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Hans STADEN - Historia

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Hans Staden

Brasilien Die wahrhaftige Historie der wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leute
Herausgegeben und eingeleitet von Gustav Faber Aus dem Frühneuhochdeutschen übertragen von Ulrich Schlemmer Mit 62 Abbildungen und 1 Karte Thienemann Edition Erdmann

CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek Staden, Hans: Brasilien: d. wahrhaftige Historie d. wilden, nackten, grimmigen MenschenfresserLeute [1548-1550] Hans Staden. Hrsg. u. eingeleitet von Gustav Faber. Aus d. Frühneuhochdt. übertr. von Ulrich Schlemmer. - Stuttgart: Thienemann, Edition Erdmann, 1984. (Alte abenteuerliche Reiseberichte) ISBN 3-522-60460-1 Alle Rechte vorbehalten © 1982 by Edition Erdmann Verlags-GmbH, Tübingen (alte ISBN 388639-520-0) (P 1984 Edition Erdmann in K. Thienemanns Verlag, Stuttgart (neue ISBN 3-52260460- 1) Umschlag und Einband: Olaf Rethfeldt Gesamtherstellung: Kösel, Kempten INHALT VORWORT TEIL I WAHRHAFTIGE GESCHICHTE WIDMUNG AN PHILIPP DEN GROSSMÜTIGEN VORREDE DES PROFESSORS DRYANDER
ERSTES KAPITEL Beschreibung meiner ersten Seereise von Lissabon in Portugal aus.

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Wie die Wilden von Pernambuco sich gegen die Portugiesen erhoben und eine ihrer Siedlungen zerstören wollten. 23 Die Festung der Wilden und wie sie uns bekämpften. 23

Wie wir von Pernambuco nach PotiGuarás fuhren, dabei einem französischen Schiff begegneten und uns mit ihm schlugen. 24 Beschreibung meiner zweiten Seereise von Sevilla in Spanien nach Amerika. Wie wir auf der Höhe des 28. Breitengrades in Amerika anlangten, unseren Bestimmungshafen aber nicht finden konnten, und wie sich an der Küste ein großer Sturm erhob. 25

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Wie wir den Hafen wieder verließen, um unseren eigentlichen Bestimmungsort zu suchen. Wie einige von uns mit dem Boot achten, um den Hafen zu besichtigen und dabei auf einer Klippe ein Holzkreuz entdeckten. Wie ich mit einem Boot voller Wilder zu unserem Schiff zurückgeschickt wurde.

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Wie das andere Schiff ankam, das wir auf dem Meer verloren hatten und in dem der oberste Steuermann war. 28 Wie wir uns entschlossen, nach São Vicente, einer portugiesischen Besitzung zu fahren, um dort von den Portugiesen ein Schiff zu heuern und so die Fahrt zu Ende zu führen. Wie wir aber in einem großen Sturm Schiffbruch erlitten, ohne zu wissen, wie weit es noch bis São Vicente war. 29 Wie wir herausfanden, in welchem Teil des fremden Landes wir Schiffbruch erlitten hatten. Die Lage von São Vicente Der Ort, von dem aus die Portugiesen und Tupiniquins am heftigsten angegriffen wurden, und wie er liegt. 30 30

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Wie die Portugiesen Bertioga wieder aufgebaut und auf der Insel Santo Amaro ein Bollwerk errichtet haben. 31 Wie und warum wir zu bestimmten Zeiten des Jahres mehr als sonst mit den Feinden rechnen mußten. 32 Wie ich von den Wilden gefangen wurde. 32

Wie die Wilden mit mir zurückfahren wollten, wie aber die unseren kamen, um mich zu befreien, und mit ihnen kämpften. 33 Was sich auf der Rückfahrt ins Land der Tupinambás ereignete. Wie mich die Wilden in ihre Siedlung brachten, und wie sie mich dort behandelten. 34 35

Wie meine beiden Herren zu mir kamen und mir sagten, daß sie mich einem Freund geschenkt hätten, der mich einstweilen verwahren sollte und der mich töten würde, wenn man mich fressen wollte. 35 Wie die Frauen mit mir vor der Hüne, in der sie ihre Götter verehren, tanzten. Wie man mich nach dem Tanz zu Ipirú-guaçú brachte, der mich töten sollte. 36 36

Wie diejenigen, die mich gefangen hatten, mir zornig erklärten daß sie sich an mir rächen wollten, weil die Portugiesen ihren Vater erschossen hätten. 37 Wie ein Franzose, der von einem Schiff zurückgelassen worden war, zu den Tupinambás kam, um mich zu sehen, und wie er ihnen befahl, mich zu essen, da ich ein Portugiese sei. 37 Wie ich großes Zahnweh hatte. Wie sie mich zu Cunhambebe, ihrem obersten Häuptling, führten, und wie ich dort behandelt wurde. 38 38

Wie die Tupiniquins in 25 Booten kamen, so wie ich es dem Häuptling vorausgesagt hatte, um Ubatuba anzugreifen. 40 Wie sich die Häuptlinge abends beim Mondschein versammelten. Wie die Tupiniquins das Dorf Mambucaba niederbrannten. 40 40

Wie ein Schiff von Berdoga kam, um nach mir zutragen, und nur knappe Auskunft erhielt.

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Wie der Bruder des Häuptlings Nhaepepo-oaçú von Mambucaba zurückkam und mir erzählte, sein Bruder, seine Mutter und alle anderen seien krank geworden; wie er dann von mir verlangte, ich solle bei meinem Gott bewirken, daß sie wieder gesund würden. 41 Wie der kranke Häuptling Nhaepepo-oaçú heimkehrte. 41

Wie der Franzose, der den Wilden befohlen hatte, mich zu essen, noch einmal kam und ich ihn bat, mich mitzunehmen, wie aber meine Herren mich nicht freigeben wollten. 42 Wie sie einen Gefangenen aßen und mich zu dem Fest mitnahmen. Was sich auf der Rückfahrt von dem Feste ereignete. Wie von den Portugiesen ein weiteres Schiff nach mir ausgesandt wurde. Von dem Sklaven, den die Wilden bei sich hatten und der mich stets verleumdete und gerne gesehen hätte, daß sie mich töteten; wie er selbst getötet und in meiner Gegenwart gegessen wurde. 43 44 45

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Wie ein französisches Schiff kam und mit den Wilden um Baumwolle und Brasilholz handelte; wie ich gerne auf dieses Schiff gegangen wäre, was Gott aber nicht vorgesehen hatte. 47 Wie mich die Wilden auf Kriegsfahrt mitnahmen, und was sich dabei ereignete. Wie sie auf der Heimfahrt mit den Gefangenen umgingen. Wie die Wilden in unserem nächsten Lager mit ihren Gefangenen tanzten. 48 49 50

Wie das französische Schiff noch da war, auf das sie mich nach der Rückkehr bringen wollten, so wie sie es mir versprochen hatten. 51 Wie sie den ersten der beiden gebratenen Christen aßen, nämlich Jorge Ferreira, den Sohn des portugiesischen Hauptmanns. Wie der Allmächtige ein Zeichen gab.

51 51

Wie ich eines Abends mit zwei Wilden auf Fischfang war, und wie Gott bei einem starken Unwetter ein Wunder an mir vollbrachte. 52 Wie sie den anderen der gebratenen Christen, Jeronimo, aßen. Wie ich verschenkt wurde. Wie mir die Wilden von Taquaraçú-tiba erzählten, daß das erwähnte französische Schiff wieder abgefahren sei. 52 52

53

Wie, kurz nachdem ich verschenkt worden war, ein anderes Schiff aus Frankreich, die »Catherine de Vatteville«, ankam und mich nach Gottes Vorsehung freikaufte. 53 Wie die Schiffsoffiziere hießen, wo das Schiff her war, was sich vor unserer Abreise noch ereignete, und wie lange die Heimfahrt nach Frankreich dauerte. 54 Wie ich in Dieppe in das Haus des Kapitäns der »Bellete« geführt wurde, des Schiffes, das vor uns aus Brasilien abgesegelt und noch nicht angekommen war. 55 Mein Gebet zu Gott dem Herrn, als ich in der Gewalt der Wilden war, die mich essen wollten. 56

TEIL II

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WAHRHAFTIGER KURZER BERICHT aller Gebräuche und Sitten der Tupinambás, wie ich sie während der Zeit meiner Gefangenschaft bei ihnen erfahren habe. Sie wohnen in Amerika, und ihr Land liegt auf 24° südlicher Breite und grenzt an das Mündungsgebiet des Rio de Janeiro. 57 Wie man mit dem Schiff von Portugal nach Rio de Janeiro gelangt, das in Amerika auf dem 24. Grad, ungefähr in Höhe des Wendekreises des Steinbocks liegt. 57 Wo das Land Amerika oder Brasilien liegt, das ich teilweise gesehen habe. Von einem großen Gebirge des Landes. Wie die Tupinambás, deren Gefangener ich war, ihre Wohnungen bauen. Wie sie Feuer machen. Worin sie schlafen. Wie geschickt sie wilde Tiere und Fische mit Pfeilen schießen. Welche Gestalt die Leute haben. 57 58 58 59 59 59 60

Womit sie in den Gegenden hacken und schneiden, in denen sie von den Christen keine Äxte, Messer und Scheren eintauschen können. 60 Was die Wilden als Brot essen, wie ihre Früchte heißen, wie sie sie pflanzen und zubereiten. Wie sie ihre Speisen kochen. Welche Regierung und Obrigkeit sie haben, und was bei ihnen Recht und Ordnung heißt. Wie sie die Gefäße und Töpfe, die sie benützen, brennen. Über ihre Trinksitten, und wie sie ihre berauschenden Getränke zubereiten. Wie sich die Männer schmücken und bemalen, und was sie für Namen haben. Womit sich die Frauen schmücken. Wie die Kinder ihren ersten Namen bekommen. Wieviele Frauen ein Mann hat und wie er sich zu ihnen verhält. Wie sie sich verloben. Ihr Hab und Gut. Was ihre größte Ehre ist. Von ihrem Glauben. Wie sie aus Frauen Wahrsagerinnen machen. Womit sie auf dem Wasser fahren. Warum sie ihre Feinde essen. Wie sie sich beraten, wenn sie einen Kriegszug in das Land ihrer Feinde planen. 60 61 61 62 62 62 63 63 64 64 64 64 64 65 66 66 66

Die Kriegsausrüstung der Wilden.

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Mit welch feierlichen Gebräuchen sie ihre Feinde töten und essen. Womit diese totgeschlagen werden, und wie sie mit ihnen umgehen. 67 Bericht über einige Tiere des Landes. Sarués, Tiger, Löwen, Capivaras und Eidechsen. Von einer Insektenart, kleinen Flöhen ähnlich, die bei den Wilden Tunga heißt. 69 69 70

Von einer Art Fledermäuse jenes Landes, die den Leuten nachts im Schlafe in die Zehen und die Stirn beißen. 70 Von den Bienen oder Immen des Landes. Von den Vögeln des Landes. Bericht über einige Bäume des Landes. 70 70 71

Wie die Baumwolle und der brasilianische Pfeffer wachsen und auch einige der Wurzeln, die die Wilden als Nahrung anpflanzen. 71

SCHLUSSWORT
Dem Leser wünscht Hans Staden Gottes Gnade und Frieden.

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ZEITTAFEL BIBLIOGRAPHIE (DEUTSCHSPRACHIGE AUSGABEN)

72 73

VORWORT
Der hier vorgelegte neu übersetzte und kommentierte Text der Reisebeschreibung von Hans Staden aus Homberg bei Kassel, die 1557 in Marburg erstmals erschien, nimmt innerhalb der Literatur des Entdeckungszeitalters einen besonderen Rang ein. Zunächst fesselt die ungekünstelte Darstellung der Fahrten und Abenteuer in der Neuen Welt, die den Berichterstatter oft in Todesnähe führten. Daneben gefällt seine Frische und sein Humor, der manchmal an den seines großen hessischen Landsmannes Grimmelshausen (»Der abenteuerliche Simplizissimus«, »Die Landstörzerin Courasche«) erinnert. Über das Unterhaltsame hinaus erfahren wir aber auch aus der »Wahrhaftigen Historia« wertvolle Angaben über das Brasilien des 16. Jahrhunderts, über seine Bewohner, seine Fauna und Flora, wobei sich Vergleiche zur südamerikanischen Atlantikküste in unsern Tagen anbieten. Und schließlich besitzen Stadens Aufzeichnungen die Bedeutung eines Erstrechts: sie stellen die früheste Geschichtsquelle des fünftgrößten Landes der Erde dar und haben die Westliche Hemisphäre erstmals mit höherem Anspruch an Wahrhaftigkeit und Detailkenntnis in der Alten Welt bekannt gemacht. Bereits wenige Jahre nach der Entdeckung Brasiliens - es hieß damals noch »Land des heiligen Kreuzes« brachte ein gewisser Lucas Rem aus Augsburg ein Scriptum heraus, das uns brasilianische Novitäten etwa aus dem Jahre 1505 mitteilt. Rem war allerdings nie in Südamerika; seine Neuigkeiten hatte er vom Hörensagen. Als Verwandter der Augsburger Welser hielt er sich bis 1508 in Lissabon auf, wo er sich der Gunst König Manuels des Glücklichen, des Förderers der portugiesischen Entdecker, erfreute. Wie vage seine Informationen waren, geht aus den Zweifeln

hervor, mit denen er seinen Rapport beginnt: »Man weiß nicht, ob die Terra de Santa Crucis eine Insel oder Festland ist.« Im gleichen Augsburg tauchte 1514 eine Flugschrift im kleinen Quartformat von fünf Seiten Umfang auf, die den Titel »Newen Zeytung auß Presillg-Landt« trug, und einiges Landeskundliche enthält, das schon konkretere Formen annimmt. Doch der als »Pilot« bezeichnete Informant ist unbekannt geblieben. Der Altmeister der deutschbrasilianischen Historiker, Friedrich Sommer, wollte in ihm Amerigo Vespucci erkennen, dem die Neue Welt ihren Namen verdankt. Immerhin weiß man, daß der Florentiner an der Expedition des Gonçalo Coelho 1503-1504 entlang der südamerikanischen Ostküste teilgenommen hat. Doch dies waren fragmentarische Vorläufer, nicht für den Buchmarkt, sondern den Jahrmarkt, wo sie zusammen mit den sogenannten »Relationen« feilgeboten wurden, die Sensationen aufbauschten und die spätere Boulevardpresse vorwegnahmen. Als wichtige Quellenschrift, von der gebildeten Welt im Zeitalter des Humanismus begierig aufgegriffen, bot dann um die Jahrhundertmitte Hans Staden seinen farbigen Erlebnisbericht an, der sogleich eine zweite Auflage nötig machte. Um sich nicht den Phantastereien von Reisebeschreibungen seiner Epoche mit ihrem Schwulst der Sprache, gewissermaßen Vorläufern der Münchhausiaden, gleichzusetzen, tat der Autor alles, um für seine seriösen Absichten und seine schriftstellerische Redlichkeit Beweise zu liefern. Dem Exemplar, das für seinen Landesherrn Landgraf Philipp von Hessen bestimmt war - ihm hatte er die »Historia« gewidmet -, legte Staden, wie wir aus dem 52. Kapitel wissen, einen Paß bei, den er in Honfleur bei seiner Ankunft in Europa von höchster Stelle erhalten hatte und der ihm seine Präsenz in der Neuen Welt bestätigte. Und immer wieder beteuert er, daß nicht Ruhmsucht ihm den Federkiel in die Hand drückte, sondern die innere Nötigung, Gott zu preisen, dem er so oft in kritischer Situation die Rettung dankte. Daß er unzählige Male davor bewahrt wurde, von den Kannibalen erschlagen zu werden, ist für ihn ein untrüglicher Beweis der Existenz Gottes, mit dem er - ein Don Camillo der Entdeckerzeit - quasi du auf du verkehrt, und der nach recht diesseitiger Vorstellung in kniffligen Lagen eingreift wie die Olympier in das irdische Geschehen bei Homer. In naiver Weise kümmert es Staden nicht, daß hunderte andere, die nicht weniger auf jenseitige Hilfe vertrauten, den Menschenfressern zum Opfer fielen. Einige der Unglücklichen glaubte er damit trösten zu können, daß sie im Jenseits ein sehr viel fröhlicheres Leben erwarte. Um die Ernsthaftigkeit seiner »Wahrhaftigen Historia« darzutun, greift der Autor, dem eine humanistische Bildung mangelte, noch zu einem weiteren Mittel. Er bittet eine Autorität unter den Humanisten, ihm ein Vorwort zu schreiben, das ihm die Glaubwürdigkeit attestiert. Es ist ein alter Freund seines Vaters, gleich jenem aus Wetter bei Marburg stammend und angesehen als Professor der Medizin und Mathematik in Marburg, Dr. Johannes Dryander (1500-1560), übrigens einer der Wegbereiter der Anatomie. Was Dryander schreibt, entspricht dem Gelehrtendeutsch seiner Zeit und wartet, dialektisch nicht ungeschickt, mit einer Fülle von Argumenten auf, die den Stolz eines Humanisten auf seine evolutionär-fortschrittliche Gegenwart erkennen lassen, auf eine geistige Wende, die aus der Enge des Mittelalters soeben die ersten Schritte in die Welt der Naturwissenschaften und damit der Neuzeit ermöglicht hat. Als besonders stichhaltiges Argument erwähnt dieser passionierte Anwalt der Legitimität des Staden'schen Reiseberichts den Umstand, daß im Jahre 1557 kein Heimkehrer aus fernen Ländern mehr »flunkern« könne, da es bereits genügend Leute gäbe, die auch in Übersee gewesen und damit in der Lage seien, einen Falschmelder Lügen zu strafen. Als einen solchen Gewährsmann führt Dryander Heliodorus Hessus an, mit dem Staden in Brasilien zusammengetroffen ist, und der in seinem Reisebericht Erwähnung findet. Daß der Marburger Professor gerade diesen Zeugen nennt, hat einen persönlichen Grund. Denn mit dem Vater des Heliodorus, dem »hochgelehrten und weitberühmten Eobanus Hessus«, stand er in direkter enger Verbindung. Dieser Humanist, lateinische Dichter und Professor in Erfurt und Marburg (1488-1540) gehörte zum Kreis um Reuchlin und Hutten, galt als das größte poetische

Talent der Epoche und übersetzte in seinem Todesjahr die »Ilias« Homers. Von ihm sollen die sogenannten »Dunkelmännerbriefe« stammen, die, anonym herausgebracht, damals als politischgeistige Streitschrift ein spektakuläres Echo fanden. Der Weltfreude, die die Renaissance ausgelöst hatte, huldigte Eobanus Hessus nicht weniger, indem er in seinen »Sylvae« fröhliche Geselligkeit pries. Der Sohn des Humanisten, Heliodorus, von Staden in seinem Reiserapport mehrfach erwähnt, hatte sich nach dem Studium in Marburg über Holland nach Brasilien begeben, wo er 1553 bis 1565 als Buchhalter und Aufseher der Zuckerrohrfarm und Zuckermühle São João in São Vicente wirkte, das, nahe dem heutigen Kaffee-Ausfuhrhafen Santos gelegen, eines der Zentren der portugiesischen Kolonialverwaltung war. Dort begegnete ihm Hans Staden erstmals. Zusammen mit dem Piloten (Steuermann) Juan Sanchez besuchte er von dort aus den späteren Verfasser der »Historia« in dessen Fort bei Bertioga; dies sollte ungewollt zu Stadens Gefangennahme durch den Menschenfresserstamm der Tupinambás führen. In der Freude des Wiedersehens hatte Staden sich zu einem indianischen Stützpunkt im nahen Urwald begeben, um ein Wildbret zu besorgen, und bei diesem Alleingang griffen ihn die Kannibalen auf, was seine vielmonatige, mit dauernder Lebensangst verbundene Haft zur Folge hatte - zugleich verdanken wir gerade dieser Phase seines Brasilienaufenthaltes einen wichtigen Teil seines Reisebuches, nämlich die für damals erstaunlich exakten ethnographischen, zoologischen und botanischen Beobachtungen. Von Heliodorus Hessus wissen wir durch den Chronisten Mello Moraes, daß er 1565 als Anführer von neun indianischen Kriegsboten, mit 300 Eingeborenen bemannt, zur Bucht von Guanabara ruderte, um sich an der Vertreibung der Franzosen zu beteiligen, die sich dort festgesetzt hatten. Nach geglücktem Unternehmen wurde er am 1. März 1565 Mitbegründer der nochmaligen zweiten Hauptstadt Brasiliens, São Sebastião do Rio de Janeiro. Unterm Zuckerhut heiratete er eine Portugiesin, Maria Pereira de Sousa, und betätigte sich als Notar. Beim Handstreich auf eine französische Karavelle soll er 1568 am Cabo Frio (Kaltes Kap) am Nordausgang der GuanabaraBucht umgekommen sein. »Heliodorus«, so schreibt Dryander in seinem Vorwort zu Stadens Text, »kann über kurz oder lang zurückkehren - was man hofft - und falls Stadens Geschichte falsch und erlogen wäre, könnte er ihn leicht als nichtswürdigen Menschen in Verruf bringen.« Als der Marburger Professor dies zugunsten des Autors äußerte, war der Sohn des Humanisten zwar noch am Leben, doch die Rückkehr in die alte Heimat und damit die Möglichkeit, für Staden Zeugnis abzulegen, blieb ihm versagt. Stadens »Wahrhaftige Historia« ist nicht nur einer der ersten Berichte, die wir über den südamerikanischen Subkontinent besitzen, sie stellt auch ein wichtiges Sprachzeugnis der Germanistik dar: das frühe Neuhochdeutsch, das, von Luthers Bibelübertragung angeregt, sich zur hochdeutschen Schriftsprache entwickeln sollte. Auch Staden hat gleich dem Reformator »dem Volk aufs Maul geschaut«, in diesem Fall den Eingeborenen, und ohne die Lutherbibel gäbe es auch keine »Historia«. Erstmals bei Staden lesen wir neben einem Vokabular, das noch dem Mittelhochdeutschen nahesteht, neuhochdeutsche Wörter wie Boot, Ebbe, Menschenfresser, Brasilianer, brasilianisch. Was die Linguistik betrifft, so hat Staden auch zahlreiche Ausdrücke der Indianersprache übermittelt, insgesamt 150 Wörter. Da er lange Zeit unter Eingeborenen lebte, verstand er deren Idiome, wobei ihm zugute kam, daß es in dem von ihm besuchten Küstenabschnitt zwischen dem heutigen Pernambuco und Santa Catarina eine Art Indianer-Esperando gab, Lingua geral genannt, mittels derer sich weit auseinander ansässige oder streunende Stämme leidlich verständigen konnten und deren sich im 19. Jahrhundert Indianerforscher wie Ehrenreich, von der Steinen, Koch-Grünberg bedienten. Der von Staden überlieferte Begriff für Fisch = Pira klingt heute noch im Namen der Süßwasser-Fauna nach (Piracurú, Piranha), und das Wort mirim = klein kehrt in Verbindung mit Ortsnamen wieder. Bezeichnungen für Vertreter der Tropenfauna wie Paca (Nagetier), Tatú (Gürteltier) waren bereits dem Weltwanderer aus Homberg bekannt.

Im Eifer des Erzählens läßt Staden unbekümmert die Wilden des Urwalds in Wetterauer Hessisch sprechen. So sagt einer von ihnen, der gerade vor Stadens Augen Menschenfleisch verzehrt, wohlgelaunt: »Jau ware sche, ich bin ein Tigertier, er schmeckt woll!« Neben Grausamkeit und Mordlust legen die Indios, mit denen es der Homburger zu tun hat, eine ausgesprochene Bonhomie, Lustigkeit, ja Ausgelassenheit an den Tag, und Staden weiß die jeweilige Stimmung geschickt zu nutzen, um jene, in deren Gewalt er sich befindet, für sich einzunehmen. Nach Art der Schelmenromane, die sich, aus Spanien kommend, kurz vor Abfassung von Stadens »Historia« in Deutschland einbürgerten, versah der Homberger die einzelnen Abschnitte des Buches mit Überschriften, die den Inhalt jeweils kurz präludieren. Der Wert von Stadens Reisebeschreibung liegt aber auch in den beigefügten quadratförmigen Holzschnitten, die in ihrer bildlichen Aussage dem Holzschnittartig-Naiven der Erzählweise genau entsprechen. Nach der Art von mittelalterlichen Heiligen-Viten sind auf jedem Bild mehrere aufeinanderfolgende Szenen gemeinsam wiedergegeben, was wiederum an Comic Strips erinnert, wobei der langbärtige Staden stets leicht herauszufinden ist. Die abgebildeten Eingeborenen unterscheiden sich im Körperwuchs nicht von Europäern, denn der Marburger Holzstecher hat sie ja nicht selber erblickt. Noch Künstler bis ins 19. Jahrhundert, die in Brasilien Bestand aufnahmen, so Post, Rugendas, Depres, haben aus den Indios typologisch Weiße gemacht. Daß Staden dem Holzschneider assistierte, darf bei der Treffsicherheit der Wiedergabe vieler Einzelheiten des Milieus angenommen werden. Langbärtig ist Staden auch auf dem einzigen Porträt, das von seinem Aussehen zeugen will. 1663 hat Just Winkelmann es in einer Reihe von 34 Holzschnitten entdeckt, die ein in Oldenburg ediertes Werk »Der amerikanischen Neuen Welt Beschreibung« enthielt. Die Authentizität des Bildnisses ist allerdings nicht gesichert. Das Verständnis für das, was Staden als Niederschlag seiner Erlebnisse und Beobachtungen hinterlassen hat, setzt die Kenntnis der Zeit- und Weltumstände voraus, in die er hineingeboren wurde. Es war die Epoche neuer geographischer und geistiger Horizonte, die das im späten Mittelalter stagnierende Abendland in fruchtbare Bewegung brachte, Neugier auf die Realität unserer Erde weckte und den Menschen ungeahnte Aufgaben stellte: das Wissen um die Weltmeere und die Erschließung bisher unbekannter Kontinente. Es ist das Zeitalter der Entdeckungen, und es ist auch Hans Stadens Zeitalter. Heute, in der Epoche der Erkundung des Weltraumes, können wir uns gut in ein ähnlich epochales, die Gemüter erregendes Abenteuer hineinversetzen, das an der Schwelle der Neuzeit die überseeische Expansion der europäischen Völker ermöglichte und zur Folge hatte, daß die Renaissance nicht nur ein literarisches Phänomen geblieben ist. Die Schrittmacher der europäischen Völkerwanderung über den Atlantik waren die Portugiesen. Was für unser Zeitalter der »Conquista« (Eroberung) außerirdischer Welten wissenschaftliche Zentralen wie die in Houston, Texas, bedeuten, das war im 15. Jahrhundert Sagres an der Küste des Algarve, der südlichsten portugiesischen Provinz. Hier war das wissenschaftliche Forschungszentrum des Vorläufers der Entdecker, Heinrichs des Seefahrers, eines Infanten aus dem Königshaus Avis. Mit allen Vorkehrungen der Geheimhaltung scharte der Infant Astronomen, Mathematiker, Kartographen, Schiffsbauer, Nautiker, Steuerleute aus vieler Herren Länder um sich. Als technische Voraussetzung der Conquista konstruierte man an diesem Ort das erste Schiff, das gegen den Wind operieren und somit die Heimkehr von großer Fahrt gewährleisten konnte. In der Abgeschiedenheit von Sagres, nahe dem Südwestkap São Vicente, begründete der Infant Heinrich im wahrsten Sinn die Weltherrschaft des weißen Mannes. Dabei stand Heinrichs Forschung noch ganz im Zeichen des Kreuzes; Sagres war Labor und Kloster in einem. Die Segel portugiesischer Karavellen trugen das Cruz de Cristo, das Zeichen des portugiesischen Ordens der Christusritter. Nach dem vom Infanten Henrique erweckten entdeckerischen Impuls sind die Annalen Portugals dicht angefüllt mit bahnbrechenden Taten. Zuerst stieß man auf Madeira (der Name bedeutet

»Holz«) und die Azoren. 1434 überwandt Gil Eanes aus Lagos das gefürchtete Kap Bojador im Westen Afrikas - dort, wo man das Ende der Welt vermutete. 1456 erreichte man den Golf von Guinea. 1483 entdeckte Diogo Cão die Kongomündung. An Deck seines Flaggschiffes befand sich der Nürnberger Geograph Martin Behaim, der in Diensten der portugiesischen Krone stand und in Lissabon das Astrolabium bekannt machte, ein für die Entdecker unentbehrliches Instrument, mit dem man den Standort eines Schiffes auf hoher See bestimmen konnte. Die am meisten epochale Entdeckertat fiel indessen dem benachbarten Spanien zu: die Fahrt auf Westkurs und Auffindung Amerikas durch Christoph Kolumbus, den Genuesen, der in Diensten der kastilischen Krone von San Lucar aus - dort sollte auch Hans Staden zu seiner zweiten Reise starten - in Richtung Atlantik steuerte, um Indien zu finden. Doch, ohne es zu wissen, betrat er den Boden einer neuen Welt. »Niemals hat ein großartigerer Irrtum«, schrieb der Historiker Ranke, »eine großartigere Entdeckung hervorgebracht.« War einmal der Bann gebrochen, folgten viele weitere Flotten dem Kurs, den Kolumbus 1492 vorgezeichnet hatte. An Bord befanden sich Abenteurer und Weltsüchtige. Amerika zu sehen, mag viele veranlaßt haben, die Enge und armselige Ausstattung eines Windjammers auf sich zu nehmen. Doch der größte Antrieb der frühesten Auswanderer war die Gier nach Gold. Die »Relationen« auf den Jahrmärkten brachten maßlos übertriebene Berichte vom Goldland El Dorado. Der Gedanke der christlichen Mission verbrämte die nackte materielle Gewinnsucht. An der Fahrt in Richtung West beteiligten sich nun auch die Portugiesen. Ihre wichtigste Entdeckungstat in der Westlichen Hemisphäre war die Landnahme Brasiliens im Jahre 1500 durch Pedro Ãlvarez Cabral. Am Ostersonntag ließ er auf einer der vorgelagerten Inseln - die heutige Insel Coroa Vermelha (Rote Krone) bei Baia - einen provisorischen Altar errichten: Schauplatz der ersten christlichen Messe auf brasilianischer Erde. Allmählich faßten Spanier und Portugiesen als Avantgarde der Welterschließung an den inzwischen bekanntgewordenen Küsten des Erdglobus Fuß. Um ihre Interessengebiete abzugrenzen, schlossen sie 1494 den Vertrag von Tordesillas, einer Stadt Nordwestspaniens am Ufer des Rio Duero. Der Borgia-Papst Alexander VI. fungierte als Schiedsrichter. Als Demarkationslinie wählte man auf der Landkarte einen Meridian von Pol zu Pol, 360 Meilen westlich der Kapverdischen Inseln. Der Meridian verlief durch das östliche Südamerika, und da den Portugiesen die Erdhälfte östlich der Grenzlinie zufiel, hatten sie Anspruch auf jenen Teil des Subkontinents, der danach portugiesisch besiedelt wurde und den Namen Brasilien erhielt. Freilich lag der Süden, Santa Catarina und Rio Grande do Sul, durch den Küstenverlauf bedingt in der spanischen Interessensphäre und war demnach im 16. Jahrhundert noch Hoheitsgebiet der Spanier. Dies sollte für Hans Stadens zweite Reise eine Rolle spielen. Brasilien ist heute eines der rohstoffreichsten Länder der Erde. Vor allem verfügt es über eine verschwenderische Fülle von Mineralien, wenn diese auch noch nicht in ihrem vollen Umfang exploriert sind. In den ersten Jahrzehnten nach der Entdeckung durch Cabral stellten die Portugiesen jedoch enttäuscht fest, daß hier nichts zu erben sei. Das Goldland lag jenseits der Kordilleren, in Peru, und war entweder von Panama oder vom Rio de la Plata aus zu erreichen. Daß man an der Ostküste vorerst weder Edelmetalle und Edelsteine noch Gewürze und Spezereien fand, hatte zur Folge, daß sich weder die portugiesische Krone noch private Unternehmer viel um das neu gewonnene Land kümmerten. Die Kolonisation trat auf der Stelle. Nur ein einziges Produkt fand Liebhaber: jenes Farbholz, das man Brasilholz nannte und das dem überseeischen Territorium - ursprünglich hieß es ja Terra de Santa Cruz - später den endgültigen Namen gegeben hat. »Braz« heißt auf portugiesisch »glühende Kohle«, mit der man das Holz seiner Farbe wegen verglich, daraus wurde »Brasil«. Das leuchtende Rot des Pau-brasil diente vornehmlich zum Färben der Stoffe, zum Schreiben und für die Kosmetik der Damenwelt. Im Mittelalter stand hierfür noch der Purpur zur Verfügung, den die orientalische Meerschnecke Murmex abgab; seit aber nach der Eroberung von Konstantinopel durch die Türken 1453 der

»Eiserne Vorhang« des Islam Abend- und Morgenland trennte, mußten sich Europas Färber nach anderen Grundstoffen für das königliche Rot umsehen. Das Pau-brasil füllte die Lücke. Da Brasilholz in Europa als Kostbarkeit galt, beschloß der portugiesische König Manuel der Glückliche, den Handel an der brasilianischen Küste gegen 4000 Dukaten jährlich einer kaufmännischen Gesellschaft zu verpachten, der bald weitere Unternehmen folgten, darunter solche, mit deren Niederlassungen, Faktoreien genannt, Hans Staden in Verbindung trat. Man war damals also noch keineswegs an einer systematischen Besiedlungspolitik interessiert, sondern lediglich am Handel, zumal wenn er hochprozentigen Gewinn abwarf. Man wollte, nach einem Wort von Buarque de Hollanda, die Frucht ernten, ohne den Baum zu pflanzen. Die Aktivität Portugals in Brasilien bestand während Hans Stadens Anwesenheit mehr in der Errichtung von Handelsstützpunkten als in einer zukunftsweisenden Kolonisation. Diese setzte erst ein, als man befürchten mußte, daß sich von Süden her das aktivere Spanien in den unbewohnten, vernachlässigten Gebieten Brasiliens etablierte und damit deren Verlust drohte. Zum Handel kam wenige Jahre vor Hans Stadens Ankunft die Ausbreitung des Latifundienwesens hinzu. Der Großgrundbesitz wies seit der ersten Landverteilung durch Martim Afonso de Sousa 1532 in São Vicente riesige Ausmaße auf. Auch hier wollten die Eigentümer hundertfachen Gewinn erzielen. Dies war nur mit Hilfe von Sklavenarmeen zu erreichen. Man versklavte also die indianischen Ureinwohner und ließ sie als Roboter auf den Mammutgütern fronen. So sah das Brasilien aus, mit dem Hans Staden nach seiner ersten Landung 1547 konfrontiert worden ist. Die überwältigende Masse des Hinterlandes war noch Terra incognita, weißer Flecken auf der Landkarte, Niemandsland der Zivilisation, von keines Weißen Fuß betreten. Das politische und wirtschaftliche Leben spielte sich auf einem schmalen Küstenstreifen ab, der aber auch noch großenteils unberührte Wildnis war. Auf der einen Seite traf man auf vereinzelte ZivilisationsInseln - Latifundien und Faktoreien -, auf der anderen Seite war die Macht des Urwalds mit all seinen Gefahren noch ungebrochen. Die Niederlassungen der Weißen mußten mit ständigen Überfällen durch wilde Indianerstämme rechnen. Noch in unserm Jahrhundert wurden Siedlungen Deutschstämmiger im Staate Santa Catarina von den gefürchteten Botokuden angegriffen. Doch dies war bereits ein Stadium weitgehender Pazifizierung und Domestizierung des roten Mannes, verglichen mit den andauernden Greueln, denen sich die frühesten Europäer im »Land des heiligen Kreuzes« ausgeliefert sahen. Die Schilderungen der kannibalischen Wilden nehmen denn auch in Stadens Buch einen breiten Raum ein. Was er an drastischen Vorkommnissen übermittelt, war schon Jahrzehnte früher Amerigo Vespucci begegnet, der über die Kannibalen vermerkt: »Sie ernähren sich hauptsächlich von Menschenfleisch. Zwar fressen sie nicht ihre eigenen Stammesgenossen auf, aber sie fahren in sehr fein ausgearbeiteten Booten zu benachbarten Inseln, wo sie Menschen rauben, die von einem anderen Stamme sind. Weibspersonen essen sie nicht; sie gelten als ungenießbar.« In die Zeit Hans Stadens fällt die von König João III. beorderte Einteilung Brasiliens in 15 erbliche Capitanias, denen jeweils ein »Gobernador« vorstand. Jede Kapitanie umfaßte ein Küstenstück von 50 Leguas (350 km); die Grenzen landeinwärts bestanden aus Parallellinien zum Äquator, die bis zur Demarkationslinie von Tordesillas reichten. Die Kapitanien waren unteilbar und unveräußerlich; einem jeweiligen »Ouvidor« (Auditor, Richter) stand die Rechtssprechung (außer der Todesstrafe) zu. Der sechste Teil der Erträgnisse der Kapitanien ging an die Krone; der Export von Brasilholz blieb Kronprivileg. Trotz erster Kolonialerfolge durch die Neuordnung, und obwohl sich neben São Vicente in dem von Duarte Coelho gegründeten Olinda (im heutigen brasilianischen Nordoststaat Pernambuco) ein zweiter Schwerpunkt bildete, blieb die Ausbreitung Portugals in der Neuen Welt gegenüber den spanischen Besitzungen immer noch weit zurück. Die Zivilisation verharrte in der Küstenzone. Schmuggel und Korruption griffen um sich. Um den Mißständen entgegenzuwirken, befahl König João III., die 15 Kapitanien unter einem Generalgouverneur zusammenzufassen, der in Bafa seinen Sitz nehmen sollte. Diese Stadt war eine Gründung des ersten Generalgouverneurs, Tomé de Souza, und sie sollte bis gegen Ende der

