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Hans Staden

Brasilien

Die wahrhaftige Historie der wilden, nackten, grimmigen


Menschenfresser-Leute
Herausgegeben und eingeleitet von Gustav Faber
Aus dem Frühneuhochdeutschen übertragen von Ulrich Schlemmer
Mit 62 Abbildungen und 1 Karte
Thienemann Edition Erdmann

CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek


Staden, Hans: Brasilien: d. wahrhaftige Historie d. wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-
Leute [1548-1550] Hans Staden. Hrsg. u. eingeleitet von Gustav Faber. Aus d. Frühneuhochdt.
übertr. von Ulrich Schlemmer. - Stuttgart: Thienemann, Edition Erdmann, 1984. (Alte
abenteuerliche Reiseberichte)
ISBN 3-522-60460-1

Alle Rechte vorbehalten © 1982 by Edition Erdmann Verlags-GmbH, Tübingen (alte ISBN 3-
88639-520-0) (P 1984 Edition Erdmann in K. Thienemanns Verlag, Stuttgart (neue ISBN 3-522-
60460- 1)
Umschlag und Einband: Olaf Rethfeldt Gesamtherstellung: Kösel, Kempten

INHALT

VORWORT 5

TEIL I WAHRHAFTIGE GESCHICHTE 16

WIDMUNG AN PHILIPP DEN GROSSMÜTIGEN 16

VORREDE DES PROFESSORS DRYANDER 17

ERSTES KAPITEL 21

Beschreibung meiner ersten Seereise von Lissabon in Portugal aus. 21

Wie die Wilden von Pernambuco sich gegen die Portugiesen erhoben und eine ihrer Siedlungen zerstören
wollten. 23

Die Festung der Wilden und wie sie uns bekämpften. 23

Wie wir von Pernambuco nach PotiGuarás fuhren, dabei einem französischen Schiff begegneten und uns
mit ihm schlugen. 24

Beschreibung meiner zweiten Seereise von Sevilla in Spanien nach Amerika. 25

Wie wir auf der Höhe des 28. Breitengrades in Amerika anlangten, unseren Bestimmungshafen aber
nicht finden konnten, und wie sich an der Küste ein großer Sturm erhob. 25
Wie wir den Hafen wieder verließen, um unseren eigentlichen Bestimmungsort zu suchen. 26

Wie einige von uns mit dem Boot achten, um den Hafen zu besichtigen und dabei auf einer Klippe ein
Holzkreuz entdeckten. 27

Wie ich mit einem Boot voller Wilder zu unserem Schiff zurückgeschickt wurde. 28

Wie das andere Schiff ankam, das wir auf dem Meer verloren hatten und in dem der oberste Steuermann
war. 28

Wie wir uns entschlossen, nach São Vicente, einer portugiesischen Besitzung zu fahren, um dort von den
Portugiesen ein Schiff zu heuern und so die Fahrt zu Ende zu führen. Wie wir aber in einem großen
Sturm Schiffbruch erlitten, ohne zu wissen, wie weit es noch bis São Vicente war. 29

Wie wir herausfanden, in welchem Teil des fremden Landes wir Schiffbruch erlitten hatten. 30

Die Lage von São Vicente 30

Der Ort, von dem aus die Portugiesen und Tupiniquins am heftigsten angegriffen wurden, und wie er
liegt. 31

Wie die Portugiesen Bertioga wieder aufgebaut und auf der Insel Santo Amaro ein Bollwerk errichtet
haben. 31

Wie und warum wir zu bestimmten Zeiten des Jahres mehr als sonst mit den Feinden rechnen mußten. 32

Wie ich von den Wilden gefangen wurde. 32

Wie die Wilden mit mir zurückfahren wollten, wie aber die unseren kamen, um mich zu befreien, und mit
ihnen kämpften. 33

Was sich auf der Rückfahrt ins Land der Tupinambás ereignete. 34

Wie mich die Wilden in ihre Siedlung brachten, und wie sie mich dort behandelten. 35

Wie meine beiden Herren zu mir kamen und mir sagten, daß sie mich einem Freund geschenkt hätten,
der mich einstweilen verwahren sollte und der mich töten würde, wenn man mich fressen wollte. 35

Wie die Frauen mit mir vor der Hüne, in der sie ihre Götter verehren, tanzten. 36

Wie man mich nach dem Tanz zu Ipirú-guaçú brachte, der mich töten sollte. 36

Wie diejenigen, die mich gefangen hatten, mir zornig erklärten daß sie sich an mir rächen wollten, weil
die Portugiesen ihren Vater erschossen hätten. 37

Wie ein Franzose, der von einem Schiff zurückgelassen worden war, zu den Tupinambás kam, um mich
zu sehen, und wie er ihnen befahl, mich zu essen, da ich ein Portugiese sei. 37

Wie ich großes Zahnweh hatte. 38

Wie sie mich zu Cunhambebe, ihrem obersten Häuptling, führten, und wie ich dort behandelt wurde. 38

Wie die Tupiniquins in 25 Booten kamen, so wie ich es dem Häuptling vorausgesagt hatte, um Ubatuba
anzugreifen. 40

Wie sich die Häuptlinge abends beim Mondschein versammelten. 40

Wie die Tupiniquins das Dorf Mambucaba niederbrannten. 40


Wie ein Schiff von Berdoga kam, um nach mir zutragen, und nur knappe Auskunft erhielt. 40

Wie der Bruder des Häuptlings Nhaepepo-oaçú von Mambucaba zurückkam und mir erzählte, sein
Bruder, seine Mutter und alle anderen seien krank geworden; wie er dann von mir verlangte, ich solle bei
meinem Gott bewirken, daß sie wieder gesund würden. 41

Wie der kranke Häuptling Nhaepepo-oaçú heimkehrte. 41

Wie der Franzose, der den Wilden befohlen hatte, mich zu essen, noch einmal kam und ich ihn bat, mich
mitzunehmen, wie aber meine Herren mich nicht freigeben wollten. 42

Wie sie einen Gefangenen aßen und mich zu dem Fest mitnahmen. 43

Was sich auf der Rückfahrt von dem Feste ereignete. 44

Wie von den Portugiesen ein weiteres Schiff nach mir ausgesandt wurde. 45

Von dem Sklaven, den die Wilden bei sich hatten und der mich stets verleumdete und gerne gesehen
hätte, daß sie mich töteten; wie er selbst getötet und in meiner Gegenwart gegessen wurde. 46

Wie ein französisches Schiff kam und mit den Wilden um Baumwolle und Brasilholz handelte; wie ich
gerne auf dieses Schiff gegangen wäre, was Gott aber nicht vorgesehen hatte. 47

Wie mich die Wilden auf Kriegsfahrt mitnahmen, und was sich dabei ereignete. 48

Wie sie auf der Heimfahrt mit den Gefangenen umgingen. 49

Wie die Wilden in unserem nächsten Lager mit ihren Gefangenen tanzten. 50

Wie das französische Schiff noch da war, auf das sie mich nach der Rückkehr bringen wollten, so wie sie
es mir versprochen hatten. 51

Wie sie den ersten der beiden gebratenen Christen aßen, nämlich Jorge Ferreira, den Sohn des
portugiesischen Hauptmanns. 51

Wie der Allmächtige ein Zeichen gab. 51

Wie ich eines Abends mit zwei Wilden auf Fischfang war, und wie Gott bei einem starken Unwetter ein
Wunder an mir vollbrachte. 52

Wie sie den anderen der gebratenen Christen, Jeronimo, aßen. 52

Wie ich verschenkt wurde. 52

Wie mir die Wilden von Taquaraçú-tiba erzählten, daß das erwähnte französische Schiff wieder
abgefahren sei. 53

Wie, kurz nachdem ich verschenkt worden war, ein anderes Schiff aus Frankreich, die »Catherine de
Vatteville«, ankam und mich nach Gottes Vorsehung freikaufte. 53

Wie die Schiffsoffiziere hießen, wo das Schiff her war, was sich vor unserer Abreise noch ereignete, und
wie lange die Heimfahrt nach Frankreich dauerte. 54

Wie ich in Dieppe in das Haus des Kapitäns der »Bellete« geführt wurde, des Schiffes, das vor uns aus
Brasilien abgesegelt und noch nicht angekommen war. 55

Mein Gebet zu Gott dem Herrn, als ich in der Gewalt der Wilden war, die mich essen wollten. 56
TEIL II 57

WAHRHAFTIGER KURZER BERICHT aller Gebräuche und Sitten der Tupinambás, wie ich sie
während der Zeit meiner Gefangenschaft bei ihnen erfahren habe. Sie wohnen in Amerika, und ihr Land
liegt auf 24° südlicher Breite und grenzt an das Mündungsgebiet des Rio de Janeiro. 57

Wie man mit dem Schiff von Portugal nach Rio de Janeiro gelangt, das in Amerika auf dem 24. Grad,
ungefähr in Höhe des Wendekreises des Steinbocks liegt. 57

Wo das Land Amerika oder Brasilien liegt, das ich teilweise gesehen habe. 57

Von einem großen Gebirge des Landes. 58

Wie die Tupinambás, deren Gefangener ich war, ihre Wohnungen bauen. 58

Wie sie Feuer machen. 59

Worin sie schlafen. 59

Wie geschickt sie wilde Tiere und Fische mit Pfeilen schießen. 59

Welche Gestalt die Leute haben. 60

Womit sie in den Gegenden hacken und schneiden, in denen sie von den Christen keine Äxte, Messer und
Scheren eintauschen können. 60

Was die Wilden als Brot essen, wie ihre Früchte heißen, wie sie sie pflanzen und zubereiten. 60

Wie sie ihre Speisen kochen. 61

Welche Regierung und Obrigkeit sie haben, und was bei ihnen Recht und Ordnung heißt. 61

Wie sie die Gefäße und Töpfe, die sie benützen, brennen. 62

Über ihre Trinksitten, und wie sie ihre berauschenden Getränke zubereiten. 62

Wie sich die Männer schmücken und bemalen, und was sie für Namen haben. 62

Womit sich die Frauen schmücken. 63

Wie die Kinder ihren ersten Namen bekommen. 63

Wieviele Frauen ein Mann hat und wie er sich zu ihnen verhält. 64

Wie sie sich verloben. 64

Ihr Hab und Gut. 64

Was ihre größte Ehre ist. 64

Von ihrem Glauben. 64

Wie sie aus Frauen Wahrsagerinnen machen. 65

Womit sie auf dem Wasser fahren. 66

Warum sie ihre Feinde essen. 66

Wie sie sich beraten, wenn sie einen Kriegszug in das Land ihrer Feinde planen. 66
Die Kriegsausrüstung der Wilden. 67

Mit welch feierlichen Gebräuchen sie ihre Feinde töten und essen. Womit diese totgeschlagen werden,
und wie sie mit ihnen umgehen. 67

Bericht über einige Tiere des Landes. 69

Sarués, Tiger, Löwen, Capivaras und Eidechsen. 69

Von einer Insektenart, kleinen Flöhen ähnlich, die bei den Wilden Tunga heißt. 70

Von einer Art Fledermäuse jenes Landes, die den Leuten nachts im Schlafe in die Zehen und die Stirn
beißen. 70

Von den Bienen oder Immen des Landes. 70

Von den Vögeln des Landes. 70

Bericht über einige Bäume des Landes. 71

Wie die Baumwolle und der brasilianische Pfeffer wachsen und auch einige der Wurzeln, die die Wilden
als Nahrung anpflanzen. 71

SCHLUSSWORT 71

Dem Leser wünscht Hans Staden Gottes Gnade und Frieden. 71

ZEITTAFEL 72

BIBLIOGRAPHIE (DEUTSCHSPRACHIGE AUSGABEN) 73

VORWORT
Der hier vorgelegte neu übersetzte und kommentierte Text der Reisebeschreibung von Hans
Staden aus Homberg bei Kassel, die 1557 in Marburg erstmals erschien, nimmt innerhalb der
Literatur des Entdeckungszeitalters einen besonderen Rang ein. Zunächst fesselt die ungekünstelte
Darstellung der Fahrten und Abenteuer in der Neuen Welt, die den Berichterstatter oft in
Todesnähe führten. Daneben gefällt seine Frische und sein Humor, der manchmal an den seines
großen hessischen Landsmannes Grimmelshausen (»Der abenteuerliche Simplizissimus«, »Die
Landstörzerin Courasche«) erinnert. Über das Unterhaltsame hinaus erfahren wir aber auch aus
der »Wahrhaftigen Historia« wertvolle Angaben über das Brasilien des 16. Jahrhunderts, über
seine Bewohner, seine Fauna und Flora, wobei sich Vergleiche zur südamerikanischen
Atlantikküste in unsern Tagen anbieten. Und schließlich besitzen Stadens Aufzeichnungen die
Bedeutung eines Erstrechts: sie stellen die früheste Geschichtsquelle des fünftgrößten Landes der
Erde dar und haben die Westliche Hemisphäre erstmals mit höherem Anspruch an Wahrhaftigkeit
und Detailkenntnis in der Alten Welt bekannt gemacht.
Bereits wenige Jahre nach der Entdeckung Brasiliens - es hieß damals noch »Land des heiligen
Kreuzes« brachte ein gewisser Lucas Rem aus Augsburg ein Scriptum heraus, das uns
brasilianische Novitäten etwa aus dem Jahre 1505 mitteilt. Rem war allerdings nie in Südamerika;
seine Neuigkeiten hatte er vom Hörensagen. Als Verwandter der Augsburger Welser hielt er sich
bis 1508 in Lissabon auf, wo er sich der Gunst König Manuels des Glücklichen, des Förderers der
portugiesischen Entdecker, erfreute. Wie vage seine Informationen waren, geht aus den Zweifeln
hervor, mit denen er seinen Rapport beginnt: »Man weiß nicht, ob die Terra de Santa Crucis eine
Insel oder Festland ist.«
Im gleichen Augsburg tauchte 1514 eine Flugschrift im kleinen Quartformat von fünf Seiten
Umfang auf, die den Titel »Newen Zeytung auß Presillg-Landt« trug, und einiges
Landeskundliche enthält, das schon konkretere Formen annimmt. Doch der als »Pilot«
bezeichnete Informant ist unbekannt geblieben. Der Altmeister der deutschbrasilianischen
Historiker, Friedrich Sommer, wollte in ihm Amerigo Vespucci erkennen, dem die Neue Welt
ihren Namen verdankt. Immerhin weiß man, daß der Florentiner an der Expedition des Gonçalo
Coelho 1503-1504 entlang der südamerikanischen Ostküste teilgenommen hat.
Doch dies waren fragmentarische Vorläufer, nicht für den Buchmarkt, sondern den Jahrmarkt, wo
sie zusammen mit den sogenannten »Relationen« feilgeboten wurden, die Sensationen
aufbauschten und die spätere Boulevardpresse vorwegnahmen. Als wichtige Quellenschrift, von
der gebildeten Welt im Zeitalter des Humanismus begierig aufgegriffen, bot dann um die
Jahrhundertmitte Hans Staden seinen farbigen Erlebnisbericht an, der sogleich eine zweite Auflage
nötig machte.
Um sich nicht den Phantastereien von Reisebeschreibungen seiner Epoche mit ihrem Schwulst der
Sprache, gewissermaßen Vorläufern der Münchhausiaden, gleichzusetzen, tat der Autor alles, um
für seine seriösen Absichten und seine schriftstellerische Redlichkeit Beweise zu liefern. Dem
Exemplar, das für seinen Landesherrn Landgraf Philipp von Hessen bestimmt war - ihm hatte er
die »Historia« gewidmet -, legte Staden, wie wir aus dem 52. Kapitel wissen, einen Paß bei, den
er in Honfleur bei seiner Ankunft in Europa von höchster Stelle erhalten hatte und der ihm seine
Präsenz in der Neuen Welt bestätigte. Und immer wieder beteuert er, daß nicht Ruhmsucht ihm
den Federkiel in die Hand drückte, sondern die innere Nötigung, Gott zu preisen, dem er so oft in
kritischer Situation die Rettung dankte. Daß er unzählige Male davor bewahrt wurde, von den
Kannibalen erschlagen zu werden, ist für ihn ein untrüglicher Beweis der Existenz Gottes, mit dem
er - ein Don Camillo der Entdeckerzeit - quasi du auf du verkehrt, und der nach recht diesseitiger
Vorstellung in kniffligen Lagen eingreift wie die Olympier in das irdische Geschehen bei Homer.
In naiver Weise kümmert es Staden nicht, daß hunderte andere, die nicht weniger auf jenseitige
Hilfe vertrauten, den Menschenfressern zum Opfer fielen. Einige der Unglücklichen glaubte er
damit trösten zu können, daß sie im Jenseits ein sehr viel fröhlicheres Leben erwarte.
Um die Ernsthaftigkeit seiner »Wahrhaftigen Historia« darzutun, greift der Autor, dem eine
humanistische Bildung mangelte, noch zu einem weiteren Mittel. Er bittet eine Autorität unter den
Humanisten, ihm ein Vorwort zu schreiben, das ihm die Glaubwürdigkeit attestiert. Es ist ein alter
Freund seines Vaters, gleich jenem aus Wetter bei Marburg stammend und angesehen als
Professor der Medizin und Mathematik in Marburg, Dr. Johannes Dryander (1500-1560),
übrigens einer der Wegbereiter der Anatomie. Was Dryander schreibt, entspricht dem
Gelehrtendeutsch seiner Zeit und wartet, dialektisch nicht ungeschickt, mit einer Fülle von
Argumenten auf, die den Stolz eines Humanisten auf seine evolutionär-fortschrittliche Gegenwart
erkennen lassen, auf eine geistige Wende, die aus der Enge des Mittelalters soeben die ersten
Schritte in die Welt der Naturwissenschaften und damit der Neuzeit ermöglicht hat.
Als besonders stichhaltiges Argument erwähnt dieser passionierte Anwalt der Legitimität des
Staden'schen Reiseberichts den Umstand, daß im Jahre 1557 kein Heimkehrer aus fernen Ländern
mehr »flunkern« könne, da es bereits genügend Leute gäbe, die auch in Übersee gewesen und
damit in der Lage seien, einen Falschmelder Lügen zu strafen. Als einen solchen Gewährsmann
führt Dryander Heliodorus Hessus an, mit dem Staden in Brasilien zusammengetroffen ist, und der
in seinem Reisebericht Erwähnung findet.
Daß der Marburger Professor gerade diesen Zeugen nennt, hat einen persönlichen Grund. Denn
mit dem Vater des Heliodorus, dem »hochgelehrten und weitberühmten Eobanus Hessus«, stand
er in direkter enger Verbindung. Dieser Humanist, lateinische Dichter und Professor in Erfurt und
Marburg (1488-1540) gehörte zum Kreis um Reuchlin und Hutten, galt als das größte poetische
Talent der Epoche und übersetzte in seinem Todesjahr die »Ilias« Homers. Von ihm sollen die
sogenannten »Dunkelmännerbriefe« stammen, die, anonym herausgebracht, damals als politisch-
geistige Streitschrift ein spektakuläres Echo fanden. Der Weltfreude, die die Renaissance
ausgelöst hatte, huldigte Eobanus Hessus nicht weniger, indem er in seinen »Sylvae« fröhliche
Geselligkeit pries.
Der Sohn des Humanisten, Heliodorus, von Staden in seinem Reiserapport mehrfach erwähnt,
hatte sich nach dem Studium in Marburg über Holland nach Brasilien begeben, wo er 1553 bis
1565 als Buchhalter und Aufseher der Zuckerrohrfarm und Zuckermühle São João in São Vicente
wirkte, das, nahe dem heutigen Kaffee-Ausfuhrhafen Santos gelegen, eines der Zentren der
portugiesischen Kolonialverwaltung war. Dort begegnete ihm Hans Staden erstmals. Zusammen
mit dem Piloten (Steuermann) Juan Sanchez besuchte er von dort aus den späteren Verfasser der
»Historia« in dessen Fort bei Bertioga; dies sollte ungewollt zu Stadens Gefangennahme durch
den Menschenfresserstamm der Tupinambás führen. In der Freude des Wiedersehens hatte Staden
sich zu einem indianischen Stützpunkt im nahen Urwald begeben, um ein Wildbret zu besorgen,
und bei diesem Alleingang griffen ihn die Kannibalen auf, was seine vielmonatige, mit dauernder
Lebensangst verbundene Haft zur Folge hatte - zugleich verdanken wir gerade dieser Phase seines
Brasilienaufenthaltes einen wichtigen Teil seines Reisebuches, nämlich die für damals erstaunlich
exakten ethnographischen, zoologischen und botanischen Beobachtungen.
Von Heliodorus Hessus wissen wir durch den Chronisten Mello Moraes, daß er 1565 als Anführer
von neun indianischen Kriegsboten, mit 300 Eingeborenen bemannt, zur Bucht von Guanabara
ruderte, um sich an der Vertreibung der Franzosen zu beteiligen, die sich dort festgesetzt hatten.
Nach geglücktem Unternehmen wurde er am 1. März 1565 Mitbegründer der nochmaligen
zweiten Hauptstadt Brasiliens, São Sebastião do Rio de Janeiro. Unterm Zuckerhut heiratete er
eine Portugiesin, Maria Pereira de Sousa, und betätigte sich als Notar. Beim Handstreich auf eine
französische Karavelle soll er 1568 am Cabo Frio (Kaltes Kap) am Nordausgang der Guanabara-
Bucht umgekommen sein.
»Heliodorus«, so schreibt Dryander in seinem Vorwort zu Stadens Text, »kann über kurz oder
lang zurückkehren - was man hofft - und falls Stadens Geschichte falsch und erlogen wäre, könnte
er ihn leicht als nichtswürdigen Menschen in Verruf bringen.«
Als der Marburger Professor dies zugunsten des Autors äußerte, war der Sohn des Humanisten
zwar noch am Leben, doch die Rückkehr in die alte Heimat und damit die Möglichkeit, für Staden
Zeugnis abzulegen, blieb ihm versagt.
Stadens »Wahrhaftige Historia« ist nicht nur einer der ersten Berichte, die wir über den
südamerikanischen Subkontinent besitzen, sie stellt auch ein wichtiges Sprachzeugnis der
Germanistik dar: das frühe Neuhochdeutsch, das, von Luthers Bibelübertragung angeregt, sich zur
hochdeutschen Schriftsprache entwickeln sollte. Auch Staden hat gleich dem Reformator »dem
Volk aufs Maul geschaut«, in diesem Fall den Eingeborenen, und ohne die Lutherbibel gäbe es
auch keine »Historia«. Erstmals bei Staden lesen wir neben einem Vokabular, das noch dem
Mittelhochdeutschen nahesteht, neuhochdeutsche Wörter wie Boot, Ebbe, Menschenfresser,
Brasilianer, brasilianisch.
Was die Linguistik betrifft, so hat Staden auch zahlreiche Ausdrücke der Indianersprache
übermittelt, insgesamt 150 Wörter. Da er lange Zeit unter Eingeborenen lebte, verstand er deren
Idiome, wobei ihm zugute kam, daß es in dem von ihm besuchten Küstenabschnitt zwischen dem
heutigen Pernambuco und Santa Catarina eine Art Indianer-Esperando gab, Lingua geral genannt,
mittels derer sich weit auseinander ansässige oder streunende Stämme leidlich verständigen
konnten und deren sich im 19. Jahrhundert Indianerforscher wie Ehrenreich, von der Steinen,
Koch-Grünberg bedienten. Der von Staden überlieferte Begriff für Fisch = Pira klingt heute noch
im Namen der Süßwasser-Fauna nach (Piracurú, Piranha), und das Wort mirim = klein kehrt in
Verbindung mit Ortsnamen wieder. Bezeichnungen für Vertreter der Tropenfauna wie Paca
(Nagetier), Tatú (Gürteltier) waren bereits dem Weltwanderer aus Homberg bekannt.
Im Eifer des Erzählens läßt Staden unbekümmert die Wilden des Urwalds in Wetterauer Hessisch
sprechen. So sagt einer von ihnen, der gerade vor Stadens Augen Menschenfleisch verzehrt,
wohlgelaunt: »Jau ware sche, ich bin ein Tigertier, er schmeckt woll!« Neben Grausamkeit und
Mordlust legen die Indios, mit denen es der Homburger zu tun hat, eine ausgesprochene
Bonhomie, Lustigkeit, ja Ausgelassenheit an den Tag, und Staden weiß die jeweilige Stimmung
geschickt zu nutzen, um jene, in deren Gewalt er sich befindet, für sich einzunehmen.
Nach Art der Schelmenromane, die sich, aus Spanien kommend, kurz vor Abfassung von Stadens
»Historia« in Deutschland einbürgerten, versah der Homberger die einzelnen Abschnitte des
Buches mit Überschriften, die den Inhalt jeweils kurz präludieren.
Der Wert von Stadens Reisebeschreibung liegt aber auch in den beigefügten quadratförmigen
Holzschnitten, die in ihrer bildlichen Aussage dem Holzschnittartig-Naiven der Erzählweise genau
entsprechen. Nach der Art von mittelalterlichen Heiligen-Viten sind auf jedem Bild mehrere
aufeinanderfolgende Szenen gemeinsam wiedergegeben, was wiederum an Comic Strips erinnert,
wobei der langbärtige Staden stets leicht herauszufinden ist. Die abgebildeten Eingeborenen
unterscheiden sich im Körperwuchs nicht von Europäern, denn der Marburger Holzstecher hat sie
ja nicht selber erblickt. Noch Künstler bis ins 19. Jahrhundert, die in Brasilien Bestand aufnahmen,
so Post, Rugendas, Depres, haben aus den Indios typologisch Weiße gemacht. Daß Staden dem
Holzschneider assistierte, darf bei der Treffsicherheit der Wiedergabe vieler Einzelheiten des
Milieus angenommen werden.
Langbärtig ist Staden auch auf dem einzigen Porträt, das von seinem Aussehen zeugen will. 1663
hat Just Winkelmann es in einer Reihe von 34 Holzschnitten entdeckt, die ein in Oldenburg
ediertes Werk »Der amerikanischen Neuen Welt Beschreibung« enthielt. Die Authentizität des
Bildnisses ist allerdings nicht gesichert.
Das Verständnis für das, was Staden als Niederschlag seiner Erlebnisse und Beobachtungen
hinterlassen hat, setzt die Kenntnis der Zeit- und Weltumstände voraus, in die er hineingeboren
wurde. Es war die Epoche neuer geographischer und geistiger Horizonte, die das im späten
Mittelalter stagnierende Abendland in fruchtbare Bewegung brachte, Neugier auf die Realität
unserer Erde weckte und den Menschen ungeahnte Aufgaben stellte: das Wissen um die
Weltmeere und die Erschließung bisher unbekannter Kontinente. Es ist das Zeitalter der
Entdeckungen, und es ist auch Hans Stadens Zeitalter.
Heute, in der Epoche der Erkundung des Weltraumes, können wir uns gut in ein ähnlich
epochales, die Gemüter erregendes Abenteuer hineinversetzen, das an der Schwelle der Neuzeit
die überseeische Expansion der europäischen Völker ermöglichte und zur Folge hatte, daß die
Renaissance nicht nur ein literarisches Phänomen geblieben ist.
Die Schrittmacher der europäischen Völkerwanderung über den Atlantik waren die Portugiesen.
Was für unser Zeitalter der »Conquista« (Eroberung) außerirdischer Welten wissenschaftliche
Zentralen wie die in Houston, Texas, bedeuten, das war im 15. Jahrhundert Sagres an der Küste
des Algarve, der südlichsten portugiesischen Provinz. Hier war das wissenschaftliche
Forschungszentrum des Vorläufers der Entdecker, Heinrichs des Seefahrers, eines Infanten aus
dem Königshaus Avis. Mit allen Vorkehrungen der Geheimhaltung scharte der Infant
Astronomen, Mathematiker, Kartographen, Schiffsbauer, Nautiker, Steuerleute aus vieler Herren
Länder um sich. Als technische Voraussetzung der Conquista konstruierte man an diesem Ort das
erste Schiff, das gegen den Wind operieren und somit die Heimkehr von großer Fahrt
gewährleisten konnte. In der Abgeschiedenheit von Sagres, nahe dem Südwestkap São Vicente,
begründete der Infant Heinrich im wahrsten Sinn die Weltherrschaft des weißen Mannes. Dabei
stand Heinrichs Forschung noch ganz im Zeichen des Kreuzes; Sagres war Labor und Kloster in
einem. Die Segel portugiesischer Karavellen trugen das Cruz de Cristo, das Zeichen des
portugiesischen Ordens der Christusritter.
Nach dem vom Infanten Henrique erweckten entdeckerischen Impuls sind die Annalen Portugals
dicht angefüllt mit bahnbrechenden Taten. Zuerst stieß man auf Madeira (der Name bedeutet
»Holz«) und die Azoren. 1434 überwandt Gil Eanes aus Lagos das gefürchtete Kap Bojador im
Westen Afrikas - dort, wo man das Ende der Welt vermutete. 1456 erreichte man den Golf von
Guinea. 1483 entdeckte Diogo Cão die Kongomündung. An Deck seines Flaggschiffes befand
sich der Nürnberger Geograph Martin Behaim, der in Diensten der portugiesischen Krone stand
und in Lissabon das Astrolabium bekannt machte, ein für die Entdecker unentbehrliches
Instrument, mit dem man den Standort eines Schiffes auf hoher See bestimmen konnte.
Die am meisten epochale Entdeckertat fiel indessen dem benachbarten Spanien zu: die Fahrt auf
Westkurs und Auffindung Amerikas durch Christoph Kolumbus, den Genuesen, der in Diensten
der kastilischen Krone von San Lucar aus - dort sollte auch Hans Staden zu seiner zweiten Reise
starten - in Richtung Atlantik steuerte, um Indien zu finden. Doch, ohne es zu wissen, betrat er
den Boden einer neuen Welt. »Niemals hat ein großartigerer Irrtum«, schrieb der Historiker
Ranke, »eine großartigere Entdeckung hervorgebracht.« War einmal der Bann gebrochen, folgten
viele weitere Flotten dem Kurs, den Kolumbus 1492 vorgezeichnet hatte. An Bord befanden sich
Abenteurer und Weltsüchtige. Amerika zu sehen, mag viele veranlaßt haben, die Enge und
armselige Ausstattung eines Windjammers auf sich zu nehmen. Doch der größte Antrieb der
frühesten Auswanderer war die Gier nach Gold. Die »Relationen« auf den Jahrmärkten brachten
maßlos übertriebene Berichte vom Goldland El Dorado. Der Gedanke der christlichen Mission
verbrämte die nackte materielle Gewinnsucht.
An der Fahrt in Richtung West beteiligten sich nun auch die Portugiesen. Ihre wichtigste
Entdeckungstat in der Westlichen Hemisphäre war die Landnahme Brasiliens im Jahre 1500 durch
Pedro Ãlvarez Cabral. Am Ostersonntag ließ er auf einer der vorgelagerten Inseln - die heutige
Insel Coroa Vermelha (Rote Krone) bei Baia - einen provisorischen Altar errichten: Schauplatz
der ersten christlichen Messe auf brasilianischer Erde.
Allmählich faßten Spanier und Portugiesen als Avantgarde der Welterschließung an den
inzwischen bekanntgewordenen Küsten des Erdglobus Fuß. Um ihre Interessengebiete
abzugrenzen, schlossen sie 1494 den Vertrag von Tordesillas, einer Stadt Nordwestspaniens am
Ufer des Rio Duero. Der Borgia-Papst Alexander VI. fungierte als Schiedsrichter. Als
Demarkationslinie wählte man auf der Landkarte einen Meridian von Pol zu Pol, 360 Meilen
westlich der Kapverdischen Inseln. Der Meridian verlief durch das östliche Südamerika, und da
den Portugiesen die Erdhälfte östlich der Grenzlinie zufiel, hatten sie Anspruch auf jenen Teil des
Subkontinents, der danach portugiesisch besiedelt wurde und den Namen Brasilien erhielt. Freilich
lag der Süden, Santa Catarina und Rio Grande do Sul, durch den Küstenverlauf bedingt in der
spanischen Interessensphäre und war demnach im 16. Jahrhundert noch Hoheitsgebiet der
Spanier. Dies sollte für Hans Stadens zweite Reise eine Rolle spielen.
Brasilien ist heute eines der rohstoffreichsten Länder der Erde. Vor allem verfügt es über eine
verschwenderische Fülle von Mineralien, wenn diese auch noch nicht in ihrem vollen Umfang
exploriert sind. In den ersten Jahrzehnten nach der Entdeckung durch Cabral stellten die
Portugiesen jedoch enttäuscht fest, daß hier nichts zu erben sei. Das Goldland lag jenseits der
Kordilleren, in Peru, und war entweder von Panama oder vom Rio de la Plata aus zu erreichen.
Daß man an der Ostküste vorerst weder Edelmetalle und Edelsteine noch Gewürze und
Spezereien fand, hatte zur Folge, daß sich weder die portugiesische Krone noch private
Unternehmer viel um das neu gewonnene Land kümmerten. Die Kolonisation trat auf der Stelle.
Nur ein einziges Produkt fand Liebhaber: jenes Farbholz, das man Brasilholz nannte und das dem
überseeischen Territorium - ursprünglich hieß es ja Terra de Santa Cruz - später den endgültigen
Namen gegeben hat. »Braz« heißt auf portugiesisch »glühende Kohle«, mit der man das Holz
seiner Farbe wegen verglich, daraus wurde »Brasil«. Das leuchtende Rot des Pau-brasil diente
vornehmlich zum Färben der Stoffe, zum Schreiben und für die Kosmetik der Damenwelt. Im
Mittelalter stand hierfür noch der Purpur zur Verfügung, den die orientalische Meerschnecke
Murmex abgab; seit aber nach der Eroberung von Konstantinopel durch die Türken 1453 der
»Eiserne Vorhang« des Islam Abend- und Morgenland trennte, mußten sich Europas Färber nach
anderen Grundstoffen für das königliche Rot umsehen. Das Pau-brasil füllte die Lücke.
Da Brasilholz in Europa als Kostbarkeit galt, beschloß der portugiesische König Manuel der
Glückliche, den Handel an der brasilianischen Küste gegen 4000 Dukaten jährlich einer
kaufmännischen Gesellschaft zu verpachten, der bald weitere Unternehmen folgten, darunter
solche, mit deren Niederlassungen, Faktoreien genannt, Hans Staden in Verbindung trat.
Man war damals also noch keineswegs an einer systematischen Besiedlungspolitik interessiert,
sondern lediglich am Handel, zumal wenn er hochprozentigen Gewinn abwarf. Man wollte, nach
einem Wort von Buarque de Hollanda, die Frucht ernten, ohne den Baum zu pflanzen. Die
Aktivität Portugals in Brasilien bestand während Hans Stadens Anwesenheit mehr in der
Errichtung von Handelsstützpunkten als in einer zukunftsweisenden Kolonisation. Diese setzte
erst ein, als man befürchten mußte, daß sich von Süden her das aktivere Spanien in den
unbewohnten, vernachlässigten Gebieten Brasiliens etablierte und damit deren Verlust drohte.
Zum Handel kam wenige Jahre vor Hans Stadens Ankunft die Ausbreitung des Latifundienwesens
hinzu. Der Großgrundbesitz wies seit der ersten Landverteilung durch Martim Afonso de Sousa
1532 in São Vicente riesige Ausmaße auf. Auch hier wollten die Eigentümer hundertfachen
Gewinn erzielen. Dies war nur mit Hilfe von Sklavenarmeen zu erreichen. Man versklavte also die
indianischen Ureinwohner und ließ sie als Roboter auf den Mammutgütern fronen.
So sah das Brasilien aus, mit dem Hans Staden nach seiner ersten Landung 1547 konfrontiert
worden ist. Die überwältigende Masse des Hinterlandes war noch Terra incognita, weißer Flecken
auf der Landkarte, Niemandsland der Zivilisation, von keines Weißen Fuß betreten. Das politische
und wirtschaftliche Leben spielte sich auf einem schmalen Küstenstreifen ab, der aber auch noch
großenteils unberührte Wildnis war. Auf der einen Seite traf man auf vereinzelte Zivilisations-
Inseln - Latifundien und Faktoreien -, auf der anderen Seite war die Macht des Urwalds mit all
seinen Gefahren noch ungebrochen. Die Niederlassungen der Weißen mußten mit ständigen
Überfällen durch wilde Indianerstämme rechnen. Noch in unserm Jahrhundert wurden Siedlungen
Deutschstämmiger im Staate Santa Catarina von den gefürchteten Botokuden angegriffen. Doch
dies war bereits ein Stadium weitgehender Pazifizierung und Domestizierung des roten Mannes,
verglichen mit den andauernden Greueln, denen sich die frühesten Europäer im »Land des heiligen
Kreuzes« ausgeliefert sahen. Die Schilderungen der kannibalischen Wilden nehmen denn auch in
Stadens Buch einen breiten Raum ein. Was er an drastischen Vorkommnissen übermittelt, war
schon Jahrzehnte früher Amerigo Vespucci begegnet, der über die Kannibalen vermerkt: »Sie
ernähren sich hauptsächlich von Menschenfleisch. Zwar fressen sie nicht ihre eigenen
Stammesgenossen auf, aber sie fahren in sehr fein ausgearbeiteten Booten zu benachbarten Inseln,
wo sie Menschen rauben, die von einem anderen Stamme sind. Weibspersonen essen sie nicht; sie
gelten als ungenießbar.« In die Zeit Hans Stadens fällt die von König João III. beorderte
Einteilung Brasiliens in 15 erbliche Capitanias, denen jeweils ein »Gobernador« vorstand. Jede
Kapitanie umfaßte ein Küstenstück von 50 Leguas (350 km); die Grenzen landeinwärts bestanden
aus Parallellinien zum Äquator, die bis zur Demarkationslinie von Tordesillas reichten. Die
Kapitanien waren unteilbar und unveräußerlich; einem jeweiligen »Ouvidor« (Auditor, Richter)
stand die Rechtssprechung (außer der Todesstrafe) zu. Der sechste Teil der Erträgnisse der
Kapitanien ging an die Krone; der Export von Brasilholz blieb Kronprivileg.
Trotz erster Kolonialerfolge durch die Neuordnung, und obwohl sich neben São Vicente in dem
von Duarte Coelho gegründeten Olinda (im heutigen brasilianischen Nordoststaat Pernambuco)
ein zweiter Schwerpunkt bildete, blieb die Ausbreitung Portugals in der Neuen Welt gegenüber
den spanischen Besitzungen immer noch weit zurück. Die Zivilisation verharrte in der
Küstenzone. Schmuggel und Korruption griffen um sich.
Um den Mißständen entgegenzuwirken, befahl König João III., die 15 Kapitanien unter einem
Generalgouverneur zusammenzufassen, der in Bafa seinen Sitz nehmen sollte. Diese Stadt war
eine Gründung des ersten Generalgouverneurs, Tomé de Souza, und sie sollte bis gegen Ende der
Kolonialzeit die Hauptstadt des Landes bleiben. Im 16. Kapitel seines Reisebuchs erwähnt Staden
diesen hohen Kronbeamten, den er Tome de Susse nennt und als »obersten von des königs
wegen« bezeichnet.
Mit diesen Neuerungen hatte das portugiesische Kolonialreich in Südamerika sein vorläufiges
Gesicht erhalten - als am 28. Januar 1548 der als Büchsenschütze verdingte Homberger Bürger
Hans Staden nach stürmischen Segeltagen den Hafen von Olinda erreichte, wo der aufregendste
Abschnitt seines Lebens begann (jener Abschnitt auch, der ihn aufgrund seiner nachträglichen
Aufzeichnungen weltbekannt gemacht hat, gewissermaßen als ersten Historiographen des
tropischen Großreiches.) Das Geburtsjahr des deutschen Konquistadors wird zwischen 1525 und
1528 angenommen; sein Name weist auf ein Dorf Staden in der Wetterau hin. Wir haben bereits
von seinem angesehenen, mit Dyrander befreundeten Vater gehört. Der Sohn erhielt seinen
Unterricht in der Homberger Stadtschule. Sein Lehrer, der Rektor Leonhardt Crispinus
(Kraushaar, Krauß), ist deshalb nennenswert, weil er mit dem Reformator Melanchthon
korrespondierte. Dem Protestantismus hing auch Staden an, und dies hat sicher zum Wohlwollen
beigetragen, dessen er sich bei seinem Landesherrn Landgraf Philipp, einem Protagonisten der
neuen Glaubensrichtung, erfreute. Sicher wußte er vom berühmten Religionsgespräch zwischen
Luther und Zwingli, das in den Tagen seiner Kindheit im nahen Marburg stattgefunden hatte.
Das mit Stadens Namen eng verbundene Homberg ist Homberg bei Kassel, von wo Hans Staden
1547 zu seinen Überseereisen aufbrach. Neben der Stadtkirche steht das Museum mit Exponaten,
die auf den Autor der »Historia« Bezug nehmen heute noch ein sehenswertes Städtchen in einiger
Entfernung vom linken Fulda-Ufer. Ein Ensemble hübscher hessischer Fachwerkhäuser steigt am
Altstadthügel empor, gekrönt von der gotischen Stadtkirche mit barockem Helm. Das frühere
Rathaus neben der Kirche birgt ein Ortsmuseum, eine volkskundliche Sammlung, in der aber auch
Biographisches über Hans Staden lebendig wird. Der Autor der »Historia« hat das »Gasthaus zur
Krone« noch gekannt, denn es stammt aus dem Jahre 1480; zu den drei ursprünglichen Erkern
wurde zur Zeit Stadens ein vierter hinzugefügt. Man sieht noch Reste der landgräflichen Burg.
Hans Stadens Landesherr hat 1526 in der kleinen Stadt an der Efze die Reformation für Hessen
eingeführt.
Da Staden im Gebrauch der Waffen geübt war, nimmt man an, daß er bereits in seiner Heimat
Kriegsdienst geleistet hat, entweder an der Türkenfront oder im Schmalkaldischen Krieg 1546/47,
in dessen Verlauf Landgraf Philipp in die Gewalt des römisch-deutschen Kaisers Karl V. geriet,
der den Katholizismus gegen die protestantischen Fürsten verteidigte und die Schlacht von
Mühlberg gewann. Philipp der Großmütige blieb bis 1552 in Haft.
Vielleicht war die Niederlage der protestantischen Sache ein Motiv für Hans Stadens Streben in
die Ferne. Doch mag er auch aus Abenteuerlust und der Zeitströmung folgend in den Sog der
Atlantikfahrer geraten sein. Im März 1547 begann die erste, kürzere seiner beiden Reisen. Von
Bremen begab er sich über Holland nach Setúbal in der portugiesischen Provinz Alentejo, heute
noch einer der wichtigsten Schiffahrts- und Fischereihäfen. Die Entdeckerzeit ist hier noch im
alljährlich begangenen »Fest des Meeres« lebendig. Traktoren ziehen Modelle von Karavellen auf
Rädern hinter sich her, von deren geschwellten Segeln das Cruz de Cristo leuchtet.
Das gleiche Kreuz zierte den Segler des Kapitäns Penteado, mit dem Hans Staden dann von
Lissabon aus viele Wochen unterwegs war. Handel und Seeräuberei gingen damals, und noch bis
ins 18. Jahrhundert, ein Bündnis ein, denn Stadens Karavelle hatte den Auftrag, Schiffe, die mit
den »weißen Mohren« (Berbern) Handel trieben, auszuplündern. So erlebte er an Afrikas
Westküste, bei Agadir, ein entsprechendes Kaper-Unternehmen, wobei berittene Berber
vergeblich versuchten einzugreifen. Die erbeutete Ware mußte man allerdings auf Weisung der
Krone in Funchal (Madeira) abliefern, da sie teilweise kastilischen Handelshäusern gehörte;
Portugal scheute den Konflikt.
Die Überfahrt bescherte die Begegnung mit fliegenden Fischen, die Staden im 2. Kapitel genau
beschreibt, und Thunfischen. Die Jagd auf »albacoras« wird heute noch im Süden Portugals
betrieben, und es geht dabei durch Harpunieren der im Netz gefangenen Tiere sehr blutig zu, so
daß man vom »Stierkampf des Ozeans« spricht.
Zielpunkt dieser ersten Reise war das Küstengebiet des Staates Pernambuco, dessen Hafen von
Staden mit »Prannenbucke« bezeichnet wird. Es ist die Urzelle der heute drittgrößten
brasilianischen Stadt (nach São Paulo und Rio), Recife de Pernambuco. Die in der Nähe gelegene
portugiesische Niederlassung, die bei Staden Marín heißt, ist das Olinda unserer Tage, weltweit
bekannt geworden durch Dom Helder Camãra, den »zornigen Bischof«, und seinen Kampf für
soziale Gerechtigkeit. In Igaraçú beteiligte sich Staden an der Abwehr angreifender Wilder, die er
nun erstmals zu Gesicht bekam. Der größte Teil des Küstenstrichs, den Staden während seiner
ersten Reise betreten hat, wird heute vom Häusermeer der Staatshauptstadt Recife bedeckt. Im
17. Jahrhundert hatten sich hier die Holländer festgesetzt, da die Niederländisch-Westindische
Kompanie am dort gedeihenden Zuckerrohr interessiert war. Als Generalstatthalter gewann die
Gesellschaft den Prinzen Moritz von Nassau-Siegen aus Dillenburg, eine markante Gestalt aus der
Zeit des Absolutismus.
Wie aus Stadens Text hervorgeht, mußte man sich gegen die Wilden nicht nur seiner Haut
wehren, sondern merkwürdigerweise trieb man gleichzeitig mit ihnen Handel. Zu diesem Zweck
steuerte das Schiff den Hafen Paraiba an, am Mündungstrichter des gleichnamigen Flusses, der
später einem der Bundesstaaten des brasilianischen Nordostens den Namen geben sollte. Staden
schildert dort das Gefecht mit einem französischen Segler, der gerade Brasilholz lud.
Zum Verständnis der Stadenschen Aufenthalte in Brasilien und der von ihm immer wieder
dargestellten Kontroversen zwischen Portugiesen und Franzosen sei auf den
kolonialgeschichtlichen Hintergrund kurz eingegangen.
Etwa um die Zeit von Stadens erster Fußfassung an Brasiliens Küste begann sich auch Frankreich
handelspolitisch für diesen Teil der Neuen Welt zu interessieren, so daß zahlreiche Handels- und
Kaperschiffe ausfuhren, die unbekümmert um die portugiesischen Hoheitsrechte dort ihre
Geschäfte betrieben. Dies ergab immer neue Zusammenstöße. 1555 kam es soweit, daß der
französische Admiral Nicolas de Villegaignon den Hafen von Rio de Janeiro in Besitz nahm, so
daß hier für Portugal eine ähnliche Gefahr drohte wie später in Pernambuco durch die Holländer:
daß sich nämlich ein von Portugal losgetrenntes fremdes Kolonialgebiet konstituierte. Im Falle
von Rio verschärfte sich die Situation dadurch, daß der nochmalig durch die Hugenottenkriege
bekanntgewordene Admiral Coligny an der Guanabara-Bucht eine Pflanzstätte für seine
Glaubensgenossen begründen wollte (»France Antarctique«). Frankreichs Okkupation führte zu
langwierigen Auseinandersetzungen zwischen Portugiesen und Franzosen, wobei diese es
verstanden, sich gegen ihre Rivalen mit wilden Indianerstämmen zu verbünden (eine ähnliche
Taktik wie zwischen Franzosen und Engländern in Kanada).
Wir haben gesehen, daß Stadens Gefährte Heliodorus Hessus an den Kämpfen beteiligt war, die
später zur Vertreibung der Franzosen führen sollten. Doch in den Jahren, als der Homberger in
Brasilien weilte, war Frankreich im Land unterm Kreuz des Südens noch ein ernstzunehmender
Faktor, und während der zweiten Reise Stadens sehen wir, wie der Landsknecht aus Hessen sich
mit diplomatischer Absicht immer wieder als Franzose ausgibt, wenn er sich von Indios bedroht
sieht, die mit Frankreich kollaborieren.
Stadens zweite, sehr viel längere und abenteuerlichere Reise, die er vom 6. Kapitel seines
Berichtes an ausführlich schildert, erhält dadurch einen anderen Akzent, daß der Autor der
»Historia« nunmehr in spanischen Diensten steht. Diesmal ist er nicht an Bord irgendeines
Kauffahrers. Er nimmt als angeheuerter Kanonier an einem Unternehmen teil, das in der
spanischen Kolonialgeschichte einen wichtigen Platz beansprucht, mit Blickrichtung auf das
Stromgebiet des Rio de la Plata.
Die La-Plata-Region gehörte nach dem Vertrag von Tordesillas zum Interessengebiet der
spanischen Krone. Diese nahm hier deswegen schon früh ihre territorialen Rechte wahr, als man
Silber fand und außerdem glaubte, über den Rio Paraguay, einen der wasserreichen Zubringer des
»Silberstromes«, leicht in das ebenfalls silberreiche Peru zu gelangen. Der erste, der dem
Mündungsbecken des La Plata (damals »Süßes Meer« genannt) nach Silber lüstern zustrebte, war
Juan Diaz de Solfs. 1516 fiel er in die Hände von Kannibalen und wurde gebraten und verspeist,
was seine Gefährten vom Schiff aus mitansehen mußten, ohne Solfs retten zu können. 1535 fuhr
Pedro de Mendoza zum Silberstrom und gründete Buenos Aires und Asunciõn, die späteren
Hauptstädte Argentiniens und Paraguays. Ihm zur Seite stand der aus Straubing an der Donau
stammende Ulrich Schmidel, der in seiner Vaterstadt durch eine Tafel an seinem Geburtshaus,
nahe dem Markt, geehrt wird. Man kann Schmidel als Mitbegründer von Buenos Aires
bezeichnen, und er hat wie Hans Staden eine »wahrhaftige Historia« hinterlassen, die allerdings
erst 1567 in Frankfurt erschien. Obwohl sich beider Routen kreuzten und beide bei dem gleichen
Handelsvertreter Peter Roesei in São Vicente Station machten, sind sie sich nie begegnet,
jedenfalls erwähnt keiner den anderen.
In die Fußstapfen Mendozas traten seine Nachfolger in der Statthalterschaft, und sie schmeckten
sich mit dem stolzen Titel »Adelantado«. Als im Jahre 1550 der Gouverneursposten vakant war,
bestellte man Juan de Sanabria und nach dessen plötzlichem Tod seinen Sohn Diego mit dem Amt
des Governadors. Während dieser noch in Spanien zurückblieb, um Rechtsfragen seiner
Befugnisse am La Plata zu klären, liefen von San Lucar drei Schiffe als Vorkommando aus: das
Flaggschiff »San Miguel« mit dem in Asunciõn bereits bewährten Anführer Juan de Salazar an
Bord - er sollte jetzt dort den Rang eines Schatzmeisters bekleiden - und zwei Brigantinen. Diese
hölzernen »Nußschalen« kann man sich, gleich der »Santa María« des Kolumbus, nicht klein
genug vorstellen. An Tonnenzahl (80 bis 200 t) reichten sie nicht einmal an heutige Trawler des
Fischfangs heran. Wie andere Flotten segelten sie im Verband. Dies war unvermeidbar wegen der
Piratengefahr. Nicht anders handelten die spanischen Silberflotten, die von San Lorenzo an der
Landenge von Panama die Edelmetalle Perus ins Mutterland transportierten.
Der Monsun trieb die drei Schiffe der Sanabria-Expedition in die Bucht von Guinea. Das
Flaggschiff, an dessen Bord sich auch Frauen und Kinder befanden, wurde von einem Korsar aus
La Rochelle ausgeplündert. Die Piraten verschonten nicht einmal das schöne Geschlecht, dem sie
nach einem authentischen Bericht »nur die Ehre ließen, was bei Franzosen viel zu sagen hat.« Die
Vorkommnisse hatten zur Folge, daß die drei Schiffe auseinandertrieben. Die eine Brigantine
verschwand spurlos. Die andere des Kapitäns Francisco Becerra langte, von Stürmen
heimgesucht, nach 18 Monaten Fahrt in der Bucht von Superaguã an der Ostküste Südamerikas
an. Und an Deck eben dieses Schiffes befand sich Hans Staden. Die Bucht von Superaguã ist die
Baia de Paranaguã von heute. Ein respektabler Hafen mit idealen Praias (Stränden) für die
Großstädter aus der Hauptstadt Paranãs, Curitiba, die durch die Kaffee-Hausse in den letzten
Jahrzehnten einen immensen Aufstieg genommen hat. Die Gleisserpentinen schlängeln sich durch
die Serra do Mar in das Hochland von Curitiba empor. Es waren deutschstämmige Ingenieure, die
diesen Schienenstrang durch das dschungelbedeckte Gebirge gelegt haben; die Station
»Engenheiro Lange« am abschüssigen Fels erinnert daran.
An den Hafenkais stapeln sich die Exportprodukte des Bundesstaates: Kaffeesäcke und
Rinderhäute. Eine breite und feste Strandpiste zieht sich bis Porto Alegre hin. Vor dem zweiten
Weltkrieg, als es noch keine guten Straßen gab, verkehrte hier der offizielle Bus-Linienverkehr.
Sicher bestanden diese Pisten früher schon, und sie erleichterten in der Zeit der Conquista die
Kommunikation.
Die Bucht von Paranaguã war aber nicht das Ziel, das als Treffpunkt der drei Schiffe vereinbart
war. Dies lag weiter südlich: die der Küste vorgelagerte Insel Santa Catarina, wo Stadens
Brigantine dann genau am Katharinentag anlangte, was seine Vorstellung einer höheren Fügung
wieder einmal untermauerte. Auf der Insel liegt heute Florianopolis, die Hauptstadt des
gleichnamigen, großenteils von deutschen Einwanderern bewohnten Bundesstaates mit dem
urbanen Zentrum Blumenau am Ufer des Rio Itajaf. Vom Festland führt die lange Stahlbrücke
»Hercilio Luz« zur Inselstadt.
Am Festland-Brückenkopf erblickten Staden und seine Gefährten ein Holzkreuz; dies beschreibt
er mit Nachdruck im 9. Kapitel. Und er klärt den Leser darüber auf, daß ein langbärtiger »Christ«
- Religion war damals wichtiger als Nation - das Kreuz errichtet hatte. Dieser lebte schon
geraume Zeit unter den Eingeborenen und bestätigte, daß die Insel, die vor den Augen der Spanier
lag, wahrhaft der ausgemachte Treffpunkt Santa Catarina sei.
Endlich traf auch das Flaggschiff mit Salazar ein. Doch die Karavelle war so angeschlagen, daß sie
sank.
Bei Staden lesen wir, unter welch unsäglich primitiven Umständen man zwei Jahre lang hungernd
das Dasein fristete. Man baute aus Urwaldstämmen ein neues Schiff, das aber nicht ausreichte, alle
Gestrandeten aufzunehmen. So beschloß man, sich zu teilen. Die einen versuchten, sich auf dem
Landweg nach Asunciõn durchzuschlagen, wobei die meisten umkamen. Die anderen, darunter
Staden, entschieden sich dafür, mit dem neu gezimmerten Schiffs-Provisorium die portugiesische
Siedlung São Vicente, nordwärts von Santa Catarina, zu erreichen. Kurz vor Ankunft ging das
Schiff unter. Zu Fuß, an der Küste entlang, schlug man sich weiter durch. In São Vicente, auf der
gleichnamigen Insel gelegen, war man wieder in den Armen der Zivilisation, wenn auch unter
bescheidenen Bedingungen. Wenn wir uns heute auf der Insel aufhalten, wo angesichts der
Wolkenkratzer von Santos die Zukunft bereits begonnen hat, können wir uns kaum mehr in den
Urzustand der ersten Stunde zurückversetzen, in dem Hans Staden die Gegend angetroffen hat.
Aber immerhin: hier saß ein Kronbeamter, hier gab es Handelsniederlassungen, darunter eine des
wohlhabenden Handelshauses Schetz. Erasmus Schetz, dessen Familie aus Aachen stammte,
unterhielt seine Firma, die sich mit Überseehandel, Bankgeschäften, Versicherungen und Bergbau
abgab, in Amsterdam, das damals noch zum Heiligen Römischen Reich gehörte. Sein Sachwalter
in São Vicente war Peter Roesel, von dem wir hörten, daß Ulrich Schmidel aus Straubing, auch
einer der Chronisten der Conquista, bei ihm eingekehrt ist.
Roesel ist in Stadens »Historia« dreimal genannt, einmal im 52. Kapitel, zweimal im Schlußwort,
und dort schreibt er, wie Roesels Brotgeber Schetz ihm auf der Rückreise in Amsterdam zwei
Kaiserdukaten als Wegzehrung schenkt.
Neben anderen Produkten basierte das Schetz'sche Handelsgeschäft in São Vicente, für das
Roesel geradestand, auf dem Zuckerrohr. Der Faktor der Firma überwachte eine Zuckerpresse
(Engenho) und ausgedehnte Zuckerrohrplantagen, die von rothäutigen Sklaven bewirtschaftet
wurden. Aus Flandern importierte Roesel Tuche, die er an die Siedler vertrieb. Das Handelshaus
unterhielt eine eigene Schiffsverbindung zwischen São Vicente und Antwerpen, wobei die
Frachter Lissabon ansteuern mußten, um dort den Zehnten zu entrichten. Noch 1615 wird die
Faktorei in São Vicente erwähnt.
Von São Vicente aus, das die Portugiesen nach ihrem Nationalheiligen genannt haben, beginnt die
eigentliche »aventura«, das eigentliche Abenteuer des Hans Staden, dessen »Historia« sich in den
Küstengegenden der heutigen Bundesstaaten Rio de Janeiro, Guanabara, São Paulo, Paranã und
Santa Catarina abspielt. Alle Orte, die er vorwiegend mit Indianerwörtern benennt, sind
topographisch nachweisbar, ob es sich um die Inseln São Vicente und Santo Amaro in der Bucht
von Santos, um die Ilha de São Sebastião (Meyenbipe) oder die Ilha Grande (Ippaùn Wasù)
handelt. Sogar der Ort, wo er monatelang Gefangener der Menschenfresser war, Ubatuba, ist
einigermaßen sicher lokalisierbar.
Zwischen der Insel Santo Amaro und dem Festland verläuft ein Sund, der Kanal von Bertioga.
Auf der Festlandseite lag eine portugiesische Siedlung gleichen Namens, heute noch ein
bescheidener Ort. Die Siedlung wurde von dem wilden Indianerstamm der Tupinambà immer
wieder angegriffen und kurz vor Stadens Ankunft in der Bucht von Santos sogar niedergebrannt.
Zu ihrem Schutz, um die Rindenboote der Eingeborenen auf dem Kanal abzuwehren, errichteten
die Bewohner Bertiogas am jenseitigen Ufer, am Nordzipfel der Insel Santo Amaro, eine
Palisaden-Festung mit einer Besatzung, die sich aus Mestizen rekrutierte. Doch der Aufenthalt
dort war so riskant, daß sich kein Portugiese bereitfand, den Befehl zu übernehmen. In die Lücke
sprang der geübte Kanonier Hans Staden ein, der den Holzbau durch ein steinernes Kastell
ersetzte, das den Namen São Felipe erhielt. Er versah es mit Geschützen und mit jenen runden
Ecktürmchen, die für koloniale Fortifikationen in Südamerika typisch sind. Als die Monate, für die
Staden sich verpflichtet hatte, zu Ende gingen, bat ihn der oberste Beamte der Krone, Tomé de
Souza, persönlich, sich auf zwei weitere Jahre zu verpflichten. Staden willigte ein.
Und in diese Zeit fällt nun jene Episode, von der wir bereits berichtet haben: daß Staden im
Zusammenhang mit dem Freundschaftsbesuch seines Landsmannes Heliodorus Hessus in die
Gewalt der menschenfressenden Tupinambás geriet.
Die Tupinambás gehörten zur großen Gruppe der Tupi-Indianer, die damals ganz Südbrasilien
bevölkerten und über die Grenzen hinaus Teile Uruguays und Argentiniens. Teilweise waren sie
seßhaft, teilweise Nomaden, und gerade diese waren die gefährlichsten. Zu den »harmloseren«
zählten die Guaránis. Einen der ihren hat der brasilianische Komponist Carlos Gomez zum Helden
seiner Oper »O Guarán@« gemacht: Pery, der sich in eine Portugiesin verliebt. Es ist ein Loblied
auf die Verschmelzung der weißen und der roten Rasse.
Was Hans Staden als Gefangener der Kannibalen erlebt und erleidet, wird im zweiten Teil der
»Wahrhaftigen Historia« anschaulich berichtet. Die Aufzeichnungen Stadens sind neben dem
dargebotenen Lesevergnügen auch wissenschaftlich von hohem Wert, da wir von Eingeborenen
erfahren, die längst als Opfer des zivilisatorischen »Fortschritts« untergegangen sind, und wo es
sie anderswo im brasilianischen Inneren noch gibt, ist, heute schon absehbar, die Gnadenfrist ihrer
Existenz begrenzt.
Neben dem indianischen Brauchtum nimmt Hans Staden in seinem zweiten Buch von der Tier-
und Pflanzenwelt Bestand auf, die er angetroffen hat und die zu studieren, er Muße genügend
besaß. Und hier wieder ein besonderes Lob: wo andere Reisende unkontrollierbar von
mehrköpfigen Ungeheuern kolportieren, schildert der schlichte Armbrustschütze und Kanonier
aus Homberg die Wirklichkeit so, wie er sie gesehen hat, ohne Sensations-Hascherei. Die gleichen
Vertreter der Fauna, ob Gürteltier, Brüllaffe oder gescheckter Tiger, treffen wir heute noch an.
Nur eines verwundert: Staden erwähnt die für Brasilien typischen Schlangen nicht, noch immer
eine Plage des Landes, dabei trifft man auf sie in großer Menge gerade in den von Staden
besuchten Küstenbezirken, ob es sich um harmlose Wasserschlangen oder giftige Korallenottern
handelt.
Trotz der Lebensgefahr, in der Staden schwebt, übermittelt er uns einzelne Episoden geradezu
humorig: wie er mit gebundenen Beinen durch die Dorfgasse hüpfen muß und die Indios sich
zurufen »Da kommt ja bereits unser Essen angehüpft«, wie ein französischer Kapitän, nachdem
verschiedene seiner Landsleute sich Staden gegenüber schäbig verhalten haben, ihn loskauft gegen
Messer, Äxte, Spiegel und Kämme im Wert von etwa fünf Dukaten.
In Wolfshagen verbrachte Staden seine letzten Lebensjahre. Forschungen haben ergeben, daß
Hans Staden sein Leben als Pulvermüller und Seifensieder im hessischen Wolfshagen beschlossen
hat, einer Gemeinde, die mit ihrer zur gotischen Stadtkirche ansteigenden Fachwerk-Altstadt und
ihrer Wasserburg Elmarshausen durchaus mit Homberg konkurrieren kann. 1576 hat die Pest dort
645 Menschenleben gefordert, und im gleichen Jahr vermerkt das Kirchenbuch Hans Stadens Tod.
Ohne sein Reisebuch wäre der Homberger vergessen. Er hat es neunzehn Jahre vor seinem Ende
herausgebracht und, wie wir sahen, seinem Landesherrn gewidmet, der wahrscheinlich auch die
Niederschrift zum Ruhm seines Glaubens angeregt hat. Philipp war zwar ein überzeugter
Protestant und Verfechter der Lehre Luthers, doch in seinem Privatleben war er keineswegs ein
Puritaner. So hat er sich ganz offen eine Nebenfrau erlaubt, Margarethe von der Sale, und Luther
mußte dies aus politischem Kalkül tolerieren. An ihrem Wohnhaus in Spangenberg lesen wir heute
noch: »Hier wohnte des Landgrafen Philipp andere Gemahlin.« Doch auch die Positivbilanz des
Landgrafen weist keine leeren Seiten auf, und hier müssen wir ihm vor allem zugute halten, daß er
Hans Staden gefördert, seine Aufzeichnungen ermöglicht hat.
In der nachfolgenden Zeit brachte es die »Wahrhaftige Historia« auf 81 Ausgaben, darunter
Übersetzungen in niederländisch, lateinisch, französisch, englisch, portugiesisch, spanisch,
japanisch. Unter den brasilianischen Herausgebem sei Monteiro Lobato genannt, der durch seine
Polemik gegen die Mächtigen der Wirtschaft im Vorkriegs-Brasilien eine große Resonanz hatte.
Der populäre Reisejournalist Richard Katz hat Hans Staden nach dem Krieg in einer Artikelfolge
der »Stuttgarter Zeitung« vorgestellt.
Als São Paulo, die drittgrößte Stadt Gesamtamerikas, im Jahre 1954 ihr 400-Jahr-Jubiläum
feierte, präsentierte man die Illustrationen zu Hans Stadens Historie in solcher Vergrößerung, daß
die Figuren der Indios lebensgroß in Erscheinung traten. Daneben zeigte man Fotos, die gleiche
Szenen aus der Welt der Ureinwohner aus unsern Tagen wiedergeben.
Neben früheren Initiatoren einer Staden-Renaissance wie dem Geographen Friedrich Ratzel 1893
kommen dem Instituto Hans Staden in São Paulo besondere Verdienste zur Wiederbelebung zu,
und hier muß vor allem des vieljährigen Präsidenten Dr. Karl Fouquet gedacht werden, der 1941
in São Paulo erstmals wieder, als Publikation der Gesellschaft, den vollständigen Text mit
Bebilderung herausgebracht hat und über Stadens Reisebuch schrieb: »Die Wahrhaftige Historia
ist eine der unmittelbarsten und verläßlichsten Urkunden aus der Zeit der Landnahme durch die
Portugiesen und der sich verstärkenden Berührung der Europäer mit den steinzeitlichen Indianern
insbesondere im Küstengebiet von Santos bis Rio de Janeiro; sie ist das Muster einer gedrängten,
alles Wesentliche wiedergebenden Völkerschilderung und gehört als Reisebericht zu dem
Ergreifendsten, das die deutsche Literatur bietet.« In den Jahren des zweiten Weltkriegs hat der
Geograph Reinhard Maack, Professor an der Universität Curitiba, die Küstenregionen, in denen
Staden sich insgesamt acht Jahre und vier Monate aufgehalten hat, genau vermessen und manche
Korrekturen erbracht, vor allem was Höhenangaben von Gipfeln der Serra do Mar betrifft. Der
Herausgeber des nachfolgenden Textes hat Maack auf seinen Erkundungsfahrten in die
Urwaldgebiete zwischen Curitiba und Paranaguã öfter begleiten dürfen, wofür er dem inzwischen
verstorbenen Wissenschaftler heute noch Dank weiß.
Gustav Faber

