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EBERHARD-KARLS-UNIVERSITÄT TÜBINGEN

GEOGRAPHISCHES INSTITUT

Risikowohnen in Favelas
in Rio de Janeiro
Wahrnehmung und Management des Risikos
von gravitativen Massenbewegungen

Abschlussarbeit des Diplomstudiengangs ‚Geographie der Entwicklungsländer„.

Vorgelegt von Benjamin Jakober bei

Prof. Dr. Sebastian Kinder (Erstgutachter) und

Prof. Dr. Rainer Rothfuß (Zweitgutachter)

am 6.11.2009
Ich erkläre hiermit, dass ich diese Arbeit selbstständig und nur mit den angegebenen
Hilfsmitteln angefertigt habe und dass ich alle Stellen, die dem Wortlaut oder dem
Sinn nach anderen Werken oder dem Internet entnommen sind, durch Angabe der Quellen als
Entlehnung kenntlich gemacht habe. Mir ist bewusst, dass Plagiate als Täuschungsversuch
gewertet werden und im Wiederholungsfall zum Verlust der Prüfungsberechtigung füh-
ren können.

_______________________ _______________________
Ort, Datum Benjamin Jakober
INHALTSVERZEICHNIS

A. Einleitung ................................................................................................... 1
I. Hinführung zum Thema .........................................................................................1
II. Fragestellung ..........................................................................................................1
III. Die Vorgehensweise ................................................................................................3
a) Literatur- und Datenrecherche ...................................................................................3
b) Interviews .................................................................................................................3
IV. Das Thema im geographischen Kontext ................................................................5
V. Gliederung der Arbeit ............................................................................................5

B. Theoretische Grundlagen .......................................................................... 7


I. Die Stadt in Entwicklungsländern .........................................................................7
a) Allgemeine Entwicklungen und Tendenzen ...............................................................7
b) Marginalisierung in den Städten .............................................................................. 10
c) Kategorien von Marginalsiedlungen ........................................................................ 12
II. Das Recht auf (sicheres) Wohnen ......................................................................... 13
III. (Natur-)Katastrophen und Marginalität ............................................................. 16
a. Mensch und Katastrophe ......................................................................................... 16
b. Gravitative Massenbewegungen .............................................................................. 18
c. Hazards, Verwundbarkeit und Risiko ...................................................................... 20
1. Hazard ................................................................................................................................... 21
2. Verwundbarkeit...................................................................................................................... 22
3. Risiko .................................................................................................................................... 23
d. Risikowahrnehmung ............................................................................................... 25
IV. Zusammenführung der betrachteten Ansätze, Bedeutung für diese Studie ....... 27

C. Favelas in Risikogebieten - Risikogebiete in Favelas ............................. 30


I. Rio de Janeiro – die ‘wunderbare‘, geteilte Stadt ............................................... 30
a. Geographische Fakten ............................................................................................. 31
b. Favelas in Rio de Janeiro ........................................................................................ 33
1. Die Wachstumsfaktoren ......................................................................................................... 34

I
2. Die Wohnungskrise ................................................................................................................ 34
3. Die sozial-räumliche Segregation ........................................................................................... 36
4. Die ersten Favelas .................................................................................................................. 38
5. Die Favela-Politik – von der Duldung über die Umsiedlung zur Integration…………………...40
6. Die Favela in der öffentlichen Wahrnehmung ......................................................................... 43
II. Marginalität, soziale Verwundbarkeit und Risiko in Favelas ............................. 44
III. Favelas in Risikogebieten ..................................................................................... 46
IV. Risikogebiete in Favelas ....................................................................................... 48
V. Risikomanagement in (bewohnten) Risikogebieten ............................................ 49
a. Die Akteure............................................................................................................. 50
1. Defesa Civil ........................................................................................................................... 50
2. Geo Rio ................................................................................................................................. 50
3. POUSO ................................................................................................................................. 52
4. Nichtregierungsorganisationen ............................................................................................... 52
5. Die betroffenen Bewohner ..................................................................................................... 52
b. Raumplanerische Werkzeuge .................................................................................. 52
1. Schutzzonen, Reglementierungen ........................................................................................... 52
2. Wiederaufforstungsprogramme .............................................................................................. 54
c. Der Ablauf des Risikomanagements bei gravitativen Massenbewegungen ............... 56
d. Hürden für das Risikomanagement.......................................................................... 57

D. Risikowohnen - Falluntersuchung zu Wahrnehmung und Management


des Risikos von gravitativen Massenbewegungen in Favelas ....................... 60
I. Sítio do Pai João ...................................................................................................62
a. Lage........................................................................................................................ 62
b. Geschichte und Bevölkerungsentwicklung…………………………………………62
c. Der Staat in Sítio do Pai João .................................................................................. 63
d. Sozioökonomische Aspekte..................................................................................... 63
e. Das Risiko durch gravitative Massenbewegungen ................................................... 63
f. Der Risikosektor Coruja .......................................................................................... 65
1. Allgemeines........................................................................................................................... 65
2. Marginalisierung und Verwundbarkeit .................................................................................... 66
g. Risikowahrnehmung und -management...................................................................67
1. Die Wahrnehmung der Experten ............................................................................................. 67
2. Risikowohnen – die Wahrnehmung der Bewohner .................................................................. 68

II
3. Risikomanagement ................................................................................................................ 69
II. Rua Toja Martinez (Vidigal) ................................................................................ 71
a. Lage........................................................................................................................ 71
b. Geschichte und Bevölkerungsentwicklung .............................................................. 71
c. Der Staat in Vidigal ................................................................................................. 72
d. Sozioökonomische Aspekte..................................................................................... 73
e. Das Risiko durch gravitative Massenbewegungen in Vidigal ...................................74
f. Risikosektor Toja Martinez ..................................................................................... 76
1. Allgemeines........................................................................................................................... 76
2. Marginalisierung und Verwundbarkeit .................................................................................... 77
g. Risikowahrnehmung und Risikomanagement .......................................................... 78
1. Die Wahrnehmung der Experten ............................................................................................. 78
2. Risikowohnen – die Wahrnehmung der Bewohner .................................................................. 79
3. Risikomanagement in Toja Martinez ...................................................................................... 81
III. Regina Pereira (Vidigal) ....................................................................................... 83
a. Allgemeines ............................................................................................................ 83
b. Marginalisierung und Verwundbarkeit ..................................................................... 84
c. Risikowahrnehmung und Risikomanagement .......................................................... 84
1. Die Wahrnehmung der Experten ............................................................................................. 84
2. Risikowohnen – die Wahrnehmung der Bewohner .................................................................. 85
3. Risikomanagement ................................................................................................................ 86
IV. Vila Verde (Rocinha) ............................................................................................ 88
a. Lage........................................................................................................................ 88
b. Geschichte und Bevölkerungsentwicklung .............................................................. 88
c. Der Staat in Rocinha ............................................................................................... 89
d. Sozioökonomische Aspekte..................................................................................... 90
e. Das Risiko durch gravitative Massenbewegungen in Rocinha ................................. 90
f. Risikosektor Vila Verde ........................................................................................... 92
1. Allgemeines........................................................................................................................... 92
2. Marginalisierung und Verwundbarkeit .................................................................................... 93
g. Risikowahrnehmung und –management ..................................................................94
1. Die Wahrnehmung der Experten ............................................................................................. 94
2. Risikowohnen - die Wahrnehmung der Betroffenen ................................................................ 95
3. Risikomanagement ................................................................................................................ 96
V. Coruja (Morro da Formiga) ................................................................................. 97

III
a. Lage........................................................................................................................ 97
b. Geschichte und Bevölkerungsentwicklung .............................................................. 97
c. Der Staat am Morro da Formiga .............................................................................. 98
d. Sozioökonomische Aspekte..................................................................................... 98
e. Das Risiko durch gravitative Massenbewegungen am Morro da Formiga ................ 98
f. Der Risikosektor Coruja ........................................................................................ 100
1. Allgemeines......................................................................................................................... 100
2. Marginalisierung und Verwundbarkeit .................................................................................. 101
g. Risikowahrnehmung und –management in Coruja................................................. 102
1. Das quantitative Risiko – Die Expertenwahrnehmung........................................................... 102
2. Risikowohnen - Die Wahrnehmung der Betroffenen ............................................................. 103
3. Risikomanagement .............................................................................................................. 105

E. Zusammenfassung und Fazit ................................................................ 108


a. Expertenwahrnehmung vs. Laienwahrnehmung .................................................... 108
b. Risikowohnen - Gefahr vs. Risiko ........................................................................ 108
c. Risikomanagement – Selbsthilfe vs. staatliche Intervention .................................. 110
d. Aussicht und Fazit ................................................................................................ 110

Literaturverzeichnis ..................................................................................... 112


a. Monografien, Buchtexte, Zeitschriftenaufsätze ..................................................... 112
b. Internetquellen ..................................................................................................... 119
c. Zeitungen ............................................................................................................. 121
d. „Graue‟ Literatur ................................................................................................... 121

Anhang .......................................................................................................... 122


a. Fragebogen........................................................................................................... 122
b. Ergebnisse der Befragungen in den Risikosektoren (n=39). .................................. 123

IV
ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Städtische Probleme in den Entwicklungsländern ........................................... 10

Abbildung 2: Anteil der in slums lebenden städtischen Bevölkerung nach Region ............... 11

Abbildung 3: Anzahl der Katastrophen 1995-2004 nach HDI............................................... 17

Abbildung 4: Rio de Janeiro: Stadt, Metropolregion und Bundesstaat. ................................. 31

Abbildung 5: Favelas in Rio de Janeiro 2004 - Topographie der Gebirgsmassive und


Inselberge - APs ................................................................................................................... 33

Abbildung 6: Die sozial-räumliche Trennung in Rio de Janeiro, illustriert anhand des


Entwicklungsindex IDS ........................................................................................................ 36

Abbildung 7: Bevölkerungsentwicklung in Rio de Janeiro von 1950 bis 2000. Formelle Stadt
und Favelas .......................................................................................................................... 38

Abbildung 8: Ausbreitung der Favelas in Rio de Janeiro - 1940-2000 ..................................40

Abbildung 9: Risikokartierung für Rio de Janeiro, Ausschnitt Maciço da Tijuca – Overlay mit
Favelas - 2004 ...................................................................................................................... 46

Abbildung 10: Wahrscheinlichkeit von Hangrutsch in Rio de Janeiro am 17.11.2008….. ... 52

Abbildung 11: Eco-limite mit Hinweisschild: "Risiko- und Schutzgebiet". ........................... 53

Abbildung 12: Der Morro Dois Irmãos mit der Favela Vidigal vor (1990) und nach (2008)
dem „projeto mutirão de reflorestamento“…………………………………...……………...55

Abbildung 13: Die Untersuchungsgebiete ............................................................................ 60

Abbildung 14: Schematische Darstellung des Risikos im Sektor Sítio do Pai João ............... 65

Abbildung 15: Schematische Darstellung des Risikos im Sektor Toja Martinez. .................. 76

Abbildung 16: Haus in extrem riskanter Lage ...................................................................... 81

Abbildung 17: Schematische Darstellung des Risikos im Sektor Regina Pereira. ................. 83

Abbildung 18: Schematische Darstellung des Risikos im Sektor Vila Verde ......................... 92

Abbildung 19: Schematische Darstellung des Risikos im Sektor Coruja ............................ 100

V
TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: Positive Abweichungen vom langjährigen Niederschlagsmittel……………….…48

Tabelle 2: Übersicht risikorelevanter und sozioökonomischer Daten aus den


Untersuchungsgebieten………………….................................................................................10

VI
A. EINLEITUNG

I. Hinführung zum Thema

„Es liegt bestimmt nicht an fehlenden technischen und wissenschaftlichen


Erkenntnissen, dass während der starken Regenfälle in Rio de Janeiro Häuser
einstürzen und Menschen sterben…

…Doch nützt das ganze Wissen wenig angesichts der Leichtsinnigkeit der öffentlichen
Hand, die sich des Problems […] nie entschieden angenommen hat. Die öffentliche
Hand kommt immer als Feuerwehr, nie als Verwalter, der gegen das Eintreten des
Schlimmsten vorsorgt. Jeder Einwohner dieser Stadt muss in die Angelegenheit mit
einbezogen werden, […] damit wir eines Tages zum Himmel blicken können, dunkle
Wolken sehen und sagen können:

‚Wie gut, dass wir vorbereitet sind‘“ (SOUZA1 1996:11).

Die Geschichte von Rio de Janeiro, der Stadt des Bossa Nova, des Samba, der Lebens-
freude und der einzigartigen Natur, ist auch die Geschichte der Eroberung von ungünstigem
Land und des Kampfes um Wohnraum. Denn diese besondere Natur, die sich bei all ihrer
Schönheit und Vielfalt auch in Gestalt weitläufiger Sumpfgebiete auf der einen und steiler
Berge auf der anderen Seite zeigt, erschwerte stets die Besiedlung. Als die Favelas, die infor-
mellen Armenviertel Brasiliens vor über hundert Jahren begannen, die Hänge emporzuwach-
sen, zeigte sich die Natur von ihrer zerstörerischen Seite: es forcierte sich ein Problem, das in
allen Gebirgsräumen der Welt vorherrscht und eine Bedrohung für die dort lebenden Men-
schen darstellt: Lawinen, Erdrutsch, Felssturz – oder zusammengefasst – gravitative Massen-
bewegungen.
In den vergangenen Jahrzehnten verloren Hunderte von Menschen in Rio de Janeiro bei
Erdrutschen ihr Leben. Nahezu alle Opfer lebten in Favelas, und wurden von den Hangbewe-
gungen zuhause überrascht. Dabei sind die Favelabewohner solchen Katastrophen scheinbar
schutzlos ausgeliefert (vgl. BRANDÃO 1996:23 ff.).

II. Fragestellung
Obwohl gravitative Massenbewegungen sehr häufig vorkommen, ihr wirtschaftlicher

1
Herbert de Souza ist Geologieprofessor in Rio de Janeiro und Autor des Bandes „Tormentas Cariocas‟ – dt.:
etwa „Rios Unwetter‟.

1
Schaden hoch ist und nicht selten Menschen sterben, werden deren Gefahren und Risiken
weithin unterschätzt, präventives Risikomanagement erhält oft zu wenig Gewicht (vgl. DIKAU
2007:58). In Rio de Janeiro ist das Problem derart verbreitet, dass schon in den 1960er Jahren
eine eigene, für die Stabilisierung von zumeist bewohnten Hängen zuständige Institution ge-
schaffen wurde (das Geo Rio). Während es zunächst fast ausschließlich korrektive Maßnah-
men ergriff, gewannen mit der Zeit auch Aspekte der Prävention und Vorhersage an Bedeu-
tung. Zwei der Fragestellungen dieser Arbeit lauten daher: Welcher Gestalt ist das Risiko-
management von gravitativen Massenbewegungen in Rio de Janeiro heute und gibt es
partizipatorische Elemente? Wie kommt das Risikomanagement bei der betroffenen
Bevölkerung an, wo liegen Erfolge und Hürden?
Der Partizipation und Bildung der betroffenen Menschen wird dabei im präventiven Ri-
sikomanagement eine zentrale Bedeutung zuteil. Der Aufbau von lokalem capacity building
und die Bewusstmachung der Risiken können Katastrophen vorbeugen und das Risikomana-
gement nachhaltiger machen. So sind die betroffenen Bewohner von Risikogebieten gleich-
zeitig Akteure des Risikomanagements. Eine weitere Fragestellung lautet daher: Wie reagie-
ren die Menschen auf das Risiko von gravitativen Massenbewegungen?
Um zu reagieren, muss man sich erst einmal des Risikos bewusst sein. Zahlreiche wis-
senschaftliche Studien zur Wahrnehmung von Risiken deuten auf eine grundsätzliche Diskre-
panz zwischen der Laien- und Expertenwahrnehmung hin. Spezielle Untersuchungen zur Ri-
sikowahrnehmung im Zusammenhang mit Naturgefahren wie Massenbewegungen oder Über-
schwemmungen zeigen, dass die in Risikogebieten lebenden Menschen dazu neigen, das Ri-
siko in ihrem nahen und alltäglichen Umfeld zu verharmlosen oder gar zu leugnen (vgl. NA-
THAN 2008; PLAPP 2003). Besonders in sozial schwachen, marginalisierten Gruppen ist zu
erkennen, dass bei der Wahrnehmung des Risikos das relative Gewicht zu anderen allgegen-
wärtigen Risiken (Verlust der Arbeit, Gewalt, fehlender Versicherungsschutz, etc.) und deren
mögliche Überlagerung eine große Rolle spielt (Nathan 2008:351). In Rio de Janeiro betrifft
das Problem der gravitativen Massenbewegungen fast ausschließlich Menschen, die in Fave-
las leben. Deshalb dreht sich eine der grundlegenden Fragestellungen dieser Arbeit um die
Risikowahrnehmung: Nehmen die in Risikogebieten lebenden Menschen (die „Laien“)
das Risiko wahr, unterscheidet sich deren Wahrnehmung von der Risikowahrnehmung
der Experten und falls ja, warum?
Der einzige Weg, diese Fragen zu klären, ist vor Ort das Gespräch mit den betroffenen

2
Menschen zu suchen.

III. Die Vorgehensweise


Nach der Ausarbeitung eines Forschungsplanes reiste ich im Herbst 2008 für einen
viermonatigen Forschungsaufenthalt nach Rio de Janeiro.

a) Literatur- und Datenrecherche


Da es, wie schon angesprochen, zu Risikowahrnehmung und -management von
gravitativen Massenbewegungen in Rio de Janeiro bisher keinerlei Studien gibt, begann ich
den Aufenthalt mit der Suche nach Artikeln, Monografien und Berichten mit den Schlüssel-
wörtern ‚Favela„ und ‚Risikogebiete„. Der Großteil der Literatur zu diesem Thema besteht aus
naturwissenschaftlichen Studien zu Drainage, alternativen Baustoffen zur Stabilisierung oder
stochastischer Vorhersage von Rutschungen an Rio de Janeiros Hängen. Sehr viel Brauchba-
res war für mein Vorhaben leider nicht zu finden.
Weitaus ergiebiger war die Analyse von Besichtigungsberichten des für die Minderung
von Rutschungsrisiken zuständigen geo-technischen Instituts (Geo Rio). Freundlicherweise
gewährte mir das Geo Rio Einblick in seine Archive. So konnten interessante Erkenntnisse
bezüglich des Ausmaßes des Problems, dessen spezieller Ursachen und Folgen, aber auch
hinsichtlich der sich im Laufe der Zeit verändernden Praktiken des Risikomanagements ge-
wonnen werden. So wurden insgesamt 376 Besichtigungsberichte aus den Untersuchungsge-
bieten ausgewertet, die bis in die 1970er Jahre zurückreichten. Ebenso bilden Dokumente des
Geo Rio die Grundlage der Beschreibung des geo-technischen und quantitativen Risikos (oder
der Expertenwahrnehmung) in den Untersuchungsgebieten.

b) Interviews
Für die Planung der Interviews wählte ich aus der aktuellen Projektagenda des Geo Rio2
fünf verschiedene Gebiete in vier Favelas aus, die alle an Hängen des selben Gebirgsmassives
liegen (dem Maciço da Tijuca, welcher an Rios historisches Zentrum angrenzt) und in der
Vergangenheit bereits geo-technische Unfälle erlitten hatten. Um eine möglichst umfassende
Darstellung zu erhalten, weisen die ausgewählten Gebiete außerdem unterschiedliche Risiko-
szenarien auf (Steinschlag – Erdrutsch von oben – Gefahr des Abrutschens der Häuser). Ein
weiteres wichtiges Auswahlkriterium war meine persönliche Sicherheit. Die Favelas werden

2
Gebiete, die schon länger beobachtet werden und in denen Stabilisierungsprojekte geplant sind.

3
fast ausnahmslos von bewaffneten Drogenkommandos kontrolliert, die sich in unregelmäßi-
gen Abständen heftige Schießereien mit der Polizei oder verfeindeten Fraktionen liefern. Sol-
che Vorfälle sind natürlich kaum vorhersehbar, die ausgewählten Untersuchungsgebiete
schienen jedoch seit einiger Zeit relativ entspannt zu sein.
Der Fragebogen ist in 3 Teile gegliedert und beinhaltet hauptsächlich standardisierte
Antwortmöglichkeiten (ja/nein und skaliert), sowie einige offene Fragen (siehe Anhang). Der
erste Teil beschäftigt sich mit der individuellen Wahrnehmung und Einschätzung des Risikos.
In Teil zwei geht es um Kenntnis, Erfahrungen und Informationsfluss, und im dritten Teil um
Vorbeugestrategien und -maßnahmen. Bei einem pre-test zeigte sich bereits, dass sich der
Fragebogen gut dazu eignete, Gesprächsanregungen zu geben. In einigen Fällen erzählten die
Befragten vieles von sich aus, weshalb einzelne Fragen gar nicht direkt gestellt werden muss-
ten, sondern im Laufe der Gespräche von den Befragten selbst angesprochen wurden. Die
Fragen erwiesen sich als allgemein gut verständlich und vor allem eindeutig. Auch sprachen
die Menschen sehr offen über das Thema, man merkte, dass es sie persönlich beschäftigte. Ich
wurde nur sehr selten abgewiesen.
Insgesamt wurden 39 wissenschaftlich brauchbare Interviews geführt. Ich hätte gerne
eine größere Anzahl an Gesprächen durchgeführt, doch einige Hürden ließen dies nicht zu. So
war es z. B. äußerst schwierig, an Werktagen vor Sonnenuntergang Menschen zu Hause anzu-
treffen. In den meisten Haushalten arbeiteten beide Elternteile bis spät in die Nacht. Nach
einigen erfolglosen Versuchen beschränkte ich meine Hausbesuche dann auf die Wochenen-
den. Außerdem erlaubte es mir die Sicherheitsproblematik im Zusammenhang mit bewaffne-
ten Drogenkommandos nicht, alleine in die Favelas zu gehen. Ich war immer auf die Hilfe
von Ortskundigen angewiesen, die mit mir in die Gebiete gingen und so meinen dortigen Auf-
enthalt legitimierten. Dies waren in allen Fällen Mitarbeiter der Bewohnervereine (associação
dos moradores), denen ich für ihre Unterstützung sehr dankbar bin.
Darüber hinaus führte ich in allen fünf Untersuchungsgebieten kurze Leitfrageninter-
views mit Vertretern der jeweiligen Bewohnervereine, deren Anliegen hauptsächlich eine Ein-
schätzung der Kooperation zwischen städtischem Risikomanagement und den
Bewohnervereinen war.
Auf der Seite der Experten befragte ich einen Mitarbeiter und Leiter des Ressorts Um-
weltbildung der Defesa Civil sowie einen Geologen und einen Ingenieur des Geo Rio zum
Ablauf des Risikomanagements von gravitativen Massenbewegungen und Zusammenarbeit

4
mit den betroffenen Menschen.

IV. Das Thema im geographischen Kontext


Die vorliegende Diplomarbeit ist die Abschlussarbeit des Diplomstudiengangs ‚Geogra-
phie der Entwicklungsländer„.
Der Untersuchungsgegenstand reiht sich ein in die geographische Risikoforschung, die
sich „[…] mit Risikoaspekten in den Wechselbeziehungen zwischen Natur und Gesellschaft“
befasst (MÜLLER-MAHN 2007:4). Die im Fokus der Untersuchung stehenden Räume, in denen
diese Mensch-Umweltbeziehungen in Risiken und Katastrophen münden, zeichnen sich ins-
besondere dadurch aus, dass sie vom Staat vernachlässigte städtische Teilräume sind, die ver-
schiedene qualitative und quantitative Entwicklungsdefizite aufweisen. Dabei stehen die Fa-
velas besonders im Kontrast zu den benachbarten formellen Stadtgebieten. Deshalb ist das
Thema dieser Arbeit auch ein Entwicklungsthema.
Bei entwicklungspolitischen Themen ist heute der Begriff der ‚Nachhaltigkeit„ von
zentraler Bedeutung. Entwicklung soll aus sich heraus wachsen und das ohne auf Kosten spä-
terer Generationen zu gehen. Dasselbe gilt für das Risikomanagement von gravitativen Mas-
senbewegungen, die häufig erst durch die menschliche Besiedlung entstehen. So behandelt
diese Diplomarbeit ein Thema, das sowohl physisch-geographische (die Mechanismen von
gravitativen Massenbewegungen), als auch humangeographische Aspekte (soziale Verwund-
barkeit, nachhaltige Entwicklung und auch Stadtgeographie) und kann daher als eine soge-
nannte „Schnittstellenfrage“ bezeichnet werden (vgl. Müller-Mahn 2007:10). So passt das
Thema gut in eine Geographie, die sich als universelle Disziplin versteht.

V. Gliederung der Arbeit


Die Diplomarbeit ist in fünf Kapitel gegliedert:
Kapitel A ist die Einleitung.
In Kapitel B möchte ich mich zum einen den sozialen und ökologischen Problemen in
vielen Städten der Entwicklungsländer und den sich daraus ergebenden Risiken nähern, zum
anderen sollen die theoretischen Grundlagen zu zentralen Begriffen der geographischen Risi-
koforschung diskutiert, sowie abschließend eine Zusammenführung der Themen und Begriffe
im Sinne dieser Diplomarbeit versucht werden.
Kapitel C führt in das Untersuchungsgebiet Rio de Janeiro ein, beschreibt die Entste-
hung der Favelas und setzt diese, wie auch die sozialen Probleme der Favelabevölkerung, in

5
Bezug zum Risiko von gravitativen Massenbewegungen. Ebenfalls wird das städtische Risi-
komanagement vorgestellt und Schwierigkeiten hinsichtlich einer effektiven und nachhaltigen
Risikominderung im Zusammenhang mit der noch immer anhaltenden Marginalisierungsten-
denz analysiert.
Kapitel D widmet sich dann der empirischen Fallstudie in fünf unterschiedlichen Risi-
kogebieten in Favelas. Dabei wird jeweils Wert auf die verschiedenen lokalen Voraussetzun-
gen, Verwundbarkeitsfaktoren und Risikoszenarien gelegt.
Kapitel E führt die Erkenntnisse abschließend zusammen und gibt einen Ausblick auf
die Zukunft des Risikomanagements von gravitativen Massenbewegungen in Rio de Janeiro.

6
B. THEORETISCHE GRUNDLAGEN

I. Die Stadt in Entwicklungsländern


a) Allgemeine Entwicklungen und Tendenzen
„Das 21. Jh. ist das Jahrhundert der Stadt“ - so postulieren es die Vereinten Nationen.
Betrachtet man die aktuellen Zahlen und Prognosen von UN-Habitat3, so scheint diese Aussa-
ge durchaus nachvollziehbar. Im Jahre 2008 lebte zum ersten Mal in der Geschichte die Hälfte
der Menschheit, das sind 3,3 Milliarden Menschen, in städtischen Räumen. Während 1950 der
Anteil der urbanen Weltbevölkerung noch 30% ausmachte, werden es bis 2050 zwei Drittel
sein (UN-HABITAT 2008:11). In Amerika und Europa beträgt heute der Anteil der Stadtbevöl-
kerung über 70%, während in Asien und Afrika (noch!) 4 die Mehrzahl in ländlichen Gebieten
lebt (40% bzw. 38% in Städten) (ebd.).
Allgemein gewinnen die Städte in den Entwicklungsländern immer mehr an Bedeutung.
Dort weisen sie gegenwärtig sehr hohe Wachstumsraten bis zu 4% pro Jahr auf, während das
Städtewachstum in den Transitions- und entwickelten Industriestaaten seit einiger Zeit nur
noch schwach zunimmt, zum Teil auch stagniert oder zurück geht. So sorgte in den Industrie-
ländern das rückläufige natürliche Bevölkerungswachstum langfristig für schrumpfende Städ-
te, würde dies laut Prognosen von UN-HABITAT (2008:xiii) nicht durch Migration aus Ent-
wicklungsländern ausgeglichen.
Zunächst ist auch in Entwicklungsländern

„die Stadt [...] ein 'locus' der Reproduktion - […] des Handels und der
Dienstleistungen, sowie natürlich des Wohnens und der Verkehrsräume“

und gleichsam

„ein privilegierter Ort der Kultur und der kulturellen Konflikte, ein Sitz der Macht und
eine besonders wichtige Bühne des Widerstands“ (SOUZA 1993:78).

Wie in den Industrieländern, brachte die Verstädterung auch in den Entwicklungslän-


dern durchaus positive Errungenschaften mit sich. Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil
des Bruttosozialprodukts der Entwicklungsländer in Städten erwirtschaftet wird, zeigt sich,

3
United Nations Human Settlements Programme, auch Weltsiedlungsgipfel
4
Sollte sich der gegenwärtige Trend fortsetzen, so würde im Jahr 2050 die Hälfte der Bevölkerung Afrikas und
70% der Chinesen in Städten leben (UN-HABITAT 2008:11).

7
dass urbane Räume auch dort Agglomerations- und Standortvorteile schaffen (vgl. KEINER &
SCHMID 2003:49). Auf der anderen Seite gibt UN-HABITAT (2006:viii) zu bedenken:

„Evidence suggests that despite their enormous potential to bring about prosperity,
the wealth they generate does not automatically lead to poverty reduction. On the
contrary, inequalities between the rich and the poor in many cities have grown, as
have the size and proportion of slum populations“.

In den Entwicklungsländern setzte die Industrialisierung und mit ihr die Verstädterung
erst später als in den Industrieländern ein - nach dem 2. Weltkrieg. In vielen Entwicklungslän-
dern verlief der Verstädterungsprozess jedoch deutlich rasanter als in den entwickelten Län-
dern (KRAAS i2004:101). Die Grundsteine hierfür wurden meist bereits mit der funktionalen
Ausrichtung von Städten in den Kolonien gelegt: Indem die Kolonialmächte die Hauptstädte
ihrer Kolonien gezielt als politische, wirtschaftliche und militärische Zentren ausbauten, „von
denen die Ausbeutung der Peripherie über ein sternförmig auf die Metropolen gerichtetes
Infrastrukturnetz gesteuert und organisiert wurde“ (HENNINGS u.a. 1980:12), wurde die Ver-
städterung vorangetrieben. Nach SOUZA (1993:115) setzte sich diese „Logik der räumlichen
Konzentration“ in post-kolonialer Zeit fort. Die zumeist auf die Metropolen ausgerichtete
Industrialisierung in den Entwicklungsländern leitete demnach den Zustrom der ländlichen
Bevölkerung seit den 1950er Jahren ein. So konzentriert sich die Verstädterung meist auf we-
nige Metropolen der entsprechenden Länder, was für die in Entwicklungsländern typischen
Disparitäten zwischen Stadt und Land sorgt. Aufgrund ihrer enormen Heterogenität ist für die
vergleichende Analyse von EL deren wirtschaftliche, kulturelle und politische Vielfalt, sowie
deren unterschiedliche historische Situation und Handlungsspielräume zu berücksichtigen
(vgl. SOUZA 1993:109 ff.). Betrachtet man aber das Phänomen der Verstädterung, so werden
Mechanismen und Probleme deutlich, die qualitativ für alle Entwicklungsländer gelten (vgl.
SOUZA 1993:114).
Die beiden Antriebsfaktoren für das Städtewachstum sind die (Binnen-)Wanderung und
das natürliche Bevölkerungswachstum. Letzteres trägt heute im Mittel etwas mehr als 50%
zum Wachstum bei, es gibt jedoch enorme Unterschiede zwischen einzelnen Ländern und
Städten. Bis zur Mitte der 20. Jh. leistete in der Regel die Binnenmigration den weitaus größe-
ren Beitrag zum Anwachsen der Städte5 (vgl. BÄHR 1995:47). Meist handelt es sich dabei um

5 BÄHR (1995:47 ff.) sieht einen Zusammenhang zwischen dem demographischem Übergang und den

8
Landflucht, die sich zum einen auf push-Faktoren – wie die Konzentration des Landbesitzes
in wenigen Händen, Armut in verschiedenen Dimensionen und Gewalt – zurückführen lässt,
die die ländliche Bevölkerung regelrecht aus den Dörfern „drücken“. Zum anderen ziehen die
pull-Faktoren der Städte - die Aussicht oder Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen und
Berufschancen - diese ländliche Bevölkerung an (vgl. KOHLHEPP 1985:31).
Oft werden diese Hoffnungen aber nicht erfüllt. In vielen Entwicklungsländern kann der
jeweilige städtische Arbeitsmarkt nur einen Teil der zuströmenden Menschen aufnehmen, da
die Bildung von Arbeitsmöglichkeiten nicht mit dem Tempo des Städtewachstums standhalten
kann und daher das Angebot an Arbeit meist viel geringer ist als die Nachfrage. Arbeitslosig-
keit und Unterbeschäftigung sind die Folge und bedingen neue städtische Armut, die nicht
selten illegale und kriminelle Überlebensstrategien nach sich ziehen. Der spektakulärste Aus-
druck der Verstädterung ist die Metropolisierung 6, teilweise wachsen die Städte derart rasant,
dass manche „Entwicklungsländer [schneller] 'metropolisieren' […] als sie 'urbanisieren'“
können (HAUSER 1974:235; vgl. SOUZA 1993:114). Zusätzlich besteht oft ein Mangel an fi-
nanziellen Mitteln seitens der Stadtverwaltung, in vielen Fällen fehlt eine angemessene Flä-
chennutzungsplanung und -kontrolle. Dies alles führt zu massiven sozioökonomischen Prob-
lemen und löst Überlastungs- und Umweltprobleme verschiedenster Art aus (siehe Abb. 1).

Wachstumsmechanismen der Städte. So begann in Ländern, die vergleichsweise früh in den


demographischen Übergang eintraten (z.B. Argentinien und Brasilien) auch die Binnenmigration sehr früh zu
teigen. Ab den 1940er Jahren sollte aber der Geburtenüberschuss an Bedeutung gewinnen und 1970 deutlich
mehr als 50% zum Städtewachstum beitragen. Anders in Ländern, wo der demographische Übergang
verzögert begann (z.B. Länder der Sub-Sahara): Dort ist meist heute noch die Binnenmigration
hauptverantwortlich für das Wachstum der Städte.
6
Metropolisierung ist die Entstehung von Metropolen, den „führenden städtischen Agglomerationen eines
Landes […], in denen sich die wichtigsten politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen
Einrichtungen konzentrieren“ TAUBMANN 1996:5).

9
Abbildung 1: Städtische Probleme in den Entwicklungsländern; Quelle: COY & KRAAS 2003:34.

b) Marginalisierung in den Städten


In Folge der ansteigenden sozioökonomischen Disparitäten und des Mangels an formel-
ler und angemessen entlohnter Arbeit kommt es zu zunehmender sozialer und räumlicher
Marginalisierung7 breiter Teile der Bevölkerung. So bilden sich in vielen Entwicklungslän-
dern Gürtel aus legalen, semilegalen und illegalen Siedlungen um die Städte. Zudem besetzt
der informelle Sektor aufgrund fehlender Arbeitsplätze im formellen Sektor zunehmend die
öffentlichen Räume.

7
„Unter Marginalisierung wird hier ein Zustand bzw. Prozess verstanden, der durch (zunehmende) Armut, völlig
unzureichende bzw. gar keine (pavement dwellers!) Unterkunft/Behausung und Basisinfrastruktur, durch eine
äußerst niedrige schulische Bildung, Unter- bzw. Mangelernährung, eine fehlende medizinische Versorgung,
aber auch durch eine fast völlige Nichtbeteiligung der betroffenen Bevölkerung am öffentlichen Leben und
entsprechenden Entscheidungsfindungen gekennzeichnet ist.“ (MERTINS 2006:65). Die sich daraus
ergebenden gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Nachteile können in den allermeisten Fällen
nicht aus eigener Kraft überwunden werden. Es entsteht ein Teufelskreis der Marginalität.

10
Im Jahre 2001 lebten etwa 31% der globalen städtischen Bevölkerung, oder 924 Mio.
Menschen, in Marginalvierteln. In den Entwicklungsländern liegt der Anteil der städtischen
marginalisierten Bevölkerung noch deutlich höher. Waren es nach Schätzungen des Jahres
1985 noch ca. 32%, so stieg der Anteil bis 2005 auf 36,5% (UN-HABITAT 2009:91, HALL &
PFEIFFER 2000:92). Die Prozentsätze variieren jedoch von Region zu Region (siehe Abb. 2).
UN-HABITAT (2003:15) erwartet für die nächsten 30 Jahre ein Anwachsen der in Marginal-
vierteln lebenden Bevölkerung auf ca. 2 Milliarden Menschen, falls dem nicht entschieden
entgegengewirkt wird. Ein nicht wünschenswertes Szenario, denn hinter diesen Zahlen stehen
Einzelschicksale von Menschen, die zu großen Teilen hinsichtlich der Lage, Infrastruktur,
Hygiene und Kriminalität in unwürdigen und risikoreichen Verhältnissen leben.
70
62,2

60

50
42,9

40 36,5 36,5

30 27 27,5
24 24,1

20 14,5
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Abbildung 2: Anteil der in slums lebenden städtischen Bevölkerung nach Region; Quelle: UN-HABITAT
2009:91.

Der vorherrschende Marginalisierungsprozess in den meisten Städten der Entwicklungs-


länder ist die Bildung von squatter8-Siedlungen in der Peripherie. In innenstadtnahen Gebie-
ten entstehen illegale Siedlungen nur in risikoreichen und für die formelle Besiedlung unge-
eigneten Nischen, wie steilen Hügeln, überschwemmungsgefährdeten Flussufern und Sumpf-
gebieten, unter Brücken, an Autobahn- und Eisenbahntrassen, etc.

