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Martin Trebsdorf

Biologie
Anatomie
Ph y siologie
Lehrbuch und Atlas
Der Autor hat alle Anstrengungen unternommen, um sicherzustellen, dass etwaige Auswahl und Dosierungsanga-
ben von Medikamenten im vorliegenden Text mit den aktuellen Vorschriften und der Praxis übereinstimmen.
Trotzdem muss der Leser im Hinblick auf den Stand der Forschung und mit Blick auf die Änderung staatlicher
Gesetzgebungen, mit dem ununterbrochenen Strom neuer Erkenntnisse bezüglich Medikamentenwirkung und
Nebenwirkungen unbedingt bei jedem Medikament den Packungsprospekt konsultieren, um mögliche Ände-
rungen im Hinblick auf Indikation und Dosis nicht zu übersehen.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt
auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen-
und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürfen.

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Autor:
Dr. päd. Martin Trebsdorf
Illustrationsideen und Beratung:
Dipl.-Med. päd. Paul Gebhardt
Zeichnungen:
Sylvana Bardl, Halle
Mark Bitter, Hamburg
Andreas Busse, Suderburg
Steffen Faust, Berlin
Gerhard Schäfer, Bad Bevensen
Layout und Satz:
GS Werbeagentur, Bad Bevensen

Lektorat:
Karin Schanzenbach, Hamburg
Rüdiger Mackenthun, Suderburg

ISBN 3-928537-30-X
7. Auflage 2002
© 1993 by Lau-Verlag GmbH, Reinbek
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany
Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Papier
Vorwort 3

Das völlig neue „Gesicht“ der 4. Auflage hat sowohl bei Schülern als auch bei Lehrern großen
Anklang gefunden, nicht zuletzt weil das bewährte inhaltliche und didaktische Grundkonzept
beibehalten wurde. Das hat uns bewogen, auch die 5. Auflage weiter zu verbessern, was durch viele
neu gestaltete Zeichnungen sichtbar wird.

Bei der Arbeit mit dem Buch ist es deshalb von großer Bedeutung, stets den Text in engster
Verbindung mit den in unmittelbarer Nähe befindlichen Abbildungen und Tabellen zu studieren.
Gerade durch diese enge Nachbarschaft von Text und Bild – lesen und sogleich sehen – hebt sich die-
ses Lehrbuch unmissverständlich von allen anderen ab, zum Vorteil von Lernenden und Lehrenden.
Aufgrund dieser Tatsache war es auch möglich, einfache oder bereits bekannte Sachverhalte, wie
zum Beispiel makroskopische Strukturen, „nur“ aufzuzählen, um dadurch das umfangreiche anato-
mische und physiologische Wissen gerafft wiedergeben zu können.

Das Studieren wird durch den streng logischen Aufbau und eine übersichtliche Anordnung des Stoffes
erleichtert. In Merksätzen wird das Wichtigste immer wieder präzise zusammengefasst.
Wiederholungsfragen am Ende der Kapitel helfen, den Lerneffekt zu überprüfen. Hilfreich dabei ist
auch das umfangreiche Stichwortregister.

Darüber hinaus bietet die neugeschaffene, extra zu diesem Buch konzipierte CD-Rom die
Möglichkeit, mit Hilfe neuer Technik die Inhalte noch präziser anschaulich aufnehmen und erarbei-
ten zu können.

Reinbek, im Juni 2002 Martin Trebsdorf

Die positiven Resonanzen haben uns bewogen, das Konzept unverändert zu lassen. Mit der vorlie-
genden 6. Auflage zählt das Werk im Bereich „Biologie, Anatomie, Physiologie“ bereits zu den
erfolgreichsten Titeln in der Ausbildung der pflegerischen und medizinischen Berufe, was auch auf
die vielen Anregungen von Dozentinnen und Dozenten sowie den Auszubildenden selber zurückzu-
führen ist. Hierfür möchten wir uns bedanken, weil ein gutes und erfolgreiches Buch nur dann Ihren
Ansprüchen gerecht wird, wenn immer wieder Hinweise und Tipps aus der täglichen Praxis berück-
sichtigt werden.

Die mitgelieferte CD gehört selbstverständlich weiterhin zur Ausstattung und wird Ihnen ein hilfrei-
cher Begleiter während Ihres beruflichen Werdeganges sein.

Reinbek, im August 2002 Uwe Hamann


Lau-Verlag, Reinbek bei Hamburg
4 Erläuterungen zu den Abkürzungen und Zeichen

Abk. Fachbez. deutsche Bez. Vorsätze vor Maßeinheiten


A. Arteria Arterie Symbol Faktor Beispiele
Aa. Arteriae Arterien
Art. Articulatio Gelenk Kilo k 1000 (103) 1 kg = 1000 g
Artt. Articulationes Gelenke Dezi d 0,1 (10–1) 1 dm = 0,1 m
Col. Columna Säule Zenti c 0,01 (10–2) 1 cm = 0,01 m
Gl. Glandula Drüse Milli m 0,001 (10–3) 1 mm = 0,001 m
Gll. Glandulae Drüsen Mikro µ 0,000001 (10–6) 1 µm = 0,000001 m
Lig. Ligamentum Band Nano n 10–9 1 nm = 0,000000001m
Ligg. Ligamenta Bänder
M. Musculus Muskel Chemische Elemente
Mm. Musculi Muskeln Element Symbol
N. Nervus Nerv Calcium Ca
Nn. Nervi Nerven Chlor Cl
Proc. Processus Fortsatz Eisen Fe
R. Ramus Zweig, Ast Fluor F
V. Vena Vene Iod I
Vv. Venae Venen Kohlenstoff C
Magnesium Mg
Sonstige Abkürzungen Natrium Na
ADH antidiuretisches Hormon Sauerstoff O
ADP Adenosindiphosphat Stickstoff N
AMP Adenosinmonophosphat Zink Zn
ATP Adenosintriphosphat
BPH benigne Prostatahyperplasie
Chemische Verbindungen
Element Symbol
dB Dezibel (Pegelmaß)
EEG Elektroenzephalogramm, -graphie Kohlendioxid CO2
EPS extrapyramidal-motorisches System Kohlensäure H2CO3
EZF extrazelluläre Flüssigkeit Salzsäure HCl
EZR extrazellulärer Raum Wasser H2O
HCG Choriongonadotropin
HMV Herzminutenvolumen Funktionelle Gruppen
HPL human placento lactogen (Plazentalaktogen) Element Symbol
IgG Immunglobulin G Aminogruppe NH2
IZF intrazelluläre Flüssigkeit Carboxylgruppe COOH
IZR intrazellulärer Raum Hydroxylgruppe OH
NNM Nebennierenmark Phosphatgruppe PO4
NNR Nebennierenrinde Sulfatgruppe SO4
PNS peripheres Nervensystem
R Molekülrest
ZNS Zentralnervensystem Besonders hervorgehoben sind einzelne Passagen
mit folgenden Markierungen:

Maßeinheiten Merke
µs Mikrosekunde (0,000 001 s)
ms Millisekunde (0,001 s) Diese Merkesätze enthalten wichtige ergän-
µg Mikrogramm (0,000 001 g) zende oder zusammenfassende Informa-
mg Milligramm (0,001 g) tionen der vorangegangenen Inhalte.
µm Mikrometer (0,000 001 m)
nm Nanometer (0,000 000 001 m)
µl
nl
Mikroliter (0,000 001 l)
Nanoliter (0,000 000 001 l)

P Die nachfolgenden Informationen stellen
Pa Pascal (0,0075 mmHg) einen Praxisbezug dar.
mmHg Millimeter Quecksilbersäule (133 Pa = 1,33 mbar)
mbar Millibar (100 Pa = 0,75 mmHg) Allgemeine Symbole
A Ampère (Stromstärke)

V Volt (Potential) = Erhöhung, Anstieg


Hz Hertz (= 1/s) = Reduzierung, Abfall


mol Mol ✑ = siehe
Inhaltsverzeichnis 5

Vorwort 3

Vv.
Venae Erläuterungen zu den Abkürzungen und Zeichen 4

1 Der menschliche Körper 11


1.1 Inhalt und Aufgaben der Anatomie und Physiologie 11
1.2 Orientierung am Körper 15

2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe 17


2.1 Bau- und Funktionsstoffe des menschlichen Körpers
und ihre biologische Bedeutung 17
2.1.1 Wasser 17
2.1.2 Mineralstoffe 18
2.1.3 Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße 19
2.2 Zellen und ihr umgebendes Milieu 22
2.2.1 Bau und Funktion der Zelle 23
2.2.2 Flüssigkeitsräume des Körpers und Körperflüssigkeiten 28
2.2.3 Das innere Milieu 28
2.2.4 Säure-Basen-Haushalt 29
2.3 Arten des Stofftransports im Organismus 31
2.3.1 Passiver Transport 32
2.3.2 Aktiver Transport 33
2.4 Physiologie des Stoff- und Energiewechsels 35
2.4.1 Stoff- und Energiewechsel 35
2.4.2 Bedeutung energiereicher Phosphatverbindungen
im Stoff- und Energiewechsel 36
2.4.3 Enzyme 37
2.4.4 Stoffumsatz- und Energiefreisetzung 40
2.5 Genetik (Vererbungslehre) 43
2.5.1 Chromosomen 43
2.5.2 Nukleinsäuren als Trägerstoff der Erbinformation 44
2.5.3 Zellteilung 48
2.5.4 Gesetzmäßigkeiten der Vererbung – Mendel’sche Erbregeln 50
2.5.5 Mutationen 54
2.5.6 Modifikationen 56
Fragen zur Wiederholung 57
6 Inhaltsverzeichnis

3 Gewebe 59
3.1 Epithelgewebe (= Epithel) 60
3.2 Binde- und Stützgewebe 62
3.3 Muskelgewebe 68
3.4 Nervengewebe 69
3.4.1 Bau 69
3.4.2 Grundlagen der Erregungsphysiologie 71
Fragen zur Wiederholung 76

4 Hautsystem (Häute und Drüsen) 77


4.1 Äußere Haut 77
4.1.1 Schichten der äußeren Haut 77
4.1.2 Gefäßversorgung 80
4.1.3 Haut als Sinnesorgan 80
4.1.4 Altersveränderung der Haut 82
4.2 Anhangsorgane der Haut 82
4.2.1 Hautdrüsen 82
4.2.2 Haare (Pili) 83
4.2.3 Nägel 85
4.3 Schleimhaut (Tunica mucosa) 85
4.4 Seröse Haut (Tunica serosa) und seröse Höhlen 86
4.5 Drüsen (Überblick) 86
Fragen zur Wiederholung 88

5 Stütz- und Bewegungssystem 89


5.1 Allgemeine Knochenlehre 89
5.1.1 Aufgaben der Knochen 89
5.1.2 Knochentypen 89
5.1.3 Bau eines Knochens 89
5.1.4 Knochenwachstum 90
5.1.5 Knochenverbindungen 91
5.2 Allgemeine Muskellehre 95
5.2.1 Bau und Hilfseinrichtungen des Skelettmuskels 95
5.2.2 Kontraktion des Skelettmuskels 96
5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 104
5.3.1 Wirbelsäule (Columna vertebralis) 104
5.3.2 Brustkorb (Thorax) 109
5.3.3 Schultergürtel und obere Extremität 111
5.3.4 Beckengürtel und untere Extremität 118
5.3.5 Kopf (Caput) 128
Fragen zur Wiederholung 135
Inhaltsverzeichnis 7

6 Leibeswand und Beckenboden 137

6.1 Brustwand 137


6.2 Bauchwand 137
6.3 Leistenregion (Regio inguinalis) 138
6.4 Beckenboden 140
Fragen zur Wiederholung 142

7 Die großen Körperhöhlen 143


7.1 Brusthöhle (Cavitas thoracis) 143
7.2 Bauchhöhle (Cavitas abdominalis) 144
7.2.1 Bauchfell (Peritoneum) 144
7.2.2 Lage der Bauchorgane 146
7.3 Beckenhöhle 148
Fragen zur Wiederholung 148

8 Hals (Collum) 149


8.1 Bau 149
8.2 Leitungsbahnen 149
Fragen zur Wiederholung 152

9 Kreislaufsystem 153
9.1 Aufgaben (Überblick) 153
9.2 Das Blut 153
9.2.1 Blutzellen (Blutkörperchen) 153
9.2.2 Blutplasma 156
9.3 Physiologie des Blutes 156
9.3.1 Transportfunktion 156
9.3.2 Blutstillung (Hämostase) 157
9.3.3 Fibrinolyse 158
9.3.4 Blut und Immunsystem 158
9.3.5 Unspezifische und spezifische humorale und zelluläre
Abwehrmechanismen 165
9.3.6 Verschiedene Immunreaktionen 168
9.3.7 Immunisierung 168
9.3.8 Blutgruppen des Menschen 168
9.4 Das Herz (Cor) 172
9.5 Gefäßsystem 176
9.5.1 Blutgefäßarten 176
9.5.2 Blutkreislauf 178
9.5.3 Lymphgefäßsystem 187
9.6 Physiologie des Kreislaufsystems 189
9.6.1 Erregung des Herzens 189
9.6.2 Mechanik der Herztätigkeit 191
8 Inhaltsverzeichnis

9.6.3 Funktion der Gefäße 196


9.6.4 Regulation des Blutkreislaufes 202
Fragen zur Wiederholung 205

10 Wärmehaushalt 207
10.1 Körpertemperatur des Menschen 207
10.2 Wärmeproduktion und Wärmeabgabe 208
Fragen zur Wiederholung 212

11 Atmungssystem 213
11.1 Gliederung 213
11.2 Bau der Atmungsorgane 213
11.2.1 Nase (Nasus) 213
11.2.2 Rachen (Pharynx) 214
11.2.3 Kehlkopf (Larynx) 216
11.2.4 Luftröhre (Trachea) 219
11.2.5 Lungen (Pulmones) 220
11.2.6 Brustfell (Pleura) 223
11.3 Physiologie der Atmung 224
11.3.1 Atembewegungen 224
11.3.2 Gasaustausch 228
11.3.3 Atemgastransport 229
11.3.4 Regulation der Atmung 230
Fragen zur Wiederholung 232

12 Verdauungssystem 233

12.1 Mundhöhle (Cavum oris) 234


12.1.1 Lippen und Wangen 234
12.1.2 Zähne, Gebiss 234
12.1.3 Zunge (Lingua, Glossa) 237
12.1.4 Gaumen (Palatum) 238
12.1.5 Große Mundspeicheldrüsen 238
12.2 Speiseröhre (Ösophagus) 239
12.3 Magen (Gaster, Ventriculus) 240
12.4 Dünndarm (Intestinum tenue) 242
12.5 Dickdarm (Intestinum crassum) 244
12.6 Leber (Hepar) 246
12.7 Bauchspeicheldrüse (Pankreas) 250
12.8 Physiologie der Verdauung 252
12.8.1 Verdauungsvorgänge in der Mundhöhle 252
12.8.2 Verdauungsvorgänge im Magen 254
12.8.3 Verdauungsvorgänge im Dünndarm 255
12.8.4 Verdauungsvorgänge im Dickdarm 256
12.8.5 Regulation der Verdauung 257
12.8.6 Funktionen der Leber (Überblick) 259
Fragen zur Wiederholung 262
Inhaltsverzeichnis 9

13 Harnsystem, Funktionen der Niere 263

13.1 Niere (Ren, Nephron) 264


13.2 Harnleiter (Ureter) 267
13.3 Harnblase (Vesica urinaria) 268
13.4 Harnröhre (Urethra) 270
13.5 Physiologie der Niere 271
Fragen zur Wiederholung 276

14 Geschlechtssystem (Genitalsystem) 277


14.1 Männliche Geschlechtsorgane 277
14.1.1 Innere männliche Geschlechtsorgane 278
14.1.2 Äußere männliche Geschlechtsorgane 280
14.2 Weibliche Geschlechtsorgane 281
14.2.1 Innere weibliche Geschlechtsorgane 281
14.2.2 Äußere weibliche Geschlechtsorgane 285
14.3 Fortpflanzung und Individualentwicklung des Menschen
bis zur Geburt (Überblick) 286
Fragen zur Wiederholung 294

15 Hormonsystem (Endokrines System) 295


15.1 Regulationsfunktionen der Hormone 295
15.2 Hormongruppen 298
15.2.1 Hormone des Hypothalamus und der Hypophyse 298
15.2.2 Hormone des Hypophysenvorderlappens 299
15.3 Periphere Hormondrüsen, die durch die glandotropen Hormone
gesteuert werden 301
15.3.1 Schilddrüse und die Hormone
Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) 301
15.3.2 Nebennieren und ihre Hormone 302
15.3.3 Keimdrüsen, Sexualhormone
und Menstruationszyklus 304
15.4 Periphere Hormondrüsen, die nicht durch die glandotropen
Hormone gesteuert werden 307
15.4.1 Pankreashormone und Blutzuckerregulation 307
15.4.2 Hormonelle Regulation des Mineralhaushaltes
(Überblick) 308
Fragen zur Wiederholung 310

16 Sinnessystem 311

16.1 Oberflächen- und Tiefensensibilität 312


16.2 Chemische Sinne (Geschmack und Geruch) 313
16.3 Hör- und Gleichgewichtssinn 315
10 Inhaltsverzeichnis

16.3.1 Gleichgewichtssinn 316


16.3.2 Gehörsinn 318
16.3.3 Physiologie des Hörens 319
16.4 Gesichtssinn 321
16.4.1 Bau des Auges 321
16.4.2 Schutz- und Bewegungsapparat des Auges 323
16.4.3 Physiologie des Sehens 326
Fragen zur Wiederholung 330

17 Nervensystem 331
17.1 Gliederung 331
17.2 Rückenmark (Medulla spinalis) 332
17.2.1 Lage und Form 333
17.2.2 Innerer Bau 333
17.2.3 Rückenmarksegmente 335
17.3 Gehirn (Encephalon) 335
17.3.1 Masse, Lage, Form, Gliederung 335
17.3.2 Endhirn (Telencephalon) 335
17.3.3 Zwischenhirn (Diencephalon) 341
17.3.4 Mittelhirn (Mesencephalon) 342
17.3.5 Brücke (Pons) 343
17.3.6 Kleinhirn (Cerebellum) 343
17.3.7 Verlängertes Mark (Medulla oblongata) 344
17.3.8 Netzsubstanz (Formatio reticularis) und aufsteigendes
retikuläres aktivierendes System (ARAS) 344
17.4 Hirnkammern (Ventriculi encephali) 345
17.5 Schutzeinrichtungen des ZNS 345
17.6 Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) 346
17.7 Blutversorgung des Gehirns 348
17.8 Leitungsbahnen des ZNS 349
17.8.1 Sensible aufsteigende Leitungsbahnen 349
17.8.2 Motorische absteigende Leitungsbahnen 350
17.9 Peripheres Nervensystem (PNS) 352
17.9.1 Hirnnerven 353
17.9.2 Rückenmarksnerven (Nn. spinales) 357
17.10 Reflexe 361
17.11 Vegetatives Nervensystem (VNS) 364
17.12 Zusammenwirken der Koordinationssysteme VNS,
animales Nervensystem und Hormonsystem 371
17.13 Wachsein und Schlafen 372
Fragen zur Wiederholung 375

➥ Stichwortverzeichnis 377
11

1 Der menschliche Körper

1.1 Inhalt und Aufgaben der Anatomie und Physiologie ist keine Diagnose
Anatomie und Physiologie (Krankheitsbestimmung) und ohne Diagnose
keine Therapie (Heilverfahren) möglich.
Die genaue Kenntnis des gesunden menschli-
chen Körpers ist eine unabdingbare Vorausset- Anatomische und physiologische Kenntnisse
zung, um pathologische (krankhafte) Verände- sind die erste Voraussetzung für alle Pflege- und
rungen festzustellen. Ohne die Kenntnisse der Gesundheitsfachberufe.

Kopf
(Caput)

Hals
(Collum)

Rumpf
(Truncus)

obere Extremität
(Membrum superius)

Bauch
(Abdomen)

Becken
(Pelvis)

untere Extremität
(Membrum inferius)

Körperbau von Mann und Frau. Abb. 1.1


12 1 Der menschliche Körper

Der Mensch gehört als biologische Art zur röhre (vorn),


Klasse der Säugetiere, von denen er sich aller- • den Anfangsteil der Speiseröhre (hinter der
dings in einigen Merkmalen deutlich unter- Luftröhre und vor der Halswirbelsäule) sowie
scheidet. • Blutgefäße und Nerven, welche zwischen
Dies sind Brusthöhle und Kopf seitlich verlaufen;
– die spärliche Körperbehaarung, – Rumpf (Truncus), der aus der Wirbelsäule, dem
– der aufrechte Gang, Brustkorb und dem Beckengürtel besteht. In
– der Gebrauch der Hände und ihm eingebettet sind die Brusthöhle (Cavitas
– das stark entwickelte Endhirn (Großhirn), thoracis), die Bauchhöhle (Cavitas abdominalis)
welches solche herausragenden Leistungen und der Beckenraum (Regio pelvis), in denen
wie das Denken und Sprechen ermöglicht. viele Organe geschützt untergebracht sind;
Betrachten wir also unseren komplizierten und – obere Extremität (Membrum superius), die
zugleich interessanten menschlichen Körper durch den Schultergürtel mit dem Rumpf
näher. An erster Stelle wenden wir uns zunächst beweglich verbunden ist und sich unterglie-
der äußeren Körpergestalt zu (✑ Abb. 1.1). dert in
• Oberarm (Brachium),
Gliederung des menschlichen Körpers • Unterarm (Antebrachium) und
Der menschliche Körper gliedert sich in • Hand (Manus);
– Kopf (Caput), in dem sich das Gehirn, wichtige – untere Extremität (Membrum inferius), die
Sinnesorgane sowie die Anfangsorgane des durch den Beckengürtel mit dem Rumpf beweg-
Verdauungs- und Atmungstraktes befinden; lich verbunden ist und sich unterteilt in
– Hals (Collum). Er enthält als Verbindungsteil • Oberschenkel (Femur),
zwischen Kopf und Rumpf: • Unterschenkel (Crus) und
• den Kehlkopf und den Anfangsteil der Luft- • Fuß (Pes).

Tab. 1.1 Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Körper.


Unterschiede Körper der Frau Körper des Mannes
Körpergröße kleiner größer
Knochen und schwächer stärker
Muskeln
Körperform abgerundet wegen des stärker aus- weniger abgerundet wegen des dün-
gebildeten Unterhautfettgewebes (be- neren Unterhautfettgewebes, dafür
sonders an Brust, Gesäß und Hüften) treten die oberflächlichen Muskeln
deutlicher hervor
Kopf kleiner, Kiefer und Kaumuskeln größer, stärkere Ausprägung von Ober-
schwächer und Unterkiefer und der Kaumuskulatur
Hals zierlicher, Kehlkopf kleiner, dicker, Kehlkopf größer, deutlich hervor-
Schildknorpel (Adamsapfel) kaum tretender Adamsapfel
vorgewölbt
Schultern stärker abgerundet, leicht abfallend, breiter und kantiger
schmaler
Brustkorb enger, kürzer weiter, länger
Rumpf länger kürzer
Becken breiter schmaler
Beine kürzer, rundlicher, zierlichere länger, oberflächliche Muskeln sind
Fußgelenke deutlicher zu erkennen
Behaarung schwächer stärker; Bartwuchs
Schambehaarung obere Grenze horizontal spitzförmig zum Nabel laufend
1.1 Inhalt und Aufgaben der Anatomie und Physiologie 13

Unterschiede von Mensch zu Mensch Veränderungen der Körpergestalt und


Bereits im Kindesalter erkennen wir, dass jeder Körperproportionen
Mensch eine Reihe äußerer Merkmale besitzt, Nach der Geburt erfolgt das Wachstum des Men-
die ihn deutlich von allen anderen Menschen schen diskontinuierlich und proportional ver-
unterscheiden (Ausnahme eineiige Zwillinge). schieden, was bei einem Vergleich zwischen Neu-
Dazu gehören z. B. geborenem, 6jährigem Kind und Erwachsenen
• Konstitution, • Körpermasse, deutlich zu erkennen ist (✑ Abb. 1.2).
• Körpergröße, • Muskelkraft, Beim Neugeborenen sind Kopf und Rumpf
• Haut- und Haartyp, • Nasen- und Lippenform, relativ groß, Hals und Beine dagegen kurz. Sehr
• Hautleistenmuster, • Verhaltenseigenschaften, gut erkennt man diese Proportionsveränderun-
• Widerstandsfähigkeit gen am Kopf. Während beim Neugeborenen die
gegen Krankheiten Kopflänge 1/4 der Körperlänge ausmacht, sind es
und v. a. m. beim Erwachsenen nur noch 1/8. Der Rumpf ist
Aufgrund der unterschiedlichen biologischen Funk- im Vergleich zu den Extremitäten beim Neuge-
tionen treten deutliche Unterschiede zwischen borenen wesentlich größer. Beim Neugeborenen
weiblichem und männlichem Körper zutage, die in liegt der Nabel, beim Erwachsenen die Sym-
der Tabelle 1.1 gegenübergestellt sind. physe (Schambeinfuge) etwa in der Körpermitte.
Die Brustwirbelsäule des Neugeborenen ist nur

P Die geschlechtsspezifischen Unterschiede leicht nach vorn gekrümmt. Erst mit dem
sind genetisch festgelegt und werden maßgeb- Laufenlernen und dem damit verbundenen auf-
lich durch die Wirkung verschiedener Hormone rechten Gang bilden sich beim Kind die typi-
(auch durch künstliche Hormongaben) beein- schen Krümmungen heraus (✑ S. 104, Kap.
flusst. 5.3). Das diskontinuierliche Wachstum des
menschlichen Körpers zeigt sich sowohl im

1/4

1/4

... der
gesamten
Körpergröße

1/4

1/4

Neugeborenes 6-jähriger Erwachsener

Veränderungen der Proportionen durch Wachstum. Abb. 1.2


14 1 Der menschliche Körper

Längen- als auch im Breitenwachstum. So ist im 3. Embryologie (Lehre von der Embryonalent-
1. und 5. bis 7. Lebensjahr sowie während der wicklung): Dieses Teilgebiet befasst sich mit
Pubertät ein verstärktes Längenwachstum, der Entwicklung des Menschen von der be-
dazwischen und nach der Pubertät ein erhöhtes fruchteten Eizelle bis zur Geburt.
Breitenwachstum zu beobachten.
4. Systematische Anatomie: Sie bietet eine Ein-
Im 5. bis 7. Lebensjahr verändert sich der füllige teilung nach gleichen Funktionen. Auf diese
Kleinkindtyp durch stärkeres Wachstum der Weise wird eine Vereinfachung und bessere
Gliedmaßen, Vergrößerung des Kauapparates, Übersicht des menschlichen Körpers erreicht.
Abnahme des Unterhautfettgewebes und Abfla-
chung des Rumpfquerschnittes in den typischen Das Lehrbuch orientiert sich deshalb an der
Schulkindtyp. Diese Körperformveränderungen systematischen Anatomie und behandelt fol-
werden als 1. Gestaltenwandel bezeichnet. Der gende Organsysteme:
2. Gestaltenwandel vollzieht sich während der • Hautsystem (Häute und Drüsen),
Pubertät und führt zu den endgültigen Körper- • Stütz- und Bewegungssystem,
proportionen des Erwachsenen. In dieser Phase • Kreislaufsystem,
werden auch die Geschlechtsorgane funktions- • Atmungssystem,
tüchtig, und es kommt zur Ausprägung der • Verdauungssystem,
sekundären Geschlechtsmerkmale. • Harnsystem,
• Geschlechtssystem,
Die Regulation des Wachstums erfolgt durch das • Hormonsystem,
Erbgut, das Hormon- und das Nervensystem • Sinnessystem,
sowie durch Umweltfaktoren wie Ernährung u.a. • Nervensystem.

Inhalte des Lehrgebietes Biologie, Anatomie 5. Topographische Anatomie: Sie beschäftigt


und Physiologie sich mit der Lagebeschreibung der Organe.
Im Mittelpunkt des Lehrgebietes steht die Betrach-
tung des Baus von Zellen, Geweben und Orga- Das Ziel der Physiologie besteht darin, die ursäch-
nen des menschlichen Körpers einschließlich lichen (kausalen) Zusammenhänge der Lebens-
ihrer Funktionen. vorgänge zu ergründen. Sie ist ein Teilgebiet der
Biologie und bedient sich naturwissenschaftlicher
Merke Forschungsmethoden.
Biologie ist die Lehre von den Lebewesen; Im vorliegenden Lehrbuch werden im Kapitel
Anatomie die von der Lage, der Form und „Grundlagen“ notwendige physiologische Kennt-
dem Bau der Organe und Gewebe. Mit den nisse und Gesetzmäßigkeiten aufgezeigt, die
Funktionen und Leistungen des menschli- gleichermaßen für alle Organsysteme gelten.
chen Körpers, seinen Zellen, Geweben und In den weiteren Kapiteln werden die anatomi-
Organen befasst sich die Physiologie. schen und physiologischen Sachverhalte der ein-
zelnen Organe anschaulich dargestellt.
Gliederung der Anatomie
1. Makroskopische Anatomie: Das ist die Lehre Merke
der Körperstrukturen, die mit bloßem Auge
wahrzunehmen sind. Anatomie und Physiologie bilden eine
Einheit. Der Bau und die Form einer anato-
2. Mikroskopische Anatomie: Sie befasst sich mit mischen Struktur werden erst verständlich
den Körperstrukturen, die nur mit Lupe und durch die Kenntnis ihrer Funktion. Umge-
Mikroskop wahrzunehmen sind. Die mikro- kehrt lassen sich Funktionen erst richtig
skopische Anatomie umfaßt die Histologie erklären, wenn Bau und Form bekannt sind.
(Gewebelehre) und die Zytologie (Zellenlehre).
1.2. Orientierung am Körper 15

1.2 Orientierung am Längsachse


Körper
Frontalebene
Sowohl in der Anatomie als auch
in der Medizin ist die Lagebe-
schreibung anatomischer Struk-
turen von großer Bedeutung. Um
dies möglichst exakt vornehmen
zu können, verwendet man Körper-
achsen und Körperebenen sowie
eine Reihe von Richtungsbezeich-
nungen. Man kann beliebig viele
Achsen und Ebenen durch den
menschlichen Körper bzw. seine Querachse
Organe legen. Entsprechend den
3 Raumdimensionen werden je- Horizontal- oder
weils 3 Gruppen von Hauptachsen Transversal-
und -ebenen unterschieden. ebene
Pfeilachse
Hauptachsen
1.) Längsachse (Longitudinal- oder
Vertikalachse)
Die Längsachsen verlaufen zwi-
schen cranial und caudal, also
bei aufrechtem Stand senkrecht
zur Standfläche.
2.) Querachse (Horizontal- oder
Transversalachse)
Die Querachsen verlaufen zwi-
schen lateral und lateral, also
von links nach rechts bzw. um-
gekehrt. Jede Querachse steht
senkrecht auf einer Längsachse.
3.) Pfeilachse (Sagittalachse)
Die Pfeilachsen verlaufen zwi- Medianebene
schen ventral und dorsal, also
von der Körperhinter- zur Kör-
pervorderfläche bzw. umge-
kehrt. Die Pfeilachsen stehen Körperebenen. Abb. 1.3
senkrecht zu den Längs- und
Querachsen.
2.) Sagittalebenen
Hauptebenen Die Sagittalebenen liegen parallel rechts und
Körperebenen sind gedachte Schnittflächen durch links zur Medianebene. Durch sie ist der Körper
den Körper in den 3 Dimensionen des Raumes. von medial nach lateral in viele „Längsscheiben“
1.) Medianebene (Sonderfall unter den Sagittal- teilbar.
ebenen) 3.) Frontalebenen
Die Medianebene liegt genau in der Mitte des Die Frontalebene zerlegt den Körper jeweils in
Körpers und teilt ihn in eine rechte und eine einen vorderen und hinteren Abschnitt.
linke Hälfte, die sich spiegelbildlich annähernd 4.) Horizontal- oder Transversalebenen
gleich sind. Es gibt also nur eine Medianebene. Die Ebenen gliedern den Körper immer in einen
oberen und unteren Abschnitt.
16 1 Der menschliche Körper

Merke
Frontalebenen
Es gibt unendlich viele Sagittal-,
Medianebene
Frontal- und Horizontalebenen,
Sagittalebenen aber nur eine Medianebene
(Körpermittelebene).
Die Medianebene ist ebenfalls
eine Sagittalebene.
lateral
medial ventral
dorsal
cranial Richtungsbezeichnungen
Horizontal- caudal Die Richtungsbezeichnungen die-
oder nen ebenfalls der besseren Orien-
Transversal- tierung am Körper. Die wichtigsten
ebene sind in der Tabelle „Lage- und
Richtungsbezeichnungen auf einen
Blick“ verdeutlicht.

Hinzuzufügen ist noch, dass für


cranial häufig superior (= oben)
proximal
distal und für caudal inferior (= unten)
benutzt wird.
In gleicher Weise verwendet man
statt ventral anterior (= vorn) und
statt dorsal posterior (= hinten).
Abb. 1.4 Richtungsbezeichnungen.

Lage- und Richtungsbezeichnungen auf einen Blick


Allgemein Den Schädel betreffend
anterior – vorne basal – in Richtung Schädelbasis
caudal – steißbeinwärts gelegen occipital – in Richtung Hinterhaupt
cranial – kopfwärts gelegen frontal – in Richtung Stirn
dexter – rechts Die Extremitäten betreffend
dorsal – rückenwärts gelegen proximal – rumpfwärts
externus – außenliegend distal – vom Rumpf weg
inferior – weiter unten Arm:
internus – innenliegend radial – auf der Speichenseite gelegen
lateral – seitlich (daumenwärts)
longitudinal – längs verlaufend ulnar – auf der Ellenseite gelegen
medial – zur Mittelebene hin (kleinfingerwärts)
median – in der Medianebene bzw. Hand:
Mittellinie gelegen palmar – hohlhandwärts gelegen
posterior – weiter hinten dorsal – handrückenwärts gelegen
profundus – tief gelegen Bein:
sinister – links
tibial – auf der Schienbeinseite
superficialis – oberflächlich gelegen gelegen
superior – weiter oben fibular – auf der Wadenbeinseite
transversal – quer verlaufend gelegen
ventral – bauchwärts gelegen Fuß:
plantar – fußsohlenwärts gelegen
dorsal – fußrückenwärts gelegen
17
Grundlagen,
2 Bau- und Funktionsstoffe

Der Mensch ist ein Teil der belebten Natur. In der kleinsten lebensfähigen Struktureinheit,
Zwischen allen Lebewesen und der Umwelt be- der Zelle, vollziehen sich durch Wechselwirkung
stehen lebensnotwendige Wechselwirkungen. mit ihrer unmittelbaren Umgebung die für das
Besonders wichtig sind: Leben notwendigen Funktionsabläufe.
1. die ständige Aufnahme und Abgabe von Stof- Im Folgenden beschäftigen wir uns mit allge-
fen und Energie, sowie meinen Grundlagen der Lebensvorgänge.
2. die ständige Aufnahme und Abgabe von Infor-
mationen.
Für jedes Lebewesen sind die aus der Umwelt 2.1 Bau- und Funktionsstoffe des
aufgenommenen Stoffe körperfremd. In den
Zellen werden sie in der Regel in körpereigene menschlichen Körpers und
Stoffe umgewandelt (= Assimilation) oder un- ihre biologische Bedeutung
verändert ausgeschieden.
Alle Zellen bestehen aus organischen Stoffen
Autotrophe Assimilation (Eiweiße, Fette, Kohlenhydrate) und anorgani-
Die grünen Pflanzen sind als autotrophe Lebe- schen Stoffen (Salze, Wasser). Die physikochemi-
wesen in der Lage, im Prozess der Photosynthese mischen Eigenschaften dieser Substanzen bestim-
die anorganischen energiearmen Stoffe CO2 und men ihre biologischen Funktionen in der Zelle.
H2O mithilfe ihres Chlorophylls und unter Nut-
zung der Lichtenergie in den energiereichen orga-
nischen Stoff Glucose (Traubenzucker) umzu- 2.1.1 Wasser
wandeln (= autotrophe Assimilation).
Die Glucose wiederum dient der Pflanze zusam- Der erwachsene Mensch besteht zu 60 % aus
men mit einigen anorganischen Stoffen, z. B. Wasser. Ohne Wasser gibt es kein Leben. Das
Stickstoff (N), Schwefel (S) und Phospor (P), als Wasser ist ein polarisiertes Molekül, das als
Ausgangsstoff für die Synthese der verschiedens- Dipol auf einer Seite positiv, auf der anderen
ten Pflanzeninhaltsstoffe (z. B. Eiweiße, Fette, Molekülseite negativ geladen ist. Diese Polari-
Vitamine, Farbstoffe, Duftstoffe). sierung ermöglicht es, dass sich Wasser an ande-
re elektrisch geladene Teilchen (Ionen) anlagern
Heterotrophe Assimilation kann.
Alle Lebewesen ohne Chlorophyll, also auch der Der Vorgang der Wasseranlagerung wird als
Mensch, nehmen organische energiereiche Stoffe Hydratation bezeichnet (✑ Abb. 2.1, Seite 18).
auf, die letztendlich immer von chlorophyllhalti- Die Hydratation spielt für Wasser- und Elektro-
gen Zellen stammen, und wandeln diese in kör- lytverschiebungen eine wichtige Rolle. Ins-
pereigene Stoffe um (Stoffwechsel). besondere gilt dies für Flüssigkeits- und Stoff-
bewegungen zwischen intrazellulärer Flüssigkeit
Merke (IZF = Flüssigkeit in den Zellen) und extrazel-
lulärer Flüssigkeit (EZF = Flüssigkeit außerhalb
Die Photosynthese ist der wichtigste Assimila- der Zellen in den Zellzwischenräumen). Dieser
tionsprozess auf der Erde, weil durch sie so- Dipolcharakter des Wassers ermöglicht es außer-
wohl die stoffliche als auch die energetische dem, dass Stoffe gelöst und mit der Flüssigkeit
Grundlage für alle heterotrophen Organismen im Organismus transportiert werden können.
geschaffen werden. Außerdem produziert sie den Wasser kommt in Molekülverbänden vor. Auf-
gesamten molekularen Sauerstoff auf der grund seiner inneren Struktur kann es viel
Erde. Wärme aufnehmen und transportieren. Diese
Eigenschaft ist eine wichtige Voraussetzung für
die Regulation der Körpertemperatur.
18 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Wassermolekül positiver Ladungsschwerpunkt


negativer Ladungsschwerpunkt

Ionen mit Wasserhülle

Abb. 2.1 Wassermolekül und Hydratation.

Merke 2.1.2 Mineralstoffe


Wasser dient aufgrund seiner chemischen und Die Mineralstoffe (Salze) liegen entweder disso-
physikalischen Eigenschaften im Organismus ziiert (= Elektrolyte) oder in gebundener Form
– als Baustoff (ca. 60 % des menschlichen vor. Die Elektrolytkonzentrationen sind in der
Körpers besteht aus Wasser), EZF und in der IZF unterschiedlich, wie die
– als Lösungsmittel und Transportmilieu für: Tabelle 2.1 zeigt. Alle übrigen Mineralstoffe
Elektrolyte, Hormone, Glucose, Aminosäu- kommen nur in sehr geringen Mengen vor und
ren, Stoffwechselzwischen- und Stoffwech- werden deshalb als Spurenelemente bezeichnet.
selendprodukte,
– der Temperaturregulation, Spurenelemente (Bedeutung)
– als Reaktionsmedium und Reaktionsteilneh- Eisen: Zentralatom des roten Blutfarbstoffes
mer für die chemischen Reaktionen in der (Hämoglobin).
Zelle. Kupfer: Zentralatom vieler Enzyme.

Tab. 2.1 Elektrolytkonzentrationen.


IZR EZR hauptsächliche Funktion/
Mineralstoffe (mmol/l)1) (mmol/l) biologische Eigenschaften
Natrium (Na+) 10 145 Grundvoraussetzung
Kalium (K+) 155 4 für die Erregbarkeit,
osmotische Regulation.
+
Calcium (Ca2 ) 10-5 2,5 Blutgerinnung,
Muskelkontraktion,
Knochen- und Zahnaufbau,
Herztätigkeit, Erregbarkeit.
+
Magnesium (Mg2 ) 15 1 Bestandteil zahlreicher Enzyme.
Chlorid (Cl-) 8 102 HCl-Produktion im Magen,
osmotische Regulation.
Bicarbonat (HCO3-) 10 25 Pufferung.

1) 1 mol = 6 x 1023 Teilchen


2.1 Bau- und Funktionsstoffe 19

Zink: Bestandteil des Insulins und von Enzy- Stoffwechselvorgängen beteiligt. Außerdem sind
men. sie Bausteine für viele biologisch wichtige
Mangan: Bindegewebs- und Skelettentwicklung, Verbindungen (✑ Tab. 2.2).
Bestandteil von Enzymen. Der eigentliche Energieträger ist die Glucose
Kobalt: Zentralatom des Vitamin B12, Bildung (Traubenzucker). Im Blut gelöst wird Glucose
von Blutzellen. als Blutzucker zu allen Zellen transportiert.
Iod: Bestandteil der Schilddrüsenhormone Durch regulierende Hormone (einerseits Insulin,
Trijodthyronin und Thyroxin. andererseits Glucagon u. a. ) wird der Glucose-
Fluor: Knochen- und Zahnaufbau. spiegel im Blut beim Gesunden zwischen 3,4
und 5,5 mmol/l einreguliert (= 0,6 bis 1 g pro
Merke Liter bzw. als Messwert oft angegeben 60 bis
In allen Körperflüssigkeiten liegen charakte- 100 mg pro 100 ml Serum).
ristische Elektrolytkonzentrationen vor. Die
dominierenden Ionen im IZR sind K+ und

P Vor allem Erythrozyten und Nervenzellen
Eiweißionen, im EZR Na+ und Cl-. sind bei der Deckung ihres Eigenbedarfes auf
Die Mineralstoffe dienen dem Körper als Bau- Glucose angewiesen. Ein Glucoseabfall im
sowie Regelstoffe und sind Bestandteile von Blut unter 3,4 mmol/l führt deshalb zu Ausfall-
Enzymen. erscheinungen des zentralen Nervensystems
(ZNS). Besonders gefährlich ist der hypoglykä-
mische Schock.

P Veränderungen der Mineralstoffkonzentra-
tionen führen zu schweren Funktionsstörungen. Glykogen ist die Speicherform der Kohlenhydrate
im tierischen Organismus. Gespeichert wird es in
der Muskulatur (= Muskelglykogen) und in der
Leber (= Leberglykogen). Der Muskelglykogen-
2.1.3 Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße vorrat ist relativ stabil und beträgt ca. 300 g. Die
Leberglykogenmenge wird mit ca. 100 g angege-
Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße sind energie- ben und ist sehr beweglich. Glykogen kann bei
Bedarf rasch in Glucose umgewandelt werden.
reiche organische Stoffe. Sie werden als Bau-,
Umgekehrt lässt sich Glucose sehr schnell in
Betriebs- und Funktionsstoffe benötigt. Für diese
Glykogen umwandeln.
Stoffe besteht ein Mindestbedarf.
Merke
Kohlenhydrate
Die Kohlenhydrate, die aus den Elementen Kohlenhydrate sind der Energielieferant
Kohlenstoff (C), Sauerstoff (O) und Wasserstoff Nummer eins. Die Möglichkeit der raschen
(H) bestehen, sind die einzigen von den Zellen Umwandlung von Glucose in Glykogen und
ständig benötigten und genutzten Energieliefe- umgekehrt garantiert einen konstanten Blut-
ranten. Sie sind an allen energieabhängigen zuckerspiegel.

Übersicht über wichtige Kohlenhydrate


und ihre biologische Bedeutung im menschlichen Körper. Tab. 2.2
Gruppe Vertreter Biologische Bedeutung

Monosaccharide Glucose (Hexose) Energiespender,


Baustein und Reaktionspartner
Fruktose (Hexose) Reaktionspartner
Ribose (Pentose) Baustein der RNA
Desoxyribose (Pentose) Baustein der DNA
Polysaccharide Glykogen Energiespeicherung
20 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Fette (Lipide)
Fette (bestehend aus den Atomen C, O, H) stel- G Fettsäure-Rest
len eine heterogene Stoffgruppe dar. Alle Fett- l R lipophiler
stoffe sind wasserunlöslich. Für unsere Betrach- y Anteil
c e Fettsäure-Rest
tung kommen infrage: e
– Triglyceride als einfache Lipide, r s
– Phosphatide als zusammengesetzte Lipide, die o t Phoshorsäure-Rest hydrophiler
zusätzlich Phospor (P) und andere Atome ent- l (organischer,
basischer Bestandteil) Anteil
halten,
– Cholesterol (= Cholesterin) als wichtigstes
Sterin des höheren tierischen Organismus und Phosphatide gleichen im Aufbau den Triglyce-
– Steroidhormone. riden, haben aber statt einem der drei Fettsäure-
reste einen Phophorsäurerest gebunden, der sich
Triglyceride sind Verbindungen (Ester) von an Wasser binden kann (hydrophiler Anteil). So
Glycerol mit drei gleichen oder verschiedenen können Stoffe, die sich nicht in Wasser lösen,
Fettsäuren (daher Triester). Dabei kann es sich durch Bindung an Phosphatide wasserlöslich,
um gesättigte Fettsäuren (FS) handeln, die vor und dadurch mit der Blutflüssigkeit transportiert
allem in tierischen Fetten vorkommen, oder um werden. Außerdem werden Phosphatide beim
ungesättigte Fettsäuren mit einer oder mehreren Aufbau von Zellwänden und anderen Bio-
Doppelbindungen, die überwiegend Bestandteil membranen benötigt.
pflanzlicher Fette sind. Ungesättigte Fettsäuren
Cholesterol (oft noch als Cholesterin bezeich-
sind ernährungsphysiologisch günstiger.
net) befindet sich, wie die Phosphatide, in allen
Fettbildung Zellen und wird ebenfalls für den Aufbau der
G + FS G Biomembranen benötigt. Außerdem ist es
Fettsäure-Rest + H2O
l l R Ausgangsstoff für die Steroidhormone und
y y Gallensäuren. Cholesterol kommt in freier
c c e (unveresterter Form) in den Zellen und in gebun-
e + FS e Fettsäure-Rest + H2O
s dener (veresterter Form) im Blutplasma vor.
r r
o o t Steroidhormone
l + FS l Fettsäure-Rest + H2O

P Ein erhöhter Cholesterolspiegel im Blut
Einige Fettsäuren kann der Körper selbst synthe- (Hypercholesterinämie) zählt neben Überge-
tisieren, andere müssen zugeführt werden. Die wicht zu den ernährungsbedingten Risiko-
wichtigste Fettsäure für den Menschen ist die faktoren für Arteriosklerose mit den möglichen
Linolsäure. Sie ist Ausgangsstoff für die Syn- Folgen eines Herzinfarktes oder Schlagan-
these weiterer Fettsäuren, die bei Mangel von falles.
Linolsäure ebenfalls essentiell werden. Mehrfach
ungesättigte Fettsäuren werden besonders für den
Aufbau von Biomembranen benötigt. (✑ Hormonsystem, Kap. 15.3.3, S. 304).


P Ungesättigte Fettsäuren sind besonders in Merke
pflanzlichen Fetten enthalten. Deshalb sind diese Fette leisten vielfältige und nützliche Auf-
für die Ernährung wertvoller als tierische Fette. gaben, wie z. B.:
• Energiespeicherung
Triglyceride dienen im Organismus als
• Schutz vor Auskühlung Triglyceride
– langfristige Energiespeicher und Reservedepot
• mechanischen Schutz
(Glykogen dagegen ist ein Kurzzeitspeicher);
– Körperfett dem Schutz vor mechanischen Be- und dienen als
lastungen;
– Fettschicht unter der Haut der Isolation und • Bausteine der Biomembranen Phosphatide,
Cholesterol
der Temperaturregelung des Körpers.
2.1 Bau- und Funktionsstoffe 21

Eiweiße (Proteine) Je nach Anzahl der Amino- und Carboxylgrup-


Eiweiße, die neben den Atomen C, O und H pen im Molekül unterscheiden wir:
noch Stickstoff (N) und häufig Schwefel (S) und – neutrale Aminosäuren (Alanin, Threonin,
Phosphor (P) enthalten, sind die kompliziertes- Methionin, Valin, Leucin, Isoleucin),
ten Verbindungen der Lebewesen. Sie stellen den – basische Aminosäuren (Lysin, Arginin),
Hauptanteil der organischen Substanz des – saure Aminosäuren (Asparaginsäure, Gluta-
Menschen dar. Jeder Zelltyp besteht aus spezifi- minsäure).
schen Eiweißen, sodass sich auch jedes Indivi-
duum in der Gesamtheit seiner Eiweiße von den Aminosäuren bilden Ionen, und zwar:
übrigen unterscheidet. – in neutraler Lösung (pH 7): Zwitterionen,
– in saurer Lösung (pH < 7): Kationen,
Aminosäuren als Bausteine der Eiweiße – in basischer Lösung (pH > 7): Anionen.
Die Grundbausteine der Eiweiße sind 20 ver-
schiedene Aminosäuren, von denen Isoleuzin, Die Fähigkeit, überschüssige H+ bzw. OH- che-
Leuzin, Lysin, Methionin, Phenylalanin, Thre- misch zu binden, trägt zur Konstanthaltung des
onin, Tryptophan und Valin essentiell (unent- pH-Wertes der Körperflüssigkeiten bei (✑ auch
behrlich) sind, d. h., diese Aminosäuren können Pufferung, S. 30).
vom menschlichen Organismus nicht syntheti-
siert werden. Eiweißbildung
Aminosäuren verknüpfen sich zu Peptiden bzw.
Aminosäuren sind Stoffe, die im Molekül Eiweißen.
Aminogruppen (-NH2) und Carboxylgruppen
(-COOH) enthalten. Je nach Anzahl der miteinander verbundenen
Aminosäuren unterscheidet man:
Tab. 2.3 Allgemeine Formel der Aminosäuren. – Dipeptide: 2 Aminosäuren,
– Tripeptide: 3 Aminosäuren,
H – Polypeptide: ab 4 Aminosäuren.

R C COOH (= saure Funktion) Merke


Ab einer Kettenlänge von ca. 100 Aminosäu-
ren spricht man von Eiweißen (Proteinen).
NH2 (= basische Funktion)
Eiweiße sind Riesenmoleküle.

Verhalten von Aminosäuren in Lösungen mit unterschiedlichen pH-Werten. Tab. 2.4

Zwitterion
Das H+ der Carboxylgruppe wandert zur Aminogruppe

R - CH - COO-

Protonenübergang
NH3+

Kation Anion
R - CH - COOH R - CH - COO-

NH3+ NH2

Bei H+-Überschuss in saurer Lösung nimmt die Bei OH--Überschuss in basischer Lösung verbindet
Carboxylgruppe ein H+ auf. Es entsteht ein Kation. sich das H+ der Aminogruppe mit dem OH- zu H2O.
Es entsteht ein Anion.
22 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Tab. 2.5 Einteilung der Eiweiße (Übersicht).

Eiweiße

einfache Eiweiße zusammengesetzte Eiweiße


enthalten neben den
nur aus Aminosäuren
Aminosäuren noch andere
aufgebaut
Bestandteile

– Glykoproteine (Schleimstoffe)
Globuläre Gerüst- (Protein + Kohlenhydrat)
Eiweiße eiweiße – Lipoproteine
(Protein + Fett)
– Albumine – Kollagene – Nucleoproteine
– Globuline – Keratine (Protein + Nucleinsäure)
– Phosphoproteine
(Protein + Phosphorsäure)

Räumliche Struktur der Eiweiße allem in Muskelzellen bzw. -fasern,


Die Proteine liegen in verschiedenen Strukturen • Stofftransport durch Transportproteine,
vor, die für ihre biologische Aktivität bedeu- • Festigung und Schutz durch Strukturproteine
tungsvoll sind. Man unterscheidet vier Stufen: (z. B. Kollagen) in Haut, Sehnen, Knorpel,
Primärstruktur: Genetisch festgelegte Aufein- Knochen,
anderfolge (= Sequenz) der Aminosäuren, für die • Pufferung in den Körperflüssigkeiten.
es eine gigantische Fülle von Möglichkeiten gibt.
Sekundärstruktur: Spiralform (= Helixstruk-
tur), lange Peptidketten.
Tertiärstruktur: knäuelartige Aufwindung der 2.2 Zellen und ihr umgebendes
Sekundärstruktur durch intramolekulare Wechsel- Milieu
wirkungen.
Quartärstruktur: räumliche Anordnung mehre- Zellen sind die Grundbausteine des menschlichen
rer Tertiärstrukturen durch weitere intramoleku- Organismus. Ein einziger Blutstropfen enthält ca.
lare Wechselwirkungen. 5 Millionen Blutzellen.
In Anpassung an bestimmte Funktionen haben
Eigenschaften und Funktionen der Proteine lie- sich vielfältige Zellformen herausgebildet, z. B.
gen begründet in ihrer Strukturvielfalt und che- Knochenzellen, Nervenzellen, Epithelzellen,
mischen Reaktionsfreudigkeit. Fettzellen etc.
Die Eiweiße kommen bei Pflanzen und Tieren
vor und sind für die Struktur und für die Gewebe sind Zellverbände aus annähernd
Funktion des menschlichen Organismus von gleichartig differenzierten Zellen und der von
großer Bedeutung. ihnen abgegebenen und sie verbindenden Inter-
zellularsubstanz, z. B. Muskelgewebe, Nerven-
Die wichtigsten biologischen Funktionen sind: gewebe, Epithelgewebe, Binde- und Stütz-
• Baustoff von Zell- und Gewebsstrukturen, gewebe.
• Stoffwechselsteuerung als Enzyme und Hor-
mone, Organe sind Teile des Körpers, die aus verschie-
• Abwehr durch Antikörperbildung, denen Geweben bestehen und eine funktionelle
• Blutstillung durch die Gerinnungsfaktoren, Einheit bilden, z. B. Auge, Herz, Niere, Lunge,
• Bewegung durch kontraktile Eiweiße, vor Leber u. a.
2.2 Zellen und ihr umgebendes Milieu 23

Zellorganelle Zellen
(z. B. Mitochondrium) (z. B. glatte Muskelzellen,
Bindegewebszellen)

Ganzheit
Der Mensch
Gewebe
(z. B. Endothelgewebe
der Lungenbläschen)

Organ
(z. B. Lunge)
Organsystem
(z. B. Atmungssystem)

Viele gleichartige Zellen bilden durch Zusammenschluss Gewebe; unterschiedliche


Gewebe bilden Organe, und Organe schließen sich zu Organsystemen zusammen.
Alle Organsysteme bilden den menschlichen Organismus. Abb. 2.2

Organsysteme sind Funktionseinheiten, die aus Die Zelle ist die kleinste selbständige Bau- und
mehreren Organen bestehen und geordnet zu- Funktionseinheit mit den Kennzeichen des
sammenarbeiten. Das Verdauungssystem z. B. Lebens. Diese sind:
besteht aus den Organen Mund, Rachen, Speise- – Vermehrungsfähigkeit (Fortpflanzung),
röhre, Magen und Darm. – Formwechsel (Wachstum und Entwicklung),
– Informationsaustausch (Aufnahme, Weiter-
Merke leitung, Verarbeitung, Speicherung und Ab-
Der menschliche Organismus besteht aus Zel- gabe von Informationen),
len, Geweben, Organen und Organsystemen. – Stoff- und Energiewechsel.
Beachte: Die Zellteilung wird im Abschnitt 2.5.3
Seite 48 beschrieben.
Zellen sind im Prinzip identisch gebaut. Sie vari-
2.2.1 Bau und Funktion der Zelle
ieren allerdings aufgrund unterschiedlicher
Funktionen vor allem in ihrer Gestalt und ihren
Die Zellenlehre (Zytologie) beschreibt den grund-
funktionellen Bestandteilen.
sätzlichen Aufbau und die Leistungen der Zellen.
24 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Menschliche Zellen Zellmembran (d = 9 nm = 910 = 9 m)


• durchschnittliche Größe: 7,5 µm, Alle Membranen der Zelle sind im Prinzip
• kleinste Zellen: Lymphozyten (5 µm), gleichartig gebaut. Sie sind hauchdünn (wenige
• größte Zelle: Eizelle (150 µm), millionstel Millimeter) und bestehen aus einer
• längste Zelle: Nervenzelle mit Fortsatz (1 m). Phospholipiddoppelschicht mit eingelagerten
Membranproteinen. Jede Phospholipidschicht
besteht wiederum aus einem hydrophilen
Glykoprotein (wasserlöslichen) Anteil (Membranaußen- und
-innenseite) und einem hydrophoben (wasserab-
Proteine weisenden) Anteil (Membranmitte).
Die Membranproteine spielen eine wichtige
Fettsäuren Rolle für den Transport hydrophiler Stoffe durch
Cholesterol die Biomembranen. Man unterscheidet diesbe-
züglich zwischen Transportproteinen und Kanal-
oder Tunnelproteinen. Letztere durchdringen die
gesamte Membran, sodass durch den Kanal ge-
löste Stoffe fließen können.
Die meisten Zellmembranen besitzen an ihrer
Zytoplasma Außenseite spezifische Kohlenhydratketten, wel-
che in ihrer Gesamtheit als Glykokalyx bezeich-
net werden. Die Glykokalyx ist mit Rezeptor-
Wichtige Membranfunktionen
molekülen ausgestattet, z. B. für Hormone und
– Abgrenzung von Zellen und
Antikörper, und hält die Zellen zusammen.
Kompartimenten als selektive Barriere
– Erkennen von:
Kompartimente (membranumhüllte Organellen)
• körpereigenen Zellen
• pathogenen Keimen (Viren, Bakterien) Als Kompartimente werden Reaktionsräume be-
• Botenstoffen durch Rezeptoren zeichnet, die von Membransystemen umschlos-
• Molekülen für deren Aufnahme sen werden. Intrazellulär sind es die Zellorga-
nellen (z. B. Zellkern, Mitochondrien), die vom
Abb. 2.3 Elementarmembran mit Glykokalyx. Zellplasma getrennt sind. Weitere Membran-
systeme bilden das endoplasmatische Retikulum
und den Golgi-Apparat. Sinn dieser Membran-
systeme ist, den Zellinnenraum in eine Vielzahl
Grundbausteine tierischer bzw. von Reaktionsräumen aufzuteilen, damit mög-
menschlicher Zellen lichst viele verschiedene Stoffwechselreaktionen
gleichzeitig ablaufen können. Extrazellulär wer-
den der intravasale Raum (in den Blutgefäßen)
Zellmembran Zellplasma und das Interstitium (die Räume zwischen den
(Plasmalemm) (Zytoplasma)
Zellen, EZR) unterschieden. Die Beziehung der
Flüssigkeitsräume zueinander ist in der Abb. 2.4
zu sehen.
Grundplasma Zellorganellen
(Cytosol) • Zellkern (Nucleus)
Grundplasma (Cytosol)
• Mitochondrien
Das Zellplasma ist ein kolloidales System mit
• endoplasmatisches
Retikulum wechselnder Viskosität (= Zähigkeit) und besteht
• Ribosomen hauptsächlich aus Wasser, Eiweißen, Ionen (vor
• Golgi-Apparat allem Na+, K+, Ca2+, CI-, PO42-, SO42-) sowie
• Lysosomen löslichen Kohlenhydraten und Nukleinsäuren.
• Microbodies Im Cytosol finden wichtige Stoffwechselreak-
• Zytoskelett tionen statt (z. B. Glykolyse, Fettsäuresynthese –
• Zentralkörperchen ✑ S. 40/41). Außerdem dient es dem Stoff- und
Informationsaustausch.
2.2 Zellen und ihr umgebendes Milieu 25

Atmungssystem Verdauungssystem Harnsystem Haut

Schweißdrüse

Blutgefäß

intravasaler Raum

extrazellulärer
Raum (EZR) interstitieller Raum

intrazellulärer Raum (IZR)

Zellmembran Kapillarmembran –
hohe Durchlässigkeit für hohe Durchlässigkeit
Wasser, geringe für Ionen für Wasser und Ionen

Darstellung der Kompartiments-Beziehungen. Abb. 2.4


26 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Zellorganellen und ihre Aufgaben


Zellkern (Nucleus) – d: 3 – 10 µm („Kommandozentrale“ der Zelle)
Wird von einer Doppelmembran abgegrenzt. Im Inneren befinden sich das Chromatin, das Kernkörper-
chen und das Kernplasma. Chromatin und Kernkörperchen bestehen hauptsächlich aus Nukleinsäure
(95 % DNS, 5 % RNS) und Eiweißen; das Kernplasma vorwiegend aus Wasser und Eiweißen.
Hauptaufgaben: Speicherung der Erbinformation und ihre Weitergabe an die Orte der Eiweißsynthese
während des Zellwachstums und der Zellentwicklung, Übertragung der Erbinformation bei der Zell-
teilung.

Mitochondrien – d: 0,5 – 1 µm; l = 1 – 5 µm („Kraftwerke“ der Zelle)


Lang gestreckte Zellorganellen, von zwei Membranen begrenzt (äußere Membran glatt, innere einge-
stülpt), dadurch mehrfache „Kammerbildung“ (Kompartimentierung) und Oberflächenvergrößerung. Ent-
halten Enzyme der Atmungskette, des Zitronensäurezyklus und des Fettabbaus.
Aufgabe: Energiebereitstellung durch Oxidation, Abbau von Nährstoffen.

Agranuläres (glattes) endoplasmatisches Retikulum


Meist schlauchförmig und oft mit Golgi-Apparat verbunden, ohne Ribosomen.
Aufgabe: Bildung der Lipide und Steroidhormone, Entgiftungsfunktion (z. B. Entgiftung von Medika-
menten in Leberzellen).

Granuläres (raues) endoplasmatisches Retikulum


Dreidimensionales, röhren- und bläschenförmiges Hohlraumsystem, Membranen sind mit Ribosomen be-
setzt.
Aufgabe: Synthese der verschiedenen Proteine (z. B. Membranproteine, Glykoproteine, Proteine für den
Aufbau der Lysosomen).

Ribosomen – d: 18 – 20 nm
Kleinste kugelförmige Partikel, die aus ca. 40 % RNA und 60 % Proteinen bestehen, liegen entweder ein-
zeln im Plasma oder am granulären endoplasmatischen Retikulum.
Aufgabe: Eiweißsynthese.

Golgi-Apparat – netzförmig oder Knäuel („Verschiebebahnhof“ der Zelle)


Membranumgrenzte flache Hohlräume (ein Zwischenstapel oder Membranfeld heißt Dictyosom).
Aufgabe: Beteiligung an der Synthese aller sekretorischen Produkte einer Zelle, z. B. der Glykoproteine
zur ständigen Erneuerung der Glykokalyx.

Lysosomen – d: 0,1 – 1 µm – variabel


Vesikel (= Bläschen) meist vom Golgi-Apparat stammend, mit Verdauungsenzymen.
Aufgabe: Intrazellulärer Abbau (Verdauung) organischer Substanzen sowohl aus der Zelle als auch von außen.

Microbodies (Peroxisomen) – d: 0,5 – 1,5 µm („Müll-Recycling-Anlage“ der Zelle)


Rundliche membranbegrenzte Zellorganellen, die durch Abschnürung vom endoplasmatischen Retikulum
entstehen, enthalten verschiedene oxydative Enzyme.
Aufgabe: Mithilfe der Katalase wird z. B. das bei bestimmten Stoffwechselreaktionen entstehende giftige
Wasserstoffperoxid (H2O2) in Wasser (H2O) und Sauerstoff (O2) gespalten. Entgiftungsfunktion.
2.2 Zellen und ihr umgebendes Milieu 27

Zytoskelett
Die das Zytoskelett bildenden Strukturen sind für den Erhalt der Zellform und für die Stabilität der Zellen
zuständig. Man unterscheidet:
• Mikrofilamente, die aus den fadenförmigen Eiweißen Aktin und Myosin bestehen und sich meist in
Bündeln zusammenlagern, welche dann als Fibrillen bezeichnet werden (z. B. Myofibrillen in Muskel-
zellen, Neurofibrillen in Nervenzellen, Tonofibrillen in Epithelzellen).
• Mikrotubuli sind 25 nm dicke, röhrenförmige, vorwiegend aus dem Protein Tubulin bestehende
Strukturen. Sie befinden sich z. B. in Zilien, Geißeln und Mikrovilli und bilden den Spindelapparat
während der Zellteilung.
Aufgaben: Stabilisierung von Form und Festigkeit der Zellen, Transport von Zellbestandteilen (z. B.
Chromosomen bzw. Chromatiden, Vesikel) und Widerlager bei Bewegungsabläufen.

Zentralkörperchen (Zentriol) – l: 400 nm, d: 150 nm


Das Zentriol liegt in der Nähe des Zellkerns und besteht aus 9 Gruppierungen gleich langer Mikrotubuli.
Aufgabe: Die Zentriolen stehen funktionell in enger Beziehung zur geordneten Bewegung der
Chromosomen bei der Zellteilung (Spindelapparat).

