natursteinplatten. Neben Platten, Schwellen und Treppenstufen aus
Granit wurden gewöhnliche Betonplatten und Pflastersteine verwendet.

Ein Anteil an archäologischen Objekten im Komplex soll die bulgarische Herkunft be-
zeugen: eine Platte aus der griechischen Kolonie in Krouni/Balčik, Steine aus den Fes-
tungsmauern Pliskas und Veliki Preslavs, je zwei heidnische und christliche Grabsteine
aus eine Nekropole in der Nähe von Kalugerica sowie eine Marmorsäule auf dem ersten
Treppenabsatz Richtung Stadt.

164 Menkovic 1999: 43.

36
Die Gesamtfläche des Mosaiks beträgt 540 Quadratmeter. Alle drei Teile des Mosaiks
weisen einen bestimmten Neigungswinkel auf: 45 Grad, 60 Grad und 90 Grad. Neben
farbigen Natursteinen besteht das Mosaik aus Glasmosaiksteinen mit künstlichem,
gold-, silber-, rotfarbigem und schwarzem Überzug. Das Mosaiktriptychon beruht auf
zwei ebenbürtigen Elementen: bildnerischen und typografischen.

Thematisch und ästhetisch steht das Denkmal durchaus in einer europäischen Denk-
maltradition. Die herkömmliche Funktion, Denkmäler ereignis- oder personenbezogen
zu stiften, wurde erfüllt, ebenso der Trend des 20. Jahrhunderts, mittels eines Denkmals
abstrakte Ideen und Begriffe auszudrücken.165
Die monumentale Formensprache, der Bedeutungsverlust der figürlichen Plastik und
die Entwicklung, aus historisch gewachsenen Denkmaltypen – wie Obelisken, Pyrami-
den, Triumphbögen und Siegessäulen – einzelne Gestaltungselemente wie geometrische
Formen Pars pro Toto zu setzen, führen ästhetische Ausdrucksformen des vergangenen
Jahrhunderts fort. Der Drang diktatorischer Regime, sich auf archaische und einfache
Stile zu berufen und diese in Verbindung mit aggressiven, unversehrten Figuren in ar-
chitektonisch wuchtiger Umgebung zu inszenieren, wurde ebenfalls bedient.166 Auffällig
ist ein „progressiv besetzter Stilbegriff“167 im Denkmal. Zitiert wurden alle Kunstrich-
tungen, die mit Fortschrittlichkeit in Verbindung gebracht werden: die Überwindung
der klassizistischen Personendenkmäler mithilfe sachlicher Architektursprache;
futuristische Technikbegeisterung; kubistische Reduktion auf geometrische Formen im
Raum, die verdichtet oder zersplittert Blöcke bilden; die minimalistische Herauskehrung
von Materialeigenschaften; das Experiment mit Negativ- und Positivformen; die expres-
sionistische Steigerung der Formen entgegen ihrer anatomischen Gesetzmäßigkeiten.168
Trotz des der Denkmalarchitektur eingeschriebenen dynamischen Moments wirken die
Skulpturen statisch. Der kunstgeschichtliche Rückbezug erfolgte in Anlehnung an die
Ikonenmalerei der Ostkirche. Das Mosaik entstand im überlieferten Herstellungsver-
fahren und bedient sich auch jener Darstellungsweise, ist aber in seiner Dimensionier-
ung modern.

4.1.5 Figuren und Mosaik


Die Lesart des Denkmals orientiert sich an seiner aufstrebenden Gestalt. Wie durch
einen Gang wird von der Kasse zur Terrasse der repräsentierte Verlauf der Geschichte
auf der linken Seite durch die Figuren (personenorientiert) und auf der rechten Seite
durch das Mosaik (ereignisorientiert) illustriert.
Betritt der Besucher das Denkmal von der Kasse aus, passiert er einen Korridor bis
zum Asparuch-Ensemble, dessen eine Seite wie eine Wand der erste Betonkörper in
Form einer Rampe zum Boden bildet und durch eine Ausbuchtung in die Asparuch-
Szene mündet. Diese Schräge wird über zwei Betonstelen weitergeführt. Die Seite zur
Stadt ist durch eine Mauer abgegrenzt, eine Verlängerung der Treppenfassung auf der
einen und die Pförtner- und Kassenräumlichkeiten auf der anderen Seite integrierend.

165 Saehrendt 2004: 90.


166 A. a. O.
167 A. a. O.: 84.
168 Dürre 2007.

37
Im Inneren des Komplexes führen 30 Stufen hinunter zur Komposition des Asparuch
und, nachdem die Figur Boris I. passiert wurde, drei Stufen zur Szene des „Goldenen
Zeitalters“ und den Mosaiken. Die Bewegung des Denkmals nach oben und die
Führung des Besuchers nach unten erfolgen gleichzeitig.

4.1.5.1 Asparuch
Das Denkmal wird inhaltlich durch Khan Asparuch eröffnet. Er steht an exponierter
Stelle, breitbeinig und zu ebener Erde, mit der ihn illustrierenden Kulisse durch einen
Betonträger, der die Plastik stützt, verbunden. Seine rechte Hand weist ausgestreckt
nach oben, die linke Hand zeigt in der gleichen Bewegung auf den Boden. Vor ihm
steckt ein Schwert zu einem Drittel senkrecht im Boden. Asparuchs Blick ist geradeaus
gerichtet. Er trägt – angedeutet – einen Mantel, der mit einem Gürtel mit Vierblattorna-
ment169 verziert ist, und einen Helm, der das Gesicht zu drei Vierteln umrahmt. Die Fi-
gur ist – wie alle Skulpturen – durch grob gehauene, kubistische, gestapelte Granitfrag-
mente gegliedert und grobkantig geformt. Feiner sind Asparuchs Hände und sein Ge-
sicht ausgebildet. Als Rückwand dient der Betonblock, der in sich aufgebrochen und
versehen ist mit gestaffelten und beschrifteten Platten – Fragmente aus dem ältesten
bulgarischen Schriftstück „Bulgarische Fürstenliste“. Die monumentale Struktur der Be-
tongruppe wird im Verlauf dadurch aufgelockert, dass sie nicht mit dem Boden ab-
schließt. Im abschüssigen Freiraum darunter ist ein der Natur nachempfundener Hügel-
bereich mit aus dem sozialistischen Städtebau bekannten Bodensondenplatten und Un-
kraut angelegt, Büsche stehen an der Rückwand des Denkmals. Darüber befindet sich
die massive Skulptur eines Pferdes in Zaumzeug und mit Sattel, die dem Pferd des
„Reiters von Madara“ nachempfunden wurde. Die Beine des Pferdes haben eine Länge
von 2,5 Metern, seine Hufe haben einen Umfang von 1,3 Metern. 14 Bildhauer arbei-
teten an dieser Komposition. Auf dem Grund, auf den das Pferd des Asparuch tritt –
Symbol einer Sonnenuhr –, singt als efeuumranktes Relief Orpheus einem Löwen, da-
neben tanzen Musen. Ebenso in Form eines Reliefs ist im Gefolge Asparuchs ein die
Zähne fletschender Hund in bewegter Pose zu sehen.

4.1.5.2 Galerie der Khane


Von der Treppe aus wird man zuerst der so genannten Galerie der Khane, in 18 Metern
Höhe positioniert und die gesamte Breite eines aufstrebenden Betonblocks einneh-
mend, gewahr. Oberhalb eines zwei Meter breiten, bandartigen Frieses mit Fragmenten
aus Chroniken, der durch das Denkmal hindurch zieht, sind die Khane nebeneinander
in Nischen gestellt, die in die Stele eingelassen wurden. Der Gestus ihrer Hände soll
ihre Funktionen für die Entwicklung des bulgarischen Staates symbolisieren. Tervel
(701-718) wird im Denkmal für den Friedens- und Handelsvertrag mit Kaiser Theodo-
sius III. (716) gewürdigt. Seine Hände stehen parallel zueinander – als Zeichen dafür,
Konfrontationen zu vermeiden170 –, die Arme und Schultern verschmelzen mit dem

169 Protobulgarischer Schmuck bei Christow 1980: 25; Asparuchs Gürtelschnalle ist historisch
entlehnt.
170 Stoikova 2006: 17.

38
umliegenden Gestein. Eine beschriftete Steinplatte verdeckt Tervel unterhalb der Arme.
Für die Darstellung Asparuchs konnte keine historische Quelle herangezogen werden,
aber als Vorbild für Tervel diente eine Abbildung des Khans auf einem Bleisiegel, das in
Istanbul entdeckt wurde: „Dort trägt er einen Helm, einen Panzer, einen Schild in der
linken und einen Speer in der rechten Hand. […] Die Darstellung erinnert an die der
Solidi Kaiser Konstantins IV. Analoge Darstellungen eines Herrschers in Kriegs-
ausrüstung findet man auch beim byzantinischen Kaiser Tiberios, der anstatt eines Hel-
mes jedoch das Stemma trägt. [...] Tervel ist im Gegensatz zu seinen byzantinischen
Vorbildern mit langem Haar dargestellt.“171

Krum (802-814), aus dessen Regierungszeit die erste überlieferte Rechtsordnung


stammt, hat den Blick auf seine Hände gerichtet, die in Höhe seiner Beine auf Schrift-
platten gestützt sind und eine Distanz anzeigen, die den gesetzlichen Rahmen symboli-
sieren sollen.172 Auch seine Arme sind nicht klar von den sie abgrenzenden Steinwän-
den getrennt. Der Grad an Verschmelzung zwischen beschrifteten Steinen und die Fi-
guren umgebenden Steinplatten nimmt von links (Tervel) nach rechts (Omurtag) mit
der zunehmenden Öffnung der Hände ab. Omurtag (814-831), der während eines 30
Jahre andauernden Friedens mit Byzanz durch Monumentalbauten auffiel, stützt sich
auf zwei Steinquader und lenkt seinen Blick leicht vorgebeugt in die Ferne. Rüstungen
sind durch Helme angedeutet, die der Darstellung Asparuchs ähneln. Alle drei Khane
ziert ein diamantförmiger Stein auf Höhe des Brustbeins. Die Helme sind unterschied-
lich geschmückt. Omurtags Parzelle trennt ein Kapitell mit floralem Motiv von der an
die Figur Boris I. (852-889) angrenzenden Wand und deutet im Verlauf ein Quader-
mauerwerk mit Inschriften an.

4.1.5.3 Boris I.
Die Figur Boris I. sitzt auf der Höhe des Bandfrieses zu ebener Erde auf einem Thron,
der an die Wände zweier spitzwinklig zueinander positionierten Betonkörper anschließt.
Am oberen Ende der Betonstelen befinden sich Aussparungen für den bereits erwähn-
ten Lichtkreuzeffekt. Durch Lilienblattwerk als herrschaftliches Gewand angedeutet,
unterscheidet sich seine zivile Kleidung deutlich von der seiner Vorgänger. Die Maures-
ke setzt sich im Thron, in dessen rechte Seite Inschriften eingraviert sind, fort. Boris I.
beugt sich, sich mit den Füßen und Händen abstützend, tief nach vorn. Sein Blick fällt
auf das Mosaik gegenüber. Seine Haltung dabei ist überspitzt.
In seinem Schoß liegt ein Zepter mit dem eingerahmten Symbol eines Ankerkreuzes.
Den Kopf ziert eine Krone mit einem Kreuz oder ein Helm. Sandalen könnten als
Schuhwerk gedeutet werden. Die Boris-Plastik ist feingliedriger gestaltet als dessen Vor-
gänger. Die Gliedmaßen sind, wie auch schon bei den Figuren in der Galerie der
Khane, stärker betont als der Rumpf.

171 Ziemann 2007: 185; in den Ausführungen Härtels zur bulgarischen Geschichte dazu: „Wie auf
Miniaturen und Figuren zu sehen ist, trugen die Krieger einen Helm, an dem Verzierungen
herabhingen, einen Schuppenpanzer oder Kettenhemd, eine lange Lanze, ein Schwert, Bogen
mit Köcher, Rundschild und Streitaxt.“ (Härtel 1998: 22).
172 Stoikova 2006: 17.

39
4.1.5.4 „Goldenes Zeitalter“
Den zweiten Halbsaal, der sich durch Stufen auch räumlich abgrenzt und der über meh-
rere halbkreisförmig angeordnete Betonstelen führt, füllt vis-a-vis zum Mosaik die Sze-
nerie des „Goldenen Zeitalters“ mit elf Figuren aus. Neben dem thronenden Herrscher
werden Aristokratie und Militär zur Linken und Geistlichkeit zur Rechten – personifi-
ziert in den Schriftgelehrten Angelus, Naum und Kliment (Schüler der Slawenapostel
Kyrill und Method) – visualisiert. Die Figurengruppen ordnen sich durch ihre unter-
schiedliche Entfernung zum Boden hierarchisch an.

Die Figur Simeons ist überproportional groß und im Vergleich zu Boris I. massiver und
verstärkt mit geometrischen Formen gearbeitet. Die einzelnen Kuben, die seine Glied-
maßen bilden, sind gegeneinander verschoben. Für den Torso wurden negative Formen
genutzt. Stufenförmig und gekennzeichnet durch halbkreisförmige Einkerbungen wird
das Material reduziert. Den Kopf schmückt, ebenso wie bei Boris I., Krone oder Helm
mit einem christlichen Kreuz. Der historische Simeon wurde im Hexameron folgender-
maßen beschrieben: „Auf einem reichverzierten Thron saß Simeon, der mit einem
prunkvollen Gewand gekleidet und mit einer goldenen Halskette, einem Purpurgürtel,
goldenen Armreifen und einem goldenen Schwert geschmückt war.
Zu beiden Seiten standen die Bojaren, ebenfalls prächtig gekleidet und geschmückt.“173
Thron, Architektur und Simeon-Figur formen sich nicht deutlich aus und lassen sich
daher schlecht auseinanderhalten. Der Herrscher umfasst sein Zepter mit dem
Kreuzemblem, welches sich auf eine Säule mit einem Motiv einer Blüte im Viereck, das
Preslaver Keramikfliesen und dem Tangramotiv entlehnt ist und an der Rückwand
wiederholt wird, gestellt. Seine rechte Hand ist auf die angedeutete Lehne seines Throns
gestützt. In der Inschrift unterhalb seines Throns wird die „Ode an Simeon“, in der die
Weltgewandtheit des Herrschers mit der des Ptolemäus verglichen wird, zitiert.174 Auf
gleicher Höhe wie der Thron stehen, ähnlich verschachtelt, drei Bojaren175; auffällig ist
ihr staunender Gesichtsausdruck. Neben der detaillierten Bearbeitung ihrer Gesichter
und den überproportional großen Händen sind sie durch eine Kopfbedeckung und das
zentral platzierte Schwert gekennzeichnet, sonst jedoch nur fragmentarisch ausgeformt.

Die Wand hinter ihnen und dem Soldatenensemble ist mit braunem Naturstein verklei-
det und schimmert in der Sonne golden. Am äußeren Ende des Halbkreises befindet
sich, im letzten Betonkörper vor der Terrasse, die Figurengruppe der Soldaten in einem
Unterschlupf. Beinahe völlig abgeschirmt durch stilisierte Schilde und Schwerter bilden
die Schultern und Gliedmaßen der vier Krieger, deren Bartwuchs Rückschlüsse auf ihr
Alter zulässt, eine Wand, über die ihre Köpfe ragen. Helme und Kettenschutz sind an-
gedeutet. Ihre Blicke gehen in die Ferne oder sind auf den Boden gerichtet. Die massi-
ven Hände halten Schwerter und Schilde.

173 Christow 1980: 41.


174 Žankova in Monument Founders of the Bulgarian State, dunkelblaue Broschüre.
175 Bojaren ist der slawische Ausdruck für Boilen, nach Härtel als Adelsschicht mit militärischen
und zivilen Ämtern ausgestattet und dem Khan oder Zaren untergeordnet. Ihnen folgten die
Bagainen (Härtel 1998: 25).