Kolonialzeit die Hauptstadt des Landes bleiben. Im 16. Kapitel seines Reisebuchs erwähnt Staden diesen hohen Kronbeamten, den er Tome de Susse nennt und als »obersten von des königs wegen« bezeichnet. Mit diesen Neuerungen hatte das portugiesische Kolonialreich in Südamerika sein vorläufiges Gesicht erhalten - als am 28. Januar 1548 der als Büchsenschütze verdingte Homberger Bürger Hans Staden nach stürmischen Segeltagen den Hafen von Olinda erreichte, wo der aufregendste Abschnitt seines Lebens begann (jener Abschnitt auch, der ihn aufgrund seiner nachträglichen Aufzeichnungen weltbekannt gemacht hat, gewissermaßen als ersten Historiographen des tropischen Großreiches.) Das Geburtsjahr des deutschen Konquistadors wird zwischen 1525 und 1528 angenommen; sein Name weist auf ein Dorf Staden in der Wetterau hin. Wir haben bereits von seinem angesehenen, mit Dyrander befreundeten Vater gehört. Der Sohn erhielt seinen Unterricht in der Homberger Stadtschule. Sein Lehrer, der Rektor Leonhardt Crispinus (Kraushaar, Krauß), ist deshalb nennenswert, weil er mit dem Reformator Melanchthon korrespondierte. Dem Protestantismus hing auch Staden an, und dies hat sicher zum Wohlwollen beigetragen, dessen er sich bei seinem Landesherrn Landgraf Philipp, einem Protagonisten der neuen Glaubensrichtung, erfreute. Sicher wußte er vom berühmten Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli, das in den Tagen seiner Kindheit im nahen Marburg stattgefunden hatte. Das mit Stadens Namen eng verbundene Homberg ist Homberg bei Kassel, von wo Hans Staden 1547 zu seinen Überseereisen aufbrach. Neben der Stadtkirche steht das Museum mit Exponaten, die auf den Autor der »Historia« Bezug nehmen heute noch ein sehenswertes Städtchen in einiger Entfernung vom linken Fulda-Ufer. Ein Ensemble hübscher hessischer Fachwerkhäuser steigt am Altstadthügel empor, gekrönt von der gotischen Stadtkirche mit barockem Helm. Das frühere Rathaus neben der Kirche birgt ein Ortsmuseum, eine volkskundliche Sammlung, in der aber auch Biographisches über Hans Staden lebendig wird. Der Autor der »Historia« hat das »Gasthaus zur Krone« noch gekannt, denn es stammt aus dem Jahre 1480; zu den drei ursprünglichen Erkern wurde zur Zeit Stadens ein vierter hinzugefügt. Man sieht noch Reste der landgräflichen Burg. Hans Stadens Landesherr hat 1526 in der kleinen Stadt an der Efze die Reformation für Hessen eingeführt. Da Staden im Gebrauch der Waffen geübt war, nimmt man an, daß er bereits in seiner Heimat Kriegsdienst geleistet hat, entweder an der Türkenfront oder im Schmalkaldischen Krieg 1546/47, in dessen Verlauf Landgraf Philipp in die Gewalt des römisch-deutschen Kaisers Karl V. geriet, der den Katholizismus gegen die protestantischen Fürsten verteidigte und die Schlacht von Mühlberg gewann. Philipp der Großmütige blieb bis 1552 in Haft. Vielleicht war die Niederlage der protestantischen Sache ein Motiv für Hans Stadens Streben in die Ferne. Doch mag er auch aus Abenteuerlust und der Zeitströmung folgend in den Sog der Atlantikfahrer geraten sein. Im März 1547 begann die erste, kürzere seiner beiden Reisen. Von Bremen begab er sich über Holland nach Setúbal in der portugiesischen Provinz Alentejo, heute noch einer der wichtigsten Schiffahrts- und Fischereihäfen. Die Entdeckerzeit ist hier noch im alljährlich begangenen »Fest des Meeres« lebendig. Traktoren ziehen Modelle von Karavellen auf Rädern hinter sich her, von deren geschwellten Segeln das Cruz de Cristo leuchtet. Das gleiche Kreuz zierte den Segler des Kapitäns Penteado, mit dem Hans Staden dann von Lissabon aus viele Wochen unterwegs war. Handel und Seeräuberei gingen damals, und noch bis ins 18. Jahrhundert, ein Bündnis ein, denn Stadens Karavelle hatte den Auftrag, Schiffe, die mit den »weißen Mohren« (Berbern) Handel trieben, auszuplündern. So erlebte er an Afrikas Westküste, bei Agadir, ein entsprechendes Kaper-Unternehmen, wobei berittene Berber vergeblich versuchten einzugreifen. Die erbeutete Ware mußte man allerdings auf Weisung der Krone in Funchal (Madeira) abliefern, da sie teilweise kastilischen Handelshäusern gehörte; Portugal scheute den Konflikt. Die Überfahrt bescherte die Begegnung mit fliegenden Fischen, die Staden im 2. Kapitel genau beschreibt, und Thunfischen. Die Jagd auf »albacoras« wird heute noch im Süden Portugals

betrieben, und es geht dabei durch Harpunieren der im Netz gefangenen Tiere sehr blutig zu, so daß man vom »Stierkampf des Ozeans« spricht. Zielpunkt dieser ersten Reise war das Küstengebiet des Staates Pernambuco, dessen Hafen von Staden mit »Prannenbucke« bezeichnet wird. Es ist die Urzelle der heute drittgrößten brasilianischen Stadt (nach São Paulo und Rio), Recife de Pernambuco. Die in der Nähe gelegene portugiesische Niederlassung, die bei Staden Marín heißt, ist das Olinda unserer Tage, weltweit bekannt geworden durch Dom Helder Camãra, den »zornigen Bischof«, und seinen Kampf für soziale Gerechtigkeit. In Igaraçú beteiligte sich Staden an der Abwehr angreifender Wilder, die er nun erstmals zu Gesicht bekam. Der größte Teil des Küstenstrichs, den Staden während seiner ersten Reise betreten hat, wird heute vom Häusermeer der Staatshauptstadt Recife bedeckt. Im 17. Jahrhundert hatten sich hier die Holländer festgesetzt, da die Niederländisch-Westindische Kompanie am dort gedeihenden Zuckerrohr interessiert war. Als Generalstatthalter gewann die Gesellschaft den Prinzen Moritz von Nassau-Siegen aus Dillenburg, eine markante Gestalt aus der Zeit des Absolutismus. Wie aus Stadens Text hervorgeht, mußte man sich gegen die Wilden nicht nur seiner Haut wehren, sondern merkwürdigerweise trieb man gleichzeitig mit ihnen Handel. Zu diesem Zweck steuerte das Schiff den Hafen Paraiba an, am Mündungstrichter des gleichnamigen Flusses, der später einem der Bundesstaaten des brasilianischen Nordostens den Namen geben sollte. Staden schildert dort das Gefecht mit einem französischen Segler, der gerade Brasilholz lud. Zum Verständnis der Stadenschen Aufenthalte in Brasilien und der von ihm immer wieder dargestellten Kontroversen zwischen Portugiesen und Franzosen sei auf den kolonialgeschichtlichen Hintergrund kurz eingegangen. Etwa um die Zeit von Stadens erster Fußfassung an Brasiliens Küste begann sich auch Frankreich handelspolitisch für diesen Teil der Neuen Welt zu interessieren, so daß zahlreiche Handels- und Kaperschiffe ausfuhren, die unbekümmert um die portugiesischen Hoheitsrechte dort ihre Geschäfte betrieben. Dies ergab immer neue Zusammenstöße. 1555 kam es soweit, daß der französische Admiral Nicolas de Villegaignon den Hafen von Rio de Janeiro in Besitz nahm, so daß hier für Portugal eine ähnliche Gefahr drohte wie später in Pernambuco durch die Holländer: daß sich nämlich ein von Portugal losgetrenntes fremdes Kolonialgebiet konstituierte. Im Falle von Rio verschärfte sich die Situation dadurch, daß der nochmalig durch die Hugenottenkriege bekanntgewordene Admiral Coligny an der Guanabara-Bucht eine Pflanzstätte für seine Glaubensgenossen begründen wollte (»France Antarctique«). Frankreichs Okkupation führte zu langwierigen Auseinandersetzungen zwischen Portugiesen und Franzosen, wobei diese es verstanden, sich gegen ihre Rivalen mit wilden Indianerstämmen zu verbünden (eine ähnliche Taktik wie zwischen Franzosen und Engländern in Kanada). Wir haben gesehen, daß Stadens Gefährte Heliodorus Hessus an den Kämpfen beteiligt war, die später zur Vertreibung der Franzosen führen sollten. Doch in den Jahren, als der Homberger in Brasilien weilte, war Frankreich im Land unterm Kreuz des Südens noch ein ernstzunehmender Faktor, und während der zweiten Reise Stadens sehen wir, wie der Landsknecht aus Hessen sich mit diplomatischer Absicht immer wieder als Franzose ausgibt, wenn er sich von Indios bedroht sieht, die mit Frankreich kollaborieren. Stadens zweite, sehr viel längere und abenteuerlichere Reise, die er vom 6. Kapitel seines Berichtes an ausführlich schildert, erhält dadurch einen anderen Akzent, daß der Autor der »Historia« nunmehr in spanischen Diensten steht. Diesmal ist er nicht an Bord irgendeines Kauffahrers. Er nimmt als angeheuerter Kanonier an einem Unternehmen teil, das in der spanischen Kolonialgeschichte einen wichtigen Platz beansprucht, mit Blickrichtung auf das Stromgebiet des Rio de la Plata. Die La-Plata-Region gehörte nach dem Vertrag von Tordesillas zum Interessengebiet der spanischen Krone. Diese nahm hier deswegen schon früh ihre territorialen Rechte wahr, als man Silber fand und außerdem glaubte, über den Rio Paraguay, einen der wasserreichen Zubringer des

»Silberstromes«, leicht in das ebenfalls silberreiche Peru zu gelangen. Der erste, der dem Mündungsbecken des La Plata (damals »Süßes Meer« genannt) nach Silber lüstern zustrebte, war Juan Diaz de Solfs. 1516 fiel er in die Hände von Kannibalen und wurde gebraten und verspeist, was seine Gefährten vom Schiff aus mitansehen mußten, ohne Solfs retten zu können. 1535 fuhr Pedro de Mendoza zum Silberstrom und gründete Buenos Aires und Asunciõn, die späteren Hauptstädte Argentiniens und Paraguays. Ihm zur Seite stand der aus Straubing an der Donau stammende Ulrich Schmidel, der in seiner Vaterstadt durch eine Tafel an seinem Geburtshaus, nahe dem Markt, geehrt wird. Man kann Schmidel als Mitbegründer von Buenos Aires bezeichnen, und er hat wie Hans Staden eine »wahrhaftige Historia« hinterlassen, die allerdings erst 1567 in Frankfurt erschien. Obwohl sich beider Routen kreuzten und beide bei dem gleichen Handelsvertreter Peter Roesei in São Vicente Station machten, sind sie sich nie begegnet, jedenfalls erwähnt keiner den anderen. In die Fußstapfen Mendozas traten seine Nachfolger in der Statthalterschaft, und sie schmeckten sich mit dem stolzen Titel »Adelantado«. Als im Jahre 1550 der Gouverneursposten vakant war, bestellte man Juan de Sanabria und nach dessen plötzlichem Tod seinen Sohn Diego mit dem Amt des Governadors. Während dieser noch in Spanien zurückblieb, um Rechtsfragen seiner Befugnisse am La Plata zu klären, liefen von San Lucar drei Schiffe als Vorkommando aus: das Flaggschiff »San Miguel« mit dem in Asunciõn bereits bewährten Anführer Juan de Salazar an Bord - er sollte jetzt dort den Rang eines Schatzmeisters bekleiden - und zwei Brigantinen. Diese hölzernen »Nußschalen« kann man sich, gleich der »Santa María« des Kolumbus, nicht klein genug vorstellen. An Tonnenzahl (80 bis 200 t) reichten sie nicht einmal an heutige Trawler des Fischfangs heran. Wie andere Flotten segelten sie im Verband. Dies war unvermeidbar wegen der Piratengefahr. Nicht anders handelten die spanischen Silberflotten, die von San Lorenzo an der Landenge von Panama die Edelmetalle Perus ins Mutterland transportierten. Der Monsun trieb die drei Schiffe der Sanabria-Expedition in die Bucht von Guinea. Das Flaggschiff, an dessen Bord sich auch Frauen und Kinder befanden, wurde von einem Korsar aus La Rochelle ausgeplündert. Die Piraten verschonten nicht einmal das schöne Geschlecht, dem sie nach einem authentischen Bericht »nur die Ehre ließen, was bei Franzosen viel zu sagen hat.« Die Vorkommnisse hatten zur Folge, daß die drei Schiffe auseinandertrieben. Die eine Brigantine verschwand spurlos. Die andere des Kapitäns Francisco Becerra langte, von Stürmen heimgesucht, nach 18 Monaten Fahrt in der Bucht von Superaguã an der Ostküste Südamerikas an. Und an Deck eben dieses Schiffes befand sich Hans Staden. Die Bucht von Superaguã ist die Baia de Paranaguã von heute. Ein respektabler Hafen mit idealen Praias (Stränden) für die Großstädter aus der Hauptstadt Paranãs, Curitiba, die durch die Kaffee-Hausse in den letzten Jahrzehnten einen immensen Aufstieg genommen hat. Die Gleisserpentinen schlängeln sich durch die Serra do Mar in das Hochland von Curitiba empor. Es waren deutschstämmige Ingenieure, die diesen Schienenstrang durch das dschungelbedeckte Gebirge gelegt haben; die Station »Engenheiro Lange« am abschüssigen Fels erinnert daran. An den Hafenkais stapeln sich die Exportprodukte des Bundesstaates: Kaffeesäcke und Rinderhäute. Eine breite und feste Strandpiste zieht sich bis Porto Alegre hin. Vor dem zweiten Weltkrieg, als es noch keine guten Straßen gab, verkehrte hier der offizielle Bus-Linienverkehr. Sicher bestanden diese Pisten früher schon, und sie erleichterten in der Zeit der Conquista die Kommunikation. Die Bucht von Paranaguã war aber nicht das Ziel, das als Treffpunkt der drei Schiffe vereinbart war. Dies lag weiter südlich: die der Küste vorgelagerte Insel Santa Catarina, wo Stadens Brigantine dann genau am Katharinentag anlangte, was seine Vorstellung einer höheren Fügung wieder einmal untermauerte. Auf der Insel liegt heute Florianopolis, die Hauptstadt des gleichnamigen, großenteils von deutschen Einwanderern bewohnten Bundesstaates mit dem urbanen Zentrum Blumenau am Ufer des Rio Itajaf. Vom Festland führt die lange Stahlbrücke »Hercilio Luz« zur Inselstadt.

Am Festland-Brückenkopf erblickten Staden und seine Gefährten ein Holzkreuz; dies beschreibt er mit Nachdruck im 9. Kapitel. Und er klärt den Leser darüber auf, daß ein langbärtiger »Christ« - Religion war damals wichtiger als Nation - das Kreuz errichtet hatte. Dieser lebte schon geraume Zeit unter den Eingeborenen und bestätigte, daß die Insel, die vor den Augen der Spanier lag, wahrhaft der ausgemachte Treffpunkt Santa Catarina sei. Endlich traf auch das Flaggschiff mit Salazar ein. Doch die Karavelle war so angeschlagen, daß sie sank. Bei Staden lesen wir, unter welch unsäglich primitiven Umständen man zwei Jahre lang hungernd das Dasein fristete. Man baute aus Urwaldstämmen ein neues Schiff, das aber nicht ausreichte, alle Gestrandeten aufzunehmen. So beschloß man, sich zu teilen. Die einen versuchten, sich auf dem Landweg nach Asunciõn durchzuschlagen, wobei die meisten umkamen. Die anderen, darunter Staden, entschieden sich dafür, mit dem neu gezimmerten Schiffs-Provisorium die portugiesische Siedlung São Vicente, nordwärts von Santa Catarina, zu erreichen. Kurz vor Ankunft ging das Schiff unter. Zu Fuß, an der Küste entlang, schlug man sich weiter durch. In São Vicente, auf der gleichnamigen Insel gelegen, war man wieder in den Armen der Zivilisation, wenn auch unter bescheidenen Bedingungen. Wenn wir uns heute auf der Insel aufhalten, wo angesichts der Wolkenkratzer von Santos die Zukunft bereits begonnen hat, können wir uns kaum mehr in den Urzustand der ersten Stunde zurückversetzen, in dem Hans Staden die Gegend angetroffen hat. Aber immerhin: hier saß ein Kronbeamter, hier gab es Handelsniederlassungen, darunter eine des wohlhabenden Handelshauses Schetz. Erasmus Schetz, dessen Familie aus Aachen stammte, unterhielt seine Firma, die sich mit Überseehandel, Bankgeschäften, Versicherungen und Bergbau abgab, in Amsterdam, das damals noch zum Heiligen Römischen Reich gehörte. Sein Sachwalter in São Vicente war Peter Roesel, von dem wir hörten, daß Ulrich Schmidel aus Straubing, auch einer der Chronisten der Conquista, bei ihm eingekehrt ist. Roesel ist in Stadens »Historia« dreimal genannt, einmal im 52. Kapitel, zweimal im Schlußwort, und dort schreibt er, wie Roesels Brotgeber Schetz ihm auf der Rückreise in Amsterdam zwei Kaiserdukaten als Wegzehrung schenkt. Neben anderen Produkten basierte das Schetz'sche Handelsgeschäft in São Vicente, für das Roesel geradestand, auf dem Zuckerrohr. Der Faktor der Firma überwachte eine Zuckerpresse (Engenho) und ausgedehnte Zuckerrohrplantagen, die von rothäutigen Sklaven bewirtschaftet wurden. Aus Flandern importierte Roesel Tuche, die er an die Siedler vertrieb. Das Handelshaus unterhielt eine eigene Schiffsverbindung zwischen São Vicente und Antwerpen, wobei die Frachter Lissabon ansteuern mußten, um dort den Zehnten zu entrichten. Noch 1615 wird die Faktorei in São Vicente erwähnt. Von São Vicente aus, das die Portugiesen nach ihrem Nationalheiligen genannt haben, beginnt die eigentliche »aventura«, das eigentliche Abenteuer des Hans Staden, dessen »Historia« sich in den Küstengegenden der heutigen Bundesstaaten Rio de Janeiro, Guanabara, São Paulo, Paranã und Santa Catarina abspielt. Alle Orte, die er vorwiegend mit Indianerwörtern benennt, sind topographisch nachweisbar, ob es sich um die Inseln São Vicente und Santo Amaro in der Bucht von Santos, um die Ilha de São Sebastião (Meyenbipe) oder die Ilha Grande (Ippaùn Wasù) handelt. Sogar der Ort, wo er monatelang Gefangener der Menschenfresser war, Ubatuba, ist einigermaßen sicher lokalisierbar. Zwischen der Insel Santo Amaro und dem Festland verläuft ein Sund, der Kanal von Bertioga. Auf der Festlandseite lag eine portugiesische Siedlung gleichen Namens, heute noch ein bescheidener Ort. Die Siedlung wurde von dem wilden Indianerstamm der Tupinambà immer wieder angegriffen und kurz vor Stadens Ankunft in der Bucht von Santos sogar niedergebrannt. Zu ihrem Schutz, um die Rindenboote der Eingeborenen auf dem Kanal abzuwehren, errichteten die Bewohner Bertiogas am jenseitigen Ufer, am Nordzipfel der Insel Santo Amaro, eine Palisaden-Festung mit einer Besatzung, die sich aus Mestizen rekrutierte. Doch der Aufenthalt dort war so riskant, daß sich kein Portugiese bereitfand, den Befehl zu übernehmen. In die Lücke

sprang der geübte Kanonier Hans Staden ein, der den Holzbau durch ein steinernes Kastell ersetzte, das den Namen São Felipe erhielt. Er versah es mit Geschützen und mit jenen runden Ecktürmchen, die für koloniale Fortifikationen in Südamerika typisch sind. Als die Monate, für die Staden sich verpflichtet hatte, zu Ende gingen, bat ihn der oberste Beamte der Krone, Tomé de Souza, persönlich, sich auf zwei weitere Jahre zu verpflichten. Staden willigte ein. Und in diese Zeit fällt nun jene Episode, von der wir bereits berichtet haben: daß Staden im Zusammenhang mit dem Freundschaftsbesuch seines Landsmannes Heliodorus Hessus in die Gewalt der menschenfressenden Tupinambás geriet. Die Tupinambás gehörten zur großen Gruppe der Tupi-Indianer, die damals ganz Südbrasilien bevölkerten und über die Grenzen hinaus Teile Uruguays und Argentiniens. Teilweise waren sie seßhaft, teilweise Nomaden, und gerade diese waren die gefährlichsten. Zu den »harmloseren« zählten die Guaránis. Einen der ihren hat der brasilianische Komponist Carlos Gomez zum Helden seiner Oper »O Guarán@« gemacht: Pery, der sich in eine Portugiesin verliebt. Es ist ein Loblied auf die Verschmelzung der weißen und der roten Rasse. Was Hans Staden als Gefangener der Kannibalen erlebt und erleidet, wird im zweiten Teil der »Wahrhaftigen Historia« anschaulich berichtet. Die Aufzeichnungen Stadens sind neben dem dargebotenen Lesevergnügen auch wissenschaftlich von hohem Wert, da wir von Eingeborenen erfahren, die längst als Opfer des zivilisatorischen »Fortschritts« untergegangen sind, und wo es sie anderswo im brasilianischen Inneren noch gibt, ist, heute schon absehbar, die Gnadenfrist ihrer Existenz begrenzt. Neben dem indianischen Brauchtum nimmt Hans Staden in seinem zweiten Buch von der Tierund Pflanzenwelt Bestand auf, die er angetroffen hat und die zu studieren, er Muße genügend besaß. Und hier wieder ein besonderes Lob: wo andere Reisende unkontrollierbar von mehrköpfigen Ungeheuern kolportieren, schildert der schlichte Armbrustschütze und Kanonier aus Homberg die Wirklichkeit so, wie er sie gesehen hat, ohne Sensations-Hascherei. Die gleichen Vertreter der Fauna, ob Gürteltier, Brüllaffe oder gescheckter Tiger, treffen wir heute noch an. Nur eines verwundert: Staden erwähnt die für Brasilien typischen Schlangen nicht, noch immer eine Plage des Landes, dabei trifft man auf sie in großer Menge gerade in den von Staden besuchten Küstenbezirken, ob es sich um harmlose Wasserschlangen oder giftige Korallenottern handelt. Trotz der Lebensgefahr, in der Staden schwebt, übermittelt er uns einzelne Episoden geradezu humorig: wie er mit gebundenen Beinen durch die Dorfgasse hüpfen muß und die Indios sich zurufen »Da kommt ja bereits unser Essen angehüpft«, wie ein französischer Kapitän, nachdem verschiedene seiner Landsleute sich Staden gegenüber schäbig verhalten haben, ihn loskauft gegen Messer, Äxte, Spiegel und Kämme im Wert von etwa fünf Dukaten. In Wolfshagen verbrachte Staden seine letzten Lebensjahre. Forschungen haben ergeben, daß Hans Staden sein Leben als Pulvermüller und Seifensieder im hessischen Wolfshagen beschlossen hat, einer Gemeinde, die mit ihrer zur gotischen Stadtkirche ansteigenden Fachwerk-Altstadt und ihrer Wasserburg Elmarshausen durchaus mit Homberg konkurrieren kann. 1576 hat die Pest dort 645 Menschenleben gefordert, und im gleichen Jahr vermerkt das Kirchenbuch Hans Stadens Tod. Ohne sein Reisebuch wäre der Homberger vergessen. Er hat es neunzehn Jahre vor seinem Ende herausgebracht und, wie wir sahen, seinem Landesherrn gewidmet, der wahrscheinlich auch die Niederschrift zum Ruhm seines Glaubens angeregt hat. Philipp war zwar ein überzeugter Protestant und Verfechter der Lehre Luthers, doch in seinem Privatleben war er keineswegs ein Puritaner. So hat er sich ganz offen eine Nebenfrau erlaubt, Margarethe von der Sale, und Luther mußte dies aus politischem Kalkül tolerieren. An ihrem Wohnhaus in Spangenberg lesen wir heute noch: »Hier wohnte des Landgrafen Philipp andere Gemahlin.« Doch auch die Positivbilanz des Landgrafen weist keine leeren Seiten auf, und hier müssen wir ihm vor allem zugute halten, daß er Hans Staden gefördert, seine Aufzeichnungen ermöglicht hat.

In der nachfolgenden Zeit brachte es die »Wahrhaftige Historia« auf 81 Ausgaben, darunter Übersetzungen in niederländisch, lateinisch, französisch, englisch, portugiesisch, spanisch, japanisch. Unter den brasilianischen Herausgebem sei Monteiro Lobato genannt, der durch seine Polemik gegen die Mächtigen der Wirtschaft im Vorkriegs-Brasilien eine große Resonanz hatte. Der populäre Reisejournalist Richard Katz hat Hans Staden nach dem Krieg in einer Artikelfolge der »Stuttgarter Zeitung« vorgestellt. Als São Paulo, die drittgrößte Stadt Gesamtamerikas, im Jahre 1954 ihr 400-Jahr-Jubiläum feierte, präsentierte man die Illustrationen zu Hans Stadens Historie in solcher Vergrößerung, daß die Figuren der Indios lebensgroß in Erscheinung traten. Daneben zeigte man Fotos, die gleiche Szenen aus der Welt der Ureinwohner aus unsern Tagen wiedergeben. Neben früheren Initiatoren einer Staden-Renaissance wie dem Geographen Friedrich Ratzel 1893 kommen dem Instituto Hans Staden in São Paulo besondere Verdienste zur Wiederbelebung zu, und hier muß vor allem des vieljährigen Präsidenten Dr. Karl Fouquet gedacht werden, der 1941 in São Paulo erstmals wieder, als Publikation der Gesellschaft, den vollständigen Text mit Bebilderung herausgebracht hat und über Stadens Reisebuch schrieb: »Die Wahrhaftige Historia ist eine der unmittelbarsten und verläßlichsten Urkunden aus der Zeit der Landnahme durch die Portugiesen und der sich verstärkenden Berührung der Europäer mit den steinzeitlichen Indianern insbesondere im Küstengebiet von Santos bis Rio de Janeiro; sie ist das Muster einer gedrängten, alles Wesentliche wiedergebenden Völkerschilderung und gehört als Reisebericht zu dem Ergreifendsten, das die deutsche Literatur bietet.« In den Jahren des zweiten Weltkriegs hat der Geograph Reinhard Maack, Professor an der Universität Curitiba, die Küstenregionen, in denen Staden sich insgesamt acht Jahre und vier Monate aufgehalten hat, genau vermessen und manche Korrekturen erbracht, vor allem was Höhenangaben von Gipfeln der Serra do Mar betrifft. Der Herausgeber des nachfolgenden Textes hat Maack auf seinen Erkundungsfahrten in die Urwaldgebiete zwischen Curitiba und Paranaguã öfter begleiten dürfen, wofür er dem inzwischen verstorbenen Wissenschaftler heute noch Dank weiß. Gustav Faber

Teil I WAHRHAFTIGE GESCHICHTE
und Beschreibung einer Landschaft der wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser, in der Neuen Welt Amerika gelegen, vor und nach Christi Geburt im Lande Hessen unbekannt. bis auf die zwei letztvergangenen Jahre, da sie Hans Staden von Homberg aus Hessen selbst kennengelernt hat und jetzt durch den Druck bekannt macht. Gewidmet dem Durchlauchtigen Hochgeborenen Herrn, Herrn Philipp, Landgraf zu Hessen, Graf zu Katzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain und Nidda, seinem Gnädigen Herrn. Mit einer Vorrede des Johannes Dryander, genannt Eichmann, ordentlicher Professor der Medizin zu Marburg. Der Inhalt des Büchleins folgt nach den Vorreden.

WIDMUNG AN PHILIPP DEN GROSSMÜTIGEN
Dem Durchlauchtigen und Hochgeborenen Fürsten und Herrn, Herrn Philipp, Landgraf zu Hessen, Graf zu Katzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain und Nidda, etc., meinem Gnädigen Fürsten und Herrn. Gnade und Frieden in Christo Jesu, unserem Erlöser. Gnädiger Fürst und Herr. Es spricht der heilige königliche Prophet David im hundertundsiebten Psalm: »Die mit Schiffen auf dem Meer fuhren und trieben ihren Handel in großen Wassern; die des Herrn Werk erfahren haben und seine Wunder im Meer, wenn er sprach und einen Sturmwind erregte, der die Wellen erhob, und sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund fuhren, daß ihre Seele vor Angst verzagte, daß sie taumelten

wie ein Trunkener und keinen Rat mehr wußten, und sie zum Herrn schrien in ihrer Not, und er sie aus ihren Ängsten führte und das Ungewitter beruhigte, daß die Wellen sich legten und sie froh wurden, daß es still geworden war, und er sie an Land brachte nach ihrem Wunsch; die sollen dem Herrn danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut. Sie sollen sie bei der Gemeinde preisen und bei den Alten rühmen.« Also bedanke ich mich beim allmächtigen Schöpfer des Himmels, der Erde und des Meeres, seinem Sohn Jesus Christus und dem Heiligen Geist der großen Gnade und Barmherzigkeit wegen, die mir durch ihre Heilige Dreifaltigkeit ganz unverhoffter und wunderlicher Weise widerfahren ist, als ich unter den wilden Leuten des Landes Brasilien, den Tupinambás weilte, die Menschenfleisch essen und deren Gefangener ich neun Monate gewesen bin, und in vielen anderen Gefahren. So konnte ich nach langem Elend und großer Gefahr an Leib und Leben in Euer Fürstlicher Gnaden Fürstentum, mein höchstgeliebtes Vaterland, zurückkehren und darf die vergangene Reise und Schiffahrt untertänigst berichten. Ich habe mich aufs kürzeste gefaßt, falls Euer Fürstliche Gnaden bei gefälliger Gelegenheit sich wollen vorlesen lassen, wie ich mit Gottes Hilfe durch Land und Meer gezogen um der wunderbaren Geschichte willen, durch die der allmächtige Gott mich in Nöten geleitet hat. Damit auch Euer Fürstliche Gnaden nicht an mir zweifle, so als wollte ich unwahre Dinge angeben, will ich Euer Fürstlichen Gnaden meinen Paß mit diesem Bericht vorlegen. Gott allein sei in allem die Ehre. So empfehle ich mich hiermit untertänigst Euren Fürstlichen Gnaden. Gegeben zu Wolfhagen den 20. Juni im Jahre des Herrn 1556. Euer Fürstlichen Gnade Untertan seit Geburt Hans Staden von Homberg in Hessen, jetzt Bürger zu Wolfhagen.

VORREDE DES PROFESSORS DRYANDER
Dem Wohlgeborenen Herrn, Herrn Philipp, Graf zu Nassau und Saarbrücken usw.1, seinem Gnädigen Herrn, wünscht Dr. Dryander viel Heil und entbietet ihm seine Dienste. Hans Staden, der dieses Buch mit seiner Geschichte jetzt im Druck veröffentlicht, hat mich gebeten, ich möge zuvor seine Arbeit durchsehen, korrigieren und, falls es nötig ist, auch verbessern. Ich bin aus verschiedenen Gründen seiner Bitte nachgekommen. Zum einen, weil ich den Vater des Autors seit nunmehr fünfzig Jahren kenne, denn wir sind beide in der gleichen Stadt, nämlich in Wetter, geboren und aufgewachsen. Er hat sich sowohl in Wetter als auch in Homberg, seinem jetzigen Wohnsitz, immer als aufrichtiger, frommer und tapferer, aber auch als in den guten Künsten bewanderter Mann erwiesen. So kann man hoffen, daß Hans Staden als Sohn dieses ehrlichen Mannes in den Tugenden und in der Frömmigkeit dem Vater nachschlägt, ganz im Sinne des Sprichwortes: der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Zum anderen nehme ich die Arbeit, dieses Büchlein durchzusehen, um so freudiger und lieber auf mich, als ich mich gern an Berichten erfreue, die mit Mathematik zu tun haben, z.B. mit Kosmographie, d. h. der Beschreibung und Vermessung der Länder, Städte und Reisewege, von denen in diesem Buch sehr abwechslungsreich berichtet wird. Um so lieber beschäftige ich mich mit diesen Dingen, wenn ich sehe, daß man die Geschehnisse aufrichtig und wahrheitsgetreu darstellt. Ich zweifle nicht daran, daß dieser Hans Staden seine Erlebnisse und Fahrten nicht nach anderer Leute Bericht mitteilt, sondern aus eigener Erfahrung, gründlich und gewissenhaft und ohne Falsch. Seine Beweggründe sind nicht Ruhm und weltlicher Ehrgeiz, sondern er will Gott Ehre, Lob und Dankbarkeit erweisen dafür, daß er ihn errettet hat. Dies ist für ihn der wichtigste Grund, seine Geschichte zu veröffentlichen. So kann jeder sehen, wie gnädig und wider jede Erwartung Gott der Herr diesen Hans Staden, der ihn vertrauensvoll angerufen hat, aus vielerlei Gefahren errettete. So hat er ihn von den feindseligen Wilden, bei denen er neun Monate lang
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Philipp III. Graf zu Nassau-Weilburg 1559.

täglich, ja stündlich, damit rechnen mußte, unbarmherzig totgeschlagen und gefressen zu werden, in sein geliebtes Vaterland Hessen zurückkehren lassen. Für diese unsägliche Barmherzigkeit wollte er, so weit es in seinen Kräften stand, Gott stets dankbar sein und ihn dadurch loben, daß er die erfahrenen Wohltaten aller Welt mitteilt. Die Ausführung dieses guten Werks und die Ordnung der Ereignisse bringen es mit sich, daß er seine ganze neunjährige Reise im Ausland so beschreibt, wie sie sich zugetragen hat. Und da er dies in einfacher Weise, ohne großartige schmückende Worte, vorträgt, bin ich von der Echtheit und Aufrichtigkeit seiner Sache überzeugt. Welchen Nutzen sollte ihm auch die Lüge anstelle der Wahrheit bringen? Außerdem ist er, wie seine Eltern, in diesem Lande ansässig und zieht nicht in der Art von Landstreichern, Lügnern oder Zigeunern von Ort zu Ort. Er müßte also immer gewärtig sein, daß ein Reisender, der auch auf den Inseln2 war, ankommen und seinen Bericht Lügen strafen könnte. Ein besonders gewichtiges Argument für die Wahrheit seiner Beschreibung ist, daß er Zeit und Ort seines Zusammentreffens mit Heliodorus, dem Sohn des hochgelehrten und weitgerühmten Eobanus Hessus, angibt. Dieser ist schon vor langer Zeit in die Fremde gezogen und gilt hier als tot. Er ist bei Hans Staden unter den Wilden gewesen und war Zeuge, wie dieser gefangen und verschleppt wurde. Dieser Heliodorus kann, so meine ich, über kurz oder lang zurückkehren - was man auch hofft - und falls Hans Stadens Geschichte falsch und erlogen wäre, könnte er ihn leicht als nichtswürdigen Menschen in Verruf bringen. Mit solch kräftigen Argumenten und Schlüssen zugunsten der Aufrichtigkeit Hans Stadens will ich es für dieses Mal genug sein lassen und stattdessen die Ursachen aufdecken, weshalb dieser und ähnlichen Geschichten von den meisten Menschen so wenig Beifall und Glauben geschenkt wird. Zunächst haben es die Landstreicher mit ihren ungereimten Lügen und Berichten falscher, erdichteter Dinge dahin gebracht, daß man auch rechtschaffenen und wahrhaftigen Leuten, wenn sie aus fremden Ländern zurückkehren, wenig Glauben schenkt. Man sagt gemeinhin: Wer lügen will, der erzähle von Dingen, die weit entfernt sind, denn niemand geht hin, um nachzusehen. Ehe jemand sich diese Mühe macht, glaubt er's lieber. Nun ist damit, daß man die Wahrheit um der Lügen willen auch verstümmelt, nichts erreicht. Man muß berücksichtigen, daß es Dinge gibt, die, trägt man sie einem einfachen Manne vor, dieser für unmöglich hält. Trägt man sie gebildeten Leuten vor, werden die gleichen Dinge als gewisse und unumstößliche Tatsachen angesehen, was sie auch sind. Ein oder zwei Beispiele aus der Astronomie mögen dies verdeutlichen. Wir, die wir hier in Deutschland oder in den benachbarten Ländern wohnen, wissen aus Erfahrung und Überlieferung, wie lange Winter und Sommer und auch die beiden anderen Jahreszeiten Herbst und Frühling dauern; ebenso, wie lang oder wie kurz die längsten bzw. kürzesten Tage und Nächte im Sommer und im Winter sind. Behauptet nun jemand, es gebe Orte auf der Welt, an denen die Sonne ein halbes Jahr lang nicht untergehe und daß der längste Tag und andererseits die längste Nacht dort sechs Monate währe; ebenso, es gebe Orte, an denen zwei Winter und Sommer im selben Jahr auftreten; oder daß die Sonne und andere Sterne, so klein sie uns auch erscheinen, ja selbst der kleinste Stern am Himmel größer seien als unsere Erde; und viele andere Dinge mehr, und der gemeine Mann hört dies, so verachtet er solche Behauptungen aufs höchste, schenkt ihnen keinen Glauben und hält sie für unmöglich. Von den Astronomen hingegen werden diese Naturvorgänge so erklärt und bewiesen, daß die Sachverständigen keinen Zweifel daran haben. Daraus, daß die große Masse diese Dinge für unwahr hält, folgt noch lange nicht, daß sie wirklich unwahr sind. Um die Astronomie wäre es schlecht bestellt, wenn sie über die Himmelskörper keine genauen Angaben machen oder aus bestimmten Gründen die Eklipsen, d. h. die Sonnen- und Mondfinsternisse, nicht auf den Tag und die Stunde genau bestimmen könnte. Sogar auf
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Amerika

Jahrhunderte vorausberechnet, erweisen sie sich als wahr. Die Leute aber sagen: Ja, wer ist denn am Himmel gewesen und hat diese Dinge gesehen und ausgemessen? Die Antwort lautet: Weil die alltägliche Erfahrung die Darlegungen der Wissenschaften bestätigt, muß man sie für ebenso gewiß halten als zwei und drei zusammen fünf sind. Und gerade die sicheren Grundlagen und Erläuterungen der Wissenschaft erlauben es, zu berechnen und auszumessen, wie weit es bis zum Mond, zu den anderen Planeten und schließlich bis zum gestirnten Himmel ist. Ja, selbst Größe und Umfang von Sonne, Mond und anderen Himmelskörpern lassen sich berechnen. Mit Hilfe der Himmelskunde, der Astronomie und der Geometrie errechnet man sogar Größe, Rundung und Ausdehnung der Erde. Doch all dies weiß der einfache Mann nicht oder hält es für unmöglich. Dem einfachen Manne wäre seine Unwissenheit auch zu verzeihen, da er nicht viel von den Wissenschaften gelernt hat. Daß aber angesehene, sehr gebildete Leute an Dingen zweifeln, deren Richtigkeit doch bewiesen ist, das ist schimpflich und auch schädlich, da der einfache Mann auf ihre Meinung etwas gibt. Seinen eigenen Irrtum begründet er, indem er sagt: Wenn das wahr wäre, dann hätte dieser oder jener Schriftsteller nicht widersprochen. Also, usw. So bezweifeln Sankt Augustinus und Firmianus Lactantius, zwei heilige, gelehrte, neben der Theologie auch in den guten Künsten bewanderte Männer, und wollen nicht zugestehen, daß es Antipoden geben könne. Damit meint man, daß es Menschen gibt, die am entgegengesetzten Punkt der Erde, also unter uns und uns mit den Füßen gerade entgegengesetzt dahin gehen, also mit Kopf und Leib nach unten in den Himmel hängen und doch nicht hinabfallen. So seltsam dies auch klingt, so halten die Gelehrten doch daran fest, daß es nicht anders sein kann und als wahr erwiesen ist, obwohl es von den oben genannten heiligen und hochgelehrten Autoren verneint wird. Denn es kann nicht anders sein, als daß diejenigen, die an den Endpunkten eines Erddurchmessers wohnen, Antipoden sind und daß folgender Lehrsatz unumstößlich ist: Alles, was sich zum Himmel richtet, steht an jedem beliebigen Punkt der Erde aufrecht. Man muß gar nicht hinunter in die Neue Welt ziehen, um Antipoden zu suchen, diese gibt es auch hier, in der oberen Erdhälfte. Nimmt man nämlich einen Landstrich im äußersten Westen, z. B. Kap Finisterre in Spanien, und hält dagegen einen im Osten z. B. in Indien, so bilden die Bewohner dieser Regionen eine Art Antipoden. Daraus wollen nun einige Theologen ableiten, daß die Bitte der Mutter der Zebedäus-Söhne, die sie an Christus den Herrn richtete, erfüllt worden sei, daß nämlich einer ihrer Söhne zu seiner Rechten und einer zu seiner Linken sitzen möge. Dies sei dadurch geschehen, daß Sankt Jakobus in Compostela begraben sein soll und dort verehrt wird, unweit von Kap Finisterre, das gemeinhin Kap zum Finsteren Stern genannt wird. Der andere Apostel, Johannes, ruhe hingegen in Indien3, dem Land der aufgehenden Sonne. So gäbe es also schon lange Antipoden, unangesehen der Tatsache, daß zur Zeit des heiligen Augustinus die neue Welt Amerika noch nicht entdeckt war. Einige Theologen, besonders Nikolaus Lyra, sonst als vortrefflicher Mann geachtet, behaupten, daß die Erdmasse zur Hälfte im Wasser liege und schwimme, daß also der bewohnte Teil aus dem Wasser herausrage. Der andere Teil. aber sei völlig von Wasser umgeben, so daß dort niemand wohnen könne. Dies widerspricht allen Erkenntnissen der Kosmographie, und durch die zahlreichen Schiffsreisen der Spanier und Portugiesen ist nunmehr entdeckt worden, daß es eben anders ist, daß die Erde überall bewohnt ist, sogar in der heißen Zone, was unsere Vorfahren und die alten Schriftsteller nie zugeben wollten. Unsere täglich verwendeten Gewürze, Zucker, Perlen und anderes mehr kommen aus jenen Ländern zu uns. Die scheinbaren Widersprüche um die Aeipoden und die obengenannten Himmelsberechnungen habe ich mit Absicht so ausführlich dargelegt, um das vorher erwähnte Argument zu bestätigen. Es könnten hier noch viele ähnliche Dinge angeführt werden, doch würde ich mit weiteren Ausführungen den Leser nur verdrießen.

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Hier irrt Dryander. Der Apostel Johannes wurde nach der Überlieferung in Ephesus beigesetzt.

