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„Nur das Wissen um die Droge ist ein Stück

Macht gegen die Droge“

Natürliche Drogen:
Rausch aus der Natur

Prof. Dr. Karen Nieber


Universität Leipzig
Institut für Pharmazie
Tel.: 0341/9736812
nieber@rz.uni-Leipzig.de
Warum nehmen Menschen Drogen?
1. Exogene Beeinflussung des Belohnungssystems
Die menschliche Psyche wird durch ein natürliches,
endogenes biochemisches System in bestimmten
Situationen „belohnt“.

2. Bewusstseinserweiterung: Musik intensiver genießen


Tagträume haben
Grenzerfahrungen

3. Individuelle Anforderungen

4. Vernichtung unangenehmer Empfindlichkeiten

5. Neugierde
Mensch
Stadien der Sucht
St I: Missbrauch
St II: Gewöhnung
St III: Abhängigkeit

Sucht

Milieu Mittel
Das dopaminerge Belohnungssystem

Das High-Gefühl beim Konsum von


Drogen, das verstärkte Empfinden von
Glück, Freude und Zuversicht, wird auf
die erhöhte Ausschüttung von
Dopamin zurückgeführt.
Biodrogen

Biodrogen sind in. Diese Naturdrogen sind leichter zu beschaffen als


herkömmliche Drogen und gelten außerdem als „gesund“-
sozusagen ein „Bio-Rauschmittel“.

Doch das ist ein Irrtum !

Leider wurde das Problem bislang vernachlässigt.


Der Genuss von Naturdrogen birgt
unterschiedliche Gefahren:

- Anwendung hat nicht den Charakter des Drogenmißbrauchs

- Gehalt der Inhaltsstoffe schwankt stark

- Wirkung ist nicht kalkulierbar

- Verwechslungsgefahr ist sehr groß

- Rettungsdienste sind oft nicht in der Lage die Droge zu identifizieren

- Droge kann bakteriell kontaminiert sein

- Vermischung potenterer Drogen oder Gifte ist möglich


Der Bericht eines Jungendlichen

„Es vergingen nun keine fünf Minuten bis mein


Herz wie rasend zu schlagen anfing und mich ein
starkes Schwindelgefühl überkam…

Plötzlich begannen die Wände und die Zimmerdecke


sich wellenförmig zu bewegen und mit lautem Knall
zusammenzuschlagen…
Aus dem Dunkel strebten mir Gesichter zu…

Langsam wurde es vollkommen dunkel um mich, und ich schwebte


mit großer Geschwindigkeit aufwärts. Es wurde wieder hell, und durch
einen rosa Schleier erkannte ich verschwommen, dass ich über der
Stadt schwebte. Die Gestalten, die mich schon im Zimmer bedrückt
hatten, begleiteten mich auf diesem Flug durch die Wolken”
Stechapfeltee getrunken:
19 Schüler vergiftet - Arzt sieht Missbrauchwelle
drogenhaltiger Pflanzen unter Jugendlichen

Schwerin/Loppin: Bei einem Rauschgiftversuch mit Stechäpfeln haben 19


Jugendliche im Landschulheim Loppin (Müritz-Kreis) zum Teil schwere
Vergiftungen erlitten und mussten in Krankenhäusern behandelt werden.

Die 15- und 16jährigen Schüler hatten sich Tee aus dem giftigen
Nachtschattengewächs gekocht und waren in der Nacht in Kliniken in Waren und
Plau gebracht worden. Sie seien inzwischen außer Gefahr, teilten die Ärzte gestern
mit. Acht Jugendliche seien noch in stationärer Behandlung. Eine Erzieherin hatte
den Vorfall am Mittwochabend bemerkt, als sie im Zimmer der Mädchen
kontrollierte. Dabei hatte sie ein Mädchen fast bewußtlos und mit weiten Pupillen
gefunden.

Nach Angaben des Warener Chefarztes der Kinderklinik, Eberhard Lamster,


handelte es sich dabei um eine sogenannte Atropinvergiftung, die durch die
Alkaloide in den Stechäpeln ausgelöst wird.

Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern vom 30.10.1998


Vergiftungsstatistik von Biodrogen

Bundesland Rheinland-Pfalz:

1996 35 Vergiftungsfälle

1999 109 Vergiftungsfälle


Vergiftungsliste

37x Engelstrompete 7x Fliegenpilz

16x Stechapfel 5x sonstige Drogenpilze

3x Tollkirsche 16x Psilocybin-haltige Pilze

5x Muskatnuss

19x sonstige Pflanzen


Entwicklung der Anfragen an das
Giftinformationszentrum Berlin
120

100

80
Abusus
60
andere
40

20

0
90 91 92 93 94 95 96 97 98

Anzahl der Anfragen zu Engelstrompete und Stechapfel an


die Beratungsstelle für Vergiftungserscheinungen
Berlin 1990 - 1998
Klassifizierung der Rauschdrogen

