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Charakter- und Muskelpanzer

nach Wilhelm Reich


Ganz klar - Wilhelm Reichs Werk ist eine absolute Bereicherung für die
esoterisch-okkulte Arbeit und die Beschäftigung mit Magie. Allerdings muß dabei
beachtet werden, daß Reichs Werk in erster Linie ein politisches Werk ist, das hat
er selbst so gesehen und er hat seine Forschung primär in den Dienst politischer
Utopie gestellt, konkret der des Kommunismus. Das erklärt z.B. Äußerungen von
ihm wie diese:

Sexuelle Bewusstheit und religiöses Empfinden kö nnen nebeneinander nicht bestehen.


Sexualität und religiöses Empfinden ist energetisch dasselbe, solange erste verdrängt ist und
sich vom Bewusstsein unkontrolliert in religiöse Erregung umsetzen kann. Da die
unwiderlegbare psychoanalytische Erfahrung besagt, dass das religiöse Empfinden
gehemmter Sexualität entspringt, dass in gehemmter Sexualerregung die Quelle der
religiösen Erregung zu suchen ist, so folgt daraus der zwingende Schluss, dass klares
sexuelles Bewusstsein und natürliche Ordnung des sexuellen Lebens das Ende des mystischen
Empfindens jeder Art sein muss, dass also die natürliche Geschlechtlichkeit der Todfeind der
Religion ist.
Also gilt es, Reichs Werk unter unseren
Prämissen neu zu lesen und zu bewerten,
also neu zu entdecken und nicht einfach,
weil es auf den ersten Blick zu passen
scheint, zu zerpflücken. Ich habe schon
begonnen, das für die Orgonetik zu tun
und beabsichtige, das auch für den
Bereich Sexpol und die Reichsche
Sexualökonomie zu versuchen.

Der Charakterpanzer ist nach Reich das


Ergebnis der Konfrontation zwischen
lebendiger Triebenergie und repressiven
gesellschaftlichen Strukturen, die das
Individuum zu einer mehr oder weniger
starken "Verdrängung" seiner
Triebbedürfnisse zwingt und zu einer
charakterlichen Abpanzerung führt. Diese wird nach Reich zur Ursache für Angst,
Krankheit und Brutalität, wozu auch der Mukelpanzer gehört. Damit ist ein ganz
klarer kausaler Zusammenhang gesetzt.

Nach Wilhelm Reich ist jeder Mensch von Natur aus mit einer Triebenergie
ausgestattet, die nach lebendiger Entfaltung drängt. Die konkreten Formen der
Triebentfaltung sind dabei je nach Entwicklungsphase unterschiedlich und werden -
wenn sie nicht von außen, d.h. gesellschaftlich blockiert werden - jeweils als
lustvolle Befriedigung erlebt. Die psychosexuelle Entwicklung des Menschen
durchläuft verschiedene Phasen (von der Psychoanalyse als orale, anale, genitale
Phase bezeichnet), in denen sich die Entladung der Triebenergie schwerpunktmäßig
jeweils unterschiedlich manifestiert. Diese psychosexuelle Entwicklung geht einher
mit einer zunehmend kreativen Aneignung der Umwelt und mit einer körperlichen
Umsetzung der Triebenergien in Wachstum und Bewegung (Kreativität und mit
Motorik). Die Triebenergie bildet hierbei den Antrieb für die konkrete Umsetzung in
Sexualität im weitesten Sinn von Sinnlichkeit, Körperlichkeit, Kreativität und Motorik
(siehe auch mein Posting hier). Reich hat vor allem untersucht, welche
Auswirkungen sich aus einer Blockierung der Triebentfaltung im Bereich der
Sexualität für die psychosoziale Entwicklung des Individuums und damit
zusammenhängend für soziale Prozesse ergeben und wie die sozialen Prozesse
wiederum zurückwirken auf die individuelle Triebentfaltung (Sexualöko nomie).

Konkret ausformuliert funktioniert der Charakterpanzer so: Eine befriedigende und


