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Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung, 8.

Jahrgang, Heft 2, Juli 2004


VffG, Jahrgang 4, Nr. 1, Juni 2000, 120 Seiten ISSN: 1370-7507
Verschiedene Beiträge zum Prozeß David Irving gegen D.E. Lipstadt · »Schlüsseldokument« – alternative Interpretation · Vergasungslügen
gegen Deutschland · Verfahrenstechniker zu Vergasungsbehauptungen · Treblinka-Archäologie · England – Aggressorstaat Nr. 1 · Churchill

Vierteljahreshefte
plante 3. Weltkrieg gegen Stalin · Englands Kriegsgründe für WKII · Rätselhafter General Wlassow · Japan: einen Holocaust verschwindet ·
Einkreisung Deutschlands · Freispruch für polnischen Historiker · Prozeß gegen Dr. Toben · Zweierlei Kronzeugen · u.a.m.
VffG, Jahrgang 4, Nr. 2, August 2000, 120 Seiten
Holo-Orthodoxie · Gedenken an Pfeifenberger und Elstner · Deutschland – Sommer-Alptraum · Was geschah mit unregistrierten Juden? ·

für freie
“Schon 1942 wußte man…” · Leichenkeller von Birkenau · Serienlügner Wiesel · Üben bis zur Vergasung! · Lügner Lanzmann · Gaskammer-Besichtigung ·
Juden unter NS-Herrschaft · Tod Himmlers · WK II: Wessen Krieg? · Leistungen der Wehrmacht zur Flüchtlingsrettung · Galileo Galilei · Neue Weltreligion ·
Nazifizierung der Deutschen · Ideologische Versuchung · Unsere jüdischen Wurzeln? · u.a.m.
VffG, Jahrgang 4, Nr. 3&4 (Doppelnummer), Dezember 2000, 232 Seiten (als Einzelheft € 30,-)

Geschichtsforschung
Ganzjahres-Alptraum Deutschland · 20. Jahrhundert – ein „deutsches“ Jahrhundert? · Revisionistische Wiedergeburt · Kongreß der Verfolgten ·
Historische Vergangenheit, politische Gegenwart · Was widerfuhr den ungarischen Juden? · Luftschutz in Birkenau: Neubewertung · Berichte zu
Auschwitz · Amtlich sanktionierter Betrug in Dachau · Giftmordfall Marie Besnard · „Swing tanzen verboten“ · Das Ende von U 85 · Armee von
Nieten · Washington oder Wilson? · Entstehung des jüdischen Volkes · Wilhelm II. und T. Herzl · Sieg der verlorenen Revolution · u.a.m.
VffG, Jahrgang 5, Nr. 1, Mai 2001, 120 Seiten
Revisionismus und Zionismus · Großbritannien und Palästina · Englands Propagandanetz in den USA · US-Intrigen zur Ausweitung des 2.
Weltkriegs · Roosevelt und der Fall Kent · Pläne zur Ausrottung des deutschen Volkes · Grabschändung durch Behörde · Vergewaltigte E. Wiesel deutsche
Mädels? · Der Holocaust begann 1648 · Die Shoah: bloßer Glaube? · Esquire über Revisionismus · Bedrohung und Gewalt gegen Revisionisten · »Strafbarkeit
des Auschwitz-Leugnens« · Fälschungen zum Holocaust · Legenden des Sklavenhandels, u.a.m.
VffG, Jahrgang 5, Nr. 2, Juli 2001, 120 Seiten 8. Jahrgang • Heft 2 • Juli 2004
Beirut: Die unmögliche revisionistische Konferenz · Die Führer der islamischen Staaten sollten ihr Schweigen zum „Holocaust“-Betrug bre-
chen · Auswirkung und Zukunft des Holocaust-Revisionismus · Zyklon B, Auschwitz und der Prozeß gegen Dr. Bruno Tesch · Neubewertung
Churchills – Teil 1 · J. Goebbels und die „Kristallnacht“ · Die Wiege der Zivilisation am falschen Ort? · Ein Volk gibt es unter uns… · Reali-
tät und Wirklichkeit · Der Angler, der Karpfen und der Revisionist · Jagd auf Germar Rudolf, Teil 3 · u.a.m.
VffG, Jahrgang 5, Nr. 3, September 2001, 120 Seiten Revisionismus in der Diskussion:
Folgen des Großterrorismus · »den holocaust hat es nie gegeben« · Offener Brief an arabische Intellektuelle · N. Finkelstein über Juden,
Antisemitismus, Israel · Revisionisten sind schwer zu widerlegen · Schwimmbad in Auschwitz · Marschall Pétain · Finnischer Winterkrieg 1939 · Unternehmen Zeitschrift Holocaust and Genocide Studies
Barbarossa und Europas Überleben · Ardennenschlacht · Neubewertung Churchills – Teil 2 · Britische Kriegsverbrechen · Weiße “Mumien” von Ürümchi · beißt sich die Zähne aus, S. 130
Kelten in Westchina · Pressefreiheit abgeschafft · Der Fall Gamlich · Die Neuseeland-Saga · u.a.m.
VffG, Jahrgang 5, Nr. 4, Dezember 2001, 120 Seiten US-Professoren ‘widerlegen’ Revisionisten,
Schützt unsere Demokratie! · Der Verfassungsschutz zum Revisionismus · Politische Romantik des Holocaust · J. Spanuth · Deportation indem sie Beweise leugnen, S. 134
ungarischer Juden 1944 · Mythos von Gebrauchsobjekten aus Menschenhaut · Revision zur Französischen Revolution · Wendepunkt Erster
Weltkrieg – Teil 1 · Unterdrückung Lettlands, 1918-1991 · OSI – US-Nazijäger · Stalins Säuberung der Roten Armee · Offene Fragen zu den
Terrorangriffen auf die USA · Amerika & England: Das Ende der Freiheit? · Gaskammern im Altreich? · Zeugen · u.a.m. Propaganda des polnischen Widerstandes:
VffG, Jahrgang 6, Nr. 1, April 2002, 120 Seiten Entstehung des Gaskammer-Mythos, S. 150
Politisch verfolgte Deutsche genießen Asyl … im Ausland · Fort Eben-Emael: Wendepunkt der Geschichte · Bombardierung von Bergen
1944/45 · Durchbrach die Me 262 die Schallmauer? · Konzentrationslagergeld · Miklos Nyiszli · Israels Geburt durch Blut und Terror · Holocaust-Dynamik · Echtheit des Lachout-Dokuments:
Juden, Katholiken und der Holocaust · Revisionismus und die Würde der Besiegten · Globale Probleme der Weltgeschichte · N.G. Finkelstein in Beirut: Gegen-
veranstaltung arabischer Revisionisten · Jagd auf Germar Rudolf · Nachrufe · u.a.m. Das Ende einer Selbsttäuschung, S. 166
VffG, Jahrgang 6, Nr. 2, Juni 2002, 120 Seiten
Naher Osten: Lunte am Pulverfaß · Geopolitik des Afghanistankrieges · 11. September 2001 · Helden von Bethlehem · V. Frankl über Auschwitz ½ Holocaust am deutschen Volk:
· „Entdeckung“ des „Bunkers 1“ von Birkenau · Kosten von Auschwitz · Rückblick auf GULag · Kinderlandverschickung im 2. Weltkrieg ·
Antigermanismus · Totalitarismus in der Springer-Presse · Gutachten im Asylverfahren von G. Rudolf · Geistesfreiheit in Deutschland · Japan
Wahrer Brand in deutschen Städten, S. 178
knackte US-Funkverkehr im Sommer 1941 · Hitler ohne Völkermordprogramm gegen Slawen · Ausgrabungen in Sobibor? · u.a.m.
VffG, Jahrgang 6, Nr. 3, September 2002, 128 Seiten Stalingrad liegt an der Spree:
IHR: Sinkt das Schiff? · Douglas: Revisionist oder Scharlatan? · »Keine Löcher, keine Gaskammer(n)« · V.E. Frankl in Auschwitz · Treblinka: Deutsche und russische Ansichten zur 6.
Vernichtungslager oder Durchgangslager? · C.A. Lindbergh: Prinzipien vor Privatleben · Trübe Machenschaften der Anti-Defamation League · Auch Kulturrevi-
sionismus ist dringend erforderlich · Ich, der Antisemit? · Stalins Vernichtungskrieg – amtlicher Verleumdungskrieg · Nachruf auf Thor Heyerdahl · Schwimmbad Armee des General Paulus, S. 188
im Ghetto Theresienstadt · Wie die USA den Vietnamkrieg vom Zaune brachen · Aus den Akten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses · u.v.a.m.
VffG, Jahrgang 6, Nr. 4, December 2002, 120 Seiten Vertreibung der Deutschen aus Japan:
Auschwitz-Opferzahl: Zahlen-Roulette dreht sich weiter · Russen recherchieren in “Sache Holocaust” · Sowjetischen Befragung der Topf- Ethnische Säuberung in Fernost, S. 193
Ingenieure · “Verbrennungsgruben” und Grundwasserstand in Birkenau · Die Stärkebücher von Auschwitz · Giftgas über alles, von Friedrich
Paul Berg · Vrba entlarvt Lanzmanns Film Shoah... und sich selbst · Mondlandung: Schwindel oder Wahrheit? · Männer beiderlei Geschlechts
und der kalte Verfassungsputsch · Von der Gefahr, Revisionist zu sein… · Hundert Jahre Leni Riefenstahl · Zensur im Internet, u.a.m. Mord und Selbstmord: Antisemitismus und Untermenschentum:
VffG, Jahrgang 7, Nr. 1, April 2003, 120 Seiten Oben: Bombenopfer Sind alle Nichtjuden Untermenschen?, S. 206
E. Zündel: Kampf für Deutschland · Die 4-Mio. Zahl von Auschwitz: Entstehung, Revision, Konsequenz · Zigeuner-“Vergasung” in Auschwitz in Hamburg 1943.
· Lodz-Ghetto in der Holocaust-Propaganda · Neues Gesicht des “Holocaust” · Der General im Eis · Klimaforschung: Wissenschaft oder Ideologie? · Umer- Unten: München
ziehung an deutschen Schulen · Hintergründe der 68er-Kulturrevolution · Entstehung des Dt. Reiches · Warum die USA den Internationalen Strafgerichtshof Gegen das Wahre, Schöne, Gute:
ablehnen · Revisionismus in Estland · Dissidentenverfolgung: Rennicke, Amaudruz, Plantin · u.a.m. 2004, antifaschist- Die Diktatur des Häßlichen, S. 219
VffG, Jahrgang 7, Nr. 2, Juli 2003, 120 Seiten ische Demonstration
Am Rande des Dritten Weltkriegs · Die Opiumkriege · Sind alle Menschen gleich? · Wie die Psychologie Darwin verlor · Gruppendenken · zum 59. Jahrestag des Erziehung zum Haß:
Dachau-Greuelmärchen bloßgelegt · Jüdische Mythen um die Berliner Olympiade (1936) · Walter A. Peltz als Holocaust-Falschzeuge · Schicksal Angriffs auf Dresden.
der jüdischen Familie Goldsteen aus Holland · KL Sachsenhausen · Verbrennungsexperimente mit Tierfleisch und -fett · Dissidentenverfolgung: Holocaust-Museen erziehen zum Haß gegen
Castle Hill Publishers

Kanada, Neuseeland, Deutschland · Die Versenkung des Schlachtschiffes Bismarck u.a.m alles Deutsche, Europäische, Kritische, S. 225
VffG, Jahrgang 7, Nr. 3&4, Dezember 2003 (Doppelnummer), 240 Seiten (als Einzelheft € 30,-)
Bush gegen Revisionismus · Geisterreiter am Himmel: alternatives Szenario zum 11.9.2001 · Mobiltelefon-Experimente in Linienflugzeugen · Die
Untätigkeit der US-Luftwaffe · Krieg gegen den Irak: In Israel konzipiert · Eine Übersicht über den Krieg gegen den Terrorismus · USA: Entweder Weltherrscher Juden als Täter:
oder das Nichts · Die furchtbaren Leiden der Palästinenser · Israelischer Planierraupen-Fahrer ermordet US-Friedensaktivistin · Nachruf auf Rachel · Simon Anteil an Stalins Terrorapparat, S. 233
Wiesenthals Kriegsjahre: Neues Licht in eine düstere Vergangenheit · Die Leichenkeller der Krematorien von Birkenau im Lichte der Dokumente · Auschwitz:
Gasprüfer und Gasrestprobe · Flammen und Rauch aus Krematoriumskaminen · Humanes Töten · Revisionismus in Portugal · Der Holocaust-Revisionismus
in den Massenmedien · Pseudowissenschaft · Jean-Claude Pressac und der Revisionismus · Leni Riefenstahl – kein Abschied · Gerechtigkeit für Deutschland
– vielleicht nächstes Jahr · Die “Gaskammer” im KL Mauthausen – Der Fall Emil Lachout · Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocausts
Verfolgten · Erpreßte Geständnisse: Warum Unschuldige einen Mord gestehen · Aus den Akten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, Teil 5 · u.a.m.
VffG, Jahrgang 8, Nr. 1, April 2004, 128 Seiten
R. Faurisson wird 75: Blick auf die Anfänge · Profil eines integren Mannes · Buddhistisch-christliches Gleichnis · Faurisson und Revisionismus in Italien · Wis-
senschaftler gegen Wissenschaft · Revisionismus in Karikaturen · Faurissons Methode der “Genauigkeit” · Dirigent der Genauigkeitssymphonie · Die Kula-Säule
· Biographie R. Faurissons · Abgesang auf die “Offenkundigkeit” · Die Kontroverse Piper-Meyer · Geheimnis um Wallenberg gelüftet · Neuseeland-Saga nimmt
ihren Fortgang · Joel Hayward: vom Holocaust-Historiker zum Holocaust? · Treblinka: Ein außergewöhnlicher Zeuge · Dekonstruktivismus · Leros – Der letzte
Sieg · Nachrufe · Biologischer Kriegführung während des 2. Weltkriegs · Palmen lügen nie · Auschwitz-Prozesses, Teil 6 · Leserbriefe · In Kürze Castle Hill Publishers
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wenden Sie sich dazu an die Redaktion. bitten wir Sie herzlich, uns nach Kräften zu unterstützen, sei es VffG, Jahrgang 1, 1997 (1: 58 S.; 2: 74 S.; 3: 90 S.; 4: 82 S.)
1: Zyklon B · Selbstassistierter Holocaust-Schwindel · Französischer Hersteller von Zyklon B? · Affäre Garaudy/ Abbé
Versand: in Großbritannien und Europa inklusive, für Übersee: durch Abonnements, die Vermittlung neuer Abonnenten, durch Pierre · Historiker: Keine Beweise für Gaskammern! · Zur Legalität von Geiselerschießungen · Ein anderer Auschwitz-
Seepost +30%, Luftpost +40%. Spenden oder durch aktive Mitarbeit. Vgl. www.vho.org/support Prozeß · Juden in Wehrmachtsuniform · Zur Wissenschaftsfreiheit in Deutschland · Bücherverbrennung in Deutschland
Zahlungsbedingungen: 60 Tage rein netto. für Informationen, wie Sie bei unserem Aufklärungsprojekt heute · »Prawda«: Der Holocaust ist ein Mythos u.a.m; 2: Wannsee-Konferenz · Wieviele Juden überlebten Holocaust? ·
Zahlungsweise: mithelfen können. Spenden fließen zu 100% in die Erforschung Sonderbehandlung · Gespensterkrankheit · Loch in der Tür · Unbefohlener Völkermord · Völkermord durch Telepathie ·
– bar: vorzugsweise €, SF, £ oder US$. und Veröffentlichung wichtiger geschichtlicher Fragen. KGB-Novellist G. Fleming · Revisionismus im Cyberspace · Rudolf Gutachten in der Kritik · Zur Lage des Holocaust-
Revisionismus · Völkermord nicht gleich Völkermord · Deutschland verletzt Meinungsfreiheit u.a.m.; 3: Holocaust:
Dieselmotorabgase töten langsam · Revisionisten haben Luftüberlegenheit · Auschwitz-Kronzeuge Dr. Münch im Gespräch
Voraussetzungen für den Abdruck von Artikeln in den Vierteljahresheften für freie Geschichtsforschung: · „Wissenschaftler“ am Werk · A. Bomba, der Friseur von Treblinka · Auschwitz: Die Paradoxie der Erlebnisse · Über die
Feigheit des Establishments · Über den Mut von Einzelgängern · Grundlagen zur Zeitgeschichte: Gutachterliche Stellungnahme u.a.m.; 4: Rudolf
Inhaltliche Voraussetzungen: Vorgehensweise: Mit Ausnahme anonym zugesandter Beiträge Gutachten: »gefährlich« · Technik deutscher Gasschutzbunker · Sauna ein »Verbrechen«? · Was geschah den aus Frankreich deportierten Juden?
Themengebiete: Geschichte, insbesondere Zeitgeschichte; werden Korrekturbögen nach Erfassung zugesandt, ein · Wieviel Gefangene wurden nach Auschwitz gebracht ? · Himmler-Befehl zum Vergasung-Stop · NS-Sprache gegenüber Juden · Ch. Browning:
daneben auch Meinungs- und Forschungsfreiheit. Nach Recht auf Abdruck entsteht dadurch nicht. Das eventuelle unwissender Experte · Deutscher Soldat in Auschwitz und Buchenwald · Menschenrechtsorganisationen und Revisionismus u.a.m.
Möglichkeit neuartige, bisher unveröffentlichte Berichte, Erscheinungsdatum behält sich die Redaktion vor. Ein VffG, Jahrgang 2, 1998 (alle Ausgaben 82 Seiten)
1: Grundwasser in Auschwitz-Birkenau · Die »Gasprüfer« von Auschwitz · Zweimal Dachau · Ein Australier in Auschwitz
Übersichtsartikel bzw. Forschungsergebnisse; Autorenhonorar wird nur gezahlt, falls der Autor unter · Die Affäre Papon-Jouffa-Faurisson · Milliarden Franc den Juden geraubt… oder von Marschall Pétain? · Büchervernichter
Stil: systematischer Aufbau; sachlich; Belegung von Tat- gesellschaftlicher und/oder staatlicher Verfolgung wegen und ihre Opfer · Vom Holocaust Museum ausgeladen: Schriftsteller spricht beim Nationalen Presseclub u.a.m.; 2: Kurzwellen-
sachenbehauptungen; merkliche Trennung von Meinung und seinen Meinungsäußerungen leidet. Es wird jeweils nur ein Entlausungsanlagen in Auschwitz · ›Gaskammern‹ von Majdanek · Auschwitz: Krema-Zerstörung als Propaganda-Bremse
Tatsachenbehauptungen. Belegexemplar versandt. Auf ausdrücklichen Wunsch können · »Gaskammer« von Auschwitz I · Wiedergutmachung: Korrektur eines Fehlurteils · Der Mythos von der Vernichtung
bis zu fünf Belegexemplare zugesandt werden. Homosexueller im Dritten Reich · Guido Knopp: Meister der Gehirnwäsche u.a.m.; 3: »Schlüsseldokument« ist Fälschung
Äußere Voraussetzungen: Aus naheliegenden Gründen drucken · Dokumentation eines Massenmordes · Verdrängte Schiffskatastrophen · Vatikan und »Holocaust«: »Komplizenschaft«
wir Beiträge gegebenfalls auch unter Pseudonymen ab, die Daten: Wir bevorzugen Datenübertragung per Email oder per zurückgewiesen · Lügen über Waffen-SS-Division · Auschwitz Sterbebücher · Auschwitz-Überleben · Falsche Erinnerungen
wir selbstverständlich streng vertraulich behandeln. Anonym Post auf Datenträgern (PC, 3,5”/1,44MB; ZIP (100/250 MB); überall – nur nicht in der Zeitgeschichte · J. W. Goethe knapp BRD-Zensur entgangen u.a.m.; 4: »Gasdichte« Türen in
Auschwitz · Kurzwellen-Entlausungsanlage, Teil 2 · Redefreiheit, dissidente Historiker und Revisionisten, Teil 1 · 1944: Schreckensjahr im
zugesandte Beiträge, die ebenfalls willkommen sind, können CD; DVD). Die Dateiformate der üblichen Textverarbeitungs- Kaukasus · Repression gegen Dissidenten in Schweiz · Zensur findet nicht statt, es sei denn... u.a.m.
nur veröffentlicht werden, wenn sie inhaltlich annähernd programme können in der Regel alle verarbeitet werden,
VffG, Jahrgang 3 (alle Ausgaben 120 Seiten)
druckreif sind. vorteilhaft sind jedoch aus Gründen der Portabilität Dateien 1: Deutschlands Historiker anno 1999 · Eine Fallstudie früher integrierter Kriegführung · Redefreiheit…, Teil 2 · Rückblick
Es besteht keine Umfangsbeschränkung für eingereichte der Formate *.doc (Word) und *.rtf (Rich Text Format). Wir auf den Revisionismus · Wie die Siegerpropaganda aus Bäckereien »Krematorien« schuf · »Zur Bestreitung des Holocaust
Beiträge. Beiträge, die merklich 10 Seiten in unserer Zeitschrift selbst verwenden bevorzugt MS Word (97/2000/XP) sowie – Fakten und Motive« · Geschichte und Pseudogeschichte · Die 1998’er Konferenz in Adelaide, Australien · Das Rudolf
Gutachten in der Kritik, Teil 2 · Pyrrhussieg in der Schweiz für die jüdische Gedankenpolizei · Die Wilkomirski-Pleite ·
überschreiten (etwa 50.000 Zeichen, bzw. 9.000 Wörter), PageMaker 6.5;7.x/InDesign (MS Publisher und Quark Express Fragen an die UNESCO zum Thema Auschwitz; 2: Kriegsgründe: Kosovo 1999 – Westpreußen 1939 · Partisanenkrieg und
müssen damit rechnen, in mehrere Teile zerlegt in aufein- können gelesen werden). Bitte senden Sie Ihre Manusripte nicht Repressaltötungen · Der 1. Holocaust 1914-1927 · Polnische Bevölkerungsverluste während des 2. Weltkrieges · Lebensweg
anderfolgenden Ausgaben publiziert zu werden. In solchen per Fax, da dies ein automatische Erfassung (OCR) erschwert. eines tschechischen »Partisanen« · Geschichte und Pseudogeschichte, Teil 2 · Versuche der Widerlegung revisionistischer
Fällen ist dafür zu sorgen, daß der Beitrag eine Gliederung Bilder können sowohl in allen gängigen Bildformaten per Email, Thesen · Woher stammt der David-Stern? · Gewißheit um Heisenberg · Irrtümer und Unsinn über Wagner · Der Abfall eines
jüdischen Revisionisten · Redefreiheit…, Teil 3 · Zensur und Willkür ohne Ende · Kristallnacht in Barcelona, u.v.a.m.; 3:
aufweist, die eine solche Teilung erlaubt. auf Diskette als auch im Original zugesandt werden. KL Stutthof · Der große Patentraub · Wlassow in neuem Licht · Wandlungen der Totenzahl von Auschwitz · Wieviele Tote
Beiträge von zwei Seiten Länge oder mehr sollten mit 3,5”-Disketten, CDs sowie unverlangte Manuskripte werden gab es in Auschwitz? · Das Schicksal der Juden Deutschlands 1939-45 · Unbekannter Hunger-Holocaust · Sowjetische Bildfälschungen · Bri-
Abbildungen versehen sein, um den Text aufzulockern nicht zurückgesandt, verlangte Original-Manuskripte und tische Propaganda 1939-45 · Aufstieg und Fall von Lindbergh · Die Beneš-Dekrete · Konrad Henlein und die sudetendeutsche Frage · Grenzen
der Naturwissenschaft · Wahnwelten · Redefreiheit…, Teil 4 · Jürgen Graf: Urteil von Appelationsgericht bestätigt, u.v.a.m.; 4: Fremdarbeiter
(Buchumschläge behandelter Werke, Dokumenten-Faksimiles, Abbildungen nur auf ausdrückliche Bitte. im Dritten Reich · Deutsche Zwangsarbeit und ihr Entschädigung · Ist Amerika seit 250.000 Jahren besiedelt? · Wer waren die Ureinwohner
Portraits behandelter Personen und evtl. der Beitragsautoren, Falls Sie mit diesen Bedingungen einverstanden sind, Amerikas? · Perspektive in „Holocaust“-Kontroverse · Holocaust-Religion · 100 Mio. Kommunismus-Opfer: Warum? · Kulmhof/Chelmno · Sinti
Autorvorstellungen, Bilder historischer Ereignisse etc.). erwarten wir gerne Ihre Arbeiten. und Roma · Peenemünde und Los Alamos · Entmachtung der deutschen Vertriebenen · „Deutsche Geschichtsschreibung“ · Bundesprüfstelle
verweigert Political Correctness · Holocaust im Internet · Wissenschaft oder Ideologie?
* zuzüglich 10% Porto & Verpackung in Europa (außerhalb GB), 30% für Seepost, 40% für Luftpost außerhalb Europas.
Inhalt

Der Gaskammer-Teufel im Detail .......................................................................................................................................... 130


Von Carlo Mattogno
“Leugnung der Geschichte”? – Leugnung der Beweise!, Teil 1........................................................................................... 134
Von Carlo Mattogno
Die Berichte des polnischen Widerstands über die Gaskammern von Auschwitz (1941-1944) ........................................ 150
Von Enrique Aynat
Zur Echtheit des Lachout-Dokuments ................................................................................................................................... 166
Von Klaus Schwensen
Der wahre Brand...................................................................................................................................................................... 178
Von Johannes Heyne
Stalingrad an der Wolga, Stalingrad an der Spree ............................................................................................................... 188
Von Wolfgang Strauss
Die Vertreibung der Deutschen aus Japan 1947-48.............................................................................................................. 193
Von Charles Burdick, Ph.D.
60 Jahre 20. Juli 1944 .............................................................................................................................................................. 201
Von Per Lennart Aae
Von Vampirtötern und Hanswursten..................................................................................................................................... 202
Von Israel Shamir
Über Antisemitismus und Untermenschentum ..................................................................................................................... 206
Von Israel Shamir
Endlich: Auschwitz unwiderlegbar bewiesen!?..................................................................................................................... 212
Von Ernst Manon
Schönheit vor allem tat ihm in Ohren und Augen weh ........................................................................................................ 219
Von Ernst Manon
Holocaust-Museum: Erziehung zum Haß.............................................................................................................................. 225
Von Audrey Pinque† und Germar Rudolf
BRD plant totale Internetzensur in Deutschland .................................................................................................................. 228
Von Online-Demonstration
Nachrufe
John Sack in Memoriam, von Robert H. Countess, PhD ....................................................................................................... 231
James J. Martin: Das Scheiden eines großen Historikers, von Mark Weber ........................................................................ 232
Aus der Forschung
Juden im NKWD von Stalins Sowjetunion, von Germar Rudolf ............................................................................................ 233
Antike Mumien in Europa ...................................................................................................................................................... 235
Übertriebene, einseitige Opferzahlen stacheln zum Haß auf, von Gregory Copley .............................................................. 235
Aus den Akten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, Teil 7, von Germar Rudolf ................................................................ 238
Leserbriefe ................................................................................................................................................................................ 242
In Kürze .................................................................................................................................................................................... 245

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 129


Der Gaskammer-Teufel im Detail
Historisch-technische Phantasien eines “Technologen”
Von Carlo Mattogno
In der Zeitschrift Holocaust and Genocide Studies1 erschien ist der historische Kontext, in den Allen seine These einbet-
im Herbst 2002 aus der Feder eines Michael Thad Allen ein tet, sowie vor allem das zentrale Argument, das er zu ihrer
Artikel mit dem Titel “The Devil in the Details: The Gas Stützung anführt.
Chambers of Birkenau, October 1941” (“Der Teufel in den Er hebt hervor, daß man im Sommer 1941 in Auschwitz die
Details: Die Gaskammern von Birkenau, Oktober 1941”). Errichtung von Zyklon-B-Entwesungskammern zu diskutie-
Ich übergehe die zu Beginn des Artikels geäußerten Behaup- ren begann. So bestätigte die SS-Neubauleitung am 3. Juli
tungen über die angeblich willkürliche Methode der “Leug- jenes Jahres den Erhalt des von G. Peters und E. Wünstiger
ner”, die angeblich “vernichtende Kritik” Pressacs und van verfaßten Artikels “Entlausung mit Zyklon-Blausäure in
Pelts an den Revisionisten (wie “vernichtend” diese Kritik Kreislauf-Begasungskammern”, der ihr drei Tage zuvor auf
war, läßt sich daraus ersehen, daß sich beide wohlweislich Bitte der Firma Friedrich Boos von der Firma Heerdt-Lingler
stets gehütet haben, meine Argumentation in bezug auf Au- zugestellt worden war.7 Angesichts der Dokumentation über
schwitz zu “kritisieren”) sowie die übliche Fehldeutung von diese Anlagen, die für das Aufnahmegebäude (BW 160) vor-
Begriffen und Ausdrücken wie “Sonderbehandlung”, “Son- gesehen waren,8 mutmaßt Allen:
dermaßnahmen” oder “Badeanstalten für Sonderaktionen”, “Der unmittelbare Zusammenhang weist darauf hin, daß
da ich mich hierzu in einer eigenen Studie geäußert habe.2 die SS und diese Spezialisten die Entwesungsmaschinerie
Desgleichen schenke ich es mir, auf die “kriminellen Indizi- und die Vergasung von Menschen, die im Herbst 1941 ver-
en” einzugehen, die sich laut Allen “einzig und allein als mutlich an verschiedenen Orten durchgeführt werden soll-
Hinweise auf Massenmord mittels Zyklon-B” deuten lassen, ten, zugleich erörterten.” (S. 194)
denn diese Interpretation habe ich bereits in mehreren in den Es bedarf kaum der Erwähnung, daß der Verfasser nicht das
Vierteljahresheften für freie Geschichtsforschung erschiene- geringste dokumentarische Indiz für diese angeblichen Erör-
nen Beiträgen widerlegt.3 Auch auf Allens Auslassungen zu terungen anzuführen vermag, doch nun hat er eine falsche
den vorgeblichen Verdiensten und Schwächen Pressacs und Prämisse aufgestellt, von der er im folgenden seine falschen
van Pelts (S. 191f.) gehe ich nicht ein, sondern komme direkt Schlußfolgerungen herleitet. Zunächst einmal wiederholt er
zum zentralen Thema des Artikels, das der Verfasser wie freilich seine Behauptung mehrmals. Zuerst schreibt er:
folgt kennzeichnet: “Die Annahme ist vernünftig, daß beide Vertreter dieser
“Die Untersuchung einer ansonsten unbedeutenden Kom- chemischen Firmen [Degesch und Tesch] sich mit der SS
ponente, der Drucklüftung, belegt, daß die ZBL[4] von Au- über einen systematischen Mord berieten.” (S. 194)
schwitz den jeweiligen Leichenkeller 1 der (spiegelbildlich Anschließend fährt er fort:
errichteten) Krematorien II und III ab Anfang Oktober “Obgleich diese Kammern (noch) nicht zum Töten konzi-
1941 als gigantische Zyklon-B-Anlage plante. Die SS- piert waren, betrachteten alle Beteiligten – die SS, die Fir-
Ingenieure stützten sich bei ihrem Entwurf auf ähnlich kon- ma Degesch sowie die Firma Tesch & Stabenow – sie als
struierte Entwesungskammern, auf die sie von Subunter- System zur Verwendung von ‘Menschenmaterial’ im Stil
nehmern hingewiesen worden waren. Die SS übernahm einer modernen Fabrik.” (S. 194)
diese Technologie (die ursprünglich nichts anderes als die Danach weist er zwar darauf hin, daß in Auschwitz nie De-
Ausrottung von Ungeziefer in Kleidern bezweckt hatte) bei gesch-Kreislauf-Entwesungskammern eingerichtet worden
ihren Bestrebungen zur Ausmerzung von ‘rassischem Un- sind, fügt jedoch hinzu:
geziefer.’” (S. 193) “Nichtsdestoweniger stimulierten sie die technologische
Als “Beweis” dafür, daß der Leichenkeller 1 des neuen Kre- Innovation und lieferten eine konzeptionelle Blaupause für
matoriums (des künftigen Krematorium II) von Beginn an als die Gaskammern von Birkenau. Erstens betrachteten die
Zyklon-B-Menschentötungsgaskammer geplant gewesen sei, ZBL-Ingenieure den Vergasungsvorgang bewußt als Pro-
führt Allen die Tatsache ins Feld, daß für diesen Raum ein zeß, bei dem die Leichen der Häftlinge wie Rohmaterial in
anderes Ventilationssystem vorgesehen war als für Leichen- einer modernen Fabrik behandelt wurden. [...] Zweitens –
keller 2: und dieser Sachverhalt ist trivialerer Natur – lieferten die
“Insbesondere besaß Leichenkeller 1 Ventilationssysteme, Degesch-Kammern ein Vorbild für die Konstruktion des
die sich nicht nur von denen des Leichenkellers 2 unter- Ventilationssystems für Zyklon-B-Hinrichtungsgaskam-
schieden, sondern auch von jenen sämtlicher anderen be- mern.” (S. 195)
stehenden SS-Krematorien.” (S. 199) Somit ist aus der anfänglichen Vermutung glücklich eine
Diese These ist nicht nur nicht neu, sondern stellt einen nachgewiesene Tatsache geworden! Der Verfasser versucht
sichtlichen Rückschritt gegenüber den – von van Pelt dreist allerdings, diese mit einem frei erfundenen Hinweis auf an-
plagiierten – Darlegungen Pressacs dar. Schon vor einem gebliche Menschenvergasungen in Degesch-Kreislauf-Ent-
knappen Vierteljahrhundert, anno 1981, wurde sie von Ge- wesungsgaskammern zu stützen (S. 196), wobei er als “Be-
orges Wellers aufgestellt. In einem Buch zur Frage der weis” nichts weiter als zwei Zeugenaussagen anführt, von
Gaskammern lichtete er (meines Wissens als erster) die denen die erste vom 23. Oktober 1959 stammt und die zweite
Sektionen der Leichenkeller 1 und 2 des künftigen Krema- “undatiert” ist; die eine wurde von Irmgard Berger, die ande-
torium II ab5 und wies darauf hin, daß Leichenkeller 1 mit re von Kaufmann-Grasowska abgegeben, zwei Zeuginnen,
Entlüftungs- und Belüftungsanlagen ausgestattet war, wäh- von denen man bisher noch nie etwas gehört hat (Anmerkung
rend die letztere im Leichenkeller 2 fehlte.6 Neu hingegen 29 auf S. 212). Ein wahrhaft unwiderlegbarer “Beweis”!

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Nach dem Hinweis auf diesen imaginären historischen Kon- schwitz herstellt. Dies heißt, daß absolut kein Zusammenhang
text kommt Allen schließlich zu seinem Hauptargument, das zwischen dieser Zeichnung und der SS-Neubauleitung (später
er in einem Absatz mit der Überschrift “Other Precedents for SS-Bauleitung und schließlich Zentralbauleitung) von Au-
the Gas Chambers” präsentiert. Dort heißt es: schwitz vorliegt – wie kann man sich da bloß aus den Fin-
“Die Degesch-Kammern sind verhältnismäßig gut bekannt, gern saugen, die Techniker dieses Amtes in Auschwitz hätten
zumindest unter Spezialisten der Holocaust-Geschichte. sich beim Entwurf des Leichenkellers 1 vom Plan der Anlage
Weniger bekannt ist, daß die SS über andere Prototypen in Alt-Drewitz beflügeln lassen? Weit eher als die vermeint-
verfügte. Die zehn Kubikmeter großen Degesch-Kammern liche Tatsache, daß “Entwürfe selten zu Papier gebracht wer-
waren nicht die einzigen Gaskammern, welche der ZBL den”, wäre dann Telepathie zwischen Lublin und Auschwitz
Auschwitz oder dem SS-Hauptamt Haushalt und Bauten im Spiel gewesen!
vorgelegt wurden. Beispielsweise legte Kori GmbH, eine Die beiden Anlagen haben in Wirklichkeit bloß ein voll-
Firma, welche als Subunternehmer in Majdanek dieselbe kommen nebensächliches architektonisches Detail gemein-
Rolle spielte wie Topf & Söhne in Auschwitz, der ZBL Lu- sam, nämlich eine unterirdische Leitung; durch die Aufblä-
blin die Zeichnungen eines Gebäudes vor, das sie in Alt- hung dieses Details verleiht Allen dem Umstand, daß Lei-
Drewitz errichtet hatte. Es handelte sich nicht etwa um ei- chenkeller 1 mit einer doppelten unterirdischen Lüftungslei-
ne Maschine wie bei den Degesch-Kammern, sondern um tung versehen war, eine Bedeutung, die ihm nicht zukommt.
ein halbmechanisiertes Gebäude. Ein zentraler mechani- Doch nicht genug damit. Die Schlußfolgerung Allens wird
scher Kern enthielt Gebläse und ein System von Leitungen durch die Zeichnung selbst, auf die er sich beruft, radikal
zur Einführung von Zyklon-B. Räume auf beiden Seiten demoliert.
konnten mit Kleidung gefüllt und entwest werden. Auch Unglaublicherweise ist Michael Thad Allen ungeachtet seiner
hier wurde, wie die Diagramme zeigen, Luft von oben in Position als “Assistant Professor of modern German history
die Kammer gepumpt. Gebläse saugten die Luft durch Lu- and the history of technology at the Georgia Institute of
ken im Boden ab. In diesem Fall installierte Kori anstelle Technology in Atlanta” nicht imstande zu begreifen, daß das
konventioneller Metalleitungen die Leitungen in unterirdi- betreffende Dokument – die Zeichnung der Firma Kori J.-Nr.
schen Kanälen unterhalb der Gebäude.” (S. 196) 9081, “Anordnung einer Luftheizungs-Anlage Kori für die
Auf S. 197 präsentiert Allen einen “Schnitt A-B”, den er wie Entlausungsanstalt in Alt-Drewitz” mit der Datierung “Bln
folgt kommentiert (siehe Dokument 1): [Berlin], den 5. Juli 1940”9 – keineswegs eine Zyklon-B-
“Diagramm einer Kori-Zyklon-B-Gaskammer, ‘Anordnung Entwesungsanlage darstellt, sondern eine Entwesungsanlage,
einer Luftheizungs-Anlage für die Entlausungsanstalt in die mit durch die Verbrennung von Kohle produzierter Heiß-
Alt-Drewitz’, datiert auf den 5. Juli 1940.” luft betrieben wurde!
Aus dieser Zeichnung zieht er folgenden Schluß: Hätte unser “Technologe”, statt den üblichen Schwachsinn
“Obwohl kein Dokument solche Pläne direkt mit Auschwitz über die “Leugner” zu verzapfen, einen Blick in das von mir
in Verbindung bringt (was nicht überrascht, da Entwürfe in Zusammenarbeit mit Jürgen Graf verfaßte Buch KL Ma-
selten zu Papier gebracht werden), kann man das Entwe- jdanek. Eine historische und technische Studie10 geworfen,
sungsgebäude in Alt-Drewitz dennoch als Modell für Lei- hätte er diesen kapitalen Schnitzer vermeiden können. Auf S.
chenkeller 1 betrachten, der ebenfalls unterirdische Venti- 130 zitiere ich dort einen Brief der Firma Kori, in dem auf
lationskanäle aufwies.” (S. 195)
Einige Seiten später doppelt er nach:
“Unterirdische Leitungen waren Teil
bestehender Zyklon-B-Entwesungs-
kammern, wie man as den Diagram-
men der ZBL Lublin der Installation
in Alt-Drewitz ersehen kann.” (S.
201)
Der Autor will also das fehlende Glied
bei einem Prozeß gefunden haben, der
von der Entwesungskammer zu der
Menschentötungsgaskammer des Lei-
chenkeller 1 geführt haben soll. Eine
wahrhaft bahnbrechende Entdeckung!
Zu Allens Pech scheitert diese Schluß-
folgerung aber schon daran, daß das
Archiv der Zentralbauleitung von Au-
schwitz zwar Dokumente über Entwe-
sungsapparate aller möglichen Typen
enthält, doch kein einziges über den
von ihm erwähnten; Unterlagen über
diesen befinden sich hingegen im Ar-
chiv des ehemaligen KL Majdanek.
Somit existiert keinerlei Dokument,
das, wenn schon keine direkte, auch nur
eine “indirekte” Verbindung zwischen Dokument 1: Luftheizungsanlage Alt-Drewitz als Vorschlag für eine Heißluftentwe-
dem betreffenden Apparat und Au- sung für das KL Majdanek. laut M.T. Allen

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die betreffende Anlage Bezug genommen wird; u.a. liest man men ‘normale’ Einäscherungseinrichtung, wenn auch eine
dort: mit einer sehr hohen Kapazität.”
“Hier sind auch die Zugänge zu den 4 Koksbunkern vorge- Allen, der seine Aufmerksamkeit ausschließlich der Ventila-
sehen, die aber schon, um einen größeren Koksvorrat un- tionseinrichtung des Leichenkellers 1 widmet, läßt das ganze
terzubringen, zweckmäßigerweise in Längsrichtung des Bündel von “Indizien” außer acht, die laut Pressac einen Be-
Entlausungsraumes zu einem gemeinschaftlichen Bunker weis für eine Umgestaltung dieses Raums zu kriminellen
vereinigt werden, wie dies im Grundriß der Zeichnung J.- Zwecken darstellen sollen und deren Fehlen den Plan vom
Nr. 9081 angedeutet wurde.” 23. Januar 1942 vollkommen “normal” wirken läßt. Bei-
Anschließend erkläre ich Struktur und Funktion der Anlage: spielsweise sollen die Techniker der Zentralbauleitung volle
“Entsprechend diesem Projekt waren die acht Entlau- 13 Monate gebraucht haben, um zu kapieren, daß die Tür des
sungskammern also jeweils 2 m breit, 2,10 m hoch und 3,5 Leichenkellers 1, also der angeblichen Menschentötungsgas-
m lang und wurden mit einem koksbetriebenen Kalorifer kammer, sich nach außen und nicht nach innen öffnen muß-
oder Lufterhitzer erwärmt, der sich zwischen jedem Kam- te,12 und gar 17 Monate, um zu begreifen, daß die Eisenbe-
merpaar hinter den beiden Außenwänden befand. Auf jeder tondecke des Leichenkellers 1 Öffnungen zum Einschütten
Innenseite war oben eine Öffnung zum Warmluftaustritt des Zyklon B erforderte; sie sollen die Decke tatsächlich oh-
angebracht, die mit dem Lufterhitzer verbunden war; auf ne die angeblichen Öffnungen erstellt und letztere erst nach-
der entgegengesetzten Seite befand sich auf dem Fußboden träglich in aller Eile mit Vorschlaghammer und Meißel
jedes Kammernpaars eine über einen unterirdischen Luft- durchgebrochen haben!13
kanal gleichfalls mit dem Lufterhitzer in Verbindung ste- Gegen Michael Thad Allens These spricht schließlich ein an-
hende Umluftöffnung. Die Einrichtung wies strukturell derer, noch offenkundigerer Sachverhalt, der mit der Position
starke Ähnlichkeit mit dem am 5. Juli 1940 von der von des Leichenkellers zusammenhängt. Krampfhaft bemüht, den
Kori für die Entlausungsanstalt in Alt-Drewitz entworfenen unterirdischen Lüftungsleitungen um jeden Preis einen sini-
Modell auf. Zur Entlausung wurde nicht etwa Zyklon B, stren Charakter anzudichten, schreibt er:
sondern Heißluft verwendet.” “Die Aushebung unterirdischer Leitungen erforderte be-
Auf S. 288 des erwähnten Buches werden außerdem die drei trächtliche Arbeit, denn der Wasserpegel in Birkenau kann
wichtigsten Sektionen der Zeichnung 9081 abgebildet. bis einen Meter über dem Boden der Keller in den Krema-
Doch selbst wenn man dieses Buch nicht kennt, kann man torien I und II steigen. Daß die SS überhaupt halbunterir-
mittels einer summarischen Analyse der Zeichnung rasch er- dische Keller wollte, erfordert eine Erklärung. (Die Kre-
kennen, daß diese eine Gruppe von Heißluft-Entlausungs- matorien IV und V lagen vollständig über der Erdoberflä-
kammern darstellt. Im Schnitt a-b links kann man klar die che.) Die SS mußte die Wände mit Teerpappe abdichten,
Aufschrift “Kohleneinwurf” lesen. (siehe Dokument 2): die zu Kriegszeiten nur sehr schwer erhältlich war. Alle
meint Michael Thad Allen vielleicht gar, Zyklon-B- diese Faktoren trugen dazu bei, daß für einen ‘gewöhnli-
Entwesungskammern hätten mit Kohle geheizt werden müs- chen’ Leichenkeller ein außergewöhnlicher Aufwand be-
sen? Zuzutrauen wäre es ihm! trieben wurde.” (S. 201)
Somit bricht Allens These vollständig in sich zusammen. Doch wenn die Bauleitung bereits im Oktober 1941 be-
Hätte er sich der Mühe unterzogen, wenigstens Pressacs er- schlossen hatte, eine Zyklon-B-Menschentötungsgaskammer
stes Buch über Auschwitz mit einem Mindestmaß an Auf- im Leichenkeller 1 einzurichten, warum wurde letzterer dann
merksamkeit zu lesen, hätte er sich all seine absurden Mut- unterirdisch geplant?
maßungen über die Bedeutung der Ventilationseinrichtung Die ersten Pläne des neuen Krematoriums, die vom Novem-
im Leichenkeller 1 sparen können. ber 1941 stammen und von J.-C. Pressac publiziert worden
Nach einer Analyse des Plans 932 vom 23. Januar 1942 zum sind,14 lassen in der Tat ganz unmißverständlich zwei voll-
künftigen Krematorium II schrieb Pressac:11 kommen unterirdische Leichenkeller erkennen. Die Errich-
“Leichenkeller 2 sollte als zeitweiliger Aufbahrungsraum tung des Krematoriums war damals noch im Stammlager Au-
für neu eingetroffene und registrierte Leichen dienen, die schwitz I vorgesehen. Doch als das Projekt nach Birkenau
(nach drei oder vier Tagen) kremiert wurden. Leichenkel- verlagert wurde, wo der Grundwasserpegel höher war, wur-
ler 1 war zur Aufbewahrung mehrerer Tage alter, in Ver- den die Leichenkeller halbunterirdisch geplant (d.h. der obere
wesung übergehender und zur raschestmöglichen Kremie- Teil ragte über den Erdboden heraus); dies erforderte Arbei-
rung bestimmter Leichen gedacht, was eine gute Ventilie- ten, die weitaus komplizierter waren als die Installierung
rung des Raums erforderte. Nichts an dieser Zeichnung zweier unterirdischer Lüftungsleitungen. Wenn nun Leichen-
weist auf die spätere ‘Sonderverwendung’ dieses Kremato- keller 1 als Zyklon-B-Gaskammer dienen sollte, warum ha-
riums hin. Ganz im Gegenteil, sie wirkt wie eine vollkom- ben ihn die Bauleitung und später die Zentralbauleitung nicht
oberhalb der Erdoberfläche geplant?
Die einzige vernünftige Erklärung be-
steht darin, daß die beiden Leichenkel-
ler als gewöhnliche Räume zur Aufbah-
rung von Leichnamen gedacht waren,
die man, wie Pressac richtig hervorge-
hoben hat, unterirdisch bzw. halbunter-
irdisch konzipierte, um die Temperatur
in ihnen niedriger zu halten.
Gehen wir nun zu den an den Haaren
Dokument 2: Querschnitt durch geplante Heißluftentwesungsanlage im KL Ma- herbeigezogenen Thesen des Autors
jdanek – vgl. “Kohleneinwurf” zur Linken. bezüglich der Lüftungsleitungen über.

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Gemäß der Zeichnung 109/13A der Firma Huta vom 21. Sep- mich auf ein einziges Beispiel. Auf S. 200-203 zitiert er (in
tember 1943 verliefen die beiden Entlüftungskanäle im Lei- englischer Übersetzung) den letzten Abschnitt des “Berichts
chenkeller 1 auf der Höhe des Fußbodens, doch jenseits der des Amtes II-Bauten des Hauptamtes Haushalt und Bauten
Seitenmauern.15 Aus irgendwelchen Gründen hat diese An- über die Arbeiten im Jahre 1941”, den ich hier im deutschen
ordnung auf Allen einen gewaltigen Eindruck hinterlassen, Originaltext anführe:19
und er betrachtet sie als neues “kriminelles Indiz”, getreu “An zusätzlichen Baumaßnahmen wurden vom Reichsfüh-
dem Grundsatz der Holocaust-Historiker, daß jeder Sachver- rer-SS befohlen:
halt, den sie aufgrund ihrer historisch-dokumentarischen oder Der Bau von Kriegsgefangenenlagern im Reichsgebiet und
technischen Ignoranz nicht begreifen, “sich einzig und allein im Generalgouvernement.
als Hinweise auf einen Massenmord mittels Zyklon-B deuten Es wurden errichtet:
läßt”. Im vorliegenden Fall ist die naheliegendste Erklärung Im Reich im Rahmen der KL Dachau, Buchenwald, Flos-
die, daß eine doppelte Abluftrohrleitung von 50 cm Durch- senbürg, Mauthausen Kleinlager, an Großlagern Au-
messer,16 wenn sie auf dem Fußboden längs der beiden Sei- schwitz für 150.000 Kriegsgefangene.
tenmauern angebracht worden wäre, die Breite des Raums Im Generalgouvernement in Lublin für 150.000 Kriegsge-
um einen Meter verringert und dadurch den Verlust von 30 fangene und in Debica für 5.000 Kriegsgefangene.
m2 Nutzfläche verursacht hätte; dadurch wären die Reini- Um ästhetisch, bautechnisch und hygienisch einwandfreie
gungs- und Wascharbeiten erschwert worden, und die Gefahr Bauanlagen schaffen zu können, wurden Typenpläne für
einer Beschädigung wäre gewachsen. die Bebauung der Lager einschl. Quarantäne-, Truppen-,
Das Problem der Ventilation der beiden Leichenkeller des Unterkunfts- und Arbeitslager sowie für die einzelnen Be-
Krematoriums II (und III) zieht außerdem eine technische fehlsbauten entwickelt, die der Ausführung zu Grunde ge-
Frage von fundamentaler Bedeutung nach sich, welche die legt wurden.
Behauptungen der offiziellen Geschichtsschreibung nicht nur Für Entlausungsanstalten der Waffen-SS, Polizei und KL
widerlegen, sondern regelrecht der Lächerlichkeit preisge- in fester und behelfsmäßiger Bauweise wurden Richtzeich-
ben. Ich meine die Frage nach dem Luftaustausch. In meiner nungen bearbeitet, desgleichen für die behelfsmäßigen und
Studie Auschwitz: Das Ende einer Legende17 habe ich im Ab- festen Krematorien, Verbrennungsstätten und Exekutions-
satz “Die Lüftungssysteme der Krematorien” nicht nur nach- anlagen verschiedener Art.”
gewiesen, daß die Zahl der für die beiden Leichenkeller vor- Allen kommentiert diesen Text wie folgt:
gesehenen Luftumwälzungen praktisch mit derjenigen nor- “Dieser Bericht, der die Zyklon-B-Entlausungsmaschinerie
maler ziviler Leichenhallen identisch war, sondern daß die abermals mit ‘Exekutionsanlagen’ in einem Atemzug nennt,
für Leichenkeller 1 geplante Zahl – 9,49 Luftumwälzungen wurde in allen Abteilungen der SS-Bauinspektionen, Zen-
pro Stunde – niedriger war als die für Leichenkeller 2 (11,08 tralbauleitungen und kleineren Bauleitungen verteilt. Die
Umwälzungen pro Stunde). Somit war die vermeintliche Ga- Tatsache, daß in Auschwitz-Birkenau systematische Tö-
skammer schlechter ventiliert als der angebliche Ausklei- tungsaktionen geplant waren, war also unter den SS-
dungsraum! Die genialen Techniker der Zentralbauleitung Ingenieuren allgemein bekannt.”
wären also nach mehr als einjährigem intensiven Studium der Erstens waren unter “Entlausungsanstalten” keineswegs nur
Zyklon-B-Entwesungskammern zu einem wahrlich brillanten Zyklon-B-Entwesungskammern zu verstehen, sondern auch
Resultat gelangt... Heißluftanlagen und Dampfapparate. Zweitens waren die
Allen schert sich keinen Pfifferling darum, daß auch der von “Exekutionsanlagen” Galgen und Erschießungsstätten für
der offiziellen Geschichtsschreibung postulierte historische von SS-Sondertribunalen zum Tode verurteilte Häftlinge;
Hintergrund, d.h. die angebliche Entwicklung von Ausrot- solche gab es, genau wie Entlausungsanstalten, Krematorien
tungseinrichtungen in Auschwitz, hinten und vorne nicht zu und Verbrennungsstätten, auch in sämtlichen anderen er-
seiner These paßt. Er behauptet, die Bauleitung von Au- wähnten Konzentrationslagern. Wie kann man da aus diesem
schwitz habe schon im Oktober 1941 die Errichtung einer Bericht herleiten, in Auschwitz-Birkenau seien “systemati-
Menschentötungsgaskammer im Leichenkeller 1 des geplan- sche Tötungsaktionen” geplant gewesen? Nun ja, was kann
ten neuen Krematoriums vorgesehen, wobei sie sich von den man von einem “Assistant Professor of modern German hi-
Zyklon-B-Entwesungskammern habe inspirieren lassen, doch story and the history of technology” auch schon erwarten, der
als dieselben Leute fünf Monate später den angeblichen noch nicht einmal eine Zyklon-B-Entlausungskammer von
“Bunker 1” von Birkenau planten, sahen sie für ihn noch einer Heißluft-Entlausungskammer zu unterscheiden ver-
nicht einmal einen Ventilator vor! mag?
Dasselbe gilt auch für den angeblichen “Bunker 2”, der im Das Paradoxe ist, daß es sehr wohl eine Verbindung – genau-
Mai oder Juni 1942 “geplant” worden sein soll. Warum ha- er gesagt sogar eine doppelte Verbindung – zwischen den
ben dann die Zyklon-B-Entwesungskammern in diesen Fäl- Zyklon-B-Entwesungsanlagen und den angeblichen Men-
len keine “technologische Innovation stimuliert” und keine schentötungsgaskammern von Auschwitz gibt, aber nicht die
“konzeptuelle Blaupause” für die “Gaskammern” der “Bun- von Allen an den Haaren herbeigezerrte. Wie ich in einem
ker” geliefert? zuvor erwähnten Artikel darlegte, trug sich die Zentralbaulei-
Laut van Pelt wurden in den “Bunkern” mehr als 200.000 Ju- tung im Januar 1943 mit dem Gedanken, den Leichenkeller 1
den ermordet.18 Entspräche diese Behauptung der Wirklich- des Krematorium II (den “Vergasungskeller”) zumindest für
keit, so hätte es sich um umfangreiche Vernichtungsanlagen einige Zeit als “behelfsmäßige Entwesungskammer” zu be-
gehandelt, was die These Allens noch irrsinniger erscheinen nutzen.20 Allen selbst bestätigt die Richtigkeit dieser These,
läßt. indem er folgende Aussage Walter Dejacos (eines ehemali-
Der Artikel Michael Thad Allens wimmelt förmlich von an- gen SS-Untersturmführers und früheren Leiters des Sachge-
deren phantasievollen und unsinnigen Thesen, und es lohnt biets Planung der Zentralbauleitung) vom 4. März 1962 zi-
sich schon gar nicht, sie alle zu widerlegen. Ich beschränke tiert:

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“Die Räume, die später als Gaskammern gebraucht wur- in: Auschwitz: Technique and Operation of the gas chambers. The Beate
den, wurden von uns als Leichenhallen und Entlausungs- Klarsfeld Foundation, New York 1989, S. 273 und 279 reproduziert.
6
G. Wellers, Les chambres à gaz ont existé. Des documents, des témoigna-
kammern bezeichnet und wurden als solche von uns ge- ges, des chiffres. Gallimard, Paris 1981, Illustrationen auf unnumerierten
plant” (S. 196; Hervorhebung von mir; Rückübersetzung Seiten zwischen S. 134 und 135.
aus dem Englischen). 7
RGVA (Rossiiskii Gosudarstvennii Vojennii Archiv, Staatliches russi-
Die zweite Verbindung wurde von den Propagandisten der sches Kriegsarchiv, Moskau, 502-1-332, S. 86-90.
8
Für diese Anlage waren 19 Blausäure-Entwesungskammern mit Degesch-
geheimen Widerstandsbewegung von Auschwitz hergestellt.
Kreislaufsystem vorgesehen.
Diese erfanden die Geschichte mit den “Bunkern”, wobei sie 9
APMM (Archiwum PaĔstwowego Muzeum na Majdanku, Archivio del
sich so eindeutig von den Blausäureentwesungskammern in- Museo di Stato di Majdanek), sygn. VI 9a, Band 1.
10
spirieren ließen, daß sie die vermeintlichen Menschentö- 11
Castle Hill Publishers, Hastings, Großritannien, 1998.
tungsgaskammern “Degasungskammer” nannten! Bei diesem J.-C. Pressac, Auschwitz…, aaO. (Anm. 5), S. 284.
12
Ebenda, S. 302, Plan 2003 vom 19. Dezember 1942, sowie diesbezügli-
Ausdruck handelte es sich um eine Verballhornung des Be- cher Kommentar Pressacs.
griffs “Begasungskammer”, der üblicherweise für die Zy- 13
Siehe hierzu meinen Artikel “‘Keine Löcher, keine Gaskammer(n)’. Hi-
klon-B betriebenen Degesch-Kreislauf-Entlausungskammern storisch-technische Studie zur Frage der Zyklon B-Einwurflöcher in der
benutzt wurde. Doch dies ist eine andere Geschichte, die ich Decke des Leichenkellers 1 im Krematorium II von Birkenau”, VffG, 6(3)
(2002), S. 284-304, insbesondere S. 290f.
in einem demnächst erscheinenden Buch über die sogenann- 14
J.-C. Pressac, Die Krematorien von Auschwitz. Die Technik des Massen-
ten “Bunker” von Birkenau beschreiben werde. mordes. Piper, München 1994, Pläne auf unnumerierten Seiten, Doku-
mente 10-11.
15
Anmerkungen Siehe J.-C. Pressac, Auschwitz…, aaO. (Anm. 5), S. 322f.
16
J.-C. Pressac, Die Krematorien …, aaO. (Anm. 14), Dokument 15, Schnitt
Aus dem Italienischen übertragen von Jürgen Graf. b-b, “Abluftkanal für ‘B’-Raum.”
1 17
V 16, N.2, Herbst 2002, S 189-216. Beim Zitieren führe ich jeweils direkt In: H. Verbeke (Hg.), Auschwitz: Nackte Fakten. Eine Erwiderung an
die jeweilige Seite des Textes an. Jean-Claude Pressac, Stiftung Vrij Historisch Onderzoek, Berchem,
2
Sonderbehandlung in Auschwitz. Entstehung und Bedeutung eines Be- 1995, S. 133-135.
griffs. Castle Hill Publishers, Hastings, Großbritannien, 2003. 18
R.J. van Pelt, The Case for Auschwitz. Evidence from the Irving Trial. In-
3
Siehe insbesondere meine Studie “Die Leichenkeller der Krematorien von diana University Press, Bloomington and Indianapolis 2002, S. 455.
Birkenau in Lichte der Dokumente,” in: VffG, 7(3&4), (2003), S. 357- 19
RGVA, 502-1-13, S. 4.
380. 20
“Die Leichenkeller …”, aaO. (Anm. 3), vgl. bes. S. 357-365 und 373-
4
Zentralbauleitung. 375.
5
Zeichnungen 1173-1174(p) sowie 933[-934](p), später von J.-C. Pressac

“Leugnung der Geschichte”? – Leugnung der Beweise!, Teil 1


Keine “Beweiskonvergenz” im Holocaust · Antwort an M. Shermer und A. Grobman
Von Carlo Mattogno
Einleitung ihnen als Frucht ihrer Recherchen natürlich ganz unmöglich
In ihrem Buch Denying History. Who Says the Holocaust ein mageres Büchlein von einigen Dutzend Seiten präsentie-
never Happened and Why Do They Say it? (Die Leugnung ren. Länger wäre das Werk ohne die zahllosen Exkurse näm-
der Geschichte. Von jenen, die behaupten, es habe den Holo- lich nicht geworden.
caust nie gegeben, und ihren Beweggründen)1 reiten die ame- Welch ehrgeizige Ziele Denying History verfolgt, stellt Ar-
rikanischen Autoren Michael Shermer und Alex Grobman ei- thur Hertzberg in seiner Einleitung (auf S. XIII) unmißver-
ne Attacke gegen den Revisionismus. Sie erheben den An- ständlich klar. Shermer und Grobman, so schreibt er, mach-
spruch, sich nicht wie ihre Vorgänger mit Polemik zu begnü- ten es sich zur Aufgabe,
gen, sondern auf wissenschaftlicher Ebene zu argumentieren, “die Behauptungen der Holocaust-Leugner Punkt für
und bekennen sich lauwarm zum Prinzip der Meinungs- und Punkt aufzugreifen und bis in die letzten Einzelheiten zu
Forschungsfreiheit. Auf unzähligen Seiten wälzen sie ge- widerlegen.”
schichtsphilosophische Fragen breit und schweifen auch Die Autoren selbst wiederholen dies gleich zu Beginn ihrer
sonst immer wieder vom Thema ab. Dieser Strategie bedie- Ausführungen:
nen sie sich nicht nur, um mit ihrer Bildung zu protzen, son- “In unserer Studie widerlegen wir die Behauptungen und
dern auch aus einem anderen, ganz banalen Grund, nämlich Argumente der Holocaust-Leugner gründlich, nehmen eine
um den Umfang ihres Buchs aufzublähen. tiefschürfende Analyse ihrer Persönlichkeiten und Motive
Shermer und Grobman machen geltend, ihr Werk sei die vor und legen, gestützt auf solide Beweise, genau dar,
Frucht einer “vieljährigen Forschungsarbeit” (S. 2); sie seien warum wir wissen, daß sich der Holocaust zugetragen
nach Europa gereist, um “Untersuchungen in den Lagern hat.” (S. 2.)
vorzunehmen, insbesondere in Mauthausen, Majdanek, Tre- Zum Schluß ihres Buchs verleihen Shermer und Grobman
blinka, Sobibor, Belzec, Dachau, Auschwitz und Auschwitz- gar ihrer Hoffnung Ausdruck, dieses sei “eine gründliche und
Birkenau” (S. 127). Die Sponsoren des Unterfangens haben wohldurchdachte Antwort auf sämtliche Behauptungen der
zur Finanzierung dieser Reisetätigkeit zweifellos tief in die Holocaust-Leugner” (S. 257).
Tasche greifen müssen, und da konnten die beiden Verfasser Die Verfasser wollen also alle Thesen aller Revisionisten

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“gründlich” widerlegt haben! Damit ist es freilich nicht weit den, doch ehrlichen und unvoreingenommenen Menschen
her.2 Ihre hochtrabenden Ansprüche erleiden durch diese wird sie von Nutzen sein – nicht nur, weil ich darin eine gan-
grobe Lüge einen herben Schlag. ze Reihe neuer Argumente anführe sowie Punkte noch vertie-
Vor Shermer und Grobman sind bereits etliche andere Auto- fe, die bereits in den drei genannten vorhergehenden Büchern
ren ausgezogen, um dem Revisionismus den Garaus zu ma- auftauchen, sondern auch, weil sie den Beweis dafür liefert,
chen. Die Hohlheit ihrer Argumente habe ich in drei früheren daß ein revisionistischer Historiker mit einer Schrift, die nur
Büchern aufgezeigt: wenige Wochen Arbeit in Anspruch genommen hat, das Er-
– Olocausto: dilettanti allo sbaraglio (etwa: Holocaust: gebnis einer “vieljährigen Forschungsarbeit” zunichte ma-
Stümper blamieren sich), Edizioni di Ar, 1996, 322 Seiten; chen kann, hinter der das gesamte Holocaust-Establishment
– L’”irritante questione” delle camere a gas ovvero da Cap- der Welt steht. Für die Historiker, welche letzterem angehö-
puccetto Rosso ad… Auschwitz. Risposta a Valentina ren, ist dies nicht minder peinlich als die Fülle stichhaltiger
Pisanty (Die “irritierende Frage” der Gaskammern oder Argumente, denen sie nichts entgegenzusetzen vermögen.
von Rotkäppchen nach ... Auschwitz”.3 Antwort an Valen-
tina Pisanty), Graphos, Genova 1998, 188 Seiten; Erster Teil: Der Revisionismus
– Olocausto: dilettanti a convegno (Holocaust: Stümper ge-
ben sich ein Stelldichein), Effepi, Genova 2002, 182 Sei- 1. Die Revisionisten
ten. Shermer und Grobman kündigen an, auf streng wissenschaft-
Des weiteren habe ich in zwei längeren Artikeln auf die Ar- licher Basis zu argumentieren; sie schreiben:
gumente des amerikanischen Antirevisionisten John C. Zim- “Unserer Ansicht nach ist es an der Zeit, sich nicht länger
merman geantwortet: mit Beschimpfungen zufriedenzu-
– John C. Zimmerman and “Body geben, sondern die Beweise vor-
Disposal at Auschwitz”: Prelimi- zulegen.” (S. 16f)
nary Observations (John C. Zim- Demnach wissen sie also sehr gut,
merman und die Frage der “Lei- auf welchem Niveau sich die Kritik
chenbeseitigung in Auschwitz”: am Revisionismus vor ihnen bewegt
Einleitende Bemerkungen); hat: Statt Beweise vorzulegen, be-
– Supplementary Response to John gnügte man sich mit Beschimpfun-
C. Zimmerman on his “Body dis- gen! Das Autoren-Duo beteuert,
posal at Auschwitz” (Zusätzliche nicht in törichten Vorurteilen gegen
Antwort an John C. Zimmerman die Revisionisten befangen zu sein:
anläßlich seiner Schrift “Body “Pauschale Etikettierungen wie
disposal at Auschwitz”).4 ‘antisemitisch’ oder ‘neonazi-
Niemand hat auf die in diesen Bü- stisch’ werden der Vielschichtig-
chern und Artikeln angeführten Ar- keit und Komplexität der Holo-
gumente je eine Antwort erteilt, caust-Leugnungsbewegung nicht
doch die augenscheinlich falschen, gerecht. Wer sich mit solchen
von mir Punkt für Punkt zerpflück- verallgemeinernden Urteilen be-
ten Thesen von Autoren wie Pierre gnügt, verkennt die Realität der
Vidal-Naquet und Valentina Pisanty Situation und drischt folglich auf
– um nur zwei Namen zu nennen – Strohmänner ein.” (S. 16)
werden von den Widersachern der Doch im folgenden vermögen die
“Holocaust-Leugner” in ihren beiden Verfasser der Versuchung
Schriften weiterhin unermüdlich nicht zu widerstehen, die Revisioni-
wiedergekäut. Die Antirevisionisten sten selbst als “Antisemiten” und
betreiben gewissermaßen geistige “Neonazis” abzustempeln. Sie be-
Inzucht: sie schreiben fleißig voneinander ab und bedienen haupten, beim Revisionismus “klinge das antisemitische
sich somit genau jenes Vorgehens, das Shermer und Grob- Leitmotiv immer wieder durch” (S. 87), und es scheine
man in ihrem Buch den Revisionisten vorwerfen (S. 251)! “schwierig, die Holocaust-Leugnungsbewegung klar von an-
Was John C. Zimmerman anbelangt, so war meine zweite tisemitschen Gefühlen zu trennen” (S. 87). Ferner schreiben
Antwort an ihn dermaßen vernichtend, daß es der tumbe sie:
Tropf von einem Professor nach ihrem Erscheinen vorzog, “Was die Holocaust-Leugner unserer Ansicht nach an-
den Mund zu halten und mit seinem Schweigen die Triftig- treibt, ist der Wunsch, jene zu rehabilitieren, die sie be-
keit meiner Argumentation indirekt anzuerkennen.5 wundern, und jene anzuschwärzen, die ihnen diese Bewun-
Was mich zu dieser Entgegnung an M. Shermer und A. derung vergällen. [...] Die Geschichte des Holocaust ist ein
Grobman veranlaßte, waren nicht etwa finstere “antisemiti- Schandfleck für den Nazismus. Man leugne die Realität des
sche” und “neonazistische” Beweggründe, die unsere Gegner Holocaust, und der Nazismus beginnt dieses Stigma zu ver-
uns Revisionisten so gerne unterstellen, sondern meine Ent- lieren.” (S. 252)
rüstung über die dreisten Mogeleien, deren sich die beiden Dies meinen die Autoren also, wenn sie behaupten, die Revi-
Verfasser schuldig gemacht haben, sowie der Drang, diese sionisten schrieben die Vergangenheit “um heutiger persönli-
Betrügereien bloßzustellen und so die geschichtliche Wahr- cher oder politischer Ziele willen” um (S. 2; siehe auch S. 34
heit wieder zu Ehren kommen zu lassen. und 238). Die abgedroschenen Unterstellungen, von denen
Ich bin mir sehr wohl bewußt, daß die Anhänger der offiziel- sich die Verfasser zu Beginn ihres Buchs distanziert haben,
len Holocaust-Version auch diese Schrift totschweigen wer- kehren somit durch die Hintertür zurück – und die Beschimp-

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fungen ebenfalls, beispielsweise auf S. 40, wo es heißt, nie- Butz ist für die beiden bereits eine zu harte Nuß, und sie be-
mand, “der noch bei Trost ist, würde behaupten, der Holo- gnügen sich damit, sein Buch The Hoax of the Twentieth
caust habe sich nicht zugetragen” (S. 40). Dieser Logik nach Century als “Bibel der Bewegung” abzutun (S. 40), was na-
sind die Revisionisten also samt und sonders “nicht recht bei türlich eine unzulässige Vereinfachung ist und von ihrem
Trost”. Doch nicht genug damit: Der Revisionismus, so engstirnigen Provinzialismus zeugt. In dieselbe Richtung
Shermer und Grobman, sei “ein Affront gegen die Geschich- weist auch ihr Urteil über Mark Weber, von dem es heißt, er
te und die Methoden der Geschichtswissenschaft” (S. 251) sei unter den Revisionisten “mit der möglichen Ausnahme
sowie “eine Lupe, durch die schwarz zu weiß und unten zu David Irvings derjenige, der die Geschichte des Holocaust
oben wird und die normalen Regeln der Vernunft nicht län- am besten kennt.” (S. 46)
ger gelten” (S. 1). In ihrer starren Fixiertheit auf Amerika haben Shermer und
Trotzdem geben die Autoren zu, daß die Revisionisten Grobman drei ganz und gar nicht unwesentliche Punkte über-
“hochmotiviert sind, über eine recht solide finanzielle Ba- sehen:
sis verfügen [wenn dem bloß so wäre!] und die Geschichts- 1) Sie haben lediglich einen Teil der amerikanischen Revi-
schreibung über den Holocaust oft gut kennen. [...] Die sionisten berücksichtigt und beispielsweise Friedrich Berg,
Leugner wissen eine ganze Menge über den Holocaust.” Robert Countess, Samuel Crowell, William Lindsey, Michael
(S. 17f.) Hoffman, Theodore O’Keefe schlicht und einfach unter den
Die Verfasser finden jene amerikanischen Revisionisten, die Teppich gekehrt.
sie persönlich kennengelernt haben, sogar “verhältnismäßig 2) Der amerikanische Revisionismus ist lediglich ein kleiner
nett” (S. 40), was für “antisemitische Neonazis”, die “nicht Teil des internationalen Revisionismus.
recht bei Trost sind”, ein unerwartetes Kompliment darstellt! 3) Bei allem Respekt vor der Geschichte und den Leistungen
Die Realität des historischen Revisionismus sieht freilich des amerikanischen Revisionismus wird man doch festhalten
ganz anders aus. Jeder Versuch, revisionistischen Historikern müssen, daß durchaus nicht er, sondern der europäische Re-
die abgegriffenen Etiketten des Antisemitismus und des Neo- visionismus heute im internationalen Revisionismus die Füh-
nazismus anzuheften, geschieht, um es mit den Worten rungsrolle spielt. Doch von den europäischen Revisionisten
Shermers und Grobmans zu sagen, “um heutiger persönlicher kennen die beiden Autoren lediglich Robert Faurisson, von
oder politischer Ziele willen” und führt in die Irre, genau wie dessen Argumenten sie nur einen ganz unbedeutenden
schon der Titel des hier besprochenen Buchs Denying Histo- Bruchteil geprüft und diesen erst noch schamlos verzerrt ha-
ry (Die Leugnung der Geschichte). Was die revisionistischen ben, wie wir im nächsten Absatz darlegen werden.
Historiker “leugnen”, oder richtiger gesagt bestreiten, ist Wer sich heute ernsthaft mit dem Revisionismus beschäftigen
nicht die Geschichte, sondern die von den offiziellen Histori- will, muß aber zunächst einmal dessen Flaggschiff, die Vier-
kern verfochtene verzerrte Version der Geschichte. Die In- teljahreshefte für freie Geschichtsforschung, sowie deren
fragestellung dieser verzerrten Version war es denn auch, die Gründer und Herausgeber Germar Rudolf kennen. Er muß
den Anstoß zum Revisionismus gegeben hat; dieser bezweckt Autoren wie Enrique Aynat, Jean-Marie Boisdefeu, Jürgen
nichts weiter, als die Geschichtsschreibung mit den histori- Graf, Pierre Guillaume, Pierre Marais, Hans-Jürgen Nowak,
schen Fakten in Einklang zu bringen. Walter Rademacher, Henri Roques, Walter Sanning, Wilhelm
Der Begründer des Revisionismus, Paul Rassinier, ehemali- Stäglich, Serge Thion, Udo Walendy, Ingrid Weckert sowie
ger Häftling der Konzentrationslager Buchenwald und Dora- den Verfasser dieser Zeilen kennen, um nur die bekanntesten
Mittelbau, begann seine Forschungstätigkeit mit der Infrage- zu erwähnen. Als ich 1996 in meinem bereits erwähnten
stellung der Lügen, von denen die Konzentrationslagerlitera- Buch Olocausto: Dilettanti allo sbaraglio eine “Bibliographie
tur der unmittelbaren Nachkriegszeit nur so wimmelte.6 Was der wichtigsten revisionistischen Werke” anführte (S. 308f.),
ihn dazu bewog, war die Empörung über diese Lügen und habe ich dort 33 Titel erwähnt. Von diesen berücksichtigen
sein Wunsch, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen. die Herren Shermer und Grobman ganze vier, davon drei
Genau dies ist auch eines der wesentlichsten Motive der revi- amerikanische! Doch trotz der Dürftigkeit dieser Auswahl
sionistischen Forscher: Sie sind empört über die Betrügereien haben sie erst nach Jahren etwas zustande gebracht, das zu-
der offiziellen Historiker, die ihre Machtposition dazu miß- mindest dem Anschein nach eine Antwort auf revisionisti-
brauchen, um ihre ahnungslosen Leser hinters Licht zu füh- sche Argumente darstellt:
ren, und ohne solche Betrügereien ihre Machtposition auch “Auf dieses Problem [die Schwierigkeit, die revisionisti-
gar nicht behaupten könnten. Auch die vorliegende Studie ist schen Thesen zu kontern] wurden wir aufmerksam, indem
die Frucht einer solchen Empörung – der Empörung über die wir uns mit den führenden Holocaust-Gelehrten der Welt in
Mogeleien, die sich die Verfasser von Denying History zu- Verbindung setzten. In vielen Fällen fiel es uns im Rahmen
schulden kommen lassen – sowie des Wunsches, einen Bei- dieses vieljährigen Projekts außerordentlich schwierig,
trag zum Sieg der geschichtlichen Wahrheit zu leisten. Antworten auf unsere Fragen zu erhalten.” (S. 2, Hervor-
Wie wir in der Einleitung gesehen haben, behaupten die Au- hebung von mir.)
toren, sämtliche Thesen sämtlicher revisionistischer Histori- Somit haben die “führenden Holocaust-Gelehrten der Welt”
ker “gründlich” widerlegt zu haben. Sie erläutern dazu: nicht einmal auf die von den Autoren ausgewählten zweit-
“Wir haben uns bemüht, die Richtigkeit unserer Annahmen rangigen revisionistischen Argumente zu antworten ver-
über die Leugner dadurch zu überprüfen, daß wir die mocht! Stellen wir uns einmal vor, Shermer und Grobman
Hauptfiguren der Holocaust-Leugnungsbewegung getrof- hätten ihr Versprechen ernstgenommen, auf sämtliche we-
fen und interviewt sowie ihre Literatur sorgfältig gelesen sentlichen Argumente der Revisionisten zu antworten: Ihr
haben.” (S. 4) “Projekt” hätte dann nicht nur Jahre, sondern gleich Jahr-
Für Shermer und Grobman beschränkt sich der Revisionis- zehnte in Anspruch genommen! Und da die Revisionisten im
mus auf Mark Weber, David Irving, Robert Faurisson, Brad- Stakkato ständig neue Argumente veröffentlichen, würde ihre
ley Smith, Ernst Zündel und David Cole (S. 46-71). Arthur Arbeit tatsächlich nie fertig werden!

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2. Die wahre historische Methode und die angeblichen “Die Leugner sind bei der Auswahl der historischen Fak-
Methoden der Revisionisten ten regelmäßig unzuverlässig. Sie stellen oft abenteuerliche
In Kapitel 9 legen Shermer und Grobman zehn Kardinal- Behauptungen auf. Diese werden selten anhand anderer
punkte der Methode wissenschaftlicher Geschichtsschreibung Quellen überprüft, und wenn doch, zitieren sich die Leug-
dar: ner oftmals gegenseitig. Die Leugner versuchen fast nie,
“1. Wie zuverlässig ist die Quelle der Behauptung? Die nach Beweisen zu suchen, die gegen ihre Behauptungen
Leugner mögen beim Zitieren von Fakten und Ziffern recht sprechen, sondern suchen nur nach solchen Fakten, die in
glaubwürdig erscheinen, doch eine genauere Untersu- ihr Weltbild passen. Sie halten sich im allgemeinen nicht
chung enthüllt oft, daß diese Details entstellt oder aus dem an die anerkannten Regeln der Geschichtswissenschaft, lie-
Zusammenhang gegriffen sind. fern keine alternative Theorie, welche die historischen Tat-
2. Hat die als Quelle zitierte Person früher Behauptungen sachen zu erklären vermöchte, und können deshalb auch
aufgestellt, die eindeutig übertrieben waren? Wenn von ei- keine Konvergenz der Beweise für ihre nicht existierende
ner Person bekannt ist, daß sie es in einem früheren Fall Theorie bieten. Schließlich diktieren, wie wir anhand soli-
mit den Tatsachen nicht allzu genau genommen hat, so un- der Beweise gezeigt haben, die persönlichen Überzeugun-
tergräbt dies natürlich ihre Glaubhaftigkeit. [...] gen und Vorurteile der Holocaust-Leugner deren Schluß-
3. Ist die Behauptung anhand einer anderen Quelle über- folgerungen.” (S. 251)
prüft worden? Es ist für die Leugner typisch, Aussagen zu In der vorliegenden Studie werde ich “anhand solider Bewei-
machen, die nicht oder nur durch einen anderen Leugner se” darlegen, daß unser Autoren-Tandem hier ein perfektes
verifiziert worden sind. [...] Gute Wissenschaft und gute Bild seiner selbst und seiner Methoden gezeichnet hat. Doch
Geschichtsschreibung sind auf Verifizierung seitens Au- ehe ich mit der Diskussion der konkreten Sachfragen begin-
ßenstehender angewiesen. ne, möchte ich einige allgemeine Beobachtungen anstellen.
4. Wie paßt die Behauptung zu dem, was wir über die Welt Zunächst einmal drängt sich der Hinweis förmlich auf, daß
und ihren Gang wissen? [...] das gesamte Werk der beiden Verfasser dem ersten Punkt ih-
5. Hat irgend jemand, einschließlich des Urhebers der Be- rer methodischen “Zehn Gebote” diametral widerspricht, weil
hauptung (ja vor allem er), auch nach Material gesucht, es nämlich auf einer im voraus vorgenommenen Selektion
das gegen die Behauptung spricht, oder wurde nur nach revisionistischer Autoren und Argumente beruht und somit
bestätigendem Material gesucht? In letzterem Fall spricht das Gesamtbild der Frage verengt und verzerrt.
man von ‘confirmation bias’ [etwa: Voreingenommenheit Shermer und Grobman hausieren mit einer Zauberformel
zugunsten bestätigendem Material], d. h. von der Tendenz, namens “Konvergenz der Beweise”, die angeblich von den
nur jene Quellen zu berücksichtigen, welche der eigenen offiziellen Historikern angewendet, von den Revisionisten
These Auftrieb verleihen. [...] hingegen vernachlässigt wird. Der Ausdruck wurde von Ro-
6. Falls keine klar definierten Beweise vorhanden sind, bert Jan van Pelt in seiner anläßlich des Irving-Lipstadt-
spricht dann die überwiegende Menge des Beweismaterials Prozesses erstellten Expertise geprägt, die anschließend den
für die aufgestellte Behauptung oder dagegen? Die Leug- Namen van Pelt Report erhalten hat. Da es keinen Beweis für
ner suchen nicht nach Beweisen, die in ihrer Gesamtheit die Realität einer Judenausrottung in Gaskammern gibt, hat
auf eine bestimmte Schlußfolgerung hindeuten; sie suchen van Pelt sämtliche verfügbaren angeblichen “Indizien” (ein-
nach Beweisen, die zu ihrer Ideologie passen. Untersuchen schließlich der von Pressac gelieferten) zusammengetragen,
wir beispielsweise die verschiedenen Augenzeugenberichte mißbräuchlich zu “Beweisen” ernannt und eine “Konvergenz
über die Vergasung von Häftlingen in Auschwitz, so ent- der Beweise” erfunden, bei der es sich um nichts anderes als
decken wir einen konsistenten Kern, der allen Schilderun- einen billigen wissenschaftlichen Betrug handelt.
gen gemeinsam ist und eine wohlfundierte Theorie über Nehmen wir beispielsweise einmal die von den Autoren be-
das Geschehene ermöglicht. Die Leugner hingegen nageln züglich der angeblichen Menschenvergasungen in Auschwitz
kleinere Unstimmigkeiten in den Zeugenaussagen fest und angeführte “Konvergenz der Beweise” unter die Lupe. Sämt-
stellen diese übertreibend als Anomalien dar, welche gegen liche Augenzeugenberichte, so behaupten sie, besäßen einen
diese Theorie sprächen. Statt das Beweismaterial in seiner “konsistenten Kern”, der die Realität der Vergasungen erhär-
Gesamtheit zu betrachten, konzentrieren sie sich auf jedes te. Den revisionistischen Historikern wird hingegen unter-
Detail, das ihren Standpunkt bestätigt. stellt, sie nagelten jede “geringfügige Unstimmigkeit” und
7. Hält sich die Person, die eine Behauptung aufstellt, an “jedes beliebige Detail” fest, um damit die ganze Zeugenaus-
die anerkannten Regeln der Vernunft und die Methoden sage für unglaubwürdig zu erklären.
der Forschung, oder akzeptiert sie nur solche, die zur ge- Genau das Gegenteil trifft zu. Zunächst einmal kennen die
wünschten Schlußfolgerung führen? [...] beiden Verfasser selbst, und mit ihnen die meisten der offizi-
8. Hat der Urheber der Behauptung auch nach einer ande- ellen Historiker, den vollständigen Text der einschlägigen
ren Erklärung für die beobachteten Phänomene gesucht, Augenzeugenberichte nicht. Sie kennen lediglich Auszüge
anstatt einfach die bereits bestehende Erklärung in Abrede aus diesen Berichten, die in einigen wenigen Sammlungen7
zu stellen? wiedergegeben werden und bei denen die betreffenden Pas-
9. Wenn der Urheber der Behauptung eine neue Erklärung sagen einer sorgfältigen Selektion unterzogen worden sind,
vorgelegt hat, liefert diese dann auf ebenso viele Fragen um durch Ausmerzung sämtlicher in den Aussagen enthalte-
eine Antwort wie die alte Erklärung? [...] ner Absurditäten und Widersprüche eine “Konvergenz” vor-
10. Tragen die persönlichen Überzeugungen und Vorurtei- zugaukeln.
le des Urhebers einer Behauptung zu seiner Schlußfolge- Ein aufschlußreiches Beispiel für eine solche “Konvergenz”
rung bei oder nicht?” (S. 249f.) liefert der britisch-jüdische Historiker Gerald Reitlinger. Bei
Shermer und Grobman zufolge setzen sich die Revisionisten der Beschreibung der angeblichen Menschenvergasungen in
über diese methodischen Prinzipien hinweg: Birkenau stützt er sich auf folgende Augenzeugen:

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a) Ada Bimko, welche die “auf Schienen kursierenden Wag- So also ist die vielgepriesene “Konvergenz der Beweise” zu-
gons” zum Transport der Leichen zum Ofen schildert; stande gekommen! In der vorliegenden Studie werde ich
b) Miklos Nyiszli, welcher Einzelheiten über den Verga- noch weitere vielsagende Beispiele ins Feld führen.
sungsvorgang mitteilt; Das zweite der zehn methodischen Gebote unseres Autoren-
c) Charles Sigismud Bendel, der die Räumung der Gaskam- Tandems besagt, daß es die Glaubwürdigkeit einer Person of-
mern beschreibt.8 fensichtlich untergrabe, wenn bekannt sei, daß “sie es früher
Liest man Reitlingers Darlegungen, so erhält man in der Tat mit den Tatsachen nicht allzu genau genommen hat”. Anders
den Eindruck, alle Zeugen sprächen von denselben Gebäuden gesagt: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht... Sehr richtig,
und denselben Geschehnissen, doch die Wirklichkeit sieht doch die offiziellen Historiker hüten sich wohlweislich, die-
vollkommen anders aus. sen Maßstab an ihre Augenzeugen anzulegen! Um beim
Ada Bimko hat nie einen Fuß in eines der Krematorien ge- Thema Auschwitz zu bleiben: Man darf mit Sicherheit und
setzt. Sie hat die phantasievolle Geschichte vom Besuch ei- ohne jede Furcht vor Widerlegung behaupten, daß keiner von
nes Krematoriums erfunden, in dem sie eine Gaskammer ge- ihnen – jawohl, keiner – die Wahrheit über die Verbren-
sehen haben will. Diese, so Bimko, besaß “zwei riesige Me- nungsöfen von Birkenau gesagt hat, sondern daß alle – ja-
tallbehälter, welche Gas enthielten”, und von der Gaskammer wohl, alle – schamlos über die Funktionsweise und Kapazität
führte eine Schiene direkt zum Ofenraum.9 Diese jämmerli- dieser Öfen gelogen haben. Ihre Aussagen enthalten teilweise
che “Augenzeugin” wähnte nämlich, die angeblichen Men- die wahnwitzigsten Absurditäten: Dov Paisikovic gab die
schenvergasungen seien mit einem dem Methan ähnlichen Verbrennungsdauer einer Leiche mit vier Minuten (!) an;19
Gas durchgeführt worden (darum hat sie auch die beiden Be- Stanisáaw Jankowski alias Alter Feinsilber behauptete, man
hälter erfunden!), und von den “Gaskammern” habe ein habe in einer Muffel zwölf Leichen gleichzeitig einäschern
Schmalspurgleis zum Ofenraum geführt (diese Aussage fin- können;20 Miklos Nyiszli bezifferte die Kapazität de Bir-
det sich bereits im sogenannten Vrba-Wetzler-Bericht).10 In kenauer Krematorien auf 20.000 Leichen pro Tag21!
Wirklichkeit waren in keinem der Birkenauer Krematorien Beim Zitieren von Dokumenten begehen die beiden Autoren
die Räume, die laut offizieller Geschichtsschreibung als Gas- grobe Fahrlässigkeiten. In einem Werk von 312 Seiten, das
kammern dienten, durch Gleise und Waggons mit den betref- nicht bloß vorgibt, sämtliche Argumente sämtlicher Revisio-
fenden Ofenräumen verbunden. Es handelt sich also um eine nisten zu widerlegen, sondern darüber hinaus noch zu bewei-
offenkundige Falschaussage.11 sen, daß der behauptete Holocaust tatsächlich stattgefunden
M. Nyiszli und C.S. Bendel, ihren eigenen Angaben zufolge hat, verlassen sich die Autoren bezüglich der Zeugenaussa-
Angehörige des sogenannten “Sonderkommandos”12 von gen außer in ein paar wenigen Fällen stets auf Quellen aus
Birkenau, die während desselben Zeitraums in denselben Ge- zweiter Hand, und dasselbe gilt auch für die Dokumente.
bäuden gelebt haben wollen, beschrieben die vermeintlichen Insgesamt führen die beiden Verfasser genau 4 (in Worten:
Gaskammern der Krematorien II und III von Birkenau, die 30 vier) Dokumente an!
m lang, 7 m breit und 2,41 m hoch waren, wie folgt: Laut Da ihre eigenen zehn methodischen Gebote sie zur sorgfälti-
Nyiszli waren sie 200 m lang,13 laut Bendel 10 m lang, 4 m gen Überprüfung ihrer Quellen anhalten, müßte man eigent-
breit und 1,60 m hoch.14 Wenn nun ein Raum gemäß einem lich annehmen, daß Shermer und Grobman bei den von ihnen
Zeugen 200 m, gemäß einem anderen jedoch nur 10 m lang zitierten Dokumenten zumindest die Richtigkeit der Quellen-
ist, handelt es sich dann um ein bloßes Detail? verweise nachgeprüft haben – doch weit gefehlt!
Und was soll man dazu sagen, daß M. Nyiszli in der ungari- Auf S. 107 erwähnen sie im Zusammenhang mit der soge-
schen Zeitung Világ eine Artikelserie verfaßt hat, in welcher nannten “Aktion 1005” (auf die ich in Kapitel III, Absatz 3
er behauptete, als Zeuge beim IG-Farben-Prozeß aufgetreten zurückkommen werde) den SS-Standartenführer Paul Blobel
zu sein, obgleich er dort niemals in den Zeugenstand geladen und zitieren (in Fußnote 20 auf S. 272) das Nürnberger Do-
worden war?15 Ist auch dies nur ein “Detail”? Und die zahllo- kument PS-3197. Der richtige Quellenverweis lautet aber
sen anderen von Nyiszli begangenen Geschichtsfälschungen, NO-3947, beeidigte Erklärung Blobels vom 18. Juni 1947.
die ich in einer diesbezüglichen Studie erhellt habe.16 Sind Auf S. 175 schreiben die beiden Verfasser:
das wirklich nur “Details”? “Am 26. November 1945, beim ersten Nürnberger Prozeß,
Ein weiteres Beispiel für eine falsche “Konvergenz” ist die trat der Nazi-Arzt Dr. Wilhelm Hoettel [sic] in den Zeugen-
Beschreibung des Vergasungsvorgangs durch die Zeugen stand.”
Filip Müller und Miklos Nyiszli. Ersterer hat nämlich letz- Tatsache ist jedoch, daß Wilhelm Höttl beim Nürnberger
teren plagiiert (wobei er sich auf die 1961 unter dem Titel Prozeß nie als Zeuge aufgetreten ist; die Autoren deuten ein
Auschwitz. Tagebuch eines Lagerarztes von der Zeitschrift einfaches “Affidavit” vom 26. November 1945 (Dokument
Quick publizierte deutsche Übersetzung von Nyiszlis Buch PS-2738, von Shermer und Grobman in Fußnote 5 auf S. 277
stützte). Nyiszli geht bei seiner Schilderung des Verga- erwähnt) fälschlicherweise als “Zeugenaussage”.
sungsablaufs von der falschen Annahme aus, das angeblich Auf S. 186 geben die Verfasser einen Auszug aus einer Rede
zu Menschenvergasungen verwendete Zyklon-B sei ein wieder, die Generalgouverneur Hans Frank am 7. Oktober
Chlorgas und weise folglich eine weit größere Dichte als 1940 gehalten haben soll, wobei sie als Quelle das Dokument
die Luft auf.17 Auch hier haben wir zwar eine “Konver- PS-3363 anführen (Fußnote 28 auf S. 278). Doch in Wirklich-
genz” vor uns, doch eine Konvergenz der Lügen. Eine an- keit hielt Frank diese Rede (auf die ich in Absatz 7/1 des drit-
dere solche ist die Geschichte mit den Metallnetzvorrich- ten Kapitels noch zurückkomme) am 20. Dezember 1940, und
tungen zur Einführung des Zyklon-B in die angeblichen die korrekte Bezeichnung des Dokuments lautet PS-2233.
“Gaskammern” der Krematorien II und III. Diese Vorrich- Schließlich zitieren die Autoren auf S. 194 einen von Himm-
tungen sollen von Michaá Kula hergestellt und von Henryk ler zu Händen Hitlers verfaßten Bericht vom 29. Dezember
Tauber gesehen worden sein, haben aber in Wirklichkeit 1942 mit der Quellenangabe “N.D. 1120, prosecution exhibit
niemals existiert.18 237” (Fußnote 47 auf S. 279); richtig wäre NO-511.