40
Die drei Schriftgelehrten bilden den Übergang von der Figur Boris I. zu Simeon. Sie
stehen gestaffelt auf Sockeln zwischen größeren Betonkörpern, und ihre Köpfe
wachsen aus langen Granitquadern heraus, die als Gewänder identifiziert werden kön-
nen. Fällt das Sonnenlicht von hinten auf sie, wird der Effekt von Heiligenscheinen er-
zeugt. Im Unterschied zu den weltlichen Figuren tragen sie keine Kopfbedeckungen.
Die Länge ihrer Bärte und die Fülle ihres Haupthaares bestimmen ihr Alter.
Der Betrachter fühlt sich in jeweils bestimmten Abständen von ihnen angeschaut.
Auch hier haben die Hände die Funktion, etwas zu halten. Der Letztstehende richtet
die Segenshand auf den Betrachter.

Längs zum Mosaik und parallel zur Betonscheibe ist ein Bereich eingelassen, der durch
eine Granitschwelle, die als Sitzbank genutzt werden kann, eingegrenzt ist. Auf dem
Erdboden stehen – neben einem hageren Strauch – die bereits erwähnten Grabsteine
und Mauerreste. Der Löwe in einer Höhe von 52 Metern krallt sich mit den vorderen
Tatzen am Betonquader fest, sein Maul ist geöffnet. Er wurde von mehreren Bild-
hauern aus 2 000 schwarzen Granitstücken geschaffen.176 Die Figur eines einem frühen
Steinrelief entlehnten Löwen und das Symbol des Schmetterlings bilden architektonisch
und ideologisch den Höhepunkt des Denkmalkomplexes. Nicht nur ist diese Komposi-
tion Grundlage des Denkmallogos, sie ist auch das einzige bildhauerische Element, das
von außen sichtbar ist.177

4.1.5.5 Mosaik
Das Mosaiktriptychon178 thematisiert die „Die Sieger“, „Christianisierung“ sowie „Die
Slawenapostel und ihre Schüler“179. Analog dazu sind die Mosaike chronologisch, quan-
titativ als auch farblich qualitativ zunehmend mit Schriftsystemen illustriert: protobulga-
rischen Runen, dem glagolithischen und kyrillischen Alphabet – ungeordnete Buchsta-
ben im oberen Drittel. (Halb-)Kreise, Tangraornamente180 in unterschiedlichen Farben
und rechteckige Freiflächen bieten Orientierung im ungestalteten Raum. Der gleichför-
migen horizontalen Struktur der Betongruppen wird der ungleichmäßige vertikale Auf-
bau der Mosaike entgegengesetzt. Die vorgegebene quadratische Rasterung ist in sich
selbst durch das dynamische Verhältnis von Schraffuren, Musterungen, Verschachtel-
ungen und Inversionen gebrochen. Im Farbaufbau der größeren, nichtfigürlichen pla-
nen Flächen untereinander entsteht Spannung. Farben sind auf Schwarz, Weiß, Rot und
Gold mit vereinzelt akzentuierenden Naturfarben reduziert, Goldgrund und Stereotypi-
sierung mahnen an Ikonenmalerei, die Strichführung wirkt gekratzt. Ganze Figuren und

176 Den Kopf fertigte Krum Kostov, den Körper Ljubčo Susanov, die Pranke Kaulin
Ivanov und den Schwanz Vladimir Nikolov.
177 Informationsheft Denkmalführung in deutscher Sprache. Herausgegeben von “Monument of
The Founders of the Bulgarian State”, zuletzt geprüft am 18.07.2009.
178 „Mosaik arab.: ‚musauik‘ = ‚geschmückt‘; zusammengesetzte Darstellungen aus kleinen farbigen
Glasstücken, Steinen oder Tonstücken in Stiftform, rechteckigen Steinchen oder Splittern. Diese
Teile werden in noch feuchten Kitt oder Mörtel eingesetzt. In der byzantinischen Kunst vorwie-
gend als Gewölbe oder Wandschmuck.“ (Horn 2003: 130).
179 Stoikova 2006: 20.
180 A. a. O.

41
Teilfiguren bilden in den narrativen Bildern Kontraste.

Die Siegersituation wird durch das Emporstrecken der Hände der Krieger, die vermut-
lich an der Schlacht teilgenommen haben, versinnbildlicht. Die Art der Bewaffnung der
einzelnen Gruppen (Pfeile und Bogen; Lanze, Schwert und Schild) und Attribute wie
Pferd oder Horn weisen auf ihre militärische Funktion und durch diese moderne Ord-
nung auf den Grad an Zivilisation hin. Die (nicht historische) Herrscherfigur steht zu
ebener Erde, das Schwert mit der rechten Hand vor sich stützend, hinter ihr Soldaten
mit Lanze und Schilden und auch Soldaten in Bewegung mit erhobenen Schwertern.
Darüber sind salutierende Krieger zu sehen. Im rechten Bildteil sammeln sich Soldaten,
Pferde und Verkünder. In der Farbgebung dominieren Schwarz und Weiß, in der Dar-
stellung des Khans überwiegt die Farbe Rot. Der Schmuck ist golden.

Die mittlere Szene des Mosaiks ist auf zwei Ebenen angelegt. Die zentrale Szene mit
dem Herrscher ist nach hinten versetzt und wird vom Rest des Bildes eingerahmt.
Als historische Figur wird in das kriegerische Männerbild die Schwester von Boris I.
eingeführt, hinzu kommen weitere Frauen ohne Angabe ihrer Funktion. Die Schwester
steht hinter dem jugendlichen, reich kolorierten Herrscher Boris in einem roten Ge-
wand und mit weißer Kopfbedeckung. Ihre Hände sind zu einem Gebet gefaltet, der
Kopf und ihr Blick gesenkt.181 Drei Geistliche sind von der Bildmitte aus in einem
Dreieck angeordnet. Zwei halten mit beiden Händen Kreuze in die Höhe. Die
Darstellung der Rüstungen setzt sich aus dem ersten Mosaik fort. Die linke Spalte des
Mosaiks ist ausschließlich den unterschiedlich großen Schriftzeichen, teils auf hellem,
teils auf schraffiertem Grund, gewidmet.

Das dritte Mosaik ist auf zwei Ebenen und zusätzlich rechtwinklig angeordnet. Es the-
matisiert die „Heiligen Sieben“182 in jeweils drei unterschiedlich komponierten Szenen
mit vollständigen Figuren oder nur Kopfstücken. Die Männer kennzeichnen Bärte, lan-
ge Haare und Gewänder. Alle sichtbaren Hände verweisen auf Bücher oder Schrift.
Das Rot, das in den anderen beiden Mosaiken der Kleidung der Herrscher vorbehalten
war, ziert hier Buchdeckel. In ikonografischer Tradition der Ostkirche halten die gezeig-
ten Figuren Bücher in den Händen. Auf der Handfläche eines Mannes steht eine Kir-
che. Das Verhältnis von dichter grafischer Beschreibung und freien oder mit griechi-
schen Kreuzen oder Tangrasymbolen geschmückten Flächen wird kontrastreicher.

4.2 Mythos und Ideologie - Deutung des Denkmals als Machtrepräsentation im Denkmal
Die im Šumener Denkmal transportierte Botschaft lautet: Der Staat hat sich durch die
richtigen Entscheidungen seiner Führer einem Ideal entsprechend entwickelt.
Der Staat formte die bulgarische Nation. Die Gesellschaft wird auf die Identifikation
mit dem Staat eingestimmt, indem die Nationalgeschichte staatlich interpretiert wird,
insbesondere anhand von Institutionen wie Rechtsstaatlichkeit, Verwaltung und Kultur,

181 Vermutlich spielt diese Szene auf die in Konstantinopel christlich aufgezogene Schwester Boris
I. an, die ihn in seinem Einschluss, zum Christentum zu konvertieren, bestärkt haben soll
(Härtel 1998: 27).
182 Kyrill und Method, Naum, Angelus, Kliment, Sava und Gorazd (Stoikova 2006: 20).

42
wobei ein Idealfall – das „Goldene Zeitalter“ – (ebenfalls traditionell) als Fixpunkt eines
staatlichen, fortschrittlich perzipierten Prozesses markiert wird. Dezidiert sozialistische
Paradigmen werden durch Einbettung der Prinzipien Vereinheitlichung,
Zentralisierung, Friedensliebe und Revolution bedient.

4.2.1 Die Schrift als Friedenssymbol


Zur Erinnerung: Durch die zentrale, planmäßige und wissenschaftlich fundierte Leitung
sollte die sozialistische Gesellschaftsordnung umgesetzt werden.183 In der einheitlichen
sozialistischen Gesellschaft wurden nach langem Klassenkampf die sozialen Unterschie-
de aufgehoben, weil die Arbeiterklasse unter Führung der Partei revolutionär gesiegt
hatte. Damit endete eine lange Tradition des nationalen Befreiungskampfes, und das
bulgarische Wesen konnte sich im friedlichen sozialistischen Staat optimal entfalten.
Der Frieden garantierte die kulturelle Entwicklung zum Wohl der ganzen Menschheit –
und wollte unter Umständen mit verschiedenen Mitteln verteidigt werden. Für die
Friedensliebe bürgte die Schrift: „[...] das zeigt, daß unsere Urahnen nicht einen Staat
der Eroberer, sondern einen Staat der entwickelten Zivilisation gegründet haben. Die
drei Etappen der historischen Entwicklung des Ersten Bulgarischen Staates sind in den
drei Schriftzeichen unterzeichnet.“184 Sowie: „[...] und nämlich die Schrift, das Zeichen
der Zivilisation, gibt uns die Möglichkeit, die Christianisierung als einen kulturpoli-
tischen Akt, nicht als einen religiösen Akt zu erläutern.“185 Die im Denkmal verwende-
ten Schriftelemente ergänzen ideologisch die Aussage von der charismatisch gebunde-
nen staatlichen Institutionalisierung. Die Auszüge aus mittelalterlichen bulgarischen
Chroniken erfüllen ihre Funktion, die geschichtliche Relevanz des bulgarischen Staates
nachzuweisen, seine Ordnungsprinzipien zu spiegeln und die Kulturbegabung der Bul-
garen zu belegen. Der die Vereinheitlichung der Jugend fördernde sozialistische Bil-
dungsdiskurs186 schlägt sich in ihnen nieder.

Im Denkmal „Gründer des Bulgarischen Staates“ haben die transliterierten Manuskript-


fragmente, die typografisch an protobulgarische Runen angelehnt sind und im Mosaik
verdoppelt werden, Zitatcharakter. Durch sie wird die Gesamtaussage des Denkmals
näher bestimmt.187 Indem sie ergänzen oder präzisieren, sind sie eine Hauptinstanz zwi-
schen Stifter und Adressat. Die Inschriften konstruieren eine Kontinuität von protobul-
garischem Geschichtsbewusstsein zur Verwissenschaftlichung der bulgarischen Ge-
schichte in den 1970er-Jahren.188 Erinnerung zwischen Mythos und Geschichte189 ist

183 Christow 1980: 243.


184 Informationsheft Denkmalführung in deutscher Sprache. Herausgegeben von „Monument of
The Founders of the Bulgarian State“, zuletzt geprüft am 18.07.2009.
185 A. a. O.
186 Taylor 2007: 173.
187 Menkovic 1999: 48.
188 Troebst 1983; beispielhaft dafür die Erklärung in der Jubiläumspublikation: „Namensliste der
bulgarischen Khane – das älteste schriftliche Dokument für die bulgarische Geschichte mit
wichtiger Erfahrungs-, kulturgeschichtlichen, gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen
Bedeutung, das eine Information über die Sprache, die Zeitrechnung und das gesellschafts-
politische Leben der Protobulgaren enthält.“ Informationsheft Denkmalführung in deutscher
Sprache. Herausgegeben von „Monument of The Founders of the Bulgarian State“ (Stand: Juli

43
schon in der Geschichtsschreibung durch Legendenbildung und Metaphorisierung an-
gelegt. Verdichtungen und Übernahme gängiger Erklärungsmuster konnten neue Phä-
nomene schlüssig erklären, Identität schaffen und Herrschaft legitimieren. Nach Zie-
mann dienen Geschichtsbilder seit jeher dazu, die einzelnen Mitglieder an die Gruppe
zu binden. So sind die verwendeten Schriftzeugnisse das Ergebnis byzantinischer Welt-
sicht, von Vereinfachung und menschlicher Erinnerung mit dem Wunsch, die byzanti-
nische Geschichte zu legitimieren.190 Um den im Denkmal verkörperten Prinzipien nar-
rative Kraft einzuflößen, wurden nationale Geschichtsmythen historio- und biografisch
reaktiviert. Das friedliche Zeitalter des Nationalstaates (das heißt, die bulgarische Na-
tion in ihrer staatlichen Verfassung) folgte konsekutiv dem revolutionären Kampf und
legitimierte diesen rückwirkend.

4.2.2 Die revolutionäre Geschichte Bulgariens


Die ideologische Prägung der Geschichte als klassenkämpferisch hatte zuerst den revo-
lutionären Charakter der Wiedergeburtszeit (als dem Mythos schlechthin191) hervorge-
kehrt und die BKP in eine Reihe mit nationalen Freiheitskämpfern gestellt. Das revolu-
tionäre Streben, eine im Mittelalter erschaffene bulgarische Identität über die Jahrhun-
derte der Fremdbestimmung zu sichern, sollte für den Bulgaren konstitutiv sein und aus
der bulgarischen Geschichte eine Geschichte der Protestbewegung machen, verkörpert
durch singuläre Geschichtsereignisse: Die Staatsgründung 681 erschütterte die alte by-
zantinische Ordnung, die Konversion Boris I. war ein revolutionärer Akt, nach dem
„Goldenen Zeitalter“ war es die Bewegung der Bogomilen, dann kamen Ivailo der Bau-
ernkönig, Šišmans Kavallerie und die Voivoden.192 Nach Überwindung des „osmani-
schen Jochs“ organisierte sich die Arbeiterklasse national durch die Gründung der BKP
durch Blagoev und errang international den Sieg der Oktoberrevolution, nur geschmä-
lert von Kapitalismus und Faschismus, denen man aber mit stetigem Partisanenkampf
beikommen konnte.193 Der Sieg der Arbeiterklasse mit der Partei an ihrer Spitze war
Ausdruck ihrer Führungsqualitäten. Nicht mehr an die Notwendigkeit des Kampfes ge-
bunden, flossen die patriotischen Energien nun in die Verteidigung des Vaterlandes
(Kampfplatz), in den Aufbau des Sozialismus (Arbeitsplatz) und in die Herausformung
nationaler Eigenart und Kultur (Lebensweise). Diese revolutionäre Tradition wurde
rückverlängert und den Protobulgaren unter Asparuch im Akt der Staatsgründung so-
wie Boris I., der eine Staatskirche gegen den inneren Widerstand des Adels etablierte,
zugeschrieben. Die Schräge aus dem Boden, mit der das Denkmal eröffnet wird,
verortet die revolutionäre Eigenschaft bereits bei den Protobulgaren.

2009).
189 Wodianka 2009.
190 Ziemann 2007.
191 Weber 2006: 22.
192 Živkov 1982: 8.
193 Ilko Raev in Šumenska Zarja vom 28. November 1981; abgeleitet aus der im Šumener
Geschichtsmuseum demonstrierten Geschichte.