lustvolle Entspannung der Triebenergie findet in dem Maße statt, wie sie flierßen
und sich manifestieren kann. Trifft das Individuum mit seinen nach Befriedigung
drängenden Triebbedürfnissen in seiner Umwelt auf keine positive Resonanz trifft,
stoßen seine emotionellen Bedürfnisse ins Leere oder ruft das Ausleben der
Triebbedürfnisse ruft Ablehnung oder Strafe seitens derr Umwelt hervor, geraten die
Triebbedürfnisse des Individuums in einen offenen Konflikt mit der triebfeindlichen
Umwelt, einen Konflikt, der für das Individuum mit psychischen und/oder
körperlichen Schmerzen verbunden ist. Wiederholen sich solche schmerzhaften
Situationen immer wieder, so wird das Individuum schließlich - zur Vermeidung von
Strafe und Enttäuschung - seine Triebbedürfnisse nicht mehr ausleben. Das
Zurückhalten der eigenen Triebimpulse gelingt allerdings nur unter erheblichem
Aufwand an psychischen Energien: Ein Teil der ursprünglich nach Entfaltung
drängenden Triebenergien wendet sich ins Gegenteil und bildet eine Staumauer
gegen die natürliche Triebentladung und der ursprüngliche Konflikt zwischen
Triebbedürfnis und triebversagender Umwelt wird auf diese Weise "verdrängt". Die
Folge dieser Verdrängung besteht nun darin, daß sich die noch freiströmenden, d.h.
nicht in der Verdrängung gebundenen Triebenergien aufstauen und als Angst erlebt
werden. Die gleiche Triebenergie, die bei freier Entfaltung lustvoll erlebt wird, kehrt
sich im Fall ihrer Aufstauung um in Angst, allerdings nicht mehr in Angst als Furcht
vor einer realen Gefahr, sondern Angst ohne erkennbaren äußeren Anlaß - in
neurotische Angst. Die sich immer mehr aufstauenden Energien drängen schließlich,
nachdem der ursprüngliche Ausgang der natürlichen Triebentladung versperrt ist,
nach einer Entladung und Spannungsminderung in anderer Form Diese Entladung
erfolgt dabei zwanghaft und ist der bewußten Kontrolle des betreffenden
Individuums entzogen. Es wird von ihr wie von einer äußeren Macht beherrscht, sie
ist ihm selbst ganz fremd: Der Mensch ist von sich selbst entfremdet.

Durch die Verdrängung ist zwar der Konflikt zwischen den natürlichen
Triebbedürfnissen und der triebfeindlichen Umwelt beseitigt, aber die
Triebbedürfnisse sind damit nicht verschwunden, sondern nur aufgestaut und
umgelenkt, und zwar über unbewußt ablaufende Prozesse: Die Triebbedürfnisse und
die sie treibenden Energien werden ebenso ins Unbewußte abgeschoben wie die
Erinnerung an die frustrierenden Ereignisse (sog. traumatische Erlebnisse). Und im
Unbewußten wühlen sie auf ganz eigenartige, der rationalen Logik unzugängliche
Weise weiter. z.B. können die ursprünglic hen Triebbedürfnisse, an die sich der
betreffende Mensch später nicht mehr erinnert, in symbolisch verschlüsselter Form
in Träumen durchbrechen. Auf diese Weise generiert und vervielfältigt sich dieser
Prozeß selbst, denn es in der Realität nicht bei der ersten Verdrängung bleiben und
das durchbrechende zwanghafte Verhalten stößt in der Umwelt wiederum auf
Ablehnung und Strafe. So wird eine "Staumauer" nach der anderen errichtet,
wiederum wird der Konflikt mit der Umwelt nur oberflächlich beseitigt und der Keim
für neue und andere Konflikte gelegt wird: Über die erste Schicht der Verdrängung
wird eine zweite gelagert mit der Konsequenz, daß sich der Binnendruck der
psychischen Spannung wiederum erhöht und an anderer Stelle und in anderer Form
nach einem neuen Durchbruch drängt. Diese Schichtung von Verdrängung ist der
Reichsche Charakterpanzer. Er meint damit also die Summe der übereinander
gelagerten Verdrängungen, die dem Individuum eine bestimmte und mehr oder
weniger erstarrte Reaktionsweise gegenüber seinen eigenen Gefühlen und
gegenüber seiner sozialen und natürlichen Umwelt aufzwingt und sein Handeln und
Sprechen unter diesen Caharakterpanzer determiniert.
Das ist die Konditionierung, von der ich spreche, und wenn ich im Konzept "Thelema
als Ethik" von der unbedingten Notwendigkeit der Dekonditionierung schreibe,
meine ich das Aufbrechen des Charakterpanzers nach Reichscher Definition.
Reich hat über die Freudschen Erkenntnisse bzgl. des Zusammenhangs zwischen
Triebunterdrückung und Charakterbildung hinaus herausgefunden, daß die
psychischen Verdrängungen und die damit einhergehende psychische Erstarrung
immer auch mit einer körperlich- muskulären Erstarrung verbunden ist. Was sich auf
der psychischen Ebene als Charakterpanzer darstellt, läßt sich auf der körperlichen
Ebene als muskulärer Panzer nachweisen, der je nach Charakterstruktur
schwerpunktmäßig unterschiedliche Bereiche des Körpers betrifft. Die o.a.
"Staumauern" haben ihre körperliche Entsprechung in muskulären Verkrampfungen,
die der Organismus im Laufe seiner Entwicklung unter der Einwirkung äußerer
Repressionen in sich verankert hat und die seine natürliche Lebendigkeit und
spontane körperliche Ausdrucksfähigkeit mehr oder weniger stark blockieren. Die
Entdeckungen Reichs über den Zusammenhang zwischen gesellschaftlich bedingter
Triebunterdrückung und individueller Erkrankung - die übrigens bis heute, wie Herrn
Fries' Geschwafel anschaulich belegt, weitgehend unbekannt geblieben sind - gehen
noch wesentlich weiter, denn in biologischen, medizinischen und physikalischen
Forschungen hat er nachgewiesen, daß den psychischen Prozessen tatsächlich
biologische Triebenergien zugrunde liegen, die in den traditionellen
Naturwissenschaften bis dahin noch nicht entdeckt worden waren und deren
Existenz auch Freud nur vermutet (und "Libido" genannt), nicht aber nachgewiesen
hatte. Sowohl die Erstarrung dieser lebendigen Triebenergie durch psychische und
muskuläre Panzerungen als auch die dadurch bedingte Aufstauung der noch
fließenden Triebenergie bilden nach Reich die Wurzel für alle psychosomatischen
Erkrankungen: Die aufgrund der Panzerungen gestörte Versorgung der Organe
einschließlich des Nervensystems mit biologischer Energie führt zunächst zu
Funktionsstörungen und schließlich zu organischen Veränderungen der
entsprechenden Organe, d.h. zu funktionellen und schließlich organischen
Erkrankungen. Sofern sich also gestaute psychische Energie nicht nach außen
entlädt, etwa in Form destruktiver Aggression, führt sie tendenziell zur
Selbstzerstörung des Organismus in Form von Krankheit. Gesellschaftlich betrachtet
läuft beides auf das gleiche hinaus: auf eine tendenzielle Zerstörung des Lebendigen
als Folge einer gesellschaftlich bewirkten Unterdrückung natürlicher
Triebbedürfnisse.