Teil I
WAHRHAFTIGE GESCHICHTE
und Beschreibung einer Landschaft der wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser, in der
Neuen Welt Amerika gelegen, vor und nach Christi Geburt im Lande Hessen unbekannt. bis auf
die zwei letztvergangenen Jahre, da sie Hans Staden von Homberg aus Hessen selbst
kennengelernt hat und jetzt durch den Druck bekannt macht.
Gewidmet dem Durchlauchtigen Hochgeborenen Herrn, Herrn Philipp, Landgraf zu Hessen, Graf
zu Katzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain und Nidda, seinem Gnädigen Herrn.
Mit einer Vorrede des Johannes Dryander, genannt Eichmann, ordentlicher Professor der Medizin
zu Marburg.
Der Inhalt des Büchleins folgt nach den Vorreden.

WIDMUNG AN PHILIPP DEN GROSSMÜTIGEN


Dem Durchlauchtigen und Hochgeborenen Fürsten und Herrn, Herrn Philipp, Landgraf zu
Hessen, Graf zu Katzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain und Nidda, etc., meinem Gnädigen Fürsten
und Herrn.
Gnade und Frieden in Christo Jesu, unserem Erlöser. Gnädiger Fürst und Herr. Es spricht der
heilige königliche Prophet David im hundertundsiebten Psalm: »Die mit Schiffen auf dem Meer
fuhren und trieben ihren Handel in großen Wassern; die des Herrn Werk erfahren haben und seine
Wunder im Meer, wenn er sprach und einen Sturmwind erregte, der die Wellen erhob, und sie gen
Himmel fuhren und in den Abgrund fuhren, daß ihre Seele vor Angst verzagte, daß sie taumelten
wie ein Trunkener und keinen Rat mehr wußten, und sie zum Herrn schrien in ihrer Not, und er
sie aus ihren Ängsten führte und das Ungewitter beruhigte, daß die Wellen sich legten und sie froh
wurden, daß es still geworden war, und er sie an Land brachte nach ihrem Wunsch; die sollen dem
Herrn danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut. Sie sollen
sie bei der Gemeinde preisen und bei den Alten rühmen.« Also bedanke ich mich beim
allmächtigen Schöpfer des Himmels, der Erde und des Meeres, seinem Sohn Jesus Christus und
dem Heiligen Geist der großen Gnade und Barmherzigkeit wegen, die mir durch ihre Heilige
Dreifaltigkeit ganz unverhoffter und wunderlicher Weise widerfahren ist, als ich unter den wilden
Leuten des Landes Brasilien, den Tupinambás weilte, die Menschenfleisch essen und deren
Gefangener ich neun Monate gewesen bin, und in vielen anderen Gefahren. So konnte ich nach
langem Elend und großer Gefahr an Leib und Leben in Euer Fürstlicher Gnaden Fürstentum, mein
höchstgeliebtes Vaterland, zurückkehren und darf die vergangene Reise und Schiffahrt
untertänigst berichten. Ich habe mich aufs kürzeste gefaßt, falls Euer Fürstliche Gnaden bei
gefälliger Gelegenheit sich wollen vorlesen lassen, wie ich mit Gottes Hilfe durch Land und Meer
gezogen um der wunderbaren Geschichte willen, durch die der allmächtige Gott mich in Nöten
geleitet hat. Damit auch Euer Fürstliche Gnaden nicht an mir zweifle, so als wollte ich unwahre
Dinge angeben, will ich Euer Fürstlichen Gnaden meinen Paß mit diesem Bericht vorlegen. Gott
allein sei in allem die Ehre. So empfehle ich mich hiermit untertänigst Euren Fürstlichen Gnaden.
Gegeben zu Wolfhagen den 20. Juni im Jahre des Herrn 1556.

Euer Fürstlichen Gnade Untertan seit Geburt


Hans Staden von Homberg in Hessen,
jetzt Bürger zu Wolfhagen.

VORREDE DES PROFESSORS DRYANDER


Dem Wohlgeborenen Herrn, Herrn Philipp, Graf zu Nassau und Saarbrücken usw.1, seinem
Gnädigen Herrn, wünscht Dr. Dryander viel Heil und entbietet ihm seine Dienste.
Hans Staden, der dieses Buch mit seiner Geschichte jetzt im Druck veröffentlicht, hat mich
gebeten, ich möge zuvor seine Arbeit durchsehen, korrigieren und, falls es nötig ist, auch
verbessern. Ich bin aus verschiedenen Gründen seiner Bitte nachgekommen. Zum einen, weil ich
den Vater des Autors seit nunmehr fünfzig Jahren kenne, denn wir sind beide in der gleichen
Stadt, nämlich in Wetter, geboren und aufgewachsen. Er hat sich sowohl in Wetter als auch in
Homberg, seinem jetzigen Wohnsitz, immer als aufrichtiger, frommer und tapferer, aber auch als
in den guten Künsten bewanderter Mann erwiesen. So kann man hoffen, daß Hans Staden als
Sohn dieses ehrlichen Mannes in den Tugenden und in der Frömmigkeit dem Vater nachschlägt,
ganz im Sinne des Sprichwortes: der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Zum anderen nehme ich die Arbeit, dieses Büchlein durchzusehen, um so freudiger und lieber auf
mich, als ich mich gern an Berichten erfreue, die mit Mathematik zu tun haben, z.B. mit
Kosmographie, d. h. der Beschreibung und Vermessung der Länder, Städte und Reisewege, von
denen in diesem Buch sehr abwechslungsreich berichtet wird. Um so lieber beschäftige ich mich
mit diesen Dingen, wenn ich sehe, daß man die Geschehnisse aufrichtig und wahrheitsgetreu
darstellt. Ich zweifle nicht daran, daß dieser Hans Staden seine Erlebnisse und Fahrten nicht nach
anderer Leute Bericht mitteilt, sondern aus eigener Erfahrung, gründlich und gewissenhaft und
ohne Falsch. Seine Beweggründe sind nicht Ruhm und weltlicher Ehrgeiz, sondern er will Gott
Ehre, Lob und Dankbarkeit erweisen dafür, daß er ihn errettet hat. Dies ist für ihn der wichtigste
Grund, seine Geschichte zu veröffentlichen. So kann jeder sehen, wie gnädig und wider jede
Erwartung Gott der Herr diesen Hans Staden, der ihn vertrauensvoll angerufen hat, aus vielerlei
Gefahren errettete. So hat er ihn von den feindseligen Wilden, bei denen er neun Monate lang

1
Philipp III. Graf zu Nassau-Weilburg 1559.
täglich, ja stündlich, damit rechnen mußte, unbarmherzig totgeschlagen und gefressen zu werden,
in sein geliebtes Vaterland Hessen zurückkehren lassen.
Für diese unsägliche Barmherzigkeit wollte er, so weit es in seinen Kräften stand, Gott stets
dankbar sein und ihn dadurch loben, daß er die erfahrenen Wohltaten aller Welt mitteilt. Die
Ausführung dieses guten Werks und die Ordnung der Ereignisse bringen es mit sich, daß er seine
ganze neunjährige Reise im Ausland so beschreibt, wie sie sich zugetragen hat.
Und da er dies in einfacher Weise, ohne großartige schmückende Worte, vorträgt, bin ich von der
Echtheit und Aufrichtigkeit seiner Sache überzeugt. Welchen Nutzen sollte ihm auch die Lüge
anstelle der Wahrheit bringen? Außerdem ist er, wie seine Eltern, in diesem Lande ansässig und
zieht nicht in der Art von Landstreichern, Lügnern oder Zigeunern von Ort zu Ort. Er müßte also
immer gewärtig sein, daß ein Reisender, der auch auf den Inseln2 war, ankommen und seinen
Bericht Lügen strafen könnte.
Ein besonders gewichtiges Argument für die Wahrheit seiner Beschreibung ist, daß er Zeit und
Ort seines Zusammentreffens mit Heliodorus, dem Sohn des hochgelehrten und weitgerühmten
Eobanus Hessus, angibt. Dieser ist schon vor langer Zeit in die Fremde gezogen und gilt hier als
tot. Er ist bei Hans Staden unter den Wilden gewesen und war Zeuge, wie dieser gefangen und
verschleppt wurde. Dieser Heliodorus kann, so meine ich, über kurz oder lang zurückkehren - was
man auch hofft - und falls Hans Stadens Geschichte falsch und erlogen wäre, könnte er ihn leicht
als nichtswürdigen Menschen in Verruf bringen.
Mit solch kräftigen Argumenten und Schlüssen zugunsten der Aufrichtigkeit Hans Stadens will ich
es für dieses Mal genug sein lassen und stattdessen die Ursachen aufdecken, weshalb dieser und
ähnlichen Geschichten von den meisten Menschen so wenig Beifall und Glauben geschenkt wird.
Zunächst haben es die Landstreicher mit ihren ungereimten Lügen und Berichten falscher,
erdichteter Dinge dahin gebracht, daß man auch rechtschaffenen und wahrhaftigen Leuten, wenn
sie aus fremden Ländern zurückkehren, wenig Glauben schenkt. Man sagt gemeinhin: Wer lügen
will, der erzähle von Dingen, die weit entfernt sind, denn niemand geht hin, um nachzusehen. Ehe
jemand sich diese Mühe macht, glaubt er's lieber.
Nun ist damit, daß man die Wahrheit um der Lügen willen auch verstümmelt, nichts erreicht. Man
muß berücksichtigen, daß es Dinge gibt, die, trägt man sie einem einfachen Manne vor, dieser für
unmöglich hält. Trägt man sie gebildeten Leuten vor, werden die gleichen Dinge als gewisse und
unumstößliche Tatsachen angesehen, was sie auch sind.
Ein oder zwei Beispiele aus der Astronomie mögen dies verdeutlichen. Wir, die wir hier in
Deutschland oder in den benachbarten Ländern wohnen, wissen aus Erfahrung und Überlieferung,
wie lange Winter und Sommer und auch die beiden anderen Jahreszeiten Herbst und Frühling
dauern; ebenso, wie lang oder wie kurz die längsten bzw. kürzesten Tage und Nächte im Sommer
und im Winter sind.
Behauptet nun jemand, es gebe Orte auf der Welt, an denen die Sonne ein halbes Jahr lang nicht
untergehe und daß der längste Tag und andererseits die längste Nacht dort sechs Monate währe;
ebenso, es gebe Orte, an denen zwei Winter und Sommer im selben Jahr auftreten; oder daß die
Sonne und andere Sterne, so klein sie uns auch erscheinen, ja selbst der kleinste Stern am Himmel
größer seien als unsere Erde; und viele andere Dinge mehr, und der gemeine Mann hört dies, so
verachtet er solche Behauptungen aufs höchste, schenkt ihnen keinen Glauben und hält sie für
unmöglich. Von den Astronomen hingegen werden diese Naturvorgänge so erklärt und bewiesen,
daß die Sachverständigen keinen Zweifel daran haben.
Daraus, daß die große Masse diese Dinge für unwahr hält, folgt noch lange nicht, daß sie wirklich
unwahr sind. Um die Astronomie wäre es schlecht bestellt, wenn sie über die Himmelskörper
keine genauen Angaben machen oder aus bestimmten Gründen die Eklipsen, d. h. die Sonnen- und
Mondfinsternisse, nicht auf den Tag und die Stunde genau bestimmen könnte. Sogar auf

2
Amerika
Jahrhunderte vorausberechnet, erweisen sie sich als wahr. Die Leute aber sagen: Ja, wer ist denn
am Himmel gewesen und hat diese Dinge gesehen und ausgemessen?
Die Antwort lautet: Weil die alltägliche Erfahrung die Darlegungen der Wissenschaften bestätigt,
muß man sie für ebenso gewiß halten als zwei und drei zusammen fünf sind. Und gerade die
sicheren Grundlagen und Erläuterungen der Wissenschaft erlauben es, zu berechnen und
auszumessen, wie weit es bis zum Mond, zu den anderen Planeten und schließlich bis zum
gestirnten Himmel ist. Ja, selbst Größe und Umfang von Sonne, Mond und anderen
Himmelskörpern lassen sich berechnen. Mit Hilfe der Himmelskunde, der Astronomie und der
Geometrie errechnet man sogar Größe, Rundung und Ausdehnung der Erde. Doch all dies weiß
der einfache Mann nicht oder hält es für unmöglich. Dem einfachen Manne wäre seine
Unwissenheit auch zu verzeihen, da er nicht viel von den Wissenschaften gelernt hat. Daß aber
angesehene, sehr gebildete Leute an Dingen zweifeln, deren Richtigkeit doch bewiesen ist, das ist
schimpflich und auch schädlich, da der einfache Mann auf ihre Meinung etwas gibt. Seinen
eigenen Irrtum begründet er, indem er sagt: Wenn das wahr wäre, dann hätte dieser oder jener
Schriftsteller nicht widersprochen. Also, usw.
So bezweifeln Sankt Augustinus und Firmianus Lactantius, zwei heilige, gelehrte, neben der
Theologie auch in den guten Künsten bewanderte Männer, und wollen nicht zugestehen, daß es
Antipoden geben könne. Damit meint man, daß es Menschen gibt, die am entgegengesetzten
Punkt der Erde, also unter uns und uns mit den Füßen gerade entgegengesetzt dahin gehen, also
mit Kopf und Leib nach unten in den Himmel hängen und doch nicht hinabfallen. So seltsam dies
auch klingt, so halten die Gelehrten doch daran fest, daß es nicht anders sein kann und als wahr
erwiesen ist, obwohl es von den oben genannten heiligen und hochgelehrten Autoren verneint
wird. Denn es kann nicht anders sein, als daß diejenigen, die an den Endpunkten eines
Erddurchmessers wohnen, Antipoden sind und daß folgender Lehrsatz unumstößlich ist: Alles,
was sich zum Himmel richtet, steht an jedem beliebigen Punkt der Erde aufrecht. Man muß gar
nicht hinunter in die Neue Welt ziehen, um Antipoden zu suchen, diese gibt es auch hier, in der
oberen Erdhälfte. Nimmt man nämlich einen Landstrich im äußersten Westen, z. B. Kap Finisterre
in Spanien, und hält dagegen einen im Osten z. B. in Indien, so bilden die Bewohner dieser
Regionen eine Art Antipoden.
Daraus wollen nun einige Theologen ableiten, daß die Bitte der Mutter der Zebedäus-Söhne, die
sie an Christus den Herrn richtete, erfüllt worden sei, daß nämlich einer ihrer Söhne zu seiner
Rechten und einer zu seiner Linken sitzen möge. Dies sei dadurch geschehen, daß Sankt Jakobus
in Compostela begraben sein soll und dort verehrt wird, unweit von Kap Finisterre, das gemeinhin
Kap zum Finsteren Stern genannt wird. Der andere Apostel, Johannes, ruhe hingegen in Indien3,
dem Land der aufgehenden Sonne. So gäbe es also schon lange Antipoden, unangesehen der
Tatsache, daß zur Zeit des heiligen Augustinus die neue Welt Amerika noch nicht entdeckt war.
Einige Theologen, besonders Nikolaus Lyra, sonst als vortrefflicher Mann geachtet, behaupten,
daß die Erdmasse zur Hälfte im Wasser liege und schwimme, daß also der bewohnte Teil aus dem
Wasser herausrage. Der andere Teil. aber sei völlig von Wasser umgeben, so daß dort niemand
wohnen könne. Dies widerspricht allen Erkenntnissen der Kosmographie, und durch die
zahlreichen Schiffsreisen der Spanier und Portugiesen ist nunmehr entdeckt worden, daß es eben
anders ist, daß die Erde überall bewohnt ist, sogar in der heißen Zone, was unsere Vorfahren und
die alten Schriftsteller nie zugeben wollten. Unsere täglich verwendeten Gewürze, Zucker, Perlen
und anderes mehr kommen aus jenen Ländern zu uns. Die scheinbaren Widersprüche um die
Aeipoden und die obengenannten Himmelsberechnungen habe ich mit Absicht so ausführlich
dargelegt, um das vorher erwähnte Argument zu bestätigen. Es könnten hier noch viele ähnliche
Dinge angeführt werden, doch würde ich mit weiteren Ausführungen den Leser nur verdrießen.