44
4.2.3 Das Mittelalter spiegelt die sozialistische Staatsnation

4.2.3.1 Die Ankunft


Asparuch, Gründer des bulgarischen Staates, nach den Erzählungen der Chronisten
Theophanes und Nikephoros legendärer dritter Sohn Kubrats, vertritt in seiner Her-
kunft die bulgarische Urzeit und fungiert als Mittler im Übergang in die (historische)
Zeit.194 Kubrat, historische Person und Anführer einer aus der Awarenherrschaft befrei-
ten Gruppe, im Herkunftsmythos der Herrscher des großbulgarischen Reichs – der bul-
garischen Urheimat –, hatte fünf Söhne, die nach dessen Tod auszogen und neue Ge-
biete besiedelten. Nachdem Asparuch die Donau überquert hatte, nahm er einen Ort
namens Oglos an der Donaumündung ein. Das Motiv der sich trennenden Brüder er-
scheint auch in einem kroatischen Ursprungsmythos.195 Erklärt werden konnte mithilfe
dieser Erzählung das Auftreten von als Bulgaren und Chazaren bezeichneten Gruppen
in verschiedenen Teilen der Welt. Asparuchs geschichtliche Funktion lag in der durch
Byzanz erwirkten Anerkennung eines neuen, territorial stabilen Machtgebildes im Frie-
densabkommen von 681. Als der polyethische Herrschaftsverband der Hunnen 443 in
die Dobrudža einfiel, führte er Gruppen mit der Bezeichnung Bulgaren mit, die dann
im byzantinischen Reich Mobilitätsrechte und föderativen Status genossen.196 Sie wur-
den ab dem 6. Jahrhundert regelmäßig in byzantinischen Chroniken erwähnt. Unklar-
heit herrschte aber über ihren Aufenthaltsraum und ihre Organisationsform.197 Der
plötzliche Einfall der Bulgaren nach der Donauüberquerung ist daher Teil eines My-
thos, denn laut Ziemann geben die Berichte über ein großbulgarisches Reich von Ni-
kephoros und Theophanes die komplexen Herrschaftsbildungsprozesse nur verzerrt wi-
der.198 Ihre lange und stetige Ankunft kündigt dabei die Denkmalarchitektur durch den
aus dem Boden gewachsenen, aufstrebenden ersten Block selbst an.

Der narrative Charakter des Asparuch-Ensembles im Denkmal ist offenbar. In eine my-
thologische Szene eingebettet – die bulgarische Vorgeschichte als Teil der antiken My-
thologie, durchaus heiter mit Orpheus und Nymphen (bleibt man bei der Madara-Le-
gende), als der Grund, den das herrschaftliche Pferd beinah bedrohlich betritt – fun-
giert Asparuch als Gründungsvater des bulgarischen Staates. Das Ensemble weist einen
hohen Grad an Verdichtung auf und lässt die Ereignisse protobulgarischer Donauüber-
querung, Landnahme und Besiedlung unter dem Vorzeichen einer Diaspora folgerichtig
und zeitnah erscheinen. Asparuch, das Schwert in die Erde gestoßen, erhebt für seine
Gefolgschaft (in der Denkmalinszenierung konsequent auch für die durch den Gang
zum Ursprung ankommenden Besucher) die rechte Hand zur Weisung und zeigt mit
der linken zur Erde. „This will be our land!“199 – der unbezeugte geschichtspopu-
listische Gemeinplatz im Denkmalbildungsauftrag. Umgeben von dem Kulturkreis der
Reiternomaden immanenten totemistischen Tiere (Pferd, Hund) wird die mythische

194 Weber 2006: 153.


195 Ziemann 2007.
196 A. a. O.; Koleva Dimitrova 2007.
197 Ziemann 2008: 27.
198 Ziemann 2007: 153.
199 „The severe face of the ruler rejects confrontation, his hand up and the other sticking the sword
into the ground undoubtedly state ‚This will be our land!‘“ (Stoikova 2006: 17).

45
Einheit von Mensch, Natur und Glauben angerufen. Das Motiv des Opferhundes im
Asparuch-Ensemble entstammt einer Anekdote aus der Chronik von Theophanes Con-
tinuatos über den byzantinischen Kaiser Leon, der zur Bekräftigung des Friedens mit
Bulgarien (etwa 814/815) Hunde geopfert haben soll. Der Chronist selbst bringt darin
seine Antipathie gegenüber Leons ikonoklastischer Politik zum Ausdruck.200
Ausschnitte aus der „Protobulgarischen Fürstenliste“, die mythologisch das politische
Wirken der Protobulgaren innerhalb des hunnischen Herrschaftsapparates erklärt,
zeugen von ruhmreicher Herkunft und begründen dynastisch den protobulgarischen
Herrschaftsanspruch.201 Die Setzung „Hier beginnt Bulgarien“ beruht auf dem in
zahlreichen Informationsmaterialien des Denkmals reproduzierten Gründungsmythos,
Asparuch habe, als er die Donau überquerte, das Schwert in die Erde gerammt mit den
Worten „Hier wird Bulgarien! – Unter diesem Himmel auf dieser Erde“202– in
Anlehnung an den legendären Ausspruch Asparuchs, „das ist das Land, das ich für die
Bulgaren gewählt habe“203, aus dem als teuerste bulgarische Filmproduktion in die
Geschichte eingegangenen Werk „Khan Asparuch“ von Ljudmil Staikov aus dem Jahre
1981.

Laut Pressebericht sangen zum 20. Jubiläum der Eröffnung ehemalige Mitarbeiter und
Bauarbeiter des Denkmals vor dem Asparuch-Ensemble gemeinsam „Von hier beginnt
Bulgarien“ – eine von einheimischen Künstlern eigens für das traditionell um den 12.
Mai204 ausgerichtete Stadtfest „Šumentage“ komponierte Hymne, die 2000 erstmals dem
Publikum präsentiert wurde. Ebenfalls trägt die Lichtperformance in den Farben der
Trikolore, die anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Denkmals „Gründer des Bulgari-
schen Staates“ arrangiert wurde, den Titel „Von hier beginnt Bulgarien“. Ein englisch-
sprachiges Quiz für Kinder im Grundschulalter wurde 2006 unter demselben Titel am
Gemeindezentrum durchgeführt.

4.2.3.2 Die Verstaatlichung


Dieser Abschnitt widmet sich der Festigung des bulgarischen Staates, zu dessen Ver-
bildlichung drei protobulgarische Persönlichkeiten in Dienst genommen werden.
Sie besitzen in ihrer Verknüpfung von Person und zugeschriebener Leistung einen alle-
gorischen Charakter und verweisen (von links nach rechts) auf Diplomatie (Tervel), Ge-
setzgebung (Krum) und Bautätigkeit (Omurtag). Auch hier liefern Zitate die nötige Be-
weiskraft. In ihrer starren Position öffnen die Hände der Khane gleichsam den sie um-
gebenden Stein. Der Verschmelzungsprozess mit dem neuen Land vollzieht sich über
die gestische Öffnung zum Raum, der den Khanen durch ihre enge Platzierung in der

200 Die protobulgarische Religion ist eigentlich nicht rekonstruierbar, da der Tangrakult sich nur in
einer einzigen Inschrift, sonst nur über die Interpretation archäologischer Artefakte nachweisen
lässt (nach Ziemann 2007 in Beševliev, Nr. 6; 149 f. und 361 f.).
201 Koleva Dimitrova 2007: 20.
202 Informationsheft Denkmalführung in deutscher Sprache. Herausgegeben von „Monument of
The Founders of the Bulgarian State“, zuletzt geprüft am 18.07.2009.
203 Online verfügbar unter http://www.ab-bg.com/bg1300, zuletzt geprüft am 06.06.2009.
204 Das Datum ist verbunden mit einer Ehrung der Brüder Kyrill und Method, derer ab der natio-
nalen Wiedergeburtszeit landesweit gedacht wurde. Der Gedenktag wurde am 11. Mai 1851 als
Schulfest durch den Lehrer Najden Gerov in Šumen eingeführt.

46
Stele bleibt und ihren konventionellen Handlungsspielraum darzustellen weiß. Die terri-
toriale Ausdehnung nach Süden unter Krum und Omurtag beeinflusste die kulturelle
Sphäre und die innere Struktur des Reichs und förderte die Verschmelzung der ethni-
schen Gruppen.205 Tervels Geste ist nach Byzanz gerichtet. Krums Geste ist das Ergeb-
nis byzantisch-bulgarischer Austauschbeziehungen. Omurtag stützt sich auf den ihn
umgebenden Stein, den er als Produktionsstoff annimmt und somit auch das besiedelte
Land. Die erfolgreiche Vermittlung Khan Tervels in den byzantinischen Thronfolge-
streitigkeiten wird in die Dichotomie von Krieg und Frieden eingegliedert: „dass die
wichtigen Probleme durch Diplomatie und Frieden, nicht durch Konflikte, Kriege und
Konfrontationen entschieden werden.“206 Krieg und Sklavenhandel als Merkmale des
Ersten Bulgarischen Reichs, dessen Haupteinnahmequellen und Mittel zur Expansion,
werden durch eine Ergebnisorientierung abstrahiert. Zivilisatorische Aspekte wie
außenpolitische Handlungsmöglichkeiten (Verhandlungen, Verträge und strategische
Kriegsführung) und innenpolitische Stabilisierung (Gesetze, Administration) sollen
Kriege in das übliche staatliche Handlungsrepertoire einordnen.207
Neben föderativen Beziehungen zum Referenzpartner Byzanz in der Person Tervels
wird Rechtsstaatlichkeit nach innen über Gesetzgebung formuliert.

„Wenn jemand einen anderen anklage, solle diesem kein Gehör geschenkt werden, bis er
in Fesseln verhört worden sei. Wenn der Ankläger sich als Verleumner oder Lügner her-
ausstelle, so solle er getötet werden. Niemand soll einem Dieb Nahrung geben. Wer dies
trotzdem tue, der solle sein ganzes Vermögen verlieren, dem Dieb hingegen sollen die
Beine gebrochen werden. Ferner habe er angeordnet, daß alle Weinberge zu vernichten
seien. Schließlich solle jedem Bettler so viel gegeben werden, daß er nicht wieder in Not
gerate. Bei Zuwiderhandlungen war die Beschlagnahmung des Vermögens
vorgesehen.“208

Die Gesetze in der legendären Suda „Geschichten anekdotenhaften Charakters unter


dem Stichwort ‚Bulgarien‘“209 lassen auf die Existenz eines Gesetzwerkes schließen, das

205 Ziemann 2008: 28.


206 Informationsheft Denkmalführung in deutscher Sprache. Herausgegeben von „Monument of
The Founders of the Bulgarian State“, zuletzt geprüft am 18.07.2009.
207 Krums angebliche Ausübung heidnischer Praktiken vor Konstantinopel und die Trophäe des in
ein Trinkgefäß gefassten Schädels des besiegten Kaisers Nikephorus fördern seine popkulturelle
Beliebtheit. Theophanes schreibt von der Machtausübung Krums: Mit den Füßen noch im Meer
hätte er versucht, das herrschaftliche Speer in das Stadttor zu stoßen. (Ziemann 2007: 280) Der
Film „Days of the Rulers“ („Denjat na vladetelite“ von Vladislav Ikonomov aus dem Jahre
1985) zeigt Krum mit besagtem Pokal, ein Comic sowie Straßen- und Dorfnamen und Produkt-
bezeichnungen im Šumener Raum unterstützen dessen Funktion als Erinnerungslandschaft. In
der Tradition europäischer Reiterdenkmäler finden sich in Targovište am Straßenrand eine
Ritterfigur auf einem aufbäumenden Pferd und, ebenfalls zu Pferd, Khan Krum mit erhobenem
Schwert als Bronzestatue auf einem Sockel – ein 2007 durch den Gemeinderat gestiftetes Denk-
mal in Plovdiv, zu dessen Entwurf ein Teilnehmer eines Internetforums aus Boston kommen-
tiert: „we need more sculptures of the kind“. Online verfügbar unter
http://www.skyscrapercity.com/showthread.php?t=292841&page=8, zuletzt geprüft am
27.11.2009.
208 Ziemann 2007: 285.
209 A. a. O.: 287.

47
„Trunksucht, Verleumnung, Korruption und Bestechung“210 ahndet. Sie wurden gleich-
zeitig instrumentalisiert, um „die Theorie einer sich verstärkenden Zentralisierung“211 zu
begründen.

Die Archäologin Velina Koleva Dimitrova sieht im Tengrismus/Tangrakult als abstrak-


tem, in allem herrschenden und nicht anthropomorphen Prinzip die Ursache dafür,
dass der Zentralismus ein der protobulgarischen Struktur immanentes Merkmal ist.212
Am besten verdeutliche das Prinzip des Khans als oberster, von Gott zur Verwaltung
der irdischen Macht eingesetzter Geistlicher diese Vermutung. „Die Religion war
ebenso vom zentralistischen Ordnungsprinzip geprägt. Sie wurde allerdings zusätzlich
durch ein vielschichtiges System charakterisiert, das einerseits aus dem monothe-
istischen Kult an einen Hauptgott und andererseits aus einer Mischung aus volkstüm-
lichen Glaubensformen gebildet wurde.“213 Reflektiert wurde dieses zentralistische Ord-
nungsprinzip in der sozialen Struktur der Protobulgaren, wie es die militärische und
administrative Traditionslinie von Awaren und Chasaren vorsah. An der Spitze stand
der dynastisch legitimierte Khan, ihm folgte die protobulgarische Aristokratie, die das
„administrative Staatssystem“ streng organisierte.214 Allmählich wurde die „Stammes-
und Geburtsaristokratie in eine Dienstaristokratie“215 umgewandelt. Augenfällig spiegelt
die protobulgarische Organisation, wie sie Christow 1980 beschreibt, die
staatssozialistische Struktur:

„In dieser Periode waren die Protobulgaren diejenigen, die hauptsächlich das Militär und
die Verwaltung organisierten. An der Spitze des Staates stand der Chan, unterstützt vom
Chagan, der die Funktion des ersten Ministers innehatte. Die Mitglieder der regierenden
Oberschicht – Stammesfürsten, Gebietsverwalter und Angehörige der
Zentralverwaltung, hießen Boilen. [...] Der Chan war der oberste Befehlshaber des
Heeres. Er hatte die oberste gesetzgebende, gerichtliche und ausübende Gewalt. Er
wurde aus einem aus den höchsten Boilen bestehenden Rat unterstützt.“216

Für die These der Zentralisierung als protobulgarisches Merkmal wurden ebenfalls Ar-
chitektur und Raumplanung nutzbar gemacht. Die konzentrischen Kreise der Siedlun-
gen und insbesondere die Struktur Pliskas und der darin eingeschriebene Bedeutungs-
verlust der Peripherie sollten die Verwaltungsstruktur versinnbildlichen und die kom-
munistische Politik in staatlichen Anfängen verorten. Bulgarische Nomadentradition
und mobile Herrschaft als defensive Taktik, um den Herrscher nicht unmittelbar seinen
Widersachern auszusetzen und dadurch den Herrschaftsapparat zu gefährden, widerle-
gen jedoch nach Ziemann die Behauptung, der frühe Staat sei zentralistisch geführt

210 A. a. O.
211 A. a. O.
212 Im Sinne einer Körpermetapher ließe sich auch Härtels Beschreibung der spirituellen
Weltsicht der Protobulgaren, der Kopf oder das Blut kämen als Sitz der kosmischen Kraft
infrage, zu Gunsten der Rolle der BKP umdichten (Härtel 1998).
213 Koleva Dimitrova 2007: 39.
214 A. a. O.
215 A. a. O.: 38.
216 Christow 1980: 25.

48
worden.217 Der Zentralismus wurde in dem Moment als nationalstaatliches Merkmal
hergeleitet, als sich die sozialistischen Modernisierungspotenziale in der zentralen Steue-
rung erschöpft hatten und dies einen Systemwechsel erforderlich machte, der die Ent-
wicklung einer postindustriellen Gesellschaft nicht weiterhin blockieren würde.218

Omurtag ließ sich als „Herrscher von Gott“ einsetzen und eignete sich in seiner herr-
schaftlichen Selbstdarstellung die byzantinische Repräsentationssymbolik an. Damit ein-
her ging die Übernahme byzantinischer administrativer Formen, byzantinisch geprägter
Kunstformen und griechischsprachiger Inschriften.219 Die Abhängigkeitsbeziehung zwi-
schen Herrschaftsbegriff und Herrschaftsträger wurde, ebenfalls die christliche Traditi-
on Byzanz vorwegnehmend, enger. „Der Mensch, wenn er auch gut lebt, stirbt und ein
anderer wird geboren, aber das Aufgebaute von ihm bleibt auf dieser Welt“220 – dieses
Omurtag zugeordnete inskribierte Zitat deutet auf die der Kultur angedichteten Kraft
hin, mittels Objektivation die eigene Endlichkeit zu überwinden. Es soll im Denkmal
Pate stehen für Omurtags philosophisches Bewusstsein.221 Gegen seine Idealisierung
und für machtpolitische Motive spricht „die polemische Bemerkung des Theophanes
Continuatos, daß sich Omurtag über Kriege allgemein gefreut habe“222.