Viele solcher Argumente wird man nachlesen können im Buch des würdigen und hochgelehrten Magisters Kaspar Goltwurm, des fleißigen Superintendenten Euer Gnaden und Predigers zu Weilburg. Dieses Buch4 wird in sechs Teilen von verschiedensten Mirakeln, Wunderdingen und Paradoxen berichten, die sowohl in alter als auch jüngerer Zeit geschehen sind. Es wird in Kürze im Druck erscheinen. Auf dieses Buch sowie auf viele andere, in denen dergleichen Dinge beschrieben werden, z. B. die von Galeottus über Dinge, die unglaublich erscheinen usw., möchte ich den gütigen Leser, der mehr darüber wissen will, hingewiesen haben. Damit sei ausreichend gezeigt, daß etwas, das dem gemeinen Mann fremd und ungewöhnlich erscheint, nicht immer gelogen sein muß, so z. B. daß die Inselbewohner5 in diesem Bericht alle nackt sind, keine Haustiere als Nahrung haben, daß sie auch viele andere bei uns gebräuchliche Dinge wie Betten, Pferde, Schweine oder Kühe noch Wein oder Bier6 usw. nicht kennen und sich eben anders behelfen und erhalten müssen. Zum Schluß der Vorrede will ich noch kurz die Gründe darlegen, die Hans Staden bewogen haben, seine beiden Reiseberichte drucken zu lassen. Viele könnten ihm dies übel auslegen, so als wolle er sich damit Ruhm und einen Namen erringen. Von ihm selbst habe ich ganz anderes vernommen, und ich bin ganz sicher, daß er anders denkt, was man auch seinem Bericht hin und wieder entnehmen kann. Er hat soviel Elend und widrige Zeiten erlitten und so oft in Lebensgefahr geschwebt, daß er keine Hoffnung mehr hatte, in sein Heimatland zurückzukehren. Gott aber, dem er auf allen Wegen vertraute und den er oft anrief, hat ihn aus Feindeshand errettet. Auch hat er Gott durch sein gläubiges Gebet oft dazu bewegt, den gottlosen Leuten zu verstehen zu geben, daß der rechte, wahrhaftige Gott existiert und kräftig und gewaltig ist. Es ist bekannt, daß der Gläubige durch sein Gebet Gott weder Ziel, Maß noch Zeit setzen kann. Doch was sollte dagegen sprechen, daß Gott, wenn es ihm gefällt, durch diesen Hans Staden die Gottlosen seine Wunderkraft erkennen läßt. Auch weiß jedermann, daß Trübsal, Kummer, Unglück und Krankheit im allgemeinen die Leute Gott näher bringen, daß sie in der Not Gott mehr als je zuvor anrufen. Bis heute haben viele in der Art der Katholiken diesen oder jenen Heiligen angerufen und sich zu einer Wallfahrt oder einem Opfer verpflichtet, damit ihnen in ihrer Not geholfen wird. Solche Gelübde werden auch ziemlich streng eingehalten, außer von solchen, die die Heiligen mit ihren Gelübden betrügen wollen. So berichtet Erasmus von Rotterdam in den Kolloquien von einem Schiffbruch, bei dem ein Mann auf See dem heiligen Christophorus gelobt habe, er wolle ihm, falls er ihm aus der Not helfe, eine Wachskerze opfern. Diese Kerze sollte so groß wie das 10 Ellen hohe Standbild des Heiligen sein, das in einer Kirche in Paris steht und wie ein Polyphem aussieht. Sein nächster Nachbar, der neben ihm saß, wußte um seine Armut und schalt ihn wegen des Gelübdes. Selbst wenn er alles, was er auf Erden besitze, verkaufe, so könne er doch nicht genug Wachs kaufen, um eine solche Kerze machen zu lassen. Darauf antwortete ihm jener, heimlich, damit es der Heilige nicht höre: Wenn er mir aus dieser Not geholfen hat, werde ich ihm ein Talglicht geben, das gerade einen Pfennig wert ist. Und die Geschichte eines Ritters, der Schiffbruch erlitten hatte, lautet ganz ähnlich: Als der Ritter sah, daß sein Schiff unterzugehen drohte, rief er den heiligen Nikolaus7 an, damit er ihm aus der Not helfe. Er wolle ihm auch sein Pferd oder seinen Ackergaul opfern. Da ermahnte ihn sein Knecht, dies doch nicht zu tun, denn worauf wolle er sonst reiten. Da sagte der Junker leise zum Knecht, so daß es der Heilige nicht höre: Schweig still. Wenn er mir aus der Not hilft, werde ich ihm nicht einmal den Sterz, d. h. den Schwanz des Pferdes geben. So wollten beide ihre Heiligen betrügen und haben die ihnen widerfahrenen Wohltaten bald vergessen.
»Wunderwerk und Wunderzeichen Buch«, Frankfurt 1557. Siehe Anm. 2. 6 Es gibt eine Art »Bier« aus zerkauten Mandioka-Knollen, bzw. zerkautem Mais. 7 Heiliger der Seefahrer.
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Damit nun Hans Staden nicht auch für jemand gehalten wird, der die ihm von Gott erwiesenen Wohltaten vergißt, hat er sich vorgenommen, mit diesem Buch der Beschreibung seiner Erlebnisse Gott zu loben und zu preisen. So wollte er aus christlichem Gemüt die ihm erwiesene Gnade aller Welt bekannt machen. Wenn dies nicht seine wirkliche Absicht gewesen wäre, die man wohl ehrenvoll nennen muß, so hätte er sich ja die Mühe und Arbeit, den Zeitaufwand und die nicht geringen Kosten für den Druck und die Holzschnitte ersparen können. Ich habe diese Vorrede Euer Gnaden untertänig zugeeignet aus folgenden Gründen: Einmal ist diese Geschichte durch den Autor dem Durchlauchtigen Hochgeborenen Fürsten und Herrn, Herrn Philipp, Landgraf zu Hessen, Graf zu Katzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain und Nidda, seinem Landesfürsten und Gnädigen Herrn untertänigst dargebracht und gewidmet. Auch hat er sie im Namen Seiner Gnaden öffentlich im Druck erscheinen lassen. Hans Staden war lange vorher schon von dem genannten Fürsten in meiner und vieler anderer Gegenwart genau geprüft und in allen Einzelheiten über seine Schiffsreise und Gefangenschaft gründlich ausgefragt worden. Daran habe ich Euer Gnaden und alle anderen Herren oftmals untertänigst erinnert. Auch kenne ich Euer Gnaden schon lange als einen besonderen Liebhaber der Astronomie und Kosmographie. Euer Gnaden wollen diese Vorrede also gnädig annehmen, bis ich etwas Besseres in Euer Gnaden Namen in Druck geben kann. Hiermit empfehle ich mich Euer Gnaden untertänigst. Gegeben zu Marburg am Thomastag 1556. ERSTES KAPITEL Ich, Hans Staden von Homberg in Hessen, nahm mir vor, so es Gott gefällig sei, Indien8 zu bereisen, und zog darum von Bremen nach Holland. Zu Kampen fand ich Schiffe, die wollten in Portugal Salz laden. Da fuhr ich mit, und wir kamen nach vier Wochen auf dem Wasser am 24. April des Jahres 1547 zu einer Stadt, genannt Setúbal. Von da zog ich nach dem fünf Meilen entfernten Lissabon. Zu Lissabon fand ich eine Herberge, deren Wirt, genannt der junge Leuhr, Deutscher war. Dort blieb ich eine Zeitlang. Dem Wirt sagte ich, ich sei aus meinem Vaterland gezogen, um nach Indien zu segeln. Er antwortete mir, ich sei zu spät gekommen, denn des Königs Schiffe, die nach Indien fahren, seien schon fort. Ich bat ihn, da er die Landessprache beherrschte und ich diese Reisegelegenheit versäumt hatte, mir zu einer anderen zu verhelfen. Dafür wollte ich mich auch erkenntlich zeigen. Er brachte mich auf einem Schiff als Büchsenschützen unter. Der Kapitän des Schiffes, Pintado genannt, wollte auf Handelsfahrt nach Brasilien gehen. Er hatte auch die Erlaubnis, die Schiffe anzugreifen, die im Berberland mit den Mauren Handel trieben. Auch französische Schiffe, die in Brasilien mit den Wilden handelten, konnte er kapern. Er sollte für den König etliche Gefangene nach Brasilien bringen, die Strafe verdient hatten, jedoch verschont wurden, um das neue Land zu besiedeln. Unser Schiff war für den Seekrieg wohl gerüstet. Wir waren drei Deutsche auf dem Schiff: einer namens Hans von Bruchhausen, der andere Heinrich Brant von Bremen9 und ich. Beschreibung meiner ersten Seereise von Lissabon in Portugal aus. Wir segelten von Lissabon mit noch einem kleinen Schiff, das auch unserem Kapitän gehörte, und hielten erstmals bei einer Insel, die Madeira heißt, dem König von Portugal gehört und von Portugiesen bewohnt ist. Sie ist fruchtbar und bringt Wein und Zucker hervor. Dort in der Stadt Funchal nahmen wir weitere Lebensmittel an Bord. Danach fuhren wir von Madeira nach Kap Ghir10. Diese Stadt gehört einem Maurenkönig, einem sogenannten Scherifen11. Vormals hatte sie der König von Portugal besessen, aber der Scherife
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Gemeint ist Ostindien. Sohn eines Bremer Ratsherrn.

hatte sie ihm wieder genommen. Bei dieser Stadt wollten wir Schiffe erobern, die mit Heiden Handel trieben. Als wir hinkamen, fanden wir in der Nähe der Küste viele kastilische Fischer, die uns berichteten, daß bei der Stadt Schiffe seien. Gerade als wir hinfuhren, kam uns ein vollgeladenes Schiff aus dem Hafen entgegen. Dem fuhren wir nach und kaperten es. Aber die Mannschaft entkam mit dem Boote. Da sahen wir ein verlassenes Boot am Strand liegen, das wir zu dem gekaperten Schiff recht gut brauchen konnten. Also fuhren wir hin, um es zu holen. Da kamen Mauren schnell angeritten und wollten es verteidigen. Aber sie konnten unserer Geschütze wegen nicht herankommen. So nahmen wir es und fuhren mit unserer Beute, nämlich Zucker, Mandeln, Datteln, Bockshäute, Gummi Arabicum12, womit das Schiff voll beladen war, zurück nach Madeira, von wo wir unser kleines Schiff nach Lissabon schickten, um den König zu fragen, wie wir es mit der Beute halten sollten, denn sie gehörte Kaufleuten aus Valencia und Kastilien. Der König antwortete, wir sollten die Beute auf der Insel lassen und unsere Reise fortsetzen, unterdessen wolle seine Hoheit überlegen, was damit werden solle. So fuhren wir wieder nach Kap Ghir, um zu sehen, ob wir noch mehr Beute machen könnten; umsonst, denn an der Küste hatten wir Gegenwind, der alle Pläne zunichte machte. In der Nacht vor Allerheiligen fuhren wir bei starkem Sturm mit Kurs auf Brasilien vom Berberland ab. Als wir nun 400 Meilen aufs offene Meer hinausgefahren waren, gab es vielerlei Fische um das Schiff herum, die wir mit dem Angelhaken fingen. Es gab ziemlich große, von den Schiffsleuten Albacoras13 genannt, etliche Bonitos14, die kleiner waren, und Dourados15. Auch gab es viele Fische von der Größe von Heringen, die auf beiden Seiten Flügel hatten wie Fledermäuse und die von den großen Fischen arg verfolgt wurden. Sobald sie sich verfolgt fühlten, erhoben sie sich in großer Zahl aus dem Wasser und flogen ungefähr zwei Klafter16 hoch über dem Wasser dahin, einige so nahe, daß man sie gut sehen konnte. Dann fielen sie wieder ins Wasser zurück. Morgens fanden wir sie oft auf dem Deck, wo sie während der Nacht im Flug gelandet waren. Auf portugiesisch hießen sie peixes voadores. Danach kamen wir in die Höhe des Äquators. Es wurde sehr heiß, denn die Sonne stand um die Mittagszeit direkt über uns. Einige Tage war gar kein Wind. Dann kamen in der Nacht öfters starke Gewitter mit Regen und Wind. So schnell, wie sie kamen, gingen sie auch wieder, so daß wir, wenn wir unter Segel standen, sehr darauf achten mußten, von ihnen nicht überrascht zu werden. Nachdem uns einige Tage ein Sturm entgegengeweht hatte, befürchteten wir, daß wir, wenn er noch lange wehe, Hunger leiden müßten. Wir beteten zu Gott um guten Wind. Eines Nachts, als wir einen starken Sturm hatten, der uns viel Mühe machte, erschienen uns viele blaue Lichter auf dem Schiff, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Als die Wogen vorne ins Schiff schlugen, gingen sie wieder aus. Die Portugiesen sagten, diese Lichter seien ein Zeichen für gutes Wetter und eigens von Gott gesandt als Trost in unseren Nöten. Wir gelobten, in einem gemeinsamen Gebet dafür Dank zu sagen. Danach verschwanden sie wieder. Diese Lichter heißen Sankt Elmsfeuer17 oder Corpus sanctum. Als der Tag anbrach, wurde das Wetter gut, und es kam ein guter Wind auf, so daß wir augenscheinlich sahen, daß diese Lichter ein Wunderwerk Gottes sein mußten.

Heute Agadir in Marokko. Sultan Muley Hamid aus der Dynastie der Saditen. 12 Entstammt der afrikanischen Akazie. Diente als Klebstoff und Bindernittel. 13 Thunfisch. Heißt in Portugal auch »atum«. 14 Thunfischart (Thunnus pelamis). 15 Goldmakrele 16 1 Klafter = 1,71 m. 17 Durch Elektrizität erzeugte Flamme, die bei Gewitter gelegentlich auf den Mastspitzen erscheint. São Telmo = Patron der portugiesischen Seeleute.
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Wir segelten weiter bei gutem Winde und bekamen am 28. Januar einen Landrücken, das Kap Santo Agostinho, in Sicht. Nach weiteren acht Meilen kamen wir zum Hafen von Pernambuco. Wir waren 84 Tage auf See gewesen18, ehe wir Land sichteten. An dieser Stelle hatten die Portugiesen eine Ortschaft namens Marín gegründet. Dem Hauptmann des Ortes, Artokoslio, übergaben wir die Gefangenen und luden auch einige Güter aus, die dort bleiben sollten. Wir ordneten in dem Hafen unsere Angelegenheiten und wollten weitersegeln, um noch Ladung an Bord zu nehmen. Wie die Wilden von Pernambuco sich gegen die Portugiesen erhoben und eine ihrer Siedlungen zerstören wollten. Ganz gegen ihre Gewohnheit waren die Wilden von Pernambuco durch die Schuld der Portugiesen aufrührerisch geworden. Der Hauptmann des Landes19 bat uns, der Ortschaft Igaraçú, die von den Wilden bestürmt wurde, doch um Gottes Willen zu Hilfe zu eilen. Igaraçú lag 5 Meilen vom Hafen Marín, unserem Ankerplatz, entfernt. Die Einwohner von Marín konnten Igaraçú nicht zu Hilfe kommen, da sie selbst einen Angriff der Wilden befürchteten. Wir kamen den Einwohnern von Igaraçú mit vierzig Mann unserer Schiffsbesatzung zu Hilfe. Mit einem kleinen Schiff fuhren wir auf dem Meeresarm, an dem die Ortschaft liegt, ungefähr zwei Meilen landeinwärts. Wir mochten wohl 90 christliche Verteidiger gewesen sein, dazu kamen dreißig Schwarze und brasilianische Sklaven, die den Einwohnern von Igaraçú gehörten. Die Wilden, die uns belagerten, wurden auf 8000 geschätzt. Unser einziger Schutz war ein rund um die Ortschaft geführter Palisadenzaun. Die Festung der Wilden und wie sie uns bekämpften. Die belagerte Ortschaft war von Wald umgeben. Dort hatten die Wilden aus dicken Baumstämmen zwei Befestigungen angelegt, in die sie sich nachts zurückzogen, um sicher vor unseren Ausfällen zu sein. Rund um die Ortschaft herum hatten sie Erdlöcher angelegt, in denen sie tagsüber lagen und aus denen sie zu kleineren Gefechten mit uns hervorkamen. Wenn wir nach ihnen schossen, warfen sie sich nieder, um dem Geschoß zu entgehen. Auf diese Weise belagerten sie uns, so daß ein Herein- oder Hinauskommen unmöglich war. Sie kamen auch ganz nahe an den Ort heran und schossen viele Pfeile in die Höhe, die uns im Niederfallen treffen sollten. Auch machten sie mit Hilfe von Wachs und Baumwolle Brandpfeile, mit denen sie unsere Dächer in Brand stecken wollten, und dazu drohten sie, uns aufzufressen, falls sie uns erwischten. Da es dortzulande üblich war, täglich oder alle zwei Tage frische Wurzeln20 zu holen und daraus Mehl oder Kuchen zu machen, wir aber an solche Wurzeln nicht herankamen, waren unsere wenigen Vorräte bald aufgebraucht. Wie wir nun sahen, daß wir dringend Lebensmittel benötigten, brachen wir mit zwei Barken zur Ortschaft Itamaracá auf, um uns dort zu versorgen. Die Wilden jedoch wollten dies verhindern. So hatten sie große Bäume über den schmalen Meeresarm gestürzt, und beide Ufer waren dicht besetzt. Gerade als wir das Hindernis mit Gewalt durchbrochen hatten, trat Ebbe ein und wir lagen auf dem Trockenen. Da die Wilden uns in den Schiffen nichts anhaben konnten, schichteten sie zwischen Ufer und Schiff viel trockenes Holz auf. Das wollten sie anstecken und dann Pfeffer, der im Lande reichlich wächst, in die Flammen werfen, um uns mit dem entstehenden Qualm vom Schiff zu vertreiben. Aber es gelang ihnen nicht. Inzwischen war die Flut gekommen, und so gelangten wir nach Itamaracá, dessen Einwohner uns Lebensmittel gaben. Damit kehrten wir zum belagerten Igaraçú zurück. Wieder versuchten die Wilden, uns an der Durchfahrt zu hindern. Sie
Normaldauer der Überfahrt 50 Segeltage. Duarte Coelho. Kam 1535 nach Brasilien, wo erzuerst Igaraçú als Stützpunkt wählte, dann aber den Küstenstrich weiter südlich vorzog, wo er Marín (Olinda) gründete. 20 Maniok: Wolfsmilchgewächs, Kulturpflanze des tropischen Regenwaldes. Die Indio-Frauen zerstampfen Maniok mit Klöppeln in hölzernen Mörsern, wobei die Blausäure durch ein unten angebrachtes Loch abfließt.
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hatten wie zuvor Bäume über das Wasser gelegt und die Ufer besetzt. Zwei Bäume hatten sie unten ganz tief eingekerbt und oben mit Cipó festgebunden. Cipó ist eine Schlingpflanze21, ähnlich unserem Hopfen, nur dicker. Die Enden des Cipó reichten bis in ihre Verschanzung. Ihr Plan war, sobald wir das Hindernis durchbrechen wollten, an dem Cipó zu ziehen, so daß die Bäume endgültig fallen und dabei auf die Schiffe stürzen sollten. Wir fuhren heran und brachen durch das Hindernis. Der erste Baum fiel in ihre Schanze, der andere knapp hinter unserem Schiff ins Wasser. Bevor wir jedoch mit dem Durchbruch begannen, hatten wir unsere Gefährten in der Ortschaft zu Hilfe gerufen. Aber als wir zu rufen anfingen, schrien die Wilden auch, so daß man uns in dem belagerten Ort nicht hören konnte. Sehen konnte man uns auch nicht, da ein Gehölz die Sicht versperrte. Um aber gehört zu werden, waren wir eigentlich schon nahe genug herangekommen, hätten nur die Wilden kein solches Geschrei vollführt. So schafften wir die Lebensmittel in die Ortschaft, und als die Wilden einsahen, daß sie nichts ausrichten konnten, baten sie um Frieden und zogen ab. Die Belagerung hatte fast einen Monat gedauert. Die Wilden hatten einige Tote zu beklagen, wir Christen aber keinen. Da wir sicher waren, daß die Wilden Frieden halten würden, fuhren wir zurück zu unserem großen Schiff, das noch vor Marín lag. Dort nahmen wir Trinkwasser und auch Maniokmehl als Nahrungsmittel an Bord. Der Oberste von Marín dankte uns. Wie wir von Pernambuco nach PotiGuarás22 fuhren, dabei einem französischen Schiff begegneten und uns mit ihm schlugen. Wir fuhren von Pernambuco aus vierzig Meilen bis zum Hafen von PotiGuarás, wo wir Brasilholz laden und auch von den Wilden noch mehr Lebensmittel übernehmen wollten. Als wir dort ankamen, fanden wir ein französisches Schiff vor, das gerade Brasilholz lud. Das griffen wir an und hofften es einzunehmen, aber die Franzosen zerstörten uns mit einem Schuß den großen Mastbaum und entkamen. Dabei wurden einige unserer Matrosen getötet und einige verwundet. Danach beschlossen wir, wieder nach Portugal zurück zu fahren, da wir keinen günstigen Wind mehr fanden, um den Hafen, in dem wir Lebensmittel zu erhalten hofften, anlaufen zu können. So segelten wir trotz ungünstigen Windes nach Portugal. Wegen der geringen Lebensmittelvorräte litten wir so großen Hunger, daß einige sogar die Bockshäute, die wir geladen hatten, zu essen versuchten. Jeder erhielt als Tagesration ein Schöppchen Wasser und ein wenig brasilianisches Wurzelmehl. Nach 108 Tagen auf dem Wasser gelangten wir am 12. August zu den Inseln, die Azoren genannt werden und die dem König von Portugal gehören. Da ankerten wir, um uns auszuruhen und zu fischen. Wir entdeckten dort ein Schiff auf dem Meer und fuhren hin, um herauszufinden, was es wohl für ein Schiff sei. Es waren Seeräuber, die sich sofort zur Wehr setzten, doch erlangten wir die Oberhand und eroberten das Schiff. Die Besatzung entkam mit einem Beiboot auf eine der Inseln. Das Schiff hatte viel Wein und Brot an Bord, womit wir uns erquickten. Bald trafen wir fünf Schiffe des Königs von Portugal, die bei den Azoren Schiffe aus Indien erwarteten, um sie nach Portugal zu geleiten. Wir blieben bei ihnen und halfen, einen Indiensegler, der gerade ankam, zur Insel Terceira23 zu geleiten, wo wir dann ankerten. Bei der Insel hatten sich viele Schiffe versammelt, die alle aus den Neuen Ländern zurückkamen. Einige wollten nach Spanien, einige nach Portugal. Wir fuhren alle zusammen von Terceira ab und bildeten so eine Gesellschaft von beinahe 100 Schiffen. Ungefähr am 8. Oktober 1548 kamen wir in Lissabon an, nachdem wir 16 Monate auf der Reise gewesen waren.

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Auch Würgerfeige genannt. Die wurzellose Liane umgarnt ganze Baumgruppen und würgt sie ab. Genannt nach einem Indianerstamm. 23 Den Azoren zugehörig.
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In Lissabon ruhte ich mich eine zeitlang aus und beschloß dann, mit den Spaniern in die von ihnen beherrschten Gebiete der Neuen Welt zu fahren. Deshalb nahm ich ein englisches Schiff, das von Lissabon nach Kastilien zur Stadt Puerto de Santa Maria fuhr. Dort sollte Wein24 geladen werden. Ich reiste weiter nach Sevilla, wo ich drei Schiffe fand, die gerade gerüstet wurden, um nach Rio de la Plata, einem Land in Amerika, zu segeln. Dieses Land, das goldreiche Peru, das erst vor einigen Jahren entdeckt wurde25, bildet mit Brasilien zusammen ein Festland. Wenige Jahre zuvor waren Schiffe ausgesandt worden, um Peru weiter zu erobern. Eins der Schiffe war nun zurückgekehrt und erbat weitere Unterstützung. Auch berichteten sie von dem Goldreichtum des Landes. Der Kommandant der drei Schiffe, Don Diego de Sanabria, sollte dort Statthalter des Königs werden. Ich begab mich auf eines der Schiffe. Sie wurden bestens ausgerüstet und segelten von Sevilla nach San Lucar, wo der Fluß, an dem Sevilla liegt26 ins Meer mündet. Dort warteten wir auf günstigen Wind. Beschreibung meiner zweiten Seereise von Sevilla in Spanien nach Amerika. Im Jahre 1549, am 4. Tage nach Ostern, segelten wir von San Lucar ab. Aber der Wind wehte uns entgegen, und so gingen wir in Lissabon noch einmal vor Anker. Sobald der Wind günstig war, fuhren wir von dort zu den Kanarischen Inseln, ankerten vor der Insel Palma und nahmen Wein für die Reise an Bord. Auch einigten sich die Steuerleute auf einen Treffpunkt in der Neuen Welt für den Fall, daß sie sich bei der Überfahrt aus den Augen verlören. Der Treffpunkt sollte an der Küste auf 28 Grad südlicher Breite liegen. Von Palma fuhren wir nach Cap Verde, dem grünen Vorgebirge im Land der schwarzen Mohren. Dort erlitten wir fast Schiffbruch27. Nun nahmen wir Kurs auf Amerika, doch verschlug es uns, da wir Gegenwind hatten, einige Male nach Guinea, einem Land, in dem auch Schwarze wohnen. Dann kamen wir nach San Tomé, einer Insel, die dem König von Portugal gehört. Es ist eine Insel, die viel Zucker bringt, sonst aber ungesund ist. Sie wird von Portugiesen bewohnt, die viele Schwarze als Sklaven haben. Wir versorgten uns auf der Insel mit frischem Wasser und segelten dann weiter. Wir hatten eines Nachts bei starkem Sturm die beiden anderen Schiffe aus den Augen verloren und segelten also allein. Die Winde waren weiterhin sehr ungünstig, denn sie wehen in diesen Breiten stets von Süden, wenn die Sonne nördlich des Äquators steht, und sie wehen umgekehrt von Norden, wenn die Sonne südlich des Äquators steht. Da sie auf diese Weise fünf Monate stetig aus einer Richtung wehen, hinderten sie uns vier Monate, den rechten Kurs einzuhalten. Erst im September setzte der Nordwind ein, und wir nahmen Kurs Süd-Südwest auf Amerika. Wie wir auf der Höhe des 28. Breitengrades in Amerika anlangten, unseren Bestimmungshafen aber nicht finden konnten, und wie sich an der Küste ein großer Sturm erhob. Am 18. November, der Steuermann hatte gerade die Höhe des Sonnenstandes gemessen, befanden wir uns auf dem 28. Breitengrad und suchten daraufhin Land im Westen. Am 24. des gleichen Monats sichteten wir Land. Wir waren sechs Monate auf See gewesen und hatten oft große Gefahren überstanden. Als wir uns dem Land näherten, konnten wir weder den Hafen noch den Orientierungspunkt ausmachen, den uns der oberste Steuermann angegeben hatte. Da es zu gefährlich war, in unbekannten Häfen anzulegen, lavierten wir an der Küste entlang. Plötzlich erhob sich ein starker Wind, so daß wir fürchteten, auf den Klippen umzukommen. Deshalb banden wir leere Fässer zusammen, füllten sie mit Pulver, verstopften die Spundlöcher und banden
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Im Hinterland Anbaugebiet des Sherry (Jerez de la Frontera). 1532 26 Guadalquivir 27 Zu dieser Jahreszeit wäre die Route westlich von Madeira günstiger gewesen.
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unsere Gewehre darauf. Im Falle eines Schiffbruches könnten so diejenigen, die davonkämen, wenigstens ihre Waffen an Land wiederfinden, denn die Wellen würden Fässer und Gewehre an Land werfen. Wir kreuzten in der Hoffnung, wieder vom Lande wegzukommen, doch es half alles nichts, der Wind trieb uns auf die Klippen zu, die wohl vier Klafter unter dem Wasser verborgen lagen. Die großen Wellen drängten uns aufs Land, und wir glaubten, wir müßten alle miteinander umkommen. Da schickte es Gott, gerade als wir hart an die Klippen kamen, daß einer unserer Kameraden einen Hafen entdeckte, in den wir hineinfuhren. Dort sahen wir ein kleineres Schiff, das vor uns hinter eine Insel floh, so daß wir es aus den Augen verloren und auch nicht erkennen konnten, was es für ein Schiff war. Wir verfolgten es aber nicht weiter, sondern warfen unseren Anker aus. Dann priesen wir Gott, weil er uns aus der Not errettet hatte, ruhten und trockneten unsere Kleider. Am Nachmittag, gegen zwei Uhr, hatten wir geankert, und gegen Abend kam ein großer Kahn voll Wilder zum Schiff, die mit uns reden wollten. Doch keiner von uns konnte ihre Sprache verstehen. Wir gaben ihnen einige Messer und Angelhaken, da fuhren sie wieder ab. In der gleichen Nacht kam noch ein weiterer Kahn. Unter den Wilden befanden sich auch zwei Portugiesen, die uns fragten, woher wir kämen. Als wir antworteten, wir kämen aus Spanien, meinten sie, wir müßten einen erfahrenen Steuermann haben, so wie wir in den Hafen gekommen seien. Sie würden den Hafen zwar kennen, aber in einem solchen Sturm, in dem wir angekommen seien, hätten sie nicht hineingefunden. Da erzählten wir ihnen ausführlich, wie uns der Sturm und die Wellen fast hätten Schiffbruch erleiden lassen und wir gerade, als alle befürchtet hatten, umzukommen, den Hafen entdeckten; auch wie uns Gott darin beigestanden und uns unverhofft vom Schiffbruch errettet hatte. Wir sagten auch, daß wir nicht wüßten, wo wir uns befänden. Als sie dies hörten, waren sie sehr erstaunt und dankten Gott und sagten, der Hafen, in dem wir uns befänden, heiße Supraguí. Er sei ungefähr 18 Meilen von einer Insel namens Saõ Vicente entfernt, die dem König von Portugal gehöre. Auf dieser Insel wohnten sie, und die, die wir mit dem kleinen Schiff gesehen hätten, seien geflohen, weil sie uns für Franzosen gehalten hätten. Wir fragten sie auch, wie weit die Insel Santa Catarina entfernt sei, denn da wollten wir hin. Man antwortete uns, es seien ungefähr 30 Meilen nach Süden. Auch warnte man uns, daß dort ein Stamm von gefährlichen Eingeborenen lebe, die Carijós hießen und vor denen wir uns in acht nehmen sollten. Die Wilden des hiesigen Hafens hießen Tupiniquins und seien ihre Freunde; von ihnen hätten wir nichts zu befürchten. Wir fragten sie noch, auf welcher Breite Santa Catarina liege, und sie antworteten, auf dem 28. Grad, was mit unseren Angaben übereinstimmte. Auch machten sie Angaben, woran wir das Land erkennen sollten. Wie wir den Hafen wieder verließen, um unseren eigentlichen Bestimmungsort zu suchen. Als nun der Wind aus Ost-Südost nachließ, wurde das Wetter gut. Bei Nordostwind setzten wir Segel und fuhren zurück zu dem vereinbarten Treffpunkt Santa Catarina. Zwei Tage segelten wir schon auf der Suche nach dem Hafen, konnten ihn aber nicht finden. Doch zeigte uns die Landschaft, daß wir schon über den Hafen hinaus gesegelt sein mußten. Da der Himmel bedeckt war, konnten wir den Sonnenstand nicht messen28, und an der Umkehr hinderte uns der Wind, der uns abtrieb. Doch Gott ist ein Retter in der Not. Als wir in unserem Abendgebet Gott um Gnade anflehten, kamen kurz vor Einbruch der Dunkelheit im Süden, wohin uns der Wind trieb, dunkle Wolken auf. Noch ehe das Gebet beendet war, ließ der Nordostwind nach, so daß kaum noch ein Hauch zu spüren war. Dann kam ein Südwind auf, der zu dieser Jahreszeit selten bläst, und zwar mit
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Mit Hilfe des Astrolabiums oder des Jakobstabes.

solchem Donnern und Blitzen, daß uns Angst überkam. Das Meer wurde sehr ungestüm, da der Südwind gegen die Wellen des Nordwinds wehte. Es war so finster, daß man nichts sehen konnte, und das gewaltige Blitzen und Donnern ängstigte die Mannschaft derart, daß keiner mehr wußte, wo er anpacken sollte, um die Segel zu wenden. Wir alle fürchteten, daß wir in dieser Nacht ertrinken müßten, doch gab Gott, daß das Wetter sich besserte. So segelten wir dieselbe Strecke zurück, die wir am Tag zuvor gekommen waren und suchten erneut nach dem Hafen. Aber wir konnten ihn immer noch nicht finden, denn vor dem Festland lagen zu viele Inseln. Als wir wieder den 28. Breitengrad erreichten, befahl der Kapitän dem Steuermann, hinter eine der Inseln zu fahren und dort Anker zu werfen, um das Land zu erkunden. So fuhren wir zwischen zwei Landrücken hindurch und fanden dort einen schönen Hafen. Wir ließen den Anker niedergehen und beschlossen, den Hafen mit dem Beiboot genauer zu erkunden. Wie einige von uns mit dem Boot achten, um den Hafen zu besichtigen und dabei auf einer Klippe ein Holzkreuz entdeckten. Es war am Tag der heiligen Katharina im Jahre 1549, als wir dort den Anker auf Grund setzten. Noch am gleichen Tag fuhren einige von uns gut ausgerüstet mit dem Boot los, um den Hafen genauer zu besichtigen. Wir nahmen an, es müsse die Mündung des Flusses São Francisco sein29, die auch in dieser Provinz liegt. Je weiter wir in die Mündung hineinfuhren, desto breiter wurde sie. Auch nach Rauch hielten wir Ausschau, konnten aber keinen entdecken. Vor einem Wald in einem Tal meinten wir, etwas entdeckt zu haben und fuhren näher heran. Es waren alte, verlassene Hütten, und so fuhren wir weiter, bis es Abend wurde. Vor uns in der Mündung lag eine kleine Insel. Die steuerten wir an, um die Nacht dort zu verbringen, da uns das am sichersten schien. Als wir ankamen, war es schon dunkel, und wir waren unsicher, ob wir es wohl wagen sollten, an Land zu gehen und die Nacht dort zu verbringen. Doch einige von uns gingen ganz um die Insel herum, um zu sehen, ob sie bewohnt sei, aber wir konnten niemand entdecken. Nun machten wir Feuer, fällten eine Palme und aßen ihr Mark30. Wir verbrachten die Nacht an dieser Stelle und fuhren am Morgen schon sehr früh weiter landeinwärts. Wir wollten ganz sicher sein, ob hier Menschen lebten, denn die alten Hütten sagten uns, daß Menschen in der Nähe sein mußten. Wie wir so dahinfuhren, sahen wir in der Ferne ein Holz auf einer Klippe stehen. Einige meinten, ein Kreuz zu erkennen, und wir fragten uns, wer es wohl errichtet habe. Als wir näher kamen, erkannten wir ein großes hölzernes Kreuz, das mit Steinen auf der Klippe befestigt war. In einem Faßboden, der daran angebunden war, fanden wir Buchstaben eingeschnitten, die wir jedoch nicht lesen konnten. So rätselten wir, was das wohl für ein Schiff gewesen sein mochte, dessen Besatzung ein solches Kreuz aufgerichtet hatte. Auch wußten wir immer noch nicht, ob wir in dem Hafen waren, in dem wir uns treffen wollten. So fuhren wir von dem Kreuz aus weiter, um das Land zu erkunden. Den Faßboden nahmen wir mit. Wie wir so fuhren, saß einer der unsrigen nieder und las die Buchstaben auf dem Boden genauer und begann, sie zu verstehen. Folgendes war in spanischer Sprache hineingeschnitten: »Si viene por ventura aqui la armada de su Majestad, tiren un tiro, ahi habran recado.« Das heißt auf deutsch: Wenn Schiffe seiner Majestät zufällig hierher kommen, sollen sie einen Schuß abgeben und sie werden weiteren Bescheid erhalten. So kehrten wir schnell zu dem Kreuz zurück, schossen ein Falkonett31 ab und fuhren dann wieder in die Bucht hinein. Bald sahen wir fünf Boote voll von Wilden, und da sie direkt auf uns zu ruderten, machten wir unser Geschütz bereit. Als sie näher kamen, erkannten wir einen Menschen, der Kleider trug und einen Bart hatte. Er stand vorn im Boot, und wir sahen, daß er ein Christ war. Wir riefen ihm zu, er solle anhalten und allein in einem Boot kommen, damit wir mit ihm sprechen könnten.
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Der Fluß, den es heute nicht mehr gibt, läßt sich durch den Ort gleichen Namens im Norden des Staates Santa Catarina lokalisieren. Zur Zeit Stadens begann hier in Richtung Süd das spanische Territorium. 30 Mark der schlankwüchsigen Euterpe edulis, Palmito genannt, mehr Gesträuch als Baum. 31 Leichtes Geschütz.

Als er herankam, fragten wir ihn, in welchem Land wir uns befänden, und er antwortete: Ihr seid im Hafen von Jurumirím, wie er in der Sprache der Eingeborenen heißt, oder, in eurer Sprache, im Hafen Santa Catarina, wie ihn die Entdecker genannt haben. Da freuten wir uns sehr, denn das war der Hafen, den wir suchten. Wir waren darin, ohne es zu wissen, und waren gerade am Sankt Katharinatag angekommen. Hier zeigt sich, wie Gott diejenigen, die in Not sind und ihn ernsthaft um Hilfe bitten, errettet. Nun fragte der Christ uns, woher wir kämen. Wir antworteten, daß wir von einem Schiff des Königs von Spanien seien und nach dem Rio de la Plata wollten. Es seien auch noch mehr Schiffe unterwegs, und wir hofften, sie würden mit Gottes Hilfe auch bald eintreffen, denn hier hätten wir uns verabredet. Da sagte er, daß er dies gern höre und Gott dafür danke. Er sei vor drei Jahren aus der Provinz Rio de la Plata von der Ortschaft Asunciõn, die den Spaniern gehört, 300 Meilen weit hierher ans Meer geschickt worden. Hier sollte er den mit den Spaniern befreundeten Stamm der Carijós dazu bringen, Maniok anzubauen. So könnten die Schiffe von den Wilden Lebensmittel erhalten, falls sie welche benötigten. Dies hatte der Hauptmann Salazar angeordnet, der die neuesten Nachrichten nach Spanien gebracht hatte und nun mit einem anderen Schiff zurückkehrte. Wir fuhren mit den Wilden zu ihren Hütten, wo auch der Christ wohnte. Dort bewirteten sie uns auf ihre Weise. Wie ich mit einem Boot voller Wilder zu unserem Schiff zurückgeschickt wurde. Danach bat unser Kapitän den Weißen, der unter den Wilden lebte, er möge doch ein Boot mit Ruderern bestellen, das einen der unseren zum großen Schiff bringen sollte, damit dieses nachkomme. Der Kapitän schickte mich mit den Wilden zurück zum Schiff. Drei Nächte waren wir nun schon fort, und die im Schiff Zurückgebliebenen hatten keine Ahnung, wie es mit uns stand. Als wir mit dem Boot auf Armbrustschußweite herangekommen waren, erhoben sie ein großes Geschrei und machten Anstalten zur Abwehr. Sie wollten uns mit dem Boot nicht näherkommen lassen, sondern fragten, was denn geschehen sei, wo die anderen geblieben seien und warum ich mit einem Kahn voll Wilder daherkäme. Ich aber schwieg und gab keine Antwort, denn der Kapitän hatte mir befohlen, ich sollte mich traurig stellen und darauf achten, was die Leute an Bord tun würden. Wie ich ihnen nun keine Antwort gab, sprachen sie untereinander: »Da stimmt etwas nicht. Die anderen müssen tot sein, und nun kommen die Wilden mit dem einen Mann. Das ist wahrscheinlich ein Hinterhalt, um das Schiff einzunehmen.« Sie machten Anstalten zu schießen, riefen mir aber noch einmal zu. Da mußte ich lachen und sagte: »Seid beruhigt, ich habe gute Nachricht, aber laßt mich nur erst näherkommen, damit ich euch alles berichten kann.« Nun erzählte ich ihnen, was wir erlebt hatten, und sie waren sehr erleichtert. Die Wilden kehrten mit ihrem Boot heim, und wir folgten mit dem großen Schiff bis in die Nähe ihrer Wohnplätze. Dort gingen wir vor Anker und warteten auf die anderen Schiffe, von denen wir im Sturm getrennt worden waren und die hierher kommen sollten. Das Dorf der Wilden heißt Cutia 32, und der Mann, den wir dort gefunden hatten, nannte sich Juan Fernando und war ein Baske aus Bilbao. Die Wilden hießen Carijós. Sie brachten uns Wild und Fische, dafür gaben wir ihnen Angelhaken. Wie das andere Schiff ankam, das wir auf dem Meer verloren hatten und in dem der oberste Steuermann33 war. Als wir ungefähr drei Wochen vor Anker gelegen hatten, kam das Schiff mit dem obersten Steuermann. Das dritte Schiff mußte untergegangen sein, denn wir erhielten keine weiteren Nachrichten von ihm.
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Auf dem Festland gegenüber der heutigen Inselstadt Florianopolis. Juan Sanchez, der Pilot (Steuermann) des untergegangenen Flaggschiffs »San Miguel«.

