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Ode an die Buchhaltung

Mein Vater wurde in Ruinen geboren. Nach Kriegsende bewohnte er mit meinen
Großeltern eine kleine Etagenwohnung in Hamburg-Wandsbek. Die Familie hielt sich mit
Hühnerzucht auf Balkonien und Tauschhandel auf dem Schwarzmarkt über Wasser. So
entwickelte er in frühester Kindheit bereits kaufmännisches Geschick.
Nach Beendigung der mittleren Reife ließ sich mein Vater zum Besuch der
Abendschule überreden, heiratete meine Mutter und wurde Buchhalter einer großen Reederei.
Als ich ihn als Kind einmal fragte, was er denn den ganzen Tag mache, wenn er „im Büro“
sei, antwortete er nur kurz: „Ordnen.“ Ein anderes Mal hörte ich, wie er seinen Freunden
gegenüber vom „zweitältesten Gewerbe“ sprach.
Während viele Berufszweige diesen Titel für sich in Anspruch nehmen, bin ich
überzeugt, dass mein Vater mit seiner Äußerung Recht behalten hat. Mit Einführung des
Geldes als Zahlungsmittel wurden aus Händlern Kaufleute, die ihre Preise und Erfolge
Experten in die Hand gaben, die sie an offene Forderunge n erinnerten und noch reicher
machten. Die Überwachung des Handelserfolgs erforderte dieses geheime Spezialistenwissen,
das nicht einmal heute ganz und gar gesetzlich festgeschrieben ist. Die Grundsätze
ordnungsmäßiger Buchführung sind noch immer ein in Te ilen ungeschriebenes Regelwerk.
In der Literatur begegnet uns die Figur des Buchhalters als ordnungsschaffender
Rationalist oder gewissenloses Werkzeug des Bösen. In seinem Roman „Honey Gal“ von
1958 entwirft Charles Willeford die Figur des Buchhalters Sam Springer, dessen
Schreibversuche in einem Erfolgsroman gipfeln und Springer seinen sicheren Job aufgeben
lassen, um sich als Handlungsreisender auf die Suche nach Stoff für einen zweiten
Literaturerfolg zu machen. Skizziert als gefühlloser Kapitalist, schlüpft Springer in die Rolle
eines Priesters, dessen Täuschungsmanöver nebenbei die gesamte amerikanische
Bürgerrechtsbewegung ins Rollen bringen. Als „Buchhalter des Bösen“ beschrieb Tobias
Gohlis die Figur des Sam Springer vor einem Jahr in der ZEIT.
In „Der leidenschaftliche Buchhalter“ beschreibt Thomas Steinfeld Aufstieg und Fall
der Philologie an deutschen Universitäten. Der Niedergang der Disziplin gründe sich auf die
zwei Phänomene Sammeln und Populärkultur, deren Einfluss auf die universitäre Ausbildung
jenes Studienfach mit der Zeit inhaltlich völlig aufgeweicht und belanglos haben werden
lassen.
Das positive Gegenbeispiel liefert die Biografie Raymond Chandlers. Bevor er Philip
Marlowe zum Leben erweckte und Humphrey Bogart damit seine Paraderolle lieferte,
arbeitete er als Buchhalter in einer amerikanischen Molkerei.
In den „Neue[n] Geschichten und Bilder[n] aus dem See- und Kaufmannsleben“ von
1889 findet sich „Der alte Buchhalter“ von Philipp Kniest. Auch Erich Kästner widmete sich
der Darstellung dieses Berufszweiges in seiner Geschichte: „Ein Buchhalter schreibt seiner
Mutter“.
Die Beschäftigung mit Zahlen und Geld sowie die den Deutschen immer
zugeschriebene Ordnungsliebe macht den Buchhalter zu einer literarischen Figur, deren
Ausstrahlung ebenso stark ist wie die von Herrschern, Herzensbrechern oder Massenmördern.
Freuen Sie sich daher über Ihre Berufswahl. Das wirklich Böse verbirgt sich hinter einer
anderen Gruppe – Versicherungsangestellten.