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schwerpunkt@taz.de SONNABEND/SONNTAG, 7./8. AUGUST 2010  DIE TAGESZEITUNG 03
Stuttgart 21 Am Samstag werden wieder Tausende gegen den Abriss des
Stuttgarter Bahnhofs demonstrieren. Die Protestbewegung wächst

ler. Er ist der Sprecher des S-21-


Projektes – und hat in den letzten
Wochen nach eigenen Aussagen
wiederholt Morddrohungen er-
halten. Am Telefon und schrift-
lich. Auch er weilt derzeit im Ur-
laub, nimmt aber Telefonate an.
„Die Beteiligungsformen haben
in Stuttgart gefehlt. Wir können
acht bis zehn Jahre Nichtinfor-
mation nicht mehr einfach nach-
holen. Die Situation ist fatal“, sagt
er. Immerhin, ein wenig Selbst-
kritik.
Doch er sagt auch: Zurückru-
dern könne man jetzt nicht
mehr. „Die einen wollen ein Mo-
ratorium, die anderen haben
Baurecht. Wie wollen Sie da ei-
nen Kompromiss machen?“ In
Bahnhofsnähe kann sich Drexler
nicht mehr sehen lassen. Und
dass der Oberbürgermeister
Schuster keine Wahlen mehr ge-
winnt, ist hier jedem klar.

„Nie wieder CDU“


Dieses Los hat sich an der Bahn-
steigkante entschieden. Hier
steht Egon Hopfenzitz und sagt:
„Ich habe mein Leben lang CDU
gewählt. Die wähle ich nie wie-
der.“
Egon Hopfenzitz ist 80 Jahre
alt. Und seine Tage verbringt er
nur noch mit Protest. Der Mann,
beige Anzugjacke, beige Hose,
beige Schuhe und blaues Hemd,
steht auf einem der 17 Gleise des
Jeden Abend gibt es Demonstrationen gegen den drohenden Abriss des Seitenflügels des Stuttgarter Bahnhofs Foto: Uwe Anspach/dpa Stuttgarter Kopfbahnhofes.
Noch. Die Gegenwart ist für ihn
immer eine Zeitreise. Im Jahr

Täglich ein Schwabenstreich


1950, fünf Jahre nach dem Zwei-
ten Weltkrieg, begann hier der
Weg des Eisenbahners. Von 1981
bis 1994 leitete Hopfenzitz als
Chef den Stuttgarter Hauptbahn-
PROTEST Der Bahnhof als Symbol: Die Stuttgarter ärgern sich, dass sie niemand ernst nimmt. Nun werden sie laut hof. Heute ist er einer der erbit-
tertsten Gegner der neuen Groß-