4.2.3.3 Das Werden der Bulgarischen Nation


Als Vermittler im Prozess von staatlicher Konstitution und ethnischer Homogenisie-
rung wird die Skulptur Boris I. auch visuell ein Verknüpfungspunkt zwischen den zwei
stilisierten Sälen mit Blick auf das im Mosaik dargestellte ihn betreffende Ereignis. Die
Christianisierung als politischer Akt der Formung einer bulgarischen Ethnie interpre-
tiert, erscheint dieser Herrscher nicht in ritterlichem, sondern in fürstlichem Gewand.
Die frühmittelterliche Ethnogenese hat Vorbildfunktion für den sozialistischen Staat,
wenn auch durch die späte Minderheitenpolitik der BKP pervertiert. Die Vereinigung
der Ethnien unter dem Dach der Staatskirche und der Beginn einer slawisch geprägten
Epoche, in der Denkmalspublikation innenpolitisch gedeutet223, werden durch die Set-
zung ethnischer Konflikte aufgewertet. Ziemann stellt richtig:

„Ein slawisches Gemeinschaftsbewußtsein oder ein gemeinschaftliches Handeln ist an


keiner Stelle zu entdecken. Die Slawen innerhalb des bulgarischen Herrschaftsverbands
lassen sich meist im Verbund oder im Zusammenhang mit den Bulgaren erfassen, kaum
jedoch als von den Bulgaren getrennt handelnde Gruppierung. [...] Tatsächlich spricht ei-
niges dafür, daß sich die slawischen Gruppen innerhalb des bulgarischen Herrschaftsver-
bandes als Bulgaren verstanden.“224

217 Ziemann 2007: 231f.


218 Delhey 2001: 57.
219 Ziemann 2007: 344.
220 Informationsheft Denkmalführung in deutscher Sprache. Herausgegeben von „Monument of
The Founders of the Bulgarian State“, zuletzt geprüft am 18.07.2009.
221 Stoikova 2006: 17.
222 Ziemann 2007: 305.
223 Informationsheft Denkmalführung in deutscher Sprache. Herausgegeben von „Monument of
The Founders of the Bulgarian State“, zuletzt geprüft am 18.07.2009.
224 Ziemann 2007: 229.

49
Die Konversion war Bedingung im Bündnis mit Byzanz, um Kriege abzuwenden, und
Ergebnis des langen kulturellen und christlichen Einflusses auf den Khanshof. Der eini-
gende Aspekt des Christentums lag in der Funktion von Religion, das Leben zu ordnen
und den Herrscher gegenüber allen Christen göttlich zu legitimieren.225 Konflikthafte
Elemente, wie beispielsweise der Widerstand der Bojaren gegen die Christianisierung,
werden in die Dramaturgie des Denkmals so eingebunden, dass sie der Konversion hö-
heres moralisches Gewicht verleihen, weil der Herrscher weise gegen seine Gefolg-
schaft entschieden und die Geschicke des Landes so langfristig zum Besseren gelenkt
hat. Dem Herrscher wird somit eine Tugendhaftigkeit versichert, die ihn heraushebt
und seine Position innenpolitisch rechtfertigt.226 Eine gewisse Durchhaltepropaganda,
um zweifelhafte politische Entscheidungen und Prozesse in die späte Gerechtigkeit der
Geschichte einzugliedern und Vertrauen in die Führung zu erzeugen, ist implizit. Der
konfessionell angeregte Verschmelzungsprozess mündet in das ethnisch einheitliche
Produkt: die homogene Nation, beheimatet im bulgarischen Staat. „[...] the stuck in the
heart of Bysantium Bulgarian beginning are combined, the silented masses of the Slavs,
Tracians and Proto-Bulgarians also with the slow and hardous rising of nation and
state“, erklärt der Künstler Krum Damjanov.227 Die zentral verwaltete
Homogenisierung sollte nun auch als dem bulgarischen Nationalcharakter immanente
Eigenschaft im Denkmal verwurzelt sein. Die einzelnen Betonkörper symbolisieren
etappenweise Staatsgründung, Wachstum und Entwicklung.228 Der charismatischen
Herrscherpersönlichkeit wurde die zu formende Masse der Ethnien entgegengestellt,
indem „der einstige Sockel [des Herrscherdenkmals; Anmerkung der Autorin] absolut
gesetzt und monumentalisiert“229 wurde. Hier wird vor allem mit der Angst vor
gesichtslosen barbarischen Horden der Völkerwanderungszeit gespielt, die nur die
staatliche Ordnung zu bändigen wusste. Auch im Denkmal zeigt Gesellschaft nur in
ihrer Vertretung Gesicht. Der Mensch des frühen Mittelalters – und in seiner Funktion
als Ressource230 – bleibt anonym.

Im Sinne der Verschmelzungsmetapher kommt dem Begriff der Synthese eine zentrale
Rolle zu. Philosophisch löst Synthese das Versprechen von intellektuellem Fortschritt
in der marxistischen Dialektik ein. Die synthetische Vereinbarung von Widersprüchen
visioniert die kommunistische Gesellschaft. Physikalisch impliziert sie das bewusste
Einwirken von außen und symbolisiert das Eingreifen der Partei in die Gesellschafts-
gestaltung. Beispielsweise bezweckt die Synthese der Kunstformen die Vervollkomm-
nung des Menschen analog zur Vervollkommnung des Staates.

„The synthetic integration of the various fields of art and culture round the unified
national aim, the multiplicational linking of culture with all other spheres and with socio-

225 A. a. O.: 344.


226 Das militärische Missgeschick Boris‘, das nach altem Brauch wahrscheinlich zur rituellen
Bestrafung des Herrschers geführt hätte, bleibt unerwähnt (Koleva Dimitrova 2007: 39).
227 Online verfügbar unter http://bg1300.hit.bg/annotation.html, zuletzt geprüft am 12.05.2009.
228 Stoikova 2006: 17.
229 Saehrend 2004: 54.
230 Ziemann 2007.

50
political development, the introduction of new social-state, widely democratic forms and
mechanisms of managing the fundamental cultural process, forms and mechanisms
potentially rich in their scope and nature – these most essential features are characteristic
of the spiritual and cultural atmosphere in which the national social consciousness is
being formed and built up.“231

Die totalitäre Vereinigung von „Architektur, Skulptur, Malerei, Dichtung“232 mit gesell-
schaftlicher Heilwirkung ist eine der Zuschreibungen, die in Denkmälern mit Mittelal-
terbezug ihre Projektion fanden.233 Die Tendenz des bulgarischen Nationsbegriffs, in al-
len Kulturformen das spezifisch Bulgarische zu erfassen oder die Kulturhaftigkeit als
nationales Merkmal anzuerkennen, steht Pate dafür. Entsprechend verhalten sich die
Baustoffe, scheinbare Gegensätze vereinend, zueinander: Traditionelles wird mit Mo-
dernem kombiniert, Handwerk mit Industrie, Gewachsenes mit Geschaffenem, Natur
trifft auf Kunst. Beton als Produkt der sozialistisch projektierten Industrialisierung soll
deren Segen verkörpern: die Wohlfahrtstaatlichkeit im Wohnungsbau oder die wirt-
schaftliche Selbstversorgermentalität.234 Stahl und Beton dienen als Symbole des techni-
schen Fortschritts. Granit ist als ewig, natürlich und beständig romantisch besetzt und
wurde denkmalgeschichtlich bereits im 19. Jahrhundert als die Schollenverbundenheit
des Volkes verkörpernd idealisiert und nationalisiert. Die aufwändige handwerkliche
Bearbeitung dieses widerständigen Steines veredelte gleichsam den Künstler.
Versinnbildlichte die Formbarkeit des Betons das sozialistische Projekt, so mahnte das
Granit an den langen Atem der Geschichte.

4.2.4 Der Mythos vom „Goldenen Zeitalter“


Der bulgarische staatliche Gründungsmythos in seiner identitätsstiftenden Funktion
wird konsekutiv ergänzt durch den Mythos vom „Goldenen Zeitalter“. Damit sollte an
vergangenen Ruhm erinnert werden, um die Weiterentwicklung der bulgarischen
sozialistischen Gesellschaft durch kluge staatliche Führung zu motivieren. Das
„Goldene Zeitalter“ symbolisierte eine erstrebenswerte, das Beste des bulgarischen
Nationalcharakters herauskehrende, für die Weltzivilisation gewinnbringende Zeit.
Im durch Wandel geprägten Bulgarien der späten siebziger Jahre des letzten
Jahrhunderts, dessen Modernisierung alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens
umfasste und welche offiziell als notweniger Lauf der Geschichte interpretiert wurde,
war der Beginn jener fortschrittlichen Entwicklung in die zeugenentzogene Vorzeit
verlegt. Das „Goldene Zeitalter“ integrierte dabei sowohl alle nationalen Bedürfnisse
nach politischer Bedeutung, territorialer Ausdehnung und Hochkultur und unterstützte
die These vom staatlich garantierten Frieden als Grundbedingung zivilisatorischer
Höherentwicklung.

Analogien bestanden zwischen der stilisierten Geschichte der BKP, bereits in einen
Traditionszusammenhang mit der bulgarischen Protest- und Partisanenbewegung

231 Živkova 1978: 3.


232 Kerssen 1975: 62.
233 A. a. O.
234 Siehe auch Brunnbauers Ausführungen zu Kremikovci (2007).

51
gestellt, von ihren revolutionären Anfängen über ihre avantgardistische Rolle in der
wissenschaftlichen Gesellschaftsgestaltung, bis sie sich selbst sozusagen überflüssig
machte und verschmolz in der egalitären Ordnung der kommunistischen
Weltgesellschaft, die in den bunten Farben der auf Volkskunst reduzierten
befreundeten Völker schillerte. Demnach verhalten sich die Erzählungen von der
bulgarischen Staatswerdung und von den Anfangsjahren der Kommunistischen Partei
strukturell ähnlich. Sie können beide analog zu dem Reifungsprozess eines Menschen -
von der gewaltsamen Geburt, der Kindheit, Rebellion über hegelsche und marxistische
Dialektik durch Erfahrung und Geist zur „vollkommenen Persönlichkeit“ gelesen
werden. Die blutigen bulgarischen Anfänge – eine Ökonomie die auf Kriegsgewinne
abzielte – konnten durch das Ideal des Goldenen Zeitalters legitimiert und naturalisiert
werden. Das wurde gespiegelt und gründete sich zugleich als verantwortungsvolle
Übernahme eines historisch nationalen Erbes in der Geschichte des Ersten
Bulgarischen Reiches. Die revolutionären Züge der Kommunistischen Partei waren
Gleichnis und Ergebnis der Opferbereitschaft der Protobulgaren für ihr Vaterland, die
unter wissenschaftlichen Zeichen vollzogene staatliche Institutionalisierung im
Bulgarenreich – hierin Diplomatie, Gesetzgebung und zentrale Verwaltung – spiegelten
die Bulgarische kommunistische Partei in ihrer Funktion als Staatsmacht.
Die Entwicklung des Staates in Etappen spiegelte seine planmäßige Führung. Im Dien-
ste seiner Entfaltung nahmen die Herrscher dem Staat gegenüber eine servile Haltung
ein. Der Staat war statisch angelegt, auf stabilem Grund stehend, sich seiner Blüte
nähernd. Entscheidungen mussten der Annäherung an das Ideal dienen. Der antizi-
pierte dauerhafte Idealzustand war das Ende der (marxistischen) Geschichte.235 Seine
Entrückung aus der Zeit gibt ihm mythischen Charakter. Der Mythos ist eingespannt in
die Erzählung vom Ursprung und vom Glanzpunkt. In die „zeugenentzogene Vorzeit
zurückverlegt“236, ist die mythische Erzählung „durch eine überzeitlich-präsentische
Evidenzerfahrung überlagert“237, obgleich sie sich auf historische Ereignisse beziehen
mag. In der Funktion des Mythos, zu orientieren und zu ordnen, ist die Erzählung vom
kriegerischen Anfang Teil seines erwarteten friedlichen Endes.

Mythos ist nicht verbindlich definiert, kann aber als in symbolischen Formen ausge-
drückte Erkenntnisse238 über die Wirklichkeit gedeutet werden. Er ist durch narrative
Mittel wie Ambivalenzen, Homologien, Assoziationen und Totalisierungen gekenn-
zeichnet und kann irrationale und amorale Elemente eingliedern.239 Der Mythos klärt
über Herkunft und Ursachen dessen auf, was Natur und Denken an Kontingenz bereit-
halten. Im Mythos wird die Welt humanisiert und das komplex Abstrakte „naturali-

235 „Das im eigentlichen Sinne unhistorische Geschichtsinteresse des Marxismus ist von dem Be-
mühen gekennzeichnet, aus dem Ablauf der Vergangenheit ein antagonistisches Prinzip, eine
klassenkämpferisch bestimmte historische Gesetzmäßigkeit zu entwickeln, um aufgrund einer
angeblichen Einsicht in die Struktur des zukünftigen Geschehens das Ziel einer unhistorischen
dauernden, humanen und klassenlosen Gesellschaftsordnung zu verwirklichen.“ (Kerssen 1975:
164).
236 Brandt 2004: 10.
237 Wodianka 2006: 3.
238 Campell 2007: 42.
239 Brandt 2004: 11.

52
siert“, indem es durch das sinnlich Konkrete ersetzt wird.240 Das Denkmal als ästhe-
tisch-sinnliches Medium übernimmt diese Substitution. Der Mythos als symbolische
Form oszilliert zwischen Bedeutungstradierung und -generierung. Für die Evidenzer-
fahrung kombiniert das Denkmal das Potenzial archäologischer Geschichtsorte und
historischer Quellen mit dem Angebot medialer Identifikation, das kulturelle Institu-
tionen, Geschichtsschreibung sowie Populärkultur241 zur Verfügung stellen, um damit
das mythische und „symbolische Weltgefüge“242 durch Erinnerungsarbeit zu
konstruieren. Darüber hinaus ist das Denkmal für die ideologischen Lesarten und
symbolischen Deutungen des 20. Jahrhunderts geöffnet. „Denkmäler nehmen als
symbolische Vermittlungsinstanzen die Spezifiken mythischer Narration – Komplexi-
tätsreduktion, Bildhaftigkeit und Emotionalität – auf.“243 Die semiotische Besetzung der
bulgarischen Geschichte mit staatlichen Ordnungsprinzipien im Denkmal ist moderne
Mythenbildung.

Die BKP nutzte die tradierten Mittel des nation-building und schöpfte aus dem Fundus
nationaler Mythenstoffe und Legenden, um der Idee des social-engineering ein historisches
Gesicht zu geben. Die gesamte Gestaltung des Denkmals, seine künstlerischen sowie
architektonischen Mittel, seine verwendeten Materialien und sein Standort,
insbesondere aber seine Dimensionierung verkörpern die Hybris der Machthaber, diese
gesellschaftliche Entwicklung steuern zu können. Der Einzelne wird auf seine nationale
Mitgliedschaft und die Arbeit an der sozialistischen Gesellschaft reduziert. Seine
Identifikationsmöglichkeiten mit dem Denkmal beschränken sich darauf, die staatliche
Macht historisch verorten zu können. Als gemeinsame Identifikationspunkte im
mythischen Spannungsverhältnis werden die Diskurse Kultur und Bildung sowohl für
das „Goldene Zeitalter“ als auch für den reifen Sozialismus reklamiert. Die Analogie
zwischen 1981 und dem 10. Jahrhundert ist trotz der Funktion des „Goldenen
Zeitalters“, ein Ideal zu verkörpern, notwendig, um den etappenweisen Fortschritt der
Staatsgeschichte auch für die prognostizierte Gesellschaftsgeschichte abzuleiten.