Herkunft Wirkung Wirkstärke


-pflanzlich -analeptisch -Einsteigerdroge
-tierisch -halluzinogen -weiche Droge
-synthetisch -sedativ -harte Droge

Rechtlich
-legale Drogen
-illegale Drogen
Natürliche halluzinogene Drogen

Tiere Pflanzen Pilze


Aga- Nachtschatten- Psilocybin-
Kröte gewächse z.B. haltige Pilze
-Tollkirsche Fliegenpilz
-Stechapfel
-Engelstrompete
Hortensientriebe
Nachtschattengewächse

Die wichtigsten Pflanzen der Nachtschattengewächse, die man als


Rauschdrogen verwendet, sind:

- Stechapfel
- Tollkirsche
- Bilsenkraut
- Engelstrompete
- Alraune

Halluzinogene Wirkstoffe: Atropin


Scopolamin Tropanalkaloide
Hyoscyamin
Hauptmerkmale des akuten anticholinergen
Syndroms

Zentrale Symptome: Periphere Symptome:

Motorische Unruhe, Tobsuchtsanfälle Mydriasis, Akkommodationsstörungen


(Wechsel mit Bewusstseinstrübungen) Rote, trockene und überwärmte Haut
Halluzinationen, (v.a. optische) Mundtrockenheit, Durst
Verwirrtheit/Delir/Rededrang

Bizarres, gewalttätiges Verhalten Tachykardie


Grand-mal-Anfälle Miktionsstörungen
Amnesie, Ataxie, Zittern Verzögerte Magenentleerung

Angstzustände, paranoider Wahn Arterielle Hypertonie


Verstärkte Muskeleigenreflexe Schluckbeschwerden
Koma und Atemlähmung Heisere Stimme
Tollkirsche

-Alkaloide: Atropin, Scopolamin,


(S)-Hyoscyamin

- Giftgehalt variiert mit dem Standort

- tödliche Dosis:
Kinder 3 – 5 Beeren
Erwachsene 10 – 20 Beeren

- typische Symptome:
Pupillenerweiterung,
trockener Mund, Hautrötungen
Juni - November
- Wirkung ist langanhaltend

- Halluzinationen,
farbige Träume

- starke Nebenwirkungen,
Herzversagen

Wurzel>Blätter>Samen>Früchte>Blüte
Stechapfel

- einjähriges Kraut an Wegrändern


und in Gärten

- die ganze Pflanze, vor allem die


Samen sind sehr giftig

- Einnahmen kleinerer Mengen


sind bereits toxisch

- Blätter der Pflanze werden geraucht

- Halluzinogene und hypnotische Wirkung


Juni - September
- Berauschte sind sehr leicht
beeinflussbar
Bilsenkraut

- Ein- bis zweijährige Pflanze

- die ganze Pflanze, vor allem die


Wurzeln und der Samen sind
stark giftig

- 0,3g der Pflanze sind giftig

Juni - Oktober
- Blätter und Samen werden geraucht oder es werden
„Schmalzsalben“ hergestellt

- wirken narkotisch und halluzinogen;


während des Schlafes werden halluzinogene und
sexuell gefärbte Träume erlebt

- am nächsten Tag katerähnliche Vergiftungsgefühle


Engelstrompete

Juni - Oktober
Anwendung:

Die Pflanzen werden in frischer oder getrockneter Form als Tee


getrunken, seltener gegessen oder geraucht.

Rauscherlebnis:
- Halluzinationen - Weinkrämpfe
- Unruhe - sexuelle Erregtheit
- Desorientierung
- starkes Traumerleben
- Rededrang
(Flugeindrücke)

Hauptgefahr: Herzrhythmusstörungen
mg

4 Leichter
Rauschzustand

Halluzinationen bei
5-10 geschlossenen Augen
antriebssteigernd

Halluzinationen bei
Offenen Augen
10-20 Wahrnehmungsstörungen
Orientierungsstörungen
Verlust des Zeitgefühles

Schwindel
20-60 Orientierungsverlust

60-100 Beginn der toxischen Dosis

20000 Tödliche Dosis


Alraune
Vorkommen, Wirkungen und Nebenwirkungen

- kommt auf Feldern und steinigen Plätzen vor, hauptsächlich in Südeuropa

- aus den zerkleinerten Wurzeln wird ein Aufguss hergestellt

- die Wirkung ist halluzinogen gefolgt von Trancezuständen

- es kann zur sexuellen Enthemmung kommen

- Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen,


Sehstörungen, Durchfall
Hortensientriebe als Cannabis-Ersatz

- getrocknete Blätter, Blüten oder Neutriebe werden geraucht

- Glücksgefühle, aber kein THC sondern Hydrangin und


Blausäure-Verbindungen
- häufig Kontaktallergien

Cyanose
Natürliche halluzinogene Drogen

Tiere Pflanzen Pilze


Aga- Nachtschatten- Psilocybin-
Kröte gewächse z.B. haltige Pilze
-Tollkirsche Fliegenpilz
-Stechapfel
-Engelstrompete
Hortensientriebe
Halluzinogene Pilze („Psilos“)
- Hauptvertreter in Europa:
Spitzkegeliger Kahlkopf
- wächst auf Wiesen, lässt sich
züchten