Wir rüsteten uns zur Weiterfahrt und nahmen für 6 Monate Lebensmittel an Bord, denn wir hatten noch gut 300 Meilen zu segeln. Als wir schon bereit waren, sank ganz unerwartet das große Schiff im Hafen, und damit war die Reise unmöglich geworden. Zwei Jahre lang saßen wir unter großen Gefahren in der Wildnis fest. Wir mußten großen Hunger leiden, aßen Eidechsen und Feldratten und anderes seltsames Getier, alles was wir bekommen konnten, sogar Schalentiere, die im Wasser an den Steinen hingen, und andere ungewöhnliche Nahrung. Anfangs hatten die Wilden uns noch reichlich mit Lebensmitteln versorgt, doch als sie genug von uns eingetauscht hatten, zog der größte Teil von ihnen an andere Orte. Auch durften wir ihnen nicht so recht trauen, und so verdroß uns die Aussicht, hier ewig zu liegen und umzukommen. Deshalb einigten wir uns darauf, daß der größte Teil der Leute versuchen sollte, auf dem Landweg zur Provinz Asunciõn vorzudringen, die ungefähr 300 Meilen entfernt lag. Die anderen sollten mit dem verbliebenen Schiff dorthin nachkommen. Der Kapitän wählte diejenigen von uns aus, die mit ihm den Wasserweg nehmen sollten. Die anderen, die den Landweg nehmen sollten, versorgten sich mit Lebensmitteln für den Marsch durch die Wildnis, wählten auch einige Wilde als Begleiter und zogen los. Später erfuhren wir, daß viele von ihnen auf dem Marsch verhungerten, daß aber die übrigen ihr Ziel erreichten. Uns Zurückgebliebenen erschien das Schiff doch zu klein, um damit übers offene Meer zu fahren. Wie wir uns entschlossen, nach São Vicente, einer portugiesischen Besitzung zu fahren, um dort von den Portugiesen ein Schiff zu heuern und so die Fahrt zu Ende zu führen. Wie wir aber in einem großen Sturm Schiffbruch erlitten, ohne zu wissen, wie weit es noch bis São Vicente war. Nahe beim Festland haben die Portugiesen eine Insel besetzt, die São Vicente oder, in der Sprache der Wilden, Upau-nema heißt. Diese Provinz war ungefähr 70 Meilen von unserem derzeitigen Liegeplatz entfernt. Dorthin wollten wir fahren und versuchen, von den Portugiesen ein Schiff anzuheuern, mit dem wir den Rio de la Plata erreichen könnten, denn unser eigenes Schiff schien uns für die Fahrt zu klein. In dieser Absicht segelten nun einige mit dem Kapitän Salazar nach São Vicente. Doch keiner von uns war je dort gewesen bis auf einen Mann namens Roman, der glaubte, er werde das Land wiederfinden. Wir verließen den Hafen Imbeaça-pe, auf 28½ Grad südlicher Breite gelegen, und erreichten nach ungefähr zwei Tagen und einer Fahrt von etwa 40 Meilen die Insel Ilha dos Alcatrazes. Wegen des Gegenwindes mußten wir jedoch ankern. Auf der Insel gab es viele Fregattvögel, Alcatrazes34 genannt. Da sie gerade Brutzeit hatten, waren sie leicht zu erlegen. Wir gingen an Land, um Süßwasser zu suchen. Dabei fanden wir verlassene Hütten und Tonscherben der Wilden, die vormals die Insel bewohnt hatten. Auf einer Klippe fanden wir eine kleine Wasserquelle. Wir erlegten viele Vögel und nahmen auch ihre Eier mit aufs Schiff, wo wir beides kochten. Nach dem Essen kam von Süden ein starker Sturm auf, so daß wir den Anker kaum draußen lassen konnten. Auch befürchteten wir, der Sturm könne uns auf die Klippen werfen. Obwohl schon Abend war, hofften wir, noch den Hafen Cananeia zu erreichen. Aber noch bevor wir ihn erreichten, brach die Nacht herein, und wir konnten nicht mehr hineinfahren, sondern mußten trotz großer Gefahr wieder vom Land weg. Wir hatten Angst, die Wogen würden das Schiff in Stücke schlagen, denn wir befanden uns nahe bei einem Landvorsprung, wo die Wellen immer höher gehen als auf hoher See weitab von der Küste. Während der Nacht hatten wir uns so weit vom Land entfernt, daß wir es morgens nicht mehr sehen konnten. Erst nach langer Zeit kam wieder Land in Sicht. Der Sturm wurde so gewaltig, daß wir uns kaum noch länger halten konnten. Da meinte der Mann, der sich am besten
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Fregattvögel. Flugkünstler mit langen Schwingen. Erhaschen ihre Beute im Fliegen. Auch eine der Attraktionen der Galapagos-Inseln.

auskannte, das gesichtete Land könne São Vicente sein, und so steuerten wir darauf zu. Doch plötzlich zogen Nebel und Wolken auf, so daß das Land nicht mehr zu erkennen war. Um das Schiff leichter zu machen, warfen wir alle schweren Gegenstände über Bord; so hoch gingen die Wellen. In großer Angst fuhren wir auf die Küste zu und hofften, den portugiesischen Hafen zu finden, aber wir verfehlten ihn. Als die Wolken etwas aufrissen und man das Land erkennen konnte, war Roman sicher, daß der Hafen vor uns liege, genau hinter der Klippe, auf die wir zusteuerten. Wir fuhren weiter darauf zu, und als wir ganz nahe herangekommen waren, hatten wir nur noch den Tod vor Augen, ein Hafen war nirgends zu entdecken. Es gab keinen Ausweg mehr, denn der Wind trieb uns direkt aufs Land zu, so daß wir Schiffbruch erleiden mußten. Die Wellen peitschten gegen die Küste - es war ein Grauen. So taten wir das einzige, was Schiffbrüchigen noch bleibt, wir baten Gott um Gnade und Errettung unserer Seelen. Wir kamen dem Land immer näher, wo die Wellen schwer auf den Strand schlugen. Wir wurden von ihnen so hoch gehoben, daß wir wie von einer Mauer hinabsehen konnten. Beim ersten Stoß, mit dem das Schiff auf das Land traf, zerbrach es. Einige sprangen über Bord und retteten sich schwimmend ans Ufer, andere hielten sich an treibenden Schiffsteilen. Mit Gottes Hilfe kamen wir alle lebend ans Ufer, aber es stürmte und regnete so sehr, daß wir ganz erstarrt waren. Wie wir herausfanden, in welchem Teil des fremden Landes wir Schiffbruch erlitten hatten. Als wir nun alle an Land waren, dankten wir Gott, daß er uns am Leben erhalten hatte. Zugleich waren wir aber auch betrübt, da wir nicht wußten, wo wir gelandet waren, denn auch Roman war sich nicht sicher, wie nahe oder wie weit es wohl bis São Vicente sein mochte. Ebensowenig wußten wir, ob in der Gegend Wilde lebten, die uns gefährlich werden konnten. Wie einer unserer Kameraden, ein Franzose namens Claude, so am Ufer dahinlief, um sich warm zu machen, entdeckte er hinter einem kleinen Wald ein Dorf. Da die Häuser in europäischer Bauart errichtet waren, ging er hin, und siehe da, es war ein kleiner, von Portugiesen bewohnter Flecken namens Itahaém, nur zwei Meilen von São Vicente entfernt. Er erzählte ihnen von unserem Schiffbruch und auch, wie sehr wir alle froren und daß wir nicht wüßten, wohin wir sollten. Wie die Dorfbewohner das hörten, kamen sie alle angelaufen und nahmen uns mit in ihre Häuser und gaben uns neue Kleider. Wir blieben einige Tage bei ihnen, bis wir uns wieder erholt hatten. Von dort reisten wir über Land nach São Vicente, wo uns die Portugiesen sehr freundlich aufnahmen und auch einige Zeit verköstigten. Doch bald suchte ein jeder sich eine Beschäftigung, um seinen Unterhalt zu verdienen. Nun hatten wir also alle unsere Schiffe verloren. Der Kapitän schickte ein portugiesisches Schiff nach Imbeaça-pe, um dort den zurückgebliebenen Teil der Mannschaft nachzuholen. Die Lage von São Vicente São Vicente ist eine Insel ganz in der Nähe des Festlandes und hat zwei Ortschaften. Eine davon heißt auf portugiesisch São Vicente, in der Sprache der Wilden aber Upau-nema. Die andere ist ungefähr zwei Meilen entfernt und heißt Enguaguaçú. Es gibt außerdem noch einige Gehöfte, Engenhos genannt, in denen man Zucker herstellt.35 Die Portugiesen, die hier wohnen, sind mit einem Indianerstamm befreundet, den Tupiniquins, deren Gebiet sich etwa 80 Meilen ins Landesinnere und 40 Meilen an der Küste entlang erstreckt. Dieser Stamm hat nach Süden wie auch nach Norden hin Feinde. Die im Süden sind die Carijós, die im Norden die Tupinambás, von ihren Feinden auch Tabaiaras genannt, was soviel wie Feind heißt. Diese haben auch die Portugiesen schwer geschädigt, die sich noch immer vor den Tupinambás in acht nehmen müssen.
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Mittels Zuckerrohrpressen.

Der Ort, von dem aus die Portugiesen und Tupiniquins am heftigsten angegriffen wurden, und wie er liegt. Fünf Meilen von São Vicente entfernt liegt die Ortschaft Bertioga. Dort kommen die feindlichen Wilden auf ihren Kriegsfahrten zuerst an und fahren dann zwischen der Insel Santo Amaro und dem Festland hindurch nach São Vicente. Um den Wilden die Durchfahrt zu versperren, hatte man einige Mamelucken36 dorthin geschickt. Ihr Vater war Portugiese, ihre Mutter Indianerin, alle waren christlichen Glaubens, geschickt und erfahren in Kampfweise und Sprache der Christen wie auch der Wilden. Sie waren fünf Brüder, João hieß der älteste, Diogo, Domingo, Francisco und André die anderen, und ihr Vater war Diogo de Braga. Ungefähr zwei Jahre vor meiner Ankunft hatten sich die fünf Brüder vorgenommen, zusammen mit befreundeten Wilden dort eine Befestigung, wie sie die Wilden zur Abwehr von Feinden bauen, zu errichten. Diesen Plan führten sie auch aus. Da dort gutes Land war, hatten sich noch andere Portugiesen dort niedergelassen. Ihre Feinde, die Tupinambás, hatten sie bald entdeckt und sich in ihrem Gebiet, das etwa 25 Meilen entfernt lag, zu einem Kriegszug gerüstet. Eines Nachts waren sie mit 70 Booten gekommen und hatten, wie es ihre Art war, bei Tagesanbruch angegriffen. Die Mamelucken wie auch die Portugiesen flüchteten in ein aus Lehm gebautes Haus und verteidigten sich von da aus. Die Wilden des Ortes aber blieben zusammen in ihren Hütten und verteidigten sich dort so gut sie konnten, so daß viele Angreifer fielen. Schließlich hatten die Tupinambás die Oberhand behalten und den Ort Bertioga angezündet. Sie nahmen die Wilden gefangen, doch den Christen - ungefähr 8 Mann - und den Mamelucken konnten sie in ihrem Hause nichts anhaben, denn Gott hatte sie beschützt. Ihre Gefangenen aber schnitten sie in Stücke und verteilten sie, dann zogen sie wieder in ihr Land zurück. Wie die Portugiesen Bertioga wieder aufgebaut und auf der Insel Santo Amaro ein Bollwerk errichtet haben. Nach diesen Ereignissen erschien es den Anführern wie auch der Gemeinde ratsam, den Ort nicht zu verlassen, sondern ihn wieder aufzubauen und aufs Stärkste zu befestigen, denn man konnte von da aus das ganze Land verteidigen. So führten sie es auch aus. Als die Feinde nun merkten, daß Bertioga zu gut befestigt war, um überfallen zu werden, fuhren sie eines Nachts dennoch an dem Orte vorbei und nahmen um São Vicente herum jeden gefangen, den sie bekommen konnten. Die weiter landeinwärts Wohnenden hatten sich durch das befestigte Bertioga geschätzt gefühlt. Das mußten sie nun büßen. Daraufhin beschlossen die Einwohner, auf der Insel Santo Amaro, genau gegenüber von Bertioga, ganz nahe am Wasser ebenfalls eine Befestigungsanlage zu bauen. Da sollten Geschütze und eine Besatzung hinein kommen, die solche Durchfahrten der Wilden künftig verhindern sollten. So begannen sie, auf der Insel ein Bollwerk zu errichten, das aber nie fertig wurde. Soviel ich erfahren konnte, war der Grund dafür, daß sich kein portugiesischer Büchsenschütze hineinwagen wollte. Ich ging, um den Ort zu besichtigen. Als die Einwohner nun hörten, daß ich Deutscher war und etwas von Geschützen verstand, fragten sie mich, ob ich nicht in das Haus auf der Insel ziehen wollte, um dort Wachdienst zu verrichten. Sie wollten mir noch einige Kameraden zur Unterstützung suchen und auch einen guten Sold bezahlen. Ebenso versprachen sie, daß der König von Portugal es mir vergelten werde, da er sich denen, die den neuen Ländern mit Rat und Tat beistanden, besonders gnädig zu erweisen pflegte.

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Mamelucken = Mestizen (vom indianischen Mama-rucu = Mischblut; Mischung von roter und weißer Hautfarbe). Nicht zu verwechseln mit den Mamelucken Ägyptens.

Wir einigten uns darauf, daß ich vier Monate in dem Haus dienen sollte. Danach würde ein Beauftragter des Königs mit dem Schiff ankommen und dort ein steinernes Haus errichten, das mehr Sicherheit bot. So geschah es dann auch. Die meiste Zeit war ich mit zwei anderen in der Blockhütte. Wir hatten einige Geschütze bei uns, waren aber vor den Wilden nie sicher, denn das Haus war nicht gut befestigt. Auch mußten wir auf der Hut sein, damit die Wilden nicht bei Nacht heimlich vorbeifuhren. Sie versuchten es einige Male, doch mit Gottes Hilfe bemerkten wir sie auf unserer Wache jedes Mal. Nach einigen Monaten kam der Sonderbeauftragte des Königs. Die Gemeinde hatte dem König geschrieben und ihm berichtet, mit welcher Dreistigkeit die Feinde den Ort bedrängten, auch, daß es gutes Land sei, das man nicht aufgeben sollte. Um hier zu helfen, kam der königliche Statthalter Tome de Souza. Er besah sich den Platz, den die Gemeinde gern befestigt hätte. Sie stellten ihm auch meine Dienste dar, die ich ihnen geleistet hätte, z. B. daß ich in das Haus gegangen sei, in das sich sonst kein Portugiese wegen des schlechten Schutzes gewagt hätte. Das hörte der Statthalter gern, und er versprach mir, sich für mich beim König einzusetzen, wenn er mit Gottes Hilfe wieder nach Portugal gelangen und ich sollte dafür belohnt werden. Meine mit der Gemeinde vereinbarte viermonatige Dienstzeit war um, und ich verlangte meinen Abschied. Doch der Statthalter und auch die Gemeinde wünschten, daß ich noch einige Zeit im Dienst bliebe. Daraufhin sagte ich zu, noch für 2 Jahre zu dienen. Danach, so sagte man mir, könnte ich ohne Schwierigkeit mit dem nächsten Schiff nach Portugal segeln, wo ich für meine Dienste belohnt würde. Der Statthalter setzte darüber im Namen des Königs einen Vertrag auf. Das ist üblich bei königlichen Büchsenschützen, falls sie es beantragen. Das steinerne Bollwerk wurde errichtet und mit einigen Geschützen bestückt und das Ganze mir anvertraut. Ich sollte es beaufsichtigen und gut Wache halten. Wie und warum wir zu bestimmten Zeiten des Jahres mehr als sonst mit den Feinden rechnen mußten. An zwei Zeitpunkten im Jahr mußten wir uns besonders vorsehen, denn zu diesen Zeiten überfielen sie die Gebiete ihrer Feinde mit besonderer Vorliebe. Der eine Zeitpunkt liegt im November, wenn bestimmte Früchte reif werden. Diese heißen in ihrer Sprache Abatí37 und davon machen sie ein Getränk, Cauím genannt. Daneben verwenden sie auch Maniokwurzel, von der sie etwas beimengen. Sobald sie mit den reifen Abatí von ihrem Beutezug heimkommen, machen sie daraus ihr Getränk und verzehren dabei ihre Feinde, wenn sie welche gefangen haben. Sie freuen sich schon das ganze Jahr auf die Abatí-Zeit. Ferner mußten wir im August besonders wachsam sein, denn dann ziehen sie einer bestimmten Fischart nach. Diese zieht vom Meer in das Süßwasser der Flußmündungen, um zu laichen. Diese Fische heißen in ihrer Sprache Piratis, die Spanier nennen sie Lysses. Zu dieser Zeit unternehmen sie gewöhnlich auch Kriegszüge, um sich besser mit Nahrungsmitteln versorgen zu können. Den Fisch fangen sie mit kleinen Netzen oder erlegen ihn mit Pfeilen38. Viele solcher Fische bringen sie gebraten heim. Zum Teil machen sie auch Mehl daraus, das sie Piracuí nennen. Wie ich von den Wilden gefangen wurde. Ich hatte einen Wilden vom Stamme der Carijós als Leibdiener. Er fing mir Wild, und zuweilen gingen wir auch zusammen auf die Jagd. Eines Tages kam ein Spanier von São Vicente zu mir auf die 5 Meilen entfernte Insel Santo Amaro in die Befestigung, in der ich wohnte. Bei ihm war ein Deutscher namens Heliodorus Hessus, der Sohn des seligen Eobanus Hessus. Er lebte auf São Vicente in einem Engenho, das einem Genueser, Giuseppe Adorno, gehörte. Dort arbeitete
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Mais Es muß sich um einen großen Fisch gehandelt haben. Im Stromgebiet des Amazonas wird der 3m lange Piracurú heute noch mit Pfeil und Bogen erlegt.

Heliodorus als Schreiber und Bote der Kaufleute des Engenhos. Mit ihm hatte ich schon Bekanntschaft gemacht, als ich mit dem spanischen Schiff bei São Vicente Schiffbruch erlitten hatte. Damals hatten wir Freundschaft geschlossen. Er kam, um zu sehen, wie es mir ginge, denn er hatte gehört, ich sei krank. Tags zuvor hatte ich meinen Leibeigenen in den Wald auf Jagd geschickt. Ich wollte am folgenden Tag kommen und die Beute holen, so daß wir zu essen hätten. In diesem Land ernährt man sich von dem, was die Wildnis bietet. Als ich nun so durch den Wald ging, ertönte plötzlich zu beiden Seiten des Wegs das Kriegsgeheul der Wilden. Sie kamen auf mich zu gelaufen. Als ich die Gefahr erkannte, hatten sie mich schon umzingelt, zielten mit Pfeil und Bogen auf mich und schossen auch. Ich konnte nur noch ausrufen: Gott sei meiner Seele gnädig. Kaum hatte ich das ausgesprochen, wurde ich schon niedergeschlagen. Sie schossen und stachen nach mir, dennoch wurde ich nur an einem Bein verletzt. Sie rissen mir die Kleider vom Leib, der eine den Mantelkragen, der andere den Hut, der dritte das Hemd usw. Bald darauf stritten sie um mich: der eine sagte, er sei als erster bei mir gewesen, der andere meinte, er hätte mich gefangen. Währenddessen schlugen mich die übrigen. Schließlich hoben mich zwei, nackt wie ich war, vom Boden auf und nahmen mich bei den Armen. Vor und hinter mir waren ebenfalls einige. So eilten sie mit mir durch den Wald dem Meer zu, wo ihre Boote waren. Als wir das Meer erreichten, sah ich ungefähr zwei Steinwurf entfernt ihre Boote liegen. Sie hatten sie auf den Strand gezogen und unter einem Gebüsch versteckt. Hier waren noch mehr Wilde. Als diese sahen, wie ich hergeführt wurde, liefen sie uns entgegen. Sie waren nach ihrem Brauch mit Federn geschmückt und bissen sich in die Arme, um mir damit anzudrohen, daß ich verspeist werden sollte. Vor mir her ging ihr Häuptling; in der Hand trug er die Keule, mit der die Gefangenen getötet werden. Er hielt eine Ansprache, in der er sagte, daß sie mich, einen Pero - so nennen sie die Portugiesen -, als ihren Sklaven gefangen hätten und an mir den Tod ihrer Freunde rächen wollten. Während man mich zum Boot brachte, versetzten mir einige von ihnen Faustschläge. Doch sie beeilten sich, die Boote wieder zu Wasser zu lassen, da sie befürchteten, daß in Bertioga Alarm geschlagen würde, was auch geschah. Ehe sie die Boote ins Wasser brachten, banden sie mir die Hände zusammen. Da nicht alle aus dem gleichen Dorf stammten, ärgerten sich die, die mit leeren Händen zurückkehren sollten. Sie stritten mit den beiden, die mich hielten. Einige sagten, sie seien ebenso schnell bei mir gewesen wie die anderen, und beanspruchten einen Teil von mir. Deshalb sollte ich auf der Stelle getötet werden. Ich aber stand da, betete zu Gott und wartete auf den Schlag. Schließlich entschied ihr Häuptling, daß er mich behalten wolle. Ich sollte lebend in ihr Dorf gebracht werden, damit auch ihre Frauen mich sehen könnten und ihren Spaß mit mir hätten. Danach wollten sie mich cauím pepica töten, d. h. daß sie Getränke bereiten und sich zu einem Fest versammeln wollten, im Verlauf dessen ich verspeist werden sollte. Dabei beließen sie es. Sie banden mir vier Stricke um den Hals, und ich mußte ein Boot besteigen. Die Enden der Stricke machten sie am Boot fest und schoben die Kähne ins Wasser, um heim zu fahren. Wie die Wilden mit mir zurückfahren wollten, wie aber die unseren kamen, um mich zu befreien, und mit ihnen kämpften. Nahe bei Santo Amaro, wo ich gefangen genommen wurde, liegt noch eine kleinere Insel, auf der sogenannte Guarás39, Vögel mit roten Federn, nisten. Man fragte mich, ob die Tupiniquins dieses Jahr auch schon hier gewesen seien, um die Vögel während der Brutzeit zu fangen. Ich antwortete mit ja, doch sie wollten selbst nachsehen. Die Federn dieser Vögel sind bei ihnen sehr wertvoll, da ihr ganzer Schmuck aus Federn hergestellt wird. Eine Eigenart der Guarás ist, daß ihr erster Flaum weißgrau ist. Werden sie dann flügge, so sind sie schwarzgrau, und erst nach einem Jahr
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Reiherart

färben sie sich ganz rot. Die Wilden fuhren also zu dieser Insel in der Hoffnung, dort Vögel vorzufinden. Als sie zwei Büchsenschuß weit vom Anlegeplatz waren, entdeckten sie am Ufer viele Tupiniquins und darunter auch einige Portugiesen. Mir war nämlich ein Sklave gefolgt, der bei meiner Gefangennahme entkommen konnte. Er hatte Alarm geschlagen und davon berichtet. Nun wollte man mich befreien. Die Verfolger riefen den Tupinambás zu, daß sie, wenn sie Mut hätten, umkehren und mit ihnen kämpfen sollten. Also drehten die Tupinambás mit ihren Booten und fuhren aufs Land zu. Von dort schoß man mit Gewehren und Pfeilen auf uns und von den Booten wurde zurückgeschossen. Sie banden mir eine Hand los, aber die Stricke um den Hals blieben festgebunden. Der Häuptling, in dessen Boot ich war, hatte ein Gewehr und etwas Pulver, das ihm ein Franzose für Brasilholz gegeben hatte. Dieses Gewehr sollte ich auf die am Lande abfeuern. Nachdem der Kampf eine Weile gedauert hatte, fürchteten die Tupinambás, unsere Verfolger könnten Boote holen, um sie besser verfolgen zu können. Deshalb fuhren sie ab. Drei von ihnen waren bereits erschossen worden. Sie kamen etwa einen Falkonettschuß entfernt am Bollwerk von Bertioga vorbei. Da mußte ich im Boot aufrecht stehen, damit mich meine Kameraden sehen konnten. Die schossen vom Bollwerk zwei größere Geschütze ab, jedoch zu kurz. In der Zwischenzeit waren uns einige Boote aus Bertioga gefolgt, die hofften, uns noch einholen zu können. Doch die Tupinambás ruderten zu schnell. Als die Freunde sahen, daß sie nichts mehr ausrichten konnten, kehrten sie um. Was sich auf der Rückfahrt ins Land der Tupinambás ereignete. Am Tag meiner Gefangennahme fuhren wir noch ungefähr 7 Meilen weit von Bertioga, dann dem Sonnenstande nach zu urteilen, war es gegen 4 Uhr nachmittags - steuerten die Wilden auf eine Insel zu, auf der sie übernachten wollten. Sie zogen die Boote aufs Land, dann zerrten sie mich heraus. Ich konnte nichts sehen, so war mein Gesicht zerschlagen. Auch gehen konnte ich wegen der Beinverletzung nicht, so daß ich im Sand liegen blieb. Die Wilden standen um mich herum und deuteten mir mit drohenden Gebärden an, daß sie mich fressen wollten. In meiner großen Angst begann ich über Dinge nachzudenken, die mir nie zuvor in den Sinn gekommen waren, z. B. welch trauriges Jammertal unser irdisches Leben doch sein kann. So begann ich aus tiefstem Herzen und mit Tränen in den Augen den Psalm zu singen: Aus tiefer Not ruf ich zu dir. Da sprachen die Wilden: Schaut nur, wie er um sein Leben fürchtet. Danach überlegten sie, daß die Insel für die Übernachtung doch kein so guter Lagerplatz sei, und fuhren zum Festland hinüber, wo Hütten standen, die sie früher schon errichtet hatten. Es war bereits dunkel, als wir ankamen. Sie zogen die Boote aufs Land, machten Feuer und legten mich daneben. Ich mußte in einer Hängematte schlafen, die sie Ini nennen und die ihnen als Bett dient. Sie befestigen sie an zwei Pfählen, die sie in die Erde rammen. Wenn sie im Wald übernachten, wird die Hängematte zwischen zwei Bäumen aufgespannt. Die Stricke, die ich um den Hals hatte, banden sie über mir an einem Baum fest und richteten ihre Nachtlager rund um mich her zurecht. Dabei verspotteten sie mich und nannten mich »che reimbada inde«, was soviel bedeutet wie: Du bist mein gefangenes Tier. Noch vor Tagesanbruch fuhren wir weiter und ruderten fast den ganzen Tag. Die Sonne zeigte gerade die Vesperzeit an und wir waren noch etwa zwei Meilen vom Lagerplatz für die kommende Nacht entfernt, da kam eine große schwarze Wolke auf, die uns bedrohlich verfolgte. Deshalb ruderten die Wilden schneller, denn sie wollten noch das sichere Land erreichen. Als sie erkannten, daß wir nicht entkommen konnten, sagten sie zu mir: »E mongeta nde Tupa t'okuabe amanasu jande momaran eyma rese.« Das bedeutet: Rede mit deinem Gott, daß uns der große Regen und Wind keinen Schaden zufügen möge. Ich schwieg und betete zu Gott, wie sie es verlangt hatten: O du allmächtiger Gott, Herr des Himmels und der Erde, der du stets denen, die dich anrufen, geholfen hast und sie erhörtest, zeige mir hier unter den Gottlosen deine

Barmherzigkeit, so daß ich sehen kann, daß du noch bei mir bist. Zeige dadurch auch den Wilden, die dich nicht kennen, daß du, mein Gott, meine Gebete erhört hast. Da ich gefesselt im Boot lag, konnte ich die Wetterwolke nicht sehen, doch die Wilden schauten sich oft um und sagten: » Okua amo amanasu. « Das heißt: Das große Wetter zieht vorüber. Ich richtete mich auf und sah zurück. Die große schwarze Wolke hatte sich auf gelöst. Dafür dankte ich Gott. Als wir das Land erreicht hatten, banden sie mich wieder an einen Baum, lagerten sich um mich her und erklärten mir, daß wir nun schon recht nahe bei ihrer Heimat seien und am nächsten Tag gegen Abend ihr Dorf erreichen würden. Das freute mich keineswegs. Wie mich die Wilden in ihre Siedlung brachten, und wie sie mich dort behandelten. Am nächsten Tag gegen die Vesperzeit erreichten wir das Dorf. Die Heimfahrt hatte also insgesamt drei Tage gedauert, und es waren bis Bertioga etwa 30 Meilen. Als wir uns dem Dorf, das Ubatuba heißt, näherten, erkannte ich sieben Hütten. Gleich beim Strand, auf den die Boote gezogen wurden, arbeiteten die Frauen auf dem Feld, wo sie Maniok anbauten. Viele Frauen waren gerade dabei, die Wurzelgewächse auszureißen. Ich mußte ihnen in ihrer Sprache »Aju ne xe pee remiurama« zurufen, was soviel heißt wie: Ich, euer Essen, komme. Bei unserer Ankunft kamen alle angelaufen, jung und alt, um mich zu sehen. Die Männer aber nahmen ihre Bogen und Pfeile und gingen zu den Hütten, die auf einer kleinen Anhöhe liegen, und überließen mich den Frauen. Diese nahmen mich in ihre Mitte, einige gingen vor, andere hinter mir, und so sangen und tanzten sie um mich her. Diese Gesänge stimmten sie immer an, wenn ein Gefangener verspeist werden sollte. So gelangten wir an die Caiçara, die Befestigung, die ihre Hütten umgibt. Sie gleicht einem Gartenzaun, der rund um die Hütten herum aus dicken, langen Knüppeln erstellt wird. Damit sollen Feinde abgewehrt werden. Bei meiner Ankunft in der Caiçara liefen alle Frauen zusammen, schlugen mit den Fäusten nach mir, zogen mich am Bart und sagten dabei: »Xe anama poepika ae!« - »Mit diesem Schlag räche ich mich an dir für den Mann, den deine Freunde uns getötet haben.« Dann führten sie mich in eine Hütte, wo ich mich wieder in eine Hängematte legen mußte. Die Frauen drängten heran, um mich zu schlagen und am Bart zu ziehen; auch drohten sie mir, daß ich gefressen würde. Währenddessen hatten die Männer sich in einer Hütte versammelt, tranken dort ihr Cauím und sangen zu Ehren ihrer Götter Maracá40, die sie bei sich hatten und die ihnen vorausgesagt hatten, daß sie mich fangen würden. Diesen Gesang hörte ich, doch kamen in der nächsten halben Stunde keine Männer zu mir, nur Frauen und Kinder. Wie meine beiden Herren zu mir kamen und mir sagten, daß sie mich einem Freund geschenkt hätten, der mich einstweilen verwahren sollte und der mich töten würde, wenn man mich fressen wollte. Ich kannte ihre Sitten zu der Zeit noch nicht so gut, wie ich sie später kennenlernte, und dachte, daß sie sich bereit machten, um mich zu töten. Nach einiger Zeit kamen die Brüder Nhaepepóoaçú und Alkindar-miri, die mich gefangen hatten. Sie erklärten mir, daß sie mich Ipirú-guaçú, dem Bruder ihres Vaters, aus Freundschaft geschenkt hätten. Dieser würde auf mich aufpassen, und er sei auch derjenige, der mich töten würde, sobald ich gegessen werden sollte. So könne er sich mit mir einen Namen machen.

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Rasseln aus Flaschenkürbissen. Wahrscheinlich Sakralinstrumente. Nicht die Götter selber, wie Staden wohl annimmt.

Dieser Ipirú-guaçú hatte vor einem Jahr selbst einen Sklaven gefangen und ihn dem Alkindar-miri aus Freundschaft geschenkt. Der hätte den Gefangenen getötet und sich dadurch einen Namen errungen. Er hatte aber dem Ipirú-guaçú versprochen, ihm den ersten Gefangenen, den er mache, wieder zu schenken, und das war nun ich. Außerdem sagten mir die beiden Brüder, daß mich gleich die Frauen zum Poracé, zum Tanz, führen würden, doch dieses Wort verstand ich damals noch nicht. Sie zogen mich wieder an den Stricken aus der Hütte auf den Platz. Es fanden sich die Frauen aus allen sieben Hütten ein und ergriffen mich, während die Männer weggingen. Die Frauen zerrten mich dabei - einige an den Armen, einige an den Stricken, die ich um den Hals hatte - so hart, daß ich kaum atmen konnte. Wie sie so an mir herumzerrten und ich dabei keine Ahnung hatte, was mit mir geschehen sollte, erinnerte ich mich der Leiden unseres Erlösers Jesus Christus, der unschuldig unter den schnöden Juden litt. Dies tröstete mich und machte mich um so geduldiger. Sie brachten mich vor die Hütte ihres Häuptlings Guarátinga-açú, zu deutsch: der große weiße Vogel41. Hier lag ein großer Haufen frischer Erde, zu dem sie mich führten und daraufsetzten. Einige hielten mich dabei fest, so daß ich glaubte, sie würden mich jetzt totschlagen, und ich mich nach dem Ibira-pema umsah. Das ist die Keule, mit der die Gefangenen getötet werden. Als ich fragte, ob ich jetzt getötet würde, antwortete man mir: Jetzt noch nicht. Da kam aus der Menge der Frauen eine zu mir, die hatte einen Kristallsplitter, der in einem gebogenen Zweig befestigt war, in der Hand und rasierte mir damit die Augenbrauen ab. Auch den Bart wollte sie mir damit abschneiden. Ich wehrte mich und sagte, sie sollten mich mit dem Bart töten. Da antworteten sie, sie wollten mich noch nicht töten, und ließen mir den Bart. Nach einigen Tagen jedoch schnitten sie ihn mir mit einer Schere ab, die sie von den Franzosen eingetauscht hatten. Wie die Frauen mit mir vor der Hüne, in der sie ihre Götter verehren, tanzten. Von dem Platz, an dem mir die Augenbrauen abrasiert worden waren, führten sie mich zu der Hütte, in der ihre Götzen, die Maracas, waren. Sie bildeten einen Kreis um mich, und zwei Frauen banden mir Rasseln an ein Bein und einen Fächer aus Vogelfedern hinten auf den Hals, so daß er mir über den Kopf ging. Dieser Fächer heißt bei ihnen Aracoia. Nun stimmten alle einen Gesang an, und ich mußte im Takt stampfen, so daß das Rasseln mit dem Gesang zusammenstimmte. Dabei schmerzte mein verletztes Bein so sehr, daß ich kaum stehen konnte, denn man hatte meine Wunde noch nicht verbunden. Wie man mich nach dem Tanz zu Ipirú-guaçú brachte, der mich töten sollte. Als der Tanz beendet war, übergab man mich Ipirú-guaçú, von dem ich in sicherer Verwahrung gehalten wurde. Er verriet mir auch, daß ich noch einige Zeit am Leben bleiben würde. Die Männer brachten alle Götter aus der Hütte und legten sie um mich herum. Die hätten geweissagt, daß man einen Portugiesen fangen würde. Da entgegnete ich, daß diese Götzen keine Macht hätten, nicht sprechen könnten und außerdem gelogen hätten, da ich kein Portugiese sei, sondern ein Verwandter und Freund der Franzosen. Mein Heimatland heiße Alemannien42. Darauf sagten sie, daß ich lügen müsse, denn wie käme ich als Franzosenfreund unter die Portugiesen. Sie wüßten sehr wohl, daß die Franzosen ebenso wie sie Feinde der Portugiesen seien. Die Franzosen kämen nämlich alljährlich mit Schiffen und brächten ihnen Messer, Äxte, Spiegel, Kämme und Scheren und bekämen dafür Brasilholz, Baumwolle und andere Dinge wie Vogelfedern und Pfeffer. Deshalb seien sie gute Freunde. Die Portugiesen dagegen hätten dies nicht getan; sie seien vielmehr früher ins Land gekommen und hätten da, wo sie heute noch wohnen, mit den Feinden der Tupinambás Freundschaft geschlossen. Dann seien sie unter dem Vorwand, handeln zu wollen, auch zu ihnen gekommen und sie seien voll Vertrauen auf ihre Schiffe gegangen, wie sie
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tinga = weiß. Der Amazonas heißt bei den Indios Paranatinga = weißer Wasserlauf. Portugiesisch: Alemanha (gesprochen Alemanja).

auch heute noch die französischen Schiffe besteigen würden. Als genug von ihnen auf den Schiffen waren, hätten die Portugiesen sie überfallen, gefesselt und an die Tupiniquins ausgeliefert. Die hätten sie dann getötet und aufgegessen. Einige seien auch von den Geschützen der Portugiesen getötet worden. Auch sonst hätten die Portugiesen ihnen noch viel Böses getan, z. B. seien sie oft mit ihren Feinden gekommen, um sie zu bekriegen und zu fangen. Wie diejenigen, die mich gefangen hatten, mir zornig erklärten daß sie sich an mir rächen wollten, weil die Portugiesen ihren Vater erschossen hätten. Und sie erzählten weiter, daß die Portugiesen dem Vater der beiden Brüder, die mich gefangen hatten, einen Arm abgeschossen hätten, so daß er daran gestorben war, und sie wollten nun seinen Tod an mir rächen. Ich fragte sie darauf, warum sie sich an mir rächen wollten, da ich doch gar kein Portugiese sei. Ich sei doch mit den Spaniern nach São Vicente gekommen, hätte Schiffbruch erlitten und sei deshalb bei den Portugiesen geblieben. In ihrem Stamme gab es einen jungen Mann, der als Sklave bei den Portugiesen gewesen war. Die Wilden, bei denen die Portugiesen wohnen, waren nämlich einmal auf einem Kriegszug in das Land der Tupinambás eingedrungen und hatten ein ganzes Dorf erobert. Die älteren Leute aßen sie auf, die jungen hatten sie für die Portugiesen erbeutet. Unter diesen war auch der junge Mann gewesen. So war er in die Sklaverei in die Gegend von Bertioga zu einem Herrn Antonio Agudin, einem Galizier43, gekommen. Diesen Sklaven hatten nun die zwei Brüder ungefähr drei Monate vor mir gefangen und ihn, da er zum gleichen Stamme gehörte, nicht getötet. Er erkannte mich, und so fragten sie ihn, was ich für einer sei. Er antwortete, es sei wahr, daß ein Schiff gestrandet sei. Die Leute, die davon gekommen waren, hätte man Spanier geheißen und sie seien Freunde der Portugiesen. Unter diesen sei ich auch gewesen. Mehr wußte er nicht von mir. Da ich mitbekommen hatte, daß Franzosen unter den Tupinambás waren und auch öfters welche mit Schiffen ankamen, blieb ich stets bei meiner Behauptung, ich sei ein Freund der Franzosen. So hoffte ich, am Leben zu bleiben, bis Franzosen kämen und mich als Deutschen erkennen würden. Ich wurde gut bewacht. Es gab einige Franzosen in ihrer Nähe, die von den Schiffen zurückgelassen worden waren, um Pfeffer zu sammeln. Wie ein Franzose, der von einem Schiff zurückgelassen worden war, zu den Tupinambás kam, um mich zu sehen, und wie er ihnen befahl, mich zu essen, da ich ein Portugiese sei. Etwa vier Meilen von Ubatuba entfernt lebte ein Franzose. Als er die Neuigkeiten von mir gehört hatte, kam er in das Dorf und ging in die Hütte, die meinem Gefängnis gegenüber lag. Da kamen die Wilden zu mir und sagten: »Es ist ein Franzose angekommen. Nun wollen wir sehen, ob du auch ein Franzose bist oder nicht.« Ich freute mich, das zuhören, denn ich dachte: Er ist auch ein Christ und wird für dich eintreten. Sie führten mich, nackt wie ich war, zu ihm in die Hütte. Er war ein junger Mann, den die Wilden Caruatá-uara nannten. Er sprach mich auf französisch an, weshalb ich ihn nicht recht verstehen konnte. Die Wilden standen dabei und hörten zu. Da ich ihm nicht antworten konnte, sagte er zu den Wilden in ihrer Sprache: »Tötet und esset den Bösewicht, denn er ist ein Portugiese und damit euer und mein Feind.« Das verstand ich nun gut und bat ihn, um Gottes Willen den Wilden zu sagen, sie sollten mich nicht essen. Doch er sagte: »Sie wollen dich essen«. Da fiel mir der Spruch Jeremias' aus dem 17. Kapitel ein, der lautet: »Verflucht sei der Mensch, der sich auf Menschen verläßt.« Mit diesen Worten ging ich wieder hinaus und war sehr verzweifelt. Auf den Schultern trug ich ein Stück Tuch, das sie mir wegen des Sonnenbrandes gegeben hatten - wer weiß, wie sie dazu gekommen waren. Das riß ich herunter und warf es dem Franzosen vor die
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Aus der spanischen Region Galicia, nördlich Portugals am Atlantik gelegen. Sie heißt nach einem vorrömischen keltischen Stamm.

