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Sie sind hier: Start - Ausgabe 10 (2010), Nr. 7/8 - Rezension von: Kampf um das Deutschtum

Rezension Julia Schmid: Kampf um das Deutschtum Rezension über:


Kommentar schreiben Julia Schmid: Kampf um das Deutschtum.
Druckfassung Textgröße: A A A Radikaler Nationalismus in Österreich und
dem Deutschen Reich 1890-1914,
Weitere Rezensionen von Die Nationalismusforschung erkundet ihren Frankfurt/M.: Campus 2009, 406 S., ISBN
Siegfried Weichlein: Gegenstand in nationalen Gesellschaften. Damit 978-3-593-39046-8, EUR 45,00
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stößt sie auf die theoretische Schwierigkeit, Buch im KVK suchen
Smith: The
Continuities of dasjenige bereits methodisch vorauszusetzen,
German History. was sie doch eigentlich analysieren wollte, Rezension von:
Nation, Religion, and Race
nämlich die Konstruktion von nationaler Identität
across the Long Nineteenth Siegfried Weichlein
Century, Cambridge: und von Nationalstaaten. In jüngeren Studien zu Departement Historische Wissenschaften -
Cambridge University Press Grenzregionen wie Oberschlesien und zu Zeitgeschichte, Universität Fribourg
2008
Österreich-Ungarn wählten zumeist
Redaktionelle Betreuung:
Hugo Preuß: Politik und englischsprachige Autoren eine andere
Gesellschaft im Kaiserreich. Nils Freytag
Hrsg. u. eingeleitet v. Lothar
Herangehensweise und kamen prompt zu neuen
Albertin in Zusammenarbeit Ergebnissen. James E. Bjork, Pieter Judson und Empfohlene Zitierweise:
mit Christoph Müller, Tara Zahra gingen nicht vom territorial Siegfried Weichlein: Rezension von: Julia
Tübingen: Mohr Siebeck 2007
geschlossenen Nationalstaat als Schmid: Kampf um das Deutschtum.
Helma Brunck: Radikaler Nationalismus in Österreich und
Untersuchungseinheit und einem Nationalismus, dem Deutschen Reich 1890-1914,
Bismarck und das
Preußische der sich darin entwickelte, sondern von national ambivalenten, uneindeutigen und Frankfurt/M.: Campus 2009, in:
Staatsministerium umstrittenen Zonen, aus. [1] Die Tübinger Dissertation von Julia Schmid zum sehepunkte 10 (2010), Nr. 7/8
1862 - 1890, Berlin: [15.07.2010], URL:
deutschnationalen Milieu in Böhmen, die im SFB "Kriegserfahrungen" entstand, steht http://www.sehepunkte.de
Duncker & Humblot 2004
in dieser neueren Forschertradition, nationale Mobilisierungen in uneindeutigen, /2010/07/16180.html
national gesehen offenen Konstellationen zu analysieren. Sie beschäftigt sich mit
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser
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dem grenzüberschreitenden, genauer: Grenzen einreißenden Radikalnationalismus Rezension die exakte URL und das Datum
sehepunkte
der Alldeutschen, die die nationale Gemeinsamkeit der Deutschen im Reich und in Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Deutsch-Österreich zum ideologischen Ausgangspunkt nahm.

Der radikale Nationalismus der Deutsch-Österreicher gewann nach 1879, besonders


aber in den Jahren der Sprachenverordnungen Badenis nach 1897 an Bedeutung.
Ideologisch behauptete er die nationale Gemeinsamkeit mit den Reichsdeutschen,
was ihn in die unmittelbare Nachbarschaft des Alldeutschen Verbandes führte. Für
den Habsburgerstaat bedeutete dies Sprengstoff, denn es ging um nichts
Geringeres als die Vereinigung aller Deutschen im Reich und im Habsburgerstaat.
Um die Selbst- und Fremdmobilisierung des Radikalnationalismus zu untersuchen,
wählt die Autorin den organisierten Radikalnationalismus unter den Deutsch-
Österreichern aus, also die so genannten österreichischen "Schutzvereine",
worunter man den Deutschen Schulverein, die Südmark, den Deutschen
Böhmerwaldbund und den Tiroler Volksbund versteht. Dessen reichhaltige
Publizistik ist auf österreichischer Seite die Quellengrundlage dieser Studie. Auf
reichsdeutscher Seite sind es die Veröffentlichungen des Alldeutschen Verbandes
und des Allgemeinen Deutschen Schulvereins, der sich 1908 in den "Verein für das
Deutschtum im Ausland" umbenannte.

Nach einem politikgeschichtlichen Überblick über den Nationalismus in Österreich-


Ungarn nähert sich die Autorin ihrem Gegenstand methodisch in drei Schritten. Ihre
These eines grenzüberschreitenden radikalnationalen Milieus übersetzt sie in drei
Dimensionen einer deutschnationalen Erfahrungsgemeinschaft. Zur
radikalnationalen Erfahrungsgemeinschaft diesseits und jenseits der Grenze zählt
sie eine Handlungsgemeinschaft, eine Deutungsgemeinschaft und die intensive
Wahrnehmung des österreichischen Radikalnationalismus im Deutschen Reich.
Weniger überraschend sind in dieser Studie die radikalnationalistischen Topoi wie
Sprache, Kultur und Rasse und vor allem der Antisemitismus, der zum nachgerade
selbstverständlichen Gemeingut des nationalistischen Vereinsmilieus gehörte. Diese
Merkmale sind bereits hinlänglich durch frühere Studien bekannt [2] und werden
hier erneut fleißig und minutiös nachgezeichnet. Die Autorin tut dies detailliert in
den Abschnitten über die Vereinspresse, über die Anstrengungen, die deutsche
Sprache und Kultur in Mischgebieten um "Sprachinseln" herum zu festigen, in
Abschnitten über Feiern und Denkmäler, über Wirtschaftsnationalismus, Tourismus
, Germanenmythos, Siedlungsideologie und Geschichtsbilder.