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Wir sehen also, wie es Shermer und Grobman mit dem von und zweitens behauptet haben, er habe lediglich in gutem
ihnen selbst proklamierten Gebot halten, einem Historiker Glauben falsche Angaben eines Augenzeugen wiederholt.
obliege die Überprüfung seiner Quellen! Lesen wir weiter:
Als Beweis dafür, daß die Revisionisten den vierten ihrer me- “Einen ähnlichen Schnitzer beging er [Faurisson] bei seiner
thodischen zehn Punkte mißachteten, beschwören die beiden Analyse des berühmten Gerstein-Dokuments. Kurt Gerstein
Verfasser war ein SS-Offizier, der mit der Bestellung von Zyklon-B so-
“die ausgeklügelten Verschwörungstheorien der Leugner wohl zu Entlausungszwecken als auch zur Menschentötung
darüber, wie die Juden die Holocaust-Geschichte zwecks beauftragt war. Ehe er nach dem Krieg in Gefangenschaft
Erpressung von deutschen Wiedergutmachungsleistungen umkam, bezeugte er die Verwendung des Pestizids zum
sowie zur Erreichung amerikanischer Unterstützung für Is- Zweck des Massenmordes. Faurisson und andere haben
rael ausgeheckt hätten.” (S. 249) nach internen Unstimmigkeiten in seinem Geständnis ge-
Schon vorher haben Shermer und Grobman behauptet, “eini- sucht, indem sie beispielsweise geltend machten, die angege-
ge Leugner” sprächen von bene Zahl von Opfern hätte nicht in den Gaskammern unter-
“einer zionistischen Verschwörung zur Übertreibung der gebracht werden können. Es stellte sich heraus, daß Fauris-
Leiden der Juden während des Krieges, um den Staat Isra- son seinen Schätzungen die Zahl von Menschen zugrunde
el durch Kriegsreparationen zu finanzieren.” (S. 106) legte, die bequem in einem Untergrundbahnwagen unterge-
Selbstverständlich gäbe sich kein revisionistischer Historiker bracht werden können, andere (darunter auch Leugner) ha-
dazu her, einen solchen Unfug zu unterschreiben. Als Beleg ben seine Schätzungen seither widerlegt.” (S. 5f.)
für dieses unsinnige Ammenmärchen verweisen die Autoren Als Quelle wird hier Pierre Vidal-Naquets Buch Assassins of
in einer Fußnote auf Memory (1992, S. 65-74) angegeben (Fußnote 65 auf S.
“Paul Rassinier, Debunking the Genocide Myth: A Study 266). In Wirklichkeit findet sich bei Vidal-Naquet keine Spur
of the Nazi Concentration Camps and the Alleged Extermi- von dieser Geschichte, die sich Shermer und Grobman
nation of European Jewry (Los Angeles, Noontide Press, schlicht und einfach aus den Fingern gesogen haben. Die
1978).” (Fußnote 13 auf S. 271) beiden Tröpfe haben noch nicht einmal gemerkt, daß sich
Die betreffende Seite wird nicht angegeben, weil diese Mär dieser von ihnen begangene “Schnitzer” auf denselben Ab-
nicht von Rassinier, sondern von den beiden Autoren selber schnitt desselben Dokuments bezieht wie ihr vorhergehendes
stammt. Sie haben nämlich den Sinn eines Abschnitts aus Zitat! Ist man übrigens wirklich auf einen Vergleich mit ei-
dem von Pierre Hofstetter stammenden Vorwort zu Rassini- nem Untergrundbahnwagen angewiesen, um zu beweisen,
ers Buch bewußt entstellt. Hofstetter schrieb, das “ganze zio- daß in der angeblichen Gaskammer ganz unmöglich 28 bis 32
nistische Establishment” habe den Staat Israel auf dem “My- Menschen auf einem Quadratmeter zusammengepfercht wer-
thos der sechs Millionen aufgebaut”;22 den Zionisten wird al- den konnten? M. Gilbert sowie der (ebenfalls jüdische) Hi-
so vorgeworfen, diesen Mythos ausgebeutet und nicht ge- storiker Léon Poliakov haben die Abwegigkeit des Ganzen
schaffen zu haben! instinktiv begriffen und darum auch die von Gerstein gelie-
Noch unehrlicher springen Shermer und Grobman mit R. ferten Angaben verfälscht wiedergegeben.25
Faurisson um. Auf S. 100 schreiben sie: Doch nicht nur auf hermeneutischem Feld schlagen die Me-
“In einer Publikation aus dem Jahre 1987 behauptete er thoden der Antirevisionisten wissenschaftlichen Gepflogen-
[...], der britische Holocaust-Historiker Martin Gilbert ha- heiten förmlich ins Gesicht. Hierzu zwei Beispiele, auf die
be die Größe einer Gaskammer falsch angegeben, um sie uns Shermer und Grobman dankenswerterweise selbst auf-
mit einem Augenzeugenbericht bezüglich der Anzahl der an merksam machen. Sie berichten, der revisionistische US-
einem bestimmten Tag vergasten Juden in Übereinklang zu Historiker Mark Weber sei am 27. Februar 1993
bringen. Faurisson berücksichtigte die einfache Tatsache “zum Opfer einer Desinformationsoperation des Simon
nicht, daß sich Augenzeugen bei der Schilderung von Ein- Wiesenthal Center geworden, bei welcher sich der For-
zelheiten ohne böse Absichten irren können (im vorliegen- scher Yaaron Svoray unter dem Pseudonym Ron Furey in
den Fall liegt vermutlich eine Übertreibung vor) und Gil- einem Café mit Mark Weber traf, um über The Right Way
berts Quelle vielleicht unrichtig war.” zu diskutieren, eine Zeitschrift, die eigens darum gegründet
Dies, so die Verfasser, sei ein “Schnitzer” Faurissons gewe- worden war, um Neonazis dazu zu verleiten, sich zu erken-
sen. Überprüfen wir den Fall nun anhand der methodischen nen zu geben.” (S. 46f.)
Rezepte der beiden Autoren selbst: Das prestigeträchtige Wiesenthal-Zentrum greift also zu den
In seinem Bericht vom 6. Mai 1945 schrieb Kurt Gerstein, in Mitteln des Betrugs und der Lüge! Ein gar wundersamer Zu-
einer 25 Quadratmeter und 45 Kubikmeter großen Gaskam- fall will es nun, daß einer unserer beiden Autoren, Alex
mer23 seien 700 bis 800 Menschen zusammengepfercht wor- Grobman, “Begründer und Herausgeber des Simon Wiesen-
den, also 28 bis 32 pro Quadratmeter! Martin Gilbert hatte thal Center Annual” ist, wie man auf dem Umschlag des
diesen Abschnitt in einem 1979 erschienenen Buch wie folgt Buchs lesen kann!
wiedergegeben:24 Der zweite Fall betrifft den jüdischen Ex-Revisionisten Da-
“Etwa sieben- bis achthundert Menschen auf einer Fläche vid Cole. 1997 veröffentlichte ein Robert J. Newman auf der
von ungefähr 100 Quadratmetern.” Website der berüchtigten Jewish Defence League eine An-
Somit hat Gilbert bei der Angabe der Fläche der “Gaskam- zeige mit dem Titel “David Cole: Monstruous Traitor” (Da-
mer” keineswegs eine “unrichtige Quelle” korrekt zitiert, vid Cole: Monströser Verräter), die wie eine auf Cole ausge-
sondern den Inhalt des verwendeten Dokuments verfälscht, setzte Kopfprämie formuliert war. Der Anvisierte begriff sehr
weil er dessen Absurdität erkannte! Shermer und Grobman gut, in welcher Gefahr er schwebte (“es wurde ihm angst und
haben also, um ihren auf Faurisson gemünzten Ausdruck zu bange um sein Leben und er fürchtete, jemand werde ihn aus-
verwenden, selbst gleich zwei “Schnitzer” begangen, indem findig machen und niederschießen”), und widerrief seine re-
sie erstens die von Gilbert verwendete Quelle nicht überprüft visionistischen Ansichten eilends (S. 72f).26

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Zur Lüge und dem Betrug kommen also auch noch Drohun- Beweis für einen Massenmord betrachten?
gen hinzu! Auch bezüglich der “architektonischen Baupläne und Bestel-
lungen von Baumaterial zur Herstellung von Gaskammern
und Krematorien” (damit wird unterstellt, es gebe Dokumen-
Zweiter Teil: Die “konvergierenden te über den Bau von Menschentötungsgaskammern, was
Beweise” für die Gaskammern falsch ist) flüchten sich unsere beiden Verfasser in beredtes
Schweigen. Über die Krematoriumsöfen verfügen wir freilich
1. Die sechs Kategorien “konvergierender Beweise” eine höchst umfangreiche Dokumentation, doch nicht über
In ihrem sechsten Kapitel, das sich hauptsächlich mit Au- einen einzigen Beweis dafür, daß sie zur Einäscherung der
schwitz, jedoch auch mit Majdanek und Mauthausen ausein- Leichen Vergaster gedient hätten. Die vorhandene Dokumen-
andersetzt, schicken die Autoren sich an, zu “beweisen, daß tation belegt geradezu das genaue Gegenteil: Weder die
Gaskammern und Krematorien zum Völkermord benutzt Kokslieferungen noch die Benutzungsdauer des Schamott-
wurden” (S. 126). Sie legen sechs Kategorien von Beweisen mauerwerks der Muffeln hätten die Verbrennung einer An-
vor, die ihrer Ansicht nach “in ihrer Gesamtheit auf eine Er- zahl von Leichen ermöglicht, die wesentlich über derjenigen
härtung dieser Schlußfolgerung hinauslaufen” (S. 128). eines natürlichen Todes gestorbener Häftlinge gelegen hät-
Nehmen wir diese “Beweise” nun unter die Lupe: te.28 Dies ist einer der konvergierenden Beweise für die
“1. Schriftliche Dokumente – Bestellungen für Zyklon-B Nichtexistenz von Menschentötungsgaskammern – was
(der Firmenname für Zyanidwasserstoffgas, das auf Kügel- Shermer und Grobman selbstverständlich verschweigen.
chen aus poröser Erde adsorbiert ist), architektonische Auf die “Zyklon-B-Gas-Spuren” komme ich an späterer Stel-
Baupläne und Bestellungen von Baumaterial zur Errich- le noch zu sprechen.
tung von Gaskammern und Krematorien; Ich habe bereits anhand etlicher Beispiele veranschaulicht,
2. Zyklon-B-Gas-Spuren [sic!] an den Wänden der Gas- wie die offizielle Geschichtsschreibung die “Konvergenz”
kammern in mehreren Lagern; der Zeugenaussagen schafft. Sie tut dies in erster Linie da-
3. Augenzeugenberichte – Erzählungen von Überlebenden, durch, daß sie einzelne Auszüge aus den Augenzeugenbe-
Tagebücher jüdischer Sonderkommandoangehöriger sowie richten extrapoliert und augenscheinliche Ungereimtheiten,
Geständnisse von Wächtern und Kommandanten; die in diesen zutage treten und laut Punkt 2 der von Shermer
4. Bodenaufnahmen – nicht nur solche der Lager, sondern und Grobman verkündeten methodischen zehn Gebote deren
auch solche von brennenden Leichen (heimlich hergestellte Glaubwürdigkeit zunichte machen, einfach unter den Tisch
und aus Auschwitz geschmuggelte Fotografien); kehrt. Zweitens verschweigen sie, daß sich die Zeugenaussa-
5. Luftaufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie Häftlinge auf gen bezüglich zentraler Punkte aufs krasseste widersprechen.
die Gebäude mit den Gaskammern/Krematorien zu getrie- Im Zusammenhang mit den “Verbrennungsgruben” werden
ben werden, und die mit den Bodenaufnahmen überein- wir schon bald auf einen weiteren Fall dieser falschen “Kon-
stimmen sowie die Struktur der Gaskammern und Krema- vergenz” stoßen.
torien erkennen lassen; Die “Bodenaufnahmen”, auch jene, welche “brennende Lei-
6. Die heute noch existierenden Ruinen der Lager, im Licht chen” zeigen, liefern auch nicht die Spur eines Beweises für
der oben erwähnten Beweisquellen untersucht.” (S. 127f.) die behauptete Massentötung in Gaskammern, denn es gab in
Ehe ich diese angeblichen konvergierenden Beweise bezüg- Birkenau durchaus Freiluftverbrennungen, wenn die Krema-
lich der Lager Auschwitz, Majdanek und Mauthausen Punkt torien zeitweilig außer Betrieb waren oder wenn es an Koks
für Punkt in allen Einzelheiten widerlege, sei es mir gestattet, zu deren Heizung fehlte, was ich schon an anderer Stelle dar-
einige Klärungen allgemeiner Natur hinsichtlich ihrer Natur gelegt habe.29 Es ist kein Zufall, daß die beiden Verfasser
und ihres Wertes vorzunehmen. auch diesen “Beweis” nicht weiter verfolgen.
Zu den Zyklon-B-Bestellungen machen die beiden Verfasser Auf die Luftaufnahmen gehe ich später ein.
keine näheren Angaben. Sie beschränken sich darauf, auf S. Was zu guter Letzt die “heute noch existierenden Ruinen der
133 den Satz “Bestellungen für Zyklon-B-Gas” zu wiederho- Lager” betrifft, so beweisen diese hinsichtlich der angebli-
len, und schon ist ein “konvergierender Beweis” herbeige- chen Menschenvergasungen rein gar nichts. Daß sich Sher-
zaubert! Doch selbst wenn sie das Argument deutlicher for- mer und Grobman in diesem Punkt durch ganz besonders
muliert hätten (was ihre Fähigkeiten offenbar überstieg), wä- krasse Unwissenheit auszeichnen, verbessert ihre Position in
re dieser “Beweis” dennoch nichts weiter als eine hochkarä- keiner Hinsicht.
tige Eselei. Zyklon-B wurde unbestrittenermaßen in allen Gehen wir nach diesen Bemerkungen nun zu jenen “Bewei-
deutschen Konzentrationslagern zur Entwesung eingesetzt – sen” über, welche die beiden Verfasser immerhin mit Argu-
wie kann man da aus den Bestellungen dieses Pestizids fol- menten zu untermauern versuchen.
gern, es sei zur Menschentötung verwendet worden? Um bei-
spielsweise nochmals auf Kurt Gerstein zurückzukommen, 2. Die Gaskammern von Auschwitz
der “in die Bestellung von Zyklon-B-Gas verwickelt war” (S. 2.1. DIE “ZYKLON-B-SPUREN”
59), so gibt es zwölf auf seinen Namen ausgestellte Rech- Die Diskussion der “Beweise” beginnt mit einem Paragra-
nungen seitens der Degesch (Deutsche Gesellschaft für phen namens “Zyklon-B-Spuren” (S. 129). Wie bereits mehr-
Schädlingsbekämpfung), aus denen hervorgeht, daß er vom fach betont, ist dieser Ausdruck sinnlos und beweist, daß
16. Februar bis zum 31. Mai 1944 2.370 Kilo Zyklon-B be- Shermer und Grobman in dieser Frage selbst mit den elemen-
stellt hatte, von denen jeweils 1.185 kg – also die Hälfte – für tarsten Begriffen nicht vertraut sind. Selbstverständlich sind
Auschwitz und Oranienburg bestimmt waren.27 Für Oranien- die “Zyklon-B-Spuren” in Wirklichkeit Zyanidspuren, also
burg (Sachsenhausen) wird von niemandem eine Massentö- etwas ganz anderes. Auf diesem Gebiet ist die unbestrittene –
tung in Gaskammern mittels Zyklon-B geltend gemacht – wie nicht nur revisionistische – Autorität Germar Rudolf, von Be-
kann man also Zyklon-B-Lieferungen nach Auschwitz als ruf Chemiker und Verfasser einer sorgfältigen wissenschaft-

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lichen Expertise über die “Gaskammern” von Auschwitz.30 mer noch blaue Zyklon-B-Flecken auf der Außenwand der
In diesem Gutachten behandelt er die Struktur der Entwe- Ziegelsteingaskammer von Majdanek vorhanden sind, ge-
sungsanlagen in Auschwitz (Kapitel 1), die Bildung und Sta- gen welche die Nazis entweste Decken und Kleider schlu-
bilität von Eisenblau (Preußisch Blau, Eisen-Cyanoferrat, gen, um die Gasrückstände zu entfernen.”32 (S. 132)
Kapitel 2) sowie die Prozedur der Blausäureentwesung (Ka- Shermer und Grobman kommentieren:
pitel 3). Rudolf hat außerdem dem Mauerwerk der Blausäu- “Hätten diese blauen Flecken nicht wie in Auschwitz von
reentwesungskammern sowie der angeblichen Menschentö- der Witterung weggewaschen werden müssen? Seine Frage
tungsgaskammern von Birkenau eine Anzahl von Proben tönt vernünftig, doch als wir Majdanek aufsuchten, konnten
entnommen, deren Analyse ergab, daß jene aus den Entwe- wir sehen, daß die Blaufärbung an der Außenseite der Zie-
sungskammern bis zu 13.500 mg/kg, jene aus einer vermeint- gel nur sehr schwach ist. Außerdem hat ein überhängendes
lichen Hinrichtungsgaskammer (Leichenkeller 1 des Krema- Dach die Ziegel vor Regen und Schnee geschützt, so daß
torium II) jedoch nur bis zu 6,7 mg/kg Cyanid enthielten. die Ziegel in Majdanek der Witterung weit weniger ausge-
Diese Ergebnisse werden – zusammen mit jenen der zuvor setzt waren als der ungeschützte Schutt in Auschwitz” (S.
durchgeführten chemischen Gutachten – in Kapitel 6 vorge- 132)
legt. Nach seinen Schlußfolgerungen (Kapitel 6) präsentiert Nun stimmt es durchaus, daß die Eisenblauspuren an den
Rudolfs Studie eine umfassende Kritik der Gegenexpertisen, Außenmauern der beiden Entwesungskammern innerhalb der
die von den Anhängern der These von den Menschentö- Baracke “Bad und Desinfektion I” von Majdanek nur
tungsgaskammern erstellt worden sind (ebenfalls Kapitel 6). schwach zu sehen sind, doch daß die Deutschen zwecks Ent-
Shermer und Grobman erledigen diese fundamentale Studie fernung der Gasrückstände Kleider und Decken gegen diese
mit ein paar nichtssagenden Sprüchen und bringen es sogar Mauer geschlagen haben sollen, ist falsch. Auf dieses Thema
noch fertig, den Namen des Verfassers “Rudolph” zu schrei- komme ich noch zurück. Zudem trifft keineswegs zu, daß die
ben. Sie standen vor dem Dilemma, zwischen einer früheren, betreffende Mauer jahrzehntelang, wie die Autoren unterstel-
in mancher Hinsicht unbestreitbar fragwürdigen Studie (jener len, denn sonst wäre das Argument allzu fadenscheinig, von
Fred Leuchters) und einer weit bedeutsameren, wissenschaft- einem überhängenden Dach geschützt worden ist. Dieses
lich zweifelsfrei wertvollen wählen zu müssen, und sie ent- Dach befand sich nämlich bereits zum Zeitpunkt der Befrei-
schieden sich dafür, sich auf die erste einzuschießen und die ung des Lagers (Juli 1944) im Zustand des Abbruchs; die
zweite fast ganz totzuschweigen. Somit haben sie eine Selek- Mauer war schon damals den Unbilden der Witterung ausge-
tion vorgenommen, die ihrer Ausgangsthese förderlich war. setzt33 und ist es bis heute geblieben.
Doch selbst bei der Erörterung des Leuchter-Gutachtens trei- Am befremdlichsten ist an der Antwort der beiden Verfasser
ben die von den beiden Verfassern angeführten Argumente aber nicht so sehr das, was sie sagen, sondern das, was sie
jeden die Wände hoch, der in dieser Frage auch nur ein Min- verschweigen – die Tatsache nämlich, daß in Birkenau, nur
destmaß an Sachkenntnis besitzt. So liest man auf S. 131: etwas über 300 m von den Ruinen der Krematorien II und III
“Faurisson verweist darauf, daß es in gewöhnlichen, mit entfernt, die beiden Außenwände (Nord und Süd) der Entwe-
Blausäure entwesten Gebäuden ebenso Zyklon-B-Spuren sungskammer des Bauwerk 5b große und intensive Eisen-
gibt wie in den Gaskammern; er folgert daraus, daß Zy- blauflecken aufweisen (in geringerem Umfang trifft dies auch
klon-B-Spuren keinen Beweis für die Existenz von Men- auf die Mauern der Entwesungskammer des Bauwerk 5a zu).
schentötungsgaskammern liefern. Laut dem Apotheker und Diese Mauern sind seit jeher vollständig der Witterung aus-
Fachmann für Vernichtungslager Jean-Claude Pressac er- gesetzt. Darauf hat schon Jean-Claude Pressac hingewiesen
gibt Faurissons Argumentation aber keinen Sinn, weil Ge- und die Flecken fotografiert.34 G. Rudolfs umfangreiche Be-
bäude und Leichenhallen normalerweise mit Antiseptika weisführung der außerordentlichen Witterungsresistenz von
desinfiziert werden, ob diese nun fest (Kalk, Kalkchlorid), Eisenblau schließlich wird ebenso totgeschwiegen.35 Shermer
flüssig (Bleichmittel, Kresol) oder gasförmig (Formalde- und Grobman vertuschen also nicht nur gezielt jene Beweise,
hyd, Schwefelanhydrid) sind” (Hervorhebung von mir) die ihre Behauptungen widerlegen, sondern versuchen, letzte-
Wenn hier etwas “keinen Sinn ergibt”, dann ist es ein solches re mit Scheinbeweisen zu untermauern.
Argument, weil Faurisson zwar von “Desinfektionsgaskam-
mern” sprach, aber eindeutig “Blausäureentwesungsgaskam- 3. Verschwundene Türen und “Schlösser”
mern” meinte. Der “Gegenbeweis” der offiziellen Historiker Auf S. 132 greifen die Verfasser ihrer Behandlung der an-
beruht also auf einem banalen terminologischen Unterschied! geblichen Menschentötungsgaskammer von Mauthausen vor;
Eine solche Argumentation ist schon darum unehrlich, weil sie schreiben:
auch in Danuta Czechs Kalendarium für Zyklon-B-Entwesung “Wenn eine Frage oder Aussage keinerlei Bezug zur Reali-
fälschlich der Begriff “Desinfektion” (statt Entwesung) ge- tät hat, wird sie schlicht und einfach zum rhetorischen
braucht wird,31 ohne daß es einem der offiziellen Historiker Kunstgriff und erfordert keine Antwort. Man nehme – um
einfiele, daraus zu folgern, daß dies “keinen Sinn ergibt”. ein weiteres Beispiel anzuführen – etwa Coles Behauptung,
die Tür der Gaskammer von Mauthausen lasse sich nicht
2.2. DIE ANGEBLICHE LÖSLICHKEIT VON EISENBLAU abschließen. Es trifft zwar zu, daß sich die heutige Tür
Auf S. 132 behaupten die beiden Verfasser, die Ruinen der nicht abschließen läßt, doch ist dies nicht von Belang, weil
angeblichen Menschentötungsgaskammern seien “den Ele- es sich nicht um die Originaltür handelt. Um dies zu ermit-
menten mehr als ein halbes Jahrhundert lang schutzlos preis- teln, brauchten wir nichts weiter zu tun, als zu fragen.”
gegeben gewesen” und unterstellen somit, das auf ihren 36 Seiten später erläutern sie, die “Originaltür der Gaskam-
Mauern vorhandene Eisenblau habe sich aufgelöst. Sie ver- mer” befinde sich heutzutage “in einem Museum” (S. 168).
weisen anschließend auf ein Argument David Coles, der Welches Museum dies aber sein soll, und welcher dokumen-
“einräumt, daß die bestehenden Ruinen den Elementen tarische Beweis dafür vorliegt, daß ein solches angebliches
ausgesetzt waren, jedoch die Frage aufwirft, weshalb im- Museums-Exponat denn wirklich im Kriege in Mauthausen

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an der behaupteten Stelle installiert war, dazu machen Sher- nicht allzu leicht bemerkt, haben Shermer und Grobman die
mer und Grobman keine Angaben. betreffende Seite im Buch Dworks und van Pelts “irrtümli-
Somit ist die Tür der Gaskammer nicht die ursprüngliche: cherweise” falsch angegeben und statt “Seite 364” “S. 272-
diese befindet sich ja “in einem Museum”, und um dies zu 282” geschrieben!
wissen, reicht es, zu “fragen”. Wie man sieht, berufen sich
die beiden Verfasser, die sich so viele Gedanken über die 5. Eine “im Originalzustand befindliche”, nein,
Zuverlässigkeit der von den Revisionisten angeführten Quel- rekonstruierte Gaskammer!
len machen, hier auf Informationen, deren Glaubwürdigkeit Die beiden Verfasser setzen dem Schwindel mit folgenden
über jeden Zweifel erhaben ist... Ausführungen die Krone auf:
In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß die “David Cole behauptet in seinem anläßlich des Besuchs in
Herren Shermer und Grobman mit keiner sonderlich guten Auschwitz gedrehten Videofilm dramatisch, er habe den
Beobachtungsgabe gesegnet sind. Sie haben zwar die “Gas- Museumsdirektor dazu gebracht, zu ‘gestehen’, daß die
kammer” von Mauthausen besucht und auch eine von ihnen Gaskammer eine Rekonstruktion sei und die unwissende
selbst hergestellte Aufnahme dieses Raums veröffentlicht, je- Öffentlichkeit somit belogen werde. Dies ist eine für die
doch die Kleinigkeit übersehen, daß der Raum zwei Türen Leugner typische Übertreibung und ideologisch motiviertes
besitzt – was ergibt es da für einen Sinn, zu behaupten, “die Hurrageschrei. Niemand in Auschwitz – von den Führern
Tür” (Singular) der Gaskammer sei nicht die ursprüngliche? bis zum Direktor – stellt in Abrede, daß die dortige Gas-
Ein prägnanteres Beispiel für eine “Aussage, die keinerlei kammer eine Rekonstruktion ist. Ein Besucher braucht nur
Bezug zur Realität hat” und deshalb “schlicht und einfach zu fragen.” (S. 133)
zum rhetorischen Kunstgriff wird”, kann man sich schwerlich Dies mag sogar stimmen, gilt jedoch erst für den Zeitraum
vorstellen! Im vorliegenden Fall enthüllt dieser “Kunstgriff” des Besuchs der beiden Autoren in Auschwitz (Ende der
die krasse Unwissenheit der beiden Verfasser (wie übrigens neunziger Jahre). 1992, als David Cole das Lager aufsuchte,
auch jene David Coles): Alle drei wähnen nämlich, eine Gas- verhielt es sich keineswegs so. Dies wissen Shermer und
kammer sei mit einem “Schloß” ausgestattet. In Wirklichkeit Grobman sehr wohl, denn in dem von ihnen erwähnten Vide-
wurden gasdichte Türen mit Hebeln geschlossen, welche mit ofilm hat Cole, den Ratschlag der beiden Autoren offenbar
Einspurungen versehen waren und sich auf ins Metallwerk vorausahnend, eine Führerin namens Alicia “gefragt”. Hier
der Türen eingeschweißten Platten befanden. Dies kann man der wichtigste Teil ihres Gesprächs:37
am Beispiel sämtlicher Entwesungskammern in Majdanek “Hier, vor der Gaskammer, fragte ich Alicia nach der Au-
klar und deutlich erkennen. Auch Shermer und Grobman ha- thentizität dieses Gebäudes.
ben diese Vorrichtungen gesehen und sogar fotografiert (Foto Cole: Reden wir doch einmal über dieses Gebäude hier.
29 auf S. 167), jedoch offenbar nicht kapiert, was sie da fo- Alicia: Das ist ein Krematorium/eine Gaskammer.
tografierten. Cole: Handelt es sich um eine Rekonstruktion?
Alicia: Es [das Gebäude] befindet sich im Originalzustand.
4. Die “Rekonstruktion” des Krematorium I von Somit hat Alicia ganz klar festgehalten, die Gaskammer be-
Auschwitz finde sich im Originalzustand. Nachdem wir das Gebäude
Immer noch auf S. 132 schreiben die Verfasser: betreten hatten, fragte ich speziell nach den Löchern in der
“Wie verhält es sich nun mit den von Cole, Leuchter und Decke.
Faurisson angeführten ‘Beweisen’, beispielsweise ihrer Cole: Sind das die vier ursprünglichen Löcher in der Decke?
‘Erkenntnis’, daß die Zyklon-B-Rückstände in der Gas- Alicia: Es ist der Originalzustand. Durch diesen Kamin
kammer des Krematoriums I in Auschwitz (dem Stammla- wurde Zyklon B eingeworfen.”
ger, das auf dem Gelände einer polnischen Kaserne errich- Noch 1995 erklärte Krystyna Oleksy, Angehörige der Muse-
tet worden war) nicht hoch genug seien, um sich mit einer umsleitung, dem Journalisten Eric Conan bezüglich der an-
Massenvernichtung vereinbaren zu lassen? Bezeichnen- geblichen Gaskammer im Krematorium I:38
derweise unterlassen sie in ihren Schriften den Hinweis “Momentan beläßt man sie im gegenwärtigen Zustand und
darauf, daß dieses Gebäude rekonstruiert worden ist, wo- liefert dem Besucher keine Erklärung. Es ist zu kompliziert.”
bei man sowohl Originalmaterial als auch Material von Somit durften die Führer den Besuchern nicht sagen, daß an
anderen Gebäuden verwendete. Wer weiß, was sie bei ih- diesem Raum bautechnische Veränderungen vorgenommen
ren Nachforschungen tatsächlich ‘untersucht’ haben?” wurden, um den Glauben zu erwecken, es handle sich um ei-
Hier greifen die Autoren zu einer direkten Lüge. Jeder, der ne im Originalzustand befindliche Gaskammer! Wir haben es
die Geschichte von Auschwitz einigermaßen kennt, weiß hier also nicht mit einer “für die Leugner typischen Übertrei-
nämlich, daß das Krematorium I nie abgerissen und folglich bung” zu tun, sondern mit einer für Shermer und Grobman
auch nie rekonstruiert worden ist. Die von Shermer und typischen Lüge.
Grobman angeführte Quelle ist das Buch von Deborah
Dwork und Robert Jan van Pelt36 (Fußnote 35 auf S. 275), in 6. Die Dokumente
dem zwar in der Tat von einer “Rekonstruktion” des Krema- Gehen wir als nächstes zu der angeblichen Erhärtung des
torium I die Rede ist, jedoch klargestellt wird, daß diese nur Massenmordes durch “Dokumente und Bodenaufnahmen”
den Kamin, die beiden Verbrennungsöfen und die vier Zy- (S. 133) über.
klon-B-Einwurfluken im Dach der (angeblich als Gaskammer Die Autoren erwähnen (auf S. 137) den bekannten, vom 29.
genutzten) Leichenhalle betreffe, die – so Dwork und van Januar 1943 stammenden Brief Bischoffs an Kammler, wobei
Pelt – so rekonstruiert worden seien, daß sie den Originalzu- sie Bischoff, den Chef der Zentralbauleitung der Waffen-SS
stand wiedergäben (was nebenbei gesagt falsch ist). Die und Polizei Auschwitz, zum “Sturmbannführer” befördern,
“Gaskammer” selbst ist niemals zerstört worden und bedurfte obgleich er – wie sich übrigens diesem Brief entnehmen läßt
folglich auch keiner “Rekonstruktion”. Damit man ihre Lüge – den Grad eines SS-Hauptsturmführers bekleidete, und Hans

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Kammler, den Chef der Amtsgruppe C des SS-Wirtschafts- das dieser am 13. Juli 1945 verfaßte und dem britischen Ge-
verwaltungshauptamtes (WVHA), in “Heinz Kammler” um- heimdienst zur Verfügung stellte. Sie schreiben hierzu:
taufen. “Im April 1959 trat Broad als Zeuge bei einem Prozeß ge-
Statt sich bei ihren Untersuchungen auf das Originaldoku- gen gefangengenommene SS-Angehörige, die in Auschwitz
ment zu stützen, verlassen sich Shermer und Grobman auf Dienst getan hatten, in den Zeugenstand; er bekannte sich
eine Quelle aus zweiter Hand, nämlich Gerald Reitlinger als Autor der Denkschrift, bestätigte deren Richtigkeit und
(Fußnote 38 auf S. 275). Der im Brief auftauchende Aus- widerrief nichts.” (S. 137)
druck “Vergasungskeller” wurde von Reitlinger als “Men- Beim Frankfurter Auschwitz-Prozeß hat Broad aber ausge-
schentötungsgaskammer” übersetzt. Diese Übersetzung hat sagt:45
Pressac als “unverantwortlich” angeprangert:39 “Ich habe 1945 einen Bericht über Auschwitz geschrieben
“obschon ‘Gaskammer’ richtig war, gab es keinen Beweis und diesen im britischen Camp Munsterlager den Englän-
dafür, daß es sich um eine solche zur Menschentötung dern übergeben. Dort wurde eine Abschrift meines Berich-
handelte.” tes angefertigt. Ich habe mir die hier vorgelegte Fotokopie
Auf S. 137 schreiben die Verfasser ferner: flüchtig angesehen. Einiges stammt von mir, einiges dürf-
“Am 6. März 1943 bezog sich Bischoff auf eine gasdichte ten andere ergänzt haben, einiges ist falsch.”
Tür für Krematorium III, ähnlich jener für Krematorium II, Nach der Lektüre des Berichts sagte Broad:46
zu der ein Guckloch mit dickem Glas gehören sollte.” “Einzelne Teile erkenne ich einwandfrei als meine Auf-
In Wirklichkeit trägt das Originaldokument das Datum des zeichnungen wieder, aber nicht das Dokument in vollem
31. März 1943. Shermer und Grobman zitieren einen Aus- Umfang.”
schnitt daraus, übersetzen aber den Ausdruck “Leichenkeller Es stimmt zwar, daß Broad jene Abschnitte, in denen von
I” fälschlicherweise mit “Keller I”. Die angegebene Quelle Menschenvergasungen die Rede ist, als von ihm stammend
(Fußnote 39 auf S. 275) ist Pressacs erstes Buch über Au- anerkannt hat,47 doch war er zu jenem Prozeß nicht als Ange-
schwitz, in dem die Originaldokumente abgelichtet sind.40 schuldigter, sondern als Zeuge aufgeboten worden, und hätte
Anschließend kommentieren die Autoren: er den Mut aufgebracht zu erklären, jene Stellen stammten
“Wozu brauchte es überhaupt ein Guckloch mit dickem nicht von ihm, wäre er mit großer Wahrscheinlichkeit selbst
Glas, wenn in diesem Raum nichts weiter getan wurde, als auf der Anklagebank gelandet.48
Kleider zu entlausen? Obwohl die Existenz des Gucklochs Die beiden Verfasser machen geltend, revisionistische Histo-
an und für sich noch nichts ‘beweist’, ist es ein Indiz mehr riker hätten hervorgehoben, daß die Dauer einer Menschen-
für die These, daß diese Kammern zur Ermordung von vergasung laut Broad vier Minuten, laut Höß aber zwanzig
Menschen dienten.” (S. 137) Minuten betragen habe, und fahren fort:
Diese trügerische Schlußfolgerung wird freilich durch das “Aufgrund solcher Divergenzen tun die Leugner Broads
Buch, dem Shermer und Grobman das betreffende Dokument Bericht in seiner Gesamtheit als unglaubhaft ab.” (S. 138)
entnommen haben, ganz unzweideutig widerlegt. Pressac hat Der Grund dafür, daß die Revisionisten Broads Bericht für
nämlich die Fotografie einer gasdichten Tür der Blausäure- unglaubwürdig halten, liegt wahrhaftig nicht nur in “solchen
entwesungskammer im sogenannten “Kanada I” (Bauwerk Divergenzen”! Übrigens stufen auch ein Pierre Vidal-Naquet
28, “Entlausungs- und Effektenbaracke”) veröffentlicht, und und ein Jean-Claude Pressac dieses Dokument als zweifelhaft
zwar mit folgendem Kommentar:41 ein. Ersterer schrieb:49
“Die gasdichte Tür der Entlausungsgaskammer von Kana- “In der Dokumentation über Auschwitz gibt es Zeugenaus-
da I. Sie wurde von den DAW (Deutsche Ausrüstungswer- sagen, die den Eindruck erwecken, ihre Urheber hätten
ke) erstellt und ist sehr rudimentär. Sie besitzt ein Guck- sich ganz dem Sprachgebrauch der Sieger angepaßt. Dies
loch und einen Griff zu ihrer Öffnung.” gilt zum Beispiel für den SS-Mann Pery Broad, der 1945
Pressac präsentiert sogar eine Vergrößerung dieses Guck- für die Engländer eine Denkschrift über Auschwitz erstell-
lochs.42 Ein solches befindet sich auch in der gasdichten Tür te, wo er als Angehöriger der Politischen Abteilung, also
der Entwesungskammer im Block 1 von Auschwitz, von der der Gestapo, Dienst getan hatte. Er spricht von sich selbst
Pressacs Buch sechs Aufnahmen enthält.43 Laut den damals in der dritten Person.”
geltenden Bestimmungen war es streng verboten, eine Ent- Pressac meint:50
wesungskammer allein zu betreten. Wer immer eine solche “Historisch gesehen ist dieser Bericht in der uns vorlie-
betrat, mußte von wenigstens einer zweiten Person beobach- genden Form trotz seiner ‘wahren’ und nur allzu ‘realisti-
tet werden, die ihm im Falle eines Unglücks gleich zur Hilfe schen’ Atmosphäre nicht beweiskräftig, weil er von den
eilen konnte. Dies erklärt das Vorhandensein von Gucklö- Polen und für sie umgeschrieben und ausschließlich von
chern in den Türen der Entwesungskammern.44 ihnen verbreitet worden ist.”
In diesem Fall haben Shermer und Grobman also nicht bloß Pressac führt anschließend aus, das Auschwitz-Museum sei
gegen ihre methodischen Gebote verstoßen, indem sie nur nicht im Besitz des Originaldokuments, von dem man nicht
Argumente für und keine gegen ihre These suchten, sondern wisse, wo es sich befinde. In seinem zweiten Buch schreibt
jene Beweise, die ihre falsche Schlußfolgerung zunichte ma- Pressac:51
chen, bewußt unter den Tisch fallen ließen, indem sie dem “[Broad] ergibt sich im Mai [1945] den Briten und stellt
Buch Pressacs nur gerade das entnahmen, was ihnen in den sich in ihre Dienste. Aus der Erinnerung verfaßt er einen
Kram paßte! Bericht, dessen eigenartige Formulierung ihm wahrschein-
lich von einem Polen aus London angeraten wurde, mit
7. Die “Zeugenaussagen” dem er im Munsterlager Kontakt hatte. Er denunziert alle
Ein weiterer “konvergierender Beweis” sind angeblich die anderen, um die eigene Haut zu retten, und tritt in den
“Zeugenaussagen über Massenmorde” (S. 137). Die Verfas- Prozessen von Nürnberg und Hamburg ebenso wie in dem
ser berufen sich auf das berühmte “Geständnis” Pery Broads, gegen Bruno Tesch als Zeuge auf.”

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Folglich stützen sich Shermer und Grobman, die – mit Fug chen geltend, Dr. Kremer habe “im Dezember 1947 in Kra-
und Recht – von den Revisionisten eine Überprüfung der kau beim Prozeß gegen die Lagermannschaft von Auschwitz”
Glaubwürdigkeit ihrer Quellen fordern, auf ein Dokument, klargestellt, daß unter einer “Sonderaktion” eine Menschen-
dessen Original kein Mensch je zu Gesicht bekommen hat, vergasung zu verstehen gewesen sei, und zitieren darauf ei-
dessen Ton eine polnische Handschrift verrät und von dem nen Auszug aus seinem Verhör, das freilich nicht “im De-
der Verfasser selbst gesagt hat, es stamme nur teilweise von zember” 1947 stattgefunden hat, sondern am 18. August.
ihm! So etwas verstehen die beiden Autoren unter einer Die Gleichsetzung von “Sonderaktion” mit “Menschenverga-
“glaubwürdigen Quelle”! sung” war – was Shermer und Grobman angesichts ihrer Un-
Als “konvergierenden Beweis” führen sie anschließend die kenntnis der Thematik bestimmt nicht wissen, so daß man ih-
“Geständnisse” des ersten Auschwitz-Kommandanten Rudolf nen hier kaum böswilliges Verschweigen unterstellen darf –
Höß an. Sie schreiben:52 bereits in der Anklageschrift beim Prozeß gegen die Lager-
“Höß machte seine Aussage am 5. April 1946. Wahr- mannschaft von Auschwitz vollzogen worden, in der die
scheinlich kannte er die Denkschrift Perry Broads nicht Staatsanwaltschaft des Obersten Volksgerichtes von War-
(und dieser die Aussage von Höß ebensowenig).” (S. 139, schau schrieb:59
Hervorhebung von mir.) “Während seines kurzen Aufenthalts in Auschwitz wohnte
Anschließend führen sie aus: der Angeklagte Kremer vierzehnmal Tötungen (Vergasun-
“Nachdem Höß schuldig gesprochen und zum Tode verur- gen) bei. Zwischen dem 2. und dem 28. September [1942]
teilt worden war, verfaßte er ein 250 Seiten starkes Manu- nahm er an neun solchen ‘Sonderaktionen’ teil.”
skript, welches sowohl seine frühere Zeugenaussage als Hätte Dr. Kremer unter diesen Umständen Widerspruch ein-
auch die Angaben Broads bestätigt.” (S. 139) gelegt, so wäre er als unverbesserlicher Nazikriegsverbrecher
In Wirklichkeit wurde das Urteil im Höß-Prozeß am 2. April eingestuft und hingerichtet worden. Er zog es also vor, der
1947 gefällt, und er wurde zwei Wochen darauf, am 16. Staatsanwaltschaft nicht zu widersprechen, und dieser Strate-
April, hingerichtet. Seine Aufzeichnungen aus dem Krakauer gie war auch Erfolg beschieden: Zwar wurde er zum Tode
Gefängnis stammen aus dem Zeitraum vom November 1946 verurteilt (schließlich hatte er an der “Selektion” von Häft-
bis zum Februar 1947. Es ist schlicht und einfach unglaub- lingen mitgewirkt), doch wurde das Todesurteil dann in eine
lich, daß Shermer und Grobman selbst über dermaßen ele- lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt, und 1958 wurde er
mentare Fakten nicht Bescheid wissen. Außerdem “verges- aus der Haft entlassen.
sen” sie, darauf hinzuweisen, daß Höß bereits gegenüber den Shermer und Grobman gelangen zu folgender erstaunlicher
Briten ein erstes “Geständnis” abgelegt hatte, das er dann in Schlußfolgerung:
polnischer Haft wie folgt kommentierte:53 “Die Konvergenz der Aussagen von Broad, Höß und Kre-
“Unter schlagenden Beweisen kam meine erste Verneh- mer ist ein zusätzlicher Beweis dafür, daß die Nazis Gas-
mung zustande. Was in dem Protokoll drin steht, weiß ich kammern und Krematorien zur Massenvernichtung ver-
nicht, obwohl ich es unterschrieben habe. Doch Alkohol wendet haben.” (S. 140)
und Peitsche waren auch für mich zuviel.” Ein vom britischen Geheimdienst sowie den Polen verfaßter
Martin Broszat, Herausgeber der Höß-Aufzeichnungen, ver- oder zumindest umgemodelter Bericht, dessen Original kein
merkt in einer Fußnote:54 Mensch je zu Gesicht bekommen hat, vom britischen Ge-
“Es handelt sich um ein 8seitiges, maschinenschriftliches heimdienst formulierte und mittels Folter erzwungene “Ge-
Protokoll, das Höß am 14.3.1946 2,30 Uhr unterschrieb (= ständnisse” sowie von einer polnischen Staatsanwaltschaft
Nürnbg. Dok: NO-1210). Inhaltlich weicht es nirgends er- von vornherein für “nachgewiesen” erklärte Behauptungen,
sichtlich von dem ab, was Höß später in Nürnberg oder in die ein Angeklagter dann aus opportunistischen Gründen be-
Krakau aussagte bzw. niederschrieb.” stätigte, stellen für Shermer und Grobman also “konvergie-
Dementsprechend ist das erste “Geständnis” des Rudolf Höß, rende Beweise” dar! Unwissenschaftlicher kann man wohl
in dem alle wesentlichen Elemente seiner folgenden “Ge- kaum argumentieren.
ständnisse” bereits enthalten sind, von den Briten verfaßt Bezüglich der “Konvergenz” der Darlegungen von Broad
worden, die ihn verhörten! und Höß behaupten die beiden Autoren, die revisionistischen
Auch ein weiteres entscheidendes Argument gegen ihre Thesen Historiker rängen
haben Shermer und Grobman anzuführen “vergessen” - die “immer noch mit dem Problem, zu erklären, warum die
Tatsache nämlich, daß Höß von den Briten gefoltert worden ist. beiden Aussagen so genau übereinstimmen.” (S. 139)
Daran kann heute kein Zweifel mehr bestehen:55 Der Leiter des Ganz abgesehen davon, daß es mit der “genauen Überein-
Folterteams, Bernard Clarke, hat sich ausdrücklich zu seiner stimmung” nicht weit her ist, ringen die Revisionisten durch-
Tat bekannt, und Jean-Claude Pressac sowie der ehemalige aus nicht mit dem “Problem”, zu erklären, warum sowohl
Spiegel-Redakteur Fritjof Meyer haben die Folterung von Höß Broad als auch Höß von einer Massenvernichtung durch Gas
als historische Tatsache akzeptiert. Pressac schrieb:56 gesprochen haben. Schon während des Krieges kannte der
“Im März 1946 wird er von den Engländern festgenommen britische Geheimdienst die von verschiedenen polnischen
mehrmals heftig verprügelt und kommt nur knapp mit dem Widerstandsbewegungen verbreiteten phantastischen Berich-
Leben davon.” te, welche von den Widerständlern an die in London residie-
F. Meyer formulierte denselben Sachverhalt wie folgt:57 rende polnische Exilregierung weitergeleitet wurden. In der
“Nach drei Tagen Schlafentzug, gefoltert, nach jeder Ant- letzten Phase des Krieges oder unmittelbar nach dessen Ende
wort verprügelt, nackt und zwangsweise alkoholisiert […]” wurden in mehreren Ländern “Kommissionen zur Untersu-
Zu guter Letzt führen die Autoren noch das Tagebuch von chung der nazistischen Kriegsverbrechen” aus der Taufe ge-
Dr. Johann Paul Kremer an (S. 139), obgleich die von diesem hoben, welche die verschiedenen Zeugenaussagen sammelten
erwähnten “Sonderaktionen”, wie ich schon früher dargelegt und systematisch klassifizierten. Damals nahm die Geschich-
habe,58 nichts mit Ausrottungsaktionen zu tun hatten. Sie ma- te von der “Todesfabrik” Auschwitz Konturen an.

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Am 7. Mai 1945 veröffentlichte die sowjetische Untersu- ausragen, direkt unter dem Kamin des Krematorium II. Auf
chungskommission für das Lager Auschwitz in der Prawda dem Gaskammerdach gibt es vier kleine Gebilde, welche
einen Bericht, der unter dem Titel “The Oswiecim Murder den schattenförmigen Markierungen auf den Luftfotos
Camp” am selben Tag in englischer Übersetzung erschien.60 (Aufnahme 16) entsprechen.”
Selbstverständlich kannte der britische Geheimdienst diese Eine solche “Entsprechung” besteht freilich nur in der Phan-
Quelle und wußten demnach recht genau, was die gefangen- tasie der beiden Autoren. Wie Jean-Marie Boisdefeu mittels
genommenen SS-Leute, die in Auschwitz stationiert gewesen eines Diagramms dargelegt hat, erscheinen auf dem Dach der
waren, zu “gestehen” hatten. Dies ist der Grund für die vermeintlichen Gaskammer nicht etwa vier, sondern nur drei
“Konvergenz” der Zeugenaussagen von Broad und Höß be- Objekte (das vierte befindet sich außerhalb des Daches), und
züglich der angeblichen Menschenvergasungen in Au- alle drei liegen in der Südhälfte der Decke, was sowohl der
schwitz! Lage der Flecken auf der Aufnahme vom 25. August 1944
als auch den Zeugenaussagen widerspricht.66 Außerdem ha-
8. Die Luftaufnahmen ben diese drei Objekte jeweils verschiedene Dimensionen.67
Als nächstes gehen Shermer und Grobman auf die Luftauf- Folglich kann es sich bei den drei Objekten ganz unmöglich
nahmen ein, die angeblich weitere Beweise für Massenverga- um Zyklon-B-Einwurfkaminchen gehandelt haben. Diesen
sungen in Auschwitz liefern. Wie bereits erwähnt, behaupten Schluß zieht auch C. D. Provan, der seinerseits ein Dia-
sie, diese Aufnahmen bestätigten “die Struktur der Gaskam- gramm der Luftaufnahme gezeichnet hat; er schreibt:68
mern und Krematorien”. Bezüglich der Krematorien, deren “Die Gegenstände sind [...] keine Giftgaskamine.”
Existenz ohnehin kein vernünftiger Mensch bestreitet, stimmt Aufnahme 18 auf S. 146 zeigt das Aussteigen deportierter
dies, doch ganz anders verhält es sich mit den “Gaskammern”. ungarischer Juden aus einem Zug. Bei den Aufnahmen 19
Die Autoren bilden in ihrem Buch einige Luftfotos ab, die und 20 (S. 147f.) handelt es sich um Vergrößerungen dreier
ihnen zufolge eine “Konvergenz von Beweisen” für den an- Luftfotos, die in rascher Folge am 25. August 1944 herge-
geblichen Massenmord darstellen, tatsächlich jedoch rein gar stellt worden sind. Die beiden kurz hintereinander aufge-
nichts beweisen. Betrachten wir die wichtigsten dieser Fotos, nommenen Bilder, die zusammen Foto 19 ergeben, stehen
wobei wir mit Nr. 16 anfangen wollen. Shermer und Grob- auf dem Kopf! Eine Gruppe von Menschen marschiert zwi-
man kommentieren sie wie folgt: schen den Bauwerken 5a und 5b (links) sowie den beiden
“Diese Luftaufnahme vom 25. August 1944 läßt die Einzel- diesen gegenüberliegenden Küchenbaracken, auf der Grenz-
heiten des Krematorium II (einschließlich des langen linie zwischen den Sektoren BIa und BIb (diese elementaren
Schattens, den der Kamin wirft) sowie die angrenzende Fakten sind Shermer und Grobman freilich unbekannt). Die
Gaskammer (unten Mitte, rechtwinklig zum Krematorium) Marschkolonne überquert die Straße, welche in Ost-West-
erkennen. Auf dem Dach der Gaskammer beachte man die Richtung durch den Sektor BI des Lagers führte, und dem-
vier gezackten Schatten; es sind dies die Luken, durch wel- entsprechend müßten die Bauwerke 5a und 5b zu ihrer Rech-
che – wie von Augenzeugen bekundet – die Zyklon-B- ten und die Küchenbaracken zu ihrer Linken liegen. Auf den
Kügelchen eingeschüttet werden konnten.” (S. 145) betreffenden Fotos verhält es sich aber umgekehrt, was be-
Wie bereits von anderen Forschern hervorgehoben worden deutet, daß hier oben unten ist. Aufnahme 20 läßt in drei
ist,61 sind auf der Aufnahme vom 25. August 1944 die Flek- Phasen drei Menschengruppen erkennen, die sich im äußer-
ken auf dem Dach des Leichenkeller 1 von Krematorium II sten Osten des Sektors BIa fortbewegen: Die erste befindet
drei bis vier Meter lang, und jene auf dem Dach des Leichen- sich zwischen Baracke 27 und der Lagerumzäunung; die
kellers 1 von Krematorium III weisen eine Oberfläche von zweite schreitet auf der Straße zwischen den Baracken 24
mindestens drei Quadratmetern auf, während die angeblichen und 30 (rechts) und 22-28 (links) einher; die dritte marschiert
Zykloneinwurfkaminchen 40 bis 50 cm hoch gewesen sein teils parallel zur zweiten, teils schlägt sie die Kurve rechts
sollen.62 Andererseits wirft der Kamin des Krematorium II, zwischen den Baracken 24 und 30 ein. Natürlich haben
der ungefähr 16 m hoch war, einen Schatten von etwa 20 Me- Shermer und Grobman von alle dem keine Ahnung, und es
tern, so daß die angeblichen Zykloneinwurfkaminchen einen ist ihrer Aufmerksamkeit entgangen, daß auch diese drei Fo-
solchen von ca. 60 cm hätten werfen müssen. Doch nicht ge- tos im Verhältnis zu sämtlichen Plänen auf dem Kopf stehen,
nug damit. Die Achse sämtlicher Flecken verläuft in Nord- so daß die Krematorien unten liegen und der Ostzaun oben.
Süd-Richtung, wohingegen die Achse der Kaminchenschat- All diese Aufnahmen beweisen lediglich, daß es in Birkenau
ten eine Ausrichtung in Richtung Nordost-Südwest besitzt. marschierende Häftlingskolonnen gab, was niemand bestrei-
Schließlich läßt die Luftaufnahme vom 31. März 1944 auf tet. Doch interpretieren die beiden Verfasser sehr viel mehr
dem Dach des Leichenkellers von Krematorium II63 einen in Foto 21 (S. 149) hinein:
einzigen Flecken erkennen, und zwar am Westrand.64 “Schließlich scheint Aufnahme 21 eine Gruppe von Men-
Die Deutung der vier Flecken als Zyklon-B-Einwurfluken schen zu zeigen, die auf Krematorium V zu marschieren.
stößt auf dermaßen unüberwindliche Schwierigkeiten, daß Dies ist ein weiterer Beweis für die Realität der Massen-
derjenige unter den Verfechtern des orthodoxen Auschwitz- morde (siehe auch Aufnahme 22).” (S. 146)
Bildes, der sich am ernsthaftesten mit dieser Frage befaßt hat, Es sei gleich darauf verwiesen, daß auch die beiden Bilder,
Charles D. Provan, hierzu einräumt:65 die zusammen Foto 21 ergeben, im Vergleich zu den Plänen
“Man mag von der Echtheit dieser Flecken denken, was von Birkenau auf dem Kopf stehen: Die Krematorien IV und
man will, doch ob sie echt sind oder nicht, man kann sie V erscheinen dort unten statt oben. Noch schwerwiegender
unmöglich als ‘Luken’ deuten.” ist freilich, daß die Verfasser unglaublicherweise Krematori-
Gehen wir zu Luftaufnahme 17 über (immer noch auf S. um V mit Krematorium IV verwechseln! Man braucht das
145). Shermer und Grobman schreiben: Buch nur umzudrehen, um die normale Orientierung wieder-
“Man beachte, daß zwei Seiten der rechteckigen, unterirdi- herzustellen und die Krematorien IV und V oben, die Barak-
schen Gaskammer einige Fuß über die Erdoberfläche hin- ken des Effektenlagers (“Kanada”) hingegen links zu sehen.

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Die mit einem Rechteck gekennzeichnete Zone zwischen den der Gaskammer in die Krematorien zu befördern” (S. 150f).
beiden Bildern zeigt eine Menschenkolonne. Diese befindet Doch widerlegt die wichtigste Quelle, auf die sich die Ver-
sich auf der Straße, welche das Effektenlager (links) vom fasser stützen, diese Behauptung eindeutig.75 Die Luftfotos,
Krematorium IV (rechts) trennte, und zwar genau vor den schreiben sie, könnten aus folgenden Gründen keine Beweise
Baracken zwei bis acht. Rechts verlief die Straße längs eines für die Ausrottung erbringen:
Birkenhains, der westlich vom Krematorium V lag und in “Die Entkleidung, Vergasung und Kremierung erfolgte
dem sich ein Löschteich befand. durchwegs im Inneren der Krematorien. Die Wahrschein-
Im Gegensatz zur Auffassung der beiden Autoren liefert die- lichkeit, daß ein alliiertes Flugzeug gerade zu einem Zeit-
se Aufnahme auch nicht die Spur eines Beweises für die punkt, zu dem Rauch aus den Kaminen oder aus einer Ver-
“Realität des Massenmords”. Hätten sie sich die Mühe ge- brennungsgrube unter freiem Himmel hochstieg, das Lager
nommen, die Materie ein wenig gründlicher zu studieren, so überflog, war sehr gering.” (S. 151, Hervorhebung von
wüßten sie, daß man im sogenannten Album von Auschwitz mir.)
Abbildungen von Menschengruppen findet, die in diesem Ich gestatte mir hier, das Gedächtnis unseres Autoren-
Hain vor dem Teich Rast machen.69 Tandems aufzufrischen, indem ich ihnen in Erinnerung rufe,
Ich habe schon an anderer Stelle darauf verwiesen, daß die was einer der prominentesten Vertreter des offiziellen Au-
Hypothese, wonach diese Menschen auf ihre Vergasung war- schwitz-Bildes, Franciszek Piper, zur angeblichen Ausrot-
ten, weit weniger begründet ist als jene, sie befänden sich vor tung der ungarischen Juden schreibt:76
der Abreise aus dem Lager. Für letztere Annahme spricht “In der Anfangsphase der Ausrottung ungarischer Juden
nämlich, daß sie große Rucksäcke, Quersäcke sowie Koch- mußte Krematorium V aufgrund eines Ausfalls der Kamine
töpfe mit sich tragen.70 stillgelegt werden. Als Ergebnis gelangte ein Teil der Lei-
Die Anfang August 1944 nach Auschwitz deportierte italie- chen in Krematorium IV zur Einäscherung. Die restlichen
nische Jüdin Elisa Springer berichtet in ihren Erinnerungen, – etwa 5000 innerhalb von 24 Stunden – wurden in den
was nach dem Aussteigen des Transports in Auschwitz ge- Verbrennungsgräben des im Frühjahr 1944 reaktivierten
schah: Bunkers 2 eingeäschert.”
“Wir gelangten zu einem mit Gras bewachsenen Platz, vor In noch grellerem Widerspruch zur These der beiden Verfas-
einem Birkenwäldchen. Dort wies man uns an, wir sollten ser stehen jedoch die Zeugenaussagen. Während der Depor-
uns hinlegen, und wir blieben die ganze Nacht dort, vor tation der ungarischen Juden gab es im Nordhof des Krema-
Kälte zitternd und im Schlamm hockend. [...] Früh morgens torium V laut H. Tauber fünf Verbrennungsgruben;77 F. Mül-
befahlen uns SS-Männer, begleitet von einigen Häftlingen ler spricht ebenfalls von fünf Gruben und gibt von zweien die
in gestreiften Kleidern, wir sollten flugs aufstehen und aus Maße an (40 bis 50 × 8 m),78 während sich C. S. Bendel mit
dem Wald abmarschieren.” drei Gruben von 12 × 6 m Größe begnügt79 und M. Nyiszli
Anschließend, so die Springer, habe Dr. Mengele eine Selek- überhaupt keine solchen erwähnt. Der sogenannte “Bunker
tion zwecks Trennung der arbeitsfähigen Häftlinge von den 2” war laut Müller mit vier Gaskammern und vier Verbren-
arbeitsunfähigen durchgeführt, und die erstgenannte Gruppe, nungsgruben ausgestattet,80 wohingegen M. Nyiszli schreibt,
darunter auch die Erzählerin, sei zum Baden und Entlausen in es habe dort zwei 50 × 6 m große Verbrennungsgräben gege-
die Zentralsauna geführt worden.71 E. Springer behauptet ben, in denen täglich 5.000 bis 6.000 Menschen (lebendig
nicht ausdrücklich, die Arbeitsuntauglichen seien “vergast” oder nach vorherigem Erschießen) verbrannt worden seien,
worden, sondern läßt dies nur durchblicken, doch dies gehört jedoch nichts von einer Gaskammer oder Gaskammern in
zu den unvermeidlichen gruseligen Ausschmückungen sol- diesem Bunker weiß.81 Wiederum ein wundersames Beispiel
cher Zeugenaussagen, genau wie die Märchengeschichte von für die “Konvergenz der Beweise” nicht wahr?
den flammenspeienden Kaminen.72 Rekapitulieren wir: Im hier zur Diskussion stehenden Zeit-
Abbildung 22 auf S. 150 zeigt laut den beiden Verfassern raum müßten die Luftaufnahmen drei oder vier “Verbren-
Krematorium V “mit den Gaskammern am hinteren Ende des nungsgräben” in Nordhof des Krematorium V sowie zwei
Gebäudes”, obgleich darauf in Wirklichkeit das Krematorium oder vier solche in der Zone des sogenannten “Bunker 2”
IV, von Westen her gesehen, zu erkennen ist. Sie schreiben, (außerhalb der Lagerumzäunung, ca. 200 m westlich der Zen-
“die Gaskammern” hätten sich “am hinteren Ende des Ge- tralsauna) erkennen lassen. Shermer und Grobman teilen ih-
bäudes” befunden, doch liefert die Aufnahme keinerlei Stütze ren Lesern mit, sie hätten sich an “Dr. Nevin Briant, Supervi-
für diese Behauptung, und folglich ist der inkriminierende sor of Cartographic Applications and Image Processing
Beweiswert der Aufnahme null. Applications at NASA’s Jet Propulsion Laboratory” gewandt
und die Luftfotos von Birkenau mittels “digitaler Technik”
9. Die Deutung der Luftaufnahmen analysieren lassen. Sie fügen hinzu:
Anschließend widmen die Autoren der “Deutung der “Die Negative der Aufnahmen wurden im Computer in di-
Luftaufnahmen” (S. 150) einen Abschnitt, in dem ihre bla- gitale Daten umgewandelt und dann mit Softwarepro-
mable Unkenntnis selbst der elementarsten Grundlagen der grammen, wie sie die NASA für Luft- und Satellitenbilder
offiziellen Holocaust-Geschichtsschreibung grell zutage tritt. verwendet, ausgewertet.” (S. 143)
Sie behaupten, im Mai 1944, im Rahmen der Vorbereitung Doch trotz dieses ausgefeilten technischen Vorgehens verlie-
für die Deportation “einer halben Million Juden” nach Au- ren die Verfasser kein Wort über das Vorhandensein größerer
schwitz (die genaue Zahl der deportierten ungarischen Juden Verbrennungsgräben auf den Luftaufnahmen, während ihnen
betrug übrigens 437.402, von denen wenigstens 39.000 nicht die Bilder, auf denen man marschierende Häftlinge sieht,
nach Auschwitz, sondern an andere Orte gelangten73), habe gleich sieben Vergrößerungen wert waren! Der Grund liegt
“SS-Obersturmführer (Oberstleutnant) Werner Jothann”74 un- natürlich darin, daß die NASA-Experten keine Spur dieser
ter anderem die Installierung “von [entgültigen] Aufzügen in Gräben entdecken konnten; anderenfalls hätten Shermer und
den Krematorien II und III” angeordnet, “um die Leichen aus Grobman diese Entdeckung freudig ausgeschlachtet und als

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“konvergierenden Beweis” für die behauptete Massenausrot- Daß diese – durch kein Dokument belegte – angebliche Aus-
tung von Menschen in Auschwitz vorgelegt! beute an Edelmetallen “zwischen dem 16. und dem 31. Mai”
In Wirklichkeit kann man auf der Aufnahme vom 31. Mai angefallen sein soll, ist eine willkürliche Behauptung der Ver-
1944 wohl eine rauchende Fläche sehen, und zwar tatsächlich fasser. Hätten sie getreu ihren eigenen zehn Geboten der Me-
im Nordhof des Krematorium V, doch nur eine einzige, und thoden ihre Quelle überprüft, hätten sie gewußt, daß der betref-
dazu noch eine mit einer Oberfläche von ganzen 40 bis 50 fende Bericht auf den 15. Juni 1944 datiert ist und sich auf den
Quadratmetern, was dementsprechend von einem wesentlich Zeitraum vom 25. Mai bis zum 15. Juni jenes Jahres bezieht.85
kleineren Feuer stammen muß! Wie ich in meinem bereits Shermer und Grobman haben also vergeblich in die Trick-
erwähnten zweiten Artikel gegen John C. Zimmerman fest- kiste gegriffen. Doch selbst wenn die Geschichte von dem
halte, müßten aber, wenn die Behauptung von der Massen- aus künstlichen Zähnen gewonnenen Gold und Weißmetall
vernichtung ungarischer Juden in Birkenau der Wahrheit ent- zuträfe und diese Ausbeute wirklich in den von den beiden
spräche, auf dem Foto vom 31. Mai 1944 angesichts der Un- Verfassern angegebenen Zeitraum fiele: wie könnte man aus
möglichkeit, die Leichen in den Krematoriumsöfen einzu- dem Ziehen der Goldzähne ernsthaft folgern, die Leichen der
äschern, Verbrennungsgräben mit einer Gesamtfläche von Opfer seien bis zum 31. Mai nicht verbrannt worden? Es be-
7.200 und nicht von einigen Quadratmetern existiert haben. darf schon einer verquerten Logik, um zu argumentieren, die
Es ist nur allzu klar, aus welchem Grund Shermer und Grob- Leichen hätten nach erfolgter Ziehung der Goldzähne nicht
man die Frage nach den “Verbrennungsgruben” überhaupt fortlaufend eingeäschert werden können. Genau dies wird in
nicht anschneiden. Die Kleinheit der rauchenden Zone im der offiziellen Geschichtsschreibung denn auch geltend ge-
Nordhof des Krematorium V kann den Spezialisten von der macht.86 Angesichts solcher logischen Bocksprünge kann es
NASA unter gar keinen Umständen entgangen sein, und die wirklich nur Heiterkeit hervorrufen, wenn Shermer und
Luftaufnahmen vom 31. Mai 1944 widerlegen nicht nur die Grobman für sich in Anspruch nehmen, sich an die “aner-
Zeugenaussagen, sondern mit diesen gleich die objektive kannten Regeln der Vernunft” gehalten zu haben...
Realität einer Massenausrottung ungarischer Juden. Gemäß den vorhandenen Dokumenten sind vom 28. bis zum
Schenkt man der offiziellen Geschichtsschreibung Glauben, 31. Mai 33.187 ungarische Juden deportiert worden. Diese
so trafen vom 16. bis zum 31. Mai in Auschwitz wenigstens Ziffer stellt die Differenz zwischen den 217.236 bis zum 31.
184.000 ungarische Juden ein, von denen ca. 167.400, oder Mai Deportierten87 sowie den 184.049 bis zum 28. Mai Ver-
91%, binnen sechzehn Tagen vergast und verbrannt worden schleppten dar.88
sein sollen, also im Schnitt rund 10.500 täglich.82 Die gering- Wie ich anderswo dargelegt habe,89 bestehen für den Zeit-
ste Tageszahl von Ankömmlingen (rund 9.050), sei am 30. raum, der uns hier interessiert, zwei Möglichkeiten: Entweder
Mai zu verzeichnen gewesen, und von diesen habe man un- trafen am 30. Mai rund 12.900 Juden ein und am 31. Mai ca.
gefähr 8.200 vergast und verbrannt.29 9.050, oder es verhält sich umgekehrt. Der für die These der
Shermer und Grobman, welche diese Angaben nicht kennen Verfasser günstigste Fall läge dann vor, wenn am 31. Mai
– oder so tun, als kennten sie sie nicht –, behaupten unter Be- 9.050 Juden eingetroffen und von diesen (9.050×0,91=) ca.
rufung auf Danuta Czechs Kalendarium, am 31. Mai sei ein 8.200 vergast und verbrannt worden wären. Da die Maximal-
einziger Judentransport in Auschwitz eingetroffen, aus dem kapazität der Birkenauer Krematorien unter der Annahme, es
100 Personen zur Arbeit ausgesondert und die anderen ver- hätten sich unter den Leichnamen auch Kinderleichen befun-
gast worden seien; sie fügen hinzu: den, ca. 1.040 Leichen pro 24 Stunden betrug,90 liefe dies
“Für diesen Tag wissen wir nicht, wieviele Juden in den darauf hinaus, daß am 30. Mai (12.900×0,91=) ca. 11.700
Gaskammern getötet wurden, zu welcher Zeit sie getötet Juden ermordet und rund 10.700 davon unter freiem Himmel
wurden, und ob sie an diesem Tag oder am nächsten kre- verbrannt worden wären. Da bis zum 28. Mai 184.000 unga-
miert worden sind.” (S. 152) rische Juden deportiert worden waren, hatte man laut der of-
Hier “vergessen” sie den zweiten Transport mit ungarischen fiziellen Geschichtsschreibung innerhalb eines Zeitraums von
Juden, der laut dem Kalendarium am selben Tag eintraf und 16 Tagen (184.049×0,91=) ca. 167.500 davon vergast und
aus dem 2.000 Deportierte in den Lagerbestand aufgenom- von diesen (1.040×16=) ca. 16.600 in den Krematorien ein-
men, die anderen jedoch “in den Gaskammern getötet” wor- geäschert, während die restlichen (167.500 – 16.600 =) ca.
den sein sollen.83 150.900 Leichname unter freiem Himmel zur Verbrennung
Um all diese Widersprüche aus der Welt zu schaffen, ziehen gelangt sein müssen, also ungefähr 9.400 pro Tag.
sie folgende Erklärung an den Haaren herbei: F. Müller behauptet, in einer Grube von 320 Quadratmeter
“Es wird berichtet, zwischen dem 16. und dem 31. Mai ha- Oberfläche und 2 Meter Tiefe seien jeweils 1.200 Leichen in
be die SS achtundachtzig Pfund Gold und Weißmetall aus drei Schichten verbrannt worden.91 Diese Behauptung ist
künstlichen Zähnen gewonnen; somit ist es möglich, daß zwar gänzlich abwegig – erstens, weil der Grundwasserspie-
die Leichen nicht vor dem Abschluß dieses Prozesses ver- gel weniger als zwei Meter unter der Erdoberfläche lag,92 und
brannt wurden, also bei den am 31. Mai Angekommenen zweitens, weil dieses System technisch nicht funktioniert hät-
nach diesem Datum.” (S. 152) te (die beiden oberen Schichten hätten die Luftzufuhr zur un-
Einen Hinweis auf die Quelle dieser Behauptung bleiben die tersten Schicht blockiert) –, aber nehmen wir einmal für ei-
beiden Autoren schuldig, und zwar mit gutem Grund. Sie ha- nen Augenblick an, das Ganze habe sich tatsächlich so zuge-
ben die “Information” nämlich einem Artikel entnommen, tragen. Dann hätte es zur durchschnittlichen Verbrennung
der in einem Standardwerk der orthodoxen Auschwitz- von 9.400 Leichen täglich einer brennenden Fläche von etwa
Literatur figuriert; dort heißt es:84 (9.400×320÷1.200=) 2.500 Quadratmetern bedurft!
“Nach einem zu Beginn der Ausrottung ungarischer Juden Werfen wir nochmals einen Blick auf die Luftaufnahme vom
im Mai 1944 aus dem Lager geschmuggelten Geheimbe- 31. Mai 1944. Wäre die Geschichte von der Vernichtung der
richt hatte die SS 40 kg (80 Pfund) Gold und ‘Weißmetall’ ungarischen Juden in Birkenau wahr, so müßte das Luftbild
(vermutlich Platin) beschlagnahmt.” zwangsläufig folgendes erkennen lassen:

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– Mindestens 2.500 Quadratmeter große “Verbrennungsgru- Anmerkungen
ben.” Aus dem Italienischen übersetzt von Jürgen Graf.
– Wenigstens 5.000 Kubikmeter Aushub aus den – nach den 1
University of California, Berkeley, Los Angeles, London, 2000; als Ta-
Zeugenaussagen 2 m tiefen Gruben.93 schenbuch 2002 erschienen. Bei Zitaten aus diesem Buch begnüge ich
– Eine Mindestmenge von 1.800 Tonnen Holz zur Verbren- mich im folgenden stets mit der Angabe der Seitennummer.
2
Siehe Kapitel I.
nung von 9.500 Leichen94 am 31. Mai, von der in den Ta- 3
Der seltsam anmutende Untertitel findet seine Erklärung darin, daß die
gen zuvor angefallenen Holzasche ganz zu schweigen. italienische Antirevisionistin Valentina Pisanty, mit deren Buch
Doch was sieht man auf diesen Luftaufnahmen wirklich? L’irritante questione delle camere a gas sich Mattogno in dieser Studie
Nach den eigenen Darlegungen der beiden Verfasser nichts auseinandersetzt, Märchenforscherin und Spezialistin auf dem Gebiet der
weiter als im Lager marschierende Häftlingskolonnen; ferner Erforschung und Deutung der Geschichte von Rotkäppchen ist.
4
Beide Artikel sind auf der Website www.russgranata.com einsehbar.
erkennt man eine rauchende Fläche von 40 bis 50 Quadrat- 5
Schon vor dem Erscheinen meiner zweiten Antwort hat J.C. Zimmerman
metern, über die sie wohlweislich den Schleier der Ver- ein Buch mit dem Titel Holocaust Denial. Demographics, Testimonies
schwiegenheit breiten, weil sie fünfzigmal kleiner als von and Ideologies (University Press of America, Lanham, New York, Ox-
den Zeugen bekundet und gar über hundertachtzigmal kleiner ford, 2000) verfaßt, in dem er sich damit begnügte, die fadenscheinigen
Argumente seiner beiden früheren Artikel aufzugreifen, ohne auch nur
ist, als zur Verbrennung einer so gewaltigen Zahl von Lei- mit einem Wort auf meine Antwort einzugehen.
chen erforderlich gewesen wäre. 6
Vgl. hierzu P. Rassinier, La menzogna di Ulisse. Graphos, Genova 1996,
Wir haben hier wahrhaftig eine markante “Konvergenz von pp. 153-256. (Das französische Original erschien 1950 unter dem Titel Le
Beweisen” vor uns – allerdings von solchen, die gegen die mensonge d’Ulysse (Die Lüge des Odysseus), Anmerkung des Überset-
zers.)
behaupteten Ausrottungsaktionen sprechen und die folglich 7
Z.B. Georges Wellers “Les chambres à gas ont existé” (Gallimard, Paris
beiden Verfassern zu peinlich sind, um erwähnt zu werden. 1981) und der Sammelband Nationalsozialistische Massentötungen durch
Zu schlechter Letzt servieren uns Shermer und Grobman auf Giftgas, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1983.
8
S. 159 noch die Fotografie einer Sektion der Eisenbetondek- G. Reitlinger, The Final Solution. The Attempt to Exterminate the Jews of
ke des Leichenkellers 1 (also der angeblichen Gaskammer) Europe 1939-1945. Vallentine, Mitchell, London 1953, 1965, S. 150-152.
Deutsche Ausgabe: Die Endlösung. Hitlers Versuch der Ausrottung der
im Krematorium II von Birkenau und bemerken dazu: Juden Europas 1939-1945. Colloquium Verlag, Berlin 1992, S. 167f.
“Das vorhandene Loch in den Überresten der Gaskammer 9
Trial of Josef Kramer and Forty-four Others (The Belsen Trial), edited
mag eine der Öffnungen sein, durch welche die SS-Männer by Raymond Philips. William Hodge and Company Limited, London-
Zyklon-B-Gaskügelchen einschütteten.” Edinbourgh-Glasgow 1946, S. 66-78.
10
Dieser vollkommen phantastische Bericht enthält eine Schilderung der
Wie ich jedoch in einer gesonderten Studie nachgewiesen Krematorien II und III von Birkenau mitsamt einer dazugehörigen Zeich-
habe, hat dieses Loch nichts mit den angeblichen Zyklon-B- nung, die von Erfindungen nur so strotzt. Vrba und Wetzler stellen die
Einwurfluken zu tun, die niemals existiert haben.95 angebliche Gaskammer (den halbunterirdischen Leichenkeller 1) als auf
gleicher Höhe wie der Ofenraum liegend dar und verbinden sie mit einem
Schmalspurgleis, das in Wirklichkeit nie existiert hat. Außerdem finden
10. Der Himmler-Besuch in Auschwitz
sich auf ihrer Zeichnung neun um den Kamin herum angeordnete Öfen,
Führen wir uns zum Abschluß dieses Abschnitts noch einen während die Krematorien II und III tatsächlich fünf nebeneinanderste-
weiteren imaginären “konvergierenden Beweis” zu Gemüte, hende Dreimuffelöfen besaßen. Die Zeichnung des Vrba-Wetzler-
den uns die Herren Shermer und Grobman feilbieten: Berichts sowie einen wirklichkeitsgetreuen Plan der Krematorien findet
“Die Vergasungen begannen 1941, und Himmler wohnte man in meiner Studie Olocausto: dilettanti allo sbaraglio, Edizioni di Ar,
Padova 1996, S. 293f.
am 18. Juli 1942 erstmals einer Vergasung bei.” (S. 150) 11
Vgl. hierzu meine Studie Auschwitz: due false testimonianze, Edizioni La
Wieder einmal ein klassisches Beispiel dafür, wie sich die Sfinge, Parma 1986, S 19-25.
12
Verfechter des orthodoxen Holocaust-Bildes gegenseitig zi- Dieser Ausdruck ist nicht dokumentarisch nachweisbar. Kein bekanntes
tieren! Die Behauptung, wonach Himmler am 18. Juli 1942 Dokument bezeichnet das Personal der Krematorien als Sonderkomman-
do. Hingegen gab es in Birkenau wenigstens 11 “Sonderkommandos” die
eine Vergasungsaktion beobachtet haben soll, beruht einzig nichts mit den Krematorien zu tun hatten. Vgl. hierzu meine Studie Son-
und allein auf dem “Zeugnis” des Rudolf Höß, von dem wir derbehandlung in Auschwitz. Entstehung und Bedeutung eines Begriffs.
bereits gesehen haben, unter welchen Umständen es zustande Castle Hill Publishers, Hastings, Großbritannien, 2003, S. 118-120.
13
kam und welchen Wert es besitzt. Shermer und Grobman M. Nyiszli, Im Jenseits der Menschlichkeit. Ein Gerichtsmediziner in Au-
verlangen – durchaus zu Recht! – von den revisionistischen schwitz. Dietz Verlag, Berlin 1992, S. 34-35. Im ungarischen Originaltext
heißt es: “...ez a terem olyan nagyságú, mint a vetkezĘterem” (“dieser
Geschichtsforschern, diese müßten ihre Quellen verifizieren Saal ist ebenso groß wie der Auskleideraum”), d.h. er war 200 m lang.
und nach Beweisen suchen, die gegen ihre Thesen sprächen, (Dr. Mengele boncolóorvosa voltam az auschwitz-i krematóriumban. Co-
doch weder sie noch irgendein anderer Vertreter der offiziel- pyright by Dr. Nyiszli Miklos, Oradea, Nagyvárad, 1946, S. 34) In der
len Geschichtswissenschaft ist je auf den Gedanken verfallen, deutschen Version wird dieser Satz fälschlicherweise so übersetzt: “…in
den nächsten, ebenfalls hell erleuchteten Raum”.
die von Höß in einem polnischen Gefängnis gemachten An- 14
NI-11593, S. 2 und 4.
gaben kritisch zu überprüfen: Schließlich sind seine Aussa- 15
Vgl. Olocausto: dilettanti a convegno, Effepi, Genova 2002, 51.
16
gen der Sache des Holocaust, die all diesen Historikern am “Medico ad Auschwitz”: anatomia di un falso. Edizioni La Sfinge, Parma
Herzen liegt, dienlich, und darum erübrigen sich kritische 1988.
17
Siehe hierzu meine Schrift Auschwitz: un caso di plagio. Edizioni La
Fragen. Freilich gibt es mehrere Dokumente – angefangen Sfinge, Parma 1986.
bei Himmlers eigenem Tagebuch –, welche eine einwandfreie 18
Siehe hierzu meinen Artikel “Keine Löcher, keine Gaskammer(n)”. Hi-
Klärung dieses Problems gestatten. Tatsache ist, daß Himm- storisch-technische Studie zur Frage der Zyklon B-Einwurflöcher in der
ler nicht nur keiner Menschenvergasung beigewohnt hat, Decke des Leichenkellers I im Krematorium II von Birkenau”, in: VffG,
sondern dies nicht einmal hätte tun können, weil die Kürze 6(3), 2002, S. 292f. und 301f.
19
Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie, Amsterdam, c[21]96 : (“die
seines Besuchs in Auschwitz die Möglichkeit seiner Anwe- Leichen verbrannten in etwa 4 Minuten”); vgl. L. Poliakov, Auschwitz.
senheit bei der Ankunft von Judentransporten sowie den an- Julliard, Paris 1964, S. 162.
20
geblichen Menschenvergasungen von vorne herein aus- Inmitten des grauenvollen Verbrechens. Handschriften von Mitgliedern
schloß.96 des Sonderkommandos. Verlag des Staatlichen Auschwitz-Birkenau Mu-
seum, 1996, p. 37 (“in einer dieser Öffnungen konnten 12 Leichen Platz
Fortsetzung folgt.

148 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


finden”). 149.
21 54
M. Nyiszli, aaO. (Anm. 13), S. 39 (“Täglich gehen 20000 Menschen Ebenda, Anmerkung 1.
55
durch die Gaskammern und die Einäscherungsöfen”). R. Faurisson, Comment les Britanniques ont obtenu les aveux de Rudolf
22
Den betreffenden Text findet man auf der Website Höss, commandant d’Auschwitz, in: “Annales d’Histoire Révisionniste”,
http://aaargh.vho.org/engl/RassArch/PRdebunk/PRdebunkIntro.html n. 1, 1987, S. 137-152.
23 56
PS-2170, S. 5. J.-C. Pressac, Die Krematorien von Auschwitz, aaO., S. 173.
24 57
M. Gilbert, Final Journey: The Fate of the Jews in Nazi Europe, London F. Meyer, Die Zahl der Opfer von Auschwitz. Neue Erkenntnisse durch
1979, S. 91. neue Archivfunde, in: “Osteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsfragen des
25
Auch L. Poliakov hat sich einer Betrügerei schuldig gemacht, indem er Ostens”, Nr. 5, Mai 2002, S. 639.
58
die 25 Quadratmeter des Originals in 93 Quadratmeter umfälschte. Brevi- Sonderbehandlung in Auschwitz, aaO. (Anm. 12), S. 87-101.
59
aire de la haine, Calmann-Lévy, Paris 1979, S. 223. GARF (Gosudarstvenni Archiv Rossiskoi Federatsii: Staatsarchiv der
26
Siehe www.codoh.com/cole/Traitor_amer.html sowie M. Shermer, “Über Russischen Föderation), Moskau, 7021-108-39, S. 67.
60
den Abfall eines jüdischen Revisionisten”, VffG 3(2) (1999), S. 192-194. M. Gilbert, Auschwitz & the Allies. The politics of rescue. Arrow Books
27
PS-1553. Limited, London 1984, S. 338.
28 61
Vgl. dazu C. Mattogno, F. Deana, “The Crematoria Ovens of Auschwitz Ernst Gauss (= G. Rudolf), Vorlesungen über Zeitgeschichte. Strittige
and Birkenau”, in: Germar Rudolf (Hg.), Dissecting the Holocaust. The Fragen im Kreuzverhör. Grabert Verlag, Tübingen 1993, S. 104-107.
Growing Critique of “Truth” and “Memory”, 2. Aufl., Theses and Dis- Jean-Marie Boisdefeu, La controverse sur l’extermination des Juifs par
sertations Press, Chicago 2003, S. 373-412. les Allemands. Vrij Historisch Onderzoek, Antwerpen 1996, Band I, S.
29
Siehe hierzu meinen Artikel “Supplementary Response to John C. Zim- 162-165.
62
merman on his ‘Body disposal at Auschwitz’” auf der mir gewidmeten J.-C. Pressac, Auschwitz:…, aaO. (Anm. 34), S. 253.
63
Sektion der Website www.russgranata.com Mission: 60 PRS/462 SQ. Exposure : 3056. Can : D 1508, 31 Mai 1942,
30
Rüdiger Kammerer, Armin Solms (Hg), Das Rudolf Gutachten. Gutach- NA.
64
ten über die Bildung und Nachweisbarkeit von Cyanidverbindungen in Vgl. dazu meinen Artikel “Keine Löcher…”, aaO. (Anm. 18), S. 284-304.
den “Gaskammern” von Auschwitz, Cromwell Press, London 1993. Er- Die Luftaufnahme vom 31. Mai 1944 befindet sich dort auf S. 287. Auf
weiterte und korrigierte Ausgabe: Das Rudolf Gutachten. Gutachten über den Seiten 287-288 nehme ich eine Analyse der Luftbilder vor.
65
die “Gaskammern” von Auschwitz. Castle Hill Publishers, Hastings C.D. Provan, No Holes? No Holocaust? A Study of the Holes in the Roof
2001: nochmals aktualisiert auf Englisch: The Rudolf Report. Expert Re- of Leichenkeller 1 of Krematorium 2 at Birkenau, Zimmer Printing, 410
port on Chemical and Technical Aspects of the ‘Gas Chambers’ of Au- West Main Street, Monongahela, PA 15063. © 2000 by Charles D. Pro-
schwitz, Theses & Dissertations Press, Chicago 2003. van., S. 13.
31 66
Siehe hierzu meine bereits erwähnte Studie Olocausto:…, aaO. (Anm. J.-M. Boisdefeu, aaO. (Anm. 61), S. 166-170.
67
10), S. 154f. Vgl. G. Rudolf, 2001 , aaO. (Anm. ), S. 79.
32 68
Dementsprechend haben also die Desinfektoren entlauste Decken und C.D. Provan, aaO. (Anm. 65), S. 33. Siehe auch S. 18.
69
Kleidungsstücke gegen die Außenmauern der beiden Gaskammern ge- L’Album d’Auschwitz. Éditions du Seuil, Paris 1983, S. 194, 198-203.
70
schlagen, damit sich die Zyanidrückstände rascher verflüchtigten; dies Vgl. dazu meinen Artikel “Die Deportation ungarischer Juden von Mai
soll der Grund für die Eisenblauflecken sein! bis Juli 1944. Eine provisorische Bilanz”, in: VffG, 5(4) (2001), S. 388-
33
Vgl. hierzu das Fotoalbum “Majdanek”, .Krajowa Agencja Wydawnicza, 389.
71
Lublin 1985, Fotografie 67. E. Springer, Il silenzio dei vivi. Marsilio, Venezia 1997, S. 67-70.
34 72
J.-C. Pressac, Auschwitz: Technique and operation of the gas chambers. Siehe dazu das Unterkapitel “Una testimone dell’ultima ora: Elisa Sprin-
The Beate Klarsfeld Foundation, New York 1989, S. 59f. ger”, in: Olocausto: dilettanti a convegno, aaO. (Anm. 15 ), S. 138f.
35 73
Das Rudolf Gutachten, 2001, aaO. (Anm. 30), S. 111-114. Vgl. dazu allgemein C. Mattogno, “Die Deportation…,” aaO. (Anm. 70),
36
Auschwitz 1270 to the present.W.W. Norton & Company. New York- S. 381-395.
74
London, 1996. SS-Obersturmführer (was dem Grad eines Oberleutnants und nicht dem
37
David Cole Interviews Dr. Franciszek Piper, Director, Auschwitz State eines Oberstleutnants entspricht) Werner Jothann war seit dem 1. Oktober
Museum. Transcript © 1992 David Cole & Bradley Smith 1943 als Nachfolger von SS-Sturmbannführer Karl Bischoff Chef der
http://jeffsarchive.com/David Cole Visits Auschwitz/Davis Cole Inter- Zentralbauleitung von Auschwitz.
75
views Dr. Franciszek Piper.html Jothanns “Dringendes Telegramm” vom 12.5. 1944 lautet: “Montage der
38
É. Conan, Auschwitz: la mémoire du mal, in: “L’Express”, 19. Januar 2 Aufzüge kann jetzt nicht [sic!] erfolgen.”; J.-C. Pressac, Le macchine
1995, S. 57. Text abrufbar bei: dello sterminio. Auschwitz 1941-1945, Feltrinelli Editore, Milano 1994,
http://www.fpp.co.uk/Auschwitz/docs/Conan.html. S. 100.
39 76
J.-C. Pressac, Auschwitz:…, aaO. (Anm. 34), S. 503. F. Piper, “Gas Chambers and Crematoria”, in: Y. Gutman/M. Berenbaum
40
Ebenda, S. 452f. Editors, Anatomy of the Auschwitz Death Camp. Indiana University
41
Ebenda, S. 46. Press, Bloomington-Indianapolis 1994, S. 173.
42 77
Ebenda, Foto 15. J.-C. Pressac, Auschwitz:…, aaO. (Anm. 34), S. 500.
43 78
Ebenda, S. 28-29. F. Müller, Sonderbehandlung. Drei Jahre in den Krematorien und Gas-
44
Dienstanweisung für die Bedienung der Blausäure-Entwesungskammer kammern von Auschwitz. Verlag Steinhausen, München 1979, S. 207 und
im K.L.M. Unterkunft Gusen. Öffentliches Denkmal und Museum Maut- 211.
79
hausen. Archiv, M 9a/1. Trial of Josef Kramer and Forty-four Others (The Belsen Trial), aaO.
45
H. Langbein, Der Auschwitz-Prozeß. Eine Dokumentation. Europa Ver- (Anm. 9), S. 131.
80
lag, Wien 1965, S. 537. F. Müller, aaO. (Anm. 78), S. 231.
46 81
Ebenda, S. 539. M. Nyiszli, aaO. (Anm. 13), S. 58-62.
47 82
Ebenda. Laut R.L. Braham wurden von ca. 435.000 Deportierten 400.000, also
48
Während der Ermittlungen wurde P. Broad von mehreren Zeugen aufs rund 91%, umgebracht. The Politics of Genocide. The Holocaust in Hun-
schwerste belastet, Verbrechen begangen zu haben, jedoch wurde er – gary. Columbia University Press, New York 1981, Band 2, S. 676. Dieser
dank seiner Aussage? – nicht angeklagt; vgl. G. Rudolf, “Aus den Akten Prozentsatz wird auch von J. C. Zimmerman geltend gemacht.
83
des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, Teil 5”, VffG (3&4) (2003), S. 465- D. Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Au-
470; ders., “…Teil 6”, VffG, 8(1) (2004), S. 114-118; vgl. ebenso Teil 7 schwitz-Birkenau 1939-1945. Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg
in diesem Band, S. ???. 1989, S. 789.
49 84
P. Vidal-Naquet, Gli assassini della memoria. Editori Riuniti, Roma A. Strzelecki, “The Plunder of Victims and Their Corpses, in: Anatomy
1993, S. 27. of the Auschwitz Death Camp”, aaO. (Anm. 76), S. 258.
50 85
J.-C. Pressac, Auschwitz:…, aaO. (Anm. 34), S. 162. Sprawozdanie okresowe /od 25 V 1944 – 15 VI 1944/. APMO, D-RO/91,
51
J.-C. Pressac, Die Krematorien von Auschwitz. Die Technik des Massen- Band VII, S. 446.
86
mordes. Piper Verlag, München 1994, S. 174. Siehe z. B. F. Piper, “Gas Chambers and Crematoria”, aaO. (Anm. 76), p.
52
Wie in aller Welt hätte Broad, der seine Aussagen im Jahre 1945 machte, 173.
87
bloß das von Rudolf Höß im Jahr danach abgelegte Geständnis kennen NG-5623.
88
können? – Anmerkung des Übersetzers. T-1163.
53 89
Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Ru- Auschwitz. Holocaust revisionist Jean-Claude Pressac. The “Gassed”
dolf Höß. Herausgegeben von Martin Broszat, DTV, München 1981, S. People of Auschwitz: Pressac’s New Revisions. Granata, 1995, pp. 16f.