Zellkern (Nucleus) Mitochondrien Agranuläres (glattes) Granuläres (raues)


endoplasmatisches endoplasmatisches
Retikulum Retikulum
mit Ribosomen

Ribosomen Golgi-Apparat

Lysosomen Microbodies Zytoskelett Zentralkörperchen

Bestandteile einer Zelle. Abb. 2.5


28 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

2.2.2 Flüssigkeitsräume des Körpers und Bilanzierung


Körperflüssigkeiten
Wasserzufuhr Wasserausscheidung
Flüssigkeitsräume • durch Getränke Harn – Niere
Als Flüssigkeitsräume bzw. Kompartimente wer- • durch feste Nahrung Kot – Darm
den hier die Volumenbereiche des Körpers (z. B. • Oxidationswasser Atemluft – Lunge
Blutvolumen) bezeichnet. Die Abbildung 2.4 Schweiß – Haut
(Seite 25) zeigt die Beziehungen der Komparti- = 2,5 l = 2,5 l
mente untereinander und zur Umwelt. Die
Permeabilität (= Durchlässigkeit) der Barrieren Die temperaturabhängige nicht
(= Kapillar-, Zellmembran) gilt nur für passive wahrnehmbare Wasserabgabe durch Haut
Transportvorgänge (✑ S. 32). und Atmung wird als
Perspiratio insensibilis bezeichnet.
Bei einem Erwachsenen mit einer Körpermasse
von ca. 70 kg ergeben sich bei 60 % Wasser-
gehalt ca. 42 l Wasser, die wie folgt auf die
Flüssigkeitsräume aufgeteilt werden. 2.2.3 Das innere Milieu
l. Extrazellulärer Raum mit extrazellulärer
Flüssigkeit: ca. 14 l Das innere Milieu ist die unmittelbare Umge-
• interstitieller Raum (= Zwischenzell- bung der Zellen, wobei Menge, Verteilung und
raum) mit der interstitiellen Flüssigkeit Zusammensetzung der Körperflüssigkeiten (inne-
(ca. 10 l), res Flüssigkeitsmilieu) und die Temperatur
• intravasaler Raum (= Raum in den wichtige Bestimmungsgrößen sind. Damit alle
Blut- und Lymphgefäßen) mit der Blut- biologischen Reaktionen optimal ablaufen kön-
und Lymphflüssigkeit (ca. 4 l). nen, muss das innere Milieu dauerhaft konstant
2. Intrazellulärer Raum (= Gesamtheit der gehalten werden. Dies wird als Homöostase
Zellinnenräume) mit intrazellulärer Flüs- bezeichnet.
sigkeit: ca. 28 l. Die Regelung der Homöostase des inneren
Die Körperflüssigkeiten sind Lösungen und Milieus umfasst demnach:
bestehen aus dem Lösungsmittel Wasser, in dem 1. die Regulation des inneren Flüssigkeits-
eine Vielzahl an Stoffen enthalten ist. milieus mit
• der Einstellung des normalen Volumens
Wasserbedarf (Isovolämie),
Der Wasserbedarf hängt von den Faktoren Alter, • der Einstellung des normalen osmotischen
körperliche Belastung, Klima und Kochsalzzu- Druckes (Isotonie),
fuhr ab. • der Einstellung des normalen Elektrolyt-
haushaltes (Isoionie) und
Merke • der Einstellung des normalen pH-Wertes
(Isohydrie);
Der Mindestwasserbedarf pro Tag beträgt 2. die Regulation der Körpertemperatur.
1 bis 1,5 Liter.
Die durchschnittliche Wasserzufuhr pro Tag Darüber hinaus spielt die Steuerung des Hor-
sollte ca. 2,5 Liter betragen. monhaushaltes, der Atmung und des Kreislaufes
ebenfalls eine bedeutende Rolle.

P Säuglinge haben wegen ihres gesteigerten Merke
Stoffwechselgeschehens und erhöhter Wasser-
ausscheidung einen im Verhältnis höheren Der Hypothalamus (Teil des Zwischenhirns)
Wasserbedarf und trocknen leichter aus ist das wichtigste Integrationsorgan des inne-
(Lebensgefahr!). ren Milieus. Die Homöostase des inneren
Milieus wird durch das Blut, die Nieren und
die Lunge reguliert.
2.2 Zellen und ihr umgebendes Milieu 29


P Größere Abweichungen des inneren Milieus dische Logarithmus gewählt, sodass ein fallender
können, insbesondere bei Säuglingen und älte- pH-Wert eine höhere Wasserstoffionenkonzen-
ren Menschen, lebensbedrohlich sein. tration bedeutet.
Gründe, die zu solchen Veränderungen führen,
sind z. B.: [H+] in mol/l pH-Wert
– Wasser- und Elektrolytverluste bei extremem
Schwitzen, Durchfällen oder Erbrechen,
1,0 = 100 0
– zu geringe Flüssigkeitszufuhr über längere
0,1 = 10-1 1
Zeit,
0,01 = 10-2 2
– Störungen des Elektrolythaushaltes bei Nieren-

sauer
0,001 = 10-3 3
erkrankungen,
0,0001 = 10-4 4
– Eiweißmangel bei Hunger oder Leberschäden,
0,00001 = 10-5 5
– Einnahme bestimmter Medikamente.
0,000001 = 10-6 6
Wichtig: Bei Verlust größerer Flüssigkeitsmen-
0,0000001 = 10-7 7 neutral
gen für ausreichende Flüssigkeits- und Elektro-
0,00000001 = 10-8 8

alkalisch (basisch)
lytzufuhr sorgen!
0,000000001 = 10-9 9
0,0000000001 = 10-10 10
0,00000000001 = 10-11 11
2.2.4 Säure-Basen-Haushalt 0,000000000001 = 10-12 12
0,0000000000001 = 10-13 13
Für eine normale Stoffwechselfunktion müssen 0,00000000000001 = 10-14 14
die Säure- und Basenkonzentrationen in den
Körperflüssigkeiten immer konstant gehalten
werden. Lösung pH-Wert
Entscheidend für das Säure-Basen-Gleichge- sauer < 7,0
wicht ist die Einstellung einer festen Wasser- neutral = 7,0
stoffionenkonzentration (Isohydrie) mit einem alkalisch bzw. basisch > 7,0
pH-Wert von 7,37 bis 7,43 in der extrazellulären
und 7,28 bis 7,29 in der intrazellulären Flüssig- Magensaft 1,5
keit. Die Isohydrie ist notwendig, weil die En- Urin 4,7 bis 8,0
zyme bestimmte, oft sehr eng begrenzte pH-Werte destilliertes Wasser 7,0
für ihre Wirksamkeit benötigen. Blut 7,37 bis 7,43
Schon eine geringfügige Änderung der Wasser- Bauchspeichel 8,0 bis 9,0
stoffionenkonzentration ist lebensbedrohlich. Darmsaft 8,0
Ammoniak 12,0
Die Isohydrie ist permanent Störungen ausge-
setzt, weil im Stoffwechselgeschehen ständig
u. a. H+, aber auch OH- anfallen. Hauptsäure- Merke
quelle ist der Energiestoffwechsel. Hier entsteht
Der pH-Wert der intra- und extrazellulären
die flüchtige Kohlensäure. Darüber hinaus fallen
Körperflüssigkeiten liegt im schwach alkali-
nichtflüchtige Säuren an, z. B. Milch- und
schen (basischen) Bereich.
Phosphorsäure.

pH-Wert Die Zahlenangabe von 0 bis 14 kommt zustande,


Der pH-Wert ist eine Zahl zur Kennzeichnung weil in sauren, neutralen und basischen Lösun-
der Wasserstoffionenkonzentration [H+] in einer gen das Produkt aus Wasserstoffionenkonzen-
Lösung und somit der Stärke einer Säure oder tration [H+] und Hydroxidionenkonzentration
Base. Der Organismus hält den pH-Wert von [OH–] konstant ist, immer 10-14 mol/l. Sind viele
allen Messgrößen am genauesten konstant. H+-Ionen enthalten (z. B. im sauren Milieu pH 4
Um eine praktikable Anwendung mit einer ein- = 10–4), dann sind weniger OH–-Ionen vorhan-
fachen Zahl zu haben, wurde der negative deka- den (10–10).
30 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Für neutrale Lösungen Nun gibt man nacheinander in beide Reagenz-


[H+] • [OH-] = konstant bedeutet dies: gläser so viel Salzsäure, bis ein Farbumschlag
[10-7] • [10-7] = 10-14 eintritt. Dieser Farbumschlag tritt im Reagenz-
glas II bereits nach wenigen Tropfen, im
Regulation des Säure-Basen-Haushaltes Reagenzglas I erst nach vielen Tropfen Salzsäure
Wie zuvor ausgeführt, muss der pH-Wert in sehr ein.
engen Grenzen konstant gehalten werden. Dies
geschieht durch drei Vorgänge: Erklärung
– Pufferung, Im Blutplasma befinden sich Puffersysteme
– respiratorische Regulation durch Abatmung (Kohlensäure-Bicarbonat-System, Plasmaeiwei-
von CO2 und ße), die durch chemische Bindung der H+ zu-
– renale Regulation durch differenzierte Aus- nächst den pH-Wert konstant halten.
scheidung von H+ bzw. HCO3- über die Nieren. Die große Bedeutung des Kohlensäure-Bicar-
bonat-Puffersystems liegt darin, dass die Kon-
Pufferung zentrationen beider Pufferkomponenten (H+ und
Pufferung bedeutet, dass durch bestimmte Stoffe HCO3-) durch das System Blut – Atmung – Niere
– Puffersubstanzen – überschüssige H+ bzw. weitestgehend unabhängig voneinander verän-
OH- chemisch gebunden und somit Schwan- dert werden können.
kungen des pH-Wertes vermieden werden. Die So zerfällt einerseits die bei H+-Überschuss ver-
Puffersubstanzen befinden sich in den Körper- mehrt gebildete Kohlensäure in H2O und CO2.
flüssigkeiten, z. B. im Blutplasma. Letzteres kann über die Lunge durch Intensivie-
Für die Konstanthaltung des pH-Wertes im rung der Atmung abgegeben werden. Anderer-
menschlichen Organismus sorgen hauptsächlich seits reguliert die Niere die Abgabe von H+ und
drei Puffersysteme: HCO3- (✑ Abb. 2.6).
1. Kohlensäure-Bicarbonat-System,
2. Proteinpuffersysteme, z. B. Hämoglobin, Merke
3. Phosphatpuffersysteme.
Die respiratorische Regulation des pH-
Wertes erfolgt schnell, die renale dagegen
Versuch zum Nachweis der Pufferwirkung des
sehr langsam.
Blutplasmas
Zu diesem Zweck werden zunächst zwei Rea-
genzgläser wie folgt gefüllt: ❑
P Bei den Störungen des Säure-Basen-
Reagenzglas I: 5 ml frisches Blutplasma, Haushaltes unterscheidet man:
2 bis 3 Tropfen Methylorange; – respiratorische und nicht respiratorische
Reagenzglas II: 5 ml destilliertes Wasser, Azidose (= Säureüberschuss) sowie
2 bis 3 Tropfen Methylorange. – respiratorische und nicht respiratorische
Alkalose (= Basenüberschuss).

Tab. 2.6 Regulation des pH-Wertes.

H+ -Überschuß OH- -Überschuß

H+ H2O OH- H+ + OH- H2O

H2CO3 H2CO3

HCO3- CO2 HCO3-


Lunge Niere
2.3 Arten des Stofftransports im Organismus 31

Nahrung und Stoffwechsel

H+ CO2 OH- + CO2

HCO3-
CO2
Niere pH Wert Lunge

Puffersysteme

HCO3- oder H+

Kohlensäure-Bikarbonat-
Proteinpuffersystem Puffersystem Phosphat-Puffersystem
(Hämoglobin) (Bicarbonat) (Phosphat)
HHb H+ + Hb- H2CO3 H+ + HCO3- H2PO4- H+ + HPO42-

Prinzip der Pufferung. Abb. 2.6

2.3 Arten des Stofftransports im lisierung verschiedene Transportformen.


Organismus – Passive Transportformen (= Formen, die ohne
Energie aus dem Stoffwechsel ablaufen):
In die Zellen, innerhalb der Zellen, zwischen den Diffusion, Osmose, Filtration.
Zellen und aus den Zellen muss eine Vielzahl – Aktive Transportformen (= Formen, die Ener-
von Stoffen transportiert werden. Zum Beispiel: gie aus dem Stoffwechsel benötigen): Bläs-
– Nährstoffe, – Mineralstoffe, chentransport, Trägertransport, Konvektion.
– Vitamine, – Atemgase, Eine wichtige Voraussetzung für den geordneten
– Harnstoff, – Hormone. Stofftransport stellen die Biomembranen als Bar-
rieren mit veränderlicher Permeabilität (Durch-
Der vielzellige Organismus nutzt zu dessen Rea- lässigkeit) dar.
32 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

2.3.1 Passiver Transport Merke

Diffusion Unter Diffusion versteht man die Wanderung


In einem Versuch (vgl. Abb. 2.7) geben wir in von Teilchen aufgrund ihrer Eigenbeweglich-
einen Glaszylinder zuerst etwas Wasser und da- keit vom Ort ihrer höheren zum Ort ihrer
nach wenige Kristalle Kaliumpermanganat oder niedrigeren Konzentration bis zum Konzen-
einige Tropfen eines wasserlöslichen Farbstoffes. trationsausgleich. Dieser Transportprozess
Was geschieht? verläuft relativ langsam und setzt deshalb im
Organismus außer dem Konzentrations-
l. Die Farbstoffteilchen bewegen sich vom Ort gefälle hinreichend große Austauschflächen
ihrer höheren zum Ort ihrer niedrigeren Kon- und sehr kurze Wege voraus.
zentration (sichtbar).
2. Die Wasserteilchen bewegen sich ebenfalls Vorkommen:
vom Ort ihrer höheren zum Ort ihrer niedrige- Gasaustausch
ren Konzentration (unsichtbar). – zwischen Atemluft und Blut in der Lunge,
– zwischen Blut und Zellen in den Geweben.
Die Folge: Die Stoffe mischen sich allmählich.
Osmose
Wie auf S. 24 beschrieben, befinden sich die
rote Farbstoffteilchen Inhaltsstoffe einer Zelle in Kompartimenten, die
durch Membranen (= dünne Häutchen) vonein-
ander getrennt sind.
Diese Membranen wirken ähnlich einem Sieb
mit einer bestimmten Porenweite: Kleine Teil-
chen, z. B. Wasser-, Sauerstoff- und Kohlen-
dioxidmoleküle, können diffundieren, größere
Teilchen, z. B. Eiweißmoleküle, nicht.
Membranen, die nicht alle Teilchen hindurchtre-
ten lassen, werden als halbdurchlässige = semi-
permeable Membranen bezeichnet.

Ein Experiment – in Abb. 2.8 dargestellt – soll


Wasserteilchen uns Klarheit über die genaueren Vorgänge an
einer solchen semipermeablen Membran ver-
Abb. 2.7 Diffusion. schaffen:
Reines Wasser wird durch eine semipermeable
Membran von einer Kochsalzlösung getrennt.

hyperton
isoton
hypoton

Abb. 2.8 Osmose.


2.3 Arten des Stofftransports im Organismus 33

Die Kochsalzlösung ist die Lösung mit der höhe-


ren Konzentration1) (= hypertone Lösung) und
entspricht dem Zellplasma. Das Wasser ist die
Lösung mit der niederen Konzentration (= hypo-
tone Lösung) und entspricht der Außenlösung
einer Zelle.

Beobachtung:
Das Flüssigkeitsvolumen im inneren Gefäß
Filtermembran
vergrößert sich allmählich.

Erklärung:
Die semipermeable Membran lässt nur die Was- Niere
serteilchen hindurch, die entsprechend ihrem
Konzentrationsgefälle von außen nach innen dif-
fundieren.

Merke
Wird die Bewegung bestimmter größerer Druck
Teilchen (hier Na+ und Cl-) durch eine halb- hoch niedrig

durchlässige Membran behindert, können Blutkapillare


also nur kleinere Teilchen (hier Wasserteil-
Interstitium
chen) durch die Membran, spricht man von
niedrig hoch
Osmose. Osmose führt immer zu einer Wasser-
zunahme der hypertonen Lösung. Die größeren
Teilchen werden als osmotisch aktive Teil-
chen bezeichnet, der von ihnen hervorgerufe-
ne Druck an der semipermeablen Membran als Zellen (Gewebe)
osmotischer Druck. Verursachen Kolloide (z. B.
Eiweiße) den osmotischen Druck, heißt er kol- Filtration. Abb. 2.9
loid-osmotischer (KOD) oder onkotischer Druck.

Vorkommen: Filtration
Da fast alle Zellen semipermeable Membranen Besteht zwischen beiden Seiten einer Biomem-
als Grenzschichten (Zellmembran, intrazelluläre bran ein Druckunterschied, werden alle Teilchen
Membransysteme) besitzen, spielt die Osmose einer Flüssigkeit, die durch die Poren passen,
bei der Wasseraufnahme der Zelle und beim vom Ort des höheren zum Ort des niederen
Wassertransport innerhalb der Zelle eine bedeu- Druckes gepresst.
tende Rolle.
Vorkommen:
Merke – Stoffaustausch im Gewebe,
– Filtration des Blutplasmas in der Niere.
Voraussetzung für den Ablauf der Körper-
funktionen ist, dass die Körperflüssigkeiten
annähernd isoton (isoton = gleicher osmoti-
2.3.2 Aktiver Transport
scher Druck) sind.
Diese Transportform ist notwendig, um Stoffe
gegen Konzentrationsgefälle und hydrophile
Stoffe, die ansonsten die Biomembran nicht pas-
1) Konzentration bezieht sich auf die Menge der im Lösungsmittel
sieren können, zu transportieren. Hier sollen
Wasser gelösten osmotisch aktiven Teilchen. einige Formen näher beschrieben werden:
34 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

1. Bläschentransport
verschiedene feste Partikel EZR 1) a) Phagozytose (griech.: Fresstätigkeit
einer Zelle)
Zellmembran
Amoeboid3) bewegliche Zellen, z. B.
bestimmte weiße Blutzellen, umfließen
feste Partikel (z. B. Bakterien). An der
IZR 2)
Berührungsstelle der Zellmembran ent-
steht eine Vertiefung, die als Bläschen
Bläschen abgeschnürt wird.
b) Pinozytose (griech.: Trinken einer
Abb. 2.10 Phagozytose. Zelle)
Die Pinozytose läuft prinzipiell ähnlich
der Phagozytose ab. Es wird Flüssigkeit
mit darin gelösten Stoffen aufgenom-
Flüssigkeitströpfchen EZR 1) men. Zur Pinozytose sind im Gegensatz
zur Phagozytose fast alle Zellen fähig.
Zellmembran c) Exozytose (griech.: Ausscheidung
von Stoffen durch eine Zelle)
Verschiedene in der Zelle anfallende
IZR 2) Stoffe, z. B. Sekrete, können ebenfalls
in Bläschen, die meist vom Golgi-
Bläschen Apparat abgeschnürt werden, einge-
schlossen werden. Diese Bläschen ver-
Abb. 2.11 Pinozytose. schmelzen vom Plasma her mit der
Zellmembran und entleeren ihren
Inhalt nach außen.
EZR 1) verschiedene, in der Zelle anfallende Stoffe
2. Trägerstoffe
Die zu transportierenden Teilchen, vor
Zellmembran allem Nähr- und Mineralstoffe, werden
an spezifische Trägermoleküle –
Transporteiweiße (Carrier) – gebunden
IZR 2) (= Trägertransport) und transportiert.
Bläschen Vorkommen:
– Aufnahme der Glucose, Amino-
Abb. 2.12 Exozytose. säuren, Vitamine und Mineralstoffe
in die Darmzellen, von dort in das
Blut und danach in die Körperzellen.

Blutkapillare 3. Konvektion
Unter Konvektion wird Stofftransport
Interstitium
durch Mitführung verstanden.
Die treibenden Kräfte sind Temperatur-
oder Druckdifferenzen.

Beispiele:
– Sauerstoff- und Kohlendioxidtrans-
port bei der Belüftung der Lunge;
Trägermolekül – Stofftransport durch das Blutplasma
Zellmembran Substrat
(Carrier) und durch den Harn.
Abb. 2.13 Trägertransport. 1) Extrazellulärer Raum
2) Intrazellulärer Raum
3) Kriechbewegungen von Zellen ohne feste Zellwand
2.4 Physiologie des Stoff- und Energiewechsels 35

2.4 Physiologie des Stoff- und Stoffaufnahme


– Atmungssystem: Sauerstoff.
Energiewechsels – Verdauungssystem: organische, energiereiche
2.4.1 Stoff- und Energiewechsel Stoffe (Kohlenhydrate, Fette, Eiweiße), Vita-
mine, Mineralstoffe, Wasser und Ballaststoffe
Alle Lebensäußerungen lassen sich im Prinzip (Letztere gelangen nicht in das Blut oder in
auf chemische Reaktionen im Körper zurück- die Zellen).
führen, die Bestandteile des Gesamt- und Ener-
giestoffwechsels sind. Stofftransport
Herz-Kreislauf-System; Lymphsystem; Blut und
Merke Lymphe als Transportmittel.
Stoff- und Energiewechsel ist die Gesamtheit
der chemischen Vorgänge, die der Aufnahme, Stoffausscheidung
Umwandlung und dem Abbau jener Stoffe – Harnsystem: Harn
dienen, die für die Existenz des Organismus – Atmungssystem: Kohlendioxid, Wasser
und der Aufrechterhaltung seiner Lebens- – Hautsystem: Wasser
funktionen notwendig sind. – Darm: Abbauprodukte des Stoffwechsels

Herz-Kreislauf-System

Atmungssystem Verdauungssystem

O2
Nahrung

CO2
O2

CO2

Nährstoffe

Ausscheidung

Ausscheidung

Harnsystem Haut

Stoff- und Energiewechsel. Abb. 2.14


36 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Zelle

Blutkapillaren

interstitielle Flüssigkeit

Abb. 2.15 Stoffaustausch im Gewebe.

Intermediärstoffwechsel Bau- und Betriebsstoffe aus einfachen Mole-


(Zwischenstoffwechsel) külen unter Energieverbrauch (z. B. Protein-
Intermediärstoffwechsel ist die Gesamtheit der synthese),
in den Zellen ablaufenden chemischen Reaktio- – katabole (abbauende) Stoffwechselwege
nen, denen sowohl die aufgenommenen als auch (= Betriebsstoffwechsel) – Abbau energierei-
die körpereigenen Stoffe unterworfen sind. cher organischer Verbindungen zum Zweck
der Energiefreisetzung für Organleistungen.
Prinzip:
Ausgangs- chemische Um- und End-
stoff Abbauvorgänge produkt 2.4.2 Bedeutung energiereicher Phosphatver-
bindungen im Stoff- und Energiewechsel

Die Stoffe werden einerseits zum Aufbau und zur Energiereiche Phosphatverbindungen fungieren
Erhaltung der Körperstrukturen und andererseits als Überträger Energie verbrauchender und
als Energielieferant zur Aufrechterhaltung der Energie liefernder Prozesse.
Lebensvorgänge benötigt. Jeder Stoffwechsel Die größte Bedeutung hat das Adenosintriphos-
stellt also gleichzeitig einen Energiewechsel dar. phat (ATP). Es besteht aus der organischen Base
Dieser gliedert sich in zwei sich gegenseitig Adenin, dem Zucker Ribose (Adenin + Ribose
bedingende Bereiche: = Adenosin) und drei Phosphatgruppen  P (✑
– anabole (aufbauende) Stoffwechselwege Tab. 2.7).
(= Baustoffwechsel) – Synthese körpereigener
Wird Energie freigesetzt, läuft in der Zelle fol-
Tab. 2.7 Energiereiche Phosphatverbindungen. gender Vorgang ab:

ADP + 
P + Energie ATP
Adenin – Ribose – 
P –
P ~
P
Wird Energie benötigt, kehrt sich der Vorgang um:
Adenosin energie-
reiche ATP ADP + 
P + Energie
Bindung
AMP = Adenosinmonophosphat
Merke

ADP = Adenosindiphosphat ATP ist in allen Zellen die wichtigste ener-


giereiche Phosphatverbindung und einziger
unmittelbarer Energielieferant.
ATP = Adenosintriphosphat
2.4 Physiologie des Stoff- und Energiewechsels 37

2.4.3 Enzyme Katalase1) hinzu, läuft diese Reaktion so schnell


ab, dass man den frei werdenden O2 mit einem
Die chemischen Reaktionen in der Zelle laufen glühenden Holzspan nachweisen kann. Mithilfe
nur in Anwesenheit von Katalysatoren ab. Die der Katalase wird das beim Zellstoffwechsel
Katalysatoren der Zelle heißen Enzyme (= Bio- anfallende Zellgift H2O2 beseitigt.
katalysatoren), die von ihnen umgesetzten Stoffe
Substrate. Alle Enzyme sind Proteine. 2 H2O2 Katalase 2 H2O + O2
Die Enzyme ermöglichen die chemischen Um-
setzungen unter äußerst günstigen Bedingungen: Die Katalase ist ein Biokatalysator. Ein einziges
37 °C, Normaldruck, pH 7,4 und wässriges Molekül kann in der Minute bis zu 5 Millionen
Milieu mit relativ hoher Geschwindigkeit. Moleküle H2O2 zerlegen. Dabei geht das Enzym
selbst unverändert aus der Reaktion hervor.
Sinn der Enzyme ist, dass alle notwendigen Reak-
tionen unter Körperbedingungen koordiniert Wie ist das möglich?
ablaufen können. Jede chemische Reaktion benötigt für den Start
einen bestimmten Energieschub. Diese Start-
Bezeichnung der Enzyme energie nennt man Aktivierungsenergie. Sie
Die Enzymnamen enden in der Regel auf -ase.
wird gebraucht, um die Teilchen der Stoffe, die
Für uns sind drei Enzymgruppen bedeutungsvoll
miteinander reagieren sollen, in einen reaktions-
(Einteilung nach dem Reaktionstyp):
1. Hydrolasen – katalysieren hydrolytische Spal- fähigen Zustand zu bringen.
tungen, d. h. Spaltung durch Wasser (z. B. Ver-
dauungsenzyme), Merke
2. Oxidoreduktasen – katalysieren Redoxpro- Katalysatoren – also auch unsere Enzyme –
zesse, d. h. Oxidations- und Reduktionsvor- setzen die Aktivierungsenergie herab, indem
gänge (z. B. Enzyme der Atmungskette), sie die betreffenden Reaktionen in Teilschritte
3. Transferasen – katalysieren die Übertragung zerlegen. Jeder Teilschritt benötigt so wenig
von Stoffgruppen (z. B. Aminogruppen). Aktivierungsenergie, dass die Körpertempera-
tur ausreicht und die Reaktionsgeschwindig-
Enzyme sind substrat- und reaktionsspezifische keit stark erhöht wird.
Funktionseiweiße.
– Substratspezifität: Das Enzym reagiert nur
Es gibt aber auch Reaktionen, die gebremst wer-
mit einem ganz bestimmten Zwischenpro-
den müssen. Die entscheidende Reaktion zur
dukt des Stoffwechsels,
– Reaktionsspezifität: Von den vielen mögli- Energiefreisetzung: O2 (aus der Atmung) + H2
chen Reaktionen, die ein Zwischenprodukt (aus dem Zitratzyklus) zu H2O unter Freisetzung
eingehen kann, wird nur eine katalysiert. von Energie würde unter Normalbedingungen
als Knallgasreaktion ablaufen. Die Enzyme der
Atmungskette sorgen dafür, dass die Energie
Ablauf einer Enzymreaktion
schrittweise übertragen und in Form von ATP
Wasserstoffperoxid (H2O2) zerfällt normalerwei-
gespeichert werden kann (✑ Tab. 2.15, S. 43).
se sehr langsam in Wasser (H2O) und Sauerstoff
(O2). Gibt man einem mit H2O2 gefüllten 1) Katalase ist ein weit verbreitetes Zellenzym. Besonders hohe
Reagenzglas nur wenige Tropfen des Enzyms Konzentrationen sind in Leberzellen und Erythrozyten vorhanden.

Schritte der Enzymkatalyse. Tab. 2.8

+ +
Enzym Substrat Enzym-Substrat- Enzym Reaktions-
Komplex produkte
38 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Herabsetzung der Aktivierungsenergie durch Katalyse

Energie
Aktivierungsenergie
ohne Enzym

mit Enzym

für die Enzym-


Substratverbindung
2 H2O2
metastabiler Ausgangsstoff

2 H2O + O2
energiearme stabile Endstoffe

Wirkungsweise der Carboanhydrase bei der Bildung von Kohlensäure bzw. Wasser,
Wasserstoff- und Bicarbonat-Ionen

H+ HCO3-

H2O CO2
Carbo-
anhydrase
OH-

CA
H2O + CO2 H2CO3 H+ + HCO3- oder
CA
H2O H+ + OH-; OH- + CO2 HCO3-

Wirkungsweise der Verdauungsenzyme (Wirkung der Lipase zur Fettspaltung)

Lipase

G Fettsäure-Rest + Wasser G + Fettsäure


l R l
y y
c e c
e Fettsäure-Rest + Wasser
e + Fettsäure
r s
r
o t o
l Fettsäure-Rest + Wasser l + Fettsäure

Lipase

Abb. 2.16 Enzymwirkung.


2.4 Physiologie des Stoff- und Energiewechsels 39

Coenzyme Merke
Für viele Enzymkatalysen sind unbedingt
Coenzyme (= Cosubstrate) notwendig. Dies sind Jedes Enzym wirkt nur in einem bestimmten
niedermolekulare Stoffe (also keine Eiweiße), pH-Bereich.
die im Gegensatz zum Enzym bei der Reaktion Enzyme haben meist eine geringe Temperatur-
verändert und wieder regeneriert werden müs- und pH-Wert-Toleranz. Manche Enzyme müs-
sen. Es handelt sich also nicht um Enzyme. Als sen durch bestimmte Ionen (z. B. Ca2+, Mg 2+,
Bausteine oder Vorstufen für Coenzyme dienen K+) aktiviert werden bzw. benötigen die
verschiedene Vitamine. ATP ist das „Coenzym Anwesenheit eines Coenzyms.
des Energiestoffwechsels“.
Bestimmte Chemikalien (z. B. Kupfer- u. Silber-
Beeinflussende Faktoren der Enzymtätigkeit ionen, Säuren) hemmen bzw. blockieren die
Aus der Eiweißstruktur der Enzyme ergibt sich, Enzymtätigkeit.
dass ihre Aktivität insbesondere von der Tempe-
ratur und vom pH-Wert abhängt. Dies verdeut-
lichen zwei Experimente (vgl. Tabelle 2.9).

Beeinflussende Faktoren der Enzymtätigkeit. Tab. 2.9

1. Experiment: Reagenzglas 1 2 3
Drei Reagenzgläser wer- Stärkelösung 2 ml 2 ml 2 ml
den nach folgendem
Amylaselösung 4 ml 4 ml 4 ml
Schema gefüllt:
Iod-Kaliumjodid-Lösung 1 Tropfen 1 Tropfen 1 Tropfen

Die Reagenzgläser wer-


den in unterschiedliche Reagenzglas 1 in ein Wasserbad von 15 – 20 °C
Temperaturbereiche Reagenzglas 2 in ein Wasserbad von 35 – 40 °C
gebracht: Reagenzglas 3 in ein Wasserbad von 70 – 80 °C

Ergebnis:
Das Temperaturoptimum für die meisten Enzyme liegt zwischen 30 ° und 40 °C, also bei Körper-
temperatur. Temperaturerhöhung über 60 °C zerstört die Enzyme.

2. Experiment: Reagenzglas 1 2 3
Drei Reagenzgläser
werden wie folgt ge- Wasser 0,5 ml 0,5 ml 0,5 ml
füllt: Pufferlösung (pH = 4,8) 1 ml
Pufferlösung (pH = 7,0) 1 ml
Pufferlösung (pH = 8,0) 1 ml
Stärkelösung 0,5 ml 0,5 ml 0,5 ml

Jetzt wird in jedes Reagenzglas 1 ml Amylaselösung (spaltet Stärkemoleküle) gegeben und kurz
geschüttelt. Danach werden aus jedem Glas einige Tropfen in je eine Vertiefung einer Tüpfelplatte
gegeben und mit 1 Tropfen Iod-Kaliumjodid-Lösung (verfärbt sich bei Vorhandensein von Stärke
kräftig blau) auf Stärke geprüft.
Ergebnis: Unterschiedliche Färbungen lassen erkennen, dass sich im Ansatz 2 (pH 7) kaum noch
Stärke befindet, d. h., bei einem pH-Wert 7 ist der Substratumsatz optimal.
40 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

2.4.4 Stoffumsatz und Energiefreisetzung Glykolyse. Tab. 2.11


In diesem Abschnitt werden die wichtigsten Glucose (C6-Körper)
Reaktionswege der Kohlenhydrate, Fette und
Eiweiße in vereinfachter Form dargestellt. Glykolyse
Pyruvat (C3-Körper)
Abbau- und Synthesewege der Kohlenhydrate
Die Glucose (= Traubenzucker) ist das wichtigs- anaerob aerob
te Kohlenhydrat für den menschlichen Organis- (ohne O2) (mit O2)
mus. Nervenzellen und Erythrozyten können
Energie nur durch Glucoseabbau bereitstellen. Lactat (C3-Körper) CO2 + H2O
Eine Voraussetzung hierfür ist ein geregelter (Milchsäure)
Blutzuckerspiegel. ^ 2 ATP)
135 kJ (= ^ 38 ATP)
2847 kJ (=
Der Blutzuckerspiegel wird hauptsächlich durch Vorkommen:
vier Faktoren beeinflusst (✑ Tab. 2.10). • Erythrozyten • alle Gewebszellen
• Muskelfasern • Muskelfasern
Faktoren, die den • Krebszellen • Mikroorganismen
Tab. 2.10 Blutzuckerspiegel beeinflussen.
Glykogen Glukoneogenese
Was geschieht bei Erschöpfung der Glykogen-
reserven?
Der Organismus hat in einem solchen Fall die
Blutzuckerspiegel Möglichkeit, in der Leber aus „Nicht-kohlenhy-
drat-Material“ Glucose zu synthetisieren. Dies
nennt man Glukoneogenese.
Nahrung Oxidativer
Abbau Folgende Ausgangsstoffe stehen zur Verfügung:
Glukoneogenese l. Lactat (aus Erythrozyten ständig, aus Musku-
latur bei Überbeanspruchung),
2. Glycerol (aus eingeschmolzenen Fettvorräten),
Glykolyse
3. glucoplastische Aminosäuren (durch Eiweiß-
Die Glykolyse ist die wichtigste Stoffwechsel-
abbau verfügbar).
reaktion der Glucose und leitet deren Abbau zum
Zwecke der Energiefreisetzung ein.
Abbau und Synthese der Triglyceride (Neutral-
fette)
Die Glucose wird hierbei zu Pyruvat (= Brenz-
Fettabbau
traubensäure) abgebaut, das bei Anwesenheit
Die Fette werden im Dünndarm zunächst in
von Sauerstoff (aerob) im Zitratzyklus weiter bis
Glycerol und Fettsäuren zerlegt.
zum CO2 und H2O oxidiert wird (= Hauptab-
Glycerol kann zwecks Energiefreisetzung zu
bauweg).
CO2 und H2O abgebaut werden, oder es dient als
Anaerob (ohne O2) entsteht aus dem Pyruvat in
Ausgangsstoff für die Bildung von Glucose
Anwesenheit des Enzyms Lactatdehydrogenase
(siehe Glukoneogenese).
(LDH) Milchsäure.
Verstoffwechslung des Glycerols. Tab. 2.12

P Lebererkrankungen, Herzinfarkt, perniziöse
Anämie, akute Hämolysen und Erkrankungen Glycerol
der Muskulatur verändern die LDH-Konzen- ATP
tration im Serum. LDH-Bestimmungen dienen
deshalb sowohl der Diagnosestellung als auch ADP
der Verlaufskontrolle dieser Erkrankungen.
Pyruvat Glucose
2.4 Physiologie des Stoff- und Energiewechsels 41

Die Fettsäuren bilden eine wichtige Energie- Fettaufbau


quelle. Sie werden in den Mitochondrien zu- Die Tabelle 2.13 zeigt in stark vereinfachter Form
nächst in C2-Einheiten zerlegt und dann weiter die Synthese der Fettsäuren bzw. Fette (✑ S. 20).
zu CO2 und Wasser abgebaut.
Abbau der Aminosäuren

P Beim Fettsäureabbau in der Leber entstehen Der Stoffwechsel der Proteine beginnt mit der
Ketonkörper (= Aceton, Acetessigsäure, -Hy- Zerlegung des Eiweißmoleküls (im Verdauungs-
droxybuttersäure) als Stoffwechselprodukte, trakt) in Aminosäuren. In der Leber dienen die
die normalerweise in den peripheren Organen Aminosäuren entweder dem Aufbau körpereige-
abgebaut werden. Bei Hunger und beim ner Proteine oder sie werden abgebaut. An dieser
Diabetes mellitus mit extremer Mobilisierung Stelle werden drei mögliche Reaktionswege
der Fettreserven kommt es zu einer über- stark vereinfacht beschrieben:
schießenden Produktion dieser Ketonkörper. 1. Transaminierung
Sie werden dann mit dem Urin ausgeschieden Transaminasen (ASAT = Aspartat-Amino-Trans-
(Obstgeruch!). Außerdem führen sie zu einer ferase, ALAT = Alanin-Amino-Transferase) über-
azidotischen Stoffwechsellage (✑ S. 230). nehmen die NH2-Gruppe einer Aminosäure und
geben sie an ein anderes Kohlenstoffskelett ab.
Fettspeicherung Auf diese Weise wird der Aminostickstoff in den
Triglyceride können in Fettzellen und begrenzt ausscheidungsfähigen Harnstoff überführt.
auch in der Leber gespeichert werden. Über-
schüssige Kohlenhydrate können leicht in ❑
P ASAT und ALAT spielen eine wichtige
Triglyceride umgewandelt und so ebenfalls zur Rolle in der Leberenzymdiagnostik. Erhöhte
Auffüllung der so genannten Fettdepots (z. B. Konzentrationen im Blutserum deuten auf
Bauch, Oberschenkel, Oberarm) dienen. einen Leberschaden hin.

Merke
Decarboxylierung. Tab. 2.14
Auch aus Kohlenhydraten können Fettdepots
gebildet werden. Decarboxylase


P Fettsucht (Adipositas) und das damit ver- Aminosäure CO2 + biogenes Amin
bundene Übergewicht sind eine der häufigsten
Ursachen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen 2. Decarboxylierung
und Erkrankungen des Bewegungsapparates. Spezifische Enzyme (Decarboxylasen) spalten
von Aminosäuren CO2 ab.
Tab. 2.13 Synthese von Fettsäuren und Fetten. Dadurch entstehen die
biogenen Amine, welche
CO2 im Organismus vielfältige
Aufgaben erfüllen, z. B.
Glucose Pyruvat C2-Körper Fettsäuresynthese durch
als Bausteine von Coen-
zymen oder Vorstufen von
Verketten der C2-Körper
Hormonen (✑ Tab. 2.14).
3. Oxidative Desaminie-
im Mitochondrium im Zellplasma rung
Mit Glycerol können Fettsäuren Triglyceride oder Durch Aminosäure-Oxida-
Phosphatide bilden sen wird in der Leber von
Aminosäuren die NH2-
Triglycerid Phosphatid Gruppe abgespalten. Dabei
entsteht Ammoniak, der
FS FS
unter Energieverbrauch in
Glycerol FS Glycerol FS Harnstoff umgewandelt
FS Phosphat + Alkohol wird.
42 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Der Harnstoff besitzt folgende Eigenschaften, die Bei der Energiefreisetzung sind folgende bioche-
seine Ausscheidung mit dem Urin problemlos er- mische Vorgänge zu erkennen (✑ Tab. 2.15):
möglichen. Er ist ungeladen, nicht toxisch und – Pyruvat und C2-Körper sind zentrale Stoffe im
kann gut durch die Biomembranen diffundieren. Energiestoffwechsel, wobei, wie bereits gesagt,
99 % aus der Glykolyse stammen.
Merke – Alle C2-Körper werden in den Zitratzyklus
eingeschleust und weiter abgebaut, wobei
Die wenigen nicht als Baustoff oder Funk-
Wasserstoff (wird an Coenzyme gebunden)
tionsstoff benötigten Aminosäuren werden vor
und CO2 (wird abgegeben) entstehen.
allem in der Leber zur Energiefreisetzung
abgebaut.
Die Endprodukte des Aminosäureabbaus sind:

P Die zentrale Stellung des Zitratzyklus im
Intermediärstoffwechsel kommt darüber hinaus
• Wasser • Kohlendioxid • Ammoniak. beim Fettsäure-, Aminosäure-, Glucosestoff-
wechsel und bei der Synthese körpereigener

P Fast jede Erkrankung verursacht mehr oder Stoffe (z. B. Häm) zum Ausdruck.
weniger deutliche Veränderungen des Eiweiß-
stoffwechsels. Bei Schwerkranken und Schock- Biologische Oxidation des Wasserstoffs
patienten ist immer darauf zu achten, dass aus- Unter biologischen Bedingungen werden Was-
reichend Harnstoff ausgeschieden wird. serstoff und Sauerstoff stufenweise in ihrer
Reduktions-Oxidationsenergie angenähert, so-
Stoffwechselwege zur Energiefreisetzung dass es nicht zur Knallgasreaktion kommt. Die
(Überblick) bei der biologischen Oxidation hintereinander
Der Mensch benötigt zur Aufrechterhaltung sei- geschalteten Redoxreaktionen bezeichnet man
ner Lebensvorgänge (wie z. B. Informationsaus- als Atmungskette. Zuerst wird der Wasserstoff
tausch, Stoffsynthesen, Bewegung, gleichmäßige (enthält die Energie) ionisiert. Die dabei entste-
Körpertemperatur) ständig Energie, die durch henden energiereichen Elektronen werden so-
Abbau energiereicher Stoffe in den Zellen be- gleich über die Atmungskette, die aus Oxido-
reitgestellt werden muss. reduktasen besteht, „bergab“ transportiert. Das
Als energiereiche Stoffe kommen infrage heißt, es kommt zu einer schrittweisen Energie-
– Kohlenhydrate: 99 %. abgabe. Die freigesetzte Elektronenenergie wird
– Fette: Geringe Beteiligung, aber die sofort durch ATP-Bildung in chemische Bin-
langkettigen Fettsäuren lie- dungsenergie umgewandelt (✑ S. 36). Zum
fern bei hohem O2-Verbrauch Schluss werden die energiearmen Elektronen auf
viel Energie. molekularen Sauerstoff übertragen. Der so ioni-
– Eiweiße: Spielen normalerweise keine sierte Sauerstoff verbindet sich mit den entstan-
Rolle. denen Wasserstoffionen (H+) zu Wasser.

Im Folgenden wird in einfacher Form darge- Merke


stellt, wie die chemische Energie dieser Stoffe
Das CO2 entsteht im Säurekreislauf, der O2
freigesetzt wird. Grundsätzlich erfolgt der Abbau
wird zur Wasserbildung verbraucht und nicht
schrittweise mithilfe von Enzymen, wobei drei
zur Oxidation von Kohlenstoff zu CO2.
grundlegende Schritte zu erkennen sind:

1. Zerlegung der Makromoleküle in ihre Grundbausteine (✑ Kap. 12.8, S. 252): Die beschrie-
Amylasen benen Abbau-
• Kohlenhydrate Monosaccharide, wege zur Ener-
Lipasen
• Fette Glycerol + Fettsäuren, giefreisetzung
Proteasen und Peptidasen
• Eiweiße Aminosäuren. sind in allen
2. Zerlegung der Grundbausteine in C2-Körper. Zellen gleich.
3. Oxidation der C2-Körper zu CO2 + H2O, wobei die Hauptmenge der Energie
schrittweise freigesetzt wird.
2.5 Genetik 43

Biochemische Vorgänge bei der Energiefreisetzung. Tab. 2.15

Eiweiße Kohlenhydrate Fette

Aminosäuren Glucose Glycerol Fettsäuren

Pyruvat

C2-Körper

Zitrat-
zyklus

CO2
Energie


H2
Oxydo- 38 ADP + 38 
P 38 ATP
reduk- oxidative Phosphorylierung
tasen
2e-

O2-
1
2H+ + 2 O2

H2O

2.5 Genetik (Vererbungslehre) 2.5.1 Chromosomen

Bei der Fortpflanzung einer Organismenart ent- Die nur während der Zellteilungsphase sicht-
stehen immer wieder Nachkommen, die in ihren baren Chromosomen gehen aus dem Chromatin
wesentlichen Merkmalen den Eltern gleichen. hervor und nach Abschluss der Zellteilung wie-
Diese relative Konstanz der Arten wird durch die der in dieses über.
Konstanz spezifischer Eiweiße gewährleistet. Die
„Anweisungen“ für die Bildung der Eiweiße sind Merke
in der DNA gespeichert, welche sich in den
Die Chromosomen stellen die „Transportform“
Chromosomen befindet. Bei der geschlechtlichen
der Erbinformation während der Zellteilung
Fortpflanzung werden sie von den Eltern auf die
dar. Das Chromatin ist die „Funktionsform“,
Nachkommen übertragen und bei der Zellteilung
die im Stoffwechsel der Zelle wirksam wird
an die Tochterzellen weitergegeben. Man sagt,
und sich verdoppelt. Struktur und Anzahl der
sie werden vererbt, und bezeichnet sie als Erb-
Chromosomen sind artspezifisch.
information oder genetische Information.
Alle Merkmale eines Lebewesens sind von sei-
ner Erbinformation abhängig. In der DNA sind ❑
P Veränderungen der Chromosomenstruktur
die Informationen für die einzelnen Eiweiße hin- und Chromosomenzahl haben meist Krank-
tereinander angeordnet. heiten (Erbkrankheiten) zur Folge.
44 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Bei allen höheren Lebewesen, also auch beim Feinbau


Menschen, ist die arttypische Chromosomen- Jedes Chromosom ist gekennzeichnet durch sei-
zahl in allen Zellen zweimal vorhanden. Sie sind ne Länge und die Lage seines Zentromers.
diploid. Nur ihre reifen Keimzellen sind haploid,
d. h., sie besitzen nur den einfachen Chromoso- ❑
P Der unterschiedliche Bau ermöglicht die
mensatz. Einordnung der Chromosomen in Karyogram-
me.1)
Merke
Im doppelten (diploiden) Chromosomensatz Ein Chromosom (✑ Abb. 2.17) besteht aus
sind immer 2 Chromosomen in Form und 2 Chromatiden (= Längshälften, Halb- oder
Größe gleich. Sie heißen homologe Chromo- Tochterchromosomen), die am Zentromer (Spin-
somen. delfaseransatzstelle) miteinander verbunden sind.
Eine Ausnahme bilden die Geschlechts- Jede Chromatide besteht aus einem doppelsträn-
chromosomen. Sie werden als X- und Y-Chro- gigen DNA-Molekül.
mosomen bezeichnet und sind nicht gleich
(✑ S. 49). Merke
In einem Chromosom ist die Erbinformation
vierfach gespeichert. Die Chromosomen be-
stehen aus:
– DNA (enthält die genetische Information),
Zentromer – RNA (ermöglicht die Umsetzung der
genetischen Information, ✑ S. 45),
Chromatiden – Eiweiße (haben Stütz- und regulatorische
Funktionen).

DNS-Doppelhelix 2.5.2 Nukleinsäuren als Trägerstoff der


Erbinformation

G
Bei je0der Zellteilung wird gewährleistet, dass
C die Tochterzellen die vollständige Erbinforma-
A tion der Mutterzelle erhalten (✑ S. 48). Die
Matrix T Nukleinsäuren sind hierfür die stoffliche Grund-
C lage. Sie besitzen die für diese Funktion notwen-
G
digen drei Eigenschaften:
T – relativ stabil zu sein,
A
– zahlreiche Informationen speichern zu können,
– sich identisch zu verdoppeln.
Abb. 2.17 Bau des Chromosoms.
Aufbau der Nukleinsäuren
Für das Vererbungsgeschehen kommen zwei
unterschiedliche Nukleinsäuren in Frage:
Menschliche Keimzellen (sowohl Eizellen als – Desoxyribonukleinsäure (DNS) oder (englisch)
auch Samenzellen) enthalten 23 Chromosomen; Desoxyribonucleinacid (DNA),
die bei der Befruchtung entstehende befruchtete – Ribonukleinsäure (RNS) oder (englisch)
Eizelle (Zygote) und alle aus ihr hervorgehenden Ribonucleinacid (RNA).
Körperzellen besitzen 46 Chromosomen (✑
S. 49). Jede dieser Nukleinsäuren besteht aus vielen
miteinander verbundenen Nukleotiden als Bau-
stein. Deshalb werden sie auch als Polynukleotid
1) Bildliche Darstellung der Chromosomen eines Organismus
bezeichnet.
2.5 Genetik 45

4 verschiedene Nukleotide Doppelhelix

Phosphor- Desoxy- organische


säurerest ribose stickstoffhaltige
Base

P Adenin
Stickstoffbase

Desoxyribose
P Thymin

Phosphorsäure
P Guanin
Wasserstoff-
brückenbindung

P Cytosin

DNA. Abb. 2.18

Ein Nukleotid setzt sich zusammen aus: RNA


– Zuckermolekül, Die RNA wird ebenfalls aus vier verschiedenen
– Phosphorsäuremolekül, Nukleotiden gebildet. An der Stelle von Thymin
– organischer Stickstoffbase. steht Uracil im Nukleotid und die Desoxyribose
ist durch Ribose ersetzt (✑ Abb. 2.19).
DNA
Die DNA wird aus vier verschiedenen Nukle- Die Speicherung der Erbinformation erfolgt ver-
otiden gebildet (✑ Abb. 2.18). schlüsselt durch Anzahl und Reihenfolge der ver-
Ähnlich den Proteinen sind auch bei der DNA schiedenen Nukleotide in der DNA bzw. RNA.
verschiedene Strukturen zu unterscheiden: Die spezifische Aufeinanderfolge der Nukleotide
– Primärstruktur (= Nukleotidsequenz), beinhaltet die Anweisung für die Synthese der
– Sekundärstruktur (= Doppelstrang), Eiweiße.
– Tertiärstruktur (= Raumstruktur, rechtsdrehen-
de Doppelhelix). Merke
Die Aminosäuresequenz der Eiweiße wird
Merke
durch die Basensequenz der DNA verschlüs-
Aufgrund der Molekülstruktur können sich selt (codiert) gespeichert.
durch Wasserstoffbrücken nur Adenin mit
Thymin und Guanin mit Cytosin verbinden. Triplett-Code
Die Aminosäuren werden durch Nukleotidbasen-
Die sich im Doppelstrang gegenüberstehenden tripletts codiert. Zur Codierung der 20 vorkom-
Basen heißen komplementäre Basen (= sich menden Aminosäuren gibt es aufgrund vier ver-
ergänzende Basen). Der Doppelstrang lässt sich schiedener Basen 43 = 64 Kombinationsmög-
längs der Wasserstoffbrücken in zwei komple- lichkeiten. Das heißt, für die meisten Amino-
mentäre Einzelstränge spalten. Dies besorgen säuren gibt es mehrere Tripletts. Die Speicherung
bestimmte Enzyme. der Erbinformation ist bei allen Lebewesen gleich.
46 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Desoxyribose

Ribose

Kernmembran
Information
Kernpore
RNA

DNA
Proteinsynthese

Ribosom
Uracil

Abb. 2.19 Merkmale DNA – RNA.

Identische Verdopplung (= Reduplikation) wird durch Enzyme gesteuert und verläuft in


der DNA mehreren Phasen. Die Abbildung 2.20 stellt den
Die identische Verdopplung des genetischen komplizierten Vorgang schematisch dar.
Materials bei Zellteilungen ist die Voraussetzung 1. Mittels Enzymen werden die Wasserstoff-
für die unveränderte Weitergabe und die Erhal- brückenbindungen zwischen den komplemen-
tung artspezifischer Merkmale. Nur dadurch ist tären Basen gelöst. Der Doppelstrang öffnet
es möglich, dass bei der Zellteilung zwei völlig sich wie ein Reißverschluss. Es entstehen zwei
gleiche Zellen mit identischen Eigenschaften Einzelstränge.
und gleicher Erbinformation entstehen. Ohne 2. An die Basen jedes Einzelstranges lagern sich
den Mechanismus der identischen Reduplikation die jeweils passenden freien Nukleotide aus
wäre kein Wachstum und kein gleichwertiger dem Zellstoffwechsel an und verbinden sich
Ersatz abgestorbener Zellen möglich. in der bereits bekannten Weise miteinander.
Die identische Reduplikation beruht darauf, dass Es sind zwei genetisch identische Doppel-
die beiden Polynukleotidstränge eines DNS- stränge entstanden, halb aus altem und halb
Moleküls aufgetrennt werden und sich dann die aus neuem Material.
jeweils passenden Nukleotide aus dem Umfeld
so anlagern, dass eine völlig gleiche Kopie des
Ausgangsmoleküls entsteht (komplementäre
Paarung der organischen Basen). Dieser Vorgang
2.5 Genetik 47

Realisierung der Erb-


information
(Eiweißsynthese) DNA-Doppelstrang
In den Abschnitten 2.1.3
(✑ S. 21 – 22) und 2.4.3
(✑ S. 37) ist die Bedeu-
tung der Eiweiße als Bau-
und Funktionsstoffe dar- organische
gestellt. Schon der Ausfall Stickstoffbasen
eines einzigen Enzyms Wasserstoff-
führt zu einer gestörten brücken-
Zellfunktion oder gar bindungen
zum Zelltod. Deshalb
kommt der Eiweißsyn-
these eine zentrale Be-
deutung zu.
Die Realisierung der Erb- Desoxyribose
information besteht in der
Synthese der individual-
spezifischen Eiweißstoffe Phosphorsäure
(= Genprodukte). Dabei
wird derjenige Abschnitt
der DNA, der die Syn-
these eines bestimmten
Eiweißstoffes steuert, als
Gen (= Erbanlage) be-
zeichnet (✑ S. 50).

Der Ablauf erfolgt in zwei


Stufen:
l. Informationsabgabe im freie Nukleotide
Zellkern aus dem
(= Transkription) Zellstoffwechsel
Die Information der
DNA (Gen) wird in die
Nukleotidsequenz einer
m-RNA (m-RNA =
Messenger-RNA: Bo-
ten-RNA) umgeschrie-
ben. Dies geschieht
Tochterstrang Elternstrang Tochterstrang
wie folgt:
– Aufspaltung des DNA-
Doppelstranges durch Identische Reduplikation der DNA. Abb. 2.20
Lösen der Wasserstoff-
brücken,
– komplementäre Anlage
rung der m-RNA-Nukleotide, Aminosäuresequenz eines Proteins wird ent-
– Ablösen der m-RNA und Wanderung durch schlüsselt. Der Proteinaufbau erfolgt mithilfe
die Kernporen zu den Ribosomen im Cytosol. der t-RNA (= Transfer-RNA) in folgenden
Schritten:
2. Entschlüsselung am Ribosom (= Translation) – Anlagerung der m-RNA an ein Ribosom,
Die genetische Information der m-RNA als – komplementäre Basenpaarung zwischen
48 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

m-RNA und t-RNA und Verknüpfung der • Das Chromatin formt sich zu den Chromo-
Aminosäuren, somen um (✑ Abb. 2.17, S. 44), und die
– Lösen des neu gebildeten Eiweißes (Gen- Chromatiden werden sichtbar (Längsspalt).
produktes) von der t-RNA. • Das Zentriol teilt sich.


P Sowohl durch äußere Einflüsse (z. B. radio-
Zentriol
aktive Strahlen, Röntgenstrahlen, Zellgifte,
Viren) als auch durch innere Einflüsse (z. B.
Erbeinflüsse) kann die DNA verändert werden.
Auf diese Weise können Zellen entarten und
beispielsweise Krebszellen entstehen, die
außerhalb der Regulations- und Steuervor-
gänge des Organismus liegen.
Hieraus lässt sich das weitgehend ungehemm-
te Wachstum von bösartigen Tumoren er-
klären.
Chromatin Chromosomen

Prophase. Abb. 2.21


2.5.3 Zellteilung

Die Zellteilung ist ein Grundvorgang, der bei Metaphase


den Lebewesen zur Zellvermehrung führt. So • Auflösung der Kernmembran wird abge-
können sich aus einer Zelle vielzellige Lebe- schlossen.
wesen entwickeln. Die entstehenden Tochterzel- • Bildung des Spindelapparates aus kontrakti-
len sind mit der Mutterzelle genetisch identisch. len Plasmafäden und
• Verbindung der Chromosomen am Zentromer
Entscheidend bei jeder Zellteilung ist, dass die mit den Plasmafäden.
Erbinformation, die im Zellkern der Mutterzelle • Die Chromosomen werden in die Äquatori-
gespeichert ist, fehlerfrei auf die Tochterzellen alebene verlagert und geordnet (die Chromo-
übertragen wird. somenarme zeigen polwärts).
Die Zellteilung ist die Grundlage für das
Wachstum und die Vermehrung der Organismen
sowie die Regeneration abgestorbener Zellen.
Anordnung der
Formen der Zellteilung Chromosomen
in der
1. Mitose Äquatorialebene
Als Mitose bezeichnet man die „indirekte Kern-
teilung“ im Sinne des Wachstums- und Zell-
erneuerungsprozesses. Sie kann in verschiedene
Phasen untergliedert werden, die ohne deutliche Metaphase. Abb. 2.22
Grenzen ineinander übergehen.

Die Kernteilung geht stets der Zellteilung vor-


aus. Anaphase
• Die Zentromere werden geteilt und die
Prophase Chromatiden mithilfe der Spindelfasern an
• Die spezifischen Zellfunktionen werden ein- die Zellpole transportiert. Bei diesem Vorgang
gestellt und viele Zellorganellen sowie die kommt es darauf an, dass die beiden Chromati-
Kernmembran beginnen sich aufzulösen. den eines jeden Chromosoms getrennt werden.
2.5 Genetik 49

• Grundlage der Wundheilung:


Bei Verletzungen werden bestimmte Zellen
wieder zur Mitose angeregt.
Transport der
Chromatiden 2. Polyploidie (✑ Abb. 2.25)
mithilfe des
Im Zellkern entstehen Chromatiden, aber die
Spindelapparates
an die Zellpole Kernmembran bleibt erhalten und die Zelle teilt
sich nicht.
Ergebnis: Zellen mit vielfachen Chromosomen-
sätzen (= polyploide Zellen).
Abb. 2.23 Anaphase. Vorkommen: Megakaryozyten des Knochen-
marks, bösartige Tumorzellen.

3. Amitose (= direkte Kernteilung)


Telophase Hierbei wird nur der Zellkern einfach geteilt,
• Spindelapparat löst sich auf. ohne dass eine geordnete Aufteilung der Chro-
• Neubildung der Kernmembran. matiden erfolgt (✑ Abb. 2.25).
• Bildung des Chromatins. Ergebnis: Zellen mit zwei Zellkernen.
• Zwischen den beiden Tochterkernen bildet Vorkommen: Leberzellen und Harnblasenepithel-
sich eine neue Zellmembran. zellen.
• 2 neue Tochterzellen sind entstanden.
4. Meiose (✑ Abb. 2.26)
Tochterkern Bildung der Tochterzellen Die Meiose dient der Bildung der Geschlechts-
zellen (= Keimzellen = Gameten). In den Hoden
werden die Samenzellen (Spermien) und in den
Eierstöcken die Eizellen gebildet.
Die Körperzellen des Menschen besitzen einen
doppelten Chromosomensatz (✑ S. 44). Sie sind
diploid (= 2n).
In jeder menschlichen Körperzelle befinden sich
22 Autochromosomenpaare und 1 Gono- oder
Geschlechtschromosomenpaar (2n = 46).
Abb. 2.24 Telophase.
Chromosomensatz der Frau:
22 Autochromosomenpaare
+ 2 gleich gestaltete Geschlechtschromosomen,
Merke die X-Chromosomen.
Chromosomensatz des Mannes:
Bei der Mitose entstehen genetisch „gleichwer- 22 Autochromosomenpaare
tige“ Zellen. Der Chromosomensatz der Toch- + 2 ungleich gestaltete Geschlechtschromoso-
terzelle entspricht dem der Mutterzelle. In der men, ein X- und ein Y-Chromosom.
auf die Mitose folgende Interphase (= Phase Damit dieser Chromosomensatz auch in den
zwischen den Kern- bzw. Zellteilungen) erfolgt Folgegenerationen erhalten bleibt, findet bei der
die identische Verdopplung der DNA (✑ S. 46). Bildung der Geschlechtszellen eine Halbierung
statt. Die Samen- und Eizelle besitzen demnach
Bedeutung der Mitose einen einfachen Chromosomensatz. Sie sind
• Grundlage des Wachstums (= Zellteilungs- haploid (= n).
wachstum): In jeder reifen menschlichen Keimzelle befinden
Ausgehend von der befruchteten Eizelle sich somit 23 Chromosomen (n = 23), in den
(= Zygote) entstehen alle Körperzellen durch Samenzellen 22 Autosomen plus 1 Y- oder
Mitosen, besitzen also das gleiche Erbmaterial 1 X-Chromosom und in den Eizellen 22 Auto-
wie die Zygote. somen plus in jedem Fall 1 X-Chromosom.
50 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Trifft bei der Be-


fruchtung eine Sa- Mitose Polyploidie Amitose
menzelle mit einem
X-Chromosom auf
die Eizelle, so ent- direkte
Kerndurch-
steht ein weiblicher schnürung
Organismus (XX).
Eine Samenzelle mit
einem Y-Chromo-
som bewirkt bei der
Verschmelzung das 1 Zelle mit
männliche Geschlecht 2 genetisch
(XY) (✑ S. 288). ungleichen
Zellkernen

Ablauf der Meiose


(= Reifeteilung)
Die Meiose läuft in Vergleichende Übersicht der Zellteilungsformen. Abb. 2.25
zwei aufeinander
folgenden Teilungs-
schritten (Reifeteilungen) ab: Bedeutung der Meiose
1. Grundlage für die Konstanz der artspezifi-
Meiose I (1. Reifeteilung) schen Chromosomenzahlen.
Prophase I 2. Grundlage für die Neukombination des gene-
Paarung der homologen Chromosomen (je tischen Materials zwischen den Generationen.
1 mütterliches mit dem entsprechenden väter- Bei Trennung der homologen Chromosomen
lichen Chromosom). Während der Paarung hängt es vom Zufall ab, welche mütterlichen
kann es zum Austausch einzelner homologer bzw. väterlichen Chromosomen in die eine
Bruchstücke bei Nichtschwesterchromatiden oder andere Tochterzelle gelangen. Beim
kommen („crossing over“). Dadurch können Menschen sind demnach 223 = 8.388.610
Veränderungen im Erbgut entstehen. verschiedene Kombinationen möglich. Dies
Metaphase I wird noch erweitert durch den möglichen
Anordnung der homologen Chromosomen in Austausch homologer Bruchstücke von Nicht-
der Äquatorialebene zufallsgemäß. schwesterchromatiden in der Prophase I.
Anaphase I
Die mütterlichen und väterlichen Chromosomen
gelangen entsprechend der zufallsgemäßen 2.5.4 Gesetzmäßigkeiten der Vererbung –
Anordnung an die Zellpole. Mendel’sche Erbregeln
Telophase I
Bildung von 2 haploiden Tochterzellen. Im 19. Jahrhundert stellte Gregor Mendel durch
Meiose II (2. Reifeteilung) zahlreiche Kreuzungsversuche als Erster das
Die Meiose II ist eine Mitose. Auftreten von Gesetzmäßigkeiten in der Verer-
Beim Menschen entstehen: bung fest. Er legte damit den Grundstein für die
– 4 haploide plasmaarme Spermien (Mann) bzw. moderne Genetik. Im Folgenden wollen wir uns
– 1 haploide plasmareiche Eizelle plus 3 haploi- mit einigen seiner wichtigsten Erkenntnisse, den
de plasmaarme Polkörperchen (Frau). Mendel’schen Erbregeln, genauer auseinander
setzen.
Merke
Zum besseren Verständnis der Erbgänge werden
Bei der Meiose entstehen aus diploiden Ur- zunächst einige wichtige Fachbegriffe erklärt.
keimzellen in zwei Teilungsschritten haploide Gen (= Erbanlage): Ein Abschnitt der DNA, der
Geschlechtszellen. die Information für den Aufbau eines bestimm-
ten Eiweißes enthält, heißt Gen (✑ S. 47).
2.5 Genetik 51

1. Reifeteilung (Reduktionsteilung)

Bildung der Chromosomen Trennung der Bildung der


und Paarung der homologen Chromosomen haploiden Tochterzellen
homologen Chromosomen

2. Reifeteilung (Mitose)
haploide Tochterzellen haploide Geschlechtszellen

Samenzelle
(Spermium)
– haploid –

unbefruchtete Eizelle befruchte Eizelle


– haploid – (Zygote)
– diploid –

Meiose – Bildung der Geschlechtszellen und Befruchtung. Abb. 2.26


52 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Jedes Gen hat eine spezifische Erbinforma- – zwei ungleiche Buchstaben für mischerbig,
tion gespeichert. Die Gesamtheit der Gene zum Beispiel aB, AB, bA.
eines Lebewesens werden als seine Erban-
lagen bezeichnet. An der Ausbildung eines Bei der Durchführung von Kreuzungen werden
Merkmals (z. B. Augenfarbe) sind in der für die Kreuzungspartner die folgenden Bezeich-
Regel Genpaare beteiligt, d. h. je ein Gen vom nungen benutzt:
Vater und von der Mutter. P = Elterngeneration (Parentalgeneration),
Genotyp: Gesamtheit der in den Genen verschlüs- V = Vater,
selten Erbinformation. M = Mutter,
Phänotyp: Äußeres Erscheinungsbild eines Fl = 1. Tochtergeneration (l. Filialgeneration),
Individiums, welches sich aus allen Merk- F2 = 2. Tochtergeneration (2. Filialgeneration)
malen zusammensetzt. usw.
Reinerbig (homozygot): Für die Ausbildung
eines Merkmals sind zwei gleiche Gene oder 1. Mendel’sche Erbregel (Uniformitätsregel)
Gengruppen vorhanden. Kreuzt man reinerbige Individuen, die sich in
Mischerbig (heterozygot): Für die Ausbildung einem oder mehreren Merkmalen unterschei-
eines Merkmals (z. B. Augenfarbe) sind zwei den, sind alle Fl-Bastarde gleich (= uniform).
verschiedene Gene oder Gengruppen vorhan-
den. Diese Individuen mit 2 verschiedenen Beispiel: Vererbung der Blutgruppen
Anlagen für ein Erbmerkmal werden als
Hybride oder Bastarde bezeichnet. a) Dominant-rezessiver Erbgang
Solche gleichen oder auch unterschiedlichen AA = Blutgruppe A (Vater)
Zustandsformen von Genen, die in homologen oo = Blutgruppe 0 (Mutter)
Chromosomen den gleichen Platz einnehmen,
werden als allele Gene oder Allele bezeichnet.
Monohybrider Erbgang: Kreuzung, bei der sich V
P: AA x oo A A
die Eltern in einem Allelpaar unterscheiden. M
Dihybrider Erbgang: Kreuzung, bei der sich die o Ao Ao
Eltern in zwei Allelpaaren unterscheiden. (F1)
Dominant: Ein Gen oder eine Gengruppe herrscht Keimzellen: A o o Ao Ao
in der Merkmalsausprägung vor.
Rezessiv: Ein Gen oder eine Gengruppe tritt in
der Merkmalsausprägung zurück. Ergebnis: Alle Nachkommen haben die Blutgruppe
Intermediär oder kodominant: Zwei Gene oder A und sind mischerbig.
Gengruppen sind in der Merkmalsausprägung
gleich stark. b) Intermediärer Erbgang
Autosomaler Erbgang: Ein an die Autosomen AA = Blutgruppe A (Vater)
(normale Chromosomen, nicht Geschlechts- BB = Blutgruppe B (Mutter)
chromosomen) gebundener Erbgang.
Geschlechtsgebundener Erbgang: Ein an die Ge-
schlechtschromosomen (Heterochromosomen) V A A
gebundener Erbgang. P: AA x BB M
B AB AB
Bei der Darstellung von Erbgängen werden zur (F1)
Vereinfachung Buchstaben verwendet: Keimzellen: A B B AB AB
– ein großer Buchstabe für dominant, zum Bei-
spiel B;
– ein kleiner Buchstabe für rezessiv, zum Bei- Ergebnis: Alle Nachkommen haben die Blutgruppe
spiel b; AB und sind mischerbig.
– zwei gleiche Buchstaben für reinerbig, zum
Beispiel BB, bb;
2.5 Genetik 53

2. Mendel’sche Erbregel (Spaltungsregel) Beispiel: Vererbung der Blutgruppe und des


Kreuzt man Fl-Bastarde, die in einem Merkmal Rhesusfaktors.
mischerbig sind, so ist die F2-Generation in dem AAdd (Vater) x ooDD (Mutter)
betreffenden Merkmal nicht einheitlich, sondern A = Blutgruppe A o = Blutgruppe 0
spaltet sich in einem bestimmten Zahlen- d = rh- D = Rh+
verhältnis auf.
Bei dominant-rezessiven Erbgängen: P: AAdd x ooDD
3:1 = 75 % : 25 %
Bei intermediären Erbgängen:
1 : 2 : 1 = 25 % : 50 % : 25 % Keimzellen: Ad oD
Fl AoDd
Beispiel: Vererbung der Blutgruppen Keimzellen: AD, Ad, oD, od

a) Dominant-rezessiver Erbgang
Ao = Blutgruppe A (Vater) M V AD Ad oD od
Ao = Blutgruppe A (Mutter)
AD AADD AADd AoDD AoDd
V A o Ad AADd AAdd AoDd Aodd
P: Ao x Ao M (F2)
A AA Ao oD AoDD AoDd ooDD ooDd
(F1)
Keimzellen: A,o A,o o Ao oo od AoDd Aodd ooDd oodd

Ergebnis: Blutgruppe A = 3x, Blutgruppe o = lx;


Spaltungsverhältnis = 3 : 1.
Ergebnis:
4 Phänotypen:
A, Rh+; A, Rh-; 0, Rh+; 0, Rh- im Verhältnis
b) Intermediärer Erbgang 9:3:3:1.
AB = Blutgruppe AB (Vater)
AB = Blutgruppe AB (Mutter) A, Rh+ (reinerbig): 1
A, Rh+ (mischerbig): 8
}9
V A A, Rh- (reinerbig): 1
P: AB x AB M B
A, Rh- (mischerbig): 2
}3
A AA AB 0, Rh+ (reinerbig): l
Keimzellen: A,B A,B
(F1)
0, Rh+ (mischerbig): 2
}3
B AB BB
0, Rh- (reinerbig): l
0, Rh- (mischerbig): –
}1
Ergebnis: Blutgruppe A = 1x, Blutguppe AB = 2x,
Blutgruppe B = 1x; Spaltungsverhältnis = 1 : 2 : 1.
9 Genotypen:
AADD, AADd (2x), AoDD (2x), AoDd (4x),
3. Mendel’sche Erbregel (Neukombinationsregel) AAdd, Aodd (2x), ooDD, ooDd (2x), oodd.
Kreuzt man Bastarde, die sich in mehreren
Merkmalen unterscheiden, so werden die Merk- Die Genotypen AADD und oodd stellen rein-
male unabhängig voneinander nach der Spal- erbige Neukombinationen dar.
tungsregel vererbt, soweit sie nicht gekoppelt auf
einem Chromosom lokalisiert sind.
54 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

2.5.5 Mutationen Autosomal rezessive Erbgänge (typisch für


Stoffwechseldefekte)
Mutationen sind spontan entstandene Verän- A = gesundes Gen, dominant;
derungen der Erbinformation. Das betroffene a = krankes Gen, rezessiv.
Individuum heißt Mutante.
Beispiel 1:
Arten
Genmutationen betreffen ein Gen, sind also Heterozygote Merkmals-
Veränderungen innerhalb der Basenfolge der träger, klinisch gesund
DNA.
Beispiele: – Sichelzellanämie,
– Phenylketonurie und V A a
– Hämophilie. M
P: Aa x Aa A AA Aa
Chromosomenmutationen sind Strukturverän- (F1)
derungen einzelner Chromosomen. a Aa aa
Beispiel – Katzenschrei-Syndrom. Keimzellen: A,a A,a

Genommutationen sind Änderungen der Chro- Ergebnis: aa (25 %) homozygot, klinisch krank;
mosomenzahl. AA (25 %) homozygot, klinisch gesund;
Beispiele: – Trisomie 21 oder Langdon-Down- Aa (50 %) heterozygote Merkmalsträger; klinisch
Syndrom (Chromosom Nr. 21 ist gesund.
3x vorhanden),
– Klinefelter-Syndrom: 44 + XXY,
– Turner-Syndrom: 44 + X. Beispiel 2:
V
Ursachen:– energiereiche Strahlen, z. B. Rönt- a a
M
genstrahlen,
– Chemikalien, z. B. LSD, Nikotin, P: aa x AA A Aa Aa
Salpetersäure, bestimmte Industrie- (F1)
abgase, A Aa Aa
– Temperatur, z. B. Kälte- und Wärme- Keimzellen: a A
schocks,
Ergebnis: Aa (100 %): heterozygot, klinisch gesun-
– Viren.
de Merkmalsträger.