3
Hier irrt Dryander. Der Apostel Johannes wurde nach der Überlieferung in Ephesus beigesetzt.
Viele solcher Argumente wird man nachlesen können im Buch des würdigen und hochgelehrten
Magisters Kaspar Goltwurm, des fleißigen Superintendenten Euer Gnaden und Predigers zu
Weilburg. Dieses Buch4 wird in sechs Teilen von verschiedensten Mirakeln, Wunderdingen und
Paradoxen berichten, die sowohl in alter als auch jüngerer Zeit geschehen sind. Es wird in Kürze
im Druck erscheinen. Auf dieses Buch sowie auf viele andere, in denen dergleichen Dinge
beschrieben werden, z. B. die von Galeottus über Dinge, die unglaublich erscheinen usw., möchte
ich den gütigen Leser, der mehr darüber wissen will, hingewiesen haben.
Damit sei ausreichend gezeigt, daß etwas, das dem gemeinen Mann fremd und ungewöhnlich
erscheint, nicht immer gelogen sein muß, so z. B. daß die Inselbewohner5 in diesem Bericht alle
nackt sind, keine Haustiere als Nahrung haben, daß sie auch viele andere bei uns gebräuchliche
Dinge wie Betten, Pferde, Schweine oder Kühe noch Wein oder Bier6 usw. nicht kennen und sich
eben anders behelfen und erhalten müssen.
Zum Schluß der Vorrede will ich noch kurz die Gründe darlegen, die Hans Staden bewogen
haben, seine beiden Reiseberichte drucken zu lassen. Viele könnten ihm dies übel auslegen, so als
wolle er sich damit Ruhm und einen Namen erringen. Von ihm selbst habe ich ganz anderes
vernommen, und ich bin ganz sicher, daß er anders denkt, was man auch seinem Bericht hin und
wieder entnehmen kann.
Er hat soviel Elend und widrige Zeiten erlitten und so oft in Lebensgefahr geschwebt, daß er keine
Hoffnung mehr hatte, in sein Heimatland zurückzukehren. Gott aber, dem er auf allen Wegen
vertraute und den er oft anrief, hat ihn aus Feindeshand errettet. Auch hat er Gott durch sein
gläubiges Gebet oft dazu bewegt, den gottlosen Leuten zu verstehen zu geben, daß der rechte,
wahrhaftige Gott existiert und kräftig und gewaltig ist. Es ist bekannt, daß der Gläubige durch
sein Gebet Gott weder Ziel, Maß noch Zeit setzen kann. Doch was sollte dagegen sprechen, daß
Gott, wenn es ihm gefällt, durch diesen Hans Staden die Gottlosen seine Wunderkraft erkennen
läßt.
Auch weiß jedermann, daß Trübsal, Kummer, Unglück und Krankheit im allgemeinen die Leute
Gott näher bringen, daß sie in der Not Gott mehr als je zuvor anrufen. Bis heute haben viele in der
Art der Katholiken diesen oder jenen Heiligen angerufen und sich zu einer Wallfahrt oder einem
Opfer verpflichtet, damit ihnen in ihrer Not geholfen wird. Solche Gelübde werden auch ziemlich
streng eingehalten, außer von solchen, die die Heiligen mit ihren Gelübden betrügen wollen. So
berichtet Erasmus von Rotterdam in den Kolloquien von einem Schiffbruch, bei dem ein Mann auf
See dem heiligen Christophorus gelobt habe, er wolle ihm, falls er ihm aus der Not helfe, eine
Wachskerze opfern. Diese Kerze sollte so groß wie das 10 Ellen hohe Standbild des Heiligen sein,
das in einer Kirche in Paris steht und wie ein Polyphem aussieht. Sein nächster Nachbar, der neben
ihm saß, wußte um seine Armut und schalt ihn wegen des Gelübdes. Selbst wenn er alles, was er
auf Erden besitze, verkaufe, so könne er doch nicht genug Wachs kaufen, um eine solche Kerze
machen zu lassen. Darauf antwortete ihm jener, heimlich, damit es der Heilige nicht höre: Wenn er
mir aus dieser Not geholfen hat, werde ich ihm ein Talglicht geben, das gerade einen Pfennig wert
ist.
Und die Geschichte eines Ritters, der Schiffbruch erlitten hatte, lautet ganz ähnlich: Als der Ritter
sah, daß sein Schiff unterzugehen drohte, rief er den heiligen Nikolaus7 an, damit er ihm aus der
Not helfe. Er wolle ihm auch sein Pferd oder seinen Ackergaul opfern. Da ermahnte ihn sein
Knecht, dies doch nicht zu tun, denn worauf wolle er sonst reiten. Da sagte der Junker leise zum
Knecht, so daß es der Heilige nicht höre: Schweig still. Wenn er mir aus der Not hilft, werde ich
ihm nicht einmal den Sterz, d. h. den Schwanz des Pferdes geben. So wollten beide ihre Heiligen
betrügen und haben die ihnen widerfahrenen Wohltaten bald vergessen.
4
»Wunderwerk und Wunderzeichen Buch«, Frankfurt 1557.
5
Siehe Anm. 2.
6
Es gibt eine Art »Bier« aus zerkauten Mandioka-Knollen, bzw. zerkautem Mais.
7
Heiliger der Seefahrer.
Damit nun Hans Staden nicht auch für jemand gehalten wird, der die ihm von Gott erwiesenen
Wohltaten vergißt, hat er sich vorgenommen, mit diesem Buch der Beschreibung seiner Erlebnisse
Gott zu loben und zu preisen. So wollte er aus christlichem Gemüt die ihm erwiesene Gnade aller
Welt bekannt machen. Wenn dies nicht seine wirkliche Absicht gewesen wäre, die man wohl
ehrenvoll nennen muß, so hätte er sich ja die Mühe und Arbeit, den Zeitaufwand und die nicht
geringen Kosten für den Druck und die Holzschnitte ersparen können.
Ich habe diese Vorrede Euer Gnaden untertänig zugeeignet aus folgenden Gründen: Einmal ist
diese Geschichte durch den Autor dem Durchlauchtigen Hochgeborenen Fürsten und Herrn,
Herrn Philipp, Landgraf zu Hessen, Graf zu Katzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain und Nidda,
seinem Landesfürsten und Gnädigen Herrn untertänigst dargebracht und gewidmet. Auch hat er
sie im Namen Seiner Gnaden öffentlich im Druck erscheinen lassen. Hans Staden war lange vorher
schon von dem genannten Fürsten in meiner und vieler anderer Gegenwart genau geprüft und in
allen Einzelheiten über seine Schiffsreise und Gefangenschaft gründlich ausgefragt worden. Daran
habe ich Euer Gnaden und alle anderen Herren oftmals untertänigst erinnert. Auch kenne ich Euer
Gnaden schon lange als einen besonderen Liebhaber der Astronomie und Kosmographie. Euer
Gnaden wollen diese Vorrede also gnädig annehmen, bis ich etwas Besseres in Euer Gnaden
Namen in Druck geben kann.
Hiermit empfehle ich mich Euer Gnaden untertänigst.
Gegeben zu Marburg am Thomastag 1556.

ERSTES KAPITEL
Ich, Hans Staden von Homberg in Hessen, nahm mir vor, so es Gott gefällig sei, Indien8 zu
bereisen, und zog darum von Bremen nach Holland. Zu Kampen fand ich Schiffe, die wollten in
Portugal Salz laden. Da fuhr ich mit, und wir kamen nach vier Wochen auf dem Wasser am 24.
April des Jahres 1547 zu einer Stadt, genannt Setúbal. Von da zog ich nach dem fünf Meilen
entfernten Lissabon. Zu Lissabon fand ich eine Herberge, deren Wirt, genannt der junge Leuhr,
Deutscher war. Dort blieb ich eine Zeitlang. Dem Wirt sagte ich, ich sei aus meinem Vaterland
gezogen, um nach Indien zu segeln. Er antwortete mir, ich sei zu spät gekommen, denn des
Königs Schiffe, die nach Indien fahren, seien schon fort. Ich bat ihn, da er die Landessprache
beherrschte und ich diese Reisegelegenheit versäumt hatte, mir zu einer anderen zu verhelfen.
Dafür wollte ich mich auch erkenntlich zeigen.
Er brachte mich auf einem Schiff als Büchsenschützen unter. Der Kapitän des Schiffes, Pintado
genannt, wollte auf Handelsfahrt nach Brasilien gehen. Er hatte auch die Erlaubnis, die Schiffe
anzugreifen, die im Berberland mit den Mauren Handel trieben. Auch französische Schiffe, die in
Brasilien mit den Wilden handelten, konnte er kapern. Er sollte für den König etliche Gefangene
nach Brasilien bringen, die Strafe verdient hatten, jedoch verschont wurden, um das neue Land zu
besiedeln.
Unser Schiff war für den Seekrieg wohl gerüstet. Wir waren drei Deutsche auf dem Schiff: einer
namens Hans von Bruchhausen, der andere Heinrich Brant von Bremen9 und ich.

Beschreibung meiner ersten Seereise von Lissabon in Portugal aus.


Wir segelten von Lissabon mit noch einem kleinen Schiff, das auch unserem Kapitän gehörte, und
hielten erstmals bei einer Insel, die Madeira heißt, dem König von Portugal gehört und von
Portugiesen bewohnt ist. Sie ist fruchtbar und bringt Wein und Zucker hervor. Dort in der Stadt
Funchal nahmen wir weitere Lebensmittel an Bord.
Danach fuhren wir von Madeira nach Kap Ghir10. Diese Stadt gehört einem Maurenkönig, einem
sogenannten Scherifen11. Vormals hatte sie der König von Portugal besessen, aber der Scherife

8
Gemeint ist Ostindien.
9
Sohn eines Bremer Ratsherrn.
hatte sie ihm wieder genommen. Bei dieser Stadt wollten wir Schiffe erobern, die mit Heiden
Handel trieben.
Als wir hinkamen, fanden wir in der Nähe der Küste viele kastilische Fischer, die uns berichteten,
daß bei der Stadt Schiffe seien. Gerade als wir hinfuhren, kam uns ein vollgeladenes Schiff aus
dem Hafen entgegen. Dem fuhren wir nach und kaperten es. Aber die Mannschaft entkam mit dem
Boote. Da sahen wir ein verlassenes Boot am Strand liegen, das wir zu dem gekaperten Schiff
recht gut brauchen konnten. Also fuhren wir hin, um es zu holen.
Da kamen Mauren schnell angeritten und wollten es verteidigen. Aber sie konnten unserer
Geschütze wegen nicht herankommen. So nahmen wir es und fuhren mit unserer Beute, nämlich
Zucker, Mandeln, Datteln, Bockshäute, Gummi Arabicum12, womit das Schiff voll beladen war,
zurück nach Madeira, von wo wir unser kleines Schiff nach Lissabon schickten, um den König zu
fragen, wie wir es mit der Beute halten sollten, denn sie gehörte Kaufleuten aus Valencia und
Kastilien.
Der König antwortete, wir sollten die Beute auf der Insel lassen und unsere Reise fortsetzen,
unterdessen wolle seine Hoheit überlegen, was damit werden solle.
So fuhren wir wieder nach Kap Ghir, um zu sehen, ob wir noch mehr Beute machen könnten;
umsonst, denn an der Küste hatten wir Gegenwind, der alle Pläne zunichte machte. In der Nacht
vor Allerheiligen fuhren wir bei starkem Sturm mit Kurs auf Brasilien vom Berberland ab. Als wir
nun 400 Meilen aufs offene Meer hinausgefahren waren, gab es vielerlei Fische um das Schiff
herum, die wir mit dem Angelhaken fingen. Es gab ziemlich große, von den Schiffsleuten
Albacoras13 genannt, etliche Bonitos14, die kleiner waren, und Dourados15. Auch gab es viele
Fische von der Größe von Heringen, die auf beiden Seiten Flügel hatten wie Fledermäuse und die
von den großen Fischen arg verfolgt wurden. Sobald sie sich verfolgt fühlten, erhoben sie sich in
großer Zahl aus dem Wasser und flogen ungefähr zwei Klafter16 hoch über dem Wasser dahin,
einige so nahe, daß man sie gut sehen konnte. Dann fielen sie wieder ins Wasser zurück. Morgens
fanden wir sie oft auf dem Deck, wo sie während der Nacht im Flug gelandet waren. Auf
portugiesisch hießen sie peixes voadores. Danach kamen wir in die Höhe des Äquators. Es wurde
sehr heiß, denn die Sonne stand um die Mittagszeit direkt über uns. Einige Tage war gar kein
Wind. Dann kamen in der Nacht öfters starke Gewitter mit Regen und Wind. So schnell, wie sie
kamen, gingen sie auch wieder, so daß wir, wenn wir unter Segel standen, sehr darauf achten
mußten, von ihnen nicht überrascht zu werden.
Nachdem uns einige Tage ein Sturm entgegengeweht hatte, befürchteten wir, daß wir, wenn er
noch lange wehe, Hunger leiden müßten. Wir beteten zu Gott um guten Wind. Eines Nachts, als
wir einen starken Sturm hatten, der uns viel Mühe machte, erschienen uns viele blaue Lichter auf
dem Schiff, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Als die Wogen vorne ins Schiff schlugen, gingen
sie wieder aus. Die Portugiesen sagten, diese Lichter seien ein Zeichen für gutes Wetter und
eigens von Gott gesandt als Trost in unseren Nöten. Wir gelobten, in einem gemeinsamen Gebet
dafür Dank zu sagen. Danach verschwanden sie wieder. Diese Lichter heißen Sankt Elmsfeuer17
oder Corpus sanctum. Als der Tag anbrach, wurde das Wetter gut, und es kam ein guter Wind
auf, so daß wir augenscheinlich sahen, daß diese Lichter ein Wunderwerk Gottes sein mußten.

10
Heute Agadir in Marokko.
11
Sultan Muley Hamid aus der Dynastie der Saditen.
12
Entstammt der afrikanischen Akazie. Diente als Klebstoff und Bindernittel.
13
Thunfisch. Heißt in Portugal auch »atum«.
14
Thunfischart (Thunnus pelamis).
15
Goldmakrele
16
1 Klafter = 1,71 m.
17
Durch Elektrizität erzeugte Flamme, die bei Gewitter gelegentlich auf den Mastspitzen erscheint. São Telmo =
Patron der portugiesischen Seeleute.
Wir segelten weiter bei gutem Winde und bekamen am 28. Januar einen Landrücken, das Kap
Santo Agostinho, in Sicht. Nach weiteren acht Meilen kamen wir zum Hafen von Pernambuco.
Wir waren 84 Tage auf See gewesen18, ehe wir Land sichteten. An dieser Stelle hatten die
Portugiesen eine Ortschaft namens Marín gegründet. Dem Hauptmann des Ortes, Artokoslio,
übergaben wir die Gefangenen und luden auch einige Güter aus, die dort bleiben sollten. Wir
ordneten in dem Hafen unsere Angelegenheiten und wollten weitersegeln, um noch Ladung an
Bord zu nehmen.

Wie die Wilden von Pernambuco sich gegen die Portugiesen erhoben und eine
ihrer Siedlungen zerstören wollten.
Ganz gegen ihre Gewohnheit waren die Wilden von Pernambuco durch die Schuld der
Portugiesen aufrührerisch geworden. Der Hauptmann des Landes19 bat uns, der Ortschaft Igaraçú,
die von den Wilden bestürmt wurde, doch um Gottes Willen zu Hilfe zu eilen. Igaraçú lag 5
Meilen vom Hafen Marín, unserem Ankerplatz, entfernt. Die Einwohner von Marín konnten
Igaraçú nicht zu Hilfe kommen, da sie selbst einen Angriff der Wilden befürchteten.
Wir kamen den Einwohnern von Igaraçú mit vierzig Mann unserer Schiffsbesatzung zu Hilfe. Mit
einem kleinen Schiff fuhren wir auf dem Meeresarm, an dem die Ortschaft liegt, ungefähr zwei
Meilen landeinwärts. Wir mochten wohl 90 christliche Verteidiger gewesen sein, dazu kamen
dreißig Schwarze und brasilianische Sklaven, die den Einwohnern von Igaraçú gehörten. Die
Wilden, die uns belagerten, wurden auf 8000 geschätzt. Unser einziger Schutz war ein rund um
die Ortschaft geführter Palisadenzaun.

Die Festung der Wilden und wie sie uns bekämpften.


Die belagerte Ortschaft war von Wald umgeben. Dort hatten die Wilden aus dicken
Baumstämmen zwei Befestigungen angelegt, in die sie sich nachts zurückzogen, um sicher vor
unseren Ausfällen zu sein. Rund um die Ortschaft herum hatten sie Erdlöcher angelegt, in denen
sie tagsüber lagen und aus denen sie zu kleineren Gefechten mit uns hervorkamen. Wenn wir nach
ihnen schossen, warfen sie sich nieder, um dem Geschoß zu entgehen. Auf diese Weise belagerten
sie uns, so daß ein Herein- oder Hinauskommen unmöglich war. Sie kamen auch ganz nahe an den
Ort heran und schossen viele Pfeile in die Höhe, die uns im Niederfallen treffen sollten. Auch
machten sie mit Hilfe von Wachs und Baumwolle Brandpfeile, mit denen sie unsere Dächer in
Brand stecken wollten, und dazu drohten sie, uns aufzufressen, falls sie uns erwischten.
Da es dortzulande üblich war, täglich oder alle zwei Tage frische Wurzeln20 zu holen und daraus
Mehl oder Kuchen zu machen, wir aber an solche Wurzeln nicht herankamen, waren unsere
wenigen Vorräte bald aufgebraucht.
Wie wir nun sahen, daß wir dringend Lebensmittel benötigten, brachen wir mit zwei Barken zur
Ortschaft Itamaracá auf, um uns dort zu versorgen. Die Wilden jedoch wollten dies verhindern.
So hatten sie große Bäume über den schmalen Meeresarm gestürzt, und beide Ufer waren dicht
besetzt. Gerade als wir das Hindernis mit Gewalt durchbrochen hatten, trat Ebbe ein und wir
lagen auf dem Trockenen. Da die Wilden uns in den Schiffen nichts anhaben konnten, schichteten
sie zwischen Ufer und Schiff viel trockenes Holz auf. Das wollten sie anstecken und dann Pfeffer,
der im Lande reichlich wächst, in die Flammen werfen, um uns mit dem entstehenden Qualm vom
Schiff zu vertreiben. Aber es gelang ihnen nicht. Inzwischen war die Flut gekommen, und so
gelangten wir nach Itamaracá, dessen Einwohner uns Lebensmittel gaben. Damit kehrten wir zum
belagerten Igaraçú zurück. Wieder versuchten die Wilden, uns an der Durchfahrt zu hindern. Sie
18
Normaldauer der Überfahrt 50 Segeltage.
19
Duarte Coelho. Kam 1535 nach Brasilien, wo erzuerst Igaraçú als Stützpunkt wählte, dann aber den
Küstenstrich weiter südlich vorzog, wo er Marín (Olinda) gründete.
20
Maniok: Wolfsmilchgewächs, Kulturpflanze des tropischen Regenwaldes. Die Indio-Frauen zerstampfen Maniok
mit Klöppeln in hölzernen Mörsern, wobei die Blausäure durch ein unten angebrachtes Loch abfließt.
hatten wie zuvor Bäume über das Wasser gelegt und die Ufer besetzt. Zwei Bäume hatten sie
unten ganz tief eingekerbt und oben mit Cipó festgebunden. Cipó ist eine Schlingpflanze21, ähnlich
unserem Hopfen, nur dicker. Die Enden des Cipó reichten bis in ihre Verschanzung. Ihr Plan war,
sobald wir das Hindernis durchbrechen wollten, an dem Cipó zu ziehen, so daß die Bäume
endgültig fallen und dabei auf die Schiffe stürzen sollten.
Wir fuhren heran und brachen durch das Hindernis. Der erste Baum fiel in ihre Schanze, der
andere knapp hinter unserem Schiff ins Wasser. Bevor wir jedoch mit dem Durchbruch begannen,
hatten wir unsere Gefährten in der Ortschaft zu Hilfe gerufen. Aber als wir zu rufen anfingen,
schrien die Wilden auch, so daß man uns in dem belagerten Ort nicht hören konnte. Sehen konnte
man uns auch nicht, da ein Gehölz die Sicht versperrte. Um aber gehört zu werden, waren wir
eigentlich schon nahe genug herangekommen, hätten nur die Wilden kein solches Geschrei
vollführt.
So schafften wir die Lebensmittel in die Ortschaft, und als die Wilden einsahen, daß sie nichts
ausrichten konnten, baten sie um Frieden und zogen ab. Die Belagerung hatte fast einen Monat
gedauert. Die Wilden hatten einige Tote zu beklagen, wir Christen aber keinen.
Da wir sicher waren, daß die Wilden Frieden halten würden, fuhren wir zurück zu unserem
großen Schiff, das noch vor Marín lag. Dort nahmen wir Trinkwasser und auch Maniokmehl als
Nahrungsmittel an Bord. Der Oberste von Marín dankte uns.

Wie wir von Pernambuco nach PotiGuarás22 fuhren, dabei einem französischen
Schiff begegneten und uns mit ihm schlugen.
Wir fuhren von Pernambuco aus vierzig Meilen bis zum Hafen von PotiGuarás, wo wir Brasilholz
laden und auch von den Wilden noch mehr Lebensmittel übernehmen wollten.
Als wir dort ankamen, fanden wir ein französisches Schiff vor, das gerade Brasilholz lud. Das
griffen wir an und hofften es einzunehmen, aber die Franzosen zerstörten uns mit einem Schuß
den großen Mastbaum und entkamen. Dabei wurden einige unserer Matrosen getötet und einige
verwundet.
Danach beschlossen wir, wieder nach Portugal zurück zu fahren, da wir keinen günstigen Wind
mehr fanden, um den Hafen, in dem wir Lebensmittel zu erhalten hofften, anlaufen zu können. So
segelten wir trotz ungünstigen Windes nach Portugal. Wegen der geringen Lebensmittelvorräte
litten wir so großen Hunger, daß einige sogar die Bockshäute, die wir geladen hatten, zu essen
versuchten. Jeder erhielt als Tagesration ein Schöppchen Wasser und ein wenig brasilianisches
Wurzelmehl. Nach 108 Tagen auf dem Wasser gelangten wir am 12. August zu den Inseln, die
Azoren genannt werden und die dem König von Portugal gehören. Da ankerten wir, um uns
auszuruhen und zu fischen. Wir entdeckten dort ein Schiff auf dem Meer und fuhren hin, um
herauszufinden, was es wohl für ein Schiff sei. Es waren Seeräuber, die sich sofort zur Wehr
setzten, doch erlangten wir die Oberhand und eroberten das Schiff. Die Besatzung entkam mit
einem Beiboot auf eine der Inseln. Das Schiff hatte viel Wein und Brot an Bord, womit wir uns
erquickten. Bald trafen wir fünf Schiffe des Königs von Portugal, die bei den Azoren Schiffe aus
Indien erwarteten, um sie nach Portugal zu geleiten. Wir blieben bei ihnen und halfen, einen
Indiensegler, der gerade ankam, zur Insel Terceira23 zu geleiten, wo wir dann ankerten.
Bei der Insel hatten sich viele Schiffe versammelt, die alle aus den Neuen Ländern zurückkamen.
Einige wollten nach Spanien, einige nach Portugal. Wir fuhren alle zusammen von Terceira ab und
bildeten so eine Gesellschaft von beinahe 100 Schiffen. Ungefähr am 8. Oktober 1548 kamen wir
in Lissabon an, nachdem wir 16 Monate auf der Reise gewesen waren.

21
Auch Würgerfeige genannt. Die wurzellose Liane umgarnt ganze Baumgruppen und würgt sie ab.
22
Genannt nach einem Indianerstamm.
23
Den Azoren zugehörig.
In Lissabon ruhte ich mich eine zeitlang aus und beschloß dann, mit den Spaniern in die von ihnen
beherrschten Gebiete der Neuen Welt zu fahren. Deshalb nahm ich ein englisches Schiff, das von
Lissabon nach Kastilien zur Stadt Puerto de Santa Maria fuhr. Dort sollte Wein24 geladen werden.
Ich reiste weiter nach Sevilla, wo ich drei Schiffe fand, die gerade gerüstet wurden, um nach Rio
de la Plata, einem Land in Amerika, zu segeln. Dieses Land, das goldreiche Peru, das erst vor
einigen Jahren entdeckt wurde25, bildet mit Brasilien zusammen ein Festland.
Wenige Jahre zuvor waren Schiffe ausgesandt worden, um Peru weiter zu erobern. Eins der
Schiffe war nun zurückgekehrt und erbat weitere Unterstützung. Auch berichteten sie von dem
Goldreichtum des Landes. Der Kommandant der drei Schiffe, Don Diego de Sanabria, sollte dort
Statthalter des Königs werden. Ich begab mich auf eines der Schiffe. Sie wurden bestens
ausgerüstet und segelten von Sevilla nach San Lucar, wo der Fluß, an dem Sevilla liegt26 ins Meer
mündet. Dort warteten wir auf günstigen Wind.

Beschreibung meiner zweiten Seereise von Sevilla in Spanien nach Amerika.


Im Jahre 1549, am 4. Tage nach Ostern, segelten wir von San Lucar ab. Aber der Wind wehte uns
entgegen, und so gingen wir in Lissabon noch einmal vor Anker. Sobald der Wind günstig war,
fuhren wir von dort zu den Kanarischen Inseln, ankerten vor der Insel Palma und nahmen Wein
für die Reise an Bord. Auch einigten sich die Steuerleute auf einen Treffpunkt in der Neuen Welt
für den Fall, daß sie sich bei der Überfahrt aus den Augen verlören. Der Treffpunkt sollte an der
Küste auf 28 Grad südlicher Breite liegen.
Von Palma fuhren wir nach Cap Verde, dem grünen Vorgebirge im Land der schwarzen Mohren.
Dort erlitten wir fast Schiffbruch27. Nun nahmen wir Kurs auf Amerika, doch verschlug es uns, da
wir Gegenwind hatten, einige Male nach Guinea, einem Land, in dem auch Schwarze wohnen.
Dann kamen wir nach San Tomé, einer Insel, die dem König von Portugal gehört. Es ist eine
Insel, die viel Zucker bringt, sonst aber ungesund ist. Sie wird von Portugiesen bewohnt, die viele
Schwarze als Sklaven haben. Wir versorgten uns auf der Insel mit frischem Wasser und segelten
dann weiter. Wir hatten eines Nachts bei starkem Sturm die beiden anderen Schiffe aus den Augen
verloren und segelten also allein. Die Winde waren weiterhin sehr ungünstig, denn sie wehen in
diesen Breiten stets von Süden, wenn die Sonne nördlich des Äquators steht, und sie wehen
umgekehrt von Norden, wenn die Sonne südlich des Äquators steht. Da sie auf diese Weise fünf
Monate stetig aus einer Richtung wehen, hinderten sie uns vier Monate, den rechten Kurs
einzuhalten. Erst im September setzte der Nordwind ein, und wir nahmen Kurs Süd-Südwest auf
Amerika.

Wie wir auf der Höhe des 28. Breitengrades in Amerika anlangten, unseren
Bestimmungshafen aber nicht finden konnten, und wie sich an der Küste ein
großer Sturm erhob.
Am 18. November, der Steuermann hatte gerade die Höhe des Sonnenstandes gemessen,
befanden wir uns auf dem 28. Breitengrad und suchten daraufhin Land im Westen. Am 24. des
gleichen Monats sichteten wir Land. Wir waren sechs Monate auf See gewesen und hatten oft
große Gefahren überstanden. Als wir uns dem Land näherten, konnten wir weder den Hafen noch
den Orientierungspunkt ausmachen, den uns der oberste Steuermann angegeben hatte. Da es zu
gefährlich war, in unbekannten Häfen anzulegen, lavierten wir an der Küste entlang. Plötzlich
erhob sich ein starker Wind, so daß wir fürchteten, auf den Klippen umzukommen. Deshalb
banden wir leere Fässer zusammen, füllten sie mit Pulver, verstopften die Spundlöcher und banden

24
Im Hinterland Anbaugebiet des Sherry (Jerez de la Frontera).
25
1532
26
Guadalquivir
27
Zu dieser Jahreszeit wäre die Route westlich von Madeira günstiger gewesen.
unsere Gewehre darauf. Im Falle eines Schiffbruches könnten so diejenigen, die davonkämen,
wenigstens ihre Waffen an Land wiederfinden, denn die Wellen würden Fässer und Gewehre an
Land werfen. Wir kreuzten in der Hoffnung, wieder vom Lande wegzukommen, doch es half alles
nichts, der Wind trieb uns auf die Klippen zu, die wohl vier Klafter unter dem Wasser verborgen
lagen. Die großen Wellen drängten uns aufs Land, und wir glaubten, wir müßten alle miteinander
umkommen.
Da schickte es Gott, gerade als wir hart an die Klippen kamen, daß einer unserer Kameraden
einen Hafen entdeckte, in den wir hineinfuhren. Dort sahen wir ein kleineres Schiff, das vor uns
hinter eine Insel floh, so daß wir es aus den Augen verloren und auch nicht erkennen konnten, was
es für ein Schiff war. Wir verfolgten es aber nicht weiter, sondern warfen unseren Anker aus.
Dann priesen wir Gott, weil er uns aus der Not errettet hatte, ruhten und trockneten unsere
Kleider.
Am Nachmittag, gegen zwei Uhr, hatten wir geankert, und gegen Abend kam ein großer Kahn
voll Wilder zum Schiff, die mit uns reden wollten. Doch keiner von uns konnte ihre Sprache
verstehen. Wir gaben ihnen einige Messer und Angelhaken, da fuhren sie wieder ab. In der
gleichen Nacht kam noch ein weiterer Kahn. Unter den Wilden befanden sich auch zwei
Portugiesen, die uns fragten, woher wir kämen. Als wir antworteten, wir kämen aus Spanien,
meinten sie, wir müßten einen erfahrenen Steuermann haben, so wie wir in den Hafen gekommen
seien. Sie würden den Hafen zwar kennen, aber in einem solchen Sturm, in dem wir angekommen
seien, hätten sie nicht hineingefunden. Da erzählten wir ihnen ausführlich, wie uns der Sturm und
die Wellen fast hätten Schiffbruch erleiden lassen und wir gerade, als alle befürchtet hatten,
umzukommen, den Hafen entdeckten; auch wie uns Gott darin beigestanden und uns unverhofft
vom Schiffbruch errettet hatte. Wir sagten auch, daß wir nicht wüßten, wo wir uns befänden. Als
sie dies hörten, waren sie sehr erstaunt und dankten Gott und sagten, der Hafen, in dem wir uns
befänden, heiße Supraguí. Er sei ungefähr 18 Meilen von einer Insel namens Saõ Vicente entfernt,
die dem König von Portugal gehöre. Auf dieser Insel wohnten sie, und die, die wir mit dem
kleinen Schiff gesehen hätten, seien geflohen, weil sie uns für Franzosen gehalten hätten.
Wir fragten sie auch, wie weit die Insel Santa Catarina entfernt sei, denn da wollten wir hin. Man
antwortete uns, es seien ungefähr 30 Meilen nach Süden. Auch warnte man uns, daß dort ein
Stamm von gefährlichen Eingeborenen lebe, die Carijós hießen und vor denen wir uns in acht
nehmen sollten. Die Wilden des hiesigen Hafens hießen Tupiniquins und seien ihre Freunde; von
ihnen hätten wir nichts zu befürchten.
Wir fragten sie noch, auf welcher Breite Santa Catarina liege, und sie antworteten, auf dem 28.
Grad, was mit unseren Angaben übereinstimmte. Auch machten sie Angaben, woran wir das Land
erkennen sollten.

Wie wir den Hafen wieder verließen, um unseren eigentlichen Bestimmungsort zu


suchen.
Als nun der Wind aus Ost-Südost nachließ, wurde das Wetter gut. Bei Nordostwind setzten wir
Segel und fuhren zurück zu dem vereinbarten Treffpunkt Santa Catarina. Zwei Tage segelten wir
schon auf der Suche nach dem Hafen, konnten ihn aber nicht finden. Doch zeigte uns die
Landschaft, daß wir schon über den Hafen hinaus gesegelt sein mußten. Da der Himmel bedeckt
war, konnten wir den Sonnenstand nicht messen28, und an der Umkehr hinderte uns der Wind, der
uns abtrieb.
Doch Gott ist ein Retter in der Not. Als wir in unserem Abendgebet Gott um Gnade anflehten,
kamen kurz vor Einbruch der Dunkelheit im Süden, wohin uns der Wind trieb, dunkle Wolken
auf. Noch ehe das Gebet beendet war, ließ der Nordostwind nach, so daß kaum noch ein Hauch
zu spüren war. Dann kam ein Südwind auf, der zu dieser Jahreszeit selten bläst, und zwar mit

28
Mit Hilfe des Astrolabiums oder des Jakobstabes.
solchem Donnern und Blitzen, daß uns Angst überkam. Das Meer wurde sehr ungestüm, da der
Südwind gegen die Wellen des Nordwinds wehte. Es war so finster, daß man nichts sehen konnte,
und das gewaltige Blitzen und Donnern ängstigte die Mannschaft derart, daß keiner mehr wußte,
wo er anpacken sollte, um die Segel zu wenden. Wir alle fürchteten, daß wir in dieser Nacht
ertrinken müßten, doch gab Gott, daß das Wetter sich besserte. So segelten wir dieselbe Strecke
zurück, die wir am Tag zuvor gekommen waren und suchten erneut nach dem Hafen. Aber wir
konnten ihn immer noch nicht finden, denn vor dem Festland lagen zu viele Inseln.
Als wir wieder den 28. Breitengrad erreichten, befahl der Kapitän dem Steuermann, hinter eine
der Inseln zu fahren und dort Anker zu werfen, um das Land zu erkunden. So fuhren wir zwischen
zwei Landrücken hindurch und fanden dort einen schönen Hafen. Wir ließen den Anker
niedergehen und beschlossen, den Hafen mit dem Beiboot genauer zu erkunden.

Wie einige von uns mit dem Boot achten, um den Hafen zu besichtigen und dabei
auf einer Klippe ein Holzkreuz entdeckten.
Es war am Tag der heiligen Katharina im Jahre 1549, als wir dort den Anker auf Grund setzten.
Noch am gleichen Tag fuhren einige von uns gut ausgerüstet mit dem Boot los, um den Hafen
genauer zu besichtigen. Wir nahmen an, es müsse die Mündung des Flusses São Francisco sein29,
die auch in dieser Provinz liegt. Je weiter wir in die Mündung hineinfuhren, desto breiter wurde
sie. Auch nach Rauch hielten wir Ausschau, konnten aber keinen entdecken. Vor einem Wald in
einem Tal meinten wir, etwas entdeckt zu haben und fuhren näher heran. Es waren alte, verlassene
Hütten, und so fuhren wir weiter, bis es Abend wurde. Vor uns in der Mündung lag eine kleine
Insel. Die steuerten wir an, um die Nacht dort zu verbringen, da uns das am sichersten schien. Als
wir ankamen, war es schon dunkel, und wir waren unsicher, ob wir es wohl wagen sollten, an
Land zu gehen und die Nacht dort zu verbringen. Doch einige von uns gingen ganz um die Insel
herum, um zu sehen, ob sie bewohnt sei, aber wir konnten niemand entdecken. Nun machten wir
Feuer, fällten eine Palme und aßen ihr Mark30. Wir verbrachten die Nacht an dieser Stelle und
fuhren am Morgen schon sehr früh weiter landeinwärts. Wir wollten ganz sicher sein, ob hier
Menschen lebten, denn die alten Hütten sagten uns, daß Menschen in der Nähe sein mußten.
Wie wir so dahinfuhren, sahen wir in der Ferne ein Holz auf einer Klippe stehen. Einige meinten,
ein Kreuz zu erkennen, und wir fragten uns, wer es wohl errichtet habe. Als wir näher kamen,
erkannten wir ein großes hölzernes Kreuz, das mit Steinen auf der Klippe befestigt war. In einem
Faßboden, der daran angebunden war, fanden wir Buchstaben eingeschnitten, die wir jedoch nicht
lesen konnten. So rätselten wir, was das wohl für ein Schiff gewesen sein mochte, dessen
Besatzung ein solches Kreuz aufgerichtet hatte. Auch wußten wir immer noch nicht, ob wir in
dem Hafen waren, in dem wir uns treffen wollten.
So fuhren wir von dem Kreuz aus weiter, um das Land zu erkunden. Den Faßboden nahmen wir
mit. Wie wir so fuhren, saß einer der unsrigen nieder und las die Buchstaben auf dem Boden
genauer und begann, sie zu verstehen. Folgendes war in spanischer Sprache hineingeschnitten: »Si
viene por ventura aqui la armada de su Majestad, tiren un tiro, ahi habran recado.« Das heißt auf
deutsch: Wenn Schiffe seiner Majestät zufällig hierher kommen, sollen sie einen Schuß abgeben
und sie werden weiteren Bescheid erhalten. So kehrten wir schnell zu dem Kreuz zurück,
schossen ein Falkonett31 ab und fuhren dann wieder in die Bucht hinein.
Bald sahen wir fünf Boote voll von Wilden, und da sie direkt auf uns zu ruderten, machten wir
unser Geschütz bereit. Als sie näher kamen, erkannten wir einen Menschen, der Kleider trug und
einen Bart hatte. Er stand vorn im Boot, und wir sahen, daß er ein Christ war. Wir riefen ihm zu,
er solle anhalten und allein in einem Boot kommen, damit wir mit ihm sprechen könnten.
29
Der Fluß, den es heute nicht mehr gibt, läßt sich durch den Ort gleichen Namens im Norden des Staates Santa
Catarina lokalisieren. Zur Zeit Stadens begann hier in Richtung Süd das spanische Territorium.
30
Mark der schlankwüchsigen Euterpe edulis, Palmito genannt, mehr Gesträuch als Baum.
31
Leichtes Geschütz.
Als er herankam, fragten wir ihn, in welchem Land wir uns befänden, und er antwortete: Ihr seid
im Hafen von Jurumirím, wie er in der Sprache der Eingeborenen heißt, oder, in eurer Sprache, im
Hafen Santa Catarina, wie ihn die Entdecker genannt haben.
Da freuten wir uns sehr, denn das war der Hafen, den wir suchten. Wir waren darin, ohne es zu
wissen, und waren gerade am Sankt Katharinatag angekommen. Hier zeigt sich, wie Gott
diejenigen, die in Not sind und ihn ernsthaft um Hilfe bitten, errettet.
Nun fragte der Christ uns, woher wir kämen. Wir antworteten, daß wir von einem Schiff des
Königs von Spanien seien und nach dem Rio de la Plata wollten. Es seien auch noch mehr Schiffe
unterwegs, und wir hofften, sie würden mit Gottes Hilfe auch bald eintreffen, denn hier hätten wir
uns verabredet. Da sagte er, daß er dies gern höre und Gott dafür danke. Er sei vor drei Jahren
aus der Provinz Rio de la Plata von der Ortschaft Asunciõn, die den Spaniern gehört, 300 Meilen
weit hierher ans Meer geschickt worden. Hier sollte er den mit den Spaniern befreundeten Stamm
der Carijós dazu bringen, Maniok anzubauen. So könnten die Schiffe von den Wilden
Lebensmittel erhalten, falls sie welche benötigten. Dies hatte der Hauptmann Salazar angeordnet,
der die neuesten Nachrichten nach Spanien gebracht hatte und nun mit einem anderen Schiff
zurückkehrte. Wir fuhren mit den Wilden zu ihren Hütten, wo auch der Christ wohnte. Dort
bewirteten sie uns auf ihre Weise.

Wie ich mit einem Boot voller Wilder zu unserem Schiff zurückgeschickt wurde.
Danach bat unser Kapitän den Weißen, der unter den Wilden lebte, er möge doch ein Boot mit
Ruderern bestellen, das einen der unseren zum großen Schiff bringen sollte, damit dieses
nachkomme.
Der Kapitän schickte mich mit den Wilden zurück zum Schiff. Drei Nächte waren wir nun schon
fort, und die im Schiff Zurückgebliebenen hatten keine Ahnung, wie es mit uns stand. Als wir mit
dem Boot auf Armbrustschußweite herangekommen waren, erhoben sie ein großes Geschrei und
machten Anstalten zur Abwehr. Sie wollten uns mit dem Boot nicht näherkommen lassen, sondern
fragten, was denn geschehen sei, wo die anderen geblieben seien und warum ich mit einem Kahn
voll Wilder daherkäme. Ich aber schwieg und gab keine Antwort, denn der Kapitän hatte mir
befohlen, ich sollte mich traurig stellen und darauf achten, was die Leute an Bord tun würden.
Wie ich ihnen nun keine Antwort gab, sprachen sie untereinander: »Da stimmt etwas nicht. Die
anderen müssen tot sein, und nun kommen die Wilden mit dem einen Mann. Das ist
wahrscheinlich ein Hinterhalt, um das Schiff einzunehmen.« Sie machten Anstalten zu schießen,
riefen mir aber noch einmal zu. Da mußte ich lachen und sagte: »Seid beruhigt, ich habe gute
Nachricht, aber laßt mich nur erst näherkommen, damit ich euch alles berichten kann.« Nun
erzählte ich ihnen, was wir erlebt hatten, und sie waren sehr erleichtert. Die Wilden kehrten mit
ihrem Boot heim, und wir folgten mit dem großen Schiff bis in die Nähe ihrer Wohnplätze. Dort
gingen wir vor Anker und warteten auf die anderen Schiffe, von denen wir im Sturm getrennt
worden waren und die hierher kommen sollten.
Das Dorf der Wilden heißt Cutia 32, und der Mann, den wir dort gefunden hatten, nannte sich Juan
Fernando und war ein Baske aus Bilbao. Die Wilden hießen Carijós. Sie brachten uns Wild und
Fische, dafür gaben wir ihnen Angelhaken.

Wie das andere Schiff ankam, das wir auf dem Meer verloren hatten und in dem
der oberste Steuermann33 war.
Als wir ungefähr drei Wochen vor Anker gelegen hatten, kam das Schiff mit dem obersten
Steuermann. Das dritte Schiff mußte untergegangen sein, denn wir erhielten keine weiteren
Nachrichten von ihm.

32
Auf dem Festland gegenüber der heutigen Inselstadt Florianopolis.
33
Juan Sanchez, der Pilot (Steuermann) des untergegangenen Flaggschiffs »San Miguel«.
Wir rüsteten uns zur Weiterfahrt und nahmen für 6 Monate Lebensmittel an Bord, denn wir hatten
noch gut 300 Meilen zu segeln. Als wir schon bereit waren, sank ganz unerwartet das große
Schiff im Hafen, und damit war die Reise unmöglich geworden.
Zwei Jahre lang saßen wir unter großen Gefahren in der Wildnis fest. Wir mußten großen Hunger
leiden, aßen Eidechsen und Feldratten und anderes seltsames Getier, alles was wir bekommen
konnten, sogar Schalentiere, die im Wasser an den Steinen hingen, und andere ungewöhnliche
Nahrung. Anfangs hatten die Wilden uns noch reichlich mit Lebensmitteln versorgt, doch als sie
genug von uns eingetauscht hatten, zog der größte Teil von ihnen an andere Orte. Auch durften
wir ihnen nicht so recht trauen, und so verdroß uns die Aussicht, hier ewig zu liegen und
umzukommen.
Deshalb einigten wir uns darauf, daß der größte Teil der Leute versuchen sollte, auf dem
Landweg zur Provinz Asunciõn vorzudringen, die ungefähr 300 Meilen entfernt lag. Die anderen
sollten mit dem verbliebenen Schiff dorthin nachkommen. Der Kapitän wählte diejenigen von uns
aus, die mit ihm den Wasserweg nehmen sollten. Die anderen, die den Landweg nehmen sollten,
versorgten sich mit Lebensmitteln für den Marsch durch die Wildnis, wählten auch einige Wilde
als Begleiter und zogen los. Später erfuhren wir, daß viele von ihnen auf dem Marsch
verhungerten, daß aber die übrigen ihr Ziel erreichten. Uns Zurückgebliebenen erschien das Schiff
doch zu klein, um damit übers offene Meer zu fahren.

