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5. März 2009 DIE ZEIT Nr.

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DIE PLATTE, DIE MEIN LEBEN VERÄNDERTE

In Björks

Foto: Universal Music


eisiger Höhle
Meine Freunde fanden Björk schon immer toll, ter Gesang, der ruhige, wie ein Puls schlagen-
seit ihrem Album Debut, das war 1993. Ich de elektronische Bassbeat, die Streicher und
kannte zwar ein paar der Songs, konnte damit die zarten Klänge einer Sitar eine Höhle aus
aber nichts anfangen – zu schrill, zu anstren- Eis. Von den Wänden fließen Rinnsale, die
gend, zu versponnen. Mein Schwarm aber sich im Rhythmus der Musik ihren Weg durch
hörte ihre sämtlichen Alben, Singles und Re- die Höhle bahnen. Wie ein Echo hallt Björks
mixe rauf und runter, und sprechen mochte er Stimme in den verwinkelten Gängen und hört
auch über kaum etwas anderes. Was tun? Um sich so an, als ob sie mir zuflüstern wolle, dass
ihn bei der nächsten Party zu beeindrucken, alles gut wird und man Liebe überall finden
musste ich mich also notgedrungen mit ihr kann – Twist your head around / It’s all around
beschäftigen. Ich ging in einen Plattenladen you / All is full of love.
und legte Homogenic auf, das Album, das da- Jeder Song spulte einen neuen Film in mei-
mals, 1997, gerade neu erschienen war. Auf nem Kopfkino ab. Schon lange war ich nicht
dem Cover war ein seltsames Cyber-Wesen zu mehr im Plattenladen, sondern in Island und
sehen, eine Mischung aus Björk selbst und weit darüber hinaus, in einem Raum jenseits
einer Geisha. Ich befürchtete das Schlimmste der Zeit. Ein Drogenrausch konnte es nicht
– und erlebte eine Offenbarung. sein; vielleicht war ich in das innere Kraft-
Innerhalb weniger Sekunden zerstoben die zentrum aller Musik hineingeraten.
jahrelangen Vorbehalte; eine Gänsehaut jagte Zuversichtlich ging ich auf die Party – wie
die nächste, ich fühlte mich euphorisch, glück- wollte mein Schwarm mir und meiner Björk-
lich, erleuchtet. Im Song Jóga krachten hinter Begeisterung noch widerstehen? Doch so an-
zarten Streichern die Bässe; wie in einem Vul- geregt wir uns nun auch über Björk unterhal-
kan kurz vor dem Ausbruch brodelten die ten konnten – abgesehen von ihrer Musik
Beats, um in der Songmitte dann tatsächlich hatten wir leider nicht allzu viel gemeinsam.
zu explodieren. Jóga klang nach dem Island, Aber ihr Motto All is full of Love stand offen-
wie ich es aus Reportagen im Fernsehen kann- bar auch über diesem Abend: Mein Schwarm
te: sanft, rau, eisig und geheimnisvoll. Die hatte seinen Kumpel mitgebracht, der Björk
Wände des Plattenladens verwandelten sich zwar nicht ausstehen, mit dem ich aber so in-
plötzlich in Schneelandschaften, aus dem Tep- tensiv darüber streiten konnte, dass wir kurze
pichboden wurden eisblaue Gletscherseen, und Zeit später zusammenkamen.
die Regale schossen in die Höhe wie die Fon- Auch er ist schon längst wieder Geschichte,
tänen eines Geysirs. Irgendwo dazwischen doch Björk lässt mich nicht los. Ich ging auf
schwebte Björks sphärischer und kraftvoller ihre Konzerte, ich weinte, als sie in der Rolle
Gesang, die von der Landschaft ihrer Heimat der Selma in Lars von Triers Dancer in the
zugleich fasziniert und verstört schien: I feel Dark starb. Und wurde wie der, für den ich
emotional landscapes / They puzzle me / Then the einst schwärmte: jemand, der Björk rauf und
riddle gets solved. runter hört. KATHRIN KIRSTEIN
Das Rätsel ihrer Musik aber ging weiter.
In All is full of Love schaffen Björks gedämpf- Björk: Homogenic Polydor/Universal