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Rolf Kirsch

Der Findling

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"Komm, Ludolf, lass dich nicht so hängen. Es
gibt nichts Schöneres, als an einem sonnigen
Sonntagmorgen im April über den Hümmling zu
wandern."

Lattmann richtete seine Worte nach hinten über


die Schulter. Er genoss den freien Tag ohne Ver-
pflichtung in der grauen Kreispolizeibehörde, wo
er als Oberinspektor für die Strauch- und Eier-
diebe dieser Gegend zuständig war. Er war auch
sicher, heute nicht gebraucht zu werden. Zum ei-
nen, weil er nicht einmal Bereitschaftsdienst hat-
te, zum anderen, weil sein Diensthandy daheim
auf dem halbhohen Flurschrank sicher lag und
keine Handy-Melodie der Welt ihn hier erreicht
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hätte.

Als Lattmann keine Reaktion bemerkte, blieb er


stehen und drehte sich um. Aber auf welche Wei-
se sollte er auch eine Antwort erhalten? Fünf Me-
ter hinter Lattmann schlurfte Ludolf träge heran.
Ludolf war Lattmanns Bulldogge, die schon
wegen ihrer Existenz als Lebewesen der anderen
Art keine Antwort hätte geben können. Selbst
wenn Ludolf dazu in der Lage gewesen wäre,
bliebe unsicher, ob er Lattmanns Hohelied auf
den sonnigen Aprilsonntag überhaupt in irgend-
einer Weise gewürdigt hätte. Ludolf hasste Spa-
ziergänge, die am Sonntagmorgen generell und
die in der grellen Sonne ganz besonders. Ludolf
genügte es vollständig, bei der Lösung von Latt-
manns Fällen auf seine Weise zu assistieren, am
Sonntag aber auf Lattmanns Wohnzimmertep-
pich mit dem Kopf auf den Vorderpfoten stun-
denlang auszuruhen.

Ludolf hatte Lattmann erreicht. Um anzudeuten,


dass er nun dringend eine ausgiebige Pause nötig
habe, hechelte er verzweifelt vor sich hin und ver-
drehte die Augen. Doch Lattmann war, was sei-
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nen Sonntagsspaziergang anging, von einer Uner-
bittlichkeit, die Ludolfs Hass auf solche Unter-
nehmungen nur weiter förderte. Daher warf er
noch einmal einen sehnsuchtsvollen Blick auf den
weit zurückliegenden Parkplatz, wo Lattmanns
alter Golf sich für den Heimweg bereit hielt.

Im Vorwärtsschreiten nahmen Ludolf und Latt-


mann ungefähr zur gleichen Zeit wahr, dass in
den weiten und fast waldlosen Feld- und Wiesen-
landschaften zwei Männer mitten auf einem ge-
pflügten Acker offensichtlich heftig miteinander
stritten. Man hörte gegeneinander gesprochene
Wortfetzen, ohne sie zu verstehen und sah heftige
und wilde Gesten, die dem jeweiligen Gegner
galten. Als Lattmann sah, dass einer der beiden
Männer den anderen so heftig schubste, dass die-
ser strauchelte, beschleunigte er zu Ludolfs Leid-
wesen seinen Schritt. Und als Lattmann erkannte,
dass der gerade Gestürzte sich wieder aufrappelte
und nunmehr auf seinen Angreifer losging, rief
Lattmann, so laut er konnte: "Hehe, hallo,
halloooo!"

Die beiden Männer stutzten und stoppten ihren


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Kampf, der augenscheinlich gerade begonnen
hatte. Beide wandten ihren Blick in Richtung
Lattmann und nahmen offensichtlich wahr, dass
Lattmann schnellen Schrittes auf sie zukam und
darüber hinaus auch noch mit einem gefährlichen
Hund bewaffnet war. Lattmann, der erkannte,
dass sein Zuruf Wirkung hatte, was die vorüber-
gehende Beendigung des Zweikampfes betraf, be-
schleunigte seinen Schritt. Ludolf blieb nichts
weiter übrig, als in einen trägen Galopp zu verfal-
len, wenn er mit Lattmann auf einer Höhe bleiben
wollte.
Das allerdings hatte er vor. Denn schließlich
schien gerade ein interessanter Fall zu beginnen,
der ohne Ludolfs Assistenz von Lattmann allein
möglicherweise nicht gelöst werden konnte. Viele
Fälle der Vergangenheit hatten das belegt.