8
Von ‚to squatter„ – dt.: besetzen. Häuserbau ohne eigentumsrechtliche Legalität.

11
Parallel dazu kann ein Strukturwandel der Stadtzentren beobachtet werden, der häufig
auch „die physiognomische und sozioökonomische Degradierung innerstädtischer und innen-
stadtnaher“ Stadtviertel, insbesondere der historischen Altstadtbereiche, mit sich bringt (COY
& KRAAS 2003:35). Diese slum-Bildung9 ist ebenfalls typisch für Groß- und Megastädte in
EL. In einigen Städten der Entwicklungsländer reagierte der Verwaltungsapparat auf die zu-
nehmende Degradierung der Innenstädte mit Revitalisierungsprojekten, die oft
Gentrifizierungsmechanismen zur Folge hatten und auf Kosten der unteren Einkommens-
schichten gingen und sie letztendlich aus diesen Gegenden verdrängten (vgl. COY & KRAAS
2003:35).

c) Kategorien von Marginalsiedlungen


Marginalviertel lassen sich also hinsichtlich ihres rechtlichen Status, ihrer Genese und
ihrer Lage unterscheiden. Es gibt „fragmentartig in die formellen Stadtbereiche eingelagerte“
(COY & KRAAS 2003:36) und in der Peripherie liegende Marginalviertel, sowie solche, die
durch Degradierung vorheriger Stadtviertel oder durch die Invasion brach liegender Flächen
entstehen. Neben den legalen und illegalen existiert eine Zwischenform, die heute als der
Haupttypus der informellen Marginalsiedlungen gilt: Die semilegalen Siedlungen zeichnen
sich durch den legalen Erwerb von Parzellen seitens der neuen Bewohner aus, wobei die Par-
zellierung der Grundstücke ohne Genehmigung stattfindet, keine Baulizenzen vorliegen und
Baunormen nicht beachtet werden (BÄHR & MERTINS 2000:21). Dies birgt zum einen die Ge-
fahr der späteren Vertreibung bei einer Beanspruchung des Bodens durch Dritte, zum anderen
verfügen diese semilegalen Parzellierungen häufig über keine oder unzureichende technische

9
Ursprünglich bezeichnete der Begriff slum baulich und infrastrukturell degradierte ehemalige Wohnviertel der
Ober- und Mittel- und Unterschicht in Innenstadtbereichen. Heute benutzen die Vereinten Nationen slum als
Oberbegriff für sowohl legale, semilegale als auch illegale (squatter-) Siedlungen. UN-HABITAT (2009:90
und 2003:12) schlägt eine operative Definition vor, die verschiedene physische und rechtliche
Charakteristiken enthält. Demnach gilt als slum-Haushalt, wenn mindestens eine der folgenden Eigenschaften
fehlt:
 Zugang zu Trinkwasser
 Zugang zu sanitären Einrichtungen
 genügend Wohnraum (nicht mehr als 3 Menschen in einem Zimmer)
 strukturelle Qualität und Dauerhaftigkeit der Siedlung
 gesicherter rechtlicher Status.

Es wird zudem betont, dass slums sehr heterogen sind sowie je nach Land und Kulturkreis immer relativ, in
Abgrenzung zur umgebenden formellen Stadt als solche wahrgenommen werden (oder auch nicht).

12
Infrastruktur. Die meisten Marginalviertel finden sich in den peripheren Gebieten der Städte,
informelle Siedlungen machen mit Schätzungsweise 50-80% einen Großteil der Bausubstanz
aus (BÄHR & MERTINS 2000:20).
Der sozialen Segregation durch Marginalisierung breiter Bevölkerungsteile steht in vie-
len Städten der Entwicklungsländer die Auto-Segregation der Ober- und Mittelschichten und
wirtschaftlich-politischen Eliten gegenüber (SOUZA 1996:53 ff.). Durch die Abwanderung
dieser Schichten aus innenstadtnahen Vierteln, meist ausgelöst durch die Angst vor steigender
Kriminalität, entstehen sogenannte gated communities, Wohndörfer oder -komplexe mit er-
höhten Sicherheitsvorkehrungen und restriktiven Einlassbedingungen, oft mit eigenen Frei-
zeit- und Einkaufsmöglichkeiten im Innenbereich. Dies trägt zur zunehmenden Fragmentie-
rung der Städte bei, was vor allem in Lateinamerika deutlich wird 10.

II. Das Recht auf (sicheres) Wohnen


Bereits im Jahr 1948 definierte die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ in Ar-
tikel 25 (1) das Recht auf Wohnen als grundlegendes Menschenrecht:

„Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie
Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung,
ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf
Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwittwung, im
Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete
Umstände“ (UNITED NATIONS i1948).

Im Laufe der Zeit wurden weitere internationale Zielvorgaben und Resolutionen erlas-
sen, die das ‚Recht auf adäquates Wohnen„ beinhalteten und betonten11. Die Wohnungsbaupo-
litik orientierte sich in den Entwicklungsländern bis Mitte der 1960er Jahre stark am sozialen
Wohnungsbau nach europäischem Vorbild: mehrgeschossige Wohnblöcke mit relativ kleinen
Wohneinheiten, in die die Bewohner aus meist illegalen Marginalsiedlungen umgesiedelt
wurden. Langfristige Erfolge dieser Strategie blieben aus (BÄHR & MERTINS 2000:22). Oft

10
Vgl. hierzu Jürgen Bährs Modell der Struktur und Entwicklung der lateinamerikanischen Stadt (BÄHR &
JÜRGENS 2005:274).
11
Unter anderen the International Covenant on Economic, Social and Cultural Rights (1966), the International
Convention on the Elimination of All Forms of Racial Discrimination (1965), the Convention on the
Elimination of All Forms of Discrimination Against Women (1979), the Convention on the Rights of the Child
(1989), the Convention Relating to the Status of Refugees (1959), the International Convention on the
Protection of the Rights of All Migrant Workers and Members of Their Families (1990) (COHRE i2009).

13
konnten die Umsiedlungen nur gewaltsam durch Militär- oder Polizeieinsätze durchgesetzt
werden, da die Menschen trotz der teilweisen Misere an ihrem vertrauten sozialen Umfeld
hängen. Hinzu kommt, dass sich die meist aus ländlichen Gebieten stammende Bevölkerung
nur schlecht in die urbane Wohnform der Hochhäuser einfügte (ebd.).
Ab Mitte der 1970er Jahre begannen die ersten, von der Weltbank angestoßenen, sites
and services- und upgrade-Programme in Marginalvierteln. Erstere basierten auf der Bereit-
stellung von infrastrukturell erschlossenen Grundstücken für die Bebauung zu günstigen
Konditionen. Letztere umfassten zum einen die Verbesserung von Bausubstanz, zum anderen
die Bereitstellung oder Verbesserung von technischer Basisinfrastruktur. BÄHR & MERTINS
(2000:23) bemerken hierzu, dass weder diese Großprojekte der Weltbank, noch nationale low-
cost housing-Projekte hinreichend die urbane Armutsbevölkerung erreichen konnte. In Anbe-
tracht weiter anwachsender Marginalviertel wurde bald die Wirksamkeit dieser Projekte ange-
zweifelt.
Die United Nations Conference on Human Settlements (Habitat I) 1975 in Vancouver
stellte „einen Wendepunkt in der Wohnungspolitik für die unteren Einkommensschichten dar“
(BÄHR & MERTINS 2000:23): Erstmals wurde ein Grundrecht auf Wohnen festgehalten. Die
Zauberformel war nun ‚Hilfe zur Selbsthilfe„. Die neuen Konzepte setzten verstärkt auf die
Miteinbeziehung der betroffenen Bewohner beim upgrading der Marginalviertel. So sollten
neben Grundsätzen der Selbstverwaltung, Partizipation bei Planung, Management und Durch-
führung der Maßnahmen zum Beispiel auch die Verwendung einheimischer Baumaterialien,
angepasste Technologien und Architektur forciert sowie Abstand von einschränkenden Pla-
nungs- und Bauvorschriften genommen werden (BÄHR & MERTINS 2000:24).
Auf der zweiten Habitat-Konferenz 1996 in Istanbul wurde die Habitat Agenda als glo-
bales Handlungsprogramm für die Städte verabschiedet, die das „Recht auf menschenwürdi-
ges Wohnen“ postulierte. Auf den Istanbuler Ausarbeitungen und mehreren Erklärungen und
Resolutionen12 aufbauend, verabschiedete die Menschenrechtskommission der Vereinten Na-
tionen im Jahre 2003 dann die Resolution 2003/27, die

„adequate housing as a component of the right to an adequate standard of living"

festhält (UNITED NATIONS i2003). Dabei werden mehrere Faktoren genannt, die für ein

12
Darunter UN Global Shelter Strategy (1988) und die Agenda 21 (1992).

14
menschenwürdiges Wohnen erfüllt sein müssen (Auswahl):

1. Gesicherter Besitz

Zum Schutz gegen beispielsweise Zwangsräumungen, aber auch als Grundlage


einer nachhaltigen Integrationspolitik sollten die Besitzverhältnisse geklärt
werden. Die meisten slums sind illegal erbaut, deren Bewohner stehen keine
rechtlichen Mittel zur Verteidigung ihrer Häuser zur Verfügung und sie
willkürlichen Angriffen von Bodeninteressenten ausgesetzt

2. Angemessene technische Infrastruktur, Materialien und Dienste

U.a. stellen die Verfügbarkeit von Trinkwasser, Elektrizität, Kanalisation und


Notfalldiensten grundlegende Eckpfeiler des Rechts auf adäquates Wohnen dar

3. Erschwinglichkeit

Die Ausgaben für das Wohnen sollen nicht so hoch sein, dass sie die Befriedigung
anderer Grundbedürfnisse gefährden

4. Bewohnbarkeit

Einem Menschen muss ausreichend Wohnraum zur Verfügung stehen und er muss
in seiner Wohnung vor Kälte, Hitze, Feuchtigkeit und Regen sowie anderer
natürlicher Bedrohung (wie z.B. Massenbewegungen) geschützt sein

5. Zugänglichkeit

Vor allem ältere, kranke und behinderte Menschen sollen bei der Wohnungspolitik
besonders berücksichtigt werden

6. Lage

Die Bewohner sollen Zugang zu Beschäftigungsmöglichkeiten und öffentlichen


Einrichtungen haben, außerdem nicht in umweltverschmutzten Gebieten hausen
müssen (COHRE i2009).

Diese ehrgeizige Zielsetzung weist gleichzeitig auf die häufigsten in Marginalsiedlun-


gen auftretenden Mangelerscheinungen hin.
Heute gilt die ‚integrierte Stadtteilentwicklung„, die auf upgrading-Maßnahmen auf-
baut, allgemein als viel versprechende Strategie zur Bekämpfung der Marginalisierung. In der
Realität hat sich angesichts der Ausmaße des Problems wachsender Marginalsiedlungen der
politische Fokus vor allem aus Kosten- aber auch aus humanitären Gründen immer weiter in
Richtung einer integrativen Urbanisierungspolitik verlagert. Dazu gehört, analog zu Punkt 1
der Habitat Agenda, in erster Linie die Regulierung informeller städtischer Wohnviertel. Die-

15
se umfassen rechtliche und baulich-infrastrukturelle Aspekte. Unter die Erstgenannten fallen
die Formalisierung, also die offizielle politisch-administrative Anerkennung, sowie die Lega-
lisierung (BÄHR & MERTINS 2000:24). Letztere, also die Rechtssicherheit über das bewohnte
Grundstück und Wohnhaus, wird z.B. in Lateinamerika über die Vergabe von Nutzungslizen-
zen, die ‚Ersitzung„ des Eigentumsrechts (Anspruch auf das bewohnte und bestellte Land
nach einer bestimmten Dauer der ununterbrochenen Nutzung), über Pachtverträge oder, wie in
Brasilien, über die Auszeichnung von sogenannten „zonas especiais de interesse social13 (dt.:
Spezielle Zonen des sozialen Interesses) garantiert (MERTINS 2002:11,12)14.
Auch die heutigen Programme zur Verbesserung des Lebensstandards in Marginalvier-
teln der Großstädte und Metropolen der Entwicklungsländer sind meist nachträgliche, kurati-
ve Interventionen. Obwohl durch das immer häufiger angewandte Konzept der Selbsthilfe
relativ kostengünstig reguliert werden kann, sind diese Programme auf Dauer und angesichts
der erdrückend großen Zahl der Marginalviertel in einigen Metropolen sowie leerer Haus-
haltskassen nicht finanzierbar. Daher sollten verstärkt präventive Maßnahmen in Betracht
gezogen werden, wie z.B. die Lenkung der weiteren Siedlungsentwicklung anhand der Aus-
weisung sogenannter öffentlicher reception areas bei gleichzeitiger forcierter Kontrolle (vgl.
MERTINS 2002:12; BÄHR & MERTINS 2000:26).
Genau dieser Aspekt der präventiven, nachhaltigen Planung spielt auch hinsichtlich der
Minderung des Risikos, das von Naturgefahren ausgeht, eine große Rolle. Gerade Marginal-
siedlungen sind der Gefahr von Katastrophen unterschiedlicher Art, wie Überschwemmungen,
Erdbeben, Stürmen und Erdrutschen in besonderem Maße ausgesetzt, da sie, wie schon ange-
sprochen, häufig in Gegenden liegen, die gegenüber Naturgefahren besonders exponiert sind.

III. (Natur-)Katastrophen und Marginalität


a. Mensch und Katastrophe
Naturkatastrophen scheinen in jüngster Zeit immer zahlreicher einzutreten. Erdbeben,
Tsunamis und Erdrutsche, Dürren und Überschwemmungen tauchen zumindest subjektiv im-

13
In Rio de Janeiro sind dies die „Areas de Especial Interesse Social“.
14
Eine Nebenerscheinung der Legalisierungsprogramme ist nach MERTINS (2002) das Aufkommen des
„Landbesetzungsgewerbes“: Besetzer sind teilweise von vornherein nicht daran interessiert, längerfristig auf
dem entsprechenden Grund zu wohnen, sondern spekulieren auf die spätere Legalisierung und damit
Wertsteigerung der Parzelle, um sie dementsprechend zu verkaufen und an anderer Stelle wieder Land zu
besetzen.

16
mer häufiger in Medienberichten auf. Katastrophenstatistiken bestätigen diese Annahme und
zeigen, dass seit 1950 die Zahl der Großkatastrophen signifikant zugenommen hat (vgl. MÜL-
LER-MAHN 2007:8). Vor diesem Hintergrund von steigenden Risiken durch extreme Naturer-
eignisse und ökologischer Degradierung, sowie politischen und wirtschaftlichen Krisen, er-
klärten die Vereinten Nationen die 1990er Jahre zur ‚Internationalen Dekade zur Reduzierung
von Naturkatastrophen„ (IDNDR). Ziel war es, die internationale Zusammenarbeit hinsicht-
lich der Prävention und Minderung der Schäden, sowie des Krisenmanagements zu forcieren
und dadurch die komplexen Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung von sozialen
Katastrophen zu beleuchten (vgl. COY 2007:8).

Abbildung 3: Anzahl der Katastrophen 1995-2004 nach HDI; Quelle: World Disasters Report 2005;
MÜLLER-MAHN 2007:7).

Tatsächlich kam es in den letzten Jahren immer häufiger zu insbesondere durch extreme
Wetterereignisse ausgelöste Katastrophen. Der UN-Klimarat prognostiziert in seinem jüngsten
Bericht (IPCC 2007) eine im Zusammenhang mit dem Klimawandel stehende Zunahme sol-
cher Ereignisse in naher Zukunft und unterstreicht die Notwendigkeit umfassender präventi-
ver Maßnahmen (vgl. IPCC 2007; MÜLLER-MAHN 2007:8 ff.).
Bei näherer Betrachtung der Problematik extremer Naturereignisse und deren Auswir-
kungen auf die Gesellschaft sticht hervor, dass Menschen unterer Einkommensschichten be-
sonders häufig und heftig betroffen sind (siehe Abb. 3). Gleichsam nimmt die Zahl der Men-

17
schen, die in gefährdeten Gebieten leben, immer weiter zu. Daten des World Disaster Report
(IFRC 2005:194 ff.), aus denen hervorgeht, dass Katastrophen und Opferzahlen regional sehr
ungleich verteilt sind, machen deutlich, dass genaue Untersuchungen des Zusammenhangs
zwischen sozioökonomischen Verhältnissen und der Anfälligkeit gegenüber Naturkatastro-
phen vonnöten sind.
Doch inwieweit sind Naturkatastrophen dann überhaupt natürlich, wenn sowohl deren
Ursachen, als auch deren Folgen zunehmend von anthropogenen Umweltveränderungen be-
einflusst werden (Umweltverschmutzung, Klimaveränderung, Bodenversiegelung, etc.)? Der
Begriff „Natur“katastrophe impliziert die Annahme, dass mit der Natur die „Schuldige“ an der
Katastrophe gefunden sei. Heute herrscht allgemeiner Konsens darüber, dass erst die Ver-
wundbarkeit der Menschen, die sich in jüngster Zeit vermehrt in Risikogebieten (Küstenregi-
onen, Überschwemmungsgebieten oder steilen Hängen) niederlassen, extreme Naturereignisse
in Katastrophen münden lässt (vgl. u.a. WISNER 2008 u. 2007, DIKAU & WEICHSELGARTNER
2005). Naturereignisse werden also erst dann zu Naturkatastrophen oder hazard - Ereignissen
(dt.: Gefahr, Gefahrenumstand), wenn sie Individuen, Gruppen oder Gesellschaften auf un-
vorhergesehene Weise treffen und ihnen Schaden zufügen. Wie gut ein Individuum oder eine
gesellschaftliche Gruppe auf ein solches Extremereignis vorbereitet ist (und mit dessen Fol-
gen umgehen kann), wird durch kulturelle, soziale, politische und in erster Linie ökonomische
Faktoren bestimmt. Mit anderen Worten: Es hängt von der Katastrophenanfälligkeit auf Seiten
der Gesellschaft ab, welche Folgen ein (mehr oder weniger) natürliches Extremereignis hat
(vgl. FELGENTREFF & DOMBROWSKI 2008:14). Eine positive Korrelation zwischen sozialer
Marginalität und Verwundbarkeit gegenüber Risiken, die von hazards verschiedenster Art
ausgehen, ist daher anzunehmen.
Die IDNDR belebte die Diskussion und Forschung zur Vorbeugung und Bewältigung
von Katastrophen auf nationaler und internationaler Ebene. Verschiedene Wissenschaftsdis-
ziplinen nahmen sich der Thematik an, darunter die Umwelt- und Ingenieurswissenschaften,
die Geologie, die Geographie und die Soziologie, um nur einige zu nennen.

b. Gravitative Massenbewegungen
Gravitative Massenbewegungen sind im Vergleich zu anderen Naturkatastrophen wie
Erdbeben, Hurrikans oder Dürren in ihrer Auswirkung sehr lokal begrenzt. Ihr Schadenspo-
tential ist aber sehr hoch (vgl. DIKAU 2007:59). Eine kurze und knappe Definition liefert
CRUDEN (1991 in CORNFORTH 2005:4): Demnach versteht man unter einer gravitativen Mas-

18
senbewegung „the movement of a mass rock, debris, or earth down a slope“. Neben dem Ma-
terialtyp lassen sich diese Bewegungen auch hinsichtlich der Bewegungsart und -
geschwindigkeit unterscheiden. DIKAU & GLADE (2002:40) fassen die Haupttypen zusammen:

 Fallen
Wenn Material größtenteils frei fallend, springend oder rollend abstürzt. Die
Ablösung des Materials erfolgt entlang von Flächen, an der geringe oder keine
Scherbewegungen stattfinden
 Kippen
Eine Vorwärtsrotation um einen Punkt oder eine Achse unterhalb ihres
Schwerpunkts.
 Gleiten
Eine hangabwärts gerichtete Bewegung auf Gleitflächen oder dünnen Zonen
intensiver Scherverformung.
 Driften
Eine laterale Bewegung mit einem Einsinken in die liegenden, weniger
kompetenten Schichten ohne intensive Scherung auf Gleitflächen.
 Fließen
Die Geschwindigkeitsverteilung der bewegten Masse gleicht der einer
viskosen Flüssigkeit
 Komplex
Wenn die genannten Prozesse in Kombination auftreten, wobei sich der
anfängliche Typ während der Abwärtsbewegung verändert.

Die am häufigsten vorkommenden Prozessarten sind Hangrutschungen, Murgänge und


Steinschlag (vgl. DIKAU 2007:58 ff.). Die Mechanismen gravitativer Massenbewegungen
hängen von der Stabilität des Hanges ab. Werden die Kräfte- und Spannungsverhältnisse
durch natürliche Verwitterung, Niederschläge oder Erdbeben aus dem Gleichgewicht ge-
bracht, so kann es zu Bewegungen mit Kettenreaktionen kommen (vgl. ebd.). Es wird unter-
schieden in auslösende Faktoren wie extreme Niederschläge oder Erdbeben und begünstigen-
de Faktoren, die häufig durch menschliche Eingriffe entstehen. Dazu sind die Zunahme der
Hangneigung durch Abgrabungen (für den Häuser- oder Straßenbau), die Zunahme der Auf-
last durch Aufschüttungen und die Entfernung der schützenden Vegetation zu rechnen (ebd.).
Als Beitrag zur IDNDR sei hinsichtlich der Gefahr und des Risikos durch gravitative
Massenbewegungen das ‚International Consortium on Landslides‘ (ICL) genannt, gegründet
2002 in Kyoto als internationale NRO und durch die Vereinten Nationen unterstützt, welches
das ‚International Program on Landslides‘ (IPL) verabschiedete. Nach eigenen Angaben zielt
diese Initiative auf „internationale kooperative Forschung und capacity building“ zur Ein-
dämmung von Erdrutschen, insbesondere in Entwicklungsländern (ICL i2009).

19
c. Hazards, Verwundbarkeit und Risiko
Entsprechend ihren verschiedenen angewandten und wissenschaftlichen Herkunftsdis-
ziplinen existieren unterschiedlicher Ansätze zu den drei Begriffen, je nach Disziplin wird das
Gewicht der Untersuchungen auf unterschiedliche Faktoren gelegt. Für die hazard- Verwund-
barkeits- und Risikoforschung lassen sich grob drei Hauptströmungen beobachten (COY
2007:9 ff.; vgl. MÜLLER-MAHN 2007; vgl. WEICHSELGARTNER 2002):
Naturwissenschaftliche und ingenieurwissenschaftliche Ansätze:
Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen hier die auslösenden physikalischen Faktoren
eines hazards. Es werden Ablaufmuster erarbeitet und die Ursachen, Häufigkeit, Eintritts-
wahrscheinlichkeit und Ausmaß von hazards quantifiziert und modelliert, um angemessene
Schutzmaßnahmen zu finden und Frühwarnsysteme zu verbessern. Dabei wird auch die
anthropogene Komponente nicht ausgeblendet, der Mensch als Auslöser und Opfer von
hazards betrachtet. Im Vordergrund steht jedoch die objektivistische Sichtweise einer „realen“
Gefährdung, die messbar und vorhersagbar ist.
Ökonomisch-versicherungswirtschaftliche Ansätze:
Im Mittelpunkt steht sowohl die Quantifizierung und Monetarisierung der volkswirt-
schaftlichen Folgen von hazards, als auch deren Vorhersage. Auch hier basiert der Untersu-
chungsgegenstand auf einer objektivistischen Perspektive. Für (Rück-)Versicherungen ist eine
möglichst zutreffende Risikobewertung, die vereinfacht dargestellt das Produkt aus Ereignis-
ausmaß und -wahrscheinlichkeit ist, von zunehmender Bedeutung. Für den Fall dieser Arbeit
sei vorausgreifend angemerkt, dass das Versicherungswesen in Marginalsiedlungen meist kei-
ne Rolle spielt.
Gesellschaftswissenschaftliche Ansätze
Im Mittelpunkt steht hierbei nicht die Quantifizierung von hazards und Risiko, sondern
die „gesellschaftliche 'Einbettung' von Gefährdungen und der Umgang mit Risiken“ (COY
2007:10). Es wird untersucht, welche gesellschaftlichen Gruppen welchen Risiken besonders
ausgesetzt sind, wie diese Risiken wahrgenommen werden, welche Rahmenbedingungen die
Verwundbarkeit einer bestimmten sozialen Gruppe sowie deren Bereitschaft, Risiken einzu-
gehen, beeinflussen und wie entsprechende Bewältigungsstrategien aussehen können. Dabei
liegt diesem Ansatz eine eher konstruktivistische Sichtweise zu Grunde, die das Risiko als
soziales Konstrukt und Ergebnis aus sich verändernden Natur-Gesellschaft-Verhältnissen be-
greift.

20
Eine Stärke der Geographie als ‚Brücken- und Querschnittswissenschaft' ist die Ver-
knüpfung von natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Themenfeldern. Bei der geographi-
schen Risikoforschung handelt es sich um eine solche „Schnittstellenfrage“ (MÜLLER-MAHN
2007:10). Deshalb sollten alle drei genannten Ansätze für ein möglichst umfassendes Ver-
ständnis der zahlreichen Verwundbarkeits- und Risikofaktoren einer raumrelevanten Risiko-
forschung mit einbezogen werden (vgl. COY 2007; MÜLLER-MAHN 2007).

1. Hazard
Ursprünglich stammt der Begriff hazard aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften,
wo er als externes, potentiell Schaden bringendes Gefahrenereignis beschrieben wurde. Ab
den 1940er Jahren entwickelte sich um den US-amerikanischen Geographen Gilbert F. White
die auf dem klassischen geographischen Mensch-Umwelt-Paradigma aufbauende natural
hazard-Forschung. Sie hat ihren Ursprung in der Untersuchung von „unerwarteten Diskre-
panzen zwischen Schutzmaßnahmen, Schäden und menschlichen Verhaltensweisen in Über-
schwemmungs-, Dürre- und Erdbebengebieten“ (POHL & GEIPEL 2002:6; vgl. FELGENTREFF &
DOMBROWSKY 2008:15). Nun wurde hazard nicht mehr als rein externes, von „höherer Na-
turgewalt“ ausgehendes Phänomen, sondern als Ergebnis von Mensch-Umwelt-Interaktionen
definiert. Als Ergebnis also von Interaktionen zwischen den Systemen Gesellschaft und Um-
welt, während das System Gesellschaft aus dieser Interaktion Nachteile erleiden kann, denen
jedoch durch bestimmte Maßnahmen entgegen gesteuert werden kann (vgl. KATES 1970:14
nach STEUER 1979:14). Anders ausgedrückt: der Mensch nutzt die natürlichen Ressourcen in
seiner Umwelt, kann dies jedoch weder unbegrenzt noch ohne Risiko tun (POHL 2008:52).
Dabei unterliegt ein hazard auch immer den Wahrnehmungen und Bewertungen durch Betrof-
fene und andere Beobachter. Folglich enthalten Hazards auch unterschiedliche
(Zeit)perspektiven, da ja die Möglichkeit besteht, dass sie zukünftig eintreten – oder eben
auch nicht (ebd.).
In der jüngsten hazard-Diskussion wurde die Definition des hazard als Ergebnis von
Mensch-Umwelt-Interaktion zunehmend als zu simpel und überholt angesehen. Die Kompo-
nente Gesellschaft - und mit ihr die Berücksichtigung der von zunehmender Technisierung
durch den Menschen geschaffenen man-made und technological hazards - gewann daher in
den letzten Jahren in der hazard-Forschung weiter an Bedeutung. So ist heute auch vermehrt
von environmental hazard statt natural hazard die Rede, der „komplexe Interaktionen zwi-
schen Mensch, Umwelten und Technologien annimmt, die durch unterschiedliche Ursachen

21
und Wirkungen charakterisiert sind“ (MITCHEL 1990:31 in FELGENTREFF & DOMBROWSKY
2008:18).
Ein zentrales Konzept der angewandten geographischen hazard-Forschung ist das
adjustment (beispielsweise Schutzbauten (zur Hangsicherung, Dämme, etc.), Arten der Land-
nutzung und Bauvorschriften). Untersucht wird die Art und Weise der Anpassungsmaßnah-
men einer bestimmten Gruppe bezogen auf einen bestimmten Raum.

2. Verwundbarkeit
Verwundbarkeit bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch so viel wie die Anfälligkeit
gegenüber einer bestimmten Gefahr/hazard. Ebenso wie die Begriffe hazard und Risiko findet
auch das Verwundbarkeitskonzept in den Natur- und Ingenieurswissenschaften, in der (Hu-
man-) Geographie, der Soziologie und neuerdings auch in der sozialen und politischen Öko-
logie Anwendung (vgl. BOHLE 2007:24). Während in den Natur- und Ingenieurswissenschaf-
ten von der Verwundbarkeit von Ökosystemen, technologischen Systemen bzw. der physi-
schen Stabilität und Anfälligkeit von Gebäuden gegenüber hazards die Rede ist, spielt der
Begriff heute zunehmend in sozialwissenschaftlichen Disziplinen eine Rolle, wo er beispiels-
weise als Index für die Anfälligkeit sozialer Gruppen für potentielle Schäden verstanden wird,
meist jedoch als „eine Art persönlicher Verwundbarkeit, die sowohl räumlich als auch nicht-
räumlich ausgelegt ist“ (WEICHSELGARTNER 2002:173).
Neuere Forschungsansätze der human and social vulnerability als Teil der geographi-
schen Risikoforschung und Entwicklungsforschung greifen Aspekte der Anfälligkeit
(susceptibility) und der Exposition (exposure), sowie der Bewältigungskapazität (coping
capacity) gegenüber hazards auf, die die Widerstandsfähigkeit (resilience) eines Individuums
oder einer Gruppe bestimmen (vgl. BIRKMANN 2008:7; COY 2007:17)). Ausschlaggebend für
den Grad der Widerstandsfähigkeit ist das Vorhandensein von Aktiva (assets), wie Naturkapi-
tal, physisches Kapital, Humankapital oder Sozialkapital (vgl. Elemente des livelihood-
Ansatzes15) (vgl. BOHLE & GLADE 2008:104). Vereinfacht ausgedrückt folgt daraus, dass, je
höher der Grad der sozioökonomischen Marginalität ist, desto höher auch der Grad der sozia-
len Verwundbarkeit (vgl. BECK 2007:318).

15
Der sustainable livelihoods framework wurde Ende der 1990er Jahre von der staatlichen britischen
Entwicklungsbehörde DFID (Department for International Development) als Analyseinstrument für die
praktische Entwicklungszusammenarbeit entwickelt. Er beschreibt im Grunde die Zusammenhänge zwischen
Aktiva und Verwundbarkeit, wobei besser verfügbare Aktiva die Verwundbarkeit mindern (DFID i2004).

22
Der Verwundbarkeitsansatz hat also zwei Seiten: Eine externe, die auf die Exposition
gegenüber einem hazard und dessen Art und Intensität abzielt, und eine interne, die unter-
sucht, wie eine Bedrohung bewältigt werden kann. Aus diesen beiden Seiten ergibt sich der
Grad der sozialen Verwundbarkeit, der umso höher ist, je größer die Bedrohung und je gerin-
ger die Präventions-, Bewältigungs- und Anpassungskapazitäten der Betroffenen sind (BOHLE
2007:20).
Zwei Erklärungsmodelle und Forschungsrahmen für die Zusammenhänge zwischen so-
zialer Verwundbarkeit und Katastrophen stellten BLAIKIE u. a. (1994) vor: Das pressure-and-
release model (PAR) und das access model. Ersteres geht davon aus, dass Katastrophen an der
Schnittstelle von zwei sich gegenüber stehenden Kräften entstehen: Auf der einen Seite steht
eine Folge von Verwundbarkeit schaffenden gesellschaftlich-politischen Prozessen, auf der
anderen die natürliche oder menschgemachte Gefahr. Beide Seiten üben Druck auf ihren
Schnittpunkt aus, wo sich dieser Druck als Katastrophe entladen kann. Entlastungen durch
Verminderung der Verwundbarkeit können demnach die Katastrophe eindämmen oder un-
wahrscheinlicher werden lassen (vgl. BLAIKIE u. a. 1994:22 ff.). Das access model baut auf
denselben Überlegungen auf, legt jedoch mehr Wert auf die Untersuchung der Bereitstellung
und Zugänglichkeit von Ressourcen durch die politischen Institutionen (vgl. Smyth u. Royle
2000:97).
Aus den beschriebenen Ansätzen lassen sich einige Verwundbarkeitsfaktoren herausfil-
tern, die im Kontext dieser Arbeit, also bezogen auf die (Natur-)Gefahr der gravitativen Mas-
senbewegungen, von Interesse sind (vgl. WEICHSELGARTNER 2002:177):

 Geographische Nähe zum hazard


 Soziale Merkmale der betroffenen Gruppe
 Kapazitäten der Selbsthilfe hinsichtlich des Schutzes gegen hazards,
einschließlich des Zugangs zu Hilfsmitteln und Information
 Bereitstellung von Vorsorgemaßnahmen seitens der Gesellschaft (Staat,
Verwaltung).

3. Risiko
Analog zu den Begriffen hazard und Verwundbarkeit wird auch der Risikobegriff in Na-
tur- und Ingenieurwissenschaften, dem Versicherungswesen, als auch den Gesellschaftswis-
senschaften unterschiedlich definiert und angewandt (siehe Objektivismus vs. Konstruktivis-
mus). Unter anderen FELGENTREFF & DOMBROWSKI (2008), COY (2007) und MÜLLER-MAHN
(2007) geben dazu schöne kompakte Einführungen. Es seien hierbei lediglich kurz die für

23
diese Arbeit relevanten Definitionen angesprochen.
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Risiko meist als Synonym zu Unsicherheit ver-
standen. Trifft man eine Entscheidung mit ungewissem Ausgang, so besteht immer das Risiko,
dass sich die Entscheidung negativ (oder auch positiv 16 ) für den Entscheidungstragenden
auswirkt. Deshalb wird Risiko oft auch mit Gefahr bzw. Chance gleichgesetzt. Trotz der viel-
fältigen wissenschaftlichen Konzeptionalisierungen in unterschiedlichen Kontexten haben alle
Risikobegriffe die Annahme von Konsequenzen positiver oder (zumeist) negativer Art ge-
mein. Die Risiken können physischer Natur (mit Folgen für Leben, Gesundheit, Umwelt) oder
systemischer Natur (mit wirtschaftlichen, sozialen, politischen oder auch psychischen Folgen)
sein, wobei diese sich oft überschneiden (vgl. COY 2007:11). Ebenfalls fächerübergreifend ist
der Anspruch, Ursachen und Folgen von Risiko zu erkennen, um Methoden zur Risikominde-
rung zu entwickeln.
Das klassische staatliche Risikomanagement basiert auf naturwissenschaftlich-
ingenieurwissenschaftlichen Ansätzen und versucht, das Risiko unter Einbeziehung der Fakto-
ren hazard (mit potentiellem Schadensausmaß), Verwundbarkeit und Bewältigungskapazität
zu quantifizieren und Wahrscheinlichkeiten für das Eintreten eines Katastrophenszenarios zu
berechnen. Darauf aufbauend werden Risikokartierungen erstellt, die als Grundlage für ge-
zielte Risikominderungsmaßnahmen, sowohl präventiver als auch korrektiver Art, dienen. Um
Unsicherheitsszenarien messbar zu machen und Risiko zu „managen“, verwenden Experten
aus dem Versicherungswesen, dem Ingenieurswesen und verschiedenen Naturwissenschaften
die ‚Risikoformel„. Sie basiert auf der Wahrscheinlichkeitsrechnung und ist das Produkt aus
der Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses und dessen möglicher Konsequenzen. Die
Formel wird entsprechend ihrer Verwendung häufig durch Korrekturfaktoren erweitert. In
Bezug auf das Risiko aus Naturkatastrophen bedeutet dies: Risiko beschreibt die zu erwarten-
den Verluste durch ein Schadensereignis in einem bestimmten Gebiet innerhalb eines festge-
legten Zeitraums, oder mathematisch ausgedrückt und in Einklang mit den vorangegangenen
Ausarbeitungen dieses Kapitels gebracht: Risiko ist das Produkt von hazard und Verwundbar-
keit.
Im Gegensatz dazu untersuchen die Gesellschaftswissenschaften nicht in erster Linie
den mit Risiko behafteten hazard, sondern fragen nach den gesellschaftlichen Hintergründen

16
Z.B. die Aussicht auf Gewinn im Glücksspiel oder im Aktien- und Devisenhandel.

24
für das Entstehen von Risiken. Welches gesellschaftliche Handeln, welche Prozesse und
Konstellationen schaffen auf der einen Seite „reale“ Risiken und erzeugen und beeinflussen
auf der anderen Seite eine bestimmte Risikowahrnehmung? Risiko ist demnach ein soziales
Konstrukt, das „als Ergebnis von Erfahrungen unter jeweils spezifischen kulturellen, sozio-
ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen produziert [wird]“ (COY 2007:12). Diese
Betrachtung des Risikos als Konstrukt führte Niklas Luhmann in seiner ‚Soziologie des Risi-
kos„ von 1991 durch eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Gefahr (oder hazard) und
Risiko ein (LUHMANN 1991:9 ff.). Demnach bezeichnet die Gefahr eine externe Bedrohung,
die objektiv besteht und vom Menschen nicht direkt beeinflusst wird oder werden kann. Ein
Risiko geht man ein, oder geht man nicht ein, freiwillig oder unfreiwillig. Als veranschauli-
chendes Beispiel bringt Luhmann folgendes:

„Wenn es Regenschirme gibt, kann man nicht mehr risikofrei leben: Die Gefahr, dass
man durch Regen nass wird, wird zum Risiko, das man eingeht, wenn man den
Regenschirm nicht mitnimmt. Aber wenn man ihn mitnimmt, läuft man das Risiko, ihn
irgendwo liegenzulassen“ (LUHMANN 1993:328).