AUS STUTTGART MARTIN KAUL Stadt. Die Wände dieser Woh- Mit Sitzblockaden legen sie Juli zum Beiratsmitglied in dem
.........................................................vision. Nur ein Romantiker?
„Nein“, sagt er. „Der neue
Das ist „Stuttgart 21“
nung sind schwarz und rot be- den Verkehr lahm. Wenn Bauma- Abrissunternehmen Wolff & ..................................................Bahnhof bringt faktisch keinen
Was finden die Stuttgarter bloß malt, es läuft Bob Marley, und schinen anrücken, legen sie sich Müller machen lassen, das gera- � Es ist eines der teuersten Bahn- Vorteil.“ Hopfenzitz ist der De-
an diesem Bahnhof? Herunter- Daniel dreht noch eine Tüte. Im- in den Weg. Die Stadt ist gepflas- de heute von der Bahnhofsde- projekte aller Zeiten in Deutsch- taillist der Bewegung. Über Fahr-
gekommene Bahngrundstücke, mer wieder macht es schnipp tert mit Protestaufklebern, Fly- montage profitiert. Der Ober- land: In Stuttgart soll der derzeiti- plantaktungen und Abstellglei-
kaputte Datschen – und überall und schnapp. Daniel und seine ern und Plakaten. Seit andert- bürgermeister Wolfgang Schus- ge Bahnhof komplett unter die Er- se, über Gepäcktransport und
diese Betonklötze im Blick. Wer Freunde, Gärtner, Studenten, halb Wochen nun, seit der erste ter (CDU) genehmigte ihm diese de verlegt und um 90 Grad gedreht Auswirkungen auf den Nahver-
mit der Bahn nach Stuttgart reist, Azubis, schneiden doppelseiti- Bauzaun errichtet wurde, gibt es Tätigkeit. Auf der Straße macht werden. Aus dem Kopfbahnhof soll kehr kann er erzählen. Es gibt
wird nun wahrlich nicht auf Ro- ges Klebeband zurecht. Das kle- täglich Demos gegen den dro- das keinen guten Eindruck. Doch ein Durchgangsbahnhof werden, tausend Gründe, diesen Kopf-
mantik eingestimmt. Im Gegen- ben sie auf hunderte von Flyern henden Abriss des Bahnhofssei- wenn am heutigen Samstag Tau- aus 17 Gleisen acht. Wo jetzt noch bahnhof zu erhalten, moderni-
teil. Und doch scheint jetzt Ro- und Plakaten. Und gleich, in ei- tenflügels. sende auf die Straße gehen, sind Schienen liegen, sollen künftig siert und umgestaltet. Viele da-
mantik gefragt. ner Stunde, geht es in die Nacht Föll und Schuster im Urlaub. Wohn- und Gewerbebauten ent- von klingen plausibel. Aber Hop-
In der Landeshauptstadt von zum Plakatieren für die Sams- Schreien und kreischen Auch für ein kurzes Telefonat mit stehen. Kostenpunkt : 4,1 Milliar- fenzitz sagt auch: „Hier geht es
Baden-Württemberg ist derzeit tagsdemo. Dann, also heute, sol- „Schwabenstreiche“ werden sie der taz sind sie nicht zu haben. den Euro – sagen die Bauherren. nicht mehr um den Bahnhof,
nichts mehr, wie es einmal war. len wieder tausende kommen. genannt. Jeden Abend, 19 Uhr, Und genau das ist es. Der Zudem ist für weitere 2,9 Milliar- hier geht es um die Demokratie.
Die Schwaben fühlen sich be- „Diese Schweinerei“, sagt Daniel, egal wo, greifen StuttgarterInnen Bahnhof, schön und gut. Wovon den Euro eine ICE-Trasse nach Ulm Wenn die wirklich abreißen, bin
droht und drohen selbst: mit ei- „das lassen wir mit uns nicht ma- für 60 Sekunden zur Pfeife, zu die Schwaben wirklich genug ha- geplant. Mit den Projekten will ich beim nächsten Sitzstreik da-
nem Aufstand. Dies ist die Ge- chen.“ Doch worum geht es ihm? Trommeln, zu Kuhglocken und ben, ist die politische Kultur, die Stuttgart eine zentrale Position im bei.“
schichte einer Volksseele in Auf- „Stuttgart 21“ ist eine Chiffre, Vuvuzelas. Sie klatschen, schrei- sich mit dem Mammutprojekt europäischen Fernverkehrsnetz Matthias von Herrmann, 37,
ruhr. Sie beginnt in den Hochla- die erst für den Umbau des Bahn- en, kreischen. Ein sonst so solides im Ländle verändert hat. Ob der einnehmen. Typ solider Schwabe, ist der
gen und Vororten Stuttgarts, wo hofs stand, aber inzwischen für Schwabenland befindet sich im Bagger die Steine einreißt, ist das � Das Problem: Zahlreiche Studi- Obersitzstreiker und Parkschüt-
derzeit das bürgerlich-konserva- viel mehr steht. Sehr viel mehr. Ausnahmezustand – es ist die eine; ein viel bedeutenderer Riss en attestieren massive Risiken. Der zer von Stuttgart. Acht Jahre war
tive Milieu in Erschütterung ge- „Uns machen sie die Kulturklubs Empörung der Unerhörten. geht durch die Seele der Stadt. Bundesrechnungshof und unab- er bei Greenpeace aktiv, jetzt soll
rät. Und in den verkifften Stu- dicht, aber für so etwas haben sie Denn die Schwaben warnen Denn „Stuttgart 21“ steht für eine hängige Experten gehen von deut- der anstehende Bahnhofsbau ei-
denten-WGs, aus denen Nacht Geld“, sagt Daniel. Diesen Satz vor einem Milliardenloch und Politik, die ihren Souverän, das lichen Mehrkosten aus. KritikerIn- nen Teil des historischen