Unterwegs überlegte sich Lattmann, was er sagen


wollte, wenn er beide Männer erreicht haben wür-
de. Es ist nicht allzu selten, dachte Lattmann, dass
Kampfhähne sich plötzlich gegen einen Streit-
schlichter verbrüdern, den beide als Einmischer in
eine Angelegenheit begreifen, die nur sie beide
etwas anginge. Lattmann stapfte über den frisch
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gepflügten Acker, einige eingesprenkelte Sand-
flächen erleichterten das Gehen. Um friedlich zu
wirken, verlangsamte er seinen Schritt, je näher er
kam. Darüber freute sich Ludolf, der eine dank-
bare Miene aufsetzte, wie es Lattmann schien.

"Es sah von weitem so aus," sagte Lattmann, als


er die beiden Männer erreichte, die geduldig auf
ihn warteten, "dass es ein Problem gäbe. Kann ich
helfen? Mein Name ist Lattmann, Oberinspektor
Lattmann."
Lattmann schien es sinnvoll, seinen Dienstgrad zu
nennen, obwohl Sonntag war und die Sonne
schien.

"Oberinspektor?", stieß einer der beiden hervor,


der wie ein Bauer, der den Kirchgang hinter sich
hatte, gekleidet war. "Oberinspektor? Das passt ja
wie die Faust aufs Auge. Sie können gleich die-
sen Lump hier verhaften. Wegen Diebstahls."

"Diebstahl? Diebstahl?", rief der andere in seinem


Sonntagsanzug. "Wenn Sie mich mitnehmen wol-
len, dann können Sie diesen Kerl auch gleich
mitnehmen. Wegen Unterschlagung."
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"Gemach, gemach!", sagte Lattmann und spürte,
dass der Sonntag für ihn gelaufen war. Aber die-
ser Fall kann interessant werden, dachte er. Zwei
Männer mitten auf einem gepflügten Acker, die
sich an die Gurgel gehen wollen und sich gegen-
seitig wilde Vorwürfe machen. Das kann ja eine
schöne Sonntagsunterhaltung werden, ging es
ihm durch den Kopf. Und nachdem er sich schon
soweit in die Pflicht hat nehmen lassen, könne er,
Lattmann, schließlich nicht einfach weitergehen
und die beiden Streiter sich selbst überlassen.
Womöglich stünde am anderen Tage in der Zei-
tung: "Kampf auf Leben und Tod auf einem
Acker auf dem Hümmling. Zufällig vorüberge-
hender Oberinspektor der hiesigen Kriminalpo-
lizei schritt nicht ein. Disziplinarverfahren wurde
eingeleitet."

Lattmann hatte eine Entscheidung getroffen, die


Ludolf sichtlich genoss, der sich schon nieder-
gelassen hatte und sicher war, dass die Fortset-
zung dieses Sonntagsspazierganges in der grellen
Sonne für heute ausblieb. Und bis zum nächsten
Sonntag wäre noch viel Zeit, und die Hoffnung
auf Regen, welcher Lattmann dann im Haus ein-
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sperren würde, ließe sich jetzt schon pflegen.

"Ich schlage vor, dass jeder von Ihnen nun seine


Sicht der Dinge erzählt, der jeweils andere ihn
nicht dabei unterbricht. Danach werden wir wei-
tersehen.", sagte Lattmann aufgeräumt, der er-
kannte, dass sein Dienstgrad ihn nun in eine Po-
sition setzte, die auf beide Kontrahenten nicht oh-
ne Eindruck blieb.