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 149


90
C. Mattogno, in G. Rudolf (ed.), aaO. (Anm. 28), S. 398. so wird der Aushub stets größer als ein Kubikmeter sein.)
91 94
F. Müller, aaO. (Anm. 78), S. 207 und 209. Bei Ansetzung von ca. 200 kg Holz für eine Leiche. Siehe hierzu C. Mat-
92
Vgl. dazu meinen Artikel “‘Verbrennungsgruben’ und Grundwasserstand togno, J. Graf, Treblinka: Vernichtungslager oder Durchgangslager?,
in Birkenau”, in: VffG, 6(4) (2002), S. 421-424. Castle Hill Publisher, Hastings 2000, S. 180-192, insbesondere S. 185.
93 95
In Wirklichkeit wäre das Volumen größer gewesen, weil der Aushub um Siehe hierzu meinen Artikel “‘Keine Löcher…”, aaO. (Anm. 18), S. 284-
rund ein Viertel größer ist. G. Colombo, Manuale dell’ingegnere. Hoepli, 304.
96
Milano 1916, S. 190. (Wenn man Erde aushebt, dehnt sich das zuvor Vgl. hierzu meine Studie Sonderbehandlung in Auschwitz, aaO. (Anm.
kompakte Erdreich aus, was zu einer Vergrößerung des Volumens führt. 12), S. 19-29 (“Der Himmler-Besuch in Auschwitz”) sowie die diesbe-
Gräbt man also beispielsweise eine Grube von einem Kubikmeter Größe, züglichen Dokumente auf S. 122-126.

Die Berichte des polnischen Widerstands über die Gaskam-


mern von Auschwitz (1941-1944)
Von Enrique Aynat

1. Einleitung lenkte sie auch die Aktionen der Widerstandsbewegung in-


1.1. ENTSTEHUNG UND ZIEL DIESER STUDIE nerhalb dieses Konzentrationslagers. Sie bestand aus fünf
Schon seit längerer Zeit habe ich mich lebhaft für die Frage Abteilungen, von denen die wichtigste die “Abteilung des In-
interessiert, welche Informationen der polnischen Exilregie- formationsdienstes” (Wydziaá SáuĪby Informacyjnej) war. De-
rung in London sowie dem polnischen Widerstand während ren Agenten arbeiteten eng mit der Spionageabteilung der
des Zweiten Weltkriegs über das Konzentrationslager Au- Armija Krajowa sowie mit den Informationsnetzen der in der
schwitz vorlagen. Mit diesem Thema habe ich mich bereits in Delegatura vertretenen politischen Parteien zusammen. Über
einem Artikel auseinandergesetzt,1 in dem ich darlegte, daß diese Gruppierungen gelangten die Berichte an die Zentral-
die polnische Widerstandsbewegung sowie folglich auch die organisation in Warschau. Fast alle in dieser Studie zitierten
polnische Exilregierung wußten, was in jenem KL vor sich Texte entstammen deren Archiven.
ging. Mitglieder verschiedener Untergrundorganisationen Nach dem Krieg wurden die Dokumente der Delegatura un-
hatten sich in den neuralgischen Zentren des Lagers eingeni- ter Referenznummer 202 im Institut für die Geschichte der
stet – in der Kommandantur, dem Krankenhaus, der Baulei- (kommunistischen) Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei
tung, der Abteilung Arbeitseinsatz sowie in der politischen aufbewahrt, das dem Zentralkomitee dieser Partei unterstand.
Abteilung. Unter diesen Umständen war es logischerweise Nach der Auflösung der Partei wurde die Dokumentation
ein Ding der Unmöglichkeit, daß die Widerstandskämpfer 1990 von der sich in Warschau befindenden “Hauptdirektion
nicht über die wichtigsten Ereignisse im Lager auf dem lau- der Staatlichen Archive” (Naczelna Dyrekcja Archiwów
fenden waren, und dies gilt selbstverständlich auch für die PaĔstwowych) übernommen.
behauptete Massenvernichtung der Juden. Die von mir studierten Dokumente lassen sich in vier Grup-
Thema der vorliegenden Studie sind die vom Untergrund ver- pen unterteilen: Periodische Lageberichte, die von Kurieren
breiteten Meldungen über die Tatwaffe, mit der dieser Mas- in Form von Mikrofilmen nach London gebracht wurden;
senmord in allererster Linie begangen worden sein soll: Die Wochenberichte zu dringenden Fragen, die meist über Funk
Menschentötungsgaskammern. verbreitet wurden; vertrauliche Bulletins für die verschiede-
nen Geheimorganisationen sowie schließlich ausführliche In-
1.2. QUELLEN formationen, die als Grundlage für die ersten drei Kategorien
Der größte Teil der zu Rate gezogenen Dokumente ent- dienten und im allgemeinen auf losen Papierbögen mit
stammt den Archiven der Delegatura. Diese vertrat von 1940 Schreibmaschine vervielfältigt wurden.
bis 1945 die im Londoner Exil weilende polnische Regie- Der Großteil der untersuchten Dokumente ist im polnischen
rung. Die Delegatura besaß exekutive Befugnisse und ver- Werk Obóz koncentracyjny OĞwiĊcim w Ğwietle akt delegatu-
fügte über ihre eigenen administrativen Abteilungen, die Mi- ry rządu RP na kraj (“Das Konzentrationslager Auschwitz im
nisterien entsprachen. Sie war auf dem gesamten Territorium Licht der Dokumente der Delegatur der Regierung der Repu-
Polens in den Grenzen vom 1. September 1939 tätig und be- blik Polen in der Heimat”)3 veröffentlicht worden. Dieses
saß Vertreter für die einzelnen Provinzen, Bezirke und Ge- Buch – das ich künftig jeweils als Obóz abkürze – stellt eine
meinden. Bei der Delegatura handelte es sich de facto um ei- offensichtlich mit Eifer und Systematik erstellte Sammlung
ne Schattenregierung, die der deutschen Besatzungsmacht die der in den Archiven der Delegatura vorhandenen Berichte
Herrschaft über das Land streitig machte. Kurz gesagt, sie über Auschwitz4 dar. Die Herausgeber halten fest, daß die
war ein “Untergrundstaat” mit eigenem Erziehungswesen, ei- Urkunden “in Übereinklang mit den erhaltenen Originalen,
genem Rechtswesen sowie einem eigenen Heer, der Armia ohne Auslassungen oder Abänderungen”, abgedruckt und le-
Krajowa (Heimatarmee).2 diglich Schreib- und Interpunktionsfehler korrigiert worden
Eine der Organisationen, die der Delegatura unterstanden, seien.5 Aus mir unbekannten Gründen enthält das Buch kei-
war die “Abteilung für Information und Presse” (Departa- nerlei Dokumente aus dem Zeitraum zwischen Juli 1944 und
ment Informacji i Prasy), welches in zwei Sektionen zerfiel: dem 27. Januar 1945, dem Tag, an dem sowjetische Truppen
die östliche und die westliche. Die “Westliche Sektion” in Auschwitz einrückten.
(Sekcja Zachodnia) leitete die konspirative Untergrundarbeit Die restlichen zitierten Dokumente stammen aus verschiede-
in jenem Teil Polens, der 1939 dem Deutschen Reich ange- nen Archiven: Dem des Polish Underground Movement
gliedert worden war, darunter auch in Auschwitz. Somit (1939-1945) Study Trust in London; dem von Yad Vashem

150 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


(Jerusalem), dem des Public Record Office (Kew, Richmond, Als nächstes vergleiche ich die in den Dokumenten des Wi-
Großbritannien) sowie schließlich dem der Hoover Institution derstands enthaltenen Informationen über die Gaskammern
(Stanford University, Stanford, Kalifornien). Im Archiv des mit der ab 1945 verbreiteten Version, um allfälligen Wider-
Londoner Polish Underground Movement (1939-1945) Study sprüchen auf die Spur zu kommen. Zum Abschluß lege ich
Trust befindet sich ein Teil der Dokumente, die der Exilre- einige Schlußfolgerungen dar.
gierung vom Widerstand zugestellt worden waren. Dort Zur Zuordnung der Zitate nummeriere ich diese entsprechend
konnte ich einige der in Obóz publizierten Berichte überprüfen der Nummer des betreffenden Berichts im Dokumentenan-
und mich davon überzeugen, daß sie, wie die Herausgeber ver- hang.
sichern, in der Tat textgetreu wiedergegeben worden sind.
Ich habe somit ein recht umfangreiches dokumentarisches 2. Externe Kritik
Material untersucht, das aller Wahrscheinlichkeit nach den Ehe wir uns auf ein Dokument stützen, müssen wir uns fragen,
Hauptteil der vom polnischen Widerstand verfaßten Mittei- woher es kommt, wer sein Verfasser ist, und an welchem Da-
lungen über das KL Auschwitz darstellt. tum es erstellt wurde. Ein Dokument, dessen Verfasser, Datum
und Herkunft unbekannt sind, gilt im allgemeinen als wertlos.
1.3. METHODE Die erste Aufgabe des wissenschaftlich arbeitenden Ge-
Bei meiner Arbeit habe ich mich an die traditionelle histori- schichtsforschers besteht dementsprechend in einer Analyse
sche Methode gehalten. Der erste Schritt bestand darin, alle des Dokuments zwecks Erhellung dieser Fragen.
verfügbaren Quellen zusammenzustellen, und es schien mir Bei der Untersuchung der Dokumente der Widerstandsbewe-
angemessen, sie im Dokumentenanhang, der den Abschluß gung über Auschwitz stellen wir fest, daß zwar das jeweilige
meiner Studie bildet, in chronologischer Reihenfolge zu zitie- Datum in fast jedem Fall bekannt ist, der Verfasser hingegen
ren. Somit kann sich der Leser selbst einen vollständigen nie. Im Prinzip war dies auch gar nicht anders zu erwarten,
Überblick verschaffen. Dies wird es ihm erleichtern, sich ein und zwar schon aus Sicherheitsgründen – schließlich liefer-
eigenes Urteil zu bilden. Dabei erschien es mir notwendig, in ten sich der polnische Widerstand und die Deutschen einen
der spanischen Originalausgabe dieser Studie jeweils den Kampf bis aufs Messer, und da taten die Urheber der Berich-
polnischen Urtext folgen zu lassen, so daß des Polnischen te gut daran, ihre Anonymität zu wahren. Doch darf diese ba-
kundige Leser sich die Dokumente im Original zu Gemüte nale Tatsache den Historiker nicht zum Verzicht auf den Ver-
führen und allfällige Übersetzungsfehler entdecken können.6 such bewegen, etwas über die Identität der Verfasser sowie
In den meisten Fällen begnüge ich mich mit einer teilweisen die Umstände, unter denen sie ihre Berichte erstellten, zu er-
Wiedergabe der Dokumente, da für mich nur jene Fragmente fahren. Eine Analyse der Dokumente vermag ihm hier sicher-
von Belang waren, in denen die Ausrottungsprozeduren im lich weiterzuhelfen.
allgemeinen und die Menschentötungsgaskammern im be- In der Tat zeigt sich bei der Untersuchung der Texte zunächst
sonderen erwähnt werden. Ich habe mich stets bemüht, den einmal, daß manche davon in den Überschriften als Identifi-
Hintergrund zu erhellen, vor dem das betreffende Dokument zierungsmerkmale gewisse Ziffern, Schlüssel oder Tarnbe-
zu sehen ist. Einem kritischen Leser steht es ohnehin offen, griffe enthalten, die den geheimen Informations- und Propa-
die vollständige Originalquelle zu konsultieren, die ich in je- gandazellen entsprachen. Dies belegt, daß die Übermittlung
dem Fall so genau wie möglich angegeben habe. von Nachrichten aus dem Konzentrationslager an die Delega-
Obgleich die untersuchten Urkunden besonders ab 1943 zahl- tura in diesen Fällen nicht direkt, sondern über wenigstens
reiche Hinweise auf die Gaskammern enthalten, sind diese in eine Zwischenorganisation erfolgt sein muß. Vermutlich be-
der Regel sehr summarischer Art. In sehr vielen Fällen be- schränkte sich die geheime Zelle meist darauf, die aus dem
gnügen sich die Verfasser der Berichte mit der Bemerkung, Lager erhaltene Information einfach weiterzuleiten, doch läßt
die Transporte mit Juden, sowjetischen Kriegsgefangenen sich keineswegs ausschließen, daß sie die Nachricht gele-
und Polen seien “in die Gaskammern” (do komór gazowych) gentlich “ausschmückte” und ihr einen bestimmten Ton oder
oder, noch kürzer, “ins Gas” (na gaz) geschickt worden, oder eine bestimmte Orientierung verlieh.
bis zu diesem oder jenem Datum seien so oder so viele Men- Manche Schlüssel oder Tarnbegriffe für Informations- und
schen “vergast” (zagazowani) worden. Meiner Auffassung Propagandazellen tauchen in einer ganzen Reihe von Berich-
nach bereichern solch lakonische Formulierungen unseren ten auf:
Kenntnisstand über die Gaskammern in keiner Weise, und 1631: Vermutlich eine Zelle der Informations- und Propa-
darum habe ich auf ihre Wiedergabe verzichtet. gandasektion der Zentraldirektion der Armija Krajowa.9
Ich habe im allgemeinen nur solche Dokumente berücksich- D.I.: Informations- und Presseabteilung der Delegatura.10
tigt, welche konkrete Beschreibungen der Gaskammern ent- 252/a-1: Schlüssel einer Zelle derselben Informations- und
halten, d.h. Hinweise darauf, wie sie aussahen, wie sie funk- Propagandasektion wie 1631.11
tionierten, wo sie sich befanden, wieviele es gab, und wel- S. Z.: Westlicher Sektor der Informations- und Presseabtei-
ches Gas verwendet wurde. lung.12
Im anschließenden Teil unterziehe ich die Dokumente einer Des weiteren gibt es Dokumente, die als “Briefe” oder “Be-
Kritik. Bekanntlich hat einer Zusammenstellung von Quellen richte Gefangener” bezeichnet werden und aus naheliegenden
stets eine historische Kritik zu folgen, die sowohl externer als Gründen keine Hinweise auf die Person ihrer Verfasser ent-
auch interner Art sein sollte7 und deren Aufgabe darin be- halten. So verfügen wir über einen “im Lager Auschwitz ge-
steht, den wirklichen Wert dieser Quellen zu ermitteln, kon- schriebenen Brief” (Dokument Nr. 7), einen “Brief eines
kreter gesagt ihre Authentizität und Glaubhaftigkeit. Bei der Häftlings von Auschwitz” (Dokument Nr. 22) sowie eine
Durchführung dieser Aufgabe war ich bestrebt, mich an die “Übersetzung der Berichte eines SS-Funktionärs in der
von den französischen Professoren Langlos und Seignobos in Kommandantur des Lagers Auschwitz” (Dokument Nr. 24),
ihrem als Klassiker geltenden Werk8 aufgestellten Richtlinien der – so die Überschrift des Textes – “noch für uns arbeitet”.
zu halten. In anderen Dokumenten taucht als Autor ein Pseudonym auf

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 151


(“Lichtenstein”, Dokument A B C
Nr. 27) oder auch nur ein “eines grauenvollen Verbre- “eines finsteren Verbrechens”19
18
Hinweis des Empfängers chens”
darauf, daß dieser den Ver- “in der Nacht vom 5. auf den 6. “in der Nacht vom 5. auf den 6. “during the night of September 5th
20
fasser kennt (“Ich kenne den September” September des Jahres 1941”21 to 6th last year”
Informanten persönlich”, “wurden in den Bunker getrie- “wurden in den Bunker22 in Au- “were driven down to the under-
ben”22 schwitz getrieben” ground shelter in Auschwitz”
Dokument Nr. 19).
“Ungefähr 600 sowjetische Ge- “ungefähr 600 sowjetische Zivil- “about a thousand people […]
So selbstverständlich es sein fangene […] sowie ungefähr 200 gefangene […] Miteinbezogen among them seven hundred Bol-
mochte, daß man in Kriegs- Polen” wurden ungefähr 200 Polen.” shevik prisoners of war and three
zeiten und unter einem harten hundred Poles”
Besatzungsregime seine “wobei man ihnen mit Stangen “regardless of broken bones
Identität verschleierte, so be- Hände und Füße brach”
fremdlich mutet es anderer- “man vergiftete sie mit Gas”23 “sie wurden mit Gasen vergif-
seits an, daß die Verfasser tet”24
auch noch Jahrzehnte nach
Kriegsende unbekannt bleiben. Bezeichnenderweise haben unweigerlich zum Schluß, daß ein großer Teil der Texte auf
die Herausgeber von Obóz, das 1968 erschien, keinen einzi- anderen, ihrem Geist nach sehr ähnlichen basiert oder daß
gen der Autoren identifiziert. Ganz im Gegenteil: Die Dürf- sie, bildlich ausgedrückt, “ein und derselben Familie angehö-
tigkeit der Hinweise auf die Personen der Verfasser läßt ren”. Ohne jeden Zweifel entspringen sie einer einzigen ge-
erahnen, daß es sich zumindest bei einem Teil von ihnen um meinsamen Quelle.
Phantomgestalten handeln dürfte. Hierzu gleich ein konkretes Wenden wir uns zunächst einzelnen Geschehnissen zu, die in
Beispiel. Zum angeblich von dem “SS-Funktionär aus dem mehreren der Dokumente geschildert werden. Die behauptete
Büro des Lagers Auschwitz” erstellten Bericht vermerken die Vernichtung mehrerer hundert sowjetischer Kriegsgefange-
Herausgeber von Obóz, dessen Name sei “bis heute nicht be- ner sowie Polen im “Bunker” von Auschwitz ist laut den
kannt”, und es sei “nicht auszuschließen, daß der Autor des Quellen der Widerstandsbewegung einer der frühesten Fälle
Dokuments als SS-Mann bezeichnet wurde, um die deut- der Anwendung von Gas zur Tötung von Menschen.17 Sie
schen Behörden für den Fall, daß das Dokument in ihre Hän- wird in drei Berichten erwähnt, die wir mit A (Dokument Nr.
de geriet, hinters Licht zu führen”.13 2), B (Dokument Nr. 3) sowie C (Dokument Nr. 6) bezeich-
Ein weiterer Punkt: Bei der Lektüre mancher dieser Berichte nen wollen und die man mit den im Anhang aufgeführten
wird klar, daß die von den Verfassern gesammelten Informa- Texten vergleichen kann.
tionen aus zweiter Hand stammen. Beispielsweise heißt es in Eine Untersuchung der drei Texte ergibt, daß sie alle eine
dem in London von einem polnischen Flüchtling erstellten gemeinsame Quelle aufweisen. Tabelle 1 vermittelt Auf-
Bericht (Dokument Nr. 19), der Autor habe die Nachrichten schluß über die Übereinstimmungen.
“von Leuten erhalten, die aus dem Konzentrationslager be- Es ist somit definitiv klar, daß sich die Berichte über die be-
freit wurden”. In anderen Fällen läßt der Verfasser unfreiwil- hauptete erste große Massentötung durch Gas in Auschwitz
lig durchblicken, daß er nichts weiter getan hat, als Latrinen- auf eine einzige Quelle zurückführen lassen.
parolen und Gerüchte zu sammeln, was aus Formulierungen Kaum minder aufschlußreich ist eine Gegenüberstellung der
wie den folgenden hervorgeht: Der Informant “hat gehört” Dokumente, in denen die Ankunft der ungarischen Juden in
(sáyszaá; Dokument Nr. 26); “dem Vernehmen nach” (podob- Auschwitz sowie ihre angebliche Vernichtung im Frühjahr
no; Dokument Nr. 29). und Frühsommer 1944 beschrieben wird. Vergleichen wir die
Die externe Kritik, insbesondere die Untersuchung der Her- drei Texte, die auf diese Geschehnisse eingehen, so stellen
kunft eines Textes, hat zudem zu ermitteln, ob die Quellen wir auch diesmal fest, daß sie sich sehr gleichen und zumin-
tatsächlich voneinander unabhängig sind. Man geht dabei dest in einigen Punkten ein und derselben Quelle entsprin-
vom Grundsatz aus, daß von-
einander unabhängige Zeu- D E F
gen, welche dieselben Ereig- “Die Krematorien kommen mit “Die Krematorien kommen mit
dem Verbrennen der Leichen dem Verbrennen der Leichen
nisse schildern, naturgemäß
nicht nach”14 nicht nach”15
nicht genau dieselben Details “Eine Mannschaft von Dentisten “Spezielle Gruppen”
beobachtet haben und diesel- […]. Eine andere Mannschaft von
ben Dinge schwerlich mit Spezialisten”
genau denselben Ausdrücken “untersucht sorgfältig die Mund- “brechen die Zähne mit Goldkro-
beschreiben werden. Histori- öffnungen aller Opfer, um die nen heraus”
sche Geschehnisse sind etwas Gold- und Platinkronen herauszu-
ungemein Komplexes, und es brechen; da wenig Zeit zur Verfü-
ist ganz und gar unwahr- gung steht, bricht man ganze Kie-
scheinlich, daß zwei vonein- fer heraus”
ander unabhängige Beobach- “steckt die Hände in die Scheiden “suchen Wertgegenstände in den
ter sie auf ein und dieselbe der Frauenleichen, um nach ver- Scheiden der Frauen”
steckten Wertgegenständen zu su-
Art und Weise nachzeichnen.
chen”
Lesen wir die Dokumentation “Es sind 4 Krematorien in Be- “es sind 4 Krematorien in Betrieb,
aufmerksam und beachten trieb, eine Ziegelei,16 und außer- eine Ziegelei,16 und manchmal
wir die eben erwähnten dem verbrennt man auf Scheiter- verbrennt man auf Scheiterhau-
Grundsätze, so gelangen wir haufen unter freiem Himmel” fen”

152 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


gen. Wir nennen diese drei Texte D (Dokument Nr. 30), E 3. Interne Kritik
(Dokument Nr. 32) und F (Dokument Nr. 31). 3.1. GLAUBWÜRDIGKEIT DER VERFASSER
Somit ergibt eine Gegenüberstellung der Dokumente, welche Mittels der kritischen Untersuchung der Glaubwürdigkeit der
die Ankunft der ungarischen Juden und ihre spätere Vernich- Verfasser eines Dokuments versucht der Historiker zu ermit-
tung in Auschwitz beschreiben, daß sie zumindest in einigen teln, ob es Gründe dafür gibt, am Wahrheitsgehalt der in ei-
wesentlichen Punkten auf ein und dieselbe Quelle zurückgehen. nem Dokument enthaltenen Behauptungen zu zweifeln. In er-
Doch nicht genug damit. Einige der Dokumente sind nicht ster Linie heißt es, die Frage aufzuwerfen, ob sich der Ver-
bloß von anderen inspiriert, sondern fast wortwörtlich abge- fasser in einer Lage befand, die einen Menschen üblicherwei-
schrieben. Liest man die Dokumente Nr. 8 und Nr. 10, so se zur Unaufrichtigkeit veranlaßt. Dazu wird im Geist eine
stellt man fest, daß das eine kaum mehr als eine wörtliche Art Fragebogen erstellt. Die erste vom Historiker aufgewor-
Wiederholung des anderen ist. Der einzige nennenswerte Un- fene Frage lautet, ob der Autor eines Dokuments Sympathie
terschied besteht darin, daß Dokument 10 den Hinweis auf oder Antipathie für eine bestimmte Menschengruppe (Nation,
eine “Degasungskammer” (sic!) enthält und von giganti- Partei, religiöse Gemeinschaft etc.) empfand, die ihn unter
schen, vier Kilometer langen Gräben zur Verscharrung von Umständen dazu bewegen konnte, die Tatsachen verzerrt
Leichen spricht. darzustellen, um seine Freunde in günstigem und seine Fein-
Schließlich stoßen wir auf eine ganze Reihe von Ausdrücken, de in ungünstigem Lichte erscheinen zu lassen.
Gemeinplätzen und Ziffern, die sich in einer ganzen Anzahl In unserem Fall ist diese Frage ungemein leicht zu beantwor-
von Dokumenten wiederholen. Hier einige Beispiele: ten. Die polnische Widerstandsbewegung führte einen gna-
Das “ewige Feuer”,25 in dem Tag und Nacht die zahllosen denlosen Krieg gegen die deutschen Besatzer – einen Krieg,
Leichen der ermordeten Juden verbrannt werden (Dokumente in dem Information und Propaganda ungeheuer wichtige
Nr. 17, 22, 23 und 24). Waffen darstellten. Für die Propaganda und die Information
Die Gaskammern und Krematorien “schaffen es nicht” (nie des polnischen Widerstands war es nun kennzeichnend, daß
mogą nadąĪyü), alle Opfer zu vernichten und zu verbrennen sie vor der Verbreitung selbst der maßlosesten Übertreibun-
(Dokumente Nr. 22, 23 und 25). gen und Lügen nicht zurückschreckten. Der Grund dafür lag
Die “lebend ins Feuer geworfenen Säuglinge” (Dokumente natürlich in dem tiefen Haß, den die Polen zu jener Zeit ge-
22, 30 und 32); gen die Deutschen empfanden.
Die Zahl von ungefähr 520.000 vergasten26 Juden bis De- Als Musterbeispiel wollen wir uns nun einige der Behaup-
zember 1942 (Dokumente Nr. 13, 14, 15, 16 und 18). tungen vor Augen führen, die im Dokument “Report on Con-

Abbildung 1: Topographische Zeichnung des Konzentrationslagers Auschwitz35

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 153


ditions in Poland, 27. Nov. 1942” (Bericht über die Zustände hingingen (S. 44). In Polen sei alles sehr teuer, außer der Be-
in Polen), einem der polnischen Exilregierung in London aus such solcher Spektakel sowie der Whisky, “der in den Ar-
Warschau überbrachten Bericht, aufgestellt werden.27 beitslagern für Jugendliche zum Abendessen serviert wird”
Diesem Bericht zufolge planten die Deutschen, die gesamte (S. 44). Die Deutschen hätten ihre zielstrebige moralische
polnische Bevölkerung physisch auszurotten. Es heißt dort, Korrumpierung des polnischen Volkes durch die Errichtung
Polen unterscheide sich von allen anderen besetzten Ländern eines umfassenden Netzes von “Spielkasinos, Kabaretten,
dadurch, daß dort ein gezielter Versuch unternommen wird, Tanzsälen und Freudenhäusern” gekrönt (S. 44).
seine Bevölkerung auszurotten (S. 1).28 Zu diesem Zweck sei Andererseits sei die deutsche Verwaltung in Polen ungeheuer
ein Programm der vollkommenen Ausrottung entworfen korrupt. “Die Trunkenheit ist spektakulär. Die alte deutsche
worden, das zur biologischen Ausrottung29 der polnischen Maske des Biedermanns gehört der Vergangenheit an. An ih-
Nation führen werde. Dazu werde alles eingesetzt, “was die re Stelle sind ein offener Hang zu Ausschweifungen und
moderne Wissenschaft erfunden hat, all das, wozu gewissen- Vergnügungen sowie der Drang getreten, um jeden Preis
lose Menschen fähig sind” (S. 62). rasch reich zu werden” (S. 57).
Bei diesem Ausrottungsprogramm, so der Bericht der Wider- Dieses Beispiel erhärtet den von vornherein bestehenden
standsbewegung weiter, gelangten folgende Mittel zur An- Verdacht, daß die heimlich in Polen zirkulierenden Informa-
wendung: Individuelle Verbrechen sowie Massenverbrechen, tionen alles andere als objektiv waren. Wenn die polnische
Konzentrationslager und Gefängnisse, biologische Zerstö- Widerstandsbewegung imstande war, einen angeblichen
rung und Hunger sowie die Auslöschung der polnischen Kul- deutschen Plan zur biologischen Ausrottung des polnischen
tur. Ausführlich eingegangen wird in dem Bericht auf die Volkes zu erfinden, wird man zugeben müssen, daß sie
“systematische Demoralisierung, welche die Deutschen in grundsätzlich ebenso fähig zur Erfindung eines deutschen
Polen betreiben und die sich besonders gegen die polnische Planes zur biologischen Vernichtung des jüdischen Volkes
Jugend richtet” (S. 43). Namentlich seien die einzigen Bü- war. Konkreter gesagt, wenn der Widerstand bezüglich der
cher, die von den Deutschen in polnischer Sprache publiziert allgemeinen Lage in Polen log oder zumindest übertrieb, liegt
würden, “obszön, pornographisch und sittenverderbend” (S. die Vermutung nahe, daß er dasselbe hinsichtlich der Vor-
43). Ein polnisches Kino oder Theater gebe es nicht mehr, gänge in Auschwitz tat. Aus diesen Gründen wird man gut
abgesehen von Vorstellungen, die auf die Untergrabung der daran tun, die in dieser Studie untersuchten Dokumente a
Moral und des Patriotismus des Volkes abzielten. Der Besuch priori als inhaltlich verdächtig einzustufen.
dieser Vorstellungen sei frei, ja für die polnische Jugend so- Die zweite Aufgabe, die sich der Historiker bei der Überprü-
gar obligatorisch. Es komme sogar vor, daß Jugendliche er- fung der Aufrichtigkeit des Urhebers eines Dokuments stel-
schossen würden, wenn sie nicht zu solchen Veranstaltungen len muß, besteht in der Untersuchung der Frage, ob sich die-
ser zwecks Ausschmückung der Ereignisse literarischer
Kunstgriffe bedient und die Geschehnisse zwecks Dramati-
sierung aufgebauscht hat, um bei den Adressaten gewisse
Gefühle hervorzurufen, oder ob seine Darstellung ideolo-
gisch gefärbt sowie als Bestandteil einer Propagandakampa-
gne zu sehen ist. Je farbiger eine Erzählung vom künstleri-
schen oder dramaturgischen Standpunkt aus ist, desto skepti-
scher ist ihr in der Regel zu begegnen, und pittoreske oder
spektakuläre Berichte, in denen die Akteure als hehre Licht-
gestalten oder finstere Bösewichter erscheinen, müssen
grundsätzlich Mißtrauen erwecken.
In den untersuchten Dokumenten wimmelt es nur so von Ex-
tremsituationen, ungeheurer Dramatik, herzzerreißenden oder
grauenerregenden Szenen sowie schließlich schlicht und ein-
fach unglaubhaften Dingen. Hätten die Massenvergasungen
tatsächlich stattgefunden, so hätte eine sachliche und trocke-
ne Beschreibung einen dermaßen niederschmetternden Effekt
gehabt, daß eine zusätzliche Dramatisierung mittels literari-
scher Kunstgriffe gar nicht mehr nötig gewesen wäre.
Hier nun eine – keineswegs erschöpfende – Reihe von Bei-
spielen für Behauptungen, denen jede Glaubwürdigkeit ab-
geht, weil sie gewissermaßen eine dramatische Veränderung
der Realität darstellen:
Weil das Gas knapp war, verließen die Opfer die Gaskammer
noch halb bei Bewußtsein und wurden bei lebendigem Leibe
in die Öfen geworfen: “Im Krematorium sind die Wände
blutbefleckt, weil ein durch die Wirkung des Gases benom-
mener Mensch im Ofen wieder zu sich kommt und mit den
Fingern den Beton zerkratzt, um sich gegen den Tod zu weh-
ren” (Dokument Nr. 17).
Die Deutschen raubten ihren Opfern all ihren Besitz, ehe die-
se die Gaskammern betraten. Doch gaben sich die Deutschen
Abbildung 2: Legende zum Plan aus Abbildung 1 keinesfalls damit zufrieden: Nach dem Massenmord unter-

154 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


suchten sie jeden einzelnen Leichnam bis zur hintersten Kör- steht die Gefahr, daß sich seine Erinnerung trübt oder mit an-
peröffnung einschließlich der intimen, um nach Juwelen und deren Erinnerungen vermengt. Je mehr dieser Voraussetzun-
Edelmetallen zu suchen: “Eine Gruppe von Dentisten unter- gen erfüllt sind – und selbst im Alltag liegen kaum je alle zu-
sucht die Münder aller Opfer sorgfältig, um die Gold- und sammen vor –, desto genauer wird eine Beschreibung a priori
Silberkronen herauszureißen; da ihnen dafür wenig Zeit zur ausfallen.
Verfügung steht, bricht man ihnen stets die Kiefer. Eine an- In unserem Fall kennen wir die Verfasser der Dokumente
dere Mannschaft aus ‘Spezialisten’ steckt die Hände in die nicht; wir können deshalb nicht wissen, wie sie vorgegangen
Scheiden der Frauenleichen, um versteckte Wertgegenstände sind und inwieweit sie die eben erwähnten Kriterien erfüllen.
zu suchen. Nur auf diese Weise geschändete und untersuchte Doch bei der Lektüre der Texte keimen begründete Zweifel
Leichen gelangen zur Einäscherung” (Dokument Nr. 30). daran auf, daß auch nur einer der Zeugen je eine Gaskammer
Die Szenen, welche sich bei der Massenvernichtung der Ju- zu Gesicht bekommen hat.
den abspielen, sind dermaßen schauerlich, daß es selbst unter Wenn wir beispielsweise ganz einfach erfahren wollen, wie
den SS-Männern “gelegentlich zu Nervenzusammenbrüchen eine Gaskammer aussah, finden wir in den Texten lediglich
kommt”. In diesen Fällen wandern die SS-Männer “zusam- äußerst vage und widersprüchliche Hinweise. Hier ein kon-
men mit den Juden ins Krematorium” (Dokument Nr. 31). kretes Beispiel. In einem der Dokumente heißt knapp, sie sei-
Bei den Massentötungen ist alles spektakulär, jede Dimensi- en “wie Duschen eingerichtet, aus denen leider statt Wasser
on sprengend und von ausgeklügelter Grausamkeit. Die Gru- Gas strömt”30 und die 1.200 Menschen zugleich fassen kön-
ben, in denen die Leichen verscharrt werden, sind vier Kilo- nen (Dokument Nr. 7). In einem anderen Dokument heißt es
meter lang (Dokument Nr. 10); die Deutschen planen den hingegen, die Gaskammern lägen in Gebäuden “ohne Fen-
Mord an 1.200.000 ungarischen Juden (Dokument Nr. 30 ster, mit doppelter, mittels Schrauben verschlossener Tür,
und 31); der Tagesrekord an Vergasten beläuft sich auf welche mit Vorrichtungen zur Einführung des Gases sowie
30.000 (Dokument Nr. 24); die Opfer werden nicht einfach zur Lüftung ausgestattet sind”,31 die ein Fassungsvermögen
vergast, sondern müssen vorher noch “schreckliche Martern” von 700 Personen aufweisen (Dokument Nr. 8). Schließlich
erdulden (Dokument Nr. 24); die Verbrennungsgräben – das wird in einem weiteren Text behauptet, die Gaskammern be-
“ewige Feuer” – verwandeln eine so große Zahl von Leichen säßen die Form “riesiger Hallen”,32 könnten 1.500 Personen
in Asche, daß “man nichts anderes mehr sieht als Flammen” fassen und seien mit “kleinen Fenstern”33 ausgerüstet, durch
(Dokument Nr. 24); diese Flammen erzeugen “schwarze, die das Gift eingeworfen werde (Dokument Nr. 27).
dichte Rauchschwaden, die von weitem sichtbar sind” (Do- Auf die Frage, wieviele Gaskammern es gab, erhalten wir
kument Nr. 30). folgende widersprüchliche Antworten:
In manchen Berichten findet sich ein Übermaß an literari- – Zwei (Dokumente Nr. 7 und 30):
schen Kunstgriffen, wie man sie aus der melodramatischen – Fünf (Dokument Nr. 8);
Gassenliteratur kennt. Hier ein Beispiel: – Sieben (Dokument Nr. 27);
“Die Szenen, die sich abspielen, lassen sich unmöglich be- – “Einige” (Dokument Nr. 11).
schreiben. […] Es ist schrecklich, daran zu denken, Werfen wir schließlich die Frage auf, wo die Gaskammern
schrecklich zu sehen, wenn auf der Landstraße Lastwagen lagen, finden wir nur in einem einzigen Bericht eine Antwort,
rollen, die 4000 Kinder unter 10 Jahren (Kinder aus dem nämlich in Dokument Nr. 11:
Ghetto Theresienstadt in Böhmen) in den Tod fahren. Eini- “Es gibt zwei Vergiftungsstätten:[34] Im Lagerkrematorium
ge weinten und riefen: Mama! Doch andere lächelten den (mit einem Fassungsvermögen von 400 Menschen) sowie in
Vorbeigehenden zu und winkten mit den Händchen. Eine Brzezinka, wo man zu diesem Zweck im Wald einige Häus-
Viertelstunde später war keines davon mehr am Leben, und chen mit erheblich größerer Kapazität vorbereitet hat.”
die vom Gas betäubten Körperchen brannten in grausigen Wenn wir die erhaltenen von der Widerstandsbewegung er-
Öfen. Und wieder, wer würde solche Szenen für möglich stellten Pläne von Auschwitz und Umgebung betrachten, so
halten? Doch garantiere und versichere ich, daß es tat- stellen wir fest, daß auf dem ersten, undatierten die Gaskam-
sächlich so war, und ich rufe die Lebenden und die Toten mern in einem großen Wald (“Forest Brzezinka”) liegen, ne-
zu Zeugen an. Vom Gas betäubt… Ja, denn Gas ist teuer, ben dem Lager Birkenau, das im Plan fälschlicherweise als
und das ‘Sonderkommando’, das die Todeskammer be- “Rajsko” bezeichnet wird (vgl. Abb. 1).35 Es finden sich kei-
dient, verwendet es sparsam. Die eingesetzte Dosis tötet nerlei Hinweise auf die exakte Lage der Gaskammern oder
die Schwächeren, schläfert die Stärkeren jedoch nur für ei- auf ihre Anzahl. Diese Ungenauigkeit steht im Gegensatz zu
nen Augenblick ein. Letztere kommen in den Krematori- der Präzision, mit welcher der Verfasser des Dokuments die
umswagen wieder zu Bewußtsein und stürzen lebendig in wichtigsten Einrichtungen im Stammlager Auschwitz I loka-
den summenden, feurigen Schlund.” (Dokument Nr. 28) lisiert und identifiziert.
Der zweite hier abgebildete Plan der Widerstandsbewegung
3.2. INHALTLICHE GENAUIGKEIT stellt das Lager Birkenau dar.36 Er trägt ebenfalls kein Da-
Mittels der kritischen Untersuchung der inhaltlichen Genau- tum, doch kann man ihm entnehmen, daß er in der zweiten
igkeit eines Dokuments versucht der Historiker zu ermitteln, Hälfte des Jahres 1944 entstanden sein muß. Der Plan enthält
ob der Verfasser in der Lage war, genaue Beobachtungen an- sehr genaue Angaben – wie z.B. die Lage der Waschräume
zustellen. Der – in der Praxis selten vorkommende – Idealfall sowie der Küchen im Frauenlager -, doch fehlt jeglicher
liegt dann vor, wenn sich der Zeuge eines geschichtlichen Hinweis auf die Gaskammern.
Ereignisses in einer Position befindet, die es ihm ermöglicht,
alles genau zu verfolgen, ihn das Erlebte nicht persönlich be- 3.3. DIE DOKUMENTE DER WIDERSTANDSBEWEGUNG UND DIE
trifft, er kein Interesse an der Erzeugung irgendeines Effekts HEUTIGE VERSION DER EREIGNISSE
hat und nicht in Vorurteilen befangen ist. Außerdem muß er Von geradezu überwältigender Bedeutung ist die Tatsache,
das Gesehene möglichst bald schriftlich festhalten, sonst be- daß die in den Berichten des polnischen Widerstands gelie-

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 155


ferten Angaben über die Gaskammern und den Vernich- Widerstandsbewegung: Die zuvor erwähnten Gaskammern
tungsprozeß in keiner Weise mit jener Version übereinstim- besaßen “Einrichtungen zur Einführung des Gases und zur
men, die nach dem Krieg Eingang in die Geschichtsbücher Lüftung” (Dokument Nr. 8).
gefunden hat. Es handelt sich hier wohlgemerkt nicht um ge- Offizielle These: Laut den Erinnerungen des ersten Au-
ringfügige Diskrepanzen oder Nuancen, die man mit unver- schwitz-Kommandanten Rudolf Höß soll es in der einzigen
meidlichen Irrtümern der Zeugen erklären könnte. Die Unter- zu jenem Zeitpunkt bestehenden Gaskammer von Birkenau
schiede sind vollkommen unüberbrückbar und betreffen alle keinerlei Vorrichtungen zur Einführung des Gases oder zur
wesentlichen Aspekte der Ausrottungsmethoden. Es gibt Lüftung gegeben haben; das Gas sei einfach durch “besonde-
schlicht und einfach kein einziges Dokument des Widerstan- re Luken” eingeworfen worden.45
des, das eine Beschreibung der angeblichen Massentötungen Widerstandsbewegung: Nach den Massenmorden in den Gas-
enthielte, die mit der seit 1945 gültigen vereinbar ist. Im fol- kammern von Birkenau wurden die Leichen “durch eine Öff-
genden werden die wichtigsten Unterschiede dargelegt, wo- nung[46] geworfen und auf einem Scheiterhaufen verbrannt”.
bei vier Punkte untersucht werden. Die nach dem Krieg ver- Der Kontext weist darauf hin, daß dies vor September 1942
breitete Lesart der angeblichen Ausrottungsaktionen wird geschah (Dokument Nr. 24).
einfachheitshalber fortan als “offizielle Version” bezeichnet. Offizielle These: Es gibt keinerlei Hinweis auf eine solche
Öffnung. In den damals in Birkenau angeblich existierenden
4. Gegenüberstellung von Behauptungen des Widerstands Gaskammern sollen die Leichen durch Türen hinausgezogen
und offiziellen Ansichten bzw. Fakten und auf kleinen Wagen, die auf Schmalspurgleisen fuhren, zu
4.1. BESCHREIBUNGEN DES VERNICHTUNGSVORGANGES den Verbrennungsgruben geschafft worden sein.47
Widerstandsbewegung: Die Gaskammern waren wie Dusch- Widerstandsbewegung: “Vor dem Eintritt in die Gaskammer
räume eingerichtet, “aus denen leider statt Wasser Gas mußten die Todgeweihten baden” (Dokument Nr. 24).
strömt” (Dokument Nr. 7). Offizielle These: Dies ist sinnlos und absurd. Die Todge-
Offizielle Version: Das tödliche Gas konnte nicht den Du- weihten sollen die Gaskammer in dem Glauben betreten ha-
schen entströmen. Als Mordwaffe verwendete man angeblich ben, man schicke sie zum Baden.
ein Insektizid, Zyklon B, bei dem Blausäure auf einer festen Widerstandsbewegung: Die Opfer traten in “riesige Hallen”48
Trägersubstanz (Gips) aufgebracht war. Das Zyklon B wurde ein, wo die “Desinfektion” stattfand. “Es gab sieben dieser
auf den Boden ausgestreut, worauf der Trägersubstanz – je Hallen”,49 von denen jede rund 1.500 Personen fassen konn-
nach Temperatur rascher oder langsamer – Blausäure ent- te. Nachdem man die Hallen mit Menschen gefüllt hatte,
strömte, ein hochgiftiges Gas.37 Da dieses Gas nicht unter wurde die Luft herausgepumpt,50 und anschließend warf man
Druck stand, konnte es durch keine Rohre geleitet werden. durch einige kleine Fenster das Desinfektionsmittel Kreuzolit
Widerstandsbewegung: Nach der Einführung des Gases in ein. Drei bis fünf Minuten später waren alle Opfer tot. In der
die Kammer “trat der Tod durch Ersticken ein, denn durch Nähe51 befanden sich sieben Öfen52 zur Verbrennung der
die Nase und den Mund tritt das Blut aus” (Dokument Nr. Leichen; jeder Ofen besaß sieben Öffnungen53 zur Einfüh-
7).38 rung der Leichname. Der Verbrennungsprozeß nahm nur ein
Tatsache: Blausäure löst keine Blutungen aus. Der Tod tritt paar Sekunden54 in Anspruch (Dokument Nr. 27).
durch Unterbinden der Sauerstoffzufuhr zu den Körperzellen Offizielle These: Der Ausrottungsvorgang in den verschiede-
ein.39 nen Gaskammern von Birkenau soll keine Ähnlichkeit mit
Widerstandsbewegung: Ein auf den 29. August 1942 datier- der eben zitierten Beschreibung aufgewiesen haben. Weder
ter Bericht erwähnt, daß die Leichen
der Vergasten unter freiem Himmel
verbrannt wurden (Dokument Nr. 7).
Offizielle Version: Die Verbrennung
von Leichen unter freiem Himmel be-
gann erst Ende September 1942.40
Widerstandsbewegung: “Man beschloß,
in Brzezinka [Birkenau], 7 km vom La-
ger entfernt, 5 neue Kammern[41] zu er-
richten. Der Bau wurde im April 1942
abgeschlossen.” Später heißt es, die
neuen Gaskammern hätten sich in “fünf
Gebäuden”42 befunden (Dokument Nr.
8).
Offizielle Version: Bis April 1942 soll
es in Birkenau lediglich ein Gebäude
mit einer Gaskammer gegeben haben.
Es soll dies ein zu seinem neuen Zweck
umgebautes Bauernhaus gewesen sein,
welches die Bezeichnung “Bunker 1”
erhielt und am 20. März 1942 in Be-
trieb genommen worden sein soll.43
Später, am 30. Juni 1942, soll man ei-
nen zweiten Bunker in Betrieb genom-
men haben.44 Abbildung 3: “Orientierungsplan des sog. Auschwitz 2 – Birkenau”36

156 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


gab es sieben Hallen, noch sieben Öfen mit je sieben Öff- 4.4. TÖTUNGSMETHODEN, VON DENEN DIE OFFIZIELLE THESE
nungen,55 noch soll die Luft herausgepumpt worden sein,56 NICHTS WEISS
noch verwendete man “Kreuzolit”, noch dauerte die Ver- Die “Hammerluft” oder der “Lufthammer”. Auf diese Weise
brennung einige Sekunden.57 wurden die von der Gestapo zum Tode verurteilten und nach
Widerstandsbewegung: Zum Zeitpunkt der Vernichtung der Auschwitz geschickten Häftlinge umgebracht (Dokument Nr.
ungarischen Juden – zwischen Mai und Juli 1944 – waren 5). Bezüglich der Funktion dieser Methode gibt es zwei un-
“beide Gaskammern”58 ununterbrochen in Betrieb (Doku- terschiedliche Schilderungen. Laut der ersten führte man das
ment Nr. 30). Opfer zur Hinrichtungsstätte, wo man ihm ein Luftgewehr67
Offizielle These: Während jenes Zeitraums sollen wenigstens an den Hinterkopf setzte. Dann erfolgte ein Schuß, “der
acht Gaskammern in Betrieb gewesen sein, die sich in den Hammer trifft den unteren Teil des Schädels, und die kom-
vier Krematorien von Birkenau befanden.59 primierte Luft zermalmt das ganze Hirn”68 (Dokument Nr.
Widerstandsbewegung: “Zwischen der Ermordung jeder Op- 12). Nach der zweiten Version handelte es sich um einen
fergruppe [in der Gaskammer] findet nur eine einzige Pause Lufthammer;69 dieser war in “speziellen Kammern” instal-
statt; diese ist notwendig, damit die Leichen herausgetragen liert, “wo der Hammer von der Decke heruntersauste und die
und in einen Raum an der anderen Seite der Kammer[60] ge- Opfer mittels einer speziellen Einrichtung durch den Luft-
worfen werden können, welche die Todgeweihten nicht se- druck den Tod fanden” (Dokument Nr. 19).
hen” (Dokument Nr. 30). Die elektrischen Kammern und das elektrische Bad. Die elek-
Offizielle These: Es gab in den Krematorien von Birkenau trischen Kammern “besaßen Wände aus Metall; man führte
keinen für die Opfer unsichtbaren “Raum an der anderen Sei- die Opfer hinein und schaltete Starkstrom ein”70 (Dokument
te der Kammer”. In den Krematorien II und III war der einzi- Nr. 19). Eine andere Quelle vermeldet, außer in elektrischen
ge Raum neben der angeblichen Gaskammer ein kleiner Vor- Kammern sei auch in “einem elektrischen Bad”71 gemordet
raum, den die aufeinanderfolgenden Opfergruppen durch- worden (Dokument Nr. 9).
schreiten mußten.61 In den Krematorien IV und V waren die Hinrichtung durch Enthaupten72 (Dokument Nr. 21).
einzigen an die Gaskammer angrenzenden Räume ein Ent- Vergasung unter freiem Himmel. Laut einem der Berichte
kleidungsraum, den die Opfer auch in diesem Fall auf dem führten die Deutschen zu militärischen Zwecken Versuche
Weg in die Gaskammer durchschreiten mußten, sowie ein zur “Vergasung unter freiem Himmel”73 durch (Dokument
kleiner Ofenraum.62 22).
Widerstandsbewegung: Die Verbrennung der Leichen der
ungarischen Juden erfolgte außer in den Krematorien sowie 5. Schlußfolgerungen
auf Scheiterhaufen unter freiem Himmel auch in einer Ziege- Meiner Ansicht nach gilt es aus dem bisher Dargelegten zwei
lei (Dokumente 30f.). Schlußfolgerungen zu ziehen.
Tatsache: Für die Existenz dieser Ziegelei fehlt jeder Beweis. Die erste davon lautet, daß die Berichte der polnischen Wi-
derstandsbewegung über die Gaskammern von Auschwitz ei-
4.2. MASSENVERGASUNGEN, VON DENEN DIE OFFIZELLE THE- ner ernsthaften Kritik nicht standhalten. Eine externe Kritik
SE NICHTS WEISS ergibt, daß sämtliche Verfasser dieser Dokumente nicht nur
Widerstandsbewegung: Anfang Oktober 1941 wurden 850 während der deutschen Besetzung unbekannt blieben – was
russische Kriegsgefangene zur Vergasung nach Auschwitz verständlich ist –, sondern auch nach dem Krieg jahrzehnte-
gebracht (Dokument Nr. 1). lang – bis zum heutigen Tage – ihre Identität nicht preisga-
Offizielle These: Es gibt keinerlei Hinweise auf ein solches ben, was sich bedeutend schwerer erklären läßt. Es ist offen-
Ereignis und auch nicht auf die Ankunft russischer Kriegsge- kundig, daß ein erheblicher Teil der Dokumente auf Berich-
fangener in Auschwitz Anfang Oktober 1941.63 ten aus zweiter Hand fußt, Gerede und Gerüchte wiedergibt
Widerstandsbewegung: Zwischen dem 1. und dem 15. De- oder sich auf nicht existierende Gewährsmänner beruft (wie
zember 1941 wurden 500 sowjetische Kriegsgefangene in ei- z.B. den SS-Funktionär in der Lagerkommandantur). Ein
nem Betonbunker vergast (Dokument Nr. 4). Vergleich zwischen den verschiedenen Dokumenten ermög-
Offizielle These: Auch hier fehlt jeglicher Hinweis auf ein licht uns den Schluß, daß sich ein großer Teil davon auf an-
solches Geschehnis.64 dere Dokumente dieser Serie stützt und bisweilen fast wort-
Widerstandsbewegung: Die erste Vergasung erfolgte im Juni wörtlich abgeschrieben ist. Nicht minder klar hat sich her-
1941, als 1.700 unheilbar Kranke ermordet wurden (Doku- ausgestellt, daß manche der in verschiedenen Dokumenten
ment Nr. 8). geschilderten Ereignisse (wie die Ermordung sowjetischer
Offizielle These: Die erste Vergasung in Auschwitz soll zu Kriegsgefangener in einem Betonbunker im Dezember 1941
Versuchszwecken Ende August 1941 stattgefunden haben. oder die Ausrottung der ungarischen Juden) auf eine einzige
Bei den Opfern soll es sich um russische Kriegsgefangene Quelle zurückgehen. In Anbetracht all dieser Tatsachen lautet
gehandelt haben.65 der einzige mögliche Schluß, daß die Authentizität der Do-
kumente in den meisten Fällen fraglich ist und einer strengen
4.3. DAS VERWENDETE GIFT externen Kritik keinen Augenblick lang standhält.
Widerstandsbewegung: In Auschwitz verwendete man zum Zu denselben Schlußfolgerungen führt die interne Kritik. Die
Massenmord “Kampfgas”66 (Dokumente 1 und 4), bzw. Verfasser der Dokumente sind vollkommen unglaubwürdig:
“Kreuzolit” (Dokument Nr. 27), bzw. Blausäure (kwas prus- Erstens bieten schon die Umstände, unter denen sie ihre Be-
ki) (Dokument Nr. 31). richte verfaßten, Grund zum Zweifel an ihrer Objektivität;
Offizielle These: Das einzige angeblich bei Menschenverga- zweitens strotzen ihre Darlegungen nur so von Kniffen und
sungen zur Anwendung gelangte Mittel soll Zyklon B gewesen literarischen Kunstgriffen, so daß man von einer dramati-
sein. Bezeichnenderweise taucht der Name dieses Produktes in schen Veränderung der Realität sprechen kann. Außerdem
den untersuchten Dokumenten nicht ein einziges Mal auf! bieten die Verschwommenheit der Berichte sowie die zahllo-

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sen darin enthaltenen inneren Widersprüche Anlaß zum Sonderkommandos die genauen Einzelheiten ans Licht brin-
Zweifel daran, daß es überhaupt irgendwelche Augenzeugen gen.
der Gaskammern gab. Diese Erklärung ist meiner Meinung nach völlig unhaltbar.
Fassen wir zusammen: Eine kritische Analyse der in den Do- Es ist schlicht nicht vorstellbar, daß der polnische Wider-
kumenten aufgestellten Behauptungen, die Anonymität der stand, der die neuralgischen Punkte des Lagers unterwandert
Verfasser, deren fehlende Glaubwürdigkeit sowie die Un- hatte und über zahlreiche Verbindungen zur Außenwelt ver-
glaubhaftigkeit ihrer Schilderungen läßt kaum einen anderen fügte,74 nicht über die Details eines Massenmordes an täglich
Schluß zu als den, daß die Dokumente apokryph sind und ihr Tausenden von Menschen Bescheid wußte, der sich vor sei-
Inhalt lügenhaft und falsch ist. Wer sich an eine rigorose hi- nen Augen abspielte. Selbst wenn, um nur ein Beispiel zu
storische Methode hält, darf folglich die These, in Auschwitz nennen, das “Sonderkommando” wirklich so hermetisch iso-
habe es Gaskammern zur Tötung von Menschen gegeben, liert gewesen wäre, wie behauptet wird, konnte jedermann
nicht auf diese Dokumente abstützen, sondern muß letztere sehen, daß Tag für Tag Tausende die Umzäunung der Kre-
als historisch wertlos verwerfen. matorien durchschritten und nicht ein einziger von ihnen zu-
Die zweite, in meinen Augen noch wichtigere Schlußfolge- rückkehrte. Die erhaltenen Luftfotos zeigen, daß die vier
rung beruht auf der Tatsache, daß die in den Dokumenten ge- Krematorien von Birkenau vom restlichen Lager aus ohne
schilderte Version der Ereignisse in keiner Hinsicht mit der weiteres sichtbar und lediglich von einem einfachen Stachel-
seit 1945 verbreiteten – also der offiziellen These – überein- drahtzaun umgeben waren.75 Doch wie bereits erwähnt wird
stimmt. Die Annahme ist legitim, daß die in den Berichten in keinem einzigen Bericht des Widerstands auch nur andeu-
enthaltenen Beschreibungen der Gaskammern und des Ver- tungsweise behauptet, die Gaskammern hätten sich in den
nichtungsvorgangs nicht auf tatsächliche Beobachtungen zu- Krematorien befunden.
rückgehen, sondern von Außenstehenden erfunden wurden, Eine zweite Hypothese läuft darauf hinaus, daß die Men-
welche weder die Lage noch die innere Ausstattung jener schentötungsgaskammern von Auschwitz eine 1941 von der
Gebäude kannten, in denen sich laut Nachkriegsversion die polnischen Widerstandsbewegung erdichtete Propagandalüge
Massenmorde zugetragen haben sollen. Von kapitaler Bedeu- waren. Wir haben hervorgehoben, daß die meisten der unter-
tung ist, daß zwei zentrale Punkte dieser Nachkriegsversion, suchten Dokumente von den Informations- und Propagan-
die Mordwaffe Zyklon B sowie die Lage der Gaskammern in daorganisationen des Widerstands verbreitet und möglicher-
den Krematorien II, III, IV und V von Birkenau, in den Do- weise auch erstellt worden sind. Des weiteren haben wir dar-
kumenten der Widerstandsbewegung niemals Erwähnung gelegt, wie der Widerstand Falschmeldungen über die Aktivi-
finden. Nach den Gesetzen der Logik, aber auch vom Stand- täten und Absichten der Deutschen in Polen verbreitete, bei-
punkt der offiziellen These aus, liegt die überzeugendste Er- spielsweise über einen Plan zur physischen Auslöschung des
klärung dieses Umstands darin, daß die Berichte der polni- polnischen Volkes. Schließlich haben wir Schilderungen von
schen Widerstandsbewegung schlicht und einfach auf Erfin- Tötungsmethoden angetroffen, die nachweislich niemals exi-
dungen beruhen. Diese Folgerung wird auch dadurch bestä- stiert haben. Unter diesen Umständen ist es völlig logisch, die
tigt, daß in den Dokumenten neben den Gaskammern andere Gaskammern als Erfindung der Informations- und Propagan-
Tötungsmethoden erwähnt werden, die auch laut der offiziel- daabteilung der Widerstandsbewegung zur Diskreditierung
len Auschwitz-Version niemals existiert haben (Lufthammer, der deutschen Besatzungsmacht zu betrachten. Meiner An-
elektrische Kammern etc.). sicht nach ist dies die nächstliegende Erklärung – eine Erklä-
Nach der Klärung dieses Punktes müssen wir sogleich die rung, die in Übereinklang mit einer rigorosen historischen
nächste Frage aufwerfen: Weshalb war die Widerstandsbe- Methode steht.
wegung nicht in der Lage, zutreffende und exakte Informa- Zum Abschluß möchte ich noch eine Hypothese zum Ur-
tionen über die Gaskammern zu liefern? Warum sah sie sich sprung des Mythos von den Gaskammern in Auschwitz auf-
statt dessen zum Phantasieren genötigt? stellen, die auch eine Antwort auf die Frage liefert, warum
Vom Standpunkt der orthodoxen These aus könnte man hier die polnische Propaganda als Mordwaffe in Auschwitz das
wie folgt argumentieren: Die Massenmorde durch Giftgas Gas erkor.
fanden tatsächlich statt, doch waren die Einzelheiten ledig- Vermutlich lag der Grund in der Furcht, die zu Beginn des
lich einer kleinen Menschengruppe bekannt, nämlich den Zweiten Weltkriegs vor dem Einsatz von Giftgas durch die
Angehörigen des sogenannten Sonderkommandos, die in den kriegführenden Mächte an der Front oder gegenüber der Zi-
Krematorien arbeiteten und mit dem Herausziehen und Ver- vilbevölkerung herrschte. Von dieser Furcht waren damals
brennen der Leichen beauftragt waren. Die Mitglieder des viele Menschen beseelt, und zwar aufgrund der Erfahrungen
“Sonderkommandos” wurden in regelmäßigen Abständen des Ersten Weltkriegs, als Giftgas mit verheerenden Folgen
selbst liquidiert und durch andere ersetzt. Somit konnten zum Einsatz gelangt war. Nach dem Beginn des deutsch-
zwar vage Gerüchte über die Massenvergasungen aufkom- sowjetischen Krieges im Juni 1941 mögen sich solche Be-
men, doch waren weder die Einzelheiten des Vernichtungs- fürchtungen noch verstärkt haben.
prozesses noch die genaue Lage der Gaskammern, deren in- In den Dokumenten des polnischen Widerstands finden sich
nere Ausstattung, ihre Zahl und das verwendete Gift bekannt. Indizien, welche auf die Richtigkeit dieser Hypothese hin-
Kurz: Die Mitglieder des Widerstands im Lager Auschwitz deuten. In einem in Auschwitz verbreiteten Flugblatt über
wußten zwar über ein reales Ereignis – die Massentötungen Auschwitz wird beschrieben, wie nach einer Vergasungsakti-
durch Gas – Bescheid, ließen aber bezüglich der Details ihrer on die Leichen aus der Kammer gezogen wurden. Die Opera-
Einbildungskraft freien Lauf. Erst 1945, nach der Befreiung tion erinnerte einen der Leichenträger an eine Szene des Er-
des Lagers, konnten die sowjetischen und polnischen Behör- sten Weltkriegs:76
den dank des Studiums der Pläne, der Augenscheinnahme der “Einer der Totengräber, der einen Leichnam auf seinem
Tatorte, der Geständnisse gefangengenommener SS-Männer Arm trug, um ihn dann in den Wagen zu werfen, betrachtet
sowie der Zeugenaussagen überlebender Angehöriger des das grünlich-graue Gesicht einen Augenblick lang. Vor

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8
vielen Jahren hat er solche Gesichter gesehen: In einem C.V. Langlois und C. Seignobos, Introducción a los estudios históricos,
verlassenen Schützengraben voll toter Soldaten. Dieselbe Die erste Ausgabe dieses Werks stammt aus dem Jahre 1897.
9
Obóz, S. 11.
gespenstische Blässe. Es ist jene Art von Verfärbung, die 10
Ebenda, S. 50.
unter der Einwirkung von Giftgas eintritt.” 11
Ebenda, S. 93.
Aufschlußreicherweise erscheint der erste Hinweis auf Men- 12
Ebenda, S. 110.
13
schenvergasungen im Oktober 1941, vier Monate nach dem Ebenda, S. 9.
14
“krematoria ne mogą nadąĪyƛ z paleniem”
Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges. Damals sollen 15
“Krematoria nie mogą ndąĪyƛ z paleniem zwáok”
850 russische Kriegsgefangene mit “einer neuen Art Kampf- 16
“cegielnia”
gas” getötet worden sein (Dokument Nr. 1). 17
Eine ausführliche Studie dieser angeblichen Massentötungsaktion findet
Wenn unsere These zutrifft, behielt die polnische Wider- sich bei Carlo Mattogno, Auschwitz: La prima gasazione, Edizioni di Ar,
standsbewegung später das Gas als Mordwaffe bei, behaupte- Padua 1992.
18
“ohydney zbrodni”
te aber, es sei zur Tötung von Häftlingen aller Kategorien, 19
“ponurej zbrodni”
insbesondere von Juden, gebraucht worden. 20
“w nocy z 5 na 6. IX”
21
Nach der Befreiung des KL Auschwitz im Jahre 1945 be- “w nocy z 5 na 6 wrzeĞnia”
22
schlossen die sowjetischen und polnischen Machthaber, den “wtáoczono do bunkra”
23
“wytruto ich gazem”
Schwindel fortzuführen, ersetzten aber das in Auschwitz 24
“wytruto gazami”
nicht existierende “Kampfgas” bzw. “Kreuzolit” durch das 25
“wieczny ogieĔ”
Insektizid Zyklon B, das von den Deutschen zur Bekämpfung 26
“zagazowanych”
27
der immer wieder im Lager wütenden Fleckfieberepidemien Hoover Institute Archives, Poland, Botschaft [US], Box n. 29. Trägt den
Hinweis “Strictly Confidental” (Streng geheim).
in großen Mengen verwendet worden war. 28
“a deliberate attempt is made to exterminate her people”
Hier ist auf zwei Präzedenzfälle hinzuweisen, bei denen in 29
“biological extermination”
der Propaganda geltend gemacht worden war, man habe Zy- 30
“urządzone są áaĨnie z prysznicami, z których niestety zamiast wody wy-
klon B zur Ermordung von Menschen eingesetzt. Zum ersten 31
dobywa siĊ gaz”
Mal tauchte diese Behauptung in einem Bericht auf, der dem “bez okieĔ, z podwójnymi drzwiami, dociskanymi Ğrubami oraz insta-
lacjami do doprowadzenia gazu i wentylacji”
Vernehmen nach von zwei am 7. April 1944 aus Auschwitz 32
“ogromnych hal”
geflohenen jungen slowakischen Juden, Rudolf Vrba alias 33
“maáe okna”
34
Rosenberg sowie Alfred Wetzler, erstellt worden war. Der “miejĞca trucia”
35
Bericht wurde anschließend von Angehörigen der jüdischen Dieser Plan stammt von der polnischen Exilregierung. Er trägt einen Ver-
merk der Jewish Agency for Palestine, der auf den 18. August 1944 da-
Gemeinschaft in der Slowakei verbreitet.77 Der zweite Fall tiert ist. Public Record Office, FO 371/42806.
betraf das KL Majdanek, das die Sowjets im Juli 1944 befreit 36
“Orientierungsplan des sogenannten Auschwitz 2 – Birkenau”, Polish
hatten. Der sowjetische Autor K. Simonov schrieb bald dar- Underground Movement (1939-1945) Study Trust, ohne Referenznum-
auf in einer Broschüre, die in mehreren Sprachen erschien, mer.
37
Zyklon B sei in jenem Lager zur Menschentötung in einer F. Piper, Extermination. In: Auschwitz. Camp Hitlérien d’Extermination,
Interpress, Warschau 1986, S. 117 ff. Zu den Eigenschaften von Zyklon
Gaskammer verwendet worden.78 B vgl. auch Wolfgang Lamprecht, “Zyklon B - eine Ergänzung”, in: VffG,
So gewann der im Jahre 1941 entstandene Mythos allem An- 1(1) (1997), S. 2-5.
38
schein nach seine heute noch gültige Form. “Ğmierü nastĊpuje przez uduszenie, bo nosem i ustami wydobywa siĊ
krew”
39
W. Wirth, C. Gloxhuber, Toxikologie, Georg Thieme Verlag, Stuttgart
Anmerkungen 1985, S. 159f.; W. Forth, D. Henschler, W. Rummel, Allgemeine und spe-
Der Spanier Enrique Aynat hat sich in mehreren Studien als Forscher von zielle Pharmakologie und Toxikologie, Wissenschaftsverlag, Mannheim
Rang auf dem Gebiet des “Holocaust” im allgemeinen sowie des Lagers Au- 1987, S. 751f.; S. Moeschlin, Klinik und Therapie der Vergiftung, Georg
schwitz im besonderen hervorgetan. Der vorliegende Text erschien unter Thieme Verlag, Stuttgart 1986, S. 300; H.-H. Wellhöner, Allgemeine und
dem Titel Los informes de la resistencia polaca sobre las cámeras de gas de systematische Pharmakologie und Toxikologie, Springer Verlag, Berlin
Auschwitz (1941-1944) als zweiter Teil des Buchs Estudios sobre el “Holo- 1988, S. 445f.
40
causto” (Selbstverlag, Valencia 1994). Der erste Teil jenes Werks setzt sich F. Piper, Extermination, aaO. (Anm. 37), S. 121f.
41
mit der Deportation französischer und belgischer Juden nach Auschwitz aus- “5 nowych komór”
42
einander und wird zu einem späteren Zeitpunkt in den VffG erscheinen. Aus “5 budynków”
43
des Spanischen übersetzt von Jürgen Graf. D. Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Au-
1
Enrique Aynat,” Auschwitz and the Exile Government of Poland in the schwitz-Birkenau 1939-1945, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1989, S
‘Polish Fortnightly Review’”, in: Journal of Historical Review, 11(3) 186f.
44
(1991), S. 283-319. Ebenda, S. 239.
45
2
E. DuraczyĔski, “Delegatura”, in: Encyclopedia of the Holocaust, Max R. Höß, Kommandant in Auschwitz, herausgegeben von M. Broszat, dtv,
Millan, New York 1990, S. 356f. Frankfurt 1958, S. 160.
46
3
Zesyzty oĞwiĊcimskie (Hefte von Auschwitz), Staatl. Auschwitz-Museum, “przez otwór”
47
Sondernummer (I) (1968), S. XXXIII + 194. F. Piper, Extermination, aaO. (Anm. 37), S. 120.
48
4
In der vorliegenden Übersetzung wird stets der deutsche Name “Au- “do ogromnych hal”
49
schwitz” verwendet. Der polnische Name des Lagers sowie der gleich- “Hal tych byáo siedem”
50
namigen Kleinstadt lautet OĞwiĊcim. Aynat verwendet je nachdem, ob er “wypompowane powietrze”
51
eine deutsche oder eine polnische Quelle zitiert, bald den einen, bald den “w pobliĪu”
52
anderen Namen. – Der Übersetzer. “siedem pieców”
53
5
Obóz, S. XIV. “siedem otworów”
54
6
Aus Platzgründen wird hier auf die Wiedergabe der polnischen Texte ver- “kilka sekund”
55
zichtet. Die Übertragung ins Deutsche erfolgte aber anhand der polni- Die Sieben Zwerge hinter den Sieben Bergen mit den Sieben Meilenstie-
schen Originale und nicht der spanischen Version Aynats. – Der Überset- feln. Die Zahl Sieben ist typisch für Märchen. In Birkenau gab es im
zer. April 1944 vier – teilweise funktionsunfähige – Krematorien, zwei davon
7
Eine externe Kritik bedeutet, daß ein Dokument mit anderen Dokumenten mit fünf Öfen à drei Öffnungen, zwei mit zwei Öfen à vier Öffnungen.
zum selben Thema verglichen wird. Bei einer internen Kritik wird das be- Anm. der Redaktion.
56
treffende Dokument auf seine innere Logik und Glaubhaftigkeit hin über- Die Mär von Vakuumpumpen ähnelt Propaganda, die über die Lager
prüft. – Der Übersetzer. Treblinka und Belzec verbreitet wurde, vgl. C. Mattogno, J. Graf,

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 159


67
Treblinka, Castle Hill Publishers, Hastings 2002, S. 29, 80, 84; C. Matto- “powietrzna strzelba”
68
gno, Belzec, Castle Hill Publishers, Hastings 2004, in Vorbereitung. “máot uderza w podstawĊ czaszki, a sprĊĪone powietrze miaĪdĪy caáy
57
Eine genaue Darstellung des angeblichen Ausrottungsvorgangs aus der mózg”
69
Sicht der orthodoxen Historiker findet sich bei F. Piper, Extermination, “máot powietrza”
70
aaO. (Anm. 37), S. 119-134. “miaáy metalowe Ğciany, wprowadzano do nich ofiary i puszczano prąd o
58
“obie komory gazowe” wysokim napiĊciu”
59 71
R. Faurisson, Mémoire en Défense, La Vieille Taupe, Paris 1980, S. 153- “w áaĨni elekrtycznej”
72
156 (Ablichtung eines Briefs von K. SmoleĔ, dem ehemaligen Direktor “przez ĞciĊcie”
73
des Staatlichen Auschwitz-Museums). “gazowaniem na wolnym powietrzu”
60 74
“na drugą stronĊ komory” E. Aynat, “Auschwitz and the Exile Government…”, aaO. (Anm. 1), S.
61
J.-C. Pressac, Auschwitz: Technique and Operation of the Gas Chambers, 287-292.
75
The Beate Klarsfeld Foundation, New York 1989, S. 284f. L’Album d’Auschwitz, Seuil 1983, passim.
62 76
Ebenda, S. 399. The Camp of Death, Liberty Publications, London 1944, S. 23.
63 77
D. Czech, Kalendarium, aaO. (Anm. 43), S. 125-128. Diese Seiten ent- Siehe dazu Enrique Aynat, Los” Protocolos de Auschwitz”: ¿Una fuente
sprechen den ersten zehn Tagen des Oktober 1941. histórica?, Garcia Hispán, Alicante 1990.
64 78
D, Czech, ebenda, S. 149-155. K. Simonov, The Death Factory near Lublin, S. 9-11. (Siehe auch Jürgen
65
Ebenda, S. 115f.; zu den Gerüchten über diese angebliche erste Verga- Graf und Carlo Mattogno, KL Majdanek. Eine historische und technische
sung in Auschwitz vgl. Carlo Mattogno, Auschwitz: La prima gasazione, Studie, Castle Hill Publisher, Hastings 1998, Kapitel 6. Anmerkung des
Edizioni di Ar, Padua 1992. Übersetzers.)
66
“gaz bojowy”

Dokumentenauszüge
Die hier angeführten Dokumentenauszüge werden in chrono- Dokument Nr. 3
logischer Reihenfolge zitiert. Jedem Dokument werden An- Veröffentlicht in: Obóz, S. 14. Datum: 17. November 1941.
merkungen vorausgeschickt, aus denen hervorgeht, ob es Kopfzeile: 1631. Informacja bieĪąca 21.
schon publiziert oder noch unveröffentlicht ist. Im ersten Fall Titel: -
wird auf das betreffende Werk hingewiesen. Die allermeisten “Auschwitz. Die Nachrichten über ein finsteres Verbre-
der Berichte sind in Obóz veröffentlicht worden. Bei den un- chen, das im Lager verübt wurde, bestätigen sich. In der
veröffentlichten steht jeweils ein Verweis auf das betreffende Nacht vom 5. auf den 6. September des Jahres 1941 trieb
Archiv samt Referenznummer. Angegeben werden ferner das man ungefähr 600 herbeigeführte sowjetische Zivilgefan-
Ausstellungsdatum des Dokuments, seine Kopfzeile sowie gene in den Bunker in Auschwitz, wobei man ihnen mit
sein Titel. Unter der Kopfzeile verstehen wir entweder die Stangen Hände und Füße brach. Miterfaßt wurden unge-
Ziffern bzw. Codewörter, mit denen sich jene Zellen identifi- fähr 250 Polen. Man dichtete alle Öffnungen des Bunkers
zierten, welche die Information erhielten oder verbreiteten, ab und vergiftete die Eingeschlossenen mit Gasen. Die Lei-
oder aber die Untergrundpublikation, in der das einschlägige chen der Vergifteten schaffte man nachts auf 80 Wagen ins
Dokument erschien. Bei dieser Publikation handelt es sich Krematorium, wo sie verbrannt wurden.”
stets um die Informacja bieĪąca (Laufende Information), das
interne Sprachrohr der Armija Krajowa, also der nationali- Dokument Nr. 4
stisch-katholisch orientierten polnischen Heimatarmee. Veröffentlicht in: Obóz, S. 16. Datum: 15. Dezember 1941.
An die Anmerkungen schließt sich jeweils der Text des be- Kopfzeile: -
treffenden Dokuments an. Titel: “Beilage zum Anhang Nr. 21 für den Zeitraum vom 1.–
15. XII. 1941.”
Dokument Nr. 1 “Mittels eines Kampfgases wurden ungefähr 500 Gefange-
Veröffentlicht in: Obóz, S. 11. Datum: 24. Oktober 1941. ne in einem Betonbunker vergiftet.”
Kopfzeile: 1631.
Titel: - Dokument Nr. 5
“Anfang Oktober wurden 850 russische Offiziere und Un- Veröffentlicht in: Obóz, S. 32. Datum: Juni 1942.
teroffiziere (Kriegsgefangene) nach Auschwitz gebracht Kopfzeile: -
und durch Gas getötet, zur Erprobung eines neuen Typs Titel: “Auschwitz.”
von Kampfgas, der an der Ostfront eingesetzt werden “Mordmethoden gibt es sehr viele, nämlich Füsilierung
soll.” durch ein Erschießungskommando, Ermordung mit Ham-
merluft [Deutsch im Text] sowie schließlich Vergasen in
Dokument Nr. 2 Gaskammern. Auf die erste sowie zweite Art ermordet man
Veröffentlicht in: Obóz, S. 14. Datum: 15. November 1941. die von der Gestapo zum Tode Verurteilten und [nach Au-
Kopfzeile: - schwitz] Geschickten, auf die dritte die arbeitsunfähigen
Titel: “Lagebericht für den Zeitraum vom 15. VIII. bis zum Kranken sowie die Transporte, die bereits zu dieser Be-
15. XI. 1941.” stimmung eintreffen (Bolschewiken und in letzter Zeit Ju-
“Das Lager wurde Schauplatz eines grauenvollen Verbre- dentransporte).”
chens, als man in der Nacht vom 5. auf den 6. September
ungefähr 600 sowjetische Gefangene, darunter ‘Politruks’
der Armee, sowie ungefähr 200 Polen in einen Bunker
trieb; nach der Abdichtung des Bunkers vergiftete man sie
mit Gas, brachte die Leichen ins Krematorium und ver-
brannte sie.”