Merke
Beispiel 3:
Mutationen in den Keimzellen können zu Erb- V
krankheiten führen. A a
M
Mutationen in den Körperzellen hingegen
führen zu veränderten Zellverbänden und P: Aa x aa a Aa aa
damit zu Fehlbildungen des Individuums (z. B. (F1)
Krebs), werden aber nicht direkt vererbt. a Aa aa
Keimzellen: A,a a
Ergebnis: Aa (50 %): heterozygot, klinisch gesunde
Merkmalsträger; aa (50 %): homozygot, klinisch
krank.
2.5 Genetik 55

Autosomal dominanter Erbgang (typisch für Beispiele sind Hämophilie, Rotgrünblindheit


Missbildungen) und Sehnervenatrophie. Es bedeutet:
a = gesundes Gen, rezessiv; X = gesundes Gen,
A = krankes Gen, dominant. XK = krankes Gen.

Beispiel 1: Beispiel 1:
V V
a a X Y
M M
P: aa x Aa A Aa Aa P: XY x XXK X XX XY
(F1) (F1)
a aa aa Keim- XK XXK XKY
Keimzellen: a a zelle: X,Y X,XK

Ergebnis: aa (50 %): homozygot, klinisch gesund; Ergebnis: XX (25 %): homozygot, klinisch gesund;
Aa (50 %): heterozygot, klinisch krank. XXK (25 %): klinisch gesund, heterozygote Kon-
duktorin;
XY (25 %): klinisch gesund;
Beispiel 2: XKY (25 %): klinisch krank.

V A a
M
Beispiel 2:
P: Aa x Aa A AA Aa
(F1) V XK Y
M
a Aa aa
Keimzellen: A,a A,a P: XKY x XX X XXK XY
(F1)
Ergebnis: AA (25 %): homozygot, klinisch krank; Keim- X XXK XY
Aa (50 %): heterozygot, klinisch krank; zelle: XK,Y X
aa (25 %): homozygot, klinisch gesund.
Ergebnis: XY (50 %): klinisch gesund;
XXK (50 %): klinisch gesund, heterozygote Kon-
Beispiel 3: duktorin.
V A A
M
P: AA x aa a Aa Aa Beispiel 3:
(F1) V
a Aa Aa XK Y
M
Keimzellen: A a
P: XKY x XXK X XXK XY
Ergebnis: Aa (100 %): heterozygot, klinisch krank. (F1)
Keim- XK XKXK XKY
zelle: XK,Y X,XK
Geschlechtsgebundener Erbgang
Das defekte Gen liegt auf dem X-Chromosom Ergebnis: XXK (25 %): klinisch gesund, heterozy-
und wird bei Vorhandensein eines Normalgens gote Konduktorin;
(heterozygote Frauen) von diesem unterdrückt. XKXK (25 %): klinisch krank;
Das Y-Chromosom des Mannes besitzt dieses XY (25 %): klinisch gesund;
XKY (25 %): klinisch krank.
Gen nicht, sodass es sich bei der Konstellation
X-Chromosom mit defektem Gen plus Y-Chro-
mosom um klinisch kranke Männer handelt.
Heterozygote Frauen werden als Kondukto-
rinnen bezeichnet.
56 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

2.5.6 Modifikationen Die Ursache der Unterschiedlichkeit (Variabi-


lität) zwischen den Menschen sind Modifikatio-
Kein Mensch gleicht völlig dem anderen. Selbst nen und Mutationen.
eineiige Zwillinge mit weitgehend identischen
Erbanlagen sind nie völlig gleich. Die Unter-
schiede (körperliche und geistige Merkmale)
nehmen mit fortschreitendem Alter zu. Der
Grund liegt darin, dass selbst bei gemeinsamem
Aufwachsen die Umweltbedingungen nicht ab-
solut gleich sind.

Wird bei Individuen mit gleichen Erbanlagen


infolge unterschiedlicher Umweltfaktoren ein
Merkmal verändert, spricht man von einer
Modifikation. Dadurch wird die Erbanlage nicht
beeinflusst, d. h. in der Folgegeneration können
diese Veränderungen wieder fehlen.


P Beim Menschen können auch soziale Fakto-
ren verändernd auf die Ausprägung körperli-
cher und psychischer Merkmale wirken.

Sinn der Modifikationen ist, dass sich die Orga-


nismen innerhalb eines bestimmten erblichen
Spielraumes – der Reaktionsnorm – an verän-
derte Umweltbedingungen anpassen können.

Nicht alle Merkmale sind gleichermaßen modi-


fizierbar. So gibt es beim Menschen:
– umweltstabile Merkmale, die nicht modifi-
zierbar sind, z. B. die Blutgruppen;
– umweltlabile Merkmale mit geringer Reak-
tionsnorm, z. B. Haarfarbe, Größe und Masse
des Körpers;
– umweltlabile Merkmale mit großer Reak-
tionsnorm, z. B. Intelligenz, handwerkliche
Geschicklichkeit und andere Begabungen.


P Jeder Mensch besitzt andere Reaktions-
normen. Um das Gleiche im Leben zu errei-
chen, muss derjenige mit der ungünstigeren
Reaktionsnorm mehr tun.

Der überwiegende Teil der Merkmale wird beim


Menschen durch das Zusammenwirken von Erb-
anlagen und Umweltfaktoren geprägt.

Änderung von Merkmalen können durch die


Gestaltung entsprechender Entwicklungsbedin-
gungen (Umwelt) niemals über die Grenzen der
genetisch festgelegten Reaktionsnorm erfolgen.
2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe 57

Fragen zur Wiederholung

l. Beschreiben Sie die chemischen und physikalischen Eigenschaften des Wassers und seine
Bedeutung für den menschlichen Organismus.
2. Nennen Sie die intra- und extrazellulären Elektrolytkonzentrationen, und geben Sie
wesentliche Funktionen der jeweiligen Elektrolyte an.
3. Erläutern Sie die Hauptfunktionen der Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße im menschlichen
Organismus.
4. Erklären Sie folgende Begriffe:
a) Zelle,
b) Gewebe,
c) Organ,
d) Organsystem.
5. Skizzieren Sie aus dem Gedächtnis eine menschliche Zelle und ordnen Sie den einzelnen
Bestandteilen die entsprechenden Funktionen zu.
6. Beschreiben Sie den Aufbau der Zellmembran. Welche Eigenschaften und Aufgaben hat
sie?
7. Nennen Sie Vorkommen und Funktion der Kompartimente.
8. Erstellen Sie eine Übersicht über Menge und Verteilung der Körperflüssigkeiten.
9. Was versteht man unter der Homöostase des inneren Milieus?
10. Was versteht man unter dem pH-Wert? – Nennen Sie den Normbereich des Blutes.
l l. Begründen Sie, warum schon geringfügige Abweichungen vom normalen pH-Wert lebens-
bedrohlich sind.
12. Wie erfolgt die Regulation des Säure-Basen-Haushalts? Erläutern Sie exakt die Pufferung.
13. Erläutern Sie die Notwendigkeit des Stofftransportes im menschlichen Körper.
14. Erklären Sie folgende Begriffe:
a) passiver Transport,
b) Konzentrationsgefälle,
c) Diffusion,
d) Osmose,
e) osmotischer Druck,
f) kolloidosmotischer Druck,
g) aktiver Transport,
h) Phagozytose,
i) Pinozytose,
j) Trägertransport,
k) Konvektion!
15. Überlegen Sie, was passiert, wenn rote Blutzellen
a) in eine hypotone,
b) in eine hypertone Lösung gebracht werden.
16. Erläutern Sie den Begriff Stoff- und Energiewechsel und die wichtigsten Teilprozesse.
17. Was ist ATP und welche Bedeutung hat es?
18. Unterscheiden Sie Enzyme und Coenzyme.
19. Beschreiben Sie den Ablauf einer Enzymreaktion.
Welche Bedeutung haben Enzyme im Stoffwechsel?
20. Erklären Sie die Begriffe Glykolyse und Glukoneogenese.
21. Nennen und erläutern Sie die drei grundlegenden Schritte der Energiefreisetzung.
22. Worin liegt die besondere Bedeutung der biologischen Wasserstoffoxidation?
58 2 Grundlagen, Bau- und Funktionsstoffe

Fragen zur Wiederholung

23. Erklären Sie folgende Begriffe:


a) Chromosom,
b) Chromatin,
c) Chromatide,
d) DNA, m-RNA, t-RNA,
e) Nukleotid, Polynukleotid,
f) Reduplikation.
24. Was versteht man unter dem Triplett-Code?
25. Beschreiben Sie die Eiweißsynthese.
26. Beschreiben Sie die Mitose und ihre Bedeutung.
27. Erläutern Sie Ziel und Ablauf der Meiose.
28. Vergleichen Sie Mitose und Meiose.
29. Was versteht man unter der relativen Konstanz einer Art?
30. Erklären Sie folgende Begriffe:
a) Erbinformation,
b) Gen,
c) Allel,
d) Genotyp,
e) Phänotyp,
f) homozygot,
g) heterozygot,
h) dominant-rezessiver Erbgang,
i) intermediärer Erbgang.
31. Erläutern Sie die drei Mendel’schen Gesetze anhand konkreter Beispiele.
32. Mutter und Kind haben Blutgruppe 0. Kann der Vater Blutgruppe A haben?
Begründen Sie Ihre Antwort.
33. Unterscheiden Sie Mutationen und Modifikationen. Welche Bedeutung haben sie?
34. Was verstehen Sie unter
a) autosomal-rezessiven Erbleiden?
b) autosomal-dominanten Erbleiden?
35. Was verstehen Sie unter X-chromosomal-rezessiver Vererbung?
59

3 Gewebe

Gewebe sind Verbände von Zellen mit annä- b. geformte Interzellularsubstanzen (= Fasern)
hernd gleichem Bau und gleicher Funktion ein- Die Fasern ermöglichen als wichtiger Bestandteil
schließlich der von ihnen abgegebenen Inter- des Körpers den Zusammenhalt und die Festig-
zellularsubstanz. keit der Organe.

Interzellularsubstanzen Bei den geformten Interzellularsubstanzen spre-


Die Interzellularsubstanzen (Zwischenzellsub- chen wir von drei Faserarten:
stanzen) sind Stoffe, welche in die Zwischenzell- 1. Retikuläre Fasern
räume eingelagert werden und vor allem für die Sie bilden Fasernetze um Zellen und um Blut-
Binde- und Stützgewebe von besonderer Be- gefäße. Außerdem kommen sie im retikulären
deutung sind. Bindegewebe vor.
Zu den Interzellularsubstanzen gehören
a. ungeformte Interzellularsubstanzen 2. Kollagenfasern
– Flüssigkeiten: Blut- und Lymphflüssigkeit, Die Kollagenfasern sind die zugfesten Bauele-
interstitielle Flüssigkeit sowie mente in den Bändern, Gelenkkapseln und Seh-
– amorphe Grundsubstanz: Hierbei handelt es nen. Kollagen heißt „leimgebend“. Aus diesen Fa-
sich um ein Gel unterschiedlicher Konsistenz, sern entsteht beim Kochen eine leimartige Masse.
das sich hauptsächlich zusammensetzt aus:
• Proteinen, 3. Elastische Fasern
• Polysacchariden, Dieser Fasertyp verhält sich wie ein Gummi-
• anorganischen Verbindungen (z. B. Calcium- band. Wir finden ihn vor allem in häufig bean-
salze) und spruchten Organen (z. B. Wände der großen
• wechselnder Menge Wasser (wenig); Arterien, Lunge und Gallenblasenwand). Elas-
tische Fasern bilden ebenfalls Fasernetze.

retikuläres straffes elastisches


Bindegewebe Bindegewebe Knorpelgewebe

Kollagenfasern
(Sehne)

Retikulozyten 1)
retikuläre Fasern Knorpelzellen
weiße Blutzellen elastische Fasern
1) netzförmig angeordnete Zellen in den lymphatischen Organen

Geformte Interzellularsubstanz (= Fasern). Abb. 3.1


60 3 Gewebe

Der menschliche Organismus besteht aus vier 3.1 Epithelgewebe (= Epithel)


Haupttypen von Geweben:
1. Epithelgewebe, Das zellreiche Epithelgewebe ist praktisch in
2. Binde- und Stützgewebe, allen Körperorganen anzutreffen. Es erfüllt sehr
3. Muskelgewebe, unterschiedliche Aufgaben, wie z. B.:
4. Nervengewebe. – mechanischen Schutz,
– Einschränkung der Verdunstung,
Jeder Typ hat mehrere Untergruppen, die an- – Abgabe und Aufnahme von Stoffen sowie
schließend beschrieben werden. – Reizaufnahme.
Jedes Organ ist aus mehreren Gewebearten zu- Den Aufgaben entsprechend zeigen Epithel-
sammengesetzt (vgl. S. 22). Diejenigen Zellen, zellen ganz unterschiedliche Formen.
die für die spezielle Organleistung der kompak- Nach ihrer Funktion werden die Epithelien in
ten inneren Organe verantwortlich sind, werden drei Gruppen eingeteilt:
als Parenchymzellen bezeichnet. • Deckepithel,
Diese Zellen bilden also das eigentliche Organ- • Drüsenepithel (✑ Drüsen, S. 86),
gewebe (Parenchym), z. B. Leber-, Pankreas- • Sinnesepithel (✑ Sinnesorgane, S. 311),
und Nierenparenchym. Epithelgewebe sind fast ohne Interzellularsub-
stanz.

Tab. 3.1 Gliederung der Epithelgewebe.

Epithelgewebe

Deckepithel Drüsenepithel Sinnesepithel

einschichtig mehrschichtig

Plattenepithel unverhorntes Plattenepithel


kubisches Epithel verhorntes Plattenepithel
Zylinderepithel Zylinderepithel
mehrreihiges Flimmerepithel
Übergangsepithel (Urothel)

mehrreihiges Flimmerepithel Darmepithel

Flimmerhärchen Zellen Mikrovilli


(Cilien)
Zellkerne

Basalmembran

Abb. 3.2 Funktionell bedingte Ausstülpungen der Zellmembran.


3.1 Epithelgewebe 61

Plattenepithel
(mehrschichtig,
unverhornt)
Plattenepithel (einschichtig)

Hornschicht
kubisches Epithel (einschichtig)

Becherzellen

Plattenepithel
(mehrschichtig, verhornt)
Zylinderepithel Flimmerepithel
(einschichtig) (mehrreihig)

Übergangsepithel (mehrreihig, gedehnt) Übergangsepithel (mehrreihig, ungedehnt)

Tastkörperchen Hörsinnes-
zellen
Licht-
sinneszellen

Sinnesepithelien

Formen der Epithelgewebe: Deck- und Sinnesepithelien. Abb. 3.3


62 3 Gewebe

Deckepithel (= Schutzepithel) b) Nach der Zahl der Zellenlagen


Das Deckepithel bedeckt als flächiger, in sich – Einschichtige Epithelien (die ein- oder mehr-
geschlossener Zellverband die Körperober- reihig sein können)
fläche und kleidet die Hohlorgane (z. B. Verdau- 1.) Einschichtiges einreihiges Plattenepithel
ungstrakt, Harnwege) aus. Es ruht mit einer • als Auskleidung der Blutgefäße und Lun-
Grenzmembran (= Basalmembran) auf dem dar- genbläschen (hier heißt es Endothel),
unter liegenden Bindegewebe. Entsprechend den • als Epithel der serösen Häute (hier heißt
Funktionen weisen die Deckepithelien verschie- es Mesothel).
dene Merkmale auf. Man unterscheidet: 2.) Einschichtiges einreihiges kubisches Epithel
a) Nach der Zellform • als Auskleidung der kleinen Bronchien.
– Plattenepithel mit abgeflachten Zellen, 3.) Einschichtiges einreihiges Zylinderepithel
– isoprismatisches (kubisches) Epithel mit an- • als Auskleidung des Magens und Darmes.
nähernd würfelförmigen Zellen, 4.) Einschichtiges mehrreihiges Flimmerepithel
– hochprismatisches Epithel (Zylinderepithel) • als Auskleidung der Atemwege. Nicht
mit hohen Zellen, alle Zellen erreichen durch unterschiedli-
– Flimmerepithel: Bewegliche Plasmastrukturen che Größe die Oberfläche, aber alle Zellen
in der Schleimhaut der Atemwege sowie Eileiter sind mit der Basalmembran verbunden.
dienen dem Transport von Staub bzw. Eizelle. Da die Zellkerne in verschiedenen Ebenen
Die freie Oberfläche der Zellen kann verschiede- liegen, wird von Mehrreihigkeit gespro-
ne Strukturen tragen. chen.
Beispiel: Bürstensaum; feinste Fäserchen (= Mi- 5.) Einschichtiges mehrreihiges Übergangs-
krovilli) der Dünndarmepithelzellen, die an der epithel (Urothel)
Zelloberfläche entspringen und der Oberflächen- • kleidet überwiegend die harnableitenden
vergrößerung und damit der besseren Stoffauf- Wege aus. Bedingt durch unterschiedliche
nahme dienen. Druck- und Dehnungszustände ist die
Anzahl der Zellreihen verschieden.
– Mehrschichtige Epithelien
1.) Mehrschichtiges Plattenepithel:
• unverhornt als Auskleidung von Mund-
tubulär
höhle, Speiseröhre, Scheide und Bede-
ckung der Lippen,
• verhornt als Bedeckung der Körperober-
fläche (= Epidermis).
2.) Mehrschichtiges Zylinderepithel als Aus-
kleidung der männlichen Harnröhre.

alveolär
3.2 Binde- und Stützgewebe
Das Binde- und Stützgewebe gibt dem Körper
Festigkeit und Halt und verbindet seine Teile
untereinander.

Zum Binde- und Stützgewebe gehören:


• Bindegewebe,
tubulo- • Knorpelgewebe,
alveolär • Knochengewebe.
Binde- und Stützgewebe besitzen im Unter-
schied zum Epithelgewebe relativ wenig Zellen,
Abb. 3.4 Formen der Drüsenepithelien. dafür reichlich Interzellularsubstanz.
3.2 Binde- und Stützgewebe 63

Bindegewebsformen Tab. 3.2


Bindegewebe fixe Zellen freie Interzellular- Vorkommen und
Zellen substanz Aufgaben
Embryonales Binde- sternförmige selten flüssig bildet Füllgewebe des
gewebe, Mesenchym Zellen zu Embryos, Ausgangs-
einem material für alle anderen
räumlichen Binde- und Stützgewebe
Gitterwerk
angeordnet

Retikuläres Bindegewebe, Retikulum- sehr flüssig bildet das Grundgerüst


netzförmiges Bindegewebe zellen viele (= Gewebs- von Knochenmark, Milz,
flüssigkeit) Lymphknoten und Lymph-
Verfestigung follikeln.
durch Retikulum- und freie Zellen
Retikulinfasern sind zur Phagozytose und
Speicherung befähigt

Fettgewebe zahlreiche keine Grundsubstanz Baufett: bildet druckelasti-


• weißes: Fetttropfen im Zyto- Fettzellen mit wenig sche Polster (z. B. Gesäß,
plasma als Bau- und Speicherfett
im Körper verteilt
Fasern Augenhöhle, Wange) und
• braunes: Fettzellen des Neugebo- hält Organe in ihrer Lage
renen mit kleinen Fetttröpfchen (z. B. Niere)
und Mitochondrien; zur zitterfreien
Wärmebildung Speicherfett: wirkt v. a. als
Bestandteil des Unterhaut-
fettgewebes als Wärme-
isolator; außerdem stellt
es eine Energiereserve dar
und spielt eine wichtige
Rolle bei der Regulation
des Wasserhaushaltes

Lockeres Bindegewebe Fibrozyten viele, Gewebsflüssig- füllt Lücken zwischen


z. B. keit mit einge- den Organen und
Plasma- lagerten verbindet sie beweglich,
zellen, retikulären liegt zwischen den
Histio- Kollagen- und Parenchymzellen der
zyten elastischen Organe,
Fasern speichert Flüssigkeit,
erfüllt Abwehraufgaben

Straffes Bindegewebe wenig selten sehr viel in baut Lederhaut,


Fibrozyten dichten Geflech- Sehnen, Bänder und
ten oder paral- Gelenkkapseln auf
lel angeordnete
Kollagenfasern,
die von elasti-
schen Fasern be-
gleitet werden
64 3 Gewebe

Bindegewebe hyaline Knorpel zeichnet sich durch hohe


Das Bindegewebe bezeichnet eine Gruppe recht Druckfestigkeit, aber nur geringe Zugfestig-
unterschiedlicher Gewebsformen. Dazu gehören keit aus. Es ist die am häufigsten vorkommende
das embryonale, retikuläre, lockere und straffe Knorpelart.
Bindegewebe sowie auch das Fettgewebe. Das Vorkommen: Skelettanlage, Rippenknorpel,
Bindegewebe erfüllt diverse Aufgaben; es Nasenscheidewand, Knorpelspangen der Luft-
– umhüllt und verbindet die Organe, röhre, Schild-, Ring- und Stellknorpel des Kehl-
– bildet das Grundgerüst der Organe, kopfes, Gelenkknorpel (ohne Perichondrium).
– erfüllt Stoffwechselfunktionen und
– speichert Fett.
Neben den fixen Zellen (= jeweilige Bindege- Hyaliner Knorpel
webszellart) kommen oft sog. freie, teilweise zur
Wanderung befähigte Zellen vor, die Abwehr-
funktionen ausüben (✑ Tab. 3.2).

Merke
Das Bindegewebe zeigt in seiner Ausbildung
eine große Mannigfaltigkeit und übt im Orga-
nismus vielfältige Funktionen aus. Grund-
substanz

Knorpelgewebe und Knochengewebe Knorpelzelle Knorpelkapsel


Knorpel- und Knochengewebe sind die Stütz-
gewebe im engeren Sinn. Sie geben dem Körper
durch ihre besondere Festigkeit seine Form. Das Knorpelzelle
Elastischer Knorpel
formgebende Prinzip ist die geformte und unge-
formte Interzellularsubstanz. Letztere wird als
Grundsubstanz bezeichnet.

Knorpelgewebe, Knorpel
Das Knorpelgewebe geht aus dem Mesenchym
hervor. Es bildet auch beim Menschen zunächst
das Knorpelskelett, welches sich durch den Pro- Grund-
zess der Knochenbildung in das Knochenskelett substanz
umwandelt. Der Knorpel besteht aus den Knorpel-
zellen (Chondrozyten), die von einer gallertartigen elastische Fasern
Grundsubstanz mit eingekitteten Kollagenfasern
umgeben werden. Die Knorpelzellen liegen in Ein-
oder Mehrzahl in den Knorpelhöhlen (= Ausspa- Faserknorpel Knorpelzelle
rungen der Interzellularsubstanz). Die Wand der
Knorpelhöhlen heißt Knorpelkapsel. Mit Aus-
nahme der Gelenkknorpel werden alle übrigen von
einer Knorpelhaut (Perichondrium) überzogen,
von der aus die Versorgung des Knorpels erfolgt.

Eigenschaften
• hohe Druckelastizität, • geringe Zugfestigkeit. Grund-
Beim Menschen tritt der Knorpel in 3 Formen auf: substanz
1. Hyaliner Knorpel
kollagene Fasern
Die Interzellularsubstanz wird etwa zur Hälfte
von amorpher Grundsubstanz und kollagenen
Knorpelarten. Abb. 3.5
Fibrillen (kleinste Fäserchen) gebildet. Der
3.2 Binde- und Stützgewebe 65

2. Elastischer Knorpel Knochengewebe, Knochen


Der elastische Knorpel ist dem hyalinen sehr Das Knochengewebe zeichnet sich durch seine
ähnlich. Außer von kollagenen Fibrillen ist er besondere Druck- und Scherbelastbarkeit bei rela-
von elastischen Fasern durchsetzt. Er ist zug- tiv geringer Masse aus. Diese Eigenschaften sind
fester, dafür weniger druckfest als der hyaline. auf die Zusammensetzung und Anordnung der
Vorkommen: Ohrmuschel, Ohrtrompete, Kehl- reichlich vorhandenen Interzellularsubstanz
deckel. zurückzuführen.
3. Faserknorpel
Der Faserknorpel hat große Ähnlichkeit mit Merke
dem straffen Bindegewebe. Die Kollagen- Die Interzellularsubstanz enthält große Men-
fasern überwiegen gegenüber der amorphen gen Calciumphosphat und reichlich kolla-
Grundsubstanz deutlich. Er zeichnet sich des- gene Fasern, wodurch dem Knochengewebe
halb durch eine hohe Zugfestigkeit aus. Druckfestigkeit und Elastizität verliehen wer-
Vorkommen: Zwischenwirbelscheiben, Disci, den. Die Anordnung des „Baumaterials“ ist
Minisci. den Belastungen angepasst.

P Der Gelenkknorpel hat keine eigene Blut-
versorgung. Die stoffliche Versorgung erfolgt ❑
P Mit zunehmendem Alter nimmt die Knochen-
durch Diffusion über die Gelenkinnenhaut und elastizität ab. Das Knochengewebe wird sprö-
den unter dem Knorpel liegenden Knochen. der (= Ursache für häufigere Knochenbrüche).
Diese ohnehin nicht optimale Versorgung rea-
giert zudem sehr empfindlich auf unterschied- Die Struktur des Knochengewebes ist bei seiner
lichste Störfaktoren. Die Folge sind Abnutzun- Entstehung zunächst unregelmäßig und bildet
gen des Knorpels, die als Arthrose (= degene- die ursprünglichen Geflechtknochen (✑ Abb.
ratives Gelenkleiden) der entsprechenden 3.6, S. 66). Im Zuge des Wachstums wandelt sich
Gelenke in Erscheinung treten. Da die Zellen diese in Anpassung an die Belastung in eine
des erwachsenen Knorpels außerdem ihre lamellen- oder schalenförmig geordnete
Teilungsfähigkeit verloren haben, ist die Knochenstruktur um und bildet die endgültigen
Arthrose irreversibel. Lamellenknochen (✑ Abb. 3.7, S. 66).

Knochengewebe. Tab. 3.3

Bestandteile des Knochengewebes

Knochenzellen Interzellularsubstanz

• knochenbildende Zellen ungeformte


(Osteoblasten) anorganische
(amorphe) Fasern
Substanzen
Grundsubstanz
• Knochenzellen
(Osteozyten) • Calciumphos- • kollagene
phat (ca. 85 %) Fibrillen
• knochenabbauende Zellen
(Osteoklasten)
Elastizität Festigkeit Elastizität

Der anorganische Bestandteil beträgt 50 % und der organische 25 %. Der Rest ist Wasser. Die
Knochenzellen liegen in Knochenhöhlen. Untereinander sind sie durch Plasmaausläufer
innerhalb feiner Knochenkanälchen verbunden.
66 3 Gewebe

Knochenzellen
(Osteozyten)

Interzellularsubstanz

Kollagenfasern

Abb. 3.6 Geflechtknochen.

Knochenbildung (Ossifikation) Die Verknöcherung der „Knorpelknochen“ er-


Die Bildung der einzelnen Knochen beginnt in folgt sowohl von der Knorpelhaut, also von außen
der Fetalzeit (ab 3. Monat der Schwangerschaft) (perichondrale Ossifikation) als auch von innen
und erfolgt auf zwei verschiedenen Wegen. (enchondrale Ossifikation).
Bei den langen Röhrenknochen entsteht zu-
1. Chondrale Ossifikation nächst im mittleren Bereich der Diaphyse außen
Bis auf wenige Ausnahmen werden die Knochen um den Knorpel eine Knochenmanschette. Diese
zunächst aus Knorpelgewebe (geht aus dem wird allmählich nicht nur dicker, sondern wächst
Mesenchym hervor) vorgebildet („Knorpelkno- auch in Richtung der beiden Epiphysen (✑ Abb.
chen“). Bereits vor der Geburt beginnt der Ab- 3.8). Gleichzeitig bildet sich innerhalb der Kno-
bau des Knorpels und sein Ersatz durch unge- chenmanschette die Markhöhle, und die Knorpel-
ordnetes Knochengewebe, sodass zuerst Geflecht- haut wird zur Knochenhaut.
knochen entstehen. Die Epiphysen verknöchern enchondral, d. h., im

Havers-System
(Osteon)

Knochenbälkchen
(Substantia spongiosa)
Blutgefäße

Havers’scher Knochenhaut
(Periost)
Kanal mit
Bindegewebe,
Blutgefäßen, äußere Lamellen
Nerven und
freien Zellen
Volkmann-Kanal
mit Blutgefäßen

Abb. 3.7 Lamellenknochen.


3.2 Binde- und Stützgewebe 67

Gelenkknorpel
endochondraler
Knochenkern Epiphyse

Hyaliner
Knorpel

Markhöhle

Diaphyse

Knochen-
manschette
einwachsende
Gefäße
Epiphyse
Metaphyse oder
Epiphysenfuge

Knochenbildung. Abb. 3.8

Inneren entsteht ein sog. Knochenkern, der durch Mesenchym Knorpel Geflechtknochen
allmählichen Abbau des Knorpelgewebes größer Lamellenknochen
wird. Am Ende ist das Knorpelgewebe bis auf
den Gelenkknorpel und die Epiphysenfugen voll- 2. Desmale Ossifikation
ständig in Knochengewebe umgebaut. Unter desmaler Ossifikation versteht man die
Die Ossifikation der einzelnen Knochen ge- Bildung von Knochengewebe direkt aus dem
schieht zeitlich verschoben. So sind zum Zeit- Mesenchym.
punkt der Geburt lediglich Rippen, Schädel- Beispiele: Schädeldach, Schlüsselbein.
knochen, Wirbelkörper, Hüftbeine und Diaphy- Mesenchym Knochen
sen der Röhrenknochen verknöchert. In den
übrigen Knochen sind entweder Knochenkerne Aufbau des Lamellenknochens (✑ Abb. 3.7)
(z. B. Epiphysen der Röhrenknochen, Fersen- Diese Knochenart ist durch ein lamelläres Ord-
bein) vorhanden oder sie bilden sich zu einem nungsprinzip der Interzellularsubstanz charakte-
späteren Zeitpunkt in einer ganz bestimmten risiert. Die 5 – 10 µm dicken plattenförmigen
Reihenfolge. Knochenlamellen werden aus parallel zueinan-
der verlaufenden kollagenen Fibrillen und Kitt-
Merke substanz gebildet. Zwischen den Lamellen lie-
Mit dem Längenwachstum der Knochen gen die pflaumenkernförmigen Knochenzell-
(✑ S. 90) bildet sich der Geflechtknochen in höhlen, welche die Knochenzellen (Osteozyten)
den Lamellenknochen um. enthalten.
68 3 Gewebe

Die Knochenzellhöhlen sind durch enge Kno- Bruchspalt eine „Knochenmanschette“ legen
chenkanälchen untereinander verbunden, in (= knöcherner Kallus).
denen sich die Ausläufer der Osteozyten befin- – Jetzt, nach Fixierung der Bruchstücke, ver-
den. knöchert das Bindegewebe im Spalt.
– Zum Schluss des Heilungsprozesses wird die
Osteone (= Havers-System) Knochenmanschette abgebaut.
Durch die konzentrische Anordnung der Kno-
chenlamellen entstehen dünne mehrere Zenti-
meter lange Zylinder, die Osteone.
Wie in Abb. 3.7 zu erkennen, verlaufen die
Lamellen um eine Aussparung, die als Haver’- 3.3 Muskelgewebe
scher-Kanal bezeichnet wird. Er enthält die ver-
sorgenden Blutgefäße und Nerven. Senkrecht zu Das Muskelgewebe besitzt im besonderen Maße
den Haver’schen Kanälen verlaufen die Volk- die Fähigkeit zur Kontraktion, wodurch die Be-
mann-Kanäle, in denen die Arterien, Venen und wegung der Körperteile ermöglicht wird. Verant-
Nerven von der Knochenhaut (✑ S. 89) kom- wortlich für die Kontraktilität sind die Myofibril-
mend in das Zentrum der Osteone gelangen. len. Das sind feinste Fäserchen, bestehend aus
den kontraktilen Eiweißen Aktin und Myosin.

P Bei der Frakturheilung legt der Organismus Zwischen den Myofibrillen befindet sich ein
um den Bruchspalt einen stützenden Verband Netz feinster Kanälchen (= Tubuli).
in folgender Art und Weise an: Nach morphologischen und funktionellen Ge-
– Zunächst wächst vor allem vom Periost ge- sichtspunkten gliedert man das Muskelgewebe
fäßreiches Bindegewebe in und um den in drei Muskelgewebearten:
Bruchspalt (= bindegewebiger Kallus). 1. glattes Muskelgewebe,
– Im Bindegewebe entstehen knochenbildende 2. quer gestreiftes Muskelgewebe,
Zellen (= Osteoblasten), welche um den 3. Herzmuskelgewebe.

glattes Muskelgewebe quer gestreiftes Herzmuskelgewebe


Muskelgewebe
(Teil einer Muskelfaser)

balkenförmige
Herzmuskelzelle
mit zentral
liegendem
Zellkern

lockeres
Bindegewebe
Glanzstreifen

lang gestreckte, Muskelfasermembran


spindelförmige Muskelzellen Zellkerne Myofibrillen

Abb. 3.9 Muskelgewebearten.


3.4 Nervengewebe 69

1. Glattes Muskelgewebe Eigenschaften:


Bauelement des glatten Muskelgewebes ist die • ist dem Willen unterworfen (= willkürliche
spindelförmige glatte Muskelzelle mit zentral Muskulatur),
gelegenem ovalen Kern. Glattes Muskelgewebe • kontrahiert schnell,
zeigt keine Querstreifung. • entfaltet viel Kraft, d. h., benötigt deshalb viel
Energie und
Eigenschaften: • ermüdet schnell.
• ist nicht dem Willen unterworfen (= unwill-
kürlich), Steuerung durch das vegetative Vorkommen:
Nervensystem, • Gesamte Skelettmuskulatur (= 45 % der
• kontrahiert langsam, Körpermasse) sowie in der Zungen- und
• kann einen bestimmten Spannungs- bzw. Rachenmuskulatur.
Dehnungszustand über längere Zeit aufrecht-
erhalten, ermüdet also kaum, Aufgaben:
• entfaltet nur geringe Kraft und benötigt des- • Bewegungen der Extremitäten, des Rumpfes,
halb nur wenig Energie. der Augäpfel, Atembewegungen; auch für die
Stimmbildung im Rachen wird die willkür-
Vorkommen: liche Muskulatur eingesetzt.
• Verdauungstrakt,
• Atmungstrakt, 3. Herzmuskelgewebe
• Harnleiter, Harnblase, Bau- und Funktionselemente des Herzmuskel-
• Gebärmutter, gewebes sind die quer gestreiften „Herzmuskel-
• Blutgefäße. fasern“. Sie werden aus einer Kette hintereinan-
der geschalteter Herzmuskelzellen gebildet und
Aufgaben: von einer gemeinsamen Membran umgeben.
• Bewegungen der Hohlorgane sichern. Untereinander sind die Fasern durch Plasma-
ausläufer miteinander verbunden. Die Zell-

P Besonders hohe Anforderungen führen zur
grenzen innerhalb einer Faser werden durch die
Hypertrophie (= übermäßige Vergrößerung der sog. Glanzstreifen (= typisches Kennzeichen)
Zellen). So kann im schwangeren Uterus die als Verzahnungsstellen sichtbar.
Zellgröße auf das Achtfache gesteigert werden.
Vorkommen:
2. Quer gestreiftes Muskelgewebe • Herzmuskel.
Bauelement des quer gestreiften Muskelgewebes
ist die quer gestreifte vielkernige Muskelfaser, Aufgaben:
die eine Länge von wenigen Millimetern bis zu • Spezifisch differenzierte Herzmuskelzellen
10 Zentimetern erreicht. (fibrillenarm, glykogenreich) garantieren die
Die reichlich vorhandenen Myofibrillen durch- Erregung des Herzmuskels;
ziehen die Faser als parallele Eiweißfäden in • die Arbeitsmuskelzellen (fibrillenreich) sind
Längsrichtung. Sie lassen unter dem Mikroskop für die Kontraktion verantwortlich.
helle und dunkle Streifen erkennen, die meist in
gleicher Höhe liegen – daher die Querstreifung.
Um die Myofibrillen bildet das endoplasmati- 3.4 Nervengewebe
sche Retikulum (hier sarkoplasmatisches Retiku-
lum) ein netzförmiges Röhrensystem, das bei der 3.4.1 Bau
Erregung eine wichtige Rolle spielt.
Das Nervengewebe ist das am höchsten ent-
Muskelfaserbündel wickelte Gewebe. Es dient dem Informations-
Mehrere Muskelfasern werden zu Primärbün- austausch. Zusammen mit der Neuroglia oder Glia
deln und diese wiederum zu Sekundärbündeln (✑ S. 71) bildet es das zentrale und periphere
zusammengeschlossen. In ihrer Gesamtheit bil- Nervensystem. Hauptbestandteil des Nervenge-
den diese Faserbündel den Muskel. webes sind die Nervenzellen (= Neurone).
70 3 Gewebe

Merke
Nissl-Schollen Dendriten
Neurone leiten Erregungen schnell
über weite Strecken weiter.
Neurolemm
Neuron
Das Neuron setzt sich zusammen aus
Synapse
dem Zellkörper (Perikaryon), dem
Stoffwechselzentrum, und den von ihm
ausgehenden Fortsätzen (Dendriten,
Neuriten). Die meisten Neurone des
Zellkern Menschen sind multipolar, d. h., sie
besitzen mehrere Dendriten (baumartig
verzweigt) und einen längeren Neurit
(= Axon). Das Axon zweigt sich am
Ende zum Endbäumchen (Telodendron)
Axoplasma mit Zellkörper auf. Die Enden verdicken sich keulen-
Neurofibrillen (Perikaryon, Soma) förmig (= Endknopf).
Neurone sind funktionell bipolar, d. h.,
Nervenfaser Ursprungskegel
(Axon, Neurit) man unterscheidet einen Rezeptorpol zur
Informationsaufnahme und -weiterleitung
in das Perikaryon und einen Effektorpol
zur Informationsabgabe über das Axon.
Ranvier’scher Neurone besitzen ein stark ausgeprägtes
Schnürring granuläres endoplasmatisches Retiku-
lum, welches als Nissl-Schollen oder
Tigroidsubstanz bezeichnet wird, und
Axolemm
zahlreiche Mitochondrien und Lysoso-
men im Perikaryon. Außerdem enthält
das Perikaryon eine größere Anzahl von
Neurofibrillen, die sich in das Axon
fortsetzen. Sie dienen dem Transport von
Vesikeln und Mitochondrien in die synap-
tischen Endknöpfe.

Nervenfaser und Hüllen


Der Neurit bildet zusammen mit einer
Gliahülle die Nervenfaser. Die Gliahülle
wird im ZNS (zentrales Nervensystem)
von Oligodendrozyten und im PNS (peri-
pheres Nervensystem) von Schwann-
Zellen gebildet. Ein Oligodendrozyt
kann mehrere Neuriten umhüllen, eine
Schwann-Zelle immer nur einen. Man
unterscheidet je nach Beschaffenheit der
Gliahülle 2 Nervenfaserarten.
synaptische • Markhaltige Nervenfasern: Die Glia-
Endbäumchen Endknöpfchen zellen wickeln sich lamellenartig um
(Telodendron) das Axon, sodass eine isolierende
Fetthülle entsteht. Diese wird als Mark-
Abb. 3.10 Nervenzelle (Neuron). oder Myelinscheide bezeichnet. An
den Kontaktstellen von 2 benachbar-
3.4 Nervengewebe 71

ten Gliazellen fehlt das Myelin, wodurch eine


Einschnürung erfolgt. Diese heißt Nerven- Nervenfasern Nervenfaser-
faserknoten oder Ranvier’scher Schnürring. bündel
• Marklose Nervenfasern: Mehrere Axone wer-
den einfach in eine Gliazelle eingeschlossen,
sodass nur sehr wenig isolierendes Myelin vor-
liegt und keine Nervenfaserknoten entstehen.

Merke
Nach der Menge des Myelins (= Mark) unter-
scheidet man markhaltige (myelinreiche) und
marklose (myelinarme) Nervenfasern. Endo-
neurium
Epineurium (lockeres Binde-
Einteilung der Nervenfasern nach ihren funk- (lockeres gewebe um die
tionellen Eigenschaften: Bindegewebe, das Perineurium Nervenfasern,
den Nerven umhüllt (straffes Binde- mit Blut- und
• Afferente (= sensible, aufsteigende) Nerven- und seine Verbin- gewebe um die Lymph-
fasern leiten die Information von der Periphe- dung zur Um- Nervenfaserbündel) kapillaren)
gebung herstellt)
rie zum ZNS.
• Efferente (= motorische, absteigende) Nerven- Peripherer Nerv (Querschnitt). Abb. 3.11
fasern leiten die Informationen vom ZNS zur
Peripherie.
Merke
Faszikel und periphere Nerven
Die Nervenfasern sind zu Nervenfaserbündeln Die wesentlichen Aufgaben der Neuroglia
zusammengefasst. Im Gehirn und Rückenmark sind:
werden diese als Faszikel bezeichnet, außerhalb – Stützfunktion,
bilden sie den Hauptanteil der peripheren – Isolationsfunktion,
Nerven (✑ Abb. 3.11). Die peripheren Nerven – Beeinflussung des Nervenzellstoffwechsels.
sind überwiegend gemischte Nerven, weil sie
afferente und efferente Fasern enthalten.

P Gliazellen füllen Defekte in der Hirnsubstanz
Neuroglia (Glia) aus. Es entstehen die sog. Glianarben.
Außer den Neuronen befinden sich sowohl im
ZNS als auch im PNS noch die Gliazellen, die in
ihrer Gesamtheit als Neuroglia bezeichnet wer- 3.4.2 Grundlagen der
den. Je nach Funktion unterscheidet man ver- Erregungsphysiologie
schiedene Gliazelltypen.
Zentrale Glia: Das Nervengewebe sichert den Informationsaus-
– Astrozyten. Dies sind verzweigte Zellen, die tausch, der in fünf Schritten dargestellt werden
die Neurone mit den Blutgefäßen verbinden kann:
und den Stoffaustausch ermöglichen. Sie bil- 1. Informationsaufnahme durch Sinneszellen
den den Hauptanteil der Neuroglia. (= Rezeptoren),
– Oligodendrozyten. Diese sind weniger ver- 2. Informationsleitung durch afferente Nerven-
zweigt und bilden die Markscheiden im ZNS. fasern zum Zentralnervensystem,
– Ependymzellen. Sie kleiden Hirnventrikel und 3. Informationsverarbeitung und -speicherung
Zentralkanal des Rückenmarks aus. im Zentralnervensystem,
Periphere Glia: 4. Informationsleitung durch efferente Nerven-
– Schwann-Zellen. Sie umhüllen die peripheren fasern zum Muskel bzw. zur Drüse (= Effek-
Neuriten. toren),
– Mantelzellen. Sie umgeben die in den Gan- 5. Informationsabgabe an die Umwelt durch
glien liegenden Perikaryen. Muskelleistung und Drüsensekrete.
72 3 Gewebe

extrazellulär
K+ [K+ ] 4 mmol/l Na+
[Na+ ] 140 mmol/l

Natrium-Kalium-Pumpe

intrazellulär
K+ [K+ ] 160 mmol/l Na+
[Na+ ] 10 mmol/l

Abb. 3.12 Ruhepotential.

Grundlage für den Informationsaustausch ist die relativ gut durchlässig. Entsprechend der unter-
Erregung der Nervenzellen. Im Folgenden wer- schiedlichen Durchlässigkeit der Membran
den beschrieben: die Erregungsbildung, die Er- diffundieren im Ruhezustand ständig relativ
regungsleitung und die Erregungsübertragung. viele K+ von innen nach außen und wenige Na+
im umgekehrten Richtungssinn;
Erregungsbildung • ein aktives Transportsystem (= Natrium-Kali-
Die Bildung einer Erregung bedeutet, dass von um- Pumpe) sorgt dafür, dass es nicht zum
einer erregbaren Zelle eine Information aufge- Konzentrations- und damit auch Ladungsaus-
nommen und in elektrische Impulse transfor- gleich kommt.
miert worden ist. Eine wichtige Voraussetzung
dafür ist das Ruhepotential. Letztendlich überwiegen in der intrazellulären
Flüssigkeit einige wenige Anionen (negativ gela-
Ruhepotential dene Teilchen) und in der extrazellulären
Flüssigkeit einige Kationen (positiv geladene
Merke Teilchen). Dies führt dazu, dass die Innenseite
Die Spannung (= Potential), die bei einer der Membran im Ruhezustand gegenüber der
nicht gereizten Zelle zwischen Zellinnerem Außenseite negativ geladen ist. Sie ist polari-
und der Außenseite der Membran herrscht, siert.
bezeichnet man als Ruhepotential der Zelle
(Innenseite negativ, Außenseite positiv). Sie Erregung (Aktionspotentialbildung)
ist eine wichtige Voraussetzung für die Erregung einer Zelle bedeutet die Umwandlung
Erregungsbildung. des Ruhepotentials in das Aktionspotential
(= AP) infolge Reizung.

Folgende Faktoren bedingen die Entstehung des Reize


Ruhepotentials: Ein Reiz ist eine energetische Veränderung phy-
• ungleichmäßige Verteilung bestimmter Ionen sikalischer und/oder chemischer Natur in der
in der intra- und extrazellulären Flüssigkeit Umgebung einer Zelle, die zu einer Änderung
(✑ S. 18); des Membranpotentials führt.
• unterschiedliche Permeabilität (Durchlässig-
keit) der ruhenden Membran für die einzelnen Beispiele: Änderung von Lichtintensität, Tempe-
Ionenarten. Die Membran ist für Proteinionen ratur, Schallwellen, Druck und pH-Wert.
undurchlässig, für Na+ relativ gering und K+
3.4 Nervengewebe 73

(mV)
40
20 (1+5) Ruhepotential
3 (2) Depolarisation
0 (3) Ladungsumkehr
4 (4) Repolarisation
- 20
- 40
2
- 60 Schwellenpotential
1 5
- 80 Ruhepotential
(ms)
1 2 3 4

Reiz
Na+
+ + - - + +

- - + + - -
K+ K+

Ruhepotential Aktionspotential Ruhepotential

Aktionspotential. Abb. 3.13

Der Verlauf der Potentialänderung bei Reizung Je nach Reizstärke wird die Membran mehr oder
ist in der Abbildung 3.13 dargestellt. weniger depolarisiert.
Voraussetzung für die Entstehung eines Aktions-
Es ist zu erkennen, dass bei Reizung das potentials ist eine Mindestreizstärke, welche die
Ruhepotential (1) sehr schnell zusammenbricht. Membran auf ca. –60 mV depolarisiert. Bei die-
Die Membran wird depolarisiert (2). Für kurze sem Wert erhöht sich aufgrund der Ladungsän-
Zeit findet sogar eine Ladungsumkehr bis ca. derung die Permeabilität der Membran für Na+
+30 mV statt (Membran innen positiv, außen auf das 500fache.
negativ; 3). Anschließend wird die Membran Folge:
wieder repolarisiert (4), d. h., das Ruhepotential Rascher Na+-Einstrom mit weiterer Depolarisa-
wird wieder hergestellt (5). Der gesamte tion und anschließender Ladungsumkehr.
Vorgang dauert nur wenige Millisekunden (ms).
Das durch die Mindestreizstärke ausgelöste
Den Verlauf der Spannungsänderung von der Potential als Voraussetzung für das Aktions-
Depolarisation bis zur Wiederherstellung des potential heißt Schwellenpotential. Reize, die
Ruhepotentials nennt man Aktionspotential. Es die Membran bis zum Schwellenwert depolari-
ist Ausdruck einer Erregung. sieren, also die Reizschwelle der Zelle errei-
chen, nennt man überschwellige Reize. Reize,
Beachtet man die Faktoren, die das Ruhepoten- die die Membran nicht bis zum Schwellenwert
tial bedingen, so kann man feststellen: Reize depolarisieren und somit kein Aktionspotential
verändern die Membranpermeabilität. Als Folge auslösen, bezeichnet man als unterschwellige
kommt es zu einer Veränderung der Ionen- Reize.
verteilung.
74 3 Gewebe

Die Permeabilitätsänderung für Na+ hält nur kurz- zeichnet man als „Alles-oder-Nichts-Gesetz“.
fristig an. Dagegen wird die Membranpermea- Das bedeutet, nachdem das Schwellenpotential
bilität für K+ verbessert. erreicht ist, bleibt bei weiterer Verstärkung des
Folge: Reizes die Amplitude der Aktionspotentiale
Verstärkter K+-Ausstrom, dadurch Repolarisa- trotzdem unverändert.
tion, d. h., die Ruhespannung wird wieder er- Wie ist es aber möglich, dennoch unterschiedli-
reicht. che Reizstärken, z. B. unterschiedliche Druck-
einwirkung, wahrzunehmen?
Im Anschluss daran sorgt die Natrium-Kalium- Die Reizstärke wird durch die Frequenz der
Pumpe dafür, dass wieder die alten Konzentra- Aktionspotentiale verschlüsselt. Je stärker der
tionsverhältnisse (wie vor der Erregung) herge- Reiz, desto mehr Aktionspotentiale werden in
stellt werden. Bemerkenswert ist, dass trotz der der Zeiteinheit ausgelöst.
großen Permeabilitätsänderungen an der erreg-
ten Stelle der Membran die Ionenkonzentratio- Erregungsleitung
nen im intra- und extrazellulären Raum kaum Die Erregungsleitung besteht in der Fortleitung
verändert werden. der Aktionspotentiale entlang der Neuriten-
membran bis in die Synapsen. Wie ist das zu er-
Alles-oder-Nichts-Gesetz klären?
Die Tatsache, dass bei unterschwelligen Reizen Ein ausgelöstes Aktionspotential hat zur Folge,
keine Erregung, bei überschwelligen aber immer dass zwischen benachbarten Membranabschnit-
eine Erregung in vollem Umfang erfolgt, be- ten ein Ladungsunterschied entsteht. Dieser
führt zu einem Ladungsausgleich
(= Ausgleichsstrom) längs der
AP Faser (innen und außen). Der
Ladungsausgleich aus der Nach-
barschaft bedeutet dort die Bil-
dung eines neuen Aktionspoten-
tials usw.
Bei markscheidenhaltigen Neuri-
ten erfolgt die Erregungsleitung
Ausgleichsstrom saltatorisch (sprunghaft) von
Schnürring zu Schnürring. Bei
AP
markscheidenlosen Neuriten er-
folgt die Erregungsleitung konti-
nuierlich, weil polarisierte, de-
und repolarisierte Membranab-
schnitte viel dichter beieinander
liegen. Das hat Konsequenzen für
die Erregungsleitungsgeschwin-
Ausgleichsstrom
digkeit und den Energieverbrauch.
AP Bei der saltatorischen Erregungs-
leitung „springt“ das Aktions-
potential von Schnürring zu
Schnürring.
Folgen:
• Erhöhung der Leitungsgeschwin-
digkeit (zirka 100 gegenüber
m
1 bei kontinuierlicher
s Leitung).
m
• Geringerer
s Energieverbrauch,
Saltatorische Erregungsleitung da Natrium-Kalium-Pumpe nur
Abb. 3.14 (AP = Aktionspotential). an den Schnürringen tätig ist.
3.4 Nervengewebe 75

Axon

Neurotubuli

elektrische
präsynaptische Weiterleitung
Bläschen (Vesikel)
mit Neurotransmitter
Mitochondrien
präsynaptische
Membran
synaptischer Spalt
chemische
Übertragung
(Neurotransmitter)
postsynaptische
Membran mit
Membranrezeptoren
elektrische
Weiterleitung

Funktion der Synapse. Abb. 3.15


P Die Repolarisierung benötigt viel Energie, Folge:
Es kann ein Aktionspotential in der anderen
daher ist eine gute Durchblutung des Nerven-
systems notwendig. Sauerstoffmangel, niedri- Zelle ausgelöst werden.
ge Temperaturen und Narkotika lähmen die
Tätigkeit des Nervensystems. Es gibt erregende und hemmende Transmitter
und damit erregende und hemmende Synapsen.
An einem Neuron können bis über tausend
Erregungsübertragung in der Synapse
Synapsen liegen.
Unter Erregungsübertragung (= Informations-
übertragung) versteht man die Übertragung einer
Erregung von einem Neuron auf andere Neurone,

P Es gibt zahlreiche chemische Substanzen, die
die Wirkung der natürlichen Transmitter nach-
Muskelzellen und Drüsenzellen.
ahmen (imitieren) oder hemmen. Sie sind Be-
standteil vieler Medikamente (z. B. Atropin,
Die Erregungsübertragung erfolgt an besonderen
Propranolol).
Kontaktstellen, den Synapsen.

Funktion der Synapse Die Bildung von Aktionspotentialen in einem


Im präsynaptischen Endknöpfchen treffen Akti- Neuron setzt voraus, dass eine bestimmte
onspotentiale ein und bewirken dort die Frei- Mindestzahl von erregenden Synapsen gegen-
setzung eines bestimmten Quantums Transmitter über den hemmenden vorherrscht. Das
(= chemischer Überträgerstoff). Der Überträger- Verhältnis von erregenden und hemmenden
stoff diffundiert über den synaptischen Spalt in Synapsenpotentialen bestimmt also, ob eine
die postsynaptische Membran (= Membran der Information weitergeleitet (= gebahnt) oder
benachbarten Zelle) und verändert dort die gehemmt wird. Synapsen wirken demnach wie
Durchlässigkeit für positive Ionen. Ventile.
76 3 Gewebe

Fragen zur Wiederholung

1. Erklären Sie die Begriffe


a) Gewebe,
b) Interzellularsubstanz.
2. Nennen Sie Bauarten, Vorkommen und Aufgaben
a) des Epithelgewebes,
b) des Binde- und Stützgewebes,
c) des Muskelgewebes.
3. Nennen Sie Unterschiede zwischen Epithel und Bindegewebe.
4. Welche Eigenschaften besitzt Knorpel?
Nennen Sie die Knorpelarten.
5. Erklären Sie die Festigkeit der Knochen aus ihrer Struktur.
6. Beschreiben Sie den Bau eines Lamellenknochens.
7. Beschreiben Sie die Knochenbildung.
8. Vergleichen Sie die Muskelgewebearten nach Bau, Vorkommen, Aufgaben und Eigen-
schaften.
9. Was sind Myofibrillen?
10. Vergleichen Sie eine Nervenzelle mit anderen Zellen hinsichtlich Bau und Funktion.
11. Erklären Sie folgende Begriffe:
a) Dendrit,
b) Neurit,
c) Nervenfaser,
d) Axon,
e) Nerv.
12. Was versteht man unter der Neuroglia und welche Aufgaben erfüllt sie?
13. Erklären Sie die Begriffe:
a) Ruhepotential,
b) Aktionspotential,
c) Erregung,
d) Synapse,
e) Transmitter.
14. Erklären Sie den Vorgang der Erregungsbildung.
15. Erklären Sie die Begriffe:
a) Reiz, einschließlich über- und unterschwelliger Reiz,
b) Schwellenpotential,
c) Alles-oder-Nichts-Gesetz.
16. Wie wird die Reizstärke verschlüsselt?
17. Erklären Sie den Vorgang der saltatorischen Erregungsleitung.
18. Erklären Sie die Erregungsübertragung in der Synapse.
Was sind erregende und hemmende Synapsen?
77

4 Hautsystem (Häute und Drüsen)

Häute sind flächenhafte Gewebsstrukturen, die 4.1.1 Schichten der äußeren Haut
aus einem Deckepithel und einer darunter lie-
genden Bindegewebsschicht bestehen. Die äußere Haut besteht aus:
Besprochen werden in diesem Kapitel • Oberhaut (Epidermis) – mehrschichtiges
– die äußere Haut, die den Organismus gegen die verhorntes Plattenepithel.
Umwelt abgrenzt und im weitesten Sinne • Lederhaut (Corium) – vor allem straffes
Schutzaufgaben erfüllt, Bindegewebe.
– die Schleimhaut als innere Auskleidung vieler Oberhaut und Lederhaut bilden die eigent-
Hohlorgane mit wichtigen Schutz- und Trans- liche Haut, die als Cutis bezeichnet wird.
portaufgaben, • Unterhaut (Subcutis) – Verschiebeschicht
– die seröse Haut, deren Hauptaufgabe darin aus lockerem Bindegewebe zwischen Cutis
besteht, die Verschiebbarkeit der inneren Organe und Muskelfascien bzw. Periost (Knochen-
zu gewährleisten und haut) der Knochen.
– Drüsen, die Sekrete bzw. Inkrete mit vielfäl-
tigen Funktionen im Körper produzieren. Oberhaut (Epidermis)
Die Oberhaut ist ein mehrschichtiges verhorntes
Plattenepithel, welches sich in 2 Hauptschichten
4.1 Äußere Haut gliedert.
1. Keimschicht (Stratum germinativum), beste-
Äußere Haut und Schleimhaut bilden die Grenz- hend aus Basalzellschicht (Stratum basale),
schicht zwischen Organismus und Umwelt. Die Stachelzellschicht (Stratum spinosum), Körner-
äußere Haut ist die Körperbedeckung des zellschicht (Stratum granulosum) und helle
Menschen. Sie ist beim Erwachsenen durch- Schicht (Stratum lucidum).
schnittlich 2 bis 3 mm dick, hat eine Masse von 2. Hornschicht (Stratum corneum).
ca. 4 kg und eine Fläche von 1,5 bis 2 m2.
Die Dicke der Oberhaut schwankt in Abhängig-
Merke keit von der mechanischen Beanspruchung. Je
größer die Beanspruchung, desto dicker wird sie
Die wichtigsten Funktionen der äußeren Haut
(Fußsohle 1 – 2 mm, Hohlhand 1 mm).
sind:
Hautstellen, die sehr stark beansprucht werden,
• Schutz vor physikalischen und chemischen
bilden Schwielen. Besonders dünn ist die
Einwirkungen,
Epidermis an den Augenlidern.
• Vermittlung von Sinneseindrücken,
Die unterschiedliche Dicke ist vor allem durch
• Wärmeregulation.
die Hornschicht bedingt.


P Da die äußere Haut wie kein anderes Organ ❑
P Zu viel Horn kann Krankheitswert bekom-

in ihrer ganzen Ausdehnung der unmittelbaren men (z. B. „Hühnerauge“).


Betrachtung zugänglich ist, hat sie für die
Diagnostik besondere Bedeutung. Nicht zuletzt Die hochprismatischen Epithelzellen der ein-
auch deshalb, weil sich Erkrankungen anderer schichtigen Basalschicht sind als einzige Zellen
Organe in ihr widerspiegeln, z. B. Rötung der der Epidermis mit der Basalmembran verbunden,
Gesichtshaut bei Bluthochdruck (Hypertonie), sie werden also am besten versorgt. Hier finden
Blässe bei Blutarmut (Anämie), Blaufärbung ständig mitotische Zellteilungen zur Bildung
(Zyanose) bei O2-Mangel oder Gelbfärbung neuer Epithelzellen statt. Da ihre Lebensdauer
(Ikterus) bei Lebererkrankungen. nur ca. 50 Tage beträgt, sterben täglich Millionen
ab und genauso viele werden neu gebildet.
78 4 Hautsystem (Häute und Drüsen)

Oberhaut
(Epidermis)

Hornschicht
Cutis Keimschicht
Lederhaut-
papillen

Lederhaut
(Corium)

Fettgewebe
Blutgefäße
Unterhaut
(Subcutis) Faszie
Muskel

Abb. 4.1 Hautschichten.

Durch den Wachstumsdruck werden die älteren


Merke
Basalzellen in Richtung Oberfläche befördert.
Diese Zellen durchlaufen nun der Reihe nach Die Epidermis besteht aus der lebenden
alle Zellschichten der Keimschicht. Während Keimschicht (Stratum germinativum) und der
dieser „Wanderung“ werden nach und nach toten Hornschicht (Stratum corneum). In der
Zytoplasma und alle Zellorganellen abgebaut. Im Basalschicht finden lebenslang mitotische
Stratum granulosum bilden die Zellen Kerato- Zellteilungen zur ständigen Regeneration der
hyalinkörnchen und Tonofibrillen (feine faserige Haut statt. Die fest geschlossene Hornschicht
zugfeste Strukturen), aus denen wahrscheinlich dient als „Schutzpanzer“.
der Hornstoff (Keratin) entsteht. Diese Schicht
und das darauf folgende Stratum lucidum bilden In den Hautschichten der Oberhaut (bei hellhäu-
also die „verhornende Schicht“. tigen Menschen nur in der Basalschicht) befin-
den sich zwischen den Epithelzellen noch
Hornschicht (Stratum corneum) Pigmentzellen (Melanozyten). Die Zellen produ-
Die oberflächlich geschlossene Hornschicht zieren das braunschwarze Hautpigment Melanin
besteht praktisch nur noch aus abgestorbenen (= wichtigster Hautfarbstoff), das die mitoti-
keratinhaltigen Epithelzellen, wobei Zellgrenzen schen Zellteilungen in der Basalzellschicht vor
gar nicht mehr erkennbar sind. Da in der Horn- der schädlichen UV-Strahlung schützt.
schicht die Verbindungen zwischen den Zellen
(sog. Desmosomen) verschwinden, werden die ❑
P Wegen der raschen Regenerationsfähigkeit
verhornten Zellen laufend abgestoßen. An der der Epidermis heilen Wunden, die nur sie be-
Kopfhaut bleiben sie häufig aneinander hängen treffen, schnell vom Rand her ohne Narben-
und bilden Schuppen. bildung ab.
4.1 Äußere Haut 79

Hautfarbe
Die Hautfarbe des Menschen wird Hornhaut-
bestimmt vom Pigmentgehalt, der schuppen
Farbe des Blutes (abhängig vom O2-
Gehalt) und vom Grad der Durch-
blutung. Die Hautpigmentierung ist
nicht an allen Stellen gleich. Besonders Hornschicht
stark pigmentiert ist die Haut der (Stratum corneum)
Geschlechtsorgane, des Afters und der
Warzenvorhöfe.