"Wollen Sie anfangen?", fragte er den Bauern,


der sichtlich ungeduldiger erschien als der andere
im Sonntagsanzug.

"Also, das ist so!", antwortete der Bauer. Sein


Kontrahent verdrehte schon die Augen in der Er-
wartung, dass nun lauter Unsinn erzählt würde.
Aber er blieb still.

"Also, das ist so!", wiederholte der Bauer, "das


hier, dieser Acker, das ist mein Acker. Und an
dieser Stelle, da, genau da, wo wir jetzt stehen, da
hat schon, seit ich das kenne, also schon seit
meiner Kindheit ein großer Stein gelegen. Ein
großer, ziemlich runder Stein. Ich würde sagen,
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gut und gerne zwei bis drei Tonnen schwer, ziem-
lich rund. Ein Findling, wie man so sagt. Hier
waren schon Schulklassen und haben den besich-
tigt. Und die Lehrerin hat von der Eiszeit erzählt,
damals vor vielen hundert Jahren."

"Na, ist wohl schon etwas länger her", redete der


Anzugmann dazwischen.

"Halt die Klappe, jetzt bin ich dran. Du kannst


nachher deine Schoten erzählen", fuhr der Bauer
auf und wandte sich wieder Lattmann zu.

"Einige Jahre habe ich hier Mais angebaut und,


als der Mais hoch stand, habe ich für die Kinder
einen Irrgarten angelegt. Ich habe Wege reinge-
mäht, und der Stein, dieser Findling war ziemlich
in der Mitte vom Irrgarten. Die Kinder hatten
einen Heidenspaß, den zu finden."

"Von wegen für die Kinder. Am Eingang hast du


gesessen und Geld kassiert, von jedem, der in dei-
nen Irrgarten wollte. Von Jahr zu Jahr wurde der
Preis höher und Kinder kamen überhaupt nicht
mehr, sondern nur so ein paar Deppen aus der
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Stadt, die deine Anzeige vom Eiszeit-Irrgarten in
der Zeitung gelesen haben. Weiß eigentlich das
Finanzamt davon?"

"Halt die Klappe, Mensch! Ich red' hier nicht vom


Finanzamt, sondern davon, dass du den Stein ge-
stohlen hast."

"Dass ich nicht lache. Ich bin also nachts auf dei-
nen blöden Acker geschlichen und habe mir den
Findling auf den Buckel geladen und wegge-
schleppt, oder?"

"Du sollst die Klappe halten. - Herr Oberinspek-


tor, es ist so. Dieser feine Herr da, das ist unser
Ortsvorsteher. Sich selbst nennt er Bürgermeister,
hach. Dieser Ortsheini hier hat die Möglichkeit,
sich entsprechende Geräte aus dem Fuhrpark
kommen zu lassen, den Findling aufzuladen und
verschwinden zu lassen. Die Leute dafür stellt
ihm auch noch der Fuhrpark."

"Warum sollte der Bürgermeister das tun?", warf


Lattmann ein.

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"Das kannst du dem Oberinspektor erzählen!",
rief der Bauer dem Ortsvorsteher zu. Dieser nahm
auch gleich das Wort.

"Also zunächst einmal," antwortete dieser, "wenn


ich den Fuhrpark beauftragt hätte, diesen Stein
wegzufahren, müsste es ja Mitarbeiter des Fuhr-
parks geben, die das aussagen könnten."

"Ihr Schweine haltet doch alle zusammen!", rief


der Bauer.

"Und außerdem gibt es hier gar keine Fahrzeug-


spuren. Alles nur gepflügter Acker."

"Ist doch leicht, auf einem Acker die Spuren wie-


der wegzumachen."

"Ich würde gerne wissen, warum Ihnen der Vor-


wurf gemacht wird, diesen Stein zu stehlen, der
immerhin zwei bis drei Tonnen schwer sein
soll.", mischte sich Lattmann ein.