Die charakterliche Struktur des heutigen Menschen, der eine sechstausend Jahre alte
patriarchalisch- autoritäre Kultur fortpflanzt, ist durch charakterliche Panzerung gegen die
innere Natur und gegen die äußerlich gesellschaftliche Misere gekennzeichnet. Sie ist die
Grundlage von Vereinsamung, Hilfsbedürftigkeit, Autoritätssucht,Angst vor Verantwortung,
mystischer Sehnsucht, sexuellem Elend, neurotisch hilfloser Rebellion, ebenso wie krankhaft-
widernatürlicher Duldsamkeit. Die Menschen haben sich dem Lebendigen in sich feindselig
entfremdet. Die Entfremdung ist nicht biologischen sondern sozial- ökonomischen Ursprungs.
Sie fehlt in den Stadien der Menschheitsgeschichte vor der Entwicklung des Patriarchats. An
die Stelle der natürlichen Arbeitsfreude und Tätigkeit ist seitdem die Zwangspflicht getreten.
Der Lebens- und sexualverneinend erzogene Mensch erwirbt eine Lustangst, die physiologisch
in chronischen Muskelspannungen verankert ist. Die neurotische Lustangst ist die Grundlage
der Reproduktion der lebensverneinenden, Diktatur begründeten Weltanschauung durch den
Menschen selbst. Sie ist der Kern der Angst vor selbständiger freiheitlicher Lebensführung.
Dies wird die wichtigste Kraftquelle jeder Art politischer Reaktion, der Herrschaft von
Einzelpersonen oder Gruppen über die Mehrheit der arbeitenden Menschen. Sie ist
biophysische Angst und bildet das Kernproblem des psychosomatischen Forschungsgebietes.
Sie war bisher das größte Hindernis im Erforschen der unwillkürlichen Lebensfunktionen, die
der neurotische Mensch nur unheimlich und angstvoll erleben kann.
Die Lebenskräfte regeln sich natürlicherweise selbst ohne Zwangspflicht und Zwangsmoral;
beide sind sichere Anzeichen für vorhandene antisoziale Regungen. Die antisozialen
Handlungen entstammen sekundären, durch die Unterdrückung des natürlichen Lebens
entstandenen Trieben, die der natürlichen Sexualität widersprechen.
Die seelische Gesundheit hängt von der orgastischen Potenz ab, das heißt vom Ausmaß der
Hingabe - und Erlebnisfähigkeit am Höhepunkt der sexuellen Erregung im natürlichen
Geschlechtsakt. Ihre Grundlage bildet die unneurotische charakterliche Haltung der
Liebesfähigkeit. Die seelischen Erkrankungen sind Folgen der Störung der natürlichen
Liebesfähigkeit. Bei orgastischer Impotenz, unter der die überwiegende Mehrheit der
Menschen leidet, entstehen Stauungen biologischer Energie die zu Quellen irrationaler
Handlungen werden.
Die Heilung seelischer Störung fordert in erster Linie die Herstellung der natürlichen
Liebesfähigkeit. Sie ist von sozialen Bedingungen ebenso abhängig wie von psychischen. Die
seelischen Krankheiten sind Ergebnisse der gesellschaftlichen Sexualunordnung. Diese
Unordnung hat seit Jahrtausenden die Funktion, die Menschen in den jeweils vorhandenen
Seinsbedingungen psychisch zu unterwerfen, die äußere Mechanisierung des Lebens zu
verinnerlichen. Sie dient der seelischen Verankerung der mechanisierten und autoritären
Zivilisation durch Verunselbständigung der Menschen.
(Wilhelm Reich - Die Funktion des Orgasmus/Entdeckung des Orgons I, 1940)