Wenn Risiko also ein Konstrukt ist, wird es wohl auch individuell unterschiedlich wahr-
genommen. Kann man ein konstruiertes Risiko dann überhaupt messen?

d. Risikowahrnehmung

Risikowahrnehmung ist „das (oftmals intuitive oder rein erfahrungsbasierte) ‚vor‘-


und ‚außer‘-wissenschaftliche, (noch) nicht durch konkrete Frage- oder
Problemstellungen eingeengte, bereits vorstrukturierte oder fokussierte (und damit
bewusst kontextualisierte) Wahrnehmen von Erfolgs- und Misserfolgsmöglichkeiten,
[…] von möglichen Zusammenhängen zwischen Handlungen und Folgen sowie von
relevanten Daten und ihrer Korrelationen“ (BANSE & BECHMANN 1998: 11).

„Risk perception is all about thoughts, beliefs and constructs“ (SJÖBERG 2000b:408).

Die ersten Beiträge zur empirischen Erforschung der Wahrnehmung von Risiken basier-
ten auf dem technisch-objektivistischen Risikobegriff und untersuchten meist die Diskrepanz
zwischen der Laien- und Expertenwahrnehmung. Es handelte sich größtenteils um kogniti-
onspsychologische und entscheidungstheoretische Experimente, die sich auf individuelle
Wahrnehmungen konzentrierten (PLAPP 2003:15). Grundsätzlich muss festgehalten werden,
dass die menschliche Wahrnehmung einer „begrenzten Rationalität“ unterliegt (RENN
1995:29). Aus der täglichen Informationsfülle filtert das Gehirn nur einen Bruchteil heraus.
Die daraus geformte Wirklichkeitswahrnehmung führt dazu, dass Menschen in komplexen

25
Fragen – zu denen Abwägungsentscheidungen von Risiken zweifellos zählen – nicht die rati-
onalste (gewinnmaximierende), sondern lediglich eine zufriedenstellende Lösung wählen 17
(vgl. PLAPP 2003:15).
Heute werden die beschriebenen Effekte in der Risikoforschung, v. a. was die komple-
xen Wahrnehmungsmechanismen von Laien betrifft, als zu simpel angesehen (vgl. SJÖBERG
2000a:2). Der neuere Ansatz des psychometrischen Paradigmas versucht deshalb, diese Kom-
plexität zu erfassen, indem sie annimmt, dass die Laienwahrnehmung von Risikomerkmalen
weit über die quantitativen Risikofaktoren Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß
hinausgeht. Der soziale und kulturelle Kontext der untersuchten Protagonisten wird bei die-
sem Ansatz jedoch weitgehend ausgeblendet (vgl. PLAPP 2003:76). Eine wichtige Erkenntnis
aus vergangenen Studien ist, dass Laien im Gegensatz zu Experten Risiken häufig nach der
Freiwilligkeit ihrer Risikokonfrontation bewerten (HOCHRAINER 2005:76). Dies ist im Zu-
sammenhang mit einer erhöhten sozialen Marginalisierung und Verwundbarkeit bestimmter
Bevölkerungsgruppen von zentraler Bedeutung, da in diesen Fällen meist von Freiwilligkeit
keine Rede sein kann.
Aus Sicht der Sozialwissenschaften, nach der

„nicht die Ergebnisse von Risikoanalysen, sondern die subjektive, gesellschaftlich

17
Die rationalen Fehler, die zur Risikowahrnehmung beitragen und die sowohl Laien als auch Experten
unterlaufen, folgen dabei gewissen Mustern, wie eine Auswahl nach PLAPP (2003:16 ff.) und RENN (1995:33)
zeigt:

 Aktuelle, im Gedächtnis präsente, sowie besonders spektakuläre Ereignisse werden als


wahrscheinlicher angesehen.

 Kognitive Dissonanz wird vermieden, d. h. Informationen, die nicht in eine bereits bestehende
Glaubenswirklichkeit passen, werden ausgeblendet.

 Gewöhnungseffekt: bei regelmäßig vorkommenden, relativ schwachen Ereignissen wird das


diesbezügliche Risiko mit der Zeit unterschätzt.

 Von eigenen Erfahrungen wird auf die Allgemeinheit geschlossen und somit die
Repräsentativität verzerrt.

 Verankerungseffekt: Wahrscheinlichkeiten werden der verfügbaren Information und deren


subjektiver Bedeutung angepasst.

 „Gambler’s fallacy“: Es wird versucht, voneinander unabhängige Ereignisse einer


Regelmäßigkeit zu unterwerfen.

26
und kulturell vermittelte, ‚konstruierte‘ Wahrnehmung der Welt […] - auch und
gerade für die Wahrnehmung von Risiken - den handlungsrelevanten Kontext
[bildet]“,

soll untersucht werden, wie und warum Menschen Risiken wahrnehmen und weiterge-
ben, ihnen Handlungsrelevanz zuweisen (PLAPP 2003:18). Auf diesem Grundsatz, die subjek-
tive Risikowahrnehmung anhand von sozialen Beziehungen und vorherrschenden Weltsichten
zu erklären, bauen moderne Ansätze wie die cultural theory auf (vgl. PLAPP 2003:76).

„Dasselbe Risiko wird, in der Perspektive verschiedener Länder und Kulturen


betrachtet, auf andere Weise ‚wirklich‘ – und auf andere Weise bewertet“ (BECK
2007:34).

Dennoch, sowohl das psychometrische Paradigma als auch die cultural theory sind nur
zum Teil konstruktivistisch geprägt. So wird zwar die sozial konstruierte Wahrnehmung von
Risiken untersucht, dennoch gleichzeitig die objektive und reale Existenz von hazard-Risiken
als Rahmenbedingung vorausgesetzt.

IV. Zusammenführung der betrachteten Ansätze, Bedeutung für diese Studie


In den vorangegangenen Absätzen wurde gezeigt, dass die zentralen Begriffe der Risi-
koforschung - hazard, Verwundbarkeit und auch das Risiko selbst - in verschiedenen wissen-
schaftlichen Lagern äußerst unterschiedlich, teilweise gar gegensätzlich verstanden und ver-
wendet werden. Die objektivistische Sichtweise der Naturwissenschaften, die Risiko und
Verwundbarkeit als allgemein messbare Größen verstehen, steht der konstruktivistischen
Sichtweise der Sozialwissenschaften gegenüber, die Risiko als soziales Konstrukt, als kultu-
rell geformten komplexen Begriff verstehen. Die beiden Positionen scheinen dabei schwer zu
vereinbaren.
Als besondere interdisziplinäre Schnittstelle können jedoch die gravitativen Massenbe-
wegungen angesehen werden (vgl. DIKAU 2007). Auf der einen Seite treten Massenbewegun-
gen als natural hazards, als natürliche geomorphologische Prozesse infolge von Erosion auf.
Dabei kann, bezieht man sich auf die Luhmannsche Unterscheidung von Gefahr und Risiko,
ein solches hazard-Ereignis für den sich im Einflussgebiet des hazard aufhaltenden Men-
schen ein Risiko darstellen. Auf der anderen Seite werden gerade durch die Besiedlung und
die damit einhergehende Manipulation des Wasserhaushaltes, der Vegetationsdecke oder der
Böschungsbeschaffenheit in Gefahrengebieten aus natural hazards zunehmend man-made
hazards. Vor allem in dicht besiedelten Großstädten ist der Anteil der anthropogen verursach-

27
ten bzw. begünstigten Hangbewegungen besonders hoch18 (vgl. z. B. NATHAN 2008; UITTO
1998; ALEXANDER 1989).
Die Geowissenschaften sind heute in der Lage, anhand von hochentwickelten Mess-
techniken, Luft- und Satellitenbildern und Sondierungen sehr genaue Risikokartierungen so-
wie Vorhersagen für eventuelle Katastrophen zu erstellen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht
ist daher klar: Ein Mensch, der bewusst oder unbewusst in einem Risikogebiet lebt, geht das
Risiko ein, Nachteile aus dieser Entscheidung zu ziehen. Das Risiko im Risikogebiet ist ob-
jektiv, Schadensausmaß und Eintrittswahrscheinlichkeit können quantifiziert und prognosti-
ziert werden. Diese Betrachtung des Risikos ist für ein funktionierendes Risikomanagement
unverzichtbar. Nichtsdestotrotz sind sich Risikomanager heute einig, dass die von hazards
betroffene Bevölkerung in das Risikomanagement eingebunden werden muss. Sei es mittels
Umweltbildung, Informationsveranstaltungen oder auch partizipatorischer Projekte in der
konkreten Risikominderung – ohne die Menschen, die in den kritischen Gebieten leben und
diese formen, würden reine top-down-Maßnahmen zur Sisyphusarbeit.
Diese Arbeit kann aufgrund des relativ geringen Forschungsumfangs weder eine reprä-
sentative Verwundbarkeitsanalyse, noch eine detaillierte Analyse der Risikowahrnehmung in
Rio de Janeiro unter Anwendung beispielsweise des psychometrischen Paradigmas oder der
cultural theory liefern. Vielmehr erhebt sie den Anspruch, einem Teil der betroffenen Bewoh-
ner Gehör zu verschaffen, sowie einen Beitrag zum Informationsaustausch über die Risiko-
problematik zwischen Bewohnern und Wissenschaftlern zu leisten. Dabei sollen verschiedene
der eben beschriebenen Ansätze und Leitfragen sowohl aus der geographischen Risiko- und
Katastrophenforschung als auch der hazard-Forschung mit einfließen. Es interessiert in erster
Linie, ob – nicht wie – die betroffenen Menschen das Risiko wahrnehmen. Als Prämisse die-
ser Arbeit wird das real vorhandene Risiko von Massenbewegungen vorausgesetzt, das von
Wissenschaftlern durch möglichst objektive Verfahren festgestellt wurde (im Bewusstsein,
dass auch diese in gewissem Maße immer subjektiv entscheiden). Die Anerkennung des Risi-
kos als realer Zustand durch die in Risikogebieten lebenden Bevölkerung ist Grundvorausset-
zung für ein effektives und vor allem nachhaltiges Risikomanagement. Deshalb wird dem
Informationsaustausch und der Umweltbildung eine tragende Rolle im Prozess des Risikoma-

18
Ähnliche Probleme wie in Rio de Janeiro treten in zahlreichen anderen Großstädten wie z.B. in La Paz (vgl.
NATHAN 2008 und O'HARE & RIVAS 2005), Hong Kong oder Caracas auf (vgl. ALEXANDER 1989).

28
nagement zugerechnet. Da der risikobestimmende Faktor der sozialen Verwundbarkeit beson-
ders in Marginalvierteln von großem Gewicht ist, muss die Schlussfolgerung sein, im Falle
der urbanen Katastrophen durch gravitative Massenbewegungen sowohl die naturwissen-
schaftliche als auch die sozialwissenschaftliche Herangehensweise für ein holistisches Risi-
komanagement, das die Risikofaktoren an ihrer Wurzel greift, heranzuziehen.

29
C. FAVELAS IN RISIKOGEBIETEN - RISIKOGEBIETE IN FAVELAS

In diesem Kapitel soll in die spezifische Problematik der Risikogebiete im Zusammen-


hang mit erhöhter sozialer Verwundbarkeit in Favelas eingeführt werden.
Dabei soll im ersten Unterkapitel, nach einer kurzen Beleuchtung der Geographie Rio
de Janeiros, die Entwicklung der Favelas als Wohnraum einer marginalisierten Bevölkerung
vorgestellt, sowie der Wandel der diesbezüglichen Politik aufgezeigt werden.
Das zweite Unterkapitel widmet sich den Schwierigkeiten und Konflikten, die sich aus
der sozioökonomischen Marginalisierung ergeben. Dabei sollen die verschiedenen Risiken,
denen die Favelabevölkerung ausgesetzt ist angerissen und in Zusammenhang mit der hohen
sozialen Verwundbarkeit in diesen Stadtgebieten gebracht werden.
Das dritte Unterkapitel Favelas in Risikogebieten untersucht die Mechanismen von ‚na-
türlichen„ gravitativen Massenbewegungen in Rio de Janeiro und bietet einen Überblick über
das Ausmaß des Problems
Im vierten Unterkapitel Risikogebiete in Favelas werden die vor allem durch anthropo-
genes Formen hervorgerufene ‚begünstigende Faktoren„ von Massenbewegungen erarbeitet
und ein Überblick über die häufigsten Formen und Ursachen dieser Bewegungen verschafft.
Das letzte, fünfte Unterkapitel dieses Abschnitts stellt die Akteure und Instrumente des
städtischen Risikomanagements vor und beschreibt einige der Hürden für eine nachhaltige
Risikovorbeugung.

I. Rio de Janeiro – die ‘wunderbare‘, geteilte Stadt

Die außergewöhnlichen natürlichen Schönheiten Rio de Janeiros, feine Sandstrände, die


sich zwischen Bergen mit üppiger tropischer Vegetation ausbreiten, sind weltbekannt. In zahl-
reichen Liedern, Gedichten und Texten wird die Stadt als „cidade maravilhosa“, die wunder-
bare Stadt gepriesen. Stefan Zweig schrieb 1941 über Rio: „[…] hier hat die Natur in einer
einmaligen Laune von Verschwendung von den Elementen der landschaftlichen Schönheit
alles in einem engen Raum zusammengerückt, was sie sonst sparsam auf ganze Länder ver-
teilt […]“ (ZWEIG 1941:172). Die damals einsetzende rasante räumliche und demographische
Expansion bis hin zur Metropolisierung brachte jedoch einige der im vorherigen Kapitel be-
schriebenen Probleme mit sich. Die asymmetrische Verteilung des Reichtums forcierte die
sozioökonomische Marginalisierung, die sich wiederum in der Entstehung zahlreichen squat-
ter-Siedlungen und slums niederschlug und verschiedene soziale Konflikte mit sich brachte.

30
Zwar gab es zur Zeit Stefan Zweigs schon vereinzelte Favelas, die politisch-gesellschaftliche
Stimmung sah diese damals jedoch als rein vorübergehendes Phänomen an: „Einige einzigar-
tige Dinge, die Rio so farbig und pittoresk machen, sind freilich schon bedroht. Vor allem die
favelas, […], wird man sie in ein paar Jahren noch sehen?“ (ZWEIG 1941:203). Ganz im Ge-
genteil – die Favelas sollten sich in der Unterschicht als ein Selbsthilfe-Lösungsansatz der
Wohnungsnot etablieren.
Was Umweltveränderungen angeht, sollte Zweig jedoch recht behalten. Die flächenmä-
ßige Expansion Rio de Janeiros verursachte zum Teil irreparable Umweltschäden, besonders
an den Mangrovenwäldern innerhalb der Guanabara-Bucht und an den Hängen der Inselberge
und Gebirgsmassive, deren Stabilität durch Besiedlung und Straßenbau teilweise enorm ver-
letzt wurde, was bis heute immer wieder zu Hangrutschen führt.

a. Geographische Fakten

Abbildung 4: Rio de Janeiro: Stadt, Metropolregion und Bundesstaat; Entwurf: Benjamin Jakober.

Rio de Janeiro ist Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates und liegt in der brasilia-
nischen Großregion ‚Südosten„ am Atlantischen Ozean. Die Stadt zählte 2007 ca. 6,1 Mio.

31
Einwohner (IBGE i2007). Gleichzeitig bildet Rio den Kern der insgesamt 17 Gemeinden um-
fassenden ‚Metropolregion Rio de Janeiro„, die etwa 11 Mio. Einwohner zählt (ebd.). Das
Stadtgebiet von Rio de Janeiro ist in 5 Raumplanungseinheiten (áreas de planejamento -
APs), 34 Verwaltungsregionen (regiões administrativas - RAs) und 160 Stadtviertel (bairros)
gegliedert. Darüber hinaus gibt es die historisch gewachsenen Untergliederungen des antiken
Zentrums, der Zona Norte, Zona Oeste und Zona Sul. Diese urbanen Großräume ähneln zwar
flächenmäßig den APs, haben aber keine Raumplanungsrelevanz. Dafür dienen sie im alltägli-
chen Leben als lokalpatriotisches Unterscheidungsmerkmal 19. Eine Ostzone gibt es deshalb
nicht, da das Stadtzentrum als Ausgangspunkt der Besiedlung Rio de Janeiros im Osten an die
Guanabara-Bucht grenzt. Die Expansion der Stadt war deshalb nur Richtung Norden und
Westen, etwas eingeschränkter auch nach Süden möglich.
Die Geomorphologie Rio de Janeiros zeichnet sich zum einen durch die drei großen
Gebirgsmassive und die zahlreichen Inselberge, zum anderen durch die weitläufigen fluvial
und marin geformten Ebenen aus. Letztere machen einen Anteil von etwa 64% an der Ge-
samtfläche des Stadtgebietes aus (1.182,296 km²) (BARROS 1992:36). Die drei großen Ge-
birgsmassive sind der Maciço da Tijuca im Südosten der Stadt, dessen höchster Gipfel 1021m
erreicht und an das Stadtzentrum angrenzt, der Maciço Pedra Branca im Zentrum (1024m)
und der Maciço Gericinó-Mendanha im Norden (887m). Die Inselberge haben oft konische
oder Halbkreis-Formen mit nackten, felsigen Hängen oder lediglich dünnen Bodendecken.
Das bekannteste Beispiel hierfür ist der Zuckerhut.
Die Ebenen der heutigen Millionenmetropole bestanden bis zu ihrer Besiedelung zu ei-
nem großen Teil aus Sümpfen und Lagunen. Seit der Gründung der Stadt vor fast 450 Jahren
mussten sich die Cariocas das Festland durch Trockenlegungen erst „erkämpfen“ (ABREU
1996:15). Auch die vielen Hügel und Berge stellten natürliche Hindernisse für eine gleichmä-
ßige Ausbreitung und für Neuerschließungen des Stadtgebietes dar. Im 20. Jh. wurden mehre-
re der Inselberge abgetragen20, wodurch zum einen neue innerstädtische Bauflächen freige-
legt, zum anderen durch die Aufschüttung des abgetragenen Materials an den Rändern des

19
So haftet der Zona Sul ein gewisser ‚Glamour„ an.
20
Darunter der Morro do Senado (1906), der Morro do Castelo (1921/22) und Teile des Morro de Santo Antônio
(1950er Jahre). Durch Aufschüttungen entstanden u.a. der neue Hafen auf abgetragenem Material des Morro
do Senado, der Stadtteil Urca am Fuße des Zuckerhutes und der Flughafen Santos Dumont nach der
Demolierung des Morro do Castelo, sowie der Aterro do Flamengo mit Gestein des Morro do Santo Antônio.

32
Stadtzentrums Neuland geschaffen wurde.

b. Favelas in Rio de Janeiro

Abbildung 5: Favelas in Rio de Janeiro 2004 - Topographie der Gebirgsmassive und Inselberge - APs;
Quelle: verändert nach IPP i2004.

Favelas21 prägen das Stadtbild von Rio de Janeiro auf eindrucksvolle Weise. An unzäh-
ligen Hängen der Gebirgsmassive und Inselberge des Stadtgebietes ragen die wild ineinander
verbauten und chaotisch anmutenden squatter-Siedlungen empor, und auch in den Ebenen der
suburbanen Nordzone stellen die kleinen, meist unverputzten Ziegelsteinhäuser ein unüber-
sehbares, in manchen Regionen sogar dominantes Element des städtischen Raumes dar. Fave-

21
Der Begriff ‚Favela„ stammt ursprünglich von einer gleichnamigen Pflanze des nordostbrasilianischen Sertão.
Diese Pflanze verlieh wiederum einem Hügel namens Morro da Favela im Munizip Canudos ihren Namen.
Der Ort war Schauplatz des Canudos-Krieges (1896-1897) und einige Zeit von brasilianischen Truppen
besetzt. Ein Teil der dort stationierten Soldaten kehrte nach dem Krieg nach Rio de Janeiro zurück und ließ
sich, mit Billigung der Stadtverwaltung, in meist selbst errichteten Hütten am Morro da Providência im
Zentrum Rio de Janeiros nieder. VALLADARES (2000:7) nennt als Grund für die Besetzung des Hügels, dass
die Soldaten dadurch das Kriegsministerium zur Zahlung ausstehender Besoldung drängen wollten. Der
Volksmund und die Presse sprachen bald von den „Leuten aus Favela”. Nach einiger Zeit wurde die gesamte
Siedlung „Morro da Favela” oder einfach nur Favela genannt. Als sich diese Wohnform weiter im städtischen
Raum ausbreitete, dauerte es nicht lange, bis auch andere solcher Ansiedlungen im allgemeinen
Sprachgebrauch zu Favelas wurden (vgl. ABREU 1994:37 ff.). Favela ist also ein brasilianischer Begriff. Das
Phänomen, das er beschreibt, ist jedoch keinesfalls auf Brasilien oder gar Rio de Janeiro beschränkt, sondern
findet sich weltweit in Entwicklungsländern, wo es „für die Wohn- und Lebenssituation breiter Teile der
Bevölkerung […] geradezu charakteristisch ist“ (PFEIFFER 1987:54).

33
las entstanden im Laufe der anhaltenden Landflucht in Brasiliens Städte22, sie sind städtische
Teilräume der Unterschicht, teilweise auch der Mittelschicht und definieren sich - in Abgren-
zung zu anderen Unterschichtsvierteln – durch ihre informelle Entstehung.

1. Die Wachstumsfaktoren
Bis Mitte des 20. Jh. war Rio de Janeiro die politische und wirtschaftliche Hauptstadt
Brasiliens. Dadurch übte die Stadt stets eine große Anziehungskraft auf die ländliche Bevöl-
kerung aus, die aufgrund einer fehlenden Agrarreform nach der Abschaffung der Sklaverei
größtenteils verarmt war. Die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt war für die Men-
schen der wichtigste pull-Faktor. War es im 19. Jh. noch der Kaffeeboom, der Arbeitskräfte
anlockte, so wurde zur Jahrhundertwende die Industrie zum ökonomischen Zugpferd Rio de
Janeiros (vgl. ABREU 2008:35). Doch auch nachdem Rio de Janeiro die wirtschaftliche Vor-
machtstellung an São Paulo abgegeben hatte, blieb die Stadt bis Ende des 20. Jh. sehr attraktiv
für Binnenmigranten. Die Wirtschaft konnte jedoch kaum mit dem Zustrom Schritt halten.
Die Arbeitsplätze im formellen Sektor waren begrenzt, weshalb sich ein starker informeller
Sektor herausbildete. Ebenfalls gab es für viele der Neuankömmlinge nicht genügend er-
schwinglichen Wohnraum.

2. Die Wohnungskrise
Die Politik versäumte es, den Wohnungsmarkt durch angemessene Raumplanung ange-

22
Die jüngere brasilianische Stadtentwicklung seit den 1950er Jahren zeichnet sich insbesondere durch die
extreme Bevölkerungsexplosion in vielen Großstädten aus. SANTOS (1993:69) spricht gar von einer urbanen
Revolution. Demnach kam es seit den 1950er Jahren zuerst zu einer „gehäuften Urbanisierung“22 von Städten
mit über 20.000 Einwohnern (ebd.). Aus den vielen neuen kleineren Zentren wurden darauf durch eine
„konzentrierte Urbanisierung“22 Mittelstädte. In einigen Fällen mündete dieses intensive Wachstum in die
Metropolisierung. Seit 1960 hat sich die Zahl der Groß- und Megastädte vervielfacht.

Statistisch lässt sich diese jüngere, im Vergleich zur Verstädterung in den Industrieländern deutlich
konzentriertere Entwicklung klar darstellen: Lebten 1940 noch über zwei Drittel der Brasilianer in ländlichen
Räumen und nur 31% in Städten, so hat sich dieses Verhältnis bis heute umgekehrt. 2007 lebten 85% der
brasilianischen Bevölkerung in Städten (RIPSA i2008). Die höchsten jährlichen Zuwachsraten lagen in der
ersten Hälfte der 1950er Jahre bei jeweils 5,5% und sanken danach stetig über 4,1% Anfang der 1970er Jahre
und 3,3% in den 1980er Jahren auf 2,8% Ende der 1990er Jahre (KOHLHEPP 1994:50; BREMAEKER 2001:6).
Dieses Wachstum konzentrierte sich jedoch immer hauptsächlich auf die Großregion Sudeste, insbesondere
auf die heutigen Metropolregionen São Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte. Im Nordosten Brasiliens
verlief die Verstädterung dahingegen deutlich langsamer und weniger intensiv. Noch heute liegt der
Urbanisierungsgrad dort bei nur 79,9% - im Südwesten bei 92,2% (RIPSA i2008). Im Jahr 2000 lebten 41%
der gesamten brasilianischen Bevölkerung in den neun brasilianischen Metropolregionen und den
Millionenstädten Brasília, Campinas und Goiânia (BRITO 2006:225). Aktuell sind die Bevölkerungszahlen
der Metropolen konstant bzw. noch leicht ansteigend. In jüngster Zeit spielen eher die Mittelstädte wieder
eine größere Rolle im Verstädterungsprozess (KOHLHEPP 2003:29).

34
sichts des großen Ansturms an Migranten zu steuern. So wuchsen zunächst die cortiços, die
slum-artigen degradierten Wohnviertel der Kernstadt, wo bis Anfang des 20. Jh. auch der
größte Teil der Industrie ansässig war. Schon 1868 lebten im gesamten Stadtgebiet knapp
22.000 Menschen in cortiços. 1890 waren es bereits über 100.000 Menschen, doppelt so viel
wie 188823, was bei einer Gesamtbevölkerung von 522.651 Einwohnern einem Anteil von
19% entsprach (ABREU 1994:36). Als die Regierung im Rahmen ihrer „Hygienisierungs-
politik“ insgesamt ca. 600 cortiços schließen ließ, die Wohnraum von mehr als 13.000 Men-
schen waren, standen viele Menschen auf einen Schlag vor existentiellen Problemen: Eine
Wohnung in der Vorstadt konnten sie sich wegen der teuren Transportkosten und ihren niedri-
gen Löhnen nicht leisten (vgl. ABREU 1994:35,36). Die einzige Alternative war, sich an einem
der noch unbesiedelten zentrumsnahen Hänge niederzulassen. Die Stadtreform Pereira Passos'
(1903-1906), die heute als Geburtsstunde des brasilianischen Urbanismus gilt und den Pariser
Stadtplaner Georges-Eugène Haussmann zum Vorbild hatte, läutete dann endgültig die Ent-
wicklung hin zu einem sozial-räumlich getrennten städtischen Gefüge ein. Während die Re-
form auf der einen Seite das Stadtzentrum beträchtlich modernisierte, löste sie durch die Ver-
drängung weiterer cortiços eine enorme Wohnungskrise in den unteren Einkommensschichten
aus. Ebenfalls war eine erste Tendenz der politischen Bevorzugung der Zona Sul zu erkennen,
wo viele Straßen asphaltiert und Verschönerungen an öffentlichen Plätzen und Parks vorge-
nommen wurden. In den Vorstädten und Stadtteilen der Zona Norte wurde seitens der Raum-
planer hingegen wenig oder gar nichts unternommen (vgl. ABREU 2008:61).

23
Dieser abrupte Anstieg lässt sich auf die Abschaffung der Sklaverei 1888 zurückführen.

35
3. Die sozial-räumliche Segregation

Abbildung 6: Die sozial-räumliche Trennung in Rio de Janeiro, illustriert anhand des Entwicklungsindex
IDS24; Quelle: verändert nach IPP i2008.

Während der frühen Stadtentwicklung Rio de Janeiros lebten die verschiedenen sozialen
Schichten noch unmittelbar nebeneinander und durchmischt. So differenzierte sich die Elite
von der Unterschicht damals viel mehr durch ihre Wohnform als durch ihre Lokalisierung
(ABREU 2008:35). Sklaven und Hausbedienstete lebten in unmittelbarer Nähe ihrer Arbeitsor-
te.
Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte dann die Oberschicht Rio de Janeiros die Strand-
nähe als neuen Luxusfaktor. „Die Verbreitung einer Ideologie, die einen modernen Lebensstil
mit der Residenz am Meeresufer in Verbindung brachte“, sollte bald für einen Bauboom in
der Zona Sul, ab Beginn des 20. Jh, v. a. in Copacabana, sorgen (ABREU 2008:47). Bis dato
hatten sich in der noch wenig erschlossenen Zona Sul einzelne Textilfirmen - und mit ihnen
zahlreiche Arbeiterfamilien - niedergelassen. Diese Arbeiter mussten sich, aufgrund mangeln-
der finanzieller Möglichkeiten, auf zwar „[...] kostenlosem, [jedoch] verlassenem und sump-

24
Der IDS (Índice de desenvolvimento social = dt.: sozialer Entwicklungsindex) ist an den bekannten Human
Development Index (HDI) angelehnt. Er wurde in Rio de Janeiro um verschiedene soziale Indikatoren
erweitert. Die Werte berechnen sich aus dem Anteil von Haushalten mit Anschluss an die technische
Infrastruktur, der Analphabetenrate, dem Anteil an Einwohnern mit weiterführender Bildung, dem
durchschnittlichen Haushaltseinkommen, etc.

36
figem Terrain [niederlassen], und zahlten mit ihrer Gesundheit, was sie nicht mit Geld bezah-
len konnten“ (SAMPAIO 1924:119). Durch die Sanierung und Aufbereitung des Gebiets für die
wohlhabende Bevölkerung verdrängte die Stadtverwaltung diese Arbeitersiedlungen. ABREU
(2008:78) identifiziert in dieser Phase bei der Stadtverwaltung erstmals eine „Sorge um den
Tauschwert des Bodens“, die sich explizit in der Stadtplanung manifestierte: die aufeinander
folgenden Verschönerungs- und Infrastrukturmaßnahmen trieben die Bodenpreise in die
Höhe, wovon sich die Stadtverwaltung bei einem späteren Verkauf Profit versprach.
Diese Mechanismen führten neben den bereits angesprochenen Verdrängungen von
cortiços aus der Kernstadt dazu, dass die räumliche Segregation der sozialen Schichten in Rio
de Janeiro im Jahr 1930 bereits ausgeprägt vorhanden war: die wohlhabenden Bürger lebten
in den neuen Vierteln der Zona Sul (Copacabana, Ipanema, Lagoa, Jardim Botânico, usw.), die
Mittelschicht in der „alten“ Zona Sul (Glória, Catete, Botafogo, usw.), dem Zentrum und der
Zona Norte (Tijuca, Catumbi, Rio Comprido,...) und die Unterschicht in den zahlreichen Vor-
städten.
Ab etwa 1960 begann eine weitere Expansionsphase, diesmal in der Zona Oeste, insbe-
sondere in Barra da Tijuca und Jacarepaguá. Dort etablierte sich eine Wohnform, die eine
neue Qualität der sozialen (Auto-)Segregation aufwies: gated communities (pt. condomínios
fechados). Entlang des kilometerlangen Uferstreifens von Barra da Tijuca entstanden ab Mitte
der 1960er Jahre unzählige dieser comdomínios fechados, finanziert durch große Immobilien-
firmen. Ähnlich wie in der Zona Sul einige Jahre zuvor geschehen, entstanden fast zeitgleich
zahlreiche Favelas, deren Bewohner durch den neuen Arbeitsmarkt angezogen wurden
Hervorzuheben ist, dass zu Beginn des 20. Jh. die Entwicklung des suburbanen Raumes
der Zona Norte und Zona Oeste auf der einen, der Zona Sul und des Zentrums auf der anderen
Seite von unterschiedlichen Kräften vorangetrieben wurde. Steuerte die Stadtregierung die
Umgestaltung und Entwicklung der Zona Sul und des Zentrums direkt, so intervenierte sie in
den Vorstädten praktisch gar nicht. Dort wurde die strukturelle Genese nahezu alleine durch
die dort ansiedelnde Industrie bestimmt (ABREU 2008:72). So konsolidierte sich die heutige
dichotome räumliche Ordnung der Stadt: eine gut mit Infrastruktur ausgestattete Kernstadt
und eine infrastrukturell defizitäre Peripherie, wo die öffentliche Hand kaum Präsenz zeigte
und zeigt (ABREU 2008:82).

37
4. Die ersten Favelas
Wachstum der Bevölkerung in der formellen Stadt
und in Favelas und der Anteil der Favelabewohner an
der Gesamtbevölkerung - 1950-2000

6.000.000

5.000.000

4.000.000

3.000.000

2.000.000

1.000.000
16% 19%
7% 10% 12%
0
1950 1960 1980 1991 2000
Formelle Stadt 2.168.146 2.969.751 4.465.062 4.598.295 4.764.921
Favelas 169.305 337.412 628.170 882.483 1.100.000

Abbildung 7: Bevölkerungsentwicklung in Rio de Janeiro von 1950 bis 2000. Formelle Stadt und Favelas;
Quelle: FTM i2008.

Das Auftauchen der ersten Favelas ist noch einige Jahre vor die Aktionen gegen die
cortiços zu datieren. ABREU (1994:37) identifiziert zwei für die Entstehung der Favelas aus-
schlaggebende Spannungsherde: Die schon angesprochene Wohnungskrise, sowie innerpoliti-
sche Spannungen25 im Zusammenhang mit der Gründung der Republik (1889). Schon 1865

25
Was die innerpolitischen Spannungen und ihren Einfluss auf die Entstehung der Favelas betrifft, so müssen die
Armada-Revolte (1893-1894) und der Canudos-Krieg (1896-1897) genannt werden. Bei beiden handelt es
sich um militärische Auseinandersetzungen in der Gründungsphase der Republik, während welchen
übergangsweisen Soldaten in Rio de Janeiro stationiert wurden. Während und nach der Armada-Revolte gab
es jedoch viel zu wenige Unterkünfte für die Soldaten, weshalb die Stadtverwaltung die vorläufige
Unterbringung im Konvent Santo Antônio genehmigte. Dieses lag auf dem gleichnamigen Morro Santo
Antônio und befand sich inmitten des Stadtzentrums Rio de Janeiros. Da aber auch im Innern des Konvents
die Unterbringungsmöglichkeiten sehr begrenzt waren, tauchten bald an den Hängen des Morro Santo
Antônio die ersten nicht offiziell genehmigten, primitiv konstruierten Hütten auf. Die Stadtverwaltung
duldete derweil diese Entwicklung mit Verweis auf ihre Übergangsfunktion (vgl. ABREU 1994:38). In den
darauf folgenden Jahren multiplizierten sich die Hütten an diesem Hügel, einige Soldaten sahen aufgrund der
hohen Nachfrage sogar die Chance, an Zivilisten, darunter z.B. Menschen, die aus den cortiços vertrieben

38
waren einzelne Hütten auf den Hügeln Rio de Janeiros nicht ungewöhnlich, sie galten jedoch
als Ausnahmen von der Regel, da bis dahin die cortiços die wichtigste Wohnform der Unter-
schicht dargestellt hatten (ABREU 1994:38).
Je akuter das Wohnungsdefizit jedoch wurde, desto mehr Favelas entstanden. Dabei be-
gleiteten die Favelas stets die Expansion der formellen Stadt – sie entstanden immer dort, wo
Arbeitsplätze vorhanden waren und in den Nischen, die für die Immobilienindustrie uninte-
ressant waren. Der Zensus von 1960 zählte schon insgesamt 147 Favelas mit 337.412 Ein-
wohnern, was einem Wachstum von fast 100% im Vergleich zum vorherigen Jahrzehnt ent-
spricht (IBGE 1960). Die Wohnungskrise nahm nun derart kritische Ausmaße an, dass sich
die Menschen immer häufiger dazu gezwungen sahen, in extremen Risikogebieten zu siedeln,
an steilen Hängen und überschwemmungsgefährdeten Flussufern, unter Viadukten, Brücken
oder direkt am Straßenrand.
Auch in den Folgejahren hielt der Migrationsstrom nach Rio de Janeiro weiter an. 1991
gab es 545 Favelas mit insgesamt 882.483 Einwohnern (IPLANRIO: 1991). Bis 2000 stiegen
diese Zahlen noch einmal deutlich an, auf 704 Favelas und fast 1.100.000 Einwohner, knapp
die Hälfte davon lebt heute in der Zona Norte (IBGE 2000). Somit leben heute fast 20% der
Bevölkerung von Rio de Janeiro in Favelas.

wurden, zu vermieten oder zu verkaufen. Um 1900 meldete ein Kommissar der Hygieneaufsichtsbehörde
wiederholt, dass an den Hängen des Morro Santo Antônio immer mehr Häuser und Hütten entstanden. Das
weitere Vorgehen der Stadtverwaltung hinsichtlich dieser ersten Favela ist sowohl bezeichnend für die Politik
der Umsiedlungen, die das Problem nicht an ihrer Wurzel packte, sondern es nur räumlich verlagerte, als
auch für die oftmals beklagte Deskontinuität in der Politik, insbesondere den städtischen Wohnraum
betreffend.

39
Abbildung 8: Ausbreitung der Favelas in Rio de Janeiro - 1940-2000; Quelle: FTM i2008.

2008 korrigierte das städtische Institut für Urbanismus (IPP) die Zahl der Favelas noch
einmal deutlich nach oben (neue Bevölkerungsprognosen gibt es jedoch bisher nicht). Es er-
fasste nun insgesamt 1020 Favelas im Stadtgebiet26. Zwar gibt es seit dem Jahr 2000 noch
keine neuen Schätzungen oder Zählungen der Favelabevölkerung, doch zeigen aktuelle Aus-
wertungen von Luftbildern, dass sich die Siedlungsfläche der Favelas stetig vergrößert. So
wuchsen die Favelas von 1999 bis 2008 um fast 300 ha auf heute insgesamt 4584 ha an
(ARMAZÉM DE DADOS i2008).