"Gut, das ist so. Vor einigen Woche kam Herr


Reuters...", und damit zeigte der Ortsvorsteher
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auf den Bauern, "...vor einigen Wochen kam Herr
Reuters zu mir und machte einen Vorschlag. Er
sagte, dass er auf seinem Feld diesen Findling
wegen seines großen historischen Wertes der Ge-
meinde gerne überlassen wolle. Es kämen immer
wieder Schulklassen, die etwas über die Eiszeit
lernen wollten. Die würden seinen Acker zertram-
peln und die Einsaat kaputt machen und außer-
dem, wenn der Stein in der Ortsmitte läge, zum
Beispiel an der Kreuzung, dann hätten alle was
davon und die Schulklassen auch. Natürlich
meinte er, so ganz geschenkt ginge es nicht. Den
Abtransport müsste die Gemeinde übernehmen
und 1000 Euro wolle er für dieses wertvolle
Stück Findling."

"Und was ist aus diesem Handel geworden?",


fragte Lattmann.

"Bescheißen wollte er mich!", rief Reuters.

"Jetzt hältst du die Klappe!", rief der Ortsvor-


steher. "Also, ich hab gleich gemerkt, der Reuters
wollte diesen Stein endlich von seinem Acker ha-
ben. Er störte nur noch beim Pflügen und Ernten.
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Die Sache mit dem Irrgarten war auch ausge-
lutscht. Jetzt wollte er ihn loswerden und die Ge-
meinde sollte auch noch dafür blechen, dass sein
Acker von diesem lästigen Stein befreit wird.
Deswegen habe ich ihm gesagt: 'Gut, wir holen
dir den Stein vom Feld weg und stellen ihn an der
Kreuzung wieder auf. Aber da er ziemlich rund
ist, müssen wir noch eine Befestigung machen,
damit nicht irgendwelche Jugendliche mit ihren
überschüssigen Kräften das Ding auf die Straße
rollen. Deswegen kann eine Bezahlung nicht in
Frage kommen', habe ich ihm gesagt."

"Was ist dann passiert?", fragte Lattmann.

"Sauer war der Kerl. Ist er immer, wenn es nicht


nach seinem Kopf geht. Er hat noch eine ganze
Weile gefeilscht, hat mir was von 'historisch' und
'Eiszeit' und 'Sensation' und 'Fremdenverkehr'
erzählt, bis ich duselig wurde und aufs Klo
musste. Also hab' ich schließlich gesagt, 400
Euro kriegst du und keinen Cent mehr."

"Ist Herr Reuters darauf eingegangen?", fragte


Lattmann.
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" 'Ich tu' es nur für die Allgemeinheit.', hat er ge-
schwafelt: 'Also gut, 400 Euro, aber bar auf die
Hand.' Ich hab ihm gesagt, ich könnte nicht ein-
fach in die Gemeindekasse greifen. Ich müsste
den Betrag wegen der Abrechung schon überwei-
sen."

"Und dann?", Lattmann war neugierig.

"Reuters sagte, wenn das Geld auf seinem Konto


sei, könnten wir das wertvolle Stück abholen und
die Kreuzung verschönern."

"Das ist es ja, das ist es ja!", rief Reuters.

"Was ist?", wollte Lattmann wissen.

"Dieser Schuft hat nur 200 Euro überwiesen.


Dann hat er telefoniert, dass die anderen 200 Euro
kämen, wenn der Stein abgeholt worden sei. Ich
habe noch gesagt, ganz höflich habe ich gesagt,
dass das nicht die Abmachung ist. Abgemacht ist
was anderes. Ich hab meine Vorschriften, hat er
gefaselt und dann aufgelegt. 'Gut', hab' ich gesagt:
'Ich hab auch meine Vorschriften.' "
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"Wie ist es dann weitergegangen?"
Lattmann wurde etwas ungeduldig. Ludolf schlief
mittlerweile, den Kopf auf die Vorderpfoten ge-
legt.