Füße, denn ich sagte mir: Wenn ich schon sterben soll, warum dann für andere mein Fleisch pflegen. Sie führten mich wieder zurück in die Hütte, die mein Gefängnis war, und ich legte mich in meine Hängematte. Gott allein weiß, wie elend mir zumute war, als ich anfing, mit lauter Stimme den Vers zu singen: Nun bitten wir den Heiligen Geist Um den rechten Glauben allermeist, Daß er uns behüte an unserem Ende, Wenn wir heimfahren aus diesem Elende. Kyrieleis. Da sagten sie: »Er ist ein echter Portugiese. Jetzt schreit er so, weil es ihm vor dem Tod graut.« Der Franzose blieb zwei Tage im Dorf, am dritten reiste er wieder ab. Die Wilden aber hatten beschlossen, alles vorzubereiten und mich zu töten, sobald sie alles Notwendige beisammen hatten. Sie bewachten mich sehr sorgsam und verspotteten mich grausam, sowohl die Jungen wie auch die Alten. Wie ich großes Zahnweh hatte. Und als ich mich in solchem Elend befand, bekam ich getreu dem Sprichwort »Ein Unglück kommt selten allein« starke Schmerzen in einem Zahn. Die Schmerzen brachten mich ganz herunter, so daß mein Herr mich fragte, warum ich so wenig äße. Ich nannte ihm den Grund, da brachte er ein hölzernes Gerät, mit dem er mir den Zahn ausreißen wollte. Da sagte ich, daß ich keine Schmerzen mehr hätte, doch er wollte ihn mir mit Gewalt ausreißen. Ich weigerte mich jedoch so sehr, daß er davon abließ, doch meinte er, wenn ich nicht wieder essen wolle und wieder zunähme, würde man mich vor der Zeit umbringen. Gott weiß, wie ich manchmal aus tiefstem Herzen wünschte, ich möge doch, wenn es sein Wille sei, sterben, ehe die Wilden etwas davon merkten, so daß sie ihr Vorhaben an mir nicht ausfahren könnten. Wie sie mich zu Cunhambebe, ihrem obersten Häuptling, führten, und wie ich dort behandelt wurde. Einige Tage später brachten sie mich in das Dorf Ariro, wo der vornehmste ihrer Häuptlinge, Cunhambebe, lebte. Bei ihm hatten sich einige versammelt und ein großes Fest in ihrer Weise veranstaltet. Auch mich wollten sie sehen, deshalb hatte der Häuptling befohlen, mich an diesem Tag nach Ariro zu bringen. Als wir uns der Hütte näherten, hörte ich großen Lärm: sie sangen und spielten auf ihren Blasinstrumten. Vor der Hütte steckten etwa 15 Köpfe auf Pfählen. Sie stammten von Maracaias, ebenfalls Feinde der Tupinambás, die sie verspeist hatten. Während sie mich daran vorbeiführten, sagten sie mir, die Köpfe seien auch von Feinden, nämlich den Maracaias. Da wurde mir angst und bange; ich dachte daran, daß sie mit mir auch so umgehen würden. Als wir nun ihre Hütten betraten, ging einer meiner Bewacher voran und rief mit lauter Stimme, so daß es alle hören konnten: »Hier bringe ich den portugiesischen Sklaven.« Auch meinte er, es sei doch eine schöne Sache, wenn man einen seiner Feinde gefangen hätte. Er erzählte noch vieles mehr, wie es bei ihnen Brauch ist. Schließlich führte er mich zu der Stelle, wo der oberste Häuptling saß und mit den anderen trank. Sie waren vom Cauím schon stark berauscht, sahen mich jetzt finster an und sprachen: »Bist du als unser Feind gekommen?« Ich antwortete: »Ich bin gekommen, aber nicht als euer Feind.« Da gaben sie mir auch zu trinken. Ich hatte schon viel von Cunhambebe gehört. Er sollte ein großer Mann sein, aber auch ein großer Tyrann, der gerne Menschenfleisch aß. Einer unter ihnen sah so aus, als ob er der Häuptling wäre. Zu diesem ging ich hin und redete ihn so wie sie es in ihrer Sprache gerne hören an: »Bist du Cunhambebe? Lebst du noch?« - »Ja, sagte er, ich lebe noch.« - »Nun«, sprach ich weiter, »ich habe schon viel von dir gehört, und daß du ein

tüchtiger Mann bist.« Da stand er auf und ging stolz vor mir auf und ab. Er hatte, wie es bei ihnen Sitte ist, einen großen, grünen Stein durch die Lippen gesteckt44. Außerdem hatte er eine Halskette von weißen Seemuscheln, die die Wilden als Schmuck verwenden, um den Hals hängen. Sie war mindestens vier Klafter lang. An diesem Schmuck konnte ich schon erkennen, daß er einer der Vornehmsten sein mußte. Danach setzte er sich wieder und fragte mich, was denn seine Feinde, die Tupiniquins und die Portugiesen, im Schilde führten. Weiterhin wollte er wissen, warum ich in Bertioga auf die Tupinambás schießen wollte. Er hatte nämlich erfahren, daß ich dort Büchsenschütze gewesen war. Da antwortete ich ihm: »Die Portugiesen haben mich auf diesen Posten gestellt und ich mußte gehorchen.« Daraufhin nannte er mich ebenfalls einen Portugiesen, den Franzosen aber, der mich gesehen hatte, seinen Sohn. Der habe ihm erzählt, ich hätte seine Sprache nicht verstanden und sei bestimmt ein Portugiese. Ich entgegnete darauf: »Ja, es ist wahr, ich bin lange außer Landes gewesen und habe die Sprache vergessen.« Er aber antwortete mir, daß er schon fünf Portugiesen hatte fangen und verzehren helfen, und alle hätten behauptet, sie seien Franzosen, aber sie hätten gelogen. Das war so deutlich, daß ich mein Leben verloren gab und mich Gottes Willen anbefahl. Auch hörte ich von allen Seiten nichts anderes, als daß ich sterben sollte. Da begann er wieder zu fragen, was denn die Portugiesen über ihn sagten, und daß sie gewiß große Angst vor ihm hätten. Da sagte ich: »Ja, sie sprechen viel von dir und vor allem von den Kriegszügen, die du immer gegen sie führst. Aber sie haben Bertioga jetzt besser befestigt.« Er meinte daraufhin, er werde sie genauso fangen, wie sie mich gefangen hätten, einzeln und im Walde. Weiter sagte ich ihm: »Deine wahren Feinde, die Tupiniquins, rüsten 25 Boote, um zu kommen und in dein Land einzufallen.« Dies geschah dann auch. Während er mit mir sprach, standen die anderen dabei und hörten zu. Er fragte mich viel, aber er sagte mir auch viel. So rühmte er sich, wie viele Portugiesen und andere Wilde er schon erschlagen habe, die alle seine Feinde gewesen seien. Während des Gesprächs war das Getränk in der Hütte ausgetrunken worden. So gingen sie in eine andere Hütte, um weiterzutrinken, und er beendete deshalb die Unterredung. In der anderen Hütte fingen sie an, ihre Späße mit mir zu treiben. Ein Sohn des Häuptlings band mir die Beine dreimal zusammen, und so mußte ich in der Hütte herumhüpfen. Darüber lachten sie und spotteten: »Da kommt unser Essen angehoppelt.« Da fragte ich meinen Herrn, ob er mich hergeführt hätte, um mich zu töten. Er verneinte dies und sagte, es sei einfach Brauch, so mit fremden Sklaven umzugehen. Sie banden mir die Beine wieder los, kamen alle zu mir her und belasteten mein Fleisch. Der eine sagte, ihm stünde die Kopfhaut zu, der andere beanspruchte den Schenkel. Dann mußte ich ihnen etwas vorsingen und sang Kirchenlieder. Sie wollten, daß ich sie ihnen in ihrer Sprache erkläre. Ich sagte: »Ich habe von meinem Gott gesungen«, worauf sie antworteten, mein Gott sei ein Unflat, in ihrer Sprache teoruira. Diese Worte schmerzten mich, und ich dachte: »O du gütiger Gott, du mußt manchmal viel erdulden.« Als mich alle im Dorf gesehen und ihren Übermut an mir ausgelassen hatten, sagte Cunhambebe am nächsten Tag zu meinen Bewachern, daß sie gut auf mich aufpassen sollten. Wie sie mich danach aus der Hütte führten, um mich zurück nach Ubatuba zu bringen, riefen mir alle spöttisch nach, daß sie bald in meines Herren Hütte kommen wollten, um auf meinen Tod zu trinken und mich aufzuessen. Doch mein Herr tröstete mich immer wieder, indem er sagte, ich sollte noch nicht so bald getötet werden.

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Lippenpflock aus Kristall, Baumharz oder Holz. Wird oft schon im Kindesalter eingefügt. Heute noch bei verschiedenen Stämmen im Innern des Landes üblich, so bei den Xetá in Westparanä.

Wie die Tupiniquins in 25 Booten kamen, so wie ich es dem Häuptling vorausgesagt hatte, um Ubatuba anzugreifen. Schon vor meiner Gefangennahme hatte ich erfahren, daß die Tupiniquins einen Kriegszug gegen die Tupinambás planten und dafür 25 Boote ausrüsteten. Eines Morgens waren sie da und überfielen das Dorf, wie ich es dem Häuptling Cunhambebe vorausgesagt hatte. Als die Angreifer pausenlos die Hütten beschossen, wurde es den Tupinambás zu gefährlich, und die Frauen wollten schon flüchten. Da sagte ich zu ihnen: »Ihr haltet mich doch für einen Portugiesen, euren Feind. Jetzt gebt mir Pfeil und Bogen, bindet mich los, dann will ich euch bei der Verteidigung der Hütten helfen.« Sie gaben mir Pfeil und Bogen, und ganz in ihrer Weise schoß und schrie ich, so gut ich konnte. Auch sprach ich ihnen Mut zu. Meine Absicht dabei war, aus der Umzäunung des Dorfes herauszukommen und zu den anderen überzulaufen, denn diese kannten mich gut und wußten, daß ich in dem Dorf war. Aber ich wurde zu gut bewacht. Als die Tupiniquins sahen, daß sie nichts ausrichten konnten, gingen sie zu ihren Booten zurück und fuhren ab, und ich wurde in mein Gefängnis zurückgebracht. Wie sich die Häuptlinge abends beim Mondschein versammelten. Am Abend des gleichen Tages versammelten sich die Anführer des Dorfes bei Mondschein auf dem Platz zwischen den Hütten. Sie besprachen sich und beschlossen, wann ich getötet werden sollte. Man führte mich zu ihnen, und sie verspotteten mich und drohten mir. Ich war niedergeschlagen und sah zum Mond hinauf und dachte bei mir: O mein Herr und Gott, hilf mir aus diesem Elend zu einem seligen Ende. Da fragten sie mich, warum ich den Mond so ansehe, und ich antwortete: »Ich sehe ihm an, daß er zornig ist.« Denn die Schatten im Mond erschienen auch mir bedrohlich. Gott vergebe mir, daß ich dachte, er und alle Kreaturen müßten zornig auf mich sein. Der Häuptling, der mich töten lassen wollte, Nhaepepo-oaçú, fragte mich, auf wen der Mond zornig sei, und ich antwortete: »Er schaut auf deine Hütte.« Da begann er wütend auf mich einzureden. Um meine Worte etwas abzuschwächen, fügte ich hinzu: »Es ist wohl nicht deine Hütte. Er ist zornig über die Carijó-Sklaven.«45 - »Ja, meinte er, über die komme alles Unglück.« Dabei blieb es, und ich vergaß den Vorfall. Wie die Tupiniquins das Dorf Mambucaba niederbrannten. Am nächsten Tag kam von dem Dorfe Mambucaba die Nachricht, daß es niedergebrannt worden sei. Die Tupiniquins hatten, nachdem sie von Ubatuba abgefahren waren, Mambucaba überfallen, aber die Einwohner konnten, bis auf einen kleinen Jungen, entkommen. Danach steckten sie die Hütten in Brand. Da es sich um Verwandte des Häuptlings Nhaepepo-oaçú handelte, wollte er nach Mambucaba ziehen, um beim Wiederaufbau der Hütten zu helfen. Dazu nahm er alle seine Freunde mit. Er wollte auch Tongeschirr und Wurzelmehl von dort mitbringen für das Fest, bei dem ich verspeist werden sollte. Bevor er loszog, befahl er Ipirú-guaçú, meinem Herrn, gut auf mich aufzupassen. Sie würden wohl länger als 14 Tage wegbleiben, deshalb versorgten sie sich reichlich. Wie ein Schiff von Berdoga kam, um nach mir zutragen, und nur knappe Auskunft erhielt. Währenddessen war ein Schiff aus Bertioga vor Ubatuba vor Anker gegangen. Von dem Schiff wurde ein Schuß als Signal abgegeben, damit die Wilden zu einer Unterredung herbeikämen. Als sie den Schuß hörten, sagten sie zu mir: »Deine Freunde, die Portugiesen, sind gekommen. Vielleicht wollen sie wissen, ob du noch lebst, um dich freizukaufen.« Da ich annahm, daß vorüberfahrende portugiesische Schiffe nach mir fragen würden, hatte ich den Wilden immer erzählt, mein Bruder, ebenfalls ein Franzose, lebe unter den Portugiesen. Als nun das Schiff
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Indianerstamm

ankam, sagte ich: »Das wird mein Bruder sein.« Sie aber blieben dabei, daß ich ein Portugiese sei. Sie fuhren nun so nahe an das Schiff heran, daß sie sich verständigen konnten. Die Portugiesen fragten nach mir, erhielten aber eine solche Antwort, daß sie nicht weiter fragten, und das Schiff fuhr wieder ab. Wahrscheinlich nahm man an, ich sei schon tot. Was ich dachte, als ich das abfahrende Schiff sah, das weiß nur Gott. Sie aber sprachen untereinander: »Wir haben den richtigen Mann. Sie schicken schon Schiffe nach ihm.« Wie der Bruder des Häuptlings Nhaepepo-oaçú von Mambucaba zurückkam und mir erzählte, sein Bruder, seine Mutter und alle anderen seien krank geworden; wie er dann von mir verlangte, ich solle bei meinem Gott bewirken, daß sie wieder gesund würden. Ich rechnete täglich mit der Rückkehr der nach Mambucaba Ausgezogenen, die sich wie gesagt darauf vorbereiteten, mich zu töten. Eines Tages hörte ich aus der Hütte des Häuptlings, der ja mitgegangen war, lautes Geschrei. Mir wurde angst und bang; ich glaubte, er sei zurückgekehrt, denn es gehört zum Brauch der Wilden, einen, der länger als 4 Tage weg war, mit lauten Freudenschreien zu begrüßen. Bald darauf kam einer in die Hütte und sagte: »Der Bruder deines Mit-Herrn ist gekommen und berichtet, daß in Mambucaba alle schwer erkrankt sind.« Ich freute mich und dachte für mich: Hier wird Gott etwas tun wollen. Schon nach kurzer Zeit kam jener Bruder in meine Hütte, setzte sich zu mir und begann, laut zu klagen: »Mein Bruder, meine Mutter, meines Bruders Kinder, alle sind sie krank geworden. Ich wurde geschickt, um dir zu sagen, du sollst mit deinem Gott reden, daß alle wieder gesund werden. Mein Bruder befürchtet, daß dein Gott zornig ist.« »Ja, antwortete ich, »mein Gott ist sehr zornig darüber, daß der Häuptling mich essen will und daß er nach Mambucaba gezogen ist, um dort Vorbereitungen zu treffen. Ihr behauptet immer, daß ich Portugiese sei, obwohl dies nicht wahr ist. Geh zu deinem Bruder und richte ihm aus, er solle wieder heimkommen in seine Hütte, dann werde ich mit meinem Gott reden, damit er den Häuptling gesund mache.« Der andere antwortete, der Kranke sei zu schwach für die Rückreise, aber er hätte gesagt, daß er auch in Mambucaba gesunden könne, wenn ich es nur wollte. Ich sagte zu ihm: »Dein Bruder wird so kräftig werden, daß er heimkommen kann, und hier dann richtig gesund werden.« Mit dieser Antwort kehrte er nach Mambucaba zurück. Von Ubatuba waren es vier Meilen bis dorthin. Wie der kranke Häuptling Nhaepepo-oaçú heimkehrte. Nach einigen Tagen kehrten alle, die in Mambucaba gewesen waren, krank zurück. Der Häuptling ließ mich in seine Hütte bringen, und dort erzählte er mir, wie sie alle erkrankt seien. Ich hätte das wohl gewußt, denn er erinnere sich genau, wie ich damals gesagt hätte, der Mond blicke zornig auf seine Hütte. Als ich ihm so zuhörte, dachte ich bei mir: Es war wohl eine Vorsehung Gottes, die mich so vom Mond hatte sprechen lassen. Ich war hoch erfreut und dachte weiter: Heute ist Gott bei mir. So sprach ich zu ihm: »Es ist wahr, du bist deshalb so krank, weil du mich essen wolltest, obgleich ich nicht dein Feind bin.« Er versprach, daß mir, sollte er wirklich wieder gesund werden, nichts geschehen solle. Ich war unschlüssig, um was ich Gott bitten sollte. Denn, so befürchtete ich, werden sie wirklich wieder gesund, so töten sie mich trotzdem. Sterben sie aber, werden die anderen sagen: »Töten wir ihn, ehe seinetwegen noch mehr Unglück über uns kommt.« Denn einige begannen schon zu murren. Deshalb überließ ich die Entscheidung Gott. Aber Nhaepepooaçú bat immer dringlicher, ich möchte doch alle gesund werden lassen, so daß ich schließlich von einem zum anderen ging und ihnen die Hände auf den Kopf legte, wie sie es wünschten. Doch Gott hatte anders entschieden, und sie begannen dahinzusterben: erst ein Kind, dann die Mutter des Häuptlings, eine alte Frau, die die Gefäße herrichten wollte, in denen die Getränke zu meinem Totenschmaus bereitet werden sollten. Einige Tage später starben ein Bruder, ein weiteres Kind

und schließlich jener Bruder des Häuptlings, der mir damals die Nachricht von der Krankheit überbracht hatte. Als der Häuptling nun sah, daß ein Teil seiner Familie schon gestorben war, bekam er große Angst, daß auch er und seine Frauen sterben müßten, und er bat mich, meinem Gott zu sagen, er solle seinen Zorn von ihm abwenden und ihn am Leben lassen. Da sprach ich ihm Trost zu und meinte, es würde alles gut werden. Er solle sich aber nicht einfallen lassen, mich, sobald er gesund sei, dennoch zu töten. Das verneinte er und befahl allen aus seinem Kreise, mich weder zu verspotten, noch mir irgendwie zu drohen. Trotzdem war er noch eine Zeitlang krank, wurde schließlich aber gesund, genauso wie eine seiner Frauen, die auch krank gewesen war. Insgesamt waren acht aus seiner Verwandtschaft gestorben, dazu noch andere, die mir ebenfalls viel Leid angetan hatten. Im Dorf gab es noch zwei Häuptlinge in anderen Hütten. Der eine hieß Guarátinga-açú, der andere Carima-cuí. Dem Guarátinga-açú war ich im Traum erschienen und hatte ihm seinen Tod vorausgesagt. Gleich am nächsten Morgen kam er zu mir und klagte mir sein Leid. Ich versprach, daß ihm nichts geschehen werde, daß er aber auch nicht daran denken dürfe, mich zu töten. Da versprach er, solange diejenigen, die mich gefangen hatten, mich nicht töten wollten, würde er mir auch nichts tun; ja selbst, wenn sie mich töteten, würde er doch nichts von mir essen. Auch dem anderen Häuptling, Carima-cuí, war ich im Traum erschienen, was ihn sehr erschreckt hatte. Er rief mich in seine Hütte, gab mir zu essen und erzählte mir dann von seinem Kummer. Er hätte, so berichtete er, auf einem Kriegszug einen Portugiesen gefangen und mit eigenen Händen getötet. Von diesem hätte er so viel gegessen, daß er heute noch in der Brust krank davon sei. Deshalb wollte er auch von keinem mehr essen. Nun hätte ihm so schrecklich von mir geträumt, daß auch er fürchtete, sterben zu müssen. Ich tröstete auch ihn und verlangte von ihm nur, daß er kein Menschenfleisch mehr esse. Selbst die alten Frauen in den einzelnen Hütten, die mich mit Schlägen, Bartraufen und Drohungen so geplagt hatten, nannten mich Che-raira, ihren Sohn, und baten mich: »Laß uns ja nicht sterben. Wir haben dich ja nur so schlecht behandelt, weil wir glaubten, du seiest Portugiese, und denen sind wir sehr gram. Wir haben schon einige Portugiesen gefangen und auch verspeist, doch deren Gott wurde niemals so zornig wie deiner. Daran erkennen wir, daß du kein Portugiese sein kannst.« So ließen sie mich eine Zeitlang in Ruhe. Sie wußten nicht recht, was sie von mir halten sollten, ob ich Portugiese oder Franzose sei. Sie sagten, mein Bart sei so rot wie der der Franzosen, und die Portugiesen hätten im allgemeinen schwarze Bärte. Nach dem Schrecken des großen Sterbens und nachdem der eine meiner Herren wieder gesund geworden war, sprachen sie nicht mehr davon, daß sie mich essen wollten, doch wurde ich weiterhin bewacht, und sie ließen mich nie alleine gehen. Wie der Franzose, der den Wilden befohlen hatte, mich zu essen, noch einmal kam und ich ihn bat, mich mitzunehmen, wie aber meine Herren mich nicht freigeben wollten. Von dem Franzosen Caruatá-uára habe ich schon berichtet. Er war mit seinen Begleitern - Wilden, die mit den Franzosen befreundet waren - weitergezogen. Sie wollten Handelsgüter der Wilden, vornehmlich Pfeffer und eine bestimmte Art Federn, einsammeln. Auf der Rückreise zu den Landeplätzen der Schiffe, Monguape und Niterói46, mußte er wieder durch Ubatuba kommen. Als er losgezogen war, hatte er angenommen, die Wilden würden mich essen, wie er es ihnen ja auch befohlen hatte. Die ganze Zeit über hielt er mich für tot. Als er nun wieder in meine Hütte kam, redete er mit mir in der Sprache der Wilden. Diesmal war ich nicht gefesselt. Auf seine Frage, ob ich noch lebe, antwortete ich: »Ich danke Gott im Himmel,
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An der Guanabara-Bucht. Heute Hauptstadt des Bundesstaates Rio de Janeiro. Mit Rio durch eine lange Brücke verbunden.

daß er mich so lange behütet hat. Ihr werdet wahrscheinlich von den Wilden schon gehört haben, was sich zugetragen hat.« Ich ging mit ihm an einen Ort, wo uns die Wilden nicht hören konnten. Dort sagte ich ihm, daß er ja selbst sehe, daß mich Gott am Leben erhalten habe und daß ich kein Portugiese sondern ein Deutscher sei, der mit den Spaniern Schiffbruch erlitten habe und auf diese Weise unter die Portugiesen gekommen sei. Das alles solle er auch den Wilden erzählen und dazu noch, daß ich zu seinen Freunden und Verwandten zähle. Ich bat ihn auch, mich doch zu den Ankerplätzen der Schiffe zu bringen. Ich befürchtete nämlich, falls ich nicht wegkäme, könnten sie doch eines Tages alles für Lügen halten und mich im Zorn töten. Ich redete ihm in der Sprache der Wilden auch ins Gewissen und fragte ihn, ob er denn kein christliches Herz im Leib hätte, da er den Wilden geraten habe, mich zu töten, oder ob er denn nicht daran gedacht habe, daß es ein Leben nach dem Tode gebe. Da begann er seine Handlungsweise zu bereuen und sagte zu mir: »Ich habe das nur getan, weil ich Euch für einen Portugiesen hielt, und die sind rechte Bösewichter. Alle, die wir in der Provinz Brasilien zu fassen bekommen, werden sofort aufgehängt.« Dies trifft wirklich zu. Er meinte noch, daß sie, die Franzosen, sich den Gegebenheiten anpassen müßten, auch darin, wie die Wilden mit ihren Feinden umgehen, denn schließlich seien die Portugiesen ihre Erbfeinde. Er erfüllte meine Bitte und sagte den Wilden: »Ich habe den Mann das erste Mal nicht richtig erkannt. Er ist ein Deutscher und damit ein Freund der Franzosen. Ich will ihn mitnehmen zu den Landeplätzen der Schiffe.« Doch meine Herren weigerten sich, mich freizugeben. Sie wollten mich niemand überlassen. Erst wenn mein Vater oder Bruder mit einem Schiff voll Waren, nämlich Äxten, Spiegeln, Messern, Scheren und Kämmen, ankämen und ihnen das alles gäben, sollte ich frei sein. Sie hätten mich in Feindesland gefangen, und ich sei damit ihr Eigentum. Als der Franzose das vernahm, meinte er: »Ihr habt es selbst gehört, sie wollen Euch nicht freigeben.« Da bat ich ihn, mich um Gottes Willen holen zu lassen, damit ich mit dem erstbesten Schiff nach Frankreich fahren könnte. Das versprach er mir und sagte den Wilden, sie sollten auf mich acht geben und mich nicht töten, denn meine Freunde würden bald kommen, um mich zu holen. Damit zog er weiter. Nach seiner Abreise fragte mich Alkindar-mirí, derjenige meiner Herren, der nicht erkrankt war, was mir Caruatá-uára gegeben hätte. Auch fragte er, ob er zu meinen Landsleuten gehörte. Als ich das bejahte, wurde er zornig und fragte weiter: »Warum hat er dir dann kein Messer geschenkt, das du mir geben könntest?« Nachdem alle wieder gesund waren, fingen sie erneut an zu murren und sagten, die Franzosen taugten so wenig wie die Portugiesen. Da begann ich mich wieder zu sorgen. Wie sie einen Gefangenen aßen und mich zu dem Fest mitnahmen. Einige Tage später sollte in einem Dorf namens Ticoaripe47, ungefähr sechs Meilen von Ubatuba entfernt, ein Gefangener verzehrt werden. Auch aus unserem Dorf wollten einige dahingehen, und die nahmen mich mit zu dem Fest in ihrem Boot. Der Gefangene, den sie essen wollten, gehörte zum Stamme der Maracaias. Immer wenn ein Gefangener getötet werden soll, bereiten sie ja ihre Getränke, Cauím genannt. Am Abend vor dem Festgelage ging ich zu dem Sklaven und fragte ihn: »Bist du gut auf den Tod vorbereitet?« Er lachte nur und meinte, ja, er sei mit allem Nötigen gut versorgt, nur die Mussurana sei noch nicht lang genug, die sei bei ihnen besser. Damit meinte er die fingerdicke Schnur aus Baumwolle, mit der die Gefangenen gefesselt werden. Und so redete er weiter, als wenn er zur Kirmes ginge. Ich hatte ein portugiesisches Buch bei mir, das die Wilden von einem Schiff mitgenommen hatten, welches sie mit Hilfe der Franzosen erobert hatten. Das hatten sie mir gegeben.

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In der Bucht Ilha Grande (Ippaún-wasú) nahe Rio.

Nachdem ich den Gefangenen verlassen hatte, las ich in dem Buch, aber ich bedauerte ihn so sehr, daß ich wieder zu ihm zurückging und mich weiter mit ihm unterhielt, denn die Maracaias sind mit den Portugiesen ebenfalls befreundet. Ich erzählte ihm, daß ich auch ein Gefangener sei wie er, aber nicht gekommen sei, weil ich von ihm essen wollte, sondern weil meine Herren mich mitgebracht hätten. Er antwortete: »Ich weiß recht gut, daß du und deinesgleichen keine Menschen fressen.« Ich versuchte, ihn damit zu trösten, daß sie nur sein Fleisch äßen, sein Geist aber würde an einen Ort gehen, an den auch die Geister meiner Leute gingen, und da gäbe es viel Freude. Er wollte wissen, ob das auch wahr sei, und ich sagte ja. Er sagte, er habe Gott noch nie gesehen, da meinte ich, er würde ihn in einem anderen Leben sehen. Damit schloß ich die Unterhaltung und ging. Noch in derselben Nacht kam ein starker Wind auf, so daß ganze Stücke von den Hüttendächern48 gerissen wurden. Gleich fingen die Wilden wieder an zu zürnen und sprachen: »Aipo mair angaipaba ybytu guasu omou«, was soviel heißt wie: Der böse Mensch, der Heilige, macht, daß der Wind kommt, denn er hat am Tag zuvor in die Donnerhäute geschaut. Damit war das Buch gemeint. Ich hätte dies absichtlich getan, meinten sie, weil der Sklave unser, der Portugiesen, Freund sei und ich mit dem Unwetter das Fest verhindern wollte. Da sie sich sehr darüber erregten, bat ich Gott den Herrn: »Herr, du hast mich bis hierher beschützt, behüte mich auch weiterhin.« Bei Tagesanbruch war wieder bestes Wetter, und sie tranken und waren gut gelaunt. Ich aber ging zu dem Gefangenen und erklärte ihm, der große Wind sei Gott gewesen, der ihn zu sich holen wollte. Am nächsten Tag wurde er verspeist. Wie das zugeht, habe ich in einem späteren Kapitel beschrieben. Was sich auf der Rückfahrt von dem Feste ereignete. Als das Fest beendet war, machten wir uns auf den Heimweg nach Ubatuba. Meine Herren führten noch etwas gebratenes Fleisch mit sich. Für die Strecke, die man sonst an einem Tag bewältigen kann, brauchten wir drei Tage, so stark regnete und wehte es. Am Abend des ersten Reisetages, als wir im Wald Hütten errichteten, um zu übernachten, verlangten sie von mir, ich solle machen, daß der Regen und der Wind aufhörten. Bei uns war ein Junge, der hatte noch einen Knochen von dem Sklaven, mit etwas Fleisch daran, das er aß. Zu ihm sagte ich, er solle den Knochen wegwerfen. Da wurden er und alle anderen zornig und antworteten mir, daß dies ihre richtige Speise sei. Ich beließ es dann dabei. Wir waren drei Tage unterwegs. Wir waren schon bis auf eine Viertelmeile an Ubatuba herangekommen, als wir wegen der hohen Wellen nicht weiterkonnten und die Boote für die Nacht aufs Land ziehen mußten. Man beschloß, am nächsten Tag, wenn sich das Wetter gebessert haben würde, heimzukehren, doch es blieb stürmisch. Da wollten sie zu Fuß weiterziehen und das Boot nachholen, sobald das Wetter besser würde. Während wir uns für den Marsch bereit machten, aß der Junge wieder an seinem Knochen und warf ihn dann weg, als wir losgingen. Plötzlich besserte sich das Wetter. Da sagte ich: »Seht her, ihr wolltet mir nicht glauben, als ich euch sagte, mein Gott sei zornig, weil der Junge das Fleisch von dem Knochen aß.« »Ja, meinten sie, hätte er es doch gegessen, ohne daß du es gesehen hättest, dann wäre das Wetter wohl gut geblieben.« Und dabei blieb es. Als ich wieder ins Dorf kam, fragte mich Alkindar, einer meiner Herren, ob ich nun gesehen hätte, wie sie mit ihren Feinden umgingen. »Ja, sagte ich, daß ihr sie eßt, erscheint mir schrecklich, das Totschlagen aber nicht so sehr.« Er antwortete: »Das ist bei uns so Sitte, und so machen wir es bei den Portugiesen auch.« Dieser Alkindar war mir gegenüber sehr gehässig und hätte es gern gesehen, wenn Ipirú-guaçú, dem er mich geschenkt hatte, mich totgeschlagen hätte. Denn, wie ich schon berichtete, hatte ihm Ipirú-guaçú einen Gefangenen geschenkt, um durch dessen Tötung einen weiteren Namen zu erringen und dafür wollte Alkindar ihm den nächsten Gefangenen zurückschenken. Obwohl es ihm also gar nicht zustand, hätte er mich doch am liebsten selbst

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Aus Bambus und Palmstroh.

getötet, doch sein Bruder verhinderte dies mit allen Mitteln, denn er befürchtete, daß ihn weitere Krankheiten befallen könnten. Bevor wir zu dem Fest fuhren, hatte mir Alkindar wieder einmal gedroht, mich zu töten. In der Zeit unserer Abwesenheit hatte er ein Augenleiden bekommen. Er mußte ganz ruhig liegen und konnte sogar eine Zeitlang gar nichts sehen. Er verlangte nun dauernd von mir, daß ich mit meinem Gott reden solle, damit seine Augen wieder heilten. Ich stimmte zu, verlangte aber, er solle dafür auch nicht mehr böse über mich reden. Das versprach er. Einige Tage später war er wieder gesund. Wie von den Portugiesen ein weiteres Schiff nach mir ausgesandt wurde. Meine Gefangenschaft bei den Tupinambás dauerte schon fünf Monate, als ein weiteres Schiff von São Vicente eintraf. Bei den Portugiesen ist es durchaus üblich, daß sie gut gerüstet auch in das Gebiet ihrer Feinde fahren, um mit ihnen zu handeln. Sie geben ihnen Messer und Sicheln und tauschen dafür Maniokmehl ein, das die Wilden in manchen Gegenden reichlich haben. Die Portugiesen benötigen das Mehl, um die vielen Sklaven auf den Zuckerplantagen zu ernähren. Wenn so ein portugiesisches Schiff ankommt, um zu handeln, so nähern sich ein oder zwei Wilde in einem Boot und reichen ihre Ware so schnell als möglich auf das Schiff. Dann fordern sie, was sie dafür haben wollen und erhalten es von den Portugiesen. Während diese beiden beim Schiff sind, warten in einiger Entfernung weitere Boote mit Wilden. Ist dann der Handel abgeschlossen, so kommen die anderen Boote oftmals auch heran, um mit den Portugiesen kleine Gefechte auszutragen und mit Pfeilen nach ihnen zu schießen. Danach fahren sie wieder zurück. Die Besatzung des aus São Vicente angekommenen Schiffes gab einen Kanonenschuß ab, damit die Wilden wußten, daß ein Schiff da war. Die Tupinambás fuhren hin, und die Portugiesen fragten, ob ich noch lebe. Als dies bejaht wurde, verlangten sie, mich zu sehen, da sie eine Kiste voll Waren an Bord hätten. Die sei von meinem Bruder, einem Franzosen, der auch an Bord sei. An Bord gab es wirklich einen Franzosen, Claude Mirande, ein ehemaliger Kamerad von mir. Den gab ich den Wilden als meinen Bruder an und sagte ihnen, er würde vielleicht auf dem Schiff sein und nach mir fragen, da er bereits auf einer Reise dagewesen sei. Die Tupinambás kamen vom Schiff zurück an den Strand und sagten mir, mein Bruder sei gekommen, er brächte mir eine Kiste voll Ware und wollte mich gern sehen. Ich sagte zu ihnen: »Fahrt mich so weit an das Schiff heran, daß ich mit meinem Bruder sprechen kann. Die Portugiesen verstehen uns nicht. Ich will ihm sagen, sobald er heimkehren solle er unserem Vater ausrichten, daß er mit einem Schiff voll Waren hierherkomme und mich auslöse. Damit waren sie einverstanden, aber sie befürchteten, die Portugiesen könnten uns verstehen. Denn für den Monat August hatten die Tupinambás einen großen Kriegszug geplant, der sie in die Gegend von Bertioga, den Ort meiner Gefangennahme, führen sollte. Da ich alle ihre Pläne kannte, hatten sie Angst, ich könnte etwas davon verraten. Ich versicherte ihnen jedoch, die Portugiesen verstanden kein Französisch. Da fuhren sie mich etwa auf Steinwurfweite an das Schiff heran, nackt wie ich die ganze Zeit bei ihnen war. Zu denen auf dem Schiff sagte ich: »Gott der Herr sei mit euch, meine lieben Brüder. Es soll nur einer von euch mit mir sprechen und zwar so, als ob ich Franzose sei.« Da sprach einer, Juan Sanchez, ein Baske, den ich gut kannte, zu mir: »Mein lieber Bruder, euretwegen sind wir mit dem Schiff hergekommen, da wir nicht wußten, ob ihr noch lebt oder schon tot seid. Das erste Schiff brachte keine Nachricht von euch. Nun hat uns der Hauptmann Braz Cubas49 in Santos befohlen nachzuforschen, ob ihr noch am Leben seid, und wenn dies der Fall ist, herauszufinden, ob man euch loskaufen könne. Falls dies nicht möglich sei, sollten wir versuchen, einige von den Wilden zu fangen, um sie gegen euch auszutauschen.« Ich antwortete: »Gott soll es euch in Ewigkeit lohnen. Ich lebe hier in großer Angst und Not und weiß nicht, was sie beschließen werden. Hätte es Gott nicht in wunderbarer Weise verhindert, so hätten sie mich
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Nach ihm hieß eine Insel bei Santos, die heute mit dem Festland verbunden ist.

schon längst verspeist.« Weiter sagte ich ihnen, daß mich die Wilden nur verkaufen würden, wenn die Portugiesen so täten, als ob ich ein Franzose sei, und daß sie sich nichts anmerken lassen sollten. Ich bat sie auch, sie sollten mir um Gottes Willen einige Tauschwaren geben wie Messer und Angelhaken; das taten sie auch. Einer der Wilden fuhr mit einem Boot zum Schiff und holte die Sachen. Als ich merkte, daß mich die Wilden nicht länger mit den Portugiesen reden lassen wollten, sagte ich noch schnell: »Nehmt euch in acht, sie planen wieder einen Kriegszug nach Bertioga.« Da antworteten die Portugiesen, daß auch ihre Verbündeten sich rüsteten und gerade das Dorf, in dem ich gefangen gehalten werde, angreifen wollten. Deshalb sollte ich nur Mut haben, Gott würde schon alles zum Besten richten. Daß sie mir nicht helfen könnten, sähe ich ja wohl selbst. Ich antwortete: »Ja, ich habe es meiner Sünden wegen so verdient, aber es ist besser, Gott straft mich hier als im Jenseits. Bittet Gott, daß er nur aus diesem Elend hilft.« Damit befahl ich sie Gott dem Herrn an. Sie wollten noch weiter mit mir sprechen, doch die Wilden brachen die Unterredung ab und fuhren mit mir zurück zu den Hütten. Da nahm ich die Messer und Angelhaken, gab sie ihnen und sagte: »Seht, dies alles hat mir mein Bruder, der Franzose, gegeben.« Sie aber wollten wissen, was wir alles miteinander geredet hätten. Ich erzählte ihnen, daß ich meinem Bruder geraten hätte, den Portugiesen möglichst bald zu entkommen. Dann solle er in unser Vaterland zurückkehren, mit einem Schiff viele Güter hierherbringen und mich holen. Auch hätte ich gesagt, daß sie fromm seien und mich gut hielten und daß ich ihnen das belohnen würde, wenn das Schiff käme. So mußte ich ihnen stets das Beste vorgaukeln, denn das gefiel ihnen gut. Danach berieten sie untereinander und sagten: »Er ist gewiß ein Franzose, wir wollen ihn künftig besser behandeln.« So lebte ich eine Weile unter ihnen, und damit sie mich gut behandelten, erzählte ich immer wieder, daß meinetwegen bald ein Schiff kommen würde. Hin und wieder nahmen sie mich in den Wald mit, wenn sie etwas zu tun hatten und ich ihnen helfen mußte. Von dem Sklaven, den die Wilden bei sich hatten und der mich stets verleumdete und gerne gesehen hätte, daß sie mich töteten; wie er selbst getötet und in meiner Gegenwart gegessen wurde. Unter den Tupinambás gab es auch einen Sklaven vom Stamme der Carijós, die auch die Feinde der mit den Portugiesen befreundeten Wilden sind. Er war zuvor Sklave bei den Portugiesen gewesen, diesen aber entflohen. Die Wilden töten keinen, der ihnen zuläuft, es sei denn er hätte etwas Besonderes verbrechen, dafür müssen ihnen diese aber als Sklaven dienen. Der Carijó lebte schon drei Jahre bei den Tupinambás. Er behauptete, er hätte mich unter den Portugiesen gesehen, und ich hätte einige Male auf die Tupinambás geschossen, wenn sie auf ihren Kriegszügen dorthin gekommen seien. Vor einigen Jahren war einer ihrer Häuptlinge von den Portugiesen erschossen worden. Der Carijó behauptete, ich wäre der Schütze gewesen. Er hetzte immer wieder, man solle mich töten, denn ich sei wirklich ein Feind und er hätte es genau gesehen. Dabei war alles erlogen, denn er lebte ja schon drei Jahre hier bei den Tupinambás, und ich war erst vor etwa einem Jahr nach São Vicente gekommen, zu einer Zeit also, da er schon entlaufen war. Ich bat Gott, er möge mich vor diesen Lügen schützen. Im Jahre 1554, etwa im sechsten Monat meiner Gefangenschaft, wurde der Carijó krank. Sein Herr bat mich, ich solle ihm helfen, damit er gesund werde und wieder mit auf die Jagd gehen könne, so daß wir alle zu essen hätten. Ich wüßte ja, daß er mir auch einen Teil gebe, wenn ihm der Carijó wieder Wild brächte. Aber wenn ich glaubte, er würde nicht wieder gesund werden, wolle er ihn einem guten Freund schenken, damit der ihn totschlage und sich dadurch einen Namen mache.