5. Die Favela-Politik – von der Duldung über die Umsiedlung zur Integration
Die Politik sah die Favelas in ihrer frühen Entstehungsphase zwar allgemein als un-
schön, oft sogar als Plagen an, doch es wurde nicht versucht, ihr Wachstum einzudämmen.
Dies lag zum einen an einer gewissen politischen Ohnmacht ob des anhaltenden Migrations-
stroms und Bevölkerungsdrucks, zum anderen an der Tatsache, dass sowohl die Industrie als
auch das Gewerbe auf die billigen Arbeitskräfte angewiesen waren. Darüber hinaus wurden

26
Die Differenz zum Zensus des IBGE für das Jahr 2000 resultiert hauptsächlich aus den unterschiedlichen
Favela-Definitionen. So gilt für das IPP jede illegale Landnahme und Besetzung als Favela, für das IBGE erst
eine Ansammlung von mindestens 50 Häusern. Die zusätzlich vom IPP registrierten Favelas befinden sich
nahezu alle in der Zona Oeste der Stadt. Die größte Favela ist Rocinha mit 56.338, die kleinste Favela heißt
Avenida und hat gerade einmal 6 Bewohner (SABREN i2009).

40
sie als vorübergehendes Phänomen betrachtet (vgl. VALLADARES 2000:23; Zweig 1941:203).
Außerdem wurden die besetzten Gebiete, die meist an steilen Hängen lagen, in ihrer Mehrzahl
von der Immobilienindustrie als nahezu wertlos erachtet (vgl. ABREU 2008:95).
Anfang der 1940er Jahre setzte die Stadtregierung zum ersten Mal eine Wohnungsbau-
politik zugunsten der favelados27 an, basierend auf dem „código de obras“28 (dt.: Baurichtli-
nie), der die Bildung neuer Favelas verbot: die Errichtung von Wohnkomplexen, sogenannten
„parques proletários“ (dt.: Arbeiterparks), provisorischen Unterkünften für die Bewohner
einiger Favelas, die beseitigt werden sollten (vgl. PREFEITURA DO DISTRITO FEDERAL
1937:107). Zwischen 1942 und 1943 wurden drei solcher Parks in Gávea, Leblon und Caju
errichtet und beherbergten zusammen etwa 5.000 Menschen (MONTEIRO i2003). Die Bewoh-
ner sollten später in endgültige soziale Wohneinheiten, die „conjuntos habitacionais“ umge-
siedelt werden, was jedoch an mangelnden finanziellen Mitteln und politischer Deskontinuität
zumeist scheiterte (vgl. DIETZ 2000:158).
In den darauf folgenden Jahren begannen die ersten Umsiedlungen von nicht erwünsch-
ten Favelas, die auf wertvollem Boden in der Zona Sul lagen. Die Wohnungspolitik manifes-
tierte sich währenddessen in der Errichtung einzelner conjuntos habitacionais, die das Prob-
lem des Wohnungsdefizits jedoch nicht annähernd lösen konnten (z.B. Cruzada São Sebastião
in Leblon, Condomínio Marquês de São Vicente „Minhocão” in Gávea, Cidade de Deus in
Jacarepaguá, Vila Kennedy, etc.). Auch schufen sie oftmals neue soziale Probleme, da die
Menschen aus ihrem sozialen Umfeld gerissen und darüber hinaus in Gebiete weit entfernt
von ihren Arbeitsplätzen gebracht wurden.
Zur Zeit der Militärdiktatur (1964-1985) hatten sich die sozialen Unterschiede innerhalb
der Bevölkerung bereits deutlich in der räumlichen Ordnung der Stadt niedergeschlagen, in-

27
Dt. Favelabewohner.
28
ABREU (2008:95) und SOUZA (1993:195) sehen in der damaligen Favela-Politik die für den Populismus
typische Mischung aus Elementen der Repression, Kontrolle und Sozialpolitik. Auf der einen Seite wurde
mittels des Código de Obras versucht, das Wachstum der Favelas einzudämmen, während auf der anderen
Seite punktuelle Maßnahmen zur Verbesserung der Wohnverhältnisse der „Armen“ stattfanden, sowie die
Arbeiterklasse propagandistisch aufgewertet wurde. In den parques proletários herrschten strenge Regeln
wie z.B. die Mitführpflicht von Passierscheinen und eine Ausgangssperre ab 22 Uhr (vgl. DIETZ 2000:158,
LEEDS & LEEDS 1978:196). Über Lautsprecherdurchsagen wurde außerdem täglich versucht, die Bewohner
„moralisch wiederherzustellen“ (BRONSTEIN 1979:159). Die geräumten Favelas lagen zwar fast alle auf für
den Immobilienmarkt interessanten Gebieten der Zona Sul, dennoch betont SOUZA (1993:196), dass das
populistische Regime, zumindest versuchte, das Wohnproblem anzugehen, was sich deutlich von der Politik
während der Stadtreformen Pereira Passos' unterschied, als den von den Bauprojekten vertriebenen
Menschen praktisch keine Alternativen geboten wurden.

41
mitten derer jedoch immer wieder Favelas wie Inseln innerhalb wohlhabenderer Gegenden
herausragten. Das autoritäre Militärregime begann nun in der Zona Sul, dies in Gestalt um-
fangreicher Auslöschungen von Favelas und Umsiedlung der Bevölkerung zu „korrigieren“.
Favelas wurden als „deformierter“ städtischer Raum angesehen, ihre Auslöschung binnen 10
Jahren angestrebt. Betroffen waren überwiegend Favelas und alte parques proletários, die auf
wertvollem Baugrund der Zona Sul lagen. 1970 wurden die Bewohner der Favelas Praia do
Pinto in Leblon, Macedo Sobrinho, Catacumba und Ilha das Dragas in Lagoa gezwungen,
ihre Häuser zu verlassen. Vielen von ihnen wurde daraufhin in verschiedenen conjuntos
habitacionais Wohnungen zur Verfügung gestellt, die jedoch zum Teil sehr weit entfernt lagen
(z.B. Cidade de Deus in Jacarepaguá) (vgl. SOUZA 1993:205). Die Favelas wurden vollständig
zerstört und durch Hochhäuser, die für die Ober- und Mittelschicht bestimmt waren, ersetzt.
Diese Aktionen drosselten zwar die Neuentstehung in der Zona Sul, dafür stieg die Bevölke-
rung in den bereits konsolidierten Favelas stark an (FTM i2008).

Der Paradigmenwechsel
Die systematische Ausradierung von Favelas wurde nach der politischen Öffnung Mitte
der 1970er Jahre grundsätzlich eingestellt. Die städtische Vorgehensweise bewegte sich nun
weg von der Politik der Umsiedlungen und hin zu neuen Ansätzen der Urbanisierung und In-
tegration. Von nun an sollten Umsiedlungen nur noch

„unsystematisch und nach Einzelfällen [erfolgen]: aus 'öffentlichem Interesse', wie der
Bedarf nach Straßen und öffentlichen Bauwerken; aufgrund des Risikos von
Erdrutschen und der Notwendigkeit, Hügelhänge zu stabilisieren; infolge von
Justizprozessen, durch die die Eigentümer der Grundstücke, auf denen die Favelas
liegen, versuchen, sie zurück zu bekommen“ (VALLADARES 1978:9).

Einige Autoren heben die Bedeutung internationaler Institutionen wie der UNO in die-
sem Prozess hervor (z.B. Social and Development Goals der UN) (vgl. ARAUJO 2006:4). Auf
der Habitat I-Konferenz 1975 in Vancouver waren bereits Richtlinien für eine integrative
upgrading-Politik verabschiedet worden. In diesem Sinne wurde 1992 in Rio de Janeiro mit
dem Stadtreform-Plan „Plano Diretor“ die neue Favela-Politik ratifiziert. In Art. 138 wurden
als Zielsetzungen der Raumordnungspolitik die Sicherung des Rechts auf Wohnen sowie die
Reduzierung des Wohnraumdefizits festgehalten. In Abschnitt 3 desselben Artikels wird als
Mittel für das Erreichen dieser Ziele die „Urbanisierung und eigentumsrechtliche Regulierung
in Favelas […]“ genannt (PREFEITURA DA CIDADE DO RIO DE JANEIRO i1992:53 ff.).

42
Die heutige Urbanisierungspolitik in Rio de Janeiro stimmt weitgehend mit den Grund-
sätzen der UN-Habitat-Agenda von 1994 überein. Beispielweise wird dort in Kapitel B:
Sustainable Human Settlements, Absatz 43 festgehalten (UN-HABITAT i1994:13):

„We further commit ourselves to the objectives of:

(h) Promoting, where appropriate, the upgrading of informal settlements and urban
slums as an expedient measure and pragmatic solution to the urban shelter deficit“.

Das upgrade- und Integrationsprogramm ‚Favela-Bairro‘ gilt als wichtigstes Werkzeug


dieser neuen Favelapolitik. Unterstützt durch Kredite der Interamerikanischen Entwicklungs-
bank (Banco Interamericano de Desenvolvimento, BID) in der Größenordnung von 180 Mio.
US$ wurden seit 1994 in zahlreichen Favelas bauliche und infrastrukturelle Maßnahmen
durchgeführt (CARDOSO i2002). Für die vorliegende Arbeit ist das Favela-Bairro Programm
auch deshalb interessant, weil oft Risikogebiete im Fokus der Projekte standen. In den am
häufigsten von gravitativen Massenbewegungen betroffenen Favelas der Zona Sul und der
innenstadtnahen Stadtteile wurde eine große Zahl an Verbesserungen der Hangstabilität durch
die Befestigung von Böschungen und das Anbringen von Drainagekanälen vorgenommen
(siehe GEO RIO g2004a-g2004f).
Wichtig sind in diesem Zuge auch die Programme zur Regulierung der Grundstücksver-
hältnisse (z.B. Morar Legal – dt.: legal Wohnen). Seit den 1990er Jahren werden die Häuser
in den Favelas nach und nach legalisiert.

6. Die Favela in der öffentlichen Wahrnehmung


Die meisten Menschen assoziieren mit dem Wort Favela negativ beladene Begriffe wie
Armut und mangelhafte Wohnstandards, ferner auch Kriminalität, Bandenkriege und Unsi-
cherheit. Extreme Betrachter sehen die Favelas als „Krebsgeschwüre“ oder „Krankheiten“,
die ausgemerzt werden sollten29.
In der öffentlichen Wahrnehmung spielt das Kriterium der Illegalität der Besiedlung
meist eine untergeordnete Rolle. Sie orientiert sich vielmehr an Kategorien des Mangels: an
der defizitären städtischen Infrastruktur, ohne asphaltierte Straßen, an fehlender Ordnung,
Gesetz und Moral und niedriger Bildung. Favelas sind Räume, die de facto von der öffentli-

29
Online-Kommentare auf der Internet-Plattform der Zeitung „O Globo“ (www.oglobo.com.br) weisen häufig
eine sehr drastische, ablehnende Haltung gegenüber den Favelas und ihren Bewohnern auf.

43
chen Hand stark vernachlässigt wurden und immer noch werden. Die Abstinenz des Staates
begünstigte dabei die Bildung organisierter krimineller Strukturen. Schon seit der Entstehung
der ersten Favelas haftete ihnen das Bild des „gesetzlosen Bodens“ und Rückzugsortes für
Kriminelle an (ABREU 1994:40). Dieses Vorurteil wurden die Bewohner der Favelas bis heute
nicht los, im Gegenteil, es verschlimmerte sich eher. Deshalb besitzt die Definition der Fave-
la, neben den Merkmalen juristischer, städtebaulicher und ökonomischer Art, immer auch eine
subtile Dimension, die im Alltag nicht selten zu Nachteilen führt: Die Stigmatisierung der
Favelabevölkerung resultiert nicht selten in Diskriminierung und Benachteiligung bei der Ein-
forderung von Bürgerrechten (vgl. PFEIFFER 1987:58).

II. Marginalität, soziale Verwundbarkeit und Risiko in Favelas

Im Laufe der Jahrzehnte hatten sich die Favelas als Wohnalternative für Teile der sozia-
len Unterschicht und unteren Mittelschicht etabliert, und das nicht nur in Rio de Janeiro, son-
dern in allen größeren Städten Brasiliens. Gleichzeitig erfuhren immer mehr Forderungen und
Zielsetzungen der Habitat-Agenda Akzeptanz in der politischen Agenda und wurden in Rio de
Janeiro z.B. im ‚Plano Diretor‘ adaptiert. So festigte sich der politische Ansatz der Urbanisie-
rung und Integration von Marginalvierteln. Seitdem waren viele positive Ergebnisse zu ver-
zeichnen: Verbesserung der Infrastruktur, Legalisierung der Grundstücke, Verschönerungen,
Bildungsprojekte, etc. Doch die Programme erreichten nur einen Teil der bedürftigen Bevöl-
kerung. Unterdessen wuchsen die Favelas weiter an, 10% der Einwohner Rio de Janeiros le-
ben heute unterhalb der Armutsgrenze (RIO COMO VAMOS i2006) und die Stadt leidet unter
einem enormen Kriminalitätsproblem. 13 Jahre nach Verabschiedung der Habitat-Agenda
besteht noch reichlich Handlungsbedarf.
Dass die Favelas hauptsächlich Teile der Unterschicht beherbergen, steht außer Frage:
So liegt das mittlere monatliche Haushaltseinkommen in der formellen Stadt bei 2151,71 R$
(ca. 830 €), in den Favelas bei 634,50 R$ (ca. 240 €) (IBGE 2000). Dabei gilt anzumerken,
dass nicht die gesamte Unterschicht in Favelas lebt – im Gegenteil: ca. zwei Drittel der Men-
schen unterhalb der Armutsgrenze leben in Rio de Janeiro nicht in Favelas, sondern meist in
suburban gelegenen irregulären oder illegalen Parzellierungen (loteamentos
irregulares/clandestinos) bzw. in mittlerweile städtebaulich regulierten Gebieten (vgl.
VIANNA 2008:3).
Favelas sind äußerst heterogene Räume, in denen sich, wie in den formellen Stadtgebie-

44
ten auch, interne sozial-räumliche Gliederungen herausgebildet haben. Holzhütten wurden im
Laufe der Zeit zu Backsteinhäusern, die meisten Menschen haben heute Strom und Wasser
(auch wenn es häufig zu Ausfällen kommt). Dennoch sind Favelas städtische Teilräume, die in
der Vergangenheit stark von den öffentlichen Autoritäten vernachlässigt wurden und es noch
heute werden. Neben den infrastrukturellen Defiziten zeigt sich dies durch im Vergleich zur
formellen Stadt hohe Analphabetenraten, niedrigeren institutionellen Bildungsstand und auch
die hohe Sterblichkeitsrate. Für letztere ist hauptsächlich die Gewalt im Zusammenhang mit
der Drogenkriminalität verantwortlich. Denn die Lücke, die durch die Abstinenz des Staates
und der Polizei entstand, füllten Drogenkommandos aus. Rivalisierende Gangs liefern sich
heute regelmäßig Territorialkämpfe um Verkaufsstandorte und Einflussgebiete. Immer wieder
kommt es auch zu heftigen Schusswechseln während Polizeieinsätzen zur Repression des
Drogenhandels. Die Bevölkerung leidet unter diesen Konflikten und ist ihnen teilweise
schutzlos ausgeliefert. Die Herrschaft dieser Drogenkommandos beschneidet wesentliche
Bürgerrechte der Favelabewohner 30 und ist somit ein signifikanter Faktor deren sozialer Ver-
wundbarkeit.
Die alltäglichen Risiken sind zahlreich: Nur wenige Menschen befinden sich in sicheren
Arbeitsverhältnissen, auch der Zugang zu sonstigem Versicherungsschutz bleibt den meisten
versperrt. Hinzu kommt die allgegenwärtige Gewalt (vgl. SOUZA 2008; LEITE 2005). Be-
zeichnend ist hierbei, dass in Rio de Janeiro der Begriff ‚Risikogebiet„ (pt.: ‚área de risco„)
normalerweise mit besonders gewalttätigen Stadtvierteln und nicht mit gravitativen Massen-
bewegungen in Verbindung gebracht wird.
Im vorherigen Unterkapitel wurde bereits gezeigt, dass die beschriebene sozioökonomi-
sche Marginalisierung in den innenstadtnahen Gebieten Rio de Janeiros eine deutliche räumli-
che Komponente hat. Dort liegen viele Favelas an für den Häuserbau eigentlich ungeeigneten,
steilen Hängen. Daraus ergibt sich für die Bewohner ein zusätzliches Risiko – das der
gravitativen Massenbewegungen. Die Bewohner, die in der Regel keinen Zugang zu formel-
len Versicherungen haben, stehen bei einer Beschädigung oder gar Zerstörung ihrer Wohnhäu-
ser nicht selten vor existentiellen Schwierigkeiten, was einen weiteren Verwundbarkeitsfaktor

30
So herrschen in den Favelas von den Drogenkommandos auferlegte, aber ungeschriebene Gesetze. Wer gegen
sie verstößt, hat Repressalien zu befürchten und kann zur Strafe z. B. aus der Favela verstoßen oder im
schlimmsten Fall Opfer des ‚Straßentribunals„ werden (vgl. LEITE 2005:67). Außerdem sei an dieser Stelle
auf eine vorzügliche Studie zum Thema Bürgerrechte in Favelas hingewiesen: KOLLER 2009.

45
ausmacht.

III. Favelas in Risikogebieten

Abbildung 9: Risikokartierung für Rio de Janeiro, Ausschnitt Maciço da Tijuca – Overlay mit Favelas -
2004; Quellen: verändert nach GEO RIO g2006, IPP i2004.

Wie bereits herausgearbeitet, entstanden und entstehen Favelas aus Wohnungsnot. Die
relativ zentral gelegenen steilen Hänge des Tijuca-Massivs wurden von der Stadtplanung und
der Immobilienindustrie nie als potentielle Siedlungsräume wahrgenommen – aus gutem
Grund!
Gravitative Massenbewegungen kommen in Rio de Janeiro aufgrund der besonderen
Geomorphologie und des tropischen Klimas, das die Erosion und Verwitterung beschleunigt,
naturbedingt relativ häufig vor (vgl. GEO RIO g2006:4). Die in dieser Studie untersuchten Ge-
biete liegen alle am Maciço da Tijuca, welches aufgrund seiner Lage nahe der Kernstadt sehr
intensiv, vor allem durch Favelas, besiedelt wurde. Das 118,7 km² umfassende Gebirgsmassiv
(hierzu zählt das Gebiet ab einer Höhe von 40m über NN) besteht hauptsächlich aus prä-
kambrischen Gneisen (Biotit, Granitoid, Mikroklin), die vereinzelt von Graniten durchzogen
sind (FERNANDES 1999:49). Zu den wichtigsten Böden an den Hängen des Tijuca-Massivs
gehören die folgenden, charakteristisch in tropischen Zonen vorkommenden Typen, bei denen

46
es sich meist um auf Talushalden entwickelte Kolluvialböden handelt:

 stark verwitterter rot-gelber Laterit, der im Gebirgsrelief oberhalb von 400m


auf tertiären alkalischen Gesteinen, präkambrischen Gneisen und Graniten
vorkommt
 ebenfalls stark verwitterter rot-gelber Podsol, der im sanft welligen Relief,
zwischen 20 und 450m Höhe und bei einer Neigung bis 60% vorkommt (vgl.
BARROS 1992:38).

Beide Bodentypen können viel Feuchtigkeit aufnehmen. Besonders bei anhaltenden Re-
genfällen können sie sich in schlammige, mit Wasser vollgesogene Massen verwandeln, wes-
halb sie in abschüssigen Gebieten zu Rutschungs- und Fließbewegungen neigen.
Während des Kaffebooms zwischen Mitte des 18. und Mitte des 19. Jh. wurde für den
Kaffeeanbau fast der gesamte atlantische Ur-Regenwald des Tijuca-Massivs abgeholzt. Die
Flächen verloren jedoch schon nach wenigen Jahren intensiver Bestellung ihre Fruchtbarkeit.
Da die Böden nun nicht mehr durch die Waldvegetation geschützt waren, nahm die Oberflä-
chenerosion rasch zu. Außerdem fehlte der Wald als Regenspeicher, was in den Stadtgebieten
am Fuße der Hänge verheerende Überschwemmungen zur Folge hatte. Der Zusammenhang
zwischen den Wassermassen und den kahlen Hängen wurde bald erkannt, weshalb Kaiser
Pedro II. bereits im Jahre 1861 das Tijuca-Massiv als Schutzgebiet auszeichnete und 1862 mit
der Wiederaufforstung der Hänge begonnen wurde. Heute sind große Teile des Massivs, ca.
3.300 ha, wieder mit tropisch-atlantischem Regenwald überzogen (BARROS 1992:36).
Unmittelbar auslösender Faktor der Rutschungen sind starke und anhaltende Regenfälle.
Wolkenbrüche sind in Rio de Janeiro keine Seltenheit. Mehrmals pro Jahr kommt es zu hefti-
gen tropischen Gewittern, bei denen in wenigen Stunden Regenmassen auf die Erde treffen,
die sich in der Größenordnung von Niederschlagsmengen eines ganzen Quartals unserer Brei-
ten bewegen. In der Regel kommt es während der Sommermonate, insbesondere im Dezem-
ber und Januar, zu den intensivsten Regenfällen.
BRANDÃO (1996:27 ff.) vermutet einen Zusammenhang extremer Wetterereignisse mit
dem Wachstum der Metropolregion Rio de Janeiro und dem dortigen Mesoklima (Stadtklima),
welches sich durch Smog, modifiziertes Wärmespeichervermögen, veränderte Albedo-Werte
und gestörte Drainagesysteme bildet. Insbesondere die Konzentration von Kondensationsker-
nen durch Industrie- und Autoabgase können zu heftigeren und lang anhaltenden Regenfällen
über dem Stadtgebiet führen (ebd.). Während sich seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in
Rio de Janeiro keine signifikante Veränderung der langjährigen Niederschlagsmittel erkennen

47
lässt, zeigt eine Auswertung der Häufigkeit der positiven jährlichen Abweichungen der Nie-
derschlagsmengen vom langjährigen Jahresmittel eine tendenzielle Zunahme der Extreme
(Tabelle 1). Darüber hinaus gilt mittlerweile als allgemein anerkannt, dass der globale Kli-
mawandel zur Häufung von extremen Naturereignissen führt.

Extreme Niederschläge in Rio de Janeiro

0-15% 15,1-30% >30% Total

1851-1900 12 6 3 21

1901-1940 4 2 4 10

1941-1990 20 5 7 32

Total 36 13 14 63
Tabelle 1: Positive Abweichungen vom langjährigen Niederschlagsmittel.
Quelle: BRANDÃO (1996:27).

IV. Risikogebiete in Favelas

Der Anteil der in Favelas eintretenden Unfälle an der Gesamtzahl der gravitativen Mas-
senbewegungen im Stadtgebiet liegt bei etwa 80%31.
Zahlreiche begünstigende Faktoren der gravitativen Massenbewegungen sind in Rio de
Janeiro anthropogenen Ursprungs: Die Destabilisierung der Hänge durch unsachgemäße Ab-
tragungen und Aufschüttungen verursacht den größten Teil der gravitativen Massenbewegun-
gen32. Die Störung der natürlichen Drainage durch Umleiten, Verbauen oder Verstopfen mit
Müll kann großräumige Fließbewegungen auslösen und die Rodung der Vegetationsdecke

31
Nach Informationen eines Mitarbeiters des Geo Rio.
32
Die Auswertung von 1055 Besichtigungsberichten aus dem Jahr 2002 zeigte, dass in etwa 55% der Vorfälle
zumeist kleinere Bodenbewegungen eingetreten waren. In 5% der Fälle handelte es sich um Felssturz, in
weiteren 5% um Mülllawinen. Über 30% waren Fehlalarme, meist während starker Regenfälle, die die
Menschen verunsicherten. In lediglich 10% der Massenbewegungen handelte es sich um Rutschungen an
natürlichen Hängen, also um reine natural hazards. Die restlichen 90% der Unfälle entstanden an durch
Menschen modifizierten Hängen, davon über zwei Drittel durch Abgrabungen und Aufschüttungen für den
Häuserbau und knapp ein Drittel an zuvor bereits durch das Risikomanagement stabilisierten Böschungen.

48
verstärkt den Oberflächenabfluss und die Erosion. Im Schnitt erhalten die beiden wichtigsten
Organe des städtischen Risikomanagements, die Defesa Civil und das Geo Rio, jährlich etwa
1000 Aufträge, um kritische Hangszenarien zu untersuchen.
Die erste dokumentierte Katastrophe durch gravitative Massenbewegungen wird auf die
Woche zwischen dem 10. und 17. Februar 1811 datiert (BRANDÃO 1996:23). Damals rissen
durch überdurchschnittlich heftige Regenfälle ausgelöste Schlammlawinen mehrere Häuser
am Morro da Providência den Hang hinab. Dieses Ereignis, bekannt als „águas do monte“
(dt.: „Bergwasser“), führte den Einwohnern Rio de Janeiros erstmals die Gefahr vor Augen,
die von der Gewalt der tropischen Regenmassen ausgehen kann. 1862 machte der brasiliani-
sche Schriftsteller Machado de Assis auf die seiner Wahrnehmung nach ständig verstopften
und verschütteten Abwassergräben aufmerksam, die Erdrutsche und Überschwemmungen
förderten (vgl. BRANDÃO 1996:24).
Die schwerwiegendsten Ereignisse geschahen in den Jahren 1966, 1988 und 1996. So
maßen die Pluviometer am 11.1.1966 237mm, vom 19.2.-22.2.1988 insgesamt 384mm und
am 13.2.1996 200mm in nur acht Stunden (BRANDÃO 1996:30 ff.). Dabei kamen über 241
Menschen ums Leben, Hunderte wurden verletzt und Zigtausende von Menschen wurden ob-
dachlos.

V. Risikomanagement in (bewohnten) Risikogebieten

In der Niederschrift des ‚Programms für den Schutz von Hängen und geo-technischen
Risikogebieten„33 von 2006 legt die Stadtverwaltung Wert darauf, nicht die Durchführung von
„korrektiven und notfallbedingten Stabilisierungsmaßnahmen“, sondern auch die Notwendig-
keit „präventiver Arbeit“ anzusprechen, nicht ohne auch die Bedeutung von Umweltbildung
und partizipatorischen Projekten zu unterstreichen, mit dem Ziel, unter der betroffenen Be-
völkerung ein Bewusstsein für den Umgang mit und die Vermeidung von Risiken zu veran-
kern (GEO RIO g2006:9).
Zu den Werkzeugen des Risikomanagements von gravitativen Massenbewegungen ge-
hören Maßnahmen mit indirekter Wirkung, wie Raumplanungsinstrumente und Umweltbil-
dung, sowie Maßnahmen mit direkter Wirkung, wie Stabilisierungs- und Schutzarbeiten vor
Ort und die Implementierung von Frühwarnsystemen (vgl. DIKAU 2007:59).

33
‘Programa de Proteção de Encostas e Áreas de Risco Geotécnico’.

49
a. Die Akteure
1. Defesa Civil
Das Sistema Nacional de Defesa Civil (SINDEC) (dt.: Nationales System des Zivil-
schutzes34) ist in erster Linie für indirekte Elemente des Risikomanagements von gravitativen
Massenbewegungen verantwortlich und versteht sich als Netzwerk von unterschiedlichen öf-
fentlichen Organen und privaten Organisationen, die in Katastrophenschutz und -bewältigung
zusammenarbeiten. Laut Selbstbeschreibung zeichnet sich die Defesa Civil durch einen Kom-
plex von präventiven Aktionen, Hilfe- und Rettungsleistungen, Unterstützung und Wiederauf-
bau aus, mit dem Ziel, Katastrophen zu vermeiden oder zu mindern und die Moral der Bevöl-
kerung aufrecht zu erhalten und die gesellschaftliche Normalität wieder herzustellen
(VALENCIO 2007:2). Konkret handelt es sich z.B. um Brandschutz, Seuchenschutz, Schutz vor
Erdrutsch und Überschwemmungen. Die Vorhersage von hazards und die Abschätzung der zu
befürchtenden Schäden zählen dabei zu den zentralen Aufgaben der Defesa Civil.
Dabei sollen die Zusammenarbeit und der Informationsaustausch mit anderen städti-
schen Organen wie der Feuerwehr, Gesundheitsämtern, Rettungsdiensten, Sozialämtern und
meteorologischen Einrichtungen koordiniert, hazard-Bedrohungen evaluiert und gegebenen-
falls Notfallpläne angewandt werden. In der Praxis funktioniert diese präventive Aktion bis-
weilen nur dürftig, oft können die kommunalen Zivilschutzämter aufgrund infrastruktureller
Defizite nur ex-post Berichte weitergeben, wenn das hazard-Ereignis bereits eingetreten ist
(ebd.).
Um die Bevölkerung für das Risiko durch gravitative Massenbewegungen zu sensibili-
sieren, führt die Defesa Civil in unregelmäßigen Abständen Informationsveranstaltungen in
ihrer Zentrale oder auch direkt in den Risikogebieten durch. Darüber hinaus gibt es verschie-
dene Infobroschüren, die unter den betroffenen Menschen verteilt werden. Außerdem werden
bei akuter Hangrutschgefahr Warnungen über lokale Radio- und Fernsehsender ausgestrahlt.

2. Geo Rio
Nach den schweren Regenfällen und katastrophalen Erdrutschen zu Beginn des Jahres
1966 wurde das Geo-technische Institut (ab 1996 Fundação Geo Rio) als Organ des Zivil-

34
Während der Begriff Zivilschutz in Deutschland für den nicht-militärischen Bevölkerungsschutz im
Verteidigungsfall steht, ist die Defesa Civil eine zentrale Koordinationsstelle für Katastrophenschutz und -
hilfe im Friedensfall, vergleichbar mit dem deutschen THW oder der US-amerikanischen FEMA (Federal
Emergency Management Agency).

50
schutzsystems ins Leben gerufen. Damit schuf die Stadtverwaltung eine Institution, die spezi-
ell für die Stabilisierung der Hänge im Stadtgebiet zuständig ist. In der Zentrale der Geo Rio
arbeiten mehrheitlich Ingenieure, sowie einige Geologen. Das Geo Rio ist für das technische
Risikomanagement im Zusammenhang mit instabilen Hängen zuständig, welches bei der Zo-
nierung und Kartierung von Risikogebieten beginnt und über Risikoanalyse und -bewertung,
die Ausarbeitung und Evaluierung von Stabilisierungsmaßnahmen, bis hin zur Überwachung
und Instandhaltung von bereits abgeschlossenen Stabilisierungsarbeiten reicht.
Die erste Risikokartierung der gesamten Stadt wurde 1995 erarbeitet. Sie teilt das Stadt-
gebiet in Zonen mit keinem oder geringem, mittleren oder hohem Risiko ein. 1996 sorgte
wieder - wie schon bei der Gründung des Geo Rio – ein Extremereignis für eine Neugrün-
dung. Angesichts der vielen Toten, Verletzten und Obdachlosen, die die enormen Regenfälle
der Sommermonate nach sich gezogen hatten, ließ die Stadtverwaltung ein Katastrophen-
Frühwarnsystem installieren. Die Alerta Rio (dt.: etwa Warnruf Rio) verfügt über ein Netz
von 32 im ganzen Stadtgebiet verteilten Pluviometern, die automatisch alle 15 min die Mess-
werte an die Zentrale funken. Darüber hinaus wird rund um die Uhr mithilfe von Radarbildern
die Großwetterlage überwacht. Im Falle von sich abzeichneten starken Regenschauern und
Gewittern gibt die Alerta Rio über ihre Homepage eine Warnung in Form zweier Kartierungen
heraus, auf denen die Regenintensität im Stadtgebiet und das Risiko von Erdrutschen gra-
phisch dargestellt sind (Abb.10).

Abbildung 10: Wahrscheinlichkeit von Hangrutsch in Rio de Janeiro am 17.11.2008;


Quelle: ALERTARIO i2009.

51
3. POUSO35
Das POUSO-Projekt der Stadtverwaltung soll informelle städtische Teilräume durch
Regulierung nach dem städtischen Baugesetz in die formelle Stadt integrieren. Die Orientie-
rungsposten befinden sich in vielen größeren Favelas (u. a. auch in Rocinha und Vidigal).
Einer der Schwerpunkte des Projekts ist die Kontrolle der flächenmäßigen Expansion der Fa-
vela und im Speziellen das Unterbinden der Besiedlung von geomorphologischen Risikoge-
bieten.

4. Nichtregierungsorganisationen
In zahlreichen Favelas gibt es Nichtregierungsorganisationen. Die Arbeitsschwerpunkte
der NROs liegen meist in Bildungsprojekten, sowohl für Kinder als auch Erwachsene, die
z.B. Lernnachhilfe, Alphabetisierung, Vorbereitung auf Aufnahmeprüfungen der Universitä-
ten, Fremdsprachen, Informatik und auch Umweltbildung umfassen. Hinsichtlich der Wohnsi-
cherheit, insbesondere im direkten Zusammenhang mit gravitativen Massenbewegungen in
Rio de Janeiro, sind mir jedoch keine Projekte von NROs bekannt.

5. Die betroffenen Bewohner


Im Sinne der zugrundegelegten Idee eines durch Bildung und Partizipation der betroffe-
nen Menschen nachhaltigen Risikomanagements muss auch die Risiko mindernde Aktion der
Bewohner als Teil des Risikomanagements angesehen werden. Dazu mehr in Kapitel D.

b. Raumplanerische Werkzeuge
1. Schutzzonen, Reglementierungen
Neben den Nationalparks, in denen die Besiedlung grundsätzlich verboten ist, gehören
in Brasilien die áreas de proteção ambiental (APA; dt.: Umweltschutzgebiete) zu den häufigs-
ten Schutzzonen. Da besonders in Rio de Janeiro die illegalen Marginalsiedlungen – die Fave-
las – oft in Naturschutzgebieten liegen, stellt sich die Frage, inwieweit die Respektierung der
Schutzgebiete kontrolliert werden kann. Um die weitere Ausbreitung der Siedlungsfläche in
bewaldete Naturschutzgebiete oder von Rutschungen bedrohte Hänge zu verhindern, bringt
die Stadtverwaltung Rio de Janeiros seit einigen Jahren in Risikogebieten in Favelas Absperr-
seile, sogenannte eco-limites an (Abb. 11). Diese werden in manchen Favelas respektiert, in

35
Posto de Orientação Urbanística e Social – dt.: Soziale und urbanistische Orientierungsstelle.

52
anderen nicht, was zum einen vom jeweiligen vorherrschenden Bevölkerungsdruck, zum an-
deren von der Präsenz der öffentlichen Verwaltung abhängt. 2008 beschloss der Gouverneur
des Bundesstaates Rio de Janeiro Sergio Cabral mit der Unterstützung des Bürgermeisters
Eduardo Paes die Errichtung von Mauern um die Favelas mit dem Ziel, deren Ausbreitung zu
verhindern und die APAs zu schützen36. In der Favela Dona Marta (Botafogo) wurde Anfang
2009 mit dem Bau einer solchen Mauer begonnen. Das Vorhaben wird seitdem sehr emotional
diskutiert, es ist von einer „Schandmauer“ die Rede, die mit der Berliner Mauer und Israels
Terrorabwehrmauer gleichgesetzt wird 37.

Abbildung 11: Eco-limite mit Hinweisschild: "Risiko- und Schutzgebiet"; Photographie: Benjamin
Jakober.

36
Solche Mauern sind zunächst in den Favelas Rocinha, Dona Marta (Botafogo), Benjamin Constant (Urca),
Parque da Cidade (Gávea), Morro dos Cabritos und Ladeira dos Tabajaras (Copacabana), Morro da Babilônia
und Chapéu Mangueira (Leme), Cantagalo (Ipanema), Pavão-Pavãozinho (Ipanema) und Vidigal (Leblon)
vorgesehen. All diese Favelas liegen in der wohlhabenden Zona Sul der Stadt.
37
Zum Beispiel: http://diariodorio.com/o-muro-da-vergonha-criando-guetos-no-rio-de-janeiro/ und
http://www.rocinha.org/2009/04/25/o-muro-da-vergonha/

53
2. Wiederaufforstungsprogramme
Schon im 19.Jh war erkannt worden, dass die Vegetationsdecke der Hänge im Stadtbe-
reich sowohl für die Wasserversorgung und den Schutz vor Überschwemmungen, als auch für
die Stabilität der Hänge von großer Bedeutung ist. Daher veranlasste Kaiser Pedro II. schon
im Jahr 1862 die Wiederaufforstung an Teilen des Tijuca-Massivs (BARROS 1992:36).
Durch die informelle Besiedlung im 20. Jh. verloren jedoch vieler der Hügel ihre Vege-
tationsdecke wieder. So wurde 1986, um unter anderem dem Risiko von gravitativen Massen-
bewegungen an den bewohnten Hängen Rio de Janeiros entgegen zu wirken, das „programa
de reflorestamento e preservação de encostas“ (dt.: Programm für Wiederaufforstung und
Schutz von Hängen) ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt stehen partizipatorische Projekte, so-
genannte mutirões. Die Bewohner von Favelas sollen direkt an der Ausführung der Projekte
mitwirken um dadurch für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur sensibilisiert zu werden.
Meist werden in der jeweiligen Favela befristete Arbeitsstellen an Ortsansässige vergeben, die
dann von fachkundigen Mitarbeitern der Prefeitura (dt.: Stadtverwaltung) Einweisungen, Ge-
räte und Setzlinge erhalten. Die vorgesehene aufzuforstende Fläche beträgt insgesamt ca.
18.000 ha, bis 2008 wurden nach Angaben der Prefeitura über 2060 ha mit nativen Bäumen
des Atlantischen Regenwaldes bepflanzt (RODRIGUES i2008). In der Regel werden die Projek-
te 5 Jahre lang betreut, nach dieser Zeit erreicht die Vegetationsdecke eine ausreichende Stabi-
lität (TELLES 1996:50). In der Südzone der Stadt sind die Erfolge des Programms heute deut-
lich zu sehen (Abb.12).