P Individuen, die wegen eines
Hornbildungs-
schicht
Gendefekts kein Melanin synthetisie- (Stratum
granulosum)
ren können, heißen Albinos; sie sind
blasshäutig, haben eine rötliche Iris
und sind durch Sonnenstrahlung sehr Keimschicht
gefährdet. (Stratum
germinativum)
Lederhaut (Corium, Dermis)
Die Lederhaut ist der bindegewebige Basalmembran
Anteil der Haut und enthält demnach Basalschicht
alle typischen Bestandteile des Binde-
gewebes (✑ S. 63). Zellen werden durch ständige Zellteilung an die Ober-
Dominierend sind die wellenartig fläche verlagert und als Hornschuppen abgestoßen.
angeordneten miteinander verflochte-
nen Kollagenfasern mit eingelagerten Oberhaut (Epidermis). Abb. 4.2
elastischen Fasernetzen. Letztere sollen
erstere vor Überdehnung schützen.
Die Fasern besitzen außerdem eine gute Quell- vergrößert, sodass diese mehr Halt bekommt.
fähigkeit, was das große Wasserbindungsver- Die Papillen bestehen aus zellreichem feinfaseri-
mögen der Lederhaut erklärt. Auch die Grund- gem Bindegewebe. Die Fasern bilden ein dichtes
substanz enthält relativ viel Wasser. Durch diese Geflecht. Eingebettet in das Gewebe ist entweder
Wasserspeicherung entsteht im Gewebe eine eine Kapillarschlinge oder ein Meissner’sches
Spannung, die als Hauttugor bezeichnet wird. Er Tastkörperchen. Die Netzschicht wird aus dicke-
lässt mit zunehmendem Alter nach, weil das ren Fasern gebildet, welche dementsprechend
Wasserbindungsvermögen abnimmt. auch gröbere und zugfeste Geflechte bilden.

Merke Leisten- und Felderhaut


In der Epidermis der Handflächen und Fuß-
Durch die Kombination von kollagenen und sohlen spiegelt sich die Beziehung der in Reihen
elastischen Fasern enthält die äußere Haut oder „Leisten“ angeordneten Lederhautpapillen
große Zugfestigkeit und Elastizität. deutlich wider und bildet die Grundlage für das
Muster der nur hier vorkommenden Leistenhaut.
Die Lederhaut besteht aus 2 Schichten:
– der Papillarschicht (Stratum papillare) und ❑
P Die Leistenmuster sind genetisch festgelegt
– der darunter liegenden Netz- oder Geflecht- (Beispiel: Fingerabdruck in der Kriminalistik).
schicht (Stratum reticulare).
Beide Schichten gehen ohne scharfe Grenze Die Leistenhaut ist nicht behaart und sehr fest an
ineinander über. Die Papillarschicht ist mit der der Hohlhand- bzw. Fußsohlensehnenplatte ver-
Basalmembran des Epithels durch die Binde- ankert, eine wichtige Voraussetzung für sicheren
gewebspapillen (= Lederhautpapillen) verzahnt. Griff und Stand. Sie enthält Schweiß-, aber keine
Dadurch wird die Kontaktfläche zur Oberhaut Talgdrüsen. In der Leistenhaut befinden sich
80 4 Hautsystem (Häute und Drüsen)

besonders viele Hautrezeptoren, so auch die ❑


P Die Unterhaut kann viel Flüssigkeit aufneh-
Merkel-Zellen in der Basalschicht (✑ Tab. 4.1). men und eignet sich daher gut zur Aufnahme
Die übrige Haut zeigt durch feine Furchen von Medikamenten, z. B. bei subkutanen Injek-
getrennte rhombische Felder, daher der Name tionen (Heparin zur Thromboseprophylaxe,
„Felderhaut“. Die Felderhaut ist die behaarte Insulin zur Blutzuckersenkung).
Haut.

Unterhaut (Subcutis) 4.1.2 Gefäßversorgung


Die Subcutis gehört nur funktionell zur Haut. Sie
besteht vor allem aus lockerem Bindegewebe In der Haut liegen drei arterielle und entspre-
und Fettgewebe und befestigt die Cutis mittels chende venöse Gefäßgebiete übereinander:
von der Lederhaut kommender Faserbündel – tiefes Gefäßgebiet unter der Subcutis,
mehr oder weniger verschiebbar an der darunter – Gefäßgebiet an der Grenze von Subcutis und
liegenden Körperfaszie bzw. dem Periost der Cutis,
Knochen. Die Fettzellen bilden das Unterhaut- – Gefäßgebiet unterhalb der Lederhautpapillen,
fettgewebe (Panniculus adiposus), welches als von dem die Kapillarschlingen der Lederhaut-
Fettmantel in stark unterschiedlicher Ausprä- papillen abzweigen.
gung den Körper umgibt. Frei von Fettgewebe ist Von den Kapillarschlingen wird auch die
die Unterhaut der Augenlider, äußerer Gehör- gefäßlose Oberhaut versorgt.
gang und Penis.
Die besonderen Aufgaben der Subcutis sind In der Lederhaut existieren besonders viele arte-
• Energiedepot und Wasserspeicherung, riovenöse Anastomosen. Über sie können die
• Wärmeisolation und Kapillaren im Sinne der Wärmeregulation um-
• mechanischer Schutz. gangen werden.

4.1.3 Haut als


Merkel-Zellen
Sinnesorgan

In der Haut befinden


Oberhaut sich zahlreiche Sin-
(Epidermis) neszellen (auch Ner-
freie
Nervenendungen venendkörperchen
Meissner’sche genannt) und freie
Tastkörperchen Nervenendungen zur
Lederhaut
(Corium) Aufnahme von Rei-
Ruffini- zen. Die Rezeptoren
Körperchen sind in allen Haut-
Vater-Pacini- schichten vertreten
Körperchen
und sind nach ihren
Entdeckern benannt
Unterhaut Nervengeflecht (Merkel, Meissner,
(Subcutis) Ruffini, Vater-Pacini
✑ Abb. 4.3).
Muskulatur
Fascie

Abb. 4.3 Sinneszellen der Haut.


4.1 Äußere Haut 81

Übersicht über die Funktionen der äußeren Haut. Tab. 4.1


Funktion Strukturen

1. Mechanischer Schutz Hornschicht: unterschiedlich dick, wird durch das fetthaltige


Sekret der Talgdrüsen geschmeidig gehalten.
Lederhaut: garantiert Zugfestigkeit und Beweglichkeit.
Unterhautfettgewebe: Druckpolster.
Nägel: schützen die empfindlichen Finger- und Zehenendglieder.


P Die Hornschicht kann sich bei Überbeanspruchung von der
Keimschicht lösen, es bildet sich eine Blase.

2. Temperaturregulation, Hautblutgefäße: bei Erweiterung – verstärkte Wärmeabgabe;


Wärmeschutz bei Verengung – Drosselung der Wärmeabgabe.
Schweißdrüsen: Schweiß verdunstet, wodurch dem Körper
Wärme entzogen wird („Verdunstungskälte“).
Unterhautfettgewebe: ist ein schlechter Wärmeleiter und wirkt
daher wärmeisolierend (magere Menschen frieren leichter).

3. Flüssigkeitsschutz Mehrschichtiges verhorntes Plattenepithel, Talgdrüsen:


Talg bildet wasserabstoßende Fettschicht.


P Größere Wasserverluste sind lebensbedrohlich.

4. Strahlenschutz Melanin: schützt die Zellen vor schädlichen UV-Strahlen.

5. Infektionsschutz Schweißdrüsen: produzieren ein saures Sekret (= Schweiß),


sodass ein Säuremantel auf der Haut entsteht, durch den das
Wachstum der Bakterien gehemmt wird.

6. Speicherfunktion Unterhautfettgewebe: besteht überwiegend aus Fettgewebe


mit eingelagerten Kohlenhydraten, Eiweißen und Mineralstoffen;
Fettgewebe dient auch als Energiereserve.

7. Sinnesfunktionen
• Druckempfindung Merkel-Zellen in den untersten Schichten der Epidermis und
Ruffini-Körperchen der Lederhaut.
• Berührungsempfindung Meissner’sche Tastkörperchen in den Lederhautpapillen;
Nervengeflechte um die Haarwurzeln.
• Vibrationsempfindung Lamellenkörperchen (Vater-Pacini-Körperchen) in der Unterhaut.
• Kälte- und Freie Nervenendungen. Kälterezeptoren unmittelbar unter
Wärmeempfindung der Epidermis, reagieren hauptsächlich im Bereich 17  – 36 C.

Wärmerezeptoren liegen in der Lederhaut und reagieren maxi-


mal im Bereich 40  – 47 C.
• Schmerzempfindung Freie Nervenendungen im Corium, der Subcutis und in den
unverhornten Schichten der Epidermis.
82 4 Hautsystem (Häute und Drüsen)

4.1.4 Altersveränderung der Haut


Haar
Mit zunehmendem Alter treten typische Haut- Pore
veränderungen auf. So nimmt zum Beispiel die
Elastizität der Haut infolge Verringerung der elas- Haartrichter
tischen und Zunahme der kollagenen Fasern ab.
Ebenso nimmt die Wasserbindungsfähigkeit ab; Talgdrüse
durch den sinkenden Wassergehalt lässt der
Hautturgor nach. Die Sekretion der Schweiß- und
Talgdrüsen verringert sich. Dadurch wird die
Haut trockener und neigt zu verstärkter Schup-
penbildung verbunden mit Juckreiz. Schweiß-
Besonders im Gesicht, an Unterarmen und drüse
Handrücken entstehen sog. Altersflecken, weil
hier die Tätigkeit der Melanozyten zunimmt. Die
Oberhaut wird dünner und die Rezeptoren neh-
men ab.

P Länger stehen bleibende abgehobene Haut-
falten lassen Rückschlüsse auf den reduzierten Hautdrüsen. Abb. 4.4
Flüssigkeitsgehalt des Körpers zu. Besonders
im Alter ist deshalb auf ausreichende Flüssig-
keitszufuhr zu achten. – Lippenrot, – Augenlider,
Immobilität (z. B. infolge eines Schlaganfalls) – Warzenvorhof, – Anus,
und schlechte Nährstoff- und Sauerstoffversor- – Peniseichel und – kleine Schamlippen.
gung der Gewebe führen bei älteren Menschen
häufig zu Druckgeschwüren (Dekubitus). ❑
P Der natürliche Fettfilm schützt die Haut.
Dabei handelt es sich um eine Hautentzündung Wird durch zu vieles Waschen mit Seife das
verbunden mit lokalem Gewebsverlust. Fett beseitigt, können wasserlösliche Schad-
stoffe und Bakterien leichter in die Haut ein-
dringen.
Bei zu starker Talgabsonderung kommt es in
4.2 Anhangsorgane der Haut den talgdrüsenreichen Hautbezirken (Gesicht,
Brust, Rücken, Nacken) durch verstärkte Ver-
Bestimmte Teile der Haut stellen Einzelorgane hornung zur Verstopfung der Talgdrüsenaus-
dar. Dazu gehören die Hautdrüsen (Talg-, führungsgänge (sog. Mitesser – Komedonen).
Schweiß-, Duft- und Brustdrüsen), die Haare
sowie die Nägel. Darüber hinaus gibt es im Schweißdrüsen
äußeren Gehörgang Drüsen, die Ohrenschmalz Schweißdrüsen sind Knäueldrüsen, die den
produzieren. Zusammenfassend werden diese Schweiß produzieren. Es gibt sie nahezu in der
Teile als Anhangsorgane bezeichnet. gesamten Haut. Besonders zahlreich sind sie
– in der Achselhöhle, – am Handteller,
– an der Stirn, – an der Fußsohle und
4.2.1 Hautdrüsen – am Rücken.

Talgdrüsen (= Haarbalgdrüsen) Die Schweißdrüsen münden mit einer Pore auf


Talgdrüsen sind einfache Drüsen, welche den der Haut. Der Schweiß dient der Wärmeregu-
Hauttalg produzieren. Ihr Ausführungsgang endet lation und in geringem Maße der Ausscheidung
vorrangig am Haartrichter. Der Talg fettet Haut von Stoffwechselendprodukten. Außerdem wirkt
und Haare so ein, dass sie geschmeidig und was- der Schweiß aufgrund seines Säuregehaltes (pH
serabweisend werden. Von Haaren unabhängige = 4,5) antibakteriell.
Talgdrüsen kommen an folgenden Stellen vor:
4.2 Anhangsorgane der Haut 83

Duftdrüsen 15 Einzeldrüsen, die mit selbständigen Ausführ-


Dieser Drüsentyp kommt beim Menschen nur in gängen (= Milchgänge) an der Brustwarze mün-
speziellen Hautarealen vor: Achselhaut, Genital- den. Äußere Form und Größe der Brustdrüsen
und Afterbereich, Brustwarzen und Warzen- sind sehr variabel. Sie werden in erster Linie
vorhof. Die Duftdrüsen münden in den Haar- durch eingelagertes Bindegewebe (größtenteils
trichter. Ihr Sekret aber reagiert alkalisch und Fettgewebe) bestimmt. Der Busen ist im anato-
enthält individuelle Duftstoffe. mischen Sprachgebrauch die Vertiefung zwi-
Das Sekret der Duft- und Schweißdrüsen kann schen den beiden Brüsten.
durch Bakterien leicht zersetzt werden, wodurch Die Brustwarze wird vom deutlich stärker pig-
ein unangenehmer Geruch entsteht. Außerdem mentierten Warzenvorhof umgeben.
zerstört es den Säureschutzmantel, sodass die
Duftdrüsen leicht von Bakterien infiziert werden ❑
P Die Berührung der Brustwarze löst den Auf-
können („Drüsenabszess“). richterreflex aus. Muskelkontraktionen führen
zu ihrer Verlängerung, wodurch das Saugen
Brustdrüsen (= Milchdrüsen) erleichtert wird.
Die 2 Brustdrüsen sind die größten Hautdrüsen. Der Brustkrebs ist der häufigste Krebs der
Sie produzieren die Muttermilch, die als einziges Frau. Da bei Früherkennung gute Heilungs-
Drüsensekret nicht dem eigenen Körper, sondern chancen bestehen, sollte eine regelmäßige
der Ernährung des Säuglings dient. Selbstuntersuchung vorgenommen werden.
Die Brustdrüse (= Mamma) entwickelt sich in
der Pubertät beim Mädchen. Sie ist kein Ge- Ohrenschmalzdrüsen
schlechtsorgan, sondern ein sekundäres weibli- In der Haut des äußeren Gehörganges befinden
ches Geschlechtsmerkmal. Beim Mann bleibt sich neben Talg- und Schweißdrüsen sog. Ohren-
die Brustdrüse normalerweise in der kindlichen schmalzdrüsen. Letztere produzieren ein hellgel-
Form bestehen. bes Sekret, das gemeinsam mit dem Talg und
Schweiß sowie abgeschilferten Epithelzellen

P Durch Gabe weiblicher Geschlechtshormone
und Staub das Ohrenschmalz (Cerumen) bildet.
zur Behandlung des Prostatakrebses kann sich
auch beim Mann die Brustdrüse entwickeln. ❑
P Durch Quellung kann das Ohrenschmalz zu
einem Ohrschmalzpfropf werden und den
Der Drüsenkörper liegt in der Unterhaut norma- Gehörgang völlig verlegen.
lerweise gut verschiebbar auf der Faszie des
großen Brustmuskels. Er besteht aus 12 bis Lymphabflusswege
Es gibt zwei Hauptabflussrichtungen:
– außerhalb des Brustkorbes zum Achselbe-
reich und
– in das Brustkorbinnere.
großer
Brustmuskel
(M. pectoralis major)
Milchgänge 4.2.2 Haare (Pili)
Brustwarzen- Das Haarkleid des Menschen ist im Vergleich zu
vorhof dem anderer Säugetiere stark reduziert. Haare
(Areola mammae)
Brustwarze dienen dem Wärmeschutz, der Reibungsminde-
(Mamilla, rung (z. B. Achselhöhle) und der Berührungs-
Papilla mammaria) empfindung. Man unterscheidet beim Menschen
Milchsäckchen zwei Haararten: Woll- und Terminalhaare.
Einzeldrüse
Fettgewebe Wollhaare (= Lanugohaare)
Wollhaare sind zarte, kurze und nicht pigmen-
tierte Haare. Sie kommen fast am gesamten
Abb. 4.5 Brustdrüse (Mamma). Körper des Neugeborenen und auf großen Haut-
gebieten des Erwachsenen vor.
84 4 Hautsystem (Häute und Drüsen)

Haarschaft

Haarrinde
Haarmark
(bei dünnem Haar
fehlend)
Haartrichter
Oberhäutchen

(Bulbus pili)
(Cuticula)
Talgdrüse innere
epitheliale
Wurzelscheide

Haarzwiebel
Haaraufrichter- äußere
muskel epitheliale
(Musculus arrector pili)
Wurzelscheide
Haarzwiebel Glashaut
(Bulbus pili) bindegewebige
Wurzelscheide
(=^ Lederhaut)
Haarpapille Haar-
mit Blutgefäßen papille
mit Blut-
Haarwurzel gefäßen
Wachstumszone
Abb. 4.6 Haar.

Terminalhaare nennt man Haarfollikel oder Haarbalg.


Das sind die längeren, kräftigeren und pigmen-
tierten Haare wie Kopf-, Bart-, Achsel- und ❑
P Aus geraden Follikeln wachsen glatte und aus
Schamhaare. Auch Augenbrauen, Augenwim- gekrümmten gekräuselte Haare.
pern und Haare des äußeren Gehörganges
gehören dazu. Die Terminalbehaarung erfolgt Die Haarwurzel wird von einer epithelialen und
zum Teil erst in der Pubertät unter dem Einfluss bindegewebigen Wurzelscheide umgeben. Letz-
der Geschlechtshormone. tere entspricht der Lederhaut und bildet den
Haarbalg. In die Wurzelscheide mündet unter-
Bau (✑ Abb. 4.6) halb des Haartrichters der Ausführgang einer
Haare sind schräg aus der Haut ragende bieg- Talgdrüse. Darunter setzt der Haaraufrichter-
same und zugfeste Hornfäden aus Keratin muskel (M. arrector pili) an, der das Aufrichten
(Hornstoff). Sie bestehen aus 2 Hauptteilen, der des Haares bewirkt und dabei die so genannte
Haarwurzel (steckt in der Haut) und dem Haar- Gänsehaut verursacht.
schaft (ragt aus der Haut heraus).
Haarschaft
Haarwurzel Der Haarschaft ragt aus der Haut heraus. Seine
Sie beginnt meist in der Unterhaut mit einer Teile bestehen aus verhornten Epithelzellen.
Anschwellung, der Haarzwiebel (Bulbus). Von
basal liegenden Epithelzellen der Haarzwiebel Haarwachstum
(= Wachstumszone) geht das Haarwachstum Haar wächst von der Haarwurzel aus pro Monat
aus. Der in der Haarzwiebel vorhandene Raum ca. 1 cm. Die Lebensdauer der Terminalhaare
heißt Haarpapille. In ihr befinden sich die beträgt ca. 3 – 5 Jahre, die der Wimpern dagegen
Blutgefäße für die Versorgung der Wachs- nur 3 – 6 Monate. Das Ergrauen der Haare beruht
tumszone. auf Einlagerung von Luftbläschen, das Weiß-
Die bindegewebige Hülle um die Haarzwiebel werden auf dem Erlöschen der Pigmentbildung.
4.3 Schleimhaut 85

4.2.3 Nägel ❑
P Sauerstoffmangel oder Kälte führen zur
Blaufärbung der Nägel, Durchblutungsstörun-
Die Nägel bedecken als Hornplatten die End- gen zur Beeinträchtigung des Nagelwachstums
glieder der Finger und Zehen und dienen als (erkennbar an Querlinien). Häufige Erkrankun-
Schutz und als Widerlager für die Tastballen und gen sind Entzündungen von Nagelwall und -bett
gewähren dadurch eine Verbesserung der Tast- sowie Pilzerkrankungen (Nagelmykosen).
empfindung.

Bau
Der sichtbare Teil des Nagels ist die aus ver- 4.3 Schleimhaut (Tunica mucosa)
hornten Epithelzellen bestehende Nagelplatte.
Sie ist durchscheinend und sieht nur deshalb rosa Schleimhäute sind feucht und schleimreich. Der
aus, weil sie auf dem gut durchbluteten Nagel- Schleim wird in Schleimdrüsen (Becherzellen)
bett liegt. Die Nagelplatte wird von einer Haut- produziert. Wir finden die Schleimhäute als
falte, dem Nagelwall, umgeben. Proximal be- innere Auskleidung solcher Hohlorgane, deren
deckt der Nagelwall die Nagelwurzel, die in die Lichtungen mit der Umwelt in Verbindung ste-
ca. 5 mm tiefe Nageltasche eingeschoben ist. hen, dies sind:
Ein schmaler Epithelsaum (Eponychium) der – Verdauungskanal, – Atemwege,
Nageltasche geht auf die Nagelplatte über. – Harnwege, – Geschlechtsorgane,
Unmittelbar unter der Nagelplatte befindet sich – Augenlider-Bindehaut, – Mittelohr.
zuerst ein Epithel (Hyponochium). Danach folgt
das bindegewebige Nagelbett, das mit der Kno- Jede Schleimhaut besteht aus mindestens zwei
chenhaut des Fingerendgliedes verwachsen ist. Schichten:
Das Hyponochium wird unter der Nagelwurzel 1. Epithelium,
(in der Nageltasche) zur Nagelmatrix. Von ihr 2. Schleimhautbindegewebe.
geht das Nagelwachstum aus. Es beträgt pro Tag
0,1 bis 0,3 mm. Die Nagelmatrix ragt mit ihrem Aufgaben:
konvexen Rand immer etwas aus der Nagel- Die Schleimhäute sind in ihrem Bau der speziel-
tasche heraus. Dieser halbmondförmige hellere len Funktion angepasst. Ihre Aufgaben sind in
Teil heißt Lunula („Möndchen“). der Tabelle 4.2 genannt.
Die verhornten Zellen der Nagelplatte sowie
jene des Hyponochiums entsprechen der
Epidermis, das aus Bindegewebe bestehende Funktion der Schleimhaut. Tab. 4.2
Nagelbett dem Corium. Funktion Struktur
Schutzaufgabe Unverhorntes mehrschichti-
• hohe ges Plattenepithel, z. B.
mechanische Mundhöhle, Speiseröhre,
Beanspruchung Harnröhre, Scheide.
Nagelplatte • Abtransport von Flimmerepithel,
Nagelbett staubigem z. B. Atemwege.
Schleim
Nagelfalz • Schutz der Urothel, z. B. Harnblase.
Harnwege
Lunula Stoffaufnahme Falten, Zotten und Mikrovilli
(= Teil der (Resorption) zur Vergrößerung der Ober-
Nagelmatrix)
fläche, z. B. Dünndarm.
Nagelwall Stoffabgabe Abgabe von Schleim zum
(Sekretion) Schutz der Schleimhaut,
z. B. Magen.
Stofftransport Blut- und Lymphgefäße des
Schleimhautbindegewebes.
Abb. 4.7 Fingernagel. Abwehr Weiße Blutzellen des
Schleimhautbindegewebes.
86 4 Hautsystem (Häute und Drüsen)


P Schleimhautentzündungen sind häufig vor- Eine seröse Höhle besteht aus zwei Blättern:
kommende akute und chronische Erkrankungen • dem visceralen Blatt, das dem jeweiligen
der Atemwege (Bronchitis), des Verdauungs- Organ anliegt und
traktes (Gastritis) und der ableitenden Harn- • dem parietalen Blatt, das sich mit der Um-
wege (Cystitis, Pyelonephritis). gebung verbindet.
Die Endung „-itis“ weist immer auf eine Ent-
zündung hin. Zwischen den beiden Blättern liegt die eigentli-
che „Höhle“, die in Wirklichkeit nur einem
kapillaren Spaltraum (= Serosaspalt), in dem
sich etwas Flüssigkeit befindet, entspricht. Zu
4.4 Seröse Haut (Tunica serosa) den serösen Höhlen gehören das Brustfell
und seröse Höhlen (Pleura ✑ Abb. 11.12, S. 223), der Herzbeutel
(Perikard ✑ S. 176) und das Bauchfell
Seröse Häute sind spiegelglatt und feucht. Sie (Peritoneum ✑ Abb. 7.3, S. 145).
bestehen (wie die Schleimhäute) ebenfalls aus
mindestens zwei Schichten. ❑
P Eiter in solchen Höhlen nennt man Empyem
1. Serosaepithel: Es ist im Unterschied zur (z. B. Pleuraempyem).
Schleimhaut immer ein einschichtiges, drüsen- Eine Vermehrung der Flüssigkeit im Serosaspalt
loses Plattenepithel, welches als Mesothel führt zur Bildung eines Ergusses (z. B. Pleura-
bezeichnet wird. erguss), welcher durch Punktion beseitigt wer-
2. Serosabindegewebe. den kann.
Aufgabe:
Die Serosa ermöglicht einerseits eine äußerst
reibungsarme Verschiebbarkeit der inneren 4.5 Drüsen (Überblick)
Organe. Das wird durch einen Flüssigkeitsfilm
erreicht, der durch Transsudation (= Übertritt Drüsen sind Organe, die aus spezialisierten
von Flüssigkeit aus dem Blut) und Resorption Epithelzellen bestehen. Die spezielle Funktion
(= Übertritt von Flüssigkeit in das Blut) konstant ist die Bildung von Wirkstoffen (= Sekrete) mit
gehalten wird. Andererseits verbindet sie die einer bestimmten chemischen Zusammenset-
Organe miteinander. zung und physiologischen Bedeutung.
Die Realisierung dieser Aufgabe wird ermög- Die Abgabe der Sekrete heißt Sekretion. Sie
licht, indem die Serosa die einzelnen Organe erfolgt entweder nach außen (Körperoberfläche)
doppelwandig umgibt, so dass eine sog. seröse oder in das Blut. Sekrete sind z. B. Schleim,
Höhle entsteht. Talg, Schweiß, Gallenflüssigkeit, Hormone.

Ausführungsgang

mehrzellige Sekret einzellige


Drüse Drüse
(Becherzelle)
im
mehrreihigen
Flimmerepithel

Abb. 4.8 Exokrine Drüsen.


4.5 Drüsen (Überblick) 87

mit Follikelbildung ohne Follikelbildung

Drüsenzellen

Follikel

Drüsen-
Hormon zellen
Blutkapillaren

Hormon
Blutkapillaren Blutkapillaren Hormon

Endokrine Drüsen. Abb. 4.9

Klassifizierung der Drüsen ebenfalls ins Blut zu gelangen. Mit dem Blut-
1. Nach ihrer Lage zum Oberflächenepithel: strom erreichen sie den Wirkungsort.
a) im Oberflächenepithel
• einzellige schleimproduzierende Becher- Merke
zellen der Darmschleimhaut,
Die endokrinen Drüsen (= Hormondrüsen)
• mehrzellige schleimproduzierende Drüsen besitzen im Unterschied zu den exokrinen
im Schleimhautepithel der Atemwege; Drüsen keine Ausführungsgänge.
b) unter dem Oberflächenepithel im Bindegewebe
• es handelt sich immer um mehrzellige
Drüsen, die von einer bindegewebigen Zirbeldrüse
Kapsel begrenzt werden. (Epiphyse)
2. Nach der Form (✑ Abb. 3.4, S. 62): Hirnanhangdrüse
a) schlauchförmige (tubulöse) Drüsen (Hypophyse)

• Darmkrypten; Magendrüsen; Schweiß- Schilddrüse


drüsen; Lieberkühn-Drüsen, (Gl. thyroidea)
b) beerenförmige (acinöse) Drüsen Nebenschilddrüsen
• Talg-, Bauchspeichel-, Ohrspeicheldrüse, oder
c) bläschenförmige (alveoläre) Drüsen Epithelkörperchen
(Gl. parathyroidea)
• Duftdrüsen.
Nach dem Sekretionsziel unterscheidet man:
– exokrine Drüsen (= Drüsen mit äußerer
Sekretion meist mit Ausführungsgang) und Nebenniere
(Gl. suprarenalis)
– endokrine Drüsen (= Drüsen mit innerer
Eierstöcke
Sekretion ohne Ausführungsgang). Keimdrüsen
(Gonaden)
Hoden
In den mehrzelligen exokrinen Drüsen befindet
sich ein Gangsystem, welches das Sekret (z. B.
Mundspeichel, Bauchspeichel, Schweiß, Talg)
aufnimmt und an die Oberfläche leitet. Die Langerhans-
Sekrete der endokrinen Drüsen werden Hor- Inseln der
mone (= Inkrete) genannt (z. B. Adrenalin, Bauchspeichel-
Thyroxin, Insulin). Die in den Zellen gebildeten drüse
Hormone gelangen entweder direkt ins Blut oder Lage der endokrinen Drüsen (Schema). Abb. 4.10
werden in sog. Follikel sezerniert, um von diesen
88 4 Hautsystem (Häute und Drüsen)

Fragen zur Wiederholung

1. Vergleichen Sie den Aufbau von äußerer Haut, Schleimhaut und seröser Haut.
2. Welche Beziehung besteht zwischen seröser Haut und seröser Höhle?
3. Stellen Sie in einer Übersicht die hauptsächlichen Funktionen der verschiedenen Häute
zusammen.
4. Stimmt es, dass die Haut atmen muss? Begründen Sie Ihre Antwort.
5. Wo kommen
a) Schleimhäute und
b) seröse Häute (seröse Höhlen) vor?
6. Definieren Sie: Transsudation und Resorption.
7. Geben Sie einen Überblick über die Anhangsgebilde der Haut.
8. Welche Aufgaben erfüllen
a) der Talg und
b) der Schweiß?
9. Beschreiben Sie den Aufbau der Brustdrüse. Erläutern Sie die Bedeutung der Selbstunter-
suchung durch Abtasten.
10. Nennen und begründen Sie einige Maßnahmen, die zum Erhalt der Funktionstüchtigkeit
der äußeren Haut beitragen.
11. Welche Rolle spielt die äußere Haut im Rahmen der Krankenbeobachtung und Diagnostik?
12. Erklären Sie die Begriffe:
a) Drüse,
b) Sekretion,
c) Sekret,
d) Hormon.
13. Unterscheiden Sie exokrine und endokrine Drüsen.
14. Nennen Sie die exokrinen und endokrinen Drüsen und die von ihnen gebildeten Sekrete.
Beschreiben Sie kurz die Lage dieser Drüsen.
89

5 Stütz- und Bewegungssystem

Das Bewegungssystem ist die Gesamtheit der an • platte Knochen (z. B. Schulterblatt, Scheitel-
der Fortbewegung des Menschen beteiligten Orga- bein, Darmbeinschaufel) sind flache, kompakte
ne. Man unterscheidet den passiven Bewegungs- Knochen mit einer festen Außenschicht und
apparat (= Knochen, Gelenke und Bänder) und einer inneren aufgelockerten Knochenschicht;
den aktiven Bewegungsapparat (= Muskulatur). • unregelmäßige Knochen – auch kurze Knochen
genannt – (z. B. Nasenbein, Jochbein, Unter-
kiefer, Oberkiefer, Wirbel, Handwurzelknochen,
5.1 Allgemeine Knochenlehre Fußwurzelknochen) sind größtenteils würfel-
oder quaderförmig.
Die allgemeine Knochenlehre befasst sich im
Wesentlichen mit der Knochenstruktur und den
Knochenverbindungen. 5.1.3 Bau eines Knochens

Knochen bestehen aus der Knochenrinde (= Sub-


5.1.1 Aufgaben der Knochen stantia corticalis, kurz: Kortikalis – äußere kom-
pakte Knochenschicht) und den Knochenbälk-
Knochen sind Organe, bei denen das Knochen-
chen (= Substantia spongiosa, kurz: Spongiosa –
gewebe den Hauptanteil darstellt. Die Knochen
aufgelockerte Knochenschicht im Inneren).
erfüllen die folgenden Aufgaben:
1. Stützfunktion: Alle Knochen bilden das Skelett
Den Schaft eines Röhrenknochens (✑ Abb. 5.1,
(Stützwerk), das maßgeblich die Körpergestalt
S. 90) nennt man Diaphyse, das proximale und
bestimmt.
distale Gelenkende Epiphyse. Der dazwischen
2. Schutzfunktion: Das Skelett schützt lebens-
liegende Abschnitt ist die Wachstumszone
wichtige Organe, z. B. Gehirn in der Schädel-
(Metaphyse oder Epiphysenfuge).
höhle, Rückenmark im Wirbelkanal, Herz und
Lunge im Brustkorb, Harn- und Geschlechts-
Bei den Röhrenknochen befindet sich Substantia
organe im kleinen Becken.
spongiosa nur in den Epiphysen, während sie bei
3. Bewegungsfunktion: Knochenverbindungen
allen anderen Knochen überall zu finden ist.
bewirken zusammen mit den Muskeln Bewe-
gungen.
Knochenhaut (= Periost)
4. Bildung der Blutzellen: Das rote Knochenmark
Jeder Knochen wird, mit Ausnahme der Gelenk-
ist die wichtigste Bildungsstätte der Blutzellen.
flächen, von einer Knochenhaut umgeben. Sie ist
Der Knochen ist kein totes Gebilde, er hat einen
durch zugfeste Fasern im Knochen verankert.
intensiven Stoffwechsel.
Die Knochenhaut ist gefäß- und nervenreich.
Von ihr aus dringen Blutgefäße und Nerven in
das Knocheninnere und versorgen den Knochen
5.1.2 Knochentypen (✑ Abb. 3.7, S. 66).

Der Mensch besteht aus einer Vielzahl unter- Knochenmark


schiedlicher Knochen. Man teilt sie entspre- Man unterscheidet
chend ihrer Form und Funktion ein. • das rote Knochenmark im Bereich der Sub-
• Röhrenknochen (z. B. Oberarmknochen, Fin- stantia spongiosa, es ist das Gewebe der Blut-
gerknochen, Oberschenkelknochen) sind läng- zellbildung, und
liche Knochen mit einem röhrenförmigen • das gelbe Knochenmark (= Fettmark) in den
Schaft, außen einer dichten Knochenschicht Markhöhlen der Röhrenknochen bei Erwach-
(Kompakta) und innen einer aufgelockerten senen.
Struktur mit Knochenmark;
90 5 Stütz- und Bewegungssystem


P Das Fettmark kann unter
schwammartiges besonderen Umständen (z. B.
Gerüstwerk feiner bei großen Blutverlusten oder
Knochenbälkchen proximales Leukämien) in rotes Knochen-
mit rotem Gelenkende mark umgewandelt werden.
Knochenmark (proximale
(Substantia spongiosa) Epiphyse)

5.1.4 Knochenwachstum
Muskel-
ansatzhöcker
(Apophyse) Beim Wachstum der Röhren-
knochen unterscheidet man Län-
gen- und Dickenwachstum.
Das Längenwachstum erfolgt
kompakte unter dem Einfluss verschiede-
Knochenrinde ner Hormone von der Epiphy-
(Substantia compacta) senfuge aus, die bis zum Wachs-
nur im Diaphysen-
bereich der tumsende aus Knorpelgewebe
Röhrenknochen besteht. Nach beiden Seiten wird
Knorpelgewebe abgebaut und
durch Knochengewebe ersetzt.
Knochenhaut Gleichzeitig wird das Knorpel-
(Periost)
gewebe der Epiphysenfuge stän-
dig nachgebildet. Die Verknöche-
rung der Wachstumszone be-
Schaft ginnt zwischen dem 15. und
(Diaphyse) 17. Lebensjahr und endet bei der
Frau mit dem 18. und beim
Mann mit dem 20. Lebensjahr.
Zu diesem Zeitpunkt ist das
Längenwachstum abgeschlossen.


P Verletzungen (z. B. Fraktur
durch die Epiphysenfuge) und
Markhöhle Knochenmarkserkrankungen
mit gelbem können zu einem vorzeitigen
Fettmark Schluss der Epiphysenfugen
führen, was z. B. ungleiche
Beinlängen zur Folge haben
kann.
Durch Hormonwirkungen (z. B.
Keimdrüsenhormone) kann die
distales Verknöcherung der Epiphysen-
Gelenkende
Knochenrinde (distale fuge beschleunigt oder verzö-
(Substantia corticalis) Epiphyse) gert werden.
Folgen sind dann Zwerg- bzw.
Wachstumszone Riesenwuchs.
(Metaphyse oder
Epiphysenfuge) Das Dickenwachstum geht von
der Knochenhaut aus, die zeit-
Abb. 5.1 Bau eines Röhrenknochens (Oberschenkelknochen). lebens funktionstüchtig bleibt.
5.1 Allgemeine Knochenlehre 91


P Bruchheilung erfolgt durch die so genannte Dementsprechend gibt es verschiedene Arten
Kallusbildung, die größtenteils vom Periost von Knochenverbindungen (✑ Tab. 5.1):
ausgeht (✑ S. 68). 1. Bandgelenke (Articulationes fibrosae).
Knochen werden durch Bindegewebe mitein-
ander verbunden:
Knochenumbau
a) Bandhaft (Syndesmosis)
Einmal gebildete Knochen verändern sich im
Zwischenknochenmembran zwischen Elle
Laufe des Lebens ständig. So werden, wie auf
und Speiche bzw. Schien- und Wadenbein.
Seite 65 bereits beschrieben, im Kindesalter die
b) Naht (Sutura)
primitiveren unregelmäßig strukturierten Geflecht-
Verbindung zwischen den Schädelknochen.
knochen in die kalziumreicheren und stabileren
c) Einzapfung (Gomphosis)
Lamellenknochen umgebaut. Weiterhin findet
Federnde Befestigung der Zähne im Zahn-
eine funktionelle Anpassung statt, die es dem
fach.
Knochen ermöglicht, sich auf veränderte Be-
lastungen einzustellen. Dies erfolgt z. B. durch
2. Knorpelgelenke (Articulationes cartilagineae)
Zu- oder Abnahme der Knochensubstanz bzw.
Knochen werden durch Knorpelgewebe mit-
Änderung der Knochenstruktur durch Umbau
einander verbunden.
der Substantia spongiosa als Anpassung an:
Beispiele:
– Veränderungen der Körpermasse und/oder
Schambeinfuge, Bandscheiben und Rippen-
der körperlichen Aktivität,
knorpel.
– einseitige oder asymmetrische Belastungen
Band- und Knorpelgelenke haben nur sehr
z. B. bei Lähmungen oder einseitiger Arbeits-
geringe Bewegungsausmaße.
belastung etc.

P Ist der Mineralstoffgehalt der Knochen ver- 3. Synoviale Gelenke (Articulationes synoviales)
mindert, entsteht eine Osteomalazie (Knochen- Wenn man vom Gelenk spricht, ist praktisch
erweichung). Wird im Alter vermehrt Knochen- immer das synoviale Gelenk gemeint.
substanz abgebaut, spricht man von Osteopo-
rose. Durch die „Entkalkung“ werden die Synoviale Gelenke sind gekennzeichnet durch:
Knochen brüchiger. Es kann schon bei geringen a) mindestens 2 Gelenkkörper mit von Gelenk-
Belastungen zu Frakturen, besonders Schenkel- knorpel überzogenen Gelenkflächen;
halsfrakturen, kommen. Frauen sind durch die b) einen Gelenkspalt (gewebefreier Raum
verminderte Östrogenbildung (nach der Meno- zwischen den Gelenkflächen);
pause) häufiger betroffen. c) die Gelenkschmiere (Synovia) im Gelenk-
spalt – sie wird von der inneren Schicht der
Gelenkkapsel produziert, hat Ernährungs-
funktion und dient gemeinsam mit dem
5.1.5 Knochenverbindungen
Gelenkknorpel der Reibungsminderung;
d) die Gelenkkapsel zur Abgrenzung des Ge-
Der Grad der Beweglichkeit von zwei oder mehr
lenkraumes, bestehend aus der Außen-
Knochen gegeneinander muss funktionsbedingt
schicht (Membrana fibrosa) aus straffem
sehr unterschiedlich sein.

Knochenverbindungen. Tab. 5.1

Knochenverbindungen

Bandgelenke Knorpelgelenke synoviale Gelenke

• Zwischen den Knochenteilen befindet sich ein Gewebe • zwischen den


als Verbindungsmaterial. Knochenteilen
• Band- und Knorpelgelenke werden auch als Haften befindet sich ein
bzw. unechte Gelenke (Fugen) bezeichnet. Gelenkspalt.
92 5 Stütz- und Bewegungssystem

e) die Gelenkbänder aus straffem Bindege-


Kniescheibe webe, die dem Zusammenhalt des Gelenkes
(Patella)
dienen.
Meniscus
Oberschenkel- Merke
knochen
(Femur) Das synoviale Gelenk wird zusammenge-
Gelenkknorpel halten durch Gelenkkapsel, Muskeln, Kör-
(Cartilago articularis) pergewicht, Bänder und Adhäsion im
Gelenkspalt.
Gelenkkapsel
(Capsula articularis)
Gelenkknorpel Darüber hinaus können bei bestimmten synovia-
(Cartilago articularis) len Gelenken Besonderheiten auftreten, die die
Kniescheiben- Kongruenzverhältnisse der Gelenkkörper ver-
band bessern bzw. die Bewegungsmöglichkeiten be-
(Lig. patellae)
einflussen. Dies sind:
Schleimbeutel 1. Gelenkzwischenscheibe (= Discus, Pl: Disci)
(Bursa synovialis) aus Faserknorpel zur Verbesserung der Kon-
Schienbein gruenz und Vergrößerung der Kontaktfläche;
(Tibia)
Beispiel: proximales Handgelenk.
2. Halbmondförmiger Faserknorpel (= Meniscus,
Abb. 5.2 Synoviales Gelenk (Kniegelenk).
Pl: Menisci). Der Meniscus hat im Prinzip
die gleichen Aufgaben wie der Discus;
Beispiel: Kniegelenk.
Bindegewebe, die den Gelenkzusammenhalt 3. Gelenklippe (= Labium articulare) zur Ver-
sichert, und der Innenschicht (Membrana größerung der Gelenkpfanne;
synovialis), bestehend aus lockerem Binde- Beispiel: Hüftgelenk.
gewebe sowie Fettgewebe, die zahlreiche 4. Schleimbeutel (= Bursa synovialis) als Aus-
Nerven, Blut- und Lymphgefäße enthält stülpung der Gelenkkapsel und damit Reser-
und die Synovia sezerniert und resorbiert; veraum für die Gelenkschmiere.

rechtes proximales Handgelenk rechtes Kniegelenk


(Art. radiocarpalis) von palmar (Art. genus) von dorsal

Handwurzelknochen
Außenband
(Lig. collaterale fibulare)

Meniscus lateralis

Gelenkknorpel

Innenband
(Lig.collaterale tibiale)
Menisken
Discus Querband
Radius (Lig. transversum
genus)
Ulna Meniscus
Kreuzbänder lateralis
(angeschnitten)
Meniscus
medialis

Abb. 5.3 Disci und Menisci.


5.1 Allgemeine Knochenlehre 93

Merke ❑
P Bei Störungen oder Schwächung einer dieser

Disci trennen den Gelenkraum vollständig; Komponenten kann eine Gelenkführung durch
Menisci nur teilweise. eine andere teilweise kompensiert werden.
Zum Beispiel wird trotz einer Kreuzbandruptur
die Funktion des Kniegelenkes aufgrund einer
Die Bewegungsausmaße und Stabilität der Gelen- gut ausgebildeten Oberschenkelmuskulatur
ke werden durch drei Komponenten beeinflusst: kaum beeinträchtigt.
• Knochenführung (beim Hüftgelenk z. B. bes-
ser ausgeprägt als beim Schultergelenk);
Einteilung der synovialen Gelenke
• Muskelführung (besonders ausgeprägt beim Nach der Form der Gelenkflächen und den sich
Schultergelenk, z. B. durch den Deltamuskel, daraus ergebenden Bewegungsmöglichkeiten sind
M. deltoideus); verschiedene Gelenktypen zu unterscheiden
• Bänderführung (besonders ausgeprägt beim (✑ Abb. 5.4 bis 5.6):
Kniegelenk). • Scharniergelenk (einachsig),
• Radgelenk (einachsig),
• Eigelenk (zweiachsig),
• Sattelgelenk (zweiachsig),
• Kugelgelenk (dreiachsig) und
• straffes Gelenk (Amphiarthrose).

Oberarm-Ellen-Gelenk Fingergelenke
(Art. humeroulnaris)

Fingerendgelenk
(Art. interphalangealis
distalis)
Oberarmrolle Fingermittelgelenk
(Trochlea humeri) (Art. interphalangealis
proximalis)
Ellenbogen Fingergrundgelenk
(Olecranon)
(Art. metacarpo-
phalangealis)

Scharniergelenk (einachsig). Beispiel: Ellenbogengelenk, Fingermittel- und endgelenke. Abb. 5.4

Gelenk zwischen dem 1. und 2. Halswirbel


Querfortsatz
Atlasquerband
(Lig. transversum atlantis)

Atlas

Rippe
Axis
Wirbel-Rippen-
Gelenke
Wirbelkörper

Radgelenk (einachsig). Beispiel: Wirbel-Rippen-Gelenk; Gelenk zwischen Altas und Dreher. Abb. 5.5
94 5 Stütz- und Bewegungssystem


P Häufige Gelenkverletzungen sind
• Prellung (= Kontusion), • Bänderriss (= Ligamentruptur) und
• Zerrung (= Distorsion), • Verrenkung (= Luxation).

Handwurzelknochen Trapezbein
(Os trapezium)

proximales
Handgelenk
(Art. radiocarpalis)

Elle
(Ulna)

Speiche
(Radius)

distales Handgelenk
(Art. metacarpalis)
Daumensattelgelenk
(Art. carpometacarpalis pollicis)
Mittelhandknochen
Handwurzel- des Daumens
Mittelhandgelenke II + III (Os metacarpale I)
(Carpometacarpalgelenke II + III)

Eigelenk (zweiachsig). Beispiel: rechtes proximales Handgelenk von palmar.


Straffes Gelenk (Amphiarthrose). Beispiel: Handwurzel-Mittelhandgelenk II und III.
Abb. 5.6 Sattelgelenk (zweiachsig). Beispiel: Daumensattelgelenk.

Schultergelenk Hüftgelenk
(Art. humeri) (Art. coxae)

Schultergelenkpfanne
(Cavitas glenoidalis)
Oberarmkopf
(Caput humeri)

Hüftgelenkpfanne
(Acetabulum)
Oberschenkelkopf
(Caput femoris)

Abb. 5.7 Kugelgelenk (dreiachsig). Beispiel: Schulter- und Hüftgelenk.


5.2 Allgemeine Muskellehre 95

5.2 Allgemeine Muskellehre


5.2.1 Bau und Hilfseinrichtungen des Muskelfasern
Skelettmuskels
Muskelfaser-
Muskeln sind Organe, die hauptsächlich aus bündel
Muskelgewebe bestehen (✑ S. 68). Daneben fin- Faszie
den wir straffes und lockeres Bindegewebe
sowie Blutgefäße und Nerven.
Muskelbauch
An einem Skelettmuskel lassen sich in der Regel
folgende Teile unterscheiden: Ansatz
• Ursprung
Der cranial bzw. proximal befestigte Teil des
Muskels besteht aus einem oder mehreren
Muskelbauch
Köpfen.
• Ansatz
Der caudal bzw. distal befestigte Teil des Mus-
kels. Sehne
Ursprung
• Muskelbauch
Der zwischen den Sehnen bzw. Ansatz und
Ursprung gelegene Teil. Bau eines Skelettmuskels. Abb. 5.8
• Muskelfaszie (= Muskelbinde)
Hülle aus straffem Bindegewebe um einzelne
Muskeln oder Muskelgruppen. Muskelfaszien
bilden gewissermaßen Führungsröhren für die beidseitig einseitig
Muskeln. gefiederter gefiederter
Muskel Muskel
Skelettmuskelformen (M. tibialis (M. semi-
Nach Lage und Aufgabe sind die Muskeln in anterior) membranosus)

unterschiedlichen Muskelformen organisiert.


Hierdurch wird eine optimale Wirkungsweise
aufgrund der unterschiedlichen anatomischen spindel-
Erfordernissen bei den einzelnen Muskelfunk- förmiger
tionen erreicht. So kann zum Beispiel der Kau- einbäuchiger
Muskel mit
muskel (M. masseter) durch seine kurze und Muskel mit einem Kopf
platte Form die zum Kauen erforderliche Kraft Zwischen- (M. palmaris
entwickeln. Der für die Beugung des Armes zu- sehnen longus)
(M. rectus
ständige zweiköpfige Oberarmmuskel (M. biceps abdominis)
brachii) muss dagegen eine große Strecke zurück- platter
legen und ist deshalb lang und spindelförmig. Muskel
(M. trapezi-
us)
Hilfseinrichtungen der Muskeln
Zu den Hilfseinrichtungen der Muskeln gehören
Sehnen, Sehnenscheiden, Schleimbeutel und zwei-
Sesambeine. köpfiger runder
• Sehnen Muskel Muskel
bestehen aus straffem Bindegewebe und (M. biceps (M. orbicularis
brachii) oculi)
befestigen die Muskeln direkt am Knochen
oder Periost. Die parallel angeordneten kolla-
genen Fasern verleihen ihnen eine sehr hohe Skelettmuskelformen. Abb. 5.9
Zugfestigkeit. Sehnen sind verschieden geformt.
96 5 Stütz- und Bewegungssystem


P Wichtige Sehnen für Reflex-
prüfungen sind:
Kniescheibensehne, Achillessehne,
Halteband
(Retinaculum) Bicepssehne und Tricepssehne.
Übermäßige Beanspruchung von
Sehnenscheiden Sehnenscheiden und Schleimbeuteln
können zu deren aseptischer Ent-
zündung führen (Bursitis = Schleim-
beutelentzündung, Tendovaginitis =
Sehnenscheiden
Sehnenscheidenentzündung).

Bei der Beschreibung der Muskel-


mechanik werden u. a. folgende Be-
griffe verwendet:
– Synergisten
Muskeln, die bei einer Bewegung
zusammenarbeiten.
– Agonist (= Spieler, sich kontrahie-
render Muskel) und Antagonist
(= Gegenspieler). Je nach Rich-
Haltebänder
(Retinacula) tungssinn einer beabsichtigten Be-
wegung wirkt ein Muskel entweder
als Agonist oder Antagonist.
Beachte: Die Sehnenscheiden der Hand sind an Daumen und
kleinem Finger durchgehend, an den restlichen Fingern
– Bewegungsmuskeln
unterbrochen. Muskeln, die überwiegend schnelle
Bewegungen ausführen;
Abb. 5.10 Sehnenscheiden. Beispiel: Muskeln der Extremitäten.
– Haltemuskeln
Muskeln, die überwiegend Halteauf-
Breite, flache Sehnen werden als Aponeurosen gaben ausüben;
bezeichnet, wie z. B. die Sehnen der Bauch- Beispiel: tiefe Rückenmuskulatur.
muskeln und die sehnigen Platten unter der
Haut der Hohlhand (Aponeurosis palmaris) Merke
sowie der Fußsohle (Aponeurosis plantaris).
• Sehnenscheiden Muskeln haben Halte- und Bewegungsfunk-
sind Gleit- und Schutzhüllen für Sehnen. Sie tion.
werden durch Haltebänder (Retinacula) fixiert
und befinden sich im Bereich der Hand- und
Sprunggelenke. 5.2.2 Kontraktion des Skelettmuskels
• Schleimbeutel
sind bindegewebige Säckchen mit Flüssigkeit, Fast die Hälfte der Körpermasse, nämlich ca.
die der Druckverteilung und Reibungsminde- 45 %, besteht aus Skelettmuskulatur. Die Mus-
rung zwischen Knochen, Muskeln und Sehnen kelfasern, die eine Länge bis zu 15 Zentimetern
dienen. Man findet sie dort, wo Muskeln um erreichen können, verleihen dem Skelettmuskel
einen Knochen gelenkt werden (✑ Abb. 4 grundlegende Eigenschaften:
5.2, S. 92). – Er kann sich aktiv verkürzen (= kontrahieren),
• Sesambeine – er kann passiv gedehnt werden,
sind meist kleinere Knochen, die in eine – er ist elastisch, d. h., er nimmt nach Kontrak-
Sehne eingebaut sind, um sie umzulenken. tion oder Dehnung seine Ursprungslage wieder
Dadurch bildet sich mit dem darunter liegenden ein,
Knochen ein synoviales Gelenk. Das größte – er ist erregbar.
Sesambein ist die Kniescheibe.
5.2 Allgemeine Muskellehre 97

Die Skelettmuskulatur erfüllt drei Aufgaben: Erschlaffung:


– Haltung des Körpers in sitzender oder stehen- – Die Ca2+ werden aktiv in das sarkoplasmati-
der Position, sche Retikulum zurückgepumpt.
– Bewegung des Körpers und – Die Verbindungsstellen zwischen Aktin und
– Wärmeproduktion. Myosin werden durch ATP besetzt, der Akto-
myosinkomplex wird gelöst. Die Muskelfasern

P Frauen haben geringere Skelettmuskel- werden wieder schlaff und weich.
massen als Männer (Männer ca. 30 kg, Frauen
ca. 24 kg). Frauen können deshalb nur 65 % Die Abstufung der Muskelkraft geschieht durch
der Kraft eines Mannes entwickeln. die Erregung unterschiedlicher Anzahlen moto-
rischer Einheiten und die Änderung der Aktions-
Der Kontraktionsvorgang eines Muskels wird potentialfrequenz.
stets durch Nervenimpulse von Motoneuronen
gesteuert, setzt also Erregung voraus (✑ S. 72 Eine Dauerkontraktion (= Tetanus) kommt zu-
und 333). stande, wenn die Frequenz der Nervenaktions-
potentiale 50 bis 150 Impulse je Sekunde be-
Die Erregungsübertragung auf den Muskel trägt. Der Ruhetonus (= Ruhespannung) wird
erfolgt in spezifischen Synapsen, den motori- durch geringere Aktionspotentialfrequenzen an
schen Endplatten (✑ Abb. 5.11, S. 98). einzelnen motorischen Endplatten verursacht.

Der Neurit (= Axon, ✑ S. 70) eines motorischen Kontraktionsarten


Neurons versorgt mit seinen Verzweigungen • Isotonische Kontraktion:
5 bis 200 Muskelfasern. Die von einem Moto- Verkürzung des Muskels und Erzeugung einer
neuron versorgten Muskelfasern bilden eine Bewegung bei annähernd gleich bleibender
motorische Einheit. Spannung.
Je weniger Muskelfasern durch einen Neurit ver- Beispiel: Bewegungen der Gliedmaßen.
sorgt werden, desto feiner abgestimmte Be- • Isometrische Kontraktion:
wegungen des entsprechenden Muskels sind Keine Verkürzung, aber Kraftentwicklung.
möglich (z. B. bessere Feinmotorik der Augen- Beispiel: Haltearbeit vieler Rückenmuskeln.
und Fingermuskeln gegenüber der Beinmuskula- Meistens wirken beide Kontraktionsarten zu-
tur). sammen, d. h., der Muskel verkürzt sich und ent-
wickelt gleichzeitig Kraft.
Erregungsumwandlung in Bewegung
Kontraktion: ❑
P ATP-Mangel verhindert die Erschlaffung.
– Nervenaktionspotentiale setzen in der motori- Das ist auch die Ursache der Totenstarre.
schen Endplatte Acetylcholin frei.
– Acetylcholin löst die Entstehung von Muskel- Energiequellen für die Muskelkontraktion
aktionspotentialen aus, die sich in der Muskel- Bei der Muskelkontraktion wird chemische
fasermembran ausbreiten und über Tubuli in Energie des ATP in mechanische umgewandelt
die Tiefe gelangen. (Wirkungsgrad: 20 – 30 %). Das ATP als einzige
– Dort bewirken sie die Freisetzung von Ca2+ unmittelbare Energiequelle wird durch drei
aus dem sarkoplasmatischen Retikulum, welche Prozesse regeneriert:
zusammen mit den Regulatoreiweißen Tropo- 1. Bildung von ATP aus Kreatinphosphat
nin und Tropomyosin für eine Energiefrei- (= besonderer Energiespeicher der Muskeln).
setzung aus ATP sorgen (✑ Kap. 2.4.2, S. 36). Kreatinphosphat (KP) + ADP
ATP ADP +  P + Kontraktionsenergie. Kreatinin (K) + ATP.
– Dadurch kommt es zur Muskelzuckung, die 2. Anaerobe Glykolyse
Muskelfasern werden verkürzt, indem die Glykogen Glucose Milchsäure +
Aktinfilamente (bilden zusammen mit den 2 ATP (✑ S. 40).
Myosinfilamenten die Myofibrillen) zwischen 3. Atmungskette
die Myosinfilamente gleiten und sich mit ihnen Glykogen Glucose CO2 + H2O +
verbinden. Es entsteht ein Aktomyosinkomplex. 38 ATP (✑ S. 40).
98 5 Stütz- und Bewegungssystem

Motorische Einheit
mer
Sarko
Markscheide ➞
motorisches
Kontraktion ➞
Axon

Aktin- Z-Scheibe
Myosin- filament
filament
Z-Scheibe

Erschlaffung ➞
motorische
Endplatte
longitudinaler
Tubulus mit Ca2+ Myosin- Aktin
Z köpfe Z
+ + + + + Muskelfaser- Myosin
– – – – – membran
transversaler
Tubulus

Aktin
Myosinschaft
Z Myosin Z
+ + +
– – – Kontraktion
= Verkürzung
der Sarkomere

Aktin

Aktin-Myosin- Gleiten Lösen Aktin-Myosin- Gleiten


Bindung Bindung
Myosin

Die Myosinköpfe rudern durch die Kippbewegung die Aktinfilamente in Richtung


Sarkomermitte. Weil die Myosinköpfe elastisch sind, können die Sarkomere, auch ohne
dass die Filamente ineinander gleiten, Kraft entwickeln. Der Muskel verkürzt sich in die-
sem Fall nicht.
Bei Dehnung des Muskels werden die dünnen Aktinfilamente wieder aus den dicken
Myosinfilamenten herausgezogen.

Abb. 5.11 Muskelkontraktion und -erschlaffung.


5.2 Allgemeine Muskellehre 99

Der ATP-Vorrat eines Muskels wird bei Dauer- die erschöpften ATP- und KP-Speicher werden
leistungen in dem Maße aerob1) regeneriert, wie auf diese Weise wieder aufgefüllt.
er verbraucht wird. Es herrscht also ein Fließ- Skelett- und Herzmuskulatur besitzen im
gleichgewicht vor. Dabei kann die Muskel- Myoglobin3) einen besonderen Sauerstoffspei-
durchblutung auf das 20fache zunehmen, was cher, wodurch kurzfristiger O2-Mangel während
wiederum eine entsprechende Erhöhung von der Kontraktion überbrückt wird.
Herz- und Atemzeitvolumen voraussetzt. Die
begrenzenden Faktoren sind das Herz-Kreislauf- Bewegungsbezeichnungen der Muskulatur
System und die Enzymkapazitäten. Je nach Lage und Ausgangsposition können
Sowohl bei Tätigkeitsbeginn, wenn der Muskel- Muskeln unterschiedliche Gelenkbewegungen
stoffwechsel noch auf Ruhe eingestellt ist, als ausführen. Oftmals lässt bereits die Bezeichnung
auch bei kurzzeitigen Höchstleistungen wird des Muskels Rückschlüsse auf diese zu (z. B.
zusätzlich Energie benötigt. Diese Energie- M. flexor digitorum manus, M. pronator teres,
menge wird anaerob2) durch Glykolyse bereitge- M. supinator, M. extensor hallucis).
stellt, was zwei- bis dreimal schneller erfolgt.
Allerdings wird dieser Vorgang relativ rasch Gelenkbewegungen
begrenzt. Es kommt durch die Anhäufung von • Adduktion = Heranführen
Milchsäure und die damit verbundene Senkung • Abduktion = Wegführen
des pH-Wertes (= metabolische Azidose) sowie oder • Opposition = Gegenüberstellen
die Anhäufung von ADP und Phosphat zur • Reposition = Zurückstellen
Ermüdung. • Flexion = Beugen
Die ATP-Bildung aus Kreatinphosphat und ADP • Extension = Strecken
erfolgt ebenfalls zügig. oder • Anteversion = Vornehmen
• Retroversion = Zurücknehmen
Bei der Kreatinphosphatspaltung und der anae- • Innenrotation = Einwärtsdrehen
roben Glykolyse geht der Organismus eine • Außenrotation = Auswärtsdrehen
Sauerstoffschuld ein. In der anschließenden oder • Supination = Auswärtswenden
Ruhephase muss diese wieder abgetragen wer- • Pronation = Einwärtswenden
den. Die angesammelte Milchsäure wird unter
1) aerob = unter Sauerstoffverbrauch
erhöhtem O2-Verbrauch (trotz körperlicher 2) anaerob = ohne Sauerstoffverbrauch
Ruhe) in Leber und Herz verstoffwechselt, und 3) roter Muskelfarbstoff, dem Hämoglobin ähnlich

dreiköpfiger großer Brustmuskel


Oberarmmuskel (M. pectoralis major)
Flexion (M. triceps brachii)



Adduktion
zweiköpfiger Extension
Oberarmmuskel
(M. biceps brachii)
Deltamuskel breiter Rückenmuskel
(M. deltoideus) (M. latissimus dorsi)

Trapezmuskel
(M. trapezius)

➝Abduktion Adduktion

Muskelbewegungen. Abb. 5.12


100 5 Stütz- und Bewegungssystem

Schädel
(Cranium)

Halswirbel
(Vertebrae cervicales)
Schlüsselbein
(Clavicula)
Schulterblatt Brustbein
(Scapula) (Sternum)

Oberarmknochen Rippen
(Humerus) (Costae)

Lendenwirbel
(Vertebrae lumbales)

Speiche
(Radius) Kreuzbein
(Os sacrum)
Elle
(Ulna) Hüftbein
(Os coxae)

Fingerknochen Oberschenkelknochen
(Ossa digitorum = (Femur)
Phalanges)
Mittelhandknochen
(Ossa metacarpi)
Handwurzelknochen Kniescheibe
(Ossa carpi) (Patella)

Schienbein
(Tibia)

Wadenbein
(Fibula)

Fußwurzelknochen
(Ossa tarsi)
Mittelfußknochen
(Ossa metatarsi)
Zehenknochen
(Ossa digitorum = Phalanges)

Abb. 5.13 Skelett (Vorderansicht).


Allgemeine Knochen- und Muskellehre 101

Schädel
(Cranium)

Halswirbel
(Vertebrae cervicales)

Schulterblatt
(Scapula)
Brustwirbel
(Vertebrae thoracicae)
Oberarmknochen
(Humerus)

Lendenwirbel
Speiche (Vertebrae lumbales)
(Radius)

Elle
(Ulna) Kreuzbein
(Os sacrum)
Steißbein
(Os coccygis)

Oberschenkelknochen
(Femur)

Schienbein
(Tibia)

Wadenbein
(Fibula)

Skelett (Rückansicht). Abb. 5.14


102 5 Stütz- und Bewegungssystem

Kopfwendemuskel
(M. sternocleidomastoideus)

Deltamuskel
(M. deltoideus)
großer Brustmuskel
(M. pectoralis major)
zweiköpfiger
vorderer Sägemuskel Oberarmmuskel
(M. serratus anterior) (M. biceps brachii)

gerader Bauchmuskel
(M. rectus abdominis)
äußerer schräger
Bauchmuskel Unterarmmuskeln
(M. obliquus externus (Beuger)
abdominis)
Leistenband
(Lig. inguinale)
Kammmuskel Hohlhandsehne
(M. pectineus) (Aponeurosis palmaris)
langer Anzieher
(M. adductor longus)
schlanker Muskel
(M. gracilis) gerader
Schneidermuskel Oberschenkelmuskel
(M. sartorius) (M. rectus femoris)
äußerer
Oberschenkelmuskel
(M. vastus lateralis)

Kniescheibe innerer
(Patella) Oberschenkelmuskel
(M. vastus medialis)

vorderer vierköpfiger
Schienbeinmuskel Oberschenkelmuskel
(M. tibialis anterior) (M. quadriceps femoris)

Abb. 5.15 Muskeln des Menschen (Vorderansicht).


Allgemeine Knochen- und Muskellehre 103

Untergrätenmuskel
(M. infraspinatus) Trapezmuskel =
Kapuzenmuskel
kleiner runder (M. trapezius)
Muskel Deltamuskel
(M. teres minor)
(M. deltoideus)
großer runder
Muskel
(M. teres major) Caput laterale
breiter Rückenmuskel
(M. latissimus dorsi) Caput longum
Caput mediale
dreiköpfiger
äußerer schräger Armstrecker
Bauchmuskel (M. triceps brachii)
(M. obliquus externus
abdominis)

Unterarmmuskeln großer Gesäßmuskel


(Strecker) (M. gluteus maximus)

zweiköpfiger Darmbein-
Oberschenkelmuskel Schienbein-Sehne
(M. biceps femoris) (Tractus iliotibialis)
halbsehniger Muskel
(M. semitendinosus) schlanker Muskel
(M. gracilis)
halbmembranöser
Muskel
(M. semimembranosus)

Wadenmuskel
(M. gastrocnemius)

Achillessehne
(Tendo calcaneus)

Muskeln des Menschen (Rückansicht). Abb. 5.16


104 5 Stütz- und Bewegungssystem

5.3 Spezielle Knochen- und 5.3.1 Wirbelsäule (Columna vertebralis)


Muskellehre Die Wirbelsäule verleiht dem Körper zusammen
In diesem Kapitel werden Wirbelsäule (Columna mit einer Vielzahl von Bändern und Muskeln
vertebralis), Brustkorb (Thorax), der Schulter- Stabilität und Beweglichkeit. Sie erfüllt folgende
gürtel mit den oberen Extremitäten, der Hauptaufgaben:
Beckengürtel mit den unteren Extremitäten • Stützung des Rumpfes durch die von cranial
sowie der Kopf (Caput) behandelt. nach caudal größer werdenden Wirbelkörper;
• Schutz des Rückenmarkes durch den Wir-
belkanal, der von den Wirbelbögen gebildet
wird sowie
• Federung und vielseitige Beweglich-
keit durch Doppel-s-Form und zahl-
reiche einzelne Wirbel, die durch
Halswirbelsäule (HWS) Bandscheiben und synoviale Ge-

7 gegeneinander bewegliche lenke gegeneinander beweglich sind.


Halswirbel
(Vertebrae cervicales = C1 – C7)
Die menschlische Wirbelsäule gliedert
sich in 5 Abschnitte (✑ Abb. 5.17).
Form
Die normal gebaute menschliche
Wirbelsäule ist doppel-s-förmig in
der Medianebene gekrümmt. Die phy-
Brustwirbelsäule (BWS) siologisch bedingten Krümmungen
12 gegeneinander bewegliche heißen

Brustwirbel
(Vertebrae thoracicae = Th1 – Th12) – Lordose: konvexe Seite der Krüm-
mung liegt ventral;
– Kyphose: konvexe Seite der Krüm-
mung liegt dorsal.
Physiologisch sind Halslordose,
Brustkyphose und Lendenlordose.
Neben der Doppel-s-Form ist das
Promontorium (= ventrale, gegen den
5. Lendenwirbel abgewinkelte Kante
Lendenwirbelsäule (LWS) des Kreuzbeins) charakteristisch für
5 gegeneinander bewegliche
Lendenwirbel die menschliche Wirbelsäule (✑ Abb.