160 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


Dokument Nr. 6 die Schienen einer Bahn gelegt, mit der man die Leichen zu
Veröffentlicht in Polish Fortnightly Datum: 1. Juli 1942. den Gräben bringt, welche in den nahen Wäldern ausge-
Review, Nr. 47, S. 2 (die polnische hoben worden sind. Die Vergasung von 3.500 Menschen
Vorlage ist nicht erhalten). einschließlich sämtlicher vorbereitenden und nachträgli-
Kopfzeile: - chen Arbeiten, dauert 2 Stunden. Man vergast hauptsäch-
Titel: “Dokumente aus Polen. Deutsche Versuche zur Ermor- lich bolschewistische Gefangene sowie Juden. Unter den
dung einer Nation. Das Pawiak-Gefängnis in Warschau so- Polen vor allem unheilbar Kranke. In den aus dem Lager
wie das Konzentrationslager Auschwitz.” nach Berlin gesandten Rapporten wird die Anzahl der Ver-
“Es ist allgemein bekannt, daß in der Nacht vom 5. auf den gasten nicht angegeben.”
6. September des letzten Jahres ungefähr tausend Personen
in den unterirdischen Bunker in Auschwitz getrieben wur- Dokument Nr. 9
den, darunter siebenhundert bolschewistische Kriegsge- Veröffentlicht in: Obóz, S. 52. Datum: 23. Oktober 1942.
fangene und dreihundert Polen. Da der Bunker zu klein Kopfzeile: “163-A/1. Informacja bieĪąca Nr. 39 (64).”
war, um diese große Anzahl Menschen zu fassen, wurden Titel: -
die Leiber einfach gewaltsam hineingepreßt, ohne daß man “Bis zum 15. VIII verzeichnete das ‘Sterbebuch’ offiziell
sich um gebrochene Knochen scherte (regardless of broken 18.800 Eingeäscherte. Doch abgesehen von dieser offiziel-
bones). Als der Bunker gefüllt war, führte man Gas ein len Ziffer (Häftlinge aus Polen und dem Reich) starben
(gas was injected into it), und sämtliche Gefangenen star- Tausende von Juden aus Polen, Frankreich, Holland und
ben im Lauf der Nacht. Die ganze Nacht hindurch wurde Deutschland, außerdem Serben, Tschechen, Slowaken, Un-
die Ruhe im Lager durch das Stöhnen und Heulen (groans garn, ja sogar Italiener, des weiteren eine gewisse Anzahl
and howls) gestört, das aus dem Bunker drang. Am folgen- polnischer ‘Aussiedler’, schließlich russische Kriegsgefan-
den Tage mußten andere Gefangene die Leichen entfernen, gene: von diesen trafen im Lauf des Jahres ungefähr
was den ganzen Tag in Anspruch nahm. Ein Handkarren, 60.000 ein, und keiner davon ist am Leben geblieben: man
auf dem man die Leichname auftürmte, zerbrach unter der probierte an ihnen die Wirkung von Kampfgasen aus. Der
Last.” im Lager den Juden aus Frankreich und Holland geraubte
Besitz überschreitet den Wert von 60 Millionen Vorkriegs-
Dokument Nr. 7 Reichsmark, er besteht aus Gold und Kostbarkeiten. Nach
Veröffentlicht in: Obóz, S. 43. Datum: 29. August 1942. dem Bericht eines SS-Mannes, der bei den elektrischen
Kopfzeile: - Kammern Dienst tut, beträgt die Zahl dieser Opfer inoffizi-
Titel: “Im Lager Auschwitz geschriebener Brief.” ell bis zu 2.500 pro Nacht. Sie werden durch ein elektri-
“Das Schrecklichste sind die Massenhinrichtungen durch sches Bad sowie in Gaskammern hingerichtet. Die Lager-
Gas in speziellen Kammern, die zu diesem Zweck erbaut hunde haben ebenfalls eine große Zahl von Opfern ver-
worden sind. Es gibt deren zwei, und sie können 1.200 nichtet.”
Menschen fassen. Sie sind wie Duschen eingerichtet, denen
leider statt Wasser Gas entströmt. Auf diese Weise richtet Dokument Nr. 10
man vorwiegend ganze Transporte von Menschen hin, die Veröffentlicht in: Obóz, S. 60f. Datum: 10. November 1942.
darauf nicht vorbereitet sind. Man sagt ihnen, sie gingen Kopfzeile: -
ins Bad, gibt ihnen sogar Handtücher – auf diese Weise hat Titel “An die Zentrale. Kopien von Berichten und Erinnerun-
man schon 300.000 in den Tod geschickt. Früher ver- gen aus dem Straflager Auschwitz.”
scharrte man sie in Gräben; heute werden sie unter freiem “Die erste Verwendung von Gaskammern (Degasungs-
Himmel in speziell ausgehobenen Gräben verbrannt. Der kammer) [sic!] erfolgte im Juni des Jahres 1941. Man bil-
Tod erfolgt durch Ersticken, denn aus der Nase und dem dete einen Transport aus 1.700 Menschen (unheilbar
Mund tritt Blut aus.” Kranke, an Geschlechtskrankheiten Leidende, Körper-
schwache [Deutsch im Text], Krüppel, Kranke, die eine
Dokument Nr. 8 Rippenoperation hinter sich hatten, Meningitis-Kranke)
Veröffentlicht in: Obóz, S. 48. Datum: 10. Oktober 1942. und schickte sie in ein Sanatorium nach Dresden (laut offi-
Kopfzeile: D.I. zieller Bekanntmachung). In Wirklichkeit transportierte
Titel: “Bericht über die Lage im Lande für den Zeitraum vom man sie zu einem Gebäude ab, das in eine Gaskammer
26. VIII – 10. X. 1942.” umgebaut worden war. Das Gebäude erwies sich als zu
“Gaskammern. Die erste Verwendung von Gaskammern klein und unpraktisch. Man beschloß, in Brzezinka (Bir-
erfolgte im Juni des Jahres 1941. Man stellte einen Trans- kenau), 7 Kilometer vom Lager entfernt, fünf moderne
port von 1.700 unheilbar Kranken zusammen und schickte Kammern zu errichten. Der Bau wurde im April 1942 ab-
sie ‘offiziell’ in ein Sanatorium in Dresden, tatsächlich geschlossen. Es gibt 6 Blöcke (ohne Fenster, mit Schrau-
aber in ein Gebäude, das zu einer Gaskammer umgebaut ben abgeschlossene Doppeltür, moderne Einrichtungen zur
worden war. Das Gebäude erwies sich jedoch als zu klein Zuführung des Gases sowie zur Lüftung) für je 700 Perso-
und unpraktisch. Man beschloß, in Brzezinka, 7 Kilometer nen. Zwischen den Blöcken schafft eine Schmalspurbahn
vom Lager entfernt, 5 neue Kammern zu errichten. Ihr Bau die Leichen zu je 4 km langen Gräben in nahegelegenen
wurde im April 1942 abgeschlossen. Diese 5 Kammern Wäldern. Eine andere Bahn bringt Kalk zum Bestreuen der
sind fünf Gebäude ohne Fenster, mit doppelter, mittels Leichen. Das ganze Gelände der D-kammer [sic] ist eine
Schrauben verschlossener Tür sowie Einrichtungen zur geschlossene Zone; jedem, der dort nicht arbeitet und sich
Einleitung des Gases sowie einer Lüftung; jedes Gebäude trotzdem auf dem Territorium aufhält, droht die Todesstra-
ist für 700 Personen gedacht. Zwischen den Gebäuden sind fe (dies gilt auch für die SS, die Wehrmacht, Zivilisten und

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Gefangene). Die Vergasung von 3.500 Menschen dauert 2 Dokument Nr. 15
Stunden.” Veröffentlicht in: Obóz, S. 90. Datum: 28. Hornung 1943.
Kopfzeile: -
Dokument Nr. 11 Titel: “Anhang Nr. 48 für den Zeitraum vom 16. – 28. II.
Veröffentlicht in: Obóz, S. 69. Datum: November 1942. 1943.”
Kopfzeile: - “Vergaste Juden aus Polen 20.000, aus Frankreich, Belgi-
Titel: “An die Zentrale. Aus dem Brief eines Auschwitz- en, Holland 502.000.”
Häftlings.”
“Jede Woche kommen normalerweise zwei Transporte mit Dokument Nr. 16
Juden aus der Slowakei, Frankreich, dem Kohlenrevier[1] Veröffentlicht in: Obóz, S. 97. Datum: 26. März 1943.
oder dem Generalgouvernement an. Juden aus dem Koh- Kopfzeile: 252-A/1. Informacja bieĪąca Nr. 12 (85).
lenrevier sowie aus dem Generalgouvernement werden Titel: -
massenweise vergiftet; es fällt uns schwer, die Zahl zu er- “Außerhalb der Numerierung [d.h. außer den numerisch
mitteln, doch ist sie riesig, so daß man mit dem Abtrans- erfaßten verstorbenen Häftlingen] gibt es die Transporte
port der Kleidung der Vergifteten nicht nachkommt. Es la- für das Gas, hauptsächlich Juden, bis heute mehr als
gen ungefähr 15.000 davon neben den Gaskammern, ob- 500.000.”
gleich man die Leichen täglich mit Fuhren wegschafft. Es
bestehen zwei Vergiftungsstätten: im Lagerkrematorium[2] Dokument Nr. 17
(Fassungsvermögen 400 Menschen) sowie in Birkenau, wo Veröffentlicht in: Obóz, S. 100f. Datum: April 1943.
man zu diesem Zweck im Wald einige Häuschen mit erheb- Kopfzeile: IV. 33.
lich größerer Kapazität vorbereitet hat. Die Vergasten Titel: -
werden in großen Gruben verscharrt, zu denen man eine “Im Lager Auschwitz fehlt es an Gas zur Vergiftung der
eigens zur Erleichterung der Transporte errichtete Bahn Häftlinge; aus Gründen der Ökonomie bleiben die Men-
herangeführt hat. Zu ihrer Füllung verwendet man Zivilju- schen halbvergiftet und werden dann verbrannt. Im Kre-
den, die nach einiger Zeit selbst vergiftet werden.” matorium sind die Wände blutbefleckt – wenn ein durch die
Wirkung des Gases betäubter Mensch im Ofen wieder zu
Dokument Nr. 12 sich kommt, zerkratzt er mit den Fingern den Beton, um
Veröffentlicht in: Obóz, S. 54. Datum: 1. November 1942. sich gegen den Tod zu wehren. Dasselbe spielt sich in bei
Kopfzeile: - Freiluftverbrennungen ab, wo die Vergifteten in den Ver-
Titel: “Vom Leben im Lager.” brennungsgruben nach einiger Zeit das Bewußtsein wie-
“Wenn das Kommando zur Arbeit entsandt ist, führt man dererlangen. Über diese Verbrennungsgruben kursieren
sie [die Todgeweihten] in den Hof der Strafkompanie, wo Legenden – sie sind unter der Bezeichnung ‘ewiges Feuer’
die Hinrichtungen durch den ‘Hammerluft’ [so im Text] bekannt, weil sie Tag und Nacht lodern.”
stattfinden. Man bindet den Häftlingen die Hände hinten
zusammen und führt sie einzeln nackt in den Hof. Dort legt Dokument Nr. 18
man ihnen den Lauf dieses Luftgewehrs an [den Hinter- Veröffentlicht in: Obóz, S. 98. Datum: 2. April 1943.
kopf] und gibt einen lautlosen Schuß ab. Der Hammer trifft Kopfzeile: -
auf den unteren Teil des Schädels, und die komprimierte Titel: “Bericht über die wichtigsten Ereignisse im Land wäh-
Luft zermalmt das ganze Hirn. Die Leichen wirft man auf rend des Zeitraums vom 28. III – 2. IV. 43 Nr. 12/43.”
einen Haufen, und dann ist der Nächste an der Reihe. Dem “Die erwähnten Daten umfassen nicht die Transporte der
Vernehmen nach spielen sich dort schreckliche Szenen für die Gaskammern Auserkorenen, die eine gesonderte
ab.” Numerierung aufweisen. Hier überschreitet die Numerie-
rung bereits 500.000 Personen, mehrheitlich Juden.”
Dokument Nr. 13
Veröffentlicht in: Obóz, S. 79f. Datum: Januar 1943. Dokument Nr. 19
Kopfzeile: - Nicht veröffentlicht. Yad Vashem, Datum: 18. April 1943.
Titel: “Zusatz zu K.B./r. O.K. Nr. 3 – Teil I.” M-2/261.
“Numerische Statistik für die Existenz des Lagers Au- Kopfzeile: -
schwitz bis zum 15. XII. 1942. […] Titel: “Am 18. April in London erstellter Bericht. Ich kenne
Juden: den Informanten persönlich.”
Vergaste aus Frankreich, Belgien und Holland: 502.000 “Auschwitz. Ich habe einige Wochen lang in Auschwitz ge-
Vergaste aus Polen: 20.000.” lebt. Ich kenne die Zustände genau, weil ich mich mit ihrer
Erforschung befaßt und mich zu diesem Zwecke dort auf-
Dokument Nr. 14 gehalten habe. Von aus Auschwitz Freigelassenen erlangte
Veröffentlicht in: Obóz, S. 89. Datum: 24. Februar 1943. ich äußerst präzise Informationen darüber, was sich dort
Kopfzeile: - tut. Als ich Auschwitz Ende September verließ, waren be-
Titel: “Bericht über die Lage im Generalgouvernement für reits mehr als 95.000 Häftlinge registriert worden, doch
den Zeitraum vom 24. I – 24. II. 1943.” gab es neben diesen auch Nichtregistrierte. Unter ihnen
“Mit Gas vergiftete Juden 520.000, davon ungefähr 20.000 befanden sich 20.000 bolschewistische Kriegsgefangene,
aus Polen, der Rest aus Frankreich, Belgien, Holland, Ju- die im Sommer 1940 [sic; gemeint ist zweifellos 1941]
goslawien und anderen Ländern.” dorthin verbracht worden waren, sowie auch große Mas-
sen aus anderen Ländern dorthin deportierter Juden. Die

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Kriegsgefangenen starben vor Hunger. Die Juden wurden “Ganze Transporte werden ohne jede Numerierung direkt
massenweise hingerichtet. Als ich wegfuhr, gab es in Au- ins Gas geschickt. Die Zahl der Betroffenen übersteigt be-
schwitz rund 15.000 Häftlinge. Von den Registrierten wa- reits 500.000. Vorwiegend Juden. In letzter Zeit gehen
ren wenigstens 60.000 ermordet worden. Aufgrund jener Transporte von Polen aus der Lubliner Gegend direkt ins
sicheren Informationen, die ich an Ort und Stelle erlangte, Gas (Männer und Frauen). Die Kinder wirft man einfach
kann ich versichern, daß die Deutschen folgende Tötungs- ins Feuer. Hinter Birkenau brennt das sogenannte ‘ewige
systeme verwendeten: Feuer’ – ein Stoß von Leichen unter freiem Himmel –, denn
a/ Gaskammern. Die Opfer müssen sich nackt ausziehen, die Krematorien können die Arbeitslast nicht bewältigen.
dann pfercht man sie in die Kammern und vergiftet sie; b/ In letzter Zeit führt man zu militärischen Zwecken Versu-
Elektrische Kammern: Diese Kammern besaßen Metall- che mit Vergasungen unter freiem Himmel statt in der
wände; man führte die Opfer hinein und setzte sie unter Kammer durch. […] Das neue Krematorium verbrennt täg-
Starkstrom; c/ Das System der sogenannten Hammerluft lich ungefähr 5.000 Personen, überwiegend Juden.”
[auf deutsch im Text]: Dabei handelt es sich um einen
Lufthammer. Es gab spezielle Kammern, in denen der Dokument Nr. 23
Hammer von der Decke hinuntersauste und die Opfer mit- Veröffentlicht in: Obóz, S. 119f. Datum: 27. August 1943.
tels einer speziellen Einrichtung den Tod durch den Luft- Kopfzeile: -
druck fanden. d/ Erschießen: Dieses gelangt vorwiegend Titel: “Bericht über die wichtigsten Ereignisse im Lager.
als Form der Kollektivstrafe bei Fällen von Ungehorsam Wochenbericht für den Zeitraum vom 27. VIII. 43 – 33/43.
zur Anwendung, wobei jeder Zehnte füsiliert wird. Ziffern für Auschwitz und Trawniki.”
Am häufigsten werden die ersten drei Methoden ange- “Außer ihnen [den anderen Opfern] werden in den Gas-
wandt, die letzte seltener. Die Gestapo-Männer standen mit kammern von der Registrierung nicht erfaßte Juden (bisher
aufgesetzten Gasmasken an einem Ort, der höher lag als eine halbe Million) vergiftet. […] Im Krematorium werden
die Gaskammern, und weideten sich zynisch am Massen- täglich 5.000 Leichen eingeäschert, und wenn die Zahl der
sterben der Opfer. anfallenden Opfer größer ist, werden die anderen bei le-
Die Deutschen luden die Leichen [auf Fahrzeuge] und bendigem Leibe im ‘ewigen Feuer’ unter freiem Himmel in
schafften sie weg; außerhalb von Auschwitz hoben sie mit Birkenau verbrannt – Kinder werden lebend ins Feuer ge-
Hilfe riesenhafter Bagger Gräber und Gruben aus und be- schleudert.”
streuten die Leichen dort mit Kalk. Das Verbrennen der
Opfer mittels elektrischer Öfen wird seltener praktiziert, Dokument Nr. 24
denn innerhalb von 24 Stunden konnten in diesen Öfen le- Veröffentlicht in: Obóz, S. 124f, 129. Datum: 22. Sept. 1943.
diglich 250 Leichen verbrannt werden.” Kopfzeile: -
Titel: “Anhang Nr. 1 zu I.B. Nr. 37 (110). 22. IX. 43. Über-
Dokument Nr. 20 setzung der Berichte eines SS-Funktionärs der Kommandan-
Unveröffentlicht. Polish Underground Mo- Datum: 1943. tur des Konzentrationslagers Auschwitz (zur Publizierung die
vement (1939-1945) Study Trust, eine Refe- Ziffern runden, Quelle nicht angeben!).”
renznummer wurde nicht mitgeteilt. “Juden.
Kopfzeile: - Bis IX. 42 wurden in Auschwitz 468.000 nicht registrierte
Titel: “Fragment eines Berichts des [polnischen Juden mit Gas vergiftet. Vom IX. 42 bis zum VI. 43 trafen
Exil-]Außenministeriums für das erste Halbjahr 1943.” rund 60.000 Juden aus Griechenland (Saloniki, Athen) ein,
“Mit Gas vergiftete Juden 520.000, darunter 20.000 aus aus der Slowakei und dem Protektorat Böhmen und Mäh-
Polen, der Rest aus Frankreich, Belgien, Holland, Jugo- ren: 50.000 aus Holland, Belgien und Frankreich: ca.
slawien sowie anderen Ländern.” 60.000; aus Chrzanowa: 6.000; aus Ket, Zywca, Suchej
und Slemien sowie Umgebung: 5.000. Von diesen sind heu-
Dokument Nr. 21 te noch 2% am Leben. Von den restlichen 98% schickte
Veröffentlicht in: Obóz, S. 107. Datum: 15. Juli 1943. man oft vollkommen gesunde und junge Menschen ins Gas,
Kopfzeile: S.Z. S. I. die oft erst halbtot verbrannt wurden. Jeder nach Au-
Titel: “Von der BBC ausgestrahlter Bericht für die Welt.” schwitz gelangende Transport wird entladen; man trennt
“Bis Ende 1942 wurden im Lager Auschwitz 468.000 Ju- Männer und Frauen, und anschließend werden 98%
den mit Gas vergiftet, ohne vorher registriert worden zu (hauptsächlich Frauen und Kinder) ohne Selektion (mas-
sein. Dies ist eine offiziell bestätigte Ziffer. […] Von Sep- senweise) auf Lastwagen geladen und zu den Gaskammern
tember letzten Jahres bis Anfang Juni dieses Jahres wur- in Birkenau geführt; nach grauenhaften Qualen (Erstik-
den 181.000 Juden aus Polen, Griechenland, Frankreich, kung), die 10 – 15 Minuten dauern, wirft man die Leichen
Belgien, Holland und der Tschechoslowakei nach Au- durch eine Öffnung und verbrennt sie auf einem Scheiter-
schwitz gebracht. Von diesen wurden 177.000 durch Gas- haufen. Es gilt noch zu bemerken, daß man die Todgeweih-
vergiftung hingerichtet. […] In letzter Zeit wurden in Au- ten vor dem Eintritt in die Gaskammer zum Baden zwingt.
schwitz auch Tötungen durch Enthaupten vollzogen.” Als Folge des Mangels an Giftgasen verbrennt man oft
noch halb Lebendige. Gegenwärtig bestehen in Brzezinka
Dokument Nr. 22 drei große Krematorien zur Verbrennung von 10.000 Men-
Veröffentlicht in: Obóz, S. 111f. Datum: 18. August 1943. schen täglich, welche ständig Leichen einäschern und von
Kopfzeile: s.z. der örtlichen Bevölkerung das ‘ewige Feuer’ genannt wer-
Titel: “Brief eines Häftlings von Auschwitz. Anhang Nr. 1 den. […] Außerdem befindet sich im Männerlager bei
zur I.B. Nr. 32 (105).” Rajsko noch ein Krematorium, wo man vorwiegend die

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Leichen der Hingerichteten aus den Gefängnissen von Kat- saß sieben Öffnungen zum Hineinwerfen der Leichen. Der
towitz und anderen Orten verbrennt. […] Da die Kremato- Verbrennungsprozeß dauerte lediglich ein paar Sekun-
rien eine solche Menge von Leichen nicht bewältigen konn- den.”
ten, verbrannte man die Leichen gewöhnlich in einer offe-
nen Grube auf dem Feld bei Brezinka, und nach drei Tagen Dokument Nr. 28
sah man dort nichts anderes als Flammen, die dort loder- In polnischer Sprache unveröffent- Datum: 24. Mai 1944.
ten, wo man Menschen verbrannte. […] Brzezinka feierte licht. Englische Übersetzung: Polish
seinen Rekord mit der Vergasung von 30.000 Menschen an Fortnightly Review, Nr. 115, 1. Mai
einem einzigen Tag.” 1945, S. 1-6; Polish Underground
Movement (1939-1945) Study Trust,
Dokument Nr. 25 3. 16.
Veröffentlicht in: Obóz, S. 142. Datum: 30. November 1943. Kopfzeile: -
Kopfzeile: - Titel: “Brief an den ‘Herrn Präsidenten der Republik Polen’”.
Titel: “Anhang Nr. 61 für den Zeitraum vom 1. bis zum 30. “Auf dem Gebiet von Birkenau befinden sich 6 Kamine,
November 1943.” d.h. Krematorien. Sie sind nie außer Betrieb. […] Die Ver-
“Auch weiterhin finden Massenmorde an Juden in den brennung der Leichen im Lager Gestorbener ist lediglich
Gaskammern statt – hauptsächlich an Frauen. […] Wäh- ein kleiner Teil der Aufgabe der Krematorien. Die Kamine
rend der Vergasung von 30.000 Juden aus ZagáĊbie Dab- sind für Lebende, nicht für Tote bestimmt. Und jeden Tag,
rowskie kamen die Krematorien mit dem Verbrennen der jawohl, jeden Tag, kommen auf der Eisenbahnlinie, die in
Leichen nicht nach, so daß auf Scheiterhaufen verbrannt den Lagerbereich führt, Züge mit Juden aus Bulgarien,
wurde, und die Kinder warf man lebend ins Feuer.” Griechenland, Rumänien, Ungarn, Italien, Deutschland,
Holland, Belgien, Frankreich, Polen und bis vor kurzem
Dokument Nr. 26 auch Rußland an. Die Transporte umfassen Männer, Frau-
Unveröffentlicht. Polish Undergro- Datum: 2. Februar en und Kinder. 10% der Frauen aus jedem Transport wer-
und Movement (1939-1945) Study 1944. den ins Lager eingewiesen, erhalten eine Nummer eintäto-
Trust; eine Referenznummer wurde wiert, einen Stern auf die Kleidung, und erhöhen den La-
nicht mitgeteilt. gerbestand. Den Rest schickt man einfach in die Gaskam-
Kopfzeile: - mer. Die Szenen, die sich dabei abspielen, lassen sich un-
Titel: “Das Konzentrationslager in Auschwitz.” möglich beschreiben. […] Es ist schrecklich, daran zu den-
“Das Krematorium liegt unter der Erde; es ist nach dem ken, schrecklich zu sehen, wenn auf der Lagerstraße Last-
Muster eines Luftschutzbunkers errichtet worden. Über wagen rollen, die 4000 Kinder unter 10 Jahren (Kinder
dem Erdboden ragt lediglich der Kamin hervor, bei dessen aus dem Ghetto von Theresienstadt in Böhmen) in den Tod
Bau auch der Informant beschäftigt war. Wo sich die Gas- fahren. Einige weinten und riefen: Mama! Andere hinge-
kammern befinden, weiß der Informant nicht; er hat nur gen lächelten den Vorbeigehenden zu und winkten mit den
gehört, daß sie unter der Erde liegen, nach dem Muster des Händchen. Eine Viertelstunde später war keines davon
Krematoriums gebaut.” mehr am Leben, und die vom Gas betäubten Körperchen
brannten in grausen Öfen. Und wieder, wer würde solche
Dokument Nr. 27 Szenen für möglich halten? Doch garantiere und versiche-
Unveröffentlicht. Archiv: Under- Datum: 12. April 1944. re ich, daß es tatsächlich so war, und ich rufe die Leben-
ground Movement (1939-1945) den und die Toten als Zeugen an. Vom Gas betäubt…Ja,
Study Trust, eine Signatur wurde denn Gas ist teuer, und das ‘Sonderkommando’, welches
uns nicht mitgeteilt. die Todeskammer bedient, verwendet es sparsam. Die ein-
Kopfzeile: - gesetzte Dosis tötet die Schwächeren, schläfert die Stärke-
Titel: “Lichtenstein. Notiz eines Gesprächs vom 12. IV. 44.” ren jedoch nur für einen Augenblick ein. Letztere kommen
“Nach Auschwitz wurden aus allen westlichen Ländern, in den Krematoriumswagen wieder zu Bewußtsein und
wie Holland, Belgien, Frankreich, Tausende von Juden ge- stürzen lebendig in den summenden, feurigen Schlund.”
schickt. Es erfolgte eine Selektion; die Stärksten wurden
zur Arbeit abkommandiert, und man wies sie ins Arbeitsla- Dokument Nr. 29
ger ein. Die Mehrheit der Arbeitsuntauglichen, die phy- Veröffentlicht in: Obóz, S. 162. Datum: 4. Juni 1944.
sisch Schwächsten, schickte man – oft ganze Familien auf Kopfzeile: -
einmal – in die sogenannte Desinfektion. Dies waren aber Titel: “Bericht aus dem Territorium, 4. VI. 1944.”
in Wirklichkeit Hinrichtungskammern. Man wies die Men- “Täglich vergast man ungefähr 3.000 Juden und verbrennt
schen an, sich auszuziehen, schor ihnen die Haare und sie dann im Krematorium. Die in gemauerten Baracken
trieb sie dann in gewaltige Hallen, wo die Desinfektion er- einquartierten Polen behaupten, diese Baracken seien ver-
folgte. Von diesen Hallen gab es sieben. Jede von ihnen mint. Unter dem Boden befinden sich dem Vernehmen nach
konnte ungefähr 1.500 Menschen fassen. Nachdem die zwei grobe, metallene Rohre, die parallel zur Baracke ver-
Hallen mit Menschen gefüllt waren, pumpte man die Luft laufen und mit den elektrischen Drähten verbunden sind,
heraus, und danach wurde durch ein kleines Fensterchen welche zur Politischen Abteilung Block Nr. 11 führen.”
ein Mittel in das Desinfektionslokal eingeworfen – Kreuzo-
lit. Nach drei bis fünf Minuten waren die innen befindli-
chen Menschen hingerichtet. In der Nähe befanden sich
sieben Öfen zur Verbrennung der Leichen; jeder Ofen be-

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Dokument Nr. 30 Roste und Ofenteile. Die mit dem Rauben, dem Morden
Veröffentlicht in: Obóz, S. 168. Datum: 17. Juni 1944. sowie dem Wegschaffen der Leichen beauftragte Mann-
Kopfzeile: KW. schaft trägt die Bezeichnung ‘Sonderkommando’ und ist
Titel: “Vernichtung ungarischer Juden in Auschwitz.” 2000 Mann stark. Es sind dies gesunde und starke Juden,
“Die Organisation der Judenliquidierung verläuft wie die nach Abschluß ihrer Arbeit gleichfalls dem Tode ge-
folgt: weiht sind. Gegenwärtig überschreitet die Zahl der verga-
Geschlossene Züge warten auf einem Sondergleis auf ihre sten ungarischen Juden 100.000 und wächst mit jedem Tag
Entladung. Die Transporte, welche die Gashallen nicht zu weiter an. In nächster Zeit soll Auschwitz 1.200.000 unga-
bewältigen vermögen, mußten in einem nahen Wald kam- rische Juden vernichten.”
pieren, von SS-Männern scharf bewacht. Das Warten auf
den Tod dauert manchmal mehrere Tage. Zwischen der Ei- Dokument Nr. 31
senbahnrampe und der Vergasungsstätte strömt Tag und Veröffentlicht in: Obóz, S. 168. Datum: 17. Juni 1944.
Nacht ein ununterbrochener Zug von Menschen vorbei, die Kopfzeile: KW.
nun an der Reihe sind, je nachdem, wie rasch die Leichen Titel: “Lager. Auschwitz.”
herausgezogen werden. In der Mitte der Chaussee rollen “Gleich nach der Ankunft müssen sie alle Wertgegenstände
Lastwagen, welche die Schwachen, die Alten und die Kin- sowie ihr Geld abgeben, und sie erhalten dafür ordnungs-
der von der Rampe wegbringen. Die Gesunden marschie- gemäß eine Quittung; anschließend warten sie auf das
ren zu Fuß und wissen bis zum letzten Augenblick nicht, ‘Bad’. Vor dem Bad schneidet man den Frauen die Haare,
daß sie in den Tod gehen. Längs der Straße liegen SS- die darauf von einem speziellen Kommando sortiert und in
Männer mit Maschinengewehren in Schützenlöchern. Auf Paketen ins Reich geschickt werden. Die Kleider werden
der Eisenbahnrampe bleiben alle Koffer und jeglicher Pri- ebenfalls durch ein anderes Kommando sortiert, anschei-
vatbesitz zurück. Man bringt sie dann in die ‘Kanada’ ge- nend zur Desinfektion. Die gesamte Zeit bis zum Schließen
nannten Magazine, wo eine spezielle Mannschaft aus Häft- der Gaskammer werden sie höflich und ruhig behandelt.
lingen sie sortiert. Bei der Rampe türmt sich eine Masse Nach der Vergasung (Blausäure) werden die Leichen noch
von Koffern und Paketen, die 300 m lang, 20 m breit und einmal durch ein Kommando unter scharfer Beobachtung
so hoch wie ein Stockwerk ist. Vor der ungeheuren Baracke von SS-Männern durchsucht; vor allem zieht man sorgfäl-
‘Effektenkammer’ liegen Kleiderhaufen, mit deren Sortie- tig alle Goldzähne. Die tägliche Ausbeute an Gold aus den
ren und Verpacken man nicht nachkommt. Vor dem Ein- Leichen beträgt 10-13 kg. Dann werden die Leichen ver-
gang der Gaskammer müssen die Menschen alles abgeben; brannt. Seit dem 1.5. sind bei Tag und bei Nacht vier Kre-
das Geld und die Kostbarkeiten, die sie bei sich tragen, matorien in Betrieb, ferner eine Ziegelei, und manchmal
müssen sie ‘deponieren’, worauf sie sich nackt ausziehen verbrennt man auch auf Scheiterhaufen. Die tägliche Li-
und ihre Kleider abgeben, die später noch darauf unter- quidierungsrate beläuft sich auf 10.000. Auf diese Weise
sucht werden, ob in ihnen keine Wertgegenstände einge- sollen alle ungarischen Juden erledigt werden – ihre Zahl
näht sind. Nach dem Abgeben der Kleidung führt man die beträgt 1.200.000. […] Unter den SS-Männern kommt es
Unglücklichen ins Bad, d.h. die Gaskammer, und zwar in zu Nervenzusammenbrüchen und zu Fällen von geistiger
Gruppen von 1000 Personen. Man gibt ihnen nicht einmal Umnachtung – die Betreffenden gehen dann zusammen mit
mehr Handtücher und Seife, wie dies früher üblich war, den Juden ins Krematorium. Im Lager herrscht ein mildes
denn dazu fehlt die Zeit. Beide Gaskammern sind ununter- Regime. Nach der Übernahme durch einen neuen Kom-
brochen Tag und Nacht in Betrieb und können den An- mandaten im Oktober wurde die Todesstrafe für Fluchtver-
drang doch nicht bewältigen. Zwischen der Tötung der ein- suche abgeschafft. Doch am 1.5. kehrte der alte Komman-
zelnen Gruppen wird nur eine Pause zum Entfernen der dant Grabner zurück, der berüchtigte Organisator von
Leichen eingeschaltet, die auf die andere Seite der Kam- Massenhinrichtungen, der nun unversehens mit der Liqui-
mer geworfen werden, wo die Todgeweihten sie nicht se- dierung der Juden beschäftigt ist.”
hen. Auf jener Seite der Kammer befinden sich ganze Berge
von Leichen. Die Krematorien kommen mit dem Verbren- Dokument Nr. 32
nen nicht nach. Allen Ermordeten werden durch eine be- Veröffentlicht in: Obóz, S. 174. Datum: 7. Juli 1944.
sondere Mannschaft von Friseuren die Haare geschnitten; Kopfzeile: 362/A-1. Informacja bieĪąca Nr. 27 (151).
die Haare stopft man als Rohstoff in Säcke. Eine Mann- Titel: “Massaker an ungarischen Juden in Auschwitz”.
schaft von Dentisten untersucht sorgfältig die Mundöff- “Bisher sind in Auschwitz einige hunderttausend ungari-
nungen aller Opfer, wobei sie Gold sowie Platinkronen sche Juden vergast worden. Die Opfer sind bis zuletzt
herausreißt; da wenig Zeit zur Verfügung steht, bricht man überzeugt, daß sie zur Umsiedlung nach Schlesien oder
ganze Kiefer heraus. Eine andere Mannschaft von ‘Spezia- zum Austausch gegen deutsche Kriegsgefangene in Eng-
listen’ steckt die Hände in die Scheiden der Frauenleichen, land bestimmt sind. Die Transporte werden einer Selektion
um nach verborgenen Wertgegenständen zu suchen. Dann unterzogen: Männer, Frauen, Kinder. Koffer, Kleider,
gelangen die so geschändeten und untersuchten Leiber zur Wertgegenstände und Geld werden ‘zur Aufbewahrung’
Verbrennung. Es sind 4 Krematorien in Betrieb, 1 Ziegelei, abgegeben, und nachdem sich die Opfer nackt ausgezogen
und außerdem verbrennt man auf Scheiterhaufen unter haben, gehen sie gruppenweise ins ‘Bad’, d. h. in den Tod
freiem Himmel. Die schwarzen, dichten Rauchschwaden in der Gaskammer. Spezielle Mannschaften schneiden den
sind von weither zu sehen. Ein Krematorium ist zeitweilig Leichen die Haare und sammeln sie, reißen die Zähne mit
außer Betrieb, wird aber in beschleunigtem Tempo in- Goldkronen heraus und suchen in den Scheiden der Frau-
standgesetzt. Die Reparatur war die natürliche Folge der en nach Kostbarkeiten. Die Krematorien kommen mit dem
infolge der ständigen Beanspruchung durchgebrannten Verbrennen der Leichen nicht nach. Es kam zu Stockungen,

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 165


und manche mußten ein paar Tage auf das ‘Bad’ warten. Anmerkungen
2.000 gesunde Juden trennte man vom Rest, brachte sie im 1
ZagáĊbie. Es ist mir nicht klar, was damit gemeint ist; es könnte sich um
Lager von Gleiwitz unter und befahl ihnen, optimistische die kohlenreichen, 1939 dem Reich angegliederten westpolnischen Ge-
Briefe nach Ungarn zu schreiben. Sie wissen nicht über biete handeln. – Der Übersetzer.
2
das Los der anderen Bescheid.” Gemeint ist das Krematorium des Stammlagers Auschwitz I; die Krema-
torien von Birkenau waren damals noch nicht errichtet.

Zur Echtheit des Lachout-Dokuments


Von Klaus Schwensen
1. Einleitung Der Text des Rundschreibens spricht für sich selbst (Abbil-
Im Jahre 1987 verursachte ein jahrzehntealtes Dokument in dung 1). Er berührt eine immer noch offene historische
Österreich erheblichen Wirbel. Es handelte sich um ein Streitfrage, nämlich “Gaskammern im Altreich – ja oder
Rundschreiben des Militärpolizeilichen Dienstes (MPD), ei- nein?”6 Gemeint ist damit, ob es Gaskammern zur Tötung
ner österreichischen Hilfstruppe, die in den Nachkriegsjahren von Menschen nur in den sog. Vernichtungslagern gegeben
gegründet worden war, um die Besatzungsmächte in Angele- hat (die nach Kriegsende alle in Polen lagen und für westli-
genheiten zu unterstützen, wo diese mit der österreichischen che Historiker schwer zugänglich waren), oder ob auch in
Bevölkerung zu tun hatten, nicht zuletzt mit ehemaligen KZ- den übrigen Konzentrationslagern – wenn auch in kleinerem
Häftlingen. Das interne Rundschreiben RS 31/48 des MPD Maßstab – solche Gaskammern existierten und betrieben
vom 1.10.1948 besagte nun, daß Alliierte Untersuchungs- wurden.7
kommissionen in einer Reihe von ehemaligen Konzentrati-
onslagern Untersuchungen durchgeführt hatten, mit dem Er- 2. Zur Herkunft des Schriftstückes
gebnis, daß in diesen Lagern “keine Menschen mit Giftgas 2.1. DER PROZESS WIESENTHAL GEGEN RAINER
getötet wurden”. Unterzeichnet war das Rundschreiben vom Nach einem anscheinend jahrzehntelangen Archiv-Schlum-
Leiter des MPD, Major Müller, und für die Richtigkeit hatte mer tauchte das Lachout-Dokument im Jahre 1987 unter my-
ein Leutnant Lachout gezeichnet. Zweck des Schreibens war steriösen Umständen wieder auf. Der Auslöser war offen-
offenbar, unberechtigte Ansprüche ehemaliger KZ-Häftlinge sichtlich der Prozeß Simon Wiesenthal gegen Friedrich
abzuwehren. (Friedl) Rainer vor dem Strafbezirksgericht Wien.8 Rainer ist
In Anbetracht des brisanten Inhalts muß das wiederentdeckte der Sohn des früheren Gauleiters von Kärnten. In dem Pro-
Dokument in politisch interessierten Kreisen zunächst einge- zeß ging es u.a. um die Existenz von Gaskammern in Dachau
schlagen haben wie eine Bombe, zumal der erwähnte MPD- und Mauthausen. Nach Lachouts Darstellung5 fragte der Be-
Leutnant noch lebte: es handelte sich um den in Wien leben- klagte Rainer im Sommer 1987 telefonisch bei Lachout an,
den Ingenieur Emil Lachout, nach welchem das Dokument ob er für ihn, Rainer, als Entlastungszeuge aussagen wolle.
bald als “Lachout-Dokument” bezeichnet wurde. Während Lachout sagte zu und wurde in einem Schriftsatz vom
nationale Blätter in Österreich und Deutschland das Doku- 3.9.1987 als Zeuge für Rainer benannt.
ment z.T. geradezu überschwenglich begrüßten, wurde es Der Prozeß Wiesenthal ./. Rainer, auf den wir hier nicht nä-
von der Linken, allen voran dem Dokumentationszentrum her eingehen können, wurde Anfang September 1987 vor
des österreichischen Widerstandes (DÖW), als Fälschung dem Strafbezirksgericht Wien eröffnet. Bereits hier beginnen
bekämpft.1,2 Emil Lachout selbst wurde in einen Strafprozeß die Widersprüche. Während das DÖW vermerkt, daß Lach-
verwickelt. Für den Nicht-Österreicher war schwer erkenn- out zur “Hauptverhandlung” am 9.9.1987 nicht erschienen
bar, was von dem Fälschungsvorwurf zu halten war. Das sei,2 gibt dieser an, daß er bei der “Eröffnung” des Gerichts-
DÖW gilt als stark linkslastige Institution, der national ge- verfahrens Gerd Honsik kennengelernt habe.9 Möglicherwei-
sinnte Deutsche oder Österreicher in einem Streit um die se waren Eröffnungstermin und Hauptverhandlung nicht
Gaskammer von Mauthausen einfach nicht die nötige Objek- identisch. Honsik war der Herausgeber der nationalen Zeit-
tivität zutrauten. Der Prozeß gegen Lachout, der Klärung hät- schrift Halt, der bei dem (Wieder-) Auftauchen des Lachout-
te bringen können, schleppte sich jahrelang dahin.3 Dokuments eine Rolle spielen sollte. Honsik stellte sich
Es trat die unbefriedigende Situation ein, daß die Echtheit ei- Lachout vor, erzählte ihm, daß ihm ein gleichartiges Verfah-
nes zeitgeschichtlich wichtigen Dokuments zur Glaubens- ren (Podgorsky ./. Honsik) bevorstehe und fragte ihn, ob er
sache wurde. Die folgende Analyse ist ein später Versuch, im auch für ihn (Honsik) als Zeuge auftreten wolle dafür, daß es
zeitlichen Abstand von über 15 Jahren ein objektives Bild in Mauthausen und Dachau keine Gaskammern gegeben ha-
über die Echtheit des Lachout-Dokuments zu gewinnen. be. Lachout stimmte zu. Auf die Aussage Lachouts, der als
Hierzu erfolgte eine Auswertung der vorhandenen Literatur Entlastungszeuge für Rainer geladen war, wurde vom Gericht
sowie auch der brieflichen Auskünfte von Herrn Emil dann allerdings verzichtet.10 Quasi als Ersatz für seine vom
Lachout gegenüber dem Verfasser dieser Zeilen.4,5 Auf eine Gericht verschmähte Zeugenaussage verfaßte Lachout eine
weitere Erkenntnisquelle mußte aus Kapazitätsgründen ver- Eidesstattliche Erklärung11 mit Datum 16.10.1987, die über
zichtet werden, nämlich auf die Akten der österreichischen Rainers Anwalt dem Gericht zugeleitet und bald darauf in der
Behörden und Gerichte, sofern sie zugänglich gewesen wä- Zeitschrift Sieg12 veröffentlicht wurde.
ren. Das Ergebnis der Analyse fiel trotzdem eindeutig aus, es Wie Rainer an den ihm (angeblich) unbekannten Emil
war – dies sei vorweggenommen – für den Verfasser dieser Lachout geriet, ist unklar. Lachout meint sich zu erinnern,
Zeilen unerwartet und überraschend. daß Rainer bereits bei der ersten Kontaktaufnahme von ei-

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nem “Lachout-Dokument” gesprochen und dabei den Namen daß Gerd Honsik das Dokument “aufgestöbert” habe. Davon,
Gerd Honsik erwähnt habe, der ihm (Lachout) damals noch daß zwei Beamte zu Lachout mit dem Dokument gekommen
unbekannt gewesen sei. Demnach hätte Honsik also, noch seien – siehe Version 2 –, ist (noch) nicht die Rede, obwohl
vor Lachout, eine Kopie des Lachout-Dokuments besessen sich dieser Vorgang ja schon am 27. Oktober 1987, dem Tag
und deshalb Rainer empfohlen, sich an Lachout zu wenden. der Unterschriftsbeglaubigung, abgespielt haben müßte.
Das würde bedeuten, daß das Lachout-Dokument schon aus Ebensowenig wird erwähnt, daß Lachout zu diesem Zeit-
irgendeinem Archiv aufgetaucht war, noch bevor Lachout of- punkt noch mehrere andere Ausfertigungen des Rundschrei-
fiziell damit konfrontiert wurde. Übereinstimmend damit le- bens bei sich zu Hause aufbewahrt haben will.
sen wir auch in Halt, daß Gerd Honsik das Dokument “auf- Es kann kein Zweifel bestehen, daß Faurisson sich die größte
gestöbert” habe.13 Wenn diese Version zutrifft, so erhebt sich Mühe gab, der Sache auf den Grund zu kommen. Lachout
natürlich die Frage, woher denn Honsik seine Kopie des empfand das Interview noch 14 Jahre später als ein “Kreuz-
Lachout-Dokuments hatte. Hat er das Dokument aber nicht verhör”. In dem relativ kurzen Bericht, den Faurisson nach
gekannt, so müssen wir uns fragen, wie er und Rainer wissen seinem Wiener Besuch schrieb, ist eine gewisse Skepsis nicht
konnten, daß Lachout für sie ein so wichtiger Entlastungs- zu verkennen (“If this document is genuine and if Emil
zeuge sein könnte. Lachout is telling the truth...”).15 Prof. Faurisson hat sich in
Der hier geschilderte Hergang folgt weitgehend der Darstel- dieser Sache also absolut korrekt verhalten. Am 8.12.1987
lung Emil Lachouts. Darüber, wie und wann die Verbindung kehrte er nach Paris zurück. Als er sich noch am selben Tag,
zwischen Lachout, Honsik und Rainer zustande kam, sind in Begleitung von vier seiner Studenten, in die Sorbonne be-
wir völlig auf die Aussagen der Beteiligten angewiesen, und gab, wurde die Gruppe von Unbekannten angegriffen. Am
diese sind mit Skepsis zu betrachten, denn sie haben z.T. den nächsten Tag, als Faurisson in Paris an einer Bushaltestelle
Charakter von Schutzbehauptungen gegenüber der österrei- wartete, wurde er erneut überfallen und ihm sein Aktenkoffer
chischen Staatspolizei und der Justiz.
Eine Verbindung hätte z.B. zustande
kommen können über Honsiks Zeit-
schrift Halt.

2.2. DAS WIEDERAUFTAUCHEN DES


DOKUMENTS - IN FÜNF VERSIONEN
Über die näheren Umstände des (Wie-
der-)Auftauchens des Lachout-
Dokuments gibt es mindestens fünf wi-
dersprüchliche und voneinander abwei-
chende Darstellungen. Nur soviel steht
fest, daß das Schriftstück in Honsiks
Zeitschrift Halt zum ersten Male veröf-
fentlicht wurde.13 Im Chaos der Irrun-
gen und Wirrungen, der Polemik und
der Desinformation stellen sich vor al-
lem folgende Fragen:
a) Hatte Honsik das Dokument unab-
hängig von Lachout irgendwo “auf-
gestöbert”, bevor auch Lachout in
den Besitz einer Kopie kam, oder hat
er es erst von Lachout bekommen?
b) Wenn Lachout sein Exemplar nicht
von Honsik bekam, woher hat er es
dann?
c) Was für ein Exemplar hat er eigent-
lich?

VERSION 1
Angesichts der Bedeutung des neu auf-
getauchten Dokuments reiste Prof. Ro-
bert Faurisson Anfang Dezember 1987
nach Wien, um Einzelheiten über die
Entstehung und das (Wieder-) Auftau-
chen des Dokuments zu erfahren. Er
führte ein zweitägiges Interview mit
Lachout durch, bei dem Honsik als
Dolmetscher fungierte. Honsik berich-
tete über das Dokument und den Be-
such Faurissons in seiner Zeitschrift Abbildung 1: Das Lachout-Dokument in seiner heutigen Form. Faksimile-
Halt.14 Man erklärte Prof. Faurisson, Reproduktionen des Dokuments finden sich auch in den Quellen zu Anm 1 und 2.

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entrissen, in dem sich “die Kopien einiger wichtiger Wiener Schreiben der Historiker gefragt. Er hat es aber nicht mit-
Dokumente sowie die gesamten in Wien kurz zuvor mit Ing. gebracht unter Berufung auf seine “Amtsverschwiegen-
Lachout gemachten Niederschriften” befanden. Dies berich- heit.”10
tete jedenfalls Emil Lachout in einem Interview mit der Zeit- b) Woher hatte Honsik sein Exemplar?
schrift Sieg.12 Zur Frage, woher Honsik das Dokument bekommen habe,
sagt Lachout, “daß ich eine Abschrift der Urkunde nicht
VERSION 2 dem Herrn Honsik persönlich übergeben habe”, und deu-
Wenige Tage nach Faurissons Besuch erkundigt sich auch tet an, daß Honsik sich sein Exemplar aus einem Archiv
die Staatspolizei nach der Herkunft des Dokuments. Bei sei- besorgt haben könnte.9 In seiner 2. Vernehmung10 sagt
ner ersten Einvernahme am 11.12.1987 bringt Lachout die Lachout, daß er das Dokument an verschiedene Institute
damals gerade in Wien weilende Historikerkommission ins bzw. Universitäten verschickt habe, nicht allerdings in
Spiel, welche die Rolle des angeblicher Kriegsverbrechen be- Österreich, aber z.B. an das “Institut für Zeitgeschichte in
schuldigten Bundespräsidenten Kurt Waldheim während sei- Freiburg im Breisgau, weiters an die Universitäten Lon-
ner Wehrmachtszeit auf dem Balkan überprüfen sollte. don und Paris sowie an eine Vielzahl weiterer Personen
Lachout sagt dazu folgendes:9 und Institute, genaue Anschriften kann ich nicht ange-
“Hierzu gebe ich an, daß die Historikerkommission mir ei- ben”. Er bestreitet erneut, das Dokument an Honsik
ne Kopie dieses Dokumentes im September 1987 zur Be- übermittelt zu haben; woher Honsik sein Exemplar habe,
gutachtung und Bestätigung vorgelegt hat. Ich sollte ledig- wisse er nicht.10 Nun gibt es allerdings weder eine “Uni-
lich der Kommission die Richtigkeit und Echtheit des Mili- versität Paris” noch eine “Universität London”. Allein Pa-
tärpolizeilichen Dienstes bzw. des Rundschreibens Nr. ris hat etwa 14 Hochschulen, und selbst die Sorbonne ist
31/48 des MPD bestätigen. Mir wurde lediglich eine Kopie in mindestens zwei Universitäten unterteilt. Auch die Be-
zur Bestätigung übersandt. Nach reiflicher Überlegung zeichnung des Instituts in Freiburg ist nicht korrekt; hier
und genauer Begutachtung der Kopie habe ich am 27. Ok- sind offensichtlich zwei Institute - das Institut für Zeitge-
tober 1987 mit meiner Unterschrift die Richtigkeit und den schichte in München und das Bundesarchiv/Militärarchiv
Inhalt bestätigt. Ich habe mir von der mir zur Bestätigung Freiburg – ineinandergeflossen. Die ganze Aktion ist un-
vorgelegten Abschrift (Rundschreiben des MPD Nr. 31/48 glaubwürdig, zumal Lachout nie ein entsprechendes Be-
vom 1.10.1948), nachdem durch meine Unterschrift die gleitschreiben vorgelegt hat, geschweige denn eine Ant-
Richtigkeit bestätigt wurde, eine Kopie angefertigt, um wort der obengenannten Adressaten. Auch steckt in dieser
eventuellen Fälschungen entgegenzuwirken.” Geschichte ein logischer Widerspruch: Wenn er das Do-
Zum Schluß der Vernehmung sagt er:9 kument so breit gestreut haben will, warum hat er es dann
“Nochmals möchte ich erwähnen, daß ich durch die im nicht auch an Honsik geschickt, dem er ja helfen wollte?
Moment tätige Historikerkommission (WALDHEIM) im c) Die Hausdurchsuchung
September 1987 schriftlich um eine Stellungnahme ersucht Bei einem Interview mit der Zeitschrift Sieg17 erwähnt
wurde. Das genaue Datum und den genauen Namen des Lachout eine Haussuchung durch die Staatspolizei, die
Unterzeichneten habe ich momentan nicht im Gedächtnis, bei ihm am 15.09.1987 durchgeführt und bei der ver-
ich besitze jedoch dieses Schreiben, welches ich zur Ein- schiedene Dokumente beschlagnahmt worden seien. In
vernahme nicht mitgenommen habe, da ich nicht wußte, den beiden Vernehmungen bei der Staatspolizei ist aber
daß es notwendig wäre.” weder von der Haussuchung noch von beschlagnahmten
Einige der Aussagen Lachouts haben den Charakter von Dokumenten die Rede.9,10
Schutzbehauptungen. Nachstehend sei nur auf einige Unge-
reimtheiten hingewiesen: VERSION 3
a) Das Schreiben der Historiker Ebenfalls im Dezember 1987, vermutlich kurz nach der er-
Betrachten wir noch einmal genau Lachouts obige Aussa- sten Einvernahme durch die Staatspolizei, werden das Rund-
ge bei der Staatspolizei, so sagt er sinngemäß folgendes: schreiben Nr. 31/48 sowie Lachouts Eidesstattliche Erklä-
Zunächst wurde ihm von den Historikern eine Kopie des rung11 durch die nationale Zeitschrift Sieg (Hrsg. Walter
Dokuments mit einem Begleitschreiben “übersandt”, und Ochensberger) abgedruckt.12 Man darf wohl davon ausgehen,
dann (offenbar, als sein Bescheid positiv ausfiel), wurde daß alles, was Ochensberger in dem betreffenden Sieg-
ihm eine Abschrift des Rundschreibens “zur Bestätigung Artikel über Entstehung und Wiederauftauchen des Doku-
vorgelegt”. Diese Bestätigung habe er erteilt, seine Bestä- ments schrieb, auf Emil Lachout zurückgeht. Hier lesen wir
tigung auf dem Bezirksgericht Wien-Favoriten beglaubi- nun, daß Lachout der Zeitung Halt das Dokument überlassen
gen lassen und sich von dem bestätigten und beglaubigten habe. In einem Kasten “Porträt des Kronzeugen” (Lachout)
Rundschreiben für sich selbst eine Fotokopie angefertigt. bringt Sieg einige weitere Einzelheiten.12 Demnach sei “im
Diese Darstellung wirft Fragen auf: Wieso haben ihm die Jahre 1948 eine alliierte Kommission” zusammengetreten,
Historiker beim ersten Mal eine Kopie (also Fotokopie) um “auf Wunsch der österreichischen Bundesregierung die
des Rundschreibens zugeschickt, beim zweiten Mal aber Vorfälle im KZ Mauthausen während des Zweiten Weltkrie-
eine Abschrift? Im Jahre 1987 fertigte man keine Ab- ges bis hin zur Befreiung des Lagers zu untersuchen.” Bei
schriften mehr an, sondern nur noch Fotokopien. Und diesen Erhebungen durften auch zwei österreichische “Gen-
warum haben sie sich nicht persönlich mit ihm getroffen, darmerieoffiziere”, nämlich Major Müller als Leiter des “Mi-
wo sie schon mal in Wien weilten, sondern nur per Post litärpolizeilichen Dienstes” (MPD) und Leutnant Lachout,
mit ihm verkehrt? So verwundert es daher nicht, daß ein teilnehmen. Lachout habe danach “namens des MPD drei-
Schreiben an Lachout von den Historikern vehement be- zehn Aktenordner mit den Erkenntnissen der Untersuchungs-
stritten16 und von Lachout auch nie vorgelegt wurde. In kommission der österreichischen Bundesregierung überge-
seiner zweiten Einvernahme wird er nochmals nach dem ben.”

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Weiter heißt es: “Präsidialkanzlei” gemurmelt haben, denn wie kommt
“Er [Lachout] ist auch im Besitz der Kopien wichtiger Do- Lachout sonst darauf, daß sie von der Präsidialkanzlei des
kumente, von denen er uns eines [das Lachout-Dokument] Bundespräsidenten gekommen seien? Nach der Beglaubi-
überlassen hat, das beweist, daß die Bundesregierung seit gung sind sie dann spurlos verschwunden und nie wieder
1948 darüber unterrichtet war, daß es in Mauthausen (wie aufgetaucht. Logischerweise müßten sie die – nunmehr be-
auch in Dachau) keine Gaskammern zur Tötung von Men- glaubigte – Abschrift von 1948 wieder mitgenommen, aber
schen gegeben hat.” Lachout eine Fotokopie überlassen haben.
Am 27. Okt. 1987, “kurz nach seiner Pensionierung”, habe
nun Lachout “sein Schweigen gebrochen und ein gerichtlich VERSION 5
beglaubigtes Dokument [das Lachout-Dokument] der Zeitung Auf schriftliche Anfrage, wie er zu der Kopie des “Lachout-
‘Halt’ exklusiv übergeben.”12 Dokuments” gekommen sei, gibt Emil Lachout heute folgen-
In einem späteren Interview mit Sieg17 bestätigt Lachout indi- de Darstellung, wobei er die Version 4 in puncto “Überbrin-
rekt, daß er schon seit 1948 eine Abschrift des Rundschrei- ger” neuerlich korrigiert:4
bens RS 31/48 besessen und dieses 1987 hervorgeholt habe. “Im September 1987 ließ mir der sozialdemokratische In-
Auf die Frage “Zu welchem Zweck haben Sie damals für sich nenminister Karl Blecha, Präsident der Österreichisch-
das ‘Rundschreiben Nr. 31/48’ mitgenommen?” erklärt er: Arabischen Vereinigung, über seine ‘Präsidialkanzlei’ eine
“Ich habe erkannt, daß dieses Rundschreiben historische Kopie des MPD-Rundschreibens Nr. 31/48 vom 1.10.1948
Bedeutung erlangen könnte. Außerdem ist dieses Rund- zugehen, die sich im Archiv des Innenministeriums befun-
schreiben für mich ein persönlicher Dienstnachweis und den hatte.
vor allem eine Erinnerung.” Seit etwa 1985 ist in Österreich die Bezeichnung ‘Mini-
Im selben Interview erklärt er, daß er noch mehrere wichtige sterbüro’ durch ‘Präsidialkanzlei’ ersetzt worden. Das hat
Dokumente bei sich zu Hause gehabt hätte, darunter weitere zu Verwechselungen mit der ‘Präsidialkanzlei des Bundes-
Ausfertigungen des Rundschreibens, die aber alle bei der präsidenten’ geführt. Was wäre Österreich ohne Titel?
Haussuchung beschlagnahmt worden seien. Tatsächlich wurde in meinem Wiener Prozeß irrtümlich
(zeitweise) angenommen, daß sich die Präsidialkanzlei des
VERSION 4 Bundespräsidenten an mich gewandt hätte. Es stellte sich
Als Lachout sich im April 1988 in Toronto aufhält und Ernst aber heraus, daß die betr. Beamten aus der ‘Präsidialkanz-
Zündels Samisdat-Verlag ein Video-Interview mit ihm auf- lei’ des Innenministeriums waren. Das wurde später auch
nimmt, wird die Frage nach den Umständen des Wiederauf- durch die Ratskammer des Landesgerichts für Strafsachen,
tauchens erneut gestellt. Lachouts Antwort, die in einer Wien, bestätigt.”
DÖW-Broschüre1 wörtlich wiedergegeben wird, klingt – da Die beiden Beamten seien also nicht von der Historiker-
muß man der Verfasserin Bailer-Galanda zustimmen – ziem- Kommission gekommen und auch nicht vom Bundespräsi-
lich verworren. Nun ist es nicht jedermanns Sache, vor lau- denten Kurt Waldheim bzw. seiner Kanzlei, sondern vom In-
fender Kamera einen komplizierten Sachverhalt präzise, nenminister Karl Blecha. Folglich sei das Dokument auch
druckreif und in der gebotenen Kürze darzustellen. Anderer- nicht an die “Präsidialkanzlei des Bundespräsidenten” zu-
seits mußte Lachout mit dieser Frage rechnen. Er sagt sinn- rückgegangen, sondern an die “Präsidialkanzlei des Bundes-
gemäß folgendes: innenministers”. In diesen beiden Punkten wäre Lachout in
Er habe auf die Existenz des Dokuments “Jahre vorher” (also Toronto also einem verzeihlichen Irrtum unterlegen, was die
schon vor 1987) hingewiesen. Im Zuge der Waldheim- Wahrheit seiner Geschichte im Kern nicht berührt hätte. Selt-
Erhebungen (1987) seien dann zwei von der “Waldheim- sam klingt natürlich, bei allem Verständnis für österreichi-
Kommission” (der gegen Waldheim zusammengetretenen sche Besonderheiten, daß auch das Innenministerium über
Historiker-Kommission) beauftragte Beamte zu ihm gekom- eine “Präsidialkanzlei” verfügen soll. Bei einer telefonischen
men und hätten ihn gefragt, ob er derjenige sei, der einstmals Anfrage des Verfassers beim Bundesinnenministerium in
das Dokument richtiggezeichnet habe. Man habe ihm eine Wien (2001) wurde die Existenz einer “Präsidialkanzlei” des
Kopie des Dokuments überlassen, er habe diese mit seinen Innenministers verneint.
eigenen Aufzeichnungen verglichen und Übereinstimmung Alles, was wir über das Wiederauftauchen des Schriftstückes
festgestellt. Darauf habe er seine frühere Unterschrift beim erfahren, geht letztlich auf Emil Lachout zurück. Es ist eine
Bezirksgericht Wien-Favoriten bestätigt und das Schriftstück Geschichte voller unbewiesener Behauptungen und Wider-
sei an das Präsidialbüro des Bundespräsidenten zurückge- sprüche, von Großen Unbekannten, verschwundenen Doku-
gangen.18 menten, verschwundenen Aktenbeständen, einer Verschwö-
Dafür, daß Lachout schon vor 1987 auf die Existenz des Do- rung des Schweigens durch die österreichischen Regierun-
kumentes hingewiesen hat, gibt es keine Belege. In der Ver- gen. Keine der fünf Versionen hält einer genaueren Prüfung
sion 4 tauchen nun erstmals die “beiden Beamten” als Über- stand. Angeblich Beteiligte (mal die Historiker, mal der In-
bringer auf – die Großen Unbekannten der Affäre. Die Kor- nenminister Blecha) haben Lachouts Darstellung glaubwür-
rektur gegenüber der Version 2 wurde offenbar notwendig, dig widersprochen. Gerd Honsik lebt heute im Exil. Man
nachdem die Historiker eine Anfrage bei Lachout bestritten kann natürlich Lachout zugute halten, daß er unter Druck
hatten.16 Nun sollen sie zwei Beamte mit der Überbringung stand wegen des schwebenden Verfahrens gegen ihn, so daß
des Dokuments beauftragt haben. Die Historiker waren aber seine Darstellungen z.T. den Charakter von Schutzbehaup-
gar nicht berechtigt, österreichischen Beamten Aufträge zu tungen tragen. Auch haben all diese Widersprüche noch
erteilen. Ferner ist schwer vorstellbar, daß der gewissenhafte, nichts zu tun mit der Echtheit des Lachout-Dokuments, ge-
akribisch genaue Beamte Lachout mit zwei Unbekannten, die schweige denn mit der Richtigkeit oder Unrichtigkeit seines
sich nur flüchtig ausweisen, einfach so aufs Bezirksgericht Inhalts. Aber sie sind nicht gerade geeignet, das Vertrauen in
geht. Immerhin müßten die beiden Beamten etwas von einer dieses Dokument zu stärken.

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2.3. WO WAR DAS DOKUMENT ZWISCHEN 1948 UND 1987? Kommissionen, welche die ehemaligen deutschen Konzentra-
Zur Beurteilung der Echtheit eines Dokuments ist es wichtig, tionslager im Jahre 1948 nochmals untersucht haben sollen,
daß es sich lückenlos bis zu seinem Ursprung zurückverfol- ebenso wie die Existenz des “MPD” nicht belegbar ist, kön-
gen läßt. Auf diese Forderung der Urkundenlehre wird zu nen wir dieses Motiv ausschließen.
Recht von Bailer-Galanda hingewiesen.1 Wo also hat das Ein durchaus reales Motiv hatten aber die drei Männer, die
Dokument zwischen 1948 und 1987 “geschlummert” – so- am Wiederauftauchen des Rundschreibens unmittelbar betei-
fern es denn schon existierte? ligt waren, nämlich Gerd Honsik, Emil Lachout und Fried-
In seinem Interview mit der Zeitschrift Sieg17 antwortet rich Rainer. Damals (1987) sahen sowohl Rainer als auch
Lachout auf die Frage, wo sich seiner Meinung nach die Ak- Honsik einem Strafverfahren wegen “nationalsozialistischer
ten des Militärpolizeilichen Dienstes derzeit befinden könn- Wiederbetätigung” entgegen – Lachout folgte bald darauf. In
ten, daß die Alliierten “alle einschlägigen Unterlagen beim den bevorstehenden Prozessen gegen Rainer bzw. Honsik
Abzug aus Österreich mitgenommen” hätten. Er deutet an, ging es u.a. um die Frage, ob es in dem ehemaligen KL
daß diese Akten unter Verschluß gehalten werden, wenn sie Mauthausen eine Gaskammer gegeben hat oder nicht. Mögli-
nicht schon vernichtet sind. Als Beleg wird eine Auskunft cherweise haben Honsik, Lachout und Rainer, die ja über-
des Österreichischen Staatsarchivs angeführt.19 “Die in Öster- zeugt waren, daß die heute in Mauthausen gezeigte Gaskam-
reich zurückgebliebenen Reste sind nachweislich mit anderen mer ein Schwindel ist, sich erhofft, durch Einführung des
Akten verschwunden.”17 Die Mitnahme der Akten durch die Rundschreibens in ihre Gerichtsverfahren eine Erörterung der
Alliierten widerspricht allerdings Lachouts Behauptung, daß Gaskammer-Frage zu erzwingen. Das Lachout-Dokument
der Militärpolizeiliche Dienst (MPD) kein alliiertes, sondern verdankt also möglicherweise seine Existenz prozeßtakti-
ein österreichisches Exekutivorgan gewesen sei. schen Überlegungen. Die Gerichte gehen derartigen Sachdis-
In seinem Interview in Toronto geht Lachout auf die Archiv- kussionen aber konsequent aus dem Wege (in Deutschland
Frage anscheinend nicht ein, sondern läßt seine Geschichte z.B. durch den Hinweis auf die “Offenkundigkeit”). Inwie-
mit den beiden mysteriösen Beamten beginnen. Bailer- fern der eine oder andere der Beklagten im Zusammenhang
Galanda schreibt:1 mit dem Rundschreiben gutgläubig war, sei dahingestellt.
“Diese wirren Angaben lassen jedenfalls den Weg des
‘Dokuments’ von der angeblichen Entstehung 1948 bis zur 3. Gab es einen Militärpolizeilichen Dienst?
Publikation 1987 nicht nachvollziehen.” 3.1. DIE AUSSAGEN EMIL LACHOUTS
Das ist zwar richtig, aber nicht geeignet, Lachout zu widerle- Emil Lachout hat den “Militärpolizeilichen Dienst (MPD)”
gen, denn gesetzt den Fall, das Dokument habe sich wirklich als eine “Spezialtruppe” bezeichnet, “die aus den Reihen der
in einem österreichischen Archiv befunden und wäre von ir- österreichischen Exekutive rekrutiert war und deren Angehö-
gendeiner Behörde (Innenministerium) gefunden oder gezielt rige schließlich auch als Vertreter Österreichs mit den ‘Vier
wieder hervorgeholt worden, so konnte Lachout das natürlich im Jeep’ mitfahren durften.”20 Von dieser Truppe, also der
nicht wissen. Es bleibt aber die Tatsache, daß das Schrift- ausstellenden Behörde des Rundschreibens Nr. 31/48, bei der
stück ein Einzelstück darstellt, d.h. es steht völlig isoliert da Lachout von 1947 bis 1955 gedient haben will, hatte im
und es gibt keine vergleichbaren Dokumente, aus denen man Österreich des Jahres 1987 anscheinend noch niemand etwas
auf die Existenz eines entsprechenden Aktenbestandes gehört. Die Frage, ob dieser “Militärpolizeiliche Dienst” exi-
schließen könnte. stiert hat oder nicht, ist der Angelpunkt der ganzen Affäre.
Vierzehn Jahre später (2001) erzählte Lachout, daß er im Hat es den MPD gar nicht gegeben, so ist auch das “Rund-
Auftrag der Liga der Rotkreuzgesellschaften beim Ungarn- schreiben Nr. 31/48” erledigt. Die österreichischen Behörden
Aufstand 1956 an der österreichisch-ungarischen Grenze waren offenbar selber zunächst unsicher, und man ging un-
eingesetzt gewesen sei. Im Zusammenhang mit der staatspo- verzüglich daran, diese Frage zu klären. So wurde Lachout in
lizeilichen Überprüfung seiner Person, die hierfür notwendig seiner zweiten Vernehmung durch die Staatspolizei auch über
war, sei wohl die “militärisch beglaubigte Abschrift” (er den MPD befragt, und er sagte dazu folgendes aus:10
meint das Rundschreiben 31/48, also das Lachout-Doku- “In der Zeit von Kriegsende bis etwa November 1945 hat
ment) in das Innenministerium gelangt.4 Demnach wäre es es ein ‘Wachbataillon’ gegeben, welches anschließend den
also doch in einem österreichischen Archiv gewesen und militärpolizeilichen Dienst darstellte. Diese Bezeichnung
nicht von den Alliierten mitgenommen worden. Hier handelt wurde deshalb gewählt, weil es den Ausdruck Militärpoli-
es sich freilich um eine bloße Vermutung Lachouts (besten- zei für Österreicher nicht geben konnte. Zugeordnet war
falls) oder eine Desinformation (wahrscheinlich). dieser militärpolizeiliche Dienst der russischen Militär-
kommandantur in der russischen Besatzungszone. Bei den
2.4. DIE MOTIVE anderen Alliierten (Engländer, Amerikaner und Franzosen)
Zur Beurteilung der Echtheit ist eine weitere Frage unerläß- hat es auch Verbände gegeben (militärisch), die jedoch
lich: “Wozu existiert ein Dokument überhaupt?” Wenn ein nicht diese Bezeichnung führten. Der militärpolizeiliche
amtliches Schriftstück (Urkunde) erstellt wird, ob echt oder Dienst bestand aus ca. 500 Mann (Österreicher), wobei
falsch, so unterzieht man sich dieser Mühe doch nur, weil pro Kompanie ein Russe als Dolmetsch zur Verfügung
damit etwas “bekundet” werden soll. Quod non est in actis, stand (Offizier) und pro Zug ein russischer Unteroffizier.
non est in mundo! Der Zweck oder die Tendenz eines Doku- Die 500 Mann standen der russischen Besatzungszone für
ments lassen daher Rückschlüsse zu über die Motive des Er- Österreich zur Verfügung, und jede Bezirkskommandantur
stellers und die Entstehungsgeschichte. Nun geht die Absicht hatte einen Trupp zugeteilt (von 4 bis 10 Mann). Diese Tä-
der “alliierten Untersuchungskommissionen” bzw. des MPD tigkeit beim militärpolizeilichen Dienst wurde von einem
aus dem Text selbst zwar recht klar hervor: man wollte Fal- geringen Teil nicht als hauptberufliche Tätigkeit ausgeübt.
schaussagen ehemaliger KZ-Häftlinge und daraus abgeleitete Ich war seit Juli 1947 beim Magistrat der Stadt Wien, Ma
Forderungen abwehren. Da aber die Existenz von Alliierten 59 [Magistratsabt. 59], Marktamt – Lebensmittelpolizei der

170 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


Stadt Wien. Wie ich schon in meiner ersten Aussage erklär- Besatzungszeit in Österreich” keine alliierten Behörden mit
te, war ich dann ab 1.10.1947 beim schon erwähnten mili- diesen Bezeichnungen existierten. Sie zitiert einige alliierte
tärpolizeilichen Dienst, nebenberuflich. In der Trostkaser- Publikationen von damals, in denen ein “Militärpolizeilicher
ne waren sowjetische Truppen stationiert und auch der mi- Dienst” nicht erscheint und bringt weitere Indizien dafür, daß
litärpolizeiliche Dienst (MPD) in der Stärke eines Zuges das Schriftstück kein alliiertes Dokument sein könne.22 So
ca. 30 bis 40 Mann. Der direkte Vorgesetzte des MPD war mußten damals alliierte Dokumente auf englisch, französisch
der Oberbefehlshaber der sowjetischen Streitkräfte in oder russisch abgefaßt sein, und man hätte wohl kaum amts-
Österreich. Die Kosten sind aus dem Besatzungsbudget deutsche Abkürzungen wie “F. d. R. d. A.” (Für die Richtig-
beglichen worden. Die Waffen wurden von der russischen keit der Ausfertigung) und “RS” (Rundschreiben) verwendet.
Besatzungsmacht geliefert (deutsche Beutebestände), und Auch sei es nicht möglich, daß Lachout am 1.10.1948 die
wurden ergänzt aus Waffenfunden. Richtigkeit der Ausfertigung “gemäß § 18 Abs. 4 AVG be-
Die Aufgabe des MPD bestand darin, im Bereich der russi- glaubigt” habe, da die Alliierten eine solche Amtshandlung
schen Besatzungszone mit der russischen Militärpolizei wohl kaum nach den österreichischen Bestimmungen vorge-
mitzufahren (oder mitzugehen), um bei etwaigen Interven- nommen hätten. Diese Argumentation des DÖW ist zwar sach-
tionen einerseits als Zeuge zur Verfügung zu stehen, ande- lich richtig, geht aber trotzdem daneben, denn sie übersieht,
rerseits als Österreicher bei Amtshandlungen mit Österrei- daß – immer nach Lachout – der MPD eben keine alliierte,
chern zu unterstützen. Zur Uniformierung gebe ich an, daß sondern eine österreichische Dienststelle gewesen sein soll.
die russische Besatzungsmacht russische Uniformen trug, Man kann allerdings an der Existenz des MPD sehr wohl
ich habe sowie auch Kollegen eine gendarmerieähnliche weitere Zweifel anmelden. Zunächst einmal ergibt es keinen
Uniform ohne Distinktionen [Rangabzeichen] mit rot-weiß- Sinn, warum die verschiedenen österreichischen Nachkriegs-
roter Armbinde getragen. […] Der in der Trostkaserne sta- Regierungen die Existenz einer solchen Truppe beharrlich
tionierte Zug war ein Einsatzzug, der für die gesamte so- verschwiegen und die betreffenden Akten unterdrückt haben
wjetische Besatzungszone in Österreich zuständig war. sollen. Ferner ist es schwer vorstellbar, daß eine Truppe, die
[…] Ich bin derzeit auf der Suche nach jenen Kollegen, die doch wohl jahrelang auch mit der Bevölkerung und ehemali-
zur damaligen Zeit bei dem Zug in der Trostkaserne Dienst gen KZ-Häftlingen zu tun hatte, so völlig aus dem Bewußt-
gemacht haben.” sein der Österreicher entschwunden und in ein mysteriöses
Wie aus Lachouts Darstellung hervorgeht, war der “Militär- Dunkel versunken sein soll. Als 1987 das Dokument (wie-
polizeiliche Dienst” (MPD) also keine alliierte Dienststelle, der-) auftauchte, müßten doch noch viele der ehemaligen
sondern eine österreichische Hilfstruppe im Dienst der Alli- MPD-Angehörigen am Leben gewesen sein. Wenn ein MPD-
ierten. Auf dem verwendeten Stempel steht ja auch “Repu- Mann z.B. im Jahre 1920 geboren war, dann war er 1948 et-
blik Österreich”. Laut Lachout hatte jede der vier Besat- wa 28 und 1987 etwa 67 Jahre alt. Lachout sagt in seiner
zungsmächte eine solche Hilfstruppe zur Verfügung, wobei zweiten Vernehmung vor der Staatspolizei, er sei auf der Su-
er selbst bei der den Sowjets zugeordneten Truppe diente. Ob che nach “jenen Kollegen, die zur damaligen Zeit bei dem
diese vier Einheiten alle als MPD zusammengehörten oder Zug in der Trost-Kaserne Dienst gemacht haben.”10 Gemeldet
sich verschieden benannten, wie überhaupt die Organisation hat sich offensichtlich kein einziger, auch keine Witwe, kein
und die Unterstellungsverhältnisse des MPD – das alles Sohn oder Tochter – obwohl der Fall Lachout damals in
bleibt nebulös. Wir wissen über diese Truppe so gut wie Österreich hohe Wellen schlug.
nichts, und das wenige stammt ausschließlich von Emil Wenn der MPD 1955 aufgelöst worden ist, dann hätten die
Lachout. Auf eine Anfrage des DÖW an den damaligen Bun- Männer in andere Exekutivorgane des Staates (Polizei, Bun-
desminister für Landesverteidigung Robert Lichal, ob es im desheer) übernommen und eine Übernahmeregelung erlassen
Jahre 1948 ein “Wachbataillon Wien” gegeben habe, wurde werden müssen. Nichts dergleichen ist in Österreich bekannt.
dies von Lichal eindeutig verneint.21 Auch von einer Traditionspflege der Truppe hört man nichts,
keine Kameradschaftstreffen, keine Chronik – eine Geister-
3.2. ZWEIFEL AM MPD armee. Kein Dienstausweis wurde jemals gesichtet, keine
Ein direkter Beweis, daß irgend etwas, nennen wir es (A), Uniform, kein Personaldokument, kein Foto, das einen MPD-
nicht existiert hat, ist nach den Gesetzen der Logik nicht Angehörigen in Uniform zeigt. Wenn es doch etwas derglei-
möglich. Die Beweislast trägt in diesem Fall derjenige, der chen gibt, dann stammt es von Emil Lachout. Prof. Faurisson,
die Behauptung aufstellt, daß (A) existiert habe. Der Gegner der 1987 extra nach Wien kam, um sich eine Meinung zu bil-
kann höchstens beweisen, daß etwas anderes (B) existiert hat, den, erinnert sich:23
dessen Existenz die Existenz von (A) ausschließt (Prinzip des “Ich bat ihn [Lachout], die Trost-Kaserne aufzusuchen,
Alibi-Beweises), oder er trägt Hinweise (Indizien) zusam- damit er mir zeigen könne, wo genau sich sein Büro befun-
men, welche die Existenz von (A) unglaubwürdig machen. den hätte (selbst wenn man uns nicht hineingelassen hätte,
Das DÖW meldete bereits frühzeitig Zweifel an,22 wobei ei- so hätte er es vielleicht von außen zeigen können). Aber
nige durchaus berechtigt waren, andere Argumente jedoch aus irgendeinem Grund wollte er mir den Ort nicht zei-
etwas zu kurz griffen. So unterstellte man, Lachout habe be- gen.”
hauptet, daß das Rundschreiben ein alliiertes Dokument ge- Wen wundert es da noch, daß natürlich auch Lachouts dama-
wesen sei, was sich leicht widerlegen ließ. So wies Bailer- liger Vorgesetzter beim MPD, der Major Anton Müller, nie
Galanda darauf hin, daß auf den von Lachout vorgelegten irgendwo in Erscheinung getreten ist – außer in den Erzäh-
Schriftstücken (er hatte noch einige weitere Schriftstücke lungen Emil Lachouts.
dem Gericht eingereicht) mal die Bezeichnung “Militärpoli-
zeilicher Dienst”, mal “Alliiertes Militärkommando für 3.3. DIE AKTENLAGE
Österreich” auftaucht. Die Verfasserin stellt fest, daß “gemäß Wie Emil Lachout in seinem Sieg-Interview von 1989 an-
aller vorhandenen Unterlagen und Zeugenaussagen über die gab,17 hatte er bei sich zu Hause eine Reihe von Dokumenten
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(bzw. Kopien) aufbewahrt, die damals wie heute von größ- worden und durch einen Kontrolloffizier bestätigt worden.
tem Interesse gewesen wären – wenn sie denn existierten. Als Erst dann sei es zur Verteilung freigegeben und an alle Mili-
Beweis für die Existenz des MPD führt Lachout u.a. an: tärkommandos in der russischen Zone verteilt worden. Einige
– 3 Stück Kopien des L[achout-]Dokuments (MPD-Rund- Ausfertigungen sollen auch an die Alliierten und die österrei-
schreiben Nr. 31/48) mit den Ausfertigungsnummern 15, chische Bundesregierung gegangen sein.10 Die Darstellung
22 und 34 (also zusätzlich zu der Ausfertigung Nr. 10)! Lachouts wirft wieder einmal Fragen auf:
– MPD-Standesmeldung vom 1.1.1949 a) Zum Vervielfältigungs-Verfahren
– MPD-Standesmeldung vom 1.3.1955 Bei dem damals verbreiteten Hektographie-Verfahren
– MPD-Schreiben vom 10.11.1948, Vorlage des “Gutachtens mußte das Original auf eine spezielle Folie (Matrize) ge-
über den sogenannten Gaswagen von Mauthausen” tippt werden, von der man bis zu 100 Kopien “abziehen”
– Schreiben der Alliierten vom 14.2.1955 über die Auflösung konnte. Ob man auch amtliche Rundschreiben hektogra-
des MPD (Ende März 1955) phierte, ist unklar. Ansonsten kam zur Vervielfältigung ei-
– Mehrsprachiger MPD-Dienstausweis vom 25.10.1945 nes Dokuments damals wohl nur ein Druck-Verfahren in
[sic!] mit allen Beförderungen bis zum Major Frage, wobei man auch Unterschriften in Faksimile wie-
– MPD-Schreiben vom 27.10.1948 (Rücksendung des Unter- dergeben konnte. Bei kleinen Stückzahlen blieb immer
suchungsberichtes von US-Oberst Dr. [sic] Stephen Pinter) noch das Abschreiben per Schreibmaschine. Laut Emil
– MPD-Schreiben vom 16.11.1948, Vorlage der übersetzten Lachout wurden etwa 50 - 60 Ausfertigungen des Rund-
Pinter-Untersuchungsberichte betr. Mauthausen an das schreibens angefertigt und verteilt. Hat man damals ein
Bundeskanzleramt Rundschreiben, auch wenn es nur eine halbe Seite lang
Einige dieser Dokumente wären geradezu sensationell. Das war, wirklich 50 - 60 mal abgetippt? Natürlich konnte man
Dumme ist nur: Sie wurden alle bei einer Haussuchung am von einem Bogen auch mehrere Durchschläge anfertigen –
15.09.1988 durch die Staatspolizei beschlagnahmt (anschei- aber galten die als vollwertige Dokumente?
nend ohne Quittung) und sind seitdem spurlos verschwun- b) Richtigzeichnung
den…17 Andere Dokumente hat die Staatspolizei anscheinend “Für die Richtigkeit der Ausfertigung” (F. d. R. d. A.) zeich-
zurückgelassen, so z.B. ein Schreiben eines “Polizeilichen nete Lachout angeblich auf jeder einzelnen der 50 - 60 Aus-
Hilfsdienstes für die Kommandantur der Stadt Wien”24 vom fertigungen. Selbst wenn man die schwierigen Nachkriegs-
7.5.1945 (!), gerichtet an den “Polizeichef für den 1. Bez., verhältnisse berücksichtigt, so mutet dieses Verfahren doch
Wien I., Stallburggasse 4”. Das Schreiben zielt offenbar dar- sehr umständlich an. Hatte der Major Müller denn keinen
auf ab, die Existenz des MPD dadurch glaubhaft zu machen, Faksimile-Stempel mit seiner Unterschrift?
daß die Existenz einer Vorgänger-Organisation suggeriert
wird. Für eine Analyse dieses Schreibens ist hier nicht der 4.2. WELCHE VERSION DES DOKUMENTS LIEGT EIGENTLICH
Platz. Erstaunlich ist jedenfalls, daß es am 5.5.1945 bereits VOR?
wieder eine österreichische Staatskanzlei gegeben haben soll Das Original des MPD-Rundschreibens RS 31/48, das am
– drei Wochen nach der Eroberung Wiens durch die Rote 1.10.1948 von Major Müller unterzeichnet und von Leutnant
Armee und drei Tage vor der Kapitulation der Wehrmacht. Lachout richtiggezeichnet wurde, ist verschollen. Theoretisch
Glückliches Österreich! Hatte sich das Leben in Wien An- müßte es sich in einem österreichischen Archiv befinden.
fang Mai 1945 wirklich schon wieder so weit normalisiert, Durch Abschriften, nachträgliche Beglaubigungen und Foto-
daß es eine Staatskanzlei gab, die man bewachen mußte? Das kopien ist heute eine komplizierte Situation entstanden. Die
schönste an dem Dokument ist aber ein prächtiger großer Frage ist: Was für ein Exemplar hat denn nun eigentlich Emil
Rundstempel mit der Aufschrift (in deutsch und russisch): Lachout in Händen? Das hängt davon ab, welcher der oben
“Polizeilicher Hilfsdienst f. d. Kommandantur d. Stadt dargestellten fünf Versionen man Glauben schenken will.
Wien”, in der Mitte der österreichische Doppeladler (Abbil- Laut Version 3 hat Lachout im Jahre 1948 “Kopien wichtiger
dung 2). Es erübrigt sich fast zu sagen, daß man ansonsten Dokumente” mit nach Hause genommen, womit der damals
von diesem “Polizeilichen Hilfsdienst” genau so wenig etwas 20-Jährige eine geradezu prophetische historische Weitsicht
gehört hat wie vom MPD. bewiesen hätte. Er hat diese Version allerdings nur gegen-
Bemerkenswert sind übrigens die beiden oben erwähnten – über Sieg12,17 vertreten, in den späteren Versionen 4 und 5 ist,
leider verschwundenen – MPD-Schreiben vom 27.10.1948 wahrscheinlich wegen des Problems Abschrift, davon nicht
und vom 16.11.1948, in denen der U.S. Oberst Stephen Pin- mehr die Rede. Das heute als Lachout-Dokument bekannte
ter mit Mauthausen in Zusammenhang gebracht wird. Wir Schriftstück ist nämlich nicht eine der damals zur Verteilung
kommen darauf zurück. angefertigten Maschinenabschriften (“10. Ausfertigung”),
sondern, wie auch Lachout gegenüber der Staatspolizei ein-
4. Zur Entstehung und Form des Schriftstücks geräumt hat,10 nur eine damals angefertigte Abschrift der 10.
4.1. DAS KOPIERVERFAHREN Ausfertigung.
Zur Entstehung des Rundschreibens hat Emil Lachout bei Laut Version 4 und 5 wurde ihm das Dokument, also die Ab-
verschiedenen Gelegenheiten widersprüchliche Angaben ge- schrift der 10. Ausfertigung, nun von den beiden unbekann-
macht, so z.B. gegenüber der Staatspolizei9,10 oder im 2. ten Beamten vorgelegt. Theoretisch müßte der Text zu die-
Zündel-Prozeß in Toronto.25 Demnach habe er selbst das sem Zeitpunkt mit Abschrift und “Militärpolizeilicher
Rundschreiben seinerzeit entworfen und zur Unterschrift Dienst” begonnen und mit der Richtigzeichnung (F. d. R. d.
durch seinen Vorgesetzten Major Müller vorbereitet. Müller A.), Lachouts Unterschrift und dem Stempel “Republik
habe es vor seinen Augen unterschrieben. Er (Lachout) habe Österreich – Wachbataillon Wien – Kommando” geendet ha-
dann im Büro die Kopien anfertigen lassen, die er durch Un- ben. Alles andere sind spätere Zusätze (Abbildung 1). Auf
terschrift und Stempel richtigzeichnete. Außerdem sei das dem vergilbten Nachkriegspapier dieser Abschrift müßten
Rundschreiben in die drei Sprachen der Alliierten übersetzt sich die Stempelmarken vom Oktober 1987 befinden. Dann

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haben natürlich die Beamten ihr nunmehr beglaubigtes und Da angeblich von dem Original 50 bis 60 numerierte Aus-
mit Stempelmarken versehenes Exemplar wieder mitgenom- fertigungen getippt wurden, wäre es nicht nötig gewesen,
men, wobei sie Lachout erlaubten, sich eine Fotokopie anzu- jede einzelne als Abschrift zu kennzeichnen. Wenn trotz-
fertigen. Lachout kann also nur eine Fotokopie dieser Ab- dem “ABSCHRIFT” dasteht, so kann das eigentlich nur
schrift besitzen, auf der auch die Stempelmarken nur in Ko- bedeuten, daß von der 10. Ausfertigung des Rundschrei-
pie erscheinen. bens noch einmal eine Abschrift angefertigt wurde. Von
Das beglaubigte Exemplar mit den echten Gebührenmarken der österreichischen Staatspolizei wurde Lachout bei sei-
wurde also von den Beamten wieder mitgenommen. Es ist ner zweiten Einvernahme offenbar auf diese Ungereimt-
niemals wieder aufgetaucht, keine Behörde, kein Innenmini- heit angesprochen. Er akzeptiert die Logik seiner Verneh-
ster hat von dem Dokument jemals Gebrauch gemacht. Wenn mer, wonach das vorliegende Papier eigentlich nur die
die österreichischen Behörden das Dokument aber unterdrük- Abschrift der 10. Ausfertigung sein dürfte, indem er
ken wollten – warum sind sie damit überhaupt erst zu sagt:10
Lachout gegangen? Fragen über Fragen... und jede Antwort “Warum es gerade von der 10. Ausfertigung eine Ab-
reißt wieder neue Fragen auf.26 schrift gibt, kann ich nicht angeben.”
Später, in seinem Sieg-
17
4.3. FORMALE ASPEKTE DES Prof. Dr. Robert Faurisson Interview von 1989, läßt er den
SCHREIBENS Eindruck entstehen, daß er selbst
Der ursprüngliche Schriftsatz be- zum Fall Lachout damals beim MPD die bewußte
ginnt, wie bereits erwähnt, mit der “Ich bin mir nicht absolut sicher, ob Abschrift von der 10. Ausferti-
ausstellenden Behörde “Militärpo- wir Emil Lachout trauen können. Ich gung veranlaßt und mitgenom-
lizeilicher Dienst” und endet mit men habe (vgl. Version 3).
hatte wirkliche Schwierigkeiten, prä-
dem Stempel “Republik Österreich Im Falle einer Abschrift würde
zisere Informationen über die ‘Kom-
– Wachbataillon Wien – Komman- sich das Fehlen eines Briefkop-
mission’ von ihm zu erhalten.”
do”. Alles andere sind spätere Zu- fes natürlich erklären. Aber
(Schreiben an den Autor, 23.6.2002)
taten. Gemessen an den Anforde- Lachout hat dieses Argument
rungen, die man an ein Dokument “Ich bat ihn [Lachout], die Trost- gar nicht gebraucht, sondern be-
stellen muß, und sei es auch nur die Kaserne aufzusuchen, damit er mir hauptet, daß es im internen
Vervielfältigung eines Rundschrei- zeigen könne, wo genau sich sein Bü- Schriftverkehr des MPD keine
bens, fällt bei näherer Betrachtung ro befunden habe (selbst wenn man Briefköpfe gab (vgl. a). Sollte er
folgendes auf: uns nicht hineingelassen hätte, so wirklich bereits 1948 eine Ab-
a) Kein Briefkopf hätte er es vielleicht von außen zei- schrift der 10. Ausfertigung mit
Das Schriftstück wurde nicht auf gen können). Aber aus irgendeinem nach Hause genommen haben,
einen Briefbogen mit vorge- Grund wollte er mir den Ort nicht zei- dann ist allerdings die Geheim-
druckter Kopf- und Fußzeile, gen. […] Wie Sie wissen oder wissen nistuerei über das Wiederauftau-
sondern auf blankes Papier ge- sollten, ein Mythomane begnügt sich chen des Dokuments und die
tippt. Dazu äußert sich Lachout nicht mit einer Lüge; er lügt fast un- verschiedenen Legenden (mal
bei der Staatspolizei wie folgt10: unterbrochen. Lachout zum Beispiel hat es Honsik aufgestöbert, mal
“Intern wurde außer der Nen- kann einem keine eigene Meinung sind die Historiker oder die zwei
nung MPD nichts angeführt. oder Stellungnahme senden, ohne es Beamten damit angekommen)
Im übrigen Schriftverkehr als ‘Gutachten’ (sic) zu präsentieren. unverständlich. Sollten wirklich
bzw. Akten wurden als Kopf Das ist bereits eine Lüge oder doch die beiden Beamten mit dem
Stempel verwendet (cyrillische zumindest eine unzulässige Art von Schriftstück angerückt sein, so
Buchstaben), sinngemäß hat Druck oder Verzerrung. […] muß man sich fragen, wieso das
der Kopf z.B. gelautet: ‘Be- Österreichische Staatsarchiv
PS: Nachdem Zündel nach Lachouts
zirkskommandantur der Roten oder das Innenministerium nicht
Aussage vor Gericht eine lange Un-
Armee in Favoriten’. Darun- einmal eine der 50-60 Ausferti-
terhaltung mit ihm hatte, sagte er mir,
ter stand noch in russisch gungen zur Verfügung hatte,
er könne dem Mann nicht trauen.”
‘Österr. militärpolizeilicher sondern nur diese zweitrangige
(Schreiben an den Autor, 5.8.2002)
Dienst’ in Klammerausdruck Abschrift.
auch deutsch.” c) Numerierte Ausfertigungen
Lachout behauptet also, daß es im internen Schriftverkehr Die Numerierung der einzelnen Ausfertigungen bei einem
des MPD keine Briefköpfe gegeben habe. Dies erscheint – Rundschreiben ist ungewöhnlich, denn so verfährt man
selbst angesichts der Nachkriegsverhältnisse – wenig nur bei einem kleinen Empfängerkreis mit hoher Geheim-
glaubwürdig. Das Fehlen eines Briefkopfes wurde bereits haltungsstufe. In seiner zweiten Einvernahme bei der
vom DÖW moniert, wobei man aber auf die Vorstellung Staatspolizei gibt Lachout an:10
1
von einem alliierten Dokument fixiert war: “daß es sich um einen internen Erlaß an die Wachpo-
“Es ist undenkbar, daß eine alliierte Behörde auf ihrem sten (Trupps) bei den Bezirksmilitärkommandos der Al-
amtlichen Papier keinen eigenen Kopf mit Angabe der liierten in Österreich handelt. [...] Weiters erkläre ich
zuständigen Kommandantur trug.” den Ausdruck 10. Ausfertigung damit, daß ein Rund-
b) Abschrift einer Abschrift?! schreiben nach einem bestehenden Verteilerschlüssel
Über dem ersten Wort des eigentlichen Textes – “Militär- verteilt wurde. In solchen Rundschreiben wurde das
polizeilicher Dienst” – steht, in der obersten Zeile rechts Wort ‘Ausfertigung’ mit Maschine vorgeschrieben, die
und meist gar nicht beachtet, das Wort “ABSCHRIFT”. Zahl wurde handschriftlich eingesetzt.”