54
Abbildung 12: Der Morro Dois Irmãos mit der Favela Vidigal vor (1990) und nach (2008) dem „projeto mutirão
de reflorestamento“;
Quellen: http://farm4.static.flickr.com/3165/3063000552_80890bd8d9_b.jpg und
http://farm4.static.flickr.com/3056/3062157381_ebb96eb38f_b.jpg; Zugriff am 15.6.2009.

55

1990
c. Der Ablauf des Risikomanagements bei gravitativen Massenbewegungen
Von 2004 bis 2005 erarbeitete das Geo Rio einen Aktionsplan für die Risikominderung
in 32 Risikosektoren, allesamt in Favelas gelegen. Diese wurden kartiert, geo-technisch unter-
sucht und auf mögliche Risikominderungsmaßnahmen geprüft und stellen bis heute (2009)
den Hauptfokus des präventiven technischen Risikomanagements dar. Dabei wurde versucht,
das Risiko bestmöglich zu quantifizieren. Die klassische Risikoformel

r=p*s

(r = Risiko, p = Wahrscheinlichkeit, s = möglicher Schaden)


wurde durch einen weiteren Faktor Fi, den ‚Interventionsfaktor„ erweitert, der sich nach
bereits durchgeführten Stabilisierungsmaßnahmen im Sektor richtet und das Risiko dement-
sprechend verringert bzw. erhöht. Nun wurde anhand der Eintrittsfrequenz von Rutschungen
im jeweiligen Gebiet versucht, eine Wahrscheinlichkeit für weitere Ereignisse zu berechnen,
sowie ein mögliches Schadenspotential unter Berücksichtigung der Anzahl der betroffenen
Häuser sowie deren Entfernung vom hazard prognostiziert. Der daraus resultierende ‚quanti-
tative Risikoindex„ bestimmt in einem Ranking die Priorität der Durchführung von Risiko-
minderungsmaßnahmen. Auch die fünf in dieser Arbeit untersuchten Risikosektoren sind Teil
jener Zusammenstellung.
Darüber hinaus werden jedes Jahr zahlreiche punktuelle Stabilisierungsmaßnahmen
durchgeführt, ein Teil davon in Form von kurzfristigen Notfallarbeiten bei sehr hohem akutem
Risiko38. In den meisten Fällen melden sich die betroffenen Menschen telefonisch bei der
Defesa Civil, wenn sie Massenbewegungen nahe ihrer Wohnhäuser befürchten oder beobach-
ten, bzw. bereits ein Schaden entstanden ist. Einsatzteams der Defesa Civil begutachten da-
raufhin das Szenario und entschieden, ob sich Menschen in unmittelbarer Gefahr befinden
und möglicherweise temporär an einem anderen Ort untergebracht werden müssen (ist das der
Fall, so wird das Wohnungsamt SMH eingeschaltet). Gegebenenfalls geben sie einen Auftrag
zur näheren Untersuchung an die Hangrutschexperten des Geo Rio weiter.
Von den Geologen und Ingenieuren des Geo Rio wird dann festgestellt, ob öffentliche
Stabilisierungsarbeiten gerechtfertigt sind. Dies hängt in erster Linie davon ab, ob der betrof-

38
Nach einer Analyse von Archivunterlagen des Geo Rio werden pro Jahr durchschnittlich etwa 80 Arbeiten zur
Hangstabilisierung durchgeführt. Die Investitionen variieren stark und hängen von der Größe der jeweils
anstehenden Projekte ab. So liegen die jährlichen Verfügungen des Geo Rio zwischen 10 und 40 Mio. R$
(etwa 4 bzw. 15 Mio. €).

56
fene Bewohner selbst für das vorhandene Risiko verantwortlich ist (z. B. durch nicht adäqua-
tes Abgraben oder Aufschütten für die Errichtung seines Hauses). Bescheinigen die Mitarbei-
ter des Geo Rio dem Bewohner diese Verantwortlichkeit und ist er der einzige Betroffene, der
im Risikogebiet lebt, wird er auf seine Pflicht hingewiesen, dem Risiko durch entsprechende
Maßnahmen eigenverantwortlich entgegenzuwirken. Voraussetzung für weitere Untersuchun-
gen und mögliche öffentliche Maßnahmen ist nun, dass „viele Wohnhäuser oder die Zugangs-
straßen bedroht sind“39 (Mitarbeiter des Geo Rio im Gespräch mit mir). Ob letztendlich dann
aber tatsächlich Gelder für Stabilisierungsmaßnahmen freigegeben werden, hängt vom jewei-
ligen geschätzten Kosten/Nutzen-Verhältnis ab. Übersteigen die wahrscheinlichen Kosten der
Arbeiten den Wert der betroffenen Häuser, so gilt das entsprechende Gebiet als nicht bewohn-
bar und zu risikoreich. In diesem Fall versucht man nun, die Bewohner mit der Aussicht auf
Entschädigungszahlungen dazu zu bewegen, freiwillig umzuziehen. Tun sie dies nicht, kön-
nen sie wenn nötig auch gewaltsam umgesiedelt werden 40. Auch für solche Umsiedlungen ist
das Wohnungsamt SMH zuständig, das angehalten ist, die umzusiedelnden Menschen mög-
lichst in der Nähe ihres sozialen Umfeldes und innerhalb derselben Favela unterzubringen
(FIGUEIREDO 1994:41).

d. Hürden für das Risikomanagement


Die fortgesetzte Besiedlung von dafür ungeeigneten Gebieten stellt die größte Schwie-
rigkeit für das Risikomanagement dar. Bei bereits 1020 Favelas im Stadtgebiet von Rio de
Janeiro und weiterhin unzureichender Wohnalternativen für große Teile der sozialen Unter-
schicht scheint eine effektive Kontrolle dieser Gebiete nahezu unmöglich. Das Hauptproblem
ist somit struktureller Art: Letztendlich verursacht die soziale Ungleichheit, dass Menschen
sich gezwungen sehen, in einem Risikogebiet zu leben. Solange Staat und Gesellschaft diesen
Menschen keine Wohnalternative bieten kann, wird auch das Risikoproblem nicht zu lösen
sein.
Auf der lokalen Ebene wirken die zuvor beschriebenen Kriterien, wann Stabilisie-
rungsmaßnahmen gerechtfertigt werden, dem Risikomanagement entgegen. Denn die für klei-

39
Dabei wird nicht näher definiert, was ‚viele„ genau bedeutet.
40
Dabei wird sich auf den Plano Diretor bezogen, der es grundsätzlich verbietet, Menschen aus Favelas gegen
ihren Willen umzusiedeln, ausgenommen sie bewohnen ein Risikogebiet (siehe S.42).

57
nere Risikoszenarien verantwortlich gemachten Bewohner haben nur selten Zeit und Geld, um
das entsprechende Risiko selbst zu entschärfen. Meistens bleibt in solchen Fällen das Risiko-
szenario bestehen, bis es zu einem Unfall oder einer zusätzlichen Steigerung des Risikos
kommt (Mitarbeiter des Geo Rio im Gespräch mit mir).
Eine große Hürde für eine nachhaltige Minderung des Rutschungsrisikos in Favelas
dürfte aber auch im Managementsystem selbst liegen. Trotz der jahrzehntelangen Erfahrung,
wissenschaftlichen angewandten Beschäftigung mit gravitativen Massenbewegungen funktio-
niert die Kooperation zwischen den verschiedenen involvierten Institutionen (allen voran
Defesa Civil und Geo Rio), vor allem was das Thema Information und Umweltbildung be-
trifft, äußerst dürftig.

„Das Problem ist, dass die eine Hand oft nicht weiß, was die andere tut. Es fehlt an
Kooperation und langfristigen Projekten“ (Mitarbeiter der Defesa Civil im Gespräch
mit mir).

Ein Beispiel: Das Geo Rio hat Informationsbroschüren für die betroffene Bevölkerung
publiziert, fühlt sich aber nicht zuständig für deren Aushändigung (und ist es tatsächlich auch
nicht). Mangels Kontinuität und Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Institutionen, die
für Umweltbildung zuständig sind (Defesa Civil, Umweltamt, etc.) lagern die Informations-
broschüren heute palettenweise unbenutzt in den Kellern des Geo Rio.
Mitarbeiter des Geo Rio beklagten darüber hinaus, dass Sparmaßnahmen die Nutzung
modernerer Techniken verhinderten. Das Geo Rio benutzt ein GIS für die elektronisch- karto-
graphische Erfassung risikorelevanter Daten, das weit hinter den Fähigkeiten anderer aktueller
GIS-Software liegt. Auch das Fehlen von GPS-Modulen für die Begehungen, welche die Da-
ten für das GIS präzisieren würden, wurde bemängelt. Nicht zuletzt bremsen Sparmaßnahmen
die Durchführung der 32 ausgearbeiteten Risikosektoren. Die meisten dieser Szenarien bedür-
fen dringender Umsetzung von Stabilisierungsmaßnahmen oder Umsiedlungen, wofür aber
nach Angaben des Geo Rio ca. 22,4 Mio. R$ fehlen (O Globo z2009
In den Operationsgebieten selbst, die ja in den meisten Fällen in Favelas liegen, ist die
territoriale Gewalt der Drogenkommandos eine weitere Hürde für das Risikomanagement. So
können Mitarbeiter der Defesa Civil oder des Geo Rio die meisten Risikogebiete in Favelas
nicht ohne vorherige Ankündigung, ohne direkte oder indirekte Erlaubnis des Drogenbosses
oder ohne ortskundige Begleitung betreten. Immer wieder werden Stabilisierungsmaßnahmen,
darunter auch jene, die in den im folgenden Kapitel vorgestellten Risikosektoren in Vidigal

58
durchgeführt werden sollten, aufgrund von Sicherheitsbedenken verschoben (vgl. GEO RIO
g2004d und g2004e).

„Es kam schon vor, dass Einsatzwagen der Defesa Civil beschossen wurden, als sie
die Favelas hochfuhren. Deswegen wurden alle Fahrzeuge orangefarben lackiert, um
auf keinen Fall mit Polizeiautos verwechselt zu werden“ (Mitarbeiter der Defesa Civil
im Gespräch mit mir).

59
D. RISIKOWOHNEN - FALLUNTERSUCHUNG ZU WAHRNEHMUNG UND
MANAGEMENT DES RISIKOS VON GRAVITATIVEN MASSENBEWEGUNGEN IN
FAVELAS

Abbildung 13: Die Untersuchungsgebiete; Kartierung: Benjamin Jakober.

In diesem Kapitel werden die Ergebnisse der Falluntersuchung vorgestellt, die in fünf
verschiedenen Risikosektoren stattfanden. Mithilfe eines dafür ausgearbeiteten Fragebogens
wurden insgesamt 39 Menschen interviewt, die alle in aktuellen Risikogebieten leben. Darü-
ber hinaus wurden Projekt- und Besichtigungsberichte des Geo Rio für die Beschreibung des
geo-technischen Risikos und die Betrachtung der Vorgeschichte von Unfällen im jeweiligen
Sektor konsultiert. Kurze Leitfrageninterviews mit Mitarbeitern der Bewohnervereine brach-
ten zusätzliche Informationen zur Bewertung des Risikomanagements. Da die untersuchten
Gebiete sich sowohl in sozioökonomischer als auch in Hinsicht der Risikoszenarien vonei-
nander unterscheiden, werden sie in diesem Kapitel nacheinander vorgestellt. Um die spezifi-
schen Verwundbarkeits- und Bewältigungsfaktoren der betrachteten Risikosektoren zu be-

60
leuchten, werden nun die in Kapitel B. vorgeschlagene Methodik aufgegriffen und die folgen-
den Punkte beleuchtet:

 Geographische Nähe zum hazard


 Soziale Merkmale der betroffenen Gruppe
 Kapazitäten der Selbsthilfe hinsichtlich des Schutzes gegen hazards,
einschließlich des Zugangs zu Hilfsmitteln und Information
 Bereitstellung von Vorsorgemaßnahmen seitens der Gesellschaft (Staat,
Verwaltung). (vgl. WEICHSELGARTNER 2002:177)

Die Gliederung für jeden Risikosektor gestaltet sich wie folgt:


Vorstellung der geographische Fakten und der historischen Entwicklung, Interventionen
der öffentlichen Hand und allgemeinen sozioökonomischen Merkmale der Favela.
Das allgemeine Risiko von gravitativen Massenbewegungen und Aspekte des lokalen
Risikomanagements in der jeweiligen Favela, basierend auf der Auswertung von insgesamt
376 Besichtigungsberichten aus dem Archiv des Geo Rio.
Darauf folgen die Vorstellung der geomorphologischen und risikorelevanten Eigen-
schaften des entsprechenden Risikosektors und die Beschreibung des Szenarios. Ebenso wer-
den Faktoren der sozialen Verwundbarkeit besprochen, um diese später mit den Ausprägungen
der Risikowahrnehmung zu kontextualisieren. Diese stützen sich zum einen auf die im Jahr
2000 vom brasilianischen Bundesamt für Geographie und Statistik (IBGE) durchgeführte
Studie zur Entwicklung des „Index der sozialen Entwicklung“ (IDS)41. Zum anderen soll sich
die Diskussion zu Marginalisierung und Verwundbarkeit zusätzlich auf eigene Beobachtungen
während der Befragungen stützen (die häufig innerhalb der Wohnungen stattfanden, wo ich
mir einen oberflächlichen Eindruck über den sozialen Status der jeweiligen Familie machen
konnte), da Statistiken und Indizes wie der IDS oft den Anspruch haben, von relativ kleinen

41
Bei näherer Betrachtung der Indikatoren des IDS werden verschiedene Fragen aufgeworfen. So liegt z.B. in
den meisten Favelas der Prozentsatz der Haushalte, die durch „angemessenen Müllsammeldienst“ bedient
werden, bei 100%. Dabei wird nicht näher erörtert, was genau unter einer angemessenen Müllabfuhr zu
verstehen ist. Denn in vielen Favelas gibt es lediglich eine einzige Müllsammelstelle, zumeist am Rande der
Siedlungen gelegen, zu der die Bewohner ihren Müll selbst bringen müssen. Der Grund dafür ist, dass - vor
allem in die am Hang liegenden Favelas - die Straßen für die Müllabfuhr unbefahrbar sind. Viele Bewohner
müssen daher weite, z.T. beschwerliche Wege auf sich nehmen, um ihre Hausabfälle zu den Sammelstellen
zu bringen. Da jedoch bei nahezu allen Favelas der Protzentsatz der durch die öffentliche Müllabfuhr
bedienten Haushalte bei 100% liegt, wird die Statistik in sich nicht verfälscht.

61
Stichproben auf die Allgemeinheit zu schließen und beispielsweise soziale Unterschiede in-
nerhalb der Favelas nicht illustrieren können.
Anschließend wird die Wahrnehmung der Experten – in Gestalt des quantitativen Risi-
koindex (QRI), den das Geo Rio aus den Faktoren Wahrscheinlichkeit (P), Konsequenzen (C)
und bereits verwirklichten Interventionen (Fi) – der Risikowahrnehmung der Bewohner je-
weils voran- und gegenübergestellt. Das Geo Rio benutzt keine Skala für die Werte des QRI,
sie dienen in erster Linie für den Vergleich der Risikosektoren und die Beurteilung von Priori-
täten bei der Vergabe von Interventionsaufträgen. Grundsätzlich wird aber qualitativ für alle
Risikosektoren ein hohes Risiko angenommen. Um die Expertenwahrnehmung mit der Be-
völkerungswahrnehmung zu vergleichen und fundierte Kritik zu ermöglichen, wird die Be-
rechnung des als objektiv betrachteten QRI aufgeschlüsselt.
Die nun folgende Auswertung der mit dem Fragebogen geführten Interviews von Be-
wohnern der Risikogebiete gliedert sich nach den Themenschwerpunkten

 Kenntnisse und Erfahrungen


 Risikowahrnehmung und Sicherheitsempfinden
 Risikobewältigung und –management

I. Sítio do Pai João


a. Lage
Die Favela Sítio do Pai João liegt am südwestlichen Rand des Tijuca-Massivs im Ober-
schichten-Stadtteil Itanhangá. Die Gegend gehört zur Zona Oeste Rio de Janeiros, der XXIV.
Verwaltungsregion (Barra da Tijuca) und der Raumplanungseinheit AP-4. Sítio do Pai João
schmiegt sich an den Osthang der Pedra do Itanhangá. Auf der östlichen Seite grenzt die Fa-
vela an die Estrada do Itanhangá, die Itanhangá mit dem Stadtteil Jacarépaguá verbindet.

b. Geschichte und Bevölkerungsentwicklung


Sítio do Pai João gehört zu den relativ jungen Favelas der Stadt. Nach Angaben des
SABREN42 (i2009) entstand sie in den 1970er Jahren, als sich dort Angestellte des angren-
zenden Itanhangá Golf Club niederließen. Mit dem Wachstum der im Westen liegenden Stadt-
teile Barra da Tijuca und Jacarepaguá stieg auch das Angebot an Arbeitsplätzen, woraufhin

42
Sistema de Assentamento de Baixo Renda – dt.: System der Niedriglohn- Siedlungen, Online-Präsenz der Stadt
Rio de Janeiro.

62
die Favela im Laufe der Jahre stetig anwuchs und neben Angestellten des Golfclubs haupt-
sächlich Menschen beherbergte, die in den nahen Luxus-Condomínios als Haushälterinnen,
Gärtner oder Sicherheitsleute arbeiteten.
1980 lebten 131 Menschen in 30 Häusern. Diese Zahl wuchs bis 1991 auf 173 Men-
schen in 38 Häusern an. Von da an setzte ein deutlich rasanteres Wachstum ein, sodass die
Favela im Jahr 2008 742 Bewohner und 204 Wohneinheiten zählte (SABREN i2009;
PREFEITURA DA C IDADE DO RIO DE JANEIRO i1998). Analog dazu erweiterte sich die Siedlungs-
fläche von 3,53 ha (1991) über 5,56 ha (1999) bis 7,3 ha (2008) (SABREN i2009).

c. Der Staat in Sítio do Pai João


Im Rahmen des Bairrinho-Programms (Favela-Bairro-Programm für kleine Favelas mit
100-500 Wohneinheiten) wurden einzelne Maßnahmen, wie die Verbesserung des Drainage-
und Abwassersystems, durchgeführt. Im Zusammenhang mit dem geomorphologischen Risiko
führte die öffentliche Hand, neben den korrektiven Aufräum- und Umsiedlungsaktionen nach
der Katastrophe von 1996, ein Aufforstungsprojekt am Hang der Pedra do Itanhangá durch.
Ein Team von fünf Bewohnern der Favela arbeitet in Vollzeit als Angestellte der Stadt an der
Wiederherstellung der Vegetationsdecke.

d. Sozioökonomische Aspekte
Die Präsidentin der associação dos moradores (dt.: Bewohnerverein) Maria Wanderley
bestätigte die Angaben des IPP, wonach alle Haushalte über fließend Wasser, angemessene
Abwasserleitungen und Strom verfügen (vgl. IPP i2008). Der Müll wird an einer Sammelstel-
le am Eingang der Favela, der direkt an der Estrada do Itanhangá liegt, abgeholt.
Das Institut für Urbanismus (IPP) gibt für die Favela Sítio do Pai João einen IDS von
0,574 an. Damit liegt die Favela auf Rang 2 im innerstädtischen Vergleich und zählt zu den
am besten entwickelten Marginalsiedlungen Rio de Janeiros. Der vergleichsweise gute Wert
lässt sich in erster Linie auf die relativ geringe Analphabetenquote von 2,7% und den geringen
Anteil von Personen, die weniger als zwei Mindestlöhne pro Monat verdienen (21,08%) zu-
rückführen (IPP i2008). Dennoch bietet das benachbarte Viertel Barra da Tijuca, das „Miami“
Rio de Janeiros mit seinen zahlreichen condomínios und einem IDS von 0,795 (Rang 6 im
Vergleich aller Stadtteile von Rio) einen sehr deutlichen sozioökonomischen Kontrast.

e. Das Risiko durch gravitative Massenbewegungen


Der größte Teil der Favela Sítio do Pai João liegt in geo-technisch risikoreichem Ge-

63
biet. Dabei spielen zwei Hauptszenarien eine Rolle: Erstens besteht ein Risiko des Abrut-
schens von Erdmassen oberhalb der Häuser, die diese beschädigen oder sogar mitreißen kön-
nen. Zweitens können sich Stücke der Felsspitze des Pedra do Itanhangá durch Verwitte-
rungsprozesse lösen, den fast senkrechten Hang hinabstürzen und darunterliegende Häuser
beschädigen. In der Vergangenheit kam es in Sítio do Pai João zu zwei Ereignissen, die dem
ersten Szenario zuzuordnen sind. Während der extremen Regenfälle am 13. Februar 1996
(200mm innerhalb von acht Stunden (BRANDÃO 1996:33)) rissen abgleitende Erd-, Müll- und
Schuttmassen zahlreiche Häuser mit sich. Bei der Katastrophe kamen 21 Menschen ums Le-
ben, 25 Häuser wurden vorübergehend gesperrt. Als Ursachen wurden zum einen die blanken,
im Laufe der Zeit fast vollständig abgeholzten Hänge der Pedra do Itanhangá, zum anderen
die vielen Abgrabungen und Aufschüttungen für den Häuserhang am steilen und ohnehin sehr
erosionsanfälligen Hang festgestellt. Daraufhin ließ das Geo Rio eine Bebauungsgrenze (eco-
limite) in Form von Stahlpfeilern und diese verbindenden Stahlseile unterhalb der Risikozone,
etwa 100m vom Eingang der Favela entfernt, anbringen. Alle sich oberhalb dieser Grenze
befindenden Häuser wurden beseitigt, deren Bewohner erhielten Entschädigungen und die
meisten von ihnen zogen in die nahe gelegene Favela Rio das Pedras. 2003 kam es zu einem
Erdrutsch kleineren Ausmaßes, bei dem ein Haus leicht beschädigt und daraufhin gesperrt
wurde.
Es ist zum einen auf die gute Übersichtlichkeit der kleinen Favela, welche sowohl der
associação dos moradores als auch der Stadtverwaltung eine relativ gute Kontrolle und Un-
terbindung weiterer Ausbreitung der Favela ermöglicht, zum anderen auf die im kollektiven
Bewusstsein der Bewohner sitzende Katastrophe von 1996 zurückzuführen, dass die eco-
limites seit 1996 respektiert werden. Das Wachstum der Favela vollzog sich hauptsächlich in
der Ebene, in paralleler Stoßrichtung zur Estrada do Itanhangá, und auf den Freiflächen zwi-
schen den Häusern.

64
f. Der Risikosektor Pai João
1. Allgemeines

Abbildung 14: Schematische Darstellung des Risikos im Sektor Sítio do Pai João; Eigene Zeichnung nach
Daten des Geo Rio.

Nach Angaben des Geo Rio konnte seit den Umsiedlungen und der Markierung von Ri-
sikozonen nach der Katastrophe von 1996 das Risiko von Erdrutschen in der Favela Sítio do
Pai João deutlich gesenkt werden. Obwohl mögliche Rutschungen mit negativen Folgen für
die Favela nicht ausgeschlossen werden können, sind momentan keine Stabilisierungsmaß-
nahmen des Hanges geplant. Ein Sonderfall betrifft ein aus Holz gebautes Haus, das etwas
abseits vom übrigen Siedlungsgebiet und am Rande eines periodischen Gerinnes registriert
wurde und daher, vor allem bei starken Niederschlägen, einem hohen Risiko des Abrutschens

65
ausgesetzt ist. Aufgrund der nicht vorhandenen Infrastruktur, der prekären baulichen Qualität
und der hohen Kosten erforderlicher Stabilisierungsmaßnahmen, die lediglich einem Men-
schen nützen würden, beschloss das Geo Rio den Abriss des Hauses und die Umsiedlung des
Bewohners.
Ein anderes Risikoszenario im selben Sektor schwebt wie ein Damoklesschwert über
den Bewohnern der Häuser, die sich in unmittelbarer Nähe des Fußes des Pedra do Itanhangá
befinden. Vom Gipfel des 212m hohen Gneisfelsen drohen sich Stücke zu lösen, die größer als
10 m³ sind und die darunter liegenden Häuser stark beschädigen könnten (siehe Abb. 14). Im
Risikosektor leben insgesamt 23 Menschen in 7 Haushalten und 6 Häusern.

2. Marginalisierung und Verwundbarkeit


Für diese Arbeit werden nur die Bewohner der von Felssturz bedrohten Häuser berück-
sichtigt. Der allein lebende Bewohner des Holzhauses im erdrutschgefährdeten Bereich konn-
te während der Feldforschung nicht angetroffen werden. Die betroffenen Häuser sind, nach
Beurteilung von Ingenieuren des Geo Rio, allesamt in einem „vernünftigen“ architektonischen
Zustand. Da die Stabilität und Bauweise eines Hauses bei einem möglichen Einschlag von
Felsstücken aus einer Fallhöhe von mehr als 100m ein zu erwartendes Schadenszenario kaum
beeinflusst, muss für die Häuser im Risikosektor aufgrund der deutlichen Exposition von ei-
ner hohen physischen Verwundbarkeit ausgegangen werden.
Mit drei Bewohnern pro Haushalt entspricht die Haushaltsgröße im Risikosektor dem
Durchschnittswert der Favela. Aufgrund von Beobachtungen während der Interviews (sehr
kleine Wohnflächen von 20-30 m², wenig Wohnungseinrichtung, etc.) und der Faustregel, dass
in den Favelas die ärmsten Menschen meist an den höchsten Punkten leben, kann verallge-
meinert festgestellt werden, dass die Bewohner des Risikosektors im internen Vergleich zu
den sozial Schwächeren gehören. Dass alle Befragten den mühevollen Aufstieg bis zu ihren
Häusern als den dringendsten Negativaspekt ihres Wohnortes nannten, unterstreicht diese
Vermutung.
Eine Besonderheit in Sítio do Pai João ist die Tatsache, dass es dort keinen offenen
Drogenhandel gibt. Patrouillierende Drogensoldaten, Auseinandersetzungen und Territorial-
kämpfe mit der Polizei oder befeindeten Fraktionen gibt es in dieser Favela nicht. Der Grund
dafür liegt in der geringen Siedlungsgröße und der guten Übersichtlichkeit, die keine strategi-
schen Rückzugsgebiete oder offenen Drogenverkauf zulassen.
Die für eine fundierte Analyse der sozialen Verwundbarkeit benötigten Daten sind leider

66
nicht vorhanden, dennoch darf ob der vorangegangenen Feststellungen von einer ver-
gleichsweisen erhöhten sozialen Verwundbarkeit gegenüber verschiedenen alltäglichen Risi-
ken ausgegangen werden.

g. Risikowahrnehmung und -management


1. Die Wahrnehmung der Experten
Da sich in Sítio do Pai João bisher keine Unfälle mit ähnlichem Bewegungstypus ereig-
net haben, greift das Geo Rio für die Berechnung der Unfallfrequenz auf Daten aus dem Risi-
kosektor Toja Martinez zurück, der ein ähnliches Risikoszenario aufweist. Dort ereigneten
sich in den letzten 40 Jahren 5 Massenbewegungen von rollenden oder fallenden Gesteinsbro-
cken. Diese Vorgehensweise spiegelt deutlich den physisch-architektonisch ausgerichteten
Untersuchungsansatz des Geo Rio wieder, für den sozioökonomische Merkmale und Unter-
schiede keine Rolle spielen. Das Geo errechnet das Risiko für den Sektor folgendermaßen
(GEO RIO g2004b:12):

 Die Wahrscheinlichkeit (P):


o Unfallfrequenz (5 Unfälle in 40 Jahren → 5/40 = 0,125),
o Wahrscheinlichkeit, dass sich Bewohner zum Zeitpunkt einer Massenbewegung
zuhause befinden (0,6 per Definition)
o Verhältnis der Anzahl von Häusern im Risikogebiet und der Anzahl von potentiell
beschädigten Häusern (1/6 = 0,17).

Daraus ergibt sich für P = 1,28%.

 Der Faktor für die zu befürchtenden Schäden (C) liegt in diesem Fall bei 1, was be-
deutet, dass im Falle eines hazard-Ereignisses das betroffene Haus komplett zerstört
würde.
 Der Interventionsfaktor (Fi) liegt, da bisher keine Risiko mindernden Interventionen
im Sektor stattfanden, bei 1.

Daraus ergibt sich ein QRI von 0,0125.

Wegen der hohen Kosten eventueller Stabilisierungsmaßnahmen, des hohen zu erwar-


tenden Schadensszenarios und der relativ wenigen Familien, die von Stabilisierungsmaßnah-
men profitieren würden, sieht das Geo Rio die Umsiedlung der sieben Familien und den Ab-
riss der sechs Häuser vor. Darüber hinaus sollen die momentan noch besiedelten Flächen
nach Abschluss der Abrissarbeiten wieder aufgeforstet und oberflächige Drainagekanäle an-
gebracht werden, um auch das Risiko von Erdrutsch weiter einzudämmen. Die geschätzten

67
Kosten dieses Vorhabens belaufen sich auf 300.000 R$ (ca. 115.000 Euro) (ebd.). Obwohl die
Untersuchungen der Geologen und Ingenieure des Geo Rio bereits vor 2004 stattfanden und
der Bericht über den Risikosektor 2004 verfasst wurde, sind - abgesehen von den Wiederauf-
forstungsarbeiten - bis 2009 keine Maßnahmen durchgeführt worden.

2. Risikowohnen – die Wahrnehmung der Bewohner

Erfahrungen und Kenntnisse


Es wurden insgesamt sechs Menschen in sechs verschiedenen Haushalten im Risikosek-
tor befragt. Alle Befragten lebten erst seit Anfang der 2000er Jahre dort, waren also erst einige
Jahre nach der Katastrophe von 1996 nach Sítio do Pai João gekommen. Dennoch hatten die
meisten schon Erzählungen über das Ereignis, das nahe ihrer Wohnhäuser passiert war, ge-
hört. Zwei Befragte hatten jedoch bisher weder von dieser lokalen Katastrophe, noch jemals
von irgendwelchen anderen Massenbewegungen gehört. Selbst war bisher keiner von den
Bewohnern von solchen Unfällen betroffen. Vor diesem Hintergrund waren auch die Reaktio-
nen auf die Frage, ob die Massenbewegungen, von denen sie gehört hatten, sie beeinflusst
haben, einstimmig: Nein - Die Thematik spielt für die befragten Menschen offenbar keine
große Rolle in ihrem Alltag. Dementsprechend hatte es bisher auch noch keiner der Befragten
für nötig befunden, sich Informationen zur Problematik einzuholen. Auch die Selbsteinschät-
zung zur Kenntnis der Thematik fiel relativ bescheiden aus und kann bei einer Durchschnitts-
note von 3 auch vor dem Hintergrund der Annahme, dass sich die Menschen tendenziell eher
überbewerten, als ehrliche Aussage hingenommen werden, die einen Mangel an Wissen über
die Problematik der Massenbewegungen wiederspiegelt.
Bezeichnend ist aber, dass 5 von 6 Befragten bislang keinerlei Informationen von städti-
scher Seite her erhalten hatten. Vor allem in Hinsicht auf das hohe Schadenspotential des Ri-
sikoszenarios, aber auch auf die Tatsache, dass die Bewohner ihre Häuser im Rahmen der
vorgesehenen Stabilisierungsmaßnahmen verlassen werden müssen, ist dieser Mangel an In-
formationsfluss und Kooperationen von Seiten der Stadtverwaltung äußerst bedenklich. Zwar
hängt die Verzögerung des Starts der Maßnahmen im Risikosektor in erster Linie mit den bü-
rokratischen und juristischen Prozessen um die Legalisierung des Umsiedlungsvorhabens, die
Ausschüttung von Entschädigungsgeldern oder die Bereitstellung von Alternativwohnraum
zusammen, doch sollten die Bewohner über die sie betreffenden Angelegenheiten informiert
werden, um die Möglichkeit zu haben, freiwillig ihren Wohnort zu wechseln. Dass die Be-
wohner dies erfahrungsgemäß selten tun, sondern erst auf die Entschädigung des Staates war-

68
ten, ist angesichts der finanziellen Möglichkeiten, der hohen sozialen Verwundbarkeit und der
Vielzahl von anderen existentiellen Risiken bei Favelabewohnern nachvollziehbar. Deshalb
liegt das Hauptproblem in diesem Fall in der Ver- und Hinauszögerung des Entschädigungs-
prozesses, die den Aufenthalt von Menschen in höchst risikoreichen Gebieten verlängert und
deren persönlichen Schaden in Kauf nimmt.

Sicherheit und Risiko


Vor dem Hintergrund dieser Kenntnis- und Informationsdefizite überrascht die Wahr-
nehmung des Risikos im Sektor Sítio do Pai João ein wenig. Zwar leugneten alle befragten
Bewohner eine Gefahr für ihre Häuser. Ebenso gaben alle an, sich zu Hause sicher zu fühlen
(bei einer Enthaltung). Bei der Kontrollfrage nach der Einschätzung des Risikos änderte sich
das Verhältnis aber: Nur noch 2 Befragte leugneten ein Risiko gänzlich. Drei Menschen
schätzten das Risiko als ‚mittel„ und eine Bewohnerin sogar als ‚hoch„ ein. Die Tendenz, dass
die Menschen auf die ‚harte„ Frage nach der konkreten Bedrohung abgeschreckt reagierten
und aber dann bei der Frage zur Risikoschätzung durchaus ein gewisses Risiko ausmachten,
konnte in allen Untersuchungsgebieten festgestellt werden. Erklärungen für dieses Phänomen
könnten sein, dass die Menschen entweder zwar unterbewusst vom Risiko wissen, es aber ob
ihrer Machtlosigkeit und Überlagerungen anderer sozialer Risiken unterdrückt wird, oder
aber, dass sie sich im Laufe der Gespräche tatsächlich zum ersten Mal über die Problematik
Gedanken machten.

3. Risikomanagement
Der fast senkrechte Steilhang der Pedra do Itanhangá macht direkte Maßnahmen zur
Minderung des Risikos an den kritischen, in großer Höhe liegenden Felsstücken für die Be-
wohner unmöglich. Auch die Defizite in der Wahrnehmung des Risikos bzw. der Gefahr als
Voraussetzungen für konsequentes und Risiko minderndes Handeln schließen das selbige wei-
testgehend aus. Immerhin zwei Bewohner gaben an, dass sie hinter und neben ihren Häusern
Drainagegräben angelegt hatten, um Unterspülungen der Fundamente, sowie eintretender
Nässe bei starken Niederschlägen vorzubeugen. In einem Fall wurde der Graben in Selbsthil-
fe, in einem anderen gar mit finanzieller und technischer Unterstützung durch die Stadtver-
waltung angefertigt.
Die Verantwortung für ihre Wohnsicherheit sahen die meisten Einwohner von Sítio do
Pai João bei der Regierung und Stadtverwaltung. Zwei Menschen erklärten, es läge in Gottes
Hand, ob ihnen etwas zustoße oder nicht. Das Risikomanagement der Stadt wurde von fast

69
allen Befragten heftig kritisiert:

„Die Prefeitura tut überhaupt nichts für uns“,

oder

„Die Autoritäten haben uns vergessen, es müssten vielmehr Aktionen stattfinden“


(Bewohner des Risikosektors Pai João).

Die Prefeitura erhielt im Schnitt eine 3,7. Obwohl auch sie Organe der Prefeitura sind,
kamen die Defesa Civil und das Geo Rio weitaus besser davon. Besonders die Defesa Civil
genießt in der Bevölkerung meist große Zustimmung. Deren Arbeit wurde von den Bewoh-
nern mit ‚sehr gut„, die des Geo Rio mit ‚gut„ benotet.