(Vertebrae lumbales = L1 – L5) 5.20, S. 107).

Bauelemente
Die Bauelemente der Wirbelsäule
Kreuzbein sind
5 miteinander verwachsene • 24 bewegliche Wirbel; sie bilden
Kreuzwirbel
(Os sacrum = S1 – S5)
den mehr oder weniger beweglichen
Teil der Wirbelsäule,
Steißbein • 8 bis 10 miteinander verwachsene
3 – 5 miteinander verwachsene Wirbel (Kreuz- und Steißbein) und
Steißwirbel
(Os coccygis = Co1 – Co3–5)
• 23 Bandscheiben (= Zwischenwirbel-
scheiben) zwischen den beweglichen

Lordose

Kyphose Wirbeln (außer zwischen C1 und C2).


Die 5 Abschnitte der Wirbelsäule
Abb. 5.17 und physiologische Krümmungen.
5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 105


P Es gibt viele zum Teil krankhafte Ver- Halswirbel
biegungen, z. B. Flach- und Rundrücken, – Wirbelkörper klein und sattelförmig,
Buckel, Skoliosen (= Krümmung in der Fron- – Querfortsätze mit Löchern für die Wirbelgefäße,
talebene). – Dornfortsatz häufig gegabelt.
1. Halswirbel (= Atlas)
Bis auf die ersten beiden Halswirbel weisen die • ohne Wirbelkörper und Dornfortsatz,
Wirbel folgenden Bau auf. • mit vorderem und hinterem Bogen sowie
– Wirbelkörper (Corpus vertebrae) zwei seitlichen Tragstücken für den Schädel.
Ventral gelegenes massives Tragstück. (Man 2. Halswirbel (= Axis)
beachte die Größenzunahme von cranial nach • mit Dens (= Zahn), der als Fortsetzung des
caudal.) Wirbelkörpers nach oben in den vorderen
– Wirbelbogen (Arcus vertebrae) mit 7 Fortsätzen: Bogen des Atlas ragt.
1 Dornfortsatz (Processus spinosus), 7. Halswirbel (= Vertebra prominens)
2 Querfortsätze (Processus transversi), • mit besonders langem Dornfortsatz (Tast-
2 obere Gelenkfortsätze, punkt).
2 untere Gelenkfortsätze.
– Wirbelloch (Foramen vertebrale) ❑
P Die sattelförmigen Wirbelkörper der Hals-
Die Wirbellöcher aller Wirbel bilden zusam- wirbel können sich seitlich gelenkig verbinden
men den Wirbelkanal (Canalis vertebralis). (= Unkovertebralgelenke). Diese Verbindungen
sind besonders verschleißanfällig.
Besonderheiten der Wirbelarten
Die einzelnen Wirbeltypen zeichnen sich durch
unterschiedliche Erkennungsmerkmale aus.

1. Halswirbel (Atlas = Träger)


Ansicht von oben
2. Halswirbel (Axis = Dreher)
Ansicht von hinten oben
Wirbelloch vorderer
(Foramen vertebrale) Wirbelbogen

Zahn
(Dens)
Querfortsatzloch
(Foramen oberer
transversale)
Gelenkfortsatz
Gelenkfläche
für den Schädel hinterer
Wirbelbogen

Verbindung zwischen Atlas und Axis


Zahn
(Dens axis) Wirbelbogen
(Arcus vertebrae)
Atlasband Wirbelkörper
(Lig. transversum (Corpus vertebrae) Dornfortsatz
atlantis) (Proc. spinosus)

linkes, seitliches
Atlantoaxialgelenk

Halswirbel. Abb. 5.18


106 5 Stütz- und Bewegungssystem

Brustwirbel • einer Bandscheibe (= Zwischenwirbelscheibe),


– Lange schräg nach unten zeigende Dornfort- • zwei Wirbelbogengelenken,
sätze, • zwei Zwischenwirbellöchern und
– Gelenkflächen für die Rippen am Körper und • verschiedenen Bändern.
Querfortsatz.
Bandscheiben (Disci intervertebrales)
Lendenwirbel Bandscheiben bestehen aus einem Gallertkern
– Sind die größten Wirbel, (Nucleus pulposus), der von einem faserknorpe-
– Dornfortsatz ist breit und steht horizontal. ligen Ring (Anulus fibrosus) umgeben ist. Sie
verbinden die Wirbelkörper nach Art der Knor-
Kreuzbein (Os sacrum) pelgelenke und erlauben Bewegungen. Ähnlich
Die fünf Kreuzbeinwirbel sind beim Erwach- einer „Wasserkissenfunktion“ ermöglichen sie
senen zu einem einheitlichen Knochen verwach- darüber hinaus eine Dämpfung zwischen den
sen. An Wirbel erinnern Wirbelkörpern.
– Knochenkämme auf der Rückseite als Über-
bleibsel der Dorn-, Quer- und Gelenkfortsätze,
– Kreuzbeinkanal als Fortsetzung des Wirbel- ❑
P Mit zunehmendem Alter kann es zu Abnut-
kanals, zungen (degenerative Veränderungen in Form
– Kreuzbeinlöcher. einer Höhenveränderung der Bandscheiben
= Osteochondrose) – besonders wegen des ge-
Steißbein (Os coccygis) ringeren Wasseraufnahmevermögens – und
Die ebenfalls verwachsenen Steißwirbel sind damit abnehmender Elastizität kommen. Über-
stark zurückgebildet. Der Wirbelbogen fehlt. lastung der Bandscheiben kann zum Band-
scheibenvorfall führen (Prolaps des Nucleus
Knochenverbindungen pulposus). Der faserknorpelige Ring reißt,
Die Verbindung der Wirbel geschieht durch die Gallertmasse gelangt in die Zwischenwirbel-
löcher oder in den Wirbelkanal und kann dort
Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern und
die Nervenfunktion behindern (Schmerz, Sen-
Wirbelbogengelenke zwischen den Gelenk-
sibilitätsausfälle, Lähmung). Abnutzungser-
fortsätzen der Wirbelbögen sowie durch Bänder. scheinungen der Bandscheiben sind besonders
Den der Bewegung dienende Raum zwischen häufig im Lendenwirbelsäulenbereich zu beob-
zwei Wirbeln bezeichnet man als Bewegungs- achten, da hier die Belastung durch das
element. Es wird gebildet von: Körpergewicht am größten ist.

Ansicht von der rechten Seite Ansicht von oben

Querfortsatz oberer Gelenkfortsatz Wirbelloch


(Proc. transversus) (Proc. articularis superior) (Foramen vertebrale)

Wirbelkörper
(Corpus vertebrae)
oberer
Gelenkflächen Gelenk-
für die Rippen fortsatz
(Proc. articularis
Gelenkflächen superior)
für die Rippen unterer
Gelenkfortsatz
(Proc. articularis inferior)
Wirbelbogen Querfortsatz
(Arcus vertebrae) (Proc. transversus)

Dornfortsatz
(Proc. spinosus)

Abb. 5.19 Brustwirbel.


5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 107

von vorn
Vorgebirge
(Promontorium)

Querlinien
(Lineae transversales)

Kreuzbein
(Os sacrum)
Kreuzbeinlöcher
(Foramina sacralia
pelvina)

Steißbein
(Os coccygis)
Medianschnitt

von rechts
Vorgebirge
(Promontorium)

Darmbeingelenkfläche
(Facies auricularis)

Kreuzbeinkanal 5 verwachsene
(Canalis sacralis)
Kreuzwirbel
Vorderfläche
(Fascies pelvina)

Hinterfläche
(Fascies dorsales)

Kreuz- und Steißbein. Abb. 5.20

Bänder • Dornspitzenband (Lig. supraspinale) an den


Die menschliche Wirbelsäule wird durch zahl- Dornfortsätzen vom Kreuzbein bis zum
reiche Bänder stabilisiert. Im Einzelnen sind es 7. Halswirbel. Das Lig. supraspinale ver-
3 lange Längsbänder und mehrere kurze Bänder. breitert sich im Halsbereich zum Nacken-
– 3 Längsbänder (lange Bänder), die fast über band (Lig. nuchae).
die gesamte Wirbelsäule ziehen und wie folgt
bezeichnet werden: – Kurze Bänder:
• Vorderes Längsband (Lig. longitudinale an- • Gelbe Bänder (Ligg. flava), elastische Bän-
terius) an der Vorderseite der Wirbelkörper der zwischen den Wirbelbögen,
vom Hinterhauptbein bis zum Kreuzbein, • Ligg. interspinalia, Bänder zwischen den
• hinteres Längsband (Lig. longitudinale Dornfortsätzen benachbarter Wirbel und
posterius) an der Hinterseite der Wirbel- • Ligg. intertransversaria, Bänder zwischen
körper, also im Wirbelkanal, den Querfortsätzen benachbarter Wirbel.
108 5 Stütz- und Bewegungssystem

Faserring Zwischenwirbelscheibe, Bandscheibe


(Anulus fibrosus) (Discus intervertebralis)

Gallertkern
(Nucleus pulposus)
Wirbelkanal
(Canalis vertebralis)
Zwischenwirbel-
scheibe
(Discus intervertebralis)

Wirbelbogen-
gelenk
Zwischenwirbelloch
(Foramen intervertebrale)

Abb. 5.21 Bewegungselement (Lendenwirbelsäule).

Knochenverbindungen zwischen Wirbelsäule züge entlang der Wirbelsäule. Sie ist das mäch-
und Kopf (Kopfgelenke) tigste Muskelsystem des Menschen und ermög-
Bei den Kopfgelenken handelt es sich um licht im Zusammenwirken mit der Bauchmus-
5 synoviale Gelenke zwischen Hinterhauptbein, kulatur das Vorneigen, Strecken, Seitneigen und
Atlas und Axis. Sie erlauben Bewegungen wie in Drehen.
einem Kugelgelenk, sodass im Zusammenwir- Weitere wichtige Aufgaben der Rückenmusku-
ken mit den übrigen Halswirbeln die große latur im Zusammenwirken mit dem Bandapparat
Beweglichkeit des Kopfes als Träger wichtiger sind Stabilisierung der Wirbelsäule und For-
Sinnesorgane ermöglicht wird. Dies ist eine mung ihrer physiologischen Krümmungen.
wichtige Voraussetzung für die Orientierung und Für die äußerst fein abgestuften Kopfbewegun-
Fortbewegung, aber auch für das individuelle gen sorgt ein vielgliedriger und komplizierter
Ausdrucksvermögen des Menschen. Muskelapparat, der aus Hals-, Nacken- und
Man unterscheidet Zungenbeinmuskeln besteht.
– die paarigen oberen Kopfgelenke (Artt. atlan-
tooccipitales) zwischen Atlas und Hinter- ❑
P Es ist darauf Wert zu legen, dass die Wirbel-
hauptbein. Sie ermöglichen Vor-, Rück- und säule nicht einseitig, vorwiegend statisch be-
Seitneigung des Kopfes; ansprucht wird. Vielmehr kommt es darauf an,
– das unpaarige mediale Kopfgelenk (Art. at- Stabilität und Mobilität gleichmäßig zu ent-
lantoaxialis mediana) zwischen Dens, vorde- wickeln. Das bedeutet vor allem, auf eine all-
rem Atlasbogen und dem überknorpelten seitige Kräftigung der Muskulatur mit der
Atlasquerband (Lig. transversum atlantis); Entwicklung einer aufrechten Haltung zu ach-
– die paarigen unteren Kopfgelenke (Artt. ten, sodass der passive Bewegungsapparat ent-
atlantoaxiales laterales) zwischen Atlas und lastet wird.
Axis. Nur eine aufrechte Haltung gewährleistet eine
Mediales Kopfgelenk und untere Kopfgelenke optimale Belüftung der Lunge. Mit den Patien-
ermöglichen die Drehbewegungen des Kopfes. ten sollten nach Möglichkeit täglich leichte
gymnastische Übungen zur Stärkung von
Muskulatur und ihre Funktion Bauch- und Rückenmuskulatur durchgeführt
Die Bewegungen der Wirbelsäule werden durch werden.
das Zusammenwirken von Rücken- und Bauch-
muskulatur ermöglicht (Bauchmuskulatur ✑ S. Tastbare Knochenpunkte sind die Dornfortsätze
138). Die Rückenmuskulatur besteht aus einem ab 7. Halswirbel.
komplexen System sich überlappender Muskel-
5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 109

5.3.2 Brustkorb (Thorax)

Der Brustkorb ist Bestand-


teil des Rumpfskelettes und
umschließt die Brusthöhle
(Cavitas thoracis). Er dient
dem Schutz wichtiger Or- Halbdornmuskel
(M. semispinalis)
gane wie Herz, Lunge,
Leber, Magen und ermög- Riemenmuskel
(M. splenius capitis)
licht die Atembewegungen
und damit die Belüftung der hinterer, oberer
Lunge. Außerdem ist der Sägemuskel
(M. serratus posterior
Thorax eine „Durchgangs- superior)
straße“ für viele Organe, Wirbelsäulen-
wie z. B. Speiseröhre, Ge- aufrichter
(Mm. erector spinae)
fäße und Nerven.
Darmbein-Rippen-
Muskel
Knochen (M. iliocostalis)
Die Knochen des Brust-
hinterer, unterer
korbes setzen sich aus der Sägemuskel
Brustwirbelsäule, dem (M. serratus posterior
Brustbein (Sternum), be- inferior)
stehend aus Handgriff (Ma-
nubrium), Brustbeinkörper
(Corpus sterni) und Schwert-
fortsatz (Proc. xiphoideus)
sowie 12 Paar Rippen zu-
sammen. gerader Bauchmuskel
Die drei Teile des Sternums (M. rectus abdominis)
sind anfangs durch Knor-
pelzonen getrennt, die mit
zunehmendem Alter all-
mählich verknöchern.
Halte- und Bewegungsmuskeln der Wirbelsäule. Abb. 5.22
Beziehung der Rippen zum
Sternum
Nach ihrer Beziehung zum Sternum lassen sich Drehgelenke), die durch die gebogenen Rippen
die Rippen in zwei Gruppen unterteilen: das Heben und Senken des Thorax ermöglichen
– Echte Rippen, sie sind direkt mit dem Ster- (✑ Abb. 5.5 links, S. 93) sowie Brustbein-
num verbunden (Rippenpaare 1 – 7). Rippen-Gelenke (= teils synoviale, teils Knor-
– Falsche Rippen, die Rippenpaare 8 – 10 errei- pelgelenke).
chen das Sternum indirekt über den Knorpel
der 7. Rippe. Dadurch entstehen der rechte ❑
P Die Ansatzstelle der 1. Rippe ist nicht tast-
und linke Rippenbogen. Die Rippenpaare 11 bar. Die 2. Rippe setzt am Brustbeinwinkel an.
und 12 erreichen das Sternum gar nicht. Sie Diese Stelle ist tastbar und eine Orientierungs-
enden als freie Rippen in der Muskulatur. hilfe am Thorax.

Knochenverbindungen Brustkorb-Muskulatur und ihre Funktion


Die Knochen des Thorax sind elastisch verbun- (✑ Kap. Atembewegungen 11.3.1, S. 224).
den durch Wirbel-Rippen-Gelenke (= synoviale
110 5 Stütz- und Bewegungssystem

Brustkorböffnungen (Thoraxaperturen)
Einschnitt zur Der Thorax besitzt zwei Öffnungen:
Gelenkverbindung – Obere Thoraxapertur, gebildet von
mit dem Schlüsselbein
(Incisura clavicularis) • 1. Brustwirbelkörper,
• 1. Rippenpaar,
Handgriff des Brustbeins
(Manubrium sterni) • Handgriff des Brustbeins.
– Untere Thoraxapertur, gebildet von
Brustbeinwinkel
(Angulus sterni) • 12. Brustwirbel,
• Schwertfortsatz,
• Rippenbögen,
Brustbeinkörper • 11. und 12. Rippenpaar.
(Corpus sterni)
Einschnitte zur ❑
P Die Thoraxform ändert sich in
Gelenkverbindung Abhängigkeit vom Alter. Beim Neu-
mit den Rippen geborenen stehen die Rippen nahezu
(Incisurae costales)
horizontal. Im Laufe des Lebens senken
sie sich, und der Thorax wird flacher
und auch starrer.
Schwertfortsatz Die elastische Verspannung vom
(Processus xiphoideus)
Thorax wird in der Ersten Hilfe bei der
externen Herzmassage genutzt.
Ansicht von ventral Ansicht von rechts
Tastbare Knochenpunkte sind Sternum,
Abb. 5.23 Sternum (Brustbein). die Ansatzstelle der 2. Rippe, der Rippen
5 – 7 sowie die Rippenkörper.

Ansicht von vorn Ansicht von hinten

Schulterblatt Schlüsselbein
(Scapula) (Clavicula)
obere Thoraxöffnung
(Apertura thoracis superior)

Rippenknorpel
(Cartilago costalis)
Rippenknochen
Rippen
(Costae)
Brustbein
(Sternum)

Rippenbogen
(Arcus costalis)

untere Thoraxöffnung 12 Brustwirbel


(Apertura thoracis inferior)

Abb. 5.24 Brustkorb (Thorax).


5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 111

5.3.3 Schultergürtel und obere Extremität – Die inneren Schlüsselbeingelenke verbinden


die Schlüsselbeine mit dem Brustbein,
Schultergürtel und obere Extremität bilden eine – die äußeren die Schlüsselbeine mit dem
Einheit. Lagemäßig gehört der Schultergürtel Schulterblatt.
zum Rumpf. Einzelheiten sind der Abbildung 5.25 auf Seite
112 zu entnehmen.
Schultergürtel (✑ Abb. 5.25)
Der Schultergürtel bildet im Unterschied zum Obere Extremität
Beckengürtel einen vorn und hinten offenen Alle Armknochen, mit Ausnahme der Hand-
Ring, der allerdings vorn durch das Brustbein wurzelknochen, gehören zu den Röhrenknochen
verschlossen wird. Auf jeder Seite besteht der (Einzelheiten ✑ Abbildung 5.26, Seite 113).
Schultergürtel jeweils aus einem Schlüsselbein
(Clavicula) und Schulterblatt (Scapula). Knochenverbindungen,
Er liegt dem Thorax locker auf, wodurch die Bewegungsmöglichkeiten, Muskeln
Arme viel beweglicher als die Beine sind. Schultergürtel und Arm sind durch drei große
Gelenke verbunden:
Merke – Schultergelenk (Art. humeri),
– Ellenbogengelenk (Art. cubiti),
Der Schultergürtel verbindet die Arme mit – Handgelenk (Art. radiocarpalis).
dem Rumpf. Außerdem ist er Ansatz- und Ur-
sprungsstelle vieler Muskeln. Schultergelenk (Art. humeri)
Beteiligte Knochen bzw. Knochenteile sind
Knochenverbindungen – die Gelenkfläche des Schulterblattes (liegt un-
An beiden Enden der s-förmigen Clavicula terhalb des Schulterecks) und
befindet sich jeweils ein Kugelgelenk. – der Oberarmkopf (Caput humeri).

Obere Extremität – Gliederung der Knochen. Tab. 5.2

Obere Extremität

Oberarm Unterarm Hand (Manus)

1 Oberarmknochen 2 Unterarmknochen
(Humerus) • Speiche (Radius)
• Elle (Ulna)

Handwurzel (Carpus) Mittelhand (Metacarpus) Finger (Digiti)


8 Handwurzelknochen 5 Mittelhandknochen 14 Fingerknochen
(Ossa metacarpi = Metacarpalia I bis V; (Ossa digitorum= Phalanges)
proximale Reihe (von radial nach ulnar) I = Mittelhandknochen des Daumens)
• Kahnbein (Os scaphoideum)
• Mondbein (Os lunatum)
• Dreieckbein (Os triquetrum)
• Erbsenbein (Os pisiforme)
distale Reihe (von radial nach ulnar)
Handwurzelknochen-Merkspruch:
• großes Vieleckbein (Os trapezium) Ein Schiffchen fuhr im Mondenschein ums
• kleines Vieleckbein (Os trapezoideum) Dreieck- und ums Erbsenbein.
• Kopfbein (Os capitatum) Vieleck groß, Vieleck klein – ein Kopf, der
• Hakenbein (Os hamatum) muss beim Haken sein.
112 5 Stütz- und Bewegungssystem

Ansicht von vorn


Schlüsselbein
(Clavicula)
äußeres inneres
Schlüsselbeingelenk Schlüsselbeingelenk
(Articulatio
(Articulatio
acromioclavicularis)
sternoclavicularis)
Schultereck mit Discus
(Acromion)
Schultergelenk Handgriff des
(Articulatio humeri) Brustbeins
(Manubrium sterni)
Oberarmknochen
(Humerus)

Ansicht von hinten


Schlüsselbein
(Clavicula)
Schultereck
(Acromion)
Schultergelenk
(Articulatio humeri)

Schulterblatt
(Scapula)

Oberarmknochen
(Humerus)

Elle
(Ulna)
Speiche
(Radius)

Abb. 5.25 Schultergürtel.

Merkmale des Schultergelenkes – durch das Zusammenwirken mit den Schlüssel-


Das Schultergelenk als Kugelgelenk bietet einen beingelenken wird eine beträchtliche Erweite-
sehr großen Bewegungsspielraum durch rung des Bewegungsumfanges ermöglicht.
– relativ kleine Kontaktflächen (großer Gelenk-
kopf, kleine Gelenkpfanne, d. h. kaum Kno- Im Bereich des Schultergelenkes liegt zur
chenführung), Minderung der Reibung eine große Zahl von
– sehr weite Gelenkkapsel, Schleimbeuteln.
– überwiegend Muskelführung,
5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 113

anatomischer Hals Oberarmkopf


(Collum anatomicum) (Caput humeri)
chirurgischer Hals Vorder- bzw.
(Collum chirurgicum)
Rippenseite des
Schulterblattes
(Facies costalis)

Obergrätengrube
(Fossa supraspinata)
Oberarmknochen
Rabenschnabelfortsatz (Humerus)
(Processus coracoideus)
Oberarmköpfchen
Schultereck (Capitulum humeri)
(Acromion)
Oberarmrolle
Schulterblattgräte (Trochlea humeri)
(Spina scapulae)
innerer Obergelenkknorren
(Epicondylus medialis)
Ellenbogengelenk
äußerer Obergelenkknorren (Articulatio cubiti)
(Epicondylus lateralis)
Radiuskopf
(Caput radii)

Untergrätengrube
(Fossa infraspinata) Elle
(Ulna)

Speiche Ellenkopf
(Radius) (Caput ulnae)

Griffelfortsatz
(Proc. styloideus ulnae)
proximales Handgelenk
(Art. radiocarpalis) Handwurzel
(Carpus)

Mittelhand
(Metacarpus)

Grundglied Fingerglieder
(Phalanx proximalis) (Phalanges)
Mittelglied
(Phalanx media)
Die Elle (Ulna) liegt kleinfingerwärts,
Endglied die Speiche (Radius) daumenwärts.
(Phalanx distalis)

Rechte obere Extremität und Schulterblatt (rechter Arm). Abb. 5.26


P Die geringe Knochenführung, die schlaffe lenkkapsel umschlossen werden.
– Oberarm-Ellen-Gelenk (Art. humeroulnaris)
Kapsel sowie die fehlende Bänderführung sind
Ursachen häufiger Luxationen. mit Oberarmrolle und Ellenhaken (Scharnier-
gelenk),
Ellenbogengelenk (Art. cubiti) – Oberarm-Speichen-Gelenk (Art. humeroradia-
Das Ellenbogengelenk wird aus drei Teilgelen- lis) mit Speichenkopf und Oberarmköpfchen
ken gebildet, die von einer gemeinsamen Ge- (Kugelgelenk) und
114 5 Stütz- und Bewegungssystem

– proximales Ellen-Speichen-Gelenk (Dreh-


Scharniergelenk – funktionell) mit Spei-
Auswärtsdrehung chenkopf und Einschnitt der Elle.
(Supination)
Das proximale Ellen-Speichen-Gelenk bildet
mit dem distalen Ellen-Speichen-Gelenk ein
Drehgelenk.

Handgelenke
zweiköpfiger – proximales Handgelenk (Art. radiocarpalis)
Oberarmmuskel Beteiligte Knochen bzw. Knochenteile sind
(M. biceps brachii) • Radius,
• proximale Handwurzelknochenreihe,
• Ulna (durch einen Discus von den Hand-
wurzelknochen getrennt).
Auswärtsdreher Gelenktyp:
(M. supinator)
Eigelenk.
Bewegungen:
Elle Palmarflexion (Beugung der Hand hand-
Speiche flächenwärts) – Dorsalflexion (Bewegung
der Hand handrückenwärts),
Radialabduktion (Bewegung der Hand zur
Speiche) – Ulnarabduktion (Bewegung der
Hand zur Elle).


P Beim Sturz auf die Hand bricht meistens
der Radius. Die distale Radiusfraktur ist
Einwärtsdrehung eine der häufigsten Frakturen überhaupt.
(Pronation)
– distales Handgelenk (Art. metacarpalis)
zwischen proximaler und distaler Hand-
wurzelknochenreihe.
Gelenktyp:
Scharniergelenk.
Bewegungen:
Palmarflexion – Dorsalflexion.
runder
Einwärtsdreher Handwurzel-Mittelhand-Gelenke (Carpo-
(M. pronator teres) metacarpalgelenke), Daumensattelgelenk.
Die Carpometacarpalgelenke liegen zwischen
Speiche der distalen Handwurzelknochenreihe und den
Elle Basen der Mittelhandknochen.
viereckiger Das Carpometacarpalgelenk I ist das Dau-
Einwärtsdreher mensattelgelenk und liegt zwischen Os trape-
(M. pronator zium und Os metacarpale I.
quadratus)
Bewegungen im Daumensattelgelenk:
Abduktion – Adduktion (Daumen wird vom
Zeigefinger abgespreizt und wieder herange-
führt), Opposition – Reposition (Daumen
wird aus der Abduktionsstellung dem kleinen
Finger gegenübergestellt und wieder in Nor-
Abb. 5.27 Ein- und Auswärtsdrehung der Hand. malstellung zurückgeführt).
5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 115

Die Carpometacarpalgelenke II bis


IV sind Amphiarthrosen (straffe Palmaransicht
Gelenke). Das Gelenk V lässt geringe
Oppositionsbewegungen des kleinen
Fingers zu.
Speiche Elle
(Radius) (Ulna)
Fingergelenke Kahnbein Mondbein
– Fingergrundgelenke (Metacarpo- (Os scaphoideum) (Os lunatum)
phalangealgelenke). großes Erbsenbein
Die Fingergrundgelenke II bis V Vieleckbein (Os pisiforme)
sind anatomisch gesehen Kugelge- (Os trapezium) Dreieckbein
(Os triquetrum)
lenke.
Das Daumengrundgelenk ist ein Hakenbein
(Os hamatum)
Scharniergelenk.
– Fingermittelgelenke und Finger-
endgelenke (proximale und distale
Interphalangealgelenke)
Die Fingermittel- und -endgelenke kleines
sind Scharniergelenke. Vieleckbein
(Os trapezoideum)

Merke Kopfbein
(Os capitatum)
Alle Scharniergelenke werden
durch Seitenbänder (= Kollateral-
bänder) gesichert.
■ proximale Reihe
Dorsalansicht ■ distale Reihe
Achselhöhle
Einbuchtung der Körperoberfläche
zwischen Rumpf und Arm. Elle Speiche
Inhalt: (Ulna) (Radius)
Bindegewebskörper mit Gefäßen und
Mondbein
Nerven (Armgefäße, Armnerven) Dreieckbein (Os lunatum)
und regionäre Achsellymphknoten. (Os triquetrum)
Kahnbein
Kopfbein (Os scaphoideum)
(Os capitatum)
Ellenbeuge großes
Hakenbein Vieleckbein
Liegt zwischen Flexoren des Ober- (Os hamatum) (Os trapezium)
armes und Flexoren sowie Exten-
soren des Unterarmes. Fingergrund-
Inhalt: gelenk
– Venen der Ellenbeuge (Cubital-
venen; häufig genutzt zur Blut- Fingermittel-
entnahme und i.v.-Injektion), gelenk
Fingerend- kleines
– Aufzweigung der Oberarmarterie Vieleckbein
gelenk
(A. brachialis) in Speichenarterie (Os trapezoideum)
(A. radialis) und Ellenarterie (A.
ulnaris) (✑ Abb. 9.27, S. 181,
Abb. 9.28, S. 182 und Abb. 9.33,
S. 185).

Knochen der Hand. Abb. 5.28


116 5 Stütz- und Bewegungssystem

Tab. 5.3 Verlauf und Funktion der Muskulatur des Schultergürtels


Muskeln Verlauf Funktion

Großer Brustmuskel Clavicula, Sternum Adduktion, Anteversion und


(M. pectoralis major) – Humerus Innenrotation im Schultergelenk

Kleiner Brustmuskel unter M. pectoralis major Senkung des Schultergürtels,


(M. pectoralis minor) Hebung der Rippen
(✑ Abb. 6.1, S. 137) (= Einatemhilfsmuskel)

Trapezmuskel Hinterhauptbein, Brustwirbel Bewegungen des Schulter-


(M. trapezius) – Clavicula, Scapula gürtels

Breiter Rückenmuskel Brust- und Lendenwirbel Adduktion, Retroversion und


(M. latissimus dorsi) – Humerus Innenrotation im Schultergelenk

Schulterblattheber unter M. trapezius, hebt Schultergürtel


(M. levator scapulae) 1. – 4. Halswirbel – Scapula

Deltamuskel Clavicula, Scapula Abduktion, Adduktion,


(M. deltoideus) – Humerus Anteversion, Retroversion,
Innen- und Außenrotation im
Schultergelenk

Rückansicht Vorderansicht

Treppen-
Trapezmuskel muskeln
(Mm. scaleni)
(M. trapezius)

Deltamuskel Deltamuskel
(M. deltoideus)
(M. deltoideus)

Untergräten- großer
muskel Brustmuskel
(M. infraspinatus) (M. pectoralis
major)
großer/kleiner
runder Muskel zweiköpfiger
(M. teres Armmuskel
major/minor) (M. biceps brachii)

dreiköpfiger vorderer
Armstrecker Sägemuskel
(M. triceps brachii) (M. serratus
anterior)
breiter
Rückenmuskel breiter
(M. latissimus Rückenmuskel
dorsi) (M. latissimus
dorsi)

Abb. 5.29 Muskeln des Schultergürtels.


5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 117

Muskulatur des Schultergürtels brachii ist der dreiköpfige Oberarmmuskel


Den Schultergürtel erreichen zahlreiche Muskeln (M. triceps brachii) – Strecker genannt. Er
von allen Seiten. Dadurch ist er sehr beweglich. bewirkt die Extension des Unterarmes sowie die
Einige Muskeln setzen am Humerus (Oberarm- Fixation des Ellenbogengelenkes.
knochen) an, wodurch das funktionelle Zusam-
menwirken zwischen Schlüsselbeingelenken Unterarmmuskulatur
und Schultergelenk ermöglicht wird. Die Unterarmmuskeln lassen sich entsprechend
ihrer Funktion in vier Gruppen einteilen:
Merke Pronatoren
Die Schultergürtelmuskulatur dient Sie bewirken die Innenrotation von Hand und
• der Bewegung von Schultergürtel und Arm, Unterarm, also die Drehung von Elle und Speiche
• der Haltung und Fixation des Schultergürtels in der Längsrichtung nach innen (Pronation).
(✑ Tab. 5.3). Supinatoren
Sie ermöglichen die Außenrotation von Hand
Muskulatur des Armes und Unterarm, also die entgegengesetzte Dre-
Die Muskulatur des Armes wird in Ober- und hung von Elle und Speiche in der Längsrichtung
Unterarmmuskulatur unterteilt. nach außen (Supination).
Flexoren
Oberarmmuskulatur Die Flexoren liegen ulnar und palmar. Sie bewir-
Die Oberarmmuskulatur wird aus Beugern ken die Palmarflexion im Handgelenk und
(Flexoren) und Streckern (Extensoren) gebildet. Flexion der Finger.
Wichtigster Beugemuskel ist der zweiköpfige Extensoren
Oberarmmuskel (M. biceps brachii). Seine Die Extensoren liegen radial und dorsal. Sie
Funktionen sind Flexion und Fixation des Ellen- bewirken die Dorsalextension im Handgelenk
bogengelenkes sowie Supination des Unterarmes. und Extension der Finger.
Der Gegenspieler (Antagonist) des M. biceps

Palmaransicht Dorsalansicht

Palmaransicht

Flexorengruppe Extensorengruppe
für Handgelenk für Handgelenk
und Finger und Finger

Halteband der Halteband der


Beugersehnen Streckersehnen
(Retinaculum flexorum) (Retinaculum extensorum)
Hohlhandsehne
(Aponeurosis palmaris)
Sehnenscheiden
(Vaginae tendines)

Muskeln und Bänder von Unterarm und Hand. Abb. 5.30


118 5 Stütz- und Bewegungssystem

langer radialer
Handstrecker
(M. extensor carpi
Oberarm- radialis longus)
Knorrenmuskel
speichenmuskel (M. anconeus) kurzer radialer
(M. brachioradialis) Handstrecker
(M. extensor carpi
runder ulnarer Handstrecker radialis brevis)
Einwärtsdreher (M. extensor carpi ulnaris)
(M. pronator teres)
radialer Handstrecker
(M. flexor carpi radialis) langer
langer Daumenabzieher
Kleinfingerstrecker (M. abductor pollicis
Hohlhandmuskel longus)
(M. palmaris longus) (M. extensor digiti minimi)
oberflächlicher kurzer
Fingerstrecker Daumenstrecker
Fingerbeuger (M. extensor digitorum) (M. extensor pollicis
(M. flexor digitorum
brevis)
superficialis) ulnarer Handstrecker
(M. flexor carpi ulnaris) Halteband
(Retinaculum
extensorum)

Abb. 5.31 Unterarmmuskulatur.

Merke Innervation
Die Muskulatur der oberen Extremitäten wird
Die im Unterarm liegenden Flexoren und Ex- von Nerven versorgt, die aus dem Armgeflecht
tensoren (= lange Fingermuskeln) sind über (Plexus brachialis) hervorgehen (N. radialis, N.
lange Sehnen mit den Fingergrund-, Finger- ulnaris, N. medianus; ✑ Abb. 17.21, S. 358).
mittel- und Fingerendgliedern verbunden. Sie
verlaufen im Bereich der Hand- und Finger-
gelenke in Sehnenscheiden (= Gleitschutz). 5.3.4 Beckengürtel und untere Extremität
Haltebänder (Retinacula) fixieren die Sehnen-
scheiden. Beckengürtel und untere Extremität haben Halte-
und Stützfunktion. Deshalb sind hier die Kno-
Handmuskulatur chen und Gelenke viel kräftiger ausgebildet als
Die herausragende Fähigkeit der menschlichen beim Schultergürtel und der oberen Extremität.
Hand ist die Greiffunktion. Sie wird durch die
Oppositionsfähigkeit des Daumens möglich, Beckengürtel
d. h., der Daumen kann den übrigen Fingern Der Beckengürtel stellt im Unterschied zum
gegenübergestellt werden. Schultergürtel einen geschlossenen Ring dar.
Für diese Greiffunktion steht ein komplizierter Aufgaben
Muskelapparat der Hand zur Verfügung: – Verbindung der Beine mit dem Rumpf.
– 4 Muskeln des Daumenballens und – Übertragung der Körpermasse von der Wirbel-
– 4 Muskeln des Kleinfingerballens. säule auf die beiden Oberschenkelknochen.
5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 119

männliches Becken
(Pelvis masculinum) Vorgebirge
(Promontorium)
Darmbeinkamm
(Crista iliaca)
Kreuzbein
(Os sacrum)
vorderer oberer Darmbeinstachel
Hüftbein (Spina iliaca anterior superior)
(Os coxae) vorderer unterer Darmbeinstachel
(Spina iliaca anterior inferior)
Hüftgelenkpfanne
(Acetabulum)
Hüftloch
(Foramen obturatum)

Schambeinwinkel Hüftbein
(Angulus pubis: 70°–75°)
(Os coxae)

Darmbeinkamm hinterer oberer


(Crista iliaca)
Darmbeinstachel
vorderer oberer Darmbeinstachel (Spina iliaca posterior
(Spina iliaca anterior superior) superior)
vorderer unterer Darmbeinstachel hinterer unterer
(Spina iliaca anterior inferior) Darmbeinstachel
(Spina iliaca posterior
Hüftgelenkpfanne inferior)
(Acetabulum)
Sitzbeinstachel
(Spina ischiadica)

• bilden zusammen Schambein • Darmbein •


das Hüftbein (Os pubis) (Os ilium)
Hüftloch
(Foramen obturatum) Sitzbeinhöcker
(Tuber ischiadicum)

weibliches Becken Sitzbein •


(Pelvis femininum) (Os ischii)

Darmbeingrube
(Fossa iliaca)
Darmbein-Kreuzbein-Gelenk
(Articulatio sacroiliaca)
Schambeinhöcker
(Tuberculum pubicum)
Hüftgelenkpfanne
(Acetabulum)
Schambeinfuge
(Symphysis pubica)

Bei den Darmbein-Kreuzbein-Gelenken sind


die Gelenkflächen unregelmäßig und inein-
Schambeinbogen ander verkeilt. Die Gelenkkapsel ist sehr
(Arcus pubis: 90°–100°) eng, fest und durch Gelenkbänder vielfältig
verstärkt. Eigentliche Bewegungen sind
nicht möglich. Sie wirken federnd.

Becken und Hüftbein. Abb. 5.32


120 5 Stütz- und Bewegungssystem

Zu diesem Zweck ist er, im Unterschied zum • Schambeinfuge (Symphysis pubica) verbindet
Schultergürtel, als stabiler Ring fest mit der die beiden Hüftbeine im Bereich der Scham-
Wirbelsäule verbunden. beine mittels Faserknorpel.
– Gebärkanal.
– Ansatz- und Ursprungsstelle von Bauch-, Gestalt
Rücken- und Gesäßmuskeln. Das Becken ist trichterförmig gebaut. Der Innen-
– Schutz der Beckenorgane. raum wird durch die Grenzlinie (Linea termina-
lis), die vom Promontorium bogenförmig zum
Knochen Oberrand der Symphyse verläuft, gegliedert in
Der Beckengürtel besteht aus – großes Becken oberhalb der Grenzlinie zwi-
1 Kreuzbein (Os sacrum), schen den beiden Darmbeinschaufeln,
2 Hüftbeinen (Ossa coxae) sowie – kleines Becken (= Beckenkanal) mit Becken-
l Steißbein (Os coccygis). eingang und Beckenausgang unterhalb der
Jedes Hüftbein wiederum setzt sich aus drei mit- Grenzlinie.
einander verwachsenen Knochen zusammen: – Die Beckeneingangsebene ist im Stand vorn
– dem Darmbein (Os ilium), nach unten geneigt.
– dem Schambein (Os pubis) und Verbindet man die beiden Sitzbeinhöcker durch
– dem Sitzbein (Os ischii). eine Linie miteinander, entstehen zwei Dreiecke:
– ventral das Trigonum urogenitale für den
Merke Durchtritt der Harn- und Geschlechtsorgane;
Die Hüftgelenkpfanne (Acetabulum) wird – dorsal das Trigonum rectale für den Durch-
von Teilen der Körper aller drei Teilknochen tritt des Rectums (✑ Abb. 5.33).
des Hüftbeines gebildet und besitzt einen
halbmondförmigen Gelenkknorpel. Geschlechtsunterschiede (✑ Abb. 5.32, S. 119)
– Männliches Becken: Untere Schambeinäste
bilden spitzen Winkel. Das männliche Becken
Knochenverbindungen ist hoch, schmal und eng.
• Darmbein-Kreuzbein-Gelenke (Iliosacralge- – Weibliches Becken: Untere Schambeinäste
lenke) verbinden die Hüftbeine im Bereich bilden stumpfwinkligen Bogen. Das weibliche
der Darmbeinschaufeln mit dem Kreuzbein. Becken ist flach, breit und weit.
Wegen der sehr straffen, knappen Gelenkkap-
sel sind praktisch keine Bewegungen möglich. Untere Extremität
Die Gelenke sind wichtig für die Elastizität des Die untere Extremität ist beim Menschen als
Beckens und die Federung der Wirbelsäule. Stützorgan ausgebildet.
Gliederung und Bau:
(✑ Tab. 5.4, S. 122 und
Abb. 5.34)

Alle Beinknochen, au-


großes Becken ßer Fußwurzelknochen,
sind Röhrenknochen.
Der Oberschenkelkno-
chen (Femur) ist der
größte Knochen des
Durchtritt des Rectums Menschen. Sein Kopf
(Trigonum rectale) (Caput femoris) ist
Durchtritt der Harn- und durch den Schenkelhals
Geschlechtsorgane vom Schaft abgespreizt,
(Trigonum urogenitale)
kleines Becken wodurch der Schenkel-
halswinkel (= Kollodia-
Abb. 5.33 Knöchernes Becken. physenwinkel) von ca.
125 ° entsteht.
5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 121

Ventralansicht Dorsalansicht
Oberschenkelkopf
(Caput femoris)
Oberschenkelhals großer Rollhügel
großer Rollhügel (Collum femoris) (Trochanter major)
(Trochanter major)
kleiner Rollhügel
(Trochanter minor)

Schaft des
Oberschenkelknochens
(Corpus femoris)

äußerer
innerer Gelenkknorren Obergelenkknorren
(Condylus medialis femoris) (Epicondylus lateralis
Kniescheibe femoris)
(Patella) innerer äußerer
äußerer Obergelenkknorren Gelenkknorren
(Epicondylus medialis femoris) (Condylus lateralis
Gelenkknorren
femoris)
des Schienbeins innerer Gelenkknorren
(Condylus lateralis tibiae) des Schienbeins Gelenkknorren-
Wadenbeinkopf (Condylus medialis tibiae) grube
(Fossa intercondylaris)
(Caput fibulae)
Ansatzstelle des
Kniescheiben-
bandes Das stärkere Schienbein (Tibia)
(Tuberositas tibiae) liegt medial, das schwächere
Wadenbein (Fibula) lateral im
Wadenbeinkörper Unterschenkel. Schienbeinkörper
(Corpus fibulae) (Corpus tibiae)

mittlerer (innerer)
Knöchel seitlicher (äußerer)
(Malleolus medialis) Knöchel
Fußwurzelknochen (Malleolus lateralis)
(Ossa tarsalia)
Malleolengabel

Mittelfußknochen
(Ossa metatarsi)

Zehenknochen
(Ossa digitorum pedis)

Knochen der unteren Extremität. Abb. 5.34


122 5 Stütz- und Bewegungssystem

Tab. 5.4 Untere Extremität – Gliederung und Knochen.

Untere Extremität

Oberschenkel Unterschenkel Fuß (Pes)

1 Oberschenkelknochen 2 Unterschenkelknochen
(Femur) • Schienbein (Tibia)
• Wadenbein (Fibula)

Fußwurzel (Tarsus) Mittelfuß (Metatarsus) Zehen (Digiti)


7 Fußwurzelknochen 5 Mittelfußknochen 14 Zehenknochen
(Ossa metatarsi = Metatarsalia I – V; (Ossa digitorum = Phalanges)
proximale Reihe I = Mittelfußknochen der Großzehe)
• Sprungbein (Talus)
• Fersenbein (Calcaneus)
• Kahnbein (Os naviculare)
distale Reihe
• mediales Keilbein (I)
(Os cuneiforme mediale)
• mittleres Keilbein (II)
(Os cuneiforme intermedium)
• laterales Keilbein (III)
(Os cuneiforme laterale)
• Würfelbein (Os cuboideum)

Fersenbein Fußknochen von oben


(Calcaneus)
Sprungbein
(Talus)

Würfelbein
(Os cuboideum)
Kahnbein
(Os naviculare)
Fußknochen von medial
Keilbeine
(Os cuneiforme mediale,
intermedium, laterale)
Mittelfußknochen Wadenmuskel
(Ossa metatarsi I – V) (M. gastrocnemius)
Schienbein
(Tibia)
Zehenknochen
(Phalanges) Sprungbein
(Talus)
Zehengrundglied Achillessehne
(Phalanx proximalis) (Tendo calcaneus)
Zehenmittelglied Fersenbein
(Phalanx media) (Calcaneus)
Zehenendglied
(Phalanx distalis)
Längsgewölbe des Fußes

Abb. 5.35 Knochen des Fußes.


5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 123

Malleolengabel (= Knöchelgabel)
Den inneren Knöchel der Malleolen-
gabel bildet die Tibia, den äußeren die
Fibula. Aufgrund der Beteiligung von Hüftbein
(Os coxae)
zwei Knochen sind zusätzliche Feder-
wege eingebaut. Hüftgelenkpfanne
(Acetabulum)
Oberschenkelkopf
Knochenverbindungen, Bewegungs- (Caput femoris)
möglichkeiten, Muskeln
Beckengürtel und Bein sind durch drei
große Gelenke verbunden: Hüftgelenkbänder
– Hüftgelenk (Art. coxae), (Ligg. articulatio coxae)
– Kniegelenk (Art. genus) und
– oberes Sprunggelenk (Art. talocru-
ralis).

Hüftgelenk (Art. coxae)


Beteiligte Knochen bzw. Knochenteile Hüftgelenk. Abb. 5.36
des Hüftgelenks sind Hüftgelenkpfanne
mit ausgeprägter Gelenklippe und
kugelförmigem Oberschenkelkopf (= Hüftkopf). • Verstärkung durch 4 kräftige Bänder. Das
Darmbein-Oberschenkelband (Lig. ileofemo-
Merkmale rale) ist das stärkste Band des Menschen.
• Kugelgelenk mit eingeschränkter Beweglich-
keit (Nussgelenk), weil der Hüftkopf von der Kniegelenk (Art. genus)
Hüftpfanne zu zwei Dritteln umschlossen Das Knieglenk ist das größte Gelenk des Men-
wird. Daher geringe Luxationsgefahr und gute schen. Es erlaubt Bewegungen um zwei Haupt-
Knochenführung. achsen. Beteiligte Knochen bzw. Knochenteile
• Weite, derbe Kapsel, die auch den Oberschen- sind Femur-Condylen und Tibia-Condylen sowie
kelhals teilweise mit einschließt. die Patella.

sagittal Oberschenkelknochen Rückansicht


vierköpfiger (Femur)
Oberschenkelmuskel
(M. quadriceps femoris)
vorderes Kreuzband
(Lig. cruciatum anterior)
hinteres Kreuzband
Sehne des (Lig. cruciatum posterior)
M. quadriceps innerer Meniscus
Gelenkkapsel (Meniscus medialis)
(Capsula articularis) Außenband
(Lig. collaterale tibiale)
Kniescheibe
(Patella) äußerer Meniscus
(Meniscus lateralis)
Meniscus
Innenband
(Lig. collaterale fibulare)
Kniekehlenmuskel
(M. popliteus)
Schleimbeutel Schienbein
(Bursa synovialis) Synovial- (Tibia)
membran Wadenbein
(Fibula)

Rechtes Kniegelenk. Abb. 5.37


124 5 Stütz- und Bewegungssystem

– Zehengrundgelenke,
vorderes Kreuzband – Zehenmittelgelenke (außer Groß-
(Lig. cruciatum anterior)
zehe = Hallux, die kein Mittel-
Gelenkflächen gelenk besitzt),
des Schienbeins
– Zehenendgelenke.
äußerer Meniscus Der Fuß besitzt je ein Quer- und
(Meniscus lateralis)
Längsgewölbe, die durch Muskeln
innerer Meniscus
(Meniscus medialis) und Bänder gehalten werden.
hinteres Kreuzband
(Lig. cruciatum posterior)

P Durch schlaffe Bänder, durch
Muskellähmungen und aufgrund
Abb. 5.38 Menisken des rechten Kniegelenks. schlechten Schuhwerks können
Gefügestörungen (= Deformitäten)
auftreten, wie z. B.
Merkmale Senkfuß: Längswölbung abgeflacht
• Drehscharniergelenk. (als Extremform Plattfuß),
• 4 Hauptbewegungen: Extension und Flexion, Hohlfuß: Längswölbung verstärkt,
Außen- und Innenrotation (nur in Beuge- Spreizfuß: Querwölbung abgeflacht.
stellung).
• Ungleichheiten der Gelenkflächen werden Muskulatur und ihre Funktionen
durch zwei halbmond- und keilförmige Die Muskeln im Bereich der Hüftregion ermög-
Menisci (Innen- und Außenmeniscus) ausge- lichen die verschiedensten Bewegungen des
glichen. Jeder Meniscus ist durch kräftige Beines wie Beugen, Strecken, Heranziehen,
Bänder mit der Gelenkkapsel verankert. Spreizen und Rotationen. Der überwiegende Teil
• Stabile Bandführung (z. B. vorderes und hinte- von ihnen zieht über das Hüftgelenk direkt zum
res Kreuzband zwischen den Femurcondylen, Oberschenkel. Andere wiederum verlaufen über
inneres und äußeres Seitenband). das Kniegelenk zum Unterschenkel und ermög-
• Sehr weite Kapsel. lichen so die Bewegung von Hüft- als auch Knie-
gelenk (z. B. Schneidermuskel).

P Das Kniegelenk erleidet häufig Verletzungen,
da es am wenigsten durch Muskelmassen ge- Hüftmuskulatur
schützt ist. Drehungen am Knie bei fixiertem 1. Vordere Muskelgruppe
Unterschenkel (Ski- und Fußballsport) lösen • Darmbein-Lenden-Muskel (M. iliopsoas).
Bandschäden aus. Sturz in senkrechter Rich- Funktion: Flexion im Hüftgelenk.
tung (Absprung) führen zu Tibiakopfbrüchen;
direkte Gewalt (Autoarmaturenaufprall) zu 1) = Darmbein-Lenden-Muskel
Patella- oder supracondylären Femurfrakturen. (M. iliopsoas)

Oberes Sprunggelenk (Art. talocruralis) kleiner Lendenmuskel1)


(M. psoas minor)
Beteiligte Knochen bzw. Knochenteile des obe-
ren Sprunggelenkes sind Sprungbein und Malle- großer Lendenmuskel1)
olengabel. Kräftige Seitenbänder sichern die (M. psoas major)
Scharnierbewegung. Darmbeinmuskel1)
Weitere Knochenverbindungen der Fußwurzel (M. iliacus)
und des Fußes sind Leistenband
(Lig. inguinale)
– unteres Sprunggelenk zwischen Sprung-,
Fersen- und Kahnbein (ermöglicht die Prona- Kammmuskel
(M. pectineus)
tions-/Supinationsbewegungen des Fußes),
– Fußwurzel-Mittelfuß-Gelenke zwischen Fuß-
wurzel und proximalen Enden der Mittelfuß-
knochen, Tiefe Hüftmuskeln. Abb. 5.39
5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 125

2. Hintere Muskelgruppe Oberschenkelmuskulatur


• Großer Gesäßmuskel (M. gluteus maximus), 1. Extensorengruppe
• mittlerer Gesäßmuskel (M. gluteus medius), – Vierköpfiger Oberschenkelmuskel (M. qua-
• kleiner Gesäßmuskel (M. gluteus minimus). driceps femoris), besteht aus vier Teilmus-
Funktion: Extension, Abduktion, Adduktion keln (für intramuskuläre Injektionen ist der
im Hüftgelenk. M. vastus lateralis wichtig). Die gemeinsame

kleiner
Lendenmuskel1)
(M. psoas minor)
großer viereckiger
Lendenmuskel1) Lendenmuskel
(M. psoas major) (M. quadratus lumborum)
Darmbeinmuskel1)
(M. iliacus)
großer Gesäßmuskel
Leistenband (M. gluteus maximus)
(Lig. inguinale)
Kammmuskel
(M. pectineus)
langer Anzieher
(M. adductor longus)
schlanker Muskel
(M. gracilis) zweiköpfiger
Schneidermuskel Oberschenkelmuskel
(M. sartorius) (M. biceps femoris)

gerader halbsehniger Muskel


(M. semitendinosus)
Oberschenkel-
muskel2) halbmembranöser
(M. rectus femoris) Muskel
(M. semimembranosus)
äußerer Kniescheibe
Oberschenkel- (Patella)
muskel2)
(M. vastus lateralis)
innerer
Oberschenkel- Zwillings-
muskel2) wadenmuskel
(M. vastus medialis) (M. gastrocnemius)
langer Schollenmuskel
Wadenbein- (M. soleus)
muskel
(M. peroneus longus)
vorderer
Schienbeinmuskel
(M. tibialis anterior) Achillessehne
(Tendo calcaneus)

1) Diese Muskeln bilden den


Darmbein-Lenden-Muskel
(M. iliopsoas).
2) Diese Strecker (Extensoren) und der verdeckte mittlere Schenkelmuskel (M. vastus intermedius) werden unter dem
Begriff vierköpfiger Oberschenkelmuskel (M. quadriceps femoris) zusammengefasst.

Untere Extremität – wichtige Muskeln. Abb. 5.40


126 5 Stütz- und Bewegungssystem

Flexion Extension
im Hüftgelenk im Kniegelenk

Darmbein-
Lenden-Muskel vierköpfiger
(M. iliopsoas) Oberschenkelmuskel
(M. quadriceps femoris)

Flexion Streckbewegung
im Kniegelenk im Hüft- und
Kniegelenk

vierköpfiger
Oberschenkelmuskel
(M. quadriceps femoris)
zweiköpfiger großer Gesäßmuskel
Oberschenkel- (M. gluteus maximus)
muskel
(M. biceps femoris)

Adduktion Dorsal- und


im Hüftgelenk Plantarflexion

Adduktoren
vorderer
Schienbeinmuskel
(M. tibialis anterior)
Zwillingswadenmuskel
(M. gastrocnemius)

Abb. 5.41 Untere Extremität – Bewegungsmöglichkeiten.


5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 127

Deltoideus-Injektion
Einstichstelle:
Deltamuskel oberes mittleres Drittel
(M. deltoideus)

höchster Punkt des intragluteale Injektion


Darmbeinkammes
(Crista iliaca) Einstichstelle
(Methode nach von Hochstetter):
vorderer oberer ventraler Muskelbereich
Darmbeinstachel zwischen dem höchsten
(Spina iliaca anterior Punkt des
superior)
Darmbeinkammes, dem
großer Rollhügel großen Rollhügel und
(Trochanter major)
dem vorderen oberen
Darmbeinstachel

intragluteale Injektion

Darmbeinkamm Einstichstelle
(Crista iliaca) (Crista-Methode nach
Sachtleben):
beim Erwachsenen
3 Querfinger breit caudal
der gedachten Linie
Mitte des
großer Rollhügel Darmbeinkammes und
(Trochanter major)
dem großen Rollhügel

laterale Vastus-Injektion
äußerer Einstichstelle:
Obergelenkknorren Mitte des seitlichen
(Epicondylus lateralis Oberschenkels
femoris)

großer Rollhügel
(Trochanter major)

Intramuskuläre Injektionen – häufigste Verabreichungsorte. Abb. 5.42


128 5 Stütz- und Bewegungssystem

Endsehne des Muskels, in die die Patella als Häufige Weichteilverletzungen des Beines sind:
Umlenkrolle vor dem Kniegelenkspalt ein- – Muskelzerrungen und Muskelfaserrisse. Oft
gelagert ist, setzt an der Tuberositas tibiae betroffen sind M. gastrocnemius und
an. M. quadriceps femoris.
– Schneidermuskel (M. sartorius) – Achillessehnenverletzungen (Teil- oder
Funktion: Bewegung und Haltung im Hüft- komplette Risse).
und Kniegelenk. Typisch für diese Verletzungen sind plötzlich
2. Flexorengruppe auftretende akute Schmerzen und Funktions-
– Zweiköpfiger Oberschenkelmuskel (M. bi- störungen. Durch lockeres Aufwärmen vor
ceps femoris) begrenzt die Kniekehle lateral. sportlicher Betätigung wird der Stoffwechsel
– Halbsehniger Muskel (M. semitendinosus) der Muskulatur aktiviert und die Dehnbarkeit
begrenzt die Kniekehle medial. der Muskelfasern verbessert, sodass das Verlet-
– Halbmembranöser Muskel (M. semimem- zungsrisiko vermindert wird.
branosus) begrenzt die Kniekehle medial.
Funktion: Extension im Hüftgelenk und
Flexion im Kniegelenk. 5.3.5 Kopf (Caput)
3. Adduktorengruppe
– Schlanker Muskel (M. gracilis). Der Kopf (Caput) ist durch den Hals gut beweg-
– Kammmuskel (M. pectineus). lich mit dem Rumpf verbunden. Er befindet sich
– Langer Adduktor (M. adductor longus). mit den wichtigsten Sinnesorganen an oberster
Funktion: Adduktion im Hüftgelenk. Stelle des menschlichen Organismus und hat so
außerordentlich große Bedeutung beim Er-
Unterschenkelmuskulatur kennen der Umwelt.
1. Extensorengruppe (vorn)
– Vorderer Schienbeinmuskel (M. tibialis Schädel (Cranium)
anterior). Der Schädel ist das Knochengerüst des Kopfes.
Funktion: Dorsalflexion (Fußbewegung nach Er dient als Schutz des Gehirns und wichtiger
oben), Anheben der Zehen. Sinnesorgane. Hier beginnen der Verdauungs-
2. Flexorengruppe (hinten) und der Atmungstrakt.
– Dreiköpfiger Wadenmuskel (M. triceps Der Schädel gliedert sich in Gehirnschädel und
surae) über Achillessehne am Fersenbein- Gesichtsschädel.
höcker befestigt. Er gliedert sich in Zwil-
lingswadenmuskel (M. gastrocnemius – Gehirnschädel (Neurocranium)
Caput mediale und laterale) und Schollen- Am Gehirnschädel unterscheidet man das
muskel (M. soleus). Schädeldach, die innere und äußere Schädel-
Funktion: Plantarflexion, Supination des basis und die Schädelhöhle mit dem Gehirn. Bei
Fußes, Flexion im Kniegelenk (nur M. Säuglingen ist der Gesichtsschädel durch die
gastrocnemius). fehlende Kaufunktion (dadurch unvollständig
ausgebildete Kiefer) geringer ausgeprägt.

P Intramuskuläre Injektionen sind tiefe Injek-
tionen in einen Muskel. Dafür gibt es im Wesent- Knochen des Schädeldaches (Calvaria):
lichen drei Verabreichungsorte (✑ Abb. 5.42): – Scheitelbein (Os parietale),
• Deltamuskel (M. deltoideus) an der Außen- – Stirnbein (Os frontale),
seite des Schultergelenks, – Hinterhauptbein (Os occipitale).
• mittlerer Gesäßmuskel (M. gluteus medius)
im Bereich zwischen Darmbeinkamm und Knochenverbindungen
der Verbindungslinie zwischen vorderem Die Knochen des Schädeldaches werden durch
und hinterem oberem Darmbeinstachel, Knochennähte miteinander verbunden. Die
• seitlicher Oberschenkelmuskel (M. vastus wichtigsten sind:
lateralis) auf der Mitte einer gedachten Linie – Kranznaht (Sutura coronalis) zwischen Stirn-
zwischen großem Rollhügel und äußerem bein und Scheitelbeinen,
Obergelenkknorren. – Pfeilnaht (Sutura sagittalis) zwischen den
5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 129

Kranznaht
(Sutura coronalis)
Stirnbein Scheitelbein
(Os frontale) (Os parietale)

Lambdanaht
(Sutura lambdoidea)
Tränenbein
(Os lacrimale) Hinterhauptbein
(Os occipitale)
Nasenbein
(Os nasale) Schläfenbein
(Os temporale)
Jochbein
(Os zygomaticum) äußerer Gehörgang
(Meatus accusticus externus)
Oberkiefer
(Maxilla) Warzenfortsatz
(Processus mastoideus)
Griffelfortsatz
Unterkiefer (Processus styloideus)
(Mandibula)

Schädel. Abb. 5.43

Scheitelbeinen,
– Lambdanaht (Sutura lamb-
doidea) zwischen Hinter-
hauptbein und Scheitel- Stirnbein
beinen, (Os frontale)
– Stirnnaht zwischen den Stirn- Scheitelbein
beinen (beim Erwachsenen (Os parietale)
nicht mehr zu erkennen). Schläfenbein
(Os temporale)
Fontanellen Keilbein
Fontanellen sind straffe Binde- (Os sphenoidale)
gewebsverbindungen, die nur Tränenbein
beim Neugeborenen vorhanden (Os lacrimale)
sind. Sie verbinden die Jochbein
(Os zygomaticum)
Schädeldachknochen und er-
möglichen eine Verschiebung Nasenbein
(Os nasale)
der Knochen gegeneinander. Oberkiefer
Dies ist bedeutend für den (Maxilla)
Geburtsvorgang und das Schä-
delwachstum.
Das menschliche Neugeborene
hat 2 unpaarige und 2 paarige Unterkiefer
Fontanellen. (Mandibula)

Unpaarige Fontanellen
– Vordere, große oder Stirn- Schädel (Ansicht von ventral). Abb. 5.44
fontanelle an der Vereinigung
130 5 Stütz- und Bewegungssystem

hintere kleine Fontanelle vordere große Fontanelle

Stirnbein
Scheitelbein

vordere
Seitenfontanelle

Scheitelbein Schläfenbein
Pfeilnaht hintere Seitenfontanelle
Hinterhauptbein Hinterhauptbein

Abb. 5.45 Fontanellen.

von Kranz-, Pfeil- und Stirnnaht. Die rhom- ❑


P Blutungen unter der Kopfschwarte können
benförmige Fontanelle schließt sich bis zum oberhalb oder unterhalb der Knochenhaut lie-
Ende des 2. Lebensjahres. gen.
– Kleine oder Hinterhauptfontanelle an der
Vereinigung von Pfeil- und Lambdanaht. Sie Knochen der Schädelbasis
ist dreieckig geformt und schließt sich bis zum Die Schädelbasis wird aus vier unpaarigen und
Ende des 1. Lebensjahres. einem paarigen Knochen gebildet.
Paarige Fontanellen Unpaarige Knochen
– Vordere Seitenfontanelle zwischen Stirnbein, • Stirnbein (Os frontale),
Scheitelbein und großem Keilbeinflügel. • Keilbein (Os sphenoidale),
– Hintere Seitenfontanelle zwischen Scheitel- • Siebbein (Os ethmoidale),
bein, Hinterhauptsbein und Warzenfortsatz. • Hinterhauptbein (Os occipitale).

P Beim Geburtsvorgang sind die beiden un-
Paariger Knochen
paarigen Fontanellen wichtig. Sie ermöglichen • Schläfenbein (Os temporale).
während der Geburt eine Verformung des Im Felsenbein des Schläfenbeines befinden sich
Schädels beim Durchtritt durch den knöcher- Gehör- und Gleichgewichtsorgan.
nen Beckenring der Mutter.
Innenrelief
Schichten des Schädeldaches Die innere Schädelbasis weist eine Dreiteilung
Das Schädeldach (Calvaria) besteht aus fünf auf.
Schichten (✑ Abb. 5.46): der äußeren Knochen- – Die vordere Schädelgrube wird hauptsächlich
haut (Periost), der äußeren kompakten, der auf- von Stirn- und Keilbein gebildet, liegt am
gelockerten und der inneren kompakten höchsten und beinhaltet die Stirnlappen des
Knochenschicht sowie der harten Hirnhaut. Großhirns.
Mit dem äußeren Periost ist die Kopfschwarte – Die mittlere Schädelgrube wird hauptsächlich
(= funktionelle Einheit von Haut, Unterhaut und vom Keilbein gebildet. Im Türkensattel des
Sehnenhaube) durch Bindegewebe verschiebbar Keilbeines liegt die Hypophyse. Außerdem
verbunden. befinden sich im Bereich der mittleren Schä-
5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 131

delgrube Durchtritts-
stellen für Hirnnerven Kopfhaut
sowie seitliche Teile äußere
der Schläfenlappen des Knochenhaut
(Pericranium)
Großhirns und Teile des äußere kompakte
Mittelhirns. Knochenschicht
– Die hintere Schädel- (Lamina externa)
grube wird hauptsäch- aufgelockerte
lich vom Hinterhaupt- Knochenschicht
(Diploe)
bein gebildet; liegt am
innere kompakte
tiefsten, beinhaltet Hirn- Knochenschicht
stamm und Kleinhirn. (Lamina interna)
harte Hirnhaut venöser Blutleiter
Die Grenze zwischen vor- (Dura mater encephali)
derer und mittlerer Schä-
delgrube bilden die Hinter- Schichten des Schädeldaches. Abb. 5.46
kanten der beiden kleinen
Keilbeinflügel. Mittlere
und hintere Schädelgrube
werden durch das Felsenbein getrennt. Die drei großen Knochen sind
– die paarigen Oberkieferknochen (Maxilla),
Gesichtsschädel (Viscerocranium) – der Unterkiefer (Mandibula) und
Der Gesichtsschädel besteht aus 3 großen und – das Stirnbein (Os frontale).
11 kleinen Knochen.