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 173


Da auf dem Lachout-Dokument die Nummer der Ausferti- Aus der Tatsache, daß Lachout bei seiner zweiten Einver-
gung nicht von Hand, sondern mit der Maschine eingesetzt nahme offenbar recht eingehend zu den formalen Aspekten
ist, kann es sich, nach der Logik der Staatspolizei, der des Rundschreibens befragt wurde, kann man schließen, daß
Lachout nicht widerspricht, bei dem heutigen Exemplar auch die Staatspolizei Zweifel an der Echtheit hatte und daß
nur um eine Abschrift der 10. Ausfertigung handeln. man von der Herkunft des Dokuments aus einem österreichi-
d) Keine Unterschrift schen Archiv (die “zwei Beamten”) nichts wußte.
Als Unterzeichner ist angegeben “Der Leiter des MPD:
Müller, Major”, dessen Unterschrift allerdings fehlt. Wie 4.4. DIE BEGLAUBIGUNGEN
Lachout aussagt, unterschrieb Müller nur auf dem Origi- Mit Ausnahme des ersten Stempels “Republik Österreich –
nal, das verschollen ist – falls es jemals existiert hat. War- Wachbataillon Wien – Kommando” wurden die diversen
um hatte Müller, angeblich Leiter einer Truppe von 500 Stempel und Stempelmarken alle erst im Oktober 1987 ange-
Mann, keinen Faksimile-Namensstempel? bracht. Zunächst einmal bestätigt Emil Lachout am 27. Okt.
e) Der Stempel 1987, daß er derjenige war, der am 1.10.1948 “Für die Rich-
Das einzige “Amtliche” an dem ursprünglichen Schrift- tigkeit” gezeichnet hat. Diese Bestätigung kostete eine 120-
stück ist ein einfacher Dreizeilen-Stempel, wie man ihn Schilling-Stempelmarke, die per Rundstempel des Bezirksge-
auch mit einem Spielzeug-Stempelkasten für Kinder her- richts Wien-Favoriten entwertet wurde. Ferner bestätigt das
stellen kann. Dabei fallen zwei Punkte auf: Bezirksgericht die Identität Lachouts und die Echtheit seiner
– Obwohl es sich um ein Rundschreiben des “Militärpoli- Unterschrift, was noch einmal 120 Schilling kostet. Die übri-
zeilichen Dienstes” handeln soll, lautet der Stempel gen 40 Schilling (2 Gerichtskostenmarken à 20,- Schilling)
“Republik Österreich – Wachbataillon Wien – Kom- waren fällig für die Registrierung des Vorgangs.
mando”. Ein Wachbataillon ist aber nicht dasselbe wie Über die Echtheit des Dokuments selbst sagen die Stempel
eine polizeiliche Hilfstruppe. Aufgrund der Recherchen und Gebührenmarken vom Oktober 1987 gar nichts aus. Der
des DÖW gab es im Jahre 1948 kein “Wachbataillon am linken Rand befindliche Fünf-Zeilen-Stempel schließlich
Wien”.1 Dies ist ein schwerwiegendes Indiz gegen die ist ein privater Stempel Lachouts. Alle Stempel und Gebüh-
Echtheit des Stempels und des Dokuments. renmarken können letztlich nicht darüber hinwegtäuschen:
– Selbst für die Nachkriegszeit ist der verwendete Stempel das Lachout-Dokument ist ein Einzelstück zweifelhafter Her-
für eine Organisation wie den MPD ein bißchen dürftig, kunft. Außer dem vorliegenden Rundschreiben Nr. 31/48 ist
zumal ja die Vorgängerorganisation “Polizeilicher Hilfs- bis heute kein einziges weiteres Dokument des MPD aufge-
dienst” – deren Existenz genauso zweifelhaft ist – bereits taucht.
am 7.5.1945 (drei Wochen nach dem Fall Wiens!) über
einen prächtigen großen Rundstempel verfügte (Abb. 2). 5. Textkritik
5.1. DIE KERNAUSSAGE DES DOKUMENTS
Unmittelbar nach der Einnahme der Konzentrationslager
führten die Siegermächte Untersuchungen zur Aufdeckung
angeblicher oder tatsächlicher deutscher Verbrechen durch.
Aufgrund der alliierten Berichte sowie auch der Aussagen
ehemaliger Häftlinge gab es 1945 von den etwa 15 großen
deutschen Konzentrationslagern kaum eines, von dem nicht
die Existenz einer Gaskammer behauptet wurde. Dazu gehör-
ten auch solche Lager, bei denen man die Gaskammer-
Behauptung inzwischen stillschweigend fallengelassen hat
(Buchenwald, Bergen-Belsen u.a.) oder wo die Existenz einer
Gaskammer höchst zweifelhaft ist (Dachau, Mauthausen,
Sachsenhausen u.a.). Wieder andere sind der Geschichtsfor-
schung in vielen europäischen Ländern durch die Strafgeset-
ze entzogen.
Die Kernaussage des Rundschreibens besteht nun bekannt-
lich darin, daß die Alliierten im Jahre 1948 eine Überprüfung
ihrer ersten, 1945 entstandenen Berichte vorgenommen und
zu diesem Zweck “Alliierte Untersuchungskommissionen” in
eine Reihe von ehemaligen Konzentrationslagern entsandt
hätten. In Absatz 1 des Rundschreibens wird festgestellt, daß
in den 13 genannten Lagern “keine Menschen mit Giftgas ge-
tötet wurden”. Absatz 2 bezieht sich auf ein früheres MPD-
Rundschreiben RS 15/48, das verschollen ist. Emil Lachout
gibt an, daß es einen ähnlichen Inhalt hatte, daß aber noch
nicht alle 13 Lager aufgeführt waren, weil die Untersuchun-
gen noch im Gange waren.15
Solche quasi revisionistischen Untersuchungen widerspre-
chen allerdings diametral der Nachkriegspolitik der Alliier-
Abbildung 2: Polizeilicher Hilfsdienst für die Kommandantur ten, deren Kriegsverbrecherprozesse noch auf vollen Touren
der Stadt Wien, Schreiben an den Polizeichef für den 1. Be- liefen. Selbst die Tatsache, daß in einem Dokument etwas
zirk vom 7.5.1945 – so jedenfalls behauptet es Emil Lachout Wahres steht (im Fall des Rundschreibens 31/48 das Nicht-

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vorhandensein von Gaskammern in bestimmten Lagern), be- Gefängnis Landsberg unter dem Motto “Stop the hanging
weist natürlich nicht, daß das Dokument echt ist. So haben machine”. Im Mai oder Juni 1948 beauftragte der Armeemi-
namhafte revisionistische Forscher von Anfang an Zweifel an nister Royall – widerwillig – zwei Armee-Richter des Judge
der Echtheit gehabt. Wie steht es, abgesehen von der Nichte- Advocate General Department (JAGD), nämlich Oberst Gor-
xistenz gewisser Gaskammern, mit den sonstigen Aussagen don Simpson und Oberst Edward Leroy van Roden, mit der
des Dokuments? Damit sind wir bei dem Problem der “Alli- Bildung einer Untersuchungskommission. Diese sog. Simp-
ierten Untersuchungskommissionen”. son/van Roden-Kommission traf am 12. Juli 1948 in Mün-
chen ein und legte am 15. Sept. 1948 einen Bericht vor, der
5.2. DIE ALLIIERTEN UNTERSUCHUNGS-KOMMISSIONEN VON vom Armeeminister – widerwillig und erst unter dem Druck
1948 der Öffentlichkeit – am 6. Jan.1949 zur Veröffentlichung
Aus dem Rundschreiben geht hervor und Emil Lachout hat freigegeben wurde.28
mehrmals in diesem Sinne ausgesagt,27 daß 1948 nochmals Wenn nun Lachout von einer Untersuchungskommission er-
alliierte Untersuchungen in ehemaligen deutschen Konzentra- zählt, die 1948 in Mauthausen gewesen sein soll, so paßt dies
tionslagern stattfanden, die eine Überprüfung der früheren, zeitlich gut zur Tätigkeit der historischen Simpson/van Ro-
meist schon 1945 erstellten alliierten Berichte vornahmen. So den-Kommission. Lachout steuert einige Details dazu bei. So
hätten er selbst und sein MPD-Vorgesetzter, Major Müller, soll besagte “Alliierte Untersuchungskommission” aus je
bei der Untersuchung des ehemaligen KL Mauthausen als zwei Ermittlern der Militärpolizei der vier Besatzungsmächte
österreichische Beobachter teilgenommen. Das DÖW hat sowie zwei österreichischen Beobachtern (Müller und Lach-
seine inhaltliche Kritik vor allem auf den Begriff “Alliierte out) bestanden haben. Leiter der Kommission war angeblich
Untersuchungskommissionen” konzentriert, den es in dieser der Anwalt des US-Kriegsministeriums Oberst Stephen F.
allgemeinen Form nicht gegeben habe. Gegeben habe es aber Pinter. Die Kommission sei 1949 aufgelöst worden und nur
die United Nations War Crimes Commission (UNWCC) in bei Bedarf wieder zusammengetreten.25 Im Sieg-Interview17
London:1 erwähnt Lachout im Zusammenhang mit einem angeblichen
“Der Prozeß gegen die Verantwortlichen des KZ Mauthau- Untersuchungsbericht Pinters zwei einschlägige MPD-
sen wurde von einem US-Gericht in Dachau verhandelt, Schriftstücke, die anläßlich einer Haussuchung bei ihm be-
wobei auch die Frage der Tötungen durch Giftgas behan- schlagnahmt worden seien (vgl. 3.3). Seine Darstellung ist al-
delt wurde. Es wäre also geradezu absurd, wenn dieselbe lerdings korrekturbedürftig. Aufgabe der Simpson/van Ro-
Behörde [UNWCC], die diese umfangreichen Prozesse den-Kommission, so wie später des sog. Baldwin-Ausschus-
durchführte, ein Dokument dieser Art [Lachout-Dokument] ses, war nämlich die Überprüfung der amerikanischen Mili-
verfaßt hätte.” tär-Gerichtsbarkeit und deren ungesetzliche Methoden, nicht
Es sei dahingestellt, ob die UNWCC die Gerichtsherrin der die nochmalige Inspektion der ehemaligen deutschen Kon-
Dachauer Prozesse war, denn das war wohl vielmehr das zentrationslager. Dafür, daß Simpson und van Roden eine
U.S. Kriegsministerium. Ansonsten ist aber dieses Argument oder mehrere Unterkommissionen in die ehemaligen KZ ent-
des DÖW nicht von der Hand zu weisen: die Alliierten oder sandt hätten, gibt es – außer im Lachout-Dokument – keiner-
die Amerikaner, die damals noch Kriegsverbrecherprozesse lei Beleg. Außerdem war die Simpson/van Roden-Kommis-
durchführten, dachten gar nicht daran, ihre früheren KZ- sion eine rein amerikanische Veranstaltung. Die mysteriöse
Berichte in Zweifel zu ziehen und zu überprüfen. Wie steht “Mauthausen-Kommission” hatte aber, laut Lachout, eine al-
es also mit der von Lachout behaupteten “Alliierten Untersu- liierte Zusammensetzung – trotz des inzwischen ausgebro-
chungskommission”, die 1948 in Mauthausen gewesen sein chenen “Kalten Krieges” (Beginn der Berliner Blockade am
soll? Tatsächlich hat es nämlich 1948/49 zwei amerikanische 24. Juni 1948).
(nicht alliierte!) Untersuchungskommissionen gegeben, die
auch in Deutschland und Österreich tätig waren: die Simp- 5.3. DER NICHT VORHANDENE BERICHT DER IMAGINÄREN
son/van Roden-Kommission und den Baldwin-Ausschuß. MAUTHAUSEN-KOMMISSION
Diese Kommissionen befaßten sich allerdings nicht mit den Wo es eine Untersuchungs-Kommission gibt, da gibt es auch
(angeblichen) Verbrechen in den deutschen Konzentrations- einen Bericht. So wurde bekanntlich schon im Juni 1945 ein
lagern, sondern mit dem ungesetzlichen Vorgehen der US- amerikanischer Bericht über das KL Mauthausen erstellt.29
Militärgerichtsbarkeit.28 Das Vorgehen der amerikanischen Sollte 1948 nochmals eine alliierte Kommission in Mauthau-
Untersucher und Kriegsgerichte bei der Vorbereitung und sen gewesen sein, so müßte auch sie einen Bericht über ihre
Durchführung der Kriegsverbrecher-Prozesse, ganz beson- Erkenntnisse abgeliefert haben. Ein solcher ist aber bis heute
ders bei dem Malmedy-Prozeß, hatte zu Protesten gegen die- nicht aufgetaucht. Um so mehr ist man elektrisiert, wenn sich
se Art der Justiz geführt, u.a. durch deutsche Bischöfe und plötzlich doch ein Hinweis auf einen solchen zweiten Maut-
die deutschen Rechtsanwälte der Angeklagten. In der ameri- hausen-Bericht findet. Als Entgegnung auf zwei Artikel von
kanischen Presse erschienen Berichte über brutale Mißhand- Till Bastian in Die Zeit30 brachte der damals 80-jährige Gene-
lungen der Beschuldigten (zumeist junge Soldaten der Waf- ralmajor a.D. der deutschen Wehrmacht, Otto Ernst Remer,
fen-SS), schlimmste Haftbedingungen, Methoden der psychi- eine Broschüre des Titels Die Zeit lügt! heraus.31 Im Quel-
schen Folter wie totale Isolierung, Scheinverfahren (mit To- lenverzeichnis dieser Broschüre steht nun unter [56]: S. Pin-
desurteil und Scheinhinrichtung), falsche Zeugen, falsche ter, Mauthausen-Bericht, Beilage 3/Us-Army Chemical
Beichtväter, Behinderung der Verteidigung usw. Diese haar- Corps, 5.8.1948 [sic].
sträubenden, der amerikanischen Rechtstradition hohnspre- Da wird also der historische Oberst Stephen F. Pinter als
chenden Justizverhältnisse drohten die Glaubwürdigkeit der Verfasser und der 5.8.1948 als Datum eines zweiten Maut-
Kriegsverbrecher-Prozesse und das Ansehen der amerikani- hausen-Berichts genannt! Dieser Bericht wäre eine kleine
schen Justiz zu erschüttern. In Amerika brach eine Kampagne Sensation, denn er wäre natürlich der fehlende Beweis für die
los gegen die Massenhinrichtungen im Kriegsverbrecher- von Lachout behauptete Mauthausen-Kommission des Jahres

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 175


1948. Es wird allerdings weder ein Archiv-Fundort noch eine Gutachtens vom Juli 1993 zitiert er das Diagramm bzw. den
Archiv-Signatur genannt. Merkwürdig ist auch, daß der Be- (angeblichen) Pinter-Bericht zwar noch, läßt dabei aber
richt von derselben US-Einheit gekommen sein soll, dem 3rd schon Skepsis erkennen.35 In den späteren Fassungen des
U.S. Army Chemical Corps,29 deren Bericht von 1945 man Rudolf-Gutachtens wird der (angebliche) Pinter-Bericht nicht
doch eigentlich überprüfen wollte! In welchem Zusammen- mehr erwähnt.36 Die Aussage von Germar Rudolf ist ein wei-
hang wird eigentlich dieser mysteriöse Bericht zitiert? An- terer Beleg dafür, daß führende Revisionisten den Aussagen
merkung 56 befindet sich in der Beschriftung eines Dia- Emil Lachouts skeptisch gegenüberstanden und daß die Le-
gramms, die da lautet: gende von einer alliierten, von Pinter geleiteten Kommission
“Grafik 1: Verdampfungsgeschwindigkeit von Blausäure in Mauthausen auf Lachout zurückgeht.
vom Trägermaterial des Zyklon B nach US-Army Chemical Der bei Remer erwähnte und uns so brennend interessierende
Corps [56].” Bericht vom “5.8.1948” entpuppt sich somit auch als Phan-
Das Diagramm wird in der Remer-Broschüre gebracht als Il- tom. Den echten Abschlußbericht von Simpson und Van Ro-
lustration für die langsame Verdampfung von Blausäure den kennen wir zwar nicht, jedoch wäre die Feststellung
(HCN). Die Beschäftigung mit einer typisch revisionistischen “keine Gaskammern” so sensationell gewesen, daß man da-
Fragestellung (Verdampfungsgeschwindigkeit von Blausäu- von gehört hätte. Man könnte dem entgegenhalten, daß die
re) schon im Jahre 1948 wirkt zwar ungewöhnlich, ist aber Ergebnisse geheim bleiben sollten, aber wieso wurden sie
nicht ausgeschlossen. So bestimmte die im Spätsommer 1944 dann ausgerechnet bei dem in der Sowjetzone Österreichs tä-
in Majdanek tätige polnisch-sowjetische Kommission z.B. tigen MPD bekannt gemacht, und das nach Ausbruch des
das Füllgewicht der Zyklon B-Dosen durch Wägung vor und Kalten Krieges?
nach Verdampfung der Blausäure.32 Von Germar Rudolf hö- Noch einmal zu dem erwähnten U.S. Oberst Stephen F. Pin-
ren wir nun, daß er selbst den Großteil der besagten Remer- ter, der in den Nachkriegsjahren Anwalt des US-Kriegsmini-
Broschüre verfaßte und daß das Diagramm ihm von Emil steriums bei der U.S. War Crimes Investigation in Deutsch-
land und Österreich tätig war. Pinter, ein echter Deutsch-
Lachout zugesandt wurde.33
Amerikaner und im Zivilberuf Rechtsanwalt, war nicht ohne
Es geht offensichtlich auf entsprechende Firmenschriften der
Sympathie für die besiegten Deutschen und führte seine Un-
DEGESCH (Irmscher 1942) bzw. der Detia Freyberg GmbH
tersuchungen gegen die Beschuldigten anscheinend sehr ob-
(1991) zurück, wie sie später von Lamprecht reproduziert
jektiv durch, wodurch er sich wohltuend vom Gros seiner
wurden,34 jedoch sind im Diagramm (wahrscheinlich aus
Kollegen unterschied. Man weiß über diesen verdienstvollen
Versehen) die Verdampfungszeiten 10mal länger dargestellt
Mann nur sehr wenig, und so dürfte er vielen nur aufgrund
als in Wirklichkeit. Wegen dieses Fehlers hatte auch Rudolf
seines Leserbriefes an eine amerikanische Sonntagszeitung
an dem Diagramm Zweifel. In der Erstausgabe des Rudolf-
bekannt sein (1959), in welchem er sich zur Gaskammerfrage
äußert.37
Als Prof. Faurisson im Dezember 1987 sich in Wien mit
Honsik und Lachout unterhielt, war von Pinter anscheinend
nicht die Rede. Faurisson erkannte aber sofort, daß Lachouts
Aussagen, das Lachout-Dokument und der Pinter-Brief sich
gegenseitig bestätigen und ergänzen, und so schrieb er:15
“Stellt dieses Dokument nicht eine Bestätigung der Aussa-
ge eines gewissen Stephen Pinter dar, die dieser 1959
machte?”
Ein Jahr später deutet dann auch Emil Lachout an, daß die
Mauthausen-Kommission (1948) durch Pinter geleitet wor-
den sei, d.h. er zählt zwei (angebliche) MPD-Schreiben auf
(vgl. 3.3), die sich auf Pinters (angeblichen) Mauthausen-
Bericht beziehen und (angeblich) anläßlich einer Haussu-
chung bei ihm beschlagnahmt worden seien.17 Die Aussage
von Pinter als Leiter einer zweiten Mauthausen-Kommission
hat Lachout auch später wiederholt.5 Schade nur, daß es diese
Kommission nicht gab, und so kann es auch nicht stimmen,
daß Pinter sie geleitet hat. Vermutlich wurde der historische
Oberst Pinter nur ins Spiel gebracht, um der fiktiven “alliier-
ten Kommission” eine gewisse Glaubwürdigkeit zu verlei-
hen.

6. Schlußbetrachtung
Außer dem Lachout-Dokument, den Erzählungen Emil Lach-
outs und einem ebenfalls von Lachout stammenden “Pinter-
Bericht” gibt es nichts, was die Tätigkeit alliierter Untersu-
chungskommissionen belegt, die im Jahre 1948 in ehemali-
gen deutschen Konzentrationslagern, speziell im KL Maut-
Abbildung 3: Eine der etwa 300 Eingaben, die Emil Lachout hausen, tätig gewesen sein sollen. Entsprechende Berichte
unter Ausnutzung der österreichischen Strafprozeßordnung sind nie aufgetaucht. Diese Kommissionen sind ein Phantom.
dem Gericht zur Kenntnis brachte.

176 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


Schließlich hätte ihre Existenz auch der Umerziehungs- te offenbar nicht damit gerechnet, daß Lachout den Spieß
Politik der Alliierten widersprochen. Ebensowenig nach- umdrehen und die Republik Österreich in Straßburg wegen
weisbar ist der “Militärpolizeiliche Dienst” im Österreich der Verweigerung eines Menschenrechtes (durch Prozeßver-
Nachkriegsjahre. Auch hier gehen alle Angaben sowie auch schleppung) verklagen würde. Lachout bekam Recht39 –
Dokumente, die direkt oder indirekt die Existenz des MPD nicht in Sachen Gaskammer, versteht sich, sondern wegen
glaubhaft machen sollen, letztlich auf Emil Lachout zurück. der Prozeßverschleppung – und die Republik Österreich zahl-
Diese Truppe ist eine Geisterarmee. Deshalb kann auch die te an ihn eine “gerechte Genugtuung”.
Entstehungsgeschichte des Lachout-Dokuments nicht stim-
men. Darüber, wie und woher das Schriftstück im Jahre 1987 7. Anmerkungen
auftauchte, gibt es mindestens 5 Versionen voller Unge- 1
Brigitte Bailer-Galanda, Wilhelm Lasek, Wolfgang Neugebauer, Gustav
reimtheiten und Widersprüche. Damit bleibt nur ein Schluß Spann (Dokumentationszentrum des österr. Widerstandes), Das Lachout-
übrig: ”Dokument” - Anatomie einer Fälschung, Verlag DÖW, Wien 1989.
2
Das Rundschreiben ist eine Fälschung. Brigitte Bailer-Galanda, “Das sogenannte Lachout-’Dokument’”, in:
DÖW und Bundesministerium für Unterricht und Kunst (Hg.), Amoklauf
Für den Zweck dieser Studie mag offenbleiben, wer der Fäl- gegen die Wirklichkeit. NS-Verbrechen und revisionistische Geschichts-
scher ist. klitterung, 2. Aufl., Verl. DÖW, Wien 1992.
Für viele, die bisher an das Dokument glaubten, mag diese 3
Zum Fall Lachout vgl. den Beitrag von Johannes Heyne, “Die ‘Gaskam-
Erkenntnis überraschend sein. Daß sich der Glaube an die mer’ im KL Mauthausen – Der Fall Emil Lachout”, VffG 7(3&4) (2003),
Echtheit des Dokuments bis heute halten konnte, liegt nicht S. 422-435.
4
Emil Lachout, Schreiben vom 5.8.2001 an den Verfasser
zuletzt daran, daß die Kritiker im DÖW ihre Recherche- 5
Emil Lachout, Schreiben vom 25.9.2001 an den Verfasser
Ergebnisse mit einer heftigen Polemik gegen den Revisio- 6
Vgl. dazu Reinhold Schwertfeger, “Gab es Gaskammern im Altreich?”,
nismus verbanden und so das Vertrauen in ihre wissenschaft- VffG 5(4) (2001), S. 446-449.
7
liche Seriosität selbst erschütterten. Von den im Lachout-Dokument genannten 13 ehemaligen deutschen
Konzentrationslagern lagen neun auf dem Gebiet des “Altreichs” und die
Das Motiv für die Fälschung waren vermutlich prozeßtakti- übrigen vier in den seit 1938 angegliederten Gebieten. Von den sog. Ver-
sche Gründe, nämlich um in den Strafverfahren gegen Rainer nichtungslagern, die sich heute alle auf polnischem Boden befinden, wird
bzw. Honsik eine Diskussion der Gaskammer-Frage (beson- keines erwähnt. Mit “Altreich” ist Deutschland in den Grenzen von 1937
ders im Zusammenhang mit Mauthausen) zu erzwingen. Das gemeint. Das kann zu Mißverständnissen führen, denn fünf KL (Au-
schwitz in Ost-Oberschlesien, Mauthausen in Oberösterreich, Natzweiler
Gericht ließ sich aber darauf nicht ein und ließ das Verfahren im Elsaß, Stutthof bei Danzig, Theresienstadt im Reichsprotektorat Böh-
gegen Lachout jahrelang schweben, wahrscheinlich gerade, men und Mähren) lagen streng genommen nicht auf dem Gebiet des Alt-
um eine Diskussion der Gaskammer-Frage zu vermeiden. Für reichs, da die betr. Gebiete erst zwischen 1938 und 1940 dem Deutschen
die revisionistische Zeitgeschichtsforschung stellt das Doku- Reich angegliedert wurden.
8
ment heute eine Belastung dar, denn Gegner wie das DÖW Prozeß Wiesenthal vs. Rainer (Strafbezirksgericht Wien, Aktenzeichen
ZL 9 V 939/86).
werden weiterhin mit Wonne diese Fälschung dem gesamten 9
Bundespolizeidirektion Wien, Staatspolizeiliches Büro, Niederschrift
Revisionismus anlasten. Dieser Vorwurf ist allerdings nicht (Zahl I - Pos 501/IV B/14b/87 res) vom 11.12.1987 (1. Vernehmung
berechtigt, denn auch namhafte Revisionisten (Faurisson, Lachouts).
10
Zündel) waren von Anfang an skeptisch. Es konnte aber Bundespolizeidirektion Wien, Staatspolizeiliches Büro, Niederschrift
(Zahl I - Pos 501/IV B/14b/87 res) vom 2.2.1988 (2. Vernehmung
nicht ihre Aufgabe sein, die verworrene Geschichte des Do- Lachouts).
kuments aufzuklären. Ein Wissenschaftler wie Prof. Fauris- 11
Emil Lachout, Eidesstattliche Erklärung vom 16. Okt. 1987, beglaubigt
son, der 1987 extra nach Wien gereist war, um sich eine vom Bezirksgericht Wien-Favoriten (G 1350/87).
12
Meinung zu bilden, hat sich deutlich zurückgehalten. Walter Ochensberger (Hrsg.), Sieg Nr. 11/12 (Nov./Dez. 1987), S. 7-9.
13
Gerd Honsik, “Regierungsbeauftragter bricht sein Schweigen - Mauthau-
In der Frage “Gaskammern im Altreich?” muß man jedenfalls
senbetrug amtsbekannt! Major Lachouts Dokument exklusiv im Halt”,
auf das Lachout-Dokument als Beweismittel verzichten, und Halt Nr. 40, Wien, Nov. 1987.
das gilt auch für die Frage der Mauthausen-Gaskammer. Das 14
Gerd Honsik, “Das Dokument ist echt! Faurisson eilt nach Wien!”, Halt
heißt übrigens nicht, daß alles, was in dem “Rundschreiben 15
Nr. 41, Wien, Dez. 1987.
RS 31/48” steht, falsch sein muß, weil das Dokument ge- Robert Faurisson, “The Müller Document”, The Journal of Historical Re-
view Vol. 8 No.1 (1988), S. 117-126.
fälscht ist! Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein 16
Schreiben Prof. Dr. Manfred Messerschmidt (Militärgeschichtliches For-
Satz aus einer Urteilsbegründung des Oberlandesgerichtes schungsamt Freiburg) vom 14. 7.1988 an das DÖW.
Wien,38 der allerdings so verklausuliert ist, daß man ihn 17
Exclusiv-Interview mit Herrn Emil Lachout, Sieg Nr. 6 (1989), S. 16-19
18
mehrmals lesen muß. Dort macht nämlich das Gericht einen Siehe Anm. 1, S. 11.
19
Auskunft des Österr. Staatsarchivs vom 21.9.1988 (GZ 0695/0-R/88); im
feinen Unterschied zwischen einer Argumentation, daß es in Gerichtsakt des Verfahrens DÖW vs. Lachout; zitiert nach Anm. 14, S.
einzelnen, namentlich genannten Konzentrationslagern keine 16.
Massenvernichtung durch Giftgas gegeben habe (anschei- 20
Siehe Anm. 17, S. 9 (Kasten).
21
nend nicht strafbar), und der “sogenannten ‘Gaskammerlü- Dr. Robert Lichal, Bundesminister für Landesverteidigung, Schreiben an
Dr. Wolfgang Neugebauer, DÖW, vom 20.2.1989; Faksimile siehe Bai-
ge’”, wonach “eine Massenvernichtung durch Giftgas in
ler-Galanda et al., Anm. 1, S. 16.
Konzentrationslagern den Nationalsozialisten schlechthin zu 22
Siehe Anm. 1, S. 12-16.
Unrecht unterstellt werde” (strafbar). Das Gericht ging aber 23
Robert Faurisson, Schreiben an den Verfasser vom 5.8.2002.
24
davon aus, daß das Dokument auch für die letztere, strafbare Polizeilicher Hilfsdienst für die Kommandantur der Stadt Wien, Schrei-
Argumentation herangezogen worden sei, was für Beamte die ben vom 7.5.1945 (Kopie von Emil Lachout an den Verfasser).
25
Barbara Kulaszka (Hg.), Did Six Million Really Die? Report of the Evi-
Pflicht bedeute, gegen “derartige neonazistische Aktivitäten dence in the Canadian “False News” Trial of Ernst Zündel, Samisdat
einzuschreiten”. Publishers Ltd., Toronto 1992
26
Zur Klärung der Gaskammerfrage von Mauthausen haben die Bei allen heute irgendwo reproduzierten Abbildungen – auch der hier ge-
verschiedenen Prozesse im Zusammenhang mit dem zeigten – handelt es sich offensichtlich stets um Fotokopien des Lachout-
schen Exemplars. Dabei ist zu beachten, daß das Schriftstück manchmal
Lachout-Dokument jedenfalls nichts beigetragen. Der Prozeß nur teilweise abgebildet ist. Die hier gebrachte Abbildung des Rund-
gegen Emil Lachout schleppte sich jahrelang dahin. Man hat-

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 177


schreibens Nr. 31/48 (Lachout-Dokument) gibt laut Emil Lachout (2001) (1997), S. 2-5.
35
das Schriftstück vollständig wieder (Abbildung 1). Rüdiger Kammerer, Armin Solms (Hg), Das Rudolf Gutachten. Gutach-
27
R. Faurisson, aaO. (Anm. 15), S. 119, 123f., E. Lachout, aaO. (Anm. 4), ten über die Bildung und Nachweisbarkeit von Cyanidverbindungen in
S. 8 und ders., aaO. (Anm. 5), S. 16. den “Gaskammern” von Auschwitz, Cromwell Press, London 1993, S.
28
Vgl. Ralf Tiemann, Der Malmedyprozess. Ein Ringen um Gerechtigkeit, 58f.; vgl. www.vho.org/D/rga1/verdampf.html.
36
Munin-Verlag, Osnabrück 1990. G. Rudolf, Das Rudolf Gutachten, 2. Aufl., Castle Hill Publishers, Hast-
29
Report of Investigation of Alleged War Crimes [in Mauthausen], ings 2001; ders., The Rudolf Report, Theses & Dissertations Press, Chi-
Headquarters Third U.S. Army, Office of the Judge Advocate, by Eugene cago, IL, 2003.
S. Cohen, Major and Investigator-Examiner, 514th Quarter Master Group, 37
Stephen F. Pinter, Letter to the Editor, in: Our Sunday Visitor (Hunting-
17th June 1945 (IMT Document 2176-PS) ton, Indiana), 14.06.1959, p. 15
30 38
Till Bastian, “Die Auschwitz-Lügen”, in: Die Zeit, Nr. 39 vom 18.9.1992; Urteil des Oberlandesgerichts Wien vom 10.9.1990, Zl. 27 Bs 199/90; zi-
Till Bastian, “Der ‘Leuchter-Report’”, in: Die Zeit, Nr. 40 vom 25.9.1992 tiert nach Bailer-Galanda, aaO. (Anm. 2), S. 81f. Es ging um eine von
31
Otto Ernst Remer (Hg.), Die Zeit lügt!, Remer-Heipke Verlag, Bad Kis- Emil Lachout angestrengte Privatklage gegen die DÖW-Mitarbeiterin
singen 1992, vgl. http:vho.org/D/Beitraege/Zeit.html. Mag. Brigitte Bailer-Galanda und einige Journalisten, wobei Bailer-
32
Vgl. J. Graf, C. Mattogno, KL Majdanek. Eine historische und technische Galanda in zwei Instanzen freigesprochen wurde.
39
Studie, 2. Aufl., Castle Hill Publishers, Hastings 2004, S. 130. Europarat Ministerrat, Beschwerde Nr. 23019/93, angenommen am 8.
33
Germar Rudolf, Schreiben vom 13.5.2004 an den Verfasser. Okt. 1999 auf der 680. Sitzung der Delegierten der Minister.
34
Vgl. Wolfgang Lamprecht, “Zyklon B - eine Ergänzung”, in: VffG, 1(1)

Der wahre Brand


Von Johannes Heyne
Das Schweigen Ohne Vorbereitung wird der Leser hineingenommen in das
Städte sind Bilder ihrer Geschichte. In den meisten Städten Sterben. Mai 1943, Zerstörung Wuppertals. Ein sechzehn-
der Deutschen sind die Bilder zerstückelt. Zwischen der jähriger Praktikant ist zur Leichenbergung eingeteilt:2
schmucklosen Architektur der Moderne geben nur wenige “Es hieß: da sechs Tote, da zwanzig Tote usw. Teilweise
Bauwerke noch Zeugnis von vergangener Zeit. Dieser Um- lagen die Leute ganz friedlich da, wie Schlafende. Sie wa-
stand wird in der Regel so erklärt: ren an Sauerstoffmangel erstickt. Andere waren völlig ver-
Die Stadt ist während des Zweiten Weltkrieges durch alli- brannt. Die verkohlten Körper maßen nur noch fünfzig
ierte Bomben zerstört worden. Die Zerstörung mußte sein Zentimeter. Wir bargen sie in Zinkbadewannen und
wegen Hitler und Auschwitz. Die Bombentoten waren Na- Waschkesseln. In einen Kessel paßten drei, in eine Wanne
zis. Die Deutschen haben mit Bombenwerfen angefangen. sieben oder acht Körper. […] Die normalen Brandleichen
Der Schmerz von damals war zu groß, um voll empfunden hatten nicht mehr viel mit Menschen zu tun, sie waren wie
werden zu können. So ließ man sich die Schuldzuweisungen schwarze Päckchen. Hing aber ein unversehrter Körperteil
der Bomber gefallen, um sich dem Ausmaß des Elends nicht daran, wurde einem plötzlich wieder bewußt, worum es
stellen zu müssen. Die alten Stadtbilder und die Toten der sich handelte.” (S. 19)
Bombennächte sind als zu Recht Vernichtete aus dem Ge- Der Leser schaudert. Bei manchen mag schon jetzt der
denken getilgt. Schmerz die Erstarrung sprengen. Die ersten Flammen des
“Brandes” züngeln in den Rissen.
Buch und Autor
Im November des Jahres 2002 erschien im Propyläen-Verlag Die Waffe
ein neues Buch über den Bombenkrieg: Jörg Friedrichs Es folgt die Darstellung der Waffe, welche dieses Leiden
Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945. verursachte:
Jörg Friedrich, geboren 1944, fristete bis- “Seit der Jahreswende 1942/43 drängten
her mit Veröffentlichungen über NS- Forschungsstäbe im britischen Luftwaf-
Verbrechen und Kriegsrecht1 eine unauf- fenministerium darauf, die Vernich-
fällige Existenz. Der Brand wurde zu ei- tungseigenschaften des Feuers fortzu-
nem weder vom Autor noch vom Verlag entwickeln. […] Nur bedurfte der An-
erwarteten Erfolg. Das Werk wurde zum griffsgegenstand näherer Analyse […]
meistbeachteten Buch des Jahres und ist es Als Brandingenieure aus Feuerwehr-
zwei Jahre nach seinem Erscheinen noch diensten hinzustießen, war eine neue
immer, z. Zt. in der 13. Auflage. Wissenschaft geboren. Der Beruf, das
Der Autor präsentiert das Thema als eine Feuer zu bekämpfen, und der, es anzu-
Mischung aus geschichtswissenschaftlicher zünden, befaßt sich mit derselben Sache,
Darstellung und schauendem Erleiden, als der Brennbarkeit der Stoffe. Aus der
ein Geschehen in Zeit und Raum und zu- physischen Beschaffenheit der deutschen
gleich als Mitteilung des “Ichs”, der Quelle Siedlung resultieren Art und Weise der
raum- und zeitlos irrlichternder Bilder und Brandlegung. Die Bombe soll zwischen
Gedanken. Der Bombenkrieg ist nicht acht und dreißig Minuten am Fleck des
chronologisch, sondern nach Themen an- Auftreffens brennen. Sie ist nur ein Keim.
geordnet. Wie er sich dehnt, der Brand springt,
Jörg Friedrich

178 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


Hindernisse passiert, Straßenfreiflächen überquert, kilome- wurden. Auch weitere Bemühungen um ein positives Luft-
terweit die Fläche erfaßt, ist eine Aufgabe für Mathemati- kriegsrecht scheiterten am Widerstand der einzelnen Regie-
ker, Statistiker und Operationsauswerter. rungen, trugen aber dennoch zur Ausbildung eines von allen
Die Feueringenieure ermitteln die Eigenschaften deutschen Staaten anerkannten Kriegsgewohnheitsrechtes bei. Überdies
Mobiliars, denn zunächst ist es der Haushalt, der sich ent- wurden folgende Artikel der Haager Landkriegsordnung auf
zündet. Krempel auf Dachböden, Nahrungsvorräte, Klei- den Luftkrieg bezogen:
der, Polster. Das Inventar wiederum steckt das Gebäude
an. Feuerversicherungskarten wurden organisiert und ART. 22
Luftbilder stereometrisch aufbereitet, um rückzuschließen Die Kriegführenden haben kein unbeschränktes Recht in der
auf Brandabschnitte, Brandmauern.” (S. 21) Wahl der Mittel zur Schädigung des Feindes.
“[…] eine Division von Ökonomen, Nachrichtendienstlern
und Luftbild-Auswertern [setzt] eine Anatomie Deutsch- ART.23 E:
lands zusammen, The Bomber’s Baedeker. (Es ist untersagt) der Gebrauch von Waffen, Geschossen oder
Im Januar 1943, kurz vor der Ruhrschlacht, hatte das Mi- Stoffen, die geeignet sind, unnötige Leiden zu verursachen.
nisterium für wirtschaftliche Kriegführung einen so be-
zeichneten Katalog herausgegeben. Er umfaßte die deut- ART. 25
schen Städte von über fünfzehntausend Einwohnern mit al- Es ist untersagt, unverteidigte Städte, Dörfer, Wohnstätten
lem Inventar. Das Stadtziel umgab ein Kreis im Dreimei- oder Gebäude, mit welchen Mitteln es auch immer sei, anzu-
lenradius, zu der Zeit die kleinste greifen oder zu beschießen.
Maßeinheit im Bomber Com-
mand, 4,8 Kilometer. Was produ- ART. 27
ziert, gelagert und befördert, was Bei Belagerungen und Beschießun-
besiedelt, versammelt, verteidigt gen sollen alle erforderlichen Vor-
und verschanzt war im Reich, was kehrungen getroffen werden, um die
Rohstoffe, Kenntnisse, Kunst- dem Gottesdienst, der Kunst, der
schätze und Heiligtümer barg, Wissenschaft und der Wohltätigkeit
kam auf die Liste.” (S. 35) gewidmeten Gebäude, die ge-
Ein über Tage gestrecktes Bombar- schichtlichen Denkmäler, die Hos-
dement mit den verschiedenen pitäler und Sammelplätze für Kran-
Brandgemischen aus Benzin, Gum- ke und Verwundete so viel wie
mi, Kunstharz, Öl, flüssigem As- möglich zu schonen, vorausgesetzt,
phalt, Gelees und kleinen Mengen daß sie nicht gleichzeitig zu einem
von Metallseifen, Fettsäuren sowie militärischen Zwecke Verwendung
etwas Phosphor entfaltete ein Zer- finden.5
störungsmaß, das nur Nuklearwaf- Als Luftkriegsrecht gilt somit:
fen übertreffen (S. 28). Diese Waffe Bombardierung ist erlaubt
ist industriell hergestellt worden. – bei der Einnahme verteidigter
Der Brand zündelt an der “Singula- Städte zur Unterstützung des Bo-
rität deutscher Schuld”. denkrieges. Dabei sollten, wenn
Als Kritik sei angemerkt, daß dem möglich, nur militärische Ziele
Buch eine Vorstellung des Luft- mit Bomben belegt werden. Die
kriegsrechtes fehlt, d.h., die einzel- Möglichkeit ist nicht immer ge-
nen Bombardements werden nicht geben.
auf ihre Rechtmäßigkeit im Sinne – zur Vernichtung gegnerischer
des Kriegsrechtes untersucht. Zur kriegsrelevanter Einrichtungen.
Information für unsere Leser werden daher hier “Luftkriegs- Verboten sind
recht” und eine “Chronologie des Bombenkrieges” zwi- – Nachtangriffe wegen der Schwierigkeit, in der Dunkelheit
schengeschoben. Zugrunde gelegt sind die von Jörg Friedrich militärische von nichtmilitärischen Zielen zu unterschei-
nicht verwendeten Standardwerke über den Bombenkrieg: den.
Maximilian Czesanys Europa im Bombenkrieg 1939-19453 – Bombardierung reiner Wohngebiete.
und Franz Kurowskis Der Luftkrieg über Deutschland.4 Falls eine Kriegspartei luftkriegsrechtverletzende Bombar-
dierungen unternimmt, sind den Angegriffenen Repressalien
Luftkriegsrecht erlaubt, d.h., Angriffe auf nichtmilitärische Ziele gleichen
Grundlage des Kriegsrechtes ist die 1907 von der II. Haager Ausmaßes, um den Gegner zur Einstellung seiner kriegs-
Friedenskonferenz verabschiedete und von den Teilnehmer- rechtswidrigen Handlung zu zwingen.
staaten als Vertragsrecht anerkannte Haager Landkriegsord-
nung. Es wird zwischen Kombattanten und Zivilisten unter- Verlauf des Bombenkrieges
schieden. Letztere sind während der Kriegshandlungen zu ERSTER WELTKRIEG
schützen. Im Januar 1915 flogen zwei 190 Meter lange Zeppeline über
Nach dem Ersten Weltkrieg glaubte man, das Kriegsrecht die Ostküste Englands und warfen über Yarmouth und
durch ein eigenes Luftkriegsrecht ergänzen zu müssen. Im King’s Lynn Bomben ab. Der erste Zeppelin-Angriff auf
Jahre 1923 entstanden die Haager Luftkriegsregeln, die je- London erfolgte am 31. Mai 1915. Dabei kamen 28 Men-
doch von keiner Regierung als geltendes Recht angenommen schen um, 60 weitere wurden verletzt. Viele Gegenden in

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 179


Großbritannien wurden nachfolgend angegriffen, wie etwa ANFANG 1940
Gravesend, Sunderland, Edinburgh, die Midlands und die Briten bombardieren militärische Objekte auf Sylt.
Home Counties. Bis Ende Mai 1916 fielen mindestens 550
britische Zivilisten den deutschen Zeppelinen zum Opfer. Die 10. 5. 1940
Kaiserliche Armee verwendete 115 Zeppeline für ihre An- Churchill wird britischer Premierminister und kündigt am
griffe, von denen 77 entweder völlig zerstört oder unbrauch- nächsten Tage die Eröffnung des strategischen Bombenkrie-
bar beschädigt wurden. Aufgrund der großen Verluste stellte ges gegen das deutsche Hinterland an.
Deutschland die Zeppelinangriffe im Juni 1917 ein.
11. 5. 1940
1919 Britische Nacht-Bombardierung auf Wohngebiete der unver-
Der damalige britische Rüstungsminister Churchill legt einen teidigten Stadt Mönchen-Gladbach. Diese und alle weiteren
Plan vor, Berlin mit tausend Bombern anzugreifen. britischen Bombardierungen fallen unter Kriegsverbrechen.

1920 14. 5. 1940


Der italienische General Douet vertritt in Luftherrschaft die Deutsche Bombardierung der verteidigten Stadt Rotterdam.
These, Luftkrieg müsse nicht nur taktisch zur Unterstützung Die Kapitulation erfolgte erst, als die Bomber bereits unter-
von Bodentruppen, sondern strategisch als selbständige wegs waren und nicht mehr alle rechtzeitig zurückgerufen
Kriegshandlung geführt werden, und zwar gegen das Hinter- werden konnten. Dieser Angriff war, obwohl es wegen un-
land des Gegners, ohne Unter- günstigen Umständen auch zur
scheidung von Kombattanten Vernichtung von Wohngebie-
und Zivilisten. Die Kolonial- ten kam, durch das Kriegsrecht
mächte bombardieren nachfol- gedeckt.
gend in diesem Sinne Aufstän-
de in ihren Kolonien nieder. AUGUST 1940
Unternehmen ‘Seelöwe’. Die
1928 deutsche Luftwaffe wollte die
Die These Douets wird vom R.A.F. in einer Luftschlacht
Oberbefehlshaber der R.A.F., vernichten, um dadurch eine
Lord Trenchard, zustimmend Invasion zu ermöglichen. Die
aufgegriffen. R.A.F. aber stellte sich auf
Weisung Churchills nicht zur
1929 Schlacht, sondern wich nach
Bildung eines britischen Nach- Norden aus. Die deutsche
richtennetzes, um Informatio- Luftwaffe mußte sich damit be-
nen über bombardierungswerte gnügen, militärische Ziele in
Ziele in Deutschland zu sam- England zu bombardieren. Die-
meln. se Bombardierungen waren zu-
gleich Repressalien für die
1932 fortgesetzten britischen Bom-
England beginnt, viermotorige bardierungen deutscher Wohn-
Langstreckenbomber für einen gebiete.
zukünftigen strategischen Luft-
krieg zu bauen. 14/15. 11. 1940
Deutscher Bombenangriff auf
Winston Churchill
1933 das Zentrum der britischen Rü-
In den USA wird der erste Langstreckenbomber in Auftrag stungsindustrie in Coventry. Der Angriff war zugleich Re-
gegeben. pressalie für die Bombardierung Münchens. Durch Ent-
schlüsselung des deutschen Codes war den Briten der Zeit-
14. 7. 1936 punkt des Angriffs bekannt. Churchill verhinderte, daß die
Aufstellung des Bomber Commands innerhalb der R.A.F. Einwohner Coventrys vor dem Angriff die Stadt verließen.
Die wiedererstehende deutsche Luftwaffe besitzt keine Lang- Obwohl nur die Rüstungsindustrie bombardiert werden soll-
streckenbomber. Sie versteht sich nur als taktische Waffe zur te, kam es auch zur Zerstörung von Wohngebieten und der
Unterstützung des Bodenkrieges. Kathedrale. Der Angriff auf Coventry verstieß nicht gegen
das Luftkriegsrecht.
1.9.1939 Die Deutsche Luftwaffe konnte trotz der schwachen briti-
Beginn des Zweiten Weltkrieges. Britische Bomben fallen schen Abwehr auf Dauer den Luftkrieg gegen England nicht
auf militärische Objekte in Wilhelmshaven und Cuxhaven. durchhalten, weil sie keine Langstreckenbomber besaß.

25/26. 9. 1939 JANUAR 1941


Bombardierung der verteidigten Stadt Warschau durch die Die Invasion Englands wird abgesagt.
Deutsche Luftwaffe, nachdem die Stadt mehrfach vergeblich
zur Übergabe aufgefordert worden war. Die Bombardierung 10. 5. 1941
war kriegsrechtlich gedeckt. Letzter deutscher Luftangriff auf London.

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14. 2. 1942 durch die Alliierten hätten zur Kriegs-
Obwohl England nun nicht mehr von entscheidung nichts beigetragen.
Deutschland angegriffen wird, wird ei-
ne Verschärfung des Luftkrieges gegen Strategie
Deutschland beschlossen: Es sollen in Jörg Friedrich beginnt sein Kapitel über
Flächenbombardements vornehmlich Strategie mit folgenden Worten:
Wohngebiete angegriffen werden, um “Metropolen, Warschau am 25. Sep-
die Zivilbevölkerung zu demoralisieren tember 1939 und Rotterdam am 14.
und sie womöglich zu einem Aufstand Mai 1940, mobilisierten auf Anhieb
gegen ihre Führung zu bewegen. jene Kraft, die sich so bitter an der
Initiator dieser Bestimmung war der deutschen Seite rächen sollte, das
wissenschaftliche Berater Churchills, Feuer.” (S. 64)
der aus Deutschland stammende Jude Am Seitenende erfährt der Leser, daß
Frederick Alexander Lindemann. dieses kein strategisches Luftbombar-
Lindemann wurde 1886 in Baden- dement gewesen ist, sondern nur eine
Baden geboren, studierte in Deutsch- Unterstützung von Bodenoperationen.
land Naturwissenschaften, wanderte im Und der Leser erfährt weiter:
Ersten Weltkrieg nach England aus, “Eine vorsätzliche Bombardierung
wurde in Oxford Professor, lernte 1932 ziviler Ziele ist den [deutschen] Luft-
Churchill kennen, mit dem er am 10. waffenakten nicht zu entnehmen, es
Mai 1940 als Berater des Premiermini- wurden Flugplätze, Flugzeugwerke,
sters in die Downing Street einzog. Docks, Hafenanlagen, Werften zer-
Bald darauf wurde er zum Lord Cher- stört.” (S. 73)
well ernannt. Zur Bombardierung Lübecks heißt es:
Anfang 1942 hatte Lindemann eine Frederick Alexander Lindemann “Harris hatte Art und Menge der
Kabinettsvorlage über die zukünftige Bombenstrategie gegen Bomben aus der Analyse des deutschen Coventry-Angriffs
Deutschland eingebracht. Es sollten von März 1942 bis Sep- gewonnen.” (S. 86)
tember 1943 in allen größeren deutschen Städten mindestens Und bald darauf:
fünfzig Prozent aller Wohnhäuser zerstört werden. Die Ar- “Arthur Harris sammelte […] Trophäen. Er klebte die
beitersiedlungen seien zu bevorzugen. Genaue technische Luftphotographien der Ruinenskelette in ein blaues Album,
Anweisungen über die Großbrände auslösenden Bombenmi- das der Regierung, dem Buckinghampalast und Josef Sta-
schungen und über die zeitliche Abfolge der Abwürfe waren lin zuging.” (S. 97)
beigefügt. Lord Cherwell – der Name Lindemann wird im Text nicht
Die als “Lindemann-Plan” bekannt gewordene Kabinettsvor- genannt, wohl aber im Index – erscheint zum einen als be-
lage gehört wie der Morgenthau-Plan, der Kaufman-Plan, der deutungsloser und belächelter Berater des Premierministers,
Hooton-Plan sowie die Aufrufe Ilja Ehrenburgs an die Rote zum anderen als Befürworter des Abwurfs von Milzbrand-
Armee, alles Deutsche wegzumorden, in die Reihe jüdischer bakterien auf Feindesland, wozu es aber nicht kam.
Vernichtungspläne gegen Deutschland. Von all diesen Plänen Der Leser befindet sich bei der Zuordnung von Böse und Gut
wurde der Lindemann-Plan am effektivsten in die Tat umge- auf schwankendem Boden.
setzt. Im Dichterwerden der Bombenabwürfe auf das immer wehr-
loser werdende Reich verlieren sich jedoch die janusköpfigen
22. 2. 1942 Schuldzuweisungen an die Deutschen. Im Rückblick erschei-
Arthur Harris wird als Chef des Bomber Commands mit der nen sie nur noch wie Leerformeln, über welche das wirkliche
Ausführung des Lindemann-Planes beauftragt. Geschehen hinweggegangen ist. Sie wirken wie zusammen-
hanglose Bruchstücke eines geborstenen Gefäßes, geborsten
12. 5. 1942 in den Flammen vom Brand.
Die 8. Luftflotte der USA landet mit Die Angriffswellen der Lancaster
ihren Langstreckenbombern auf (britischer Langstreckenbomber)
englischem Boden, um sich fortan und Boing 17 (US-Langstrecken-
an der Bombardierung deutscher bomber) ohne Zahl und ohne
Städte zu beteiligen. Schranken sollten so lange die Städ-
te in den Grund versenken, bis kei-
HERBST 1944 ne mehr übrig war. Darum verende-
Nachdem die deutsche Flugzeugin- ten auf den letzten Metern zum
dustrie zerstört ist, gibt es in Waffenstillstand Freiburg, Heil-
Deutschland keine Abwehr mehr. bronn, Nürnberg, Hildesheim,
Das Land ist bis kurz vor Kriegsen- Würzburg, Mainz, Paderborn, Mag-
de den sich steigernden Angriffen deburg, Halberstadt, Worms, Pforz-
aus der Luft ausgesetzt. Kaum eine heim, Trier, Chemnitz, Potsdam,
deutsche Stadt bleibt unversehrt, ca. Dresden, Danzig und andere.
600 000 Zivilisten sterben. Eine von militärischen Zwecken
Es wird die Ansicht vertreten, die fast entbundene, von jedem Ge-
Bombardierungen Deutschlands Arthur Harris fechtsrisiko befreite Vernichtungs-

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walze bearbeitete von Januar bis Mai 1945 noch einmal das “Der Brand ließ sich von der klirrenden Kälte nicht auf-
Land (S. 108). halten. Er entzündete den Stolz der Bürger, das Renais-
28. Juli 1943, Hamburg: Die engen Hinterhöfe werden zu sance-Rathaus Elias Holls, des Baumeisters der Stadt,
glühenden Verliesen, die dort Gefangenen finden keinen Zeugnis und hohe Stirn ihrer einst weltumspannenden Fi-
Ausgang mehr und erwarten den Tod. nanzmacht.” (S. 329)
“Im Zenit des Feuersturms läßt die pure Hitzestrahlung München, Juli 1944:
Häuser sich auf einen Schlag vom Dach bis zum Erdge- “Auf den Straßen steht geretteter Hausrat umher, gebün-
schoß wie eine Stichflamme entzünden. Die Sturmböen zie- delte Oberbetten, Kommoden aus früherer Zeit, über Gene-
hen aus den Häuserkellern Sauerstoff heraus wie eine gi- rationen vererbte Gemälde, vor sich hin weinende Greisin-
gantische Pumpe. […] Dadurch rasten durch die Horizon- nen bewachen Krempel. Am Siegestor, notiert Hausenstein
tale Windgeschwindigkeiten von 75 Metern pro Sekunde. [Kunsthistoriker, der die Bombardierungen Münchens in
Darin verlieren Menschen den Stand. […] Die ihm begeg- einem Tagebuch festhielt], stehe ein Bronzelöwe seit einem
neten, wurden in den Schmelzofen gerissen wie die armen Monat auf dem Kopf, der Untergang der Stadt sei so radi-
Seelen in die Verdammnis.” (S. 113f.) kal, daß man es nicht realisieren könne, obwohl man es vor
Was immer im Fortgang noch aufblitzt an irrlichternder Augen habe. ‘Man meint, durch einen absurden Traum zu
Hähme gegen Volk, Führer und Reich, es gewinnt keine wandeln…’” (S. 332)
Konturen mehr in den verzehrenden Flammen. Immer dichter drängen die Bilder der einstürzenden Städte
auf ihn ein, begleitet von den Schreien der Verbrennenden,
Land dem Stöhnen der Sterbenden unter der Last des schweren
In diesem Kapitel von Friedrichs Buch wird das Vernich- Gesteins. Die Schilderungen bekommen etwas Atemloses, so,
tungswerk im einzelnen abgeschritten: Die zerstörten Städte als könne der Berichterstatter das fortgesetzte Zusammen-
im Norden: Lübeck, Rostock, Wismar, Stralsund, Stettin, stürzen von “Ewigem” kaum mehr ertragen.
Danzig, Hamburg, Bremen, Braunschweig, Hannover…; im Er sucht im Zynismus Halt. Köln:
Westen: Duisburg, Essen, Köln, Bonn, Wiesbaden, Mann- “Köln war eine Stadt mit wenigen Menschen und vielen
heim, Aachen, Trier…; im Süden: Freiburg, Würzburg, Ratten geworden, die auf den Schuttbergen umherhuschten
Nürnberg Augsburg, Stuttgart, München…; und im Osten: und sich an den Kellervorräten mästeten. Das Rattengift
Leipzig, Magdeburg, Halberstadt, Dresden, Darmstadt, Ber- war ausgegangen. In Stille schwelten Trümmer und Bal-
lin… ken, die Feuer knisterten in verödeten Straßen. Am 2. März
Wie um Abschied zu nehmen, wirft der Autor noch einmal griffen 858 Lancaster und Halifaxe die letzten zwei Male
einen Blick in die Schatzkammern unserer Städte, ehe das Köln an, töteten Hunderte von Leuten, die ungeborgen auf
Zerstörungswerk ihn ergreift. den Straßen liegen blieben, Zigtausende flohen den Ort,
Stettin, Jacobikirche, Bau der neuen Orgel: bevor ihn das VII. US-Corps am 6. März 15.30 Uhr betrat.
“Ein Werk, das in Gestalt und Klang die Himmel nach- Von den 768 000 Einwohnern erwarteten Zehntausend die
ahmte, war Arp Schnitgers neue Orgel. […] Meister Schu- Befreier. Fünf Prozent der Altstadt waren erhalten.” (S.
rich aus Radeberg bei Dresden nebst fünf Gesellen [hatte] 260)
den Neubau begonnen und war darüber verschieden, auf Er wehrt sich gegen die Übermächtigen mit den Schärfen des
Dietrich Buxtehudes Empfehlung feilte Schnitger weiter an Hohns. Düsseldorf:
Pfeifen und Windlade, nahm Balthasar Held hinzu, seinen “Die Stadt erlitt 243 Luftangriffe, davon neun schwere. In
Kompagnon; am 11. Januar 1700 war Orgelweihe.” (S. der Nacht zum Pfingstsamstag 1943 wurden vierzig Qua-
188) dratkilometer zwischen Hauptbahnhof und Derendorf ab-
Nach dem 17. August 1944 war Stettin Vergangenheit. gebrannt, 140 000 Personen obdachlos gemacht, 30 000
“Die edelste Backsteinkirche Pommerns, St. Jacobi, auf verwundet und 1300 Personen getötet, sechzehn Kirchen,
Pfählen ruhend, die Pfeiler schon aus dem Lot gewichen, dreizehn Krankenhäuser und achtundzwanzig Schulen
doch von eisernen Querstreben gehalten, nahm den letzten verwüstet, kurz, ein Ausdruck der Überlegenheit der briti-
Stoß. […] Und des Feindes Macht machte mit der Zer- schen über die deutsche Luftwaffe, wie Churchill sagte.”
trümmerung des Jacobikirchenschiffs auch Arp Schnitgers (S. 255)
Orgel für immer stumm.” (S. 189) Schließlich versucht er sich dorthin zu retten, wo die Men-
Der Autor berichtet nicht, was andere sahen. Er selbst ist es, schen damals Überleben suchten. Berlin:
der sieht, wie die steinernen Dichtungen unseres Volkes “Durch Berlin geht man wie auf dem Meeresboden. Über-
Stück für Stück dahinsinken, meist, um nie mehr wieder auf- all Wracks und leblos treibende Körper. Auf dies Zwi-
zuerstehen. Es ist, als spräche nicht er selbst. Es ist, als habe schenreich ist in der Nachkriegszeit der Begriff der ‘Emo-
der starr gewordene Schmerz des Volkes um sein zerstückel- tionslähmung’ zugeschnitten worden. Der Strom der Emp-
tes Gesicht von ihm Besitz ergriffen, um durch ihn zu reden. findungen stockt, weil die Seele ihn nicht mehr behaushalten
“Die […] geschichtlichen Schreine wie Hildesheim, Mag- kann. Sie verkrustet, und diese Partie wird taub.” (S. 370)
deburg, Dresden, Würzburg, Nürnberg werden im letzten Dennoch: Die Gefühlsverkrustung ist aufgebrochen, um nie
Kriegsvierteljahr seriell zerstört. Allem Anschein nach ist wieder in Erstarrung zu verfallen.
dabei Verstand am Werk. Sind nicht diese Städte die gro-
ßen Darsteller? Sie stellen dem Volk der Deutschen seine Schutz – wir – Stein
Herkunft dar. Aus Kaiserburg und Kontor, Werkstatt und Die Waffe des Gegners war darauf angelegt, “millionenfach
Residenz, Dom und Markt, Kloster und Gasse, Universität zu töten” (S. 406), es starben ca. 600 000 Menschen in den
und Spital, Brücke und Damm. Dies war lange vorhanden, Flammen.
bevor ein Staat bestand.” (S. 321) Staat und Partei und Wehrmacht schmolzen zusammen in der
Augsburg, 25. Februar 1944: Abwehr des allnächtlichen Untergangs und vollbrachten “das

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Mirakel der unverzagten Ingangsetzung lebenswichtiger An- Ich
lagen und Dienste.” (S. 418) Das Ich, der vielgestaltige Träger allen Geschehens, leidet bis
Evakuierung und Kinderlandverschickung, Verdunkelung, zum Äußersten:
Türmerwache und Sirenensignale, Bunkerbauten, Ausbau “Schlimmer als die Detonation selbst ist die Angst davor,
von Stollen und Kellerfluchten, und schließlich die Sicherung die sich in das Ich eingräbt und Leib und Seele begleitet,
von Bibliotheken und Kunstgegenständen: Tag und Nacht. Und die Angst wird an folgende Genera-
“Der US Bombing Survey nennt das Unterfangen, die deut- tionen weitergegeben.
sche Stadtbevölkerung in einem gestuften Sicherheitskon- Krieg ist in die Sensorik eingeschliffen und zieht nicht wie-
zept in Kellern, Stollen, Bunkern, Gräben unterzubringen, der ab, für Kind und Kindeskind nicht.” (S. 496)
Krankenhauspatienten, Kunstwerke, Akten, Bibliotheken, “Der Augenblick der Detonation hebt Raum und Zeit auf,
Archive zu bunkern, innerhalb von zehn Minuten jeden ei- der Einschlag ist angstfrei, dann aber kommt das Entset-
nen mehr oder minder geschützten, häufig gasdichten Un- zen. Dennoch muß ohne Rücksicht auf die Gefühlslage dem
terstand erreichen zu lassen, ‘the most tremendous con- Entsetzen, was immer möglich, entrissen werden.
structional program in civilian or passive defense for all Der Bombenkrieg erzeugt eine eigene Vernunft und hat die
time.” (S. 396f.) Emotionsstürme nicht gezeitigt, die seinem Grauen ent-
“Daß im Feuersturmareal die Verlustquote beispielsweise sprechen. Sie sind weggefiltert worden durch einen seeli-
0,28 Prozent ausmacht, verdankte sich dem Ineinander- schen Immunschirm.” (S. 501)
greifen der zwei Schutzschilde, des Bunkers und der Was- “Im Nachhinein protokollierte Berichte zeichnen das Ich
sergasse der Feuerwehr.” (S. 424) des Bombenkriegs gelegentlich als zweites Ich. Es unter-
Löschen, Zeitzünder entschärfen, scheidet sich vom ersten Ich
Verschüttete bergen, Verwundete durch die Panzerung des Empfin-
betreuen, Tote bestatten, Lebende dens.” (S. 503)
speisen, die Arbeit wird von älteren “Die Gefühlswelt hat Vollzüge
Männern, Frauen und Jugendlichen wie das Auflesen der Körperreste
bewältigt. Fremdarbeiter und Häft- von Angehörigen in Zinkeimern
linge müssen mit zugreifen. nicht mehr reflektiert. […]
Für die Demontage eines Blindgän- Die Zivilperson hielt einem für
gers riskierte der Feuerwerker sein unmöglich erachteten Leidens-
Leben: druck stand. Es hat nicht den An-
“Oft mußten wir [schreibt ein schein, daß die Betäubung spä-
Sprengmeister] an den Füßen terhin gewichen ist. […] Eine Be-
aufgehängt, mit dem Kopf nach täubung beseitigt nicht den
unten, Bomben entschärfen. Dann Schmerz, sie blockiert nur seine
gab es Lehmgebiete, da ging die Wahrnehmung. Er ist nichtsde-
Bombe vier Meter hinunter, da stoweniger vorhanden. Die erin-
mußten wir im Finstern die Bom- nerten Szenen überliefern eine
be entschärfen. Man war schon Folter, die nicht auf immer un-
im Grab drin. Bei jeder Bombe aussprechlich sein wird.” (S.
macht man die Erkennungsmarke 504f.)
und den Ehering ab und ließ alles Jörg Friedrich, Nachkomme der
im Auto. Dann ging es an die Kriegsgeneration, hat sich der Fol-
Bombe, es war ein bewußtes Ster- ter gestellt und dem Schmerz Worte
ben.” (S. 427) gegeben. Nun strömt dieser über
Ein HJ-Meldeführer aus Saarbrücken nach dem Angriff vom Kinder und Kindeskinder dahin, um, wo immer er berührt,
30. Juli 1942: die schützende Panzerung auf immer zu zerschmelzen.
“Wir versuchten, teils mit bloßen Händen, Steinbrocken, Das Mittel des Schmerzes ist das geschriebene Wort, das Pa-
Träger, Deckenbalken wegzuschaffen, um nur schnell an pier.
die Verschütteten heranzukommen. Viele von ihnen waren Der Brand schließt so:
schon tot und teilweise ganz schrecklich zugerichtet. Es “[…] das Papier [wird] sich seiner [des Brandes] bemäch-
war jedesmal ein Schock, wenn jemand dabei war, den ich tigen, es hat längeren Atem als das Feuer.” (S. 539)
gekannt hatte. Wir wohnten ja gleich nebenan um die Ek-
ke.” (S. 428) Brandopfer
Der Autor kann die zunftbedingte Abneigung gegen den Füh- Die Arbeitsergebnisse der Revisionisten sind bei Zeithistori-
rerstaat nicht durchhalten. Fremdarbeiter sind die “Sklaven”, kern bekannt, wenn auch die Starrsinnigen und Phlegmatiker
doch “Als die loyalsten Helfer gelten Polen und Ukrainer” unter ihnen – und das sind die meisten – trotz der erwiesenen
(S. 485). Sklaven sind nicht loyal. Juden dürfen nicht in die Nichtexistenz der Judenvernichtung durch die Nationalsozia-
schützenden Bunker, aber das jüdische Ehepaar Singer darf listen noch immer in den Rauchschwaden des jüdischen
doch (S. 404). Wehrkraftzersetzung und Plünderung wird mit Brandopfers nisten.
dem Tode bestraft. Die Wehrkraft zersetzende Jüdin Amelie Jörg Friedrich ist Zeithistoriker. Auch er weiß! Und er ist
Paasch aber wird nicht hingerichtet, sondern nur nach Au- weder ein Starrkopf noch ein Phlegmatiker. Angesichts des
schwitz verschickt. Die Volksgemeinschaft hat im Bomben- wirklichen Brandopfers des letzten Jahrhunderts weiß er dem
krieg die Feuerprobe bestanden. Leser sein Wissen mitzuteilen.

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Auschwitz, der imaginäre Brandopferaltar der geopferten Ju- tung” gebräuchlichen Vokabeln wie “Massenvernichtung”,
denheit, vor dessen Hoheit die Welt kniet und durch dessen “Brandopfer”, “Krematorium” und “Vergasung” werden in
Weihe jede von den Geopferten ausgeheckte Malice zur ge- Brand mit neuem Inhalt versehen:
rechten Abstrafung mutiert, Auschwitz ist nur vier mal er- “Massenvernichtung ist Millimeterarbeit, sie käme nicht
wähnt: zustande, würden wahllos Bombentonnen auf einen Ort ge-
“Nachdem die Zünderfabrik in Essen einen Treffer erhal- laden, denn damit würde er gut fertig.” (S. 361)
ten hatte, wurde deren Fertigung nach Auschwitz verla- “In Kassel und Hamburg wurden siebzig bis achtzig Pro-
gert.” (S. 94) zent der Brandopfer im Keller vergast.” (S. 378)
Also wurde in Auschwitz nicht nur vernichtet, sondern auch “Der Keller nahm nach einer Zeit die äußere Hitze auf und
etwas geschaffen. arbeitete wie ein Krematorium, oder er füllte sich unmerk-
Ein Stuttgarter Rechtsanwalt endete in der “Gaskammer von lich mit tödlichen Brenngasen. Gasvergiftungen gaben die
Auschwitz.” (S. 339) Nur einer. Hamburger Behörden als die mit siebzig bis achtzig Pro-
Die schon erwähnte Jüdin Amalie Paasch wurde nicht wegen zent häufigste Todesursache an.” (S. 194)
ihres Judentums, sondern wegen systemfeindlicher Äußerun- Der wahre Brand des letzten Jahrhunderts hat das Auschwit-
gen “nach Auschwitz verbracht.” (S. 452) Wieso hielten sich zer Opfertum der Juden zu Bagatellen zerfetzt.
um diese Zeit noch Juden unbeanstandet im Reich auf?
Seite 130 heißt es: Brandstätten
“Ein Ort indes blieb verschont, obwohl nicht wenige seiner Der Erfolg von Der Brand veranlaßte Jörg Friedrich, das Ge-
Bewohner als einzige den Angriff ersehnten: Im Frühsom- sehene auch als Bild vorzustellen. Er suchte die Stadtarchive
mer 1944 war vier jüdischen Insassen des Vernichtungsla- nach Bildern ab, “die erzählen, was Worterzählungen über-
gers Auschwitz die Flucht gelungen. Sie unterrichteten ihre steigt.”6 Im Oktober letzten Jahres erschien im Propyläen-
Gemeinde in der Slowakei von den Funktionen der Gas- Verlag der Bildband Brandstätten. Der Anblick des Bomben-
kammer. Die Nachricht erreichte die Schweiz und am 24. kriegs.
Juni die Regierungen in Washington und London, verbun- Brandstätten ist ebenfalls ein noch immer anhaltender Ver-
den mit der Bitte um Bombardierung eines Verkehrsziels, kaufserfolg. Der Band ist in themenbezogene Kapitel einge-
der Gleisanlagen nach Auschwitz. […] Es kam nicht zu teilt, denen jeweils eine Einleitung beigegeben ist. Die Bilder
diesem Verkehrsangriff und auch zu keinem Plan für die- sind mit Worten versehen, welche sich in das, was das Bild
sen Verkehrsangriff.” vermittelt, einfügen. Es werden nachfolgend aus dem 238
Keine einzige Bombe also wurde zur Rettung der Judenma- Seiten starken Bildband zu jedem Kapitel je ein Beispiel vor-
ssen aus den “Gaskammern” abgezweigt. Jörg Friedrich ent- gestellt.
hält sich des Kommentars.
Die derzeit nur im Zusammenhang mit der “Judenvernich- Über die Darstellbarkeit der Toten des Bombenkrieges war es
zwischen Autor und Verlag zur Meinungsverschiedenheit
gekommen. Auf der letzten Seite des Bandes zwischen Bild-
nachweisen und Impressum heißt es in einer kleinen Notiz:
“Die Würde der Opfer, die einen schrankenlosen Abdruck
der fotografischen Überlieferung verbietet, und das histo-
rische Zeugnis des Grauens von Krieg sind schwer gegen-
einander abzuwägen. Dem einen Gut ist nicht zu entspre-
chen, ohne das andere zu verletzen. Autor und Verlag ha-
ben dazu unterschiedliche Auffassung, übergeben jedoch
den Band der Öffentlichkeit im gegenseitigen Respekt vor

FRÜHER
Hamburg, Fleet: ANGRIFF
“Stadt und Rauch voll Trangeruch, Walfischfänger und Royal Air Force Stabschef Sir Charles Portal (Mitte)
Schaluppen, Nebel weht um Pfahl und Schuppen Wie ein “Es ist klar, daß die Zielpunkte die Siedlungsgebiete sein
rissig Segeltuch. Peter Huchel, Der Hafen” (S. 20f.) werden.” (S. 40)

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ABWEHR
Berlin 1943:
“Wir hatten Jungvolkuniform an und wollten schlafen.”
(S. 75)

BERGUNG
Hamburg 1943:
“Wir bargen sie in Zinkbadewannen und Waschkesseln.
In einen Kessel passen drei, in eine Wanne sieben oder
acht Körper.” (S. 125)

Hamburg, Juli 19437

ZUFLUCHT
Diakonissenbunker Bremen 1945:
“Der Hochbunker war bewehrt, einer 1000 kg Bombe
standzuhalten. Es sind insgesamt 45 Durchschläge gezählt,
der verhängnisvollste am 15.3.1945 in Hagen mit 400 To- damals, Ausschnitte aber, welche heller noch als durch Worte
ten.” (S. 95) die Erinnerungen auch bei Kindern und Kindeskindern auf-
der Haltung des anderen; der Leser möge sich sein eigenes lodern lassen und die erstorbene Seelen mit den abgedrängten
Urteil bilden.” Schmerzen füllen.
In den Brandstätten verglüht auch die Begründung des Bran-
HEUTE des, die “Deutsche Schuld”:
Bilder von heute sind auch aus der Anschauung bekannt. Die “Massentötung durch Fliegerbomben kennen allein zwei
Bilder des Bomben-Brandes waren bisher so gut wie unsicht- Gesellschaften als nachhaltige Erfahrungstatsache, die Ja-
bar. Nun sind sie da, winzige Ausschnitte des Grauens von paner sechs Monate, die Deutschen fünf Jahre lang. Sie ist

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 185


im geschichtlichen Gedächtnis verzeichnet als Vollstrek- Andere Mitsieger wie Polen, Tschechen, Jugoslawen haben
kung der gerechten Sache. nach der Kapitulation das Kämpfen erneut begonnen und an
Schon aus technischen Gründen ist das flächenwirksame allem Deutschen, das ihnen in die Hände fiel, gefahrlos ihren
Luftbombardement niemand anderem als Rechtsfeinden zu- Blutdurst gestillt. Zwischen diesen und den britischen Mit-
zumuten. Es benötigt Schurkenvölker, weil eine Personifi- siegern gibt es keinen Unterschied. Die Bombardierung
zierung eines Strafvollzuges ihm ganz unmöglich ist. Die Dresdens und die polnischen Quälereien und Morde an den
Waffe antwortet scheinbar auf die Sündhaftigkeit der Stadt. Oberschlesiern im Lager Lamsdorf sind von der gleichen
In Wirklichkeit ist es umgekehrt. Die Kollektivität der Qualität.
Schuld entspricht genau dem Streubezirk der Waffe. Nach Britannien hatte eine Ehre. Die Ehre ist verloren. Im Phantom
neuzeitlichen Rechtsbegriffen ist Schuld Tatschuld und Tä- vom vernichteten Nazi-Ungeist führte die Ehre noch eine
ter ein Zurechnungsfähiger. Doch erkannte die Bombe Schattenexistenz. Der Brand hat auch die Schatten aufgelöst.
nicht, wem Missetaten zuzurechnen waren, unterschied In den USA haben Der Brand und Brandstätten keine Reak-
nicht Blockwart und Blockwartkind. Das einzige, was sie tionen hervorgerufen. Die Staaten sind weiter Herr über Gut
finden konnte, war eine Ortschaft, anders war sie nicht und Böse, Leben und Tod und fahren fort, Schurkenstaaten
anwendbar. Darum bestrafte sie keine Schuld, sondern er- per Bomben zu befreien. Sie haben keine Ehre verloren, weil
klärte die Bestraften für schuldig. Abgesehen davon fällt sie nie eine hatten.
ein Kriegsmittel gar keine Rechtsurteile. Es setzt sich ein
Kampfziel, nichts weiter.” (S. 6)
Am Ende des Bandes heißt es:
“Wer bombt, und sei es, er befreie, hat unrecht.” (S. 225)

Die Folgen
DIE BOMBER
In England sind Der Brand und Brandstätten auf Verärge-
rung gestoßen. Britannien ist aus dem Krieg nur als Mitsieger
hervorgegangen. Gekämpft und gesiegt haben andere. In der
zweiten Kriegshälfte war den Briten nur noch eine Kampf-
handlung geblieben: den gegen eine Welt kämpfenden Feind
dort zu verletzen, wo er wehrlos war.

TRÜMMER
Bild Internat, Köln, Internat St. Ursula, 5.6.1942:
“[…] das Geschirr kaputt, die Türen alle raus aus Wän-
den und Schränken, die Kleider im Dreck.” (S. 182)

TRÜMMERLEBEN
Bild Trümmerleben, Dresden, Februar 1945:
VERSORGUNG “Ich sagte, mein Mann liegt unter den Trümmern, und ich
NS-Frauenschaft im Hotel Excelsior, Berlin, Februar 1945: habe vierzig Jahre hier gewirkt, ich bleibe hier. Ich hatte
“Am Tage wurden gegen sechs Zentner Brote ver- mir ein Notbett in den Räumen der Hitlerjugend ge-
schmiert. Das Essen war überhaupt prima.” (S. 158) macht.” (S. 210)

186 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


noch den Kosmos des Vernichtungsapparates überhaupt
anbetrifft. Der Zyklon-B-Mord an 2000 Menschen auf ein-
mal in der großen Gaskammer von Auschwitz ist nie ge-
filmt oder fotografiert worden. Es hätte nicht seinesglei-
chen gehabt.”
Sehr schade! Andere stellen dem Verfasser Fangfragen, um
ihn zurückzupfeifen. Die Welt:9
“Behaupten Sie, daß Churchill ein Kriegsverbrecher war?
Jörg Friedrich: Nein, mit keiner Zeile. Churchill war der
Verantwortliche für die Vernichtung einer halben Million
Zivilisten, um ihre Moral zu knicken. Die Bombardierung
von Coventry 1940 kostete 568 Ziviltote. Als der Krieg be-
reits gewonnen war, als die alliierten Heere schon in der
Eifel standen, im Januar 1945, erreichte der Bombenkrieg
seinen Höhepunkt: nicht zur Eroberung, sondern zur Be-
strafung von Deutschland. Pro Tag fielen im letzten halben
Jahr des Krieges durchschnittlich 1023 Zivilisten den
Bombardements zum Opfer. Zerstört worden sind Städte
wie Pforzheim mit knapp 63 000 Einwohnern – jeder dritte
starb. Ist das ein Kriegsverbrechen? Das muß jeder für
sich selbst entscheiden. Ich beziehe dazu keine Stellung.”
Spiegel online:10
“Es gibt Leser, die sich bei einigen Ihrer Formulierungen
an die Sprache des Holocausts erinnert fühlen. War Ihnen
eine solche semantische Nähe zur Sprache des Völker-
mords beim Schreiben bewußt?
Friedrich: Nein, weil es diese Nähe nicht gibt. Das wird
PARTEI von Leuten behauptet, die meinen, daß alles, was in Au-
Bild Partei, Kassel, Oktober 1943: schwitz existierte – sei es ein Lazarett, eine Kapelle oder
“Karl Weinrich, NSDAP-Gauleiter Kurhessen, besucht die eine Menschenverbrennungsanlage – sprachlich kontami-
zerstörte Gauhauptstadt.” (S. 221) niert ist. Das Hauptwerkzeug des Holocaust war die Ei-
senbahn – ist deshalb das Wort Eisenbahn vorbelastet?”
DIE ZERBOMBTEN Manche verstehen ihn. Michael Stürmer beendet sein Rund-
In Deutschland haben die Brände von Brand und Brandstät- funkinterview mit Jörg Friedrich so:11
ten mächtig um sich gegriffen. Keine größere Tageszeitung, “Die großen, drängenden, furchtbaren Fragen bleiben. Ei-
keine Wochenzeitschrift, die nicht mit Rezensionen aufwarte- nen Dialog der Lebenden mit den Toten hat der französi-
te. Internet-Dienste bieten Buchbesprechungen an. In Presse, sche Historiker Marc Bloch, der im Zweiten Weltkrieg er-
Rundfunk, Fernsehen und bei Autorenlesungen wird Jörg schossen wurde, die Geschichte genannt. Die Lebenden
Friedrich über seine Werke befragt. Bild, Spiegel und GEO können sich, wenn sie diese Bilder anschauen, den Fragen
brachten eigene Darstellungen des Bombenkriegs. Die behar- an die Toten nicht entziehen.”
rende Zeitgeschichtsbranche ist irritiert und glaubt ihr Fun- Einige wagen es, sich den Strömen des Schmerzes zu über-
dament ins Wanken gebracht. geben. Schon vor Erscheinen von Brandstätten veröffentlich-
Einer verlor gänzlich die
Fassung: Ralph Giordano:8
“Es gibt kein Werk über
den Zweiten Weltkrieg,
jedenfalls kenne ich kei-
nes, das die Deutschen
von damals derart in die
Opferrolle drängt, wie
dieses – wobei auf ein ge-
radezu inflationistisches
Fotomaterial zurückge-
griffen werden kann. Eine
vergleichbare optische
Imprimatur über die un-
geheure Zahl deutschver-
ursachter Opfer gibt es
nicht – weder was den
Holocaust, die mobilen
Todesschwadronen der Ralph Giordano: “Es gibt keine optische Impre-
matur der ungeheuren Zahl deutscher Opfer.”
Einsatzgruppen, die sta-
Nicht nur optisch, sondern auch dokumenta-
tionären Todesfabriken risch, demographisch, materiell, forensisch…

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 187


te GEO im Februar 2003 zwei bebilderte Reportagen über Anmerkungen
den Bombenkrieg.12 Nach dem Standard-Bekenntnis zu deut- 1
Jörg Friedrich, Freispruch für die Nazi-Justiz, 1982; Kalte Amnestie,
schen Verbrechen und Weltkriegsentfesselung schildert der 1984. In diesen Büchern klagt der Autor über die unzureichende juristi-
Autor Christoph Kucklick die Stationen des Bombenkrieges sche Verfolgung der NS-Verbrechen. Das Gesetz des Krieges, 1993. Hier
mit einer Anteilnahme, die dem Leser immer wieder die Trä- befaßt sich der Autor mit den Wehrmachtsverbrechen im Rußlandkrieg
1941-1945 und ihrer juristischen Aufarbeitung im Nürnberger Prozeß.
nen in die Augen treibt, Tränen des Mitleidens und Tränen Für dieses Werk erhielt er im Jahre 1995 den Ehrendoktor der Juristi-
des ohnmächtigen Zorns. Christoph Kucklick ist kein Zyni- schen Fakultät der Universität Amsterdam sowie den Pioom Award der
ker. der UNO zugehörigen Gesellschaft zur Erforschung des Völkermords an
Im gleichen Jahr noch faßt er die Berichte in einem Buch zu- der Universität Leyden. In dem soeben in Deutschland und Japan er-
sammen: Feuersturm. Der Bombenkrieg gegen Deutsch- schienenen Buch Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im
20. Jahrhundert (herausgegeben von Franz W. Seidler und Alfred M. de
land.13 Lange hat der Schuld-Kult die Deutschen vor den Zayas) bearbeitete Friedrich die Stichworte “Babi Jar” (ein Judenmassa-
Brandschmerzen geschützt. Schmerz war ins Polnische aus- ker in Kiew im September 1941) und “SS-Einsatzgruppen”. Daneben ist
gelagert worden, in Gaskabinette, in denen nur Juden saßen. er Mitarbeiter in diversen Fernsehsendungen über NS-Verbrechen und
Dort tat der Schmerz nicht weh. Um die eigenen Feuer- und Kriegsrecht.
2
Alle Seitenangaben aus Der Brand. Zitat aus: Herbert Pogt (Hg.) Vor
Gastoten nicht beweinen zu müssen, wurde ihnen der lä- fünfzig Jahren. Bomben auf Wuppertal, Wuppertal, 1993, S. 137.
chelnd bejammerte Gashorror aufgehalst. Tote können sich 3
Maximilian Czesany, Europa im Bombenkrieg 1939 – 1945, 3. Aufl.
nicht wehren. Graz 1998.
4
Die Deutschen haben sich mit dem Schuld-Kult auf die Seite Franz Kurowski, Der Luftkrieg über Deutschland, Düsseldorf 1977.
5
Czesany, S. 691-693.
der Sieger geschlagen, sind zu Mitsiegern geworden gegen 6
Jörg Friedrich, Brandstätten. Der Anblick des Bombenkriegs, München
ihre Väter, gegen sich selbst. Der Preis, den die Deutschen 2003, S. 239. Die nachfolgenden Seitenangaben im Text beziehen sich
zahlten, heißt: Leere. darauf.
7
Die Bilder des wahren Brandes haben die gefälschten Bilder Ebenda, S. 127.
8
von Auschwitz und Co. zum Erblassen gebracht. Die Bilder Ralph Giordano, “Das mag begreifen, wer will. Jörg Friedrich zeigt in
seinem Band ‘Brandstätten’ die Deutschen als Opfer”, WELT,
der Bombentoten berühren das gelähmte Gefühl der Deut- 29.12.2003.
schen, dieses beginnt, die Leere zu füllen. Die besiegten Vä- 9
Welt, 3.1.2004.
10
ter, die Toten reden. Sie reden von ihrem Kampf, von ihren Interview mit dem Berliner Historiker Jörg Friedrich, “Von guten Massa-
Leiden. Sie reden von dem, wofür sie lebten, von der Volks- kern und bösen Massakern”, Spiegel Online.
11
Buchbesprechung von Michael Stürmer in: “Politisches Buch”, Deutsch-
gemeinschaft. land Radio Berlin, 28.11.2003.
Wenn die Deutschen sich dem Schmerz des Brandes stellen, 12
Christoph Kucklick, “Terror gegen den Terror?” und “Feuersturm”, GEO,
der ihnen das Gestern vernichtete, dann können sie gesunden. Februar 2003, S. 120-164.
13
Jörg Friedrich hat den Weg frei gemacht. Christoh Kucklick, Feuersturm. Der Bombenkrieg gegen Deutschland,
Hamburg 2003.
Seher schreiben nicht nur Geschichte, sie greifen auch in die
Geschichte ein.

Stalingrad an der Wolga, Stalingrad an der Spree


Von Wolfgang Strauss
Haß statt Versöhnung ein. Damit ist die letzte starke Riegelstellung der Stalingrader
In den ersten Septembertagen 1942 bricht die Verteidigung Verteidigung aufgerissen. Neun Zehntel der Stadt sind in
von Stalingrad zusammen. Deutsche Panzerdivisionen haben deutscher Hand. In einer Rundfunkrede erklärt Hitler so ne-
den inneren Sperrgürtel aufgerissen und jagen auf den Stadt- benbei:
rand zu. In der Südstadt und in Stalingrad Mitte fällt ein Wi- “[…] und was Stalingrad betrifft, kann ich dem deutschen
derstandsnest nach dem anderen. Panzergrenadiere der 6. Volke und der übrigen Welt versichern: Das werden meine
Armee kämpfen sich zur Wolga vor und graben sich hier ein. Stoßtrupps machen.”
Nur im nördlichen Industrievorort Spartakowka halten sich Wie die Stalingrader Schlacht weiterging, weiß man. Fünf
die Verteidiger. Mehr als 20.000 Russen und Ukrainer kämp- Sowjetarmeen, ausgerüstet mit amerikanischen Stiefeln,
fen als Freiwillige (“Hiwis”) auf deutscher Seite. In der Stadt Lastwagen, Panzern, Konserven, stießen am 19. November in
herrscht Chaos. In dem wilden Durcheinander ist der sowjeti- den großen Donbogen hinein, überrollten die rumänischen
schen Führung die Übersicht völlig verlorengegangen. Ange- Frontabschnitte an der Nord- und Südflanke der 6. Armee
sichts der verzweifelten Lage erklärt General Lopatin, daß und setzten zu einer Zangenbewegung an. Am 23. November
Stalingrad nicht länger gehalten werden könne. Er schlägt schlossen sich die Zangen bei Kalatsch. Eingeschlossen 20
Stalin vor, die Stadt räumen zu lassen, die Reste der zer- deutsche Divisionen. Anfang Februar 1943 taumelten 90.000
schlagenen 62. Armee über die Wolga zurückzunehmen und von Hunger, Kälte und übermenschlichen Anstrengungen
sie dadurch vor der völligen Vernichtung zu bewahren. Stalin ausgemergelte deutsche Soldaten in die Gefangenschaft.
schickt Lopatin in die Wüste, ersetzt ihn am 8. September 90.000 von ursprünglich 230.000. Es war ein Marsch in den
durch Wassili Tschuikow. Anfang November dringen Batail- Tod, denn von den 90.000 überlebte nur jeder Fünfzehnte die
lone der westfälischen 16. Panzerdivision in Spartakowka Stalinschen Zwangsarbeitslager.

