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Risikoprognose: Die Sühne begutachten

Über die Klimakatastrophe derzeitiger Weltpolitik sind sich die Wetterfühligen einig,
doch noch immer wird über Maßnahmen zur Eindämmung schwelender Konfliktherde
gestritten. Mitten hinein in diesen Denkprozess taucht der Bundespräsident. Sein Signal der
Gesprächsbereitschaft in Sachen RAF gibt vielen zu denken und provoziert bereits erste
publizistische Bauchklatscher.
Terror, Gnade, Haftverkürzung: Das sind die Bausteine politischer Profilierung,
welche die innere Sicherheit immer wieder in die Nähe biologischer Qualifizierung rücken. Ist
der Staat eine Herde von Fluchttieren oder hält er wie Schwertwale systematische Strategien
des Gegenangriffs bereit, die ihm auch den moralischen Sieg garantieren? Diese
Unterscheidung fand sich in dem alten Bush-Kabinett wieder. Die Falken um den ehemaligen
Verteidigungsminister standen den Tauben des Ex-Außenministers gegenüber. Zielstrebigkeit
und Schnelligkeit im Angriff und die friedliebende Natur der flatterhaften Symbolgeschöpfe
schlossen sich scheinbar aus. Nur der alle Widersprüche vereinende Dompteur hielt die
beiden gegensätzlichen Strömungen „on his watch“ in Schach. Die Bilanz des Präsidenten in
Sachen Artenschutz ist allerdings verheerend: Beide Vogelarten nisten nicht mehr im Biotop
von Washington, D.C. Weiteren waghalsigen Dressuren will der Senat einen Gesetzesriegel
vorschieben und tatsächlich versuchen, Recht und Gesetz als politische Mittel zu reanimieren.
Etwas verpönt erscheint dieser Trend derzeit bei uns. Die deutsche Doppel-
Präsidentschaft EU und G8 sowie das gute Image der Regierungschefin bei ihren
Amtskollegen werden von zwei Fällen gestört, welche die gute Laune durchaus trüben
könnten. Die Verurteilung von Peter Hartz ist dabei das kleinere Übel, weil längst nicht mehr
am politischen Glaubwürdigkeitsprofil gearbeitet wird. Der Fall Kurnaz ist ein anderes
Kaliber, das auf die Fähigkeit des Staates zum Schutz seiner Bürger abzielt und sie
kurzerhand durchschlägt.
Da meldet sich der Bundespräsident zurück und gibt bekannt, dass er dem rechtlich
einwandfreien Gnadengesuch Christian Klars Gehör schenken will. Anders als die Post von
Ahmadinedschad wird Klars Stellungnahme laut Bild-Zeitung von höchster Stelle
beantwortet. Dass niemand anders zuständig sein kann, ist nebensächlich. Dass das
Bundespräsidialamt dementiert, scheinbar auch. So wird aus einer Formalie prompt ein heißes
Eisen. Die traditionellen Entlassungen vieler Häftlinge zum Weihnachtsfest in Nordrhein-
Westfalen gehen nicht nur im Adventsstress unter, sondern lösen auch keine hysterischen
Befindlichkeiten aus. Anders als sexueller Missbrauch und Terrorhandlungen ist die
traditionelle Jahresend-Amnestie dem Blätterwald keine Zeile wert.
Christian Klar wurde im April 1985 wegen gemeinschaftlich verübten, mehrfachen
Mordes verurteilt. Das Oberlandesgericht Stuttgart stellte eine „besondere Schwere der
Schuld“ fest und verhängte fünfmal lebenslängliche Haft. Ein weiteres Mal lebenslänglich
kam 1992 in einem weiteren Prozess hinzu. Fünf Jahre später legten die Richter in Stuttgart
die Mindestverbüßungsdauer von 26 Jahren fest. Diese Frist läuft am 3. Januar 2009 ab.
Bemühungen um Klars Resozialisierung kamen zunächst aus der Kulturszene. Der
verstorbene Günter Gaus sprach sich als erster für Klar aus. Nach einem Fernseh-Interview
unterstützte der ehemalige Chefredakteur des Spiegel und Staatssekretär 2004 das
Gnadengesuch des mehrfachen Mörders. Ein Jahr später bot das Berliner Ensemble unter der
Führung von Claus Peymann dem Verurteilten einen Ausbildungspla tz als Bühnentechniker
an, der allerdings den Freigängerstatus erforderte. Die Stuttgarter Richter verweigerten dies
mit dem Hinweis, dass sich eine solche Frage vor 2007 nicht stelle.
Nun stellt sich die Frage wieder und Köhler nimmt seine Pflichten ernst und wahr. Dabei
erhält er Unterstützung Prof. Dr. Helmut Kury vom Max-Planck-Institut für ausländisches und
internationales Strafrecht in Freiburg. Kury ist Forensiker und Gutacher für
Kriminalprognosen. Sein Urteilsvermögen nimmt Einfluss auf die Entscheidung des
Bundespräsidenten. Zu welchem Ergebnis die Analyse auch führen wird, Kury wird auf die
Methoden seiner Zunft hinweisen, um dem politischen Druck zu entgehen. Der Gelehrte
schwimmt nicht aus Leidenschaft gegen den Strom der Leitartikel – er lässt Zahlen für sich
sprechen. So machte er im Zuge der Bundestagswahl 1998 darauf aufmerksam, dass die
zahlreichen Rufe nach mehr innerer Sicherheit von der Rechtsprechung schon lange
beantwortet waren. Vo llzugslockerungen waren schon erschwert worden, die „Strafmentalität
(...) deutlich harscher“, so Kury in der Zeitschrift Praxis der Rechtspsychologie. Auch das
trügerische Gefühl der deutschen Öffentlichkeit, sexueller Missbrauch trete immer öfter auf,
enttäuschte der Forensiker.
Selbst wenn ein Volk seine Geschichte und ein Gemeinwohl seine Mythen braucht, ist
es erleichternd, festzustellen, dass dem deutschen Herbst kein verklärendes Wintermärchen
aufgebürdet, sondern ihm weiterhin mit legitimen Rechtsmitteln begegnet wird. Wer das
Strafbare zum Teuflischen stilisiert, lässt der Sühne keine Lücke. Wie diese beschaffen sein
könnte, wird der Forensiker Kury ermitteln. Ihre Größe wird Horst Köhler prüfen. Das sollte
man ihm nicht übel nehmen.