Hahnenkamm
(Crista galli)
vordere
Stirnbein Schädelgrube
(Os frontale)
(Fossa cranii anterior)
Siebbeinplatte
(Lamina cribrosa)
Keilbein
(Os sphenoidale)
Türkensattel
(Sella turcica)
Schläfenbein
(Os temporale)
mittlere
Felsenbein Schädelgrube
(Pars petrosa) (Fossa cranii media)
großes
Hinterhauptloch
(Foramen occipitale
magnum)

Hinterhauptbein
(Os occipitale)
hintere
Schädelgrube
(Fossa cranii posterior)

Schädelbasis. Abb. 5.47


132 5 Stütz- und Bewegungssystem

• 2 Nasenbeinen (Ossa nasalia),


Schläfenbein • 1 Pflugscharbein (Vomer),
(Os temporale)
• 1 Gaumenbein (Os palatinum),
Unterkiefergrube
(Fossa mandibularis) • 1 Siebbein (Os ethmoidale) mit
Gelenkscheibe
den 2 oberen und den 2 mittleren
(Discus articularis) Nasenmuscheln,
• 2 untere Nasenmuscheln.
Gelenkkopf
(Caput mandibulae)
Schädelhöhlen
Gelenkkapsel Zu den Schädelhöhlen gehören die
(Capsula articularis)
Nasenhöhle (Cavitas nasi), die
Warzenfortsatz Augenhöhlen (Orbitae) und die
(Proc. mastoideus)
Mundhöhle (Cavitas oris).
Griffelfortsatz
(Proc. styloideus)
Als Nasennebenhöhlen (Sinus para-
Kronenfortsatz Unterkieferast nasales; ✑ Tab. 5.5) werden luftge-
(Proc. coronoideus) (Ramus mandibulae) füllte Hohlräume in einigen Schä-
delknochen bezeichnet. Sie dienen
Abb. 5.48 Kiefergelenk. der Masseverminderung und als
Resonanzorgan, liegen in unmittel-
barer Nähe der Nasenhöhle und ste-
Der Oberkiefer (Maxilla) steht als größter hen mit ihr in Verbindung.
Knochen des Gesichtsschädels über zahlreiche
Fortsätze mit fast allen anderen Gesichtsschä- ❑ P Schädelmissbildungen sind auf Miss-
delknochen in Verbindung. Er ist an der Bildung bildungen des Gehirns zurückzuführen.
von Mund-, Nasen- und Augenhöhlen beteiligt.
Kiefergelenk (Art. temporomandibularis)
Der Unterkiefer (Mandibula) besteht aus einem Die Gelenkpartner des Kiefergelenkes sind:
u-förmigen Körper, der an den Kieferwinkeln – Unterkiefergrube (Fossa mandibularis) des
jeweils in einen Ast übergeht. Diese Äste enden Schläfenbeins,
mit zwei Fortsätzen, die als Muskelansatz dienen – Gelenkkopf (Caput mandibulare) am Gelenk-
bzw. an der Bildung des Kiefergelenkes beteiligt fortsatz (Proc. condylaris) des Unterkiefers,
sind. – dazwischen die Gelenkscheibe (Discus arti-
cularis), die das Gelenk in zwei Teilgelenke
Merke gliedert.
Die beiden Kiefergelenke wirken bei allen
Der Gesichtsschädel ist über Stirn- und Sieb-
Kieferbewegungen zusammen.
bein mit der Schädelbasis verbunden.
– Scharnierbewegung: Öffnen und Schließen
des Mundes,
Die 11 kleinen Knochen des Gesichtsschädels – Schlittenbewegung: Gleiten des Unterkiefers
setzen sich zusammen aus nach vorn und wieder zurück,
• 2 Jochbeinen (Ossa zygomatica), – Mahlbewegung (Rotation): Seitwärtsbe-
• 2 Tränenbeinen (Ossa lacrimalia), wegungen.

Tab. 5.5 Verbindungen der Nasennebenhöhlen zur Nasenhöhle.


Nasennebenhöhle Verbindung zur Nasenhöhle
Stirnhöhle (Sinus frontalis) im Stirnbein mittlerer Nasengang
Kieferhöhle (Sinus maxillaris) im Oberkiefer mittlerer Nasengang
Keilbeinhöhle (Sinus sphenoidalis) im Keilbein über der oberen Nasenmuschel
Siebbeinzellen (Cellulae ethmoidales) im Siebbein mittlerer und oberer Nasengang
5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 133

Stirnmuskel
(M. epicranius)
ringförmiger Schläfenmuskel
Augenmuskel (M. temporalis)
(M. orbicularis oculi) hinterer Sehnen-
Oberlippenheber haubenmuskel
(M. levator labii (M. epicranius)
superioris) großer Jochbein-
Nasenmuskel muskel
(M. nasalis) (M. zygomaticus
major)
Mundringmuskel
(M. orbicularis oris) Kaumuskel
(M. masseter)
Unterlippen-
herabzieher Wangenmuskel
(M. depressor labii (M. buccinator)
inferioris)
zweibäuchiger
Kinnmuskel Muskel
(M. mentalis)
(M. digastricus)
Mundwinkel- Kopfwende-
herabzieher muskel
(M. depressor
(M. sternocleidoma-
anguli oris)
stoideus)

Kopfmuskulatur. Abb. 5.49

Sehnenhaube
(Galea aponeurotica)

Stirnmuskel
ringförmiger (M. epicranius)
Augenmuskel
(M. orbicularis oculi)
kleiner Joch- Nasenmuskel
beinmuskel (M. nasalis)
(M. zygomaticus Oberlippenheber
minor) (M. levator labii
großer Joch- superioris)
beinmuskel
(M. zygomaticus
major) Mundring-
Lachmuskel muskel
(M. risorius) (M. orbicularis oris)
Unterlippen- Kinnmuskel
herabzieher (M. mentalis)
(M. depressor labii Mundwinkel-
inferioris)
herabzieher
(M. depressor
anguli oris)

Gesichts- oder mimische Muskulatur. Abb. 5.50


134 5 Stütz- und Bewegungssystem

Schläfenmuskel
(M. temporalis)
• Kieferschließer –
zieht Unterkiefer zurück


Kaumuskel

(M. masseter)
• Kieferschließer

äußerer Flügelmuskel
(M. pterygoideus lateralis)
• Kieferöffner – zieht Unterkiefer nach vorn

mittlerer Flügelmuskel
➠ ➠ (M. pterygoideus medialis)
• Kieferschließer

Abb. 5.51 Kaumuskulatur.

Merke primären Funktion, die im Erweitern und


Verengen der Körperöffnungen besteht, sekun-
Beim Kauen wirken alle genannten Bewe- där die Bewegung der Gesichtshaut. Dadurch
gungen in komplexer Weise zusammen. Das können Falten und Grübchen hervorgerufen wer-
Kiefergelenk wird deshalb als Dreh-Gleit- den, die die Mimik (individueller Gesichtsaus-
Schiebe-Gelenk bezeichnet. druck) ausmachen.
Wichtige ringförmige mimische Muskeln im

P Wegen der schlaffen Gelenkkapsel besteht Bereich der Körperöffnungen sind:
– der ringförmige Augenmuskel (M. orbicularis
am Kiefergelenk die Gefahr der Verrenkung. oculi) und
– der Mundringmuskel (M. orbicularis oris).
Kopfmuskeln Alle Gesichtsmuskeln werden durch den Gesichts-
Als eigentliche Kopfmuskeln werden die Ge- nerv (N. facialis) innerviert.
sichts- oder mimischen Muskeln sowie die
Kaumuskeln bezeichnet. ❑
P Das Mienenspiel (= unwillkürliche Bewe-
gungen der Gesichtsmuskeln) ist oft Ausdruck
Gesichts- oder mimische Muskeln
der Stimmungslage und Gemütsverfassung. Bei
Die zahlreichen mimischen Muskeln liegen unter
zentraler und peripherer Lähmung der Gesichts-
der Gesichtshaut, teils um die Körperöffnungen
nerven treten charakteristische Ausfälle auf.
(Mund- und Lidspalte bzw. Nasen- und Ohröff-
nung) und bilden die Grundlage der Wangen. Sie
sind meist mit dem einen Ende am Schädel und Kaumuskeln
mit dem anderen in der Gesichtshaut befestigt. Zu den Kaumuskeln im engeren Sinne gehören
Diese Besonderheit ermöglicht neben ihrer 4 Paar große Muskeln:
5.3 Spezielle Knochen- und Muskellehre 135

– der Kaumuskel (M. masseter), Kiefergelenk ein. Daneben gibt es noch weitere
– der Schläfenmuskel (M. temporalis), Muskeln (z. B. die Mundboden- und Halsmus-
– der mittlere Flügelmuskel (M. pterygoideus keln), die indirekt auf das Kiefergelenk wirken.
medialis) und Die Kaumuskeln werden durch den dreiteiligen
– der seitliche Flügelmuskel (M. pterygoideus Nerv (N. trigeminus) innerviert.
lateralis). Funktion:
Diese Muskeln verlaufen vom Schädel zum Die Kaumuskeln dienen der Zerkleinerung der
Unterkiefer und wirken unmittelbar auf das Nahrung.

Fragen zur Wiederholung

1. Unterscheiden Sie aktiven und passiven Bewegungsapparat.


2. Warum sind Knochen Organe?
3. Welche Knochentypen gibt es? – Nennen Sie Beispiele.
4. Beschreiben Sie den Feinbau eines Knochens.
5. Welche Aufgaben hat die Knochenhaut?
6. Wie erfolgt
a) das Längenwachstum,
b) das Dickenwachstum eines Knochens?
7. Charakterisieren Sie kurz die verschiedenen Knochenverbindungen.
Gehen Sie dabei auf das synoviale Gelenk näher ein.
8. Erklären Sie folgende Begriffe:
a) Discus,
b) Gelenklippe,
c) Meniscus,
d) Muskelfascie,
e) Sehne,
f) Sehnenscheide,
g) Schleimbeutel,
h) Sesambein.
9. Beschreiben Sie den makroskopischen und mikroskopischen Bau eines Skelettmuskels.
10. Beschreiben Sie Kontraktion und Erschlaffung eines Skelettmuskels.
11. Wie kommt die Totenstarre zustande?
12. Unterscheiden Sie isotonische und isometrische Kontraktion.
13. Wie kommt eine Dauerkontraktion (Tetanus) zustande?
14. Was bedeutet, der Muskel geht eine „Sauerstoffschuld“ ein?
15. Nennen Sie die Hauptaufgaben der Wirbelsäule.
16. Nehmen Sie eine Gliederung der menschlichen Wirbelsäule vor.
17. Beschreiben Sie die physiologischen Krümmungen der Wirbelsäule. Welche Bedeutung
haben sie?
18. Welche Aufgaben erfüllen die Rückenmuskeln?
19. Fertigen Sie eine Skizze von einem Brust- oder Lendenwirbel an und beschriften Sie diese.
20. Wo liegen die Bandscheiben und welche Funktion erfüllen sie?
21. Welche Aufgaben hat der Brustkorb? Beschreiben Sie, wie er in seinem Bau diesen Auf-
gaben gerecht wird.
22. Beschreiben Sie den Aufbau des Schultergürtels.
23. Beschreiben Sie Bau und Funktion folgender Gelenke:
a) Schultergelenk,
b) Ellenbogengelenk,
c) proximales Handgelenk.
136 5 Stütz- und Bewegungssystem

Fragen zur Wiederholung

24. Nehmen Sie eine Gliederung des Armes vor und ordnen Sie die entsprechenden Knochen zu.
25. Führen Sie mit Ihrem Arm folgende Bewegungen aus, und benennen Sie die beteiligten
Muskeln:
a) Flexion und Extension.
b) Abduktion und Adduktion.
26. Begründen Sie, warum das Schultergelenk relativ häufig auskugelt.
27. Welche Gebilde befinden sich
a) in der Achselhöhle,
b) in der Ellenbeuge?
28. Skizzieren Sie mit Hilfe von Strichen (= Knochen) und kleinen Kreisen (= Gelenke) ein
Schema vom Handskelett.
29. Begründen Sie die Sonderstellung des Daumens.
30. Nennen Sie die Aufgaben des Beckengürtels.
31. Beschreiben Sie den Aufbau des Beckens als Ganzes.
Unterscheiden Sie männliches und weibliches Becken.
32. Nehmen Sie eine Gliederung des Beines vor und ordnen Sie die entsprechenden Knochen
zu.
33. Vergleichen Sie den Aufbau von Arm- und Beinskelett. Formulieren Sie eine Schluss-
folgerung.
34. Beschreiben Sie Bau und Funktion
a) des Hüftgelenkes,
b) des Kniegelenkes,
c) des oberen Sprunggelenkes.
35. Wo befinden sich
a) Schenkelhals,
b) Malleolengabel?
36. Erkunden Sie am eigenen Arm und Bein die Lage und die Funktion von
a) Flexoren und Extensoren,
b) Abduktoren und Adduktoren.
37. Wo befindet sich die Achillessehne, und welche Aufgabe hat sie?
38. Prägen Sie sich genau die Stellen für intramuskuläre Injektionen ein und beschreiben Sie,
wie man diese lokalisiert.
39. Unterscheiden Sie Kopf und Schädel.
40. Beschreiben Sie den Aufbau des Hirnschädels.
41. Unterscheiden Sie Nähte und Fontanellen. – Nennen Sie deren Aufgaben.
42. Beschreiben Sie den Aufbau des Gesichtsschädels.
43. In welchen Schädelknochen befinden sich Nasennebenhöhlen, und wie heißen diese?
44. Welche mimischen Muskeln kennen Sie?
Welche Bedeutung haben die mimischen Muskeln für die Krankenbeobachtung?
45. Erkunden Sie an sich selbst die in diesem Kapitel genannten tastbaren Knochenpunkte.
137

6 Leibeswand und Beckenboden

Als Leibeswand wird die Begrenzung der Brust-, 6.2 Bauchwand


Bauch- und Beckenhöhle bezeichnet. Im Einzel-
nen werden besprochen: Die Bauchwand umschließt Bauch- und Becken-
• Brustwand, • Bauchwand, höhle. Man unterscheidet vordere-seitliche, hin-
• Leistenregion, • Beckenboden. tere, obere und untere Bauchwand.

Vordere-seitliche Bauchwand
6.1 Brustwand Die vordere und seitliche Bauchwand wird in
neun Regionen unterteilt (✑ Abb. 7.4, S. 146).
Die Brustwand umschließt die Brusthöhle als Sie besteht aus drei Schichten:
eine steife Wand. Dies ist die Voraussetzung für – oberflächliche Schicht; Cutis und Subcutis,
den rhythmischen Wechsel von Unterdruck (zur – mittlere Schicht; 4 paarige Bauchmuskeln und
Einatmung) und Überdruck (zur Ausatmung) in ihre Aponeurosen (breite, flache Sehnen),
der Brusthöhle. Die Skelettelemente sind in – innere Schicht; Fascia transversalis1) und
Abschnitt 5.3.2, S. 109 ff. beschrieben. Bauchfell.
Zu den 4 paarigen Bauchmuskeln zählen der
Muskeln gerade Bauchmuskel (M. rectus abdominis), der
Zwischen den Rippen, also im Bereich der Zwi- äußere schräge Bauchmuskel (M. obliquus exter-
schenrippenräume (Interkostalräume), liegen die nus abdominis), der innere schräge Bauchmuskel
äußeren (Musculi intercostales externi) und die (M. obliquus internus abdominis) und der quere
inneren Zwischenrippenmuskeln (Musculi inter- Bauchmuskel (M. transversus abdominis).
costales interni). Sie haben die Aufgabe, bei der
Ein- und Ausatmung die Rippen zu heben bzw. 1) Faszie zwischen der Innenfläche der Bauchwand und dem
zu senken. Bauchfell

Kopfwendemuskel
(M. sternocleidomastoideus)
kleiner
Brustmuskel
(M. pectoralis minor)

Brustbein
(Sternum) großer
Brustmuskel
(M. pectoralis major)
äußere
Zwischenrippen-
muskeln vorderer
(Mm. intercostales Sägemuskel
externi) (M. serratus anterior)

innere
Zwischenrippen-
muskeln
(Mm. intercostales
interni)

Abb. 6.1 Brustwand.


138 6 Leibeswand und Beckenboden

Rektusscheide Aufgaben
Die Aponeurosen der queren und schrägen – Begrenzung der Bauchhöhle und Anpassung
Bauchmuskeln bilden für die geraden Bauch- an unterschiedliche Volumina der Bauchorgane,
muskeln eine Führungs- und Gleithülle, die Rek- – Bauchpresse zur Druckerhöhung bei Stuhl-
tusscheide genannt wird. gang, Husten, Entbindung,
– Ausatemhilfsmuskel,
– Rumpfhaltung und -bewegung,
Anheben des Beckens – Schutz der Bauchorgane.


P Bauchdeckenreflexe sind wich-
tige Schutzreflexe.
gerade
Bauchmuskeln Hintere Bauchwand
Die hintere Bauchwand wird ge-
bildet von der Lendenwirbelsäule,
Rumpfdrehen dem äußeren schrägen Bauchmus-
kel (M. obliquus externus abdomi-
schräge nis), dem viereckigen Lendenmuskel
Bauchmuskeln
(M. quadratus lumborum), der tie-
fen Rückenmuskulatur (M. erector
Vorneigen
spinae) und dem unteren Teil des
breiten Rückenmuskels (M. latissi-
mus dorsi) (✑ Abb. 5.29, S. 116).

Obere Bauchwand
gerade Bauchmuskeln Die obere Bauchwand ist das
Abb. 6.2 Funktionen der Bauchmuskeln. Zwerchfell (Diaphragma), das sich
kuppelförmig zwischen Brustbein,
den unteren sechs Rippen und der
Lendenwirbelsäule erstreckt. Es
trennt die Brust- von der Bauch-
gerader höhle (✑ S. 143).
Bauchmuskel
(M. rectus abdominis) Untere Bauchwand
querer Der Beckenboden ist die untere Be-
Bauchmuskel
(M. transversus grenzung des Bauchraumes. Die
abdominis) straffen Muskeln des Beckenbodens
innerer schräger halten die Eingeweide (✑ Kap. 6.4).
Bauchmuskel
(M. obliquus internus
abdominis)
äußerer schräger
6.3 Leistenregion
Bauchmuskel (Regio inguinalis)
(M. obliquus externus
abdominis) Die Leistenregion (✑ Abb. 6.5, S.
Leistenband 140) befindet sich im Winkel zwi-
(Lig. inguinale)
schen geradem Bauchmuskel und
Leistenband. Zu ihr gehören das
Leistenband (Lig. inguinale), der
Leistenkanal (Canalis inguinalis)
Muskeln der vorderen und seitlichen und zwei Lücken in der Bauchwand
Abb. 6.3 Bauchwand und Leistenregion. (Lacuna vasorum und muscu-
lorum).
6.3 Leistenregion 139

Leistenband (Ligamentum inguinale)


Das Leistenband erstreckt sich vom
vorderen oberen Darmbeinstachel
(Spina iliaca anterior superior) zum gerade
Schambeinhöcker (Tuberculum pu- Bauchmuskeln
bicum) neben der Symphyse (✑
Abb. 5.32, S. 119). äußere schräge
Es begrenzt somit die Leisten- Bauchmuskeln
gegend gegen den Oberschenkel
und bietet eine zusätzliche Ansatz- innere schräge
Bauchmuskeln
stelle für die Bauchmuskeln.

Leistenkanal (Canalis inguinalis) quere


Bauchmuskeln
Die beiden ca. 4 cm langen Leisten-
kanäle sind schräge Durchtritt- weiße Linie
stellen in der Bauchwand. (Linea alba)

Funktion
Beim Mann verlagert sich kurz vor
der Geburt der Hoden aus der
Bauchhöhle durch den Leistenkanal
in den Hodensack (Descensus
testis). Die geringere Temperatur
außerhalb des Körpers ist für die Schematischer Verlauf der Bauchmuskeln. Abb. 6.4
spätere Funktionsaufnahme eine
unabdingbare Voraussetzung.
Im männlichen Leistenkanal befindet sich der Schwachstellen der Bauchwand
Samenstrang mit Samenleiter, Hodengefäßen Besonders empfindlich ist die Bauchwand in der
und -nerven. Leistengegend oberhalb und unterhalb des Leis-
Der weibliche Leistenkanal enthält das runde tenbandes, in der Nabelregion und den Zwerch-
Mutterband mit Gefäßen, welches vom Uterus fellöffnungen (✑ S. 143).
kommend durch den Leistenkanal zu den großen
Schamlippen zieht. ❑
P An den Schwachstellen der Bauchwand
können Brüche (= Hernien) entstehen. Unter
Lacuna vasorum und musculorum einem Bruch versteht man den Vorfall von
Beide Lücken (oder Fächer) befinden sich Eingeweideteilen, wie Darm, Harnblase, Netz,
unterhalb des Leistenbandes. Ovarien (= Bruchinhalt), in eine Vorbuchtung
Lacuna vasorum: liegt medial, Durchtritt von des Peritoneum parietale (= Bruchsack) durch
A. und V. femoralis, Lymphgefäßen und Nerven. eine Lücke der Bauchwand (= Bruchpforte). Das
Lacuna musculorum: liegt lateral, Durchtritt Peritoneum wird noch von der Haut (= Bruch-
des Hüftlendenmuskels (M. iliopsoas), N. femo- hülle) umgeben.
ralis und N. cutaneus femoris lateralis. Hernien können angeboren oder erworben sein.
Von den vielfältigen Formen der Hernien sind
❑P Bei fehlender (= Bauchhöhlenhoden) oder die Leistenhernien mit ca. 75 % die häufigsten.
unvollständiger (= Leistenhoden) Hodenwan- Hier tritt der Bruchsack mit Bruchinhalt durch
derung in den Hodensack muss dies bis zum den Leistenkanal und kann bis zum Hoden rei-
2. Lebensjahr medikamentös oder operativ chen.
behandelt werden. Die angeborene Leistenhernie tritt bei Jungen
Wird das unterlassen, kann später die Spermio- achtmal häufiger als bei Mädchen auf.
genese (Entwicklung der Samenzellen) gestört
sein, und es besteht ein erhöhtes Krebsrisiko.
140 6 Leibeswand und Beckenboden

äußerer schräger
Bauchmuskel
(M. obliquus externus viereckiger
abdominis) Lendenmuskel
(M. quadratus
lumborum)

äußerer Leistenring
(Anulus inguinalis super-
ficialis)
Darmbeinmuskel
(M. iliacus)
= äußere Öffnung
des Leistenkanals
Leistenband
Samenstrang (Lig. inguinale)
(Funiculus spermaticus)
Oberschenkelarterie Oberschenkelnerv
(A. femoralis)
(N. femoralis)
Oberschenkelvene
(V. femoralis)
Hüftnerv
(N. obturatorius)

Oberschenkelvene
(V. femoralis)

Oberschenkelarterie
(A. femoralis)
Leistenband
(Lig. inguinale)
Muskelfach unter
dem Leistenband innerer
(Lacuna musculorum) Leistenring
(Anulus inguinalis pro-
Gefäßfach unter fundus)
dem Leistenband = innere Öffnung
(Lacuna vasorum) des Leistenkanals

Samenstrang
(Funiculus spermaticus)

Abb. 6.5 Äußere und innere Leistenregion beim Mann.

6.4 Beckenboden – Eine 1 cm dicke Bindegewebs-Muskelplatte


(Diaphragma urogenitale) zwischen den Scham-
Das Zwerchfell begrenzt den Bauchraum nach beinästen, gebildet von den queren Damm-
oben, und der Beckenboden schließt ihn nach muskeln und dem Harnröhrenschließmuskel;
unten ab. Dieser besteht aus den Dammmuskeln – eine innere nach unten gewölbte trichter-
(Mm. perinei) und den dazugehörigen Fascien, förmige Muskelplatte (Diaphragma pelvis) des
die zwei Muskelplatten bilden: Beckenausgangs, gebildet vom Afterheber
6.4 Beckenboden 141

(M. levator ani) und äu-


ßeren Afterschließmuskel. Kitzler äußere
(Clitoris) Harnröhrenöffnung
(Ostium urethrae
Merke externum)
Scheide
Durch den Beckenboden (Vagina)
treten von vorn nach hin- Dammmuskeln
ten die folgenden Organe. (M. transversus perinei)
Bei der Frau: Damm
(Perineum)
Harnröhre, Scheide und
Mastdarm. After
(Anus)
Beim Mann: Afterheber
Harnröhre und Mastdarm. (M. levator ani)
äußerer
willkürlicher
Damm (Perineum) Afterschließmuskel
Als Damm wird die Gegend (M. sphincter
zwischen den äußeren Genital- ani externus)
organen und dem After großer
(Anus) bezeichnet. Er liegt Gesäßmuskel
(M. glutaeus maximus)
bei der Frau als schmaler
Hautbereich zwischen Scheide Beckenboden der Frau. Abb. 6.6
(Vagina) und Anus und beim
Mann als viel breiterer Be-
reich zwischen dem dorsalen
Ansatz des Hodensackes
(Scrotum) und dem Anus.
Penis

P Auf den Damm wirken Hodensack
während der Geburt starke (Scrotum)
Kräfte, sodass es zu Ver- Dammmuskeln
letzungen vor allem des (Mm. transversus perinei)

Afterhebers (M. levator ani) Damm


(Perineum)
kommen kann und später zu äußerer willkürlicher
Beckenbodenschwäche mit Afterschließmuskel
den möglichen Folgen eines (M. sphincter ani externus)
Gebärmutter- oder Mast- After
darmvorfalls (Prolapsus (Anus)

uteri, Prolapsus recti). Um Afterheber


(M. levator ani)
dem vorzubeugen, wird bei großer
Erstgebärenden und Früh- Gesäßmuskel
geburten bei Bedarf ein (M. glutaeus maximus)
Dammschnitt (= Episio-
tomie) durchgeführt. Beckenboden des Mannes. Abb. 6.7
Aufgaben der
Beckenbodenmuskeln
• Schließen den Beckenbodenraum ab und Beckenraum.
tragen die inneren Organe. • Wirken beim Verschluss von Harnröhre und
• Wirken bei der Bauchpresse und beim Husten After mit. Teile der Beckenbodenmuskulatur
mit. bilden die äußeren willkürlichen Schließmus-
• Sind Teil des Geburtskanals. keln von Harnröhre und After.
• Sichern die Lage der Beckenorgane im • Wirken bei der Verengung der Scheide mit.
142 6 Leibeswand und Beckenboden

Fragen zur Wiederholung

1. Beschreiben Sie den Aufbau der Brustwand.


2. Benennen Sie die wichtigsten Brustmuskeln (mithilfe der Abbildung 6.1, S. 137) und er
klären Sie ihre Aufgaben.
3. Welche Bauchwandabschnitte sind zu unterscheiden, und woraus bestehen sie?
4. Nennen Sie in der richtigen Reihenfolge die Schichten der vorderen Bauchwand.
5. Bestimmen Sie in den Abbildungen 69/S. 102, 6.3/S. 140 und 6.5/S. 142 die Bauch-
muskeln und nennen Sie ihre Aufgaben.
6. Was verstehen Sie unter Rektusscheide? – Begründen Sie ihre Notwendigkeit.
7. Was gehört zur Leistenregion?
8. Wo verlaufen
a) Leistenband und
b) Leistenkanal?
9. Was befindet sich
a) im männlichen und
b) im weiblichen Leistenkanal?
10. Was bedeutet „Descensus testis“?
11. Nennen Sie Schwachstellen der Bauchwand und bestimmen Sie diese in der Abb. 6.3,
S. 138 bzw. 6.5, S. 140.
12. Beschreiben Sie den Aufbau des Beckenbodens.
Welche Organe treten in welcher Reihenfolge hindurch?
13. Was versteht man unter dem Damm? – Beschreiben Sie seine Lage.
14. Nennen und vergleichen Sie die Funktionen von Zwischenrippen-, Bauch-, Rücken- und
Beckenbodenmuskeln.
143

7 Die großen Körperhöhlen

Der von der Leibeswand umschlossene Innen- 7.1 Brusthöhle (Cavitas thoracis)
raum ist die Leibeshöhle. Diese wird durch das
Zwerchfell scharf in Brust- und Bauchhöhle Die Brusthöhle liegt innerhalb des Brustkorbes
getrennt. Im Allgemeinen ist es jedoch üblich, und beherbergt die Brustorgane. Sie wird von
von drei großen Körperhöhlen zu sprechen: außen wie folgt begrenzt:
– der Brusthöhle, • vorn: Brustbein, Rippen,
– der Bauchhöhle und • seitlich: Rippen,
– der Beckenhöhle (kleines Becken). • hinten: Rippen und Brustwirbelsäule,
Zwischen Bauch- und Beckenhöhle gibt es keine • unten: Zwerchfell,
scharfe Grenze. Letztere ist anatomisch gesehen • oben: obere Thoraxöffnung.
ein Teil der Bauchhöhle.
Gliederung und Lage der Brustorgane
Zwerchfell (Diaphragma, ✑ Abb. 11.12, S. 223) Die Brusthöhle wird durch einen Bindegewebs-
Das Zwerchfell trennt als doppelkupplige mus- raum, Mediastinum (Mittelfellraum), in die rech-
kulös-sehnige Platte die Brusthöhle von der te und linke Pleura unterteilt. Jede Pleura enthält
Bauchhöhle. Es gliedert sich in einen sehnigen eine Lunge (✑ S. 223). Im Mediastinum liegt als
Teil (Centrum tendineum) und in drei muskulö- 3. Höhle der Herzbeutel (Perikard) mit dem
se Teile (Brustbein-, Rippen- und Lendenteil). Herzen.
Der sehnige Teil liegt zentral und bildet die rech-
te etwas höher stehende und linke Zwerchfell- Mittelfellraum (Mediastinum)
kuppel mit dem dazwischen liegenden Herzsat- Das Mediastinum ist der mittlere Brustraum. Es
tel. Alles zusammen bildet den horizontalen Teil erstreckt sich vom Sternum bis zu den Brust-
des Zwerchfelles. wirbelkörpern und wird seitlich von den Pleu-
rahöhlen begrenzt. Caudal endet es am Zwerch-
Die Zwerchfellmuskeln entspringen peripher an fell und cranial geht es ohne scharfe Grenze in
der Innenfläche des Schwertfortsatzes und der den Bindegewebsraum des Halses über.
7. – 12. Rippe sowie am 1. – 3. Lendenwirbel
und verlaufen nach oben zum Centrum tendine- Merke
um. Dadurch stülpt sich das Zwerchfell weit in Das Mediastinum ist in erster Linie eine
den Brustraum hinein, und die ihm anliegenden Durchgangsregion für die Luft- und Speise-
Bauchorgane (Leber, Magen, Milz, Nebennieren, röhre sowie Nerven, Blut- und Lymphgefäße.
Nieren) müssen den Auf- und Abbewegungen Es enthält 2 größere Organe: das Herz und
bei der Atmung folgen. Folgende Durchtritt- den Thymus (bildet sich nach der Pubertät
stellen sind wichtig (✑ Abb. 12.7, S. 240): zum thymischen Fettkörper zurück).
– Aortenschlitz (Hiatus aorticus) im Lenden-
teil für die Aorta und den Milchbrustgang
(Ductus thoracicus), Gliederung und Organe
– Speiseröhrenöffnung (Hiatus oesophageus) Das Mediastinum gliedert man in:
im Lendenteil für Speiseröhre und Vagus- Oberes Mediastinum – zwischen Luftröhren-
nerven, gabel (Bifurcatio tracheae) und Hals.
– Hohlvenenöffnung (Foramen venae cavae) Organe:
im Centrum tendineum für die V. cava inferior. • Thymus,
• große Venen (V. cava superior, Vv. brachio-

P Bei Zwerchfellbrüchen (Hiatushernien) tre- cephalicae),
ten Magen- und Darmteile in den Brustraum. • große Arterien (Truncus pulmonalis, Aorten-
bogen mit seinen Abgängen),
144 7 Die großen Körperhöhlen

• Vagusnerven, Zwischen dem Peritoneum parietale und viscera-


• Endabschnitt der Luftröhre, le können sich die Organe verschieben.
• Lymphknoten,
• Teil der Speiseröhre. ❑
P Entzündungen des Bauchfells (Peritonitis)
Unteres Mediastinum – zwischen Bifucatio sind sehr schmerzhaft, weil sie die Gleitfunk-
tracheae und Zwerchfell. Es wird weiter unter- tion beeinträchtigen.
teilt in
• vorderes Mediastinum: zwischen Brustbein und
Herzbeutel (= schmaler bindegewebiger Spalt), Um die einzelnen Organe verschiebbar mitein-
• mittleres Mediastinum: es enthält das Herz mit ander zu verbinden und zu fixieren, bildet das
dem Herzbeutel sowie den Zwerchfellnerv Bauchfell Falten, Taschen, Nischen und Auf-
(N. phrenicus), hängebänder.
• hinteres Mediastinum: es enthält die Speise-
röhre und zahlreiche Leitungsbahnen (u. a. 1. Bauchfellduplikaturen
Vagusnerven, Brustaorta, Brustlymphgang). Das sind dünne Bindegewebsplatten mit Blut-
gefäßen, die mit Bauchfell überzogen sind. Sie
verbinden Leber, Magen, Milz und quer verlau-
7.2 Bauchhöhle fenden Dickdarm untereinander und mit der
(Cavitas abdominalis) Bauchwand.
– Das kleine Netz (Omentum minus) verbindet
Als Bauchhöhle wird der Hohlraum bezeichnet, Magen, Duodenum und Leberpforte.
in dem sich die Bauch- und Beckenorgane be- – Das große Netz (Omentum majus) ist am quer
finden. verlaufenden Dickdarm und der großen
Sie wird folgendermaßen begrenzt: Magenkrümmung befestigt und bedeckt
• vorn: vordere Bauchwand, Rippenbögen, schürzenartig die im Unterbauch liegenden
• seitlich: seitliche Bauchwand, Rippenbögen, Darmabschnitte. Es erfüllt Abwehr-, Resorp-
Darmbeinschaufeln, tions- und Speicherfunktion.
• hinten: Lendenwirbelsäule, hintere Bauch-
wand,
• unten: Beckeneingangsebene (keine schar-
fe Grenze), Magen
• oben: Zwerchfell. (Gaster)
kleines Netz
(Omentum minus)
Die Bauchhöhle ragt weit in den knöchernen
Thorax hinein, sodass die Leber unter dem rech- Leber
(Hepar)
ten und der Magen unter dem linken Rippen- Zwölffingerdarm
bogen liegen. (Duodenum)

7.2.1 Bauchfell (Peritoneum, ✑ Abb. 7.3)


Teil des
Das Bauchfell mit einer Gesamtoberfläche von Mesenteriums mit
ca. 1,6 m2 bildet die innere Begrenzung der Blutgefäßen und
Bauchhöhle. Als seröse Höhle (✑ S. 86) gliedert Lymphknoten
sie sich in: Dünndarm
– wandständiges Bauchfell (Peritoneum parieta- (Intestinum tenue)
le), welches Bauch- und Beckenwand sowie Lymphknoten
die Unterseite des Zwerchfelles bedeckt;
– eingeweideseitiges Bauchfell (Peritoneum
viscerale), welches einen großen Teil der Kleines Netz (Omentum minus),
Bauch- und Beckenorgane umhüllt. von dorsal. Abb. 7.1
7.2 Bauchhöhle (Cavitas abdominalis) 145

2. Bauchfelltaschen
Zu den Bauchfelltaschen gehören großes Netz
– der Netzbeutel (Bursa omenta- (nach oben gelegt)
lis) hinter Magen und kleinem quer verlaufender
Netz; einziger Zugang ist das Grimmdarm
(Colon transversum)
Foramen omentale unten rechts,
– die Excavatio rectouterina absteigender
Grimmdarm
(= Douglas’scher Raum) als der (Colon descendens)
tiefste Punkt des Bauchfells Dünndarmgekröse
zwischen Mastdarm und Ge- (Mesenterium)
bärmutter bei der Frau, Dünndarm
(Intestinum tenue)
– die Excavatio vesicouterina
s-förmiger
zwischen Gebärmutter und Grimmdarm
Harnblase (Frau), (Colon sigmoideum)
– die Excavatio rectovesicalis
zwischen Mastdarm und Harn-
blase (Mann).
Dünndarmgekröse (Mesenterium). Abb. 7.2

P In den Bauchfelltaschen
kann sich bei Entzündungen
und inneren Blutungen Eiter
bzw. Blut ansammeln (z. B. Leber Zwerchfell
(Hepar) (Diaphragma)
bei Douglas-Abszessen).
kleines Netz
3. Gekröse (Omentum minus)
Gekröse sind Bauchfellduplika- Netzbeutel
turen, die durch das Umschlagen (Bursa omentalis)
des Peritoneum parietale von der Bauchspeicheldrüse
(Pankreas)
Körperhöhlenwand auf das Organ
Magen
entstehen. Sie werden mit „Mes“ (Gaster)
plus dem Fachnamen des Organs Gekrösewurzel
bezeichnet, z. B. (Radix mesenterii)
Magen: Mesogastricum, quer verlaufender
Dickdarm: Mesocolon, Grimmdarm
(Colon transversum)
Dünndarm: Mesenterium,
Peritoneum
Eileiter: Mesosalpinx. parietale
Dünndarmgekröse
Merke (Mesenterium)
Die Gekröse haben 2 Haupt- großes Netz
(Omentum majus)
aufgaben:
• Sie enthalten die Blut- und Gebärmutter
(Uterus)
Lymphgefäße sowie vege- Douglas’scher
tative Nerven zur Versor- Raum
gung des Organs. (Excavatio rectouterina)
• Sie dienen der Fixierung Harnblase
bzw. Aufhängung der sack- (Vesica urinaria)
artig umhüllten Organe. Excavatio Scheide Mastdarm
vesicouterina (Vagina) (Rektum)

Medianschnitt durch den weiblichen Bauchraum


mit Verlauf des Bauchfells (grün). Abb. 7.3
146 7 Die großen Körperhöhlen

7.2.2 Lage der Bauchorgane Extraperitoneale Lage


Die Organe haben keine Beziehung zum Perito-
Die Lage der Bauchorgane lässt sich einerseits neum.
durch ihre Beziehung zum Peritoneum und ande- Beispiele:
rerseits aus räumlichen Gesichtspunkten be- Vorsteherdrüse, Samenblasen.
schreiben.
Nach räumlichen Gesichtspunkten wird die
Je nachdem, ob das Organ innerhalb oder außer- Bauchhöhle durch den quer verlaufenden Dick-
halb des Peritoneums liegt, unterscheidet man: darm in Ober- oder Drüsenbauch und Unter-
oder Darmbauch gegliedert.
Intraperitoneale Lage
Die Organe sind vom Peritoneum bis auf ihre Der Raum zwischen Peritoneum parietale und
Mesos umhüllt und somit gut gegeneinander hinterer Bauchwand wird als Retroperitoneal-
verschiebbar. raum bezeichnet. Die Beckenhöhle liegt als
Beispiel: Teil der Bauchhöhle unterhalb der Beckenein-
Leber, Magen, Milz, Darm (ausgenommen: gangsebene und erstreckt sich bis zum Becken-
Duodenum, Colon ascendens und descendens, ausgang.
Rektum), Uteruskörper, Eileiter und Eierstöcke.
Oberbauch (= Drüsenbauch)
Retroperitoneale Lage Die Oberbauchorgane liegen oberhalb des quer
Die Organe sind nur auf einer Seite vom Perito- verlaufenden Dickdarms (✑ Tab. 7.1).
neum bedeckt, d. h., sie liegen zwischen Perito-
neum und hinterer Bauchwand im Retroperito- Unterbauch (= Darmbauch)
nealraum. Die Organe des Unterbauches liegen unterhalb
Beispiele: des quer verlaufenden Dickdarms. Zu ihnen
Nieren, Harnblase, Bauchspeicheldrüse, Duo- gehören der Leerdarm (Jejunum), der Krumm-
denum, Colon ascendens und descendens. darm (Ileum) und der größte Teil des Dickdarmes.

linke
Rippenbogenregion
(Regio hypochondriaca sinistra)
rechte Magengrube
Rippenbogenregion (Regio epigastrica)
(Regio hypochondriaca dextra)
linke Lendenregion
(Regio lateralis sinistra)
rechte Lendenregion
(Regio lateralis dextra) Nabel
(Umbilicus)
Nabelregion
(Regio umbilicalis)
linke Leisten- oder
rechte Leisten- oder Darmbeinregion
Darmbeinregion (Regio inguinalis sinistra)
(Regio inguinalis dextra)
Schambeinregion
(Regio pubica)

Abb. 7.4 Regionen der vorderen und seitlichen Bauchwand.


7.2 Bauchhöhle (Cavitas abdominalis) 147

Lage der Bauchorgane. Tab. 7.1


Oberbauchorgane Lage
Magen (Ventriculus, Gaster) 3/4 unter dem linken Rippenbogen,
1/4 in der Magengrube (Regio epigastrica)
Zwölffingerdarm (Duodenum) oberhalb der Nabelgegend
Bauchspeicheldrüse (Pankreas) zwischen Magen- und Nabelgegend
Milz (Lien) linke Rippenbogengegend (durch Magen und Darm verdeckt)
Leber (Hepar) rechte Rippenbogengegend (rechter Lappen) und
in der Magengrube (linker Lappen)


P Unter einem „akuten Bauch“, wie er in der
Klinik genannt wird, werden akute und oft
Leber
lebensbedrohliche Erkrankungen der Bauch- (Hepar)
höhle verstanden, die umgehend ärztliches Magen
Eingreifen erfordern. Als Ursachen kommen (Gaster)
z. B. infrage: Darmverschluss (Ileus), Blutun-
Grimmdarm
gen, Organperforationen und Infektionen. (Colon)
Leerdarm
Typische Leitsymptome sind (Jejunum)
– harte Bauchdecke,
– starke Schmerzen,
– Übelkeit, Erbrechen, Krummdarm
– evtl. Fieber. (Ileum)

Retroperitonealraum
Der Retroperitonealraum liegt zwischen Perito-
neum parietale und hinterer Bauchwand. Nach
caudal reicht er bis zum Beckeneingang. Er ist Intraperitoneale Organe. Abb. 7.5
wie das Mediastinum, die seitliche Halsgegend
und die Achselhöhlen eine wichtige Durchgangs-
und Verteilungsregion für Gefäße und Nerven.
Bauch-
Seine Begrenzungen sind speicheldrüse
(Pankreas)
• vorn: Peritoneum parietale, Niere
• hinten: hintere Bauchwand, (Ren)
• oben: Zwerchfell, Zwölffinger-
• unten: Beckeneingang. darm
(Duodenum)

Organe untere
Hohlvene
Der Retroperitonealraum beherbergt folgende (V. cava inferior)
Organe: Bauchaorta
– Nieren (Renes) zwischen 12. Brust- und 3. Len- (Pars abdominalis
denwirbel beidseits der Lendenwirbelsäule; aortae)

– Harnleiter (Ureter) links und rechts der Len- Harnleiter


(Ureter)
denwirbelsäule; Harnblase
– Nebennieren (Glandulae suprarenales) auf den (Vesica urinaria)
oberen Nierenpolen;
– Bauchaorta (Pars abdominalis aortae) links Organe im Retroperitonealraum. Abb. 7.6
von der Lendenwirbelsäule;
148 7 Die großen Körperhöhlen

– untere Hohlvene (V. cava inferior) rechts der 7.3 Beckenhöhle


Lendenwirbelsäule;
– Lymphstämme beidseits der Bauchaorta; Der Raum im kleinen Becken wird als Becken-
– Lymphknotengruppen längs der großen Ge- höhle bezeichnet. Sie liegt zwischen Beckenein-
fäße und gangsebene und Beckenboden.
– Nervengeflechte vom Hiatus aortae bis zur
Aortengabel. Begrenzung
• seitlich und vorn: Hüftbeine,
Merke • hinten: Kreuz- und Steißbein,
Retroperitonealraum und Mediastinum sind • unten: Beckenboden,
wichtige Durchgangs- und Verzweigungs- • oben: Beckeneingangsebene.
regionen für Gefäße und Nerven.
Organe (= Beckenorgane)
Mann/Frau: Harnblase (hinter Symphyse), Mast-
darm (vor Kreuz- und Steißbein),
Frau: Eierstöcke, Eileiter, Gebärmutter,
Scheide,
Mann: Samenleiter, Samenblasen, Vor-
steherdrüse.

Fragen zur Wiederholung

1. Welche Körperhöhlen werden von der Leibeswand umschlossen?


2. Wie heißt die Grenze zwischen Brust- und Bauchhöhle?
3. Wie wird die Brusthöhle begrenzt?
4. Nehmen Sie eine Gliederung der Brusthöhle vor, und ordnen Sie die entsprechenden
Organe zu.
5. Was verstehen Sie unter dem Mediastinum? Wie wird es gegliedert?
6. Wie wird die Bauchhöhle begrenzt?
7. Beschreiben Sie Bau, Verlauf und Aufgaben des Bauchfells.
Nennen Sie die wichtigen Bildungen des Bauchfells und deren Bedeutung.
8. Wo befindet sich der Douglas’sche Raum und welche Bedeutung hat er?
9. Was verstehen Sie unter dem Mesenterium?
10. Was ist der Retroperitonealraum?
Wo liegt er?
11. Nennen und erläutern Sie die Lagebeziehung der Organe zum Bauchfell.
12. Wie wird die Beckenhöhle begrenzt?
13. Nehmen Sie eine Gliederung in Oberbauch-, Unterbauch- und Beckenorgane vor.
14. Auf welche Regionen der vorderen Bauchwand projizieren sich die Bauch- und Becken-
organe? – Fertigen Sie eine Skizze an.
149

8 Hals (Collum)

Der Hals (Collum) verbindet den Kopf mit dem – Trapezmuskel (M. trapezius) als oberflächli-
Rumpf. Er gewährleistet die relativ freie Be- cher Halsmuskel.
weglichkeit des Kopfes als eine wichtige Vor-
aussetzung für die Orientierung im Raum. Unter dem M. trapezius liegt eine Vielzahl tiefer
Halsmuskeln, die teilweise auf den Kopf bzw.
Rumpf übergehen.
8.1 Bau (✑ Abb. 8.1) Speise- und Luftröhre bilden die Grenze zwi-
schen vorderen und hinteren Halsmuskeln. Zu
Der Hals besteht aus der dorsal gelegenen, sehr den vorderen Halsmuskeln zählen z. B. der
gut beweglichen Halswirbelsäule, den Hals- flächige Hautmuskel (Platysma), der Kopfwen-
muskeln, den Halseingeweiden mit Luftröhre demuskel (M. sternocleidomastoideus) und der
(✑ S. 219), Speiseröhre (✑ S. 239), Rachen Schlüsselbein-Zungenbein-Muskel (M. sterno-
(✑ S. 214), Kehlkopf (✑ S. 216), Schilddrüse hyoideus). Zu den hinteren Halsmuskeln ge-
und Nebenschilddrüsen (✑ S. 301) sowie den hören u. a. die Gruppe der Treppenmuskeln (Mm.
beiden Gefäß-Nerven-Strängen. scaleni), die auch als Atemhilfsmuskeln fungie-
ren, und der Trapezmuskel (M. trapezius).
Am Hals sind folgende Teile äußerlich zu erken-
nen bzw. zu tasten: Die Halsmuskeln ermöglichen
• Vordere Halsgegend – Hautbewegungen (Hauthalsmuskel),
– Zungenbein (Os hyoideum) = – Hals- und Kopfbewegungen
einziger Knochen ohne Verbindung mit einem (Kopfwender, Treppenmuskeln),
anderen Knochen, – Kauen und Schlucken,
– Drosselgrube (über dem Manubrium sterni), – Kehlkopfbewegungen.
– Schildknorpel („Adamsapfel“),
– Ringknorpel,
– Schilddrüse, 8.2 Leitungsbahnen
– Hauthalsmuskel (Platysma), eine breite, dünne
Muskelplatte, die die Gesichtshaut mit der 1. Arterien (✑ Abb. 9.28, S. 182)
oberen Brusthaut verbindet und die Haut des Vom Aortenbogen kommend durchqueren links
Halses spannt. und rechts zwei große Arterien den Hals.
– Die rechte und linke gemeinsame Halsarterie
• Seitliche Halsgegend (A. carotis communis dextra und sinistra),
– Halsschlagader-Dreieck (Trigonum caroticum) welche sich jeweils in eine innere und äußere
→ Puls der A. carotis communis, Kopfarterie (A. carotis interna und externa)
– Kopfwendemuskel (M. sternocleidomastoideus), teilen, und
– äußere Drosselvene (V. jugularis externa). – die rechte und linke Schlüsselbeinarterie
(A. subclavia dextra und sinistra).

P Die V. jugularis externa ist für intravenöse Beachte: Hals- und Schlüsselbeinarterie ent-
Injektionen gut geeignet. springen links getrennt aus dem Aortenbogen,
Alle Hautvenen stehen unter dem Sog des Brust- rechts mit einem gemeinsamen Stamm, dem
raumes, sodass bei ihrer Öffnung die Gefahr Truncus brachiocephalicus.
der Luftembolie besteht. Die rechte und linke Wirbelarterie (A. vertebra-
lis) entspringen aus der rechten bzw. linken
• Hintere Halsgegend (= Nackengegend) Schlüsselbeinarterie, verlaufen in den Querfort-
– Dornfortsätze der Halswirbel, wichtig: satzlöchern der Halswirbel und gelangen durch
C7 als Tastpunkt (Zählwirbel ✑ S. 105), das große Hinterhauptloch in die Schädelhöhle.
150 8 Hals (Collum)


P Bei degenerativen Veränderungen der Hals- Merke
wirbelsäule mit Einengung der Querfortsatz- Der Hals ist neben Achselhöhle und Leisten-
löcher können infolge Minderdurchblutung gegend eine weitere wichtige Lymphknoten-
des Innenohres Gleichgewichts- (Schwindel) station.
und Hörstörungen auftreten.

Bei Schlag gegen den Hals oder überempfind- Die Halslymphknoten werden in oberflächliche
lichem Karotissinus1) kann es durch Reizung und tiefe unterteilt. Aus den tiefen Halslymph-
der Pressorezeptoren zu plötzlichem Blut- knoten gelangt die Lymphe rechts in den Ductus
druckabfall mit Ohnmachtsanfall (Synkopen) lymphaticus dexter und links in den Ductus
kommen. thoracicus.

In der Wand der A. carotis communis befinden 4. Nerven


sich zwei Stellen mit Sinneszellen. Für Nerven ist der Hals ebenfalls Durchgangs-
• Sinus caroticus (Karotissinus) mit Presso- und Verteilerregion. Sie bilden mit den Gefäßen
rezeptoren zur Blutdruckerfassung (= kleine den Gefäß-Nerven-Strang, bestehend aus
Erweiterung nahe der Teilungsstelle in A. caro- A. carotis communis, V. jugularis interna und
tis interna und externa). N. vagus.
• Glomus caroticum mit Chemorezeptoren zur
Messung von pO2, pCO2, pH-Wert (Körper- Im Hals liegen:
chen im Teilungswinkel der A. carotis com- – 4 Hirnnervenpaare (Hirnnerven IX bis XII,
munis). ✑ S. 356 – 357 und Abb. 17.20, S. 355),
– Halsnervengeflecht (✑ S. 357),
2. Venen – Armnervengeflecht (✑ S. 357),
Außer den Hautvenen durchziehen den Hals als – Halssympathicus (liegt hinter dem Gefäß-
Begleitvenen der großen Arterien die V. subcla- Nerven-Strang; ✑ S. 365).
via und V. jugularis interna (gehört zu den
stärksten Venen des Menschen). Beide Venen
bilden die sog. Venenwinkel, in die die Lymph-
stämme einmünden (✑ Abb. 9.37, S. 189).


P V. subclavia und V. jugularis interna eignen
sich sehr gut für intravenöse Infusionen (zent-
raler Venenkatheter), da es kaum Strömungs-
hindernisse gibt, der Weg zum Herzen nur kurz
und ein Katheter hier gut verschiebbar ist.

3. Lymphgefäße und Lymphknoten (✑ Abb.


9.37, S. 189)
Im Hals treffen die Lymphbahnen von Kopf,
Hals und Rücken sowie der Arme und Brust-
wand zusammen. Deshalb sind der vordere und
seitliche Halsbereich regelrecht mit Lymph-
knoten durchsetzt.

1) Erweiterung der A. carotis communis an ihrer Teilungsstelle


8.2 Leitungsbahnen 151

Zungenbein
(Os hyoideum)
Hauthalsmuskel Schildknorpel
(Platysma)
Ringknorpel
linke gemeinsame
Halsarterie
(A. carotis communis
Luftröhre sinistra)
(Trachea) mittlerer
rechte gemeinsame Treppenmuskel
Halsarterie (M. scalenus medius)
(A. carotis communis dextra) Armgeflecht
rechte Wirbelarterie (Plexus brachialis)
(A. vertebralis dextra) linke
innere Drosselvene Schlüsselbeinarterie
(V. jugularis interna) (A. subclavia sinistra)

äußere Drosselvene linke


(V. jugularis externa) Schlüsselbeinvene
(V. subclavia)
rechte
Schlüsselbeinvene vorderer
(V. subclavia) Treppenmuskel
(M. scalenus anterior)
obere Hohlvene
(V. cava superior) 1. Rippe
Arm-Kopf-Vene
(V. brachiocephalica)

zweibäuchiger
Muskel
Griffel-Zungenbein- (M. digastricus)
muskel Trapezmuskel
(M. stylohyoideus) (M. trapezius)
Zungenbein hinterer
(Os hyoideum)
Treppenmuskel
Schlüsselbein- (M. scalenus posterior)
Zungenbein-Muskel mittlerer
(M. sternohyoideus)
Treppenmuskel
Kopfwendemuskel (M. scalenus medius)
(M. sternocleidomastoideus)
vorderer
Gefäß- und Treppenmuskel
Nervenlücke (M. scalenus anterior)
(Hiatus scaleni)

Hals (Gefäße, Muskeln). Abb. 8.1


152 8 Hals (Collum)

Fragen zur Wiederholung

1. Welche Teile sind am Hals äußerlich zu erkennen?


Ertasten Sie diese an sich selbst.
2. Was gehört zum Gefäß-Nerven-Strang des Halses?
3. Welche praktische Bedeutung haben V. jugularis externa und V. subclavia?
4. Was versteht man unter den Venenwinkeln?
5. Begründen Sie, warum viele Bestandteile des Halses übergreifende Aufgaben haben.
6. Wo kann man den Puls zuverlässig tasten?
153

9 Kreislaufsystem

Das Herz-Kreislaufsystem, auch kardiovaskulä- 9.2 Das Blut


res System genannt, ist als Einheit von drei
Systemen aufzufassen: dem Blut als Transport- Menge und Zusammensetzung
mittel, dem Herzen als Pumpe und den Gefäßen Das Blut ist ein flüssiges Gewebe und besteht zu
(Arterien, Venen, Lymphgefäße, Kapillaren) als ca. 45 % aus Blutkörperchen (= Blutzellen, ge-
Leitungsröhren bzw. Stätten des Stoffaus- formte Bestandteile) und zu ca. 55 % aus Blut-
tausches. plasma (= gelbliche, klare Flüssigkeit).
Der Erwachsene besitzt 4 – 6 Liter Blut, das ent-
Merke spricht 6 – 8 Prozent der Körpermasse.
Durch das Kreislaufsystem werden alle
• rote Blutzellen
Organe des Organismus miteinander ver- Blutzellen (45 %; (Erythrozyten)
bunden. Blutkörperchen, • weiße Blutzellen
feste Bestandteile) (Leukozyten)
Blut • Blutplättchen
(Thrombozyten)
9.1 Aufgaben (Überblick)
Blutplasma (55 %; • Blutwasser
Das Kreislaufsystem hat folgende Funktionen: flüssiger • Plasmaeiweiße
1. Transportfunktion Bestandteil) • Plasmaelektrolyte
– Versorgung der Zellen mit lebensnotwendi-
gen Stoffen (z. B. Sauerstoff, Kohlenhydrate,
Fette, Eiweiße, Vitamine, Wasser, Mineralien),
– Entsorgung der Zellen von Stoffwechsel- 9.2.1 Blutzellen (Blutkörperchen)
endprodukten (z. B. CO2, Harnstoff).
2. Koordinationsfunktion Blut enthält beim Mann 46 % und bei der Frau
– Transport von Botenstoffen (z. B. Hormonen) 41 % Blutkörperchen. Dieser Wert wird Häma-
vom Bildungs- zum Wirkungsort. tokrit (Hk) genannt (= Volumenanteil der Blut-
3. Temperaturregulation zellen am Gesamtblutvolumen).
– Wärmetransport von den stoffwechselakti-
ven Organen (z. B. der Leber) zur Haut. 1 mm3 Blut des Gesunden enthält:
4. Blutverteilung • 4,5 – 5 Mio. rote Blutkörperchen
– Bedarfsgerechte Verteilung des vorhande- (Erythrozyten),
nen Blutvolumens auf die einzelnen Kreislauf- • 4.000 – 10.000 weiße Blut-
abschnitte. körperchen (Leukozyten).
Davon sind
5. Vermittlung des Stoffaustausches ca. 67 % Granulozyten,
– Vermittlung des Stoffaustausches zwischen ca. 27 % Lymphozyten,
Zelle und Umwelt und der damit verbundenen ca. 6 % Monozyten und
Homöostase des inneren Milieus (✑ S. 28). • 150.000 – 300.000 Blutplättchen
6. Schutzfunktion (Thrombozyten).
– Blutstillung zur Vermeidung von Infektionen
und Blutverlusten. 5% 1%
7. Abwehrfunktion 94 %
– Abwehr von Krankheitserregern.

Prozentualer Anteil der Blutzellen. Abb. 9.1


154 9 Kreislaufsystem

Bildung und Abbau ❑


P Bei Anämien sind Erythrozytenzahl, Hämo-
Die Blutzellen werden im roten Knochenmark globinkonzentration und/oder Hämatokrit ver-
gebildet (beim Fetus zunächst in Milz, Leber, mindert.
Mesenchym und Knochenmark).
Aus den dort befindlichen Stammzellen ent-
wickeln sich über verschiedene Zwischenstufen
die reifen Zellen, wie wir sie im strömenden Blut
vorfinden. Der Abbau erfolgt vor allem in der
Leber und Milz.
Draufsicht

Stammzellen der
Erythrozyten
Querschnitt
Stammzellen der
Granulozyten
Rote Blutzellen (Erythrozyten). Abb. 9.3
Retikulumzelle

Knochenmark- Die Lebensdauer der Erythrozyten beträgt 100


riesenzellen
(Megakaryozyten) Knochen- bis 120 Tage. Mit zunehmendem Alter nimmt
bälkchen ihre Elastizität ab. Sie werden dann in Leber,
Milz und Knochenmark abgebaut. In nur
1 Sekunde müssen 2.400 Erythrozyten neu
Abb. 9.2 Rotes Knochenmark. gebildet werden. Ihre Hauptfunktion ist der
Sauerstofftransport.

Weiße Blutzellen (Leukozyten)


Rote Blutzellen (Erythrozyten) Die Leukozyten erfüllen hauptsächlich Abwehr-
Die roten Blutzellen sind bikonkave Scheiben aufgaben. Ihre Zahl im Blut wechselt in Abhän-
(d = 7,5 m), die von einer hauchdünnen Zell- gigkeit von der Tageszeit und dem Funktions-
membran begrenzt werden. Dadurch ist eine Ober- zustand des Organismus sehr stark.
flächenvergrößerung und eine bessere Verform- Im Blut befinden sich ca. 5 % der Leukozyten,
barkeit gegeben. Durch die Verformung in den 95 % sind auf die übrigen Gewebe verteilt. Ein
engen Kapillaren wird wiederum die O2-Abgabe großer Teil hält sich im Knochenmark (ca. 33 %)
erleichtert. Es fehlen Zellkern und Zellorga- und in den lymphatischen Organen (Thymus,
nellen. Der Erwachsene besitzt etwa 30.000 Milz, Lymphknoten, Mandeln) auf.
Milliarden rote Blutzellen. Diese bestehen zu ca. Die kernhaltigen Leukozyten sind vielgestaltige
1/3 aus Hämoglobin (= roter Blutfarbstoff) zur Zellen. Ihre Lebensdauer beträgt wenige Stun-
reversiblen O2-Bindung, enthalten Enzyme, z. B. den (Granulozyten) bis Jahre (Lymphozyten;
Karboanhydrase, und sind Träger von Blut- ✑ auch Kap. 9.3.4, S. 158).
gruppensubstanzen (= hochmolekulare Verbin-
dungen aus Aminosäuren und Kohlenhydraten).
Hämoglobingehalt des Blutes: ❑
P Bei bestimmten Erkrankungen kommt es zu
• Frauen: 7,45 – 10,1 mmol/l = 12 – 16 g/dl, einem deutlichen Anstieg (= Leukozytose)
• Männer: 8,70 – 11,2 mmol/l = 13 – 18 g/dl. bzw. einer Verminderung (= Leukopenie) der
Leukozyten. Das Differentialblutbild gibt
Wegen der fehlenden Zellorganellen können sich die Häufigkeit der einzelnen Leukozyten-
Erythrozyten nicht teilen und nur anaerob formen an. Das Verteilungsmuster lässt Rück-
Energie freisetzen. schlüsse auf Diagnose und Verlauf von Krank-
heiten zu.
9.2 Das Blut 155

Leukozyten

Monozyten Granulozyten Lymphozyten

großer Lymphozyt
eosinophiler basophiler

neutrophiler

kleiner Lymphozyt
stabkerniger segment-
kerniger

Weißes Blutbild. Abb. 9.4

Blutplättchen (Thrombozyten) • endoplasmatisches Retikulum,


Die kernlosen Thrombozyten (d = 2 – 4 µm) Serotoninspeichergranula und Enzyme zur
gehen aus dem Zytoplasma der Knochenmark- Blutstillung,
riesenzellen (Megakaryozyten) des roten • Mikrotubuli zur Stabilisierung ihrer Form,
Knochenmarks hervor. Sie verbleiben 7 bis 14 • Aktomyosinsystem zur Kontraktilität und da-
Tage im Blut und werden dann meist in der Milz mit Haftung am Endothel.
abgebaut.
Die Thrombozyten enthalten zahlreiche Zell- Die Thrombozyten sind maßgeblich an der Blut-
organellen, z. B.: stillung beteiligt.
• Mitochondrien,

großer Lymphozyt
basophiler Granulozyt
kleiner Lymphozyt
Thrombozyten
Erythrozyt

eosinophiler Granulozyt segmentkerniger,


neutrophiler Granulozyt

stabkerniger, Monozyt
neutrophiler Granulozyt

Differentialblutbild unter dem Mikroskop. Abb. 9.5


156 9 Kreislaufsystem

9.2.2 Blutplasma • Nährstoffe


– Glucose als Transportform der Kohlen-
Das Blutplasma ist eine Lösung mit ausgezeich- hydrate,
neten Fließeigenschaften. Es erfüllt überwiegend – freie Fettsäuren als Transportform der Fette,
Transportaufgaben. Die gelbliche Farbe ist vor – freie Aminosäuren als Transportform der Ei-
allem auf den Gehalt von Bilirubin zurückzu- weiße.
führen, ein Abbauprodukt des Hämoglobins. Für • Stoffwechselprodukte wie
die Zusammensetzung sind in erster Linie die – Cholesterol, – Bilirubin, – Fructose,
Leber als Bildungsort der Plasmaeiweiße und die – Milchsäure, – Pyruvat, – Harnstoff,
Niere als Effektorgan zur Regulation des inneren – Harnsäure.
Milieus verantwortlich. • Wirkstoffe wie
– Hormone, – Vitamine,
Zusammensetzung – Enzyme, – Medikamente.
• Wasser (90 %). Der hohe Wasseranteil ermög-
licht z. B. den Transport der mit der Nahrung Merke
im Darm aufgenommenen Nährstoffe, Vitamine
und Salze zu den Körperzellen. Normalwerte im Blutplasma
• Plasmaproteine • Glucose: 3,5 – 5,5 mmol/l
– Albumine (ca. 59 % der Plasmaproteine). Sie = 80 – 100 mg/100 ml
spielen eine wichtige Rolle als Transport- • Cholesterol: 4,7 – 6,5 mmol/l
proteine. So werden z. B. Eisen, Calcium, • Eiweiß: 66 – 87 g/l
Thyroxin und Penicillin an Albumine gebun-
den und im Blut transportiert. Außerdem ❑
P Die quantitative Bestimmung der einzelnen
sind sie wichtig bei der Aufrechterhaltung Komponenten des Blutplasmas ermöglicht
des kolloid-osmotischen Druckes (✑ S. 33). wesentliche Einsichten bei vielen Krankhei-
– Immunglobuline (ca. 40 % der Plasmapro- ten (z. B. Zuckerkrankheit und Schilddrüsen-
teine). Es handelt sich um die wichtigste funktionsstörungen).
Gruppe der Globuline. Man unterscheidet
IgG (sprich Immunglobulin G), IgA, IgM,
IgD, IgE. Die Immunglobuine werden auch als
Antikörper bezeichnet. Sie spielen eine wich- 9.3 Physiologie des Blutes
tige Rolle im Abwehrsystem des Menschen.
– Fibrinogen und Prothrombin sind an der Die Hauptaufgabe des Blutes ist die Vermittlung
Blutgerinnung beteiligt. des Stoffaustausches zwischen Umwelt und
• Plasmaelektrolyte: z. B. Na+, K+, Ca2+, Mg2+, Zelle zur Konstanthaltung des inneren Milieus
Cl-, HPO42- (✑ Kap. 2.1.2, S. 18). (✑ S. 28).

Tab. 9.1 Bestandteile des Blutes (Übersicht).


9.3.1 Transportfunktion
Erythrozyten
Blutzellen Leukozyten Die Transportfunktion ist eine der wichtigsten
Thrombozyten Funktionen des Blutes (✑ auch 11.3.3, S. 229).
Blut Die Aufgaben im Einzelnen sind:
Prothrombin – Transport von Glucose, Fett- und Aminosäu-
Blutplasma Fibrinogen
Blutserum
ren, Vitaminen und Elektrolyten vom Darm in
die einzelnen Organe,
– Sauerstofftransport von der Lunge zu den Zel-
Merke len,
– Transport von Stoffwechselendprodukten (z. B.
Plasmaeiweiße und Plasmaelektrolyte sind die Kohlendioxid, Harnstoff, Harnsäure) zu den
eigentlichen Funktionsstoffe des Blutplasmas. Ausscheidungsorganen Lunge, Niere und Haut,
9.3 Physiologie des Blutes 157

– Transport von Wärme entsprechend des Tem- Nachphase: Fibrinfäden ziehen sich zusam-
peraturgefälles, men (Retraktion), sodass sich die Wundränder
– Transport von Hormonen und anderen Wirk- einander nähern. Gleichzeitig entsteht aus
stoffen vom Bildungs- zum Wirkungsort zur allen geformten Bestandteilen der Blut-
chemischen Steuerung des Organismus und kuchen (= roter Thrombus). Dabei wird Serum
– Transport von Arzneiwirkstoffen. abgepresst.

Merke
9.3.2 Blutstillung (Hämostase)
Die Blutungszeit beträgt 1 bis 3 Minuten, die
Gerinnungszeit 3 bis 5 Minuten.
Die Blutstillung umfasst alle Vorgänge, die zwi-
schen dem Entstehen und dem Verschluss einer Serum ist Plasma minus Fibrinogen.
Wunde ablaufen. Sie erfolgt nur in mittleren und
kleinen Gefäßen. In größeren Gefäßen wird der Phasen der Blutgerinnung bei
entstehende Thrombus (= Blutpfropf) immer wie- kleineren und mittleren Gefäßen. Tab. 9.2
der weggespült.
Gewebeverletzung
Die Blutstillung verläuft in zwei Schritten.
1. Vorläufiger Wundverschluss (primäre Hämo-
stase)
Nach Verletzung eines Gefäßes laufen fol- Vorphase Thromboplastin
(Thrombokinase)
gende Vorgänge ab:
– Thrombozyten lagern sich an der defekten
Stelle an und verkleben. Sie bilden einen
Thrombozytenpfropf (= weißer Thrombus).
1. Phase Prothrombin Thrombin
– Gleichzeitig setzen die Thrombozyten ge-
fäßverengende Stoffe (z. B. Serotonin) frei.
– Außerdem rollt sich die Innenschicht des
verletzten Gefäßes ein. 2. Phase Fibrinogen Fibrin
Die letzten beiden Vorgänge begünstigen die
Verschlussfähigkeit. Daher kann die Blutung
bereits gestillt sein (Blutungszeit), obwohl die
Gerinnung noch nicht abgeschlossen ist Nachphase Blutkuchen
(roter Thrombus)
(Gerinnungszeit).