Der Sklave war schon bald zehn Tage krank. Die Wilden haben Zähne von einem Tier, Paca genannt, die sie schärfen, und dann die Haut an den Stellen aufschneiden, wo das Blut stockt. So kann das Blut herauslaufen. Das ist gerade so, wie wenn man bei uns einen zur Ader läßt. Von diesen Zähnen nahm ich einen und wollte dem Kranken damit die Ader öffnen. Aber ich konnte nicht durchstechen, weil der Zahn stumpf war. Die anderen standen dabei um mich herum. Als ich sah, daß es zwecklos war, und wegging, fragten sich mich, ob er wieder gesund werden würde. Ich antwortete: »Ihr habt ja selbst gesehen, daß kein Blut herausgelaufen ist. Ich konnte nichts ausrichten. « »Ja, meinten sie, er wird wohl sterben. Wir wollen ihn lieber totschlagen, bevor er stirbt.« Da widersprach ich: »Nein, tut das nicht, vielleicht wird er doch noch gesund.« Aber es half nichts; sie zogen ihn vor die Hütte des Häuptlings Guarátinga. Dabei mußten ihn zwei Männer stützen, denn er war so schwach, daß er gar nicht mitbekam, was sie mit ihm vorhatten. Schon kam der, dem er geschenkt worden war, damit er ihn töte, und schlug ihm auf den Kopf, daß das Hirn herausquoll. Sie ließen ihn vor der Hütte liegen, denn sie wollten ihn essen. Ich warnte sie: »Tut es nicht. Er war krank, und ihr werdet davon vielleicht ebenso krank.« Da waren sie unschlüssig, was sie tun sollten, bis ein Mann aus meiner Hütte kam und den Frauen befahl, ein Feuer bei dem Toten zu machen. Er schnitt ihm den Kopf ab. Der Carijó hatte nur ein Auge und war von seiner Krankheit entstellt. So warfen sie den Kopf weg und sengten die Haut ab. Der Körper aber wurde zerschnitten und gleichmäßig aufgeteilt, wie es ihre Gewohnheit ist. Sie aßen ihn bis auf den Kopf und die Gedärme, vor denen ihnen wegen seiner Krankheit ekelte. Danach ging ich von Hütte zu Hütte. In der einen brieten sie die Beine, in der nächsten die Arme, in der dritten Teile des Rumpfes. Da sagte ich zu ihnen: »Der Carijó, den ihr gerade verspeisen wollt, hat oft Lügen über mich erzählt, z. B. daß ich in der Zeit, als ich bei den Portugiesen war, einige eurer Freunde erschossen hätte. Das war alles gelogen, denn er hat mich dort nie gesehen. Nun wißt ihr aber gut, daß er die ganze Zeit, die er bei euch war, nie krank gewesen ist. Erst als er damit begann, Lügen über mich zu verbreiten, ist mein Gott zornig geworden, hat ihn krank gemacht und euch in den Sinn gesetzt, ihn zu töten und zu essen. Gewiß wird mein Gott an jedem Schurken ebenso handeln, der mir Böses angetan hat oder antun wird.« Über diese Worte erschraken viele von ihnen, und ich danke dem allmächtigen Gott, daß er sich so gewaltig und mir so gnädig zeigte. An dieser Stelle möchte ich den Leser bitten, daß er bei dem, was ich schreibe, immer beachte: Ich mache mir diese Mühe nicht, weil ich Lust habe, Neuigkeiten zu berichten, sondern um die Wohltaten Gottes an den Tag zu bringen, die er mir erwiesen hat. So kam die Zeit heran, in der sie den Kriegszug machen wollten, für den sie sich schon drei Monate lang vorbereiteten. Ich hoffte, sie würden, wenn sie auszögen, mich bei den Frauen zurücklassen, so daß ich während ihrer Abwesenheit fliehen könnte. Wie ein französisches Schiff kam und mit den Wilden um Baumwolle und Brasilholz handelte; wie ich gerne auf dieses Schiff gegangen wäre, was Gott aber nicht vorgesehen hatte. Etwa acht Tage vor ihrer Kriegsfahrt war in einem Hafen, etwa acht Meilen von Ubatuba entfernt, ein französisches Schiff vor Anker gegangen. Der Hafen heißt auf portugiesisch Rio de Janeiro, die Wilden nennen ihn Niteroi50, und die Franzosen pflegten dort Brasilholz zu laden. Mit einem Boot kamen sie auch nach Ubatuba, um den Wilden Pfeffer, Affen und Papageien abzuhandeln. Einer, der die Sprache der Wilden verstand, war aus dem Boot an Land gekommen und verhandelte mit ihnen. Er hieß Jakob, und ich bat ihn, mich auf das Schiff mitzunehmen. Doch meine Herren wollten mich nicht so einfach gehen lassen, sie wollten viele Waren für mich haben. Ich schlug ihnen vor, sie selbst sollten mich aufs Schiff bringen, mein Freund würde ihnen dort genug Ware geben. Sie aber sagten: »Nein, das sind keine Freunde von dir, denn sonst hättest du
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Heute zwei verschiedene Städte diesseits und jenseits der Guanabara-Bucht.

von denen, die im Boot sind, ein Hemd bekommen, weil du nackt bist. Du bist ihnen gleichgültig.« Das stimmte, dennoch entgegnete ich, daß man mich auf dem großen Schiff kleiden würde, sobald ich hinkäme. Darauf sagten sie: »Das Schiff fährt nicht so schnell ab. Wir müssen zuerst unseren Kriegszug machen. Wenn wir zurück sind, werden wir dich dorthin fahren.« Das Boot wollte, da es schon eine Nacht vor dem Dorf geankert hatte, wieder abfahren. Als ich das sah, dachte ich: »O du gütiger Gott, wenn auch dieses Schiff wieder ohne mich abfährt, werde ich noch unter den Wilden umkommen, denn diesem Volk darf man nicht trauen.« Mit solchen Gedanken ging ich aus der Hütte ans Wasser. Als die Wilden das merkten, liefen sie mir nach. Ich rannte vor ihnen her, und als sie mich einfangen wollten, schlug ich den ersten, der mich eingeholt hatte, zurück. Das ganze Dorf verfolgte mich, doch ich entkam und schwamm zum Boot hinaus. Wie ich hineinklettern wollte, stießen mich die Franzosen zurück, da sie meinten, wenn sie mich gegen den Willen der Wilden aufnahmen, könnten sich diese auch gegen sie erheben und ihre Feinde werden. Da schwamm ich betrübt zum Ufer zurück und dachte: »Nun weiß ich, daß es Gottes Wille ist, daß ich noch länger im Elend bleibe.« Hätte ich die Flucht nicht versucht, hätte ich nachher meinen können, es sei meine eigene Schuld gewesen. Als ich wieder an Land kam, waren die Wilden fröhlich und riefen: »Nein, er kommt wieder.« Da wurde ich zornig auf sie und sagte: »Glaubt ihr, ich wollte fliehen. Ich bin zum Boot geschwommen, um meinen Landsleuten zu sagen, daß sie sich darauf vorbereiten sollen, bei unserer Rückkehr aus dem Krieg viele Waren bereit zu halten. Diese sollen sie, wenn ihr mich zum Schiff bringt, euch dann übergeben.« Das hörten sie gerne und waren damit zufrieden. Wie mich die Wilden auf Kriegsfahrt mitnahmen, und was sich dabei ereignete. Vier Tage später versammelten sich bei Ubatuba die Boote, die in den Krieg ziehen wollten. Auch der oberste Häuptling Cunhambebe kam dahin. Mein Herr wollte mich mitnehmen, aber ich bat ihn, er möge mich doch daheim lassen. Er hätte es wohl getan, aber Cunharnbebe wollte, daß ich mitkäme. Ich tat so, als ob ich ungern mitginge, denn wäre ich freiwillig mitgezogen, hätten sie denken können, ich würde, sobald wir im feindlichen Gebiet wären, zu den Gegnern laufen. So, hoffte ich, würden sie weniger auf mich achten. Falls sie mich daheim gelassen hätten, war meine Absicht, auf das französische Schiff zu fliehen. Sie nahmen mich aber mit. Es waren 38 Boote, jedes mit ungefähr 18 Mann besetzt. Einige hatten mit Hilfe ihrer Götzen, mit Träumen und anderen Narrheiten Weissagungen über den Krieg gemacht, so daß alle zuversichtlich waren. Sie hatten folgenden Plan gefaßt: Sie wollten bis in die Gegend von Bertioga fahren und sich dort um die Ortschaft herum im Wald verstecken. Alle, die ihnen dabei in die Hände fielen, wollten sie mitnehmen. Ungefähr am 14. August 1554 begann der Kriegszug. Wie schon berichtet, ziehen um diese Zeit eine bestimmte Art Fische aus dem Meerwasser ins Süßwasser der Flüsse, um dort zu laichen. Die Portugiesen nennen diese Fische Tainhas, auf spanisch heißen sie Liesses und bei den Wilden Piratis. Die Laichzeit nennen die Wilden Piracema. Zu dieser Zeit gehen sowohl die Tupinambás als auch ihre Feinde auf Beutezüge, um die Fische zu fangen und zu essen. Die Ausreise verläuft sehr gemächlich, doch zurück fahren sie, so schnell sie können. Ich hoffte die ganze Zeit, daß auch die den Portugiesen befreundeten Stämme auf Kriegsfahrt wären. Diese planten ja, so hatten mir die Portugiesen auf dem Schiff gesagt, ins Land der Tupinambás einzufallen. Während der Reise fragten mich die Wilden des öfteren, ob ich glaube, daß sie auch Gefangene machen würden. Um sie nicht zu erzürnen, bejahte ich und sagte, daß uns die Feinde begegnen würden. Eines Nachts lagerten wir an einem Ort, der auch Ubatuba hieß. Wir hatten viele Piratis, die etwa die Größe eines Hechtes haben, gefangen. Es wehte in dieser Nacht ein starker Wind, und als sie sich so mit mir unterhielten und viel fragten, da sagte ich: »Dieser Wind weht über vieler Leute Tod.« Ein anderer Trupp ihres Stammes war auch auf dem Wasser den Fluß Paraiba

hinaufgefahren, und sie meinten, diese seien vielleicht schon in das feindliche Gebiet eingedrungen und einige dabei getötet worden. Wie ich später erfuhr, war dies tatsächlich geschehen. Wir waren noch eine Tagereise von dem Ort entfernt, den sie für ihren Anschlag vorgesehen hatten, und wir schlugen auf der Insel São Sebastião51, die bei den Wilden Maembipe heißt, im Gehölz unser Lager auf. Als der Abend kam, ging Cunhambebe, der oberste Häuptling, in dem Lager im Wald auf und ab und sprach zu seinen Leuten: »Wir sind jetzt nicht mehr weit entfernt vom Land unserer Feinde. Jeder, der heute nacht einen Traum hat, soll ihn sich merken. Seht zu, daß ihr etwas Glückliches träumt.« Nach der Ansprache tanzten sie um ihre Götzen bis tief in die Nacht. Dann schliefen sie. Während mein Herr sich zum Schlafen niederlegte, sagte er, ich solle mir auch etwas Gutes träumen lassen. Ich antwortete ihm, daß ich nichts auf Träume gäbe, weil sie trügerisch seien. »So mach trotzdem mit deinem Gott, daß wir viele Feinde fangen«, meinte er zum Schluß. Bei Tagesanbruch versammelten sich die Anführer um einen Topf voll gekochter Fische. Sie aßen und erzählten sich dabei ihre Träume, soweit sie ihnen gefielen; einige tanzten mit den Götzen herum. Sie beschlossen, noch am gleichen Tag ganz nahe an das feindliche Gebiet heranzufahren und bei einem Orte namens Boiçucanga ganz ruhig den Abend zu erwarten. Bei der Abfahrt von unserem Nachtlager auf Maembipe fragten mich die Wilden immer wieder, ob ich glaube, daß sie jemanden fangen würden. Da ich sie nicht erzürnen wollte, sagte ich ja und fügte auf gut Glück hinzu: »Bei Boiçucanga werden uns Feinde entgegenkommen. Seid nur mutig.« Ich hatte die Absicht, sobald wir dieses Boiçucanga erreichten, die Flucht zu wagen, da es nur sechs Meilen von dem Ort entfernt lag, an dem sie mich damals gefangen hatten. Wie wir nun am Ufer entlang fuhren, sahen wir hinter einer Insel Boote hervorkommen, die uns entgegen fuhren. Da riefen sie: Da kommen ja schon unsere Feinde, die Tupiniquins.« Sie wollten sich hinter einem Felsen verbergen und die anderen ahnungslos herankommen lassen. Doch diese hatten uns schon entdeckt und wendeten, um in ihre Heimat zurückzufliehen. Wir ruderten fast vier Stunden so schnell wir konnten, bis wir sie endlich eingeholt hatten. Es waren fünf voll besetzte Boote, die alle aus Bertioga kamen. Ich kannte sie alle. In einem der Boote waren sechs Mamelucken. Sie waren alle getaufte Christen, unter ihnen auch zwei der Brüder de Braga, Diogo und Domingos. Beide wehrten sich tapfer, einer mit einem Gewehr, der andere mit Pfeil und Bogen. Sie hielten sich in ihren Booten fast zwei Stunden lang gegen dreißig unserer Boote. Als sie alle Pfeile verschossen hatten, überwältigten sie die Tupinambás und nahmen sie gefangen. Einige wurden gleich totgeschlagen und -geschossen. Die beiden Brüder waren nicht verwundet, doch zwei der sechs Mamelucken wurden sehr schwer verletzt, ebenso einige Tupiniquins, unter denen auch eine Frau war. Wie sie auf der Heimfahrt mit den Gefangenen umgingen. Die Stelle, an der die Tupiniquins gefangen wurden, war gute zwei Meilen von der Küste entfernt. Wir ruderten also, so schnell es ging, ans Ufer zurück und weiter bis zu unserem letzten Lagerplatz. Es war schon Abend und die Sonne ging gerade unter, als wir bei Maembipe anlangten. Jeder führte seinen Gefangenen in seine Hütte. Die Schwerverletzten aber zerrten sie ans Land und erschlugen sie sofort. Dann zerlegten sie sie wie gewöhnlich und brieten das Fleisch. Unter denen, die noch in dieser Nacht gebraten wurden, waren auch zwei Mamelucken, beides getaufte Christen. Einer war Portugiese, hieß Jorge Ferreira und war der Sohn eines Hauptmanns, den dieser mit einer Wilden gezeugt hatte. Der andere hieß Jeronimo; ihn hatte ein Wilder namens Paraguá gefangen, der mit mir in einer Hütte schlief. Er briet den Jeronimo nur wenige Schritte von mir entfernt. Jeronimo, Gott hab ihn selig, war ein Blutsverwandter des Diogo de Braga. An diesem Abend ging ich in die Hütte, in der die beiden Brüder gefangen gehalten wurden, denn es waren gute Freunde aus Bertioga. Da fragten sie mich, ob sie auch gefressen würden, und ich
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Zwischen Santos und Rio.

antwortete: »Das müßt ihr dem Willen des himmlischen Vaters und seines lieben Sohnes Jesus Christus, der um unserer Sünden willen gekreuzigt wurde, überlassen. In seinem Namen sind wir getauft bis in den Tod. An ihn glaube ich auch, denn er hat mich so lange unter diesen Wilden behütet. Was der Allmächtige mit uns vorhat, danüt müssen wir zufrieden sein.« Weiterhin fragten mich die beiden Brüder, wie es um ihren Vetter Jeronimo stünde, und ich sagte ihnen, er läge bereits auf dem Feuer und briete, und ich hätte auch schon gesehen, wie die Wilden ein Stück von des Ferreira Sohn verspeist hätten. Da weinten sie, ich aber tröstete sie wieder und sagte ihnen: »Ihr wißt doch, daß ich nun schon 8 Monate von den Wilden gefangen bin, und doch hat mich Gott bisher erhalten. Das wird er auch bei euch tun, vertraust ihm nur.« Weiter sagte ich, daß es eigentlich mir viel eher zu Herzen gehen müßte als ihnen, da ich ja aus einem fremden Land stamme und die schrecklichen Landessitten hier nicht gewohnt sei. Sie dagegen seien ja in dem Lande geboren und aufgewachsen. »Ja«, meinten sie da, »du bist in deinem Elend schon so verhärtet, daß es dich gar nicht mehr rührt.« Als ich mich so mit ihnen unterhielt, befahlen mir die Wilden, die beiden zu verlassen und in meine Hütte zurückzukehren. Sie wollten auch wissen, was ich so lange mit ihnen geredet hätte. Ich bedauerte sehr, daß ich sie verlassen mußte und empfahl ihnen, sich ganz in den Willen Gottes zu ergeben, denn sie sähen ja selbst, welches Elend wir in diesem Jammertal hätten. Sie antworteten: »Das haben wir niemals so genau erfahren wie gerade jetzt. Sterben müssen wir ja alle einmal, und wir sterben um so fröhlicher, da wir wissen, daß du hier bist.« Damit ging ich aus der Hütte und schaute mir im ganzen Lager die Gefangenen an. Ich war ganz alleine und keiner achtete auf mich, so daß ich gut hätte fliehen können. Von hier bis Bertioga waren es höchstens 10 Meilen. Aber ich unterließ es wegen der gefangenen Christen, von denen noch vier am Leben waren. Wäre ich jetzt geflüchtet, so hätten die Wilden im Zorn sie sofort getötet. Vielleicht, so dachte ich, erhält uns Gott alle miteinander. So entschloß ich mich, bei ihnen zu bleiben und sie zu trösten, was ich dann auch tat52. Die Wilden waren mir unterdessen sehr wohl gesonnen, da ich ihnen so auf gut Glück die Feinde vorausgesagt hatte. Als es eintraf, sagten sie, ich sei ein besserer Prophet als ihre Maracás. Wie die Wilden in unserem nächsten Lager mit ihren Gefangenen tanzten. Am folgenden Tag erreichten wir ein hohes Gebirge, das Ocaraçú53 heißt und nicht weit von der Heimat der Tupinambás entfernt ist. Dort wurde das Nachtlager aufgeschlagen. Ich ging in Cunhambebes Hütte und fragte ihn, was er mit den Mamelucken im Sinn hätte. Er antwortete mir, daß sie gegessen werden sollten, und verbot mir, mit ihnen zu reden. Er sei sehr zornig auf sie; sie wären besser daheim geblieben statt mit seinen Feinden in den Krieg zu ziehen, meinte er. Ich bat ihn, sie doch am Leben zu lassen und sie ihren Freunden zu verkaufen. Er bestimmte aber, daß sie gegessen werden sollten. Vor sich hatte Cunhambebe einen großen Korb voll Menschenfleisch stehen. Er aß gerade von einem Knochen, hielt ihn mir vor die Nase und fragte, ob ich auch davon essen wollte. Ich antwortete: »Sogar ein unvernünftiges Tier frißt selten seinesgleichen, warum sollte dann ein Mensch den anderen fressen.« Er biß hinein und sagte dabei: »Jau ware sche - ich bin ein Tigertier, es schmeckt wohl.« Da verließ ich ihn. Am gleichen Abend befahl er, ein jeder solle seinen Gefangenen auf einen Platz vor dem Wald am Wasser unten bringen. So wurde es gemacht. Da versammelten sich alle und standen im Kreis um die Gefangenen herum. Diese mußten alle zusammen singen und mit den Maracás, den Götzen, rasseln54. Danach begannen alle Gefangenen, einer nach dem andern, zu reden. Ganz unerschrocken sagten sie: »Ja, wir sind, wie es sich für tapfere Männer gehört, ausgezogen, um euch, unsere Feinde, zu fangen und zu essen. Nun habt ihr die Oberhand behalten und habt uns
Die Episode wirft ein Licht auf Stadens Solidaritätsgefühl und seinen Kameradschaftsgeist. 30 km südwestlich der Ilha Grande. 54 Siehe Anm. 40.
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gefangen, doch das kümmert uns wenig. Wehrhafte und tapfere Männer sterben im Land ihrer Feinde. Auch unser Land ist noch groß, und die Unseren werden uns an euch schon rächen.« »Ja«, antworteten die anderen, »ihr habt schon viele von uns verspeist, das wollen wir an euch rächen.« Als die Reden beendet waren, führte jeder seinen Gefangenen zurück in seine Unterkunft. Am dritten Tage kamen wir wieder in das Gebiet der Tupinambás, und jeder brachte seinen Gefangenen in sein Heimatdorf. Die aus Ubatuba hatten acht Wilde und drei Mamelucken lebend gefangen. Diese drei waren Diego und sein Bruder und einer namens Antonio. Diesen hatte der Sohn meines Herrn gefangen. Zwei weitere Mamelucken, ebenfalls Christen, hatten sie schon gebraten heim gebracht. Unsere Reise hatte elf Tage gedauert. Wie das französische Schiff noch da war, auf das sie mich nach der Rückkehr bringen wollten, so wie sie es mir versprochen hatten. Als wir nun wieder daheim waren, verlangte ich, sie sollten mich auf das französische Schiff bringen, denn ich sei ja mit ihnen auf Kriegsfahrt gewesen und hätte auch geholfen, ihre Feinde zu fangen. Von denen hätten sie ja selbst gehört, daß ich kein Portugiese sei. Sie sagten zu, mich dorthin zu bringen. Zuerst aber wollten sie sich ausruhen und den Miquem essen. Damit war das gebratene Fleisch der beiden Christen gemeint. Wie sie den ersten der beiden gebratenen Christen aßen, nämlich Jorge Ferreira, den Sohn des portugiesischen Hauptmanns. Meiner Hütte fast gegenüber war die des Häuptlings Tatamirf, der den einen gebratenen Christen hatte. Er ließ nach ihrer Sitte Getränke bereiten, worauf sich viele versammelten, die tranken und sangen und viel Spaß hatten. Am nächsten Tag kochten sie das gebratene Fleisch auf und aßen es. Das Fleisch des anderen, des Jeronimo, hing in der Hütte, in der auch ich lebte, fast drei Wochen lang in einem Korb über dem Feuer. Dabei wurde es trocken wie Holz. Daß es so lange nicht gegessen wurde, hat folgenden Grund: Paraguá, dem es gehörte, war losgezogen, um die Wurzeln zu suchen, aus denen das Getränk gemacht wird, das beim Verzehr von Jeronimos Fleisch getrunken werden sollte. So verging die Zeit, aber sie wollten mich nicht eher zu dem Schiff führen, bis sie das Fest abgehalten und das Fleisch des Jeronimo verspeist hätten. Inzwischen war das französische Schiff, das etwa acht Meilen von Ubatuba entfernt vor Anker gelegen hatte, wieder abgefahren. Als ich diese Nachricht bekam, war ich sehr betrübt. Die Wilden aber meinten nur, die Franzosen kämen normalerweise jedes Jahr hierher, und damit mußte ich zufrieden sein. Wie der Allmächtige ein Zeichen gab. Vor der Hütte, in der ich lebte, hatte ich aus dicken Stangen ein Kreuz errichtet. Hier verrichtete ich sehr oft meine Gebete zu Gott. Ich hatte den Wilden empfohlen, das Kreuz nicht herauszureißen, da ihnen das nur Unglück bringen würde. Aber sie mißachteten meine Warnung. Als ich einmal mit auf Fischfang war, hatte eine Frau das Kreuz herausgerissen und es ihrem Mann gegeben. Der sollte ihr auf dem runden Holz die Häuser von Meerschnecken reiben, aus denen sie eine Art Rosenkranz machen. Das verdroß mich nun sehr. Bald darauf aber fing es an zu regnen, und der Regen dauerte einige Tage. Da kamen sie in meine Hütte und verlangten, ich solle mit meinem Gott reden, damit der Regen wieder aufhöre. Wenn es nicht bald aufhörte, so könnten sie nicht pflanzen, und es sei doch gerade Pflanzzeit. Ich antwortete, es sei ihre eigene Schuld, denn sie hätten meinen Gott damit erzürnt, daß sie das Holz herausrissen. Bei dem hätte ich immer zu meinem Gott gesprochen. Da sie dies für die Ursache des Regens hielten, half mir der Sohn meines Herrn, ein neues Kreuz zu errichten. Das geschah dem Sonnenstand nach gegen ein Uhr nachmittags. Von der Stunde an, da es aufgerichtet war, wurde das Wetter wieder schön, und noch am Vormittag war es sehr stürmisch gewesen. Sie waren alle sehr verwundert und glaubten, mein Gott tue, was ich wünsche.

Wie ich eines Abends mit zwei Wilden auf Fischfang war, und wie Gott bei einem starken Unwetter ein Wunder an mir vollbrachte. Ich stand mit Paraguá, einem der vornehmsten Wilden, der den Jeronimo gebraten hatte, und noch einem anderen beim Fischen. In der Abenddämmerung ging unweit von uns ein starkes Gewitter mit Donner und Regengüssen nieder. Der Wind trug den Regen zu uns herüber. Da baten mich die beiden Wilden, ich möge mit meinem Gott reden, damit uns der Regen nicht behindere. Vielleicht könnten wir dann noch mehr Fische fangen. Ich wüßte ja wohl, daß wir in der Hütte nichts mehr zu essen hätten. Diese Worte bewegten mich, und ich bat Gott den Herrn aus tiefstem Herzen, er möge seine Macht an mir beweisen, wie es die Wilden von mir begehrten, damit sie sähen, daß er, mein Gott, allezeit bei mir sei. Als ich mein Gebet beendet hatte, kam auch schon der Wind mit dem Regen angebraust. Es regnete bis auf sechs Schritte vor uns, doch da, wo wir uns befanden, fiel kein Tropfen. Da sagte Paraguá: »Nun sehe ich, daß du mit deinem Gott geredet hast.« Und wir fingen noch einige Fische. Als wir zu den Hütten zurückkehrten, erzählten die beiden, wie ich mit meinem Gott geredet und was sich daraufhin ereignet hätte. Da wunderten sich die anderen Wilden. Wie sie den anderen der gebratenen Christen, Jeronimo, aßen. Als Paraguá alles Notwendige beieinander hatte, ließ er die Getränke für das Gelage bereiten, bei dem das Fleisch des Jeronimo verspeist werden sollte. Während des Festes brachten sie die beiden Brüder und auch Antonio, den der Sohn meines Herrn gefangen hatte, zu mir herüber; so waren wir vier Christen beieinander. Wir mußten auch mit ihnen trinken. Doch zuvor sprachen wir unser Gebet zu Gott, daß er der Seele des Jeronimo gnädig sein möge, so wie auch unseren, wenn unsere Stunde gekommen sei. Die Wilden schwatzten mit uns und waren fröhlich, aber wir fühlten uns sehr elend. Am nächsten Morgen, sehr früh, kochten sie das Fleisch wieder auf und aßen es, In kurzer Zeit hatten sie alles verschlungen. Noch am gleichen Tag führten sie mich fort, um mich zu verschenken. Als ich von oden beiden Brüdern Abschied nahm, baten sie mich, vor Gott für sie zu beten. Ich erklärte ihnen noch, wohin sie sich im Gebirge wenden sollten, falls ihnen die Flucht gelänge. Dort könnten die Wilden sie schlechter aufsparen, riet ich ihnen, da ich im Gebirge etwas Bescheid wußte. Das haben sie dann auch getan, denn sie konnten sich befreien und fliehen. Ob man sie wieder einfing, weiß ich nicht. Wie ich verschenkt wurde. Die Wilden fuhren mit mir nach Taquaraçú-tiba55, wohin sie mich verschenken wollten. Als wir bereits ein Stück vom Land entfernt waren, sah ich mich noch einmal nach den Hütten um und bemerkte, daß eine schwarze Wolke über dem Dorf stand. Ich zeigte sie den Wilden und sagte: »Mein Gott ist zornig über das Dorf, weil ihr das Christenfleisch gegessen habt.« Nachdem wir angekommen waren, übergaben sie mich dem Häuptling Abatí-poçanga. Dabei rieten sie ihm, mir nichts anzutun und solches auch nicht zuzulassen, denn mein Gott sei schrecklich gegen diejenigen, die mir ein Leid antäten. Dies hätten sie selbst erlebt, als ich noch bei ihnen gewesen sei. Auch ich ermahnte ihn und sagte: »Bald kommen mein Bruder und andere Verwandte und Freunde mit einem Schiff voll Waren. Wenn ihr mich gut behandelt, dann will ich euch diese Waren geben, denn ich weiß ganz sicher, daß mein Gott die Schiffe meines Bruders bald herbringen wird.« Das gefiel ihnen sehr, und der Häuptling hieß mich seinen Sohn. Ich ging sogar mit seinen Söhnen auf die Jagd.

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Bei Rio de Janeiro.

Wie mir die Wilden von Taquaraçú-tiba erzählten, daß das erwähnte französische Schiff wieder abgefahren sei. Sie erzählten mir, daß das französische Schiff »Maria Bellete« aus Dieppe, mit dem ich gern gefahren wäre, bei ihnen Brasilholz, Pfeffer, Baumwolle, Federwerk, Meerkatzen, Papageien und andere Waren, die sie benötigten, geladen hätten. In Rio de Janeiro hätten die Franzosen ein portugiesisches Schiff gekapert und einen Portugiesen dem Häuptling Itavú geschenkt, der ihn gegessen hätte. Auch sei jener Franzose, der den Wilden nach meiner Gefangennahme geraten hatte, mich aufzuessen, auf diesem Schiff und wollte in seine Heimat zurückkehren. Die »Maria Bellete« war genau das Schiff, dessen Boot mich, nachdem ich den Wilden entkommen war, nicht aufnehmen wollte. Sie mußte auf der Heimreise untergegangen sein, denn, als ich mit dem anderen französischen Schiff heimkam, wußte niemand, wo die »Maria Bellete « geblieben war. Darüber werde ich noch berichten. Wie, kurz nachdem ich verschenkt worden war, ein anderes Schiff aus Frankreich, die »Catherine de Vatteville«, ankam und mich nach Gottes Vorsehung freikaufte. Ich war ungefähr 14 Tage in Taquaraçú-tiba bei dem Häuptling Abatí-poçanga, da kamen einige der Wilden zu mir und sagten, sie hätten schießen hören. Es müßte im Hafen Niterói, auch Rio de Janeiro genannt, gewesen sein. Als ich sicher wußte, daß ein Schiff angekommen war, sagte ich ihnen, sie sollten mich zum Hafen bringen, denn vielleicht seien es meine Brüder. Sie waren damit einverstanden, hielten mich aber dennoch einige Tage zurück. Inzwischen hatten die Franzosen, die nach Niterói gekommen waren, auch schon erfahren, daß ich hier unter den Wilden lebte. Deshalb schickte der Kapitän zwei seiner Leute und einige befreundete Häuptlinge aus dem Orte nach Taquaraçú-tiba. Sie kamen in die Hütte des Häuptlings Coó-uara-açú, die nahe bei meiner war. Die Wilden brachten mir die Nachricht, daß zwei Leute von dem Schiff gekommen seien. Darüber freute ich mich sehr und ging gleich zu ihnen. Ich begrüßte sie in der Sprache der Wilden. Wie sie mich so elend da stehen sahen, hatten sie Mitleid und gaben mir Teile von ihrer Kleidung. Ich fragte, warum sie hier seien, und sie antworteten, daß sie meinetwegen gekommen seien. Sie hätten Befehl, mich unter allen Umständen aufs Schiff zu bringen. Da wurde ich im Herzen froh über die Barmherzigkeit Gottes. Zu dem einen der beiden er hieß Perot und verstand die Sprache der Wilden - sagte ich, er solle vorgeben, daß ich sein Bruder sei und er einige Kisten voll Handelsgüter dabei hätte, damit die Wilden mich zum Schiff brächten und die Kisten holten. Weiterhin sollte er vorgeben, daß ich unter ihnen bleiben wollte, um Pfeffer und andere Waren zu sammeln, bis das Schiff nach einem Jahr wiederkäme. Auf diese Angaben hin brachten sie mich zum Schiff, und mein Herr zog selbst mit. Im Schiff hatten alle Mitleid mit mir und erwiesen mir viel Gutes. Nachdem wir schon etwa fünf Tage auf dem Schiff waren, fragte mich der Häuptling Abatípoçanga, dem ich geschenkt worden war, wo denn die Kisten seien. Ich sollte sie mir geben lassen, damit wir bald wieder zurückkehren könnten. Dies teilte ich dem Kapitän mit. Er befahl mir, den Häuptling hinzuhalten, bis das Schiff voll beladen sei, damit sie sich nicht erzürnten oder Schwierigkeiten machten, wenn sie bemerkten, daß man mich an Bord behalten wolle, oder sonst einen Verrat ausübten, denn diesen Leuten war nicht zu trauen. Aber mein Herr, der Häuptling, wollte mich durchaus wieder mit heimnehmen. Doch es gelang mir, ihn mit guten Worten hinzuhalten. Ich sagte ihm, er solle nicht so eilen, er wisse doch, daß sich gute Freunde, wenn sie sich träfen, nicht so schnell wieder trennen wollten. Sobald das Schiff zur Abfahrt bereit sei, wollten wir wieder in seine Hütte zurückkehren. So hielt ich ihn hin. Als das Schiff schließlich bereit war, versammelten sich alle Franzosen an Bord, und ich stand bei ihnen und mein Herr, der Häuptling, mit seinem Gefolge stand auch dabei. Der Kapitän ließ den Wilden durch einen Dolmetscher sagen, daß es ihm gefiele, daß sie mich nicht getötet hätten, nachdem sie mich unter ihren Feinden gefangen hätten; weiterhin - um mich leichter von ihnen frei

zu bekommen - er hätte mich deshalb ins Schiff bringen lassen, weil er ihnen dafür, daß sie mich so gut behandelt hätten, etwas geben wolle. Auch sei es seine Absicht, mir einige Waren zu geben, denn er wünsche, daß ich unter den Wilden bleibe; ich sei bei ihnen schon bekannt und könne, bis er wieder komme, Pfeffer und andere Güter, die er benötige, einsammeln. Wir hatten vorher abgesprochen, daß sich etwa 10 Seeleute, die mir einigermaßen ähnlich sahen, versammeln würden. Sie sollten vorgeben, sie seien meine Brüder und wollten mich zurückhaben. Dieser Wunsch wurde den Wilden vorgetragen. Meine Brüder wollten keinesfalls, daß ich wieder mit den Wilden an Land gehe, sondern ich solle mit ihnen heimkehren, denn unser Vater wünsche mich noch einmal zu sehen, ehe er sterbe. Der Kapitän dagegen ließ den Wilden sagen, er sei zwar der Befehlshaber auf dem Schiff und er hätte gerne, daß ich mit ihnen wieder an Land ginge, aber er sei auch nur ein Mensch und meine Brüder seien viele; er könne ihren Wunsch nicht mißachten. Dies wurde alles veranstaltet, um mich auf friedliche Weise von den Wilden auszulösen. Und auch ich sprach zum Häuptling: »Ich würde gern mit euch zurückkehren, aber du siehst ja, daß meine Brüder es nicht zulassen wollen.« Da fing er auf dem Schiff an zu schreien und sagte, wenn sie noch unbedingt mitnehmen wollten, dann solle ich wenigstens mit dem nächsten Schiff wieder kommen, denn er hätte mich wie einen Sohn behandelt und sei sehr zornig über die Leute von Ubatuba, die mich essen wollten. Auch eine seiner Frauen, die mit an Bord gekommen war, mußte mich nach ihrer Sitte laut beklagen, und auch ich klagte, wie es bei ihnen Gewohnheit war. Danach gab der Kapitän dem Häuptling ein paar Geschenke: Messer, Äxte, Spiegel und Kämme im Gesamtwert von etwa fünf Dukaten. Damit zogen sie wieder zurück in ihr Dorf. So half mir der Allmächtige Herr, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, aus der Gewalt der grausamen Wilden. Ihm sei Lob und Preis und Ehre durch Jesus Christus, seinen lieben Sohn, unseren Erlöser. Amen. Wie die Schiffsoffiziere hießen, wo das Schiff her war, was sich vor unserer Abreise noch ereignete, und wie lange die Heimfahrt nach Frankreich dauerte. Der Kapitän der »Catherine de Vatteville« hieß Wilhelm de Moner und der Steuermann François de Schantz. Wir waren gerade dabei, das Schiff für die Heimkehr nach Frankreich auszurüsten, befanden uns also noch im Hafen (Rio de Janeiro), als sich folgendes ereignete: Eines Morgens kam ein kleines portugiesisches Schiff und wollte aus dem Hafen auslaufen. Sie hatten mit den Maracaias, einem befreundeten Stamm von Wilden, gehandelt. Deren Gebiet grenzt direkt an das der Tupinambás, die ja mit den Franzosen befreundet sind. Beide Stämme sind Todfeinde. Es war das Schiff, das unterwegs war, um mich bei den Wilden auszulösen, und gehörte dem Leiter einer Handelsniederlassung, Peter Roesel. Die Franzosen rüsteten ihre Boote mit Geschützen aus; sie wollten in die Bucht hineinfahren, um die Portugiesen zu kapern. Mich nahmen sie mit, damit ich den Portugiesen sagte, sie sollten sich ergeben. Aber als wir ihr Schiff angriffen, schlugen sie uns zurück. Dabei wurden einige Franzosen getötet, einige verwundet. Auch mich hatte ein Schuß schwer verletzt, viel schwerer als irgendeinen der anderen Verwundeten, die am Leben geblieben waren. In meiner Todesangst rief ich zu meinem Herrn und bat den gütigen Vater, nachdem er mich aus der Gewalt der Wilden befreit hatte, mich auch weiterhin am Leben zu erhalten und in ein christliches Land heimkehren zu lassen. Dort wollte ich die mir erwiesenen Wohltaten auch anderen Leuten verkünden. Und ich wurde wieder ganz gesund. Gelobt sei der gütige Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Im Jahre 1554, am 31. Oktober, setzten wir in Rio de Janeiro Segel und nahmen Kurs auf Frankreich. Auf der Überfahrt hatten wir so guten Wind, daß sich die Seeleute wunderten und meinten, ein solches Wetter sei bestimmt eine besondere Gabe Gottes, womit sie recht hatten. Der Herr vollbrachte offensichtlich ein Wunder an uns hier auf dem Meer.

Am Tag vor Weihnachten waren sehr viele Fische um das Schiff herum, die man Schweinsfische56 nennt. Wir fingen so viele davon, daß wir uns einige Tage satt essen konnten. Auch am Tag der Heiligen Drei Könige bescherte uns Gott so viele Fische, daß wir uns wieder richtig satt essen konnten. Wir hatten damals keine großen Vorräte und lebten von dem, was uns Gott aus dem Meer gab. Ungefähr am 20. Februar 1555 erreichten wir das Königreich Frankreich. Wir landeten in dem kleinen Hafenstädtchen Honfleur57 in der Normandie. Wir hatten auf der ganzen Heimreise, die vier Monate dauerte, kein Land gesehen. Ich half ihnen beim Entladen des Schiffes und dankte danach allen für die erwiesenen Wohltaten. Danach begehrte ich vom Kapitän einen Paß. Er hätte es jedoch viel lieber gesehen, wenn ich noch einmal mit ihm gefahren wäre. Als er aber sah, daß ich nicht bleiben wollte, besorgte er mir einen Paß vom Herrn Admiral, dem Oberbefehlshaber in der Normandie58. Dieser ließ mich zu sich kommen, nachdem er von mir gehört hatte, und gab mir den Paß. Mein Kapitän gab mir noch Zehrgeld, und so verabschiedete ich mich und zog von Honfleur nach Le Havre und von dort nach Dieppe. Wie ich in Dieppe in das Haus des Kapitäns der »Bellete« geführt wurde, des Schiffes, das vor uns aus Brasilien abgesegelt und noch nicht angekommen war. Dieppe war der Heimathafen der »Marie Bellete«, des Schiffs, auf dem jener Dolmetscher war, der den Wilden befohlen hatte, mich zu verspeisen und der nach Frankreich hatte zurückkehren wollen. Es war das gleiche Schiff, dessen Bootsbesatzung mich nach meiner Flucht von den Wilden nicht hatte aufnehmen wollen. Der Kapitän der »Marie Bellete« hatte, wie mir die Wilden erzählten, ihnen auch einen Portugiesen zum Essen gegeben. Dies war geschehen, nachdem er, wie schon berichtet, ein portugiesisches Schiff überfallen hatte. Dieses Schiff und seine Besatzung waren, als ich nach Dieppe kam, immer noch nicht heimgekehrt. Wenn man bedenkt, daß die »Catherine de Vatteville« nach ihnen in Rio de Janeiro ankam und mich noch freikaufte, hätte die »Marie Bellete« schon drei Monate vor uns heimkehren müssen. Frauen und Verwandte der Besatzung kamen zu mir und fragten mich, ob ich nichts erfahren hätte. Ich antwortete: »O ja, ich weiß etwas von ihnen. Ein Teil der Besatzung ist ein gottloser Haufe. Sie mögen sein, wo sie wollen, es ist mir gleichgültig.« Ich erzählte ihnen, daß einer von ihnen, als er im Land der Wilden gewesen war, diese angewiesen hätte, mich zu essen. Doch der allmächtige Gott hätte mich behütet. Auch erzählte ich ihnen, wie einige mit dem Boot zu den Wilden, die mich gefangen hielten, gekommen seien, um Pfeffer und Affen einzutauschen, und wie sie mich, als ich zum Boot geschwommen war, um den Wilden zu entkommen, nicht aufgenommen hätten, so daß ich zu den Wilden hätte zurückschwimmen müssen. Das hätte mir damals viel Kummer und Schmerz bereitet. Auch hätten diese Leute den Wilden einen Portugiesen ausgeliefert, der gegessen wurde. Außerdem hätten sie auch mit mir keinerlei Erbarmen gehabt. »Aus all dem erkenne ich«, so fuhr ich fort, »daß es der liebe Gott gut mit mir meinte, und ich gottlob vor ihnen hier bin, um diese Nachrichten zu überbringen. Sie mögen kommen, wann sie wollen, aber ich prophezeie euch, daß Gott solche Unbarmherzigkeit und Grausamkeit, wie sie mir in einem fremden Lande angetan haben, - Gott verzeih es ihnen - nicht ungestraft läßt. Früher oder später wird sich zeigen, daß Gott den Herrn mein Seufzen erbarmte.« Auch erzählte ich ihnen, wie gut es denen, die mich den Wilden abgekauft hätten, auf der Heimreise ergangen sei; was ja auch stimmte: Gott gab uns schönes Wetter und guten Wind und genug Fische aus der Tiefe des Meeres. Sie wurden böse und fragten mich, ob ich glaube, daß ihre Angehörigen noch am Leben seien. Um sie ein wenig zu trösten, sagte ich, daß sie schon noch kommen könnten, obwohl die meisten Leute, wie auch ich, annehmen müßten, daß sie mit dem Schiff untergegangen seien.
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Aus der Familie der Drückerfische, die sich in Felsspalten verkriechen. Nahe der Seinemündung. Seefahrer- und Fischerstadt. Hier starteten im 17. Jahrhundert die französischen Konquistadoren (Champlain, Le Sage) nach Nordamerika. 58 Vermutet wird der Admiral Coligny.
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Nach diesen Gesprächen verabschiedete ich mich von ihnen und sagte zum Schluß: »Wenn die anderen noch kommen, dann richtet ihnen aus, Gott habe mir geholfen; ich sei dagewesen.« Von Dieppe fuhr ich mit einem Schiff nach London in England. Dort blieb ich einige Tage und fuhr dann weiter nach Seeland und von dort nach Antwerpen. So hat mir der Allmächtige Gott, dem nichts unmöglich ist, geholfen, in mein Vaterland zurückzukehren. Ihm sei ewig Lob. Amen. Mein Gebet zu Gott dem Herrn, als ich in der Gewalt der Wilden war, die mich essen wollten. O du Allmächtiger, der du die Erde und den Himmel geschaffen hast; Gott unserer Vorväter Abraham, Isaak und Jakob, du hast dein Volk Israel so machtvoll aus der Hand ihrer Feinde befreit und durch das Rote Meer geführt und auch Daniel unter den Löwen beschützt. Dich bitte ich, du ewiger Herrscher, erlöse mich aus der Hand dieser grausamen Menschen, die dich nicht kennen, um Jesu Christi, deines lieben Sohnes Willen, der die Gefangenen aus ewiger Gefangenschaft erlöst hat. Doch Herr, wenn es dein Wille ist, daß ich einen so gewaltsamen Tod erleiden soll durch diese Menschen, die dich nicht kennen und die sagen, wenn ich ihnen von dir berichte, du hättest nicht die Macht, mich aus ihren Händen zu befreien, so stärke mich in meiner letzten Stunde, wenn diese ihren Willen vollbringen, damit ich nicht an deiner Barmherzigkeit zweifle. Soll ich aber in diesem Elend so viel erleiden, so gib mir nachher Ruhe und behüte mich im Jenseits vor dem Elend, vor dem alle unsere Vorväter sich entsetzt haben. Doch Herr, du kannst mich gewiß aus der Gewalt der Wilden befreien. Hilf mir, denn ich weiß, du kannst mir helfen. Und wenn du mir hilfst, so will ich es keinem Zufall zurechnen, sondern allein deiner mächtigen Hand. Denn hier kann mir keines Menschen Macht helfen. Wenn du mich aus ihrer Gewalt befreit hast, will ich deine Wohltat preisen und unter allen Völkern, zu denen ich komme, bekannt machen. Amen. Ich kann nicht recht glauben, daß von Herzen könne beten ein Mann, Es sei denn, daß Leibesgefahr oder anderes großes Leid und Verfolgung ihn treffen an. Denn wenn der Leichnam kann nach seinem Willen leben, Will die arme Kreatur allzeit zu ihrem Schöpfer streben. Mit dem Menschen, dem Gott Hindernis' in den Weg tut, Meinet er es deshalb wahrhaft herzlich gut. Daß daran niemand Zweifel habe, Solches ist eine Gottesgabe. Ohne Trost, Schutz oder Waffen gefunden wird zu keiner Frist, Wer mit dem Glauben und Gottes Wort gerüstet ist. Darum ein jeder gottesfürchtige Mann Seinen Kindern nichts Besseres lehren kann, Als daß sie das Wort Gottes recht erfassen, So können sie sich in Zeiten der Not drauf verlassen. Darum, lieber Leser, sollst du nicht sinnen, Ich hätte mir diese Mühe gemacht, um Ruhm zu gewinnen. Es geschieht dem Allmächtigen Gott zu Lob und Preis, Der aller Menschen Herzen und Gedanken weiß. Dem, lieber Leser, befehle ich dich, Er wolle fortan auch behüten mich. Ende des ersten Büchleins Das Wort des Herm bleibt in Ewigkeit.