Reuters reckte sich. "Zuerst habe ich gesagt, der


kriegt den Stein nicht, wenn die restlichen 200
Euro nicht eingegangen sind, und wenn ich das
Ding Tag und Nacht bewachen muss. Ist immer-
hin fast zwei Kilometer von meinem Hof entfernt.
Aber dann hab' ich mir gesagt, was soll es. Soll er
das Ding holen, bevor es mir weiter im Weg
rumliegt. Ja, und vor zwei Wochen war er dann
weg, der Findling. Also hab' ich gedacht, jetzt hat
er ihn holen lassen und die 200 Euro werden dann
ja bald kommen. Kamen aber nicht."

"Warum nicht, Herr Bürgermeister?", wandte sich


Lattmann an den Ortsvorsteher.

"Weil wir ihn nicht haben holen lassen. Heute


morgen wollte ich noch einmal nachsehen, wel-
che Maschinen wir vom Fuhrpark brauchen, um
ihn zu transportieren. Da sehe ich ihn nicht mehr,
den Stein. Er ist weg. Und rundherum alles sau-
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ber gepflügt, als wäre dieser Findling mit seinen
drei Tonnen zum Himmel aufgestiegen. Dafür
kommt dieser Kerl hier auf mich zu und brüllt
mich an, wo die restlichen 200 Euro sind.
Ich habe ihm gesagt, wenn er den Stein nicht
mehr habe, müsse die Gemeinde die bereits ange-
wiesenen 200 Euro zurückhaben. Reuters war da-
gegen der Ansicht, er müsse die restlichen 200
Euro haben, weil er meinte, ich hätte dieses Ding
bereits holen lassen. So gab ein Wort das andere,
bis Sie glücklicherweise gekommen sind. Er hat
mich schließlich schon körperlich angegriffen."

Lattmann merkte, dass die Stellungnahmen nun


zum Abschluss kamen.

"Herr Bürgermeister, auf Ehre und Gewissen, ha-


ben Sie den Stein holen lassen?"

"Sie können sich gerne unsere Kreuzung ansehen.


Und wenn Sie meinen, ich hätte mir dieses Drei-
Tonnen-Eiszeitdings unter den Nagel gerissen,
können Sie eine Hausdurchsuchung machen. Ist
doch lächerlich, das Ganze. Vielleicht liegt er im
Schlafzimmer auf meinem Nachtschränkchen.
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Außerdem können Sie morgen alle Leute vom
Fuhrpark fragen und die Maschinen nach dieser
Ackerkrume untersuchen lassen."

"Dann hat diesen Stein sonst jemand gestohlen!",


rief Reuters. "Vielleicht so ein Eiszeitforscher
oder so ein Typ."

"Quatsch Eiszeittyp - du hast den Stein ver-


schwinden lassen und willst die 200 Euro an die
Gemeinde nicht rausrücken."

"Lieber Herr Oberinspektor!", richtete sich Reu-


ters auf. "Sie können auch bei mir eine Haus- und
Hofbesichtigung machen und gucken, ob ich den
Stein unterschlagen habe. Wo soll er denn sein?
Hier ist er jedenfalls nicht mehr. Also hat ihn ein
anderer geklaut oder er ist tatsächlich mit seinen
drei Tonnen in den Himmel gestiegen oder es war
doch dieser feine Herr Oberbürgermeister."

"Lieber Herr Reuters!" Lattmann wurde förmlich.


"Ob der Herr Bürgermeister den Stein hat abho-
len lassen, ließe sich in den nächsten Tagen leicht
überprüfen. Ich vermute, er hat es nicht getan. Er
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hätte zu viele Leute zur Verschwiegenheit anstif-
ten müssen, die Maschinen ließen sich unschwer
danach untersuchen, ob sie auf Ihrem Acker wa-
ren, und einen Stein dieser Größe ließe sich auch
nicht so leicht verstecken."