Erstaunlich ist vielmehr der Nachweis einer wenn auch durchgängig Konflikt
beladenen, so dennoch intensiven Zusammenarbeit mit den Radikalnationalisten im

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Reich und hier besonders dem Alldeutschen Verband. Die gemeinsame Abgrenzung
gegen alles Slawische tat hier das Ihrige, um Gemeinsamkeit beiderseits der Grenze
zu stiften. Bereits die ständigen Schwierigkeiten mit dem Alldeutschen Verband,
der nun wahrlich kaum an nationalistischer Verve zu übertreffen war, deutete die
zweite markante Eigenart des radikalnationalen Vereinsmilieus an: das Verhältnis
zum Staat. Der Schulverein wie auch die anderen Vereine stellten die von ihnen
konstruierte deutsche Nation weit über den Staat. Ein Kennzeichen des
Radikalnationalismus in Österreich und im Reich war es, auf Distanz zur staatlichen,
ja auch zur nationalstaatlichen Ordnung zu gehen. Die Nation blieb nicht nur eine
vor-, sondern letztlich ein überstaatliche Größe. Dieser antistaatliche Nationalismus
konnte sich auf den vorstaatlichen antinapoleonischen Nationalismus berufen, für
den Ernst Moritz Arndts Vaterlandsvision gestanden hatte: "So weit die deutsche
Zunge klingt / Und Gott im Himmel Lieder singt" (309). Den radikalen Deutsch-
Österreichern kamen sogar die emanzipatorischen Gehalte eines
Willensnationalismus entgegen, der auf das subjektive Bekenntnis zur Nation
setzte. Der Hallenser Geograph Alfred Kirchhoff grenzte die der Staatsbürgerschaft
zugewandte Nation vom Begriff des Volkes ab, der eine vage bestimmte
vorstaatliche Größe blieb. Sein ebenfalls kleindeutscher Geographenkollege Ernst
Hasse spitzte weiter zu: "Die Staaten, als Zusammenfassungen von Völkern, kommen
und gehen. Und noch viel vergänglicher sind die Verfassungen der Staaten und die
Zustände der Gesellschaft. Das Volk ist das auch Einzige, was weitere Wandelungen
überdauern wird" (306). Gerade darin sah Hanna Arendt die Ursache für die
Konkurrenz zwischen Nationalsozialismus und Nationalismus, weil Hitler sich
bekanntlich nicht um Staatsgrenzen, Staatsaufbau und Staatlichkeit - auch nicht um
eigene - scherte. [3]

Das alles scheint auf eine Vorgeschichte des ebenfalls staatlich unbehausten
Radikalnationalismus der Zwischenkriegszeit hinzudeuten, zumal Hitler vom
Radikalnationalisten Ritter von Schönerer beeindruckt war. Dennoch stellen sich
Fragen: Wenn dieser Nationalismus des österreichischen Schulvereins sich so
deutlich vom österreichischen Staat und auch theoretisch von Staatlichkeit
absetzte, kann man ihn dann noch Nationalismus nennen? Zumindest scheint es sich
dabei um einen Nationalismus zweiter Ordnung zu handeln, weil er gegen
Nationalstaaten antrat, auch wenn sich dies in erster Linie auf den kleindeutschen
Nationalstaat bezog. Begrifflich den Nationalismus eines Eduard Lasker und des
Deutschen Schulvereins gleich zu behandeln, wirft zumindest Fragen nach der
Stichhaltigkeit der Begriffsbildung auf.

Hier beginnen die Fragen nach dem Verhältnis zwischen dem österreichischen
Radikalnationalismus und dem großdeutschen Nationalismus der 1848er Revolution
und späterer Generationen, wie wir sie noch bei den württembergischen
Demokraten auf der politischen Linken nach 1871 finden. Der großdeutsche
Nationalgedanke hielt sich noch lange nach 1871 und feierte seine scheinbare
Verwirklichung 1938. Hinzu kommen die langen Linien des österreichischen
Deutschnationalismus, denen in dieser Arbeit leider nicht nachgegangen wird. Noch
Hitlers Obsession mit der Rassereinheit verwies auf österreichische
radikalnationalistische Ursprünge. Ritter von Schönerers Slogan, der freilich hier
nur am Rande eine Rolle spielte, war: "Durch Reinheit zur Einheit". Diese
Gesichtspunkte des Vergleichs und der Kontinuität können freilich die Verdienste
dieser Arbeit nicht schmälern, die präzise das deutschnationale Milieu in zwei
Staaten herausarbeitet.

Anmerkungen:

[1] Vgl. James E. Bjork: Neither German nor Pole, Michigan 2008; Pieter M. Judson:
Guardians of the nation. Activists on the language frontiers of imperial Austria,
Cambridge 2006; Jeremy King: Budweisers into Czechs and Germans. A local history
of Bohemian politics, 1848-1948, Princeton 2002; Tara Zahra: Kidnapped souls.
National indifference and the battle for children in the Bohemian Lands, 1900-1948,
Ithaca 2008.

[2] Vgl. Peter Walkenhorst: Nation - Volk - Rasse. Radikaler Nationalismus im


Deutschen Kaiserreich, 1890-1914, Göttingen 2008; Roger Chickering: We men who
feel most German. A cultural study of the Pan-German League, 1886-1914, Boston
1984.

[3] Vgl. Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, Frankfurt
a.M. 1958.

Siegfried Weichlein

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