4.2.5 Ikonographie des Denkmals


Die Mehrdeutigkeit der Kunst des 20. Jahrhunderts ist bezeichnend für sie.
So lässt der Synthesecharakter, der in der Selbstdarstellung so deutlich hervorgehoben
wird, auf das Fehlen klarer ikonografischer Normen auch für das Denkmal schließen.
Im Denkmal wird Geschichte nicht nur verdichtet, sondern auch verkürzt. So wie sich
das zu erinnernde Selbstbild komplementär erzählend und verschweigend konstruiert,
verweist auch die Abwesenheit von Diskursen auf deren Existenz. Durch das Mittel der
negativen Selektion wird die Geschichte der weniger ruhmreichen Khane (Teletz, Sabi-

240 Wodianka 2009.


241 Es wurden auch Filme über Kyrill und Method, über Boris I. und über das „Goldene Zeitalter“
in den 1980er-Jahren gedreht: „Konstantin Kyrill Filosof“ (1983), „Boris I.“ von Borislav
Šaraliev (1984) sowie „Zlaten vek“ von Ljuben Morčev (1983). Zahlreiche Requisiten aus
genannten Filmen, die das Mittelalterimage prägten, konnten inmitten der archäologischen
Exponate des Sofioter Archäologischen Museums 2009 in einer Ausstellung des Museum of the
Bulgarian Cinema – National Historical Museum besichtigt werden.
242 Brandt 2004: 10.
243 Weber 2006: 23.

53
nios, Paganos, Telerig, Kardamos, Malamir, Persian) nicht erzählt. Über die optischen
Effekte mit Licht und Schatten könnte vermutet werden, dass das Erhellen und Ver-
dunkeln als künstlerisches Mittel, auf Geschichte zu verweisen, beabsichtigt war. Als
künstlerische Freiheit ausgelegt, wäre es dagegen ein Mittel, die offizielle Botschaft zu
untergraben. Die machtpolitische Demonstration von Gewalt und Terror – die in der
offiziellen Friedensrhetorik keinen Platz hat – wirkt emotional durch die künstlerischen
Mittel des Denkmals, Ausdrücke der latent wirkenden Diskurse über den roten Ter-
ror.244

Die Wuchtigkeit und die Massivität der Betonkörper und der riesigen männlichen Figu-
ren auf dem unwirtlichen Gipfel flößen eine Erhabenheit ein, die mit Naturkräften in
Verbindung gebracht wird. Diese Naturalisierung der bulgarischen Geschichte beschert
auch der Vergangenheit etwas Schicksalhaftes. Die künstlerischen Stile, die am Anfang
des 20. Jahrhunderts der Kunst eine Kraft der Erneuerung zusprachen und in ihrer
Sprache Ideen von Zukunft, Technik, Krieg und Fortschritt nach einer Epoche von fi-
gurativer Naturalisierung oder Idealisierung ausdrückten, werden dabei nur zitiert und
verlieren an Glaubwürdigkeit.
Die Monumentalität ist ob ihrer Wirksamkeit Selbstzweck.

Voller Stolz auf den protobulgarischen Kampfgeist werden Bilder von Rittern und
„ehrlichem“ Zweikampf evoziert; romantische Mittelaltermotive, die der Technokratie
eine unmittelbare Leiblichkeit entgegensetzen. Die Verwendung von Waffenmotiven
steht zwar in der antiken Tradition der Weihegeschenke und entspricht einem wie auch
immer gearteten Mittelalterbild. Gerade die zahlreichen Kriegsdenkmäler des 20. Jahr-
hunderts aber verleihen diesem Motiv eine gewisse Ambiguität. Die Grausamkeit des
Krieges wird in mittelalterlicher Verkleidung verschleiert, und Krieg wird als politisches
Mittel verharmlost.245 Im Gründerdenkmal wird Krieg durch den gegenwärtigen sozia-
listischen Friedens- und Zivilisationsdiskurs scheinbar pazifiziert, gleichzeitig wird der
Partisan als nationaler Protagonist angerufen. Der Nahwaffenkämpfer wird romantisch
überhöht, weil er seinen Tod im Zweikampf errungen und sinnlich erfahren hat.

Die Rüstung als Wehr- und Kampfmittel des Kriegers verleiht diesem Bild einen weite-
ren Grad an Unmittelbarkeit, die im Gegensatz zur modernen Uniform steht. Dazu
birgt die Rüstung ikonografische Bezüge. Christlich gedeutet246 verweist sie auf Tugen-
den wie Ehre (Sporn), Pflicht (Schild), Wahrheit (Lanze) und Demut (Helm), auf
Schutz vor Lasterhaftigkeit und Übel (Harnisch und Handschuh). Auch für den profa-
nen Bereich können die Tugenden herrschaftlich assoziiert werden. Das Schwert kann
dabei mehrfach kontextualisiert werden. Christlich konnotiert symbolisiert es das
Kreuz; das Kreuz247 wiederum in seiner heidnischen und christlichen Verwendung ist
Zeichen des Maßes und der Einheit von Gegensätzen. Als Symbol der Souveränität ist
das Schwert „Instrument der Entscheidung, das Symbol der Macht und der Sonne“248

244 Taylor 2007: 182.


245 Menkovic 1999: 38.
246 Heinz-Mohr 1992: 247.
247 Kretschmer 2008: 234.
248 Heinz-Mohr 1992: 262.

54
und Waffe des Führers und Richters. Die magisch-erotische Beziehung von Männern
zu ihren Waffen verleiht dem Schwertkämpfer Männlichkeit.249 Das herrschaftliche Zep-
ter250 Simeons symbolisiert, wie auch das Schwert, die Kardinalstugend Tapferkeit.
Simeon stützt sich links auf das Staatssymbol (Zepter) und den Adel (Bojaren) und
rechts auf das Volk (Granitblock) sowie das Bildungsmonopol der Kirche. Komple-
mentär zur Rüstung stehen die herrschaftlichen Gewänder.

Das Lilienornament an der Figur Boris I. kann im byzantinischen Raum und später, als
heraldisches Motiv, auch in Westeuropa verortet werden. Der Lilie werden Reinheit,
Unschuld und Jungfräulichkeit nachgesagt. Gerade im Zuge der späteren Heiligspre-
chung Boris I. erfährt die Lilie als Symbol für das „mystische Sichausliefern an die Gna-
de Gottes“251 und Zeichen der Erwählung seine Bedeutung. Der Herrscher trägt Sanda-
len, was ebenso Zeichen des fehlenden Schutzes ist. Seine Kopfbedeckung drückt Wür-
de aus. Die Tiara252 galt im byzantinischen Reich als Königskrone und ab dem 8. Jahr-
hundert als weltliches Herrschaftszeichen; zu diesem Bedeutungskontext gehört auch
die rote Farbe der herrschaftlichen Gewänder im Mosaik. Zu den klassischen Herr-
schaftssymbolen zählt der Löwe, dem als König der Tiere die Eigenschaften Mut, Stär-
ke, Macht, Gerechtigkeit und Weisheit zugesprochen werden.253 Im geschichtlichen
Kontext verweist der Löwe auf das Machtverhältnis zu Byzanz: Er symbolisiert das
Prinzip der Aneignung (Mimesis) und Verinnerlichung (Inkorporation) der Machtfor-
men des byzantinischen Staates. Der Schmetterling im Anschluss an den Löwen verleiht
dem Löwensymbol Ewigkeitswert. In der Antike stand der Schmetterling sinnbildlich
für Wiederauferstehung und die Unsterblichkeit der Seele (Psyche).254

Die hervorgehobenen Gliedmaßen der Granitfiguren signalisieren einen gestalterischen


Willen. Betonte Gliedmaßen verweisen auf Handlungsmacht, die Massivität der Körper
verdeutlicht Stabilität. Je stabiler sich der bulgarische Staat mit der Christianisierung als
festigendem Aspekt ausnimmt, desto stärker kontrastieren verschwindender Torso und
überproportionale Gliedmaßen. Arme und Hände sind als Werkzeuge funktional defi-
niert. Als Deutungsansatz dient die Gegenüberstellung von Materie und Geist. Die Ver-
kehrung der Materie in ihr Gegenteil könnte ein Hinweis auf das Geistige oder das See-
lische sein. Für diese Behauptung sprächen sowohl das Loch im Auge anstelle einer Pu-
pille als auch die ungestalteten Flächen im Mosaik.255 Das „Goldene Zeitalter“ ist geistig
bestimmt und etabliert die Schriftkultur. Als Zeichen eines medialen Übergangs erinnert
die Hand an die älteren, körpergebundenen Kulturtechniken des Zeigens und der
mündlichen Überlieferung. Die Entkörperlichung der Skulpturen bezeugt das Ver-
schwinden des Körpers in der Schriftkultur.256 Die Hände repräsentieren, synchron zu
ihrem Symbolgehalt als Herrschaftszeichen257, die Schriftkultur. In der Wiederholung

249 A. a. O.: 262; Menkovic 1999: 38.


250 Heinz-Mohr 1992: 467.
251 A. a. O.: 188.
252 Kretschmer 2008: 224.
253 Menkovic 1999: 38.
254 Heinz-Mohr 1992: 259.
255 Wie bei George Bataille, bei dem das Auge sinnbildlich für das Heilige steht.
256 Wenzel 2009: 37.
257 Heinz-Mohr 1992: 124.

55
bestimmter Erkennungszeichen sind die Figuren durch Kontinuität miteinander ver-
bunden. Boris I. in seiner avantgardistischen Rolle schließt an die figürliche Darstellung
in den Mosaiken an. Die Blicke der Skulpturen Boris I., Simeon und der Schriftsteller
richten sich auf die Erzählung im Mosaik. Die Komplexität der Geschichte wird durch
die Zunahme der räumlichen Ebenen im Mosaik versinnbildlicht.

Auch in der Farbgebung ist eine Diversifizierung zu erkennen. Aufgrund des Mangels
an historischen Quellen erhöht sich der Abstraktionsgrad parallel zum mythischen
Gehalt. Im Teil „Die Sieger“ sind Figuren und Hintergrund stark kontrastiert, die
Nebenhandlungsfiguren sind häufig schwarz-weiß und die geometrischen Flächen
einfarbig. In der „Christianisierung“ wird stärker mit dem Mittel der Schraffur ge-
arbeitet. Einzelne Figuren werden naturalistischer dargestellt. Besonders in der Dar-
stellung der „Sieben Heiligen“ werden die Farben stärker vermischt, was die Figuren
plastischer wirken lässt. Im Bildprogramm des Mosaiks lassen sich Bezüge zur Ikonen-
kunst herstellen. In dieser Deutung spielen die zehn Frauenfiguren im mittleren Mosaik
auf das Motiv der zehn Jungfrauen258 an, die auf die Ankunft ihres Bräutigams Christus
warten. Die historische Rolle der Schwester Boris I. selbst ist durch einen Bekehrungs-
mythos verklärt. Bei Theophanes Continuatus findet sich folgende Anekdote:

„Kaiserin Theodora hätte wegen eines Traumes vom Fürsten Bulgariens einen Mönch
namens Theodorus Kupharas zurückgefordert. Jener Mönch sei einst gefangengenom-
men worden, und nun wollte die Kaiserin ihn um jeden Preis freikaufen. Boris indessen
hätte dieses Begehren zum Anlaß genommen, seine in byzantinischer Gefangenschaft
sich befindende Schwester gegen besagten Mönch auszutauschen. Seine Schwester sei
nun aber in Byzanz im christlichen Glauben erzogen worden und hätte zu lesen und zu
schreiben gelernt. Als sie nun im Austausch mit diesem Mönch zu ihrem Bruder Boris an
den bulgarischen Hof zurückgekommen sei, habe sie begonnen, auf ihren Bruder einzu-
wirken, daß er sich bekehren lasse. Boris habe indessen in seinem herkömmlichen Glau-
ben verharrt. Schließlich habe sich Boris wegen einer Hungersnot gezwungen gesehen,
jenen Gott anzurufen, den seine Schwester und jener Mönch verehrt hätten. Auf diese
Weise habe sich Boris zum wahren Glauben bekehrt und schließlich einen Bischof aus
Konstantinopel kommen lassen, der ihn nach dem Kaiser in Konstantinopel Michael ge-
nannt habe.“259
Eine weitere Funktion der Frauendarstellung kann in der metaphorischen Anrufung des
Ethnogenesemythos des bulgarischen Volkes liegen: Die Idee einer Vermählung von

258 Horn 2003: 101.


259 Ziemann 2007: 358; ein zweiter Bekehrungsmythos findet sich ebenfalls bei Theophanes
Continuatus: „Demnach sei Boris ein leidenschaftlicher Jäger gewesen und habe sich gewünscht,
daß eines seiner Domizile mit Jagdszenen ausgemalt würde. Mit der Erfüllung dieses Auftrags
habe er einen byzantinischen Mönch namens Methodius beauftragt, den er jedoch durch Gottes
Eingebung angewiesen habe, keine Kriegsszenen oder das Töten von Tieren darzustellen,
sondern nach des Mönches eigenem Verlangen das Bild zu gestalten. Die einzige Auflage habe
darin bestanden, daß das Bild Angst hervorrufen sollte und den Betrachter in Erstaunen zu
versetzen habe. In dem Bewußtsein, daß nichts auf der Welt so viel Furcht einflöße wie das
jüngste Gericht, habe der Mönch ebendieses dargestellt, mit den Erlösten auf der einen und den
Verdammten auf der anderen Seite. Beim Anblick des Werkes sei Boris von großer Furcht
erfaßt worden und habe des Nachts sogleich die Taufe empfangen.“ (A. a. O.: 359).

56
weichen (slawischen) mit harten (protobulgarischen) Faktoren unter der Obhut der gei-
stigen Führer (Thraker) kann darin eingegliedert werden. Diese drei Elemente erschei-
nen personifiziert als Geistliche, männliche Führergestalt und Frauen.

Gerade der letzte Teil des Mosaiks hat ikonographische Bezüge. Die Apostel als „be-
vollmächtigte Abgesandte“260 erscheinen mit Buch und Nimbus. Das Kirchenmodell in
der Hand ist üblicherweise Attribut der vier lateinischen Kirchenväter.261 Auch die höfi-
schen Gewänder, der narrative Charakter, der raumloser Hintergrund und goldene Let-
tern sind Merkmale byzantinischer Kunst.262 In diesem Kontext hat die Farbe symboli-
sche Funktion und emotionale Wirkung. Der Goldgrund repräsentiert die raumlose hei-
lige Sphäre und ist ebenso wie die Farbe Silber das Symbol der Transzendenz; die Far-
ben Schwarz und Weiß spiegeln die Spannung zwischen Licht und Dunkelheit.263 Nicht
nur wird mithilfe dieser Referenzen eine künstlerische Tradition fortgeführt, auch wird
das Heilige aus der Verantwortung der Kirche entlassen und profanisiert. Die histori-
sche Kirche, wie sie im Denkmal thematisiert wird, wird ihrer religiösen Funktion be-
raubt und auf ihre soziale und nationalpädagogische Rolle beschränkt. Das freigesetzte
religiöse Potenzial wird im Denkmal ästhetisch gebunden.264

Der Mythos im Šumener Denkmal thematisiert Geburt, Entwicklung und Reife, jedoch
nicht Verfall, Tod und Erneuerung. Die im Mythos aufbewahrte zyklische Weltan-
schauung, die erklärt, dass im Leben getötet und verzehrt werden muss, wird durch eine
lineare Heilsgeschichte ersetzt. Die mythischen Protagonisten totalisieren dadurch ihre
Macht. Die absolute Gültigkeit dieses Machtanspruchs mutet nach Ende des staats-
sozialistischen Regimes obszön an, weil das Denkmal inhaltlich und formal die kommu-
nistische Ideologie spiegelt, aber keine Erklärung und kein Bild für deren Scheitern be-
reithält. Das Besondere im Denkmal „Gründer des Bulgarischen Staates“ sind die Apo-
logie der Aufklärung, für die sinngemäß der Staat steht, und der inhärente absolute
Wille zur Naturbeherrschung. In dieser Hybris erheben sich die Herrscher zu Gebietern
über die Natur, indem sie diese systematisch und wissenschaftlich erfassen und kulturell
umformen. In der Konstitution dieser neuen Ordnung erhalten Kriege und Erober-
ungen die Funktion des totemistischen Opferrituals. Die Versöhnung mit der brutalen
Bedingung des Lebens, töten zu müssen – das Hauptmotiv des antiken Mythos –, fin-
det darin ihre Anwendung. Indem das Denkmal thematisch eine Zeitspanne von 200
Jahren umfasst, müssen Opfer und Leiden nicht punktuell versinnbildlicht werden,
sondern können als ein notwendiges Element des Opferbringens ihren Platz in der
Meistererzählung des Staates einnehmen.