"Aber mir vorzuwerfen, dass ich so einen Stein


verstecken könnte, das fällt diesem Ortspräsiden-
ten schnell ein. Noch einmal mein Angebot.
Durchsuchen Sie meinen Hof. Sie werden bei mir
keinen Stein finden. Hiermit stelle ich einen
Strafantrag gegen Unbekannt. Irgendjemand hat
meinen wertvollen Findling auf dem Gewissen."

"Das glaube ich nun wirklich nicht", meinte Latt-


mann ruhig.

"Ach, die Polizei, die Polizei. Jetzt glaubt sie


auch schon an eine Himmelfahrt.", spottete Reu-
ters.

"Das nicht gerade, Herr Reuters. Ich bin davon


überzeugt, dass Sie immer noch im Besitz dieses
Findlings sind. Sie haben sich so über den Kuh-
handel mit dem Ortsvorsteher geärgert, dass Sie
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beschlossen haben, den Stein zu behalten und die
200 Euro von der Gemeinde auch."

"Das ist doch die Höhe! Und wo soll der Stein


sein?"

"Nun, Ludolf, deine Hilfe ist jetzt gefragt. Fassen


wir zusammen: Der Ortsvorsteher hat den Stein
nicht holen lassen, zum Himmel ist er auch nicht
aufgefahren, auf dem Hof von Herrn Reuters wird
er auch nicht zu finden sein. Seine Entfernung
durch eine fremde Person ist höchst unwahr-
scheinlich."

"Reden Sie mit Ihrem Hund?", rief Reuters.


"Sagen Sie mir lieber, wo ich den Stein hinge-
tragen haben soll? Vielleicht habe ich ihn in Stü-
cke gesprengt."

"Nein, Herr Reuters, ich habe den Boden schon


grob untersucht. Hier liegen keine kleinen, ver-
sprengten Findlingsstücke mehr herum. Ihr Acker
scheint unberührt."

"Dann, lieber Herr Oberinspektor, haben Sie ein


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Problem."

"Ludolf, würdest du mir beim Lösen des Prob-


lems helfen und hier ein wenig scharren?" - Lu-
dolf stand erst einmal nur auf.

Reuters macht ein überraschtes Gesicht. "Sie


glauben doch nicht, dass ich einen solchen Stein
von dieser Größe ...? Ist doch lächerlich."

"Sie haben neben dem Stein ein großes Loch ge-


graben. Den sandigen Untergrund, auf den Sie
beim Graben gestoßen sind, haben Sie über das
ganze Feld verteilt. Diese sandigen Einsprengsel
auf Ihrem Acker sind mir gleich aufgefallen. Sie
brauchten den Stein mit Ihrem Traktor nur noch
in das Loch zu stoßen. War er nicht ziemlich
rund, dieser Findling? - Sogar der Ortsvorsteher
hatte Sorge, dass kräftige Jugendliche den Stein
vom Seitenstreifen auf die Straße hätten rollen
können. Vielleicht ist dieser Stein auch gar nicht
zwei bis drei Tonnen schwer, sondern vielleicht
nur ein bis eineinhalb Tonnen. Dann haben Sie
das Loch zugeschüttet und das Feld sauber ge-
pflügt. Ludolf, würdest du bitte an dieser Stelle
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hier einmal graben?"

"Lassen Sie doch diesen blöden Köter in Ruhe!",


rief Reuters und stiefelte erbost davon, warf dem
Ortsvorsteher aber noch einen Blick zu: "Als ob
es mir auf eure 200 Kröten angekommen wäre.
Die Ehre ist es, die Ehre. Und Abmachung ist
Abmachung. Aber davon versteht diese soge-
nannte Obrigkeit ja heute nichts mehr."

Ludolf überhörte großzügig die Bezeichnung


"Köter", schielte den entfernten Parkplatz an, auf
dem Lattmanns Golf stand und befand, dass er
und sein Boss es einmal wieder sehr gut gemacht
hätten.

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