Wie wir uns entschlossen, nach São Vicente, einer portugiesischen Besitzung zu
fahren, um dort von den Portugiesen ein Schiff zu heuern und so die Fahrt zu
Ende zu führen. Wie wir aber in einem großen Sturm Schiffbruch erlitten, ohne zu
wissen, wie weit es noch bis São Vicente war.
Nahe beim Festland haben die Portugiesen eine Insel besetzt, die São Vicente oder, in der Sprache
der Wilden, Upau-nema heißt. Diese Provinz war ungefähr 70 Meilen von unserem derzeitigen
Liegeplatz entfernt. Dorthin wollten wir fahren und versuchen, von den Portugiesen ein Schiff
anzuheuern, mit dem wir den Rio de la Plata erreichen könnten, denn unser eigenes Schiff schien
uns für die Fahrt zu klein. In dieser Absicht segelten nun einige mit dem Kapitän Salazar nach São
Vicente. Doch keiner von uns war je dort gewesen bis auf einen Mann namens Roman, der
glaubte, er werde das Land wiederfinden.
Wir verließen den Hafen Imbeaça-pe, auf 28½ Grad südlicher Breite gelegen, und erreichten nach
ungefähr zwei Tagen und einer Fahrt von etwa 40 Meilen die Insel Ilha dos Alcatrazes. Wegen
des Gegenwindes mußten wir jedoch ankern. Auf der Insel gab es viele Fregattvögel, Alcatrazes34
genannt. Da sie gerade Brutzeit hatten, waren sie leicht zu erlegen. Wir gingen an Land, um
Süßwasser zu suchen. Dabei fanden wir verlassene Hütten und Tonscherben der Wilden, die
vormals die Insel bewohnt hatten. Auf einer Klippe fanden wir eine kleine Wasserquelle. Wir
erlegten viele Vögel und nahmen auch ihre Eier mit aufs Schiff, wo wir beides kochten. Nach dem
Essen kam von Süden ein starker Sturm auf, so daß wir den Anker kaum draußen lassen konnten.
Auch befürchteten wir, der Sturm könne uns auf die Klippen werfen. Obwohl schon Abend war,
hofften wir, noch den Hafen Cananeia zu erreichen. Aber noch bevor wir ihn erreichten, brach die
Nacht herein, und wir konnten nicht mehr hineinfahren, sondern mußten trotz großer Gefahr
wieder vom Land weg. Wir hatten Angst, die Wogen würden das Schiff in Stücke schlagen, denn
wir befanden uns nahe bei einem Landvorsprung, wo die Wellen immer höher gehen als auf hoher
See weitab von der Küste.
Während der Nacht hatten wir uns so weit vom Land entfernt, daß wir es morgens nicht mehr
sehen konnten. Erst nach langer Zeit kam wieder Land in Sicht. Der Sturm wurde so gewaltig,
daß wir uns kaum noch länger halten konnten. Da meinte der Mann, der sich am besten

34
Fregattvögel. Flugkünstler mit langen Schwingen. Erhaschen ihre Beute im Fliegen. Auch eine der Attraktionen
der Galapagos-Inseln.
auskannte, das gesichtete Land könne São Vicente sein, und so steuerten wir darauf zu. Doch
plötzlich zogen Nebel und Wolken auf, so daß das Land nicht mehr zu erkennen war. Um das
Schiff leichter zu machen, warfen wir alle schweren Gegenstände über Bord; so hoch gingen die
Wellen. In großer Angst fuhren wir auf die Küste zu und hofften, den portugiesischen Hafen zu
finden, aber wir verfehlten ihn.
Als die Wolken etwas aufrissen und man das Land erkennen konnte, war Roman sicher, daß der
Hafen vor uns liege, genau hinter der Klippe, auf die wir zusteuerten. Wir fuhren weiter darauf zu,
und als wir ganz nahe herangekommen waren, hatten wir nur noch den Tod vor Augen, ein Hafen
war nirgends zu entdecken. Es gab keinen Ausweg mehr, denn der Wind trieb uns direkt aufs
Land zu, so daß wir Schiffbruch erleiden mußten. Die Wellen peitschten gegen die Küste - es war
ein Grauen. So taten wir das einzige, was Schiffbrüchigen noch bleibt, wir baten Gott um Gnade
und Errettung unserer Seelen.
Wir kamen dem Land immer näher, wo die Wellen schwer auf den Strand schlugen. Wir wurden
von ihnen so hoch gehoben, daß wir wie von einer Mauer hinabsehen konnten. Beim ersten Stoß,
mit dem das Schiff auf das Land traf, zerbrach es. Einige sprangen über Bord und retteten sich
schwimmend ans Ufer, andere hielten sich an treibenden Schiffsteilen. Mit Gottes Hilfe kamen wir
alle lebend ans Ufer, aber es stürmte und regnete so sehr, daß wir ganz erstarrt waren.

Wie wir herausfanden, in welchem Teil des fremden Landes wir Schiffbruch
erlitten hatten.
Als wir nun alle an Land waren, dankten wir Gott, daß er uns am Leben erhalten hatte. Zugleich
waren wir aber auch betrübt, da wir nicht wußten, wo wir gelandet waren, denn auch Roman war
sich nicht sicher, wie nahe oder wie weit es wohl bis São Vicente sein mochte. Ebensowenig
wußten wir, ob in der Gegend Wilde lebten, die uns gefährlich werden konnten. Wie einer unserer
Kameraden, ein Franzose namens Claude, so am Ufer dahinlief, um sich warm zu machen,
entdeckte er hinter einem kleinen Wald ein Dorf. Da die Häuser in europäischer Bauart errichtet
waren, ging er hin, und siehe da, es war ein kleiner, von Portugiesen bewohnter Flecken namens
Itahaém, nur zwei Meilen von São Vicente entfernt. Er erzählte ihnen von unserem Schiffbruch
und auch, wie sehr wir alle froren und daß wir nicht wüßten, wohin wir sollten. Wie die
Dorfbewohner das hörten, kamen sie alle angelaufen und nahmen uns mit in ihre Häuser und
gaben uns neue Kleider. Wir blieben einige Tage bei ihnen, bis wir uns wieder erholt hatten.
Von dort reisten wir über Land nach São Vicente, wo uns die Portugiesen sehr freundlich
aufnahmen und auch einige Zeit verköstigten. Doch bald suchte ein jeder sich eine Beschäftigung,
um seinen Unterhalt zu verdienen. Nun hatten wir also alle unsere Schiffe verloren. Der Kapitän
schickte ein portugiesisches Schiff nach Imbeaça-pe, um dort den zurückgebliebenen Teil der
Mannschaft nachzuholen.

Die Lage von São Vicente


São Vicente ist eine Insel ganz in der Nähe des Festlandes und hat zwei Ortschaften. Eine davon
heißt auf portugiesisch São Vicente, in der Sprache der Wilden aber Upau-nema. Die andere ist
ungefähr zwei Meilen entfernt und heißt Enguaguaçú. Es gibt außerdem noch einige Gehöfte,
Engenhos genannt, in denen man Zucker herstellt.35
Die Portugiesen, die hier wohnen, sind mit einem Indianerstamm befreundet, den Tupiniquins,
deren Gebiet sich etwa 80 Meilen ins Landesinnere und 40 Meilen an der Küste entlang erstreckt.
Dieser Stamm hat nach Süden wie auch nach Norden hin Feinde. Die im Süden sind die Carijós,
die im Norden die Tupinambás, von ihren Feinden auch Tabaiaras genannt, was soviel wie Feind
heißt. Diese haben auch die Portugiesen schwer geschädigt, die sich noch immer vor den
Tupinambás in acht nehmen müssen.

35
Mittels Zuckerrohrpressen.
Der Ort, von dem aus die Portugiesen und Tupiniquins am heftigsten angegriffen
wurden, und wie er liegt.
Fünf Meilen von São Vicente entfernt liegt die Ortschaft Bertioga. Dort kommen die feindlichen
Wilden auf ihren Kriegsfahrten zuerst an und fahren dann zwischen der Insel Santo Amaro und
dem Festland hindurch nach São Vicente.
Um den Wilden die Durchfahrt zu versperren, hatte man einige Mamelucken36 dorthin geschickt.
Ihr Vater war Portugiese, ihre Mutter Indianerin, alle waren christlichen Glaubens, geschickt und
erfahren in Kampfweise und Sprache der Christen wie auch der Wilden. Sie waren fünf Brüder,
João hieß der älteste, Diogo, Domingo, Francisco und André die anderen, und ihr Vater war
Diogo de Braga.
Ungefähr zwei Jahre vor meiner Ankunft hatten sich die fünf Brüder vorgenommen, zusammen
mit befreundeten Wilden dort eine Befestigung, wie sie die Wilden zur Abwehr von Feinden
bauen, zu errichten. Diesen Plan führten sie auch aus.
Da dort gutes Land war, hatten sich noch andere Portugiesen dort niedergelassen. Ihre Feinde, die
Tupinambás, hatten sie bald entdeckt und sich in ihrem Gebiet, das etwa 25 Meilen entfernt lag,
zu einem Kriegszug gerüstet. Eines Nachts waren sie mit 70 Booten gekommen und hatten, wie
es ihre Art war, bei Tagesanbruch angegriffen.
Die Mamelucken wie auch die Portugiesen flüchteten in ein aus Lehm gebautes Haus und
verteidigten sich von da aus. Die Wilden des Ortes aber blieben zusammen in ihren Hütten und
verteidigten sich dort so gut sie konnten, so daß viele Angreifer fielen. Schließlich hatten die
Tupinambás die Oberhand behalten und den Ort Bertioga angezündet. Sie nahmen die Wilden
gefangen, doch den Christen - ungefähr 8 Mann - und den Mamelucken konnten sie in ihrem
Hause nichts anhaben, denn Gott hatte sie beschützt. Ihre Gefangenen aber schnitten sie in Stücke
und verteilten sie, dann zogen sie wieder in ihr Land zurück.

Wie die Portugiesen Bertioga wieder aufgebaut und auf der Insel Santo Amaro
ein Bollwerk errichtet haben.
Nach diesen Ereignissen erschien es den Anführern wie auch der Gemeinde ratsam, den Ort nicht
zu verlassen, sondern ihn wieder aufzubauen und aufs Stärkste zu befestigen, denn man konnte
von da aus das ganze Land verteidigen. So führten sie es auch aus.
Als die Feinde nun merkten, daß Bertioga zu gut befestigt war, um überfallen zu werden, fuhren
sie eines Nachts dennoch an dem Orte vorbei und nahmen um São Vicente herum jeden gefangen,
den sie bekommen konnten. Die weiter landeinwärts Wohnenden hatten sich durch das befestigte
Bertioga geschätzt gefühlt. Das mußten sie nun büßen.
Daraufhin beschlossen die Einwohner, auf der Insel Santo Amaro, genau gegenüber von Bertioga,
ganz nahe am Wasser ebenfalls eine Befestigungsanlage zu bauen. Da sollten Geschütze und eine
Besatzung hinein kommen, die solche Durchfahrten der Wilden künftig verhindern sollten. So
begannen sie, auf der Insel ein Bollwerk zu errichten, das aber nie fertig wurde. Soviel ich
erfahren konnte, war der Grund dafür, daß sich kein portugiesischer Büchsenschütze hineinwagen
wollte.
Ich ging, um den Ort zu besichtigen. Als die Einwohner nun hörten, daß ich Deutscher war und
etwas von Geschützen verstand, fragten sie mich, ob ich nicht in das Haus auf der Insel ziehen
wollte, um dort Wachdienst zu verrichten. Sie wollten mir noch einige Kameraden zur
Unterstützung suchen und auch einen guten Sold bezahlen. Ebenso versprachen sie, daß der
König von Portugal es mir vergelten werde, da er sich denen, die den neuen Ländern mit Rat und
Tat beistanden, besonders gnädig zu erweisen pflegte.

36
Mamelucken = Mestizen (vom indianischen Mama-rucu = Mischblut; Mischung von roter und weißer
Hautfarbe). Nicht zu verwechseln mit den Mamelucken Ägyptens.
Wir einigten uns darauf, daß ich vier Monate in dem Haus dienen sollte. Danach würde ein
Beauftragter des Königs mit dem Schiff ankommen und dort ein steinernes Haus errichten, das
mehr Sicherheit bot. So geschah es dann auch. Die meiste Zeit war ich mit zwei anderen in der
Blockhütte. Wir hatten einige Geschütze bei uns, waren aber vor den Wilden nie sicher, denn das
Haus war nicht gut befestigt. Auch mußten wir auf der Hut sein, damit die Wilden nicht bei Nacht
heimlich vorbeifuhren. Sie versuchten es einige Male, doch mit Gottes Hilfe bemerkten wir sie auf
unserer Wache jedes Mal.
Nach einigen Monaten kam der Sonderbeauftragte des Königs. Die Gemeinde hatte dem König
geschrieben und ihm berichtet, mit welcher Dreistigkeit die Feinde den Ort bedrängten, auch, daß
es gutes Land sei, das man nicht aufgeben sollte. Um hier zu helfen, kam der königliche
Statthalter Tome de Souza. Er besah sich den Platz, den die Gemeinde gern befestigt hätte.
Sie stellten ihm auch meine Dienste dar, die ich ihnen geleistet hätte, z. B. daß ich in das Haus
gegangen sei, in das sich sonst kein Portugiese wegen des schlechten Schutzes gewagt hätte. Das
hörte der Statthalter gern, und er versprach mir, sich für mich beim König einzusetzen, wenn er
mit Gottes Hilfe wieder nach Portugal gelangen und ich sollte dafür belohnt werden.
Meine mit der Gemeinde vereinbarte viermonatige Dienstzeit war um, und ich verlangte meinen
Abschied. Doch der Statthalter und auch die Gemeinde wünschten, daß ich noch einige Zeit im
Dienst bliebe. Daraufhin sagte ich zu, noch für 2 Jahre zu dienen. Danach, so sagte man mir,
könnte ich ohne Schwierigkeit mit dem nächsten Schiff nach Portugal segeln, wo ich für meine
Dienste belohnt würde. Der Statthalter setzte darüber im Namen des Königs einen Vertrag auf.
Das ist üblich bei königlichen Büchsenschützen, falls sie es beantragen. Das steinerne Bollwerk
wurde errichtet und mit einigen Geschützen bestückt und das Ganze mir anvertraut. Ich sollte es
beaufsichtigen und gut Wache halten.

Wie und warum wir zu bestimmten Zeiten des Jahres mehr als sonst mit den
Feinden rechnen mußten.
An zwei Zeitpunkten im Jahr mußten wir uns besonders vorsehen, denn zu diesen Zeiten
überfielen sie die Gebiete ihrer Feinde mit besonderer Vorliebe. Der eine Zeitpunkt liegt im
November, wenn bestimmte Früchte reif werden. Diese heißen in ihrer Sprache Abatí37 und davon
machen sie ein Getränk, Cauím genannt. Daneben verwenden sie auch Maniokwurzel, von der sie
etwas beimengen. Sobald sie mit den reifen Abatí von ihrem Beutezug heimkommen, machen sie
daraus ihr Getränk und verzehren dabei ihre Feinde, wenn sie welche gefangen haben. Sie freuen
sich schon das ganze Jahr auf die Abatí-Zeit.
Ferner mußten wir im August besonders wachsam sein, denn dann ziehen sie einer bestimmten
Fischart nach. Diese zieht vom Meer in das Süßwasser der Flußmündungen, um zu laichen. Diese
Fische heißen in ihrer Sprache Piratis, die Spanier nennen sie Lysses. Zu dieser Zeit unternehmen
sie gewöhnlich auch Kriegszüge, um sich besser mit Nahrungsmitteln versorgen zu können. Den
Fisch fangen sie mit kleinen Netzen oder erlegen ihn mit Pfeilen38. Viele solcher Fische bringen sie
gebraten heim. Zum Teil machen sie auch Mehl daraus, das sie Piracuí nennen.

Wie ich von den Wilden gefangen wurde.


Ich hatte einen Wilden vom Stamme der Carijós als Leibdiener. Er fing mir Wild, und zuweilen
gingen wir auch zusammen auf die Jagd. Eines Tages kam ein Spanier von São Vicente zu mir auf
die 5 Meilen entfernte Insel Santo Amaro in die Befestigung, in der ich wohnte. Bei ihm war ein
Deutscher namens Heliodorus Hessus, der Sohn des seligen Eobanus Hessus. Er lebte auf São
Vicente in einem Engenho, das einem Genueser, Giuseppe Adorno, gehörte. Dort arbeitete

37
Mais
38
Es muß sich um einen großen Fisch gehandelt haben. Im Stromgebiet des Amazonas wird der 3m lange Piracurú
heute noch mit Pfeil und Bogen erlegt.
Heliodorus als Schreiber und Bote der Kaufleute des Engenhos. Mit ihm hatte ich schon
Bekanntschaft gemacht, als ich mit dem spanischen Schiff bei São Vicente Schiffbruch erlitten
hatte. Damals hatten wir Freundschaft geschlossen. Er kam, um zu sehen, wie es mir ginge, denn
er hatte gehört, ich sei krank.
Tags zuvor hatte ich meinen Leibeigenen in den Wald auf Jagd geschickt. Ich wollte am folgenden
Tag kommen und die Beute holen, so daß wir zu essen hätten. In diesem Land ernährt man sich
von dem, was die Wildnis bietet.
Als ich nun so durch den Wald ging, ertönte plötzlich zu beiden Seiten des Wegs das
Kriegsgeheul der Wilden. Sie kamen auf mich zu gelaufen. Als ich die Gefahr erkannte, hatten sie
mich schon umzingelt, zielten mit Pfeil und Bogen auf mich und schossen auch. Ich konnte nur
noch ausrufen: Gott sei meiner Seele gnädig. Kaum hatte ich das ausgesprochen, wurde ich schon
niedergeschlagen. Sie schossen und stachen nach mir, dennoch wurde ich nur an einem Bein
verletzt. Sie rissen mir die Kleider vom Leib, der eine den Mantelkragen, der andere den Hut, der
dritte das Hemd usw. Bald darauf stritten sie um mich: der eine sagte, er sei als erster bei mir
gewesen, der andere meinte, er hätte mich gefangen. Währenddessen schlugen mich die übrigen.
Schließlich hoben mich zwei, nackt wie ich war, vom Boden auf und nahmen mich bei den Armen.
Vor und hinter mir waren ebenfalls einige. So eilten sie mit mir durch den Wald dem Meer zu, wo
ihre Boote waren. Als wir das Meer erreichten, sah ich ungefähr zwei Steinwurf entfernt ihre
Boote liegen. Sie hatten sie auf den Strand gezogen und unter einem Gebüsch versteckt. Hier
waren noch mehr Wilde. Als diese sahen, wie ich hergeführt wurde, liefen sie uns entgegen. Sie
waren nach ihrem Brauch mit Federn geschmückt und bissen sich in die Arme, um mir damit
anzudrohen, daß ich verspeist werden sollte. Vor mir her ging ihr Häuptling; in der Hand trug er
die Keule, mit der die Gefangenen getötet werden. Er hielt eine Ansprache, in der er sagte, daß sie
mich, einen Pero - so nennen sie die Portugiesen -, als ihren Sklaven gefangen hätten und an mir
den Tod ihrer Freunde rächen wollten. Während man mich zum Boot brachte, versetzten mir
einige von ihnen Faustschläge. Doch sie beeilten sich, die Boote wieder zu Wasser zu lassen, da
sie befürchteten, daß in Bertioga Alarm geschlagen würde, was auch geschah.
Ehe sie die Boote ins Wasser brachten, banden sie mir die Hände zusammen. Da nicht alle aus
dem gleichen Dorf stammten, ärgerten sich die, die mit leeren Händen zurückkehren sollten. Sie
stritten mit den beiden, die mich hielten. Einige sagten, sie seien ebenso schnell bei mir gewesen
wie die anderen, und beanspruchten einen Teil von mir. Deshalb sollte ich auf der Stelle getötet
werden.
Ich aber stand da, betete zu Gott und wartete auf den Schlag. Schließlich entschied ihr Häuptling,
daß er mich behalten wolle. Ich sollte lebend in ihr Dorf gebracht werden, damit auch ihre Frauen
mich sehen könnten und ihren Spaß mit mir hätten. Danach wollten sie mich cauím pepica töten,
d. h. daß sie Getränke bereiten und sich zu einem Fest versammeln wollten, im Verlauf dessen ich
verspeist werden sollte. Dabei beließen sie es. Sie banden mir vier Stricke um den Hals, und ich
mußte ein Boot besteigen. Die Enden der Stricke machten sie am Boot fest und schoben die
Kähne ins Wasser, um heim zu fahren.

Wie die Wilden mit mir zurückfahren wollten, wie aber die unseren kamen, um
mich zu befreien, und mit ihnen kämpften.
Nahe bei Santo Amaro, wo ich gefangen genommen wurde, liegt noch eine kleinere Insel, auf der
sogenannte Guarás39, Vögel mit roten Federn, nisten. Man fragte mich, ob die Tupiniquins dieses
Jahr auch schon hier gewesen seien, um die Vögel während der Brutzeit zu fangen. Ich antwortete
mit ja, doch sie wollten selbst nachsehen. Die Federn dieser Vögel sind bei ihnen sehr wertvoll, da
ihr ganzer Schmuck aus Federn hergestellt wird. Eine Eigenart der Guarás ist, daß ihr erster
Flaum weißgrau ist. Werden sie dann flügge, so sind sie schwarzgrau, und erst nach einem Jahr

39
Reiherart
färben sie sich ganz rot. Die Wilden fuhren also zu dieser Insel in der Hoffnung, dort Vögel
vorzufinden. Als sie zwei Büchsenschuß weit vom Anlegeplatz waren, entdeckten sie am Ufer
viele Tupiniquins und darunter auch einige Portugiesen. Mir war nämlich ein Sklave gefolgt, der
bei meiner Gefangennahme entkommen konnte. Er hatte Alarm geschlagen und davon berichtet.
Nun wollte man mich befreien. Die Verfolger riefen den Tupinambás zu, daß sie, wenn sie Mut
hätten, umkehren und mit ihnen kämpfen sollten. Also drehten die Tupinambás mit ihren Booten
und fuhren aufs Land zu. Von dort schoß man mit Gewehren und Pfeilen auf uns und von den
Booten wurde zurückgeschossen. Sie banden mir eine Hand los, aber die Stricke um den Hals
blieben festgebunden.
Der Häuptling, in dessen Boot ich war, hatte ein Gewehr und etwas Pulver, das ihm ein Franzose
für Brasilholz gegeben hatte. Dieses Gewehr sollte ich auf die am Lande abfeuern.
Nachdem der Kampf eine Weile gedauert hatte, fürchteten die Tupinambás, unsere Verfolger
könnten Boote holen, um sie besser verfolgen zu können. Deshalb fuhren sie ab. Drei von ihnen
waren bereits erschossen worden. Sie kamen etwa einen Falkonettschuß entfernt am Bollwerk von
Bertioga vorbei. Da mußte ich im Boot aufrecht stehen, damit mich meine Kameraden sehen
konnten. Die schossen vom Bollwerk zwei größere Geschütze ab, jedoch zu kurz.
In der Zwischenzeit waren uns einige Boote aus Bertioga gefolgt, die hofften, uns noch einholen
zu können. Doch die Tupinambás ruderten zu schnell. Als die Freunde sahen, daß sie nichts mehr
ausrichten konnten, kehrten sie um.

Was sich auf der Rückfahrt ins Land der Tupinambás ereignete.
Am Tag meiner Gefangennahme fuhren wir noch ungefähr 7 Meilen weit von Bertioga, dann -
dem Sonnenstande nach zu urteilen, war es gegen 4 Uhr nachmittags - steuerten die Wilden auf
eine Insel zu, auf der sie übernachten wollten. Sie zogen die Boote aufs Land, dann zerrten sie
mich heraus. Ich konnte nichts sehen, so war mein Gesicht zerschlagen. Auch gehen konnte ich
wegen der Beinverletzung nicht, so daß ich im Sand liegen blieb. Die Wilden standen um mich
herum und deuteten mir mit drohenden Gebärden an, daß sie mich fressen wollten.
In meiner großen Angst begann ich über Dinge nachzudenken, die mir nie zuvor in den Sinn
gekommen waren, z. B. welch trauriges Jammertal unser irdisches Leben doch sein kann. So
begann ich aus tiefstem Herzen und mit Tränen in den Augen den Psalm zu singen: Aus tiefer Not
ruf ich zu dir.
Da sprachen die Wilden: Schaut nur, wie er um sein Leben fürchtet. Danach überlegten sie, daß
die Insel für die Übernachtung doch kein so guter Lagerplatz sei, und fuhren zum Festland
hinüber, wo Hütten standen, die sie früher schon errichtet hatten. Es war bereits dunkel, als wir
ankamen. Sie zogen die Boote aufs Land, machten Feuer und legten mich daneben. Ich mußte in
einer Hängematte schlafen, die sie Ini nennen und die ihnen als Bett dient. Sie befestigen sie an
zwei Pfählen, die sie in die Erde rammen. Wenn sie im Wald übernachten, wird die Hängematte
zwischen zwei Bäumen aufgespannt. Die Stricke, die ich um den Hals hatte, banden sie über mir
an einem Baum fest und richteten ihre Nachtlager rund um mich her zurecht. Dabei verspotteten
sie mich und nannten mich »che reimbada inde«, was soviel bedeutet wie: Du bist mein
gefangenes Tier.
Noch vor Tagesanbruch fuhren wir weiter und ruderten fast den ganzen Tag. Die Sonne zeigte
gerade die Vesperzeit an und wir waren noch etwa zwei Meilen vom Lagerplatz für die
kommende Nacht entfernt, da kam eine große schwarze Wolke auf, die uns bedrohlich verfolgte.
Deshalb ruderten die Wilden schneller, denn sie wollten noch das sichere Land erreichen.
Als sie erkannten, daß wir nicht entkommen konnten, sagten sie zu mir: »E mongeta nde Tupa
t'okuabe amanasu jande momaran eyma rese.« Das bedeutet: Rede mit deinem Gott, daß uns der
große Regen und Wind keinen Schaden zufügen möge. Ich schwieg und betete zu Gott, wie sie es
verlangt hatten: O du allmächtiger Gott, Herr des Himmels und der Erde, der du stets denen, die
dich anrufen, geholfen hast und sie erhörtest, zeige mir hier unter den Gottlosen deine
Barmherzigkeit, so daß ich sehen kann, daß du noch bei mir bist. Zeige dadurch auch den Wilden,
die dich nicht kennen, daß du, mein Gott, meine Gebete erhört hast.
Da ich gefesselt im Boot lag, konnte ich die Wetterwolke nicht sehen, doch die Wilden schauten
sich oft um und sagten: » Okua amo amanasu. « Das heißt: Das große Wetter zieht vorüber. Ich
richtete mich auf und sah zurück. Die große schwarze Wolke hatte sich auf gelöst. Dafür dankte
ich Gott.
Als wir das Land erreicht hatten, banden sie mich wieder an einen Baum, lagerten sich um mich
her und erklärten mir, daß wir nun schon recht nahe bei ihrer Heimat seien und am nächsten Tag
gegen Abend ihr Dorf erreichen würden. Das freute mich keineswegs.

Wie mich die Wilden in ihre Siedlung brachten, und wie sie mich dort
behandelten.
Am nächsten Tag gegen die Vesperzeit erreichten wir das Dorf. Die Heimfahrt hatte also
insgesamt drei Tage gedauert, und es waren bis Bertioga etwa 30 Meilen.
Als wir uns dem Dorf, das Ubatuba heißt, näherten, erkannte ich sieben Hütten. Gleich beim
Strand, auf den die Boote gezogen wurden, arbeiteten die Frauen auf dem Feld, wo sie Maniok
anbauten. Viele Frauen waren gerade dabei, die Wurzelgewächse auszureißen. Ich mußte ihnen in
ihrer Sprache »Aju ne xe pee remiurama« zurufen, was soviel heißt wie: Ich, euer Essen, komme.
Bei unserer Ankunft kamen alle angelaufen, jung und alt, um mich zu sehen. Die Männer aber
nahmen ihre Bogen und Pfeile und gingen zu den Hütten, die auf einer kleinen Anhöhe liegen, und
überließen mich den Frauen. Diese nahmen mich in ihre Mitte, einige gingen vor, andere hinter
mir, und so sangen und tanzten sie um mich her. Diese Gesänge stimmten sie immer an, wenn ein
Gefangener verspeist werden sollte.
So gelangten wir an die Caiçara, die Befestigung, die ihre Hütten umgibt. Sie gleicht einem
Gartenzaun, der rund um die Hütten herum aus dicken, langen Knüppeln erstellt wird. Damit
sollen Feinde abgewehrt werden. Bei meiner Ankunft in der Caiçara liefen alle Frauen zusammen,
schlugen mit den Fäusten nach mir, zogen mich am Bart und sagten dabei: »Xe anama poepika
ae!« - »Mit diesem Schlag räche ich mich an dir für den Mann, den deine Freunde uns getötet
haben.« Dann führten sie mich in eine Hütte, wo ich mich wieder in eine Hängematte legen mußte.
Die Frauen drängten heran, um mich zu schlagen und am Bart zu ziehen; auch drohten sie mir,
daß ich gefressen würde.
Währenddessen hatten die Männer sich in einer Hütte versammelt, tranken dort ihr Cauím und
sangen zu Ehren ihrer Götter Maracá40, die sie bei sich hatten und die ihnen vorausgesagt hatten,
daß sie mich fangen würden.
Diesen Gesang hörte ich, doch kamen in der nächsten halben Stunde keine Männer zu mir, nur
Frauen und Kinder.

Wie meine beiden Herren zu mir kamen und mir sagten, daß sie mich einem
Freund geschenkt hätten, der mich einstweilen verwahren sollte und der mich
töten würde, wenn man mich fressen wollte.
Ich kannte ihre Sitten zu der Zeit noch nicht so gut, wie ich sie später kennenlernte, und dachte,
daß sie sich bereit machten, um mich zu töten. Nach einiger Zeit kamen die Brüder Nhaepepó-
oaçú und Alkindar-miri, die mich gefangen hatten. Sie erklärten mir, daß sie mich Ipirú-guaçú,
dem Bruder ihres Vaters, aus Freundschaft geschenkt hätten. Dieser würde auf mich aufpassen,
und er sei auch derjenige, der mich töten würde, sobald ich gegessen werden sollte. So könne er
sich mit mir einen Namen machen.

40
Rasseln aus Flaschenkürbissen. Wahrscheinlich Sakralinstrumente. Nicht die Götter selber, wie Staden wohl
annimmt.
Dieser Ipirú-guaçú hatte vor einem Jahr selbst einen Sklaven gefangen und ihn dem Alkindar-miri
aus Freundschaft geschenkt. Der hätte den Gefangenen getötet und sich dadurch einen Namen
errungen. Er hatte aber dem Ipirú-guaçú versprochen, ihm den ersten Gefangenen, den er mache,
wieder zu schenken, und das war nun ich.
Außerdem sagten mir die beiden Brüder, daß mich gleich die Frauen zum Poracé, zum Tanz,
führen würden, doch dieses Wort verstand ich damals noch nicht. Sie zogen mich wieder an den
Stricken aus der Hütte auf den Platz. Es fanden sich die Frauen aus allen sieben Hütten ein und
ergriffen mich, während die Männer weggingen. Die Frauen zerrten mich dabei - einige an den
Armen, einige an den Stricken, die ich um den Hals hatte - so hart, daß ich kaum atmen konnte.
Wie sie so an mir herumzerrten und ich dabei keine Ahnung hatte, was mit mir geschehen sollte,
erinnerte ich mich der Leiden unseres Erlösers Jesus Christus, der unschuldig unter den schnöden
Juden litt. Dies tröstete mich und machte mich um so geduldiger. Sie brachten mich vor die Hütte
ihres Häuptlings Guarátinga-açú, zu deutsch: der große weiße Vogel41. Hier lag ein großer
Haufen frischer Erde, zu dem sie mich führten und daraufsetzten. Einige hielten mich dabei fest,
so daß ich glaubte, sie würden mich jetzt totschlagen, und ich mich nach dem Ibira-pema umsah.
Das ist die Keule, mit der die Gefangenen getötet werden. Als ich fragte, ob ich jetzt getötet
würde, antwortete man mir: Jetzt noch nicht. Da kam aus der Menge der Frauen eine zu mir, die
hatte einen Kristallsplitter, der in einem gebogenen Zweig befestigt war, in der Hand und rasierte
mir damit die Augenbrauen ab. Auch den Bart wollte sie mir damit abschneiden. Ich wehrte mich
und sagte, sie sollten mich mit dem Bart töten. Da antworteten sie, sie wollten mich noch nicht
töten, und ließen mir den Bart. Nach einigen Tagen jedoch schnitten sie ihn mir mit einer Schere
ab, die sie von den Franzosen eingetauscht hatten.

Wie die Frauen mit mir vor der Hüne, in der sie ihre Götter verehren, tanzten.
Von dem Platz, an dem mir die Augenbrauen abrasiert worden waren, führten sie mich zu der
Hütte, in der ihre Götzen, die Maracas, waren. Sie bildeten einen Kreis um mich, und zwei Frauen
banden mir Rasseln an ein Bein und einen Fächer aus Vogelfedern hinten auf den Hals, so daß er
mir über den Kopf ging. Dieser Fächer heißt bei ihnen Aracoia. Nun stimmten alle einen Gesang
an, und ich mußte im Takt stampfen, so daß das Rasseln mit dem Gesang zusammenstimmte.
Dabei schmerzte mein verletztes Bein so sehr, daß ich kaum stehen konnte, denn man hatte meine
Wunde noch nicht verbunden.

Wie man mich nach dem Tanz zu Ipirú-guaçú brachte, der mich töten sollte.
Als der Tanz beendet war, übergab man mich Ipirú-guaçú, von dem ich in sicherer Verwahrung
gehalten wurde. Er verriet mir auch, daß ich noch einige Zeit am Leben bleiben würde. Die
Männer brachten alle Götter aus der Hütte und legten sie um mich herum. Die hätten geweissagt,
daß man einen Portugiesen fangen würde. Da entgegnete ich, daß diese Götzen keine Macht
hätten, nicht sprechen könnten und außerdem gelogen hätten, da ich kein Portugiese sei, sondern
ein Verwandter und Freund der Franzosen. Mein Heimatland heiße Alemannien42. Darauf sagten
sie, daß ich lügen müsse, denn wie käme ich als Franzosenfreund unter die Portugiesen. Sie
wüßten sehr wohl, daß die Franzosen ebenso wie sie Feinde der Portugiesen seien. Die Franzosen
kämen nämlich alljährlich mit Schiffen und brächten ihnen Messer, Äxte, Spiegel, Kämme und
Scheren und bekämen dafür Brasilholz, Baumwolle und andere Dinge wie Vogelfedern und
Pfeffer. Deshalb seien sie gute Freunde. Die Portugiesen dagegen hätten dies nicht getan; sie seien
vielmehr früher ins Land gekommen und hätten da, wo sie heute noch wohnen, mit den Feinden
der Tupinambás Freundschaft geschlossen. Dann seien sie unter dem Vorwand, handeln zu
wollen, auch zu ihnen gekommen und sie seien voll Vertrauen auf ihre Schiffe gegangen, wie sie

41
tinga = weiß. Der Amazonas heißt bei den Indios Paranatinga = weißer Wasserlauf.
42
Portugiesisch: Alemanha (gesprochen Alemanja).
auch heute noch die französischen Schiffe besteigen würden. Als genug von ihnen auf den
Schiffen waren, hätten die Portugiesen sie überfallen, gefesselt und an die Tupiniquins
ausgeliefert. Die hätten sie dann getötet und aufgegessen. Einige seien auch von den Geschützen
der Portugiesen getötet worden. Auch sonst hätten die Portugiesen ihnen noch viel Böses getan,
z. B. seien sie oft mit ihren Feinden gekommen, um sie zu bekriegen und zu fangen.

Wie diejenigen, die mich gefangen hatten, mir zornig erklärten daß sie sich an
mir rächen wollten, weil die Portugiesen ihren Vater erschossen hätten.
Und sie erzählten weiter, daß die Portugiesen dem Vater der beiden Brüder, die mich gefangen
hatten, einen Arm abgeschossen hätten, so daß er daran gestorben war, und sie wollten nun seinen
Tod an mir rächen. Ich fragte sie darauf, warum sie sich an mir rächen wollten, da ich doch gar
kein Portugiese sei. Ich sei doch mit den Spaniern nach São Vicente gekommen, hätte Schiffbruch
erlitten und sei deshalb bei den Portugiesen geblieben.
In ihrem Stamme gab es einen jungen Mann, der als Sklave bei den Portugiesen gewesen war. Die
Wilden, bei denen die Portugiesen wohnen, waren nämlich einmal auf einem Kriegszug in das
Land der Tupinambás eingedrungen und hatten ein ganzes Dorf erobert. Die älteren Leute aßen
sie auf, die jungen hatten sie für die Portugiesen erbeutet. Unter diesen war auch der junge Mann
gewesen. So war er in die Sklaverei in die Gegend von Bertioga zu einem Herrn Antonio Agudin,
einem Galizier43, gekommen. Diesen Sklaven hatten nun die zwei Brüder ungefähr drei Monate
vor mir gefangen und ihn, da er zum gleichen Stamme gehörte, nicht getötet. Er erkannte mich,
und so fragten sie ihn, was ich für einer sei. Er antwortete, es sei wahr, daß ein Schiff gestrandet
sei. Die Leute, die davon gekommen waren, hätte man Spanier geheißen und sie seien Freunde der
Portugiesen. Unter diesen sei ich auch gewesen. Mehr wußte er nicht von mir.
Da ich mitbekommen hatte, daß Franzosen unter den Tupinambás waren und auch öfters welche
mit Schiffen ankamen, blieb ich stets bei meiner Behauptung, ich sei ein Freund der Franzosen. So
hoffte ich, am Leben zu bleiben, bis Franzosen kämen und mich als Deutschen erkennen würden.
Ich wurde gut bewacht. Es gab einige Franzosen in ihrer Nähe, die von den Schiffen
zurückgelassen worden waren, um Pfeffer zu sammeln.

Wie ein Franzose, der von einem Schiff zurückgelassen worden war, zu den
Tupinambás kam, um mich zu sehen, und wie er ihnen befahl, mich zu essen, da
ich ein Portugiese sei.
Etwa vier Meilen von Ubatuba entfernt lebte ein Franzose. Als er die Neuigkeiten von mir gehört
hatte, kam er in das Dorf und ging in die Hütte, die meinem Gefängnis gegenüber lag. Da kamen
die Wilden zu mir und sagten: »Es ist ein Franzose angekommen. Nun wollen wir sehen, ob du
auch ein Franzose bist oder nicht.« Ich freute mich, das zuhören, denn ich dachte: Er ist auch ein
Christ und wird für dich eintreten.
Sie führten mich, nackt wie ich war, zu ihm in die Hütte. Er war ein junger Mann, den die Wilden
Caruatá-uara nannten. Er sprach mich auf französisch an, weshalb ich ihn nicht recht verstehen
konnte. Die Wilden standen dabei und hörten zu. Da ich ihm nicht antworten konnte, sagte er zu
den Wilden in ihrer Sprache: »Tötet und esset den Bösewicht, denn er ist ein Portugiese und
damit euer und mein Feind.« Das verstand ich nun gut und bat ihn, um Gottes Willen den Wilden
zu sagen, sie sollten mich nicht essen. Doch er sagte: »Sie wollen dich essen«. Da fiel mir der
Spruch Jeremias' aus dem 17. Kapitel ein, der lautet: »Verflucht sei der Mensch, der sich auf
Menschen verläßt.« Mit diesen Worten ging ich wieder hinaus und war sehr verzweifelt. Auf den
Schultern trug ich ein Stück Tuch, das sie mir wegen des Sonnenbrandes gegeben hatten - wer
weiß, wie sie dazu gekommen waren. Das riß ich herunter und warf es dem Franzosen vor die

43
Aus der spanischen Region Galicia, nördlich Portugals am Atlantik gelegen. Sie heißt nach einem vorrömischen
keltischen Stamm.
Füße, denn ich sagte mir: Wenn ich schon sterben soll, warum dann für andere mein Fleisch
pflegen. Sie führten mich wieder zurück in die Hütte, die mein Gefängnis war, und ich legte mich
in meine Hängematte. Gott allein weiß, wie elend mir zumute war, als ich anfing, mit lauter
Stimme den Vers zu singen:

Nun bitten wir den Heiligen Geist


Um den rechten Glauben allermeist,
Daß er uns behüte an unserem Ende,
Wenn wir heimfahren aus diesem Elende.
Kyrieleis.

Da sagten sie: »Er ist ein echter Portugiese. Jetzt schreit er so, weil es ihm vor dem Tod graut.«
Der Franzose blieb zwei Tage im Dorf, am dritten reiste er wieder ab. Die Wilden aber hatten
beschlossen, alles vorzubereiten und mich zu töten, sobald sie alles Notwendige beisammen
hatten. Sie bewachten mich sehr sorgsam und verspotteten mich grausam, sowohl die Jungen wie
auch die Alten.

Wie ich großes Zahnweh hatte.


Und als ich mich in solchem Elend befand, bekam ich getreu dem Sprichwort »Ein Unglück
kommt selten allein« starke Schmerzen in einem Zahn. Die Schmerzen brachten mich ganz
herunter, so daß mein Herr mich fragte, warum ich so wenig äße. Ich nannte ihm den Grund, da
brachte er ein hölzernes Gerät, mit dem er mir den Zahn ausreißen wollte. Da sagte ich, daß ich
keine Schmerzen mehr hätte, doch er wollte ihn mir mit Gewalt ausreißen. Ich weigerte mich
jedoch so sehr, daß er davon abließ, doch meinte er, wenn ich nicht wieder essen wolle und
wieder zunähme, würde man mich vor der Zeit umbringen. Gott weiß, wie ich manchmal aus
tiefstem Herzen wünschte, ich möge doch, wenn es sein Wille sei, sterben, ehe die Wilden etwas
davon merkten, so daß sie ihr Vorhaben an mir nicht ausfahren könnten.

