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Horden von Buchhaltern

Betrachtet man die letzten Wahlergebnisse in Europa, fällt eines auf: Es waren keine Kantersiege in der Auseinandersetzung gänzlich unterschiedlicher Lager um die jeweilige Regierungsverantwortung, sondern hauchdünne Resultate eines inszenierten Streits zwischen zwei bürgerlichen Parteien, die sich nur in der Art und Weise voneinander abgrenzen, welche Kostenstellen des Staatshaushaltes sie wie beanspruchen möchten. Riesige politische Unterschiede gibt es nicht mehr, die Ausnahme Serbien bestätigt die Regel. Wenn sich die politischen Inhalte aber kaum noch unterscheiden, sollte die Frage erlaubt sein, um welche Differenzen denn dann überhaupt so heftig gestritten wird. Stimmt die als Ausgangspunkt dienende Beobachtung, so ergibt sich am Wahlsonntag ein Bild, welches das klassische Preisboxen auf dem jährlichen Rummel an Schmierigkeit um einiges überbietet: Horden von Buchhaltern treten gegeneinander an, um die Verteilung der Staatsgelder bestimmen zu können. Entscheidungsfreudigkeit spielt nur noch im Umgang mit medialer Übermittlung eine Rolle, die Bekleidung des Amtes ist ein maßgeschneiderter italienischer Anzug. Was die Sache letztes Mal noch interessant gemacht hat, war die Möglichkeit einer Frau als Regierungschef. Ein Blick über den großen Teich verspricht Ähnliches für die dortige nächste Runde, die dadurch zusätzlichen Reiz gewinnt, dass Latinos und Afro-Amerikaner ebenfalls in den Ring steigen – schade nur, dass die Widersacher sich allesamt unter dem Eselsbanner der Demokraten versammeln. Die Zeit der Hahnenkämpfe ist also vorbei, nun darf man sich auf Stutenbeißen und Rüsselziehen freuen. Schade nur, dass diese animalische Auseinandersetzung den Brand unter den Fingernägeln der Wähler nicht eindämmen wird. Geringe Wahlbeteiligungen machen seit Jahren aus der Novembernacht eine mäßig besuchte Zirkusnummer. Kehren wir daher an den Ort zurück, der uns Sommer wie Winter ein Märchen schenkt (das eigentliche Märchen ist doch eigentlich, dass es noch vier Jahreszeiten gibt). Hierzulande überrascht derzeit nur die Rechtsbündigkeit eines ehemaligen Krisenmanagers im früher linksbündigen Kanzleramt, die nun nicht nur ihm selbst eine handfeste Krise beschert hat. Wieder einmal wurde das Ius Soli brevi manu außer Kraft gesetzt – einschließlich der Vernunft aller Beteiligten. Wer glaubt, dass solche Fehlleistungen nachfolgende Generationen zu politischer Beteiligung ermutigen, irrt. Trotz zahlreicher Initiativen für „mehr Demokratie“ in Städten, Kreisen und Gemeinden steigen die Wählerza hlen nicht an. Wer erwerbstätig oder familiengebunden (oder beides) ist, wird die Zeit für politisches Engagement ohnehin als äußerst begrenzt empfinden. Obwohl flexibel, reisewillig und gut ausgebildet, liefert die nun auf den Arbeitsmarkt trottende Generation keinen Nachschub an politischer Klasse. Warum auch? Wenn die Minister von morgen heute die Steine von gestern sammeln, um ihren Unmut auf die Straße zu tragen, wird sich die Greisenrepublik erneut über ihre Jugend wundern. Dabei sind die Veränderungen durchaus sichtbar: Schattenökonomie und Schattenboxen sind schon jetzt die gängigen Markt- und Konfliktlösungen. Ob virtueller Handel oder Videobotschaften, die Zukunft wirft ihre Schatten in aller Deutlichkeit voraus. Das herkömmliche System-Update „Re formen“ bewältigt die neuen Anforderungen an Volksvertretung nicht mehr. Wenn der Namensgeber einer umfassenden Arbeitsmarktreform mit Recht auf der Anklagebank landet, steht die Unterstützung des Wahlvolkes auf dem Spiel. Und das möchte nicht von Buchhaltern verwaltet, sondern von einer neuen Liebe erobert werden!