Teil II
WAHRHAFTIGER KURZER BERICHT aller Gebräuche und Sitten der Tupinambás, wie ich sie während der Zeit meiner Gefangenschaft bei ihnen erfahren habe. Sie wohnen in Amerika, und ihr Land liegt auf 24° südlicher Breite und grenzt an das Mündungsgebiet des Rio de Janeiro59. Wie man mit dem Schiff von Portugal nach Rio de Janeiro gelangt, das in Amerika auf dem 24. Grad, ungefähr in Höhe des Wendekreises des Steinbocks liegt. Lissabon ist eine Stadt in Portugal und liegt auf dem 39. Grad nördlicher Breite. Will man von Lissabon aus in die Provinz Rio de Janeiro in Brasilien, das man auch Amerika nennt, reisen, so segelt man zuerst zu den Kanarischen Inseln. Sie gehören dem König von Spanien, und sechs von ihnen sollen hier genannt werden: Gran Canaria, Lanzarote, Fuerteventura, Ferro, Palma und Tenerifa. Von dort fährt man zu einer anderen Inselgruppe, den Kapverdischen Inseln. Der Name bedeutet »grünes Haupt«. Dieses »grüne Haupt« ist ein Vorgebirge im Mohrenland, auch Guinea genannt. Die Inseln liegen südlich des Wendekreises des Krebses und gehören dem König von Portugal. Von dort aus segelt man auf süd-südwestlichem Kurs direkt nach Brasilien. Dabei fährt man über ein großes und weites Meer und ist oft länger als drei Monate unterwegs, ehe man dort ankommt. Zuerst überquert man den Wendekreis des Krebses und läßt diesen hinter sich, dann den Äquator. Wenn man ihn nordwärts zurückläßt, dann kann man den Nordstern (den man auch Polarstern nennt) nicht mehr sehen. Dann kommt man auf die Höhe des Wendekreises des Steinbocks, wobei man immer unter der Sonne segelt. Hat man den Wendekreis des Steinbocks nach Süden hin überschritten, so steht die Sonne im Norden. Zwischen den beiden Wendekreisen herrscht stets große Hitze. Brasilien aber liegt zum Teil zwischen diesen Wendekreisen. Wo das Land Amerika oder Brasilien liegt, das ich teilweise gesehen habe. Amerika ist ein großes Land, und es leben dort viele Stämme wilder Menschen mit sehr verschiedenen Sprachen. Auch gibt es viele seltsame Tiere. Es sieht freundlich aus, denn die Bäume sind das ganze Jahr über grün. Die Holzarten, die es dort gibt, sind mit den unseren nicht zu vergleichen. Die Menschen gehen alle nackt, denn in dem Teil des Landes, der zwischen den Wendekreisen liegt, ist es zu keiner Jahreszeit so kalt wie bei uns um Michaeli. Doch der Teil, der südlich des Wendekreises des Steinbocks liegt, ist etwas kälter. Die Wilden dieses Gebietes heißen Carijós. Sie benutzen sauber verarbeitete Tierhäute als Kleidung. Die Frauen dieser Wilden stellen aus Baumwolle Kleidungsstücke her, die wie Säcke oben und unten offen sind und die sie in ihrer Sprache Tipoí nennen. In dem Land gedeihen sowohl auf Bäumen als auch auf der Erde Früchte, von denen sich Menschen und Tiere ernähren. Die Einwohner des Landes haben wegen der starken Sonne eine rotbraune Hautfarbe60. Sie sind ein stolzes Volk, sehr listig und stets bereit, ihre Feinde zu verfolgen und zu fressen. Amerika dehnt sich sowohl nach Norden als auch nach Süden einige hundert Meilen weit aus. Ich bin schon 500 Meilen an der Küste entlang gesegelt und zum Teil auch in vielen Orten des Landes gewesen.

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Staden nimmt irrtümlich an, die Guanabara-Bucht sei ein Strom. Die Hautfarbe ist eher bronzen. »Rothäute« heißen sie, weil sie sich den Körper mit dem roten Pulver der Urucurú-Nuß beschmieren, teils um Dämonen abzuwehren, teils als Schutzschicht gegen den Stich der Anophelesmücke, die die Malaria verbreitet.
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Von einem großen Gebirge des Landes. Es gibt dort ein Gebirge, das bis auf drei Meilen an die Küste heranreicht; stellenweise ist es weiter entfernt oder reicht noch näher heran61. Es beginnt etwa auf der Höhe der Ortschaft Bahia de Todos os Santos, einem von den Portugiesen erbauten und bewohnten Ort, und erstreckt sich insgesamt 204 Meilen an der Küste entlang, bis zum 29. Grad südlicher Breite. Stellenweise ist das Gebirge acht Meilen breit. Hinter dem Gebirge liegt ebenfalls Land. Im Gebirge entspringen viele schöne Wasserläufe, und die Gegend ist reich an Wild. In den Bergen wohnen die Guaianas, ein Stamm von Wilden, die aber keine festen Wohnsitze haben, wie die Wilden, die vor oder hinter dem Gebirge leben. Die Guaianas sind mit allen anderen Stämmen verfeindet und essen alle, die sie gefangennehmen. So machen es auch die anderen Stämme. Die Guaianas, die im Gebirge dem Wild nachziehen, sind mit dem Bogen sehr geschickte Jäger und zeigen auch mit anderen Dingen wie Schlingen und Fallen ihr Geschick bei der Jagd. Im Gebirge gibt es auch viel wilden Honig, den sie essen. Sie können im allgemeinen die Stimmen der Tiere und Vögel nachahmen, um sie so besser beschleichen und erlegen zu können. Zum Feuermachen benützen sie, wie die anderen Wilden auch, zwei Holzstäbe, und gewöhnlich braten sie das Fleisch, das sie essen. Sie ziehen mit Frauen und Kindern umher. Wenn sie in der Nähe von feindlichem Gebiet ihr Lager aufschlagen, so machen sie aus geknickten Hecken um ihre Hütten einen dichten Astverhau, um sich vor Überfällen und wilden Tieren, etwa dem Tiger62, zu schützen. Sie stecken auch um ihre Hütten herum scharfe Dornen, Maraca-iba genannt, in den Boden, so wie man bei uns etwa Fußangeln auslegt. Dies tun sie aus Furcht vor ihren Feinden. Die ganze Nacht über lassen sie das Feuer brennen, aber bei Tagesanbruch löschen sie es, damit man nicht den Rauch sieht und ihnen nachspürt. Sie lassen die Haare und auch die Fingernägel lang wachsen. Ansonsten verehren sie, wie die übrigen Wildenstämme auch, die Maracá genannten Rasseln63 als Götter und haben ihre Getränke und Tänze. Zum Schneiden verwenden sie Tierzähne, zum Hacken Steinkeile, genau wie die anderen Stämme, bevor sie anfingen, mit den Schiffen64 Handel zu treiben. Die Guaianas gehen auch oft auf Kriegszug. Um ihre Feinde zu fangen, verstecken sie sich hinter dürrem Gehölz in der Nähe der feindlichen Hütten. Wenn nur einige von denen herauskommen, um Holz zu suchen, überfallen sie sie. Auch gehen sie mit ihren Feinden viel grausamer um als diese mit ihnen. So schneiden sie ihnen oft voller Haß bei lebendigem Leib Arme und Beine ab. Die anderen Wilden schlagen ihre Gefangenen erst tot, ehe sie sie zerschneiden und essen. Wie die Tupinambás, deren Gefangener ich war, ihre Wohnungen bauen. Die Tupinambás wohnen vor dem oben erwähnten großen Gebirge dicht am Meer; aber auch dahinter erstrecken sich ihre Wohngebiete noch etwa 60 Meilen. Am Paraíba, einem Fluß, der aus den Bergen kommt und ins Meer fließt, haben sie ihre Wohnsitze, und an der Küste besiedeln sie einen etwa 28 Meilen langen Streifen. Von allen Seiten werden sie von Feinden bedrängt. Im Norden grenzt ihr Gebiet an das der feindlichen Guaiatacas; ihre Feinde im Süden sind die Tupiniquins und landeinwärts die Carajás65. Ganz in ihrer Nähe leben die Guaianas im Gebirge, und dazwischen wohnt noch ein anderer Stamm, die Maracaias, von dem sie arg verfolgt werden. Alle genannten Stämme führen untereinander Krieg, und alle essen ihre gefangenen Feinde. Ihre Hütten errichten die Tupinambás gerne an Stellen, in deren Nähe sie Wasser und Holz haben, aber auch Fische, Wild und dergleichen. Ist ein Siedlungsgebiet erschöpft, so verlegen sie ihre
Serra do mar (Meergebirge) und Serra Paratí. Gemeint ist der Jaguar. Tiger gibt es in Südamerika nicht. 63 Siehe Anm. 40. 64 Gemeint sind die Karavellen der Europäer. 65 Sie leben heute noch auf Bananál, einer Strominsel des in den Amazonas mündenden Rio Araguaya. Sie fertigen hübsche Tonfiguren.
62 61

Wohnsitze an andere Orte. Sollen Hütten errichtet werden, so versammelt ein Häuptling eine Gruppe von etwa 40 Männern und Frauen, so viel er eben zusammenbekommen kann. Es sind gewöhnlich Freunde und Verwandte. Sie erbauen nun eine Hütte, die - je nachdem wie groß die Gruppe ist - ungefähr 14 Fuß breit und bis zu 150 Fuß lang ist. Die Hütte ist etwa zwei Klafter hoch und oben rund wie ein Kellergewölbe. Sie decken sie zum Schutz vor Regen dick mit Palmzweigen. Die Hütte hat nur einen großen Innenraum, keiner hat einen besonders abgeteilten Raum. Jede Partei, Mann und Frau, hat auf einer Längsseite der Hütte einen Platz von etwa 12 Fuß Länge, auf der gegenüberliegenden Längsseite hat eine andere Partei ihren Platz. So werden ihre Hütten voll, und jede Familie hat ihr eigenes Feuer. Der Häuptling der Hütte hat seinen Platz in der Mitte. Die Hütte hat gewöhnlich drei kleine Eingänge, an jedem Ende und in der Mitte einen. Die Eingänge sind so niedrig, daß man sich beim Aus- und Eingehen bücken muß. Die Dörfer haben selten mehr als sieben Hütten. Zwischen den Hütten lassen sie einen Platz frei, auf dem sie ihre gefangenen Feinde erschlagen. Die Dörfer sind oft folgendermaßen befestigt: Um die Hütten herum wird ein Zaun aus gespaltenen Palmenstämmen errichtet, der etwa 1½ Klafter hoch und so dicht ist, daß möglichst keine Pfeile hindurchdringen. Es sind kleine Schießscharten eingelassen, durch die sie ihre Pfeile abschießen. Um diesen Zaun herum errichten sie einen weiteren aus langen, dicken Knüppeln. Diese setzen sie aber nicht ganz dicht aneinander, sondern gerade so, daß ein Mensch nicht mehr hindurchkriechen kann. Bei einigen Wilden ist es auch Sitte, die Köpfe der verspeisten Feinde auf Pfählen vor dem Eingang zu den Hütten aufzustellen. Wie sie Feuer machen. Sie haben eine bestimmte Art Holz, Uraçú-Iba genannt, das sie trocknen. Davon nehmen sie zwei fingerdicke Stöckchen und reiben sie aneinader. Dabei entsteht feiner Holzstaub, der durch die beim Reiben entstehende Hitze entzündet wird. So machen sie Feuer. Auch durch Quirlen eines Holzstabes in einem Aststück entzünden die Indios Feuer. Worin sie schlafen. Sie schlafen in Hängematten, in ihrer Sprache Ini genannt. Diese sind aus Baumwollgarn geknüpft und werden über dem Erdboden an zwei Pfählen festgebunden. Bei Nacht haben sie stets Feuer bei sich. Selbst um ihre Notdurft zu verrichten, gehen sie nachts nur ungern ohne Feuer aus der Hütte, so sehr fürchten sie sich vor dem Teufel, der bei ihnen Anhanga heißt und den sie oft zu sehen glauben. Die von den Indianern erfundene Hängematte wird im brasilianischen Innern als Schlafstätte heute noch gerne benützt. Wie geschickt sie wilde Tiere und Fische mit Pfeilen schießen. Wo sie auch hingehen, ob in den Wald oder ans Wasser, stets haben sie ihren Bogen und Pfeile dabei. Wenn sie im Wald unterwegs sind, haben sie den Blick aufmerksam nach oben in die Baumkronen gerichtet und blicken hin und her. Haben sie einen größeren Vogel, Meerkatzen oder anderes Getier, das sich auf Bäumen aufhält, entdeckt, so schleichen sie heran und versuchen, sie zu schießen. Sie verfolgen ihre Beute, bis sie erlegt ist. Es passiert selten, daß einer auf die Jagd geht und ohne Beute heimkommt. Ebenso ziehen sie ganz nahe am Meeresstrand den Fischen nach. Sie haben ein scharfes Auge, und wenn irgendwo ein Fisch an die Wasseroberfläche kommt, dann schießen sie danach66, und nur wenige Schüsse gehen fehl. Haben sie einen Fisch getroffen, springen sie ins Wasser und schwimmen ihm nach. Einige größere Fische legen sich, wenn sie den Pfeil in sich spüren, auf den Grund. Diesen tauchen die Jäger bis in eine Tiefe von etwa sechs Klaftern nach und holen sie herauf. Sie benutzen auch kleine Netze. Das Garn, aus dem sie diese knüpfen, gewinnen sie aus
66

Siehe Anm. 38.

spitzen, langen Blättern, die sie Tucum67 nennen. Wollen sie mit den Netzen fischen, so tun sich mehrere zusammen und stellen sich im flachen Wasser in einem Kreis auf. Jeder erhält einen Abschnitt, dann schlagen sie auf das Wasser. Die Fische flüchten ins Tiefe und gehen ihnen dabei ins Garn. Wer viele Fische fängt, gibt den anderen einen Teil ab. Große Fische werden bis in unsere Tage von Eingeborenen mit Pfeil und Bogen erlegt. Leute, die weit vom Meer entfernt wohnen, kommen oft herbei und fangen viele Fische, dörren sie über dem Feuer und zerstoßen sie zu Mehl. Das Mehl trocknen sie so gut, daß es lange Zeit haltbar bleibt. Sie nehmen es dann mit heim und essen es zusammen mit Maniokmehl. Würden sie die Fische nur gebraten mit nach Hause nehmen, wären sie nicht so lange haltbar, denn sie salzen sie nicht. Auch geht mehr Fischmehl in ein Gefäß als ganze gebratene Fische. Welche Gestalt die Leute haben. Sie sind ein Volk, bei dem Männer und Frauen an Körper und Gestalt so schön sind wie die Menschen hierzulande; nur sind sie von der Sonne braun gebrannt, denn sie gehen alle nackt68 jung wie alt - und haben nicht einmal die Scham bedeckt. Sie entstellen sich durch Bemalen, haben auch keine Bärte, da sie die Barthaare mit der Wurzel ausreißen, sobald sie nachwachsen. Sie durchbohren ihre Lippen und Ohren und stecken Steine durch die Löcher: das ist ihr Schmuck. Außerdem behängen sie sich mit Federn69. Womit sie in den Gegenden hacken und schneiden, in denen sie von den Christen keine Äxte, Messer und Scheren eintauschen können. Früher, bevor die Handelsschiffe ins Land kamen, benutzten die Wilden einen schwarzblauen Stein, wie sie es auch heute noch an Orten, die von den Schiffen nicht erreicht werden, tun. Daraus formen sie Keile und schärfen die breiteste Kante. Diese Keile sind etwa eine Spanne lang, zwei Finger dick und so breit wie eine Hand. Manche sind größer, manche kleiner. Danach nehmen sie einen dünnen Stock, biegen ihn oben um den Keil und binden ihn dann mit Bast zusammen. Dieselbe Form haben auch die eisernen Keile, die ihnen die Christen mancherorts geben. Nur machen sie den Stiel auf andere Weise: sie bohren nämlich ein Loch hindurch und stecken die Keile da hinein. Das ist dann ihr Beil, mit dem sie hacken. Sie nehmen auch Wildschweinzähne, wetzen sie in der Mitte, bis sie scharf werden, und binden sie zwischen zwei Stöckchen. Damit schaben sie dann ihre Pfeile und Bogen, so daß sie rund werden, als ob sie gedrechselt wären. Außerdem benutzen sie Zähne von einem Tier, das Paca70 heißt. Die schärfen sie vorne, und wenn sie eine Krankheit haben, die vom Blut kommt, kratzen sie an der Stelle, die schmerzt, bis es blutet. Das ist ihre Art zu schröpfen. Was die Wilden als Brot essen, wie ihre Früchte heißen, wie sie sie pflanzen und zubereiten. An den Plätzen, an denen sie Pflanzungen anlegen wollen, hauen sie Bäume um und lassen diese etwa drei Monate trocknen. Dann legen sie Feuer daran und verbrennen sie. Zwischen die Baumstümpfe pflanzen sie dann die Wurzelpflanze, die ihnen als Nahrung dient. Sie heißt Maniok und ist ein Busch, der etwa einen Klafter hoch wird und drei Wurzeln ausbildet. Wollen sie die
Palmenart, von dem Botaniker Martius (1794 bis 1868) Bactris genannt. Siegfried Decker schreibt in seinem Werk »Lebensbilder aus der Flora Brasiliens« darüber: »Die Blätter laufen in lange, mit rückwärts gerichteten Dornen besetzte Geißeln aus, durch die sich die schwanken Stämmchen im Geäst verankern; sie werden zu allerlei Flechtwerk verwendet«. 68 Das berichtete schon Kolumbus, wobei er seiner Monarchin Isabella von Kastilien versicherte, daß die Naturkinder trotz ihrer Nacktheit »von tadellosen Sitten« seien. 69 Vor allem Federn des Pfefferfressers (Tucano), der durch seinen langen Schnabel auffällt. 70 Nager des dichten Waldes. Lebt in der Nähe von Gewässer und frißt auch Wasserpflanzen.
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Wurzeln ernten, dann reißen sie den Busch aus und brechen die Wurzeln ab. Von der Pflanze nehmen sie Zweige und stecken sie wieder in die Erde. Die bekommen neue Wurzeln, und innerhalb von vier Monaten sind sie so groß, daß man sie wieder ernten kann. Die Wurzeln werden auf dreierlei Weise verarbeitet. Erstens: Sie zerreiben die Wurzeln auf einem Stein zu kleinen Krümeln. Daraus pressen sie mit einem sogenannten Tipiti, das aus den Schalen von Palmzweigen gefertigt ist, den Saft heraus. Dadurch wird die Masse trocken. Sie drücken sie dann nochmals durch ein Sieb und backen aus dem Mehl dünne Kuchen. Das Gefäß, in dem sie ihr Mehl trocknen und backen, ist aus Ton und hat die Form einer großen Schüssel. Zweitens: Sie nehmen die frischen Wurzeln, legen sie in Wasser, lassen sie darin gären und trocknen sie dann über dem Feuer. Diese getrockneten Wurzeln heißen Carima und sind sehr haltbar. Zur Verwendung wird die Carima in einem Holzmörser zerstoßen. Dabei entsteht ein weißes Mehl ähnlich unserem Weizenmehl. Daraus backen sie Kuchen, die Beijú heißen. Drittens: Sie nehmen vergorenen Maniok, trocknen ihn aber nicht, sondern vermischen ihn mit getrocknetem und grünem Maniok. Durch Dörren machen sie daraus ein Mehl, daß ein gutes Jahr haltbar bleibt. Es ist ebenso gut zu essen und heißt Uiatan. Sie verarbeiten in ähnlicher Weise auch Fisch und Fleisch zu Mehl, indem sie den Fisch oder das Fleisch über dem Feuer im Rauch braten und es dabei ganz dürr werden lassen. Dann zerkleinern sie es und dörren es noch einmal über dem Feuer, und zwar in sogenannten Inhepoaçú, eigens dafür gebrannten Tongefäßen. Zum Schluß wird das Gedörrte in einem Holzmörser ganz fein zerstoßen und gesiebt. So entsteht ein lagerfähiges Mehl. Es ist bei ihnen nämlich nicht üblich, Fisch und Fleisch einzusalzen. Dieses Mehl essen sie dann zum Maniokmehl, und es ist recht schmackhaft. Wie sie ihre Speisen kochen. Unter den wilden Völkern gibt es viele Stämme, die kein Salz essen. Unter denjenigen, bei denen ich als Gefangener war, sind einige, denen Salz vom Handel mit den Franzosen bekannt ist. Sie berichteten mir aber, daß der Stamm der Carajás, dessen Gebiet vom Meer aus landeinwärts liegt und an das ihre stößt, aus Palmen Salz gewinnt und dies ißt. Wer jedoch daran gewöhnt sei, viel davon zu essen, der lebe nicht lange. Ich selbst habe gesehen, auf welche Weise sie es gewinnen und dabei sogar mitgeholfen. Sie fällen dazu eine dicke Palme und zerkleinern das Holz in kleine Spreißel. Dann errichten sie ein Gestell aus trockenem Holz, legen die Spreißel darauf und verbrennen sie mit dem dürren Holz zu Asche. Diese wird ausgekocht und die entstehende Lauge eingedampft. Dabei scheidet sich etwas ab, das wie Salz aussieht. Ich meinte zuerst, es sei Salpeter und probierte es im Feuer aus, aber es war keiner. Es ist grau und schmeckt wie Salz. Die meisten Wilden essen jedoch kein Salz. Wenn sie etwas kochen, sei es nun Fisch oder Fleisch, dann fügen sie meist grünen Pfeffer hinzu. Ist es dann fast gar gekocht, holen sie es aus der Brühe und machen einen dünnen Brei daraus. Der heißt Mingaú, sie trinken ihn aus Kürbisgefäßen. Wollen sie aus Fisch oder Fleisch eine Speise bereiten, die einige Zeit haltbar sein soll, so legen sie das Fleisch etwa vier Spannen über dem Feuer auf kleine Hölzer, machen ein kräftiges Feuer darunter und braten und räuchern das Fleisch, bis es ganz trocken wird. Wollen sie davon essen, so kochen sie es wieder auf. Diese Speise heißt Moquém. Welche Regierung und Obrigkeit sie haben, und was bei ihnen Recht und Ordnung heißt. Sie haben kein besonderes Recht und auch keine eigene Regierung. Jede Hütte hat einen Häuptling, und der ist sozusagen ihr König. Alle Häuptlinge sind gleicher Abstammung, und haben die gleiche Befehls- und Regierungsgewalt - egal, wie man es nennen will. Einer, der sich vor den andern durch Kriegstaten besonders hervorgetan hat, findet, wenn sie auf Kriegspfad gehen, mehr Gehör als die anderen, wie z. B. der schon erwähnte Häuptling Cunhambebe. Ich

habe von keinen besonderen Vorrechten unter ihnen gehört, außer daß die Jüngeren den Alten gehorchen, wie es ihrer Sitte entspricht. Wenn einer einen anderen erschlägt oder erschießt, so sind die Verwandten bereit, ihn auch zu töten. Doch kommt dies selten vor. Alle in der Hütte gehorchen dem Häuptling, und was dieser befiehlt, tun sie ohne Zwang und Furcht, allein aus gutem Willen. Wie sie die Gefäße und Töpfe, die sie benützen, brennen. Die Gefäße, die sie benützen, werden von den Frauen folgendermaßen hergestellt: Sie nehmen Ton und kneten ihn wie einen Teig. Daraus formen sie die gewünschten Gefäße, lassen sie einige Zeit trocknen und bemalen sie kunstvoll. Sollen die Gefäße gebrannt werden, so stülpen sie sie auf Steine, legen viele trockene Baumrinden darum und zünden sie an. So werden die Gefäße gebrannt, daß sie glühen wie heißes Eisen. Über ihre Trinksitten, und wie sie ihre berauschenden Getränke zubereiten. Die Frauen machen die Getränke. Sie nehmen Maniokwurzeln und sieden große Töpfe voll davon. Wenn die Wurzeln gar sind, werden sie herausgenommen und in andere Gefäße umgegossen, um ein wenig abzukühlen. Dann setzen sich junge Frauen dazu, kauen den Maniok und geben das Durchgekaute in besondere Gefäße. Sind alle gekochten Wurzeln gekaut, kommt alles wieder in einen Topf. Den füllen sie mit Wasser, das mit dem Wurzelbrei vermischt wird. Das Ganze wird nochmals erwärmt. Sie haben nun besondere Gefäße, die zur Hälfte in die Erde eingegraben sind und dem gleichen Zweck dienen wie hier die Fässer für Wein und Bier. In diese füllen sie alles und verschließen sie gut. Das Getränk beginnt von selbst zu gären und wird stark. Es bleibt zwei Tage lang stehen, dann trinken sie es und werden davon berauscht. Der Trank ist dickflüssig und auch nahrhaft. Jede Hütte bereitet ihren eigenen Trank. Soll in einem Dorf ein Fest gefeiert werden - gewöhnlich einmal im Monat - dann ziehen alle erst in eine Hütte und trinken da alle Getränke. Und so geht es reihum weiter, bis alle Getränke in allen Hütten ausgetrunken sind. Sie setzen sich dabei um die Töpfe herum, einige auf Feuerholz, andere auf den Boden. Die Frauen reichen ihnen die Getränke, wie es sich bei ihnen gehört. Einige stehen auf und singen und tanzen um die Gefäße herum. An dem Platz, an dem sie trinken, schlagen sie auch ihr Wasser ab. Das Gelage dauert die ganze Nacht. Dabei tanzen sie zwischen den Feuern, rufen und blasen auf ihren Instrumenten. Wenn sie betrunken werden, machen sie ein fürchterliches Geschrei. Dabei beobachtet man selten, daß sie in Streit geraten. Sie sind sehr hilfsbereit untereinander, und wenn der eine mehr zu essen hat als der andere, gibt er ihm etwas ab. Wie sich die Männer schmücken und bemalen, und was sie für Namen haben. Sie scheren sich den Kopf kahl und lassen, ähnlich einem Mönch, nur einen Haarkranz stehen. Ich habe sie oft gefragt, wie sie auf diese Haartracht gekommen seien, und sie erzählten, daß ihre Vorväter sie an einem Manne namens Meire Humane gesehen hätten, der unter ihnen viele Wunder vollbracht habe. Man hielt ihn für einen Propheten oder Apostel. Ich fragte sie weiter, womit sie sich denn die Haare abgeschnitten hätten, bevor die Schiffe mit Scheren kamen. Sie erklärten mir, daß sie dazu zwei Steinkeile benutzt hätten und mit dem einen auf dem anderen die Haare abgeschlagen hätten. Die mittlere Stelle scheren sie mit dem Splitter eines geeigneten Gesteins. Diese Schaber werden sehr viel zum Scheren verwendet. Außerdem stellen sie aus roten Federn einen Schmuck her, den sie um den Kopf binden und der Acangatara heißt. In der Unterlippe haben sie ein großes Loch, und zwar von Jugend auf. Wenn sie noch jung sind, durchstechen sie die Unterlippe mit einem spitzen Hirschhorn, stecken durch das Loch ein Steinchen oder Holzstückchen und schmieren es mit einer ihrer Salben aus. Das kleine Loch bleibt dadurch offen. Wenn sie dann größer und schließlich mannhaft werden, wird die Öffnung größer

gemacht, und der junge Mann steckt einen großen grünen Stein hindurch. Das schmale obere Ende des besonders geformten Steins kommt nach innen, das dicke nach außen. Sein Gewicht zieht die Unterlippe stets nach unten. Sie tragen auch noch zu beiden Seiten des Mundes zwei durch die Backen gesteckte kleinere Steine. Einige haben auch Kristalle statt der Steine. Diese sind lang und schmal. Ein weiteres Schmuckstück stellen sie aus den Gehäusen von großen Meerschnecken, den Matapús, her. Es heißt Bojecí, ist halbmondförmig, schneeweiß und wird um den Hals getragen. Aus dem Gehäuse von Meerschnecken machen sie auch weiße Scheibchen, etwa so dick wie ein Strohhalm, die sie um den Hals hängen. Ihre Herstellung ist sehr mühsam. Sie schmücken sich auch mit Federbüschen, die sie an die Arme binden, und bemalen sich schwarz. Rote und weiße Federn kleben sie sich bunt gemischt auf den Leib. Den Klebstoff dazu gewinnen sie aus Bäumen71. Sie streichen ihn auf die Stellen, die sie befiedern wollen. Darauf drücken sie dann die Federn. Oft bemalen sie sich einen Arm schwarz und den anderen rot und in gleicher Weise die Beine und den Körper. Einen anderen Schmuck stellen sie aus Straußenfedern her. Es ist ein großes rundes Ding aus Federn und heißt Enduape. Wenn sie in den Krieg ziehen oder ein großes Fest machen, binden sie es sich auf den Hintern. Ihre Namen wählen sie nach den wilden Tieren. Sie geben sich viele Namen, aber mit bestimmten Unterschieden: Bei der Geburt erhalten die Kinder einen Namen, den sie nur behalten, bis sie wehrhaft werden und Feinde töten können. Dann erhält jeder so viele Namen, wie er Feinde getötet hat. Womit sich die Frauen schmücken. Die Frauen bemalen sich die untere Gesichtshälfte und den ganzen übrigen Leib in der gleichen Weise, wie bei den Männern schon beschrieben wurde. Sie lassen sich jedoch, wie andere Frauen auch, die Haare lang wachsen. Sie haben weiter keinen besonderen Schmuck; nur in den Ohren haben sie Löcher für eine Art Ohrgehänge, den Nambipais. Diese sind ungefähr eine Spanne lang, rund und etwa daumendick und werden aus Meerschnecken, Matapús genannt, hergestellt. Sie haben von Jugend auf nur einen Namen und den nehmen sie von Vögeln, Fischen und Baumfrüchten. Sind sie verheiratet, so geben sie sich ebensoviele Namen, wie ihre Männer Feinde getötet haben. Wenn sie sich lausen, dann essen sie die Läuse. Ich habe sie oft gefragt, warum sie das tun, und sie antworteten mir, daß die Läuse ihre Feinde seien, die ihnen etwas vom Kopfe fräßen und sie sich so an ihnen rächen wollten. Es gibt bei diesen Wilden keine besonderen Hebammen. Wenn eine Frau niederkommen soll, so läuft hinzu, wer am nächsten ist, Frauen und Männer. Ich habe Frauen gesehen, die schon am vierten Tag nach der Entbindung wieder herumgingen. Ihre Kinder tragen sie in baumwollenen Tragebändern auf dem Rücken. So nehmen sie sie mit zur Arbeit 72, und die Kinder sind zufrieden und schlafen, so sehr sich die Mütter mit ihnen auch bücken und sich bewegen. Wie die Kinder ihren ersten Namen bekommen. Die Frau eines der Wilden, der bei meiner Gefangennahme dabei war, hatte einen Sohn geboren. Einige Tage darauf beriet sich der Vater mit seinen nächsten Nachbarn in der Hütte, was für einen Namen er dem Kind geben sollte, der tapfer und schrecklich klinge. Sie schlugen ihm viele Namen vor, die ihm alle nicht behagten, und so meinte er, er wolle ihm den Namen eines der vier Vorväter geben. Kinder, die solche Namen trügen, würden gut gedeihen und wären sehr
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Harz Auch bei den Indios der Kordilleren im Bereich des ehemaligen Inka-Imperiums heute noch üblich.

erfolgreich beim Sklavenfangen, sagte er und nannte die vier Namen. Der erste hieß Kirima, der zweite Eiramita, der dritte Coema, den Namen des vierten habe ich nicht behalten. Als er Coema sagte, dachte ich, das könnte Cham oder Ham sein, aber Coema heißt bei ihnen der Morgen. Ich riet ihm, seinem Sohn diesen Namen zu geben, denn das sei bestimmt einer seiner Vorväter gewesen. Das Kind erhielt einen der vier Namen. Die Namensgebung geht ohne Taufe oder Beschneidung vor sich. Wieviele Frauen ein Mann hat und wie er sich zu ihnen verhält. Der größte Teil der Männer hat nur eine Frau, einige auch mehr. Manche Häuptlinge jedoch haben dreizehn bis vierzehn Frauen. Der Häuptling Abatí-poçanga, dem ich zum Schluß geschenkt wurde und von dem mich die Franzosen freikauften, hatte viele Frauen. Seine erste Frau hatte unter ihnen das höchste Ansehen. Jede hatte ihren eigenen Platz in der Hütte mit ihrem eigenen Feuer und ihren eigenen Maniokpflanzen. Mit welcher er gerade zusammen war, an deren Platz hielt er sich auf, und sie gab ihm zu essen. So ging das reihum. Die Knaben unter ihren Kindern ziehen auf die Jagd. Alles was sie erbeuten, bringen sie ihrer Mutter, die es kocht und mit den anderen Frauen teilt. Die Frauen vertragen sich recht gut untereinander. Es ist auch üblich, daß ein Mann seine Frau, wenn er ihrer überdrüssig ist, einem anderen schenkt. Ebenso schenken sie einander oft ihre Töchter oder Schwestern. Wie sie sich verloben. Sie verloben ihre Töchter schon sehr jung. Kommen diese dann ins mannbare Alter, schneiden sie ihnen das Kopfhaar ab, machen ihnen besondere Schnitte auf den Rücken und binden ihnen einige Raubtierzähne um den Hals. Wenn das Haar wieder gewachsen ist und die Wunden verheilt sind, so kann man die Formen der Schnitte immer noch erkennen, denn sie geben etwas in die frische Wunde, so daß sie schwarz bleibt, wenn sie verheilt. Diese Zeichen halten sie für eine Ehre. Ist diese Zeremonie beendet, übergeben sie die Mädchen dem, der sie zur Frau haben soll, ohne weitere Festlichkeiten. Mann und Frau verhalten sich sittsam und machen ihre Sache heimlich. Ich habe auch beobachtet, wie einer ihrer Häuptlinge morgens durch alle Hütten ging und die Kinder mit einem Fischzahn in die Beine kratzte. Dadurch sollen sie furchtsam werden. Sind sie nämlich einmal ungehorsam, so drohen ihnen die Eltern, jener Mann würde wiederkommen, wenn sie nicht brav seien. Ihr Hab und Gut. Sie kennen keinen Handel und auch kein Geld. Ihre einzigen Schätze sind Vogelfedern, und derjenige, der viele hat, gilt als reich. Sehr angesehen ist auch jemand, der einen Stein in der Unterlippe hat. Jede Familie hat ihre eigenen Maniokpflanzen, von denen sie lebt. Was ihre größte Ehre ist. Als Ehre gilt bei ihnen, viele Feinde gefangen und getötet zu haben, denn das ist bei ihnen Sitte. Soviele Feinde ein Mann getötet hat, so viele Namen gibt er sich. Diejenigen mit den meisten Namen gelten bei ihnen als die vornehmsten. Von ihrem Glauben. Die Wilden glauben an ein Kürbisgewächs, das etwa die Größe eines mittleren Topfes hat und innen hohl ist. Sie stecken ein Stöckchen hindurch, schneiden eine mundähnliche Öffnung hinein und füllen es mit Steinchen, so daß es rasselt. Dieses Ding nennen sie Maracá, und wenn sie singen und tanzen, dann rasseln sie damit 73. Jeder Mann hat seinen eigenen Maracá.

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Siehe Anm. 40.

Unter ihnen gibt es einige Männer, die sie Pajé nennen. Diese sind unter ihnen sehr geachtet, wie man hier etwa die Wahrsager achtet. Sie ziehen einmal im Jahr durch das ganze Land und erzählen, ihnen sei ein Geist erschienen, der von weit entfernten Plätzen gekommen sei. Der hätte ihnen die Macht gegeben, alle Maracás sprechen zu lassen und ihnen Macht zu verleihen, wenn sie es wollten. Man müsse sie nur darum bitten. Jeder will natürlich, daß seine Rassel die Macht bekommt, und sie veranstalten ein großes Fest, bei dem gesungen und getanzt wird. Die Pajé sagen die Zukunft voraus und vollziehen viele seltsame Zeremonien. Nach dem Fest bestimmen die Wahrsager einen Tag und eine Hütte, die geräumt werden muß. Es dürfen keine Frauen und Kinder darin bleiben. Dorthin, so befehlen sie, soll jeder Mann mit seiner Maracá kommen, wenn er sie rot angemalt und mit Federn geschmückt hat. Dann sollen die Rasseln die Macht zu sprechen erhalten. Wenn sich die Männer in der Hütte versammelt haben, setzen sich die Wahrsager ans obere Ende und stecken ihre Maracás neben sich in die Erde. Die anderen Männer tun es ihnen gleich. Jeder gibt den Pajés Geschenke, z. B. Pfeil und Bogen, Federn oder Ohrgehänge, damit seine Maracá ja nicht vergessen werde. Sind sie alle beisammen, so nimmt der Wahrsager die Maracá jedes einzelnen und beräuchert sie mit einem Kraut, das sie Pitim74 nennen. Dann hält er sie ganz dicht vor seinen Mund und sagt: »Ne cora - nun sprich und laß dich hören, wenn du darin bist.« Danach spricht er mit hoher Stimme ein Wort so schnell, daß man nicht unterscheiden kann, ob die Rassel oder ob er spricht. Die Leute glauben, es sei die Rassel, doch in Wirklichkeit ist es der Pajé75. So macht er es mit allen anderen Rasseln auch, und jeder meint, seine Maracá habe große Macht. Zum Schluß gebieten ihnen die Wahrsager, sie sollen in den Krieg ziehen und Gefangene machen, denn die Geister in den Maracás gelüste es, Sklavenfleisch zu essen. Daraufhin ziehen sie in den Krieg. Hat nun der Pajé aus allen Rasseln Götter gemacht, nimmt jeder Mann seine Rassel wieder, nennt sie »lieber Sohn«, macht ihr sogar eine eigene kleine Hütte, in der sie steht, und setzt ihr Essen vor. Von ihr erbittet er sich alles, was er braucht, so wie wir den wahrhaftigen Gott anflehen. Das sind also ihre Götter. Um den wahrhaftigen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, kümmern sie sich nicht, da sie nach ihrer Überlieferung glauben, Himmel und Erde bestanden schon seit jeher. Sie wissen auch nichts Besonderes vom Anfang der Welt. Sie erzählen aber, daß es einmal eine große Überschwemmung gegeben habe, in der alle ihre Vorväter ertrunken seien; nur wenige hätten in einem Boot überlebt, manche auch auf hohen Bäumen. Ich glaube, sie meinen damit die Sintflut76. Am Anfang, als ich zu ihnen kam und sie mir von den Maracás erzählten, glaubte ich, es handle sich um ein Teufelsgespinst, denn oft behaupteten sie, die Rasseln könnten sprechen. Wie ich aber in die Hütte kam, als die Wahrsager da waren, die die Rasseln zum Sprechen bringen sollten, sich alle niedersetzen mußten und ich den Betrug erkannte, da ging ich zur Hütte hinaus und dachte bei mir: Was für ein armes, verblendetes Volk ist das doch. Wie sie aus Frauen Wahrsagerinnen machen. Die Wilden gehen zunächst in eine Hütte und beräuchern alle Frauen in der Hütte nacheinander. Dann müssen sie alle kreischen, springen und solange herumlaufen, bis sie müde werden und wie tot zu Boden sinken. Darauf spricht der Wahrsager: »Seht, jetzt ist sie tot, doch bald werde ich sie wieder lebendig machen. Wenn sie wieder zu sich kommt, kann sie zukünftige Dinge voraussagen.« Ziehen die Wilden in den Krieg, so müssen ihnen diese Frauen über den Kriegszug wahrsagen.
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Tabak Sicher handelte es sich um einen Bauchredner. In Europa war das Phänomen damals noch nicht erkannt. 76 Die Sintflut, die vor grauer Vorzeit stattgefunden haben soll und die man mit dem Untergang von Atlantis in Zusammenhang bringt, lebt in der Erinnerung vieler Indianervölker.