II. Rua Toja Martinez (Vidigal)


a. Lage
Die Favela do Vidigal dürfte eine der auffälligsten und bekanntesten Marginalsiedlun-
gen in Rio de Janeiro sein. Durch ihre markante Lage am Südhang der Felsformation Dois
Irmãos (dt.: Zwei Brüder) ist sie von den bei Einheimischen und Touristen sehr beliebten
Stränden von Ipanema und Leblon aus unübersehbar. Die Favela liegt zwischen den Stadttei-
len Leblon im Osten und São Conrado im Westen, die zu den wohlhabendsten und teuersten
Stadtteilen Rios gehören, am südöstlichen Hang der markanten Dois Irmãos, die sich fast
nahtlos aus dem Atlantischen Ozean erhebt und mit ihren beiden kegelförmigen Gneis-
Gipfeln eine außergewöhnliche Naturkulisse darstellt. Zusammen mit der Favela Rocinha, die
sich an der nordwestlichen Seite der Dois Irmãos befindet, verdeutlicht Vidigal wie kaum eine
andere Favela den Kontrast zwischen Arm und Reich. Sie gehört zu den exemplarischsten
„Störfaktoren“ inmitten des von SOUZA (1993:256 ff.) vorgeschlagenen Strukturmodells der
sozialräumlichen Segregation Rio de Janeiros. Vidigal ist ein eigener Stadtteil, unterliegt der
VI. Verwaltungsregion (Lagoa) und befindet sich in der Raumplanungseinheit AP-2.
Der Name Vidigal ist vermutlich auf den ehemaligen Polizeichef Miguel Nunes Vidigal
zurückzuführen, der im 19. Jh. ein großes Grundstück an der heutigen Stelle der Favela besaß
(MONTEIRO i2004).

b. Geschichte und Bevölkerungsentwicklung


Die erste nennenswerte Besiedlung trat 1891 nach Baubeginn einer Eisenbahnlinie ein,

70
die Botafogo mit dem 193 km entfernten Angra dos Reis verbinden sollte. Aufgrund baurecht-
licher Streitigkeiten wurde der Bau jedoch nach der Erschließung von 800m Trasse einge-
stellt. Ein geeigneter Zugang zur Südseite des Dois Irmãos war dadurch jedoch geschaffen.
Im Jahre 1916 wurde die Küstenstraße Avenida Niemeyer fertig gestellt, die die Stadtteile
Leblon und São Conrado verbindet und etwa 10 m oberhalb der Küste verläuft. Auf einigen
Parzellen oberhalb dieser nun besser befestigten Straße entstanden damals auch Wohnhäuser
der Mittel- und oberen Mittelschicht (SOBREIRA 1989:48).
Während der Zeit der ersten großen Ausbreitung der Favelas in den 1930er Jahren
wuchs auch die Bevölkerung von Vidigal. Vorangetrieben wurde dies in erster Linie durch das
Wachstum der angrenzenden reichen Stadtteile, die ein großes Angebot an Arbeitsplätzen bo-
ten. Vor allem im Baugewerbe herrschte eine enorme Nachfrage nach billigen Arbeitern. Die
Hütten in Vidigal beschränkten sich damals noch auf das Gebiet unterhalb der Avenida Nie-
meyer und reichten teilweise bis zum Meer hinab. Diese erste Favela Vidigal wurde 1950 in
einer dreitägigen Blitzaktion von der Stadtverwaltung beseitigt. Viele der Menschen, die ihre
Wohnungen verloren, suchten daraufhin oberhalb der Avenida Niemeyer neue Häuser zu bau-
en (SABREN i2009; SOBREIRA 1989:49).
Während der umfangreichen Umsiedlungen und Beseitigungen von Favelas durch das
autoritäre Militärregime ab 1964 wuchs Vidigal stark an. So kamen viele Menschen, die in
den nahen Favelas Macedo Sobrinho, Ilha das Dragas, Praia do Pinto und Catacumba ihre
Wohnungen verloren nach Vidigal, da viele in entfernte conjuntos habitacionais umgesiedelt
werden sollten, was meist deutlich erhöhte Lebenshaltungskosten (für Miete, Transport, etc.)
und in vielen Fällen den Verlust des Arbeitsplatzes zur Folge hatte (ebd.). 1977 sollte auch ein
Teil der Favela Vidigal beseitigt werden, wobei neben den offensichtlichen Interessen des
Immobilienmarktes erstmals auch das Argument der Instabilität des Hanges und der Sicher-
heit der Bewohner aufkam. Die meisten betroffenen Bewohner konnten sich dem aber mithil-
fe der associação dos moradores widersetzen (SOBREIRA 1989:52).
1980 lebten bereits 5.721 Menschen in 1.416 Hütten auf ca. 191.480m². Nach Schät-
zungen des IBGE lag die Einwohnerzahl 1996 bei 8.985, im Jahr 2000 bei 9.364 (IBGE
2000). Bei diesen Zahlen muss berücksichtigt werden, dass die offiziellen Schätzungen der
Favelabewohner vermutlich deutlich unter den tatsächlichen Zahlen liegen. So rechnet der
Bewohnerverein von Vidigal heute mit bis zu 60.000 Einwohnern. Die offiziellen Angaben
über die bebauten Flächen sind hingegen wesentlich exakter, da sie meist auf Auswertungen

71
von Luftbildern unter Einbeziehung von GIS basieren. Zwischen 1991 und 1999 wuchs die
Siedlungsfläche noch deutlich von 237.480m² auf 293.116m² an. Während der ersten 5 Jahre
des neuen Jahrtausends stagnierte das Wachstum und erlebte dann bis 2008 wieder einen ge-
ringen Anstieg auf 294.094 m² (SABREN i2009; SOBREIRA 1989:52). Heute zieht sich das
besiedelte Gebiet über die Talus- und Kolluvialhänge bis an die fast senkrechten nackten
Felswände des herausragenden Grundgesteins auf eine Höhe von 250-300m über dem Mee-
resspiegel hinauf.

c. Der Staat in Vidigal


Die FEEMA (Fundação Estadual de Engenharia do Meio Ambiente – dt.: Landesstif-
tung der Umwelt-Ingenieurwissenschaft) führte in Vidigal ab den 1980er Jahren das Projekt
„ecodesenvolvimento“ durch. Es zielte auf eine ökologisch nachhaltige, umwelt- und ressour-
censchonende Entwicklung ab, im Mittelpunkt stand der Ausbau des Wasser- und Abwasser-
netzes. Der Besuch des Papstes Johannes Paul II. im Jahr 1980 in Vidigal rückte die Favela in
den Blick der Öffentlichkeit. Eine erfreuliche Begleiterscheinung war, dass der Besuch die
Stadtverwaltung dazu veranlasste, einige punktuelle Verschönerungsmaßnahmen durchzufüh-
ren.
Im Rahmen des 1993 initiierten Favela-Bairro-Programms wurden in Vidigal dann
zahlreiche Straßen und Wege, Treppen und Plätze angelegt bzw. ausgebaut. Durch die Befes-
tigung von Böschungen und Drainagekanälen wirkte sich das Favela-Bairro-Programm au-
ßerdem positiv auf die Verminderung des Risikos gravitativer Massenbewegungen aus 43.
In Vidigal gibt es seit Anfang 2001 einen POUSO, der für die bau- und eigentumsrecht-
liche Regulierung informell entstandener Häuser zuständig ist (als Weiterführung des Pro-
grammes Morar Legal), sowie bei Angelegenheiten hinsichtlich der Konstruktion von Gebäu-
den und deren technischer Infrastrukturanbindung den Anwohnern beratende Unterstützung
bietet. Wie viele Menschen in Vidigal bereits die Legalisierung ihrer Grundstücke erreichen
konnten, ist mir nicht bekannt. Es handelt sich aber wahrscheinlich um die Mehrheit der Be-
wohner 44. Darüber hinaus achtet der POUSO auf die Einhaltung der eco-limites und versucht,
Neubauten in Risikogebieten zu unterbinden. Eigene Begehungen sowie Auskünfte des

43
Nach Aussagen von Mitarbeitern des Geo Rio.
44
Darauf deutet auch hin, dass sämtliche während der Feldforschung befragte Bewohner angaben, die Häuser
und Grundstücke würden ihnen gehören.

72
Bewohnervereins bestätigten, dass diese Grenzen eingehalten werden.

d. Sozioökonomische Aspekte
Heute verfügt Vidigal über eine vergleichsweise gute infrastrukturelle Ausstattung. Fast
alle Haushalte haben einen adäquaten Wasser-, die meisten Haushalte einen adäquaten Ab-
wasseranschluss (IPP i2008).
Wie in den meisten Favelas sind auch in Vidigal die sozialen Verhältnisse sehr hetero-
gen. Allgemein lässt sich in den an Hängen gelegen Favelas eine sozialräumliche Regelmä-
ßigkeit feststellen: Wenn ein Bewohner einen gewissen sozialen Aufstieg schafft, so tendiert
er dazu, in jene Gebiete am Hang zu ziehen, wo die Wegstrecken und der beschwerliche Auf-
stieg verkürzt werden und mehr Sicherheit vorhanden ist (da Risiken in Form von gravitativen
Massenbewegungen, als auch im Zusammenhang mit den Drogenkämpfen in den flacheren
Gebieten nahe der formellen Stadt in der Regel minimiert sind).
Der Index für soziale Entwicklung (IDS) für Vidigal liegt bei 0,503 (IPP i2008). Im
städtischen Vergleich mit den anderen Favelas Rio de Janeiros liegt Vidigal auf Rang 141 und
gehört damit zu den besser entwickelten Favelas. In starkem Kontrast dazu steht jedoch der
IDS des angrenzenden Stadtteils Leblon, der mit einem Wert von 0,809 den zweithöchsten
IDS der Stadt besitzt (ebd.).
Trotz der relativ großen Anzahl städtischer Interventionen in Vidigal gibt es noch immer
zahlreiche Risikogebiete, meist auf der Mikroebene, d.h. dass nur ein oder wenige Häuser
betroffen sind.

e. Das Risiko durch gravitative Massenbewegungen in Vidigal


Fast das gesamte Gebiet von Vidigal befindet sich an stark abschüssigen Hängen und
gilt daher auf Seiten der Stadtverwaltung als prinzipiell ungeeignet für den Häuserbau. Die
steilen Hänge bilden bereits ohne anthropogene Beeinflussung ein großes Potential für natür-
liche Massenbewegung. Die starke Besiedlung in den letzten 50 Jahren führte an zahlreichen
Stellen zu massiven Sicherheitsproblemen. Für den Gewinn von möglichst breitem ebenem
Baugrund wurden Abtragungen an Böschungen vorgenommen und für die Vergrößerung der
Grundfläche aufgeschüttet, beide sind Einschnitte, die die Hangstabilität enorm verschlech-
tern.
Das Geo Rio hat seit den 1970er Jahren dutzende Stabilisierungsmaßnahmen in Vidigal

73
umgesetzt45, die ebenfalls hauptsächlich die Befestigung von Böschungen und Drainagekanä-
len und darüber hinaus die Beseitigung oder Stabilisierung von kritischen Felsblöcken um-
fassten. Bei einem bedeutenden Anteil der Interventionen des Geo Rio im Stadtteil Vidigal
handelte es sich jedoch nicht um Risikoszenarien, bei denen Bewohner der Favela betroffen
sind, sondern um Stabilisierungsmaßnahmen der Böschungen an der unterhalb der Favela
verlaufenden Straße Avenida Niemeyer.
Die Auswertung der Besichtigungsberichte des Geo Rio in Vidigal aus den Jahren 1978-
2007 erfasste insgesamt 61 Szenarien, bei denen eine unmittelbare Gefahr für die Anwohner
ausging. In 85% der Fälle besichtigte das Geo Rio die entsprechenden Gebiete nach einer
gravitativen Massenbewegung. Bei diesen 51 Rutschungen handelte es sich meist um relativ
geringe Mengen von wenigen Kubikmetern Gesteins- oder Bodenmaterial, bei denen weder
Menschen zu Schaden kamen, noch privates oder öffentliches Eigentum beschädigt wurde,
die aber die Anwohner einer erhöhten Gefahr im Falle weiterer Bewegungen aussetzten. Bei
insgesamt knapp 20% der Unfälle zerstörten abrutschende Erdmassen jedoch mehrere Wohn-
häuser. Offiziell sind 3 Todesfälle erfasst. Bei fast allen Unfällen wurde starker Niederschlag
als direkter auslösender Faktor identifiziert.
In 36 Fällen mussten die in den Gefahrenzonen liegenden Häuser durch die Defesa Civil
gesperrt werden, bis entsprechende Stabilisierungsmaßnahmen das Risiko in hinnehmbarer
Weise reduzierten. Die Bewohner müssen sich unter solchen Umständen für die Zeit der Sta-
bilisierungsarbeiten eine alternative Unterkunft suchen. Ist dies nicht möglich, so muss ihnen
von der Stadt eine temporäre Unterkunft bereitgestellt werden. Sechs Häuser wurden von der
Stadtverwaltung abgerissen. Die betroffenen Bewohner fanden innerhalb der Favela neue Un-
terkünfte.
Die Stabilisierungsarbeiten wurden bis Ende der 1980er Jahre häufiger im Rahmen von
mutirões (partizipatorische Gemeinschaftprojekte), durchgeführt, die die lokale Bevölkerung
in die Ausführung von Aufräum- und Stabilisierungsmaßnahmen mit einbezog und sie da-
durch für die Problematik sensibilisieren sollte. Meistens handelte es sich dabei um die Ent-
fernung von abgerutschtem Material von Wegen und Straßen, also um korrektive Maßnah-
men. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden die Arbeiten zunehmend durch auf die Hangsta-
bilisierung spezialisierte Baufirmen (im Auftrag des Geo Rio) realisiert. Immerhin bei 13%

45
Nach Besichtigungsberichten und Programmplänen des Geo Rio.

74
der festgestellten Risikoszenarien wurde festgestellt, dass die Bewohner selbst durch unsach-
gemäße Abgrabungen oder Aufschüttungen Schuld am vorherrschenden Risiko hätten und
deshalb für die Umsetzung entsprechender Gegenmaßnahmen verantwortlich seien.
Die schweren Regenfälle von 1988 und 1996 hatten auch in Vidigal besonders viele
Hangrutsche zur Folge (es wurden 8 bzw. 6 Ereignisse registriert). Bei den starken Regenfäl-
len von 1996 kam es an der äußerst steilen Westseite der Favela zu einem Abrutschen mehre-
rer Häuser46. Das Gebiet, das teilweise über 40° Neigung aufweist, wurde daraufhin gesperrt,
als Naturschutz- und Risikogebiet gekennzeichnet (APA mit eco-limite) und wieder aufgefors-
tet. Bis heute wurde das dortige Bauverbot eingehalten.
Hinsichtlich der Häufigkeitsentwicklung der gravitativen Massenbewegungen lässt sich
aufgrund der geringen Anzahl keine statistisch korrekte Aussage treffen. Es kann jedoch fest-
gehalten werden, dass die absolute Zahl der Unfälle in den letzten 30 Jahren leicht rückläufig
ist und sich, gemessen an der steigenden Bevölkerungszahl, auch die relative Zahl der Unfälle
pro Einwohner vermindert hat. Es liegt nahe, dass die vielen Hangstabilisierungs- und Drai-
nagemaßnahme des Favela-Bairro-Programms und des Geo Rio hinsichtlich des
Rutschungspotentials mäßigend gewirkt haben.

46
Diese Information basiert ausschließlich auf mündlichen Aussagen von Anwohnern und Vertretern der
Associação de Moradores. Leider waren diesbezüglich keine Printdokumente aufzufinden.

75
f. Risikosektor Toja Martinez
1. Allgemeines

Abbildung 15: Schematische Darstellung des Risikos im Sektor Toja Martinez; Eigene Zeichnung nach
Daten des Geo Rio.

Der Risikosektor liegt in der Rua Major Toja Martinez im nordöstlichen, ehemals mit-
telständischen und am besten urbanisierten Teil der Favela direkt unterhalb der steilen Fels-
wand des Dois Irmãos auf etwa 150m Höhe ü. NN (siehe Abb.15). Im Risikosektor leben ins-
gesamt 96 Menschen in 35 Haushalten und 24 Häusern.
Die Rua Toja Martinez ist durchgehend asphaltiert und mit dem Auto befahrbar. Die
mittlere Neigung des besiedelten Gebiets beträgt ca. 25°, wobei sich die direkt an der Straße
liegenden Häuser auf relativ ebenem Grund befinden, während hinter der ersten Häuserreihe,

76
in Richtung der Felswand, weitaus minderwertigere Bauten an z.T. sehr steilen Hängen zu
finden sind. Die gesamte Gegend um den Sektor befindet sich auf Talus-Ablagerungen und
Kolluvialböden, die vom erodierten und verwitterten Gestein des Dois Irmãos-Felsen stam-
men. Die Verwitterung am kristallinen Grundgestein des Dois Irmãos, das hauptsächlich aus
Gneis, z.T. Granit besteht, ist typischerweise physikalischer und chemischer Natur. Dabei
„schälen“ sich an den Steilwänden Gesteinsplatten seitlich ab, ähnlich den Häuten einer
Zwiebel, was zu den charakteristischen konischen Formen führt (der Zuckerhut ist einer da-
von). An der Felswand oberhalb des betroffenen Risikosektors befinden sich einige solcher
Platten, die sich bereits an ihrer Unterseite teilweise vom Fels gelöst haben. Zudem gibt es ca.
50m oberhalb der Häuser einige stufenartige Absätze an der Felswand, auf denen sich Böden
geringer Tiefe befinden, die mit kleineren Felsstücken durchsetzt und von Vegetation bedeckt
sind. Beide Szenarien stellen ein direktes Risiko für die darunter lebenden Menschen dar. Im
ersten Fall spielt vor allem die Verwitterung durch Temperaturschwankungen eine Rolle, da
der Fels vormittags stark von der Sonne angestrahlt und erhitzt wird, in den Nachmittagsstun-
den jedoch nicht mehr bestrahlt wird und abkühlt. Im zweiten Fall können starke Regenfälle
die mit Boden gefüllten Mulden unterspülen und den Abhang hinab treiben (siehe Abb. 15).

2. Marginalisierung und Verwundbarkeit


Die meisten Häuser im Risikosektor Toja Martinez sind - im Vergleich zu vielen ande-
ren in der Favela - in gutem und stabilem architektonischen Zustand. Die Bebauung ist weni-
ger dicht als in anderen Gebieten, es gibt mehrere Freiräume zwischen und hinter den Häu-
sern, die sowohl als Pufferzonen für eventuell abrutschendes Material dienen können, als auch
den natürlichen Regenwasserabfluss begünstigen. Diese Eigenschaften mindern die physische
Verwundbarkeit der Häuser. Zwischen und hinter diesen Häusern befinden sich auch einige
Gebäude von weitaus minderwertigerer Bauweise, die von möglichen Massenbewegungen
deutlich schwerer betroffen wären.
Die Mehrzahl der Familien im Sektor Toja Martinez lebte augenscheinlich in beschei-
denen, aber vergleichsweise guten Verhältnissen. Alle Interviewten gaben an, seit den Legali-
sierungsinitiativen der Stadtverwaltung über Besitzurkunden für ihre Grundstücke zu verfü-
gen. Sämtliche Familien hatten zuhause Strom und fließend Wasser, die meisten besaßen ver-
schiedene Luxusgüter wie Fernseher, Stereoanlagen und vereinzelt Computer. Die Familien
lagen mit im Schnitt drei Personen pro Haushalt auch im Durchschnitt der gesamten Favela.
Zumeist lebten sie auf wenigen Quadratmetern (zwischen 20 und 30m²) und teilten sich zwei,

77
manchmal sogar nur ein Zimmer. Viele der befragten Bewohner fühlten sich als Marginali-
sierte, einige sprachen dies wörtlich und direkt an, andere wiesen auf die vielen Probleme hin,
mit denen sie sich aufgrund der Folgen der sozialen, politischen und ökonomischen Margina-
lisierung täglich konfrontiert sahen.

„Ich wusste schon, dass wir hier in einem Risikogebiet leben. Ich glaube, wegen der
Geschichte mit dem Drogenhandel. Deshalb zahlen wir hier auch keine Grundsteuer.
Aber von fallenden Steinen habe ich bisher nichts gewusst“ (Bewohner des Sektors
Toja Martinez).

Auf die offene Frage hin, was ihnen an ihrem Wohnort am wenigsten gefalle, antworte-
ten 30% mit „Gewalt im Zusammenhang mit dem Drogenhandel“. Ebenfalls 30% bezeichne-
ten den beschwerlichen und steilen Aufstieg zu ihren Häusern als Nachteil. Das Wohnen am
Hang kann insbesondere die Mobilität älterer Menschen beträchtlich einschränken. Da in der
Regel die Boden- und Mietpreise mit zunehmender Hanghöhe abnehmen, ist das Wohnen am
Hang zugleich Folge und Auslöser von Marginalität.

g. Risikowahrnehmung und Risikomanagement


1. Die Wahrnehmung der Experten
Im Risikosektor Toja Martinez haben sich innerhalb der letzten 40 Jahre insgesamt sie-
ben Unfälle durch gravitative Massenbewegungen ereignet. Von den 24 Häusern, die sich im
Risikosektor befinden kann nach Meinung des Geo Rio bei einem Sturz- oder
Rutschungsereignis wegen der relativ kleinen Volumen der Felsstücke und Erdmassen jeweils
nur ein Haus getroffen werden.

 Die Wahrscheinlichkeit (P) für das Eintreten eines hazards in Form von abstürzenden
Felsbrocken oder Bodenmaterial berechnet das Geo Rio aus den drei Faktoren
o Unfallfrequenz (7 Unfälle in 40 Jahren → 7/40 = 0,175),
o Wahrscheinlichkeit, dass sich Bewohner zum Zeitpunkt einer Massenbewegung
zuhause befinden (0,6 per Definition)
o dem Verhältnis der Anzahl von Häusern im Risikogebiet und der Anzahl von
potentiell beschädigten Häusern (1/24 = 0,042).

und liegt demnach bei 0,44%.

 Der Wert für die zu befürchteten Schäden (C) liegt in diesem Fall bei 0,1, was
bedeutet, dass im Falle eines hazard-Ereignisses leichte Schäden an privatem
Eigentum zu erwarten sind.
 Der Interventionsindex (Fi) liegt, nach einzelnen punktuellen
Stabilisierungsmaßnahmen im Risikosektor, bei 0,7.

78
Daraus ergibt sich ein QRI von 0,00030625 (GEO RIO g2004e:13).

Dieser vergleichsweise niedrige Wert führt dazu, dass das Projekt Toja Martinez in der
Rangliste der anstehenden Maßnahmen des Geo Rio eine relativ niedrige Priorität besitzt.
Dennoch wurde Mitte 2008 mit den aufwändigen Stabilisierungsbauarbeiten begonnen. Das
wichtigste Auswahlkriterium für die Rechtfertigung eines solchen öffentlichen Vorhabens –
die Bedrohung mehrerer Haushalte (in diesem Fall 24) und/oder öffentlicher Wege oder Stra-
ßen – war erfüllt. Die präventiven Stabilisierungsmaßnahmen wurden Mitte 2008 begonnen.
Sie umfassen unter anderem Sicherheitsmauern und Gitternetze, die durch tief ins Gestein
eingelassene Stahlbolzen befestigt werden, sowie oberflächliche Drainagekanäle und soge-
nannte impact-Zonen. Die Kosten des Vorhabens wurden auf 1.500.000 R$ geschätzt (ca.
550.000 Euro) (ebd.). Damit besteht für den Sektor ein nach Ansicht der Stadtverwaltung gu-
tes Kosten-Nutzen-Verhältnis, da die Maßnahmen zwar relativ teuer sind, jedoch viele An-
wohner von ihnen profitieren würden. Umsiedlungen von Bewohnern sind nicht vorgesehen
und sind aufgrund des vergleichsweise geringen Risikos nicht juristisch durchsetzbar.

2. Risikowohnen – die Wahrnehmung der Bewohner

Erfahrungen und Kenntnisse


Fast alle Befragten (9 von 10) hatten schon einmal von mindestens einem Unfall durch
gravitative Massenbewegungen in ihrer Nachbarschaft gehört. Zwei Befragte waren selbst
schon von Felsstürzen betroffen, bei denen die zur Felswand gerichteten Hauswände stark
beschädigt wurden. Interessanterweise gaben die beiden betroffenen älteren Damen mit Stolz
an, dass diese Ereignisse sie in keinster Weise beeinflusst hätten. Dem gegenüber stand die
Hälfte der Anwohner, die noch nie selbst von einem Unfall betroffen waren, aber angab, seit
den Unfällen in der Nachbarschaft wachsamer und vor allem ängstlicher zu sein.
Insgesamt gaben fast alle Befragten zu, sich noch nie selbst über die Problematik infor-
miert zu haben. Ebenfalls 80% hatten bisher keinerlei Information von städtischer Seite erhal-
ten. Lediglich zwei Befragte berichteten von persönlicher Aufklärung hinsichtlich des Risikos
durch Mitarbeiter der Defesa Civil bzw. des Geo Rio. Hier tritt ein deutliches Defizit des städ-
tischen Risikomanagements zu Tage. Die Aufklärung und Information über Risikomechanis-
men und Möglichkeiten der Prävention und Minderung von Risiken, die vom städtischen Ri-
sikomanagement eigentlich als essentielles präventives Mittel angesehen wird, scheint im
Sektor Toja Martinez kaum angekommen zu sein.
Die Schulnoten, die sich die Befragten für ihre Kenntnis über die Mechanismen und die

79
Problematik von gravitativen Massenbewegungen selbst gaben, müssen mit einer gewissen
Vorsicht betrachtet werden (wer gibt sich schon selbst gerne schlechte Noten?). Die Durch-
schnittsnote lag bei einer 3. Auffällig war, dass sich die Menschen, die jegliches Risiko für
sich und ihre Häuser ausschlossen, die besten Kenntnis-Noten gaben. So passt dieses Verhal-
ten vor dem Hintergrund der Wahrnehmungspsychologie in den Interpretationsansatz der
Leugnung von Risiken im alltäglichen Umfeld (vgl. NATHAN 2008:351).

Sicherheit und Risiko


Die recht ‚harte„ Frage, ob sie glaubten, ihr Haus wäre von Erdrutsch oder Steinschlag
bedroht, verneinte mehr als die Hälfte der Befragten. Die meisten Menschen fühlten sich da-
rüber hinaus zuhause „sicher“ oder „sehr sicher“. Bemerkenswert ist, dass sich dieses Ver-
hältnis bei der konkreten Kontrollfrage nach dem Sicherheitsgefühl bei starkem Regen um-
kehrt. Fast alle Befragten gaben an, bei extremen Niederschlägen um ihre Sicherheit zu fürch-
ten. Das Verhältnis der Antworten auf die Frage nach dem geschätzten Risiko im Zusammen-
hang mit Massenbewegungen am jeweiligen Wohnort ist ebenfalls invertiert: Hier sahen sich
einige Befragte, die zuvor eine direkte Bedrohung ausgeschlossen hatten, einem mittleren
Risiko ausgesetzt. Drei Befragte stellten ein hohes Risiko fest. Immerhin drei Menschen blie-
ben bei der Einschätzung, dass für sie und ihre Häuser kein Risiko bestünde.
Ein interessanter Fall betrifft den Bewohner eines Hauses in prekärem Zustand, das di-
rekt an die steile Felswand des Dois Irmãos anschließt und dadurch neben den vorherrschen-
den Risiken durch abstürzende Felsbrocken und Erdmassen, die sich durch die erhöhte physi-
sche Verwundbarkeit des Hauses noch verschärfen, verstärkt dem Risiko einer Beschädigung
durch herabströmende Wassermassen während extremer Niederschlagsereignisse ausgesetzt
ist (siehe Abb. 16). Das Familienoberhaupt, ein angehender Feuerwehrmann, beschäftigt sich
beruflich unter anderem mit der Risikofrage an den Hängen Rio de Janeiros und ist daher gut
informiert und sich der Gefahren bewusst. Da er jedoch mit seinem Gehalt von umgerechnet
etwa 350 Euro im Monat Schwierigkeiten hat, seine Familie (seine Frau, die sich um das Ba-
by kümmert) zu ernähren, blieb ihm keine Alternative, als die billigste Wohnform in Rio de
Janeiro zu wählen: ein Haus in einem Risikogebiet in einer Favela. Diese Tatsache kann als
Beispiel für die zahlreichen Fälle in Rio de Janeiro angebracht werden, in denen Menschen
mangels Alternativen oder durch die Überlagerung anderer (sozialer) Risiken bewusst ein
hohes Risiko eingehen.

80
Abbildung 16: Haus in extrem riskanter Lage; Photographie: Benjamin Jakober.

3. Risikomanagement
Das Risikoszenario im Sektor Toja Martinez schließt wegen der Unzugänglichkeit der
stark abschüssigen kritischen Areale in ca. 50 m Höhe oberhalb der Wohnhäuser direkte Maß-
nahmen zur Risikominderung durch die Bewohner aus. Immerhin die Hälfte der Befragten
gab jedoch zu Protokoll, schon mindestens einmal Maßnahmen ergriffen zu haben. Genannt
wurden etwa die Installation von Pufferzonen zwischen dem Haus und der Felswand für den
Fall abrutschender Erdmassen, oder das Anlegen von einfachen Drainagegräben, um das An-
stauen von Regenwasser und eine mögliche Unterspülung des Fundaments zu vermeiden.
Dies geschah in sämtlichen Fällen vollständig in Selbsthilfe, ohne jegliche beratende, infrast-
rukturelle oder finanzielle Unterstützung seitens der öffentlichen Hand. Ebenfalls zweigeteilt
war die Meinung, wer für die Sicherheit der Bewohner verantwortlich sei. Etwas mehr als die
Hälfte sah die Zuständigkeit für die Risikominderung bei der Stadtverwaltung, 40% hingegen
gaben teils resigniert, teils trotzig an, dass der Bewohner selbst aktiv werden müsse, da man
auf die Unterstützung seitens der Stadt lange warten könne.

81
„Wenn die Prefeitura etwas tut, dann korrigiert sie nur, aber beugt nicht vor“.

„Wir hatten Angst, riefen die Defesa Civil, die ein paar Tage später vorbei kam und
sagte, das Gebiet müsse gesperrt werden. Doch das ist einige Jahre her und es wurde
nichts weiter unternommen“. - (Zwei Bewohner des Sektors Toja Martinez).

Dementsprechend schlecht fallen die Noten für die Stadtverwaltung aus. Im Schnitt ga-
ben die Bewohner der Prefeitura eine 4 und beanstandeten häufig zu wenig Aufklärungsarbeit
hinsichtlich des geomorphologischen Risikos sowie deren mangelndes Engagement für die
Bedürfnisse der Favelabewohner. Da jedoch die (städtischen!) Organe, die tatsächlich für das
Risikomanagement zuständig sind - nämlich die Defesa Civil und das Geo Rio - deutlich bes-
ser benotet wurden (2,3 bzw. 2,6), drängt sich der Verdacht auf, dass das schlechte Abschnei-
den der Stadtverwaltung weniger den Missmut über das städtische Risikomanagement wie-
derspiegelt, als vielmehr eine allgemeine Unzufriedenheit und das Gefühl von Vernachlässi-
gung und Misstrauen illustriert, das viele Bewohner der Favelas gegenüber der öffentlichen
Hand empfinden und das seinen Ursprung in jahrzehntelanger Politik der Ausgrenzung, Um-
siedlungen und polizeilicher Willkür hat. In zwei Fällen jedoch bewerteten die Befragten auch
die Defesa Civil und das Geo Rio sehr negativ. Beide berichteten davon, dass Mitarbeiter des
Katastrophenschutzes vor mehreren Jahren ihre Häuser besichtigt hätten, um ein hohes Risiko
durch Felssturz festzustellen. Den Bewohnern wurde demnach gesagt, sie müssten wahr-
scheinlich ihre Häuser verlassen. Weitergehende Untersuchungen, Informationen oder Maß-
nahmen seitens der Stadt blieben aber aus.
Auch Vertreter der associação dos moradores von Vidigal bescheinigten dem städti-
schen Risikomanagement eine schlechte Arbeit. Bei den punktuellen Maßnahmen würde die
Kooperation insbesondere mit dem Bewohnerverein, aber auch mit den betroffenen Menschen
stark vernachlässigt. Gleichzeitig wurde aber auch auf die städtischen Wiederaufforstungspro-
jekte mit lokalen Angestellten verwiesen, die von beiden Gesprächspartnern der Associação
als positive, die nachhaltige Risikominderung fördernde, Ansätze bezeichnet wurden.

82
III. Regina Pereira (Vidigal)
a. Allgemeines

Abbildung 17: Schematische Darstellung des Risikos im Sektor Regina Pereira; Eigene Zeichnung nach
Daten des Geo Rio.

Im Risikosektor Regina Pereira leben insgesamt 59 Menschen in 15 Haushalten und 10


Häusern. Er liegt am Ende der Rua Regina Pereira am südlichen Rand der Favela Vidigal in
etwa 120m ü. NN. Die 10 betroffenen Häuser befinden sich wenige Meter vom Abhang ent-
fernt, der nahezu senkrecht ca. 70m weit abfällt um in die Avenida Niemeyer zu münden.
Teilweise sind die Häuser von wenigen Metern spärlicher Waldvegetation vom Abhang ge-
trennt.
Das Gebiet befindet sich auf einer Schicht aus rezenten Böden mit einer mittleren Nei-
gung von knapp unter 25° (GEO RIO g2004d). Die Problematik in diesem Sektor ist entschei-

83
dend mit der hohen Erosionsanfälligkeit der vorhandenen Böden verbunden, die deren Abrut-
schen mitsamt den Häusern zur Folge haben kann. Vereinzelte Gesteinsbrocken, die auf der
Bodendecke liegen, verstärken das Risiko wegen ihres Zerstörungspotentials zusätzlich. Ne-
ben den natürlichen Erosionsmechanismen bestehen mehrere anthropogene Faktoren, die eine
gravitative Massenbewegung begünstigen können: Es sind mehrere Ablagerungen von Müll
und Bauschutt vorhanden, die, als Müll-Boden-Gemisch, das Risiko eines Abrutschens zu-
sätzlich erhöhen. Zudem wurde zwischen den Häusern wie auch zwischen der äußersten Rei-
he und der Klippenkante die natürliche Vegetation stark dezimiert. Anstelle der schützenden
Vegetationsdecke pflanzten einige Bewohner Bananenstauden47 an, welche die Hangstabilität
weiter reduzieren können. Außerdem sind mehrere Stellen anzutreffen, wo sich Regenwasser-
rinnsale konzentrieren und Massenbewegungen auslösen können.

b. Marginalisierung und Verwundbarkeit


Im Vergleich zu den Häusern im Sektor Toja Martinez befindet sich die Rua Regina Pe-
reira in einem deutlich ärmeren Teil der Favela. Sämtliche Häuser im Sektor sind in einem
prekären Zustand, was sowohl die allgemeine Bauweise und Erhaltung, als auch die Stabilität
ihrer Stützpfeiler und Fundamente betrifft. Die physische Verwundbarkeit der Bauten muss
daher als vergleichsweise hoch bezeichnet werden.
Die offensichtlichen Indikatoren für die ausgeprägte sozioökonomische Marginalisie-
rung lassen auf eine erhöhte soziale Verwundbarkeit der im Sektor Regina Pereira lebenden
Menschen schließen.

c. Risikowahrnehmung und Risikomanagement


1. Die Wahrnehmung der Experten
Innerhalb des Sektors Regina Pereira wurden in der Vergangenheit zwei Unfälle regis-
triert. 1992 kippte eine Mauer und brachte ein darunter liegendes Haus zum Einsturz. Zwei
Menschen kamen in den Trümmern ums Leben. Dieser Unfall ist nach Angaben des Geo Rio
einzig auf die minderwertige Bauweise zurückzuführen und hat daher keine geotechnische
Relevanz, weshalb er nicht in die Bewertung des Risikos mit einfließt. Der zweite Unfall im

47
Wegen ihres oberflächlichen Wurzelwerkes und ihrer großen Blätter raten das Geo Rio und der
Katastrophenschutz, keine Bananen an Hängen anzupflanzen. Zum einen leiden die Pflanzen bei starkem
Regen wegen der großen Blätter an enormer Krafteinwirkung, welcher das flache Wurzelwerk oft nicht
standhalten kann, zum anderen kann das abgefallene und schwere, sich am Hang ansammelnde Laub die
ohnehin wenig stabilen Bodenschichten zusätzlich destabilisieren.

84
Jahr 2003, bei dem die Erosion der dünnen Bodendecke zu der Unterspülung des Fundaments
eines Hauses führte, spiegelt das aktuelle Risikoszenario im Sektor wieder.
Das Geo Rio quantifizierte das vorherrschende Risiko wie folgt (GEO RIO g2004d:12):

 Die Wahrscheinlichkeit (P):


o Unfallfrequenz (1 Unfall in 40 Jahren → 1/40 = 0,025),
o Wahrscheinlichkeit, dass sich Bewohner zum Zeitpunkt einer Massenbewegung
zuhause befinden (0,6 per Definition)
o dem Verhältnis der Anzahl von Häusern im Risikogebiet und der Anzahl von
potentiell beschädigten Häusern (1/10 = 0,10).

Daraus ergibt sich für P = 0,15%.

 Der Wert für die zu befürchteten Schäden (C) liegt in diesem Fall bei 0,1, was
bedeutet, dass im Falle eines hazard-Ereignisses leichte Schäden an privatem
Eigentum zu erwarten sind.
 Der Interventionsindex (Fi) liegt, da bisher keine Risiko mindernden Interventionen
im Sektor stattfanden, bei 1.

Daraus ergibt sich ein QRI von 0,00015.

Die bereits von der Stadtverwaltung genehmigten, aber zum Zeitpunkt der Erstellung
dieser Arbeit noch nicht begonnenen Maßnahmen für den Sektor Regina Pereira umfassen
Sicherungsmauern, Befestigung der Böschung durch Betonierung, Gitternetze und Drainage-
kanäle. Zudem betont das Geo Rio die Notwendigkeit, ein weiteres Wachstum der Favela in
Richtung Steilhang durch eine Trennmauer und Stahlseile als eco-limites zu unterbinden. Die
zu erwartenden Kosten liegen bei 500.000 R$ (ca. 190.000 Euro) (ebd.).

2. Risikowohnen – die Wahrnehmung der Bewohner

Erfahrungen und Kenntnisse


Im Sektor Regina Pereira konnten insgesamt vier Bewohner angetroffen und befragt
werden. Keiner der Befragten war schon einmal selbst durch eine gravitative Massenbewe-
gung betroffen. Alle hatten aber schon einmal von einem Unfall im Zusammenhang mit
gravitativen Massenbewegungen gehört. Da lediglich eine der Befragten länger als 2 Jahre am
Ort gewohnt hatte, war diese die einzige, die von einem Erdrutsch in der Nachbarschaft be-
richten konnte, der sich ihren Angaben zufolge in den 1980er Jahren ereignete. Die restlichen
Befragten nannten die verheerenden Ereignisse während der extremen Regenfälle im Sommer
1996 als Beispiele. Drei der vier Befragten gaben an, von diesen Ereignissen nicht beeinflusst
worden zu sein. Eine jüngere Person, die auch insgesamt mehr Interesse für die Thematik

85
zeigte als die anderen, erzählte, dass sie sich seit den Vorkommnissen mehr auf Auffälligkei-
ten wie Müllansammlungen oder Veränderungen der Oberfläche Acht gebe.
In Bezug auf den Kenntnisstand ist bezeichnend, dass keiner der Bewohner jemals
durch Dritte über das vorherrschende Risiko aufgeklärt oder näher informiert wurde. Doch
auch selbst hatte sich noch niemand aktiv um Informationen zur Problematik bemüht. Den-
noch gaben sich allesamt gute Kenntnisnoten (im Schnitt 2,3), was vor allem vor dem Hinter-
grund der im Folgenden vorgestellten Fehleinschätzungen des Risikos interessant ist. Da das
Risikoszenario weniger offensichtlich und deutlich komplexer als in den ersten beiden vorge-
stellten Risikosektoren ist, drängt sich in diesem Fall eher eine Interpretation auf, die in Rich-
tung Überlagerung von anderen Risiken geht, als die der Leugnung alltäglicher Risiken. Hin-
zu kommt, dass sich die Leute deutlich überraschter über die Information, dass sie in einem
Risikogebiet lebten, zeigten. Drei der vier Befragten lebten erst seit weniger als zwei Jahren
am Ort, zogen dorthin also erst nach dem letzten Rutschungsereignis im Jahr 2003 und den
Besichtigungen durch Geo Rio und den Katastrophenschutz. Es ist daher nicht auszuschlie-
ßen, dass die ehemaligen Besitzer, obgleich des Risikos bewusst, ihre Häuser verkauften ohne
die Käufer aufzuklären.