260 Horn 2003: 15.


261 Kretschmer 2008: 218.
262 Horn 2003: 26.
263 A. a. O.: 84.
264 „Das Religiöse wird aus dem Bereich der alten Kirche emanzipiert und findet in einem durch
Kunst und Geschichte bestimmten neuen Kirchenbegriff seine Wiedererweckung.“ (Kerssen
1975: 56).

57
4.2.6 Das Denkmal als Fest
Das Šumener Denkmal läuft der Tendenz, Denkmäler am historischen Ort zu errichten,
entgegen, da es nur mittelbar Bezug nimmt auf historische Stätten. Der Standort kon-
struiert eine historische Verbindung in Form einer geografischen Verknüpfung. Für die
Wirkung des Denkmals entscheidend sind jedoch die Vorzüge seines Aufstellungsortes:
auf einem für größere Versammlungen und private Treffen geeigneten Platz, der auch
aus der Ferne wahrgenommen wird und trotz seiner ungemütlichen Witterungsverhält-
nisse naturschön ist. Er ist angebunden an touristische Routen (Stadt, Festung, Natur-
park), zu Fuß und auch mit Verkehrsmitteln leicht zu erreichen und besitzt eine gastro-
nomische Infrastruktur.

In die Denkmaldramaturgie der Stadt ist er folgendermaßen eingebunden: Die Denkmä-


ler ziehen sich wie ein Kreuz durch die Stadt. Entlang der Promenade stehen die Büsten
der Persönlichkeiten. Sieger und Opfer aller Couleur sind der Reihe nach bedacht.
Rechtwinklig dazu geht es vom Gründerdenkmal bergab über Knechtschaft und Befrei-
ung (Partisanendenkmal) zu den schönen Künsten: Museum, Bibliothek und Theater.
Das Motto, den Kulturstatus einer Nation an ihren zivilisatorischen Leistungen zu mes-
sen, schlägt sich in der Infrastruktur nieder. Die das Denkmal umgebende Natur inten-
siviert das Geschichtserlebnis und erzeugt ein Gefühl von Ergriffenheit.265 Licht, Schat-
ten, die scheinbare Verlängerung des Gipfels durch die Architektur, der geschützte
Wald und die Wiesen stellen ein romantisch und volkstümlich attribuiertes Naturerleb-
nis bereit, das der emotionalen Wirkung der künstlerischen Mittel im Denkmal einen
empfindsamen Grund bereitet. Die Umgebung offeriert ein Repertoire an freizeitlichen
Nutzungsmöglichkeiten, deren Grenzen zur zeremoniellen Nutzung verschwimmen.
Die Allee bietet die Gelegenheit zu Prozessionen, die Wiese hat Volksfestcharakter, das
Denkmal verfügt innen über Platz für Versammlungen – Nutzungsformen, die sich
auch nach 1989 bewährt haben. Die kalendarisch abgehaltenen Feiern und Jubiläen und
ihre liturgische Organisation fördern den mythischen und religiösen Charakter des
Denkmals. In der öffentlichen Erinnerungskultur nehmen Feste die Aufgabe wahr, die
Erinnerungspraxis zu tradieren und die adressierte Gemeinschaft mithilfe ritualisierten
Verhaltens emotional zu binden. Die Propagandafunktion kann hinter das Gemein-
schaftserlebnis zurücktreten.266

Synergieeffekte entstehen dadurch, dass private und kommunale Einrichtungen den Ort
nutzen. Beispielsweise wurde am 8. Juli 2003 von einem Geschichtsverein die 125-jähri-
ge Befreiung der Stadt Šumen von den Osmanen auf dem Denkmalsgelände begangen.
Zu diesem Anlass trugen örtliche Kulturvereine Gesangswettbewerbe aus, und das Rus-
sische Kulturinstitut in Sofia eröffnete im Besucherzentrum eine Ausstellung. An drei
aufeinander folgenden Tagen wurde im August 2004 das zweite allgemeinbulgarische

265 A. a. O.: 59.


266 Menkovic 1999: 58.
58
Volkstreffen „Reiter von Madara“ unter dem Motto „Wir sind alle verschieden, aber
Bulgarien ist eins“ abgehalten.267 2008 richteten die Bezirksverwaltung, „Carlsberg Bulga-
ria“ und „Krea“ ein Bierfest mit Livemusik auf den Wiesen neben dem Denkmal aus.268
Der „Cup of Monument“, ein Leichtathletikcrosslauf, wird jährlich im November auf
Initiative des Denkmals als Verlängerung der Feierlichkeiten zum Jahrestag veranstaltet.
Der Aspekt der Festivalisierung definiert daher das Denkmal mit.

Das 25-jährige Bestehen stand ganz im Zeichen des Events. Prominente Šumener Bür-
ger sowie Künstler wurden am 4. Dezember 2006 vom Senator und Bürgermeister ins
Šumener Rathaus geladen. Die Veranstaltung fand unter dem Motto „Die Wurzeln be-
rühren“ statt. Programmpunkte waren Ausschnitte aus dem Film „Asparuch“, von einer
Blaskapelle vorgetragene Filmmelodien aus „Simeon“ und „Die Schlacht am Bosporus“
sowie die Lesung eines prämierten Textes eines Schülerliteraturwettbewerbs, der anläss-
lich des 15. Jahrestages unter dem Motto „Denkmal – Synthese aus Vergangenheit, Ge-
genwart und Zukunft des bulgarischen Staates“269 veranstaltet worden war, um die Lite-
raturfähigkeit der (bulgarischen) Kinder kausal auf das „Goldene Zeitalter“ zurückzu-
führen. Eine Lichtperformance am Denkmal in den Farben der Trikolore schloss die
Feierlichkeiten ab. Kurz darauf wurde der Empfang des 2 100 000. Besuchers als Me-
dienevent inszeniert: Das Lokalradio übertrug die feierliche Besucherzählung am 17.
Dezember 2006, die von allen Mitarbeitern des Denkmals, Journalisten sowie Mitarbei-
tern des Filmstudios TRIMA, der Produktionsfirma des Werbefilms, getragen wurde.
Neben einem Weinempfang erwarteten den Besucher, einen Mann aus Varna, Geschen-
ke, Blumen und eine Urkunde, eine Kurzfassung der Lichtshow sowie ein pathetischer
Eintrag ins Gästebuch. Dessen Text lautete: „Die Geschichte hat Höhen und Tiefen,
aber es wird immer Geschichte geben / An einem solchen Ort sind wir stolz Bulgaren
zu sein.“270 Geschichtsverständnis, persönliche Biografie und sinnliches Erleben wurden
somit festiv verknüpft.

4.3 Das Denkmal im Umbruch: Institutionalisierung als Denkmalsturz


Ein Grund dafür, dass das Denkmal trotz seiner machtpolitischen Konnotation auch 20
Jahre nach dem Systemwechsel fortbesteht, liegt in seiner kommunalen und kommerzi-
ellen Aneignung. Bulgariens Wandel vollzog sich zwischen 1989 und 1991 von innen
heraus zwar schnell, Wirtschaftsreformen wurden aber erst ab 1997 ernsthaft umgesetzt.
Seitdem ist die parlamentarische Demokratie mit dem starken Präsidentenamt politisch
stabil.271

267 Online verfügbar unter http://bg1300.hit.bg/annotation.html, zuletzt geprüft am 06.05.2009.


268 Šumenska Zarja vom 19. Juli 2008.
269 Šumenska Zarja vom 9. September 1996.
270 Online verfügbar unter http://www.ab-bg.com/bg1300/meropriqtiq.php, zuletzt geprüft am
12.06.2009.
271 Weiterführende Information zur Transformation in Bulgarien finden sich bei Höpken 1996;
59
Seit 2009 regiert Boiko Borissov, ehemaliger Sofioter Bürgermeister und Leibgardist
Živkovs, mit seiner Partei Bürger für die europäische Entwicklung Bulgariens (GERB).
Bulgarien ist zentralstaatlich in Planungsregionen, Verwaltungsbezirke und Gemeinden
organisiert. Die kommunale Selbstverwaltung ist, da sie keine eigenen Mittel zuweisen
kann, schwach.272 2004 trat das Land dem Nordatlantikpakt bei. „Allerdings haben die
maßgeblichen Reformkräfte früh die ‚Rückkehr nach Europa‘ zum Ziel erhoben, nicht
zuletzt aufgrund der Magnetwirkung von Konzepten wie Markt, Demokratie, Pluralis-
mus und Rechtsstaat.“273 Seit 2007 ist Bulgarien Mitglied der Europäischen Union. Aus-
schlaggebende Motive dafür waren Planungssicherheit, Stabilität und Partizipation, aber
den Beitritt begleiteten auch Ängste vor Abhängigkeit und strukturellem Wandel.274 In
einer landesweiten Umfrage zu Bulgarien und den europäischen Werten begrüßten
mehr als 70 Prozent der Bürger den Beitritt. Auf dem Weg zu einem regionalen Europa
bedeutet die lokale Bindung für die Hälfte der Befragten mehr als die nationale.275

Auf der europäischen Bühne kann Bulgarien, abgesehen von der immer wieder proble-
matischen Korruptionsbekämpfung, „das Image einer in jeder Hinsicht grauen Maus“276
für sich beanspruchen. Die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit erfolgte
in Bulgarien im europäischen Vergleich spät und verstrickte sich in „guilt, shame,
condemnation, justice, innocence, duties, debts, remorse and forgiveness, furthermore
exacerbated by intergenerational battles“277, weshalb, um die nationale Identität nicht zu
gefährden, inhaltlich die nationalen Geschichtsbilder rekonstruiert wurden.278 Das 1981
aufgestellte Geschichtsbild ist in seinen Inszenierungsformen konstant geblieben. Als im
kulturellen Gedächtnis verankerter Erinnerungsort, der den direkten Einfluss auf das
Heute entbehrt und daher als romantisches Refugium nationaler und individueller Pro-
jektionen fungieren kann, strahlt das Mittelalter keinen Konflikt aus.

„Obwohl der gefeierte Anlass des Beginns des Ersten Bulgarischen Reichs im Jahr 681 in
Bulgarien keinerlei Angriffsfläche bietet und obwohl der starke sowjetische Einfluss in

Marinov 2008; Mitchev 2006; Büchsenschütz 2004; Delhey 2001; Brahm 2006; Brunnbauer
2007; Baeva/Troebst 2007. Nach Delhey verändern sich im Systemwechsel folgende Faktoren:
Ideologie und Rechtsstaat sind verfassungsmäßig gelöst, die Staatsmacht begrenzt; 2. Demo-
kratisierung (Mehrparteiensystem, parlamentarische oder präsidiale Demokratie); 3. Wirtschaft:
a) Privatisierung, b) Rahmenbedingungen für freie Märkte, c) Liberalisierung und Deregulierung
der Binnen- und Außenwirtschaft; 4. Sozialpolitik (von object-related subsidisation zu subject-
related subsidisation); 5. selbstbestimmte internationale Beziehungen und 6. Ablösung des
Marxismus-Leninismus durch Individualismus (Delhey 2001: 60).
272 Ermann/Ilieva 2006: 17.
273 Delhey 2001: 58.
274 Ermann/Ilieva 2006: 96.
275 EVS Fourth Wave; in Watowa (2009).
276 Höpken 1996: II.
277 Kazanlarska 2008: 181.
278 Faulenbach 1999: 22.
60
der Ära Živkov überwiegend wohlwollend toleriert wurde, besteht offenbar in weiten Be-
völkerungskreisen ein Unbehagen gegenüber diesen bulgarisch-nationalen Symbolen, die
doch zugleich Machtsymbole der tolerierten aber gefürchteten kommunistischen Herr-
schaft darstellten. Nachdem sie ihre Furcht einflößende Wirkung nach 1989 verloren hat-
ten, wurden sie – zumindest teilweise – einer gewissen Lächerlichkeit preisgegeben.“279

Die Verdrängungspolitik degradierte den Kommunismus zum blinden Fleck in der lan-
desweiten Geschichtsdidaktik. Die nationalen Geschichtsmuseen thematisieren in An-
sätzen die Jahre des roten Terrors nach 1944 bis 1948, ignorieren aber den Verlauf der
Geschichte – wie am Beispiel des im ehemaligen Präsidentenpalast untergebrachten his-
torischen Museums in Sofia deutlich wird:

„So, what you see is ancient and medieval artifacts placed in huge marble-floor halls with
impressive crystal chandeliers and wooden-carved ceilings with folk-motives, heavy doors
and huge interior mosaics, all fashioned after the ‚mature socialism‘ interior design of the
late 1970s and early 1980s. The ideological burden of the museum building is seen as a
shameful circumstance rather than a possibility for telling a true story.“280

Als Zeuge der Ewigkeit eines Regimes gebaut, dessen Endlichkeit gekommen war, über-
lebten die Denkmäler als körperliche Überbleibsel politischer Leichen281. Auch das pres-
tigeträchtige Šumener Geschichtsmuseum mit seinen Filialen in Madara, Pliska, Preslav
und Šumen lässt die regionale Geschichte im Jahre 1944 enden. Die objektbezogene
Ausstellung im Besucherzentrum des Denkmals integriert den Systemwechsel dagegen
bruchlos und entpolitisiert die Denkmalgeschichte – emotionalisiert die Geschichte zu-
gleich aber nicht zu Gunsten von Opfer- und Siegerpositionen. Auf eine kritische Stel-
lungnahme wird verzichtet.

Das Schicksal der im Sozialismus gebauten Denkmäler hängt an ihrem rechtlichen Sta-
tus. Der Staat lehnt den Schutz von Denkmälern, die auf Initiative der BKP gebaut wur-
den, ab, da diese – als Symbole der ehemaligen Staatsmacht – ideologisch verwerflich
sind. Rechtlich manifestiert sich diese Entscheidung im 1991 etablierten Gesetz, alles
nach 1944 erworbene Eigentum der BKP sei illegal.282 Die Denkmäler wurden in die
Verantwortung der Kommunen übergeben, die nur begrenzte Mittel für deren Unterhalt
aufbringen können. Im Fall des Šumener Denkmals283 bezahlt die Stadt laufende Kosten
wie Löhne, kosmetische Ausbesserungen und Teilreparaturen. Das Denkmal selbst sei,
so die Leiterin der Einrichtung, Svetlana Žankova, Eigentum des Staates. Die Akquise
von Drittmitteln hinge vom Status des Denkmals ab. Da das Denkmal als zeitgenössi-

279 Ermann/Ilieva 2006: 23.


280 Kazanlarska 2008: 186.
281 Voukov 2005: 211.
282 A. a O.
283 Im Folgenden Šumenska Zarja vom 23., 24., 28. August 2007.
61
scher Bau nicht in die Liste der Kulturdenkmäler aufgenommen worden sei, sei es nicht
in nationale oder internationale Förderprogramme integrierbar.

Die problematische Situation wird am Beispiel der im Sommer 2007 am Denkmal fest-
gestellten Mängel deutlich. Im Frühling 2007 alarmierte Žankova kommunale und staat-
liche Institutionen wegen des desolaten Zustands des aus Granit gefertigten Asparuch-
Ensembles, dessen Verfall nicht mehr durch Ausbesserungen mit Silikon und Zement
gebremst werden könne. Zusammen mit der kommunalen Verwaltung berief die Abtei-
lung für gefährdete immobile Kulturdenkmäler des Ministeriums für Kultur eine Kom-
mission ein, welche die Sachlage prüfen sollte: Der mangelhafte Zustand des Denkmals
(Wassernasen, Frostausplatzungen, Kalkausblühungen als Ergebnis minderwertigen Be-
tons, geplatztes Granit und mechanische Einwirkungen, die nicht gewartet werden),
dessen Lebensdauer auf 50 Jahre geschätzt werde, sei für sein Alter normal. Bei einer
Reparatur entstünden Kosten in Höhe von einer Million Leva, die weder das Kulturmi-
nisterium noch die Stadtverwaltung aufbringen könne.