Die Frau meines Herrn (des Wilden, dem ich geschenkt wurde, damit er mich töte) fing eines Nachts an weiszusagen und sprach zu ihrem Mann, ihr sei ein Geist aus fremdem Lande erschienen, der zu wissen wünsche, wann ich getötet werden solle. Auch hätte er gefragt, wo die Keule sei, mit der ich erschlagen werden solle. Ihr Mann antwortete, es werde nicht mehr lange dauern, denn alles sei bereit; doch er meine, ich sei kein Portugiese sondern ein Franzose. Als die Frau ihre Weissagung beendet hatte, fragte ich sie, warum sie mir so nach dem Leben trachte, da ich doch gar kein Feind sei, und ob sie nicht fürchte, daß ihr mein Gott eine Plage schicken könnte. Darauf antwortete sie, ich solle mich nicht weiter darum kümmern, denn es seien fremde Geister, die über mich Bescheid wissen wollten. Solche Zeremonien haben sie viele. Womit sie auf dem Wasser fahren. In ihrem Land gibt es eine bestimmte Baumart, Iga-ibira genannt. Sie lösen die Rinde dieses Baumes von oben bis unten in einem Stück ab. Um sie heil herunterzubekommen, machen sie extra ein Gerüst um den Baum herum. Diese Rinde transportieren sie von den Bergen herunter ans Meer. Dort wird sie über dem Feuer erhitzt und dann hinten und vorne hochgebogen. Zuvor werden in der Mitte Hölzer darübergebunden, so daß sie sich nicht ausweitet. Auf diese Weise stellen sie Boote her, in denen bis zu 30 Mann auf Kriegsfahrt gehen können. Die Rinde ist daumendick, ungefähr 4 Fuß breit und 40 Fuß lang, manche auch länger, manche kürzer. Mit diesen Booten rudern sie schnell und fahren so weit sie wollen. Ist das Meer ungestüm, so ziehen sie die Boote aufs Land, bis das Wetter wieder besser wird. Weiter als zwei Meilen wagen sie sich nicht aufs Meer hinaus, doch fahren sie sehr große Strecken an der Küste entlang. Warum sie ihre Feinde essen. Sie essen ihre Feinde nicht, weil sie Hunger haben, sondern aus Haß und großer Feindseligkeit, und wenn sie im Krieg miteinander kämpfen, so rufen sie sich haßerfüllt zu: »Debe mara pa, xe remiu ram begue - über dich komme alles Unglück, du bist mein Essen, meine Kost. Nde akanga juka aipota kuri ne - ich will dir noch heute deinen Kopf einschlagen. Xe anama poepika re xe aju - um den Tod meiner Freunde an dir zu rächen bin ich hier. Nde roo, xe mokaen sera kuarasy ar eyma rire usw. - noch ehe heute die Sonne untergeht, werde ich dein Fleisch gebraten haben.« Das alles tun sie aus großer Feindschaft. Wie sie sich beraten, wenn sie einen Kriegszug in das Land ihrer Feinde planen. Wenn sie einen Kriegszug in feindliches Gebiet vorhaben, dann versammeln sich alle Häuptlinge und beraten, wie sie am besten vorgehen. Das Ergebnis der Beratung wird in allen Hütten bekannt gemacht, damit sich alle bereit machen können. Da sie keine Einteilung nach Jahr und Tag kennen, nennen sie als Tag des Auszugs z. B. den Reifezeitpunkt einer bestimmten Baumfrucht. Oft wird der Aufbruch auch nach der Laichzeit von Fischen festgelegt, z. B. der Piratí. Die Laichzeit heißt dann Piracema. Zu solchen Zeitpunkten rüsten sie sich mit Booten, Pfeilen und grobem Wurzelmehl, dem Uiatán, als Lebensmittel aus. Dann befragen sie die Pajés, die Wahrsager, ob sie wohl siegen werden. Die sagen meist ja, befehlen ihnen jedoch, auf die Träume zu achten, in denen ihre Feinde vorkommen. Wenn sehr viele träumen, daß sie das Fleisch ihrer Feinde braten sehen, deutet das auf einen Sieg hin. Sehen aber viele ihr eigenes Fleisch braten, so bedeutet das Unheil und daß sie besser daheim bleiben sollten. Sobald ihnen die Träume verheißungsvoll erscheinen, machen sie sich bereit. In allen großen Hütten werden Getränke bereitet, und sie trinken und tanzen mit ihren Göttern, den Maracás. Ein jeder bittet den seinen, er möge ihm helfen, einen Feind zu fangen. Dann fahren sie los. Sind sie ganz nahe an das feindliche Gebiet herangekommen, so befehlen ihnen die Häuptlinge in der letzten Nacht, bevor sie in das Feindesland einfallen wollen, sich die Träume dieser Nacht zu merken.

Auf einem solchen Kriegszug war ich dabei. Als wir ganz in der Nähe des feindlichen Landes waren, ging der Anführer am Abend vor der für den Angriff vorgesehenen Nacht durch das Lager. Er befahl allen, ihre Träume dieser Nacht zu behalten. Den jungen Männern gab er die Anweisung, bei Tagesanbruch Wild zu schießen und Fische zu fangen. Dies geschah. Der Häuptling ließ alles kochen, dann versammelte er alle anderen Häuptlinge vor seiner Hütte. Sie setzten sich in einem Kreis auf die Erde und bekamen zu essen. Nach dem Essen erzählten sie ihre Träume, soweit sie ihnen gefielen, und dann vollführten sie mit ihren Maracás Freudentänze. Die Hütten ihrer Feinde kundschaften sie in der Nacht aus und greifen bei Tagesanbruch an. Fangen sie einen Schwerverletzten, so töten sie ihn gleich und nehmen das Fleisch gebraten mit nach Hause. Die Unverletzten aber führen sie lebendig heim in ihre Hütten, wo sie sie dann töten. Sie greifen mit lautem Geschrei an, stampfen dabei fest auf die Erde und blasen auf Instrumenten, die sie aus Kürbissen fertigen. Sie haben viele Schnüre umgebunden, womit sie ihre Feinde fesseln wollen. Als eine Art Erkennungszeichen schmücken sie sich mit roten Federn. Sie schießen schnell und benützen auch Brandpfeile, um die Hütten ihrer Feinde in Brand zu stecken. Für ihre eigenen Verletzten haben sie Heilkräuter dabei. Die Kriegsausrüstung der Wilden. Sie haben Bogen und Pfeile, deren Spitzen aus geschärften Knochenstücken sind und auf den Schaft gebunden werden. Auch die Zähne von Tubarões77, Fischen, die sie im Meer fangen, verwenden sie dafür. Für ihre Brandpfeile nehmen sie Baumwolle, tränken sie mit Wachs und binden dies an die Pfeilspitzen, dann zünden sie es an. Aus Baumrinde und Tierhäuten stellen sie sich Schilde her. Sie vergraben auch spitze Dornen, so wie man bei uns Fußangeln legt. Was ich gehört, aber nicht selbst miterlebt habe, ist, daß sie ihre Feinde aus deren Festungen mit Pfeffer (der ja bei ihnen wächst) vertreiben, und zwar folgendermaßen: Wenn ein günstiger Wind weht, machen sie große Feuer und werfen dann einen Haufen Pfeffer hinein. Sobald der Qualm in die Hütten dringt, müssen die Feinde flüchten. Ich glaube das gerne, denn ich war, wie schon berichtet, einmal mit den Portugiesen in einer Provinz des Landes, in Pernambuco. Wir waren mit unserem Schiff bei Ebbe in einer Flußmündung auf dem Trockenen liegengeblieben, und es kamen viele Wilde, die das Schiff erobern wollten. Als es ihnen nicht gelang, warfen sie viele dürre Sträucher zwischen das Ufer und das Schiff. Sie wollten uns auch mit dem Pfefferrauch vertreiben, doch gelang es ihnen nicht, das Holz anzuzünden. Mit welch feierlichen Gebräuchen sie ihre Feinde töten und essen. Womit diese totgeschlagen werden, und wie sie mit ihnen umgehen. Wenn die Wilden ihre Gefangenen heimbringen, dürfen die Frauen und Kinder sie zunächst schlagen. Dann schmückt man sie mit grauen Federn und rasiert ihnen die Augenbrauen ab. Sie tanzen um den Gefangenen herum, fesseln ihn recht, damit er nicht entkommen kann. Sie geben ihm eine Frau, die ihn versorgt und auch mit ihm zu tun hat. Wird sie schwanger, so ziehen sie das Kind auf, bis es groß ist, um es dann, wenn es ihnen in den Sinn kommt, zu töten und aufzuessen. Dem Gefangenen geben sie gut zu essen, halten ihn so eine Zeitlang am Leben und rüsten sich derweilen zum Fest. Sie stellen viele Gefäße her für die Getränke und noch besondere für die Sachen, mit denen sie ihn bemalen und schmücken. Sie machen Federquasten für die Keule, mit der sie ihn töten, und auch eine lange Schnur78, mit der er gefesselt wird, bevor sie ihn töten. Ist alles vorbereitet, bestimmen sie den Tag, an dem der Gefangene sterben soll, und laden Leute aus anderen Dörfern zu diesem Fest ein. Ein, zwei Tage vor der festgesetzten Zeit wird in allen

Tubarão = Haifisch. Die deutsche Bezeichnung kam erst im 17. Jahrhundert auf. Mussurana. So heißt auch eine ungiftige, schwarze Schlange, die Giftschlangen vertilgt und darum unter Naturschutz steht.
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Gefäßen der Trank angesetzt. Ehe die Frauen aber die Getränke bereiten, führen sie den Gefangenen ein paar mal auf den Platz und tanzen um ihn her. Sind alle Gäste angekommen und versammelt, so begrüßt sie der Häuptling und heißt sie mit folgenden Worten willkommen: »Nun kommt und helft euren Feind essen.« Am Tag bevor sie das Trinkgelage abhalten, binden sie dem Gefangenen die Mussurana-Schnur um den Hals. An diesem Tag wird auch die Ibira-Pema, die Keule, mit der sie ihn töten, bemalt. Sie ist mehr als einen Klafter lang und wird mit einer klebrigen Masse eingestrichen. Anschließend nehmen sie die grauen Eierschalen eines Macaçuã79 Lye nannten Vogels, zerstoßen sie staubfein und bestreichen damit die Keule. Dann setzt sich eine Frau hinzu und kritzelt etwas in den angeklebten Staub. Während sie malt, stehen um sie herum lauter Frauen, die singen. Ist die Ibira-pema dann mit Federquasten und anderen Sachen so geschmückt, wie es Brauch ist, so wird sie in einer leeren Hütte an einer Stange über dem Boden aufgehängt, und die Wilden tanzen und singen die ganze Nacht darum herum. In gleicher Weise bemalen sie das Gesicht des Gefangenen, und während ihn die Frau bemalt, singen die anderen. Fangen sie dann zu trinken an, holen sie den Gefangenen hinzu, und er trinkt mit, und sie unterhalten sich mit ihm. Am Tag nach dem Trinkgelage ruhen sie sich aus. Sie bauen dem Gefangenen auf dem Platz, auf dem er sterben soll, eine kleine Hütte, in der er die letzte Nacht gut bewacht verbringt. Gegen Morgen, noch eine gute Weile vor Tagesanbruch, tanzen und singen sie um die Ibira-pema, bis der Tag anbricht. Jetzt holen sie den Gefangenen aus seinem Hüttlein heraus, brechen es ab und machen einen Platz frei. Die Mussurana wird ihm vom Hals losgemacht, um den Leib gebunden und zu beiden Seiten straff gezogen, so daß er fest gebunden in der Mitte steht. Viele halten die Schnur an beiden Enden. So lassen sie ihn eine Zeitlang stehen, legen auch einige Steinchen in seine Nähe, womit er nach den Frauen werfen kann, die um ihn herumlaufen und ihm vormachen, wie sie ihn essen werden. Die Frauen sind bemalt und haben den Auftrag, sobald er zerschnitten ist, mit den ersten vier Stücken um die Hütte herumzulaufen, denn daran haben die anderen ihr Vergnügen. Nun machen sie ungefähr zwei, drei Schritte von dem Gefangenen entfernt ein Feuer. Dieses Feuer muß er sehen. Dann kommt eine Frau mit der Ibira-pema angelaufen, streckt die Federquaste in die Höhe, kreischt vor Freude und läuft an dem Gefangenen vorbei, so daß er die Keule sieht. Schließlich nimmt ein Mann die Keule, stellt sich vor den Gefangenen und hält sie ihm so hin, daß er sie anschauen muß. Inzwischen geht derjenige, der ihn töten wird, mit 13 oder 14 anderen weg. Sie färben ihre Körper mit Asche grau, bevor sie wieder zu dem Gefangenen auf dem Platz zurückkehren. Derjenige, der vor dem Gefangenen steht, übergibt die Keule. Jetzt kommt der Häuptling, nimmt die Keule und steckt sie demjenigen, der den Gefangenen töten soll, einmal zwischen die Beine, was als eine Ehre angesehen wird. Daraufhin ergreift dieser wieder die Keule und sagt: »Hier bin ich nun, ich werde dich töten, denn die Deinen haben viele meiner Freunde getötet und gefressen.« Der Gefangene antwortet: »Wenn ich auch tot bin, so habe ich doch noch viele Freunde, die mich rächen werden.« Bei diesen Worten schlägt ihm der andere von hinten auf den Kopf, daß das Gehirn herausquillt. Sogleich nehmen ihn die Frauen, zerren ihn auf das Feuer und kratzen ihm die Haut ab. Sie machen ihn ganz weiß und verschließen ihm den Hintem mit einem Stück Holz, so daß nichts von ihm abgeht. Ist dann die Haut abgemacht, so nimmt ihn ein Mann und schneidet ihm die Beine über dem Knie und die Arme am Leib ab, worauf die vier Frauen kommen, diese vier Teile nehmen und unter großem Freudengeschrei damit um die Hütte laufen. Daraufhin trennen sie den Rücken mit dem Hintern vom Vorderteil ab. Dieses teilen sie unter sich auf. Die Eingeweide aber behalten die Frauen, die sie kochen und aus der Brühe einen Brei, Mingáu genannt, herstellen. Den trinken sie
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Falkenart

und die Kinder. Sie essen die Eingeweide und auch das Fleisch vom Kopf; das Hirn, die Zunge und was sonst noch daran genießbar ist, bekommen die Kinder. Ist das alles geschehen, geht jeder wieder heim und nimmt seinen Anteil mit. Derjenige aber, der den Gefangenen getötet hat, gibt sich noch einen Namen. Der Häuptling ritzt ihm mit dem Zahn eines wilden Tieres ein Zeichen in den Oberarm. Ist die Wunde verheilt, so sieht man die Narbe, und das gilt als Ehrenzeichen. Dieser Mann muß am Tage des Totschlags still in seiner Hängematte liegen. Er bekommt einen kleinen Bogen mit Pfeilen, um sich die Zeit zu vertreiben, indem er auf ein Ziel aus Wachs schießt. Das geschieht, damit ihm die Arme vom Schrecken des Totschlags nicht unsicher werden. Dies alles habe ich mit eigenen Augen gesehen, ich habe es selbst miterlebt. Die Wilden können nicht weiter als bis fünf zählen. Wollen sie weiterzählen, so zeigen sie es an Fingern und Zehen. Meinen sie eine größere Zahl, zeigen sie auf vier oder fünf Personen und meinen damit die Zahl von deren Fingern und Zehen. Bericht über einige Tiere des Landes. Es gibt im Land der Wilden Rehböcke80 wie hier bei uns, auch Wildschweine81, aber zweierlei Sorten. Die eine Art gleicht unseren Wildschweinen, die anderen jedoch, die Tanhaçú-tatú heißen, sehen aus wie junge Schweinchen und lassen sich mit den Fallen, welche die Wilden für die Jagd verwenden, nur schwer fangen. Von Affen gibt es dort dreierlei Arten. Eine davon heißt Cai. Von dieser Sorte sind einige auch schon in unser Land gebracht worden. Eine andere Art heißt Acacai. Sie leben gewöhnlich in großen Herden auf den Bäumen und machen im Wald ein großes Geschrei. Die dritte Art heißt Buriquí82. Diese Tiere sind rot, haben Bärte wie Ziegen und die Größe eines mittleren Hundes. Dann gibt es noch ein anderes Tier, das Tatú83. Es ist etwa eine Spanne hoch und anderthalb Spannen lang. Außer am Bauch ist es am ganzen Körper gepanzert. Der Panzer ist aus Horn und schließt wie ein Harnisch mit Gelenken dicht ineinander. Das Tatú hat ein kleines spitzes Maul und einen langen Schwanz. Es hält sich gern in der Nähe von Felsen auf und lebt von Ameisen. Ich habe sehr oft von seinem etwas fetten Fleisch gegessen. Sarués, Tiger, Löwen, Capivaras und Eidechsen. Eine andere Wildart des Landes heißt Sarué84. Das Tier hat etwa die Größe einer Katze, ein weißoder schwarzgraues Fell und einen Schwanz wie eine Katze. Es bekommt ein bis sechs Junge. Am Bauch hat es einen etwa spannenlangen Schlitz. Dahinter ist nicht der offene Bauch, sondern es hat noch eine Haut. In diesem Schlitz sind die Zitzen. Wohin das Tier geht, stets trägt es seine Jungen in der Öffnung zwischen den zwei Häuten. Ich habe oft bei der Jagd auf die Sarués geholfen und die Jungen aus dieser Öffnung herausgeholt. In dem Land gibt es auch viele Tiger85, die die Menschen anfallen und großen Schaden anrichten. Ebenfalls gibt es eine Art Löwe, den man Leopard heißt, was soviel bedeutet wie grauer Löwe86. Es gibt noch viele andere seltsame Tiere. Eines, Capivara87 genannt, lebt auf dem Lande und im Wasser. Diese Tiere fressen das Schilf, das an den Ufern von Süßwassern steht. Haben sie vor etwas Angst, so fliehen sie ins Wasser und gehen auf den Grund. Sie sind etwas größer als ein Schaf und haben einen hasenähnlichen Kopf, nur größer mit kurzen Ohren. Sie haben einen kurzen
In Wirklichkeit eine Hirschart. Noch heute Pecari genannt. 82 Brüllaffe, neben dem Wollaffen der größte Brasiliens. 83 Gürteltier. Die Indios braten es, indem sie es lebend auf den Rücken liegen, im eigenen Panzer. 84 Beutelratite, in Brasilien Gambã genannt. 85 Siehe Anm. 62. 86 Eine Purinaart, in Brasilien Onça genannt. Es gibt auch gescheckte Pumas, Onças pintadas, deren Felle geschätzt sind. 87 Wasserschwein
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Schwanz, ziemlich hohe Beine und drei Zehen an jedem Fuß. Auf dem Lande laufen sie recht schnell von einer Wasserstelle zur anderen. Ihr Fell ist schwarzgrau, und das Fleisch schmeckt wie Schweinefleisch. Eine Art großer Eidechsen88, die ein schmackhaftes Fleisch haben, lebt dort im Wasser, aber auch auf dem Lande. Von einer Insektenart, kleinen Flöhen ähnlich, die bei den Wilden Tunga heißt. Es gibt dort eine Art Insekten, die wie Flöhe aussehen und in der Sprache der Wilden Tunga89 heißen. Sie vermehren sich in den Hütten durch den Schmutz der Leute. Sie kriechen einem in die Füße, wobei es nur ein wenig juckt. Ohne daß man es besonders spürt, fressen sie sich in das Fleisch hinein. Wenn man es nicht rechtzeitig beachtet und herausholt, legt das Tier einen Klumpen Nisse90 so rund wie eine Erbse. Spürt man es dann und holt das Tier heraus, bleibt ein erbsengroßes Loch im Fleisch91. Ich habe, als ich mit den Spaniern erstmals in dieses Land kam, gesehen, daß diese Tiere einigen von unseren Kameraden, die nicht darauf achteten, die Füße übel zurichteten. Von einer Art Fledermäuse jenes Landes, die den Leuten nachts im Schlafe in die Zehen und die Stirn beißen. Es gibt auch Fledermäuse dort, die aber größer sind als unsere hier in Deutschland. Diese fliegen nachts in die Hütten und um die Hängematten herum, in denen die Wilden schlafen. Sobald sie merken, daß einer schläft und sie nicht vertreibt, fliegen sie an die Füße und saugen Blut. Oder sie beißen in die Stirne und fliegen dann wieder davon. Als ich unter den Wilden war, haben sie mir oft von den Zehen etwas weggebissen. Wachte ich dann auf, sah ich, daß die Zehen blutig waren. Die Wilden beißen sie aber meistens in die Stirn. Von den Bienen oder Immen des Landes. Dreierlei Bienenarten gibt es in dem Land. Die einen sind den unseren sehr ähnlich, die zweite Art ist schwarz und so groß wie Fliegen, die dritte dagegen so klein wie Mücken. Alle diese Bienen haben ihren Honig in hohlen Bäumen. Ich habe oft mit den Wilden zusammen Honig ausgehauen. Wir haben im allgemeinen bei den kleinsten besseren Honig gefunden als bei den anderen. Sie stechen auch nicht so sehr wie die Bienen hierzulande. Ich habe oft gesehen, wie die Bienen, wenn die Wilden den Honig ausnahmen, sich an ihnen festsetzten und die Leute viel zu tun hatten, um sie von dem nackten Körper abzustreichen. Auch ich selbst habe den Honig nackt ausgenommen, aber ich mußte das erste Mal vor großen Schmerzen zu einem Wasser laufen und die Bienen darin abwaschen, um sie vom Körper loszuwerden. Von den Vögeln des Landes. Es gibt dort sehr viele seltsame Vogelarten. Eine Art, Guará-Piranga92 genannt, findet ihre Nahrung im Meer und nistet auf den Klippen, die nahe beim Land liegen. Die Vögel sind so groß wie Hühner, haben lange Schnäbel und Beine wie Reiher, nur nicht so lang. Sie haben eine Eigenart: der erste Flaum der Jungen ist weißgrau. Werden sie dann flügge, wird das Gefieder schwarzgrau. Damit fliegen sie, wie man weiß, ein Jahr lang. Danach verfärben sich die Federn, und der ganze Vogel wird knallrot. So bleibt er dann, und seine Federn werden von den Wilden sehr geschätzt.
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Leguane Sandflöhe 90 Ansammlung von sago-ähnlichen Eiern. Relativ harmlos und nur wenig lästig. 91 Man kratzt die Sandfloh-Nissen mit dem Messer aus der Haut, doch ein Loch bleibt nicht zurück. 92 Siehe Anmn. 39.

Bericht über einige Bäume des Landes. Zum Beispiel gibt es einen Baum, den die Wilden Genipapo-Ivá93 nennen und dessen Früchte unseren Äpfeln ähnlich sind. Die Wilden kauen diese Früchte, pressen den Saft in ein Gefäß und bemalen sich damit. Beim ersten Auftragen ist der Saft wie Wasser, aber nach einer Weile wird die Haut tintenschwarz. Die Farbe hält etwa neun Tage lang und verschwindet dann wieder, jedoch nicht vorher, selbst wenn man sich noch so sehr wäscht. Wie die Baumwolle und der brasilianische Pfeffer wachsen und auch einige der Wurzeln, die die Wilden als Nahrung anpflanzen. Die Baumwolle wächst auf Büschen, die etwa einen Klafter hoch sind und sehr viele Äste haben. Nach der Blüte bekommt der Busch Kapseln, die sich öffnen, wenn sie reif sind. Dann steht die Wolle in den Kapseln um kleine schwarze Kerne herum, die den Samen der Pflanze bilden. Die Sträucher sind voll solcher Kapseln. Vom Pfeffer gibt es in diesem Land zwei Sorten, eine gelbe und eine rote, die aber beide in gleicher Weise wachsen. Noch grün hat er die Größe von Hagebutten, wie sie auf den Dornensträuchern wachsen. Die Pfefferpflanze ist ein kleiner Strauch, etwa einen halben Klafter hoch, mit kleinen Blättern. Der Strauch hängt voll mit Pfeffer, der im Munde sehr scharf schmeckt. Die Wilden pflücken ihn, wenn er reif ist, und trocknen ihn in der Sonne. Es gibt dort eine Wurzel, Jetica94 genannt, die sehr schmackhaft ist. Zur Pflanzung schneiden die Wilden sie in kleine Stücke und stecken diese in die Erde. Sie wachsen dann an und breiten sich wie Hopfenranken über dem Boden aus. Dabei bilden sie viele neue Wurzeln.

SCHLUSSWORT
Dem Leser wünscht Hans Staden Gottes Gnade und Frieden. Werter Leser, ich habe meine Schiffs- und Landreise so kurz beschrieben, weil ich nur deren Anfang, nämlich wie ich in die Gewalt der wilden Völker geraten bin, erzählen wollte, um damit zu zeigen, wie der Helfer in der Not, unser Herr und Gott, mich, ohne daß ich es hoffen konnte, mit seiner Macht aus der Gewalt der Wilden befreit hat. Jeder soll vernehmen, daß der allmächtige Gott seine gläubigen Christen unter gottlosem, heidnischem Volke noch immer in wunderbarer Weise leitet und beschützt, so wie er es von Anfang an getan hat. Deshalb soll auch ein jeder mit mir zusammen Gott dafür dankbar sein und sich in der Zeit der Not auf ihn verlassen. Denn der Herr sagt selbst: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen. Nun könnte manch einer sagen: »Wenn ich alles drucken lassen wollte, was ich in meinem Leben erfahren und gesehen habe, dann würde daraus ein sehr dickes Buch werden.« Das stimmt, und so gesehen, könnte ich auch noch viel mehr schreiben. Aber es verhält sich eben nicht so. Warum ich dieses Büchlein geschrieben habe, habe ich an verschiedenen Stellen oft genug betont. Wir alle schulden nämlich Gott Lob und Dank dafür, daß er uns ein Leben lang, von der Geburt bis auf den heutigen Tag, behütet hat. Ferner kann ich mir sehr wohl vorstellen, daß einigen der Inhalt des Büchleins seltsam erscheinen mag. Wer kann etwas dafür? Dennoch bin ich weder der erste noch werde ich der letzte bleiben, der solche Seereisen, Länder und Völker kennenlernt. Meine Vorgänger haben ihre Erfahrungen auch nicht immer lachend gemacht, und so wird es bleiben. Daß aber dem, der getötet werden soll, anders zumute ist als denen, die weit abseits stehen und zusehen oder nur davon hören, das kann sich jeder selbst denken. Wen würde schon nach Amerika verlangen, wenn jeder, der dorthin segelt, in die Gewalt von grausamen Feinden geriete? Eines weiß ich bestimmt, daß so mancher ehrliche Mann in Kastilien,
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Genipa brasiliensis. Süßkartofffel (batata doce). In Brasilien beliebtes Nahrungsmittel.

Portugal, Frankreich sowie auch einige in Antwerpen in Brabant, die in Amerika gewesen sind, mir bezeugen können, daß es dort so ist, wie ich es beschreibe. Für die aber, die das alles nicht kennen, berufe ich mich auf folgende Zeugen, vor allem aber auf Gott. Die erste Reise nach Amerika unternahm ich mit einem portugiesischen Schiff, dessen Kapitän Penteado hieß. Wir waren drei Deutsche an Bord, Heinrich Brant von Bremen, Hans von Bruchhausen und ich. Die zweite Reise ging von Sevilla in Spanien nach Rio de la Plata, einer Provinz in Amerika. Der Kommandant der Schiffe hieß Don Diego de Sanabria. Ich war der einzige Deutsche auf dieser Fahrt. Nach langer Mühe, Angst und Gefahren zu Wasser und zu Lande, was bei dieser Reise, wie berichtet, zwei Jahre dauerte, erlitten wir schließlich bei São Vicente Schiffbruch. Dies ist eine Insel, ganz in der Nähe des brasilianischen Festlandes, die von Portugiesen bewohnt wird. Dort fand ich einen Landsmann, den Sohn des seligen Eobanus Hessus, der mich freundlich aufnahm. Außerdem hatten antwerpische Kaufleute, die Schetz heißen, dort einen Handelsvertreter oder Faktor namens Peter Roesel. Beide können bezeugen, daß ich dort angekommen bin und schließlich von den feindlichen Wilden gefangengenommen wurde. Das Gleiche gilt für die französischen Seeleute aus der Normandie, die mich von den Wilden loskauften. Der Kapitän des Schiffes war aus Vatteville und hieß Wilhelm de Moner, der Steuermann war aus Honfleur und hieß François de Schantz, und der Dolmetscher Pirot war ebenfalls aus Honfleur. Diese ehrlichen Männer - Gott lohne es ihnen in der Ewigkeit - haben mir in Frankreich nächst Gott geholfen. Sie haben mir einen Paß besorgt und mich gekleidet und mit Reisegeld versehen. Sie können bezeugen, wo sie mich aufgefunden haben. Danach verließ ich Dieppe in Frankreich mit dem Schiff und kam nach London in England. Dort erfuhren die Kaufleute der niederländischen Börse vom Kapitän des Schiffes, mit dem ich dort ankam, wie es um mich bestellt war. Sie luden mich als Gast zu sich und gaben mir Reisegeld mit. Dann segelte ich nach Deutschland. In Antwerpen kam ich in das Haus von Oka zu einem Kaufmann namens Jaspar Schetz, dem, wie schon berichtet, der Faktor Peter Roesel in São Vicente untersteht. Dem überbrachte ich die Nachricht, daß die Franzosen das Schiff seines Faktors in Rio de Janeiro angegriffen hätten, aber zurückgeschlagen worden wären. Dieser Kaufmann schenkte mir zwei Kaiserdukaten als Wegzehrung. Gott wolle es ihm vergelten. Sollte es irgendeinen jungen Mann geben, dem meine Beschreibung und die Zeugen nicht genügen, so mache er, damit er vom Zweifel befreit wird, mit Gottes Hilfe diese Reise selbst. Ich habe ihm in diesem Buch genug Angaben gemacht. Dieser Spur folge er nach, denn wem Gott hilft, dem bleibt die Welt nicht verschlossen. Dem allmächtigen Gott, der alles in allem ist, sei Lob, Ehre und Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Gedruckt zu Marburg im Kleeblatt bei Andreas Kolbe auf Fastnacht 1557

ZEITTAFEL
Um 1415 Der portugiesische Infant Heinrich, genannt »der Seefahrer«, gründet an Kap São Vicente die maritime Versuchsstation Sagres, wo die Voraussetzungen für die Entdeckungsf ahrten geschaffen werden. Kolumbus landet auf der Bahama-Insel Guanahani. Im Vertrag von Tordesillas wird die Welt unter Spanien und Portugal aufgeteilt. Pedro Ãlvarez Cabral landet bei Baía und entdeckt damit Brasilien, das er »Ilha da Vera Cruz« (Insel des wahren Kreuzes) nennt. Später »Terra da Vera Cruz« und »Terra da Santa Cruz« und dann erst »Brasil« genannt. Amerigo Vespucci fährt mit Gonçalo Coelho an der brasilianischen Küste entlang.

1492, 12. Okt. 1494 1500, 22. April

1503/04

Um 1505 1507 1514 1515 1521 bis 1557 Um 1525/28 1532 1535 1547 bis 1552 1547/49 1548 1548 bis 1565 1553 1554 1555 bis 1567 1557 1567 1630 bis 1654

1892 1941 1954 1942

In Augsburg erscheint, aus der Feder von Lucas Rem, der erste deutsche Bericht über Brasilien. Der Kosmograph Martin Waldseemüller gebraucht zum ersten Mal den Namen »Amerika«. In Augsburg erscheint die Flugschrift »Newen Zeytung aus Presillg-Landt«. Juan Diaz de Solfs segelt zum Rio de la Plata, wo er umkommt. João (Johann) III. König von Portugal. Hans Staden in Hessen geboren. Martim Afonso de Souza gründet São Vicente bei Santos. Pedro de Mendoza, begleitet von Ulrich Schmidel aus Straubing, gründet Buenos Aires. Landgraf Philipp von Hessen gefangen. Hans Stadens erste Reise. Tomé de Souza erster Generalkapitän und Gründer Baias als erster Hauptstadt Brasiliens. Heliodorus Hessus Faktor und Aufseher der Zuckermühle São João in São Vicente. Peter Roesel übernimmt die Faktorei des Amsterdamer Unternehmers Schetz in São Vicente. Hans Staden Gefangener der Tupinambás in Ubatuba. Hugenotten setzen sich unter Admiral Nicolas de Villegaignon an der Guanabara-Bucht fest und gründen bei Rio die »France Antarctique«. Erste Ausgabe von Stadens »Wahrhaftiger Historia«, gedruckt in Marburg bei Andreas Kolben. Ulrich Schmidels »Wahrhaftige Historie« erscheint in Frankfurt. Die Holländer unterhalten eine Kolonie bei Pernambuco. Das Amt des Gouverneurs bekleidet der Fürst Moritz von Nassau-Siegen, geboren in Dillenburg. In Rio erscheint die erste portugiesische Ausgabe der Staden'schen »Historia«. Dr. Karl Fouquet bringt im Rahmen der in São Paulo gegründeten HansStaden-Gesellschaft die Übersetzung des vollständigen Textes heraus. Die Ausstellung anläßlich der Vierhundertjahr-Feier São Paulos zeigt wandgroße Fotos der Holzschnitte aus Stadens Reisebuch. Der Geograph Prof. Reinhard Maack, Curitiba, führt Vermessungen auf der von Staden besuchten Ilha Grande durch. Publizistisches Ergebnis seiner Landvermessungen: »Breves Notícias sôbre a Geologie dos Estados do Paraná e Santa Catarina« 1947

BIBLIOGRAPHIE (Deutschsprachige Ausgaben)
1557 1557 Marburg. Wahrhaftig' Historia usw. Gedruckt im Kleeblatt an Fastnacht bei Andreas Kolben. Frankfurt. Warhafftig Historia usw. Gedruckt bei Wygandt Han in der Schnurgasse zum Krug. Die Holzschnitte sind einem anderen Werk entnommen, nämlich der Frankfurter Ausgabe von Varthema »Reisen in Afrika« 1548. Wahrscheinlich unbefugter Nachdruck. Marburg. Warhaftige Beschreibung usw. Gedruckt im Kleeblatt an Mariä Geburtstag bei Andres Kolben. Frankfurt. Warhafftige Historia usw. 2. Auflage der 1. Frankfurter Ausgabe. Hamburg. Eine warhafftige Historia usw. Niederdeutsch. Gedruckt bei Jochim Louw.

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1593

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Frankfurt. Dem »Weltbuch« von Sebastian Franck von Woerd (1499 bis 1542) wurde von Sigismund Feyerabend ein 2. Teil hinzugefügt, in dem Stadens Bericht enthalten ist. Gedruckt bei Martin Lechler. Frankfurt. Wunderbarliche und wahrhaftige Beschreibung usw. Ohne Dr-yanders Vorwort. In modernisiertem Deutsch von Roberto Lehmann-Nitsche 1920 in Buenos Aires ediert. Frankfurt. Drittes Buch Americae, darinn Brasilie durch Johann Staden von Homberg auss Hessen aus eigener Erfahrung in Teutsch beschrieben. Gedruckt bei Burger. Mit Phantasiekupfern in barocker Manier. Frankfurt. Drittes Buch Americae usw. Neuauflage der vorherigen Ausgabe. Frankfurt. Ausgabe ohne nähere Angabe erwähnt in: Viktor Hantsch »Deutsche Reisende des 16. Jahrhunderts«. Leipzig 1895. Frankfurt. Auszug von Stadens Bericht in »Newe Welt-Historie« von Johann Ludwig Gottefried. Frankfurt. Obiges Werk. Gedruckt bei Mathias Merian. Oldenburg. Der Americanischen Neuen Welt Beschreibung usw. Herausgegeben von Hans Just Winckelmann. Gedruckt bei Henrich Conrad Zimmern. Auszug aus Stadens Bericht. Gewidmet dem ]Fürsten Johann Moritz von Nassau-Siegen. Aus diesem Werk stammt das Porträt Stadens. Frankfurt und Leipzig. Curieuses und besonderes Gespraeche in dem Reiche derer Todten Zwischen Christophoro Columbo, als dem Berühmten Erfinder der neuen Welt, und Johann Staden, eines gleichfalls geruehmten Deutschen See- und Schiff-Mannes usw. Als Verfasser vermutet man Dr. David Faßmann (1683 bis 1744). Seine Totengespräche nach dem Vorbild Lukians wurden auf der Leipziger Messe angeboten. Einziger im 18. Jahrhundert in deutscher Sprache erschienener Bericht über Stadens Reisen. Stuttgart. N. Federmanns und H. Stadens Reisen in Suedamerika 1529 bis 1555. Herausgegeben von Dr. Karl Kluepfel. Gedruckt auf Kosten des Literarischen Vereins nach Beschluß des Ausschusses vom Juli 1858. Ohne Illustrationen. Hamburg und Reading, Pa., USA. Hans Staden von Homberg bei den brasilianischen Wilden oder Die Macht des Glaubens und Betens. ]Herausgeber Dr. Robert Av6Lallemant. Verlag der Agentur des Rauhen Hauses Reading, Pa., Druckerei des Rauhen Hauses in Hamburg. Verkürzte Wiedergabe. 2 moderne Illustrationen. Der Edition kommt es auf den religiösen Gehalt an. München. Wie Hans Stieglitz sein Glück in der Fremde machte. Staden tritt als schlesischer Zirkelschmied und Büchsenmacher auf, der um 1650 aus Breslau flüchtet und über Portugal nach Brasilien gelangt. Triviale Umformung der historischen Wirklichkeit. Enthalten in: »Sechs heitere Seegeschichten« von Ewald Gerhard Seeliger. Georg Müller Verlag. Buenos Aires. Wahrhaftige Historia usw. Herausgegeben und übersetzt von Robert Lehmann-Nitsche. Ohne Illustrationen. Mit Abhandlungen über Staden von Pistor, Hantzsch und Bode. Frankfurt. Wahrhaftige Historia usw. Faksimile-Druck bei Wüsten & Co. nach der Erstausgabe. Frankfurt. Wahrhaftige Hstoria usw. 2. Auflage der obigen Ausgabe. Leipzig. Hans Staden. Ein deutscher Landsknecht in der Neuen Welt. Bearbeitet von Professor Dr. R. Lehmann-Nitsche. Aus der Reihe: Alte Reisen und Abenteuer. Verlag F. A. Brockhaus. Ohne Stadens Widmung und Dryanders Vorwort. Modernisierter Text. Buenos Aires. Hans Stadens Wahrhaftige Historia usw. Freie Bearbeitung von Gertrud

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1978 1982

Tudsen. Verlag »Die Umwelt«. Deutscher Wissenschaftlicher Verein. Moderne Zeichnungen. São Paulo. Zwei Reisen nach Brasilien. Abenteuerliche Erlebnisse unter den Menschenfressern der Neuen Welt im 16. Jahrhundert. Übersetzt von Dr. Karl Fouquet. Herausgegeben von der Hans-Staden-Gesellschaft. Sämtliche Holzschnitte in der Originalgröße. Sepiazeichnung des Forts São Tiago bei Bertioga von A. Prast 1940. Marburg. Zwei Reisen nach Brasilien 1548 bis 1555. Bearbeitet von Karl Fouquet. Marburg an der Lahn und Witzenhausen. Verlag Trautvetter & Fischer Nachf. Mit den Holzschnitten der Erstausgabe und Kartenskizzen von Wilhelm Kloster. Marburg. Hans Stadens Wahrhaftige Historia. Herausgegeben und übertragen von Reinhard Maack und Karl Fouquet. Ausgabe in originalem Text und Übersetzung. Mit originalen Holzschnitten und Bildnissen von Staden, Dryander und Cunhambebe. Verlag Trautvetter & Fischer Nachf. Kassel-Wilhelmshöhe. Wahrhaftige Historia usw. Reprint der Erstausgabe. Mit Nachwort von Günter E. Th. Bezzenberger. Verlag Thiele & Schwarz. Tübingen. Die vorliegende Ausgabe als Band 50 der Reihe »Alte abenteuerliche Reiseund Entdeckungsberichte«. Neu Übersetzt von Ulrich Schlemmer. Mit originalen Holzschnitten. Herausgegeben von Dr. Gustav Faber. Edition Erdmann Tübingen.

Originale Ausgaben der »Historia« bis 1729 befinden sich in: Wissenschaftliche Bibliothek des Hans-Staden-Instituts São Paulo; Biblioteca Nacional Rio de Janeiro; Biblioteca do Museo Nacional Rio de Janeiro; Universitätsbibliothek Marburg; Zentralbibliothek Zürich.

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