Wie sie mich zu Cunhambebe, ihrem obersten Häuptling, führten, und wie ich
dort behandelt wurde.
Einige Tage später brachten sie mich in das Dorf Ariro, wo der vornehmste ihrer Häuptlinge,
Cunhambebe, lebte. Bei ihm hatten sich einige versammelt und ein großes Fest in ihrer Weise
veranstaltet. Auch mich wollten sie sehen, deshalb hatte der Häuptling befohlen, mich an diesem
Tag nach Ariro zu bringen.
Als wir uns der Hütte näherten, hörte ich großen Lärm: sie sangen und spielten auf ihren
Blasinstrumten. Vor der Hütte steckten etwa 15 Köpfe auf Pfählen. Sie stammten von Maracaias,
ebenfalls Feinde der Tupinambás, die sie verspeist hatten. Während sie mich daran vorbeiführten,
sagten sie mir, die Köpfe seien auch von Feinden, nämlich den Maracaias. Da wurde mir angst
und bange; ich dachte daran, daß sie mit mir auch so umgehen würden. Als wir nun ihre Hütten
betraten, ging einer meiner Bewacher voran und rief mit lauter Stimme, so daß es alle hören
konnten: »Hier bringe ich den portugiesischen Sklaven.« Auch meinte er, es sei doch eine schöne
Sache, wenn man einen seiner Feinde gefangen hätte. Er erzählte noch vieles mehr, wie es bei
ihnen Brauch ist. Schließlich führte er mich zu der Stelle, wo der oberste Häuptling saß und mit
den anderen trank. Sie waren vom Cauím schon stark berauscht, sahen mich jetzt finster an und
sprachen: »Bist du als unser Feind gekommen?« Ich antwortete: »Ich bin gekommen, aber nicht
als euer Feind.« Da gaben sie mir auch zu trinken. Ich hatte schon viel von Cunhambebe gehört.
Er sollte ein großer Mann sein, aber auch ein großer Tyrann, der gerne Menschenfleisch aß. Einer
unter ihnen sah so aus, als ob er der Häuptling wäre. Zu diesem ging ich hin und redete ihn so wie
sie es in ihrer Sprache gerne hören an: »Bist du Cunhambebe? Lebst du noch?« - »Ja, sagte er, ich
lebe noch.« - »Nun«, sprach ich weiter, »ich habe schon viel von dir gehört, und daß du ein
tüchtiger Mann bist.« Da stand er auf und ging stolz vor mir auf und ab. Er hatte, wie es bei ihnen
Sitte ist, einen großen, grünen Stein durch die Lippen gesteckt44. Außerdem hatte er eine
Halskette von weißen Seemuscheln, die die Wilden als Schmuck verwenden, um den Hals hängen.
Sie war mindestens vier Klafter lang. An diesem Schmuck konnte ich schon erkennen, daß er einer
der Vornehmsten sein mußte.
Danach setzte er sich wieder und fragte mich, was denn seine Feinde, die Tupiniquins und die
Portugiesen, im Schilde führten. Weiterhin wollte er wissen, warum ich in Bertioga auf die
Tupinambás schießen wollte. Er hatte nämlich erfahren, daß ich dort Büchsenschütze gewesen
war. Da antwortete ich ihm: »Die Portugiesen haben mich auf diesen Posten gestellt und ich
mußte gehorchen.« Daraufhin nannte er mich ebenfalls einen Portugiesen, den Franzosen aber, der
mich gesehen hatte, seinen Sohn. Der habe ihm erzählt, ich hätte seine Sprache nicht verstanden
und sei bestimmt ein Portugiese. Ich entgegnete darauf: »Ja, es ist wahr, ich bin lange außer
Landes gewesen und habe die Sprache vergessen.« Er aber antwortete mir, daß er schon fünf
Portugiesen hatte fangen und verzehren helfen, und alle hätten behauptet, sie seien Franzosen,
aber sie hätten gelogen. Das war so deutlich, daß ich mein Leben verloren gab und mich Gottes
Willen anbefahl. Auch hörte ich von allen Seiten nichts anderes, als daß ich sterben sollte. Da
begann er wieder zu fragen, was denn die Portugiesen über ihn sagten, und daß sie gewiß große
Angst vor ihm hätten. Da sagte ich: »Ja, sie sprechen viel von dir und vor allem von den
Kriegszügen, die du immer gegen sie führst. Aber sie haben Bertioga jetzt besser befestigt.« Er
meinte daraufhin, er werde sie genauso fangen, wie sie mich gefangen hätten, einzeln und im
Walde. Weiter sagte ich ihm: »Deine wahren Feinde, die Tupiniquins, rüsten 25 Boote, um zu
kommen und in dein Land einzufallen.« Dies geschah dann auch.
Während er mit mir sprach, standen die anderen dabei und hörten zu. Er fragte mich viel, aber er
sagte mir auch viel. So rühmte er sich, wie viele Portugiesen und andere Wilde er schon
erschlagen habe, die alle seine Feinde gewesen seien. Während des Gesprächs war das Getränk in
der Hütte ausgetrunken worden. So gingen sie in eine andere Hütte, um weiterzutrinken, und er
beendete deshalb die Unterredung.
In der anderen Hütte fingen sie an, ihre Späße mit mir zu treiben. Ein Sohn des Häuptlings band
mir die Beine dreimal zusammen, und so mußte ich in der Hütte herumhüpfen. Darüber lachten sie
und spotteten: »Da kommt unser Essen angehoppelt.« Da fragte ich meinen Herrn, ob er mich
hergeführt hätte, um mich zu töten. Er verneinte dies und sagte, es sei einfach Brauch, so mit
fremden Sklaven umzugehen. Sie banden mir die Beine wieder los, kamen alle zu mir her und
belasteten mein Fleisch. Der eine sagte, ihm stünde die Kopfhaut zu, der andere beanspruchte den
Schenkel. Dann mußte ich ihnen etwas vorsingen und sang Kirchenlieder. Sie wollten, daß ich sie
ihnen in ihrer Sprache erkläre. Ich sagte: »Ich habe von meinem Gott gesungen«, worauf sie
antworteten, mein Gott sei ein Unflat, in ihrer Sprache teoruira.
Diese Worte schmerzten mich, und ich dachte: »O du gütiger Gott, du mußt manchmal viel
erdulden.« Als mich alle im Dorf gesehen und ihren Übermut an mir ausgelassen hatten, sagte
Cunhambebe am nächsten Tag zu meinen Bewachern, daß sie gut auf mich aufpassen sollten.
Wie sie mich danach aus der Hütte führten, um mich zurück nach Ubatuba zu bringen, riefen mir
alle spöttisch nach, daß sie bald in meines Herren Hütte kommen wollten, um auf meinen Tod zu
trinken und mich aufzuessen. Doch mein Herr tröstete mich immer wieder, indem er sagte, ich
sollte noch nicht so bald getötet werden.

44
Lippenpflock aus Kristall, Baumharz oder Holz. Wird oft schon im Kindesalter eingefügt. Heute noch bei
verschiedenen Stämmen im Innern des Landes üblich, so bei den Xetá in Westparanä.
Wie die Tupiniquins in 25 Booten kamen, so wie ich es dem Häuptling
vorausgesagt hatte, um Ubatuba anzugreifen.
Schon vor meiner Gefangennahme hatte ich erfahren, daß die Tupiniquins einen Kriegszug gegen
die Tupinambás planten und dafür 25 Boote ausrüsteten. Eines Morgens waren sie da und
überfielen das Dorf, wie ich es dem Häuptling Cunhambebe vorausgesagt hatte.
Als die Angreifer pausenlos die Hütten beschossen, wurde es den Tupinambás zu gefährlich, und
die Frauen wollten schon flüchten. Da sagte ich zu ihnen: »Ihr haltet mich doch für einen
Portugiesen, euren Feind. Jetzt gebt mir Pfeil und Bogen, bindet mich los, dann will ich euch bei
der Verteidigung der Hütten helfen.« Sie gaben mir Pfeil und Bogen, und ganz in ihrer Weise
schoß und schrie ich, so gut ich konnte. Auch sprach ich ihnen Mut zu. Meine Absicht dabei war,
aus der Umzäunung des Dorfes herauszukommen und zu den anderen überzulaufen, denn diese
kannten mich gut und wußten, daß ich in dem Dorf war. Aber ich wurde zu gut bewacht. Als die
Tupiniquins sahen, daß sie nichts ausrichten konnten, gingen sie zu ihren Booten zurück und
fuhren ab, und ich wurde in mein Gefängnis zurückgebracht.

Wie sich die Häuptlinge abends beim Mondschein versammelten.


Am Abend des gleichen Tages versammelten sich die Anführer des Dorfes bei Mondschein auf
dem Platz zwischen den Hütten. Sie besprachen sich und beschlossen, wann ich getötet werden
sollte. Man führte mich zu ihnen, und sie verspotteten mich und drohten mir. Ich war
niedergeschlagen und sah zum Mond hinauf und dachte bei mir: O mein Herr und Gott, hilf mir
aus diesem Elend zu einem seligen Ende. Da fragten sie mich, warum ich den Mond so ansehe,
und ich antwortete: »Ich sehe ihm an, daß er zornig ist.« Denn die Schatten im Mond erschienen
auch mir bedrohlich. Gott vergebe mir, daß ich dachte, er und alle Kreaturen müßten zornig auf
mich sein. Der Häuptling, der mich töten lassen wollte, Nhaepepo-oaçú, fragte mich, auf wen der
Mond zornig sei, und ich antwortete: »Er schaut auf deine Hütte.« Da begann er wütend auf mich
einzureden. Um meine Worte etwas abzuschwächen, fügte ich hinzu: »Es ist wohl nicht deine
Hütte. Er ist zornig über die Carijó-Sklaven.«45 - »Ja, meinte er, über die komme alles Unglück.«
Dabei blieb es, und ich vergaß den Vorfall.

Wie die Tupiniquins das Dorf Mambucaba niederbrannten.


Am nächsten Tag kam von dem Dorfe Mambucaba die Nachricht, daß es niedergebrannt worden
sei. Die Tupiniquins hatten, nachdem sie von Ubatuba abgefahren waren, Mambucaba überfallen,
aber die Einwohner konnten, bis auf einen kleinen Jungen, entkommen. Danach steckten sie die
Hütten in Brand. Da es sich um Verwandte des Häuptlings Nhaepepo-oaçú handelte, wollte er
nach Mambucaba ziehen, um beim Wiederaufbau der Hütten zu helfen. Dazu nahm er alle seine
Freunde mit. Er wollte auch Tongeschirr und Wurzelmehl von dort mitbringen für das Fest, bei
dem ich verspeist werden sollte. Bevor er loszog, befahl er Ipirú-guaçú, meinem Herrn, gut auf
mich aufzupassen. Sie würden wohl länger als 14 Tage wegbleiben, deshalb versorgten sie sich
reichlich.

Wie ein Schiff von Berdoga kam, um nach mir zutragen, und nur knappe
Auskunft erhielt.
Währenddessen war ein Schiff aus Bertioga vor Ubatuba vor Anker gegangen. Von dem Schiff
wurde ein Schuß als Signal abgegeben, damit die Wilden zu einer Unterredung herbeikämen.
Als sie den Schuß hörten, sagten sie zu mir: »Deine Freunde, die Portugiesen, sind gekommen.
Vielleicht wollen sie wissen, ob du noch lebst, um dich freizukaufen.« Da ich annahm, daß
vorüberfahrende portugiesische Schiffe nach mir fragen würden, hatte ich den Wilden immer
erzählt, mein Bruder, ebenfalls ein Franzose, lebe unter den Portugiesen. Als nun das Schiff

45
Indianerstamm
ankam, sagte ich: »Das wird mein Bruder sein.« Sie aber blieben dabei, daß ich ein Portugiese sei.
Sie fuhren nun so nahe an das Schiff heran, daß sie sich verständigen konnten. Die Portugiesen
fragten nach mir, erhielten aber eine solche Antwort, daß sie nicht weiter fragten, und das Schiff
fuhr wieder ab. Wahrscheinlich nahm man an, ich sei schon tot. Was ich dachte, als ich das
abfahrende Schiff sah, das weiß nur Gott. Sie aber sprachen untereinander: »Wir haben den
richtigen Mann. Sie schicken schon Schiffe nach ihm.«

Wie der Bruder des Häuptlings Nhaepepo-oaçú von Mambucaba zurückkam und
mir erzählte, sein Bruder, seine Mutter und alle anderen seien krank geworden;
wie er dann von mir verlangte, ich solle bei meinem Gott bewirken, daß sie
wieder gesund würden.
Ich rechnete täglich mit der Rückkehr der nach Mambucaba Ausgezogenen, die sich wie gesagt
darauf vorbereiteten, mich zu töten. Eines Tages hörte ich aus der Hütte des Häuptlings, der ja
mitgegangen war, lautes Geschrei. Mir wurde angst und bang; ich glaubte, er sei zurückgekehrt,
denn es gehört zum Brauch der Wilden, einen, der länger als 4 Tage weg war, mit lauten
Freudenschreien zu begrüßen. Bald darauf kam einer in die Hütte und sagte: »Der Bruder deines
Mit-Herrn ist gekommen und berichtet, daß in Mambucaba alle schwer erkrankt sind.« Ich freute
mich und dachte für mich: Hier wird Gott etwas tun wollen. Schon nach kurzer Zeit kam jener
Bruder in meine Hütte, setzte sich zu mir und begann, laut zu klagen: »Mein Bruder, meine
Mutter, meines Bruders Kinder, alle sind sie krank geworden. Ich wurde geschickt, um dir zu
sagen, du sollst mit deinem Gott reden, daß alle wieder gesund werden. Mein Bruder befürchtet,
daß dein Gott zornig ist.« »Ja, antwortete ich, »mein Gott ist sehr zornig darüber, daß der
Häuptling mich essen will und daß er nach Mambucaba gezogen ist, um dort Vorbereitungen zu
treffen. Ihr behauptet immer, daß ich Portugiese sei, obwohl dies nicht wahr ist. Geh zu deinem
Bruder und richte ihm aus, er solle wieder heimkommen in seine Hütte, dann werde ich mit
meinem Gott reden, damit er den Häuptling gesund mache.« Der andere antwortete, der Kranke
sei zu schwach für die Rückreise, aber er hätte gesagt, daß er auch in Mambucaba gesunden
könne, wenn ich es nur wollte. Ich sagte zu ihm: »Dein Bruder wird so kräftig werden, daß er
heimkommen kann, und hier dann richtig gesund werden.« Mit dieser Antwort kehrte er nach
Mambucaba zurück. Von Ubatuba waren es vier Meilen bis dorthin.

Wie der kranke Häuptling Nhaepepo-oaçú heimkehrte.


Nach einigen Tagen kehrten alle, die in Mambucaba gewesen waren, krank zurück. Der Häuptling
ließ mich in seine Hütte bringen, und dort erzählte er mir, wie sie alle erkrankt seien. Ich hätte das
wohl gewußt, denn er erinnere sich genau, wie ich damals gesagt hätte, der Mond blicke zornig
auf seine Hütte. Als ich ihm so zuhörte, dachte ich bei mir: Es war wohl eine Vorsehung Gottes,
die mich so vom Mond hatte sprechen lassen. Ich war hoch erfreut und dachte weiter: Heute ist
Gott bei mir.
So sprach ich zu ihm: »Es ist wahr, du bist deshalb so krank, weil du mich essen wolltest, obgleich
ich nicht dein Feind bin.« Er versprach, daß mir, sollte er wirklich wieder gesund werden, nichts
geschehen solle. Ich war unschlüssig, um was ich Gott bitten sollte. Denn, so befürchtete ich,
werden sie wirklich wieder gesund, so töten sie mich trotzdem. Sterben sie aber, werden die
anderen sagen: »Töten wir ihn, ehe seinetwegen noch mehr Unglück über uns kommt.« Denn
einige begannen schon zu murren. Deshalb überließ ich die Entscheidung Gott. Aber Nhaepepo-
oaçú bat immer dringlicher, ich möchte doch alle gesund werden lassen, so daß ich schließlich von
einem zum anderen ging und ihnen die Hände auf den Kopf legte, wie sie es wünschten. Doch
Gott hatte anders entschieden, und sie begannen dahinzusterben: erst ein Kind, dann die Mutter
des Häuptlings, eine alte Frau, die die Gefäße herrichten wollte, in denen die Getränke zu meinem
Totenschmaus bereitet werden sollten. Einige Tage später starben ein Bruder, ein weiteres Kind
und schließlich jener Bruder des Häuptlings, der mir damals die Nachricht von der Krankheit
überbracht hatte.
Als der Häuptling nun sah, daß ein Teil seiner Familie schon gestorben war, bekam er große
Angst, daß auch er und seine Frauen sterben müßten, und er bat mich, meinem Gott zu sagen, er
solle seinen Zorn von ihm abwenden und ihn am Leben lassen. Da sprach ich ihm Trost zu und
meinte, es würde alles gut werden. Er solle sich aber nicht einfallen lassen, mich, sobald er gesund
sei, dennoch zu töten. Das verneinte er und befahl allen aus seinem Kreise, mich weder zu
verspotten, noch mir irgendwie zu drohen. Trotzdem war er noch eine Zeitlang krank, wurde
schließlich aber gesund, genauso wie eine seiner Frauen, die auch krank gewesen war. Insgesamt
waren acht aus seiner Verwandtschaft gestorben, dazu noch andere, die mir ebenfalls viel Leid
angetan hatten. Im Dorf gab es noch zwei Häuptlinge in anderen Hütten. Der eine hieß
Guarátinga-açú, der andere Carima-cuí. Dem Guarátinga-açú war ich im Traum erschienen und
hatte ihm seinen Tod vorausgesagt. Gleich am nächsten Morgen kam er zu mir und klagte mir sein
Leid. Ich versprach, daß ihm nichts geschehen werde, daß er aber auch nicht daran denken dürfe,
mich zu töten. Da versprach er, solange diejenigen, die mich gefangen hatten, mich nicht töten
wollten, würde er mir auch nichts tun; ja selbst, wenn sie mich töteten, würde er doch nichts von
mir essen.
Auch dem anderen Häuptling, Carima-cuí, war ich im Traum erschienen, was ihn sehr erschreckt
hatte. Er rief mich in seine Hütte, gab mir zu essen und erzählte mir dann von seinem Kummer. Er
hätte, so berichtete er, auf einem Kriegszug einen Portugiesen gefangen und mit eigenen Händen
getötet. Von diesem hätte er so viel gegessen, daß er heute noch in der Brust krank davon sei.
Deshalb wollte er auch von keinem mehr essen. Nun hätte ihm so schrecklich von mir geträumt,
daß auch er fürchtete, sterben zu müssen.
Ich tröstete auch ihn und verlangte von ihm nur, daß er kein Menschenfleisch mehr esse.
Selbst die alten Frauen in den einzelnen Hütten, die mich mit Schlägen, Bartraufen und
Drohungen so geplagt hatten, nannten mich Che-raira, ihren Sohn, und baten mich: »Laß uns ja
nicht sterben. Wir haben dich ja nur so schlecht behandelt, weil wir glaubten, du seiest Portugiese,
und denen sind wir sehr gram. Wir haben schon einige Portugiesen gefangen und auch verspeist,
doch deren Gott wurde niemals so zornig wie deiner. Daran erkennen wir, daß du kein Portugiese
sein kannst.« So ließen sie mich eine Zeitlang in Ruhe. Sie wußten nicht recht, was sie von mir
halten sollten, ob ich Portugiese oder Franzose sei. Sie sagten, mein Bart sei so rot wie der der
Franzosen, und die Portugiesen hätten im allgemeinen schwarze Bärte.
Nach dem Schrecken des großen Sterbens und nachdem der eine meiner Herren wieder gesund
geworden war, sprachen sie nicht mehr davon, daß sie mich essen wollten, doch wurde ich
weiterhin bewacht, und sie ließen mich nie alleine gehen.

Wie der Franzose, der den Wilden befohlen hatte, mich zu essen, noch einmal
kam und ich ihn bat, mich mitzunehmen, wie aber meine Herren mich nicht
freigeben wollten.
Von dem Franzosen Caruatá-uára habe ich schon berichtet. Er war mit seinen Begleitern - Wilden,
die mit den Franzosen befreundet waren - weitergezogen. Sie wollten Handelsgüter der Wilden,
vornehmlich Pfeffer und eine bestimmte Art Federn, einsammeln.
Auf der Rückreise zu den Landeplätzen der Schiffe, Monguape und Niterói46, mußte er wieder
durch Ubatuba kommen. Als er losgezogen war, hatte er angenommen, die Wilden würden mich
essen, wie er es ihnen ja auch befohlen hatte. Die ganze Zeit über hielt er mich für tot.
Als er nun wieder in meine Hütte kam, redete er mit mir in der Sprache der Wilden. Diesmal war
ich nicht gefesselt. Auf seine Frage, ob ich noch lebe, antwortete ich: »Ich danke Gott im Himmel,

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An der Guanabara-Bucht. Heute Hauptstadt des Bundesstaates Rio de Janeiro. Mit Rio durch eine lange Brücke
verbunden.
daß er mich so lange behütet hat. Ihr werdet wahrscheinlich von den Wilden schon gehört haben,
was sich zugetragen hat.« Ich ging mit ihm an einen Ort, wo uns die Wilden nicht hören konnten.
Dort sagte ich ihm, daß er ja selbst sehe, daß mich Gott am Leben erhalten habe und daß ich kein
Portugiese sondern ein Deutscher sei, der mit den Spaniern Schiffbruch erlitten habe und auf diese
Weise unter die Portugiesen gekommen sei. Das alles solle er auch den Wilden erzählen und dazu
noch, daß ich zu seinen Freunden und Verwandten zähle. Ich bat ihn auch, mich doch zu den
Ankerplätzen der Schiffe zu bringen. Ich befürchtete nämlich, falls ich nicht wegkäme, könnten sie
doch eines Tages alles für Lügen halten und mich im Zorn töten.
Ich redete ihm in der Sprache der Wilden auch ins Gewissen und fragte ihn, ob er denn kein
christliches Herz im Leib hätte, da er den Wilden geraten habe, mich zu töten, oder ob er denn
nicht daran gedacht habe, daß es ein Leben nach dem Tode gebe. Da begann er seine
Handlungsweise zu bereuen und sagte zu mir: »Ich habe das nur getan, weil ich Euch für einen
Portugiesen hielt, und die sind rechte Bösewichter. Alle, die wir in der Provinz Brasilien zu fassen
bekommen, werden sofort aufgehängt.« Dies trifft wirklich zu. Er meinte noch, daß sie, die
Franzosen, sich den Gegebenheiten anpassen müßten, auch darin, wie die Wilden mit ihren
Feinden umgehen, denn schließlich seien die Portugiesen ihre Erbfeinde.
Er erfüllte meine Bitte und sagte den Wilden: »Ich habe den Mann das erste Mal nicht richtig
erkannt. Er ist ein Deutscher und damit ein Freund der Franzosen. Ich will ihn mitnehmen zu den
Landeplätzen der Schiffe.« Doch meine Herren weigerten sich, mich freizugeben. Sie wollten mich
niemand überlassen. Erst wenn mein Vater oder Bruder mit einem Schiff voll Waren, nämlich
Äxten, Spiegeln, Messern, Scheren und Kämmen, ankämen und ihnen das alles gäben, sollte ich
frei sein. Sie hätten mich in Feindesland gefangen, und ich sei damit ihr Eigentum.
Als der Franzose das vernahm, meinte er: »Ihr habt es selbst gehört, sie wollen Euch nicht
freigeben.« Da bat ich ihn, mich um Gottes Willen holen zu lassen, damit ich mit dem erstbesten
Schiff nach Frankreich fahren könnte. Das versprach er mir und sagte den Wilden, sie sollten auf
mich acht geben und mich nicht töten, denn meine Freunde würden bald kommen, um mich zu
holen. Damit zog er weiter.
Nach seiner Abreise fragte mich Alkindar-mirí, derjenige meiner Herren, der nicht erkrankt war,
was mir Caruatá-uára gegeben hätte. Auch fragte er, ob er zu meinen Landsleuten gehörte. Als
ich das bejahte, wurde er zornig und fragte weiter: »Warum hat er dir dann kein Messer
geschenkt, das du mir geben könntest?« Nachdem alle wieder gesund waren, fingen sie erneut an
zu murren und sagten, die Franzosen taugten so wenig wie die Portugiesen. Da begann ich mich
wieder zu sorgen.

Wie sie einen Gefangenen aßen und mich zu dem Fest mitnahmen.
Einige Tage später sollte in einem Dorf namens Ticoaripe47, ungefähr sechs Meilen von Ubatuba
entfernt, ein Gefangener verzehrt werden. Auch aus unserem Dorf wollten einige dahingehen, und
die nahmen mich mit zu dem Fest in ihrem Boot. Der Gefangene, den sie essen wollten, gehörte
zum Stamme der Maracaias.
Immer wenn ein Gefangener getötet werden soll, bereiten sie ja ihre Getränke, Cauím genannt.
Am Abend vor dem Festgelage ging ich zu dem Sklaven und fragte ihn: »Bist du gut auf den Tod
vorbereitet?« Er lachte nur und meinte, ja, er sei mit allem Nötigen gut versorgt, nur die
Mussurana sei noch nicht lang genug, die sei bei ihnen besser. Damit meinte er die fingerdicke
Schnur aus Baumwolle, mit der die Gefangenen gefesselt werden. Und so redete er weiter, als
wenn er zur Kirmes ginge.
Ich hatte ein portugiesisches Buch bei mir, das die Wilden von einem Schiff mitgenommen hatten,
welches sie mit Hilfe der Franzosen erobert hatten. Das hatten sie mir gegeben.

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In der Bucht Ilha Grande (Ippaún-wasú) nahe Rio.
Nachdem ich den Gefangenen verlassen hatte, las ich in dem Buch, aber ich bedauerte ihn so sehr,
daß ich wieder zu ihm zurückging und mich weiter mit ihm unterhielt, denn die Maracaias sind mit
den Portugiesen ebenfalls befreundet. Ich erzählte ihm, daß ich auch ein Gefangener sei wie er,
aber nicht gekommen sei, weil ich von ihm essen wollte, sondern weil meine Herren mich
mitgebracht hätten. Er antwortete: »Ich weiß recht gut, daß du und deinesgleichen keine
Menschen fressen.« Ich versuchte, ihn damit zu trösten, daß sie nur sein Fleisch äßen, sein Geist
aber würde an einen Ort gehen, an den auch die Geister meiner Leute gingen, und da gäbe es viel
Freude. Er wollte wissen, ob das auch wahr sei, und ich sagte ja. Er sagte, er habe Gott noch nie
gesehen, da meinte ich, er würde ihn in einem anderen Leben sehen. Damit schloß ich die
Unterhaltung und ging. Noch in derselben Nacht kam ein starker Wind auf, so daß ganze Stücke
von den Hüttendächern48 gerissen wurden. Gleich fingen die Wilden wieder an zu zürnen und
sprachen: »Aipo mair angaipaba ybytu guasu omou«, was soviel heißt wie: Der böse Mensch, der
Heilige, macht, daß der Wind kommt, denn er hat am Tag zuvor in die Donnerhäute geschaut.
Damit war das Buch gemeint. Ich hätte dies absichtlich getan, meinten sie, weil der Sklave unser,
der Portugiesen, Freund sei und ich mit dem Unwetter das Fest verhindern wollte. Da sie sich sehr
darüber erregten, bat ich Gott den Herrn: »Herr, du hast mich bis hierher beschützt, behüte mich
auch weiterhin.« Bei Tagesanbruch war wieder bestes Wetter, und sie tranken und waren gut
gelaunt. Ich aber ging zu dem Gefangenen und erklärte ihm, der große Wind sei Gott gewesen,
der ihn zu sich holen wollte. Am nächsten Tag wurde er verspeist. Wie das zugeht, habe ich in
einem späteren Kapitel beschrieben.

Was sich auf der Rückfahrt von dem Feste ereignete.


Als das Fest beendet war, machten wir uns auf den Heimweg nach Ubatuba. Meine Herren
führten noch etwas gebratenes Fleisch mit sich. Für die Strecke, die man sonst an einem Tag
bewältigen kann, brauchten wir drei Tage, so stark regnete und wehte es. Am Abend des ersten
Reisetages, als wir im Wald Hütten errichteten, um zu übernachten, verlangten sie von mir, ich
solle machen, daß der Regen und der Wind aufhörten. Bei uns war ein Junge, der hatte noch einen
Knochen von dem Sklaven, mit etwas Fleisch daran, das er aß. Zu ihm sagte ich, er solle den
Knochen wegwerfen. Da wurden er und alle anderen zornig und antworteten mir, daß dies ihre
richtige Speise sei. Ich beließ es dann dabei. Wir waren drei Tage unterwegs.
Wir waren schon bis auf eine Viertelmeile an Ubatuba herangekommen, als wir wegen der hohen
Wellen nicht weiterkonnten und die Boote für die Nacht aufs Land ziehen mußten. Man beschloß,
am nächsten Tag, wenn sich das Wetter gebessert haben würde, heimzukehren, doch es blieb
stürmisch. Da wollten sie zu Fuß weiterziehen und das Boot nachholen, sobald das Wetter besser
würde. Während wir uns für den Marsch bereit machten, aß der Junge wieder an seinem Knochen
und warf ihn dann weg, als wir losgingen. Plötzlich besserte sich das Wetter. Da sagte ich: »Seht
her, ihr wolltet mir nicht glauben, als ich euch sagte, mein Gott sei zornig, weil der Junge das
Fleisch von dem Knochen aß.« »Ja, meinten sie, hätte er es doch gegessen, ohne daß du es
gesehen hättest, dann wäre das Wetter wohl gut geblieben.« Und dabei blieb es.
Als ich wieder ins Dorf kam, fragte mich Alkindar, einer meiner Herren, ob ich nun gesehen hätte,
wie sie mit ihren Feinden umgingen. »Ja, sagte ich, daß ihr sie eßt, erscheint mir schrecklich, das
Totschlagen aber nicht so sehr.« Er antwortete: »Das ist bei uns so Sitte, und so machen wir es
bei den Portugiesen auch.« Dieser Alkindar war mir gegenüber sehr gehässig und hätte es gern
gesehen, wenn Ipirú-guaçú, dem er mich geschenkt hatte, mich totgeschlagen hätte. Denn, wie ich
schon berichtete, hatte ihm Ipirú-guaçú einen Gefangenen geschenkt, um durch dessen Tötung
einen weiteren Namen zu erringen und dafür wollte Alkindar ihm den nächsten Gefangenen
zurückschenken. Obwohl es ihm also gar nicht zustand, hätte er mich doch am liebsten selbst

48
Aus Bambus und Palmstroh.
getötet, doch sein Bruder verhinderte dies mit allen Mitteln, denn er befürchtete, daß ihn weitere
Krankheiten befallen könnten.
Bevor wir zu dem Fest fuhren, hatte mir Alkindar wieder einmal gedroht, mich zu töten. In der
Zeit unserer Abwesenheit hatte er ein Augenleiden bekommen. Er mußte ganz ruhig liegen und
konnte sogar eine Zeitlang gar nichts sehen. Er verlangte nun dauernd von mir, daß ich mit
meinem Gott reden solle, damit seine Augen wieder heilten. Ich stimmte zu, verlangte aber, er
solle dafür auch nicht mehr böse über mich reden. Das versprach er. Einige Tage später war er
wieder gesund.

Wie von den Portugiesen ein weiteres Schiff nach mir ausgesandt wurde.
Meine Gefangenschaft bei den Tupinambás dauerte schon fünf Monate, als ein weiteres Schiff von
São Vicente eintraf. Bei den Portugiesen ist es durchaus üblich, daß sie gut gerüstet auch in das
Gebiet ihrer Feinde fahren, um mit ihnen zu handeln. Sie geben ihnen Messer und Sicheln und
tauschen dafür Maniokmehl ein, das die Wilden in manchen Gegenden reichlich haben. Die
Portugiesen benötigen das Mehl, um die vielen Sklaven auf den Zuckerplantagen zu ernähren.
Wenn so ein portugiesisches Schiff ankommt, um zu handeln, so nähern sich ein oder zwei Wilde
in einem Boot und reichen ihre Ware so schnell als möglich auf das Schiff. Dann fordern sie, was
sie dafür haben wollen und erhalten es von den Portugiesen. Während diese beiden beim Schiff
sind, warten in einiger Entfernung weitere Boote mit Wilden. Ist dann der Handel abgeschlossen,
so kommen die anderen Boote oftmals auch heran, um mit den Portugiesen kleine Gefechte
auszutragen und mit Pfeilen nach ihnen zu schießen. Danach fahren sie wieder zurück.
Die Besatzung des aus São Vicente angekommenen Schiffes gab einen Kanonenschuß ab, damit
die Wilden wußten, daß ein Schiff da war. Die Tupinambás fuhren hin, und die Portugiesen
fragten, ob ich noch lebe. Als dies bejaht wurde, verlangten sie, mich zu sehen, da sie eine Kiste
voll Waren an Bord hätten. Die sei von meinem Bruder, einem Franzosen, der auch an Bord sei.
An Bord gab es wirklich einen Franzosen, Claude Mirande, ein ehemaliger Kamerad von mir. Den
gab ich den Wilden als meinen Bruder an und sagte ihnen, er würde vielleicht auf dem Schiff sein
und nach mir fragen, da er bereits auf einer Reise dagewesen sei.
Die Tupinambás kamen vom Schiff zurück an den Strand und sagten mir, mein Bruder sei
gekommen, er brächte mir eine Kiste voll Ware und wollte mich gern sehen. Ich sagte zu ihnen:
»Fahrt mich so weit an das Schiff heran, daß ich mit meinem Bruder sprechen kann. Die
Portugiesen verstehen uns nicht. Ich will ihm sagen, sobald er heimkehren solle er unserem Vater
ausrichten, daß er mit einem Schiff voll Waren hierherkomme und mich auslöse. Damit waren sie
einverstanden, aber sie befürchteten, die Portugiesen könnten uns verstehen. Denn für den Monat
August hatten die Tupinambás einen großen Kriegszug geplant, der sie in die Gegend von
Bertioga, den Ort meiner Gefangennahme, führen sollte. Da ich alle ihre Pläne kannte, hatten sie
Angst, ich könnte etwas davon verraten. Ich versicherte ihnen jedoch, die Portugiesen verstanden
kein Französisch. Da fuhren sie mich etwa auf Steinwurfweite an das Schiff heran, nackt wie ich
die ganze Zeit bei ihnen war. Zu denen auf dem Schiff sagte ich: »Gott der Herr sei mit euch,
meine lieben Brüder. Es soll nur einer von euch mit mir sprechen und zwar so, als ob ich Franzose
sei.« Da sprach einer, Juan Sanchez, ein Baske, den ich gut kannte, zu mir: »Mein lieber Bruder,
euretwegen sind wir mit dem Schiff hergekommen, da wir nicht wußten, ob ihr noch lebt oder
schon tot seid. Das erste Schiff brachte keine Nachricht von euch. Nun hat uns der Hauptmann
Braz Cubas49 in Santos befohlen nachzuforschen, ob ihr noch am Leben seid, und wenn dies der
Fall ist, herauszufinden, ob man euch loskaufen könne. Falls dies nicht möglich sei, sollten wir
versuchen, einige von den Wilden zu fangen, um sie gegen euch auszutauschen.« Ich antwortete:
»Gott soll es euch in Ewigkeit lohnen. Ich lebe hier in großer Angst und Not und weiß nicht, was
sie beschließen werden. Hätte es Gott nicht in wunderbarer Weise verhindert, so hätten sie mich

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Nach ihm hieß eine Insel bei Santos, die heute mit dem Festland verbunden ist.
schon längst verspeist.« Weiter sagte ich ihnen, daß mich die Wilden nur verkaufen würden, wenn
die Portugiesen so täten, als ob ich ein Franzose sei, und daß sie sich nichts anmerken lassen
sollten. Ich bat sie auch, sie sollten mir um Gottes Willen einige Tauschwaren geben wie Messer
und Angelhaken; das taten sie auch. Einer der Wilden fuhr mit einem Boot zum Schiff und holte
die Sachen.
Als ich merkte, daß mich die Wilden nicht länger mit den Portugiesen reden lassen wollten, sagte
ich noch schnell: »Nehmt euch in acht, sie planen wieder einen Kriegszug nach Bertioga.« Da
antworteten die Portugiesen, daß auch ihre Verbündeten sich rüsteten und gerade das Dorf, in
dem ich gefangen gehalten werde, angreifen wollten. Deshalb sollte ich nur Mut haben, Gott
würde schon alles zum Besten richten. Daß sie mir nicht helfen könnten, sähe ich ja wohl selbst.
Ich antwortete: »Ja, ich habe es meiner Sünden wegen so verdient, aber es ist besser, Gott straft
mich hier als im Jenseits. Bittet Gott, daß er nur aus diesem Elend hilft.« Damit befahl ich sie Gott
dem Herrn an. Sie wollten noch weiter mit mir sprechen, doch die Wilden brachen die
Unterredung ab und fuhren mit mir zurück zu den Hütten.
Da nahm ich die Messer und Angelhaken, gab sie ihnen und sagte: »Seht, dies alles hat mir mein
Bruder, der Franzose, gegeben.« Sie aber wollten wissen, was wir alles miteinander geredet
hätten. Ich erzählte ihnen, daß ich meinem Bruder geraten hätte, den Portugiesen möglichst bald
zu entkommen. Dann solle er in unser Vaterland zurückkehren, mit einem Schiff viele Güter
hierherbringen und mich holen. Auch hätte ich gesagt, daß sie fromm seien und mich gut hielten
und daß ich ihnen das belohnen würde, wenn das Schiff käme. So mußte ich ihnen stets das Beste
vorgaukeln, denn das gefiel ihnen gut.
Danach berieten sie untereinander und sagten: »Er ist gewiß ein Franzose, wir wollen ihn künftig
besser behandeln.« So lebte ich eine Weile unter ihnen, und damit sie mich gut behandelten,
erzählte ich immer wieder, daß meinetwegen bald ein Schiff kommen würde. Hin und wieder
nahmen sie mich in den Wald mit, wenn sie etwas zu tun hatten und ich ihnen helfen mußte.

Von dem Sklaven, den die Wilden bei sich hatten und der mich stets verleumdete
und gerne gesehen hätte, daß sie mich töteten; wie er selbst getötet und in
meiner Gegenwart gegessen wurde.
Unter den Tupinambás gab es auch einen Sklaven vom Stamme der Carijós, die auch die Feinde
der mit den Portugiesen befreundeten Wilden sind. Er war zuvor Sklave bei den Portugiesen
gewesen, diesen aber entflohen. Die Wilden töten keinen, der ihnen zuläuft, es sei denn er hätte
etwas Besonderes verbrechen, dafür müssen ihnen diese aber als Sklaven dienen.
Der Carijó lebte schon drei Jahre bei den Tupinambás. Er behauptete, er hätte mich unter den
Portugiesen gesehen, und ich hätte einige Male auf die Tupinambás geschossen, wenn sie auf
ihren Kriegszügen dorthin gekommen seien.
Vor einigen Jahren war einer ihrer Häuptlinge von den Portugiesen erschossen worden. Der
Carijó behauptete, ich wäre der Schütze gewesen. Er hetzte immer wieder, man solle mich töten,
denn ich sei wirklich ein Feind und er hätte es genau gesehen. Dabei war alles erlogen, denn er
lebte ja schon drei Jahre hier bei den Tupinambás, und ich war erst vor etwa einem Jahr nach São
Vicente gekommen, zu einer Zeit also, da er schon entlaufen war. Ich bat Gott, er möge mich vor
diesen Lügen schützen.
Im Jahre 1554, etwa im sechsten Monat meiner Gefangenschaft, wurde der Carijó krank. Sein
Herr bat mich, ich solle ihm helfen, damit er gesund werde und wieder mit auf die Jagd gehen
könne, so daß wir alle zu essen hätten. Ich wüßte ja, daß er mir auch einen Teil gebe, wenn ihm
der Carijó wieder Wild brächte. Aber wenn ich glaubte, er würde nicht wieder gesund werden,
wolle er ihn einem guten Freund schenken, damit der ihn totschlage und sich dadurch einen
Namen mache.
Der Sklave war schon bald zehn Tage krank. Die Wilden haben Zähne von einem Tier, Paca
genannt, die sie schärfen, und dann die Haut an den Stellen aufschneiden, wo das Blut stockt. So
kann das Blut herauslaufen. Das ist gerade so, wie wenn man bei uns einen zur Ader läßt.
Von diesen Zähnen nahm ich einen und wollte dem Kranken damit die Ader öffnen. Aber ich
konnte nicht durchstechen, weil der Zahn stumpf war. Die anderen standen dabei um mich herum.
Als ich sah, daß es zwecklos war, und wegging, fragten sich mich, ob er wieder gesund werden
würde. Ich antwortete: »Ihr habt ja selbst gesehen, daß kein Blut herausgelaufen ist. Ich konnte
nichts ausrichten. « »Ja, meinten sie, er wird wohl sterben. Wir wollen ihn lieber totschlagen,
bevor er stirbt.« Da widersprach ich: »Nein, tut das nicht, vielleicht wird er doch noch gesund.«
Aber es half nichts; sie zogen ihn vor die Hütte des Häuptlings Guarátinga. Dabei mußten ihn
zwei Männer stützen, denn er war so schwach, daß er gar nicht mitbekam, was sie mit ihm
vorhatten. Schon kam der, dem er geschenkt worden war, damit er ihn töte, und schlug ihm auf
den Kopf, daß das Hirn herausquoll. Sie ließen ihn vor der Hütte liegen, denn sie wollten ihn
essen. Ich warnte sie: »Tut es nicht. Er war krank, und ihr werdet davon vielleicht ebenso krank.«
Da waren sie unschlüssig, was sie tun sollten, bis ein Mann aus meiner Hütte kam und den Frauen
befahl, ein Feuer bei dem Toten zu machen. Er schnitt ihm den Kopf ab. Der Carijó hatte nur ein
Auge und war von seiner Krankheit entstellt. So warfen sie den Kopf weg und sengten die Haut
ab. Der Körper aber wurde zerschnitten und gleichmäßig aufgeteilt, wie es ihre Gewohnheit ist.
Sie aßen ihn bis auf den Kopf und die Gedärme, vor denen ihnen wegen seiner Krankheit ekelte.
Danach ging ich von Hütte zu Hütte. In der einen brieten sie die Beine, in der nächsten die Arme,
in der dritten Teile des Rumpfes. Da sagte ich zu ihnen: »Der Carijó, den ihr gerade verspeisen
wollt, hat oft Lügen über mich erzählt, z. B. daß ich in der Zeit, als ich bei den Portugiesen war,
einige eurer Freunde erschossen hätte. Das war alles gelogen, denn er hat mich dort nie gesehen.
Nun wißt ihr aber gut, daß er die ganze Zeit, die er bei euch war, nie krank gewesen ist. Erst als
er damit begann, Lügen über mich zu verbreiten, ist mein Gott zornig geworden, hat ihn krank
gemacht und euch in den Sinn gesetzt, ihn zu töten und zu essen. Gewiß wird mein Gott an jedem
Schurken ebenso handeln, der mir Böses angetan hat oder antun wird.« Über diese Worte
erschraken viele von ihnen, und ich danke dem allmächtigen Gott, daß er sich so gewaltig und mir
so gnädig zeigte.
An dieser Stelle möchte ich den Leser bitten, daß er bei dem, was ich schreibe, immer beachte: Ich
mache mir diese Mühe nicht, weil ich Lust habe, Neuigkeiten zu berichten, sondern um die
Wohltaten Gottes an den Tag zu bringen, die er mir erwiesen hat.
So kam die Zeit heran, in der sie den Kriegszug machen wollten, für den sie sich schon drei
Monate lang vorbereiteten. Ich hoffte, sie würden, wenn sie auszögen, mich bei den Frauen
zurücklassen, so daß ich während ihrer Abwesenheit fliehen könnte.