Nach 1989 sahen sich die Betreiber des Denkmals vor die Aufgabe gestellt, seine weite-
re Existenzberechtigung aktiv einzufordern. Das Denkmal musste nun als politisch ein-
deutiges Zeichen über die reine Repräsentation staatssozialistischer Macht hinausweisen.
Möglichkeiten einer Rekontextualisierung ergaben sich aus den Phasen des bulgarischen
Denkmalsturzes284 – Prozesse der Auseinandersetzung mit dem sich wandelnden kano-
nisierten Symbolsystem. In einer ersten Welle wurden die kommunistischen Denkmäler
zerstört. Die Ruine setzte dem Absolutheitsanspruch des Regimes „natürliche“ Grenzen
und leitet die neue Herrschaft ein. In einer zweiten Phase wurde die kommunistische
Vergangenheit musealisiert. Ihre Macht wurde systematisch verwaltet und in einer dem
Anspruch der Aufarbeitung gerecht werdenden Inszenierung präsentiert. Das politische
Potenzial wurde darin gebändigt. Eine dritte Variante der Aufarbeitung sah eine Meta-
morphose des Denkmalortes durch Eingriff in seine Form vor. Die ursprüngliche ideo-
logische Botschaft sollte sich in einem Überlagerungs- und Pluralisierungsverfahren
durch „ideologisch saubere“ Zeichen zersetzen. Die vierte Phase erfolgte aus ökonomi-
scher Perspektive: durch kommerzielle Umnutzung. Denkmäler standen zum Verkauf,
zur Pacht und als Projektionsflächen jungen Unternehmertums bereit. Dabei diente der
Denkmalsturz als Form der Aufarbeitung, als soziale Praxis selbst der Identitätsstiftung
oder als Referenzpunkt der Traditionsbildung. Er folgte einer geregelten Inszenierung
und wurde durch bestimmte soziale Gruppen getragen.285

Das Gründerdenkmal wurde als Versuch, sich an den neuen Paradigmen zu orientieren,
von innen gestürzt. Die kulturpolitische Funktion des Denkmals, die Idee zu verkör-
pern, kultureller und gesellschaftlicher Fortschritt sei bis zu seiner vollen Entfaltung nur

284 Voukov 2005: 211 f.


285 Speitkamp 1997: 12.
62
in der Verfasstheit eines von einer Führungselite gelenkten Staates zu erreichen, ist mit
dem politischen Umbruch zweitrangig geworden. Sie soll nun bestenfalls von der genu-
in künstlerischen Ausstrahlung des Denkmals auf zahlreiche und zahlende Touristen ab-
gelöst werden, die zusätzlich etwas über die bulgarische Geschichte lernen und das Ge-
lernte an den tradierten Geschichtsorten Pliska, Preslav und Madara überprüfen kön-
nen. Neben der schon immer offensichtlichen Funktion des Denkmals, ein Geschichts-
bild zu repräsentieren, ist der Fokus nun vom Politischen weggerückt und probiert sich
in partikularen Ansätzen. Dank der Thematik des Mittelalters ist das Denkmal ideolo-
gisch nicht so stark verfemt, dass man es durch ruinöse Behandlung nachträglich ent-
machten müsste.

4.3.1 Kommerzialisierung und Tourismus


1991 entschied sich die Stadt Šumen daher für den Schutz des Denkmalkomplexes. Be-
deutender Schritt war die Überwachung des öffentlichen Raums unter dem Motiv des
Eigentums. Ein Wachschutz wurde eingestellt und eine Einzäunung in Betracht gezo-
gen. Die ökonomische Perspektive ebnete den Weg für die touristische Nutzung. Ent-
geltpolitik, Gebühren und Eintrittsgelder286, Investitionen und Dienstleitungen können
darunter subsumiert werden. Nach dem Subsidiaritätsprinzip wurden 1991 von Basko
Dimov, zu diesem Zeitpunkt Leiter der Einrichtung, die ausbeutbaren Ressourcen zur
Finanzierung von Werbemaßnahmen aufgezählt: Buffet, Nachtclub und Verleih
technischer Geräte. Im konkreten Dienstleistungsangebot des Denkmals scheint der
ideologische Freiraum des in ökonomischen Kategorien wahrgenommenen
Systemwechsels auf. Scheinbar unbefangen werden die Zutaten für eine rauschende
Nacht für die annoncierte Spaßgesellschaft des kommenden Jahrzehnts bereitgestellt –
eine Strategie der Kommerzialisierung von kommunistischen Altlasten: der
Staatssozialismus als Disco.

Ziel im Jahre 1991 war es laut Dimov, die Erholungsmöglichkeiten des Naturparks und
das Kulturangebot zukünftig miteinander zu kombinieren. Grundlage dafür war Bulgari-
ens Ruf als Urlaubsland, der vom Tourismusverband ungeschmälert gepflegt wird.
„Bulgaria as a country of ancient origins, rich cultural heritage and beautiful natural
scenery, as a country that has never been under the spell of communism“287, kritisiert
Kazanlarska die unrealistische Präsentation. Als Wirtschaftsfaktor spielt der Tourismus
in Bulgarien eine bedeutende Rolle, aber der stetige Bedarf an Pauschalurlaub brach
Ende der 1980er-Jahre ein, was neue Konzepte erforderte, von denen sich Kulturtouris-
mus, Wellness- und Ökotourismus als die aussichtsreichsten erwiesen.288 Das Denkmal
soll der nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus wirtschaftlich schlecht gestell-

286 Die Besucher werden mit Erwerb ihrer Eintrittskarte registriert – der kostenlose Besuch
durch die Šumener Bürger wird dabei toleriert.
287 Kazanlarska 2008: 180.
288 Ermann/Ilieva 2006: 78.
63
ten Region als Tourismusfaktor eine ökonomische Perspektive eröffnen – eine übliche
Strukturentwicklungsplanung unter Einbeziehung weicher Standortfaktoren. „Jene Mo-
numente, die einer abgeschlossenen historischen Epoche zuzuordnen sind und die als
Demonstration staatlicher Macht und politisch-militärischer Stärke errichtet wurden, ha-
ben ihre Funktion als nationale Wallfahrtsorte eingebüßt und sind, sofern sie landschaft-
lich reizvoll liegen, Stätten des Tourismus geworden.“289 Der Kulturtourismus soll über
die mangelnde landschaftliche Attraktivität der Region hinwegtäuschen, zumal dieses
Segment als Identitätsgenerator von der Europäischen Union gefördert wird.290

Der Šumener Denkmalkomplex ist mit der bulgarischen Vereinigung für Reiseagenturen
(BATA), der Tourismuskammer Varna (BTC) und dem städtischen Touristenrat ver-
netzt und nimmt regelmäßig an Messen und Weiterbildungen teil.291 1997 wurden ihm
Preise der Stadt Šumen und der „TOUREXPO ΄97“ für sein Verdienst an der Entwick-
lung des Tourismus in der Region verliehen. Das Marketing des Denkmals wurde 1996
erneuert, nachdem von der Agentur „Partner“, die sich auf die Vermarktung und Koor-
dination kultureller und touristischer Angebote spezialisiert hat, Leistungspakete erwor-
ben worden waren, um die Werbung im In- und Ausland zu regeln, unter anderem
durch einen Internetauftritt. Den Relaunch der Webpräsenz übernahm 2007 kosten-
günstig eine Fachklasse für Informatik der städtischen Schule „P. Volov“.292 Gleichzeitig
wurden Verhandlungen mit der Firma „BulMag“, die sich auf (folkloristische) Souvenirs
spezialisiert hat, aufgenommen, um im Besucherzentrum Merchandise-Artikel anbieten
zu können. Seitdem ist das Angebot an Souvenirs standardisiert.293

Zu den Dienstleitungsangeboten des Denkmalkomplexes gehören Führungen in ver-


schiedenen Sprachen, persönlich vor Ort oder mithilfe von Audioguides. Im vom Kul-
turministerium festgelegten Eintrittspreis sind der Besuch der Ausstellung und die Film-
vorführung des Werbefilms inbegriffen. Souvenirs und Informationsmaterial können er-
worben werden. Die Hochzeitszeremonie soll einen weiteren Anreiz für den Besuch
schaffen. Für Reisegruppen und als Tagungsort für Geschäftspersonen werden im In-
formationsfilm die Kapazitäten beworben: Parkplatz, Rundflüge und Verpflegung für
80 Personen können bereitgestellt werden, um ähnlich wichtige Entscheidungen wie die
alten Staatsgründer zu fällen.294 Beliebter visueller Reiz ist in allen Informationsmedien
die Monumentalität des Denkmals. Die konstruierte Erhabenheit der Idee über den
Einzelnen zeitigt sich in der traditionellen Misanthropie der grafischen und inhaltlichen

289 Kerssen 1975: 155.


290 Gostmann/Schatilow 2008.
291 Online verfügbar unter http://bg1300.hit.bg/heldentertainments.html, zuletzt geprüft am
06.05.2009.
292 Online verfügbar unter http://www.ab-bg.com/bg1300/meropriqtiq.php, zuletzt geprüft am
12.06.2009.
293 Šumenski Pazar vom 12. November 1996.
294 Flyer und Film.
64
Aufbereitung der Werbematerialien über Größe und Macht. Menschen ohne schöpferi-
schen Ehrgeiz finden darin keinen Platz. Die Identifikationsangebote des Denkmals
sind seit jeher charismatischen Persönlichkeiten vorbehalten, von den Parteikadern über
die Fachkräfte des technischen Fortschritts295, deren kreatives Potenzial durch die Grün-
dermentalität der Herrscher mobilisiert werden konnte, zu den „Businessmen“, die den
wirtschaftlichen Wandel tatkräftig umsetzen. Die Bemühungen, die Besonderheit des
Denkmals durch Bindung der bulgarischen Kulturtradition (das Denkmal sei Ergebnis
nationalen Kunstschaffens, da es mit dem Stil des sozialistischen Realismus gebrochen
habe296), durch die geleistete Arbeit (die eine Wirklichkeit neben der staatssozialitischen
Ideologie erschaffen habe), durch seinen künstlerischen Wert297 (als Motiv, das Denkmal
zu erhalten) und durch Superlative (wie der Größe des Mosaiks298) anzupreisen, entste-
hen unter dem Zugzwang der Rentabilität und sollen darüber hinwegtäuschen, dass das
Denkmal kein staatlich geschütztes Kulturdenkmal ist. Die Kosten müssen ein zumin-
dest ideeller Nutzen sowie ein Imagegewinn aufwiegen. Als Nachfrageindex bezeugen
die Zahlen299 bulgarischer, europäischer und außereuropäischer Touristen pro Jahr
sowie die medial inszenierte Feier runder Besucherzahlen seine überregionale
Bedeutung, unterstützt durch die mediale Übermittlung ausländischer Wertschätzung.

4.3.2 Musealisierung
Wirtschaftliche Standpunkte und Personalaufwand300 werden über den kulturpolitischen
Bildungsauftrag der Region geklärt. Kulturelle und kulturpädagogische Leistungen die-
nen jener Zeichenüberlagerung, die im Sinne des Denkmalsturzes notwendig geworden
war. Die kommunale Aneignung des Denkmals ist zum Loyalitätsinstrument geworden.
Es entstand ein Ort der Identifikation der Stadtbevölkerung mit dem Denkmal als Kul-

295 Benkovska-Săbovka 2007.


296 Šumenska Zarja vom 26. November 1991.
297 Edrewa in Obštinski Šumenski Vestnik vom 26. November 1995. Auch heute wird auf den
Informationstafeln in der Stadt noch mit der 1966 aufgestellten Liste der nationalen
Kulturdenkmäler („,Lerne Deine sozialistische Heimat kennen‘ – Programm der 100
patriotischen Objekte“) geworben. (Pametnik Săsdatjeli na bălgarskata dăržava.
Informationstafel Šumen. Herausgegeben von „Founders of the Bulgarian State“, zuletzt geprüft
am 18.07.2009.
298 Online verfügbar unter http://bg1300.hit.bg/news.html, zuletzt geprüft am 12.05.2009.
299 Im Durchschnitt besuchten den Denkmalkomplex in den ersten zehn Jahren seines Bestehens
525 (organisierte) Besucher täglich. Seit der Wende gingen die Besucherzahlen deutlich zurück.
Für die Jahre 1990/1991 wurden durchschnittlich 62 Besucher täglich vermerkt. (Šumenska
Zarja 1991) Von 1999 bis 2005 ergab sich eine graduelle Steigerung der Besucherzahlen durch
ausländische Touristen. (Stoikova 2006: 16) Nach Angaben der Zeitung Top Nowini vom 27.
November 2007 war von 15 400 Besuchern ein Drittel aus dem Ausland.
300 In leitender Tätigkeit befanden sich von 1981 bis 2006 vier Mitarbeiter, es gab 23 Touristen-
führer, drei Mitarbeiter in der Öffentlichkeitsarbeit, neun Techniker, 21 Mitarbeiter, die das
Denkmal warteten, zwei Pförtner, acht Mitarbeiter, welche die Trauungen durchführten, einen
Filmvorführer und neun Fahrer (Stoikova 2006: 8).
65
turinstitution301: kulturelle Angebote, Unterhaltung, Edutainment im Angebot des Besu-
cherzentrums, Sportveranstaltungen („Cup of Monument“302, Paragliding, Naturpark-
ausflüge), Vereinsfeste, Volksfeste und Gastronomie schaffen Beziehungsgeflechte in
der lokalen Bevölkerung. Um die Dichotomie von Masse und Macht aufzuheben, wur-
den biografische Strategien angewendet: Augenzeugenberichte zur Grundsteinlegung303,
Erfahrungsberichte (Einladung zur Baseler Messe304, Bau305, Mitarbeiter306), Wettbewerbe
(Literaturwettbewerb, Kunstwettbewerb „Reiter von Madara“, Englischkurse, Sport-
wettbewerbe), Hochzeiten sowie private Feiern und Feste erschaffen zwischen Denk-
malbotschaft und Rezipienten eine loyale Grundstimmung.307

Der öffentliche Raum hatte im Staatssozialismus die Tendenz, sich vom Privaten zu be-
freien und total überwacht zu werden.308 Der bürgerliche Flaneur wurde entfernt, indem
eine überdimensionierte Gestaltung dem Ort das Gemütliche raubte.
Die private Sphäre, die blieb, wurde durch Freizeitangebote durchgeplant. „Als Zielvor-
stellung der sozialistischen Freizeitgestaltung stand die richtige Erholung und die
Selbstvervollkommnung, damit die Menschen zu ‚allseitig entwickelten, neuen
Persönlichkeiten‘ wurden.“309 Die Rückeroberung des Ortes als privat, im Sinne des
Urlaubs, als Rückzugsort vom städtischen Alltag und – am sinnbildlichsten – in seiner
Funktion als Ort der Eheschließung, ist nur scheinbar. Das Private wird eher von der
staatlichen Definitionshoheit einverleibt, und die private Erinnerung konserviert
gleichsam die politische Symbolik. Ein Grund vermutlich für die Regime überdauernde
longue durée310 der Geschichtspolitik. Obwohl das private Gedächtnis durch die staatliche
Erinnerungskultur marginalisiert wird, ist es ein geeigneter Ort, um Vorstellungen und
Erinnerungspraktiken zu tradieren.311

Die Musealisierung wurde bereits mit der Funktionserweiterung durch das Besucherzen-
trum und durch die Möglichkeiten der Archivierung eingeleitet. In der begleitenden
Ausstellung wird die Autorität der Partei, die ihre Macht im Denkmal repräsentierte, de-
konstruiert respektive reguliert. Das Denkmal als genuiner Ausdruck der Volksseele, das
Gesamte der bulgarischen Kultur umfassend312: Dieser Duktus stand 1991 noch im Zei-

301 Brunnbauer 2007: 226.


302 Šumenska Zarja vom 29. November 2005.
303 Šumenska Zarja vom 31. Januar 2006.
304 Basko Dimov in Šumenska Zarja vom 26. November 2001.
305 Šumenska Zarja vom 28. November 2001.
306 Šumenska Zarja vom 26. November 1991.
307 Brunnbauer 2007: 226.
308 Schlögel 2002.
309 Brunnbauer 2007: 313.
310 Der Begriff wurde von Fernand Braudel geschaffen, um in der Geschichtswissenschaft die
Beständigkeit von Strukturen zu erklären.
311 Troebst 2008: 291.
312 Šumenska Zarja vom 26. November 1991.
66
chen der sozialistischen Rhetorik – wie der persönliche Appell Živkovs zum 5. Jahrestag
mit Trachtengruppen und Girlanden, das „majestätische Denkmal“ als „Glück seines
schönen Volkes und aller Werktätigen“ und „der ruhmvollen Manifestation der bulgari-
schen Seele“ zu verstehen. Einträge aus dem Gästebuch sollten Šumen als das „Herz
Bulgariens“ mit dem Denkmal als „Kardiogramm der Vaterlandsliebe“ erfühlen helfen.
Zu den Körpermetaphern gesellte sich Folklore: „Bulgariens Wunder“, „die Hymne
Bulgariens gehauen in Stein“ und „ein geschichtliches Märchen in zeitgenössischer
Sprache“.313 Im Presseorgan der Bezirksverwaltung, Obštinski Šumenski Vestnik314,
wurde 1995 nach Aussage Dimovs ein Grund für die um die Hälfte gestiegenen Besu-
cherzahlen im gesteigerten Geschichtsbewusstsein der Bulgaren als Ergebnis von Sinn-
suche vermutet. Als „Symbol eines nationalen Selbstgefühls“315 vermittle es Halt – eine
museale Rekontextualisierung, die dem Bedürfnis nach vergangenheitlicher Orientierung
mittels Inszenierung entspricht.316 Verweise auf die Monumentalität als wandlungs-
widerständige bulgarische Kulturtradition und auf die kirchliche Atmosphäre des Denk-
mals317 schließen die schwülstige Rhetorik zur Jahrtausendwende ab, weitere Sakralisie-
rungsbemühungen werden über die kulturellen Praktiken (Ikonenmalerei und Kirchen-
lieder318) ausgetragen.