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Gewaltig grausam das vergossene Blut auf sowjetischer Sei- die sowjetische Begleitung. De Gaulle bemerkte das Mißver-
te. Gefallen eine Million (Zivilisten nicht mitgezählt). Ver- ständnis und korrigierte:
wundete und an ihren Verletzungen gestorbene Sowjetarmi- “Ich meine nicht die Russen, ich meine die Deutschen.”
sten, niemand hat sie gezählt. Gezählt wurde damals an Sta- Jean Laloy unterließ es wohlweislich, die Worte des Generals
lins Heimatfront der Ausstoß von Granatwerfern, Panzern, ins Russische zu übersetzen. Heute würde eine russische Be-
Katjuschas. Der Mensch, das berichten russische Historiker, gleitung dem belegten Ausspruch des großen Franzosen zu-
war nicht einmal eine Kalaschnikowpatrone wert. stimmen. Im russischen Deutschlandbild von heute hat die
Stalingrad sei heute ein “Symbol der Versöhnung”, sprach militärische wie menschliche Leistung des deutschen Solda-
Karl-Wilhelm Lange, Präsident des Volksbundes Deutsche ten ihren festen Platz. Das gilt nicht nur für die Geschichtsre-
Kriegsgräberfürsorge. Versöhnung zwischen deutschen und visionisten; sie vor allem aber erinnern an die Standfestigkeit
russischen Frontkämpfern von einst, das soll vorkommen, da- und Opferbereitschaft, die Härte und den Todesmut der ein-
für gibt es Zeugen. Was indes dem Sozialdemokraten Lange stigen Eroberer und der später Geschlagenen. Die Tragödie
bei seiner Vorbereitung für die zentrale Veranstaltung am der deutschen Stalingradkämpfer steht stellvertretend für ein
Volkstrauertag – 17. November, Berliner Reichstag, wider- ganzes Volk: Spricht man heute von “den” Deutschen, meint
fuhr, war das Gegenteil von Versöhnung. Blanker Haß man das “Volk von Stalingrad”. Das Volk der 6. Armee. Eine
schlug von den Medienlinken dem Volksbund-Präsidenten Legende, ein Mythos – und Mythen sterben nicht im Ge-
entgegen. Die Veranstaltung drohte zu platzen, höhnte DER schichtsbewußtsein der Russen. Die Tatsache, daß sich die
SPIEGEL. Das begann mit der Fest-Sinfonie des Franzosen soldatischen Tugenden der Wehrmacht mit dem Nationalso-
Aubert Lemeland. Aus einer Résistance-Familie, ein Nor- zialismus verbanden, schmälert nicht den Respekt der Russen
manne, ein Gaullist, germanophil, gewiß, doch vor allem für den früheren Gegner. Hitlers Kolonialpolitik und die Mo-
dies: ein Bewunderer der 6. Armee. Und kein heimlicher ral der Wehrmacht, diesen Gegensatz erlebten Millionen
Bewunderer, titelte er doch seine Sinfonie Letzte Briefe aus Russen als Augenzeugen im sowjetisch-deutschen Krieg.
Stalingrad. In der Urfassung des Musikwerkes werden Aus- Am 2. Februar 1943 hatten die ersten Sowjetsoldaten den Di-
züge aus zehn deutschen Landserbriefen verlesen, von Offi- visionsgefechtsstand der ostpreußischen 24. Panzerdivision
zieren und Obergefreiten, Briefe des Leids, des Heimwehs, im Nordkessel von Stalingrad erreicht. General von Lenski
der Tapferkeit, auch des Patriotismus. Eben Worte einge- ließ seine überlebenden Panzergrenadiere zusammenkom-
schlossener Frontkämpfer. Der Spiegel denunzierte: men, Offiziere wie Mannschaften. Nach einem Abschieds-
“Musiker Lemeland stützt sich auf eine erstmals veröffent- wort erklang ein dreifaches Hurra auf Deutschland. Die Rus-
lichte Briefsammlung, die aus Material entstanden ist, das sen, schon in der Bunkertür stehend, ließen es schweigend
die Propagandaabteilung der Wehrmacht im Auftrag des geschehen. 53 Jahre später, am 8. Juni 1996, wurde im Wol-
Propagandaministeriums der Nazis zusammengestellt und gograder Steppenvorort Pestschanka ein Denkmal für “alle
manipuliert hatte – für ein Heldenbuch über die Schlacht Opfer der Schlacht um Stalingrad” enthüllt, aufgestellt mit
von Stalingrad. Festredner Thierse will jedoch nur dann an Unterstützung russischer Behörden und der Bevölkerung
der Veranstaltung teilnehmen, ‘wenn keine Nazi-Texte ver- selbst. Das Denkmal erinnere an die Leiden der hier gefalle-
lesen werden’.” (46/2002) nen Soldaten und gestorbenen Zivilisten, heißt es auf einer
Der brave Sozialdemokrat Karl-Wilhelm Lange mußte vor Inschrift in deutscher und russischer Sprache:
dem Sozi Wolfgang Thierse kapitulieren. Zensur statt Trauer. “Für die hier Gefallenen und in Gefangenschaft Verstor-
Die vom französischen Komponisten ausgewählten Landser- benen erbitten wir den ewigen Frieden in russischer Er-
briefe – unterdrückt. An ihrer Stelle hörte man Kriegsbriefe de.”
aus Kempowskis Echolot. Der Ausspruch des Franzosen bedarf der Berichtigung: Ein
Die Reaktion des düpierten Komponisten? Lemeland sprach großes Volk... auch das russische Volk! Es hat sich mit seiner
von Schamlosigkeit, Verhöhnung, Geschichtsklitterung, und Tapferkeit und Standfestigkeit in die Geschichte der Wolga-
er erschien nicht im Reichstag. Dafür saßen als Ehrengäste Thermopylen eingemeißelt. Da wird in die Schlacht auf dem
ukrainische, russische, weißrussische Veteranen, einige von Höhepunkt der Septemberkämpfe (Tschuikow funkt an die
ihnen konnten sich an die Gefallenenehrung 1999 in Wolgo- Stawka: “Die Front ist nur noch 800 Meter von uns entfernt”)
grad erinnern. Eine Ehrung mit der Aufführung der Leme- die 13. Gardeschützendivision über den Strom gebracht. 14.
land-Sinfonie und der Verlesung deutscher Landserbriefe, September. Zehntausend Mann stark, unter dem Kommando
aus denen Heimatliebe, Hoffnung, Schmerz, Opfersinn spra- von Generalmajor Rodimzew, schon an diesem Tag eine Le-
chen, und die Russen in Wolgograd waren ergriffen. Ein gende, nach seinem Soldatentod aufgestiegen am Roten
Herzens-Ja zur Versöhnung mit den Deutschen, auch wenn Himmel zum “Helden der Sowjetunion”. Der russische Leo-
Sjuganows Altkommunisten und ordensbehängte Stalintreue nidas geht mit seinen Spartanern über den Fluß, nachts, mit
seit dem ersten Spatenstich für den kombinierten deutsch- Fischerbooten und primitiven Fähren. Ohne schwere Waffen.
russischen Soldatenfriedhof Rokoschka Sturm laufen. Rodimzews Garde verteidigt Stalingrad Mitte, den Mamai
Auch das Intonieren des Liedes Ich hatt’ einen Kameraden in Kurgan. Ihr Opfergang kann Stalingrad in diesem September
der Feierstunde erregte das Mißfallen des Spiegels, der Thier- nicht retten. Achtundvierzig Stunden später ist die 13. Garde-
separtei, der Nie-wieder-Deutschland-Grünen, hätte doch schützendivision zusammengeschlagen. Tschuikow morst
Goebbels das Lied am 3. Februar 1943 im Großdeutschen nach Moskau:
Rundfunk ertönen lassen, vor der Sondermeldung über den “Noch ein paar Tage solcher Kämpfe, und die 62. [sowje-
Endkampf der 6. Armee. tische] Armee ist aufgerieben.”
1944 besuchte de Gaulle das Schlachtfeld von Stalingrad. Für die 13. Gardeschützendivision steht kein Denkmal in Pu-
Beim Anblick der Ruinen rief der General aus: “Welch ein tins Metropole. Die letzten noch lebenden deutschen Stalin-
großes Volk!” Nachdem sein Dolmetscher, der spätere Di- gradkämpfer haben den Namen Rodimzew nicht vergessen.
plomat Jean Laloy, diesen Satz übersetzt hatte, applaudierte © 20.11.2002

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Die Wahrheit über die 6. Armee sogar ihr Gemeindeeigentum zurück.
“Die Wehrmacht war die beste Armee, im besonderen auf Und ihre Motive? Aus den Untersuchungsunterlagen der so-
einem Gebiet: der Wertschätzung des Lebens des einfachen wjetischen Geheimpolizei beziehungsweise des Volkskom-
Soldaten.” missariats für Inneres (NKWD) kristallisieren sich folgende
So lautet das Urteil des russischen Zeitgeschichtlers Alexan- Hauptbeweggründe heraus: Der militante Haß auf den bau-
der Iwanow-Sucharewskij, Sohn eines Frontoffiziers und ern- und arbeiterfeindlichen Kurs Stalins, der Wille zur
Helden der Sowjetunion. Die Wehrmacht sei eine “ehrbare Selbstbefreiung – mit Hilfe der Wehrmacht – und die Über-
Armee” gewesen, stellte Rudolf Augstein 1981 fest. Sein Ur- zeugung von der Unbesiegbarkeit der deutschen Armee. Laut
teil hat der Ostfront-Artillerist niemals revidiert. Kurz nach Epifanow und Lomow erkannte die Bevölkerungsmehrheit
seinem Tode erscheint im Spiegel eine Titel-Story über die im Kommunismus einen permanenten Vernichtungskrieg ge-
Schlacht von Stalingrad, verfaßt von Redaktionsmitglied gen die eigene nationale und soziale Identität.
Klaus Wiegrefe (51/2002). Aus Augsteins “ehrbarer Armee” Insgesamt sechs Monate lang befanden sich 6. Armee und
ist eine Terroristenbande geworden. Die Menschen in Stalins andere Wehrmachtseinheiten auf Stalingrader Gebiet. In die-
Bauern- und Arbeiterparadies hätten den Vormarsch der ser relativ kurzen Zeit gelang es den Deutschen, ein dichtes
Wehrmacht als “Hölle” erlebt, behauptet Wiegrefe, ein 68er. Netz von einheimischen Selbstverwaltungsorganen aufzu-
Beim Eindringen in Stalingrad sei es die Aufgabe der 6. Ar- bauen, besonders in den am Don gelegenen Kosakenbezir-
mee gewesen, die gesamte männliche Bevölkerung zu besei- ken. Zu den ersten Maßnahmen der deutschen Eroberer zähl-
tigen, Frauen und Kinder zu deportieren. Der Spiegel- ten die Abhaltung von Dorfversammlungen, auf denen die
Redakteur beruft sich auf Heer & Reemtsma, wenn er von Dorfältesten gewählt wurden, die Aufstellung einer russi-
den “Verbrechen” der 6. Armee spricht. Die Stalingrader Ju- schen Hilfspolizei, die Öffnung von Kirchen, die Wiederbe-
den hätten “einen Stern tragen müssen”. Gefangene Rotarmi- lebung des religiösen Lebens mit Gottesdiensten, Taufen,
sten seien “erschossen”, im Kessel befindliche Zivilisten Eheschließungen, Schulunterricht – und arbeitsfreien Sonn-
“massakriert” worden. tagen. In einigen ländlichen Bezirken duldete die Wehrmacht
Stalingrad wurde im Herbst 1942 von der 6. Armee angegrif- die Liquidierung der kommunistischen Staatsgüter und die
fen und, bis auf einen Uferbezirk, von deutschen Truppen er- Gründung privater Bauernbetriebe.
obert. Bestand die Besatzungspolitik der 6. Armee tatsächlich Welche Schichten waren vom ersten Tag der Besetzung an
nur aus “Verbrechen”, wie Wiegrefe suggeriert? Zwei russi- entschlossen, mit den Deutschen freiwillig zusammenzuar-
sche Historiker, renommierte Geschichtsprofessoren aus Wol- beiten? Epifanow und Lomow nennen folgende Gruppen:
gograd, unternahmen den Versuch einer wissenschaftlichen Die von der Sowjetmacht enteigneten, diskriminierten Klein-
Beantwortung dieser Frage. Viktor Lomow ist dort Professor und Mittelbauern; ehemalige Weißgardisten und ihre Nach-
am Lehrstuhl für Theorie und Geschichte des Staates und des kommen; die Kosakenschaft, den versuchten Genozid durch
Rechts, der Zeithistoriker Alexander Epifanow war dort in der die Bolschewiki im Bürgerkrieg im Kollektivgedächtnis; be-
Glasnost-Ära Geschichtspädagoge für Untersuchungsrichter kennende gläubige Christen, vor allem Frauen und Priester;
des damaligen sowjetischen Innenministeriums (MWD). von der Stalinschen Verfolgung Betroffene, Terroropfer der
Anhand dokumentarischer Unterlagen aus ehemals geheimen dreißiger Jahre wie ehemalige GULag-Häftlinge; antistalini-
NKWD-Archiven untersuchten die Professoren Epifanow stisch ausgerichtete, aber keineswegs antisozialistische Ju-
und Lomow die Besatzungspolitik der Wehrmacht und das gendliche aus der Arbeiterklasse, auf einen wahren russi-
Verhalten der Zivilbevölkerung im Stalingrader Gebiet ein- schen Sozialismus hoffend.
schließlich Stalingrad, das von der 6. Armee im Som- Die russischen Historiker verschweigen nicht Partisanener-
mer/Herbst 1942 erobert wurde. Ende August 1942 hatte die schießungen, Razzien sowie Verhaftungen von Juden und
6. Armee 16 Landbezirke des Stalingrader Gebietes und fol- andere Strafaktionen. Für Diebstahl und Brandstiftung wur-
gende Stadtviertel von Stalingrad besetzt: Traktorenwerk, den Geldstrafen verhängt oder es erfolgte eine “zeitweilige
Ermanwerk, Woroschilowsk, Roter Oktober, Rote Barrikade, Inhaftnahme”. Trotz dieser Maßnahmen erfaßte die “Kolla-
Dserschinski. borationsbereitschaft” auch die einstigen Träger des sowjeti-
In der Riesenregion zwischen Donez, Don und Wolga lebten schen Regimes – Komsomolzen und Kommunisten, darunter
damals 785.000 Menschen – Russen, Ukrainer, Kosaken. Die altgediente Parteimitglieder. Epifanow stellt fest:
meisten waren nicht evakuiert worden. Was spielte sich in “Die deutschen Besatzer führten gegen die verbliebenen
der Wehrmachts-Etappe ab? Repressalien ohne Ende? Bruta- Kommunisten und Komsomolzen keine offenen Repressali-
le Unterdrückung? Geiselerschießungen? Brandschatzung? en durch. […] Das NKWD mußte feststellen, daß die mei-
Zwangsverschickung? Militärischer Terror? sten von ihnen den Deutschen aktiv halfen.”
Keineswegs, meinen Epifanow und Lomow. Sie listen auf: Lomow zitiert aus einem geheimen Sonderbericht der
Bürgermeister wurden in freier, direkter Wahl von den Dorf- NKWD-Leitung des wiedereroberten Stalingrader Gebietes
bewohnern bestimmt – ohne Einmischung der Wehrmacht. vom 15. April 1943:
Komsomolzen, das heißt Jungkommunisten aus der Arbeiter- “Es ist beachtenswert, daß anstatt von Massenrepressalien
jugend, verbrannten öffentlich ihre Mitgliedsbücher und die Deutschen gerade die Komsomolzen zu antisowjeti-
meldeten sich freiwillig zum Dienst in der Wehrmacht oder scher Propaganda heranziehen.”
der Hilfspolizei. Bauern und Kosaken nahmen die Auflösung Hervorgehoben wird das “große Ausmaß” der Zusammenar-
der Kolchosen in die eigene Hand, indem sie den Boden un- beit zwischen proletarischer Komsomoljugend und Wehr-
ter sich aufteilten. Parteimitglieder arbeiteten mit den Deut- macht. Ausdrücklich heißt es, deutschfreundliches Benehmen
schen zusammen und rückten in Selbstverwaltungsorgane und prodeutsche Haltung, im Privaten wie im Politischen,
auf. Junge Kosakenfrauen heirateten deutsche Offiziere. seien typisch gewesen bei den “meisten” Jugendlichen in den
Gläubige der russisch-orthodoxen Kirche erhielten von der besetzten Bezirken Stalingrads und des Stalingrader Gebie-
Wehrmacht ihre Gotteshäuser, Klöster, religiösen Schätze, tes. Wörtlich heißt es im Geheimdossier des NKWD:

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“Es wurde ein Sonderaufruf an die Jugendlichen gerichtet, towa die Runde, daß sich nun zwei Rußlands in die Augen
freiwillig der deutschen Armee beizutreten. Als Ergebnis schauen würden: das Rußland, das im Archipel GULag ge-
dieser Kampagne traten über 50 Jugendliche im Bezirk sessen habe, und jenes, das die Gefangenen in die Hölle es-
Kotelnikow in die deutsche Armee ein. […] In der Stadt kortiert habe. Aber dazu ist es seit dem Umsturz von 1991
Stalingrad befanden sich für Wach- und Konvoidienste nicht gekommen. Man hat sich nicht in die Augen geschaut.
Einheiten mit 800 ukrainischen Jugendlichen im Alter zwi- Die einen sagen: Es war noch schlimmer. Die anderen sagen:
schen 16 und 19 Jahren. […] Allein 30 Prozent der Kom- Es gab den Schrecken nicht.
somolzen, die auf dem besetzten Gebiet verblieben waren, Vor kurzem hat man riesige Massengräber in der Umgebung
arbeiteten in den Verwaltungsorganen, vorwiegend in den von Sankt Petersburg entdeckt. Gebeine von Menschen, die
deutschen Kommandanturen, in Bezirks- und Dorfverwal- zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen fünfzehn und siebzig
tungen. […] und mehr als 50 Prozent aller Komsomolzen Jahre alt gewesen sind. Alle Schädel hatten auf der Rückseite
haben demonstrativ ihre Mitgliedsbücher verbrannt.” ein Loch, entstanden durch einen Schuß aus Revolvern mit
War die Wehrmacht im allgemeinen, die 6. Armee im spezi- dem Kaliber von neun und 11,43 Millimetern. Diese Waffen
ellen eine “Vernichtungsmaschinerie”? Nein, sagen die bei- hatten GPU beziehungsweise NKWD in den zwanziger und
den russischen Historiker. In der Einleitung zu Kapitel 8 dreißiger Jahren benutzt. In der Großen Tschistka erschoß die
schreiben Epifanow und Lomow: Geheimpolizei ca. zwei Millionen Menschen. Auf dem Pe-
“Die von der sowjetischen Propaganda verbreiteten Dar- tersburger Dreifaltigkeitsplatz wurde 1990 eine Tafel ange-
stellungen des Besatzungsregimes der deutschen Wehr- bracht, daß an dieser Stelle ein Denkmal für die Opfer des
macht, die nach ihrem tatsächlichen Charakter nichts mit Terrors entstehen solle. Mehr als zehn Jahre lang tat die Stadt
Greueltaten und Verbrechen zu tun hatte, war eines der nichts, um diese Ankündigung wahr zu machen; in dieser
verlogensten Themen der traditionellen sowjetischen Ge- Zeit war ein gewisser Putin die rechte Hand von Oberbür-
schichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg. […] Die germeister Sobtschak. Ehemalige politische Häftlinge brach-
Aufklärung hat nicht nur der historischen Wahrheit und ten daraufhin 2002 mit einem Schiff einen zehn Tonnen
der Objektivität zu dienen, sondern auch der moralischen schweren Stein von der Insel Solowki, dem Geburtsort des
Befreiung von den negativen Erscheinungen, die unter den GULag, nach Petersburg. Sie stellten ihn auf dem Platz auf
Bedingungen des Stalinschen Totalitarismus hervortra- als Geschenk der GULag-Überlebenden an die Stadt
ten.” Puschkins, Dostojewskijs, Achmatowas.
Bleibt festzuhalten: Im Fall Stalingrad und 6. Armee ist Der Die allermeisten Wolgograder lehnen die Rückbenennung ih-
Spiegel der Geschichtsfälschung überführt. Enthalten sind die rer Stadt kategorisch ab. Vor allem die junge russische Gene-
Aussagen von Epifanow und Lomow in dem Werk Die Tra- ration will mit einer Re-Stalingradisierung nichts zu tun ha-
gödie der deutschen Kriegsgefangenen in Stalingrad von ben. Sowjetveteranen würde man seitens der Jugend “höh-
1942 bis 1956 nach russischen Dokumenten, herausgegeben nisch” die Frage stellen: “Sa tschto borolis?”, klagt der “Held
1996 vom Biblio-Verlag, Osnabrück. Augsteins Magazin hat der Sowjetunion” und Literaturfunktionär Wladimir Karpow.
das Buch boykottiert, weder erwähnt noch besprochen. “Wofür habt ihr eigentlich gekämpft?” (Literaturnaja Gaseta
© 20./23.12.2002 vom 18. Dezember 2002)
“Eine Wiederkehr des Namens Stalingrad würde Befürchtun-
Stalingrader Schlacht – ein Riß durch das russische Volk gen wecken”, sagte Putin im Fernsehen. Am 2. Februar in
Zehn der zwölf riesigen Rüstungsbetriebe stehen still, darun- Wolgograd relativierte der Präsident seine Aussage; er selbst
ter das mit Hilfe von Ford in den zwanziger Jahren errichtete habe nichts gegen den Namen “Stalingrad”, doch könnte eine
Traktorenwerk. Gerade noch vor dem Verfall gerettet die Rückbenennung im Ausland als ein Signal der Rückkehr zum
8.000 Tonnen schwere Rodina Matj, die Mutter Heimat, das Stalinismus mißverstanden werden.
Schwert in der Rechten erhoben, die Linke nach Westen zei- Ob Wolgograd oder Stalingrad, die Bühne Stalinscher Gigan-
gend, mit 85 Metern höher als die amerikanische Freiheitssta- tomanie, der Riß bleibt. Ein Riß mitten durch die Kriegserin-
tue, mit Rissen und Klüften nicht nur im Fundament. Die Re- nerung, das Geschichtsgedächtnis, die Nationalidentität der
de ist vom bröckelnden Giganten auf dem Mamajew-Hügel Russen.
vor Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad. Seit Monaten rollt eine Stalingradwelle über Fernseh-, Funk-
In dieser von Fabriksterben, Arbeitslosigkeit, Bettlertum, Ju- und Pressehäuser hierzulande. In Knopps Stalingradserie,
gendabwanderung heimgesuchten Stadt – bis 1925 Zaryzin – ausgestrahlt vom ZDF, kamen sowjetische Augenzeugen en
regieren die harten Reststalinisten, die letzten Treuen aus der masse zu Wort. Stalingrader Veteranen mit Ordensteppichen
Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF). vor Brust und Bauch. Unschwer zu erraten war ihre Zugehö-
Sie stellen auch drei Viertel im Gebietsparlament. Der nicht- rigkeit zur Kommunistischen Partei der Russischen Föderati-
kommunistische Gouverneur ist von ihnen abhängig; kein on, ihre Stalinliebe. Kommentarlos ließ Guido Knopp unfaß-
Wunder, daß dieser Satellit die Rückbenennung der Stadt in bare Haßergüsse dieser angeblichen Frontkämpfer auf das
Stalingrad fordert. deutsche Publikum niederrieseln. Die Soldaten der 6. Armee
Nur wenige Meter neben dem Stalingrad-Museum steht am – Tötungsmaschinen, ohne Gefühl, Bestien, “der Deutsche
Wolgaufer ein Stein, der 1993 aufgestellt wurde. “Hier wird war kein Mensch”.
ein Denkmal für die Opfer der politischen Verfolgungen er- Zur gleichen Zeit flimmerten auch russische Filme über Mos-
richtet”, ist darauf geschrieben. Gemeint sind die 66 oder 67 kauer TV-Kanäle, doch war kein Streifen durchtränkt von so
Millionen, die der Bolschewismus zu Staub zermahlen hat. viel Deutschfeindlichkeit wie das Produkt eines Knopp.
Seitdem ist nichts passiert. Der Stein – mit Staub bedeckt, aus Vom “Mythos Stalingrad” spricht der Historiker und Kriegs-
dem Stadtbild verbannt, vergessen. schriftsteller Wladimir Beschanow, berühmt geworden durch
Als in der Chruschtschow-Ära die Zwangsarbeitslager ihre mehrere Bestseller, darunter Panzerpogrom 1941. Bescha-
Tore öffneten, machte das Wort der Dichterin Anna Achma- now zerpflückt die Tabus und Legenden der sowjetischen

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 191


Stalingrad-Historiographie. Ihn konnten die russischen Mas- finder des Siegesplanes “Stalingrad” gewesen. In Wirklich-
senmedien in den “Siegesfeiern”-Wochen heuer nicht über- keit sei Schukows Rolle in der Stalingrader Schlacht nichts
gehen. Das spektakulärste Interview gab Beschanow der Herausragendes gewesen, behauptet Beschanow. Erst Anfang
Zeitschrift Argumenti i Fakti, 4/2003. “Sensation! Wahrheit 1943 habe Schukow den Oberbefehl über die Südfront über-
und Lüge über die Stalingradschlacht”, schlagzeilte Rußlands nommen. Schukows Auftrag sei es gewesen, 1942 den Eck-
auflagenstärkstes Wochenblatt. Ein Zwischentitel lautet: pfeiler Rschew, nordwestlich von Moskau, den Deutschen zu
“Sieg an der Wolga mit anderthalb Millionen Rotarmistenlei- entreißen, die deutsche Heeresgruppe Mitte zu zerschmettern,
chen erkauft”. ins Baltikum vorzustoßen. Für diese kriegsentscheidende
Im von politischer Korrektheit ungezähmten Rußland erklärt Großoffensive habe Schukow 1,9 Millionen Rotarmisten ins
Beschanow: deutsche Feuer gejagt, dennoch die Schlacht verloren.
“Wir Russen sind nicht mit der Geschichte des Krieges er- “Die Stoßarmeen der Westfront und der Kalinin-Front
zogen worden, sondern mit Mythen über den Krieg. Wir wurden eingekesselt, aufgerieben, zurück blieben an der
sind Gefangene der Mythen. Wie konnte es eigentlich ge- Wolga bei Rschew eine halbe Million Soldatenleichen und
schehen, daß die Deutschen uns im zweiten Kriegsjahr bis 1850 Panzerwracks. Rschew aber befand sich immer noch
zur Wolga trieben? Nach der Moskauer Winterschlacht be- in deutscher Hand.”
fand sich Stalin wie im Rausch, voller Euphorie wollte er So Beschanow. Ironisch, ja fast zynisch seine Schlußbemer-
jetzt angreifen, er sah sich schon als Sieger auf dem euro- kung:
päischen Schlachtfeld. Am 28. Juni 1942 setzten die Deut- “Nach dem Kriege gaben die deutschen Feldherren als
schen ihren Vormarsch fort, und nach nur zwei Wochen Gründe für die Niederlage im Osten an: Hitlers Wahnsinn,
war Stalins Südwestfront vernichtet. Dabei waren die sieg- materielles Übergewicht des Gegners, der russische Win-
reichen Deutschen zahlenmäßig weit unterlegen. Im Juni ter. Doch keiner von ihnen schrieb in seinen Memoiren,
kämpften 270.000 Deutsche mit 400 Panzern gegen deutsche Generäle hätten nichts von Truppenführung,
540.000 Rotarmisten, die 1.000 Panzer besaßen.” Kriegskunst, Strategie verstanden.”
Dem Mythenbollwerk sowjetischer Historiker versetzt Be- Daß die Verteidigung von Stalingrad im September und Ok-
schanow einen Schlag, wenn er feststellt, daß die Sowjetar- tober 1942 trotz Stalin, Stawka, Generalität nicht mit einer
mee mit fünffacher Übermacht die Stadt verteidigte. Ge- Niederlage endete, bezeichnet Beschanow als “tschudo” – ein
stürmt wurde Stalingrad von drei deutschen Divisionen mit Wunder, und dieses Wort schließt all die Eigenschaften ein,
200 Panzern, während den Verteidigern 20 Divisionen zur die man dem russischen Menschen nach 25 Jahren seelischer
Verfügung standen, deren Panzerzahl dreimal höher war. Be- und physischer Vergewaltigung nicht mehr zugetraut hatte:
schanow sardonisch: Härte, Stehvermögen, Tapferkeit, Hingabebereitschaft, To-
“Womit abermals jene makabre sowjetische Gesetzmäßig- desverachtung.
keit in Sachen Strategie zur Geltung kam: je höher unsere Erst seit dem Untergang der UdSSR und der Entmachtung
materielle Überlegenheit, desto höher unsere personellen der KPdSU wagen russische Kriegsforscher die Frage zu stel-
Verluste!” len, um welchen Preis die Kapitulation der dreiviertelverhun-
Schreckliche Verluste auch bei der Zivilbevölkerung. Män- gerten Paulus-Soldaten errungen wurde. Die Verluste der
ner, Frauen, Kinder durften Stalingrad nicht verlassen. Als Stalinschen Wehrmacht waren größer als die der Wehrmacht
am 22. September der deutsche Vorstoß zum Wolgaufer das Hitlers. Tag für Tag verlor die Rote Armee 2500 Mann. “Die
sowjetische Verteidigungsgebiet spaltete, befanden sich in gigantischen Opfer auf unserer Seite haben dazu geführt, daß
der zerbombten Stadt noch 200 000 Zivilisten. Suppe aus Gu- wir aufgehört haben, das Leben jedes einzelnen Menschen zu
laschkanonen der eigenen Armee bekamen die Eingeschlos- achten”, klagt Boris Usik, Direktor des Kriegsmuseums in
senen nicht. Zum Tode verurteilt durch Hunger, Seuchen. Wolgograd, ein prominenter Militärhistoriker und, was
Stalins “Vernichtungskrieg gegen das eigene Volk”, um ein schwerer wiegt, ein unkonventioneller Geschichtsrevisionist.
Wort Solschenizyns zu gebrauchen. Statt Brot bekamen die Nein, der Bestsellerautor und Mythenzertrümmerer Bescha-
Hungernden einen Malenkow (aber er blieb auf dem Ostu- now ist kein Einzelfall.
fer!). Dieser Massenmörder, an dessen Händen das Blut der Tote, Verwundete, Vermißte, Exekutierte auf sowjetischer
Großen Tschistka klebte, drohte den Stalingrader Parteifunk- Seite kamen in sowjetischen Lexika nicht vor. Aufgelistet
tionären mit dem Erschießen, weil sie den Druck der Stalin- wird heute, daß 707.000 Sowjetarmisten die Medaille “Für
grader Prawda eingestellt hatten. “Zu diesem Zeitpunkt”, die Verteidigung Stalingrads” erhielten, mehr als 100 den Ti-
sagt Beschanow, “befand sich die Mehrheit der Bolschewiki tel “Held der Sowjetunion”.
aus Partei, Polizei, Militär auf der anderen Seite der Wolga. Erbarmungslos trieben Politkommissare und NKWD-
Geflohen.” Offiziere Welle auf Welle zum Angriff. Wer zurückwich,
Stalins Stalingrad-Generälen bescheinigt der Experte Be- wurde erschossen. Etwa 12.000 Rotarmisten, eine ganze Di-
schanow mangelnde Professionalität, fehlendes strategisches vision, fielen in Stalingrad den Pistolen der hinteren Frontli-
Denken und eine bodenlose Menschenverachtung bezüglich nie zum Opfer. Putin am 2. Februar in Wolgograd:
der eigenen Soldaten. Anstatt wochenlange blutige Straßen- “Die Russen werden immer stolz sein auf die Landsleute,
kämpfe bei der Wiedereroberung einer Trümmerwüste zu die diesen Sieg errungen haben.”
führen, hätte man die Zange um die millionenstarken Wehr- Die Gebrechlichen, Kranken, an die Matratze gefesselten Sta-
machtskräfte im Kaukasus schließen müssen. “Dafür wären lingradveteranen erhielten am “Siegestag” (Djen Pobjedi) ei-
auf unserer Seite Strategie-Denken und elementare General- ne Flasche Wodka, eine Schachtel Zigaretten und eine Ta-
stabskultur nötig gewesen. Davon war bei unseren “Napole- bakdose.
ons” nichts zu entdecken”, urteilt Beschanow. Über die Zahl der Gefallenen auf sowjetischer Seite gibt es
Vernichtend sein Urteil über Schukow. Nach dem Kriege be- widersprüchliche Angaben. Die Rede ist von einer halben
hauptete dieser, er und Marschall Wassilewskij seien die Er- Million Soldaten. In der ersten Phase der Schlacht, bei der

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Verteidigung Stalingrads, sollen laut Sokolow 320.000 Ro- gradkämpfer zurückkehrten, müssen 195.000 im Soldatengu-
tarmisten gefallen sein. Der Historiker Boris Sokolow, ein lag gestorben sein. Die Richtigstellung der Zahlen stammt
promovierter Philosoph, ist Professor an der Akademie für vom Historiker Generalleutnant a. D. Franz Uhle-Wettler
Slawische Kultur, Autor einer Schukow-Biographie. Soko- (Höhe- und Wendepunkte deutscher Militärgeschichte). Bis
low zählt zu den Co-Autoren des 1995 in Moskau erschiene- 1945 waren Hunger, Kälte, Folter, Erschießung, Seuchen die
nen Sammelbandes Plante Stalin einen Angriffskrieg gegen üblichen Tötungsmethoden.
Hitler? Der schon erwähnte Kriegshistoriker Boris Usik Stundenlang nackt in eisiger Kälte stehen, dann unter das
rechnet alle gefallenen Soldaten und Zivilisten, sowie die Wasser, dann wieder stundenlang nackt in der Kälte zum
Vermißten zusammen zu der Zahl von 2,6 Millionen Toten Trocknen. Gefangenenausmerzung.
auf sowjetischer Seite. Heute fehle das Geld, klagt Usik, um In einem Spiegel-Interview erwähnte der Historiker Wehler
auf den Schlachtfeldern nach den Knochen von 200.000 “russische Publizisten”, die, angesprochen auf den angloame-
vermißten Sowjetsoldaten zu suchen. rikanischen Bombenterror, “mit Recht” erwidern, im Ver-
Eine andere Frage ist von russischen Revisionisten wie Anti- gleich “mit dem, was ihr bei uns angerichtet habt, ist euer
revisionisten bis heute ohne Antwort geblieben. Die Vertei- Blutzoll ja trotz allem nicht so extrem gewesen” (2/2003).
diger von Stalingrad im Schicksalsmonat September, haben Wehler verheimlicht nicht, daß er den Standpunkt dieser
sie nur diese Stadt verteidigt, nicht auch Kolyma, Norylsk, “russischen Publizisten” teilt. Kurz zuvor war in der FAZ
Karaganda, Workuta, das Moskau der Lubjanka und (28.12.2002) ein Essay von Iring Fetscher erschienen, “Erin-
Butyrka? Aus historischem Rückblick fällt die Antwort ein- nerungen eines Wehrmachtsinfanteristen von 1941”. Iring
deutig aus: Ja. Die Mutigen und die Harten von Stalingrad Fetscher marschierte durch ukrainische Dörfer:
verteidigten den GULag (womit sie die eigenen Ketten härte- “Jedenfalls wurde ich – zusammen mit meinen Begleitern –
ten, wie Solschenizyn 1994 feststellte.) Der russische Jude in allen Dörfern freudig als ‘Befreier vom Bolschewismus’
Lew Kopelew, ehemaliger Lagerhäftling und ein Mitkämpfer begrüßt. Die Bevölkerung […] glaubte fest an die befrei-
Solschenizyns, der GULag-Zeuge Kopelew äußerte einmal in ende Absicht der deutschen Wehrmacht. Oft wurden mir
einem Vergleich Stalin und Hitler, was sich von 1935 bis nicht nur gute Pferde zum Kauf angeboten, sondern auch
1941 in der Sowjetunion abgespielt habe, sei “selbst mit den Geschenke – meist Weißbrot, Honig und Allasch, ein süßes
gräßlichsten Ereignissen der Weltgeschichte einmalig, grau- alkoholisches Getränk – für meine Einheit mitgegeben. In
sam und sinnlos.” einigen Dörfern zogen wir unter Girlanden mit Begrü-
Und die Zahl der deutschen Kriegsgefangenen nach dem 2. ßungslosungen für die Deutschen ein.”
Februar 1943? In Knopps ZDF-Film am 14. Januar 2003 ist Nach dem Krieg machte Prof. Dr. Iring Fetscher (SPD) eine
von Hunderttausend die Rede, doch ist das eine sowjetische internationale Karriere als Marxismusforscher.
Legende, denn in Wirklichkeit sind etwa 200.000 Deutsche © 10./12.2.2003
in Gefangenschaft geraten. Da hingegen nur 5.000 Stalin-

Die Vertreibung der Deutschen aus Japan 1947-48


Von Charles Burdick, Ph.D.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde fast alles deutsche Eigentum außerhalb Deutschlands beschlag-
nahmt: Wertgegenstände, Valuta, Grundbesitz, Patente, Urheberrechte usw. Der Wert in heutiger Kaufkraft könnte
sich auf Billionen Dollar belaufen. Dieses Eigentum wurde größtenteils später versteigert und an Firmen oder Ein-
zelpersonen verkauft, und den Erlös behielten die betreffenden Regierungen. Alle Versuche seitens deutscher Pri-
vatpersonen oder der westdeutschen Regierung, Jahre nach dem Krieg die beschlagnahmten Werte wiederzuerlan-
gen, schlugen fehl. Ein besonders trauriges Kapitel dieser größten Plünderung der Menschheitsgeschichte ist das
über den ehemaligen deutschen Verbündeten Japan, das sich willig der Vertreibung der Deutschen und dem Raub
deutschen Eigentums in Japan anschloß und sich selbst nach Unterzeichnung eines Friedensvertrags mit den USA
weigerte, dieses Vorgehen zu überdenken.

“Die Autorität und der Einfluß derer, die das japanische fangskomitee vor, das Orangensaft servierte.2 Die Amerika-
Volk betrogen und dazu verführt haben, sich auf eine ner betraten eine vollkommen andere Welt, zu der ihnen die
Welteroberung einzulassen, muß für alle Zeiten beseitigt Orientierung, die Erfahrung und das Verständnis fehlte.
werden. [...] Die japanische Regierung soll alle Hindernis- Während ihre Einnahme Deutschlands zur unmittelbaren
se beseitigen, die der Wiederbelebung und Stärkung demo- physischen Besetzung und Kontrolle dieses Landes führte,
kratischer Tendenzen im japanischen Volk entgegenste- schuf die japanische Kapitulation weit mehr Unwägbarkeiten.
hen.”1 Haß, Mißtrauen, Zweifel und direkte Angst charakterisierte
das amerikanische Denken. Die Strategie gegenüber Japan
Vae Victis – Wehe den Besiegten! sollte eine ganz andere als die gegen Deutschland angewand-
Am 28. August 1945 trafen die ersten amerikanischen Besat- te werden.
zungstruppen auf dem Flughafen Atsugi in Japan ein. Statt Der Hauptunterschied lag darin, wie die Besetzung ursprüng-
der erwarteten aufgebrachten Reaktion fanden sie ein Emp- lich angegangen wurde.

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Präsident Truman hatte am Anfang General Douglas MacAr- vertreter der besiegten Mächte für die Achse tätig gewesen
thur zum Oberstkommandierenden der Alliierten Streitkräfte waren. Es gab auch Angehörige religiöser oder kultureller
(Supreme Commander Allied Powers), kurz SCAP, ernannt, Gruppen oder Firmen-Repräsentanten. Es gab zahlreiche Fa-
eine einmalige Stellung im Rahmen eines alliierten Krieges.3 milienangehörige, von denen viele nur dürftig ihr Leben fri-
Trotz einiger Planung und multinationalem Austausch wurde steten.
die Anfangsphase der Besetzung von den Amerikanern do- MacArthurs erste Obliegenheit auf diesem Gebiet war die
miniert.4 Die Unsicherheit zwischen den USA und Rußland Repatriierung von Kriegsgefangenen und verschleppten An-
in Asien, die Dominanz der amerikanischen Militärmacht auf gehörigen der Vereinigten Nationen. Präsident Harry Truman
diesem Kriegsschauplatz und die Vorgehensweise des arro- hatte ihm mit Weisung vom 29. August 1945 die frühestmög-
ganten MacArthur schlossen jede nennenswerte Zusammen- liche Rückkehr dieser Personen befohlen. Für die Repatriie-
arbeit aus.5 Deshalb interpretierten die Amerikaner die im Ju- rung war die Registrierung jeder Person bei den Besatzungs-
li 1945 auf der Potsdamer Konferenz getroffenen unbestimm- mächten erforderlich und eine Bestätigung, daß der Betref-
ten und vagen Anordnungen nach Gutdünken und setzten ih- fende nicht am Krieg gegen die Vereinten Nationen teilge-
re Auffassung um. nommen hatte.
MacArthur übernahm sofort die vollständige Befehlsgewalt Am 31. Oktober 1945 umriß SCAP den Ausdruck “Vereinte
und wies alle Versuche, Macht oder Verantwortung zu teilen, Nationen” und führte 49 Nationen als Unterzeichner der UN-
brüsk zurück. Von Anfang an bestand er darauf, daß alle Deklaration, 6 Länder als Neutrale und fünf Länder (Bulgari-
Kontakte zu ausländischen Regierungen über sein Haupt- en, Deutschland, Ungarn, Japan und Rumänien) als
quartier liefen und pflegte die japanischen Behörden zur “Feindstaaten” auf.8
Durchführung seiner Befehle zu benutzen. Diese indirekte Die sich daraus ergebende beschleunigte Entlassung von et-
Vorgehensweise sicherte den Amerikanern die Machtaus- wa 110.000 Kriegsgefangenen ermöglichte es, die Rückfüh-
übung hinter den Kulissen, ebenso wie MacArthurs Bestehen rung der aus Asien stammenden Volksangehörigen schnell
auf Englisch als Kommunikationssprache. Seine Instruktio- durchzuführen. Diese anfangs weitgehend freiwilligen Be-
nen waren für die japanische Regierung Direktiven und wur- mühungen ermöglichte einen schnellen Transport dieser
den SCAP-Instruktionen (SCAPIN) genannt. Diese norma- Menschen. Die Rückführung großer Mengen japanischer
lerweise knapp und bestimmt formulierten Befehle gaben die Truppen aus Übersee erforderte eine große Verschiffungska-
Richtlinien für alle Besatzungsaktivitäten.6 Die Amerikaner pazität, was überschüssigen Platz auf den aus Japan auslau-
setzten unverzüglich eine Politik in Gang, die auf Entwaff- fenden Schiffen zur Folge hatte. Als Teil dieser Operation
nung, Demilitarisierung und Demokratisierung abzielte. Die- schuf SCAP Rückführungs-Zentren für die Umladung, detail-
se Vorgehensweise stellte zugleich eine Revolution und eine lierte Weisungen für die japanischen Behörden und Regeln
Reformation dar. Die Auflösung der militärischen Kampf- für den Transfer von Eigentum. Bis zum Dezember 1945 wa-
kraft – sowohl der Menschen wie auch der Rüstungsgüter – ren über 650.000 Menschen aus Japan in ihre Heimat zu-
war ein rein mechanischer Prozeß. Die Schaffung einer de- rückgekehrt.9
mokratischen Gesellschaft erforderte eine längere Zeitspanne Nach der Rückführung der Angehörigen alliierter Nationen
zwecks Anpassung, Erziehung und Steuerung. Das Entmilita- stand als nächstes der Status von Achsenangehörigen auf
risierungsproblem war das schwierigste direkte Anliegen, dem Programm und wie man sie loswerden konnte. Die An-
sowohl wegen der Definition als auch der Umsetzung. zahl Rumänen und Bulgaren war unbedeutend, während es
Strafaktionen standen an erster Stelle. 463 Italiener gab.10 Deutsche gab es ungefähr 2.800 (ein-
SCAP (das Hauptquartier MacArthurs) säuberte die gesamte schließlich einiger Österreicher). Diese Zahl beinhaltete 700
Verwaltungsstruktur des japanischen Lebens. Innerhalb we- Flüchtlinge aus der holländischen Kolonie Westindien, 400
niger Monate liquidierte SCAP Wirtschaftskartelle, entließ Personen der Kriegs- und Handelsmarine, 100 Personen, die
Tausende Beamte und sperrte Hunderte Menschen als versucht hatten, aus den USA nach Hause zu gelangen und
Kriegsverbrecher ein.7 Die zwei Kulturen gerieten wegen je- von der deutschen Invasion Rußlands überrascht worden wa-
der Frage in Streit, da die Bürokratien über alle Kontrollen ren, sowie 1.600 Personen, die seit langem in Japan wohn-
strauchelten, und sich sowohl die Eroberer als auch die Er- ten.11 Nach dem alliierten Sieg in Europa hatten die Japaner
oberten Spielraum zu verschaffen suchten. die Bewegungsfreiheit deutscher Zivilisten eingeschränkt
Aus diesen besonderen Verwaltungsproblemen erwuchsen und ihre offizielle Vertretung locker interniert.12 Die Ameri-
für alle Seiten zahlreiche Überraschungen. Einerseits bewirk- kaner griffen hier umgehend ein. Sie befahlen den Japanern,
ten die Folgen der bedingungslosen Kapitulation, die materi- am 13. September alles deutsche Eigentum und alle Gutha-
ellen Schäden der Flächenbombardierung und das Auftau- ben zu beschlagnahmen, konfiszierten die offiziellen deut-
chen so vieler Weißer bei den Japanern einen offensichtli- schen Lebensmittellager und lösten die deutschen Hilfsorga-
chen Schock. Auf der Gegenseite machten die Amerikaner nisationen auf. Die Japaner hatten Befehl, die mittellosen
die unerwartete Entdeckung von etwa 2.000.000 Ausländern Deutschen zu versorgen, was angesichts von Japans eigenem
auf den vier Hauptinseln Japans. Obwohl die große Mehrheit Mangel und der zerstörten Infrastruktur eine gewaltige Auf-
dieser Menschen Asiaten aus Korea, Formosa, den Ryukyu- gabe war.13 Da das japanische System nicht funktionierte,
Inseln und China waren, waren viele Nationalitäten vertreten. kümmerte man sich kaum um die Deutschen und sie rangier-
Einige gehörten den Staaten der Vereinten Nationen an, an- ten an letzter Stelle.
dere waren Angehörige neutraler Länder oder Staatenlose, Diese Beschränkungen verstärkten noch ihre Probleme aus
und einige wenige waren Bürger anderer Feindstaaten. In all der Kriegszeit: Bombardierungen, enge Wohnverhältnisse,
diesen Gruppen gab es Personen, die ihr ganzes Leben in Ja- Transportprobleme und Nahrungsmittel-Mangel. Viele wa-
pan verbracht hatten, ohne sich um Politik oder Ideologie zu ren, um zu überleben, in japanische Sommerhäuser geflohen.
kümmern oder sich dafür zu interessieren. Dazu gehörten Wegen der unsoliden Bauweise und dem sozialen Stigma der
aber auch viele Personen, die als Beamte oder Propaganda- Feigheit benutzten die Japaner ihre eigenen Häuser nicht. Die

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Deutschen überlebten den Umständen entsprechend so gut es ruflicher Tätigkeiten umfaßte: Forscher, Wissenschaftler,
ging durch Schwarzmarkt-Handel, Dosennahrung aus Wa- Verwalter, Geschäftsleute usw. Sie alle hatten keine Wahl.
renhauslagern, den Erzeugnissen ihres eigenen Gartens, Die Deutschen, die nicht unter diesen vagen Begriff fielen,
Diebstahl und Betteln von den Amerikanern, nachdem diese konnten sich freiwillig für die Rückkehr nach Deutschland
angekommen waren. Sie hielten aber um der Moral und der melden. Auf jeden Fall sollten die japanischen Behörden die
Einheit willen ihre Schulen, Kirchen und Klubs aufrecht.14 Kosten und die Durchführung übernehmen.16
Die amerikanische Vereinigte Generalstabsführung, JCS, (Jo- Unmittelbar darauf, am 12. Dezember, erfolgte die Anwei-
int Chiefs of Staff) in Washington D.C. hatte sie nicht ver- sung, daß die aus politischen Gründen Unerwünschten nur
gessen. Die Potsdamer Erklärung hatte eine diffuse Weisung, ein Minimum an persönlicher Habe, keine ausländischen Va-
alle diejenigen ihrer Autorität und ihres Einflusses zu berau- luta und nur in geringem Umfang persönlichen Schmuck
ben, die Japan zum Angriff verleitet hatten. Obwohl die Be- mitnehmen dürften.17 Diese knappen direkten Anweisungen
stimmung keine Details enthielt, stellte sie eine bindende brachten die Deutschenfrage in den Vordergrund.
Weisung dar. Von Anfang an war die erste Aufgabe die Säu- Angesichts solch nachdrücklicher Überlegungen aus Wa-
berung der japanischen Beamten, der Leute mit Einfluß und shington D.C ergriff der SCAP-Stab die Gelegenheit und gab
aller Personen in öffentlichen Stellungen. Diese systemati- der Repatriierungsfrage vorrangigen Stellenwert. Unter Ver-
sche Eliminierung des “Bösen” gab den Siegern Gelegenheit, wendung eines japanischen Memorandums vom 10. Januar
Gefühle abzureagieren.15 1946, das die Zahl der Deutschen in Japan auf 2.700 schätzte,
Das war dem fernen amerikanischen Militärkommando nicht gab der Stab am 21. Januar 1946 seine eigene informelle Ge-
genug. Dort glaubte man, daß deutsche Militärrepräsentanten, samtzahl von 2.632 Deutschen an, von denen 2.409 eine Re-
Diplomaten und Wirtschaftsvertreter die japanische Aggres- patriierung nach Deutschland wünschten. Während die Quel-
sion ungebührlich beeinflußt hätten. Als internationalen Prä- le und Verläßlichkeit dieser Zahlen ein Mysterium bleiben,
zedenzfall gegen künftige totalitäre Ränkespiele beschloß war die Entschlossenheit unverkennbar, diese unerwünschten
man, den gefährlichen deutschen Einfluß zu beseitigen. Personen aus Japan zu entfernen. Das einzige Problem be-
Am 7. Dezember 1945 sandte die Vereinigte Generalstabs- stand in der Notwendigkeit, daß die Behörden in Deutschland
führung (JCS) ein langes Telegramm an MacArthur und be- ihre Zustimmung erteilen mußten.18 Am 31. Januar 1946 be-
kräftigte frühere Anordnungen in bezug auf den Transport fahl SCAP den Japanern, detaillierte Listen über alle Deut-
von Angehörigen der Vereinten Nationen. Es enthielt außer- schen zu erstellen, mit Namen, Geschlecht, Adresse, Alter
dem Weisungen bezüglich der Angehörigen von Feindstaa- und Adressen deutscher Verwandter.19 Der Bericht sollte bis
ten, diese sollten sofort erfaßt und registriert werden. Alles zum 10. März 1946 vorliegen.
diesen Menschen gehörende Eigentum, seien es Immobilien Bei verschiedenen Erörterungen sowohl mit dem Stab und
oder bewegliche Habe, sollte unter strikte Überwachung ge- den Japanern entdeckten die Amerikaner eine neue Zahl
stellt werden. Wer als nationalsozialistischer Agent tätig ge- (811) bezüglich der Deutschen, die eine Repatriierung
wesen war, sollte zwecks eventueller Aburteilung oder De- wünschten. Diese Zahl befanden sie für unzureichend und
portation nach Deutschland interniert werden. Der Ausdruck nicht akzeptabel. Ihrer Meinung nach wollte die Vereinte
“Agent” war der Arbeitsbegriff, der ein breites Spektrum be- Generalstabsführung (JCS), daß die Mehrheit der Deutschen
aus Japan entfernt würde. Der neuen Interpretation zufolge
kamen für einen Verbleib in Japan nur die Deutschen in Be-
tracht, die vor dem 1. Januar 1939 dauernd in Japan ansässig
gewesen waren und selbst für ihren Unterhalt sorgen und
damit dem Wohl Japans dienen konnten. Nur denjenigen, die
schlüssig nachweisen konnten, daß sie beide Voraussetzun-
gen erfüllten, sollte der Verbleib in Japan erlaubt werden.20
Obwohl die Japaner die vorgeschriebene Frist einhielten,
klagten die Amerikaner am 5. Juni 1946 über zahlreiche Ver-
säumnisse. Sie führten an, daß die Japaner 756 Personen
nicht aufgeführt hatten, einschließlich vieler begeisterter Na-
tionalsozialisten.21
Den verärgerten Amerikaner mißfielen auch andere, teils reale
und teils formale Fehler. Die Japaner sollten die Liste bis 20.
Juni 1946 berichtigen, es sollte keine Verzögerung geben.23
Während die Japaner ihre Berichtigung ausarbeiteten und der
SCAP-Stab seine Vorbereitungen traf, stellten die JCS drei
Kategorien zur Bestimmung der Mißliebigkeit der Deutschen
auf:
“A” – die Deutschen, die nach dem 1. September 1939 nach
Deutschland oder in von Deutschland kontrollierte Gebiete
gereist waren;
“B” – alle Deutschen, die zu irgendeiner NS-Organisation
gehört oder die deutschen Kriegsbemühungen unterstützt hat-
ten (dazu wurden wissenschaftliche Forscher oder Wirt-
General Douglas MacArthur begrüßt am 21. Juni 1950 John schaftsrepräsentanten gerechnet);
Foster Dulles, den republikanischen Berater des Außenmini- “C” – Personen, gegen die es keine Einwendungen gab und
steriums an der Luftwaffen-Base Haneda, Tokio, Japan.
22 die nicht unter die ersten beiden Kategorien fielen.24

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Zwar gaben diese Instruktionen dem SCAP nur wenig konkrete lung in der 8. Armee. Unter Oberst Ernest T. Barco sollte sie
Anleitung, aber sie beendeten den Entscheidungsprozeß zu- die Deportation planen und durchführen. Aufgrund der Er-
gunsten einer Repatriierung. Durch das Zusammenlaufen so fahrungen vom Rücktransport der asiatischen Volksangehö-
weit auseinanderliegender Aktivitäten wurde zwar die Verant- rigen in ihre Heimat konnte sein Büro schnell vorankommen.
wortlichkeit zwischen SCAP und JCS aufgeteilt, aber das End- Während japanische Behörden die Repatriierung durchführen
ziel blieb bestehen. Die Deutschen sollten Japan verlassen. sollten – Sammlung, Bearbeitung, Durchführung, Transport,
Bevor SCAP das Vorhaben durchführen konnte, verzögerten Zollkontrolle und Bewachungsaufgaben für das Eigentum -
zwei zusätzliche Fragen den Ablauf. Angesichts der Tatsa- sollte das Personal der 8. Armee die Operation überwachen
che, daß die Deutschen Feindstaaten angehörten und unter- und kontrollieren. Sie sollte auch verantwortlich sein für die
schiedlich viel Eigentum besaßen, hatte SCAP Bedenken be- Magazine mit dem beschlagnahmten und sichergestellten Ei-
züglich der Handhabung dieses Eigentums. Einerseits hatte gentum und die Aufnahmezentren für den abschließenden
man das ernste Dilemma, für dieses Eigentum verantwortlich Transport zu einem Schiff. Die Verfügbarkeit von Schiffska-
zu sein, andererseits gab es rechtliche Bedenken bezüglich pazitäten blieb ein ungewisser Faktor, sollte aber die Vorbe-
dem Besitzanspruch an den Gütern, Immobilien, Patenten reitungen nicht verzögern.
usw. Am 13. September 1945 hatte SCAP alles feindliche Barko vergeudete keine Zeit, als er seine Aufgabe in Angriff
Eigentum und alle Guthaben eingezogen und zugleich ver- nahm. Am 5. Dezember 1946 forderte er im Namen des
langt, alle derartigen Besitzrechte den japanischen Behörden kommandierenden Generals der 8. Armee, Generalleutnant
zu melden.25 Diese Aufzeichnungen ergaben deutsche Werte Robert Eichelberger die zwei Armee-Korps I und IX zur Un-
in Höhe von 1.178.900.000 Yen.26 Nachdem SCAP das Ei- terstützung an. Barco ersuchte um 13 höhere Offiziere, 117
gentum aufgelistet und eingefroren hatte, brauchte man Hilfe, Offiziere (Kompanie-Befehlshaber), 139 Soldaten und 110
um schließlich Verfügungen über diese Werte zu treffen. Dolmetscher. Er listete die Orte der überwachten Magazine
Die Richtlinien kamen aus Deutschland, wo die amerikani- auf, spezifizierte den Aufenthalt der Deutschen und veran-
sche Besatzungsmacht im November 1945 endlich ein Über- schlagte die Abreise für Januar 1947. Schließlich berief er am
tragungsgesetz erlassen hatte, das die Beschlagnahme von 18. Dezember eine zweitägige Konferenz ein.30
Eigentum regelte, das den nationalsozialistischen Führern Bei dem Treffen ging er nochmals sorgfältig den Ablauf
und der NSDAP wie auch verschiedenen Regierungsabtei- durch, skizzierte die speziellen Pflichten des japanischen Per-
lungen gehörte. Das Thema von Deutschlands überseeischem sonals, die Kommandoaufgaben der höheren amerikanischen
Besitz wurde nicht vor dem 18. Mai 1946 offiziell angespro- Offiziere, die Zuordnung der kleinen amerikanischen Teams
chen, als das ursprüngliche Gesetz ergänzt wurde. Der erwei- und die Weisungen an die zu Repatriierenden.31 Es war deut-
terten Regelung zufolge wurde SCAP Agent für die Kom- lich, daß er und sein kleiner Stab den Plan in sämtlichen Ein-
mission für deutschen Besitz im Ausland (German External zelheiten ausgearbeitet hatten.
Properties Commission). Diese Stellung legalisierte die Ar- Am 13. Januar 1947 löste die Nachricht, daß etwa am 28. Ja-
beit des Büros für Verwahrung von Zivileigentum, das SCAP nuar das Schiff Marine Devil in Yokohama ankommen sollte,
am 8. März 1946 errichtet hatte, um deutsches und japani- noch mehr Betriebsamkeit aus. SCAP wies den zwei Korps
sches Eigentum zu verwalten. In diesem Rahmen schuf für die Reise nach Bremerhaven Aufgaben für das Führungs-
SCAP die Bilanz-Abteilung für feindliches Eigentum, um die personal zu, einschließlich Wachen und medizinischen Fach-
Dispositionen bezüglich aller deutschen Guthaben, Verbind- leuten. Außerdem sollte die Zivileigentums-Verwaltung sie-
lichkeiten usw. zu dokumentieren, zu kontrollieren und zu ben Beobachter ernennen, um die Eigentumslisten zu kon-
überdenken.27 Alle diese Verwaltungstätigkeiten und Ange- trollieren.32
legenheiten verzögerten die Repatriierung. Das Umdirigieren der Marine Devil machte einen plötzlichen
Ein weiteres Problem war, ob die Repatriierten zu Hause Wechsel auf die Marine Jumper notwendig, wodurch die er-
aufgenommen würden. SCAP hatte einen Massentransfer An- wartete Abfahrt auf den 14. Februar verzögert wurde. Der
fang 1946 erhofft, aber die Verhandlungen in Deutschland geänderte Zeitplan ließ es zu, einen kurzen Halt in Schanghai
erwiesen sich als schwierig und zogen sich in die Länge. Die in Betracht zu ziehen, von wo die Amerikaner eine weitere
Lebensbedingungen in Deutschland waren schwer und die Gruppe Deutscher mitnehmen wollten.33 Unglücklicherweise
Behörden wollten keine zusätzlichen Schwierigkeiten. Der hatte die Marine Jumper bereits Lasten und Gepäck von Pas-
kritische Mangel an Heizmaterial, Lebensmitteln und Woh- sagieren geladen, was zugunsten einer neuen Verproviantie-
nungen schloß eine Aufnahme weiterer Flüchtlinge vor dem rung für die längere Fahrt nach Bremerhaven ausgeladen
Frühjahr 1947 aus.28 Da viele der Rückkehrer weder nahe werden mußte.
Verwandte noch eine Wohnung in ihrer Heimat hatten und Während dieser Verzögerung erledigte Barco die administra-
mit den örtlichen Verhältnissen wenig vertraut waren, wür- tiven Anforderungen und am 22. Januar 1947 stellte die 8.
den sie zu Problemfällen werden. Ein zweiter, für Juni 1946 Armee den Marschbefehl Nr. 12 aus, der ein Übermaß an
geplanter Abgang kam nicht zustande, weil sich die vier Anweisungen für jedermann enthielt.
Mächte in Deutschland nicht einigen konnten. Am 1. Oktober Den Amerikanern oblag das Kommando und die Kontrolle,
1946 akzeptierten sie schließlich die Rückkehr der als miß- sie formten 89 Aufsichtsgruppen zu je 3 Mann mit 6 Einhei-
liebig eingestuften Deutschen. Jetzt konnte SCAP diese Per- ten zu 6 Mann, die Sammel-Magazine errichten sollten (Ka-
sonen wegschaffen, die man als Sicherheitsrisiko für die ja- gohara, Kurihama, Tokio, und Kobe) und für die materiellen
panische Besetzung ansah. Nach einer weiteren Durchsicht Bedürfnisse zu sorgen hatten.
entschied SCAP, daß es 1.353 mißliebige Deutsche gab.29 Die Japaner sollten für die Inventarlisten und die Verwah-
Die Auswahlkriterien beruhten auf der zweifelhaften Be- rung, Bearbeitung, Verpackung und Einschiffung der Trans-
griffsbestimmung der JCS-Kategorien. portgüter das nötige Arbeitspersonal stellen, sie sollten alle
Nachdem diese Fragen im wesentlichen gelöst waren, errich- Rückkehrer und ihr persönliches Gepäck nach Urage trans-
tete SCAP am 1. Dezember 1946 eine Repatriierungs-Abtei- portieren und alle Rationen für den Transport und die Zollin-

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spektionen abwickeln. Sie sollten auch die ganzen Kosten ges stiegen sie wieder auf Laster und wurden zum Repatriie-
tragen. rungs-Zentrum in Urage gebracht, wo eine Zollkontrolle
In dem Befehl waren auch die Anweisungen für die Deporta- stattfand, all ihr Handgepäck gewogen wurde und eine Lei-
tion der Deutschen zusammengestellt. Die Anweisungen wa- besvisitation erfolgte, um versteckte Wertgegenstände zu fin-
ren auf englisch, japanisch und deutsch. Die deutsche Über- den.36
setzung war in Befehlston abgefaßt und enthielt einige Feh- Nachdem diese Vorbereitungen absolviert waren, bestiegen
ler. Sie begann mit den Worten: “Es wurde Befehl für Ihre die Rückkehrer Leichter, die sie zur Marine Jumper übersetz-
Repatriierung erteilt.” Dann gaben die Anweisungen in mili- ten. An Bord des Schiffes kommandierte Oberst Charles
tärischen Wendungen ein ungefähres Abreisedatum bekannt, Arny 13 Armeeoffiziere, fünf Krankenschwestern und 56
sowie die Tatsache, daß die Japaner die Operation unter ame- gemeine Soldaten. Diese Mannschaft war für Gesundheits-
rikanischer Aufsicht durchführen würden, sowie die Gepäck- und Sicherheitsfragen verantwortlich. Die Rückkehrer sollten
Menge (350 Pfund pro Person oder 1.500 Pfund pro Familie). als Köche, Reinigungs- und Küchenpersonal usw. arbeiten
Die finanziellen Restriktionen waren ebenso bestimmt. Un- und Hilfsdienste verrichten. Sie sollten je nach ihren Kennt-
geachtet von Stellung, Reichtum oder Besitz durfte jeder Er- nissen die verschiedenen anfallenden Aufgaben übernehmen.
wachsene zwei Uhren, eine Kamera, zwei Halsbänder und Unmittelbare ernste Sorge bereitete der Schiffsladen, der die
zwei Armbänder mitnehmen. Andere Wertgegenstände oder kleinen unentbehrlichen Dinge verkaufte, aber nur gegen US-
Edelmetalle in Barren waren nicht erlaubt. Der englischen Währung. Da die Behörden in Urage alle amerikanischen
Version zufolge durfte jeder 50 $ mitnehmen, die deutsche Devisen beschlagnahmte hatten, war es für die Deutschen
Übersetzung bot 750 Yen als Alternative. Auf jeden Fall schwer, mit ihren Hilfsmitteln zurechtzukommen. Es war ein
mußte das Geld in Deutschland in Mark umgewechselt wer- armseliges Unterfangen. Am 15. Februar stach die Marine
den. Deutschen mit Eigentum sollte ein bewaffneter japani- Jumper mit 536 Männern, 306 Frauen und 226 Kindern in
scher Verwalter für dieses Eigentum beigeordnet werden. See.37
Dieser war an Ort und Stelle Das Schiff steuerte von Japan
der Führung des amerikani- nach Schanghai. Dort ver-
schen Aufsichtsteams zuge- brachte es nur kurze Zeit, of-
ordnet, was die Inventarauf- fenbar um gewisse Kriegs-
nahme erleichtern sollte. Auf verbrecher aufzunehmen, be-
jeden Fall sollte sich der vor sie dann nach Deutsch-
Verwalter vor Ort begeben land steuerte.38 Mit ein paar
und dort leben, und alles Ei- zusätzlichen Deutschen aus
gentum in Verwahrung neh- China legte die Marine Jum-
men und es bewachen. Die per am 20. Februar ab mit
Rückkehrer konnten zwei Li- Kurs auf Bremerhaven.
sten mit ihrem Besitz aufstel- Die Deutschen an Bord des
len: 1) Kleine Gegenstände Schiffes begannen, sich für
von hohem tatsächlichem die lange Reise einzurichten.
Wert und 2) bewegliche Ha- In Anbetracht ihres unglück-
be. Die Gruppen sollten die lichen Schicksals ertrugen sie
Richtigkeit aller Erklärungen Die Marine Jumper, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Lage stoisch. Aufgeteilt
für die Deportation “mißliebiger” Deutscher
prüfen und über den zur La- 35 auf neun verschiedene Le-
aus Japan benutzt wurde.
gerung bestimmten Besitz bensbereiche bewältigten sie
entscheiden, und Quittungen ausstellen.34 ihr Schicksal. Sie organisierten Musikkonzerte, Skatspiele,
Wegen der Verzögerung des Schiffes begannen am 30. Janu- Schachtourniere, Bildungsvorträge, Sprachkurse und eine
ar 1947 die Inspektionen der Unterkünfte, aber ohne daß ein Fülle von Aktivitäten. Sie waren emsig. Jeden Tag stellten
Abreisedatum festgesetzt wurde. die Amerikaner sicher, daß alles in Ordnung war (und gaben
Am 6. Februar informierte die 8. Armee die japanischen Be- bestimmte Privilegien für Haushaltsarbeiten). Die amerikani-
hörden, daß der Transport zwei Tage später anlaufen sollte. sche Besatzung lieferte auch Filmvorführungen (mit Bewer-
Diese Ankündigung gab ihnen 24 Stunden, um die Rückkeh- tung!) wie auch andere Formen von Schiffsunterhaltung.39
rer über irgendwelche noch verbliebenen Notwendigkeiten zu Es gab wenig Zwischenfälle, weil die Menschen, sei es durch
informieren und sie zu den Verladepunkten zu transportieren. Angst vor der Zukunft oder den Schock über ihre Abreise,
Trotz der früher erfolgten Team-Besuche hatten viele Deut- meist still und zurückhaltend waren. Das reichliche Essen
sche nicht an eine Zwangsdeportation geglaubt. Es war eine übertraf bei weitem die Erwartungen der Deutschen, die mehr
unliebsame Überraschung. Die Japaner holten sie meist auf bekamen, als sie essen konnten.
schmutzigen offenen Lastern mit bewaffneten Polizeiwachen Sie erreichten am 23. März 1947 Bremerhaven.
ab und fuhren sie durch die Straßen der Stadt. Die ansonsten Amerikanische Soldaten beschlagnahmten alle Geldbeträge,
ruhigen Japaner schrieen ihnen oft “Verlierer” und “gut, daß bevor die Deportierten per Zug nach Ludwigsburg geschafft
wir sie los sind” nach. An den Bahnhöfen bestiegen sie Züge, wurden. Nachdem sie im Lager waren, durchliefen sie einen
die zu bestimmten Aufnahmelagern fuhren. Dort war Appell langwierigen Prüfungsprozeß. Im wesentlichen suchten die
und sie wählten Gruppenführer als ihre Repräsentanten ge- Befrager überzeugte Nationalsozialisten. Sie konnten nicht
genüber den Behörden. Japanische Ärzte kontrollierten sie immer das Ausmaß des Partei-Engagements feststellen und
auf ansteckende Krankheiten und den allgemeinen Gesund- neigten dazu, alle in einen Topf zu werfen. Für die meisten
heitszustand. Nachdem sie ein ärztliches Attest erhalten hat- Rückkehrer dauerten die Befragungen und das Ausfüllen von
ten, durften sie sich ausruhen. Um 6.30 Uhr des nächsten Ta- Formularen bezüglich politischer Mitgliedschaften, Aktivitä-

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ten usw. drei Wochen. Mit einigen Ausnahmen entließen Douglas Pamplin, hatte 18 Offiziere, 42 gemeine Soldaten
dann die Amerikaner die Rückkehrer, die sich nun selbst und fünf Krankenschwestern für Kontrollaufgaben sowie zur
durchschlagen mußten. Die vielfältigen Erfahrungen bei ihrer Aufrechterhaltung der Sicherheit und Gesundheit bereitge-
Ankunft in Deutschland waren schwierig und voller stellt. Angesichts dieser begrenzten Anzahl sollten die Heim-
Schmerz, Leiden und Ungewißheit.40 kehrer die Arbeitskräfte stellen. Die Diplomaten erhielten die
In Japan ordnete SCAP eine weitere Durchsicht der verblie- wenigen Kajüten und hatten keine Dienstpflichten. Alle an-
benen Nationalitäten an. Etwa 800 Deutsche sollten noch zu- deren lebten in den Mannschaftsräumen
rückgebracht werden. Beim früheren Durchgang für den er- Die General Black verließ Yokohama am 20. August mit
sten Transport waren verschiedene Personen der Repatriie- Kurs auf Schanghai. Es waren 806 Passagiere an Bord. Sie
rung entgangen. Es handelte sich dabei größtenteils um Mit- bleiben neun Tage in dem chinesischen Hafen, da weitere
glieder religiöser Orden, seit langem in Japan wohnende Per- 514 Deutsche aufgenommen und ein Taifun abgewartet wur-
sonen (die, aus verschiedenen Gründen, die Marine Jumper de. Am 1. September ging es dann los. Oberst Pamplin war
verpaßt hatten), Personen mit komplizierter Staatsbürger- antideutsch eingestellt und verbot jeglichen Austausch zwi-
schaft (doppelter, von denen eine den Vereinten Nationen schen Amerikanern und Deutschen. Angesichts der vielen
angehörte) und Familien von Deutschen, die von den hollän- Kinder und der unangenehmen Hitze an Bord des Schiffes
dischen Kolonien evakuiert worden waren. Die letzteren, die wurden seine Anweisungen aber wenig beachtet. Die Mann-
jetzt fast die Hälfte der verbliebenen Deutschen ausmachten, schaft verkaufte oder schenkte den Deutschen Nahrungsmit-
waren 194241 eiligst von den früher holländischen Kolonien tel und Zigaretten, die von den Deutschen sorgfältig in die
nach Japan evakuiert worden. Sie hatten als Bedürftige von Kleidung eingenäht wurden. Sie hatten von der Zigaretten-
japanischer Wohlfahrt gelebt. Sie stellten eine ernste humani- Wirtschaft in Deutschland gehört. Die General Black dockte
täre Herausforderung dar, da sie ohne Geldmittel, Sprach- am 1. Oktober 1947 in Bremerhaven an.47
kenntnisse oder gefragte Fähigkeiten waren. Sie hatten durch Dort hatten die Aufnahmebehörden große Schwierigkeiten.
Tausch ihrer geringen Habe überlebt bzw. durch Diebstahl Sie stellten fest, daß die “Mißliebigen” (Politischen) nicht
oder indem sie ihre Kinder betteln ließen. Für diese Gruppe von den anderen getrennt worden waren, daß das Gepäck
blieb kaum eine andere Wahl, als nach Deutschland zurück- nicht nach Besatzungszonen getrennt worden war, und daß
zukehren, was mit dem Interesse von SCAP zusammenfiel, die Personalakten erst zwei Wochen nach dem Schiff anka-
die Deutschen aus Japan zu entfernen.42 men (mit normaler Post anstatt mit direkter Luftpost). Infol-
Auch die deutschen Diplomaten waren noch da. Sie besaßen gedessen sandte das Empfangsbüro alle Deportierten nach
aufgrund des internationalen Rechts gewisse Privilegien. Zu- Ludwigsburg, anstatt sie auf verschiedene Orte zu verteilen.
dem hatten ihnen die Japaner verschiedene Vorteile einge- Das bewirkte für alle Chaos und Unannehmlichkeiten. Es gab
räumt, die ihnen SCAP nicht so leicht nehmen konnte. Trotz- weder genug Nahrungsmittel, noch gab es genügend Decken
dem wollten die Amerikaner, daß sie mit dem nächsten Schiff und Betten. Die Verhältnisse waren schlimm. Die Behörden
nach Hause fuhren.43 Bevor jedoch irgend etwas in Gang ge- sandten ein harsches Kommuniqué an SCAP, der die Pro-
setzt werden konnte, brauchte SCAP die Billigung aus Euro- bleme beheben sollte.48
pa für die Aufnahme der Deutschen. Die Lebensbedingungen Aufgrund bürokratischer Gedankenlosigkeit und Fehler hatte
waren in Deutschland weiterhin armselig, und die zuneh- SCAP immer noch 28 “beanstandete” Deutsche in Japan.
menden Unstimmigkeiten zwischen den ehemaligen Alliier- Angesichts der kleinen Zahl und der Verschiffungsprobleme
ten erschwerten Transporte.44 arrangierte SCAP, daß sie nach Deutschland geflogen wur-
Dazu kam, daß die Familien aus den holländischen Kolonien den. Da man bei einem Flug über die USA juristische Pro-
ein moralisches Dilemma darstellten. Sie hatten kein Eigen- bleme befürchtete, wählte man eine Pan-American-Route:
tum, lebten von japanischer Barmherzigkeit und die meisten Tokio – Kalkutta – Istanbul – Frankfurt. Mit Geldmitteln, die
von ihnen wollten nach Deutschland zurückkehren (die Gra- früher von der deutschen Botschaft beschlagnahmt worden
tisfahrkarte war ein nicht unwesentlicher Antrieb). Der waren, wurden die Kosten für die Deutschen und ihre Wa-
Schriftwechsel zwischen den amerikanischen Besatzungsbe- chen gedeckt.49
hörden ging hin und her, und alle kämpften mit der Bewälti- Als diese Mißliebigen am 4. April 1948 in Deutschland lan-
gung der Probleme.45 SCAP sollte etwa 140 Diplomaten und deten, war damit die Deportationsphase der Repatriierung
198 Mißliebige transportieren. Die Anzahl der Flüchtlinge abgeschlossen. SCAP übernahm keine Verantwortung für die
war ungewiß. in Japan verbliebenen Deutschen. Jedoch verblieb die Frage
Bis Juli 1947 wurde dem SCAP die Aufnahme glaubwürdig des Transports und des in Verwahrung genommenen be-
zugesichert, und der Ablauf konnte weitergehen. SCAP gab schlagnahmten und eingelagerten Eigentums ungelöst.
Anweisungen an die japanischen Behörden heraus, in denen Sobald die von der Marine Jumper Deportierten einigerma-
die frühere Vorgehensweise wiederholt wurde. Obwohl die ßen geordnete Verhältnisse erlangt hatten, wandten sie sich
Befehle weniger nachdrücklich waren, berücksichtigten sie wegen ihres Eigentums an die amerikanischen Besatzungsbü-
nicht die Änderungen, die nach der früheren Überprüfung des ros, stießen aber überall auf eine unwissende und desinteres-
ersten Transportes empfohlen worden waren. Die Währungs- sierte Bürokratie. Angesichts ihres geringen Status bei ihrer
regelung erlaubte jetzt 50 $ in jeder anderen Währung als Yen, Ankunft, ihrer beschlagnahmten Geldmittel und ihrer langen
aber alle anderen Beschränkungen blieben gleich. Die Diplo- Abwesenheit von Deutschland konnten sie zwar protestieren,
maten durften 250 $ und 8.000 Pfund persönliche Habe mit- aber ohne Erfolg. Viele von ihnen scharten sich um Johann
nehmen, konnten aber beim Verlassen des Schiffes in Deutsch- Lipporte, der auch ein Rückkehrer war, vorzüglich Englisch
land nur mit der Abwicklung von 500 Pfund rechnen.46 sprach und in Ludwigsburg wohnte. Seine Bemühungen, die
Alles lief entsprechend den Organisationsrichtlinien ab, und General Black in Bremerhaven zu treffen, um eine Freigabe
die Rückkehrer gingen am 19. August 1947 an Bord der Ge- der eingezogenen Geldmittel und Klarheit über das Eigentum
neral Black. Der Kommandeur des Transports, Oberst der Repatriierten zu erlangen, bewirkten nichts.50 Die ameri-

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kanischen Besatzungsvertreter erklärten, daß alle in Japan segnet, was die Sieger tun. Die legitimen bisherigen Macht-
gemachten Versprechungen in Deutschland keine Geltung haber werden wie Verbrecher behandelt, obgleich sei ja nicht
hätten. Lipporte organisierte eine Briefkampagne und unter- amerikanischer Gesetzgebung unterworfen waren und es
hielt Kontakt mit den militärischen Claims-Büros. Er brachte auch unerfindlich ist, gegen welches US-Gesetz sie verstoßen
auch den “Ostasiatischen Verein” mit in den Streit ein. Aber haben sollten – ihr “Verbrechen” besteht letztlich darin, sich
sie erreichten nichts, außer etwas Schuldgefühl bei ein paar den Interessen der USA widersetzt oder auch nur im Wege
Offizieren wegen der juristischen und menschlichen Unzu- gestanden zu haben. Auf dieser Grundlage werden dann
länglichkeiten.51 Steckbriefe und “Haftbefehle” ausgestellt.
Am 14. März 1948 verkündete die von den Amerikanern li- Die Begleitumstände der US-Machtübernahme im Irak –
zenzierte Japan Times and Advertiser die bevorstehende Li- Plünderung der Museen und des Privatbesitzes, die rechtlose
quidierung deutschen Eigentums. Auf der ersten Auktion in Stellung der “Kriegsgefangenen”; obwohl der Krieg offiziell
Tokio gab es dreißig Klaviere, vier Automobile, Möbel, Ku- als beendet erklärt worden ist, die Entwertung des Geldes
riositäten (Souvenirs) und Kleidung usw. Die akkreditierten und dessen Neuherausgabe – all dies bietet vielfache Paralle-
Käufer waren Besatzungspersonal und lizenzierte Handels- len zur alliierten Vorgehensweise gegen Deutschland 1945
vertreter.52 Die Ankündigung ließ erkennen, daß die Auktion und verdient schon aus diesem Grund eine nähere Betrach-
die erste von vielen sein würde – alles verkäufliche deutsche tung.
Eigentum sollte liquidiert werden.
Lipporte protestierte gegen die Aktion, wies die Eigen- Anmerkungen
tumsquittungen seiner Gefährten vor und forderte, die Aktion Zuerst veröffentlicht unter “The Expulsion of Germans from Japan, 1947-
zu stoppen. Aber alle Bemühungen waren ohne Erfolg. 1948” in The Revisionist 1(2) 82003) S. 156-165; Charles Burdick war Prof.
em. (Geschichte) an der San Joes State University in California. Er starb
Anmerkung der Redaktion 1998. Übersetzt von Patricia Willms.
1
United States, Department of State, Foreign Relations of the United States.
Dies ist der erste Teil von Dr. Burdicks Beitrag. Der zweite The Conference of Berlin (Potsdam Conference) 1945 (Washington, D.C.:
Teil behandelt die diesbezüglichen fruchtlosen Diskussionen, Government Printing Office, 1960) (im Folgenden FRUS), Bd. II 1475-
die letztendlich nur veranschaulichen, daß auch in diesem 1476.
2
Merion und Susie Harris, Sheathing the Sword: The Demilitarization of Ja-
Falle Macht vor Recht ging, der Sieger sich alles erlauben pan (New York: Macmillan, 1987), S. 23.
konnte und der Besiegte sich fügen mußte – wer dies nicht 3
In Europa war General Dwight Eisenhower Kommandeur der “Supreme
tat, durfte sich in einem Netz bürokratischer Unzuständigkeit Headquarters, Allied Expeditionary Force” (SHEAF). Der abweichende Ti-
und Weiterverweisung mit dem gleichen Endergebnis ab- tel war eine ernste Angelegenheit, die in Japan viel Kritik auslöste. John M.
Allison, Ambassador from the Prairie (Tokyo: Charles Tuttle, 1973), S. 143
strampeln: die Versteigerungen deutschen Eigentums gingen 4
Hugh Borton, American Presurrender Planning for Postwar Japan (New
bis 1953 weiter. Als nichts mehr gegen Dollar an die Ameri- York,: Columbia University, 1967). Einen interessanten Bericht gibt Leon
kaner verkauft werden konnte, durften die Japaner mit Yen V. Sigal, Fighting to a Finish: The Politics of War Termination in the
mitbieten. Die Amerikaner hatten bereits entschieden, daß es United States and Japan, 1945 (Ithaca: Cornell University, 1988).
5
Die alliierten Mächte schufen im Dezember 1945 zwei Regierungsgremien:
keinen Grund gab, eine Entschädigung für den enteigneten die Fernost-Kommission und den Alliierten Rat für Japan. Ursprünglich hat-
deutschen Besitz in Betracht zu ziehe, und sahen auch keine ten die Diplomaten eine Art kollektive Führung angestrebt, diese Einstellung
Veranlassung, hierüber zu informieren.53 wurde aber von General MacArthur nicht geteilt. Ein Teil der Frustration in
diesem Gerangel um Einfluß und Macht wird beschrieben in Roger Buck-
Nachdem fast alles veräußerbare Eigentum unter den Ham- ley: Occupation Diplomacy: Britain, the United States and Japan, 1945-
mer gekommen war, durfte die inzwischen wiedererrichtete 1952 (Cambridge University, 1982) Siehe auch George H. Blakeslee, The
deutsche Botschaft im Mai 1954 die letzten, meist unver- Far Eastern Commission: a Study in International Cooperation, 1945 to
1952 (Washington, D.C. Department of State, 1953).
kaufbaren Andenken – Fotoalben, Tagebücher und persönli- 6
Sie waren oft in einem besonderen Jargon abgefaßt, der teils aus scharfen
che Papiere – nach Deutschland verschicken, wo Lipportes militärischen Direktiven bestand und teils aus beschwichtigender ziviler
Ostasiatischer Verein sich auf die Suche nach den Eigentü- Überredung, was von vielen “scapanise” genannt wurde. Henry E. Wildes,
Typhoon in Tokyo: The Occupation ant Its Aftermath (New York: Macmil-
mern machte. lan, 1954), 1.
In einem Fall hatte ein Deutscher versucht, sein Eigentum 7
Eine Erörterung der legalen Grundlage für diese Aktionen bei Nisuke Ando,
durch einen Zivilprozeß gegen die japanische Regierung zu- Surrender, Occupation, and Private Property in International Law: an
Evaluation of US Practice in Japan (Oxford: Clarendon Press, 1991).
rückzuerhalten. Auch diese Bemühungen waren erfolglos –– Nützliche Studien über die Besetzung sind Richard B. Finn, Winners in
nicht zuletzt deshalb, weil sich die westdeutsche Regierung Peace: MacArthur, Yoshida, and Postwar Japan (Berkeley: University of
gegenüber den Siegermächten verpflichtet hatte, keine An- California, 1992); John M.Maki “United States Initial Post-surrender Policy
sprüche auf beschlagnahmtes deutsche Werte in Übersee gel- for Japan,” in Han-Kyo Kim, Hg.., Essays on Modern Politics and History:
Written in Honor of Harold M. Vinacke (Athens, Ohio: Ohio University
tend zu machen. Der Enteignete mußte zu seinem Verlust Press, 1969), 30-56. Das Hauptwerk über MacArthur ist D. Clayton James,
auch noch die Kosten des Rechtsstreits tragen. The Years of MacArthur, Bd. 3, Triumph and Disaster, 1945-1964 (Boston:
Auch die Rehabilitierung der vom Begriff “mißliebig” (“ob- Houghton Mifflin, 1985).
8
SCAP Instruktionen an die japanische Regierung (im Folgenden SCAPIN)
jectionable”) Umfaßten beschränkte sich auf 8 Fälle. Die 217: Definition von “Vereinte Nationen,” und “Feindstaaten,” 31. Oktober
diesbezüglichen Bemühungen des deutschen Außenministe- 1945. National Archives (im Folgenden NA, Record Group (im Folgenden
riums waren halbherzig und zum Scheitern verurteilt. RG) 331, Box 3.
9
Ein ausführlicherer Bericht über diese Aktivitäten bei: Supreme Commander
Die amerikanische Vorgehensweise hat sich seit 1945 offen- for the Allied Powers, General Headquarters, Statistics and Reports Section,
sichtlich nicht im geringsten geändert, wie das Beispiel Irak “History of the Non-Military Activities of the Occupation of Japan,” Bd. 17,
im Jahre 2003 zeigt: Die militärische Kriegführung wird von “treatment of Foreign Nationals,” 1-15. NA, RG 331, Box 2. Man beachte
auch Eric H. F. Svensson, “The Military Occupation of Japan. The First
einer Propagandakampagne begleitet, die das Ausschalten Years Planning, Policy Formulation, and Reforms” PhD dissertation, Uni-
des Gegners zur “Befreiung” deklariert, die Sieger setzen un- versity of Denver, 1966), 144-157.
10
ter Verstoß gegen das völkerrechtliche Verbot, in die inneren Nach einigen langwierigen Diskussionen erlaubte SCAP der italienischen
Regierung, ein Schiff zu schicken, das im April 1947 alle Italiener mit nach
Angelegenheiten einer besetzten Nation einzugreifen, eine Hause nahm. “Treatment of Foreign Nationals,” 61-62. CINCAFPAC an
ihnen genehme Satrapen-Regierung ein, die dann alles ab- WARCOS, 2. Oktober 1946. MacArthur Memorial, (im Folgenden MM).

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Norfolk, Virginia, RG-9, Funktelegramme, WD abgehend. Edward J. Boone sche Stellen besaßen 764.482.000 Yen, und sonstige hatten 13.002.000 Yen.
Jr. war mir mit diesen Akten sehr behilflich. Ibid.
11 27
Diese Zahlen stammen von einem späteren Bericht der deutschen Vertretung Supreme Commander for the Allied Powers, Vested Assets in Japan. Final
in Japan. Ber. Nr. 237/53, 24. März 1953, Politisches Archiv des Auswärti- Report of Trusteeship 9n.p., 28. April 1952), Teil XI. Library of Congress,
gen Amts (im Folgenden AA), Tokio, Bd. 6662. Maria Keipert war mir bei Washington, D.C. Dieser Bericht ist wertvoll, weil die meisten Dokumente
meiner Forschung sehr behilflich. falsch abgelegt oder vernichtet wurden. Ich bin Marin T. Hanna und ihren
12
Eine Beschreibung durch einen Diplomaten ist Erwin Wickert, Mut und Kollegen von den National Archives für ihre ausgiebige Suche nach diesen
Übermut. Geschichten aus meinem Leben (Stuttgart: Deutsche Verlags An- Akten zu Dank verbunden.
28
stalt, 1992), 436f. Siehe auch sein Der fremde Osten: China und Japan ge- Telegramm der Militärregierung in Deutschland an SCAP Pacific, 11. Okto-
stern und heute (Stuttgart : Deutsche Verlags Anstalt 1968) 286=-334. Tag- ber 1946. NA, RG 260, Box 141.
29
für-Tag-Aufzeichnungen in Paul Werner Vemehren, “Kriegstagebuch” SCAP “Treatment of Foreign Nationals,” 52-53; Kabel von OMGUS an
Bundesarchiv Militärarchiv. Das menschliche Leid war schlimm. Die Bom- CINCAFPAC, 5. Nov 46. MM, file RG-9: Funktelegramme, State Depart-
bardierungen, engen Wohnverhältnisse, Transportprobleme, Nahrungsmit- ment.
30
telmangel machten die Beschränkungen schwierig. Brief von Reiner Jordan, Brief an die Kommandierenden Generäle des I. und IX. Korps, 5. Dezember
6. März 1993, Brief von Margot Lenigk, 13.4.93. Siehe auch Thomas R. H. 1946. NA, RG 94, Box 2726. Barco hatte ein klares Bild von den Ansichten
Havens, Valley of Darkness: The Japanese People and World War Two der Vereinigten Stabsführung (JCS), da im Oktober eine ausgiebige Korre-
(New York: W.W. Norton, 1978). spondenz zwischen SCAP und diesem Kommando stattgefunden hatte. Die-
13
Central Liaison Office an SCAP, 10. Januar 1946, NA RG, 160, Box 449. se Nachrichten befinden sich in MM, RG-9: Funktelegramme, WD out.
14
Briefe von Reiner Jordan, 15.3.93, 20.3.93; Brief von Margot Lenigk, 31
Agenda, Reparation Konference, 18. Dezember 1946, mit Beilagen. NA,
15.4.93, Brief von Ursula Reinhard, April 1993; Jürgen Lehmann, Zur Ge- RG 94, Box 2726.
schichte der deutschen Schule Kobe (Tokyo: Deutsche Gesellschaft für Na- 32
SCAP an den Kom.Gen. der 8. Armee, 13. January 1947 in Administrative
tur- und Völkerkunde Ostasiens, 1988, 4-48. Siehe auch Helmut Krajewicz Papers of G-1 Reparation Section, Center of Military History, Department of
“Das Kriegsende in Japan am Fuße des Fujuyama”, Vierteljahresschrift der the Army, Washington, D.C.
Vereinigung Deutscher Auslandsbeamten e.V. (3-4/90), 167-172. 33
Die Repatriierung hatte in China viel früher begonnen, war aber nur lang-
15
Hans H. Baerwald, The Purge of Japanese Leaders under the Occupation sam vorangekommen. Berichte über die Deportation finden sich in Klaus
(Berkeley, University of California, 1959) bleibt eine gute Abhandlung. Mehnert, Ein Deutscher in der Welt. Erinnerungen 1906-1981(Frankfurt am
Harris and Harris, Sheathing the Sword, Kap. 5, gibt eine lebhafte Darstel- Main: Fischer, 1983), 324-336; Karl H. Abshagen, Im Lande Arimasen
lung. (Stuttgart: Deutscher Verlag, 1948), 347-374.
16
Joint Chiefs of Staff an CINCAFOAC, WARX 875m 7. Dezember 1945, 34
Hauptquartier Achte Armee, Marschbefehl Nr. 12, 22. Januar 1947. NA, RG
NA, RG 319, Box 507. 94, Box 2726. Es gab einige Probleme aufgrund gemischter Ehen. Wenn
17
Civil Affairs Divisions Operations an CINCAFPAC, WARX 88430, 12. sich eine japanische Frau dafür entschied, in Japan zu bleiben, durfte sie das,
Dezember 1945. NA, RG 319, Box 507. aber nur mit dem Eigentum, das sie schon vor der Ehe besaß. Alles nach der
18
Memo für die Akten (AG), 30. Januar 1946. NA, RG 260, Box 449: Wa- Eheschließung erworbene Eigentum fiel unter die gleiche Regelung.
shington an USFET, 24. Januar 1946. MM, RG-9: Funktelegramme W.D. 35
www.veteransearch.homestead.com/files/Liberty_Ship_Marine_Jumper
19
SCAPIN 686: Repatriation of German Nationals in Japan, 31. Januar 1947. _1945.jpg
NA, RG 331, Box 3. SCAP veröffentlichte im folgenden ein langes Kom- 36
Diese Beschreibung entstammt dem 10th Information and Historical Ser-
pendium mit über 800 SCAPINS. Nur zwei davon erwähnen die Deutschen.
20 vice, “Special Staff Study,” und seinem Anhang Nr. 1, “Interrogation of Re-
SCAPIN 769: Repatriation of German Nationals and Nationals who claim
patriated German Nationals”. Letztere war die freiwillige Beantwortung ei-
Austrian or Czechoslovakian Citizenship now in Japan, 23. Februar 1946.
NA, RG 260, Box 449. nes Fragebogens, der direkt vor der Einschiffung ausgegeben worden war.
37
21
Ein Großteil des Forschungsmaterials und des Zündstoffes für diese frü- Die verminderte Anzahl beruhte auf der Aussonderung von Kranken und
hen Bemühungen gehen auf die Aktivitäten des militärischen Geheim- Gebrechlichen sowie der Entscheidung, keine Diplomaten mitzunehmen,
dienstes in Japan zurück. Die 441 CIC Abteilungen mit über fünfzig klei- außerdem auf verwaltungsmäßigem Durcheinander. Andererseits fanden
nen untergeordneten Einheiten hatten die Aufgabe, die Verdächtigen auf- einige Deutsche, die im Gefängnis von Sugamo eingesperrt waren, kein
zuspüren. Die Zuständigkeit und Kompetenzen dieser Einheiten waren Unterkommen auf dem Schiff. Siehe auch Friedrich J. Klahn, Hg.., Kapn,.
nicht deutlich umrissen und es fehlte eine sorgfältige Kontrolle. Sie ge- Kolhabach: Der Blockadebrecher mit der glücklichen Hand (Biberach:
nossen 1945-46 große Autorität und Freiheit. Siehe “History of the Coun- Koehlers Verlag, 1958), 220-222.
38
ter Intelligence Corps,” Vol. XXVIII, “CIC in the Occupation of Japan” Da China ein Verbündeter war, lag die deutsche Frage anders als in Ja-
(Baltimore: US Army Intelligence Center, 1960). Eine der Hauptquellen pan. Trotzdem waren die Chinesen aus unbekannten Gründen bei der De-
für diese Studie “Representative History of CIC Activities in the Occupa- portation der Deutschen wenig behilflich. Ihre mangelnde Kooperation
tion of Japan (Sep 1 1945 to 1948)” ist aus den Akten verschwunden. führte zu einem starken Protest seitens des US-Außenministeriums. Das
Brief von John Allshouse, Federal Records Center- Kansas City, 16.Juli “Fiasko” war für die alliierten Mächte sehr störend. Washington (Ache-
1992. Die Abwehr-Aufzeichnungen sind fragmentarisch und schwer ver- son) an SCAP, 10. März 1947. MM, RG-9: Funktelegramme, State Depart-
wertbar. Brief von Jane B. Sealock, US Army Intelligence and Security ment.
39
Command, Fort George G. Meade, MC 30. März 1992. “Jumper Journal.” Die vervielfältigte Schiffszeitung informierte über
22
www.trumanlibrary.org/whistlestop/archive/photos/67_7376.htm Weltereignisse wie auch über Aktivitäten an Bord. Reiner Jordan teilte
23
SCAPIN, 1000: Repatriation of German Nationals, 5. Juni 1946. NA, RG mir seine Daten über die Publikation mit. Brief von Heinrich Pahls, 15.
331, Box 3. Die Japaner listeten in der Folge 2.679 Deutsche auf, davon April 1993; Brief von Wilhelm Osterfeld, 28.Februar 1993.
1191 Familienoberhäupter mit 1488 Familienangehörigen. Die Alliierten 40
Siehe Dietrich Seckel, Schriften-Verzeichnis. Mit einem autobiographi-
Besatzungsmächte in Deutschland hatten ausführliche Listen über NSDAP- schem Essay. Mein Weg zur Kunst Ostasiens (Frankfurt.a.M.: Hang & Her-
Mitglieder in Japan zur Verfügung gestellt. Diese Listen, die aufgrund der chen, 1981), 94-96. Die vollständigen Formulare befinden sich in NA, RG
eroberten Parteiakten erstellt worden waren, enthielten detaillierte Personen- 338, Boxes 669-674.
angaben wie auch die Adresse in Japan. Brief und Material von David Mar- 41
Die Holländer und die Engländer verbrachten die deutschen Männer mit
well, Berlin Documents Center, 16. April 1993. ihren Streitkräften nach Indien. Diese Aktion führte am 20. Januar 1942
24
Funkspruch WCL 25844 an SCAP, 5.Dezember 1945, MM, RG-9: Funk- zu einem großen Unglück, als die Japaner das holländische Schiff van
telegramme, W.D.; 10 Information and Historical Service Headquarters Imhoff im indischen Ozean bombardierten. Die holländische Mannschaft
Eighth Army, “Special Staff Study of the Repatriation of German Nationals nahm die wenigen Rettungsboote und überließ die Deutschen ihrem
from Japan”( 6. Juni 1947), Center of Military History, Department of the Schicksal. Dann erschien ein holländisches Rettungsschiff, Bollongan am
Army, Washington, D.C. Diese kurze Studie, die direkt nach Abschluß der Schauplatz, weigerte sich aber, irgendwelche Deutsche aufzunehmen.
Repatriierung vollendet wurde, enthält wertvolles Material wie auch einige 411 Deutsche kamen um. Diejenigen, welche die Evakuierung überlebt
Fehler. hatten, wurden in Internierungslager in Dehra Dun, Indien verbracht. Sie
25
SCAPIN 26: Protection of Allied and Axis Property, 13. September 1945. kehrten 1946 nach Hause zurück. Das tragische Geschehen ist beschrie-
Am 2. Oktober 1945 lockerte SCAP diese Kontrollen ein bißchen und er- ben bei C.Van Heekeren, Batavia Seint Berlyn (Den Haag: Bert Bakker,
laubte Familien, für die Lebensführung und Steuerzahlungen etwas persön- 1967) 159-371, Erich Klappert, Erlebnisse (Klappert, 1978) 46-50. C. To-
liche Geldmittel zu benutzen. SCAPIN 87: Authorization No 1, Living Ex- wen-Bouwsma und Margot Lenigk beschafften dieses Material. Brief von
pense Allowances to Axis Nationals Domiciled in Japan, 2. Oktober 1945. Ursula Reinhard, April 1993.
NA, RG 331, Box 3. 42
CINCFE an MOGUS, WAR, 6.August 1947. MM, RG-9: Funktelegramme,
26
Supreme Commander for the Allied Powers, General Headquarters, Statis- abgehend. Bericht von Margot Lenigk, May 25, 1993.
tics and Reports Section, “History of the Non-Military Activities of the Oc- 43
Wickert, Mut und Übermut, 480-482: H.G. Stahmer, Japans Niederlage-
cupation of Japan,” Monograph 21, “Foreign Property Administration,” 106. Asiens Sieg: Aufsteig eines größeren Ostasien (Bielefeld: Deutscher Heimat
NA, RG 331, Box 2. Von der Gesamtsumme gehörten Privatpersonen Verlag, 1952), 192-195.
115.080.000 Yen; Firmen beanspruchten 286.362.000 Yen; amtliche deut- 44
Wegen der Diplomaten gab es unendliche Diskussionen. Bis zu ihrer An-

200 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


kunft auf deutschem Boden genossen sie eine Sonderstellung; sobald sie gust 1947. MM, RG-9: Funktelegramm, abgehend.
48
aber in Deutschland gelandet waren, verloren sie ihren Schutz, d.h. sie “Destination and Accompanying Documentation of the Refugees aboard the
wurden für ihr Gepäck, ihre Wertsachen, Transport und Sicherheit usw. USAT General Black,” 21.Oktober 1947. NA, RG 260, Box 141; von OM-
selbst verantwortlich. Die Berichte über die Repatriierung der Diploma- GUS an Department of the Army, 30.Oktober 1947. MM, RG-9: Funktele-
ten befinden sich in einer verlorenen Akte, was jegliche Forschung hierzu gramme, Diverse. Für einen Einblick in die korrupten Verhältnisse in Lud-
unmöglich macht. Brief von Joseph Dane Hartgrove, National Archives, wigsburg siehe Wickert, Mut und Übermut, 483-486.
49
DA an OMGUS, 20. Dezember 1947, NA, RG 260, Box 141. State Depart-
19.März 1992
45 ment an SCAP, 16. März 1948, State Department an SCAP, 4. April 1948.
MM, RG-9: Funktelegramme, State Department und RG-9: Funktelegram-
MM, RG-9: Funktelegramme, State Department; SCAPIN 1869: Repatria-
me, WD WX haben diese Korrespondenz. Ein interessanter Vorschlag kam tion of German Nationals, 10. März 1948. NA, RG 331, Box 5. Eine Be-
von den Linienschiffen des amerikanischen Präsidenten: sie schlugen näm- schreibung des Rückflugs bei Marie Balser, Ost- und westliches Gelände:
lich einen Transport auf ihren Schiffen gegen Bezahlung vor, d.h. die Deut- Unser Leben in Ost und West den Enkeln erzählt (Gießen: Munchowsche
schen, die in der Lage waren, die Überfahrt zu bezahlen, sollten dies tun, Universitätsdruckerei, 1958), 158-161.
während die amerikanischen Behörden für die anderen einen verminderten 50
Viele der Briefe in: Bestand JL 525 12/77-2/18, Staatsarchiv Ludwigsburg
Preis entrichten sollten. WAR an CHICFE, Berlin, 3. Mai 47; MM RG-99: (im Folgenden SL).
Funktelegramme, WD WX. Da die Japaner die Kosten bezahlen sollten, 51
Die 1900 gegründete Organisation hatte die Förderung deutscher Interes-
lehnten die Amerikaner das Angebot ab. sen in Ostasien zum Ziel. 1911 erweiterte sie dies auch auf die Förderung
Bis April 1952 hatten die Japaner 19. Mio. Yen für die Rückführung der kultureller Angelegenheiten und wurde bis 1914 eine einflußreiche
Deutschen bezahlt. Sie hatten 39 Mio. Yen für die Feststellung, Untersu- Macht. Nach dem Rückschlag, den die Niederlage im Ersten Weltkrieg
chung, Berechnung und Auflistung des deutschen Eigentums ausgegeben. bewirkt hatte, richtete die Führung ihr Augenmerk auf die Förderung ge-
Diese Berechnung war unvollständig. SCAP, Vested Interests in Japan, Part meinsamer Interessen und die Repräsentation von Firmen. Sie wurde po-
XII,5. Bis April 1952 hatte SCAP 355.265.877 Yen an 13 Länder transfe- litischer und veröffentliche eine Zeitschrift, die Ostasiatische Rundschau.
riert. Es war geplant, weitere 344.734.123 Yen aus deutschen Guthaben zu 1945 begannen Aktivitäten, die sich auf frühere Kontakte und die Energie
verteilen. Ibid., Part X,3. der Mitglieder stützten. Sie konnten etwas moralische Unterstützung geben.
46
Telegramm von SEC STATE an SCAP, 17. Juni 1947. NA, RG 260, Box Siehe Chief Claims Division an Budget and Fiscal Director, European
141; SCAPIN 1750: Repatriation of German and Austrian Nationals, 21. Command, “Property Claims of Japanese Repatriates,” 3.Juni 1948. SL
Juli 1947. NA, REG 331, Box 5; Operational Directive No. 51, 21. Juli 12/77-2/18.
52
1947. NA, RG 94, Box 2726. Das Außenministerium benutzte den um- Büro der Militärregierung, Land Württemberg-Baden, “Property Claims of
schreibenden Begriff “obnoxious” (untragbare) Deutsche, im Gegensatz zu Japanese Repatriates,” 29. Jan. 1948. NA, RG 260, Box 141: “Expellees
SCAPs “objectionable” (beanstandbare) Deutsche. from the Orient,” Oktober 1947. SL JL 525 12/63-1/6.
53
47
Befehl an Oberst Douglas Pamplin, n.d., Ibid: CINCFE an WAR, 10. Au- DEPTAR an SCAP, 4. Dezember 1951. NA,RG 331, Box 7564.