Wie ein französisches Schiff kam und mit den Wilden um Baumwolle und
Brasilholz handelte; wie ich gerne auf dieses Schiff gegangen wäre, was Gott
aber nicht vorgesehen hatte.
Etwa acht Tage vor ihrer Kriegsfahrt war in einem Hafen, etwa acht Meilen von Ubatuba entfernt,
ein französisches Schiff vor Anker gegangen. Der Hafen heißt auf portugiesisch Rio de Janeiro,
die Wilden nennen ihn Niteroi50, und die Franzosen pflegten dort Brasilholz zu laden. Mit einem
Boot kamen sie auch nach Ubatuba, um den Wilden Pfeffer, Affen und Papageien abzuhandeln.
Einer, der die Sprache der Wilden verstand, war aus dem Boot an Land gekommen und
verhandelte mit ihnen. Er hieß Jakob, und ich bat ihn, mich auf das Schiff mitzunehmen. Doch
meine Herren wollten mich nicht so einfach gehen lassen, sie wollten viele Waren für mich haben.
Ich schlug ihnen vor, sie selbst sollten mich aufs Schiff bringen, mein Freund würde ihnen dort
genug Ware geben. Sie aber sagten: »Nein, das sind keine Freunde von dir, denn sonst hättest du

50
Heute zwei verschiedene Städte diesseits und jenseits der Guanabara-Bucht.
von denen, die im Boot sind, ein Hemd bekommen, weil du nackt bist. Du bist ihnen gleichgültig.«
Das stimmte, dennoch entgegnete ich, daß man mich auf dem großen Schiff kleiden würde, sobald
ich hinkäme. Darauf sagten sie: »Das Schiff fährt nicht so schnell ab. Wir müssen zuerst unseren
Kriegszug machen. Wenn wir zurück sind, werden wir dich dorthin fahren.« Das Boot wollte, da
es schon eine Nacht vor dem Dorf geankert hatte, wieder abfahren.
Als ich das sah, dachte ich: »O du gütiger Gott, wenn auch dieses Schiff wieder ohne mich
abfährt, werde ich noch unter den Wilden umkommen, denn diesem Volk darf man nicht trauen.«
Mit solchen Gedanken ging ich aus der Hütte ans Wasser. Als die Wilden das merkten, liefen sie
mir nach. Ich rannte vor ihnen her, und als sie mich einfangen wollten, schlug ich den ersten, der
mich eingeholt hatte, zurück. Das ganze Dorf verfolgte mich, doch ich entkam und schwamm zum
Boot hinaus. Wie ich hineinklettern wollte, stießen mich die Franzosen zurück, da sie meinten,
wenn sie mich gegen den Willen der Wilden aufnahmen, könnten sich diese auch gegen sie
erheben und ihre Feinde werden. Da schwamm ich betrübt zum Ufer zurück und dachte: »Nun
weiß ich, daß es Gottes Wille ist, daß ich noch länger im Elend bleibe.« Hätte ich die Flucht nicht
versucht, hätte ich nachher meinen können, es sei meine eigene Schuld gewesen.
Als ich wieder an Land kam, waren die Wilden fröhlich und riefen: »Nein, er kommt wieder.« Da
wurde ich zornig auf sie und sagte: »Glaubt ihr, ich wollte fliehen. Ich bin zum Boot
geschwommen, um meinen Landsleuten zu sagen, daß sie sich darauf vorbereiten sollen, bei
unserer Rückkehr aus dem Krieg viele Waren bereit zu halten. Diese sollen sie, wenn ihr mich
zum Schiff bringt, euch dann übergeben.« Das hörten sie gerne und waren damit zufrieden.

Wie mich die Wilden auf Kriegsfahrt mitnahmen, und was sich dabei ereignete.
Vier Tage später versammelten sich bei Ubatuba die Boote, die in den Krieg ziehen wollten. Auch
der oberste Häuptling Cunhambebe kam dahin. Mein Herr wollte mich mitnehmen, aber ich bat
ihn, er möge mich doch daheim lassen. Er hätte es wohl getan, aber Cunharnbebe wollte, daß ich
mitkäme. Ich tat so, als ob ich ungern mitginge, denn wäre ich freiwillig mitgezogen, hätten sie
denken können, ich würde, sobald wir im feindlichen Gebiet wären, zu den Gegnern laufen. So,
hoffte ich, würden sie weniger auf mich achten. Falls sie mich daheim gelassen hätten, war meine
Absicht, auf das französische Schiff zu fliehen.
Sie nahmen mich aber mit. Es waren 38 Boote, jedes mit ungefähr 18 Mann besetzt. Einige hatten
mit Hilfe ihrer Götzen, mit Träumen und anderen Narrheiten Weissagungen über den Krieg
gemacht, so daß alle zuversichtlich waren. Sie hatten folgenden Plan gefaßt: Sie wollten bis in die
Gegend von Bertioga fahren und sich dort um die Ortschaft herum im Wald verstecken. Alle, die
ihnen dabei in die Hände fielen, wollten sie mitnehmen.
Ungefähr am 14. August 1554 begann der Kriegszug. Wie schon berichtet, ziehen um diese Zeit
eine bestimmte Art Fische aus dem Meerwasser ins Süßwasser der Flüsse, um dort zu laichen. Die
Portugiesen nennen diese Fische Tainhas, auf spanisch heißen sie Liesses und bei den Wilden
Piratis. Die Laichzeit nennen die Wilden Piracema. Zu dieser Zeit gehen sowohl die Tupinambás
als auch ihre Feinde auf Beutezüge, um die Fische zu fangen und zu essen. Die Ausreise verläuft
sehr gemächlich, doch zurück fahren sie, so schnell sie können.
Ich hoffte die ganze Zeit, daß auch die den Portugiesen befreundeten Stämme auf Kriegsfahrt
wären. Diese planten ja, so hatten mir die Portugiesen auf dem Schiff gesagt, ins Land der
Tupinambás einzufallen.
Während der Reise fragten mich die Wilden des öfteren, ob ich glaube, daß sie auch Gefangene
machen würden. Um sie nicht zu erzürnen, bejahte ich und sagte, daß uns die Feinde begegnen
würden. Eines Nachts lagerten wir an einem Ort, der auch Ubatuba hieß. Wir hatten viele Piratis,
die etwa die Größe eines Hechtes haben, gefangen. Es wehte in dieser Nacht ein starker Wind,
und als sie sich so mit mir unterhielten und viel fragten, da sagte ich: »Dieser Wind weht über
vieler Leute Tod.« Ein anderer Trupp ihres Stammes war auch auf dem Wasser den Fluß Paraiba
hinaufgefahren, und sie meinten, diese seien vielleicht schon in das feindliche Gebiet eingedrungen
und einige dabei getötet worden. Wie ich später erfuhr, war dies tatsächlich geschehen.
Wir waren noch eine Tagereise von dem Ort entfernt, den sie für ihren Anschlag vorgesehen
hatten, und wir schlugen auf der Insel São Sebastião51, die bei den Wilden Maembipe heißt, im
Gehölz unser Lager auf.
Als der Abend kam, ging Cunhambebe, der oberste Häuptling, in dem Lager im Wald auf und ab
und sprach zu seinen Leuten: »Wir sind jetzt nicht mehr weit entfernt vom Land unserer Feinde.
Jeder, der heute nacht einen Traum hat, soll ihn sich merken. Seht zu, daß ihr etwas Glückliches
träumt.« Nach der Ansprache tanzten sie um ihre Götzen bis tief in die Nacht. Dann schliefen sie.
Während mein Herr sich zum Schlafen niederlegte, sagte er, ich solle mir auch etwas Gutes
träumen lassen. Ich antwortete ihm, daß ich nichts auf Träume gäbe, weil sie trügerisch seien. »So
mach trotzdem mit deinem Gott, daß wir viele Feinde fangen«, meinte er zum Schluß.
Bei Tagesanbruch versammelten sich die Anführer um einen Topf voll gekochter Fische. Sie aßen
und erzählten sich dabei ihre Träume, soweit sie ihnen gefielen; einige tanzten mit den Götzen
herum. Sie beschlossen, noch am gleichen Tag ganz nahe an das feindliche Gebiet heranzufahren
und bei einem Orte namens Boiçucanga ganz ruhig den Abend zu erwarten.
Bei der Abfahrt von unserem Nachtlager auf Maembipe fragten mich die Wilden immer wieder, ob
ich glaube, daß sie jemanden fangen würden. Da ich sie nicht erzürnen wollte, sagte ich ja und
fügte auf gut Glück hinzu: »Bei Boiçucanga werden uns Feinde entgegenkommen. Seid nur
mutig.« Ich hatte die Absicht, sobald wir dieses Boiçucanga erreichten, die Flucht zu wagen, da es
nur sechs Meilen von dem Ort entfernt lag, an dem sie mich damals gefangen hatten.
Wie wir nun am Ufer entlang fuhren, sahen wir hinter einer Insel Boote hervorkommen, die uns
entgegen fuhren. Da riefen sie: Da kommen ja schon unsere Feinde, die Tupiniquins.« Sie wollten
sich hinter einem Felsen verbergen und die anderen ahnungslos herankommen lassen. Doch diese
hatten uns schon entdeckt und wendeten, um in ihre Heimat zurückzufliehen. Wir ruderten fast
vier Stunden so schnell wir konnten, bis wir sie endlich eingeholt hatten. Es waren fünf voll
besetzte Boote, die alle aus Bertioga kamen. Ich kannte sie alle. In einem der Boote waren sechs
Mamelucken. Sie waren alle getaufte Christen, unter ihnen auch zwei der Brüder de Braga, Diogo
und Domingos. Beide wehrten sich tapfer, einer mit einem Gewehr, der andere mit Pfeil und
Bogen. Sie hielten sich in ihren Booten fast zwei Stunden lang gegen dreißig unserer Boote. Als
sie alle Pfeile verschossen hatten, überwältigten sie die Tupinambás und nahmen sie gefangen.
Einige wurden gleich totgeschlagen und -geschossen. Die beiden Brüder waren nicht verwundet,
doch zwei der sechs Mamelucken wurden sehr schwer verletzt, ebenso einige Tupiniquins, unter
denen auch eine Frau war.

Wie sie auf der Heimfahrt mit den Gefangenen umgingen.


Die Stelle, an der die Tupiniquins gefangen wurden, war gute zwei Meilen von der Küste entfernt.
Wir ruderten also, so schnell es ging, ans Ufer zurück und weiter bis zu unserem letzten
Lagerplatz. Es war schon Abend und die Sonne ging gerade unter, als wir bei Maembipe
anlangten. Jeder führte seinen Gefangenen in seine Hütte. Die Schwerverletzten aber zerrten sie
ans Land und erschlugen sie sofort. Dann zerlegten sie sie wie gewöhnlich und brieten das Fleisch.
Unter denen, die noch in dieser Nacht gebraten wurden, waren auch zwei Mamelucken, beides
getaufte Christen. Einer war Portugiese, hieß Jorge Ferreira und war der Sohn eines Hauptmanns,
den dieser mit einer Wilden gezeugt hatte. Der andere hieß Jeronimo; ihn hatte ein Wilder namens
Paraguá gefangen, der mit mir in einer Hütte schlief. Er briet den Jeronimo nur wenige Schritte
von mir entfernt. Jeronimo, Gott hab ihn selig, war ein Blutsverwandter des Diogo de Braga.
An diesem Abend ging ich in die Hütte, in der die beiden Brüder gefangen gehalten wurden, denn
es waren gute Freunde aus Bertioga. Da fragten sie mich, ob sie auch gefressen würden, und ich

51
Zwischen Santos und Rio.
antwortete: »Das müßt ihr dem Willen des himmlischen Vaters und seines lieben Sohnes Jesus
Christus, der um unserer Sünden willen gekreuzigt wurde, überlassen. In seinem Namen sind wir
getauft bis in den Tod. An ihn glaube ich auch, denn er hat mich so lange unter diesen Wilden
behütet. Was der Allmächtige mit uns vorhat, danüt müssen wir zufrieden sein.« Weiterhin fragten
mich die beiden Brüder, wie es um ihren Vetter Jeronimo stünde, und ich sagte ihnen, er läge
bereits auf dem Feuer und briete, und ich hätte auch schon gesehen, wie die Wilden ein Stück von
des Ferreira Sohn verspeist hätten. Da weinten sie, ich aber tröstete sie wieder und sagte ihnen:
»Ihr wißt doch, daß ich nun schon 8 Monate von den Wilden gefangen bin, und doch hat mich
Gott bisher erhalten. Das wird er auch bei euch tun, vertraust ihm nur.« Weiter sagte ich, daß es
eigentlich mir viel eher zu Herzen gehen müßte als ihnen, da ich ja aus einem fremden Land
stamme und die schrecklichen Landessitten hier nicht gewohnt sei. Sie dagegen seien ja in dem
Lande geboren und aufgewachsen. »Ja«, meinten sie da, »du bist in deinem Elend schon so
verhärtet, daß es dich gar nicht mehr rührt.« Als ich mich so mit ihnen unterhielt, befahlen mir die
Wilden, die beiden zu verlassen und in meine Hütte zurückzukehren. Sie wollten auch wissen, was
ich so lange mit ihnen geredet hätte. Ich bedauerte sehr, daß ich sie verlassen mußte und empfahl
ihnen, sich ganz in den Willen Gottes zu ergeben, denn sie sähen ja selbst, welches Elend wir in
diesem Jammertal hätten. Sie antworteten: »Das haben wir niemals so genau erfahren wie gerade
jetzt. Sterben müssen wir ja alle einmal, und wir sterben um so fröhlicher, da wir wissen, daß du
hier bist.« Damit ging ich aus der Hütte und schaute mir im ganzen Lager die Gefangenen an. Ich
war ganz alleine und keiner achtete auf mich, so daß ich gut hätte fliehen können. Von hier bis
Bertioga waren es höchstens 10 Meilen. Aber ich unterließ es wegen der gefangenen Christen,
von denen noch vier am Leben waren. Wäre ich jetzt geflüchtet, so hätten die Wilden im Zorn sie
sofort getötet. Vielleicht, so dachte ich, erhält uns Gott alle miteinander. So entschloß ich mich,
bei ihnen zu bleiben und sie zu trösten, was ich dann auch tat52. Die Wilden waren mir unterdessen
sehr wohl gesonnen, da ich ihnen so auf gut Glück die Feinde vorausgesagt hatte. Als es eintraf,
sagten sie, ich sei ein besserer Prophet als ihre Maracás.

Wie die Wilden in unserem nächsten Lager mit ihren Gefangenen tanzten.
Am folgenden Tag erreichten wir ein hohes Gebirge, das Ocaraçú53 heißt und nicht weit von der
Heimat der Tupinambás entfernt ist. Dort wurde das Nachtlager aufgeschlagen. Ich ging in
Cunhambebes Hütte und fragte ihn, was er mit den Mamelucken im Sinn hätte. Er antwortete mir,
daß sie gegessen werden sollten, und verbot mir, mit ihnen zu reden. Er sei sehr zornig auf sie; sie
wären besser daheim geblieben statt mit seinen Feinden in den Krieg zu ziehen, meinte er. Ich bat
ihn, sie doch am Leben zu lassen und sie ihren Freunden zu verkaufen. Er bestimmte aber, daß sie
gegessen werden sollten.
Vor sich hatte Cunhambebe einen großen Korb voll Menschenfleisch stehen. Er aß gerade von
einem Knochen, hielt ihn mir vor die Nase und fragte, ob ich auch davon essen wollte. Ich
antwortete: »Sogar ein unvernünftiges Tier frißt selten seinesgleichen, warum sollte dann ein
Mensch den anderen fressen.« Er biß hinein und sagte dabei: »Jau ware sche - ich bin ein
Tigertier, es schmeckt wohl.« Da verließ ich ihn.
Am gleichen Abend befahl er, ein jeder solle seinen Gefangenen auf einen Platz vor dem Wald am
Wasser unten bringen. So wurde es gemacht. Da versammelten sich alle und standen im Kreis um
die Gefangenen herum. Diese mußten alle zusammen singen und mit den Maracás, den Götzen,
rasseln54. Danach begannen alle Gefangenen, einer nach dem andern, zu reden. Ganz
unerschrocken sagten sie: »Ja, wir sind, wie es sich für tapfere Männer gehört, ausgezogen, um
euch, unsere Feinde, zu fangen und zu essen. Nun habt ihr die Oberhand behalten und habt uns

52
Die Episode wirft ein Licht auf Stadens Solidaritätsgefühl und seinen Kameradschaftsgeist.
53
30 km südwestlich der Ilha Grande.
54
Siehe Anm. 40.
gefangen, doch das kümmert uns wenig. Wehrhafte und tapfere Männer sterben im Land ihrer
Feinde. Auch unser Land ist noch groß, und die Unseren werden uns an euch schon rächen.«
»Ja«, antworteten die anderen, »ihr habt schon viele von uns verspeist, das wollen wir an euch
rächen.« Als die Reden beendet waren, führte jeder seinen Gefangenen zurück in seine
Unterkunft.
Am dritten Tage kamen wir wieder in das Gebiet der Tupinambás, und jeder brachte seinen
Gefangenen in sein Heimatdorf. Die aus Ubatuba hatten acht Wilde und drei Mamelucken lebend
gefangen. Diese drei waren Diego und sein Bruder und einer namens Antonio. Diesen hatte der
Sohn meines Herrn gefangen. Zwei weitere Mamelucken, ebenfalls Christen, hatten sie schon
gebraten heim gebracht. Unsere Reise hatte elf Tage gedauert.

Wie das französische Schiff noch da war, auf das sie mich nach der Rückkehr
bringen wollten, so wie sie es mir versprochen hatten.
Als wir nun wieder daheim waren, verlangte ich, sie sollten mich auf das französische Schiff
bringen, denn ich sei ja mit ihnen auf Kriegsfahrt gewesen und hätte auch geholfen, ihre Feinde zu
fangen. Von denen hätten sie ja selbst gehört, daß ich kein Portugiese sei.
Sie sagten zu, mich dorthin zu bringen. Zuerst aber wollten sie sich ausruhen und den Miquem
essen. Damit war das gebratene Fleisch der beiden Christen gemeint.

Wie sie den ersten der beiden gebratenen Christen aßen, nämlich Jorge Ferreira,
den Sohn des portugiesischen Hauptmanns.
Meiner Hütte fast gegenüber war die des Häuptlings Tatamirf, der den einen gebratenen Christen
hatte. Er ließ nach ihrer Sitte Getränke bereiten, worauf sich viele versammelten, die tranken und
sangen und viel Spaß hatten. Am nächsten Tag kochten sie das gebratene Fleisch auf und aßen es.
Das Fleisch des anderen, des Jeronimo, hing in der Hütte, in der auch ich lebte, fast drei Wochen
lang in einem Korb über dem Feuer. Dabei wurde es trocken wie Holz. Daß es so lange nicht
gegessen wurde, hat folgenden Grund: Paraguá, dem es gehörte, war losgezogen, um die Wurzeln
zu suchen, aus denen das Getränk gemacht wird, das beim Verzehr von Jeronimos Fleisch
getrunken werden sollte. So verging die Zeit, aber sie wollten mich nicht eher zu dem Schiff
führen, bis sie das Fest abgehalten und das Fleisch des Jeronimo verspeist hätten. Inzwischen war
das französische Schiff, das etwa acht Meilen von Ubatuba entfernt vor Anker gelegen hatte,
wieder abgefahren. Als ich diese Nachricht bekam, war ich sehr betrübt. Die Wilden aber meinten
nur, die Franzosen kämen normalerweise jedes Jahr hierher, und damit mußte ich zufrieden sein.

Wie der Allmächtige ein Zeichen gab.


Vor der Hütte, in der ich lebte, hatte ich aus dicken Stangen ein Kreuz errichtet. Hier verrichtete
ich sehr oft meine Gebete zu Gott. Ich hatte den Wilden empfohlen, das Kreuz nicht
herauszureißen, da ihnen das nur Unglück bringen würde. Aber sie mißachteten meine Warnung.
Als ich einmal mit auf Fischfang war, hatte eine Frau das Kreuz herausgerissen und es ihrem
Mann gegeben. Der sollte ihr auf dem runden Holz die Häuser von Meerschnecken reiben, aus
denen sie eine Art Rosenkranz machen. Das verdroß mich nun sehr. Bald darauf aber fing es an zu
regnen, und der Regen dauerte einige Tage. Da kamen sie in meine Hütte und verlangten, ich solle
mit meinem Gott reden, damit der Regen wieder aufhöre. Wenn es nicht bald aufhörte, so könnten
sie nicht pflanzen, und es sei doch gerade Pflanzzeit. Ich antwortete, es sei ihre eigene Schuld,
denn sie hätten meinen Gott damit erzürnt, daß sie das Holz herausrissen. Bei dem hätte ich
immer zu meinem Gott gesprochen. Da sie dies für die Ursache des Regens hielten, half mir der
Sohn meines Herrn, ein neues Kreuz zu errichten. Das geschah dem Sonnenstand nach gegen ein
Uhr nachmittags. Von der Stunde an, da es aufgerichtet war, wurde das Wetter wieder schön, und
noch am Vormittag war es sehr stürmisch gewesen. Sie waren alle sehr verwundert und glaubten,
mein Gott tue, was ich wünsche.
Wie ich eines Abends mit zwei Wilden auf Fischfang war, und wie Gott bei einem
starken Unwetter ein Wunder an mir vollbrachte.
Ich stand mit Paraguá, einem der vornehmsten Wilden, der den Jeronimo gebraten hatte, und noch
einem anderen beim Fischen. In der Abenddämmerung ging unweit von uns ein starkes Gewitter
mit Donner und Regengüssen nieder. Der Wind trug den Regen zu uns herüber. Da baten mich die
beiden Wilden, ich möge mit meinem Gott reden, damit uns der Regen nicht behindere. Vielleicht
könnten wir dann noch mehr Fische fangen. Ich wüßte ja wohl, daß wir in der Hütte nichts mehr
zu essen hätten. Diese Worte bewegten mich, und ich bat Gott den Herrn aus tiefstem Herzen, er
möge seine Macht an mir beweisen, wie es die Wilden von mir begehrten, damit sie sähen, daß er,
mein Gott, allezeit bei mir sei. Als ich mein Gebet beendet hatte, kam auch schon der Wind mit
dem Regen angebraust. Es regnete bis auf sechs Schritte vor uns, doch da, wo wir uns befanden,
fiel kein Tropfen. Da sagte Paraguá: »Nun sehe ich, daß du mit deinem Gott geredet hast.« Und
wir fingen noch einige Fische.
Als wir zu den Hütten zurückkehrten, erzählten die beiden, wie ich mit meinem Gott geredet und
was sich daraufhin ereignet hätte. Da wunderten sich die anderen Wilden.

Wie sie den anderen der gebratenen Christen, Jeronimo, aßen.


Als Paraguá alles Notwendige beieinander hatte, ließ er die Getränke für das Gelage bereiten, bei
dem das Fleisch des Jeronimo verspeist werden sollte. Während des Festes brachten sie die beiden
Brüder und auch Antonio, den der Sohn meines Herrn gefangen hatte, zu mir herüber; so waren
wir vier Christen beieinander. Wir mußten auch mit ihnen trinken. Doch zuvor sprachen wir unser
Gebet zu Gott, daß er der Seele des Jeronimo gnädig sein möge, so wie auch unseren, wenn
unsere Stunde gekommen sei. Die Wilden schwatzten mit uns und waren fröhlich, aber wir fühlten
uns sehr elend. Am nächsten Morgen, sehr früh, kochten sie das Fleisch wieder auf und aßen es,
In kurzer Zeit hatten sie alles verschlungen. Noch am gleichen Tag führten sie mich fort, um mich
zu verschenken. Als ich von oden beiden Brüdern Abschied nahm, baten sie mich, vor Gott für sie
zu beten. Ich erklärte ihnen noch, wohin sie sich im Gebirge wenden sollten, falls ihnen die Flucht
gelänge. Dort könnten die Wilden sie schlechter aufsparen, riet ich ihnen, da ich im Gebirge etwas
Bescheid wußte. Das haben sie dann auch getan, denn sie konnten sich befreien und fliehen. Ob
man sie wieder einfing, weiß ich nicht.

Wie ich verschenkt wurde.


Die Wilden fuhren mit mir nach Taquaraçú-tiba55, wohin sie mich verschenken wollten. Als wir
bereits ein Stück vom Land entfernt waren, sah ich mich noch einmal nach den Hütten um und
bemerkte, daß eine schwarze Wolke über dem Dorf stand. Ich zeigte sie den Wilden und sagte:
»Mein Gott ist zornig über das Dorf, weil ihr das Christenfleisch gegessen habt.« Nachdem wir
angekommen waren, übergaben sie mich dem Häuptling Abatí-poçanga. Dabei rieten sie ihm, mir
nichts anzutun und solches auch nicht zuzulassen, denn mein Gott sei schrecklich gegen
diejenigen, die mir ein Leid antäten. Dies hätten sie selbst erlebt, als ich noch bei ihnen gewesen
sei. Auch ich ermahnte ihn und sagte: »Bald kommen mein Bruder und andere Verwandte und
Freunde mit einem Schiff voll Waren. Wenn ihr mich gut behandelt, dann will ich euch diese
Waren geben, denn ich weiß ganz sicher, daß mein Gott die Schiffe meines Bruders bald
herbringen wird.« Das gefiel ihnen sehr, und der Häuptling hieß mich seinen Sohn. Ich ging sogar
mit seinen Söhnen auf die Jagd.

55
Bei Rio de Janeiro.
Wie mir die Wilden von Taquaraçú-tiba erzählten, daß das erwähnte französische
Schiff wieder abgefahren sei.
Sie erzählten mir, daß das französische Schiff »Maria Bellete« aus Dieppe, mit dem ich gern
gefahren wäre, bei ihnen Brasilholz, Pfeffer, Baumwolle, Federwerk, Meerkatzen, Papageien und
andere Waren, die sie benötigten, geladen hätten. In Rio de Janeiro hätten die Franzosen ein
portugiesisches Schiff gekapert und einen Portugiesen dem Häuptling Itavú geschenkt, der ihn
gegessen hätte. Auch sei jener Franzose, der den Wilden nach meiner Gefangennahme geraten
hatte, mich aufzuessen, auf diesem Schiff und wollte in seine Heimat zurückkehren. Die »Maria
Bellete« war genau das Schiff, dessen Boot mich, nachdem ich den Wilden entkommen war, nicht
aufnehmen wollte. Sie mußte auf der Heimreise untergegangen sein, denn, als ich mit dem anderen
französischen Schiff heimkam, wußte niemand, wo die »Maria Bellete « geblieben war. Darüber
werde ich noch berichten.

Wie, kurz nachdem ich verschenkt worden war, ein anderes Schiff aus
Frankreich, die »Catherine de Vatteville«, ankam und mich nach Gottes
Vorsehung freikaufte.
Ich war ungefähr 14 Tage in Taquaraçú-tiba bei dem Häuptling Abatí-poçanga, da kamen einige
der Wilden zu mir und sagten, sie hätten schießen hören. Es müßte im Hafen Niterói, auch Rio de
Janeiro genannt, gewesen sein. Als ich sicher wußte, daß ein Schiff angekommen war, sagte ich
ihnen, sie sollten mich zum Hafen bringen, denn vielleicht seien es meine Brüder. Sie waren damit
einverstanden, hielten mich aber dennoch einige Tage zurück.
Inzwischen hatten die Franzosen, die nach Niterói gekommen waren, auch schon erfahren, daß ich
hier unter den Wilden lebte. Deshalb schickte der Kapitän zwei seiner Leute und einige
befreundete Häuptlinge aus dem Orte nach Taquaraçú-tiba. Sie kamen in die Hütte des Häuptlings
Coó-uara-açú, die nahe bei meiner war. Die Wilden brachten mir die Nachricht, daß zwei Leute
von dem Schiff gekommen seien. Darüber freute ich mich sehr und ging gleich zu ihnen. Ich
begrüßte sie in der Sprache der Wilden. Wie sie mich so elend da stehen sahen, hatten sie Mitleid
und gaben mir Teile von ihrer Kleidung. Ich fragte, warum sie hier seien, und sie antworteten, daß
sie meinetwegen gekommen seien. Sie hätten Befehl, mich unter allen Umständen aufs Schiff zu
bringen. Da wurde ich im Herzen froh über die Barmherzigkeit Gottes. Zu dem einen der beiden -
er hieß Perot und verstand die Sprache der Wilden - sagte ich, er solle vorgeben, daß ich sein
Bruder sei und er einige Kisten voll Handelsgüter dabei hätte, damit die Wilden mich zum Schiff
brächten und die Kisten holten. Weiterhin sollte er vorgeben, daß ich unter ihnen bleiben wollte,
um Pfeffer und andere Waren zu sammeln, bis das Schiff nach einem Jahr wiederkäme. Auf diese
Angaben hin brachten sie mich zum Schiff, und mein Herr zog selbst mit. Im Schiff hatten alle
Mitleid mit mir und erwiesen mir viel Gutes.
Nachdem wir schon etwa fünf Tage auf dem Schiff waren, fragte mich der Häuptling Abatí-
poçanga, dem ich geschenkt worden war, wo denn die Kisten seien. Ich sollte sie mir geben
lassen, damit wir bald wieder zurückkehren könnten. Dies teilte ich dem Kapitän mit. Er befahl
mir, den Häuptling hinzuhalten, bis das Schiff voll beladen sei, damit sie sich nicht erzürnten oder
Schwierigkeiten machten, wenn sie bemerkten, daß man mich an Bord behalten wolle, oder sonst
einen Verrat ausübten, denn diesen Leuten war nicht zu trauen. Aber mein Herr, der Häuptling,
wollte mich durchaus wieder mit heimnehmen. Doch es gelang mir, ihn mit guten Worten
hinzuhalten. Ich sagte ihm, er solle nicht so eilen, er wisse doch, daß sich gute Freunde, wenn sie
sich träfen, nicht so schnell wieder trennen wollten. Sobald das Schiff zur Abfahrt bereit sei,
wollten wir wieder in seine Hütte zurückkehren. So hielt ich ihn hin.
Als das Schiff schließlich bereit war, versammelten sich alle Franzosen an Bord, und ich stand bei
ihnen und mein Herr, der Häuptling, mit seinem Gefolge stand auch dabei. Der Kapitän ließ den
Wilden durch einen Dolmetscher sagen, daß es ihm gefiele, daß sie mich nicht getötet hätten,
nachdem sie mich unter ihren Feinden gefangen hätten; weiterhin - um mich leichter von ihnen frei
zu bekommen - er hätte mich deshalb ins Schiff bringen lassen, weil er ihnen dafür, daß sie mich
so gut behandelt hätten, etwas geben wolle. Auch sei es seine Absicht, mir einige Waren zu geben,
denn er wünsche, daß ich unter den Wilden bleibe; ich sei bei ihnen schon bekannt und könne, bis
er wieder komme, Pfeffer und andere Güter, die er benötige, einsammeln. Wir hatten vorher
abgesprochen, daß sich etwa 10 Seeleute, die mir einigermaßen ähnlich sahen, versammeln
würden. Sie sollten vorgeben, sie seien meine Brüder und wollten mich zurückhaben. Dieser
Wunsch wurde den Wilden vorgetragen. Meine Brüder wollten keinesfalls, daß ich wieder mit den
Wilden an Land gehe, sondern ich solle mit ihnen heimkehren, denn unser Vater wünsche mich
noch einmal zu sehen, ehe er sterbe. Der Kapitän dagegen ließ den Wilden sagen, er sei zwar der
Befehlshaber auf dem Schiff und er hätte gerne, daß ich mit ihnen wieder an Land ginge, aber er
sei auch nur ein Mensch und meine Brüder seien viele; er könne ihren Wunsch nicht mißachten.
Dies wurde alles veranstaltet, um mich auf friedliche Weise von den Wilden auszulösen. Und auch
ich sprach zum Häuptling: »Ich würde gern mit euch zurückkehren, aber du siehst ja, daß meine
Brüder es nicht zulassen wollen.« Da fing er auf dem Schiff an zu schreien und sagte, wenn sie
noch unbedingt mitnehmen wollten, dann solle ich wenigstens mit dem nächsten Schiff wieder
kommen, denn er hätte mich wie einen Sohn behandelt und sei sehr zornig über die Leute von
Ubatuba, die mich essen wollten.
Auch eine seiner Frauen, die mit an Bord gekommen war, mußte mich nach ihrer Sitte laut
beklagen, und auch ich klagte, wie es bei ihnen Gewohnheit war. Danach gab der Kapitän dem
Häuptling ein paar Geschenke: Messer, Äxte, Spiegel und Kämme im Gesamtwert von etwa fünf
Dukaten. Damit zogen sie wieder zurück in ihr Dorf.
So half mir der Allmächtige Herr, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, aus der Gewalt der
grausamen Wilden. Ihm sei Lob und Preis und Ehre durch Jesus Christus, seinen lieben Sohn,
unseren Erlöser. Amen.

Wie die Schiffsoffiziere hießen, wo das Schiff her war, was sich vor unserer
Abreise noch ereignete, und wie lange die Heimfahrt nach Frankreich dauerte.
Der Kapitän der »Catherine de Vatteville« hieß Wilhelm de Moner und der Steuermann François
de Schantz. Wir waren gerade dabei, das Schiff für die Heimkehr nach Frankreich auszurüsten,
befanden uns also noch im Hafen (Rio de Janeiro), als sich folgendes ereignete: Eines Morgens
kam ein kleines portugiesisches Schiff und wollte aus dem Hafen auslaufen. Sie hatten mit den
Maracaias, einem befreundeten Stamm von Wilden, gehandelt. Deren Gebiet grenzt direkt an das
der Tupinambás, die ja mit den Franzosen befreundet sind. Beide Stämme sind Todfeinde.
Es war das Schiff, das unterwegs war, um mich bei den Wilden auszulösen, und gehörte dem
Leiter einer Handelsniederlassung, Peter Roesel. Die Franzosen rüsteten ihre Boote mit
Geschützen aus; sie wollten in die Bucht hineinfahren, um die Portugiesen zu kapern. Mich
nahmen sie mit, damit ich den Portugiesen sagte, sie sollten sich ergeben. Aber als wir ihr Schiff
angriffen, schlugen sie uns zurück. Dabei wurden einige Franzosen getötet, einige verwundet.
Auch mich hatte ein Schuß schwer verletzt, viel schwerer als irgendeinen der anderen
Verwundeten, die am Leben geblieben waren. In meiner Todesangst rief ich zu meinem Herrn und
bat den gütigen Vater, nachdem er mich aus der Gewalt der Wilden befreit hatte, mich auch
weiterhin am Leben zu erhalten und in ein christliches Land heimkehren zu lassen. Dort wollte ich
die mir erwiesenen Wohltaten auch anderen Leuten verkünden. Und ich wurde wieder ganz
gesund. Gelobt sei der gütige Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Im Jahre 1554, am 31. Oktober, setzten wir in Rio de Janeiro Segel und nahmen Kurs auf
Frankreich. Auf der Überfahrt hatten wir so guten Wind, daß sich die Seeleute wunderten und
meinten, ein solches Wetter sei bestimmt eine besondere Gabe Gottes, womit sie recht hatten. Der
Herr vollbrachte offensichtlich ein Wunder an uns hier auf dem Meer.
Am Tag vor Weihnachten waren sehr viele Fische um das Schiff herum, die man Schweinsfische56
nennt. Wir fingen so viele davon, daß wir uns einige Tage satt essen konnten. Auch am Tag der
Heiligen Drei Könige bescherte uns Gott so viele Fische, daß wir uns wieder richtig satt essen
konnten. Wir hatten damals keine großen Vorräte und lebten von dem, was uns Gott aus dem
Meer gab. Ungefähr am 20. Februar 1555 erreichten wir das Königreich Frankreich. Wir landeten
in dem kleinen Hafenstädtchen Honfleur57 in der Normandie. Wir hatten auf der ganzen
Heimreise, die vier Monate dauerte, kein Land gesehen. Ich half ihnen beim Entladen des Schiffes
und dankte danach allen für die erwiesenen Wohltaten. Danach begehrte ich vom Kapitän einen
Paß. Er hätte es jedoch viel lieber gesehen, wenn ich noch einmal mit ihm gefahren wäre. Als er
aber sah, daß ich nicht bleiben wollte, besorgte er mir einen Paß vom Herrn Admiral, dem
Oberbefehlshaber in der Normandie58. Dieser ließ mich zu sich kommen, nachdem er von mir
gehört hatte, und gab mir den Paß. Mein Kapitän gab mir noch Zehrgeld, und so verabschiedete
ich mich und zog von Honfleur nach Le Havre und von dort nach Dieppe.

Wie ich in Dieppe in das Haus des Kapitäns der »Bellete« geführt wurde, des
Schiffes, das vor uns aus Brasilien abgesegelt und noch nicht angekommen war.
Dieppe war der Heimathafen der »Marie Bellete«, des Schiffs, auf dem jener Dolmetscher war,
der den Wilden befohlen hatte, mich zu verspeisen und der nach Frankreich hatte zurückkehren
wollen. Es war das gleiche Schiff, dessen Bootsbesatzung mich nach meiner Flucht von den
Wilden nicht hatte aufnehmen wollen. Der Kapitän der »Marie Bellete« hatte, wie mir die Wilden
erzählten, ihnen auch einen Portugiesen zum Essen gegeben. Dies war geschehen, nachdem er,
wie schon berichtet, ein portugiesisches Schiff überfallen hatte.
Dieses Schiff und seine Besatzung waren, als ich nach Dieppe kam, immer noch nicht
heimgekehrt. Wenn man bedenkt, daß die »Catherine de Vatteville« nach ihnen in Rio de Janeiro
ankam und mich noch freikaufte, hätte die »Marie Bellete« schon drei Monate vor uns heimkehren
müssen. Frauen und Verwandte der Besatzung kamen zu mir und fragten mich, ob ich nichts
erfahren hätte. Ich antwortete: »O ja, ich weiß etwas von ihnen. Ein Teil der Besatzung ist ein
gottloser Haufe. Sie mögen sein, wo sie wollen, es ist mir gleichgültig.« Ich erzählte ihnen, daß
einer von ihnen, als er im Land der Wilden gewesen war, diese angewiesen hätte, mich zu essen.
Doch der allmächtige Gott hätte mich behütet. Auch erzählte ich ihnen, wie einige mit dem Boot
zu den Wilden, die mich gefangen hielten, gekommen seien, um Pfeffer und Affen einzutauschen,
und wie sie mich, als ich zum Boot geschwommen war, um den Wilden zu entkommen, nicht
aufgenommen hätten, so daß ich zu den Wilden hätte zurückschwimmen müssen. Das hätte mir
damals viel Kummer und Schmerz bereitet. Auch hätten diese Leute den Wilden einen Portugiesen
ausgeliefert, der gegessen wurde. Außerdem hätten sie auch mit mir keinerlei Erbarmen gehabt.
»Aus all dem erkenne ich«, so fuhr ich fort, »daß es der liebe Gott gut mit mir meinte, und ich
gottlob vor ihnen hier bin, um diese Nachrichten zu überbringen. Sie mögen kommen, wann sie
wollen, aber ich prophezeie euch, daß Gott solche Unbarmherzigkeit und Grausamkeit, wie sie
mir in einem fremden Lande angetan haben, - Gott verzeih es ihnen - nicht ungestraft läßt. Früher
oder später wird sich zeigen, daß Gott den Herrn mein Seufzen erbarmte.« Auch erzählte ich
ihnen, wie gut es denen, die mich den Wilden abgekauft hätten, auf der Heimreise ergangen sei;
was ja auch stimmte: Gott gab uns schönes Wetter und guten Wind und genug Fische aus der
Tiefe des Meeres.
Sie wurden böse und fragten mich, ob ich glaube, daß ihre Angehörigen noch am Leben seien. Um
sie ein wenig zu trösten, sagte ich, daß sie schon noch kommen könnten, obwohl die meisten
Leute, wie auch ich, annehmen müßten, daß sie mit dem Schiff untergegangen seien.
56
Aus der Familie der Drückerfische, die sich in Felsspalten verkriechen.
57
Nahe der Seinemündung. Seefahrer- und Fischerstadt. Hier starteten im 17. Jahrhundert die französischen
Konquistadoren (Champlain, Le Sage) nach Nordamerika.
58
Vermutet wird der Admiral Coligny.
Nach diesen Gesprächen verabschiedete ich mich von ihnen und sagte zum Schluß: »Wenn die
anderen noch kommen, dann richtet ihnen aus, Gott habe mir geholfen; ich sei dagewesen.« Von
Dieppe fuhr ich mit einem Schiff nach London in England. Dort blieb ich einige Tage und fuhr
dann weiter nach Seeland und von dort nach Antwerpen. So hat mir der Allmächtige Gott, dem
nichts unmöglich ist, geholfen, in mein Vaterland zurückzukehren. Ihm sei ewig Lob. Amen.