2. Endgültiger Wundverschluss (= eigentliche Unter dem Schutz des Blutkuchens können sich
Blutgerinnung, sekundäre Hämostase) die zerstörten Gewebe wieder regenerieren. Die
Die Blutgerinnung beginnt etwa zur gleichen Blutgerinnung erfolgt normalerweise nur im
Zeit wie die primäre Hämostase und ist der Wundbereich, weil im strömenden Blut die Kon-
wichtigste Prozess der Blutstillung. zentration der gerinnungsaktiven Stoffe zu nied-
Vorphase: Gewebeverletzung und/oder Ober- rig ist und Antithrombin die Gerinnung stoppt.
flächenkontakt führen zur Bildung von Throm-
boplastin (= Thrombokinase).
1. Phase: Das in der Leber mithilfe von Vit-

P Heparin steigert die Antithrombinwirkung
amin K gebildete inaktive Prothrombin wird und wirkt deshalb gerinnungshemmend. Die
in wenigen Sekunden durch Thromboplastin, extravasale Blutgerinnung bei Blutentnahme
Ca2+ und weitere Faktoren in aktives Throm- wird durch Stoffe verhindert, die die auf
bin überführt. vielen Stufen des Gerinnungsprozesses notwen-
2. Phase: Das Thrombin wandelt das lösliche digen Ca2+-Ionen binden, wie z. B. Lösungen
ebenfalls in der Leber gebildete Fibrinogen in von Na-Citrat.
unlösliches fadenförmiges Fibrin um. Normalerweise gerinnt das Blut in unverletzten
Gefäßen nicht.
158 9 Kreislaufsystem

Nur unter bestimmten Bedingungen (z. B. Ver- 9.3.4 Blut und Immunsystem2)
änderungen der Intima1), verminderte Strö-
mungsgeschwindigkeit des Blutes, abnorme 1. Abwehrmechanismen (Überblick)
Blutzusammensetzung) bilden sich ausnahms- Jeder Organismus ist normalerweise in der
weise Gerinnsel in den Gefäßen. Lage, mithilfe seines Immunsystems körper-
Bewirken können diese Gerinnsel z. B. fremde Stoffe (z. B. Krankheitserreger oder
– Thrombose, – Embolie, andere Schadstoffe) zu erkennen und abzu-
– Herzinfarkt – Schlaganfall. wehren.
Die häufigste Veränderung der Intima der Arte- Zu diesem Zweck besitzt er verschiedene unspe-
rien ist die Arteriosklerose. Sie ist gekenn- zifische und spezifische Abwehrmechanismen,
zeichnet durch unphysiologische Fett- und wobei die Abwehr aus mehreren Stufen besteht
Kalkeinlagerungen. Dies führt zu Elastizitäts- (✑ Tab. 9.4).
verlust und Einengungen, im Extremfall bis
zum völligen Gefäßverschluss (arterielle Ver- Merke
schlusskrankheit). Unspezifische Abwehrmechanismen sind
Trotz der weiten Verbreitung sind die Ursachen gegen alle Erregerarten gerichtet, spezifische
bis heute nicht genau bekannt. Risikofaktoren nur gegen eine einzige. Beide besitzen je-
sind auf jeden Fall Rauchen, hoher Blutdruck, weils eine humorale3) und zelluläre Kompo-
hoher Cholesterinspiegel und Diabetes mellitus. nente.

9.3.3 Fibrinolyse 2. Anatomische Grundlagen


Zu den anatomischen Grundlagen der Abwehr
Fibrinolyse ist die enzymatische Auflösung eines gehören die Organe des äußeren Schutzwalls
Thrombus. Unter Einwirkung von Blut- und (Haut, Schleimhaut), die verschiedenen Leuko-
Gewebsaktivatoren entsteht aus inaktivem Plas- zyten des Blutes, die lymphatischen Organe
minogen aktives Plasmin. Das Fibrin wird durch sowie der Blut- und Lymphkreislauf.
Plasmin zu löslichen Peptiden und Aminosäuren
abgebaut. a) Äußerer Schutzwall
Der äußere Schutzwall wird gebildet von
Tab. 9.3 Fibrinolyse. – der äußeren Haut. Besonders ihr mehr-
schichtiges verhorntes Plattenepithel sowie
Verschiedene Aktivatoren die säurehaltigen Sekrete der Schweiß- und
(z. B. Urokinase, Streptokinase) Talgdrüsen stellen eine wirksame Barriere
für Bakterien und Viren dar;
Plasminogen Plasmin – den Schleimhäuten. Eingedrungene Krank-
heitserreger und andere Schadstoffe kleben
Fibrin lösliche Peptide am Schleim fest und werden für Verdauungs-
enzyme zugänglich (Verdauungstrakt) oder
mithilfe des Flimmerepithels und Husten-
Merke reflexes in den Rachen transportiert;
Blutgerinnung und Fibrinolyse stehen norma- – den Säuren. Säuren wirken keimhemmend
lerweise im Gleichgewicht. oder keimtötend,
• Magensäure im Magen,
• Fettsäuren im Talg,

P Im Uterus sorgt eine hohe Konzentration an • Milchsäure in der Scheide und im Schweiß.
Gewebsaktivatoren für Verflüssigung des
Menstrualblutes.
Blutungsneigung entsteht bei verminderter
Gerinnung und/oder gesteigerter Fibrinolyse, 1) Intima = Innenschicht der Blutgefäße
Thromboseneigung bei umgekehrten Ver- 2) immun = unempfindlich
3) humoral = an Flüssigkeit gebunden
hältnissen.
9.3 Physiologie des Blutes 159

Einteilung der Abwehrmechanismen. Tab. 9.4

Abwehrmechanismen

unspezifische (allgemeine) Abwehr spezifische (erlernte) Abwehr

äußerer humorale1) zelluläre humorale zelluläre


Schutzwall Abwehr Abwehr Abwehr Abwehr
• äußere Haut • Komplement- • Phagozyten • Antikörper • T-Effektor-
• Schleimhäute system zellen
• Magensäure • Lysozym
• Milchsäure • Interferone
der Vagina • Inhibine
(Hemmstoffe) 1) humoral = an Flüssigkeit gebunden

Merke weglich und zur Phagozytose relativ großer


Partikel im Gewebe fähig. Aus den Mono-
Der äußere Schutzwall ist die erste Barriere, zyten entstehen die Gewebsmakrophagen
die von einem Krankheitserreger überwun- (z. B. Histiozyten, Kupffer’sche Sternzellen
den werden muss. Seine Wirksamkeit wird der Leber).
entscheidend bestimmt von der Intaktheit der
äußeren und inneren Körperoberflächen
(Häute und dazu gehörende Drüsen). Er Merke
gehört zum unspezifischen Abwehrsystem. Neutrophile Granulozyten werden als Mikro-
phagen, Monozyten und ihre Abkömmlinge
b) Leukozytenarten und ihre Bedeutung im als Makrophagen bezeichnet.
Abwehrsystem
– Granulozyten. Die Granulozyten haben ihren – Lymphozyten. Die Lymphozyten nehmen eine
Namen aufgrund der vorhandenen Körnchen Schlüsselstellung im Abwehrsystem (spezifi-
(= Granula =∧ Lysosomen). Nach der Färbbar- sche Abwehr) ein. Etwa 25 – 40 % der Leuko-
keit der Granula werden sie in drei Gruppen zyten sind Lymphozyten. Davon befinden
eingeteilt (✑ Tab. 9.5). sich ca. 99 % in den lymphatischen Organen
– Monozyten. Monozyten sind die größten und Geweben. Lymphozyten besitzen zahlrei-
Blutzellen (d = 20 m). Sie stellen 4 – 6 % che Ribosomen für die Eiweißsynthese.
der Leukozyten dar. Wie die neutrophilen Tabelle 9.6 gibt einen Überblick über die
Granulozyten sind sie sehr gut amöboid be- wichtigsten Formen der Lymphozyten.

Granulozyten. Tab. 9.5


Granulozyten Anteil amöboide eiweiß- Funktion
Beweglichkeit: abbauende
Phagozytose Enzyme
1. Eosinophile 2 – 4% ja ja Phagozytose von Antigen-
(große Granula) Antikörper-Komplexen; Elimi-
nierung körperfremder Eiweiße.
2. Basophile 0,5 – 1% – – Wenig bekannt, enthalten
(kleinste Granulozyten) Heparin, Histamin, Serotonin.
3. Neutrophile 55 – 70% sehr gut ja Zur Diapedese (Wanderung
vom Blut ins Gewebe) befähigt;
unspezifische Abwehr.
160 9 Kreislaufsystem

Tab. 9.6 Lymphozytenformen. Zunächst werden 2 Arten von Lymphozyten


unterschieden, die T-Lymphozyten und die B-
Lymphozyten. Beide Lymphozytenarten gehen
undifferenzierte
Stammzellen aus sog. Prä-B- und Prä-T-Lymphozyten hervor,
die in der fetalen und frühkindlichen Entwicklung
im roten Knochenmark gebildet werden. Ein Teil
Prä-B- und Prä-T- dieser Zellen gelangt mit dem Blut in den Thymus
Lymphozyten und wird hier zu T-Lymphozyten geprägt.
Ein weiterer Teil erhält seine Prägung vermutlich
im roten Knochenmark bzw. dem lymphatischen
B-Lymphozyten T-Lymphozyten Gewebe des Darmtraktes. Später werden die B-
und T-Lymphozyten vor allem in der Milz und in
den Lymphknoten gebildet und gelangen von da
T-Regulatorzellen T-Effektorzellen
aus in das Blut und die Lymphe.

T-Helferzellen T-Suppressorzellen
c) Lymphatisches System
Das lymphatische System ist der hauptsäch-
liche Träger der spezifischen Abwehr.
z. B. zytotoxische Zellen Es wird gebildet
(= T-Killerzellen); – vom Lymphgefäßsystem (✑ S. 187) und
vernichten Zellen – den lymphatischen Organen.
regulieren ohne Beteiligung von
Immunreaktion Antikörpern

Rotes Knochenmark
Lymphozyt Thymus

Lymphozyten

Blutgefäß

lymphatisches
Lymphknoten Gewebe des Darmes

weiße Milz
(Pulpa)

Lymphozyten

Blutgefäß

Prägung der T- und B-Lymphozyten im Kindesalter (oben) und


Abb. 9.6 Erwachsenenalter (unten).
9.3 Physiologie des Blutes 161

Zu den lymphatischen Organen retikuläres


gehören: Bindegewebe
• Thymus, mit Lymphozyten
• Milz,
• Lymphknoten,
• Mandeln,
• Lymphozytenansammlungen
in den Schleimhäuten, vor allem
Darm- und Bronchialschleim- Thymus
haut. Lunge
Herz
Thymus
Bau
Der Thymus besteht aus zwei
Thymus bei einem Neugeborenen. Abb. 9.7
Lappen (jeweils 2 x 5 cm), die
wiederum in Läppchen gegliedert
sind. Er wird von einer bindege-
webigen Kapsel begrenzt. In dem Umfang, wie sich der Thymus zu-
Bei Kindern ist der Thymus relativ am größten rückbildet, werden die Prägungen von „Null-
(Masse 30 bis 40 Gramm). Nach der Pubertät zellen“ in T-Lymphozyten von den sekundären
bildet er sich zum thymischen Fettkörper zurück. lymphatischen Organen (Milz und Lymph-
knoten) übernommen.
Lage
Der Thymus liegt im oberen Mediastinum direkt Milz (Lien, Splen)
hinter dem Brustbein. Nachbarorgane sind vorn Bau
das Brustbein, seitlich die Pleura mediastinalis Die Milz ist von einer derben bindegewebigen
und hinten die V. cava superior, V. brachiocepha- Kapsel umgeben, von der aus ein – ebenfalls aus
lica sowie der Aortenbogen. straffem Bindegewebe bestehendes – Balken-
werk das Organ durchzieht. Das zwischen den
Aufgaben Balken liegende Milzgewebe heißt Pulpa. Man
Der Thymus ist das primäre lymphatische Organ. unterscheidet:
In der Fetalzeit und frühen Kindheit wandern aus – Weiße Pulpa (ca. 15 %); Sie wird gebildet aus
dem roten Knochenmark die Prä-T-Lympho- retikulärem Bindegewebe mit reichlich
zyten in die Thymusrinde. Dort teilen sie sich Lymphozyten (= lymphatisches Gewebe).
mitotisch und gelangen allmählich in das Mark. Letzteres finden wir in Gestalt der lymphati-
Dabei werden sie verändert (z. B. bezüglich schen Begleitscheide um die Zentralarterie mit
Enzymausstattung); das bedeutet, sie erhalten hauptsächlich T-Lymphozyten und der Milz-
ihre Immunkompetenz. Die so geprägten reifen knötchen (= Lymphknötchen) mit B-Lympho-
Thymus-Lymphozyten (= T-Lymphozyten) ver- zyten. Es handelt sich hier um rundliche An-
lassen auf dem Blutweg den Thymus und siedeln sammlungen von Lymphozyten;
sich sekundär in den T-Lymphozyten-Regionen – rote Pulpa; sie wird gebildet von erweiterten
der anderen lymphatischen Organe an, z. B. Blutkapillaren, den sog. Milzsinus, mit zahl-
Milz- und Lymphknoten. reichen Erythrozyten.

Der Thymus bildet das Hormon Thymosin, das Form, Größe, Masse
die zelluläre Immunabwehr aktiviert. Die Milz hat die Gestalt einer großen Kaffee-
bohne. Sie ist etwa 12 cm lang, 7 cm breit und
4 cm dick. Ihre Masse beträgt 150 bis 200 Gramm.
162 9 Kreislaufsystem

Bindegewebskapsel
Milzbalken hinterer Pol
(Extremitas posterior)
rote Pulpa
(Milzsinus)

Magenfläche
(Fascies gastrica)
Schnittrand
des Lig.
gastrolienale
Milzvene
(V. splenica)
Milzarterie
(A. splenica)
Bauchspeichel-
drüsenfläche
(Fascies pancreatica)
Balkenvene
Balkenarterie rote Pulpa
(Milzsinus) Schnittrand
Pulpavene weiße Pulpa1) des Lig.
Pulpaarterie phrenicolienale
vorderer Pol
(Extremitas anterior)
1) Pulpaarterie mit Lymphscheide (T-Lymphozyten)
und Milzfollikel (B-Lymphozyten) bilden die Grimmdarmfläche
weiße Pulpa (Fascies colica)

Abb. 9.8 Milz.


P Bei Erkrankungen des lymphatischen Sys- • ist wichtigstes Speicherorgan für Lymphozyten,
• essentielles Immunorgan für Pneumokokken.
tems kann sich die Masse der Milz auf mehre-
re Kilogramm erhöhen. Sie ist dann unter dem
Merke
linken Rippenbogen tastbar.
Eine normal große Milz ist in der Regel nicht Die Milz ist in ihrer Abwehrtätigkeit für die
palpabel. gesamte Blutbahn zuständig.

Lage Die rote Pulpa steht im Dienst des Blutkreislau-


Die faustgroße Milz liegt intraperitoneal tief im fes. In ihr werden gealterte unelastische Erythro-
linken Hypochondrium, eingeschmiegt in die zyten und Thrombozyten von Makrophagen ab-
Zwerchfellwölbung. Die Längsachse verläuft gebaut (= Blutmauserung). Das dabei frei wer-
parallel zur 10. Rippe. dende Hämoglobin gelangt über die Pfortader in
Nachbarorgane: Magen, Bauchspeicheldrüse und die Leber. Dort wird es zu Gallenfarbstoffen ab-
linke Niere. gebaut. Außerdem werden von den Uferzellen in
den Milzsinus Bakterien und andere Schadstoffe
Aufgaben phagozytiert.
Als lymphatisches Organ (weiße Pulpa) hat die
Milz folgende Aufgaben: Die Aufgaben der roten Pulpa können bei Aus-
• Sie bildet Lymphozyten und Abwehrstoffe fall der Milz von der Leber und vom Knochen-
(prägt in hohem Maße T-Lymphozyten), mark übernommen werden.
9.3 Physiologie des Blutes 163

zuführendes Lymphgefäß Lymphgefäßklappen


marknahe Abschnitte
der Rindenschicht
(= parakortikale Zone)
Randsinus mit T-Lymphozyten
Bindegewebsstrang
Bindegewebskapsel

Rindensinus Lymphfollikel
= Lymphknötchen
Lymphknötchen
= Lymphfollikel Rinde
(B-Lymphozyten)
Mark mit Marksinus
Vene Bindegewebs-
stränge
Arterie
abführendes
Lymphgefäß
Hilus

Lymphknoten. Abb. 9.9

Lymphknoten (Nodus lymphaticus) Lage


Bau (Abb. 9.9) Die Lymphknoten sind in das Lymphgefäßsys-
Die rundlich bis bohnenförmigen Lymphknoten tem eingeschaltet (✑ Abschnitt 9.5.3, S. 187).
haben einen Durchmesser von 1 mm bis 2,5 cm. Sie liegen in Gruppen. Jede Lymphknotengruppe
Sie werden, wie die Milz, außen von einer aus wird von der Lymphe aus ganz bestimmten
straffem Bindegewebe bestehenden Kapsel be- Körperregionen durchströmt. Klinisch bedeu-
grenzt. Von dieser Kapsel verlaufen Bindege- tungsvoll sind vor allem die regionären Lymph-
websstränge in das Innere und bilden ein grobes knoten, weil sie die erste „Filterstation“ der
Gerüstwerk. Lymphe aus einer bestimmten Körperregion
Mehrere zuführende Lymphgefäße treten in den sind.
Lymphknoten ein. Über sie gelangt die Lymphe
in die erweiterten spaltförmigen Lymphbahnen Wichtige regionäre Lymphknoten sind:
(Rand-, Rinden- und Marksinus) des Lymph- • Achsellymphknoten für Arm, Brustwand
knotens. und Rücken;
• Leistenlymphknoten für Bein, Bauchwand
Ein abführendes Lymphgefäß am Hilus 1) leitet die und Gesäß;
Lymphe wieder heraus. In der Randzone (Rinde) • Halslymphknoten für den Kopf.
befinden sich Anhäufungen von B-Lympho-
zyten. Diese rundlichen Strukturen werden als Meistens durchströmt die Lymphe auf ihrem Weg
Lymphknötchen (= Lymphfollikel) bezeichnet. zum Blut nach den regionären Lymphknoten
An der Grenze zum Mark liegen Ansammlungen noch ein oder mehrere Gruppen von Sammel-
von T-Lymphozyten. lymphknoten. Wichtige Sammellymphknoten
liegen im Hals für Kopf, Hals, Arme, Brustwand
1) Hilus (Pl. Hili) = Vertiefung an der Oberfläche eines und Rücken sowie an der hinteren Bauchwand
Organs, verursacht durch Gefäßein- und -austritte
für Beine, Bauchwand, Gesäß, Becken- und
Bauchorgane.
164 9 Kreislaufsystem


P Die Kenntnis der Abflussgebiete zu bestimm-
ten regionalen Lymphknoten hat klinische
Bedeutung für die Diagnostik und Therapie-
Tubenmandel kontrolle von Tumoren und Entzündungen.
(Tonsilla tubaria)
Aus den entsprechenden Gebieten gelangen
Rachenmandel Entzündungszellen bzw. Tumorzellen in die
(Tonsilla pharyngea)
Lymphbahnen und werden in den Lymph-
Öffnung der knoten zurückgehalten. Infiltrierte Lymph-
Ohrtrompete
knoten sind vergrößert und oft tastbar.
Seitenstrang
Als Lymphographie bezeichnet man die
Zunge röntgenologische Darstellung der Lymphgefä-
(Lingua)
ße und Lymphknoten mittels Kontrastmittel.

Aufgaben
• Lymphknoten sind die „Filterstation“ der
Lymphe. Im Lymphsinus ist die Strömungsge-
schwindigkeit der Lymphe vermindert. Da-
durch haben die dort vorhandenen Uferzellen
(✑ S. 165) ausgiebigen Kontakt und können
zusammen mit den Retikulumzellen Zell-
trümmer, Bakterien, Staub- und Rußteilchen
phagozytieren. Auch Krebszellen werden zu-
rückgehalten, so dass Lymphknotenmetastasen
vorderer entstehen können.
Gaumenbogen • Prägung von B- und vor allem T-Lymphozyten
hinterer für die spezifische Immunabwehr (✑ S. 166).
Gaumenbogen • Speicherung von Lymphozyten. Die Lympho-
Gaumenmandel zyten halten sich in der Regel mehrere Stun-
(Tonsilla palatina) den in einem lymphatischen Organ auf. Danach
begeben sie sich für 30 bis 45 Minuten ins
strömende Blut und gelangen dann erneut in
ein lymphatisches Organ zurück.

Lymphfollikel (= Lymphknötchen)
Als Lymphknötchen werden größere Ansamm-
Zunge lungen von B-Lymphozyten bezeichnet. Sie
(Lingua) kommen in allen lymphatischen Organen – außer
Thymus – und im Darm (= Peyer’sche Plaques)
vor.
Zungenmandel
(Tonsilla lingualis) Tonsillen (Mandeln)
Unter Tonsillen versteht man das lymphatische
Gewebe im Rachenbereich.
Alle Tonsillen bilden den lymphatischen Ra-
Gaumenmandel
chenring (Waldeyer’scher Rachenring). Er stellt
(Tonsilla palatina) einen vorgeschalteten Immunapparat dar, der das
Abwehrsystem gewissermaßen ökonomisiert. In
der Schleimhaut sitzen Makrophagen und versu-
chen, die Antigene abzufangen. Anschließend
Tonsillen bilden den wandern sie in das Innere der Tonsille zu den
Abb. 9.10 lymphatischen Rachenring. dort vorwiegend vorhandenen B-Lymphozyten.
9.3 Physiologie des Blutes 165

Zu den Tonsillen gehören b) Lysozym (= Muramidase)


– die paarigen Gaumenmandeln (Tonsilla pala- Lysozym ist ein bakterizid (Bakterien abtötend)
tina) zwischen vorderem und hinterem Gau- wirkendes Enzym, das die Zellwände der Bakte-
menbogen, rien auflöst. Es befindet sich in Phagozyten und
– die paarigen Ohrtrompetenmandeln (Tonsilla wird bei ihrem Zerfall freigesetzt. Weiterhin ist
tubaria) um die Öffnungen der Ohrtrompeten, es in Körpersekreten wie Tränenflüssigkeit und
– die unpaarige Rachenmandel (Tonsilla pha- Bronchialschleim enthalten.
ryngea) am Rachendach, c) Interferone
– die unpaarige Zungenmandel (Tonsilla lin- Interferone werden von virusinfizierten Zellen
gualis) am Zungengrund, gebildet. Sie verhindern die Vermehrung der
– die „Seitenstränge“ – lymphatisches Gewebe Viren in der Wirtszelle.
in Schleimhautfalten, die vom jeweiligen
Tubenwulst abwärts laufen. 2. Unspezifische zelluläre Abwehr
Die unspezifische zelluläre Abwehr erfolgt
Die Lymphknötchen der Tonsillen stehen meist durch Phagozyten (Freßzellen). Sie nehmen die
in enger Beziehung zum Deckepithel der Fremdstoffe in sich auf und bauen sie mithilfe
Schleimhaut. ihrer Enzyme ab. Zu den Phagozyten gehören
– Mikrophagen, vor allem neutrophile Granulo-

P Da sich der lymphatische Rachenring am zyten: Sie versuchen, jeden körperfremden
Eingang des Luft- und Verdauungsweges be- Stoff zu eliminieren;
findet, wird er mit Krankheitserreger überladen. – Makrophagen: Monozyten und alle phagozy-
Deshalb sind bei Kindern die Tonsillen oft tierenden Zellen, die sich aus ihnen rekrutie-
vergrößert (hypertrophiert), da gegen viele Er- ren, nämlich
reger erst eine Abwehr aufgebaut werden muss, • Histiozyten im lockeren Bindegewebe;
die bei Erwachsenen schon vorhanden ist. • Uferzellen in Lymphknoten, Milz, Knochen-
Die Tonsillen sind häufig entzündet (Angina). mark;
• Sternzellen in den Lebersinus;
• Osteoklasten im Knochen;
• Langerhans-Zellen der Haut;
9.3.5 Unspezifische und spezifische humorale • Mesangiumzellen der Nieren und
und zelluläre Abwehrmechanismen • Alveolarmakrophagen der Lunge.

1. Unspezifische humorale Abwehr


Dieser Abwehrmechanismus basiert auf Stoffen, neutrophiler Granulozyt
die entweder im Blut enthalten sind oder von ge-
schädigten Zellen (z. B. virusinfizierten Zellen)
Erkennung + Bindung
gebildet werden.
a) Komplementsystem
Hierbei handelt es sich um ca. 20 verschiedene Antigen
Glykoproteine, die in einer ganz bestimmten
Reihenfolge nacheinander reagieren. Ihre Akti- Aufnahme
vierung erfolgt z. B. durch Antigen-Antikörper-
Komplexe, Viren oder Bakterien. Danach kommt
es zu den verschiedenartigen Abwehrreaktionen:
– Zerstörung der Biomembranen von Erregern, Fusion mit Lysosomen
– Anregung der Makrophagen zur Phagozytose,
– Lyse von Antigen-Antikörper-Komplexen u. a.

Merke
Auflösung + Abbau
Das Komplementsystem ist das wichtigste un-
spezifische humorale Abwehrsystem. Phagozytose. Abb. 9.11
166 9 Kreislaufsystem

Die Makrophagen phagozytieren am lebhaftes- Antigen-Antikörper-Komplexe (= Immunkom-


ten. Darüber hinaus geben sie wichtige Infor- plexe);
mationen über die Zusammensetzung des Erre- – im Antigen-Antikörper-Komplex sind bereits
gereiweißes an die Lymphozyten weiter und sti- viele Antigene wirkungslos. Die Komplexe
mulieren diese. werden in der Regel rasch beseitigt, z. B. durch
Phagozytose oder das Komplementsystem.
3. Spezifische humorale Abwehr
Gegen eine ganze Reihe von Erregern (z. B. Merke
bestimmte Streptokokken, Staphylokokken,
Viren) sind die beschriebenen unspezifischen Kernpunkt der spezifischen humoralen Ab-
Abwehrmechanismen unwirksam. Diese Krank- wehr ist die Bildung spezifischer Antikörper,
heitserreger können nur durch spezifische Ab- die zu einer Antigen-Antikörper-Reaktion
wehrmechanismen bekämpft werden. Die spezi- führen und die Antigene durch Agglutination
fische Abwehr beginnt mit der Phagozytose der (Verklumpung), Lyse (Auflösen) oder Präzi-
Erreger durch Makrophagen, z. B. in der Milz pitation (Ausfällen) unschädlich machen.
oder den Lymphknoten.
Im Ergebnis der Auseinandersetzung des Makro-
phagen mit dem Erreger lagert er die Antigene1)

P In einigen Fällen können die Immunkom-

an seine Zelloberfläche. Man sagt: Der Makro- plexe nicht abgebaut werden. Sie setzen sich
phage präsentiert die Antigene den Lympho- dann in bestimmten Organen (z. B. Niere, Ge-
zyten. Die Antigenpräsentation bewirkt je nach lenke) fest und rufen dort Entzündungen her-
Beschaffenheit des Antigens entweder eine vor.
Beteiligung der B- oder T-Lymphozyten.
4. Spezifische zelluläre Abwehr
Im Fall der spezifischen humoralen Abwehr Für die spezifische zelluläre Abwehr sind die
spielen die B-Lymphozyten die zentrale Rolle. T-Lymphozyten verantwortlich.

Folgende Vorgänge spielen sich ab: Folgende Vorgänge spielen sich ab:
– T-Helferzellen heften sich an die Antigene und – Die vom Makrophagen präsentierten Antigene
stimulieren die B-Lymphozyten; des Erregers aktivieren die T-Lymphozyten;
– die aktivierten B-Lymphozyten teilen sich in – die aktivierten T-Lymphozyten teilen sich in
• B-Plasmazellen und • T-Helferzellen,
• B-Gedächtniszellen; • T-Suppressorzellen (= T-Unterdrückerzellen),
– die B-Plasmazellen produzieren antigenspezi- • T-Effektorzellen (= T-Killerzellen);
fische Antikörper2) (= Immunglobuline); – die spezifischen T-Effektorzellen lagern sich an
– die spezifischen Antikörper reagieren mit den die infizierten Zellen und zerstören sie mithilfe
Antigenen, gegen die sie gebildet wurden ihrer Enzyme. Gleichzeitig produzieren sie
(= Antigen-Antikörper-Reaktion). Es entstehen Lymphokin, das die Makrophagen aktiviert,
sodass diese jetzt die Erreger abtöten
können.
Antigen Antikörper Antigen-
(z. B. Masernvirus) + gegen Antikörper-
Masernvirus Komplex

1) Antigene = körperfremde Substanzen, die in


+ einem bestimmten Organismus eine Immun-
antwort auslösen können
2) Antikörper = Immunglobuline, die mit
dem Antigen spezifisch reagieren, das
ihre Bildung verursacht hat
Abb. 9.12 Antigen-Antikörper-Reaktion.
9.3 Physiologie des Blutes 167

Spezifische Spezifische
humorale Abwehr zelluläre Abwehr

Antigen
Antigen
Krankheitserreger
Krankheitserreger

1. Phagozytose
 der Erreger durch
Makrophagen 

Makrophage Makrophage

T-Helferzelle
2. Antigenpräsentation
 (Verlagerung der Antigene 
an die Zelloberfläche)

B-
Lymphozyt T-Suppressorzelle
 
 T-Helferzelle

T-Lymphozyt
3. Anlockung und
3. Anlockung und rezeptive Anheftung
rezeptive Anheftung
von T-Lymphozyten,
von B-Lymphozyten, T-Helferzellen,
T-Helferzellen und T-Suppressorzellen
Kooperation der und Kooperation der
beiden Zellarten drei Zellarten 

 4. Vermehrung
T-Gedächtniszelle
 der B- bzw.
T-Lymphozyten Lymphokin
Antikörper (klonale Expansion) produzierende
T-Zelle
B-Gedächt- spezifische
niszelle Lymphokin
Antikörper
produzierende
Plasmazelle Lymphokin
befähigt

Makrophagen,
Erreger abzutöten
Makrophage

Antigen-Antikörper–Reaktion Antigen-Immunzellen–Reaktion

Spezifische Abwehrmechanismen. Abb. 9.13


168 9 Kreislaufsystem

Merke 9.3.7 Immunisierung


Die spezifischen Abwehrvorgänge werden Durch Immunisierung (Impfung) kann künstlich
maßgeblich durch die Tätigkeit der Regulator- Immunität erlangt werden.
zellen gesichert. Dabei üben die T-Helferzellen
eine stimulierende und die T-Suppressorzellen Man unterscheidet
eine hemmende Wirkung aus. – aktive Immunisierung. Hier wird die Primär-
reaktion vorweggenommen, indem man dem
Die bei den spezifischen Abwehrvorgängen ge- Organismus abgeschwächte lebende oder ab-
bildeten langlebigen B- und T-Gedächtniszellen getötete Erreger oder abgeschwächte Erreger-
„erkennen“ bei erneutem Kontakt mit „ihrem“ toxine zuführt;
Antigen dieses sofort und bewirken in der Regel – passive Immunisierung. Dem Organismus
eine sehr schnelle immunologische Reaktion. werden therapeutisch oder auch prophylak-
tisch spezifische Antikörper zugeführt.

P Die Dauer des immunologischen Gedächt-
nisses ist unterschiedlich: lebenslang bei
Röteln, Windpocken und Masern, einige 9.3.8 Blutgruppen des Menschen
Jahre bei Tetanus und Poliomyelitis.
Die Blutgruppen sind auf Stoffe zurückzu-
Eine optimale Immunantwort hängt entschieden führen, die sich an der Oberfläche der Erythro-
von ihrer Regulation ab. Makrophagen, T-Regu- zytenmembranen befinden und antigene Eigen-
latorzellen und humorale Einflüsse (Katechola- schaften besitzen.
mine, Nebennierenrindenhormone, ✑ S. 303)
sind dafür verantwortlich. Sie stimulieren die Merke
Lymphozyten, stimmen die verschiedenen Das wichtigste Blutgruppensystem ist das
Abwehrmechanismen optimal aufeinander ab AB0-System mit 4 Blutgruppen: A, B, AB
und sorgen für die rechtzeitige Beendigung der und 0.
Immunantwort.
Jeder Mensch besitzt eine dieser Blutgruppen.
Dadurch werden dem Menschen bestimmte
9.3.6 Verschiedene Immunreaktionen immunologische Eigenschaften zugeordnet, die
über die gesamte Lebensdauer vorhanden blei-
Allergie
ben und nach festen Gesetzmäßigkeiten vererbt
Von einer Allergie (Überempfindlichkeit) spricht
werden (✑ Kap. 2.5.4, S. 50).
man, wenn nach Rekontakt mit einem bestimm-
ten Antigen abnorm starke Immunreaktionen
Vermischt man Blut von zwei Menschen, so
auftreten.
beobachtet man entweder eine Zusammenbal-
Immunologische Toleranz lung (Agglutination) der Erythrozyten, mögli-
Immunologische Toleranz liegt vor, wenn der cherweise mit ihrer nachfolgenden Auflösung
Organismus nach Antigenkontakt immunolo- (Hämolyse), oder keine Reaktion.
gisch reaktionslos bleibt (z. B. immunologische
Toleranz der Mutter gegenüber dem Feten). Das erste Phänomen würde bei einer Bluttrans-
fusion zur Verstopfung der Kapillaren führen.
Merke Ursache der Agglutination ist eine Antigen-
Antikörper-Reaktion:
Wirkungen von Antigenen können sein: – Die Erythrozytenmembranen tragen spezifi-
normale Immunreaktion sche Stoffe, die Agglutinogene (= agglutinable
Antigen keine Immunreaktion Substanzen), die als Antigene wirken.
übermäßige – Im Blutplasma sind spezifische Antikörper
Immunreaktion = Allergie
(Agglutinine) gelöst, die mit den Antigenen
reagieren.
9.3 Physiologie des Blutes 169


P Man kennt heute ca. 400 Merkmale der Ery- weiteren Schwangerschaften zu Schädigungen
throzytenmembran, von denen die meisten eines Rh-positiven Kindes führen können. Dies
bei Bluttransfusionen bedeutungslos sind. lässt sich durch eine Serodiagnostik feststellen.

Eine besondere Bedeutung für die Medizin be-



P Eine Serodiagnostik sollte deshalb ab der
16. Schwangerschaftswoche klären, ob eine
sitzen das AB0-System und das Rh-System.
Blutgruppenunverträglichkeit vorliegt. Ist dies
der Fall, muss unmittelbar nach der Geburt
AB0-System
eine Immunisierung mit Human-Immunglo-
Mit der Entdeckung der AB0-Blutgruppen im
bulin Anti D durchgeführt werden. Dieses
Jahre 1901 durch Landsteiner begannen die sys-
Immunglobulin zerstört die fetalen Erythro-
tematischen Untersuchungen der Blutgruppen-
zyten mit dem D-Agglutinogen, die in den
eigenschaften.
mütterlichen Kreislauf übergetreten sind;
Entscheidend für das AB0-System sind:
somit kommt es auch nicht zur Bildung von
– zwei verschiedene Agglutinogene (= Anti-
Anti D. Durch diese mögliche Immunisie-
gene) der Erythrozytenmembran: A und B sowie
rung der Frauen nach der ersten Schwanger-
– zwei spezifische Antikörper im Serum:
schaft, aber auch nach Schwangerschafts-
Anti A und Anti B.
unterbrechung (Interruptio) und Fehlgeburt
Die Antikörper werden im Laufe des ersten
(Abort), spielen heute derartige Störungen
Lebensjahres gegen diejenigen Antigene gebil-
keine nennenswerte Rolle mehr.
det, die die eigenen Erythrozyten nicht besitzen.

Aus dieser Konstellation ergeben sich vier Merke


Blutgruppen des AB0-Systems (✑ Abb. 9.14).
Die erste Schwangerschaft führt trotz un-
günstiger Rh-Konstellation nicht zu fetalen
Rhesussystem (= Rh-System; ✑ Abb. 9.15,
Schädigungen. Unbedenklich sind auch
S. 171)
Schwangerschaften mit rh-negativen Feten.
Das Rhesussystem ist ein weiteres Blutgruppen-
Bei Bluttransfusionen verwendet man prak-
system und beruht auf dem Vorhandensein oder
tisch immer AB0-gruppengleiches Blut.
Nichtvorhandensein von Rh-Agglutinogenen
Beim Rh-System wird in der Regel nur das
auf der Erythrozytenmembran. Die wichtigsten
D-Antigen berücksichtigt.
sind C, D, E, c und e, wobei D die größte anti-
gene Wirksamkeit besitzt.

P Um Verwechslungen, Fehlbestimmungen
Merke und Unverträglichkeiten auszuschließen, wer-
den vor jeder Blutübertragung folgende Tests
In Europa sind 85 % der Menschen Rh-positiv. durchgeführt:
• die so genannte Kreuzprobe im Labor.
Im Rh-System treten im Unterschied zum AB0- – Spendererythrozyten plus Empfängerserum
System erst nach Sensibilisierung Antikörper (Majortest),
auf. Das bedeutet, die Bildung von Rh-Antikör- – Spenderserum plus Empfängererythrozyten
pern wird nur bei rh-negativen Menschen aus- (Minortest).
gelöst. Bei Übereinstimmung der Blutgruppen kommt
Dies kann geschehen bei es in beiden Fällen nicht zu einer Agglutina-
– Bluttransfusionen: Empfänger d, Spender D. tion;
– Schwangerschaft: Mutter d, Fetus D. • der Bed-side-Test am Patientenbett.
Unmittelbar vor der Transfusion wird am Pa-
Bei ca. 10 % der Schwangerschaften wird eine tientenbett nochmals die Verträglichkeit von
Unverträglichkeit hinsichtlich des Rhesusfaktors Empfänger- und Spenderblut festgestellt.
beobachtet. Die Agglutinogene (D) gelangen
während des Geburtsvorganges vom kindlichen Nur wenn beide Tests negativ verlaufen, darf
Kreislauf in den mütterlichen. Dort bewirken sie transfundiert werden. Trotz übereinstimmender
die Bildung von Antikörpern (Anti D), die bei Blutgruppe besteht bei jeder Bluttransfusion
170 9 Kreislaufsystem

Blutgruppen

Blutgruppe A B AB 0

Agglutinogene
= Antigene der A B A, B
Erythrozyten-
membran

Anti B Anti A Anti A


Antikörper im
Serum
Anti B

Agglutination Agglutinat
verschließt
A Blutgefäß
B
A B

+ +
Anti A Anti B
A B

Blutgruppentest Kreuzprobe

Blut- Spender
gruppe A B AB 0 Serum Erythrozyten
minor major
Anti A
Testserum

Anti B

Anti A
und Empfänger
Anti B Erythrozyten Serum

keine starke schwache


Agglutination Agglutination Agglutination

Abb. 9.14 Blutgruppen des AB0-Systems.


9.3 Physiologie des Blutes 171

Bluttransfusion

Empfänger Rh+ (D) Empfänger Rh+ (D)


Spenderblut Spenderblut
rh– (d) rh– (d)

langsame Bildung 1. Transfusion schnelle Bildung 2. Transfusion


spezifischer spezifischer
Antikörper (Anti D) Antikörper (Anti D)

keine Komplikation Komplikation

Mutter rh– (d) Vater Rh+ (D)

1. Schwangerschaft 2. Schwangerschaft

Zygote

Kind Rh+ (D)


Antigen Mutter bildet während
der Schwangerschaft
aufgrund voran
Mutter bildet gegangener
nach der Geburt Sensibilisierung
Anti D Anti D

keine Komplikation Komplikation


(Blut des Kindes wird
hämolysiert)

Unverträglichkeit im Rhesussystem. Abb. 9.15

für den Empfänger ein Restrisiko. Das Blut eine gewisse Zeit, oftmals Wochen bis Monate,
jedes Menschen enthält ein individuell einma- sodass bei kurz nach einer Infektion entnom-
liges Gemisch verschiedener Eiweiße, und da menen Blutkonserven die Antikörperbildung
prinzipiell jedes körperfremde Eiweiß als zwar noch nicht nachgewiesen werden kann,
Antigen wirken kann, ist eine allergische sie aber dennoch infektiös ist. Aus diesen
Reaktion nie ausgeschlossen. Außerdem kön- Gründen wird die Indikation für eine Voll-
nen Krankheitserreger übertragen werden. Die blutkonserve sehr streng gestellt.
Antikörperbildung nach einer Infektion dauert
172 9 Kreislaufsystem

9.4 Das Herz (Cor) münden):


– rechter Vorhof = obere Hohlvene (V. cava
Das Herz, ein muskuläres Hohlorgan, ist der superior), untere Hohlvene (V. cava inferior),
„Motor“ des Blutkreislaufes. Es befindet sich Herzvene (Sinus coronarius);
zwischen den Brustfellhöhlen und wird vollstän- – linker Vorhof = vier Lungenvenen (Vv. pul-
dig vom Herzbeutel (Perikard) umhüllt. monales).
Ausflussbahnen (= Arterien, die an den Herz-
Bau kammern beginnen):
Das Herz wird durch die Herzscheidewand – rechte Herzkammer = Stamm der Lungen-
(Septum) in eine rechte und linke Herzhälfte arterien (Truncus pulmonalis);
geteilt. Es besitzt vier Innenräume (✑ Abb. 9.16): – linke Herzkammer = große Körperarterie
• rechter Vorhof (Atrium dextrum), (Aorta).
• linker Vorhof (Atrium sinistrum),
• rechte Herzkammer (Ventriculus dexter), Form, Masse, Größe
• linke Herzkammer (Ventriculus sinister). Das Herz ist kegelförmig. An der Oberfläche
Vorhöfe und Kammern werden durch das binde- kann man folgende Einzelheiten erkennen: Herz-
gewebige Herzskelett getrennt. Es besteht im spitze, Herzbasis, Herzkranzfurche und Zwischen-
Prinzip aus vier Faserringen als Ansatzstelle für kammerfurchen mit Herzkranzgefäßen sowie
die Herzklappen (= Herzventile). Man bezeich- Herzohren. Die Größe entspricht etwa der Faust
net die Ebene, in der das Herzskelett mit den des Trägers. Seine Masse beträgt bei Männern
Herzventilen liegt, deshalb auch als Ventilebene. ca. 300 Gramm und bei Frauen ca. 220 Gramm.

Anschluss der Herzräume an das Gefäßsystem ❑


P Kinder haben ein relativ großes Herz. Bei
(✑ Abb. 9.16 und 9.17) Leistungssportlern ist das Herz ebenfalls ver-
Einflussbahnen (= Venen, die an den Vorhöfen größert.

linker Vorhof
(Atrium sinistrum)
große Körperarterie Lungenvenen
(Aorta) (Vv. pulmonales)

zweizipflige
Stamm der Segelklappe/
Lungenarterien Mitralklappe
(Truncus pulmonalis) (Valva bicuspidalis,
Valva mitralis)
obere Hohlvene
(V. cava superior) Aortenklappe
(Valva aortae)
rechter Vorhof
(Atrium dextrum) linke
Lungenarterienklappe/ Herzkammer
(Ventriculus sinister)
Pulmonalklappe
(Valva trunci pulmonalis) Herzinnenhaut
dreizipflige (Endokard)
Segelklappe Herzmuskel-
(Valva tricuspidalis) schicht
Papillarmuskel (Myokard)
untere Hohlvene Herzaußenhaut
(V. cava inferior) (Epikard)
rechte Herzkammer Herzscheide-
(Ventriculus dexter) wand
(Septum cardiale)

Abb. 9.16 Herzinnenräume.


9.4 Das Herz 173

Herz, ventral
rechte gemeinsame
Halsarterie
(A. carotis communis dextra)

rechte linke gemeinsame


Schlüsselbeinarterie Halsarterie
(A. subclavia dextra) (A. carotis communis
sinistra)
Stamm der linke
Hals-Arm-Arterie Schlüsselbeinarterie
(Truncus brachiocephalicus) (A. subclavia sinistra)
obere Hohlvene Lungenvenen
(V. cava superior) (Vv. pulmonales)

große Körperarterie
(Aorta)
linke Lungenarterie
rechte Lungenarterie (A. pulmonalis sinistra)
(A. pulmonalis dextra)
Stamm der
rechtes Herzohr Lungenarterien
(Auricula dextra) (Truncus pulmonalis)

rechte vorderer
Herzkranzarterie Zwischenkammerast
(Ramus interventricularis
(A. coronaria dextra)
anterior)
rechte Herzkammer linke Herzkammer
(Ventriculus dexter) (Ventriculus sinister)

Herzbasis Herzspitze

Herz, dorsal

Aortenbogen obere Hohlvene


(Arcus aortae)
(V. cava superior)
linke Lungenarterie rechte Lungenarterie
(A. pulmonalis sinistra) (A. pulmonalis dextra)

linke Lungenvenen rechte Lungenvenen


(Vv. pulmonales dextrae)
(Vv. pulmonales sinistrae)
linkes Herzohr untere Hohlvene
(V. cava inferior)
(Auricula sinistra)
kleine Herzvene
Sammelvene (V. cordis parva)
(Sinus coronarius)
rechte
linke umschlingende Herzkranzarterie
(A. coronaria dextra)
Kranzarterie
(Ramus circumflexus) mittlere Herzvene
(V. cordis media)
hinterer
Zwischenkammerast
(Ramus interventricularis
posterior)

Bau des Herzens (Vorder- und Rückansicht). Abb. 9.17


174 9 Kreislaufsystem

sten Hohlororganen
Herzbasis dreischichtig:
(2. Zwischenrippenraum)
Herzinnenhaut (Endo-
linke Lunge kard), Muskelschicht
(Myokard) und Herz-
außenhaut (Epikard).
äußeres Das Myokard ist ein
Herzbeutelblatt
(Perikard) kräftiger Hohlmuskel
Herzspitze aus Herzmuskelge-
(5. Zwischen- webe (✑ S. 68).
rippenraum) Seine Dicke ist der
Zwerchfell Belastung angepasst;
(Diaphragma) so ist das Vorhofmyo-
Leber kard schwächer als das
(Hepar) Kammermyokard (ein-
Magen schließlich Vorhof-
(Gaster, und Kammerseptum)
Ventriculus)
und das linke Kammer-
myokard deutlich stär-
Abb. 9.18 Lage des Herzens. ker als das rechte.

Lage (✑ Abb. 9.16, S. 172) Herzklappen (Herzventile)


Das Herz liegt im mittleren Mediastinum, Die Herzklappen sind Duplikaturen des Endo-
2/3 links und 1/3 rechts der Medianebene. Die kards. Sie besitzen, wie Ventile, eine Durchlass-
Längsachse verläuft von rechts hinten oben nach und eine Sperrrichtung; das Öffnen und Schlie-
links vorne unten. ßen wird also durch die Druckverhältnisse bei-
derseits der Klappe bestimmt. Jede Herzkammer
Herzwand (✑ Abb. 9.16, S. 172) wird von zwei Herzklappen begrenzt, einer
Der Wandaufbau des Herzens ist wie bei den mei- Segelklappe zwischen Kammer und Vorhof und
einer Taschenklappe
zwischen Kammer und
dreizipflige zweizipflige Segelklappe/Mitralklappe Ausflussbahn.
Segelklappe/ (Valva bicuspidalis/Valva mitralis)
Tricuspidalklappe
(Valva tricuspidalis) Segelklappen (Atrio-
ventrikularklappen)
Die Segelklappen be-
stehen aus einer Dop-
pellage Herzinnenhaut
Öffnung für
His’sches (Endokard). Durch fei-
Bündel ne Sehnenfäden sind
sie mit den Papillar-
muskeln verbunden.
Steigt der Kammer-
rechte druck über den Vorhof-
Herzkranzarterie druck, kontrahieren
(A. coronaria dextra) linke
Herzkranzarterie diese Muskeln, sodass
Pulmonalklappe (A. coronaria sinistra)
(Valva trunci die Klappen nicht (wie
pulmonalis) Aortenklappe eine Pendeltür) in den
(Valva aortae)
Vorhof zurückschla-
Abb. 9.19 Herzskelett, Ventilebene – von oben. gen können.
Text Kreislauf 22.08.2002 9:32 Uhr Seite 175

9.4 Das Herz 175

Systole (Austreibungsphase) Diastole (Füllungsphase)

– Vorhofdruck niedrig hoch


– Herzkammerdruck hoch niedrig
Tricuspidalklappe geschlossen offen
Pulmonalklappe offen geschlossen
Blutbewegung Blutauswurf in den Truncus Blut fließt vom Vorhof in die
pulmonalis und Vorhoffüllung Herzkammer

Tricuspidal-
klappe
(Valva
Pulmonalklappe tricuspidalis)
(Valva trunci pulmonalis)

rechter Vorhof
(Atrium dextrum)

Papillarmuskeln

rechte Herzkammer
(Ventriculus dexter)

Tricuspidalklappe
(Valva tricuspidalis)

Ventilfunktion der Herzklappen in der rechten Herzhälfte. Abb. 9.20

Bei den Segelklappen unterscheiden wir


– Tricuspidalklappe (Valva tricuspidalis – drei

P Entzündungen des Endokards (Endokarditis)

„Segel“) zwischen rechtem Vorhof und rechter zeigen sich insbesondere an den Klappen. Als
Herzkammer und Folge können Herzklappenfehler entstehen.
– Mitralklappe (Valva mitralis – zwei „Segel“)
zwischen linkem Vorhof und linker Herz- Blutversorgung (✑ Abb. 9.17, S. 173)
kammer. Die Blutversorgung des Herzens erfolgt durch die
Herzkranzgefäße (Koronargefäße). Zwei Herz-
Taschenklappen (Semilunarklappen) kranzarterien entspringen aus der Aorta dicht
Die dünnen Membranen der Taschenklappen be- hinter der Aortenklappe.
stehen aus einer Doppellage der Arterieninnen- • Rechte Herzkranzarterie (A. coronaria dextra),
haut (Intima) und haben die Form von Schwal- sie verläuft in der rechten Kranzfurche nach
bennestern. Sie sind so angeordnet, dass sie vom hinten. Ihr Endast, der hintere Zwischenkam-
zurückströmenden Blut gefüllt werden, sich da- merast (Ramus interventricularis posterior),
durch aufblähen und somit die Öffnung ver- steigt in der hinteren Zwischenkammerfurche
schließen. Jede Klappe besteht aus drei Taschen. ab;
• linke Herzkranzarterie (A. coronaria sinistra).
Die Taschenklappen unterteilen wir in Sie teilt sich nach l cm in zwei Endäste:
– Pulmonalklappe (Valva trunci pulmonalis) – den vorderen Zwischenkammerast (Ramus
zwischen rechter Herzkammer und Truncus interventricularis anterior), der in der vorde-
pulmonalis sowie ren Zwischenkammerfurche herzspitzen-
– Aortenklappe (Valva aortae) zwischen linker wärts verläuft und
Herzkammer und Aorta. – den umbiegenden Ast (Ramus circumflexus),
der in der linken Herzkranzfurche nach hin-
ten verläuft.
176 9 Kreislaufsystem


P Durchblutungsstörungen des Herzens sind 9.5 Gefäßsystem
relativ häufig.
Begründung: Das Herz wird durch zwei Arte- Das Gefäßsystem bildet in Verbindung mit dem
rien versorgt. Dies sind funktionelle End- Herzen ein Transportsystem, in dem das Trans-
arterien, die kaum über Anastomosen in Ver- portmittel „Blut“ in einem geschlossenen Kreis-
bindung stehen. Durch die ständige Energie lauf bewegt wird. Auf diese Weise werden den
verbrauchende Pumptätigkeit hat das Herz Zellen die zum Leben notwendigen Stoffe zu-
einen großen Durchblutungsbedarf. und die Stoffwechselprodukte abgeleitet. Man
Bei unvollständigem oder kurzzeitigem Ver- unterscheidet das Blutgefäßsystem und das
schluss kleinerer Gefäße kommt es zu hefti- Lymphgefäßsystem.
gem Thoraxschmerz, der oft in den linken
Arm ausstrahlt (Angina pectoris). Einige
Tropfen oder Spraystöße Nitroglyzerin (über 9.5.1 Blutgefäßarten
die Mundschleimhaut resorbiert) lindern
prompt die Beschwerden, weil dadurch eine Das Blutgefäßsystem ist ein geschlossenes
Erweiterung der Herzkranzgefäße erfolgt. Der System, d. h., der Inhalt (Blut) bewegt sich aus-
vollständige Verschluss eines Gefäßes (meist schließlich in den Gefäßen. Es werden folgende
durch einen Thrombus) verursacht extrem star- Blutgefäßarten unterschieden:
ke Brustschmerzen (Herzinfarkt). Das Überle- 1. Arterien. Gefäße, die das Blut vom Herzen
ben des Patienten hängt hauptsächlich davon weg transportieren. Die kleinsten Arterien
ab, wie schnell er in eine Klinik kommt und heißen Arteriolen.
dort der Thrombus durch künstliche Fibrino- 2. Venen. Gefäße, die das Blut zum Herzen hin
lyse mit Medikamenten (z. B. Streptokinase, transportieren. Die kleinsten Venen heißen
Urokinase) aufgelöst wird. Auch heute noch Venolen (oder Venulen).
sterben viele Menschen am Herzinfarkt, da bei 3. Kapillaren. Kleinste Haargefäße zwischen
einem größeren Gefäßverschluss das dahinter Arteriolen und Venolen, die dem Stoffaus-
liegende Herzmuskelgewebe irreversibel ge- tausch zwischen Blut und Zelle dienen.
schädigt wird und der Pumpvorgang nicht auf-
rechterhalten werden kann. Die Ver- und Entsorgung der Zellen erfolgt indi-
rekt über die interstitielle Flüssigkeit.
Nervenversorgung
Das Herz wird vom vegetativen Nervensystem
(sympathische und parasymphatische Herznerven) interstitielle Flüssigkeit
versorgt (✑ S. 364 ff). Bei sympathischer
Erregung steigen Herzfrequenz und Schlagkraft,
der Parasympathikus hemmt beides.
Arteriole

P Viele Herzmedikamente wirken über die
Beeinflussung des vegetativen Nervensystems
(z. B. Betablocker). Venole
Kapillaren
Herzbeutel (Perikard) Gewebe

P Der Herzbeutel ermöglicht die freie Beweg-
lichkeit des Herzens. Er ist wie alle serösen Stoffaustausch im Kapillargebiet. Abb. 9.21
Höhlen aus zwei Blättern aufgebaut (✑ S. 86):
– dem äußeren fibrösen parietalen Blatt (Perikard
im engeren Sinn) und Arteriovenöse Anastomosen sind Gefäßverbin-
– dem inneren serösen viseralen Blatt (Epikard), dungen zur Umgehung der Kapillaren. Sie die-
das dem Herzen anliegt. nen der Durchblutungsregulation (z. B. Verän-
Der Umschlag vom Epikard in das Perikard derung der Hautdurchblutung zur Steuerung des
befindet sich an den Ein- und Ausflussbahnen des Wärmehaushaltes.
Herzens.
9.5 Gefäßsystem 177

Kapillaren Hauptgefäß
Arteriole
Nebengefäß

Gewebe
Venole interstitielle
Flüssigkeit
Brückenanastomose

Abb. 9.22 Anastomosen.


Bei Unterbrechung des Blutstromes im
Hauptgefäß erfolgt die Blutversorgung des
Bau der Gefäße betreffenden Gewebeabschnittes über die
Alle Hohlorgane haben ein gemeinsames Bau- Nebengefäße.
prinzip. Ihre Wände bestehen meist aus drei Kollateral- oder
Hauptschichten. Umgehungskreislauf. Abb. 9.23
Die Gefäße sind ebenfalls Hohlorgane, deren
Innenraum wir als Gefäßlumen bezeichnen.
Ihre drei Hauptschichten heißen: Die Blutversorgung der Arterienwand bei Arte-
Intima (Innenschicht). Sie wird gebildet aus rien bis etwa 1 mm Durchmesser erfolgt durch
• dem Endothel (✑ S. 62) und einem
Diffusion aus dem durchströmenden Blut. Große
• bindegewebigen Anteil.
Media (Mittelschicht). Sie ist die stärkste Schicht Arterien wie z. B. die Aorta werden durch eige-
und besteht aus ne Blutgefäße (Vasa vasorum) mit Sauerstoff
• elastischen und kollagenen Fasern sowie versorgt.
• glatten Muskelzellen.
Adventitia (Außenschicht). Sie setzt sich aus Gefäßendothel Gefäßlumen
kollagenen und elastischen Fasernetzen zusammen,
die mit der Umgebung in Verbindung stehen. elastische
Membran
Arterien
Arterien zeigen den klassischen Dreischichten- Interna
aufbau. Man unterscheidet: Arterie –
– Arterien elastischen Typs, bei denen die elasti- Media elastischer Typ
schen Elemente in der Media überwiegen. Da-
zu gehören die Aorta und ihre Äste (herznahe Externa
Arterien). Sie ermöglichen die so genannte mit ver-
Windkesselfunktion (✑ Kap. 9.6.3, S. 197). sorgenden
Blutgefäßen
– Arterien muskulären Typs, die in der Media und Nerven größere Arterie –
reichlich glatte Muskelzellen besitzen. Dazu Arterie muskulöser Typ
gehören die herzfernen kleineren Arterien und
Arteriolen, über die die Regulation der Organ- Gefäßlumen
durchblutung erfolgt. Gefäßendothel
– Endarterien haben keine Anastomosen, sodass Intima
bei Verschluss keine Umgehung (= Kollateral- (Tunica interna)
kreislauf) möglich ist und das nicht mehr ver- Externa
sorgte Gewebe abstirbt. Endarterien besitzen (Tunica externa)
z. B. Herz, Lunge, Niere, Leber, Milz, Gehirn. Media Vene
(Tunica media)


P Häufigste Erkrankung der Arterien ist die Bau von Arterie und Vene. Abb. 9.24
Arteriosklerose (Arterienverkalkung).
178 9 Kreislaufsystem

Venen Pulmonalklappe über die Lungenarterien in die


Der Bau der Venenwand entspricht im Prinzip Kapillaren der Lunge. Nach erfolgtem Gasaus-
dem der muskulären Arterien. Im Unterschied zu tausch wird das O2-reiche und CO2-arme Blut
diesen ist aber die Venenwand (Media) dünner. über die Lungenvenen in den linken Vorhof
Am stärksten sind die Wände der Beinvenen. Zur transportiert. Vom linken Vorhof fließt das Blut
Verhinderung des Blutrückstromes dienen die durch die Mitralis in den linken Ventrikel.
Venenklappen (= Taschenklappen).
2. Großer Blut- oder Körperkreislauf
Den Weg des O2-reichen und CO2-armen Blutes
aus dem linken Ventrikel durch die Aortenklappe
über die Aorta und ihre Äste in die Kapillaren
der parallel geschalteten Organ- bzw. Teilkreis-
läufe (Herz, Milz, Magen, Muskulatur, Niere
Venenklappen usw.) nennt man den großen oder Körperkreis-
lauf. Nach erfolgtem Stoffaustausch sammelt
sich das O2-arme und CO2-reiche Blut in den
Venen, die schließlich als V. cava superior und
inferior in den rechten Vorhof münden. Vom
rechten Vorhof fließt das Blut durch die
Abb. 9.25 Venenklappen. Tricuspidalis in den rechten Ventrikel.

Merke


P Häufige Erkrankungen der Venen sind
Das Blut gelangt über Venen immer zuerst in
die Vorhöfe. Im Herzen fließt das Blut dann
Krampfadern (Varizen) als Folge schwacher
vom rechten Vorhof in die rechte und vom
Venenwände: Die Klappen schließen nur noch
linken Vorhof in die linke Herzkammer. In
unvollkommen.
der rechten Herzhälfte befindet sich O2-
armes, in der linken Herzhälfte O2-reiches
Kapillaren Blut.
Die Kapillarwand ist einschichtig und besteht
nur aus der Intima, die von einem Gitterfaser-
häutchen umhüllt wird. Der Durchmesser der Die einzelnen Organkreisläufe (z. B. Nierenkreis-
kleinsten Kapillaren ist geringer als der eines lauf) des Körperkreislaufes sind parallel geschal-
Erythrozyten, sodass diese sich nur aufgrund tet, d. h., jedes Organ erhält einen bestimmten Teil
ihrer Elastizität hindurchbewegen können. des Gesamtblutvolumens.
Jeder Organkreislauf zeigt eine bestimmte
Gefäßfolge:
9.5.2 Blutkreislauf

Als Blutkreislauf wird der durch die Herztätigkeit


bewirkte Blutumlauf im Blutgefäßsystem be- große Venen große Arterien
zeichnet. Der Blutkreislauf als funktionelle Ein-
heit von Herz und Gefäßen sichert den Stoff-
und Wärmetransport im Körper über größere mittlere Venen mittlere Arterien
Strecken. Beim Menschen strömt das Blut in
einer doppelt kreisförmigen Bahn. Der Blutkreis-
lauf besteht aus zwei hintereinander (in Reihe) kleine Venen kleine Arterien
geschalteten Abschnitten.

1. Kleiner Blut- oder Lungenkreislauf Venolen Arteriolen


Das ist der Weg des O2-armen und CO2-reichen
Blutes aus dem rechten Ventrikel durch die Kapillaren
9.5 Gefäßsystem 179

linke
gemeinsame Lungenarterie
Halsarterie (A. pulmonalis
(A. carotis communis) sinistra)
linke
Lungenvenen
(Vv. pulmonales
obere sinistrae)
Hohlvene
(V. cava superior) Lungenstamm-
rechter arterie
Vorhof (Truncus pulmonalis)
(Atrium dextrum) linker Vorhof
rechte (Atrium sinistrum)
Herzkammer linke
(Ventriculus dexter) Herzkammer
Leber (Ventriculus sinister)
(Hepar) Aorta
Pfortader
(V. portae)

Grimmdarm
(Colon)

untere
Hohlvene
(V. cava
inferior)

gemeinsame Oberschenkel-
Becken- oder arterie
Hüftarterie (A. femoralis)
(A. iliaca communis)

Blutkreislauf. Abb. 9.26


180 9 Kreislaufsystem

Tab. 9.7 Aorta und ihre Äste.


Aortenabschnitte abgehende Äste Versorgungsgebiete

Aufsteigende Aorta Rechte und linke Herzkranzarterie Herz


(Pars ascendens aortae) (A. coronaria dextra et sinistra)

Aortenbogen – Truncus brachiocephalicus mit


(Arcus aortae) rechter gemeinsamer Halsarterie
(A. carotis communis dextra) und
rechter Schlüsselbeinarterie
(A. subclavia dextra) Hals, Kopf, Arm.
– linke gemeinsame Halsarterie
(A. carotis communis sinistra)
– linke Schlüsselbeinarterie
(A. subclavia sinistra)

Brustaorta Bronchialarterien,
(Pars thoracica aortae) Speiseröhrenarterien, Brusteingeweide,
obere Zwerchfellarterien, Zwerchfelloberseite,
Zwischenrippenarterien. Brustwand.
Bauchaorta Unpaarige Äste:
(Pars abdominalis aortae) – Bauchhöhlenstamm
(Truncus coeliacus) mit
• linker Magenarterie, Magen, Duodenum,
• gemeinsamer Leberarterie, Leber, Milz,
• Milzarterie (A. lienalis); Bauchspeicheldrüse.
– obere Gekrösearterie Darm ab Jejunum bis
(A. mesenterica superior), Quercolon (2. Drittel).
– untere Gekrösearterie Letztes Drittel Quer-
(A. mesenterica inferior). colon bis zum oberen
Teil des Mastdarms.
Paarige Äste – Nebennierenarterien, Nebennieren,
– Nierenarterien (Aa. renales), Nieren,
– Hoden- bzw. Eierstockarterien, Hoden bzw. Eierstöcke,
– Zwerchfellarterien, Zwerchfellunterseite,
– Lendenarterien. Bauchwand.
Gemeinsame Hüftarterie
(A. iliaca communis) mit
– innerer Hüftarterie Beckenorgane
(A. iliaca interna) und
– äußerer Hüftarterie Bein
(A. iliaca externa).

Die Arterien verzweigen sich bis zu den Kapilla- Arterien des Körperkreislaufes und ihre
ren ständig weiter auf. Dabei nehmen der Gesamt- Versorgungsgebiete
querschnitt zu, Durchmesser und Wandstärke ab. Alle großen Arterien des Körperkreislaufes ent-
Ebenso verringert sich die Strömungsgeschwin- springen aus der Aorta. Die Aorta beginnt im lin-
digkeit des Blutes. ken Ventrikel und wird ihrem Verlauf entspre-
Die Organdurchblutung wird vom vegetativen chend in folgende Abschnitte gegliedert:
Nervensystem und durch Hormone dem jeweili- – Aufsteigende Aorta (Pars ascendens aortae) im
gen Funktionszustand angepasst. oberen Mediastinum.
– Aortenbogen (Arcus aortae) verläuft vom obe-
ren Mediastinum in das hintere.
9.5 Gefäßsystem 181

Schläfenarterie
(A. temporalis)
Gesichtsarterie äußere Kopfarterie
(A. facialis) (A. carotis externa)
innere Kopfarterie
(A. carotis interna)
gemeinsame
Halsarterie
(A. carotis communis)

Schlüsselbeinarterie
(A. subclavia)
Stamm
Achselarterie der Kopf-Arm-Arterie
(A. axillaris) (Truncus brachiocephalicus)
Oberarmarterie Aorta
(A. brachialis) Bauchhöhlenstamm
Nierenarterie (Truncus coeliacus)
(A. renalis) obere
gemeinsame Gekrösearterie
Hüftarterie (A. mesenterica superior)
(A. iliaca communis) untere
Speichenarterie Gekrösearterie
(A. radialis) (A. mesenterica inferior)
Ellenarterie äußere Hüftarterie
(A. ulnaris) (A. iliaca externa)
tiefer
Hohlhandbogen
(Arcus palmaris
profundus)
innere Hüftarterie
(A. iliaca interna)
oberflächlicher Oberschenkelarterie
Hohlhandbogen (A. femoralis)
(Arcus palmaris
superficialis)

Kniekehlenarterie
(A. poplitea)

vordere
Schienbeinarterie
(A. tibialis anterior) hintere
Wadenbeinarterie Schienbeinarterien
(A. fibularis) (Aa. tibiales posterior)

Fußrückenarterie
(A. dorsalis pedis)

Arterien des Körpers – Gesamtübersicht. Abb. 9.27


182 9 Kreislaufsystem

Hinterhauptarterie
(A. occipitalis)

Schläfenarterie äußere Halsarterie


(A. temporalis superficialis) (A. carotis externa)
rechte gemeinsame Halsarterie innere Halsarterie
(A. carotis communis dextra) (A. carotis interna)
rechte Schlüsselbeinarterie linke gemeinsame Halsarterie
(A. subclavia dextra) (A. carotis communis sinistra)
Wirbelarterie
(A. vertebralis)

Achselarterie linke Schlüsselbeinarterie


(A. axillaris) (A. subclavia sinistra)

Oberarmarterie Stamm der Kopf-Arm-Arterie


(A. brachialis) (Truncus brachiocephalicus)
Aortenbogen
(Arcus aortae)

Speichenarterie Bauchaorta
(A. radialis) (Pars abdominalis aortae)
Ellenarterie
(A. ulnaris)
äußere Hüftarterie
(A. iliaca externa)

Oberschenkelarterie
(A. femoralis)

Kniekehlenarterie
(A. poplitea)
vordere Schienbeinarterie
(A. tibialis anterior) Wadenbeinarterie
(A. fibularis)

hintere
Schienbeinarterie
(A. tibialis posterior)
Fußrückenarterie
(A. dorsalis pedis)

Pulstaststellen

Abb. 9.28 Arterielle Versorgung von Kopf, Arm und Bein.