Sicherheit und Risiko


Alle Befragten erklärten, dass ihrer Meinung nach keine Gefahr für sie und ihre Häuser
bestünde. Dementsprechend gaben auch alle an, sich zu Hause sicher zu fühlen. Die Frage, ob
sie sich bei starkem Regen um ihre Sicherheit sorgen, beantwortete dann schon eine Person
mit ja. Das Risiko eines Erdrutsches schätzte dann schon die Hälfte der Befragten als „mittel“
ein. Auch hier wird deutlich, dass die erste, ‚harte„ Frage nach der Bedrohung der Häuser
durch Erdrutsch meist auf Ablehnung stößt und Leugnung zur Folge hat. Wird dann der Zu-
sammenhang mit starken Regenfällen geknüpft, beginnen die Menschen sich für die Frage des
Risikos zu öffnen.

3. Risikomanagement
Drei der vier Befragten gaben an, bereits Maßnahmen zur Vorbeugung von Rutschungen
angewandt zu haben. Diese Maßnahmen hatten in einem Fall die Gestalt einer Schutzmauer,
um die Böschung zu stabilisieren, in einem anderen Fall erklärte die Interviewte, hin und wie-
der die Drainagewege von Müll zu befreien. Ein Befragter sagte aus, in passiver Weise vorzu-
beugen, indem er eben nicht abholze und keinen Müll in die Natur werfe.
Drei der vier Befragten waren der Meinung, dass nur sie selbst für ihre Sicherheit zu-

86
ständig seien. Die schlechte Benotung der Prefeitura (3,7) spiegelt das Misstrauen in die öf-
fentlichen Organe und die fehlende Hoffnung auf staatliche Beachtung wieder und ähnelt der
in den anderen Risikogebieten. Auch in der Rua Regina Pereira wurden die städtischen Orga-
ne Geo Rio und Defesa Civil differenziert betrachtet und nicht durch die schlechte Meinung
von der Prefeitura beeinflusst (2,7 bzw, 1,7). Angesichts der neuen Erkenntnisse durch das
Interview forderten die Bewohner daraufhin mehr Aktion und vor allem mehr Information
durch die Behörden.
Die Anwohner verfügen durchaus über Kenntnisse bezüglich der Mechanismen von
Massenbewegungen, hier beispielsweise die Zusammenhänge von Müllansammlungen am
Hang und die Verstopfung von Drainagewegen mit gesteigerter Erdrutschgefahr. Eine direkte
Bedrohung wird aber nicht gesehen bzw. die Auseinandersetzung damit blockiert, was zum
einen auf die mangelhafte Information über das Risiko seitens der Stadtverwaltung, zum an-
deren auf die Überlagerung anderer Risiken zurückgeführt werden kann.

IV. Vila Verde (Rocinha)


a. Lage
Rocinha ist wahrscheinlich die bekannteste Favela Brasiliens. Sie steht exemplarisch für
die sozialen Unterschiede in Groß- und Megastädten der Entwicklungsländer. In Rio de Janei-
ros nobler Zona Sul gelegen, angrenzend an die vornehmsten Viertel der Stadt (Gávea, Leblon
und São Conrado) ist Rocinha heute, sowohl was die Einwohnerzahl als auch die Siedlungs-
fläche betrifft, die größte Favela Rio de Janeiros 48. Das besiedelte Gebiet erstreckt sich vom
Fuße des Morro do Laboriaux im Südwesten über den Scheitel des Hügels hinweg bis zu den
Nobelvillen Gáveas an der nordöstlichen Seite. Auch die steilen Talus- und Kolluvialhänge
des Morro Dois Irmãos sind bis zur hervortretenden Felswand besiedelt. Rocinha hat den Sta-
tus eines Stadtteils und bildet eine eigene Verwaltungsregion, die XXVII. RA. Sie gehört zur
Raumplanungseinheit AP-2.

b. Geschichte und Bevölkerungsentwicklung


Zur Jahrhundertwende wurden die weniger steilen Gebiete am Hang des Morro do

48
Favela-Komplexe wie der Complexo da Maré oder der Complexo do Alemão, die aus zusammengewachsenen
Favelas bestehen, sind insgesamt größer.

87
Laboriaux für den Kaffeeanbau genutzt. Nach Ende des Kaffeebooms wurden ab 1937 einige
der Ländereien in insgesamt 80 Parzellen 49 aufgeteilt und an portugiesische und spanische
Einwanderer verkauft. Diese nutzten die Parzellen weiterhin für die landwirtschaftliche Er-
zeugung, vornehmlich für den Gemüseanbau. Die Verkäufer der Produkte sorgten in der for-
mellen Stadt bald für die Namensgebung des Ortes: Rocinha bedeutet auf Deutsch ‚kleiner
Acker„. Der Ausbau und die Asphaltierung der Estrada da Gávea, einer Verbindungsstraße, die
die Stadtteile Gávea und São Conrado über den Morro do Laboriaux hinweg verbindet, löste
1938 den ersten großen Schub von Landbesetzungen aus. Mit der massenhaften Binnenmigra-
tion aus dem von Dürreperioden geplagten Nordosten Brasiliens ab den 1950er Jahren, wurde
Rocinha bald zur bevölkerungsreichsten Favela Brasiliens und sogar ganz Lateinamerikas.
Die Expansion der formellen Stadt in Richtung Westen forderte zahlreiche neue Arbeitsplätze
und gilt als wichtigster lokaler pull-Faktor jener Zeit. Weitere Bevölkerungsschübe erlebte
Rocinha dann in den 1970er Jahren, als das Militärregime den Abriss mehrerer Favelas in der
Zona Sul anordnete und viele Menschen, die dadurch ihre Häuser verloren, sich in Rocinha
niederließen. Auch der starke Zustrom von Migranten aus dem Nordosten Brasiliens hielt bis
in die 1990er Jahre an (SABREN i2009; GEO RIO g2004f:2).
Die Siedlungsfläche stieg von 722.480m² im Jahr 1991 bis auf 852.9685m² im Jahr
1999. Bis 2008 dehnte sich das Gebiet noch einmal um knapp 12.000m² auf 865.032m² aus.
Zählte das IBGE im Jahr 1996 noch 45.585 Einwohner und 13.491 Haushalte, so wuchs die
Bevölkerung bis 2000 auf 56.338 an (SABREN i2009; GEO RIO g2004f:4). Die associação dos
moradores geht hingegen von weitaus mehr Einwohnern aus. Dort schätzt man die Zahl auf
150.000-200.000. Neueste Untersuchungen der Prefeitura gehen von einem Bevölkerungs-
zuwachs von 45.000 Menschen seit dem Jahr 2000 aus und schätzen die Gesamtbevölkerung
für das Jahr 2009 auf 100.818 (JORNAL DO BRASIL z2009). Ein sehr auffälliges Merkmal
Rocinhas ist die seit einigen Jahren verstärkte Vertikalisierungstendenz der Wohnhäuser, die
dort so ausgeprägt ist wie in keiner anderen Favela Rio de Janeiros. Häuser mit 4 Stockwer-
ken und mehr sind keine Seltenheit. Daher weist Rocinha mit weit über 1000 Menschen pro

49
Die Parzellen verfügten beim Verkauf über keinerlei technisch-infrastrukturelle Anbindung und trügen
heutzutage die Bezeichnung loteamento irregular (dt. irreguläre Parzellierung).

88
Hektar eine der höchsten Bevölkerungsdichten der Stadt auf50.

c. Der Staat in Rocinha


Seit dem Umdenken in der städtischen Favela-Politik Anfang der 1980er Jahre wurden
zahlreiche öffentliche Infrastrukturmaßnahmen in Rocinha durchgeführt. Insbesondere im
Rahmen des Favela-Bairro Programms wurden u.a. Straßen, Wege und Treppen installiert
und asphaltiert, Freizeit- und Sportplätze angelegt, die Wasserver- und -entsorgung verbessert
und Drainagekanäle errichtet. Dabei stand oft die Stabilisierung der sehr erdrutschanfälligen
Hänge und Böschungen in der Favela im Mittelpunkt des Interesses. Seit 2008 werden auch
Projekte im Rahmen des staatlichen PAC (Programa de Aceleração do Crescimento – dt.:
;Programm zur Wachstumsbeschleunigung„) ausgeführt, deren Beginn der brasilianische Prä-
sident Luiz Inácio da Silva im Februar 2008 einweihte. Geplant sind u.a. der Neubau von
Straßen, eines Krankenhauses, zwei Kindertagestätten und eines Sportzentrums. Die benötig-
ten Bauflächen sollen durch die Umsiedlung der dort lebenden Menschen in speziell dafür
errichtete Wohnhäuser gewonnen werden (O GLOBO z2008).
Auch in Rocinha gibt‟s es – wie in Vidigal – einen POUSO, der für die Fortführung der
Programme zur eigentumsrechtlichen Regulierung der Grundstücke zuständig ist und darüber
hinaus den Häuserbau in Risikogebieten unterbinden soll.
Rocinha hat eine lange Tradition der Bewohnervereine. Aufgrund der Größe der Favela
entstanden mit der Zeit sogar mehrere verschiedene Associações dos Moradores, die die
Entwicklung der Favela stark geprägt haben und durch ihr politisches Engagement durchaus
Erfolge erzielen konnten (GEO RIO g2004c:4).

d. Sozioökonomische Aspekte
Heute verfügt Rocinha über 4 Schulen, 14 Kindertagesstätten und 3 Krankenstationen.
Die Hauptstraße Estrada da Gávea, die die gesamte Favela durchquert, ist durchgehend be-
fahrbar, auch für Busse, was eine vergleichsweise gute öffentliche Verkehrsanbindung ermög-
licht.
Der IDS für Rocinha wird mit 0,458 angegeben, womit die Favela auf Rang 310 im in-
nerstädtischen Favela-Vergleich liegt (IPP i2008). Rund 97% der Haushalte verfügen dem-
nach über fließend Wasser, aber nur 60% über einen angemessenen Anschluss an das Abwas-

50
Diese Berechnung basiert auf den neuesten Bevölkerungsangaben der Stadtverwaltung (Prefeitura).

89
sersystem. Ein beträchtlicher Anteil der Bewohner kann weder lesen noch schreiben (10%)
und fast 40% der Familienoberhäupter verfügen über eine weniger als 4-jährige Schulausbil-
dung. Demgegenüber stehen lediglich 1,3%, die eine weiterführende Schulausbildung genos-
sen haben (IPP i2008). Auch innerhalb von Rocinha gibt es aber stark ausgeprägte soziale
Unterschiede, die sich, wie auch in anderen Favelas, räumlich niederschlagen: Insbesondere
in den Gebieten fernab der Straßen und in den jüngeren Ansiedlungen am Rande der Floresta
da Tijuca leben in der Regel die ärmsten Menschen. 50% der Familienoberhäupter verdienen
weniger als zwei Mindestlöhne (ca. 175 Euro) pro Monat, auf der anderen Seite gibt es eine
nicht zu vernachlässigende Minderheit von 1,5% mit einem Einkommen von 10 Mindestlöh-
nen (ca. 880 Euro) oder mehr (ebd.). Angesichts der starken Diskrepanz zwischen offiziellen
Einwohnerzahlen und anderen Schätzungen, aber auch der hohen Zahl der im informellen
Sektor Beschäftigten kann jedoch auch hier nicht auf den Hinweis verzichtet werden, dass
diese Zahlen eher als ungefähre Richtwerte, denn als genaue Statistiken betrachtet werden
sollten.

e. Das Risiko durch gravitative Massenbewegungen in Rocinha


Der starke Bevölkerungsdruck in Rocinha führte jahrzehntelang zu „Hals-über-Kopf“-
Besetzungen und dem Ausbreiten des Siedlungsgebietes in immer größere Höhen und auf
immer steilere Hänge. Die ohnehin prädispositiv erosions- und rutschanfälligen steilen Hänge
auf Talus-Halden und Kolluvialböden wurden durch unsachgemäße Abgrabungen und Auf-
schüttungen sowie Störungen und Blockierungen des natürlichen Drainagesystems weiter
destabilisiert. Ob der vielen Unfälle durch gravitative Massenbewegungen in Rocinha erstellte
das Geo Rio 1993 eine Risikokartierung der Favela. Für fast das gesamte Gebiet wurde ein
mittleres Risiko, für weite Teile sogar ein hohes Risiko für Erdrutsch festgestellt.

„Es besteht die Gefahr massiver Rutschungen, falls der illegale Häuserbau
weitergeht. Die Regionalverwaltung wurde mehrmals informiert, konnte aber die
Entwicklung nicht bremsen“ (Geologe des Geo Rio in einem Besichtigungsbericht des
Jahres 1989).

Bei der Auswertung der Vorgangsberichte des Geo Rio wurden zwischen 1971 und 2007
insgesamt 115 Unfälle durch gravitative Massenbewegungen in Rocinha identifiziert, die sich
mehrheitlich auf einen Radius von wenigen Metern beschränkten. Dennoch mussten 11 Men-
schen ihr Leben lassen, 105 Häuser wurden beschädigt oder zerstört. Während meist Abgra-
bungen und Aufschüttungen als begünstigende Faktoren und starker Niederschlag als auslö-

90
sender Faktor vermerkt wurden, galt in ca. 17% der Erdrutsche die Ansammlung von Müll als
Ursache. Zusätzlich bescheinigte das Geo Rio bei Besichtigungen, die nicht aufgrund von
bereits eingetretenen Rutschungen, sondern meist auf Bitten der Anwohner oder der
associação dos moradores hin stattfanden, 61 weitere unmittelbare Risikoszenarien. Insge-
samt ließ die Defesa Civil wegen nicht vertretbaren Risikos 200 Häuser vorübergehend sper-
ren, 71 wurden abgerissen und deren Bewohner umgesiedelt.
Bei 15% aller Risikoszenarien sah das Geo Rio die Verantwortung bei den betroffenen
Bewohnern selbst, weshalb staatlich finanzierte Stabilisierungsmaßnahmen ausgeschlossen
wurden. Diese Praxis ist üblich, wenn nur wenige Häuser und keine öffentlichen Gebäude
oder Straßen betroffen sind, deren Entscheidungskriterien sind aber nicht näher definiert. Da
die Bewohner oft nicht über das nötige technische Wissen verfügen, selbst Stabilisierungen
vorzunehmen, sind die Mitarbeiter des Geo Rio angehalten, sie dahingehend einzuweisen.
Weil viele Favelabewohner aber nicht das nötige Geld haben, Stabilisierungsmaßnahmen zu
bezahlen, bleiben diese häufig aus und der betroffene Bewohner muss weiterhin mit dem Ri-
siko leben.

91
f. Risikosektor Vila Verde
1. Allgemeines

Abbildung 18: Schematische Darstellung des Risikos im Sektor Vila Verde; Eigene Zeichnung nach Daten
des Geo Rio.

Insgesamt leben im Risikosektor Vila Verde 104 Menschen in 31 Haushalten und 20


Häusern (GEO RIO g2004f). Vila Verde ist ein Gebiet im Nordwesten Rocinhas, das erst in den
letzten beiden Jahrzehnten besiedelt wurde. Es liegt etwa auf 100-170m Höhe ü. NN, in einem
Talweg, der durch Abflüsse des Cochrane-Massivs entstand. Bei starken Regenfällen bündeln
sich noch heute die Wasserströme, was angesichts der durch die Bebauung eingeschränkten
Drainage zu einem hohen Rutschungsrisiko führt. Die Rodung der natürlichen Vegetation und
auch die Konzentration von weggeworfenem Müll in den Bachläufen verschärfen diese Situa-

92
tion weiter. Das Gebiet befindet sich auf Talus und Kulluvium, vereinzelt treten größere lose
Gesteinsbrocken auf.
Im Risikosektor kam es in der Vergangenheit bereits zu 10 Rutschungen, meist von
Kolluvialböden, nachdem unsachgemäße Abgrabungen durch Anwohner stattgefunden hatten.
In 4 Fällen kam es aber zu Fließbewegungen von Bodenmaterial, bei denen auch Felsblöcke
mitgerissen wurden. Dabei starben 7 Menschen, 38 Häuser wurden zerstört.
Auf Anraten des Geo Rio hin brachte das städtische Umweltamt (SMAC) vor einigen
Jahren Begrenzungspflöcke, die eco-limites, an, um die Ausbreitung der Favela in Vila Verde
einzudämmen. Der Grund, weshalb das Geo Rio trotz der vielen Unfälle bisher keine Stabili-
sierungsmaßnahmen ergriffen hat, liegt am sehr hohen Kosten/Nutzen Verhältnis. Stattdessen
wurden einzelne Häuser umgesiedelt oder zur Umsiedlung vorgesehen. Die Sperrungen und
eco-limites hatten jedoch keinen wachstumsbremsenden Effekt. Sie wurden ignoriert, die wei-
tere Landnahme setzte sich fort und beschleunigte sich sogar, was die Situation weiter ver-
schärfte. Heute ist das Gebiet so dicht besiedelt, dass einzelne kleinere Rutschungen an Bö-
schungseinschnitten keine große Rolle mehr spielen. Stattdessen bedrohen großflächiges Bo-
denfließen und das Abrutschen oder Rollen von Gesteinsblöcken entlang des Talwegs eine
Vielzahl von Häusern, was öffentliche Stabilisierungsmaßnahmen im Rahmen der Geo Rio-
Praxis nun legitimiert.

2. Marginalisierung und Verwundbarkeit


Die Häuser im Risikosektor befinden sich in einem physisch-architektonisch äußerst
bedenklichen Zustand. Minderwertige Baumaterialien, schlechte Verarbeitung, statisch nahe-
zu unmöglich scheinende Stützpfeiler, leckende Abflussrohre und ungenügende Drainage füh-
ren im rutschungsgefährdeten Sektor zu einer hohen physischen Verwundbarkeit der Häuser.
Die mindere Qualität der Häuser, doch auch deren Lokalisation, am schlecht zugängli-
chen Hang, ohne technische Infrastruktur und mit hohem vorherrschenden Risiko, lassen be-
reits einen Schluss auf den hohen Grad der sozioökonomischen Marginalisierung der Bewoh-
ner des Sektors zu. Und dies nicht nur im Vergleich zur formellen Stadt, sondern auch zu wei-
ten Teilen von Rocinha selbst. Die kausale Schlussfolgerung daraus ist die Annahme einer
hohen sozialen Verwundbarkeit der Bewohner. Zum einen in Hinsicht auf das Risiko der
gravitativen Massenbewegung, deren Zerstörungskraft im schlimmsten Fall menschliche Op-
fer fordern kann, und mit hoher Wahrscheinlichkeit Häuser zum Einsturz bringen und den
Bewohnern, denen institutionelle Versicherungen in der Regel nicht zugänglich sind, dadurch

93
auf einen Schlag sämtliche materiellen Besitztümer nehmen kann. Versicherungen sind für die
Bewohner solcher Gebiete aus mehreren Gründen nicht erwerbbar. Zum anderen manifestiert
sich die soziale Verwundbarkeit in Hinsicht auf weitere alltägliche Risiken wie unsichere und
mangelnde Arbeitsplätze und die ständige Angst vor plötzlicher Arbeitslosigkeit.

„Wenn ich könnte, dann würde ich hier nicht wohnen. Ich kann es mir aber nicht
leisten, weiter unten [in der Favela; Anm. des Verfassers] ein Haus zu kaufen“
(Bewohner des Sektors Vila Verde).

Ein weiterer Risikofaktor ist die Präsenz des Drogenkommandos in Vila Verde. Nach
Angaben von Bewohnern und der Associação dos Moradores, befindet sich in Vila Verde ein
wichtiges strategisches Operations- und Rückzugsgebiet der lokalen Drogenfraktion. Deren
offene und subtile Macht ist allgegenwärtig:

„Eine Studie über Erdrutsch? Und sie [das Drogenkommando; Anm. des Verfassers]
haben dir erlaubt, hier Interviews zu führen?“ (Bewohnerin des Sektors Vila Verde).

Während der Begehungen begegneten mir öfter bewaffnete Jugendliche und junge Er-
wachsene, Drogensoldaten des „Kommandos“. Einmal kam es zu einer unangenehmen Situa-
tion, als sich ein Sicherheitsposten des Drogenkommandos durch die Forschung bei seiner
Arbeit gestört fühlte, woraufhin die Interviews abgebrochen werden mussten. Als es am
16.12.2008 wieder einmal zu einer größeren Polizeiaktion zum Zwecke der Drogenrepression
in Vila Verde kam, beschloss ich, aus Sicherheitsgründen von weiteren Begehungen abzuse-
hen (vgl. Meldung in O DIA z2008). Bis dahin waren bereits drei Befragungen mit Anwoh-
nern durchgeführt worden, die nun vorgestellt werden sollen.

g. Risikowahrnehmung und –management


1. Die Wahrnehmung der Experten
Die von den beiden Risikoszenarien Bodenfließen und Felsrutsch/rollen betroffenen
Gebiete liegen unmittelbar nebeneinander. Die quantitativen Risikoindizes wurden für beide
Szenarien getrennt berechnet, wobei in solchen Fällen stets der höhere Index ausschlaggebend
und für die Rangliste des Geo Rio relevant ist. Im Sektor Vila Verde ist dies für das Szenario
des Bodenfließens der Fall. In diesem Risikogebiet befinden sich 4 Häuser. In den letzten 40
Jahren haben sich insgesamt 2 ähnliche Unfälle ereignet.

 Die Wahrscheinlichkeit (P):


o Unfallfrequenz (2 Unfälle in 40 Jahren → 2/40 = 0,05),

94
o Wahrscheinlichkeit, dass sich Bewohner zum Zeitpunkt einer Massenbewegung
zuhause befinden (0,6 per Definition)
o Verhältnis der Anzahl von Häusern im Risikogebiet und der Anzahl von potentiell
beschädigten Häusern (4/4 = 1).

Daraus ergibt sich die Wahrscheinlichkeit P = 3%.

 Der Faktor für die zu befürchteten Schäden (C) liegt in diesem Fall bei 1, was bedeu-
tet, dass im Falle eines hazard-Ereignisses die betroffenen Häuser komplett zerstört
würden.
 Der Interventionsfaktor (Fi) liegt, da bisher keine Risiko mindernden Interventionen
im Sektor stattfanden, bei 1.

Daraus ergibt sich ein QRI von 0,03 (GEO RIO g2004f:10).

Der Sektor Vila Verde weist damit den höchsten Risikoindex und die zweithöchste Ein-
trittswahrscheinlichkeit im Vergleich der Risikosektoren in Rio de Janeiro auf. Dennoch war
bis Mitte 2009 noch nicht mit Risiko mindernden Baumaßnahmen begonnen worden. Das
Geo Rio sieht für Vila Verde vor, besonders kritische Felsbrocken entweder zu fixieren oder
zu entfernen. Außerdem soll die Oberflächendrainage durch Kanäle von insgesamt ca. 400m
Länge verbessert werden. 15 erst kürzlich errichtete Häuser an der obersten Grenze zum Wald
sollen entfernt werden, die Bewohner möglichst innerhalb der Favela umgesiedelt werden.
Die geschätzten Kosten belaufen sich auf 1,3 Mio. R$ (ca. 495.000 Euro) (ebd.).

2. Risikowohnen - die Wahrnehmung der Betroffenen

Erfahrungen und Kenntnisse


Die drei Befragten waren bereits vor 4 bis 8 Jahren nach Vila Verde gekommen. Zwar
gaben alle an, dass die Häuser ihnen gehörten, sie diese aber nicht selbst gebaut, sondern ge-
kauft hätten - ein Hinweis auf den (informellen) Immobilienmarkt innerhalb der Favela, auf
dem oft sehr günstige Häuser in Risikogebieten angeboten werden, wobei davon ausgegangen
werden kann, dass viele Verkäufer ihren Kunden dieses „Detail“ verschweigen. Alle Bewoh-
ner hatten schon einmal von Rutschungen in der Nachbarschaft gehört. Das Haus einer Be-
fragten wurde vor wenigen Jahren stark beschädigt, als es von einem aufgrund eines kleineren
Erdrutsches umstürzenden Baum getroffen wurde. Die Frau erklärte, dass ihr dieses Ereignis
bis heute Angst mache und sie sich wünsche, an einem anderen Ort zu wohnen. Die beiden
anderen Befragten gaben an, dass die Rutschungen in ihrer Nachbarschaft sie nicht weiter
beeinflusst hätten. Zu ihrer eigenen Kenntnis über die Problematik der Massenbewegungen

95
konnten zwei der Befragten keine Angaben machen, da sie mit dem vorgeschlagenen Noten-
systems nichts anfangen konnten. Sie räumten aber ein, sich nicht besonders gut auszukennen.
Ein Bewohner gab sich selbst eine 2,5. Dass sich der Kenntnisstand auf einem sehr niedrigen
Niveau befand, ist in erster Linie auf den Mangel an Informationsfluss zurückzuführen. Bis-
her hatte keiner der Bewohner jemals seitens der öffentlichen Hand Informationen bezüglich
des Risikos erhalten, das – wohlgemerkt – in Vila Verde schon seit vielen Jahren untersucht
und registriert wird und als besonders hoch gilt. Da alle Befragten schon seit mehreren Jahren
im Gebiet lebten, wird einmal mehr die eklatant defizitäre Aufklärungs- und Informationsar-
beit seitens der Stadtverwaltung deutlich.

Sicherheit und Risiko


Trotz des niedrigen Hintergrundwissens und der Informationsdefizite nahmen die Be-
wohner des Sektors das vorhandene Risiko sehr realistisch wahr. Zwar mochte ein Befragter
zunächst nicht eingestehen, dass sein Haus von Erdrutsch bedroht ist. Als daraufhin der Bezug
zu schweren Niederschlägen hergestellt wurde, erklärten aber alle Befragten, dass sie während
Stürmen und Starkregen um ihre Sicherheit fürchteten. Das Risiko schätzten dann zwei Men-
schen als ‚mittel„ und einer als ‚hoch„ ein. Zwei Befragte fühlten sich darüber hinaus zuhause
permanent unsicher.

3. Risikomanagement
Zwei der Befragten hatten bereits selbst Risiko mindernde Maßnahmen ergriffen, indem
sie oberhalb ihrer Häuser einfache Drainagegräben für den Regenabfluss anbrachten. Eine
Person erzählte, dass sie ihre ursprüngliche Holzhütte nach einigen Jahren des Sparens durch
stabileres Mauerwerk ersetzt hatte, wodurch die Verwundbarkeit gegenüber Bodenbewegun-
gen durchaus gemindert wurde. Gegen die Gefahr des großflächigen Erdfließens aber können
solche Selbsthilfeaktionen nichts ausrichten. Für umfassendere, langfristige Risikominde-
rungsmaßnahmen fehlen Fachwissen, Mittel und Koordination.
Das städtische Risikomanagement schneidet, ob des jahrelangen Nichteingreifens, auch
in Vila Verde schlecht ab. Die Bewohner bemängelten eben diese fehlende Aktion und forder-
ten mehr Informations- und Aufklärungsarbeit. Die Prefeitura erhielt die Note 4. Die unmit-
telbar für das Risikomanagement zuständigen Geo Rio und Defesa Civil eine 2,5 bzw. 3. Wie
in den anderen untersuchten Gebieten auch, bemerkten die Befragten, dass sie die Arbeit von
Geo Rio und Defesa Civil grundsätzlich für gut hielten, aber die Prefeitura als Koordinations-
organ für Projekte und Geldmittel für das schlechte Risikomanagement in Vila Verde verant-

96
wortlich sei.
Wie bereits im einleitenden Unterkapitel angedeutet, bestehen für das städtische Risi-
komanagement nicht nur in Vila Verde, sondern in ganz Rocinha durch das unkontrollierte
Wachstum immense Herausforderungen. Rocinha, als vergleichsweise gut entwickelte Favela,
die in der Vergangenheit und auch heute noch zahlreiche öffentliche Infrastruktur-, Verschöne-
rungs- und Stabilisierungsmaßnahmen genossen hat, bietet durch eben diese Infrastrukturvor-
teile, aber vor allem wegen ihrer Nähe zum ‚noblen„ Rio de Janeiro und dem damit relativ
großen Angebot an Arbeitsplätzen, zahlreiche Pull-Faktoren für die ärmere Bevölkerung. Da
die Neuankömmlinge aber meist über sehr begrenzte finanzielle Mittel verfügen, bleibt ihnen
zunächst meist nichts anderes übrig, als sich entweder ein billiges Haus oder eine billige
Wohnung zu kaufen oder zu mieten, oder in bisher noch unbesiedelten Gebieten selbst zu ro-
den, ein möglichst waagerechtes Stück Baugrund herzustellen und eine illegale Hütte zu bau-
en. Besonders in so dicht besiedelten Favelas wie Rocinha befinden sich jedoch sowohl die
billigeren Wohngelegenheiten als auch die neuen Siedlungsgebiete nahezu ausschließlich in
sehr steilen und durch gravitative Massenbewegungen bedrohten Gegenden.

V. Coruja (Morro da Formiga)


a. Lage
Der Risikosektor Coruja befindet sich in der Favela Morro da Formiga im relativ wohl-
habenden Stadtteil Tijuca am Nordhang des Tijuca-Massivs. Der Morro da Formiga liegt in
der Zona Norte, untersteht der VIII. Verwaltungsregion (Tijuca) und der Raumplanungseinheit
AP-2.

b. Geschichte und Bevölkerungsentwicklung


Die Besiedlung am Morro da Formiga begann um 1911, als sich hauptsächlich Binnen-
migranten auf einer semilegalen Parzellierung niederließen, die der „Companhia Industrial
Sul Americana S.A.“ gehörte. Ausgehend von dieser Parzelle intensivierte sich in den 1940er
und 1950er Jahren dann die illegale Landnahme am Hang. Angezogen durch die Verdienst-
möglichkeiten im damals boomenden Stadtteil Tijuca hatten sich bis 1951 insgesamt 243 Fa-
milien in der Favela niedergelassen (SABREN i2009; GEO RIO g2004a:4).
1991 lebten bereits 5.006 Menschen in 1360 Häusern am Morro da Formiga. Bis 2000
stieg die Bevölkerungszahl auf 5.344 an (SABREN i2009). Neuere Daten liegen nicht vor.

97
Die Siedlungsfläche ist seit 1999 leicht rückläufig. Laut IPP verringerte sich diese von
205.098 m² auf 199.991 m² im Jahr 2008 (ebd.).

c. Der Staat am Morro da Formiga


Der Morro da Formiga war eine der ersten Favelas in Rio de Janeiro, in denen das Fave-
la-Bairro Programm Anwendung fand. In dessen Rahmen wurden Verbesserungen und Ver-
schönerungen an Straßen, Wegen, Treppen und Plätzen vorgenommen, Drainage und Abwas-
serkanäle angelegt und eine Kinderkrippe errichtet.
Die Besitzverhältnisse wurden ab 1999 mit dem ‚Gesetz über Gebiete mit speziellem
sozialem Interesse„51 und ab 2000 mit dem ‚Dekret über die Anerkennung von Parzellen„52
geregelt, sodass heute die Mehrzahl der Bewohner ihre Häuser legal bewohnt.

d. Sozioökonomische Aspekte
Der soziale Entwicklungsindex IDS für den Morro da Formiga ist mit 0,440 der nied-
rigste der fünf in dieser Arbeit untersuchten Gebiete (IPP i2008). Im innerstädtischen Ver-
gleich liegt die Favela im Mittelfeld (Rang 357). Die hervorstechendsten Defizite, die zu die-
sem niedrigen Index beitragen, liegen im Bereich der technischen Infrastruktur. So verfügen
laut IPP nur 77,53% aller Haushalte über einen angemessenen Trink- und Nutzwasseran-
schluss und nur 58,69% über einen angemessenen Abwasseranschluss. Auch der durchschnitt-
liche Verdienst der Familienoberhäupter liegt mit 2,16 Mindestlöhnen (ca. 190 Euro) pro Mo-
nat auf sehr niedrigem Niveau. Typisch für Marginalsiedlungen sind darüber hinaus die nied-
rigen Bildungsindikatoren: 30% der Haushaltsoberhäupter besuchten weniger als 4 Jahre die
Schule und 7% aller über 15-jährigen können weder lesen noch schreiben (ebd.).

e. Das Risiko durch gravitative Massenbewegungen am Morro da Formiga


Der Morro da Formiga ist eine der am schwersten von gravitativen Massenbewegungen
betroffenen Favelas in Rio de Janeiro. Seit Beginn der Aufzeichnungen durch das Geo Rio im
Jahr 1971 kam es zu insgesamt 78 Unfällen durch zumeist kleinere Erdrutsche. Insgesamt
wurden 61 Wohnhäuser zerstört oder beschädigt. Zusätzlich zu den bereits eingetretenen Rut-
schungen stellte das Geo Rio weitere 39 Risikoszenarien fest. In 50% der festgestellten Risi-
koszenarien mussten aus Sicherheitsgründen Wohnhäuser vorübergehend gesperrt werden

51
„Lei de Área de Especial Interesse Social (AEIS)” (Nr.2818).
52
„Decreto de Reconhecimento de Logradouros” (Nr.18342).

98
(133 Haushalte), in knapp 20% mussten die betroffenen Bewohner umgesiedelt werden (76
Haushalte). Im Vergleich zu den anderen untersuchten Risikogebieten fällt auf, dass am Morro
da Formiga sowohl prozentual als auch absolut mehr Fälle von Umsiedlungen zu verzeichnen
sind, was zum einen das besonders hohe Risiko widerspiegelt, zum anderen aber auch ein
Hinweis auf ungünstige Kosten-Nutzen-Verhältnisse ist, die direkt mit der ausgeprägten sozi-
oökonomischen Marginalisierung der Anwohner zusammenhängen (d.h. dass die Kosten pro-
fessioneller Stabilisierungsmaßnahmen den Wert der anliegenden Häuser bei weitem über-
steigen würde). Ebenso wurde in deutlich mehr Fällen als beispielsweise in Rocinha oder
Vidigal die Verantwortung und Verantwortlichkeit für schon eingetretene oder zu erwartende
Rutschungen bei den Bewohnern selbst festgestellt (22%, 26 Fälle). Es scheint, dass am
Morro da Formiga häufiger als in den anderen Untersuchungsgebieten Häuser durch das Kos-
ten-Nutzen-Raster der Stadtverwaltung fallen.
In der Vergangenheit führte das Geo Rio zahlreiche punktuelle Maßnahmen zur Minde-
rung des Risikos durch, so wurden Felsblöcke beseitigt, Drainagekanäle angelegt, Böschun-
gen stabilisiert und Schutzmauern angebracht. Ab 1987 begann ein von der Prefeitura initiier-
ter mutirão, ein partizipatorisches Projekt zur Wiederaufforstung der erosionsgefährdeten
Hänge. Dieses konnte durchaus Erfolge verbuchen, die Hänge wurden stabiler und der Was-
serhaushalt normalisierte sich. Der Bevölkerungsdruck sorgte dennoch für weitere Landnah-
men in riskantem Gebiet, sodass heute trotz der vielen Interventionen mindestens 25 Häuser
unmittelbar durch gravitative Massenbewegungen bedroht sind (GEO RIO g2004a:14).

99
f. Der Risikosektor Coruja
1. Allgemeines

Abbildung 19: Schematische Darstellung des Risikos im Sektor Coruja; Eigene Zeichnung nach Daten des
Geo Rio.

Im ‚Coruja„ (dt.: Eule) genannten Sektor leben 119 Menschen in 33 Haushalten und 25
Häusern. Das Gebiet befindet sich im höchstgelegenen Teil des Morro da Formiga und ist
durch äußerst steile Hänge, mit einer Neigung meist über 25°, gekennzeichnet. Es liegt auf
Talus-Ablagerungen und dünnen Kolluvial- und Residualböden, Aufschlüsse des Grundge-
steins sowie Ansammlungen von losen Gesteinsblöcken charakterisieren die Landschaft zu-
sätzlich. Die Rodung der natürlichen Vegetation im Zuge der Besiedlung verstärkte die
erosive Wirkung der Niederschläge, was im Zusammenspiel mit lokalen Abgrabungen und
Aufschüttungen an den Böschungen zu einer erhöhten Anfälligkeit für gravitative Massenbe-

100
wegungen führte. Die größte Gefahr im Sektor besteht darin, dass bei starken und anhaltenden
Niederschlägen die nackten Böden sehr schnell gesättigt werden, der Porendruck sich erhöht
und dadurch Gesteinsblöcke oder Erdmassen in Bewegung geraten können. Sammeln sich
diese im Hauptdrainageweg des Hanges, so kann es zu großflächigem Bodenfließen mit hoher
Schadenserwartung kommen. Abgesehen davon stellen auch kleinere Rutschungen von Boden
oder Gesteinsbrocken ein direktes Risiko für die Bewohner des Sektors dar.
Seit 1971 kam es allein im Risikosektor zu 9 Unfällen. Bei den meisten handelte es sich
um Rutschungen von Erdmassen und Gesteinsblöcken, bei denen keine Menschen und Ge-
genstände zu Schaden kamen. Das schlimmste Ereignis gleicht aber dem aktuellen Risikosze-
nario: 1988 löste starker Niederschlag oberhalb des Siedlungsgebietes eine Rutschung von
Kolluvium aus, das sich in einen Drainageweg bewegte und sich mit den herabströmenden
Wassermassen vermischte. Daraufhin kam es zu einer großräumigen Fließbewegung, die 3
Häuser mitriss und vollständig zerstörte (GEO RIO g2004a:18 ff.).

