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BLINDER SPIEGEL

Gedichte

1
...UND BABYLON

Motto

Trä nenflocken Schneckengang


über Augendeichselstangen
stimmen an den Minnesang
leise streifend Ohr
Ohrenschlangen
enschlangen

2
Schreie nicht!
Der stumme Blinde
hat seinen Hund
auf dich gerichtet.

Du sollst nicht fragen


wer der Stumme ist
oder der Blinde
denn dann
werden
die Schreie
dich zerstückeln.

Du sollst nicht schreien


denn du hast gerichtet!

3
ERMATTEN

Die Augen trauen uns nicht mehr,


wir kriechen nach den Lauten
und tasten uns
durch rohes Fleisch;
Die Augen trauen uns nicht mehr.

Das Licht verwandelt sich im Hirn


zu Wö rtern und zu Phrasen,
die Wö rter trauen uns nicht mehr
seit wir den Satz vergaßen:
- Hö rt auf zu sagen was ihr blind
durch Blitze habt erfahren!

Die Finger trauen uns nicht mehr,


wir schleichen nach den Düften
und sagen: -Siehe
und sagen: - Spüre

4
die Ohren bleiben stumm,
die Sä tze sinken in den Laut
aus dem das Licht entstand.

DIE NIEDERLAGE DES BAKIS

Die stumme Einsamkeit


schreit
ihre Blindheit aus:

"-Du sollst die Saiten


deiner Augen
tasten!"

Der Mund der Einsamkeit


verdirbt
das Kollektiv.

Lernen zu denken
ohne Gedankenlehre

5
SO ÄHNLICH DREHT DAS KARUSSELL

Und wieder ist's so weit:


Die Glocken lä uten,
Abschiedsgeschenke
werden verteilt,
Sä rge verkauft.

Und wieder einmal


werden alte Windeln
im Frühjahrsputz gewaschen.

Und wieder ist es Tag

6
und wieder ist's so weit:
Die Glocken lä uten
Abschiedsgeschenke
werden wieder
wieder...

LIEBESKRANKHEIT

- Tristan liebte
Isolde nicht!

Er mochte sie,
begehrte sie
bis die gespannten Saiten
der Lyra
sie umschlangen.

7
Lyra liebte Isolde!

GESANG

Fraugottesgeheimnis
Mannesfurcht

samentragende
Bestimmung

8
furchtvolle
Lieder

Mannesmann
Frau-
Frau-Gott
Geheimnis

RUNENGLEICHNIS

Gleich mit gleich


saugt am Gleichnis

9
ZUM HERRSCHER GEBOREN

10
mann sagte
sagte
unterwerft
mann sagte
lauter

mann sagte
weibersünde
mann sagte
mariahimmelfahrt

mann sagte alles


und
man schwieg

11
Ziegeluntergrund
feucht-
feucht-rot

Stalaktitenshpä re
hä lt
die Kolonaden

Tropfen nagen
jahrebunt
jahrebunt

üppig paddeln
Liderliede
Wassertropfen
flußbettwä rts

12
Orpheus hat ein Bein verloren
heldenhaft
feigheitverdurstet

babylonische Gedanken
taumeln
um den Stumpf herum

Mumien sind nicht geboren


Orpheus
streckt die Faust zur Hand
Hand

Schollenhufe
saugen Tropfen

13
TRIADE

Auch du wolltest
mal anders sein,
mal eine Scholle
oder Baum
oder ein Rosendorn.

Doch als das Brot


dir auf dem Tisch,
geschmückt mit einer Rose,
den Duft
sündhaft entfaltete
du wurdest Brot,
du wurde
wurdest
st Tisch,
und wurdest eine Rose
und trä umtest
wieder Mensch zu sein.

14
AUCH PROMETHEUS HAT KLEIN
ANGEFANGEN

Wir haben keine Flügel


wie die Vö gel.

Wir haben keine Krallen


wie die Vö gel.

Wir haben keine Lüfte


wie die Vö gel.

Wir haben Flügel


haben Krallen
und noch mehr Vö gel
als wir rupfen kö nnten.

15
NACHGEDACHT

Rilkerosen
Auslä nder-
nder-Celanprogrome
Rauch und Asche
aufgefangen
und verpulvert:

Eich-
Eich-Brechtphobie.

16
DONNERWORTE

Luftwindkugeln
bohren Hoffnung
in die bleizerfetzten
Brüste

Wüstenhonig

17
SCHLUßFOLGERUNG

Wort arm
Gedanken karg
Hirn grau

18
warum?

19
TROPFENSEGEN

20
Ohrenbetä ubende Trompeten
wehen Noten
in den
den Wind.

Die Luft
sinkt unter schwerer Last
zu Boden.

Ozonlö cher
mit Blei gefüllt
schützen die Erde.

So nahe
war die Luft noch nie;
man tritt
auf sie
und fließt mit ihr
durch Bordsteinrinnen
in den Grund.

21
aus den Wimpern
Wimpern
mit meiner letzten Trä ne
vor dem Schlaf.

Wo seid ihr denn


ihr Einmaleins der Hoffnung,
ihr streunenden
wach lügenden Gedanken?

Der Weg zu mir


ist auch mein Weg zu euch,
der Weg zu mir
ist leicht
doch ihr seid fern.

Die Mutter meiner Stirne


grä bt ins Heute,
der Vater meines Herzens
verflucht den Zwiespalt.

22
DER HANDSCHUH

Er zeigte links
er zeigte rechts
und zeigte oft
nach unten.