Die zusätzliche Betonung, das Denkmal zeige nach Norden319, und das zentral gelegte
Thema der Christianisierung sollen dem Rezipienten ständig die europäische Zugehörig-
keit versichern. Sie begleiten das EU-Aufnahmeverfahren seit 1995 – Anspielungen auf
Bulgariens Funktion der christlichen Vormauer.320 Unter diesem Vorzeichen liest sich
auch der 1999 veröffentlichte Reiseführer, in dem das Denkmal „Gründer des Bulgari-
schen Reichs“321 heißt. Denn in der gesamteuropäischen Identitätsfindung wird auf die
Idee des Reichs rekurriert und damit dem Nationalismus der Wind aus den Segeln ge-
nommen.

4.3.3 Das Denkmal als „ein sozialistisches Projekt“


Die Spiegelfunktion des Denkmals ist eine doppelte. 1981 spiegelt es die kommunisti-
sche Ideologie, heute ist es ein Spiegel des kommunistischen Erbes. Beispielsweise beur-
teilt Brunnbauer das Stahlwerk Kremikovci im Norden Sofias aufgrund seiner Dimen-
sionierung, der Verschwendung von Ressourcen, der veralteten Technologie und seiner
politischen und ideologischen Signifikanz, welche Fragen der Effizienz unterminiert, als

313 Šumenska Zarja vom 28. November 1986.


314 Edrewa in Obštinski Šumenski Vestnik vom 26. November 1995.
315 A. a. O.
316 Beier-de Haan 2005: 7.
317 Šumenska Zarja vom 26. November 1999.
318 Šumenska Zarja vom 3. Juni 2003.
319 Šumenska Zarja vom 9. September 1996.
320 Kenneweg/Troebst 2008.
321 Čaralanova 1999: 65.
67
„sowjetisches Projekt“.322 In Anlehnung daran ließe sich diese Vermutung auch fürs
Gründerdenkmal anstellen. Besonders seine Größe und die Giganterie der Figuren, das
hohe Maß an Arbeitskraft und Material, das das Denkmal aufgebraucht hat, die altba-
ckene Formensprache, sein Anspruch an Dauerhaftigkeit im Vergleich zu den laufenden
Kosten und die zugeschriebene Bedeutung, die das Denkmal im Vergleich zu den so ge-
nannten authentischen Orten einfordert, unterstützen diese Mutmaßung. Die symboli-
sche Ersetzung des absoluten Machtwerts des Denkmals durch einen relativen Ge-
brauchswert verschiebt auch die ideologischen Fundamente weg vom Kommunismus
und seinem Postulat der staatlichen Alleinverantwortlichkeit hin zu Kapitalismus, in
dem Teilung von Verantwortung herrscht.323 Die Bemühungen gerade um solvente Tou-
risten aus dem Ausland und die Einbettung des Denkmals in einen europäischen Dis-
kurs durch Betonung des im Denkmal veranschaulichten bulgarischen Beitrags an
abendländischen Kulturleistungen haben nur begrenzte Wirkkraft und spiegeln das
Schicksal eines der Marginalisierung anheimgefallenen, ehemals bedeutungsträchtigen
und kostenintensiven Prestigeobjekts nationalstaatlicher Selbstdarstellung wider.

Am Šumener Beispiel greift die These Voukovs, Geschichtspolitik habe ihren Preis. Als
Symbol der Stadt stärkt das Denkmal deren Profil, generiert touristisches Interesse und
leistet Kulturarbeit, seine Kosten sind jedoch überproportional zu seinem Nutzen. „The
absolute value of power was substituted by a relative and comparative value – one of
floating prices and inflation, and of the subjective criteria of what an absolute cost value
was.“324

Das Denkmal erfüllte im Kampf um Anerkennung und kulturelle Souveränität in einer


sowjetisch definierten Gesellschaft auch eine Funktion zur nationalen Identifikation.
So wurde der in der Partei geläufige Kulturbegriff um Nationalkultur als im üblichen
Sinne sichtbarer Ausdruck eines Volkscharakters ergänzt und hatte nicht mehr
ausschließlich klassenkämpferische Aufgaben zu erfüllen. Der versöhnende Aspekt der
Kultur für die Völker ließ sich nun nicht mehr in das von der Sowjetunion verordnete
politische Korsett pressen. Der Paradigmenwechsel fokussierte mit den Thrakern und
Protobulgaren das nichtslawische Moment in der Ethnogenese und die auswärtige
Kulturpolitik zielte mit Wanderausstellungen thrakischer Goldschätze und mit
Fotografien des Denkmals auf Westeuropa. Ebenso beinhaltete der Topos des
wissenschaftlich-technischen Fortschritts eine nationale Komponente. Ein Ziel im
Wettlauf der Industrialisierung war, selbst die Sowjetunion zu übertrumpfen. Technik
wurde mit der Ablösung vom Osmanischen Reich bereits zum Mittel, das Land zu
vermessen und zu verwalten und kartographierte das Land in der Vorstellung seiner
Bürger.325

322 Brunnbauer 2007: 210


323 Voukov 2005; Brunnbauer 2007.
324 Voukov 2005: 219.
325 Beispielhaft dafür steht die Geschichte Ivan Vasovs „Väterchen Joco schaut“ über den Bau einer
68
Der Verweis auf die Nationalkultur ermöglichte gerade in der Nachwendezeit eine
mögliche Aneignung unter nationalen Vorzeichen. Der stilistische Bruch mit dem
sozialistischen Realismus wurde betont und das Denkmal als Ausdruck der bulgarischen
Volksseele in einer Traditionslinie mit protobulgarischen Repräsentationsbauten
hervorgehoben326.

Mit der Kommunalisierung im zentral organisierten bulgarischen Staat sind die Mittel
der Finanzierung begrenzt. Der Denkmalkomplex wird langfristig in nationale oder
europäische Förderprogramme eingebunden werden müssen, da die Region strukturell
schwach ist und das Denkmal kaum Rentabilität verspricht. Um die aktuelle nationale
Rekontextualisierung auch zu manifestieren, wird der Staatssozialismus so aufgearbeitet
werden müssen, dass der Kampf um die Deutungshoheit der Vergangenheit darin
transparent ist.

Eisenbahnstrecke durch das Stara Planina.


326 Šumenska Zarja vom 26. November 1999.
69
5. Zusammenfassung
Das Denkmal „Gründer des Bulgarischen Staates“ dient wie vermutet, der Repräsen-
tation von staatssozialistischer Macht. Es ist eingebettet in ein Referenzsystem von
Symbolen, das die staatliche Erinnerungskultur ordnet. Inhaltlich bezieht es sich das
Denkmal auf das offizielle Geschichtsbild, welches medial, historiographisch und
archäologisch gestützt ist. Der dem Geschichtsbild zugrunde liegende Mythos dient der
Rechtfertigung der Herrschaft, indem mittels Geschichte und Ideologie eine Verbin-
dung zwischen Herrschaft und Beherrschten hergestellt wird. Der Mythos, der das
Gründerdenkmal motiviert, besagt, dass der Staat die Nation geschaffen hat. So
gesehen ist die bulgarische Nation das Ergebnis von Staatsgründung, -entwicklung und
Vervollkommnung. Zentralistische Administration, einheitliche Gesetzgebung und die
Einführung des Christentums als Staatskirche ermöglichten den Verschmelzungs-
prozess der friedlich zusammenlebenden Ethnien der Thraker, Slawen und Proto-
bulgaren und die Etablierung einer eigenständigen (Schrift-) Kultur.
Die Reduktion der Protobulgaren auf die Ausübung staatstragender Funktionen
gestattete es, die Inhaber der staatssozialistischen Macht, die Bulgarische Kommu-
nistische Partei, den protobulgarischen Gründern gleichzusetzen respektive in eine
Ahnenreihe mit bulgarischen Führungspersönlichkeiten zu stellen. Das protobulga-
rische Erbe verpflichtete und sollte sich in der bulgarischen sozialistischen Gesell-
schaftsordnung manifestieren. Der Mythos diente dazu, die Verknüpfung von Staat in
seiner sozialistischen Verfassung und Nation als Staatsnation unter Berücksichtigung
von Abstammungsgemeinschaftstraditionslinien zu begründen. Mit Hilfe des Mythos
wurde der sozialistisch verfasste Staat und mit ihm die Staatsmacht historisch legitimiert
und die Gesellschaft affirmativ zur Macht eingestimmt. Staatssozialistische Prinzipien
wie Revolution, Fortschritt, Umbau der Gesellschaftsordnung durch Vereinheitlichung
und Verschmelzung, Arbeit, Friedfertigkeit und Kultur wurden in das durch die tradi-
tionelle Idealisierung des „Goldenen Zeitalters“ bereits mit Rechtstaatlichkeit, Bildung
und politischem Erfolg assoziierte Mittelalterbild eingebettet. Die nationale Geschichte
ist im Denkmal „Gründer des Bulgarischen Staates“ ideologisch gefärbt. Inhaltlich
wurden Persönlichkeiten und Ereignisse zum Anlass genommen, Etappen der Ver-
staatlichung unter dem Vorzeichen des Fortschritts in eine durch Frieden und Kultur
bestimmte Zukunft zu repräsentieren. Darin wird die sozialistische Weltanschauung
direkt gespiegelt. Die gesamte Gestaltung des Denkmals, seine künstlerischen sowie
architektonischen Mittel, seine verwendeten Materialien und sein Standort, insbeson-
dere aber seine Dimensionierung verkörpern die Hybris der Machthaber, diese
gesellschaftliche Entwicklung steuern zu können. Der Einzelne wird auf seine nationale
Mitgliedschaft und die Arbeit an der sozialistischen Gesellschaft reduziert. Seine
Identifikationsmöglichkeiten mit dem Denkmal beschränken sich darauf, die staatliche
„Macht“ historisch verorten zu können.

Gleichzeitig wird im Denkmal Macht ausgeübt: symbolisch als Materialisierung des die
Macht stützenden Geschichtsbildes und praktisch durch die Erfahrbarmachung von
70
Macht im Denkmal an sich. Die Faktoren der Denkmalstiftung, seine Planung, sein
Bau, seine Größe, seine Kosten und die beteiligten Künstler zielten ebenso wie die
spätere Nutzung des Denkmals darauf ab, die Macht der BKP zu verkörpern und das
Prestige der Machtinhaber zu steigern. Wirtschaftliche Einflussgrößen wurden nicht
beachtet.

Gerade die Nutzung des Denkmals, seine funktionale Erweiterung zur kulturellen
Einrichtung ermöglichte es, den immanenten ideologischen Charakter des Denkmals zu
entschärfen, indem die Funktion des Denkmals darauf reduziert wurde, die bulgarische
nationale Geschichte traditionell zu repräsentieren. Das Denkmal konnte im bürgerlich
nationalen Sinne rekontextualisiert werden. Danach richtete sich auch die Form des
Denkmalsturzes. Im Postsozialismus formte die Nation reflexiv den Staat, denn die
völkische Definition einer Nation ermöglichte es, Änderungen in der Verfassung des
Staates in die nationale Geschichte zu integrieren.

Weitere Strategien, den absoluten Machtanspruch im Denkmal zu partikularisieren, sind


die der kommerziellen und touristischen Nutzung. Im Denkmal als „Symbol der Stadt“
wurde das Lokale als Wirkungsbereich und Repräsentationsobjekt entdeckt und
korrespondiert darin mit seiner kommunalen Verwaltung. Mit der dem Denkmal inne
wohnenden Möglichkeit der Aufarbeitung der sozialistischen Vergangenheit als natio-
nales Projekt, die jüngste Geschichte in das nationale Selbstbild zu integrieren, könnte
die Musealisierung, die das Charisma der Macht bereits strategisch bindet, qualitativ
weitergeführt werden. Nationale Denkmäler haben an Wirkkraft verloren, der gegen-
wärtige Werte- und Meinungspluralismus erfordert eine diskursive Beschäftigung mit
den Zeugen einer gestürzten Staatsmacht. Ein kritischer Diskurs um das Denkmal in
Form von museumspädagogischer Arbeit, wissenschaftlicher und medialer Ausein-
andersetzung sollte zumindest dann erfolgen, wenn der konkrete Erhalt des Denkmals
und sein gesellschaftlicher Wert wieder infolge Reparaturbedarfs thematisiert werden.
In seinem Selbstverständnis als städtische Einrichtung werden Verwalter und Mit-
arbeiter zu Akteuren der politischen Botschaft. Sie können strategisch die monu-
mentale Aussage des Denkmals infrage stellen, brechen oder überlagern. Gerade die
Untersuchung der Medien, mit denen das Denkmal sich der Öffentlichkeit stellt, birgt
das Potential, über die staatssozialistische Bedeutung des Denkmals aufzuklären und
sich gegebenenfalls davon zu emanzipieren.

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Vom Denkmalkomplex „Gründer des Bulgarischen Staates“ herausgegebene Materialien


Informationsheft Denkmalführung in deutscher Sprache. Herausgegeben von Monument of
The Founders of the Bulgarian State, zuletzt geprüft in 07/2009.
Pametnik. Săsdatjeli na bulgarskata duržawa. Informationstafel Šumen. Herausgegeben von
Founders of the Bulgarian State, zuletzt geprüft in 07/2009.
Stoikova, Svetlana (Hg.) (2006): 25 Years. Monument of the Founders of the Bulgarian State.
Šumen.
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„Founders of the Bulgarian State“. Dunkelblaue Broschüre.

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Eidesstattliche Erklärung

Ich versichere hiermit, dass ich diese Master-Thesis selbstständig verfasst habe.
Andere als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel wurden nicht verwendet.
Alle wörtlich und sinngemäß aus veröffentlichten oder nicht veröffentlichten Schriften
entnommenen Stellen sind als solche kenntlich gemacht.

Weiterhin erkläre ich, dass die Arbeit in gleicher oder ähnlicher Form noch keiner
anderen Prüfungsbehörde vorgelegen hat.

Unterschrift

Ort/ Datum