Mein Gebet zu Gott dem Herrn, als ich in der Gewalt der Wilden war, die mich
essen wollten.
O du Allmächtiger, der du die Erde und den Himmel geschaffen hast; Gott unserer Vorväter
Abraham, Isaak und Jakob, du hast dein Volk Israel so machtvoll aus der Hand ihrer Feinde
befreit und durch das Rote Meer geführt und auch Daniel unter den Löwen beschützt. Dich bitte
ich, du ewiger Herrscher, erlöse mich aus der Hand dieser grausamen Menschen, die dich nicht
kennen, um Jesu Christi, deines lieben Sohnes Willen, der die Gefangenen aus ewiger
Gefangenschaft erlöst hat. Doch Herr, wenn es dein Wille ist, daß ich einen so gewaltsamen Tod
erleiden soll durch diese Menschen, die dich nicht kennen und die sagen, wenn ich ihnen von dir
berichte, du hättest nicht die Macht, mich aus ihren Händen zu befreien, so stärke mich in meiner
letzten Stunde, wenn diese ihren Willen vollbringen, damit ich nicht an deiner Barmherzigkeit
zweifle. Soll ich aber in diesem Elend so viel erleiden, so gib mir nachher Ruhe und behüte mich
im Jenseits vor dem Elend, vor dem alle unsere Vorväter sich entsetzt haben. Doch Herr, du
kannst mich gewiß aus der Gewalt der Wilden befreien. Hilf mir, denn ich weiß, du kannst mir
helfen. Und wenn du mir hilfst, so will ich es keinem Zufall zurechnen, sondern allein deiner
mächtigen Hand. Denn hier kann mir keines Menschen Macht helfen. Wenn du mich aus ihrer
Gewalt befreit hast, will ich deine Wohltat preisen und unter allen Völkern, zu denen ich komme,
bekannt machen. Amen.

Ich kann nicht recht glauben, daß von Herzen könne beten ein Mann,
Es sei denn, daß Leibesgefahr oder anderes großes Leid und Verfolgung ihn treffen an.
Denn wenn der Leichnam kann nach seinem Willen leben,
Will die arme Kreatur allzeit zu ihrem Schöpfer streben.
Mit dem Menschen, dem Gott Hindernis' in den Weg tut,
Meinet er es deshalb wahrhaft herzlich gut.
Daß daran niemand Zweifel habe,
Solches ist eine Gottesgabe.
Ohne Trost, Schutz oder Waffen gefunden wird zu keiner Frist,
Wer mit dem Glauben und Gottes Wort gerüstet ist.
Darum ein jeder gottesfürchtige Mann
Seinen Kindern nichts Besseres lehren kann,
Als daß sie das Wort Gottes recht erfassen,
So können sie sich in Zeiten der Not drauf verlassen.
Darum, lieber Leser, sollst du nicht sinnen,
Ich hätte mir diese Mühe gemacht, um Ruhm zu gewinnen.
Es geschieht dem Allmächtigen Gott zu Lob und Preis,
Der aller Menschen Herzen und Gedanken weiß.
Dem, lieber Leser, befehle ich dich,
Er wolle fortan auch behüten mich.

Ende des ersten Büchleins


Das Wort des Herm bleibt in Ewigkeit.
Teil II

WAHRHAFTIGER KURZER BERICHT aller Gebräuche und Sitten der


Tupinambás, wie ich sie während der Zeit meiner Gefangenschaft bei ihnen
erfahren habe. Sie wohnen in Amerika, und ihr Land liegt auf 24° südlicher Breite
und grenzt an das Mündungsgebiet des Rio de Janeiro59.

Wie man mit dem Schiff von Portugal nach Rio de Janeiro gelangt, das in
Amerika auf dem 24. Grad, ungefähr in Höhe des Wendekreises des Steinbocks
liegt.
Lissabon ist eine Stadt in Portugal und liegt auf dem 39. Grad nördlicher Breite. Will man von
Lissabon aus in die Provinz Rio de Janeiro in Brasilien, das man auch Amerika nennt, reisen, so
segelt man zuerst zu den Kanarischen Inseln. Sie gehören dem König von Spanien, und sechs von
ihnen sollen hier genannt werden: Gran Canaria, Lanzarote, Fuerteventura, Ferro, Palma und
Tenerifa. Von dort fährt man zu einer anderen Inselgruppe, den Kapverdischen Inseln. Der Name
bedeutet »grünes Haupt«. Dieses »grüne Haupt« ist ein Vorgebirge im Mohrenland, auch Guinea
genannt. Die Inseln liegen südlich des Wendekreises des Krebses und gehören dem König von
Portugal. Von dort aus segelt man auf süd-südwestlichem Kurs direkt nach Brasilien. Dabei fährt
man über ein großes und weites Meer und ist oft länger als drei Monate unterwegs, ehe man dort
ankommt. Zuerst überquert man den Wendekreis des Krebses und läßt diesen hinter sich, dann
den Äquator. Wenn man ihn nordwärts zurückläßt, dann kann man den Nordstern (den man auch
Polarstern nennt) nicht mehr sehen. Dann kommt man auf die Höhe des Wendekreises des
Steinbocks, wobei man immer unter der Sonne segelt. Hat man den Wendekreis des Steinbocks
nach Süden hin überschritten, so steht die Sonne im Norden.
Zwischen den beiden Wendekreisen herrscht stets große Hitze. Brasilien aber liegt zum Teil
zwischen diesen Wendekreisen.

Wo das Land Amerika oder Brasilien liegt, das ich teilweise gesehen habe.
Amerika ist ein großes Land, und es leben dort viele Stämme wilder Menschen mit sehr
verschiedenen Sprachen. Auch gibt es viele seltsame Tiere. Es sieht freundlich aus, denn die
Bäume sind das ganze Jahr über grün. Die Holzarten, die es dort gibt, sind mit den unseren nicht
zu vergleichen. Die Menschen gehen alle nackt, denn in dem Teil des Landes, der zwischen den
Wendekreisen liegt, ist es zu keiner Jahreszeit so kalt wie bei uns um Michaeli. Doch der Teil, der
südlich des Wendekreises des Steinbocks liegt, ist etwas kälter. Die Wilden dieses Gebietes heißen
Carijós. Sie benutzen sauber verarbeitete Tierhäute als Kleidung. Die Frauen dieser Wilden stellen
aus Baumwolle Kleidungsstücke her, die wie Säcke oben und unten offen sind und die sie in ihrer
Sprache Tipoí nennen. In dem Land gedeihen sowohl auf Bäumen als auch auf der Erde Früchte,
von denen sich Menschen und Tiere ernähren. Die Einwohner des Landes haben wegen der
starken Sonne eine rotbraune Hautfarbe60. Sie sind ein stolzes Volk, sehr listig und stets bereit,
ihre Feinde zu verfolgen und zu fressen. Amerika dehnt sich sowohl nach Norden als auch nach
Süden einige hundert Meilen weit aus. Ich bin schon 500 Meilen an der Küste entlang gesegelt
und zum Teil auch in vielen Orten des Landes gewesen.

59
Staden nimmt irrtümlich an, die Guanabara-Bucht sei ein Strom.
60
Die Hautfarbe ist eher bronzen. »Rothäute« heißen sie, weil sie sich den Körper mit dem roten Pulver der
Urucurú-Nuß beschmieren, teils um Dämonen abzuwehren, teils als Schutzschicht gegen den Stich der
Anophelesmücke, die die Malaria verbreitet.
Von einem großen Gebirge des Landes.
Es gibt dort ein Gebirge, das bis auf drei Meilen an die Küste heranreicht; stellenweise ist es
weiter entfernt oder reicht noch näher heran61. Es beginnt etwa auf der Höhe der Ortschaft Bahia
de Todos os Santos, einem von den Portugiesen erbauten und bewohnten Ort, und erstreckt sich
insgesamt 204 Meilen an der Küste entlang, bis zum 29. Grad südlicher Breite. Stellenweise ist
das Gebirge acht Meilen breit. Hinter dem Gebirge liegt ebenfalls Land. Im Gebirge entspringen
viele schöne Wasserläufe, und die Gegend ist reich an Wild. In den Bergen wohnen die Guaianas,
ein Stamm von Wilden, die aber keine festen Wohnsitze haben, wie die Wilden, die vor oder
hinter dem Gebirge leben. Die Guaianas sind mit allen anderen Stämmen verfeindet und essen alle,
die sie gefangennehmen. So machen es auch die anderen Stämme. Die Guaianas, die im Gebirge
dem Wild nachziehen, sind mit dem Bogen sehr geschickte Jäger und zeigen auch mit anderen
Dingen wie Schlingen und Fallen ihr Geschick bei der Jagd.
Im Gebirge gibt es auch viel wilden Honig, den sie essen. Sie können im allgemeinen die Stimmen
der Tiere und Vögel nachahmen, um sie so besser beschleichen und erlegen zu können.
Zum Feuermachen benützen sie, wie die anderen Wilden auch, zwei Holzstäbe, und gewöhnlich
braten sie das Fleisch, das sie essen. Sie ziehen mit Frauen und Kindern umher.
Wenn sie in der Nähe von feindlichem Gebiet ihr Lager aufschlagen, so machen sie aus geknickten
Hecken um ihre Hütten einen dichten Astverhau, um sich vor Überfällen und wilden Tieren, etwa
dem Tiger62, zu schützen. Sie stecken auch um ihre Hütten herum scharfe Dornen, Maraca-iba
genannt, in den Boden, so wie man bei uns etwa Fußangeln auslegt. Dies tun sie aus Furcht vor
ihren Feinden. Die ganze Nacht über lassen sie das Feuer brennen, aber bei Tagesanbruch löschen
sie es, damit man nicht den Rauch sieht und ihnen nachspürt.
Sie lassen die Haare und auch die Fingernägel lang wachsen. Ansonsten verehren sie, wie die
übrigen Wildenstämme auch, die Maracá genannten Rasseln63 als Götter und haben ihre Getränke
und Tänze. Zum Schneiden verwenden sie Tierzähne, zum Hacken Steinkeile, genau wie die
anderen Stämme, bevor sie anfingen, mit den Schiffen64 Handel zu treiben.
Die Guaianas gehen auch oft auf Kriegszug. Um ihre Feinde zu fangen, verstecken sie sich hinter
dürrem Gehölz in der Nähe der feindlichen Hütten. Wenn nur einige von denen herauskommen,
um Holz zu suchen, überfallen sie sie.
Auch gehen sie mit ihren Feinden viel grausamer um als diese mit ihnen. So schneiden sie ihnen
oft voller Haß bei lebendigem Leib Arme und Beine ab. Die anderen Wilden schlagen ihre
Gefangenen erst tot, ehe sie sie zerschneiden und essen.

Wie die Tupinambás, deren Gefangener ich war, ihre Wohnungen bauen.
Die Tupinambás wohnen vor dem oben erwähnten großen Gebirge dicht am Meer; aber auch
dahinter erstrecken sich ihre Wohngebiete noch etwa 60 Meilen. Am Paraíba, einem Fluß, der aus
den Bergen kommt und ins Meer fließt, haben sie ihre Wohnsitze, und an der Küste besiedeln sie
einen etwa 28 Meilen langen Streifen. Von allen Seiten werden sie von Feinden bedrängt. Im
Norden grenzt ihr Gebiet an das der feindlichen Guaiatacas; ihre Feinde im Süden sind die
Tupiniquins und landeinwärts die Carajás65. Ganz in ihrer Nähe leben die Guaianas im Gebirge,
und dazwischen wohnt noch ein anderer Stamm, die Maracaias, von dem sie arg verfolgt werden.
Alle genannten Stämme führen untereinander Krieg, und alle essen ihre gefangenen Feinde.
Ihre Hütten errichten die Tupinambás gerne an Stellen, in deren Nähe sie Wasser und Holz haben,
aber auch Fische, Wild und dergleichen. Ist ein Siedlungsgebiet erschöpft, so verlegen sie ihre
61
Serra do mar (Meergebirge) und Serra Paratí.
62
Gemeint ist der Jaguar. Tiger gibt es in Südamerika nicht.
63
Siehe Anm. 40.
64
Gemeint sind die Karavellen der Europäer.
65
Sie leben heute noch auf Bananál, einer Strominsel des in den Amazonas mündenden Rio Araguaya. Sie fertigen
hübsche Tonfiguren.
Wohnsitze an andere Orte. Sollen Hütten errichtet werden, so versammelt ein Häuptling eine
Gruppe von etwa 40 Männern und Frauen, so viel er eben zusammenbekommen kann. Es sind
gewöhnlich Freunde und Verwandte. Sie erbauen nun eine Hütte, die - je nachdem wie groß die
Gruppe ist - ungefähr 14 Fuß breit und bis zu 150 Fuß lang ist. Die Hütte ist etwa zwei Klafter
hoch und oben rund wie ein Kellergewölbe. Sie decken sie zum Schutz vor Regen dick mit
Palmzweigen. Die Hütte hat nur einen großen Innenraum, keiner hat einen besonders abgeteilten
Raum. Jede Partei, Mann und Frau, hat auf einer Längsseite der Hütte einen Platz von etwa 12
Fuß Länge, auf der gegenüberliegenden Längsseite hat eine andere Partei ihren Platz. So werden
ihre Hütten voll, und jede Familie hat ihr eigenes Feuer. Der Häuptling der Hütte hat seinen Platz
in der Mitte. Die Hütte hat gewöhnlich drei kleine Eingänge, an jedem Ende und in der Mitte
einen. Die Eingänge sind so niedrig, daß man sich beim Aus- und Eingehen bücken muß. Die
Dörfer haben selten mehr als sieben Hütten. Zwischen den Hütten lassen sie einen Platz frei, auf
dem sie ihre gefangenen Feinde erschlagen. Die Dörfer sind oft folgendermaßen befestigt: Um die
Hütten herum wird ein Zaun aus gespaltenen Palmenstämmen errichtet, der etwa 1½ Klafter hoch
und so dicht ist, daß möglichst keine Pfeile hindurchdringen. Es sind kleine Schießscharten
eingelassen, durch die sie ihre Pfeile abschießen. Um diesen Zaun herum errichten sie einen
weiteren aus langen, dicken Knüppeln. Diese setzen sie aber nicht ganz dicht aneinander, sondern
gerade so, daß ein Mensch nicht mehr hindurchkriechen kann. Bei einigen Wilden ist es auch
Sitte, die Köpfe der verspeisten Feinde auf Pfählen vor dem Eingang zu den Hütten aufzustellen.

Wie sie Feuer machen.


Sie haben eine bestimmte Art Holz, Uraçú-Iba genannt, das sie trocknen. Davon nehmen sie zwei
fingerdicke Stöckchen und reiben sie aneinader. Dabei entsteht feiner Holzstaub, der durch die
beim Reiben entstehende Hitze entzündet wird. So machen sie Feuer.
Auch durch Quirlen eines Holzstabes in einem Aststück entzünden die Indios Feuer.

Worin sie schlafen.


Sie schlafen in Hängematten, in ihrer Sprache Ini genannt. Diese sind aus Baumwollgarn geknüpft
und werden über dem Erdboden an zwei Pfählen festgebunden. Bei Nacht haben sie stets Feuer
bei sich. Selbst um ihre Notdurft zu verrichten, gehen sie nachts nur ungern ohne Feuer aus der
Hütte, so sehr fürchten sie sich vor dem Teufel, der bei ihnen Anhanga heißt und den sie oft zu
sehen glauben.
Die von den Indianern erfundene Hängematte wird im brasilianischen Innern als Schlafstätte heute
noch gerne benützt.

Wie geschickt sie wilde Tiere und Fische mit Pfeilen schießen.
Wo sie auch hingehen, ob in den Wald oder ans Wasser, stets haben sie ihren Bogen und Pfeile
dabei. Wenn sie im Wald unterwegs sind, haben sie den Blick aufmerksam nach oben in die
Baumkronen gerichtet und blicken hin und her. Haben sie einen größeren Vogel, Meerkatzen oder
anderes Getier, das sich auf Bäumen aufhält, entdeckt, so schleichen sie heran und versuchen, sie
zu schießen. Sie verfolgen ihre Beute, bis sie erlegt ist. Es passiert selten, daß einer auf die Jagd
geht und ohne Beute heimkommt.
Ebenso ziehen sie ganz nahe am Meeresstrand den Fischen nach. Sie haben ein scharfes Auge, und
wenn irgendwo ein Fisch an die Wasseroberfläche kommt, dann schießen sie danach66, und nur
wenige Schüsse gehen fehl. Haben sie einen Fisch getroffen, springen sie ins Wasser und
schwimmen ihm nach. Einige größere Fische legen sich, wenn sie den Pfeil in sich spüren, auf den
Grund. Diesen tauchen die Jäger bis in eine Tiefe von etwa sechs Klaftern nach und holen sie
herauf. Sie benutzen auch kleine Netze. Das Garn, aus dem sie diese knüpfen, gewinnen sie aus

66
Siehe Anm. 38.
spitzen, langen Blättern, die sie Tucum67 nennen. Wollen sie mit den Netzen fischen, so tun sich
mehrere zusammen und stellen sich im flachen Wasser in einem Kreis auf. Jeder erhält einen
Abschnitt, dann schlagen sie auf das Wasser. Die Fische flüchten ins Tiefe und gehen ihnen dabei
ins Garn. Wer viele Fische fängt, gibt den anderen einen Teil ab.
Große Fische werden bis in unsere Tage von Eingeborenen mit Pfeil und Bogen erlegt.
Leute, die weit vom Meer entfernt wohnen, kommen oft herbei und fangen viele Fische, dörren sie
über dem Feuer und zerstoßen sie zu Mehl. Das Mehl trocknen sie so gut, daß es lange Zeit
haltbar bleibt. Sie nehmen es dann mit heim und essen es zusammen mit Maniokmehl. Würden sie
die Fische nur gebraten mit nach Hause nehmen, wären sie nicht so lange haltbar, denn sie salzen
sie nicht. Auch geht mehr Fischmehl in ein Gefäß als ganze gebratene Fische.

Welche Gestalt die Leute haben.


Sie sind ein Volk, bei dem Männer und Frauen an Körper und Gestalt so schön sind wie die
Menschen hierzulande; nur sind sie von der Sonne braun gebrannt, denn sie gehen alle nackt68 -
jung wie alt - und haben nicht einmal die Scham bedeckt. Sie entstellen sich durch Bemalen, haben
auch keine Bärte, da sie die Barthaare mit der Wurzel ausreißen, sobald sie nachwachsen. Sie
durchbohren ihre Lippen und Ohren und stecken Steine durch die Löcher: das ist ihr Schmuck.
Außerdem behängen sie sich mit Federn69.

Womit sie in den Gegenden hacken und schneiden, in denen sie von den
Christen keine Äxte, Messer und Scheren eintauschen können.
Früher, bevor die Handelsschiffe ins Land kamen, benutzten die Wilden einen schwarzblauen
Stein, wie sie es auch heute noch an Orten, die von den Schiffen nicht erreicht werden, tun.
Daraus formen sie Keile und schärfen die breiteste Kante. Diese Keile sind etwa eine Spanne lang,
zwei Finger dick und so breit wie eine Hand. Manche sind größer, manche kleiner. Danach
nehmen sie einen dünnen Stock, biegen ihn oben um den Keil und binden ihn dann mit Bast
zusammen.
Dieselbe Form haben auch die eisernen Keile, die ihnen die Christen mancherorts geben. Nur
machen sie den Stiel auf andere Weise: sie bohren nämlich ein Loch hindurch und stecken die
Keile da hinein. Das ist dann ihr Beil, mit dem sie hacken.
Sie nehmen auch Wildschweinzähne, wetzen sie in der Mitte, bis sie scharf werden, und binden sie
zwischen zwei Stöckchen. Damit schaben sie dann ihre Pfeile und Bogen, so daß sie rund werden,
als ob sie gedrechselt wären. Außerdem benutzen sie Zähne von einem Tier, das Paca70 heißt. Die
schärfen sie vorne, und wenn sie eine Krankheit haben, die vom Blut kommt, kratzen sie an der
Stelle, die schmerzt, bis es blutet. Das ist ihre Art zu schröpfen.

Was die Wilden als Brot essen, wie ihre Früchte heißen, wie sie sie pflanzen und
zubereiten.
An den Plätzen, an denen sie Pflanzungen anlegen wollen, hauen sie Bäume um und lassen diese
etwa drei Monate trocknen. Dann legen sie Feuer daran und verbrennen sie. Zwischen die
Baumstümpfe pflanzen sie dann die Wurzelpflanze, die ihnen als Nahrung dient. Sie heißt Maniok
und ist ein Busch, der etwa einen Klafter hoch wird und drei Wurzeln ausbildet. Wollen sie die

67
Palmenart, von dem Botaniker Martius (1794 bis 1868) Bactris genannt. Siegfried Decker schreibt in seinem
Werk »Lebensbilder aus der Flora Brasiliens« darüber: »Die Blätter laufen in lange, mit rückwärts gerichteten
Dornen besetzte Geißeln aus, durch die sich die schwanken Stämmchen im Geäst verankern; sie werden zu allerlei
Flechtwerk verwendet«.
68
Das berichtete schon Kolumbus, wobei er seiner Monarchin Isabella von Kastilien versicherte, daß die
Naturkinder trotz ihrer Nacktheit »von tadellosen Sitten« seien.
69
Vor allem Federn des Pfefferfressers (Tucano), der durch seinen langen Schnabel auffällt.
70
Nager des dichten Waldes. Lebt in der Nähe von Gewässer und frißt auch Wasserpflanzen.
Wurzeln ernten, dann reißen sie den Busch aus und brechen die Wurzeln ab. Von der Pflanze
nehmen sie Zweige und stecken sie wieder in die Erde. Die bekommen neue Wurzeln, und
innerhalb von vier Monaten sind sie so groß, daß man sie wieder ernten kann. Die Wurzeln
werden auf dreierlei Weise verarbeitet.
Erstens: Sie zerreiben die Wurzeln auf einem Stein zu kleinen Krümeln. Daraus pressen sie mit
einem sogenannten Tipiti, das aus den Schalen von Palmzweigen gefertigt ist, den Saft heraus.
Dadurch wird die Masse trocken. Sie drücken sie dann nochmals durch ein Sieb und backen aus
dem Mehl dünne Kuchen. Das Gefäß, in dem sie ihr Mehl trocknen und backen, ist aus Ton und
hat die Form einer großen Schüssel.
Zweitens: Sie nehmen die frischen Wurzeln, legen sie in Wasser, lassen sie darin gären und
trocknen sie dann über dem Feuer. Diese getrockneten Wurzeln heißen Carima und sind sehr
haltbar. Zur Verwendung wird die Carima in einem Holzmörser zerstoßen. Dabei entsteht ein
weißes Mehl ähnlich unserem Weizenmehl. Daraus backen sie Kuchen, die Beijú heißen.
Drittens: Sie nehmen vergorenen Maniok, trocknen ihn aber nicht, sondern vermischen ihn mit
getrocknetem und grünem Maniok. Durch Dörren machen sie daraus ein Mehl, daß ein gutes Jahr
haltbar bleibt. Es ist ebenso gut zu essen und heißt Uiatan.
Sie verarbeiten in ähnlicher Weise auch Fisch und Fleisch zu Mehl, indem sie den Fisch oder das
Fleisch über dem Feuer im Rauch braten und es dabei ganz dürr werden lassen. Dann zerkleinern
sie es und dörren es noch einmal über dem Feuer, und zwar in sogenannten Inhepoaçú, eigens
dafür gebrannten Tongefäßen. Zum Schluß wird das Gedörrte in einem Holzmörser ganz fein
zerstoßen und gesiebt. So entsteht ein lagerfähiges Mehl. Es ist bei ihnen nämlich nicht üblich,
Fisch und Fleisch einzusalzen. Dieses Mehl essen sie dann zum Maniokmehl, und es ist recht
schmackhaft.

Wie sie ihre Speisen kochen.


Unter den wilden Völkern gibt es viele Stämme, die kein Salz essen. Unter denjenigen, bei denen
ich als Gefangener war, sind einige, denen Salz vom Handel mit den Franzosen bekannt ist. Sie
berichteten mir aber, daß der Stamm der Carajás, dessen Gebiet vom Meer aus landeinwärts liegt
und an das ihre stößt, aus Palmen Salz gewinnt und dies ißt. Wer jedoch daran gewöhnt sei, viel
davon zu essen, der lebe nicht lange. Ich selbst habe gesehen, auf welche Weise sie es gewinnen
und dabei sogar mitgeholfen. Sie fällen dazu eine dicke Palme und zerkleinern das Holz in kleine
Spreißel. Dann errichten sie ein Gestell aus trockenem Holz, legen die Spreißel darauf und
verbrennen sie mit dem dürren Holz zu Asche. Diese wird ausgekocht und die entstehende Lauge
eingedampft. Dabei scheidet sich etwas ab, das wie Salz aussieht. Ich meinte zuerst, es sei
Salpeter und probierte es im Feuer aus, aber es war keiner. Es ist grau und schmeckt wie Salz.
Die meisten Wilden essen jedoch kein Salz. Wenn sie etwas kochen, sei es nun Fisch oder Fleisch,
dann fügen sie meist grünen Pfeffer hinzu. Ist es dann fast gar gekocht, holen sie es aus der Brühe
und machen einen dünnen Brei daraus. Der heißt Mingaú, sie trinken ihn aus Kürbisgefäßen.
Wollen sie aus Fisch oder Fleisch eine Speise bereiten, die einige Zeit haltbar sein soll, so legen sie
das Fleisch etwa vier Spannen über dem Feuer auf kleine Hölzer, machen ein kräftiges Feuer
darunter und braten und räuchern das Fleisch, bis es ganz trocken wird. Wollen sie davon essen,
so kochen sie es wieder auf. Diese Speise heißt Moquém.

Welche Regierung und Obrigkeit sie haben, und was bei ihnen Recht und
Ordnung heißt.
Sie haben kein besonderes Recht und auch keine eigene Regierung. Jede Hütte hat einen
Häuptling, und der ist sozusagen ihr König. Alle Häuptlinge sind gleicher Abstammung, und
haben die gleiche Befehls- und Regierungsgewalt - egal, wie man es nennen will. Einer, der sich
vor den andern durch Kriegstaten besonders hervorgetan hat, findet, wenn sie auf Kriegspfad
gehen, mehr Gehör als die anderen, wie z. B. der schon erwähnte Häuptling Cunhambebe. Ich
habe von keinen besonderen Vorrechten unter ihnen gehört, außer daß die Jüngeren den Alten
gehorchen, wie es ihrer Sitte entspricht.
Wenn einer einen anderen erschlägt oder erschießt, so sind die Verwandten bereit, ihn auch zu
töten. Doch kommt dies selten vor. Alle in der Hütte gehorchen dem Häuptling, und was dieser
befiehlt, tun sie ohne Zwang und Furcht, allein aus gutem Willen.

Wie sie die Gefäße und Töpfe, die sie benützen, brennen.
Die Gefäße, die sie benützen, werden von den Frauen folgendermaßen hergestellt: Sie nehmen
Ton und kneten ihn wie einen Teig. Daraus formen sie die gewünschten Gefäße, lassen sie einige
Zeit trocknen und bemalen sie kunstvoll. Sollen die Gefäße gebrannt werden, so stülpen sie sie auf
Steine, legen viele trockene Baumrinden darum und zünden sie an. So werden die Gefäße
gebrannt, daß sie glühen wie heißes Eisen.

Über ihre Trinksitten, und wie sie ihre berauschenden Getränke zubereiten.
Die Frauen machen die Getränke. Sie nehmen Maniokwurzeln und sieden große Töpfe voll davon.
Wenn die Wurzeln gar sind, werden sie herausgenommen und in andere Gefäße umgegossen, um
ein wenig abzukühlen. Dann setzen sich junge Frauen dazu, kauen den Maniok und geben das
Durchgekaute in besondere Gefäße.
Sind alle gekochten Wurzeln gekaut, kommt alles wieder in einen Topf. Den füllen sie mit Wasser,
das mit dem Wurzelbrei vermischt wird. Das Ganze wird nochmals erwärmt.
Sie haben nun besondere Gefäße, die zur Hälfte in die Erde eingegraben sind und dem gleichen
Zweck dienen wie hier die Fässer für Wein und Bier. In diese füllen sie alles und verschließen sie
gut. Das Getränk beginnt von selbst zu gären und wird stark. Es bleibt zwei Tage lang stehen,
dann trinken sie es und werden davon berauscht. Der Trank ist dickflüssig und auch nahrhaft.
Jede Hütte bereitet ihren eigenen Trank. Soll in einem Dorf ein Fest gefeiert werden - gewöhnlich
einmal im Monat - dann ziehen alle erst in eine Hütte und trinken da alle Getränke. Und so geht es
reihum weiter, bis alle Getränke in allen Hütten ausgetrunken sind.
Sie setzen sich dabei um die Töpfe herum, einige auf Feuerholz, andere auf den Boden. Die
Frauen reichen ihnen die Getränke, wie es sich bei ihnen gehört. Einige stehen auf und singen und
tanzen um die Gefäße herum. An dem Platz, an dem sie trinken, schlagen sie auch ihr Wasser ab.
Das Gelage dauert die ganze Nacht. Dabei tanzen sie zwischen den Feuern, rufen und blasen auf
ihren Instrumenten. Wenn sie betrunken werden, machen sie ein fürchterliches Geschrei. Dabei
beobachtet man selten, daß sie in Streit geraten. Sie sind sehr hilfsbereit untereinander, und wenn
der eine mehr zu essen hat als der andere, gibt er ihm etwas ab.

Wie sich die Männer schmücken und bemalen, und was sie für Namen haben.
Sie scheren sich den Kopf kahl und lassen, ähnlich einem Mönch, nur einen Haarkranz stehen. Ich
habe sie oft gefragt, wie sie auf diese Haartracht gekommen seien, und sie erzählten, daß ihre
Vorväter sie an einem Manne namens Meire Humane gesehen hätten, der unter ihnen viele
Wunder vollbracht habe. Man hielt ihn für einen Propheten oder Apostel.
Ich fragte sie weiter, womit sie sich denn die Haare abgeschnitten hätten, bevor die Schiffe mit
Scheren kamen. Sie erklärten mir, daß sie dazu zwei Steinkeile benutzt hätten und mit dem einen
auf dem anderen die Haare abgeschlagen hätten. Die mittlere Stelle scheren sie mit dem Splitter
eines geeigneten Gesteins. Diese Schaber werden sehr viel zum Scheren verwendet. Außerdem
stellen sie aus roten Federn einen Schmuck her, den sie um den Kopf binden und der Acangatara
heißt.
In der Unterlippe haben sie ein großes Loch, und zwar von Jugend auf. Wenn sie noch jung sind,
durchstechen sie die Unterlippe mit einem spitzen Hirschhorn, stecken durch das Loch ein
Steinchen oder Holzstückchen und schmieren es mit einer ihrer Salben aus. Das kleine Loch bleibt
dadurch offen. Wenn sie dann größer und schließlich mannhaft werden, wird die Öffnung größer
gemacht, und der junge Mann steckt einen großen grünen Stein hindurch. Das schmale obere
Ende des besonders geformten Steins kommt nach innen, das dicke nach außen. Sein Gewicht
zieht die Unterlippe stets nach unten. Sie tragen auch noch zu beiden Seiten des Mundes zwei
durch die Backen gesteckte kleinere Steine.
Einige haben auch Kristalle statt der Steine. Diese sind lang und schmal. Ein weiteres
Schmuckstück stellen sie aus den Gehäusen von großen Meerschnecken, den Matapús, her. Es
heißt Bojecí, ist halbmondförmig, schneeweiß und wird um den Hals getragen.
Aus dem Gehäuse von Meerschnecken machen sie auch weiße Scheibchen, etwa so dick wie ein
Strohhalm, die sie um den Hals hängen. Ihre Herstellung ist sehr mühsam.
Sie schmücken sich auch mit Federbüschen, die sie an die Arme binden, und bemalen sich
schwarz. Rote und weiße Federn kleben sie sich bunt gemischt auf den Leib.
Den Klebstoff dazu gewinnen sie aus Bäumen71. Sie streichen ihn auf die Stellen, die sie befiedern
wollen. Darauf drücken sie dann die Federn. Oft bemalen sie sich einen Arm schwarz und den
anderen rot und in gleicher Weise die Beine und den Körper.
Einen anderen Schmuck stellen sie aus Straußenfedern her. Es ist ein großes rundes Ding aus
Federn und heißt Enduape. Wenn sie in den Krieg ziehen oder ein großes Fest machen, binden sie
es sich auf den Hintern.
Ihre Namen wählen sie nach den wilden Tieren. Sie geben sich viele Namen, aber mit bestimmten
Unterschieden: Bei der Geburt erhalten die Kinder einen Namen, den sie nur behalten, bis sie
wehrhaft werden und Feinde töten können. Dann erhält jeder so viele Namen, wie er Feinde
getötet hat.

Womit sich die Frauen schmücken.


Die Frauen bemalen sich die untere Gesichtshälfte und den ganzen übrigen Leib in der gleichen
Weise, wie bei den Männern schon beschrieben wurde. Sie lassen sich jedoch, wie andere Frauen
auch, die Haare lang wachsen. Sie haben weiter keinen besonderen Schmuck; nur in den Ohren
haben sie Löcher für eine Art Ohrgehänge, den Nambipais. Diese sind ungefähr eine Spanne lang,
rund und etwa daumendick und werden aus Meerschnecken, Matapús genannt, hergestellt.
Sie haben von Jugend auf nur einen Namen und den nehmen sie von Vögeln, Fischen und
Baumfrüchten. Sind sie verheiratet, so geben sie sich ebensoviele Namen, wie ihre Männer Feinde
getötet haben.
Wenn sie sich lausen, dann essen sie die Läuse. Ich habe sie oft gefragt, warum sie das tun, und
sie antworteten mir, daß die Läuse ihre Feinde seien, die ihnen etwas vom Kopfe fräßen und sie
sich so an ihnen rächen wollten.
Es gibt bei diesen Wilden keine besonderen Hebammen. Wenn eine Frau niederkommen soll, so
läuft hinzu, wer am nächsten ist, Frauen und Männer. Ich habe Frauen gesehen, die schon am
vierten Tag nach der Entbindung wieder herumgingen.
Ihre Kinder tragen sie in baumwollenen Tragebändern auf dem Rücken. So nehmen sie sie mit zur
Arbeit 72, und die Kinder sind zufrieden und schlafen, so sehr sich die Mütter mit ihnen auch
bücken und sich bewegen.

Wie die Kinder ihren ersten Namen bekommen.


Die Frau eines der Wilden, der bei meiner Gefangennahme dabei war, hatte einen Sohn geboren.
Einige Tage darauf beriet sich der Vater mit seinen nächsten Nachbarn in der Hütte, was für einen
Namen er dem Kind geben sollte, der tapfer und schrecklich klinge. Sie schlugen ihm viele Namen
vor, die ihm alle nicht behagten, und so meinte er, er wolle ihm den Namen eines der vier
Vorväter geben. Kinder, die solche Namen trügen, würden gut gedeihen und wären sehr

71
Harz
72
Auch bei den Indios der Kordilleren im Bereich des ehemaligen Inka-Imperiums heute noch üblich.
erfolgreich beim Sklavenfangen, sagte er und nannte die vier Namen. Der erste hieß Kirima, der
zweite Eiramita, der dritte Coema, den Namen des vierten habe ich nicht behalten. Als er Coema
sagte, dachte ich, das könnte Cham oder Ham sein, aber Coema heißt bei ihnen der Morgen. Ich
riet ihm, seinem Sohn diesen Namen zu geben, denn das sei bestimmt einer seiner Vorväter
gewesen. Das Kind erhielt einen der vier Namen. Die Namensgebung geht ohne Taufe oder
Beschneidung vor sich.

Wieviele Frauen ein Mann hat und wie er sich zu ihnen verhält.
Der größte Teil der Männer hat nur eine Frau, einige auch mehr. Manche Häuptlinge jedoch
haben dreizehn bis vierzehn Frauen. Der Häuptling Abatí-poçanga, dem ich zum Schluß geschenkt
wurde und von dem mich die Franzosen freikauften, hatte viele Frauen. Seine erste Frau hatte
unter ihnen das höchste Ansehen. Jede hatte ihren eigenen Platz in der Hütte mit ihrem eigenen
Feuer und ihren eigenen Maniokpflanzen. Mit welcher er gerade zusammen war, an deren Platz
hielt er sich auf, und sie gab ihm zu essen. So ging das reihum. Die Knaben unter ihren Kindern
ziehen auf die Jagd. Alles was sie erbeuten, bringen sie ihrer Mutter, die es kocht und mit den
anderen Frauen teilt. Die Frauen vertragen sich recht gut untereinander. Es ist auch üblich, daß ein
Mann seine Frau, wenn er ihrer überdrüssig ist, einem anderen schenkt. Ebenso schenken sie
einander oft ihre Töchter oder Schwestern.

Wie sie sich verloben.


Sie verloben ihre Töchter schon sehr jung. Kommen diese dann ins mannbare Alter, schneiden sie
ihnen das Kopfhaar ab, machen ihnen besondere Schnitte auf den Rücken und binden ihnen einige
Raubtierzähne um den Hals. Wenn das Haar wieder gewachsen ist und die Wunden verheilt sind,
so kann man die Formen der Schnitte immer noch erkennen, denn sie geben etwas in die frische
Wunde, so daß sie schwarz bleibt, wenn sie verheilt. Diese Zeichen halten sie für eine Ehre.
Ist diese Zeremonie beendet, übergeben sie die Mädchen dem, der sie zur Frau haben soll, ohne
weitere Festlichkeiten. Mann und Frau verhalten sich sittsam und machen ihre Sache heimlich.
Ich habe auch beobachtet, wie einer ihrer Häuptlinge morgens durch alle Hütten ging und die
Kinder mit einem Fischzahn in die Beine kratzte. Dadurch sollen sie furchtsam werden. Sind sie
nämlich einmal ungehorsam, so drohen ihnen die Eltern, jener Mann würde wiederkommen, wenn
sie nicht brav seien.

Ihr Hab und Gut.


Sie kennen keinen Handel und auch kein Geld. Ihre einzigen Schätze sind Vogelfedern, und
derjenige, der viele hat, gilt als reich. Sehr angesehen ist auch jemand, der einen Stein in der
Unterlippe hat. Jede Familie hat ihre eigenen Maniokpflanzen, von denen sie lebt.

Was ihre größte Ehre ist.


Als Ehre gilt bei ihnen, viele Feinde gefangen und getötet zu haben, denn das ist bei ihnen Sitte.
Soviele Feinde ein Mann getötet hat, so viele Namen gibt er sich. Diejenigen mit den meisten
Namen gelten bei ihnen als die vornehmsten.

Von ihrem Glauben.


Die Wilden glauben an ein Kürbisgewächs, das etwa die Größe eines mittleren Topfes hat und
innen hohl ist. Sie stecken ein Stöckchen hindurch, schneiden eine mundähnliche Öffnung hinein
und füllen es mit Steinchen, so daß es rasselt. Dieses Ding nennen sie Maracá, und wenn sie
singen und tanzen, dann rasseln sie damit 73. Jeder Mann hat seinen eigenen Maracá.

73
Siehe Anm. 40.
Unter ihnen gibt es einige Männer, die sie Pajé nennen. Diese sind unter ihnen sehr geachtet, wie
man hier etwa die Wahrsager achtet. Sie ziehen einmal im Jahr durch das ganze Land und
erzählen, ihnen sei ein Geist erschienen, der von weit entfernten Plätzen gekommen sei. Der hätte
ihnen die Macht gegeben, alle Maracás sprechen zu lassen und ihnen Macht zu verleihen, wenn sie
es wollten. Man müsse sie nur darum bitten. Jeder will natürlich, daß seine Rassel die Macht
bekommt, und sie veranstalten ein großes Fest, bei dem gesungen und getanzt wird. Die Pajé
sagen die Zukunft voraus und vollziehen viele seltsame Zeremonien. Nach dem Fest bestimmen
die Wahrsager einen Tag und eine Hütte, die geräumt werden muß. Es dürfen keine Frauen und
Kinder darin bleiben. Dorthin, so befehlen sie, soll jeder Mann mit seiner Maracá kommen, wenn
er sie rot angemalt und mit Federn geschmückt hat. Dann sollen die Rasseln die Macht zu
sprechen erhalten. Wenn sich die Männer in der Hütte versammelt haben, setzen sich die
Wahrsager ans obere Ende und stecken ihre Maracás neben sich in die Erde. Die anderen Männer
tun es ihnen gleich. Jeder gibt den Pajés Geschenke, z. B. Pfeil und Bogen, Federn oder
Ohrgehänge, damit seine Maracá ja nicht vergessen werde. Sind sie alle beisammen, so nimmt der
Wahrsager die Maracá jedes einzelnen und beräuchert sie mit einem Kraut, das sie Pitim74 nennen.
Dann hält er sie ganz dicht vor seinen Mund und sagt: »Ne cora - nun sprich und laß dich hören,
wenn du darin bist.« Danach spricht er mit hoher Stimme ein Wort so schnell, daß man nicht
unterscheiden kann, ob die Rassel oder ob er spricht. Die Leute glauben, es sei die Rassel, doch in
Wirklichkeit ist es der Pajé75. So macht er es mit allen anderen Rasseln auch, und jeder meint,
seine Maracá habe große Macht. Zum Schluß gebieten ihnen die Wahrsager, sie sollen in den
Krieg ziehen und Gefangene machen, denn die Geister in den Maracás gelüste es, Sklavenfleisch
zu essen. Daraufhin ziehen sie in den Krieg.
Hat nun der Pajé aus allen Rasseln Götter gemacht, nimmt jeder Mann seine Rassel wieder, nennt
sie »lieber Sohn«, macht ihr sogar eine eigene kleine Hütte, in der sie steht, und setzt ihr Essen
vor. Von ihr erbittet er sich alles, was er braucht, so wie wir den wahrhaftigen Gott anflehen. Das
sind also ihre Götter.
Um den wahrhaftigen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, kümmern sie sich nicht, da sie
nach ihrer Überlieferung glauben, Himmel und Erde bestanden schon seit jeher. Sie wissen auch
nichts Besonderes vom Anfang der Welt.
Sie erzählen aber, daß es einmal eine große Überschwemmung gegeben habe, in der alle ihre
Vorväter ertrunken seien; nur wenige hätten in einem Boot überlebt, manche auch auf hohen
Bäumen. Ich glaube, sie meinen damit die Sintflut76.
Am Anfang, als ich zu ihnen kam und sie mir von den Maracás erzählten, glaubte ich, es handle
sich um ein Teufelsgespinst, denn oft behaupteten sie, die Rasseln könnten sprechen. Wie ich aber
in die Hütte kam, als die Wahrsager da waren, die die Rasseln zum Sprechen bringen sollten, sich
alle niedersetzen mußten und ich den Betrug erkannte, da ging ich zur Hütte hinaus und dachte
bei mir: Was für ein armes, verblendetes Volk ist das doch.

Wie sie aus Frauen Wahrsagerinnen machen.