60 Jahre 20. Juli 1944


Von Per Lennart Aae
Deutschland dürfte das einzige Land in der Welt sein, das ei- Fromm, der zum Verräter sowohl gegen das Reich als auch
ne der schändlichsten Verratshandlungen seiner Geschichte gegen seine eigenen Kumpane wurde, schaffte es aber nicht,
jährlich zum Anlaß eines feierlichen Gelöbnisses seiner Sol- seine Spur durch Erschießen der Mitwisser zu verwischen.
daten nimmt. Im April 1945 wurde auch er verdientermaßen wegen Lan-
Vor einem Jahr, am 20. Juli 2003, fand erneut im Innenhof des- und Hochverrats hingerichtet. Seine erbärmliche Feig-
des Bendlerblocks in Berlin diese ebenso abscheuliche wie heit hatte sich nicht gelohnt.
verlogene Gelöbnisveranstaltung statt, wie üblich mit Betei- Die Putschisten und ihre in höchsten Staatsämtern und Ver-
ligung des Bundesverteidigungsministers und anderer Inha- trauensstellungen befindlichen Hintermänner, die der kämp-
ber höchster Staatsämter. Und natürlich berichteten wieder fenden Truppe in den Rücken fielen und ihr Land im schwer-
alle deutschen Sender in gewohnt verlogener Art darüber. Im sten Abwehrkampf gegen Stalins Vergewaltigungshorden
Zweiten Deutschen Fernsehen hieß es z.B. wörtlich: verrieten, waren selbst am Ausbruch des Zweiten Weltkrie-
“Am Ort der Kranzniederlegung im Bendlerblock war der ges maßgeblich beteiligt gewesen. Denn sie hatten mit dem
Widerstandskämpfer von Stauffenberg von den Nazis er- verantwortungslosen Versprechen, Hitler im Falle eines
schossen worden.” Kriegsausbruchs binnen Stunden zu stürzen, der von der ang-
In Wirklichkeit wurden Oberst Claus Schenk von Stauffenberg loamerikanischen Kriegspartei befürworteten Kriegsstrategie
und vier weitere Putschisten, darunter der Erzverräter General- gegen Deutschland Vorschub geleistet. Allein dies war ein
oberst Ludwig Beck und der General der Infanterie Friedrich denkbar schweres Verbrechen gegen das eigene Volk und ge-
Olbricht, auf Befehl ihres Mitverschwörers, des Befehlshabers gen den Frieden in der Welt.
des Ersatzheeres, Generaloberst Fritz Fromm, eiligst erschos- Dieselben Kreise waren es auch, die Hitlers Friedenspolitik
sen, um Zeugen für Fromms eigene Beteiligung am Putsch aus gegenüber Polen stets konterkariert und damit eine innenpoli-
dem Weg zu räumen. Beck hatte zuvor zweimal vergeblich tische Situation geschaffen hatten, bei der es der Reichsregie-
versucht, sich selbst zu erschießen, bevor er auf Befehl von rung schließlich unmöglich wurde, die von der angloameri-
Fromm, seinem ehemaligen Untergebenen und Mitverschwö- kanischen Kriegspartei unterstützten polnischen Provo-
rer, den Gnadenschuß erhielt. Weitere für Fromm gefährliche kationen länger zu dulden.
Zeugen waren ebenfalls auf dessen Befehl verhaftet worden Die Putschisten waren durch ihre Verbindungsmänner zu den
und zur Erschießung vorgesehen. In der Nacht trafen aber SS- Alliierten auch voll darüber informiert, daß die Westmächte
Hauptsturmführer Dipl.-Ing. Otto Skorzeny mit SS-Einheiten, auch nach einem erfolgreichen Putsch nur die bedingungslo-
gefolgt vom Chef des SS-Sicherheitshauptamtes, Dr. Ernst se Kapitulation Deutschlands akzeptiert hätten, auch gegen-
Kaltenbrunner, am Ort des Geschehens ein, untersagten jede über den sowjetischen Mord- und Vergewaltigungshorden.
weitere Erschießung, nahmen unverzüglich die Verhöre auf Der schottische Geistliche Peter H. Nicoll schrieb 1963 in
und ordneten weitere Verhaftungen an. seinem Buch Englands Krieg gegen Deutschland über die

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Putschisten: während die von Rache erfüllten Armeen der Alliierten ih-
“Auf der anderen Seite bedeutete es für Deutschland eine ren Ring immer enger schließen. Diese Vorgänge in
gewaltige Herausforderung, zu erkennen, daß, während es Deutschland sind Kundgebungen einer inneren Erkran-
bis zum letzten Atemzug buchstäblich um seine Existenz kung. So entscheidend sie sein mögen, wir dürfen unser
kämpfte, zahlreiche umstürzlerische Kräfte am Werk wa- Vertrauen nicht in sie, sondern in unseren eigenen starken
ren, um es von innen zu vernichten. Man kann die äußerste Arm und die Gerechtigkeit unserer Sache setzen.”
Härte, mit der gegen diese Umstürzler verfahren wurde, (Beide Zitate nach Karl Balzer, Der 20. Juli und der Landes-
verstehen. Auch kann niemand daran zweifeln, daß sie in verrat, Verlag K.W. Schütz KG, 1971)
England ebenso übel gefahren wären, wenn wir es unter Eine Staatsführung, wie jene der BRD, welche die Streitkräf-
ähnlichen extremen Verhältnissen mit ihnen hätten auf- te auf das Andenken und die Nachfolge derartiger verächtli-
nehmen müssen.” cher Landesverräter verpflichtet und sie darüber hinaus von
Im britischen Unterhaus kommentierte Winston Churchill am der Landesverteidigung abzieht, um sie statt dessen als Helo-
2. August 1944 den gescheiterten Putsch mit folgenden Wor- tentruppe in den Dienst eines fremden, räuberischen Im-
ten: perialismus zu stellen, richtet sich nach meiner Überzeugung
“Nicht nur die einst stolzen Armeen werden an allen Fron- selbst.
ten zurückgedrängt, sondern auch in der Heimat haben Es wird die Zeit kommen, zu der jeder Deutsche daran ge-
sich gewaltige Ereignisse zugetragen, die das Vertrauen messen werden wird, ob er sich von dieser Politik der Schan-
des Volkes und die Treue der Truppen in ihren Grundfesten de rechtzeitig abgewendet oder sie geduldet oder gar unter-
erschüttern müssen. Die höchsten Persönlichkeiten im stützt hat.
Deutschen Reich morden einander und versuchen dieses,

Von Vampirtötern und Hanswursten


Von Israel Shamir
Vampirtöter Die Revisionisten der Zionistischen Organisation Amerikas
Die Volkssagen über Vampire empfehlen dem Leser alle haben alle die Methoden ihrer Gegner, der “Leugner” zur
möglichen Mittel, um sich vor dem Unheil eines solch gruse- Anwendung gebracht: Sie übergehen die Augenzeugenbe-
ligen Angriffs zu schützen. Eine Handvoll Friedhofserde richte der Überlebenden, des Roten Kreuzes, der britischen
wird bevorzugt, Knoblauch ist brauchbar, und am wirksam- Polizei, jüdischer Späher und anderer Beobachter, die sich
sten ist das Kreuz. Aber diese Gegenmittel wirken nicht im- am Ort des Massakers befanden. Sie berücksichtigen nicht
mer. In Roman Polanskis ausgelassener Horrorkomödie The einmal die Entschuldigung Ben Gurions, denn schließlich
Fearless Vampire Killers (die furchtlosen Vampirtöter) ver- wurden die Befehlshaber dieser Banden ihrerseits Premier-
sucht der Held, einen jüdischen Vampir durch ein Kreuz- minister des jüdischen Staates. Für die Zionistische Organisa-
symbol zu verjagen. Der Jude grinst ihn – genau wie der tion Amerikas gilt nur die Aussage der Mörder. Das heißt –
Fiddler auf dem Dach – mit nettem, verständnisvollem Lä- wenn die Mörder Juden sind. Wenn die Juden die Opfer sind,
cheln an, und entblößt seine Fangzähne. Das Kreuz wehrt ihn scheuen die gleichen amerikanischen Zionisten-Organisatio-
nicht ab. Dieses Werk von Polanski fällt mir ein, wenn ich nen keine Mühen, um den Revisionismus anzugreifen. Diese
die neue Welle der Holocaust-Kontroversen verfolge. moralisch zweifelhafte Position war sicherlich für die Revi-
Die revisionistischen Historiker, die von ihren Gegnern als sionisten recht bequem. Ihrer angeschlagenen Logik zufolge
“Holocaust-Leugner” bezeichnet werden, treffen sich zu könnte es sein, wenn die Israelis übertriebene Geschichten
Konferenzen, um ihre Ansichten zum Völkermord der Natio- über die Ereignisse von 1948 erzählen, daß vielleicht auch
nalsozialisten auszutauschen. Das amerikanisch-jüdische die jüdischen Erinnerungen an den Holocaust fehlerhaft sind.
Establishment, einschließlich der Zionist Organization of Das ist ein vergeudeter Aufwand. Sicherlich, sie konnten ei-
America und der Anti-Defamation League, setzen sich für ein nige Siege für sich verbuchen, etwa bezüglich der Geschich-
Verbot solcher Konferenzen ein, was ihnen 2001 in Beirut ten von aus menschlichem Fett gemachter Seife oder Elie
gelang und erneut im Jahr 2004 in Sacramento. Die ZOA ist Wiesels feuerspeiende Gruben. Aber diese Revisionisten hin-
nicht gegen Revisionismus an sich. Diese Organisation war terfragen auch die tatsächliche Zahl jüdischer Opfer. Wenn
ein Vorreiter in der Kunst, die Geschichte zu leugnen, und gab auch nur tausend Juden oder Zigeuner von den Nazis ermor-
auf Kosten des amerikanischen Steuerzahlers ein Büchlein mit det wurden, waren es tausend zu viele. Das ist wohl kaum ei-
dem Titel Deir Yassin: Geschichte einer Lüge heraus. ne wichtige Frage, weil schon die Definition, wer ein Opfer
Deir Yassin war ein friedliches Dorf, das die jüdische Terro- ist, verschieden aufgefaßt werden kann.
ristenbande Etzel und Lehi am 9. April 1948 angriff. Sie Ein gutes Beispiel einer “Opfer-Definition” lieferte die Haa-
metzelte dessen Männer, Frauen und Kinder nieder. Ich will retz in der Wochenendausgabe vom 10./11. März 2001. Als
nicht die bluttriefende Geschichte von abgeschnittenen Oh- der Golfkrieg 1991 endete, wurde ein Israeli als Kriegsopfer
ren, aufgeschnittenen Bäuchen, vergewaltigten Frauen, ange- aufgeführt. Heute gibt es einhundert Israelis, die offiziell als
zündeten Männern, von Leichen, derer man sich in Steinbrü- Opfer des Golfkriegs anerkannt werden, und ihre Angehöri-
chen entledigt hatte, wiederholen oder von der triumphalen gen erhalten auf irakische Kosten eine Rente. Einige der Op-
Parade der Mörder. Im Prinzip sind alle Massaker ähnlich, fer starben an Streß, einige konnten ihre Gasmasken nicht
von Babi Yar bis Deir Yassin. abnehmen und erstickten. Der Haaretz-Artikel beteuerte, daß

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viele weitere Ansprüche von den israelischen Behörden nicht Rich und anderen Schwindlern, zu betrügen und zu stehlen,
anerkannt wurden. Daher hat Michael Elkins, der israelische er erlaubte der israelischen Armee, ungestraft Kinder zu er-
Bürger und ehemalige Jerusalem-Korrespondent der BBC morden und Frauen auszuhungern. Seine Ansicht wird von
recht, wenn er argumentiert, daß die Zahl der Opfer kein vielen Israelis geteilt. Ari Shavit, ein bekannter Haaretz-
Thema sei, seien es nun sechs oder drei Millionen Tote. Schreiber, drückte es 1996 am besten aus, als die israelische
Die Revisionisten riskieren ihr Leben und ihren Wohlstand Armee in Kana im Libanon mehr als hundert zivile Flücht-
bei dem Versuch, das zu unterminieren, was sie “den Holo- linge tötete:
caust-Mythos” nennen. Man kann ihr Bemühen verstehen. “Wir können ungestraft morden, weil das Holocaust-
Heutzutage kann man offen die unbefleckte Empfängnis oder Museum auf unserer Seite ist.”
(vielleicht) den Gründungsmythos Israels in Frage stellen. Boaz Evron, Tom Segev und andere israelische Schriftsteller
Aber der Holocaust-Kult hält fest an einem einzigartigen, haben die gleiche Auffassung geäußert.
durch Gerichte sanktionierten Verbot einer jeden Hinterfra- Man kann Dr. Finkelsteins These folgendermaßen zusammen-
gung, die einen Zweifel auf sein geheiligtes Dogma werfen fassen: Den Juden gelang die Quadratur des Kreises und sie lö-
könnte. Dogmen haben etwas, das auf kritische Gemüter eine sten das Problem, das die Aristokratie und die gewöhnlichen
besondere Anziehung ausübt. Aber das herausfordernde Millionäre benebelte. Sie entwaffneten nämlich ihre Gegner,
Stierhorn stößt hinter dem roten Tuch auf dünne Luft. Die indem sie an deren Mitleid und Schuldgefühl appellierten.
Argumente über Gaskammern und Seifenherstellung könnten Ich bewundere Dr. Finkelstein wegen seines beharrlichen
ganz interessant sein, aber sie sind ziemlich bedeutungslos. Glaubens an das gute Herz seiner Mitmenschen. Ich bin si-
Wo also ist der Matador? cher, daß er auch Märchen glaubt. Nach meiner eigenen Ein-
Norman Finkelstein hat mit seiner Bestseller-Enthüllung Die schätzung können einem Mitleid und Schuldgefühle viel-
Holocaust-Industrie einen mutigen Schritt unternommen. Es leicht einen gratis Teller Suppe einbringen. Nicht unzählige
gibt aber einen wichtigen Unterschied zwischen Dr. Finkel- Milliarden Dollar. Dr. Finkelstein ist nicht blind. Er bemerk-
stein und den revisionistischen Historikern: Dr. Finkelstein, te, daß die Zigeuner, die auch Opfer der Nationalsozialisten
der Sohn eines Holocaust-Überlebenden, befaßte sich nicht wurden, von einem “mitfühlenden” Deutschland so gut wie
mit einer womöglich illegalen statistischen Kontroverse, son- nichts erhielten. In welchem Umfang die Amerikaner zu kol-
dern konzentrierte sich statt dessen auf das ideologische lektivem Schuldgefühl gegenüber ihren vietnamesischen Op-
Konstrukt des Holocaust-Kultes. fern (5 Millionen Tote, 1 Million Witwen, Vernichtung im
Das hat ihm wirklich viel genutzt! Eine jüdische Organisati- Stil von Coventry mit einem Schuß Agent Orange) in der La-
on namens “Anwälte ohne Grenzen” (Lawyers without Bor- ge sind, wurde kürzlich von Verteidigungsminister William
ders) hat ihn bereits in Frankreich verklagt. Diese Anwälte Cohen zum Ausdruck gebracht:
verhielten sich völlig ruhig, als die israelische Justizmaschi- “Es gibt keinen Raum für eine Entschuldigung (ganz zu
nerie ein Urteil über sechs Monate auf Bewährung gegen den schweigen von Entschädigung). Ein Krieg ist ein Krieg.”
jüdischen Mörder eines nichtjüdischen Kindes verkündete. Obwohl Dr. Finkelstein alle Tatsachen bei der Hand hat,
Sie rührten keinen Finger, als das 15-jährige Mädchen Suad greift er nach seinem Kreuz und versucht, damit den Vampir
in Einzelhaft gebracht wurde, als ihr anwaltliche Hilfe ver- zu verscheuchen.
weigert und sie psychischer Folter unterzogen wurde. Sie Was ist die Quelle der Macht, von der die Holocaust-Industrie
fehlen sichtlich bei israelischen Militärgerichten, wo ein ein- gespeist wird? Das ist keine müßige oder theoretische Frage.
zelner jüdischer Offizier über einen nichtjüdischen Zivilisten Die Durchführung einer weiteren palästinensischen Tragödie
lange Gefängnisstrafen verhängen kann - anhand von gehei- läuft auf Hochtouren, ihre Städte werden langsam abgewürgt.
mem Beweismaterial. Offensichtlich sind sich diese Anwälte Jeden Tag wird ein Baum entwurzelt, ein Haus demoliert, ein
gewisser Grenzen bewußt. Kind ermordet. In Jerusalem feierten die Juden das Purimfest
Finkelstein zog aus, um das Geheimnis unseres besonderen mit einem Pogrom gegen Nichtjuden, und das erschien auf Sei-
jüdischen Charmes zu erkunden, ein Charme, der amerikani- te 6 der Lokalzeitung. In Hebron feierten die Kahane-Jungs das
sche Herzen und Geldschränke in Schweizer Banken öffnet. Purim-Fest am Grab des Massenmörders Goldstein. Es ist kei-
Seine Schlußfolgerung ist, daß wir Erfolg haben, weil wir an ne Zeit, um auf Katzenpfoten zu schleichen.
europäische und amerikanische Schuldgefühle appellieren. Im Roman The Sirens drückt Bloom die Gefühle seines
“Der Holocaust-Kult[1] hat sich als unentbehrliche ideolo- Schöpfers James Joyce gegenüber dem blutigen Konzept der
gische Waffe erwiesen. Durch ihre Anwendung hat eine der irischen Befreiung aus, indem er auf das Grabmal eines iri-
beeindruckendsten Militärmächte der Welt mit einer ent- schen Freiheitskämpfers furzt. Meine Großeltern, meine Tan-
setzlichen Menschenrechts-Vergangenheit die Rolle als ten und meine Onkel starben im 2. Weltkrieg. Aber ich
Opfer-Staat übernommen, und die erfolgreichste Minder- schwöre bei ihrem Andenken, daß ich das Holocaust-Memo-
heit in den USA hat einen Opfer-Status erlangt.” rial zu einer öffentlichen Bedürfnisanstalt umwandeln würde,
Finkelstein macht eine brillante Analyse des Holocaust- wenn ich zu der Auffassung käme, daß Schuldgefühle über
Kultes und kommt zu einer erstaunlichen Entdeckung: er ist den Holocaust-Kult den Tod auch nur eines palästinensischen
nur eine schäbige Verbindung von ein paar Klischees, die Kindes verursacht hätten.
durch die weinerliche Stimme von Elie Wiesel in einer dik- Die Schäbigkeit des Holocaust-Kultes und wie leicht es ihm
ken Limousine zusammengeheftet werden. gelingt, Milliarden einzusacken, ist ein handfester Beweis der
Finkelstein ist sich der Bedeutung seiner Entdeckung nicht realen Macht hinter dieser Industrie. Diese Macht ist verbor-
bewußt, da er immer noch glaubt, daß der Holocaust-Kult ein gen, ungesehen, unbeschreiblich, aber ganz real. Es ist keine
großartiger Plan ist, der nur von der Erfindung des Rades Macht, die sich aus dem Holocaust ableitet, sondern der Ho-
übertroffen wird. Er löste das ewige Problem der Reichen locaust-Kult ist eher ein Zur-Schau-Stellen der Muskeln de-
und Einflußreichen, indem Neid und Haß der Armen und rer, die die wirkliche Macht innehaben. Daher sind alle Ver-
Ausgebeuteten abgewehrt werden. Er ermöglichte es Mark suche der Revisionisten zum Scheitern verurteilt. Die Leute,

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die den Kult propagieren, könnten alles propagieren, weil sie nahme auf die gleiche Art. Die einheimischen Khazaren wur-
die öffentliche Debatte beherrschen. Der Holocaust-Kult ist den von einem türkischen Kriegeradel regiert und beschützt,
nur eine kleine Manifestation dessen, was sie können. Diese der von seinem gewählten Khan, dem König, angeführt wur-
Macht würde angesichts von Dr. Finkelsteins Enthüllungen de. Im 6.-8. Jahrhundert kamen ein paar Wellen jüdischer
nur grinsen. Flüchtlinge bei ihnen an, zuerst vom sassanidischen Persien,
später von abbasidischen Irak und von Byzanz. Die gutmüti-
Hanswurst gen und toleranten türkischen Khans glaubten, sie bekämen
“Präsident Bush sollte als prominenter Zionist ausgerufen nützliche, kluge und eifrige Untertanen, aber blitzschnell
werden” – stichelte Tsahi HaNegbi, ein israelischer Verbre- übernahmen die Neuankömmlinge das Khazarenreich. Eine
cher, der zum Minister geworden war, als in der Ende-Juli- Zeitlang bewahrten sie die Fassade der traditionellen aristo-
Hitze des Nahen Ostens das Echo der Worte des amerikani- kratischen Herrschaft und setzten einen Khan auf den Thron,
schen Präsidenten verebbte. “Nein, Bush sollte in den Likud- der immer weniger zu sagen hatte. 803 wurde der Jude Oba-
Parteiausschuß gewählt werden” – parierte der Oppositions- diah der wirkliche Herrscher des Khazarenreichs, während
führer Yossi Sarid. Der Vorsitzende der israelischen Arbei- der Goj-Khan einmal im Jahr noch den Leuten vorgeführt
ter-Partei, Shimon Peres, schaute dümmer als je, als ihm wurde, um die Legitimität von Obadiahs Macht zu beweisen.
Bush seine Lieblingsstütze “die Drohung einer amerikani- Schließlich entledigte man sich des letzten nichtjüdischen
schen Intervention” wegnahm. Peres und Sarid haben palä- Khans und die Fiktion der khazarischen Herrschaft kam zum
stinensische Menschenrechte nie aus Sympathie oder allge- Abschluß, als ein jüdischer Beg offen die Macht über das
meiner Menschlichkeit befürwortet, sondern pflegen ihren Khazarenreich ergriff.
Unterstützern in der notorisch nationalistischen israelischen Es wird oft behauptet, die jüdischen Herrscher hätten einen
Wählerschaft Sand in die Augen zu streuen: Massenübertritt der Khazaren zum jüdischen Glauben veran-
“Wir würden mit den Palästinensern und ihren Ländereien laßt. Arthur Koestler, ein jüdischer Romanschreiber, dachte,
genauso brutal verfahren wie der [rechtsgerichtete] Likud, die heutigen Juden seien Nachkommen dieser khazarischen
aber wir halten unsere besonderen Beziehungen mit den Konvertiten,2 aber zwei führende russische Wissenschaftler,
USA in Ehren. Amerika würde es nicht erlauben, darum der Archäologe Artamonow und der Historiker Leon Gumi-
sind wir gezwungen, uns wie menschliche Wesen zu be- lew3 kamen zu dem Schluß, daß die normalen Khazaren nicht
nehmen.” zum Judaismus bekehrt worden sind. Die Juden waren laut
Jetzt brach ihre gekünstelte Interpretation zusammen. Den Gumilew die herrschende Klasse im Khazarenreich, sie teil-
Amerikanern machte es nichts aus. Ihnen macht überhaupt ten nicht mit Außenstehenden ihren Bund oder wichtige Äm-
nichts etwas aus, und jetzt schliddert Israel vielleicht immer ter. Die Khazaren wurden einer völkisch und religiös frem-
weiter auf einen faschistischen Albtraum zu. den Herrschaft untertan. Sie mußten für das Heer und die Po-
Mit einem bitteren Lächeln schaue ich Emails und Artikel lizei bezahlen, und für eine abenteuerliche Außenpolitik.
des letzten Jahres durch, als Bush Jr. zum Präsidenten ge- Schließlich hatten sie ihr Land verloren.
wählt wurde. Viele rechtsgerichtete Autoritäten drückten die Die herrschenden Juden hatten es sehr gut – aber nur recht
Meinung aus, die Juden hätten die amerikanische Politik kurz: innerhalb von hundert Jahren nach ihrer vollständigen
nicht mehr im Würgegriff. “Juden in Bushs Kabinett? Nicht Übernahme zerfiel das Khazarenreich völlig. Solche Gebilde
atemberaubend”, lamentierte Phillip Weiss vom Observer. haben keinen Bestand, denn sie zerstören die Grundlage ihrer
Justin Raimondo von Antiwar.com war mit dem, was wie ein eigenen Macht. Den Khazaren war es gleichgültig: sie hatten
jüdischer Rückschlag aussah, hämisch zufrieden. Nur ein keinen Anteil an den sagenhaften Schätzen des Reiches. Sie
paar Monate später merkten sie: die wiedererlangte angel- wurden zu Tataren, Kasachen und andere Steppennationen.
sächsische Souveränität in den USA war nur ein Trugbild. Die Nachbarn vermißten das Reich nicht, da es zu Genozid
Die jüdische Führerschaft ist in der Lage, auf die Auswahl und Sklavenhandel geneigt hatte. Die Juden wanderten aus
des von ihnen bevorzugten Kandidaten Einfluß zu nehmen, dem verwüsteten Kaspischen Becken in die Tiefe Polens und
indem sie geschickt Geldmittel sowohl an die Republikaner Litauens ab und schieden während einem tausendjährigen
wie auch Demokraten gibt, für praktisch alle Kandidaten, seien Schlummer aus der Geschichte aus.
sie rechts oder links. Es mag sein, daß sie nicht eine bestimmte Die Juden des Khazarenreiches brauchten einen Hanswurst
Person für dieses oder jenes Amt bestimmen können, aber sie als Khan, weil ihre Macht durchaus noch nicht vollständig
können beeinflussen, wer in die engere Auswahl kommt, so war, und nur ein Hanswurst würde ihrem Verlangen nachge-
daß es auf die Endauswahl gar nicht mehr ankommt. Sie wis- ben. Bushs Nah-Ost-Rede zeigte, daß sich dieser Sprößling
sen, was sie wollen: sie bevorzugen Trottel, Leute mit begrenz- einer reichen und mächtigen Familie wie ein Kaninchen be-
ter Intelligenz, Sachkenntnis, und Willenskraft und zweifelhaf- nimmt, das vom Licht eines Autos überrascht wird. Der
ter Moral, ob sie nun Bush oder Gore heißen. Countdown für das Ableben des amerikanischen Imperiums
“Wähle einen schwachen Herrscher” könnte man die Strate- hat begonnen.
gie für die Machtübernahme einer ethnischen oder religiösen
Minderheit nennen, die immer dann zur Anwendung kommt, Anmerkungen
wenn die große Masse noch nicht bereit ist, die wahren Herr- 1
Dr. Finkelstein unterscheidet zwischen “Holocaust”, dem historischen
scher zu akzeptieren. In den Babylon-5 oder anderen Science Ereignis, und dem Holocaust, dem ideologischen Konstrukt. Ich nahm
Fiction-Filmen bevorzugen die Außerirdischen einen Terre- mir die Freiheit, letzteres der Klarheit halber Holocaust-Kult zu nennen.
2
strischen mit weichen Knien als ihre Marionette. Sie haben es Vgl. A. Koestler, Der Dreizehnte Stamm, Lübbe 1989.
3
Leon Gumilev, Drevniaia Rus’ i Velikaia Step’ (Alt-Rußland und die gro-
aus der Geschichte gelernt. ße Steppe, russisch), 1989; vgl. die üppige Quellenlage in
In der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends vollzog sich in www.khazaria.com; Anm. des Hg.
dem großen eurasischen Staat der Khazaren eine Machtüber-

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Anmerkungen des Herausgebers 2. DAS ROTE KREUZ UND DIE BRITISCHE POLIZEI
In meiner Rezension von Finkelsteins Buch1 legte ich dar, Wie Arthur R. Butz in seinem Buch Der Jahrhunderbetrug
daß entgegen Finkelsteins Ansicht der “Holocaust” nicht erst darlegt, haben eben gerade die omnipräsenten unabhängigen
in den 1960ern als “Waffe” zur moralischen Erpressung der Beobachter vor Ort – Rotes Kreuz, Katholische Kirche, di-
Welt entdeckt wurde, sondern bereits zur Zeit des ersten plomatische Vertretungen, jüdische und andere Hilfsorgani-
Weltkrieges, wie es neulich von Don Heddesheimer ausgie- sationen – während des Krieges nichts über einen “Holo-
big dargelegt wurde.2 Man wird daher Israel Schamir zuzu- caust” zu berichten gewußt, noch agierten sie, als würde sich
stimmen, daß Finkelsteins Ansatz, der “Holocaust” erkläre so etwas zutragen.
die Macht der Juden, zu kurz greift. Es ist allerdings auch
falsch, wenn Shamir annimmt, es sei irrelevant, wo hinsicht- 3. JÜDISCHE/DEUTSCHE SPÄHER UND ANDERE BEOBACHTER
lich des Holocaust die Wahrheit liege. Zwar stimmt, daß der Den jüdischen Spähern von Deir Yassin entsprächen deut-
Holocaust-Kult einen derart großen Einfluß hat, weil jüdische sche Späher während des Zweiten Weltkrieges. Wo sind sie
Lobbygruppen heute so mächtig sind. Allerdings darf nicht aber, die Berichte deutscher Späher, die während des Krieges
übersehen werden, daß es erst die Holocaust-Behauptungen von einem laufenden “Holocaust” berichteten? Und ich mei-
waren, die den Antisemitismus-Vorwurf überhaupt erst zu ne hier nicht vereinzelte Berichte von Repressalexzessen hin-
der tödlichen Waffe werden ließen, die er heute ist. Vor dem ter der Front im Osten, sondern von systematischer Vernich-
Zweiten Weltkrieg waren ideologische, religiöse, ethnische tung in den sogenannten Vernichtungslagern. Die bei bzw.
oder gar rassische Gegnerschaft zu den Juden in westlichen nach Kriegsende abgelegten Berichte lassen sich wiederum
Gesellschaften durchaus noch gesellschaftsfähig. Erst das nicht mit jüdischen Berichten nach Deir Yassin vergleichen.
moralische Totschlag-“Argument” “Holocaust” hat jeden Während Juden, die über jüdische Greuel berichten, Vergel-
Widerstand gegen jüdische Machtansprüche unmöglich ge- tungsmaßnahmen befürchten mußten, mußten (und müssen)
macht. Zudem sollte klar sein, auf wen es primär moralisch Deutsche (und mit ihnen alle anderen), die nach dem Krieg
abfärben würde, wenn sich herausstellte, daß der “Holocaust” nicht gefügig “bezeugt”, “gestanden” bzw. ihre Befehlshaber
die größte je erfundene, durchgesetzte und ausgebeutete Lüge belasteten, mit Repressalien rechnen.
der Menschheitsgeschichte ist. Das würde nicht nur die mora-
lische Unangreifbarkeit der Juden beenden, sondern sie mo- 4. ENTSCHULDIGUNG BEN GURIONS
ralisch völlig diskreditieren, womit die psychologische Wo sind sie, die Entschuldigungen Hitlers und Himmlers?
Grundlage ihrer Macht – moralische Unangreifbarkeit – ins Die Angeklagten in Nürnberg sagten alle aus, sie hätten von
Gegenteil umgewandelt würde. Der Holocaust würde vom nichts gewußt und erst während des Prozesses davon erfah-
Heißluftballon, mit dem die Juden überall hin können, zum ren!
Mühlstein um ihrem Hals. Insofern ist es eben doch von ent-
scheidender Bedeutung, ob die “Holocaust”-Behauptungen 5. DOUMENTEN- UND SACHBEWEISE
wahr sind oder nicht. Shamirs Argumentationsweise ist typisch für jemanden, der
Letztlich ist in diesem Zusammenhang selbstverständlich von Geschichtsforschung wenig Ahnung hat. Wer auf Zeu-
auch die Frage nach der Zahl der Opfer mit entscheidend. genaussagen angewiesen ist, um Geschichte zu schreiben, für
Dabei geht es nicht um moralische Aussagen wie “schon ei- den reicht Geschichte nur wenige Generationen zurück und
ner ist einer zu viel” – so richtig das moralisch sein kann –, bleibt qualitativ auf dem Niveau steinzeitlicher Märchener-
sondern um wissenschaftlich unausweichbare Forschungsde- zähler stecken. Aussagen von Zeugen müssen durch Doku-
siderate: Exakte Zahlen sind immer ein wünschenswertes mente und Sachbeweise erhärtet werden. Mir ist nicht im
Ziel in jeder Wissenschaft! Wenn es wirklich egal wäre, ob Einzelnen bekannt, inwiefern dies im Falle Deir Yassin ge-
es Sechs Millionen jüdische Opfer gab oder nur ein einziges, macht wurde bzw. gemacht werden kann, allerdings ist klar,
warum regen sich dann die meisten Menschen auf, wenn Re- daß ein gigantisches Unternehmen, wie es der “Holocaust”
visionisten behaupten, es habe “nur” wenige Hunderttausend wäre – einen ganzen Kontinent umfassend, vier Jahre dau-
jüdischer Opfer gegeben? Den meisten Menschen ist es eben ernd, und sechs Millionen Menschen betreffend – eine gigan-
nicht egal. Einige sind gar bereit, uns Revisionisten im Na- tische Menge an Dokumenten und forensischen Spuren hin-
men dieser heilige Zahl zu töten, andere geben sich mit mil- terlassen haben muß. Aber diese Ansatzpunkte exakter Ge-
deren Verfolgungsmaßnahmen zufrieden. schichtswissenschaft, Hauptaugenmerke revisionistischer
Shamirs Vergleich zwischen den Holocaust-Revisionisten Forschung, kommen dem Journalisten Shamir noch nicht
und den “Deir Yassin”-Revisionisten schließlich hinkt in einmal in den Sinn. Schuster, bleib bei deinem Leisten!
mehrerer Hinsicht:
Germar Rudolf
1. AUGENZEUGENBERICHTE DER ÜBERLEBENDEN
Während die Überlebenden von Deir Yassin damit rechnen Anmerkungen
mußten, für ihre Israel belastenden Aussagen Nachteile zu er- 1
Vgl. VffG 4(3&4) (2000), S. 435-438.
leiden, war und ist es bezüglich des Holocaust umgekehrt: 2
D. Heddesheimer, Der Erste Holocaust. Jüdische Spendenkampagnen mit
jeder, der nichts Belastendes zum Holocaust zu sagen hat Holocaust-Behauptungen im Ersten Weltkriegs und danach, Castle Hill
Publishers, Hastings 2004, im Druck.
oder gar Entlastendes vorbringt, muß mit massiven Nachtei-
len rechnen.

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 205


Über Antisemitismus und Untermenschentum
Von Israel Shamir
Kinder eines unbedeutenderen Gottes Welt sind, denen jedes einzelne Besitztum wieder zurücker-
In Berlin waren die Großen und Mächtigen, unter ihnen auch stattet wurde, das ihren Vorfahren jemals gehörte, von Berlin
der amerikanische Staatssekretär Colin Powell, der deutsche bis nach Bagdad. Es hat auch nichts mit dem lange schon
Präsident Johannes Rau und der Präsident Israels, Moshe verschwundenen historischen Antisemitismus zu tun, der ras-
Katzav, Ende April 2004 zu einer Konferenz der Organisati- sischen antijüdischen Theorie, denn es gibt Semiten und
on für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zu- Nachkommen von Juden auf beiden Seiten des Kampfes.
sammengekommen, die dem Kampf gegen den Antisemitis- Der “Kampf gegen den Antisemitismus” ist ein theologisches
mus gewidmet war. Sie verkündeten, daß “der Konflikt zwi- Konzept, das sich auf die jahrhundertealte Frage bezieht:
schen Israel und Palästina als Deckmantel für die weltweite “sind alle Menschen gleich, gleich wichtig und Gott gleich
antisemitische Stimmung diene” wie der Haaretz aus Anlaß nahe, oder sind die Juden etwas höhergestellt, während der
dieser Konferenz berichtete. Ich war nicht zu dieser Zusam- Rest die Kinder eines unbedeutenderen Gottes sind?” Die er-
menkunft eingeladen, doch wenn ich dort gewesen wäre, ste Aussage stammt von St. Paul, das zweite Motto hatte sich
dann hätte ich folgende Rede gehalten: Kaiaphas auf die Fahne geschrieben. Heute haben Sie diese
Eure Exzellenzen, diese Konferenz ist in der Tat ein sehr Frage beantwortet und, wie Pontius Pilatus zu seiner Zeit,
wichtiges, ja sogar historisches Ereignis, das mit Konstantins haben Sie Kaiaphas den Vorzug gegeben. Heute verkündeten
Edikt von Mailand oder mit anderen bedeutenden kirchlichen Sie, daß die jüdischen Idee- und Wertvorstellungen der
Konzilen gleichgesetzt werden kann. Ich bin mir nicht sicher, Grundstein der Neuen Weltordnung sind, die Sie aufrechter-
ob alle von Ihnen voll und ganz das Ausmaß Ihrer Taten ver- halten wollen.
standen haben und was die Codewörter “Kampf gegen Anti- Es ist nicht wichtig, daß die Palästinenser lebendig einge-
semitismus” eigentlich bedeuten. mauert werden hinter der 25 Fuß hohen Betonmauer, daß die
Lassen Sie uns zuallererst definieren, was sie nicht bedeuten. Olivenhaine ausgelöscht und die Brunnen zerstört werden.
“Kampf gegen Antisemitismus” bedeutet nicht, eine kleine Wichtig ist nur, daß “Israel oder seine Anführer nicht dämo-
verfolgte Nation zu verteidigen - wenn dem so wäre, dann nisiert oder zu Schurken abgestempelt werden”, um in den
müßten Sie die belagerten Palästinenser verteidigen. Es be- Worten Ihres Kollegen Colin Powell zu sprechen. Es ist kei-
deutet auch nicht Kampf gegen Rassismus, denn sonst müß- ne Frage der Politik mehr, sondern eine theologische Frage,
ten Sie das rassistische Apartheidsystem in Palästina be- da der Glaube an die jüdische Überlegenheit der offizielle
kämpfen. Es bedeutet auch nicht Kampf gegen die anti- Glaube der Pax Americana ist, wie es die Christenheit einst
jüdische Diskriminierung, denn diese existiert nicht und von im Römischen Imperium war in den Tagen Konstantins des
Moskau über Paris bis nach New York besetzen Juden die Großen. Um diesen Punkt zu betonen, haben Sie verboten,
Spitzenpositionen der Macht. Es ist auch nicht die Verteidi- nazistische Symbole im Zusammenhang mit der israelischen
gung jüdischen Lebens, denn der einzige Jude, der in letzter Politik zu verwenden, doch sie erlaubten, daß das Kreuz
Zeit in Europa verwundet wurde, hat sich selbst mit seinem Christi von Hitlers Swastika überblendet wurde.
Küchenmesser verletzt, als er versuchte, mit der Tat einen Sie haben sich der neuen Religion unterworfen, die mittels
Moslem zu belasten. Es ist auch nicht die Verteidigung jüdi- amerikanischer Panzer, Dollar und Filme von jenseits des
schen Besitzes, da die Juden die einzigen Menschen auf der Ozeans nach Europa gebracht wurde, der neu-jüdischen Re-
ligion der wenigen Auserwählten, der von Menschen ge-
schaffenen Landschaften, der wirtschaftlichen Freiheit, der
Entfremdung und Entwurzelung, der Verweigerung von So-
lidarität und Würde für Nichtauserwählte. Sie verkünden
heute, daß sie sich verpflichten, die jüdischen Ideen und
Werte als die Grundsteine der Neuen Weltordnung aufrecht-
zuerhalten, anstatt die christlichen Ideale von Solidarität und
Gleichheit. Sie haben Europa zurück zur asiatischen Häresie
geführt, die einst in Nicäa besiegt worden war, und Sie ha-
ben Christus erniedrigt. Ihre übertriebene und abnormale
Sorge für das Wohlergehen der Juden ist ein Symbol Ihrer
Unterwerfung.
Wahrscheinlich bezeichnen Sie sich selbst als “Realisten
und Pragmatiker”, die sich wenig um dieses religiöse
Geschwafel kümmern. Wenn Sie wirklich Realisten und
Pragmatiker wären, dann würden Sie darüber nachdenken,
Die neue Religion, von jenseits des Ozeans nach Europa ge- was die Akzeptanz der jüdischen Überlegenheit für SIE
bracht mittels amerikanischer Panzer, Dollars und Filme; die selbst bedeutet, wenn Ihnen schon die Palästinenser oder Ira-
neu-jüdische Religion der wenigen Auserwählten, der von
ker egal sind. Ich schlug die Jerusalem Post vom 22. April
Menschen geschaffenen Landschaften, der wirtschaftlichen
Freiheit, der Entfremdung und Entwurzelung, der Verweige- 2004 auf und las die Worte unserer neuen Vorgesetzten:
rung von Solidarität und Würde für Nichtauserwählte. Die jüdi- Matti Golan, der frühere Chefredakteur der führenden israe-
schen Ideen und Werte sind die Grundsteine der Neuen Welt- lischen Zeitung Haaretz und des Globes, der Zeitung für die
ordnung. jüdischen Wirtschaftseliten, schreibt:
http://www.israelshamir.com/shamirImages/Shamir/BerlinGR.htm

206 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


“Ich habe nicht nur ein Problem mit Deutschland. Ich ha- se Diskriminierung positiv zu werten. Vanunu blieb am Le-
be ein Problem mit allem Deutschen, egal wo. Ich diskutie- ben, trotz seines Verrats, seiner Spionage und trotz seines
re nicht darüber und rege mich auch nicht auf. Ich habe Christseins behandelte ihn Israel wie einen Juden. Jeder
ganz einfach Deutschland und sein Volk von meinem Glo- weiß, was der israelische Mossad ihm antun würde, falls er
bus gelöscht.” ein deutscher Atomtechniker wäre, der für einen arabi-
Matti Golan ist kein Heißsporn, er ist keiner jener religiösen schen Staat arbeitet – die Namen dieser Typen stehen auf
Fanatiker, die sogar behaupten, Nichtjuden stammten nicht Grabsteinen in europäischen Friedhöfen.”
von Adam ab. Tatsächlich könnte ich Hunderte von Seiten (Suchen Sie nicht nach diesem Satz in der englischen Ausga-
füllen mit ähnlichen oder sogar noch schlimmeren Zitaten aus be des Maariv im Internet, www.IsraelForum.com, sie ist
den Khabbad-Büchern oder von den Zauberern der Kabbala. entschärft worden).
Doch Golan ist kein Kabbalist und kein Extremist, sondern Die Botschaft ist klar: das Blut eines Nichtjuden, besonders
gehört zu den geistig gesunden, nichtreligiösen, einflußrei- eines deutschen Nichtjuden ist weniger wert, als das Blut ei-
chen jüdischen Mainstream-Intellektuellen. Als dieser Artikel nes Juden. Und das haben Sie sich selbst zuzuschreiben.
im Internet auf IsraelForum.com diskutiert wurde, war eine Israel brüstet sich damit, daß seine Mörder deutsche Techni-
typische jüdische Antwort zum Beispiel: ker und Wissenschaftler ermordet haben – doch Deutschland
“Matti Golan ist ein prominenter Journalist und Kolum- beschwerte sich nie darüber. Der mutige und noble amerika-
nist. Er vertritt die Meinung der Mehrheit der israelischen nische Jude John Sack veröffentlichte ein Buch über jüdische
Juden zu diesem Thema. Meine Meinung inbegriffen.” Greueltaten begangen an unschuldigen Deutschen in den spä-
Falls ich Deutscher wäre, würde ich zögern, Matti Golans ten 40er Jahren – doch Deutschland stellte keine Nachfor-
Land mit atomwaffenfähigen U-Booten aufzurüsten, sonst schungen an über diese schweren Anschuldigungen, verlang-
“löscht er noch Deutschland und sein Volk einfach von unse- te nicht die Verurteilung dieser Verbrecher; das Buch von
rem Globus.” Sack wurde in Deutschland nicht einmal veröffentlicht. Juden
Meiner Meinung nach ruft Golan zu Rassenhaß und Genozid gaben zu, massenhaft deutsche Kriegsgefangene vergiftet
auf. Darüber könnten Sie diskutieren, doch Sie verdammen und versucht zu haben, Millionen von deutschen Zivilisten zu
lieber Mahathir oder einen Friedensaktivist, der für Gleich- ermorden, doch Deutschland forschte nicht nach, sondern
heit in Palästina kämpft. Ihr Kollege, der deutsche Präsident schickte noch mehr Geld und Militärausrüstung nach Israel.
Johannes Rau, sagte: Sie haben Ihren Status als zweitklassige Kinder eines unbe-
“Jeder weiß, daß hinter der Kritik an der Politik der israe- deutenderen Gottes akzeptiert. Nicht heute, sondern als Sie
lischen Regierung in den letzten Jahrzehnten massiver An- Auschwitz hochhielten und den glühenden Holocaust von
tisemitismus steckt.” Dresden vernachlässigten. Als Sie die Deportationen der Ju-
Er sagte dies eine Woche nachdem die vier Jahre alte Asma den beweinten und die Deportationen der Deutschen durch
an israelischem Tränengas in ihrem Zimmer am 23. April die von Zionisten kontrollierten Regierungen Polens und der
2004 erstickte und ein Jahr nachdem Rachel Corrie von ei- Tschechoslowakei ignorierten. Als Sie sich für die Entwaff-
nem israelischen Bulldozer zerquetscht wurde. Jeder, der nung des Iraks einsetzten und nukleare Ausrüstung nach Is-
“Antisemitismus” ruft, stimmt Morden wie denen an Asma rael sandten. Als Sie die palästinensischen Kämpfer einsperr-
und Rachel zu. ten und auslieferten und nicht die Auslieferung des israeli-
Sie rufen Verachtung hervor, und das ist für Sie gefährlich. schen Staatsbürgers Solomon Morel verlangten, der Tausen-
Dan Margalit, ein Superstar des israelischen Journalismus, de von Deutschen folterte und tötete. Als Sie den Piper-Ver-
berichtete in der auflagenstarken israelischen Tageszeitung lag, Verleger von Norman Finkesteins Holocaust-Industrie,
Maariv am 24. April 2004 von dem Mann, der versucht hatte, zur Vernichtung des Buches drängten und Agenten der ADL
Sie vor der großen Gefahr des israelischen Nuklearpotentials (Anti Defamation League) erlaubten, in den Straßen von Ber-
zu warnen. lin zu marschieren ausstaffiert mit israelischen Flaggen und
“Vanunu stellte sich selbst als leidenden Mel Gibson dar, Bildern von Bomber Harris. Sie haben sich damit einverstan-
als den neuen Jesus, der im Gefängnis für seine Bekehrung den erklärt, daß Ihr Blut billig ist. Seien Sie nicht überrascht,
zum Christentum leiden mußte. Ich muß zugeben, daß er wenn es fließen wird, sobald der Nachschub an Palästinen-
aus religiösen Gründen diskriminiert wurde, doch war die- sern fehlt!
Persönlich bin ich ziemlich dankbar für das, was Sie getan
haben. Bis jetzt wurde der Kampf um Gleichheit in Palästina
von wohlgesinnten Frauen und Männern behindert, die die
jüdische Vorherrschaft in Europa und den USA nicht in Fra-
ge stellten, doch entsetzt waren vom Genozid in Palästina.
Während sie gegen die Mauer oder gegen die Verwüstung
Gazas kämpften, waren sie darüber besorgt, als “Antisemi-
ten” verschrien zu werden. Sie dachten, daß es legitim sei,
gegen die israelische Apartheid in der Neuen Weltordnung
zu protestieren. Nun haben Sie dieses Hindernis entfernt, in-
dem Sie bewiesen haben, daß alles, was in Palästina ge-
schieht, keine lokal begrenzte Aberration ist, sondern das
Fundament des Pax Americana.
Sollen doch beide gemeinsam zugrunde gehen: das lokale
und globale Modell der jüdischen Vorherrschaft, damit Ju-
Deutsches Blut wird fließen, sobald der Nachschub an Palästi- den und Nichtjuden endlich wieder als Gleichberechtigte in
nensern fehlt! Palästina und anderswo miteinander leben können.

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 207


Hunde und Füchse schen Juden feierten sogar die blutigen “Errungenschaften”
Wenn die rotbejackten englischen Herren zur Fuchsjagd über der israelischen Armee.
die Hügel Surreys reiten, rufen sie “yoicks!”, um ihre Jagd- In Frankreich und anderswo in Europa werden Moscheen
hunde anzuspornen; die Juden rufen “Antisemitismus!”, um häufig durch Polizei und Anti-Terror-Einheiten durchsucht;
ihre Jagdhunde anzuspornen. “Yoicks” verschreckt die Füch- die Zionisten jedoch genießen in den Synagogen absolute
se; “Antisemitismus” soll die Opposition der Neuen Welt- Immunität. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn die
ordnung einschüchtern. Es ist der Juden Äquivalent zur Synagogen ihrem religiösen Gebot folgten und jede politi-
päpstlichen Bulle, die zum Kreuzzug gegen die Ungläubigen sche Aktivität vermieden. Die jüdischen Gemeindezentren
aufrief. werden jedoch von den Zionisten als Rekrutierungszentren
Ihr Haß breitet sich immer weiter aus wie eine ansteckende benutzt. Dort sammeln sie Spenden, um in Israel eine Mauer
Krankheit. Die Iraker unterstützen die Palästinenser, und als zu errichten, und dort mobilisieren sie die französischen Ju-
Folge dessen wurde ihr Land überfallen. Der jüngste Feind den, um für den jüdischen Staat zu kämpfen und die US-
der Zionisten ist Frankreich, da die Franzosen es wagten, sich Invasion des Irak zu unterstützen.
ihrem Plan zur Übernahme des Iraks zu widersetzen. An der Lisandro Otero sollte den augenöffnenden Artikel “A Happy
Allee, wo ich wohne, parkt ein großer Chevrolet mit einem Compromise” (Ein glücklicher Kompromiß) des jüdisch-
Aufkleber “After Iraq, Chirac” (Nach dem Irak Chirac). Is- kanadischen Philosophie-Professors Michael Neumann lesen,
raelische Zeitungen sind bis zum Rand gefüllt mit anti- der die Medienberichterstattung über Angriffe auf jüdisches
französischen Berichten und Beiträgen. Und wann immer die Eigentum mit der über nichtjüdisches Eigentum vergleicht:3
Juden nicht bekommen, was sie haben wollen, so bezichtigen “Als jüdische Häuser mit Sprüchen besprüht wurden, füllte
sie ihre Gegner des “Antisemitismus”. ein Bericht darüber ein Drittel der Titelseite von Globe and
Neulich erhielten diese Jagdreiter unerwartete Unterstützung Mail (17. März 2004) mit einem Foto, das etwa die Hälfte
durch den angesehenen kubanischen Intellektuellen Lisandro des Platzes oberhalb der Faltung einnahm. Der Artikel
Otero.1 Man würde erwarten, daß ein Schreiber von der “In- wurde auf S. 8 fortgesetzt, wo man ihn geschmackvoll mit
sel der Freiheit” zur Solidarität mit den Völkern Palästinas, zwei Beiträgen über möglichen Antisemitismus in einem
des Irak und Frankreichs aufrufen würde; daß er versteht, daß Torontoer Golfverein umgab. […] Am 25. März wurde ein
jenes Gerede von französischem Antisemitismus von densel- Islamisches Zentrum in der Gegend von Toronto mit Sprü-
ben Kräften dirigiert wird, die nur wenige Monate zuvor eine chen besprüht und in Brand gesetzt. Die Meldung dazu (26.
anti-kubanische Kampagne durchgeführt hatten. März 2004) erschien am Ende von Seite 12 (Darüber be-
Aber Otero zieht es vor, sich den Jagdhunden anzuschließen, findet sich ein Bericht über einen Frisör, der einen Preis
anstatt mit den Füchsen zu rennen. In einem Beitrag, der von gewonnen hat). […] Diese Geschichte wurde völlig von ei-
den kubanischen Medien verbreitet wurde, wiederholt dieser ner anderen verdrängt: am 6. April um 2:30 Uhr wurde
ehemalige Dissident die üblichen, von Zionisten gegen gegen die United Talmud Torah Grundschule ein Brand-
Frankreich erhobenen Vorwürfe. Nachdem er das links- anschlag verübt, wobei deren Bücherei schwer beschädigt
zionistische Lippenbekenntnis zur “vom blutrünstigen Ariel wurde. […] Die zwei Berichte dazu sowie begleitende Bil-
Sharon durchgeführten Vernichtungspolitik gegen die Palä- der nahmen etwa drei Viertel der Titelseite ein. Die Titel-
stinenser” abgelegt hat, schreibt er: zeile erstreckt sich über die gesamte Breite der Zeitung,
“In Frankreich haben die Angriffe auf Juden auf alarmie- was bei Globe and Mail nicht häufig vorkommt. Der Pre-
rende Weise zugenommen. Viele dieser Gewaltakte werden mierminister verkündete: ‘Dies ist nicht unser Kanada’.
von Moslems durchgeführt, von denen es in Frankreich (Falls er überhaupt etwas zum Brandanschlag auf das is-
zwischen vier und fünf Millionen gibt.” lamische Zentrum sagte, so werden wir es wohl nie erfah-
Dies ist eine rassistische Verallgemeinerung. Noam Chomsky ren.) Die Geschichte wird auf Seite 8 fortgesetzt, wo sie
hat richtig festgestellt: etwa die halbe Seite einnimmt.”
“Antiarabischer Rassismus ist so weit verbreitet, daß er Neumann schlußfolgert: die Art der Berichterstattung über
kaum mehr bemerkt wird. Er ist womöglich die einzige Art Haßverbrechen gegen Juden und andere ethnische Gruppen
Rassismus, die als legitim angesehen wird.” impliziert, daß die Juden wichtig sind, der Rest aber unwichtig.
So legitim, daß Otero diesem Rassismus verfällt, ohne es Mit anderen Worten: das Geschrei um den “französischen
auch nur zu bemerken. Antisemitismus” erfolgt unter Anwendung von Vergröße-
Für den Fall, daß der kubanische Autor ein ehrlicher Mann rungsgläsern und Zerrspiegeln der massiv jüdischen Medien.
ist, der von den zionistischen Medien irregeführt wurde, Das ist freilich nichts Neues: Vor einhundert Jahren, mitten
möchte ich hier auf seine Anklage eingehen. In den letzten im Sturm des “russischen Antisemitismus”, schrieb der russi-
zehn Jahren wurde kein einziger Jude in Frankreich getötet scher Schriftsteller Alexander Kuprin, Freund der Juden, in
oder ernsthaft verwundet, wohingegen während des gleichen einem Brief an einen anderen Schriftsteller:4
Zeitraumes Dutzende von Antizionisten und Moslems durch “Ein zehntausend Mann starker Stamm von Ureinwohnern
zionistische paramilitärische Gruppen der Beitar2 in den im Hohen Norden begeht Selbstmord, weil ihre Rentiere
Straßen von Paris und Marseille angegriffen und verwundet verendeten. Vor Hunger essen die Bauern von Samara Er-
wurden. Hunderte von Moslems wurden bei verschiedenen de. Polen ist verschlungen worden, die charmante Krim
Übergriffen durch andere Gruppen verletzt und getötet. verkommt zu einem Hurenhaus, die althergebrachte Land-
Im jüdischen Staat werden moslemische Palästinenser daran wirtschaft in Mittelasien ist rücksichtslos verwüstet, aber
gehindert, ihre geheiligte Stätte, die Al-Akscha-Moschee in inmitten dieses Ozeans des Übels, Unrechts, der Gewalt
Jerusalem, zu besuchen; christliche Palästinenser werden bis- und Sorgen heulen wir russische Schriftsteller über die Be-
weilen durch die israelische Armee daran gehindert, die ih- schränkungen, die jüdischen Zahnärzten auferlegt sind.”
nen heilige Grabstätte zu besuchen. In Frankreich aber sind Lisandro Otero gibt dann vor, 200 Jahre jüdisch-christlicher
nicht nur die jüdischen Gottesdienste geschützt; die französi- Beziehungen nach zionistischer Lesart wiederzugeben:

208 VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2


“Mit dem Aufstreben des Christentums verbot Kaiser Kon- mitismus spricht, bereitet den Weg vor, auf dem die Erben
stantin jüdische Praktiken unter Androhung der Todesstra- Meyer Lanskys triumphierend auf seine Insel zurückkehren
fe. Kaiser Justinian verbot den Bau von Synagogen. Der werden. Sie, Lisandro, hatten Kuba einst als politischer Emi-
Triumph des Christentums in Europa institutionalisierte grant verlassen, kehrten später aber zurück, da Sie die irre-
die Rassentrennung der Juden.” führenden Seiten der westlichen Medien erkannten. Sie
Werd vernünftig, Lisandro! Die Kirche hat albigensische und schrieben damals:
arische Häretiker im Blut ertränkt, Druiden vernichtet, andere “Aus der Weite erkennt man besser, wie es wirklich ist: die
nicht-christliche Kulte in Europe ausgerottet, und die Slawen kleinen Dinge sind klein, die Großen groß.”
und Balten mit Feuer und Schwert bekehrt; meinen Sie wirk- Haben Sie Ihre Ansicht erneut geändert? Möchten Sie, daß
lich, die Kirche wäre nicht in der Lage gewesen, die Juden Ihr Land ein weiteres Haiti oder Guatemala wird, eine Bor-
auszulöschen, wenn sie es nur gewollt hätte? Dem Christen- dellinsel nahe der Küste von Miami? Besuchen Sie doch die
tum ist das Konzept der “Rassentrennung” völlig fremd, so früheren sowjetischen Republiken, und sie werden das Ende
daß viele jüdische Konvertiten Bischöfe und Heilige der Kir- jener Sackgasse erkennen, die mit Sprüchen über Antisemi-
che wurden, von Torquemada bis zum heiligen Johannes. tismus beginnt. Auch wenn Ihnen das Schicksal der Arbeiter
Andererseits ist die Rassentrennung ein Bestandteil des jüdi- und Bauern egal ist und Sie nur das Schicksal der Intellektu-
schen Glaubens, der es seinen Anhänger verbietet, sich mit ellen kümmert, so werden Sie erkennen, daß Schriftsteller und
Nichtjuden zu vermischen. Wir sehen es im jüdischen Staat, Filmemacher in jenen verarmten Ländern nur überleben kön-
wo Nichtjuden durch Sharons Mauer ausgesperrt werden und nen, wenn sie von Soros’ Gesellschaft gesponsert werden.
Mischehen verboten sind. Das Leben der Intellektuellen in den sozialistischen Staaten
Das zionistische Bild vom “ewig verfolgten Juden” wurde er- ist (bzw. war) wesentlich besser als das ihrer Brüder in der
funden, um die Nachkommen der mittelalterlichen Judenka- “privatisierten” Dritten Welt. Ein guter Frisör, Masseur, Au-
ste zu unterwerfen und um sie für die Ziele der jüdischen Eli- tomechaniker oder sogar eine Hure mögen hoffnungsvoll auf
ten zu mobilisieren. Dies hat zu paranoiden Zügen unter den das Kuba nach Castro warten. Für einen Schriftsteller, einen
Juden geführt. Wenn Sie ein Freund der Juden sind, dann Wissenschaftler, einen Denker allerdings gibt es keine Hoff-
sollten sie diese Paranoia nicht auch noch fördern. Es gibt nung – in der Pax Americana werden Sie für ein amerikani-
keinen Antisemitismus, Lisandro. Die Juden sind überall si- sches Visum Schlange stehen oder am Straßenrand Zigarren
cher, so sicher wie jedermann sonst auf dieser unsicheren verkaufen. Sie werden nicht etwa “Dissident” genannt wer-
Welt; so sicher wie Sie im boykottierten Kuba und viel siche- den, sondern “Terrorist”. Ihre völlig deplazierte Sorge für die
rer als die Palästinenser in Palästina, die Iraker im Irak und Meyer Lanskys und Mort Zuckermans, Bernard-Henri Levys
die Araber in den USA oder in Frankreich. und den kubanischen Zionisten Jacobo Machover, für die
Das Schicksal der Juden macht mir keine Sorgen, da sie si- Freunde Ariel Sharons und Shimon Peres wird Ihnen einen
cher sind. Kubas Zukunft macht mir weit mehr Sorgen. Ihr neuen Batista für Ihre Insel einbringen, es sei denn, dieser
Artikel ist ein besorgniserregendes Zeichen für die Eilfertig- wird von neuen Barbudos (Castros Rebellentruppe) aufgehal-
keit der kubanischen Elite, sich der Neuen Weltordnung zu ten werden.
unterwerfen. Ich sah dies in Gorbatschows UdSSR, wo der Eher als Sie denken wird die Zeit kommen, da das amerikani-
Abbau des Sozialismus mit Reden über “Antisemitismus” sche Imperium besiegt und zerstückelt werden wird, und mit
begann. Die Befürworter dieses Paradigmas hatten Bezie- seinem Verschwinden wird auch das paranoide Gerede vom
hungen zu Israel und zu den jüdischen Eliten in den USA Antisemitismus verschwinden. Dann werden die Abkömm-
aufgebaut und brachten schließlich Jelzin zur Macht. Westli- linge der Juden in Frieden und Harmonie mit den Abkömm-
che Journalisten deckten ihre Leser von Moskau aus mit Be- lingen der Spanier, der Amerikaner und der Palästinenser le-
richten über “wachsenden Antisemitismus” und bevorstehen- ben. Ihre Aufgabe und die der kubanischen Intelligenz ist es,
den Pogromen ein. Die Sowjets konnten derartige Anschul- das gute Schiff des unabhängigen sozialistischen Kuba in den
digungen nicht verstehen, da es in der UdSSR keinen Ras- sicheren Hafen der Zukunft zu bringen. Zu diesem Zwecke
sismus gab. Die Juden in der UdSSR jedoch wurden durch rate ich, sich von den zionistischen Klippen fern zu halten.
diese fortwährenden Berichte eingeschüchtert. Über eine Mil-
lion von ihnen standen vor der israelischen Botschaft Schlan- Söhne der Hunde und Füchse
ge; jetzt bauen sie in Israel eine Mauer, um palästinensische Mit großen Erwartungen habe ich auf eine Antwort Lisandro
Kinder einzumauern. Ihre Flucht erleichterte den Zusammen- Oteros gewartet. Ich hoffte auf klare Antworten: Warum die-
bruch der UdSSR und übertrug das Volksvermögen der Völker ser kubanische Schriftsteller die Anschuldigungen gegen
der Sowjetunion auf eine vornehmlich jüdische Mafia, die in Frankreich und das französische Volk wiederholt, die von
enger Verbindung mit ihren amerikanischen Brüdern steht. Feinden des palästinensischen und des kubanischen Volkers
Das gleiche Phänomen konnte man auch in osteuropäischen verbreitet werden, von US-Präsident Bush bis zum Chef der
Ländern beobachten. Medienzar Robert Maxwell, ein ein- ADL, Abe Foxman. Warum stellte er sich hinter den von
flußreicher Mossad-Agent, unterstützte ihre kulturellen Eli- Zionisten dirigierten, pro-amerikanischen Diskurs über
ten. Zuerst sprachen sie von Antisemitismus, dann über den “wachsenden Antisemitismus”? Er hat geantwortet, jedoch
Holocaust; am Ende wurde das privatisierte Volksvermögen würde Sokrates Oteros Antwort aus Mangel an Logik ver-
dieser Länder von Leuten wie George Soros, Marc Rich und werfen.5
Wladimir Gusinsky aufgekauft, während man die jungen ost- 1. Ich führte aus, es gebe keinen Antisemitismus und daß Ju-
europäischen Männer als Soldaten in den Irak schickte, um den überall sicher seien. Er antwortete, daß Juden in den Ta-
Araber zu töten. gen Kaiser Caligulas gelitten hätten. Das wäre, wie wenn er
Beim Geschwätz um den Antisemitismus geht es überhaupt auf meine Aussage, es gebe heute keine Sklaverei in Kuba,
nicht um Juden: es handelt sich hier um die dominierende antwortete, daß es vor zweihundert Jahren Tausende von
Ideologie der Pax Americana. Ein Kubaner, der vom Antise- Sklaven gab.

VffG · 2004 · 8. Jahrgang · Heft 2 209


2. Otero trug sodann die bekannte jüdische Märtyrer-Litanei Dorothy Naor, eine aufgeklärte israelische Frau, schrieb:
vom römischen Reich bis zu Isabel der Katholikin und Hitler “Der heutige Mord an einer 34-jährigen israelischen
vor. So wahr das ist, es ist nicht die volle Wahrheit; und die Frau mit ihren vier Töchtern ist in der Tat tragisch. Die
halbe Wahrheit ist so schlecht wie eine Lüge. Juden durchlit- englischsprachigen Zeitungen, die ich geprüft habe, be-
ten harte Zeiten, denn als Menschen leben die Juden auf einer richteten darüber ausgiebig – in den USA durch die NY
Erde, wo sie wie alle anderen Menschen auch litten. Sicher- Times, die Washington Post, den San Fransisco Chro-
lich weniger als die Ureinwohner Kubas und der anderen ka- nicle, die Chicago Tribune, die Herald Tribune; in Eng-
ribischen Inseln, die alle ausgerottet wurden. Wahrscheinlich land durch den Independent und den Guardian; in Au-
auch weniger als ihre Nachbarn, gewöhnliche Spanier oder stralien durch den Sidney Morning Herald (3.5.2004);
Polen, denn die Juden waren immer frei, üblicherweise und in Toronto durch den Globe and Mail. Im Gegensatz
wohlhabend und kannten niemals Sklaverei oder Leibeigen- dazu berichtete von den obigen Zeitungen lediglich die
schaft; aber sie litten sicherlich ebenso. Man muß es im Ver- heutige New York Times über den gestrigen Mord eines
hältnis sehen: Juden litten nicht mehr als andere vergleichba- 8-jähringen palästinensischen Jungen durch die israeli-
re Gruppen. sche Armee. Jeder dieser Tode ist tragisch. Aber der
In der Regel gehörten die Juden der ausbeutenden Klasse an; Mord an der israelischen Frau und ihren Kindern muß
das ist der Grund dafür, daß sich die jüdischen Viertel nahe im Zusammenhang mit dem gestern getöteten palästinen-
den königlichen Palästen in Sevilla und in Paris befinden. sischen Kind gesehen werden, mit der palästinensischen
Von Zeit zu Zeit litten die Juden unter der Wut der ausgebeu- Mutter von zehn Kindern, die letzte Woche getötet wurde,
teten Klassen oder unter ihren Wettbewerbern. Das gleiche sowie mit der von mir vor ein paar Tagen zitierten Stati-
widerfuhr der Aristokratie. Tausende französischer Aristo- stik: d.h., im April wurden 59 Palästinenser getötet und
kraten wurden während der Bauernkriege und während des 345 verletzt.”
Großen Terrors anno 1793 dahingeschlachtet. Russische Ari- Die USA haben die jüdische Sprachregelungen vollständig
stokraten wurden während der Oktoberrevolution ermordet übernommen; deshalb explodierten die amerikanischen, jü-
oder ins Exil vertrieben. Viele von ihnen waren unschuldig, disch-dominierten Medien vor Zorn, als vier amerikanische
denn der Klassenkrieg ist so grausam wie jeder Krieg. War- Profikiller durch das irakische Volk in Falludscha getötet
um beklagt Otero nicht auch diese Opfer? wurden, während sie die Ermordung Tausender von Irakern
Juden führten Kriege wie alle anderen auch. Als Juden in schlicht ignorieren. In voller Übereinstimmung mit der jüdi-
Alexandria ermordet wurden, massakrierten sie zeitgleich schen Doktrin der massiven Vergeltung massakrierten die
Nichtjuden in Jaffa und Antiochia. Die Freunde der Juden Amerikaner in Falludscha sechshundert Zivilisten. Jüdische
waren oft Feinde der restlichen Bevölkerung: Cromwell Inspiration ist daher sehr gefährlich für uns.
brachte die Juden zurück nach England, aber zur selben Zeit Andererseits schlossen christliche und moslemische Krieger
massakrierte er die irischen Bauern und versklavte Irland. bei Kampfpausen während der Kreuzzüge Freundschaften
Juden wurden 1492 aus Spanien vertrieben, aber das gleiche untereinander. Don Rodrigo wurde von den Arabern El Sid
passierte den Mauren. Warum beklagt Otero nicht das genannt; Torquato Tasso kürte die schöne Moslemin Clorin-
Schicksal der Erbauer der Alhambra (Granada) und der Gi- da zur Heldin seines Gedichts Gerusalemme liberata. Bei der
ralda (Sevilla)? Den Juden erging es tatsächlich viel besser: Belagerung von Kerak befahl Saladin, das Feuer während ei-
diejenigen, die zurückblieben, wurden völlig integriert, heira- ner Hochzeit in der Burgkapelle einzustellen, während die
teten in die besten spanischen Familien ein und besetzten Königin-Mutter ihm eine Scheibe des Hochzeitskuchens zu-
mächtige und angesehene Posten. kommen ließ. Die islamischen und christlichen Verhaltens-
Und nun zum großen H. Während des Zweiten Weltkrieges weisen sind daher völlig anders als die jüdischen: Menschen
kamen Millionen Russen, Deutsche und Japaner um, um nur mögen in Kämpfe verwickelt werden, das ist menschlich;
einige zu nennen. Unter ihnen befanden sich auch Juden, Zi- aber sie sollten sich als menschlich und gleichberechtigt an-
vilisten wie Soldaten. So wurde mein jüdischer Onkel Ab- erkennen.
raham neben seinem russischen Freund Iwan bei der Vertei- Ein Problem Oteros ist, daß er den jüdischen Diskurs-
digung Leningrads von einer deutschen Bombe getötet. Au- Köder mitsamt Haken, Angelschnur und Angel geschluckt
schwitz war tatsächlich unmenschlich, aber Dresden und Hi- hat und dies für eine wahre Beschreibung der Realität hält
roshima waren auch unmenschlich. Solch ein Vergleich ist anstatt für das, was es ist: eine ideologische Propaganda-
für die jüdischen Ideologen ein Sakrileg, denn bei diesem waffe, die darauf zielt, den normalen Prozeß jüdischer As-
Vergleich wird das göttliche Volk Israels mit den deutschen similation zu stoppen und umzukehren sowie den Ab-
und japanischen Untermenschen verglichen. kömmlingen der Juden Angst vor den Nichtjuden einzuja-
3. Der jüdische Diskurs des einzigartigen Martyriums und gen und so den jüdischen Eliten gegenüber unterwürfig zu
des einzigartigen Opfertums basiert auf der rassistischen machen. Er übernahm sogar den rassistisch-jüdischen
Verweigerung, Nichtjuden als gleichberechtigte Menschen Standpunkt, indem er Marx, Mendelsohn und Heine Juden
anzuerkennen; deshalb sind jüdische Ideologen davon beses- nannte. (Obwohl als Kind jüdischer Eltern geboren, so
sen, jüdische Opfer zu zählen und das Leiden von Nichtjuden wurden sie doch alle getauft, verstanden sich selbst nicht
herunterzuspielen. Das Ergebnis dieses Ansatzes sehen wir in als Juden, und es wäre ihnen gemäß zionistischem Recht
Palästina, wo jedes jüdische Opfer des Krieges einen Ehren- auch nicht erlaubt, sich in Israel niederzulassen). Wahrlich,
platz auf den Titelseiten der Zeitungen erhält, während nicht- Lisandro: wenn Marx ein Jude war, würde er dann ge-
jüdische Opfer kaum erwähnt werden. Jeder – einschließlich schrieben haben:6
Otero – kennt und bezieht sich auf jüdische Opfer; aber kaum “Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das
jemand – und das schließt Otero wiederum ein – hat zum praktische Bedürfnis, der Eigennutz.
Beispiel von Mona und Christina gehört, zwei jüngst von is- Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher.
raelischen Soldaten ermordeten palästinensischen Mädchen. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.