- Inhaltsstoffe: Psilocin, Psilocybin


- Anwendung: Verzehr der
(getrockneten) Pilze

- Halluzinationen wie bei LSD


- 20 – 30 Kahlköpfe verursachen
schwere Rauschzustände und
Gefühl des Wohlbefindens
- Wirkung hält ca. 4 Stunden an
Spitzkegeliger Kahlkopf

- Aktivierung von 5HT2A-Rezeptoren


Rauscherlebnis

- Optische, akustische und taktile Halluzinationen

- Alkoholähnliche Rauschempfindungen

- Aphrodisiakische Wirkungen

- Glücksgefühl, Lachanfälle

- Unruhe

- Angst
Gefahren / Symptome

Organ(system) Auswirkungen/Gefahr/Symptomatik

Nervensystem Mydriasis
starker Speichelfluss (Hypersalivation)
gesteigerte Wahrnehmung für Geräusche
Tremor
Erhöhung der Körpertemperatur
Senkung der Krampfschwelle

Herz Tachykardie
WPW-Syndrom

Kreislauf Puls- und Blutdruckschwankungen


Organsystem Auswirkungen/Gefahr/Symptomatik

Atmung leichte Tachypnoe

Magen-Darm Übelkeit, Erbrechen

Psyche Depressionen
Suizid
Agitation
Hyperaktivität
Halluzinationen

Psychische Komplikationen oder Ver-


wechselungen mit Giftpilzen
Fliegenpilz
- Nadelwälder gemäßigter Zonen
- Pilze werden bei 50°C gekocht
und eine geringe Menge oral
eingenommen oder abgezogene Haut
des Pilzes wird geraucht

- anfangs starke Übelkeit, dann


farbige Visionen
- Rauschzustand hält 5-6
Stunden an
- Übelkeit und Erbrechen, Durchfall
- Nebenwirkungen individuell sehr
verschieden

- „Ausweichdroge“
Natürliche halluzinogene Drogen

Tiere Pflanzen Pilze


Aga- Nachtschatten- Psilocybin-
Kröte gewächse haltige Pilze
-Tollkirsche Fliegenpilz
-Stechapfel
-Engelstrompete
Hortensientriebe
Aga-Kröte

Ursprüngliche Heimat: Süd- und Mittelamerika

Verbreitung: Australien, Europa


Nutzung: Sekret
Inhaltsstoffe: Katecholamine, Indolalkaloide, Butotoxine, Butogenine
Rauscherlebnis

Wirkung tritt nach ca. 20–30 Minuten ein, hält aber nur kurz an
- Farberscheinungen
- Redefluss
- Euphorie
- Selbstüberschätzung

Wirkungen ähneln denen, die durch LSD hervorgerufen werden

Hauptgefahr: Herzrhythmusstörungen und psychische


Veränderungen
Entgiftungsmaßnahmen

1. Sofort Notarzt verständigen

2. Einweisung in die Klinik

Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen

Einleitung von resorptionsverzögernden


Maßnahmen
Therapie der Vergiftungen

1. Primäre Giftentfernung mittels Magenspülung


2. Gabe von Medizinischer Kohle über die Magensonde
3. Gabe von Antidots Neostigmin oder Physostigmin

4. Symptomatische Therapie der peripheren, anticholineigenen Symptome


(Infusionstherapie, physikalische Fiebersenkung, Monitoring,
Blasenkatheterisierung),
Diazepam bei Krämpfen

Kein Erbrechen auslösen !


Zusammenfassung

1. Biodrogen sind leicht beschaffbar

2. Der Besitz von Biodrogen unterliegt dem BtmG und AMG

3. Es gibt keine körperliche Abhängigkeit

4. Über die psychischen Folgen bei längerem Konsum ist wenig bekannt

5. Bei labilen Personen können bei mehrfachem Konsum schwere


psychische Krisen und Identitätsstörungen auftreten
Probleme

- Die Gefahr liegt bei diesen Drogen in der schwer einschätzbaren Wirkung

- Der Gehalt an psychoaktiven Substanzen schwankt stark

- Schwere Vergiftungserscheinungen können auftreten

- Es tritt keine Wirkung auf, bei einem neuerlichen Probieren sind


Überdosierungen häufig der Fall

- Todesfälle, meist durch Herz-Kreislauf-Versagen, häufen sich


„Es muss in das Bewusstsein der Jugendlichen
dringen, dass Experimente mit Naturdrogen
tödlich ausgehen können“

„Der Grad zwischen erwünschter und


unerwünschter Wirkung ist bei
Naturdrogen extrem schmal“