2. Marginalisierung und Verwundbarkeit


Die Wohnhäuser im Risikosektor sind in baulicher Hinsicht noch deutlich minderwerti-
ger als der Großteil der übrigen Bausubstanz in der Favela Morro da Formiga. Teilweise wur-
den während der Begehungen Häuser in äußerst prekärem Zustand vorgefunden, die aufgrund
der minderwertigen Architektur äußerst anfällig für geringfügige Bodenbewegungen sind. In
mehreren Häusern wurden meterlange Risse in Wänden und Decken vorgefunden, sie sind
stark einsturzgefährdet und sollten deshalb auf keinen Fall weiterhin bewohnt werden. Darü-
ber hinaus führen marode Stützpfeiler und Fundamente, die sich auf instabilen Aufschüttun-
gen befinden zu einer insgesamt hohen physischen Verwundbarkeit der Häuser im Risikosek-
tor Coruja.
Dass auch die soziale Verwundbarkeit der im Sektor lebenden Menschen erhöht ist,
ergibt sich in Coruja aus der offensichtlich starken sozioökonomischen Marginalisierung, die
zu Unsicherheiten verschiedenster Art führt. Darunter fallen der eingeschränkte Zugang zu
Grundbedürfnissen und gesundheitlicher Versorgung, unsichere Arbeitsplätze, gesellschaftli-
che und politische Benachteiligung, die direkt mit der gesellschaftlichen Ächtung und Vorver-
urteilung von Favelabewohnern zusammenhängt, allgemein sehr niedrige Bildung, etc. Nicht
zuletzt das Risiko, dass im Falle eines Erdrutsches sämtliches Hab und Gut verloren ginge,
weil die Favelabevölkerung in der Regel keinen Zugang zu institutioneller Versicherung ha-
ben, steigert die soziale Verwundbarkeit enorm.

101
Analog zu den anderen in dieser Arbeit vorgestellten Untersuchungsgebieten bestätigte
sich auch in Coruja, dass es innerhalb von Favelas zu einer sozial-räumlichen Trennung
kommt, zwischen etwas wohlhabenderen Menschen, die in den unteren, ebeneren und stabile-
ren Bereichen der Favela leben und den ganz Armen, die in den steilen, zumeist obersten Be-
reichen an der Besiedlungsgrenze in den geomorphologischen Risikogebieten leben.

„Ich habe auf dem Hügel gegenüber [die Favela Borel, Anm. des Verfassers] gelebt,
dort ganz oben. Vor 2 Jahren wurde mein Haus zusammen mit einigen anderen bei
einem Erdrutsch zerstört. Seitdem bin ich hier in Formiga. Ich kann es mir nicht
leisten, woanders zu wohnen. Da kann man eben nichts machen“ (Bewohner des
obersten Bereiches des Risikosektors Coruja).

Wie in fast allen Favelas in Rio de Janeiro, herrscht auch am Morro da Formiga ein
Drogenkommando. Immer wieder kommt es zu einzelnen Polizeiaktionen, bei denen es oft zu
Schießereien kommt. Auch der Aspekt der Gewalt und des Risikos, von einem Querschläger
getroffen zu werden, trägt zur sozialen Verwundbarkeit der Favelabewohner bei. So nannte
fast die Hälfte der Befragten die ‚Gewalt„ als hervorstechendes Negativmerkmal ihres Woh-
nortes.
Die Begehungen und Befragungen konnten auch am Morro da Formiga wegen der an-
gespannten Sicherheitslage nicht auf eigene Faust durchgeführt werden. Glücklicherweise
erklärte sich Pastor Josué, der ehemalige Präsident des Bewohnervereins und aktuelle Priester
der evangelikalen Gemeinde dazu bereit, mich bei den Begehungen zu begleiten. Für die äu-
ßerst produktive Unterstützung, die einige der spannendsten Interviews der gesamten For-
schungsphase ermöglichten, bin ich Pastor Josué sehr dankbar.

g. Risikowahrnehmung und –management in Coruja


1. Das quantitative Risiko – Die Expertenwahrnehmung
Von den beiden wichtigsten Risikoszenarien im Sektor, dem Erd- und Gesteinsrutsch
und dem Bodenfließen, stellt letzteres das weitaus größere Risiko dar. Die folgende Risiko-
quantifizierung richtet sich daher nach dem Einflussgebiet von eventuellem großräumigen
Bodenfließen. Von diesem Szenario wären 70 Menschen in 21 Haushalten und 14 Häusern
betroffen. Da sich die Häuser in unmittelbarer Nähe des Talwegs befinden, wird angenom-
men, dass im Falle eines Bodenfließens entlang des Drainageweges sämtliche Häuser in Mit-
leidenschaft gezogen würden (GEO RIO g2004a:20).

 Die Wahrscheinlichkeit (P):

102
o Unfallfrequenz (3 Unfälle53 in 40 Jahren → 3/40 = 0,075),
o Wahrscheinlichkeit, dass sich Bewohner zum Zeitpunkt einer Massenbewegung
zuhause befinden (0,6 per Definition),
o Verhältnis der Anzahl von Häusern im Risikogebiet und der Anzahl von potentiell
beschädigten Häusern (14/14 = 1).

Daraus ergibt sich die Wahrscheinlichkeit P = 4,5%.

 Der empirische Wert für die zu befürchteten Schäden (C) liegt bei 0,5, was bedeutet,
dass im Falle eines hazard-Ereignisses die betroffenen Häuser ernsthaft beschädigt
würden.
 Der Interventionsfaktor (Fi) liegt, da in der Vergangenheit verschiedene punktuelle
Stabilisierungsmaßnahmen, vor allem im Rahmen der Wiederaufforstungsarbeiten
stattfanden, bei 0,7.

Daraus ergibt sich ein QRI von 0,01575.

Mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 4,5% und dem QRI von 0,01575 liegt der Sek-
tor Coruja auf dem ersten bzw. zweiten Rang aller aktuellen Risikogebiete Rio de Janeiros.
Das Geo Rio plant zur Minderung des aktuellen Risikos im Sektor Coruja u.a. weiträumige
Drainagekanäle aus Beton, die Befestigung und Stabilisierung von Böschungen und die Be-
seitigung von Gesteinsblöcken. Die Kosten werden auf 1,1 Mio. R$ (ca. 420.000 Euro) bezif-
fert (ebd).

2. Risikowohnen - Die Wahrnehmung der Betroffenen

Erfahrungen und Kenntnisse


Im Risikosektor Coruja konnten 16 Bewohner in 16 verschiedenen Haushalten befragt
werden.
Mit 40% der Befragten war ein bemerkenswert großer Anteil der Menschen selbst schon
Opfer einer gravitativen Massenbewegung gewesen. Die meisten lebten bereits seit mehr als
20 Jahren am Ort und erzählten, dass es infolge der Rutschungen, die während der starken
Regenfälle im März 1988 ausgelöst wurden, zu teilweise starken Beschädigungen ihrer Häu-
ser kam. Die große Mehrheit der Befragten erinnerte sich darüber hinaus an verschiedene
Rutschungsunfälle in ihrer näheren Umgebung. Zwei Personen hatten dahingegen noch nie
von einem Erdrutsch oder Ähnlichem gehört. Fast alle Befragten, besonders diejenigen, die

53
Das Geo Rio spricht von 3 Unfällen, da es von den insgesamt 9 Rutschungen in 3 Fällen zu Beschädigungen
kam.

103
schon einmal selbst betroffen gewesen waren, reagierten auf die Rutschungen mit Besorgnis
oder Angst, genannt wurden zudem ‚Wut„ sowie ‚Erkenntnis„.

„Das hat mir die Augen geöffnet. Das kann schließlich jederzeit wieder passieren“
(Von einem Erdrutsch betroffene Bewohnerin des Risikosektors Coruja).

Über 70% der Befragten waren über das Risiko, das sie tagtäglich eingehen, bisher nicht
von der öffentlichen Hand informiert worden. Allerdings hatte sich die Hälfte der Menschen
schon selbst um Auskünfte über die Sicherheitslage bemüht, zumeist bei ihren lokalen An-
sprechpartnern des Bewohnervereins. Die Befragten schienen insgesamt gut über das vorherr-
schende Risiko informiert zu sein. Ihren eigenen Kenntnisstand benoteten sie im Durchschnitt
mit einer 2,6.

Risiko und Sicherheit


Die starke Präsenz der Rutschungsthematik im Untersuchungsgebiet, die wohl eher auf
das häufige Vorkommen von Massenbewegungen am Morro da Formiga als auf gezielte In-
formationsarbeit der Stadtverwaltung zurückzuführen ist, aber auch der relativ gute Kenntnis-
stand der Bewohner, führten im Sektor Coruja zu einer sehr ‚realitätsnahen„ Wahrnehmung
des Risikos. Fast 80% der Befragten glaubten, dass sie und ihr Haus unmittelbar durch
gravitative Massenbewegungen bedroht sind. Das ist im Vergleich zu den anderen Untersu-
chungsgebieten, wo die Befragten diese ‚harte„ Frage nach der direkten Bedrohung sehr zu-
rückhaltend beantworteten, durchaus bemerkenswert. Die meisten fühlten sich zudem zuhause
allgemein sehr unsicher. Über 90% der Befragten fürchteten darüber hinaus bei schweren
Niederschlägen verstärkt um ihre Sicherheit. Die große Mehrheit (72%) schätzte daher das
Risiko als ‚hoch„ ein, 3 Befrage als ‚mittel„ sowie 2 Menschen als ‚niedrig„.
Diese, im Vergleich zu den anderen Untersuchungsgebieten, erstaunlich unverzerrte Ri-
sikowahrnehmung scheint zunächst die bisherigen Schlüsse und Erklärungsversuche der Risi-
koleugnung oder -verdrängung als Folge von hoher sozialer Verwundbarkeit und der damit
einhergehenden Fülle und Überlagerung von andersartigen alltäglichen Risiken in Frage zu
stellen. Während der Interviews wurde aber ein wichtiges Detail bekannt, das wohl die starke
Unsicherheit der Bewohner erklärt. Die meisten Befragten lebten demnach in Häusern, die
wegen des hohen Rutschungsrisikos bereits vor mehreren Jahren (z.T. >10) vom städtischen
Wohnungsamt (SMH) als unbewohnbar bezeichnet und zum Abriss vorgesehen wurden. Er-
kennbar sind diese Häuser an dem Kürzel ‚SMH„, das in großen Lettern an den Außenwänden

104
der betreffenden Häuser angebracht ist. Nach Angaben der Befragten wurde ihnen vor bis zu
10 Jahren persönlich mitgeteilt, dass sie ihre Häuser wegen des hohen Risikos verlassen
müssten. Dabei wurden ihnen Entschädigungszahlungen von umgerechnet ca. 3.000 Euro
versprochen (u.a. abhängig vom Schätzwert des Hauses). Angaben über den Zeitpunkt der
Auszahlung wurden aber ebenso wenig gemacht, wie auf das Verlassen der Häuser bestanden
wurde. So leben viele Menschen in den schlimmsten Risikogebieten des Morro da Formiga
seit Jahren weiterhin unter höchster Gefahr in ihren Häusern und warten auf das weitere Vor-
gehen der Stadtverwaltung 54 . In einem lähmungsartigen Zustand sind die Bewohner bereit
bzw. aus ihrer finanziellen Not heraus gezwungen, in ihren Häusern zu verharren und das Ri-
siko einzugehen, bei einer Massenbewegung ihren Besitz oder gar ihr Leben zu verlieren.

3. Risikomanagement
Obwohl sich die meisten Menschen in Coruja des Risikos bewusst sind und über die
Hälfte der Meinung ist, selbst für die eigene Sicherheit verantwortlich zu sein, gaben nur 30%
der Befragten an, selbst schon einmal Hand angelegt zu haben, um das Risiko von Erdrutsch
zu mindern. Davon hatte eine Person eine Stabilisierungsmauer am Hang oberhalb des Hauses
errichtet und drei Personen erklärten, durch regelmäßiges Reinigen der Drainagegräben Ver-
stopfungen, die zu Rutschungen führen können, vorzubeugen. Mangelnde Information und
Koordination, aber vor allem das ‚hingehalten werden„ seitens der Stadtverwaltung, die den
Bewohnern vor Jahren eine Entschädigung für die nötige Umsiedlung in Aussicht stellte,
wirkten in den letzten Jahren jeglicher nachhaltiger Risikominderung entgegen. Darüber hin-
aus sind Änderungen an der Bausubstanz der zur Umsiedlung vorgesehenen Häuser verboten:

„Wenn Leute der Defesa Civil oder des Geo Rio hier vorbei kommen, sagen sie immer
dass hier ein Risikogebiet ist. Aber was das für uns für Konsequenzen hat, sagen sie
nicht. Wir warten schon seit Jahren auf unsere Entschädigung. Und Bauarbeiten [zur
Risikominderung, Anm. des Verfassers] dürfen wir nicht vornehmen, weil die SMH
[das städtische Wohnungsamt] jegliche Konstruktion im Risikogebiet untersagt hat“
(Bewohnerin des Sektors Coruja).

Viele Bewohner des Sektors Coruja zeigten sich enttäuscht angesichts der sehr sporadi-
schen Präsenz der Stadtverwaltung. Die Prefeitura bekam von den Befragten mit einer 4,2 die
schlechteste Durchschnittsnote aller Untersuchungsgebiete. Auch Defesa Civil und Geo Rio

54
In dieser Hinsicht ist auch bemerkenswert, dass mehrere Bewohner auf die Frage, was ihnen an ihrem Wohnort
am besten gefalle, ihr soziales Umfeld an erster Stelle nannten.

105
fanden wenig Zustimmung für ihre Arbeit in Coruja und erhielten eine 3 bzw. eine 3,5. Die
meisten Befragten wünschten sich deutlich mehr Aktion und Information, aber vor allem eine
Beschleunigung des Entschädigungsprozesses von Seiten der städtischen Organe.

Anmerkung: Anfang 2009 begann die Stadtverwaltung mit einzelnen Entschädigungs-


zahlungen an Bewohner des Risikosektors, woraufhin die ersten Familien ihre Häuser verlas-
sen konnten.

Übersichtstabelle der Untersuchungsgebiete

Sítio do Pai Toja Regina Vila Verde Coruja


João Martinez Pereira

Favela/Stadtteil Sítio do Pai Vidigal/Vidigal Vidigal/Vidigal Rocinha/Rocinha Morro da


João/Itanhangá Formiga/Tijuca

Risikorelevante
Aspekte

Risikoszenario Felssturz Felssturz, Erdrutsch Bodenfließen, Bodenfließen,


Felsrollen und Rutschung von Rutschung von
Erdrutsch Gesteinsblöcken, Gesteinsblöcken
Erdrutsch

Risikoindex QRI 0,0125 0,00030625 0,00015 0,03 0,01575

Eintrittswahr- 0,0125 0,004375 0,0015 0,03 0,045


scheinlichkeit P

Im Sektor lebende 23 96 59 104 119


Menschen

Haushalte im 7 35 15 31 33
Sektor

Häuser im Sektor 6 24 10 20 25

Umsiedlungen Ja Nein Nein Ja Ja


vorgesehen?

Kosten der 300.000 R$ 1.500.000 R$ 500.000 R$ 1.300.000 R$ 1.100.000 R$


Stabilisierungsvor-
haben

106
Sítio do Pai Toja Regina Vila Verde Coruja
João Martinez Pereira

Sozioökonomische
Aspekte der Favela

Einwohnerzahl 742 9364 9364 100.818 5344

Siedlungsfläche 72.720 294.094 294.094 865.032 199.910


2008 in m²

Einwohnerdichte 102 318 318 1165 267


in EW/ha

IDS Rang 0,574 2 0,503 142 0,503 142 0,458 310 0,440 357

Haushalte mit 100,00 98,30 98,30 97,26 77,53


adäquatem
Wasseranschluss in
%

Haushalte mit 100,00 96,92 96,92 60,50 58,69


adäquatem
Abwasseranschluss
in %

Analphabeten in % 2,70 7,98 7,98 9,36 7,15

Mittleres 2,92 2,37 2,37 2,59 2,16


Einkommen der
Familienoberhäupt
er in
Mindestlöhnen

Tabelle 2: Übersicht risikorelevanter und sozioökonomischer Daten aus den Untersuchungsgebieten;


Quellen: IPP i2008, GEO RIO g2004a-g2004e).

107
E. ZUSAMMENFASSUNG UND FAZIT
Obwohl die Ergebnisse in den verschiedenen Untersuchungsgebieten zum Teil recht un-
terschiedlich ausfallen, lassen sich verschiedene Regelmäßigkeiten erkennen und verallge-
meinern.

a. Expertenwahrnehmung vs. Laienwahrnehmung


Zusammenfassend hat sich bestätigt, was schon zahlreiche andere vorherige Studien
zeigten: Laien (hier die betroffenen Bewohner) bewerten dasselbe Risiko anders als Experten
(hier Geologen des Geo Rio) (vgl. z. B. HOCHRAINER 2005; PLAPP 2003; RENN 1995). Aus
Sicht der Experten herrscht in allen fünf Untersuchungsgebieten ein hohes Risiko vor, was
sich nur mit knapp 40% der Aussagen von Bewohnern deckt (immerhin sahen weitere 35%
der Bewohner ein ‚mittleres Risiko„). Auch spielen offensichtlich unterschiedliche Kriterien
für die jeweilige Wahrnehmungsbildung eine Rolle.
Durch die Aufschlüsselung der Berechnung des QRI drängen sich verschiedene Kritik-
punkte auf. So wird die Verwundbarkeit der Objekte im Einflussbereich des Risikos berech-
net, ohne die Anzahl der Bewohner oder der Stockwerke zu berücksichtigen. Auch die Be-
rechnung der Eintrittswahrscheinlichkeit einzig durch den Quotienten aus bereits stattgefun-
denen Unfällen am Ort innerhalb der letzten 40 Jahre erscheint wenig fundiert. Es muss zur
Verteidigung des Geo Rio jedoch noch einmal angemerkt werden, dass der QRI kein zur Ver-
öffentlichung vorgesehener offizieller Wert ist, der ausdrücken könnte, mit welcher Wahr-
scheinlichkeit wohl ein bestimmtes Unglück eintritt, sondern in erster Linie als interner
Richtwert für Einsatzprioritäten dient. Dennoch, die Berechnung des QRI ohne die Einbezie-
hung der sozialen Verwundbarkeit offenbart ein methodisches Defizit vor dem Hintergrund
der auf mehr Partizipation setzenden Ziele der IDNDR oder des ‚Programms für den Schutz
von Hängen und geo-technischen Risikogebieten„. Denn die Reduzierung der Bewohner auf
hazard-Verursacher, ohne deren soziale Umstände, Bedürfnisse, sowie Fähigkeiten und Leis-
tungen auch im Bezug auf das lokale Risikomanagement zu erwägen, ist exemplarisch für ein
„top-down“-Risikomanagement ohne Bürgernähe und mit geringer Nachhaltigkeit.

b. Risikowohnen - Gefahr vs. Risiko


Während die Bewohner in allen Risikosektoren mehrheitlich eine direkte Bedrohung
durch gravitative Massenbewegungen leugnen, fürchten die meisten während starker Regen-
fälle um ihr körperliches Wohl. Trotzdem ziehen nur wenige eine kausale Verbindung zwi-

108
schen Starkregen und gravitativen Massenbewegungen. Dem komplexeren, aber auch weniger
wertenden Begriff ‚Risiko„ wird hingegen offener begegnet als dem Begriff ‚Bedrohung„ –
die Mehrheit nimmt entweder ein mittleres oder ein hohes Risiko in ihrem zuhause wahr. Die
allgemeine Sicherheit scheint, ähnlich wie dessen Antonym Bedrohung, die Befragten näher
zu berühren, was gewisse Verharmlosungsmechanismen zur Folge hat. Denn trotz der über-
wiegenden Anerkennung des Risikos fühlt sich die große Mehrheit der Menschen daheim
‚sicher„ oder ‚sehr sicher„.
Doch warum wird das Risiko von so vielen Menschen unterschätzt? Ist es gar so alltäg-
lich, dass es reine Überlebensstrategie ist, möglichst wenig darüber nachzudenken? Überla-
gern andere allgegenwärtige Risiken und Unsicherheiten das eines möglichen Hangrutsches?
Welche Wirkung haben unterschiedliche Risikoszenarien? Oder liegt es womöglich einzig am
fehlenden Wissen, dass viele Menschen kein Risiko wahrnehmen?
Eine eindeutige Antwort dazu kann diese Arbeit nicht liefern. Doch weisen wohl alle
vier Fragestellungen auf Erklärungsansätze hin. Die Gespräche in den Risikosektoren mach-
ten deutlich, dass das Risiko von gravitativen Massenbewegungen für die meisten Menschen
im Alltag keine größere Rolle spielt. Auf die offene Frage, was ihnen an ihrem Wohnort am
wenigsten gefalle, ging kein einziger der Befragten auf das Hangrutschrisiko ein. Stattdessen
wurden oft andere Risiken genannt, wie die Gewalt, häufig auch infrastrukturelle Defizite und
der ebenfalls direkt mit der gesellschaftlichen Marginalität zusammenhängende ‚beschwerli-
che Aufstieg„.
Fehlendes Wissen kann man den Menschen nicht vorwerfen. Nicht zuletzt weil die In-
formation und Aufklärung zu den Zuständigkeiten des städtischen Risikomanagements gehört.
Völlig ahnungslos ist jedoch so gut wie keiner der Befragten, denn fast alle hatten bereits in
nicht allzu ferner Vergangenheit von mindestens einem Hangrutsch in ihrer Nachbarschaft
gehört, einige waren sogar selbst einmal betroffen. Deshalb kann angenommen werden, dass
in den Untersuchungsgebieten zwei psychologische Mechanismen, die auch in mehreren an-
deren Studien zur Risikowahrnehmung festgestellt wurden, zur Bewertung von Risiken bei-
tragen:
Die Gewöhnung an allgegenwärtige und alltägliche Risiken
Die bei sozial verwundbaren Gruppen zu beobachtende Überlagerung und Übertönung
von verschiedenen anderen Risiken (vgl. NATHAN 2008, HOCHRAINER 2005, PLAPP 2003,
RENN 1995, STEUER 1979).

109
Urteile, inwiefern sich die unterschiedlichen vorherrschenden Risikoszenarien auf die
Wahrnehmung auswirken, müssen angesichts der geringen Fallzahl zurückhaltend gefällt
werden. Dennoch sei darauf hingewiesen, dass das Risiko durch Felssturz, bei dem sich die
kritischen Massen in den untersuchten Sektoren etliche Meter oberhalb der Häuser befinden,
von den betroffenen Bewohnern als geringer eingeschätzt wird als es in den von Hangrutsch
bedrohten Gebieten der Fall ist. In Letzteren liegen die kritischen Massen zwar näher an den
Wohnhäusern und sind besser einsehbar, doch sind die Prozesse komplexer.

c. Risikomanagement – Selbsthilfe vs. staatliche Intervention


Was die Selbsthilfe zur Risikominderung seitens der betroffenen Bewohner betrifft, so
darf nicht vergessen werden, dass einige der Risikoszenarien Maßnahmen von „Laien“ prak-
tisch unmöglich machen (besonders in den von Steinschlag bedrohten Gebieten). Nicht zuletzt
agiert das Geo Rio eben genau deshalb in diesen Gebieten (vgl. Kapitel C, Unterkapitel ‚Ab-
lauf des Risikomanagements„). Trotzdem sind in vielen Fällen Maßnahmen der Bewohner
sinnvoll, um kleinere Rutschungen zu vermeiden. Unter denjenigen, die ein mittleres oder gar
hohes Risiko wahrnehmen, haben einige bereits zu eigenverantwortlichen Maßnahmen gegrif-
fen, um solche kleinere Rutschungen oder Unterspülungen durch Regenwasser zu verhindern.
So hat etwa ein Drittel der Befragten einfache Drainagekanäle zwischen Böschung und
Wohnhaus angelegt. Fast die Hälfte der Befragten sieht die öffentliche Hand in der Verant-
wortung, Maßnahmen gegen die Risiken zu ergreifen. Auf der anderen Seite glauben auch
viele Menschen nicht daran, dass der Staat ihnen in dieser Hinsicht hilft und sehen sich selbst
in der Pflicht, etwas zu tun. Die Benotung der Stadtverwaltung fiel mit einer 4 dementspre-
chend schlecht aus.
Die Bildungs- und Informationsarbeit des städtischen Risikomanagements muss als äu-
ßerst unbefriedigend bewertet werden: mehr als drei Viertel der Befragten gaben an, noch nie
Informationen über das vorherrschende Risiko erhalten zu haben – wohlgemerkt: alle Befrag-
ten leben in von der Stadtverwaltung ausgewiesenen Risikogebieten.

d. Aussicht und Fazit


Die Bedeutsamkeit der Einbeziehung der betroffenen Menschen in den Risikomanage-
mentprozess und der Bewusstmachung von Risiken ist unumstritten. Lokale Akteure müssen
geschult werden und dieses Wissen weitergeben, um der Entstehung immer weiterer Risiko-
gebiete vorzubeugen. Wenn das städtische Risikomanagement selbst in den 32 Schwerpunkt-
gebieten nicht in der Lage ist, seine Handlungsabläufe zu beschleunigen (man denke z. B. an

110
die Menschen im Sektor Coruja, die z. T. 10 Jahre lang in offiziellen Risikogebieten lebten
und auf versprochene Abfindungszahlungen warteten), die Kooperation zwischen den ver-
schiedenen Organen und die Bildungsprojekte in den Risikogebieten nicht ausbaut, dann be-
steht wenig Aussicht auf eine spürbare Reduzierung oder gar ein Ende des Problems. Am kor-
rektiven Risikomanagement des Geo Rio ist zwar insgesamt wenig auszusetzen, die Hangsta-
bilisierungstechnik befindet sich auf dem neuesten Stand, lediglich die schon angesprochenen
fehlenden Gelder, um z. B. GIS zu verbessern, bremsen die Bemühungen um die Verbesse-
rung der Risikokartierungen und Frühwarnsysteme. Wie die Befragungsergebnisse zeigen,
fehlt es aber eindeutig an capacity building vor Ort, an Bildung und Bewusstmachung mit
dem Ziel, das Risikomanagement sowohl präventiver als auch nachhaltiger zu gestalten. Doch
das Problem ist noch tiefgreifender.
Denn in Rio de Janeiro ist das Problem der gravitativen Massenbewegungen gleichzei-
tig das Problem der sozioökonomischen Marginalisierung und sozialen Unterschiede. Die
Erkenntnisse über die Entstehung und Entwicklung der Favelas in Rio de Janeiro aus Kapitel
C, sowie die herausgearbeiteten Verwundbarkeitsmerkmale der marginalisierten Bevölkerung
lassen kaum Zweifel daran, dass die Problematik der gravitativen Massenbewegungen in Rio
de Janeiro Folge gesellschaftlicher, möglicherweise auch systemischer Fehlentwicklungen ist.
Der Großteil der Menschen, die in Risikogebieten leben, nimmt diese Risiken bewusst oder
unbewusst in Kauf, da ihm nur so ein einigermaßen würdiges Leben möglich ist (kostengüns-
tiges Wohnen bei adäquater infrastruktureller Versorgung, Nähe zum Arbeitsplatz, etc.).
Bourdieu spricht treffend von „l’adaptation des espérances aux chances“ (BOURDIEU 1992),
der Resignation vor oder Akzeptanz von Risiken angesichts fehlender Alternativen (vgl. NA-
THAN 2008:351).
Das technische Wissen und die richtigen Ansätze sind da, doch fehlt es an Kontinuität
bei der Durchführung von Projekten, an Kooperation zwischen den Akteuren des Risikoma-
nagements und an politischem Willen, die nachhaltige Minderung des Risikos von
gravitativen Massenbewegungen in bewohnten Stadtgebieten zum „Chefthema“ zu machen.
Und so wären wir wieder bei Herbert de Souzas Zitat am Anfang dieser Diplomarbeit. Wann
können die Favelabewohner beim nächsten tropischen Sommerregen wohl beruhigt zu sich
sagen: „Wie gut, dass wir vorbereitet sind“?

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Assentamentos Precários na Cidade do Rio de Janeiro Setor Coruja - Morro da Formiga.
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Assentamentos Precários na Cidade do Rio de Janeiro Setor Pai João – Itanhangá. -
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______ (g2004c): Cartografia de Risco Quantitativo a Escorregamentos em Setores de


Assentamentos Precários na Cidade do Rio de Janeiro Setor Rua.1 – Morro da Rocinha. -
Fundação Geo-Rio, Rio de Janeiro.

______ (g2004d): Cartografia de Risco Quantitativo a Escorregamentos em Setores de


Assentamentos Precários na Cidade do Rio de Janeiro Setor Rua Regina Pereira - Morro do
Vidigal. - Fundação Geo-Rio, Rio de Janeiro.

______ (g2004e): Cartografia de Risco Quantitativo a Escorregamentos em Setores de


Assentamentos Precários na Cidade do Rio de Janeiro Setor Toja Martinez - Morro do
Vidigal. - Fundação Geo-Rio, Rio de Janeiro.

______ (g2004f): Cartografia de Risco Quantitativo a Escorregamentos em Setores de


Assentamentos Precários na Cidade do Rio de Janeiro Setor Vila Verde – Morro da Rocinha.
- Fundação Geo-Rio, Rio de Janeiro.

121
 Haben Sie sich schon einmal selbst über die
Anhang

3. Risikowahrnehmung Gefahren informiert?


Ja O Nein O
Wo?________________________________________
 Was gefällt Ihnen hier am besten?______________
 Werden Sie über mögliche Gefahren und
 Was gefällt Ihnen hier am wenigsten? ___________
Vorsorgemaßnahmen
 Glauben Sie, dass Ihr Haus von Erdrutsch/Steinschlag bedroht
informiert?
a. Fragebogen

ist? Ja O Nein O
Ja O Nein O Durch
 Fürchten Sie bei starkem Regen um Ihre Sicherheit? wen?___________________________________
Ja O Nein O
 Fühlen Sie sich allgemein zuhause sicher?
Sehr sicher O Sicher O Neutral O Weniger sicher O
Unsicher O 1. Vorbeugestrategien und –maßnahmen
 Wie schätzen Sie das Risiko eines Unfalls an Ihrem Wohnort ein?
Niedrig/kein Mittel hoch  Haben Sie selbst schon einmal
R1 O R2 O R3 O
Stabilisierungsmaßnahmen ergriffen?
 Glauben Sie, dass es in den letzten Jahren häufiger zu Unfällen Ja O Nein O
kommt als früher? Welche?_____________________________________
Ja O Nein O ___________
 Wurden Sie dabei von offizieller Seite unterstützt?
4. Erfahrungen und Kenntnis Ja O Nein O
 Wer ist für Ihre Sicherheit verantwortlich?
 Wie schätzen Sie Ihren Wissensstand zu geologischen Unfällen ____________________________________________
____
ein?
0-10 (0=keine Kenntnis; 10=sehr gute Kenntnis):_____
 Wie beurteilen Sie GeoRio, Defesa Civil, Prefeitura?
(jeweils 0-10)__________________________
 Waren Sie schon einmal selbst von Erdrutsch, Steinschlag oder
 Was sollten die öffentlichen Organe Ihrer Meinung
Mülllawinen betroffen?
Ja O Nein O
nach hinsichtlich des Risikos an den Hängen
Wo/Wann?__________________ verbessern?
Falls ja, wie groß war der Schaden?__________ _____________________________________
 Haben Sie schon einmal von einem (anderen) solchen Ereignis
gehört? 2. Demographische Variablen
Ja O Nein O
Wo war
das?________________________________________________
 Mann O Frau O
 Haben diese Ereignisse Sie in irgendeiner Weise beeinflusst?  Alter
Ja O Nein O  Anzahl der Personen im Haushalt
Wie?_________________________________________  Wohnzeit an diesem Ort
 Besitzverhältnisse Haus/Grundstück

122
b. Ergebnisse der Befragungen in den Risikosektoren (n=39).

Was gefällt Ihnen hier am besten?


100%
1
90%
4
80% 4 2
3 1 3
2
70%
60% 10
4 Soziale Kontakte
50%
Infrastruktur
40%
Natur
30% 6 5
2 Ruhe
2
20% 20
5
10%
0%
Toja Regina Formiga
Martinez Perreira Pai João Vila Verde
Gesamt

Was gefällt Ihnen hier am wenigsten?

100%
1
90% 1
1 1
80% 1 1
2
70%
1
60% 1 7 Müll
3 11 Lärm
50%
5 Kälte
40%
1 Infrastruktur
30%
Gewalt
20% 3 1
3 13 Aufstieg
10% 1
0%
Toja Regina Formiga Pai João Vila Verde
Martinez Perreira
Gesamt

123
Glauben Sie, dass Ihr Haus von
Erdrutsch/Steinschlag bedroht ist?
100%
90%
3
80%
1
70% 6
60% 20

50% 4
40% 6 Nein
13
30% Ja
2
20% 4
10% 19

0% 0
0
Toja Regina
Martinez Formiga Pai João Vila Verde
Perreira Gesamt

Fürchten Sie bei starkem Regen um Ihre


Sicherheit?
100%
90% 1 0
3
80%
12
70%
60% 3
50% 5

40% 15 3 Nein
7 Ja
30%
27
20%
10% 1
0% 1

Toja Regina
Martinez Formiga Pai João
Perreira Vila Verde Gesamt

124
Fühlen Sie sich allgemein zu Hause sicher?
100% 0 0
1
90% 2
1 4
80% 2 0 1
70% 10
60% 3 8 k.A.
50% 5 Unsicher
1
40% 6 Weniger sicher
5
30% 2 Sicher
20% 18 Sehr sicher

10% 1 4 1
1
0%
0 0 0 2
Toja Regina Formiga
Martinez Perreira Pai João Vila Verde
Gesamt

Wie würden Sie das Risiko an diesem Ort


einschätzen?
100% 0
90%
3 1
80%
2 1
70% 16
60% 11
3
50% 3
Hoch
40% Mittel
30% 13
2 Niedrig
20% 4 2
3
10% 2
0% 2 10

Toja 0
Regina Formiga
Martinez Perreira Pai João Vila Verde
Gesamt

125
Glauben Sie, dass es in den letzten Jahren zu
mehr oder zu weniger Unfällen kam?
100%
90%
80% 5
5
70% 3
19
60% 2
50% 4
40% Weniger

30% 11 Mehr
5
20% 3
20
10% 1
0% 0
Toja Regina
Martinez Formiga Pai João Vila Verde
Perreira Gesamt

Waren Sie schon einmal selbst von einer


Massenbewegung betroffen?
100%
90%
80%
70% 9
60% 8 2
50% 29
4
6 Nein
40%
30% Ja

20% 7
10% 2 1
0% 10
0
0
Toja Regina
Martinez Formiga Pai João Vila Verde
Perreira Gesamt

126
Haben Sie schon einmal von einem Unfall an
einem anderen Ort gehört?
100% 0
1 0
90%
80% 4 6
1
70%
60%
50% 4
9 4
40% Nein
30% 12 31 Ja
2
20%
10%
0%
Toja Regina
Martinez Formiga Pai João Vila Verde
Perreira Gesamt

Haben diese Ereignisse Sie in irgendeiner


Weise beeinflusst?
100%
90%
80%
6
70% 6
60% 3 2 23
50%
6 Nein
40%
Ja
30%
10
20% 4
10% 1 1 16
0%
0
Toja Regina
Martinez Formiga Pai João Vila Verde
Perreira Gesamt

127
Werden Sie über mögliche Gefahren
informiert?
100%
90%
80%
70%
60% 8 11
2
50% 5 30
4
40% Nein
30% Ja
20%
10% 2 5
1
0% 1 9
0
Toja Regina
Martinez Formiga Pai João Vila Verde
Perreira Gesamt

Haben Sie sich schon einmal selbst über die


Risiken informiert?
100%
90%
80%
70% 8
60% 8
5 28
50% 4
3 Nein
40%
Ja
30%
20% 8
10% 2
1 11
0% 0
Toja 0
Regina Formiga
Martinez Perreira Pai João Vila Verde Gesamt

128
Haben Sie selbst schon einmal
Stabilisierungsmaßnahmen ergriffen?
100%
90%
1
80%
5 1
70%
60% 12 4 23

50%
40% Nein
3
30% Ja
5 2
20%
10% 4 2 16

0%
Toja Regina Formiga Pai João Vila Verde
Martinez Perreira Gesamt

Wer ist für Ihre Sicherheit verantwortlich?


100%
90% 2 2
1
80% 4
2
70%
6 5
60% 2
17 Einwohnerverein
50%
Gott
40%
3 Regierung
30% 4
8 Der Bewohner selbst
20%
3
10% 1 14

0%
Toja Regina Formiga
Martinez Perreira Pai João Vila Gesamt
Verde

129
Was sollten die öffentlichen Organe Ihrer
Meinung nach hinsichtlich des Risikos an den
Hängen verbessern?
100%
1
90% 2
1
80% 3 3 1
2 9
70%
60%
50% Bewohner umsiedeln
40% Mehr Information
12 5
30% 5 3
27 Mehr Aktion
2
20%
10%
0%
Toja Regina Formiga
Martinez Perreira Pai João Vila Gesamt
Verde

130