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Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, Zum Autor
also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbst- Israel Shamir (50) ist ein russisch-israelischer Intellektueller,
emanzipation unsrer Zeit. Schriftsteller, Übersetzer und Journalist.
Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Vorausset- Shamir wurde in Nowosibirsk in Sibirien geboren, er ist der
zungen des Schachers, also die Möglichkeit des Schachers Enkel eines Mathematikprofessors und Nachkomme eines
aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht. Sein religiö- Rabbi aus Tiberias in Palästina. Er studierte an der angesehe-
ses Bewußtsein wurde wie ein fader Dunst in der wirkli- nen Hochschule der Akademie für Naturwissenschaften und
chen Lebensluft der Gesellschaft sich auflösen. Andrer- studierte an der Universität von Novosibirsk Mathematik und
seits: wenn der Jude dies sein praktisches Wesen als nich- Jura. 1969 siedelte er nach Israel um, diente als Fallschirmjä-
tig erkennt und an seiner Aufhebung arbeitet, arbeitet er ger in der israelischen Armee und kämpfte im Krieg von
aus seiner bisherigen Entwicklung heraus, an der mensch- 1973 mit. Nach dem Militärdienst nahm er sein Jura-Studium
lichen Emanzipation schlechthin und kehrt sich gegen den an der Hebräischen Universität von Jerusalem wieder auf,
höchsten praktischen Ausdruck der menschlichen Selbst- gab aber den juristischen Beruf auf zugunsten einer Karriere
entfremdung. als Journalist und Schriftsteller.
Wir erkennen also im Judentum ein allgemeines gegenwär- Ersten Gefallen am Journalismus fand er beim Israelischen
tiges antisoziales Element, welches durch die geschichtli- Rundfunk. Seine verschiedenen Aufträge als freiberuflicher
che Entwicklung, an welcher die Juden in dieser schlechten Journalist umfaßten die Berichterstattung über Vietnam, Laos
Beziehung eifrig mitgearbeitet, auf seine jetzige Höhe ge- und Kambodscha in der letzten Phase des Südostasien-
trieben wurde, auf eine Höhe, auf welcher es sich notwen- Krieges. 1975 kam Shamir zum BBC und zog nach London.
dig auflösen muß. Von 1977-79 schrieb er aus Japan für Maariv und andere
Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Zeitungen. Während er in Tokio war, schrieb er seinen ersten
Emanzipation der Menschheit vom Judentum.” Roman Travels With My Son (Reisen mit meinem Sohn). Er
Rosa Luxemburg haßte es ebenfalls, wenn man sie als Jüdin fand sogar Zeit, eine Reihe japanischer Klassiker zu überset-
betrachtete. zen.
Dieses Mißverständnis des kubanischen Schriftstellers wird Nachdem er 1980 nach Israel zurückgekehrt war, schrieb er
durch dessen Hinweis auf die “alte Menschheitsplage des an- für die israelische Tageszeitung Haaretz und die Zeitung Al
tisemitischen Rassismus” verdeutlicht. Der antisemitische Hamishmar und wirkte in der Knesset als Sprecher für die is-
Rassismus ist alles andere als eine alte Plage, denn er trat raelische sozialistische Partei (Mapam). Er übersetzte die
erstmals in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf und Werke von S.Y. Agnon, dem einzigen hebräischen Nobel-
hielt noch nicht einmal einhundert Jahre an. Paradoxerweise preisträger, aus dem Hebräischen ins Russische. Als die erste
wurde dieser Rassismus durch den rassistischen innerjüdi- palästinensische Intifada begann, zog Shamir aus Israel weg
schen Diskurs ausgelöst. Die jüdische Einstellung bleibt je- nach Rußland, wo er über die ereignisreichen Jahre 1989-
doch auch heute rassistisch, denn die Juden glauben – wie die 1993 Bericht erstattete. In seiner Moskauer Zeit berichtete er
indischen Brahmanen – an ihre angeborenen höheren Quali- für Haaretz, wurde aber gefeuert, weil er einen Artikel veröf-
täten. Bevor der jüdische Einfluß in der Mitte des 19. Jahr- fentlicht hatte, der zur Rückkehr der palästinensischen
hunderts zu einem machtvollen Faktor der Modernen wurde, Flüchtlinge und zum Wiederaufbau ihrer in Trümmer geleg-
war den Europäern der rassische Ansatz durchaus fremd. Die ten Dörfer aufrief. 1993 kehrte er nach Israel zurück und ließ
Kirche war den Juden gegenüber niemals rassistisch; jeder sich in Jaffa nieder. Als Reaktion auf den zweiten palästinen-
Abkömmling eines Juden konnte ein Christ und damit ein sischen Aufstand in 13 Jahren gab Shamir zeitweise seine
volles Mitglied der Gesellschaft werden. Der christliche schriftstellerische Tätigkeit auf und nahm wieder seine Arbeit
Kampf gegen die Juden war auch ein Kampf der Ideologie als Journalist auf. Inmitten der endlosen Gespräche über eine
der Gleichheit gegen die Ideologie des Rassismus. Auch die “Zwei-Staaten-Lösung” wurde Shamir, zusammen mit Ed-
Juden bekämpften die christliche Kirche; wenn sie jedoch die ward Said, ein führender Verfechter der “Ein-Mensch–eine-
Oberhand hatten – zum Beispiel zwischen 128 und 614 Stimme–ein-Staat”-Lösung in ganz Palästina/Israel. Überwäl-
n.Chr. in Palästina – gaben sie sich nicht mit der Vertreibung tigt von den unmoralischen religiösen Gesetzen und Hand-
der Christen zufrieden, sondern sie schlachteten alle Christen lungen seiner jüdischen Mitbürger trat Shamir zum christli-
ab, derer sie habhaft werden konnten. Aber Otero versteht chen Glauben über.
das nicht und meint, eine antijüdische Einstellung sei “rassi-
stisch”. Anmerkungen
Er sagt, es gebe gute und schlechte Juden; es scheint ihm Quelle: www.israelshamir.net/shamirImages/Shamir/BerlinGR.htm
nicht klar zu sein, daß sogar diese triviale Aussage im ge- 1
Vgl. www.israelshamir.net/shamirImages/Shamir/Lisandro.htm.
2
genwärtigen Klima als antisemitisch gilt. Ein jüdisch- Beitar wurde vom Mussolini-Verehrer Jabotinsky gegründet.
3
amerikanischer Journalist, Klinghoffer, schrieb dazu im For- www.counterpunch.org/neumann04152004.html
4
www.pycckie.com/word/kuprin.htm
ward:7 5
www.rebelion.org/palestina/040502lis.htm
“Ein Autor, der uns [Juden] aufteilen will, die einen zum 6
Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, Dietz Verlag, Berlin, 1976, Band 1,
Lobe, die anderen zur Verachtung, mag kein Antisemit sein S. 372f.; www.mlwerke.de/me/me01/me01_347.htm
7
– aber er ist auch nicht unser Freund.” www.forward.com/issues/2002/02.12.27/oped3.html
8
Paß also auf, Lisandro!8 Zwei weitere Punkte aus Shamirs Erwiderung wurden hier gestrichen, da
sie dem Ausgeführten inhaltlich wenig hinzufügen.
Israel Shamir, Jaffa

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Endlich: Auschwitz unwiderlegbar bewiesen!?
Oder: Muselmänner in Auschwitz
Von Ernst Manon
Sind in Auschwitz etwa auch Häftlinge muslimischen Glau- Wenn der Überlebende nicht von der Gaskammer oder von
bens der Vernichtung anheimgefallen? Mitnichten! Auschwitz Zeugnis ablegt, sondern für den Muselmann,
“Der sogenannte ‘Muselmann’, wie die Lagersprache den wenn er allein von einer Unmöglichkeit zu sprechen her
sich aufgebenden und von den Kameraden aufgegebenen spricht, dann kann sein Zeugnis nicht geleugnet werden.
Häftling nannte, hatte keinen Bewußtseinsraum mehr, in Auschwitz – das, von dem Zeugnis abzulegen nicht möglich
dem Gut oder Böse, Edel oder Gemein, Geistig oder Un- ist – ist absolut und unwiderleglich bewiesen.”
geistig sich gegenüberstehen konnten. Er war ein wanken- Georges-Arthur Goldschmidt meinte noch:9
der Leichnam, ein Bündel physischer Funktionen in den “Bisher hat es kein historisches Ereignis gegeben, das so
letzten Zuckungen.” weitreichend gewesen wäre und so wenig nachweisbar.
So charakterisierte Jean Améry diese Kategorie von ausge- […] Es ist buchstäblich nicht zu fassen, daß man unter al-
mergelten Häftlingen, die das Bild vom Lageralltag in der len historischen Ereignissen gerade die Existenz von Au-
Öffentlichkeit seit 1945 darstellen.1 Es gibt mehrere Erklä- schwitz zu leugnen versucht – als trage Auschwitz tatsäch-
rungen für die lagerinterne Bezeichnung Muselmänner. Eine lich seine eigene Negation in sich.”
kommt von der wörtlichen Bedeutung des arabischen Aus- Nun ist also endlich dem Philosophen Agamben der “unwi-
drucks “Muslim”. Er bezeichnet den, der sich bedingungslos derlegbare” Beweis gelungen! Zwei Paradoxe aneinander
dem Willen Gottes unterwirft. In den Lagern waren also die aufzuschaukeln, um etwas angeblich wenig Nachweisbares
Muselmänner jene Leute von bedingungslosem Fatalismus.2 doch noch zu beweisen, das dürfen wir getrost dem “jüdi-
“So, wie autistische Kinder die Realität vollkommen igno- schen Geist” zurechnen. Das wäre etwa so, als wollte man
rieren, um sich in eine Phantasiewelt zurückzuziehen, so einem Kind die “Tatsache”, daß Osterhasen Eier legen, damit
schenkten die zu Muselmännern gewordenen Häftlinge den beweisen, daß 1) noch niemand den Osterhasen beim Eierle-
realen Kausalzusammenhängen keine Aufmerksamkeit gen gesehen hat, und 2) die gefundenen Ostereier keinen
mehr und ersetzten sie durch delirante Phantasien.”3 Herkunftshinweis tragen, womit unwiderlegbar bewiesen wä-
Philosophen wie Theologen haben sich häufig mit dem Para- re, daß die Ostereier vom Osterhasen gelegt werden.10
digma der “Extremsituation” oder “Grenzsituation” beschäf- Dagegen meinte der jüdischstämmige Philosoph Karl Rai-
tigt. In Kierkegaards Worten:4 mund Popper in einem Interview einmal:11
“Die Ausnahme erklärt das Allgemeine und sich selbst. Und “Wahrheit ist Übereinstimmung mit den Tatsachen, Über-
wenn man das Allgemeine richtig studieren will, braucht einstimmung mit der Wirklichkeit. Wahrheit ist objektiv
man sich nur nach einer wirklichen Ausnahme umzusehen.” und absolut.”
Für den italienischen Philosophen Giorgio Agamben ist nun Wie läßt sich diese offenkundige Diskrepanz in der Wahr-
Auschwitz:5 nehmung der Wirklichkeit erklären?
“genau der Ort, an dem der Ausnahmezustand vollkommen Der inzwischen verstorbene jüdische Soziologe Alphons Sil-
mit der Regel zusammenfällt und die Extremsituation zum bermann behauptete, daß sich ein jüdischer Geist erkennen
Paradigma des Alltäglichen selbst wird.” läßt, der nur im Kollektivgedächtnis verfestigt sein kann,
Der delirierende Muselmann wird zum Zeugen. Er hat nichts dem ein Erfahrungsschatz im Fixpunkt “Leiden” zugrunde
gesehen und nichts erkannt – außer der Unmöglichkeit, zu liegt.12 Es ist:
erkennen und zu sehen:6 “ein mit dynamischer Kraft ausgestattetes System von Ide-
“Doch daß gerade diese nicht menschliche Unfähigkeit zu en, das einer bestimmten Gruppe zu eigen ist und in letzter
sehen Anruf und Frage an den Menschen wird […], darin Analyse durch die zentralen Interessen dieser Gruppe be-
und in nichts anderem besteht das Zeugnis.” stimmt wird. Das Ideensystem der Juden ist durch eine Ge-
Agamben nennt dies das Paradox des Primo Levi: schichte als Leidensgeschichte geprägt, dessen Wesenszüge
“Der Muselmann ist der vollständige Zeuge.” sich seit Moses’ Gedenken auf Überleben ausrichtet.”13
Denn:7 “Nicht ein oft beschworenes Geschichtsbewußtsein führt
1) “Der Muselmann ist der Nicht-Mensch, derjenige, der diese Erkenntnisse an, sondern das Kollektivgedächtnis,
auf keinen Fall Zeugnis ablegen könnte.” das sich die Geschichte des Leidens als Geschichte des
2) “Derjenige, der nicht Zeugnis ablegen kann, ist der Kollektivs zu eigen gemacht und in sich eingegraben hat.
wirkliche Zeuge, der absolute Zeuge.” Unentwegt projiziert es die historische Vergangenheit auf
Ist doch logisch, oder etwa nicht!? die Gegenwart und eine hoffnungsfreudige Zukunft, immer
Nun kommt Agamben zu den sogenannten Auschwitz-Leug- wieder berührt es das Jude-Sein. […] Die Geschichte des
nern:8 Leidens liegt auf den Schultern eines jeden Juden.”14
“Denn angenommen, Auschwitz sei dasjenige, von dem Ein Geistesverwandter von Agamben ist der französisch-
nicht Zeugnis abgelegt werden kann; und zugleich ange- jüdische Philosoph Jacques Derrida. Er hatte erfahren, “durch
nommen, der Muselmann sei die absolute Unmöglichkeit, Weizmann sollen die Juden selber – beinahe wie ein Staat –
Zeugnis abzulegen. Wenn der Zeuge für den Muselmann im September 1939 dem Dritten Reich den Krieg erklärt ha-
Zeugnis ablegt, wenn es ihm gelingt, die Unmöglichkeit zu ben.” Für diese “Unterstellung” macht er “die Logik der Ob-
sprechen zum Sprechen zu bringen – wenn also der Mu- jektivität” verantwortlich, die
selmann als vollständiger Zeuge konstituiert wird –, dann “die Möglichkeit geschaffen hat, das Zeugnis und die Ver-
ist die Grundlage alles Leugnens selbst widerlegt. […] antwortung für ungültig zu erklären, also auszulöschen,

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und die Besonderheit der Endlösung zu neutralisieren: es Deutschland so schwer belastenden Beschuldigungen vieles
hat die Möglichkeit der historiographischen Perversion ge- nicht der Nachprüfung standhalten würde.”
schaffen, die ihrerseits die Logik des Revisionismus […] Und auch Norman Finkelstein sinniert:21
erzeugt hat. Den Revisionismus können wir, um uns kurz zu “[…] wird nicht nur die Zahl von ‘6 Millionen’ immer un-
fassen, als einen Revisionismus Faurissonschen Stils be- haltbarer, sondern die Zahlen der Holocaust-Industrie nä-
stimmen; den Objektivismus als einen, der die Existenz ei- hern sich rasch denen der Holocaust-Leugner.”
nes analogen totalitären Vorbilds und die Tatsache vor- Hermann Langbein, der bekannte Erforscher des Lagerle-
gängiger Massenvernichtung (genannt wird der Gulag) zur bens, bekannte:22
Erklärung der Endlösung herbeizieht und diese sogar im “Wer Tatsachen von Legendenbildungen trennen will, hat
Sinne einer Kriegserklärung ‘normalisiert’’ im Sinne einer eben alle Quellen heranzuziehen, zu vergleichen, kritisch
klassischen staatlichen Antwort, einer während des Krie- zu untersuchen, wenn möglich, das Urteil von Augenzeu-
ges gegen die Juden dieser Welt erteilten Antwort.”15 gen über den Wahrheitsgehalt der Publikationen einzuho-
Der Philosoph hält es also nicht für angebracht, die verschie- len und sich vor allen Vorurteilen zu hüten. […] Selbst
denen Kriegserklärungen – schon ab 1933! – zur Kenntnis zu Veröffentlichungen von Institutionen, deren Seriosität all-
nehmen.16 Bezogen auf unser Osterhasen-Beispiel wäre das gemein anerkannt ist, können nicht unkritisch übernommen
so, als würde sich jemand darüber beklagen, daß es objektive werden. Das gilt auch für das Museum von Auschwitz, das
Zoologen gibt, die doch tatsächlich behaupten, der Hase sei sich mit vollem Recht Ansehen in der Fachwelt erworben
ein Säugetier, womit die Zeugenschaft der Ostereier geleug- hat.”
net würde. Und Prof. Faurisson sähe sich in der Rolle des Im geschichtlichen Denken Walter Benjamins, eines weiteren
Zoologen, der seine Erkenntnisse über Hasen in der Formel jüdischen Geistesverwandten, gibt es so etwas wie einen
zusammengefaßt hat: “Wer säugt, legt keine Eier!”, wofür er “kontrafaktischen Wahrheitsanspruch”. Thomas Schwarz
wiederholt krankenhausreif geschlagen wurde, eine hohe Wentzer erläutert die Theorie dazu:23
Geldstrafe und akademische Ächtung in Kauf nehmen mußte. “Die Bewegung der Interpretation kennt einen gleichsam
Wir können aber festhalten: Giorgio Agamben hat sich offen- kontrafaktischen Wahrheitsanspruch, der erfüllt wird in je-
sichtlich mit der Arbeit und den Erkenntnissen Faurissons der gelingenden Interpretation, insofern in ihrem Vollzug
beschäftigt und billigt ihnen “Objektivität” zu. Diese aber im Jetzt der Erkennbarkeit Wahrheit ungebrochen erfahren
will er nicht, da sie der “Dialektik” seines jüdischen Empfin- werden kann.”
dens widerspricht. Objektive Geschichtsbetrachtung empfindet Über die jüdische Geschichtsschreibung klärt auch das Jüdi-
er als pervers. Eine derartige Bestätigung von der Gegenseite sche Lexikon auf:24
hätte sich Prof. Faurisson wohl nicht träumen lassen! Wenn “Das Endideal der historischen Wissenschaft – die Her-
seine Erkenntnisse objektiv sind, dann hat er eben recht!17 stellung einer vollen Übereinstimmung zwischen der Ge-
Während jahrzehntelang die “Unfaßbarkeit” der Opferzahl schichtsschreibung und der Geschichte, zwischen den Vor-
von zunächst vier Millionen, später über einer Million, mit stellungen von der Vergangenheit und der historischen
Auschwitz assoziiert wurde, rückt mit “neuen Archivfun- Wirklichkeit – begegnet bes. großen Schwierigkeiten in der
den”, wie der Spiegel-Redakteur Fritjof Meyer in der kei- jüdischen Geschichtsschreibung.”
neswegs rechten Zeitschrift Osteuropa berichtet, Warum das so ist, erklärt uns der New Yorker Historiker Yo-
“die Dimension des Zivilisationsbruchs endlich in den Be- sef Hayim Yerushalmi:25
reich des Vorstellbaren und wird so erst zum überzeugen- “Juden, die noch vom Zauber der Tradition gebannt sind
den Menetekel für die Nachgeborenen. […] Eine halbe oder dorthin zurückgefunden haben, finden die Arbeit des
Million fiel dem Genozid zum Opfer.”18 Historikers irrelevant. Ihnen geht es nicht um die Historizi-
Abgesehen von der Frage, ob dies die letzte offizielle Zahl tät des Vergangenen, sondern um seine ewige Gegenwart.
der Todesopfer von Auschwitz bleibt, und abgesehen von der Wenn der Text unmittelbar zu ihnen spricht, muß ihnen die
Frage, ob jeder, der in Auschwitz starb, auch ermordet wur- Frage nach seiner Entwicklung zweitrangig oder völlig be-
de, nähert sich die Zahl jener Anzahl von Menschen, die in deutungslos vorkommen. […] Viele Juden suchen heute
Dresden in zwei Tagen bei lebendigem Leib verbrannten. Je nach einer Vergangenheit, aber diejenige, die der Histori-
weiter die Zahl der Auschwitzopfer durch Reduktion in den ker zu bieten hat, wollen sie ganz offensichtlich nicht. […]
Bereich des Vorstellbaren rückt, desto schwieriger wird es Das gewaltige augenblickliche Interesse am Chassidismus
aber auch, die Differenz zu den nicht in Frage zu stellenden kümmert sich nicht im geringsten um die theoretischen
sechs Millionen zu erklären. Wer da etwa einen prominenten Grundlagen und die reichlich anrüchige Geschichte dieser
Juden höflich um eine Erklärung bittet, muß schon mal mit Bewegung. Der Holocaust hat bereits mehr historische
einer Anzeige rechnen. Aber wir wissen ja von Martin Forschungstätigkeit ausgelöst als jedes andere Ereignis
Broszat, dem inzwischen verstorbenen vormaligen Direktor der jüdischen Geschichte, doch für mich steht völlig außer
des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, daß es sich um ei- Zweifel, daß sein Bild nicht am Amboß des Historikers,
ne “symbolische Zahl” handelt.19 sondern im Schmelztiegel des Romanciers geformt wird.
Herbert Kempa schrieb vor Jahren:20 Seit dem 16. Jahrhundert hat sich viel geändert, doch eines
“Kein Ernstzunehmender bezweifelt, daß Juden im Dritten ist seltsamerweise gleich geblieben: Es sieht so aus, als
Reich verfolgt wurden. Wer sich mit diesem Thema ausein- seien die Juden damals wie heute nicht bereit, sich der Ge-
andersetzt, muß in einem Rechtsstaat aber doch wohl unter- schichte zu stellen (wenn sie sie schon nicht überhaupt ab-
suchen dürfen, was glaubwürdig, was unglaubwürdig und lehnen). Sie scheinen lieber auf einen neuen, metahistori-
was technisch unmöglich ist. Wenn Gesetze die historische schen Mythos warten zu wollen, und der Roman eignet sich
Forschung zu diesem Komplex verbieten, wenn Sachverstän- wenigstens einstweilen als modernes Surrogat dafür.”
dige bei Strafandrohung nicht aussagen dürfen, dann kommt Der Begründer des von Yerushalmi genannten Chassidismus,
man doch zwangsläufig zu der Vermutung, daß an den also der osteuropäisch-jüdischen Frömmigkeitsbewegung,

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war Israel ben Elieser, genannt Ba’al Schem Tow, der “Mei- seiner Entlarvung als Betrüger37 erfährt man von dem Holo-
ster des guten Namens”; er lebte von 1700 bis 1760 in Podo- caust-Forscher Israel Gutman:38
lien. In einem neueren Lexikon der jüdischen Religion heißt “Das ist kein Schwindler. Das ist jemand, der diese Ge-
es:26 schichte tief in seinem Innern durchlebt. Der Schmerz ist
“From its earliest period, Hasidism cultivated the oral tale authentisch. […] Selbst wenn er kein Jude ist, so ist doch
as an important vehicle for conveying its teachings. The die Tatsache, daß der Holocaust ihn derart tief beeindruck-
Ba’al Shem Tov himself was a master storyteller.” te, von allergrößter Bedeutung.”
Elie Wiesel berichtet:27 Den “eingebildeten Erinnerungen, oder: von der Sehnsucht,
“Der Aufruf des Baal-Schem war ein Aufruf zur Subjektivität, Opfer sein zu wollen” war im April 2001 sogar eine interna-
zum leidenschaftlichen Engagement.” tionale Konferenz in Potsdam gewidmet.39
Er zitiert dann seinen Großvater: Bei Harold Bloom, dem amerikanisch-jüdischen Kabbala-
“Man wird dir sagen, daß diese oder jene Geschichte nicht Forscher, lesen wir:40
wahr sein kann; na und? Ein objektiver Chassid ist kein “Der Chassidismus war der letzte Abkömmling der Kabba-
Chassid.” la und läßt sich begreifen als die positive letzte Errungen-
Elie Wiesel selbst bestätigt:28 schaft einer Bewegung, die in ihren dunklen Aspekten in
“Für einen Historiker gibt es nichts Verwirrenderes, Er- die Sümpfe der Magie und des Aberglaubens, zu falschen
niedrigenderes. Keinen Trennungsstrich ziehen zu können Messiassen und zu Apostaten führte.”
– keinen einzigen, ganz gleich welchen – zwischen Mythos Während die orthodoxen Juden ungefähr 12 Prozent der jüdi-
und Realität, zwischen Fiktion, Phantasterei und Erlebtem, schen Weltbevölkerung stellen, werden die darin enthaltenen
das ist für einen Geschichtswissenschaftler der Gipfel der Chassidim mit fünf Prozent oder 550.000 angegeben. Ortho-
Verlegenheit.” doxe Führer behaupten jedoch, daß ihr Anteil von liberalen,
Aber er fordert:29 jüdischen Demographen ständig unterschätzt würde, um die
“Macht Gebete aus meinen Geschichten”! Bedeutung der Orthodoxie herunterzuspielen, vermutlich um
In seiner Autobiographie berichtet er über die kabbalistischen dadurch dem “Antisemitismus” zu begegnen.41 “Das religiöse
und asketischen Versuche seiner Jugend, über die Anzie- Leben der heutigen Juden wird mehrheitlich vom Chassidis-
hungskraft des Leidens und seinen Neid auf das Leiden der mus geprägt”, gibt dagegen Peter Stiegnitz in einer kleinen
Armen in seiner Umgebung: Leiden als Weg zum Heiligen.30 Aufklärungsschrift über das Judentum offen zu.42
Der Nobelpreis wurde ihm 1986 unter anderem auf Antrag Es würde zu weit führen, hier die “theoretischen Grundlagen
von 83 Abgeordneten des Deutschen Bundestages verlie- und die reichlich anrüchige Geschichte dieser Bewegung”
hen.31 Diesen Abgeordneten muß Wiesels Spruch bekannt (Yerushalmi) aufzudecken.43 Aber eine Anmerkung des Reli-
gewesen sein:32 gionsphilosophen und Kabbala-Forschers Gershom Scholem
“Jeder Jude sollte irgendwo in seinem Inneren eine Zone sollte doch zu denken geben:44
des Hasses – des gesunden männlichen Hasses – bereithal- “Für die Kabbalisten war es nicht die Aufgabe Israels, den
ten für das, was der Deutsche personifiziert und was in Völkern ein Licht zu sein, sondern, ganz im Gegenteil, aus
dem Deutschen weiterbesteht. Etwas anderes zu tun wäre ihnen die letzten Funken der Heiligkeit und des Lebens
Verrat an den Toten.” herauszulösen, […] eine Wahrheit, der nur allzuviele
Entweder sahen sie sich nicht als Deutsche oder sie waren in Theologen des Judentums sich sehr ungern eröffnen und
vorauseilendem Selbsthaß befangen, in jedem Fall eine der auszuweichen eine ganze Literatur sich plagt.”
schlechte Grundlage, das deutsche Volk zu vertreten. Dr. Daniel Krochmalnik, Vorsitzender der jüdischen Ge-
Norman G. Finkelstein macht Wiesel als Strippenzieher ver- meinde Heidelbergs, bestätigt, zumindest was Deutschland
antwortlich, der sich das Amt eines “Hohepriesters” der Ge- anbetrifft, den Vernichtungswillen mit kabbalistischem Hin-
denkkultur anmaßt und den er der Kategorie Gauner und Be- tergrund. In einem mit “Amalek” überschriebenen Artikel in
trüger zurechnet.33 einem eigentlich nur an jüdische Leser gerichteten Verband-
Verschiedentlich werden auch die Folgen der Assimilation sorgan schreibt er:45
als Holocaust bezeichnet, so bei den Chassidim aus Weißruß- “Die genetische Verortung und prophetische Vorwegnah-
land. Dort entstand eine religiöse Bewegung, “die den ‘spiri- me des radikalen Übels läßt auch darauf hoffen, daß eine
tuellen Holocaust’, die Assimilation des jüdischen Volkes Endlösung der Endlöser vorprogrammiert ist.”
mit Fax, Fernsehen, Walkman und allen modernen Kommu- Der verfassungswidrige46 und doch gewollte demographische
nikationsmitteln zu bekämpfen versuchte.”34 Da das “jüdi- Niedergang des deutschen Volkes erscheint damit aus jüdi-
sche Leben” in Deutschland in stark zunehmendem Maße scher Sicht als “gottgewollt”. Am 18. November 1969 hielt
durch osteuropäische Juden geprägt wird, ergeben sich da Simon Wiesenthal vor der Jüdischen Studentenschaft Zürich
ganz ungeahnte Möglichkeiten des kulturellen Gedächtnisses bei stärkstem Andrang einen Vortrag über die “Verfolgung
und Geschichtsverständnisses. Gershon Greenberg von der von Naziverbrechern”. Es gelte, potentielle Gegner auch im
American University, Washington D.C., schreibt:35 Keim, ja im embryonalen Zustand, ein für allemal zu ver-
“There is a universal spiritual community which spreads nichten.47 Nach der “Konvention über die Verhütung und Be-
from the Far East to the West, with its center in Germany.” strafung des Völkermordes”48 Art. III (c) handelt es sich ei-
In Amerika ist das Zentrum der Chassidim bekanntlich im gentlich um eine “unmittelbare und öffentliche Anreizung zur
New Yorker Stadtteil Brooklyn angesiedelt. Begehung von Völkermord”. Art. IV besagt:
Und dann gibt es das “Wilkomirski-Syndrom”. Da begann “Personen, die Völkermord […] begehen, sind zu bestra-
ein adoptierter Schweizer irgendwann “Memoiren” über sei- fen, gleichviel ob sie regierende Personen, öffentliche Be-
ne angeblich jüdische Kindheit in den Kriegsjahren zu amte oder private Einzelpersonen sind.”
schreiben, darunter seine Erlebnisse in Majdanek und Au- Nebenbei: Steven K. Langnas, der Leiter des Rabbinates der
schwitz-Birkenau mit hanebüchenen Einzelheiten.36 Trotz Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern,

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behauptete in einem Vortrag vor dem Peutinger-Collegium, Daniel Krochmalnik verrät uns, wie die Formel eigentlich
das Land Israel (!) hätte die Menschenrechte erfunden.49 Für heißt:60
Deutsche gelten sie aber offenbar nicht. “Das Vergessenwollen verlängert das Exil, das Geheimnis
Eine deutsche Regierung, ganz gleich welcher Zusammenset- der Erlösung heißt Erinnerung.”
zung, die den Ansprüchen chassidisch-kabbalistischer Ge- Das bedeutet im Geiste des Chassidismus:
denkkultur und sonstigen Vorgaben Folge leistet, löst selbst “Die Seele ist im Körper gefangen und den materiellen
die letzten “Funken der Heiligkeit und des Lebens” aus dem Bedürfnissen verfallen; ihre himmlische Heimat hat sie
deutschen Volk heraus! Symptomatisch dürfte der Fall der vergessen. Solange sie sich nicht erinnert, wer sie ist, und
Hamburger Punkgruppe Slime sein. Während der Song von nicht begreift, daß sie sich hier im Exil befindet, kann sie
1980 “Deutschland muß sterben, damit wir leben können” bis- nicht erlöst werden. […] Wer nicht weiß, daß er in der
her verboten war, ist er aufgrund eines Urteils des Bundesver- Fremde ist, daß er sich selbst entfremdet ist, hat keine
fassungsgerichts vom 23. November 2000 nunmehr erlaubt. Er Sehnsucht nach seiner Heimat und lebt das dumpfe Leben
gilt als Kunst im Sinne der grundgesetzlich garantierten Kunst- der Kaffer. […] Für uns Juden bedeutet es [das Gedenken],
freiheit.50 Dem Historiker und Diplom-Politologen Udo Wa- soviel Geistesfunken wie nur möglich, aus jener vernichte-
lendy wurde von der Kreisbehörde Herford die Führung seines ten Welt einzusammeln, um die Flamme der Tradition zu
Verlages entzogen, weil er das Verbrechen (!) begangen hatte, entzünden.”
zu versuchen, “das deutsche Volk von der ihm auferlegten Erb- Im übrigen versteht er nicht, was das chassidische Wort den
sünde zu befreien”51 Angela Merkel hingegen hat die Lage Nichtjuden bedeuten könne.
Deutschlands mit einiger Chutzpe so charakterisiert: Michael Brenner, der an der Universität München “Jüdische
“Die Anerkennung der Singularität des Holocausts hat uns Geschichte und Kultur” lehrt, stellt fest:61
doch zu dem Land gemacht, das wir heute sind – frei, ver- “Je spärlicher die Überreste der einstigen lebendigen jüdi-
eint, souverän.” schen Kultur Europas werden, desto stärker wächst die vir-
Zur Grundlage der CDU gehöre auch “die fortwährende An- tuelle jüdische Landschaft des Kontinents. Manche Teile
erkennung des Unaussöhnlichen, die Singularität des Holo- Europas sind bereits heute zu einer einzigen großen Muse-
caust.”52 en- und Nostalgielandschaft geworden.”
Den Holocaust hatte schon Dan Diner als die ungeschriebene Wer aber wie Prof. Ernst Nolte heute noch von einer “judäo-
Verfassung Nachkriegsdeutschlands bezeichnet.53 Patrick zentrischen” Geschichtsinterpretation und einem “negativ-
Bahners hat das Problem anläßlich des Deckert-Prozesses vor germanozentrischen Paradigma” spreche, brauche einen Psy-
zehn Jahren unter der sinnigen Überschrift “Objektive chologen nötiger als einen Lobredner, meint er.62
Selbstzerstörung” auf den Punkt gebracht:54 Nun hat es allerdings ein jüdischer Psychologe dankenswer-
“Wenn Deckerts ‘Auffassung zum Holocaust’ richtig wäre, terweise auf sich genommen, die unterschiedliche jüdische
wäre die Bundesrepublik auf einer Lüge gegründet. Jede Mentalität zu untersuchen: Ofer Grosbard, ein säkularer, aus
Präsidentenrede, jede Schweigeminute, jedes Geschichts- einer deutsch-litauisch-jüdischen Familie stammender Israeli,
buch wäre gelogen. Indem er den Judenmord leugnet, be- geht von den verschiedenen kindlichen Entwicklungsstufen
streitet er der Bundesrepublik ihre Legitimität.” aus und bezieht sie auf das heutige Israel als Ganzes, das
Das hat, was Auschwitz anbetrifft, die Holocaust-Forscherin ebenso wie ein heranwachsendes Kind einen Reifungsprozeß
Gitta Sereny getan, indem sie in einem Interview mit Erica durchmacht. Wenn er Israel “auf die Couch” legt, um Frieden
Wagner in der Times behauptete:55 im Nahen Osten zu stiften, rechnet er offenbar nicht mit dem
“Auschwitz war kein ‘Todeslager’” “Therapiewiderstand” der Mächtigen. Trotzdem enthält das
In der deutschen Ausgabe ihres Buches Das deutsche Trau- Buch eine Reihe wertvoller Einsichten, die mehr oder weni-
ma heißt es:56 ger auch für Diasporajuden gelten dürften, stellte doch der is-
“daß Auschwitz trotz seiner Symbolfunktion in erster Linie raelische Staatspräsident Moshe Katzav bei seinem Deutsch-
nicht ein Vernichtungslager für Juden und deshalb absolut landbesuch im Dezember 2002 an die Gemeindemitglieder
nicht der Fall ist, an dem man die Vernichtungspolitik stu- gerichtet fest:63
dieren kann.” “Ihre Heimat ist Israel.”
So also sieht Die fragile Grundlage57 des Zusammenlebens Grosbard fand also:
von Juden und Nichtjuden aus, wie Salomon Korn es be- “Uns Juden fällt es sehr schwer, darüber nachzudenken
zeichnet. Er ist der Nachfolger Michel Friedmans als Vize- und zu verstehen, welche Rolle wir bei dem alten Haß auf
präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und als uns gespielt haben, und welche Gefühle wir bei anderen
Architekt “Gedenkstättenbeauftragter”. Im Gegensatz zu sei- auslösen.”64
nem auf ewige Zeiten unversöhnlichen Vorgänger hält er “Betrachten wir nun die Beziehung zwischen den Juden
“Normalität” zwischen Deutschen und Juden erst in weiteren und dem Gott, den sie geschaffen haben.[65] Wir dürfen da-
fünfzig Jahren für möglich. Demographische Studien aber bei nicht vergessen, daß die ganze schöne Vorstellung nur
zeigen, daß Deutsche dann längst zur Minderheit im eigenen in den Köpfen des jüdischen Volkes existiert. Seit diesem
Lande gehören werden. Moment im Leben des Patriarchen Abraham leben sie eine
Deutschland wird zunehmend mit einem Netz von jüdischen Geschichte, die sie selbst erzählt haben.”66
Gedenkstätten und Mahnmalen überzogen, wobei der Satz, “Aber das jüdische Volk verfügte über einen Ausgleich für
Erinnerung sei das Geheimnis der Erlösung, Pate steht. all das Leid, das Gott über es gebracht hatte.[67] Es emp-
Roland Kany, der Rezensent eines Lexikons Gedächtnis und fand die Schicksalsschläge als Zeichen der Liebe, als Zei-
Erinnerung,58 gibt zu bedenken:59 chen von Gottes Wunsch, sie zu disziplinieren. […] Es ist
“Dabei stehen kabbalistische Traditionen hinter dem un- kein Wunder, daß eine solche innere Erfahrung zur
geheuren Wort des Baal Shem Tov: ‘Erinnerung heißt das selbsterfüllenden Prophezeiung wird. Die anderen Völker
Geheimnis der Erlösung.’“ brauchen nur die Rolle anzunehmen, die die Juden ihnen

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zugewiesen haben, und versuchen, sie zu verletzen. Da- “Es ist nicht unwichtig, sich klarzumachen, daß alle Auf-
durch werden die Juden sich bestätigt fühlen, daß sie von nahmen von Konzentrationslagern insofern irreführend
allen mißhandelt werden, weil sie Gottes geliebte Kinder sind, als sie Lager im letzten Stadium zeigen, im Moment
sind. […] Aber wir dürfen nicht vergessen, daß alles, wor- des Einmarsches der alliierten Truppen. […] was auf die
über wir reden, nur an einem Ort stattfindet, nämlich in Alliierten so empörend wirkte und das Grauen der Filme
der Vorstellung des jüdischen Volkes, das Gott mitsamt der ausmacht, nämlich die zu Skeletten abgemagerten Men-
ganzen Geschichte erfunden hat. Das jüdische Volk hat schen, ist für die deutschen Konzentrationslager nicht ty-
seine inneren Erfahrungen nach außen projiziert. Alles, pisch gewesen; […] Der Zustand der Lager war eine Folge
was ihm zu tun bleibt, ist die Geschichte zu leben, die es der Kriegsereignisse in den letzten Monaten. […]”
erzählt hat. So rekonstruiert es seine inneren historischen In Bezug auf Auschwitz geht es, wie wir gesehen haben, um
Erfahrungen als Volk und durchlebt sie immer wieder.”68 die Frage einer objektiven oder subjektiven Betrachtung.
“Wir unterdrücken, daß unsere gesamte Existenz nur ein Allgemein gesprochen meinte schon vor Jahren der damalige
Schwindel ist, daß wir von geborgter Zeit leben, daß unser Geschäftsführer des Weizman-Instituts, Amos de Shalit,
Traum mit uns verschwinden wird, daß unsere eigentliche meist sei man nach Erziehung, Forschung und eigenem Den-
Schwäche ans Tageslicht kommt und daß das unser Ende ken von seiner eigenen, also subjektiven, Meinung über-
sein wird.”69 zeugt. Das sei auch in den Naturwissenschaften so, nur:77
“Das Problem ist unsere chronische Denkstörung, die von “Die Mathematik kann uns den absoluten und endgültigen
unserer Existenzangst herrührt, die von dem Terrorismus Beweis liefern, daß wir trotz unserer ureigensten Überzeu-
geschürt wird. Wir nehmen eine Abwehrhaltung ein und gung im Unrecht sind. Die Wahrnehmung der Grenzen des
verschließen unsere Augen vor der Realität. […] Wir besit- Menschen hat mich zur Bescheidenheit gezwungen.”
zen als Nation eine paranoide Persönlichkeit und sind Schließlich ist zwei mal zwei in jedem Land vier, wie Arnold
nicht in der Lage, zu anderen normale Beziehungen zu Schönberg einmal feststellte.78 Auch Lise Meitner, die an der
knüpfen.”70 Entdeckung der Kernspaltung beteiligte jüdische Forscherin,
“Ein Paranoider wird sich niemals sicher fühlen. Er wird war der Überzeugung:79
bei seiner Umgebung stets das Gegenteil provozieren. […] “Das ist in meinen Augen gerade der große Wert der na-
Es gibt noch eine Sache, die einem Paranoiden schwerfällt turwissenschaftlichen Ausbildung, daß wir lernen müssen,
und fast unmöglich ist: dem anderen gegenüber Verständ- Ehrfurcht vor der Wahrheit zu haben, gleichgültig, ob sie
nis zu zeigen.”71 mit unseren Wünschen oder vorgefaßten Meinungen über-
Antonia Grunenberg macht auf eine weitere Eigenheit jüdi- einstimmt oder nicht.”
schen Denkens aufmerksam:72 Objektivität, das heißt Sachlichkeit oder Angemessenheit ge-
“Im Kontext der jüdischen Exegese ist die Vorstellung, genüber dem Gegenstand der Betrachtung, das heißt Aner-
man könne Schuld bewältigen, nicht vorstellbar. Schuld kennung der außersubjektiven Wirklichkeit, Anerkennung
bleibt bestehen. Der schuldbeladene Mensch macht in ihr der Logik, also der Denkgesetze. Wer all dies ablehnt, han-
und mit ihr einen Neuanfang; keinesfalls jedoch kann es delt wie ein Legastheniker, der Grammatik, Orthographie und
gelingen, die Schuld zu ‘bewältigen’.” Syntax ablehnt, weil er nicht damit zurechtkommt – oder wie
Und Günther Gillessen gibt zu bedenken:73 ein farbenblinder Verkehrsteilnehmer, der Verkehrsampeln
“An der Verschiedenheit des Geschichtsverständnisses ablehnt, weil er die Signale nicht unterscheiden kann. Objek-
zeigt sich, welche Zumutung für die eine Seite darin be- tivität, das heißt Aufklärung! Es ist doch höchst merkwürdig,
steht, ‘Normalisierung’ geschehen lassen zu sollen, und für daß Juden, die in den verschiedensten Gebieten Außerge-
die andere, von Geschlecht zu Geschlecht an eine Schuld wöhnliches geleistet haben und leisten, sich in bezug auf Au-
gekettet zu werden, die sie nicht für die ihre halten kann. schwitz, den sog. Holocaust oder der Kriegsschuldfrage Fes-
Keine Seite sollte an dieser Stelle die andere überfordern.” seln anlegen lassen, deren Sprengung mit zunehmendem
Die jüdische Philosophin Hannah Arendt meinte allerdings Zeitabstand immer fatalere Folgen haben muß.
schon 1946:74 Zu welchen Spekulationen die “Holocaust-Theologie” führen
“Moralisch gesehen ist es ebenso falsch, sich schuldig zu kann, mag folgendes Zitat von Gershon Greenberg zeigen:80
fühlen, ohne etwas Bestimmtes angerichtet zu haben, wie “Die jüdischen Knochen werden sogar die Gräber über-
sich schuldlos zu fühlen, wenn man tatsächlich etwas be- winden: Das aus jüdischen Knochen und jüdischer Haut
gangen hat. Ich habe immer für den Inbegriff moralischer erzeugte chemische Material enthält eine Macht, die grö-
Verwirrung gehalten, daß sich im Deutschland der Nach- ßer ist als die der Atombombe. In jedem kleinen Stück Sei-
kriegszeit diejenigen, die völlig frei von Schuld waren, ge- fe[81] befinden sich hundert Juden des Leidens. Eines Tages
genseitig und aller Welt versicherten, wie schuldig sie sich werden die Stücke explodieren und die Welt zerreißen. Ge-
fühlen.” gen eine solche metaphysische Macht gibt es keinen
Und Heinrich Blücher, Kommunist, ihr Lebensgefährte und Schutz.”
späterer Ehemann, schrieb ihr im selben Jahr:75 Alan M. Dershowitz, der amerikanisch-jüdische Rechtsan-
“Wie ich Dir schon sagte, dient die ganze Schuldfrage nur walt, Harvard-Professor und Publizist berichtet von seinem
als christlich-scheinheiliges Gequatsche, bei den Siegern, Freund, einem, wie er meint, brillanten und kreativen Den-
um sich selbst besser zu dienen, und bei den Besiegten, um ker:82
sich weiter ausschließlich mit sich selbst befassen zu kön- “Mein Freund Robert Novick meint, daß der Holocaust es
nen. (Und sei es auch nur zum Zwecke der Selbsterhel- ermögliche, sich die Vernichtung der Spezies Mensch als
lung). In beiden Fällen dient die Schuld dazu, die Verant- ‘zufriedenstellendes Ende’ unserer Epoche vorzustellen,
wortung zu vernichten.” ohne dies willkommen zu heißen.”
Und zu den Bildern von den Lagerhäftlingen, also den Mu- Auch für den Religionsphilosophen und ausgebildeten Rab-
selmännern, gab Hannah Arendt zu bedenken:76 biner Jacob Taubes, der sich als “Apokalyptiker von unten

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her” verstand, war ein derartiges ‘spiritual investment’ in die kamp, Frankfurt am Main 2003 , S. 36; siehe auch Anm. 65.
2
bestehende Welt undenkbar, weil sein Denken von den Op- Was von Auschwitz bleibt, S. 38f.
3
Ebenda, S. 40.
fern der Geschichte ausging.83 Für den, der das Chaos, das 4
Ebenda, S. 42.
von unten drängt, niederhält, hatte Taubes nichts übrig:84 5
Ebenda, S. 43.
“Das ist nicht meine Weltanschauung, das ist nicht meine 6
Ebenda, S. 47.
Erfahrung. Ich kann mir vorstellen als Apokalyptiker: soll 7
Ebenda, S. 131.
8
sie zugrunde gehen. Ich habe keine spirituelle Investition in Was von Auschwitz bleibt, S. 134f. Revisionisten leugnen natürlich
der Welt wie sie ist.” nicht Auschwitz, sondern bestreiten bestimmte Aussagen über Au-
schwitz und andere Lager. Was dort tatsächlich geschehen ist, muß na-
Im Talmud kommen die weisesten der Rabbiner nach andert- türlich rücksichtslos als geschichtliche Tatsache anerkannt werden! Im
halbjähriger Beratung zu dem Schluß:85 übrigen bedeutet die unsinnige Rede vom “Auschwitz leugnen” eine
“Es ist kein Zweifel möglich, daß es besser wäre, die Welt Mißachtung der Geschichte dieses Ortes seit dem 13. Jahrhundert.
9
der uns bewußten Wirklichkeit wäre nicht vorhanden. Es Als Freud das Meer sah. Freud und die deutsche Sprache, Ammann,
ist kein Zweifel möglich, daß das Ende der Menschheit, ih- Zürich 1988; darin: “Der Diskurs über die Juden”, S. 159, 162.
10
Es kann wohl nicht verwerflich sein, auf Unterschiede zwischen Juden
re Wiederauflösung ins Uferlose das wünschenswertere
und Nichtjuden hinzuweisen, bestätigte uns doch schon Elie Wiesel:
Ziel ist.” “Everything about us is different.” (Mit uns ist alles anders.) in:
Nach rabbinischer Auslegung des Traktates Bereschit86 Rab- Against Silence, Bd. I, S. 153 und And the Sea, S. 133, nach Norman
ba 9,4 ist die Welt nicht auf einmal von Gotteshand erschaf- Finkelstein: Die Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden aus-
fen worden. Vielmehr gingen der Genesis 26 Versuche vor- gebeutet wird; 5. Aufl., Piper, München 2001, S. 55. Nebenbei: Wie
aus, die alle gescheitert waren. Beim 27. Versuch rief Gott der Hase in die Bibel kam und durch Übersetzungsfehler zum Osterha-
sen mutierte, darüber berichtet auf amüsante Weise Walter-Jörg Lang-
aus:87 bein in seinem Lexikon der biblischen Irrtümer, Langen Müller, Mün-
“Hoffentlich wird diese nun standhalten.” chen 2003, S. 254-256.
Wir haben hier einige jüdische “Philosophen” zitiert. Nach 11
Ich weiß, daß ich nichts weiß – und kaum das, Ullstein, Frankfurt
zweieinhalb Jahrtausenden Philosophiegeschichte scheint a.M./Berlin 1991, S. 19.
12
diese Disziplin an die Ursprünge in der Kindheit des Men- Alphons Silbermann, Was ist jüdischer Geist? Zur Identität der Juden,
Interfrom, Zürich 1984, S. 117f.
schen zurückgekehrt zu sein, zu Magie und Aberglauben. 13
Ebenda, S. 118f.
Scholem schrieb:88 14
Ebenda, S. 116f.
“Man kann sagen: die metaphysische Bühne der Wissen- 15
Gesetzeskraft. Der “mystische Grund der Autorität”, Suhrkamp,
schaft vom Judentum hat etwas Furchterregendes. Geister Frankfurt a.M. 1991, S. 120.
16
irren, von ihrem Körper getrennt und entblößt, in der Wü- Da könnten wir ihm das Buch von Hartmut Stern “Jüdische Kriegser-
ste umher. Sie hausen in der Nähe von den Gefilden der klärungen an Deutschland” - Wortlaut, Vorgeschichte, Folgen, FZ-
Verlag, 2. Aufl., München 2000, empfehlen. “Jüdische Kriegserklä-
Lebenden und blicken sehnsuchtsvoll auf ihre vergangene rungen” würden zumindest die Internierung von Juden rechtfertigen;
Welt. Wie sehr sehnen sie sich danach, dort ebenfalls zu immerhin wurden weltweit 14 Millionen Juden zum Kampf aufgerufen.
wandeln, wie müde sind sie von den Wanderungen über Prof. Ernst Nolte hatte auf eine Äußerung von Dr. Benjamin Halevi,
Generationen hinweg und verlangen danach auszuruhen. einem der israelischen Richter im Eichmann-Prozeß, hingewiesen: “Es
Viele sind des Spottes überdrüssig und trachten, von den gab tatsächlich eine Erklärung von Professor Chaim Weizmann aus
dem Jahre 1939, die man als Kriegserklärung des Judentums an
Pforten des Lebens und den Toren des Todes gleicherma-
Deutschland verstehen konnte.” (Hartmut Stern: Jüdische Kriegserklä-
ßen zurückgestoßen, nach beiden, wenn sie nur aus dem rungen, S. 191).
Zwischenstadium befreit würden, aus jener besonderen 17
Bekanntlich war bzw. ist auch bei Kommunisten Objektivität verpönt.
Hölle, in der sich der von Heinrich Heine beschriebene Ju- So meinte einst Ernst Bloch, Stalin sei ein bedeutender Metaphysiker
de befindet. Doch wohin sie sich auch wenden, ein Fluch und zwar weil er das Prinzip der Parteilichkeit in sie eingeführt habe.
lastet seit Generationen auf ihnen, wie eine Art Bann oder (zitiert in Golo Mann: “Das Opium der Intellektuellen”, in: Die Welt
vom 2. Dezember 1978).
Zauber, den es zu lösen gilt, um zugleich zu sterben und zu 18
Fritjof Meyer: “Die Zahl der Opfer von Auschwitz - Neue Erkenntnis-
leben: Bruchstücke einer drückenden und gefährlichen se durch neue Archivfunde”; in: Osteuropa, 52. Jg., 5/2002, S. 631-
Vergangenheit haften ihnen an. Trümmer der Vergangen- 641. Das ist eine Reduktion auf ein Achtel!
19
heit liegen verstreut umher, und selbst jene Ungeheuer be- Eidesstattliche Aussage vor dem Frankfurter Schöffengericht am 3.
sitzen eine ihnen eigene beschwörende Sprache. Der Jude Mai 1979 in Sachen Erwin Schönborn, Az: 50 Js 12 828 / 79 919 Ls.
20
Die Welt, 4. November 1994, S. 7.
will sich von sich selbst befreien, und die Wissenschaft des 21
Die Holocaust-Industrie, aaO. (Anm. 10), S. 133.
Judentums ist die Beerdigungszeremonie für ihn, so etwas 22
… nicht wie die Schafe zur Schlachtbank; Fischer, Frankfurt a.M.
wie eine Befreiung von dem Joch, das auf ihm lastet.” 1995, S. 80-82.
23
Professor Konrad Löw wies auf die erschütternde Fortschrei- Bewahrung der Geschichte. Die hermeneutische Philosophie Walter
bung kollektiver Feindbilder in Israel hin und sah darin einen Benjamins. Monographien zur philosophischen Forschung, Philo Ver-
lag, Bodenheim 1998, nach Gustav Falke: “Benjamin Interpretieren”
atavistischen Rückfall:89
in: FAZ vom 19. Juni 1998, S. 46.
“Jeder Deutsche hat […] das Recht, sich gegen die Attak- 24
Jüdischer Verlag, Berlin 1927, Spalte 1081.
ken einer archaischen Stammesmoral zur Wehr zu setzen.” 25
Zachor: erinnere Dich! Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächt-
Wenig geschmackvoll war es übrigens, als der ungarisch- nis, Klaus Wagenbach, Berlin 1996, S. 102-104.
jüdische Regisseur George Tabori darauf hinwies:90
26
The Oxford Dictionary of the Jewish Religion, OUP, New York/Oxford
“Der kürzeste deutsche Witz ist Auschwitz” 1997, S. 306.
27
Chassidische Feier, Herder, Freiburg i. Br. 1988, S. 15.
Aber das durfte ohnehin nur er sagen. 28
Ebenda, S. 16.
29
Essays eines Betroffenen, 3. Aufl., Herder, Freiburg u.a. 1986.
Anmerkungen 30
Nach Y. Michal Bodemann: “Vom Vorspiel auf dem Theater zum öku-
1 menischen Gottesdienst” in: FAZ vom 24. August 2000.
Jenseits von Schuld und Sühne - Bewältigungsversuche eines Überwäl- 31
Rudolf Czernin: Das Ende der Tabus. Aufbruch in der Zeitgeschichte,
tigten; (1966) Neuausgabe: Klett-Cotta 1977, S. 28 f., nach Giorgio
5. Aufl., Leopold Stocker, Graz/Stuttgart 2001, S. 16.
Agamben, Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge; Suhr-

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32 64
Legends of our Time, Avon Books, New York 1968, S. 177f. Israel auf der Couch. Zur Psychologie des Nahostkonfliktes, Patmos,
33
Julius H. Schoeps, “Angriff auf ein Tabu” in: FAZ vom 18. August Düsseldorf 2001, S. 34.
65
2000, S. 8. “Gewisse Stellen im Talmud lassen auch die Ansicht zu, nicht Jehova
34
Anna-Patricia Kahn, “Der Rebbe” in: Landesverband der Israeliti- habe die Hebräer zum Auserwählten Volk auserkoren, sondern die He-
schen Kultusgemeinden in Bayern, Nr. 62, Juni 1994, S. 33. bräer hätten sich Jehova als ihren Gott ausgewählt.” schrieb J. G. Burg,
35
Gershon Greenberg, “Orthodox Jewish Theology - Responses to the Schuld und Schicksal, 4. Aufl., Damm, München 1965, S. 188. Der is-
Holocaus” in: Yehuda Bauer (Hg.), Remembering for the Future, Bd. I, raelische Philosoph Jeshajahu Leibowitz bestätigt diese Ansicht: “Über
Pergamon, Oxford 1989, S. 1023. den Satz des Jesaja (Jes. 43,12) ‘Ihr seid meine Zeugen, spricht der
36
Vgl. VffG, 2/2000, S. 207. Herr, und ich bin Gott’ wagt der Midrasch [homiletische, erzählerische
37
Vgl. J. Graf, “Die Wilkomirski-Pleite”, VffG 3(1) (1999), S. 88-90. und rechtliche Auslegung der hebräischen Bibel] zu sagen: ‘Wenn ihr
38
Avishai Margalit, Ethik der Erinnerung, Fischer, Frankfurt a.M. 2000, meine Zeugen seid, bin ich Gott; wenn ihr nicht meine Zeugen seid,
S. 80. Der israelische Philosoph Margalit war es übrigens auch, der im bin ich sozusagen - nicht Gott’” (Gespräche über Gott und die Welt,
Rahmen einer Max-Horkheimer-Vorlesung über die “Ethik des Ge- Dvorah, Frankfurt am Main 1990, S. 133 / Insel, Frankfurt
dächtnisses” an der Frankfurter Goethe-Universität sagte, im Judentum a.M./Leipzig 1994, S. 138)
66
werde rituell auch dann erinnert, wenn der Gegenstand des Erinnerns Israel auf der Couch, aaO. (Anm. 64), S. 40.
67
nicht nur längst vergangen ist, sondern in vielen Fällen vermutlich Wenn die “Hebräer” ihren Gott selbst auserwählt haben, dann ist es
niemals existent war: die Stunde Null, der Auszugsmythos, der souve- nur folgerichtig, wenn Silbermann feststellte: “Überhaupt sollte nie
räne Wille der Verfassungsgebung, das ursprüngliche Opfer oder der übersehen werden, daß die von den Juden erfahrenen Leiden, ob physi-
Gründungsheros (nach Jürgen Kaube: “Mit Lücken” in: FAZ vom 26. scher, existentieller oder geistiger Art, oft einem Eigenverschulden
Mai 1999, S. N5). entsprangen.” (Was ist jüdischer Geist?, aaO. (Anm. 12), S. 114f.)
39 68
FAZ vom 25. April 2001, S. 71. Israel auf der Couch, aaO. (Anm. 64), S. 41/42
40 69
Kabbala, Poesie und Kritik. Stroemfeld, Basel 1988, S. 30. Ebenda, S. 101
41 70
Kevin MacDonald, A People That Shall Dwell Alone. Judaism as a Ebenda, S. 112
71
Group Evolutionary Strategy, Praeger, Westport, CT 1994, S. 259, Ebenda, S. 113. Dazu auch Wolfgang Eggert, Israels Geheim-Vatikan
Anm. als Vollstrecker biblischer Prophetie, 3 Bände, Beim Propheten!,
42
Das Judentum. Fundament der westlichen Kultur, hpt, Wien 1988, S. München 2001.
72
90. Antonia Grunenberg, Die Lust an der Schuld. Von der Macht der Ver-
43
Vgl. VffG, 4/1999, S. 417ff. gangenheit über die Gegenwart, Rowohlt, Berlin 2001, S. 57.
44 73
Sabbatai Zwi. Der mystische Messias, 1. Aufl., Jüdischer Vlg., Frank- “Steiniger Acker” in: FAZ vom 16. Mai 2000, S. 12.
74
furt a. M. 1992, S. 66f. “Die persönliche Verantwortung unter der Diktatur” in: Konkret, Heft
45
“Amalek. Vernichtung und Gedenken in der jüdischen Tradition” in: 6, 1991, S. 38; nach A. Grunenberg, aaO. (Anm. 72), S. 106
75
Der Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, In: Hannah Arendt - Heinrich Blücher: Briefe 1936-1968, Mün-
März 1995, S. 5. Auf diesen Artikel hat dankenswerterweise David chen/Zürich 1996, S. 146; A. Grunenberg, ebenda.
76
Korn in Band II seines Lexikons Wer ist wer im Judentum? Lexikon Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft; Piper, München 1986, S.
der jüdischen Prominenz; FZ-Verlag, München 1998, hingewiesen. 685, Anm. 106.
46 77
Das Bundesverfassungsgericht hatte am 21. Oktober 1987 festgestellt: Jörg Bremer in: FAZ vom 9. Dezember 1997, S. 43.
78
“Es besteht die Wahrungspflicht zur Erhaltung der Identität des Deut- Julia Spinola, “Am 13. muß man auf alles gefaßt sein” in: FAZ vom 14.
schen Volkes.” Juli 2001, S. IV.
47 79
“Ecrasez l’Autriche” in: Salzburger Volksblatt vom 23. Januar 1970, Martin Trömel, “Freunde bis in den Tod: Otto Hahn und Lise Meitner”
sowie NZZ vom 21. November 1969, Fernausgabe 320, S. 38. in: FAZ vom 10. Oktober 2001, S. N 3.
48 80
Menschenrechte. Ihr internationaler Schutz, 3. Aufl., C. H. Beck, AaO., S. 1022: “Even from the graves, Jewish bones will overcome:
München 1992, S. 104ff. The chemical material manufactured from Jewish bones and skin con-
49
Bayerischer Monatsspiegel vom August 2002, S. 16. tains power greater than that of the atom bomb. In each little piece of
50
Holger Stark, “‘Deutschland muß sterben’ – ganz legal” in: Der Tages- soap there are a hundred Jews of sorrow. Someday the pieces will ex-
spiegel vom 24. November 2000. Zum Vergleich: Der Texter der als plode and rip the world apart. Against such a metaphysical power there
“rechtsextrem” eingestuften Band Landser wurde wegen Volksverhet- is no protection.”
81
zung und Verbreitung von Nazipropaganda zu drei Jahren und vier Den Schwindel mit der Judenseife hat schon Yehuda Bauer, der Her-
Monaten Haft verurteilt. (“Rechtsextreme Musiker verurteilt” in: FAZ ausgeber eben dieses Werkes, zurückgewiesen. Yad Vashem gibt stets
vom 23. Dezember 2003, S. 2). Mitunter werden CDs mit “volksver- die offizielle Antwort, daß die Nationalsozialisten aus Juden keine Sei-
hetzendem” Inhalt aber auch schon mal von V-Leuten des sog. Verfas- fe herstellten. (Tom Segev, Die siebte Million. Der Holocaust und Is-
sungsschutzes initiiert. So hatte ein 28-jähriger V-Mann aus Cottbus raels Politik der Erinnerung; 1. Aufl., Rowohlt, Reinbek 1995, S. 249,
2800 CDs mit dem Titel Noten des Hasses vertrieben und auch an dem Fußnote) So entsteht also Sprengstoff aus dem Nichts!
82
Begleitheft mitgewirkt. (Frank Pergande, “Zwischen Polizei und Ver- Chutzpah, Little, Brown, Boston 1991, S. 130: “My friend Robert No-
fassungsschutz” in: FAZ vom 8. November 2002, S. 12) . vick argues that the Holocaust makes it possible to contemplate, with-
51
Interview in Deutsche Stimme vom April 2000, S. 3. out welcoming, the destruction of the human species as a ‘satisfying
52
Nach Johannes Leithäuser, “Wir verschlafen unsere Oppositionszeit close’ to the history of our epoch.”
83
nicht” in: FAZ vom 2. Dezember 2003, S. 3. Martin Terpstra, Theo de Wit: “No spiritual investment in the world as
53
Ulrich Raulff, “Aber wohin geht ihr jetzt?” in: FAZ vom 21. Dezember it is. Die negative politische Theologie Jacob Taubes”; in: Etappe,
1999, S. 49. 13/September 1997, S. 98.
54 84
“Objektive Selbstzerstörung” in: FAZ vom 15. August 1994. Ebenda, S. 83: “I have no spiritual investment in the world as it is.”
55 85
“Light on the other side of darkness” in: Times (London) vom 29. Au- Nach Theodor Lessing, Der jüdische Selbsthass (1930); Matthes &
gust 2001, S. 11: “Auschwitz was not a ‘death camp’.” Seitz, München 1984 , S. 222.
56 86
C. Bertelsmann, München 2000, S. 197. D.i. das Buch Genesis
57 87
Salomon Korn, Die fragile Grundlage. Auf der Suche nach der André Neher, Jüdische Identität - Einführung in den Judaismus; Euro-
deutsch-jüdischen “Normalität”, Philo, Berlin/Wien 2003. päische Verlagsanstalt, Hamburg 1995, S. 77.
58 88
Rowohlt, Reinbek 2001. Judaica 6, Die Wissenschaft vom Judentum, Suhrkamp, Frankfurt a.
59
In: FAZ vom 6. November 2001, S. L 21. M.1997, S. 23.
60 89
“Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung” in: Landesverband Im heiligen Jahr der Vergebung. Wider Tabu und Verteufelung der Ju-
der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Nr. 79, April 1999, S. den, A. Fromm, Osnabrück 1991, S. 126.
90
12. FAZ vom 1. September 1998, S. 41.
61
“Das Jerusalem des Ostens” in: FAZ vom 4. Oktober 2001, S. 64.
62
“Eine Nachbemerkung …” in: SZ vom 8. Juni 2000.
63
“Rau: Deutschland an der Seite Israels” in: FAZ vom 10. Dezember
2002, S. 4.

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Schönheit vor allem tat ihm in Ohren und Augen weh
Oder: Die Diktatur des Häßlichen
Von Ernst Manon
“In einigen Kreisen ist Ästhetik zu einem schmutzigen Wort möglich wurde, haben wenige schon viel früher ausprobiert
geworden.” klagt der amerikanische Komparatist Geoffrey H. und so den Weg gebahnt. In seiner Studie über Haschisch
Hartman und bedauert, daß die Universitäten der Neuen Welt Myslowitz – Braunschweig – Marseille berichtete Walter
nicht länger willens sind, das westliche Kulturerbe weiterzu- Benjamin, wie er unter dem Einfluß der Droge zum Physio-
reichen.1 Aber viel anders ist es ja in unserer Alten Welt auch gnomiker wurde und plötzlich die Häßlichkeit der ihn umge-
nicht. benden Gesichter “als das wahre Reservoir der Schönheit,
Wie lebt es sich mit der Häßlichkeit? Kein Problem für Ba- besser als ihr Schatzbehälter” erkannte.7 Der obengenannte
zon Brock, einen Theoretiker des Kulturbetriebs, 1986 jeden- Trilling zitiert den Psychiater David Cooper, einen Mitarbei-
falls:2 ter des Drogenapostels R. D. Laing, der zur englischen Aus-
“Ich sitze jeden Tag im Ruhrgebiet. Inzwischen, entschul- gabe von Michel Foucaults Folie et déraison ein Vorwort
digen Sie, fühle ich mich in der Schönheit dieser unglaub- beisteuerte:8
lichen Häßlichkeit so wohl, daß ich darin etwas Großes “Wahnsinn ist in unserer Zeit so etwas wie eine verlorene
sehen kann. […] Während die unheimlich brutalen Haupt- Wahrheit geworden.”
straßen im Ruhrgebiet, wo einem die Luft wegbleibt, durch Auf dem Höhepunkt des ästhetischen Krieges schrieb der
ihre Häßlichkeit zu einer so unglaublichen Schönheit ge- Kunsthistoriker Hans Sedlmayr, der deshalb von Linken gar
worden sind, daß sie die einzige zeitgemäße Form bilden, nicht geschätzt wurde:9
in der wir Schönheit überhaupt noch erleben können.” “Im Grunde ist der ästhetische Anarchismus viel gefährli-
Michael Mönninger meint gleichsinnig:3 cher als der politische. Die Revolten des politischen Anar-
“Einen Ausweg, um vor dem Anblick heutiger Städte nicht chismus sind ephemer geblieben und haben, bis jetzt we-
zu verzweifeln, könnte schlicht in der Änderung der Wert- nigstens, keine Wirkungen von historischer Tragweite ge-
maßstäbe bestehen.” habt. ‘The anarchists have failed to make their revolution
Er bietet einen surrealistischen Ansatz zur Interpretation des and seem even further from doing so today.’ (James Joll:
“Gesamtkunstwerks Chaos-Stadt” an:4 The anarchists, 1964, Pb bei Methuen and Cie, London
“Man kann es auch als Trauerarbeit oder Notwehr verste- 1969, S. 278). Daran hat auch das Jahr 1968, mit seinen
hen, um sich wenigstens gedanklich von den geliebten Ge- Aufständen, bei denen die schwarze Fahne des Anarchis-
fühlsvitrinen mittelalterlicher Stadtveduten. (Man muß nur mus gezeigt wurde, nichts geändert, auch nicht die terrori-
einmal einen Antiquariats-Katalog mit Stadtveduten zur stischen Attentate unserer Tage. Der ästhetische Anar-
Hand nehmen, um den ästhetischen Blick zu erkennen, mit chismus aber hat sich, ohne als solcher erkannt worden zu
dem man früher die Welt wahrnahm.) zu emanzipieren, zu sein, seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts mehr
denen leider kein Weg zurückführt. Erst nach der vollstän- und mehr ausgebreitet und in den sechziger Jahren einen
digen Einfühlung in den Sex-Appeal der anorganischen Höhepunkt der Aggressivität und Destruktion erreicht. […]
Stadt, erst wenn sich der Wahrnehmungsapparat auf die Die Absage an die Kunst, die Logik, die Ethik, die Scham;
ungestaltete Rohheit und Diskontinuität heutiger an die Kirche, den Staat, die Familie; an die klassische
Stadtlandschaften eingestellt hat, kann es Hoffnung geben, Tradition Europas wie an jede Religion – ist in die Tages-
das Geschaute wieder als Gemachtes zu sehen und viel- und Bildzeitungen, in Film und Fernsehen, auf das Theater
leicht sogar zu korrigieren.” und in die Happenings, in die Praxis des Lebens einge-
Der Verleger Wolf Jobst Siedler hatte bereits 1964 in einem drungen. […] Der Zerstörung so vieler Halte hat auch das
Bildband anhand von Photos aus Berlin zwischen 1860 und ‘Prinzip Hoffnung’ nichts Wirksames entgegenzustellen,
1960 einen wehmütig-ironischen Blick auf den ästhetischen denn was es zu dem Ereignis zu sagen hat, an dem sich al-
Bruch in der Stadtentwicklung geworfen.5 les entscheidet, zu dem Tod des einzelnen Menschen, ist
Ähnliches gilt in Sachen Literatur. Der 1975 verstorbene Li- nur ein armseliges Zeugnis letzter Hoffnungslosigkeit.”
teraturkritiker und Essayist Lionel Trilling meinte schon in Dazu die Anmerkung ebenda:
den 1970er Jahren:6 “Fürst Kropotkin erwähnt in seinen Memoiren, daß er
“Es braucht kaum betont zu werden, daß die visionäre 1872 in La-Chaux-de-Fonds, im Schweizer Jura, einer
Norm von Ordnung, Friede, Ehre und Schönheit in der Li- Gruppe politischer Anarchisten begegnete, die sich ‘avant-
teratur unserer Tage keinen Platz mehr hat. Vielleicht ist garde’ nannte. Dies sollte der nom-de-guerre der ästheti-
ihr Vorhandensein noch an ihrer Abwesenheit zu erkennen: schen Revolutionäre werden.”
die erbitterte und verächtliche Ablehnung dieser Vision, Es war La Chaux-de-Fonds, an dessen Kunstschule Le Cor-
die für die moderne Literatur kennzeichnend ist, ist mögli- busier lernte, daß alles Ordnung und Gesetz sei, woraus er in
cherweise als ein Ausdruck der Verzweiflung darüber zu “schwindelerregendem furor geometricus” ein architektoni-
verstehen, daß sie sich nicht verwirklichen läßt. Doch auch sches Maßsystem, “Modular” genannt, entwickelte, in dem er
ihre Ablehnung ist grundlos. Sie ist, wie Hegel sagen wür- einen “Schlüssel zu den Gesetzen der Schöpfung” sah.10
de, eine freie Entscheidung, die der Geist auf der Suche Auch der russische Bolschewismus ist ja, wie Alexander von
nach seiner Selbstverwirklichung getroffen hat.” Senger berichtet, in der Schweiz entstanden.11 Zum verhaßten
Für viele hat auch der Drogenkonsum eine Rolle gespielt Feindbild für Linke geriet der Titel eines anderen Buches von
beim forcierten Umschlagen der Erfahrungswelt in eine ande- Sedlmayr, nämlich Verlust der Mitte,12 dem als Motto ein
re Wirklichkeit. Was für breitere Kreise erst ab etwa 1970 Vers aus Majakowskis Hymne an Satan vorangestellt ist:

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“Alle Mitten sind zerbrochen und es gibt keine Mitte sien und Denkinhalte dienen. Schizophrene wirken dadurch
mehr.” in ihrer Kreativität besonders eigen- und fremdartig.”
Majakowski, nach Alexander Wat “ein Übermensch voll “‘Ohne Wahnsinn kein großer Dichter’, meinte Demokrit
kosmischer Schwermut” wählte in Moskau im April 1930 vor knapp zweieinhalb Jahrtausenden, gesunde Dichter
den Freitod. taugten nicht viel.”20
Die Mitte wollte und will man nicht, denn dann hätten unsere Wolfgang Lange dagegen sinniert:21
Apokalyptiker und “Hof-Narren” wie Hermann Weber, der in “Die Enttäuschung über die nicht stattgefundene Revoluti-
seiner Jugend selbst einen Zweijahreslehrgang der SED- on ist kein Grund, den Wahnsinn zu romantisieren. Der
Parteihochschule “Karl Marx” absolviert hatte,13 sie ausge- […] glorifizierte ‘Schizo’ dürfte kaum in der Lage sein,
spielt. Der Verlust der Ästhetik betrifft Ost wie West, wenn wahrhaft revolutionär zu agieren. In der Regel ist er ein-
auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Georg Baselitz fach nur ein ‘armes Schwein’ – ein Opfer unglückseliger
stellte apodiktisch fest:14 Verkettungen physiologischer, familiärer und (oder) sozia-
“Ein deutsches Bild ist dann ganz toll, wenn es häßlicher ler Natur.”
ist als alle anderen Bilder in der Welt.” “Gegenwärtige Kultur zeichnet sich vielleicht durch nichts
Als Schloßherr verschmäht auch er nicht den Lebensstil der mehr aus als durch den Versuch, noch das Fremdeste und
haute bourgeoisie; für die Nobelmarke Maybach von Daim- Widerwärtigste zu integrieren.” (ebd., S. 256)
ler-Chrysler stellt er seinen Namen als Künstler zur Verfü- “Allzu geläufig ist die Vorstellung, daß es sich bei den
gung unter dem Motto:15 Eruptionen ästhetischer Moderne um eine willenlose Frei-
“Leadership bedeutet, Regeln zu brechen.” setzung des Unbewußten handelt, als das sie einfach hin-
Der jüdische Dichter aus Polen Aleksander Wat berichtete:16 genommen werden konnte.” (ebd., S. 257)
“Die erste Kategorie, in der mich der Kommunismus ab- “Sollte man nicht endlich – anstatt die irrwitzigen Sprach-
stößt, das ist die Kategorie der Häßlichkeit. Nicht als äs- und Zeichengesten ästhetischer Moderne weiterhin gesell-
thetische Kategorie, aber als ästhetisch-moralische Häß- schaftskritisch zu rechtfertigen – deren trostlos funkelnden
lichkeit, als eine Verschandelung des Charakters, der Städ- Wahnsinn als das anerkennen, was er ist: ein letztlich in-
te, der Dinge.” kommensurables Phänomen, dem wir heute so fremd wie je
Karl Schlögel meint dazu:17 gegenüberstehen?” (ebd., S. 10)
“Es ist noch gar nicht absehbar, was eine Analyse des kul- Der Autor zitiert dann noch einen Hegel-Schüler, Karl Ro-
turellen Formverlusts als Schlüssel für eine Geschichte des senkranz:22
Kommunismus hergeben würde.” “Die Kunst darf dem Wahnsinn nicht das letzte Wort las-
Sabine Klein läßt “die literarische Moderne als Projekt des sen. Sie muß in ihm den Fluch der im Dunkeln schreiten-
Häßlichen” mit Georges Bataille beginnen:18 den Nemesis darstellen oder sie muß ihn in einer höheren
“war er es doch, der eine solche systematische Affinität als Totalität auflösen.”
erster vermutete. […] er war vor allem Systematiker des Längst aber ist es schon zu einer Diktatur des Häßlichen ge-
Obszönen. Eine überragende Prominenz des Ekelhaften, kommen. In einer Schrift mit diesem Titel schrieb Walter
des Schmutzigen, des niederen Leiblichen prägt sein Werk, Marinovic:23
und dies hat Programmcharakter: Seit je hatte Batailles “Die Herrschaft des schlechten Geschmacks hat das Pu-
Denken einer Kritik am abendländischen Primat der Ver- blikum der Kunst seit langem entfremdet. Wenn Sinnloses
nunft gegolten. […] Im Häßlichen, Obszönen und niederen und Abscheuliches staatspreisgekrönt wird, wächst in den
Körperlichen sollte der moderne Mensch seine ursprüngli- Menschen der Widerwille gegen jede Form des zeitgenös-
che Souveränität zurückgewinnen, indem er die verfemte sischen Kunstschaffens. Der Kult des Häßlichen und Abar-
Seite seiner Existenz wiedereroberte. […] Als Residuum tigen in der propagierten und subventionierten Staatskunst
der modernen menschlichen Souveränität hatte er die ob- tötet die Lust an sinnvollen Wegen der Kunst. Vieles von
szöne Tat ausgemacht und ihre irritierende Kraft in der dem, was in modernen Museen zur Schau gestellt wird, er-
Aufreizung erkannt, die aus dem blasphemischen Akt der regt zwar zuerst Zorn und Verachtung, aber schließlich,
Überschreitung des maßregelnden Vernünftigen, aus der was weit schlimmer ist, stumpfe Gleichgültigkeit. Die Sehn-
Besudelung des Wahren, Guten, Schönen entstand. […] Je sucht des Menschen nach dem Vorbildlichen in der Kunst,
wichtiger und achtunggebietender die Verbote, die mißach- das ihn anspornt, über sich selbst hinauszustreben, findet
tet werden, desto größer das Verbrechen – und desto grö- keine Erfüllung. Im schneidenden Gegensatz zur vorgebli-
ßer die Wollust, die hieraus entsteht.” chen Demokratisierung aller Lebensbereiche betreibt man
Als Motto für seine These “Ohne Wahn-Sinn keine Kultur” Kulturpolitik gegen das Volk und errichtet damit die rück-
hatte Peter K. Schneider eine Erklärung von Rainer Strobl sichtslose Diktatur dümmlicher und gemeiner Provokati-
anläßlich der Wiener Ausstellung Kunst und Wahn (1997) on.”
vorangestellt:19 Machen wir uns klar, worin der Wille zum Häßlichen, Zerris-
“Schizophrene sind durch das intuitive Erfassen von Ge- senen, Bruchstückhaften, Unfertigen und Niedrigen seinen
samtzusammenhängen gesunden Menschen gegenüber da- Ursprung hat. In seinem unnachahmlichen Jargon wies der
hingehend überlegen, daß sie durch den Sog der Details Philosoph Ernst Bloch den Weg:24
ihr Wahrnehmungsfeld ausweiten. Sie haben dadurch eine “Und sucht man den ideologisch durchaus fortwirkenden
‘seismographische’ Empfindlichkeit und eine nahezu pro- Grund für solch inneren Bildersturm in der groß vollende-
phetische Weitsicht. ten Kunst und gerade in ihr, so liegt er im Weg- und Pro-
Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, daß zeßpathos, im eschatologischen Gewissen, das durch die
Schizophrene mehr in den Bereich des Möglichen einbe- Bibel in die Welt kam. Die Totalität ist in der Religion des
ziehen als Gesunde. Daraus folgt die Nähe zu Grenzüber- Exodus und des Reichs einzig eine total verwandelnde und
schreitungen. Sie kann als Motor ungewöhnlicher Phanta- sprengende, eine utopische; und vor dieser Totalität er-

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scheint dann nicht nur unser Wissen, sondern auch das ge- Theorie führten – eine positive Wechselwirkung zwischen
samte bisherige Gewordensein, worauf unser Gewissen Ästhetik und Logik her, wenn er feststellt:31
sich bezieht, als Stückwerk. Als Stückwerk oder objektives “daß ästhetische Kriterien beim Bilden unserer Urteile
Fragment gerade auch im produktivsten Sinn, nicht nur in enorm wertvoll sind. In der Kunst stehen ästhetische Krite-
dem der kreatürlichen Begrenztheit, gar der Resignation. rien wohl an erster Stelle. Die Ästhetik ist ein kompliziertes
Das ‘Siehe, ich mache alles neu’, im Sinn der apokalypti- Gebiet, und manche Philosophen haben seiner Untersu-
schen Sprengung, steht darüber und influenziert alle große chung ihr Leben gewidmet. Man könnte die Meinung ver-
Kunst mit dem Geist, nach dem Dürer sein gotisches Ge- treten, solche Kriterien seien für die Mathematik und die
bilde Apocalypsis cum figuris benannt hat. Der Mensch ist Naturwissenschaften nebensächlich, und das Kriterium der
noch undicht, der Gang der Welt ist noch unbeschlossen, Wahrheit überrage sie alle weit an Bedeutung. Doch mir
ungeschlossen, und so ist es auch die Tiefe in jeder ästheti- scheint es unmöglich, das eine vom anderen zu trennen,
schen Information: dieses Utopische ist das Paradox in der wenn man die Probleme von Inspiration und Erkenntnis
ästhetischen Immanenz, das ihr selber am gründlichsten betrachtet. Ich habe den Eindruck, daß die starke Über-
immanente. Ohne solche Potenz zum Fragment hätte die zeugung von der Gültigkeit einer blitzartigen Inspiration
ästhetische Phantasie zwar Anschauung in der Welt genug, (die zwar, wie ich hinzufügen sollte, nicht hundertprozentig
mehr als jede andere menschliche Apperzeption, aber sie zuverlässig ist, aber zumindest weitaus zuverlässiger als
hätte letzthin kein Korrelat. Denn die Welt selber, wie sie bloßer Zufall) sehr eng an ihre ästhetischen Eigenschaften
im Argen liegt, so liegt sie in Unfertigkeit und im Experi- gebunden ist. Eine schöne Idee ist mit viel höherer Wahr-
ment-Prozeß aus dem Argen heraus.” scheinlichkeit korrekt als eine häßliche. Zumindest ist dies
So wurde Bloch den Studenten von 1968 zu ihrem liebsten meine Erfahrung, und von anderen sind die gleichen Ge-
Erzähler jener Märchen, in denen sich aus jedem “Es war fühle ausgedrückt worden.”
einmal” ein “So wird’s kommen” heraushören ließ.25 Er fei- “Manche, wie zum Beispiel Albert Einstein, empfinden Ab-
erte “Lenin als Cäsar und machte über Jahrzehnte jede Wen- scheu vor Theorien, die ihren metaphysischen Überzeu-
dung der Moskauer Politik mit. Auch Stalin feierte er, als gungen widersprechen.”32
man es längst besser wissen konnte, in Hymnen und deutete, Hier ist also die Logik nicht mit der Ästhetik sondern mit der
gleichsam den kategorischen Revolver in der Hand, die Mos- Ethik verknüpft. Daß es sich bei der jüdischen Ethik um et-
kauer Prozesse als Schrittmacher in eine schönere Zukunft.” was ganz anderes handelt als bei der nichtjüdischen, steht auf
Dynamit pries er als “Himmelsschlüsselblume”, wie Joachim einem anderen Blatt.
Fest feststellte.26 Nietzsche hatte für die Einheit des Schönen, des Wahren und
Über Bloch, der übrigens einmal vorschlug, dem Nationalso- des Guten offenbar wenig übrig, als er 1888 schrieb:33
zialismus eine jüdische Rassenideologie entgegenzusetzen, “An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit zu sa-
schrieb Spiegel-Chef Rudolf Augstein:27 gen: das Gute und das Schöne sind Eins: fügt er gar noch
“Messianismus war der Inhalt allen Denkens und Dich- hinzu ‘auch das Wahre’, so soll man ihn prügeln. Die
tens, dessen Bloch fähig war. Marxist war er, insofern Wahrheit ist häßlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht
auch Marx messianisch dachte, wie die Propheten des Al- an der Wahrheit zu Grunde gehn.”
ten Testaments.” Zur “Rechtfertigung des Häßlichen in urchristlicher Traditi-
Martin Hielscher schreibt in LiLi:28 on” bezog sich der gelernte Rabbiner und Religionsphilosoph
“Seit mehr als zweihundert Jahren wird die deutsche Men- Jacob Taubes auf Nietzsches Anmerkungen im Antichrist,
talität von der Ästhetik einer gesellschaftsfeindlichen, zur Kapitel 45 und 51:34
Ironie, zum Spiel, zur Lust, zur Maskerade, zur Erotik und “Als locus classicus bezeichnet er I. Korintherbrief, 1,20ff.,
einer antihierarchischen Daseinsfreude unfähigen Weltan- ein Zeugnis allerersten Rangen für die Psychologie jeder
schauung heimgesucht, und in immer neuen Schüben ver- Tschandala-Moral. In diesem Text wird zum ersten Mal
sucht sich eine andere Mentalität dagegen durchzusetzen.” der Gegensatz einer vornehmen und einer aus ressentiment
Gegen die Flucht ins “Labyrinth der Selbstverwirklichung” und ohnmächtiger Rache geborenen Tschandala-Moral
predigt der Medienphilosoph Norbert Bolz; Sinnfragen er- ans Licht gestellt. Nicht nur die religiösen und ethischen
klärt er schlicht für überholt. Die Authentitziätshuber hält er Werte der Antike verneint Paulus, die Schönheit vor allem
für die Faulen:29 tat ihm in Ohren und Augen weh.” (Herv. hinzugefügt)
“Wer im Handgemenge mit der Welt liegt, will nicht ‘er- Deutschlands beliebtester Humorist, Ephraim Kishon, eigent-
löst’ werden – er hat zu tun.” lich Ferenc Hoffmann, 1924 in Budapest geboren, ist ein Ru-
fer in der Wüste, was die Ästhetik anbetrifft; immerhin ist er
Ethik – Logik – Ästhetik gelernter Kunsthistoriker:35
Auf der Gratwanderung zwischen dem Bestreben, das Wesen “Die moderne Kunst ist ein Welt-Bluff, die größte Betrüge-
des Judentums zu ergründen und der Falle des “Antisemitis- rei, die es je gab. Ein Jahrhundert lang dauert’s schon,
mus” zu entgehen, lesen wir bei Jakob Fromer, alias Elias Ja- und niemand sagt ein Wort – wagt ein Wort zu sagen –,
kob:30 weil der ist sofort von der Kunstmafia in den Massenmedi-
“Die Grundidee oder das Wesen des Judentums besteht in en erledigt. Ich habe den Drang gefühlt, die Wahrheit zu
dem Streben, die Alleinherrschaft der Ethik zu begründen sagen, einfach die Wahrheit: nicht beinahe die Wahrheit,
und die Logik und die Ästhetik, sofern sie nicht ethischen sondern die volle Wahrheit. Und weil ich selbst Kunsthi-
Zwecken dienen, rücksichtslos zu bekämpfen.” (Herv. hin- storiker bin, hab’ ich es nicht nur sarkastisch gemacht,
zugefügt) sondern auch als ein Fachmann. Meine Meinung ist abso-
Demgegenüber stellt Roger Penrose – zwischen 1967 und lut und total, wie soll ich sagen: mörderisch.[…] Meine
1970 hatte er zusammen mit Stephen W. Hawking die soge- Generation ist aufgewachsen in einer ästhetischen Welt, es
nannten Singularitätstheoreme entwickelt, die zur Urknall- war die schöne Kunst. Deswegen können wir es nicht er-

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tragen, daß die Schönheit boykottiert ist. In der heutigen “Durch die Tendenz, Übergänge zu verwischen, mit dem
Kunst sind Häßlichkeit und Unverständlichkeit und An- nivellierenden Gleichmachereffekt, wurde Außenseitertum
omalien geschätzt und geduldet. Heutzutage kann – zum modern, ‘out’ wurde ‘in’, und man konnte sich vor Anfor-
Beispiel in Düsseldorf, einer der größten Ausstellungen der derungen, ‘Irrenkunst’ zu vermarkten, nicht retten.”
Welt – ein normaler Maler nicht teilnehmen, er wird hin- In der Definition von Leo Navratil nennt er die Merkmale
ausgeworfen und verjagt. Es gelten nur Schrott und ekel- schizophrenen Gestaltens: 1) Physiognomisierung, d.h. den
hafte Schmiererei – ich muß sagen, wenn man dort spaziert Gegenständen ein Gesicht verleihen, sie vermenschlichen; 2)
und es sich anschaut, hat man das Gefühl: Entweder ich Deformierendes Gestalten; 3) Formalisierende Ordnungsten-
bin nicht normal oder die Welt. […] Über alles macht man denz, z.B. stereotype Wiederholung des Gleichen.38 Inzwi-
Umfragen. Aber über die moderne Kunst wird nie eine schen ist in Heidelberg ein Prinzhorn-Museum eröffnet wor-
Umfrage gemacht, weil sie wissen die Antwort: 99%: Es den. Karin Leydecker berichtet von der Eröffnung:39
ekelt mich, häßlich und so weiter. Also fragt man nicht. Al- “Es ist wie der Gang durch ein Spiegelkabinett der aktuel-
le Museen, alle Galerien und Privathäuser sind voll mit len Kunstströmungen – und doch: Es sind Bilder von
diesem modernsten Schrott – aber im Wert von Milliarden Kranken, die mit ihrem Malen, Schreiben und Modellieren
Dollar. Also sind sie nicht bereit zuzugeben: Ich habe mein Gegenfeuer anzündeten, um das Feuer der Seele einzu-
Museum gefüllt mit Schrott. Sie müssen sagen: Nein, das dämmen. […] Da ist atemlose Not, Aggression und Flucht
ist die größte Kunst. Sie müssen kämpfen dafür. Deswegen: in den Wahn als Überlebensstrategie.” (Herv. hinzugefügt)
Ich bin ein Todfeind von dieser Kunst.” Bei Lange-Eichbaum lesen wir:40
Wenn er nur jedem Schwindel mit soviel Witz zuleibe rück- “Der Kranke stellt nicht für andere dar, sondern seine Ge-
te! Aber da ist nichts zu machen:36 staltung ist der Abglanz eines ‘grauenhaften Solipsismus.’”
“Ich bin Jude, nationalistisch, extremistisch, chauvini- André Breton, der Theoretiker der Surrealisten, hatte ur-
stisch, militaristisch. Und wem das nicht gefällt, der sprünglich Medizin studiert und während des Ersten Welt-
braucht meine Bücher nicht zu lesen. – Unsere Frechhei- krieges in psychiatrischen Krankenhäusern gearbeitet. Sein
ten? Wir haben keine andere Wahl, denn wir sind zum To- Interesse für menschliche Grenzsituationen und das Unbe-
de verurteilt. Wenn uns die Araber vernichtet haben, wird wußte gaben ihm wesentliche Impulse für deren Erforschung
man vor ihren Botschaften demonstrieren. Das wird alles mit künstlerischen Mitteln. Am nachdrücklichsten hat sich
sein! Die Regierungen sollen uns nicht gute Ratschläge ge- dann nach 1945 Jean Dubuffet (1901-1985) mit seinem Kon-
ben, sondern Kanonenboote. Wer antiisraelisch eingestellt zept der “Art brut” (brut = roh, rudimentär, unverfälscht) für
ist, ist ein Antisemit! Das ist der alte zweitausendjährige Patientenbilder eingesetzt. Herkömmliche Kunst galt ihm als
Schlüssel.” ein “wertloses Gesellschaftsspiel”.41
Der Maler Klaus Fußmann sinniert:37 “Der schöpferische Impuls für alle meine Arbeiten […] ist in
“Heute ist alles verbraucht, nur noch ein Name steht zum meiner Kindheit zu suchen.” bekannte Louise Josephine
Verkauf. Es zeigt sich jetzt, daß die Kunst auch ihren eige- Bourgeois. Diese Kindheit aber war von Einsamkeit, Ängsten
nen Untergang betreiben kann: Die Kunst verbraucht jetzt und Depressionen geprägt. Sie schätzt die Malerei Francis
sogar ihre Grundlage, die Ästhetik. In kalter, stiller Wut Bacons. Diese Kunst, schreibt sie, sei eine Reise ins Innere,
zerstören die zornigen Künstler die Ästhetik. Die Schönheit ein gemalter Adrenalinstoß im Nervensystem, der die Obses-
in der Kunst ist der einzige Widerstand, der noch übrig ist. sionen, Wut und Begierden freisetze: “Sein Leiden war
Häßlich ist schön. Gewalt und Ekel feiern Triumphe. Zy- kommunikativ. Das ist etwas, das ich mit ihm gemein habe.”
nismus gilt als geistreich.” “Wir werden Künstler, weil wir nicht erwachsen werden
“Ein jeder weiß heute, daß es nicht lohnt, sich mit der mo- können” sagt die inzwischen Neunzigjährige und bleibt dem
dernen Kunst und erst recht nicht mit der Kunstpolitik an- Stil der perspektivlosen Kinderzeichnung treu. Im übrigen
zulegen. Man begegnet sich freundlich, findet im Grunde hat Frau Bourgeois ihr eigenes Dekonstruktions-Prinzip (da-
alles und jedes diskutierbar und ist im übrigen auf seinen zu auch mein Aufsatz über den Dekonstruktivismus) entwik-
eignen Vorteil bedacht.” (Ebd., S. 81) kelt; es lautet: “I do, I undo, I redo”, d.h. frohgemutes Begin-
“[…] und wenn wir das Ganze jetzt […] am Ende der Mo- nen, depressives Zerstören, versöhnendes Wiedergestalten;
derne übersehen, so waren die hundert Jahre der Moderne die ewige Tretmühle aller schöpferisch Tätigen, wie sie
eigentlich immer ein Kampf gegen die Realität. Auch diese meint.42 Es ist also eine aus krankhaftem Katastrophenbe-
Auseinandersetzung ist längst entschieden, es gibt keine wußtsein entsprungene Kunst.
Realität mehr in der Kunst. Es ist jetzt alles gleich-wertig. Peter Sichrovsky klagt:43
[…] Ich glaube, mehr oder weniger haben wir uns alle “Wer sich einmal die Mühe macht, die bei den verschiede-
eingesehen ins nachmoderne Tohuwabohu, das wir zwar nen staatlichen Stellen eingereichten kulturellen Projekte
nicht verstehen, das wir aber doch anfangen zu tolerieren. genauer zu betrachten, der hat Glück, wenn ihm danach
Man arrangiert sich. Hin und wieder findet man etwas er- nicht schlecht wird. In der Hoffnung, daß das schlechte
träglich, das meiste ist natürlich Stumpfsinn.” (Ebd., S. Gewissen den beamteten Geldverteiler dazu zwingt, ein
101. Herv. hinzugefügt) Ansuchen nicht abzulehnen, beschäftigt sich ein Großteil
So lassen sich unsere Fachleute in Sachen Kunst und Ästhetik der eingereichten künstlerischen Projekte in Deutschland
nicht weiter beirren; zuviel ist schon in die falsche Sache inve- und Österreich mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust
stiert worden, als daß man so ohne weiteres zurück könnte. und dem Neofaschismus.”
Dr. med. Dr. phil. Manfred in der Beeck, 1980 leitender Arzt Während man Kishon in Sachen Kunst nicht recht ernst
im Landeskrankenhaus Schleswig, schrieb anläßlich einer nimmt, hat sich Hans Jürgen Syberberg mit seiner Kulturkri-
Wanderausstellung der Prinzhorn-Sammlung, einer Samm- tik völlig ins Abseits manövriert:44
lung von Zeichnungen, Bildern und Plastiken schizophrener “Die Ästhetik des Kleinen, Schmutzigen, Kranken […]:
Patienten: Das auffälligste Kriterium der heutigen Kunst ist die Be-

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vorzugung des Kleinen, Niedrigen, der Verkrüppelung, des nunft, ich opfere Dich dem Abendwind, Du nennst Dich
Kranken, des Schmutzes vor dem Glanz; des Unten, als Sprache der Ordnung?” dichtet der afrikanische Intellektuelle
Strategie von unten mit dem Lob der Feigheit, des Verrats, Aimé Césaire in der Diaspora und fährt programmatisch
der Verbrecher, der Huren, des Hasses, der Häßlichkeit, fort:49
der Lüge und Verbrechen, von Unnatürlichkeit, Vulgarität “Wir berufen uns auf die Dementia praecox, den blühen-
usw.” den Unsinn, den hartnäckigen Kannibalismus.”
Der bekannte Literaturwissenschaftler George Steiner berich- “Europäischen Defiziten an Sonne, Luft und Bewegung
tet:45 schien Afrika mit dem Wunschbild tanzender Halbnackter
“Die Gegenkultur ist sich genau darüber im klaren, wo sie mit kräftigem Körperbau Abhilfe zu bieten. Auf die Kunst
mit ihrem Zerstörungswerk anzusetzen hat. Das grelle Illi- übertragen, erstand daraus das verzerrte Bild eines Ex-
teratentum allen Mauergekritzels, das hartnäckige Schwei- pressionismus, der aus nie versiegenden Quellen der Vita-
gen des Jugendlichen, das Nonsense-Geschrei der Bühnen- lität schöpft, oder die verkürzte Vorstellung von Trommeln,
Happenings – sie alle sind Teil einer resoluten Strategie. Tanz und Maske.”50
Der Aufrührer und der Freak-out haben das Gespräch mit Hilton Kramer beklagte sich einmal in der New York Times:51
einem kulturellen System abgebrochen, das sie verachten “Dem Realismus fehlt es nicht an Anhängern, aber woran
als einen grausamen, antiquierten Betrug. Sie wollen kein es ihm auffällig fehlt, ist eine einleuchtende Theorie. Und
Wort mehr wechseln mit dergleichen.” wie die Verhältnisse bei unserem intellektuellen Umgang
Wer heute aus dem Fenster sehe, stoße auf “Klo-Kultur”, mit Kunstwerken nun einmal liegen, ist das Fehlen einer
meinte er auf einem kulturkritischen Vortrag in Berlin, den er einleuchtenden Theorie ein entscheidender Mangel – er
mit der Feststellung eröffnete, daß eine Reihe der berüchtig- versagt uns die Mittel zum Brückenschlag von dem Erleb-
sten Sprachkritiker wie Hofmannsthal, Karl Kraus, Fritz nis einzelner Werke zu unserem Verständnis der in ihnen
Mauthner oder Ludwig Wittgenstein das kommende Zivilisa- ausgedrückten Werte.”
tionsunheil vorausgeahnt und es zugleich mit scharfer Zunge Da sich Hitler, der sich vor dem Ersten Weltkrieg immerhin
selbst herbeigeführt hätte.46 selbst als Kunstmaler bezeichnete, in seinem Kunstverständ-
Wilfried Wiegand, Kulturkorrespondent der FAZ und wie nis nie von dem an dem Aquarellisten Rudolf von Alt (1812-
Kishon Kunsthistoriker, schrieb einmal:47 1905) geschulten Realismus entfernte,52 gilt nun seit 1945 der
“Die große Konfrontation der afrikanischen und ozeani- Realismus gewissermaßen als Synonym für Nationalsozia-
schen mit der abendländischen Kunst steht noch aus, und lismus. Ludwig Pesch beklagte bereits 1962:53
je mehr wir über die Stammeskunst lernen, desto ungünsti- “Da moderne Kunst im Dritten Reich bekanntlich verfolgt
ger sieht der Vergleich für unsere Kunst aus, zumindest für wurde, so haben gewisse Leute, übereifrige ‘Avantgardi-
die des zwanzigsten Jahrhunderts. Wird der große Brancu- sten’ und ‘terribles simplificateurs’, daraus den Schluß ge-
si, wenn es eines Tages zum ästhetischen Showdown zogen, daß ein Faschist sein müsse, wer gegen moderne
kommt, standhalten können neben den Schönsten afrikani- Kunst etwas zu sagen wage. Da niemand mehr Faschist
schen Plastiken? Afrika, vielzitierte ‘Wiege der Mensch- sein möchte, tatsächlich auch niemand – oder fast niemand
heit’, ist auch die Wiege unseres Schönheitssinns.” – noch einer ist, daher auch niemand in den Geruch kom-
Ein unbekannter Witzbold reimte dazu: men möchte, er sei vielleicht einer, so hat sich in der west-
“Wer lange Schönes muß entbehren, / Wird eine Negerpla- deut