Die Wilden gehen zunächst in eine Hütte und beräuchern alle Frauen in der Hütte nacheinander.
Dann müssen sie alle kreischen, springen und solange herumlaufen, bis sie müde werden und wie
tot zu Boden sinken. Darauf spricht der Wahrsager: »Seht, jetzt ist sie tot, doch bald werde ich sie
wieder lebendig machen. Wenn sie wieder zu sich kommt, kann sie zukünftige Dinge
voraussagen.« Ziehen die Wilden in den Krieg, so müssen ihnen diese Frauen über den Kriegszug
wahrsagen.

74
Tabak
75
Sicher handelte es sich um einen Bauchredner. In Europa war das Phänomen damals noch nicht erkannt.
76
Die Sintflut, die vor grauer Vorzeit stattgefunden haben soll und die man mit dem Untergang von Atlantis in
Zusammenhang bringt, lebt in der Erinnerung vieler Indianervölker.
Die Frau meines Herrn (des Wilden, dem ich geschenkt wurde, damit er mich töte) fing eines
Nachts an weiszusagen und sprach zu ihrem Mann, ihr sei ein Geist aus fremdem Lande
erschienen, der zu wissen wünsche, wann ich getötet werden solle. Auch hätte er gefragt, wo die
Keule sei, mit der ich erschlagen werden solle. Ihr Mann antwortete, es werde nicht mehr lange
dauern, denn alles sei bereit; doch er meine, ich sei kein Portugiese sondern ein Franzose. Als die
Frau ihre Weissagung beendet hatte, fragte ich sie, warum sie mir so nach dem Leben trachte, da
ich doch gar kein Feind sei, und ob sie nicht fürchte, daß ihr mein Gott eine Plage schicken
könnte. Darauf antwortete sie, ich solle mich nicht weiter darum kümmern, denn es seien fremde
Geister, die über mich Bescheid wissen wollten. Solche Zeremonien haben sie viele.

Womit sie auf dem Wasser fahren.


In ihrem Land gibt es eine bestimmte Baumart, Iga-ibira genannt. Sie lösen die Rinde dieses
Baumes von oben bis unten in einem Stück ab. Um sie heil herunterzubekommen, machen sie
extra ein Gerüst um den Baum herum.
Diese Rinde transportieren sie von den Bergen herunter ans Meer. Dort wird sie über dem Feuer
erhitzt und dann hinten und vorne hochgebogen. Zuvor werden in der Mitte Hölzer
darübergebunden, so daß sie sich nicht ausweitet. Auf diese Weise stellen sie Boote her, in denen
bis zu 30 Mann auf Kriegsfahrt gehen können. Die Rinde ist daumendick, ungefähr 4 Fuß breit
und 40 Fuß lang, manche auch länger, manche kürzer. Mit diesen Booten rudern sie schnell und
fahren so weit sie wollen. Ist das Meer ungestüm, so ziehen sie die Boote aufs Land, bis das
Wetter wieder besser wird. Weiter als zwei Meilen wagen sie sich nicht aufs Meer hinaus, doch
fahren sie sehr große Strecken an der Küste entlang.

Warum sie ihre Feinde essen.


Sie essen ihre Feinde nicht, weil sie Hunger haben, sondern aus Haß und großer Feindseligkeit,
und wenn sie im Krieg miteinander kämpfen, so rufen sie sich haßerfüllt zu: »Debe mara pa, xe
remiu ram begue - über dich komme alles Unglück, du bist mein Essen, meine Kost. Nde akanga
juka aipota kuri ne - ich will dir noch heute deinen Kopf einschlagen. Xe anama poepika re xe aju
- um den Tod meiner Freunde an dir zu rächen bin ich hier. Nde roo, xe mokaen sera kuarasy ar
eyma rire usw. - noch ehe heute die Sonne untergeht, werde ich dein Fleisch gebraten haben.« Das
alles tun sie aus großer Feindschaft.

Wie sie sich beraten, wenn sie einen Kriegszug in das Land ihrer Feinde planen.
Wenn sie einen Kriegszug in feindliches Gebiet vorhaben, dann versammeln sich alle Häuptlinge
und beraten, wie sie am besten vorgehen. Das Ergebnis der Beratung wird in allen Hütten bekannt
gemacht, damit sich alle bereit machen können. Da sie keine Einteilung nach Jahr und Tag kennen,
nennen sie als Tag des Auszugs z. B. den Reifezeitpunkt einer bestimmten Baumfrucht. Oft wird
der Aufbruch auch nach der Laichzeit von Fischen festgelegt, z. B. der Piratí. Die Laichzeit heißt
dann Piracema. Zu solchen Zeitpunkten rüsten sie sich mit Booten, Pfeilen und grobem
Wurzelmehl, dem Uiatán, als Lebensmittel aus. Dann befragen sie die Pajés, die Wahrsager, ob sie
wohl siegen werden. Die sagen meist ja, befehlen ihnen jedoch, auf die Träume zu achten, in
denen ihre Feinde vorkommen. Wenn sehr viele träumen, daß sie das Fleisch ihrer Feinde braten
sehen, deutet das auf einen Sieg hin. Sehen aber viele ihr eigenes Fleisch braten, so bedeutet das
Unheil und daß sie besser daheim bleiben sollten. Sobald ihnen die Träume verheißungsvoll
erscheinen, machen sie sich bereit. In allen großen Hütten werden Getränke bereitet, und sie
trinken und tanzen mit ihren Göttern, den Maracás. Ein jeder bittet den seinen, er möge ihm
helfen, einen Feind zu fangen. Dann fahren sie los. Sind sie ganz nahe an das feindliche Gebiet
herangekommen, so befehlen ihnen die Häuptlinge in der letzten Nacht, bevor sie in das
Feindesland einfallen wollen, sich die Träume dieser Nacht zu merken.
Auf einem solchen Kriegszug war ich dabei. Als wir ganz in der Nähe des feindlichen Landes
waren, ging der Anführer am Abend vor der für den Angriff vorgesehenen Nacht durch das Lager.
Er befahl allen, ihre Träume dieser Nacht zu behalten. Den jungen Männern gab er die
Anweisung, bei Tagesanbruch Wild zu schießen und Fische zu fangen. Dies geschah. Der
Häuptling ließ alles kochen, dann versammelte er alle anderen Häuptlinge vor seiner Hütte. Sie
setzten sich in einem Kreis auf die Erde und bekamen zu essen. Nach dem Essen erzählten sie ihre
Träume, soweit sie ihnen gefielen, und dann vollführten sie mit ihren Maracás Freudentänze.
Die Hütten ihrer Feinde kundschaften sie in der Nacht aus und greifen bei Tagesanbruch an.
Fangen sie einen Schwerverletzten, so töten sie ihn gleich und nehmen das Fleisch gebraten mit
nach Hause. Die Unverletzten aber führen sie lebendig heim in ihre Hütten, wo sie sie dann töten.
Sie greifen mit lautem Geschrei an, stampfen dabei fest auf die Erde und blasen auf Instrumenten,
die sie aus Kürbissen fertigen. Sie haben viele Schnüre umgebunden, womit sie ihre Feinde fesseln
wollen. Als eine Art Erkennungszeichen schmücken sie sich mit roten Federn. Sie schießen schnell
und benützen auch Brandpfeile, um die Hütten ihrer Feinde in Brand zu stecken. Für ihre eigenen
Verletzten haben sie Heilkräuter dabei.

Die Kriegsausrüstung der Wilden.


Sie haben Bogen und Pfeile, deren Spitzen aus geschärften Knochenstücken sind und auf den
Schaft gebunden werden. Auch die Zähne von Tubarões77, Fischen, die sie im Meer fangen,
verwenden sie dafür. Für ihre Brandpfeile nehmen sie Baumwolle, tränken sie mit Wachs und
binden dies an die Pfeilspitzen, dann zünden sie es an. Aus Baumrinde und Tierhäuten stellen sie
sich Schilde her. Sie vergraben auch spitze Dornen, so wie man bei uns Fußangeln legt.
Was ich gehört, aber nicht selbst miterlebt habe, ist, daß sie ihre Feinde aus deren Festungen mit
Pfeffer (der ja bei ihnen wächst) vertreiben, und zwar folgendermaßen: Wenn ein günstiger Wind
weht, machen sie große Feuer und werfen dann einen Haufen Pfeffer hinein. Sobald der Qualm in
die Hütten dringt, müssen die Feinde flüchten. Ich glaube das gerne, denn ich war, wie schon
berichtet, einmal mit den Portugiesen in einer Provinz des Landes, in Pernambuco. Wir waren mit
unserem Schiff bei Ebbe in einer Flußmündung auf dem Trockenen liegengeblieben, und es kamen
viele Wilde, die das Schiff erobern wollten. Als es ihnen nicht gelang, warfen sie viele dürre
Sträucher zwischen das Ufer und das Schiff. Sie wollten uns auch mit dem Pfefferrauch
vertreiben, doch gelang es ihnen nicht, das Holz anzuzünden.

Mit welch feierlichen Gebräuchen sie ihre Feinde töten und essen. Womit diese
totgeschlagen werden, und wie sie mit ihnen umgehen.
Wenn die Wilden ihre Gefangenen heimbringen, dürfen die Frauen und Kinder sie zunächst
schlagen. Dann schmückt man sie mit grauen Federn und rasiert ihnen die Augenbrauen ab. Sie
tanzen um den Gefangenen herum, fesseln ihn recht, damit er nicht entkommen kann. Sie geben
ihm eine Frau, die ihn versorgt und auch mit ihm zu tun hat. Wird sie schwanger, so ziehen sie das
Kind auf, bis es groß ist, um es dann, wenn es ihnen in den Sinn kommt, zu töten und aufzuessen.
Dem Gefangenen geben sie gut zu essen, halten ihn so eine Zeitlang am Leben und rüsten sich
derweilen zum Fest. Sie stellen viele Gefäße her für die Getränke und noch besondere für die
Sachen, mit denen sie ihn bemalen und schmücken. Sie machen Federquasten für die Keule, mit
der sie ihn töten, und auch eine lange Schnur78, mit der er gefesselt wird, bevor sie ihn töten. Ist
alles vorbereitet, bestimmen sie den Tag, an dem der Gefangene sterben soll, und laden Leute aus
anderen Dörfern zu diesem Fest ein. Ein, zwei Tage vor der festgesetzten Zeit wird in allen

77
Tubarão = Haifisch. Die deutsche Bezeichnung kam erst im 17. Jahrhundert auf.
78
Mussurana. So heißt auch eine ungiftige, schwarze Schlange, die Giftschlangen vertilgt und darum unter
Naturschutz steht.
Gefäßen der Trank angesetzt. Ehe die Frauen aber die Getränke bereiten, führen sie den
Gefangenen ein paar mal auf den Platz und tanzen um ihn her.
Sind alle Gäste angekommen und versammelt, so begrüßt sie der Häuptling und heißt sie mit
folgenden Worten willkommen: »Nun kommt und helft euren Feind essen.« Am Tag bevor sie das
Trinkgelage abhalten, binden sie dem Gefangenen die Mussurana-Schnur um den Hals. An diesem
Tag wird auch die Ibira-Pema, die Keule, mit der sie ihn töten, bemalt. Sie ist mehr als einen
Klafter lang und wird mit einer klebrigen Masse eingestrichen. Anschließend nehmen sie die
grauen Eierschalen eines Macaçuã79 Lye nannten Vogels, zerstoßen sie staubfein und bestreichen
damit die Keule. Dann setzt sich eine Frau hinzu und kritzelt etwas in den angeklebten Staub.
Während sie malt, stehen um sie herum lauter Frauen, die singen. Ist die Ibira-pema dann mit
Federquasten und anderen Sachen so geschmückt, wie es Brauch ist, so wird sie in einer leeren
Hütte an einer Stange über dem Boden aufgehängt, und die Wilden tanzen und singen die ganze
Nacht darum herum.
In gleicher Weise bemalen sie das Gesicht des Gefangenen, und während ihn die Frau bemalt,
singen die anderen. Fangen sie dann zu trinken an, holen sie den Gefangenen hinzu, und er trinkt
mit, und sie unterhalten sich mit ihm.
Am Tag nach dem Trinkgelage ruhen sie sich aus. Sie bauen dem Gefangenen auf dem Platz, auf
dem er sterben soll, eine kleine Hütte, in der er die letzte Nacht gut bewacht verbringt. Gegen
Morgen, noch eine gute Weile vor Tagesanbruch, tanzen und singen sie um die Ibira-pema, bis der
Tag anbricht. Jetzt holen sie den Gefangenen aus seinem Hüttlein heraus, brechen es ab und
machen einen Platz frei. Die Mussurana wird ihm vom Hals losgemacht, um den Leib gebunden
und zu beiden Seiten straff gezogen, so daß er fest gebunden in der Mitte steht. Viele halten die
Schnur an beiden Enden. So lassen sie ihn eine Zeitlang stehen, legen auch einige Steinchen in
seine Nähe, womit er nach den Frauen werfen kann, die um ihn herumlaufen und ihm vormachen,
wie sie ihn essen werden. Die Frauen sind bemalt und haben den Auftrag, sobald er zerschnitten
ist, mit den ersten vier Stücken um die Hütte herumzulaufen, denn daran haben die anderen ihr
Vergnügen.
Nun machen sie ungefähr zwei, drei Schritte von dem Gefangenen entfernt ein Feuer. Dieses
Feuer muß er sehen. Dann kommt eine Frau mit der Ibira-pema angelaufen, streckt die
Federquaste in die Höhe, kreischt vor Freude und läuft an dem Gefangenen vorbei, so daß er die
Keule sieht.
Schließlich nimmt ein Mann die Keule, stellt sich vor den Gefangenen und hält sie ihm so hin, daß
er sie anschauen muß. Inzwischen geht derjenige, der ihn töten wird, mit 13 oder 14 anderen weg.
Sie färben ihre Körper mit Asche grau, bevor sie wieder zu dem Gefangenen auf dem Platz
zurückkehren. Derjenige, der vor dem Gefangenen steht, übergibt die Keule. Jetzt kommt der
Häuptling, nimmt die Keule und steckt sie demjenigen, der den Gefangenen töten soll, einmal
zwischen die Beine, was als eine Ehre angesehen wird. Daraufhin ergreift dieser wieder die Keule
und sagt: »Hier bin ich nun, ich werde dich töten, denn die Deinen haben viele meiner Freunde
getötet und gefressen.« Der Gefangene antwortet: »Wenn ich auch tot bin, so habe ich doch noch
viele Freunde, die mich rächen werden.« Bei diesen Worten schlägt ihm der andere von hinten auf
den Kopf, daß das Gehirn herausquillt. Sogleich nehmen ihn die Frauen, zerren ihn auf das Feuer
und kratzen ihm die Haut ab. Sie machen ihn ganz weiß und verschließen ihm den Hintem mit
einem Stück Holz, so daß nichts von ihm abgeht.
Ist dann die Haut abgemacht, so nimmt ihn ein Mann und schneidet ihm die Beine über dem Knie
und die Arme am Leib ab, worauf die vier Frauen kommen, diese vier Teile nehmen und unter
großem Freudengeschrei damit um die Hütte laufen. Daraufhin trennen sie den Rücken mit dem
Hintern vom Vorderteil ab. Dieses teilen sie unter sich auf. Die Eingeweide aber behalten die
Frauen, die sie kochen und aus der Brühe einen Brei, Mingáu genannt, herstellen. Den trinken sie

79
Falkenart
und die Kinder. Sie essen die Eingeweide und auch das Fleisch vom Kopf; das Hirn, die Zunge
und was sonst noch daran genießbar ist, bekommen die Kinder. Ist das alles geschehen, geht jeder
wieder heim und nimmt seinen Anteil mit. Derjenige aber, der den Gefangenen getötet hat, gibt
sich noch einen Namen. Der Häuptling ritzt ihm mit dem Zahn eines wilden Tieres ein Zeichen in
den Oberarm. Ist die Wunde verheilt, so sieht man die Narbe, und das gilt als Ehrenzeichen.
Dieser Mann muß am Tage des Totschlags still in seiner Hängematte liegen. Er bekommt einen
kleinen Bogen mit Pfeilen, um sich die Zeit zu vertreiben, indem er auf ein Ziel aus Wachs schießt.
Das geschieht, damit ihm die Arme vom Schrecken des Totschlags nicht unsicher werden. Dies
alles habe ich mit eigenen Augen gesehen, ich habe es selbst miterlebt.
Die Wilden können nicht weiter als bis fünf zählen. Wollen sie weiterzählen, so zeigen sie es an
Fingern und Zehen. Meinen sie eine größere Zahl, zeigen sie auf vier oder fünf Personen und
meinen damit die Zahl von deren Fingern und Zehen.

Bericht über einige Tiere des Landes.


Es gibt im Land der Wilden Rehböcke80 wie hier bei uns, auch Wildschweine81, aber zweierlei
Sorten. Die eine Art gleicht unseren Wildschweinen, die anderen jedoch, die Tanhaçú-tatú heißen,
sehen aus wie junge Schweinchen und lassen sich mit den Fallen, welche die Wilden für die Jagd
verwenden, nur schwer fangen.
Von Affen gibt es dort dreierlei Arten. Eine davon heißt Cai. Von dieser Sorte sind einige auch
schon in unser Land gebracht worden. Eine andere Art heißt Acacai. Sie leben gewöhnlich in
großen Herden auf den Bäumen und machen im Wald ein großes Geschrei. Die dritte Art heißt
Buriquí82. Diese Tiere sind rot, haben Bärte wie Ziegen und die Größe eines mittleren Hundes.
Dann gibt es noch ein anderes Tier, das Tatú83. Es ist etwa eine Spanne hoch und anderthalb
Spannen lang. Außer am Bauch ist es am ganzen Körper gepanzert. Der Panzer ist aus Horn und
schließt wie ein Harnisch mit Gelenken dicht ineinander. Das Tatú hat ein kleines spitzes Maul
und einen langen Schwanz. Es hält sich gern in der Nähe von Felsen auf und lebt von Ameisen.
Ich habe sehr oft von seinem etwas fetten Fleisch gegessen.

Sarués, Tiger, Löwen, Capivaras und Eidechsen.


Eine andere Wildart des Landes heißt Sarué84. Das Tier hat etwa die Größe einer Katze, ein weiß-
oder schwarzgraues Fell und einen Schwanz wie eine Katze. Es bekommt ein bis sechs Junge. Am
Bauch hat es einen etwa spannenlangen Schlitz. Dahinter ist nicht der offene Bauch, sondern es
hat noch eine Haut. In diesem Schlitz sind die Zitzen. Wohin das Tier geht, stets trägt es seine
Jungen in der Öffnung zwischen den zwei Häuten. Ich habe oft bei der Jagd auf die Sarués
geholfen und die Jungen aus dieser Öffnung herausgeholt.
In dem Land gibt es auch viele Tiger85, die die Menschen anfallen und großen Schaden anrichten.
Ebenfalls gibt es eine Art Löwe, den man Leopard heißt, was soviel bedeutet wie grauer Löwe86.
Es gibt noch viele andere seltsame Tiere. Eines, Capivara87 genannt, lebt auf dem Lande und im
Wasser. Diese Tiere fressen das Schilf, das an den Ufern von Süßwassern steht. Haben sie vor
etwas Angst, so fliehen sie ins Wasser und gehen auf den Grund. Sie sind etwas größer als ein
Schaf und haben einen hasenähnlichen Kopf, nur größer mit kurzen Ohren. Sie haben einen kurzen

80
In Wirklichkeit eine Hirschart.
81
Noch heute Pecari genannt.
82
Brüllaffe, neben dem Wollaffen der größte Brasiliens.
83
Gürteltier. Die Indios braten es, indem sie es lebend auf den Rücken liegen, im eigenen Panzer.
84
Beutelratite, in Brasilien Gambã genannt.
85
Siehe Anm. 62.
86
Eine Purinaart, in Brasilien Onça genannt. Es gibt auch gescheckte Pumas, Onças pintadas, deren Felle
geschätzt sind.
87
Wasserschwein
Schwanz, ziemlich hohe Beine und drei Zehen an jedem Fuß. Auf dem Lande laufen sie recht
schnell von einer Wasserstelle zur anderen. Ihr Fell ist schwarzgrau, und das Fleisch schmeckt wie
Schweinefleisch.
Eine Art großer Eidechsen88, die ein schmackhaftes Fleisch haben, lebt dort im Wasser, aber auch
auf dem Lande.

Von einer Insektenart, kleinen Flöhen ähnlich, die bei den Wilden Tunga heißt.
Es gibt dort eine Art Insekten, die wie Flöhe aussehen und in der Sprache der Wilden Tunga89
heißen. Sie vermehren sich in den Hütten durch den Schmutz der Leute. Sie kriechen einem in die
Füße, wobei es nur ein wenig juckt. Ohne daß man es besonders spürt, fressen sie sich in das
Fleisch hinein. Wenn man es nicht rechtzeitig beachtet und herausholt, legt das Tier einen
Klumpen Nisse90 so rund wie eine Erbse. Spürt man es dann und holt das Tier heraus, bleibt ein
erbsengroßes Loch im Fleisch91. Ich habe, als ich mit den Spaniern erstmals in dieses Land kam,
gesehen, daß diese Tiere einigen von unseren Kameraden, die nicht darauf achteten, die Füße übel
zurichteten.

Von einer Art Fledermäuse jenes Landes, die den Leuten nachts im Schlafe in die
Zehen und die Stirn beißen.
Es gibt auch Fledermäuse dort, die aber größer sind als unsere hier in Deutschland. Diese fliegen
nachts in die Hütten und um die Hängematten herum, in denen die Wilden schlafen. Sobald sie
merken, daß einer schläft und sie nicht vertreibt, fliegen sie an die Füße und saugen Blut. Oder sie
beißen in die Stirne und fliegen dann wieder davon.
Als ich unter den Wilden war, haben sie mir oft von den Zehen etwas weggebissen. Wachte ich
dann auf, sah ich, daß die Zehen blutig waren. Die Wilden beißen sie aber meistens in die Stirn.

Von den Bienen oder Immen des Landes.


Dreierlei Bienenarten gibt es in dem Land. Die einen sind den unseren sehr ähnlich, die zweite Art
ist schwarz und so groß wie Fliegen, die dritte dagegen so klein wie Mücken. Alle diese Bienen
haben ihren Honig in hohlen Bäumen. Ich habe oft mit den Wilden zusammen Honig ausgehauen.
Wir haben im allgemeinen bei den kleinsten besseren Honig gefunden als bei den anderen. Sie
stechen auch nicht so sehr wie die Bienen hierzulande. Ich habe oft gesehen, wie die Bienen, wenn
die Wilden den Honig ausnahmen, sich an ihnen festsetzten und die Leute viel zu tun hatten, um
sie von dem nackten Körper abzustreichen. Auch ich selbst habe den Honig nackt ausgenommen,
aber ich mußte das erste Mal vor großen Schmerzen zu einem Wasser laufen und die Bienen darin
abwaschen, um sie vom Körper loszuwerden.

Von den Vögeln des Landes.


Es gibt dort sehr viele seltsame Vogelarten. Eine Art, Guará-Piranga92 genannt, findet ihre
Nahrung im Meer und nistet auf den Klippen, die nahe beim Land liegen. Die Vögel sind so groß
wie Hühner, haben lange Schnäbel und Beine wie Reiher, nur nicht so lang. Sie haben eine
Eigenart: der erste Flaum der Jungen ist weißgrau. Werden sie dann flügge, wird das Gefieder
schwarzgrau. Damit fliegen sie, wie man weiß, ein Jahr lang. Danach verfärben sich die Federn,
und der ganze Vogel wird knallrot. So bleibt er dann, und seine Federn werden von den Wilden
sehr geschätzt.

88
Leguane
89
Sandflöhe
90
Ansammlung von sago-ähnlichen Eiern. Relativ harmlos und nur wenig lästig.
91
Man kratzt die Sandfloh-Nissen mit dem Messer aus der Haut, doch ein Loch bleibt nicht zurück.
92
Siehe Anmn. 39.
Bericht über einige Bäume des Landes.
Zum Beispiel gibt es einen Baum, den die Wilden Genipapo-Ivá93 nennen und dessen Früchte
unseren Äpfeln ähnlich sind. Die Wilden kauen diese Früchte, pressen den Saft in ein Gefäß und
bemalen sich damit. Beim ersten Auftragen ist der Saft wie Wasser, aber nach einer Weile wird die
Haut tintenschwarz. Die Farbe hält etwa neun Tage lang und verschwindet dann wieder, jedoch
nicht vorher, selbst wenn man sich noch so sehr wäscht.

Wie die Baumwolle und der brasilianische Pfeffer wachsen und auch einige der
Wurzeln, die die Wilden als Nahrung anpflanzen.
Die Baumwolle wächst auf Büschen, die etwa einen Klafter hoch sind und sehr viele Äste haben.
Nach der Blüte bekommt der Busch Kapseln, die sich öffnen, wenn sie reif sind. Dann steht die
Wolle in den Kapseln um kleine schwarze Kerne herum, die den Samen der Pflanze bilden. Die
Sträucher sind voll solcher Kapseln.
Vom Pfeffer gibt es in diesem Land zwei Sorten, eine gelbe und eine rote, die aber beide in
gleicher Weise wachsen. Noch grün hat er die Größe von Hagebutten, wie sie auf den
Dornensträuchern wachsen. Die Pfefferpflanze ist ein kleiner Strauch, etwa einen halben Klafter
hoch, mit kleinen Blättern. Der Strauch hängt voll mit Pfeffer, der im Munde sehr scharf
schmeckt. Die Wilden pflücken ihn, wenn er reif ist, und trocknen ihn in der Sonne.
Es gibt dort eine Wurzel, Jetica94 genannt, die sehr schmackhaft ist. Zur Pflanzung schneiden die
Wilden sie in kleine Stücke und stecken diese in die Erde. Sie wachsen dann an und breiten sich
wie Hopfenranken über dem Boden aus. Dabei bilden sie viele neue Wurzeln.

SCHLUSSWORT

Dem Leser wünscht Hans Staden Gottes Gnade und Frieden.


Werter Leser, ich habe meine Schiffs- und Landreise so kurz beschrieben, weil ich nur deren
Anfang, nämlich wie ich in die Gewalt der wilden Völker geraten bin, erzählen wollte, um damit
zu zeigen, wie der Helfer in der Not, unser Herr und Gott, mich, ohne daß ich es hoffen konnte,
mit seiner Macht aus der Gewalt der Wilden befreit hat. Jeder soll vernehmen, daß der allmächtige
Gott seine gläubigen Christen unter gottlosem, heidnischem Volke noch immer in wunderbarer
Weise leitet und beschützt, so wie er es von Anfang an getan hat. Deshalb soll auch ein jeder mit
mir zusammen Gott dafür dankbar sein und sich in der Zeit der Not auf ihn verlassen. Denn der
Herr sagt selbst: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.
Nun könnte manch einer sagen: »Wenn ich alles drucken lassen wollte, was ich in meinem Leben
erfahren und gesehen habe, dann würde daraus ein sehr dickes Buch werden.« Das stimmt, und so
gesehen, könnte ich auch noch viel mehr schreiben. Aber es verhält sich eben nicht so. Warum ich
dieses Büchlein geschrieben habe, habe ich an verschiedenen Stellen oft genug betont. Wir alle
schulden nämlich Gott Lob und Dank dafür, daß er uns ein Leben lang, von der Geburt bis auf
den heutigen Tag, behütet hat.
Ferner kann ich mir sehr wohl vorstellen, daß einigen der Inhalt des Büchleins seltsam erscheinen
mag. Wer kann etwas dafür? Dennoch bin ich weder der erste noch werde ich der letzte bleiben,
der solche Seereisen, Länder und Völker kennenlernt. Meine Vorgänger haben ihre Erfahrungen
auch nicht immer lachend gemacht, und so wird es bleiben.
Daß aber dem, der getötet werden soll, anders zumute ist als denen, die weit abseits stehen und
zusehen oder nur davon hören, das kann sich jeder selbst denken.
Wen würde schon nach Amerika verlangen, wenn jeder, der dorthin segelt, in die Gewalt von
grausamen Feinden geriete? Eines weiß ich bestimmt, daß so mancher ehrliche Mann in Kastilien,

93
Genipa brasiliensis.
94
Süßkartofffel (batata doce). In Brasilien beliebtes Nahrungsmittel.
Portugal, Frankreich sowie auch einige in Antwerpen in Brabant, die in Amerika gewesen sind,
mir bezeugen können, daß es dort so ist, wie ich es beschreibe. Für die aber, die das alles nicht
kennen, berufe ich mich auf folgende Zeugen, vor allem aber auf Gott.
Die erste Reise nach Amerika unternahm ich mit einem portugiesischen Schiff, dessen Kapitän
Penteado hieß. Wir waren drei Deutsche an Bord, Heinrich Brant von Bremen, Hans von
Bruchhausen und ich.
Die zweite Reise ging von Sevilla in Spanien nach Rio de la Plata, einer Provinz in Amerika. Der
Kommandant der Schiffe hieß Don Diego de Sanabria. Ich war der einzige Deutsche auf dieser
Fahrt. Nach langer Mühe, Angst und Gefahren zu Wasser und zu Lande, was bei dieser Reise, wie
berichtet, zwei Jahre dauerte, erlitten wir schließlich bei São Vicente Schiffbruch. Dies ist eine
Insel, ganz in der Nähe des brasilianischen Festlandes, die von Portugiesen bewohnt wird. Dort
fand ich einen Landsmann, den Sohn des seligen Eobanus Hessus, der mich freundlich aufnahm.
Außerdem hatten antwerpische Kaufleute, die Schetz heißen, dort einen Handelsvertreter oder
Faktor namens Peter Roesel. Beide können bezeugen, daß ich dort angekommen bin und
schließlich von den feindlichen Wilden gefangengenommen wurde.
Das Gleiche gilt für die französischen Seeleute aus der Normandie, die mich von den Wilden
loskauften. Der Kapitän des Schiffes war aus Vatteville und hieß Wilhelm de Moner, der
Steuermann war aus Honfleur und hieß François de Schantz, und der Dolmetscher Pirot war
ebenfalls aus Honfleur. Diese ehrlichen Männer - Gott lohne es ihnen in der Ewigkeit - haben mir
in Frankreich nächst Gott geholfen. Sie haben mir einen Paß besorgt und mich gekleidet und mit
Reisegeld versehen. Sie können bezeugen, wo sie mich aufgefunden haben.
Danach verließ ich Dieppe in Frankreich mit dem Schiff und kam nach London in England. Dort
erfuhren die Kaufleute der niederländischen Börse vom Kapitän des Schiffes, mit dem ich dort
ankam, wie es um mich bestellt war. Sie luden mich als Gast zu sich und gaben mir Reisegeld mit.
Dann segelte ich nach Deutschland.
In Antwerpen kam ich in das Haus von Oka zu einem Kaufmann namens Jaspar Schetz, dem, wie
schon berichtet, der Faktor Peter Roesel in São Vicente untersteht. Dem überbrachte ich die
Nachricht, daß die Franzosen das Schiff seines Faktors in Rio de Janeiro angegriffen hätten, aber
zurückgeschlagen worden wären. Dieser Kaufmann schenkte mir zwei Kaiserdukaten als
Wegzehrung. Gott wolle es ihm vergelten.
Sollte es irgendeinen jungen Mann geben, dem meine Beschreibung und die Zeugen nicht
genügen, so mache er, damit er vom Zweifel befreit wird, mit Gottes Hilfe diese Reise selbst. Ich
habe ihm in diesem Buch genug Angaben gemacht. Dieser Spur folge er nach, denn wem Gott
hilft, dem bleibt die Welt nicht verschlossen.
Dem allmächtigen Gott, der alles in allem ist, sei Lob, Ehre und Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.
Gedruckt zu Marburg im Kleeblatt bei Andreas Kolbe auf Fastnacht 1557

ZEITTAFEL
Um 1415 Der portugiesische Infant Heinrich, genannt »der Seefahrer«, gründet an Kap
São Vicente die maritime Versuchsstation Sagres, wo die Voraussetzungen
für die Entdeckungsf ahrten geschaffen werden.
1492, 12. Okt. Kolumbus landet auf der Bahama-Insel Guanahani.
1494 Im Vertrag von Tordesillas wird die Welt unter Spanien und Portugal
aufgeteilt.
1500, 22. April Pedro Ãlvarez Cabral landet bei Baía und entdeckt damit Brasilien, das er
»Ilha da Vera Cruz« (Insel des wahren Kreuzes) nennt. Später »Terra da Vera
Cruz« und »Terra da Santa Cruz« und dann erst »Brasil« genannt.
1503/04 Amerigo Vespucci fährt mit Gonçalo Coelho an der brasilianischen Küste
entlang.
Um 1505 In Augsburg erscheint, aus der Feder von Lucas Rem, der erste deutsche
Bericht über Brasilien.
1507 Der Kosmograph Martin Waldseemüller gebraucht zum ersten Mal den
Namen »Amerika«.
1514 In Augsburg erscheint die Flugschrift »Newen Zeytung aus Presillg-Landt«.
1515 Juan Diaz de Solfs segelt zum Rio de la Plata, wo er umkommt.
1521 bis 1557 João (Johann) III. König von Portugal.
Um 1525/28 Hans Staden in Hessen geboren.
1532 Martim Afonso de Souza gründet São Vicente bei Santos.
1535 Pedro de Mendoza, begleitet von Ulrich Schmidel aus Straubing, gründet
Buenos Aires.
1547 bis 1552 Landgraf Philipp von Hessen gefangen.
1547/49 Hans Stadens erste Reise.
1548 Tomé de Souza erster Generalkapitän und Gründer Baias als erster
Hauptstadt Brasiliens.
1548 bis 1565 Heliodorus Hessus Faktor und Aufseher der Zuckermühle São João in São
Vicente.
1553 Peter Roesel übernimmt die Faktorei des Amsterdamer Unternehmers Schetz
in São Vicente.
1554 Hans Staden Gefangener der Tupinambás in Ubatuba.
1555 bis 1567 Hugenotten setzen sich unter Admiral Nicolas de Villegaignon an der
Guanabara-Bucht fest und gründen bei Rio die »France Antarctique«.
1557 Erste Ausgabe von Stadens »Wahrhaftiger Historia«, gedruckt in Marburg bei
Andreas Kolben.
1567 Ulrich Schmidels »Wahrhaftige Historie« erscheint in Frankfurt.
1630 bis 1654 Die Holländer unterhalten eine Kolonie bei Pernambuco. Das Amt des
Gouverneurs bekleidet der Fürst Moritz von Nassau-Siegen, geboren in
Dillenburg.
1892 In Rio erscheint die erste portugiesische Ausgabe der Staden'schen
»Historia«.
1941 Dr. Karl Fouquet bringt im Rahmen der in São Paulo gegründeten Hans-
Staden-Gesellschaft die Übersetzung des vollständigen Textes heraus.
1954 Die Ausstellung anläßlich der Vierhundertjahr-Feier São Paulos zeigt
wandgroße Fotos der Holzschnitte aus Stadens Reisebuch.
1942 Der Geograph Prof. Reinhard Maack, Curitiba, führt Vermessungen auf der
von Staden besuchten Ilha Grande durch. Publizistisches Ergebnis seiner
Landvermessungen: »Breves Notícias sôbre a Geologie dos Estados do
Paraná e Santa Catarina« 1947

BIBLIOGRAPHIE (Deutschsprachige Ausgaben)


1557 Marburg. Wahrhaftig' Historia usw. Gedruckt im Kleeblatt an Fastnacht bei Andreas
Kolben.
1557 Frankfurt. Warhafftig Historia usw. Gedruckt bei Wygandt Han in der Schnurgasse zum
Krug. Die Holzschnitte sind einem anderen Werk entnommen, nämlich der Frankfurter
Ausgabe von Varthema »Reisen in Afrika« 1548. Wahrscheinlich unbefugter
Nachdruck.
1557 Marburg. Warhaftige Beschreibung usw. Gedruckt im Kleeblatt an Mariä Geburtstag
bei Andres Kolben.
1557 Frankfurt. Warhafftige Historia usw. 2. Auflage der 1. Frankfurter Ausgabe.
1561 Hamburg. Eine warhafftige Historia usw. Niederdeutsch. Gedruckt bei Jochim Louw.
1567 Frankfurt. Dem »Weltbuch« von Sebastian Franck von Woerd (1499 bis 1542) wurde
von Sigismund Feyerabend ein 2. Teil hinzugefügt, in dem Stadens Bericht enthalten ist.
Gedruckt bei Martin Lechler.
1567 Frankfurt. Wunderbarliche und wahrhaftige Beschreibung usw. Ohne Dr-yanders
Vorwort. In modernisiertem Deutsch von Roberto Lehmann-Nitsche 1920 in Buenos
Aires ediert.
1593 Frankfurt. Drittes Buch Americae, darinn Brasilie durch Johann Staden von Homberg
auss Hessen aus eigener Erfahrung in Teutsch beschrieben. Gedruckt bei Burger. Mit
Phantasiekupfern in barocker Manier.
1593 Frankfurt. Drittes Buch Americae usw. Neuauflage der vorherigen Ausgabe.
1613 Frankfurt. Ausgabe ohne nähere Angabe erwähnt in: Viktor Hantsch »Deutsche
Reisende des 16. Jahrhunderts«. Leipzig 1895.
1631 Frankfurt. Auszug von Stadens Bericht in »Newe Welt-Historie« von Johann Ludwig
Gottefried.
1655 Frankfurt. Obiges Werk. Gedruckt bei Mathias Merian.
1664 Oldenburg. Der Americanischen Neuen Welt Beschreibung usw. Herausgegeben von
Hans Just Winckelmann. Gedruckt bei Henrich Conrad Zimmern. Auszug aus Stadens
Bericht. Gewidmet dem ]Fürsten Johann Moritz von Nassau-Siegen. Aus diesem Werk
stammt das Porträt Stadens.
1729 Frankfurt und Leipzig. Curieuses und besonderes Gespraeche in dem Reiche derer
Todten Zwischen Christophoro Columbo, als dem Berühmten Erfinder der neuen Welt,
und Johann Staden, eines gleichfalls geruehmten Deutschen See- und Schiff-Mannes
usw. Als Verfasser vermutet man Dr. David Faßmann (1683 bis 1744). Seine
Totengespräche nach dem Vorbild Lukians wurden auf der Leipziger Messe angeboten.
Einziger im 18. Jahrhundert in deutscher Sprache erschienener Bericht über Stadens
Reisen.
1859 Stuttgart. N. Federmanns und H. Stadens Reisen in Suedamerika 1529 bis 1555.
Herausgegeben von Dr. Karl Kluepfel. Gedruckt auf Kosten des Literarischen Vereins
nach Beschluß des Ausschusses vom Juli 1858. Ohne Illustrationen.
1871 Hamburg und Reading, Pa., USA. Hans Staden von Homberg bei den brasilianischen
Wilden oder Die Macht des Glaubens und Betens. ]Herausgeber Dr. Robert Av6-
Lallemant. Verlag der Agentur des Rauhen Hauses Reading, Pa., Druckerei des Rauhen
Hauses in Hamburg. Verkürzte Wiedergabe. 2 moderne Illustrationen. Der Edition
kommt es auf den religiösen Gehalt an.
1920 München. Wie Hans Stieglitz sein Glück in der Fremde machte. Staden tritt als
schlesischer Zirkelschmied und Büchsenmacher auf, der um 1650 aus Breslau flüchtet
und über Portugal nach Brasilien gelangt. Triviale Umformung der historischen
Wirklichkeit. Enthalten in: »Sechs heitere Seegeschichten« von Ewald Gerhard Seeliger.
Georg Müller Verlag.
1920 Buenos Aires. Wahrhaftige Historia usw. Herausgegeben und übersetzt von Robert
Lehmann-Nitsche. Ohne Illustrationen. Mit Abhandlungen über Staden von Pistor,
Hantzsch und Bode.
1925 Frankfurt. Wahrhaftige Historia usw. Faksimile-Druck bei Wüsten & Co. nach der
Erstausgabe.
1927 Frankfurt. Wahrhaftige Hstoria usw. 2. Auflage der obigen Ausgabe.
1929 Leipzig. Hans Staden. Ein deutscher Landsknecht in der Neuen Welt. Bearbeitet von
Professor Dr. R. Lehmann-Nitsche. Aus der Reihe: Alte Reisen und Abenteuer. Verlag
F. A. Brockhaus. Ohne Stadens Widmung und Dryanders Vorwort. Modernisierter
Text.
1934 Buenos Aires. Hans Stadens Wahrhaftige Historia usw. Freie Bearbeitung von Gertrud
Tudsen. Verlag »Die Umwelt«. Deutscher Wissenschaftlicher Verein. Moderne
Zeichnungen.
1941 São Paulo. Zwei Reisen nach Brasilien. Abenteuerliche Erlebnisse unter den
Menschenfressern der Neuen Welt im 16. Jahrhundert. Übersetzt von Dr. Karl Fouquet.
Herausgegeben von der Hans-Staden-Gesellschaft. Sämtliche Holzschnitte in der
Originalgröße. Sepiazeichnung des Forts São Tiago bei Bertioga von A. Prast 1940.
1963 Marburg. Zwei Reisen nach Brasilien 1548 bis 1555. Bearbeitet von Karl Fouquet.
Marburg an der Lahn und Witzenhausen. Verlag Trautvetter & Fischer Nachf. Mit den
Holzschnitten der Erstausgabe und Kartenskizzen von Wilhelm Kloster.
1964 Marburg. Hans Stadens Wahrhaftige Historia. Herausgegeben und übertragen von
Reinhard Maack und Karl Fouquet. Ausgabe in originalem Text und Übersetzung. Mit
originalen Holzschnitten und Bildnissen von Staden, Dryander und Cunhambebe. Verlag
Trautvetter & Fischer Nachf.
1978 Kassel-Wilhelmshöhe. Wahrhaftige Historia usw. Reprint der Erstausgabe. Mit
Nachwort von Günter E. Th. Bezzenberger. Verlag Thiele & Schwarz.
1982 Tübingen. Die vorliegende Ausgabe als Band 50 der Reihe »Alte abenteuerliche Reise-
und Entdeckungsberichte«. Neu Übersetzt von Ulrich Schlemmer. Mit originalen
Holzschnitten. Herausgegeben von Dr. Gustav Faber. Edition Erdmann Tübingen.

Originale Ausgaben der »Historia« bis 1729 befinden sich in: Wissenschaftliche Bibliothek des
Hans-Staden-Instituts São Paulo; Biblioteca Nacional Rio de Janeiro; Biblioteca do Museo
Nacional Rio de Janeiro; Universitätsbibliothek Marburg; Zentralbibliothek Zürich.