um Nacht Plakate an die Eckpfei- hört man derzeit von vielen könnten Recht behalten. Was Volk, vergessen hat. nen befürchten, dass der Neubau Schlossparks vernichten. Es sol-
ler des Städtischen gelangen. Stuttgartern. Den einen mangelt 2007 noch 2,8 Milliarden kosten In ganz Baden-Württemberg wegen der Gleiskonzeption zu Pro- len 283 Bäume, teils über 200
Und sie beginnt an der Bahn- es hieran, den anderen daran: sollte, beziffert die Bahn heute sind 58 Prozent der Bevölkerung blemen im Nahverkehr und in der Jahre alt, weichen. Nicht mit ihm.
steigkante des Stuttgarter „Aber dafür haben sie Geld!“ auf über vier Milliarden. Und wer für einen Ausstieg aus dem Pro- Sicherheit führt. Bahnhofgsgeg- Im September gründete er die In-
Hauptbahnhofes. Seit Monaten gehen deshalb unabhängig rechnet, kommt auf jekt, ergab Ende 2009 eine Em- nerInnen befürchten außerdem itiative, die in Stuttgart für die
Hunderte und Tausende einmal weitaus mehr. Mit „mindestens nid-Umfrage im Auftrag des die Belastung der Mineralwasser- Hopfenzitze dieser Stadt nun
Bahntrasse nach Ulm pro Woche auf die Straße. „Mon- 5,3 Milliarden“ veranschlagt der BUND. Ob die Ablehnung tat- vorkommen, bauliche Risiken und Blockadetraining und Anket-
Das gemeinsame Feindbild, das tagsdemos“ nennen sie es, wie Bundesrechnungshof das Pro- sächlich so groß ist, will der Bür- die Teilzerstörung des alten tungsaktionen organisiert. Seit
in diesen Tagen diese unter- die Revolutionäre einer unter- jekt, plus 3,2 Milliarden für die germeister gar nicht wissen. In Schlossparks. ihrer Gründung im September
schiedlichen Milieus aufmischt, drückten Gesellschaft. Und ein Neubaustrecke nach Ulm. „Und einem offenen Brief, der am Frei- � Die Alternative: Der Gegenent- 2009 haben sich bereits 18.000
heißt „Stuttgart 21“, kurz: S 21. Da- bisschen ist es auch so. wir haben sehr konservativ ge- tag herausging, weist der Bürger- wurf zu „Stuttgart 21“ ist der Menschen den Parkschützern
hinter steckt das vielleicht visio- schätzt“, sagt ein Sprecher. Ande- meister die Forderungen nach ei- „Kopfbahnhof 21“, der von den angeschlossen. 1.700 von ihnen,
närste Baukonzept Europas, sa- re seriöse Schätzungen gehen nem Moratorium zurück. UmbaugegnerInnen befürwortet das hat die Initiative erfasst, sind
gen manche. Mit Sicherheit das Seit anderthalb noch viel weiter. Das wird von den GegnerIn- wird. Diese sind auch für eine Mo- zu zivilem Ungehorsam bereit.
umstrittenste. Hier, im Herzen Doch nicht nur beim Geld nen allerdings vehement gefor- dernisierung des Bahnhofes, wol- 400 hat von Herrmann schon
von Stuttgart, soll der jetzige Wochen gibt es täglich wird schöngeredet, auch bei den dert. Auch in der SPD – wie CDU len aber den Kopfbahnhof erhal- ausgebildet. „Und das sind nicht
Bahnhof abgerissen werden und Demos gegen den Risiken. Im Juli veröffentlichte und FDP bislang Fürsprecher des ten. Dies könnte rund 2,3 Milliar- nur junge Leute, sondern auch
ein unterirdischer neuer entste- die Zeitschrift Stern eine vom Projekts – bröckelt nun langsam den Euro kosten. Sie protestieren betagte Damen. Sie sagen: Wer
hen. Eine neue Bahntrasse nach drohenden Abriss Land Baden-Württemberg unter die Einigkeit. In einem offenen gegen die Pläne, Teile des Kopf- sein Leben lang ruhig war, muss
Ulm soll her. Das Herz Europas des Seitenflügels Verschluss gehaltene Expertise, Brief fordern Bezirksräte, Jusos bahnhofs abzureißen. Am Sams- jetzt auch mal Flagge zeigen.“
soll Stuttgart dann werden. Mit in der von „Infrastrukturengpäs- und Ortsvereinsmitglieder eine tag um 19 Uhr werden in Stuttgart Vielleicht ist gerade das das
schnellen ICEs nach überall. sen“, „Fahrzeitverlängerungen“ Denkpause. Auch sie wollen wis- tausende zu einer Großdemo er- Potenzial dieses Schwabenauf-
Über 30 Kilometer lange Tunnel und „Konflikten“ mit dem Regio- sen: Sind die Bedenken zahlrei- wartet. stands: „Dies ist ein zutiefst bür-
gäbe es dann, aber auch zehn Jah- nalverkehr die Rede war. cher Experten berechtigt? Sind � Mehr auf taz.de und unter gerlicher Aufstand“, sagt von
re Mammutbaustellen, und oben Dazu kommen stets neue Auf- die Finanzpläne, die die Bahn � Befürworter: www.das-neue- Herrmann. Er sagt es gerne. Da-
entstündeeinneuesStadtviertel. reger. Wie die Geschichte mit Mi- vorgelegt hat, realistisch? herz-europas.de niel aus der Kifferbude sagt das
Es ist Mitternacht in Bad chael Föll. Der CDU-Wirtschafts- Ihr sozialdemokratischer � Gegner: www.kopfbahnhof- auch. Und Egon Hopfenzitz sitzt
Cannstadt, im ältesten Bezirk der bürgermeister hat sich erst Mitte Prellbock heißt Wolfgang Drex- 21.de, www.parkschuetzer.de künftig neben ihm.