Ein guter Rat


hob sich empor.

Er sah nach links


er sah nach rechts
und manchmal
auch nach oben.
oben.

23
GEDANKENSPIEL

Zusammengefaltete
Augen
tagerfüllt
zur Nacht hin
gedrosselt.

Der Abend
bricht an

- Traumblindheit -

Der Tag
bricht an
zusammengefaltet
nachterfüllt.

24
PLATZMANGEL

Augenkrallen - stumpfe Krallen-


Krallen-
streifen Moos
im Untergrund

bleibt ein Strahl


so bleibt ein Beben
bleibt ein Halm
so bleibt die Welt

irgendwo
auf dieser Erde
ist noch Platz
für die Bewegung.

25
DO & DO

Sohlensteine
pflastern graue
Sohlenrinden

Schuhe klaffen
Skrupelaffen
die Bana
Bananen
nen
knicken um

Pfade flüchten in die Schalen

26
Opus ist verdampft in Up

ABENDLEITER

Die Wolken versagen uns den Donner


der Winde Tropfensegen,
die Sonne die verbirgt
verbirgt sich kahl
hinter der Stirn der Sterne.

Es dunkelt schon der Mond empor,


der Mann im Mond ist einsam.

27
Es donnert nicht
es regnet nicht,
die Nacht fließt durch die Straßen.

Die Fenster wachen über Türen


doch die
versinken in dem Fluß
des Mannes von dem Mond.

IM EI

Mutteraugen auf den Straßen


Kindersohlen hinterm Haus
tasten Schritte
suchen Gründe

28
Küken wandern zwischen Eiern
Gluckenaugen
wittern Stroh.

Augen suchen
Augen tasten
Augen schreiten Gründe durch.

Das Hufeisen hat alle Nä gel


die Straße viele Mutteraugen.

DU

Ein Blatt voraus

29
Nä chte grün
Abende
Du

30
Purzelbä ume
schlagen Schollen
Obenwurzel
wadenfromm

jenseits
irgendwo
irgendwo
nicht irgend
schellt der Mond
die Fenster zer
sehr urban
und doch so friedlich

31
AMPHORENGRÜNDE

32
EINSAM UND ES

Um den Einsamen schleichen Gespenster.


(Jean Pau
Paul,
l, Hesperus 3)

Ich wehre mich einsam zu sein,


du wehrst dich auch einsam zu sein,
er auch
sie auch,
doch was geschieht mit Es?

Es mö chte auch nicht einsam sein,


Es ruft mich,
fleht dich an,
kniet vor ihm nieder,
findet sich nicht durch uns.

Es ist so tr
traurig!
aurig!
...und so stark.

33
LUMPENGOTT

Wer hat den Tod gepachtet


von dem Gott?
Die Lebenden nicht.
Die Sterbenden nicht.
Die Toten nicht.

Vielleicht doch Gott


verkleidet unter uns?

Die Waffen preisen Ihn,


die Kugel brennt
in Seinem Namen
Rosen.

In Seinem Namen
schaffen wir uns Helden

34
mit einer Rose
auf seinem Grab
belohnt.

DAS HABENSEIN

Sein
bedeutet manchmal Haben,
haben dies
und haben das...

Haben
das bedeutet Schicksal
sein... mal so
mal anders.

Schicksal
das bedeutet Fressen
haben was

35
Schicksalsschlag
bedeutet Haben,
haben das bedeutet
Sein.

MEERESGRUND

Weidezä une
laubvertrocknet
Halmeshelme:

als ob
Bä uche trä nen
sonnensatt
als ob
Liderdecken
Schultern wä rmen

36
ob so
und
nicht anders

ZWEIFELHAFTE GABE

Der Himmel
spendet Luzifer
die Gabe
des Lichts und Feuers,
doch wo sind die Engel
die pendelten
zwischen

37
Gott spielt mit Luzifer
ein Tauschgeschä ft.

DAS VIERFACHE HALBDOPPELT

Ich bin halbachtzig,


doppeltzwanzig
doch nicht vierzig.

38
um meine doppeltzwanzig
und halbachtzig
jede Stunde
auszuschreien.

Ich bin ein Kuckucksei,


kein Kuckuck
UND
UND NICHT VIERZIG!

FAHNENLIEBE

Wetterfluch auf

39
Fahnengrün

Zö llen zollen Ziele neu

40
stolpern in Grimassen

Hüte ab
Skalpbüsche auf

Henkerhunger
still den Durst

41
Blicke hä ngen an den Fä den
weißerfüllter Nä chte

Spinnen draußen
weben innen
tintenrote
Strahlen

oben zeige
unten Finger
zeitberührte Nacht

42
BRUCH

Stille steile Regengüsse


graben Hä nge in den Grund

die mormonenbleiche Stille


krä utert
Knochen weidet Gott

stille Zweisamkeiten
brechen
gottverlassene Gedanken

43
DEINE AUGEN

füllen
Betten
flußlos
salzlos
erbenlos

chrysanthemenschwarz
chrysanthemenschwarz
die Füße
wandernde
Trä nenpokale

heute morgen
Lidschlagtraum
deine Augen
leeren Adern

44
ANTIGONE

Wimperlauge
liddurchdrungen
blenden
heulende Nordwinde

heute Schlä fen


gestern Stirne
morgen
Aschentran

45
AMPHORENGRÜ
AMPHORENGRÜNDE

Windgepeitschte
Meere toben

Aschenuhren
kleben Urnen
worterfüllt
gedankenkahl

Amphorengründe
speien Wellen

46
47