9.5 Gefäßsystem 183

rechte gemeinsame linke gemeinsame


Halsarterie Halsarterie
(A. carotis communis dextra) (A. carotis communis
sinistra)
rechte
Schlüsselbeinarterie linke
(A. subclavia dextra) Schlüssel-
beinarterie
(A. subclavia
Stamm der rechten sinistra)
Hals- und
Schlüsselbeinarterie
(Truncus
brachiocephalicus)

Aortenbogen
aufsteigende Aorta (Arcus aortae)
(Pars ascendens aortae)
Brustaorta •
Bauchhöhlenstamm (Pars thoracica aortae)
(Truncus coeliacus)
obere Gekrösearterie linke Nierenarterie
(A. mesenterica superior) (A. renalis sinistra)
Keimdrüsenarterie
Bauchaorta • (Hoden- bzw.
(Pars abdominalis aortae) Eierstockarterie)
gemeinsame untere
Hüftarterie Gekrösearterie
(A. iliaca communis) (A. mesenterica inferior)
äußere Hüftarterie Aortengabel
(A. iliaca externa) (Bifurcatio aortae)
innere Hüftarterie
(A. iliaca interna)
• absteigende Aorta
(Pars descendens aortae)

Abschnitte der Aorta und ihre Hauptäste. Abb. 9.29

oberer Magen
Bauchhöhlenstamm (Gaster)
(Truncus coeliacus) Milz
(Splen, Lien)
Milzarterie
(A. lienalis)
linke Magenarterie
(A. gastrica sinistra)

gemeinsame Leberarterie
(A. hepatica communis)
Ast der A. hepatica
Leber communis
(Hepar) (A. gastroduodenalis)
Bauchspeicheldrüse Ast der A. lienalis
(Pankreas) (A. gastroepiploica)
Zwölffingerdarm rechte Magenarterie
(Duodeum) (A. gastrica dextra)

Versorgungsgebiet des oberen Bauchhöhlenstammes (Truncus coeliacus). Abb. 9.30


184 9 Kreislaufsystem

Alle Venen sammeln sich in zwei großen Venen-


großes Netz stämmen, der oberen Hohlvene (V. cava superi-
(Omentum majus) or) und der unteren Hohlvene (V. cava inferior).
Grimmdarm
(Colon) • Einzugsgebiet der oberen Hohlvene (V. cava
untere superior): Sammelt das Blut aus der oberen
Gekrösearterie Körperhälfte (oberhalb des Zwerchfelles). Sie
(A. mesenterica
inferior) liegt im oberen Mediastinum.
obere
Gekrösearterie • Einzugsgebiet der unteren Hohlvene (V. cava
(A. mesenterica inferior): Sammelt das Blut aus der unteren
superior) Körperhälfte (unterhalb des Zwerchfelles). Sie
Dünndarm liegt im Retroperitonealraum rechts der Bauch-
(Intestinum tenue)
aorta und beginnt mit der Vereinigung der bei-
den gemeinsamen Hüftvenen.

Versorgungsgebiete der Arterien und Venen des Lungenkreislaufes


Abb. 9.31 Gekrösearterien. Aus dem rechten Ventrikel entspringt der Lun-
genarterienstamm (Truncus pulmonalis), der
sich aufteilt in rechte (A. pulmonalis dextra) und
linke Lungenarterie (A. pulmonalis sinistra) (✑
– Absteigende Aorta (Pars descendens aortae) mit Abb. 9.34, S. 186).
• Brustaorta (Pars thoracica aortae) im hinte- Beide Arterien treten am Lungenhilus1) in die
ren Mediastinum, Lunge ein und zweigen sich dort weiter auf.
• Bauchaorta (Pars abdominalis aortae) im
Retroperitonealraum. Zum Lungenkreislauf gehören 2 rechte und
Die Aorta endet mit der Aufgabelung (Bifurcatio 2 linke Lungenvenen (Vv. pulmonales), die das
aortae) in die beiden gemeinsamen Hüftarterien. sauerstoffreiche Blut von den Lungen in den lin-
ken Vorhof transportieren.
Wichtige Arterien des Körpers ✑ Abb. 9.27 bis
9.31.

Venen des Körperkreislaufes und ihre 1) Hilus = Hilum


Einzugsgebiete
Bei den Venen des Körperkreislaufes unter-
scheiden wir Ästchen der
Lungenarterie
– tiefe Venen, die in der Regel als Begleitvenen
der größeren Arterien verlaufen und auch die Bronchiole
gleiche Bezeichnung haben, Ästchen der
Beispiel: A. radialis und V. radialis, Lungenvene
A. renalis und V. renalis;
– oberflächliche oder Hautvenen, die als bläu-
liche Stränge besonders gut an Hand- und
Fußrücken sowie in der Ellenbeuge zu sehen Kapillarnetz
sind (Abb. 9.33).
Lungen-
Merke bläschen
(Alveolen)
Oberflächliche und tiefe Venen stehen durch
Anastomosen miteinander in Verbindung.
Das venöse Blut fließt von den Oberflächen- Übergang der Lungenarterie
venen in die tiefen Venen. zu den Lungenvenen. Abb. 9.32
9.5 Gefäßsystem 185

Sinus sagittalis Schläfenvene


superior (V. temporalis)
Sinus transversus
Venengeflecht Hinterhauptvene
(Plexus pterygoideus) (V. occipitalis)
Gesichtsvene äußere Drosselvene
(V. facialis) (V. jugularis externa)
innere Drosselvene
(V. jugularis interna)
rechte linke
Schlüsselbeinvene Schlüsselbeinvene
(V. subclavia dextra) (V. subclavia sinistra)
obere Hohlvene Arm-Kopf-Vene
(V. cava superior) (V. brachiocephalica)
Achselvene linke Längsvene •
(V. axillaris) (V. hemiacygos)
V. cephalica1) rechte Längsvene •
V. basilica1) (V. acygos)
Lebervenen
Nierenvene (Vv. hepaticae)
(V. renalis)
V. mediana cubiti1) untere Hohlvene
(V. cava inferior)
aufsteigende
Lendenvene •
(V. lumbalis ascendens)

gemeinsame
Hüftvene
(V. iliaca communis)
Oberschenkelvene
(V. femoralis) äußere Hüftvene
(V. iliaca externa)
große Hautvene
(V. saphena magna) innere Hüftvene
(V. iliaca interna)

große Hautvene1)
(V. saphena magna) –
entsteht im Bereich
des Schienbeinknöchels
Kniekehlenvene1) und zieht medial am
(V. poplitea) Unter- und Oberschenkel
nach proximal
kleine Hautvene
(V. saphena parva) –
beginnt im Breich des
Wadenbeinknöchels
und verläuft an der
dorsalen Seite des
Unterschenkels zur
Kniekehle und
mündet hier in die
V. poplitea

1) Hautvenen
Venennetz des
Fußrückens Über die mit • markierten Venen bestehen
(Rete venosum dorsale Verbindungen (Anastomosen) zum Pfort-
pedis) aderkreislauf

Venen des Körpers – Gesamtübersicht. Abb. 9.33


186 9 Kreislaufsystem

linke
Lungenarterie
(A. pulmonalis
rechte sinistra)
Lungenarterie Lungenvenen
(A. pulmonalis (Vv. pulmonales)
dextra)
linker Vorhof
Lungenvenen (Atrium sinistrum)
(Vv. pulmonales)
Lungenarte-
rienstamm
(Truncus
pulmonalis)
rechte
Herzkammer
(Ventriculus
dexter)

Abb. 9.34 Arterien und Venen des Lungenkreislaufs.

Pfortaderkreislauf
Merke
Unter den Organkreisläufen des Körperkreis-
laufes nimmt der Pfortaderkreislauf eine Sonder- Unter dem Pfortaderkreislauf versteht man
stellung ein. Abbildung 9.35 verdeutlicht dies folgenden Weg des Blutes:
wie folgt: Bauchaorta
Das Blut kommt von der Bauchaorta über die ▼
Organarterien in die Kapillargebiete der unpaari- Organarterien der unpaarigen Bauchorgane
gen Bauchorgane (Magen, Darm, Bauchspei- ▼
cheldrüse, Milz). Kapillaren der unpaarigen Bauchorgane
(1. Kapillargebiet)
Hier finden folgende wichtige Vorgänge statt: ▼
Pfortader (= Sammelvene)
– Im Magen- und Darmkapillargebiet erfolgt die ▼
Resorption der Nahrungsstoffe, Leberkapillaren
– im Milzkapillargebiet die Aufnahme von Ab- (2. Kapillargebiet)
bauprodukten des Blutes und ▼
– im Bauchspeicheldrüsenkapillargebiet die Auf- Lebervenen
nahme der Hormone Insulin und Glukagon. ▼
untere Hohlvene
Das in seiner Zusammensetzung so veränderte
Blut fließt danach über die Venen der unpaarigen blut befindlichen Stoffe werden einer Kontrolle
Bauchorgane in die Pfortader (V. portae), also unterzogen, bevor sie in die anderen Organe
nicht wie üblich in die untere Hohlvene. Über gelangen.
die Pfortader gelangt es in das 2. Kapillargebiet, Die Leber verändert also das Blut deutlich, in
das der Leber. Von da strömt es schließlich über dem sie u. a.
die Lebervenen zur unteren Hohlvene. – die resorbierten Nahrungsstoffe abbaut oder
ineinander umwandelt,
Die Leber ist das wichtigste Stoffwechselorgan – toxische Stoffe (Alkohol, Medikamente) ent-
(✑ Kap. 12.6, S. 246), d. h., die im Pfortader- giftet,
9.5 Gefäßsystem 187

untere Hohlvene
linke (V. cava inferior)
Magenvene
(V. gastrica sinistra)

Pfortader
(V. portae)

Leberpforte
(Porta hepatis)
Milzvene
(V. lienalis)

rechte
Magenvene
(V. gastrica dextra)

Bauchspeicheldrüsenvenen
(Vv. pancreaticae)

obere Gekrösevene
(V. mesenterica superior)
untere Gekrösevene
(V. mesenterica inferior)

Venen des Pfortaderkreislaufes (Organe von dorsal). Abb. 9.35

– Hämoglobin in Gallenfarbstoffe umwandelt, 9.5.3 Lymphgefäßsystem


– unter Einwirkung von Hormonen den Blut-
zuckerspiegel reguliert. Das Lymphgefäßsystem stellt ein zusätzliches
Zwei Besonderheiten des Pfortaderkreislaufes Abflusssystem dar, durch das die überschüssige
sind hervorzuheben. interstitielle Flüssigkeit in das Blutgefäßsystem
1. Das Blut durchströmt zwei Kapillargebiete. zurückgeführt wird. Blut- und Lymphgefäß-
2. Im Venenblut befinden sich nicht nur Stoff- system stehen also in enger Beziehung.
wechselendprodukte, sondern auch die resor- Die Lymphgefäße durchziehen den gesamten
bierten Nahrungsstoffe. Körper, sodass jede Zelle angeschlossen ist.
Im Bereich der Blutkapillaren beginnt das

P Bei Verstopfung der Pfortader nimmt das Lymphgefäßsystem mit zahlreichen blindver-
Blut einen Umweg (Kollateralkreislauf) über schlossenen Lymphkapillaren. Die Lymphkapil-
Anastomosen, die zu Venen der vorderen laren vereinigen sich zu ableitenden, oft mit
Bauchwand führen. Deren Erweiterung führt Klappen ausgestatteten Lymphgefäßen, die über
zum sog. Medusenhaupt. Eine weitere Um- den Milchbrustgang (Ductus thoracicus) und den
gehung erfolgt über Speiseröhrenvenen und rechten Lymphstamm (Ductus lymphaticus dex-
damit verbundener Varizenbildung. ter) in das Venensystem einmünden. An den
188 9 Kreislaufsystem

Lymphe – Entstehung (✑ S. 200) und


Interzellularraum blindgeschlossene Zusammensetzung
Lymphkapillare
Die Lymphe besteht aus interstitieller Flüssigkeit
Blutkapillaren und ist ähnlich dem Blutplasma zusammenge-
setzt. Wichtige Unterschiede zum Blutplasma
Arteriole Gewebe sind höherer Wasseranteil, geringerer Eiweiß-
Venole
anteil (ca. 20 g/l), geringerer Glucoseanteil. Außer-
dem enthält sie keine Erythrozyten. Es gibt aller-
dings erhebliche regionale Unterschiede.

Merke

Lymphgefäß Die Darmlymphe heißt Chylus und ist vor al-


lem für den Abtransport von Fettstoffen ver-
antwortlich (Ursache für das milchige Aus-
Abb. 9.36 Blut- und Lymphkapillaren. sehen).

Lymphmenge
Extremitäten verlaufen die mittleren Lymphge- Sie beträgt unter normalen Bedingungen ca. 2 l/d
fäße häufig in unmittelbarer Nachbarschaft der (= 1/10 des kapillären Filtrats).
größeren Hautvenen.
Lymphtransport
Der Ductus thoracicus ist der größte Lymph- Das Lymphsystem hat im Unterschied zum
stamm. Er beginnt in Höhe des 1. Lendenwirbels Blutgefäßsystem kein Pumporgan. Der Trans-
mit einer bläschenförmigen Erweiterung port der Lymphe erfolgt durch Kontraktion der
(= Cisterna chyli) und tritt mit der Aorta durch glatten Gefäßmuskulatur und durch vorüber-
das Zwerchfell. Danach verläuft er im hinteren gehende Drucksteigerung in der Umgebung der
Mediastinum und mündet in den linken Venen- Lymphgefäße. Die mittlere Strömungsgeschwin-
winkel (= Vereinigung von V. subclavia sinistra digkeit ist dementsprechend sehr langsam.
und V. jugularis interna sinistra). Er sammelt die
Lymphe aus allen Körperteilen unterhalb des ❑
P Verschluss von Lymphgefäßen führt zu
Zwerchfelles, dem linken Arm und der linken Lymphödemen.
Brust-, Hals- und Kopfseite. Entzündungen der Hautlymphgefäße (z. B.
Der nur ca. 1 cm lange Ductus lymphaticus dex- nach Insektenstich) erkennt man an deren roter
ter mündet in den rechten Venenwinkel (Ver- Verfärbung („roter Strich“ – im Volksmund fäl-
einigung von V. subclavia dextra und V. jugularis schlich als „Blutvergiftung“ bezeichnet).
interna dextra) und sammelt die Lymphe aus
dem rechten Arm und der rechten Hals- und
Kopfseite. Aufgabe
Bevor die Lymphe in die großen Lymphgefäße Das Lymphgefäßsystem dient dem Flüssigkeits-
gelangt, passiert sie zahlreiche zwischengeschal- transport in das Venensystem, wobei gleichzeitig
tete Lymphknoten. Diese kommen an bestimm- Kontroll- und Abwehraufgaben erfüllt werden.
ten Stellen gehäuft vor (z. B. regionäre Lymph- Mittransportiert werden solche Stoffe, die die
knoten) und besitzen Filter- und Abwehrfunktion Wand der Blutkapillaren nicht passieren können
(✑ S. 163). und erst „gefiltert“ werden müssen.
Beispiele: Bakterien, Ruß, Krebszellen und
Merke Fettstoffe (werden im Dünndarm resorbiert).
Die Flüssigkeit in den Lymphgefäßen wird
als Lymphe bezeichnet und fließt in das
Venensystem.
9.6 Physiologie des Kreislaufsystems 189

Lymphknoten Drosselvene
hinter dem Ohr (V. jugularis)
Unterkieferlymphknoten linker
Venenwinkel
rechter Hauptlymphgang Schlüssel-
(Ductus lymphaticus dexter) beinvene
(V. subclavia)
rechter
Venenwinkel Achsellymphknoten
Achsellymphknoten Lungenhiluslymphknoten
Brustmilchgang
(Ductus thoracicus)

Cisterna chyli

Ellenbogen-
lymphknoten
Gekröselymphknoten

Beckenlymphknoten

Leistenlymphknoten

Lymphgefäßsystem. Abb. 9.37

9.6 Physiologie des Kreislaufsystems weitestgehend selbständig zu sein, bildet das Herz
deshalb die Erregungen selbst. Bei der Tätigkeit
Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit der Herz- des Herzens sind demnach das elektrische
tätigkeit und den speziellen Aufgaben der einzel- Geschehen (Erregung) und das mechanische
nen Gefäßarten. Geschehen (Pumptätigkeit) zu unterscheiden.

Funktion des Herzens 9.6.1 Erregung des Herzens


Die Pumptätigkeit des Herzens gewährleistet die
stetige Strömung des Blutes durch das Gefäß- Die Pumptätigkeit des Herzens wird durch
system. Das Aussetzen der Herztätigkeit bedeu- Aktionspotentiale ausgelöst, die vom Herzmus-
tet bereits nach wenigen Minuten den Tod. Um kelgewebe selbst und spontan gebildet werden.
190 9 Kreislaufsystem

Man nennt dies Autorhythmie oder Autonomie 1. Sinusknoten


(für alle anderen Muskeln des Körpers werden Vom Sinusknoten geht normalerweise der
die Aktionspotentiale im Zentralnervensystem Anstoß zu einem Herzschlag aus, weshalb er
erzeugt). auch als Schrittmacher des Herzens bezeich-
Das Myokard besteht demnach aus zwei Typen net wird. Er liegt im rechten Vorhof zwischen
von Herzmuskelzellen: der Einmündung der V. cava superior und dem
• Zellen, die sich verkürzen können, sie bilden rechten Herzohr.
die Arbeitsmuskulatur; Der Sinusknoten treibt bei Körperruhe das
• Zellen, die rhythmisch Aktionspotentiale pro- Herz mit einer Frequenz von ca. 70 Aktions-
duzieren und weiterleiten, sie bilden das Er- potentialen (= elektrische Impulse) pro Minu-
regungsbildungs- und Erregungsleitungs- te an (=Sinusrhythmus).
system (Reizleitungssystem) des Herzens. 2. Vorhofmyokard
Vom Sinusknoten breitet sich die Erregung
Da die Herzmuskelzellen nicht gegeneinander gleichmäßig über das Myokard beider Vorhöfe
isoliert sind, breitet sich eine Erregung, die im aus, sodass diese gleichzeitig kontrahieren.
Herzmuskel entsteht, immer über das gesamte Anschließend wird der AV-Knoten erregt.
Herz aus (Alles-oder-Nichts-Gesetz, ✑ S. 74). Wegen der Isolationseigenschaft des Herzske-
lettes kann die Erregung nicht unmittelbar vom
Erregungsbildung und -weiterleitung Vorhof- auf das Kammermyokard übergehen.
Das Erregungsbildungs- und Erregungsleitungs-
system wird von verschiedenen Strukturen ge-
bildet.

rechter Vorhof
(Atrium dextrum)

linker Vorhof
(Atrium sinistrum)

Herzskelett –
bestehend aus
4 bindegewebigen
Ringen
(Anuli fibrosi)
Sinusknoten
linke
Herzkammer
(Ventriculus
Atrioventrikular- sinister)
knoten1)
(AV-Knoten) Papillarmuskeln
His-Bündel

Kammer-
schenkel
rechte
Purkinje’sche Herzkammer
(Ventriculus dexter)
Fasern

1) AV-Knoten = Vorhof-Kammer-Knoten, früher auch Aschoff-Tawara-Knoten genannt

Abb. 9.38 Erregungsbildungs- und Erregungsleitungssystem des Herzens.


9.6 Physiologie des Kreislaufsystems 191

3. Atrioventrikularknoten = AV-Knoten ebenfalls gleichmäßig, sodass auch beide Kam-


Er liegt in der Vorhofscheidewand unter dem mern zur gleichen Zeit kontrahieren. Die
Endokard zwischen der Mündung des Sinus Kontraktion der Herzkammern setzt unmittel-
coronarius und der Tricuspidalis. bar nach Beendigung der Vorhofkontraktion
Der AV-Knoten bildet die Überleitungsstelle ein.
zwischen den Vorhöfen und Ventrikeln. Er
verzögert die Erregungsleitung etwas. ❑
P Das Erregungsgeschehen kann durch ver-
4. His-Bündel schiedene Schädigungen gestört werden. Man
Vom AV-Knoten läuft die Erregung auf einer spricht von Herzrhythmusstörungen.
vorgeschriebenen Bahn in Richtung Herz- Beispiele:
spitze weiter. Unmittelbar an ihn schließt sich – Störung der Erregungsbildung (Sinustachy-
das His-Bündel an und zieht zur Kammer- kardie, Sinusbradykardie, Sinusarrhythmie,
scheidewand. Es liegt in einer Lücke des Extrasystolen u. a.),
Herzskelettes. – Störung der Erregungsleitung (z. B. Schen-
5. Kammerschenkel kelblock).
Das His-Bündel teilt sich in die beiden
Kammerschenkel, die zur Herzspitze ziehen Bei Ausfall des Sinusknotens kann dessen
und sich dabei aufzweigen. Sie liegen links Funktion durch einen künstlichen „Herzschritt-
und rechts des Kammerseptums. macher“ ersetzt werden.

Das Elektrokardiogramm (EKG, ✑ Abb. 9.40,


Merke
S. 192)
• Der Sinusknoten bildet die Erregungen für Das EKG registriert die mit dem Erregungs-
das Herz automatisch. Die Sinusfrequenz geschehen des Herzens verbundenen Spannungs-
beträgt in Ruhe ca. 70 Impulse pro Minute. schwankungen.
• Zuerst werden beide Vorhöfe gleichmäßig Es kann Auskunft geben über:
erregt, sodass sie sich auch gleichzeitig • Herzfrequenz,
kontrahieren. • Erregungsrhythmus und -ursprung,
• Etwas später werden beide Kammern gleich- • Impulsausbreitung,
mäßig erregt, sodass auch sie sich gleich- • Erregungsrückbildung,
zeitig kontrahieren. • Herzlage.
• Diese geordnete Erregungsbildung und
-ausbreitung ist Voraussetzung für die Be- ❑
P Das EKG leistet hauptsächlich einen Bei-
wegung des Blutes in einem vorgegebenen trag zur Diagnosefindung von Herzrhythmus-
Richtungssinn. störungen und Herzdurchblutungsstörungen
• Grundsätzlich kann die automatische Erre- (Angina pectoris, Herzinfarkt). Es hat nur eine
gungsbildung im gesamten Herzen erfolgen, bedingte Aussagekraft zur Herzleistung.
sodass ein Ausfall des Sinusknotens nicht
zum Herzstillstand führt. Die Impulsfre- Die gebräuchlichsten Ableitungen sind stan-
quenz anderer Teile ist aber immer niedriger, dardisiert, um vergleichbare Aufzeichnungen
z. B. AV-Rhythmus: 30 – 40 Impulse/min. zu erhalten (✑ Abb. 9.39, S. 192).
• Beim gesunden Herzen bildet der Sinus-
knoten die Erregungen am schnellsten und
unterdrückt dadurch die anderen Teile
(Sinusknoten als Schrittmacher). 9.6.2 Mechanik der Herztätigkeit

Die Herztätigkeit verläuft in Form einer Pump-


6. Purkinje’sche Fasern arbeit (Herz als Saug-Druck-Pumpe), die sich in
Als Purkinje’sche Fasern bezeichnet man die einem dauernden Wechsel von Systole (Kontrak-
Aufzweigungen der beiden Kammerschenkel, tion) mit Anspannungs- und Austreibungsphase
die die Erregung auf die Kammer- und die und Diastole (Erschlaffung) mit Entspannungs-
Papillarmuskulatur übertragen. Dies geschieht und Füllungsphase vollzieht.
192 9 Kreislaufsystem

nach Einthoven nach Goldberger nach Wilson

– +


+

– –

+ +

+ –
Abb. 9.39 EKG-Ableitungen.

P = Vorhoferregung
Q
R = Kammererregung
S
T = Erregungsrückbildung
in der Kammer-
muskulatur

Abb. 9.40 Elektrokardiogramm (EKG).


9.6 Physiologie des Kreislaufsystems 193

Der Herzzyklus erzeugt fortlaufende Druck- und Herzleistung


Volumenveränderungen, die ein entsprechendes Die Förderleistung des Herzens wird als Herz-
Spiel der Herzklappen und damit die Blutströ- minutenvolumen (= Herzzeitvolumen) berechnet.
mung gewährleisten. Herzminutenvolumen (HMV)
= Herzfrequenz • Schlagvolumen.
Merke
Beispiel:
Nur während der Diastole fließt das Blut von Herzfrequenz: 72 Schläge pro Minute
der Aorta in die Herzkranzgefäße, sodass der Schlagvolumen: 70 ml pro Kontraktion
hohe Blutbedarf des Herzmuskels gedeckt HMV 72 Schläge • 70 ml
wird. Während der Systole werden die Herz- = 4,9 Liter pro Minute
kranzgefäße durch die Muskelkontraktionen
„abgedrückt“.
Merke

Ablauf eines Herzschlages Das Herzminutenvolumen gibt an, welche


Folgende ursächliche Zusammenhänge sind zu Blutmenge pro Minute in das Gefäßsystem
beachten: gepumpt wird.

Elektrischer Impuls
 Wie die Vorgänge im ❑
P Bei körperlicher Anstrengung kann das Herz-
Muskeltätigkeit Einzelnen ablaufen, minutenvolumen bis auf 20 l/min ansteigen.
 ist aus der Tabelle 9.8,
Druckverhältnisse
 Seite 194 und der
Abb. 9.42, Seite 195
Regelung der Herzleistung (✑ Abb. 9.41)
Klappenstellung Die Eigenrhythmik (Autonomie) des Herzens
 zu ersehen.
Blutbewegung kann vom vegetativen Nervensystem (✑ S. 364)
modifiziert werden. Dadurch erfolgt die funk-
tionsgerechte Einstellung der Herztätigkeit ent-
Begleiterscheinungen der Herzaktion sprechend der Belastungssituation.
Durch den Klappenschluss erzeugte Schwingun-
gen führen zu diagnostisch verwertbaren Schall-
erscheinungen. Man unterscheidet den 1. Herz- Herzfrequenz
ton, der beim Schluss der Segelklappen am (Herzschlag pro Minute)
Systolenbeginn auftritt, und den 2. Herzton, der
beim Schluss der Taschenklappen am Diastolen-
beginn auftritt.


P Störungen der Klappenfunktion (Klappen-
fehler), z. B. eine Stenose (Klappen können sich
nicht mehr richtig öffnen) oder eine Insuffizienz
(Klappen schließen sich nicht mehr vollständig)
beeinträchtigen die Pumpfunktion. Funktionsun- Parasympathicus Sympathicus
tüchtige Herzklappen können durch künstliche (N. vagus) steigert
reduziert
Klappen ersetzt werden. Stenosen (Verengun-
gen) und Insuffizienzen verursachen Schall-
erscheinungen. Sie (Töne = physiologisch, Ge-
räusche = meist pathologisch) können vom Arzt
mit dem Stethoskop abgehört werden, wobei
der Schall jeder Klappe an bestimmten Stellen
der Brustwand am besten zu hören und dadurch
meist einer bestimmten Klappe zuzuordnen ist.
Objektiviert werden können die Schallereignisse Regelung der Herzleistung. Abb. 9.41
mittels der Phonokardiographie.
194 9 Kreislaufsystem

Tab. 9.8 Herzaktion.


Sinusknotenimpuls breitet sich im Vorhofmyokard aus

Kontraktion des Vorhofmyokards
(Vorhöfe sind zu diesem Zeitpunkt gefüllt; Segelklappen offen und
Taschenklappen geschlossen)

geringer Anstieg des Vorhofdruckes

wenig Blut strömt von den Vorhöfen in die Kammern

Erregungsübertragung auf das Kammermyokard Beginn
 Kammersystole
Kontraktionsbeginn des Kammermyokards – Anspannungs-
 phase
Kammerdruck steigt über Vorhofdruck

Segelklappen werden geschlossen
– so dass der Rückfluss des Blutes in die Vorhöfe verhindert wird

Kammermyokard kontrahiert weiter

Kammerdruck steigt über den Arteriendruck
 – Austreibungs-
Taschenklappen werden geöffnet phase

 
Schlagvolumen Gleichzeitig verlagert sich die
von ca. 70 ml Ventilebene herzspitzenwärts
wird aus jeder Kammer 
in die Ausflussbahnen gedrückt; Entstehung eines Soges in den
Restvolumen Vorhöfen
von ca. 70 ml  Ende
verbleibt in den Kammern Füllung der Vorhöfe Kammersystole

Erregungsrückbildung Beginn
Kammerdiastole

Erschlaffung des Kammermyokards – Entspannungs-
 phase
Kammerdruck fällt
– zunächst unter den Arteriendruck

Taschenklappen werden geschlossen,
sodass der Rückfluss des Blutes in die Kammern verhindert wird
– wenig später fällt der Kammerdruck unter den Vorhofdruck
 – Kammer-
Segelklappen werden geöffnet füllungsphase

Ventilebene verlagert sich wieder herzbasiswärts

Blut fließt von den Vorhöfen in die Kammern
– anfangs schnell, dann langsamer
– gleichzeitig kann Blut über die Einflussbahnen in die Vorhöfe nachfließen
Vorhöfe und Kammern befinden sich während dieser Zeit in einer kurzen Ende
Ruhephase (= Erholungszeit) Kammerdiastole
9.6 Physiologie des Kreislaufsystems 195

Systole Hauptphasen der Herzaktion Diastole


Aortenklappe und Pulmonalklappe Aortenklappe und Pulmonal-
geöffnet – Mitralis und klappe geschlossen –
Tricuspidalis Mitralis und
geschlossen Tricuspidalis geöffnet

ne
be
it le
ne n
be Ve
tile
n
Ve

Ausgangs-
situation Kammern gefüllt,
zu Beginn Anspannungsphase
Segelklappen offen,
der Systole Taschenklappen zu, isometrische
Kammerdruck fast 0 mmHg Hg
m
m Kontraktion des
0 Kammermyokards,
8 Hg
m
m Segelklappen
25 fast
0 mmHg
werden geschlossen

fast
0 mmHg 80 mmHg

25 mmHg

Entspannungs- und
m
Hg Füllungsphase
m
80 Hg
m
m
2 5
10 mmHg
Hg
m
0
m Austreibungsphase
fast 13 Hg
10 mmHg 0 mmHg m
m
40 Unter- isotonische Kontraktion
fast druck des Kammermyokards,
0 mmHg
Taschenklappen werden
130 mmHg
Unter-
geöffnet, Schlagvolumen
Entspannung des Kammermyokards, druck wird ausgestoßen,
Segelklappen werden geöffnet, 40 mmHg Vorhöfe werden gefüllt
Kammern werden gefüllt

Ablauf des Herzschlages. Abb. 9.42


196 9 Kreislaufsystem

9.6.3 Funktion der Gefäße a) Das Blut strömt entlang des herrschenden
Druckgefälles im Kreislaufsystem.
Der Transport des Blutes unterliegt bestimmten b) Die Durchflussmenge ist umso größer, je grö-
physikalischen Gesetzmäßigkeiten, von denen ßer die Druckdifferenz und je geringer der
hier einige genannt werden. Strömungswiderstand ist.

Hochdruck- Niederdruck- Hochdruck- Niederdruck-


system system system system
Kapillaren

Kapillaren
Arteriolen

Arteriolen
Venolen

Venolen
Arterien

Arterien
Venen

Venen
[cm2 ] [%]
4000
Querschnitt 80 Volumen
3500
70
3000 63
60
2500
50
2000
40
1500
30
1000
20 15
500 12
10 3 7
[cm/s] [%]
Strömungs- Widerstand
geschwindigkeit 60
15 50 47
40
10
30 27
20 19
5
10 4 3
[mmHg] [%]
140 Blutdruck 70 Oberfläche
120 60 59

100 50
80 40
60 30 29
40 20
10
20 10
0,5 1,5

Abb. 9.43 Hoch- und Niederdrucksystem.


9.6 Physiologie des Kreislaufsystems 197

c) Der Strömungswiderstand ist


umso geringer, je kürzer und Systole (Austreibungsphase)

je weiter die Gefäße sind linker Ventrikel weiterfließendes Blut


(durch Parallelschaltung der
vielen Kapillaren ist der
Strömungswiderstand trotz
des geringen Durchmessers
der einzelnen Kapillare gerin- Aortenklappe vorübergehende Speicherung
ger als in den Arteriolen). auf von Blut
d) Die Strömungsgeschwindig-
keit ist in den Kapillaren am
geringsten und in der Aorta Diastole weiterfließendes Blut
am höchsten (✑ Abb. 9.43).

Arteriensystem
Die Arterien erfüllen zwei Auf-
gaben. Sie verteilen das Blut auf Aortenklappe
zu Entspeicherung
die Körperperipherie und ver-
wandeln die stoßweise Blutströ-
mung am Aortenanfang in eine Systole (Austreibungsphase)
annähernd kontinuierliche Strö-
mung (Windkesselfunktion).

Merke
Austreibungsphase der Aortenklappe
auf Pulswelle
Kammersystole
Ein Teil des Schlagvolumens
fließt als systolisches Ab- Windkesselfunktion. Abb. 9.44
flussvolumen sofort weiter,
ein anderer Teil wird kurz-
fristig in dem sich dehnenden Aortenab- Im Pars ascendens aortae eines jungen, gesunden
schnitt gespeichert. Es entsteht der systoli- Erwachsenen betragen die Werte durchschnittlich:
sche arterielle Blutdruckwert. • systolisch 120 mmHg1) (= 120 Torr),
• diastolisch 80 mmHg (= 80 Torr).
Diastole Der mittlere arterielle Blutdruck beträgt mithin
In der Phase des Druckabfalls zieht sich die 100 mmHg.
gedehnte Aortenwand elastisch zusammen Die Höhe des Blutdruckes hängt vor allem von
und bewirkt das Weiterfließen des Blutes in 3 Faktoren ab:
Richtung Kapillaren. Es entsteht der diastoli- – von der Pumpkraft des Herzens,
sche arterielle Blutdruckwert. – von der Größe des Schlagvolumens und
– vom peripheren Widerstand (Gefäßquerschnitt,
Elastizität und „Glattheit“ der Gefäßwand).
Blutdruck
Der in den Blutgefäßen und Herzinnenräumen
herrschende Druck heißt Blutdruck. Merke
Der systolische arterielle Blutdruck hängt
Beim Blutdruckmessen werden 2 arterielle Blut- hauptsächlich vom Herzminutenvolumen und
druckwerte ermittelt; der systolische arterielle der diastolische arterielle Blutdruck vom
Blutdruckwert, der während der Austreibungs- peripheren Widerstand in den Arteriolen ab.
phase der Kammersystole entsteht, und der dias-
tolische arterielle Blutdruckwert, der während
der Kammerdiastole vorherrscht. 1) mmHg = Millimeter Quecksilbersäule
198 9 Kreislaufsystem

Blutdruckamplitude Verteilungsfunktion der Arteriolen (✑ Abb. 9.45)


Die Blutdruckamplitude ist die Differenz zwi- Die Verteilung des Herzminutenvolumens auf die
schen systolischem und diastolischem arteriellen einzelnen parallel geschalteten Organkreisläufe ge-
Blutdruck. Sie beträgt in dem angegebenen schieht durch die Arteriolen. Unter dem Einfluss
Beispiel 40 mmHg (= 40 Torr). des vegetativen Nervensystems bzw. von bestimm-
ten Hormonen werden diese Gefäße verengt oder
Blutdruckmessungen erweitert, somit auch der periphere Widerstand
Der Blutdruck kann direkt oder indirekt gemes- verändert und die Durchblutung gesteuert.
sen werden. Die direkte oder blutige Blutdruck-
messung erfolgt im Blutgefäß. Sie ist sehr genau Merke
und kommt nur in der Klinik zum Einsatz.
Die bekannteste und am häufigsten angewandte Die Arteriolen sind die wirksamsten Wider-
Methode ist die indirekte oder unblutige Blut- standsregler des Kreislaufes und hauptsäch-
druckmessung nach Riva Rocci (RR). Sie erfolgt lich für die Durchblutungsgröße der Kapil-
an der Oberarmarterie (A. brachialis) mithilfe largebiete verantwortlich.
einer aufblasbaren Gummimanschette, die mit
einem Druckmesser (Manometer) verbunden ist. Kapillarsystem
Genutzt werden die Strömungsgeräusche (sog. In den Kapillargebieten findet der gesamte
Korotkoff-Geräusche) des Blutes. Stoffaustausch zwischen dem Transportmittel
Darüber hinaus gibt es eine Reihe automatischer Blut und dem Gewebe über die interstitielle
Blutdruckmessgeräte zur individuellen Blut- Flüssigkeit statt.
druckkontrolle, die meistens nicht auf den Korot-
koff-Geräuschen basieren und zum Teil zur Im Bereich der Kapillargebiete erfolgt die
Messung an den Handgelenken befestigt werden. Versorgung und die Entsorgung der Zellen, die
hormonelle Informationsübertragung sowie der
Puls (Stoß, Schlag) Ausgleich der Wasser- und Elektrolytbilanz.
Als Puls wird die rhythmische Erweiterung der Die Kapillargebiete sind durch folgende Eigen-
großen elastischen Arterien bezeichnet. Diese schaften diesen Funktionen bestens angepasst:
Erweiterung entsteht durch den Anschlag der • Größter Querschnitt ⇒ langsame Strömung,
vom Herzen erzeugten Druckwelle an den Ge- • Oberflächenvergrößerung infolge starker Ge-
fäßwandungen und ist als Erhebung mit dem fäßverzweigung ⇒ große Austauschfläche,
Finger tastbar. • sehr dünne durchlässige Gefäßwände
⇒ kurze Transportwege,
Merke • kleine Versorgungsgebiete, kleiner Radius
⇒ ausreichender Druck.
Die Pulsfrequenz ist die Anzahl der Puls-
Der Flüssigkeitsaustausch zwischen Blut, inter-
schläge pro Minute. Es gilt:
stitieller Flüssigkeit und Zellen wird durch fol-
Sinusfrequenz = Herzfrequenz = Pulsfrequenz
gende Mechanismen gewährleistet:
(normal: 60 – 80 pro Minute)
• Diffusion (✑ S. 32). Hat die größte Bedeutung.
Frei diffundieren können kleine Teilchen. Dazu

P Eine Pulsfrequenz unter 60 Schlägen pro gehören H2O, O2, CO2, lipidlösliche Substanzen
Minute heißt Bradykardie. Über 100 Schläge wie Alkohol, Elektrolyte, Harnstoff. Mit zu-
pro Minute werden als Tachykardie bezeich- nehmender Teilchengröße wird die Diffusion
net. Unter der Pulsqualität versteht man den immer stärker behindert (z. B. für Glucose)
Füllungszustand der Arterien. Als Pulsrhyth- bzw. unmöglich (z. B. für Albumine).
mus wird die Regelmäßigkeit bzw. Unregel- • Filtration (✑ S. 33). Durch die Filtration kön-
mäßigkeit des Pulses bezeichnet. Arrhyth- nen schnelle Flüssigkeitsverschiebungen
mien können krankhaft sein. Durch Palpation zwischen Blutplasma und Zwischenzellraum
der Pulswelle können wichtige Informationen (Interstitium) realisiert werden. Die treibende
über den Funktionszustand des kardiovas- Kraft ist der effektive Filtrations- bzw. Re-
kulären Systems gewonnen werden. absorptionsdruck (= Druckdifferenz zwischen
Blut und Gewebe). Aus Abbildung 9.46 ist zu
9.6 Physiologie des Kreislaufsystems 199

Organdurchblutung richtet sich maßgeblich


1. nach dem Bedarf an Sauerstoff,
2. nach der Menge der abzutransportierenden Stoffwechselprodukte.

Bewegungssystem aktiv Verdauungssystem aktiv

• Bedarf an Sauerstoff in Skelettmuskulatur: • Bedarf an Sauerstoff in Skelettmuskulatur:


hoch niedrig
• Bedarf an Sauerstoff im Verdauungs- • Bedarf an Sauerstoff im Verdauungs-
system: niedrig system: hoch
• Anfallende Stoffwechselprodukte in • Anfallende Nährstoffe, die in das Blut
Skelettmuskulatur: hoch resorbiert werden: hoch

Daraus folgt:
Organdurchblutung muss angepasst werden

• optimale Durchblutung der Skelett- • optimale Durchblutung der Organe des


muskulatur Verdauungssystems
• Erhaltung der Mindestdurchblutung des • Erhaltung der Mindestdurchblutung der
Verdauungssystems Skelettmuskulatur

Erreichung des optimalen Zustandes durch folgende Mechanismen


Weitstellung der Arteriolen in der Weitstellung der Arteriolen in den
Skelettmuskulatur Organen des Verdauungssystems
Hervorgerufen Hervorgerufen
1. durch Wirkung des Sympathicus 1. durch Wirkung des Parasympathicus
2. durch Wirkung von Hormonen wie z. B. 2. durch Wirkung von gefäßaktiven
Noradrenalin Substanzen wie Bradykinin und Kallidin

Vereinfachte Darstellung der Regulation der Organdurchblutung. Abb. 9.45


200 9 Kreislaufsystem

Lymphkapillare

Lymphe

2 l/d

Arteriole Interstitium Venole


37 mmHg Blutkapillare 22 mmHg

28 mmHg 28 mmHg
= effektiver Filtrationsdruck: = effektiver
37 mmHg – 28 mmHg = Reabsorptionsdruck:
9 mmHg 28 mmHg – 22 mmHg = 6 mmHg
Folge: Filtration 20 l/d Folge: Reabsorption 18/d (Auswärtsfiltration)
= Flüssigkeitsbewegung

Abb. 9.46 Filtration im Körperkapillargebiet.

erkennen, dass der effektive Filtrationsdruck Venensystem


9 mmHg und der effektive Reabsorptionsdruck Das Venensystem erfüllt im Kreislaufsystem
6 mmHg betragen. Somit werden aus den Kör- 2 Aufgaben:
perkapillaren pro Tag ca. 20 Liter Flüssigkeit • Rücktransport des Blutes zum Herzen nach
in das Interstitium filtriert und umgekehrt ca. erfolgtem Stoffaustausch in den Kapillaren
18 Liter reabsorbiert. Die restlichen 2 Liter (= venöser Rückstrom);
erreichen die Blutbahn als Lymphe. • Blutspeicher (ca. 60 % des Blutvolumens be-
• Pinozytose (✑ S. 34). Aktiver Transport vor finden sich im Venensystem).
allem von Eiweißen.
Transportfunktion
Der venöse Rückstrom des Blutes in den rechten
Merke
Vorhof wird durch folgende Mechanismen gesi-
Normalerweise herrscht zwischen der aus- chert (✑ Abb. 9.47 bis 9.50):
wärts strömenden und der einwärts strömen- – Restblutdruck, der von der Herzarbeit im
den Flüssigkeitsmenge, einschließlich Lymph- Venensystem noch wirkt;
strom, ein Gleichgewicht. Störungen dieses – Schwerkraft oberhalb des Herzens;
Gleichgewichtes können zu Flüssigkeitsver- – Sogwirkung der Vorhöfe durch die Verlage-
schiebungen zwischen den drei großen Flüs- rung der Ventilebene herzspitzenwärts (✑
sigkeitsräumen führen (✑ S. 28), so z. B. zu S. 194 und 195);
Ödemen. – Sogwirkung des Thorax während der Inspira-
tion (✑ S. 225);
– Muskelpumpe – durch
Tab. 9.9 Stabilisierung des Kreislaufes durch das Venensystem. die Kontraktion der
Muskeln werden die
steigt Entspeicherung Venen zusammenge-
Herz- (Arbeit)
Venen- drückt, die Wirksam-
minuten-
system keit der Muskelpumpe
volumen fällt Speicherung
wird durch die Venen-
(Ruhe)
klappen unterstützt,
9.6 Physiologie des Kreislaufsystems 201

Inspiration Exspiration
Venendruck Venendruck
fällt steigt

Venen Venen
erweitert verengt

Druck auf Druck auf


Venen Venen
gesenkt erhöht

Inspiration Thoraxinnen- Exspiration Thoraxinnen-


(Einatmung) raum erweitert (Ausatmung) raum verengt

Sog- und Druckwirkung bei der Inspiration und Exspiration. Abb. 9.47

die als Ventile ein Rückströmen verhindern; obere Hohlvene


– Arterien-Venen-Kopplung – die Pulsation der
Arterie überträgt sich auf die Vene und wirkt
wie die Muskelpumpe. Lungenvenen
ne
be ch
it le t si en-
n g z
Ve we pit s
be rzs ärt
Vene he w

Venenklappen
geöffnet
Venen verengt Kammersystole
Venenklappen
geschlossen untere Hohlvene
Arterie
Sogwirkung der Vorhöfe
Abb. 9.48 Arterien-Venen-Kopplung. während der Kammersystole. Abb. 9.50

Erschlaffung der Kontraktion der Speicherfunktion


Muskeln Muskeln Im Venensystem befinden sich aufgrund seiner
Dehnbarkeit ca. 60 % des Blutvolumens. Je nach
Vene zu erbringender Körperleistung wird, ohne dass
Venenklappe sich der zentrale Venendruck wesentlich verän-
dert, das Blut mobilisiert. Dadurch trägt das
Venensystem entscheidend zur Stabilisierung
des Kreislaufes bei und eignet sich besonders gut
für Punktionen, Infusionen und Transfusionen.


P Beim Wechsel vom Liegen zum Stehen
(Orthostase1)) kann ein Teil des Blutes – vor
allem aus dem Lungenkreislauf – in den
Abb. 9.49 Muskelpumpe.
Beinvenen „versacken“ und unter Umständen
zum orthostatischen Kollaps führen.

1) aufrechte Körperhaltung
202 9 Kreislaufsystem

9.6.4 Regulation des Blutkreislaufes infolge Gefäßverengung (Vasokonstriktion)


bzw. Gefäßerweiterung (Vasodilatation; ✑ Tab.
Aufgabe der Kreislaufregulation ist es, das Herz- 9.10).
minutenvolumen (HMV) ständig an die augen-
blicklichen Bedürfnisse des Organismus bzw. be- Die Veränderung des Gefäßquerschnittes zum
stimmter Organe anzupassen. Diese Anpassung Zweck der Leistungsanpassung wird erreicht
geschieht in Kombination von lokalen (regiona- durch die lokale, die nervale und die humoral-
len) und zentralen (überregionalen) Regula- hormonelle Durchblutungsregulation.
tionsmechanismen.
Lokale Durchblutungsregulation (auch Auto-
Regulation der Organdurchblutung regulation)
Die Verteilung des Herzminutenvolumens ist den Diese Regulationsmöglichkeit beruht einerseits
unterschiedlichen Bedingungen angepasst. Orga- auf der Eigenschaft vieler Gefäße, bei Blutdruck-
ne mit gleich bleibend hohen Anforderungen anstieg mit Kontraktion und bei Blutdruckabfall
(z. B. Gehirn) werden konstant gut durchblutet, mit Erschlaffung zu reagieren; auf diese Weise
während Organe mit wechselnden funktionel- bleibt trotz Blutdruckschwankungen die Durch-
len Anforderungen (z. B. Muskulatur, Gastro- blutung der lebenswichtigen Organe weitgehend
intestinaltrakt) bei Belastung stärker und in Ruhe konstant (z. B. Niere).
schwächer durchblutet werden. Andererseits bewirken eine Reihe von Stoffen,
z. B. ADP, ATP, Pyruvat, Adenosin, Kohlen-
Die Regulation der Organdurchblutung erfolgt dioxid, bei Konzentrationsanstieg eine sofortige
durch die Änderung des Strömungswiderstandes lokale Vasodilatation.

Merke
Tab. 9.10 Regulation der Organdurchblutung. Durch lokale
Regulation ist
Erhöhung des Durchblutung der Organismus
ng Strömungswiderstandes gemindert in der Lage, die
e ngu
Ve r Organdurchblu-
Gefäß tung schnell,
Erw aber nur bis zu
ei t
eru
einem gewissen
ng Verringerung des Durchblutung Grade anzupas-
Strömungswiderstandes verbessert sen.

Tab. 9.11 Zentrale Kreislaufregulation durch das Kreislaufzentrum.


Einflüsse von übergeordneten Zentren

Sympathische und parasympathische


Kreislaufzentren in der Medulla oblongata
Chemo- und Schmerz
Pressorezeptoren
im Aortenbogen Atemzentrum psychische
und Karotissinus Einwirkungen
„messen“ CO2-
und O2-Konzen-
trationen sowie Arteriolen Herzfrequenz
den arteriellen – Vasokonstriktion Herzkraft
Blutdruck – Vasodilatation

peripherer Widerstand Blutdruck Herzminutenvolumen


9.6 Physiologie des Kreislaufsystems 203

Reflektorische Regulation des arteriellen Blutdruckes. Tab. 9.12


arterieller Blutdruck arterieller Blutdruck

Druckrezeptoren (Pressorezeptoren)
(in Aorta, A. carotis, Ventriculus sinister)

afferente Nervenfasern der


Hirnnerven IX und X

Vasomotorisches Zentrum im verlängerten Mark


(Medulla oblongata)

Hemmung des Erregung des Erregung des Hemmung des


Sympathicus Parasympathicus Sympathicus Parasympathicus


➞➞

Gefäßerweiterung Herzfrequenz Gefäßverengung Herzfrequnz


(Vasodilatation) Schlagvolumen (Vasokonstriktion) Schlagvolumen


arterieller Blutdruck arterieller Blutdruck

Nervale Durchblutungsregulation Renin-Angiotensin-Aldosteron-Mechanismus


Die nervale Regulation der Durchblutung kann Dieser Regulationsmechanismus setzt hauptsäch-
sowohl lokal als auch zentral erfolgen. Die loka- lich bei einer Verminderung der Nierendurchblu-
le Regulation erfolgt überwiegend durch den tung ein und führt letztendlich durch die Bil-
Sympathicus im Bereich der Arteriolen. Das an dung von Angiotensin II zu einer starken Vasokon-
den sympathischen Nervenendungen freigesetz- striktion (✑ Tab. 9.13).
te Noradrenalin bewirkt je nach Quantum eine
mehr oder weniger starke Gefäßwandkontraktion Zentrale Kreislaufregulation (stark vereinfacht)
(✑ Tab. 9.12). Für die richtige Durchblutung der einzelnen
Organe ist vor allem die Aufrechterhaltung eines
Humoral-hormonelle Durchblutungsregulation bestimmten Blutdruckes notwendig.
Diese Durchblutungsregulation erfolgt vor allem
durch die Hormone Adrenalin und Noradrenalin Blutdruck und Herzminutenvolumen hängen ab
sowie weitere gefäßaktive Substanzen. von der treibenden Kraft, die durch das Herz ver-
– Adrenalin wirkt in niedriger Konzentration ursacht wird, und dem Strömungswiderstand im
gefäßerweiternd und in hoher Konzentration Gefäßsystem.
gefäßverengend, Noradrenalin wirkt gefäßver-
engend (✑ S. 303). Neben den lokalen Regulationsmöglichkeiten
– Angiotensin II ist die Substanz, die die stärks- erfolgt unter Kontrolle des Kreislaufzentrums in
te Vasokonstriktion direkt an den Arteriolen der Medulla oblongata über das vegetative
hervorruft. Nervensystem eine zentrale Regulation des
– Kallidin, Bradykinin und Histamin wirken Kreislaufes (✑ Tab. 9.11). Darüber hinaus wird
vasodilatatorisch. durch sog. Kreislaufreflexe eine ständige Stabi-
lisierung des Blutdruckes gewährleistet.
204 9 Kreislaufsystem

Renin-Angiotensin-Aldosteron-Mechanismus. Tab. 9.13


Blutdruck 

Adrenalin Plasmavolumen 
Renin
Noradrenalin Na+ 

Angiotensinogen Angiotensin I Vasokonstriktion über


Stimulation des
Converting- Kreislaufzentrums
Enzym


Angiotensin II Durstgefühl

Nebennierenrinde Vasokonstriktion in der


Niere ➞
Vasokonstriktion Glomeruläre Filtrationsrate
der Arteriolen Aldosteron 


(GFR)

Blutdruck  Niere

Na+-Rückresorption 


P Versagen der Kreislaufregulation bedeutet, Bei den beschriebenen Regulationsmöglichkei-
dass lebenswichtige Organe zu wenig durch- ten sind die schnelle Regelung über das vegetati-
blutet werden. Dies kann nach Blutverlust ve Nervensystem und die langsame Regelung
und bei orthostatischem Kreislaufversagen mithilfe von Hormonen und anderen Wirkstoffen
auftreten. zu unterscheiden (✑ Tab 9.14).

Merke Zusammenwirken von Nerven- und Hormonsystem. Tab. 9.14


Kreislauf- und Atemre- Sympathicus
gulationen sind immer schnelle
gekoppelt, weil mit dem Herz Arteriolen Regulation
veränderten Herzminu-
tenvolumen auch ver-
änderte O2- und CO2- Blutvolumen, Blutdruck
Mengen transportiert
werden müssen, um der
veränderten biologi-
schen Oxidation ge- Renin Angio- Aldosteron Adrenalin langsame
recht zu werden. tensin II Regulation
9 Kreislaufsystem 205

Fragen zur Wiederholung

l. Definieren Sie den Begriff Kreislaufsystem und geben Sie einen Überblick über dessen
Funktionen.
2. Geben Sie einen Überblick über die Zusammensetzung des menschlichen Blutes.
3. Beschreiben Sie den Bau eines Erythrozyten und nennen Sie die Hauptfunktion.
Was ist der Hämatokrit?
4. Welche Arten von Leukozyten kennen Sie?
5. Wie ist ein Thrombozyt gebaut?
6. Wo werden die Blutzellen gebildet bzw. abgebaut?
7. Geben Sie die Normalwerte der Blutzellen an.
8. Nennen Sie die Bestandteile des Blutplasmas und erläutern Sie deren Funktion.
9. Welche Funktionen hat das Blut?
10. Beschreiben Sie die Vorgänge, die zum Verschluss eines verletzten kleineren Blutgefäßes
führen.
11. Warum kann es wegen einer Gerinnungsstörung zu einer Verschiebung des OP-Termines
kommen?
12. Wie kann man die Blutgerinnung bei Blutentnahmen am günstigsten verhindern?
13. Was versteht man unter der Fibrinolyse und wie läuft sie ab?
14. Welche Beziehungen bestehen zwischen Blut und Immunsystem?
15. Nehmen Sie eine Einteilung der verschiedenen Abwehrmechanismen vor.
Begründen Sie den Zusammenhang zwischen äußerem Schutzwall und persönlicher
Hygiene.
16. Welche Aufgaben erfüllen die verschiedenen Leukozytenarten?
17. Was gehört zum lymphatischen System und welche Aufgabe hat es zu erfüllen?
18. Beschreiben Sie Bau, Lage und Aufgaben von
a) Thymus,
b) Milz,
c) Lymphknoten.
19. Kann der Mensch ohne Milz leben? – Begründen Sie Ihre Antwort.
20. Was sind regionäre Lymphknoten und welche Bedeutung haben sie?
21. Was versteht man unter dem Waldeyer’schen lymphatischen Rachenring?
22. Was verstehen Sie
a) unter unspezifischer und
b) unter spezifischer Abwehr?
23. Unterscheiden Sie Allergie und immunologische Toleranz.
24. Was versteht man unter Immunisierung und welche praktische Bedeutung hat sie?
25. Charakterisieren Sie
a) das AB0-System, b) das Rhesussystem.
26. Erläutern Sie die Problematik von Organtransplantationen.
27. Beschreiben Sie Lage und Bau des Herzens.
28. Welche Gefäßarten bilden das Gefäßsystem?
29. Beschreiben Sie den Wandaufbau der Gefäßarten.
30. Was sind Anastomosen und welche Bedeutung haben sie?
31. Erläutern Sie den Blutstrom durch das Herz.
32. Beschreiben Sie Lungen- und Körperkreislauf.
33. Warum spricht man von Lungenarterien, obwohl diese Gefäße venöses Blut führen?
34. Wie erfolgt die Blutversorgung
a) des Kopfes, b) der Arme,
c) der Bauchorgane, d) der Beckenorgane,
e) der Beine?
206 9 Kreislaufsystem

Fragen zur Wiederholung

35. Nennen Sie die Einzugsgebiete


a) der V. cava superior, b) der V. cava inferior.
36. Suchen Sie am eigenen Körper folgende Arterien:
• A. radialis, • A. carotis communis,
• A. temporalis, • A. dorsalis pedis.
37. Erläutern Sie den Pfortaderkreislauf.
38. Beschreiben Sie den Weg des Blutes mithilfe folgender Beispiele:
a) Nährstofftransport vom Darm zur Leber,
b) Arzneimitteltransport von der Armvene zum Herzmuskel,
c) Harnstofftransport von der Leber zur Niere,
d) Arzneimitteltransport vom M. gluteus medius zum Herzmuskel.
39. Beschreiben Sie den Aufbau und die Funktion des Lymphgefäßsystems.
40. Wie entsteht die Lymphe?
41. Beschreiben Sie den Erregungsablauf im Herzen.
42. Erkunden Sie in der Praxis die EKG-Abnahme und erbitten Sie die Befunderklärung durch
einen Arzt.
43. Beschreiben Sie den Ablauf eines Herzschlages! Beginnen Sie mit dem Sinusknoten-
impuls.
44. Definieren Sie: Sinusfrequenz, Herzfrequenz, Schlagvolumen, Restvolumen, Herzminuten-
volumen, Phonokardiogramm.
45. Warum herrscht in der linken Herzkammer ein höherer Druck als in der rechten?
46. Wie erfolgt die Anpassung der Herzleistung an unterschiedliche Belastungen?
47. Was verstehen Sie unter der Windkesselfunktion und welche Bedeutung hat sie?
48. Definieren Sie:
a) Puls (wodurch kann die Pulsqualität verändert werden?),
b) arterieller Blutdruck,
c) Hoch- und Niederdrucksystem.
49. Erläutern Sie die Aufgaben der Arteriolen.
50. Erklären Sie die Mechanismen des Stoffaustausches zwischen Kapillarblut und Gewebe.
51. Erläutern Sie die Mechanismen, die den venösen Rückstrom bewirken.
52. Worin liegt die Bedeutung des venösen Systems als Blutspeicher?
53. Begründen Sie die Eignung des Venensystems für Blutentnahmen, Injektionen, Infusionen
und Transfusionen.
54. Begründen Sie, warum man nach einer reichlichen Mahlzeit nicht gleich schwimmen soll.
55. Begründen Sie die Notwendigkeit der Kreislaufregulation. Was sind die grundsätzlichen
Ziele?
56. Was wissen Sie über die Organdurchblutung und wie erfolgt deren Regulation?
57. Wie wird auf lokaler Ebene die Durchblutung der Niere konstant gehalten?
58. Erläutern Sie die zentrale Kreislaufregulation.
59. Erläutern Sie die reflektorische Regulation des arteriellen Blutdruckes.
60. Welche Bedeutung haben Adrenalin, Noradrenalin und Angiotensin II bei der Durch-
blutungsregulation?
61. Beschreiben Sie den Renin-Angiotensin-Aldosteron-Mechanismus und seine Bedeutung.
62. Unterscheiden Sie zwischen schnellen und langsamen Regulationsmechanismen im Kreis-
lauf.
63. Begründen Sie, warum Kreislauf- und Atmungsregulation gekoppelt sein müssen.
207
Wärmehaushalt und
10 Temperaturregulation

Die Temperatur hat einen entscheidenden Merke


Einfluss auf alle Funktionsabläufe im Organis-
Die genauesten Werte liefert die rektale
mus (✑ 2.4.3, S. 39). Gleichwarme (homoio-
Messung am Morgen sofort nach dem Er-
therme) Lebewesen, zu denen auch der Mensch
wachen (Morgen- oder Aufwachtemperatur).
gehört, halten ihre Körpertemperatur durch
zusätzliche Wärmeproduktion und Regelmecha-
nismen, unabhängig von der Umgebungstempe- ❑
P Bei einer Entzündung im Unterbauch (z. B.
ratur, konstant. Appendizitis) liegt die Rektaltemperatur um
ca. 1 °C über der Axillartemperatur.
10.1 Körpertemperatur des Die nähere Bestimmung der Körperschalen-
Menschen temperatur erfolgt durch Messung der Haut-
temperatur an mehreren Hautstellen (z. B. Stirn,
Die inneren Körperteile weisen eine höhere Leibeswand, Arm, Bein). Aus den Messwerten
Temperatur als die oberflächlichen auf. Es können dann Mittelwerte sowohl für den gesam-
besteht also ein Temperaturgefälle von innen ten Körper als auch einzelne Körperteile gebil-
nach außen (in den Extremitäten zusätzlich von det werden.
proximal nach distal). Dementsprechend werden
2 Temperaturbereiche unterschieden: Mittlere Hauttemperatur
– die relativ konstante Körperkerntemperatur • Gesamtkörper 33 – 34 °C
von ca. 37 °C im gleichwarmen (homoiother- • Bein 27 – 29 °C
men) Körperkern (=^ Körperhöhlen) und • Arm 30 – 32 °C
– die mehr oder weniger schwankende Körper-
schalentemperatur in der wechselwarmen ❑
P Die Messung der Hauttemperatur erfolgt
(poikilothermen) Körperschale (=
^ Haut und insbesondere bei peripheren Durchblutungs-
Gliedmaßen). störungen. Hier kann die Temperatur der kran-
ken Extremität 2 bis 3 °C niedriger liegen.
Messung der Körpertemperatur
Die Körpertemperatur wird einigermaßen genau
dort gemessen, wo größere Blutgefäße dicht [˚C]
unter der äußeren Haut bzw. Schleimhaut verlau- 37,5
fen oder Haut auf Haut liegt und der Einfluss der
Umgebungstemperatur weitestgehend ausge-
schlossen werden kann. Hierfür sind drei Stellen 37,0
gut geeignet:
• Mastdarm (Rektum), 36,5
• Mundhöhle und [Uhrzeit] 6 12 18 24 6
• Achselhöhle.

Tab. 10.1 Temperaturmessungen. Die Körpertemperatur des


Menschen zeigt eine Tages-
Messmethoden Messdauer Normaltemperatur ˚C periodik, die auf einem
(in Minuten) morgens nachmittags endogenen Rhythmus („in-
rektal (im Rektum) 2–4 36,5 37,8 nere Uhr“) beruht. Das
oral (unter der Zunge) 5 36,2 37,5 Temperaturminimum tritt
axillar (in der geschlossenen 8 – 10 36,0 37,2 früh und das -maximum
Achselhöhle) abends auf.
208 10 Wärmehaushalt und Temperaturregulation

Darüber hinaus treten Temperaturschwankun- Dies erfolgt durch:


gen auch über längere Zeiträume auf, wie dies – Kältezittern als Ausdruck unwillkürlicher
z. B. im Zusammenhang mit dem Menstruations- Muskelaktivität,
zyklus zu beobachten ist. – willkürliche Körperbewegungen und
– zitterfreie Wärmeproduktion beim Neugebo-
renen im mitochondrienreichen braunen Fett-
10.2 Wärmeproduktion und gewebe, das zwischen Schulterblatt und Ach-
Wärmeabgabe selhöhle liegt.

Voraussetzung für eine konstante Körpertempe- Wärmeabgabe


ratur ist ein Gleichgewicht zwischen Wärme- Aufgrund des im Körper vorherrschenden Tem-
produktion, Wärmeaufnahme (nur wenn Um- peraturgefälles nimmt das Blut die im Körper-
gebungstemperatur über der Körpertemperatur kern produzierte Wärme auf und transportiert sie
liegt) und Wärmeabgabe. durch Konvektion (= Wärmestrom) zur Haut
(= innerer Wärmestrom).
Wärmeproduktion
Merke
Die Wärmeproduktion ist an den Energiestoff-
wechsel gekoppelt. Bei allen Energieumwand- Die Hautdurchblutung ist für die Wärme-
lungen im Körper wird ein bestimmter Teil in regulation von entscheidender Bedeutung.
Wärmeenergie umgewandelt, der, soweit not-
wendig, für die Aufrechterhaltung der Körper- Der Wärmetransport von der Haut in die umge-
temperatur genutzt wird. bende Luft (= äußerer Wärmestrom) erfolgt in
Welchen Anteil die Körperorgane an der Wärme- Ruhe und bei einer Umgebungstemperatur von
bildung in Ruhe und bei körperlicher Arbeit 20 °C zu ca. 70 % durch Wärmestrahlung (be-
haben, ist aus Abbildung 10.1 ersichtlich. nötigt keinen Wärmeträger und wird durch die
Lufttemperatur kaum beeinflusst). Der Rest ent-

P Bei schwerer körperlicher Arbeit erhöht sich
fällt zu ca. 10 % auf Wärmeleitung (ist an Luft
die Wärmebildung um ein Vielfaches gegen- gebunden und funktioniert nur, wenn die umge-
über dem Ruhezustand. bende Luft kühler als die Haut ist) und zu ca.
20 % auf die Verdunstung von Wasser.
In bestimmten Situationen kann es erforderlich Bei fehlendem Temperaturgefälle zwischen Haut-
werden, zusätzlich Wärme zu produzieren. oberfläche und umgebender Luft (Umgebungs-
temperatur oberhalb der Körpertemperatur)

Organe der Brust- und Bauchhöhle Organe der Brust- und Bauchhöhle
Gehirn Muskulatur
Haut, Muskulatur Rest
Rest

10 % 16 % 8% 2 %
18 %
90 %
56 %

... in Ruhe ... bei körperlicher Arbeit

Abb. 10.1 Anteil der Körperorgane an der Wärmebildung.


10.2 Wärmeproduktion und Wärmeabgabe 209

Gehirn ATP

Körperkern-
Thoraxorgane temperatur 37 ˚C

Bauchorgane
28 ˚C
ADP + P
Körperschalen-
31 ˚C temperatur

Hypothalamus –
Temperaturregulationszentrum

on
m ati
or
Inf

Haut

Rückenmark
Blutgefäße
Haut
Schweißdrüse

eng weit

Schweiß Schweiß

Wärmeregulation. Abb. 10.2


210 10 Wärmehaushalt